
                                 Raabe, Wilhelm

           Die Leute aus dem Walde, ihre Sterne, Wege und Schicksale

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                                 Wilhelm Raabe

           Die Leute aus dem Walde, ihre Sterne, Wege und Schicksale

                                   Ein Roman

 Ein Messer wetzet das andere
 und ein Mann den andern.

                                                              Sprche Salomonis,
                                                                 27. Kap. 17. V.


                                 Erstes Kapitel

                    Die hohe Polizei nimmt ein Protokoll auf

Auch der unschuldigste, solideste Staatsbrger, der Mann des feuerfestesten
Geldschrankes, der Mann des besten Gewissens, der zugeknpfteste, strammste,
schnauzbrtigste alte Herr vermag nicht, sich eines leisen Schauders zu
erwehren, wenn er an dem Zentralpolizeihause vorberwandelt. Man kann nicht
wissen - es geht wunderlich zu im Leben - das Schicksal spielt oft eigen mit dem
Menschen! - wer kann fr die nchste Stunde und ihre Tcken gutstehen? - Man hat
im Vorbeischreiten ein Gefhl, als sei es hchst angebracht, wenn man den
Rockkragen in die Hhe klappe; man zieht unwillkrlich den Kopf zwischen die
Schultern: das liegt einmal im deutschen Blut, der Herr erlse uns von dem bel.
    Und der Novemberregen kam herunter, als habe der Himmel den Schnupfen und
lasse alles laufen. Es kamen auch sehr viele Leute herunter, und zwar sehr hart;
denn der Regen verwandelte sich, sowie er den Erdboden berhrte, in Glatteis,
und weder Mann noch Weib war vor dem Fall sicher. Sehr viel guter Humor lste
sich in mrrisches Hinbrten und rgerliches Gebrumm auf. Die Unliebenswrdigen
waren an diesem ungesegneten Tage noch einmal so unliebenswrdig als gewhnlich.
Das Wetter war wie ein Probierstein, auf welchem jede Anlage zur
Liebenswrdigkeit geprft und abgezogen wurde. Haustyrannen schlugen ihre Frauen
krperlich und moralisch, Haustyranninnen explodierten bei der geringsten
Reibung wie Orsinische Bomben und konnten ein ganzes Hauswesen mit Verwirrung
und Verwstung erfllen. Auch die lieben Kleinen, das hoffnungsvolle Geschlecht
einer edleren Zukunft, waren heute unartiger als sonst; sie bekamen mehr Pffe
und Ohrfeigen und fter die Rute als an andern, helleren, freundlicheren Tagen.
Wehe der dienenden Jungfrau, die heut den irdenen Topf, den tnernen Napf zur
Erde fallen lie! Wehe, dreimal Wehe ber alle die Unglcklichen, die bei
solcher Witterung, wie auch ihr Stand und ihre Stellung sein mochten, von andern
abhngig waren! Jedermann war in der Stimmung, seinen Nebenmenschen und
Mitkreuztrgern das Leben und das zu tragende Kreuz so schwer und scharfkantig
wie mglich zu machen, ohne meistenteils im Grunde eine andere stichhaltende
Entschuldigung fr seine Kratzbrstigkeit zu haben als dieses grenzenlos
niedertrchtige Wetter.
    Wir wollen bei so bewandten Umstnden den tellurischen und kosmischen
Erscheinungen des Tages, aller dieser meteorologischen Bosheit gar nicht die
Ehre antun, sie nher zu beschreiben. Selbst das Zentralpolizeihaus ist jetzt
ein anmutigerer Aufenthaltsort als Strae und Markt. Flchten wir uns mit
aufgespanntem Regenschirm hinein; in Nummer Sicher sind wir hier jedenfalls.
    Lange trostlose Gnge, Tren, die in dunkle Zimmer voll geheimnisvoller
Akten und dumpfen unheimlichen Gesumms fhren; kahle Hfe, auf welchen sich
Polizeibeamte umhertreiben und auf welchen niemals ein Kind im Sande gespielt,
Festungen gebaut und Pasteten gebacken hat! In den Gngen Beamte mit bunten
Rockkragen und Aktenbndeln; hinter den schwarzen Tren Beamte, die mit
knarrender Stahlfeder und giftiggrner Alizarindinte die Sndenregister der
Menschheit ausfllen und, wenn sie sich harmlos beschftigen, Psse und
Wanderbcher revidieren und unglckliche Handwerksburschen in ihrem Selbstgefhl
durch berwltigende Grobheit krnken! Exekutoren mit Verhaftsbefehlen fr
sumige Schuldner; grimmige Glubiger mit Pfndungsgesuchen - einmal in einem
der langen Gnge Kettengeklirr und ein belgekleidetes, belduftendes Subjekt,
welches zwischen zwei Bewaffneten einherschwankt - ber allem ein
unbeschreibliches bengstigendes Etwas, ein Hauch aus Niflheim, dem Reich der
Toten, der Verlorenen: das ist das Zentralpolizeihaus!
    Im Bro Nummer dreizehn unterhielten sich drei Personen damit, die
Lebensgeschichte eines Vierten anzuhren. Die Zuhrer waren der Polizeirat
Trster, der Polizeischreiber Fiebiger und der Hauptmann a.D. Konrad von Faber,
ein stattlicher Mann mit gebruntem Gesicht, welcher es sich auf der
Armensnderbank an der Tr bequem machte und die Fe weit in das Gemach
hineinstreckte. Der arme Snder selbst aber stand in der Mitte des Zimmers und
erzhlte. Sein Bericht fllte grade die dmmerige Stunde aus, welche dem
Lichtanznden voraufgeht.
    Inkulpat Robert Wolf war angeschuldigt worden, in der Wohnung einer Dame
groen Unfug angerichtet zu haben durch Zertrmmerung von Gertschaften und
Ausstoung wilder Reden und Drohungen. Beim ersten Verhr hatte er alle Auskunft
ber sich verweigert; man hatte ihn eingesperrt und jetzt nach einigen Tagen
enger Haft wieder hervorgeholt in der Hoffnung, den jungen Missetter und
Hausfriedensbrecher in einer zerknirschteren, weicheren Stimmung zu finden. Man
tuschte sich darin auch nicht. Dunkelheit und Langeweile hatten in der
gewnschten Weise auf das Gemt des Angeschuldigten eingewirkt; ohne alles
Zgern gab er alle mgliche Auskunft ber seine Verhltnisse.
    Der Protokollfhrer Fiebiger hinter seinem hohen Pult hatte bereits
niedergeschrieben, da Rubrikat Robert Wilhelm Wolf heie, da er achtzehn Jahre
alt und auf der Forsthtte Eulenbruch, Dorfbezirk Poppenhagen, im Winzelwalde,
Provinz**, geboren sei.
    Wir lassen das weitere Verhr folgen.
    Also der Sohn des weiland Forstaufsehers Wolf auf dem Eulenbruch! sagte
der Polizeirat, recht wohlwollend auf seine Dose klopfend.
    Ja! antwortete der junge Mensch mit mrrischer, halb gleichgltiger Stimme
und ganz kurz.
    Auf dem Eulenbruch, im Winzelwalde - soso - hm, hm - ei, ei - schne Gegend
- hm - das einzige Kind?
    Inquisit verstand die Frage nicht im mindesten; starr und grollend blickte
er den Rat an.
    Ich frage, ob Ihr noch Geschwister habt, Wolf?
    Nein. Fritz ist ausgerissen, vielleicht nach Amerika. 's war unser
ltester. Die andern vier sind tot.
    Hm, hm - sechs. Vier tot. Schon lange?
    Ja. Wir waren unser sechse; drei Jungen und drei Mdchen: Fritz und ich,
Franz, Riekchen, Lieschen und Linchen. Wir schliefen alle in einer groen
Bettstatt voll Eichenlaub, trocken und warm. Die Mdchen hatten auch noch eine
Bettdecke, wir Jungen hatten aber nichts weiter als des Vaters Soldatenmantel.
Die Mutter war tot, der Vater meistens im Wald, um auf die Wilddiebe zu passen.
Deren hatte er einen erschossen, und so hatte er ein bs Leben mit den andern;
sie schossen oft genug wieder auf ihn, haben ihn aber nicht getroffen. Fritz war
der lteste von uns; wir muten ganz allein fr uns sorgen; wir hatten die
Hunde, einen zahmen Fuchs, einen Kolkraben und noch manche andere Tiere. Linchen
war die Kleinste und die Klgste von uns; die war eigentlich unsere Mutter,
obgleich sie noch ganz winzig war. Wir waren wie die jungen Fchse, hatten alle
auch rote Haare, die kamen von meiner Mutter; meine sind jetzt dunkler geworden.
Linchen hatt ich am liebsten von meinen Brdern und Schwestern; es hatte Augen
so klar und tief wie das grundlose Wasser, das unter dem Eulenkopf steht.
Einmal, zur Jagdzeit, sa es ganz still und hielt den ganzen Tag ber den Kopf
mit den Hnden, und als es in der Nacht unter seiner alten Decke an meiner Seite
lag, da fhlte ich, da seine Hnde ganz hei waren, und doch zitterte es am
ganzen Krper vor Frost und whlte sich immer tiefer in das Laub. Am andern Tage
sprach es ganz tolle Worte und schrie, der Berggeist wolle es holen und in die
Erde hinabziehen. Dann packte die Krankheit den Fritz und so eins nach dem
andern, zuletzt mich. Die Hunde, die sonst wohl, der Wrme wegen, zu uns in
unsere Hrde krochen, wollten nun nicht mehr mit uns darin bleiben, sie sprangen
heraus und krochen im Winkel zusammen. Anfangs hrte ich noch, wie der Vater
rgerlich ber uns war, und ich fhlte, wie er mehr Laub auf uns warf und alle
seine Rcke und den Mantel unserer toten Mutter und alle unsere Kleider. Er
hatte niemand, der ihm half in dieser groen Not; denn er war nicht sehr beliebt
bei den Menschen in der Gegend, weil er so wild und hart gegen die Wilddiebe und
die Holzfrevler war. Sie nannten uns nur die roten Wlfe und pfiffen, wenn wir
uns zeigten im Dorfe. Manchmal kam wohl eine alte Frau, welche Reisig gelesen
hatte, und gab Rat; aber das geschah nur nach Bequemlichkeit und selten. So
waren wir jetzt im Eulenbruch so verlassen wie die jungen Fchse, denen die
Mutter weggeschossen ist. Wie das Linchen und die andern kam ich in einen
Zustand, in welchem ich nichts mehr von mir wute; aber einmal wachte ich auf
und sah im Traum viele Herren mit Gewehren und Jagdtaschen vor mir. Sie starrten
uns ganz merkwrdig in unserm Bette an, und einer hielt ein Paar Glser vor die
Augen. Sie flsterten alle und schttelten die Kpfe, und unser Vater stand auch
dabei, hielt die Mtze in den Hnden und drehte sie hin und her. Die Herren
sprachen dann alle auf ihn ein; er sagte auch etwas, zuckte die Achseln und sah
sehr wild und verzweifelt aus. Einige der Herren hatte ich wohl schon gesehen.
Sie kamen fters zur Jagd nach dem Eulenbruch. Bald wurde es aber wieder so
dunkel vor meinen Augen wie zuvor, und als ich endlich von neuem aufwachte, da
lag ich zwar noch in der Bettstatt, hatte auch ein ordentlich Kopfkissen, und
eine alte Frau sa da mit der Brille auf der Nase und strickte und gab mir einen
Lffel bitterer Medizin; aber meine Geschwister bis auf den Fritz waren nicht
mehr da. Alle, alle - das Riekchen, das Lieschen, das Linchen und Franz - alle
waren fort, waren tot. Wir hatten alle mitsammen die Rteln gehabt, und bis auf
Fritz und mich waren die andern daran gestorben und verkommen. Zu Poppenhagen
waren sie begraben, whrend ich bewutlos lag - eine ganze Reihe von kleinen
Grbern. Es war zu spt gewesen, als die Herren von der Jagd uns in unserm Laub,
im Fieber sahen, dem Vater Geld gaben und den Pastor Tanne aus Poppenhagen zu
ihm schickten, da er ein Einsehen tue und sich unserer mit dem Doktor Rust und
der Frau Wurm aus dem Feldhterhaus annhme. Es war ein guter Mann, der Pastor
Tanne; er hat mich, nachdem mein Bruder und ich wieder gesund geworden waren,
mit sich genommen nach Poppenhagen und hat mich, da er selbst keine Kinder
hatte, erzogen wie seinen eigenen Sohn. Er wollte auch meinen Bruder mit sich
nehmen, aber der konnte von dem wilden Leben im Forste nicht lassen. Doch in die
Schule mute er jetzt auch kommen. Jetzt ist er lngst in die weite Welt
gegangen; ich habe nie wieder von ihm gehrt.
    Mit vielen Hm's und Ha's hatte der Polizeirat dieser Erzhlung gehorcht. Mit
seltsamem Ausdruck leuchteten die Augen des alten Schreibers ber die Haufen von
Akten und Registern auf seinem Pulte.
    Der Hauptmann Faber strich den vollen Bart und murmelte:
    's ist wenigstens der Bericht eines klaren Kopfes. Armer Teufel! Er nickte
dem Inkulpaten ermunternd zu, und der Schreiber rusperte sich ebenfalls zur
Ermunterung Robert Wolfs.
    Es trat in dem Bro dreizehn eine Stille von einigen Augenblicken ein, in
welchen man deutlich das Picken der groen Uhr drauen in der Halle vernahm.
Schon manche unbekannte Tragdie und Komdie war ber den schmutziggrauen
Fuboden des Bros Nummer dreizehn weggeschritten; eine rhrendere Elegie hatte
aber die langnsige Bste eines verdienstvollen frheren Polizeiprsidenten,
welche zwischen den beiden Fenstern von einer Konsole herabblickte, selten
vernommen. Der Mann schien sich jedoch durchaus nichts daraus zu machen. Er
behielt jedenfalls die Nase oben. Dagegen hatte eine andere Bste auf einer
andern Konsole einen recht wehmtigen Ausdruck: sei es, da der Knstler ihr
denselben gab, sei es, da die dmmerige Beleuchtung schuld daran war. Seine
Majestt der Knig schien es auch in Gips in Nummer dreizehn im
Zentralpolizeihause sehr ungemtlich zu finden.
    Seiner Stellung gem unterbrach der Rat Trster zuerst wieder das Schweigen
und fragte, das glattrasierte Kinn streichelnd:
    Also der Pastor Tanne zu Poppenhagen hat Euch erzogen? Was habt Ihr
gelernt, Wolf? Was seid Ihr eigentlich?
    Robert Wolf zuckte die Achseln und sagte:
    Als mein Pflegevater starb, mute ich zurck in den Wald zu meinem
eigentlichen Vater; denn damals war mein Bruder schon in die weite Welt
gegangen, und mein Vater war immer krppelhafter geworden; er hatte die Gicht in
den Knochen vom Liegen im Walde und hatte meine Hlfe ntig. Ich kann schieen,
die Geige spielen, ein wenig lateinische Grammatik. Ich gewhnte mich recht gut
wieder an den Wald; es kann einem schon drin gefallen, Winter und Sommer, und es
gefiel mir die letzten zwei Jahre durch; wre auch gern Forstwart geworden, wenn
- - wenn nicht -
    Nun, heraus damit! Wenn nicht?
    Robert Wolf wandte sich ab, bi die Zhne aufeinander und antwortete nicht.
    Ich frage, weshalb Ihr nicht in Eurer Stellung geblieben seid. Ich erwarte
Antwort, junger Mann! sagte der Polizeirat, soviel amtsmige Rauhigkeit als
mglich in Ton und Gestus legend.
    Der Hauptmann auf der Armensnderbank stand auf, klopfte den Knaben aus dem
Walde auf die Schulter und sagte:
    Sperren Sie sich nicht, Robert; geben Sie dem Herrn offen Nachricht von
Ihrem Leben. Es sind Freunde hier.
    Der Schreiber Friedrich Fiebiger aus Poppenhagen nickte ber sein Pult weg
hchst energisch. Es war gleich einem elektrischen Schlag durch diese
Schreiberseele gegangen, als vor einigen Tagen die Namen Poppenhagen,
Eulenbruch, Winzelwald zum erstenmal auf dem Zentralpolizeihause genannt wurden,
in dem Vorgehen gegen Robert Wolf wegen Hausfriedensbruch. Htte der Rat Trster
sich pltzlich auf den Kopf gestellt und seinen Untergebenen aufgefordert,
dasselbe zu tun, so wrde das nicht solchen berwltigenden Eindruck auf das
Gemt des letztern gemacht haben. Wre auf dem langen unheimlichen Korridor
pltzlich der Klang eines Waldhorns erschollen, so htte dem alten
Dintenmenschen das Herz sich nicht mehr darob geregt. Mit diesen Namen drang
Sonnenschein. Waldluft, Lust der Jugend und des Lebens in das Bro Nummer
dreizehn. Durch die Papiere rauschte es wie durch die Zweige der Buchen und
Tannen, der Aktenstaub verwandelte sich in das Gestube des Waldbachs, wie er
nahe dem Dorf Poppenhagen ber die moosigen Steine strzt und eine Mhle treibt,
welche der kleine Fritz Fiebiger gebaut hat. Besagte Mhle wurde aber noch im
achtzehnten Jahrhundert errichtet; 's ist lange her, und der Polizeischreiber
mu sich zusammenraffen, um keine Bcke zu schieen in dem Protokoll, welches
ihm ber den bleichen wildblickenden Jungen. Robert Wolf aus dem Winzelwalde, in
die Feder diktiert wird. Die Feder kritzelt ber das Papier, aber vor den Augen
des Schreibers flimmert's; seine Schriftzge sind bei weitem nicht so fest und
sicher wie sonst; - sein Vorgesetzter fragt ihn, was ihm sei, ob er Kopfweh
habe. Friedrich Fiebiger schttelt nur den grauen Kopf und murmelt etwas
Unverstndliches.
    Robert Wolf wendete nun die zornigen, trnenvollen Augen dem Polizeirat zu;
aber noch immer vermochte er nicht, ein Wort hervorzubringen. Man sah, wie es in
ihm strmte und wie er sich zwingen mute, da kein leidenschaftlicher Ausbruch
erfolge.
    Noch einen forschenden Blick warf der Rat auf den Inkulpaten; dann wandte er
sich gegen den Schreiber.
    Fiebiger, nehmen Sie doch einmal das Register D zur Hand und geben Sie uns
die Notizen ber den Namen Dornbluth - Eva Dornbluth, Frulein Eva Dornbluth.
Wir mssen den Knaben berzeugen, da die Sicherheitsbehrde offene Augen und
scharfe Ohren hat. Lesen Sie, Fiebiger!
    Der Schreiber schlug einen umfangreichen Folianten auf, bltterte einige
Augenblicke darin und las dann mit einer Stimme, die von Natur recht scharf und
schneidend war, in diesem Moment aber etwas gemildert klang:
    Eva Sophie Dornbluth. Tochter des weiland Kantors und Opfermanns Otto
Friedrich Karl Dornbluth zu Poppenhagen. Alter zwanzig Jahre. Ankunft in
hiesiger Stadt am vierzehnten Mai 184-. Rubrikatin hielt sich anfangs im Hause
der Frau Baronin Viktorine von Poppen, Kronenstrae Nummer fnfzig, auf, trat
dann durch Verwendung des Barons Leon von Poppen am hiesigen Kniglichen Theater
ein und wohnt jetzt Lilienstrae Nummer zwlf. Bemerkungen -
    Der Schreiber las mit leiser Stimme noch einige Noten, welche die hohe
Polizei ber das Dasein Eva Dornbluths gemacht hatte, und beobachtete dabei ber
den Rand des Folianten scharf den Jngling aus dem Winzelwalde, und nicht ohne
Grund; denn ein merkwrdiges Schauspiel bot Robert Wolf dem Menschenkenner dar
whrend dieser Vorlesung. Mit unverkennbarem Entsetzen starrte er den Schreiber
und sein giftgeflltes Buch an, krampfhaft zitterten seine Lippen, er ballte die
Fuste, ward totenbleich und bedeckte zuletzt das Gesicht mit beiden Hnden und
brach in ein bitterliches Weinen aus.
    Der Hauptmann, welcher sich wieder auf dem Snderbnkchen niedergelassen
hatte, trommelte mit dem Fu einen Marsch; der Polizeirat gab seinem Schreiber
einen Wink, da er seine Vorlesung einstelle; dann wandte er sich zu dem
Inquisiten:
    Seht Ihr, lieber junger Freund, die Polizei wei alles! Soll ich dir noch
mehr vortragen lassen ber die Jungfer Dornbluth; oder willst du uns jetzt
mitteilen, was dich in die Wohnung des Mdchens fhrte? Du wirst den Ruf der
Dame durch eine klare Darlegung der Tatsachen nicht verschlechtern, glaube mir
das, Robert Wolf.
    Die hohe Polizei war fest von der Wahrheit ihrer Notizen berzeugt, und doch
stand mehr als eine Lge in dem Folianten D ber Eva Dornbluth. Der arme
gepeinigte Knabe aber schluchzte noch eine Zeitlang fort und rief dann wild und
in Verzweiflung:
    Ich habe sie liebgehabt - mehr als mein Leben hab ich sie liebgehabt, und
ich mu sterben darum!
    Na! na! Nicht so rasch! brummte der Polizeirat, aber der Hauptmann sowie
der Schreiber fanden, da der junge Mensch in diesem Augenblick von
berraschender Schnheit in seinem dummen, kindischen Schmerz und Zorn war. Mit
immer hher gesteigerter Teilnahme beobachtete vorzglich Friedrich Fiebiger den
armen Jungen von seinem hohen Dreibein aus. Der Schreiber hatte die magern, in
schbiges Schwarz gekleideten Beine so hoch als mglich zur Brust hinaufgezogen,
die schbig schwarzen Frackzipfel hingen so tief als mglich zur Erde hernieder;
von berraschender Schnheit war er sicher nicht, wohl aber glich er in
berraschender Weise einem alten erfahrenen Raben, der sich auf einem Dachfirst
niedergelassen hat, einem Raben mit edlen Gefhlen, einem Raben mit Wehmut in
den humoristisch zwinkernden Augen, einem melancholisch-satirischen Mitgliede
des hchst achtbaren, vortrefflichen und deshalb auch nicht wenig verleumdeten
Geschlechts der krhenartigen Vgel.
    Die aufgeregten Affekte Robert Wolfs machten sich jetzt in hastig
bereinanderstrzenden Worten Luft.
    Als ich bei dem Pastor Tanne gewesen bin - nachdem mein Bruder in die weite
Welt gegangen war -, sind Eva und ich immer zusammen gewesen. Meinem Bruder
hatte sie es auch angetan; aber mir gewilich noch mehr. O Gott, wer htte
gedacht, da alles so kommen wrde! Sie war so klug, viel klger als ich. Viel
leichter als ich konnte sie das Latein begreifen - sie hat es mit mir gelernt;
sie wollte alles lernen, alles wissen. Alle Abende im Sommer saen wir unter der
Esche an der Hecke im Kantorgarten; und im Gefngnis, in welches Sie mich haben
sperren lassen, mute ich immerdar an den Sonnenschein denken, der war, als sie
in ihrem weien Kleide zur Einsegnung ging. O wie hat die Schlechte mit mir
gespielt - die Sonne ist auf ewig untergegangen. Ich will nach Frankreich, nach
Algier zur Fremdenlegion. Nach Amerika will ich, wie mein Bruder. O der htte
nicht gelitten, da sie so mit ihm spielte. Der hat wohl recht gehabt, wenn er
sagte, kein Mensch tauge was, und es schade gar nichts, wenn man ihnen soviel
Bses schfe, als man Macht htte.
    Na, na, wieder viel zu rasch! brummte der Polizeirat. Junger Mann, hier
jedenfalls ist nicht der Ort, solche unmoralischen Grundstze auszusprechen.
    Der Hauptmann Faber lchelte ein wenig; der Schreiber schnitt eine Feder und
sich in den Finger. Robert Wolf achtete nicht im geringsten auf die
Unterbrechung des Rats, sondern fuhr mit doppelter Hast fort:
    Aber mein Bruder Fritz nahm doch Eva Dornbluth aus und rechnete sie nicht
unter die Schlechten; oh, er war ein wilder Narr, htte noch ein paar Jahr
daheim bleiben sollen, bis die vornehme Dame auf das Gut kam. Keinem Menschen
soll man Gnade geben, keinem. Der Pastor Tanne wird sich auch wohl meiner nur
angenommen haben, weil er Langeweile hatte unter den Bauern. Er starb, als ich
sechzehn Jahr alt war, und ich habe an seinem Sarge geweint, wie ich an dem
meines Vaters nicht weinen konnte. Er hinterlie nichts als seine Bcher, ein
paar Tische und Sthle und eine Kuh. Das nahm die Haushlterin; ich mute in den
Wald zurck. Da nahm ich Abschied von Eva unter der Esche. Sie sagte, wir
wollten immer wie Bruder und Schwester sein. Sie sagte, ich sollte keinen dummen
Jungen aus mir machen, ihr Los sei in alle Ewigkeit bestimmt. Was mag ich ihr in
der Stunde gesagt haben? Ich wei es nicht. Oh, sie wird hhnisch genug im
Innersten darber gelacht haben. Ich mchte umkommen auf der Stelle; aber sie
mte dann auch tot hier vor meinen Fen liegen. Meinem Vater hat's der
Branntwein angetan, der hat ihm das Leben genommen. Als es zum letzten mit ihm
ging und er in derselben Bettstatt lag, in welcher meine Brder und Schwestern
gestorben sind, kam ein Junge, welcher Beeren las im Wald, und brachte mir
Nachricht, wenn ich Eva noch einmal sehen wolle, so mge ich eilen; sie gehe
fort mit der Frau von Poppen, welcher der Poppenhof bei Poppenhagen gehrt. Da
scho es mir ganz eiskalt durch die Seele und dann wieder wie Feuer; aber wie
konnte ich fort von meinem Vater? Der lag und zitterte im Frost und schrie, die
Wilddiebe htten ihn zu Boden. Mit allerlei Gespenstern rang er durch Tag und
Nacht und schrie nach meinen Brdern und Schwestern, aber vorzglich nach dem
Fritz, der sein Herzensliebling gewesen war. Fast ein Jahr blieb er in diesem
Zustand; zuletzt schlug er sich immer herum mit groen Scharen von kleinen
Tieren, Musen oder Spinnen oder Fliegen; das lie ihm gar keine Ruhe.
    Was man so Delirium tremens nennt! murmelte der Hauptmann.
    Ein ganzes, ganzes Jahr dauerte das, fuhr Robert fort; ein ganzes Jahr
war Eva Dornbluth schon weg, und ich hrte nichts von ihr in der Verlassenheit
auf dem Eulenbruch; sie war auch, kurz vor ihrer Abreise mit der gndigen Frau,
eine Waise geworden und mochte wohl ein hungerig Leben gehabt haben; das konnte
sie nicht ertragen. So wartete sie nicht auf mich. Nun starb mein Vater, und ich
brachte ihn in seinem Sarge nach Poppenhagen. Wie im Traum war ich; was mit mir
werden sollte, wute ich nicht; von Eva hrte ich nichts im Dorfe, sie hatte
keine Nachricht von sich gegeben. Verstrt lief ich umher oder lag im Walde, und
endlich trieb's mich, da ich meine Kleider in meines Vaters Jagdranzen packte,
meines Vaters Bchse ber die Schulter hing, die Hunde verkaufte und verschenkte
und fortging vom Eulenbruch, aus dem Winzelwalde. Zwlf Taler, welche mir der
Pastor Tanne gegeben, hatte ich ebenfalls noch, damit kam ich hierher, doch
mute ich unterwegs noch die Bchse verkaufen. Es hat mich aber der Eva
nachgetrieben; aber wie es mir unterwegs ergangen ist, davon wei ich nichts zu
sagen. Mein Vater in seinen letzten Tagen war nicht verwirrter in Kopf, Hnden
und Fen, als wie ich es jetzt bin. Die Leute haben mir geholfen und mich
zurechtgewiesen, und so -
    Suchtet Ihr hier Eure Jugendfreundin auf, fuhr der Polizeirat Trster
dazwischen, und fandet die Verhltnisse ganz anders, als Ihr Euch vorgestellt
hattet. Jaja, es ist so. Statt der gndigen Mama hat der Herr Sohn die Sorge und
Vormundschaft ber das junge, hbsche Ding aus dem Walddorfe bernommen. So
fandet Ihr denn, Robert Wolf, die Wohnung des Mdchens aus, sagtet dem
ungetreuen, leichtsinnigen Schatze die Wahrheit und gebrdetet Euch so sehr wie
mglich gleich einem Verrckten. Dann kam der junge Herr Leon von Poppen dazu,
und wie ein junger Wolf aus dem Walde fielet Ihr ber ihn her, zerschluget ihm
die Nase und httet ihn erdrosselt, wenn nicht die Sicherheitsbehrde, die den
Lrm von der Gasse aus vernahm, sich dreingelegt htte. Ei, ei, ei, jugendlicher
Romantiker!
    Sie haben recht, schluchzte Robert Wolf, es war tricht und dumm von mir,
da ich mich an den Schwchling, an das zerbrechliche Bbchen hielt; mit ihr
selbst htte ich die Sache ausmachen sollen. Da lag das hbsche Messer, mit
welchem sie das Buch aufschnitt, in welchem sie las, als ich vor sie trat; das
Messer htte ich ihr ins Herz stoen sollen und mir dann auch, so wr uns beiden
geholfen gewesen; - das wr am besten gewesen fr uns alle beide.
    Der Schreiber schnellte mit einem merkwrdig elastischen Ruck den Kopf in
die Hhe; Konrad von Faber lie von seiner Armensnderbank her ein
ausdrucksvolles Pfeifen vernehmen; der Polizeirat hob die Achseln, schttelte
den Kopf, blickte etwas verlegen in die blitzenden Augen des Knaben und sagte:
    Hm, hm, es war doch besser fr Euch, Wolf, da Ihr Euch mehr an die Ohren
und die Nase des jungen Barons hieltet. Ich mu Euch brigens bemerken, da
solche unverstndige Reden an dieser Stelle - was ist das? Herein!
    Ein Klopfen hatte sich an der Tr vernehmen lassen, und auf den Ruf des
Beamten trat ein Polizeidiener ein und berreichte seinem Vorgesetzten einen
Brief. Nachdem der Polizeirat diesem Schreiben ein kurzes, aber nachdenkliches
Studium gewidmet hatte, sagte er:
    Tretet fr jetzt ab, Robert Wolf! Greiffenberger, ich werde klingeln, wenn
dieser junge Mensch wieder vorgefhrt werden soll.
    Greiffenberger winkte dem Inquisiten mit dem waschlederbekleideten Daumen
auf eine Art, die nur bei der von Gott eingesetzten hohen Polizei sich
ausbildet. Geduldig und gebrochen folgte der arme Teufel aus dem Walde diesem
unnachahmlichen, charaktervollen Winke.

                                Zweites Kapitel



Der Polizeischreiber Fiebiger setzt seinen Chef in Erstaunen; Julius Schminkert
                     wird gebeten, sich ntzlich zu machen

Als sich die Tr hinter Robert Wolf geschlossen hatte, erhob sich der Hauptmann
von seinem Sitze, der Schreiber spielte nachdenklich mit seiner Feder, der Rat
Trster nahm eine Prise und sagte:
    Sie sind doch ein wunderlicher Kauz, Hauptmann. Was fr ein Vergngen
finden Sie, der Sie zweimal die Welt umsegelt haben, daran, auf jener Bank zu
sitzen und das Elend, mit welchem wir es zu tun haben, durchzukosten? Unsereiner
ist froh, wenn er einmal den Kopf aus diesem Malebolge, diesem Teufelssumpf
erheben darf, Ihnen scheint es das grte Vergngen zu machen, darin
unterzutauchen und umherzupltschern.
    Ein Vergngen ist es nicht, sondern ein Studium, welches den Kopf und das
Herz frei macht. Jeder Mensch soll von Rechts wegen sein Steckenpferd haben.
Lat den einen Schnupftabaksdosen sammeln, den andern verrostete Mnzen,
Wurzelwrter, Flaschenstpsel oder Kerbtiere; ich treibe Naturgeschichte der
Menschheit und jage mein Steckenpferd um die Erde und durch - diese
Polizeistube. Die weite Welt und die Polizeistube bieten ein gleich ergiebiges
Feld; der Kampf um das Dasein bleibt berall derselbe, im brasilianischen
Urwalde wie in der Wste Gobi; im ewigen Eis von Boothia Felix wie hier unter
der gipsernen Nase Ihres weiland Vorgesetzten, Trster.
    Dann, bitte, sagen Sie mir mal, was denken Sie ber den gegenwrtig
vorliegenden Fall, Hauptmann? fragte der Rat den weitgereisten Mann.
    Hm, eine gute lange Missouribchse und ein gutes Pferd, eine hbsche kleine
Prrie, fnfhundert Meilen in die Lnge und die Breite, wrden den Jungen wieder
zurechtbringen. Es ist Kern in dem Gesellen; soll mich wundern, wie lange Sie
ihn werden ins Loch stecken mssen, um einen Halunken daraus zu machen.
    Der Rat nahm eine sehr lange Prise; dann griff er nach dem berbrachten
Schreiben: Hier ist ein Brief, welcher den Inkulpaten angeht. Der Baron Poppen
schreibt, man mge den Robert Wolf laufen lassen; im Interesse aller Teile sei
es, wenn man ihn so bald als tunlich aus der Stadt schaffe; seinen Denkzettel
habe er ja schon durch den achttgigen Arrest erhalten. Der junge Herr schliet
eine Banknote von zwanzig Talern ein.
    Und das Frauenzimmer ist vollstndig einverstanden mit diesen Vorschlgen?
Wohl gar erste Urheberin derselben?
    Das glaube ich sicher, meinte der Rat. Man kennt diese Damen. brigens
soll das Mdchen nicht ohne Talente sein; man spricht viel in der Gesellschaft
von ihr. Trotz unserer Register sind wir hier ber die Person doch noch nicht
ganz im klaren.
    Die Polizei sprach da ein wahres Wort; sie hatte durchaus keine Ahnung, wer
und was Eva Dornbluth war.
    Alles in allem genommen, fuhr der Rat fort, wird es wirklich das beste
sein, was wir tun knnen, wenn wir den armen Teufel, diesen Robert Wolf, cito
citissime in seinen Wald zurckschicken. Hier am Orte wrde er jedenfalls
untergehen, und ich mchte wetten, da wir ihn an dieser Stelle noch fters und
unter gravierenderen Umstnden erscheinen shen. Ich meine, ich halte dem Jungen
eine gute Rede, und wir schicken ihn fort, heute abend noch oder morgen in der
Frhe, mit dem ersten Bahnzug, der nach seiner Provinz abgelassen wird.
    Und er nahm Wasser und wusch sich die Hnde vor dem Volk! brummte der
Hauptmann; der Schreiber aber folgte seinem nachdenklich auf und ab gehenden
Vorgesetzten mit den klugen scharfen Augen aus einem Winkel des Gemaches in den
andern und bewegte dabei den Kopf auf eine Art, welche dartat, da auch er den
Kasus reiflich berlege. Aus seinen berlegungen fuhr er schnell empor, als der
Polizeirat vor ihm stehenblieb und fragte:
    Was ist Ihre Meinung, Fiebiger?
    Der Angeredete zog seine Feder hinter dem Ohr hervor, legte sie neben seinem
Protokoll nieder und sagte:
    Herr Rat, ich habe nun schon manch liebes, langes Jahr unter Ihren Augen
diese Register - er legte die Hand auf den vor ihm liegenden Folioband -
gefhrt und habe auch con amore, aber handwerksmig getrieben, was der Herr
Hauptmann als Dilettant treibt. Ich glaube, die Zukunft des Rubrikaten Robert
Wolf ist in diesem Augenblick auf eine so scharfe Kante gestellt, da ein
falscher Schub nach beiden Seiten hin ihn auf gleiche Weise in den Abgrund
strzen wird. Greift nicht eine gute Hand fest und sicher in sein Geschick, so
wird er ebensowohl in seinem Walde wie hier in der Stadt untergehen. Hier in der
groen Stadt mag er zum Verbrecher, mag er zuchthausreif werden, dort im Walde
vielleicht auch; jedenfalls, unantastbar sicher, aber nach und nach zum
brutalen, stumpfsinnigen Trunkenbold. Ich wollte mich anheischig machen, seinen
Lebenslauf in der Wildnis Tag fr Tag, Jahr fr Jahr an den Fingern herzuzhlen
bis zum Verdikt des Landphysikus bei der Sektion: Ausgezeichnet schne, weie
Suferleber!
    Unwillkrlich muten die beiden andern Herren lachen, und der Polizeirat
meinte:
    Das ist ein bses Prognostikon, und leider ist viel Wahres daran. Was
sollen wir denn aber mit dem Burschen beginnen? Was bleibt uns brig, als ihn
seinem Schicksal zu berlassen und uns - in der Tat - die Hnde zu waschen wie
der Landpfleger Pontius Pilatus?
    Die letzte Frage begleitete ein vorwurfsvoller Blick auf den Hauptmann, und
dieser hielt es fr seine Pflicht, den Rat zu beruhigen:
    Trsten Sie sich, Trster; auch vor dem Proprtor von Syrien hat es Leute
gegeben, welche unter bedenklichen Umstnden nach dem Waschnapf und dem Handtuch
riefen.
    Ich htte einen Vorschlag zu machen, sprach der Schreiber, mchte aber
den Herrn Rat gehorsamst bitten, da er vorher dem Knaben das Geld des Herrn von
Poppen anbte.
    Kommen Sie dabei nicht zu nahe in den Bereich der Faust des jungen Wilden,
Trster! rief der Hauptmann von Faber, whrend der Chef verwundert nach seinem
Untergebenen hinberblickte.
    Meine Bitte hngt mit meinem Vorschlag zusammen, sagte Fiebiger; der
Polizeirat klingelte und befahl dem eintretenden Greiffenberger, Inquisiten
wieder vorzufhren. Bevor wir jedoch den zweiten Akt des Verhrs erzhlen, haben
wir von einer Bekanntschaft zu berichten, welche Robert Wolf zwischen dem ersten
und dem zweiten Akt im Vorzimmer des Bros Nummer dreizehn gemacht hatte.
    Kaum seiner mchtig, halb unfhig zu hren und zu sehen, hatte Robert dem
Winke des grimmigen lakonischen Greiffenberger Folge geleistet. Er wre fast zu
Boden getaumelt, htte ihn nicht die Hand im grauweien waschledernen Handschuh,
die fast so gut zu deuten verstand wie jene an der Wand im Saal des Knigs
Belsazar, auf eine niedrige Bank gedrckt, auf welcher er sitzen blieb, das
Gesicht mit den Hnden verdeckend, zu gleicher Zeit schluchzend und mit den
Zhnen knirschend. Ein junger Uhu, welchem man das erste Nest zerstrte und den
man zugleich aus seiner dunkeln Verborgenheit in die helle scharfe Sonne reit,
wrde ungefhr hnlich fhlen wie Robert Wolf in diesen Augenblicken. Das
unzurechnungsfhige Gebaren des unglcklichen Knaben erregte denn auch sogleich
aufs uerste die Aufmerksamkeit eines Individuums, welches bis jetzt, mit dem
Rcken dem Zimmer zugewendet, an einer Fensterscheibe getrommelt hatte und
welches in Wesen und Erscheinung einen wunderlichen Gegensatz zu dem gepeinigten
Robert bildete.
    Besagtes Individuum trug zu einer Zeit, wo der Herbst schon sehr bedenklich
in den Winter berging, einen hellen Sommeranzug, der seinerzeit hchst elegant
und in den Hundstagen gewi auch sehr angenehm gewesen war, welcher aber jetzt
durchaus nicht mehr irgendeinen Anspruch auf Neuheit, Eleganz und Zweckmigkeit
machen konnte und den jedes wrmer bekleidete Menschenkind nur mit Schauder und
Frsteln ins Auge fassen konnte. Hellblau war seine Farbe! Gentile Schbigkeit
umhauchte die ganze Erscheinung, und etwas Unwgbares, Unfabares, Unfhlbares,
welches seinen Sitz ebensogut in dem lockern Halstuch wie in den hellblauen
Zeugstiefelchen haben konnte, verkndete unwiderleglich, da der Gegenstand
unserer Schilderung mit mehr Phantasie als Verstand begabt sei und da er nicht
zu jenen soliden Klassen und Sttzpfeilern der Gesellschaft gehre, auf welche
das Auge des Nationalkonomen mit Wohlgefallen blickt.
    Julius Schminkert war ein Knstler, ein Knstler in des Wortes verwegenster
Bedeutung, und nur deshalb kein Genie, weil er die eine Grundbedingung der
Genialitt, Selbstvertrauen, in zu hohem Grade, und die andere,
Konzentrationsfhigkeit, in zu geringem Mae oder, besser gesagt, gar nicht
besa. Er konnte alles - Komdie spielen, Verse machen, einen Pudel scheren,
einen Menschen frisieren, mehrere Instrumente spielen sowie jedes beliebige
Kartenspiel; auf dem Billard war er Meister, sein Vertrauen auf die Langmut
Gottes war unerschtterlich. brigens log er gern und mit Geschick; wir fhren
den leichtsinnigen Tropf vor, wie wir ihn auf dem Wege unserer Feder gefunden
haben. Augenblicklich befand er sich in den Hallen des Zentralpolizeihauses, um
Verwahrung einzulegen gegen eine Auspfndung, bei welcher man ihm auer allem
andern, was sein war, aus Versehen auch seine Rollen mit ausgefhrt hatte. Ein
juristischer Freund hatte ihn darauf aufmerksam gemacht, da dieses dem Recht
des beneficii competentiae, wonach der Glubiger dem insolventen Schuldner das
Handwerksgert zur Erwerbung seines Lebensunterhalts lassen msse, schnurstracks
zuwiderlaufe.
    's ist ja der reine Mordversuch gegen dich, Julius! hatte der juristische
Freund gesagt. Reine, krasse Meuchelei ist es! Und Julius hielt diesen Fall
fr eine hchst vortreffliche Gelegenheit, den Strom der Gerechtigkeit an seiner
Quelle aufzusuchen, das Talent gegen die Materie zu verteidigen und in seiner
beleidigten Wrde als Knstler und Mensch gegen die zwingende Gewalt der
gemeinen Wirklichkeit und gegen den tailleur de Paris Herrn Alphonse Stibbe, den
Anfertiger des hellblauen Sommerkostms - o holdeste Angelika Stibbe! - zu
deklamieren, Protest zu erheben und - sich dabei gratis am Feuerherde der hohen
Polizei zu erwrmen.
    Den Stoseufzer: O Angelika! haben wir nicht ohne Grund eingeschaltet. Ich
wrde mich, um zu meinem Recht zu gelangen, inniger an Frulein Angelika Stibbe
als an irgendein Institut menschlicher Gerechtigkeitspflege halten, hatte der
juristische Freund seinen Ratschlgen und Anreizungen hinzugefgt, ohne jedoch
dadurch den beleidigten Rechtssinn Schminkerts in ein anderes Bett leiten zu
knnen; denn Julius hatte sich nur in seine wirkungsvollste Attitde geworfen,
und die linke Hand aufs Herz legend, die rechte zum Himmel emporstreckend, hatte
er gerufen:

Soll ich die Schnheit dergestalt entwrd'gen,
Da sie das Gold, das in den Staub mir fiel,
Im Hohn des Pbels seufzend sucht zusammen
Und kniend das Verlorene mir bietet?

Solcher idealen Anschauung zartester Verhltnisse nachgebend, befand sich Julius
Schminkert in diesem Augenblick im Vorzimmer des Bros Nummer dreizehn. Manch
einen verschlungenen Namenszug, manch ein vom Pfeil der Liebe durchbohrtes,
manch flammenschlagendes Herz hatte er an die beschweite Fensterscheibe
gezeichnet; jetzt unterbrach er sein Trommeln an ihr, um mit untergeschlagenen
Armen zu aufmerksamer Betrachtung sich vor Robert Wolf aufzupflanzen. Nach einem
minutenlangen Anstarren fragte er mit Grabesstimme: Wofr drin?
    Robert sah nicht einmal auf, regte sich nicht. Julius Schminkert legte ihm
pathetisch die Hand auf die Schulter:
    Mitbruder im Pech, nenne mir das Verbrechen oder das Unglck, das dich an
diesen Ort des Heulens und Zhneklapperns fhrt! Zu den Gezeichneten gehrst du,
ich sehe das Mal auf deiner Stirn. Ich sehe auch die kalte Faust, welche dich am
Rockkragen gepackt hlt, dich schttelt und dich demnchst mit Grazie in die
Ecke werfen wird, wohin sie schon so manchen deinesgleichen geworfen hat.
Unglcklicher, wehe dir!
    Mit offenem Munde starrte Robert jetzt den Deklamator an:
    Sind Sie verrckt? fragte er mit stumpfem Grimm.
    Nicht mehr als alle andern vernnftigen Menschen - nur ein wenig
aufgeregt, meinte Julius Schminkert. Unbekannter Mensch, Wanderer auf dem
runden Ball der Erde, der nicht der Ball des Glckes ist; in der zweiten Person
Singularis rede ich dich an, weil ich mich auf dieser Bank neben dir
niederlasse. Brder im Leiden sind alle die, welche auf diesem vierbeinigen
harten Ungeheuer beieinander saen, sitzen und sitzen werden. 's ist eine groe
Verwandtschaft.
    Ich schlage Ihnen den Schdel ein, wenn Sie mir noch nher rcken! rief
Robert, die Faust erhebend und zum uersten Ende der Bank zurckweichend.
    Ruhe dort im Winkel! schnarrte Greiffenberger vom Ofen her. Herr
Schminkert, seien Sie doch verstndig!
    Verstndig? rief Julius. Ich bitte Sie, Herr Wachtmeister, knnen Sie das
von einem Menschen, der bei solchem Wetter so leicht gekleidet geht, verlangen?
Verstndig?! Auf dem Wege hierher begegnete mir ein Wirklicher Geheimer Rat in
einem Marderpelz; man sah nichts von ihm als die Nasenspitze, und an dieser
Nasenspitze sah ich sogar dem Mann bei dieser Klte den Unverstand an.
Verstndig?!
    Auch 'ne Ansicht von die Sache, brummte Greiffenberger, und die
Unterhaltung stockte einige Zeit im Vorzimmer des Bros Nummer dreizehn. Robert
Wolf hatte den Kopf wieder in beide Hnde genommen, Julius betrachtete ihn
verstohlen von der Seite, und Greiffenberger sog mit der Schattenseite seines
Ichs soviel Ofenwrme wie mglich ein und sah so gedankenlos wichtig wie mglich
dabei aus.
    Der Wind trieb den eisigen Regen in immer schrferen Sten gegen die
Fensterscheiben, der Nebel wurde immer dichter, die Welt im allgemeinen wie im
besondern immer unbehaglicher. Schminkert gab sich den seltsamsten
Krperverrenkungen auf seinem Ende der Bank hin, bis er das Mglichste, was in
dieser Art zu leisten war, geleistet hatte und sein quecksilberartiges
Temperament eine Vernderung der Unterhaltung erforderte. Er erhob sich, dehnte
und reckte sich, ghnte entsetzlich und schritt zu dem Ofen, wo er den
Polizeiwachtmeister in ein leises Gesprch verwickelte, und bald hatte er aus
dem wrdigen Mann alles heraus, was er ber den armen Robert wute.
    Dann erklang die Glocke des Polizeirats Trster; Greiffenberger rckte den
Sbel zurecht, marschierte in ordonnanzmiger Properteh in das Heiligtum des
Bros und lie das bodenlose Genie im kopfschttelnden Nachsinnen ber den
Reichtum der Welt an tollen Lebenserscheinungen zurck.
    Dann hatte Robert Wolf abermals dem charakteristischen Winke der
Sicherheitsbehrde Folge zu leisten. Wieder stand er vor dem Mann, welcher einen
so groen Einflu auf sein nchstes Schicksal hatte, welchen die Gewohnheit aber
auch ziemlich gleichgltig gemacht hatte gegen die Frage, was das Gewicht
bedeute, das er in die Waagschale warf, in der eine menschliche Existenz gewogen
wurde. Glcklicherweise war in dem Bro Nummer dreizehn ein anderer gegenwrtig,
der sich vorgenommen hatte, auf andere Art in das Leben Robert Wolfs
einzugreifen, als der Polizeirat Trster es vermochte.
    Wolf, sagte der Polizeirat, Eure Angelegenheit hat sich zum besten
gewandt. Wir wollen unsererseits den achttgigen Arrest als eine gengende
Strafe Eures unbesonnenen Verhaltens, Eures ungebhrlichen Betragens ansehen,
andererseits ist auch auf Bitten des Herrn von Poppen die Sache
niedergeschlagen, und - Sie sind frei, Robert Wolf. Hier soll ich Ihnen eine
Banknote geben, welche von der ebenerwhnten Seite kommt. Nehmen Sie und
verwenden Sie das Geld -
    Von ihm, von ihr meine Freiheit? Von ihm, von ihr dieses Geld? schrie
Robert Wolf, und es wurde wieder einmal deutlich, da Maler und Bildhauer, um
Charakterkpfe zu studieren, sich hufiger auf dem Polizeibro einfinden
sollten. Herr, Herr, rief der Knabe aus dem Walde, o Herr, lassen Sie mich
wieder in das Loch sperren! O die Schlechte! die Schndliche!
    Die Stimme versagte dem Jngling, erstickt durch Grimm und Trnen; so sank
er auf die Bank, auf welcher vorhin Konrad von Faber gesessen hatte. Der
Schreiber flsterte dem Rat etwas ins Ohr, dieser sah ihn hchst verwundert an,
nickte dann mit dem Kopfe und trat von seinem Schreibtische gegen die
Armensnderbank heran, die Banknote des Barons von Poppen in der Hand:
    Herr Robert Wolf -
    Mit geballter Faust sprang der Angeredete drohend wieder in die Hhe.
    Was treibt Sie, junger Mann? fragte der Beamte wrdevoll, aber doch einen
Schritt zurckweichend. Halten Sie sich ruhig. Es steht in Ihrem Belieben,
dieses Geld zu nehmen oder es von sich zu weisen.
    Auch meine Freiheit will ich nicht haben durch ihre Gunst und Gnade! rief
Robert Wolf. Wenn es Gerechtigkeit ist, da ich ins Gefngnis komme fr das,
was ich tat, so will ich eingesperrt sein, so wie es im Gesetzbuch steht, bis an
meinen Tod. Denen aber will ich nichts verdanken - nichts, nichts!
    Der Hauptmann von Faber murmelte vor sich hin: Eine Doppelbchse, ein Ro
und die Prrie, der Schreiber Friedrich Fiebiger aus Poppenhagen gab seinem
Vorgesetzten abermals ein Zeichen, und letzterer sagte darauf ganz kurz zu dem
Jngling:
    Treten Sie noch einmal ab, Wolf! Ich werde Sie sogleich wieder rufen
lassen.
    Jetzt steigt Fiebiger von seinem hohen Dreifu, nach der Entfernung Robert
Wolfs, herab und tritt - mehr in die Mitte dieser Geschichte, wenn auch grade
nicht ganz in den Mittelpunkt, den eine Geschichte in dieser Zeit des breiten
Lebens selten mathematisch genau haben kann.
    Da stand der Schreiber Friedrich Fiebiger aus Poppenhagen im Winzelwald,
hager und, wie es schien, etwas hungerig, sehr ltlich, gelblich und blutleer,
gekleidet in abgetragenes Schwarz. Da stand er und lie die kleinen glnzenden
Augen von einem der beiden anwesenden Herren zum andern gleiten. Ich suche nach
einem Gleichnis, welches die Erscheinung des Mannes klarer vor die
Einbildungskraft fhre, und nichts fllt mir ein als ein auch dem Einfall nahes,
hohes, altes, schmales Haus in der Altstadt, ein Haus, zur Seite geneigt,
geschwrzt und vernachlssigt; ein Haus, in dessen zweifenstrigem Erker, den
Wolken so nahe als mglich, ein Freund von mir wohnte, ein Narr, der seine
Gedichte nicht niederschreiben konnte, weil er niemals einen Reim finden konnte,
ein armer Teufel, der mit der Welt spielte wie Zeus, der Vater der Gtter, und
am Nervenfieber starb. Wie oft bin ich in sptester Nachtstunde durch das
Schleichgchen geschlichen, aufblickend zu diesen beiden hellen Fenstern! Alles
war dunkel und schmutzig dann. Nur die beiden Fenster leuchteten in der Nacht,
und diesen beiden Fenstern vergleiche ich den spahaften Glanz in den Augen des
Polizeischreibers Friedrich Fiebiger, wie ich seinen brigen Leib leider dem
wackligen Hause Nummer vierundachtzig im Schleichgchen vergleichen kann.
    Da stand der Mann, rieb die magern Hnde aneinander und sagte:
    Ich mu um Verzeihung bitten, Herr Rat, wenn ich mich bei dem, was ich zu
sagen habe, nicht so kurz fassen kann, wie ich wohl mchte.
    Der Polizeirat und der Hauptmann sahen in demselben Tempo beide nach der
Uhr.
    Manches Jahr habe ich, fuhr der Schreiber fort, an diesem Pulte
verschrieben. Wie ich hoffe, zur Zufriedenheit meiner Vorgesetzten.
    Der Polizeirat, welcher allmhlich anfing, sich nach seinem Whisttisch zu
sehnen, nickte energisch, was ebensogut heien konnte: Jawohl, Sie schreiben die
leserlichste Hand, die mir jemals vorgekommen ist! als auch: Ich bitte Sie
instndig, fassen Sie sich so kurz als mglich.
    Wie der Herr Rat wei߫, sprach Fiebiger, hat man an dieser Stelle mehr mit
der Schattenseite als mit der Lichtseite des Daseins zu tun. Man atmet aber in
einer Atmosphre, die den Menschen alt werden lt, weil sie ihm die Seele gerbt
- 's ist ein fortwhrendes Stahlbad, hchst gesund, fast zu gesund.
    Seufzend gab der Polizeirat seinem Protokollfhrer recht, und der Hauptmann
strich eifriger seinen Bart.
    Ich kann's mir nicht mehr verbergen, fuhr der Schreiber fort, ich bin alt
geworden; die allzu gesunde Atmosphre fngt an, meine Nerven anzugreifen. Ich
htte es nimmer fr mglich gehalten. Die Gespenster, welche ich in diese
Register eingeschlossen habe, fangen an, sich zu rchen; sie bekommen ein
kurioses Leben, kriechen hervor aus ihren Foliobnden, schlpfen durch das
Schlsselloch und kommen nchtlicherweile vor mein Bett, ihren Spa mit mir zu
treiben. Es ist ein grimmiger Spa, und ich bin ein alter einsamer Mensch. Als
ich jung war, habe ich wohl mit Hnden und Fen um mich schlagen und treten
knnen; da hatte das Gesindel noch Respekt. Jetzt kann ich nur die Bettdecke
ber den Kopf ziehen; aber die Gespenster sind schlau, sie wissen mich doch
darunter zu finden. Sie machen Stimmen nach, Stimmen, welche ich seit vierzig
Jahren in diesem Hause gehrt habe. Sie weinen und wimmern wie Kinder, sie
schluchzen und kreischen wie Weiber, sie fluchen auch wohl ein wenig. Dann kommt
dazwischen ein Lachen, und das frchte ich am meisten, es ist das echte, das
wirkliche und wahre Sich-zu-Tode-Lachen. Zum Exempel, das junge Weib, welches
wir neulich hier vernahmen und welches am folgenden Tage im Krankenhaus starb,
lachte so. Was soll man dagegen machen?
    Sie htten heiraten sollen, Herr Fiebiger, meinte der Hauptmann, welcher
ein eingefleischter Hagestolz war. Der Polizeirat, welcher zu Haus eine
Polizeirtin hatte, seufzte:
    Vollstndig hilft das auch nicht, Faber.
    Der Schreiber blickte seinen Vorgesetzten wehmtig an:
    Um sich gegen das Alter zu schtzen, mu man sich geistig an der Jugend
erwrmen, wie der Knig David in seinen sptern Jahren sich krperlich daran
wrmte. hnlich wie der Knabe im Vorzimmer bin auch ich vor langer Zeit aus dem
Winzelwalde in dieser Stadt angekommen. Ich knnte darber auch meine Geschichte
erzhlen, aber es wrde zu nichts fhren; ich will nur sagen, da dieser Robert
Wolf und ich Landsleute, da wir beide Hintersassen der Herren von Poppen sind
und da mir der Junge ungemein gefllt. Er hat mir meine ganze Jugendzeit wieder
lebendig gemacht, und seit ihn der Herr Revierleutnant Kirre hierher sandte,
sind die oben besprochenen Gespenster in ihre Folianten zurckgekrochen; mit
andern Gedanken habe ich mich umhergetragen. Ich habe den Burschen studiert, wie
man ein Buch studiert, und jetzt bin ich zu einem Entschlu gekommen: Ich bitte
den Herrn Polizeirat gehorsamst, mir besagten Robert Wolf aus Poppenhagen mit
Haut und Haar zur weitern Verfgung zu berlassen.
    Sie wollen also wirklich? fragte der Polizeirat Trster.
    Was?! rief der Hauptmann von Faber.
    Ich frchte mich daheim vor diesen Bnden, sagte der Schreiber, wieder die
Hand auf die Registerbnde legend. Ich habe ein zu gutes Gedchtnis fr das,
was ich hier eintragen mu. Ich kann nicht mehr allein sitzen in meiner Stube.
Ich will die Seele dieses Knaben retten, und er soll mir das Licht der Jugend
vorantragen auf dem dunkeln Wege ins Grab.
    Fleck getroffen! Bravo! rief Konrad von Faber, der Polizeirat jedoch
meinte kopfschttelnd:
    Haben Sie sich das wohl recht berlegt, Fiebiger? Sie bei Ihrem
jmmerlichen Einkommen wollen sich eine solche Last, eine solche
Verantwortlichkeit aufbrden?
    Ich habe wenig Bedrfnisse gehabt in meinem Leben und werde den Jungen
schon durchfttern. Was die Verantwortlichkeit betrifft, so bin ich ein wenig
Psycholog und glaube meinen Weg klar vor mir zu sehen. Ein Professor der
Seelenkunde mag ber sein Fach sehr gut dozieren knnen; aber ein alter
Polizeischreiber wird auch immer wissen, was er dem Individuum gegenber zu tun
und zu lassen hat.
    Das mag alles sein, bester Fiebiger, aber -
    Ach, Herr Rat, wir tappen alle in der Finsternis umher und wissen selten,
was zu unserm Besten ausschlagen wird. Ich habe nun einmal mein Herz an diesen
Knaben und diesen Wunsch gehngt. Ich bitte gehorsamst, schenken Sie mir diesen
Schlingel, diesen Robert Wolf aus dem Winzelwalde. Die Welt wei in diesem
Augenblick doch nichts damit anzufangen, sie wrde ihn ausmustern und einen
Lumpen mehr daraus machen; - ich aber will versuchen zu bewirken, da sein Name
nicht noch einmal in diesen Bchern, Folio W, erscheine.
    Ich werde Ihrem Plan und Vorhaben gewi auf keine Weise entgegen sein,
Fiebiger. Nehmen Sie den Burschen und machen Sie daraus, was Sie wollen. Sie
sind mein treuer, guter Kollege und Freund. Hier haben Sie meine Hand, wir
wollen Freunde bleiben, Sie alter Humorist.
    Geben Sie mir auch Ihre Hand, Herr Fiebiger! rief Konrad von Faber. Wenn
ich Ihnen oder Ihrem Schtzling einmal auf irgendeine Art ntzlich sein kann,
wird mir das zu groer Genugtuung gereichen.
    Der Schreiber lchelte, indem er dem Hauptmann die Hand entgegenstreckte:
    Sie kommen weit herum in der Welt, Herr Hauptmann; wer wei, wo und wie Sie
meinem jungen Wolf noch einmal begegnen. Wenn Sie dem Glck begegnen, so
schicken Sie es mir nur zu, Musikantengasse Nummer zwlf, oder hierher,
Zentralpolizeihaus, Bro Nummer dreizehn. Ich darf also die Entlassung aus dem
Arrest fr Robert Wolf ausfertigen, Herr Rat?
    Tun Sie das, ich will sogleich unterschreiben.
    Beides geschah, und die Klingel erschallte wieder; zum dritten und letzten
Male trat Robert Wolf in das Bro Nummer dreizehn.
    Herr Wolf, Sie sind frei, sagte der Polizeirat. Die Banknote wird auf
Ihren Wunsch dem Herrn von Poppen zurckgesandt. Ihre Freiheit erhalten Sie
nicht auf Frbitte des Frulein Eva Dornbluth, sondern weil die
Sicherheitsbehrde nach Kenntnisnahme der Sachlage, und da keine Anklage weiter
erhoben ist, es so beschlo. Hier ist das Attest; was ferner noch hinzuzufgen
ist, ist, da -
    Der Redner unterbrach sich, denn er sah klar, da der Knabe nicht fhig war,
seine Worte zu begreifen. Einen Augenblick starrte Robert wie ein Irrer das
Papier an, welches der Rat in seine Hnde gelegt hatte; dann stie er einen
rauhen Schrei aus, und ehe ihm jemand hindernd in den Weg treten konnte, strzte
er mit einem Sprung aus der Tr und war verschwunden.
    Ihm nach, Greiffenberger! rief der Rat, vllig auer Fassung gebracht.
Schnell ihm nach, bringen Sie ihn zurck - dieser Tollkopf!
    Halt, halt! rief der Schreiber ngstlich, nicht Sie, Greiffenberger! Herr
Rat, ich bitte - der Junge strzt sich von der ersten Brcke in den Flu, wenn
wir ihn auf diese Art wiederbekommen wollen.
    Aber was soll geschehen? Wir drfen dieses unbndige Waldtier doch nicht
aus den Augen verlieren.
    Wer ist noch im Vorzimmer, Greiffenberger? fragte der Schreiber.
    Na, Sie wissen - der Schauspieler Schminkert - Herr Julius Schminkert - von
wegen einer Auspfndung. Ich habe ihm schon erklrt, das gehre nicht vor diese
Stelle; aber er bleibt ein Narr und will sich nicht zurechtweisen lassen.
    Schon gut. War der mit dem jungen Menschen zusammen drauen?
    Ja, die ganze Zeit ber. Es htte beinahe eine Katzbalgerei zwischen ihnen
gegeben.
    Der Schreiber wandte sich an seinen Vorgesetzten:
    Lassen Sie uns den Hanswurst hinter dem Flchtling herschicken. Ich stehe
dafr, er fat ihn. Schminkert wohnt mit mir in einem Hause; ich kenne ihn. Darf
ich mit ihm sprechen?
    Sie haben volle Freiheit. Ich gebe diese Sache jetzt ganz in Ihre Hand.
Rufen Sie den Herrn, Greiffenberger.
    Der Wachtmeister ging, und Julius Schminkert erschien mit seiner
grazisesten Verbeugung:
    Meine Herren, ich habe die Ehre -
    Keine Phrasen, Blumen und Verse, Julius! rief der Schreiber. Sie haben
den Knaben gesehen, welcher soeben aus dem Zimmer strzte?
    Haben Sie ihm hier keinen Tritt auf die hinteren Weichteile versetzt?
Nicht? Das wundert mich! Was beflgelte aber auf solche Weise seine Fe?
    Dummes Zeug. Eilen Sie dem jungen Menschen nach, Julius; und sollten Sie
die ganze Stadt nach ihm durchlaufen, Sie mssen ihn uns schaffen. Ich komme
Ihnen nach; aber Ihre Beine sind jnger. Zehn Taler - leihe - ich Ihnen, wenn
Sie den Jungen finden und bewerkstelligen, da ich meine Hand auf ihn legen
kann.
    Aber -
    Kein Aber! Eilen Sie; jeder Augenblick ist kostbar. Denken Sie an die zehn
Taler.
    Zehn Taler? - Greis, dein Wort klingt voll und schwer, ich flieg und schaff
den holden Flchtling her.
    Dem Polizeischreiber eine Kuhand zuwerfend, hpfte der blaubekleidete
Julius dem entflohenen Knaben aus dem Walde nach.
    Da luft auch der Narr hinter dem Tollen her, lachte der Hauptmann. Sie
haben eine seltsame Bekanntschaft, Fiebiger.
    Es macht sich so, Herr Hauptmann. Darf ich fr jetzt um Urlaub bitten, Herr
Rat?
    Der Polizeirat half seinem Untergebenen eigenhndig beim eiligen Anziehen
des berrocks. Der Hauptmann reichte ihm den Regenschirm. Greiffenberger stand
erstarrt und erklrte im Innersten seiner Seele den alten Fiebiger fr verrckt
- rein verrckt.
    Der Rat Trster blieb allein mit dem Hauptmann.
    Was denken Sie darber, Faber?
    Ich hab's schon gesagt, by Gad, die Polizeistube hat ihre Wunder wie die
weite Welt. Ich mu ins Freie, Eccellenza. Wir treffen uns heute abend doch bei
Wienand? Ich mu meinen Amerikaner daselbst vorstellen. - Komme mir noch einer
und behaupte, das alte Europa sei so platt und glatt geworden, da es nicht mehr
der Mhe lohne, sich daselbst zu bewegen.
    Auch der Hauptmann ging. Die Lampen wurden angezndet in dem
Zentralpolizeihause; der Rat Trster vertiefte sich in eine dicke Akte, ein
Intrigenstck voll tragischen Inhalts, wenn auch nicht in Jamben geschrieben.
Als er dann eine Stunde spter den Kopf wieder in die Hhe richtete, sagte er,
ohne irgendwelchen Bezug auf seine Arbeit:
    Nrrische alte Schreiberseele. - Soll mich wundern, was der aus dem Jungen
machen wird!

                                Drittes Kapitel



Julius Schminkert macht sich ntzlich; Robert Wolf macht die Bekanntschaft eines
                        Wagenrades und einer jungen Dame

Wenn ein edles freies Tier Unglck gehabt hat und in die Hand des Menschen
gefallen ist, wenn es dann, an dem Kasten, in welchem man es den Augen der
gaffenden Menschen vorfhrt, eine schwache Stelle, eine lockere Eisenstange
bemerkend, aus seinem qual- und schmachvollen Gefngnis hervorbricht und in eine
unbekannte Welt von Mauern und Volksgewhl statt in die stille Wste und Wildnis
seiner Heimat strzt: so mag es ungefhr ein gleiches Bewutsein seiner Lage
haben, wie Robert Wolf in dem Augenblicke, wo er aus dem Polizeihause auf die
Gasse sprang, von der seinigen hatte.
    Besinnung, berlegung, alles war untergegangen in dem einen tierischen
Trieb, um sich zu schlagen, krperlich sich loszureien, krperliche Hindernisse
zu Boden zu werfen. Es war die hchste Zeit, da die so arg gepeinigte Natur des
Knaben sich nach irgendeiner Seite hin Luft machte, wie flchtig das auch sein
mochte. In solcher Seelenstimmung fragt man nicht, was aus einem werde, wenn man
die Hand erhebt zum tdlichen Sto und Schlag; man wirft die Begegnenden ber
den Haufen, lt sich stoen und treiben, ohne da man es merkt, und rennt -
rennt, bis die Lungen die Brust zersprengen wollen und die Knie zusammenbrechen.
Dann kann man sich halb bldsinnig an eine Ecke lehnen oder sich zu Boden
werfen, sich anstarren lassen und sich - besinnen.
    Der Regen hatte aufgehrt, der Nebel war geblieben; im Schein des Gaslichts
glnzte das bereiste Pflaster, und Robert strmte ber den gefhrlichen Boden,
ohne zu ahnen, da ihm die Wendung seines Lebens und Geschickes so nah auf den
Fersen war und atemlos hinter ihm herkeuchte in der Gestalt Julius Schminkerts,
des darstellenden Knstlers.
    Von dem verblfften Wachtposten am Tor des Polizeihauses hatte sich Julius
die Richtung, welche der Flchtling genommen hatte, andeuten lassen und folgte
ihr mit mglichster Schwung- und Schnellkraft. An der nchsten Ecke schon traf
er auf einen ltlichen Herrn, welcher sich rgerlich die Schulter rieb und
Blicke und Worte des hchsten Mifallens die Gasse hinabsandte. Diesen Worten
oder Blicken konnte Julius ohne Aufenthalt nachsausen, ohne fehlzulaufen. Er tat
es und stie an der folgenden Straenkreuzung auf eine Gruppe, die sich um einen
auf dem Pflaster liegenden Korb und einen auer sich geratenen Menschen
weiblichen Geschlechts gesammelt hatte. Wiederum, ohne sich damit aufzuhalten,
der belfernden Furiosa die entfallenen Varia aufsammeln zu helfen, eilte
Schminkert, die Gleichgltigkeit des Verfolgten gegen die Gefhle der
begegnenden Menschheit segnend, weiter und traf noch auf mancherlei Zeichen,
welche klar die Richtung angaben, die Robert Wolf genommen hatte, welche aber
auch immer klarer bewiesen, da derselbe die Zurechnungsfhigkeit, die man von
einem polizierten Menschen verlangen kann, noch lange nicht wiedererlangt habe.
    Durch manche Strae, ber manchen Platz setzte der Deklamator dem Jngling,
an dessen Fersen ein Darlehen von zehn Talern hing, nach, wrde aber
wahrscheinlicherweise doch weder des einen noch des andern habhaft geworden
sein, wenn nicht ein Zufall oder, besser gesagt, ein Unfall ihm beides zuletzt
in die Hnde geliefert htte. Da dieser Unfall bei dem Seelenzustande Roberts
nicht frher eingetreten war, war fast fr ein Wunder zu nehmen.
    Ein Wagen, der im vollen Rossestrab um die Ecke bog, setzte dem Lauf des
armen Knaben ein Ziel. Von den Pferden zur Seite geschleudert, von einem Rade
gestreift, verlor Robert Wolf vllig das Bewutsein und legte sich
langhingestreckt auf das kalte, mit Eis berzogene Pflaster.
    Welche Bewegung solch ein Fall in den Gassen einer grern Stadt hervorruft,
wird wenigen unbekannt sein. Eine Volksmenge hat sich um den Wagen und den
Verunglckten versammelt, als sei sie durch Hexenwerk aus dem Boden
aufgestiegen. Man fllt dem entsetzten Kutscher in die Zgel; Weiber schlagen
kreischend die Hnde ber den Kpfen zusammen; Mnner fluchen und schreien nach
der Polizei; die Polizei aber hat die grte Mhe, die schreckensbleichen
Insassen des Wagens vor ttlichen Beleidigungen zu schtzen. Vor Worten und
Gesten kann sie dieselben nicht schtzen.
    Julius Schminkert kam auf der Unglckssttte gerade zur rechten Zeit an, um
dem Spektakel die Blte abzubrechen und sich des unter den Fusten mehrerer
gutmtiger Weiber ins Leben zurckgerufenen Robert zu bemchtigen. Den Arm des
niedergeworfenen Knaben aus dem Walde haltend, schickte sich der Mime eben an,
im hchsten Tragdenton gegen die in donnernden Karossen ber die Leichen des
Plebejertums wegrasselnde Aristokratie und Plutokratie loszulegen, als ihn ein
Blick auf den Wagen bewog, den Strom der beredten Rede durch ein krampfhaftes
Niederschlucken zurckzudrngen und, grob und deutsch gesagt, doch lieber das
Maul zu halten.
    Aus dem Wagenfenster beugte sich das hbscheste Mdchengesicht, bleich vor
Schrecken und Entsetzen. Eine winzige Hand im weien Handschuh mhte sich
vergeblich zitternd ab, den Schlag zu ffnen, und groe angstvolle Augen baten
flehentlich die Menge um Erbarmen.
    Ein fetter Kommerzienrat, eine alte verrunzelte Grfin htten das
angerichtete Unheil noch so tief empfinden und bedauern knnen: so rhrend wie
dieses junge, der Ohnmacht nahe Kind htten sie nicht ausgesehen und also auch
nicht solchen Eindruck auf die Stimmung und die Gefhle Julius Schminkerts und
des brigen Volkes gemacht.
    Erlauben Sie, mein Frulein, ngstigen Sie sich nicht! rief der
Deklamator, hchst dienstbeflissen den Wagenschlag ffnend und der jungen Dame
die Hand zum Aussteigen bietend. Sie wrden am besten tun, wenn Sie ruhig
sitzen blieben, fgte er hinzu, es hat wirklich nichts zu sagen - eine kleine
Schramme - der Tlpel wird sogleich wieder auf den Fen stehen und Ihnen die
Hand kssen.
    O nein, nein! Bitte, lassen Sie mich aussteigen - lassen Sie mich selbst
sehen! - oh, es tut mir so leid!
    Schon stand sie im Schein des Laternenlichts auf dem kalten, nassen
Pflaster, stumm angestarrt von der eben noch so drohenden, so wilden Menge. Die
Lieblichkeit und Zartheit der Erscheinung und ihre schmerzvolle Angst bndigten
die rohesten Gemter im Haufen, und der mutwilligste Schusterjunge unterbrach
sein Pfeifen und Geschrei und hatte eine Ahnung davon, da es ein edel Ding sei
um die Schnheit.
    
    Whrend der bepelzte Kutscher dem auf dem Schauplatz des Unglcks
erschienenen Mann der ffentlichen Sicherheit Bericht gab ber das Geschehene
und erklrte, da dieser Wagen dem Bankier Wienand gehre und da die junge Dame
Frulein Helene, die Tochter des Bankiers, sei, wagte Frulein Helene selbst die
wenigen Schritte, welche sie von dem armen Robert Wolf trennten, und letzterer,
die Augen ffnend, sah dicht vor sich das se Wesen, sah in die treuen, guten,
mitleidigen Augen des Kindes; und in den Schmutz, das Getmmel der Gasse hauchte
es hinein, als habe der Wind im vergangenen Frhling den duftigen Atem einer
blhenden Waldwiese seiner Heimat aufgenommen und irgendwo aufgehoben, um ihn in
diese Stunde zu tragen. Das Geflacker der unruhigen Gaslaternen ward zu dem
ruhig leuchtenden Goldglanz, in welchem die alten Maler ihre Engel der
Verkndigung niedersteigen lassen. Es war freilich auch tiefes Mitleid und
Mitgefhl in dem Auge des alten zerlumpten Weibes, welches den Kopf des Knaben
aus dem Walde im Schoe hielt und seinen Tragkorb voll Knochen, Glasscherben und
rostigem Eisen achtlos dem ffentlichen Ehrgefhl anvertraute; aber die schwache
Menschennatur sieht nun einmal das Gute am liebsten in der Verbindung mit dem
Schnen und wei es dann am besten zu wrdigen, wenn es in anmutiger Hlle
kommt. Die Hlfeleistung der alten schmutzigen Lumpensammlerin nahm Robert Wolf
hin, ohne ihr groen Dank dafr zu wissen; die junge elegante Dame aber erschien
ihm wie der Engel der Barmherzigkeit selbst, und als sie sich zu ihm
niederbeugte und zitternd die zitternde Hand, die er gegen sie ausstreckte,
berhrte, da wnschte er, trotz Eva Dornbluth, in alle Ewigkeit so auf dem
Straenpflaster zu liegen in halber Bewutlosigkeit und in solche glnzende,
trnenvolle Augen zu blicken.
    Oh, wie schrecklich ist das! Oh, wie leid tut es mir! Fhlen Sie viel
Schmerzen? rief Helene Wienand, und ihre Stimme war gleich ihrer Gestalt
liebreich und harmonisch. Wie Musik schlug sie an das Ohr Roberts; er konnte
nichts als den Kopf auf die ngstlichen Fragen schtteln und die Fragerin
anstarren. Er war in einer seltsamen Phantasmagorie befangen; die durch den
vorhergegangenen Sturm abgespannten Nerven zitterten aus in einem physischen und
psychischen Herzklopfen, whrend welchem das Bewutsein von Raum und Zeit fast
vollstndig verlorengegangen war. Die Gestalten von Eva Dornbluth, dem Herrn von
Poppen, den verschiedenen Polizeibeamten tanzten zwar noch einen gespensterhaft
unheimlichen Reigen durch das Gehirn des Knaben; aber ihre Umrisse waren
schattenhaft und verwirrt und flossen so sehr ineinander, da keine Gestalt sich
recht von der andern ablste, sondern alles nur ein hliches Gemisch und Gewirr
war. Auch das Getmmel des ihn umgebenden lrmenden Volkes trug dazu bei, diese
vor kurzem noch so inhaltvollen Figuren in der Seele Roberts in solcher Weise
aufzulsen zu farblosen Schemen. Er blickte zu dem dunkeln, sternleeren
Nachthimmel empor, in welchen das rtliche Leuchten der groen Stadt
hinaufschlug, und aus diesem dunkeln Hintergrunde trat in diesem Moment einzig
und allein die zarte Gestalt und das Kindergesicht Helene Wienands klar und
deutlich hervor, nahm alle Gedanken des Knaben fr sich in Anspruch und fing sie
in dem Schleier, welchen sie von dem Rosahtchen zurckgeschlagen hatte, und in
den Lckchen, die unter ebendiesem Htchen so ppig hervorquollen.
    Aber der magische Augenblick, die Verzckung verging blitzschnell. Durch die
immer mehr anwachsende Menge drngte sich der Polizeischreiber Fiebiger, welchen
ein dumpfes Gercht: in der Glockenstrae sei ein junger Mensch von einem Wagen
total gerdert worden - richtig zur Stelle gefhrt hatte. Der praktische
Polizeischreiber brach den Zauber zuerst dadurch, da er nach einem Wundarzt
rief, worauf ein wohlbeleibter behaglicher Herr in einem warmen Mantel, vom
Schreiber und mehr als einem in der Menge als Doktor Pfingsten begrt,
hervortrat und sich mit einem vertraulichen Nicken gegen Fiebiger und einem
freundlich beruhigenden Gru gegen das Frulein zu Robert Wolf herniederbeugte.
    Nach einer kurzen Untersuchung tat er den Ausspruch: Subjekt mge
versuchen, sich auf den status quo, nmlich seine beiden Beine, zu stellen.
    Untersttzt von mehreren hlfreichen Hnden, erhob sich Robert von der Erde
und aus dem Scho der alten Kehrichtdurchwhlerin und ging mit einigen
unbedeutenden Schrammen und Quetschungen, einigen sehr bedeutenden Rissen in
Rock und Hosen und ungemein strubbligem Haar aus dem Unglck hervor.
    Frulein Helene schlug mit einem kindlich jauchzenden Freudenschrei die
Hnde zusammen, der Schreiber nahm beruhigt eine Zigarre hervor; nur Julius
Schminkert schien das Wohl und Wehe des unzivilisierten Geschpfes, dessen
Einfangung ihm bertragen worden war, ganz gleichgltig zu sein. Er hatte sogar
die versprochenen zehn Taler Wildfangsgeld, er hatte die Tochter eines
barbarischen Vaters, Frulein Angelika Stibbe, vergessen. Dagegen drckte er die
Hand auf die Stelle, wo er das Herz vermutete, nmlich die Stelle, wo gewhnlich
die Milz zu suchen ist, starrte unverwandt auf Frulein Helene Wienand und
murmelte etwas von Herzschlag mit Hochdruck, Sternenaugen und komprimiertester
Wehmut, verdrehte und schlo gleich einem Automat mit mangelhafter Mechanik die
Augen und seufzte:
    Perennierender Eindruck!
    Nicht den vorbergehendsten Eindruck machte er jedoch durch solches Gebaren
auf die junge Dame. Sie hatte noch nicht den geringsten Begriff davon, da ein
Mensch ihretwegen die Augen verdrehen knne - eine sehr seltene und recht
klgliche Unwissenheit bei dem schnsten Geschlecht aller Zeiten, dem schnen
Geschlecht der so uerst gescheiten und unterrichteten Jetztzeit.
    Guten Abend, Fiebiger - Ihr Diener, Helene. Nun, junges Frulein, wollen
wir jetzt ber die Leiber unserer Mitmenschen fahren, wie wir demnchst ber
ihre Herzen fahren werden? Beruhigen Sie sich, liebstes Kind, dem Bengel ist
kein Schaden geschehen. Schnell wieder in Ihren Wagen, oder es setzt einen
Katarrh der Nasenschleimhute oder gar eine Grippe, fr welche ich dem Papa dann
verantwortlich bin. Man darf die Mnner der Brse in unserm Jahrhundert nicht
rgerlich machen; steigen Sie ein, Frulein Wienand; ich wollte, meine
Gliedmaen wren in so gutem Zustande wie die des Jungen hier. Steigen Sie ein,
und nehmen Sie mich mit. Sie fahren doch nach Haus, he?
    Helene bejahte die Frage des Arztes; aber sie zgerte noch, den Fu auf den
Wagentritt zu setzen. Ihr Blick schweifte immer noch mit tiefem Bedauern zu
Robert Wolf hinber.
    Nun? Eh?! fragte der Arzt, und Helene flsterte ihm etwas in das Ohr,
indem sie ihm zugleich verstohlen ihre Brse in die Hand gleiten lassen wollte.
    Aha, brummte der Arzt. Was ist da zu flstern? Geben Sie, ich will schon
-
    Lassen Sie, ich bitte, Herr Sanittsrat, sagte aber schnell Fiebiger. Der
junge Mann steht unter meinem Schutz und gehrt mir an.
    Das ist etwas anderes. Bitte um Entschuldigung. Guten Abend, Fiebiger.
Steigen Sie ein. Helene; hier ist Ihre Brse zurck.
    Jetzt trat das junge Mdchen, Schreckhaftigkeit und Schchternheit
niederkmpfend, ganz mutig auf Robert zu:
    Es tut mir so leid - ich - ich -
    Der ungeduldige Arzt hob die zarte Gestalt fast mit Gewalt in den Wagen, ehe
sie ihre Rede vollenden konnte.
    Er stieg ihr auch sogleich nach und schlug den Wagenschlag zu:
    Fort nach Haus, Johann, du unvorsichtiger Tolpatsch!
    Polizeimann Schnaubert steckte die Brieftasche mit den dienstlichen Notizen
ber den Fall in die Brusttasche, berhrte mit der Hand den Mtzenrand gegen den
Polizeischreiber und trat zurck unter den Chor des Volkes. Die Pferde zogen an.
Noch einmal blickte ein bleiches Gesichtchen aus dem Wagenfenster auf die
Unglcksstelle. Der Wagen rollte um die Ecke, und die Menge, welche zum grten
Teil jetzt bedauerte, da die Geschichte so gut abgelaufen und das Schauspiel so
schnell zu Ende sei, zerstreute sich. Der Polizeischreiber, Robert Wolf und
Julius Schminkert blieben allein zurck in einer kleinen Schar hartnckiger
Maulaffen.
    Eine Seele ist geschieden vom Leibe, das schwere, mhselige Erdenleben liegt
hinter ihr. Durch das Weltall sucht sie ihren Weg dahin, woher sie stammt. Aber
das Weltall ist dunkel; das Licht klebt nur, wie wir wissen, an den kaprizisen
Bllen, welche durch die ewige Finsternis ihre rtselhaften Bahnen gehen. Die
arme Seele ist ratloser auf diesem Wege als auf irgendeinem andern, welchen sie
auf Erden zwischen weltlichen und geistlichen Gewalten, Ver- und Geboten jemals
wandelte. Schwankende Zustnde mag sie auch auf ihren Erdenwegen gekannt haben;
aber das war alles nichts gegen die Schwierigkeiten, welche sie jetzt vor sich
findet. Sie wirbelt durch die ewige Nacht, wie ein Blatt im Winde, und erkennt
die ganze schreckliche Bedeutung des horror vacui. Sie fngt an zu bedauern, da
die Seelen nicht auch, dem Lichte gleich, blo an den Krpern kleben; - da -
pltzlich - - fllt ein Schein auf ihren Pfad, ein Glnzen geht blitzschnell vor
ihr vorber, und in dem Glanz ein prachtvoller weier Engel, ein glnzender
Schmetterling der Unsterblichkeit, ein echter Paradiesvogel. Verschwunden ist
das Leuchten, wie es kam; aber die arme irrende Seele hat wenigstens den Glauben
wiedergewonnen, da es wirklich einen Weg zum Himmel gibt.
    Ein hnliches Gefhl erfllte nochmals einen kurzen Augenblick hindurch die
Seele Robert Wolfs, nachdem der Wagen, welcher Helene Wienand von dannen fhrte,
um die Ecke verschwunden war. Dann gewann die vorige Verworrenheit und
Dunkelheit von neuem die Oberhand, und der Polizeischreiber Friedrich Fiebiger
war fr das Wohl des jungen Mannes frs erste ein bei weitem wichtigerer Faktor
als alle Lichterscheinungen, Engel und Heilige in und ber der irdischen Welt.
    Sanft nahm der Schreiber den Arm des Knaben und sagte:
    Wir wollen nicht hier in der Gasse zum Ergtzen des unbeschftigten
Publikums stehenbleiben, lieber Robert. Kommen Sie!
    Verwundert blickte der Angeredete den Alten an:
    Ich soll mit Ihnen gehen? Was wollen Sie von mir? Sie haben mich ja
freigelassen, oder nicht?! Sind Sie nicht der Mann aus der Polizeistube?
    Das kann ich leider nicht leugnen, wie gern ich es auch mchte, sprach der
Schreiber lchelnd.
    Achtenswerte Stellung, von etwas penetrantem Duft umhaucht! brummte
Schminkert drein; aber Fiebiger fuhr fort:
    Nehmen Sie an, ich sei Ihr Freund, Robert Wolf - der Freund Ihres Vaters.
    Mein Vater hatte keine Freunde, und ich habe auch keine. Der Pastor Tanne
ist tot.
    ber alles das wollen wir spter mehr sprechen; jetzt bitte ich Sie, Robert
Wolf, mir zu folgen. Sie werden doch nicht einem alten Manne und Landsmann, der
Ihnen ein Obdach und Nachtessen anbietet, sein gutgemeintes Wort vor die Fe
zurckwerfen?
    Seid kein Narr, edler Fremdling, krasses Beispiel moralischer und sozialer
bel, mischte sich Julius wieder ins Gesprch. Ich kenne Leute, welche fr ein
Nachtessen ihre Seele dem Teufel verkaufen wrden. Werft auf die Banner,
schmettern lat Posaunen; die Mitwelt soll, es soll die Nachwelt staunen -
nmlich ber den Appetit, welchen ich an dem gastfreien Tische dieses
hochherzigen Brokraten, der mir, beilufig gesagt, zehn Taler schuldig ist,
entwickeln werde.
    Der Polizeischreiber warf einen bedenklichen Blick auf den Redner, dann
wandte er sich von neuem an Robert:
    Sie als Schler des Pastors Tanne mssen ja wissen: levis est dolor, qui
capere consilium potest, leicht ist der Schmerz, der noch auf guten Rat hrt.
Sagt nicht so der Hofphilosoph des Nero, der Kaiserliche Wirkliche Geheime
Hofrat, Prinzenerzieher und Professor Lucius Annus Seneca? Na ja, so weit kamen
Sie aber vielleicht noch nicht unterm Pastor Tanne in Ihren klassischen Studien.
Was meinen Sie, Wolf; wie wre es, wenn Sie versuchten, augenblicklichen guten
Rat anzunehmen? Starren Sie mich doch nicht so eulenhaft an; ich will Ihre Seele
weder kaufen noch verkaufen.
    Herr - ich - ich -
    Ich wre ein Esel und nichts mehr, wenn ich einem alten Mann seine Bitte,
einen Abend bei ihm zuzubringen, aus grundlosem Trotz abschlagen wrde. Kommen
Sie, Sie holen sich sonst bei Ihrem aufgeregten Zustand ebenfalls noch eine
Erkltung von dieser Stelle.
    Ich erklte mich nicht! sagte Robert.
    Desto besser fr Sie, junges Blut. Ich aber wrde mir durch lngeres
Verweilen einen tchtigen Rheumatismus in dem Schreibearm zuziehen, und das ist
ein bedenklich Ding in dieser dintenschtigen Zeit.
    Das Ende dieses Hin- und Hersprechens war, da Robert Wolf die kalte Nacht
nicht obdachlos und verlassen in den Straen zubrachte, sondern da er zwischen
dem Komdianten und dem Schreiber der Behausung derselben zuwanderte. So
abgespannt und zerschlagen an Geist und Krper war er geworden, da er sich
zuletzt willenlos und gleichgltig dem berlie, was ihn schob und fhrte, und
da er die Verantwortung fr sein armes Leben, seine todmde Seele ganz und gar
den Leuten anheimgab, welche sich damit befassen wollten.
    Sie sind doch ein sonderbarer alter Kauz, Fiebiger, meinte Julius
Schminkert. Was wollen Sie nur mit diesem schlaftrunkenen Lmmel, der jetzt im
Gehen vollstndig schlft, beginnen? Wollen Sie einen Handel mit fremden Lumpen
anfangen? Ein Taschendieb, der in Ihrer Tasche nach dem Taschentuch suchte,
wrde mehr als eine Grille und Unbegreiflichkeit damit hervorziehen.
    Einheimische Lumpen haben wir freilich bergenug, meinte der Alte
lchelnd. Da Sie aber ein groer Mann, ein Weiser, ein Denker und eine Zierde
der Gesellschaft sind, hat noch niemand geleugnet.
    Das Lcheln des Schreibers verstand der Denker Julius Schminkert nicht im
mindesten, obgleich es viel heller war als das Licht der Gaslaterne, welche eben
das faltenreiche Gesicht des Polizeischreibers beleuchtete. So hielt er sich
denn an das Faktum der gewonnenen zehn Taler und war glcklich im Bewutsein des
Besitzes; denn zehn Taler in der Hand eines Toren knnen mehr Vergngen gewhren
als eine Million in dem Geldschranke eines Weisen.
    In der Musikantengasse Nummer zwlf wohnten, wie gesagt, der Schreiber
Fiebiger und Julius Schminkert in ein und demselben Hause, und viel Volk wohnte
mit ihnen darin.
    Es fing wieder an zu regnen; der Nordwind machte sich von neuem auf, als
wolle er seine Rasiermesser an der Welt schrfen; Robert Wolf aber ward nach dem
wildesten Tage seines Lebens glcklich - unter Dach gebracht.

                                Viertes Kapitel



       Treffliche Beschreibung des Hauses in der Musikantengasse und des
                   Polizeischreibers Fiebiger im Schlafrocke

Das Haus Nummer zwlf, welches der Schreiber in der Musikantengasse bewohnte,
lie sich sehr gut mit gewissen Menschen vergleichen, die nchtern, kalt und
abgeschliffen in ein abgeschliffenes Leben hinausblicken und deren Inneres
originell, warm und voll kurioser Ecken und Winkel ist. Diesen Charakteren hat
die Gesellschaft eine Maske aufgelegt, und eben eine solche Maske trug das Haus
Nummer zwlf.
    Es war eigentlich ein altes Gebude voll wunderlicher Baumeisterlaunen
lngst verlorengegangener Architekturwissenschaft. Aber ber seine Vorderseite
hatte die Zeit, die ebenso eine Zunge hat, wie sie Zhne besitzt, weggeleckt und
alles schn modern grade gestrichen, bis an das Dach hinan. hnlich war es allen
andern Gebuden der Musikantengasse ergangen; aber darum blieb die Gasse
nichtsdestoweniger alt, und die Huser blieben auch alt, und aus den Fenstern
der Hinterseiten sah man in die tollste Welt von schwarzen Hfen, Giebeln,
Brandmauern und Schornsteinen - ein rauch- und dunstberhngtes Durcheinander,
in welchem der hchste Punkt in der Nhe der Giebel eines halb abgebrochenen
Klostergebudes war, dessen noch erhaltene Rume, bis auf den genannten Giebel,
zu Warenlagern und Werksttten eingerichtet waren.
    In diesem Giebel hatte seine Wohnung und sein Observatorium Heinrich Ulex,
ein halb autodidaktischer Sterngucker, den wir bald nher kennenlernen werden.
    Wir steigen jetzt in Nummer zwlf der Musikantengasse naturgem von unten
nach oben. Im Erdgescho wurde der Fortschritt des neunzehnten Jahrhunderts
durch das Atelier des tailleur de Paris M. Alphonse Stibbe reprsentiert und
elegantes Mitschassieren mit der Zeit und der franzsischen Novellistik durch
die schne Tochter des Knstlers, Frulein Angelika Stibbe. Das erste Stockwerk
bewohnte eine ungemein vornehme, wohlbeleibte Angorakatze nebst einer magern,
jungfrulichen, ltlichen Dame, Tochter eines kurz nach den Befreiungskriegen an
Apoplexie gestorbenen Proviantkommissars, Frulein Aurora Pogge, eine Art
weiblichen Varnhagen von Enses der Musikantengasse. Im zweiten Stock vegetierte
der Hauseigentmer, Herr Museler, ein kinderloser, beschaulicher Witwer,
welcher den grten Teil des Tages mit halbem Leibe aus dem Fenster hing, der
aber in sich selber wenig zu beschauen hatte und der mit den glcklichen Vlkern
das Los teilte, da wenig ber ihn zu sagen ist. Im dritten Stockwerk hauste der
Polizeischreiber Herr Fiebiger, und neben ihm war der Jngling mit der
beflgelten Seele, Julius Schminkert, selten - zu Hause.
    Zu diesem Hause Nummer zwlf gehrte auerdem eine Hofwohnung, aus welcher
zwei fleiige Hmmer vom frhen Morgen bis spt in die Nacht klangen. Auch Sgen
und andere Tischlerwerkzeuge lieen sich von dorther vernehmen, und dazwischen
ertnte eine helle, frische Mdchenstimme und das Zwitschern eines
Kanarienvogels. Die Schreinerfamilie Tellering, bestehend aus Vater, Mutter,
Sohn und Tochter, war ein herzerfreuendes Zeichen, da auch die dunkelste
Wohnung mit der Aussicht auf den engsten, schmutzigsten Hof den echten, rechten
Lebensmut nicht zu ersticken vermag; und Ludwig und Luise Tellering gehrten
unzweifelhaft zu den liebenswrdigsten Erscheinungen im Hause Nummer zwlf der
Musikantengasse.
    Unerwachsene Kinder gab es in diesem Hause leider nicht, dafr aber desto
mehr davon in den nachbarlichen Wohnungen; es war sehr gut, da sie nicht in der
Luft tanzen konnten wie ein Mckenschwarm, sie htten sonst den Weg durch die
Musikantengasse zu einem sehr gefhrlichen Unternehmen gemacht. Ratten und Muse
waren im berflu vorhanden, und ein Eulennest wurde vor kurzem erst, nachdem es
eine geraume Zeit hindurch allnchtlich einen groen Teil der Inquilinen in
Bangen, Schrecken und Gespenstergrausen gestrzt hatte, in einem alten
vermauerten Schornstein durch Ludwig Tellering und den Polizeischreiber Fiebiger
entdeckt und zum groen Mimut des letztern schadenfrohen Herrn ohne Gnade
expropriiert. Wir erwhnen noch eine wechselnde Bevlkerung von Ausluferinnen,
Schneidergesellen und unglcklichen Lehrjungen im Erdgescho, eine grmliche
Magd, die sich Hulda nennen lie, im ersten Stock, eine beraus milde,
durchsichtige Haushlterin, Frau Krieg, die dem Rentier Museler das Leben
ertrglich machte, und zum Beschlu den Geist im wei und schwarzen
Mnchsgewande, welcher nchtliche Streifzge von dem alten Kloster des heiligen
Nikolaus her in das Haus Nummer zwlf unternehmen sollte und von Frulein Aurora
Pogge mit dem vergrabenen Klosterschatze, von Frulein Angelika Stibbe aber mit
einer blutigroten Liebesgeschichte in Nummer zwlf in Verbindung gebracht wurde:
damit schlieen wir unsere Liste der Hausbewohner, behalten uns aber natrlich
vor, eine Million interessanter Einzelheiten ber sie an den betreffenden
Stellen einzufgen.
    Dunkel, feucht und eng war die Hausflur, ber welche Robert Wolf von dem
Polizeischreiber und Julius Schminkert gefhrt wurde; dunkel war der Blick,
welchen der Tailleur aus seinem gasbeleuchteten Atelier auf den
Sommerbhnenmimen warf, tief und dunkel war das Auge Angelikas, welches aus
einer andern Pforte dem leichtsinnigen Julius entgegenblitzte. Die steile Treppe
hinauf mute Robert Wolf mehr geschleift und getragen als gefhrt werden, und
das dadurch entstehende Gepolter beschwor auf den Treppenabsatz wenn auch nicht
den gespenstischen Mnch, so doch eine nicht viel weniger schreckliche
Erscheinung, Frulein Aurora Pogge mit ihrer Kchenlampe. Ahnte sie, da ein
neuer Charakter fr ihr Memoirenbuch am Horizont des Hauses Nummer zwlf
aufging? Menschenfeindlichen Blickes betrachtete sie den mit dem Schreiber an
ihr vorberschwankenden Robert und beklagte sich nachher bitterlich bei dem
Hauseigentmer darber, da man solch wild, wst und vagabundenhaft aussehende,
verdchtige Individuen bei nachtschlafender Zeit in Huser einfhre, wo
alleinstehende und -schlafende Damen und schutzlose Jungfrauen mit allem, was
sie um und an sich htten, den Gelsten jedes verwegenen Verbrechers ausgesetzt
seien, wie die Gerichtszeitung tagtglich durch haarstrubende Berichte und
Beispiele grlich der Welt vor die Augen stelle. Der beschauliche Hausherr
jedoch, als er vernahm, da der Polizeischreiber bei der Sache beteiligt sei,
wurde in der Ruhe des sichern Brgers nicht aufgestrt durch diese Klagen. Sein
Herr Fiebiger gehrte ja der Polizei an und somit der allein infallibeln Macht
und Autoritt auf dieser Erde; und dem Schutze und der bessern Einsicht dieser
Macht darf, kann und mu man alles, was man hat und ist, kindlich vertrauend
anheimstellen.
    Grollend zog sich Frulein Aurora Pogge in ihre jungfrulichen Gemcher zu
ihrer Katze, ihrem Tagebuch und ihrer Magd zurck, whrend der Partikulier
Museler eine frische Pfeife stopfte und sich glcklich und sicher in dem
Bewutsein fhlte, da andere Leute fr ihn dachten und handelten; als deutscher
Mann und freier Brger fhlte er sich in dem Bewutsein, da ihn zum Denken und
Handeln niemand zwinge.
    Himmlische Augen, wunderbare Augen - schwarzes Meer - bodenlose Tiefe -
ewiger Untergang! murmelte Julius, whrend der Schreiber in seinem Stockwerk
nach dem Schlsselloch tastete. Wir wollen uns aber nicht mit der Gedankenreihe
beschftigen, welche der Deklamator durch diese Ausrufe und Bilder zum Abschlu
brachte, nur das wollen wir sagen, da sie sich lngst nicht mehr auf Helene
Wienand bezogen.
    Der Polizeischreiber fand das Schlsselloch, Robert trat in die Behausung
seines Fhrers, seine neue Heimat. Schminkert folgte, rezitierend:

O Venus Cypria, den kleinen Fu
Soll sie mir setzen auf den stolzen Nacken,
Und hher trag das Haupt ich als ein Knig.

In Prosa setzte er hinzu:
    Knnen Sie die Lampe nicht finden, Alterchen; oder liegt's an den
Schwefelhlzern? Ordnung, Ordnung, Mann der Ordnung! Wie oft soll ich Ihnen das
sagen? Ordnung ist die Hauptsache im menschlichen Leben, das sehen Sie deutlich
an mir. Aha - endlich! Licht wird's, und aus dem Chaos steigt die Welt.
    Hier sind die versprochenen zehn Taler, sagte der Schreiber. Nun packen
Sie sich auf der Stelle, Julius, und kommen Sie nicht eher heim, bis das Geld
den Weg Ihrer brigen Besitztmer gewandelt ist. Hier - nehmen Sie! - nun, warum
nehmen Sie nicht?
    Der Deklamator wies mit einer majesttischen Handbewegung die dargebotenen
Banknoten weit von sich, warf die Augen gra in einen Winkel, wie der Major
von Walter in Kabale und Liebe, blickte dann frchterlich zum Himmel, wie
derselbe unzurechnungsfhige Major, und sagte mit den hohlsten Brusttnen, die
er aufbieten konnte:
    Pieseke, wie kommen Sie mir vor?
    Was fllt Ihnen ein? Nehmen Sie, und fort mit Ihnen!
    Weder das eine noch das andere, Greis. Sie sind ein groartiger Charakter,
Fiebiger; aber Julius Schminkert wird Ihnen an Erhabenheit nicht nachstehen. Ihr
schndes Geld erlaube ich mir mit legitimer Verachtung zurckzuweisen; aber ein
steifes Glas Grog wollen wir uns und diesem Jngling brauen, Alter; und ich will
Euch das neueste Couplet vom Thaliatheater singen; trinken wollen wir auf die
Tugend, Schnheit und Gesundheit des Engels, welcher diesen Sohn der Wildnis mit
seinem Flgelschlage auf das Pflaster warf. Trinken wollen wir und - Hlle und
Teufel, was soll -
    Der Polizeischreiber hatte mit einer Kraft, welche man ihm nicht zugetraut
htte, den Komdianten an den Schultern genommen und mit unwiderstehlicher
Gewalt zur Tr hinausgedreht. Eilig schob er hinter dem mundfertigen Knstler
den Riegel vor und sagte energisch:
    So!
    Drauen ein rgerliches Gebrumm, untermischt mit pathetischen Tiraden aus
den Werken einheimischer und fremder Dramatiker! Nun ging dieses Fluchen und
Deklamieren in ein hhnisches Pfeifen ber, dieses in eine lustige Opernmelodie
und diese in ein Lied, in welchem der Dichter und Julius Schminkert die alles in
allem doch so ernste Welt aufforderten, dem Trbsinn und der Trauer ein
Schnippchen zu schlagen, die silbernen Becher anzuklingen und zu leeren auf das
Wohl einer gewissen romanischen und romantischen Dame, Tochter eines hohen
rmischen geistlichen Wrdentrgers, welche sich, wie es schien, in politischen
Angelegenheiten zu Venedig aufhielt, da es in dem Liede an geheimnisvollen
Anspielungen, Lagunen, Mondschein und Gondeln nicht fehlte.
    Dieser Gesang entfernte sich die Treppe hinunter, drang zu den schlfrigen
Ohren des Partikuliers Museler und seiner Wirtschafterin, rgerte das Frulein
Pogge und fand einen sympathischen Nach- und Widerhall nur in dem zarten Busen
Angelikas, welche belesene junge Dame sich ganz dafr geeignet fhlte, ebenfalls
die Tochter eines Kardinals zu sein und auf den Lagunen im Mondenschein in einer
Gondel zu schweben. Ihr tragisches Ende fand die Arie erst an der nchsten
Straenecke, wo der talentvolle Snger Don Julio Schminkertino auf dem Glatteis
ausglitschte und sich mit schmerzlichem Nachdruck auf einen unnennbaren, aber
durchaus nicht transzendentalen Krperteil setzte.
    Wenn wir noch einmal ber die Schulter nach ihm hinblicken, so bemerken wir,
da er sich - nicht die Stirn reibt. Wir berlassen ihn fr jetzt seinen
Gefhlen, die wir leider in des Wortes hchst materiellster Bedeutung nehmen
mssen, und sprechen von dem Polizeischreiber Fiebiger in seiner Wohnung und in
seinem Schlafrocke.
    Kalt gewordener Tabaksrauch ist noch eine der geringeren Qualen, denen das
Weib des neunzehnten Jahrhunderts ausgesetzt ist, wie zwischen den Zeilen mehr
als einer schriftstellernden Makarie zu lesen ist. Die Natur des alten
Polizeischreibers hatte viel vom Duft des kalt gewordenen Tabaksrauchs und sein
Zimmer nicht weniger. Eine ber und ber mit Pfeifen von allen Formen und Gren
behngte Wand besttigte, da der Alte ein eifriger Feueranbeter und Verehrer
des stinkgiftigen Krautes sei. An der entgegengesetzten Wand fiel ein
Bcherbrett ins Auge; die rmischen Autoren in der Ursprache, die Griechen in
bersetzungen, deutsche, englische und franzsische Dichter und Philosophen in
unvollstndigen Exemplaren waren hier aufgestellt. Auf den ersten Blick sah man
dieser Bchersammlung an, da sie allmhlich beim Antiquar und in
Versteigerungen zusammengekauft war und da viele Jahre darber hingegangen
waren, ehe sich die mehr oder weniger zerlesenen Bnde an dieser Stelle
zusammengefunden hatten.
    Das zweifenstrige Gemach war bedeutend lnger als breit, und eine Glastr
fhrte in eine fast noch lngere und schmlere Kammer, aus der man die schne
Aussicht auf die Hfe und Hintergebude der Musikantengasse und auf den Giebel
des Sternsehers geno. In der Stube befanden sich einige Sthle, welchen man
ebenfalls den Trdelmarkt ansah, ein zerlumptes Sofa, ein runder Tisch, ein
Schreibtisch und ein Spiegelembryo, der nur beim hellsten Wetter zu gebrauchen
war und welcher dann doch noch dem schnsten Mdchengesicht die verschrobenste
Fratze zugeschnitten htte, wenn eins hineingelchelt haben wrde. In der Kammer
stand ein schlechtes hartes Bett, ein Stuhl, ein Nachttisch und ein
Kleiderstock. Eine Tr fhrte in eine leere zweite Kammer.
    Wir notieren das Mobiliar der ganzen Wohnung nur deshalb gleich einem
Auktionskommissarius, weil wir die Originalitt des Bewohners nicht dadurch
hervorheben wollen, da wir ihn in eine originelle Umgebung versetzen. Kleider
machen nicht immer Leute, den Menschen erkennt man nicht immer an seinem
Umgange, nicht immer ist ein Genie nachlssig in seinem uern, und es kann
Sonderlinge geben, die nicht mehr einen Zopf dem zwanzigsten Jahrhundert
entgegentragen und die sich von auen durch nichts Aufflliges von den brigen
Menschen abheben.
    Man sagt und klagt, die Sonderlinge - diese ernsthaft-spahaften Menschen,
ber die man sich so gern ergtzte - verschwnden allmhlich ganz und gar, und
hlt auch das fr ein Zeichen, da die Welt und Zeit immer flacher werden. Ein
groer Teil der Leute, welcher von dem Sterngucker Ulex wei, mchte ihn gern
unter Glas und in Spiritus setzen, samt dem alten Giebel vom Nikolaikloster, um
beides so lange als mglich zu erhalten. Sollte sich die Originalitt in
jetziger Zeit vielleicht nicht mehr auf die innern Teile einzelner Bevorzugter
werfen?
    Fr das Innerliche hat die Menschheit niemals ein sehr scharfes Auge gehabt,
und wir wollen ihr keinen Vorwurf daraus machen; denn die Winter sind kalt, die
Kartoffeln miraten sehr hufig, und man hat seine liebe Not mit den
Regierungen, den Weibern und Kindern. Achtung oder du erfrierst! Achtung oder du
verhungerst! Achtung oder man stellt dich unter polizeiliche Aufsicht! Achtung
oder die Frau zieht den Pantoffel vom Fu! Achtung oder deine Tochter kriegt
keinen Mann! - Zum Teufel mit der Innerlichkeit! Beim Himmel, die arme
Menschheit hat wenig Zeit, sich mit ihrem eigensten Wesen zu beschftigen.
    Der Polizeischreiber Fiebiger aus Poppenhagen hatte das Leben von den
verschiedensten Seiten kennengelernt. Er hatte in seiner Jugend fast soviel
Inkarnationen durchgemacht wie ein indischer Gott; nun aber betrachtete er fast
schon dreiig Jahre lang das Dasein von seinem hohen Dreibein im Departement der
ffentlichen Sicherheit aus, und seine Philosophie war die eines geistreichen
Mannes und Autodidakten, der alles benutzt hat, um zu lernen, und in Fesseln und
Ketten von mancherlei Art ein freier Mann geblieben, aber ein kaustischer
Verchter aller Prtensionen menschlichen Stolzes und menschlicher
Vollkommenheiten geworden ist. Er war wenig krank, und wenn er sich je unwohl
fhlte, so litt er an versetzter Satire, wie andere Leute an versetzten
Blhungen leiden. Dieser Natur konnte keine bessere Stellung in der Gesellschaft
als die, in welcher sie sich befand, zuteil werden. Dieser Herr Fiebiger war
ganz an seinem Platze im Bro Nummer dreizehn. Er behauptete, zwei Gewnder zur
Bedeckung seines Ichs zu haben, einen Frack und einen Schlafrock. Im Frack
sammelte der Polizeischreiber den Stoff, welchen er im Schlafrock in langen
Monologen sich selber oder in kurzen Bemerkungen andern, nach seiner Art
verarbeitet, zum besten gab, sich selber hchst vergngt, andern zu rger, Lehre
und Nutzen.
    Wrtlich genommen trug der Schreiber keinen Schlafrock, sondern eine kurze
wollene Jacke, in welcher er sich in diesem Augenblicke, dicht am warmen Ofen,
mit seinem Schtzlinge zu einem hchst frugalen Abendessen niedersetzte.
    Mechanisch a und trank Robert Wolf, ohne zu wissen was. Er sah alles durch
einen gestaltenvollen Nebel und starrte seinen Wirt an wie den Beherrscher
dieses Nebels, dieser Gestalten, wie ein Rtsel, welches zu lsen er sich viel
zu schwach fhlte. Der Knabe war sehr weich geworden, und man sah es an seinen
Augen, da sie sich, wie die eines Kindes, bei dem geringsten Anla mit Trnen
fllen wrden.
    Whrend des Mahles beobachtete der Wirt den Gast scharf und genau und
unterwarf ihn schweigend einer nochmaligen Prfung, die ganz zu seiner
Zufriedenheit auszufallen schien; denn er schob seinen Teller zurck und stopfte
seine erste Abendpfeife mit dem Ausdruck eines Mannes, der ein groes Werk zu
erwnschtem Abschlu gebracht hat und vollkommen mit sich einverstanden ist.
    Mit blauen Ringeln und Wolken fllte sich von neuem das Gemach; der Regen
schlug in Sten gegen die Fenster, dumpf rollten die Wagen in den Gassen. Der
alte Gastfreund lehnte sich zurck in dem zerlumpten Sofa, sah noch einmal
seinem Gast in die Augen, blies eine Rauchwolke gegen ihn und begann ganz ex
abrupto:
    Ich heie Friedrich Wilhelm Fiebiger, bin im Jahre 1788 zu Poppenhagen im
Wirtshaus zum Drachen geboren und bin in die Welt gelaufen, nachdem mein Vater
sein Wirtshaus in seiner eigenen Gaststube vertrunken, den Drachen in anderer
Leute Hand, sich selber aber in die Grube gebracht hatte. Per varios casus bin
ich endlich hier Polizeischreiber geworden und zugleich ein alter Gesell, der
seine Stiefel selber putzt, selber seinen Kaffee kocht, grade wie Robinson
Crusoe auf der Insel Juan Fernandez. Kennen Sie die Geschichte, Robert?
    Der Knabe nickte.
    Gut, so wissen Sie auch, wie der in doppelter Hinsicht verschlagene
Reisende einen grnen Vogel, wenn ich nicht irre einen Papagei, fing und zu
seinem Freunde und Genossen machte. Ich versuchte dasselbe, um meine Einsamkeit
zu erheitern, brachte es aber nur zu einem Starmatz, von dem sein Verkufer
behauptete, es sei der gebildetste Vogel, der jemals den Unterricht des Menschen
genossen habe. Mitrauisch innerhalb der Polizeistube, bin ich der
leichtglubigste Mann auerhalb derselben. Ich kaufte den Vogel, und mein Kummer
war nicht gering, als ich aus dem Schnabel des schwarzen Satans nichts als die
injurisesten Schimpfnamen, Epitheta, wie sie noch niemals einem Polizeier
geboten waren, zu hren bekam. Die Katze fra die Bestie und rchte mich - nun
frage ich dich, Robert Wolf vom Eulenbruch, willst du den Versuch machen, auf
dem Fu vollkommener Gleichberechtigung mit mir Stiefel zu putzen und Kaffee zu
kochen? Willst du meine Grillen und Launen ertragen und mir deine Seele geben,
wie du sie der schnen Eva Dornbluth, unserer Landsmnnin, gabst? Ich bin kein
Onkel Zauberer, der expre aus Afrika nach China kommt, um sich von dem dummen
Schneiderjungen Aladin die Wunderlampe aus der Zauberhhle holen zu lassen und
den Armen in blinder Wtenhaftigkeit darin einzusperren. ngstige dich nicht,
Robert Wolf. Ich bin arm und kann dir keinen Glanz versprechen. Ich bin arm, und
du wirst mit mir arm sein; hart wirst du arbeiten mssen, denn der Mensch ist
zur harten Arbeit geschaffen. Viel Feiertage wird's nicht abwerfen, denn die
Feiertage sind den Menschen deiner Art nichts ntz; Licht und Luft wirst du in
dem Dasein, welches ich dir biete, nicht so unmittelbar aus der ersten Hand
haben wie in deiner - in unserer waldigen Heimat. Bedenke dich - wirst du dein
Leben in meine Hand legen, so will ich versuchen, mit guter Hlfe diesem Leben
einen Inhalt zu geben, wie es sich fr ein vernnftiges Wesen schickt!
    Zitternd rief der Jngling:
    Sie wollen sich so meiner annehmen? Ich soll hier bei Ihnen leben? Ich soll
hier in dieser Stadt wohnen?
    Wenn du willst, so wird dem nichts entgegenstehen.
    Ich kann mit ihr nicht in einer Stadt leben! schrie Robert Wolf, mit der
alten Energie aufspringend. Ich knnte ihr in den Straen begegnen, und ich
wrde sie dann tten. O lassen Sie mich meines Weges gehen, jetzt, jetzt
gleich!
    Ruhe, mein Junge; immer ruhig Blut, sagte der Schreiber gemtlich, Wir
haben nun das erste Brot und Salz der Gastfreundschaft miteinander gegessen,
jetzt wollen wir dir, so gut es angeht, ein Nachtlager bereiten. Ich leihe dir
fr diesmal einen Strohsack und einen alten Mantel. Morgen im Tageslicht wird
alles ganz anders aussehen. Morgen will ich meine Fragen dir wiederholen; jetzt
hast du ein wenig das Fieber und mut ausschlafen. Komm zu Bett.
    Robert Wolf folgte dem Alten schwankend; in der zweiten Kammer wurde der
Strohsack auf den Boden geworfen und ein ertrgliches Lager hergestellt. Der
Knabe aus dem Walde hatte zu oft auf nackter Erde geschlafen, um nicht ein
solches Bett eines Knigs wrdig zu finden. Der Schreiber reichte ihm die Hand
und sprach:
    Schlafe wohl, mein Kind; trume nicht allzu unruhig; du schlfst in der
Wohnung eines Freundes. Denke nicht an das hbsche Mdchen, sondern tu mir die
Liebe an und schnarch. Der Klang der Futritte des Glcks ist von dem Gepolter,
womit das Unglck einherschreitet, oft schwer genug zu unterscheiden. Es ist
immer aber hbsch von beiden, wenn sie nicht in unhrbaren Gummiberschuhen
herangeschlichen kommen. Fac, ut valeas.
    Der Alte ging mit der Lampe, und der Knabe warf sich seufzend auf das harte
Lager. In der Stube schritt der Schreiber auf und ab und horchte kopfschttelnd
auf das bitterliche Weinen, in welchem sich das arme zusammengeprete Herz des
Knaben, jetzt wo es dunkel und still umher war, unaufhaltsam Luft machte.
    Armes Kind, murmelte der Alte. Weine nur, spl rein die junge Seele! Wer
wei, wozu du bestimmt bist? Mit harter Hand fat das Schicksal vor allem gern
seine Gnstlinge; ruhig, auf makadamisiertem Pfad - alle Viertelmeile ein
Meilenzeiger - lt es nur die wandeln, welchen das Los der goldenen
Mittelmigkeit aus der geheimnisvollen Urne fiel. Nicht in Goldwolken hllt das
Schicksal seine Erkorenen; in den dunkeln Mantel des Schmerzes, der Gebrechen,
der Krankheit und jeglichen Elends hllt es sie und reit sie durch das Leben.
Und neidisch ist das Schicksal; wie manchen hohen Geist hat es fr sich behalten
in dem dunkeln Mantel, wie selten fllt die Hlle von der Schulter eines
Auserwhlten, wie selten wird ein Individuum fr die brige Menschheit
denkmalreif und ein wrdiger Gegenstand fr Toaste, Reime und Festessen.
    Es war gut, da dem Alten ber diesen Gedanken die Pfeife ausging; whrend
er sie von neuem in Brand setzte, lchelte er ber sich selbst, rieb sich die
Stirn und brummte:
    Sieh, Fiebiger, hab ich dich wieder? Alter Knabe, wirst du die Dinge
auerhalb der Schreibstube nie so sehen, wie sie alle brigen verstndigen Leute
erblicken? Du setzest mich in Erstaunen, Fritze Fiebiger! Hebrer, Griechen und
Lateiner sind einig, da es vor allem bel ist, mit der Nase ein Loch in das
Firmament stoen zu wollen; man vergit darber die Lcher im realen Erdboden,
liegt drin und wird ausgelacht. Hier haben wir den groen Redner und
Oberbrgermeister Marcus Tullius Cicero, welcher keine Verse machen kann, aber
sehr gern die des Ennius zitiert:

Keiner schaut, was vor dem Fu liegt,
Himmelsrum' aussphen sie.

Und hier hebt der semitische Weise die Hnde empor und hlt sich mit denselben
Worten ber dieselben sternguckenden Naturen auf. Wir wollen beiden kein
rgernis weiter geben, Fiebiger, wie sehr wir dich auch beneiden mgen, Heinrich
Ulex. Kurz und bndig, Fiebiger, was willst du nun mit diesem Jungen, welchen du
von der Strae aufgelesen hast, anfangen? 's ist doch in Wahrheit ein Brief mit
fremdem Siegel und fremder Aufschrift.
    In diesem Augenblick erschien dem Polizeischreiber die Verantwortlichkeit,
welche er sich aufgeladen hatte, nicht mehr so klein wie vorhin. Bedenklich nahm
er seinen Weg durch das Gemach wieder auf; die Geister seiner groen Register
lieen ihn vollstndig in Ruhe; sie wagten sich nicht hervor aus ihren
Folianten, und somit hatte der Schreiber wenigstens etwas erreicht.

                                Fnftes Kapitel



Groe Gesellschaft bei dem Bankier Wienand; Mr. Warner aus New Orleans wird dem
                  Freifrulein Juliane von Poppen vorgestellt

Der Wagen, welcher Frulein Helene Wienand und den Doktor Pfingsten von dannen
fhrte, hielt in einer ruhigen, breiten Strae vor einem groen, stattlichen,
ganz modernen Hause, welches sich durch nichts von seinen Nachbarn, welche
ebenfalls gro, stattlich und modern waren, auszeichnete. Je weniger
charakteristisch ein Gegenstand ist, desto schwerer ist er zu beschreiben; wir
beschreiben deshalb das Haus des Bankiers Wienand auch nicht. Hoffentlich wird
ein groer Teil der Leser selbst in hnlichem Backstein-Mauerwerk wohnen und
deshalb eine eingehende Beschreibung ghnend berschlagen. Gott segne ihn fr
den guten Geschmack!
    Im untern Teil des Hauses befanden sich die Geschftszimmer des Bankiers,
die Rume der Dienerschaft und so weiter, im ersten Stock die
Gesellschaftszimmer und das Reich Helenes. Wir haben es nur mit dem ersten Stock
zu tun. Hinter dem Hause befand sich ein reinlich gepflasterter Hof mit dem
Wagenschuppen, Pferdestall und so weiter. Ein zierliches eisernes Gitter trennte
diesen Hof von einem kleinen Garten, mit welchem wir es im nchsten Frhling
ebenfalls zu tun haben werden. Hohe Brandmauern umgaben diesen Hof und Garten
von allen Seiten, so da man glauben konnte, in letzterm vollkommen vor
neugierigen Augen gesichert zu sein, was aber nicht der Fall war, wie wir
ebenfalls im nchsten Frhling zu beweisen gedenken. Jetzt fhren wir den Leser
in den glnzend erleuchteten Salon durch ebenso glnzend erleuchtete und
ausgestattete Nebenzimmer, in welchen Spieltische aufgestellt sind.
    Der Bankier gab eine groe Soiree; - werfen wir einen Blick auf die
Gesellschaft, aber einen vorsichtigen, da wir uns nicht kompromittieren.
Mehrere Stunden waren verflossen, seit Robert Wolf von dem berichteten Unfall
betroffen worden war; die Gesellschaft, welche sich bei dem Bankier Wienand
versammelte, war ziemlich vollstndig gegenwrtig. Zwei Diener reichten Tee
umher; an den Spieltischen hrte man die gewhnlichen Redensarten; es war ein
berflu von altern und jngern Damen, von weien Westen, bunten Uniformen,
schwarzen Fracks vorhanden.
    Ehe wir uns den Einzelheiten hingeben, knnen wir den Totaleindruck in der
Sprache der Zeit, der Brsensprache, charakterisieren. Wir finden, da die
Stimmung der Gesellschaft im allgemeinen eine feste war und da das Geschft der
Unterhaltung sich auf der soliden Bahn ruhigen Fortschritts bewegte. Komplimente
und Schmeicheleien fanden mit den bestehenden Gegenkomplimenten Nehmer und
Nehmerinnen. Nach Skandal vielseitige Nachfrage; Stadtkltschereien aber leider
loco unverndert, fest - jedoch beliebt. Politik ziemlich schwankend, in Musik
und Theater lebhaftes Geschft, gnstige Stimmung fr den letzten Roman;
wissenschaftliche Fragen und Wahrheit still und flau. Die ltern Damen befanden
sich in sehr fester Haltung, die jngern Damen zur Notiz schwimmend und flott.
Die ltern Herren unverndert - Konsumgeschft. Die jngern Herren in matter
Haltung zur Notiz. Nach zwei Uhr sanken die Kurse der Unterhaltung; die
Notierungen aus der letzten Stunde der Gesellschaft sind uns nicht zugegangen.
    Wir knnen uns zu den Einzelheiten wenden.
    Mit kindlichem Schauder haben wir in unserer Jugend in Raffs Naturgeschichte
gelesen, wie in den Dschungeln, den Schilfwldern Hinterindiens, der Elefant mit
dem Rhinozeros in einen Kampf auf Leben und Tod gert, wie das letztere Untier
das erstere unterluft, ihm mit seinem Horn den Bauch aufschlitzt und zuletzt,
seinen zappelnden Gegner auf der Nase tragend, mit Triumphgeheul davonrennt, zum
Ergtzen der frommen geduldigen Hindus und zum Erstaunen der langen leberkranken
Englnder und der semmelblonden, langgelockten Rulebritannierinnen. In dem Salon
des Bankiers Wienand stand der Elefant neben dem Ofen, wrmte als ein tropisches
Tier seine Posteriora und war ein wolleerzeugender Grundbesitzer vom Lande. Das
Nashorn aber trug auf der Spitze seiner Nase eine grne Brille, welche ihm ein
hchst lcherliches Aussehen gab, und wurde es Herr Kommissionsrat tituliert.
Sobald der Elefant das Nashorn erblickte, lie er die Fracksche vom linken Arm
fallen, setzte die Teetasse in die Fensterbank, lie ein dumpfes Schnauben hren
und kam seinem Gegner aus dem Ofenwinkel halbwegs entgegen. Das Rhinozeros
schnob gleichfalls, und es entstand ein merkwrdiger Kampf ber die
Preiswrdigkeit einer Wollieferung; aber das Resultat dieses Kampfes war ein
ganz anderes, als die Naturgeschichte angibt. Der Elefant besiegte das Nashorn
ganz und gar; er vernichtete es vollstndig, er trampelte es moralisch zu Boden,
und wre dem armen Horntrger nicht sein Hausfreund, ein besonnener Mann und
Freund seiner Gattin, zu Hlfe gekommen, wer wei, was daraus entstanden wre.
Dieser Hausfreund trug die Uniform eines Husarenrittmeisters, er schien sich
vorzglich und mit Glck auf die Kultur eines ungeheuern Schnurrbarts gelegt zu
haben und sprach mit Bewutsein, ber dies haarige Ungetm weg, durch die Nase.
Sein Vetter, im Ministerium des Kultus angestellt, befand sich ebenfalls in der
Gesellschaft, kultivierte aber hinter seinem Klapphut nichts weiter als sich
selber in einem ununterbrochenen Geghne. Ein Wirklicher Geheimer Rat von
wohltuender Flle der Erscheinung unterhielt sich mit einem unwirklichen,
welchen man recht gut als ein Lesezeichen htte in ein Buch legen knnen. Es
befanden sich berhaupt viele Juristen in dieser Gesellschaft; denn der Bankier
hatte viel mit ihnen zu tun. Vollstndig beherrschten sie jedoch das Gesprch
nicht, obgleich sie es gern gemocht htten.
    Auch ein sehr wohlgekleideter Dichter war zugegen, wurde aber, obgleich er
sich durch nichts Auergewhnliches auszeichnete, von dem anstndigen und
gottlob grern mnnlichen Teil der Gesellschaft mit mitleidiger Verachtung
vermieden - omnes hi metuunt versus, odere poetas. Dieser Dichter hatte ein
anerkannt vortreffliches Trauerspiel verfat, aber einen von der Regierung zur
Befrderung der dramatischen Kunst ausgesetzten Preis von tausend Talern deshalb
nicht erhalten, weil Shakespeare, Goethe und Schiller Besseres ihrerzeit
geleistet hatten. Der Mann hatte an diesem Abend das Vergngen, ber die
Billigkeit des Verfahrens und die Versunkenheit der Literatur mancherlei zu
hren von einem nichtssagenden Herrn, welcher gestern durch eine Spekulation in
Guano das Zwanzigfache des fr das Drama ausgesetzten Preises verdient hatte.
Harmlos und gelassen lchelnd, trug der Poet sein Migeschick und diese
Unterhaltung; hflich war er bereit, die Verbreitung der knstlichen Dungmittel
sowie des Vogelmistes als den schlagendsten Beweis der fortschreitenden
menschlichen Intelligenz anzusehen.
    Christliches Bankiertum mit jdischer Legierung und jdisches Bankiertum mit
feudaler Betitelung war in der Wienandschen Gesellschaft, wie sich das von
selbst verstand, am strksten vertreten. Drei bis vier Stockbrokraten standen
ebenso weitbeinig ber ihrer engen Welt wie Julius Csar in Shakespeares
Trauerspiel ber der seinigen. Sie folgten jedoch zugleich uerst
ehrfurchtsvoll den Spuren einer Exzellenz, die sich in der Soiree befand.
Obgleich es nur eine auer Kurs gesetzte war, so umgab sie doch ein
achtungsvoller Kreis deutscher Mnner auf Schritt und Tritt und horchte den
seltenen Worten, die ihr entfielen, mit dienstergebenster Entzcktheit. Und doch
gibt es vielleicht im Volksbewutsein keinen Titel, der unangenehmer berhrte
als das abgeschmackte Wort Exzellenz! Es klebt ihm etwas Lcherliches und
zugleich Unheimliches an. Ich wei nicht, ist das Theater oder etwas anderes,
Kabale und Liebe oder unsere vortreffliche Diplomatie schuld daran? Selbst
Wolfgang Goethes hohe Gttergestalt luft komisch schillernd an, wenn man auf
das Piedestal: Exzellenz! schreibt.
    Die Jnglinge, welche in den Urwldern Germaniens den Ur, das Elen und den
Rmer jagten, trugen nicht einen Frack und nicht den Hut in der Hand; - auch
meldet Tacitus nicht, da sie ein Stck Glas in die Augen kniffen und sich so
unbeschreiblich allein mit sich selber eins fhlten wie die Jnglinge im Salon
des Bankiers Wienand.
    Wir wollen uns zu den Damen wenden, und die heilige Zahl der Charitinnen
mge uns dabei zur Seite stehen.
    Ein hellglnzender Schein geht ber das graue Konzeptpapier; mit Naivitt
gepaarte holde Anmut erscheint neben matronenhafter Wrde, Vorblte und
Nachblte schmiegen sich aneinander; Flittergold sucht echtes, treues, wahres
Gold zu berfunkeln, und gelingt ihm das fters, als man fr mglich halten
sollte. Alle bergangsformationen der weiblichen Welt, vom sechzehnten bis zum
sechsundsechzigsten Jahre, kommen zur Erscheinung; der Liebhaber von
Frhlingssonnenschein und Bltenstaub wie der Antiquittenliebhaber finden
gleichmig nach Neigung und Geschmack den Stoff zur Begeisterung. Die ewige
Sehnsucht des Menschen nach dem Schnen wie die ironische Lust am Hlichen
knnen auf gleiche Weise befriedigt werden.
    Aber sollen wir uns hier auch auf Einzelheiten einlassen?
    
    Stille! stille! Das Auge, die Religion und die Frauen lassen nicht mit sich
spaen; das interessanteste Studium ist zugleich das mhsamste und
gefhrlichste, und weder leidenschaftliche Entzckung und raffaeleske
Begeisterung noch zynisches Grinsen stehen uns dazu gengend zu Gebote. Hten
wir uns; was wir sagen, bedecken wir mit Rosen und besprengen es mit Klnischem
Wasser; fr die Bemerkungen, welche spterhin andere Herren in diesem Kapitel
machen, nehmen wir die Verantwortung nicht auf uns. La die Leute selbst sehen,
wie sie mit den Damen zurechtkommen!
    Nach dem Tee und Spiel wurde bei dem Bankier Wienand gegessen, worauf das
junge Volk mit den alten Empfindungen, nach hergebrachter Weise, tanzte. Wir
aber lassen die groe Welt brausen und gleiten verstohlen in das Gemach Helenes,
wo es am stillsten und wo die Beleuchtung gedmpfter ist; denn die junge
Bewohnerin dieses Raumes hatte sich noch immer nicht recht von ihrem Schrecken
erholt, und nur die Krze der Zeit hatte berhaupt ein Absagen der Gesellschaft
verhindert.
    Der Bankier Wienand war ein sehr reicher Mann, welcher sein einziges Kind
fast abgttisch liebte. Keinen Wunsch konnte Helene fassen, welchem er nicht auf
halbem Wege entgegenkam; mit allem, was ihr Herz verlangte, umgab er sie, und so
war auch ihr Zimmer der Gegenstand des gerechten Neides mancher andern jungen
Dame in der Stadt. Auf die beliebte Dekorationsmalerei wollen wir uns jedoch
auch an dieser gnstigen Stelle nicht einlassen; wir beschrnken uns darauf,
mitzuteilen, da Teppiche, Bilder, Gertschaften, Vorhnge usw. in vollster
Harmonie miteinander waren und da alles wiederum in Harmonie mit dem
lieblichen, nur ganz wenig verzogenen Wesen war, welches in diesem duftenden
Raume atmete. Die erste Regel des guten Geschmacks: nirgends zuviel, nirgends
zuwenig! kam zur vollsten Geltung, in der Zimmerausstattung wie in der
jungfrulichen Gestalt Helenes selbst.
    Zurckgelehnt in die Kissen eines Diwans in der Nhe der Tr, welche in den
Salon fhrte, sa Frulein Wienand, noch recht bleich und angegriffen aussehend,
umgeben von einigen nhern Freunden. Die Gesellschaft hatte den Unfall vernommen
und besprochen; das junge Mdchen hatte dieselben Bedauerungsformeln,
Glckwnsche mit den selbstverstndlichen Variationen hundertfltig anhren und
beantworten mssen; jetzt waren die Krfte des armen Kindes vollstndig zu Ende;
es sttzte das schmerzende Kpflein mit der weien Hand, und der Sanittsrat
Pfingsten hatte auf Bitten des Bankiers mit rgerlichem Gebrumm seine Karten -
es waren sehr gute! - einem andern Herrn gegeben und sa jetzt wieder in einem
Lehnstuhl neben der Tochter des Hausherrn. Auf der andern Seite derselben sa im
Diwan eine kleine hagere Dame, welche einmal den Fu gebrochen und deshalb einen
Krckstock neben sich hatte, in schwarze Seide gekleidet war und auf dem grauen
Haar ein winzig kleines Mtzchen trug. Sie hatte trotz ihres Alters ein sehr
weies Gesicht, merkwrdig beweglich und ausdrucksvoll; ihre Augen waren schwarz
und voll Leben und ausdrucksvoll wie ihre Zge. Diese kleine Dame war das
Freifrulein von Poppen, eine Hausfreundin des Bankiers Wienand und eine Person,
welche eine wichtige Rolle in dieser unwichtigen Geschichte spielt. Im folgenden
Kapitel werden wir mehr ber sie sagen, in dem vorliegenden lauscht sie,
hchlichst interessiert, dem Bericht, welchen der Polizeirat Trster, der jetzt
in Frack und weier Weste sehr nobel aussieht, ber Robert Wolf und den
Polizeischreiber Fiebiger gibt. Das Freifrulein kannte den Schreiber sehr genau
- kannte mehr Menschen, als sonst die Leute ihres Standes kennen.
    Der Polizeirat, welcher ebenfalls vom Spieltisch abgerufen war, erzhlte,
was die hohe Polizei wute, so kurz als mglich und mit manchem sehnsuchtsvollen
Blicke nach der Tr. Mit einem Seufzer der Befriedigung lie er sich von dem
Freifrulein zum Whist zurckschicken.
    Juliane von Poppen schttelte den Kopf, gleich allen andern Leuten, ber die
Idee des Schreibers; aber sie schien dabei zugleich innerlich recht zu lachen.
    Bitte, lieber Herr Doktor, erzhlen Sie uns noch ein wenig von diesem
wunderlichen Schreiber! bat Helene Wienand, und wenngleich das Freifrulein die
Achseln zuckte, so tat sie doch mndlich keinen Einspruch, sondern setzte sich
nur bequemer zurecht in den Kissen des Diwans mit einer Miene, welche deutlich
sagte:
    Was kann der davon wissen? Nun gut, ich will alles ber mich ergehen lassen.
Schwatzt zu.
    Der Sanittsrat rieb in der Ermangelung eines Stockknopfes die Nase mit dem
Knchel des Zeigefingers und sagte:
    Meine Damen, von allen Menschen, die mir auf meinem Lebenswege
entgegengetreten sind, beneide ich diesen am meisten!
    Weshalb? fragte das Freifrulein.
    Er kennt die Menschen so gut wie ich; aber - er rgert sich nicht darber
wie ich, knurrte Pfingsten. Er horchte nach dem Salon und schttelte die Faust
nach derselben Richtung:
    Hren Sie, das war die Stimme des groen Kirchennachtlichts, des
Konsistorialrats Krokisius. Sollten Sie es fr mglich halten, da dieser
treffliche Herr vorhin gegen die Baronin Silberstein behauptete, Goethe habe
durch die Weinszene in Auerbachs Keller jedenfalls, unbedingt und unter allen
Umstnden das Wunder der Hochzeit zu Kana verspotten wollen?!
    Sie wollten uns von dem alten Fiebiger erzhlen, Doktor, sagte das
Freifrulein; aber Pfingsten hielt horchend die Hand an das Ohr:
    Das war das silberne Gelchter - mehr doch Britannia- oder
Christoffelgelchter - unserer reizenden Witwe Everilde von Strippelmann. Die
Dame ist doch der wahre Pirat und Flibustier des Ballsaals! Wie sie mit
aufgespannten Segeln einherstreicht! Wie sie Breitseiten gibt! Frulein Helene,
wenn Sie etwas lernen wollen, so studieren Sie die kecken Handstreiche
weiblicher Koketterie an dieser - diesem reizenden Motiv.
    Kommen Sie auf den alten Fiebiger, Doktor! rief das Freifrulein, merklich
bedeutungsvoll nach ihrem Handstock greifend.
    Ich bitte Sie, Gndigste, bin ich nicht dabei? Die Gelegenheit ist gnstig.
Hier sitze ich im Winkel und horche auf das Wortgepltscher dort hinter der Tr,
kann auch, wenn es mir beliebt, einen Blick durch die Ritze in das Gewhl der
weitrmeligen Pierrots und Harlekins, der schwarzbemntelten Pantalons, der
grmlichen Anstandsdamen, der allerliebsten flitterhaften Kolumbinen werfen. Ich
rgere mich darber; Fritze Fiebiger wrde sich nicht darber rgern. Ich
glaube, der Mann kann zu seinem Privatvergngen den Staub im Sonnenstrahl in ein
Universum der Narrheit verwandeln, weil ihm dieser Erdball mit allem, was daran
hngt, noch nicht ausgiebig genug ist.
    Das Freifrulein lchelte jetzt und nickte; der Arzt sprach weiter:
    Mir spiegelt sich die Welt am besten in einem Glase Rheinwein, dem andern
strahlt sie am vorteilhaftesten aus einem schnen Auge, einem dritten aus einem
klaren Waldquell; Ihr Herr Neffe, Frulein von Poppen, sieht sie im besten Licht
in dem Spiegel, welcher seine liebenswrdige Person in Lebensgre zurckwirft,
weil er nichts damit zu tun haben mag: dieser Schreiber aber legt sich so weit
als mglich aus dem Fenster einer Wohnung, in der kein Student hausen mchte,
raucht einen Knaster, den kein Schfer vertragen kann, und lacht - lacht. Ich
lache nicht, wenn ich mich aus dem Fenster lege! Wodurch hat sich dieser
unverschmte alte Knabe in aller Welt den Gttern so beliebt gemacht? Unsereiner
hat doch auch seine Verdienste, mu sich aber allstndlich halb zu Tode rgern
und kriegt hchstens ein Ordenszeichen vierter Klasse zum fnfzigjhrigen
Jubilum.
    Woher kennen Sie diesen Herrn Fiebiger so genau? fragte das Freifrulein.
    Die Polizei und die Medizin treffen wohl einander, brummte der
Sanittsrat. brigens haben wir auch die Jahre dreizehn und vierzehn zusammen
durchgemacht.
    Juliane von Poppen sagte:
    Sie stammen doch wohl aus ganz verschiedenen Lebenssphren?
    Jene Zeit leimte die Menschen schon zusammen, heute freilich ist der Leim
lngst wieder aufgeweicht. Ja, wir bewegen uns in unsern verschiedenen Sphren,
der Rat im Medizinalkollegium und der Schreiber in der Polizeistube.
    In immer tieferes Nachdenken versank Juliane von Poppen, whrend Pfingsten
der andchtig lauschenden Helene noch allerlei Einzelheiten ber den alten
Humoristen in der Musikantengasse mitteilte.
    Ihm zunchst auf der Leiter des Glcks, meinte er, setze ich den groen
Reisenden und Menschenfischer Faber. Der eine in seiner Dachstube hockend oder
seine Tage in dem denkbar widerlichsten Amte verkritzelnd, der andere mit dem
weitesten Spielraum fr seine Beine durch alle Vlker und Lnder streifend, sind
einander verwandt wie zwei gleichschenkelige Dreiecke, und der Gesichtskreis des
einen ist nicht weiter als der des andern - sie haben beide gute Augen.
    Und jetzt will er diesen armen jungen Mann, welcher beinahe durch mich
gettet worden wre, bei sich aufnehmen?
    Trster sagt's; so sind diese Glcklichen, wenn's ihnen zu wohl wird -
    Sie sind ein kalter Egoist, Pfingsten, sagte das kleine Freifrulein
trocken. Lassen Sie diesen Friedrich Fiebiger, Sie kennen doch blutwenig von
ihm. Wen haben wir hier?
    Lupus in fabula, der Hauptmann von Faber mit seinem jungen Yankee - der
Papa Wienand, sagte der Doktor und seufzte im geheimen: Gottlob, so komme ich
endlich doch noch zu meinem L'hombre. Falsch ist alles, die Menschen und die
Karten; ich ziehe aber die letzteren vor.
    Der Bankier Wienand konnte an diesem denkwrdigen Abend, von der Sorge fr
seine Gesellschaft in Anspruch genommen, immer nur einige Augenblicke in dem
Zimmer seiner Tochter weilen. Hchstens durfte er dann und wann den Kopf
hineinstecken und sich nach ihrem Befinden erkundigen. Jetzt erschien er - ein
wohlbehbiger Herr mit stahlgrauem Haar, etwas harten Gesichtslinien und einem
Zug lchelnden Selbstbewutseins um den Mund, gleich einem Sonnenstrahl, der um
einen eisernen feuerfesten Geldschrank spielt. Er kam Arm in Arm mit Konrad von
Faber und einem jungen stattlichen Herrn mit rtlichem Haar und Bart, der mit
sicherm Anstand vor den Damen sich verneigte und von dem Hauptmann vorgestellt
wurde als:
    Herr Friedrich Warner aus New Orleans.
    Der Sanittsrat benutzte die gute Gelegenheit, dem Boudoir Helenes zu
entschlpfen. Whrend er zu den Spieltischen zurckschlpfte, murmelte er aber:
Ein prachtvoller Menschentypus, dieser junge Deutschamerikaner. Ich liebe diese
breitschultrigen Gesellen mit diesen blonden Lwenmhnen und den vollen
Bruststimmen. Man fhlt sich dabei in seiner Rasse noch fr einige Zeit
gesichert; 's ist ein Trost fr einen Arzt heutiger Epoche.
    Um diese Zeit stand der Polizeischreiber Fiebiger in der Musikantengasse mit
untergeschlagenen Armen vor dem Lager seines Schtzlings.
    So habe ich nun, sprach er, den Griff in das volle Menschenleben getan.
Was hab ich gepackt? Eine Handvoll Glck oder Unglck? Wir wollen sehen. Eines
ist sicher; als William Shakespeare seine schnen Verse ber den Mann, der nicht
Musik hat in sich selbst, dichtete, da verstand er unter Musik jedenfalls nicht
solche Nasallaute, wie sie der Junge hier jetzt hervorbringt. Bah, es ist
besser, zu schnarchen als zu schluchzen. Soll mich doch wundern, was Ulex dazu
sagen wird.
    Der Schreiber nahm die Lampe von dem Stuhl wieder auf und schlich auf den
Zehen aus der Kammer. Er zog seinen Oberrock wieder an, setzte den Hut auf,
schlo sorglich die Tr seiner Wohnung und versenkte den Schlssel in seine
Hosentasche und verlie das Haus.
    Um die Ecke der Musikantengasse biegend, schritt er eine zweite Gasse hinab,
bis in einen Winkel, wo er vor einer niedrigen schwarzen Pforte stillstand.
Diese Pforte fhrte auf einen umfangreichen Hof voll Germpel aller Art; der
Schreiber trat hinein, und der schwere Trflgel schlug sogleich hinter ihm zu.
Ein Licht flimmerte aus der Hhe, es flimmerte in dem Giebel des Astronomen
Heinrich Ulex. Es war derselbe Schein, welchen man auch aus der Kammer sah, in
der jetzt Robert Wolf schlief. Tastend fand Friedrich Fiebiger seinen Weg ber
den Hof, und in einer Ecke desselben stieg er eine Wendeltreppe empor. Sie
fhrte empor zum Gemach des Sternsehers.

                                Sechstes Kapitel



Expektoration des Autors ber die Einsamkeit; Lebenslufe aus vergangenen Tagen
                                 werden erzhlt

O Einsamkeit, du starke Gttin, der Kniglich Grobritannische und Kurfrstlich
Hannoversche Leibarzt Johann Georg Zimmermann, hypochondrischen Angedenkens, hat
vier dicke Bnde ber deine Sigkeiten und deine Schrecknisse geschrieben; ich
werde das nicht tun. Eine starke Gttin nenne ich dich, o Einsamkeit, weil die
Wirkungen deiner Macht grenzenlos sind im Guten wie im Bsen. Je nachdem du dem
Menschen die lichtblaue oder die dunkelfarbige Seite deines Schleiers ber die
Augen hngst, fhrst du seine Seele in die stillsten Auen irdischen Friedens,
irdischer Glckseligkeit, strzest du sein Ich in die grlichste Nacht der
Verzweiflung und des Wahnsinns. Du bist eine gewaltige Zauberin, Einsamkeit;
Mutter der Kunst, der Weisheit und des Heldentums bist du und bevlkerst doch
die Welt mit Gespenstern, Fratzen, mit allem Gaukelspiel der Hlle. Mutter bist
du und doch eine Jungfrau: dem einen Maria die Allbeseligende, dem andern die
eiserne Gestalt des Mittelalters, deren Arme zerfleischende Messer verbergen.
Deine Arme breitest du aus: Kommet her zu mir alle, die ihr betrbt, mhselig
und beladen seid, ich will euch euerer Last entledigen, ich will euch trsten!
Deine Arme breitest du aus: Kommet her zu mir, ihr Verstockten, ihr Fanatiker,
ihr Verbrecher, ihr Unglcklichen jeder Art; das Bittere soll bitterer werden,
hrter das Harte, schlechter das Schlechte, giftiger jedes Gift! - Im grten
wie im kleinsten wirkst du, Einsamkeit; die Flammen der Sinnlichkeit lschest du
und schrst du zum verzehrenden Brande; anders erscheinst du jeglichem Menschen:
dem Alter auf andere Art als der Jugend, dem Weibe anders als dem Mann, der
Jungfrau anders als der Mutter. Mir bist du bona Dea, o Einsamkeit, die gute
Gttin des Lebens; ich bitte dich, sei auch eine gute Gttin allen denen, welche
ihr Auge auf dieses Blatt werfen; ich bin ihnen gewogen, darum zeige ihnen deine
holdeste Gunst und Kraft!
    Dicht am Dorfe Poppenhagen im Winzelwalde liegt das adelige Gut, der
Poppenhof, welchem das Privilegium nobilitatis beigelegt war und damit die
Vogtei und Untergerichtsbarkeit. Danach konnten die jedesmaligen Delinquenten
in solchen Delictis, so nicht in die peinliche Halsgerichtsordnung laufen, nach
Beschaffenheit der Umstnde ohngehindert mit einer Geldbue beleget,
incarceriret, auch mit Anschlieung an das Halseisen, so auf dem Hofe
befindlich, bestraffet werden.
    Am vierzehnten April 1803 sollte diesem Privilegio gem das Halseisen der
Witwe Ulex aus dem Dorfarmenhause umgelegt werden. Ihr Mann war, wie der Vater
Robert Wolfs, Forstwart auf dem Eulenbruch gewesen und hatte als blutjunger
Mensch die Annexionskriege des Alten Fritz mitgemacht. Als Unteroffizier des
Regiments Pasewalk invalid entlassen, heiratete er, indem er das erste junge
weibliche Wesen aufgriff, welches ihm bei seiner Rckkehr aus dem
Garnisonsdienst am Eingange des Dorfes Poppenhagen entgegenlief. Aus dieser
Zufallsehe entspro Heinrich Ulex der Sternseher.
    Um das Jahr achtzehnhundertundeins starb der Forstwart an einer
Wilddiebskugel, welche eine alte Wunde aus dem Bayrischen Erbfolgekriege von
neuem aufri, und die Witwe zog mit ihrem Jungen nach Poppenhagen hinab in das
Siechenhaus. Sie war dem Trunke ergeben und nahm es nicht allzu genau mit dem
Mein und Dein. In der Kunst, Hhner zu stehlen, hatte sie es zu einer wahren
Virtuositt gebracht, und wir benutzen die Gelegenheit, unsern Leserinnen
zuzuraunen, da es nicht nur eine Kunst ist, Herzen, sondern auch eine Kunst,
Hhner zu stehlen. Vergeblich suchte die fromme Wirtswitwe Fiebiger, die
ebenfalls mit ihrem Sohne Fritz ihre letzten Jahre in dem Siechenhause
hinbrachte, moralisch auf die Snderin einzuwirken; das Unterfangen war zu
gefhrlich und trug hchstens einige Kratzwunden ein. Die Fiebigerin war aber so
still und demtig, wie die Witwe des Forstwarts wild und rebellisch war; sie
konnte daher am vierzehnten April 1803 nur in den Winkel kriechen und die
schreckliche Aussetzung ihrer Mitgenossin im Hunger und Elend des Armenhauses
mit vors Gesicht gehaltener Schrze bejammern.
    So stand denn unter dem trben Himmel des regenhaften Tages auf dem Gutshofe
die Ulexin im Halseisen, whrend der Grovater Leons von Poppen, der Rittmeister
auer Dienst Gotthelf von Poppen, mit der Tonpfeife im Fenster lag und das
diebische Weib mit den greulichsten Flchen und Schimpfwrtern berschttete,
whrend die Bauern, ihre Weiber und Kinder samt den Gutsknechten mit abgezogenen
Hten, wenn auch angstvoll, so doch sehr befriedigt gafften. Ein zerlumpter,
verwahrlost blickender Knabe wurde neben dem Halseisen von einem etwas jngern,
wohlgekleideten Knaben geneckt und mihandelt und suchte sich schreiend an dem
Lumpenrocke des gefesselten, beschimpften Weibes zu halten. Der eine Junge war
Heinrich Ulex, der Sohn der Hhnerdiebin, der andere war Theodor von Poppen, der
Vater Leons. Zitternd, mit atemloser Bangnis sah Fritze Fiebiger von dem
Dngerhaufen aus dem hlichen Schauspiel zu, und dasselbe tat ein krnklich
blickendes Mdchen von der Tr aus, die in den Gutsgarten fhrte. Juliane von
Poppen hie die Kleine; ihre Mutter war tot, ihr Vater kmmerte sich wenig um
sie, er zog bei weitem seinen Sohn, der einige Jahre jnger als das Mdchen war,
vor. Hbsch war die Kleine jedenfalls nicht zu nennen, sie war zu bleich dazu;
aber sie war mitleidig und hatte jetzt Trnen in den groen schwarzen Augen. Es
war ein fr ihr Alter winziges, nervses Ding, und als sich der heulende,
zerlumpte Betteljunge vor der Gerte ihres Bruders von der Schrze der Frau im
Halseisen in ihre eigene Nhe flchtete, machte sie sich von der Hand der Bonne
los und trat mit abwehrenden Armen und geballten Hnden dem jugendlichen
Tyrannen und Dynasten vom Poppenhof entgegen.
    Der Rittmeister oben im Fenster lachte darber aus vollem Halse; aber Junker
Theodor schien nun die grte Lust zu haben, seinen Stock gegen die Schwester zu
gebrauchen. Nur des Vaters ernstliches: La die kleine Katze! konnte seinem
Zorn Halt gebieten, ohne ihm jedoch Einhalt zu tun. Seit den frhesten
Kindertagen herrschte eine tiefe Abneigung zwischen den Geschwistern, was man
leider viel hufiger findet, als man gewhnlich annimmt.
    In dem schwchlichen, magern Krper des Mdchens steckte eine starke,
willenskrftige Seele, welche hielt, was sie erfat hatte, Kenntnisse, Zuneigung
und Abneigung, Liebe und Ha. Juliane von Poppen ward von dem Tage, wo seine
Mutter am Halseisen stand, die erklrte Beschtzerin von Heinrich Ulex, und der
arme Knabe hing ihr dagegen mit der Ergebenheit eines Hundes an. Sie nahm das
ganze Armenhaus unter ihre besondere Protektion, aber vorzglich, wie gesagt,
den Sohn der Hhnerdiebin. Sie hatte noch fters Gelegenheit, ihn gegen die
Ungeschlachtheit des Vaters und die Roheit des Bruders zu schtzen, und wenn es
ihr auch nicht gelang, jedes Ungewitter von ihm abzuwenden, so konnte sie doch
manchen Blitz und Donner unschdlich seitwrts lenken.
    Es entstand allmhlich zwischen dem Frulein von Poppen und dem Sohn der
diebischen Bettlerin ein eigentmliches Verhltnis. Das Mdchen hatte in der
Gesellschaft ihres Vaters und Bruders traurige, freudenlose Tage hingebracht;
jetzt fand sie zum erstenmal auf ihrem Lebenswege ein Wesen, welches ihr alles
zuliebe tat, was sie nur irgend verlangen mochte. Unklare Gefhle, geschpft aus
einer Bibliothek sentimentaler Romane, dem einstigen Eigentum der verstorbenen
Mutter, durchspukten das phantastische Kpfchen; die junge Chatelaine gebrauchte
den erworbenen Einflu, um den Knaben aus dem Armenhause an sich zu fesseln wie
eine kleine geistreiche Fee einen blden, dickkpfigen, ehrlichen Kobold. Da gab
es fr Heinrich Ulex Auftrge der verschiedensten Art. Seltene Blumen muten
gesucht werden in den Wldern und auf den Bergen; auf glnzende Steine,
zierliche Moose, Vogeleier und Federn mute Jagd gemacht werden, zum
phantastischen Schmuck des Zimmers des Fruleins. Es verging kaum ein Tag, an
welchem die Kinder nicht miteinander verkehrten in Wald und Feld oder hinter den
Gartenhecken von Poppenhagen. Und niemand durfte etwas merken von der Vorliebe
des Fruleins fr ihren Kobold als Fritz Fiebiger, der Sohn der Wirtswitwe. Er
wurde von Zeit zu Zeit in allerlei wichtige Geheimnisse der beiden andern
hineingezogen und ging dann und wann mit auf die Jagd nach Blumen, Steinen und
Vogeleiern.
    Juliane von Poppen, welche vor ihrem Vater sich frchtete und ihren Bruder
hate, wurde in der Einsamkeit des Waldes, in der Gesellschaft der beiden Knaben
zum frhlichen, liebenswrdigen Kinde. Das altkluge Gesichtchen verlor die
bleiche Farbe, der ernste Mund lernte allmhlich das heitere Lachen, und die
schwarzen Augen behielten wohl ihren Glanz, aber nicht ihre scheue Unstetigkeit.
    Es rauscht und pltschert manch ein Bach durch den Winzelwald, und der groe
Forst, im Jahre 1803 noch viel wilder und dunkler als heute, bot manch ein
geheimnisvolles Versteck, ganz gemacht, daselbst Mrchen zu erzhlen und auf
Mrchen zu horchen. An einem solchen Fleckchen, wo die Waldvgel in die Lektion
des Fruleins vom Poppenhof hineinsangen, wo die Sonne zitternde Schattenbilder
auf das Lesebuch im Scho der kleinen eifrigen Lehrerin warf, lernten Heinrich
Ulex und Fritz Fiebiger das Lesen und Schreiben. Hier fllte dem armen Heinrich
das elfenhafte, phantastische Mdchen das Herz mit den Gestalten und Bildern
ihrer eigenen Lektre. Ritter und Damen, Tyrannen, Henker, schuldlose Opfer,
unglckliche Verliebte, Totengerippe, Gespenster, Ruber, Riesen und Zwerge
zogen vorber; und in wonnigem Bangen lauschten die beiden Kinder
geheimnisvollen Klngen in der Ferne, sahen Gestalten hinter den Stmmen in der
Dmmerung des Waldes und drngten sich scheu aneinander vor den Geistern und
Schauern, welche sie selbst beschworen hatten. Dem mit gefalteten Hnden
horchenden Heinrich war oft zumute, als werde die Lehrerin mit ihrem
Waldblumenkranz und den blitzenden schwarzen Augen sich gleich selbst in solch
ein verschwebendes Bild auflsen und im Waldschatten, Vogelsang und Rauschen der
Wasser verschwinden.
    Wie aber schreckten die Kinder auf, wenn ein Laut des wirklichen Lebens sie
in ihrer Einsamkeit strte; wenn die Axt des Holzhauers in der Nhe erklang oder
das Pfeifen des Hirten. Da scho das eine hierhin ins Versteck, das andere
dorthin. Und wenn dann gar der Rittmeister von Poppen mit seinen Hunden durch
den Wald ritt, begegnete ihm wohl sein Tchterlein einsam auf einem verwachsenen
Pfade oder trat ihm aus dem Dickicht entgegen und lie sich, stumm die Augen
niederschlagend, anschnauzen ber solch albernes Umherstreifen: den Knaben
gewann sie dadurch Zeit, tiefer in die Wildnis zu flchten.
    Zwei Jahre hindurch dauerte dies Verhltnis, harmlos und unschuldig. In
ihrer Einsamkeit waren Heinrich und Juliane wie die Erstgeborenen der Erde, als
der Baum der Erkenntnis noch unberhrt stand im Paradiese. Sie schmeten sich
nicht, wie das Buch der Erschaffung so unbeschreiblich lieblich sagt. Und so
kamen sie, ohne es zu merken, der Grenze der Kindheit immer nher. Im Herbst des
Jahres 1806 gelangte jedoch das se Spiel der Einsamkeit zu einem pltzlichen
jhen Ende, und der Sohn der Bettlerin und das adelige Frulein erwachten wie
aus einem hbschen Traume.
    Am zwanzigsten September dieses Jahres, um die sechste Abendstunde, an einem
dstern nebeligen Tage, warf ein armes Weiblein, welches im Gehlz in der Nhe
des Poppenhofes Reisig fr ihren Kchenherd gesammelt hatte, ihren Tragkorb mit
hellem Aufkreischen weit von sich, schleuderte ihre schweren Holzschuhe von den
Fen, um schneller laufen zu knnen, und strzte halb sinnlos vor Angst und
Schrecken dem Dorfe Poppenhagen zu. Das Weiblein hatte ein Gespenst gesehen.
Unter den Tannen war eine lange, hagere, schwarze Gestalt, stocksteif
aufgerichtet, langsam und unhrbar durch die Nebeldmmerung grad auf die
Holzleserin zugeschritten. Diese unheimliche Gestalt, dieses Gespenst war die
Gouvernante, welche auf dem Poppenhofe angekommen war, um dem gndigen Frulein
den Ton und die Wissenschaft der schnen Welt beizubringen.
    Mademoiselle Amalie Schnubbes Bltenzeit war noch in die Bltenzeit der
Sentimentalitt gefallen; aber diese Epoche lag weit zurck und - sauer
gewordene Mandelmilch ist ein sehr unangenehmes Getrnk!
    Mademoiselle Schnubbe nahm ihre Aufgabe sehr ernst, und ihre kalte kncherne
Hand zerknickte erbarmungslos die wenigen Blumen, mit welchen die arme Juliane
ihr einsames verlassenes Kinderleben schmcken konnte, eine nach der andern,
wrdevoll, methodisch und vornehm. Freilich versuchte das Mdchen anfangs gegen
die Lehren und Pflichten des bon ton sich aufzulehnen; aber ihre Krfte
erlahmten frs erste bald, wenn das Joch auch kein dauerndes sein konnte. In dem
Eishauch, mit welchem die winterliche Amalie ihre Schlerin umgab, versank das
Frhlingsleben, welches die Natur in dieses junge Wesen gelegt hatte, in eine
Art Winterschlaf. Die schreckliche Amalie besa das Talent, unpassende
Verhltnisse auszuspren und zu Ende zu bringen, in einem erstaunlichen Grade.
Sie sprte auch das Waldmrchen aus, welches zwischen Heinrich, Fritz und
Juliane gespielt hatte, und verfehlte nicht, pflichtgem den gestrengen Papa
davon in Kenntnis zu setzen. In einen wahren Wutanfall gerieten die beiden
Poppen, Vater und Sohn, darber; die Heftigkeit des Zornes bertraf jede
Schilderung, welche davon gemacht werden knnte. Zum Glck fr Heinrich Ulex und
Fritz Fiebiger marschierten um diese Zeit die Franzosen in Deutschland ein, und
das Heilige Rmische Reich, in welchem schon so lange der Schwamm gesessen
hatte, strzte mit Gekrach zusammen vor dem Futritt des fremden Eroberers. In
dem Wirrwarr, dem Kopfunter-Kopfber, welches die Folge der Schlacht bei Jena
war, konnten sich Heinrich und Fritz leichter aus dem Staube machen und der
kleinherrlichen Willkr und Roheit sich entziehen, als es bei ruhigeren
Zeitluften mglich gewesen wre. Sie nahmen klglichen Abschied von ihren
Mttern und gingen davon mit den winzigsten Bndeln, die sich vorstellen lassen.
Die beiden Mtter hatten noch viel zu dulden, bis sich der Himmel ihrer erbarmte
und sie beide am Hungertyphus der deutschen Kriegs- und Lehrjahre zu sich nahm.
Sie wurden auf Kosten der Gemeinde, wie es ihnen zukam, im Winkel begraben, und
als nach Jahren ihre Shne die Grber suchten, wute niemand mehr ihre Stelle
anzugeben.
    Es fand auch eine letzte Zusammenkunft zwischen Juliane und Heinrich Ulex
statt, und das Frulein von Poppen gab dem Jugendgespielen zum Gedenkzeichen an
die glcklichste Zeit ihres Lebens ein Medaillon, in welchem sich Haare ihrer
seligen Mutter und eine kleine Locke von der eigenen Schlfe befanden. Als die
drei wieder zusammentrafen, wie war da alles anders geworden in der Welt, wie
war so manche Schwungfeder im Flgel der Seele geknickt; wie waren ihre Seelen
matt vom Flug ber die Welt, wie waren sie bedeckt mit dem Staub aus den Gassen
und von den Mrkten des Lebens!
    Der November des blutigen Jahres 1806 fand Heinrich Ulex und Fritz Fiebiger,
ohne Kenntnis der Welt, ohne Hlfsmittel, ohne Zweck, freudlos und verlassen auf
der Heerstrae, welche von fremden Truppenzgen, Zgen von Gefangenen, Marodeurs
und abenteuerndem Gesindel wimmelte. Die Fhrlichkeiten waren gro; aber noch
grer war doch das Glck der Jnglinge. Ein dunkler Trieb zog sie der
Hauptstadt zu, und nach mancherlei Schicksalen langten sie vor den Toren an in
einer Equipage des Kaisers Napoleon, nmlich auf einem Bagagewagen der Groen
Armee. Eine Zeitlang bettelten und arbeiteten sie nach Gelegenheit, grade so
heimatlos wie das ganze deutsche Volk, in den Gassen; dann liefen sie einem Mann
vor die Fe, welcher fast noch bler daran war als sie. Dieser Mann war ein
untergeordneter Beamter der Polizei, namens Meiners, welchen der Sturm der Zeit
von seinem ziemlich bequemen Sitz im Staatsorganismus Friedrichs des Groen
heruntergehoben und unsanft auf den harten nackten Erdboden niedergesetzt hatte.
Der Sekretarius hatte mit weinenden Augen den roten Kragen von dem
preuischblauen Frack trennen mssen; erst hatte er die Berlocken von der Uhr
verkauft und dann die Uhr selbst. Ein wohlbehbiges Buchlein, welches er vor
der Katastrophe von Jena besa, schaffte er gleichfalls allmhlich ab; seine
Frau war krnklich, und sein einziger Sohn hatte vorlufig die gelehrten Bcher
in den Winkel geworfen und die Philologie an den Nagel gehngt, um seine Eltern
krftiger untersttzen zu knnen. Meiners, der Exbeamte, arbeitete in dem Bro
eines Advokaten, und in demselben Bro fand Fritz Fiebiger eine Stelle als
Auslufer. Rudolf Meiners hatte eine Stelle bei einem Buchhndler angenommen und
ebendaselbst einen Platz fr Heinrich Ulex ausgemacht. Nichts fhrt die Menschen
mehr zusammen, als wenn sie in ihnen ungewohnte Zustnde geworfen werden, nichts
versteht das Gleichmachen besser als dira necessitas, die harte Notwendigkeit.
Um seinem Berufe nicht ganz untreu zu werden, unterrichtete der frhere
Philologe Rudolf die beiden Jnglinge Fritz und Heinrich. Aber nicht blo Latein
trieben die jungen Mnner miteinander. Whrend die franzsischen Trommeln durch
die Straen wirbelten, saen sie und forschten, wie es gekommen sei, da diese
fremden Trommeln so laut werden durften im Vaterlande. Der bleiche schwchliche
Rudolf war ein begeisterter Lehrer, wenn er vom Auf-und Untergang der Vlker,
ihren groen Helden, Weisen, Dichtern und Verbrechern redete; er hatte aber auch
begeisterte Zuhrer, und vorzglich der stille Heinrich Ulex trat ihm immer
nher. So gingen die schweren Jahre hin, immer stolzer, hhnischer wirbelten die
fremden Trommeln, immer eifriger dachten die drei Jnglinge darber nach, was zu
tun sei, diese frechen gehaten Klnge zum Schweigen zu bringen. Sie waren viel
frher darber im klaren, als die Zeit, Gedachtes zu Taten zu machen, kommen
wollte; aber whrend des Wartens erwarb Heinrich Ulex mit Hlfe Rudolfs eine
tchtige Bildung. Sein Beruf zum Gelehrten trat immer deutlicher hervor. Er
vermochte es, mit Rudolf Meiners ruhig zu sitzen und zu studieren, whrend
andere haerfllte junge Seelen den schleichenden Tagen voranstrmten in die
Zukunft und sich in qualvoller Ungeduld fast verzehrten. Nicht weniger als die
andern jedoch jauchzten Rudolf und Heinrich, als endlich die im verborgenen
geschmiedeten und geschliffenen Klingen ins Sonnenlicht hinausfahren durften.
    Es war eine groe Stille gewesen, und es ward ein groer Sturm.
    Auf einem der ersten Fuhrwerke in der langen, mit freiwilligen Kmpfern
besetzten Wagenreihe, welche der nicht ohne einigen Grund bedenkliche Knig
Friedrich Wilhelm der Dritte von den Fenstern des Schlosses zu Breslau aus
ankommen sah, befanden sich Rudolf Meiners, Heinrich Ulex und Fritz Fiebiger.
    Im Tempo maestoso ging jetzt die Weltgeschichte ihren Gang, und die drei
Freunde taten nach Krften das Ihrige dazu, da sie nicht wieder ins Stocken
gerate. Bei Leipzig knieten die hohen Alliierten in ihren weien
Kaschmirbeinkleidern nieder und dankten Gott, da das Geknalle, Hurrageschrei,
Wut- und Wehegeheul nun endlich einmal ein Ende habe. Das erboste Schicksal
legte den groen Kaiser Napoleon bers Knie und bearbeitete ihm nach Krften
einen unnennbaren Krperteil, whrend die allerhchsten Herrschaften der
Heiligen Allianz samt ihren Diplomaten von ferne zusahen und der Lehre das
entnahmen, was - sie gebrauchen konnten.
    Manch ein weites Feld durch ganz Europa hatte der Krieg viel besser gedngt,
als die rationellste Landwirtschaftslehre es vermocht htte. Die Walkyrien
machten sich mit dem Gedanken vertraut, sich pensionieren zu lassen; denn ihr
Dienst, die Seelen der Gefallenen von den Walsttten abzuholen, war zu
angreifend geworden.
    Rudolf, Heinrich und Fritz fochten bis zum Ende mit; aber zu Paris starb
Rudolf Meiners in den Armen Heinrichs. Ein Blutsturz, die Folge der bermigen
Anstrengungen des Feldzuges, endigte sein junges Leben; er starb mit leuchtenden
Augen; denn die deutsche Trommel wirbelte jetzt durch die franzsische
Hauptstadt: die Schmach des Vaterlandes war geshnt. Er konnte ruhig gehen.
    Mit den berlebenden Siegern kehrten Heinrich und Fritz heim. Der erstere
brachte den Eltern Rudolfs die letzten Gre des Sohnes und eine Locke seines
Haupthaars; es war ein traurig-stolzes Wiedersehen. Man hat nichts umsonst in
der Welt.
    Unter den vernderten politischen Umstnden hatte der alte Meiners natrlich
seine Stelle wiedererhalten und trug wiederum den roten Kragen auf dem blauen
Rock; aber er war ein gebrochener Mann, sa am liebsten mit seiner weinenden
Alten im Winkel und lie sich durch Heinrich Ulex immer von neuem von dem toten,
tapfern, gelehrten Sohn erzhlen. Zuletzt trat Heinrich in diesem trauernden
Hause fast ganz in die Stelle, die Rudolf eingenommen hatte. Er wohnte in dessen
Stube, er benutzte dessen Bcher - die Alten konnten seine Gegenwart zu ihrem
Dasein nicht mehr entbehren.
    Dem Unteroffizier der Freiwilligen Fiebiger verschaffte der Kommissr
Meiners dagegen eine Stelle bei seiner Behrde, und so wurden beide Kinder des
Winzelwaldes in Stellungen hineingefhrt, von welchen ihnen an ihren Wiegen
nichts gesungen worden war.
    Der zweite Pariser Friede war geschlossen worden; man richtete sich aufs
neue auf alle Ewigkeit in dem zertrampelten, blutbespritzten Europa ein. ber
die Blutflecke fuhren die Kongre-Herren mit ihren Pinseln voll blauer, grner,
gelber Farbe, zeichneten Grenzen und teilten Nationen im Namen der Einen und
unteilbaren Dreieinigkeit und forderten die Vlker auf, demtig Gott zu preisen
und ihm Lob zu singen. Sie selbst freilich priesen nur ihre eigene Schlauheit
und Gewandtheit; Gott aber sah, da nicht alles gut war.
    Heinrich Ulex besuchte jetzt die Universitt, welche in der Hauptstadt
selbst gegrndet worden war. Fritz Fiebiger erhielt bald die Stelle, in der wir
ihn zu Anfang dieser Erzhlung noch gefunden haben. Er ward darin nicht ein
stiller, nach den Sternen sehender Weiser wie Ulex, wohl aber der kaustische,
humoristische Betrachter und Beobachter menschlicher Zustnde, den wir bereits
etwas kennengelernt haben. Ein Brokrat, wie ihn die Welt hat, verspottet und
frchtet, war er nicht. Keiner seiner Vorgesetzten, selbst Trster, der
Polizeirat, nicht, hielt ihn fr das Ideal eines Beamten. Es verstanden ihn
wenig Leute; aber noch weniger Leute verstanden Heinrich Ulex den Sternseher und
- Juliane Freifrulein von Poppen.
    Das Frulein war ihres eigenen Weges gegangen, bis sie mit den alten
Jugendgenossen wieder in Verbindung trat. Mamsell Amalie Schnubbe hatte ihr
Bestes getan, den frischen Geist auf das gewhnliche Niveau gesellschaftlicher
Liebenswrdigkeit herabzudrcken. Es war ihr nicht gelungen; und diese
tyrannische Herrschaft hatte auch nur ihre Zeit und wurde von dem beherrschten
Frulein abgeworfen bei der ersten gnstigen Gelegenheit. ber den Poppenhof
kamen mit der Schlacht bei Jena schwere Tage. Der alte Dragonerrittmeister war
wie vor den Kopf geschlagen ber dies schmhliche Ende der preuischen
Heeresglorie. Immer war er grobkrnig-stolz auf den eigenen Zopf und den der
Armee, welcher er angehrt hatte, gewesen, und der Gedanke, da ein schlauer
Feind das erste Kriegsheer der Welt bei diesem selbigen Zopfe nehmen knne,
war ihm nimmer gekommen. Ostwrts zu den Polacken und Russen begab sich die
Armee Friedrichs des Groen auf die groe Retirade und lie den Herrn von Poppen
auf dem Poppenhof unter den feindlichen Fouragierern und Marodeuren ratlos
zurck. Er wurde sehr liebenswrdig gegen seine Bauern, er war sehr hflich,
ungemein hflich, fast zu hflich gegen die Fouragierer und Nachzgler.
Vollstndig zog er sein altes Wesen ab; aber er warf es nicht fort, sondern hing
es sorgsam zu seiner alten Uniform in den Kleiderschrank, um es in bessern
Zeiten wieder hervorzuholen. Sein Sohn Theodor ahmte dem Vater so gut wie
mglich nach und sa still zu Hause bis zum zweiten Pariser Frieden, wo er aus
dem Dunkel des Winzelwaldes hervorkroch und zur Hauptstadt kam, seine
militrische Karriere zu beginnen. Er wurde im Laufe der Zeit Hauptmann in der
Garde, heiratete ein Frulein Viktorine von Zieger, zeugte seinen Sohn Leon,
ruinierte den Poppenhof gnzlich und starb, ohne da durch seinen Tod der
Staatsorganismus ins Stocken geraten wre, im Jahre 1835.
    In den zwanziger Jahren hatte der Papa Gotthelf das Zeitliche gesegnet, ohne
da er der Tochter die sorgsame Pflege seiner letzten Tage Dank gewut htte.
Auch Juliane kam nach der Hauptstadt; denn auf dem Poppenhofe, unter der
Regierung des Bruders, war ihre Stelle nicht mehr. Sie besa ein Vermgen von
zehntausend Talern, doch wurde die Hlfte desselben von dem Bruder
zurckgehalten; sie mute von der bleibenden Hlfte leben und einen Proze gegen
Herrn Theodor fhren. Erst einige Jahre nach dem Tode des Bruders wurde dieser
Rechtsstreit zu ihren Gunsten entschieden.
    In der Hauptstadt lebte Juliane ganz zurckgezogen; sie liebte es immer
noch, mit den niedern Volksschichten zu verkehren und ihnen nach Krften mit Rat
und Tat zu Hlfe zu kommen. Sie hatte das Unglck, an einem dunkeln Winterabend
den Fu auf einer Leiter, die in eine elende Dachkammer fhrte, zu brechen; aber
ihr Lebensmut konnte durch nichts gebrochen werden. Sie hinkte durch die Gassen,
eine allbekannte und doch geheimnisvolle Persnlichkeit; von allen Einwohnern
der volkreichen Stadt wurde sie vielleicht am meisten gegrt.
    Aus dem Giebel des Nikolausklosters hatte Heinrich Ulex nach dem Tode des
Meinersschen Ehepaares sein Observatorium gemacht; in der Musikantengasse hatte
sich Fritz Fiebiger eingerichtet; sie wurden allmhlich ein paar alte
Junggesellen, und eine ltliche nrrische Jungfer war Juliane von Poppen
geworden.
    In der groen Stadt kann man sich verstecken wie in dem Winzelwalde; jene
hat ihre Schatten, ihre geheimnisvolle Lust und Schauer wie dieser. Wie in dem
Winzelwalde fanden sich die drei frhern Genossen zusammen. Sie waren im Leben
arg hin und her geworfen worden; sie suchten nunmehr die Einsamkeit und die
Stille. Sie hatten alle viel gelernt; aber jeder sah die Welt auf seine Weise
an; am kindlichsten war der Idealist Heinrich Ulex geblieben, am nchternsten
war Juliane von Poppen geworden; der Humorist Fritz Fiebiger bildete das
verbindende Mittelglied. In dem Giebel des Sternsehers saen sie
nchtlicherweile, sahen nach den Gestirnen und beredeten den Lauf der Welt;
ihnen hing die Einsamkeit die lichtblaue Seite ihres Schleiers ber die Augen.
Ein neues junges Geschlecht war um sie her aufgewachsen; das Weib fhlte am
ersten und innigsten das Bedrfnis, mit der Jugend in Verbindung zu bleiben -
Juliane hatte sich zur Pflegemutter Helene Wienands gemacht.
    Das war folgendermaen gekommen. Um das Jahr 1827 betrat das Freifrulein
zum erstenmal das Wienandsche Haus. Sie kam in Geldgeschften, verga aber das
Kontor ber dem, was sie in dem Hause selbst erblickte. Sie traf es in der
allergresten Verwirrung und Aufregung. Der Bankier war in Geschften verreist;
am frhen Morgen war Helene geboren worden, und die Mutter war eine halbe Stunde
nach der Geburt gestorben. Die ratlose Dienerschaft lief hin und her. Verwandte
besa der Bankier in der Stadt nicht; der Doktor Pfingsten selbst war auf dem
Punkt, den Kopf zu verlieren. Das Kind schrie in seiner Verlassenheit, die tote
Mutter war die einzige Ruhige im Hause. In diesem Wirrwarr erschien das
Freifrulein wie ein Engel, gesandt vom Himmel. Nachdem sie den Sachverhalt
erkundet hatte, bemchtigte sie sich sofort der Leitung der Dinge, und zwar auf
eine Art, welche die hchste Bewunderung verdiente. Ihren Proze, ihre Geldnot,
ihre jungferliche Stellung, alles verga das Frulein um die unbekannte Tote und
das unglckliche Kind. Sie war nur das trstende, sorgliche, ordnende Weib; und
als der Bankier Wienand zu seinem zerstrten Heimwesen zurckgeeilt war, fand er
die tiefste Ruhe und Ordnung hergestellt, fand er sein Kind mit Amme und
Wrterin aufs beste versorgt, fand er sein Weib im geschmckten Sarge und das
Freifrulein in schwarzer Seide, die Bibel auf den Knien, feierlich ernst neben
der Toten. Als der durch das pltzliche Unglck vllig betubte Mann anfing,
sich wieder zu besinnen und das Geschehene zu begreifen, als er dann von dem
Doktor Pfingsten vernahm, was er der fremden Dame schuldete, da sah er ein,
obgleich er von Herzen so egoistisch wie irgend jemand war, da er dem
Freifrulein auf keine Art jemals sich dankbar genug beweisen knne. Er
beteuerte ihr das auch einmal ber das andere, Juliane jedoch rmpfte die Nase,
sagte: Dummes Zeug, Albernheit!, strich ihr Kleid auseinander und glatt und
lud dem Bankier gleichmtig die Beaufsichtigung des groen Prozesses Poppen
contra Poppen auf. Das kleine mutterlose Mdchen aber hatte sie unendlich in ihr
Herz geschlossen, und es und der Proze bewirkten, da kein Tag verging, ohne
da das Freifrulein in dem Hause des Bankiers erschien, die Leitung von beiden
zu besprechen. Der Bankier nahm sich denn auch des Prozesses aufs beste an,
sorgte fr die tchtigsten Konsulenten und Advokaten und hatte wirklich an der
glcklichen Beendigung desselben einen nicht geringen Anteil.
    Einen bessern Ersatz fr die verlorene Mutter als Juliane von Poppen htte
der Vater Wienand seinem Kinde durch all sein Gold nicht erkaufen knnen. Das
Freifrulein wurde der Schutzengel, welcher das kleine Mdchen in die Hhe hob,
von der es frei und gesichert in das Gewhl der armen Menschheit blicken konnte.
So wuchs und gedieh Helene Wienand unter diesem guten Schutz und ward zu einem
an Leib und Seele schnen Jungfrulein, und der Bankier wunderte sich manchmal
sehr darber, wie die Gndige es anfing, alle lblichen Eigenschaften des
Kindes zu finden, zu erwecken und zur Blte zu bringen. Der Bankier, der in ganz
andern Anschauungen lebte, bekam zuletzt nicht nur Respekt vor dem hinkenden
Freifrulein - das verstand sich von selbst -, sondern auch vor seinem
Tchterlein. Auf diese Weise erreichte Helene Wienand ihr achtzehntes Jahr, und
wir fanden sie auf dem Wege unserer Geschichte, wie wir sie im Anfange
geschildert haben.

                               Siebentes Kapitel



Auf dem Observatorium des Sternsehers Heinrich Ulex. Frulein Juliane von Poppen
                          hat eine Entdeckung gemacht

Der Polizeischreiber Fiebiger klopfte an die Tr des Astronomen Heinrich Ulex.
Trotzdem es nicht leicht denkbar war, da ein irgend Unbekannter zu dieser Zeit
der Nacht sich hierher strend verlieren knne, war die Pforte doch doppelt und
dreifach verriegelt und ffnete sich auch nicht so leicht wie die Tr zum
Polizeibro Nummer dreizehn oder irgendeine andere vielgebrauchte Tr. Sie
ffnete sich mit Gekreisch und schlo sich mit Geknarr. Der Mann, welcher den
Riegel weggeschoben hatte, sah fast aus wie der Zauberer im Mrchen - ein echter
Gelehrter im langen grauen Schlafrock, graubrtig und grauhaarig. Er nickte dem
Eintretenden freundlich, aber kurz zu und schritt schnell zu einem Teleskop
zurck, welches gegen den Nachthimmel, der allmhlich ziemlich klar geworden war
und an dem nur noch dann und wann eine schnelle Wolke hinjagte, gerichtet war.
Unbekmmert darum lie sich der Schreiber in der Nhe des kleinen Kachelofens in
einem Lehnstuhl nieder und sah dem Forscher gleichmtig zu; ein Fremder wrde
sich jedenfalls verwundert in dem Gemache umgesehen haben. Mit Bchern und
Instrumenten war es vollgestopft wie das Studierzimmer des Faust.
Merkwrdigkeiten aus allen Naturreichen, Globen, astronomische Gertschaften
waren berall hingestopft, wo Raum war und auch nicht war, und schienen es
darauf abgesehen zu haben, den Unvorsichtigen berall zum Stolpern zu bringen.
Auf dem grnbehangenen schwerflligen Tische neben der Lampe, unter ungeheuern
Haufen beschriebenen Papieres stand ein zierliches Kunstwerk des achtzehnten
Jahrhunderts, eine sogenannte Sphaera armillaris, das kopernikanische Weltsystem
kunstreich und ganz vortrefflich darstellend. An der Wand hing eine genaue
Abbildung der mensa Isiaca neben einem schnen Bildnisse Keplers. Des Jesuiten
Kaspar Schotts Magia naturalis von 1657 lag auf einem Seitentischchen neben
Hegels Naturphilosophie, und Vaninis De admirandis Naturae Reginae Deaeque
Mortalium arcanis libri IV neben Kants Kritik der reinen Vernunft, Giordano
Brunos Del infinito universo und Della causa, del principio ed uno neben
Schellings Buch ber die Weltseele.
    Eine geraume Zeit blickte der Sternseher, der Erdenwelt vollstndig
entzogen, durch sein Rohr, bis er sich endlich mit einem befriedigten Seufzer
gegen den spten Besucher umwandte.
    Eine sehr schne Konstellation, Fritz. Beinahe htte die Wolke, die jetzt
dort zieht, mich ihren Gipfelpunkt verlieren lassen. O die Wolken und die
Mauern! Es ist ein Leiden, da hat mir dort sdwrts wieder ein Mensch ein
Stockwerk auf sein Haus gesetzt und mir meinen herrlichen Fomahand geraubt, der
Barbar - grad am Maul des mittgigen Fisches. Der Globus aerostaticus ist auch
schon fort mit den Schenkeln des Wassermannes. Wie lange wird's dauern, so
verliere ich auch den Scheat, den Markab, den Algenib - den ganzen Pegasus. Sie
rammen die Gerste schon ein. Wahrlich, da mchte man wohl Bellerophon sein, um
dieses Ungeheuer von aufschwellender Stadt, dieses chimrische Untier von
Mrtel, Ziegel, Elend und Essenqualm niederzureiten in den Schmutz, aus dem es
entstanden ist. Das ganze Firmament noch wird es mir dunkel und gierig
verdecken. Ach meine schnen Sterne! Immer hher mu man steigen, je mehr das
Irdische andringt. brigens freue ich mich, Fritz, da du noch gekommen bist; in
jetziger Jahreszeit mu man auf jeden klaren Augenblick achten und ihn benutzen.
Sieh her, ich will - o weh - da sind die Wolken wieder! Ach meine schnen
Sterne!
    La die Sterne, sie werden in einer andern Nacht um so heller scheinen; ich
habe dir etwas anderes mitzuteilen, welches auch dich angeht; denn auf dich habe
ich in mehr als einer Hinsicht dabei gerechnet!
    Nun?
    Ich will mich verndern!
    Der Sternseher sah den Schreiber hchst verwundert an:
    Du - du - willst dich verndern - jetzt noch? - heiraten, du - o Fritz,
Fritz!
    Lachend schlug Fiebiger mit beiden Hnden auf die Knie:
    Sehr gut! Ausgezeichnet! Na, beruhige dich, mein Alter; ganz so schlimm
habe ich es doch nicht mit mir im Sinn. In anderer Art will ich mich verndern
-
    Ausziehen?!
    Der Schreiber schttelte den Kopf:
    Auch das nicht; ich liebe die Musikantengasse und die hintere Aussicht auf
diesen wackligen, nrrischen Giebel und diesen Tubus, Heinz. Ich bin mit der
Laterne umhergegangen, habe gesucht und endlich den jungen Taugenichts gefunden,
den ich adoptieren will. 's ist ein Landsmann aus dem Winzelwalde, Heinrich
Ulex; 's ist ein Poppenhagener.
    Also das ist's; gottlob! seufzte der Astronom. Erzhle mir mehr davon. Es
ist ein wichtiger Schritt; hast du vorher auch nach den Sternen gesehen, Fritz?
    Der Schreiber zuckte die Achseln:
    So genau wie mglich. Wer kann ihnen aber vllig trauen? Sicherlich nicht
ein Polizeischreiber, der bald sein fnfundzwanzigjhriges Jubilum feiert.
    Erzhle! sagte Ulex.
    Fiebiger gab nun Bericht ber Robert Wolf, gab an, wie er zuerst mit dem
Knaben in Berhrung gekommen sei, wie er sich bemht habe, den Charakter
desselben bis in die kleinsten Einzelheiten zu erkunden, und was er gefunden.
Dann erzhlte er von den Vorgngen im Zentralpolizeihause, und wie er zuletzt in
das Geschick Roberts eingegriffen habe.
    Whrend der ausfhrlichen Mitteilungen des Freundes schttelte der Astronom
fters den Kopf; noch fters neigte er ihn aber auch billigend, und als Fiebiger
endlich seine Erzhlung beendet hatte, sagte er:
    Hundertundfnfzig Jahre frher wre ich statt eines Sternguckers ein
Sterndeuter gewesen, und du, Fritz, wrest zu mir gekommen, um das Horoskop
deines Schtzlings stellen zu lassen. Wir beide htten dann der groen Kunst im
Guten wie im Bsen vertraut, und alles wre in Ordnung gewesen. Heute liest man
nicht mehr der Menschen Fatum aus den Sternen. Die gehen droben ruhig ihren
ewigen Weg; wir irren unruhig hienieden, hin und her getrieben wie Bltter im
Winde, unsern kurzen Pfad. Wahrlich, man sehnt sich oft nach der Zeit der
Astrologie zurck, man wagt nur nicht, es sich und andern zu gestehen. brigens
will ich dich nicht tadeln, Fritz, weil du handeltest, wie dein Herz und Wunsch
dich trieb. Der eine schiebt, je lter er wird, desto mehr Riegel zwischen sich
und die Welt; der andere ffnet ihr, je lter er wird, desto weiter Tr und Tor.
Jeder sieht und empfindet den Sonnenuntergang auf verschiedene Weise; denn jeder
hat den Morgen, Mittag und Nachmittag auf eine andere Art hingebracht, hat
andere Freuden, hat andere Leiden genossen und erduldet und trgt deshalb eine
andere Stimmung in die letzte Stunde des Tages hinein. Du hast vielleicht ein
kluges Werk getan, Fritz; ich will dir das beste Glck dazu wnschen. Morgen
magst du mir deinen Schtzling zeigen; wir wollen sehen, was daraus zu machen
ist.
    Du willst mir also helfen, ihn zu einem echten tchtigen Menschen zu
bilden? fragte der Schreiber.
    Der Sternseher seufzte lchelnd:
    Da haben wir es! Was helfen mir nun wieder alle meine Riegel? Ach meine
stillen Sterne!
    Willst du mir helfen, den Knaben zu erziehen?
    Kann ich das schne Mdchen ihm aus Sinn und Seele jagen? Latein und
Griechisch will ich ihm beibringen; aber die Leidenschaft aus ihm zu treiben,
ist eure Sache, ihr Kinder dieser Welt. Mit den Leidenschaften habe ich nichts
mehr zu tun, seit ich mich den Sternen ergeben habe.
    Bah, es wrde ein hbsches Leben in der Welt werden, wenn wir die
Leidenschaft hinauspeitschten, Ulex. Es ist doch besser, wir verstecken uns
nicht alle in einem solchen Giebel wie du, Heinrich. Was wrde aus diesem
Erdball werden? Ein vergessener Kse, der im Kchenschrank zerfliet. Was fr
eine vita aequivoca wrde daraus entstehen - brr! Vivant homunculi - quanti
sunt! Ich hoffe, der Weltgeist braucht noch lange nicht auf ein Sparendchen
gesteckt zu werden.
    Es klopfte wieder an der Tr, und Heinrich Ulex fuhr empor; ein heller
Schein fuhr ber sein Gesicht, als er ungemein schnell ffnete. Der Schreiber
rieb die Hnde, nickte grinsend und murmelte:
    O Philosophie der Entsagung; armer Heinrich!
    In das Erkerzimmer des Sternsehers trat Juliane von Poppen, und die drei
alten Leute bildeten eine merkwrdige Gruppe in dem merkwrdigen Gemache.
    Das Freifrulein trat ziemlich erregt ein, sie brachte aus der Gesellschaft
des Bankiers Wienand eine Entdeckung mit, welche fr den Polizeischreiber und
dessen Schtzling von der grten Wichtigkeit sein mute. Gleich von Anfang an
hatte der junge Deutschamerikaner, den der Hauptmann von Faber einfhrte, ihr
hchstes Interesse erregt, und dieses Interesse schien auf der andern Seite
ebenfalls vorhanden zu sein; denn Herr Warner wandte sich im Verlauf der
Unterhaltung bei weitem am meisten an das Freifrulein, und so konnte es nicht
fehlen, da das Gesprch sich bald ziemlich zwischen ihnen abspann und die
andern zu Zuhrern wurden, welche nur dann und wann ein Wort einflieen lieen.
    Wie es ebenfalls nicht anders sein konnte, kreuzte das Gesprch bald die
groe Pftze, das Atlantische Meer, wobei jedoch mehr die Poesie der See, ihr
Leuchten, ihre wilden und milden Stimmungen als der Jammer der Seekrankheit
berhrt wurden. Vom Meer glitt die Unterhaltung hin und her ber das
unermeliche Gebiet der groen Republik, und Frederic Warner zeigte sich
wohlbewandert in den Antinomien derselben und sprach ber Sklavenhalter und
Abolitionisten, ber Natives, Knownothings, Teatotaler, Locofocos, Republikaner
und Demokraten mit dem khlen Blick des philosophischen Beobachters, der sowohl
Sam Slick wie Martin Chuzzlewit gelesen hatte. Aus dem Kongresaal zu Washington
glitt das Gesprch leicht durch einen Quadronenball zu New Orleans, um sich in
die feierlichen Schatten des jungfrulichen Urwaldes zu verlieren, und was man
so oft in mehr oder weniger gelungenen Schilderungen, in Sealsfield oder Cooper,
gelesen hatte, mute erblassen vor dem lebendigen Wort. Der Erzhler hatte
selbst alles durchgemacht, war von Indianern verfolgt, von Moskitos zerstochen
worden und brachte auf das groe Theater zwischen dem Atlantischen und dem
Stillen Ozean so viel individuelle Zge, da das Freifrulein und Helene Wienand
lauschten wie einst die Damen von Venedig dem unstrflichen thiopier, dem
rodomontierenden wollhaarigen Feldherrn. Wie aber war es gekommen, da die
Unterhaltung sich aus den Urwldern der Republik in den von einer hohen
Kniglichen Forstverwaltung lblich kultivierten Winzelwald versetzt fand? Daran
hatte das Frulein von Poppen allein die Schuld. Das alte Frulein, immer noch
beschftigt mit der Geschichte Robert Wolfs, heftete immer schrfere,
forschendere Augen auf den jungen Amerikaner. Es waren demselben einzelne
Andeutungen entfallen, welche vermuten lieen, da der Winzelwald ihm gar nicht
unbekannt sei, und hoch hatte Juliane aufgehorcht. Sonst gegen Fremde nicht sehr
zur Mitteilung ihrer Gefhle geneigt, wurde sie mit einemmal ganz lebendig, lie
sich zuerst in eine Charakterschilderung der Berge und Wlder ihrer Heimat ein,
sprach dann eingehend ber das Dorf Poppenhagen und den Poppenhof und erwhnte
zuletzt, aus dem Dunkel ihrer Diwanecke scharf nach dem Amerikaner
hinberlugend, die Forsthtte zum Eulenbruch. Immer nachdenklicher und
trumerischer war Mr. Frederic Warner geworden; als aber das Freifrulein den
Eulenbruch und die Familie Wolf erwhnte, schien es mit seiner
Yankeeselbstbeherrschung zu Ende zu sein, und es war die hchste Zeit, da
Juliane von Poppen diesen Gesprchsstoff fallenlie. Freundlich nickte sie dem
Amerikaner zu und erhob sich, um Helene Wienand zu Bett zu schicken und selbst
die Gesellschaft des Bankiers zu verlassen. Man nahm Abschied voneinander, und
auch der Amerikaner nahm Hut und Mantel und begleitete das Freifrulein die
Treppe hinunter. Sie traten zusammen vor die Tr, und hier beugte sich der junge
Fremde auf die Hand der alten Dame, kte sie und sagte:
    Sie kennen meinen Namen - Sie wissen, was meinem armen Bruder geschehen
ist. Darf ich Sie bitten, mein Geheimnis noch zu bewahren?
    Das Freifrulein lchelte gutmtig:
    Ich bin nur da eine Plaudertasche, wo es ntig ist, Herr - Herr Warner.
    In diesem Augenblick wollte ein junger Herr in einem Pelzberrock vor der
Tr des Bankiers vorbeischreiten, hielt aber an und rief mit etwas nselnder
Stimme:
    Ah, ma tante - und auch Mister Warner! Gndige Tante, ich habe das
Vergngen, Ihnen den angenehmsten Abend zu wnschen.
    Kennen Sie meinen Neffen, Herr Warner? fragte das Freifrulein verwundert.
    Ich habe die Ehre, sagte der Amerikaner, sich verbeugend.
    Nehmen Sie sich vor ihm in acht; er besitzt das Talent, sich und andere
lcherlich zu machen. Bsherzig ist er nicht, aber albern. Wir sind ein
Geschlecht im Niedergang, Herr Warner.
    Der Amerikaner verbeugte sich, Leon von Poppen lachte.
    Das Freifrulein stie ihren Krckstock auf den Boden und rief:
    Sie lachen, Leon; aber andere Leute lachen noch lauter. Es ist nicht
angenehm, Herr Warner, unter dem Gelchter einer ganzen Nation zu Grabe zu
gehen.
    Damit lie sie die beiden jungen Leute stehen und humpelte in die Nacht
hinein. Sie bedurfte nie eines Wagens; berall boten sich ihr hlfreiche Hnde,
bei Tag und bei Nacht, auf allen ihren Wegen. Sie brachte ihre Entdeckung zu dem
Giebel des Sternsehers; noch einmal lie sie sich daselbst von dem
Polizeischreiber genau die Geschichte Robert Wolfs erzhlen, dann sagte sie:
    Gut gemacht, Fritz. Haltet Euch an die Jugend, so werdet Ihr selbst jung
bleiben. brigens beginnen die Verwicklungen fr Sie bereits, Fiebiger!
    Wieso, Frulein Juliane?
    Ihr Schtzling hat einen Bruder, welcher vor Jahren in die weite Welt ging.
Er ist zurckgekommen - dem Anschein nach ganz ein Gentleman. Heute abend habe
ich ihn bei dem Bankier Wienand getroffen. Er nennt sich Warner - ein hbscher
Mann.
    Der Schreiber faltete klglich-komisch die Hnde und rief:
    Und die Polizei, ohne deren Wissen kein Haar vom Kopfe fallen darf, wei
nichts davon! Der Bursch hat unter andern Brgerpflichten auch seine
Militrpflicht versumt - Einsperrung und Nachsitzen in der Soldatenschule! Aber
das ist in der Tat eine merkwrdige Nachricht! Es lebe die Kaprice des
Schicksals!
    Was willst du nun tun, Fritz? fragte der Astronom.
    Das Vernnftigste, antwortete der Schreiber, den morgenden Tag abwarten.
    Keiner von den drei Leuten auf dem Observatorium des Sternsehers ahnte, da
in diesem Augenblick bereits diese Verwicklung sich ohne ihr Zutun lste. Keiner
von ihnen hatte an den Lebensfden, die sich hier verschlangen, mitgesponnen.
    Die Freunde trennten sich bald. Der Schreiber begleitete das Frulein von
Poppen zu ihrer Wohnung, kehrte dann nach der Musikantengasse zurck und fand
Robert Wolf noch immer im unruhigen Schlummer. Als er mit der Lampe vor sein
Lager trat, fuhr der Knabe erschreckt auf und starrte seinen Beschtzer wild an.
Der Schreiber drckte ihn sanft wieder nieder und sagte:
    Liege still, mein Junge, wir wollen schon darber wegkommen.

                                 Achtes Kapitel



                Herr Leon von Poppen wundert sich ganz ungemein

Wundern Sie sich nicht zu sehr ber das, was Sie eben vernahmen, cher ami,
sagte vor der Tr des Bankiers Wienand Leon von Poppen zu dem Amerikaner,
nachdem das Freifrulein sich entfernt hatte. Meine Mama und meine gndige
Tante leben auf dem Kriegsfue wie zwei Ihrer indianischen Stmme. Skalpieren
werden sie sich freilich nicht, denn sie tragen beide falsche Locken - von
meiner Mama wei ich's genau und von ma tante glaube ich es sicher. Zwischen
einer wohlbeleibten Douairire und dieser drren alten Jungfer tnzele ich mit
gestopfter Friedenspfeife hin und her, kann sie aber durchaus nicht anbringen -
ungeheuer gute Schule fr einen angehenden Diplomaten, eh?! Freut mich brigens
ungemein, Sie getroffen zu haben, cher. Soll ich Sie jetzt der Krone der
Schpfung, meiner schnen Herrin, meinem wilden Waldvogel vorstellen? Bitte,
kommen Sie, ich will Ihnen meine jungfruliche Teufelin zeigen, und Sie sollen
mir als Unparteiischer sagen, ob ich nicht recht habe, mich fr solch ein Wesen
dem Gesptt und Gelchter des ganzen diplomatischen Korps, der ganzen Garde -
messieurs von der Linie nicht erwhnt - auszusetzen. Kommen Sie, wir werden noch
grade rechtzeitig zum Dessert kommen, und Sie werden das schnste Mdchen der
Stadt, Eva Dornbluth, sehen.
    Fhren Sie mich, sagte der Amerikaner, und der Baron konnte den Ausdruck
seines Gesichtes fr Lcheln nehmen, obgleich Friedrich Warner nicht lchelte.
Sie sollen mir ein guter Fhrer sein, sagte Frederic ein wenig grimmig.
    Hell waren die Fenster Eva Dornbluths erleuchtet, und schon auf der Treppe,
welche in das dritte Stockwerk des Hauses in der Lilienstrae Nummer zwlf
fhrte, vernahmen die spten Besucher Lachen und frhliche Stimmen in lautester
Unterhaltung, und der Baron von Poppen sagte mit komisch-rgerlichem
Achselzucken:
    Hren Sie, Liebster, es ist unglaublich, mit welcher rapiden Schnelligkeit
und Sicherheit sich jedes beliebige Weib auf die hchsten Spitzen der Kultur
erhebt. Ich mache Sie darauf aufmerksam, da die Schnheit, welche ich Ihnen
jetzt zeigen werde, vor kaum nennenswerter Zeit ein linkisches Bauernmdchen in
einem kleinen Waldnest, dem abscheulichsten Aufenthaltsort unter der Sonne, war.
Wir besitzen daselbst ein Gut, wenn die Last der Hypothekenschulden es nicht in
diesem Augenblick bereits in den Sumpf, aus welchem es aufgeschossen ist, wieder
hinabgedrckt hat. Mir gebhrt wohl zumeist der Ruhm, diese holde Blte, Eva
Dornbluth, in ihr rechtes Erdreich versetzt zu haben. Diable, wenn ich nur auch
die Schmetterlinge und Hummeln von ihr fernhalten knnte. Hren Sie nur, welch
ein Gesumm! Wie viele Insekten mgen meine Zentifolie jetzt wieder mit
gespitzten Saugrsseln umschnurren. Bah - entrons! Ich bin's, cara mia; du wirst
auch immer hbscher, Kleine.
    Die letzten Worte waren an eine junge rotbckige Magd, welche den beiden
Herren entgegenkam, gerichtet; sie knickste, aber die Schmeichelworte des Barons
schienen nicht den geringsten Eindruck auf sie zu machen, und einer ttlichen
Liebkosung entzog sie sich auf gar nicht duldsame Weise. Durch ein Vorzimmer
traten der Baron und der Amerikaner in das Gemach, aus welchem der Lrm der
Unterhaltung ihnen so heiter entgegenschallte. Mr. Frederic Warner hatte die
Oberzhne auf die Unterlippe gesetzt; aber der sorglose junge Diplomat Leon von
Poppen glaubte ihn in der gemtlichsten Stimmung von der Welt. Eine Flut von
Licht schlug ihnen hinter den dunkelblauen Portieren entgegen. An einer Tafel,
welche mit den Trmmern eines reichen Nachtisches bedeckt war, sa inmitten
einer ziemlich erregten Gesellschaft junger Herren der hhern Stnde und junger
Damen vom Theater und der Oper die schne Eva, die Herrin des Festes. Mehrere
der mnnlichen Gste hatten ebenfalls erst vor kurzem den Salon des Bankiers
Wienand mit dem Evas vertauscht und schienen sich hier bedeutend weniger zu
langweilen.
    Schne Seelen treffen sich! rief der eine derselben lachend dem Amerikaner
entgegen, indem er den Kork einer Champagnerflasche gegen die Decke fliegen
lie. Allgemeiner Jubel begrte den Baron von Poppen, und dieser fate den
Amerikaner am Arm, fhrte ihn gegen die sich erhebende Eva, stellte ihn vor und
empfahl ihn mit einigen Scherzworten ihrer Gunst und Gnade. Niemals in seinem
Leben hatten sich die Geisteskrfte Mr. Frederic Warners in solcher Verwirrung
befunden wie in diesem Augenblicke, wo die hohe Gestalt sich aus dem
Durcheinander der aufgeregten Gesellschaft vor ihm erhob und die Augen gegen ihn
aufschlug. Es war ein Glck fr den Fremden, da die allgemeine Heiterkeit schon
einen solchen Grad erreicht hatte, da alle feinere Beobachtung zu einer
Unmglichkeit geworden war.
    Einen kurzen Augenblick sahen sich Eva und Friedrich an; ein Schatten
zwischen Schreck, Staunen, Zweifel und - Beruhigung glitt ber das stolze,
kluge, schne Gesicht des Mdchens.
    Seien Sie willkommen, Herr; - dort ist noch ein leerer Platz! sagte sie,
und der Amerikaner griff nach der Lehne des Sessels:
    Ein leerer Sessel mitten im Fest! Stre ich auch keinen Geist von ihm auf?
Ist's nicht der Stuhl Banquos im Saal zu Fores?
    Wieder fuhr der Schatten ber die Stirn der Herrin des Festes; aber
siegreich brach das stolze Lcheln hervor:
    Wir haben nicht den Schlaf ermordet und frchten die Geister nicht. Setzen
Sie sich, mein Herr!
    Man lie sich wieder nieder an der Tafel, und Warner nahm seinen Platz Eva
gegenber ein. Seine hbschen und etwas albernen Nachbarinnen bemchtigten sich
sogleich seiner und zogen ihn in ein lebendiges Geschwtz, whrend welchem er
seiner Aufregung vollstndig Herr ward und kalt und klar in das Gewirr der Dinge
und Personen um ihn her blicken konnte.
    Seine ganze Seele haftete aber nichtsdestoweniger einzig und allein an
seinem Gegenber. Da war wirklich die Schnheit, die hervorbricht gleich
Heeresspitzen! Grade so mute Kleopatra den Becher erhoben und ber den goldenen
Rand den Triumvir Marcus Antonius angeblickt haben. In die dunkelste Seele mute
sich dieses Auge senken wie der Blitz der Sonne in das tiefe Meer. Und diese
Locken, sie waren nicht zu bndigen; in schwarzen Fluten und Wellen wehrten sie
sich mit unbesiegbarem phantastischem Eigenwillen gegen die Goldbnder, welche
sie zusammenhalten sollten; triumphierend rollten sie nach anmutvollem Siege
ber die weien Schultern. Und diese Stimme! So bekannt und doch so verndert
voll und tief. Trotz seiner Selbstbeherrschung stand der Brger der
amerikanischen Republik auf dem Punkte, sich ungeheuer lcherlich zu machen. Er
griff nach dem silbernen Dessertmesser wie nach einem mexikanischen Dolch. Aber
wieder gelang es ihm, das Zhnknirschen in ein sorgloses, heiteres Lachen zu
verwandeln und dem Witz mit Witz zu begegnen.
    Ah, clear the wrack! sthnte er dabei in der Tiefe seiner Seele. Es ist
alles aus, aber es wird sich finden - die Falsche, Schamlose!
    Seine beiden holden Nachbarinnen wollten allerlei ber die Theaterwelt
jenseits des Atlantischen Meeres wissen, und mit komischer Kraft vertiefte sich
Frederic in dies inhaltvolle Thema; gleich einem Eingeweihten, gleich dem groen
Barnum selber, redete er ber managers, ber actors und actresses und gestand
zuletzt unter lautem und allgemeinem Bravoruf, er selbst habe eine Zeitlang als
Snger money gemacht und groen Beifall errungen auf mehr als einem deutschen
Theater unter dem Sternenbanner.
    Originell! lachte der Baron von Poppen, und die brige Gesellschaft
verlangte fast einstimmig den Beweis der Wahrheit.
    Eine kleine Ballettnzerin pirouettierte zu dem Pianino und ffnete es; eine
Sngerin bot dem sich ruhig erhebenden Amerikaner den Arm, und einen langen
Blick warf Friedrich Warner auf die Wirtin. Diese hatte die letzte Zeit hindurch
nicht mehr den gewohnten glnzenden Anteil an der Unterhaltung genommen; ernst
und stumm sa sie da, sttzte das schne Haupt mit der Hand und blickte starr
vor sich hin. In den Lichterglanz ihres Festes, in die heie Atmosphre ihrer
Gemcher war ein reinerer Schein gefallen, hatte sich ein berauschenderer
Wohlduft gemischt. Sie sah den nmlichen Glanz leuchten, welchen der arme Robert
sah, als er auf dem schmutzigen Straenpflaster lag und Helene Wienand sich ber
ihn beugte. Eva Dornbluth war ihrer Umgebung entrckt; sie befand sich in ihrer
Heimat, sie sah die Morgensonne durch das niedere Fenster der Htte strahlen,
sie hrte den Kuckuck der alten Schwarzwlderin am Ofen und den Kuckuck drauen
am Saume des Waldes, sie atmete das frische Wehen, das aus dem Winzelwalde
herberhauchte, und dazu klang ein Lied auf dem steilen Pfade, der von den
Bergen niederfhrte ins Dorf. Die Trumerin fuhr empor; Friedrich Warner hatte
sich am Klavier niedergelassen und, nachdem er einige wilde Akkorde
angeschlagen, folgendes Lied begonnen:

Es war ein Schiff aus Portugal,
Das sdwrts, immer sdwrts fuhr,
Und durch der Tropenmeere Schwall
Zog leuchtend seine Feuerspur.

Die Nacht war schwl und dftevoll,
Und Finsternis lag auf dem Meer;
Im heien Wind das Segel schwoll,
Und eilig zog das Schiff daher.

Es drngt sich der Matrosen Schar:
O blickt empor, o schaut empor,
Wie Sternenbilder wunderbar
Sich heben aus der Flut hervor!

Welch nordisch Auge blickte je
Auf solchen Schimmer, solche Pracht?
O wundersame fremde See!
O glnzend Wunder fremder Nacht!

Ein stolz und glckhaft Schiff es war,
Und glcklich war der khne Mann,
Der, mutig trotzend der Gefahr,
Zuerst die Linie gewann.

Ob fremd die See, ob fremd die Nacht,
An seinem Steuer stand er da;
Trauend der fremden Sterne Macht,
Im Herzen jauchzend: India!

Die Gesellschaft war auer sich vor Vergngen und gab das durch die gewhnlichen
Zeichen und Worte zu erkennen; Eva Dornbluth aber hatte die Augen noch mehr mit
der Hand beschattet, hatte die Stirne noch tiefer gesenkt; der Snger begann ein
Zwischenspiel, whrend welchem er halb ber die Schulter zu der Gesellschaft
sprach:
    Well, ladies and gentlemen, ist das nicht ein Narr, mein armer Kapitn?
Armer Capitano; wer glaubt, da es sich verlohne, nach den Sternen auszusehen
vom Stern des Schiffes? Ein guter Kompa und eine gute Seekarte sind besser und
treuer als alle Leiern, Lwen, Kreuze und Jungfrauen am Firmament! Go ahead!
    Und wieder begann er mit voller Stimme:

Dem khnen Seemann gleich ich bin,
Steuernd mein Herz durch wonn'ge Nacht,
Hoffend auf seligsten Gewinn,
Trauend auf neuer Sterne Macht.

Ja, fremder Lichter fremder Lauf,
Sternbild der Liebe himmlisch hehr.
Stieg mir zu Hupten glnzend auf,
Zieht seine Bahnen vor mir her.

Nun schwebt mein Herz in Wonnen hin
Durch fremde, nie geahnte Pracht;
Ob ich im Traum, im Wachen bin,
Wer sagt mir das in solcher Nacht?

Wie ist mein Himmel sternenvoll,
Wie ist mein Leben berreich;
Und wenn ich morgen scheitern soll,
Den ew'gen Gttern bin ich gleich!

Abermals sprach whrend des Zwischenspiels Frederic Warner zu der Gesellschaft:
    Sollte man es fr mglich halten, da ein Tor sich dergestalt seiner
Torheit rhmen knne? Ich bitte Sie! Es ist nur gut, da der Ozean nicht mit
sich spielen lt und Trumer hinunterreit zu den Nixen, Sirenen und andern
Wasserweibern. Hier ist eine andere Weise:

In sonniger Jugend fuhr ich hinaus,
Wie blitzte das Meer, wie flammte der Mut!
Viel gute Gesellen fhrt ich hinaus,
Die hielten das Schiff mir in wackerer Hut.

Die Flagge der Liebe wehte vom Mast.
Es lenkte die Hoffnung das Steuer recht;
Im Raume barg sich manch kstliche Last,
Zu gut war kein Wind, und kein Wind war zu schlecht.

Fein blank war das Schifflein, die Segel stark,
Furchtlos war das Herz, das Auge war klar;
An jeglicher Kste flaggte die Bark,
Gefeit war sie gegen jede Gefahr.

Der Snger griff immer wilder in die Tasten; die Stimmung der Gesellschaft hatte
sich ganz und gar gendert; man war verwundert, man sah sich an; nur Leon von
Poppen konnte sich gelangweilt-lchelnd zu Eva Dornbluth beugen und fragen:
    Was hat meine Knigin? Eh, eigentmlich hinterwldlerisches Gebaren dieses
Fremdlings - was? Originell, urwldlerisch, urtmlich - eh?!
    Wirklich mit der Handbewegung einer Knigin wies Eva den Schwtzer zurck,
und mit derselben Handbewegung schien sie alle die andern Herren und Damen in
eine unendliche Entfernung zurckzuweisen; ihre Augen flammten, ihre Lippen
waren zusammengepret; wieder klang wild und trotzig des Amerikaners Stimme:

So hab ich geschlafen beim wilden Orkan
Und Mondscheinnchte in Sorgen durchwacht,
Und Freuden und Leiden und Kampf bot die Bahn,
Doch nun hab die Fahrt ich zum Ende gebracht.

Jetzt breiten die Nebel sich ber dem Meer,
Herab sanken Flagge und Segel zerfetzt;
Zerbrochen das Steuer! So treib ich einher
Und sinke im lustigen Tanze zuletzt.

Viel besser, zu sinken im lustigen Wehn,
Als liegen und faulen und modern am Strand;
Viel besser, im Sturme zu Grunde zu gehn,
Als langsam verkommen, versinken im Sand!

Und damit stie der Snger aufspringend den Sessel zurck; durch den Beifallsruf
der Gesellschaft klang ein heller Schrei aus dem Munde Eva Dornbluths:
    Fritz! Fritz! O hre mich, ehe du gehst!
    Die Anwesenden standen sprachlos; die Hnde, die eben noch bereit waren,
ineinanderzuklatschen, sanken nieder; dem Baron von Poppen fiel das Glas aus dem
Auge und die Unterlippe herab, als seine chre amie seinem cher Amricain die
Hnde entgegenstreckte, verlangend, fordernd und bittend.
    Der Fremde aber fate das Handgelenk Evas mit eisernem Griff:
    So hast du mich zuletzt doch kennen mssen?!
    Ich bitte die anwesenden Damen und Herren, die ntige Ruhe zu bewahren,
lispelte Leon. Frulein Eva, wer ist dieser amerikanische Herr? Bitte, Coralie,
lassen Sie meinen Arm los.
    Und der unglckliche junge Mann versuchte vergeblich, von neuem das
Glasstck vor das schwimmende Auge zu klemmen.
    Lieber Baron, wandte sich der Amerikaner an den Verblfften, verzeihen
Sie, da ich auer dem von Ihnen gekannten Namen noch einen zweiten trage. Meine
Herren und Damen, meine harmlose Persnlichkeit soll Ihnen kein Rtsel sein. Ich
habe die Ehre, mich Ihnen hiermit von neuem vorzustellen: Friedrich Wolf aus
Poppenhagen im Winzelwalde, alias Frederic Warner, Adoptivsohn von weiland Josua
Jedidjah Warner von Jubilee Farm, Staat Louisiana - Komdiant, Pedlar,
Pelzjger, Farmer, Reisender in Washington Irvings Manier und so weiter und so
weiter. Ich bitte die Gesellschaft, sich durch das kleine Intermezzo nicht
stren zu lassen.
    Er warf die schmerzende Hand Evas von sich und flsterte ihr finster drohend
zu:
    Nachher!
    Leon von Poppen gab es auf, das Glas vor dem Auge zu befestigen, und sein
geistiger Blick war nicht heller als sein krperlicher. Matt sank er auf einen
Stuhl und hauchte:
    Das schlgt alles! Noch ein Wolf aus Poppenhagen? Recht patriarchalisches
Verhltnis, alle meine Vasallen sammeln sich kindlich um meine Knie. Frulein
Eva, ich lege meine teuersten Prtensionen nieder zu Ihren himmlischen Fen -
gegen das Schicksal kann niemand. Mille remercments, Coralie; hier, nehmen Sie
Ihr Riechflschchen zurck. Der Himmel segne Ihre knftigen Schritte, Eva, und
mache Sie so glcklich, wie - Sie mich gemacht haben. Es ist zum Rasendwerden!
Coralie, wenn Ihr Busen das winzigste Fnkchen Mitleid hegt, so nehmen Sie mich
mit nach Hause. Ich fhle mich zu angegriffen, um an dem Jubel ber dieses
interessante, dieses berraschende - glckliche Wiedersehen ferner teilnehmen zu
knnen. Meine Komplimente an den Herrn Bruder, Mister Warner oder Wolf oder
Josua oder - ah diable, Ihren Arm, Coralie!
    Ironisch nahm der Amerikaner ein Licht von der Tafel und leuchtete dem
abziehenden Baron zur Tr. Mit einer Verbeugung sagte er:
    Mit Vergngen zu Ihrem Dienst bereit, Herr von Poppen! Htel des Princes,
wie Sie wissen.
    Merci, ich schiee mich nicht fr ein Weib.
    All right! sagte der Amerikaner kalt, ganz meine Ansicht - gute Nacht,
lieber Baron - nehmen Sie sich auf der Treppe in acht. Schlafen Sie wohl,
Coralie!
    Die Tnzerin drohte schalkhaft ber die Schulter mit dem Fcher: Verrter!
    Blamiert! Inkommensurabel blamiert! seufzte auf der Treppe in der Tiefe
seiner Seele Leon Freiherr von Poppen. Seine Seele war aber nicht tief genug, so
da der Seufzer an die Oberflche aufstieg wie eine Blase aus dem Teich,
zerplatzte und der mitleidigen Coralie ein erbarmungsvolles Achselzucken
ablockte.
    Mr. Frederic Warner oder, wie wir ihn jetzt nennen knnen, Fritz Wolf trat
zu der Gesellschaft zurck; doch in dieser war die Lebendigkeit auf den
Nullpunkt herabgesunken, einer nach dem andern nahm Abschied von der stummen
Eva, und bald fanden sich die beiden Leute aus dem Winzelwalde allein neben der
Tafel, auf welcher die Lichter tief herabgebrannt waren, allein inmitten der
unbehaglichen Unordnung, die in einem Gemach nach dem Aufbruch einer grern
lustigen Gesellschaft herrscht.

                                Neuntes Kapitel



  Die Sterne Eva Dornbluths. Was sie sagten, wie man ihnen folgte und wozu sie
                                    fhrten

Mit untergeschlagenen Armen stand Friedrich Wolf inmitten dieser Verwirrung, im
Duft von feinen Wohlgerchen, Speisen, Wein und Havannazigarren. Vollstndig war
das Lcheln jetzt aus seinen Zgen verschwunden, es hatte schmerzhafter
Bitterkeit Platz gemacht, und Eva Dornbluth blickte nicht scheu, aber doch
angsthaft zu dem so traurigen, mnnlichen Gesicht von ihrem Sessel auf. Aber
vergeblich wartete sie, da der Mann zuerst das bedrckende Schweigen breche.
    Sie konnte endlich die Stille nicht mehr ertragen und erhob sich zuletzt,
trat auf den Amerikaner zu, legte ihm sanft die Hand auf den Arm und bat mit
zitternder Stimme:
    O sprechen Sie zu mir, Fritz! Ich werde anfangen, mich zu frchten, wenn
Sie dieses Schweigen nicht brechen.
    Was soll ich sagen, Eva? seufzte endlich Friedrich Wolf. Ich knnte um
Verzeihung bitten wegen meines unberufenen Eindringens in Ihren jetzigen
Lebenskreis. Ich sehe nicht ab, welches Recht mir gegeben wre, mit Ihnen zu
hadern. Ich habe kein Recht mehr an Sie, Eva. Ich habe nicht einmal mehr das
Recht, Schmerz zu empfinden ber das, was ich gefunden habe.
    Sie sind sehr hart, Fritz. Oh, es liegt eine grausame Krnkung in Ihren
Worten. In ein Wort fassen Sie tausend Vorwrfe zusammen.
    Ja, ich bin toll! Ein Wahnsinniger bin ich! rief der Amerikaner wild. Oh,
das Geschick, das Geschick! Ich habe mein Schicksal gehabt, Ihnen ist das Ihrige
zuteil geworden. Die Leute sagen, mir sei das Glck recht gnstig gewesen; -
ach, in welchen Abgrund strzt mich diese Stunde! Weh uns beiden, Eva, da wir
den dunkeln Heimatswald verlieen - verlassen muten. Falsch sind die Sterne
gewesen, die uns lockten und verlockten. Wie arm und enttuscht findet uns die
heutige Stunde.
    Wollen Sie mein Geschick hren, Fritz? fragte demtig bittend Eva. Ihre
Augen hatten ganz und gar die herausfordernde Siegesgewiheit verloren; schnell
und bang schlug das stolze Herz und suchte sich nur zu rechtfertigen vor diesem
Mann, der so pltzlich, einem Richter gleich, in den Festsaal des Lebens
getreten war.
    Friedrich neigte das Haupt der Frage.
    Ich will hren, sagte er und wollte sich eben niederlassen, als Eva seinen
Arm fate und, wie erschreckt, rief:
    Nicht hier, nicht hier! Kommen Sie, Fritz. Was ich zu sagen habe, will und
kann ich nicht in diesem Raume erzhlen.
    Sie zog ihn mit sich fort durch ein ebenso glnzend wie das Speisezimmer
ausgestattetes Gemach; dann ffnete sie eine verschlossene Tr, lie ihn
eintreten in einen kalten, dunkeln Raum und schlo die Tr sogleich wieder.
    Stehen Sie still, Fritz; es soll sogleich Licht werden! rief sie
schluchzend, und Friedrich stand verwundert, wartend in der kalten Finsternis.
Er vernahm, wie Eva umhertastete; dann hrte er Stahl auf den Feuerstein
schlagen, sah die Funken springen und bei dem roten, schnellen Licht der Funken
das schne Gesicht der Jugendfreundin aus der Nacht auftauchen und wieder
versinken, bis ein Schwefelfaden fing und eine kleine schlechte Lampe von Blech
das Gemach erhellte.
    Hoch hob Eva Dornbluth diese Lampe und beleuchtete die vier nackten Wnde
dieser Kammer, ein rmliches Bett, ein Tischchen von schlechtem Holz und die
beiden ebenso einfachen Sthle. Ein grerer Kontrast gegen den Luxus der
brigen Rume lie sich nicht leicht vorstellen. Unbewut hatte das Mdchen aus
dem Walde jenem Kanzler nachgeahmt, welcher in einem verborgenen Gemach das
Bettlergewand und den Bettelsack und -stab seiner Jugend aufbewahrte.
    Sie sind der erste Mann, welcher diesen Raum betritt, sagte Eva, die
Blechlampe wieder niedersetzend. Hier in dieser Armut darf ich zu Ihnen reden
wie unter den Tannen unseres Waldes, wie unter dem Dach meines Vaters. Hier bin
ich die wahre Eva Dornbluth, und hinter jener Tr liegt alles, was Sie an mir
glauben verachten zu drfen. Hier darf ich Ihnen die Hand bieten und, ohne die
Augen niederschlagen zu mssen, sagen: Sei willkommen, Fritz Wolf; in Schmerzen
habe ich auf dich gewartet; Gott gr dich, Fritz; ich wute wohl, da du
endlich doch kommen wrdest.
    Eva! rief Friedrich Wolf mchtig bewegt; aber das Mdchen winkte ihm mit
der kniglichen Hand, zu schweigen, und sprach selbst weiter:
    In den Rumen hinter jener Tr hattest du das Recht, nach meinem Leben zu
fragen; in diesem Raume antworte ich dir darauf; hier in dieser armen Kammer
mut aber auch du mir Rechenschaft geben ber dich, wie deinem Gewissen. In
jenen Rumen kmpfe ich mit der Welt, und dieser Raum gibt mir Kraft, sie zu
besiegen und zu beherrschen. Es sind bse Gewalten, mit denen ich hinter jener
Tr zu tun habe; aber ich habe mutig den Kampf mit ihnen aufgenommen und bis
jetzt glcklich durchgefhrt. Sie sollen Eva Dornbluth nicht zu sich
herabziehen, sie ist ihnen zu stark! Oh, Fritz, auch unser Heimatswald, die
Dunkelheit, die Armut und die Unwissenheit haben ihre geistttende Macht, und
der Armut, dem Mangel und der Unwissenheit wre ich erlegen, whrend ich hier
Siegerin bleiben konnte und immer bleiben werde.
    Rede weiter! sagte Friedrich. Seine Stimme war nicht mehr hart wie vorhin;
sie rang sich mhsam aus tiefster Brust hervor. Der winzige Raum um ihn her
dehnte sich zu einer weiten, feierlichen Tempelhalle aus, und die Jugendfreundin
stand darin wie die schne, stolze und doch demtige Priesterin der weiblichen
Ehre.
    Was ich zu sagen habe, ist nicht in kurze Worte zu fassen, fuhr Eva fort.
Setze dich dort auf den Stuhl, Lieber, und hre.
    Friedrich nickte wie im Traum und zog einen Stuhl an den kleinen Tisch, auf
welchem die Lampe stand. Eva lie sich am Rande ihres Lagers nieder und begann:
    Du warst ein hlicher, verwilderter Knabe, Fritz vom Eulenbruch, der
schlimmste der roten Wlfe - rothaarig, zerlumpt, sonnverbrannt und schmutzig!
Wenn ein Kind, schwcher als du, oder ein armes Tier in deine Hand fiel, so
hattest du deine Lust daran, das eine bis aufs Blut zu peinigen, das andere zu
Tode zu qulen. Du warst selber zu einem verwahrlosten, boshaften Tier in dem
Walde geworden, und ich, viel jnger wie du, traf auf dich, und wie du es mit
den andern gemacht hattest, so wolltest du es auch mit mir machen. Du necktest,
schimpftest, hhntest, schlugst mich, wo du mir begegnetest, wo du mich fassen
konntest; aber ich war so wild und trotzig wie du, weinte nicht wie die andern
und vergalt dir nach Krften Bses mit Bsem. Oh, ich bersah dich bald; - denn
du glaubst nicht, Fritz, wie schnell das innere Auge des Weibes sich schrft.
Ich kannte deine Leidenschaften und die Art, wie sie sich Bahn brachen. Ich
wute immer im voraus, was du sagen und tun, wie du dich gebrden wrdest in
jedem gegebenen Augenblicke. Darin lag meine Macht ber dich, und schlau
benutzte ich dieses geistige bergewicht, und du fielst in manches Unheil,
manche Strafe, ohne da du httest sagen knnen, wie das kam. Zugleich hatte ich
aber doch einen gewissen Respekt vor deiner rohen Krperkraft, deiner tollkhnen
Verwegenheit, welche dich kopfber in jede Gefahr strzte. Ich habe immer den
Mut und die Kraft geliebt, und wrest du nicht so stark und so tapfer gewesen,
ich htte nicht so leidenschaftlich gestrebt, dich zu berlisten. Wir waren zwei
Gegner, die sich jedesmal verbndeten und fest zusammenhielten, wenn Dritte
zwischen sie oder ihnen entgegen treten wollten. Weit du wohl noch, Fritz, auf
welche Weise sich endlich der kindische Ha in das Gegenteil verwandelte? Ich
stie dich in der hellen Wut vom Steg den Kaiserstein hinab, und du wurdest
halbtot, mit zerschlagenen Gliedern, blutrnstig, mitten im Walde gefunden. Auf
den Tod lagst du, aber keine Macht konnte dich zwingen zu gestehen, wie das
Unglck gekommen war. Du logst selbst in deinen Fieberphantasien, und ich
horchte am Fenster und an der Tr, und mein junges Herz wurde von Qualen
zerrissen, wie nimmer vor- und nachher. Wie eine Verrckte war ich, und wenn sie
mich aus deiner Nhe fortjagten, lief ich in den Wald hinaus und schrie mit
heller, jammervoller Stimme unter den Tannen: Ich war's! Ich bin's gewesen!
Schlagt mir den Kopf ab; ich hab ihn vom Fels gestrzt! - Endlich kamst du
bleich und mager in das Leben zurck. Man trug dich zum erstenmal wieder in die
Sonne, und ich stand verweint von ferne -
    Und ich sah dich, rief der Amerikaner in hchster Bewegung. Im Fieber
hatte ich nur dich gesehen; doch nicht so wie die wilde Katze, welche du in der
Wirklichkeit warst. Ganz anders sah ich dich, und so sah ich dich auch, als ich
in der Sonne sa, und starrte nach dir hinber und -
    Ich kroch geduckt, schluchzend, da es mir fast das Herz abstie, heran.
Wie schlug das Herz mir, als ich den grten Schatz, den ich damals auf Erden
besa, eine alte zerzauste Puppe, welche sich vom Poppenhofe zu mir verloren
hatte, dir vor die Fe warf. Wie schnell entfloh ich dann sogleich wieder, um
von neuem aus einem Versteck nach dir hinberzusehen! Als die Sonne entwich,
trug man dich in das Pastorenhaus, wo du seit dem Unglck dein Krankenlager
gehabt hattest, zurck, und die Puppe blieb neben der Bank liegen. In der Nacht
stahl ich mich aus dem Bett, holte sie und trug sie auf die Schwelle des
Pfarrhauses. Fest schlo ich das Ding in den Arm und schlief nach langem
bitterlichem Weinen auf den Stufen ein.
    Der Nachtwchter fand dich auf dem kalten Lager, wie du im Traum ngstlich
meinen Namen riefest, sagte der Amerikaner. Er weckte verwundert deinen Vater,
und da gestandest du mitten in der Nacht deine Schuld an meinem verbundenen
Kopf.
    Und am folgenden Morgen wurde ich vor dein Bett gebracht vom Vater, und
wenig htte gefehlt, da der alte Stolz von neuem wach geworden wre in meiner
Seele; aber die Kraft war gebrochen, der Trotz verwandelte sich wiederum in
Weinen, und als du mir aus den Kissen die magere Hand reichtest, da, da -
    Da war aus der wilden Eva Dornbluth eine gar sanfte Eva geworden!
    Nur gegen dich, Fritz vom Eulenbruch! Nur gegen dich! Gegen alle andern
blieb ich dieselbe. Ja, grade weil ich dich liebte, war ich nun um so trotziger
gegen alle die brigen.
    Von nun an teilten wir das Leben, das uns im Walde gegeben war, miteinander
und hingen zusammen wie die Kletten. Wir waren das tollste Paar Rangen, welches
jemals einer Gemeinde zur Last wurde. Gott segne den guten alten Pastor Tanne,
den philanthropischen Weisen. Er hatte es gut mit uns im Sinn; wenn auch seine
Marotte, berall groe Talente zu entdecken, ihre bedenklichen Seiten hatte.
Talente entdeckte er in mir und in dir, Eva -
    Und zuletzt in deinem Bruder Robert.
    Davon spter. Du weit, wie der Alte sich unserer annahm, seine Bcher vor
uns aufschlug.
    Ich habe mancherlei Seltsames gelernt und die Nase in Dinge gesteckt, die
sonst auch hhergeborenen Mdchen verborgen bleiben. Latein und Mathematik -
    Ich habe nur gelernt, da die Welt erst hinter dem Walde, jenseits der
Berge beginne und da man in unserm Tal nicht lebe, sondern nur vegetiere. Doch
erzhle weiter; meine Stirn brennt; - nachher ist die Reihe an mir.
    Eva Dornbluth seufzte tief und fuhr in ihrer Erzhlung fort:
    Du hieltest es bei dem Pastor nicht aus wie der arme Robert; du mutest zu
deinem Vater, zu deiner Bchse und Axt zurck. Dann entliefst du ganz, und ich
wute darum. Du versprachest, auch fr mich mit, das Zauberland, welches
jenseits unserer Berge lag, zu erkunden und mchtig und reich heimzukehren, mich
zu holen und mit dir genieen zu lassen. Ich wartete und lernte. Der Vater
lehrte mich die Musik, das Spiel der Orgel. Ich begleitete an seiner Stelle den
Gesang der Dorfleute in der Kirche, denn er wurde allmhlich zu schwach dazu. In
der Studierstube des Pfarrers sa ich dann mit Robert zusammen. An dem hatte der
Alte wiederum ein Talent entdeckt, und diesmal war es ein wirkliches. Ich mute
ihm nun mit Lehrerin sein; denn der Alte ward auch allmhlich mde vom Leben und
sa am liebsten stundenlang auf dem Kirchhofe neben den Grbern seiner Frau und
seiner Kinder. Ich mute mit deinem Bruder dasselbe Lexikon und dieselbe
Grammatik gebrauchen; doch der Schler bertraf bald die Lehrerin; aber die
Lehrerin war eine Jungfrau geworden, und vertieft in ein anderes Sehnen, merkte
sie nicht, da der Knabe ber die Bcher weg die Studiengenossin mit Blicken
ansah, welche sie nicht htte dulden sollen. Als mir klar wurde, was in Robert
vorging, da war das Unglck bereits geschehen und ihm in keiner Weise mehr zu
wehren. Vergeblich war's nun, da ich die Stunden bei dem Alten ganz aufgab und
nicht mehr unter die Esche kam. Vergeblich war alles gesprochen, was ich deinem
Bruder sagte. Er war verblendet bis zum uersten, und ich konnte mir und ihm
auf keine Weise helfen. Obgleich ganz dein Gegenteil, Fritz, so hat dein Bruder
doch ein gut Stck deiner Hartnckigkeit zum Erbteil mitbekommen. Weder durch
Vorstellungen noch durch Drohungen noch durch geheuchelte Verachtung konnte ich
ihn von mir treiben. Ach, und dazu lag die Sorge um dich so schwer auf mir! Ich
war lter geworden, verstndiger und klger. Mit Schrecken sah ich ein, was du
in jugendlicher Unwissenheit und jugendlichem Leichtsinn gewagt hattest. So wie
wir sie uns kinderhaft getrumt hatten, war die Welt jenseits der Berge nicht
beschaffen. Nun war es lange zu spt, dich zurckzurufen. O was habe ich
gelitten in dem Gedanken, du seiest untergegangen und verloren in der weiten
Welt. Wie konnte es anders sein? Das falsche, harte Leben mute dich, den
unwissenden, starrkpfigen Knaben, zerbrechen und verschlingen. Wie manche Nacht
habe ich bitter durchwacht und durchweint, wenn der Sturm an meinen Fensterladen
rttelte oder zwischen den Bergen heulte und den Schnee umwirbelte und
huserhoch die Wege verschttete. Durch den Sturm glaubte ich dann klagende Rufe
zu vernehmen; du schriest nach mir, und ich fuhr in die Hhe und schrie selber
in grausamster Angst. Und dann wieder - wie oft habe ich auf der Hhe des Weges
in der heien Sonne gestanden und im trichten Hoffen auf dich gewartet. Dann
hatte ich wohl unterwegs ein Krbchen oder ein Klettenblatt voll Erdbeeren
gepflckt, die hielt ich dann in der Hand, und die andere Hand hielt ich ber
die Augen und blickte die staubige Strae entlang und dachte und trumte: Oh,
wenn er jetzt kme, durstig und bestaubt, mde und traurig! Ach, wie sollte er
ausruhen an meinem Herzen! Das Krbchen mit den roten duftenden Frchten und
mein Herz hielt ich fr dich bereit; aber du kamst nicht, wie lange ich auch
ausschauen mochte von der Hhe, den Windungen der Strae nach, bis in die
weiteste Ferne. Du kamst nicht! Und wie ich mein Herz keinem andern gnnte, so
gnnte ich auch die Beeren niemandem: ich warf sie in das Wildwasser und sah
weinend zu, wie sie lustig bergab von dannen tanzten, und zum Tode bengstigt,
schritt ich durch den Wald. Der Pastor Tanne starb, und mein Vater starb auch.
Ich nhete fr die Bauerweiber; aber ich war ganz verlassen und wute nicht, was
ich beginnen sollte. Es war mir immer, als msse ich hinter dir her, du
verlorener Freund, in die Welt ziehen. Da brachte die Baronin von Poppen einmal
wieder einen Sommer auf dem Poppenhof zu, und ihr Sohn Leon kam ebenfalls dahin.
Ich sah da ein Mittel, mich zu befreien aus der Einsamkeit, aus diesem engen
Tale, dessen Luft mir jetzt so erstickend schien. Den jungen Baron achtete ich
nicht eines Hauches; aber ich wehrte mich nicht, als seine Mutter Gefallen an
mir fand und mir vorschlug, mit ihr meine Heimat zu verlassen. Auch die Dame
gefiel mir wenig; doch ich war in einer Art stumpfer Verzweiflung, einer
fieberhaften Unruhe, welche mir jede Hlfe zu einem Segen Gottes machte. Ich
ging mit der Baronin Viktorine, und sie behandelte mich etwas besser wie ihre
Kammerfrau. Du scheinst den Herrn Leon zu kennen, Friedrich; er ist keine
gefhrliche Persnlichkeit; ich machte ihn vollstndig zu meinem Diener und
benutzte ihn, die apathische Tyrannei seiner Mutter so bald als mglich
abzuwerfen; mein Weg, der Weg eines armen, schutzlosen Mdchens, ging durch
Wildnisse, die viel gefahrvoller waren und mehr Mhen und Sorgen verbargen, als
je eine deiner amerikanischen Wsten, Fritz Wolf. Aber ich sah nach den Sternen,
dachte an dich, schrzte mein Gewand und schritt mutig in das Leben hinein, dir
nach, Fritz Wolf. Die schmutzigen Wasser muten meinen Saum beflecken; aber
meine Seele und mein Leib sind rein geblieben. Dem Schein des Bsen konnte ich
nicht entgehen; aber das Bse selbst durfte mich nicht berhren. Ich bin ich
selbst geblieben in allen Verhltnissen, welche meine Laufbahn mit sich brachte.
Durch den Baron ward es mir leicht gemacht, mein Glck auf den Brettern zu
versuchen; ich gefiel halbwegs; aber ich wei es recht gut, da nur mein ueres
schuld daran hat. Recht einsam und verlassen war ich mitten im Lrm der Welt und
dann am traurigsten, wenn ich am ausgelassensten zu sein schien. Sieh, Fritz,
ich bin doch ein tapferes Mdchen und habe nicht an meinem Stern gezweifelt,
obgleich ich nie eine Nachricht von dir erhielt. Ich wute, da du lebtest. Ach,
ich htte es gewi gefhlt, wenn du gestorben wrest. Ich habe auch viel Glck
gehabt, und es ist mir gut gegangen; ich habe so selten wie mglich geweint,
sondern habe immer die Locken aus der Stirn gestrichen, nach den Sternen gesehen
und mich nicht von dem abbringen lassen, was gut, recht und ehrlich ist. Gelernt
habe ich nach Krften und dabei gedacht: wenn er kommt, soll er mit mir
zufrieden sein, soll er finden, da ich an Bildung keinem Weibe auf Erden
nachstehe. Aber wrst du zurckgekommen, treu und roh, wie du gingst, so wrde
ich auch Bildung, Wissen und alles das von mir geworfen haben deinetwegen, wie
einst die roten Beeren in das Wildwasser. Alles, was mein in mir ist, habe ich
nur dir erworben und fr dich aufgehoben. Sei ein milder Richter meines Lebens!
- Der grte Schmerz ist mir zuteil geworden, als dein Bruder neulich mir
nachkam und pltzlich vor mir erschien. Auch ihn tuschte der Schein, auch ihm
erschien ich, wie so manchem andern, als eine Verlorene. Er war gar wild und
unbndig - ganz wie du, Fritz, in frherer Zeit. Die Begegnung htte mir fast
den Tod gebracht. Der arme Junge! Sein Schicksal hat mir schwer auf der Seele
gelastet, obgleich der Baron mir auf seine Ehre versicherte, es sei aufs beste
fr ihn gesorgt und er sei nach der Heimat zurckgekehrt. Ich habe dahin an den
jetzigen Pastor geschrieben und Geld geschickt, aber noch keine Nachricht
erhalten.
    Gelogen hat der Baron von Poppen, rief Fritz Wolf. Der arme Robert ist
arg mihandelt worden; heute abend erst habe ich erfahren, da er in dieser
Stadt ist und was er dulden mute.
    Was ist ihm geschehen, was hat man ihm getan? rief Eva mit zornig
flammenden Augen.
    Sie haben den armen Teufel eingesteckt. Ich kann mir ganz und gar
vorstellen, wie verloren er gewesen ist in diesem Gewirr. Hab ich doch hnliches
durchgemacht. Nun scheint er in guten Hnden zu sein. O Eva, liebe, liebe Eva,
auch er hat den harten Kampf mit dem Leben, den wir gekmpft haben, jetzt
begonnen.
    Der Amerikaner fate die Hand der Jugendfreundin und drckte sie an die
heien Lippen:
    Sei gesegnet fr alles, was du mir gesagt hast, sei gesegnet, meine Se,
meine Stolze, du einzige Eva Dornbluth! Ja, du hast den hrtesten Kampf gekmpft
und den stolzesten Sieg erstritten, und vertauscht sind die Rollen zwischen uns
- ich mu mich verteidigen, und du mut richten, meine Tapfere, Treue, Liebe.
    Du sagst liebe Eva! rief das Mdchen, wie auer sich. Dank Gott, o habe
Dank, Fritz! Du willst mir glauben, da ich deiner noch immer wrdig bin? O
Fritz, sag es mir; nimm mich an dein Herz, la mich nicht mehr allein in der
Welt, es ist so schrecklich, allein zu sein. Es ist so schwer, die rechten
Sterne zu erkennen, wenn man kein helfendes Herz zur Seite hat. O Fritz, weshalb
hast du mich so lange, lange allein gelassen; du bist mir viel Liebe schuldig.
Sei gesegnet, da du endlich doch gekommen bist. Ich habe in machtlosem
Schweigen und mit lchelndem Munde soviel lauten und verborgenen Hohn und so
viele Demtigungen ertragen mssen. O Fritz, gedenke immer daran, wenn du einmal
zornig ber mich werden willst. Sei willkommen und gib mir Liebe und Schutz,
mein wilder Wolf aus dem Winzelwalde!
    Die kleine Lampe war dem Ausgehen nahe, und man konnte also die Trnen in
Friedrichs Augen nicht sehen. Stumm hielt er die Geliebte an seiner Brust. Die
Sterne Eva Dornbluths hatten doch guten Schein gegeben.

                                Zehntes Kapitel



Die Sterne Friedrich Wolfs aus Poppenhagen. Ein Stein des Anstoes wird aus dem
                           Wege gerumt. Westward ho!

Die Lampe flammte noch einmal auf und erlosch. Friedrich Wolf aus Poppenhagen
rief:
    Wie du zitterst, Mdchen! Es ist so kalt hier. Komm fort aus dieser
Dunkelheit; komm wieder in dein hbsches, heiteres Reich; dort wie hier bleibst
du meine se, meine tapfere Eva. Ich bitte dich, stoe du mich nicht von dir,
du bist viel besser als ich. Weh mir, da ich es wagte, Rechenschaft von dir zu
fordern. Willst du mir verzeihen?
    Was wre ich ohne dich? flsterte Eva, das Gesicht an der Brust des
Freundes verbergend. Nimm mich. Ich bin ganz dein und ohne dich nichts.
    Sie lie sich von dem Freunde in das warme Gemach zurckfhren. Hier hatte
die junge Magd aufgerumt, die Unordnung und der Dunst waren verschwunden, eine
schne Lampe mit mattgeschliffener Kristallkuppel brannte auf dem runden Tisch
vor dem Diwan. Die Magd machte sich noch zu schaffen im Zimmer und sah
verstohlen neugierig auf den Fremden. Eva nahm sie an der Hand und fhrte sie zu
Fritz:
    Sieh, das ist meine gute Marie. Ich habe ihr viel zu danken. Sie ist mir
die treueste Freundin gewesen.
    Die Kleine warf ihr keckes Stumpfnschen in die Hhe:
    Also Sie sind der vortreffliche Herr, welcher uns soviel Sorgen und
schlaflose Nchte gemacht hat? Angenehme Bekanntschaft. Sind Sie endlich doch
noch gekommen? Wenn ich in der Stelle meines Fruleins wre -
    Oh, Marie, sprich nicht so, sagte Eva. Du freust dich doch mit mir!
    Das ist es ja eben, was mich rgert, rief die Kleine; das mutige Nschen
senkte sich, die hbsche Schrze fuhr nach den noch hbschern Augen; dann drehte
sich Marie auf den Hacken, fuhr blitzschnell aus der Tr, brach drauen in ein
helles Weinen aus und lachte noch heller dazwischen. Sie sa den ganzen Abend im
Winkel und erschien erst ganz spt wieder mit beraus buntgefrbtem Gesichtchen;
weshalb hielt die Schrze auch nicht Farbe?
    Das Kind war ebenso verlassen wie ich; wir haben uns treu
aneinandergeschlossen, sagte Eva. Doch nun komm, komm. Die Reihe, zu erzhlen,
ist jetzt an dir, Fritz. Sage nun, wie du das Leben berwunden und dich zu
dieser glcklichen Stunde durchgerungen hast.
    Sie zog ihn zu dem Diwan, strich ihm lchelnd die Locken von der Stirn,
kte ihn und sagte:
    Ich horche mit ganzer Seele.
    Darauf begann der Amerikaner seinen Bericht:
    Du hast ganz recht; ich habe mehr Anlage, ein Taugenichts zu werden, auf
den Weg mitbekommen als irgendeiner unserer Poppenhagener Altersgenossen. Einen
tollen, eigensinnigen Kopf trage ich auf den Schultern, und mein Sinn ist von
Eisen wie mein Krper. ber alles das hast du, Eva, einzig und allein Gewalt
erlangt. Du bist das einzige Wesen gewesen, welches ich frchtete und deshalb
mit knabenhafter Roheit mihandelte. Du hast mich zu deinem Sklaven gemacht,
dich habe ich geliebt, dich liebe ich. Von unserer Jugend brauche ich nicht mehr
zu sprechen, denn du hast das singende, klingende Mrchen derselben schon selber
erzhlt. Oft hab ich in der fremden Wildnis, auf dem Meer, in dem Lrm der
groen transatlantischen Stdte Gelegenheit und ein stilles Fleckchen gesucht,
um die Augen zuzudrcken und den Winzelwald, die Htten von Poppenhagen samt
ihren Bewohnern und die Knigin von allen, das kleine Mdchen Eva Dornbluth,
aufsteigen zu lassen. In der Nacht, in welcher ich in die weite Welt hinauslief,
beginnt meine Erzhlung. Auf der Bergspitze, von welcher man den letzten Blick
in das Tal von Poppenhagen werfen kann, hielt ich zuerst an vom Lauf. Die
Strae, der Wald und die Hhen leuchteten im weien Mondlicht, unten aus der
Tiefe, wo das Dorf lag, funkelte ein einziges Licht; ich wute, es leuchtete von
dem Sarge des Schulzensohnes, der zwei Tage vorher gestorben war. Obgleich ich
mit dem Verstorbenen gar nicht gut gestanden hatte, so peinigte dieses Licht
mich doch sehr und verwilderte mir das Herz, welches schon so schmerzhaft um
dich, Eva, schlug, noch viel mehr. Es machte mich unendlich traurig und fast
mutlos, so da meine Knie zitterten und ich beinahe umgekehrt wre. Aber der
Gedanke an das Gelchter des folgenden Tages trieb mir das Blut in die Wangen;
im vollen Lauf strzte ich fort, bergunter - die Heimat lag hinter mir, das Los
war geworfen. Ich war endlich in der weiten Welt; aber erst als der Morgen
anbrach, merkte ich, wie weit sie war, wie wst und verworren. Die ganze Nacht
rannte ich durch, bis die Sterne verblichen, der graue Schein ber die Berge
sich legte und in der Ferne die Hhne ihn ankrhten. Mit Aufgang der Sonne stand
ich auf der letzten Hhe des Gebirges, vor mir dehnte sich die Ebene mit ihren
Stdten und Drfern, die Ebene, welche ich bis dahin noch nicht gesehen, von
welcher ich keinen Begriff hatte. Ich setzte mich stumpfsinnig auf einen
Steinhaufen, legte mein kleines Bndel neben mich und starrte ratlos in die
unbekannte Weite. Ich war hungrig und durstig, ein bld-wildes Tier. Nach kurzer
Ruhe schlich ich die letzte Hhe hernieder und ein in das flache Land. Das
wenige Geld, was ich besa, war in den nchsten Tagen vertan; ich schlief unter
freiem Himmel, in Schuppen oder in Stllen, wie es kam. In einer leeren
Ziegelhtte, wo ich vor einem Sturm und der Nacht Schutz suchte, traf ich auf
die Leute, welche meine nchsten Schritte in der Welt lenken sollten. Als ich in
die Htte kroch, fand ich den unbehaglichen Raum bereits besetzt. Ein Hund fiel
mich mit wtendem Gebell an, und ein Weib kam ihm mit Hand und Mund bei dem
abwehrenden Angriff zu Hlfe. Aus der Tiefe der Dunkelheit deklamierte eine
uerst helle Mannesstimme mit hohem Pathos dem Vorgang ganz unangemessene
Herzensergsse Theklas von Friedland. Ich war mde, hungrig und zornig, so da
ich weder Hund noch Weib achtete, sondern sie berwltigte und in das Innere der
Htte, an welcher ich gewi ein ebenso gutes Recht hatte wie die zeitweiligen
Bewohner, eindrang. In einer Ecke glimmten einige Kohlen, und darauf zischte ein
Suppentopf. In einer andern Ecke stand ein Pierrotkasten; der Deklamator war der
Puppentheaterdirektor Joseph Leppel; die Dame war Julie Leppel, seine Gemahlin,
der Hund hie Zampa und konnte mehr als bellen; er war ein Knstler, und wir
wurden spter die besten Freunde. Nachdem ich den Eintritt in den schtzenden
Raum erzwungen hatte, whrend der Regen drauen niederrauschte, kam es zwischen
mir und der Familie Leppel zu einer Auseinandersetzung, und Signora Julia zeigte
sich als eine verstndige Dame, welche Vernunft annehmen konnte. Signor Joseph
lud mich zu der Suppe ein, und mein Appetit ergtzte die beiden guten Leute mehr
als den Hund, der an seinem Teil von der Mahlzeit betrchtlich durch den neuen
Mitesser verkrzt wurde. Nach der Mahlzeit, whrend ich im Halbschlaf in einem
Winkel mich zusammenrollte, fand eine lange flsternde Beratung zwischen dem
Ehepaar statt, und nachdem man am folgenden Morgen genau meine
Lebensverhltnisse erkundet hatte, legte man mir das Resultat der Beratung vor.
Der Direktor schien ein wenig engbrstig durch seine schwierige Stellung als
Dirigent und Aktor geworden und dazu sehr schlecht auf den Fen zu sein. Er
bedurfte, um den schweren Puppenkasten zu befrdern, eines jngern, krftigeren
Gehlfen. Einen solchen hatte er gehabt; aber am vergangenen Tage war ein Streit
um die Gage ausgebrochen, und der Helfer hatte in Ha und Zorn seinen Abschied
von der Gesellschaft genommen. Der Direktor verachtete ihn zwar, befand sich
aber doch in der allergrten Verlegenheit, und ich erschien ihm wie vom Himmel
gesendet. Mit Pathos hielt er mir eine Rede, in welcher er mir
auseinandersetzte, wie die Gtter mich begnstigten, indem sie mir durch seine -
Joseph Leppels - Hand das glnzende Reich der Kunst erschlssen. Ich solle nicht
zaudern und die Gtter erzrnen - sprach er -, ein Paar Stelzen, auf welchen der
Vorgnger ein dankbares Publikum entzckt habe, sei vorhanden, und seine - des
Redners - Frau werde mich mit Vergngen die hohe Kunst lehren, hoch ber den
Kpfen der Leute zu schreiten. Ich starrte den Mann eine geraume Zeit an; die
Signora malte mir grlich die Schrecklichkeit des Hungertodes und die
Frchterlichkeit der Polizei vor: ich nahm das Anerbieten an und war ein Gaukler
und Puppenspieler geworden, fast ohne zu wissen, wie das gekommen war. Die
Kunst, auf Stelzen zu tanzen, lernte ich leicht und schnell und brachte sie
binnen kurzem zu einer gewissen Vollkommenheit; es gefiel mir bald gar nicht
bel, so von der Hhe auf die staunenden Gesichter des Volks herabzusehen. Der
Puppenkasten war eine leichte Brde fr meine Schultern; mit Bequemlichkeit trug
ich ihn durch das Land und lernte ein gutes Stck Leben kennen. Mein Prinzipal
war ein merkwrdiger Mensch, ein Drittel gutmtiger Vagabund, ein Drittel
Spitzbube und ein Drittel Phantast. Er hatte ein eigentmliches Leben hinter
sich; von begterten Eltern geboren, hatte er gelehrte Schulen besucht; aber ein
bodenloser Leichtsinn hatte ihn zuletzt zu seiner jetzigen Lebensstellung
herabgebracht. Er hatte die fixe Idee, da er noch einmal Direktor eines
wirklichen Theaters werden msse, und er ist mir immer ein leuchtendes Beispiel
gewesen von der Macht solcher fixen Ideen und dem, was der Mensch dadurch
erreichen kann. Signor Leppel hat durchgesetzt, was er wollte, ist jetzt zu New
York Manager eines vielbesuchten Vorstadttheaters und auf dem Wege, ein reicher
Mann zu werden. Schon als ich mit ihm zusammentraf, trug er sich mit
Auswanderungsgedanken und machte von Zeit zu Zeit den Versuch, das Geld zur
berfahrt zu ersparen. Das hielt aber bei der Ungebundenheit seines
Lebenswandels uerst schwer, und ohne die Frau htten wir's auch nicht
fertiggebracht. Sie zeigte Charakter - in mancher Hinsicht sogar zuviel
Charakter; hier aber war es gut, da sie durchgriff. In kurzen zwei Jahren
hatten wir das Geld zur berfahrt zusammen und schifften uns in Bremen ein. Die
See bte einen eigentmlichen Einflu auf die Prinzipalin; das Stampfen,
Schaukeln und Rollen, das Kopfber-aus-den-Kojen-Poltern, das Salzwasser, die
Erbsen und das Pkelfleisch machten sie - zrtlich; sie klammerte sich nicht nur
bei Sturm und schlechtem Wetter, sondern auch bei totaler Windstille mit groer
Zutulichkeit an mich, und der Prinzipal sah das mit stillem Grimm. Auf dem Meer
wurde der Signor zu sehr von der Seekrankheit niedergehalten, um seinen Gefhlen
Luft machen zu knnen; aber sowie wir den Fu auf das feste Land setzten, brach
sein Zorn gegen mich los, und es half mir gar nichts, als ich ihm versicherte,
seine Gemahlin habe nicht die geringste Anziehungskraft fr mich und die
Zuneigung herrsche allein auf ihrer Seite. Die Eifersucht hatte ihre blutige
Saat gest, und in einer Strandschenke auf Long Island brach der alte ewige
Kampf um das Weib auch zwischen Joseph Leppel und Fritz Wolf los, und jeder von
beiden verlor Haare, trug blaue Flecke und zerrissene Jacken davon. Wir trennten
uns, indem der eine dem andern das bseste Los wnschte und die grlichsten
Segenswnsche nachschrie. Ich begann das Leben auf eigene Faust. Nur noch eine
kurze Zeit ging ich vor den Brgern der groen Republik auf Stelzen; aber da es
ihnen kein Vergngen machte, so hrte auch fr mich der Spa dabei auf; ich gab
das Geschft auf, wurde Zeitungsverkufer und schrie den Broadway auf und ab die
New Yorker Tribne aus. Dann wurde ich Snger bei einer Gesellschaft
nachgemachter Tiroler, und dann - ich hatte bei dem Signor Leppel doch viel
gelernt -, dann betrat ich die Bhne bei mehr als einer herumziehenden Truppe.
Dabei hatte ich das wenigste Glck, wurde furchtbar ausgezischt und legte mich
auf den Hausierhandel, der mich weit in das Innere des Landes fhrte, tief in
die groen Wlder. In dem Walde fhlte ich mich seit Jahren zum erstenmal wieder
so recht an meinem Platze. In den groen Wald gehrte der Knabe vom Eulenbruch.
Den Hausierkasten lie ich, wie ich den Puppenkasten gelassen hatte, griff nach
der Bchse und fand mich nun endlich auf der Bahn, fr welche die Natur mein
ganzes Wesen bestimmt hatte. Ein wildes, freies, stolzes Leben fhrte ich jetzt,
einsam oder im Kreise gleichgesinnter Genossen. Ich schlrfte die Lust des
Abenteurertums in vollen Zgen, und dazu wirkte der Zauber des einsamen Lebens,
wie ich sagen darf, veredelnd auf mich. Was das tolle, haltlose Treiben der
letzten Jahre mir an Gemeinheit aufgedrckt hatte, das streifte ich jetzt
allmhlich wieder von mir ab; ich wurde ein ganz anderer Mensch und schmte mich
mancher Stunde der Vergangenheit. Und wie mein Geist freier wurde, so sah ich
jetzt auch die Zeit meiner Jugend, die Verhltnisse meiner Heimat mit andern
Augen an. Dein Bild, Eva, tauchte zuerst aus dem wsten Nebel wieder auf, und
immer klarer, immer glnzender ward es wieder - in so weiter Ferne wurdest du
von neuem zum Stern meines Lebens. Bei allem, was ich tat, dachte ich, von
dieser Zeit an, an dich. Du warst zu jeder Stunde mein holder Schutzgeist. Ich
war arm, aber unbeschreiblich glcklich, als das Ereignis kam, welches mich zum
reichen Manne machte und welches mir den Namen gab, unter dem ich in dieser
Stadt aufgetreten bin. - Wir lagerten in der Wildnis zwischen dem Arkansas und
dem Canadian, unserer vier, ein alter Mann mit weiem Haar, Josua Warner, ein
Mann vom Stamm der Chactasindianer, ein Neger und ich selbst. Der alte Warner
war trotz seines Reichtums ein geschlagener Mann. Er hatte seine einzige Tochter
wider ihren Willen an den Sohn eines verstorbenen Freundes verheiratet. Durch
Verschwendung, leichtsinnige Spekulationen und Unachtsamkeit hatte Frank
Saint-Coeur das eigene Vermgen eingebt und den Schwiegervater beinahe mit in
das Verderben gezogen. Dann hatte er sich mit der Justiz berworfen, einen Mann
im Streit erschossen und war entflohen nach dem fernen Westen, nach Texas. Seine
arme Frau hatte er mit sich gefhrt, gleichsam als Geisel fr den Vater, den er
dadurch zu fernern Untersttzungen zwingen wollte. Nun folgte der verzweifelnde
Alte der Spur seines Kindes, welches er selbst in das Verderben gestrzt hatte,
indem er es in die Hand und Gewalt eines so rohen, harten Mannes, wie Frank
Saint-Coeur war, gab. Westward ho! Niemand hier im alten Lande begreift, was fr
ein Zauber in diesem Worte liegt. Legionen sind auf dem Wege nach dem Westen,
dem fernen, wilden Westen. Sie verlieren sich in der Unermelichkeit des Raumes.
Hier und da wird ein Feuerherd gebaut, und aus dem Schornstein eines rohen
Blockhauses kruselt der Rauch durch die Bltternacht des Urwaldes oder steigt
auf von dem Lagerfeuer inmitten der weiten Prrie. Haben die Ansiedler im Walde,
die Jger, die Emigranten auf der Ebene den Westen gefunden? Nein, nein! Immer
weiter mit Bchse und Axt, mit Karren und Wagen, mit Weib und Kind, zu Pferd und
zu Fu, immer weiter gen Westen - westward ho! Wo die Axt klingt, wo die Bchse
knallt, ist nicht mehr der wilde Westen; die vorschreitende Kultur hat nur ihre
Grenzen ein wenig hinausgerckt, und der wilde Westen ist ein wenig weiter vor
ihr zurckgewichen. Das Zauberland, ber welchem allabendlich die Sonne
untergeht, wo unbekannte majesttische Strme durch unbekannte Tler rollen, wo
unendliche Schtze offen und doch unerreichbar daliegen, bleibt immer in
derselben Ferne; das Sehnen nach ihm bleibt immer dasselbe. Weiter, weiter, ihr
Pioniere! Sie sind alle auf dem Marsche, Angelsachsen, Deutsche, Romanen und
Kelten; ein jeder hrt den Atem des Folgenden im Nacken und sputet sich auf
seinem pfadlosen Wege. Es soll da ein Goldland liegen - alte Sagen reden davon;
spanische Missionre wollen den Fu darauf gesetzt haben; - wo ist das Land?
Westward ho! westward ho! Am Missouri liegt's nicht, nicht am Arkansas, am Roten
Flu nicht, nicht am Rio Brave, nicht am Colorado. Wo liegt's, wo liegt's? Immer
weiter rckt's hinaus, wer kann's sagen, ob es nicht die Fluten des Groen
Ozeans umsplen? Wer kann aber, mit solchem goldenen Glanz vor den Augen, den
Futritt der nachfolgenden Scharen hinter sich ohne Ungeduld hren? Weiter,
weiter - wer wird zuerst jauchzend Besitz von dem Dorado, dem Goldland,
ergreifen, wie es Pizarro, wie es Ferdinand Cortez vergnnt war? Jedermann darf
hoffen, der Glckliche zu werden, vielleicht ist auch uns beiden, Eva Dornbluth,
unser Teil daran aufgehoben. Westward ho!
    Ich folge dir, wohin du mich fhrst, Friedrich! rief Eva mit leuchtenden
Augen. Geh voran, ich folge deinen Schritten berall.
    Du bist lang genug gegangen, armes Herz; in meinen Armen will ich dich
durch das Leben tragen, so wahr Gott mir helfe. Doch nun hre weiter. Wir waren
dem flchtigen Frank Saint-Coeur auf der Spur, nachdem wir ihn schon wochenlang
verfolgt und gesucht hatten. Einer nach dem andern in unserer Schar war
zurckgeblieben, sei's, da dem einen das Ro strzte, sei's, da den andern die
bergroe Ermattung zu Boden warf. So waren wir, wie gesagt, zuletzt nur noch
unserer vier und lagerten in der Wildnis. Es war eine Nacht im Junius, und
whrend der Neger und der Indianer schliefen, sa ich wachend neben dem
wachenden, trostlosen Vater. Kein Windhauch regte die Bltter der Bume; ein
kleiner Strom rauschte in der Ferne, hie und da sahen wir seinen Spiegel durch
die Bsche blitzen. Es war hellster Mondenschein. Tagelang waren wir bereits
geritten, ohne einen Menschen zu erblicken; eine tiefere Einsamkeit kann man
sich nicht vorstellen. An dieser Stelle sollte ich nun etwas erleben, welches
mich heute noch in der Erinnerung wie mit Geisterhand in tiefster Seele berhrt.
In meine Decke gehllt, sa ich, die Bchse griffgerecht neben mir, das Messer
in der Scheide gelockert, und wieder einmal dachte ich sehnschtig deiner, Eva
Dornbluth, und meiner Jugend; wie ein Traum war es mir, wenn ich die
halbgeschlossenen Augen ganz ffnete und der Blick ber das verglimmende Feuer
und die schlafenden wunderlichen Gefhrten glitt. Neben mir seufzte der alte
Warner und murmelte: Vorwrts, vorwrts, da sind sie - o Lizzie! liebe, liebe
Lizzie! - Seit wir uns diesem unserm jetzigen Rastplatze nherten, war eine
mchtige Vernderung mit dem Greise vorgegangen; eine Art verzweiflungsvoller
Zuversicht auf das Gelingen unserer Jagd hatte sich seiner bemchtigt. Er
stammte von schottischen Eltern: war etwas von dem second sight, dem
geisterhaften Zweiten Gesicht seiner frhern Landsleute ber ihn gekommen? -
Hinter uns standen die Pferde angebunden, und eins hatte den Kopf ber den Hals
des andern gelegt; ein anderes wieherte im Traum. Auch Pompey, der Nigger,
murmelte im Schlaf, ihm trumte von der Racoonjagd; nur der Indianer lag ganz
still, und sein Ro stand ebenso still abseits der andern drei. Allmhlich
verloren unter dem Rauschen des Flchens meine Gedanken ihre Bestimmtheit; wie
es zu geschehen pflegt, verfiel auch ich, trotzdem ich die Wacht hatte, in einen
Halbschlummer, dessen Dauer ich nicht bestimmen kann. Ein Schrei Josua Warners
jagte mich empor und mit Bchse und Messer auf die Fe. Der Greis stand
aufgerichtet, voll vom Mond beschienen, in unserer Mitte und starrte auf eine
Lichtung, die hinaus auf die weileuchtende Prrie jenseits des Stromes fhrte.
Der Chactas und der Neger hatten auch ihre Waffen ergriffen, die Pferde zogen
angstvoll an ihren Halftern. Nirgends war das Geringste, was Grund des Schreis
und Schreckens htte sein knnen, zu erblicken. Dem alten Vater war der Hut
entfallen, seine Locken schimmerten silberwei, sein Blick war starr, dem eines
Schlafwandlers hnlich, gradeaus gerichtet, und die Augen aller folgten den
seinigen. Ich wollte den Trumenden beim Arm fassen, um ihn zu erwecken; aber er
winkte mir und deutete auf die Lichtung:
    Still - da ist sie - seht ihr sie? Lizzie! Lizzie! Da schwebt sie fort!
Lizzie! liebe Lizzie! Warte, warte, wir kommen!
    Nichts zu sehen - kein Ton zu hren auer dem Rauschen des Wassers; in
tiefster nchtlicher Ruhe lag die Natur. Ich frchtete, das Unglck habe die
Sinne des armen Vaters verwirrt; aber vergeblich suchte ich in seinen Augen nach
dem irren Flackerlicht des Wahnsinns. Josua Warner war ein harter Mann, ein
eisenherziger Sklavenhalter, und wie ein solcher sah er auch jetzt wieder aus.
Kommt, Fred, sagte er, wir sind am Ziel; sie hat mich gerufen, ich habe sie
gesehen, Gott segne ihr ses Gesicht, kommt mit den Pferden. - Er hing die
Bchse ber die Schulter, band sein Ro los und nahm es beim Zgel. Gegen den
Flu fhrte er uns; denn wir andern folgten seinem Beispiel, ich im leisen
Grauen, der Neger kopfnickend und die glnzenden Augen rollend, Chimapatawe, der
Indianer, gravittisch und bedachtsam. Ich wollte die Bchse schubereit in den
Arm werfen; aber der Greis schttelte das Haupt: Nicht ntig, Fred, arme Lizzie!
- Wir schritten auf die Lichtung zu und zogen durch den seichten Strom fast
trockenen Fues. Eine kurze Zeit zogen wir im Mondenlicht; dann nahm uns der
Wald wieder auf, und wir schritten weiter, nach indianischem Brauch in einer
Linie, der Alte voran, dann ich, dann Pompey, zuletzt der Chactas, jeder sein
Pferd am Zgel fhrend. Eine gute halbe Stunde blieben wir nun im tiefsten
Dunkel; dann hielt der Greis pltzlich an und wies auf den Boden. Der Indianer
stie den Verwunderungsruf seines Volkes aus, der Neger glotzte; wir standen vor
einer Feuerstelle, um welche alles auf den lngern Aufenthalt eines Reitertrupps
hindeutete. Kaum acht Tage alt konnten diese Spuren sein.
    Arme Lizzie! murmelte der Vater. Wie deine kleinen Fe so wund waren! Wie
du so mde geworden bist! Schlfst du, schlfst du sanft? Still, still, da wir
sie nicht wecken.
    Der Indianer hielt ein weies Tuch in die Hhe; ich nahm es aus seiner Hand,
es waren Blutflecke darauf bemerkbar. Es war ein feines Damentaschentuch, und an
der einen Ecke trug es die gestickten Buchstaben E und W; es konnte kein Zweifel
herrschen, wir waren der unglcklichen jungen Frau auf der Spur. Diese
Buchstaben bedeuteten Eliza Warner; aber das Blut, das Blut?! - Ich wollte das
Tuch den Blicken des Vaters verbergen; er nahm es mir jedoch ganz ruhig aus der
Hand und sagte:
    Sie schlft - ihre Brust tat ihr so weh. Es ist Blut aus ihrer kranken
Brust, Fred. Ich wute es wohl, sie konnte den langen Ritt nicht ertragen, es
mute so kommen.
    Er verbarg das traurige Zeichen an seiner Brust, nachdem er es gekt hatte;
dann fhrte er sein Ro weiter, ohne aufzuschauen, als wandele er auf
vollstndig bekanntem Wege. Der Boden senkte sich nunmehr; die Bume standen
nicht mehr so dicht gedrngt; wir traten endlich hervor aus dem Walde auf die
groe Prrie, hinaus in das vollste Mondlicht, und gerieten sogleich in
brusthohes Gras. War dieses Gras je von menschlichen Fen und Rosseshufen
niedergetreten worden, so hatte es sich schnell wieder aufgerichtet, und keine
Spur der frheren Wanderer war mehr zu erblicken. Das Haupt vorgebeugt, mit
tiefatmender Brust, schritt Josua Warner dahin. Ein Rudel Hirsche jagte kaum
fnfzig Schritte von uns zur linken Seite ber einen Hgelrcken gen Sden. Wir
waren immer noch auf dem Wege gegen Westen, den fernen, wilden, gloriosen
Westen; doch nach einer Viertelstunde hielten wir an in der unermelichen Ebene,
auch diesmal, ohne ihn gefunden zu haben. Wir hatten nur gefunden, was wir
suchten. In dem wogenden Gras, inmitten der Unendlichkeit von Himmel und Wiese,
trafen wir auf einen winzigen Erdhgel, auf ein ganz frisches Grab, das Grab der
unglcklichen Elisabeth Warner. Eine rohe Holztafel verkndete ihren Namen und
den Tag ihres Todes; die Stimme, welche den Vater von seinem Lagerplatz im Walde
emporjagte, war nicht Tuschung gewesen; er hatte sein Kind wiedergefunden.
Bewutlos lag er, den Hgel mit seinen Armen umfassend; stumm standen wir andern
auf unsere Bchsen gelehnt, und der rote und der schwarze Mann begriffen das
Geheimnisvolle, das Erschtternde grade so gut wie der Deutsche. - Wir
verfolgten den schlechten Burschen, welcher die arme Lizzie in dieses einsame
Grab gestoen, welcher diesen Hgel ber ihrem Leibe aufgehuft hatte, nicht
weiter - was fr eine Rache htten wir an ihm nehmen sollen? Wir traten den
langen traurigen Heimweg zum Mississippi bereits am folgenden Tage an; -
vielleicht traf niemals wieder ein anderer auf dieses trostlose Grab in der
Prrie. Die Hirsche und Bffel mochten ruhig um es her weiden, die Geier darber
ihre Kreise ziehen; ein menschliches Auge fiel vielleicht nie wieder auf diese
Holztafel und den Namen Elisabeth Saint-Coeur. Ich lebte mit dem Vater bis zu
seinem Tode; ich war der einzige, mit welchem er ber das ferne Grab sprechen
konnte, und durfte mich kaum von seiner Seite entfernen. Er gab mir seinen Namen
und setzte mich, als er starb, zum Erben seines Vermgens ein. Fr das Leben in
den Sklavenstaaten war ich jedoch durchaus nicht gemacht. Fr die
Baumwollenpflanzung fand ich bald einen Kufer, meine Herren Sklaven fhrte ich
nach den Neuenglandstaaten und lie sie laufen; bis auf einige, welche durchaus
nicht laufen wollten, sondern sich mit groem Geschrei an mich festklammerten
und behaupteten, ich sei verpflichtet, sie, Pompey, Csar und Agrippina,
gewhnlich Grippy genannt - zu behalten. Zuteil war mir jetzt alles geworden,
was ich mir im Winzelwalde als das hchste Glck der Welt vorgestellt und
gewnscht. Seefahrer, Krieger, Jger war ich gewesen, blutige Abenteuer hatte
ich glcklich bestanden; bei mehr als einer Gelegenheit sah ich dem Tode ohne
Augenzwinkern ins Gesicht. Ich war jetzt reich, der freieste Mann auf Gottes
Erdboden; aber nun fehlte mir doch wieder alles; zurck in die Heimat trieb der
glhende Wunsch; alles, was ich in der Weite gesucht und gefunden hatte,
verblate jetzt gegen das, was die einst so gering geachtete Heimat zu bieten
hatte. Nach dir, Eva Dornbluth, sehnte ich mich, und nicht eher hatte ich Ruhe,
bis ich wieder auf dem blauen Meer schwamm. Den Hauptmann Konrad von Faber hatte
ich in New York kennengelernt; er machte mit mir die berfahrt nach Europa. Wir
schlossen uns ziemlich eng aneinander, ohne da er jedoch meinen wahren Namen
erfuhr; er hat mich auch in die hiesige Gesellschaft eingefhrt. In Hamburg
trennten wir uns frs erste; ich suchte dich, du Teure, zuerst natrlich im
Winzelwalde. Ich war in Poppenhagen und vernahm alle die Vernderungen, welche
sich dort zugetragen hatten. Man erkannte mich natrlich nicht, und ich gab mich
auch nicht zu erkennen. Das war vor acht Tagen. Mein Bruder Robert war eben
davongegangen wie ich, wie du. ber dich schttelte man die Kpfe; denn dunkle,
verworrene Gerchte waren ber dich in das vergessene Tal gedrungen. In toller
Angst und Hast kam ich hierher - ich vernahm, was unserm Robert geschehen war;
aber ich hatte gelernt, mich zu beherrschen. Mit lchelnder Miene ging ich
umher, lie mich von dem Hauptmann Faber berall vorstellen; der junge reiche
Amerikaner war berall ein gern gesehener Gast. Fr manche Snde meines Lebens
habe ich durch die innere Qual dieser letzten acht Tage reichlichst gebt; -
nun verzeihe mir, verzeihe mir, Eva, meine Geliebte, meine Braut, mein Alles. Zu
deinen Fen knie ich hier, verzeihe mir, verzeihe alles, was der tolle Fritz
vom Eulenbruch durch Vergessen, Zweifel und Mitrauen gesndigt hat; ich liebe
dich, habe dich immer geliebt und nie an ein anderes Weib gedacht!
    Weinend hob Eva den Freund auf:
    Sei ruhig, Herz. Ich lasse dich nicht. Die Sterne haben uns
auseinandergefhrt, die Sterne haben uns von neuem vereinigt. Nicht wahr, nun
soll uns nur der Tod scheiden?
    Nur der Tod! rief Friedrich Wolf. Sag es noch einmal, sag es mir wieder,
da du mit mir gehen willst, da du mir immer zur Seite stehen willst!
    Immer, immer! Deine Sterne sind die meinigen.
    So la uns gehen! Morgen, heute, in dieser Nacht!
    Und dein Bruder?
    Drfen wir ihm jetzt entgegentreten? Wir wollen schon fr ihn sorgen. In
der rechten Stunde wollen wir ihn dann zu uns rufen.
    Du sollst entscheiden.
    Er hat auch seine Sterne. Mgen sie ihn gut und sicher fhren, wie sie uns
gefhrt haben. Frchtest du dich aber auch nicht vor dem Meere, du Se, Liebe?
    Eva Dornbluth schttelte den Kopf:
    Hab ich mich vor der Welt gefrchtet? Die ist ein noch ganz anderes, viel
wilderes Meer.
    Der rote Wolf zog von neuem das Mdchen aus dem Winzelwalde an seine Brust;
dann warf er jubelnd und triumphierend die Hand empor:
    Westward ho! Gesegnet seien unsere Sterne!

                                 Elftes Kapitel



   Das Hinterhaus von Nummer zwlf in der Musikantengasse erfhrt eher etwas
                        Merkwrdiges als das Vorderhaus

Es war spt in der Nacht, und doch war noch Licht in der Werkstatt des
Schreiners Tellering, im Hinterhaus von Nummer zwlf in der Musikantengasse. Der
Kanarienvogel im Bauer hatte sein Kpfchen unter die Flgel gezogen und schlief
sanft; aber Hobel und Hammer in den Hnden von Johannes und Ludwig Tellering,
Vater und Sohn, waren noch nicht zur Ruhe gekommen, obgleich sie ein saures
Tagewerk hinter sich hatten. Der alte und der junge Handwerksmann waren
beschftigt, einen Sarg zu zimmern; und ein Sarg ist ein kurioses Stck Arbeit,
welches keinen Aufschub duldet. Fr die Wiege darf der Mensch als Mensch und
Hausvater lange vorher, ehe sie gebraucht wird, sorgen, und die junge Braut und
Frau darf sie in errtender Erwartung der Dinge, die da kommen sollen, unter
ihrer Aussteuer in das Haus des Mannes bringen. Wenn aber jemand bei Lebzeiten
seinen Sarg bestellen wollte, so wrde das mit Recht die Verwunderung der
Nachbarn und Mitlebenden erregen, und das Exempel des Kaisers Karl des Fnften
wrde zur Rechtfertigung solcher Schrulle durchaus nicht ausreichen. In Gedanken
zimmert der fromme Christ leider freilich oft genug einen hbschen, festen,
bequemen Sarg im voraus fr geliebte Anverwandte, die sehr reich, oder andere,
welche zu mrrisch und alt sind; aber hat man jemals wohl davon gehrt, da ein
liebender Neffe einem alten Erbonkel solch ein schwarzes, solides, mit Silber
beschlagenes Ruhebett zum Geburtstag oder bei einer andern festlichen
Gelegenheit als Zeichen seiner Verehrung und Liebe dargebracht habe? Weder die
alten noch die neuen Schriftsteller, weder die Klassiker noch die Epigonen
melden von einem solchen Faktum.
    brigens ist es immer eine traurige Arbeit, einen Sarg zu machen, in
Gedanken sowohl wie in der Wirklichkeit; man kann in keiner frhlichen Stimmung
dabei sein, und so arbeiteten auch in dieser Mitternacht Vater und Sohn ernst
und eifrig nebeneinander fort und sahen kaum von ihrer Arbeit auf. Jeder dachte
dabei das Seinige, und ob die Gedanken aus einem grauhaarigen oder
braungelockten Kopfe entsprangen, einerlei, sie waren recht melancholisch
gefrbt, obgleich weder Meister Johannes noch Ludwig viel von dem Schlfer
wuten, welchem sie das letzte Ruhebett bauten.
    Neben der Werkstatt befand sich die Schlafkammer der Frauen der Familie. Die
hbsche, lustige Luise schlief so sanft und friedlich wie der kleine Vogel im
Bauer; sie lchelte im Traum und vernahm nicht das mindeste von Hobel, Hammer
und Sge. Wachend lag aber die Mutter Anna, sie horchte schlaflos der
fortschreitenden Arbeit des Mannes und Sohnes. Solch eine alte Frau hat mehr
Sorgen als ein junges Ding von sechzehn Jahren; die Jungen und Gedankenlosen
wissen gar nicht, wie glcklich sie sind.
    Die beiden Fenster der Werkstatt gingen auf den Hof hinaus; das einzige
Fenster der Kammer der Frauen sah in die enge schwarze Gasse, durch welche man
gehen mute, um zu dem Klosterhof von Sankt Nikolaus, um zu dem Giebel des
Sternsehers Heinrich Ulex zu gelangen. Wir kennen den Weg bereits. An das
Fenster der Schlafkammer klopfte pltzlich jemand ganz leise und erschreckte die
Mutter Anna dadurch ungemein. Sie fuhr hochauf und horchte, ob sie sich auch
nicht getuscht und das Spiel des Windes fr das Anpochen einer menschlichen
Hand genommen habe. War der Tote, fr welchen der Ehemann und der Sohn sich
qulten, ungeduldig geworden? Kam er, um sich nach seinem letzten Hause zu
erkundigen? Frau Anna warf einen Blick nach dem Lager ihrer Tochter; das junge
Mdchen schlief ruhig weiter; auch Hammer und Hobel in der Werkstatt lieen sich
in ihrem Werke nicht stren. Aufrecht sa die Frau im Bett; eben wollte sie sich
wieder niederlegen, als sich das Anpochen wiederholte. Eine klare Stimme rief
dicht vor dem Fenster:
    Ich bin's. Erschreckt nicht. Ich bin's - Marie Heil!
    Mein Jesus! rief die Frau. Johannes! Ludwig! Da ist jemand drauen. Marie
Heil ist drauen. ffnet ihr doch! Luise, Kind, wach auf!
    Luise erwachte und fragte, was es gbe. In der Werkstatt hrte das Hmmern
und Pochen auf. Auf den Ruf seiner Mutter hatte sich Ludwig Tellering
blitzschnell von der Arbeit emporgerichtet. Als er den Namen Marie Heil vernahm,
lief er, im hchsten Grade betroffen, eiligst der spten Besucherin die Tr zu
ffnen. Die Frauen kleideten sich schnell an.
    Mit zitternder Hand schob Ludwig den Riegel der Haustr zurck. Der Wind
blies ihm die Lampe aus, und er mute die Hand der kleinen Familienfreundin
ergreifen, um sie zu der Hofwohnung zu geleiten.
    Was ist denn geschehen, Frulein Marie? fragte er ngstlich. Um Gottes
willen, es ist doch kein Unglck geschehen?
    Die Stimme Maries kmpfte zwischen Weinen und Lachen, als sie antwortete:
    Ein Unglck? Nein, nein! Aber ich mu fort - ich gehe fort - weit - weit -
o so weit, Herr Ludwig!
    Herr Ludwig fate die kleine Hand noch viel fester als vorher; er lie sie
auch nicht eher los, bis die Hofwohnung erreicht war. Das Wort des Mdchens
hatte den jungen Mann so erschreckt, da ihm jedes Wort, jede Frage im Munde
steckenblieb; desto lauter und vielfltiger aber drngten sich die Fragen der
brigen Familie Tellering, deren Glieder jetzt smtlich in der germpelvollen,
verrucherten Werkstatt, zwischen Hobelspnen, Brettern, Werkzeug aller Art und
neben dem Sarge versammelt waren.
    Der scharfe Wind, die Gemtsbewegung und der eilige Lauf durch die Gassen
hatten die Wangen der kleinen Marie noch viel rter gemacht, als sie schon im
gewhnlichen Zustande waren. Eine geraume Zeit stand sie inmitten der
verwunderten, erschreckten Freunde, ehe sie sich so weit gesammelt hatte, um
Bericht zu geben ber das, was sie zu so ungewohnter Stunde hertrieb. Ludwig
Tellering hatte die Faust auf den halbfertigen Sarg gelegt, wiederholte im
Innersten seiner Seele: ich gehe fort, weit, weit fort -, starrte das junge
Mdchen mit weit offenen Augen an und sah ungefhr aus wie jemand, welcher aus
einem schnen Traum vermittelst eines Waschnapfes voll kalten Wassers geweckt
worden ist.
    Setzen Sie sich doch, Marie, sagte der Meister Johannes, eine Bank mit der
Handwerksschrze abstubend; aber das junge Mdchen schttelte energisch den
Kopf:
    Ich danke sehr, Meister. Ach du liebster Gott, frs erste werde ich wohl
nicht wieder zum Sitzen kommen und noch weniger zum Liegen. Wir gehen fort, o so
weit - bis an der Welt Ende; - erst nach Italien, dann nach Paris, dann nach
Amerika.
    Nach Amerika?! rief die Familie Tellering in den verschiedensten Tonarten,
und Ludwig fuhr abermals zusammen, wie vom Blitz getroffen, fate sich aber als
ein Mann sogleich wieder und stellte sich fest auf den Fen, als wolle er im
Boden Wurzeln schlagen und Bltter und Blten treiben, gleich einer von einem
allzu persnlichen Gott verfolgten griechischen jungen Dame aus der Zeit der
Metamorphosen.
    Nanu? rief der Alte.
    Ach du mein Himmel! rief Luise.
    Nach Amerika?! rief die Mutter Anna, auf einen Holzschemel sinkend.
    Ludwig Tellering sagte gar nichts; er nahm mechanisch seine Mtze vom Tisch
und setzte sie fest auf den Kopf.
    Das ist wirklich eine merkwrdige Nachricht, rief der Meister. Und wann
soll die Reise vor sich gehen?
    In dieser Nacht - gleich! Ich komme zu fragen, meine Herren, ob Sie uns
helfen wollen beim Einpacken. Wir wollen mit fremden Leuten nichts zu tun haben.
Viel nehmen wir nicht mit. Seht mich nur nicht so erschreckt an, ihr Leutchen;
es geht alles mit rechten Dingen zu. Wir berlegen es uns erst recht reiflich,
ehe wir uns entfhren lassen.
    Die Aufregung der Familie Tellering stieg immer hher.
    Luise schlo die kleine Freundin in die Arme und rief schluchzend:
    Es ist dein Ernst nicht, da du weggehst! Oh, Marie, was soll das nur? Was
soll das heien?
    Es ist mein vlliger Ernst, schluchzte dagegen Marie Heil. Ich kann nicht
anders, so groe Angst ich auch habe. Es ist eine merkwrdige Geschichte, und
ich htte nie gedacht, da ich so etwas erleben sollte. Ich kann meine Herrin
nicht verlassen.
    Die Dienerin Eva Dornbluths erzhlte nun, was vorgegangen war, wie Herr
Friedrich Wolf, der Brutigam ihres Fruleins, als ein reicher Mann heimgekehrt
sei aus den fernen Mohren- und Indianerlndern und wie er seine Braut sogleich
mit sich fortfhren wolle und wie man keinen Augenblick versumen drfe.
    Wir entschlossen uns kurz, fuhr sie fort, denn wir haben uns nie lange
besonnen, das Leben ist nicht lang genug dazu. Mein Frulein fragte mich, ob ich
weiter mit ihr gehen oder ob ich hierbleiben wolle. Ich fragte sie, was sie von
mir dchte, ob sie mich fr ein Ding hielte, das sich vor einem Mohren oder
einem Indianer oder sonst einem wilden Mann frchte. Ich sagte, ob sie sich
nicht erinnere, was sie alles an mir getan habe und wie sie mich so gut wie eine
Schwester behandelt habe. Sie sagte, das sei alles recht schn; aber der Weg sei
so weit, und die Welt sei so weit, und man knne nicht wissen, ob man jemals
wieder zurckkomme. Der Herr sagte, er wolle auch hier gut fr mich sorgen; aber
ich antwortete ihm, wie er es verdiente: was er von mir dchte, ich wolle mein
Frulein doch nicht mit ihm allein zu allen Hottentotten und Russen, Chinesen
und Menschenfressern ziehen lassen - dazu kennte ich ihn doch noch nicht lange
genug. Und um die Sache zu einem schnellen Ende zu bringen und nicht laut
herauszuweinen, sprang ich weg nach meinem Mantel und Hut, und wenn die Herren
uns nun helfen wollen, unsere Koffer zur Eisenbahn zu schaffen, so soll uns das
sehr angenehm und lieb sein. Was wir nicht tragen knnen, lassen wir zurck und
kmmern uns nicht drum. Die Armen sollen es haben; denn wir sind selbst arm
gewesen und mgen es berall besser wiederfinden.
    Die Aufregung der Familie Tellering war nicht zu schildern, sie hatte den
uersten Grad erreicht. Das Pltzliche und Unerwartete tat das Seinige,
jedermann in die hchste Verwirrung zu bringen. Selbst der Kanarienvogel
erwachte, zog den Kopf unter dem Flgel hervor, sah verwundert umher und riet
mit hellem Gezwitscher der kleinen Marie, Vernunft anzunehmen und im Lande zu
bleiben. Luise weinte laut, es weinte die Mutter Anna, der Alte schttelte
betrbt den Kopf, und Ludwig - Ludwig schien den Kopf vollstndig verloren zu
haben. Dann kam ein Augenblick, whrend welchem Marie und Luise einander
schluchzend in den Armen lagen und beiderseitig nicht an die pltzliche Trennung
glauben konnten und wollten; dann kam ein Augenblick, wo Marie Heil sich wieder
zusammenraffte und eine kleine trnenerstickte Rede hielt ber die Flchtigkeit
der Zeit, und wie man nie wisse, ob man nicht recht bald wieder zusammenkommen
werde. Nun hatte der Meister Johannes Tellering Mtze, Jacke und Rock gefunden,
und die Mutter Anna hatte weinend dem jungen Mdchen, welches so weit in die
Welt gehen wollte, ihren Segen gegeben. Ludwig Tellering qulte sich vergeblich
ab, mit dem linken Arm durch den rechten rmel in den Rock zu gelangen; es
bedurfte der vereinigten Hlfe von Vater und Mutter, um seine Ausrstung zu
vollenden.
    Nun ein Trffnen und ein Trschlieen: auf ihren Betten - allein in ihrer
Kammer - saen die Frau Anna und Luise; sie weinten beide und machten ihrem
Kummer in abgebrochenen Ausrufen Luft. Dann war die kleine Freundin gegangen,
und der Kanarienvogel in der Werkstatt, jetzt vollstndig wach und munter, sang
ihr sein lustigstes Leibstckchen nach. - - -
    Mitten im unbehaglichen nchtlichen Getmmel am Bahnhof! Wie pfiff und
heulte der kalte Wind durch die dunkle hohe Halle! Jede Laterne diente nur dazu,
die Nacht noch finsterer zu machen; ungeduldig keuchte die Lokomotive und sah
mit feurigen Augen in die Dunkelheit. Vor der Wagenreihe drngte sich das
frstelnde, vermummte, bepelzte Gewimmel der Reisenden; Beruf und Pflicht, Glck
und Unglck kmmern sich nicht um Jahreszeit, Wetter und Stunde; sie jagen die
Menschen auf und treiben sie, und die armen Menschen denken gar noch, sie seien
auf der Wanderung, weil sie es wollen, weil sie es reiflich berlegt und
beschlossen haben!
    Eva Dornbluth sa bereits im Wagen; Friedrich Wolf drckte dem alten Meister
Tellering die Hand zum Abschied; Ludwig aber zgerte mit der kleinen Marie noch
immer vor der Tr, so betubt wie je. Krampfhaft hielt er den Arm des jungen
Mdchens.
    O Marie, Marie, weshalb gehen Sie fort? Bleiben Sie hier!
    Ich darf nicht, Herr Ludwig.
    Wollen Sie meiner Schwester immer schreiben, wo Sie sind und wie es Ihnen
geht?
    Gewi! Ach machen Sie mir das Herz nicht noch schwerer.
    Sie wollen uns nicht vergessen?
    O Herr Ludwig!
    So leben Sie wohl, Marie. Wir sehen uns wieder! Er ri die Kleine in den
Arm und kte sie. Er tat es. Dann schob er sie in wilder Hast in den Wagen und
strzte aus der Bahnhofshalle, ohne sich umzusehen. Ihm nach klang ein leiser
Ruf: Ludwig!, aber er vernahm ihn nicht mehr; wie konnte er hren und sehen?
Friedrich Wolf gab dem Meister Johannes noch einen Brief fr einen Mitbewohner
des Hauses zwlf in der Musikantengasse, ber welchen er mit ihm viel auf dem
Wege zum Bahnhof gesprochen, von welchem er vieles sich hatte erzhlen lassen.
    Nun schrillte die Pfeife des Zugfhrers. Laut auf schrie die Lokomotive,
einem wilden Tier gleich, das losgelassen wird von der Kette. Der heie Atem
fllte mit dichten Wolken die hohe Halle; der Zug setzte sich in Bewegung.
Hinaus, hinaus, schnell und immer schneller hinaus in die Nacht, die Zukunft;
sdwrts soll es Lnder geben, wo es nicht schneit, wo die Sonne keinen Winter
duldet. Sdwrts fuhren Fritz und Eva. Noch einmal winkte Marie Heil aus dem
Fenster; kopfschttelnd, traurig sah den Reisenden der Meister Johannes nach.
Dann schritt er ebenfalls aus dem Bahngebude und fand an der nchsten
Straenecke seinen armen Jungen.
    Sie gingen nach Haus, und der Alte legte sich erschpft zu Bett, Ludwig
Tellering aber machte sich mit fieberhafter Hast von neuem an die Arbeit und
vollendete den Sarg allein. Mit grimmiger Energie schlug er Nagel auf Nagel ein.
Es war ein trauriges Werk; aber Todesgedanken hatte der Jngling nicht dabei.
Wir knnen ihm nur Glck wnschen zu seinen Gedanken; es waren mutige Gedanken,
und der Mut ist ein edel Ding in dieser Welt.

                                Zwlftes Kapitel



 Julius Schminkert fr immer! Schlaue Bemerkungen des Autors ber die Damen im
                                  Kartenspiel

Am folgenden Morgen schien freundlich die Sonne in das Zimmer des
Polizeischreibers; nach vier Uhr hatte sich der Himmel geklrt, wenn auch der
kalte, schneidende Wind immer noch anhielt. Es war ein Sonntag, und selbst
Protokollfhrer Fiebiger war ein freier Mann, welcher sich den Teufel um das
Bro Nummer dreizehn kmmerte, sondern es dem Staube und den Gespenstern der
Registerbcher gern und willig berlie. In dem Bro Nummer dreizehn mochten die
unheimlichen Geister soviel Tnze und Sprnge machen, wie sie wollten, ruhig sa
der Polizeischreiber Fiebiger mit seinem jungen Karaiben Freitag alias Robert
Wolf beim Frhstck und betrachtete durch die Wolken seiner Tabakspfeife still
und unbemerkt seinen Schtzling zum erstenmal beim hellsten Tageslicht, und was
er sah, konnte ihm nicht mifallen.
    Der Schmerz verleiht oft der gewhnlichsten Physiognomie einen Reiz, von
welchem sonst keine Spur in ihr zu finden ist; denn der wahre Schmerz erhebt
ber das Alltgliche und hat, wie die wahre Freude, eine verklrende Macht, die
auch im Krperlichen zur Erscheinung kommt. Hier aber hatte der Schmerz sein
Siegel auf ein schon von Natur schnes und geistvolles Gesicht gedrckt, und so
war der energische Zauber unbeschreiblich.
    Sieh mich an, Robert, unterbrach endlich der Schreiber sein stummes
Studium, dem er sich fast mit Gewalt entreien mute. Htten wir gestern wohl
gedacht, da wir heute die Sonne so klar sehen wrden? Es ist kaum eine Wolke zu
erblicken. Sieh auf, Landsmann aus dem Winzelwalde!
    Der Knabe erhob matt das Gesicht; die Trnen traten ihm immer von neuem in
die Augen.
    Ich werde es nie berwinden, murmelte er.
    Das wirst du doch, mein Junge. Kind, du hast noch nicht erfahren, wieviel
der Mensch berwinden kann und mu. Du hast erst den Kelch des Lebens an die
Lippen gesetzt; jetzt betubt dich der erste Schauder vor der Bitterkeit des
Trankes; - hinunter damit - die Betubung wird weichen. Es setzt doch niemand
das Glas ab, ehe die Neige geleert ist; wer es vorher im Lebensberdru an die
Wand geworfen hat, der ist nur in etwas hastigeren Zgen damit fertig geworden.
Man erschiet sich nur, wenn der Topf leer ist.
    Ich wollte, ich knnte Sie verstehen, aber ich kann es nicht. Mein Kopf
schmerzt zu sehr, mein Hirn ist zu wst. O bitte, schicken Sie mich in den Wald
zurck, lassen Sie mich fort; ich kann mit ihr nicht dieselbe Luft in dieser
Stadt atmen. Was soll ich hier? Aus dem Hause darf ich nicht gehen; ich knnte
ihr begegnen in den Gassen - o schicken Sie mich heim, schicken Sie mich zurck
in den Wald!
    Armes Kind, du weit nicht, in welcher Einsamkeit du dich hier in diesem
Menschengewimmel befindest. Glaube mir, deine heimatliche Wildnis wird dich und
deinen Kummer nicht so gut vor den Menschen schtzen und verbergen wie diese
Wildnis von aufgetrmten Mauersteinen. Was willst du den Leuten zu Poppenhagen
sagen, wenn du heimkehrst? Wie willst du ihnen entgegentreten, wenn sie dir mit
Geschrei und aufgehobenen Hnden entgegenlaufen: Petz ist wieder da!? Werden sie
dich in Ruhe lassen? Werden sie dir gestatten, ein Einsiedlerleben im
Winzelwalde zu fhren? Rufe dir im Geist alle deine Bekannten vor die Seele, die
alten wie die jungen, das ganze Nest; dann denke darber nach, was das Vlklein
sagen wird, wie es lachen, wie es dir Nasen drehen wird. Dein alter Freund, der
Pastor, ist tot, du kannst dich nicht in sein stilles Studierstbchen, nicht
hinter seine Bcher flchten und verstecken.
    Der Knabe lie das Gesicht in die Hnde fallen und zog die Schultern
zusammen. Er fhlte, wie sehr der Alte recht habe.
    Bleibe bei mir, Robert, fuhr der Schreiber fort. Ich kann dich besser
verbergen und will es auch. Eine Tarnkappe sollst du ber die Ohren ziehen; ich
will deine Seele heilen und hoffe, da es mir gelingen wird. In Poppenhagen
wirst du sitzen wie ein Uhu auf der Stange und jedermann zum Gaudium und Aufsto
dienen.
    Der Alte stellte seine Pfeife fort und ging schnellen Schrittes in seinem
langen Zimmer auf und ab. Noch mancherlei sagte er dem Knaben; aber dabei war er
doch innerlich in groer Angst ber die Frage, auf welche Weise er ihn ber die
erste Zeit einer so sehr vernderten Existenz hinwegheben sollte.
    Da lie sich auf der Treppe ein dumpfer Gesang hren; wohlbekannte Tne, bei
welchen der Polizeischreiber sonst die Achseln zuckte, die ihn aber jetzt
rgerlich auffahren lieen. Er machte eine schnelle Bewegung gegen die Tr, um
den Riegel vorzuschieben, kam jedoch zu spt; die Tr ffnete sich, und auf der
Schwelle erschien Julius Schminkert, zerzaust und bernchtig, mit einem
lieblichen Gedft von allerlei Spirituosen und Tabakssorten in den Kleidern und
den verwilderten Haaren.
    Sie htten erst anklopfen sollen, Schminkert, brummte der Alte rgerlich.
    Unangemeldet tritt der Geist herein! sprach pathetisch der Schauspieler.
    Wohl wieder einmal die ganze Nacht nicht im Bett gewesen?
    Richtig, edler Greis, antwortete Julius mit beneidenswertem Gleichmut.
Wrde auch sehr schwer gehalten haben in Anbetracht der Verhltnisse. Wre eine
recht schne und lbliche Einrichtung, wenn die Herren vom Leihhause
gestatteten, da man daselbst - in jenen heiligen Hallen - mit den versetzten
Sachen sein Quartier aufschlagen knnte.
    Julius! Julius! rief der Schreiber; aber der Tollkopf lachte.
    Sie reden immer von verschleuderter, verlorener Zeit, Mann der Ordnung.
Wenn ich aber einmal einige Stunden der sen Bewutlosigkeit des Schlafs
abgewinne, ist's Ihnen wieder nicht recht. O ihr Moralisten, was soll man mit
euch anfangen? brigens habe ich Ihnen etwas mitzuteilen, wrdiges Haupt. Eine
Neuigkeit, eine schicksalhafte Neuigkeit will ich austauschen gegen eine Tasse
Ihres mokkahnlichen Gebrus, edler Rmer. Gilt's?
    Sie dauern mich, Julius. Es soll gelten - was haben Sie zu sagen?
    Schminkert warf einen Seitenblick auf Robert Wolf, griff nach dem Kaffeetopf
und sprach:
    Die schne Waldfee - Frulein Eva Dornbluth - oh, noch etwas Zucker, wenn
ich bitten darf - hat die Welt, die Stadt und eine hochlbliche Theaterintendanz
hinters Licht gefhrt. Sie ist - durchgebrannt.
    Der Schreiber lie die Arme sinken. Robert Wolf, der bis jetzt teilnahmlos
das Gesicht abgewendet hatte, sprang mit einem Schrei empor, starrte den
liederlichen Julius einen Augenblick an und fate dann mit eisernem Griff die
Schulter desselben.
    Noch einmal! Was sagten Sie?
    Julius Schminkert befreite seine schmerzende Schulter von der krftigen
Hand.
    Donnerwetter! Los die Pfote, rtlicher junger Kymmerier. Ich will euch
alles sagen; gebt mir aber erst eine Zigarre, ehrwrdigstes
berwachungsinstitut.
    Fiebiger deutete kraftlos auf die Zigarrenkiste im Bcherbrett; Schminkert
fhlte sich als Mann der Ereignisse und benutzte das bergewicht, welches ihm
seine Nachricht verlieh. Er machte es sich bequem in dem Sessel des
Polizeischreibers, setzte den erlangten Glimmstengel in Brand, stie einige
behagliche Seufzer aus und gab den Bericht, dem die beiden andern mit
krampfhafter Aufregung entgegensahen, so langsam als mglich von sich:
    Im trauten Freundeskreise hatte ich einen Teil der Nacht verbracht. Auch
einige Freundinnen verschnten den Kranz als himmlische Blten; reizende
Jungfrauen - Priesterinnen der Sonne, Hofdamen aller Hfe der bekannten und
unbekannten Welt, Nymphen, Elfinnen, Gttinnen. O Angelika, du warst nicht
zugegen! Wre nur das Getrnk nicht so verteufelt billig gewesen! 's ist eine
Schande; je grer der Genius, desto erbrmlicher gewhnlich der Spiritus, durch
welchen die heilige Flamme entzndet und genhrt wird!
    Ich bitte Sie um alles in der Welt, Schminkert; seien Sie verstndig, seien
Sie barmherzig, kommen Sie zur Sache! rief der Schreiber in halber
Verzweiflung.
    Bin ich nicht dabei? fragte der Erzhler wrdevoll. Unterbrechen Sie mich
nur nicht, altes Haus, und Sie werden allgemach eine vollkommen klare Einsicht
in die Dinge gewinnen. Gut; wir haben einen Punsch angesetzt, und allgemeine
Heiterkeit ist die Losung. Mit Rosen

Ist jede Stirn bekrnzt, athen'scher Geist
Und heitrer Witz verschnt die schnsten Augen.

Ein wahres Symposion, meine Herren! Aristophanes, Sokrates, Xenophon, Aspasia,
Lais, Diotima, Griechen und Griechinnen, Griechenlands edelste Geister waren
zugegen. O Angelika Stibbe, du warst nicht da; auf weichem Pfhl der Nacht
wiegtest du die zarten Glieder, o Angelika! Hellenisch ist der Punsch,
hellenisch die Stimmung; da erscheint ein Mann aus spterer Zeit,
Maecenas-Schwebemeier, ein Regenschirmfabrikant, jetzt Rentier und Hausbesitzer
- schne Seele - ausgezeichnet guter Magen - anerkennungswertes Vermgen.
Trarararabumbum!
    Nachdem der Nachtschwrmer so weit gekommen war, brach er ab, blickte eine
geraume Zeit wehmtig in den leeren Kaffeetopf und sagte dann:
    In seinem Hause wohnt - wohnte die schne Eva. Drittes Stockwerk.
    Weiter! weiter! rief der Schreiber.
    Hinter den Kulissen heit unsere Gesellschaft; ihr Versammlungsort ist in
der Weien Lilie. Wir empfangen den Mzen in der Lilie hinter den Kulissen mit
Wonne und Jubel, und die jungen Damen gehen ihm mit Grazie um den Backenbart.
Schwebemeier mu eine frische Bowle stellen, Schwebemeier stellt die Bowle; von
neuem flammt das heilige Feuer auf, das Kapital hat untergeheizt. Wir trinken,
wir singen, wir tanzen, und der holde Wahnsinn hlt jedermann und jedes Frulein
mit Rosenketten gefangen. Auch die Mbeln fangen an, an unserer Lust
teilzunehmen. Zweimal steckt die hochlbliche Polizei mit der Visage eines Ihrer
brtigen Myrmidonen, teurer Greis, ihr warnendes Medusenhaupt in die Tr und
schnffelt in die Lilie. Wir lassen uns aber nicht versteinern; wir lachen der
Polizei unter die Nase. Wir kennen die Herren von der Sicherheitsbehrde, nicht
wahr, Alterchen?
    Der Erzhler machte abermals eine Kunstpause. Der Schreiber lief hin und
her.
    Das ist unertrglich! schrie er. Julius, bei meinem Zorn -
    Sehr unvermutet und pltzlich hatte sich Julius aber an den atemlosen,
zhnknirschenden Robert gewandt, mit der dringend ausgesprochenen Warnung:
    Jngling, opfere den Grazien, es gibt sonst Augenblicke in deinem Leben,
Augenblicke, wo sich vor deinen Augen und im Innersten deiner Seele alles dreht;
wo du nicht gewi bist, ob du auf dem Stuhle sitzest oder ob dein Stuhl auf dir
Platz genommen hat; Augenblicke, in welchen es dir zweifelhaft ist, ob du die
Gtter verlassen hast oder ob die Gtter dich aufgegeben haben, Augenblicke, in
welchen du dich an allem halten willst, aber mit Schrecken merkst, da alle
andern Gegenstnde ebenso schwankend sind wie du selber. Hte dich, Jngling,
und achte das Wort eines erfahrenen Mannes; die Erde dreht sich, aber der Mensch
dreht sich auch manchmal. Oh, wie betrunken war Maecenas atavis! Was war aus den
Damen geworden! Wir brechen auf, und wer allzu unselbstndig geworden ist,
bleibt und deckt den Walplatz schnarchend mit seinem Leibe. Wir aber, in denen
das gttliche Licht der Vernunft nie ganz erlischt, stellen uns fest auf unsern
Beinen, fassen den Bonhomme Schwebemeier unter die Arme und bringen - die Damen
nach Haus. Wer den ersten berwltigenden Eindruck der frischen Nachtluft
bersteht, ist gerettet aus den Banden der Unterirdischen; wir berstehen ihn
alle und finden unsern Weg durch Sturm und Regen. Das bejammernswerteste Bild
menschlicher Hinflligkeit bietet Maecenas dar. Anfangs bezeigt er einige Lust,
eine Laterne einzuwerfen, kann sich jedoch trotz aller moralischen Ermutigung,
die ihm unsererseits zuteil wird, nicht auf die Hhe solch einer mnnlichen Tat
erheben. Dagegen tritt bei ihm das Stadium unzurechnungsfhiger Krakeelsucht
ein; aber noch ehe sich dasselbe unangenehm entwickeln kann, packt ihn die
Reaktion mit kalter Faust - der Rentier wird weich! Meine Herren, ein
betrunkener Hausbesitzer, der sich mit dem Theater, mit der Kunst in Verbindung
gebracht hat und weich wird, ist ein merkwrdiges Schauspiel. Schwebemeier edite
regibus zerfliet in Trnen, er beruft die Manen seines verstorbenen Weibes und
beschwrt die erregten Gefhle seiner gegenwrtigen Ehehlfte; er heult in allen
Tonarten ber die eigene Schlechtigkeit, Unsoliditt, Immoralitt; er macht den
ihn geleitenden Damen vielen Spa. Aber die Damen werden nach Hause gebracht;
die brigen Herren der heitern Gesellschaft verlieren sich gleichfalls in der
Nacht oder vielmehr in dem grauenden Morgen; - dem gutmtigen Julius liegt der
zerflieende Partikulier zuletzt allein auf den Schultern; - meine Herren,
sollten Sie es fr mglich halten, da es mir selbst jetzt in solchem Augenblick
unmglich war, der zugeknpften Hartnckigkeit des Philisters ein kleines
Darlehn auf die beste Sicherheit zu entlocken? Sollte man nicht an der Welt
verzweifeln, wenn dem fhlenden Manne der brutale Instinkt dieser Tiermenschen
selbst in den rhrendsten Augenblicken entgegenfletscht? Ich schleppe den
Regenschirmfabrikanten wie weiland Atlas die Welt; wir langen nach berwindung
bermenschlicher Schwierigkeiten vor der Tr des Mannes in der Lilienstrae
Nummer zwlf an und finden sie offen. Es ist vollstndig Dmmerung, und die
ersten Spuren wiederkehrender Menschenwrde werden an dem Rentier sichtbar. Er
findet es unerklrlich, als er seine Halsbinde nicht mehr findet, und bedenkt
nicht, da er sich mehrmals in den Kanal strzen wollte und jedesmal an der
Krawatte zurckgehalten wurde. Ich schiebe ihn die Stufen seiner Haustr hinauf,
und auf der Hausflur erschreckt uns eine Gespenstererscheinung. Beleuchtet vom
Schein einer Kchenlampe, taucht dicht vor uns eine Person auf - die Erd' hat
Blasen, wie das Meer sie hat -, eine Person, welche in sich alle Reize der drei
Macbethschen Hexen vereinigt. Schwebemeiers Gattin ist's, und die Grlichkeit
der Erscheinung ernchtert den Gemahl sofort vollstndig und macht auch auf mich
trotz meiner mnnlichen Gelassenheit einen berwltigenden Eindruck. Sie strzt
sich auf uns, und der holde Strom ihrer Rede berfliet uns, alle Dmme der
Rhetorik durchbrechend; schreckensbleich ducken wir die Kpfe, als sie zufat
und den Mann ihres Herzens beim Kragen nimmt. Ich wich ihr denn auch, aber erst
nachdem ich aus ihrem hllischen Gezeter noch entnommen hatte, was ich euch
entgegenrief, ihr Herren: Frulein Eva Dornbluth, der Stern des Waldes, die Fee
aus der Wildnis, das groe und schne Rtsel der Stadt, hat in dieser ewig
denkwrdigen Nacht in der Begleitung und unter dem Schutze eines hochgewachsenen
Herrn mit rotblondem Backenbart ihre Wohnung und das Haus des Partikulier
Schwebemeier verlassen und sich in einem himmelblauen, sterngestickten
Zauberschleier den Augen der trauernden Menschheit entzogen; - warum, wozu und
wofr, habe ich noch nicht erfahren knnen, doch

Im schnellen Fluge folgen sich die Stunden,
Der Tag ist da, die Wahrheit wird gefunden. -

Robert Wolf knpfte seinen Rock zu und sah sich nach seiner Mtze um, als wolle
er auf der Stelle der flchtigen Geliebten nachlaufen. Der Polizeischreiber aber
hatte ein scharfes Auge auf ihn, lehnte sich mit dem Rcken gegen die Tr und
rief im Innern alle Gtter an, flehend, das Vernommene mge Wahrheit sein. Als
der Knabe aus dem Walde die Hand auf den Trgriff legte, legte er seine Hand auf
die des Knaben und rief mit spttischem Lachen:
    Wohin willst du, mein Sohn? Willst du dich noch einmal von der Dame
auslachen lassen? Ich dchte, jeder ordentliche Mann htte an einem Male genug.
    Der Jngling lie unter der kalten Hand des Alten den Trgriff los und
schlich zu seinem Stuhl zurck. Ein Mnnertritt lie sich auf der Treppe
vernehmen; Ludwig Tellering trat ein. Er trug den Brief in der Hand, welchen
Friedrich Wolf in der vergangenen Nacht seinem Vater gegeben hatte. An die
berreichung desselben knpfte er zugleich die Bitte, der Herr Polizeischreiber
mge ihm - Ludwig Tellering - einen Atlas und ein Geographiebuch mit recht viel
ber Italien, Paris und Amerika drin leihen. Er erhielt das Verlangte und
empfahl sich mit hflichem Grue, um den ganzen Sonntag ber eifrig sich dem
Studium der Lnder zu widmen, der Lnder, nach welchen Marie Heil gegangen war.
    Zweifelnd wog der Polizeischreiber das versiegelte Schreiben in der Hand,
dann bat er in so ernstlicher Weise den gutmtigen Julius, sich zu packen, da
dieser der Bitte doch endlich nachkam. Nun erbrach der Alte den Brief; ein
kleines Billett, gerichtet an Robert Wolf, fiel heraus; der Schreiber behielt es
frs erste noch in der Hand und vertiefte sich ganz und gar in die Lektre des
an ihn selbst gerichteten Briefes:
    Das Schreiben lautete:

Geehrter Herr!

    Die Geschicke der Menschen, welche weit voneinander ihre Bahnen gefhrt
werden, knnen sich kreuzen, und Verpflichtungen knnen entstehen, whrend die
Beteiligten krperlich vielleicht niemals sich nahe treten. Der letztere Fall
ist zwischen uns beiden eingetreten, und der Bruder Robert Wolfs wei nicht, wie
er seinen Dank aussprechen soll fr das, was Sie an jenem armen Knaben getan
haben. Ich habe alles erkundet, was die Geschichte meines Bruders betrifft; ich
bin ihm in den letzten Tagen nher gewesen, als er sich trumen lie. Ich habe
berlegt und bin zu der Gewiheit gekommen, da ich nicht vor ihm und somit auch
nicht vor Ihnen, teurer Mann, erscheinen darf. Der Knabe wird mich fr den
Zerstrer seines Glcks, fr seinen Feind ansehen; ich will ihm ersparen, da er
einst die Stunde eines unzeitgemen Wiedersehens verwnsche. Die Jahre werden
ihn beruhigen und ihm alles das, was er jetzt durch solch ein hliches Medium
sieht, in dem wahren Lichte zeigen; dann wird der Bruder dem Bruder freudig die
Arme ffnen knnen. Eva Dornbluth, meine Braut, die unschuldige Ursache seines
Schmerzes, fhre ich mit mir fort, sie gehrt mir an und wird nicht mehr dem
armen Robert in den Weg treten. Auch sie sagt Ihnen ihren tiefgefhltesten Dank
und kt Ihnen die Hand, die Sie so barmherzig, so schutzreich ber Robert Wolf
ausgestreckt haben. Wenn Sie, geehrter Herr, diesen Brief durch den Meister
Tellering empfangen, sind wir weit von hier entfernt; wir werden den Winter in
Italien zubringen und im Frhling die See kreuzen. Von New Orleans werde ich
Ihnen weitere Mitteilungen machen.
    Ich habe vernommen, da mein Bruder Fhigkeiten gezeigt und Kenntnisse
erworben hat, ich will das Meinige dazu tun, da ihm in Zukunft alle Wege zu
letzteren offenstehen sollen. Nach hiesigen Begriffen bin ich ein reicher Mann;
aber wie arm fhle ich mich, wenn ich bedenke, was Sie einem unglcklichen
fremden Knaben, was Sie meinem Bruder geben! Einige Wechsel auf das Haus Wienand
schliee ich bei und bitte, die Summen zur Erziehung und Ausbildung Roberts nach
Belieben und bester Einsicht zu verwenden.
    Eva schreibt einige Worte an Robert; ich kann mir sehr lebendig vorstellen,
wie der Knabe den Brief der Armen behandeln wird.
    Leben Sie wohl; Sie sollen immer einen dankbaren treuen Freund finden an

                                           Frederic Warner, alias Friedrich Wolf
                                                aus Poppenhagen im Winzelwalde.

Der Polizeischreiber Fritz Fiebiger nickte fnf Minuten lang mit dem Kopf; dann
schlo er vorsichtig die Wechsel in seinen Schreibtisch. Dann nickte er wieder
fnf Minuten hindurch mit dem Kopf, stopfte eine Pfeife, zndete sie an,
betrachtete das Billett Eva Dornbluths, betrachtete den brtenden Robert Wolf
und sagte zuletzt:
    Dein Bruder Fritz hat mir soeben geschrieben. Hast du gewut, da Frulein
Eva Dornbluth und er lngst Verlobte waren, als du dich in das Mdchen
verliebtest?
    Der Knabe zitterte an allen Gliedern und stammelte einige ziemlich
unverstndliche Worte.
    Sprich deutlich, sagte der Schreiber.
    Ich habe es ihr nie geglaubt; sie waren ja noch Kinder, als sie
zusammenlebten, flsterte Robert.
    Der Schreiber zuckte komisch die Achseln:
    Und was bist du denn eigentlich, mein Junge - wenn ich fragen darf? Hier,
da hast du einen Brief von der Dame; ich hoffe, du betrgst dich anstndig und
vernnftig.
    Robert Wolf griff nach dem Billett; aber schon als er die hastige und doch
zierliche Handschrift erblickte, betrug er sich nicht anstndig und vernnftig.
Mit zitternder Hand zerri er den Umschlag und las. Er wurde rot und bleich und
murmelte zwischen den Zhnen: Mein Bruder - sie - unschuldig - Freundschaft -
Fluch ihnen!
    Er zerri wirklich den Abschiedsbrief Eva Dornbluths! Er weinte aber nicht
mehr; - jetzt war er das unbestrittene Eigentum des Polizeischreibers Friedrich
Fiebiger geworden; auf wie lange, das war freilich eine andere Frage. Pique-Dame
war aus dem Spiel; aber es gibt noch mehr Kronentrgerinnen zwischen den Karten;
glcklich diejenigen, welchen Herz-Dame herausfllt und welche damit das Spiel
gewinnen!

                              Dreizehntes Kapitel



           Blick ber die Dcher. Vernderte Aussichten und Ansichten

Die verehrlichen Leser werden gebeten, sich den Erzhler vorzustellen, wie er
steht, seine Historie gleich einer Frucht in der Hand hlt, wie er mit
bedenklicher Miene sich abmht, den Kern aus der Schale zu lsen, und sehr in
Sorgen ist ber die inhaltvolle Frage: Was wird man dazu sagen?
    Da gibt es Leute, die haben sehr scharfe Zhne und gebrauchen sie mit Lust,
und Leute gibt's, welche gar keine Zhne haben. Wieder gibt es Leute, welche
sehr leicht lange Zhne bekommen, und Leute, welche an hohlen leiden. Zhne
wie Perlen sollen ziemlich selten geworden sein in der Welt, und falsche Zhne
sollen im berflu vorhanden sein. Letzteres behaupten die bsen Zungen, und das
kann dem Erzhler in einer Hinsicht angenehm sein; denn es bringt ihn auf diese
ntzlichen Glieder selber. O was fr Zungen es in der Welt gibt! Spitze,
scharfe, stumpfe, laute, leise, se, bittere, silberne, biedere, giftige,
wohlmeinende, falsche, ehrliche, glatte: - und fr so viele und vielgeartete
Zungen nur eine Frucht!
    Das Amt eines Geschichtenerzhlers ist viel schwerer, als sich die Leute
meistens vorstellen, und am Ende kann der beste nicht mehr tun, als seinen Apfel
schlen und sprechen: Da, nehmt, oder lat's bleiben. Kern oder Schale, wie es
euch beliebt. Haltet euch lobend an das eine oder tadelnd an das andere; oder
lobt und tadelt beides oder keines von beiden. Unsereiner mu auch in manchen
sauern Apfel beien, und ihr Leute, die ihr euch ber irgendein Buch rgert,
wit gar nicht, wie glcklich ihr seid, da ihr es nicht zu schreiben brauchtet.
Aber - Seht nach den Sternen, seht nach euern Sternen! sagte der alte
Sterngucker auf seinem hohen Giebel, wenn die Leute, welche das Glck hatten,
ihn zu kennen, vor irgendeiner harten Nu des Lebens sich scheuten, vor
irgendeinem steilen Berge, ber welchen ihr Weg fhrte, zaudernd und bedenklich
standen.
    Sieh nach den Sternen, Knabe! sprach er auch zu Robert Wolf, als der
Polizeischreiber Fiebiger den Knaben zu dem wunderlichen Greise fhrte und
dieser dem jungen Landsmann aus Poppenhagen lange in die Augen geblickt hatte.
Die beiden Herren schickten dann den Knaben nach Hause, und der Schreiber fragte
seinen Freund:
    Nun, Heinrich, was hast du in diesem Gesichte gelesen?
    Es ist ein gutes Gesicht, lautete die Antwort. Intelligente Stirn und
Augen, ziemlich charaktervolle Nase, etwas zuviel Weichheit um den Mund - alles
in allem aber ein befriedigendes Gesicht! Ich will dir helfen, den Jungen zu
erziehen, Fritz.
    Dank dir - sit saluti! sagte der Schreiber, den Seufzer, womit der
Gelehrte seine letzten Worte begleitete, gern berhrend.
    Dieses Gesprch fand am frhen Morgen des Montags statt, und man sah bald
darauf den Polizeischreiber im kurzen Trabe durch die Gassen seinem Bro
zueilen. Der Abend erst fand die drei Alten aus dem Winzelwalde bei dem
Astronomen zusammen, und jetzt wurde Robert Wolf auch dem Freifrulein von
Poppen vorgestellt. Die ganze Stadt hatte von dem Entweichen Eva Dornbluths und
dem Verschwinden des jungen, reichen, interessanten Amerikaners gehrt; Bescheid
darum wuten aber nur diese vier. Das Himmelsgewlbe war auch heute durch Wolken
verhangen und kein Stern sichtbar. So saen denn die Alten wiederum in den
hochlehnigen Sesseln um den Eichentisch, und Robert Wolf lauschte staunend im
Winkel. Er vernahm das dumpfe Brausen der groen Stadt fast wie das Brausen
seines Heimatswaldes; aber solche Stimmen, solche Worte hatte er im Walde nicht
vernommen. Noch lange Zeit mute es dauern, ehe der Knabe vollstndig begriff,
wer diese Lehrer waren, was sie ihm waren. Noch hielt auch die krankhafte
Abspannung aller Krper- und Geisteskrfte bei ihm an und lie ihn auch an
diesem Abend in dem Halbschlummer uerster Erschpfung, in welcher man das Wort
der Redenden nur unbestimmt, wie aus weiter Ferne vernimmt, versinken. Einmal
fhlte er, wie jemand sich ber ihn beugte und sagte: Er schlft!
    Dann schlief er wirklich, und Ulex sagte:
    Da haben wir, die Entsagenden, nun diesen Jungen im Winkel! Wir haben ihn
aufgenommen in unsere Mitte und mit ihm vielleicht viel Unruhe und Sorge,
jedenfalls aber eine schwere Verantwortlichkeit. Was sollen wir mit ihm
anfangen? Was knnen die Entsagenden dem Knaben, der noch an der Schwelle des
Lebens steht, geben? Drfen wir ihm das Dasein zeigen, wie wir Graukpfe es
auffassen? Der Spruch der Kartuser: In Schweigen und Hoffen soll eure Strke
sein, ist wohl gut fr die einen; aber Fiebiger mag recht haben, wenn er meint,
es sei ein Verrat an der Welt, ihn jemand aufzudringen. Haben wir nicht selbst
an uns erfahren, wie die Weisheit der Einsamkeit nur von selber kommt, gleich
einer Erleuchtung, gleich einer Offenbarung!
    Es ist immer schlimm, einen jungen Geist herabzudrcken, sprach das
Freifrulein. Wir drfen es in keiner Weise tun; die Entsagung wird auch schon
frh genug von selbst kommen.
    Sie trgt schwere Nagelschuhe, meinte der Schreiber, welcher gar nicht
entsagend aussah. Ihr Schritt ist weit hrbar. Es ist sogar unsere Pflicht, der
heranmarschierenden - wollt ich sagen, der nahenden Gttin den heitern Schild
des lebendigen Lebens entgegenzuhalten und unsern Schtzling dort in der Ecke
damit zu decken, bis er selbst den Schild halten und tragen kann. Es steht dann
in seinem Belieben, ihn niederzulegen, wann er will; eine polizeiliche Erlaubnis
ist nicht ntig dazu. -
    So war nun der groe Umschwung in dem Leben Roberts eingetreten; aber es
dauerte eine geraume Zeit, ehe der Schtzling der drei Alten am Morgen, beim
Erwachen, auf der Stelle sich klar war, wo er sich befand und was mit ihm
vorgegangen war. In der ersten Zeit seines Lebens in der Stadt erwachte er
gewhnlich aus einem unruhigen Schlummer, in welchem ihm der Traum die Bilder
und Szenen des Daseins, das hinter ihm lag, magisch vorgaukelte, bald treu
kopierend, bald wild und phantastisch durcheinanderwerfend und verwirrend. Da
glaubte er den Wald und den Dorfbach vor seinem Fenster rauschen zu hren, er
sah den Pastor Tanne mit dem Spitz Fidel den Morgengang durch den betaueten
Garten und um das eben erwachende Dorf machen. Er hrte das dumpfe Gebrll des
Viehs, das sich aus den Stllen nach der grnen Weide sehnte. Im goldenen Glanz
des Sonnenaufgangs leuchteten die Berge, und in den Sonnenaufgang hinein klang
eine klare, liebliche, volle Stimme, und eine lichte Gestalt glitt durch den
grnen Grasgarten unter den bltenvollen Kirschenbumen umher. Eva Dornbluth zog
die tauperlenden Bltenzweige nieder und schttelte sie, da die funkelnden
Tropfen wie Diamantenschauer ihr ber die schwarzen Locken rollten. Vor Lust
zitterten die Zweige, und jeder Baum winkte dem schnen Mdchen, ihr seinen
blitzenden Schmuck darbietend. Nun trat der Kuhhirt des Dorfes an die
Gartenhecke, setzte das Horn an den Mund, und der unruhige Schlfer in der
Musikantengasse erwachte, weil er das gewohnte Getn - nicht vernahm.
    Ein anderer Traum brachte andere Bilder. Da spielte die Abendsonne im
Studierstbchen des Pfarrhauses ber die Bcherbretter; es hatte sich eine Wespe
in das Gemach verloren und fllte es mit dumpfem Gesumm. Robert sa am Tisch des
Pfarrers und folgte dem Tier mit den Augen hierhin und dahin, wie es seinen Flug
nahm. Er mute ihm folgen mit peinlichster Aufmerksamkeit; er durfte den Blick
nicht abwenden von dem Tier; - hierhin, dahin scho es, jetzt in das Dunkel der
Winkel und Ecken, jetzt flimmernd in den Strahl der Abendsonne. Es war eine
qualvolle Jagd, und das Summen ward immer lauter und drhnender; immer mehr
vergrerte sich das fliegende Insekt und nahm allerlei Gestalten an, ewig
wechselnde. Unheimlich und hlich waren diese Gestalten, solange das Tier im
Dunkel flog, lieblich und leuchtend, wenn es durch den Sonnenstrahl scho,
welcher in das Fenster fiel. Es trug auch wohl ein menschliches Haupt, bald
unbeschreiblich schn wie das Evas, bald ber alle Maen fratzenhaft. In immer
engern Kreisen umzog es den Wolf vom Eulenbruch, das Sausen seiner Flgel klang
wie der lauteste Sturmwind; der angstgepeinigte Trumer erwachte nur, wenn er im
Augenblick der hchsten Bedrngung das vor ihm liegende Lexikon des Pastors
Tanne nach dem gespenstischen Tier warf.
    Nun richtete sich Robert Wolf von seinem Lager empor und sah sich verstrt
in der fremden Umgebung um. Verschwunden war der Traum von der Heimat mit allen
Einzelheiten. Der alte, greise, gute Pastor war fortgegangen, fort aus dem
blhenden Pfarrgarten, aus dem erwachenden Walddorfe; er hatte die lange Pfeife
in den Winkel neben seinem Schreibtische gestellt; so frh am Morgen war er
wieder schlafen gegangen - schlafen gegangen auf dem kleinen bebuschten, grnen,
hgeligen Pltzchen neben der Kirche. Unter den andern Hgeln und schwarzen
Kreuzen war das letzte Bett des Pastors Tanne gemacht worden, und mit goldenen
Buchstaben verkndete eine Tafel des trefflichen Alten Namen, Geburtstag und
Todesstunde. Der weie Spitz war toll geworden und erschossen in der Dorfgasse;
- die schne wilde Mdchengestalt lehnte nicht mehr unter dem Eschenbaum an der
Hecke; Eva Dornbluths Stimme erklang nicht mehr in dem sonnigen Grasgarten
hinter den blhenden Bumen, hinter den Stachelbeerbschen. Die Tautropfen
hatten sich in Diamanten verwandelt, verloren hatte sich Eva Dornbluth in dem
groen Walde, in der schrecklichen, geheimnisvollen Ferne und Fremde. Aber auch
das summende geflgelte Tier, die Wespe, war verschwunden mit dem Erwachen.
Robert Wolf rieb die Augen und warf einen Blick auf die grauen Brandmauern vor
seinem Fenster, auf die schmutzigen, regennassen oder beschneiten Dcher, die
qualmenden Schornsteine und Kaminrhren, welche den Dunst vermehrten und sich in
ihm, in der Ferne, schattenhaft verloren. Der Qualm der Steinkohlen, der
verschiedenartigen Gase fllte die Brust des Knaben, wenn er das verquollene
Fenster mit Mhe geffnet hatte. Und unter dem grauen Schleier rauschte und
knarrte, pochte und kreischte und rollte das groe Leben der Stadt, so fremd, so
bengstigend, so erdrckend, da Robert unwillkrlich nach der Kehle griff,
gleich einem Erstickenden. Nun richtete sich aber sein Blick auf einen von den
vielen Giebeln, und von dorther kam ihm der erste Trost, der erste Anhalt in
dieser schwindelerregenden fremden Welt. In jenem Giebel schlief Ulex, der
Sternseher, seinen langen Morgenschlaf nach ernst durchwachter Nacht. Und ein
noch hheres Gefhl von Sicherheit und Dankbarkeit regte sich in der Brust des
Knaben, wenn nebenan im Gemache der alte Beschtzer Friedrich Fiebiger sich
rhrte, hustete, grunzte und nieste und ein groes Wassergepltscher machte. Es
verklang der Schmerz, den die Nacht noch immer wachrief, in dem neuen Leben,
welches jeder neue Tag brachte.
    Jetzt erschien Ludwig Tellering trotz der Klte in Hemdsrmeln vor der Tr
der Hofwohnung und rief dem Jngling einen frhlichen Morgengru hinauf. Hell
klang hinter den dunkeln Fenstern Luise Tellerings hbsche Stimme, und der
Hammer des Alten begleitete das Lied ganz taktmig. Mit der Tischlerfamilie
stand Robert bald auf sehr freundschaftlichem Fue. Er besa eine natrliche
Anlage fr das Schreinerhandwerk, hantierte gern mit Hobel und Sge, und
Fiebiger legte dem nicht nur kein Hindernis in den Weg, sondern begnstigte es
sogar sehr; denn er wute recht gut, welch eine treffliche Panazee krperliche
Arbeit und Anstrengung gegen alle Seelenkrankheiten sei. Manchen guten Handgriff
lernte Robert Wolf von Ludwig Tellering, und groe Fortschritte machte letzterer
mit Hlfe Roberts in der Geographie von Europa und Amerika.
    Aber es wohnten noch andere Leute in dem Hause Nummer zwlf in der
Musikantengasse. Da erwachte der Hausherr, der beschauliche Herr Museler,
ftterte seinen Dompfaffen, stubte das Bildnis seiner Seligen mit dem
Federwedel ab und durchschlurfte in Filzpantoffeln das Haus, berall auf den
Treppenabstzen sein dummes breites Gesicht zeigend. Frulein Aurora Pogge
machte an dem jungen Tage mit den Rosenfingern den ersten Angriff auf die Augen
ihrer Magd Hulda; die vornehme Angorakatze machte den ersten Buckel und zeigte
sich unzufrieden mit dem Frhstck. Im Atelier des Monsieur Alphonse Stibbe
regte es sich; der Lehrling erhielt seine erste Ohrfeige von dem Matre und
seine ersten Futritte von den Herren Gehlfen. Sein Geheul klang melodisch in
den Morgentraum Frulein Angelikas. Am lngsten schliefen im Hause Nummer zwlf
der Musikantengasse jedenfalls Angelika Stibbe, die holdanlchelnde Jungfrau,
und Herr Julius Schminkert, der treffliche, biedere und bescheidene Jngling.
Die Welt verlor dadurch nichts, und so mochten sie schlafen, solange sie
wollten; wenn Julius dann mit heiserer Stimme den Morgen ansang und klglich
sein Geborensein und Dasein bejammerte, so kmmerte sich die Welt auch nicht im
mindesten darum.
    Aus dichten Rauchwolken hervor gab Fiebiger, der Mann der Polizei, seinem
Schtzling Anleitung zur Bereitung des trefflichen Kaffees und andere gute und
ntzliche Lehren. Immer tiefer weihte er ihn in die Geheimnisse seines
Lebensgrundsatzes: Gib acht auf die Gassen, ein, im Gegensatz oder vielmehr zur
Ergnzung des Axioms des alten Ulex: Sieh nach den Sternen.
    Solange der Polizeischreiber und Robert zusammen waren, war von Bchern
nicht die Rede. In die Musikantengasse hinab, nach den gegenberliegenden
Husern blickten die beiden, und der Mann der ffentlichen Sicherheit wute von
Amts wegen von manchen Dingen Bescheid, die andern Menschen verborgen blieben.
Er sah Individuen und Verhltnisse mit scharfen Augen, und manche Maske, unter
welcher sich der Trger oder die Trgerin sehr sicher und behaglich fhlten,
fiel vor dem Blick des Polizeischreibers. So konnte er in dem Gewhl, welches
bunt vor den Augen Robert Wolfs vorberzog, andeuten, aussondern und
zusammenfassen und, wie kein anderer, dem Jngling ein Bild des Lebens, wie es
ist, geben. Da schwand mancher Glanz, welcher den Unerfahrenen wohl blenden
konnte; da fing aber auch das Dunkle an, zu leuchten und einen hellen Schein zu
geben. Das eine verlor, das andere gewann; Gegenstze glichen sich aus; was
durch unendliche Fernen fr immer getrennt schien, griff ineinander zu Gutem und
Bsem; der Mann in Purpur und kstlicher Leinwand mute nach der harten, mit
Schwielen bedeckten Hand fassen, um sich aufrechtzuerhalten im Gewhl. Die Rder
des eleganten Wagens, der in weichen seidenen Kissen die schne vornehme Dame
trug, drehten sich lange nicht schnell genug, um den Schmerz, den Kummer, die
herzzerfressende Sorge hinter sich zu lassen. Je mehr das Menschenkind von den
beglckenden Schleiern Fortunas umhllt erschien, desto dunklere Hnde griffen
von allen Seiten nach den schtzenden Hllen, um sie herabzureien und die arme
Seele nackt, frierend und zitternd in das allgemeine Menschenlos zu ziehen. Wie
die Volkswogen durch die Musikantengasse rollten, lste der Lehrer sie auf in
ihre einzelnen Tropfen und zeigte, wie die Welt sich in jedem auf eine andere
Art spiegele. Aber nicht im pedantischen Lehrerton gab er seine Weisheit kund.
Dazu war er allzusehr Humorist und sah mit zwinkernden Augen in das
Durcheinander, den Gestaltungsproze der Gesellschaft. Er warf sein Netz aus wie
Petrus der Fischer und zog es hervor voll von Geschpfen aller Art; er freute
sich ber das Gekrabbel und Gekribbel und lie der Molluske, dem Dintenfisch und
Krebs wie dem Hecht, dem Karpfen und der Forelle ihr Recht.
    Merke dir das, mein Junge, sagte er, erlaubt mu Dorern sein, dorisch zu
sein, und Jonern ionisch; und nichts ist oft einem Tlpel hnlicher als ein sehr
gelehrter Mann. Mauerer und Zimmerleute werden sich in alle Ewigkeit hassen und
groe Schlachten gegeneinander fhren, und das uralte Problem, alle Schuhe ber
einen Leisten zu schlagen, hat noch niemand gelst. Sehr viele Menschen gelangen
zu der Bezeichnung Ehrenmnner durch wohlfeile Redensarten, ergo la dich nicht
verblffen. An manchem Kerl ist nichts Gutes als sein Herz, von welchem die Welt
nichts wissen will; halte dich an einen solchen Kerl und la die Welt die Nase
zuhalten. Es ist mehr daran gelegen, da das Volk nach grner Seife rieche, als
da der und der, die und die nach franzsischen Parfms und Essenzen dufte. Hte
dich vor bergroem Ekel; denn oft hngt nicht nur des Menschen Appetit, sondern
auch des Menschen Seele an einem Haar. Wer mit dem Teufel glcklich kmpfen
will, der stellt sich besser fest auf seine Fe und beit die Zhne zusammen,
als da er sich unter den Rock des heiligsten Engels verkriecht. Es gibt viele
Leute, welche alles das, was sie selber nicht glauben, aus allerlei ntzlichen
Ursachen andere glauben machen mchten; halte dich an das Wort der Knigin
Christine von Schweden: Man mu sich am meisten vor lebenden Heiligen hten. -
Die Heuchelei ist eine schne Kunst und wrdig, bis auf den Grund studiert zu
werden. Studiere sie, es gibt kaum einen grern Genu als die Entlarvung eines
echten Heuchlers. Da schlgt es neun Uhr; vorwrts - immer mit in der Mhle! Die
Zeit und die hohen Behrden lassen oft auf sich warten, warten selbst aber auf
niemand.
    Damit klopfte der Gassenphilosoph seine Pfeife aus, zog den bekannten
berrock chzend an, nahm den Regenschirm unter den Arm und begab sich nach
seinem Bro, um in der Gesellschaft des Rats Trster, der groen Register und
des Wachtmeisters Greiffenberger mehr ntzlich als angenehm dem Staate zu
dienen.
    Noch einige kurze Augenblicke mochte Robert den weisen Aussprchen seines
Beschtzers, die allesamt mehr oder weniger unmittelbar mit den Vorgngen oder
den Passanten der Musikantengasse zusammenhingen, nachsinnen, ehe er sich zu dem
Sternseher verfgte. Fr das Glnzende der neuen Welt, in der er sich jetzt
bewegte, hatte er noch nicht den rechten Sinn; um so abschreckender erschien ihm
dagegen der Schmutz. Wahrlich, es war etwas ganz anderes um den Schnee, welcher
im Winzelwalde die Zweige der Fichten zur Erde bog, als um die unbeschreibbare
Materie, welche den Kot der Musikantengasse vermehrte; es war etwas anderes um
den Regen, welcher auf den Blttern vor den Httenfenstern rauschte, der die
Waldbche anschwellte und jeden Felsensteig in einen Wasserfall verwandelte, als
um den Regen, der auf die Ziegeln niederklatschte und klopfte, und die schwarzen
Strme, welche den Steinkohlenniederschlag von den Dchern splten.
    Nur scheuen Schrittes wagte sich der Knabe auf den Gang; geduckt und schnell
schlich er die Treppe hinunter unter dem krchzenden Gesang des jetzt erwachten
Schminkert, angestarrt von dem Partikulier Museler, furchtsam einer Begegnung
des Frulein Pogge oder der unholden Hulda ausweichend. Scheu und geduckt trat
er hinaus in die Gasse, und geborgen fhlte er sich erst in dem dunkeln Gchen,
welches an dem Telleringschen Fenster, an welches vor einigen Wochen die kleine
Marie klopfte, vorberfhrte. Hier erwiderte er gewhnlich im Vorbeigehen ein
freundliches Zunicken der Meisterin oder der niedlichen Luise. Erst auf der
steilen Treppe des Sternsehers hob er den Kopf vllig in die Hhe.
    Im Tagesschein verlor der Aufenthaltsort des Gelehrten viel von der
Sonderbarkeit seiner Erscheinung, die er am Abend darbot; doch auch jetzt
erkannte man immer noch, da kein gewhnlicher Mensch hier hause. Ein stummes
Kopfnicken des Greises begrte den eintretenden Jngling, welcher sich bereits
recht gut in die Art des Alten gefunden hatte und ebenso stumm sich an einem ihm
angewiesenen Platz am Tisch, in der Nhe des Fensters, niederlie. Die Bcher,
welche am Todestage des Pastors Tanne sich fr Robert Wolf fr ewige Zeiten
geschlossen zu haben schienen, ffneten sich ihm von neuem, und Heinrich Ulex
war ein noch besserer Lehrer als der Pfarrer von Poppenhagen. Der Sternseher
begngte sich nicht damit, seinen Schler in die Geheimnisse der lateinischen
und griechischen Sprache einzuweihen; er hob ihn hoch darber hinaus in das
wundersame Reich, welches so weit ber den Einzelheiten des irdischen Lebens
liegt. In den Gassen wute der Sternseher nicht so gut Bescheid wie der
Polizeischreiber; er fhrte andere Register als dieser. Die Sterne ziehen
gesetzmigere Bahnen als die armen Erdenbrger, deren irrwischartige
Lebenslufe der Schreiber in seine Folianten eintrug. In den Gassen mochte dem
Astronomen im Wege liegen, was da wollte, er trat drauf oder drein; das war
nicht so in des alten Zauberers eigenem Reiche. Es war ein leuchtender Kreis,
welchen er beherrschte, und dieser Kreis dehnte sich ber alle Fernen, ber Zeit
und Raum. Was die Welt an Schnem und Erhabenem besa, das war in diesem Kreise
heimatsberechtigt. Auf das trefflichste ergnzten die Lehren Heinrich Ulex' des
Sternsehers die Lehren, welche Friedrich Fiebiger der Polizeischreiber dem
Knaben aus dem Winzelwalde gab. Alles bel in der Brust des Jnglings, welches
den Worten des einen nicht wich, wich den Worten des andern.
    Sieh nach den Sternen, sagte der Greis. Da droben ist alles Harmonie und
Ordnung; nach ewigen Gesetzen wandelt jedes Glied der groen, glnzenden
Gemeinschaft; selbst die regellosesten unter ihnen, die Kometen, ziehen ihren
vorgeschriebenen Weg. Welch ein Kontrast gegen das Getmmel hier unten! O sieh
nach den Sternen, Knabe, und wenn der dunkle Erdentag, wenn das irdische Gewlk
sie dir verbirgt, so denke an sie und vergi nie, da sie ber allen Wolken und
Schatten, ber allem Sturm und Ungewitter ruhig lcheln.
    In unendlicher Weise benutzte der Alte dies sein unerschpfliches Thema; in
alles verflocht er die Bilder und Lehren, welche er seiner Lieblingswissenschaft
entnahm; wer ihn hrte, mute gestehen, da es doch etwas Schnes um den reinen
Idealismus sei; und selbst diejenigen, welche ihm am wenigsten auf seinem Wege
folgen konnten, blickten ihm mit einer gewissen scheuen und staunenden
Bewunderung nach. Gleich einer Liederweise verhallte das frhere Leben Robert
Wolfs im Anhauch solcher neuen Lebens- und Welterfahrungen. Der wilde Schmerz um
die verlorene erste Liebe lste sich in sanfte Traurigkeit auf, und - ach - auch
diese Traurigkeit verklang immer mehr. Die Gestalt Eva Dornbluths ward immer
nebelhafter in dem Herzen Robert Wolfs; selbst im Traum qulte er sich seltener
mit der Vergangenheit, selbst aus dem Traum verschwand die Gestalt und Stimme
des Mdchens. Wenn der Knabe anfangs noch die Bcher nur als ein Mittel ergriff,
um sich seinen Gedanken zu entziehen, wenn anfangs der Eifer, womit er sich
wieder in die Wissenschaften vertiefte, zum groen Teil seinen Grund in dem
Fieber hatte, von welchem er verzehrt wurde: so nderte sich auch das noch im
Laufe des Winters. Es liegt eine eigene Macht in diesen magischen Rollen, welche
so lange unter dem Schutt der Jahrhunderte begraben lagen. Ein Hauch
berzeugendster Beruhigung kommt aus diesen Blttern, in welchen so viele und
groartige tragische Geschicke, soviel Weisheit und Poesie, so viele Rezepte fr
jedes unruhige, kmpfende Geschlecht der Menschen niedergelegt sind.
    Unter diesem Hauche und unter den inhaltvollen Worten:

Sieh nach den Sternen!
Gib acht auf die Gassen!

mute ein Geist wie der Robert Wolfs gesunden, und er gesundete auch. Doch bis
aus dem Knaben ein echter, vollkommener, starker Mann wurde, mute noch manches
andere in sein Leben eingreifen. Ein Messer wetzet das andere und ein Mann den
andern. Wir leben in einem groen Gedrnge; es fehlt weder an Messern noch an
Mnnern; wer aber vom besten Stahl ist, der kommt auch am besten weg.

                              Vierzehntes Kapitel



 Von einem grnen Gartenflecke, einer weien Marmorbildsule, einem Gartentisch
                             und einer grnen Bank

Wir haben schon mehr als einmal erwhnt, auf welchen Wirrwarr von Dchern,
Mauern, Giebeln, Blitzableitern, Brstungen, Galerien, Feueressen und dunkeln
Hfen man sdwrts aus den Hinterfenstern der Wohnung des Polizeischreibers
Fiebiger sah; von dem Giebel des Astronomen Heinrich Ulex hatte man, wiederum
sdwrts, eine hnliche Aussicht; doch waren die Dcher nicht so unregelmig,
so alt und grau. Der Huserhaufen, den man von hier aus betrachten konnte, war
in jngerer Zeit aufgerichtet worden und wurde von den Bewohnern in bester
Ordnung und Reinlichkeit erhalten. Hier begann das Stadtviertel der
angeseheneren Beamten, der Grohndler, ein ruhiges, reinliches, solides
Stadtviertel, auf welches die Regierung sich verlassen konnte und sich auch
wirklich verlie. Da ragte hier und dort Gezweig von Zierbumen ber die Mauern,
man sah sogar einen Zipfel von einem kleinen Garten, und um die Zeit, in welcher
wir unsere Geschichte wiederaufnehmen, war der Winter zu Ende, waren die Bume
grn, blhten die Blumen in dem Garteneckchen. Die Katzen putzten sich auf den
Dchern den Bart, der Polizeischreiber Fiebiger trug Nankingbeinkleider, Julius
Schminkert trug seine hellblaue Sommerkleidung nach - dem Pfandhaus und
drapierte sich in einen abgelebten Wintermantel wie ein zynischer Philosoph. Der
Sternseher freute sich ber die klaren Nchte, und die Sonne freute sich, da
sie keine mrrischen Wolkengebilde mehr zu bekmpfen hatte. Angelika Stibbe
schwebte in Flor und Flitter, bunt wie in eine abgelegte Robe der Iris
gekleidet, einher. Frulein Aurora Pogge ward immer grmlicher, je schner das
Wetter wurde, sie gnnte es der Welt nicht; der Hausbesitzer Museler kam nicht
aus seiner Stimmung heraus, er vegetierte fort in der gemigten Zone seines
Daseins. Ludwig Tellering studierte mit immer hherem Eifer und Erfolg
Geographie, und es kam ein Brief aus New Orleans an die Adresse von Luise
Tellering, ein sehr unorthographischer Brief, unterzeichnet Marie Heil. Der
Brief verschwand spurlos, und nur der Erzhler wei, wer ihn aus Luisens
Nhkstchen stahl.
    Mehr als einen Sarg und manche Wiege hatten die beiden Schreiner im
Hinterhaus von Nummer zwlf der Musikantengasse angefertigt seit der Nacht, in
welcher Friedrich Wolf und Eva Dornbluth die Stadt verlieen. - Frhling und
Sonnenschein! - Schwer hielt es, in dem jungen, ernsten, sinnenden Mann am
Fenster des Klostergiebels den abgehetzten jungen Wilden aus dem Walde, Robert
Wolf, wiederzuerkennen. Man sah ihm an, da er durch seine Lehrer jetzt bereits
strker und anders gegen die Welt gerstet war; wie der alte Ulex sagte:
artibus, virtute, opere, armis. Mnnlicher war er geworden; das Auge, nach
Milton das groe Tor der Weisheit, hatte den unruhig suchenden Schimmer
verloren; es war stet geworden, aber scharf geblieben; das sah man selbst jetzt,
wo es sinnend trumerisch auf einem Punkte der Ferne ruhte.
    Vor dem Jngling lag der hohe Lehrmeister Virgil, der Zauberer und Dichter,
aufgeschlagen; aber der Scholar beschftigte sich heute so wenig mit ihm, da
der Astronom, der weiter weg, an einem andern Tische, ber einem sonderbaren,
auch den Gelehrten bis dahin gnzlich unbekannt gebliebenen Buche aus der
Kniglichen Bibliothek, betitelt: Die Welt als Wille und Vorstellung, brtete,
fters kopfschttelnd seine Verwunderung darber kundgegeben hatte. Worte lieh
er freilich seiner Mibilligung nicht; denn der Greis gab der Zeit, der
Frhlingssonne ihr Recht, den Geist zu lsen aus den Banden, ihn aus der dunkeln
Nhe in die blaueste Ferne, weit ber die Dcher und Mauern, weit ber die
uersten Grenzen von Stadt, Feld, Dorf, Wald, weit, weit ber die Berge, weit
in die Ewigkeit hineinzufhren.
    Es will alles sein Recht haben, dachte der Weise. Das sind nicht die wahren
Menschenerzieher, welche der ungeduldigen Seele die Zgel so fest anziehen, da
sie fort und fort gradaus nach dem Willen des Lenkers ihren Weg nehmen mu.
Wehe, wenn der Zgel reit oder das Geschick ihn pltzlich, mitten auf dem Wege,
aus der Hand des Fhrers nimmt. Trume, mein Kind, trume, wandle zwischen den
Sternen, wie du sie siehst; die Erde, wie sie ist, wird dich bald genug
herabholen.
    Heinrich Ulex war unstreitig ein weiser Mann, diesmal befand er sich jedoch
in einem groen Irrtum; die Seele Roberts wandelte augenblicklich nicht von
Stern zu Stern, die Sonne berstrahlte die Sterne viel zu mchtig - die Seele
des jungen Menschen schwebte nicht hoch ber der Erde; im Gegenteil, dicht am
Boden klebte sie und erging sich zwischen dem Gebsch der Gartenecke, die in der
Tiefe vom Giebel des Nikolaiklosters aus zu erblicken war. Wie schon gesagt, der
Jngling hatte ein gutes Auge aus dem Walde in die Stadt mitgebracht, und es
entging ihm keine Einzelheit des grnen, von der Sonne beschienenen Fleckchens.
Da stand zwischen Holundergestruch eine weibliche Bildsule von weiem Marmor,
welche mit beiden Hnden eine Schale, aus der Schlinggewchse herabhingen, ber
das Haupt erhob. Im Schatten des Holunders, dicht neben der schnen Statue,
stand eine zierliche Bank und davor ein ebenso zierliches Tischchen. Auf der
Bank sa ein junges Mdchen, welches einen breitrandigen Strohhut neben sich
gelegt hatte und in eifriger Arbeit sich ber einen Stickrahmen neigte.
    Solange der Winterschnee die Dcher und den Gartenabschnitt deckte, hatte
Robert Wolf nicht auf diesen Erdenfleck, der seine Aufmerksamkeit jetzt sosehr
in Anspruch nahm, geachtet; die Katzen, der Rauch, welcher aus den Schornsteinen
aufstieg, hatten mehr Interesse fr ihn gehabt als die paar kahlen Zweige und
die mit Stroh umwickelte Puppe. Das hatte sich mit Eintritt der Tag- und
Nachtgleiche gendert. Von seinem Lexikon aufblickend, sah Robert eines Tages da
grne Bltter und Bltenranken, wo kurz vorher nur rmliches Gestrpp zu
erblicken war; ein sonniges Rasenstck war unter dem Schnee verborgen gewesen,
und aus der Strohhlle hatte sich das weie Bild der Gtterschenkin Hebe
losgewunden. ber Nacht war der Frhling auch in das Steingewirr dieses Teiles
der groen Stadt gekommen; und am Morgen kam ein zierliches Frulein, stand in
einem Sonnenstrahl und gab einem Grtner Anweisung, was nun weiter mit dem vom
Frhling gebten Zauberwerk anzufangen sei. Der Jngling am Fenster des
Klostergiebels sah es stehen, achtete jedoch anfangs weniger auf das niedliche
Kind als auf das grne Gebsch und die Baumwipfel, an welchen die Blten sich
ffneten. Jeden Fortschritt der Vegetation auf diesem winzigen Punkt inmitten
der grauen Einde beobachtete er, sozusagen, gierigen Auges. Es lag ein Trost
darin, eine Art Brgschaft dafr, da die Welt doch noch nicht ganz zu
Mauerwerk, Schornsteinen und Feueressenqualm geworden sei. Um die Gesichtszge
des jungen Mdchens, welches auf diesem sonnigen Fleckchen wandelte, mit bloem
Auge zu erkennen, war die Entfernung doch zu bedeutend.
    Eines Tages aber kam der Polizeischreiber sehr rgerlich gestimmt von dem
Polizeibro nach Hause; eine Dame, welche von einer Nachbarin in ihren
heiligsten Gefhlen beleidigt war und welche an der Menschheit verzweifelte,
hatte auch den Protokollfhrer beinahe zur Verzweiflung gebracht. Er hielt
whrend des Mittagsmahls seinem Zgling eine donnernde Philippika gegen die
Weiber, zog zur Verdauung Gckingks Gedichte aus seiner Bibliothek und trug dem
gleichgestimmten Robert den beherzigungswerten Vers:

Jngling, hte dein Herz und dnke gegen die Schnheit
Nie dich weise genug, nimmer dich strker als sie -

nebst polizeilich angehauchtem Kommentar daraus vor. An demselben Tage richtete
Robert in Abwesenheit des alten Ulex eins der Fernrhre des Astronomen auf den
Gartenfleck, die Marmorbildsule, die Laube und die junge Dame und erkannte nun
das Gesicht wieder, welches an jenem Abend, wo er, von dem Wagenrade
niedergeworfen, auf der kalten nassen Erde lag, sich so erschreckt, lieblich und
rhrend zu ihm niedergebeugt hatte. Der Garten gehrte zum Hause des Bankiers
Wienand, das kleine Frulein unter den Holunderblten war Helene Wienand.
    Wir wollen jetzt versuchen zu sagen, was und wie der junge Mensch in diesem
neuen Frhling dachte und fhlte, wenn er das junge Mdchen im Grn neben der
weien Statue sitzen sah. Der ersten berraschung folgte in der Brust des
Jnglings ein gewisser Mimut, eine Art von rgerlichen, verbissenen Grolles;
denn frs erste sah er noch das ganze Geschlecht in der Gestalt der einen
verkrpert, durch welche er solchen Schmerz erduldet hatte und noch dulden
mute. Whrend dieses Zustandes mute Ulex seine wahre Freude an dem Schler
haben. Mit brennendem Eifer vertiefte dieser sich in die Bcher und machte in
jeder Hinsicht solche Fortschritte, da der Alte gegen Fiebiger sein Lob nicht
laut genug aussprechen konnte.
    Doch wer kann immerdar ber die schwarzen Lettern, wenn sie auch noch soviel
Weisheit und Poesie enthalten, sich beugen? Stets von neuem fordert das
Lebendige sein Recht ber das Tote, und von dem Buche mute das Auge des jungen
Mannes sich doch zuletzt wieder erheben - zum Himmel, zu den Wolken, die der
Sdwind ber die Dcher trieb. ber die Dcher selbst mute es schweifen, bis es
wieder auf dem grnen Fleck, den es meiden wollte, haftete. Hatte der Knabe die
Stelle, welche er so unwillkrlich suchte, gefunden, so fuhr er wohl rgerlich
zusammen, schlug er mit verdoppelter Energie ein Blatt der Leiden des klugen
Wanderers Odysseus, des neas und seiner Genossen oder eine Seite im
Schiffskatalog um; aber dasselbe Spiel wiederholte sich von neuem, in der
nmlichen Viertelstunde, auf die nmliche Weise. Der Sternseher hatte recht,
wenn er sich nun ber die Unbestndigkeit der Stimmung seines Schlers wunderte;
er schob dieselbe aber auf irgendeine schwierige lateinische oder griechische
Konstruktion und pflegte zu sagen:
    Gemach, gemach, mein Sohn; die ruhige Hand greift am sichersten. Woran
liegt es denn?
    Errtend lie der Jngling den Greis in seinem Irrtum und wies irgendeine
klassische Schwierigkeit auf, ber welche nicht fortkommen zu knnen er
behauptete. Der Sternseher konnte unmglich wissen, was an der Sache war; er
erklrte, und zwar mit Vergngen; um keinen Preis htte er die begonnene
Unterweisung des Schtzlings Friedrich Fiebigers wieder aufgeben mgen.
    Geraume Zeit dauerte der Kampf Roberts gegen die zauberhafte Anziehungskraft
der weien Bildsule, der grnen Baumgruppe und des kleinen Menschenfigrchens
drunten in der Tiefe, zwischen den hohen Brandmauern. Darauf kam eine Zeit, in
welcher Robert sich nicht mehr wehrte gegen den magischen Punkt im Sden, eine
Zeit, in welcher der Sternseher die Fortschritte seines Zglings nicht mehr so
wie frher zu loben hatte. Selbst ein so gescheuter Mann wie Heinrich Ulex kann
nicht auf alles achtgeben, zumal wenn die Astronomie seine Lieblingswissenschaft
ist, zumal wenn er den Jahren, bis zu denen die Heilige Schrift des Menschen
Lebensalter ausdehnt, so nahe gekommen ist, als der Sternseher es war.
    Der Polizeischreiber machte sich keine Sorge ber die Zerstreutheit seines
Schtzlings, und noch weniger Sorge machte er sich ber eine andere Umwandlung,
welche im Wesen des Jnglings eingetreten war. Anfangs hatte Robert sich vor den
Gassen, vor dem Gewimmel der groen Stadt sehr gescheut, fast gefrchtet, und
der einzige Weg, welchen er allein ging, war der zum Giebel des Nikolaiklosters
gewesen. In das Gewhl der Stadt hatte er sich nur an der Seite des
Polizeischreibers gewagt, und stets war er bedrckt und verwirrt daraus
heimgekehrt. Er schien auf keine Weise sich darin zurechtfinden zu knnen; die
Huser und Mauern wollten ihm auf den Kopf fallen, die Tausende und aber
Tausende von Gesichtern waren ihm unheimlich; berall vermutete er lauernde
Feinde, Spott und hhnisches Lachen.
    Das nderte sich allmhlich ganz und gar.
    Robert Wolf wagte es, auf eigene Faust die Gassen zu durchstreifen; die
Scheu, die Angst vor den Menschen verlor sich, und der Polizeischreiber Fiebiger
rieb sich die Hnde nach seiner Gewohnheit darber. Der Ortssinn, welchen der
Jngling aus seinem Heimatswalde mitgebracht hatte, leistete ihm jetzt die
besten Dienste; er suchte die Strae, in welcher das Haus stand, dessen Grtchen
man vom Giebelfenster des Sternsehers aus erblickte. Er fand die Strae und fand
das Haus; durch Julius Schminkert erfuhr er, wem es gehre. Robert fing an,
nhere Bekanntschaft mit dem leichtsinnigen Wandnachbar zu machen; auch
Schminkert gehrte zu den Lehrmeistern, welche den Jngling in die Geheimnisse
des Lebens einweihen sollten; - ein gefhrlicher Lehrer war er freilich, und
seine Maximen, seine Philosophie wren ohne das Gegengewicht, welches Ulex und
Fiebiger in die Waagschale warfen, im hchsten Grade bedenklich gewesen. Es war
die Philosophie des praktischen Zynismus, welche dem Jngling hier entgegentrat;
nicht jener Art des Zynismus, von der die Stoiker sagten, sie sei eine Abkrzung
des Weges zur Tugend, sondern jener Art, welche nur eine Abkrzung des Weges zur
Schenke, zu allen Ausschweifungen ist, indem sie die ganze Welt zu einer Kneipe
macht und jede Tugend zu einem Schenkmdchen.
    Ich will Euch mal was sagen, Waldmensch, meinte der treffliche Julius,
Ihr scheint mir ein ganz guter Junge zu sein; aber die Alten werden doch einen
Esel aus Euch machen; Ihr seid da in die richtigen Hnde gefallen. Haltet Euch
stellenweise ein wenig zu mir, ich werde Euch mancherlei zeigen, von welchem
selbst die hohe Polizei keinen rechten Begriff hat. Man mu sich in das Leben
hineinfressen wie die Maus in die Speckseite und sich nicht gleich ins Mauseloch
jagen lassen, wenn die alte Person, der Kchendragoner Moral, mit Besen und
Feuerzange ein groes Gepolter macht.
    Julius Schminkert gehrte zu den Menschen, welche in der ebenso angenehmen
wie leicht erklrlichen Illusion befangen sind, zu den achtungswertesten,
verkanntesten, geistreichsten und unentbehrlichsten Charakteren der Gegenwart zu
gehren, und welche es zugleich fr ihre Pflicht halten, sich von Zeit zu Zeit
ein Individuum aus der Masse der Menschheit zu whlen und es mit allen ihren in
ihnen verborgenen trefflichen Eigenschaften speziell bekannt zu machen. Diese
Menschen sind von der Natur mit seltsam krftigen Anklammerungswerkzeugen
ausgestattet; den Gegenstand ihrer Zuneigung halten sie fest, bis er ihnen
langweilig geworden, bis sein Geldbeutel leer ist; - es sind noch lange nicht
die schlechtesten Gesellen, und der schlaue alte Fiebiger lie seinen Schtzling
ruhig mit dem Schauspieler gehen, ohne ein Wort darber zu verlieren. Die Augen
hielt er aber weit offen.
    Julius Schminkert fhrte den Jngling ein in den Kreis, von welchem der
Rentier Schwebemeier ein so ausgezeichnetes Mitglied und kostbarer Zierat war
und wo die frher schon erwhnten Damen die weibliche Grazie in der echtesten
Karikatur zur Darstellung brachten. Gro war die Verwunderung Roberts ber die
Anschauungen und das Gebaren dieses Kreises, ber die Geschichten, welche die
Herren und Damen erzhlten, ber die Art, wie sie ihre Geschichten erzhlten. Es
konnte nicht fehlen, da von Zeit zu Zeit auch die Rede auf die durchgegangene
Eva Dornbluth kam, und Robert mute alle Geisteskraft zusammenraffen, um nicht,
wenn dieser Name mit Spott und unendlicher Heiterkeit genannt wurde,
aufzuspringen und dreinzuschlagen. Eines Abends kehrte der Jngling aus der
Gesellschaft des Schauspielers heim in das stille verrucherte Gemach, wo der
Polizeischreiber in Tabakswolken gehllt bei seiner Lampe sa und las, legte mit
Trnen der Reue und Wut dem Alten unaufgefordert Beichte ab und versprach ihm
und sich selbst feierlich, nicht mehr den Wegen, auf welchen der lustige Julius
sein Dasein vertaumelte, folgen zu wollen.
    Der Alte fuhr sich komisch durch die Haare und meinte: Hast du genug in den
Topf gerochen? Ein arabisches Sprichwort sagt: Spiele nicht mit den Hunden, sie
knnten sich deine Vettern nennen. - Man kann vieles in einem langen Leben
lernen, aber oft noch mehr in ein paar Tagen, in einem kurzen Augenblicke. Na,
beruhige dich, Bursche; ich wute, da es so kommen wrde; man soll den Menschen
nicht auf alles mit der Nase stoen, es schadet gar nichts, wenn er sie sich
selbst von Zeit zu Zeit an einer Ecke blutig rennt.
    So wurde der Knabe aus dem Walde zwischen der Weisheit, die in der
Einsamkeit unter den Sternen wandelt, der Weisheit, die im Gewirr der Menschheit
den festen Boden der Erde tchtig und ernst beschreitet, und der Lebensansicht,
welche im Schmutz tappt und den Fu nur hebt, um ihn desto tiefer wieder in den
Kot zu setzen, seines Weges gefhrt. Seine Schule begann sehr frh, und oft
genug zitierte ihm der Sternseher die Worte Senecas: Non est ad astra mollis e
terris via. Er vertiefte sich in den bittersen Inhalt des Buches des Lebens
zu einer Zeit des Lebens, in welcher andere sich noch kindlich ber den schnen
goldglnzenden, bunten Einband freuen. Er war zu beneiden; aber er war auch zu
beklagen. Wie wunderlich ist es doch, da die Menschen, deren Los, alles in
allem genommen, ist, hienieden beklagt zu werden, so oft und so grundlos
beneidet werden und wieder andere beneiden!
    Aber die Sonne lag auf dem grnen Gartenfleckchen hinter dem Hause des
Bankiers Wienand, welches vom Giebelfenster des Sternsehers Heinrich Ulex zu
erblicken war. Der Himmel war blau, trotzdem die groe Stadt so viele schwarze
Rauchwolken zu ihm emporsandte. - Robert Wolf verga den Zauberer Virgil ber
die Holunderbsche, die weie Statue der Hebe und die kleine Gartenbank, und der
Sternseher Ulex wunderte sich darber; wir aber wenden uns jetzt zu dem Garten
inmitten des Gemuers selbst, wir wenden uns zu dem jungen Mdchen auf der Bank
unter den Holundern, neben der Bildsule.
    Die Welt, in welcher Helene Wienand geboren und aufgewachsen war, zu
schildern ist kein Vergngen. Es gibt darin selten groe Verbrechen, aber fast
ebenso selten groe Tugenden. Es gibt darin recht hbsche, bequeme und angenehme
Laster und ebenso hbsche, bequeme und angenehme Tugenden. Man liebt und hat
auf eine Art, welche uns allen leider nur zu gut bekannt ist und welche keiner
Beschreibung bedarf; - durchschnittlich berwiegen die Tugenden die Laster,
durchschnittlich berwiegt die Liebe den Ha, doch das ist nicht sehr
hervorzuheben. Jedermann ist von seiner Vortrefflichkeit hchlichst berzeugt
und verlangt, da jedermann dieselbe berzeugung davon habe. Der Kreis, den man
bersieht, ist nicht sehr weit, und was man sieht, erblickt man durch die
gefrbten Glser der Gewohnheit, des angeborenen oder allzu schnell gefaten
Vorurteils. Man hat seine Art, der Welt gegenber die Lorgnette vor die Augen zu
halten, und es ist inkonventionell, von dieser Manier abzulassen - man wrde
sich allerlei mehr oder weniger spitze und stumpfe Bemerkungen und kleine, ganz
winzige tdliche Verfeindungen dadurch zuziehen - man mu mit den andern leben,
und man lebt gleich den andern.
    Wir kennen diese Lebenskreise ziemlich genau; wirkliche Originale sind in
den Grenzen, bis zu denen dieser Teil der menschlichen Gesellschaft sich
ausdehnt, vielleicht am wenigsten zu finden, und zwar aus dem einfachen Grunde,
weil man es hier am wenigsten mit Extremen zu tun hat. Die goldene Mittelstrae
hat auch ihre Schattenseiten; es ist nichts vollkommen in dieser Welt. Die aurea
mediocritas ertrgt auch am wenigsten gern das Vollkommene; denn wie kann sie
Freude und Genugtuung darber empfinden, da irgend etwas sich ber ein anderes
zu erheben sucht oder wirklich erhebt? Ist es so angenehm, berragt, berstrahlt
zu werden?
    In diese Welt, wo man mehr lchelt als lacht, mehr leise hat als laut
zrnt, mehr verleumdet als schmht und schilt, wurde Helene Wienand
hineingeboren, und ihr Leben wrde sich wohl wie das der andern Kinder ihres
Standes entwickelt haben ohne die Dazwischenkunft der guten Fee, des alten
Mtterleins im Mrchen, welches wir geschildert haben. Wie gesagt, was fr
Robert Wolf erst der Pastor Tanne und jetzt Fiebiger und Ulex waren, das war fr
Helene von frhester Jugend an das Freifrulein Juliane von Poppen.
    Leider mssen wir gestehen, da die Bekanntinnen der jungen Dame nicht viel
von ihr, Helenchen Wienand, hielten; sie erklrten sie fr ein Gnschen, sie
behaupteten, sie sei hochmtig und wisse sich nicht zu kleiden; sie erzhlten
kleine Geschichtchen von ihr, und manche Schwester konnte nicht begreifen, was
der Bruder an dem albernen, blden Lrvchen finde. Die Herren Brder aber - die
jungen Herren der Gesellschaft berhaupt - fanden doch mancherlei an dem
reizenden, so leicht errtenden Gesichtchen, an der zierlichen elfenhaften
Gestalt; es gab mehr als einen gutgekleideten und gutgestellten jungen Mann,
welcher fr das kleine Mdchen schwrmte und seufzte; es gab mehr als eine
Mama, welche auf die reiche Bankierstochter ein Auge hatte und sie fr ihren
heirats- und geldbedrftigen Sohn fr eine gute Partie hielt. Das kleine
Mdchen selbst hielt sich aber durchaus nicht fr eine gute Partie, dazu war es
viel zu bescheiden, dazu kannte es viel zuwenig den eigenen Wert und den Wert
des Geldes. Das Kind dachte gar schlimm von sich und hielt sich fr recht dumm,
recht unbeholfen und blde; es htte seinen Gespielinnen vollstndig recht
gegeben in ihren Behauptungen, wenn diese jungen Damen das verlangt htten. Es
liebte seinen Papa vom ganzen Herzen, aber die mtterliche Freundin doch fast
noch mehr; der Vater hatte so viele wichtige Dinge, so viele Zahlen im Kopfe.
Da er sein Tchterlein vergtterte, wissen wir, aber da der harte, gewandte
Geschftsmann ein groes Verstndnis fr manche Eigenschaften seines Kindes
haben sollte, konnte man nicht verlangen. Der Bankier war eigentlich ein sehr
eitler Mann; er prahlte zwar nicht laut und im schlechten Geschmack, aber er war
doch sehr berzeugt von der Wichtigkeit seiner Stellung, dem Glanz seines Namens
und Reichtums. Der Bankier war auch eitel auf seine Tochter. Sie mute den
elegantesten Wagen, die eleganteste Toilette haben; die Leute sollten berall,
wo sie erschien, sagen: Das ist die Tochter des groen Bankiers, das ist
Frulein Helene Wienand, ein reiches Mdchen, ein schnes Mdchen, ein
liebenswrdiges Mdchen - dieser alte Wienand ist doch ein glcklicher Kerl, ich
wollte, ich bese sein jhrliches Einkommen als Vermgen.
    Ich wrde mir doch nicht so ungeheure Mhe geben, dem Mdchen den Kopf zu
verdrehen, Wienand, sagte das Freifrulein von Poppen, macht euch nicht
lcherlich, ihr Geldaristokraten; wenn ihr euch blamieren wollt, so besorgt ihr
das noch besser als wir, die wir auch mehr als billig des Ruhmes mangeln, den
wir vor Gott und den Menschen haben sollten. brigens ist das Kind ein gutes
Kind, und es wird euch nicht gelingen, eine ffin daraus zu machen.
    Der Bankier brummte ein wenig in die weie Halsbinde hinein und vertiefte
sich von neuem in seine Kursberechnungen, seine Spekulationen mit spanischen und
trkischen Anleihen, seine Betrachtungen ber Russen-Stieglitz, ber das Haus
Arnstein und Eskeles, ber das Haus Rothschild. Er fgte sich leicht, wenn das
kleine lahme Freifrulein die Hand erhob, und befand sich samt seinem Hause wohl
dabei. Helene Wienand aber ward ein sehr vornehmes Mdchen, und aus ihren
tadelnden Altersgenossinnen sprach mehr der Neid als sonst irgend etwas. So kam
der Zeitpunkt, in welchem unsere Erzhlung ihren Anfang nahm; das Wagenrad warf
Robert Wolf auf das Straenpflaster, und einen unauslschlichen Eindruck machte
dieser Zufall auf die Seele des jungen Mdchens. Eine geraume Zeit hindurch
erwachte sie jede Nacht aus ngstlichen Trumen, in welchen sie durch das
bleiche, blutige Gesicht des Jnglings erschreckt wurde. Vergebens waren anfangs
alle Beruhigungsversuche des Freifruleins; die zitternden Nerven des Kindes
muten ihre Zeit zum Ausklingen haben. Juliane von Poppen erzhlte die
Geschichte Roberts, wie sie dieselbe auf dem Observatorium des Sternsehers
erfahren hatte, dadurch trat eine andere Art der Teilnahme an die Stelle der
Angst. Diese kurze einfache Geschichte war so rhrend, war so traurig - immer
von neuem mute Helene sich ihre Einzelheiten wiederholen. Ihre lebendige
Phantasie malte ihr den Wald, die Forsthtte, das Bett mit den fieberkranken
Kindern und das sonstige wilde Leben und Sterben daselbst, das stille,
friedliche Pastorenhaus von Poppenhagen und die schne, die bse Eva Dornbluth
mit den deutlichsten Farben. Wie ging es doch zu, da die kleine Helene
allmhlich anfing, die schne Eva recht vom Herzen zu verabscheuen, trotzdem da
das Freifrulein nicht anstand, die Arme in Schutz zu nehmen und sie fr ein
wackeres Mdchen zu erklren?!
    Auf den schlauesten Umwegen und den verborgensten Seitenpfaden brachte die
arglistige Helene das gute Frulein immer von neuem zu Auslassungen ber den
Schtzling des Polizeischreibers, den Schler des Sternsehers. Und Juliane von
Poppen, fr welche der Gegenstand selbst von Interesse war, willfahrtete gern
und sprach sich von freien Stcken aus. Nun ertappte sich Helene fters ber dem
Gedanken, es sei doch recht gut, da endlich alles auf diese Weise gekommen,
recht gut, da die wilde Eva mit dem ebenso wilden Fritz bers Meer fortgegangen
sei. Das junge Ding setzte sich selber heimlich in den verstndigsten altklugen
Gedankenreihen auseinander, wie Robert und Eva nimmer zueinander gepat haben
wrden, wie niemals etwas Gutes aus ihrer Vereinigung entstanden wre. Welch ein
Unglck htte schon daraus entstehen knnen, wenn Eva Dornbluth mit dem Jngling
in derselben Stadt zusammengeblieben wre!
    Nun erzhlte Juliane von Poppen, wie fleiig Robert bei dem alten Ulex im
Kloster Sankt Nikolaus studiere und wie der Gelehrte mit dem Kopfe und den
Fortschritten seines Schlers so sehr zufrieden sei. Das freute das junge
Mdchen unbeschreiblich, und nun kam ihr bald der Gedanke, wie sie selbst noch
ein gar so dummes Gnschen sei, wie sie gar nicht Bescheid wisse in der Welt.
Daraufhin hatte das gescheite Kpfchen auf dem hbschen Halse wiederum einige
schlaflose Nchte, und dann sah Robert von seinem Giebel aus durch des alten
Ulex Fernrohr, wie von dem Tisch in der Holunderlaube Stickrahmen, Krbchen mit
bunter Seide und Wolle, Spitzenrollen, Bnder und Zeugstcke aller Art
verschwanden und Bcher, Papier und ein Dintenfa an ihre Stelle traten. Das war
fr den Studenten eine liebliche Aufmunterung zum Studium; wenn nur nicht
zugleich eine solche Verlockung damit verbunden gewesen wre, die eigenen Bcher
ganz und gar ber das Betrachten des fremden Fleies zu vergessen.
    Wenn Robert Wolf das Frulein von Poppen neben der zarten Lichtgestalt auf
der Gartenbank erblickte, so freute er sich jedesmal, da es solch ein
verbindendes Mittelglied zwischen seiner Existenz und der Helene Wienands gab.
Und verstohlen sah Helene nach dem fernen Giebelfenster und war dabei in
tdlicher Angst, da das Freifrulein frage, was sie da oben zu sehen habe. Das
Kind htte wahrlich keine Aufklrung darber geben knnen, so fest auch das
Faktum stand. Es war ein schner Sommer - blau war der Himmel, die Sonne
leuchtete - was konnte es Besseres geben!
    Und wenn das alte Frulein das junge Mdchen berraschte, wie es
selbstverloren durch die Baumzweige in den blauen Himmel sah, so berhrte es
wohl leise die Schulter des Kindes, um es solcher Selbstvergessenheit zu
entreien, meinte aber doch im geheimen:
    Man sollt's eigentlich nicht tun und so dazwischenfahren. Man zerreit immer
einen Bltenkranz, wie ihn der Mensch in sptern Jahren nicht mehr zu winden
versteht. Die Trume und Bilder, die man zu solcher Lebenszeit hat, sind doch
die schnsten; sie kommen in solcher Pracht spter nicht wieder; alle Farben
verblassen, auch die Farben der Trume.
    Die Alte dachte dabei an den Winzelwald und seine grnen Verstecke im
Dickicht, unter den Felsen, am pltschernden Bach; sie gedachte des Sonnen- und
Mondenscheines ihrer eigenen Jugendzeit; auch die Alte blickte aus dem Garten
des Bankiers Wienand nach dem Fenster der Studierstube Heinrich Ulex'; - o wie
seltsam Gedanken und Seufzer der Jungen und Alten sich kreuzen in der Welt! Die
gresten Wunder gehen in der gresten Stille vor.
    Du magst trumen, Knabe, sagte der Astronom auf dem Turm, aber du darfst
das Leben nicht ganz wegtrumen. Viel mut du noch lernen, ehe du die groe
Kunst errungen hast, auch am Tage die Sterne zu schauen, ehe du ihren Lauf im
Blauen und im klaren Schein der Sonne verfolgen kannst. Die Sonne vermag jeder
zu begreifen, welcher Gefhl fr Wrme und Klte hat, wie viele aber begreifen
die Sterne am Tage? Der Schreiber fing an, ber die Zerstreutheit seines
Schtzlings allerlei Glossen zu machen. Er sagte: Sperre die Augen auf, Junge;
wer am Tage stolpert, wird am meisten ausgelacht, und das mit Recht. Ich bitte
dich instndigst, stellenweise nicht so lcherlich dumm auszusehen. Streife die
rmel in die Hhe und greif zu mit derben Fusten; - wer will mit genieen, der
mu auch mit schieen und ben. Kinderstubengedanken, Krankenstubengedanken
haben zwar auch dann und wann ihre Berechtigung; aber sie drfen uns nicht durch
das ganze Leben begleiten, wenn es ein ordentliches, wahrhaftiges, mnnliches
Leben sein soll.
    Auf solche Reden antwortete der Jngling wenig, er bekam einen kleinen
Rckfall in seinen Ha des weiblichen Geschlechts; derselbe hielt jedoch so
wenig an, da es nicht der Mhe wert ist, darber ein Wort zu verlieren. Es war
Sommer, und die niedergetretenen Bltenhalme richteten sich wieder auf; und das
meiste kommt doch auf die Beleuchtung an! Die Sonne geht auf und beschreitet
ihren glnzenden Weg; aber der arme bldsichtige Mensch schliet nur allzuoft
die Laden am hellen Tage, um hinter einem Augenschirm bei einem kmmerlichen
Nachtlicht, in Bitternis und Qual, ein Feind der Gtter, sein Dasein zu
verzrnen und zu verseufzen: vox clamans in deserto, eine Stimme in der Wste,
und zwar einer oft selbst geschaffenen Wste.

                              Fnfzehntes Kapitel



       Herr Leon von Poppen zeigt sich als guter Sohn und liebenswrdiger
    Gesellschafter. Harmlose Bemerkungen des jungen Mannes. Caf de l'Europe

In den Besuchzimmern, den Salons der besten Huser der Stadt konnte man elegante
Karten finden mit der feingestochenen Inschrift: Madame la baronne Victorine de
Poppen, ne de Zieger. Die Baronin war eine Dame, welche berechtigt war,
moralisch wie krperlich einen groen Platz in der Welt einzunehmen. Ihre
Beziehungen zu den ersten Familien des Landes waren bedeutend, fast noch
bedeutender war ihr krperlicher Umfang. Manchen komfortablen Jahresring von
Egoismus und Fleisch hatte sie seit dem Tage ihrer Geburt angesetzt - ein
stattlicher Baum, der einen umfangreichen Schatten warf, in welchem aber nur
ganz bestimmte Arten anderer Gewchse gut gedeihen konnten, wie zum Beispiel
Herr Leon von Poppen, einige gleichgestimmte Freundinnen und mnnliche alte
Waschweiber, Mamsell Elise, die schnippische Kammerjungfer, und Baptiste, der
bunte unverschmte Lakai, welcher eigentlich Karl Quabbe hie, aber der Eleganz
wegen unter die Baptisten hatte gehen mssen. Naturen wie Juliane von Poppen
konnten es jedoch in diesem Schatten nicht aushalten; - es gab keinen grern
Kontrast der Persnlichkeiten als die Baronin und das alte lahme Freifrulein.
In der Krperflle der einen war die Seele mager und drr geblieben und
klapperte darin gleich dem vertrockneten, ungeniebaren Kern einer tauben Nu;
in dem kmmerlichen Leibe der andern fand die krftige, lebensmutige,
lebensfrische Seele fast keinen Raum. So fand auf beiden Seiten ein
Miverhltnis statt; doch hat der erste Fall unregelmiger Organisation den
Vorzug, da eine dnne Seele in einem dicken Gef der Gesundheit durchaus nicht
nachteilig ist, whrend im Gegenteil ein in einem erbrmlichen Krper zu
gewaltig anschwellender Geist die irdische Behausung leicht ruiniert und sie
zuletzt ganz und gar vernichten und in die Luft sprengen kann. Die Baronin von
Poppen liebte sich und die Ruhe  tout prix, ihren Sohn Leon tant bien que mal
und die brige Welt nur insofern, als sie sich vornehm darber erheben oder
demtig sich vor ihr neigen konnte. Das kleine Freifrulein liebte sich selbst
durchaus nicht bermig, es machte sehr gern allerlei ironische Bemerkungen
ber sich, hatte dagegen fr den grten Teil der brigen Erdbewohner ein
faible. Es erhob sich freilich weder ber sie, noch knickste es grinsend vor
ihnen; hlfreich sprang es ihnen nach Krften im Unglck an die Seite und
ergriff ohne Scheu jede Hand, die sich angstvoll nach ihr ausstreckte, sie
mochte so schmutzig und so hart sein, als sie wollte. Nur mit der Schwgerin
konnte sie sich seit dem berhmten Prozesse - eigentlich schon seit frherer
Zeit - nicht vertragen. Die zwei kamen zusammen wie Feuer und Wasser, und es gab
ein groes Zischen, Brausen und viel heien Dampf bei jeder Begegnung der beiden
Damen.
    Das Haus, welches die Baronin von Poppen mit ihrem Sohne in der Kronenstrae
bewohnte, war ein sehr ansehnliches; das Leben, welches die beiden fhrten, lie
nichts zu wnschen brig; dennoch sa sowohl in dem Haus wie in dem Leben der
Wurm, da sich derselbe nicht nur in den rotbckigsten Frchten sehr wohl
befinden kann. Das Vermgen der Dynastie vom Poppenhof und von Poppenhagen war
im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts betrchtlich zusammengeschmolzen. Der
Poppenhof war mit Hypotheken belastet und vollstndig in den Hnden eines
schurkischen Verwalters, da der junge Baron es ganz und gar unter seiner Wrde
hielt, mit den eigenen Ochsen das von den Vtern ererbte Feld zu beackern. Auf
das Haus in der Stadt hielt mehr als ein schwarzhaariger, krummnasiger
Geschftsmann die scharfen semitischen Augen gerichtet; es lastete auch auf
seinen Ziegeln manch eine nicht unbetrchtliche Schuld. Baptiste und Elise
stellten im geheimen die wehmtigsten Betrachtungen ber die Vergnglichkeit
alles Irdischen an und rsteten sich ahnungsvoll, um mit dem Instinkt, den auch
die Ratten haben sollen, im Augenblick des Zusammenbrechens des Glckes von
Poppenhall sich mit dem Ihrigen aus dem Staube machen zu knnen. Die Menschen
sind gute Rechner, wenn es gilt, den Eintritt eines dem Nachbar drohenden
Unheils zu berechnen. Mamsell Elise und Herr Baptiste glaubten den Bestand des
von Poppenschen Haushaltes nur noch auf zwei bis drei Jahre garantieren zu
knnen, unvorhergesehene Zuflle nicht mit in Rechnung gezogen. Ganz so schlimm
stand es freilich noch nicht; aber die Verhltnisse waren doch so verworren, da
Mutter und Sohn in manchen verlorenen Momenten gezwungen waren, sich damit zu
beschftigen und sich einige Sorgen darber zu machen.
    Das Haus Nummer fnfzig in der Kronenstrae stammte aus dem Ende des
siebenzehnten Jahrhunderts; es war ein vom Alter und Rauch geschwrztes
steinernes Gebude, ber dessen Fenstern behelmte Kriegerkpfe grimmig sich
anlchelten, eine steinerne Balustrade lief vor dem Dache her, und auf dieser
Brstung standen vier verwitterte Statuen mit den Attributen der vier
Jahreszeiten. Dem Frhling fehlte aber der Kopf, der Sommer hatte den Arm, der
Herbst die Sichel verloren; nur der Winter hatte unversehrt alle Strme der Zeit
und der Witterung berdauert und blickte bse aus den unbeholfenen Falten seines
Gewandes. Es war ein recht winterliches Haus, dunkel, feucht und kalt. Die
Steinplatten auf der Flur wurden niemals ganz trocken, das Gelnder der breiten
Treppe fhlte sich immer na an. Hier und da sah ein halbverwischtes altes
Portrt aus schwarzem Holzrahmen von der Wand herab. Wo die Wnde vertfelt
waren, half es nichts, das Wurmmehl wegzufegen; es rieselte immer von neuem
unter der ununterbrochenen Arbeit der grabenden, whlenden Tiere hervor und
sammelte sich zu Haufen.
    Die Baronin hate dieses Haus recht von Herzen, sie nannte es einen
Grabkeller und wrde es gern gegen eine der modernen Wohnungen in einem modernen
Viertel der Stadt vertauscht haben, wenn nur Leon damit zufrieden gewesen wre.
Diesem jungen Herrn aber war die Lage und Gelegenheit des Hauses ganz genehm; es
lieen sich daselbst recht hbsche kleine Partien, ganz hinter den Leuten,
geben; das aristokratische Viertel mit seinen breiten Straen, seinen Grtchen
vor den Husern, seinen hellen Fenstern und Gemchern hatte in dieser Hinsicht
nicht den mindesten Reiz fr ihn; er rhmte als hoffnungsvoller junger Diplomat
der Mama das ungemein vornehme Etwas, welches in diesem alten Familiengebude
derer von Zieger sich manifestiere; die Mama seufzte, gab ihrem Sohne recht, und
man blieb, wo man war - die Mutter in dem elegant ausgestatteten ersten Stock,
der Sohn im zweiten Stockwerk, wo er sich so eingerichtet hatte, wie es einem
zivilisierten Jngling der Jetztzeit zukam. Das dritte Stockwerk war unbewohnt
und diente den Ratten und Musen als gerumiger Tummelplatz; alles, was seit
anderthalbhundert Jahren in der Familie von Zieger an Kleidungsstcken,
Gertschaften, Meubles abgngig geworden war, hatte hier ein Unterkommen
gefunden. Wren wir mit dem Blick eines Trdeljuden begabt, wir wrden uns mit
Vergngen auf eine genauere Beschreibung dieser Rumlichkeiten und ihres Inhalts
einlassen; die Menschen interessieren uns aber zumeist, und so machen wir
Gebrauch von unserm Privilegium, berall ungehindert eintreten zu knnen, und
fhren, ohne durch den holden Baptiste und die schne Elise an der Tr
zurckgewiesen zu werden - wir haben auch hoffentlich nicht das Ansehen von
Glubigern! - unsere Leser ein bei der Frau Baronin.
    Die gndige Frau hatte Besuch. Frau von Schellen mit ihrer Nichte und Frau
von Eichel waren soeben fortgegangen, Frau von Flte und ihre Tochter Lydda
saen noch am Teetisch der Baronin. Von den erstgenannten drei Damen wre
mancherlei Angenehmes zu sagen, wenn wir Zeit dazu htten, fr Artemisia und
Lydda von Flte aber mssen wir unbedingt einen Raum unseres Buches verwenden;
wir knnen dafr den fr die Expektorationen des alten Ulex ein wenig
beschneiden oder den fr die Bemerkungen des Polizeischreibers Fiebiger
beschrnken.
    Es gibt Venusstatuen, welche der fromme Glaube vergangener Jahrhunderte so
bemeielt, beleckt und bekt hat, bis eine echte Heilige des
christlich-katholischen Himmels, eine Sancta Agnes, eine Sancta Klara, eine
Sancta Katharina daraus geworden ist; ein ganz hnlicher Proze war mit
Artemisia von Flte vorgegangen. Sie war jung und schn gewesen, und man hatte
sie umtanzt wie einen englischen Maibaum; jung und schn war sie nicht mehr, den
Rosenkranz hatte sie vom Kopfe herabgenommen, aber in der Hand behalten; sie war
immer reich, sehr reich, und jetzt fromm - sehr fromm. Die arme Lydda von Flte
hatte niemals eine Zeit der Rosen gekannt; immer war sie einer Blte zu
vergleichen gewesen, welche lange in einem Gebetbuch gelegen hat und welcher
Saft, Form und Duft vollstndig ausgepret ist. Obgleich sie eine sehr gute
Partie war und manch ein Elternpaar, manch ein liebevoller Papa, manch eine
zrtliche Mama sie gern als Schwiegertochter an das Herz geschlossen htten, so
hatte doch keiner der Herren Shne genug Geschmack fr die medizinischen
Wissenschaften, um Osteologie an dem armen magern Kind zu studieren. Wie ein
vergessener vergoldeter Apfel hing sie am Weihnachtsbaum des Lebens und
schrumpfelte immer mehr ein, whrend ihr Temperament den Umstnden gem immer
mehr litt. Auch Leon von Poppen hatte keine Lust, in den verhutzelten Apfel zu
beien, obgleich er ihm auf so wnschenswertem, wertvollem Prsentierteller
unter die Nase gehalten wurde. Bis dato hatte er noch jedesmal zum groen
chagrin seiner Mama das edle vorstehende Glied seines Gesichtes germpft und
sich - mit seiner Jugend entschuldigt; die Baronin jedoch hatte die Hoffnung,
ihren Sohn glcklich zu machen, noch lange nicht aufgegeben.
    Die drei Damen saen um den Teetisch; die Lampe warf ein magisches
Dmmerlicht durch das Gemach - es fehlte nicht an Gesprchsstoff, und Lydda
schickte fters verstohlene Blicke nach der Tr, durch welche der junge Baron in
jedem Augenblick eintreten konnte. Auch die Baronin sah von Zeit zu Zeit nach
der Uhr und nach derselben Tr; aber Leon erschien nicht. Wenn er endlich doch
Vernunft annehmen wollte! dachte die zrtliche Mutter.
    Frau von Flte sagte:
    Liebste Freundin, die Konsistorialrtin Krokisius war heute morgen bei mir.
Die arme gute Seele hat recht ihre Not. Sie wissen, Beste, was fr ein
christliches Haus die Leute machen, wie sie ihre Kinder erzogen haben. Nun das
Unglck! Vor anderthalb Jahren ist der lteste Sohn Otto - du erinnerst dich
seiner, Lydda -, ein reizender brauner Lockenkopf -
    Ein naseweiser Schlingel -
    Ganz richtig, mein Kind, es hat sich leider ausgewiesen, da er nicht viel
taugte. Ach die armen Eltern - Gott will die Seinen prfen. Der junge Mensch
hatte solche schne Aussichten, der Vater ist so gut angeschrieben in den
magebenden Kreisen. Nun ist alles nichts.
    Was ist denn geschehen, Liebe? fragte die Baronin, hchst gleichgltig
ihren Hund streichelnd.
    Mein Gott, der junge Mensch geht, wie gesagt, zur Universitt und gert in
die allerschlechteste Gesellschaft, in die allerschlechteste. Unchristliche
Gesellen drngen sich an ihn; der Jngling fllt in die Stricke der Versuchung,
die Schlingen der Verfhrung; vergessen ist das fromme, gottesfrchtige
Vaterhaus - der Herr Konsistorialrat wird nicht das Glck haben, seinen Sohn
hier in Amt und hohen Wrden zu sehen. Er ist unter die Philosophen gegangen -
nicht der Herr Konsistorialrat; er hat eine Doktorschrift geschrieben - es soll
etwas ganz Abscheuliches sein - die arme Konsistorialrtin!
    Es war ein Vergngen zu sehen, wie bei der Berichterstatterin die
Venusstatue, immer unter der Maske der Heiligen, mehr oder weniger bemerklich
zum Vorschein kam; in Mienenspiel, Augenspiel und Gesten mehr als in Worten. Die
Tochter hatte ein recht scharfes Auge fr diese Momente und verfehlte nicht, sie
jedesmal durch ein unbeschreibliches Sinkenlassen des Kopfes und
Ineinanderflechten der dnnen Finger sanft, aber vorwurfsvoll zu rgen. Grund
dazu hatte sie fters, als die Mutter weiter erzhlte:
    Das ist aber noch nicht das Schlimmste. Der verlorene Jngling hat es
gewagt, sich zu verlieben - auf die niedrigste Art sich zu verlieben. Seine
Wscherin - ein Mdchen aus der Plebs - was wei ich - eine -
    Mama!
    Ja, du hast recht, ses Herz; wir wollen nicht weiter darber reden; aber
ich sage es immer wieder und ich habe es auch der Konsistorialrtin gesagt: das
kommt alles nur von dem Umgang mit dem Krmer, dem Wechsler - was wei ich -,
dem Bankier Wienand. Was nur die fromme Seele, der Herr Konsistorialrat, mit dem
Bankier zu schaffen hat? - der unglckliche junge Mensch ist auch nicht aus dem
Hause fortgeblieben. Es ist ein gefhrliches Haus, man findet daselbst sehr gute
Gesellschaft und sehr, sehr schlechte. Ich begreife nicht -
    Ich auch nicht! rief die Baronin, welche der Name Wienand aus jeder Art
von Schlummer und Schlaf, aus jeder Art von Apathie, aus der tiefsten Ohnmacht
erweckt und in die Hhe gejagt htte; denn mit diesem Namen war der ihrer
Schwgerin aufs unzertrennlichste verknpft. Ihr ganzer Anzug schien sich wie
das Gefieder eines gereizten Truthahnes zu struben; alles an ihr und sie selber
schwoll an, und die majesttischen Falten der schweren seidenen Robe wollten
sich auf keine Weise zur Ruhe bringen lassen durch die aufgeregten fleischigen
Hnde.
    Ich kann es auch nicht begreifen, wie man mit den Leuten verkehren kann,
die in jenem Hause ein und aus gehen, rief die Baronin von Poppen. Der
Hausherr ist ein arroganter, aufgeblasener Geldmensch, die Tochter -
    Lydda von Flte seufzte und lispelte:
    Kindisch, s und albern!
    Freifrulein Juliane von Poppen aber ist die Schwester meines Mannes,
welche einen Stolz darin findet, ihren und unsern Namen in allen Gassen zum
Gesptt und Gelchter des Pbels zu machen.
    Die Baronin Viktorine wute in der Tiefe ihrer Seele sehr gut, da der sich
nicht immer lcherlich macht, von welchem man solches behauptet. Sie hatte aber
einmal ihre Ansicht von der Sache, und der tausendfache Widerspruch, auf den sie
dabei stie, machte sie nur immer erbitterter gegen die Verwandte, immer
giftiger in ihrem Ha.
    Weshalb, fuhr sie fort, stellt man solch ein armes Geschpf nicht unter
Vormundschaft; weshalb hat die Polizei nicht acht auf die Leute, von denen sie
benutzt und ausgeplndert wird? Da sitzt irgendwo in der Stadt ein halb toller
Mensch, ein berstudierter Narr - hahaha, eine Jugendliebschaft, wenn ich nicht
irre.
    Oh! seufzte schamhaft Lydda von Flte.
    Mit dem hlt sie Verkehr, bringt halbe Nchte bei ihm zu.
    Sancta Venus legte sich zurck und lachte wie zu der gottlosen Zeit, als sie
noch tiefst ausgeschnittene Kleider und Rosen in den Locken und nicht den
Rosenkranz in der Hand trug; Lydda lie den Kopf sinken und faltete die Hnde.
    Bringt halbe Nchte mit ihm und einem schuftigen Schreiber zu, wie in den
Jahrhunderten, wo man noch Gold machte und den Stein der Weisen suchte. Ich
glaube fast, es gibt keine Mrder- und Diebshhle in der Stadt, in welche sie
nicht hinauf- oder hinuntergestiegen ist. Mit allem Gesindel ist sie bekannt -
eine wahre Zigeunerknigin.
    Frau von Flte billigte jeden harten Ausdruck der erregten Dame; Lydda zog
sich immer schchterner in sich zusammen, so da sie zuletzt alle hnlichkeit
mit einer neunundzwanzigjhrigen Jungfrau verlor. Es war ein Glck, da in
diesem Augenblick Leon von Poppen eintrat. Seine Erscheinung brachte den
Redeflu der Mama zum Stillstand und errettete das Frulein vom gnzlichen
Verschwinden in ihr selbst. Lydda von Flte raffte sich zu einer matten
pikierten Lebendigkeit auf, ihre Mutter lie den Mund hngen wie eine bende
Magdalena und neigte das Haupt zur Seite wie Lais.
    Leon, mein Sohn, ich hatte dich doch gebeten, frher zu kommen! sagte
Viktorine.
    Nicht mglich, chre maman. Unertrgliche Abhaltungen - insupportable
Schwere des Daseins - starker Mann mit hundertundfnfzig Zentner berfracht auf
der Brust, und zwar kein Papiermach - ah!
    Der junge Baron war auergewhnlich weich und wehmtig gestimmt. Er hatte im
Spiel verloren, er hatte eine Erscheinung gehabt und litt an Kopfschmerz,
Weltschmerz und allgemeiner Krperschwche. Matt sank er in einen Sessel
zwischen seiner Mutter und der Mutter Lyddas, zum groen Verdru der Jungfrau,
von welcher er sich so weit, wie irgend schicklich war, entfernt hielt. Der
goldene Apfel hing so lose am Zweige, da er dem Unvorsichtigen bei der
leisesten Berhrung auf die Nase gefallen wre, und Leon von Poppen hielt etwas
auf seine Nase, obgleich sie weder zu den griechischen noch zu den rmischen
gehrte.
    Wie ist es mit der Madonna, Herr von Poppen? fragte Lydda.
    Ah, gndiges Frulein - richtig, Madonna nach Murillo, gestochen von
Theresa del Po - ich erinnere mich! Ich hoffe, das Blatt Ihnen verschaffen zu
knnen; aber - ah, wenn Sie wten, was mir alles auf der Seele liegt!
    Armer Baron, Sie sehen in der Tat angegriffen aus, sagte bedauernd die
Mutter Lyddas. O wenn Sie doch recht ernstlich den Weg suchen wollten, der zur
sesten Ruhe, zum himmlischsten Frieden fhrt.
    Herr Leon schnitt nach innen eine grliche Grimasse, die sich nach auen
durch einen klglichen Seufzer kundgab. Der Teufel hole das Weib mit ihrer
himmlischen Ruhe, ihrem ewigen Frieden, dachte er. Ich wei wohl, was sie
darunter versteht, aber ich danke. Laut sagte er: O Gndige, wenn Sie wten,
welche Mhe ich mir gebe, den Weg zum Heil zu finden! Vergangene Nacht trumte
mir, ich sei der heilige Simon Stylites und stehe in Syrien auf einer achtzig
Fu hohen Sule ekstatisch auf einem Bein, balancez  vos dames.
    Emprt fuhr die gndige Frau rauschend empor, Lydda stie einen pfeifenden
Zorneslaut aus, die Baronin starrte mit offenem Munde den Sptter an.
    Komm, mein Kind, rief Frau von Flte, wir wollen gehen; der Herr Baron
ist in zu scherzhafter Stimmung fr uns. Arme Poppen, der Herr gebe auch Ihnen
Kraft in allen Ihren Leiden; Sie haben gleichfalls an Ihrem Herrn Sohn eine sehr
schlechte Erziehung gemacht. Komm, Lydda.
    Majesttisch segelten die beiden Damen aus der Tr, nachdem sie den
unglcklichen Leon noch mit einer vollen Breitseite aus ihren heiligen Zorn
sprhenden Augen bedacht hatten. Die Baronin wollte ihnen nacheilen; aber ein
Starrkrampf schien sie auf dem Diwan festzuhalten. Ihr Hndchen heulte klglich,
sie hatte sich beim Versuch, sich zu erheben, darauf gesetzt, und sie wog nicht
wenig. Leon ghnte bedeutend und schritt mit gekreuzten Armen durch das Gemach.
    Den Sturm, der nun ber ihn naturgem losbrechen mute, abzuwenden, zu
neutralisieren, lie der Baron als geschickter junger Diplomat und Naturkundiger
jetzt selbst ein kleines Gewitter los, ehe die Mama wieder zu Atem gekommen war.
    Du hast mir das Leben gegeben, Mama, sagte er tragisch, ich lege es dir
wieder zu Fen. Mach mit mir, was du willst; opfere mich auf jede beliebige
Weise dahin, nur nicht durch diese schrecklichen Weiber. Die Kraft der
menschlichen Natur hat leider ihre Grenzen, und ich verknde hiemit feierlich,
da meine Krfte zu Ende sind. Mama, das Leben und das Schicksal haben mich
mager genug gemacht; aber ein Skelett heirate ich darum doch nicht. Steh doch
endlich auf, Mama, das Hundegeheul ist zu widerlich! Armer Azor, ja winsele nur,
aber das Geschick lastet nicht schwerer auf dir als auf mir; ich wollte, ich
knnte mit dir tauschen.
    Die Baronin schluchzte krampfhaft in ihr Taschentuch:
    Leon, Leon, was war das? O Leon, was hast du getan? O du bist
unertrglich!
    Vraiment, maman, ganz einverstanden; aber auch du ein wenig. Komm her,
Azor. Armes Tier - ganz platt - platt gedrckt, wie ich selbst.
    Du hast die Damen aufs tdlichste beleidigt. Weit du, da du das getan
hast?
    Leon zuckte die Achseln.
    Sie meinten es so gut mit dir.
    Danke, ich meine es ebenso mit ihnen.
    Sie knnen dir deine Karriere vollstndig verderben; sie sind so
einflureich.
    Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende, sagte irgend
jemand, welcher damit das Richtige traf.
    O Leon, Leon!
    O Mama, Mama!
    Du bist doch sonst immer ein gutes Kind gewesen!
    Ich hoffe es auch ferner zu bleiben; aber ich habe nicht den geringsten
Sinn fr das Studium der Anatomie.
    Solch ein schnes Vermgen!
    Ach, das Gold ist nur Schimre.
    Solch ein liebenswrdiger Charakter!
    Alle Gtter der Oberwelt und der Unterwelt ruf ich an, da sie einen andern
- meinen schlimmsten Feind - damit beglcken mgen.
    Leon, du wirst bald genug einsehen, was du heute abend verloren hast.
    Fnfzig Friedrichsdor und mein Herz, murmelte das gute Kind, doch so,
da die Mama nicht verstand, was es sagte. Der Baron hatte nicht Lust, das
unerquickliche Gesprch lnger fortzusetzen; er schellte und berlie die
trnenberstrmte Mutter den Trstungen und der Sorgfalt der lieblichen Elise.
Leise schlich er fort und lie sich von dem Esel, dem Baptiste, zu seinen
eigenen Gemchern im obern Stock leuchten. Hier, wo von den Wnden aus goldenen
Rahmen die berhmtesten Tnzerinnen in allerlei gewagten Stellungen,
leichtverhllt, auf ihn herabschauten; wo bronzene Tiergruppen von ihren
Konsolen aus ihren Herrn an die Freuden des Sports erinnerten; wo ein wirres
Durcheinander aller mglichen und unmglichen Gegenstnde Tisch und Stuhl
bedeckte, hier warf sich Leon von Poppen auf ein Lotterbett und machte es sich
immer klarer, da er rasend verliebt sei in - Helene Wienand, den reizenden
Zgling der unberechenbaren Tante Juliane. Das war ihm heute ungemein
klargeworden, und zwar auf merkwrdig einfache Weise, ohne dramatische Zuflle
irgendwelcher Art. Am hellen nchternen Tage, zwei Stunden nach dem Diner, war
an dem eigentmlichen Gewchs, welches der Baron sein Herz nannte, diese neue
Blte aufgesprungen, die nun inmitten mancher verwelkten andern sehr buntfarbig
und mit etwas sonderbarem Duft prangte.
    Sehr oft war Leon mit Helene zusammengetroffen, ohne auf das kleine
unscheinbare Mdchen zu achten. Sehr oft war im Kreise der Genossen die Rede von
der Tochter des Bankiers gewesen, und der Baron hatte mit den andern die
gewhnlichen Bemerkungen und Witze darber gemacht; - nun hatte Amor Fleck
getroffen, und der goldbefiederte Pfeil zitterte in der Wunde. Hinter dem Stamm
einer Linde auf der Promenade hervor hatte der geflgelte Taugenichts gezielt.
Unter der Linde hielt das Coup des Bankiers, und im Vorbeigehen hatte Leon den
Papa Wienand mit seiner Tochter aus dem Wagen steigen sehen. Solide war alles an
dem Geldmann: untadelhaft seine Erscheinung, untadelhaft seine Equipage und die
beiden Rappen sowie der brtige Kutscher. ber alle Beschreibung aber war die
Gestalt Helenes auf dem Wagentritt und das Fchen, welches sie im Niedersteigen
zeigen mute. Es kam ber Leon von Popken gleich einer Offenbarung; hier war
alles, was das Herz wnschen konnte - Schnheit, Reichtum, vornehmes Wesen,
Geschmack und Bildung. Wie der Kastellan von Coucy drckte der Freiherr von
Poppen die Hand auf das Herz; er grte tief und achtungsvoll, und verbindlich
erwiderte der Bankier den Gru, als er seine Tochter die Allee hinabfhrte. Wie
festgewurzelt stand Leon noch einige Augenblicke.
    Bin ich denn blind gewesen? dachte er. Sind wir alle blind gewesen? Zum
Teufel, ihr Herren von der Garde, ihr Herren vom diplomatischen Korps, ich
verbitte mir in Zukunft alle Lazzis ber diese junge Dame. Per Bacco, allesamt
sind wir mit Blindheit geschlagen gewesen.
    Beflgelten Schrittes eilte der Baron von dannen, aber nun trat ihm
allmhlich allerlei vor die Seele, welches seine Gehobenheit beeintrchtigte.
Die Tante Juliane stieg geisterhaft drohend aus dem Boden und erhob den
Krckstock; auch an Lydda von Flte dachte Leon von Poppen und schauderte. Die
Bekannten, welche ihn zum Spieltisch zogen, hatten Grund, sich ber seine
Zerstreutheit zu wundern. Wir wissen, in welcher Stimmung der Erbherr des
Poppenhofes aus dem Caf de l'Europe in die mtterliche Behausung heimkehrte und
wie er den Sperling aus der Hand fliegen lie, der Taube auf dem Dache wegen.
    In den wunderlichsten Verrenkungen und Lagen berlegte der Baron auf seinem
Sofa seine Aussichten; aber wenn er sich auch auf den Kopf gestellt oder eine
noch ungewhnlichere Stellung angenommen htte, seine Gedanken wrden dadurch
nicht klarer, seine Anschauungen nicht ruhiger geworden sein. Er fand keine Ruhe
in seinen vier Wnden. Wiederum schlich er aus dem Hause, abermals nach dem Caf
de l'Europe. Letzteres war wenigstens der Wienandschen Wohnung gegenber
gelegen, und er konnte von hier dann und wann einen Blick auf die erleuchteten
Fenster gegenber werfen, bis das Licht nach elf Uhr erlosch und das groe
Gebude in Dunkelheit versank. Leon von Poppen wurde wieder sehr aufgeregt und
heiter in dem Kreise jngerer und lterer Snder, welche das bekannte
Etablissement allnchtlich mit ihrer Gegenwart beehrten. Er war ungemein
geistreich und witzig, aber ein ganz klein wenig weniger frivol als gewhnlich.
Man stellte die Vermutung auf, Frulein Lydda von Flte habe endlich -
nachgegeben; man lie es nicht an ironischen Glckwnschen fehlen. Leon lie
alles ber sich ergehen; er lachte mit den Lachenden und parierte mit groem
Glck manch gutgezielten Sto, der boshaft gegen ihn gefhrt wurde. Er war wie
in einem leichten Rausch und tat alles, diesen Rausch zu erhhen. Je nher die
Mitternacht kam, desto nervser wurde er, desto eigentmlicher wurde seine
Stimmung. Seit der Nacht, in welcher Eva Dornbluth durchbrannte, hatte er so
etwas nicht gefhlt.
    Dem berhmten Kaffeehause gegenber sa der Bankier in seinem Kontor nach
dem Garten hinaus vor dem Hauptbuch. Er hatte die Faust auf den gewaltigen
Folianten gelegt; sein Auge blitzte Triumph. Es war eine Freude, dem
breitschultrigen Mann in das charakteristische Gesicht, die eisernen,
energischen Zge zu schauen. Man sah auf den ersten Blick, da dieser Mann einen
langen, mhevollen Weg voll viel Schwei und Arbeit zurckgelegt hatte und sich
nun dem Gipfel nahe fhlte. Sein Haar war grau, gefurcht die Stirn, manche Sorge
war ber dies Haupt hingegangen; aber es hatte sich nicht gebeugt - - Triumph!

                              Sechzehntes Kapitel



Viel Schutt und Trmmer fallen auf Helene Wienands Grtchen sowie in den Hof von
                      Nummer zwlf in der Musikantengasse

Mitternacht! Dunkelheit auf Erden! Ein heftiger Wind blies seit einigen Tagen,
Herbstahnungen bringend, ber die Stadt; aber droben am Himmelsgewlbe gingen
die Sterne ruhig ihren Gang, und wie ihr Lauf bestimmt war, so waren auch die
Geschicke der Menschen bestimmt, eins durch das andere, alle durch den mchtigen
Willen, welcher darber regiert und welcher ad libitum den einen zum
Atheisten, den andern zum Akosmisten macht. Zwischen Tag und Nacht laufen sich
die Menschen zu Tode wie die Maus in der Rolle; o Mitternacht, wie feierlich und
ernst klingt dein drhnender Futritt ins Ohr - ein neuer Tag! - und noch immer
will das Rad nicht zur Ruhe kommen. Lauf, lauf, arme Maus!
    Mitternacht! Der Polizeischreiber Fiebiger hatte einen Tag voll drngender,
hlicher Arbeit zurckgelegt; der Jammer der Menschheit war ihm fast an die
Kehle gestiegen und hatte ihm den Atem bis zum Ersticken geraubt. Nun lag er auf
seinem harten Lager und wehrte sich wieder einmal gegen die Gebilde des Tages,
welche ihn bis in den Schlummer verfolgten, gegen die Geister der groen
Foliobnde, die noch viel, viel inhaltvoller waren als die Folianten im
Arbeitszimmer des Bankiers Wienand, obgleich auch in den Zahlen der letzteren
fr das Auge des Kenners, des Eingeweihten manch ergreifender Bericht ber
menschliches Glck oder Unglck niedergelegt war.
    Robert Wolf lag wachend; er hatte sich halb aufgerichtet, indem er sich auf
den Ellbogen sttzte, und blickte durch die Risse im alten Fenstervorhang nach
den Sternen, vor welchen der Wind die Wolken herjagte. Vor einem Jahre noch
hatte er den Septemberwind durch die Bume des Winzelwaldes rauschen gehrt. Wie
anders war alles seit den Tagen geworden! Der Jngling blickte nach denselben
Gestirnen, welche der Sternseher Heinrich Ulex in der nmlichen Stunde durch
seinen Tubus beobachtete. Sie hatten beide das Recht zu wachen, der Forscher wie
der Jngling, jeder hatte Rtsel in sich und auer sich zu lsen. Die Liebe ist
auch eine Wissenschaft, ein Streben, Forschen, Suchen nach dem Wahren, die
Wissenschaft ist auch Liebe; beide blicken empor im Streben und Suchen und
Sehnen - beide blicken nach den Sternen.
    Aber der Wind ballte die Wolken immer mehr zusammen und jagte sie in immer
schwrzern Massen vor die Sterne. Der Forscher schob sein Rohr zusammen und
strich ber die heie Stirn; der Bankier Wienand schlo das schwere Hauptbuch
und schrob die Lampe nieder; auch ihm fielen die Augen zu; der Polizeischreiber
murmelte ngstlich im Schlaf: Da, da, haltet ihn - zu spt - schickt nach dem
Henker. Stern auf Stern verschwand am Firmament, erregt und schmerzlich
bengstigt, beobachtete Robert, wie die Finsternis ein blitzendes Licht nach dem
andern auslschte. Die spten Schwrmer im Caf de l'Europe wurden allmhlich
immer stiller; sie ghnten in den Kissen der trkischen Diwans, streckten die
Beine immer weiter von sich und bliesen immer apathischer den Rauch der feinen
Zigarren von sich. Der Kellner war im Winkel eingeschlafen.
    Mitternacht! Noch stand der Sternseher am offenen Fenster und atmete das
wilde, aber nicht kalte Wehen ein; er lauschte den zwlf Schlgen, die eine Uhr
nach der andern bis in weite Ferne wie ein Echo aufnahm und wiederholte. Robert
schob den Vorhang ganz zurck; kein Stern, nicht das winzigste Fnkchen war mehr
zu erblicken am Himmel und auf Erden. Das Sausen in den Lften wurde immer
strker, es fuhr durch die Hfe, um die Ecken, es fing sich in den Winkeln,
umtanzte die Wetterfahnen, klapperte mit den Ziegeln, neckisch, mutwillig und
leichtfertig, doch nicht boshaft. Nun schlief der Bankier bereits sicher und
fest; er war ein starker Mann, und wenn er sein Hauptbuch geschlossen hatte, so
waren die Sorgen selten so khn, sich an sein Kopfkissen zu wagen; Herz und Hirn
waren bei ihm aus gleich fester Masse, sie waren beide aus dem Kitt geformt,
welcher die Gesellschaft zusammenhlt.
    Leon von Poppen hatte wieder einmal die magern Arme auf die Marmorplatte des
Tisches im Caf de l'Europe gelegt und den Kopf, der ein ganz anderes Gehirn als
das des Bankiers barg, auf die Arme. Er schlief einen hnlichen Schlaf wie der
abgejagte Garon in der Ecke.
    Ein Uhr! Es kam Robert Wolf ein Gedanke an den fernen Bruder, an Eva
Dornbluth aus dem Kantorhaus zu Poppenhagen. Er dachte an beide jetzt nicht mehr
mit dem fieberhaften Groll frherer Tage. Wo mochten sie jetzt weilen? Wie
mochte es ihnen gehen? Unendliche Rume berflog der Gedanke.
    Ein Uhr und ein Viertel! Schwer fing es endlich an, sich auf die Augenlider
des Jnglings herabzusenken; der Schlaf wollte den Sieg ber die unruhige Seele
gewinnen. Der alte Ulex schlo sein Fenster; es verflossen noch fnf Minuten. Da
ging pltzlich in der Ferne nicht sehr fern von dem Garten des Bankiers Wienand,
neben dem hohen Schornstein und Fabrikgebude, welche den Astronomen
allnchtlich rgerten, ein Leuchten auf, wie der Schein einer Laterne, und
zitterte einige Augenblicke an einer Hauswand, ohne da Ulex viel darauf
achtete. Es verschwand, um gleich darauf von neuem und strker emporzuzucken. Es
erregte bald die ganze Aufmerksamkeit des Alten.
    Nun glitt der Schein an den Fenstern einer andern Hauswand empor, nun fiel
pltzlich ein feuriges Licht ber die weie Statue der Hebe neben der
Holunderlaube - ein Schrei klang in der Ferne; - es zuckte ein Flmmchen ber
ein Dach, leckend und zngelnd. Dem Flmmchen aber nach brach die Flamme,
hellodernd, blutigrot, gefrig-gierig in der vollen Pracht ihrer furchtbaren
Majestt -
    Feuer! Feuer!
    Feuer! Feuer! rief der Sternseher in den Hof von Sankt Nikolaus hinab, und
in der Tiefe wiederholten Mnner- und Weiberstimmen den unheilvollen Schrei.
Sturmgelut, Hrner und Trommeln lieen sich in der Ferne vernehmen; denn damals
lschte man Brnde noch nicht im tiefsten Schweigen wie heute. Auch auf dem Hofe
von Nummer zwlf der Musikantengasse wurde es lebendig, Lichter erschienen in
der Wohnung der Familie Tellering; hervor strzten der Schreiner und sein Sohn,
die blanken xte ber der Schulter. Von seinem Lager fuhr der Polizeischreiber
Fiebiger auf; Robert hatte die Kleider bereits in aller Hast bergeworfen. Der
rote Schein fiel jetzt schon drohend in die Hinterfenster des Hauses des
Partikuliers Museler.
    Wie jedes andere schlafende Haus berkam auch die Nummer zwlf der
Musikantengasse der furchtbarste Schrecken bei dem pltzlichen Alarm, und es
zeigte sich, da Leute, die durchaus nicht im Rufe standen, Kopf zu haben, ihn
dessenungeachtet verlieren konnten. Bei blitzschnell hereinbrechender Not und
Verwirrung zeigt sich am besten, was der Mensch ist und was er kann.
    Julius Schminkert, der diesmal ausnahmsweise sich vor Mitternacht im Bett
befunden hatte, bewies sich in seiner ganzen Gre. Er hatte durchaus nichts von
Wert zu verlieren; so fuhr er denn in Hosen und Rock, kaltbltig und besonnen,
und benutzte jede Gelegenheit, sich dem Gemeinwohl des Hauses zu widmen, aufs
beste. Um den Schreiber und seinen albernen Jungen bekmmerte er sich nicht; er
hrte ihren gestiefelten Schritt eilig hinter der Wand neben seinem Gemach und
wute, da beide seiner nicht bedurften. Der erste, welchem er seine Energie
widmete, war der halbtote Hausherr, der Rentier Museler. Besinnungslos irrte
der Biedermann auf seinem Vorplatze umher, in flanellenen Unterhosen und
halbangezogenem Schlafrock, den Tabakskasten unter dem linken Arm, den Waschnapf
in der rechten Hand. Merkwrdigerweise bezwang der darstellende Knstler seine
Lust, dem Trbsalsbilde den Waschnapf aus der Hand zu nehmen und den Inhalt
desselben ber das ehrwrdige Haupt des ehrenwerten Brgers zu gieen,
vollstndig, bemchtigte sich dafr aber ebenso vollstndig alles dessen, was
vom Rentier noch brig war, und benutzte die Gelegenheit, um sich fr seine
lrmenden Dienstleistungen den Erla der rckstndigen Miete eidlich versprechen
zu lassen. Die Kassette mit den Wertpapieren des Hausherrn unter dem einen Arm,
den Hausherrn selbst unter dem andern, die halbohnmchtige Madam Krieg am
Rockscho nachschleifend, stieg Julius zur Wohnung des Frulein Aurora Pogge
hernieder und erschien khl lchelnd inmitten angstvollen mausehaften
Umherlaufens und durchdringendsten Gekreisches und Gepiepes von Katze, Herrin
und Dienerin. Alle Tren waren geffnet, der Fuboden aller Gemcher, der
Vorplatz wie die Treppe bereits bedeckt mit Plunder aller Art, welchen die
unglcklichen Frauenzimmer in ihrer Ratlosigkeit aufgegriffen und umhergestreut
hatten. In dem jungfrulichen Gemache Auroras setzte der Schauspieler den
Rentier auf dem grnen Sofa unter dem Bilde des seligen Proviantkommissrs
nieder; und trotz ihrer Verstrtheit besa Aurora noch schmige Kraft genug, den
verwegenen Julius an den Haaren aus ihrem Schlafgemach zu ziehen, in welches er
ungebeten seine vorwitzige, unheilige Nase steckte. Der Mime warf der erzrnten
Schnen eine Kuhand zu, wies mit einer andern Handbewegung auf den chzenden
Hausherrn und schwebte aus dem Gemache. Hier hatte er nichts mehr zu tun, und
beflgelten Schrittes eilte er die Treppe hinunter, getrieben von der sen
Hoffnung, sich der holden Angelika und ihrem Vater ntzlich und angenehm zu
machen. Wann htte er eine gnstigere Gelegenheit dazu finden knnen?
    Auf den ersten Stufen der Treppe stie sein Fu an ein in blauen Samt
gebundenes Buch, auf dessen Deckel zwei Tauben am Fue eines Kreuzes sich
schnbelten. Er hob es auf, warf einen Blick hinein und stie, scheu ber die
Schulter sehend, einen Ruf des Entzckens hervor. Er hatte ein Manuskript
gefunden, von dessen Existenz das ganze Haus Nummer zwlf in der Musikantengasse
eine dumpfe grauenvolle Ahnung hatte. Auf der ersten Seite des Bchleins stand
in merkwrdiger Handschrift:

                                    Thagebug
                                      von
                                 Aurora Pogge.

Blitzschnell glitt der Fund in die Brusttasche des glcklichen Finders;
satanischen Jubels voll, schnalzte Julius Schminkert mit den Fingern, und noch
warm von der zarten Berhrung des jungfrulichen Busens Auroras war das
himmelblaue Schatzkstlein einer edlen Seele.
    Gttlich, gttlich! Millionenfach gesegnete Stunde! Geschenk der Gtter,
feil fr kein Knigreich! jauchzte innerlich der Taugenichts, bei jedem Ausruf
sich am Gelnder ber sechs Stufen der Treppe abwrts hinwegschwingend.
    Verwirrung, Not und Ratlosigkeit hatten ebensosehr von dem Parterre Besitz
ergriffen wie von den brigen Stockwerken des Hauses, das hchste ausgenommen,
welches alle Seelen- und Krperkrfte ruhig beieinander behielt; und wir
schieben die Bemerkung ein, da an dem letztern Faktum durchaus nichts zu
verwundern ist, da die klarsten Kpfe ungemein hufig dem Dache sehr nahe
wohnen. Das Gehirn hlt sich ja auch in dem hchsten Teile des menschlichen
Krpers auf.
    Niemals sah man einen zitternderen Kleiderknstler, niemals versteinertere
Lehrlinge, niemals angstvoller umherhpfende Bekleidungsgehlfen. Die schne
Angelika, ziemlich mangelhaft bekleidet, warf sich an die Brust Schminkerts und
umklammerte ihn krampfhaft mit dem Ruf: Rette mich, rette uns, o rette mich!
    Aus Blut und Tod, aus Trmmern und Flammen! deklamierte Julius, zrtlich
das zarte Wesen an seinem Herzen festhaltend, ohne da der ratlose Papa sich's
verbat. Es ist die Fabrik chemischer Waren in Brand geraten; wir werden
hchstwahrscheinlich sogleich allesamt in die Luft fliegen. Halten Sie sich nur
recht fest an mir, Engel der Seligkeit; wenn wir einmal in die Lfte sollen, so
geschieht's am angenehmsten paarweise; - o Angelika, Herrlichste Ihres
Geschlechts, ich benutze wiederum die tragische Gelegenheit, den Brand von
Semmelroth und Kompanie, um Ihnen den Brand meines Herzens zu offenbaren.
    O hren Sie nur, sehen Sie nur - die Flammen! O wie grlich!
    Was frchtest du, Geliebte? La den Erdkreis zusammenbrechen; - wie sagt
der Altmeister Goethe?

Unsterbliche heben verlorene Kinder
Mit feurigen Armen zur Gottheit empor!

Wasser, Wasser, Wasser! schrie der Schneider. Herr Schminkert, ich bitte Sie
um Gottes willen, was sollen wir anfangen? Raten Sie, helfen Sie -
    Da geht die hohe Polizei, nun sind wir gerettet! rief Julius, als eben
Fiebiger im blauen Rock mit rotem Kragen, begleitet von Robert, ber die
Hausflur eilte und in die menschenvolle Gasse strzte. Wir lassen den entzckten
darstellenden Knstler, die schne Angelika und den atemlosen tailleur de Paris,
um dem Schreiber und seinem Zgling zu folgen. Mit krftigen Rippensten
drngten sich die beiden durch die Menge, und Robert Wolf zeigte sich als ein
krftiger Bahnbrecher bis zu einer Soldatenlinie, welche die Brandsttte gegen
das andrngende Volk absperrte. Hier trat der rote Kragen des Polizeimannes in
sein Recht, vor ihm ffnete sich bereitwillig die Reihe der Krieger, und der
Schreiber fand sich bald mit Robert vor dem brennenden Wienandschen Hause.
    Mit verheerender Wut hatte das Feuer um sich gegriffen und bot allen
Anstrengungen der Menschen Trotz. Der Wind whlte in den Flammen wie in einem
feurigen hrenfelde, die Hintergebude des ganzen Stadtteiles standen in
Flammen, und auch aus den Fenstern der Vorderhuser leckten schon die roten
gefrigen Zungen. In dem Garten des Bankiers brach eine hohe Wand nieder,
zerschlug die weie Statue der Hebe, zerknickte die Holunderlaube und bedeckte
mit glhenden Trmmern und Funkengewirbel die Blumenbeete, den zierlichen Tisch,
die grne Bank. Erbarmungslos griff das Feuer ber das Lieblingspltzchen
Helenes weg, erbarmungslos, wie das Unglck in ihr junges Leben griff. Eine
Bandfabrik wurde von den Flammen erfat; die Glut trieb die Bnderrollen hoch in
die Lfte und wickelte sie am dunkelroten Nachthimmel in den prchtigsten
Schlangenwindungen auseinander. Aus allen Fenstern der obern Stockwerke des
Wienandschen Hauses schlug das wilde triumphierende Element und spottete der
Anstrengungen der Spritzen, der Pionierkompanien, der beiden Tellering, Vater
und Sohn. Aus dem Caf de l'Europe waren die Nachtschwrmer in die Strae
gestrzt, und Leon von Poppen starrte wie bldsinnig, mit offenem Munde, in das
schreckliche Lichtmeer, in welchem das Haus des Bankiers Wienand - vielleicht
auch sein ganzer Reichtum - untergehen sollte.
    Das gute, alte Haus! Armer Wienand! rief der Polizeischreiber, die Hnde
erhebend.
    In tdlichster Angst flogen die Blicke Robert Wolfs umher. Sie, sie - wo war
sie? Hatte man sie vergessen in den Flammen? War sie gerettet?
    Der Jngling stie einen Schrei aus und sprang fort von der Seite des
Schreibers. Quer ber die Gasse schritt Ludwig Tellering, eine zarte leblose
Gestalt in den Armen tragend. Funken, Kohlen, glhende Balkentrmmer fielen
immer dichter herab, nach einer andern Seite hin wurde der alte Fiebiger
gedrngt; dem vor Ermattung strauchelnden Ludwig nahm Robert Wolf die leichte
liebliche Last ab; vereint trugen beide die ohnmchtige Helene in das Caf de
l'Europe und legten sie sanft auf einem der Diwans nieder, auf welchen sich
vorhin Leon von Poppen mit seinen Genossen gestreckt hatte. Die Wirtin und ihre
Tochter nahmen sich der Armen bereitwilligst an, soviel es ihnen die Hast und
Aufregung erlaubte, mit welcher auch sie ihr wertvollstes Eigentum in Sicherheit
zu bringen hatten. Als treuer Wchter stand Robert neben dem jungen Mdchen,
welches er bis jetzt nur aus so weiter Entfernung durch die Fernglser des
Sternsehers Ulex betrachtet und beobachtet hatte. Allerlei Volk drngte sich in
und aus dem Gemach; eine krftige geballte Faust streckte Robert einmal dem
Freiherrn von Poppen entgegen, und er wich erst von seinem Wachtposten, als
Juliane von Poppen sich durch das Getmmel drngte und ihr armes Herzenskind ans
Herz schlo. Scheu zog sich Robert nun in einen Winkel zurck und starrte von
dorther auf die alte Dame und das bleiche entsetzte Kind, bis das tapfere
Freifrulein halb durch Bitten, halb durch Gewalt das Gemach rumte und so auch
ihn wieder in die Gasse hinaustrieb.
    Eine lange Huserreihe stand nunmehr im lichten Brande. Im hohen Erdgescho
seines brennenden Hauses war der Bankier noch immer mit seinen Leuten und der
Rettungsmannschaft in gefahrvollster Arbeit beschftigt. Manch wichtiges
Dokument, manch wertvolles Schriftstck ging verloren; immer drohender ward die
Gefahr; einer der Helfenden nach dem andern verlie das Gebude, in welchem man
fast erstickte, wo die Haare in der Hitze sich kruselten und wo die Kleider
einen Brandgeruch von sich gaben. Zuletzt fand sich der Bankier nur noch mit
einem khnen Mann allein. Mit heldenmtiger Aufopferung half der alte Meister
Tellering beim Aufbrechen der Schrnke, bis er von einer niederstrzenden Decke
getroffen und gefhrlich verwundet wurde. Da trug der Bankier den Greis auf
seinen breiten Schultern aus dem Gebude und gab es verzweifelnd auf, noch mehr
zu retten. Hinter den beiden strzte das Haus in sich zusammen, und in der Gasse
sank Ludwig Tellering mit wildem Angst- und Schmerzensruf neben seinem Vater
nieder. Der bewutlose Meister wurde auf einer Bahre in seine dunkle Hofwohnung
zurckgetragen, begleitet und untersttzt von manchen versengten,
rauchgeschwrzten Handwerksgenossen. Dicht ihm zu Hupten schritten der
Polizeischreiber Fiebiger und der Sohn. An der ersten Straenecke traf der
traurige Zug auf den Wagen, zu welchem das Freifrulein von Poppen soeben Helene
Wienand fhrte. Juliane beugte sich ber den Verwundeten und winkte dem
Sanittsrat Pfingsten, an dessen Arm Helene hing. Auch der Arzt ging mit der
Bahre, um sogleich Hlfe zu leisten. Der Bankier war nicht von der Brandsttte
wegzubringen; er sa auf einem Stein- und Trmmerhaufen und blickte stier in das
Glutmeer, dessen feurige Wogen ber dem groen Buche zusammenschlugen, auf
welches er in der letzten Zeit so oft so triumphierend seine Hand gelegt hatte.
Aus dem Geprassel der Flammen klang es ihm wie hhnisches Lachen ins Ohr; seine
Lippen zitterten, seine Zhne schlugen aneinander; ein Augenblick hatte den Mann
um viele Jahre lter gemacht. Die markige Gestalt war zusammengesunken; zu
pltzlich war fr diese berechnende Stirn das Unglck gekommen; der Bankier
Wienand auf dem Trmmerhaufen lchelte wie kindisch, er fing an, an den Fingern
zu zhlen, und summte eintnig das Einmaleins vor sich hin. Freunde und Bekannte
drngten sich teilnehmend, trstend um ihn her; aber vergeblich waren alle
Anstrengungen, den Unglcklichen vom Platze zu bringen. Auf alle Bitten und
Vorstellungen schttelte er verwirrt lchelnd den Kopf und wies auf die Flammen.
Herr Leon von Poppen sah aus einiger Entfernung fast ebenso verwirrt auf ihn,
schttelte ebenfalls den Kopf und schlich mit matt niederhngenden Armen und
hchst unkomfortablen Gedanken der mtterlichen Wohnung zu.
    Robert Wolf sah Helene Wienand mit dem Freifrulein in den Wagen steigen,
welcher sie nach der Wohnung der alten Dame fhren sollte. ber ihm war der
Himmel noch immer mit blutigem Schein bergossen, obgleich man jetzt allmhlich
des Feuers Herr ward. Um ihn her wirbelte die aufgeregte Bevlkerung der groen
Stadt. Der Jngling war wieder einmal wie bezaubert, wie berauscht. Er hatte ein
hnliches Gefhl wie an jenem Abend, wo er verwundet auf dem Straenpflaster lag
- ebenso schmerzhaft, ebenso selig. Minutenlang blickte er dem davonrollenden
Wagen nach; als er schon lngst verschwunden war, stand er immer noch in solcher
Verzckung da. Dann eilte er hinter dem traurigen Zuge her, welchem das Gercht
unheilverkndend voranlief, um die bis dahin so glckliche Hofwohnung von Nummer
zwlf der Musikantengasse mit namenlosem Entsetzen und hellem Jammer zu
erfllen.
    Von seinem Giebel aus hatte der greise Sternseher bewegt und doch ruhig in
das wogende Flammenmeer, welches immer gewaltiger und druender gegen seine Hhe
heranraste, herabgeschaut; er wich weder der Hitze noch dem Qualm; all das hohe
Mauerwerk, ber welches er sich so oft gergert hatte, sah er zusammenstrzen,
und nach jedem donnernden Gekrach schlug die Feuersule um so wilder himmelan.
    Stein wlzen sie auf Stein, sagte der Alte, den Pelion auf den Ossa. Bis
an die Sterne glauben sie ihre Burgen, ihr Glck auftrmen zu knnen. Was fr
Elend und Sorgen, fr Blut und Schwei sie mit vermauern! Wie sie sich qulen
und ngsten! Sie bauen im Wachen, sie bauen im Traum - tausendarmiges
Gigantengeschlecht! Immer hher, immer hher. Gut wissen sie Richtma und Zirkel
zu gebrauchen, darin liegt ihre Sicherheit, darauf sind sie stolz - arme Toren!
Den Flgelschlag der unsichtbaren Verderber frchten sie nicht, den
Flgelschlag, der im Vorbeistreifen die Palste der Knige, die Huser der
Vornehmen, die hchsten Trme und hchsten Schornsteine niederwirft. O meine
Sterne, mit ihrem Mauerwerk werden sie euch nicht erreichen; die Geister, welche
zwischen Himmel und Erde wandeln, dulden es nicht!
    Bis zum grauenden Morgen stand der Greis an seinem Fenster; eine weite
schwarze, rauchende Brandsttte fand der neue Tag. Viele Seufzer und Wehrufe
irrten um den dstern Fleck im groen Husermeer. Viel mde Kpfe, viel elende
Herzen, viel stumpfsinniges chzen und Brten, viel laute wilde Flche gab es um
diesen schwarzen Fleck. Was wird aufwachsen aus dem Schutt und den Trmmern, aus
dem Kummer und der Verzweiflung aller derer, welche verloren haben und welche
jetzt noch so fest berzeugt sind, niemals wieder gewinnen zu knnen?!

                             Siebenzehntes Kapitel



              Unter dem Schutt und der Asche - unter den Trmmern!

Drei vor allen andern Unglckliche hatte der Funke gemacht, welcher in der
Fabrik von Semmelroth und Kompanie in einem toten Aschenhaufen geschlafen hatte,
welcher erwacht und gewachsen war, welcher sich gereckt und gedehnt und in seine
feurigen Umarmungen so vieles hineingezogen hatte. Die drei vorzugsweise zu
Bedauernden waren der reiche Bankier Wienand, der alte Schreiner Johann
Tellering und - Frulein Aurora Pogge aus Nummer zwlf in der Musikantengasse.
In verschiedener Weise litten sie, aber alle litten schrecklich; in
verschiedener Art trugen alle das Schreckliche, aber ertragen muten sie es.
    Das Feuer lie dem Bankier viel mehr, als die meisten Menschen jemals
besessen haben und besitzen werden; aber es nahm ihm auch unendlich viel; es
entri ihm den besten Teil seines Ichs, seine Energie, die Spannkraft von Krper
und Geist, in welcher allein fr den Unglcklichen die Hoffnung knftiger
Erfolge liegt. Man sprach viel in der Stadt ber dieses phnomenartige
Zusammenbrechen eines so eisernen Charakters; die rzte machten es zum Thema
mancher wissenschaftlichen Untersuchung; und es ist sogar spter in ihren
Zeitschriften davon die Rede gewesen. Der Sanittsrat Pfingsten als Hausarzt des
Kranken wollte lange nicht an solche Mglichkeit glauben und hielt den Zustand
fr eine momentane, vorbergehende Erschpfung durch Schreck, krperliche
Aufregung und beranstrengung. Es war aber kein momentaner Zustand; - es blieb
mit dem Bankier frs erste, wie es war - er war ein geschlagener Mann. Mit
lchelnder Miene wre, wie schon gesagt, der Bankier jedem vorherberechneten
Unglcksfall entgegengetreten; das Unvorhergesehene traf ihn mit vollster Wucht,
ohne da er einen Schild zur Abwehr bereiten und vorhalten konnte. Tief sollte
diese kluge, klare Stirn in den Staub gedrckt werden.
    Die ersten Tage nach der Feuersbrunst hatte der unglckliche Mann mit seiner
Tochter in der Wohnung seiner alten Freundin, des Freifruleins von Poppen,
zugebracht; und wieder einmal zeigte sich die alte Dame als seine treueste
Helferin in der Not. Sie konnte freilich dieses Mal nicht viel helfen; ihre
Ermahnungen, ihre Vorstellungen, ihre Vorwrfe prallten an der krankhaften
Apathie des Bankiers wie an einem Panzer ab; und es sollte noch schlimmer kommen
mit ihm. Vergeblich mhten sich auch die andern Freunde, die Geschftsgenossen
des berhmten Geldmannes, ihm das Leben wieder von einer bessern Seite zu
zeigen, ihm die geretteten Fonds, den unerschtterten Kredit in die Erinnerung
zu rufen. Der Kranke hrte ihnen stumpfsinnig lchelnd zu, schttelte den Kopf
und fing wieder an, an den Fingern zu zhlen und das Einmaleins herzusagen.
Stundenlang konnte er so sitzen und in einen Winkel starren, teilnahmlos fr
alles, was um ihn her vorging, teilnahmlos fr die Bekannten, die Kollegen von
der Brse, teilnahmlos fr die alte Juliane, teilnahmlos sogar fr seine
Tochter, die arme, bleiche, weinende Helene. Man griff zu einem neuen Mittel.
Man mietete ihm in der Kronenstrae eine Wohnung - dem Hause der Baronin von
Poppen gegenber -, man richtete ihm daselbst ein elegantes Geschftszimmer ein;
- er weinte, als man ihm seine Firma auf dem blanken Messingschild an der Tr
zeigte; er setzte sich vor das groe leere Hauptbuch, welches man ihm auf den
Arbeitstisch gelegt hatte, sttzte das Haupt mit den Hnden und weinte - weinte
bitterlich. Es sollte aber noch viel schlimmer kommen; die Verwirrung seines
Geistes hatte noch lange nicht den hchsten Grad erreicht; die fixe Idee, da er
sich und seine Tochter nicht mehr ernhren knne, da er den Hungertod sterben
msse, griff immer mehr in seinem kranken Hirn Platz und zeigte sich auf die
seltsamste, traurigste und verschiedenartigste Weise. Wir werden leider damit
noch mehr zu tun haben und brechen hier ab, um den Leser zu dem zweiten Ort der
Schmerzen zu fhren. -
    Dunkel war der Hof von Nummer zwlf der Musikantengasse, noch dunkler fast
die niedere Wohnung, deren Fenster auf den engen Raum gingen, wo einem der Hut
vom Kopf fiel, wenn man nach dem Stckchen blauen Himmels ber den Dchern sehen
wollte. Aber wieviel Sonnenschein hatten die guten Menschen, welche hier
wohnten, in diese dmmerigen Rume hineingetragen! Diese dunkeln Wnde hatten
oft heller geglnzt als knigliche Sle voll unzhliger Wachskerzen. Da war ein
Winkel hinter dem Ofen, ein Winkel, in welchem ein uralter Lehnstuhl stand, und
Winkel und Lehnstuhl hatten einen Schein von sich gegeben, der mit nichts zu
vergleichen war. Jeder Gegenstand in der Wohnstube, der Werkstatt, den Kammern,
der Kche hatte sein eigenes Leuchten gehabt; echtester, wahrster Goldglanz
hatte den Hammer, den Topf, den Kessel umspielt, Fluten von Licht hatte der
rmliche Spiegel ber das Gesichtchen Luise Tellerings gegossen - nun sollte
alles erlschen, alles in die tiefste Finsternis versinken. Wie die Hand der
Frau Anna das verdunkelnde Tuch ber den Kfig des Kanarienvogels hing, damit
der kleine frhliche Snger den kranken Meister nicht auch noch stre im
qualvollen Fieberschlummer, so warf das Geschick den schwarzen Schleier ber das
ganze arme Hauswesen.
    Mit gestrubten Federn und eingezogenem Kpfchen sa der Vogel auf der
Stange und wunderte sich ber die lange Nacht, welche gar kein Ende nehmen
wollte, und ebenso verstrt, verschchtert, aber viel schmerzenreicher saen
Mutter und Kinder der Familie Tellering um das Lager des unsglich leidenden
Hausvaters. Verstummt waren die hellen Stimmen; der kleine Vogel sang nicht
mehr, Ludwig sang nicht mehr, Luise sang nicht mehr. Der alte Mann erduldete die
grten krperlichen Schmerzen, welche es gibt, die Qualen, die das Feuer dem
menschlichen Leibe zufgt, und die treueste Pflege konnte diese Pein nicht im
mindesten lindern, sowenig wie die Kunst des Sanittsrats Pfingsten es
vermochte. Nur Mannesmut konnte hier helfen, und mit dem Mut des Mannes trug
Johannes Tellering, was ihm auferlegt worden war.
    Gewhnlich erdulden die niedern Klassen krperliche Leiden und Anstrengungen
gewisser Art mit weniger Ausdauer als die hhern, da ihnen das moralische
Gegengewicht fehlt; aber hier war das nicht der Fall. Mit eiserner Kraft wehrte
sich der verstmmelte Greis gegen seine Schmerzen, und nur selten verkndete ein
leises Sthnen den Seinigen, was er litt. Sie wuten es aber darum doch; denn
sie kannten den Mann, den Vater; und die alte Frau rief mehr als einmal, die
Hnde ringend:
    Schrei doch! schrei dich doch aus, Johannes! Es lindert - schrei dich aus.
O Gott, Gott, beie die Zhne nicht so zusammen!
    Aber Johannes Tellering schrie nicht; er lchelte sogar und chzte:
    Gute Alte - noch nicht! Vielleicht spter!
    Er hatte das Augenlicht verloren; aber hinter den geschlossenen wunden
Lidern tanzten noch immer die blutigen Flammen, in welche er geblickt hatte, ehe
er unter dem niederstrzenden Balken die Besinnung verlor. Alles trug der alte
Held standhaft, das vollstndige Gegenbild zum Bankier Wienand.
    Mit einem Teile der Hausgenossenschaft von Nummer zwlf wurde die wackere
Familie durch das Unglck, welches sie betroffen hatte, noch fester verknpft.
Zu allen Tageszeiten sprachen der Polizeischreiber Fiebiger und sein Robert in
der Hofwohnung vor, und der Schreiber war auf seine Weise ein unbezahlbarer
Trostbringer am Krankenlager; seine Gegenwart half der Familie, half dem
Leidenden ber manche trostlosen Augenblicke hinweg. Von noch grerm Wert aber
war fr den Meister Tellering die Gegenwart des Sternsehers Ulex, der von seinem
Giebel niederstieg und halbe Tage lang neben dem Bette des Meisters sa. Der
Gelehrte und der Handwerker verstanden sich vortrefflich; - ein groes Stck
Phantasie steckt im Volk und in der Philosophie, und damit bewegen beide alles,
was sie erfassen. Zu den hchsten Hhen des Reichs der Geister vermag die
ungeschulte Phantasie des Volkes sich zu erheben; nieder zu den Kindern und
Einfltigen kann die echte Philosophie steigen; sie stehen ja doch beide vor
denselben unlsbaren Fragen - Immanuel Kant, der Knigsberger Professor, wie
Jakob Bhme, der Grlitzer Schuster. Mit dem armen Meister Johannes hob sich der
dichterische Denker ber die Finsternis und den gewaltigen Schmerz empor zu
jenen Regionen, in welchen es keine Finsternis und keine Schmerzen gibt. In den
Momenten verhltnismiger Ruhe, welche dem Verwundeten zuteil wurden, erzhlte
der Gelehrte dem Handwerker von jenen philosophischen Helden der klassischen
Welt, welche den Schmerz durch Willenskraft gebndigt, welche Armut, Sklaverei,
den furchtbarsten Tod mit stoischem Gleichmut ertragen hatten. Der Mann der
harten Arbeit begriff vollstndig, wenn Ulex von jenem Theramenes sprach,
welcher den Giftbecher lchelnd leerte und dabei sagte: dies sei dem schnen
Kritias - seinem Hauptanklger - zugetrunken. Wie fest fate Johannes Tellering
die Hand des Sternsehers, als dieser vom Sokrates erzhlte, wie der sich gegen
die Richter wandte, nachdem er sein Todesurteil vernommen hatte: Wohlan denn,
wir gehen nun jeder seines Weges; ihr an eure fernem Geschfte, ich zum Sterben;
aber die unsterblichen Gtter wissen, wem das Beste zuteil geworden ist!
    Es ist ein groes Drngen in der Welt, sagte der Sternseher, was uns
nicht gewaltig stt und quetscht, das zupft uns wenigstens. Wann gehen wir den
Weg, den wir gehen wollen? In der Jugend achten wir nicht darauf. Solange das
Blut frisch durch die Adern rinnt, folgen wir dem Zuge des Blutes; aber nachher
...?! Drei Cherubim, drei Engel des Todes, gibt es, Schaddai, Uriel und Adonai,
vor ihnen mssen alle Engel des Lebens, alle Seraphim, die glnzenden Flgel
zusammenfalten; aber auch die Todesengel stehen nicht am Ende der Dinge: ber
allen Gttern sitzt Gott. Wer ist glcklich? Es war einmal ein groer Feldherr
und zugleich ein tugendhafter Mann in einer verderbten Zeit, Phokion hie er und
war aus der Stadt Athen in Griechenland; - niemand hatte gesehen, da er weinte,
niemand hatte gesehen, da er lachte; man behauptete, der Mann sei glcklich.
Noch einen andern hat's gegeben, der wollte mit den Gttern um die
Glckseligkeit streiten, vorausgesetzt, da er Wasser und Brot htte - man hat
ihn spter viel verlstert, er war sehr gut und sehr weise, Epikuros hie er.
Lieber Meister Johannes, der Himmel ist uns in jedem Augenblick, an jedem Orte
gleich nah und gleich fern; - der rechte Mann berhrt ihn auch in der dunkelsten
Stunde mit der Hand, und keine Erdenmacht ist imstande, ihm das kleinste Stck
davon zu entreien. - Es gibt soviel Trost in der Welt, Meister, und ein nicht
gering anzuschlagender liegt in folgendem, welches vor fast zweitausend Jahren
gesagt wurde.
    Der Sternseher zog das Encheiridion des Epiktet aus der Tasche, bltterte
einen Augenblick darin und paraphrasierte dann dem Kranken das dreiundzwanzigste
Stck:
    Bedenke immer, das Leben sei dir gegeben, wie dem Schauspieler eine Rolle
im Drama vom Dichter gegeben wird. Spiele sie ab, wie sie der groe Poet
geschaffen hat - kurz, wenn sie kurz, lang, wenn sie lang ist. Wenn dir die
Rolle eines Bettlers gegeben wurde, so agiere sie, so trefflich du irgend
vermagst; ebenso, wenn du mit der Rolle eines Kranken, eines Mannes der
Schmerzen bedacht wurdest. Der Frst mu den Frsten spielen, der Plebejer den
Plebejer. O Mitbruder auf der Bhne dieser Welt, unsere Sache ist's, die
bergebenen Rollen gut darzustellen; ein anderer, Hherer, Mchtigerer, der
groe Dramaturg des Universums, teilt sie aus. O lieber Meister Johannes, es
bekommt ein jeder den rechten Teil am gewaltigen Drama, und fr jeden fllt
einmal der Vorhang. Dann gibt ein jeder zurck, was ihm zur Ausfhrung seiner
Rolle gegeben war: der Knig den Purpurmantel und die goldene Krone, der Bettler
den Bettelsack und den weien Stab; den schweren Sack der Schmerzen wirft der
Kranke und Elende in den Winkel, und wer seinen Teil am Stck gut gemacht hat,
der -
    Wird Ruhe haben! sagte der alte Handwerksmann mit seiner gewhnlichen
Stimme, die nur ein wenig bewegter als gewhnlich klang. Ja, Herr, ich danke
Ihnen aus dem Grunde meines Herzens fr die Mhe, die Sie sich mit mir geben.
Aber glauben Sie auch fest, es mte wunderlich zugehen und noch viel schlimmer
kommen, wenn ich nicht ber dies alte Knochengerst Herr bliebe. 's ist mir nur
um meine Alte, die Luise und den Jungen, die qulen sich mehr als ich. Ich kann
ihre Gesichter nicht sehen; aber ich wei es, ich fhle es an ihren zitternden
Hnden, ich merke es an ihrem Atmen. O Herr, ich habe doch eine recht schwere
Rolle zu spielen.
    Nicht die schwerste, Meister, sagte der Sternseher. Gedenkt an den Mann,
in dessen brennendem Hause Euch dieses Unheil betroffen hat, denkt an den
Bankier Wienand.
    Der Kranke lie die erhobene Hand schwer herabsinken:
    Es ist wahr. Gelobt sei Gott, da das nicht auf mich gefallen ist. Wenn ich
daran denke, so murre ich nicht mehr. O Herr Ulex, und das war doch solch ein
starker, solch ein kluger Mann; - was sind wir in dieser Welt?
    Da war im siebenzehnten Jahrhundert in Kopenhagen an der deutschen
Pfarrkirche zu Sankt Peter ein alter Pastor Johann Lassenius, der sagt in einem
Buch: Ich wei nicht, ob ich das Leben mehr ein sterbendes Leben oder einen
lebendigen Tod nennen sollte! antwortete der Sternseher. Ach, Meister
Johannes, die Menschen, welche uns am meisten aus einem Gu zu sein scheinen,
die brechen oft am leichtesten.
    Ganz recht, Heinrich, rief der Polizeischreiber, der, vom Bro kommend,
sogleich in die Kammer des Schreiners guckte. Solche alte gesprungene und
wieder genietete, gekittete, mit Draht umwundene Tpfe halten am lngsten, das
wei jede Hausfrau. Meister Tellering, wir sind alle drei solche desolaten
Tpfe; haltet nur den Kopf, ich htte beinahe gesagt den Deckel, in die Hhe; es
kann noch manche Suppe in uns zum allgemeinen Besten gekocht werden.
    Der Kranke schttelte den Kopf und sagte leise:
    Ich fr mein Teil glaube es nicht; mit mir ist's aus, und kein Kitten und
Lten wird mehr helfen.
    rgert mich nicht, Tellering, brummte der Schreiber. Man hat doch schon
rger genug in diesem Jammertal.
    Den Glauben an Wiedererlangung der Gesundheit konnte keiner der Freunde dem
Schreiner wiedergeben; er fhlte zu gut und sicher, da ein so gebrochener,
zuckender Krper wie der seinige den Kampf nicht allzu lange mit Schaddai, Uriel
und Adonai, den Todesgewaltigen, aushalten werde. Und eines Abends rief er,
nachdem er Frau und Tochter fortgeschickt hatte, damit sie einmal frische Luft
schnappten, seinen Sohn dicht an sein Lager und fate seine Hand:
    Hre, mein Junge, ich habe dir etwas zu sagen, was die Weiber noch nicht zu
hren brauchen. Manchen Sarg haben wir zusammen angefertigt, und du hast lngst
das unbehagliche Gefhl berwunden, welches dich beim ersten an den Nackenhaaren
packte. Lieber Junge, wir haben manchem Fremden, aber auch mehr als einem
Nachbar und guten Freunde das letzte Haus gezimmert; bei dem, welches du jetzt
bauen sollst, werde ich dir nicht helfen knnen; aber es mu doch fertig werden.
Es stehen drei gute Bohlen in der Werkstatt neben meiner Hobelbank; du hast mich
oft gefragt, weshalb wir sie nicht verarbeiteten. Jetzt will ich dir's sagen:
Die drei Bretter sind fr mich - es sind wackere Bretter ohne ste und Wrmer,
und sie haben mir schon manchen guten Dienst im Leben erwiesen und mich von
mancher Dummheit abgebracht. Sie haben einen so schnen hohlen Klang, und wenn
man mit der Faust daran schlgt, kann man sich dabei allerlei denken. Oft, wenn
mich der Zorn berkommen wollte oder der Neid oder die Unlust, wenn ich zuviel
Arbeit hatte oder zuwenig, hab ich daran geklopft und mir das Meinige gedacht.
Sie werden grad reichen zu meiner Lnge - fnf Fu drei Viertel. Mach dich dran,
Ludwig; aber - das Heulen la unterwegs, und zu berarbeiten brauchst du dich
auch nicht; so sehr drngt's nicht; der schwarze Kasten, den wir zimmerten in
der Nacht, als uns die kleine Marie zum Bahnhof holte, mute schneller fertig
werden.
    O Vater, lieber Vater! schluchzte der junge Handwerker, die zitternde Hand
des Alten mit heien Trnen benetzend.
    Du bist immer ein guter Sohn gewesen, Ludwig. Ich kann's dir jetzt wohl
sagen, du bist meine Freude und mein Stolz. Gott wird dir auch noch alles Glck,
was du brauchst im Leben, geben, und die kleine Marie wirst du auch
wiederfinden; - aber deine Mutter und deine Schwester darfst du nie verlassen.
Stelle dir auch drei solche Bretter in den Winkel und schlag stellenweise mit
der Faust darauf - es ist ein Klang, der tief in die Seele geht. Da kommt die
Alte schon wieder - ruhig Blut, Mann, wisch die Trnen ab; die Weiber werden
sonst wunder denken, was wir miteinander vorgehabt haben.
    Mit ganz frhlicher Stimme rief der tapfere Greis der Frau Anna und der
jetzt so bleichen Luise entgegen und verkndete ihnen, wie er sich
augenblicklich recht wohl fhle. Die alte Frau kte die blinden Augen ihres
Ehemanns und dankte dem Himmel fr den guten Mut, den ihr Johannes hatte. Luise
aber suchte fragend das Gesicht des Bruders, und dieser war lange nicht genug
Meister in der Verstellungskunst, um ihr alles zu verbergen, was seine Seele
bewegte.
    Wir haben gesagt, die Feuersbrunst habe drei vor allem Unglckliche gemacht;
zwei derselben haben wir dem Leser gezeigt; von dem dritten Unglck drfen wir
in diesem Kapitel nicht sprechen; es gehrt nicht zu denen, vor welchen man den
Hut abnimmt oder vor denen man wenigstens scheu zur Seite tritt; es geht mehr
auf dem Sokkus als auf dem Kothurn einher.

                              Achtzehntes Kapitel



  Schreckliches Unglck des Fruleins Aurora Pogge. Der deklamierende Knstler
          Herr Julius Schminkert begeht eine entsetzliche Indiskretion

Der Mond schien bleich in Ruthvens Angesicht, das heit, er beleuchtete, seinen
Schein mit dem eines in eine Flasche gesteckten Dreierlichts vermischend, das
heitere Gesicht Julius Schminkerts, welcher seit einiger Zeit, das heit seit
dem Brande, ungemein huslich geworden war. Die frhere geniale Elastizitt,
auf die er sich soviel zugut tat und welche sonst sich bei ihm, zum groen
Verdru manches ehrlichen Mannes, mehr nach auen hin bettigt hatte, schien
sich jetzt mehr der innern Teile seines Wesens bemchtigt zu haben. Seit der
groen Feuersbrunst brachte Julius nicht mehr jede Nacht zu zwei Dritteln
auerhalb des Hauses zu.
    Er studierte! - -
    Ja, er studierte mit allem Nachdruck, dessen ein Charakter wie der seinige
fhig war.
    Er studierte das Tagebuch des Fruleins Aurora Pogge; und so sehr
beschftigten ihn die inhaltvollen Bltter desselben, da er an nichts anderes
zu denken vermochte, als was sich aus diesem himmelblauen Buch mit den
schnbelnden Tauben lernen und - was fr ein Nutzen sich daraus ziehen lie.
    Wer ihn gesehen htte, wie er sa, whlend in den wallenden Haaren, Seufzer,
unartikulierte Tne des hchsten Behagens, des Erstaunens und der allerhchsten
Verwunderung ausstoend, der htte sich mit Recht ebenfalls verwundert. Der
Schler des Adepten, dem in des Meisters Abwesenheit das groe Buch der
Geheimnisse, der Schlssel und Dietrich aller Krfte ber und unter der Erde in
die Hnde fiel, mute so ausgesehen, so in den Haaren gewhlt, solche Tne von
sich gegeben haben. Es war aber auch ein Buch der Geheimnisse in die Hnde
Julius Schminkerts gefallen, und er schmeichelte sich, besser damit umgehen zu
knnen als jener unglckliche Zauberlehrling, der mehr Geister beschwor, als er
bndigen konnte. Was fr Erfahrungen waren in diesen unorthographisch
beschmierten Blttern niedergelegt! ber Diesseits und Jenseits, ber die Nummer
zwlf und jede andere Nummer in der Musikantengasse, ber das Nchste wie das
Fernste, ber das Hchste wie das Tiefste lie sich Aurora Pogge aus. Seine
eigene nicht besonders schmeichelhafte Charakteristik fand Herr Julius
Schminkert neben der eingehenden, wenn auch grade nicht liebevollen
Charakterzeichnung der schnen und angenehmen Angelika Stibbe.
    Die junge Dame schien, gleich dem grten Teil der brigen Menschheit, nicht
sehr hoch, ja noch eine Stufe niedriger als alles andere in der Achtung der
Memoirenschreiberin zu stehen. bertrieben treu ward ber ihr Tun und Lassen,
ihr Reden und Gebaren, ihren Gang, ihre Haltung und Kleidung, ihre Frisur, ihr
Kopfschwenken, Lcheln, Lachen, ihren zu groen Fu und ihre zu kleine Nase Buch
gefhrt. Der geflgelte italienische Buchhalter im Bro des Jngsten Gerichtes
konnte nicht schrfer Achtung geben auf die Erde und ihre Bewohner, als Frulein
Aurora Pogge acht hatte auf das Haus Nummer zwlf in der Musikantengasse und die
Musikantengasse selbst.
    Jeder Mann und jedes Weib bekam sein Teil: der Polizeischreiber Friedrich
Fiebiger wie Robert Wolf, der tailleur de Paris Alphonse Stibbe wie seine
Tochter. Auch ber den Hausbesitzer und Rentier Herrn Museler konnte man
manches in diesen Ergieungen einer schnen Seele lesen; Makaria - Aurora Pogge
redete aber gut von ihm; wir - wissen nicht weshalb.
    Alle Augenblicke sprang Julius Schminkert von seinem Sitze auf, um eine Art
von indianischem Tanz um den Tisch, das Dreierlicht und das Manuskript zu
beginnen. In den seltsamsten Krperverrenkungen mute er seiner Seelenaufregung
Luft machen, und der Schreiber sowie Robert Wolf nebenan hrten dem Lrm,
welchen er dabei hervorbrachte, mit Verwunderung zu. Der Deklamator besa
Selbstberwindung genug, um frs erste niemand an seinem Jubel, seinem rger
teilnehmen zu lassen. Er wute genau, was fr ein Gebrauch im gegebenen
Augenblick von diesem blauen Buch den brigen Hausgenossen, der Verfasserin und
vorzglich dem Vater der lieblichen Angelika gegenber zu machen war; und fr
jetzt zeigte sich seine Schlechtigkeit klar in der teuflischen Freude, die er
ber die Verzweiflung der Schriftstellerin in der Beletage hatte.
    Als die Pythagoreerin Periktione ihr bezauberndes Buch ber die Harmonie
des Weibes schrieb und dasselbe ihrem hellenischen Buchhndler in Verlag gab,
hatte sie gewi keine Ahnungen von den Disharmonien, welche der Verlust eines
Tagebuchs in einer edlen Frauenseele erregen kann. Aurora Pogge trug den Verlust
ihres Manuskriptes, wie eine Tigerin den Verlust ihres Jungen ertrgt. War sie
vorher kein Engel, so wurde sie jetzt zu einem wahren Dmon und fing an, in der
Dunkelheit schweflicht zu leuchten. Zu einer Nachtwandlerin wie Lady Macbeth
wurde sie, und mehr als einmal wurde sie von dem halben Leibes ber das
Treppengelnder hngenden Julius Schminkert beobachtet, wie sie in der tiefsten
Stille der Nacht mit einer Lampe umherschlich und dunkle Winkel durchstberte.
Der Immermannsche Hofschulze, das Schwert Karls des Groen suchend, war nichts
gegen Frulein Aurora Pogge auf der Suche nach dem himmelblauen Buch mit den
sich schnbelnden Tauben. Die Vorstellung, wieviel Injurienprozesse entstehen
wrden, wenn diese Gedenkbltter in die rechten Hnde fielen, brachte sie fast
um den Verstand. Sie machte das Unmgliche mglich und wurde noch magerer, als
sie bereits war. Hulda, die Camerista, die sich so manches Jahr in Geduld gefat
hatte und welche viel ertragen konnte, sagte den Dienst auf; was und wie die
Arme im Leben gesndigt haben mochte, durch die im Dienste Auroras verbrachten
Jahre hatte sie alles reichlich, berreichlich abgebt. Selbst die Katze, die
doch vor allem einen weichen Platz in dem sehr mangelhaft gepolsterten Herzen
Auroras innehatte, hielt es in der unmittelbaren Nhe ihrer Herrin nicht mehr
aus; sie wurde gesehen, wie sie mit gestrubtem Haar, kmmerlich, nachdenklich,
melancholisch auf dem Treppengelnder sa und wehmtig-resigniert den schnen
Schwanz herabhngen lie. Es gehrte ein gutes Nervensystem dazu, dem Frulein
Pogge jetzt unbewegt entgegenzutreten; grlich war die Gemtsstimmung der Dame,
heillos ihre Angst, grauenhaft ihre Wut, entsetzenerregend ihr Anblick. Der
junge Ehemann auf der andern Seite der Musikantengasse, grad den Fenstern
Auroras gegenber, hielt den ganzen Tag die Vorhnge niedergelassen, damit das
Gesicht des Gegenbers seine kleine Frau nicht zu Tode erschrecke und kaum
auszudenkendes Unheil hervorbringe. -
    Whrend der Weise im Giebelzimmer des Nikolausklosters in gewohnter Art nach
seinen Sternen sieht; whrend der Mann aus dem Lrm der Gassen, Friedrich
Fiebiger, sich trumerisch in die Wolken seiner letzten Abendpfeife hllt;
whrend Robert Wolf mit dem Achilleus den hellumschienten Achaiern zrnt und
zwischen den Zeilen, den volltnenden Versen, immer an das schne bleiche
Gesicht denkt, welches heute zum erstenmal auch an dem Krankenlager des Meisters
Tellering erschienen war, an das Gesicht Helene Wienands - whrend der Meister
Johannes auf seinem Lager unendliche Schmerzen leidet; whrend das Freifrulein
Juliane von Poppen die Nachtmtze aufsetzt und noch einmal den Kopf schttelt
ber ihren armen Geschftsfreund, den Bankier Wienand; whrend Helene Wienand in
der Kronenstrae unsglich angstvoll auf den ruhelosen Schritt im Nebenzimmer
horcht: whrend alledem wollen wir Herrn Julius Schminkert ber die Schulter
blicken, um einige Stellen aus dem Manuskripte Aurora Pogges unserm eigenen
Manuskripte einzuverleiben. Wir lernen daraus, da andere Leute die Personen
unserer Geschichte anders ansehen als wir selbst.
    Beim idealen Lichte Lunas und beim realistischen Schein des zerflieenden,
qualmenden, stinkenden Talgstmpels beginnen wir unsere Blumenlese und wissen
wie Kinder auf der Wiese nicht, wohin wir zuerst greifen sollen, so reich ist
das Feld, zwischen dessen Frchten wir die Wahl haben.
    Auf gut Glck! Da steht in fester Handschrift, wenn auch die Rechtschreibung
manches zu wnschen briglt:
    1 April. Das heilige Abentmal genoen in der Furgt des Herrn. Alle eure
Sorge werfet auf ihn, er wirds wohl machen. Mamsell Stibbe wieder mit einem
neuen Hut. Hochmuht kommt vor dem fall. Naseweiser Blick der dummen Triene. Dir
wirt's auch noch gezeigt werden. Kalbfleisch 4 Groschen das Fund, wobei kein
Mensch bestehen kann. Hulda im Verdacht von wegen Schwenzelpfennige - wre zu
arg doch. Abends Thee und Madamen Mollenkopf.
    5 April. Heute waren der Herr pastor Nothzwang von der Sankt Matthaikirche
bei mich: - ein rechter Leuchter des Herrn. Schokoladeh. Betrachtungen ber die
Sindhaftigkeid der Menschheid und vorzhglig der niedern Stnde. Dem Herrn
Pastor die Thr gewiesen vom alten hochnhsichen Tischler im Hofe. Pack!!!
Freches Volk alle miteinander; Herr Renthier Museler sollde kurzen Prozes mit
sie machen. - Mimi unartig gewesen. Gescholden mit Hulda. ragout fr Mimi.
    Nodhabehne. Ist der junge Strolch, welchen der alte schreiber zu
Wintersanfang ins Haus gebracht hat, der unnatrlige Sohn des alden Fiebicher?
Heulsahme Betrachtunchen ber die Lasterhafdigkeid der Menschheid.
    8 April. In der Mathiaikirche Herr Pasthor Nothzwang wie ein Engel Gottes
geprediget. In Schmolkes Hauspostile gelesen. groe Erbauung. rger ber die
Schneidertriene, welche mich nachlacht, als ich aus dem Haus will. Was sich die
Person einbilted! Aber 's ist noch nicht aller Dage Abend und der Krug geht so
lange zu Wasser, bis er briecht. Bielded sich was ein auf ihr Lrvgen - Affe!
Betrachtungen ber Gottes Langmuth. Viehsaviehs Cigarrenladen Bankerot gemacht;
erinnert mich am 25 September vergangen Jares Feifenasche auf den Kopf als ich
aus dem Fenster sehe; verbitte mich das - dagegen unhfliches Benehmen und
Antword des Herrn Polizeischreibers Fiebger. Das will Bolihzei sein!
    4 Uhr Nagmittags. Mimi hat einen blumentopf mid Krauseminze aus dem Venster
geworfen, einen jungen Mann, auf den Kopf. Hut auf die Nahse. Thud mir Leid,
aber abscheiliches Benehmen des jungen Mannes, - rhdes Eindringen in die
unbeschitzde wohnung einer schuzlosen Jungfrau. Mu den Hud bezahlen, kriege das
Zittern in die Bein - Fe. Krmpfe!!!
    Notahbeneh Krampfstillendes Mittel.
    991/2 Tropf. Arrak deh Goah oder Rhum.
    1/2 Loth Zucker
    Edwas Zitrohnensaft
    Mu alle finf Mnuten wiederhohlt werden.
    10 April. Begrieung und unterhaltung mid Herrn Parthikliegeh Museler.
Sehr feingebildeter und feiner Mann. Wei eine Dame zu erkennen; steht unter dem
pantoffel seiner Haushlderin. Was die kreatur sich einbilded! Betrachdungen
ber das sichfindenderseelen.
    Nchtliche Erweckung durch den Bummler Schminkert. Kommt betrunken nach Haus
fllt auf der Dreppe. Hchst arrogahnter, lmmelhafter Gesell, der lngst im
Zugthause sitzen sollte, wenn die Polizei besser wre. Mnnliches Pandang zu
Frulein Angelika Stibbe.
    Konnte nicht wieder einschlafen. Werde morgen frh Herrn Renthier Museler
ein Viesithe machen von wegen des Hanswursts des Schminkerts. Vergleich des
Herrn Museler mit dem albernen Schneider barterre. Was doch manche Menschen fr
eine Meinung von sich haben - Taljeur deh Paris! wird mir jedesmahl bel zu
Muth, wenn ich bei dem Fips vorbeigehe. - Angstvolle Betrachtunchen ber das
steigen und Sinken der werthpapire. Nun wir stehen Alle in Gottes Hand. Will
morgen den Herrn Renntier um seine Ansigt von die Nordbahnactien fragen.
Beschlossen fr die Mission unter die schwarzen Indianer drei Paar wollene
Socken zu stricken. Der Herr wird die Gabe der Jungfrau ansehen.
    20 April. Der strolch ist wirklich der natrliche oder unnatrliche Sohn des
Schreibers Fiebiger. Herr, Du lassest Deine Sonne scheinen ber Jerechte und
Ungerechde! Htte das doch nicht gedacht! Die Mutter war eine Bckerstochter aus
der Rosenstrae und hat sich ins Wasser gestrzt. Der alte Snder ist bei die
Bolizei; da hackt keine krhe die andere die Augen aus, und Mancher klemmt sich
da den Finger nicht, wo ihn Mancher sich klemmt.
    2 Mai. Beim Knopfmacher Semper drben ist das achte Kind angekohmen. Das
folk mu doch auch der Regierunch bern Koppf wachsen. Was fr ein Ende wil das
nehmen? Zhle in diesem augenblick vom Fehnster aus einundzwansig Rangen in die
Gasse!!!
    Eben der rechnungsrthin Huggendubel zugenickt - nicht wieder gegrst.
Abgeschmackte Perschon, ihr Vater war Kalfacter im Viehnanzministerium.
Plebbs!!!
    Besuch des Herrn Pastor Drnemeier. Madehra und Bisqwit. Erbauliche
Betrachtungen ber das Verbrechen so im Finstern schleichet. Ob ich nichts wei
ber den Mann hinten im Kloster, den alten Ulex? Und ob! Hexenkche im
Niclasklohster! Zauberhhle. 's ist aber nichts so fein gesponnen, es Komt
entlich ans Ligt der Sonnen. Was da ausgebrtet wirt vom alten Ulex und dem
alten Fiebicher und dem alten Hinkefrulein das mag was Schnes sein. Das sie
falsches Gehld machen, glaube ich nicht; da sie aber an nichts Guten sinnd,
weis ich siecher. Madam Mollenkopf meint, sie sagten aus den Sternen wahr, madam
Strau meind, sie machten eine grausame Maschinehrie, ein Perpedibum nobile. Das
mag mich auch ein nobeles geschafft sein. Frulein Jre meint, sie stellten sich
und Andere das Sthereoskrop, und ich glaube, sie thun allesmiteinander und nog
viel Schlimmres dahzu; ich mach gar nicht dran denken. Den jungen Strolch des
Schreibers verfhren sie auch, er liecht tag und nacht im Kloster - son
unglickliches Wurm!
    9 Mai. Besuch vom hern Parhtikbliegeh Museler, Sehr erfreid. Gans
scharmanter Mann! Wei was es ist um eine unbeschitzste Junckfrau. Schade da
son Mann von solchen Thier von Wrdschafterin zu Tot geqwlt wird. Beruhigung
von wegen die Eisenbanahcttzien. Indereant zu erfahren, wie mann die Feifen am
behsten reinicht.
    10 Juli. Groe scene im Barterr. Schneider Fips in Wudh, Barohn
Schleifenbein Durchgebrand mit unbezahlte Rechnung. Auerdem wigtige entdekkung
von mich gemacht: Schauspielerlumpp aus die Dachkammer macht geputzten
naseweisen Gans unten, Angelikah Stibbe den Hof. Mitleidiges Gefil mitn armen
Stibbe. Sollte so hart doch nicht gestrafft werden.
    20 Juli. Hulda hat gehrt es spuke wieder hinten vom kloster her.
Unterirrdischer Gang bis in unser Haus, wo weiser Mnch und schwarze Nohne
umgehen. Vorne Schneidertriene, ngtliges Rumoren hinten. Mimis Unruhe in die
Nacht. Miauzen. Herzspann.
    Notabehne. Eine verlassene Jungfrau ist ein einsahmes unglckliges Wsen!
    21 Juli. Der junge musikande im Eckhaus hat sich todgeschossen. Auch das
noch! Viel Schlimmes gehrt an diesem Tage. Wird gegen des Herrn gebod wien
ordendlicher Krist begraben und komt nicht nach die Anatomie und in Sphiritus!
Ansicht des Herrn Pastohr Nothzwang darber. Konnte die ganze vergangene nagt
nicht schlaffen. Mimi sehr unruig.
    22 August. Wenn der Schauspieler nichd auszieht, so ziehe ich. Unertrgliger
Lerm in der Nacht. Kopfweh und Mihgrhneh. Besuch beim Herrn Renntier Museler
(natrlich im Begleitung von Hulda) Liebenswrdiger Mann - gut conversirt fr
seine Jare. Will sehen was mit dem Lumpp zu machen ist. Lumpp soll aus dem
Hause. Begegne in die Hausflur beim Ausgehen aufgedonnerte Schneidermamsell.
Ponsoseidenes Kleid, weiser seidener Schwal o deh mil flhrs. Kann mir nicht
enthalten, lasse ein Wort fallen von schminkert und was ich wei. Gesichd was
die Krabbe macht, denke an Giffd dabei. Warte nur, wolln schonst nen Stecken
dabei stecken.
    23 August. Krank!!! Totkrank vor rger Schrecken. Abscheilich, abscheilich.
Krank im Bett, Mimi auf die Fe. Komme gestern Abend nach lf Uhr aus die
Betstunde, steiche die Drepp hinauf - weie Gestalt mit feurige Augen -
Ohnmacht! Erwache in die Ahrme von Frulein Stibbe und das gantze Haus. Stehen
alle um mich und lachen. Gans lacht, Schneiderbock lacht, Bolizist Fiebicher
lacht, natrlicher Sohn lacht, - Histehriohne lacht auch. Kein Gespenst mehr zu
sehen; schwazen alle auf mir ein, schreie ich nach Hulda nach Hausher, kommen
entlich angestirzt und reien mich aus die Hnde von die Rotte Mrderrotte,
auswurf von der Menschheid. - Werde von Hulda zu Bett gebracht - Krmpfe,
Weinekrampf gantze Nagt, Doctor geholt - werde sterben dran. Am Morgen von Hulda
ein hohler Kirbs mit Augen, Nahse und Mund im Kellerhals gefunden und an mein
Bed und zu Herr Museler gebracht.
    Histehrione mu weg, boshaftiche grinsende Schneidertriene mu weg,
Schneider mu weg, Strolch mu weg, Bolizei mu auch weg. Alle msen aus dem
Hause.
    Nodapeneh. Krampfstillendes Mittel:
    Schlage ein ei zu Schaum und in ein Glas Franzbrandewein, Zucker atlibedumm,
Vanillge, Wird hei genommen.
    Nhodabene. So hei als mchlig!!
    7 September. Kaffegesellschafd bey Frau Sekrterin Flenner. Weinerliche
Perschon dnner Kaffeh. - Zikorijen!! Arrogans von die jtzigen jngern dmchen.
Soll wol kratzises Wsen sein, wenn sieh naseweis sind gegen gereifdere Dahmen;
- Affen! - Allerlei erfaren. Strolch magt se Augen nach dem jungen Geschppff,
die Togder von Banqwieh Wienand. Dreikhsehoch von Mgdchen mit Taubenblicke -
man kennd da. Bei nachhausekunft von Hulda gehrd, das Histeriohne und
Schneidermamsell wieder eihn Rahngdefu im Hausganck gehabt haben. Soll so wahr
ich das laben habe das letzte sein. Will Pinnsel von Vater die Augen ffnen, da
ihn ein gantser Lightzieherladen aufgehen soll. Alter Donjuhan von
Bolizeischreiber ist mir auch wieder in stichdunkle nacht mit dem alden lahmen
Freilein von Poppen begegend; der Her Pastor Drnemeier - - - - - - - -
    Hier brach das Tagebuch ab. In der Nacht vom siebenten auf den achten
September war das Feuer in der Fabrik von Semmelroth und Kompanie ausgebrochen,
und aus dem Bette, auf den Vorplatz strzend, hatte Frulein Aurora Pogge, die
hagere Tochter des weiland so ungemein wohlbeleibten Proviantkommissrs, ihre
himmelblauen Seelenergsse, ihre liebenswrdigen Aufzeichnungen mit allen sich
schnbelnden silbernen Tauben aus dem Busen und dem Nachtrock an der Treppe
verloren.
    Der, welchem sie das se Bchlein am letzten gezeigt htte, der Popanz
ihrer jungfrulichen Seele, der Histeriohne Julius Schminkert hielt es in den
teuflischen Klauen und htte es, obgleich er den Wert von fnf Talern sehr wohl
zu schtzen wute, um alle Reichtmer der Welt nicht herausgegeben. Mit diesem
Buche in der Hand lieen sich durch einen Schlaukopf wie er merkwrdige
Resultate erzielen. Was wrde zum Beispiel Monsieur Alphonse Stibbe sagen, wenn
man ihm einige Bruchstcke, einige Epitheta, welche seine eigene achtungswerte
Persnlichkeit betrafen, daraus vortrge? Was wrde der Bartikuglieh Herr
Museler zu einigen Stellen aus dem himmelblauen Buch sagen?
    Es ist zu himmlisch! Es ist zu gttlich! Man sollte es nicht glauben, wenn
man es nicht schwarz auf wei vor sich htte! rief der Schauspieler, mit der
Faust auf Auroras Schatzkstlein schlagend. Wie das Weib losgeht! Alle Teufel,
wenn ich doch das Ding in der Lilie vorlesen drfte! Aber sachte, Julius - wirf
dir nicht selbst den Milchtopf um; immer ruhig und bedachtsam, wir wollen das
Feuerwerk nicht am hellen Tage abbrennen. Hurra, die Schwrmer, Frsche,
Feuerrder und Raketen! Wenn nur nicht die ganze Nummer zwlf und die halbe
Musikantengasse mit in die Luft fliegt!
    Julius Schminkert hatte in der letzten Zeit immer mehr Terrain in dem
hochromantisch blhenden Herzen Angelikas gewonnen. Die Memoirenschreiberin
hatte in ihren Beobachtungen vollkommen recht: Angelika Stibbe schwrmte fr die
leichtsinnige Lebensart des genialen Julius. Es lag doch Poesie und Schwung
darin! Angelika Stibbe liebte die Art, wie der deklamierende Knstler die
struppige Mhne aus der Stirn warf, und nicht weniger gefiel ihr sein blhender
Redestil und die Art der Mimik, mit welcher er seiner Rede Nachdruck gab.
    Sie hatten sich Rangdefu߫ gegeben, und - sie gaben sich ferner welche.
    Wieder einmal ffnete Julius Schminkert sein Fenster, sog die ambrosische
Herbst- und Nachtluft in die jubelnde Brust und sang in den Hof hernieder einige
Takte einer Opernarie, in welcher ein hchst verliebter Jngling in Trikots,
Mantel und Federhut einer Donna sein Nahen verkndete.
    Nachdem er auf diese Art seine eigene Innamorata benachrichtigt hatte, da
er noch in der Hhe vorhanden sei, schlich er in Pantoffeln die Treppe hinunter,
horchte mit teuflischem Grinsen an der Tr Auroras und schlpfte aus der
Hintertr des Hauses in den Hof, der zu jetziger Stunde einzig durch einen
matten Schimmer des Krankenlmpchens des Meisters Tellering erhellt wurde.
    In einer Ecke dieses Hofes ber einem Regenfa befand sich das keusche
Kammerfenster Angelikas, und wenn jemand dem Zuge seines Herzens folgte und auf
besagtes zugedecktes Regenfa trat, so konnte er grade mit Bequemlichkeit die
zarte weie Hand fassen, welche ihm aus dem rosigverhangenen Kammerfenster
niedergestreckt werden mochte.
    Julius Schminkert kannte bereits die beste Art, sich auf die morsche Tonne
zu schwingen und sich mit bervollem Herzen auf dem gefhrlichen Standpunkt im
Gleichgewicht zu halten. Er voltigierte, stand, balancierte, flsterte Worte der
Liebe; - das Fenster erklang, leiseste Gegenflsterungen durchzitterten die
Nacht. Mit glhenden Kssen bedeckte der Liebende die zarte weie Hand der
therischen Huldin, an welche er seine gttliche Seele verloren hatte. Und
whrenddem lag der ahnungslose Papa, der Unvergleichliche, Herr Alphonse Stibbe,
der doch  Paris so viel erlebt und erfahren hatte, im tiefsten Schlummer, nur
gengstigt von einem Traum, in welchem er den Baron Schleifenbein im unbezahlten
Frack ausreien sah, whrend er selbst festgewurzelt stand, die abgerissenen
Sche des Fracks in der Hand.
    Und whrenddem warf sich Frulein Aurora Pogge, welche dem Tailleur das
Liebesverhltnis seiner Tochter noch nicht verraten hatte, ruhelos auf ihrem
Lager hin und her und kramte in Gedanken noch einmal alle Schiebladen, Kasten,
Kisten, Schrnke, Ecken und Winkel nach ihrem verlorenen Tagebuch aus. Es war
gut, da ihre Haare sicher auf einem Haubenstock neben dem Bette standen, sie
wrde sie sich sonst jedenfalls ausgerauft haben. -
    O mein Julio! flsterte eine Stimme parterre im Hofe, ber der
Wassertonne.
    O meine Romea - meine einzige, ewige Liebe, mein Engel, meine Angela,
Angelina, Angelika! hauchte der Deklamator; und dann flsterte die Schne in
ganz vernderter Tonart:
    Schminkert, ich wei jetzt, wer dem grnen Jungen aus dem Walde, welchen
der alte Narr, der Fiebiger, aufzieht, das Herz gebrochen hat.
    Und wer, meine Seele? fragte der Tragde auf der Wassertonne.
    Die Tochter des Bankiers, der seit dem Brande verrckt geworden sein soll -
Frulein Wienand, die jetzt immer ber den Hof zum alten Tellering zieht; der
Junge wei jedesmal, wenn das kleine Ding kommt, und ist hinter ihr her, wie -
wie -
    Wie Don Julio Schminkertino hinter Donna Angelika Stibbelini - so geht's in
der Jugend. Magst brigens recht haben, Scharfugigste deines Geschlechts. O
Gott, Gott, du hast alles wohl gemacht; aber die Weiber hast du doch zu schlau
erschaffen. Na, ich will dem Mann der ffentlichen Sicherheit bei Gelegenheit
einen Wink geben ber die Fhrte, auf welcher sein Zgling jagt. Die kleine
Wienand jedoch ist ein reizendes Kind, ein allerliebster Wurm - wonnige Augen -
seelenvolle Stirn - himmlische Locken - ein Entzcken, eine Selig -
    Ein Wassergu aus dem Fenster der mit Recht emprten Angelika Stibbe
ersufte beinahe den unbedachtsamen Jngling auf dem Fasse, welcher fr eine
solche Lobrede einer andern Zeit und Stelle wirklich sehr schlecht gewhlt
hatte. Das Gleichgewicht verlor er ebenfalls; er strzte, die Tonne strzte, der
Deckel derselben brach - Gekrach, Geprassel - sich ergieende Fluten trben
stinkenden Wassers! Flucht des betubten Julius ins Haus - treppauf - nasse Spur
die Stiegen hinauf bis ans Dach - erschreckte gespenstische Gestalten an
Fenstern und Tren! - - - - - - - -
    Bedenkliche Blicke wurden am folgenden Morgen, vorzglich von dem weiblichen
Teil der Bevlkerung des Hauses, auf das umgestrzte Fa und das Fenster der
armen Angelika geworfen. Auch die feuchte Spur, welche sich die Treppe hinauf
verlor, verfolgte man mit Kopfschtteln und Kopfnicken, und der gute Ruf einer
gewissen jungen Dame bekam dadurch abermals ein bedenkliches Loch. Der
Schauspieler Julius Schminkert aber bekam den Schnupfen, und der Papa Stibbe
rckte ihm auf die Bude, verlie sie aber in besserer Stimmung, als man sich
vorstellen sollte - Julius hatte ihn blo betrunken gemacht und noch nicht die
groe Reserve, die Tagebuchsbltter Aurora Pogges, ins Gefecht gefhrt.

                              Neunzehntes Kapitel



                       Glnzende Fden in dunkelm Gewebe

Wir haben aus dem Tagebuche Auroras erfahren, da auch Helene Wienand - und zwar
in Begleitung des Freifruleins Juliane von Poppen - sich am Bette des alten
Mannes, der in ihrem Vaterhause so grausam zu Schaden gekommen war, einfand. Sie
kam aus eigenem Herzenstriebe, sie kam aber auch auf Antrieb der mtterlichen
Freundin, welche es fr gut hielt, da ihr Pflegekind ein Unglck mit dem andern
vergleichen lerne, da ihr Geist sich nicht einzig und allein an den kranken
Vater hefte. Am Bette des Meisters Johannes lernte Helene auch den Sternseher
Ulex und den Polizeischreiber Fiebiger kennen, und es entstand in krzester
Frist eine tiefe wechselseitige Zuneigung zwischen ihr und dem Greise vom Giebel
des Nikolaiklosters. Die Art des Schreibers verstand sie fr jetzt noch wenig,
und schchtern hielt sie sich von ihm fern; sie mute ihn erst besser
kennenlernen.
    Starr wie eine Bildsule blieb Robert auf der Schwelle stehen, als er zum
ersten Male Helene am Lager des Verwundeten sitzen sah. Welch einen Glanz gab
die dunkle dumpfige Kammer wieder! Brach der liebliche Schein, der in jedem
Gegenstand verborgen war, von neuem hell und lustig hervor?
    Ach, nur fr Robert Wolf! Fr die andern blieb das Gemach trbe und traurig.
Sie muten auch frderhin in der Dunkelheit sitzen.
    Der Kranke konnte die bleiche, liebliche Trsterin neben seinem Kopfkissen
nicht sehen; aber er vernahm die Trostworte, welche sie mit leiser, ser Stimme
flsterte; er hielt die kleine Hand in seiner eigenen heien Hand. Er lie sich
von ihrem Vater erzhlen und sprach auch wieder trstende Worte.
    Solch ein harter Stamm, sagte er, fllt nicht auf den ersten Schlag. Es
wird noch alles gut werden, liebes Frulein; man mu nur den Mut nicht
verlieren. Solch ein stattlicher Herr -
    Aber weshalb suchte sich die kleine Hand so pltzlich seinem fieberhaften
Griff zu entziehen? Weshalb wurde sie so unruhig? Weshalb fing sie an zu
zittern?
    Robert trat mit Ludwig Tellering gegen das Bett heran.
    Guten Tag, junger Wolf! sagte Juliane von Poppen; es freut mich, Euch zu
sehen; ich hre, man fngt an, Eure Zerstreutheit zu tadeln. Was ist das? Nehmt
Euch zusammen, Kind; arbeitet, lernt, so hat kein bser Geist Macht ber Euch.
Lat Euch von der groen Stadt nicht verfhren - es ist ein gefhrlich Ding.
    Der Jngling drehte verlegen seine Mtze zwischen den Hnden, welche noch
mehr zitterten als die Helenes. Der Sternseher und der Polizeischreiber mochten
sich mit Recht ber die Zerstreutheit ihres Zglings beklagen; aber er hatte
noch lange nicht ihren Gipfel erreicht. Es fand mehr als eine Begegnung zwischen
Robert und Helene statt, und nach jeder derselben wurde der Schler des
Sternsehers um mehrere Grade unaufmerksamer. Die Bcher verloren fr ihn wieder
einmal allen Reiz; weder der kluge Odysseus noch der Mnnerfrst Agamemnon,
weder neas mit seinen vagabundierenden Genossen noch Theseus und Jason hatten
das geringste Interesse fr ihn.
    Und was gingen gar den Studenten die Scipionen, Gracchen, Fabier - die
Helden der Griechen und Barbaren an? Stand nicht auf jeder Seite der Bcher:
Pulvis et umbra sumus, Staub und Schatten sind wir -?
    Ja, Staub und Schatten - Schatten und Staub! Robert Wolf hatte beides in
jungen Jahren schon kennengelernt. Unter Staub, Schutt und Trmmern lag seine
Jugend begraben, wie das Grtchen Helenes jetzt unter schwarzem Schutt und
Trmmern lag. Nun aber regten sich die verschtteten Quellen des Lebens wieder
in der Tiefe und strebten, sich wieder hinaufzuringen ins holde Licht des
Lebens. Sie haben eine groe Kraft, diese Wasser, und vermgen viel. Den eckigen
Granit schleifen sie zu glatten Kieseln, sie zerbrechen die starrsten
Steinrinden - es ist ein schmerzliches Whlen im Abgrunde; aber es ist ein
Streben in die Hhe. Legt das Ohr an den Boden: ihr hrt das dumpfe Rauschen
immer vernehmlicher; es regen sich die drren Ranken, sie fhlen das belebende
Element an den Wurzeln; welch ein Wunder! - Gestern war noch alles tot und
verwelkt; nun ist ber Nacht der Frhling gekommen; ein silberheller Strahl der
Jugendlust schiet empor, spielt blinkend und blitzend im Strahl der Sonne. -
Wieder einmal hat das Leben den Tod besiegt; lat den Polizeischreiber Fritz
Fiebiger immer bedenklicher das kluge Haupt schtteln, lat den Sternseher
Heinrich Ulex, lat Juliane von Poppen Worte der Mibilligung murmeln; klug sind
die Alten, weise sind sie, aber sie sind nicht jung; sie knnen sich tuschen
ber das Whlen in der Tiefe. Julius Schminkert, der Jngling, allzusehr mit
seinen eigenen Angelegenheiten beschftigt, gab seine Ansicht von der Sache noch
nicht zum besten; die Alten muten sich gedulden.
    Da Helene immer stiller und trumerischer wurde, schob das scharfugige
Freifrulein allein auf die Sorge um den geisteskranken Vater; aber auch sie
traf nicht das Richtige. Nicht allein die Angst um den kranken Vater beugte das
holde Kpfchen ihres Pflegekindes, ein anderes erfllte die kindliche Seele mit
geheimnisvollen Schauern und Wonnen. Vor langen, langen Jahren, lange vorher,
ehe in Deutschland die erste Eisenbahn von Nrnberg nach Frth erbaut wurde,
lange vor Errichtung des Bundestages hatte Juliane von Poppen in den schnen
Wildnissen des Winzelwaldes dergleichen auch empfunden. Ach, die Eisenbahnen
zogen die Kreuz und Quer ihre Schlangenlinien durch das grne Deutschland, man
kannte das ausgezeichnete Institut des Bundestages in seiner ganzen
Vollkommenheit, die Knigreiche der Griechen und Belgier waren errichtet worden,
die Franzosen hatten ihren Karl den Zehnten ber die Grenze komplimentiert, der
brave Friedrich Wilhelm der Dritte hatte den Erzbischof von Kln auf die Festung
setzen lassen, der liebenswrdige Friedrich Wilhelm der Vierte wollte den
Vereinigten Landtag berufen: Juliane von Poppen und Heinrich Ulex waren sehr alt
geworden.
    Wieviel Bcher hat man ber die Liebe geschrieben, wieviel Menschen sind
ber die Liebe zugrunde gegangen? Der Glaube versetzt Berge, aber die Liebe
bedeckt das kahle Gestein mit Grn und Blumen, lt die hohen Zedern und Palmen
emporstreben, lt den silbernen Glanz der Quellen hervorsprudeln.
    Wenn die Religion zum Dogma versteinert, so mag sie vor den akademischen
Lehrsthlen gelernt werden, aber sie ist ein anderes geworden, und die Theologie
wei oft am wenigsten Bescheid um die Religion.
    Wer hat jemals versucht, die Liebe zu lehren oder sie zu fangen in einem
Lehrbuche? Die Liebe kann niemals versteinern, kann niemals dogmatisch aufgebaut
oder analysiert werden. Von Ewigkeit her ist sie dieselbe gewesen, und in alle
Ewigkeit wird sie dieselbe bleiben. Im Flusse ist alles andere. Was Glaube
heit, heit morgen Aberglaube; aber die Liebe - die Liebe, die wir hier meinen
- verndert nicht ihr Wesen.
    Wie es im Orphischen Hymnus von der Gottheit heit:

Zeus ist der erste, Zeus auch der letzte der Gtter,
Zeus ist das Haupt und die Mitt', und von Zeus ist alles gegrndet.
Zeus ist die Wurzel der Erd' und des sternbeseten Himmels,
Zeus ein wehender Hauch, Zeus strmender Flammen Gewaltschritt,
Zeus des Meeres tief unterster Grund, ist Sonne und Mondlicht,
Ist der Knig des Alls und urbewegende Grundkraft -

so mag es auch von der Liebe heien. Wie an Krischna, die hohe Gottheit der
Inder, ist das Weltall an sie gereiht, wie an die Perlenschnur die Perlen.
brigens ist weiter nichts davon zu sagen.
    Die Freundschaft zwischen Robert Wolf und Ludwig Tellering nahm auch immer
mehr an Wrme zu, und eine hnliche Neigung wie zwischen den beiden jungen
Mnnern entstand zwischen Luise und Helene. Die mannigfachsten Bande verknpften
diese vier Kinder, welche in so verschiedenartigen Lebensverhltnissen
aufgewachsen waren, immer fester miteinander.
    Hart mute Ludwig jetzt arbeiten, jetzt, wo Hammer und Hobel dem Vater durch
die Flammen aus den alten, bis dahin so rstigen Hnden gerissen waren. Selten
durfte der Sohn sich einen Augenblick Ruhe gnnen, wenn er den Mangel von dem
kleinen Haushalt fernhalten wollte, zumal da der Stolz der Familie jede
Hlfsleistung, welche die Freunde boten, fest zurckwies.
    Wir danken Ihnen aus vollem Herzen, Frulein, sagte der Meister Johannes
zu Juliane; aber lassen Sie den Jungen nur; 's wird eine gute Schule fr ihn
sein und ihm ntzlich sein frs ganze Leben. Lassen Sie ihn sich rhren; er hat
tchtige Knochen. Wenn's nicht weitergeht, sollen Sie die erste sein, die uns
zur Hlfe kommen soll.
    Ihr seid ein hartnckiger Gesell, Tellering, antwortete das Freifrulein,
ihren Krckstock auf den Boden stoend; brigens wollte ich, ich knnte dem
Tropf, dem armen Wienand, etwas von Eurem Trotz in die Adern jagen; der hat's
hochntig.
    hnliche Antwort gab der Meister dem Polizeischreiber auf allerlei
Hlfsanerbietungen, und Fiebiger brummte fast noch rgerlicher als Juliane;
Ludwigs Augen aber schssen nach solchen Worten seines Vaters stolze Blitze, und
das Handwerksgert schien in seinen Hnden ein eigenes Leben zu gewinnen.
Glcklich der Mann, der im Kampf gegen das Elend - in jedem Kampf des Lebens auf
solche Zauberwaffen vertraut; sie zerbrechen zuallerletzt; und wenn sie
zerbrechen, hat der matte Kmpfer das Recht, die Arme ber der keuchenden Brust
zu kreuzen und den Gttern das brige auf den Scho zu legen; - er hat das
Seinige getan, und das ist immer ein edel und kstlich Ding in jeder bsesten
Stunde.
    An der Hobelbank Ludwigs vernahm Robert auch noch mancherlei von Eva
Dornbluth. Der junge Tischler erzhlte nach, was Mariechen Heil sonst in der
Hofwohnung erzhlt hatte. Oft, wenn die Nacht vorrckte, wenn der Kranke und
alles ringsumher still war, sprachen die beiden Jnglinge von ihrem Leben und
lieen einander offen in die Tiefe ihrer Seelen blicken. Ein Messer wetzet das
andere, und ein Mann den andern!
    Jeder von beiden hatte das Seinige erlebt; jetzt fand zum erstenmal jeder
von ihnen einen Freund, dem er nichts verschwieg. Von seiner Liebe zu der
kleinen Marie sprach der junge Handwerker, von seinen durch das Unglck des
Vaters so pltzlich vernichteten oder doch in ferne Ungewisse Zukunft
verwiesenen Hoffnungen und Plnen.
    Von seiner Kindheit und ersten Jugend im Winzelwalde erzhlte der Schler
des Sternsehers Ulex, von Eva Dornbluth sprach er mit zitternden Lippen.
    Da war's, wo Ludwig den Hobel niederlegte und ausrief:
    O Robert, sie hat dir freilich einen groen Schmerz bereitet; aber sie hat
nicht schuld daran gehabt. Ordentlichen Respekt mu man vor ihr haben; ich
wollte, ich knnte besser ausdrcken, was ich fhle, wenn ich ihren Namen hre.
Es ist mir immer, als she ich sie in der Ferne hoch hinschreiten - ihre Fe
berhren den Boden nicht, es ist ein Nebel um sie, sie trgt ein langes weies
Gewand und einen goldenen Reif um die Stirn! Du httest Marie von ihr erzhlen
hren sollen, die konnte es besser, als ich es verstehe. Als der Vater noch hier
neben mir stand, hatte ich Freiheit, an diese beiden Mdchen zu denken; sie
beide und meine Mutter und Schwester sind mir immer die hchsten aller Frauen
gewesen. Ach Gott, aber nun ist's, als htte ich einen Schlag mit dem Hammer vor
die Stirn erhalten; dadrinnen liegt der Vater und sthnt. O Marie, meine liebe
Marie, verzeih, da ich dir jetzt nicht immer auf deinen fernen Wegen mit meinen
Gedanken folgen kann.
    Robert hielt die heie Stirn mit der Hand: Wie anders ist doch alles in so
kurzer Zeit mit mir geworden! Was fr eine Zauberin hat, als meine Mutter mich
gebar, in der Htte im wilden Walde ihr Wort ber mich gesprochen, da so
vieles, so Wirres, Tolles mir begegnen konnte? Wenn alle Menschen soviel
erleben, wie kommt's doch, da man noch so vielen ruhigen und gleichmtigen
Gesichtern in den Gassen begegnet? Aber es geht auch nicht allen so wie mir;
wenn es wre, knnte die Welt nicht so laufen, wie sie luft; kopfunter,
kopfber mte alles strzen. Da komm ich aus der Wildnis, in meiner
Leidenschaft blind wie ein wtendes Tier; ich wei nichts, ich kenne nichts von
der Welt, in die ich gerate; ich sehe nur die eine - eine Gestalt Evas. Von ihr
geht ein blutiges Licht aus und fllt auf alles andere. Meinen Bruder htte ich
ermordet, wenn er mir entgegengetreten wre - wie nahe war ich jedem
schrecklichsten Verderben! In dem Augenblick, wo ich in den blutigen Wogen
versinken will, fat mich die Hand, welche mich retten soll. O diese Hand, diese
treue Hand! Wie soll ich ihr lohnen, was sie an mir getan hat? Von allen Seiten
sind mir die besten Menschen zu Hlfe gekommen; - was war ich ihnen, da sie
sich meiner so annahmen? Eine Binde nach der andern haben sie mir sanft von den
Augen genommen; von dem frhern Wolf aus dem Walde ist wenig briggeblieben. Ach
knnte ich doch meinem Bruder, knnte ich seiner Eva doch sagen, wie ganz anders
alles geworden ist; ich mchte ihnen schreiben; aber sie sind wie verschollen -
    Und meine Marie mit ihnen! seufzte der junge Tischler.
    O Ludwig, du hast recht, fuhr Robert mit erhhter Stimme fort, du hast
recht; in der Ferne schreitet Eva Dornbluth wie auf Wolken. Sie streckt ihre
Hand lchelnd und grend ber das weite Meer; ich mchte diese Hand fassen,
drcken und kssen; und doch ist alles, alles ganz anders geworden. Ich liebe
die Braut, die Verlobte, die Frau meines Bruders nicht mehr; ich sehe klar, da
ich ein Wahnsinniger war. Die Waldgeister im Winzelwalde hatten mich verzaubert,
aber der Zauber ist gebrochen. Ich habe eine heie schwle Nacht, eine
Gewitternacht voll Donner und Blitz durchlebt; nun dmmert der neue Tag wieder,
die Sonne geht auf; ein frisches krftiges Wehen fhrt durch die Welt, vor
welcher ich mich nicht mehr frchte, haucht durch meine Seele, die wieder gesund
geworden ist. Ich fhle mich wieder so stark; ich mchte mich in das Leben
strzen und die ganze Erde durchstreifen, ich mchte stillsitzen, alle Weisheit
der Welt zu erlernen - was mchte ich nicht alles? Ich fhle, fhle, da ich
noch lebe, da die Jugend noch nicht vorber ist.
    Trotz des schweren Gewichtes, welches die Brust Ludwigs belastete, mute
dieser doch lcheln. Er warf einen Blick nach der Seite hin, wo die Kammer des
Vaters lag. Dann sagte er:
    Ja, sie ist leisen Schrittes gekommen, wie meine Marie einzutreten pflegte.
Ich habe ihr den Stuhl gebracht, auf welchem meine Marie am liebsten sa. Sie
hat sich darauf niedergelassen und hat neben dem Bette des alten Mannes
gesessen, wie ein kleiner ser, trauernder und doch trstender Engel. Sie ist
sehr schn und sehr gut; es ist wahr, der Gedanke an sie mag einem wohl die
Jugend und den Mut zu allem Guten und Tchtigen zurckgeben.
    Robert hatte die Hand des Handwerkers mit eisernem Griff gepackt; seine
Augen leuchteten, er atmete tief und schnell.
    Was sprichst du da? Von wem redest du? Wer hat dir das gesagt?
    Was? Was? fragte Ludwig lchelnd und seufzend zugleich. Leute, welche mit
gleicher Ware handeln und mit gleichen Bndeln auf der Schulter umherziehen,
wissen schon umeinander Bescheid.
    Was kannst du wissen; ich habe ja kaum acht Worte zu ihr gesprochen; wenn
Eva frher in Poppenhagen an die Gartenhecke kam, wute ich doch zu sprechen und
von allem zu reden; ich bin niemals verlegen gewesen, und von allem, was ich in
der Studierstube des Pastor Tanne gelesen und gelernt hatte, konnte ich ihr
erzhlen. Jetzt, wo ich doch von manchem viel besser Bescheid wei, ist mir der
Mund verschlossen; ich wage kaum das Auge zu erheben -
    Grad wie ich, wenn Mariechen kam und meine Schwester besuchte! flsterte
Ludwig. Man hat das Seinige erfahren und wei andere zu taxieren; ich habe dich
bald herausgefunden, mein Junge.
    Die beiden Jnglinge beredeten das uralte unerschpfte Thema noch manche
Nacht; es war sehr unrecht von ihnen, da sie das, was sie besprachen, so ganz
unter sich abmachten und die Alten fort und fort im dunkeln tappen lieen.
    Das Beispiel Ludwig Tellerings hatte aber auf Robert auch den guten Einflu,
da letzterer sich ebenfalls gleichmiger und angestrengter seiner Arbeit
widmete. Er fing an, sich seiner Laschheit zu schmen, wenn er den ungelehrten,
einfachen Freund, welchen das Leben, wie er wohl fhlte, doch noch viel schwerer
als ihn selber bedrngte, so tapfer, ungebrochen ringen sah mit den
bergewaltigen Mchten.
    Der arme Ludwig liebte auch, und das Liebchen war ihm in scheinbar
unerreichbare Ferne gerckt; aber sein Arm erlahmte deshalb nicht. Er wute, da
der Vater sich nie wieder von seinem schmerzensvollen Lager erheben werde; aber
der Hobel entfiel nicht deshalb der Hand.
    Non est ad astra mollis e terris via! zitierte Robert Wolf wie der
Sternseher Heinrich Ulex. Ich will arbeiten gleich dem armen Ludwig! rief er.
Habe ich es nicht schon empfunden, welch eine beruhigende Kraft in der Arbeit
liegt?
    Und der Sternseher bemerkte mit groer Genugtuung, wie sein Schler sich
ganz pltzlich und wirklich unerwartet mit neuer Energie in die Bcher
vertiefte. Als vorsichtiger Mann wartete er erst einige Tage ab, ob dieser neue
Flei auch von Dauer war. Dann erst teilte er dem Polizeischreiber und dem
Freifrulein das erfreuliche Faktum mit.
    Das Freifrulein sprach bei erster Gelegenheit am Bette des Meisters
Johannes, in Gegenwart Helenes, dem eifrigen Studenten ihre Befriedigung aus,
und der Student fate diesmal Mut und blickte mit ein klein wenig geringerer
Scheu nach dem jungen Mdchen. Dieses aber wurde ungemein rot, und als es gleich
darauf eine Frage beantworten sollte, gab es eine ziemlich verworrene Auskunft,
und seine Stimme zitterte nicht wenig.
    Viele glnzende Fden umspannen das Sterbelager des alten Johannes Tellering
und verloren sich aus der dunkeln Kammer in die ebenso dunkle, geheimnisvolle
Zukunft.

                              Zwanzigstes Kapitel



    Zeigt an dem Beispiel des Barons Leon von Poppen, wie leicht es ist, ein
                     anderer, ein besserer Mensch zu werden

Gerhrt lchelnd blickt der Erzhler auf die eine Seite seiner Geschichte;
lchelnd sieht er auch auf die andere. Ses Dmmerlicht voll magischer Schatten
und Lichter herrscht zur Rechten, der helle, klare, nchterne Tag zur Linken.
    Wir wenden uns nach der linken Seite.
    Nach der groen Feuersbrunst, welche das Haus und einen recht geringen Teil
des Vermgens des Bankiers Wienand vernichtete, hatte der Freiherr Leon von
Poppen, Kronenstrae Nummer fnfzig, jeden Gedanken an die Tochter des
ruinierten Menschen aus seiner unsterblichen Seele zu verscheuchen gestrebt,
und es war ihm das auch ganz gut gelungen, wenn er auch die Erinnerung nicht
vollstndig austilgen konnte. Er rgerte sich ber die kleine ffin, und mit
Recht. War es nicht eine Quelle berechtigten Mimuts, da er - er, Leon von
Poppen, die Blume des Jockeiklubs, die schnste Blte der menschlichen
Gesellschaft - Achtung haben mute vor der kleinen Nachbarin gegenber der
mtterlichen Wohnung? Scheu vor solch einem albernen Ding, welches sich jedesmal
blitzschnell zurckzog, wenn man noch so unschuldig, mit noch so ausgesprochener
Beatitude einen Blick ber die Gasse schweifen lie? Dummes Zeug! Lcherlich!
    Und doch war es so: Herr Leon von Poppen, Freiherr des weiland Rmischen
Reiches Deutscher Nation, frchtete sich ein wenig vor der kleinen Helene
Wienand und geriet, hinflliger als je an Krper und Geist, in einen Zustand,
den er noch nicht durchgemacht hatte. Recht gut erkannte er den Grund der
Furcht. Er fhlte seine unwrdige junge Greisenhaftigkeit aufs schrfste jener
reinen Jugend gegenber. In mancher bsen Minute htte er mit den Zhnen
knirschen mgen, und er unterlie es nur, weil er ber die Hlfte seines
Gebisses seit lngerer Zeit allmonatlich eine Rechnung des berhmten Dentisten
Karl Morand zu - den schon erhaltenen legte. Es war kein Kredit mehr von dem
Zahnknstler zu hoffen, und das Zahnknirschen war in jeder Hinsicht ein
bedenkliches Unterfangen.
    Mit seinen Locken ging der Jngling aus ganz hnlichen Grnden ebenso
vorsichtig um; er htete sich wohl, mit zu rauher Hand darein zu greifen.
    Leute, die wenig oder gar kein Gewissen haben, wrden auch allzu glcklich
sein, wenn die ewige Gerechtigkeit es nicht so prchtig verstnde, ihnen auch an
mehr uerlicher Stelle den Sachverhalt klarzumachen!
    Den gewohnten Vergngungen, der gewohnten Lebensweise gab sich Leon von
Poppen wieder mit groer Energie hin; ja er machte sogar, der ewigen Klagelieder
der Mama wegen, einen schwachen Versuch, die tiefgekrnkte Lydda von Flte sowie
deren nicht weniger emprte Mutter zu vershnen, und dieser Versuch wurde von
den guten frommen Seelen viel besser aufgenommen, als er verdiente.
    Aber was anfangs bloe Vermutung war, erwies sich immer mehr als
unumstliche Wahrheit: der arme Wienand war immer noch ein sehr reicher Mann
und seine Tochter eine sehr gute Partie fr einen von Glubigern bedrngten
Sprling einer der ltesten Familien des Landes. Der kranke Bankier wurde in
seine jetzige Wohnung, dem von Poppenschen Hause gegenber, gebracht, sein Kind
zeigte anfnglich das bleiche, kummervolle Gesichtchen ohne Scheu an den
Fenstern, und - Herr Leon von Poppen kam, nach seinem eigenen Ausdruck, auf die
alte Fhrte zurck. Er legte sich mit seiner ganzen Grazie aus dem eigenen
Fenster und lorgnettierte so schmachtend als mglich das reizende Geschpf auf
der andern Seite der Gasse, bemerkte aber bald zu seinem Leidwesen, da Frulein
Helene nicht kokett genug sei, dieses Spiel der Lorgnette zu ertragen.
    Eine schne Erziehung hat da chre tante gemacht, brummte er, ich wollte,
ich wte, was ich zu tun htte! Wenn ich nur die Mama und diese erstaunliche
Tante miteinander vershnen knnte. Rachgierige Geschpfe, diese alten Weiber; -
diable, es wrde eine krftige heie Bouillon geben, wenn man sie zusammen in
den Topf der Vershnung packte und den Topf auf die Glut der christlichen Liebe
setzte. Impossibel das; total unausfhrbar - kein Gedanke dran. Kein Gedanke! -
O Gtter, ein Knigreich fr einen Gedanken! Cerberus, ma tante Juliane, reine
Rasse! Cerberussissima!
    Tage und Wochen hindurch hatte sich der Baron abgeqult, um
herauszubekommen, auf welche Art er sich am leichtesten der lieblichen Nachbarin
nhern und wie er sich jenseits der Gasse am angenehmsten einfhren knne. Er
qulte sich vergeblich und kam nicht auf die Kosten seines Aufwandes von
Nachdenken, bis er endlich, nach einem ziemlich nchtern hingebrachten Abend
ziemlich frh ins Bett steigend, den groen Gedanken fate, sich selbst seiner
Tante - angenehm zu machen.
    Oft sieht man beim dmmerigen Schimmer der Nachtlampe etwas fr ganz einfach
und leicht ausfhrbar an, was am andern Morgen einem eine hchst grimmige Fratze
schneidet und sich als sehr stachlicht, eckig, sehr hart und bitter zeigt.
    Seine kmmerlich in Flanell gehllte Figur aus den Kissen hebend, wunderte
sich Leon von Poppen sehr, wie er den Einfall vom gestrigen Abend fr eine
praktische, nette und vortreffliche Idee habe halten knnen.
    Korrupter Gedanke! sagte er. In welcher Geistesverwirrung mute ich sein,
um so nahe an den Grenzen des Wahnsinns herstreifen zu knnen?! Schner Gedanke,
in den Bereich ihres Krckstocks zu geraten. O Helene, reizender Apfel des
hesperischen Gartens, welcher Drache bewacht dich, und welcher Herkules mte
man sein, diesen Drachen zu bezwingen!
    Der junge Mann stand jetzt vor dem Spiegel, welcher ihm seine ganze
Persnlichkeit mit allen ihren Mngeln trotz dem gelben Flanell zeigte.
    Er wiederholte seufzend:
    Herkules?! Wahrhaftig! Mu durchaus keine Anlage zur Hypochondrie haben,
wrde sonst wohl recht hypochonder sein. Scheint aber jedenfalls die hchste
Zeit zu sein, da ich solide werde. Na, na, wenn ich in mich ginge, wie Mama es
wnscht und es zu nennen beliebt! Wenn ich heute anfinge? Rheumatismusketten,
kalt Wasser, Soliditt, Revalenta arabica, Liebe der Tante, Achtung der
gesitteten Welt, Helene Wienand, zehntausend Taler Rente! Blendende
Gedankenassoziation! Soll ich mal Charakter zeigen? Wirklich ein halbes Jahr
dranwenden; Palme erringen - Myrtenkranz der Kleinen gegenber? Ah -
eigentmliches Durcheinander, Schwindel - Zittern in den Extremitten, h!
    Der Abkmmling so vieler und krftiger Ahnen sank auf den hinter ihm
stehenden Stuhl und in das tiefste Brten. Dann sprang er auf, streckte die Hand
zur Zimmerdecke empor und sprach mit dumpfer Stimme:
    Ich schwre, mich zu bessern! ... ma tante, Ihre Hand, ich bin mit Leib und
Seele zu Ihrer ehrbaren Verfgung! Mein Frulein, das Ewig-Weibliche zieht uns
hinan - bitte, ziehen Sie geflligst; und Sie - schieben Sie, teuerste Tante;
Mama, ich empfehle mich Ihnen gehorsamst - ballonhaftes Emporschweben! Alles
Irdische ist vollendet, und das Himmlische geht auf - Baptiste, dummer Esel, wo
bleiben meine Hosen? Ah, Pardon - wollt ich sagen: Lieber Baptiste, bitte, darf
ich um meine Beinbekleidungen bitten?
    Der liebe Baptiste starrte mit offenem Munde seinen Herrn an, und Leon von
Poppen zog seine Hosen als ein vollstndig anderer - besserer Mensch an. Als er
zu den Gemchern seiner Mutter herniederstieg, begegnete ihm auf der Treppe die
muntere Elise. Bei solchen Begegnungen fand sonst gewhnlich eine kleine Szene
statt, in welcher ein Morgenhubchen verrckt oder eine Schrze, ein Halstuch
verknittert wurden. Dieses Mal neigte der Herr Baron, als er mit ehrbarem,
langem Gesicht langsam an der Kammerjungfer vorbeischritt, nur ein wenig das
Haupt und sagte:
    Guten Morgen, Elise; - ich wnsche Ihnen einen guten, friedlichen,
segensreichen Tag.
    Elise, welche eine Redensart wie: Kleine Krte, du siehst heute wirklich
auergewhnlich verlockend aus! erwartete, blickte ihren jungen Herrn ebenso
verwundert an, wie vorhin Baptiste ihn angeglotzt hatte. Sie sah ihm nach, bis
ebengenannter Herr Baptiste, mit dem Schlafrock des Gebieters, ebenfalls die
Treppe herabkam und den Ku, welchen der Freiherr versumt hatte, fr sich in
Anspruch nahm.
    Aber liebster Himmel, Baptiste, was soll denn dieses heien?
    Baptiste wute es nicht.
    War Leons Benehmen auf der Treppe sehr wrdig und allen Lobes wert, so lie
es im Zimmer der Mutter nicht das geringste zu wnschen brig.
    Die gute Dame hatte vollen Grund, nicht weniger erstaunt, verwundert,
verblfft zu sein als die Bedienten.
    War das ihr Leon?
    War das ihr Sohn? Der Stammhalter derer von Poppen? War ber Nacht ein
Zauber auf das bse Kind gefallen?
    Viktorine sprach ihre Verwunderung gegen ihn aber auch aus, was Elise und
Baptiste nicht getan hatten, und trieb es mit Fragen, Mimik, Interjektionen so
weit, da der gelangweilte reuige Snder einmal fast ganz aus der Rolle fiel und
der Matrone die pikante Frage vorlegte, ob sie glaube, bis dato einen
Wechselbalg auferzogen und als ehelichen Sohn in der Gesellschaft prsentiert
und anerkannt zu haben.
    Die Baronin fand diese Frage schockant, und Leon bi sich auf die Zunge und
verdoppelte die Dosis edler Gesinnungen, Plne, Ansichten und Hoffnungen, mit
welchen er die Mama berhufte.
    O Leon, mein Kind, wenn das alles wahr ist, wie glcklich machst du mich;
Frau von Flte und Lydda werden alles vergessen und vergeben; - ich mache sie
mit deiner Sinnesnderung bekannt. O Leon, es steht geschrieben, da viel Freude
im Himmel sein wird ber einen Snder, der vom bsen Wege ablt.
    Es war dem Freiherrn zumute, als werde ihm der Boden fr seine
mimisch-deklamatorische Vorstellung ganz pltzlich und unwiderstehlich unter den
Fen weggezogen. Der Schlaukopf zappelte einen Augenblick mit den Beinen in der
Luft und erkannte dann aber sogleich, da er seine Rolle bertrieben habe und
da die scharfugige Tante gewi ber das nicht Hosianna rufen wrde, was die
Mama ganz naiv bejubelte und bejauchzte.
    Teure Mutter, sprach er, ich habe in vergangener Nacht verschiedene gute
Vorstze gefat und werde dieselben hoffentlich ausfhren; der Vorsatz, mich
jenen brigens ganz respektablen Damen wieder irgendwie zu nhern, befindet sich
nicht darunter.
    Baptiste brachte jetzt ein Billett auf einem Prsentierteller herein und
berreichte es seinem jungen Herrn. Dieser seufzte sowohl beim Aufbrechen als
auch beim Lesen und sagte:
    Zu meinen Vorstzen gehrt, da ich solchen Aufforderungen zu allerlei
maussaden Vergngungen nicht mehr Folge leiste. Baptiste, Dummkopf - wollt ich
sagen, Baptiste, mein guter Freund, der berbringer soll warten; ich werde Herrn
von Brenbinder schriftlich antworten.
    Und Leon von Poppen stieg wieder die Treppe hinauf und schrieb Herrn von
Brenbinder einen ziemlich langen Brief, in welchem er die Einladung desselben
zu einem allerliebsten kleinen Souper im Hotel Royal dankend ablehnte und ihm
als Vizeprsidenten des Jockeiklubs zu gleicher Zeit seinen Austritt aus dieser
ebenso ehrenwerten wie harmlosen Vereinigung erklrte. Hchst vernnftige Grnde
gab er fr beides in seinem Antwortschreiben Herrn von Brenbinder zum besten;
die richtigen behielt er jedoch wohlweislich fr sich.
    Als der Lakai mit dem Billett abgezogen war, rieb sich der Schriftsteller
grinsend die Hnde:
    Wenn das nicht wirkt, so - so will ich Lydda von Flte heiraten und Spittas
Psalter und Harfe auswendig lernen!
    Es wirkte.
    Herr von Brenbinder rieb sich ber dem Billett Leons nicht die Hnde,
sondern die Augen gleich dem trumenden Abu Hassan. Er lief mit ihm in der Stadt
umher, er legte es an demselben Abend noch im Jockeiklub vor; - allgemeine
Perplexitt, und kein Graf rindur, welcher eine irgend befriedigende Lsung
dieses Zwiespalts der Natur fand.
    Binnen kurzem hatte sich das Gercht dieser Umwandlung, dieser Bekehrung
ber die ganze Stadt verbreitet; die Sptter lachten darber, die Frommen
segneten den Herrn, der verstndige Mittelschlag zuckte die Achseln. Die Achseln
zog auch Juliane von Poppen in die Hhe, als sie zuerst die groe Neuigkeit
vernahm.
    Er ist frh mit seinem Leben fertig geworden, sagte sie. Es ist das alte
Lied; nun mag er zu den Pfaffen laufen und sich Krankensuppen kochen lassen. Man
mchte um so mehr weinen, je mehr die andern darber so laut lachen.
    Als die alte Jungfer ihrem gebesserten Neffen zum erstenmal nach seiner
Metamorphose wieder in der Gasse begegnete, streckte sie ihm den Krckstock
entgegen und sprach - zu dem ehrbar den Hut Abziehenden:
    Nun, Herr Neffe, meine arme Fliege, wir kriechen wohl recht matt, mit
zusammengeklebten Flgeln, aus dem Weinglase hervor? Die Poppen haben ihr Leben
auf alle mgliche Art geendet, auf dem Block, am Galgen, auf dem Schlachtfelde,
auf dem Misthaufen; der letzte geht unter die Betbrder und Betschwestern und
greint in einem Konventikel die Seele aus - jeder nach seinem Geschmack; - Glck
auf den Weg, Neffe, meine Empfehlung an die Herren Krokisius, Drnemeier,
Nothzwang und Kompanie; ich lasse -
    Aber das Freifrulein brach verwundert ab, als Leon auf ihre Rede mit einem
hellen, hchst ehrlichen Gelchter antwortete.
    Entschuldigen Sie, liebe Tante, rief er. Glauben Sie wirklich auch an die
tolle Fabel? Ich danke doch recht sehr fr die Gesellschaft, in welche Sie mich
zu stecken belieben. Fr die frommen Leute, die Sie da nennen, bin ich doch noch
nicht weich genug. brigens ein Wort im Ernst, Tante: Charakter und Willen kann
man den Poppen nicht absprechen - Sie sind in Parenthese selbst kein bles
Beispiel dafr -, ich habe den Willen, meine Lebensart ein wenig zu ndern. Ich
gestatte Ihnen gern, mich so erbarmungsvoll anzusehen; ich gebe Ihnen das Recht,
die Geistesnderung auf Rechnung einer angegriffenen Krperkonstitution zu
setzen; nach Belieben knnen Sie mich einen blasierten Menschen nennen; aber bei
alledem werde ich Ihnen beweisen, da ein Poppen kann, was er will; - ich will
umkehren, und wenn es auch nur der Vernderung wegen wre. Bon jour, ma tante!
    Damit schritt Leon weiter, und das Freifrulein stand, schttelte den Kopf,
rieb die Nasenspitze und sagte:
    Merkwrdig!
    Eine Stunde spter stand sie an einem ganz andern Ende der Stadt wiederum in
tiefes Nachdenken verloren, kopfschttelnd, die Nasenspitze reibend, und sagte
wiederum:
    Merkwrdig!
    Sie fing an, dem Gebaren des Neffen eine bei weitem grere Aufmerksamkeit
zu widmen, obgleich immer ein sehr scharfes Auge dazu gehrte, um das an ihr zu
erkennen. Sie suchte auf Umwegen allerlei ber ihn zu erfahren; sie wrdigte die
Wohnung ihrer Schwgerin Viktorine fters einer genauen Beobachtung von den
Fenstern des Bankiers aus.
    Ich wollte viel darum geben, wenn Hopfen und Malz an dem Schlingel noch
nicht vollstndig verloren wren! -
    Leon von Poppen wandelte immer sicherer auf dem Pfade der Tugend frba; er
zeigte, da in gewisser Beziehung Hopfen und Malz durchaus noch nicht an ihm
verloren waren. Je ernsthafter er von auen erschien, desto mehr grinste er
inwendig - soviel Amsement hatte er sich von seiner Umwandlung nicht
versprochen! Es machte dieser glcklich organisierten Natur ungemeinen Spa, an
einem Haufen seiner frhern Lebensgenossen und Lebensgenossinnen mit der Wrde
eines Cato vorberzuschreiten. Wie letzte er sich an diesem Kopfzusammenstecken,
diesem Geflster, das hinter seinem Rcken anhub! Mit vorgeschnellter
Zungenspitze kostete er schon im voraus die Wonne, den Jubel des Augenblicks, wo
der Knoten der Komdie sich lste und der gewandte Schauspieler, beleuchtet von
bengalischen Flammen, der versteinerten Creme der Gesellschaft den gewonnenen
Preis unter die Nase hielt. Er malte sich dieses Schlutableau auf das
reizendste aus und verbrachte manche Stunde, um es mit immer neuen Pointen
auszustatten.
    Gegen Ende des Oktobers las man in den Vermischten Nachrichten fast aller
Zeitungen der Stadt folgende rhrende Geschichte:
    Wir knnen unsern Lesern einen Vorgang mitteilen, der wohl wert ist, das
allgemeine Interesse auf sich zu ziehen. Ein junger Mann aus einem alten
angesehenen Geschlecht, vor kurzem noch eins der berufensten Mitglieder des
Jockeiklubs, rettete mit Gefahr des eigenen Lebens eine jdische Familie aus
uerster Bedrngnis. Diese Familie, bestehend aus Vater, Mutter und zwei
erwachsenen Tchtern, kam am 27. dieses Monats gegen Abend von einem Ausflug
heim und hatte das Unglck, am Anfange des Parks, eine halbe Stunde von der
Stadt, unter einen Haufen betrunkener Soldaten, Handwerksburschen und
liederlicher Dirnen zu geraten. Dieser Haufe benutzte sogleich die gnstige
Gelegenheit, die harmlosen Lustwandler aufs grblichste zu beleidigen und zu
beschimpfen. Die Polizei schien wie gewhnlich anderswo beschftigt zu sein,
niemand von den wenigen andern Spaziergngern wagte es, dem bewaffneten und
unbewaffneten Pbel seine Opfer zu entreien, und keiner wehrte es dem wtenden
Haufen, von Worten zu Handgreiflichkeiten berzugehen. Am meisten waren die
beiden armen Mdchen zu bedauern, die alle Qualen der Hlle duldeten, bis
endlich der mutige Retter und Ritter erschien. Der Baron, Herr L. von P., kam
den wild sich daherwlzenden Scharen entgegen und strzte sich, nachdem er die
Sachlage erkannt, ohne Bedenken in die Mitte des Pbels, ihn mit Drohworten und
Stockschlgen auseinandertreibend. Der Pbel, anfangs verblfft, lie von seinen
Opfern ab, und diese eilten halb besinnungslos auf beflgelten Sohlen fort; -
der Baron blieb allein in der Mitte der Wtenden. Die Soldaten warfen sich mit
gezogenen Sbeln, die Handwerksburschen mit ihren Knitteln auf den jungen
tapfern Mann. Er wehrte sich nach besten Krften, aber erhielt bald einen
Sbelhieb ber den Arm, der ihn kampfunfhig machte. Wer wei, was nun das
Schicksal des mutigen Schtzers der Bedrngten gewesen wre, wenn nicht endlich
doch die Polizei herbeigeeilt wre und die beltter verhaftet htte! Wir haben
allen Respekt vor einem Adel der Gesinnung, der in solchen ritterlichen Taten
zur Erscheinung kommt. Die Verwundung des Herrn Barons v.P. soll gottlob nicht
gefhrlich sein.
    Die Verwundung des Herrn Barons v.P. war gottlob nicht gefhrlich, machte
dagegen einen ausgezeichneten Effekt in der Stadt. Selbst die Tante Juliane
konnte den Juden nicht so widerstehen, wie sie wohl gemocht htte; fast wider
ihren Willen beschftigte sie sich von Tag zu Tag mehr mit ihrem Neffen, seiner
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft; sie wute wirklich nicht mehr, was sie
von dem Burschen denken sollte.
    Acht Tage lang hatte Leon von Poppen mit seinem verwundeten Arm, indem er
ihn in einer schwarzseidenen Binde spazierenfhrte, Parade gemacht, als ihm am
neunten das Freifrulein wieder begegnete.
    Diesmal hielt der Neffe die Tante an, indem er ihr lachend den Weg vertrat
und rief:
    Die beiden Israelitinnen waren reizend, chre tante - Philanthrop vom
reinsten Wasser, ma tante! Auf Ehre, ganz allerliebste Mdchen, diese
schwarzlockigen Semitinnen; htte mich fr die beiden krummnasigen Alten gewi
nicht auf den Altar der Humanitt gelegt!
    Weshalb sagen Sie mir das, Leon?
    Weil ich noch weit entfernt von den hchsten Stufen der Vollkommenheit bin,
gndigste Tante. Ich habe die Ehre -
    Der Freiherr warf der alten Dame eine Kuhand zu und tnzelte davon; Juliane
sah ihm wiederum nach, und dieses Mal noch viel nachdenklicher als das erste
Mal.
    Der Junge ist wenigstens kein Heuchler! sagte sie. Vierzehn Tage nach
dieser Begegnung bat der Neffe die Tante in einem hchst komischen Briefe um ein
Darlehen von fnfzig Friedrichsdor, welches er mit einem kurzen Begleitschreiben
erhielt und welches er wieder acht Tage spter persnlich zurckerstattete.
    In krzester Frist hatte somit der junge Diplomat die bedeutendsten
Fortschritte gemacht, die grten Erfolge errungen; das Freifrulein gewann
allmhlich den Glauben an eine wrdigere Fortdauer des Geschlechtes derer von
Poppen wieder, und in ihrer innersten Seele tat ihr dieser Gedanke doch recht
wohl.
    Nun widmete sie manche Stunde den ernstesten Betrachtungen ber ihren
Neffen; - wie gern htte sie ihr kleines Vermgen, ihre ganze Existenz geopfert,
wenn sie dadurch den Stammhalter der alten Familie auf dem rechten Wege htte
erhalten knnen!
    Manche Stunde widmete Leon den ernstesten Betrachtungen seiner selbst vor -
dem Spiegel. Er frisierte sich  la bonhomme, er gab seinen Halsbinden ein
unbeschreiblich solides Etwas - jeden Morgen legte er seiner ganzen Person ein
Bruchteil von Gesetztheit zu. Zu Anfang November hatte er sich vollstndig das
uere eines jungen Doktors der Medizin, welcher eine groe Praxis ahnt,
dieselbe jedoch noch nicht hat, zugelegt. Er war bewunderungswrdig! Gewichtige
alte Herren aus den magebenden Kreisen fingen an, seinen Gru achtungsvoll zu
erwidern. Vornehme Mtter, deren Shne noch auf den Pfaden der Snde
lustwandelten, blickten ihm mit geheimen Seufzern nach und beneideten die
seligen Gefhle Viktorines von Poppen. Letztere befand sich in einem Zustande
ratloser Verwirrung, welcher in der Skulptur nur durch einen offenen Mund und
starre, weit geffnete Augen ausgedrckt werden kann. Die Beglckwnschungen,
welche ihr von allen Seiten zukamen, nahm sie aber fast wie Beileidsbezeigungen
auf, und sie hatte recht, da solch ein edler Sohn, solch ein reuiger Snder
durchaus nicht in die engen Kreise ihrer Anschauungen pate. Was sollte sie mit
einem solchen Leon anfangen? Was sollte sie seinen Anspielungen auf
Verwandtenliebe, Juliane von Poppen und dergleichen entgegensetzen?
    Wahrlich, die Baronin Viktorine war lange nicht so zu beneiden, wie manche
der betrbten Mtter aus den hhern Stnden glaubte.
    Aber was war dem Baron Hekuba? Der schlechte Sohn kmmerte sich wenig um die
Migrne der Mutter; immer mehr, immer offener nahm er Partei fr die Tante
Juliane, und diese ging mit sich zu Rat, ob sie den umgewandelten Neffen zum
Kaffee einladen knne, solle und - mge.
    Wir werfen einen Blick nach der andern Huserreihe der Kronenstrae!
    Die jetzige Wohnung des Bankiers Wienand lag auf der Sonnenseite der Strae;
aber sie war durch niedergelassene Vorhnge so dunkel als mglich gemacht. Wie
das Feuer dem Tischler Tellering die Augen des Leibes genommen hatte, so hatte
es dem Bankier die Augen des Geistes verdstert; keiner von beiden konnte mehr
das Licht ertragen.
    Als wir den Bankier zum letztenmal erblickten, war er ein krftiger Mann;
jetzt war er ein armer Idiot, der zusammengefallen in seinem Lehnstuhl sa,
stier vor sich hin sah und die Hnde wie in groer Angst aneinander rieb. Es ist
ein schrecklich Ding, wenn jemand in die fixe Idee sinkt, langsam verhungern zu
mssen! Wie viele reiche, berreiche Leute sind schon in dieser unglckseligen
Vorstellung zugrunde gegangen! Es liegt eine unendlich bittere Ironie in diesem
Spiel des Schicksals mit den Menschen.
    Von Tag zu Tag hatte sich bei dem Bankier der Gedanke, da er bankerott, da
sein Name ehrlos sei, fester gesetzt. Da half kein vernnftiges Zureden, keine
Aufforderung, sich zu fassen. Am liebsten mchte sich der arme Kranke in dem
tiefsten Grund der Erde verbergen, wenn nicht auch da der Hungertod so
schrecklich wre. Wer kann die grlichen Fratzen und Gespenster verscheuchen,
die aus allen Ecken und Winkeln hohnlachen? Niemand! Niemand!
    Nun treibt die Angst, die Verzweiflung den Irrsinnigen auf. Er springt
empor, er durchsucht das Gemach, das Haus; Abfall aller Art, Lumpen,
Papierschnitzel, zerbrochenes Glas, Bindfadenstckchen rafft er auf und trgt
sie zusammen. Seine Taschen strotzen von den verschiedenartigsten Dingen; er
macht Schatzkammern, Vorratskammern daraus; er hat einen Platz, wo er alles
Gesammelte anhuft, vor welchem er wacht wie der Drache vor dem verzauberten
Schatze. Wagt es nicht, euch diesem Platze zu nhern; der Kranke wrde
Riesenstrke in der Verteidigung desselben gewinnen; er wrde euch tten, wenn
ihr die Hand danach ausstrecktet.
    Der berhmte Bankier Wienand will auch nicht mehr essen. Wie Verschwendung,
leichtsinnigste Vergeudung des letzten Notpfennigs erscheint ihm alles, was zum
Leben ntig ist. Harte Brotrinden und Wasser sind das einzige, was er annimmt,
und auch nach diesen greift er nur zitternd und im hchsten Hunger und Durst.
    Was wre aus der armen Helene geworden, wenn sie in Dunkelheit, Jammer und
Elend nicht den Gedanken an den Schtzling des Polizeischreibers Fiebiger, den
Schler des Sternsehers Ulex gehabt htte?
    Was wre aus ihr geworden, wenn sie gewut htte, welche Plne der Freiherr
Leon von Poppen, gegenber in dem groen altersschwarzen Hause, im Busen
bewegte? Was wre aus ihr geworden, wenn sie endlich gewut htte, wie unendlich
gnstig das Schicksal in diesem Augenblick auf die Plne und Wnsche des
trefflichen jungen Barons, der leider noch lange nicht der letzte seiner Art
war, herablchelte?
    Ja, der Baron Leon von Poppen hatte Aussichten auf Erfolg seiner Plne.
Wnschen wir ihm alles Glck dazu; denn was hilft's, wenn wir uns darber rgern
oder gar grmen? Laissez aller!

                           Einundzwanzigstes Kapitel



 Groe Krisis in Nummer zwlf - hchst tragisches Kapitel. Der Polizeischreiber
            Fiebiger entdeckt etwas, was andere Leute lngst wissen

Der dichte Nebel eines dunkeln Vorwintermorgens lag schwer ber der Stadt. Vor
einer groen aufgeschlagenen Bibel sa der Sternseher Heinrich Ulex in seinem
warmen Gemache und blickte ernst in die weigraue Dmmerung, welche der neue Tag
nicht hatte verscheuchen knnen. Es war ein Sonntagmorgen, und der Klang der
Glocken, welche zur Kirche riefen, kam zum Ohr des gelehrten Greises bei der
schweren feuchten Luft wie aus weitester Ferne. Man konnte fast nicht sagen, ob
diese Tonwellen aus der Hhe nach der Tiefe oder aus der Tiefe nach der Hhe
rollten. Geheimnisvoller als sonst sprachen die Glocken zu den Herzen der
Menschen; es war, als htten sie mehr zu sagen und mehr zu verschweigen; ihr
Klingen gab viel zu bedenken; die meisten Leute dachten jedoch nicht sehr viel
dabei. Der Sternseher Heinrich Ulex gehrte aber nicht zu denjenigen, welche den
Sonntagmorgen nur insoweit schtzen, als man an ihm ungestrt einige Stunden
lnger schlafen kann. Er stand im Gegenteil an diesem Tage frher als gewhnlich
auf; die ersten Stunden desselben waren dem tiefsten Nachdenken gewidmet; er
lie sich hchst ungern darin stren und verriegelte und verrammelte seine
Wohnung womglich noch fester als zu anderer Zeit.
    Den wallenden Nebel schtzte er auch mehr als andere, weniger
phantasiebegabte Menschen. Er konnte Bilder darin aufbauen, Gestalten darin
hervorzaubern, er konnte ihn formen wie der Bildhauer den Ton, er konnte darauf
zeichnen wie der Maler auf der grauen Leinwand.
    So sa er denn auch an diesem gegenwrtigen Sonntagmorgen, bltterte in dem
weisheitvollen Buche, lie die Poesie des sonnigen Orients im winterlichen
Norden emporsteigen und verknpfte die Sprche und Erzhlungen der jdischen
Seher und Propheten mit den Ereignissen, den Empfindungen, den Hoffnungen und
Befrchtungen, den Freuden und Schmerzen des eigenen Daseins.
    Wie der Nebel ber die Dcher rollte, wie er sich ballte und lste! Jetzt
war die weite schwarze Brandsttte ganz verdeckt und nur die nchste Nhe, in
einen feuchten Schleier gehllt, sichtbar; - jetzt tauchten in der Ferne die
Baugerste, die sich bereits hier und da wieder inmitten der Trmmerhaufen
erhoben, auf, und traurig dunkel schimmerte der Grund durch den schwankenden
Dunst.
    Des Alten Seele war sehr hufig an diesem Morgen in der niedrigen Kammer des
Meisters Johannes Tellering, dessen Tod man nunmehr tglich, stndlich
erwartete.
    Jetzt siehet man das Licht nicht, das in den Wolken helle leuchtet; wenn
aber der Wind weht, so wird's klar, las er aus dem Buche Hiob.
    Wieder blickte er in den Nebel hinein und dachte an seinen Schler, seinen
jungen Wolf aus seinem Heimatswalde, und wieder schlug er ein Blatt um und las:
    Die dicken Wolken scheiden sich, da es hell werde, und durch den Nebel
bricht das Licht. Er kehret die Wolken, wohin er will, da sie schaffen alles,
was er ihnen gebeut, auf dem Erdboden, es sei ber ein Geschlecht oder ber ein
Land.
    Lang schaute er wieder zu, wie der Dunst wogte und sich kurz vor seiner
Verflchtigung immer seltsamer gestaltete. Wieder las er:
    Alle Menschen hat er in der Hand wie verschlossen, da die Leute lernen,
was er tun kann. Und bald dumpfer, bald heller klangen in das Sinnen des
Greises die Glocken - Geisterstimmen, die aus der Hhe, die aus der Tiefe
einander riefen. Wer wagte es, den Sternseher im jetzigen Augenblick zu stren?
    Ein schnelles, wie aufgeregtes, ngstliches Klopfen lie sich an der
verriegelten Tr vernehmen und schreckte den Greis auf. Einige leise Runzeln
mehr erschienen auf seiner Stirn, als er sich erhob und gegen die Tr schritt.
Sein Verdru ob der Strung legte sich freilich; aber seine Verwunderung stieg,
als er den Polizeischreiber Friedrich Fiebiger atemlos vor sich sah. Auch der
Schreiber brachte die Sonntagmorgen gern ganz still innerhalb seiner vier Pfhle
zu und gab, eingehllt in Tabakswolken, seinen innersten Gedanken Audienz oder
las, auf dem Sofa liegend, seine sehr verschiedenartigen
Lieblingsschriftsteller. Der Sternseher htte in dem Strenfried jeden andern
eher vermutet als seinen Freund Fritz. Nur ein wichtiges Ereignis konnte
denselben zu so ungewohnter Stunde zu dem Giebel des Gelehrten hinauftreiben;
und Heinrich Ulex trat, nachdem er seine Tr geffnet hatte, einen Schritt
zurck und rief mit bewegter Stimme:
    Er hat es berstanden?! Er ist tot?!
    Wer? fragte der Schreiber.
    Der Meister Johannes!
    Fiebiger schttelte den Kopf, warf Hut und Stock von sich, sank auf einen
Stuhl, legte die Hnde auf die Knie, blickte dem Sternseher einige Augenblicke
hindurch komisch, verlegen, zweifelnd ins Gesicht, zog ein Bchlein, in blauen
Samt gebunden, mit silbernem Schnitt und Titel aus der Tasche und rief
aufspringend:
    Privatgelehrter Heinrich Ulex, bist du am vierundzwanzigsten Juni dieses
Jahres, nachmittags um vier Uhr, durch die Musikantengasse gegangen, mit der
Nachtmtze statt des Hutes auf dem Kopfe?
    Der Sternseher sah den Fragenden hchst verwundert an, ohne eine Antwort
finden zu knnen.
    Erinnerst du dich des Faktums, Ulex?
    Ich - ich - gewi nicht - mein Gott - was soll das heien?
    Hier steht es schwarz auf wei, alter Knabe! Hier steht noch viel mehr ber
dich, ber mich, ber das Freifrulein, ber Gott, den Teufel, Himmel und Erde.
Welch ein Weib! O Ulex, Ulex, du auf deinem Turm hast gar keinen Begriff von den
Dingen, welche eine edle Frauenseele in ihrem Tagebuch notieren kann. Und unser
Robert - mein Robert Wolf - Himmel und Hlle, Heinrich Ulex - es ist heraus!
    Der Sternseher schlug seine Bibel zu und sagte:
    Ich verstehe dich nicht, Fritz. Was hast du? Was sollen die Fragen? Was
soll dieses Buch? Was ist heraus? Was ist's mit unserm Zgling?
    Er ist wieder verliebt! rief der Polizeischreiber klglich und setzte mit
tragischem Ton hinzu: Und ich rhmte mich meines scharfen Auges! Morgen werde
ich mein Pensionierungsgesuch einreichen.
    Sprich weniger in Rtseln, so werde ich dich verstehen, sagte der
Gelehrte.
    Ja Rtsel, Rtsel! rief der Schreiber auf und ab laufend. Dich trifft's
so gut wie mich. Du bist ebenso blind gewesen wie ich!
    Der Sternseher setzte sich in seinen hohen Lehnstuhl wie ein Mann, der Zeit
hat zu warten.
    Blind! blind! blind! O Fiebiger, o Polizei und schwarzer Star! sprudelte
der Schreiber. Verliebt - uns vor der Nase - Frulein Wienand - Juliane -
tausendfacher Maulwurf - o Ulex, Ulex!
    Der Sternseher rhrte sich nicht in seinem Lehnstuhle; er wute, da die
hochgehenden Wogen sich ihrerzeit beruhigen wrden; er wartete mit Geduld.
    Die Hexe notiert es in ihren Memoiren; Julius Schminkert wei es lnger als
lange -

Was kein Verstand der Verstndigen sieht,
Das ahnet in Einfalt ein kindlich Gemt -

schnes kindliches Gemt - o Fiebiger, Fiebiger, geh heim und la dich
pensionieren!
    Wir wollen mit dem Sternseher in Geduld abwarten, bis sich der
Polizeischreiber beruhigt hat, und whrend dieser Zeit dem Leser erzhlen, was
in der Nummer zwlf der Musikantengasse vor diesem merkwrdigen Sonntagmorgen
vorgegangen war.
    Das kalte Wasserbad, welches dem deklamierenden Knstler Julius Schminkert
unter dem Kammerfenster Angelika Stibbes zuteil geworden war, hatte seine Liebe
zu dem holden Kinde nicht im mindesten abgekhlt. Die Wasserfluten hatten sich
gleichsam ber ungelschten Kalk ergossen: Schminkerts Seele zischte, kochte und
dampfte. Der Schauspieler war in seinen jetzigen Plnen fast ebenso beharrlich
wie der Freiherr von Poppen in den seinigen. Jeder von den beiden hatte ja auer
der knftigen Lebensgefhrtin auch den Geldkasten des Schwiegerpapas in spe im
Auge, und ein voller Geldkasten ist bekanntlich ein trefflicher Gesichtspunkt
auf dem strmischen Meere des Lebens. Die grte Hlfte der Menschen hlt ihn
fr den besten und behlt ihn im Auge, wenn alle andern Leitsterne, Leuchttrme,
Feuerbaken lngst in die Wogen gesunken sind.
    So lavierte denn Herr Julius seinem Ziel mit Ausdauer entgegen und lie sich
durch keinen ungnstigen Wind aus seinem Kurs bringen. Er gewann soviel
Geschmack an diesem Kreuzen wie Leon von Poppen an dem seinigen. Man konnte
Geschick und Wissen dabei zeigen und beweisen, da man kein dummer Teufel sei.
    Frulein Aurora Pogge suchte ihr Tagebuch nicht mehr. - Wie jener
wohlaffektionierte rmische Regent wnschte sie aber der ganzen Menschheit nur
einen einzigen Kopf, um ihn mit einem einzigen Streiche abschlagen zu knnen.
Solange sie die Hoffnung noch nicht verloren hatte, das kstliche Manuskript
wiederzufinden, war sie ungemein vorsichtig, zurckhaltend und hflich im
Umgange mit jedermann gewesen; denn sie betrachtete jeden, der ihr nahe kam, mit
geheimer Angst. Nachdem sie die letzte Hoffnung aufgegeben hatte, das Buch mit
den schnbelnden Tauben zurckzuerhalten, nderte sich natrlich ihre Stimmung;
sie geriet in den Zustand stumpfster Gleichgltigkeit gegen alles, was die Welt
denken, sagen und tun mochte. Sie heuchelte nicht mehr, sondern zeigte sich in
ihrem eigensten Wesen. Die Herren Drnemeier und Nothzwang fanden die einst so
gastfreundliche Tr jetzt fest verschlossen; es gab nun keinen Tee, keine
Schokolade, keinen alten Madeira mehr fr sie; sie segneten sich und sthnten
ber das arme Schaf, das sich so pltzlich aus der Hrde verloren hatte.
    Die Hausgenossenschaft vorzglich fand oft Ursache zur Verwunderung ber
Frulein Aurora Pogge. Niemand - sogar der Rentier Museler nicht -, niemand
entging ihren Wutanfllen; ihre kreischende Stimme erschreckte zu jeder Zeit des
Tages und in der Nacht alt und jung. Mimi, die Katze, wurde immer magerer, ging
eines Abends aus und - kam nicht wieder; es war ihr zuviel geworden. Hulda
folgte der vierbeinigen Leidensgenossin und nahm eine Stelle in einer
Privatheilanstalt fr Irre an; sie hatte die Befhigung zur Ausfllung eines
solchen Platzes im Dienste Auroras vollkommen erlangt. Das Frulein kochte sich
selber und schlang somit immer mehr Gift hinein. Der Rentier Museler -
kndigte ihr die Wohnung und zerbrach damit das letzte Band, welches Aurora der
Hausgenossenschaft gegenber noch fesselte.
    Sie zog jetzt alle Register ihres Grimmes; Museler, der Polizeischreiber,
Robert Wolf, Schminkert, die Frau Krieg, die Familie Tellering, Monsieur
Alphonse Stibbe, Frulein Angelika Stibbe wurden auf gleich schreckliche Weise
von der Erinnye angefallen. Der Augenblick, wo Julius Schminkert Gebrauch von
dem blauen Buche machen mute, war gekommen. Die Gtter hatten es in allgemeiner
Ratsversammlung so beschlossen; Zeus der Vater hatte die ambrosischen Locken,
nickend, geschttelt, der grause Mars hatte sich zhnefletschend die Hnde
gerieben, Aphrodite die Liebliche hatte den Grtel der Reize enger geschnallt
und siegesfroh gelchelt:

- pasci
Pugnando teneri volunt Amores,

wie Johannes Secundus ebenso schn wie wahr sagt. Am Sonnabendmorgen schwang
sich Iris, da Merkurs Flgelschuhe eben beim Schuster waren, zur Erde nieder,
und eine halbe Stunde spter erschienen an den Ecken der Stadt riesengroe
Zettel, welche das vergngensuchende Publikum zum Maskenball und zu vorzglichen
warmen und kalten Speisen und Getrnken in die Walhalla einluden.
    In das lauschende Ohr Julius Schminkerts flsterte die Gtterbotin; sie
flsterte in das Ohr Angelika Stibbes. Und nicht lange, so flsterten Julius und
Angelika zusammen im Hausgange. Was hatte Iris in der Wohnung Auroras zu
flstern? Treppab schlich die rosen-nsige Bewohnerin des ersten Stocks und
lauschte dem Gesprch des Jnglings und der Jungfrau.
    So lauscht die Boa constrictor, ehe sie sich vom Wipfel der Knigspalme
niederstrzt auf das unschuldige, kosende Gazellenpaar!
    Ich will euch! ... jetzt soll's zu Ende kommen! flsterte Frulein Aurora
Pogge, als sie, ihre Pantoffeln in der Hand tragend, wieder treppauf schlich.
    Es kam zu einem Ende; aber zu einem andern, als das hohnlchelnde Mitglied
des bessern, sanftern Geschlechts sich vorgestellt hatte.
    Julius Schminkert und Angelika Stibbe besuchten den Ball in der Walhalla,
ohne eine Ahnung des dster ber ihren leichtsinnigen Huptern sich
zusammenziehenden Gewitters. Sie tanzten, ohne, wie die franzsische
Gesellschaft, zu wissen, da sie auf einem Vulkan tanzten. Wie Luise Millerin
geno Angelika die Limonade, die ihr Julius prsentierte. - Wehe euch
Unglcklichen, vergiftet war der khlende Trank!
    Julius Schminkert im Kostm des Grafen Almaviva war ein Kavalier, wie ihn
Angelika sich nicht eleganter wnschen konnte. Die Tochter Don Alphonso
Stibbelinos als Sonnenjungfrau war unwiderstehlich, widerstand aber auch selbst
nicht den schmeichelnden, berredenden, berzeugenden Beteuerungen des Conte
Julio. Nach dem siebenten Walzer war das Paar einig, und Julius Schminkert
schlug der Geliebten, der Verlobten vor, in Kompanie ein Parfmeriegeschft zu
etablieren und zwischen Seife, Wohlgerchen, Haar- und Schnheitstinkturen ein
wonniges, seliges, sonniges Liebesleben zu fhren.
    Wer aber klopfte in nchtlicher Stunde an die Tr der Schlafkammer des
schlummernden Vaters, der jetzt in seinen Trumen nicht mehr angstvoll dem Baron
Schleifenbein, sondern fast noch angstvoller einem neuen Schuldner, dem
Kammergerichtsassessor Beutler, nachjagte -? Drckte den juristischen Stutzer
die Last seiner Schuld so sehr, da er sie jetzt in der ersten Stunde nach
Mitternacht von der Seele wlzen wollte? ... Nein! Frulein Aurora Pogges
kncherner Finger weckte den Schneider, da er den imaginren Rockkragen des
Kammergerichtsassessors loslie, sich jhlings im Bett aufrichtete und hastig
fragte:
    Was gibt's? Was ist's? Wer ist da?
    Und eine Stimme drang durch das Schlsselloch, so scharf und schrill wie ein
Zugwind, der es auf einen hohlen Zahn abgesehen hat.
    Stibbe, wenn ich in Ihrer Stelle wre, so she ich einmal von Zeit zu Zeit
nach, ob die hochnsige, naseweise Gans, meine Tochter, im Bette sei.
    Was?! Wer ist das? Sind Sie es, Frulein Pogge? Wo soll meine Tochter
sein?
    Nicht auf dem Walhallaballe, Sie alter Narr! antwortete die Zugwindstimme.
Der Schauspieler, der Vagabund vom Hahnebalken, ist auch natrlich zu Hause.
Stibbe, in Ihrer Stelle guckte ich von Zeit zu Zeit einmal unvermutet in meiner
Tochter Bett.
    Tonnerre! fluchte der tailleur de Paris, aus dem Bette springend und nach
dem Feuerzeug greifend: Frulein, ich bitte Sie -
    Aber die Stimme wurde nicht mehr gehrt. Als der unselige Vater den Kopf aus
der Tr steckte, war auch nichts zu sehen, weder eine Katze noch ein Drache noch
Frulein Aurora Pogge. Nur im ersten Stock knarrte eine Tr und lie sich ein
mhsam unterdrcktes Hohngelchter vernehmen.
    Im tiefsten Neglig hielt der edle Vater die Lampe ber das Lager der
unglckseligen Tochter und stie einen wahren Theaterschrei aus, da er das leere
Nest erblickte. Sollte er jetzt nach der Walhalla strzen und sein sndiges Kind
aus dem ppigen Kreise der Freude reien, um es in den tiefsten Schlund der
zhneklappernden Schmach hinabzuschleudern? Non! Zu groer Skandal! Impossible!
    Der zrnende Vater vervollstndigte aber nur um so mehr rachedrstend seine
Toilette und legte sich auf die Lauer, bewaffnet mit einem Stock, der an Wucht
und Elastizitt selbst fr Aurora Pogge kaum etwas zu wnschen briggelassen
htte. Er zhlte in schauerlicher Aufregung die langsamen Stundenschlge den
Kirchuhren nach. Eins, zwei - drei - - vier - - - fnf! Sein Zorn wuchs, je mehr
die Nacht wich, je rger ihn fror und je nher der Morgen kam.
    Da sind sie! - jetzt! chzte er, wenn ein Tritt unter dem Fenster
erschallte. Krampfhaft umspannte er den Stab Wehe!
    Wieder nicht! seufzte er in ohnmchtiger Wut. O die Dirne, die
unverschmte Diablesse!
    Er bereitete ein Glas Punsch, um sich warm und seine Wut hei zu erhalten.
    Endlich um ein Viertel nach fnf kamen - sie! Sie kamen durch einen leisen
Regen, dicht aneinandergedrngt - ganz Paul und Virginie. Der Arm des Jnglings
umschlang die Jungfrau aber kaum so fest wie die Hand des Vaters der Jungfrau
das hispanische Rohr. Sie konnten anfangs das Schlsselloch nicht finden; es
war, als habe selbst der Hausschlssel eine Ahnung davon, da jemand hinter der
Tr stehe und warte.
    Sie fanden endlich das Schlsselloch und traten auf den Zehen ein; ein
lautes Wehgeschrei und wildes Gefluche war die unmittelbare Folge davon. Der
Stock war berall da, wo sie ihn nicht vermuteten; er hpfte und sprang, als sei
er mit Leben, Verstand und Vernunft begabt; die schmerzhaftesten Stellen suchte
er sich aus, und Geschrei und Fluchen waren sehr schlechte Schutzmittel gegen
ihn. Das Wehegeheul der Liebenden weckte aber das ganze Haus, und bis auf
Frulein Aurora Pogge glaubte jedermann wieder, es brenne abermals und das Haus
stehe bereits in hellen lichten Flammen.
    Schreckensbleich, auer sich vor Entsetzen, strzten die Bewohner der Nummer
zwlf auf den Walplatz, und von jetzt an knnen wir die Fortsetzung des
Berichtes wieder in die guten Hnde des Polizeischreibers Fiebiger legen. Er
wohnte den fernern Verwicklungen und der schlielichen Lsung bei und wei gut
zu erzhlen.
    Du hast wirklich nichts, gar nichts von dem Spektakel gehrt, Ulex?
    Der Sternseher schttelte den Kopf.
    Das wundert mich doch. Der Lrm war groartig und gewi eine Stunde weit zu
hren. Im hohen Diskant kreischte der Schneider, die Tochter fltete wie eine
Nachtigall, der ein Mehlwurm in die unrechte Kehle gekommen ist; im sonorsten
Tragdienpathos fluchte und perorierte mein Julius Schminkert dazwischen. Der
Schneider hatte sich auf die beiden jungen Leute gestrzt wie der Bock auf die
Haferkiste. Es gab heillose Schlge, und trotz meiner Stellung als Mann der
allgemeinen Ordnung und Ruhe fhlte ich mich nicht bewogen, der Wut des Parisers
Einhalt zu tun. Schade um jeden Schlag, welcher hier nebenaus ging! Es war
brigens ein vollstndiges Lustspiel im Augenblick der Krisis. Alle Figuren,
welche Thalia ins Feld zu fhren pflegt, waren vorhanden: der gekrnkte Vater,
die leichtfertige Schne, der Liebhaber, die bse Nachbarin, der mrrische
Nachbar, der gleichgltige Nachbar samt dem Chor der dienenden Geister. Lustig
wirbelte das alles durcheinander, und als der Liebhaber dem zrnenden Papa
endlich den Stock entri, fate Stibbe den Hausherrn und rief alle Strafen des
Himmels und der Erde - als Schneider sagte er nicht: der Hlle - auf ihn herab,
wenn er den Strenfried und Don Juan Julius nicht auf der Stelle aus dem Hause
werfe. Auf die Augen des Fruleins Pogge fuhr die liebende Tochter mit
ausgespreizten Fingern zu, und bald sollte ich erfahren, da es hchst
wnschenswert gewesen wre, wenn die schne Angelika der Megre die Sehorgane
ausgekratzt htte. Leider legten wir uns ins Mittel und retteten das Geschpf
vor ewiger Blindheit. Ich bewunderte den Schauspieler. Er hatte sich auf das
Treppengelnder geschwungen und sah jetzt aus der Hhe ungemein kaltbltig auf
das Getmmel der Parteien herab; er lie die Geister aufeinanderplatzen und
schien durch kurze pikante Bemerkungen die Leidenschaften noch mehr steigern zu
wollen. Der Schlingel wute, da er das Mittel habe, die hochschlagenden Flammen
zu besnftigen; er hatte dieses himmelblaue Bchlein hier, dieses, dieses,
dieses! in der Tasche und zog es hervor, als der Lrm den hchsten Grad erreicht
zu haben schien. Man schweige! rief er mit so drhnendem Pathos, da alle Blicke
sich trotz allem auf ihn wendeten, zumal da Frulein Aurora Pogge ein Gekreisch
ausstie, wie ich es noch nie gehrt hatte und hoffentlich nimmer wieder hren
werde. Sie wollte sich auf den Schauspieler strzen; aber dieser schrie, das
blaue Buch schwingend: Haltet sie! Lat sie ja nicht heran! Es gibt einen Mord!
Es geht um unser aller Leben! Halten Sie sie doch, Stibbe! Museler, packen Sie
zu! - Wir griffen unwillkrlich alle zu, und Frulein Pogge fiel frs erste in
Ohnmacht. Silentium! wiederholte Julius Schminkert und hielt darauf ungefhr
folgende Rede: Verehrungswrdige Anwesende beiderlei Geschlechts, seste
Geliebte meiner Seele; Sie, Stibbe, teurer Mann, den ich bald Schwiegerpapa zu
nennen hoffe; Sie, Museler, edler Besitzer dieses Grund und Bodens; Sie, Herr
Polizei - - erlauben Sie mir, da ich bereits zu Anfang dessen, was ich zu sagen
habe, einige Trnen der Rhrung vergiee. O Angelika, mge diese feierliche
Stunde unser Geschick entscheiden - Fiebiger, lassen Sie doch die Alte, sie tut
nur so und hrt alles! Angelika, ich liebe dich - hrt es alle! Monsieur
Alphonse Stibbe, ich habe, siehe Akt fnf, von einer Tante achthundert Taler
geerbt und halte hiermit feierlich um die Hand Ihrer Tochter an! - Der kleine
Schneider im fliegenden hellgrnen Schlafrock wollte wie ein erboster Grashpfer
gegen den Redner anspringen; aber dieser wies ihn mit einer ebenfalls aus
irgendeinem fnften Akt stammenden Handbewegung zurck und fuhr fort, whrend
Aurora Pogge in meinen Armen anscheinend langsam das Bewutsein wiedererlangte:
Meine Herren und Damen, wer kennt die sen Triebe nicht, durch welche die Welt
besteht? Wessen Herz ist so ausgebrannt, da kein Flmmchen mehr daraus
hervorzuckt, Herr Museler, sei es auch nur dem letzten Aufflammen des Rums an
einem Plumpudding vergleichbar?! Meine Herren, ich liebe mit der vollen
Dampfkraft der Jugend diese hier gegenwrtige Jungfrau Angelika Stibbe; sie ist
und wird die Meinige mit dem Willen des Geschicks, gegen den Willen desselben!
Der Schauspieler warf einen Blick ber die Versammlung der Hausgenossen, hob das
blaue Buch, bltterte darin und fuhr fort: Wie aus diesem Manuskript - Frulein
Pogge wand sich wie ein Aal, dem lebend die Haut abgezogen wird -, wie aus
diesem Manuskript hervorgeht, hat hier gegenwrtige, etwas reife Jungfrau,
Frulein Aurora Pogge, ihr Auge und ihr Herz auf hier ebenfalls gegenwrtigen
Jngling, Herrn Rentier Museler, geworfen und will ihn heiraten mit seinem
Willen, gegen seinen Willen. Der Redner machte lchelnd eine Pause, der Rentier
sah sehr erschrocken und eselhaft aus; Aurora in meinen Armen fiel scheinbar
abermals in Ohnmacht. In dem himmelblauen Buche bltternd, sprach Julius
Schminkert mit erhhter Stimme: Pagina hundertundsechs beweist, da Herr
Alphonse Stibbe, Witwer von Karoline Stibbe geborener Triller, ebenfalls bereit
ist, das sanfte Joch der Ehe sich wieder aufzuladen. Gegenber - Der Schneider
hing pltzlich am Halse des Deklamators und drckte ihm hastig die Kehle zu. Die
schne Angelika schlug die Hnde mit lautem Geschrei zusammen: Steht das da,
Julius? O Himmel, steht das da? Na, Papa?! - Ich erwrge dich, wenn du den Mund
nicht hltst, flsterte der Schneider dem zuknftigen Schwiegersohn ins Ohr, und
dieser nickte lachend: Ruhig, Papa; es steht hier noch manches andere ber Sie
geschrieben. - Und Julius Schminkert fing jetzt an, wirklich Bruchstcke der
Memoiren des Fruleins Aurora Pogge uns vorzutragen. Da aber brach ein
allgemeines Wut- und Rachegeschrei unter den Hausgenossen los; selbst mir
strubten sich die Haare in die Hhe. Ulex, dieses Weib ist bewunderungswrdig -
eine geistige Gesche Gottfried, eine moralische Giftmischerin vom reinsten
Wasser, reinster Aqua Toffana. ber uns alle ging es her, wir konnten keinen
Atem mehr schpfen unter den Ergssen einer schnsten Seele, die sich jetzt ber
uns ergossen. Der Schneider fiel dem Schauspieler weinend um den Hals: Und du,
mein Junge, hast dieses Scheusal enthllt? Ja, dafr sollst du mein Kind haben -
wie du auch bist, mein Sohn! O dieser Satan! Diese Teufelin! - Aber jetzt war's
wirklich Zeit, da ich eingriff; man htte die Schriftstellerin sonst in Stcke
zerrissen; laut schreiend floh sie die Treppe hinauf, und ich und Robert deckten
unten an der Treppe ihren Rckzug. Ihr nach wollte der Zorn der Emprten, der
Gekrnkten, Verlsterten. Lat uns durch! schrie der Schauspieler. Durch! durch!
ihr nach! schrien die andern in allen Tonarten; aber wir hielten gut und trieben
den wohlberechtigten Ansturm zurck. Bahn frei, unnatrlicher Sohn der Polizei,
rief Schminkert unsern Robert an und setzte hinzu: Sie sollten doch auch Partei
fr uns nehmen, Wolf. Vivat Helene Wienand, Pagina zweihundertdreizehn. - Was
soll Helene Wienand? frage ich erstaunt, und der Schauspieler antwortet lachend:
Fragt nur diesen Jngling aus dem provinzialen Urwalde selber, Fiebiger. Hurra,
Sturm, Sturm! Vorwrts, Schwiegerpapa! Schlagt ihr die Tr ein, hinaus mit ihr
aus dem Hause! En avant, Museler! Marsch, marsch, trarara! Hinaus mit ihr auf
die Strae! - Ich fate jetzt denn doch den Tollkopf an den Schultern, nahm ihn,
sehr ruhig geworden, beiseite und fragte ihn ernstlich, was er mit seinen Worten
ber das Frulein Wienand gemeint habe; selbstverstndlich war es aber
unmglich, in diesem Augenblick von ihm Ausfhrlicheres ber die Sache zu
erfahren.
    Und Robert? fragte der Sternseher.
    Ja Robert. Na, du httest den Jungen sehen sollen! Erstarrt stand er, wurde
abwechselnd rot und bleich, zuletzt so totenbleich, da ich fast Furcht bekam.
Glcklicherweise fing ich seine Faust, die eben den Schauspieler niederschlagen
wollte, auf. Ich lie natrlich auf dieses hin die andern ihre Angelegenheiten
mit Frulein Pogge allein ausmachen und zog unsern Zgling am Ohr die Treppen
hinauf. Er lie sich willenlos ziehen und -
    Und?! fragte der Sternseher.
    Und ich erfuhr, da Julius Schminkert, da das Tagebuch Auroras recht
habe! antwortete der Schreiber, klglich die Hnde faltend. Was sollen wir nun
mit dem Geschpf anfangen, Ulex?
    Erzhle mir dein Gesprch mit dem Knaben; ich werde dir dann meine Meinung
sagen.
    Der arme Junge, seufzte Fiebiger, eben haben wir ihn aus dem Regen
glcklich ins Trockene gebracht, so gert er unter die Traufe, in des Wortes
verwegenster Bedeutung. Wie ein lgtze stand der arme Snder da und beichtete,
was er zu beichten hatte. Es war nicht viel; aber es war genug, bergenug fr
mich. Ich schttle den Erstarrten; aber es kostet Mhe und Zeit, ehe er meine
Fragen beantwortet. Endlich fat er wild meine Hnde, so da ich noch jetzt
blaue Flecke davon aufzuweisen habe, und sieht sich verstrt um nach dem Haufen
Wstensand, in welchen er seinen Kopf stecken kann. Unten im Hause vor der
verriegelten Tr Aurora Pogges singt whrenddem die wtende Hausgenossenschaft
dumpf den Chor der Rchenden aus Lucrezia Borgia:

Deine Wut ri aus liebenden Armen
Meinen Ohm Appian ohn Erbarmen!

Schauerlich klingt die Weise herauf, und mein Robert ringt die Hnde: Was soll
ich sagen? Ich wei es nicht, ich habe es nicht gewut; o Gott, ich wute es ja
selber nicht; wer hat es ihnen gesagt? - Er bittet mich, ihn fortzuschicken -
grade wie damals -, ich soll ihn ziehen lassen in seine Heimat, ruft er, und ich
habe alle Not, ihn nur etwas zur Ruhe zu bringen. Es ist so, Heinrich Ulex, die
armen Kinder haben sich fters gesehen und gesprochen, als fr ihre Ruhe gut
war. Diesmal aber hat die Liebe den albernen Jungen auf eine andere Art gepackt.
Die Geschichte mit Eva Dornbluth ist gar nichts dagegen. Er hat wieder
merkwrdig unruhige Tage und Nchte hingebracht - daher seine Zerstreutheit -
    Sein Mibrauch meiner Fernrhre! warf der Sternseher ein.
    Daher sein Maulaufsperren, sein Aufschrecken bei jeder unvermuteten Anrede!
Ich habe dem Schauspieler dies himmelblaue Buch abgenommen, es steht mancherlei
ber das neue Verhltnis darin; aber Julius Schminkert selbst wute doch noch
mehr. Der Narr hatte schrfere Augen gehabt als wir Alten. O Himmel, Heinrich
Ulex, wie sind wir hinter das Licht gefhrt! Der Junge liegt jetzt auf meinem
Sofa und hat das Gesicht in den Hnden vergraben; Ludwig Tellering ist heute
morgen auch auf meiner Stube gewesen; auch der hat mehr gesehen als wir alten
klugen Leute. O Heinrich, Heinrich, ich hatte die beste Hoffnung, aus meinem
Knaben einen gescheiten, behaglichen Hagestolz zu machen. Nun ist die Hoffnung
ins Wasser gefallen, und der Teufel mag sie wieder herauffischen. Zum Teufel;
der Narr hat doch schon ein gut Stck vom Weibervolk kennengelernt! Oh, oh, oh,
Heinrich Ulex, was fangen wir mit dem Jungen jetzt an?
    Der Sternseher sah in den Nebel, der jetzt bedeutend sich gelichtet hatte;
er sah nach der Decke, sah auf den Boden, sah hchst bedenklich seinen Freund
an. Er schttelte den Kopf und sprach endlich: Wir wollen das Frulein von
Poppen fragen. Ich werde zu ihr gehen.

                           Zweiundzwanzigstes Kapitel



          Die Lebendigen wandeln in Unruhe - der Tod guckt in das Buch

Der Polizeischreiber schlug sich vor die Stirn wie jemand, dem ein groes Licht
aufgeht.
    Das ist das Richtige, Heinrich! rief er. Geh zu ihr; die Geschichte geht
sie fast noch mehr als uns an. Sag ihr, sie solle die Kleine tchtig ins Gebet
nehmen. Was hat das Mdchen meinem armen Waldteufel in den Weg zu laufen - o
diese Weiber, diese Weiber!
    Der Polizeischreiber machte seinem Herzen noch lange in hnlicher Weise
Luft; der Astronom aber machte Toilette, und das war nichts Geringes fr ihn. Er
schwitzte jedesmal Angstschwei dabei, suchte stundenlang Dinge, die er bereits
um und an sich hatte, und stieg zuletzt doch die Treppe mit dem Gefhl herunter,
da trotz aller angewandter Mhe noch nicht alles in Ordnung sei. Weshalb wren
auch sonst soviel Leute stehengeblieben, um ihm nachzublicken?
    Je mehr der Sternseher sich in den Gassen frchtete, desto gemessener,
feierlicher, wrdiger wurde sein Schritt. Welch ein Pedant! sagten die Leute,
die ihm begegneten und ihn nicht kannten. Welch eine treffliche Bhnenfigur!
sagte der Lokalpossendichter, den Mann werde ich studieren und gut verwenden!
Er hielt nur halb Wort; freilich studierte er den komischen Kauz, aber er
brachte ihn nicht auf die Bhne; tief zog er den Hut ab, wenn er und Heinrich
Ulex spter sich wieder begegneten. Komisch, possenhaft war der Mann doch nicht
zu verwerten.
    Nach elf Uhr erreichte der Gelehrte die Wohnung des Freifruleins, die in
einem durchaus nicht vornehmen Stadtviertel lag. In der Schulstrae wohnte
Juliane zu ebener Erde in einem Eckhause, dessen Fenster zum Teil auf einen
wimmelnden Gemsemarkt sahen, und die Zimmer boten einen ganz andern Anblick dar
wie die der Baronin Viktorine in der Kronenstrae. Die kleine, lahme, zynische
Philosophin hielt nicht viel auf weiche Diwans, Fauteuils und Teppiche; aber sie
liebte schne Gemlde und Kupferstiche und hatte ihre Wnde reichlich damit
geschmckt. Seltsamerweise schien das Freifrulein vorzglich eine Vorliebe fr
die Riedingerschen Tier- und Jagdstcke zu haben; sie besa deren eine groe
Anzahl und hatte ihnen in reichen Goldrahmen fast berall die Ehrenpltze
angewiesen. Das alte Junkerblut und der Winzelwald konnten sich eben nicht
verleugnen.
    Es gab im Haushalt des Freifruleins keine schnippische Lisette, keinen
gespreizten galonierten Baptiste. Ein kleines Mdchen, welches Juliane aus der
Armenschule zu sich genommen hatte, ffnete dem Sternseher die Tr und sagte:
    's Frulein ist drin mit 'n Herrn.
    Ulex klopfte nochmals leise an eine zweite Tr, und diesmal ffnete das
Freifrulein selbst, trat aber einen Schritt zurck, als es den alten Freund
erblickte.
    Ulex?! Um des Himmels willen, wie kommen Sie - was ist geschehen? Ist der
Mond heruntergefallen? Ist etwas mit der Sonne passiert? Herein mit Euch, Mann -
was treibt Euch hierher?
    Der Greis wurde ins Zimmer gezogen, er wurde auf einen Stuhl gedrckt, der
Hut wurde ihm abgenommen, ehe er zu Atem gekommen, ehe er seiner Verwirrung Herr
geworden war.
    Ein anderer, jngerer Herr hatte sich von einem andern Stuhl erhoben.
    Mein Neffe, Leon von Poppen, sagte das Frulein vorstellend. Herr Ulex,
mein alter Freund. Beide verbeugten sich voreinander, und Leon dachte: Bien,
den Burschen htt ich schon lngst gern gekannt. Laut sagte er: Sehr erfreut,
Ihnen die Hand drcken zu knnen, Herr Doktor -
    Es ist eine groe Ehre fr Sie, lieber Neffe! sagte das Freifrulein.
Nun, Ulex, reden Sie; was ist geschehen? Es mu etwas Auergewhnliches sein.
    Wre der gelehrte Mann, der weise Beobachter der Sterne nicht solch ein
altes Kind gewesen, so wrde er sich gewi zweimal bedacht haben, ehe er in
Gegenwart Leons von Poppen das ausgesprochen htte, was ihn durch die Gassen
trieb, was ihn zu der alten Freundin fhrte. Aber Heinrich Ulex bedachte sich
nicht; er verstand es nicht, etwas zu verbergen, wenn er sich der Tochter des
Poppenhofes, der Elfin des Winzelwaldes gegenber befand. Er hatte keine Ahnung
davon, da der Bericht dieser einfachen Liebesgeschichte den ernsthaften,
bescheidenen jungen Mann, den Neffen seiner Freundin, auch sehr interessieren
knne.
    Unter der Maske lchelnder Gleichgltigkeit verbarg Leon von Poppen seine
Verwunderung:
    Hchst originell, berraschend merkwrdig! dachte er. Diese Wlfe scheinen
prdestiniert zu sein, mich berall zu contrecarrieren. Dieser Lmmel
vorzglich; - ausgezeichnet - Eva - Frulein Helene Wienand! Per Bacco, der
Einfall dieses Einfaltspinsels und bergeschnappten Professors, jetzt
hierherzukommen, um bei ma tante Vortrag zu halten, ist anerkennungswert; nicht
zu bezahlen, auf Ehre! Werde aber doch den Bauernjungen schrfer im Auge
behalten und meine kleine Zuknftige auch nicht vergessen.
    Hoch auf horchte das Freifrulein, als es die groe Neuigkeit vernahm, sie
nahm bedeutend mehr Prisen als sonst, und ihre Nasenspitze rieb und behandelte
sie so, als sei dieselbe durchaus nicht ihr persnliches Eigentum. Dagegen
unterbrach sie, ganz gegen die Gewohnheit der Weiber, die Erzhlung des Alten
nicht, sondern ergriff erst das Wort, nachdem der Berichterstatter mit einem
Gestus, welcher nur bedeuten konnte: so, gottlob, meine Seele ist die Last los -
atmend das Kinn auf den Stockknopf sttzte.
    Nun hob das Frulein die kluge, spitze, rotgeriebene Nase, trommelte auf der
Dose und rief:
    Das ist freilich eine tolle Nachricht, die Ihr mir bringt, Ulex. Ei, ei,
also das ist's?!
    Sie versank in ein tiefes nachdenkliches Schweigen, der Sternseher rhrte
sich nicht, Herr Leon von Poppen betrachtete mit ungeheurer Aufmerksamkeit einen
Kupferstich, auf welchem ein Fuchs geduckt einen Hhnerstall umschlich:
    Hchst angenehme Situation fr einen im geheimen Liebenden - une cole! Man
kann doch immer etwas lernen.
    Wieder aufschauend, sprach das Freifrulein:
    Also das ist's! Na, Gott sei Dank, Ulex; es htte schlimmer sein knnen.
Da meinem Pflegekinde auer der Sorge um den nrrischen Vater noch etwas
anderes auf dem Herzen lag, habe ich lngst gemerkt; - dies freilich ahnte ich
nicht. Wir wollen jetzt nicht weiter darber reden, Ulex; mein Neffe dort wrde
sich zu sehr langweilen. Erwartet mich heute abend zur gewohnten Stunde auf
Eurem Turm, Alter. Wir haben Fritz zu unserer Beratschlagung ebenfalls ntig; -
brigens macht Euch keine unntigen Sorgen, Ulex; wir wollen den Kindern schon
die Kpfe zurechtsetzen.
    Der Sternseher nahm Abschied von der alten Freundin und ging auf mglichst
menschenleeren und verborgenen Pfaden nach Haus. Auch der Baron von Poppen
verabschiedete sich von der Tante, und diese sagte bei seinem Weggehen:
    Haltet Euch gut, Poppen; ein Narr seid Ihr und bleibt Ihr; aber ich glaube
fast, es steckt doch noch ein Keim zu einem anstndigen Menschen in Euch.
    Dank fr die gute Meinung, teuerste Tante, lachte Leon, der alten Dame die
Hand kssend. Man sieht doch wenigstens, da Sie den Glauben an die Menschheit
noch nicht verloren haben. Au revoir!
    Damit ging auch der Baron und legte sich im Zimmer seiner Mutter hinter der
Gardine auf die Lauer; aber er bekam nicht einmal den Schatten Helenes zu
Gesichte. Gegen vier Uhr nachmittags seufzte er:
    Mama!
    Was gibt es, Leon, du bses Kind?
    Mama, da macht soeben chre tante unserm liebenswrdigen Vis--vis die
gewohnte Visite; darf ich ihr eine Kuhand zuwerfen? Im geheimen setzte er
hinzu: Knnte ich doch die alte Schachtel begleiten!
    Victorine de Poppen, ne de Zieger, welche bis dahin auf ihrem Diwan im
gewohnten apathischen Halbschlummer gelegen hatte, richtete sich hchst
lebendig, aufgeregt, entrstet auf die Ansprache des Sohnes hin in die Hhe:
    Leon, ich verbitte mir jetzt ganz ernstlich diese grliche Art, in welcher
du mir seit deiner sogenannten Umwandlung jeden ruhigen Augenblick verdirbst.
Was gehen mich die Leute drben an? Du scheinst seit einiger Zeit ordentlich
Buch ber ihr Tun und Lassen zu fhren. Und die Person - ich sage dir, Leon,
wenn du deine arme unglckliche Mutter in ein frhzeitiges Grab strzen willst,
so setze diese seit kurzem von dir angenommene abscheuliche Weise fort und
rgere mich durch Erwhnung ihres Namens. Leon, Leon, trotz deiner mirakulsen
Besserung machst du mir doch Kummer genug; Frau von Flte -
    Diesmal war an dem vortrefflichen Freiherrn die Reihe, sich die Nennung
eines Namens hchlichst zu verbitten. Der junge Mann fhlte sich, nachdem er von
dem Besuch bei der Tante zurckgekehrt war, wieder einmal recht hinfllig an
Krper und Geist. Es gab einen Augenblick, in welchem er beschlo, seinen so
energisch aufgegriffenen Plan fallenzulassen; aber eine lichte Gestalt, ein
Schein, der drben an den Fenstern des Bankiers Wienand hinglitt, litt das
nicht. Herr Leon von Poppen mute weiter auf der so khn beschrittenen Bahn,
trotz Kopfweh, Nervenzucken und Rheumatismus. Es war nicht zu verlangen, da der
Baron in der Nacht, welche auf diesen merkwrdigen Sonntag folgte, von Lydda von
Flte anders trumte als von einer Hexe, die auf einem Heiratskontrakt in viel
lieblichere Traumbilder strend hereingaloppierte, whrend Robert Wolf und Eva
Dornbluth mit einem tollen indianischen Kriegstanz um das Bett des Freiherrn
sich belustigten.
    Der arme Robert! Er dachte nicht im mindesten daran, Herrn Leon von Poppen
irgendwie, weder geistig noch krperlich, zu belstigen. Auf der Stube des
Polizeischreibers gab er sich selbst den wildesten, schwrzesten Phantasien hin,
und den Schlssel zur Stube hatte der Polizeischreiber vorsichtig ausgezogen und
in die Tasche geschoben, ehe er seine Wohnung verlie, um sich zu der
verabredeten Zusammenkunft auf dem Observatorium des Sternsehers zu verfgen.
    Im Erker des Nikolausklosters aber sagte Juliane von Poppen:
    Ich habe alles reiflich berlegt, ihr Herren. Ich werde meinem Kinde nicht
auseinandersetzen, welche Entdeckung wir gemacht haben. Die Tage des armen
Herzens sind finster genug geworden; es ist kaum zu glauben, was es um den Vater
leidet. Vielleicht ist es ein hohes Glck, da diese erste Neigung dem Kinde
grade jetzt gesendet wurde. Wir drfen keinesfalls mit zu harter Hand
dareingreifen. Wir wollen der armen Helene diesen blauen Fleck am dunkeln Himmel
so lange als mglich lassen; und wenn wir auch schrfer Wacht halten als bisher,
so wollen wir es sie doch nicht merken lassen. Den Jungen, den Schlingel, knnt
Ihr freilich schon hrter anpacken, Fiebiger. Redet ihm ins Gewissen, Alter.
Erinnert ihn an seine Schauspielerin oder Sngerin; es schadet gar nichts, wenn
Ihr ihm den leichten Sinn ein wenig niederdrckt. Der Bursche ist noch sehr
jung; man hat mit seinem Herzen gespielt, nun soll er nicht mit dem meines
Kindes spielen drfen. Lat ihn tchtig arbeiten, lat ihn lernen, legt ihm eine
eiserne Hand auf den Kopf und zeigt ihm jetzt das Leben so nchtern wie mglich.
Wenn in dieser Neigung die rechte Kraft ist, so wird er den Kopf schon wieder
aufrichten, und die Zukunft wird das Dienliche bringen! Wir wollen uns nicht
zuviel Sorge darber machen. Wann denkt Ihr den Knaben aus Eurer Schule
entlassen zu knnen, Ulex?
    Ich hoffe, da wir ihn im nchsten Frhjahr auf die Universitt senden
knnen, antwortete der Sternseher.
    Vortrefflich! Das pat ganz. So habt denn gute Acht auf den Knaben, ihr
Herren; fr das Mdchen will ich schon sorgen. -
    Als Friedrich Fiebiger und Juliane von Poppen vom Turm des Sternsehers
niedergestiegen und in den Klosterhof getreten waren, war der erste Schnee des
Winters gefallen, und ber die Stadt und weit ber alles Land lag die weie
Decke gebreitet. Stumm gingen die beiden alten Leute nebeneinander, man hrte
ihre Schritte nicht, weder auf dem Hofe von Sankt Nikolaus noch in der Strae,
noch in dem Hofe von Nummer zwlf in der Musikantengasse. Sie sahen noch einmal
in die Wohnung des Tischlers Johannes Tellering, sie beugten sich still ber das
Lager des Kranken. Hinter ihnen her war verhllt ein anderer, noch lautloseren
Schrittes, gegangen; er stand auch jetzt hinter ihnen und blickte ihnen ber die
Schultern und schttelte wie sie den Kopf. Alle in dem dmmerigen Gemach ahnten
seine Gegenwart und schauderten - - Johannes Tellering sollte nun nicht lange
mehr leiden.
    Als Juliane und der Schreiber aus der Hofwohnung wieder ins Freie getreten
waren und mit vollen Zgen die frische Luft geatmet hatten, sagte das
Freifrulein:
    Wie wunderlich, wunderlich - wie Herzen ihre Hoffnungen da aufbauen, wo
ebenso viele Hoffnungen zugrunde gehen; - o Fritz, es mu doch eine tchtige
Lebenskraft in der Welt stecken! - -
    Noch einmal sahen sich Robert und Helene am Bette des Meister Johannes, und
das war gut; dann endete das Leben des alten Handwerksmannes, und das war auch
gut. Nun lag der wackere Kmpfer ausgestreckt, still auf seinem Lager; er hatte
Ruhe - es war, als spiele ein Lcheln des Triumphes um die bleichen Lippen. In
ihrer Kammer weinten Mutter und Tochter, aus der Werkstatt erschallte kraftvoll
der Hammerschlag Ludwigs; der Sohn vollendete eben den Sarg des Vaters; er
machte meisterliche Arbeit, es mute der trefflichste Sarg werden, den er jemals
angefertigt hatte. So ma er denn und behobelte die guten Bretter, auf denen des
Vaters Augen so oft geruht hatten; es war ihm whrend der Arbeit, als ruhten sie
noch darauf, und er bestrebte sich mit fieberhaftem Eifer, da das Stck ohne
Fehl und Tadel - ein gutes wackeres Schreinermeisterstck - zustande komme.
    Wieder war es Nacht; wieder lehnte Robert Wolf an der Hobelbank neben dem
Freunde, und Ludwig Tellering sagte zu ihm:
    Was hilft es alles - weiter, immer weiter; Brett zu Brett, Nagel bei Nagel,
Schraube bei Schraube; - was sorgen wir uns viel um ein Leben, das zuletzt doch
hiermit zu Ende ist?
    Drhnend fiel die Faust des Arbeiters auf den Sarg, dann fuhr er fort:
    Weiter, immer weiter! Wenn ich den stillen Mann dort in der Kammer hier in
dieser Kiste in die Erde gelegt haben werde, was dann? Werde ich dann knnen,
was ich mu? Kann ich hier in dieser Werkstatt weiterhmmern und weiterhobeln in
gewohnter Art? Es kommt mich ein Grauen an, wenn ich daran gedenke. Ich mu, ich
mu! Sieh um dich, Robert, siehst du nichts im Dunkel der Winkel? Die Not, der
Hunger kriechen gierig daraus hervor. Tglich und stndlich schlage ich sie mit
dem Hammer nieder, aber sie richten immer hhnischer die Kpfe auf. Dagegen ist
keine Hlfe hier. Ich denke oft, in der Ferne sei Hlfe; - aber wo? Ich
zerbreche mir oft den Kopf darber. In die Ferne mchte ich - weit, weit von
hier weg; immer weiter, weiter!
    ber das Meer, nach Amerika, zu Marie Heil, sagte Robert, ohne eigentlich
zu wissen, was er sagte. Die Ideenverbindung ergab sich von selber; aber Ludwig
starrte den Freund an, als ob er etwas ganz Unbegreifliches, berraschendes
ausgesprochen htte.
    Oh, sagte Robert, du bist doch noch glcklich. Wohl ist der Tod deines
Vaters ein schmerzliches Ereignis, aber das schreckliche Leiden ist dadurch zu
Ende gekommen; der Gute dort in der Kammer fhlt keine Schmerzen mehr, geh
hinein und sieh, wie er lchelt. Du bist immer noch glcklich, Ludwig; du kannst
deine Liebe aufsuchen; nichts hindert dich, morgen zu gehen, und deiner Mutter
und Schwester kannst du drben vielleicht ein besseres Los schaffen, als hier es
mglich ist. Du kannst Marie suchen und wirst sie finden; ich aber - ich mu
meine Liebe fliehen; - sie haben entdeckt, was ich so tief in meiner und deiner
Brust verborgen glaubte; sie haben es auf die Strae gerissen, die Narren, die
bsen Weiber lachen und grinsen darber, die Freunde schtteln traurig den Kopf
- was soll ich tun? Was soll ich tun?
    Die jungen Herzen schlugen laut und wild; der tote Greis in der Kammer
nebenan regte sich aber nicht, das Lcheln schwand jedoch auch aus den
erstarrten Zgen: Staub zu Staub, Asche zu Asche; ruhig, ruhig, ihr jungen
Herzen! - -

                           Dreiundzwanzigstes Kapitel



Es kommt Nachricht von den Wanderern. Robert Wolf lt sich naregnen. Texas!

Hoch lag der Schnee, und grau war der Himmel, als der Leichenzug des Meisters
Johannes Tellering sich durch die Straen wand; aber selten wurde der Sarg eines
armen Mannes mit so schnen und teuern Blumen geschmckt zur Gruft getragen. Von
seinem Turm herab war der Sternseher Heinrich Ulex gestiegen und schritt dicht
hinter den Trgern des Sarges; Polizeischreiber Fiebiger hatte Urlaub vom Rat
Trster, seinem hohen Chef, genommen und ging mit Robert hinter Ludwig und dem
alten Ulex. Ein langer Zug Handwerksgenossen in den langen ehrbaren
Feiertagsrcken, Zitronen auf den Handwerksemblemen tragend, folgte. Juliane von
Poppen und Helene Wienand blieben in der Hofwohnung bei den armen Frauen der
Familie.
    Der Schnee lag hoch, die Luft war dunkel, der Tag ganz geeignet zu einem
Begrbnis. An der Grube auf dem Kirchhof hielten weder der Konsistorialrat
Krokisius noch die Herren Seelenhirten Nothzwang und Drnemeier Lobreden auf den
Verstorbenen. Aber es war viel nachdenkliches und betrbtes Volk zugegen, und
das Lob, das leise und mit Trnen in den Augen geflstert wurde, war auch ein
Lob. Es zeigte sich, da der Meister Johannes ein sehr bekannter, ein sehr
angesehener Mann war, und zwar nicht nur bei den Handwerksgenossen.
    Das Sprichwort meint freilich, man msse sterben, um gelobt zu werden, wie
man freien msse, wenn man getadelt werden wolle; aber hier war das Lob so
einstimmig und innig, da wirklich nicht an der Aufrichtigkeit desselben zu
zweifeln war. Selbst Julius Schminkert war an diesem Morgen recht ernst
gestimmt, und niemand hrte an diesem Tage einen der gewohnten Witze von ihm.
Schnell erhob sich ber dem Leibe des Meisters Johannes der Hgel, und noch
whrend der Arbeit der Spaten deckte ihn bereits der herabwirbelnde Schnee.
Durch ein lustiges Gestber schritten die Trger, die Leidtragenden nach Hause,
und die, deren Heimweg lang war, vergaen den Toten, bevor sie das erste Viertel
des Weges zurckgelegt hatten. Sie hatten ihre eigene Not, ihre eigenen
Bedrngnisse - dem Toten war sein Recht gegeben; wer konnte es ihnen verdenken,
wenn sie nun gleich wieder an das Leben dachten? Es war fr die meisten
Teilnehmer am Grabgefolge doch hart genug, dieses Leben!
    Durch den tiefen Schnee wateten auch die Freunde aus der Musikantengasse und
der Gelehrte vom Giebel des Nikolausklosters nach Hause. Sie vergaen den Toten
nicht so schnell, nachdem die traurige Pflicht abgetan und Staub zu Staub gelegt
worden war. Noch einen Augenblick saen Ulex, Fiebiger und Robert Wolf nieder in
der dunkeln Hofwohnung, inmitten der kleinen trauernden Familie, deren Haupt sie
zu Grabe gebracht hatten.
    Milde trstende Worte sprach der Sternseher zu der Frau Anna und der
weinenden Luise, und Helene Wienand, dicht an das Freifrulein sich schmiegend,
verwandte die Augen nicht von dem ehrwrdigen Gesicht des Greises. Auf dem
Heimwege aber fate das junge Mdchen die Hand Julianes und rief mit einem
pltzlichen Ausbruch:
    O er mu zu meinem Papa kommen; er mu ihn sehen, er mu zu ihm sprechen!
    Von wem sprichst du da, Kind? fragte das Freifrulein ganz verwundert.
    O von ihm, dem Guten, dem guten alten Mann! rief Helene. Er wird zu dem
Vater sprechen; er wird ihn heilen; er wird tun, was der Herr Rat Pfingsten
nicht kann!
    Das Freifrulein sah das Pflegekind ganz verwundert an.
    Den alten Ulex meinst du? Wahrhaftig, es knnte deinem Vater gar nichts
schaden, wenn der mit ihm zusammengebracht wrde. Welch eine Idee! Wir wollen
noch darber sprechen!
    Der Wagen hielt vor dem Hause in der Kronenstrae, und die Baronin
Viktorine, die am Fenster stand, fuhr beim Anblick der Schwgerin, mit den
Zeichen allerhchsten Abscheus, bis in die Mitte des Zimmers zurck:
    Die Person! Schlimmer als eine Spinne, schlimmer als - eine - Maus! Elise,
Elise, mein Flschchen!
    Elise strzte mit dem Riechflschchen herbei und fhrte ihre Herrin zu dem
Diwan, wo dieselbe aus einem leichten Krampfanfall dem gewohnten Schlummer
anheimfiel. Im obern Stockwerk lauerte Leon hinter der Gardine auf das Fchen
Helenes. Das wenige, was er davon erblickte, setzte ihn in eine sehr gemischte
Stimmung.
    Der Engel! hauchte er und setzte grollend hinzu: Impertinenter alter
Drache von Tante! Aber nur ruhig, Leon, mein Sohn; wir machen da drben doch
noch Visite. - -
    Es spannen sich die Tage eines jeden fort durch den Winter. Zu seinem Robert
sagte Polizeischreiber Fiebiger:
    Du hast dir ein hohes, schnes Ziel vorgesteckt, mein Junge, und es ist
sehr zweifelhaft, ob du es erreichen wirst, ob du deinen Willen haben wirst.
Eines merke dir, Junge: durch Trumen und Grillenfangen erreichst du es nicht,
und wenn dir die Umstnde noch so gnstig wren, wenn dir - hm - das kleine Ding
- hm - noch so gut wre. Dies Frulein Wienand ist ein ganz hbsches Mdchen;
aber nicht nur vor die Tugend, sondern auch vor das Schne setzten den Schwei
die unsterblichen Gtter, wie Ulexius sagen wrde. Und diese Gtter sind ganz
merkwrdige Persnlichkeiten: uerlich hchst glcklich und
klassisch-regelmig gebildet, inwendig aber voll Ncken, Tcken und Schrullen.
Es amsiert sie, die Menschen wie Kreisel tanzen zu lassen, sie wissen die
Peitsche wohl zu gebrauchen, und die Gttinnen - Venus Amathusia vor allen -
stehen und halten sich die Seiten vor unbndiger Heiterkeit. Ach, wir auf der
Polizei erfahren viel von ihrem Wesen, mehr als alle griechischen und
lateinischen Schullehrer und Professoren! Die Gtter wollen sehr oft den Schwei
- Schwei und Blut -, ohne den Lohn geben zu wollen. Versuche es aber doch und
schwitze; wer wei, was geschieht!
    Und Robert arbeitete, und die jetzt so scharfugigen Alten waren nicht so
grausam, da sie ihn ganz von Helene getrennt htten; sie berwachten jedoch die
Zusammenknfte der beiden jungen Leute sehr genau und gaben acht, da kein
Schaden geschehe.
    Der Hammer in der Hofwohnung klang Tag und Nacht, fast ohne Aufhren. Die
Sge kreischte, der Hobel fuhr ber alles Rauhe, ber alle ste und Knorren:
Glatte Bahn! glatte Bahn! Guten Mut, Ludwig Tellering, auch im Menschenleben
rumt eine starke Hand manchen Knorren und Ast aus dem Wege und macht glatte
Bahn, glatte Bahn, glatte Bahn!
    Der Sternseher sah nach den Sternen, und das Freifrulein fhrte ihn bei dem
armen Bankier in der Kronenstrae ein; aber der Kranke hatte groe Angst vor dem
Greise und duldete nur zitternd seine Gegenwart. Der Sanittsrat Pfingsten
sprach sich gegen das Freifrulein dahin aus: es werde endlich nichts
brigbleiben, als den Patienten in eine Irrenanstalt zu bringen, Hlfe und
Heilung werde aber voraussichtlich auch da nicht zu finden sein; denn diese Art
der fixen Ideen komme meistens nur mit dem Tode des Individuums zu Abschlu.
    Wenn das ist, so wollen wir den armen Mann nicht fremden Hnden berlassen,
Pfingsten, sagte Juliane. Zu Tode fttern knnen wir ihn auch. Der Arzt
zuckte die Achseln. -
    Unter dem Getn einer hchst friedlichen Katzenmusik smtlicher Hausgenossen
verlie Frulein Aurora Pogge die Nummer zwlf der Musikantengasse, und der Tag
ihres Exodus war fr die Nummer zwlf ein sehr heiterer Tag. Der satanische
Julius hatte natrlich an der Tr der Schneiderwerkstatt Posto gefat, und die
himmlische Angelika kicherte hinter dem Trvorhang. ber alles und jedes machte
das holde Paar seine frivolen Bemerkungen. Nichts war den beiden unverschmten
Kreaturen heilig, weder die jungfruliche Bettstatt Auroras noch das Portrt des
kriegskommissarischen Papas; ja Schminkert trieb die Verwogenheit sogar so weit,
dann und wann ein Stck Hausrat anzuhalten und, zum Ergtzen des vor der Haustr
versammelten Volksspiels, seinen Scherz damit zu treiben:
    Hier kommt der Thron der Grazien! Lat den Thron der Grazien durch, Brger
von Athen! schrie er, als ein grinsender Packtrger einen kastenhnlichen
Stuhl, auf welchem man grade nicht sehr grazis sich niederzulassen pflegt,
hervorschleppte.
    La den Deckel zu! La den Deckel zu, glorwrdig Volk! schrie der
Schauspieler. Hier kommt ein ganzer Waschkorb voll ser Erinnerungen aus lang,
unendlich, unermelich, schauderhaft lang vergangener Jugendzeit. Setzt ab die
Bahr', ihr schwarzverhllten Trger - bei allen Mchten, hineingucken mu ich,
und wenn des Teufels Gromutter in eigener Person Wache davor hielte! ... Brrr!
Lauter Percken und mauserige Schmachtlocken? Lauter abgelegte imitierte ppige
Krperformen? Hurra, versammeltes Volk, was sagst du hierzu?
    Mit spitzen Fingern hielt der Sptter eine vergilbte seidene Robe aus dem
Anfang dieses Jahrhunderts in die Hhe, und Janhagel sperrte lachend das Maul
auf:
    Donner, welch 'n Staat!
    So trug man sich, als Frulein Pogge ein junges Mdchen war; lang, lang
ist's her! sprach und sang der Schauspieler mit einem tiefen Seufzer und lie
den Plunder wieder fallen. Er erblickte jetzt den Hausherrn am Fenster und rief
ihm mit gellender Stimme zu:
    Soll ich ein Andenken fr Sie - ganz Rokoko, Herr Museler -, soll ich ein
Andenken zurckbehalten fr Sie?
    Der Rentier schttelte krampfhaft das ehrwrdige Haupt, und Julius
Schminkert setzte seine spahafte Inventur zum Ergtzen der gesamten
Nachbarschaft fort, bis mit dem letzten Hausgert Frulein Aurora Pogge selbst,
grngelb, vor Wut dem Tode nahe, das Haus verlie und mit einem allgemeinen
Jubelgeschrei von der Hausgenossenschaft entlassen und von dem Haufen auf der
Strae empfangen wurde.
    Jetzt Chlorkalk her! jubelte Schminkert. Pulver aufgeblitzt! Mit Essig
den Boden gesprengt! Rucherkerzen und Knigsrucherpulver! Herr Stibbe,
Schwiegerpapa in spe, Sie, Herr Museler, Kommerzienrat in spe: ich bitte um ein
Attest darber, da ich mich um das Vaterland verdient gemacht habe!
    Frulein Aurora Pogge zog aus, und Julius Schminkert blieb im Hause; sein
Ansehen und Ruf war bedeutend gestiegen, seine Liebe fr die liebliche Angelika
blieb dieselbe. Er legte die achthundert Taler, das Vermchtnis der seligen
Tante, nieder in die Hnde des Tailleurs Alphonse Stibbe als Brgschaft fr
knftiges gutes Verhalten. Dem Hausherrn, Herrn Museler, malte er in mancher
Privatunterhaltung immer schrecklicher die Heiratsfallen, welche ihm - Museler
dem Edlen - Aurora Pogge gelegt habe, und der Rentier erklrte ihn - Julius
Schminkert - fr einen recht gescheiten jungen Mann, mit dem man Nachsicht haben
msse, da er doch nichts dafr knne, da ihn Gott in seinem Zorn zum Kinstlr
gemacht habe.
    Unter den allbekannten, oft besungenen und beschriebenen Symptomen nahm der
Winter Abschied und kam der Frhling: es gab ein groes Auftauen und viel
Schmutz in der Stadt sowohl wie auf dem Lande. Unglckliche Buttervgel wagten
sich hervor und erfroren wieder in sehr kalten Nchten; auf dem Spaziergang
kreischten die Damen hell auf, wenn harmlos der erste Frosch vor ihnen ber den
Weg hpfte; irgendwo durchbohrte der erste Mckenrssel den feinen weien
Strumpf und sog Jungfrauenblut zum hohen Unbehagen der Jungfrau. Die frommen
Schwalben kamen aus ihren unbekannten Winterquartieren zurck und klebten ihre
Drecknester an die Huser, und sehr viele piettlose Hausbesitzer stieen sie
mit langen Stangen wieder herab, weil sie behaupteten, das Viehzeug bringe
Wanzen mit. Der Landmann pflgte fluchend ber die saure Arbeit und die hohen
Steuern den Acker, und die Krhen hpften hinter ihm her und fraen mit Appetit
Engerlinge; auch der whrend des Winters erzeugte Dnger wurde aufs Feld
gefahren. Man bekam wieder einmal sehr leicht den Schnupfen und wurde ihn wieder
einmal sehr schwer wieder los. Es war nicht zu verlangen, da der
Polizeischreiber Fiebiger sich sehr begeistere fr den Frhling; er nahm ihn,
wie er sich gab, und traute ihm nicht eher, bis er vorber war. An einem Morgen
im Frhling aber war's, als der Beschtzer Robert Wolfs in den vor seiner Tr
angebrachten Briefkasten griff und einen Brief hervorzog, welcher durch
Vermittelung eines der bekanntern Handlungshuser der Stadt in den besagten
Kasten geworfen worden war.
    Der Schreiber verga nicht leicht eine charakteristische Handschrift, wenn
er sie auch nur ein einziges Mal gesehen hatte; der Brief kam aus weiter Ferne,
kam bers Meer, der Brief war von Friedrich Wolf.
    Keine berstrzung! sagte der Polizeischreiber, legte das gewichtige
Pckchen auf den Tisch, zndete seine Pfeife an, warf einen Blick auf Robert
Wolf, der am Fenster eifrig las, zog einen Stuhl an den Tisch, setzte sich mit
einem Seufzer nieder und erbrach nun erst ganz bedachtsam das Kuvert. Zwei
andere Briefe fielen heraus; der eine war von Marie Heil an Luise Tellering, der
andere von Eva an Robert gerichtet. Der Schreiber warf wieder einen Blick auf
seinen nichtsahnenden Schtzling und vertiefte sich dann in das an ihn selbst
gerichtete Schreiben Friedrich Wolfs.
    Es lautete:

Wir senden aus der neuen Heimat den Freunden drben diese Botschaft.
Geschwiegen haben wir bis jetzt, weil wir das fr das Bessere hielten. Die Zeit
sollte erst die Wunden, welche nicht wir geschlagen hatten, verharschen machen.
Wir hoffen, da die Zeit ihre lindernde Kraft bewiesen hat!
    Ich kann dem wackern Mann, der meinem armen Bruder so hlfreich die Hand
reichte, nur immer von neuem danken. Eva schreibt selbst an Robert.
    Ich habe meine Frau wild und weit durch die Welt gefhrt; die Kinder aus dem
Winzelwalde haben ihr eigenes Schicksal, und wechselnde Sterne leuchten ber
ihnen. Nun stehen wir wieder vor einer groen Wanderung. Den Reichtum, welchen
mir das Glck unaufgefordert in den Scho warf, hat es mir in einem Anfall bler
Laune wieder bis auf ein Bruchteil genommen, und meine Angelegenheiten befinden
sich jetzt ziemlich vollstndig, wie man hierzulande sehr geistreich sagt, out
of fix. Die Stimmung haben wir uns jedoch nicht verderben lassen und bereiten
uns jetzt zu einer marooning party, das heit eine Landpartie auf mehrere Tage
mit Proviant, vor; das heit wiederum, wir gehen einige tausend Meilen weit,
nach Texas. Es weht hier eine ungemein gesunde Luft, und wir atmen den Hauch des
Weltmeeres zugleich mit dem Hauch des Urwaldes und der Prrie ein; man verliert
dabei nicht so leicht den Mut. Die eigene Kraft, die in Europa so manches Mal
nur eine Phrase ist fr ein von tausenderlei Staatsgewalten gezgeltes,
zurckgehaltenes, niedergedrcktes, vergebliches Abkmpfen, ist hier fr den
echten Mann noch immer eine Wahrheit, was auch die nchsten Zeiten bringen
werden. Wenn man nur nach den Sternen sieht, so findet man immer seinen Weg; -
mit frischem Mut westward ho, und - Gott befohlen!
    Eva Wolf ist wohl und frhlich, von fixings keine Spur; - sie wei
vortrefflich mit dem Revolver umzugehen und wird, eine herrliche stolze Jgerin,
mit den Jgern und Handelsleuten reiten. Die Frau wird sich weitlufiger in
ihrem Schreiben auslassen; meine Zeit ist gemessen, rastlos mu ich den
Schleifstein drehen, auf dem ich die Waffen und Werkzeuge schrfe, welche uns
den Weg weiterbahnen sollen. Die Funken springen im feurigen Kreise, das Leben
wartet auf niemand; morgen sind wir auf dem Wege der Sonne vom Orient zum
Okzident! Was kmmert uns die Nacht? Wir sehen nach den Sternen, an die wir
glauben!
    Lebt wohl!
                                                                  Friedrich Wolf

    New Orleans, Saint Charles Hotel,
    am 28. Febr. 184-.

So ist es! murmelte der Polizeischreiber. Der eine sitzt in der Hhe, zum
Exempel drben auf dem Giebel des Nikolausklosters, hoch ber dem Getriebe der
Menschen und sagt: Seht nach den Sternen. Der andere marschiert im Getmmel mit,
tritt seinem Vordermann auf die Hacken, lt sich von seinem Hintermann auf die
Hacken treten und fat seine Lebensweisheit in dieselben Worte zusammen.
Phantasten sind sie beide; aber es ist doch ganz nobel, sich solchen
Phantastereien hinzugeben. brigens hat der Mann im Giebel den Vorteil, da er
wenigstens so ziemlich sicher sitzt; dieser hier - der Schreiber legte die Hand
auf den Brief Friedrich Wolfs -, dieser hier beschreitet einen gefhrlichen
Pfad und fhrt, was das schlimmste ist, ein anderes, schwcheres Wesen auf
demselben Pfade mit sich fort. Es ist wahr, sie haben viel Glck, diese
phantastischen Abenteurer, die in lchelnder Sorglosigkeit keinen Zweifel kennen
und sich allen feindlichen Gewalten gewachsen glauben; die Welt bedarf ihrer,
die Poeten, die Helden jeder Art rekrutieren sich aus ihnen. Dieses nach seinen
Sternen sehende Abenteurertum schiebt die Geschichte vorwrts; berall ist es am
Werk beschftigt, hinter der Bhne und auf der Bhne. Wer zieht die Seile und
haspelt an der Maschinerie, wenn die Szene sich verndern soll? Diese
sternguckenden Gesellen sind es. Wenn nur ihre Sterne nicht so oft sich in
Sternschnuppen verwandelten! Arme Burschen! Was ist das Ende der meisten? O
Friedrich Wolf, mein tapferer, mein lieber, mutiger Junge, wohin wirst du von
deinen Sternen gefhrt werden? Wohin wirst du dein mutiges, edelherziges Weib
fhren?
    Kopfschttelnd erhob sich Fritz Fiebiger und legte den Brief Evas auf den
Phdon, Robert Wolf vor die Nase.
    Auch der Jngling erkannte sogleich die Handschrift; er stie einen
erschreckten Laut hervor, eine hohe Rte berflog sein Gesicht, die Hand, mit
welcher er das Siegel zerbrach, zitterte nicht wenig; aber dieses Mal zerri er
den Brief Evas nicht ungelesen. Das geffnete Schreiben in der Hand, wollte er
aus der Tr strzen, als der alte Fiebiger lchelnd rief:
    Halt ein wenig! Hier ist noch eine Epistel an Frulein Luise Tellering;
nimm sie mit und gib sie ab.
    Robert griff nach dem Dargebotenen und eilte jetzt davon; den Brief an Luise
legte er auf dem Hofe in die Hand Ludwig Tellerings, mit dem Schreiben Evas
sprang er in die Gasse und durcheilte sie fast so schnell wie an jenem Abend, wo
er von Julius Schminkert und dem Polizeischreiber gejagt wurde. Manche Strae
mute er durchlaufen, ehe er sich so weit gefat hatte, da ihm die Buchstaben
nicht mehr verworren vor den Augen durcheinandertanzten. Es regnete leise, aber
er merkte es nicht; zuletzt stand er, an eine Hauswand gelehnt, mitten in dem an
ihm vorbertreibenden Getmmel und las:

    Lieber, lieber Robert!

    Ich schreibe Dir wieder einen Brief. Ein Jahr und ein halbes ist vergangen,
seit wir uns zuletzt sahen, das ist eine lange Zeit fr das kurze Menschenleben.
Man kann darin viel Leid erdulden und viel Freude haben; man kann darin viel
besser und viel schlechter werden. Man kann darin ein ganz anderes Wesen werden,
und manchmal merkt man das, oft merkt man es nicht; es geschieht darum aber
doch.
    Es trennt uns nicht nur die Zeit, es trennen uns auch weite Rume, Land und
Wasser, und oftmals mein ich noch, es sei nur ein Traum, der mich hier gefesselt
halte und mir so bunte Bilder zeige. Oh, ich sehne mich gar nicht nach dem
Erwachen; ich bin eine glckliche Frau geworden, Lieber; - o mge es Dir auch so
gut gehen und mgest Du all das Glck finden, welches ich Dir zu jeder Stunde
wnsche. Ich fhle es nun recht mit geheimem Schauder, dort bei Euch htte ich
zuletzt doch zugrunde gehen mssen; ich war wie ein armer Vogel, welchem man die
Flgel abgeschnitten hat und der im Staube sein Leben, das eigentlich den blauen
Lften gehrt, verhpfen mu. Weit Du, lieber Bruder Robert, in unserer Stube
zu Poppenhagen hpfte solch ein verstmmelter Vogel unter den Bnken, verstubt,
halb blind, mit zerzaustem Gefieder, immer in Furcht vor der Katze. Fritz hatte
ihn gefangen und mir geschenkt, ich denke heute noch kummervoll an das arme Tier
- die Katze hat es zuletzt doch erhascht. Mir sind jetzt die Flgel wieder
gewachsen, und ich kann hoch und weit fliegen; aber den armen Hnfling verga
ich darum doch nicht, auch nicht das Schulhaus und das Pastorenhaus, die Grber
auf dem Kirchhof, die Berge, den Poppenhof - das ganze Poppenhagen. Die
Kirchglocke hre ich noch immer, und alle Dorfleute kommen mir vor die Augen,
als habe ich sie erst gestern verlassen. Wenn ich hier in groer Gesellschaft
bin, im englischen Sprachgewirr, wenn alles higgledy-piggledy
durcheinanderzischt und -schnappt, auf dem Mississippidampfer, im Wagen oder zu
Pferde: berall und immer kommen mir die alten bekannten Bilder. Und wenn mich
dann irgendein kluges oder dummes Wort aufweckt und ich antworten mu, so merke
ich, wie ich in meinen Trumen aus dem Getmmel so weit weg war. - Da sitze ich
und frage mich, ob wohl die alte Liese noch lebe und vor der Schenke in der
Sonne kauere. Ob wohl an dem Wegweiser auf dem Kaiserberge immer noch alle drei
Arme fehlen. Welche Kinder mgen jetzt wohl die Abendglocke ziehen, da wir fort
und so weit in der Welt zerstreut sind? Ich htte doch nie gedacht, da ich
einmal das Heimweh nach dem Winzelwald, nach dem schmutzigen Dorf Poppenhagen
bekommen wrde.
    Lieber Bruder, Fritz ist sehr gut gegen mich; er hat viel Unglck gehabt in
der letzten Zeit. Ein groer Liner, das heit eines der Liverpooler
Paketschiffe, ist mit vielen Gtern, die uns gehrten, untergegangen, wir haben
viel Geld verloren beim Bankerott einer Bank in Philadelphia. Aber Friedrich ist
ein rechter Mann, der sich nicht durch Widerwrtigkeiten beugen lt; wir werden
jetzt eine groe Reise antreten in ein ganz neues Land, wo es vielen gelingt,
Reichtmer zu erwerben; Fritz hat die besten Hoffnungen; er summt, singt und
pfeift den ganzen Tag, und sein Schritt erschttert immer strker den Fuboden.
O wenn ich ihm nur behlflich sein knnte auf seinem Wege! Wre meine Hand so
stark wie mein Herz, er sollte auf kein Hindernis auf seinem Pfade stoen. Nun
kann ich aber nur treu an seiner Seite gehen und den Sternen, die er sieht,
glauben und ihm folgen, wie er mich fhrt, durch Wildnis und Wste, ber Land
und Meer, durch alle Not und allen Schmerz. Lieber, teurer Bruder, je fester ich
mich an das Herz, welchem ich mich gegeben habe, festklammere, desto mehr mu
ich mit Wehmut an den Schmerz denken, der durch mich einem andern Herzen, wenn
auch ohne meine Schuld, angetan ist. O mchtest Du doch schon die gefunden
haben, welche Dir zum Trost und zur Begleitung auf Deinem Lebenswege von Anfang
an bestimmt wurde; - ich war es nicht, lieber Robert, das sage ich Dir immer
wieder. Wir leben hier in einem herzlosen, lieblosen Getmmel; ach Robert, wenn
Du doch wtest, was es mir sein wrde, wenn ich nur mit dem einen Gefhl des
Heimwehs der Heimat gedenken knnte! Gedenke Du der Wanderer im fremden Lande,
dear Bob, aber sende ihnen keine harte und wilde Gedanken nach auf ihren wilden,
gefahrvollen Weg.
    Sei tausendmal gegrt und lebe wohl!
                                                                       Eva Wolf

Die Leute, welche an dem lesenden Robert vorbergingen, hatten hinreichend
Grund, sich ber den jungen Mann zu verwundern; er gab an seiner Hauswand eine
vollstndige dramatische Vorstellung dem erstaunten Publikum zum besten, und
Julius Schminkert wrde es nicht besser gemacht haben. Als er wieder zur
Besinnung kam, entzog er sich ziemlich beschmt so schnell als mglich dem
gaffenden Kreise, welcher sich um ihn gebildet hatte, und eilte ziemlich
durchnt vom Regen heim. In der Musikantengasse strzte ihm sein Freund Ludwig,
welcher sich in einer hnlichen Gemtsverfassung wie er selbst befand, entgegen:
    Texas! Texas! Sie geht nach Texas, hat sie der Schwester geschrieben! Und
ich - wir - die Mutter und Luise - wir alle gehen ihr nach. Ich habe es lange
mit mir herumgetragen; aber jetzt ist's fest beschlossen; ich gehe mit der
Mutter und Luise nach Amerika. Es finden so viele Tausende, Hunderttausende ihr
Glck drben, weshalb sollten wir es nicht auch dort finden? Sie brauchen
rstige Arme und guten Mut drben, und guten Mut und rstige Arme habe ich. O
Marie, Marie! Nach Amerika, nach Texas!
    Der Polizeischreiber in seiner Stube vernahm ein groes Gepolter drauen auf
der Treppe und richtete den Kopf von seinem Buche in die Hhe:
    Na, da ist er wieder. Jetzt werden wir auch wohl erfahren, was in dem
Skriptum steht. Kann's mir freilich schon denken. Na, Gott segne die Wirkung.
    Schon strmte Robert in die Tr und reichte dem alten Freunde das Schreiben
Evas.
    Lesen Sie! O lesen Sie! Was soll ich tun, um solcher Worte wrdig zu
werden?
    Werde ein echter Mann, wie sie ein echtes Weib ist! sagte Fiebiger ruhig,
nahm den Brief Evas und legte dafr den Friedrichs in die Hand des Jnglings.
    Am Abend wurden beide Schreiben dem Sternseher auf den Turm gebracht, und
Heinrich Ulex neigte sein weies Haupt darber:
    Seht nach den Sternen!

                           Vierundzwanzigstes Kapitel



  Reden der Weisen und Guten; Herr Leon von Poppen hlt sich aber auch fr gar
 nicht dumm. Perspektivische Aussicht auf einen Parfmerie- und Modewarenladen

Ein Jahr und ein halbes sind vergangen, seit die Leute dieses Buches uns zum
ersten Male vor die Augen traten. Wir haben unser Bestes getan, den Leser mit
ihnen bekannt zu machen. Ist uns das gelungen? - Groe Tragdienfiguren konnten
wir nicht aus ihnen machen und wollten es auch nicht. Keiner aus der bunten
Reihe lehnt sich im tragischen Zorn gegen die Welt und die gegebenen
Verhltnisse auf, um das eigene Ich, sei es im edelsten, sei es im
verderblichsten Sinne, an ihre Stelle zu setzen und unterzugehen an dem groen
Unterfangen.
    Wir haben eine Handvoll Leben herausgegriffen aus dem Gewimmel des Daseins,
wie der Schiffer aus dem leuchtenden Meer eine Handvoll lebendiger Glut schpft.
Es ist ein groes ewiges Glnzen, aber der einzelne Funken erlischt bald! Das
Farbenspiel, welches im Ganzen kein Ende hat, das kommt in der noch so vollen
Hand bald zum Schlu. Wir mssen uns drein ergeben; wir betrachten zappelnde
Mollusken und zappeln selbst molluskenhaft zum Vergngen anderer, bis die kurze
Stunde unserer Zeit vorbei ist.
    Die Frhlingssonne schien ber Gerechte und Ungerechte, Kranke und Gesunde
und erweckte nicht nur Flhe, Mcken, Wanzen, das Gesindel Mephistos, sondern
auch Blumen, Schmetterlinge und liebliche Hoffnungen aller Art. Es war doch,
alles in allem genommen, ein recht erfreuliches und gar nicht langweiliges Ding
um sie. Wenn auch der Frhling schon mehr als einmal dem Winter gefolgt war, er
war doch ein lieber, gern gesehener Gast und fand berall offene Tren und sehr
viele offene Herzen. Wehe den Tren und Herzen, welche ihm verschlossen blieben!
    Neben dem Vater in dem verdunkelten Gemache sa Helene Wienand und nhte im
Lichte des einzigen Sonnenstrahles, welcher, an dem niedergelassenen Vorhange
vorbei, in das Zimmer dringen konnte. Mit angstvoller Aufmerksamkeit blickte der
gebrochene Mann auf die geschftigen Finger seiner Tochter; sie durfte unter
diesem Blicke kaum innehalten mit ihrer Arbeit; denn es gehrte zu den bsen
Einbildungen des Bankiers, da sein Kind ihn, den verlorenen Bettler, mit dem
Werk ihrer Hnde ernhren msse. Stundenlang konnte der reiche Mann sitzen und
zusehen, wie die feinen Finger der armen Helene sich abmhten. Der Vater achtete
nur auf die Finger seines Kindes, nicht darauf, da die Augen desselben immer
mehr ihren Glanz verloren, nicht darauf, da die Wangen desselben immer mehr
abzehrten. Tag fr Tag, immerzu, immerzu mute Helene jetzt unter diesem
finstern, unheimlichen Blicke nhen; erst wenn die Erschpfung den
beklagenswerten Mann bermannte und ihn in einen unruhigen Schlaf versenkte,
konnte sie sich Ruhe gnnen, durfte sie die Nadel sinken lassen und still
weinen.
    Seit dem Begrbnis des alten Tellering hatte sie die Strae nicht wieder
betreten; sie wich dem Vater nicht mehr von der Seite, und selbst das
Freifrulein konnte nichts dagegen tun.
    Das Freifrulein war brigens noch die einzige, welche einen Schimmer von
Einflu auf den Bankier hatte. Ohne sie wre Helene bald ganz verloren gewesen.
Tglich, stndlich kam sie, behandelte den armen Freund mit der gewohnten
gutmtigen Schroffheit und jenem spottenden Humor, ber den sie gut zu gebieten
wute, und umgab das junge Mdchen mit ihrer ganzen Liebe, suchte es auf jede
Weise zu erheitern, trug ihm die Neuigkeiten der Stadt zu, lobte den trefflichen
Neffen Leon von Poppen und erzhlte von Zeit zu Zeit auch von - dem Schtzling
des Polizeischreibers Fiebiger.
    So kam sie auch heute, um am Tage vor dem Grnen Donnerstag eine frhliche
Osterkerze in eine recht dunkle Stunde zu tragen. Herzermunternd erklang ihr
Krckstock tap - tap - tap - auf der Treppe; - mit ihr drang in die Tr ein
frischer Hauch des Lebens, und der einzige Sonnenstrahl in dem dmmerigen Zimmer
glnzte doppelt stark darber; - wer knnte aber die ermunternde Wirkung ihrer
Stimme schildern?
    Da hocken sie wieder im Dunkeln, hab ich es mir nicht so vorgestellt? rief
sie polternd, durch das Gemach humpelnd, zog mit energischer Hand die
Fenstervorhnge zurck und lie die Frhlingssonne gleich einem Blitz in das
Zimmer schlagen.
    So, Sie alte Nachteule! sagte sie. Kneifen Sie nur nicht die Augen zu,
Wienand; es hilft Ihnen nichts, Sie mssen es ertragen. 's kostet auch kein
Geld. Hren Sie, wer wei, ob man nicht einst aus dem Sonnenschein Gold macht.
Was sagen Sie dazu, Wienand? Das wre so etwas fr Sie! Nicht wahr, es wre gar
keine ble Kunst, wenn man den Sonnenschein von den Wnden kratzen und zu
Louisdors umschmelzen knnte? Das ist eine Idee, denken Sie einmal darber nach,
Kommerzienrat.
    Der arme reiche Mann starrte die Rednerin mit weit offenen Augen an und rieb
eifriger als je die Hnde aneinander. Das Wort Gold rief immer in seiner Seele
eine Reihenfolge von Gedanken hervor, der er gierig folgte, und so auch jetzt.
Erst schlo er die Augen wie im tiefen Nachsinnen, dann starrte er in die Flut
des Lichtes, wie sie in das Fenster drang; dann griff er mit den hagern
zitternden Hnden in den Strahl, als wolle er die funkelnden Stubchen fangen
und zusammendrcken und kneten zu kostbaren Barren und gerundeten Stcken.
    Wie es flimmert, flimmert! rief er mit kreischender Stimme. Gold, Gold, o
soviel Gold in der Luft. Seht, seht, wie es flimmert; wer es doch fassen und
halten knnte! Hier - da hab ich's - nein - nein, da ist die leere Hand; o wie
schrecklich ist's, verhungern zu mssen, wenn so viel, viel, viel Gold in der
Luft blitzt. Helene, Helene, greif du zu; vielleicht gelingt es dir besser -
bankerott - bankerott - der arme Wienand hat kein Glck mehr, er wird das Gold
nicht fangen!
    Weinend kte die Tochter die gefurchte Stirn des Vaters und flsterte:
    O lieber Papa, wir wollen es schon fangen; habe nur guten Mut, ich fange es
schon, das Gold; Stck fr Stck fange ich es; sieh hier, da ist schon ein
Stcklein von den vielen, vielen, welche ich fr dich erlangen werde.
    Sie hielt dem Kranken ein neugeprgtes, funkelndes Goldstck hin, und mit
einem heisern Schrei griff der groe Bankier Wienand danach, betrachtete es in
hchster Aufgeregtheit, als wolle er es mit den Augen verschlingen, hielt es
krampfhaft, als frchte er, da man ihm das blanke Metall sogleich wieder
entreien werde. Dann hob er sich aus seinem Lehnsessel und schlich auf den
Zehen aus dem Zimmer, um den kostbaren Schatz an einem unbekannten Ort zu
verbergen.
    Helene sank in die Arme Julianes und schluchzte:
    Ich trage es nicht mehr! Es ist zu schrecklich! Es ist zu viel Schmerz!
    Auch dem alten Frulein traten die Trnen in die Augen; aber es wischte sie
resolut ab, machte sich sanft von der Umarmung des Mdchens frei und rief, die
Locken des Pflegekindes streichelnd:
    's ist recht, Kind, la dem Weinen sein Recht; aber bertreib's auch nicht.
Schau auf, mein Herz, es ist viel Unglck in der Welt, und kein Mensch kann eine
Ringmauer dagegen um sich ziehen. Setze dich her, wir wollen ein Stndchen
zusammen verplaudern, du arme Kleine. Sieh, da hab ich dir auch einen Strau
Frhlingsblumen mitgebracht. Stell ihn auf deinen Nhtisch in ein Glas mit
Wasser. Wenn du wieder mit dem trichten Papa allein bist, so mag das hbsche
Ding dich an die weite Welt erinnern, die so bunt und glnzend, so frei und
unermelich weit um jeden Schmerz her liegt. Du wirst auch noch dein Teilchen
davon haben; warte nur - auch die schwrzeste Wolke zieht vorber; wie Meister
Ulex sagt: post Phoebila nubus, oder wie es sonst heien mag. Weit du, von wem
ich diese Blumen habe?
    Helene schttelte den Kopf und sah das Freifrulein betrbt lchelnd an.
    Ein junger Ritter, der gestern einen gefhrlichen Waffengang gut bestanden
hat, gab sie mir. Du kennst den jungen Mann auch. Nun, wer mag es sein?
    Etwa Herr Wolf, des Herrn Ulex Schler? fragte Helene leise, ganz leise
und errtete nicht wenig dabei.
    Richtig geraten. Wie schlau wir sind! Der Junge begegnete mir, als ich
hierherkam; er trug die Nase hoch zum Himmel emporgerichtet und wurde wacker
gepufft und geknufft von den Leuten, welche vernnftiger waren als er und welche
gradeaus auf ihren Weg sahen. Er war bestaubt und erhitzt von einem weiten Weg
durch die Felder und Wiesen vor der Stadt. Er mute nach seiner Beschreibung
meilenweit gelaufen sein - Gott segne ihm seine gesunden Beine! -, um die
Aufregung aus dem Blute loszuwerden. Er hat nmlich gestern ein Examen - sein
Maturittsexamen bestanden, und zwar sehr gut; der alte Ulex -
    Ah, rief Helene kindlich treuherzig mit glnzendem Gesicht. Da freue ich
mich! O wie ich mich darber freue!
    Das dachte ich mir wohl, lchelte das alte Frulein. Ich freue mich auch;
und der junge Mann schien ebenfalls hchst vergngt darber zu sein. Er
behauptete, vor diesem Examen eine entsetzliche Angst gehabt zu haben; aber nun
sei alles in bester Ordnung, und er habe nicht die mindeste Angst mehr. Der
Meister Ulex hat ihn nun aus seiner scharfen Zucht entlassen; auch Fiebiger
reibt sich die Hnde, der junge Taugenichts aber benutzt seine wiedergewonnene
Freiheit dazu, in den Feldern umherzustreifen und Blumen zu pflcken oder in den
Gassen ltliche Damen zu erschrecken durch pltzliches Anspringen gegen
dieselben. Was soll eine alte Person wie ich mit solchem Strau solcher Blumen
anfangen? Da, nimm, mein Kind - fr dich passen sie recht gut und - wer wei,
was der Schlingel gedacht hat, als er sie mir in die Hand drckte. Nimm und
stelle sie in frisches Wasser; - spte Ostern knnen recht bunt gefeiert werden.
Da hast du Veilchen, Himmelsschlssel, Anemonen - auch einen blhenden
Weidornzweig; - stich dich nicht an den Dornen, junges Blut - Birkenschfchen,
eine kleine Efeuranke - die Vergimeinnicht mut du dir dazudenken; sie kommen
erst spter.
    So plauderte die alte Dame fort, und der Wunsch, ihr Pflegekind
aufzuheitern, lie sie mehr sagen, als sie eigentlich im Willen hatte. Helene
Wienand aber hielt den Strau Robert Wolfs im Scho, und ihre Seele war wirklich
fr kurze selbstvergessene Minuten so rein und licht wie in frhern,
glcklichern Tagen, als sie noch das verzogene Kind des klugen, stolzen, reichen
Geldmanns und nicht des unglcklichen, von jedermann bemitleideten Irrsinnigen
war.
    So erzhlte das Frulein von Poppen noch mancherlei und tat gar nicht, als
ob sie merke, wie die Kleine immer von neuem auf allerlei feinen Umwegen das
Gesprch auf den Giebel des Sternsehers, den Polizeischreiber Fiebiger und den
Pflegesohn desselben zu bringen suchte. Willig lie sie sich immer in die
Musikantengasse und die Nachbarschaft derselben fhren und erzhlte, wie Robert
die Arzneiwissenschaft studieren wolle und wie der Sterngucker und der
Polizeischreiber sehr damit einverstanden seien, da diese gelehrte Kunst den
Mann am selbstndigsten in der Welt hinstelle. Dann erzhlte das Freifrulein,
da Ludwig Tellering nunmehr fest entschlossen sei, mit seiner Mutter und
Schwester nach Amerika auszuwandern, und da der berhmte Schneider Herr
Alphonse Stibbe seine Einwilligung zur Heirat der schnen Angelika und des
nichtsnutzigen Julius Schminkert gegeben habe. Sie war noch daran, zu berichten,
wie bereits ein Nonplusultraschild mit der Inschrift Schminkert und Komp. fr
den Nonplusultraparfmerieladen gemalt werde, als sie pltzlich im hchsten
Grade erstaunt und nicht wenig rgerlich emporsprang.
    Gemeldet wurde:
    Herr Baron von Poppen!, und Leon trat in das Zimmer.
    Ja, da stand er, ehrbar und bescheiden, das Muster eines gebesserten
Snders! Und da er einmal da war, so konnte man ihn nicht hinauswerfen, sondern
man mute hren, was er zu sagen hatte.
    Und er verbeugte sich - o so verlegen, so linkisch, so ganz berzeugt von
seiner Unwrdigkeit, diesen Raum zu betreten.
    Sie hier, Leon? rief die Tante. Was soll das? Was wollen Sie hier?
    Und der Freiherr lie den Hut fallen, hob ihn auf und lie ihn wieder
fallen.
    Hren Sie mich, liebste Tante! Gndiges Frulein, ich bitte tausendmal um
Verzeihung; ich - werde - sogleich - wieder gehen. Gndigste Tante, ich war in
Ihrer Wohnung und hrte, Sie befnden sich hier! Tausendmal Verzeihung - ich bin
so verstrt; - liebe, liebe Tante, ich mute Sie auf der Stelle sprechen - ich
bin so erfreut - so voll Jubel - ich habe die Stelle im Ministerium des Innern
erhalten, die Stelle, von welcher wir sprachen. Ma tante, wir wollen der Welt
zeigen, da die Poppen doch noch nicht ganz verlorengegangen sind. Gndiges
Frulein, wieder und wieder bitte ich um Verzeihung wegen meines tollen
Eindringens; ich bin wie berauscht durch die Straen gelaufen; ma tante -
    Liebe Helene, sprach die alte Dame in sehr wrdiger Haltung, dies ist
mein Neffe, Baron Leon von Poppen, der jetzt ein brauchbarer, anstndiger Mensch
zu werden scheint. Du bist ihm vielleicht frher schon im Leben begegnet; aber
es lohnte sich damals nicht, seine Bekanntschaft zu machen.
    Helene verbeugte sich in hchster Verlegenheit; Leon von Poppen aber sprach
sanft lchelnd:
    Meine Tante hat ganz recht, gndiges Frulein; ich bin ein groer Snder
gewesen - Mitglied von allerlei verbotenen Gesellschaften, ein impertinenter
Gesell, forlorn on the hill of the storm, wie Ossian es nennen wrde. Aber hier
stehe ich, in meines Nichts durchbohrendem Gefhl und schme mich ein wenig. Nur
ein ganz klein wenig, mein Frulein; denn ganz bekehrt bin ich noch nicht, wie
ma tante dort auch recht gut wei. Es ist noch viel an mir zu bessern; mein
Eindringen hier zeugt auch davon. Ma tante, ich ksse Ihnen untertnigst die
Hand; gndiges Frulein -
    Der Vater! rief Helene, und die hagere, gebckte Gestalt des Bankiers
Wienand schob sich wieder in das Zimmer. Er hatte seinen Schatz verborgen und
schlich zu seinem Sessel zurck. Als er den fremden Herrn erblickte, erschrak er
heftig; denn er frchtete jetzt alle fremden Gesichter sehr.
    Es ist mein Neffe, der Baron von Poppen, sagte das Freifrulein.
    Der Baron von Poppen, der Baron von Poppen, wiederholte der Kranke. Er
verbeugte sich vor dem jungen Mann viele Male und sagte dazu immer von neuem:
Der Herr Baron! Der Herr Baron! Der Herr Baron!
    Was soll das nun wieder? murmelte das Freifrulein.
    O der Herr Baron! Namen und Ehre! Ehre und Geld, viel Geld - o der Herr
Baron - viel Ehre, viel Ehre! Der Herr Baron ist willkommen, sehr willkommen -
armer Mann, sehr armer Mann - sehr willkommen ist der Herr Baron! murmelte der
Kranke. Er wurde immer zutraulicher gegen den jungen Freiherrn, und dieser wute
mit sicherm Takt ihn in guter Stimmung zu erhalten. Das Erstaunen des
Freifruleins wuchs von Minute zu Minute. Auch Helene horchte atemlos; so
vernnftig hatte ihr Vater seit langer Zeit nicht gesprochen, so klar war sein
Auge lange nicht gewesen.
    Den Einflu, welchen der Sternseher Heinrich Ulex nicht gewinnen konnte,
schien Herr Leon von Poppen binnen krzester Frist zu erlangen.
    Dies ist meine Tochter, Herr Baron, ein gutes Ding, aber arm, sehr arm -
sehr armer Mann, Herr Baron!
    Das Freifrulein nahm Prise auf Prise. Helene drngte sich dicht an ihre
Seite; Herr Leon lie sich traulich neben dem Sessel des Bankiers nieder, und
der Bankier hielt ihn am Rockscho; - Herr Leon Freiherr von Poppen konnte mit
dem Fortschritt, den er heute auf seinem Wege gemacht hatte, sehr zufrieden
sein, und seine Gefhle waren auch gar nicht bler Art. Er fhlte sich ganz
behaglich neben dem Stuhle des kranken Mannes und versprach - wiederzukommen. -
    Hinauf die alte knarrende Wendeltreppe im Hofe des Nikolausklosters! Dunkel
ist die Nacht, gefhrlich der Weg; aber nur Mut! Hinter der schwarzen Tr
leuchtet die Lampe des Sternsehers Heinrich Ulex, und die Freunde sind um sie
her versammelt.
    Treue Freunde umgeben den gebndigten Wolf aus dem Winzelwalde; aber mit der
Morgendmmerung scheidet er aus ihrer Mitte, um in der Ferne seine Studien
fortzusetzen und ein tchtiger Arzt zu werden.
    Es sprach der Sternseher:
    Die Stunde des Scheidens ist gekommen, mein Kind. Wir haben dich
aufgenommen, da du krank, da du verlassen und freundlos warest; nun senden wir
dich von neuem in die Welt; aber die Wunden sind geheilt, und nicht mehr gehst
du einsam in wildes Gelrm und Getmmel. Freunde decken dir den Rcken bei jedem
Schritt, welchen du vorwrts tust; so schreite denn mutig vorwrts und blicke
dem Leben grade ins Gesicht; frchte dich nicht und sieh nach deinen Sternen;
dann wirst du nicht irren auf deinem Pfade. An der Stelle des Zornes und
Schmerzes, die du in unsere Mitte mitbrachtest, ist dir eine neue tiefe
Sehnsucht aufgewachsen. Wir knnen nicht wissen, ob dieser Sehnsucht einst
Erfllung wird; aber sie ist gut an und fr sich, sie wird dich nach oben
fhren, wenn du ihr folgst. So folge ihr denn, folge ihr; es gibt nichts
Besseres, kaum etwas Edleres, als solcher Sehnsucht zu folgen!
    Der Alte schwieg; er hatte noch manches andere sagen wollen, aber er
beschattete seine Augen mit der Hand und schwieg. Juliane von Poppen lie ihren
Krckstock fallen und sah mit feuchten, liebevollsten Augen auf den Greis; dann
aber fate sie pltzlich den Arm Roberts, welcher ihr den Stab aufgehoben hatte,
und rief:
    Gehe mit Gott, mein Sohn. Du hast gute und treue Lehrer gehabt, nun mache
ihnen in der Ferne Ehre. La uns nur Gutes von dir hren. Du hast viel Glck
gehabt im Leben; erkenne das dankbar an und komme nicht gleich von Sinnen, wenn
dir einmal etwas nicht nach Wunsch geht. Halt den Kopf oben, mein Kind, der
Meister Heinrich dort wird dir sagen, wieviel Groes und Gutes aus unerfllten
Wnschen tchtiger Menschen entstanden ist!
    Das alte Frulein sah bei diesen Worten sehr ernst und fast drohend drein,
und Robert Wolf sah sie beide ziemlich klglich an.
    Nun sprach Polizeischreiber Fritz Fiebiger in groer Bewegung:
    Mein Junge, reise glcklich und la bald von dir hren. Ich schmeichle mir,
dir manche ntzliche Lehre gegeben zu haben, la mich noch einige hinzufgen.
Vor allen Dingen la dich niemals verblffen. Wir Leute von der Polizei wissen
Bescheid davon, wie leicht die Menschheit sich ins Bockshorn jagen und sich aus
der Fassung und zu einer submissen Rckgratskrmmung bringen lt. Ich habe dich
ein wenig hinter die Kulissen blicken lassen, ziehe Nutzen davon und beuge dich
nicht tiefer, als es ntig ist. Wie mit der hohen Polizei, so ist es auch mit
allen brigen Erdengottheiten; stehe also fest, wo du im Rechte bist. - Jeder
macht Wind auf seine eigene Art; je grer der Blasebalg, desto strker der
Wind, desto ohrenbetubender das Schnarren und Schnauben. Halte den Hut fest, es
wird mehr als einer seine Kraft dransetzen, ihn dir vom Kopfe zu pusten. Wenn
der Deckel aber einmal in der Luft fliegt, so mache dich nicht zum Gesptt der
Gassen und renne toll und blind hinter ihm her, sondern gehe ihm fein langsam
nach und lache selbst; oft wird ein anderer ihn auffangen und dir
entgegentragen; du kommst dann mit einem Dank davon. - Es blst, greift und
streicht jeder sein Lieblingsstck auf seinem Lieblingsinstrument; du, ich, das
Frulein hier im Lehnstuhl, der alte Ulex dort im Winkel, alle andern gro und
klein ebenfalls. Im Grunde ist's ein heilloses Konzert; aber die Gewohnheit
bewirkt, da wir es recht gut ertragen, ja es fters fr die echte wirkliche
Sphrenmusik halten. Blase dein Stckchen, mein Sohn; aber wolle deinen Takt
nicht der ganzen brigen Menschheit aufdrngen. Ich habe mehr als einmal mit
Heiterkeit gesehen, wie bei solcher Gelegenheit die Instrumente zu Waffen in den
Hnden der Virtuosen und Dilettanten wurden und wie eine blutige Schlacht
entstand. Bedenke, Robert Wolf, da du doch nur eine ganz kleine klgliche
Pfeife blsest und da solch ein dicker Brummba zu einer gewaltigen Keule wird,
wenn der erboste Spieler ihn umkehrt und ihn auf den Kpfen der
Orchestergenossen tanzen lt. - Hte dich, mein Junge, einen Menschen
mutwilligerweise auf die Krhenaugen zu treten; leide es aber auch selber nicht,
sintemalen es ein verflucht unangenehmes Gefhl ist. - Ereifre dich nicht ber
unschdliche Narrheiten der Leute, die du doch nicht ndern kannst. Stelle dir
lieber dabei vor, du habest dein Eintrittsgeld zu einem schlechten Lustspiel
gezahlt; ghnen magst du, aber tu es mit Anstand. Erinnere dich immer, da du
nicht der einzige Mensch in der Welt bist, der - der sich klger dnkt als alle
andern. Wenn du mir versprichst, dich daran zu erinnern, so gebe ich dir die
Erlaubnis, so gut von dir zu denken, wie du willst. Mein lieber Sohn, manchem
Halunken geht es wie dem frommen Storch, er hat einen bessern Ruf, als er
verdient. Auch der Storch ist berhmt als Ausrotter von allerhand Ungeziefer;
aber sein weiter Magen ist gefllt mit gemordeten jungen Hasen, Rebhhnern und
andern einfltigunschuldigen Delikatessen. Ein kluger Mann lt sich nicht
tuschen, es ist kein besonders behaglicher Aufenthalt im Magen eines solchen
biedern Gesellen. - Ich habe manches Haus gesehen, ber dessen Tr stand: salve
hospes; aber auf gut deutsch hie das nur: der Eintritt ist verboten, wer
hereinkommt, wird hinausgeworfen. Merke dir das, Robert Wolf, und bitte dir, ehe
du dem salve traust, von dem Trhter eine bersetzung des hospes aus. - Zum
Schlu knpfe deine Ohren so weit als mglich auf und vernimm, da der Mensch
viel schneller und frher alt wird, als er gewhnlich fr mglich halten will.
Eines schnen Morgens wirst du erwachen und das klgliche Faktum dir nicht mehr
verleugnen knnen. Sorge, da du dich dann mit gutem Gewissen in den
Grovaterstuhl setzen kannst. Ich habe gesprochen.
    Was Robert Wolf auf alle diese Reden sagte? Er sagte wenig oder vielmehr gar
nichts, und was er fhlte, das gab sich in verworrenen, von Trnen erstickten
Interjektionen kund. Er fhlte viel; aber es ist eigentlich nicht die Sache des
erzhlenden Schriftstellers, Interjektionen in seinen Text zu werfen. Wir knnen
nur sagen, da Robert durchdrungen war von dem Bewutsein, da man ihm viel,
sehr viel Gutes erwiesen habe, und da er allerlei versprach, worber er sich in
diesen Augenblicken kaum selbst htte Rechenschaft geben knnen.
    Die Nacht war dunkel; aber es war recht eine Nacht der Astronomen: die
Sterne leuchteten hell, und wer irgend nach den Sternen sah, fand sie rein und
klar an ihrer Stelle. In tiefer Finsternis begraben lag die Brandsttte, deren
Schutt und Asche so schwer und dicht auf den Geist des klugen Bankiers Wienand
gefallen war; wenn wir wieder dahin blicken, so werden sich viel neue stattliche
Mauern, viel hohe Gebude daselbst erhoben haben, und wieder werden viele
Sternbilder dem Auge des alten Sternguckers Heinrich Ulex verdeckt sein.
    Noch eine kurze Zeit saen die Freunde im Giebelzimmer des Nikolausklosters
zusammen; dann trennten sie sich, und der Alte vom Turme kte seinen Zgling
auf die Stirn:
    Lebe wohl, lebe wohl, mein Sohn; du hast mir viel Freude gemacht. Lebe
wohl, sei glcklich und vergi nicht die Sterne!
    Kriechen Sie in Ihre Hhle, Fiebiger, sagte das Freifrulein in der Gasse.
Robert kann mich allein nach Hause begleiten; geben Sie mir Ihren Arm, mein
Sohn.
    Der Schreiber verschwand in der Tr der Nummer zwlf der Musikantengasse,
und das Frulein und Robert setzten ihren Weg fort. Leise, eindringlich und viel
sprach noch auf diesem Wege Juliane von Poppen zu dem Jngling; der Name Helene
kam mehrmals in ihrem Geflster vor, und Robert schritt gleich einem
Nachtwandler an der Seite der Alten. Was sie ihm sagte, erfllte seine Seele
bald mit hohem Entzcken und strzte ihn gleich wieder in halbe Verzweiflung.
    Eine Viertelstunde spter lief der Jngling allein durch die Gasse:
    Ich soll mich ihr nicht zu nhern suchen! Sie liebt mich, aber ich soll ihr
nicht nahe kommen, soll ihr nicht schreiben! O Helene, Helene, was soll ich denn
tun?
    Pltzlich stand er vor dem Hause, welches der Bankier Wienand jetzt in der
Kronenstrae bewohnte, und sah nach den dunkeln Fenstern desselben.
    Was soll ich tun? Was soll ich tun? O wie ich sie liebe - und ich soll sie
nicht mehr sehen! Die Grausamen! Die Grausamen!
    Der Baron Leon von Poppen befand sich selbstverstndlich noch nicht im Bett.
Lang ausgestreckt lag er auf seinem Sofa, das neueste Meisterwerk Paul de Kodes
studierend. In den Pausen seiner Lektre sah er mit unendlichem Behagen den
Wolken seiner Zigarre nach; ein Maler htte zu einer Personifikation des guten
Gewissens kein tauglicheres Vorbild finden knnen. Herr Leon hatte heute seine
zweite Visite beim Bankier Wienand abgestattet, und diesmal in Abwesenheit der
Tante Juliane. Der Kranke war in seiner Gesellschaft ganz munter und lebendig
geworden, und die arme Helene mute sich gestehen, es sei wnschenswert, da der
liebenswrdige Nachbar fters zu dem Vater komme.
    Riesenfortschritte! Siebenmeilenstiefel! lchelte der sinnige Trumer auf
seinem Sofa. Bah, bald werden wir die Dornen abgestreift haben vom Stengel!
Bah, lcherlich, wer pflckt eine hbsche Rose mit einem Fausthandschuh? Mein
lieber Baptiste, ich habe dich heute abermals im tte--tte mit der
leichtsinnigen Elise getroffen; ich warne dich ernstlich - bedenke die Folgen!
    Baptiste empfing diese Warnung unmittelbar nach seinem Eintritt ins Zimmer,
er neigte sein schuldiges Haupt und erwiderte:
    Herr Baron, ich komme soeben nach Hause - drben vor der Tr des Herrn
Bankiers Wienand steht wieder der junge Mann - Sie wissen -
    La ihn stehen, Baptiste! hauchte in ungemein gtigem Ton der Freiherr.
Wir wollen ihn ganz ruhig stehen lassen, lieber Baptiste. Was knnten wir auch
sonst mit ihm anfangen, du guter Mensch?
    Und Baptiste zog sich zurck, und Robert Wolf durfte unbelstigt unter den
Fenstern Helene Wienands sich die heie Stirn vom Nachtwind khlen lassen. Kein
von Poppenscher Vasall strzte sich mit geschwungenem Flamberg auf ihn; niemand
stellte sich ihm hindernd in den Weg, als er endlich den Heimweg seufzend
antrat. Von der nchsten Ecke herber pfiff der Nachtwchter hchst unpoetisch
die zwlfte Stunde. Es ist ein Jammer, die ganze Maschinerie der Romantik fllt
allgemach auseinander, wir armen Teufel von Erzhlern mgen noch soviel mit dem
Federbart und dem lglase uns mhen: die Rder wollen nicht mehr, die Haken und
Hebel sind zerbrochen; wie lange whrt es noch, bis das Ding ganz stillsteht?
    An einer andern Straenecke stand Julius Schminkert im Schein einer
Gaslaterne und betrachtete nachdenklich die Stelle, wo demnchst ber dem
berhmtesten Parfmerie- und Modewarenlager der Welt das Schild prangen sollte
mit der Inschrift:

                            J. SCHMINKERT UND KOMP.

Mit bereinandergeschlagenen Armen stand der deklamierende Knstler da, trotz
seines nahen Glckes dster wie die Nacht. Der Knstler wehrte sich in ihm mit
aller Macht gegen den Parfmerieladen, Thalia wollte nicht das mindeste mit
Putzsachen und articles de cour zu tun haben. Aber die Wrfel waren geworfen.
    Gutwillig mu ich untertauchen, oder ich werde mit Gewalt niedergedrckt,
Wolf! sagte der Schauspieler tragisch, als Robert zu ihm trat. Wie ich hre,
wollen Sie uns morgen verlassen; ich wnsche Ihnen alles Glck; Freiheit liebt
das Tier der Wste, frei im ther herrscht der Gott; na ja, ich werde einen
schnen Hausvater abgeben - Schminkert und Kompanie - o se Angelika! Hren
Sie, bester Freund, was halten Sie eigentlich von Frulein Angelika Stibbe,
meiner himmlischen Anverlobten?
    Das war nun eine recht verfngliche Frage, und Robert verfing sich auch
richtig.
    Ganz verlegen sagte er:
    Ich - ich - wrde nicht mit Herrenhandschuhen und Zigarren handeln.
    Jngling, rief der Schauspieler, welch ein Gott legte dir dieses Wort auf
die reine, unschuldige Zunge? Das mu ich sagen, so ganz uneingeweiht in der
Menschen Verhltnisse auf Erden scheinst du mir doch von hier nicht abzugehen.
Hat dich das der alte Sterngucker gelehrt? I gucke mal! ... Kommen Sie, Robert,
wir wollen nach Hause wandeln, jeder mit seinem Bndel. Ich wei, Sie haben auch
das Ihrige zu schleppen.
    Arm in Arm schritten die beiden jungen Mnner nach der Musikantengasse;
Julius Schminkert verstand die Kunst, sich festzuklammern; wie die andern gab
auch er bereitwillig in dieser Nacht seine Ratschlge zum besten, obgleich
Robert sie ihm gern geschenkt htte. Robert Wolf konnte nicht ahnen, wie eng
sein Geschick mit dem dieses angenehmen und glcklichen Individuums verknpft
war. Hchst gleichgltig, wenn nicht ein wenig widerlich, war ihm sowohl die
schne Angelika wie der treffliche Julius.

                           Fnfundzwanzigstes Kapitel



       Zwischen Himmel und Erde; Stimmen aus der Nhe und aus der Ferne.
       Sonnenuntergang. - Robert Wolf durchlebt seine letzte Jugendstunde

Es zechen die Gtter im hohen Olymp,
Wir sitzen auf grnendem Hgel;
In der Mitte zumal,
Zwischen ther und Tal,
Da wachsen dem Herzen wohl Flgel.

Nun drcket den blhenden Kranz auf das Haupt,
Und jauchzet: es lebe das Leben!
Und den Gttern sei Heil,
Die so wonniglich Teil
An Himmel und Erd uns gegeben.

Hemm keiner den pochenden Herzschlag der Brust,
Wir sitzen in heiliger Runde;
Blickt nicht vor, nicht zurck,
Denn das flchtige Glck,
Es haftet ja nur an der Stunde.

Und so hebet die Becher ins Abendrot,
Gold haltet dem Golde entgegen;
Schlrft die selige Stund,
Doch mit lsterndem Mund
Nicht reizet das Schicksal verwegen.

Und so klinget die vollen Pokale an;
Doch weckt nicht die Gtter vermessen;
Denn ihr Neid hat beim Mahl
Im olympischen Saal
Nur minutenlang uns vergessen.

Dieses Lied wurde wirklich zwischen ther und Tal, auf dem Gipfel eines Berges,
beim roten Schein der untergehenden Sonne gesungen und hallte, krftig,
lebensmutig, aber doch mit dem Anklang von Wehmut, welcher fast keiner deutschen
Melodie fehlt, durch die Waldtler, die im ppigsten Grn des Frhlings
prangten. Unter dem Gezweig einer knorrigen, kurzstmmigen Hagebuche lagerten
die jugendlichen Snger mit ihren vollen und leeren Flaschen - eine
Studentenschar aus der nahe gelegenen Universittsstadt - und begleiteten ihren
Gesang, den Worten des Liedes gem, mit dem Klingen der Glser. Berauschend war
der Wein, berauschend das purpurne Licht des Sonnenuntergangs, berauschend war
der Waldduft, der Duft der Tannen, welcher aus der Tiefe aufstieg, berauschend
war aber auch der Duft des wilden Thymians auf der Hhe. Im Kreise lagerten die
Musenshne um den Vorsnger, welcher kein anderer als unser Freund Robert Wolf,
der Schler des Sternsehers Heinrich Ulexius, der Schtzling des
Polizeischreibers Fritz Fiebiger, war.
    Zwei Jahre sind vergangen, seit wir ihn zum letztenmal Arm in Arm mit Julius
Schminkert in den Gassen der Stadt erblickten; wir finden ihn nicht zu seinem
Nachteil verndert wieder. Der Jngling machte eben dem Mann Platz; das Siegel
des festen Willens, welches einst der Weise vom Giebel des Nikolausklosters im
Gesicht des Jnglings vermit hatte, war ihm jetzt schon deutlicher auf die
Stirn gedrckt. Robert sah jetzt seinem Bruder Friedrich hnlicher, obgleich man
nicht htte sagen knnen, wo eigentlich diese hnlichkeit lag.
    Der Snger auf dem Berggipfel sah gewi mit ebenso leuchtenden Augen in die
schne Welt wie die im Kreis lagernden Genossen; aber in seinen Augen lag noch
etwas anderes, was in denen der brigen nicht zu finden war. Der wehmtige Trotz
schimmerte darin, der Trotz, welcher den Schicksalsmchten schon oft hat weichen
mssen, der aber niemals weiter weicht, als er mu. Die volle Harmlosigkeit der
Jugend hatte Robert Wolf eigentlich nie gekannt; er hatte auch nicht die volle
Heiterkeit, welche das freie, sorglose Studentenleben glcklicheren Gesellen
bietet, genossen. Er hatte immer erst eine schwere Last trber Gedanken
abzuschtteln, ehe er das leichte flatternde Gewand der Freude fassen konnte.
Zur Heiterkeit des Daseins konnte er sich immer nur mittelbar erheben, und so
ward sie ihm niemals ganz rein, ganz ungetrbt gegeben.
    Die beiden Jahre, welche wir in unserer Erzhlung bersprungen haben, waren
nichtsdestoweniger sehr inhaltvoll fr alle die Leute, mit welchen wir bisher zu
tun hatten. Wer erlebt nicht etwas in zwei Jahren? Auch das beschrnkteste,
gleichmigste Dasein wei nach zwei Jahren von irgend etwas zu erzhlen. Wir
mssen das Versumte nachholen und kurz berichten, wie Lachesis an den
verschiedenen Lebensfden unserer Geschichte gesponnen hat. Der weisilberne
Faden, welcher das Dasein des Sternsehers Heinrich Ulex bedeutet, glnzt glatt
und knotenlos vor unsern Augen. Der Alte vom Turm klagt wohl, da ihm die
Freunde, seine Weltlichter, in immer weitere verschwommenere Ferne zu rcken
scheinen; er meint wohl, da er die gewichtige Hand des Alters schwer auf seinem
Scheitel fhle; aber er fhlt sich wohl, auch in seiner stillen, friedlichen
Greisenhaftigkeit, auf seiner Hhe. Und wenn die Sterne ganz seinen dunkel
werdenden Augen sich entziehen, vermag er es nicht, auf dem grauen Grunde des
Nebels farbige, ideale Bilder hervorzuzaubern? Sieht er etwa nicht die Sterne
auch mit geschlossenen Augen?
    Von dem Sternseher Heinrich Ulex haben wir nur zu sagen, da wir ihn
wiederfinden, wie wir ihn verlieen.
    Da ist sein Freund, der Polizeischreiber Fritz Fiebiger, den fing das Alter
an mit hrterer Hand zu fassen, obgleich auch bei ihm ein Nachlassen der
geistigen Fhigkeiten nicht im geringsten zu bemerken war. Die Bcher, welche
der Schreiber auf dem Bro Nummer dreizehn zu fhren hatte, muten allmhlich
den strksten Nacken beugen mit ihrer Wucht von Trnen, Schmach und Blut. Wir
wissen, wie der Alte darber dachte und wie er sich gegen die Geister, die aus
ihnen aufstiegen, zu wehren suchte. Du bist es mir schuldig, mein Junge,
schrieb der Schreiber vor kurzem an Robert, du bist es mir schuldig, mein
Junge, da du mich nicht allzulange mehr allein lssest hier in der
Musikantengasse. Ich wei zwar, da es unter den obwaltenden Verhltnissen nicht
sehr angenehm fr dich sein kann, hierher zurckzukehren; aber ich glaube doch,
da es trotz allem ein wenig deine Pflicht ist. Es sind auer mir noch andere
Leute vorhanden, welche deine Zurckkunft sehnlichst erwarten. Denke an das arme
Frulein von Poppen! Sei fleiig, mache dein Examen und komm. Sei ein rechter
Mann und komm! -
    Das arme Frulein von Poppen? Ja, das arme Frulein von Poppen! Es hatte
in den zwei verflossenen Jahren das meiste und das Bitterste erlebt; Herr Leon,
Freiherr von Poppen, hatte der Tante das Spiel abgewonnen. Mit ironischer
Hflichkeit hatte er ihr die besten Karten aus den Hnden genommen. Ebenso
hflich lchelnd hatte ihr der Neffe den Stuhl, auf welchem sie im Hause des
Bankiers Wienand sa, weggezogen, und verwundert, zornig, starr vor Schrecken
und Angst, sa sie nun auf der platten Erde und suchte vergeblich das Gewand,
die Hand Helenes festzuhalten. Anmutig trat der Baron zwischen das junge Mdchen
und die alte Dame, um das Pflegekind Julianes von Poppen unter - seinen eigenen
Schutz zu nehmen. Das Freifrulein konnte nichts dagegen machen, und der Bankier
Wienand hatte nichts dawider.
    Der Bankier Wienand? Ja, der Bankier Wienand! Es war eine groe Vernderung
mit dem Manne vorgegangen, und Herr Leon von Poppen hatte wenigstens teilweise
vollbracht, was weder dem Sanittsrat Pfingsten noch dem Sternseher Heinrich
Ulex gelungen war. Der Kranke war geheilt von seiner fixen Idee; doch bei mehr
als einer Gelegenheit muten sich die Freunde und vorzglich Juliane von Poppen
fragen, ob es nicht fr das Wohl der Welt - wenigstens soweit sie von dem
Bankier abhing - besser gewesen wre, wenn es blieb, wie es war.
    Wir haben gesehen, wie sich Leon in das Haus des Bankiers einstahl, wie er
sogleich festen Fu darin fate, wie ihn der Kranke empfing und ihn besser zu
verstehen schien als irgendeinen andern Menschen. Der Verkehr dieser beiden
Mnner war eines der Wunder der Psychologie. Die zwei Frauen, welche, wie es
nicht anders sein konnte, anfangs dem Verkehr mit dankerfllten Herzen zusahen,
fingen erst leise an zu frsteln unter dem erkltenden Hauche, der mit dem
neugebackenen trefflichen Ministerialsekretr in ihr Zusammenleben eindrang;
dann berkam sie der volle herzerkltende Schauder mit der vollen Gewiheit, da
Leon von Poppen Herr geworden sei im Haus. Der kranke reiche Mann begann auf den
Schritt Leons zu horchen wie auf den Futritt des Glcks; er war nur dann
zufrieden, wenn der Baron neben ihm sa, und nach und nach konnte dieser ihn
fhren, wie er wollte. Er fhrte ihn leider nicht auf jene lichten Hhen, zu
welchen ihn der Sternseher Heinrich Ulex leiten wollte, sondern in jene
nebelige, dmmerhafte Sumpflandschaft des Egoismus, wo tckisch leuchtende
Irrlichter sich spreizen und sich fr die Sterne des Lebens ausgeben. Der
Bankier Wienand schlich nicht mehr im Hause umher, um allerlei Abflle
zusammenzusuchen und sie gleich den grten Kostbarkeiten zu verbergen. Er
erkannte allmhlich wieder den Wert, den die Dinge in der menschlichen
Gesellschaft haben; die nervse Aufregung legte sich im Laufe des ersten Jahres,
und der Kranke erwachte wie aus einem bsen Traum. Der Mangel an Beurteilung
machte nun einer scharfen, aber unendlich einseitigen Beurteilung Platz, und
somit nahm eigentlich die dunkle Wolke, die ber seinem Geiste hing, nur eine
andere Farbe an. Aus dem Schwarz und Grau wurde ein unheimliches Gelb: die Welt,
welche sich auch nicht wenig falsche Begriffe von den Dingen bildet, das heit,
sie so nchtern wie mglich sieht, schickte sich an, dem berhmten Bankier Glck
zu wnschen zu seiner Genesung. Aus seiner Krankheit sollte der Bankier als ein
sehr harter und selbstschtiger Mann hervorgehen. Nun sich der Schleier vor
seinem Auge lichtete, fhlte er sich tief erniedrigt durch den Zustand, in
welchem er sich befunden hatte. Ein fieberhaftes Bestreben, die Erinnerung an
diesen Zustand in sich und in der Gesellschaft auszulschen, ging daraus hervor;
aber leider ma der aufgeregte Geist die Dinge nur nach dem Mae, welches die
Welt ihnen anlegte, und der Baron Leon von Poppen fand das rechte Feld fr seine
Plne. Mit fast wilder Satire kmpfte Juliane von Poppen gegen diese Art der
Lebensanschauung an. Der Makel, welchen der immer noch kranke Mann auf sich zu
fhlen glaubte, brannte schrfer als das Wort der alten Freundin. Die Gier nach
Ansehen und Reichtum wuchs immer mehr und berwltigte jedes andere Gefhl; -
auch vor dem Brande hatten nicht viele Sterne am Lebenshimmel des groen
Bankiers geleuchtet; der Wahnsinn hatte auch die wenigen ausgelscht, die
Heilung brachte den Glanz der guten Lichter nicht zurck. Der Bankier Wienand
wollte nicht mehr fr verrckt gehalten werden und verga nur, da die Welt
manches fr verrckt erklrt, was ganz an der rechten Stelle steht und welches
von alter und neuer Weisheit als sehr edel, lblich und lieblich gepriesen wird.
    Seit das Kontor und das prachtvolle Hauptbuch in der Kronenstrae aus einer
Fiktion wieder zu einer Wahrheit wurden, betrachtete der Bankier alles nur von
dem niedrigen Standpunkte dieser beiden Gegenstnde aus, und drei Vierteile der
Gesellschaft hoben die Hnde empor und priesen ber alle Maen dieses
energische Sichaufraffen. Auf das Mitleid der Welt folgte die bewundernde
Billigung, und Herr Leon von Poppen erlangte aus dem glcklichen Ereignis auch
sein Teil Kredit in der allgemeinen Stimmung. Bald stand der Bankier als
Kapitalist und scharfugiger Geschftsmann vollstndig rehabilitiert da; er
hatte ja den schwarzen grimmigen Unhold Wahnsinn in der festesten Kammer seines
Hirns eingesperrt, und unablssig, Tag und Nacht, hielt er Wacht, da er nicht
wieder hervorbreche. Es war aber doch ein unheimlich Ding!
    Wie arbeitete der Bankier, um sich des Preises der Menschheit wrdig und
zugleich sie sich dienstbar zu machen! Mit unverhohlener Klte begegnete er der
alten zrnenden, trauernden Hausfreundin; hart und kalt behandelte er auch seine
arme Tochter - sie war ja auch nur ein Mauerstein, der sich gut, vorteilhaft
vermauern lie in dem Tempel seines Glckes! Der junge talentvolle Politiker,
welchem er soviel zu danken hatte, gab ihm auch in dieser Hinsicht die besten
Lehren. Das Haus Wienand war noch zu gewaltigen Dingen berufen.
    Das Freifrulein hatte Augenblicke, in welchen ihr das Leben unertrglich
schien. Sich klagte sie an, wenn sie, mit Trnen in den Augen, die arme Helene
in die Arme schlo. Sich klagte sie an auf dem Giebel des Sternsehers.
    Ich htte soviel dagegen tun knnen, wenn ich alte Nrrin die Augen
aufgesperrt htte! rief sie jammernd. Oh, Ulex, wir htten ihn doch noch auf
unsere Weise geheilt; aber ich, ich bin schuld daran, da dieser perfide
Halunke, dieser Leon, uns so berlistete, da er es jetzt wagt, die schmutzige
Hand nach meinem Kinde auszustrecken. O welch eine Gans ich war, als ich mich
von ihm so leicht bertlpeln lie! Es mchte einen Stein erbarmen, da ein
altes Weib wie ich, welches ein ganzes schweres Leben hindurch den Kopf immer
ehrlich und resolut aufgerichtet getragen hat, ihn zuletzt so tief beugen mu.
Diesem Kopf freilich ist's ganz recht: weshalb hat er sich von dem albernen
Herzen so klglich hinters Licht fhren lassen! Ach Fiebiger, Euerm Jungen
verbiete ich die leiseste Annherung an meine arme Helene aufs strengste, und
diesen dummschlauen Bsewicht, diesen Leon, fhre ich sozusagen selbst ihr zu!
Blutige Trnen mchte ich darum weinen! -
    Traurige Ferien brachte Robert Wolf von Zeit zu Zeit, whrend dieser beiden
Jahre, bei den Freunden zu. Er sah Helene fters, er sah auch seinen
glcklichen, hhnischen Nebenbuhler. Juliane von Poppen htte fast den
Polizeischreiber eiferschtig gemacht, so sehr bemchtigte sie sich des jungen
Studenten. Er mute ganze Nachmittage und Abende bei ihr zubringen, und in den
Gassen sttzte sie sich am liebsten auf seinen Arm; - ach, sie hinkte nicht mehr
so schnell wie frher einher, sie hielt es jetzt nicht mehr fr unglaublich, da
sie sich noch einmal eines Wagens oder gar Rollstuhls werde bedienen mssen. Wie
an eine letzte Hoffnung klammerte sie sich an den selber so ratlosen Robert.
    Was sollte aus meinem Kinde werden, wenn sie wirklich ganz und gar in die
Gewalt dieses Schlingels fiele? O mein Sohn, mein lieber Sohn, der gute Gott
wird das doch nicht zulassen!
    Robert rang die Hnde und ballte sie ohnmchtig im andern Augenblick:
    Was sollen wir tun? Wir knnen ja nichts tun! Der Vater scheint diese
Verbindung so fest zu wollen; Helene wird folgen mssen -
    Sie wird sich zu Tode weinen! rief das Freifrulein. Am besten wre es,
ich ginge mit ihr fort - so weit als mglich fort und liee dem alten und dem
jungen Snder das Nachsehen; aber das Kind will ja nicht; es glaubt selbst zu
sndigen, wenn es gegen den Willen des Vaters das Haus verliee. O Robert,
Robert, welche Demtigungen habe ich des Mdchens wegen schon auf mich genommen
und wie viele werde ich noch ertragen mssen! Oh, da ich nicht mit meiner
Krcke hier dreinschlagen darf!
    Wenn Robert und Helene zusammenkamen, so drckten sie sich stumm, mit
weinenden Augen und schweren Seufzern die Hnde. Niemals lag vor zwei armen
Kindern die Zukunft dunkler, unheimlicher, widerlicher. Ach, wie beneidete
Robert seinen Freund Ludwig Tellering! Der war jetzt der Geliebten gefolgt, war
nach Amerika mit seiner Mutter und Schwester ausgewandert. In die dunkle
Hofwohnung in der Musikantengasse war ein Schuhmacher gezogen, der zugleich
Vgel abrichtete und unglcklichen Finken und Dompfaffen die Augen ausstach -
ein wilder roher Gesell, mit welchem der Polizeischreiber Fiebiger keinen
Verkehr haben wollte, auer vielleicht auf dem Polizeibro Nummer dreizehn, als
Protokollfhrer des Rats Trster. Von Galveston aus hatte Ludwig Tellering an
den Studenten der Medizin geschrieben; er hatte sein Mdchen noch nicht
erreicht; er hatte zuerst seine Werkstatt in der Hafenstadt aufschlagen mssen;
aber es ging ihm und den Seinigen gut, und er schrieb freudig erregt und
hoffnungsvoll.
    Auch Julius Schminkert hatte den vollen bltenreichen Kranz des Lebens sich
auf die erhabene Stirn gedrckt. Er hatte die holde Braut heimgefhrt, und der
Parfmerie- und Modewarenladen stand in voller Glorie und zeichnete sich durch
geschmackvoll stilisierte Annoncen und Reklamen in allen Blttern der Stadt aus.
Julius Schminkert verstand sich aufs Lrmmachen und wute seine Phrasen elegant
abzurunden. Niemals wurden Seife, Schnheitswasser und Haarfrbungsmittel,
Handschuhe und Hauben geistreicher, gromuliger und genialer ausgeschrien, als
es durch die unvergleichliche Firma Schminkert und Kompanie geschah. Monsieur
Alphonse Stibbe, der glckliche Schwiegervater, hatte sich wirklich aufs neue
beweibt und die geheimnisvolle Person geheiratet, wegen welcher er einst in
jener denkwrdigen Nacht, als die Tagebcher Aurora Pogges vorgelesen wurden,
dem Vorleser die Kehle zudrckte. Es war eigentlich gar nichts Geheimnisvolles
an der Person; es war nur eine Witwe, reich an Jahren, Erfahrung, Tugend; nur
ein wenig zu massiv fr den kleinen vertrockneten Kleiderknstler, welchen der
Polizeischreiber acht Tage nach der Hochzeit, schluchzend und sein Schicksal
verwnschend, nchtlicherweile vor der verriegelten Tr der eigenen Wohnung
desselben im Parterre der Nummer zwlf fand.
    Jeder hatte sein Schicksal, und der arme kleine Schneider schleppte gewi
ebenso schwer an dem seinigen, wie Robert Wolf an seinem trug; wer gibt uns
eigentlich das Recht, das Los des einen poetischer auf- und anzufassen als das
des andern? Wie dem auch sei, wir haben das Recht und lassen es uns so leicht
nicht nehmen: der jugendliche lockige Snger, welcher auf dem frhlingsgrnen
Berggipfel den Becher der untergehenden Sonne entgegenhlt, ist immer eine
andere Figur wie das auf der Treppe im Dunkel kauernde Schneiderlein.
    Da stand der Jngling hochaufgerichtet unter den freudigen Genossen, fest
auf seinen Fen, und heute hatten die finstern Gewalten, die ihn vor vier
Jahren so verzweiflungsvoll durch die Gassen der groen Stadt getrieben hatten,
nicht mehr ihre verwildernde Macht ber ihn. Er trug den Schmerz und die Sorge
wie ein Mann; er hatte bis jetzt die Schule des Lebens bestanden, und ruhig und
ernst konnte er von der sonnebestrahlten Hhe in die schwlen, dmmerigen Tler
herniederblicken. Mochte sich auch der Sturm dort unten sammeln, mochte die
Nacht drohend von dorther heraufkriechen, mochte die Zukunft bringen, was sie
wollte, Robert Wolf zerschlug nicht mehr die Brust, zerraufte nicht mehr das
Haar in der ohnmchtigen Wut des Schmerzes. Zu einem Mann hatten ihn die
Freunde, hatte ihn das Schicksal gemacht; er verstand die groe Kunst, mnnlich
zu dulden und den kommenden Tag zu erwarten.
    Auf der Hhe verklang das Lied vom flchtigen Glck und dem Neid der Gtter;
aber im Tal wurde es von einer einzelnen Stimme wieder aufgenommen.
    Das ist Krokisius! riefen die Studenten, und Wolf meinte:
    Seht nach, ob noch eine volle Flasche fr das alte Haus da ist.
    Stoff die Flle! jubelte man; nher klang die volle Bruststimme des
Kommenden. Jetzt trat er aus dem Walde drunten und schwang den Hut denen auf dem
Gipfel zu:

Und so klinget die vollen Pokale an,
Doch weckt nicht die Gtter vermessen;
Denn ihr Neid hat beim Mahl
Im olympischen Saal
Nur minutenlang uns vergessen.

Jauchzend begrten die Freunde den Freund, den braven Doppeldoktor Otto
Krokisius, der seinem Herrn Vater soviel Kummer machte, der jetzt, nachdem er
der Philosophie berdrssig geworden war, sich der Juristerei und leider auch
der Politik in die Arme geworfen hatte und der in so schlechtem Geruche bei
Artemisia und Lydda von Flte stand. Der junge Mann sah aber gar nicht aus wie
ein verlorenes Schaf; hchst vergnglich fchelte er sich mit einem grnen
Zweige die erhitzte Stirn und leerte ein volles Glas Rdesheimer; dann warf er
Robert Wolf einen schweren Brief zu:
    Da ist etwas fr dich. Da du nicht mehr zu Hause warst, hat der Brieftrger
seine Last guter Nachrichten, Wechsel und dergleichen angenehmer Eitelkeiten der
Welt bei mir abgelegt. Mge Fortuna aus dem Paket springen - noch ein Glas,
Leute! Das ist ein wonniger Abend; der Teufel hole euern melancholischen Gesang
hier oben, er hat mich selbst unterwegs ganz melancholisch gemacht. Holla, Wolf
- was ist? Um Gottes willen, Wolf, Wolf?
    Robert hatte den Brief, welcher von dem Polizeischreiber Fiebiger kam,
sogleich erbrochen, einen zweiten, in unbekannter Handschrift berschrieben,
herausgenommen und auf der Stelle angefangen zu lesen.
    Es zuckte ber sein Gesicht, er fuhr mit der Hand ber die Augen, er wurde
todbleich; er schwankte auf den Fen und wre zu Boden gestrzt, wenn die
erschreckten Genossen nicht zugesprungen wren und ihn in ihren Armen aufrecht
erhalten htten. In dem Briefe des Polizeischreibers kam die Nachricht, da man
tglich die Verkndigung der Verlobung Helene Wienands und des jungen Barons
Leon von Poppen erwarte. Das zweite Schreiben war von dem bekannten Reisenden
Konrad von Faber, von San Francisco aus, an den Polizeischreiber gerichtet und
erzhlte in tragischer Einfachheit und Krze von dem Tode Friedrich Wolfs in dem
neuentdeckten Goldlande Kalifornien. Auch Eva lag krank in einer elenden Htte
in einem der Felsentler der Umgebung des Sacramentoflusses, lag im
todbringenden Fieber und rief um Hlfe nach der Heimat, rief nach Robert, ihrem
Bruder und Jugendfreund. Es war ein trostloser Brief, welchen der Hauptmann
Konrad mit seinem Namen unterzeichnete; ebenso trostlos wie der andere: diese
beiden Schreiben in der zitternden Hand, nahm Robert Wolf nun wirklich fr immer
Abschied von seiner Jugend.
    Was die Freunde wissen muten, teilte er ihnen mit; dann nahm er auch
Abschied von ihnen, dann ging er aus ihrer Mitte weg und stieg langsam den Berg
hinunter in den Wald. Keiner der Genossen folgte ihm; sie standen alle stumm und
blickten ihm traurig betroffen nach. Lang fiel sein Schatten ber die Berglehne.
Noch einmal winkte er vom Eingang des Waldpfades zurck, und sie winkten wieder;
dann verbarg ihn das Gebsch. Als er gesenkten Hauptes durch den Wald frder
schritt, vernahm er, wie sie das Lied, das er eben noch vorgesungen hatte, von
neuem begannen; aber die Stimmen wurden schwcher und schwcher und gingen an
der nchsten Talecke im Rauschen des Waldbaches, der nun melancholisch seinen
Weg begleitete, gnzlich unter.
    In derselben Nacht bereits befand sich Robert Wolf auf der Reise zu den
Freunden in der groen Stadt und zugleich auf dem Wege zu Eva Wolf, die in ihrer
Not aus so weiter Ferne nach ihm rief.

                          Sechsundzwanzigstes Kapitel



   Auf der alten Stelle. Zum zweitenmal soll der Schler die Lektion aufsagen

Schwer chzte und keuchte die Maschine, durch welche Robert Wolf der Hauptstadt
und den Freunden entgegengefhrt wurde. Der Morgen war frisch und sonnig, der
Tau blitzte auf den Wiesen, jedes Dorf lag wie ein Idyll in seiner Feldmark; die
winzigen Figrchen, die sich auf den ckern von der frhen Morgenarbeit
aufrichteten und sich einen kurzen Augenblick der Rast gnnten, um dem schnellen
Zuge nachzublicken, konnten nimmer Not und Elend unter jenen lieben roten
Dchern im Grn zu erdulden haben! Oder doch?! Sollte es doch mglich sein? ...
Wieder ein Dorf; die Bltenzweige der Grten streifen fast die Wagenfenster;
zwischen den Grten ein Blick in eine enge Gasse, begrenzt von grnen Hecken -
ein Leichenzug - Trger und Leidtragende - ein sonnebeschienener Kirchhof - eine
Gruppe von Kindern um ein offenes Grab, den schwarzen Sarg erwartend -
blitzschnell allem vorbei! O wie wunderlich solch ein Blick aus dem Fenster des
Dampfwagens auf solch einen Zug schwarzer Gestalten, die sich nicht von der
Stelle zu bewegen scheinen - o wie wunderlich solch ein Blick im flgelschnellen
Vorbersausen auf den kleinen Kirchhof und das Grab, die nicht von der Stelle
kommen und denen wir auch doch nicht entgehen knnen!
    Hussa, wie die Rder durch die lichthelle Landschaft donnern! Was gehen uns
die kleinen hbschen Puppen mit den blitzenden Miniaturrechen und -spaten, was
geht uns der winzige Ameisentrauerzug an? Was haben wir zu schaffen mit dem
fremden Toten? - Die nchsten Sekunden reien das alles in unendliche Ferne; die
eigene Freudigkeit aber begleitet uns, der eigene Gram lt uns nicht los, der
eigene Tod ist mit uns, so schnell auch die Rder sich drehen mgen.
    Dieser selbe Eisenbahnzug hatte vor dreiundeinemhalben Jahre den Knaben aus
dem Winzelwalde nach der groen Stadt getragen; und wenn den jungen Mann in der
Ecke des Wagens die Gefhle berwltigen wollten, so brauchte er ja nur jene
Tage mit allen ihren schrecklichen Einzelheiten in die Gegenwart zurckzurufen,
und die bsesten Geister duckten sich vor der Gewalt dieser Erinnerungen. Damals
und jetzt - welche hnlichkeiten, und doch alles, alles wie verndert! Wo waren
die Herbstwolken, die damals Schnee und Regen im wirren Gemisch auf die
vorbeifliegende Gegend ausgeschttet hatten? Andere Gebilde am Himmel, andere
Gebilde in der Seele! Zu einer Zeit behielt man vom Zuge aus lange einen kahlen
Hgel und auf diesem einen einzelnen Baum im Auge. Robert Wolf erinnerte sich
ganz genau an diesen Baum, er verknpfte keine deutliche Erinnerung irgendeines
Bildes, irgendeiner Gedankenreihe damit; er wute nur, da er diese unfruchtbare
kahle Flche, diesen Hgel, diesen einsamen Baum schon einmal gesehen habe und
da ihm damals recht schlimm zumute gewesen sei. Und doch hatte er das Leben
ertragen, hatte Leid vergessen und Freude genossen, hatte viel gelernt und war
lter geworden; nun trug ihn das Schicksal wieder an diesem Baum, der damals im
Regen und Nebel sich halb verbarg, vorber, und leichte Wolkenschatten glitten
ber die Ebene und den Hgel - andere Gebilde am Himmel, andere Gebilde in der
Seele! Wo war der Groll gegen die schne Eva Dornbluth geblieben? Damals htten
alle Wasser, die zwischen dem Goldenen Tor und diesem einsamen Baum auf der
deutschen Heide rollten, ihn nicht ausgelscht - - und jetzt? Wie nahe gerckt
waren sich jetzt die beiden Herzen, trotz all der groen Wasser, trotz all der
weiten Lnderstrecken, die zwischen ihnen lagen!
    Vorber an Dorf und Stadt, weiter - immer weiter! Durch Wald und Feld,
weiter - immer weiter! Was hatte der tote Bruder Fritz mit den
sonnedurchglnzten Wldern, durch welche der Zug brauste, zu schaffen? Bei jedem
Blick in das dicht verschlungene Grn, bei jedem Blick in die Lichtungen fate
das Gedenken an ihn, das Nachdenken ber ihn - die Erinnerung den jungen
Reisenden mit doppelter Gewalt. Fritz, weit du noch? Weit du noch, Robert? Im
Wagen lachten und schwatzten die Passagiere, und ein ausgetrocknetes,
gebruntes, brtiges Individuum sprach ein langes und breites von der Expedition
in das Innere Neuhollands, an der es teilgenommen hatte, und von einer Fahrt
nach Island, welche es jetzt unternehmen wollte. Halben Ohres horchte Robert auf
die Erzhlung und dachte an den Bruder, der auch so wild ber kreuz und quer die
Welt durchschweift hatte und der jetzt so still liegen sollte im Urwald am Yuba.
    O ber den Wald, sein Licht und seinen Schatten! O ber das schwarze
Eingeweide des Berges, durch welchen der Mensch seinem Feuerro den Weg gewhlt
hatte!
    Vorber an Dorf und Stadt, weiter - immer weiter! Durch Wald und Feld weiter
- immer weiter! Heller Morgen, schwldunkler Mittag - dmmernder Abend - Nacht
auf den Feldern und Bergen - Lichter in den Husern der Menschen - weiter, immer
weiter!
    Was hatte denn der Lichterschein aus den Fenstern der Htten und Huser mit
Helene Wienand zu tun? Je nher die Nacht kam, je heller die Lichter
schimmerten, desto mehr mute solch ein junges Menschenkind an sein verlorenes
Lebensglck denken. Ruhig, ruhig, Herz! Wie der Zug donnert ber Brcken und
Viadukte - du hltst ihn nicht auf durch deinen Willen, du hltst ihn nicht auf
durch deine Seelenangst. Fortgerissen wirst du mit allen andern, fort, fort, bis
der Haltepunkt, zu welchem dich dein Schicksal bringen will, erreicht ist.
    Weiter, weiter in schwindelerregender Hast; ergib dich drein, Robert Wolf -
- - - - -
    Angekommen!
    Da war das Gewhl am Bahnhofe, die Polizeimannschaft, das Geschrei der
Packtrger, die Droschkenreihe; da war die breite, menschenvolle Strae, die
unendliche Linie glnzender Gaslaternen; da war aber auch Julius Schminkert,
melancholisch in der Eisenbahnhalle in das Getmmel starrend, wie unschlssig,
ob er ein Billett nach den Grenzen der Erde nehmen oder ob er zu Hause bleiben
solle. Wie oft platzt in die elegischste, tragischste Stimmung der Spa herein
und macht das ernste Gesicht noch ernster, das finstere noch finsterer! Julius
Schminkert war da, und sein Freund und Wandnachbar konnte ihn nicht loswerden
von seiner Seite. Aber der junge Mediziner erkannte den Schauspieler fast nicht
wieder. Alle ungebundene geniale Liederlichkeit war aus dem uern des einst so
jubelvollen darstellenden Knstlers verschwunden. Er trug jetzt einen soliden
hohen Hut, und zwar etwas in die Stirn gezogen; er war im Besitz eines sehr
anstndigen Rockes, und Hosen und Weste lieen ebenfalls nichts zu wnschen
brig. Sehr respektabel sah Julius Schminkert aus; aber leider auch sehr
gedrckt, sehr wehmtig; Julius Schminkert war auch nicht mehr der frhere
Julius Schminkert. Vorbei war das lustige Leben in den Lften, das Flattern von
Blume zu Blume. Der leichtsinnige Schmetterling schien sich die Flgel grndlich
versengt zu haben. Neben Robert schritt der Parfmeriehndler, der Chef der
Firma Schminkert und Kompanie her und hielt nicht hinter dem Berge mit seinen
Kmmernissen. Es schien ihm Erleichterung zu gewhren, sich jemandem, der ihn in
seinem frhern, leichtern Dasein gekannt hatte, mitzuteilen unter dem Druck
einer schweren Gegenwart; und schweigend, den eigenen Gedanken nachhngend,
duldete der Schtzling des Polizeischreibers Fiebiger das Gewinsel des einstigen
Hausgenossen.
    Hren Sie, Robert, seufzte Julius, sehen Sie, wissen Sie, es war eine
brillante Hochzeit. Ich selbst hatte alles aufs beste arrangiert -
Kranzjungfern, Delikatessen, Equipagen, Auffhrungen, alles comme il faut. Ich
mchte den sehen, der mir natrlichen Geschmack und Erfindungsgabe absprche!
Die Musikantengasse konnte Maul und Augen, so weit sie wollte, aufsperren; es
war ihr doch absolut unmglich, die erhabenen, angenehmen, rhrenden und
gemtlichen Vorgnge in der Nummer zwlf in ihrer ganzen vollen Bedeutung und
Glorie aufzufassen. O ich war glcklich, berglcklich - se - lig, auf - ge -
lst in Won - ne. Jungfruliche Myrten - Errten, Trnen - o Trnen, Robert!
Selbst die vterliche Schneiderseele, der teure Schwiegerpapa, Alphonso Stibbe,
tailleur de Paris, vergo etwas von jenem kostbaren Na; mit hchsteigenen
Hnden hatte er mein hochzeitliches Gewand gebaut, und er sa - ich meine den
Frack -, er sa magnifique. So wurde das Meisterstck der Schpfung und der
Schneiderkunst - diesmal meine ich nicht den Frack - mein. Fr Zeit und Ewigkeit
wurden wir miteinander verbunden. Ich sollte ihr Herr sein, meinte der
ehrwrdige Herr, welcher den feierlichen Akt der unauflslichen Verknpfung,
gegen die gesetzlichen Gebhren und nach Vorlegung der notwendigen
beiderseitigen Legitimationspapiere, mit uns vornahm. Ihr Herr? O mon Dieu,
Robert, Sie sind ein guter Kerl und sprechen nicht weiter davon - ihr Herr?!
Nach Hause, nach dem eigenen Hause, Kranzstrae Nummer dreiunddreiig, wie Sie
wissen, fhrte ich mein junges Glck: Parfmerien und Putzgegenstnde, parterre,
vorn heraus, sehr elegant, Spiegelscheiben, Samtfauteuils - hinten hinaus
flitterwchentlicher Ehestand, allerhchste Seligkeit auf beschrnktestem Raume,
etwas feucht, dunkel und dumpfig - Wanzen! - Da sa ich nun, umgaukelt von
Amoretten und Amorinos, und der Handel ging gut, besser, immer besser; o Robert
Wolf, er ging endlich zu gut! Handschuh, Handschuh, Wolf! O dieses
Handschuhanprobieren! Welcher Gott legte Ihnen damals die Warnung davor auf die
jugendliche Zunge? - Haben Sie den Othello gesehen? Ich sage Ihnen, meine
Eifersucht fing klein an; aber sie wuchs mit so fabelhafter Schnelligkeit, da
man sie wachsen hrte. Ja, die Nachbarn hrten sie wachsen und machten ihre
Glossen darber. Dazu nahm meine Huldin einen Ton an - Diskantschlssel -, der
mich nicht wenig frappierte; mit unendlicher Grazie setzte sie mich auf den
Mokierstuhl und - und da sitze ich noch, Robert Wolf! Sollte man nicht wnschen,
da die Firma Schminkert und Kompanie zwischen jetzt und morgen Bankerott mache?
- Und er soll dein Herr sein - krasseste Ironie! Der Schwiegerpapa hat's auch
nicht besser getroffen; - o Robert, was fr ein glcklicher Mensch Sie sind!
Doch hier ist mein Geschft; - Julius Schminkert und ein Geschft - auch nicht
bel. Nun sehen Sie, allerneueste Pariser Neuigkeiten! Bitte, sehen Sie da!
Famos! nicht wahr?
    Mit einem Seufzer wies Julius auf die hellerleuchteten Spiegelscheiben
seines Etablissements, in dessen Schaufenstern alle die Sachen und Schelchen,
mit welchen die Firma Schminkert und - Frau handelte, so verlockend und reizend
als mglich dem Publikum vor die Augen gestellt waren. Trotz seiner Bedrcktheit
schien der bejammernswerte Geschftsmann den uern Effekt, den glnzenden
Anblick mit weiter geffneten Nasenlchern einzuschlrfen. Fr einen Augenblick
verlor sein Gesicht den Ausdruck der Zusammengekniffenheit, und seine Zge
legten sich auseinander wie die Bltter einer Stockrose unter einem
erfrischenden Regenschauer. Aber der glckliche Augenblick ging blitzschnell
vorber, als ber die Schwelle, aus dem Laden hervor, ein junger Herr trat, ein
Paar neugekaufter Glachandschuhe fester ber die Finger ziehend. Hinter ihm
erschien holdlchelnd, mit der Taille einer Wespe, frisiert  l'impratrice,
Madame Angelika Schminkert geborene Stibbe, in potenziertester Liebenswrdigkeit
den Abschiedswink des jungen Herrn beknicksend. Der Ehemann knurrte einen
Theaterfluch, Robert Wolf aber fuhr zusammen und fate die Unterlippe mit den
Zhnen: der Kunde der schnen Modewarenhndlerin war kein anderer als Herr Leon
Freiherr von Poppen, der Verlobte Helene Wienands. Mit ausgesprochener Bonhomie
grte der Baron den Gatten Angelikas, und dieser mute den Gru erwidern und
sehr dankbar sein fr die Kundschaft und Ehre. Ob der treffliche Diplomat den
Zgling des Sternsehers erkannte, blieb zweifelhaft, jedenfalls zeigte er weder
Freude noch Kummer darber; - - er war ein sehr brauchbarer Mensch, und seine
Vorgesetzten fingen immer mehr an, ihn als ein groes Talent zu schtzen und zu
verwenden; er hatte eine groe Zukunft, und die Gegenwart war auch nicht zu
verachten.
    Er streifte Robert fast im Vorbeigehen, und dieser schlug ihn nicht zu
Boden, sondern wich nur zurck wie vor einem giftigen Tier; er starrte ihm nach,
wie er um die Ecke sich wandte. An der Ecke fiel der Schein der Laterne noch
einmal voll auf das gelbliche Gesicht, das jetzt ein hhnisches Lcheln
berflog; - jetzt berhrte Leon von Poppen den Hut gegen Robert Wolf, dann
verschwand er, und nur noch einmal sollte ihn Robert wiedersehen.
    Die Gattin schwebte dem Gatten entgegen, Robert lie sie beide an ihrer
Ladentr ihre Gefhle austauschen und eilte schnellern Schrittes durch den Lrm
der Straen der innern Stadt, der alten, treuen Musikantengasse zu. Er kreuzte
die Stelle, auf welcher er vor dreiundeinemhalben Jahre in Schmutz und Blut lag.
Damals wie jetzt ging ihm ein tiefer Schmerz durch die Seele; aber das heutige
Weh war fast noch schrfer, bnger als das damalige, obgleich es ruhiger
ertragen wurde. Mit klopfendem Herzen stand Robert still; er sah sich im
Gefngnis, er sah den brtigen Schlieer, hrte den Regen an die trben
vergitterten Scheiben schlagen, erblickte den Wachtmeister Greiffenberger und
den langen Gang, der zum Bro Nummer dreizehn fhrte. Ganz deutlich atmete er
wieder den eisig-ungesunden Hauch, welcher durch das ganze Polizeigebude zog; -
im Bro dreizehn stand er vor dem Rat Trster: wie konnte es geschehen, da der
Hauptmann von Faber, welcher jetzt den Tod Friedrichs meldete, damals in
demselben Bro auf der Armensnderbank sa? Nun tauchte pltzlich ber das hohe
Pult das Gesicht des Polizeischreibers Fiebiger auf, das treue geliebte Gesicht
mit den klaren schlauen Augen, den hundert Falten - gesegnet sei das teure
Haupt! Und neben dem Gesicht des Greisen das andere Gesicht? O Helene, Helene!
Das Volk drngt sich wild im Kreis, zu Boden liegt der Knabe aus dem Winzelwalde
- dunkel ist der Himmel - o das Gesicht, das Gesicht, das andere Gesicht -
Helene, Helene! ...
    Im jhen Schreck fuhr Robert zusammen; eine Hand legte sich ihm pltzlich
auf die Schulter: der Polizeischreiber Fiebiger stand nicht mehr als
Traumgebild, sondern in natura hinter ihm: so runzlig, so vertrocknet, so
klarugig wie immer. Er zog den Schtzling in seine Arme:
    Da bist du! Hab ich dich wieder? Ruhe, Ruhe! Mut, Mut!
    Mein Vater, mein Freund! O mein Vater! rief Robert Wolf, und der Alte,
unfhig, seine Erregung, seine Rhrung auf andere Weise zu verbergen, strzte
sich sogleich, Hals ber Kopf, in seinen gewhnlichen Ton:
    Komm, komm, mein Junge. Der hohen Polizei ist es am wenigsten gestattet,
eine Szene auf offener Strae hervorzurufen - weder tragisch noch komisch. Ist
ganz, ganz gegen das Reglement! Komm nach Haus, lieber Junge, mein wackerer
Junge - der arme Fritz, die arme Eva - komm fort! Doch halt, sieh, wer da
kommt!
    Jetzt lie Robert Wolf die Hand des alten Freundes los und eilte hastig
einer kleinen, schwarzgekleideten Dame entgegen, welche dicht vor ihnen aus der
Menge auftauchte und ebenfalls schnell auf die beiden Mnner an einem Krckstock
zuhinkte.
    Die kleine schwarze Dame fate ohne Scheu, vor allen Menschen, den Studenten
gleichfalls in die Arme:
    Gott segne dich, mein armer Junge! Ach Robert, Robert, was mu man erleben
in der Welt! Wenn man glaubt, nun sei einem alles mgliche gebrannte Herzeleid
angetan, so ist immer noch ein Stck zurck, welches einem die Last schwerer und
die Augen trber machen kann. Welche traurige Botschaft ist uns bers Meer von
deinem Bruder, von der schnen Eva, seiner Frau, gekommen! Aber was hilft's, auf
der Strae, auf dem Markt davon zu schwatzen! Jetzt wollen wir gehen; ich meines
Weges, ihr des eurigen; nachher, Fiebiger, treffen wir uns bei Heinrich: er soll
uns sagen, was die Sterne darber denken: ach Gott, 's ist immer doch nur; aprs
la mort le mdecin; wenn der Jammer ausgeflossen ist, stopft man das Loch mit
Philosophie, mit schnen Redensarten zu.
    Das Freifrulein Juliane von Poppen winkte den beiden, ihr nicht zu folgen,
und hinkte gesenkten Hauptes weiter; sie schmte sich zu sehr, da sie sich von
dem ausgezeichneten Neffen so klglich hatte hinters Licht fhren lassen, und
fr einen Charakter gleich dem ihrigen war solche Scham fast vernichtender als
der Schmerz.
    Der Polizeischreiber sah ihr traurig nach und sagte:
    Am liebsten wrde sie einen hrenen Sack anziehen und barfu durch die
Gassen gehen. Komm, Robert; und nimm dir ein Beispiel an der alten Frau, ich
will es auch tun.
    In wehmtigem Schweigen setzten der Greis und der junge Mann ihren Weg zur
Musikantengasse fort; und wieder einmal sah sich Robert in den grauen,
tabakverrucherten Rumen, in denen er geistig soviel erlebt, in denen er soviel
getrumt, soviel gelernt hatte.
    Inmitten dieser alten schbigen und doch so freundlichen Wnde, inmitten
dieser abgelebten, wackligen Gertschaften - hier, inmitten seiner eigentlichen
Heimat, kam ihm jetzt mit doppelt erschreckender Klarheit die Vorstellung, wie
er nun wieder von allem, was er um sich her aufgebaut hatte zu seinem Glck,
erbarmungslos losgerissen und in das Ungewisse, Lieblose, Fremde, Wirre und
Verderbliche hinausgeschleudert sei.
    O mein Freund, mein Vater, was soll ich tun? rief er. Woran soll ich mich
halten? Was bleibt mir in der ganzen weiten Welt?
    Mein lieber Junge, das mut du allgemach selber wissen! antwortete der
Polizeischreiber Friedrich Fiebiger aus Poppenhagen. Vielleicht kann dir aber
der Alte dahinten im Giebel etwas dazu sagen - du weit, aus der Hhe bersieht
man alles am leichtesten und besten.

                          Siebenundzwanzigstes Kapitel



  Robert Wolf beweist, da man auf den alten Fleck zurckkommen kann, ohne von
dort die Welt in der alten Weise anzusehen. Der Baron Leon von Poppen steigt zu
             dem Observatorium des Sternsehers Heinrich Ulex empor

Die Sterne gaben in dieser Frhlingsnacht einen Schein so rein und klar wie
selten. Wie junge Mdchen im Tanz lachten und winkten sie einander zu, und der
Mensch auf dem Stern, Erde genannt, wurde darob teilweise ungemein feierlich
gestimmt und fragte sich, worber eigentlich die da droben sich unterhielten.
Harmlose, naive Individuen, wie zum Beispiel der Schreiber dieses, dachten bei
diesem Winken und Nicken an kosmische Ballangelegenheiten, spahafte
Vorkommnisse beim letzten Sphrenkonzert, an tlpelhafte Courschneidereien
irgendeines landjunkerhaften Kometen, an das letzte Zerwrfnis zwischen Venus
und Mars. War vielleicht der dicke zerstreute Oberappellationsgerichtsrat
Saturnus wieder einmal in eine komische Verlegenheit geraten? War der alten
boshaften Jungfer, dem Frulein Vesta, ein gesellschaftliches Malheur begegnet?
Wer kann es wissen? - Ernstere Charaktere, wie der Sternseher Heinrich Ulex,
dachten freilich ernster ber das Raunen und Winken in der Hhe; aber auch sie
muten den irdischen Gewalten nachgeben und sich ihren erhabenen Grbeleien
entreien, wenn es - an ihrer Tr klopfte.
    La die Sterne, Heinrich Ulex, schieb den Trriegel zurck und trste deinen
Schler, welcher sich an deine Brust werfen will und Trost von dir verlangt!
    Still und ohne Eifersucht sah der Polizeischreiber den zrtlichen
Begrungen, die zwischen dem alten Gelehrten und Robert Wolf stattfanden, zu.
Die beiden Greise teilten sich gern in die Liebe des jungen Heimatgenossen, weil
jeder den Wert dessen, was der andere gegeben hatte, bereitwilligst anerkannte.
    Alles fand sich in dem Museum des Sternsehers im Giebel von Sankt Nikolaus
noch am alten Fleck. Da stand die Sphaera armillaris zwischen den
Manuskriptenhaufen, da hing an der Wand die mensa Isiaca zwischen den ernsten
Bildnissen Keplers und Galileo Galileis. Ernst blickten von der
entgegengesetzten Wand Kopernikus und Herschel hernieder; - der groe Tubus am
Fenster richtete immer noch die Nase nach oben. Man ahnt gar nicht, wie sehr
Leute, die ganz im Geistigen zu leben und aufzugehen scheinen, von geringfgigen
uerlichkeiten abhngen: dem Polizeischreiber Fiebiger wr's hchst
gleichgltig gewesen, wenn ihm irgendein Geschick seine Huslichkeit total
durcheinandergeworfen oder ganz zerstrt htte; den Sternseher Ulex htte eine
Verschiebung der gewohnten Gertschaften aufs rgste verstrt, ihn recht
unglcklich gemacht. -
    Eben fuhr der Greis ber das Gesicht Roberts sanft mit der Hand:
    Fort mit den bsen Falten; sie haben noch immer nicht das Recht, sich hier
finden zu lassen.
    Ach mein Vater, ich bin so hart bedrngt von allen Seiten; die Falten
kommen wie der Dieb in der Nacht; mit dem besten Willen vermag ich nichts
dagegen.
    Der Greis schttelte traurig das Haupt.
    Es ist wahr, mein armes Kind, es werden dir viel Bitternisse zuteil. Bse
Nachrichten haben wir aus der Ferne vernommen, und was die Nhe bietet, huft
Leiden zu Leid. Mein armes Kind, am liebsten behielte ich dich wieder hier; du
nhmest dann dort deinen Platz am Tisch - sieh, der Homer liegt noch an seiner
Stelle - von neuem ein, wir schlssen die Tr und ffneten sie nur den nchsten
Freunden und shen nach den Sternen, soviel das Gemuer, das dort auf jener
Brandsttte wieder emporgeschossen ist, uns davon briggelassen hat. O wir
wollten doch noch schne herrliche Sterne und Sternbilder finden; aber -
    Aber es geht nicht; die Sterne wollen es nicht, Heinrich, sagte der
Polizeischreiber, und die Sterne sind sehr mchtig und kmmern sich blutwenig
um das, was die Leute, denen sie die Suppe des Lebens versalzen, dazu sagen.
    O Fritz, die Sterne sind nie hhnisch, sind nie falsch; sie freuen sich
nicht ber das Elend der Erdgeborenen! rief der Astronom. Wer ihnen folgt, mag
wohl seinen Pfad mit Trnen nehmen mssen, aber es ist doch der rechte Weg; er
fhrt in die Hhe, und was nach oben fhrt, das verspottet und verachtet der
Mensch nicht ungestraft. Tretet an dieses Fenster und blickt hinaus!
    Der Polizeischreiber und Robert folgten dem Wink und sahen in die klare
Nacht; der Sternseher stand zwischen ihnen und deutete feierlich in die Tiefe:
    Dort unten sah ich, einige Tage nach jener groen Feuersbrunst, einen Mann
stehen, welcher durch das wilde Element ein wenig von seinen irdischen Gtern
verloren hatte, dem aber Gott viel Gutes erhalten hatte. Um den Mann her lagen
hohe Trmmer, sein Fu trat auf schwarzen Schutt und Staub, und hie und da wand
sich noch schwarzer Qualm aus der Verwstung. Durch mein Glas sah ich das
Gesicht des Mannes ganz klar und genau, und mein Herz schlug laut und ngstlich,
denn ich wute, Gott hatte jenen auf einen Scheidepunkt gestellt. Himmel und
Erde kmpften in seiner Brust, ich aber kmpfte diesen Kampf mit ihm und fr ihn
durch, und eine tiefere Bangigkeit ist mir auch selten durch das Herz gegangen.
Wie soll ich euch beschreiben, was ich in diesen schwankenden Augenblicken fr
jenen Mann fhlte? Ich kann euch nur sagen, was mit ihm geschah. Er sah nicht
nach oben; am Staub klebte sein Auge, die schwarzen Trmmer nahmen seine Seele
gefangen, und kurz nur war das Ringen gegen die dunkle Gewalt, die uns zu Fen
liegt und die uns ewig zu sich herabziehen will. Viel schne Namen haben wir
dafr, prunkende, farbige Hllen werfen wir darber; aber der Staub bleibt
nichtsdestoweniger Staub, und aus den glnzenden Hllen kriecht es empor und
umschlingt Glied auf Glied - nieder! nieder! Wie viele Leiber erstickte, wie
viele Seelen begrub die Asche, ber welche unser Fu durch dieses Leben
schreitet? Htte jener Mann, der auf den Trmmern seines verbrannten Hauses
stand, den Blick nach oben - nach den Sternen - gerichtet, er wre gerettet
gewesen! Er tat es nicht, und er ging unter - unter, erst in der Nacht des
Wahnsinns; dann, als der Krper die Krankheit berwunden hatte, unter in dem
Leben, welches ihr kennt. Er ist ein harter, liebloser, selbstschtiger Mann
geworden; nur das, was den tglichen erbrmlichen Vorteil, die Ehre der Welt und
das Geld bedeutet, kennt er noch; was darber liegt, hat keinen Sinn mehr fr
ihn. Fragt nun seine Leute, fragt sein Kind, fragt die Arbeiter in seinen
Fabriken, was das fr sie bedeutet. O Friedrich, alter Freund, o Robert, lieber
Sohn, sehet nicht zu Boden in der Unglcksstunde; aufwrts zu den Sternen
richtet den Blick; bei den Sternen ist Heil, zu euern Fen findet ihr nur
Untergang und Verwesung.
    Robert Wolf sah den Greis mit leuchtenden Augen an; aber der
Polizeischreiber zuckte doch ein wenig die Achseln und sagte:
    Du hast gut reden, Heinz. Hier sitzest du auf deinem Turm und hast Beine
und Fe hoch in die Luft gezogen; aber - aber! Die Herren und Damen in der
Arche mochten wohl, als dieses ausgezeichnete Fahrzeug flott wurde, mit dem
Gefhl der persnlichen Sicherheit dem Jammergeschrei der ertrinkenden Mitbrder
und Mitschwestern lauschen, aber ich beneide sie darum doch nicht. Die Familie
Noah nahm jedenfalls auch ihren Ballast an Erdenschuld mit an Bord: der frivole
Spavogel Harn wie die andern. Ich meine, wir sind allesamt gleich vor dem
Herrn; der Meister Noah und seine Familie wurden nur wie die Tierprlein in
ihrer Eigenschaft als Gattungsexemplare gerettet, nicht etwa als
Tugendausbndler. Wir haben uns beide auf die Schmetterlingskunde gelegt,
Ulexius. Du jagst den goldglnzenden Dingern mit azurblauen Flgeln, die in der
reinen Luft der Hhe geboren werden und schweben, nach; ich liebe es, zu sehen,
wie hnliche Wesen auch aus dem Schlamm, aus der Verderbnis sich strahlend
erheben und ber dem Sumpfe flattern. Arme Dinger, wer kann sagen, ob es eure
Schuld ist, wenn ihr flgelmatt, nach kaum begonnenem Flug, wieder herabsinkt,
um im Schmutz zu verkommen? Es ist aber auch nicht alles Schlamm und Sumpf zu
unsern Fen; nahrhaften Acker und Gartenland, trefflichen Wiesenboden gibt es
auch, und der Mann, der im Unglck sich daran hlt, mag so gut sich dem Elend
entringen wie der, welcher nach - den Sternen sieht. Am besten ist's, man tut
das eine und lt das andere nicht. Also, Robert, mein Rat ist: halte dich mit
den Hnden und im Notfall auch mit den Zhnen an dem Gewande unserer alten
Mutter Erde; die Augen aber richte empor zu den Sternen des weisen Meisters
Henrici Ulexii, privilegierten und patentierten Sternguckers und Platonikers im
Giebel des vormaligen Klosters Sancti Nicolai. Auf der Erde halte dich an die
Dinge selbst, an die Materie, mgen sie Ecken und Kanten haben, soviel sie
wollen; verachte aber nicht die Ideen, welche ber der Materie sind. Nachher
magst du dem Ganzen Namen geben, wie du willst. Und wenn du gar kein Wort dafr
finden solltest, wird der Schaden auch nicht allzu gro sein. He, Heinrich Ulex,
war das nicht gesprochen, als ob der Sohn des Ariston im akademischen Biergarten
vor dem Thriasischen Tor das Wort gehabt htte?
    Semper idem! sagte der Astronom lchelnd; da klopfte es wieder an die Tr.
    Schiebe deinen Riegel fort, Mann des Ideals, brummte Fiebiger, der
Schritt, welcher da sich naht, wandelt auch nicht immer auf rosigem Gewlk,
sondern oft ber recht holpriges Pflaster, faulende Bohlen und morsches Estrich;
aber er steigt doch vielleicht auch bis zu deinen Hhen.
    Heinrich Ulex neigte, whrend er seine Riegel zurckstie, das Haupt und
sagte einfach und leise:
    Du hast recht, Fritz!
    ber die Schwelle des Observatoriums trat das Freifrulein Juliane von
Poppen, und hinter ihr erschien - o Robert Wolf, was sagte dein Herz? -, hinter
ihr erschien, bleichschchtern, das liebliche Gesichtchen Helene Wienands.
    Seid gegrt, ihr Herren, sprach das alte Frulein ungemein feierlich.
Ich komme heute frher, dieses Kindes wegen; ich hielt es fr wnschenswert,
da es diesen Abend in unserer Mitte zubringe - so ist es hier; gib dem Frulein
die Hand, Robert.
    Wie sich Robert und Helene einander in die Augen sahen, was sie bei dieser
Zusammenkunft fhlten, knnen wir nicht beschreiben. Sie reichten sich wortlos
die Hnde, und die Alten sprachen zuerst ebenfalls nicht und sahen nur mitleidig
auf die beiden jungen Leute. Dann nahm Heinrich Ulex die Hand der Tochter des
Bankiers Wienand und fhrte selbst sie zu einem Sitze. Es lag etwas unendlich
Zrtliches und zugleich Trauriges in der Art, wie er sich um das junge Mdchen
bemhte.
    Nun saen sie alle im Kreis und bedachten den Ernst des Lebens, und die
groen Astronomen, die in ihrem Leben auch soviel getragen hatten, schienen noch
ernster als gewhnlich aus ihren Bilderrahmen herabzublicken.
    Es sprach das Frulein von Poppen:
    Ich wute eigentlich nicht recht, ob es gut sein wrde, wenn ich mein Kind
an diesem Abend hierher brchte; ich wre beinahe mit ihm unten an der Treppe
noch umgekehrt. Jetzt aber wei ich, da es gut ist; wir mssen uns gegenseitig
aussprechen, und Helene Wienand darf dabei nicht fehlen; selbst ihr Vater knnte
ihr das Recht, hier zu erscheinen, nicht streitig machen, und so habe ich sie
hergefhrt, da sie hre und selbst spreche. Robert, du bist von allem, was uns
Frauen betrifft, unterrichtet?
    Robert senkte den Kopf und sagte: Ja. Im Kabinett des Knigs liegt das
Adelsdiplom des Herrn Bankiers Wienand zur Unterzeichnung vor. Sobald dasselbe
ausgefertigt ist, soll - soll -
    Soll die Verlobung meines Neffen, des Barons Leon von Poppen, mit Frulein
Helene von Wienand der Stadt verkndigt werden! rief das Freifrulein.
Abgemachtes Geschft - Vorteil auf beiden Seiten - nichts mehr dagegen zu
machen; das Haus von Poppen hat eine gute Spekulation gemacht und das Haus
Wienand keine schlechte. O arme Helene, verkaufen mchten sie dich, wie sie die
eigenen Seelen verkaufen wrden; aber sie sollen ihren Willen nicht haben; ich
leide es nicht, ich dulde es nicht. Habe ich dich damals als winziges,
erbrmliches, schreiendes Ding in meine Arme genommen und dich zu einem so
hbschen, verstndigen Mdchen aufgezogen, um dich armes Lamm jetzt diesem
abscheulichen hhnischen Jesuiten, der leider Gottes meinen Namen trgt,
geduldig zu berliefern? O sie sollen das Freifrulein von Poppen kennenlernen,
diese - diese - Je - su - iten!
    Unnachahmlich war die Art, in welcher Juliane das Wort Jesuiten hervorstie.
Es war eins ihrer hchsten Worte, und sie wandte es nur in Augenblicken der
zornigsten Aufregung an. Ihr Pflegekind dicht zu sich heranziehend, fuhr die
alte Dame fort:
    Weine nicht, mein Herzchen, es liegt immer noch ein weiter Raum zwischen
ihrem Willen und der Vollendung ihrer liebenswrdigen Plne. Noch bist du nicht
Baronin von Poppen und sollst es mit Gottes Hlfe frs erste nicht werden. Dein
Vater hat nicht das Recht, dich ins uerste Verderben zu strzen.
    Ach, wie kann ich mich wehren gegen das, was mein Vater will? rief Helene,
die Hnde ringend. Er ist mein Vater, und ich habe ihn so lieb, so lieb! Wie
kann ich jemals vergessen, da er sonst so gut gegen mich war? Wenn ich abends
zu Bett gegangen bin, um mich in den Schlaf zu weinen, wie mu ich dann
lauschen, ob er nicht wie frher wiederkommen will, um sich, wie frher - als er
noch nicht krank war -, ber meine Kissen zu beugen und mir die Stirn zu
streicheln zu guter Nacht. Ich denke, es kann nicht anders sein, er mu
wiederkommen, es kann nicht alles, alles so anders geworden sein; er mu mich
wieder an sein Herz nehmen, wie frher, er kann mich nicht so grenzenlos
unglcklich machen wollen.
    Zur Baronin Poppen will er dich machen, rief das Frulein. Er hlt das
gar nicht fr etwas Schlimmes; er verlangt ja deine ganze kindliche Dankbarkeit
dafr. Ich wollte nur, ich htte deinen Zuknftigen jeden Tag eine Viertelstunde
im Bereich meines Krckstocks!
    Solche Wnsche wie diesen, Frulein, mu man im Leben leider nur zu oft
unterdrcken, seufzte Polizeischreiber Fiebiger. Wir kommen durch alle
Wnsche, Klagen, Hoffnungen und Befrchtungen auch nicht den kleinsten Schritt
weiter, sondern geraten nur immer tiefer in Mutlosigkeit und Verwirrung. Am
besten ist's, wir legen uns klar und trocken noch einmal alles auseinander,
scheiden das Richtige von dem Unrechten und gehen dann ein jeder mutig, tapfer
und ergeben den vorgeschriebenen Weg. Hier sind wir: die Alten, die den Kampf um
das Dasein so ziemlich hinter sich haben, und die Jungen, welche soeben in den
Kampf eingetreten sind und die von den Graukpfen wissen wollen, wie sie durch
den groen wilden Wald, den gnadenlosen Wald gekommen sind. Die Sache, um welche
es sich handelt, ist sehr einfach und durchaus nicht neu, wie das Lied sehr
richtig bemerkt. Wie oft aber auch der Knoten gelst oder durchgehauen wurde,
die jedesmal Beteiligten glauben stets, sie seien die einzigen, welche je vor
solch ein Hindernis gerieten. Es gibt aber Knoten von mancherlei Art, und jeder
findet sie an seinem Lebensstrick. Lat uns die vorliegende Verwicklung
betrachten. Hier ist Robert Wolf aus Poppenhagen, der Arzneikunst Beflissener,
ein junger Mensch von gutem Krperbau und mannigfachen Geistesanlagen. Wir,
Heinrich Ulex und Fritze Fiebiger, gleichfalls aus Poppenhagen im Winzelwalde,
haben in einem gefhrlichen Zeitpunkt sozusagen die Rolle der Moira, des Fatums,
fr besagten jungen Wolf gespielt und haben ihn durch Gut und Bse, nasses und
trockenes Wetter bis zum jetzigen Augenblick taliter qualiter durchgebracht.
Hier ist auf der andern Seite Frulein Helene Wienand, die Tochter des Bankier
Wienand, ein armes kleines Mdchen, welches in hnlicher Weise eine Beschtzerin
gefunden hat in dem Freifrulein Juliane von Poppen, ebenfalls aus Poppenhagen
im Winzelwalde; und unter unsern alten blinden Augen hat sich zwischen den
beiden jungen Leuten etwas angesponnen, wovon in unserm Erziehungsplane nicht
die Rede war.
    Robert und Helene schlugen die Augen nieder, errteten und zitterten an
allen Gliedern; das Freifrulein nahm Prise auf Prise, rckte immer unruhiger
auf ihrem Sitze hin und her und hob jetzt abwinkend die Hand gegen den
Schreiber; dieser aber schttelte den Kopf und sagte:
    Nein, lassen Sie nur das Winken, Frulein Juliane; ich glaube, es wird am
besten sein, wenn wir so offen und methodisch wie mglich zu Werke gehen; das
Rhrende, Gefhl- und Trnenvolle wird schon von selbst sich in die Historie
stehlen; wir haben zur Hervorrufung desselben ja den Herrn Neffen, das
staatsmnnische Talent, welches zu so groen Dingen im Vaterlande berufen ist.
Der Herr Bankier Wienand, der wenig oder gar nichts von unserm Robert wei,
zieht natrlich den hoffnungsvollen jungen Baron als Schwiegersohn bedeutend
vor, und nur ein Bruchteil hiesiger Stadtbevlkerung verdenkt es ihm. Es ist
nicht zu leugnen, da der Vater in gewisser Weise das Recht hat, ber die
Zukunft seines Kindes zu verfgen und sich und es nach bestem Willen und Krften
glcklich zu machen. Die Frage stellt sich meiner Meinung nach jetzt einfach so:
Gibt nicht der Vater, welcher den grten Teil der Seele seines Kindes einer
andern Person, die treuer darber waltet, als er selbst es vermchte, berlt,
einen ebenso groen Teil an der Verfgung ber dasselbe auf? Hat das
Freifrulein Juliane von Poppen das Recht, den Teil des Herzens Helene Wienands,
der ihr gehrt, gegen den Willen des Vaters zu wenden? Ich kmpfe fr die Seele,
die ich zu vertreten habe; ich vertrete das Glck meines Sohnes Robert Wolf und
beantworte die Frage mit Ja!
    Robert Wolf stie einen leisen Schrei hervor und streckte die Hnde gegen
den Erzieher aus; Helene Wienand aber wurde fast noch bleicher als gewhnlich,
blickte starr, wie im hchsten Grade erschreckt, auf den Polizeischreiber und
dann mit fragend gefalteten Hnden auf die alte Freundin. Diese fate die
fieberheie Hand des Kindes und rief:
    Recht, recht, Fritz; wir haben jeder eine Seele, die wir uns gewonnen
haben, zu vertreten. Ja, ich habe mir diese Seele gewonnen, und ich gebe mein
Recht daran gegen keinen auf. Nicht wahr, mein Liebchen, ich habe teil an dir,
und du verlssest mich nicht? Habe ich um dich gesorgt und in Krankheitsnchten
an deinem Bettchen gewacht wie eine Mutter? Konnte eine Mutter mehr tun, als ich
fr dich getan habe? Welcher Teil deines Wesens gehrt dem Bankier Wienand, und
welcher gehrt dem alten lahmen Frulein von Poppen?
    O meine Mutter, meine liebe, liebe Mutter, rief Helene, das Freifrulein
umarmend, Sie sind meine wahre Mutter. Nimmer kann ich ausdenken, wie gut, wie
liebevoll Sie fr mich gewesen sind. So weich haben Sie mich durch das Leben
getragen. Was wre aus mir whrend der letzten Jahre geworden, wenn Gott Sie
nicht mir gegeben htte? Ich bin lange nicht so gut, als Sie - als alle glauben;
aber was lblich an mir ist, das haben Sie, Mutter, zum grten Teil mir
gegeben, und mein Vater - o mein lieber - armer Vater -
    Das junge Mdchen vollendete seine Rede nicht; die Worte gingen ihr im
krampfhaften Schluchzen unter, und Robert Wolf strzte mit trnenvollen Augen
vor ihren Knien nieder:
    Liebe, Liebe, ach qule dich nicht so! Gegen den falschen Leon wird dich
das Frulein Juliane schtzen; wir beiden aber mssen den Sternen trauen. Mein
Herz blutet ber dein und mein Weh; aber die Sterne, die rechten, wahren Sterne
tuschen nicht. - O weiser Meister, sagt es ihr, da sie nicht tuschen; sagt
ihr, da sie allen denen, welche ihnen trauen und treu, treu - bis in den Tod
getreu zu ihnen aufblicken, den rechten Weg weisen. Meister, Meister, sprecht zu
ihr, sprecht zu uns; bei Euern Sternen ist Trost; die Erde ist so wild und hart
und grausam; aber Eure Sterne sind milde und geduldig. Sie gehen nicht mit dem
Strauchelnden ins Gericht; sie bndigen durch Sanftmut die Leidenschaft - ich
habe es erfahren! -, in aller Not ist Heil bei ihnen. Meister, Meister, sprecht
zu der armen Helene und zu mir, dessen Herz in so groer Not und Qual zwischen
zwei Weltteilen schwebt, sprecht zu uns von Euern Sternen und ihrem Rat!
    Das Freifrulein sah erstaunt auf den erregten jungen Mann, der
Polizeischreiber kratzte sich mit vielen Hm's und Ha's nach seiner Art hinter
dem Ohre und brummte:
    Da bin ich drin fr die Kosten! Bei Gott, der Alte hat mit seinem
Idealismus doch das lngste Ende gezogen! Und ich habe dem Jungen so schne
skeptische Prinzipien vorgeritten. Da liegt der Napf im Feuer, und aus dem
realen Punsch werden transzendentalblaue Flammen, die durch den Schornstein zu
den - Ster - nen in die Hhe schlagen.
    Es hatte sich aber Heinrich Ulex der Sternseher emporgerichtet, und leise
sprach er:
    Ich wute es! Ja, es konnte nicht anders sein. Gesegnet seien deine Worte,
Robert; mit ihnen berwinden wir das Leben, mit ihnen berwinden wir auch den
Tod. Wie hinter dem Tode, so ist hinter der Geburt ein groes Geheimnis; der
Sterbende tritt in das eine, das Kind, welches geboren wird, in das andere. Auch
das Leben ist eine Kette von Mysterien, die hienieden oft nur zum geringsten
Teil gelst werden. Den Scho der Mutter verlt das Kind und wei nichts von
sich. Es hrt ein unbestimmtes Gerusch und wird von einem unbekannten Licht
geblendet, mit Weinen und Klagen wehrt es sich gegen beides. Mit jeder Geburt
hebt der uralte Sang von der Schpfung wieder an: wst war es und leer, und es
war finster auf der Tiefe; aber der Geist Gottes schwebte ber den Wassern. Im
Buche der Genesis freilich wird es mit einem Male Licht; in der dunkeln Seele
des Menschen jedoch kommt das Licht langsam, langsam; erst ein dmmeriger
Schein, dann ein Funke hier, ein Funke da, ein Aufleuchten, welches eine mehr
oder weniger fremdartige Gegend zeigt, ein Verschwinden jeglichen Scheins,
wieder ein Blitz, ein Zerreien der Finsternis, neue schwarze Wolken, und so bis
zum Tode ein Kampf zwischen Ormuzd und Ahriman! Dunkel ist an und fr sich das
Universum, und das Licht darin geht nur von den glnzenden Kugeln aus, die wir
Sterne nennen; dunkel ist auch von Grund aus die Menschenseele, ein ebenso
groes Mysterium wie das Weltall; auch in ihr kommt das Licht von den Sternen,
und deren gibt es viele und sehr schne. Jeder von ihnen wirft einen andern
Schein in das dunkle Sein, und dem echten Menschen verbinden sie sich in jeder
guten, aber viel mehr noch in jeder bsen Stunde zu heilbringenden
Konstellationen. Der Mensch der Materie, der Mensch des Paradieses, der weder
Gut noch Bse kennt, gibt den Steinen, Pflanzen und Tieren Namen; aber der
sittliche Mensch, welchem Gott befahl - erectos ad sidera tollere vultus -, das
erhobene Gesicht zu den Sternen zu richten, dieser Mensch gab den Gefhlen Namen
und nannte sie: Liebe, Freundschaft, Glaube, Geduld, Barmherzigkeit, Mut, Demut,
Ehre - und Jahrtausende vergingen, ehe diese Namen und so viele gleiche gefunden
waren. Seht nach dem Stern der Liebe, meine Kinder; aber du, schne Jungfrau,
vergi auch nicht den Stern des kindlichen Gehorsams; es ist ein edles Gestirn,
folge ihm bis zur Entsagung, in das Verderben jedoch darfst du ihm nicht folgen.
Mein Sohn, du hast eine kstliche Tramontana gefunden; aber erinnere dich, da
du schon einmal glaubtest, sie gefunden zu haben. Gedenke immer der
Verzweiflung, aus welcher wir dich emporzogen; denke daran, wie du damals das
Leben wegwerfen wolltest gleich einem vollgeschriebenen Blatt Papier. Es hat
sich nachher auf dem Blatt immer noch Platz fr mancherlei gefunden. Du
glaubtest das Dasein verloren zu haben, ehe du es angefangen hattest. Damals
warst du ein verblendetes Kind, heute bist du ein Mann; damals glaubtest du zu
lieben, heute liebst du - ernst, schweigend, geduldig, in alle Ewigkeit. Was
geschehen mag, du hast viel gewonnen; habe nur weiter acht auf die Sterne der
Ehre und des Mutes. Gebet mir eure Hnde, ihr beiden armen lieben Kinder; jedes
von euch wei Bescheid von dem andern - mehr Bescheid, als wir Alten wissen
knnen. So soll nun jedes dem andern sagen, was es zu tun hat. Sprich zuerst,
Robert Wolf, was verlangst du von Helene Wienand?
    Die beiden jungen Leute sahen sich in die Augen; jahrelang hatten sie
nachher zu sinnen, um sich ber diese flchtige Minute Rechenschaft zu geben; in
einem fliegenden Augenblick zog ihnen ihr ganzes vergangenes Sein durch die
Seele; und Robert sagte mit kaum vernehmbarer Stimme:
    Habe Mitleid mit mir; traue auf mich, ich will immer mehr deiner wrdig
werden. Du hast es gehrt, du weit es, da ich dir nicht ein unberhrtes Herz
bringen kann; ach, ich darf ja eigentlich gar nichts von dir fordern. Was du
Reine mir geben willst, ist alles ein unverdientes Geschenk. Und doch verlange
ich Liebe, Liebe von dir; denn trotz allem, was aus der Vergangenheit, was jetzt
sich zwischen uns drngt, sind wir mit unlslichen Ketten aneinandergeschlossen;
du kannst dein Herz nicht losreien, ohne da es zu Tode blutet. Liebe, Liebe
verlange ich von dir, doch verlange ich nicht, deine Hand zu berhren, wenn der
Vater zrnend es verbietet. Geduldig will ich harren, bis du zu mir kommen
darfst und ich zu dir. Viel zu sehr liebe ich dich, um je ungeduldig zu werden.
So sitze still, beuge dein Haupt, weise das Schlechte und Falsche im heiligen
Zorn von dir - du darfst es. Ich liebe dich, ich liebe dich, Helene Wienand; -
ich liebe dich und will warten auf dich bis ber den Tod!
    Der Sternseher hielt das junge Mdchen mit dem Arm umschlungen; jetzt machte
es sich los und warf die eigenen Arme dem Schler des alten Heinrich Ulex um den
Nacken. Ins Ohr flsterte sie ihm kaum vernehmlich:
    Geh zu unserer Schwester, geh zu Eva, ich will stark und treu sein wie sie.
Gleichwie sie auf unsern Bruder, auf Friedrich, gewartet hat, will ich auf dich
warten. Auch sie wollte Leon von Poppen in den Schmutz ziehen; aber es ist ihm
nicht gelungen. Wie Eva Dornbluth wird Helene Wienand ihr Gewand; ihre Hand rein
erhalten vor seiner Berhrung. Gehe ruhig, ganz ruhig, du Lieber, ich will stark
und treu sein, wie Eva Dornbluth.
    Der Polizeischreiber Friedrich Fiebiger aus Poppenhagen berlie sich wieder
einmal Krperverrenkungen, welche kein Komplimentierbuch fr gesellschaftlich
zulssig erklrt und welche den Polizeirat Trster mit Entsetzen erfllt haben
wrden. Das Freifrulein Juliane von Poppen aus Poppenhagen lie Tabaksdose und
Krckstock achtlos zur Erde fallen, sie ri wild das Pflegekind an die Brust und
schluchzte und lachte durcheinander.
    Der Sternseher Heinrich Ulex aus Poppenhagen hielt still die Hand seines
Schlers mit der Rechten und beschattete mit der Linken die Augen. Da klang auf
der Treppe drauen das Gepolter unsicherer Tritte, als ob Leute, die mit dem
Wege vollkommen unbekannt wren, emporstiegen.
    Eine dnne schneidende Stimme rief:
    Vorsichtig, excelsior! Immer mit Vorsicht hher hinauf, Herr von Wienand!
Beim Zeus, das ist ja eine wahre Ruberhhle - hchst interessant - Hasenpfote
als Glockenzuggriff - noch hher? Leuchten Sie doch, alte Dame, - ah, per aspera
ad astra, hier sind wir - stellen Sie die Lampe auf das Gelnder, gute Frau; wir
kommen sogleich zurck. Mut, Mut, teurer Herr, Mut und Geduld! Ich beschwre
Sie, sich zu erinnern, da Sie mir versprochen haben, unter allen Umstnden
ruhig zu bleiben! Durch Geschrei und Trompetenfanfaren mochten wohl die Mauern
von Jericho einfallen; aber gegen ma chre tante richten wir damit nichts aus.
Ich kenne die Gndige.

                           Achtundzwanzigstes Kapitel



     Der Baron Leon von Poppen steigt wieder herunter vom Observatorium des
                           Sternsehers Heinrich Ulex

Der Bankier Wienand hatte das Haus in der Kronenstrae, in welchem ihm einst
seine Freunde eine Wohnung mieteten, angekauft, da das Gebude, welches er auf
der Brandsttte in imposanter Pracht errichtete, immer noch nicht bewohnbar war.
Es war ihm widerlich, mit andern, Gleichberechtigten unter einem Dache zu
hausen; berall wollte er den Fu auf eigenen festen Grund und Boden setzen; die
krankhafte Scheu vor allem, was er unsolide nannte, sprach sich auch hierin
aus.
    Ein magisches Glck begnstigte alle seine Unternehmungen; rastlos arbeitete
er Tag und Nacht. Wo eine Eisenbahn gebaut wurde, erschien das Haus Wienand an
der Spitze der Aktionre; das Feuer auf manchem Fabrikherde wurde durch Mithlfe
des Hauses Wienand unterhalten; auf der Brse gab es keinen geachteteren Namen
als den des Bankiers Wienand. Das Fieber des Ehrgeizes, die Gier des Erwerbs
trieben den Mann mit rasender Hast vorwrts, und laut klatschte die Stadt
Beifall; - der Bankier Wienand imponierte der Stadt ungemein.
    Wo aber war die markige Gestalt, die einst so fest auf den Fen stand? Wo
war der helle joviale und doch so scharfe Glanz der Augen? Der berhmte Bankier
bediente sich eines Krckstocks wie das Freifrulein Juliane von Poppen, und
wenn er ohne Stab gehen mute, so lehnte er sich gern auf einen fremden Arm - am
liebsten auf den Leons von Poppen, wie wir leider wissen. Die Augen glnzten
zwar noch, aber es war nicht mehr der frhere ruhige, klare Schein in ihnen;
halb scheue, halb gierig suchende Blicke schossen sie. Es war der glasige
Schimmer, den ihnen die Krankheit gegeben hatte, nur zum Teil gewichen. Einst -
in jener verhngnisvollen Nacht, in welcher im Semmelrothschen Geschft der
Funke in der Asche vergessen worden war, hatte der Bankier Wienand die starke
mnnliche Faust selbstbewut, triumphierend auf sein Hauptbuch gelegt; wo war
jetzt diese starke sehnige Hand? Magere zitterige Finger wendeten die Bltter in
dem neuen Buche und reihten Zahlen aneinander.
    ber das groe Buch gebeugt, sa der reiche Mann und horchte zwischen seinem
Rechnen auf den Schritt Leons, der allabendlich um diese Zeit auf der Treppe
erklang. Helene hatte mit dem Freifrulein vor kurzer Zeit das Haus verlassen,
dem Bankier war die Stille, die in demselben herrschte, unangenehm; er wartete
mit Verlangen auf den Baron, whrend dieser auf eigene Hand das Wohl des Hauses
Wienand in Obacht nahm.
    Wenn auch Eifersucht grade nicht im hohen Grade zu den fehlerhaften
Seelenneigungen des jungen Diplomaten gehrte, so kannte er doch seinen Vorteil
viel zu gut, um nicht einiges Mibehagen, einige Sorge beim Anblick Robert Wolfs
zu empfinden. Er wute ganz genau, da jedesmal, wenn der alberne Bursche aus
dem Walde whrend seiner Studienzeit in der Stadt anwesend war, eine
Zusammenkunft zwischen demselben und Helene stattfand; er hatte nur darber
gelchelt und sogar den Bankier gehindert, etwas dagegen zu sagen oder zu tun.
    Es ist Kinderei, hatte er gemeint, regen wir uns und die Damen nicht
unntigerweise auf. Im gegebenen Augenblick knnen wir alles ganz behutsam und
ohne Lrm arrangieren.
    Jetzt aber, wo seine Verlobung mit der Tochter des Bankiers, wie er meinte,
so nahe bevorstand, glaubte er Grund zu haben, die Geschichte zum Abschlu zu
bringen, und so eilte er denn, nachdem er vorhin den Nebenbuhler mild, hflich,
berlegen und lchelnd begrt hatte, so eilig wie mglich der Kronenstrae zu,
und wir betreten mit ihm abermals das Haus der Baronin Victorine de Poppen.
    Noch immer grinste oder glotzte einem beim Eintritt Baptiste, der bunte
Lakai, entgegen, noch immer trippelte Elise kokett treppauf und -ab oder durch
die Gemcher. Zwei weitere Jahresringe hatte die Baronin angesetzt; immer
weichmtiger, immer schlfriger war sie geworden, und winselnd beklagte sie die
vollstndige Entfremdung der beiden Freundinnen Artemisia und Lydda von Flte.
Immer rcksichtsloser wurde sie von dem bsen Kinde, dem eigenwilligen Leon,
behandelt, und den Plnen desselben in Hinsicht auf seine Verbindung mit dem
Hause Wienand konnte sie nur den allerpassivsten Widerstand entgegensetzen.
Dieser Widerstand beschrnkte sich darauf, da sie von ihrem Diwan aus, mit sehr
klglicher Stimme, Klagelieder sang, die sehr einschlfernd auf den
vortrefflichen Ministerialsekretr wirkten.
    Leon erreichte das Haus seiner Vter; Baptiste trat ihm mit dem Licht
entgegen, leuchtete ihm zu seinen Gemchern voran und wurde sanft gebeten, fr
einige Augenblicke in dieselben mit einzutreten.
    Lege ein Schlo vor deinen Mund, knpfe Ohren und Augen auf, Mensch, sagte
der Baron. Ich habe einen Taler und einen Auftrag fr dich, im Notfall aber
auch eine Tracht Prgel. Zeige dich als ein vernunftbegabtes Wesen, welches
verdient, einen so guten Herrn, wie ich bin, zu haben.
    Baptiste verbeugte sich bei jedem Redepunkt, und der Baron fuhr fort:
    Mache dich so dnn wie mglich, Esel. Hinunter mit dir in die Gasse; gib
acht auf die Tr drben - du weit. Ich werde am Fenster warten. Sobald ma
tante, das Freifrulein von Poppen, an deinem Horizont aufgeht, das heit an der
nchsten Ecke erscheint, benachrichtigst du mich durch den bekannten Pfiff. Wenn
sie drben eintritt, achtest du darauf, ob sie mit dem gndigen Frulein von
drben ausgeht. Geschieht das, so folgst du den Damen so unbemerkt als mglich;
du bringst mir Nachricht, wohin sie gehen - ventre  terre. Allez!
    Baptiste verdiente es, einem so guten Herrn zu dienen; er pfiff nach einer
halben Stunde und kam nach einer andern halben Stunde mit der Botschaft heim:
die gndige Tante habe sich mit dem gndigen Frulein im Niklaskloster verloren.
Leon von Poppen zog den berrock und die Handschuh an, setzte den Hut auf und
ging zum Bankier Wienand, indem er brummte:
    Wirklich, die Geschichte mit diesem jungen Waldteufel tritt aus dem Stadium
der Lcherlichkeit in das der Langweiligkeit. Machen wir ein Ende.
    Er hatte eine kurze, aber lebendige Unterhaltung mit dem Bankier, und zehn
Minuten spter fuhren die beiden Herren ebenfalls dem Nikolauskloster zu. Auf
dem Hofe des alten Gebudes griffen sie ein altes Weib mit einer Laterne auf und
gelangten unter ihrer Fhrung zur Tr des Sternsehers.
    Heinrich Ulex ffnete ihnen, und sie fanden sich inmitten der kleinen
Versammlung.
    Wild suchend blickte der Bankier umher; doch ungemein verbindlich grte
Leon und schien sich im geheimen sehr an der peinlichen Erstarrung, die sich auf
den Gesichtern der berraschten Freunde malte, zu ergtzen.
    Bitte die Herrschaften tausendmal um Entschuldigung, wenn wir stren!
lchelte er und machte sogar Miene, der Tante die Hand zu kssen; aber er
erhielt fr diesen Versuch eine so gut angebrachte Ohrfeige, da das Lcheln von
seinen Lippen ganz verschwand und peinliche Erstarrung auch seinen Zgen sich
mitteilte.
    Auf seine Tochter ging der Bankier zu und fate heftig ihren Arm:
    Was geht hier vor? Weshalb bist du hier? Bist du toll geworden, da du dich
in solcher Weise von mir suchen lassest? Komm fort - auf der Stelle!
    O mein Vater! schluchzte Helene; aber der Bankier unterbrach sie und sagte
mit berechneter Betonung seiner Worte:
    Wer es auch sei, der dich gegen meinen Willen, ohne mein Wissen an solche
Orte, in solche Gesellschaft lockt, ich habe nicht die Verpflichtung, ihm dafr
dankbar zu sein. Leon, geben Sie dem albernen Geschpf, dem trichten Mdchen
Ihren Arm; ich meine, es ist nichts mehr zu sagen, und wir knnen gehen.
    Es wre noch recht viel zu sagen, wenn Sie Vernunft annehmen wollten,
Wienand! sprach das Freifrulein. Aber Unglck und Krankheit haben Sie
verblendet; Sie knnen nicht sehen, nicht hren. Wienand, Sie sind ein
beklagenswerter Mann!
    Zornig schrie der Bankier auf:
    Wessen Mitleid verlange ich? Wer wagt es, mich zu bedauern? Gndiges
Frulein, was verlangen Sie eigentlich von mir? Sie haben mir Gutes - Dienste -
erwiesen, Sie haben sich meines Kindes angenommen zu einer Zeit, wo ich in
einiger Verlegenheit war. Ich habe das immer anerkannt, und ich erkenne es auch
jetzt noch an; aber ich habe auch von Ihnen mehr ertragen, als ich von
irgendeinem andern Menschen erduldet haben wrde. Sie haben oft, sehr oft in
meinem Hause die Tyrannin gespielt, und ich habe mich Ihnen gefgt, ohne ein
Wort darber zu verlieren. In diesem Fall aber leide ich es nicht, da Sie
meinen Wnschen, meinem wohlbedachten Willen so schroff entgegentreten. Sie
haben mir einen groen Teil der Neigung meines eigenen Kindes entfremdet -
wollen Sie mir alles nehmen? Ich sage Ihnen, im Notfall berlasse ich Ihnen die
Liebe der verzogenen Dirne, den Gehorsam derselben halte ich aber fest.
    Vater, Vater, o hre mich! rief Helene jammernd.
    
    Still, Mdchen! Zu Hause will ich zu dir reden. Frulein von Poppen,
weshalb fhren Sie meine Tochter ohne mein Vorwissen zu diesem Orte? Wer sind
diese Herren? Wer ist dieser junge Mensch? Ich bitte gehorsamst um Antwort; die
Auskunft wird mir sehr interessant sein.
    Dieser Ort, sprach Juliane von Poppen ernst, fast feierlich, dieser Ort
ist fr Leute Eures Schlages heiliger Boden; Ihr habt im Grunde doch groen
Respekt davor, wie Ihr Euch auch stellen mgt. Und hrt, Wienand; wenn das
Schicksal es wollte, da ein neuer Windsto abermals Euer armes buntes
Kartenhaus umstiee, und der bse Geist - Ihr wit, was ich meine - abermals die
Hand nach Euch ausstreckte: so klopft schnell, schnell an diese Tr und bittet
um Einla, und wenn der Euch gewhrt wird, so ziehet die Schuhe von den Fen
und tretet ein. Erinnert Euch daran, da damals nichts Euch vor dem schwarzen
Dmon schtzen konnte: hier an diesem guten Ort findet Ihr vielleicht die
Sicherheit, welche Euresgleichen die ganze weite Welt versagt,

Sooft der Herr der Wasser und der Erden
Die Krmer beugt, da sie nicht Frsten werden.

Was diese Mnner anbetrifft, so sind es meine Freunde, und bessere, treuere sind
nimmer zu finden. Gott gebe Ihnen solche Freunde, Wienand, und dazu die Macht,
sie zu erkennen und hochzuhalten. Gib mir deine Hand, Robert Wolf; - sehen Sie
hier, Herr Bankier Wienand, diesem jungen Mann habe ich einst verboten, sich
Ihrer Tochter, meinem Pflegekind, zu nhern, ich habe ihm meine Grnde dafr
gesagt, und er hat gehorcht, obgleich er Helene liebte. Jetzt hab ich selber
mein Kind, Ihre Tochter, ihm entgegengefhrt, um es zu erretten vor jenem
klugalbernen Laffen, Leon von Poppen, meinem Neffen, welchem Sie schwacher Mann
Ihr eigen Fleisch und Blut gegen einen Pergamentfetzen verhandeln wollen. Hren
Sie wohl zu, Wienand: auf mein Wort hat jetzt Helene diesem Jngling Treue
geschworen, und sie wird daran halten, solange sie lebt; aber morgen geht der
junge Mensch fort von hier, nach Amerika; nie wieder wird er vielleicht zu
seiner Verlobten reden, und an sie schreiben wird er auch nicht. Sie sollen
einen Teil Ihres Willens haben, Wienand; Helene wird sich nicht gegen Ihren
Willen verheiraten, aber diesen Burschen, der leider Gottes meinen Namen trgt,
sollen Sie ihr in alle Ewigkeit nicht aufdrngen. Nun fhren Sie Ihr Kind fort,
Herr; fr heute habe ich genug zu Ihnen gesprochen.
    Genug, bergenug! murmelte der Bankier zwischen den Zhnen. Dann sprach er
laut:
    Frulein von Poppen, ich bernehme von jetzt an die Leitung meines Hauses
und damit auch meiner Tochter wieder allein; ich denke, das ist klar! Komm,
Mdchen, fort mit dir!
    Sie weisen mir die Tr, Herr, sagte das Freifrulein hchst vornehm,
wirklich vornehm. Das ist eine groe Ehre, die Sie mir unter den jetzigen
Umstnden erzeigen. ndern werden Sie dadurch brigens nichts! Helene Wienand,
im Namen deiner toten Mutter, deren Stelle ich versehen habe und fr die ich
hier stehe, im Namen deiner Mutter verbiete ich, Juliane von Poppen, dir, diesem
Mann, meinem Neffen Leon von Poppen, deine Hand zu geben. Wir mssen uns jetzt
trennen, bleibe treu den Sternen und gedenke, mein armes Kind, da ich dir zu
jeder Stunde doch nahe, ganz nahe sein werde. Habe Mut, traue deinen Mttern,
der toten wie der lebenden, sie werden ihr Kind nicht verlassen.
    Nach einer kurzen, hastigen letzten Umarmung schob das Freifrulein das
verzweifelnde Mdchen dem Vater zu, indem es demselben ganz leise ins Ohr
flsterte:
    Da nehmt es, armer Mann; versucht, was Ihr erreichen knnt. Ich habe den
Sarg Eurer Frau geschmckt, obgleich Ihr mich nicht gerufen hattet. Htet Euch,
da ich nicht nochmals ungerufen Euer Haus betreten mu, um eine andere Tote in
den Sarg zu legen! ... Nun, Herr von Poppen, bieten Sie dem Frulein Wienand
Ihren Arm.
    Damit wandte sich Juliane ab und griff nach der Hand Robert Wolfs, welcher
sich zwischen den Baron und das junge Mdchen strzen wollte; Herr Leon aber bot
dem Frulein Wienand nicht den Arm; er stand betubt, wie vor den Kopf
geschlagen. Wankend folgte er dem Vater und der Tochter und stolperte drauen
ber das alte Weib, welches neben seiner Laterne auf der Treppe eingeschlafen
war. Atemlos hielt er sich an dem morschen Gelnder und chzte:
    Pauken und Trompeten, welch ein Weib, welch eine Suade! Ich werde mich zu
Bett legen und die Decke ber den Kopf ziehen.
    Er fuhr nicht mit in dem Wagen des Bankiers nach Hause; er ging oder
schwankte vielmehr heimwrts. Als er vor dem Caf de l'Europe von einem ihm
begegnenden Kollegen erfuhr, da das Nobilitierungspatent fr den Bankier
Wienand von Seiner Majestt frs erste noch zurckgelegt worden sei, machte
diese Nachricht kaum einen bemerkenswerten Eindruck auf ihn.
    Er kam in seinem Zimmer an und zog wirklich die Decke ber den Kopf, nachdem
er vorher noch dem getreuen und klugen Baptiste wieder einmal auf die alte Art,
das heit durch einen Tritt vor die Posteriora, gute Nacht gewnscht hatte. Er
selbst hatte keine gute Nacht.
    Im Observatorium des Sternsehers sprachen die Freunde nicht viel mehr
zueinander. Was sie bewegte, lie sich schwer in Worte fassen.
    Mit heien Trnen nahmen Juliane von Poppen und der alte Ulex Abschied von
Robert Wolf; und Polizeischreiber Fiebiger war fast von allen der Weichmtigste.
    Am folgenden Morgen schon reiste Robert nach Hamburg ab.

                           Neunundzwanzigstes Kapitel



  Zeigt, da Leute, die aus dem Blick entschwinden, darum doch an der rechten
                        Stelle wieder erscheinen knnen

Wer ein sorgenvolles, bekmmertes, schmerzbeladenes Herz hat, der trage es, wenn
er es irgend vermag, hinaus auf die groen Wasser. Es liegt etwas Befreiendes,
Krftigendes in dem Schweben auf dem beweglichen Element; der Horizont des
Menschen wird weiter auf dem Meer. Es ist ewig dasselbe und doch immer ein
anderes; einfachste tiefste Harmonie ist im Sturm wie in der Windstille. Das
ngstlich Kleine, welches auf der wohlgegrndeten Erde von allen Seiten her
sich aufdrngt, weicht zurck; der starke Geist empfindet lebhaft, da es besser
ist, in den Armen der lauttnenden Amphitrite erdrckt und erstickt zu werden
als von vier dumpfen Mauern und einem Haufen Federbetten.
    hnliches empfand Robert, nachdem das deutsche Ufer hinter ihm versunken war
und er die Seekrankheit berwunden hatte. Noch mehr empfand er das, als nach
tagelangem Kreuzen gegen widrige Winde die Ksten von England und Frankreich,
die Scharen wild geschaukelter Fischerboote dem Auge sich entzogen und das gute
Schiff Teutonia durch den freien Atlantischen Ozean westwrts zog. Nun hatte,
gewiegt auf dem blauen Wasser, Robert die beste Zeit und Gelegenheit, ber sich
und seine Schicksale nachzusinnen; und mit jedem andern Erdgeborenen teilte er
das Recht, Wunder ber Wunder in seinem Leben zu finden. Die geheimnisvolle
Tiefe, ber welcher er schwebte, schien ihm nicht soviel Wunder zu verbergen wie
die eigene Brust.
    Seit jene Briefe ihn von jenem grnen Waldhgel aufgeschreckt hatten, auf
welchem er mit den Genossen das Lied vom Glck der Menschen und Neid der Gtter
sang, war das alte Grbeln, das bittere Whlen im eigensten, innersten Sein mit
verdoppelter Macht zurckgekommen. In alter Weise rief er die Bilder der
Vergangenheit zurck, verknpfte sie miteinander und suchte sich ber jede
Lebensstunde Rechenschaft zu geben. ber sein Erwachen zum Denken im verborgenen
Tal des Winzelwaldes grbelte er und suchte die ersten Anfnge der Charakter-
und Geistesaufbauung mit den Anschauungen des gewordenen Mannes in Einklang zu
bringen. Da wurden manche Fragen laut, auf welche es keine Antwort gab, und
manch ein Rtsel blieb ungelst dem Sinnenden. Aber auch in mancher Neigung, in
mancher Tat, in manchem Gedanken des Kindes, des Knaben fand er die Wurzel des
Daseins des reifen Mannes, und manches, was in dem einsamen Walddorfe in der
Seele aufsprote, war noch lebendig, trieb Ranken und trug bittere oder se
Frucht in dieser Stunde, wo das groe Meer und die hohen Wogen des Lebens den
Weltbrger schaukelten. Robert griff nach allen Uranfngen seiner Existenz, im
Guten wie im Bsen, zurck; an allen Fden, welche davon in die Gegenwart
hineinliefen, tastete er sich zurck, und da er das konnte, war auch einer von
den Gewinnen, die er aus der Schule, durch welche er gefhrt worden war, gezogen
hatte. Oft beobachtete er ernst das bunte Leben, welches auf dem Schiffe
herrschte, und es kam ihm vor, als sei er der einzige, den nicht eine groe
glnzende Hoffnung ber den Ozean fhre. Da war niemand, jung und alt, Mann oder
Weib, unter den Fahrtgenossen, der nicht von der Ferne, dem Drben ein mehr
oder weniger klar gedachtes fabelhaftes Glck fr sich und andere erhoffte. Sie
unterhielten ihn alle gern von ihren Plnen und Aussichten, denn die Hoffnung
ist um so mitteilsamer, je verschlossener die Enttuschung ist, und er horchte
ihnen gern und teilnehmend. Er hatte jenseits der Wasser kein Glck zu erwarten;
aber er hatte genug gelernt, um die Hoffenden, Frohlockenden nicht zu beneiden -
und auch das war viel gewonnen hienieden, wo das Glck des einen selten, sehr
selten den andern glcklich macht. Seines wackern Freundes Ludwig gedachte er.
Wo mochte der sein? Hatte der gefunden, was er suchte? Das Grab des Bruders
stieg drohend in der Phantasie hinter jeder von diesen Fragen empor.
    Nach den ersten strmischen Tagen hatten die Gtter der Teutonia eine gute
Fahrt gewhrt. Leicht durchschnitt der schnelle Kiel die Fucusbnke von Corvo
und Flores, welche am neunzehnten September des Jahres
vierzehnhundertzweiundneunzig das Schiffsvolk des Christoph Kolumbus so sehr
erschreckt hatten. Der khne herrliche Genuese hatte aber das Phnikermrchen
vom undurchdringlichen Meer nicht gefrchtet. Vor Mrchen weicht der Genius
nicht zurck - und was ist Mrchen, und was ist Wahrheit in dieser Welt?
    berall findet der denkende Geist hohe Beispiele, an denen er sich aus
schwerer Trbsal und peinlicher Vergrillung emporrichten kann. So lehnte Robert
an der Brstung des Schiffes, blickte hinauf in die sternenhelle Nacht, hinaus
in das leuchtende Meer und sprach:
    Die Mittelmigkeit, welche mit wenig Kunst die Erde beherrscht, traut dem
Geiste nicht, der nach den Sternen sieht. Wenn sie gndig ist und das Hchste
wagen will, gibt sie ihm eine lecke Karavelle und einen Haufen Galeerensklaven
und Verbrecher zu Hlfsgenossen, auf da ja kein ehrlicher, verstndiger Mann
bei dem trichten, nrrischen Spa zugrunde gehe. Aber hohe Gtter halten ihre
Hand ber das morsche Fahrzeug, welches den Entdecker trgt. Wenn das
meuterische Gesindel in seiner Angst ihm Ketten an die Hnde legt, was schadet
es? Auch in Ketten vorwrts! O ber die tragische Ironie! Wird nicht fast alles
Groe mit gefesselter Faust gewonnen? Was wollen wir Kleinen uns kmmern, wenn
es den Groen so geht? Fr uns nicht weniger als fr sie gilt das Wort: Auch in
Ketten vorwrts! Auch in Ketten vorwrts!
    Aus den Wogen tauchte Rio Janeiro mit seinen Palmen, seiner buntscheckigen
Bevlkerung auf wie ein wunderlicher Traum; aber auf den sonnigen Glanz der
Tropen folgten die Nebel und Schneestrme am Kap Hoorn. Doch die bsen Geister
der bei den Schiffern so belberchtigten Planetenstelle hatten keine Macht ber
das gute Schiff Teutonia. Glcklich umfuhr es die gefrchtete Spitze, und stolz
zeigte sein Galionbild dem Stillen Ozean Schild und Schwert. Noch einmal im
Hafen, ehe das Ziel erreicht ist! Das ist Valparaiso auf der westlichen Seite
des amerikanischen Kontinents.
    Wieder hinaus nach krzester Frist, zu nahe winkte jetzt das Ziel, als da
man sich Zeit gegnnt htte zum ruhigen Atemholen auf fester Erde. Als endlich,
endlich abermals der Ruf: Land! erschallte, da war die Fahrt vollendet, und die
langen Wellen des Groen Ozeans rollten gegen die Ufer der kalifornischen Kste.
Im unbeschreiblichen Tumult strzte die wilderregte Menge auf der Teutonia gegen
die Schiffsbrstung. Mit gierigen Augen und hochklopfenden Herzen starrte sie in
die Ferne auf die Bergzacken, die duftverschleiert, mehr geahnt als gesehen, am
Horizont auftauchten.
    Da lag es nun vor den Augen dieser armen Menschenkinder, da lag es - das
Goldland - das Dorado, nach welchem fast seit Beginn der Geschichte die
Menschheit auf die verschiedenartigste Weise sich abngstete, das sie suchte im
Stein der Weisen, das sie sah in den phantastischen Trumen vom Reich Ophir, vom
Land Golkonda, vom Reich des Priesters Johann. Immer dasselbe Drngen auf einem
andern Wege. Ach, mit welchen Blicken klammerte sich dies begnstigte Geschlecht
des neunzehnten Jahrhunderts an diese toten kahlen Berge, von denen die
goldfhrenden Strme sich ins Meer herabstrzten!
    Und rckwrts auf der Linie des Meereshorizontes tauchte Segel um Segel auf.
Jedes Volk des Erdballs kam, seinen Teil zu nehmen von dem unendlichen Glck.
    Auf dem Deck der Teutonia zitterte das Fernrohr in der Hand des Kapitns.
Mit toller, schwindelnder Hast fhrten die Matrosen die gegebenen Befehle aus -
immer deutlicher trat das Land hervor; eine hohe Felswand schien den Lauf des
Schiffes hindern zu wollen; aber was ihr durch Jahrtausende gelungen war, das
gelang jetzt nicht mehr - das Goldene Tor ffnete sich, auf beiden Seiten traten
die Felsen zurck, ein hundertstimmiges Jauchzen stieg himmelan vom Bord der
Teutonia; unwillkrlich machten sich dadurch die zusammengepreten Gefhle in
jeder Brust Luft. Vor den Augen der Seefahrer dehnte sich, blitzend im Strahl
der Morgensonne, die Bai von San Francisco.
    Wer jetzt - jetzt, wo jene Zeit schon lngst old forty-nine,
alt-neunundvierzig, geworden ist - dort anlandet, der findet da eine prchtige
Stadt, ein geregeltes Staatsleben, ein geregeltes Leben der Individuen. Das war
damals anders. Damals setzte jedermann den Fu des Eroberers auf diesen drren
Strand, mit dem festen Willen, niemandem zu weichen auf dem Wege zum
grenzenlosen Reichtum. Jeder, nur mit sich selbst beschftigt, sah in dem Mann
zur Seite nur den gefhrlichen Nebenbuhler, den Todfeind. Selten fand der
Strauchelnde eine barmherzige, hlfreiche Hand; nur der Egoismus verband hie und
da die einzelnen zur gemeinschaftlichen Arbeit.
    Da lagen auf der Reede die Schiffe aller Nationen: die chinesische Dschunke
neben der englischen Brigg, das Fahrzeug aus Honolulu neben dem Bremer Schoner,
und von jedem Bord hatte sich der Strom der Abenteurer ans Land ergossen und auf
dem Strande die tolle Zeltstadt San Francisco mit errichtet, leicht und
wunderlich gleich den Gedanken, welche in den wilden Herzen um wirbelten. Ihren
Ankerplatz fand auch die Teutonia, und auch ihre Menschenlast strzte sich im
drngenden Getmmel in die Bte, um so schnell als mglich den glorreichen Boden
zu erreichen. Ein klares Denken war in diesem Augenblick eine Unmglichkeit;
mglich schien nur, da alles dieses, was Wirklichkeit sein sollte, nur eine
Vision war. Jedermann hatte das Gefhl, als knnten diese Gebirge, diese
Landzunge mit der beweglichen Stadt, dieses bunte Gewhl der Vlker, dieser
Mastenwald sich wieder in Nebel und Nichts auflsen.
    Schwindelnd stand Robert Wolf, nach mehrmonatlichem Geschaukel auf den
Wogen, auf dem festen Erdreich, fast so schwindelnd wie damals, als das Geschick
ihn zum erstenmal ratlos, hlflos in die groe Stadt geschleudert hatte. Der
bergang war zu pltzlich. Eben befand man sich noch auf dem weiten Meer,
inmitten der Gestalten, der Gesichter, der Stimmen, an die man sich wohl oder
bel durch das lange Zusammensein gewhnt, ber die man sich ergtzt, gergert,
erbost, an die man sich auch wohl mit Zuneigung angeschlossen hatte - nun war
man mit einem Schlag, durch einen Schritt ber ein schwankendes Brett, in eine
Szenerie, in ein Leben versetzt, von welchem man bis dahin nicht die geringste
Ahnung gehabt hatte. Verschwunden waren die bekannten Figuren. In einem
Augenblick hatten sie sich in dem Getmmel verloren. Das Schiff war zu einer Art
von Heimat geworden; diesem unbekannten Lande, diesem unbekannten Leben
gegenber fhlte man sich vollkommen heimatlos. Fr mutige Charaktere jedoch
geht dieses zaghafte Gefhl, dessen sich wohl keiner anfnglich erwehren kann,
schnell vorber, und auch bei dem Schler des Polizeischreibers Fiebiger war es
nicht von Dauer. Fest stand er und blickte klar in das Wirbeln und Wogen.
    Um sein geringes Gepck brauchte er keine Sorge zu haben. Im Notfall konnte
er den leichten Koffer auf den eigenen Schultern zu irgendeiner der Holz- und
Leinwandbaracken tragen, welche durch ein flatterndes Banner oder durch eine
flchtig und roh bepinselte Tafel als Hotels dem mden Seefahrer sich
ankndigten. Aber der junge Deutsche konnte sich nicht losreien von dem
merkwrdigen Schauspiel, welches vor seinen Augen fort und fort wechselte; er
schrak auch nicht wenig zusammen, als er pltzlich eine gewichtige Hand auf
seiner Schulter fhlte:
    Holla, Landsmann, seid Ihr nach Kalifornien gekommen, um auf offener Strae
ein germanisch Tagtrumen zu beginnen? Beim Plutus und Mammon, kein Platz dafr
hier, Herr Wolf aus dem Winzelwalde.
    
    Im hchsten Grade berrascht durch die unvermutete Anrede, drehte sich
Robert um und sah nun einen hohen, breitschultrigen Mann mit dunkelm,
graugesprenkeltem Vollbart und sonnegebruntem Gesicht, ber dessen Stirn eine
rote Narbe lief, vor sich. Ein breitrandiger Sombrero bedeckte den
charaktervollen Kopf, dazu trug der Mann ein ledernes Jagdwams, hohe Stiefeln,
eine Bchse, ein Weidmesser, eine indianische Tasche und unter dem Arm eine
zusammengerollte mexikanische Serape. Das Pltzliche der Erscheinung und Anrede
wirkte so verwirrend auf Robert, da er einige Sekunden hindurch nicht imstande
war zu sagen, wer vor ihm stehe.
    Der Fremde machte dem schnell ein Ende und sagte:
    Kalkuliere, Ihr kennt mich doch wohl! Erinnert Euch an das Polizeibro zu -
na, Ihr wit. Schickte auch neulich einen Brief nach dem alten Lande, der Euch
leider anging. Gebt mir die Hand, ich wute, da Ihr Euch den Weg hierher nicht
verdrieen lassen wrdet.
    Konrad von Faber! Der Herr Hauptmann von Faber! rief Robert Wolf und fate
hastig die dargebotene knochige Hand des berhmten Reisenden. Dank, Dank fr
die Hand, die Sie mir damals reichten, welche Sie mir jetzt entgegenstrecken!
    Still, still, sagte Faber, ich freue mich herzlich, da ich Sie sogleich
traf, Mann. Ja, Sie sind ein Mann geworden, und manch einer htte Sie nicht
sofort erkannt; aber in einem Leben, gleich dem meinigen, schrft sich das Auge
fr Derartiges. War auch Ihr Bruder mein sehr guter Freund - wackerer Junge! -,
haben zusammen an manchem Lagerfeuer gelegen, und seine Hand hat mich mehr als
einmal zu Wasser und zu Land vor der letzten Unannehmlichkeit geschtzt. Leider
habe ich ihn jetzt nicht wieder schtzen knnen. Es gibt Leute, die stehen
zueinander, wo sie sich treffen, im Salon wie unter dem Bchsenfeuer. 's ist ein
hart Ding, da er jetzt in diesem fatalen Sande liegen mu. Das war das Ende
davon, Don Roberto, und es geht manchem hier auf die Art. Man grbt eine Grube
und kratzt und whlt sich die Finger blutig nach dem blanken Staube, und whrend
dem Kratzen und Whlen schleicht sich der Tod, das alte Gespenst, hinter Euch,
und ein Tritt von seinem verdammten Skelettfu strzt Euch kopfber in das Loch;
die Kameraden werfen den Sand und das Gestein, welche Ihr mit soviel Schwei
lind Mhe aus der Grube herausgebracht habt, wieder auf Euch, und dann - dann
jeder an sein Geschft! - go ahead! Aber es ist doch ein glorioses Treiben!
    Und Eva? Eva - meine Schwgerin? rief Robert, von neuem die Hnde Konrad
von Fabers fassend.
    Ein schmerzliches Zucken ging ber das Gesicht des Reisenden. Mit einem
heftigen Ruck ri er seine Hnde aus denen des jungen Mannes, trat einen Schritt
zurck und lftete ein wenig den Strohhut, um ihn sogleich desto tiefer in die
Stirn zu drcken:
    Stand firm at your post! murmelte er, und dann rief er laut: O Wolf, ich
habe niemals mich viel um die Weiber gekmmert, es ist eine beschwerliche Last
fr einen Wanderer meines Schlages; - zu weichliche Kreaturen fr einen
Menschen, der das Stillsitzen nicht vertragen kann! Wolf, Eures Bruders Frau ist
die einzige Knigin, die mir auf meinem Lebenswege begegnet ist, und ich habe
doch manche Damen gesehen, die sich offiziell den Titel ausbaten. Sie ist ihrem
Mann keine Last gewesen. Eine Heldin ist sie, und als solche hat sie geduldet.
Ach, sie wird nicht lange mehr zu dulden haben. 's ist ein weiter Weg von Texas
bis zum Stillen Ozean. Die Wlder, die Prrien, die Felsengebirge, die Wsten
knnten den strksten Mann mde und knielahm machen, Eva Wolf ist nicht mde
geworden. Wenn sich wilde Gesellen im Zuge zu Boden warfen und sterben wollten,
haben wir ihnen die Eva Wolf und die andere, die mit ihr war, das kleine
Mdchen, ihr Mariechen, gezeigt, wir haben manchen albernen, weichfigen Tlpel
dadurch wieder auf die Beine und zum Marschieren gebracht. Sie hat auch Glck
gehabt hier auf dem goldenen Boden. Sie stieg selbst zum Spa in solch ein Loch,
in welchem nun Euer Bruder begraben liegt. In diesem Augenblick noch klingt mir
ihr helles Lachen ins Ohr, als sie einen blitzenden Klumpen in die Hhe hielt
und rief: Oro! oro! Schau, Fritz, damit kaufen wir das ganze Poppenhagen, Schlo
und Dorf! - Nie verge ich das stolze Lcheln, mit welchem Fredy auf sein
mutiges Weib blickte; sie war ganz ein Weib fr ihn, und nie hat sie kalt eins
seiner Luftschlsser von knftigem Glck eingerissen. Welch einen Respekt alle
die wilden Kerle in den Minen vor ihr hatten - es war glorreich! Aber das
Fieber, das Fieber! ... Ihr werdet ja selbst sehen, Robert Wolf - sie wird Euch
nichts vorwimmern; aber es ist nur um so herzzerbrechender.
    Mit sprachlosem Schmerz und Stolz hatte Robert diesem Berichte Konrad Fabers
zugehrt; mit hundert hastigen Fragen bestrmte er den Reisenden jetzt und
erfuhr, da Eva Wolf in einer Blockhtte weit in den Bergen auf den Tod liege.
    Zu ihr! Zu ihr! murmelte er, und Faber nickte:
    Jawohl, morgen in der Frhe wollen wir zu ihr; der Apotheker wird seine
Drugs bis dahin wohl fertig haben. Jetzt aber kommt, lieber Junge, ich will Euch
zu einem Quartier und zu Landsleuten, bei denen Ihr Euch nicht fremd fhlen
sollt, fhren. Morgen gehen wir zum Grabe Eures Bruders, zum Weibe Eures
Bruders. Dies ist Euer Gepck?
    Robert nickte.
    Gut, packt an! Was auf dieser Seite des Erdballs der Mensch selbst
schleppen kann, mu er schleppen. Ihr werdet Euch wundern ber die Leute, die
uns in unserm Quartier erwarten.
    Den Koffer zwischen sich nehmend, brachen die beiden Mnner sich Bahn durch
das Gewhl der Zeltstadt, und der Hauptmann fhrte den Ankmmling ziemlich bis
ans andere Ende derselben, indem er ihn im Gehen auf allerlei Einzelheiten des
Getmmels aufmerksam machte.
    Blickt nicht so niedergeschlagen zur Erde, junger Mann! rief er. Selbst
im Untergehen lt ein rechter Mann nichts Bemerkenswertes unbeachtet liegen.
Blickt auf und um Euch; wenn Ihr spter einmal wieder ruhig in Deutschland sitzt
und ber Kornfelder, Obstbume zum Buchenwald hinberschaut, so mag Euch die
Erinnerung der heutigen Stunden wie das bunteste Zauberbild in die Seele treten.
Nicht wahr, Don Roberto, das ist ein tolles Treiben? Achtet, ich bitte Euch, auf
die Hautschattierungen. Seht den Burschen dort vor dem Gewrzladen, das ist ein
Untertan Seiner kanakischen Majestt - eine alte Bekanntschaft von mir; der
Schlingel wollte mir mit aller Gewalt seine Tochter gegen meines Grovaters alte
silberne Taschenuhr verhandeln. Da ich nicht darauf einging, stahl er mir
natrlich den Gegenstand seiner Wnsche; - heilloser Spektakel drum vor dem
Kniglichen Tribunal in Honolulu - franzsische Intervention in Ermangelung der
deutschen; britische Eifersucht auf Frankreich - Reverend Mr. Shambling nahm die
Uhr und die schne Kanakin dazu, und meines Vaters Sohn hatte das Nachsehen.
Hallo, schaut, Robert, da geht Paddy vom grnen Erin Arm in Arm mit
Chinese-John, dem Ausreier des himmlischen Reiches. Chilenen, Hindus, Deutsche,
Mexikaner, Englnder, Yankees, Juden, Italiener, Spanier, Russen, Franzosen,
alle sind da, jeder mit seinem Lffel. Kalkuliere aber, der Breitopf wird doch
nicht gro genug sein.
    Einen bessern Fhrer durch dieses Menschengewirr als den groen Reisenden,
der alle Nationen, ihre Gewohnheiten, Sitten und Gebruche im eigentlichsten
Sinne persnlich kannte, htte Robert nicht finden knnen. Das war wieder einer
der Lehrmeister, welche ihm ein gnstiges Geschick immer von neuem zur rechten
Zeit in den Weg fhrte. Mit allen Vlkern der Erde stand Konrad von Faber
sozusagen auf du und du; er war ein lebendiges Lehrbuch der Ethnographie und
wute Bescheid in der Anschauungsweise eines jeden Bruchteils der Menschheit,
einerlei, ob dasselbe von der Mutter in einer schwbischen Wiege geschaukelt
oder in einer Bastmatte an den Stamm einer Kokospalme gehngt worden war.
Endlich aber sagte er:
    Angekommen! Kennt Ihr vielleicht den Mann dort mit der Axt, Wolf?
    Und Robert lie sein Teil vom Koffer fallen und strzte mit offenen Armen
vorwrts:
    Ludwig! Ludwig!
    Ludwig Tellering stie einen hnlichen Schrei aus und warf sich an die Brust
des Freundes; aus der niedern Tr des Bretterhauses blickte die Mutter Anna und
eilte herzu, die Hnde in der Schrze trocknend:
    O mein Jesus, Sie sind es? Ach du lieber Gott, die Freude! die
berraschung! Der Herr Hauptmann hat doch recht gehabt.
    Eine Ahnung hab ich gehabt, da er heute kommen wrde, sagte Konrad von
Faber. Na, Mutter, was macht der junge Brger von Kalifornien, was macht die
Frau? Alles noch immer wohlauf, hoffe ich.
    Nach Umstnden, Herr Hauptmann, antwortete die alte Frau mit glckseligem
Lcheln; aber lat mich nur dem Herrn Wolf -
    Kommt, Mutter, lat die beiden jungen Leute jetzt allein, fiel ihr Konrad
ins Wort, und erzhlt mir etwas mehr vom Enkel.
    Die Alte nickte:
    's ist schon recht; ja, mein Ludwig mag wohl ein volles Herz haben, und
Herr Robert - ach Gott, wei er denn schon alles?
    Alles! sagte der Hauptmann und fhrte die gute Frau gegen das Haus oder
vielmehr die Bretterbude.
    Die beiden Freunde hatten sich whrenddem lange und innig in die Augen
gesehen und in den Blick viele Worte gelegt.
    So treffen wir uns hier wieder, und ich finde dich wie gewhnlich mitten in
der Arbeit und auch - ich sehe es dir an - im Glck! sagte Robert. Gott gre
dich, alter, lieber Gesell; - du hast gefunden, was du so hei suchtest und
ersehntest!
    In der Arbeit und im Glck! rief Ludwig. Da schau!
    Ein helles Kindergeschrei lie sich vom Haus her vernehmen, und auf der
Schwelle der Baracke erschien wieder die Frau Anna mit dem Hauptmann. In den
Armen der Frau aber lag das kleine Wesen, welches seine klare Stimme lustig
erklingen lie im Brausen des Vlkerdurcheinanders.
    Mein Junge, mein herziger Bube! rief der Schreiner mit strahlendem
Gesicht. Vorgestern angekommen in der Welt! O wie schade, da ich dir jetzt
meine Frau, meine Marie nicht zeigen darf; aber du weit -
    Ich wei, da du die beste, wackerste Frau hast. O sage ihr, wie ich ihr
danke fr alles, was sie an Eva getan hat.
    Ludwig drckte traurig dem Freunde die Hand.
    Jaja, das ist der einzige schwarze Schatten, welcher durch unser Glck
geht. Ach die arme Eva! O Robert, Robert, du ahnst nicht, wie sich meine Marie
qult, da sie jetzt nicht bei ihr sein kann, jetzt, wo es am allerntigsten
wre. Wie sie im ngstlichen Schlaf ihren Namen ruft!
    Eure Frau hat getan, was sie konnte, Meister, sagte Konrad von Faber, und
Ihr selbst habt Euch auch als ein braver Mann gegen Fritz und Eva Wolf gehalten.
Ach, freut Euch nur des Lebens und Eures Glcks, Ihr Menschenkinder, Ihr habt es
in jeder Weise verdient. Es lst hienieden immer eine Pflicht die andere ab. Auf
diesen Pausback hier aber knnt Ihr doppelt stolz sein, Herr. Es ist das erste
deutsche Kind, welches auf diesem fremdlndischen Boden geboren wurde. Eure Frau
mte eigentlich von Rechts wegen eine Prmie vom alten Lande drben haben.
Nicht wahr, Mutter, es ist ein Labsal, dieser strampelnde deutsch-kalifornische
Schreihals in diesem verdammten Gewhl von ausgewachsenen Abenteurern,
Schwindlern, Halunken und Narren?
    's ist ein Gottessegen, Herr Hauptmann! sagte die Alte; aber nun mu ich
auch ein Wort zum Herrn Wolf sprechen. Ach du lieber Himmel, es stt einem doch
fast das Herz ab, da man so weit von der Heimat fort ist.
    Eine heie Trne fiel aus dem Auge der Greisin auf die Stirn des Suglings,
als sie fortfuhr:
    So weit, so unmenschlich weit von hier liegt mein Johannes. Ach Ihr Herren,
Ihr knnt's mir aufs Wort glauben, ich wr doch nicht fortgegangen, wenn ich
gewut htt, da das Kalfonium so weit weg sei von meines Johannes Grab. Der
liegt nun da so ganz allein, und niemand kmmert sich um sein Grab!
    Denken Sie das nicht, Mutter Anna, rief Robert. Ist nicht der alte Ulex
noch in der Heimat? Der sorgt schon fr den Hgel. Und der alte Fiebiger auch. O
Mutter, Mutter, wir haben treue Freunde drben zurckgelassen.
    Die alte Frau kte ihren Enkel heftig, und dann schluchzte sie:
    Kommen Sie herein, kommt alle herein; Sie mssen uns alles erzhlen von
daheim, von der Musikantengasse, von den Nachbarn. Es war doch ein ander Ding im
Hof von Nummer zwlf drben, beim Museler, wenn's auch ein wenig dunkel und
feucht war, als hier in dieser Bude, wo man leben mu wie die Zigeuner. Wer das
mir an meiner Wiege gesungen htte, wer das mir gesagt htte, wenn ich sonst mit
meinem Johannes aus der Kirche kam, die Strae so reinlich dalag und die
Wachtparade in der Ferne spielte und Ludwig und Luise uns in der Tr
entgegensprangen! Ja, unser Lieschen - Ihr werdet Euch wundern, wo das ist.
Drben im Texas ist sie geblieben und hat 'nen Landsmann gefreit, 'nen guten
Mann und sehr wohlhabend; aber ich werde sie auch wohl mein Lebtag nicht wieder
zu sehen kriegen. Ach, davon htt ich mir in der Musikantengasse auch nichts
getrumt.
    Neben dem Verschlag, in welchem die Wchnerin lag, enthielt dieses
kalifornische Wohnhaus nur noch ein Gemach, welches durch Vorhnge in
verschiedene Abteilungen geschieden war und allen Bedrfnissen der Familie fr
jetzt gengen mute. Einige Jahre spter freilich erhob sich auf der Stelle ein
stattliches steinernes Gebude, und Herr Ludwig Tellering htte die halbe
Musikantengasse auskaufen knnen.
    Die Mutter Anna tischte ein einfaches Mahl auf, von welchem jedoch keiner
der kleinen Gesellschaft, den Hauptmann vielleicht ausgenommen, vor innerer
Aufregung viel geno.
    Dann erzhlte Ludwig dem Freunde seine Abenteuer in Texas, wie er die
Karawane Friedrich Wolfs erreicht und seine Marie gefunden habe.
    Die Mutter blieb bei Luise, die, wie du schon erfahren hast, in Galveston
ein Heimwesen gefunden hat. 's ist eine resolute Frau, meine alte Mutter da; sie
hat sich gar nicht lange besonnen, als ich sie hierher nachkommen lie; aber ich
hoffe, ihr auch endlich ein ruhiges glckliches Alter bereiten zu knnen.
Anfangs war ich natrlich ebenfalls in den Minen, hatte aber wenig Glck beim
Goldsuchen - die tchtige Arbeit ist doch berall das Beste, selbst hier in
Kalifornien. Ein halbes Jahr vor deines Bruders Tode zog ich mit Marie hier
herunter, wo mein Handwerk wirklich einen goldenen Boden hatte. Friedrich und
Eva bedurften unserer damals nicht; sie waren gesund, und alles, was sie
unternahmen, gelang nach Herzenswunsch. Sie hatten ihre Blockhtte damals am
Joaquinflu, und ihnen fiel das Gold, welches ich dort vergeblich suchte, wie
von selber in die Hnde. Ich richtete hier in San Francisco meine Werksttte
ein, und da war fr den Mann des Handwerks die rechte Stelle; ich qulte mich
nicht mehr umsonst. Da hrte ich einmal durch den Herrn Hauptmann hier, da
Fritz und Eva den Joaquin aufgegeben htten und nach dem Yuba gegangen seien,
und dann kam die Nachricht von deines Bruders Tode. Meine Frau lag damals
todkrank, und ich konnte nicht fort von ihr; sie hat auch ber ein halbes Jahr
auf den Tod gelegen, und dann meldete sich der Junge. Von Zeit zu Zeit haben wir
Nachricht von der armen Eva durch den Hauptmann und auch durch andere Boten
erhalten. Ach, Robert, ich wollte, wir htten mehr fr sie tun knnen!
    Robert Wolf drckte stumm dem Schreiner die Hand und seufzte:
    Ihr konntet nicht mehr tun - Gott segne Euch.
    Konrad von Faber nahm jetzt den Hut, um die Arzneien vom Apotheker zu holen,
und nun erzhlte Robert dem Freunde von dem eigenen Leben. Er verschwieg ihm
nichts, und zuletzt schlo er:
    Sieh, so fahre ich denn durch die Welt, wie es im Mrchen heit: Vor mir
Nacht, hinter mir Nacht. Mut und Strke habe ich; aber nicht mehr die
Freudigkeit, welche das Leben zum Leben macht. Einst bin ich wild genug der
armen Eva nachgestrmt; aber so tief wie jetzt hab ich damals doch nicht mich
nach ihr gesehnt. Was bleibt mir auch anders in der weiten Welt als der Platz
neben ihrem Krankenlager? Wenn das Ziel erreicht und wenn Gott wollte, da auch
sie davongehen sollte, zur Ruhe an meines Bruders Seite, was dann? Ach Ludwig,
Ludwig, es ist ein schrecklich Ding um dieses kahle, de Was dann! Ich finde
keine Antwort darauf.
    Ludwig Tellering senkte das Haupt; er wute keinen Trost fr den Freund.
    O Heinrich Ulex, weiser Meister, es ist doch oft sehr schwer, an den Sternen
nicht zu verzweifeln. Vorwrts, auch in Ketten vorwrts, Wolf; es ist wenigstens
ein Trost, da der Mensch nicht all und jede Verantwortlichkeit fr sein Dasein
und seine Wege und das Ende seiner Wege zu tragen hat!

                              Dreiigstes Kapitel



 Robert Wolf steht an einem Grabe und tritt an ein Sterbebett; Konrad von Faber
                        zeigt, wo und wie man Gold sucht

Die erste Nacht, die Robert Wolf auf kalifornischem Boden zubrachte, verging,
ohne da der Schlaf seine Augen geschlossen htte. In seinen Mantel gehllt, lag
er in der Htte des Freundes und horchte den ruhigen Atemzgen Konrad von Fabers
und dem fremdartigen Lrm der wunderlichen Stadt drauen, welcher die ganze
Nacht hindurch nicht zu Ende kam. Gegenber in einer Teebude krhte bis spthin
eine chinesische Sngergesellschaft ihre mitnigen Weisen ab. Ein malaiisches
Gong sandte von Zeit zu Zeit seine dumpfen drhnenden Klnge herber. Einmal
entstand Feuerlrm in der Ferne und dann wieder blutiger Streit in einem
Spielhause in der Nhe. Betrunkene Menschenhaufen wlzten sich vor der Baracke
vorber, Revolver wurden abgefeuert; Hunde heulten den amerikanischen Mond an,
Pferde und Maulesel wieherten, rissen sich im pltzlichen Schrecken los und
wurden von den Eigentmern mit wildem Geschrei durch die Gassen der Stadt
verfolgt. Nebenan schrie der Sugling, die Mutter Anna erhob sich von ihrem
Lager, und in all den Lrm mischte sich jetzt ein deutsches Wiegenlied. Ludwig
Tellering richtete auch einmal im Traum sich von seinem Lager neben Robert empor
und rief mit ngstlicher Stimme den Namen seiner Frau. Dazu die eigenen Gedanken
und Schmerzen - das Grab des Bruders, die kranke verlassene Eva in den Bergen -
es war eine bse, wirre Nacht, und mit Sehnsucht erwartete Robert den neuen Tag.
Er kam, und als er kam, fielen, wie es zu geschehen pflegt, dem, welcher die
ganze Nacht hindurch gewacht hatte, die Augen im ungesunden Schlummer zu. Und
nun konnte selbst dieser Schlummer nicht lange dauern.

Stand up, man, stand!
Free heart, free tongue, free hand.
Firm foot upon the sod!

sang der Hauptmann Konrad von Faber, indem er den Schlfer an der Schulter
schttelte: Auf, auf, Wolf, 's ist Zeit zu marschieren; in einer Viertelstunde
mssen wir auf dem Wege nach den Bergen sein.
    Robert sprang auf die Fe. Alles war bereits in Bewegung in der
Bretterhtte. Heier Kaffee aus Blechschalen - ein herzlicher Gru, welchen die
Frau Marie aus ihrer Kammer schickte - ein kurzer bewegter Abschied von Ludwig
und seiner Mutter, und auf dem Wege zu Eva Wolf schritt Robert mit Konrad von
Faber.
    Noch hingen milchweie Nebel ber dem Sacramento; als sie sich lichteten,
lagen die kahlen Hhen des Meeresufers hinter den beiden Wanderern, und der
dichte Wald nahm sie auf in seinen Schatten. Eichen und Riesenfichten bedeckten
die Berghnge, und die Sonne brach strahlend darber hervor und warf ihren
echten Goldglanz ber Hgel und Tal und auf den Spiegel des Stillen Ozeans, der
blitzend zwischen den Stmmen durchschimmerte. Noch einen letzten Blick auf das
weite Meer; dann tiefste Dmmerung des Urwaldes! Ein Glckchen erklang vor den
Wanderern, sie berholten einen Trupp schwerbepackter Maulesel mit ihren
mexikanischen Fhrern. Die bunten Serapen flatterten lustig im Morgenwind, die
gebrunten Gestalten nahmen die Cigaritos aus dem Mund und nickten:
    Buenos dias, Seores!
    Robert und der Hauptmann erwiderten den hflichen Gru; aber letzterer
brummte:
    Falsches, feiges Pack! Htet Euch vor diesen Burschen, Wolf.
    Wieder Stimmen - welch eine seltsame Sprache redeten die Leute im Dickicht!
Chinesen waren es; mit Schaufeln und Spaten, mit Hacken, Pfannen und Krben
zogen sie zu den Minen.
    Die Langzpfe haben ein ganz verzweifeltes Glck, sagte der Hauptmann.
Sie scheinen das Gold unter der Erde zu wittern wie das Schwein die Trffeln.
Aber kommt, Sir, wir wollen dort jenen Vorsprung erklettern; es lohnt die Mhe.
    Sie stiegen durch das nasse Gras; und ber den Wald hatten sie den ersten
vollen Blick auf die Sierra Nevada. Drunten zogen Mexikaner und Chinesen weiter,
und gell klang durch den Wald der ermunternde Ruf der Maultiertreiber:
    Hippah, mulah! hippah, mulah!
    Keuchend arbeiteten die Tiere, und Konrad von Faber erklrte:
    Sie schleppen eine Dampfmaschine fr eine Gesellschaft Amerikaner droben am
Federflu. Die Kerle haben sich in den Kopf gesetzt, einen ganz anstndigen
Nebenarm des Wassers abzuleiten, und es wird ihnen mit ihrem never give up
gelingen. Vorwrts, Wolf.
    An einer andern Stelle des Waldes trat ein schmutziger Indianer aus dem
Gebsch, fuhr beim Anblick der zwei Fremden erschreckt zusammen und schlich
scheu in den Wald zurck, in welchem er, der Besitzer, nur noch ein kaum
geduldeter Rechtloser war.
    Als der Tag sich neigte und die Nacht schnell den Wald fllte, setzten sich
Faber und Robert an einem Feuer nieder, welches Landsleute, die sich ebenfalls
auf dem Wege zu den Minen befanden, angezndet hatten. Diesmal schlief der junge
Mediziner tief und fest, sei es aus bergroer Ermdung, sei es, weil die
Wildnis ihren Einflu auf das Kind des Winzelwaldes, den Sohn des Forstwarts vom
Eulenbruch, ausbte.
    In den Sacramento ergieen sich vier grere Flsse, der Featherriver, der
Bearcreek, die American Fork und der Yuba. In diese Flsse strzen sich aus
wilden Schluchten, Caons genannt, Hunderte von grern oder kleinern
Bergwassern, die jedoch im Sommer meistenteils versiegen und deren Betten und
abschssige Uferrnder den Tummelplatz der Goldsucher bilden. Nach einem solchen
Tal, aus welchem sich ein munterer Waldbach dem Yuba zudrngte, ging der Weg
Fabers und Roberts, und sie vollendeten diesen Weg, ohne irgendwelche
nennenswerte Fhrlichkeiten zu bestehen zu haben. Allerlei Volk zog mit ihnen
desselben Pfades oder kam ihnen aus den Bergen entgegen und bot die Gelegenheit,
den Ausdruck menschlicher Hoffnung und Enttuschung in allen Phasen zu
studieren, im vollsten Mae. Der Hauptmann lie es auch nicht daran fehlen,
seinen Begleiter auf alle charakteristischen Vorgnge, Gestalten und Gesichter
aufmerksam zu machen; aber Robert war nicht mehr fhig, mit der gehrigen
Aufmerksamkeit den Glossen und Bemerkungen des berhmten Reisenden zu folgen. Je
nher er dem Ende seiner langen Wanderung kam, desto heftiger und
unwiderstehlicher verdrngte das eine Bild der sterbenden Eva alles andere. Er
zitterte an allen Gliedern, als endlich der Hauptmann von der Ecke eines
langgestreckten Bergrckens in ein Tal und auf das Dach einer Blockhtte
deutete, die abseits von einer Gruppe hnlicher Gebude an die gegenberliegende
Bergwand sich lehnte. Es regnete leise, als die beiden Mnner auf dieser Hhe
standen und in das verschleierte Tal stumm hinabblickten. Aus der Tiefe schallte
das Jauchzen der Goldsucher, welche lange vergeblich auf diesen Regen, der ihr
mhseliges Werk nicht wenig erleichterte, gewartet hatten. Sie sangen auch in
ihrer Freude, den Yankeedoodle, die Marseillaise und das Lied vom deutschen
Vaterland, und das Echo tat das Seinige, die wilde Harmonie oder vielmehr
Disharmonie zu verstrken.
    Das ist der Hawk-Gulch, sagte Konrad von Faber. In jener Htte drben
liegt Eures Bruders Frau; zwischen jenen drei Riesenfichten, rechts von dem
Blockhaus, liegt Euer Bruder. Vorwrts, Herr, nehmt Euch zusammen!
    Der Regen wurde strker, sie stiegen nieder durch den rauschenden Wald,
berschritten den Bach, und ein kurzes Steigen an der Berglehne brachte sie zu
den drei himmelhohen Fichten, unter welchen der Grabhgel Friedrich Wolfs
aufgeworfen war, fnfzig Schritt ungefhr von dem Blockhaus entfernt.
    Hier! hier! murmelte Robert Wolf. Hier, hier - das ist das Ende!
    Er griff in das regennasse Gras, welches bereits aus dem Hgel
emporgeschossen war. Er fhlte in diesem Augenblick eigentlich nicht Schmerz;
ein Lcheln flog ber seine Zge, aber es war ein schreckliches Lcheln; die
kahle, frchterliche Gleichgltigkeit, welche aus dem Verlust alles dessen, was
uns eigenst gehrte, hervorgeht, prete ihm mit eiskalter Faust das Herz
zusammen.
    Gegen das Grab, wo der Bruder, der stolzeste, mutigste Ringer des Glcks,
verlassen von seinen Sternen, den letzten Schlaf schlief, neigte er sich; dann
wollte er auf die Blockhtte zueilen, aber Konrad von Faber fate seinen Arm und
hielt ihn zurck:
    Wartet hier noch. So drft Ihr nicht zu ihr; ich will sie erst vorbereiten
auf Eure Ankunft. Euer zu pltzliches Erscheinen knnte ihr den Tod geben.
    Er ging, und neben dem Grabe unter den Riesenfichten wartete Robert.
    Es war jetzt Nacht auf der andern Hlfte des Erdballs, und auf dem
Observatorium des Sternsehers Heinrich saen die Alten aus dem Walde, welche fr
sich selbst das Leben berwunden hatten, deren Hoffnungen und Sorgen sich nicht
mehr auf das eigene Dasein richteten. Der Kinder des Winzelwaldes gedachten die
Alten, fr die frchteten und hofften sie. Und auch die Kinder aus dem Walde
hatten sich wieder zusammengefunden; aber es war ihnen nicht so gut geworden wie
den drei Alten: ein Grab, ein Krankenlager und ein von tausendfachem Weh
zerrissenes Herz - das war's, was die drei Kinder aus dem Winzelwalde im wilden
Wald der Welt gefunden hatten.
    Der Regen rauschte immer heftiger hernieder; sein Haupt barg der gigantische
Baum, an dessen Stamm Robert lehnte, in den Wolken. Der Gesang der Goldgrber im
Tal verstummte, in den Wldern gegenber krachte ein Bchsenschu und weckte
hallend das Echo. Begriff von Zeit hatte Robert jetzt nicht; ob sich der
Hauptmann von Faber seit einem Augenblick in jener Htte befand oder ob Stunden
vergangen waren, seit sich die Tr hinter dem Reisenden schlo - der Bruder am
Grabe des Bruders wute es nicht.
    Durch den Raum zwischen der Fichte und der Blockhtte, welche die kranke
Frau des Bruders barg, drngte sich ein verworrenes Gewhl von Figuren und
Szenen aus allen Epochen seines jungen Lebens, und das Trivialste verschlang
sich immer unauflslich mit dem Ergreifendsten. Das Dorf Poppenhagen, die groe
deutsche Stadt, die Universitt - der Eulenbruch, des Pastors Tanne
Studierstbchen, das Polizeibro mit dem Hauptmann auf der Armensnderbank, die
Wohnung Fiebigers, der Giebel des Sternsehers - alle sandten Gestalten, Klnge,
wahnsinnig ineinander verschlungen, ber das Meer, und mit halbirrem Lachen sah
Robert Wolf, whrend sein Herz in tdlicher Qual fast zerbrechen wollte, den
Schauspieler Julius Schminkert Toilette machen und mute sich fragen, wie es
mglich sei, da man solche Krperverrenkungen dabei zustande bringen knne.
    Die Qual dieser Minuten war unertrglich; was half es, da der Leidende alle
Seelenkrfte zusammenraffte; machtlos war der eine Geist vor der Masse der
Geister, welche aus dem Boden emporstiegen zwischen dem Krankenlager Eva
Dornbluths und dem Grabe Friedrich Wolfs.
    Nun aber ffnete sich die Tr der Blockhtte; ein junges Chinesenweib
erschien auf der Schwelle und starrte nach der Fichtengruppe hinber, Robert
bemerkte jeden Zug ihrer wunderlich zusammengedrckten Physiognomie, jede
Einzelheit ihres Anzuges von den Schuhen bis zu dem Pfeil im glnzend schwarzen
zusammengedrehten und zurckgekmmten Haar; und doch wurde die Unertrglichkeit
dieses Wartens immer frchterlicher. Die Tochter des himmlischen Reiches zog
sich wieder zurck, wie es schien, von innen gerufen, und statt ihrer trat
endlich, endlich Konrad von Faber auf die Schwelle und winkte.
    
    Vorber war der Kampf, unter welchem Robert Wolf gelitten hatte, zerstoben
war der Geistertanz; mit einem Sprunge war der Sohn des Winzelwaldes an der
Seite des Reisenden - er stand in dem verdunkelten, engen, heien Raum der
Blockhtte, und von einem niedrigen Lager richtete sich bleich, hager, mit
fieberglhenden Augen Eva Wolf aus Poppenhagen auf und breitete mit einem
klagenden Ruf der Arme aus. So kamen Robert und Eva seit dem Tage, an welchem
der Polizeileutnant Kirre sie in dem Hause des Kunstfreundes und
Regenschirmfabrikanten Schwebemeier in der Lilienstrae trennte und den Baron
von Poppen aus der Gefahr der Erdrosselung errettete, zum erstenmal wieder
zusammen. So kurze Zeit und so groer Wechsel - neben dem Krankenbett Evas
kniete Robert, und die Frau des Bruders schlang ihre Arme um seinen Hals und
vermischte ihr Schluchzen mit allerlei abgebrochenen Liebkosungen und Ausrufen.
    Ein stummer, tiefbewegter Mann stand der Reisende Konrad von Faber, der
soviel gesehen hatte von der Welt und in der Welt, neben den beiden, und die
chinesische Frau starrte verwundert an seiner Seite auf ihre Herrin und den
fremden jungen Mann.
    Nicht mehr die schne, wohl aber noch die stolze, tapfere Eva hielt Robert
umfangen. Jetzt brauchte sie sich nicht mehr seiner Umarmung zu entziehen. Fest
hielt sie ihn an ihr Herz gedrckt und kte ihm Mund und Stirn.
    Da bist du, da bist du! rief sie. So - hier mssen wir uns wiederfinden.
Du guter, lieber Bruder, wie danke ich dir, da du gekommen bist! Ich fhle mich
jetzt viel wohler, viel besser als damals, in jenen bsen Stunden, da ich dich
rief. O solch einen weiten Weg bist du meinetwegen gekommen! Vielleicht hat dich
mein Schrei um Hlfe aus dem Scho des Glckes emporgerissen und fortgetrieben.
Bruder, lieber Bruder, ich htte dich nicht gerufen, wenn mein armer Kopf damals
so klar gewesen wre, wie er jetzt ist. Aber sieh - ich - werde dich nicht lange
auf dem Wege aufhalten; Segen ber dich; bald, bald sollst du wieder gehen
drfen!
    Dein Ruf hat mich in keinem Glck gestrt. Vielleicht htte ich mich, auch
ohne da du nach mir verlangtest, zu dir geflchtet. Vielleicht bedarf ich
deiner mehr, als du mich ntig hast, du Liebe, Starke. Wir haben uns soviel
mitzuteilen; von deinem Lager weiche ich nicht, bis du ganz genesen bist, und
dann - dann gehen wir ber das Meer zurck und suchen die Heimat wieder auf, die
rechte wahre Heimat, den Winzelwald und das stillste, vergessenste Tal darin.
    Die Kranke schttelte den Kopf:
    Und Friedrich? ... Nein, Bruder, meine Heimat, meine wahre Heimat ist hier
auf dieser fremden Scholle, ist hier neben dem Grabe unter jener Fichte.
    Sie blickte durch das schmale Fenster neben ihrem Lager nach der Baumgruppe,
unter welcher vorhin Robert Wolf stand.
    Ich sah dich stehen, Bruder, fuhr Eva fort, dort an Friedrichs Seite. Du
warst ihm so hnlich. Nun bist du hier, ich halte deine liebe Hand; dort drauen
steht noch der Tote und winkt. Sie haben seinen Leib begraben unter den hohen
Bumen; aber seine Seele konnten sie nicht begraben. Seine Seele irrt um jenen
Fleck und wartet auf mich, bis ich komme. Und ich komme bald, ich wei es; der
Tote hat keine Ruhe, und ich auch nicht. Wir gehren nun einmal zueinander -
dort, dort, neben den Fichten, Robert, lege meinen Leib hin, da meine Seele mit
der deines Bruders fortgehen kann aus diesem traurigen Tal, wo man so arg friert
und doch von giftigen Flammen verzehrt wird.
    Schwester! Schwester!
    Die Kranke schwieg einige Minuten; dann fuhr sie mit der Hand ber die
Stirn, dann legte sie dieselbe Hand auf Roberts Schulter und lchelte trbe:
    Erschrick nicht, armer Bruder, wenn ich manchmal etwas toll
durcheinanderspreche; ich bin nicht allein in meinem Gehirn, das Fieber sitzt
mit darin, und das ist ein bser, eigenwilliger Gast. Sieh, Robert, ich sterbe
doch als ein glckliches Weib; denn ich habe Fritz zu einem glcklichen Mann
gemacht, solange er lebte. Und in seinem brechenden Auge habe ich noch seine
Liebe gelesen, und die war so stark, da dieser letzte Blick mich ihm nachzieht
- hinaus ber jenen Hgel unter den Fichten. La meine Hand los, Robert Wolf,
soll ich deines Bruders Leib hier in der Wildnis unter den fremden, wsten
Gesichtern allein lassen? La meine Hand, Robert! Sei ruhig, Fritz, ich komme
schon - ich bin da; Samana ist schon gesattelt. Zieh den Gurt fester an, Scipio,
da es nicht wieder geht wie vor Santa F, wo der Herr durch deine Schuld so
sehr ber mich lachte. Wie die Prrie im grnen Glanz wogt! Ready, Fred -
vorwrts, meine Herren! Komm, Fritz, du mut neben mir reiten - Galopp! Ah wie
schn, so wild in die untergehende Sonne hineinzujagen!
    Immer tiefer verlor sich die Kranke jetzt in ihre Phantasien. Sie glaubte,
an der Seite des geliebten Mannes ber die groen Wiesen gegen die Felsengebirge
zu galoppieren, indianische Krieger, khne Jger aus allen Nationen neben sich,
vor sich, hinter sich. Manchen unbekannten Namen rief sie; die Genossen der
vergangenen Tage waren lebendig um sie. Sie lachte und strich die Haare aus der
Stirn; auch den Namen Marie Heil rief sie zrtlich; ihre Phantasien qulten sie
nicht, sie waren nicht schreckhafter Art, sondern glnzend, lebhaft, angenehm.
    Konrad von Faber fate die Hand Roberts und zog ihn ein wenig vom Lager Evas
fort.
    Kommt jetzt, sagte er, wir wollen aus der Htte gehen; Loatoa ist eine
gute treue Wrterin und wird der Kranken in diesem Augenblick von grerm Nutzen
sein als wir beide. Selbst in ihren Trumen ist sie noch die prchtige Eva Wolf,
die Waldfrstin, die Knigin der Prrien. So sind ihre Phantasien immer;
entweder befindet sie sich inmitten der Szenen ihrer Jugend, oder sie leidet,
kmpft, jubelt und triumphiert mit dem tollen Fritz. Das Elend hat keine Macht
ber sie; es ist herzzerreiend, aber es ist prachtvoll. Kommt, Herr; der Anfall
wird vorbergehen - morgen frh werdet ihr ruhiger miteinander reden knnen.
    Die beiden Mnner traten aus der Htte. Der Regen war vorber; von allem
Gestein, aus allen Schluchten, von Busch und Baum rieselte, rauschte und tropfte
es. Verstummt war der Gesang der Goldgrber. Jeder war zu emsig mit seiner
Arbeit beschftigt, und die Arbeit war zu schwer, als da man dabei htte singen
knnen. Nieder zur Talsohle stiegen Faber und Robert und sahen von einem
Felsenstck aus dem merkwrdigen Treiben zu. Der Gegensatz zwischen der
fieberhaften Aufregung, der keuchenden Hast, dem gierigen Whlen in Schmutz und
Schlamm hier und dem Aufgeben jeder irdischen Hoffnung durch das kranke Weib
droben in der Htte war berwltigend. Nimmer wurde die harte Wahrheit von der
Nichtigkeit und Eitelkeit der menschlichen Dinge, an welche sowenig Leute
glauben wollen, so eindringlich gepredigt wie hier im Stromgebiet des
Sacramento. Wahrhaft erschtternd wirkte der Kontrast auf den Verlobten Helene
Wienands; o wie hohl fhlte er diesen golddurchzogenen Boden unter seinen Fen.
Keine Macht der Welt htte ihn in diesem Augenblick bewogen, ebenfalls zum Bett
des Flchens niederzusteigen und einzutreten in die Reihen der Goldgrber.
    Konrad von Faber las klar in den Gesichtszgen des jungen Mannes.
    Ihr habt recht, sagte er, man lt am besten die Finger davon, wenn man
es irgend vermeiden kann. 's ist ein Hasardspiel wie zu Baden-Baden oder
Wiesbaden, und Hasardspiele sind berall und immer gefhrlich. Dort, wo die
Eiche niedergebrochen ist vom Sturme, habe ich der kalifornischen Fortuna mein
Kompliment gemacht, und, by Gad, die Dame war gndig genug und warf mir an einem
Tage mehr vom Nerv der Dinge in den Hut als andern, die dankbarer dafr gewesen
wren, in Monaten. Mit Bowiemesser und Bchse habe ich aber den Claim, das heit
das Loch, in welchem mir der Dreck bis an den Hals ging, verteidigen mssen, und
nach Haus werde ich von den Schtzen nichts bringen als fr ein paar neugierige
junge Frauenzimmer im Osten drben einige Schchtelchen mit blinkendem Staub,
soviel als man zwischen Daumen und Zeigefinger halten kann - nicht genug zu
einem Trauring fr die naseweisen jungen Persnchen. Nun kommt, ich will Euch
zeigen, wo Ihr fr die nchste Zeit hausen werdet.
    Robert Wolf folgte dem Hauptmann abermals die Berglehne hinauf, und Faber
brachte ihn zu einer Htte, die ungefhr hundert Schritt von der Evas gebaut
war.
    Mein Haus und meine Burg! Tretet ein und seid willkommen. Ich wei, die
Wlfe vom Eulenbruch sind nicht verwhnt. Nehmt vorlieb mit dem, was ich Euch in
der Wildnis bieten kann.
    Ein roher Tisch, einige leere Kisten, ein Lager aus Fellen und wollenen
Decken bildeten die Ausstattung, den Hauptschmuck ein an der Wand ausgespannter
riesenhafter Pelz des eigentlichen amerikanischen Waldherrn, des grauen Bren.
    Der Mensch kann geistig wie krperlich mit ungemein Wenigem auskommen,
Herr, sagte der Hauptmann. Geistiger und krperlicher berflu kann zwar etwas
sehr Angenehmes sein; aber das Glck wird dadurch nicht bedingt. Da der
Millionr oft seinen Schuhputzer zu beneiden hat, ist eine alte Geschichte;
vielleicht findet aber auch fters, als man fr mglich hlt, ein hnliches
Verhltnis des Neides zwischen dem erleuchtetsten Philosophen, dem sublimsten
Poeten und dem Schuhputzer statt. Nochmals willkommen im Hawk-Gulch und unter
dem Dache Konrad Fabers. Hier ist das Mehlfa, hier der Whiskykrug, Knaster und
Zigarren, hier eine Kiste mit Crakkers, Schiffszwieback, an welchem Ihr Euch
aber die Zhne nicht ausbeien drft. Da ist auch ein Bndel getrocknetes
Fleisch und hier das Dintenfa, ein Dutzend Federn von einer wilden Gans und
einige Buch Papier. Frisches Fleisch holen wir aus den Bergen und Wldern. Hier
ist noch ein Haufen trocknes Holz, hier das Feuerzeug, nun seid so gut und
zndet Feuer an, ich will derweilen die Pfanne reinigen; - gebt acht, es ist
unter Umstnden sehr ntzlich zu wissen, wie man einen flap-jack, einen
amerikanischen Pfannkuchen, bckt.
    Hals ber Kopf strzte der Wirt den Gastfreund in die Sorgen der
Haushaltung; er tat es mit Absicht, um ihn zu verhindern, sich zu sehr seinen
trben Gedanken hinzugeben. Auch sich selbst schien er durch Lrmmachen in eine
bessere Stimmung setzen zu wollen. Er sang ein tolles amerikanisches Tanzlied:

Here we go up, up, up,
Here we go down, down, down,
Here we go backwards and forwards
And here we go round, round, round.

Dann unterbrach er sich und fragte:
    Was spluttert und knackt das Holz im Feuer? Spuck hinein, Bob; die alten
Weiber zu Hause meinen, es gbe noch Zank in der Wirtschaft, wenn das nicht
geschehe.
    Nun gab er es wieder auf, heiter und ruhig zu scheinen, warf den Sombrero
zur Seite und wischte den Schwei von der Stirn; er legte die Hand dem jungen
Gastfreund auf die Schulter:
    Es hilft nichts; zum Teufel mit der lustigen Fratze! Ja, mein Sohn, du hast
recht, es ist ein traurig Ding. Ich will's nur gestehen; wenn ich in der letzten
Zeit manchmal, wenn Loatoa drauen wirtschaftete, allein bei ihr sa am Bett, so
sind mir die dicken Trnen in den Bart gelaufen. Mein armer Junge, es ist ein
Jammer, da das Herrlichste, was es in der Welt gibt, so zugrunde gehen mu. Der
Tod en masse bedeutet gar nichts; aber das einzelne Sterben dieses Weibes ist
scheulich.
    Robert Wolf starrte in das Feuer, welches er angezndet hatte, und
antwortete nicht. Die beiden Mnner gingen dann noch einmal hinber zur Htte
Evas; aber die Kranke schlief, die Chinesin sa regungslos am Bett; - die Mnner
konnten nicht das mindeste fr das Weib Friedrich Wolfs tun.

                           Einunddreiigstes Kapitel



  Es wird ein neuer Hgel unter den drei Fichten aufgeworfen; Konrad von Faber
            hlt eine Rede; Robert Wolf findet, was er nicht suchte

Bis zum Ende des Herbstes kmpfte Eva Wolf mit dem Tode. Anfangs machte, wie es
schien, die Ankunft des Jugendfreundes einen guten Eindruck auf ihr Befinden;
das Fieber lie nach, kehrte nur in immer grern Zwischenrumen wieder, die
Krfte nahmen zu, und auch die Hoffnung Roberts wurde immer grer. Den
europischen Arzt konnte dieser Wechsel tuschen, den weitgewanderten Konrad von
Faber tuschte er nicht; der Hauptmann wute, da die Kranke sich nicht wieder
von ihrem Lager erheben, da der Hgel unter den drei Fichten nicht allein
bleiben wrde. Er hatte recht; doch Robert wollte nicht daran glauben. Neben der
Kranken sa der Bruder Friedrichs und redete mit ihr von der Vergangenheit und
von der Zukunft. Diese beiden Menschen hatten keine Geheimnisse mehr
freinander. Alles, was uns hienieden abhlt, uns einander, wie wir sind, zu
zeigen, war zwischen diesen beiden nicht mehr vorhanden. Gefhle, Empfindungen,
die Robert selbst den Freunden auf dem Observatorium des Sternsehers zu
offenbaren gezgert htte, legte er Eva offen dar. Ausfhrlich vernahm er die
Geschichte seines Bruders, wie Fritz zusammen mit Eva gekmpft hatte, wie er
unterlegen war; - ausfhrlich erzhlte er selbst der Frau des Bruders den
eigenen Lebenslauf, die eigene Entwickelung seit dem Tage, an welchem er sie in
der groen Stadt gesucht und wieder verloren hatte, um sie jetzt in Wahrheit zu
finden. Von dem Polizeischreiber Fiebiger, von dem alten Ulex, von dem
Freifrulein von Poppen, von Helene, dem Baron Leon und dem Bankier berichtete
er, und mit immer gesteigerter Teilnahme horchte Eva.
    Als sie alles wute, sagte sie:
    O lieber Robert, sei getrost! Aus dem, was du mir erzhlst, merke ich, da
sie dich liebt, wie ein Weib lieben mu. Verzweifle nicht - ihr Herz wird nicht
von dir lassen, und das ist allein das Wahre. Sie wird auch schon ausharren und
dich mit ihrem Herzen erwarten. Wir Frauen sind sehr schwach; aber wir knnen
auch sehr stark sein. Ihr Mnner sagt zwar auch, da ihr hofft; aber wie hufig
tuscht ihr euch und rechnet da, wo ihr zu hoffen meint! Es ist nicht anders,
und es wird auch wohl so gut sein. Groe Schmerzen knnen wir Frauen ertragen,
nur die Liebe mu dabeisein; ohne die Liebe sind wir nichts. Mein Leben ist ein
krftiges Beispiel davon, was die Liebe und die Hoffnung bei uns Frauen
vermgen. Sei getrost, Bruder; ich habe dir einst gesagt, du wrdest das rechte
Herz finden, welches niemand dir rauben knne, welches ganz dein eigen sei; du
hast es gefunden. Was sich zwischen dich und dieses Herz drngt, das sind
irdische Gewalten; - die vermgen nichts, und durch irdische Gewalten knnen sie
wieder aus dem Wege getrieben werden.
    Die Kranke schwieg eine Weile und versank in ein tiefes Nachdenken, dann
sagte sie ganz leise:
    Htte ich dich doch nicht hierher gerufen! Wei ich es doch zu sehr, welche
Qual es ist, wenn so weite Meere und Lnder zwischen uns und dem schnsten Teile
unseres Daseins liegen. Aber gedulde dich nur, vielleicht ist es doch gut, da
ich dich rief. Die Sterne lieben es, fr uns zu wirken, whrend wir in der Ferne
an ihnen verzweifeln wollen. Das habe ich so oft erfahren, an das glaube ich
auch jetzt noch in der hchsten Not. Glaube den Sternen, Bruder, wir brauchen
nun nicht lange mehr zu warten; jeder wird binnen kurzem seinen Pfad gehen - ich
dahin, dort, wo der Tote lchelnd winkt, du weiter durch das Leben, zurck ber
das Meer, wo deine Sterne leuchten. Seit ich dich gesehen habe, seit ich deine
Hand halte, ist eine unbeschreibliche Ruhe, ein Friede ber mich gekommen,
welche nur Gutes bedeuten knnen, Gutes fr dich und mich; denn ich wei sicher,
ich wre nicht so still, wenn es ntig wre, um deine Zukunft zu sorgen.
    Robert versuchte es nicht mehr, der Schwester die Todesgedanken auszureden;
aber desto mehr sprachen die beiden von ihrer Jugendzeit im Winzelwalde. Alle
alten Erinnerungen riefen sie wach, whrend der kalifornische Herbstregen
drauen vor der Htte niederrauschte und der Sturm aus den Bergen herberfuhr,
die Gipfel der Riesentannen durchsauste und in den Wldern hohe Zedern und
Eichen wie drres Reisig knickte. Oft fuhr Robert zusammen; doch die Kranke
achtete den Orkan nicht, sie schien ihn gar nicht zu hren. Es kam ein Mann
durch, welcher von gewaltigem Schneefall noch hher in den Bergen erzhlte;
Onion-Valley unter der Pilotenspitze sollte mit einer Bevlkerung von
hundertundzwanzig Personen schon tief unter dem Schnee begraben liegen.
    Ganz so schlimm wird's hier nicht werden; aber frei werden wir auch nicht
ausgehen, meinte der Hauptmann.
    Eva Wolf kmmerte sich nicht um den drohenden Winter; in ihrer Erinnerung
war es Frhling - Sommer. Den Waldbach, welcher durch das Dorf Poppenhagen
rauschte, durfte keine Eisrinde bedecken; grn und sonnig blieb der Grasgarten
zwischen dem Kantorhaus und der Pfarre - jaja, ewigen glnzenden Sonnenschein
hatte Eva Wolf aus ihrem schnen Leben in das winterlich kalte dunkle Tal in
Yuba-County gerettet!
    
    Frei und hochsinnig blieb aber dabei ihre Anschauungsweise bis zum letzten.
Sie klagte nicht: Ach wren wir doch nimmer aus dem Walde herausgegangen! -
Trotz allem Schmerz der Gegenwart htte sie doch nicht, wie sie sagte,
gebrochene Adlerflgel gegen gesunde Taubenfittiche vertauscht.
    Hier war ein anderes Streben nach dem Gold, den Herrlichkeiten, der Ehre und
der Macht der Welt als dasjenige, welches sich in dem Bankier Wienand
darstellte. Rcksichtslos, aber doch frei vom kalten, kahlen Egoismus hatte
Fritz Wolf nach allem, was unter dem Himmelszelt dem Menschen wnschenswert
erscheinen kann, gegriffen, und noch hher als der Mann hatte sich das Weib ber
den Staub und Schmutz der Erde erhoben. Beide gingen sie unter; aber sie stiegen
tragisch in stolze Grber nieder; sie klammerten sich nicht jammernd an das
Leben und seine Hoffnungen; lchelnd winkten sie von der Pforte der Ewigkeit
zurck. Um das Dasein und seine Schtze hatten sie gespielt, doch nur der
Aufregung, nicht des Gewinnes wegen; der Kampf war zu Ende, und sie gingen
davon, und Gegner, Zuschauer und Freunde neigten ernst, ergriffen, klagend die
Hupter.
    Gegen Ende des Herbstes starb Eva Wolf aus dem Winzelwalde, und Konrad von
Faber und Robert bereiteten ihr die letzte Ruhesttte unter den hohen Fichten an
der Seite Friedrichs. Alle die wilden trotzigen Gesellen unterbrachen ihre
gierige Jagd nach dem kostbaren Metall und folgten der Leiche zu Grabe. Als der
Erdhgel sich ber dem wohlgezimmerten Sarge erhoben hatte, lehnte sich Konrad
von Faber inmitten der Rothemden auf den Spaten und sprach:
    Zwei neue Grber auf dem jungen Boden! Da liegen die stillen Schlfer und
horchen im Traum auf die Futritte des groen Volkes, welches kommt - Welle auf
Welle - und einst hier wohnen wird. Ich rechne, Gentlemen, wir haben den, der
sein Teil von Hitze und Klte, von des Tages Last und Mhe getragen hat und nun
ausruht, wie die beiden unter diesen Hgeln, nicht allzusehr zu bedauern. Ihr
Part am Welt-business ist vorber. Ihr Konto ist geschlossen, und drben am
andern Ufer werden die Toten das Boot loben, in welchem sie den Flu kreuzten.
Aber wenn sie auch in Sicherheit sind: der groe Ladenhalter - shopkeeper der
Welt - schliet darum sein Geschft noch nicht; hat's auch frs erste nicht
ntig, denn die Fonds sind gut, und aufs Spekulieren versteht er sich. Ich sage,
Gentlemen, dies ist eine gute Stelle, um zu liegen und auszuruhen und auf die
Tritte der Kommenden zu horchen. Hrt ihr die Schritte? Einzeln, zu zweien,
zwanzigen - Tausenden, Millionen - the whole hog! Es wird eine Zeit geben, da
wird die groe Flagge der Zukunft hier entfaltet sein. Dann gibt es vielleicht
ein England des Stillen Ozeans, welcher dann sehr lebendig sein wird. Wir
nennen's heute Japan und stehen davor wie vor einem dunkeln stummen Rtsel. In
jener Zeit werden gewaltige neue Nationen auf riesenhaften Schiffen zwischen den
Ufern Asiens und Amerikas verkehren wie jetzt zwischen Hull und Hamburg, Dover
und Calais. Da wird die Zivilisation ihren Lauf um den Erdball vollendet haben,
und die alte Europa, einst eine so schne, blhende Jungfrau, einst geliebt von
Zeus dem Gtterknig, wird dann ein vertrocknetes Mtterlein sein, das uralte
und alte Schtze und Andenken in altvterlichen Kommoden und Schrnken und in
der Schrze hlt. Da werden die jungen Weltvlker kommen und sich Mrchen und
Historien aus vergangenen Tagen erzhlen lassen. Berichten wird das
Gromtterchen von Assyriern, gyptern, Chaldern, Griechen, Rmern und
Germanen, von der Stadt Babylon und Jerusalem, vom Kampf um Troja, von der Stadt
Athen, der Stadt Rom, der Stadt Berlin, der Stadt Paris und der gresten Stadt
der Alten Welt, London. Und Gesnge wird sie singen von Hektor und Achill, vom
Fall der Nibelungen, von Hamlet dem Dnen, Macbeth und dem alten Knig Lear, vom
Wallenstein und Tell, und zuletzt das groe tragische Leid vom Faust. Da werden
die jungen Vlker immer von neuem grbeln und staunen ber die versunkene Welt;
aber der alte modus operandi wird das junge Blut auch immer weitertreiben, und
nach den Sternen sehend, wird die Menschheit ihren Weg vollenden. Vollenden? Was
kmmert's uns, was geworden ist, wenn die Schlange wirklich ihre eigene
Schwanzspitze erschnappt hat? - Noch eine Schaufel voll Erde auf das Grab der
Frau, welche wir heute begruben! Es ist geschehen - ihr Recht haben die Toten;
rhrt euch, ihr Lebenden, denn auch eure Stunde kommt. Je hrter der Kampf um
das Dasein, desto ser die Ruhe. Auf, auf, Robert Wolf, fort mit der Trne aus
dem Auge! Ein feuchtes Auge sieht nicht klar, nicht scharf, und man hat's ntig,
scharf auszuschauen, solange man noch auf den Fen steht. Gentlemen, wir danken
euch fr euer Geleit zu diesem Grabe. Gut Glck einem jeden!
    Die Goldgrber, die wenig genug von des Hauptmanns Rede verstanden hatten,
drckten der Reihe nach Roberts Hand und zerteilten sich im Tal, um die
unterbrochene Arbeit mit verdoppeltem Eifer aufzunehmen und die verlorene Zeit
einzubringen.
    Eine Weile standen Faber und Robert stumm bei den Grbern; dann sagte der
erste:
    Ich kalkuliere, wir bleiben bei dem besprochenen Plan. Den Emigrantenweg
nach Missouri wird in einigen Wochen der Winter versperren, in San Francisco
haben wir nichts zu suchen; - so warten wir denn hier auf den neuen Frhling,
und whrenddem, Herr, mgt Ihr Euer Glck auf dem Boden der goldenen Visionen
versuchen. Unglck in der Liebe, Glck im Spiel! Das Goldsuchen ist auch ein
Spiel, und zwar, wie schon gesagt, Hasard wie irgend etwas. Also, Mann, ans Werk
mit Schaufel und Spitzhacke. Benutzt die Zeit, welche Euch noch zur Arbeit
brigbleibt. Eures Bruders Claim ist noch nicht wieder besetzt; tretet ein fr
den Toten, und wenn Ihr weiter nichts findet als mde Knochen und einen guten
Schlaf am Abend, so ist das viel gewonnen bei Eurer jetzigen Gemtsstimmung.
    Robert sah ein, da der Rat gut war, und so stieg er nieder in die Grube,
welche sein Bruder gegraben hatte. Wasser zum Ausschlemmen der Erde hatte der
Herbst in Flle gebracht; die Handgriffe der angreifenden Arbeit waren bald
gelernt, und Robert fand mehr als mde Glieder. Der Hauptmann rhrte keine Hand;
auf einem Stein oder Baumstamm sitzend, seine kurze Pfeife im Munde, sah er mit
philosophischem Gleichmut zu, wie der junge Genosse sich abmhte und wirklich in
krzester Frist betrchtliche Schtze dem Boden abgewann.
    Es geht gut! rief er bei jedem neuen Funde. Nur zu, wenn Ihr auf dem
Urgestein, dem Granit angekommen seid, werdet Ihr schon von selber aufhren.
Teufel, mein Junge, wenn das so fortgeht, knnt Ihr drben im alten Lande mehr
als einen Affen tanzen lassen.
    Robert Wolf whlte das Gold mit einer Art wilder Ironie aus der Erde. Einmal
fiel ihm ein Stck von bedeutendem Gewicht in die Hand; er wog es in der Hand,
und vor seinem Geiste empor stieg das Bild des Bankiers Wienand whrend der Zeit
seiner Geisteszerrttung; - schaudernd lie er das gleiende Metall fallen und
setzte den Fu darauf, als wolle er es wieder in den Boden treten. Aber Konrad
von Faber legte es zu dem brigen und meinte:
    Eure Gedanken sind anerkennenswert, aber doch tricht. Wenn etwas jenem
Spie der griechischen Sage, der verwundete und zugleich die Wunde heilte,
gleicht, so ist es das Gold. Wer wei, welches Gewicht dieses Stckchen blankes
Metall in der Waagschale Eures Glcks bedeutet? Wir leben in einer sehr realen
Welt, mein Sohn, und obgleich wir keine Flgel haben, so wre es doch durchaus
ungerechtfertigt, wenn wir aus rger darber auf dem Kopfe gehen wollten. Grabt
nur zu, solange das Wetter gut ist, im Namen unseres alten Freundes vom
Polizeibro Nummer dreizehn, im Namen Fiebigers, grabt zu; ber die Verwendung
dessen, was Ihr findet, mgt Ihr nachher daheim den weisen Mann vom Giebel des
Nikolaiklosters um Rat fragen.
    Bald war der junge Goldgrber im Besitz dessen, was die Amerikaner im Lager
a competency, ein zulngliches Vermgen, nannten. Fr deutsche Begriffe war
Robert Wolf ein reicher Mann geworden, und manch ein anderer Erdensohn htte
unter solchem Anlcheln der Gttin Fortuna jeden andern Kummer vergessen und
wre sehr mit seinem Schicksal zufrieden gewesen.
    Robert freute sich nur insofern, als er jetzt seinem Pflegevater, dem alten
Fiebiger, das Leben behaglicher machen konnte.
    Whrend der wenigen Wochen, in denen Robert im Schweie seines Angesichts
grub, jagte der Hauptmann, allein oder in Gesellschaft mit andern, Europern,
Amerikanern oder Pikosindianern. Nachts aber fanden sich die beiden Mnner am
Feuer in der Blockhtte zusammen, tauschten die Erlebnisse des Tages
gegeneinander aus oder besprachen anderes, welches zugleich ferner und nher
lag. Bald machte der Winter die Arbeit in den Goldgruben unmglich, und willig
lie Robert trotz seines Glckes Schaufel, Hacke und Schwemmpfanne sinken.
    Schnell verging die Zeit in dem Blockhaus, und auf den Winter folgte der
neue Frhling.
    Diejenigen irren, sprach eines Abends Konrad von Faber, welche meinen,
die Gesellschaft gehe durcheinander wie Musedreck und Koriander. Es ist Methode
in allem, auch darin, wie die Infusionstiere in einem Wassertropfen sich
gegenseitig auffressen. Je mehr man das einsieht, desto weniger rgert man sich.
Es gibt keinen Menschen in der Welt, welcher nicht einem andern im Wege steht,
und darin liegt unter Umstnden auch ein Trost, Bob. Da ist Euer und mein Freund
Fiebiger in seiner Polizeistube; ich kalkuliere, der Mann hat Euch fters
dasselbe gesagt.
    Sie haben recht, Herr von Faber, sagte Robert seufzend. Aber es ist doch
sehr traurig.
    Bah, das sagt Ihr jetzt, wo Herr Leon von Poppen die Oberhand, die beste
Karte im Spiel hat; trte das Gegenteil ein, was gar nicht so unmglich ist, so
wrde es freilich heien: Was ist, ist gut, es ist nicht mehr als billig, als
da sich das Laster und der Herr Baron zu dem Spucknapf in die Ecke
zurckziehen.
    Aber Helene?! rief Robert. Was soll sie denn in Eurer harten,
selbstschtigen Welt? Ich gebe Euch recht, wir haben Waffen und Rstung und sind
daher nicht zu bedauern. Aber die Waffenlosen, die Wehrlosen? Sind sie nur ein
Spielball derer, die da kmpfen knnen?
    Der Hauptmann nickte:
    Ja, da liegt der groe Jammer, und weder Fiebiger noch Konrad Faber,
welche, jeder auf seine Weise, nach der besten Welt gesucht haben, haben viel
Sinn in dieses dunkle Kapitel gebracht. Hat Euch der Mann im Niklaskloster, hat
Euch Ulex nichts darber gesagt?
    Er wies nach oben und sprach: Seht nach den Sternen!
    So tut das und lat mich und den Polizeischreiber ungeschoren! ... brigens
gehen wir in acht Tagen nach San Francisco, um Euer Metall gegen Wechsel
umzutauschen, und dann - zu Pferde, Sir! Unsere Zeit hier ist um, der Weg nach
Osten ist frei; Ihr werdet sehen, Herr, wie solch ein Ritt ber den
nordamerikanischen Kontinent die Brust frei macht. Nehmt Abschied von den
Grbern, Wolf, und kmmert Euch nicht, wie die alte Frau drunten in San
Francisco, weil niemand fr sie sorgt. Die stolzesten Grabmler werden in den
Herzen der Menschen erbaut.
    Es kam der Tag, wo Robert zum letztenmal, mit entbltem Haupte, unter den
drei Riesenfichten stand.
    Lebe wohl, Fritz, rief er. Lebe wohl, Bruder! Frh haben uns unsere
Sterne getrennt, hochherzig und edel bist du deines Weges gegangen; und als ich
- ein armer unwissender Knabe - die Sterne falsch deutete, hast du nicht gelacht
und gespottet, sondern liebend hast du mir auch aus der Ferne die treue Hand
geboten. Krperlich waren wir voneinander geschieden seit unserer Kindheit; aber
unsere Seelen haben sich wieder zusammengefunden, als wir Mnner geworden waren.
Ruhe sanft, Bruder; ein leuchtend Beispiel sollst du mir sein, und vor jeder
Schwierigkeit des Lebens will ich deiner gedenken! ... Lebe wohl, Eva, teure
Schwester! Schwester, Schwester ...
    Trnen erstickten die Stimme des Trauernden; er lie sich auf ein Knie neben
dem Grabhgel nieder und beugte tief das Haupt. In Worten lieen sich seine
Gefhle nicht ausdrcken. Konrad von Faber beobachtete den jungen Genossen aus
einiger Entfernung; dann trat er auf ihn zu, und sanfter, als es sonst in seinem
Wesen lag, sagte er:
    Lat es nun genug sein, Freund! Von den Gttern wie von den Weibern mag es
heien: ferrum est, quod amant. Die Toten, welche unter diesen beiden Hgeln,
Brust an Brust, begraben liegen, wollen nicht mit weinenden Augen beklagt sein.
Erhebt Euch, wir mssen fort; die Maultiere warten, und Loatoa will Euch
Lebewohl sagen.
    Einen letzten Blick warf Robert auf die Ruhesttten Friedrichs und Evas;
dann folgte er festen Schrittes dem Hauptmann. Sie nahmen Abschied von der
Chinesin, die Erbin ihres Hausstandes wurde, sie nahmen Abschied von den
Bekannten, welche sie im Lager der Goldgrber gewonnen hatten, und in vier
verschiedenen Sprachen wurde ihnen gut Glck auf die Reise gewnscht.
    Gut Glck auch euch, Kameraden! rief Konrad von Faber. Ihr Herren aus
Deutschland, England, Frankreich und Spanien, ihr Herren Brger der Union, ihr
Herren Brger von Mexiko, gut Glck! Mge im rechten Augenblick immer ein
tchtiger Platzregen auf eure Tollkpfe und Revolverzndlcher fallen! Lebt so
wohl, wie ihr knnt!
    Die Mnner, welche den Wunsch verstanden, lachten. Loatoa vergo einige
Trnen; am Abend schlugen Faber und Robert ihr Lager wohl acht englische Meilen
vom Hawk-Gulch im Walde auf, und in derselben Nacht wurde von einigen der
Gentlemen, welchen der Hauptmann so gute Wnsche zurckgelassen hatte, der
Versuch gemacht, den beiden Reisenden ihre Reise zu erleichtern und ihnen die
Last ihres Goldes abzunehmen. Es fiel aber kein Regentropfen auf die Bchsen des
Hauptmanns und seines Begleiters; die Herren gaben ihre freundschaftliche
Absicht auf, nachdem etwas Blut geflossen war, und zogen sich fluchend ber die
damned Dutchmen zurck. Glcklich vollendeten Konrad von Faber und Robert ihre
Reise und zogen wohlbehalten mit ihren Schtzen in San Francisco ein.

                           Zweiunddreiigstes Kapitel



  Ein Ritt vom Stillen Ozean zum Missouri; Konrad von Faber hlt abermals eine
                                      Rede

Sie fanden eine vollstndig vernderte Stadt. Eine groe Feuersbrunst hatte
einen bedeutenden Teil der leichten Bauwerke, Htten und Zelte verzehrt; andere
Straen, andere Htten waren auf der Brandsttte entstanden. Tausende und aber
Tausende neuer Einwohner waren gekommen; es kostete viel Mhe, ehe die Familie
Tellering in dem Gewimmel gefunden war, und der Zufall mute beim Auffinden
derselben das Beste tun. Bis an die Zhne bewaffnet, als eifriges Mitglied des
Vigilancekomitees begegnete Meister Ludwig den beiden Reisegenossen auf der
Plaza und sprang mit lautem Freudenruf ihnen entgegen. Die wichtigsten
Erlebnisse tauschten sie gleich auf der Strae aus; ach, was Robert Wolf zu
sagen hatte, lie sich zuerst durch einen Seufzer, einen Blick ausdrcken und
durch einen stummen Hndedruck Ludwigs beantworten.
    Komm zu meiner Frau! O komm sogleich zu Marie, rief der junge Meister dann
und eilte den beiden voran, den Weg zeigend.
    Die ganze Stadt scheint ja unter Waffen zu sein. Was ist denn los,
Tellering? fragte der Hauptmann.
    Wir sind in einem neuen Lande, sagte Ludwig achselzuckend. Viel Menschen
und etwas zuwenig von dem, was wir daheim zuviel haben, Polizeigesetz! Man sucht
sich eben seiner Haut zu wehren, jeder steht Wache vor seiner Tr, und die
Einsichtigen vereinigen sich zur gemeinschaftlichen Abwehr von Willkr und
Raubsucht. Doch da sind wir, und da ist Marie mit dem Jungen, und da ist die
Alte!
    Es ist ein eigenes trbes, wehmtiges Gefhl, selber heimatlos in einem
wohlgegrndeten, wohlbeschtzten Heimwesen freundlich, herzlich empfangen zu
werden. Robert Wolf empfand das recht, als ihm Marie Tellering mit ihrem Kinde
auf dem Arm entgegeneilte, als ihm die Mutter Anna abermals treuherzig die Hand
drckte.
    Weinend lie sich die kleine Frau des Freundes vom Ende ihrer einstigen
Herrin erzhlen und wollte sich anfangs auf keine Weise zufriedensprechen
lassen.
    O wer htte das gedacht, wenn wir sonst nach dem Theater spt zusammensaen
in der Lilienstrae und von der Zukunft sprachen! Und ich habe sie verlassen
mssen in ihrer hchsten Not, und sie hat mich doch aufgenommen, als ich
freundlos und hungrig war. Sie htte mich nicht verlassen - ach, es war
schlecht, schlecht, schlecht von mir - ach, htt ich es nur anders machen
knnen!
    Sie haben getan, was Sie konnten! rief Robert. Gott segne Sie dafr. Sie
haben sich keinen Vorwurf zu machen und drfen sich Ihr Glck nicht durch solche
Gedanken verbittern.
    Ich konnte ja auch nicht anders, nicht wahr, du kleines Herz? schluchzte
die junge Mutter, ihr Kind kssend und aus tiefster Bekmmernis zum hellsten
Jubel bergehend. Da sehen Sie ihn, Robert, sehen Sie ihn, Herr Hauptmann, ist
es nicht ein Liebling? Und er hat seines Vaters Augen und ganz seine Nase,
obgleich Ludwig es nicht zugeben will. Ach, ich habe ihr nicht helfen knnen,
und sie hat ohne mich in der Wildnis liegen und sterben mssen. Herr Wolf, wie
oft wache ich auf in der Nacht und denke, sie hat mich gerufen; - wenn ich die
Wiege nicht neben meinem Bette htte, ich mte mich totweinen vor Kummer und
Schmerz. O nicht wahr, es ist nicht meine Schuld, da ich sie verlassen mute?
    Immer von neuem mute Robert, muten Ludwig und die Mutter der bekmmerten
kleinen Frau wiederholen, da es nicht ihre Schuld sei, wenn die arme Eva Wolf
auf ihrem Sterbebette in der Wildnis von Yuba-County nicht von ihr gepflegt
wurde.
    Noch einige Tage brachten Konrad von Faber und Robert im Hause der wackern
Freunde zu; dann waren die Geschfte besorgt, da Gold umgesetzt und alles
bereit zu dem langen beschwerlichen Ritt nach Missouri. Vergeblich hatten sie
auf der Post nach Briefen gefragt; keiner der Dampfer, die in das Goldene Tor
eingelaufen waren, hatte Nachricht von den Freunden in Europa gebracht.
    Nun noch eine betrbte Abschiedsstunde; aber auch sie ging vorber! Tausend
ausgesprochene und unausgesprochene Gre an die alte Heimat jenseits der groen
Wsten und Wasser trugen die beiden Wanderer mit von dannen.
    Auf Nimmerwiedersehen sagten sich die beiden Freunde aus der Musikantengasse
jetzt Lebewohl; aber auch sie hatten sich gegenseitig von ihrem Wesen so viel
mitgeteilt, da sie doch immer unauflslich miteinander verbunden waren. -
    Am letzten April befanden sich die beiden Reisenden in Placerville, welches
damals noch Old Hangtown hie. Bergauf und bergunter hinab in die Ebenen zum
Carsonflu. Da ist Ragtown, die Lumpenstadt, deren Huser aus den zerbrochenen
Wagen und zerfetzten Wagendecken der Emigranten bestehen. Schrecklich deutlich
ist der Weg ber die Wste vorgezeichnet. Knochen von Pferden und Lasttieren,
Grber, umgestrzte Karren, zerbrochene Ochsenjoche und Wagenrder,
zertrmmertes Gert bezeichnen den Pfad, auf welchem der Strom der Abenteurer in
das Goldland hineinflutet. Foot and Walker's Line nennt der Hauptmann
ingrimmig und ironisch diesen Pfad, als er schwitzend unter der glhenden Sonne
seinen Gaul am Zgel durch den Alkalistaub am Humboldtflu nach sich zieht. Noch
ist die Wste menschenleer, denn es ist noch frh im Jahre, und die kommenden
Emigrantenzge haben die regennassen Prrien von Iowa und Missouri noch nicht
passiert. So sind denn Wolf und Geier die einzigen lebenden Wesen, die den zwei
Reitern in der Einde begegnen. Wieder folgen groe Wiesen auf den drren Sand -
herrliche Jagdgrnde, wo Konrad von Faber und Robert eine lange Rast halten und
wo der Hauptmann dem jungen Schtzen aus dem Winzelwalde zeigt, wie man den
Bffel jagt. Vorwrts, vorwrts - seltsame Felsenkolosse erheben sich am
Horizont; gleich einer zerstrten Stadt der Riesen steigt Castle-Rock vor den
Wanderern auf. -
    Am vierten Juli stieg mitten in der Prrie Konrad von Faber vom Pferde,
kniete nieder und legte das Ohr auf den Boden; dann forderte er den Begleiter
auf, dasselbe zu tun. Ein dumpfer Hall aus unendlicher Ferne schien sich unter
der Erde fortzupflanzen bis zu den beiden Lauschern.
    Es ist die Kanonade von Fort Laramie, sagte der Hauptmann. Sie feiern den
groen Festtag der Union. Ab eo libertas, a quo spiritus; - der Spiritus scheint
nur leider allmhlich auszugehen, und wer kann sagen, wie bald der Tag kommt, wo
der Siegelring Jeffersons mit der schnen Inschrift auseinanderbricht? Ich
rechne, die Berliner Hegelianer, welche in der groen Republik die hchste Blte
der staatlichen Entwicklung sehen und die hier zu einem so schnen Abschlu
ihres Systems gekommen sind, werden sich demnchst - im Laufe der nchsten zehn
oder fnfzehn Jahre vielleicht - nicht wenig wundern. Es knackt ganz bedenklich
in den Sparren des Daches, welches die Herren Professoren auf das Gebude ihrer
Philosophie der Geschichte gesetzt haben. Wenn ihnen nur nicht der Giebel ber
Nacht auf die gelehrten Kpfe fllt!
    Aber auch Sie meinten doch an den Grbern meines Bruders und meiner
Schwester, da der Abschlu und das Ziel der Weltgeschichte auf dieser Seite des
Erdballs liege, da hier die Zivilisation ihren Kreislauf vollendet habe?!
    Ich halte auch noch daran, antwortete Faber. Aber schwer ist die Arbeit
der Selbstbefreiung der Menschheit. Wenn die unorganische Welt Millionen von
Platonischen Jahren ntig hatte, um sich zu entwickeln, wie lange Zeit wird der
Mensch als Gesamtheit brauchen, um das letzte Ziel zu erreichen? Weder nach der
Juden noch nach Usserii Rechnung sind mehr als sechstausend Jahre verflossen,
seit Gott dem einzelnen Erdenklo seinen Atem einblies. Das ist eine kurze Zeit,
Herr, und ich meine, der Spruch: Der gab die Freiheit, welcher den Hauch des
Lebens gab, wird noch lange, lange nur fr den einzelnen und nicht fr die
Gesamtheit gelten. Das Individuum freilich - Ihr, ich, der Mann in der
Polizeistube, der Sternseher Heinrich Ulex -, das Individuum mag in diesem Wort
alle irdischen Ketten von Hand und Fu abstreifen: Ab eo libertas, a quo
spiritus! Zu Pferd, zu Pferde, Mann; noch fr unberechenbare Zeit liegt mehr
Bedeutung in dem Studium der Fortpflanzung des Schalles am Boden als in der
Frage nach der rechtlichen Ursache, mit welcher die Besatzung von Laramie ihre
Kanonen losbrennt und sich in Regierungswhisky betrinkt.
    Sie ritten weiter und rasteten einige Tage in dem Fort Onkel Sams. Sie
ritten weiter und lagen noch manche Nacht einsam an einem Feuer von
buffalo-chips. Sie ritten ber die Platte, erreichten die hohe Sule
Chimneyrock, den Wegweiser nach Kalifornien. Bei Courthouserock inmitten
blumiger Prrien trafen sie auf den ersten ihnen entgegenkommenden
Emigrantenzug. Reiter und Wagen; Mnner, Weiber, Kinder durcheinander, wlzte es
sich ihnen entgegen aus dem Osten, einer Vlkerwanderung im kleinen gleich.
    Manch eine hastige Frage nach dem Wege, nach den streifenden Indianerhorden
wurde von ngstlichen Frauen und hagern, sonngebrunten Mnnern an die beiden
Wanderer gerichtet. Sie gaben nach Mglichkeit Bericht, und ernst und traurig
sah Robert Wolf, an den Sattel seines Pferdes gelehnt, den mden, bestaubten,
goldgierigen Menschenknuel an sich vorberziehen.
    Ab eo libertas, a quo spiritus! murmelte er. Ja, es ist eine schreckliche
Wahrheit: gegeben wird uns das Leben; aber es zu erhalten ist unsere Sache. Ist
es ein Wunder, wenn uns ber dem grimmigen Kampf um die Existenz die Freiheit
verlorengeht? Da werden sie hingewirbelt von Not und Sorge, vom Sturm der
Leidenschaften. Wie wenige sind stark genug, sich dem Wirbel zu entziehen! Der
Staub, den ihre Fe aufregen, blendet ihre Augen und zieht sie zu Boden. Wehe,
wie wenige erkennen durch den Dunst und Nebel die hohen Sterne, die auf ihren
Weg leuchten!
    Sie stieen noch auf manchen hnlichen Abenteurerzug und auf manches frisch
am Wege aufgeworfene Grab, ehe sie die Wlder, die deutschen Ansiedlungen am
Missouri erreichten. Eine lange Zeit ritten sie mit einem Geschwader
Pawneekrieger, die dem Grabe eines verehrten Huptlings einen Besuch abgestattet
hatten und welche jetzt nach ihren Jagdgrnden heimzogen. Wie ein traumhaftes
Wunder erschien es Robert, als er einige Tage spter an der Seite des Hauptmanns
in ein vollkommen deutsches Dorf hineinritt und am Abend im Wirtshaus deutsche
Bauermdchen und Bauerbursche nach deutschen Tanzweisen sich drehen sah. Im
Drachen zu Hickorihausen in Missouri ging's eben nicht anders zu als im Drachen
zu Poppenhagen im Winzelwalde, und der Hauptmann von Faber lehnte die Bchse in
die Ecke, lie sich hchst behaglich zwischen einer Gruppe mchtig schmauchender
Altvter und Leibzchter nieder, schlug seinen Reisegenossen auf die Schulter
und rief:
    Nun, mein Junge, das Schlimmste haben wir hinter uns. Wenn sie uns nicht
mit einem ihrer satanischen Missouri- und Mississippidampfer in die Luft fliegen
lassen, so haben wir gegrndete Aussicht, gesund und nicht dmmer in New Orleans
anzukommen. -
    Als die beiden Reisenden nach einigen Tagen auf dem Dampfboot Ellen
Chittenden stromab den Missouri fuhren und vom Verdeck auf die gelben tanzenden
Wogen hinabblickten, sagte der Hauptmann pltzlich ohne alle Veranlassung:
    Hren Sie, Wolf; das Schicksal hat doch eigentlich mancherlei
Erziehungsexperimente mit Ihnen angestellt. Aus einer Hand sind Sie in die
andere, aus einer Schule in die andere gegangen. Als der reine Rousseausche
Naturmensch kriecht Ihr anfangs, sozusagen auf allen vieren, um Eures Vaters
Htte im Winzelwalde herum, ein hchst gesundes, schmutziges, unschuldig
Geschpf. Selbst als das kriechende Ding sich von den Hnden aufgerichtet hat
und auf den Fen nach Poppenhagen in die Studierstube des Pastors Tanne
hinuntersteigt, ist fr es noch wenig Aussicht vorhanden, irgendwo anders als
auf dem Kirchhof zu Poppenhagen, mit der alten Grabrede: Er lebte, nahm ein Weib
und starb, begraben zu werden. Aber durch das Weib ist nicht nur der Tod,
sondern auch das Wissen in die Welt gekommen. Eva Dornbluth schreitet glnzend
durch den Gesichtskreis des Knaben und ber den Gesichtskreis desselben hinaus.
Er mu ihr folgen; es versinkt der Winzelwald mit dem Dorf Poppenhagen; - die
erste Schule liegt hinter dem jungen Weltbrger, er hat den Becher der
Erkenntnis an die Lippen gesetzt, er hat die Rudimente des Lateins gelernt, er
hat jene Leidenschaft, welche die Welt erobert, kennengelernt. Jetzt steht er
auf der Schwelle eines neuen Daseins; Abgrnde drohen zu beiden Seiten, vor sich
hat er ein Gewirr von Verhltnissen und Gestalten, die ihm vollstndig fremd
sind. Ihm schwindelt, und der Zorn - auch eine Leidenschaft, welche den Menschen
vorwrtsbringt, bald zum Guten, bald zum Bsen -, der Zorn, der Ha schttelt
den Machtlosen, der diese unbekannte Welt mit den Fusten, den Zhnen zerreien
mchte, weil er sie mit Herz und Hirn nicht fassen kann. Verloren ist der
Schler, wenn die Sterne nicht Hlfe senden; - sie senden sie im rechten
Augenblick. Von seinem Dreibein im Polizeibro steigt nchtern, lchelnd
Polizeischreiber Fiebiger herab und fat die drohend erhobene Faust des jungen
Wilden und zieht ihn in das unbekannte Gewhl hinein. Die Gespenster weichen,
die drohenden Schatten verflchtigen sich, wenn man ihnen mutig nher tritt; in
geregelte Gruppen ordnet sich, was nur ein wirres Durcheinander schien. Kein
besserer Fhrer durch die reale Welt als der humoristische Buchhalter im Bro
Nummer dreizehn im Zentralpolizeihaus! Aber der Schler des Lebens hat in dieser
Epoche noch andere Lehrer ntig, und sie sind zur Hand. Die Sterne sorgen dafr,
da Robert Wolf inmitten der Welt des Realismus ihrer nicht vergesse. Auf dem
Giebel des Nikolaiklosters sitzt Henricus Ulex aus Poppenhagen, den Lrm der
Gassen tief zu seinen Fen. Aus seiner Hhe winkt der Mann des Ideals, und
empor steigt Robert Wolf; es ist eine hohe, edle Schule, in welche er genommen
wird, und nur wenigen begnstigten Staubgeborenen wird ein solches Glck vom
Schicksal verliehen. Abermals tritt das Weib in den Entwicklungsgang des
Schlers ein; aber diesmal in anderer Gestalt, auf andere Weise. Nicht mehr als
das glnzende, stolze, heldenhafte, nicht die Ausnahme von der Regel, erscheint
es, sondern als die Regel selbst. Leisen Schrittes, still, sanft, geduldig und
doch stark, wo es stark sein darf und mu, kommt es; und wieder bringt es fr
den Schler den Kampf mit sich, nach uralter Bestimmung seit Erschaffung der
Welt. Aber es ist nun nicht mehr ein Kampf mit unbekannten Gewalten; Robert Wolf
kennt die dunkeln Krfte, die sich gegen ihn bewegen, sehr gut. Der Mann aus den
Gassen, Friedrich Fiebiger, hat ja seine Register vor ihm aufgeschlagen und ihm
den Menschen, die Gesellschaft gedeutet, wie sie sind. Aber Friedrich Fiebiger
wei deshalb doch nicht, auf welche Weise die andrngenden bsen Mchte zu
bezwingen sind; sein ironisches Lachen und das Polizeistrafgesetzbuch reichen
dazu nicht aus. Der Idealist, der ber den Gassen in der Hhe sitzt, kann aber
nur den alten Wahlspruch der Stoiker wiederholen: Sustine et abstine, dulde und
entsage. Trotz aller Lehrer, trotz aller Schulen steht der Mensch zuletzt doch
immer allein seinem Schicksal gegenber, und er allein hat mit seiner
Persnlichkeit Antwort zu geben. Auch die hrteste Schule soll dem Jungen aus
dem Winzelwalde nicht erspart bleiben; das eigene Glck, das Glck des kleinen
Mdchens sieht er zerstrt; aber wieder treten die Sterne zur rechten Stunde fr
ihn ein. Wie das Weib am besten in der Stille und Einsamkeit das Unglck, den
Schmerz berwindet, so besiegt der Mann sie am leichtesten, wenn er
streitgerstet sich in allen Lrm und Aufruhr der Welt hineinstrzt. Aber mit
dem besten Willen vermag der Mensch sehr oft das nicht; von tausend Banden wird
er auf dem Marterstuhl festgehalten; er klebt fest im Pech. Fr Robert Wolf
sorgen die Sterne besser; wieder schleudern sie ihn hinaus ins Weite, in
feurigen Lettern wird ihm die groe Lehre von der Nichtigkeit aller irdischen
Hoffnungen, aber auch von der Nichtigkeit aller irdischen Sorgen ins Herz
gebrannt. Der weite Spielraum, der den Menschen fr ihre Wnsche gegeben ist,
wird ihm gezeigt im Schweifen ber Land und Meer; Nationen sieht er auf dem
Marsche; in tausendfltigen Variationen umrauscht ihn die alte Weise vom
glckseligen Land Utopia, welches jeder einzelne, jedes Volk in seiner Weise
sucht und welches niemand unter den Sternen findet. Wie die Hochherzigsten im
vergeblichen Streben und Ringen untergehen, lernt der Schler an den Grbern des
Bruders und der Schwester; und wenn er dann den Kopf nicht klglich sinken lt;
wenn er die Sterne dann nicht im ohnmchtigen Trotz anklagt; wenn er dann nicht
zappelnd sich gegen das allgemeine Los wehrt; wenn er dann den Sternen auch ber
die Grber hinaus glauben kann: dann - ist die Erziehung vollendet, und er mag
heimgehen, sein Doktorexamen machen und den Leuten zeigen, da er was gelernt
hat.
    Mit komischem Achselzucken hatte Konrad von Faber seine Rede begonnen, mit
hohem Pathos schlo er sie, indem er die ausgegangene Zigarre einem aus dem Flu
auftauchenden Alligator in den Rachen warf.
    Vollendet ist die Erziehung des Knaben aus dem Walde, sprach Robert Wolf.
    Und gut, rechne ich, meinte der Hauptmann. Wer kann sagen, wie die Sterne
die andern fhrten, whrend wir am Yuba uralte Wahrheiten mit Hlfe von Hacke
und Schaufel studierten und edles Gold in Grbern fanden! Die Gtter halten uns
nicht allein im Auge, mein lieber Junge. Jedermann hat ein Recht auf ihre
Frsorge und Bercksichtigung, Herr Leon von Poppen nicht weniger als Herr
Robert Wolf aus Poppenhagen!

                           Dreiunddreiigstes Kapitel



  Robert Wolf beschleunigt seine Heimreise; der Autor begleitet ihn und nimmt
     Abschied von zwei Personen, welchen er in verschiedener Weise wohlwill

Der Missouri ergo seine schlammigen Fluten in die noch schlammigeren des
Mississippi, und die Schaufelrder der Ellen Chittenden spritzten durchaus keine
Diamantentropfen in die Luft, als das Schiff mit bergroem Geschnauf und
Gequalme aus dem einen Strom in den andern lief. Saint Louis war um diese Zeit
aus einem jammervollen Fiebernest eine blhende Stadt von fnfzig- bis
sechzigtausend Einwohnern geworden, und als eines Abends unsere beiden Reisenden
daselbst landeten, fanden sie sich sogleich mitten im verwirrendsten Getmmel
eines bedeutenden Handelsplatzes. Htten nicht dicht am Ufer die Alligatoren
ihre unfrmlichen Kpfe aus dem Wasser hervorgesteckt und wren nicht diese
riesenhaften Baumstmme aus den nicht allzufernen, ungelichteten Wldern mitten
in die blhende Zivilisation hineingetrieben, so htte man wirklich meinen
knnen, dieses ganze Leben schreibe sich nicht von gestern her, sondern datiere
seit wenigstens tausend Jahren. Aber neu war alles hier; - neu waren die Huser;
ungemein neu waren die deutschen Einwanderer in den Gassen. Das lteste, was es
in Saint Louis zu geben schien, waren die Gesichter der Yankeekinder, die am
Landungsplatz der Dampfschiffe von den Armen ihrer Mtter und Wrterinnen die
Ankommenden mit nuknackerhaft-spekulierendem Augenzwinkern anstarrten. Diese
vielversprechenden Suglinge und kalomelfarbigen Natives bereits schienen das
eindringende deutsche Element durch Blicke vergiften zu wollen; aber es lie
sich weder durch Blicke noch durch andere Mittel vertreiben. Es war einmal da,
wuchs tglich mehr an, und die salzsauern Quecksilbergesichter mochten sich
erbosen, wie sie wollten. Nirgends im ganzen Gebiet der Union schien das
Vaterland so festen Fu fassen zu wollen wie an dieser Stelle. Man sah fast
mehr deutsche als amerikanische Firmen an den Husern. Jedes Schiff, welches von
New Orleans heraufkam, brachte neue Einwanderer aus dem alten Land zwischen den
Vogesen und der Weichsel mit, und jeden Dialekt der dialektreichen Heimat konnte
man in den Gassen der jungen Stadt Saint Louis hren.
    Konrad von Faber machte den Reisegefhrten auf alles das aufmerksam, und
dann nahm ein deutsches Gasthaus, Zum Vater Rhein, die beiden Wanderer auf.
Nach einem kurzen Mahl warf sich Robert todmde auf sein Bett und versank
sogleich in den tiefsten Schlaf, whrend der eiserne Hauptmann, auf den die
Tausende von Meilen vom Sacramento her nicht den mindesten Eindruck gemacht
hatten, sogleich wieder zur Bar, dem Schenkstand, hinunterstieg, um sich die
Leute daselbst nher anzusehen, nach Bekannten auszuschauen und die -
Stadtneuigkeiten zu erkunden.
    Von oben bis unten war das Haus voll. Alles, was es unter des
durchlauchtigsten Deutschen Bundes schtzenden Privilegien nicht mehr aushalten
konnte, schien sich hierher geflchtet zu haben. Die einen nahmen die Sache
leicht, die andern aber leider desto schwerer. Manch wilder Jauchzer
durchschallte das leichte Gebude; aber auch manchem bleichen, sorgenvollen,
abgengsteten Gesichte begegnete man auf der Treppe oder in den Gngen. Die
Nationen, welche in der Kneipe niedersitzen, die Rcke ausziehen und die
Ellbogen auf den Tisch stemmen, sind politisch nicht die gefhrlichsten. Was
wrde aus dem s.v. ebengenannten Deutschen Bunde und denen, welche an seiner
Erhaltung ein Interesse haben, werden, wenn der beschrnkte Untertanenverstand
anfinge, seinen unbeschrnkten Durst im Stehen zu lschen?
    Gottlob, noch sitzt der germanische Christ selbst in Amerika beim Bierkrug,
und so gab es denn auch im Vater Rhein ein echt deutsches Gastzimmer, in
welchem nur die obligaten Bilder der respektiven Landesvter, -mtter, -onkel,
-tanten, -neffen und - fehlten, um die Illusion, da man sich mitten unter den
rhrenden gemtvollen Institutionen der Heimat befinde, zu vervollstndigen. Da
der Wirt statt der Portrts der heimatlichen Potentaten und Potentatinnen ein
Bild Robert Blums ber einer Lithographie, die Stadt Kirchheim unterm Teck
darstellend, mit einem Blumenkranze geschmckt hatte, zeugte freilich von einem
sehr schlechten Herzen und hchst verderbten politischen Anschauungen.
    Schwarzgeruchert waren selbst in der neuen Stadt Saint Louis die Wnde und
die Decke des Gastzimmers, und undurchdringliche Rauchwolken fllten den Raum,
wie berall an allen Orten, wo deutsches Volk sich zum Trunk versammelt; doch
wurden hier mehr Doppelbchsen als Regenschirme in die Ecken gestellt, und man
sah ber keiner geheiligten Tr das niedertrchtige Wort Honoratiorenstube
grinsend Dummheit und alberne Abgeschmacktheit bescheinigen.
    Die Gaslichter brannten bereits in dem nebeligen Raume, als Konrad von Faber
eintrat und sich vor einem Schoppen schumenden Bieres niederlie. Gro war der
Lrm der anwesenden edlen Brger, und vorzglich in der entgegengesetzten Ecke
des Gemaches ging es hoch her. Dort jubelte, lachte und klatschte man Beifall
und drngte sich in einem dichten Kreis um einen dem Hauptmann nicht sichtbaren
Jemand, welcher die Aufmerksamkeit der lustigen Ecke sehr zu fesseln schien und
in der Mitte des Kreises ungemein geistreich und spahaft sein mute.
    Der Hauptmann, nachdem er einem armen Teufel aus dem glcklichen Land
Mecklenburg einen Schoppen gezahlt hatte, hielt es natrlich fr seine Pflicht,
zu erkunden, was es in jener fidelen Ecke auch fr ihn gbe. Er erhob sich,
nherte sich jenem Kreis und legte seinen Bart ber die breite Schulter eines
Iowa-Farmers, der sich einen vom donnernden Lachen erschtterten respektablen
Bauch hielt.
    Nach einigen Augenblicken verwunderungsvollen Horchens rief Konrad von
Faber:
    Ist es die Mglichkeit?! Bei allen Mchten, nanu?
    ber die Schulter des Iowa-Farmers fuhr der Arm des Hauptmanns, und das
witzige Individuum inmitten des entzckten Kreises fhlte sich pltzlich, aller
republikanischen Brgerwrde zuwider, von einer krftigen Faust beim Kragen
gepackt und vom Stuhle in die Hhe gezogen.
    Bei allem, was auf dem Kopfe steht und auf dem Seile tanzt - Schminkert!
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Im unerquicklichen Schlaf lag Robert Wolf. Durch seinen abgespannten Krper
zuckten leise Fieberschauer. Es war der Zustand, in welchem man trotz bergroer
Mdigkeit das Bewutsein seiner Existenz, Lage und Umgebung nur halb verliert.
In jedem Augenblick wute der Schlfer ganz genau, da er sich im Wirtshaus zum
Vater Rhein in Saint Louis befinde; deutlich vernahm er den Lrm der
amerikanischen Stadt vor den Fenstern des berfllten Boardinghauses, und als
eine bhmische Musikbande grade unter seinem Zimmer mit dem Schmerzensschrei
aller Instrumente nach dem deutschen Vaterland fragte, ging ihm kein Ton des
Jammers verloren. Wie kam es nun aber, da pltzlich der Polizeischreiber
Fiebiger mitsamt seiner langen Pfeife und seinem lnglichen Wohngemach sich in
den Vater Rhein schob? Und Robert Wolf fand es ganz natrlich, als der Alte
eine sarkastische Rede ber die allgemeine Nichtsnutzigkeit der Welt hielt und
ber die besondere Verderbnis des Tabakshndlers gegenber in der
Musikantengasse, der Nubltter statt Portorico und Louisiana verkaufe und
dessen Seele so schwarz sei wie der Krper des schmauchenden Mohren vor seiner
Tr. Nun sa der Trumer vor dem Tubus des Sternsehers Heinrich Ulex und blickte
nach den glnzenden Gestirnen am dunkeln Nachthimmel; durch den Weltenraum glitt
leuchtend das Bild der lieblichen Helene Wienand, und mit ngstlichem Entzcken
folgte ihm der Blick des Liebenden; doch es verlor sich in der Ferne und der
Finsternis, und der alte Ulex sagte:
    Sieh nach den Sternen!
    Aber die Sterne waren nicht mehr sichtbar, und als sich der Schler um Hlfe
an den Lehrer wenden wollte, war auch dieser von seiner Seite verschwunden, und
Robert befand sich wieder in seiner Jugendheimat, im Winzelwalde. Im
sonndurchglnzten Gebsch sang Eva Dornbluth: Es ritten drei Reiter zum Tore
hinaus. Aber aus der Dunkelheit des Tannenwaldes hervor trat ein schwarzes,
uraltes Weiblein, sttzte sich auf einen Stab und hob warnend den Finger. Erst
war's die Fee, die Waldfrau aus dem Mrchen; dann war's das Freifrulein Juliane
von Poppen. Es ging ein groes Rauschen durch den Winzelwald, und der Forst
verwandelte sich in das grenzenlose Meer. Zwei Schatten, die sich umschlungen
hielten, schwebten ber die Wogen, und in der Ferne und Finsternis verloren sie
sich aus dem Traume, wie das Bild Helenes sich daraus verloren hatte. Unbekannte
Ksten tauchten auf. Zwei Grber in der Wildnis. Ganz flchtig gingen Ludwig und
Marie Tellering durch den Traum, und die Musik vor den Fenstern des Vater
Rhein zu Saint Louis spielte die Orgelmelodie:

O Deutschland, armes Deutschland,
Wo ist dein Heiligtum?
Erschossen ist, erschossen
Dein treuer Robert Blum.

Robert Wolf sa aufrecht auf seinem Bett und hielt die Stirn mit den Hnden. Er
war vllig wach und horchte in hchster Erregung auf die mitnig abgedudelte
traurige Weise. Niemals hatte Musik einen solchen Eindruck auf ihn gemacht. Die
klglichen Tne packten ihn im Innersten seiner Seele und zerrten an allen
Fibern und Fasern seines Ichs. Wenn man darber nachdenkt, so erfhrt man, wie
oft es kommt, da etwas ganz uerliches, ein Blick, ein Ton, ein fallendes
Blatt oder der Wind, der durch die Zweige fhrt, ein beliebiges Etwas, welches
mit unserm freudigen oder leidenden Zustande nicht das mindeste zu schaffen hat,
uns denselben so recht klarmacht. Eine Binde scheint uns dann von den Augen zu
fallen; was vielleicht nur ein dumpfes Gefhl war, das erkennen wir jetzt - oft
nur einen flchtigen Augenblick hindurch - in allen seinen Einzelheiten, in
allen seinen Konsequenzen. In hnlicher Weise wirkte die Gassenmusik in dieser
Minute auf Robert. Angst um die Geliebte, Sehnsucht nach der Geliebten wollten
ihm fast die Brust zersprengen. Es war ihm, als habe er kurz vor dem Erwachen
aus weiter Ferne ihr ngstliches Rufen vernommen. Der kalte Schwei stand ihm
auf der Stirn, seine Pulse flogen, seine Hnde zitterten. Dabei waren seine
Gedanken ungemein klar und bestimmt; er sah ein, wie er jetzt die Zeit der
wilden krperlichen und geistigen Aufregung hinter sich habe, wie er
zurckkehren msse in das ruhige brgerliche Leben. Mit unwiderstehlicher Macht
zog es ihn nach dem Vaterlande zurck, und zugleich mute er sich sagen, da
eigentlich in der Heimat kein Platz fr ihn sei. Auf dem Meere, in den
kalifornischen Bergen, auf den Prrien, da lie sich noch Atem holen. Das Leben,
welches man jeden Augenblick aufs Spiel setzte, welches man in jedem Augenblick
verlieren konnte, lie sich ertragen; aber drben, wo sich langsam ruhig Stunde
an Stunde, Tag an Tag reihte, wo die Existenz durch Staat und Kirche feierlich
und ziemlich sicher garantiert war, drben mute sie zu einer unertrglichen
Last werden. Zu keiner Zeit vielleicht waren dem armen Robert alle die bsen
Verhltnisse, die ihn jenseits des Atlantischen Ozeans erwarteten, in solcher
grimmigen Nacktheit vor die Seele getreten. Was konnte er finden, was sollte er
beginnen, wenn er den Fu wieder auf den deutschen Boden setzte? Und htte er
sich auf dem Turme des Sternsehers wie in einem Gefngnis eingeschlossen, er
wrde dadurch nichts in seinem innern und uern Leben gendert haben. Selbst
unter den Freunden konnte er frderhin nicht mehr leben. Er dachte daran, nach
Poppenhagen, in den Winzelwald zurckzugehen; er konnte Armenarzt in irgendeinem
abgelegenen Waldstdtchen werden; er konnte mit seinem kalifornischen Golde sich
eine Htte in irgendeinem Winkel des Vaterlandes bauen. Tausend wirre Plne
kreuzten sich mit tausend schmerzhaften Einwrfen. Seine Erziehung zum Menschen
war vollendet; aber er fhlte nur desto klarer des Menschen Hlflosigkeit. Er
erinnerte sich, eines Tages auf dem Observatorium des Sternsehers in den
Aufzeichnungen des alten Philipp von Commines geblttert zu haben, und matt
sprach er dem Mann jetzt nach:
    Comme les aultres, je suis venu  la grande mer, et la tempeste m'a noy.
    Er sah stier in die Flamme der jmmerlichen Lampe, welche auf dem rohen
Tische neben seinem Lager stand; die Musik in der Gasse hatte lngst aufgehrt,
drunten im Hause whrte der Lrm der Gste auf die alte Weise fort.
    Ich werde sie wenigstens noch einmal sehen - ich will sie auch nicht
anreden. Heim, heim!
    Er lie das Haupt auf das Kissen zurcksinken und schlo die Augen. Vorber
war die geheimnisvolle Seelenstimmung, die Qual reizbarer Naturen; der Verstand,
die Vernunft gewannen wieder die Oberhand, und ruhig ward's im Geiste Robert
Wolfs.
    Was war das nun wieder? sagte er. Wie wenig ist doch der Mensch Herr ber
seine Nerven! Gottlob, da das Leben mich gelehrt hat, mich auch solcher
schwachen Momente zu erwehren! Trotz allem werde ich ruhig nach Europa
zurckgehen knnen. Vor die Freunde werde ich treten und sprechen: Weit bin ich
ber die Erde gewandert, und mannigfaltige Mhen und Kmpfe der Menschen habe
ich gesehen. Traurig, doch nicht gebrochen kehre ich heim zu euch; ich habe
gelernt, da allen Mhen ein Ende bereitet ist. Arbeiten und schaffen soll jeder
nach seiner Art, denn darin liegt sein Heil; bauen soll er in sich und auer
sich, und was ihm in der Seele, was ihm im Umkreis seines Seins von
gegenwirkenden Krften zerstrt wurde, das soll er immer von neuem geduldig
aufrichten, denn darin liegt sein Glck. Wer die Arme sinken lt, der ist
berall verloren, er zrnt ins Grab sich rettungslos. Wer aber jeden Schritt zum
Grabe verteidigt und wrdig - ohne feiges Klagen, doch auch ohne ohnmchtigen
Trotz - auch die lichtesten Hhen verlassen kann, um in die dunkle Tiefe
hinabzusteigen, der hat gewonnen. Als Sieger schreitet er in die Gruft, nicht
wird er berwunden hinabgestrzt; Schild und Schwert schlagen die Mitstreiter
ber seinem Hgel aneinander, von drben winken freudig die Gtter, es lcheln
vom Olymp die hohen Sterne. Ich werde heimkommen; den Armen will ich mein Leben
und meine Kunst widmen; das Elend und die Krankheit will ich in ihren
traurigsten Schlupfwinkeln aufsuchen und bekmpfen. Dann - dann begegnet mir
vielleicht dann und wann an der Seite des Freifruleins die Geliebte. O wir
werden dann nicht von der Liebe sprechen; aber wir werden uns gren in der
Liebe; dieselben Wege werden wir gehen, und unsere Werke werden zeigen, da wir
zueinander gehren und niemals getrennt werden knnen.
    Die Lampe erlosch, und nach kurzer Zeit war Robert wieder eingeschlafen.
Dieses Mal war sein Schlaf ruhiger und fester, und er hrte nicht die Schritte,
die sich seiner Tr nherten, er vernahm nicht das Kreischen des Schlosses; er
fuhr erst empor, als Konrad von Faber seine Schulter berhrte und der Schein des
Lichtes, welches der Hauptmann hielt, ihm voll ins Gesicht fiel.
    Sie sind es? Was gibt's? Ist's Zeit aufzubrechen? Hab ich in den Tag
hineingeschlafen?
    Robert, sagte der Hauptmann mit etwas zitternder Stimme, Robert, whrend
der Mensch schlft, schnurren die Rder und laufen die Fden ber die Spule. Es
ist so, wie ich sagte: der Grashalm, der auf der Wiese nickt, glaubt allzuoft,
er sei der einzige, mit welchem der Wind es zu tun habe. Ja, Herr, Ihr habt in
den Tag hineingeschlafen! 's ist ein Glck, da Ihr Euch in Wams und Hosen zu
Bett gelegt habt. Zieht auch die Stiefeln an, Mann, und Sie, Schminkert, treten
Sie vor und illustrieren Sie diesem hier die groe Lehre von der Solidaritt der
menschlichen Interessen und Schicksale. Nachher wollen wir ihn mit dem Zeugnis
der Reife aufs Schiff packen und nach Hause schicken. Er hat sich ber seine
Sterne nicht zu beklagen; - was meinen Sie dazu, Herr Schminkert?
    Schminkert?! Robert Wolf starrte auf die aus dem Schatten hinter dem
Hauptmann hervortretende wohlbekannte Figur wie auf eine Geistererscheinung, und
Julius der Edle, der, wie wir wissen, nicht leicht sich in Verlegenheit bringen
lie, sah bei diesem unvermuteten Wiederfinden auch grade nicht aus, als ob er
alle fnf Sinne richtig beieinanderhabe. Der eine rieb sich die Stirn und die
Augen, der andere whlte in den Haaren, beide sperrten den Mund auf.
    Der Sohn der Wildnis! Robert Wolf! Er ist es wirklich! - o Musikantengasse
und kein Ende, Kapitn, er ist es - er ist es wirklich und wahrhaftig.
    Ju-li-us - Schmin-kert! stammelte Robert.
    Ja, Julius Schmin-kert! rief der Schauspieler, Parfmeriehndler und Gatte
der holden Angelika. Ja, ich bin's! bin's, den Mrder Bruder nennen - Julius
Schminkert in ganzer Figur - angehender amerikanischer Brger und angegangener
Erster Liebhaber am weltberhmten, gloriosen, sternenbannerumflatterten
deutschen Universaltheater zu Saint Louis am Mississippi, unter der
himmelanstrmenden Direktion des Eigentmers Signor Giuseppe Leppelli; -
ko-los-sal!
    Empor von seinem Lager sprang Robert Wolf, brtig, hager, gebrunt, im
zerrissenen Jagd- und Reisegewand:
    Schminkert! Julius Schminkert!
    Ganz backwoodsmannhaft! rief der Tragde, den Genossen frherer Tage von
oben bis unten musternd. Etwas schmutzig, aber mokassinhaft praktisch! Neueste
Urwaldsfasson - bffelartig elegant!
    Mit beiden Hnden fate Robert den Schauspieler:
    Schminkert - Julius - Sie sind es! Wie kommen Sie hierher? Wann sind Sie
gekommen? Was hat Sie herbergefhrt? O sprechen Sie - wie steht es drben -
sagen Sie, sagen Sie!
    Euer Erstaunen, mich hier zu finden, ist vllig berechtigt; ich wundere
mich immer noch stellenweise selber darber. Es war einmal an meiner Wiege
gesungen, junger Weltumwandler; den einen zieht das Schicksal an der Nase, dem
andern stt es die Faust in die Rippen -
    Ich bitte Sie, ich beschwre Sie, Schminkert -
    Nur Ruhe! Drcken Sie mir das Schulterblatt nicht ein! Lassen Sie los -
Donnerwetter, we are in a free country!
    O reden Sie, Julius, erzhlen Sie, spannen Sie mich nicht auf die Folter -
wenn Sie wten - - - was macht -
    Die hohe Obrigkeit und pflegevterliche Sicherheitsbehrde? Danke fr
gtige Nachfrage - groer Tabakskonsum, hchst zerrissene Hausjacke -
polizeiliche Naseweisheit in schnster Blte.
    Und der alte Ulex? schrie Robert, dem unverbesserlichen Julius in alter
Weise die geballte Faust unter die Nase haltend.
    Astronomissimus! lautete die Antwort. Ein Auge hat er auf, eins hat er
zu. Mit dem offenen sieht er durchs Fernrohr nach den Sternen; das zugekniffene
Sehorgan aber richtet er auf das irdische Jammertal. Origineller alter
Mauerkauz.
    Mit den Zhnen knirschend, chzte Robert:
    Und das Freifrulein von Poppen?
    Etwas wackelig, sonst aber ausgezeichnete Verdauung und gutes Befinden.
Demnchstige Erbin der Grafschaft Dingskirchen, Baronie Poppenhof da herum -
drben - na, Sie wissen ja, irgendwo im Winzelwalde.
    Wieder fate Robert den Arm des Schauspielers:
    Was sagen Sie da? Was ist geschehen? Ist die Baronin von Poppen tot?
    Julius Schminkert schttelte den Kopf:
    Apoplektische alte Dame - Kronenstrae Nummer fnfzig - Schlaganfall. Als
ich die Ehre und das Vergngen hatte, aus der Heimat zu verduften, vegetierte
sie noch.
    Ihr Sohn? Ihr Sohn? rief Robert Wolf, auf den Fen schwankend. Leon von
Poppen - wo ist ihr Sohn Leon?
    Der Racker! schnarrte Julius Schminkert grimmig, doch setzte er sogleich
besnftigend hinzu: Na, da er die Suppe, die er sich einbrockte, ausgelffelt
hat, so wollen wir weiter nichts mehr darber sagen. Mortuus est - mausetot!
    Wenn auf Joseph Leppels transatlantischem Universal-Riesen-, -Ro- und
-Alligator-Theater Hamlet der Dne den Schdel Yoricks des Spamachers wog und
seinen einstigen Hirngehalt taxierte, so nahm er ganz die unmgliche Stellung
an, in welcher Julius Schminkert sich der letzten tragischen Nachricht
entuerte. Die Nachricht konnte dadurch aber nichts von ihrer Wirkung
verlieren.
    Steht fest, Mann! rief der Hauptmann von Faber; aber Robert Wolf sa
bereits auf seinem Bette.
    Ja, es ist furchtbar, das Blut eines Nebenmenschen auf der Seele zu haben,
sprach Schminkert hohl.
    Sie - Sie haben -
    Nein, mein Sohn Robert, das doch nicht. Ich habe ihm blo eine seiner
Unverschmtheit angemessene Tracht Prgel gegeben. Gehauen habe ich ihn, bis er
kein Glied mehr rhren konnte; aber im Grunde meiner Seele bin ich doch ein zu
guter Kerl, um meine Kompetenz als beleidigter Ehemann so weit zu berschreiten.
Hchst tragische Geschichte - Stoff zu einem Dutzend Trauerspielen. O die
Handschuh, die Herrenhandschuh, die Glachandschuh, Robert! Wissen Sie, man
probiert so lange, bis sie passen. Fluch und Verdammnis! Hohngelchter der Hlle
-
    Ruhe, Ruhe, Robert! rief der Hauptmann von Faber. Und Sie, Schminkert,
wandte er sich dann an den leichtfertigen Deklamator, ich bitte Sie jetzt
instndigst, ernste Sachen ernst zu behandeln. Sie kennen die Verhltnisse
Wolfs; Sie wissen, wie sehr er bei dem, was Sie uns zu erzhlen haben, beteiligt
ist; - wenn Sie sein Freund sind, so reden Sie wie ein Mann und nicht wie ein
Tollhusler.
    Ich bin sein Freund! Habe ich ihn nicht miterzogen? Habe ich nicht seine
ersten Schritte auf dem Pflaster grostdtischen Lebens gelenkt? Aber ich will
Ihnen den Gefallen tun, Hauptmann; ich will ruhig sein, ruhig trotz aller
wogenden Weltmeergefhle. Setzen Sie sich, Kapitn, und beantworten Sie mir
geflligst die Frage: Sind Sie Vater? Haben Sie einen Sohn?
    Nein, bei allen Teufeln, nein, nein! chzte Konrad von Faber.
    Gut, Sir; wenn Ihnen aber einmal einer vom Himmel geschenkt werden sollte,
so nennen Sie ihn um des Himmels willen nicht Julius. Ich habe manchen Julius
gekannt; aber nicht einen, welcher nicht zum ungeheuerlichsten Pech
prdestiniert gewesen wre. berall, wo sich die Juliusse hinsetzen, bleiben sie
kleben. Wo alle Friedriche, Heinriche, Roberte, Konrade und so weiter frei
durchgehen, da bleiben die Juliusse neunmal unter zehnmal hngen und lassen
Haare und Wolle. Wenn ein Frauenzimmer: mein Karl! ruft, so kann es das so
gefhlvoll und pathetisch tun, wie es will; wenn es aber schmelzend: mein
Ju-lius! lispeln soll, so wei es recht gut, da es Gefahr luft, sich
lcherlich zu machen, und - akzentuiert danach. Es ist ein Jammer, und ich - ich
Julius Schminkert - trage diesen Jammer seit meiner Taufe. Ein Julius sollte
niemals heiraten; denn jeder Laffe glaubt das Recht zu haben, ihn an der Nase
herumzuziehen. O Gentlemen, was habe ich ertragen, ehe ich den Glauben an mein
husliches Glck aufgab und nach dem Knppel griff! Wie lebte ich so harmlos, so
heiter in jenen seligen Tagen der Jugend, wo ich nur die Weiber, nicht aber mein
Weib vergtterte. Alles, was man mir borgte, nannte ich mein; - Robert, Sir, Sie
wissen es ja, welch ein idyllisches Stilleben wir fhrten, Musikantengasse
Nummer zwlf - drei Treppen - hinten heraus. Ach Angelika, Victoria regia der
Treulosigkeit, weshalb mute sich der arme Julius auf die Nadel deiner
Liebenswrdigkeit spieen? ... Meine Herren, Sie wissen, da ich die Person
heiratete, Sie wissen, da die Kunst mich schluchzend aus ihren gttlichen Armen
loslie, Sie wissen, da ich - ich Julius Schminkert -, die Blte meines Wesens
und Seins knikkend, mich zu einem Seifen-, Parfmerie-, Hauben-, Handschuh- und
Bnderladen entwrdigte. Ich habe gebt, meine Herren! Es liebt zwar auch die
Welt, das Strahlende zu schwrzen; aber hier hatte das Strahlende
mutwilligerweise sich selbst die Nase begossen, und alle Seife der
Stibbe-Schminkertschen Bude reichte nicht aus, den Dreck abzuwaschen. Auf Ehre,
Wolf, sogar der Eselhafteste aller Esel, Schwebemeier aus der Lilienstrae,
wagte es ungescheut, vor meinen Augen meiner Frau den Hof zu machen! Meine
Herren, ich habe gebt, wahrhaftig, ich habe gebt. Referendare, Studenten,
Offiziere von der Linie und von der Garde - Infanterie, Kavallerie, selbst das
ehrbare Geniekorps - alles, alles machte sich ein Vergngen daraus, mich zur
Raserei zu bringen. Und um das Ma meines Elends voll zu machen, zog gegenber
Frulein Aurora Pogge - Sie wissen, Robert! - ein, fate Posto am Fenster und
grinste mich hinab in den tiefsten Abgrund des Menschenhasses. Die Megre hatte
der Tagebcher neue Folge begonnen, ber alles, was in meinem Laden ein und aus
flatterte, hielt sie in gewohnter Art Buch, und so notierte sie auch den Baron
Leon von Poppen. Man munkelte ber den Schlingel allerlei in der Stadt; seine
Verheiratung mit Frulein Wienand war verschoben; die Kleine erblickte man
nirgends mehr, man sagte, sie sei bedenklich krank, spucke Blut, leide an der
Leber -
    Der Hauptmann von Faber hielt den armen Robert nieder:
    Ruhe, Ruhe, mein Junge, la den Narren ausschwatzen!
    Leide an der Brust und dergleichen, fuhr Schminkert fort, ohne sich aus
dem Konzept bringen zu lassen. Der Herr Kommerzienrat hatten infolge der
politischen Verhltnisse wieder mal mancherlei Verluste erlitten. Man wute
nicht recht, ob er sich von dem Freiherrn oder ob der Freiherr sich von ihm
zurckgezogen habe. Man wollte auch wissen, es sei wieder nicht so ganz richtig
im Kopf des armen Herrn. Freifrulein von Poppen waren wieder wie frher
tglicher Gast in dem Hause des Bankiers. Es war alles in allem eine dunkle
Geschichte, und nur das eine stand fr mich fest, da der Junker Poppen mehr Eau
de mille fleurs von meiner Frau kaufte, als selbst ein lieblichst zu duften
wnschender Brutigam und das Nschen der Braut konsumieren konnten. Frulein
Aurora Pogge notierte jedes Flakon und lchelte mich fast aus meiner Haut
heraus; ich htte sie aus der ihrigen heraus prgeln mgen. Klar fhlte ich, da
ich verloren sei, wenn ich nicht eine groe Tat tue; - ich tat sie und - legte
mich auf die Lauer. Wo, wie und um welche Zeit, will ich den Herren lieber nicht
mitteilen, es knnte ihr Zartgefhl beleidigen; genug, es fand eine
melodramatische Szene voll berwltigender Motivierung und schlagender Wirkung
statt. Die rhrenden Klagen der beiden unheilerduldenden Charaktere der Handlung
brachten die ganze Nachbarschaft herbei, und unter andern erschien auch auf dem
Schauplatz das junge Ehepaar aus dem ersten Stock, Herr von Brenbinder mit
seiner Frau, einer geborenen Flte; und es zeigte sich, da die gndige Frau
eine recht gute alte Bekannte des Barons Leon von Poppen war. Sehr delikate
Beziehungen - ungemeine Verwunderung, sich in solcher Situation einander
gegenber zu finden. Auch die Frau Schwiegermama des Herrn von Brenbinder,
Madame Artemise von Flte, kam die Treppe herunter, und da sie mit ihrer Tochter
sich auf meine Seite stellte, so konnte der Herr Schwiegersohn nicht umhin,
dasselbe zu tun. Was am folgenden Tage, als der Skandal die Muler der Leute
fllte, die beiden ritterbrtigen Herren fr Komplimente ausgetauscht und welche
Enthllungen sie sich gemacht haben, kann ich nicht sagen. Die Folge davon war
jedoch ein Duell, in welchem Leon von Poppen eine Kugel in den linken
Lungenflgel bekam und infolge dessen Herr von Brenbinder mit Gemahlin und
Schwiegermutter in Italien reist. Die Leute knnen es! Meine Herren, und wenn
Sie mich umstlpen, mehr wei ich nicht zu sagen; denn nachdem ich mich mit
meiner eigenen Gattin so gut oder vielmehr so schlecht wie mglich
auseinandergesetzt hatte, erhob ich mich auf den Schwingen freien Menschtums
nach Hamburg, lste ein Passagierbillett im Zwischendeck der Hammonia, lernte
die Schrecken der Seekrankheit kennen, aber verlor gottlob den unausstehlichen
Duft der Seifen und Pomaden aus der Nase. In New York betrat ich, ein
neugeborener Mensch, den Boden der Freiheit, und Fortuna, gerhrt durch meines
Geistes Heldengre, drehte ihre Nachtseite einem andern zu und zeigte mir ihr
holdes Angesicht. Signor Giuseppe Leppelli - ein recht guter alter Bekannter
Eures seligen Bruders, Wolf, beilufig gesagt -, Signor Leppelli erkannte in mir
den Verkannten, das Talent, den Diamant, kurz, den Mann, den er brauchte auf
einer Tour nach dem Westen! Er engagierte mich, und hier sind wir in Saint Louis
und tragen im Schweie unseres Angesichts die Kultur, die gttliche Kunst unter
die Shne der Wildnis. Meine Herren, ich habe die Ehre, das unbertroffene,
alles bertreffende halb Pferd-, halb Alligatoruniversaltheater Ihrer gnstigen
Protektion zu empfehlen. Morgen abend: Fiesko oder die Verschwrung von Genua.
Fiesko: Herr Julius Schminkert; Verrina: Herr Joseph Leppel; Julia: Mistress
Julia Leppel, Kraftstck derselben, ausgefhrt mit dreihundert Pfund
bergewicht! Bum, bum!
    Robert Wolf und Konrad von Faber hrten schon lngst nicht mehr auf den
Redeschwall des Schauspielers.
    Mit dem nchsten Dampfer nach New Orleans, Hauptmann! Hauptmann! murmelte
Robert, mit zitternder Hast seine Sachen zusammensuchend, als wolle und msse er
auf der Stelle aus dem Fenster des Vater Rhein auf eins der
Mississippidampfschiffe steigen. Faber hatte die grte Mhe, den Aufgeregten
nur ein wenig zu beruhigen, und noch dazu hinderte ihn Julius Schminkert nach
allen Krften daran. Da der treffliche Tragde in seinem Heimwesen von niemand
erwartet wurde, so zeigte er die grte Lust, den Landsleuten die ganze Nacht
hindurch seine angenehme Gesellschaft zu gnnen. Aber der Hauptmann von Faber
schob ihn halb freundschaftlich, halb mit Gewaltanwendung aus der Tr und schlo
sie hinter ihm ab. Wir wissen, da ihm solches fters geschah, und so machte er
sich nicht viel daraus, obgleich er auf dem Gange frchterlich rsonierte und im
hohen Tone von Menschenwrde, Brgerwrde und Knstlerwrde sprach. Seine Stimme
verhallte in der Entfernung und wird frder in diesem Buche nicht wieder gehrt
werden; er hatte ja auch seine Sterne, und sie sorgten recht gut fr ihn.
    Von den Sternen sprachen in dieser Nacht Konrad von Faber und Robert Wolf
noch vieles und Ernstes; Schlaf kam nicht mehr in ihre Augen. Aus dem wenigen,
was Robert ber Helene und ihren Vater erfahren hatte, wuchsen viel dunkle
Sorgen, aber auch viel lichte Hoffnungen in der Brust des Liebenden auf; Ruhe
gab es fr ihn nicht eher, bis er die Heimat erreicht hatte.
    In der Frhe des nchsten Morgens schon befanden sich die beiden Reisenden
auf der Fahrt den groen Flu abwrts. Das gewaltige Vorwrtsstreben des
schnaubenden, keuchenden Schiffes gengte Robert nicht. Ihm htte jetzt weder
der Zaubermantel Mephistos noch das geflgelte Wunderro des Zauberers aus dem
Orient Genge geleistet.
    In New Orleans brachte der Hauptmann seinem jungen Freunde ein acht Wochen
altes deutsches Zeitungsblatt; der Bankerott und Konkurs des Bankierhauses
Wienand wurde in demselben den Glubigern angezeigt, mit drren,
juristischtrockenen Worten. Von dem Bankier selbst stand in dem lschpapiernen
Blatte nichts, wohl aber machte etwas weiter unten in demselben Blatte der
Rechtsanwalt Dr. jur. Otto Krokisius zu Lffelhofen vor dem Winzelwald bekannt,
da er mit dem Verkauf des subhastierten Freiherrlich von Poppenschen Gutes
Poppenhof beauftragt sei und da der Verkaufstermin auf den fnften November des
Jahres festgesetzt sei.
    Ich knnte dir jetzt ziemlich klar an den Fingern herzhlen, was du drben
finden und tun wirst, mein Junge, sagte der Hauptmann, aber ich will es nicht;
die Sterne reden deutlich genug. Gre die Freunde, und wenn du ruhig genug
geworden bist, so gedenke du auch meiner. Ich hoffe fest, da wir uns jetzt
nicht zum letztenmal die Hand drcken. Wie es aber auch komme, wir wollen den
Sternen glauben in der guten wie in der bsen Stunde. Lebt wohl, Sir!
    Lebewohl winkte Robert vom Schiff. ber die Wellen, ber die Wellen! Schnell
war das Schiff, schnell zogen die Wolken; aber viel, viel schneller waren die
Gedanken, die nach dem Heimatlande jagten und Schiff, Wolken, Vgel, Schall und
Licht weit, weit hinter sich zurcklieen.
    Ich werde mich die nchste Zeit hindurch ziemlich einsam fhlen. Das ist
ein guter Junge und war ein wackerer Wegkamerad, brummte Konrad von Faber, als
er die Leve herabschritt. Im Gewhl der Farbigen und der Weien verliert sich
seine hohe Gestalt; wir sehen auch ihn nicht wieder. Aus unserm Gesichtskreis
schreitet er hinaus, aber gnstig sind ihm die Sterne; niemals hat ein Wanderer
auf der Erde die Kunst primo vivere, deinde philosophari, die Kunst, erst zu
leben und dann das Erlebte geistig zu verdauen, mit so guten Beinen und wakkern
Muskeln vereinigt wie der Hauptmann auer Dienst, der gute, tapfere und treue
Ritter Konrad von Faber. Wir wnschen ihm schon des herzerfrischenden Exempels
wegen, welches er uns gibt, ein langes, frhliches Leben. Mge er dann dereinst
in seinen Stiefeln sterben! Ein zweiter Wunsch, mit welchem wir seine Meinung zu
treffen gedenken.

                           Vierunddreiigstes Kapitel



 Juliane, Freifrulein von Poppen, setzt wieder einmal ihren Willen durch. Das
                 Geschlecht derer von Poppen kommt auf den Hund

Es gab vielleicht in der ganzen Stadt keine Uhr, welche so richtig ging, so
ngstlich pnktlich Sekunden und Minuten zeigte, so unerbittlich jede
Viertelstunde mit schrillem Klang von der Ewigkeit abzog, als die Uhr in der
Halle des Zentralpolizeihauses. Sie lief nicht vor, sie blieb nicht zurck;
erbarmungslos zerhackte sie die Zeit in die mglichst kleinsten Bruchteile, das
Sonnenjahr in zweiunddreiig Millionen Sekunden; und wenn manch einem armen
Teufel auf dem Armensnderbnkchen oder im Vorzimmer die Sekunde sich wieder zu
einem Jahr ausdehnte, so war der Uhr das ganz gleichgltig. Sie lief nicht vor,
sie blieb nicht zurck; ihre Schuld war es nicht, wenn andere vorliefen oder
zurckblieben, dem Vordermann auf die Hacken traten oder vom Hintermann in den
Rcken geknufft wurden und somit auf die eine oder die andere Weise Gelegenheit
bekamen, im Zentralpolizeihause das richtige Ma der Zeit sich in anima vili
demonstrieren oder es dem lieben Nchsten vor die Seele fhren zu lassen.
    Die hohe Sicherheitsbehrde, welche als Gesamtheit von je eine sehr gute
Meinung von sich selber gehabt hat, war natrlich berzeugt, so richtig zu gehen
wie ihre Uhr, und verbat sich jeden lauten Zweifel daran aufs nachdrcklichste.
Was der Rat Trster, der Sekretr Fiebiger, der Wachtmeister Greiffenberger als
Einzelwesen davon hielten, das stand auf verschiedenen Blttern. Da der
zweitgenannte Herr ber viele, allgemein als unumstlich festgestellte
Glaubensartikel seine Privatansicht hatte, wissen wir, und so mssen wir leider
sagen, da er auch von der Uhr vor der Tr des Bros Nummer dreizehn eine sehr
ble Meinung hatte. Gern htte er sie verachtet; aber da sie ihm nicht die
mindeste Ursache dazu gab, so hate er sie grimmig und erklrte sie fr das
niedertrchtigste Institut, welches je im Bewutsein seiner Unentbehrlichkeit
die Menschen geelendet habe; beilufig ganz die nmliche Meinung, welche er von
der Behrde hatte, der er angehrte.
    Greiffenberger, der Wachtmeister, besorgte mit wahrhaft entsetzlicher
Pnktlichkeit das Aufziehen des exakten Mechanismus und verga es seit jenem
Herbstabend, an welchem unsere Geschichte ihren Anfang nahm, nicht ein einziges
Mal. Ticktack - ticktack - Tag fr Tag - ticktack, ticktack bei gutem wie bei
schlechtem Wetter - ticktack, ticktack, wenn der Polizeischreiber seinen Hut am
Morgen an den Nagel hing und sthnend sich auf sein Dreibein setzte - ticktack,
ticktack, wenn er am Abend seufzend die Feder ausspritzte und seinen groen
Folianten zuschlug. Es war eine erbarmungslose Uhr; durch nichts lie sie sich
aus dem Takte bringen - ticktack, ticktack immerzu, es mochte in der Welt, im
Bro Nummer dreizehn, im Gehirn des Polizeischreibers Friedrich Fiebiger
vorgehen, was da wollte.
    Und es ging so mancherlei in der Welt, in der Polizeistube und im Herzen und
Gehirn des Polizeischreibers vor. Kronen wackelten auf den Kpfen ihrer Trger;
viel Heulen und Zhnklappen wurden im Bro dreizehn vernommen. Fritz Fiebiger
sah seinen Zgling in die Ferne ziehen und trug manchmal nicht leicht an seiner
Sorge um ihn; - Baron von Poppen wurde vom Herrn von Brenbinder erschossen,
Kommerzienrat Wienand verlor sein Vermgen und klopfte irrsinnig in einer wilden
Nacht an die Tr des Sternsehers Heinrich Ulex.
    Ticktack, ticktack, ticktack, immerzu, immerzu! Auch die Uhr in der Tasche
des tdlich Verwundeten auf dem Schlachtfelde pickt weiter, die Fliegen am
Fenster summen lustig fort, whrend im Nebenzimmer ein geliebtes Wesen mit dem
Tode ringt. -
    Der Rat Trster, bedeutend weikpfiger als zu Anfang dieser Geschichte,
legte bei hereinbrechender Dmmerung die Feder nieder und blickte auf seinen
Untergebenen, dem eben ein tiefer Seufzer entfuhr.
    Haben Sie noch immer keine Nachricht von Ihrem Pflegesohn, Fiebiger?
    Der Angeredete schttelte den Kopf:
    Seit er mir den Tod der Frau seines Bruders meldete, nicht. Unsere Briefe
scheint er nicht erhalten zu haben. Wer wei, was aus dem Jungen geworden ist,
in welche Patsche ihn der Hauptmann von Faber geritten hat. In der Stimmung, in
welcher er gewesen ist, hat er sich natrlich mehr als gern Hals ber Kopf in
jede Gefahr hineingestrzt, und so ist er drin steckengeblieben - skalpiert -
aufgefressen - was wei ich! Und es knnte sich jetzt alles hier so schn
machen. Alles in Ordnung. O mein Junge, mein armer lieber Junge!
    Beruhigen Sie sich, Alter. Wer wei denn, ob wir uns nicht ganz
unntigerweise Sorge machen. Unser Herr von Faber ist ein sehr bekannter Mann,
und wir wrden gewi Nheres erfahren haben, wenn ihm oder seiner Begleitung ein
Unglck widerfahren wre.
    Der Polizeischreiber entnahm der Bemerkung des Vorgesetzten allen Trost,
welcher darin lag, aber behielt Kummer genug auf der Seele, um abermals recht
tief zu seufzen.
    Die Uhr drauen schlug sechs; Fiebiger zhlte jeden Schlag nach, und der Rat
benutzte die Gelegenheit, um zu bemerken:
    Die Zeit geht doch recht rasch hin. Es ist mir wie gestern, als der junge
Mensch dort stand und Sie die Absicht uerten, ihn zu adoptieren. Ich warnte
Sie gleich und verhehlte Ihnen meine Meinung, da Sie sich dadurch viel Sorge
aufladen wrden, nicht. Da auf der Bank sa Faber und machte seine Bemerkungen
nach seiner Art; wir trafen uns nachher bei dem Bankier Wienand, und wenn ich
nicht irre, war auch dort viel die Rede von Ihrem Pflegesohn, Fiebiger. Du
lieber Himmel, wie sich doch die Verhltnisse ndern! Wie geht es denn dem armen
Wienand?
    Der Schreiber zuckte die Achseln und sagte dann:
    Er sieht nach den Sternen! O Herr Rat, es gibt viele ernste Dinge, an denen
ein gutes Auge endlich doch eine komische Seite herausfindet; hier wrde das
schrfste Auge danach vergeblich suchen. Wir sehen hier an dieser Stelle den
Vorhang ber manch ein Trauerspiel fallen; aber feierlicher, eindringlicher,
wuchtiger ist niemals die Moral am Schlu eines Stckes verkndigt worden. Ja,
der groe Geldmann Wienand sieht nach den Sternen! Eine Rolle macht er sich
tglich aus einem Papierbogen und hlt sie irrsinnig vor das Auge; nur einen
einzigen Menschen kennt er noch und klammert sich an ihn mit der frchterlichen
Angst des Wahnsinns. Auf den Giebel des Sternsehers Heinrich Ulex hat er sich
geflchtet; da sitzt er und hlt die Hand des Weisen - o tragisch, tragisch,
tragisch!
    Seufzend sagte der Polizeirat:
    Ja, Sie haben recht, Fiebiger, es ist eine tragische Geschichte. Es war ein
so scharfer Mann, wir haben so manchen Robber zusammen gemacht - wer mir das
damals gesagt htte! Und nun sitzt er beim alten Ulex im Nikolauskloster und
sieht mit dem nrrischen Trumer durch eine Papierrolle nach den Sternen. Es ist
wirklich ungemein traurig.
    Merkwrdig traurig, brummte Fritz Fiebiger, mit einem Blick auf seinen
Chef, durch welchen er nur sagen konnte: Traurig aber auch, da an der Welt doch
Hopfen und Malz verloren ist. Was helfen euch Exempel, die ihr nicht versteht?
Blausure mu euch unter die Nase gehalten werden!
    Und das Frulein Wienand hat jetzt vollstndig seinen Aufenthalt bei dem
Freifrulein von Poppen genommen? fragte der Polizeirat.
    Vollstndig. Wohin sollte das arme Kind, die Tochter des irrsinnigen
Bettlers, sonst auch gehen?
    Trbselige Verhltnisse! meinte kopfschttelnd der Rat. Wir knnen sie
leider nicht ndern. Expedieren Sie dieses an den Revierleutnant Kirre.
    Das Gesprch schlo, der Polizeischreiber Fiebiger expedierte, die Uhr in
der Halle zerhackte gnadenlos noch eine Stunde. Nicht eine Sekunde zu frh oder
zu spt zeigte sie den Beamten in den dunkeln muffigen Stuben an, da sie gehen
knnten, und nachdem sie das getan hatte, hackte sie weiter im Interesse der
Wachen und der Gefangenen.
    Ein trockenes Wehen, welches seinen Ursprung fern im Osten, in den Steppen
Rulands genommen hatte, schien sich sehr fr die Rocksche des
Polizeischreibers zu interessieren, als er durch die Straen schritt; kosend hob
es sie auf, berzeugte sich, da nicht viel darunter sei, und lie sie wieder
fallen, verga im nchsten Augenblick, da es nichts von Bedeutung gefunden
hatte, und wiederholte das Spiel. Der Himmel war klar, der Abend hell. Nicht
sehr weit von dem Polizeigebude schlossen sich zwei Frauen dem Schreiber an;
eine alte kleine lahme Dame in schwarzer Seide und ein junges Mdchen.
    Die alte Dame mit der Krcke sagte:
    Heute mittag ist sie gestorben.
    Und der Polizeischreiber Fiebiger fragte nicht, wer gestorben sei, sondern
sprach nur einfach:
    Es ist gut, da es vorber ist; mge ihr die Erde leicht sein!
    Wir, die wir mit Konrad von Faber und Robert Wolf Gold in Kalifornien
gegraben haben, die wir dann mit den beiden vom Stillen Ozean bis zum
Mississippi geritten sind, wir finden uns natrlich nur ganz allmhlich in den
Vorgngen der Heimat zurecht und erfahren erst nach und nach, wie die Fden auch
hier weiterliefen.
    Die Baronin Viktorine von Poppen, geborene von Zieger, war in den Armen des
Freifruleins Juliane von Poppen gestorben.
    Nach dem traurigen Ende Leons hatte das Freifrulein durch den Medizinalrat
Pfingsten, und auf andere Weise, verschiedene Versuche gemacht, sich der
unglckseligen Schwgerin zu nhern. Diese Versuche milangen jedoch alle. Auf
die zugleich harte und apathische Natur Viktorines konnte das Unglck nicht
mildernd wirken. Es lag leider viel Tierisches in dem Charakter der armen Frau,
und wie ein verwundetes Tier gebrdete sie sich, nachdem der vernichtende Schlag
gefallen war. Bald lag sie stumpfsinnig regungslos da, bald bi und schnappte
sie um sich und erfllte das Gemach mit Klagen, deren Laut fast nichts
Menschliches mehr an sich hatte. Sie lsterte Gott und die Menschen; ohne die
Dazwischenkunft des Medizinalrats htte sie eines Morgens die Frau von Schellen,
die ihr mehr neugierig als mitfhlend einen Besuch abstattete, fast umgebracht.
Ihre Dienstboten hielten es nur bei ihr aus, weil sie im Hause schalten und
walten konnten, wie sie wollten, und trefflich in dem jetzt vllig herrenlosen
Hause im trben fischten.
    Eines Tages trugen Baptiste und Elise die besinnungslose Baronin von ihrem
Diwan ins Bett, es wurde noch eine Wrterin gerufen, und Pfingsten brachte einen
so trostlosen Bericht ber die Lage der Dinge zu dem Freifrulein, da dieses
noch einmal einen Versuch machte, in das Haus in der Kronenstrae einzudringen.
Wieder vergeblich. Beim Anblick der Schwgerin geriet die Kranke in einen
solchen Wutanfall, da der Medizinalrat das Freifrulein schleunigst aus dem
Zimmer drngen mute. Monatelang blieb es so, und Juliane von Poppen litt sehr
dabei. Niemals hat eine ausgeschlossene Seele die Pforte des Himmels mit
verlangenderen Gedanken belagert als das Freifrulein die Tr der Nummer fnfzig
in der Kronenstrae. Erst in der letzten Stunde, am Abend des gestrigen Tages,
sollte sie Einla finden. Gestern abend fhrte der Polizeischreiber das
Freifrulein und Helene vom Turm des Sternsehers heim, und wieder schritten sie
durch die Kronenstrae.
    Schwer seufzte Juliane, als sie sich der Wohnung der Schwgerin nherten,
und zog ihren Arm aus dem des Schreibers.
    Dunkel und stumm, de und leer lag das Haus des Bankiers Wienand; vor der
Tr der Nummer fnfzig lehnte flegelhaft frech Herr Baptiste und unterhielt sich
lachend mit einem ghnenden Standesgenossen.
    Das Freifrulein stand still:
    Was macht die Frau Baronin?
    Baptiste sah aus, als ob er am liebsten eine unverschmte Antwort geben
wrde, bezwang sich jedoch, neigte ein wenig das Haupt und antwortete:
    's steht nicht gut. Der Herr Medizinalrat waren vorhin wieder da, gaben
aber wenig Hoffnung.
    Friedrich, rief Juliane von Poppen, ich ertrage es nicht lnger. Ich will
es noch einmal versuchen, sie zu sehen. Fhren Sie das Kind nach Haus - o Gott,
ich werde wahrscheinlich bald genug nachkommen.
    Sie setzte den Fu auf die Treppenstufe, und groer Selbstbeherrschung
zeigte sich Baptiste fhig, als er ihr Platz machte. Der drohend erhobene
Krckstock tat freilich das Seinige dazu. Die Tr schlo sich hinter dem
Freifrulein und dem Bedienten, und Juliane kam nicht zurck. Nach einer Stunde
sandte sie nach ihrer Wohnung am Schulplatz und lie sagen: Frulein Helene mge
sich zu Bett legen und nicht warten, Frulein von Poppen werde in dieser Nacht
nicht heimkehren.
    Als Juliane in das Haus ihrer Schwgerin eintrat, schreckte sie zusammen
unter dem feuchtkalten Hauch, der ihr entgegenschlug. Es war totenstill darin.
Die Kchin war zu einer Freundin gegangen, weil ihr daheim graute. Baptiste
verlor sich in den untern Rumen des Gebudes, ohne sich weiter um die
Eingetretene zu kmmern. Er hatte die Kellerschlssel in seines seligen Herrn
Schreibtisch gefunden - ihm graute nicht. Langsam hinkte Juliane die Treppe
hinauf, und krampfhaft fest fate sie ihren Krckstock, als sie auf einmal aus
einem Winkel ein klgliches Winseln vernahm. Das war nur der Schohund der
Baronin, welchen die Kammerjungfer aus dem Zimmer ihrer Herrin geworfen hatte
und langsam verhungern lie. Matt, den Leib auf dem Boden hinschleifend, kroch
das arme Geschpf hervor, als wolle es Barmherzigkeit und Hlfe von der fremden
Frau erbitten. Jetzt konnte das Freifrulein nicht darauf achten, obgleich ihr
das Tier unendlich leid tat. Ein niederbrennendes Licht war auf den Fuboden im
ersten Stock dicht an die oberste Treppenstufe gestellt und erfllte den
Korridor mit belriechendem Qualm. Allerlei gebrauchtes Gert, Schsseln,
Teller, Glser samt einem Haufen schmutziger Wsche versperrten die Tr, die in
das Gemach der Baronin fhrte. Das Freifrulein schritt darber fort und ffnete
die Tr. Kein Laut! Die Lauscherin drckte die Hand auf das Herz, sie stand
mitten im Zimmer. Die Fenstervorhnge waren niedergelassen, die
gegenberliegende Tr stand halb offen, und hinter den Portieren hervor drang
mit dem Dunst der Krankenstube ein matter Schein. Dieser schwchliche Schimmer
und das Licht, welches die Straenlaternen drauen gaben, erhellten allein das
erste Gemach, ber dessen weichen Teppich Juliane jetzt unhrbar hinschritt. Wir
kennen das Zimmer. In jenem Lehnstuhl hatte sich Leon gestreckt und gedehnt,
wenn er seine Mutter durch seine Scherzreden qulte. Auf jenem Diwan hatte
Viktorine von Poppen ihre Tage halb verschlummert, halb verwimmert. An jenem
Tisch hatte Frau von Eichel gewitzelt, Frau von Flte gefrmmelt, Lydda von
Flte gezimpert. ber tausenderlei Nippschelchen und Spielereien streifte das
unbestimmte Licht, und mit einer unbeschreiblichen stolzen, fast wilden
Handbewegung wies das Freifrulein Juliane von Poppen, die Letzte ihres
Geschlechts, diese ganze jmmerliche Welt von sich, als sie den Vorhang fate,
welcher sie von dem Sterbebett der Baronin trennte.
    Noch einmal stand sie still und beobachtete, ehe sie eintrat, und wieder
drckte sie die geballte Hand auf die Brust.
    Elise, die elegante Kammerjungfer, hatte die beiden Fulichter an dem groen
Toilettenspiegel angezndet, betrachtete ihre liebenswrdige Figur holdlchelnd
vom Kopf bis zu den Fen und rckte zu gleicher Zeit das kokette Hubchen
zurecht. Am Ofen rhrte die Krankenwrterin, Frau Rosenmeier, nachlssig in
einem Tpfchen; die Kranke sthnte auf ihrem Lager, aber keines der beiden
Frauenzimmer achtete im mindesten darauf.
    Wasser, Wasser! Gebt mir doch Wasser! chzte Viktorine von Poppen.
    Gleich, Frau Baronin! brummte schnaufend die dicke Madam am Ofen.
    Gleich, gleich, gndige Frau! lispelte geziert am Spiegel Mamsell Elise,
ohne sich umzuwenden.
    Auf ihrem heien Lager warf sich die Kranke hin und her. Ihre
fieberglhenden schwarzen Augen leuchteten verzweifelt, unheimlich in dem
dmmerigen Winkel, wo das Bett stand.
    Zu trinken! Oh, ihr lat mich verbrennen!
    Es dauerte noch eine geraume Zeit, ehe sich eins der Weiber herbeilie, der
armen Frau das Glas an die Lippen zu halten. Die Lauscherin hinter dem Vorhang
zerbi fast die Lippen vor Wut.
    Auf ihrer Decke, in ihren Kissen herum griff die Kranke.
    Ich liege so schlecht - das ist wie Stein - o Elise, so komm doch - Frau
Rosenmeier! - Elise, Elise!
    Gleich, gndige Frau, gleich! kreischte die Kammerzofe, und die Wrterin
strzte auf das Bett zu, schttelte auf die roheste Weise die Kissen auf, warf
die Decke zurecht und behandelte die Leidende nicht anders als ein fhlloses
Stck Holz.
    Leon, Leon, hilf deiner armen Mutter! Wo bist du, Leon? rief die Kranke im
Fieberwahn, unter den rohen Fusten sich strubend. Elise, Elise, ich schenke
dir meine rote Samtmantille, wenn du mir hilfst. O sei nicht bse, Elise,
schicke diese weg; ich will dich auch niemals wieder schelten, gewi niemals!
Bitte, bitte, bitte!
    Mamsell Elise winkte der Wrterin und hauchte:
    Aber Rosenmeiern, was machen Sie denn? Sehen Sie denn nicht, da die
gndige Frau das so nicht leiden kann - mein Gott, wie gemein.
    Dabei lie sich die Kreatur affektiert seufzend in eine Causeuse sinken;
aber jetzt zerri auch die Portiere in der krampfhaft zitternden Hand des
Freifruleins, zur Seite flog der Vorhang, und so unvermutet erschien Juliane in
der Tr, da die Kammerzofe im jhesten Schrecken mit abwehrenden Hnden in die
Hhe fuhr, da die Wrterin die Tasse, welche sie eben zum Munde fhren wollte,
fallen lie. Von ihrem Pfhl hob sich die Kranke und schrie:
    Da, da - da ist sie, ich frchte mich nicht mehr vor ihr! Juliane, Juliane,
komm her, du sollst das letzte Wort haben. Komm herein, du lebst, und ich mu
sterben. Treibe die weg - die, die! Sie wollen mich umbringen. Jage sie fort,
komm herein - bald - morgen, wirst du ja doch kommen, und ich werde es dir nicht
wehren knnen!
    An die Hand ihrer Schwgerin klammerte sich die sterbende Viktorine, und mit
der gewohnten Energie bemchtigte sich Juliane sogleich der Herrschaft ber das
Krankenzimmer. Sie hatte ritterlich schon wildere Geschpfe gebndigt, als die
Kammerzofe und die Wrterin waren, und so bezwang sie auch diese beiden Tiere.
Die ganze Nacht sa sie am Bette der Verwandten, und die Baronin regte sich
nicht, sondern starrte immer nur ganz fest auf die kleine schwarze Gestalt, das
verrunzelte Gesicht, die spitze Nase. Gegen Morgen schlief die Kranke ein und
erwachte erst, als die Sonne in das Fenster schien.
    Das Freifrulein beugte sich dann ber die Kissen der Leidenden und sagte
freundlich und liebevoll:
    Guten Morgen, Viktorine, Sie haben einen gesunden Schlaf getan, und ich
habe Sie gut bewacht. Sie zrnen mir doch darum nicht?
    Viktorine von Poppen gab keine Antwort. Sie warf die Arme unruhig umher, sie
fuhr mit den Hnden ber das Gesicht, als wolle sie allerlei bse Gedanken von
sich scheuchen.
    Mit ihrer sanftesten Stimme fuhr Juliane fort:
    Bitte, bitte, liebe Viktorine, dulden Sie mich so lange um sich, als Sie
krank sind. Vergessen Sie, was zwischen uns gelegen hat. - Sind Sie durstig?
Hier - nehmen Sie sich Zeit. - Liebe Viktorine, sobald Sie wieder gesund sind,
mgen Sie mich fortschicken. Sie liegen nicht gut, warten Sie, ich will Ihre
Kissen zurechtlegen!
    Die Kranke lie wie ein Kind alles mit sich geschehen, immer noch starrte
sie das Freifrulein an; aber sie murmelte dabei fort und fort den Namen
Juliane. Da trat die Kammerzofe in das Zimmer, und hinter ihr erschien die
unfrmliche Figur, das rote gemeine Gesicht der Wrterin. Beim Anblick dieser
beiden Personen warf Viktorine beide Arme um den Hals der Schwgerin und rief in
hchster Angst:
    Ich bitte dir alles ab! Verla mich nicht, verla mich nicht! Ich bin
schlecht gegen dich gewesen und Leon auch. Leon ist tot, o verla mich nicht -
geh nicht von mir, solange ich noch lebe. Ich will dir alles abbitten. Schicke
die fort, jage sie aus dem Hause; ich bitte dir alles ab.
    Das Freifrulein zwang sich, heiter zu lachen, obgleich sie blutige Trnen
htte weinen mgen.
    Du hast mir gar nichts abzubitten, liebe Viktorine. Du hast mir nicht mehr
Pffe gegeben, als ich dir gab. Und wenn du es willst, so sollen die beiden auf
der Stelle dein Haus verlassen. Ich bleibe bei dir; habe keine Angst. Um Gottes
willen - Sie - Weib - nach dem Doktor, nach dem Medizinalrat Pfingsten! Sie
stirbt, sie stirbt!
    Noch starb die Baronin Viktorine von Poppen nicht; aber von Stunde zu Stunde
wurde sie schwcher. Sie verschied erst am Nachmittag, und die Hand Julianes
lie sie bis zum letzten Augenblick nicht los. Sie starb, indem sie flsterte:
    Ich bitte dir alles, alles ab!
    Mit zitternden Hnden drckte das Freifrulein Juliane von Poppen die
blinden Augen der Toten zu. Das Gericht kam und versiegelte die Zimmer des
Hauses Nummer fnfzig bis auf das, in welchem die kalte starre Leiche lag. Auf
diese allein machten die Glubiger keine Ansprche.
    Tot und de war das alte Gebude, wie das Haus gegenber. Baptiste und Elise
zogen mit reicher Beute und dem Entschlu, gemeinschaftlich einen
Viktualienkeller zu halten, ab. Viele Glubiger waren auf die Nachricht vom Tode
der Baronin herbeigeeilt, und von dem einst so stattlichen Besitz der Familie
von Poppen konnte das letzte Frulein von Poppen nur den armen, kleinen,
halbverhungerten Hund nehmen. Sie trug ihn auf dem Arme fort, und dankbar
winselnd leckte er ihr die Hand.

                           Fnfunddreiigstes Kapitel



  Es gewinnt den Anschein, da die Sterne auch ihren Willen durchsetzen werden

Ausfhrlich und in allen Einzelheiten teilte das Freifrulein dem
Polizeischreiber alle Vorgnge der letzten vierundzwanzig Stunden mit, wenn auch
nicht auf dieselbe Weise, wie wir sie unsern Lesern erzhlt haben. Gesenkten
Hauptes ging Helene Wienand neben den beiden Alten; aber sie trug so schwer an
den eigenen Kmmernissen, da sie nur mit halbem Ohr auf die traurige Geschichte
vom Ende des Hauses Poppen horchen konnte. Ihre Seele war gefangen auf dem Turme
des Sternsehers Heinrich Ulex. Dort sa der kranke Vater neben dem weisen
Freunde und Lehrer des verschollenen Geliebten; nur dort gab es Ruhe fr sie,
nur dort fand sie Trost. Die Worte des ehrwrdigen Greises hatten denselben
schmerzstillenden Einflu auf sie, dessen Macht Robert Wolf vor Jahren so sehr
empfunden hatte. Verhltnismig heiter konnte sie nur dann sein, wenn sie im
Giebelzimmer des Nikolausklosters sa, die unruhige Hand des Vaters in ihren
Hnden hielt, am Nachthimmel still die Sterne ihren Weg durch die Ewigkeit
gingen und der Seher der kleinen ernsten Gemeinde feierlich die erhabenen
Zeichen deutete, welche fr alle betrbten, suchenden, zweifelnden
Menschenseelen in dem unermelichen Raum des Weltalls geschrieben stehen.
    Der Kreis um den Sternseher zog sich immer fester. Wenn in frheren Jahren
die nchtlichen Zusammenknfte der Alten aus dem Walde nur dann und wann
stattgefunden hatten, so ging jetzt fast kein Abend vorber, ohne da man sich
in dem Observatorium des Astronomen zusammenfand. Je tiefer der Lebensabend der
drei Jugendgenossen aus Poppenhagen herabsank, desto mehr fiel alles Nichtige
und uerliche von ihnen ab; das Freifrulein verschwand aus der Gesellschaft,
Friedrich Fiebiger wurde nur noch sehr selten in seiner Stammkneipe gesehen.
Lange nicht mehr so hufig wie sonst erging sich der Humorist in sarkastischen
Bemerkungen ber die Lebens- und Weltanschauung seines Freundes. Es ist
eigentlich ein bitter Ding, seine Ansicht deshalb aufgeben zu mssen, weil man
zu sehr recht bekommt, weil einem das selbstaufgestellte Axiom von der
lcherlichen Nichtigkeit aller irdischen Dinge an der eigenen Existenz zu klar
demonstriert wird.
    Der Polizeischreiber war aber der Mann, welcher sich dreinfinden konnte; -
er verlor seinen Gleichmut nicht so sehr, da er aus einem lachenden Philosophen
ein grmelnder weinerlicher Murrkopf wurde. Er warf seine Violine auch nicht
ganz in den Winkel oder an die Wand; er musizierte weiter, wenn auch etwas
dumpfer und melancholischer als sonst. Eintnig unkte fort der Frosch sein
elendig Sumpflied! nannte er das mit freier Benutzung eines Verses Virgils.
Was soll die Kreatur auch anders tun; das Volk hat ganz recht, wenn es meint,
der Mensch sei ein Amphibibichum, knne auf dem Trocknen nicht leben und msse
im Wasser umkommen, fgte er dann wohl hinzu und - stopfte eine frische Pfeife.
    Auch jetzt folgte er den beiden Frauen auf ihrem Wege zum Nikolauskloster,
stieg mit ihnen die alte Wendeltreppe hinauf. Sie brauchten nicht mehr
anzuklopfen. Heinrich Ulex ffnete seine Tr, ehe sie die oberste Stufe der
Treppe erreicht hatten.
    Alles unverndert in dem dstern Gemach! Jedes Bild, jedes Buch, jedes
Instrument an seinem Platze! Aber in dem Schatten, welchen die grne
Studierlampe vergeblich zu verscheuchen strebte, suchte sich jemand zu
verbergen, der beim Beginn unserer Geschichte nicht anders als mit einem
verchtlichen Lcheln auf den Lippen und mit bedauerndem Achselzucken ber sein
groes Hauptbuch weg, aus dem Fenster seines Kontors, drunten gegen Sden, zu
diesem Klostergiebel emporgeblickt hatte. Ja, scheu vor jedem Futritt wich der
Bankier Wienand in die Dunkelheit zurck und wagte sich nur dann hervor, wenn
der Sternseher beruhigend sagte:
    Kommt, es sind Freunde! Kommt, ich will es!
    Nach dem Wort Julianes hatte der Kommerzienrat jetzt hier Schutz gesucht. In
schrecklichster Weise war die warnende Drohung erfllt. Verspottet hatte der
groe Kaufmann die Sterne und war den furchtbaren Mchten, den dunkeln Geistern
der Erde anheimgefallen. Milde und voll Erbarmen sind die Sterne, die lichten
himmlischen Krfte - zersprengt hatten sie die Fesseln des Unglcklichen und ihn
wieder frei auf den Scheideweg gestellt. Nun hatte er zum zweitenmal im wilden
Trotz die hohen Geister verachtet, und zum zweitenmal war er in die Gewalt der
Dmonen gefallen. Auf Erden war keine Rettung mehr fr den Bankier Wienand;
zweimal lieen die Unterirdischen ihr Opfer nicht frei.
    Helene eilte zu ihrem Vater und kte ihm die Hand, diese Hand, welche noch
immer die kindische Papierrolle hielt, von welcher der Polizeischreiber seinem
Vorgesetzten erzhlt hatte. Dem Sternseher berichtete das Freifrulein den Tod
der Baronin Viktorine, und wie Fiebiger sprach auch Heinrich Ulex:
    Sie ist von einem traurigen Leben erlst, Natur und Erziehung haben sie
manchen Fehler begehen lassen; bittere Frucht hat sie aus dem Samen, welchen sie
streute, geerntet. Arme Frau! Mge sie sanft ruhen.
    Nun saen sie alle nach gewohnter Weise im Kreis, und dicht neben dem
Sternseher kauerte der Irrsinnige und bewachte mit ruheloser Aufmerksamkeit jede
Bewegung desselben.
    Der eigentliche Gedankenaustausch ber den Tod der Baronin von Poppen fand
jetzt erst statt, wo jeder der drei Alten aus Poppenhagen seine Meinung darber
sagen konnte. Es konnte nicht fehlen, da ein solches Ereignis die
Jugenderinnerungen auf das lebendigste anregte. Sie erwachten auch - traurig und
freudig, trbe und lieblich stiegen sie empor. Das beschrnkte, wunderlich
vollgepfropfte Observatorium des Astronomen wurde zu dem groen Walde, aus dem
die drei Alten stammten; nur von ihrer Jugend und dem, was daraus in den
jetzigen Augenblick herberklang, sprachen die drei Alten an diesem Abend.
    Ohne Scheu und Scham konnten diese greisen Kpfe jedes Angedenken
zurckrufen; vor keiner Stunde ihrer Jugend muten sie erschrecken und errtend
zurckweichen.
    Ich bin nun die Letzte meines Namens, sagte das Freifrulein, zugrunde
geht das alte Geschlecht. Als man den letzten Herrn von Poppen tot in das Haus
seiner Mutter trug, hat die Welt die Achseln gezuckt, und viele haben der
Verachtung Spott hinzugefgt. Die nrrische Mutter hat sich um den Sohn zu Tode
gegrmt; aber, ihr Leute aus Poppenhagen, den grimmigsten Schmerz habe doch ich,
ich allein, um den letzten Freiherrn von Poppen getragen. O es ist so
schrecklich, so klglich, das letzte Weib von einem Geschlecht zu sein, dessen
letzten Mnnern der Hohn und der Spott in die Gruft folgte, denen die
ffentliche Meinung den adeligen ritterlichen Schild mit Lachen am Grabe
zerschlug. Sie lachen! Sie lachen! Das ganze Volk lacht, in seinen Husern, auf
seinen Mrkten, in seinen Gerichtsstuben, in den Versammlungen seiner
Abgeordneten und Vertreter. Weh, und es hat das Recht zu lachen; es kann, es
darf nicht die Unschuldigen, Tapfern und Treuen von den Jmmerlichen und
Erbrmlichen scheiden, wenn es ein starkes, mannhaftes Volk bleiben will. O ihr
Mnner von Poppenhagen, beklagt, beklagt das arme Freifrulein von Poppen,
beklagt alle die, welche ihren Namen, ihr Geschlecht, ihren Wirkungskreis,
alles, alles im Hohn des Volkes untergehen sehen und welche sich vor Gott und
ihrem Gewissen auf die Seite der Sptter und Lacher stellen mssen.
    Die beiden Greise neigten sich gegen die alte Jungfer, wie sich einst
stolze, tapfere, selbstbewute Vasallen vor einer unglcklichen Lehnsherrin
gebeugt haben wrden.
    Frulein von Poppen, sagte der Schreiber, in unserer Zeit, wo die
bewegende Kraft in die Massen zurckfllt, wo selbst die Grten nur das wollen
drfen, was die Allgemeinheit will, in dieser Zeit steht der einzelne, der stets
und mit aller Kraft das Edle und Gute gewollt hat, freier von Verantwortlichkeit
fr andere da als in irgendeiner andern Epoche. Geschlechter, Stnde mgen im
Lachen der Menge zugrunde gehen; der tadellose, fleckenreine Schild des
einzelnen wird um so heller glnzen.
    Juliane, sagte Heinrich, an dem Grabe des Sohns der Baronin von Poppen
zerbrach man nicht den Schild des alten Geschlechts; man zertrmmerte nur den
Schild Leons von Poppen. Juliane von Poppen hat ihren eigenen Schild, und der
wird ihr auf den Sarg gelegt werden, und niemand, niemand wird dabei lachen.
Weinen wird man, recht von Herzen weinen, und nicht nach Stnden werden sich die
Freunde um die Gruft drngen. Edelleute, Brger und arme Proletarier werden der
Geschiedenen Namen mit einer Stimme fr rechtedel erklren.
    Ich danke euch, Freunde, rief das Freifrulein, durch Trnen lchelnd. O
es war doch damals eine schne Zeit im Winzelwalde, als ich euch das Lesen
lehrte! Wir haben uns gut durchgeschlagen und tapfer zu jeder Zeit
zusammengehalten. Fast ein halbes Jahrhundert ist's her, seit die bse Mamsell
Schnubbe unser Versteck im Eberkamp ausfindig machte und mein Vater mich halb
tot schlug und ihr aus dem Winzelwalde davonlaufen mutet, ihr armen Jungen. Nun
sitzen wir hier, drei Graukpfe, und sehen nach den Sternen -
    Und die Sterne haben uns gut gefhrt, sprach Ulex.
    Fritze Fiebiger, der Polizeischreiber, nickte mit dem Kopfe.
    Zwei Hagestolze und ein - altes Frulein. Die Sterne haben uns wirklich so
gut als mglich gefhrt.
    Noch vieles sprachen Heinrich, Friedrich und Juliane von ihrer Jugend und
den Sternen; der Kranke neben dem Sessel des Sternsehers schlief fest, wenn auch
unruhig. Aus den Betrachtungen des Todes gelangten die drei Alten aus dem Walde
allmhlich immer mehr in die freundliche Helle des Lebens zurck; auch von
Robert Wolf sprachen sie, von dem Jngling aus dem Walde, und lichte Glut flog
nun ber Helenes bleiches abgehrmtes Gesicht. Bis jetzt hatte sie auf das
Gesprch der Greise nur halb horchen knnen. Die eigenen Gedanken lieen sie
nicht los, und wie sie sich auch abmhte, den Geist auf das Nchste zu richten,
ihn in dem Kreise der Freunde, an der Seite des unglcklichen Vaters
festzubannen, immer von neuem wurde ihre Seele widerstandslos entfhrt,
hinausgewirbelt in die Weite, auf unbekannte Pfade, in fremde Wildnisse, ber
unermeliche Wsteneien von Land und Wasser. Das Brausen und Sausen um den alten
Klostergiebel, jedes strkere Anschwellen des Windes nach kurzer Ruhepause
erhhte dieses ahnungsvolle, bange, ruhelos suchende Gefhl. Ach, die Alten,
welche mit dem Leben abgeschlossen hatten, hatten gut die Sterne loben!
    Jetzt aber ahnte der feinfhlende Gelehrte, was im Herzen des jungen
Mdchens vorging. Sanft nahm er die Hand desselben und sprach:
    Du liebes Kind, fasse Mut! Fr jeden, jeden kommt die Stunde, wo er die
Sterne preist - frher oder spter, hier oder dort oben. Keiner bleibt ewig
ausgeschlossen; fr jeden, jeden kommt der Augenblick, wo alles ausgeglichen,
alles gut ist. Keiner bleibt trotzend oder mit verhlltem Angesicht im Winkel
stehen, whrend die andern vom liebenden Arm der Mutter warm umschlungen werden.
Hoffe, hoffe, liebes Kind; du darfst es; die Hoffnung der Jugend liegt noch vor
dem Grabe. Gib den Sternen die Deutung der Jugend, solange du jung bist. Ja,
horche nur auf den Futritt des Glckes. In jedem Augenblick kann es kommen,
dich in ein neues helles Dasein zu fhren.
    Und whrend der Alte auf dem Turme so sprach, schritt ein Wanderer schnell
durch die Gassen der Stadt. Der letzte Eisenbahnzug, der von Norden her die
Stadt erreicht, hatte diesen Wanderer herbergefhrt; es war Robert Wolf. Ein
Wundarzt, welcher den letzten Teil der Reise mit ihm zusammen machte, hatte ihm
mit aller Gewalt zur Ader lassen wollen, weil er eine Gehirnentzndung oder
dergleichen bei dem jungen aufgeregten Passagier im Anzug glaubte. Eine
Reisetasche mit den Buchstaben R.W. figurierte spter im Verzeichnis der in den
Wagen vergessenen Gegenstnde.
    Mit einem Satze aus dem Kupee und vorber an den mitrauischen
Helfershelfern des Polizeischreibers Fiebiger! Mit einem Sprung aus der Halle in
die Gassen. O wie die Pulse klopften, wie es vor den Augen flimmerte, wie die
Gaslichterreihen tanzten!
    Es ist ein weiter Weg vom Hamburger Bahnhof bis in die Mitte der Stadt, bis
zur Musikantengasse, bis zum Nikolaikloster; aber keine Prmiendroschke htte
ihn schneller zurckgelegt als Robert Wolf. Erst an der Ecke der Kronenstrae
migte er seine Schritte; zwischen der einstigen Wohnung des Bankiers Wienand
und dem von Poppenschen Hause stand er einen Augenblick ganz still. Der holde
Baptiste war nicht mehr beauftragt, ihn zu berwachen; - dunkel waren die
Fenster zu beiden Seiten der Huser, zwei derselben in der Nummer fnfzig waren
geffnet, und der Wind hatte die weien Gardinen hervorgerissen und warf sie
gespenstisch hin und her. Die Strae war nicht sehr belebt, alle Vorbergehenden
htte Robert Wolf fragen mgen, ob sie nichts wten von den beiden dunkeln
Husern und ihren Bewohnern. Endlich ri er sich los von der Stelle, die ihn so
gewaltttig bannte; weiter schritt er durch die bekannten Gassen, das Labyrinth,
welches ihn vor Jahren so sehr gengstet hatte. Jetzt schreckten die
aufgetrmten Steine, das Drngen des Volkes den Mann nicht mehr, der das Kap
Hoorn umschifft hatte, der ber die groen Prrien geritten war.
    Noch eine Ecke, und da - da war die Musikantengasse, da war das Haus Nummer
zwlf. Ein Heimchen zirpte laut unter der Schwelle; aber nur das mittlere
Stockwerk, in welchem jetzt ein Beamter wohnte, war erleuchtet. Weiter oben war
alles dunkel, der Partikulier Museler befand sich im Roten Bock; der Gatte der
liebenswrdigen Angelika ghnte wahrscheinlich eben auf der andern Seite der
Erdkugel den jungen amerikanischen Tag an. Wo der Polizeischreiber Friedrich
Fiebiger sich befand, wute Robert Wolf, und so trat er nicht ein in das Haus,
sondern grte nur ernst und gerhrt nach den hchsten Fenstern desselben
hinauf.
    Da war das dunkle Gchen und das Fenster der Kammer, in welcher der Meister
Johannes Tellering gestorben war! Da war die niedere Pforte, welche in den
germpelvollen Hof des Nikolausklosters fhrte, da war die steile Wendeltreppe,
der Schleichweg der Mnche, wo der Schler des Sternsehers sonst drei Tritte fr
einen genommen hatte! Heute stieg er Tritt fr Tritt empor und hielt sich
krampfhaft an dem bauflligen, knackenden Gelnder; gleich einem Trunkenen
schwankte er. Alle Ecken und Winkel am rechten Fleck! Auch die Ecke, an welcher
man sich so leicht das Schienbein zerstie! Tchtig rannte Robert Wolf dagegen,
aber er hatte kein Gefhl fr den Schmerz. -
    Und im Giebelzimmer des Sternsehers sagte eben Juliane von Poppen: Es ist
Zeit zu scheiden; wir mssen gehen, Helene! Da richtete sich Ulex horchend auf,
und Fiebiger sprang empor.
    Welch ein Schritt drauen?!
    Lautlos, regungslos horchte der kleine Kreis, und dann klopfte es an der
Tr, und die Tr ffnete sich. Der Polizeischreiber stie einen ganz
unpolizeimigen Schrei aus, der Gelehrte hob die Hnde; Helene Wienand erhob
sich geisterbleich, zitternd an allen Gliedern, und das Freifrulein lie den
Krckstock fallen.
    In den Armen hielt Friedrich Fiebiger den Pflegesohn:
    Da bist du! Da bist du! O jetzt lobe ich auch ohne Vorbehalt die Sterne.
Junge, Junge, mein lieber Junge, da bist du endlich.
    Er lie ihn nur los, um ihn dem Sternseher hinzuschieben:
    Da hast du ihn auch! Da habt ihr alle ihn! Er ist es! Die Kannibalen haben
ihn nicht gefressen. Gepriesen seien die Sterne!
    Gesegnet sei dein Eingang, liebes Kind! rief Ulex mit hochbewegter Stimme.
Wir haben dich mit Sehnsucht erwartet, aber ich wute wohl, da du zu rechter
Stunde kommen wrdest.
    Sprachlos, mit berstrmenden Augen, blickte Robert umher, er sah auch
Helene und wollte auf sie zu; doch das Freifrulein trat jetzt heran, dicht
heran an den heimgekehrten Wanderer. Sie hatte die Lampe vom Tisch genommen und
lie den Schein derselben ihm voll ins Gesicht fallen und sah ihm aufmerksam und
prfend in die Augen. Sie sah in das mannhafte Gesicht und sah die hellen Trnen
an den Wimpern hngen, sie setzte die Lampe wieder nieder, reichte dem Jngling
die Hand und sprach:
    Du hast dich gut gehalten; - sei willkommen!
    Seine hohe Gestalt beugte Robert, um der alten Dame die Hand zu kssen; aber
sie fate ihn um den Hals und kte ihn auf die Stirn. Dann warf sie in ihrer
alten Weise den Kopf zurck und sagte mit vollstndig verndertem Ton und
Ausdruck:
    Nun, junger Herr, wollen Sie meinem Kinde hier kein Wort sagen? Komm her,
Helene; komm aus dem Schatten, Liebchen; die Sonne will wieder in dein Leben
scheinen.
    Einen Schritt trat Robert vor, doch dann blieb er stehen, wie eingewurzelt;
aber Helene Wienand breitete die Arme aus, und - nun war alles gut. Der
Sternseher Heinrich Ulex leitete sanft den irrsinnigen Vater zu den beiden
Kindern und legte die Hand desselben auf die verbundenen Hnde Roberts und
Helenes. Der Bankier sah nur den Astronomen an, und als dieser das Haupt neigte,
nickte er auch wohl hundertmal hintereinander und lchelte scheu blinzelnd, als
freue er sich, da er etwas tue, was dem weisen Mann gefalle.
    Seid glcklich in eurer Liebe, Kinder! sagte der Sternseher. Wenn in
diesem Augenblick der Schleier von der Seele dieses Armen fiele, so wrde er
nicht mehr trennend zwischen euch treten. Preise die Sterne, Sohn; sie haben dir
ein gutes Teil gegeben, und ein hohes Glck hast du gewonnen; nun halte es fest
und la es dir durch nichts rauben. Du aber, Tochter, erinnere jenen immer, wenn
es not ist, da auch hinter der Entsagung das Glck liegen kann; - und deine
Kinder lehre auch, nach den Sternen zu blicken; viel schwerer als den Mttern
wird es jedem andern sptern Lehrer.
    Wir sind durch alles, was nun noch an diesem Abend auf dem Giebel des
Nikolausklosters besprochen wurde, selbst geschritten. Sie hatten alle im
kleinen Kreise viel erlebt und wohl auch viel erduldet. Viel besser lie sich
das, was in Briefen, die auf der Fahrt ums Kap Hoorn verlorengegangen waren,
gestanden hatte, mndlich sagen. Sie gaben nun ausfhrlich einander Bericht und
verschwiegen nichts. Die beiden, welche lieber im strmenden Meer als in einem
hbschen Teich voll Wasserrosen und flsternden Schilfs versinken wollten,
schwebten durch den Raum, und alle im Kreise bis auf den Kranken grten in
gedankenvoller Trauer die Schatten von Friedrich und Eva Wolf.
    Als Robert die Erzhlung seiner Abenteuer und Schicksale beendet hatte,
sprach der Polizeischreiber dem Knig Salomo die Worte nach, welche wir diesem
Buche vorangesetzt haben: Ein Messer wetzet das andere und ein Mann den
andern. Mit einem schlauen Blick auf Helene jedoch fgte er hinzu: Die Weiber
aber wetzen tchtig mit; - wenn die Sterne ihren Segen geben, so mssen wir am
Ende wohl scharf werden.
    Von den Plnen, die Robert Wolf schon auf seiner berfahrt von New Orleans
nach Hamburg in Hinsicht auf den Poppenhof gefat hatte, sprach er auf dem Turm
des Sternsehers nicht. Erst als er mit dem Polizeischreiber in dem alten
verrucherten Gemach in der Musikantengasse allein war, teilte er sie dem
Pflegevater mit, und nachdem dieser den jungen Kapitalisten, den Glckspilz
aus Poppenhagen beglckwnscht hatte, fand er den Plan rsonabel, und man
beschlo, an Otto Krokisius zu schreiben. Ja, kaufe das alte Junkernest, sagte
der Schreiber. Es liegt eine eigentmliche Gerechtigkeit darin. Fhre dein
junges Weib als Herrin an den Ort, welchen der letzte Freiherr von Poppen nicht
behaupten konnte; erhalte dem letzten Frulein von Poppen die Heimat. Wahrlich,
die Bauern haben diesmal den Rittern das Spiel abgewonnen! Der Morgen dmmerte
ber die Dcher - der Tabaksqualm war undurchdringlich. Man beschlo, gar nicht
mehr zu Bett zu gehen, und Robert kochte, unendlich glcklich und
hoffnungsreich, in alter Weise den vortrefflichen Kaffee, dessen Bereitung ihn
einst der alte Heimatsgenosse gelehrt hatte.

                          Sechsunddreiigstes Kapitel



 Die Sterne setzen ihren Willen durch, ihrem Willen befiehlt der Erzhler sich
                                 und sein Buch

Es war ein stiller wolkenloser Tag in jener herrlichen Jahreszeit, wo Frhling
und Sommer sich die Hand reichen. Der Hochwald stand in seiner vollsten,
frischesten Pracht, Dmmerung hier, dort blendendes Licht - dort flimmernd
Gemisch von Licht und Schatten. Glorreich strahlte die Nachmittagssonne; aber
ahnungsvoller Duft verschleierte alle Ferne. Dicht verwachsen war der Waldweg,
der eine Stunde frher als die Kunststrae, welche im Tal sich um den Kaiserberg
wand, das Dorf Poppenhagen erreichte. Es kostete Mhe, sich auf diesem Pfade
durchzuwinden; aber er war dafr auch mit allem lieblichen und romantischen
Zauber der Wildnis aufs reichste geschmckt. Anmutiges Gerank, knorrige Stmme,
Felsentrmmer, rieselndes Wasser, frischgrnes Moos und Blumen waren wie von
Knstlerhand darauf verteilt; die Glut und der Staub der Heerstrae gehrten
hier nur in das Reich ungemtlicher Trume.
    Noch einen Augenblick, Lieb, und wir haben die Hhe erreicht! rief eine
klangvolle Mnnerstimme im Gebsch der Tiefe. Reiche mir die Hand, armes Kind!
    Eine andere, lieblichere Stimme antwortete darauf noch ein wenig weiter
zurck:
    Du beklagst mich wohl noch gar, Robert? Steig nur voran und habe keine
Sorge um mich. Es ist ein wonniglich Atmen hier.
    Die Mnnerstimme wiederholte eine einfache, aber hbsche Melodie, die vorhin
ein Waldmdchen den beiden aus der Tiefe Emporklimmenden entgegengetragen hatte;
das Rauschen im Gebsch nherte sich der Stelle, wo der Pfad den Gipfel des
Berges erreichte; die zwei Wanderer traten aus dem Schatten auf die lichte
Stelle, von welcher man die schnste Aussicht weit ber den Winzelwald hatte,
ohne jedoch nach irgendeiner Seite hin das Ende desselben zu erblicken.
    Wir kennen die beiden jungen Leute, die sich aus dem Gebsch loswanden. Es
waren Robert Wolf und Helene Wienand; letztere in schwarzen Trauerkleidern, aber
doch mit dem rosigen Schimmer wiederkehrender Lebensfreudigkeit auf den Wangen.
    O wie wunderherrlich! rief die Braut, an dem Arme des Verlobten atmend
ausruhend von den Beschwerden des Weges. Sie hatte tapfer mit dem Gezweig
kmpfen mssen, mit neckischen Fingern hatte ihr eine mutwillige Ranke den
breiten Hut vom Kopf gezogen und ihr in die Locken gegriffen; auf ihrer Schulter
sa ein Marienkfer, der sich lieber so anmutig tragen lie als selber ging.
    Und dort hast du Poppenhagen! sagte Robert, auf eine Turmspitze zeigend,
welche zur Rechten aus einem Tal hervorlugte.
    Lange blickte das junge Paar stumm nach der angedeuteten Gegend hin, dann
erklrte Robert weiter:
    Die Felder, welche dort an jenem Berge emporlaufen, gehren zum Poppenhof;
die eigentliche Feldmark des Dorfes kann man von hier nicht sehen. Nun bist du
mitten in meiner Jugendheimat, se Braut! Ach wie oft habe ich an dieser Stelle
gelegen, den Wolken nachsehend und unbestimmte Luftschlsser in den ther
bauend. Welch ein guter alter Bekannter ist jener Baumstumpf dort! Nur jene
Berglehne drben jenseits der Landstrae war damals nicht abgeholzt; sonst ist
alles heute, wie es damals war, als ich mich hier zum Robinson Crusoe trumte
oder den Fahrten Sindbads des Seefahrers nachsann.
    Der silberne Faden, welcher im Herbst so still und langsam durch die Luft
schwebt, kann vieles berdauern, welchem der Mensch unendliches Dasein geben
mchte. Es ist so traurig, da der Mensch in sein dunkles Grab gehen mu, wenn
die Welt in so lichtem Glanz daliegt. Sieh, welch ein schner Schmetterling sich
dort wiegt, wie er sich schaukelt und sich freut - aber immer, immer mu ich an
den toten Vater denken! seufzte Helene.
    Da unten auf der Landstrae kriecht der Wagen, sagte Robert Wolf. Er
schleppt langsam die alten Freunde der Heimat zu. Was sollen sie tun, wenn wir
so trbe und trnenvoll in all diese Schnheit blicken?
    Die Braut kte den Verlobten:
    Du hast recht, Lieber; es ist Snde gegen dich und Gott, jede gute Stunde
durch nutzlose Klagen zu verfinstern. Du mut recht viel Geduld mit mir haben,
Robert; - o deine Heimat ist so schn! Komm, fhre mich weiter hinein; glaube
mir, seit wir gestern die Berge erreichten, ist mein trichtes Herz schon um
vieles leichter geworden.
    Bald wird es ganz gesunden, du Se, Liebe! rief Robert. Nimm meinen Arm,
einmal fhre ich dich noch recht tief in den Wald, und dann steigen wir hinab in
das Dorf und sehen, was die Freunde daselbst gefunden haben und wie der wackere
Otto fr uns gesorgt hat.
    Sie folgten dem Waldwege noch eine Viertelstunde lang, dann betrat der neue
Herr des Poppenhofes mit seiner Braut einen andern engen Pfad, der wieder weiter
seitwrts abfhrte. Trotzige Felsen ragten mitten im dunkeln Tannenforst.
    Das ist der Kaiserstein, sagte Robert. Von jenem Vorsprung strzte einst
Eva Dornbluth meinen Bruder. Frchtest du dich vor der Wildnis, Herz? O du
solltest den Tannenwald im Sturm, in der Winternacht sehen und hren! Das gibt
ein lustig Sausen, Schwirren, Donnern und Krachen, wenn die Windsbraut mit den
Waldgeistern hier ihre Tnze auffhrt. Hier links, Liebchen - dort hinaus kommt
Sumpf und Moor, das ist der Eulenbruch. Wart nun, gleich fhr ich dich wieder
ins Licht. Wer den Weg nicht kennt und in der Nacht sich hierher verliert, den
knnen die Irrlichter tchtig necken und verlocken. Aber die roten Wlfe vom
Eulenbruch kennen den Weg und frchten die Kobolde nicht.
    Auf den Tannenwald folgte wieder Buchenwald; pltzlich fate Robert die Hand
Helenes fester und zog sie schneller vorwrts, einen kleinen Abhang hinan.
Droben stand er still, als schon die Sonne ber die Berge im Westen
hinabgesunken war; wortlos deutete er auf ein graues, rmliches, niederes
Gebude, welches auf einer kleinen Wiese einsam, fern von allen andern
Menschenwohnungen lag. Nirgends ein lebendes Wesen zu erblicken! Kein Laut
unterbrach die Stille.
    Helene Wienand umschlang den Geliebten fest, und dieser sagte:
    Da ist der Ort! Da sind alle die roten Wlfe, bis auf unsern Fritz und
mich, untergegangen - verdorben, gestorben in Hunger, Jammer und Elend. Am Yuba
liegt nun auch Friedrich Wolf neben Eva Dornbluth; - - mich allein haben die
Sterne errettet, ach und bis ins tiefste Herz hinein fhle ich, wie wenig ich
selbst zu meiner Rettung, meinem Glck beigetragen habe. In tiefster Demut beuge
ich mein Haupt den Sternen; sie haben mir alles erhalten, was Gutes in mir war;
sie haben mir alles gegeben, was ich bedurfte; die hchsten, schnsten Wnsche
haben sie mir erfllt; o Helene, Helene, meine Braut - dort die Htte - und dein
Herz schlgt an dem meinigen - und drunten im Tal die Freunde! - o wie hat der
Letzte der roten Wlfe vom Eulenbruch die Sterne zu preisen!
    Ich will dir ein gutes Weib sein! sagt Helene Wienand ganz leise, und dann
fgte sie hinzu: Sollen wir nun nher dort hingehen; vielleicht ist die Tr
offen?!
    Nein, nein! rief Robert Wolf; ich kann, ich will nicht in jene Tr
treten, ich will auch nicht durchs Fenster sehen. Ach du weit nicht, ahnst
nicht, welches namenlose, grliche Elend jenes morsche Dach verbarg. Die Sterne
haben mich darber emporgehoben - sie haben mich gelehrt, das fremde Elend in
seinen schrecklichsten Schlupfwinkeln aufzusuchen, und so Gott will, will ich
keine Gelegenheit dazu leichtsinnig vorbergehen lassen. Aber die Stelle, wo ich
selbst, wo meine Eltern, meine Brder und Schwestern hlflos lagen, ohne da
sich eine Hand eher nach ihnen ausstreckte, als bis es zu spt war, die Stelle
will und kann ich nicht mehr sehen.
    Helene fate den Freund fester und flsterte:
    Du hast recht - komm, komm! La uns fort, la uns fort zu den Freunden. Es
wird Abend, sieh, da ist auch schon der Abendstern.
    Grad ber dem alten Hause! flsterte Robert ebenso leise wie die Braut.
Wie still und friedlich alles! Wie als wenn hier nie um Hlfe geschrien worden
wre! ber der Htte der Stern - ich will nie mehr an die eine ohne den andern
denken.
    Sie gingen zurck durch den Wald, und Stern auf Stern trat am klaren
Abendhimmel hervor. Auf einem breitern Wege erreichten sie kurz vor dem Dorfe
die Kunststrae. Es war jetzt vollstndig Nacht, eine helle warme Nacht. Bei
jedem Schritte vorwrts stie das heimkehrende Kind von Poppenhagen auf eine
Jugenderinnerung, und auf alles machte Robert die Braut, die er mitbrachte aus
der weiten Welt, aufmerksam. Da rauschte der Brunnen am Eingange des Dorfes noch
grade so wie sonst; wie sonst trieben die Kinder auf der Gnseweide ihre Spiele.
    Es herrschte groe Aufregung in Poppenhagen, die Mnner und Weiber steckten
die Kpfe zusammen; man lief von Tr zu Tr und gestikulierte; es war aber auch
ein Ereignis, die Rckkehr der Ortsleute.
    Die drei Alten, Ulex, Fiebiger und das Freifrulein, waren freilich so
ziemlich vergessen; nur ganz wenige Graukpfe erinnerten sich ihrer. Robert Wolf
vom Eulenbruch aber war noch in jedermanns Gedchtnis, und jetzt - kam der heim
aus der Fremde, so reich, da es nicht auszusagen war. Der Poppenhof gehrte
dem roten Wolf vom Eulenbruch, welchen der Pastor Tanne seliger doch gewi eine
geheime Kunst aus seinen Bchern gelehrt hatte; sonst wre so etwas doch gewi
nicht mglich gewesen!
    Und der volle Mond stieg empor und beleuchtete Berg und Tal, das Dorf, das
aufgeregte Volk, die Kirche und den Kirchhof.
    Auf dem Kirchhof schritt gebckt eine Gestalt unter den Grbern umher und
suchte alte Namen auf eingesunkenen Steinen und morschen Kreuzen. Wo die Hecken
des Kirchhofs, des Pfarrgartens und des Gartens der Schulmeisterei
zusammenstieen unter der hohen Esche, wo einst Eva Dornbluth mit Fritz und
Robert Wolf Zwiesprache gehalten hatte, lehnte jetzt eine ganz junge
Schulmeisterin mit einem Kind auf dem Arm und beobachtete scheu neugierig den
Greis zwischen den Grbern, den Mann aus dem Giebel des Nikolausklosters, den
Sternseher Heinrich Ulex aus Poppenhagen. Auch Robert und Helene erstiegen die
ausgetretenen Stufen, welche auf den Friedhof fhrten. Der Greis trat ihnen
entgegen und seufzte:
    Ich finde meine Grber nicht mehr - nicht eines. Es ist wohl gut so, aber
auch sehr traurig. Ach, ich htte euch doch nicht hierher folgen sollen!
    Er sttzte sich schwer auf den Arm des Schlers und lie sich von ihm fhren
wie ein Vater von seinem Sohne.
    Seine Grber fand Robert Wolf noch und zeigte sie seiner Braut; nur die
Stelle war bereits etwas undeutlich, wo die vier kleinen Srge, die einst im
Laufe einer Woche vom Eulenbruch hergetragen wurden, beigesetzt worden waren.
    Still schritten die drei wieder herab von dem Kirchhof und weiter durch das
Dorf. Unter der groen Linde fanden sie den Polizeischreiber Friedrich Fiebiger
aus Poppenhagen bereits im vollen lebhaften Verkehr mit der Gemeinde. Er nahm
den Personalbestand des Dorfes an Menschen und Vieh auf und verfehlte nicht, den
jungen Gutsherrn und seine Braut dem Kreise der drflichen Notabilitten
vorzustellen. Der Polizeischreiber war ebenso erregt und melancholisch gestimmt
wie die andern, die heute mit ihm gekommen waren; er hielt es aber fr seine
Pflicht, in seiner Weise der Stimmung der andern ein Gegengewicht zu geben.
    Er nahm fr jetzt Abschied von dem neugewonnenen Bekanntenkreise und schlo
sich dem Sternseher und seinen beiden jungen Begleitern an. In ihrer
Gesellschaft berschritt er den Dorfbach, und ein kurzer Weg brachte alle zum
Einfahrtstor des Poppenhofes.
    Hatte sich im Dorfe wenig verndert, so war hier die Umwandlung desto
augenscheinlicher. Alles lag in der schlimmsten Verwahrlosung, alles war
vernachlssigt und verfallen; an dem Unbedeutendsten sah man, da lange Jahre
hindurch das Auge des Herrn gefehlt haben mute. In dem Herrenhause standen die
Gemcher leer; zerschlagene Fenster und zerbrochene Dcher gab es bedeutend mehr
als ganze. Dngerhaufen waren ber den ganzen Hofraum verzettelt, und ein paar
magere Schweine samt einigen Hhnern trieben sich, wie es schien, vollstndig
herrenlos darauf umher. Ein bsartiger Hofhund zerrte laut heulend an seiner
Kette, als habe er die ungeheuerste Verantwortung dafr, da nichts von dem
Schmutz, dem Dnger, den Trmmern abhanden komme. Auer einem kretinartigen
Kinde, welches mit einem andern kleinen hnlichen Geschpf auf dem Rcken vor
den eintretenden Fremden die Flucht nahm, war niemand von den bisherigen
Bewohnern des Gutes zu erblicken.
    In der Mitte des Hofes stand im Mondenschein neben einem alten wunderlichen,
halb verfaulten Pfosten noch eine Gestalt; aber diese gehrte nicht zu den
bisherigen Bewohnern des Herrenhauses. Eine rostige Kette hing von dem hlichen
Pfahl, und das Freifrulein Juliane von Poppen hielt diese Kette gefat. Als die
andern auf sie zukamen, warf sie aber dieselbe von sich, da sie klirrend um den
alten Pfosten schlug.
    Was wollen wir hier, Heinrich? Weshalb sind wir hierher zurckgekommen? Gib
mir deine Hand, Heinrich, deine treue, gute, milde Hand; la uns fortgehen, hier
ist nicht unsere Stelle!
    Das letzte Frulein von Poppen gebrauchte fast dieselben Worte, welche der
Sternseher Heinrich Ulex auf dem Kirchhofe des Dorfes gerufen hatte.
    Sie hatten recht, diese beiden Alten; hier war ihre Heimat nicht mehr. Ihre
Fe waren zu mde geworden von dem langen, weiten, mhsamen Wege durch das
Leben und trugen die Greise nicht mehr in die wilden Verstecke des Winzelwaldes,
wo alle sen Erinnerungen ihrer Jugend schliefen. Auf dem verwahrlosten
Poppenhofe aber gingen nur unheimliche Gespenster aus der vergangenen Zeit um,
und aus dem Schutt der Jahre sprote nicht die kmmerlichste Blume.
    Und doch ist nur eine kurze Zeit vergangen, seit wir Kinder waren,
Juliane! schlo Heinrich Ulex laut eine lange stumme Gedankenreihe.
    Eine kurze und doch lange Zeit, antwortete das Frulein. Das ist eben das
Schreckliche, da sich beides so vermischt: wir stehen hier alt und grau in
einer neuen Zeit, und doch ist es mir, als sei jener Tag, an welchem deine
Mutter hier stand und mein Bruder dich hier mihandelte, erst eben zu Ende
gegangen, als seien jene Sterne dort oben eben jenem Tage gefolgt.
    Auch Heinrich Ulex legte jetzt seine Hand leise auf den Schandpfahl und das
Halseisen; dann aber blickte er mit feucht glnzenden Augen empor zu den
himmlischen Lichtern und sprach:
    Es sind dieselben Sterne, welche jenem Tage zu Grabe leuchteten. Sie
lcheln heute, wie sie damals lchelten; sie wuten, da es damals nicht anders
sein konnte; sie wissen, da heute alles gut ist, wie es ist.
    Der Polizeischreiber Fiebiger war seit einigen Augenblicken aus dem Kreise
der andern verschwunden; jetzt kam er zurck, begleitet von dem Rechtsanwalt aus
Lffelhofen, Otto Krokisius, welcher letztere jetzt erst den Freund und dessen
Braut begrte. Der Schreiber trug eine Axt und der Advokat eine Erdhacke.
    Greif zu, Arzt und praktischer Philosoph! rief Fritz Fiebiger aus
Poppenhagen, seinem Pflegesohn das Beil in die Hand drckend. Ans Werk, Otto
Krokisius, praktischer Philosoph und beider Rechte Beflissener. Nieder mit dem
Dinge! Herunter damit!
    Wohl gesprochen, Polizei! Steigt Ihnen nachher ein Ganzer! rief lachend
der verlorene Sohn des Konsistorialrats Krokisius. Wenn Ihr's erlaubt, so
wird's an uns nicht liegen, wenn dieses angenehme antediluvianische Institut
noch lnger sich eines aufrechten Daseins freut. Wenn es nicht unkindlich wre,
so wnschte ich, da smtliche Exemplare von meines Herrn Papas smtlichen
Werken dranhingen.
    Der neue Herr des Gutes arbeitete mit einer wahren fieberhaften Hast an der
Zertrmmerung des Pfahls, und bald strzte derselbe zu Boden.
    Hier wollen wir einen Brunnen graben, roter Wolf, sagte Fiebiger.
Hoffentlich wird ein gutes, klares und heilsames Wasser aufspringen. -
    Otto Krokisius hatte sein mglichstes getan, einige Zimmer des Schlosses
bewohnbar zu machen. Als die Alten und Helene sich dahin zurckgezogen hatten,
sa er mit dem Universittsfreunde noch eine geraume Zeit zusammen, und sie
besprachen Nahes und Fernes.
    So hast du nun deinen Willen und das alte Rubernest auf dem Nacken, sagte
der Jurist. Du hast viel Geld, vielleicht zu viel in den Kauf gesteckt. Du bist
Arzt, aber die Mutter Erde ist eine gesunde robuste Person, hat den Doktor
selten ntig und begngt sich mit der Hebamme.
    Darber sorge ich nicht. Ich kenne die Wirtschaft hier im Walde; bis zum
achtzehnten Jahre habe ich hier am Ort selbst ttig mit eingegriffen und wei so
ziemlich Bescheid und werde das Fehlende leicht ergnzen; auch bin ich fr die
ersten schwierigsten Jahre noch anderweitig gerstet.
    Otto Krokisius kratzte sich hinter dem Ohr. Du bist ein Glckspilz, und ich
glaube wahrhaftig, das wird sich auch hier wieder zeigen. Ich habe in meinem
Leben nur einen Schatz gefunden und gehoben - meine Frau. Wann willst du
heiraten?
    Wenn die Bauern Hochzeit machen, im Herbst.
    Deine Antworten kommen Schlag auf Schlag; das ist gut. Du hast auch darin,
seit wir uns auf jenem Hgel trennten, Fortschritte gemacht. Alter Junge, alles
in allem genommen, freue ich mich unendlich, da du hier sitzest und sitzen
bleiben willst. Wir wollen hier zusammenhalten in guter und bser Zeit, und
unsere Weiber sollen Rosen um das eherne Band winden.
    So soll es sein! sagte Robert Wolf vom Eulenbruch. - - -
    Es gestaltete sich alles so gut, wie der Mensch eben hienieden unter den
Sternen verlangen kann. Trefflich gedeiht Robert mit seiner Frau und seinen
Kindern auf dem Poppenhofe. Noch leben die drei alten Freunde in der groen
Stadt; aber Fritz Fiebiger allein vermag es ber sich, einen Teil des Jahres im
Winzelwalde zu verleben. Von seinem Dreibein im Zentralpolizeihause - Bro
Nummer dreizehn - ist er heruntergestiegen; ein anderer, aber jedenfalls kein
Besserer, fhrt die traurigen Folianten. Aus seiner alten Hhle in der
Musikantengasse will aber auch er nicht weichen, obgleich Helene Wolf die
lngliche Stube gar nicht hbsch findet. Die Kinder mssen zur Stadt kommen,
wenn sie den Sternseher und das Freifrulein sehen wollen, und sie wollen es
oft. Heiter und friedlich geht den drei Alten aus dem Walde die Sonne unter, und
durch den roten Glanz blicken immer deutlicher, klarer die hohen Sterne der
Ewigkeit. Konrad von Faber ist auf seinen Siebenmeilenstiefeln neulich durch den
Winzelwald geschritten und hat einen Brief von Ludwig Tellering auf dem
Poppenhofe abgegeben. Ludwig ist ein angesehener, selbstbewuter Brger des
Staats Kalifornien, wie das nicht anders sein konnte. Verschollen ist Julius
Schminkert; aber es ist leicht mglich, da er irgendwo wieder auftaucht. Von
der schnen Angelika wollen wir lieber schweigen, ihr Lebenslauf geht allzusehr
in die Tiefe. Wenn jemand den eigenen Tod notieren und mit anmutigen Randglossen
versehen knnte, so htte es Frulein Aurora Pogge gewi getan; sie verschied
jedoch, ohne dieses uerste Problem der Kunst, ein Tagebuch zu fhren, gelst
zu haben. Der einstige wrdige Vizeprsident des Jockeiklubs, Herr von
Brenbinder, soll einer Zeitungskorrespondenz zufolge vor einigen Wochen mit
Frau und Schwiegermutter in Rom zum Katholizismus bergetreten sein. Wir halten
das fr unwahrscheinlich, sind jedoch nicht berechtigt, es fr unmglich zu
halten. Der Partikulier Schwebemeier begnnert die darstellende Kunst nicht
mehr; in den Bewegungsjahren war er eifriger Brgerwehrmann und nahm sogar eine
Verhaftung vor. An der Spitze seiner Rotte arretierte er hchst
unmotivierterweise den Partikulier Museler, welcher fr seine
generalmarschkranke Haushlterin den Doktor holen wollte. Der Polizeirat Trster
hat sich pensionieren lassen und spielt jeden Abend Whist; der Sanittsrat
Pfingsten wird seine groe Praxis noch lange nicht abgeben und spielt ebenfalls
jeden Abend Whist.
    Die Sterne wandeln ihren Weg und achten auf alle Menschen. Wenige der
Erdgeborenen kmmern sich darum. Ein Messer wetzet das andere und ein Mensch den
andern; die Sterne aber bringen Messer und Menschen zusammen. Nach den Sternen
zu sehen, wenn die Kmpfer aufeinanderdringen und die Klingen
aneinanderschlagen, ist gut und ntzlich und ein Zeichen nicht gemeinen Geistes,
das lehren -

                            Die Leute aus dem Walde.
