
                             Spielhagen, Friedrich

                    Problematische Naturen. Erste Abtheilung

                       www.digitale-bibliothek.de/ebooks

&nbsp;
Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125: Deutsche Literatur von Luther
bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur
fr den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt.
Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der
Daten.


                              Friedrich Spielhagen

                             Problematische Naturen

                                Erste Abtheilung

                                 Erstes Capitel

Es war an einem warmen Juniabend des Jahres 184, als ein mit zwei schwerflligen
Braunen bespannter Stuhlwagen mhsam in dem tiefen Sandwege eines Tannenforstes
dahinfuhr.
    Wird dieser Wald denn nie ein Ende nehmen! rief der junge Mann, der allein
in dem Hintersitze des Fuhrwerks sa, und richtete sich ungeduldig in die Hhe.
    Der schweigsame Kutscher vor ihm klatschte statt aller Antwort mit der
Peitsche. Die schwerflligen Braunen machten einen verzweifelten Versuch, in
Trab zu fallen, standen aber alsbald von einem Vorsatze ab, den ihr Temperament
und der tiefe Sand so wenig begnstigten. Der junge Mann legte sich mit einem
Seufzer in seine Ecke zurck und fing wieder an, auf die einfrmige Musik des
mhsam gleisenden Fuhrwerks zu horchen, und lie wieder die dunklen Stmme der
Tannen an sich vorbergleiten, auf die hier und da ein Streifen von dem Licht
des Mondes fiel, der so eben ber den Forst heraufstieg. Er begann von neuem,
sich den Empfang, der seiner auf dem Schlosse harrte, und die so neue Situation,
in die er treten sollte, auszumalen; aber die berdies verschwommenen Bilder
einer unbekannten Zukunft wurden dunkler und dunkler; die schlummermden Augen
schlossen sich, und der erste Ton, den sein Ohr wieder vernahm, war der dumpfe
Hufschlag der Pferde auf einer hlzernen Brcke, die zu einem mchtigen
steinernen Thorweg fhrte. Endlich, rief der junge Mann, sich emporrichtend und
neugierig um sich schauend, als der Wagen rascher durch eine dunkle Allee
riesiger Bume fuhr auf einem mit Kies bestreuten offenen Platze einen halben
Bogen machte und jetzt vor dem Portale des Schlosses hielt, auf dessen dunklen
Fenstern die Mondstrahlen glitzerten.
    Der schweigsame Kutscher klatschte zum Zeichen der Ankunft mit der Peitsche.
Die einzige Antwort war der helle Ton einer Glocke in der Nhe, die langsam elf
Uhr schlug. Als der letzte Ton verklungen war, that sich die Hausthr auf, ein
Diener trat heraus an den Wagen und hinter ihm wurde die Gestalt eines alten
Herrn sichtbar, dessen runzliges Gesicht von dem Schein der Kerze, die er mit
der einen Hand gegen den Luftzug zu schtzen suchte, hell beleuchtet wurde.
    Der junge Mann sprang rasch aus dem Wagen auf den alten Herrn zu, der ihm
die Rechte entgegenstreckte und mit einer Stimme, deren Freundlichkeit das
Zittern des Alters und ein etwas auslndischer Accent nicht verhllten, sagte:
    Seien der Herr Doctor bestens willkommen! Der junge Mann erwiderte herzlich
den Druck der dargebotenen welken Hand: Ich komme zwar etwas spt, Herr Baron,
sagte er, aber -
    Das thut nichts, das thut nichts, unterbrach ihn der alte Herr. Frau von
Grenwitz ist noch auf. Johann, tragen Sie die Sachen auf das Zimmer des Herrn
Doctor! Wollen Sie hier eintreten!
    Oswald hatte auf dem mit Steinfliesen ausgelegten Vorsaal seinen Anzug
flchtig geordnet und folgte jetzt dem Baron in ein hohes, schnes Zimmer.
    Als er eintrat, erhoben sich zwei Damen, die an dem Tisch vor dem Sopha, wie
es schien, mit Lesen beschftigt gewesen waren.
    Meine Frau, sagte der Baron, Oswald der lteren von den beiden Damen
vorstellend, einer hohen, schlanken Frau von etwa vierzig Jahren, die dem
Ankmmling ein paar Schritte entgegengegangen war und jetzt mit einiger
Frmlichkeit seine Begrung erwiderte, und dann verbeugte er sich auch vor der
jngeren, einer zierlichen kleinen Gestalt mit einem etwas scharfen, echt
franzsischen, von langen Locken eingerahmten Gesicht, da er in dem Umstande,
da sie ihm nicht besonders vorgestellt wurde, keinen zwingenden Grund sah,
diese Hflichkeit zu unterlassen.
    Sie kommen spt, Herr Doctor Stein, sagte die Baronin mit einer tiefen,
wohllautenden Stimme, die mit dem kalten Licht ihrer groen grauen Augen nicht
ganz harmonirte.
    So frh, gndige Frau, antwortete der junge Mann heiter, als es der widrige
Wind, der heute Morgen das Fhrboot um mehrere Stunden aufhielt, und der
Kutscher des Herrn Baron, dessen Geduld zu bewundern ich unterwegs reichlich
Gelegenheit hatte, erlaubten.
    Geduld ist eine schne Tugend, sagte die Baronin, nachdem sie ihren Platz
auf dem Sopha wieder eingenommen und die Uebrigen sich auf Sthlen um den Tisch
gereiht hatten; eine Tugend, die Sie vor Allen schtzen mssen, da Sie dieselbe
in Ihrem Berufe so nthig haben. Ich frchte, die beiden Knaben werden Ihnen nur
zu oft Veranlassung geben, diese Tugend im vollsten Umfange zu ben.
    Ich verspreche mir alles Gute von meinen zuknftigen Zglingen und bin zum
voraus berzeugt, da die Probe, auf die sie meine Geduld stellen werden, keine
Feuerprobe sein wird.
    Ich will es wnschen, sagte die Baronin, eine Arbeit, die sie beim Eintritt
des jungen Mannes aus der Hand gelegt hatte, wieder ergreifend; indessen werden
Sie die Knaben gerade jetzt etwas verwildert finden, da sich Ihre Ankunft leider
um einige Tage verzgert hat, und Ihr Vorgnger uns nicht den Gefallen thun
konnte - oder wollte, seine Abreise so lange aufzuschieben.
    Es hiee gering von der guten Natur der Knaben denken, erwiderte Oswald, und
nicht besonders gro von dem Erziehertalente des Herrn Bauer, das mir sehr
gerhmt wurde, wenn ich wirklich frchtete, sein Einflu auf dieselben sollte
ihn nicht einmal eine Woche berlebt haben.
    Nun, Herr Bauer hatte seine Tugenden und auch seine Schwchen, sagte die
Baronin, die Stiche auf ihrer Arbeit zhlend.
    Das ist so Menschenloos, gndige Frau, erwiderte Oswald.
    Will der Herr Doctor nicht eine Erfrischung zu sich nehmen, liebe
Anna-Maria? sagte hier der alte Herr; Oswald konnte nicht unterscheiden, ob aus
gastfreundlicher Frsorge, oder um dem Gesprch, das, er wute selbst nicht wie,
einen etwas lebhaften Charakter angenommen hatte, eine andere Wendung zu geben.
    Ich danke, sagte Oswald trocken.
    Sie haben, fuhr die Baronin, ohne diese Unterbrechung zu beobachten, fort,
wenn ich den Professor Berger, der uns an Sie wies, recht verstanden habe, sich
bis jetzt noch nicht mit Unterrichten und Erziehen beschftigt, Herr Doctor?
    Nein.
    Sie werden mich auerordentlich verbinden, wenn Sie mir gelegentlich Ihre
Grundstze in dieser Beziehung ausfhrlicher darlegen wollten. Ich bin zum
voraus berzeugt, da wir in den Hauptpunkten einerlei Meinung sein werden. Auf
einige Differenzen in den Nebensachen mssen wir uns wohl Beide gefat machen.
Ich werde Ihnen meine etwaigen Wnsche und Ansichten stets unverhohlen uern
und bitte Sie, gegen mich dieselbe Rcksichtslosigkeit zu beobachten. Was den
Umfang der Kenntnisse der Knaben anbelangt, so werden Sie sich darber bald
selbst ein Urtheil bilden. Auch Ihrem Urtheil ber den Charakter der Kinder
wnsche ich nicht vorzugreifen; nur das glaube ich Ihnen sagen zu mssen, da
Sie in Malte, unserm Sohn, einen etwas verzogenen Knaben, und in Bruno - Sie
wissen, da Bruno von Lwen ein entfernter Verwandter meines Mannes ist, den wir
nach dem Tode seiner Eltern zu uns genommen haben - einen Knaben finden werden,
der eben gar nicht erzogen und in Folge dessen auch zum Theil sehr ungezogen
ist.
    Liebe Anna-Maria, sagte der alte Herr.
    Ich wei, was Du sagen willst, lieber Grenwitz, unterbrach ihn die Baronin,
Bruno ist nun einmal Dein erklrter Liebling, und unsere Ansichten ber ihn
werden wohl noch lange verschieden bleiben. Uebrigens magst Du auch wohl Recht
haben, wenn Du behauptest, da ich ihn nicht zu beurtheilen vermag, was brigens
weniger meine, als des Knaben Schuld ist, dessen dsteres verschlossenes Wesen
alle Annherung von unserer, wollte sagen, von meiner Seite beharrlich
zurckweist.
    Aber, liebe Anna-Maria, -
    Nun, la es gut sein, lieber Grenwitz, wir wollen Herrn Doctor Stein nicht
gleich an dem ersten Abend, den er unter unserm Dache ist, das Schauspiel der
Uneinigkeit zweier Ehegatten geben. Ueberdies wird Herr Doctor Stein der Ruhe
bedrfen. Mademoiselle, wollen Sie die Gte haben, zu klingeln.
    Diese letzten Worte wurden in franzsischer Sprache an die junge Dame
gerichtet, welche whrend dieser ganzen Unterredung unbeweglich, ohne auch nur
die Augen nach dem Ankmmling aufzuschlagen, das Buch, aus dem sie vorgelesen
haben mochte, noch immer in der Hand haltend, an dem Tische gesessen hatte.
Jetzt erhob sie sich und schritt nach der Thr, neben der sich der Klingelzug
befand. Oswald kam ihr mit einem: Erlauben Sie, mein Frulein, zuvor. Das
Mdchen sah ihn aus groen braunen Augen mit einem halb verwunderten und halb
erschrockenen Blick an, der deutlich genug verrieth, wie wenig sie an
dergleichen Aufmerksamkeit gewhnt war, und ging dann, die langen Wimpern
schnell wieder senkend, zu ihrem Platz am Tische zurck.
    Ein Diener trat ein und erhielt den Auftrag, Oswald nach dem fr ihn
bestimmten Zimmer zu bringen.
    Ich hoffe, da Sie vorlufig Alles nach Wunsch finden werden, sagte die
Baronin, als Oswald sich mit einer stummen Verbeugung verabschiedete; wenn Eines
oder das Andere vergessen, oder weniger nach Ihrem Geschmacke sein sollte, so
haben Sie ja die Gte, dies auszusprechen; ich wnsche dringend in unserm
eigenen Interesse, da Sie sich in unserm Hause behaglich fhlen.
    Oswald verbeugte sich noch einmal und folgte dem Diener aus dem Gemache.
    Dieser fhrte ihn ber den Hausflur, an dessen Wnden Oswald flchtig im
Schein der Kerze dunkle Portraits von alterthmlich gekleideten Herren und Damen
in Lebensgre bemerkte, eine steinerne Wendeltreppe hinauf, durch lange
Corridore in eine Flucht von kleinen Zimmern und endlich in ein greres Gemach.
    Dies ist das Zimmer des Herrn Doctor, sagte der Mann, die beiden Kerzen, die
auf dem mit einem grnen Teppich bedeckten groen runden Tisch in der Mitte des
Gemaches standen, anzndend. Die Thr dort fhrt in das Schlafgemach des Herrn
Doctor.
    Und wo schlafen die Knaben? fragte Oswald.
    Der Herr Doctor gelangen aus Ihrem Schlafgemach in das der Herren Junker.
Haben der Herr Doctor sonst noch etwas zu befehlen?
    Nein, ich danke.
    Ich wnsche dem Herrn Doctor eine wohlschlafende Nacht.
    Gute Nacht.
    Oswald war allein. Er war, eine Hand auf den Tisch gesttzt, nachdenklich
stehen geblieben und hrte mechanisch zu, wie die Schritte des Dieners allmlig
auf dem Corridor verhallten. Jetzt ergriff er eine der beiden Kerzen, ging durch
sein Schlafgemach nach der Thr, von der ihm der Diener gesagt, da sie in das
Gemach der Knaben fhre, ffnete sie behutsam und trat, das Licht mit der Hand
schirmend, leise ein.
    Die Betten der Knaben standen dicht neben einander. Vor dem einen Bette lag
ein Teppich, vor dem andern nicht. Ueber dem Bette ohne Teppich hing an der Wand
eine kleine silberne, ber dem mit dem Teppich eine noch kleinere goldene Uhr.
In dem Bette unter der goldenen Uhr lag ein Knabe von vielleicht vierzehn
Jahren, mit blondem, schlichtem Haar und einem schmalen, feinen Gesicht, das in
diesem Augenblick durch den halb geffneten Mund etwas Albernes hatte; in dem
Bette unter der silbernen Uhr ein Knabe, der wohl nur ein Jahr lter sein
mochte, als der erste, aber mindestens um drei Jahre lter aussah und berhaupt
mit jenem den sonderbarsten Contrast bildete. Whrend die Arme Jenes schlaff auf
der Decke lagen, hatte Dieser die seinen ber der Brust verschrnkt. Der fest
geschlossene Mund, und die in diesem Augenblick, wo ihn ein Traumbild
herausfordern mochte, leise zusammengezogenen dunklen Brauen, gaben dem blassen
Gesicht mit den unregelmigen, aber nicht unschnen Zgen einen Ausdruck von
finsterem Trotz und Stolz, der einem gefangenen Knigssohn wohl angestanden
haben wrde.
    Armer Knabe, sagte Oswald bei sich, als er mit unendlichem Interesse in das
rthselhafte junge Antlitz sah, Dir hat der Lenz des Lebens auch schon Thrnen
gebracht, wenn Du berhaupt von einem Lenze sprechen kannst.
    Er fhlte sich seltsam ergriffen, er wute selbst kaum wehalb; aber er
beugte sich ber den Schlummernden und kte ihn auf die Stirn. Da regte sich
der Knabe im Schlaf, die Arme lsten sich, er schlug die groen, tiefblauen
Augen auf und sah durch die Nebel des Traumes zu Oswald empor. Und da zuckte es
wie ein sonniger Strahl ber sein Gesicht; alles Dstre war verschwunden und ein
warmes, hinreiend freundliches Lcheln spielte in den lebensvollen Zgen.
    Ich habe Dich lieb, sagte der Knabe.
    Und ich Dich, antwortete Oswald.
    Da wandte sich Bruno auf die Seite und Oswald hrte an den tiefen,
regelmigen Athemzgen, da er wieder fest entschlafen sei. Hat er Dich
wirklich gesehen, oder bist Du ihm nur als Traumbild erschienen? fragte sich der
junge Mann, als er, voll von dem Eindruck dieser kleinen Scene, in sein Zimmer
zurckschritt. Er stellte das Licht wieder auf den Tisch, trat an's Fenster,
ffnete es und lehnte sich hinaus.
    Der Himmel hatte sich mit Wolkendunst bedeckt, durch den der volle Mond, der
schon tief am Himmel stand, nur als dunkelrothe Feuerkugel schien. Im Osten
wetterleuchtete es. Die Luft war schwl und drckend. In dem Schlogarten tief
unter dem Fenster schimmerten die weien Blthenbume. Tiefer finsterer Schatten
lag auf den Buchen und Eichen, die von dem hohen Wall, der den Garten umgab,
riesig in den Himmel wuchsen. Nachtigallen schlugen in vollen langgezogenen
Tnen; ein Brunnen pltscherte leise, wie im Schlaf.
    Oswald fhlte sich seltsam bewegt. Seine Vergangenheit ging in dmmernden
Bildern an seinem Geiste vorber, wie die Wolkenschleier an dem Monde
vorberwallten; Ahnungen der Zukunft zuckten dazwischen, wie das Wetterleuchten
gegen Aufgang. Da rauschte es lauter in den Bumen, die helle Glocke, die ihn
bei seiner Ankunft begrt hatte, schlug langsam zwlf.
    Er fuhr empor. Du wolltest dir ja das Trumen abgewhnen, sprach er lchelnd
zu sich selbst. So schlafe denn, da du, ohne zu trumen, nicht mehr wachen
kannst.

                                Zweites Capitel


Oswald war jetzt eine Woche auf Schlo Grenwitz, und die Woche war ihm vergangen
wie ein Tag. Es lag in seiner Natur, alles Neue mit Leidenschaft zu ergreifen,
selbst das Alltgliche, so lange es neu war, und hier hatte er Neues vollauf:
eine neue Situation, neue Umgebung, neue Menschen. Das Alles versetzte ihn, wie
es bei sanguinischen Temperamenten zu geschehen pflegt, auf eine Zeit lang in
die heiterste Stimmung, in welcher es ihm ein Leichtes war, Dinge und Menschen,
und Alles und Jedes, womit er in Berhrung kam, selbst die Baronin mit ihren
strengen, kalten Zgen, selbst den schweigsamen Kutscher, gegen den er gleich am
ersten Abend einen Ha gefat hatte, selbst den kriechenden, zuthulichen
Bedienten mit seinem ewigen: Befehlen der Herr Doctor - ganz liebenswrdig, zum
mindesten interessant zu finden. Von dieser heiteren, versnlichen Stimmung
gaben auch die Briefe Zeugni, die er um diese Zeit an seine Freunde schrieb: Da
wre ich denn nun, heit es in dem einen, auf dieser neuen Station meines
wunderlichen Lebens angelangt, und wahrlich, ich glaube es hier, bis Schwager
Kronos die Pferde gewechselt hat und wieder in sein ewiges Horn stt, trotz
meiner so oft von Ihnen gescholtenen Ungeduld, wohl aushalten zu knnen. Ja,
wenn ich nicht frchten mte, durch voreiligen Enthusiasmus ihren Spott
herauszufordern, so htte ich nicht bel Lust, dem guten Stern, der mich hierher
gefhrt, ein Danklied zu singen. Ich bin durchaus in der dazu nthigen Stimmung.
Ich habe in diesen Tagen schon so viel Wald-und Seeluft geathmet, da mein
armes, vom Staube nichtsnutziger Folianten betubtes Gehirn schier trunken ist.
Wahrlich, wenn die Menschen dieses paradiesischen Aufenthaltes nicht ganz
unwrdig sind, so ffnet sich mir fr die nchsten Jahre eine schne Zukunft.
    Verzeihen Sie mir, mein Freund, da ich zu dem groen Schritte, der mich
hierher gefhrt, nicht Ihre specielle Erlaubni eingeholt habe, wie Sie nach dem
blinden Gehorsam, mit dem ich Ihrer hheren Einsicht bis jetzt immer gefolgt
bin, wohl erwarten konnten. Ich war einmal entschlossen, ihn zu thun. Sie, das
wute ich, wrden mir Ihre Einwilligung versagen; so wollte ich denn Ihren
geharnischten Grnden ein eben so geharnischtes fait accompli entgegenstellen,
und Ihrem guten Rath das uralte Vorrecht, zu spt zu kommen, nicht rauben.
Ueberdies kam mir die Sache so pltzlich, und ich mute meinen Entschlu so
schnell fassen, da ich eben nur Zeit hatte, Ihnen denselben mit wenigen Worten
anzukndigen; und endlich ist es auch der Professor Berger, der die ganze Schuld
trgt, wenn berhaupt von Schuld die Rede sein kann, und auf dessen Schultern
ich hiermit feierlich alle Verantwortung wlze.
    Wir haben uns, seitdem wir uns vor nun fast einem Jahre in der Residenz
trennten; sehr selten und immer nur sehr flchtig geschrieben. So werde ich auch
wohl des Professors Berger kaum ein paar Mal Erwhnung gethan haben, und es ist
daher die hchste Zeit, da ich Sie mit diesem originellen Manne endlich bekannt
mache, der in meiner jngsten Vergangenheit eine so groe Rolle gespielt hat,
und dem ich es einzig und allein zu verdanken habe, da ich in der Haupt- und
Staatsaction der Tragi-Komdie - Examen genannt - keine klglichere Rolle
spielte.
    Als ich damals von B. nach Grnwald zog, in der vagen Hoffnung, ich werde in
dieser stillen Musenstadt, in der, wie ich mir hatte sagen lassen, das Gras in
idyllischer Ruhe auf den Straen wachse, die nthige Sammlung finden, an der es
mir in den literarischen Cirkeln, sthetischen Thees und singenden Butterbroden
der Residenz so gnzlich gebrach, erschien mir unter den frchterlichen Mnnern,
die mich selig machen oder verdammen konnten, Professor Berger bald als der
frchterlichste. Ich hrte von den paar Commilitonen, deren dreimal bedenkliche
Bekanntschaft zu machen ich nicht umhin konnte, wahrhaft unheimliche Dinge von
seiner erstaunlichen Gelehrsamkeit und allerlei Beunruhigendes ber sein
excentrisches Wesen, seine tolle Launenhaftigkeit und seinen groen Einflu auf
die brigen Mitglieder der Prfungscommission, denen er durch sein Wissen, mehr
aber noch durch seinen Witz, mit dessen beiender Lauge er Jeden ohne Ansehen
der Person berschttete, grndlich imponirte. Leibhaftig hatte ich den
Entsetzlichen noch nicht gesehen. Er hatte einen seiner hypochondrischen
Anflle, in welchen er sich, wie man mir sagte, bei Tage in seine Stube
einschlsse und des Nachts in den Wldern der Nachbarschaft umherschweife.
    Da werde ich eines Tages von einer reichen Familie, an die ich empfohlen
war, zu Mittag geladen. Die Gesellschaft war sehr zahlreich, ich fhrte eine der
jungen Damen vom Hause zu Tisch, ein hbsches blondes Mdchen, dessen Munterkeit
mich whrend des Anfangs der Mahlzeit hinreichend fesselte. Als aber die
gewhnlichen Themata, die man mit jungen Damen, die seit einem Jahre aus der
Schule sind, abzuhandeln pflegt, durchgesprochen waren, wurde ich auf einen
Herrn aufmerksam, der mir gegenber sa. Es war ein untersetzter, schon
ltlicher Mann, mit einer massiven, wie aus Granit gahauenen Stirn, unter der
ein paar kluge Augen hervorblitzten. Die etwas vollen Wangen verkndeten eine
Neigung zum Wohlleben, die sich denn auch in dem Eifer, mit welchem der Mann den
guten Gaben der Ceres und des Bacchus zusprach, deutlich genug zu erkennen gab.
Die Zge um den festen, schnen Mund waren geradezu rthselhaft: Sinnlichkeit,
Witz, Schalkheit und Melancholie - Dmonen und Genien - schienen dort zu
spielen.
    Das Gesprch wurde an diesem Theile der Tafel bald ein allgemeines, und ich
konnte mich, ohne aufdringlich zu erscheinen, hineinmischen. Man sprach ber
Kunst, Literatur, Politik. Ueberall schien der merkwrdige Mann zu Hause,
berall berraschte er uns durch die geistvollsten Aperus, durch blendende
Antithesen und wunderliche Paradoxen. Ja, er schien seine Freude daran zu haben,
wenn er so ein Trpfchen Fegefeuer hineingesprengt hatte und die hllischen
Flmmchen die guten Leute auf der Nase kitzelten. So stellte er denn auch
gelegentlich die Behauptung auf, da Revolutionen der Menschheit nie etwas
gentzt htten, nie und nimmer etwas ntzen wrden. Sie kennen meine Ansicht
ber diesen Punkt, der oft der Gegenstand unserer Gesprche war. Ich nahm den
Fehdehandschuh auf; ich wurde warm bei meinem Lieblingsthema, um so wrmer, als
der Mann mir gegenber mich durch Kreuz- und Quersprnge irrlichtergleich zu
verwirren suchte. Ich verga Alles um mich her, ich wurde pathetisch, satyrisch
- ich fhlte, da ich gut sprach, wenigstens in meinem Leben nicht besser
gesprochen hatte. Der Mann hatte zuletzt das Gefecht, das, wie ich spter zu
meiner Beschmung erfuhr, das lustigste Scheingefecht von der Welt fr ihn war,
aufgegeben und hrte mir, den groen Kopf ein wenig auf die rechte Schulter
geneigt und mich unter den buschigen Brauen mit seinen groen klugen Augen
anlchelnd und dabei ein Glas Hochheimer nach dem andern schlrfend, behaglich
zu. Bald darauf wurde die Tafel aufgehoben. Als ich meine Dame in das Theezimmer
fhrte, fragte ich sie: Und wer war denn der Herr, mit dem ich mich in ein, fr
Sie ohne Zweifel, sehr langweiliges Gesprch verwickeln lie?
    Wie, Sie kennen Professor Berger nicht? antwortete mir die Kleine
verwundert.
    Das war Professor Berger?
    Nun freilich, soll ich Sie ihm vorstellen?
    Um Himmelswillen nicht, rief ich mit wahrhaftem Entsetzen; o ich Kind des
Unglcks!
    Was ist Ihnen? fragte die hbsche Blondine, was haben Sie?
    Ich aber hatte schon ihren Arm aus dem meinen gleiten lassen und suchte das
entfernteste Zimmer. Dort warf ich mich in einer einsamen Ecke auf einen
niedrigen Divan, um ber das Unglck, das ich angerichtet hatte, melancholische
Betrachtungen anzustellen. Ich hatte mich also, whrend ich mit einem
gutmthigen Pudel zu spielen glaubte, mit einem grimmigen Bren gerauft! Dieser
Mann war mir als eben so tckisch geschildert, wie er gelehrt und witzig war.
Wrde er sich meiner Sarkasmen und Ausflle nicht in jener schlimmen Stunde
erinnern, wo ich hlflos auf dem Secirtisch des Examinationssaales vor ihm lag?
Es war ein verzweifelter Fall.
    Da hebe ich vor einem Gerusche neben mir den Kopf, den ich nachdenklich in
die Hand gesttzt hatte; - vor mir steht der Professor Berger. Ich fahre von
meinem Sitze auf.
    Erlauben Sie, da ich mich zu Ihnen setze, sagt der seltsame Mann, indem er
auf dem Divan Platz nimmt und mich an seine Seite winkt. Sie gefallen mir und
ich wnsche, Ihre nhere Bekanntschaft zu machen. Ich bin der Professor Berger;
mit wem habe ich die Ehre?
    Mein Name ist Stein.
    Sie studiren, oder vielmehr, was haben Sie studirt?
    Ich wollte, Herr Professor, ich knnte auf diese Frage einfach Philologie
antworten, da dies aber eine grobe Unwahrheit wre, so kann ich nur sagen: ich
wnsche, ich htte Philologie studirt.
    Wie so?
    Weil mir alsdann die Ehre Ihrer nheren Bekanntschaft weniger bedenklich
erscheinen mchte.
    Ein Lcheln spielte um den Mund des Professors die Wange hinauf und verlor
sich im Winkel des rechten Auges.
    Sie stehen vor dem Examen?
    Ja, wie - Sie kennen ja das Sprchwort, Herr Professor.
    Das Lcheln zuckte vom Auge wieder herunter zum Munde.
    Und da erschrecken Sie vor mir wie Hamlet vor seines Vaters Geist?
    Wenigstens erscheinen Sie mir in sehr fragwrdiger Gestalt.
    Nun wohl, da sehen Sie selbst, da wir eben dehalb nher mit einander
bekannt werden mssen. Wollen Sie morgen Abend, oder wenn Sie sonst Zeit und
Lust haben, ein Glas Theepunsch mit mir trinken?
    Ich sagte natrlich nicht nein.
    Und dies war der Anfang meiner Bekanntschaft, ja, ich darf wohl sagen
Freundschaft mit diesem auerordentlichen Manne. Wir sind von dieser Zeit an, so
lange ich in Grnwald war, tglich zusammen gekommen, und ich schlage die
praktischen Vortheile, die fr mich aus dem Verkehr mit dem Gelehrten sich
ergaben, lange nicht so hoch an, als die tiefen Blicke, die ich in dem
vertraulichen Umgange mit dem Menschen in einen der rthselhaftesten Charaktere
thun durfte, die mir vorgekommen sind. Es mu, frchte ich, eine
Wahlverwandtschaft zwischen seinem und meinem Wesen existiren oder wir htten
uns nicht so schnell finden, so rckhaltslos gegen einander aussprechen, so auf
Wort und Wink verstehen knnen. Ich frchte, sage ich; denn Berger ist ein sehr
unglcklicher Mann. Die Lichter seines glnzenden Humors spielen auf einem
gewitterschweren Hintergrunde. Er steht allein in der Welt, verkannt von Allen,
gefrchtet von den Meisten, geliebt von Niemand. Warum dem so ist, darber
knnte ich mich selbst Ihnen gegenber nicht auslassen, denn jede Freundschaft
ist ein Tempel, zu dem einem Dritten der Zutritt versagt bleiben mu. Aber ich
schaudere, so oft ich das Dunkel heraufbeschwre, das ber ihn hereinbrechen
mu, wenn einst das Alter die strahlende Fackel seines Genius, die jetzt einzig
und allein die schauerliche Oede seiner Seele erhellt, dstrer und dstrer
brennen macht. Vielleicht - wer wei es? - mag das auch ein Glck fr ihn sein.
Vielleicht mag dann das Wort, das er jetzt oft halb im grimmen Spotte und halb
voll wehmthigen Glaubens im Munde fhrt, das alte Wort: Selig sind die
Einfltigen, an ihm zur Wahrheit werden.
    Der vertraute Umgang mit dem gelehrten Manne hatte mich in den Augen aller
Andern in einen Nimbus gehllt, in welchem ich, wie die homerischen Helden die
Gefahren der Schlacht, die Schrecknisse des Examens ungefhrdet durchwandeln
konnte. Am Morgen des entscheidenden Tages sagte Berger zu mir: Wissen Sie,
lieber Oswald, da ich groe Lust habe, Sie durchfallen zu lassen!
    Warum?
    Weil ich Sie zu verlieren frchte: doppelt zu verlieren. Du lieber Himmel,
welche Wandlungen knnen nicht mit einem Menschen vorgehen, dem man den
Grovaterstuhl eines Amtes giebt und die Schlafmtze einer Wrde aufsetzt!
Vielleicht kommen auch Sie noch dahin, den Horaz fr einen groen Dichter zu
halten, und den Cicero fr einen eminenten Philosophen; vielleicht werden Sie
gar in dieser engbrstigen Zeit aus lieber langer Weile ein gelehrter Professor,
wie ich.
    Das Examen war vorber; ich hatte, wie Berger sagte, die Erlaubni erhalten,
das Stroh dreschen zu drfen. Da kommt er eines Tages mit einem Briefe in der
Hand zu mir und fragt:
    Haben sie Lust, in einer adeligen Familie Erzieher zu werden?
    Das knnte ich eben nicht behaupten.
    Glaub's wohl; aber die Bedingungen sind so vortheilhaft, da es sich
mindestens der Mhe verlohnt, die Sache in Ueberlegung zu ziehen. Sie mssen
sich auf vier Jahre verbindlich machen.
    Und das nennen Sie vortheilhafte Bedingungen? Vier Jahre! nicht vier Wochen!
    Hren Sie nur! Von den vier Jahren haben Sie nur zwei in dem Hause
zuzubringen, die brige Zeit reisen Sie mit Ihrem Zgling. Sie wollen die Welt
sehen und Sie mssen die Welt sehen, und wre es auch nur, um sich zu
berzeugen, da die Menschen berall mit Recht die Hunde so lieben. Sie haben
kein Vermgen, zum Vagabunden sind Sie zu civilisirt. Eh bien! hier haben Sie
die schnste Gelegenheit, die Ihnen so vielleicht nicht zum zweiten Male im
Leben geboten wird.
    Und wer ist mein Alexander?
    Ein junger Majoratsherr, wie der macedonische Pferdebndiger. Ich habe die
noble Sippschaft im vorigen Jahre in Ostende kennen gelernt. Der Mann, ein Baron
Grenwitz, ist eine Null, die Frau Baronin ein X, das ich noch nicht habe
herausrechnen knnen. Jedenfalls ist sie eine gescheite Frau. Ich wei, da dies
fr Sie keine geringe Empfehlung ist. Sie spricht drei oder vier lebende
Sprachen gut, ihre Muttersprache nicht mit gerechnet. Ich habe sie sogar in
Verdacht, da sie mit ihrem jetzigen Hauslehrer, einem gewissen Bauer, der hier
studirt hat und ein grundgelehrter - Jngling war, in aller Stille Latein und
Griechisch treibt.
    Und Sie, der Sie mir selber sagten, da Sie ein Buch ber den Adel und gegen
den Adel geschrieben haben, das leider in Deutschland, fr das es berechnet ist,
nirgends gedruckt werden kann, - Sie rathen mir, der ich ber die Braminenkaste
dieselben Pariasideen habe, mich in das Lager unserer Erbfeinde zu begeben?
    Das ist ja eben der Humor davon, sagte Berger lachend; Sie sollen hingehen
wie ein Mohicaner in das Lager der Irokesen; und ich freue mich schon im voraus
auf die prchtigen Zpfe, die Sie zurckbringen werden. Die hngen wir dann als
Trophen in unserm Wigwam auf und haben unsere Freude daran.
    Und wenn man mich selbst dort scalpirt, wie dann?
    Dann bin ich der letzte Mohicaner und rauche meine Friedenspfeife einsam und
melancholisch auf dem Grabe meines Uncas.
    Er sttzte den Kopf in die Hand und starrte dster vor sich nieder. Ja, ja,
ich wei es, murmelte er, die groe Schlange, wenn sie es endlich mde ist, die
Menschen anzuzischen, wird in einen Sumpf kriechen und da einsam verrecken.
    Ich ergriff seine Hand. Das wird nicht geschehen, wenigstens nicht, so lange
ich lebe.
    Er schaute mich wehmthig an.
    Aber Du wirst vor mir sterben, sagte er; die groe Schlange hat ein zhes
Leben, und Du bist weich, viel zu weich fr diese harte Welt. Doch das bei
Seite. Was sagen Sie zu meinem Vorschlag?
    Da er mir nur halb und weniger als halb gefllt.
    So mu ich denn doch den letzten Trumpf ausspielen, rief Berger
aufspringend. So hren Sie denn, Sie Unglubiger, da jenes Haus, in das ich Sie
senden will, einen Engel in sich schliet, in Gestalt eines wunderlieblichen
Mgdeleins. Sie ist die Schwester Ihres Alexander, und Gott sei Dank, vorlufig
noch in Hamburg in Pension. Ich hasse sie, denn sie hat mir viel Qual bereitet.
Alle wahnsinnigen Trume meiner Jugend lebten in mir auf bei ihrem Anblick und
ngstigten mich wie schne Gespenster. Zuletzt lief ich davon, so oft ich sie
unter ihrem leichten Strohhute ber den glatten Sand des Strandes herankommen
sah. Ja, ich will es nur gestehen, ich habe die Sonette, die ich Ihnen neulich
vorlas, die Sie freundlich genug waren, liebedurchglht und Gott wei, was noch
sonst, zu finden, und die ich in der seligen Jugendzeit vor dreiig Jahren auf
Helgoland gedichtet zu haben vorgab, im vorigen Jahre in Ostende, vom Anblick
der schnen Teufelin berauscht, mit meinem Herzblut geschrieben. Das sagen Sie
aber Niemand wieder.
    Weshalb nicht? Es wrde mir ja doch keine Menschenseele glauben.
    Da haben Sie freilich Recht und nun?
    Nun habe ich noch weniger Lust, als vorhin. Ich wnsche nicht, die alberne
Geschichte der Liebschaft eines Hauslehrers mit der Tochter des hochadeligen
Hauses, eine Geschichte, die ich mir schon in so und so vielen Romanen zum Ekel
gelesen habe, an mir selbst zu wiederholen. Und wenn das Mdchen wirklich so
schn und liebenswrdig ist, da -
    Da selbst das drre Holz frische Bltter treibt, was da am grnen geschehen
soll? unterbrach mich lachend Berger. Nun wohl! verlieben Sie sich! wehalb
nicht! Lieber Freund, das Buch des Lebens fr Leute unseres Schlages fhrt
denselben Titel, wie einer der Romane Balzac's: Illusions perdues. Jeder Tag
schreibt nur ein neues Capitel hinein, und je krzer das Buch, desto besser und
interessanter ist es. Aber da es nun einmal geschrieben werden mu und nicht
anders geschrieben werden kann, so ist es auch im Grunde gleichgltig, ob wir
nach Westen gehen, oder nach Osten. Wir machen dieselben Erfahrungen hier wie
dort. Darum sage ich noch einmal: gehen Sie nach Grenwitz!
    Was sollte ich thun. Es erschien mir als eine Pflicht, den Wunsch meines
Freundes, dem ich so viel verdanke, zu erfllen. Und dann, hatte Berger nicht
Recht, da es gleichgltig sei, ob ich nach Osten gehe oder nach Westen? Genug,
ich packte meine Sachen, sagte meinem Mentor Lebewohl und fuhr hinber nach
diesem Eiland. - - -

                                Drittes Capitel


Oswald hatte bis jetzt nur in Stdten gelebt. Seine Sitten, seine Anschauungen,
seine Neigungen waren die eines Stdters. So kam es denn, da, als er sich jetzt
pltzlich wie mit einem Zauberschlage auf das Land versetzt sah, der unsgliche
Reiz der ersten leuchtenden Sommertage in einem schnen lndlichen Aufenthalte
fr ihn mehr als fr die meisten Menschen etwas unsglich Anziehendes, ja
Hinreiendes und Berauschendes hatte. Es war ihm Alles so neu und doch wieder so
seltsam bekannt, wie wenn Jemand in eine Gegend kommt, die er schon lange vorher
in seinen Trumen gesehen. War dieser blaue Dom, der sich immer tiefer und
tiefer wlbte, derselbe Himmel, der sich so trostlos bleiern ber das Husermeer
der Residenzstadt spannte? waren diese funkelnden Lichter dieselben den Sterne,
zu denen er, aus dem Theater oder einer Gesellschaft kommend, kaum einmal
flchtig emporgeblickt hatte? Konnte ein Sommermorgen so reich an Glanz und
Pracht, ein Sommerabend so weich und wollstig sein? Hatte er denn den Gesang
der Vgel nie vernommen, da er sich jetzt an ihren einfachen Liedern nicht satt
hren konnte? Hatte er denn nie Blumen gesehen, da er jetzt nicht mde wurde,
ihre schnen Farben, und wundersamen Gestalten zu betrachten? Es war ihm zu
Muthe, wie Einem, der aus schwerer Krankheit wieder zum Leben erwacht. Die
jngste Vergangenheit lag wie hinter einem dichten Schleier, aber weit
Entferntes, im Meer der Vergessenheit seit langen Jahren Versunkenes tauchte wie
eine glnzende, zauberische Spiegelung wieder ber den Horizont der Erinnerung
empor. Ei, da ist ja auch Rittersporn, rief er einst in diesen ersten Tagen
freudig berrascht, als er, trumend im Garten auf und ab wandelnd, diese Blume
hufig auf den Beeten blhen sah.
    Nun freilich, sagte Bruno, der bei ihm war, haben Sie denn noch nie welchen
gesehen?
    Es ist lange her, murmelte der junge Mann sich niederbeugend, und die
phantastische Blume mit Rhrung betrachtend. In seines Geistes Aug' sah er sich
wieder in einem kleinen lauschigen Garten an der Stadtmauer herumspielen und
Steinchen, Blumen und andere Seltenheiten, die er auf seinen Entdeckungsreisen
fand, auf den Schoo einer schnen, jungen, blassen Frau sammeln, die ihm jedes
Mal, wenn er zu ihr kam, das lockige Haupt streichelte und mit jener Geduld, die
nur eine Mutter hat, nicht mde wurde, seine unzhligen Fragen zu beantworten.
Und da hatte er ihr auch diese Blume gebracht und die schne Frau hatte gesagt:
das ist Rittersporn. Und dann hatte sie die Blume lange sinnend angesehen, bis
ihr von dem langen Hinstarren die Thrnen in die Augen kamen und hatte ihn auf
ihren Schoo genommen und sein Haupt strmisch an ihre Brust gedrckt, und da
mochte er denn wohl, von dem vielen Spielen mde, eingeschlafen sein, denn in
diesem Augenblicke zerflatterte das Bild. - Die junge, schne Frau, das wute
er, war seine Mutter; sie war gestorben, als er noch nicht fnf Jahre alt war. -
Wer hat nicht an sich selbst schon die traurige Erfahrung gemacht, da wir in
dem Gewirre des Lebens, wo eine Erscheinung die andere verdrngt, und wir stets
unter der tyrannischen Gewalt des Augenblickes stehen, Alles, selbst das
Theuerste, selbst die Eltern, die uns das Leben gaben, vergessen lernen. So
hatte auch Oswald fast schon vergessen, da er je eine liebe Mutter gehabt;
jetzt rief eine einfache Blume die Erinnerung an die frh Verstorbene mchtig in
ihm wach. Die erste Zeit, die er in der Einsamkeit des Landlebens verbrachte,
verknpfte sich eng mit der ersten Zeit seines Lebens; denn er hatte seitdem
nicht wieder der Natur so unbefangen und so tief in das holde, bezaubernde
Antlitz geschaut. Auch seines Vaters, der nun gerade vor zwei Jahren, einsam,
wie er gelebt hatte, gestorben war, gedachte er jetzt mit jener dankbaren Liebe,
die leider immer erst dann in voller Blthe steht, wenn diejenigen, denen sie
gebhrt, sich nicht mehr an ihrem Dufte laben knnen; seines Vaters, der
wunderlichen Pygmengestalt, die der Sohn schon als achtzehnjhriger Jngling um
zwei Kpfe berragte; des menschenscheuen Sonderlings, der in der ganzen Stadt
der alte Candidat genannt wurde, und dessen schwarzen abgeschabten Frack, in
dem er Sommer und Winter einherging, jedes Kind auf der Strae kannte; des
rthselhaften Mannes, der den reichen Schatz seines Wissens und seiner Gte
gegen alle Welt verschlo, nur nicht gegen den Sohn, an dem er mit unsglicher
Liebe hing, den er mit der rhrenden Zrtlichkeit einer Mutter hegte und
pflegte, und fr den ihm, dem als Geizhals Verschrieenen, nichts zu kostbar
gewesen war.
    Diese lieben und doch auch wieder schmerzlichen Erinnerungen zogen durch
Oswald's Seele, whrend er in seinen Freistunden allein, oder mit seinen
Zglingen im Garten, Feld und Wald umherstreifte, sich von Tage zu Tage mehr fr
das Landleben begeisterte, und wenn er des Morgens, ehe die Unterrichtsstunden
begannen, noch schnell einmal in den Schlogarten geeilt, in die thaufrischen
Kelche der Blumen geschaut und sich am Gesang der Vgel entzckt hatte,
schlechterdings nicht mehr begreifen konnte, wie es die Menschen in den Stdten,
wie er selbst es nur jemals in der Stadt habe aushalten knnen.
    Und in der That htte Schlo Grenwitz und seine Umgebung auch wohl einem
durch landschaftliche Schnheiten verwhnteren Auge das lebhafteste Interesse
abgewinnen mssen, obgleich es von den Touristen, die alljhrlich die Insel
durchschwrmten, niemals aufgesucht, hchstens von Einem oder dem Andern
zufllig aufgefunden wurde, der sich dann nicht genug wundern konnte, wie ein so
lieblicher und in vieler Hinsicht so merkwrdiger Punkt in seinem
Reisehandbuche, in welchem doch sonst jeder nichtsnutzige Gasthof verzeichnet
stand, bergangen sein konnte, blo weil er eine Meile von der groen Landstrae
entfernt lag.
    Das Schlo trgt noch bis auf den heutigen Tag die Spuren von dem Reichthum
und der Macht des alten ritterlichen Geschlechts derer von Grenwitz, das seit
undenklichen Zeiten hier begtert gewesen ist, und die Burg zu seinem Schutz und
den benachbarten Baronen zum Trutz in der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts
erbaute. Das untere Stockwerk des einen Flgels mit seinen riesigen
Quadersteinen stammt noch aus dieser Zeit, ebenso wie der gewaltige runde Thurm,
in welchem jetzt das alte und das neue Schlo zusammenstoen. Das neue Schlo
wurde gegen das Ende des siebzehnten Jahrhunderts in dem bizarren Styl jener
Zeit gebaut und nimmt sich mit seinen verschnrkelten Sulen und wunderlichen
Ornamenten neben dem alten schmucklosen Thurm, mit welchem es jetzt in einer
Front liegt, aus, wie ein zierlicher Herr aus Louis XIV. Zeit neben einem
eisengeharnischten Kmpen aus den Tagen von Crecy und Poitiers.
    Ein zwanzig Fu und darber hoher Wall, der in ein noch weit ehrwrdigeres
Alter hinaufragt, als selbst der alte Thurm, umgiebt das Schlo in einem so
weiten Kreise, da es sammt den Nebengebuden von dem eingeschlossenen Raume nur
den kleinsten Theil einnimmt. Der Wall ist jetzt lngst schon in eine friedliche
Promenade umgewandelt, ber der hohe Buchen, Nubume und Linden ein dichtes
Laubdach bilden. Der breite Graben, der ihn in seiner ganzen Ausdehnung umzieht,
ist jetzt zum Theil versumpft, mit dichtem Rhricht angefllt, und, wo das
Wasser sich noch einen Raum frei gehalten, mit einem grnen Teppich von
Wasserpflanzen bedeckt, in welchem halbwilde Enten lustig schnattern. Offenbar
hatte dieser Wall den Zweck gehabt, im Fall einer Fehde nicht nur die Hrigen
der fehdelustigen Barone mit ihren Weibern und Kindern, sondern auch die Heerden
und die Vorrthe zu schirmen; auch hatten bis zur Zeit des Neubaues die
Wirthschaftsgebude, die jetzt ziemlich entfernt vom Schlosse auerhalb des
Walles lagen, innerhalb desselben gelegen. Damals hatte der Wall nur einen
Durchgang gehabt, ein festes, mit einem Thurm versehenes Thor, aus dem eine
Zugbrcke ber den Graben nach einem Brckenkopfe fhrte. Jetzt war der Thurm
abgetragen, die Brcke konnte nicht mehr aufgezogen werden und aus dem
Brckenkopfe hatte man lngst Backfen und andere ntzliche Dinge gebaut. Von
diesem Hauptthor fhrte eine Allee vielhundertjhriger prachtvoller Linden auf
das Portal des Schlosses zu. Rechts von der Allee und vor der Front des
Schlosses war ein groer Rasenplatz, in dessen Mitte ein steinernes Becken mit
einer Najade als Schutzpatronin stand, die, wahrscheinlich aus Schmerz, da
ihrem Brunnen schon seit einem halben Jahrhundert das Wasser fehlte, den Kopf
verloren hatte.
    Der ganze brige Raum innerhalb des Walles war mit Gartenanlagen ausgefllt,
die aus der Zeit des Neubaues herrhrten und mit ihren graden Gngen, kunstvoll
verschnittenen Taxushecken, Buchsbaumpyramiden und ihren Sandsteingttern, die
allen Regeln der Aesthetik und allen Gesetzen der Anatomie so naiv Hohn
sprachen, den Charakter dieser Zeit deutlich genug documentirten. Hier und da
freilich war ein Geist der Neuerung in die Anlagen gefahren. Der Buchs hatte
seine verkrppelten Glieder, so gut es gehen wollte, in eine naturgeme
Baumgestalt auszurecken versucht; die beiden Seiten eines Heckenganges hatten
gemeinschaftliche Sache gemacht und sich zu einem undurchdringlichen Gestrpp
vereinigt; ein Grtner, der fr die stumme Sprache von Taxuspyramiden kein
Verstndni mehr besa, und eine praktischere Richtung verfolgte, hatte,
unbekmmert um den sthetischen Eindruck, Aepfel-, Birnen-, Kirschen- und
Pflaumenbume gepflanzt, wo er gerade Platz fand, und hier und da seinen
Gemsebeeten den Luxus der Blumenrabatten geopfert. Eine Schwester der Najade im
Hof war von Himbeer- und Stachelbeerstruchern fast berwuchert, aber sie hatte
sich in ihr Schicksal zu finden gewut, ihren Kopf behalten, und plauderte in
stiller Nacht geschwtzig von der guten alten Zeit.
    So hatte von dem Riesenwalle, der aus der grauen Heidenzeit stammte, bis zu
den Spargelbeeten, die gestern angelegt waren, seit einem Jahrtausend jede
Generation etwas zur Befestigung, Verschnerung oder Verbesserung dieses
Wohnsitzes beigetragen. Vieles war spurlos verschwunden, Vieles hatte sich
erhalten; Altes hatte der Zeit gespottet, Neues war mit der Zeit alt geworden;
aber da selbst das Aelteste die Spuren des Lebens, der fortdauernden Nutzbarkeit
trug, so war nirgends ein Sprung, ein Ri bemerkbar, und das Ganze machte den
wohlthuenden Eindruck, als ob es eben nicht anders sein knnte. Zwar seinen
primitiven Charakter hatte das Schlo Grenwitz gnzlich eingebt, und wenn
Oswald des Abends, von einem Spaziergang mit seinen Zglingen zurckkommend, auf
einer Stelle des Walles stehen blieb, von der er den schattigen, grasbewachsenen
Hof, den blumenreichen Garten und das Schlo berblicken konnte, um dessen graue
Mauern das Zwielicht wogte und die schnellen Schwalben zwitschernd kreis'ten, da
glaubte er nicht die alte Stammburg fehdelustiger Barone, sondern das stille
Klosterasyl beschaulicher Mnche vor sich zu sehen.

                                Viertes Capitel


Und ein stilles, klsterlich stilles Leben war es denn auch - das Leben auf dem
Schlosse Grenwitz. Alle Unruhe, aller Lrm waren aus dem Bereich verbannt, den
der alte Wall wie eine epheuberankte Kirchhofsmauer umgab. Hier ertnte kein
Hundegebell, kein Pferdewiehern; still glitten die Stunden dahin, wie die
Schatten des Zeigers der Sonnenuhr ber dem Portale; still, wie die Blumen im
Garten dufteten und blhten. Hier schien selbst der Wind leiser in den Wipfeln
zu rauschen, die Vgel leiser in den Zweigen zu singen; und was die Bewohner
selbst betraf, so konnte die Wanduhr auf dem Vorsaal in ihrem Eichenschrank
nicht freier von aller Neuerungssucht sein und ihr Tagewerk pnktlicher und
systematischer vollbringen. Die Dienstboten thaten ihre Obliegenheiten mit der
Regelmigkeit von Automaten. Ja in die Mbel selbst schien dieser strenge Geist
der Ordnung gefahren, so da Oswald sich des Gedankens nicht erwehren konnte,
sie rckten sich in aller Stille von selber zurecht, falls einmal eines von
seiner ihm angewiesenen Stelle abgekommen sein sollte. So wenig nun Oswald in
seinem bisherigen Leben an eine so peinliche Ordnung gewhnt war, und so sehr
sich auch im Grunde seine Natur dagegen strubte, so leicht wurde es ihm doch
bei der Geschmeidigkeit seines Wesens und bei der vershnlichen, milden
Stimmung, in die ihn der tiefe Frieden rings umher versetzte, sich in dieselbe
zu finden. Er that, was er die Leute um sich her thun sah, und erwiederte die
frmlichen Verbeugungen, mit denen man sich hier begegnete, mit demselben Grade
von Ernsthaftigkeit, den er auf einer Maskerade in einer Menuet zur Schau
getragen haben wrde.
    Er hatte es in den ersten Tagen mit den Lehrstunden nicht allzu genau
genommen und sich desto eifriger mit seinen beiden Zglingen drauen umher
getummelt. Sie hatten den Buchwald, der sich von Schlo Grenwitz eine halbe
Stunde bis hart an das Meer erstreckte, nach allen Richtungen durchstreift,
hatten ein Hnengrab und eine Hhle entdeckt, und waren oft schon von den hohen
Kreideufern zum Strand hinabgeklettert, hatten dort, auf einem mchtigen
Rollsteine stehend, die Fluth heranbrausen sehen und gejubelt, wenn der Donner
der Brandung ihre Stimmen bertnte.
    Auf diesen Streifzgen, die Oswald scherzend Vorstudien zum Homer nannte,
hatte er vielfach Gelegenheit, die Naturen seiner beiden Zglinge zu beobachten.
Ein grerer Gegensatz war kaum denkbar. Bruno war gro fr seine Jahre, dabei
schlank und geschmeidig und schnell wie ein Hirsch. Malte, der junge
Majoratsherr, sah neben seinem stolzen Gefhrten zurckgeblieben und verkmmert
aus. Seine Schultern waren schmal, seine Brust eingesunken, und seine eckigen
und unschnen Bewegungen stachen seltsam gegen die hinreiende wilde Anmuth ab,
mit der Bruno ging, lief und sprang. Malte scheute vor jeder Gefahr, ja vor
jeder Anstrengung, im Gefhl seiner Krperschwche und aus angeborener oder
anerzogener Feigheit zurck; fr Bruno war kein Baum zu hoch, kein Felsen zu
steil, kein Graben zu breit, ja es schien, als ob er geflissentlich die Gluth
seiner Seele durch krperliche Ermdung dmpfen wollte. Oswald flocht eine Krone
aus Buchenlaub und drckte sie dem Knaben auf die blulich-schwarzen Locken, um
ihn einem jungen Bacchanten noch hnlicher zu machen. Aber wie in seinem
Heimathlande Schweden aus eisiger Winternacht urpltzlich der duftende,
lchelnde Frhlingsmorgen hervorblht, so wechselten Sonnenschein und Sturm in
seinem Gemthe - bermthige Lust und an Schwermuth grenzende
Niedergeschlagenheit, herzliches, fast kindisches Sichhingeben und dsterer,
mehr als knabenhafter Trotz - schnell und unvermittelt, wie Lichter und Schatten
auf den Hngen eines Gebirges an einem Tage, wo der Wind die Wolken pfeilschnell
an der Sonne vorberjagt. So fand Oswald den Knaben, eine Fremdling im Hause
seiner Verwandten, von den Einen gehat, von den Andern gefrchtet, ein
unergrndliches Rthsel fr Alle, selbst fr den alten guten Baron, der dem
Knaben, oft mehr aus angeborener Gromuth, als aus Ueberzeugung, stets das Wort
redete. Aber fr Oswald hatte ein Blick in das traumumflorte dunkle Auge des
Knaben gengt, den verwandten Dmon zu erkennen, und den mystischen Bund, den
sie in jenem Augenblick geschlossen, hatte jede Stunde ihres Zusammenlebens nur
gefestigt. Bruno hatte ihm an dem ersten Tage den dstern Trotz
entgegengebracht, den er gegen Alle zu zeigen gewohnt war. Er hatte ihn mit
scheuem, durchdringendem Blick zwei, drei weitere Tage beobachtet, und dann war
vor Oswald's liebevollem, freundlichem Wesen der Argwohn von ihm gewichen, wie
die Nebel vor den Strahlen der Sonne; sein dunkles Auge war grer und
glnzender geworden, als ob das unverhoffte Glck, einen Menschen zu finden, der
ihn liebte und den er wieder lieben drfe, ihn blende und verwirre; und dann war
all die strmische Zrtlichkeit seiner Seele, die er so lange und so sorgsam
hatte verschlieen mssen, hervorgebrochen, mchtig - unwiderstehlich, wie ein
Bergstrom, der die Felsenschranken gesprengt hat und jauchzend in das Thal
hinunterstrmt.
    Wissen Sie, sagte der Knabe da zu Oswald, da ich schon im Voraus
entschlossen war, Sie zu hassen?
    Warum, Bruno? Ist der Ha fr Dich so s?
    Ach nein! aber ich glaubte, es seien alle Erzieher wie unser erster, und da
dachte ich, was dem Einen recht ist, ist dem Andern billig.
    Und wie war denn Herr Bauer?
    Nun, er machte seinem Namen Ehre, sagte der Knabe spttisch.
    Ei, ei, mein stolzer Junker, willst Du mir den Bauer verachten?
    Gewi nicht! rief der Knabe eifrig, mein Vater war selbst ein Bauer,
trotzdem, da er ein Edelmann war; ich habe ihn oft genug hinter dem Pfluge
hergehen sehen - aber dieser Mann war roh und plump wie ein Bauer und feig dazu.
Einmal, nach Tische - ich wei nicht, was ich wieder verbrochen hatte - schlug
er mich in's Gesicht, weil Tante zugegen war und er glaubte, er thue ihr einen
Gefallen. Ja, er schlug mich - und das Auge des Knaben blitzte auf bei der
Erinnerung an diese Schmach und die Zornesader auf seiner bleichen Stirn
schwoll.
    Und da, Bruno?
    Da nahm ich das Messer, das vor mir auf dem Tische lag und sprang auf ihn
ein, und der Elende lief vor mir, um Hlfe schreiend, zur Thr hinaus. Und als
ich das sah und die bleichen Gesichter um mich her, mute ich lachen und ging
unbelstigt aus dem Saale. Und ich wre am liebsten gleich in die weite Welt
gerannt, aber Onkel kam hinter mir her und versprach mir, der Mensch solle nun
und nimmer wieder Hand an mich legen drfen. Onkel ist gut; Sie glauben nicht,
wie gut er ist; aber er frchtet sich vor der Tante; Alle frchten sich vor ihr;
aber ich habe sie doch lieb, denn sie hat Muth wie ein Mann und ich hasse nur
die Feigen. Malte ist ein Feigling.
    Malte ist schwach und krnklich, und Du mut Nachsicht mit ihm haben; aber,
wenn Du die Tante wirklich lieb hast, warum bist Du so unfreundlich gegen sie?
    Bin ich unfreundlich? Der Knabe schwieg. Eine Wolke zog ber seine Stirn,
seine Nasenflgel zuckten und sein dunkelblaues Auge war wie eine Gewitterwolke,
als er jetzt, hastig aufblickend, sagte:
    Ich bin unfreundlich, ich wei es. Aber wie soll ich anders sein? Ich esse
hier im Hause Gnadenbrod, soll ich noch dafr danken? Ich kann es nicht, ich
will es nicht, und wenn sie mich aus dem Hause jagten. Sehen Sie, Oswald, ich
habe oft gewnscht, man jagte mich fort, ja, ich habe es darauf angelegt, da
sie es doch ja thten; dann ginge ich in die weite Welt und verdiente mir mein
tgliches Brod, wie tausend und tausend andere Knaben, die nicht so stark und so
muthig sind, wie ich. Heute noch, als wir am Strande gingen und der Dreimaster
am Horizonte auftauchte und wieder verschwand, da wnschte ich so hei, so hei,
ich htte mitsegeln knnen, als Schiffsjunge, als Matrose - nur fort, fort von
hier, gleichviel wohin.
    Wenn so der Knabe die geheimsten Wnsche seines Herzens rckhaltslos seinem
Freunde und Lehrer offenbarte, da geschah es denn wohl, da diesen ein Zweifel
beschlich, ob er, der selbst den Weg, den er zu gehen hatte, so wenig deutlich
sah, der rechte Mann sei, den wilden, leidenschaftlichen Knaben zu leiten. Aber
je weniger er sich im Stande fhlte, ausschweifende Wnsche, chimrische
Hoffnungen zu bekmpfen, die er selbst im Stillen theilte, desto mehr verschwand
die Kluft zwischen Lehrer und Schler, desto brderlicher wurde nur ihr
Verhltni. Noch hatte kein menschliches Wesen einen so tiefen Eindruck auf
Oswald gemacht, wie dieser wundersame Knabe. Er liebte ihn wie ein Knstler das
Werk, an dem er schafft, wie ein Vater den Sohn, in welchem er zu verwirklichen
hofft, was ihm selbst zu erreichen versagt war, wie eine Mutter das Kind, fr
das sie wachen, sorgen und schaffen mu. Allnchtlich, wenn er sich mde gelesen
und gearbeitet, ging er, ehe er selbst sein Lager suchte, in das Gemach der
Knaben - er htte nicht schlafen knnen, ohne seinen Liebling noch einmal
gesehen zu haben. Jenes Schamgefhl, das edleren Naturen verbietet, die ganze
Flle ihrer Zrtlichkeit zu zeigen, machte ihn den Tag ber karg mit
Liebkosungen; aber jetzt nahm er des Schlafenden Hnde und streichelte sie und
kte den Knaben zrtlich auf die Stirn.
    Dich nennen sie lieblos, Dich, meinen Liebling, dessen Herz nur nach Liebe
und abermals nach Liebe hungert. Und wenn sie Alle Dich verkennen und hassen,
ich verstehe Dich und will Dich lieben.

                                Fnftes Capitel


Die Wirthschaftsgebude und Huslerwohnungen, die zu dem Gute Grenwitz gehrten,
lagen auerhalb des Walles, den man, um die Verbindung mit dem Schlosse und dem
Hofe zu erleichtern, nach dieser Seite durchbrochen hatte. Ein hlzernes
Gitterthor, das nicht einmal verschlossen, und eine Brcke, die nicht aufgezogen
werden konnte, sprachen fr den friedlichen Sinn der Nachkommen jener
kriegerischen Barone, welche das massive Thor auf der andern Seite mit seiner in
schweren Eisenketten hngenden Zugbrcke erbaut hatten. Der Verkehr zwischen dem
Schlosse und dem Hofe beschrnkte sich so ziemlich auf den Austausch oft hchst
energischer diplomatischer Noten zwischen der Wirthschafterin und dem Verwalter,
die ber das Quantum und die Qualitt der Naturalien, welche dieser oder jener
zu liefern hatte, stets wesentlich verschiedener Meinung waren. Das Gut war, wie
die brigen Besitzungen der Familie, verpachtet; der Pchter, ein Herr Bader,
wohnte auf einem der Nebengter, das er ebenfalls in Pacht hatte, und kam selten
nach Grenwitz, dessen Bewirthschaftung er seinem Inspector berlie.
    Oswald, fr den die Landwirthschaft eben so neu war, wie das Leben auf dem
Lande, lenkte seine Schritte bald hufig nach dem Hofe, um sich von dem
Inspector durch die Stlle und Scheunen fhren und sich von demselben etwas in
die Mysterien des Ackerbaues und der Viehzucht einweihen zu lassen. Der
Inspector, Namens Wrampe, war ein riesiger Mann, der stets in gewaltigen
Stulpenstiefeln einherging und dem Aberglauben zu huldigen schien, er werde
seine ungeheure Krperkraft verlieren, wenn er seinen struppigen schwarzen Bart
schre, oder dem Regenwasser das ausschlieliche Privilegium, sein
sonnverbranntes Gesicht zu waschen, entzge. Das breite Platt jener Gegend war
seine Mutter- und Vatersprache, das Hochdeutsche hate er und hielt Alle, die es
sprachen, in seinem Herzen fr Schelme; seine Stimme glich, aus der Ferne
gehrt, wesentlich dem Gebrll eines etwas heiseren Lwen. Seine Feinde sagten
ihm nach, da er die ble Gewohnheit habe, sich von Zeit zu Zeit zu betrinken;
da er dies aber jeden Monat hchstens einmal und dann immer gleich auf mehrere
Tage that, um die brige Zeit desto energischer zu sein, so drckten seine
Freunde und zumal sein Brodherr ber diese kleine Schwche freundlich die Augen
zu. Oswald unterhielt sich gern mit dem Manne, der in seiner tppischen
Gutmthigkeit, seinem derben, oftmals freilich auch rohen Wesen, seiner mit
Sprchwrtern reichlich untermischten Rede ein nicht schlechter Reprsentant der
Landleute jener Gegend war.
    So hatte er denn auch eines Nachmittags mit den Knaben einen Spaziergang
nach dem Hofe gemacht. Sie fanden ihn fast ausgestorben. Die Leute und die
Thiere waren auf dem Felde. In dem Pferdestall standen nur die vier
schwerflligen Braunen des Barons, die vor lieber langer Weile mit den eisernen
Ketten ihrer Halfter ein melancholisches Quartett ausfhrten. Vor der Thr des
Stalles sa der schweigsame Kutscher und starrte in den blauen Himmel, da er,
wenn er seine Pferde gefttert, auf Erden weiter nichts zu thun hatte. Um seine
Fe strich spinnend ein groer schwarzer Kater, der ihn, als sein spiritus
familiaris, berall hin begleitete und selbst auf dem Bocke zwischen seinen
Fen unter dem Schurzfell sa. In dem Kuhstall fanden sie nur eine Kuh, die ihr
heute geborenes Klbchen durch fleiiges Lecken in eine Verfassung zu bringen
suchte, wie sie dem Ehrgeize einer respectablen Kuhmutter, die etwas auf sich
und die Ihrigen hlt, wnschenswerth scheinen mag. Auf dem Dnger vor dem Stalle
scharrten die Hhner, unbekmmert um den Streit zweier junger Hhne, die ber
einen unglcklichen kleinen Kfer, der auf dem Rcken liegend in ruhiger
Ergebung sein Schicksal erwartete, in Unfrieden gerathen waren. Ein alter Hahn,
welcher der Vater der beiden feindlichen Brder sein mochte, war auf die
Wagendeichsel geflogen und krhte einmal ber das andere, entweder aus Freude
ber den ritterlichen Sinn seiner Sprossen, oder um eine Wolke zu signalisiren,
die eben ber das Scheunendach heraufkam. Auf dem einen Ende des Daches sa eine
Strchin auf ihrem Nest. Der Storch kam eben herbeigeflogen und brachte die
Beute seiner Jagd, eine kleine Schlange, mit nach Hause. Die Strchin klapperte
bei diesem Anblick vor Vergngen; der Storch, im Bewutsein erfllter Pflicht,
blieb ihr die Antwort nicht schuldig. Von dem kleinen Teiche neben dem
Pferdestalle hatten die Enten unter dem Vortritt eines vielerfahrenen Enterichs
einen Reihenmarsch quer ber den Hof begonnen, da sich ein ziemlich gut
verbrgtes Gercht unter ihnen verbreitet hatte, es sei hinter der einen Scheune
ein Sack Korn aufgegangen.
    Oswald hatte mit vielem Vergngen das Stillleben eines lndlichen Hofes an
einem warmen Sommernachmittag betrachtet; Bruno den schweigsamen Kutscher ber
die beiden einzigen Themata, bei denen man es mit einiger Aussicht auf Erfolg
konnte, ber seine Pferde und seinen Kater, in eine Unterhaltung zu verwickeln
gesucht; Malte sich unterdessen gelangweilt, da er berhaupt nur sehr wenigen
Dingen Geschmack abgewinnen konnte, und zu diesen Dingen Enten und Hhner,
wenigstens so lange sie im Licht der Sonne wandelten, sicherlich nicht gehrten.
Er drang deshalb darauf, dem Spaziergang fortzusetzen, und so gingen sie denn
von dem Hofe durch das Drfchen jmmerlicher kleiner Kathen, um auf das Feld zu
gelangen. In einiger Entfernung vor ihnen auf dem mit Weiden besetzten Wege
schien ein Knecht seinen Wagen im Graben umgeworfen oder festgefahren zu haben.
Die Pferde standen quer ber den Weg und er zerrte an ihnen herum und fluchte
und schimpfte, wie das Leute seines Schlages bei solchen Gelegenheiten zu thun
pflegen. Zuletzt schien dem Manne die geringe Geduld, die ihm die Natur
verliehen und der wahrscheinlich reichlich genossene Schnaps noch brig gelassen
hatte, vollends auszugehen. Er fate das eine der Vorderpferde in den Zgel und
trat und stie es unbarmherzig mit seinen plumpen Fen. Oswald wurde auf das
Alles eigentlich erst aufmerksam, als Bruno mit dem Ausrufe: der Barbar, der
Unmensch! wie ein Pfeil von ihm fort auf den Wagen zueilte.
    Im Nu hatte er denselben erreicht und befahl dem Knecht mit einer mehr vor
Zorn, als von der Aufregung des eiligen Laufes bebenden Stimme, seine
Mihandlungen einzustellen.
    Ich wei, was ich zu thun habe! rief der Knecht und trat das Pferd, das sich
vor Angst immer mehr in den Strngen verwickelte, von Neuem.
    Im Augenblick lt Du das Thier, oder -
    Oho! rief der Knecht, oder was?
    Oder ich stoe Dir mein Messer in den Leib! -
    Der Mann taumelte ein paar Schritte zurck und starrte Bruno voll Entsetzen
an. Es war nicht Furcht vor dem Messer, das der Knabe in seiner erhobenen
Rechten hielt - denn der Knecht war ein groer starker Mann, der seinen Gegner
mit einem Schlage seiner schweren Faust htte zu Boden schmettern knnen und er
war berdie betrunken - es war Furcht vor dem Dmon, der aus Bruno's dunklen
Augen blitzte, Furcht vor der gewaltigen Leidenschaft, die dem Knaben das Blut
aus den Wangen zum Herzen trieb und seine Nasenflgel um die feinen Lippen
zucken machte.
    Das Thier ist immer so tckisch, stammelte der Mann wie zur Entschuldigung.
    Aber Bruno wrdigte ihn keiner Antwort. Mit hastigen Hnden und geschickt,
als ob er im Leben nur mit Pferden umgegangen wre, lste er die Strnge, in
denen sich das Thier verwickelt hatte, wobei ihm Oswald, der jetzt
herbeigekommen war, eine mehr wegen ihrer guten Absicht lbliche, als durch
praktischen Erfolg ausgezeichnete Hlfe leistete. Dann sprang der Knabe nach dem
Graben, schpfte seinen mit Wachsleinen berzogenen Strohhut voll Wasser und
wusch dem Pferde die Wunden an den mihandelten Beinen.
    In diesem Augenblicke setzte ein Reiter aus den Weiden an der Seite ber den
Graben auf den Weg. Es war der Inspector Wrampe, der die Scene von fern gesehen
hatte und im Galopp ber die Felder herbeigeritten war.
    Nun komm' ich, sagte der Dachdecker und fiel vom Dach! Was ist denn das fr
'ne Wirthschaft! Warum fhrst Du durch den Graben, wenn Du zehn Schritte davon
ber die Brcke fahren kannst. Und die braune Lise maltraitirt - er sagte aber:
maltraisirt - ich will Dir Deine Faulheit eintrnken, Du
Himmeltausendsappermenter!
    Diese energische Rede halten, von Pferde springen, in die Hand speien, um
den Griff seiner schweren Reitpeitsche fester fassen zu knnen und anfangen, mit
derselben den breiten Rcken des Knechts nach allen Regeln zu bearbeiten, war
fr den diensteifrigen Inspector das Werk eines Augenblicks.
    Ich lasse mich nicht schlagen, Herr Inspector, remonstrirte der Mensch.
    Du lt Dich nicht schlagen, Du Lmmel, antwortete der, unverdrossen
weiterarbeitend, glaub's wohl, aber Deine Schlge kriegst Du doch.
    Oswald, dem diese Scene peinlich wurde, so reichlich der Mensch seine
Zchtigung verdient hatte, bat Herrn Wrampe, es nun gut sein zu lassen. Der
verstattete seinem Zorn noch einen letzten krftigen Hieb und sagte dann, wie
zum Schlu einer vernnftigen Auseinandersetzung:
    Na, nu komm, Jochen! wir wollen den Wagen wieder in Schick bringen!
    Dann stmmte er seine mchtigen Schultern gegen das Fuhrwerk, hob und schob
es zurecht, als ob es ein Kinderwgelchen gewesen wre, die Pferde, die wieder
ruhig geworden waren, zogen an und der Knecht konnte jetzt seinen Weg
fortsetzen.
    Fahr' langsam nach Hause und vergi nicht, was ich Dir gesagt habe! rief ihm
der Inspector nach.
    Aber Sie haben ja nur durch Schlge zu ihm gesprochen! sagte Oswald
lchelnd.
    Ja, verstehen es die Kerle denn, wenn man vernnftig mit ihnen spricht!
    Haben Sie denn je den Versuch gemacht?
    Herr Wrampe schien durch diese Frage einigermaen in Verlegenheit gesetzt.
Er sagte zur Antwort: Das hat mich warm gemacht!
    Dann zog er eine Branntweinflasche, die mindestens ein halbes Quart hielt,
aus der Tasche, setzte den Daumen an die Stelle, bis zu welcher er den Inhalt zu
leeren gedachte, trank, hielt die Flasche abermals gegen das Licht und that, da
er zu finden schien, da er seine Aufgabe nicht vollstndig gelst hatte, noch
einen herzhaften Schluck. Dann bestieg er sein Pferd, das, an dergleichen Scenen
gewhnt, ruhig dagestanden hatte, wnschte freundlich guten Abend, setzte wieder
ber den Graben und ritt im Galopp davon.
    Bei Bruno wurde Alles zur Leidenschaft. Die Gluth seiner Einbildungskraft
verdichtete die Schemen der Poesie zu Menschen von Fleisch und Blut. Der Tod
Hektor's entlockte ihm Thrnen des Mitleids und des Zornes, und der moralische
Unwille, der ihn erfate, wenn er vor seinen Augen eine Ungerechtigkeit, eine
Grausamkeit verben sah, war so gro, da er in ihm ein physisches Unwohlsein zu
Wege brachte.
    So fand Oswald, als er in der Nacht nach diesem Vorfall an Bruno's Bett
trat, da sein Liebling gegen seine Gewohnheit noch wach war. Das mehr als sonst
blasse Gesicht des Knaben und der kalte Schwei auf seiner Stirn machten ihn
besorgt, und der Knabe gestand denn auch nach einigem Zgern, da er, nur um
seinen Freund nicht zu ngstigen, sein Unwohlsein verheimlicht habe und jetzt
groe Schmerzen leide. Oswald wollte sogleich die Leute im Hause wecken und nach
dem Doctor schicken, aber Bruno bat ihn, davon abzustehen, da dergleichen im
Schlosse immer sogleich zu einer Haupt- und Staatsaction gemacht werde, und ihn
die Umstndlichkeit, die man bei solchen Gelegenheiten beweise, nur bengstige
und noch krnker mache.
    Uebrigens, sagte er, bin ich an diese Anflle schon gewhnt und wenn Sie die
Gte haben wollen, mir etwas Thee zu bereiten und mir ein paar Tropfen von der
Essenz zu geben, die der Doctor neulich fr mich verschrieben hat - das
Flschchen steht auf meinem Pult - so sollen Sie sehen, geht es bald vorber.
    Oswald beeilte sich, das Gewnschte herbeizuschaffen. Er gab dem Knaben von
der Medicin, er lie ihn den Thee trinken, er rckte ihm das Kopfkissen zurecht,
er holte noch eine Decke herbei, er that Alles mit jener Umsicht und
Gewandtheit, mit der feinfhlende Menschen, auch wenn sie nicht daran gewhnt
sind, mit Kranken umzugehen, die professionirten Krankenwrter beschmen.
    Mit Ihnen als Pfleger ist es beinahe ein Vergngen, krank zu sein, sagte
Bruno, dankbar die Hand seines Freundes drckend.
    Still, still! sagte der, thue mir nur den Gefallen und habe keine Schmerzen
mehr.
    Ich will mein Mglichstes thun, sagte der Knabe lchelnd.
    Wirklich ging Oswald's Wunsch bald in Erfllung. Die kalten Tropfen auf der
Stirn des Kranken wurden zu warmen, und alsbald umhllte ihn die gtige Natur
mit tiefem Schlaf, um still und heimlich das gestrte Gleichgewicht des
Organismus wieder herzustellen. Manchmal noch zuckte die feine, schmale Hand,
die Oswald in der seinen hielt; dann lie auch das nach, und der Arzt aus dem
Stegreife gratulirte sich im Stillen zu dem guten Erfolge seiner Kur. Aber er
mute doch wohl noch einige Besorgni vor einem Rckfalle haben, denn er entzog
leise seine Hand der des Knaben, holte aus seinem Zimmer einen Lehnstuhl und
setzte sich zu Hupten des Bettes. Die Lampe hatte er ausgelscht, damit die
ungewohnte Helle den Schlfer nicht belstige, und so sa er denn im Dunkeln und
sah das Mondlicht, das durch eine Spalte des Vorhangs fiel, langsam an der Wand
hingleiten und horchte auf die regelmigen Athemzge des Knaben, bis ihn selbst
die Mdigkeit berwltigte.

                                Sechstes Capitel


Es war in den Abendstunden eines der nchsten Tage, da in dem Gartensaale des
Schlosses zwei Damen saen, von denen die eine die Baronin Grenwitz, die andere
eine junge Frau war, die vor ein paar Stunden zu Pferde von einem benachbarten
Gute auf Besuch gekommen. Die Fensterthr, die aus dem Gemache in den Garten und
zunchst auf einen groen, von hohen Bumen umgebenen Rasenplatz fhrte, in
dessen Mitte eine Flora aus Sandstein schon seit anderthalb Jahrhunderten
steinerne Blumen aus ihrem Horne schttete, war weit geffnet. In dem Zimmer,
welches nach Norden lag, war es schon dmmerig; drauen aber lag noch der
Abendschein warm auf dem Rasen und den prchtigen Buchen und Eichen, und die
Gestalten der beiden Damen, die an einem Tische saen, den man in die Thr
geschoben hatte, zeichneten sich scharf auf dem hellen Hintergrunde ab.
    Ein grerer Gegensatz war nicht leicht denkbar. Die Baronin von Grenwitz
war kaum vierzig Jahre alt, aber die Strenge ihrer mnnlich festen Zge, die
groen, kalten grauen Augen, die sie so forschend und so lange auf den Sprecher
richtete, die Gemessenheit ihrer Bewegungen, ihre hohe, weit ber das
gewhnliche Frauenmaa hinausreichende Gestalt, vorzglich aber ihre
eigenthmliche Art sich zu kleiden, lieen sie manchmal fast um zehn Jahre lter
erscheinen. Sei es bergroe Einfachheit, sei es, wie Andere wollten, eine an
Geiz grenzende Sparsamkeit, sie bevorzugte Stoffe, die sich, wie das
Hochzeitskleid der wrdigen Pfarrerin von Wakefield, mehr durch Dauerbarkeit,
als durch irgend glnzende Eigenschaften empfahlen, und sie liebte einen Schnitt
der Kleidung, von dem man deshalb nicht behaupten konnte, er sei nicht mehr
modisch, weil er es eigentlich niemals gewesen war. Wie die Erscheinung fr den
ersten Augenblick auf Jeden den Eindruck der Wrde machte, so bemerkte auch der
aufmerksame Beobachter an ihrer, in jedem Momente musterhaften Haltung, und vor
Allem an dem stets ruhigen, gleichmigen Ton ihrer etwas tiefen, wohllautenden
Stimme und ihrer immer gewhlten Sprache, die jeden vulgren Ausdruck sorgfltig
vermied, da sie sich dieses Eindrucks wohl bewut war und ihn auf jede Weise zu
erhalten suchte.
    Ob die Dame, welche sich bei der Baronin befand, sich durch die stattliche
Erscheinung derselben imponiren lie, oder es fr passend hielt, wenigstens den
Anschein davon anzunehmen, mochte zweifelhaft sein; so viel schien sicher, da
sie sich in diesem Moment einer Haltung befleiigte, die nicht mit dem Ausdruck
ihres Gesichts, ja nicht einmal mit ihrem Anzuge bereinstimmte. Sie trgt ein
Reitgewand von dunkelgrnem Sammet, das hinreichend in die Hhe gesteckt ist, um
sie nicht beim Gehen zu hindern und ihre schmalen Fe, die in eleganten
Stiefelchen stecken, zu verhllen. Das enganschlieende Gewand hebt die schnen
Formen des jugendlich-vollen Krpers vortheilhaft hervor, und der kleine runde
Hut, der nebst Handschuhen und Reitpeitsche auf einem kleinen Tische in ihrer
Nhe liegt, mu diesem wohlgebildeten Kopfe mit den ppigen, braunen Haaren,
die, einfach in der Mitte gescheitelt, in reichen Wellen ber Stirn und Ohren
fallen und hinten zu einem Kranze aufgebunden sind, vortrefflich stehen. Sie
sitzt der streng wirthschaftlichen und musterhaft fleiigen Baronin, die an
einem Stck Leinwand, das mglicherweise eine Serviette ist, eifrig nht,
gegenber und scheint mit dem Sticken eines Namenszuges in einer schon gesumten
Serviette beschftigt. Dies nimmt sich nun freilich bei ihrem Anzuge wunderlich
genug aus, auch scheint diese Arbeit der Dame nicht eben zuzusagen, wenigstens
hebt sie, als jetzt die Baronin aufsteht, um im Hintergrunde des Zimmers etwas
zu suchen, schnell den Kopf in die Hhe und zeigt ein hbsches Gesicht mit
kindlich-weichen Zgen und groen braunen, in feuchtem Schimmer glnzenden
Augen, und dies Gesicht hat jetzt genau den Ausdruck eines bermthigen
Schulmdchens, dessen strenge Lehrerin auf einen Augenblick den Rcken wendet.
    Was sagten Sie, liebe Anna-Maria? fragte die Dame, indem sie sich, als die
Baronin sich umwandte, wieder ber ihre Arbeit beugte.
    Ich fragte Sie, liebe Melitta, ob Sie noch genug rothes Garn htten?
    Melitta machte eine Miene, als ob sie sagen wollte, mehr als zu viel; sie
begngte sich inde zu sagen: ich denke, es wird reichen.
    Die Baronin hatte sich auf ihren Platz gesetzt und nahm die fr einen
Augenblick abgebrochene Conversation wieder auf.
    So scheint doch wenig Hoffnung auf eine vollkommene Genesung? sagte sie.
    Wenig oder keine, antwortete Melitta; besonders in der jngsten Zeit, wo die
Anflle von Tobsucht gnzlich aufgehrt haben. Doctor Birkenhain schreibt mir,
da nur ein Wunder Carlo vom Bldsinn retten knnte; das heit wohl so viel,
als: er ist unrettbar verloren.
    Es ist ein hartes Loos, das der Allmchtige ber Sie verhngt hat, meine
arme Melitta, sagte die Baronin.
    Melitta antwortete nicht.
    Es war in diesen selben Rumen, fuhr die Baronin, die nicht anzunehmen
schien, da das angeschlagene Thema Melitta irgendwie peinlich sein knne, ruhig
fort, da ich Berkow zum letzten Mal gesehen habe. Ich gestehe, da ich schon an
jenem Abend, als er den so rgerlichen Streit mit Ihrem Vetter Barnewitz anfing
- Baron Oldenburg suchte vergeblich, die wirklich fatale Scene abzukrzen - mich
eines leisen Verdachtes nicht erwehren konnte.
    Melitta von Berkow schienen diese Proben von dem vortrefflichen Gedchtni
der Baronin nicht eben zu entzcken; sie wurde unruhig und warf, augenscheinlich
ohne recht zu wissen, was sie sagte, die Frage hin:
    Haben Sie nichts von Oldenburg gehrt?
    Der Baron ist seit acht Tagen zurck.
    O! rief Melitta mit einem Ausdruck, der Frau von Grenwitz von ihrer Arbeit
aufsehen machte.
    Was haben Sie, Melitta?
    Ich bin so ungeschickt, sagte diese und prete ein Trpfchen Blut aus dem
Daumen der linken Hand; also Oldenburg ist zurck; was bringt ihn denn auf
einmal wieder her? Hat er sich in Egypten ebenso gelangweilt, wie hier?
    Die Contracte mit seinen Pchtern laufen nchsten Martini ab, ebenso wie auf
einigen unserer Gter. Ich vermuthe, da ihn dies zur Rckkehr bewogen hat. Er
scheint noch menschenscheuer geworden zu sein, als er es schon damals war.
Griebenow, unser Frster, ist ihm im Walde begegnet; bei uns hat er sich noch
nicht sehen lassen.
    Nun, diese Unaufmerksamkeit des Barons werden Sie ja leicht verschmerzen,
liebe Anna-Maria; Sie waren ja nie besonders gut auf ihn zu sprechen.
    Ich wte auch nicht, da Oldenburg mir je Veranlassung gegeben htte, das
zu thun; mir so wenig wie irgend Einem von uns. Ein Mann, welcher der Religion -
ich mchte beinahe sagen, offen Hohn spricht, der die Wrde seines Standes, die
Interessen seiner Standesgenossen so weit vergit, auf den Kreistagen, auf den
Landtagen, bei jeder Gelegenheit die Partei der Neuerer zu ergreifen; der unsere
Societt nur aufzusuchen scheint, um sich ber uns lustig zu machen - ein
solcher Mann hat es sich selbst zuzuschreiben, wenn wir unser Interesse und
unsere Theilnahme Anderen zuwenden, die es besser verdienen.
    Ei, an Interesse von Seiten der Anderen hat es, ducht mir, Oldenburg schon
damals nicht gefehlt, und wird es, glaube ich, ihm auch jetzt wieder nicht
fehlen. Ich wei eigentlich nicht, weshalb sich alle Welt so viel um einen Mann
bekmmert, der sich an die Welt im Groen und Kleinen so wenig kehrt.
    Das ist wohl sehr erklrlich, liebe Melitta. Die Oldenburgs gehren zu
unseren ltesten Familien; es kann uns nicht gleichgltig sein, ob der letzte
Sprosse einer solchen Familie ein Plebejer wird, oder nicht.
    Oldenburg wird nie ein Plebejer werden, sagte die jngere Dame mit einiger
Wrme.
    Ei, ei, liebe Melitta! Sie nehmen sich ja des Barons recht lebhaft an.
Wollen Sie auch etwa seinen moralischen Lebenswandel vertheidigen, seine
Liebesaffairen, mit denen er die chronique scandaleuse nicht nur unserer Gegend
bereichert hat?
    Ich habe nie, so viel ich wei, etwas Unmoralisches gethan oder gut
geheien, sagte Frau von Berkow noch lebhafter wie zuvor. Und was Herrn von
Oldenburg's Privatleben betrifft, so erlaube ich mir darber gar kein Urtheil,
da es mir vollkommen fremd ist. - Uebrigens, fuhr sie nach einer Pause und mit
wieder ruhiger Stimme fort, sollte es mich doch wirklich wundern, wenn Oldenburg
in der That der Don Juan wre, zu dem man ihn durchaus machen will. Sie werden
mir zugeben, liebe Anna-Maria, da er weder die Schnheit noch die Gewandtheit
besitzt, welche die nothwendigen Eigenschaften der Reprsentanten dieser Rolle
sind.
    Darber erlaube nun ich mir wieder kein Urtheil, sagte die Baronin, nicht
ohne merkliche Ironie, das mt Ihr jungen Frauen unter Euch abmachen.
    Junge Frauen, rief Melitta lachend. Sie lie die Arbeit in den Schoo sinken
und lehnte sich bequem in den Stuhl zurck, die Baronin, die unverdrossen weiter
nhte, mit einem Blick betrachtend, in welchem sich ein gut Theil Schalkheit mit
einem ganz kleinen Theil Bswilligkeit mischte, junge Frauen! Wissen Sie, liebe
Anna-Maria, da ich noch in diesem Jahre dreiig werde? Mein Julius wird im
nchsten Monat zwlf, nur viel Jahre jnger wie Ihre Helene. Apropos, wie geht
es denn dem lieben Kinde? Soll sie denn ewig in dem Hamburger Pensionat bleiben?
Wie lange ist sie nun schon da? Zwei, nein, es sind ja bereits drei Jahre! Und
nicht ein einziges Mal hier gewesen in der ganzen Zeit! Sie werden Ihr eigenes
Kind nicht wieder erkennen, liebe Grenwitz!
    Das Hamburger Pensionat ist so ausgezeichnet, wird von Allen so gerhmt, da
ich mir ein Gewissen daraus machen wrde, das Mdchen nicht so lange wie mglich
dort zu lassen. Uebrigens haben Sie wohl vergessen, liebe Berkow, da wir mit
Helenen im vorigen Sommer in Ostende waren, und da Sie so groe Sehnsucht nach
der jungen Dame zu empfinden scheinen, will ich Ihnen auch in allem Vertrauen
mittheilen, da Sie dieselbe noch in diesem Sommer auf Grenwitz werden begren
knnen.
    Noch in diesem Sommer! ei, sieh! das hngt doch wohl nicht etwa mit
Oldenburg's Rckkehr zusammen? Verzeihen Sie meine Indiscretion! aber ich
erinnere mich, da Sie vor einigen Jahren, als der Baron von seiner ersten
groen Reise zurckkehrte, einmal uerten, wie Ihnen eine Verbindung mit
Oldenburg wohl conveniren wrde.
    Damals kannte ich den Baron nicht, wie ich ihn leider seitdem kennen gelernt
habe. Auch wrde das Grenwitz' Wnschen nicht entsprechen, der Helenen, glaube
ich, nach einer andern Seite halb und halb versprochen hat.
    Nach einer andern Seite? doch nicht etwa an Ihren vortrefflichen Cousin
Felix?
    Wie gesagt, ich wei nichts Bestimmtes darber; Grenwitz ist so
verschlossen; aber ich vermuthe es fast daraus, da er Felix bestimmt hat, auf
ein Jahr Urlaub zu nehmen und dieses Jahr bei uns zuzubringen. Seine Gesundheit
soll sehr angegriffen sein.
    Hoffentlich nicht so angegriffen wie sein Vermgen, sagte Melitta trocken.
    Sein Vermgen? Was wissen Sie denn von Felix' Privatverhltnissen?
    Ich sage nur, was alle Welt sagt. Sie werden mir zugeben, Liebe, da, wenn
schon ber Oldenburg die chronique scandaleuse nicht stumm ist, sie ber Felix
sehr viel zu sagen wei, und an Stoff hat es ihr der Herr Lieutenant doch
wahrlich nicht fehlen lassen.
    Felix ist noch jung.
    Nicht jnger als Oldenburg.
    Fnf Jahre.
    Das sieht man ihm wahrlich nicht an: freilich, er hat etwas schnell gelebt,
der gute Felix.
    Man sollte wirklich glauben, liebe Melitta, da Felix Ihnen nher stnde,
als es der Fall ist. Aufrichtig, ich mchte gern wissen, was Sie von dieser
Heirath denken, im Falle Grenwitz das Project nicht aufgeben sollte.
    Nun denn, aufrichtig: ich wrde sie fr ein Unglck, fr ein um so greres
Unglck halten, je schner und unschuldiger Helene ist. Was, um Alles in der
Welt, kann den Baron zu dieser Heirath bestimmen? Denn, da eine Mutter zu solch
einer Verbindung, die ihre Tochter namenlos unglcklich machen mte, Ja sagen
sollte, kann ich mir nimmermehr denken.
    Melitta war aufgesprungen, hatte ihre Reitpeitsche ergriffen und hieb damit
sausend durch die Luft, als wollte sie sagen: das verdient der, welcher zu
diesem Bubenstck die Hand bietet. In der schlanken, hochaufgerichteten
Frauengestalt htte man kaum dieselbe wieder erkannt, die sich vorhin schchtern
ber ihre Arbeit beugte, oder sich lssig in die Kissen des Stuhles schmiegte.
Selbst die Zge des Gesichtes schienen anders zu werden, schrfer, lter; das
Feuer in den groen Augen loderte dster auf. Offenbar hatte die Erwhnung
dieser Heirath eine Seite in ihr angeschlagen, die hlich durch ihre Seele
schrillte. Sie fuhr in demselben aufgeregten Tone fort:
    Felix ist ein notorischer Wstling. Wie kann ein Wstling Liebe fhlen? Und
gesetzt, Helenens Schnheit, Unschuld und Jugend trgen fr eine Zeit ber seine
Blasirtheit den Sieg davon, so kann dies nicht von Dauer sein. Ein grndlich
Blasirter wird niemals wieder ein ganzer Mann; und kann Helene einen solchen
halben Mann lieben? und ist das Leben ohne Liebe werth, da man es lebt? und
knnen Sie das Unheil verantworten, das aus einer so lieblosen Ehe wie Unkraut
aufschiet? Ich wei -
    Die junge Frau schwieg pltzlich und ging mit schnellen Schritten in dem
Gemache auf und ab. Dann nach einer kleinen Pause:
    Und welch' uere Vortheile knnte diese Ehe gewhren? Felix hat seiner
ungemessenen Eitelkeit sein Vermgen, wie seine Gesundheit zum Opfer gebracht.
Seine Gter sind verschuldet, ber und ber; und Aussichten hat er, so viel ich
wei, auch nicht - Nur da er, wenn mein Malte stirbt, was Gott verhten wolle,
das Grenwitz'sche Majorat erbt, sagte die Baronin.
    Ja so! sagte Melitta gedehnt. Die letzte Bemerkung der Baronin hatte der
edelmthigen jungen Frau die Angelegenheit in einem ganz neuen Lichte gezeigt;
dem unheimlichen Lichte vergleichbar, das aus der Blendlaterne eines Diebes auf
das Schatzkstlein fllt, das er stehlen will. Sie htete sich indessen wohl,
die Baronin, was in ihr vorging, merken zu lassen, sondern fuhr, sich wieder in
ihren Schaukelstuhl werfend, in unbefangenem Tone fort:
    Ich hoffe, Malte wird Felix' Glubigern nicht den Gefallen thun, vor der
Zeit zu sterben, er wird ja zusehends krftiger, und wenn Sie dem Jungen nur
mehr Freiheit lassen wollten -
    Freiheit! sagte die Baronin; mu ich das Wort schon wieder hren! Ich lasse
ihm so viel Freiheit, als ich mit einer vernnftigen Erziehung fr vertrglich
halte. Ich meine, da, wer wie Malte einst ber ein bedeutendes Vermgen
gebieten wird, nicht zeitig genug gehorchen, sich einschrnken, sich Unnthiges,
Ueberflssiges versagen lernen kann. Wir haben ja an unserm Neffen Felix das
lebendigste Beispiel, wohin die allzugroe Nachsicht fhrt.
    Das ist Alles wahr, sagte Melitta, aber -
    Wir haben uns ja wohl ber das Thema der Erziehung unserer Kinder ein fr
alle Mal des Streites begeben, sagte die Baronin mit dem Lcheln der
Ueberlegenheit. Ich wei, was ich will, und das werde ich mit Gottes Hlfe
durchfhren.
    Apropos, habe ich Ihnen schon gesagt, da ich meinen Julius in diesen Tagen
nach Grnwald auf's Gymnasium schicken will? sagte Melitta.
    Wieder so ein Wagestck! antwortete die Baronin. Baron Oldenburg hat auch so
eine ffentliche Erziehung, wie sie es nennen, genossen, und ich denke, die
Resultate sind danach. Freilich hat man mit den Hauslehrern auch seine liebe
Noth.
    Sie haben ja jetzt einen neuen, nicht wahr? sagte Melitta, die aufgestanden
war und sich in die Thr lehnte; wie ist er denn?
    Die Baronin zuckte die Achseln.
    Aber wie kann man das auch fragen, sagte Melitta lachend. Er wird sein wie
alle Andern: entsetzlich gelehrt, eckig, pedantisch, langweilig. Bemperlein,
Bauer - das ist Alles ein Genre. Ich will einen Hauslehrer auf hundert Schritt
erkennen. Ah! wer ist der junge Mann, der da mit Bruno ber die Wiese kommt?
    Die Frage blieb unbeantwortet, da in diesem Augenblick Mademoiselle
Marguerite in das Zimmer getreten und die Baronin aufgestanden war, ihr einige
Auftrge wegen der Abendmahlzeit zu geben. Melitta wandte sich um, aber die
Baronin hatte mit einem: Entschuldigen Sie mich! das Zimmer verlassen. Die junge
Frau blieb allein und mute selbst die Antwort auf ihre Frage zu finden suchen.
Sie zog sich ein wenig aus der Thr zurck und musterte mit ihren scharfen Augen
die Erscheinung des unbekannten jungen Mannes.

                               Siebentes Capitel


Oswald war mit Bruno aus den Bumen, die den Rasenplatz umsumten, dem Schlosse
gegenber herausgetreten. Sein rechter Arm ruhte auf des Knaben Schulter, der
wiederum seinen Arm um Oswald's Hften geschlungen hatte und lchelnd in das
Gesicht des jungen Mannes aufschaute, whrend dieser angelegentlich zu ihm
sprach. Als sie ein paar Schritte auf die Wiese gemacht hatten, blieben sie
stehen. Oswald deutete mit der Hand nach der Richtung, aus der sie gekommen
waren und Bruno sprang in das Gehlz zurck. Der junge Mann stand, die Rckkehr
seines Freundes erwartend und kpfte mit dem Stbchen, das er in der Hand trug,
zum Zeitvertreib einige Grser, die allzulang emporgeschossen waren. Er hatte
keine Ahnung davon, da fnfzig Schritte von ihm ein Paar eben so schner, wie
scharfer Augen jeden seiner Zge musterte, jede seiner Bewegungen sorgfltig
beobachtete.
    Wenn das der neue Hauslehrer ist, so ist er ein Beweis mehr fr den alten
Satz, da es zu jeder Regel Ausnahmen giebt. Der sieht wahrlich nicht aus, als
ob er zu der Familie der Bemperlein's gehrte. Diesen eleganten Sommeranzug
haben Sie wohl mit aus der Residenz gebracht. Sehr nett, in der That, fr einen
Hauslehrer fast zu nett. Sie scheinen etwas eitel zu sein, mein Herr, und lange
Conferenzen mit ihrem Schneider zu halten. Aber Sie sind hbsch gewachsen, das
mu man Ihnen lassen, und der kleine Schnurrbart steht Ihnen ausnehmend gut.
Wollen Sie nicht geflligst einmal den Kopf in die Hhe heben; ich wnschte Ihre
Augen zu sehen. So - sauve qui peut!
    Melitta trat, als Oswald jetzt zufllig die Augen aufschlug, schnell zurck,
so da sie hinter der Thr verborgen war. Sie warf einen flchtigen Blick in
einen Spiegel, der sich in der Nhe befand und glttete rasch ihr ppiges Haar.
Dann nherte sie sich verstohlen wieder der Thr.
    Bruno kam aus den Bumen herbeigesprungen und zeigte Oswald ein Bchelchen:
Hier ist es, rief er, aber Sie bekommen es nicht. Oswald wollte den muthwilligen
Knaben haschen, der ihn immer herankommen lie, um ihm dann jedesmal durch eine
blitzschnelle Wendung, oder einen Satz, dessen sich ein Uncas nicht htte zu
schmen brauchen, zu entgehen.
    Melitta war, durch das hbsche Schauspiel angelockt, aus ihrem Versteck
getreten. Sobald Bruno ihrer ansichtig wurde, rannte er auf sie zu, und Oswald,
der, ber die unerwartete Erscheinung der Dame verwundert, stehen geblieben war,
sah, wie der Knabe ihre Hnde ergriff und mit strmischer Zrtlichkeit an seine
Lippen drckte.
    Da bist Du ja, mein Wilder! sagte die Dame und streichelte die dunklen
Locken des Knaben, wo hast Du denn den ganzen Nachmittag gesteckt?
    Ich bin spazieren gewesen - mit Oswald, wollte sagen, mit Herrn Doctor
Stein; rief Bruno, und dann zu Oswald sich wendend, der grend nher getreten
war, dies ist Frau von Berkow, Oswald, von der ich Ihnen nur noch heute Morgen
erzhlte; dies ist Herr Stein, Tante Berkow, den ich sehr, sehr lieb habe, und
den Sie auch ein wenig lieb haben sollen.
    Man darf seine Waare nicht zu sehr anpreisen, Bruno, sagte Oswald, sich
lchelnd vor der jungen Frau verbeugend, oder der Kufer wird stutzig.
    Nicht, wenn der Verkufer so gut accreditirt ist, wie dieser Wildfang bei
mir, sagte Melitta, leicht errthend. Wie lange sind Sie schon auf Grenwitz,
Herr Doctor?
    Seit vierzehn Tagen etwa, gndige Frau.
    Sagte mir die Baronin nicht, da Sie aus der Residenz kmen? fragte Melitta,
die neugierig war, zu erfahren, ob sich ihre Vermuthung wegen Oswald's Anzug
besttigte.
    Nicht direct, gndige Frau; ich lebte zuletzt in Grnwald.
    In Grnwald? das interessirt mich. Da knnten Sie mir ja gleich die beste
Auskunft geben. Die Sache ist nmlich die - aber ich langweile Sie gewi mit
meinen indiscreten Fragen!
    Bitte, gndige Frau; ich wrde mich glcklich schtzen, Ihnen irgendwie
dienen zu knnen.
    Sehr gtig. Die Sache ist die. Ich will meinen Sohn - er ist ungefhr in
Bruno's Alter -
    Oho, Tante, drei Jahre jnger! rief Bruno, der sich jetzt in einiger
Entfernung auf einer Schaukelbank wiegte.
    Welch' scharfes Ohr der Junge hat, sagte Melitta, ihre Stimme senkend. Also,
ich will meinen Julius nach Grnwald auf's Gymnasium schicken. Oder vielmehr,
ich mu, denn sein Lehrer, ein Herr Bemperlein, der schon sechs Jahre bei ihm
ist, hat eine Predigerstelle bekommen und wird uns in diesen Tagen verlassen.
Nun wei ich nicht - aber da kommt die Baronin - ich mu meine tausend und eine
Frage ber tausend und ein verschiedene Dinge, die mir so vollkommen fremd sind
wie meinem guten Bemperlein, der lngst verlernt hat, wie es in der Stadt
aussieht, wenn er es berhaupt jemals wute, auf eine gelegenere Zeit versparen.
Hier kommt man ja doch nicht dazu. Wie wr's, Herr Doctor, wenn Sie mich in
diesen Tagen mit Ihrem Besuche beehrten, morgen Nachmittag etwa?
    Oswald verbeugte sich.
    Ich habe den Herrn Doctor gebeten, mir morgen seinen Besuch zu schenken,
sagte Melitta, zur Baronin gewandt, die in diesem Augenblick mit Mademoiselle
Marguerite wieder in's Zimmer trat. Es ist wegen der Grnwalder Angelegenheit.
Ihr habt doch nicht morgen Nachmittag etwas Besonderes vor, denn ich mchte
nicht, da der Herr Doctor Stein mir ein allzugroes Opfer bringt.
    Wir etwas vorhaben? sagte die Baronin; Sie kennen ja unser stilles Leben,
liebe Melitta; im Gegentheil, ich denke, eine kleine Zerstreuung der Art wird
Herrn Doctor Stein, der die Einfrmigkeit eines lndlichen Aufenthalts sicher
schon empfunden hat, recht willkommen sein. Ich selbst wollte Sie fr morgen
schon zu einem Besuche zu bestimmen suchen, Herr Stein; bei unserm Pastor, der
schon empfindlich sein wird, da Sie sich ihm noch nicht vorgestellt haben.
    Nun, das lt sich ja ganz gut vereinigen, sagte Melitta; morgen ist
Sonntag, der Pastor Jger wird entzckt sein, wenn Sie die nicht allzugroe Zahl
seiner Zuhrer durch Ihre Person vermehren. Berkow ist von Faschwitz durch den
Wald nur ein halbes Stndchen entfernt. Ich wrde Sie gleich zu Mittag einladen,
aber ich wei, da die Frau Pastorin Sie nicht sobald wieder fortlassen wird.
Nun, was sagen Sie, Herr Doctor?
    Ich kann den Damen nur meinen tiefgefhlten Dank aussprechen, da Sie die
Gte haben wollen, ber meine Zeit besser zu disponiren, als ich es auf jeden
Fall im Stande wre, antwortete Oswald mit einer hflichen Verbeugung.
    Das heit: der Weise schickt sich in das Unvermeidliche, sagte Melitta
lachend. Und hier kommt der Baron mit Malte, und wir knnen zu Tische gehen,
wonach ich, offen gestanden, groes Verlangen trage.
    Die Tafel war auf dem niedrigen Perron, der nach dem Garten zu dem Schlosse
in seiner ganzen Lnge angebaut war, unter einem Zeltdache gedeckt. Der Abend
war herrlich. Die Sonne war im Untergehen. Rosige Lichter spielten in den
Wipfeln der hohen Buchen, die den schattigen Rasenplatz umgaben. Schwalben
schossen zwitschernd und zirpend durch die klare Luft. Ein Pfau kam, durch das
wohlbekannte Klappern der Teller herbeigelockt, aus dem Gebsch eilig ber die
Wiese geschritten, und sammelte die Brocken auf, die der alte Baron ihm ber das
Steingelnder des Perrons zuwarf.
    Die Unterhaltung war heute um Vieles lebhafter, als es wohl sonst der Fall
war. Die Baronin konnte, wenn sie wollte, eine sehr angenehme Wirthin machen,
und sie war, trotz ihrer zur Schau getragenen Abneigung gegen weltlichen Sinn,
durchaus nicht so frei von Eitelkeit, da es ihr gleichgltig gewesen wre,
neben Melitta bersehen zu werden. Melitta aber war in der liebenswrdigsten
Laune; sie scherzte und lachte, neckte und lie necken, unbefangen, harmlos, wie
ein Kind. Es fiel Oswald, whrend er sich dem Zauber von Melitta's reizender
Erscheinung willig berlie, nicht ein, zu glauben, seine Gegenwart knne etwas
zur Erhhung ihrer Stimmung beitragen, und doch war dies in einem hohen Grade
der Fall. Es giebt wenige Frauen, die vollkommen indifferent dagegen sind,
welchen Eindruck sie auf ihre Umgebung hervorbringen, und Melitta gehrte
durchaus nicht zu diesen wenigen Frauen, wohl aber zu jenen Naturen von leicht
erreglicher Sinnlichkeit, die sich durch gefllige und schne Formen in einer
Weise bestechen lassen, die klteren Temperamenten unbegreiflich ist. Nun war
Oswald, ohne das zu sein, was man einen schnen Mann nennt, von der Mutter Natur
nichts weniger als stiefmtterlich ausgestattet, und die gute Gesellschaft, in
der er sich stets bewegt, hatte die natrliche Grazie seiner Manieren noch
erhht. Das Alles berraschte Melitta um so angenehmer, als sie es bei einem
Manne von einer nach ihren Begriffen so untergeordneten Stellung am wenigsten
erwartet hatte. Oswald erschien ihr mit jedem Augenblick bedeutender; sie fing
an, ihre brske Einladung von vorhin doch recht unpassend zu finden, und
zugleich entzckte sie der Gedanke, den liebenswrdigen jungen Mann so bald bei
sich zu sehen. Es schmeichelte ihr, wenn, was ber Tische mehrmals geschah,
Oswald's Blicke den ihren begegneten, und doch senkte sie jedesmal die Wimpern
vor einem Augenpaar, das bei aller Unbefangenheit so beredt und forschend
blicken konnte.
    Nach Beendigung der Mahlzeit brachte die Baronin, da Melitta erklrte, noch
ein Stndchen bleiben zu knnen, ein Reifspiel in Vorschlag; Bruno sprang fort,
die Reifen zu holen, die weder verlegt, noch auer Stande waren, ein Umstand,
der gewi fr die musterhafte Ordnung, die in dem Schlosse Grenwitz herrschte,
beredt genug spricht; und bald hatte sich die Gesellschaft auf dem Rasen in
einem weiten Kreise aufgestellt und die bunten Reifen flogen lustig durch die
weiche, warme Abendluft von Einem zum Anderen. Alle, selbst der alte Baron,
legten eine grere oder geringere Geschicklichkeit an den Tag, mit Ausnahme von
Malte, der seinen Reif in den meisten Fllen, wo er ihm nicht unmittelbar auf
den Stock geflogen kam, fallen lie, eine Gelegenheit, die Melitta, seine
Nachbarin, zum groen Aerger Bruno's, der die Spielregeln eingehalten wissen
wollte, jedesmal benutzte, ihren Reif aus der Reihe einem der Mitspieler
blitzschnell ber den Kopf zu schleudern, wobei Oswald nicht umhin konnte, zu
bemerken, da Melitta ihn hufiger wie die Uebrigen auf diese Weise
auszeichnete.
    Unterdessen war der Abend tiefer herabgesunken; der alte Baron hatte eine
schwache Spur von Thau auf dem Rasen bemerkt; Abendthau aber war nach seiner
Meinung reines Gift fr Malte, der als kleines Kind eine Zeit lang viel an der
Brune gelitten hatte, und er mahnte deshalb dringend, das Spiel einzustellen.
Melitta fand, da es hohe Zeit fr sie sei, aufzubrechen, und bat, ihrem
Reitknecht Befehl zu geben, die Pferde zu satteln. Bruno war fortgesprungen, den
Auftrag auszurichten; die Baronin mit Mademoiselle in das Zimmer getreten; der
Baron beschftigt, Malte, der sich durchaus erkltet haben sollte, ein dickes
Shawltuch um den Hals zu wickeln; Oswald und Melitta waren zum ersten Male seit
ihrer unterbrochenen Conversation von vorhin allein geblieben. Melitta hatte von
einem Rosenstrauch, der zu den Fen der Flora wuchs, eine Rose gepflckt und
betrachtete sinnend die kstliche Blume.
    Verzeihen Sie, mein Herr, sagte sie pltzlich, leise und rasch, aber ohne
die Augen aufzuschlagen, da ich vorhin die Unschicklichkeit beging, Sie ohne
weiteres um einen Besuch zu bitten, der Ihnen am Ende beschwerlich fllt, aber -
    Kein Aber, gndige Frau; ich wiederhole im Ernst, was ich vorhin aus bloer
Hflichkeit sagte, da ich mich glcklich schtzen wrde, Ihnen irgendwie dienen
zu knnen.
    Sie kommen also morgen?
    Wie Sie befehlen.
    Nein: wie ich wnsche. - Sehen Sie nur, wie wundervoll diese Rose ist!
Lieben Sie auch die Rosen so?
    Ich liebe Alles, was schn ist, sagte Oswald, nicht auf die Rose, sondern
auf Melitta blickend.
    Sie hob die langen Wimpern und schaute dem jungen Mann tief und voll in die
leuchtenden Augen.
    Da! sagte sie pltzlich und hielt ihm die Rose entgegen, als ob er ihren
Duft einathmen sollte; er aber fhlte nur, wie sich die schlanken Finger der
Dame leicht wie ein Hauch auf seine Lippen legten.
    Die Pferde sind da, Tante! rief Bruno.
    Ich komme! antwortete Melitta und eilte von Oswald fort.
    Die Rose lag zu seinen Fen; er bckte sich schnell, hob sie auf und
verbarg sie an seiner Brust.
    Mademoiselle Marguerite brachte Melitta Federhut, Reitpeitsche und
Handschuh.
    Ist die Baronin im Zimmer?
    Ja.
    So will ich gehen, ihr Adieu zu sagen.
    Der alte Baron, Oswald und die Knaben gingen durch die Gitterthr des Parks
nach dem Schlohofe, wo ein Reitknecht zwei Pferde am Zgel fhrte. Oswald
bewunderte die Schnheit dieser Thiere, besonders das mit dem Damensattel, ein
herrliches Vollblut, Melitta's Lieblingspferd: Bella.
    Melitta trat, von der Baronin und Mademoiselle gefolgt, aus dem Portale
rasch auf ihr Pferd zu. Der alte Baron hob sie in den Sattel.
    Adieu, adieu! rief sie herunter. Allez! Bella! und so sprengte sie aus dem
Schlohof, hinein in den dmmerigen Abend.
    Die Anderen waren wieder in's Haus getreten. Oswald stand, die Augen nach
dem Thor gerichtet, durch das Melitta verschwunden war, in sich versunken da.
    Wollen wir nicht hineingehen, Oswald? fragte Bruno, seine Hand ergreifend;
es ist dunkel geworden.
    Es ist dunkel geworden, wiederholte der junge Mann und folgte trumend dem
Knaben.

                                 Achtes Capitel


Der Baron hatte Oswald angeboten, ihn nach der Kirche fahren zu lassen; der
junge Mann aber, der die schwerflligen Braunen noch von dem Abend seiner
Ankunft her in bsem Angedenken hielt, es abgelehnt. Bruno und Malte erwarteten
heute die Knaben eines benachbarten Edelmannes zum Besuch. Bruno wre am
liebsten mit Oswald gegangen, da dieser aber selbst ihn zu bleiben bat, sagte
er:
    Sie sind recht froh, da Sie mich auf ein paar Stunden los sind, aber ich
wei, was ich thue. Ich gehe in den Wald und komme vor Abend nicht nach Hause.
    Das wirst Du nicht thun, Bruno!
    Und weshalb nicht? fragte der Knabe trotzig.
    Weil Du mich lieb hast.
    Nun denn, so will ich Ihnen zu Liebe hier bleiben, den albernen Hans von
Plggen nicht prgeln und mich berhaupt so musterhaft benehmen, da selbst
Tante zufrieden sein soll.
    Thue das, lieber Junge. Leb' wohl!
    Leb' wohl, Lieber, Bester! reif der Knabe und warf sich strmisch an die
Brust seines einzigen Freundes, und eilte von ihm fort, in den Garten, dort mit
seinem wilden Herzen allein zu sein.
    Oswald ging aus dem Schlohofe den Weg, von dem er wute, da er nach dem
Pfarrhofe fhrte. Die Sonne schien hell aus dem blauen Himmel, an welchem weie
Wolkenballen unbeweglich standen. Es war nicht hei, denn der Athem des nahen
Meeres hauchte Khlung durch die Sommerluft. Lerchen jubelten hoch droben im
blauen Raum verloren. An dem Rande des nahen Waldes, von dem eine Ecke, Oswald
zur Rechten, weit in das bebaute Land hineinscho, zog ein Gabelweih seine
Kreise. Auf den Feldern sah man keine Arbeiter; die Ackergerthe lagen mig. In
einer Koppel, an welcher der Weg vorberfhrte, lagen in satter Ruhe Khe und
Klber; ein paar muntere Fllen kamen an den Zaun, und sahen neugierig nach dem
Wanderer.
    Oswald hatte schon den Hof des Gutes hinter sich. Er kam auf dem mit Weiden
an beiden Seiten besetzten Wege an der Stelle vorber, wo der Streit zwischen
Bruno und dem Knechte stattgefunden hatte. Unwillkrlich blieb er stehen; die
ganze Scene wurde wieder lebendig vor seinem Auge; er sah den schnen Knaben,
zrnend und drohend, wie ein jugendlicher Gott; und den feigen zurcktaumelnden
Knecht. Fast that es ihm leid, da er seinen Liebling zum Zurckbleiben vermocht
hatte. Er fhlte sich so leicht, so froh an diesem schnen Morgen, und es war
ihm schon zur lieben Gewohnheit geworden, wenn seine Seele ein Fest feierte, den
Knaben zu Gast zu haben. Du, wie Al Hafi, Wilder, Guter, Edler! sprach er bei
sich, was willst Du in dieser Welt von weibischen Mnnern! Frchten sie sich
doch jetzt schon vor Dir, da Du ein Knabe bist, was werden sie thun, wenn Du ein
Mann geworden! Ein Mann thut uns noth, schreien die Gelehrten aller Arten. Wie
wollt Ihr Mnner haben, wenn Haus und Schule und Leben sich gegenseitig
untersttzen, die stolze Kraft im Keim zu brechen! Da schnitzeln sie an dem
Bogen und schnitzeln immerfort, und wundern sich, wenn das feine Ding hernach
zerbricht. Pygmengeschlecht, das den Riesen, den ein glcklicher Zufall an
ihren den Strand geworfen, mit tausend und aber tausend Fden regungslos an die
platte Erde fesselt!
    Oswald war in dem besten Zuge, sich in eine misanthrophische Stimmung
hineinzureden, aber der helle, leuchtende Morgen duldete die Nachgedanken nicht.
Ein Bild, das Bild einer schnen Frau, das gestern Abend, bevor der Schlummer
seine Augen schlo, noch zuletzt vor seiner Seele gestanden hatte, das als ein
lieber Schatten durch seine Trume geglitten war, und, wie der Nachklang einer
kstlichen Musik, ihn schon den ganzen Morgen umschwebt hatte, trat wieder vor
seine Seele. Aber vergebens suchte er es zu bannen. - Whrend er nur an Melitta
dachte, nur an sie denken wollte, sah er die Baronin, Mademoiselle Marguerite,
diese oder jene Dame seiner Bekanntschaft, aber die Amazone im grnen Reitkleide
zerflatterte ihm immer wie neckischer Nebel. So flattre fort, Du schner Spuk!
rief der junge Mann, und suchte seinen Gedanken eine andere Richtung zu geben.
    Das Terrain war bis dahin wellenfrmig gewesen, jetzt wurde es eben, wie die
Flche des Meeres in der Windstille. Eine weite Haide lag vor ihm, jenseits
derselben das Kirchdorf, welches das Ziel seiner Wanderung war. Andere Gehfte
bekrnzten in weiter Ferne die Flche. Die Weiden, die den Weg begleitet hatten,
wurden sprlicher und verschwanden zuletzt ganz. Hier und da hatte man auf der
Haide die Rasendecke entfernt, um Torf zu gewinnen, der nun in langen schwarzen
Reihen zum Trocknen aufgeschichtet da lag. In den so entstandenen tiefen Grben
blinkte das Wasser. Kibitze und anderes Sumpfgevgel flatterte hin und wider. In
der weiten, den Runde sah Oswald keinen Menschen, auer einer Frau, die ein
paar hundert Schritte vor ihm auf einem Grenzsteine sa. Als er nher kam, fand
er, da es eine alte, sehr alte Frau in einem armseligen, aber uerst
reinlichen Anzuge war. Sie mute wohl, von dem Wege ermdet, auf dem Steine
eingenickt sein; denn sie richtete den tief gesenkten Kopf schnell in die Hhe,
als Oswald in ihre Nhe kam und betrachtete verwundert den jungen Mann.
    Guten Morgen, Mtterchen! sagte dieser stehen bleibend, ist das Dorf dort
gerade vor uns Faschwitz?
    Ja! sagte die Frau mit fr ihr Alter auffallender Lebhaftigkeit, der junge
Herr will wohl auch in die Kirche?
    Ja, Mtterchen! wann fngt die Predigt an?
    Die Alte warf einen Blick nach der Sonne und sagte:
    Ich hab' zu lang geschlafen; fr mich ist es nun schon zu spt; meine alten
Beine tragen mich nicht mehr so schnell; aber Sie sind ein junger Mensch, Sie
kommen schon noch zur rechten Zeit. Nichts fr ungut, wie ist Ihr Name, junger
Herr?
    Stein - Oswald Stein.
    Stein? den Namen mu ich schon gehrt haben.
    Wohl mglich, er ist nicht eben selten.
    Stein - hm, hm; nichts fr ungut, wo sind Sie her, Herr Stein?
    Oswald, dem es Vergngen machte, sich so harmlos ausgefragt zu sehen, und
dem die Art der alten Frau wohl gefiel, setzte sich, da es ihn eben nicht
drngte, in die Kirche zu kommen, der Matrone gegenber, die ihn, die runzlichen
Hnde auf die Kniee gestemmt, aus ihren tief gesunkenen, immer aber noch
ausdrucksvollen Augen forschend ansah, auf den Stamm einer umgefallenen Weide
und sagte:
    Aus Grenwitz, Mtterchen.
    Aus Grenwitz? Sieh einmal! Da bin ich auch her. Mit Verlaub, Sie sind wohl
zum Besuch auf dem Schlosse?
    Nicht so eigentlich; ich bin der Hauslehrer der Knaben.
    Das ist wohl nicht mglich?
    Warum?
    Nun, die Herren Candidaten sehen sonst ganz anders aus.
    Oswald lachte.
    Und Sie kommen den weiten Weg ganz allein, Mtterchen?
    Ich hab' keinen Menschen, der mit mir gehen knnte. Mein Mann ist lngst
todt, und meine Jungens sind todt und meine Dirnens sind todt - Alles todt.
    Die alte Frau strich sich die Falten ihres Rockes ber den Knieen glatt, als
wollte sie sagen: Alle eingescharrt, und die Erde glatt drber gedeckt, keine
Spur mehr von ihnen.
    Oswald jammerte das einsame, hlflose Alter der Frau. Er sagte, um doch
etwas zu sagen, wovon er glaubte, da es der einfltigen Seele trstlich sein
knnte:
    In jenem Leben werden Sie alle Ihre Lieben wiederfinden.
    In jenem Leben? sagte die Alte und blickte zum blauen Himmel hinauf, daran
glaube ich nicht.
    Wie? daran glauben Sie nicht? fragte Oswald verwundert.
    Die Alte schttelte den Kopf.
    Sie sind noch jung, Herr - wie war Ihr Name? Stein - ja - Sie sind noch
jung, Herr Stein; wenn Sie erst so viele Menschen haben sterben sehen, wie ich,
glauben Sie auch nicht mehr daran. Wenn ein Mensch gestorben ist, dann ist er
richtig todt - richtig todt. Und dann, wo sollten wohl all' die Menschen hin bei
der Auferstehung, wie sie es nennen? In unserm Dorfe lebt kein Einziger mehr von
Allen, mit denen ich jung gewesen bin. Und die Anderen, die nach mir geboren
sind, sind alt geworden und auch gestorben. Und so kommen immer Neue und immer
Neue. Nein, auf der ganzen weiten Welt wre kein Platz fr all' die Menschen!
    Aber vielleicht auf anderen Sternen? warf Oswald ein.
    Wie sollen sie dort hinkommen? Nein, von der Erde kommt Keiner, aber unter
die Erde kommen sie Alle - Alle, und die alte Frau strich die Falten ihres
Rockes wieder ber den Knieen glatt.
    Die Krper wohl, aber die Seelen -
    Na, ich wei nicht, sagte die Matrone den Kopf schttelnd, aber das wei
ich, da wenn einer gestorben ist, er richtig todt ist, und wir sagen: nun hat
die liebe Seele Ruhe. Und etwas Besseres als Ruhe kann sich auch Keiner nicht
wnschen, er mag ein Edelmann oder ein Bauersmann sein, jung oder alt.
    Weshalb aber gehen Sie denn noch den weiten Weg in die Kirche, wenn Sie an
nichts mehr glauben? fragte Oswald.
    Wer sagt das? sagte die Matrone fast entrstet; ich glaube an Gott, wie
jeder Christenmensch; und rechtschaffen und fromm mu man sein, das hat mit der
Auferstehung nichts zu schaffen; und seine Pflicht mu man thun, das versteht
sich von selbst. Und nun, junger Herr, machen Sie, da Sie fortkommen, es wird
sonst gar zu spt. Ich will nur wieder umkehren. Adjes! Damit stand sie auf,
ergriff einen Eichenstock, der neben ihr an dem Stein gelehnt hatte, streckte
Oswald die welke, zitternde Hand hin, die dieser nicht ohne ein Gefhl der
Ehrfurcht drckte, und begann den Weg, den sie gekommen war, langsam
zurckzuwandern.
    Das ist eine merkwrdige Frau, sprach der junge Mann bei sich, whrend er
rascher weiter schritt; ich mu mich nher nach ihr erkundigen. Wer htte
geglaubt, da die Stze der Philosophen vom neuesten Schlage, Stze, die
freilich nur uralte Mnzen mit etwas anderem Geprge sind, selbst in diesen
Schichten des Volkes cursiren. Nun, nun, wenn selbst die Einfltigen und
Friedfertigen anfangen, sich zu besinnen, da sie Augen zum Sehen und Ohren zum
Hren haben, so ist ja wohl der letzte Tag der Dunkelmnner gekommen.

                                Neuntes Capitel


Das Dorf Faschwitz ist ein Experiment der Regierung. Das Gut, eines der grten
der Gegend, war, wie fast alle in diesem Theil des Landes, ursprnglich im
Besitz einer adeligen Familie gewesen, und beim Aussterben derselben als
erledigtes Lehen an die Krone zurckgefallen. Diese hatte, um sich einen Stamm
kleinerer Grundbesitzer oder freier Bauern zu schaffen an denen es dort fast
ganz gebricht, hier und an anderen Orten frmliche Bauerncolonien gegrndet,
indem sie groe Lehengter parcellirte und die einzelnen Parcellen zu
Spottpreisen an Liebhaber verkaufte. Der Faschwitzer Gemeinde hatte sie eine
Kirche gebaut, einen Prediger in den Ort geschickt; es war nicht die Schuld der
Regierung, wenn die Faschwitzer nicht gediehen.
    Indessen stand zu wnschen, da die Faschwitzer von den brigen ihnen
gewhrten Vortheilen und Vorzgen einen besseren Gebrauch machten, als von der
Gelegenheit, sich allsonntglich geistige Nahrung zu verschaffen, denn Oswald
fand, als er sich durch eine Seitenthr - die Hauptthr war verschlossen -
Eingang verschafft hatte, da die andchtigen Zuhrer aus einigen Kindern, die
wohl zum Confirmandenunterricht gingen und also ex officio da waren, einigen
alten Frauen, die der langen Gewohnheit bis an's Ende treu bleiben, und aus
einigen Gutsbesitzerfamilien der Nachbarschaft, die ihren Hrigen ein gutes
Beispiel geben wollten, bestand. Das Innere der Kirche bildete einen mig
groen, wohl erhellten, nicht gewlbten Saal, in welchem Kanzel, Altar und Bnke
schicklich vertheilt waren - Alles sehr neu, sehr zweckmig - und sehr
nchtern. Da gab es keine kleinen buntgemalten Fensterscheiben, kein Altarbild,
keine pausbckigen Engel in Bronce oder Holz, keine Votivtafeln, keine
halbverwelkten Krnze, und wodurch noch sonst der Katholik seinen gemthlichen
Beziehungen zu der berirdischen Welt, zu welcher ihm die Kirche eine Vorhalle
ist, einen Ausdruck zu verschaffen sucht. Das einzige Poetische in der Kirche
waren die Schatten der Linden vor den Fenstern, die auf der hellen
gegenberstehenden Wand hin und her wogten, und die breiten Lichtstreifen, die
schrg durch den Raum fielen und der Phantasie eine goldene Brcke bauten, aus
dieser nchternen Atmosphre zu entrinnen in den Sommermorgen, der drauen warm
und duftig auf Wiesen, Feldern und Wldern lag. Von der Zuhrerschaft schien
indessen Niemand dieses Weges zu bedrfen oder ihn praktikabel zu finden, mit
Ausnahme etwa eines hbschen zehnjhrigen Mdchens mit langen blonden Locken,
die wohl ein lebhaftes Verlangen nach den bunten Blumen und weien
Schmetterlingen im Garten ihres Vaters, eines dicken Gutsbesitzers, der neben
ihr andchtig nickte, empfinden mochte, und deswegen von der hageren Gouvernante
oft zur Ruhe ermahnt werden mute. Im Uebrigen trugen die Gesichter aller
Anwesenden entschieden das Geprge von Leuten, die ihre Gedanken zu Hause
gelassen haben, und im besten Falle von Menschen, die sich mit Anstand
langweilen.
    Und in der That, es wre ein Wunder gewesen, wenn diese Gemeinde sich von
dieser Predigt htte erbauen lassen und von diesem Prediger. Oswald, der der
Kanzel gegenber hinter der Gutsbesitzerfamilie zu sitzen gekommen war, erkannte
auf den ersten Blick, den er auf den Prediger richtete, und nach den ersten
Worten, die er aus des Mannes Munde vernahm, da hier zwischen Geistlichem und
Gemeinde ungefhr so viel Sympathie bestehe, wie zwischen einem schriftgelehrten
Missionr und einem Stamme gutmthiger wilder Menschen. Auch schien der Prediger
selbst, ein kleiner, schmchtiger Mann von etwa vierzig Jahren mit einem durch
trockene Studien ausgetrockneten Gesicht, dies recht wohl zu empfinden; denn er
war Oswalds, in welchem er natrlich sofort den vielbesprochenen neuen
Hauslehrer von Grenwitz erkannte, kaum ansichtig geworden, als er seinen Vortrag
hauptschlich an ihn zu richten begann, als an den Einzigen, der im Stande sei,
den Werth der gelehrten Perlen zu wrdigen, die ihn hier, vor ungebildetes
Rsselvieh zu werfen, ein unverstndiges Consistorium nthigte.
    O, meine andchtigen Zuhrer, rief er, die bebrillten Augen auf Oswald
richtend, der sich, so gut es gehen wollte, hinter den blonden Lockenkopf
versteckte, o, meine andchtigen Zuhrer, Ihr sehet, ein wie schwaches Ding
diesen ungeheuren Fragen gegenber die menschliche Vernunft ist. Und dennoch,
dennoch, Vielgeliebte, giebt es irrende Brder und Schwestern, die noch immer
dem Nachtlicht ihrer eitlen Vernunft vertrauen, nachdem schon lngst auch fr
sie die Sonne aufgegangen ist. O ja! dieses Stmpfchen ihrer Unschlittkerze mag
ihnen hell genug erscheinen in den Tagen des Festes, der Herrlichkeit und der
Freude; aber nicht also in den Tagen des kummervollen und gedankenschweren
Alters. Darum gebet auf das stolze Vertrauen auf die Vernunft, und haltet fest
an dem Glauben! Gebet auf die thrichte Zuversicht, auf Euren gesunden
Menschenverstand, wie Ihr ihn nennt! O, meine andchtigen Zuhrer, dieser
gesunde Menschenverstand ist ein kranker, ein sehr kranker Menschenverstand, ist
ein Teufelsspuk und ein Irrlicht, das Euch unaufhaltsam in den Sndenpfuhl der
Verderbni lockt.
    Oswald wurde durch diese Rede, die sich, mit Citaten aus der heiligen
Schrift reichlich untermischt, noch eine halbe Stunde fortspann, auf eine
eigenthmliche, aber keineswegs angenehme Weise berhrt. Der Gegensatz zwischen
der stillen, demthigen Unterwerfung unter die groen, ewigen Gesetze der Natur,
die aus den Worten der alten Frau und noch mehr aus ihrem ernsten, bescheidenen
Wesen gesprochen hatte, und der anmalichen Zuversicht, mit welcher der Mann auf
der Kanzel ber so tief verborgene Dinge sprach, und jedes gesunde Gefhl und
jede natrliche Regung der Menschenbrust als eitel Lug und Trug und Snde
verdammte, schien doch gar zu gro. Die schmucklose Weisheit der Matrone war
frisch und duftig, wie ein Blmchen auf der Haide, die prunkende Klugheit des
Predigers wie eine Pflanze, in der dumpfigen, schwlen Luft eines Zimmers ppig
emporgeschossen in Stiel und Bltter, aber ohne Saft und Kraft und Blthen.
Oswald war froh, als endlich der gelehrte Herr, nachdem er noch ein letztes
krftiges Anathema gegen alle Andersdenkende geschleudert und ihre Moralitt
gehrig verdchtigt hatte, bis zum Amen kam.
    Es ist gewilich nicht wahr! sagte der junge Mann bei sich, als er auf den
Fuspitzen nach der kleinen Seitenthr schlich, durch die er eingetreten war.
Und als da drauen der blaue Himmel sich wieder ber ihm wlbte und der Duft der
Linden ihn umwehte, da athmete er tief auf, wie Jemand, der aus der heien,
erstickenden Atmosphre eines Krankenzimmers in die balsamische Luft eines
Gartens kommt.
    Ich werde die Bekanntschaft dieses Mannes nicht machen, wenn ich es
vermeiden kann, monologisirte er weiter, whrend er den kleinen Hgel, auf dem
die Kirche lag, hinunter, an mehreren herrschaftlichen Wagen, die unterdessen
vorgefahren waren, vorber, in's Dorf hineinging; was habe ich mit ihm zu
schaffen! Seine Gedanken sind nicht meine Gedanken und seine Sprache ist nicht
meine Sprache! wir wrden uns in Ewigkeit nicht verstehen. Ich halte nichts von
jener verwaschenen Humanitt, die mit Jedermann gut Freund ist, und Niemanden
zurckweist, weil es doch vielleicht ein fester Punkt ist, um den sich
mglicherweise etwas krystallisiren knnte; nichts von jener Kferphilosophie,
die jeden Fremden hflich umsummt, in der Hoffnung, die verborgene Blthe zu
finden, aus der sich eine Nahrung saugen liee. Der kluge Kaufmann schifft der
Kste vorber, die zu arm zum Tauschhandel ist; und kommen doch die Worte: wer
nicht fr mich ist, der ist wider mich - aus dem erhabenen Munde, der die Liebe
gepredigt hat.
    Oswald war, Dies und Aehnliches bei sich berdenkend, auf's Gerathewohl, wie
es seine Gewohnheit war, wenn ihn etwas lebhaft beschftigte, in dem ihm
unbekannten Dorfe, wo Huser und Scheunen und Stlle, Mauern und Grten, dem
Fremden unentwirrbar, durcheinander lagen, umhergewandert, und wollte eben aus
einem schmalen Gange an der Seite eines stattlichen Hauses auf eine breitere
Strae einbiegen, als ihm der Pfarrer, der aus der Kirche kam, gegenberstand.
An ein Ausweichen war nicht zu denken, und Oswald's Versuch, hflich grend
vorbeizukommen, milang gnzlich, denn der Pfarrer hatte ihn kaum erblickt, als
er ihm im eigentlichsten Sinne den Weg vertrat.
    Ach! ich habe gewi die Ehre und das Vergngen, Herrn Doctor Stein vor mir
zu sehen! sagte er. Wie freundlich von Ihnen, da Sie mich zu besuchen kommen.
Aufrichtig, ich habe Sie schon seit einigen Tagen bei mir erwartet. Als ich
neulich in Grenwitz war, der gndigen Baronin meine Aufwartung zu machen, erfuhr
ich leider, da Sie mit Ihren Zglingen einen lngeren Spaziergang unternommen
htten, sonst wrde ich mir die Freude nicht versagt haben, Sie auf Ihrem Zimmer
aufzusuchen. Meine Frau wird sich glcklich schtzen, Sie unter unserem
bescheidenen Dache zu begren. Wollen Sie geflligst nher treten? Bitte,
bitte, keine Umstnde!
    Hier ist kein Entrinnen mglich, dachte Oswald, und lie sich unter dem
bescheidenen Dache, das nebenbei ein ganz stattliches Haus bedeckte, eine
Gastfreundschaft aufnthigen, der auszuweichen er noch eine Minute vorher
entschlossen gewesen war.
    Gustava! Gustave! Gustchen! rief der Pfarrer auf dem Hausflur; ffnete aber,
da die Gerufene die sichere Position hinter dem mit einem Vorhang versehenen
Guckfensterchen der Kchenthr nicht aufgeben mochte, bevor sie ber den
Charakter des Fremden und den Zweck seines Besuches genauer unterrichtet sein
wrde, sein Studirzimmer, und bat Oswald einzutreten, bis er sich seiner
Amtstracht entledigt und seine Gustava von dem werthen Besuch benachrichtigt
htte.
    Das Studirzimmer des geistlichen Herrn war ein groes, zweifenstriges
Gemach, in welchem einige Bcherschrnke, einige Heiligenbilder an der Wand, ein
hartes, mit schwarzem, glnzendem Zeuge berzogenes Sopha, ein runder, mit
Bchern bedeckter Tisch in der Mitte, ein Stehpult mit einem Drehsessel davor in
einem der Fenster, und eine mit Tabacksduft reichlich geschwngerte Atmosphre,
das dem Eintretenden zuerst in die Sinne Fallende war. Die letztgenannte
Eigenthmlichkeit war so ausgesprochen, da Oswald einen Fensterflgel ffnen
mute, wobei er eine starke Anwandlung versprte, ber die niedrige Brstung auf
die sonnenbeschienene Dorfgasse zu springen und das Weite zu suchen.
    Dieser Fluchtversuch wurde indessen durch die Zurckkunft des Pfarrers
vereitelt. Der geistliche Herr prsentirte sich jetzt in einem Anzuge aus
schwarzem, wie Fett glnzenden Sommerzeuge. Er bat Oswald, einige Augenblicke in
seiner Klause verziehen zu wollen, da Gustava noch in den Kchenrumen schalte.
Oswald, der alle Hoffnung, zu entrinnen, aufgegeben hatte, machte jetzt nicht
einmal den Versuch, die Einladung des Pfarrers, zum Mittagessen dazubleiben,
auszuschlagen.
    Sie werden freilich nur paternum mensa tenui salinum finden, Urvter
Hausrath auf drftigem Tische, sagte der Pastor, der seinem Gaste zeigen wollte,
da er sein Latein noch nicht vergessen habe; aber Sie wissen: vivitur parvo
bene; auch mit Wenigem lebt sich's gut. Darf ich Ihnen, bis die Mahlzeit
angerichtet ist, eine Cigarre offeriren?
    Oswald dankte, da er kein Raucher sei.
    O, eine vortreffliche Eigenschaft das! eine klassische Eigenschaft, sagte
der Pastor, seinen eigenen Witz belchelnd; die Alten rauchten nicht, und
Goethe, den ein frivoler, aber witziger Schriftsteller den groen Heiden nennt,
war ein abgesagter Feind der Pfeife und Cigarre. Sie erlauben, da ich meiner
Gewohnheit, nach der Predigt ein leichtes Cigarrchen zu rauchen, getreu bleibe?
    Bitte dringend, Herr Pastor!
    Finden Sie nicht - paff, paff! - da das Rauchen - paff, paff! - so recht
eigentlich ein germanisches, ja, um mich so auszudrcken, ein
christlich-germanisches Element ist? sagte der Pfarrer, der heute auf alle Flle
geistreich sein wollte.
    Sie wrden durch diese Bemerkung den Spttern der Religion eine Waffe in die
Hnde geben, antwortete Oswald trocken.
    Wie das, Werthgeschtztester?
    Besagte Sptter knnten behaupten, da, sich selbst und Anderen einen
romantischen blauen Dunst vorzumachen, allerdings ein wesentlicher Zug
germanischer, besonders christlich-germanischer Natur sei.
    Der Pfarrer sah Oswald mit einem schnellen, lauernden Blick halb ber die
Brillenglser hinweg an, als htte er gern auf einmal heraus gebracht, wie weit
er seinem Gaste trauen drfe. Da er es aber fr einen Mann von klassischer
Bildung unschicklich fand, auf einen Scherz, auch wenn derselbe an's Frivole
streifte, nicht einzugehen, so antwortete er mit sauersem Lcheln: Nicht bel,
nicht bel! Aber was wre vor den Spttern sicher? Freilich, wir knnen
antworten: ex fumo lucem! ex fumo lucem! Licht aus dem Rauche! - Aber setzen wir
uns, lieber Freund, setzen wir uns! Wie befindet sich denn der gute, liebe Baron
und die gndige Baronin? Ach! Sie knnen sich glcklich schtzen, lieber Freund,
in solchem Hause leben zu drfen, unter so vortrefflichen Menschen, die mit dem
Geburtsadel den wahren Adel der Seele verbinden - vor Allem die Barone, eine
fromme und sehr gebildete Dame, die Alles ex fundamento kennen lernen will. Sie
liest jetzt Schleiermachers Reden ber die Religion -
    Sollte sie wohl im Stande sein, die zu verstehen? bemerkte Oswald.
    Der Pfarrer sah Oswald wieder mit jenem eigenthmlichen Blick ber die
Brillenglser an, als msse er sich den Mann genauer betrachten, der den Muth
hatte, eine Ansicht, welcher er im Stillen vollkommen beipflichtete, so ungenirt
laut werden zu lassen. Er begngte sich indessen damit, die Mundwinkel herunter
und Schultern und Augenbrauen in die Hhe zu ziehen, eine Geberdensprache, die
sich sein Besuch nach Belieben in: Alles Schwindel, lieber Freund! oder: die
Fhigkeiten dieser Frau sind incommensurabel, bersetzen konnte.
    Freilich, fuhr er fort, Grnwald werden Sie vermissen; zumal den Umgang
eines Mannes von einer so umfassenden Gelehrsamkeit, wie der Professor Berger.
Aber geht es mir denn anders? Auch ich kann sagen: Barbarus hic ego sum, quia
non intelligor ulli. Ich gelte hier fr einen Sonderling, weil Niemand mich
versteht. Unsere Gutsbesitzer sind ohne Zweifel treffliche, wrdige,
gottesfrchtige und treu-kniglich gesinnte Mnner; aber, im Vertrauen, die
Bildung, ich meine natrlich nur die gelehrte, ist arg vernachlssigt. Ja, wenn
die Herren sich in ihrer Jugend des unschtzbaren Glckes einer wahrhaft
rationellen Erziehung zu erfreuen gehabt htten, wie Junker Malte -
    Sehr gtig, Herr Pastor, obgleich von diesem Compliment nur ein verzweifelt
kleiner Theil auf meine Rechnung kommen drfte. Ich wnsche nur, bei Malte kme
die ratio nchstens mehr zum Durchbruch, denn bis jetzt ist er wahrlich eine
hchst irrationelle kleine Gre.
    Sie sollten Ursache haben, mit dem jungen Baron unzufrieden zu sein? sagte
der Pastor im Tone Jemandes, der etwas ganz Unerhrtes, Unglaubliches vernommen
hat. Ach, verstehe, verstehe! Freilich, der junge Bruno ist vielleicht in
mancher Hinsicht die begabtere Natur, obgleich er, wie ich in dem
Confirmandenunterricht, welchen ich den Junkern zu ertheilen die Ehre hatte,
wohl bemerkte, fr die Wahrheiten der christlichen Religion nicht eben sehr
zugnglich ist; indessen non omnes possunt omnia - omnia, wiederholte der
Pfarrer, der nicht wute, wie er fortfahren sollte. Ja, was ich sagen wollte,
dafr ist aber auch Malte wieder der Erbe eines so groen Vermgens!
    Um so mehr scheint es mir wnschenswerth, da er dereinst ein ganzer Mann
wird. Ist denn brigens das Grenwitz'sche Vermgen wirklich so bedeutend?
    Ei, mein lieber Freund, rief der Pastor im Tone sanften Vorwurfs, da Oswald
eine so beklagenswerthe Unwissenheit in Betreff so hochwichtiger Dinge an den
Tag legen konnte; ob es bedeutend ist! Da sind in dieser Nachbarschaft allein
fnf, nein - mit Stantow und Brwalde, die allerdings nicht zum Majorat gehren,
sind es eben sieben Gter. Und in den andern Theilen der Insel - lassen Sie mich
sehen - liegen noch ein, zwei, drei Gter. Das ist ein Kapital von mindestens
anderthalb Millionen. Anderthalb Millionen! wiederholte er, als knne sich sein
Geist von einer so erhabenen Vorstellung nicht gleich wieder losmachen.
    Und das Vermgen ist ein Majorat?
    Ei gewi! Mit Ausnahme, wie gesagt, von zwei der schnsten Gter, welche dem
verstorbenen Baron, dem Vetter des jetzigen, durch Erbschaft von der Mutter
Seite zufielen und in dem Testamente auf eine gar besondere Weise verclausulirt
sind. Denken Sie sich nur, lieber Freund, da der verstorbene Baron, der, ganz
unter uns gesagt, eine beraus wste, unbndige Natur war, diese Gter dem Sohne
einer seiner Maitreffen vermacht hat.
    Aber Sie rechneten doch vorhin die beiden Gter mit zu dem Vermgen der
Familie, sagte Oswald.
    Nun, unter uns kann man es immerhin, sagte der Pfarrer, Oswald nher
rckend, in leiserem Ton. Denn kein Mensch wei, wo dieser Knabe lebt, ja, ob er
berhaupt lebt, ja nicht einmal, ob es wirklich ein Knabe oder ein Mdchen ist.
    Das ist ja eine curiose Geschichte, sagte Oswald lachend.
    Eine uerst curiose Geschichte, sagte der geistliche Herr; eine lcherliche
Geschichte, wenn Sie wollen. Denken Sie nur: der Baron Harald - sie haben Alle
sonderbare Namen in der Familie - jener unbndige Mann, der zur Zeit der
heiligen Vehme htte leben mssen, entbrennt in heier Liebe zu einem armen
Brgermdchen - ein Fall, der in seinem Leben freilich oft vorgekommen sein mag,
aber niemals solche blen Folgen hatte. Er entfhrt sie, halb mit Gewalt,
hierher auf sein Schlo. Nach einem halben Jahre entflieht sie bei Nacht und
Nebel. Ob sie ihre Schande auf dem Grunde eines unserer tiefen Moore verborgen
hat, ob sie wirklich nur entflohen ist, Niemand wei es. Der Baron ist auer
sich, rasend. Er durchsucht vergebens die ganze Insel. Um seinen Gram und seine
Gewissensbisse zu betuben, trinkt und spielt und lebt er noch wilder wie
gewhnlich, so da er denn ein paar Wochen spter im Delirium stirbt. Als man
das Testament erffnet, findet man nun, da er in einer Anwandlung von Reue,
oder aus Caprice, wie Sie wollen, dem Kinde jener seiner Geliebten, gleichviel
ob Knabe oder Mdchen, falls es nur bis zu dem und dem bestimmten Datum geboren
ist, die beiden herrlichen Gter, der Dirne selbst aber den Niebrauch des
Vermgens auf Lebenszeit vermacht hatte. Wie finden Sie das?
    Jedenfalls eignet sich die Geschichte mehr zu einer Tragdie als zu einer
Komdie, sagte Oswald. Und hat man nie eine Spur von Mutter und Kind entdeckt?
    Nie! obgleich testamentarisch - es ist wahrhaftig ein wahrer Skandal, und
ich bedaure die gndige Baronin von ganzem Herzen - alljhrlich die Verschollene
in smmtlichen Blttern der Provinz aufgefordert wird, ihre Ansprche geltend zu
machen.
    Wie lange spielt die Geschichte nun?
    So ein zwanzig Jahre und darber.
    Da ist doch wohl kaum denkbar, da die Arme noch am Leben ist.
    Es denkt auch Niemand mehr daran, sagte der Pastor. Grenwitzen's wrden auch
nicht wenig verwundert sein, wenn pltzlich so ein junger Landstreicher sich als
ergebenster Neffe vorstellte und die beiden Gter und die Zinsen seit zwanzig
Jahren fr sich beanspruchte, um so mehr, als die gndige Baronin, die von Hause
aus - ganz unter uns gesagt - keinen rothen Pfennig Vermgen hat, nach dem Tode
des Barons, da die Grenwitz'schen Besitzungen, Gott sei Dank, Majorat sind,
sammt ihrer Tochter so arm sein wrde, als sie vor ihrer Vermhlung war.
    Sie sind ein groer Freund der Majorate?
    Ei gewi! Ich halte es fr ein Glck, da so bedeutende Vermgen nicht durch
Erbtheilung zersplittert werden knnen, und so eine Aristokratie reicher
Grundbesitzer mglich wird, die gleichsam ein Ballast sein kann fr das
Staatsschiff in Zeiten der Gefahr, die Gott noch lange abwenden mge von unserm
theuern Vaterlande.
    Nun, sagte Oswald, das Ding hat, wie alle andern, seine zwei Seiten.
    Wer wollte sich das verhehlen, sagte der geschmeidige Pastor. Aber ich fr
meinen Theil habe zu lange die Ehre und das Glck gehabt, mit reichen, und in
der schnsten Bedeutung des Wortes adeligen Familien zu verkehren, als da ich
nicht gewissermaen ein Anhnger der Aristokratie sein sollte; und berdies habe
ich neuerdings nur zu trbe Erfahrungen darber gemacht, wie sehr der Besitz in
den Hnden des Plebejers, um mich dieses historischen Ausdruckes zu bedienen,
Eitelkeit, Hoffarth und weltlichen Sinn hervorruft und begnstigt.
    Es thut mir leid, von meinen Freunden so etwas hren zu mssen, sagte
Oswald.
    Von Ihren Freunden? sagte der Pastor verwundert.
    Von meinen Freunden, allerdings. Denn ich fand mich stets, ohne es zu wollen
und manchmal ohne es zu wissen, wo immer in der Geschichte der groe Gegensatz
zwischen Aristokraten und Plebejern hervortrat, auf Seite der letzteren. Ich war
ein geschworner Anhnger der Gracchen und anderer rmischer Demagogen; ich
schlug mich mit den Independenten gegen die Cavaliere, und ich gestehe, da ich
in den Bauernkriegen viel mehr Sympathie gehabt habe fr die armen,
unterdrckten, gehudelten, geknechteten und in Folge dieser brutalen Behandlung
meinetwegen auch brutalen Bauern, als fr die hochmgenden, reichsfreiherrlichen
und trotz und vielmehr wegen all' der Freiheit und Herrlichkeit nicht minder
brutalen Grafen und Barone.
    Der Pfarrer hrte diese Rede mit jenem unglubigen Lcheln an, mit dem man
dem Bramarbasiren junger Gelbschnbel zuhrt, die sich gern den Anstrich von
vollendeten Wstlingen geben mchten.
    Sehr gut, sehr gut! sagte er. Ja, ja, wir geistreichen Leute gefallen uns in
Paradoxen. Das klebt uns noch von den sthetischen Thee's der Residenz an, und
da wollen wir hbsch in der Uebung bleiben, wenn uns zur Zeit auch nur ein armer
Landpfarrer hrt.
    Ich versichere Sie, Herr Pastor -
    Wei schon, wei schon! Aber leben Sie erst einmal, wie ich, fnf Jahre lang
unter Bauern! Glauben Sie, da ich in der ganzen Zeit die Leute habe bewegen
knnen, eine Glocke fr unser Gotteshaus zu kaufen, die anzuschaffen sie noch
dazu verpflichtet sind? Aber, wenn es darauf ankommt, einen Schmaus herzurichten
und andere weltliche Zwecke in's Werk zu setzen, fehlt es nie an Geld.
    Nun, sagte Oswald, der Adel hiesiger Gegend ist auch nicht eben wegen seiner
Nchternheit berhmt.
    Der Adel, lieber Freund! das ist etwas ganz Anderes. Seine Devise ist und
mu sein: leben und leben lassen. Aber, Sie wissen, Eines schickt sich nicht fr
Alle.
    Und Manches schickt sich fr Keinen, fgte Oswald hinzu.
    Ach, hier kommt meine Gustava, rief der Pfarrer, froh, ein Gesprch
abbrechen zu knnen, das ihm von Augenblick zu Augenblick weniger gefiel.
    Die Frau Pastorin, welche soeben in das Zimmer trat, war eine Dame in dem
Anfang der vierziger Jahre, mit semmelblonden Haaren, sehr hellblauen Augen und
einem Gesicht, das in diesem Augenblick von dem Kchenfeuer und der Eile, mit
welcher sie ihre Toilette gemacht hatte, noch von etwas lebhafter Farbe war,
sonst aber krnklich, bleich, verwelkt und altjngferlich aussah. Sie trug ein
Kleid von gelber ungefrbter Seide, an dessen Grtel eine goldene Uhr hing, und
eine Haube mit gelben Bndern, so da sie Alles in Allem auf Oswald den Eindruck
eines etwas verblichenen und nicht mehr ganz gefunden Kanarienvogels, dessen
Besitzer nach Norden wohnt, machte. Auch sie konnte kaum Worte (an denen es ihr
brigens nicht gebrach) finden, welche ihre Freude ausdrckten, den Freund eines
so hochmgenden Hauses unter ihrem niedrigen Dache (diese Phrase schien bei
beiden Gatten stereotyp) zu erblicken, um so mehr, als es ihrem armen Jger (das
war der Name des Pastors) ganz und gar an einem wissenschaftlichen und
gebildeten Umgange gebrach, ein Mangel, dem durch Oswalds Ankunft in hiesiger
Gegend auf die erfreulichste Weise (davon sei sie berzeugt) abgeholfen wre.
    Mein armer Jger wird mir hier noch zum Hypochonder werden, rief sie, ihre
wasserblauen Augen zrtlich auf den Gegenstand ihrer Besorgni richtend; ich
thue, was in meinen schwachen Krften steht, da er die Gesellschaft
geistreicher und gelehrter Mnner so wenig wie mglich vermit, aber was kann
eine arme, unwissende Frau denn in dieser Hinsicht Groes thun!
    Sie werden mich zwingen, Ihnen zu widersprechen, sagte Oswald, bei welchem
der Humor ber den Unmuth, mit dem ihn bisher die Heuchelei und Gleinerei der
Gatten erfllt hatte, endlich den Sieg davon trug. Ich mchte behaupten, da
Unwissenheit und Frau Pastor Jger niemals Freundinnen gewesen sind, und jetzt
schon seit Jahren auch nicht einmal die entfernteste Bekanntschaft zwischen
ihnen existirt.
    Sie sind zu gtig, wahrlich zu gtig, sagte die hocherfreute Pastorin. Ich
will nicht leugnen, da ich mich von jeher bemhte, den Vorwurf der Unfhigkeit
fr die Sphren hherer Bildung, welchen man uns armen Frauen -
    Es ist angerichtet! rief das Dienstmdchen zur Thre herein.
    Sehen Sie, so macht das irdische Leben immer seine Rechte geltend, so oft
wir versuchen, einen khneren Flug zu nehmen, rief die Pastorin, whrend ihr
Oswald galant den Arm bot und der Pastor das Ende seiner Cigarre so legte, da
er es nach Tische wiederfinden konnte.

                                Zehntes Capitel


Die Unterhaltung an der Mittagstafel, die in einem khlen, schattigen Zimmer,
das auf einen etwas kahlen und sehr sonnigen Garten sah, angerichtet war, wurde
bald sehr lebhaft. Oswald's lngerer Aufenthalt in Grnwald erwies sich als
unerschpfliches Thema. Die Pastorin war selbst eine Grnwalderin, eine der
vielen Tchter des dort vor mehreren Jahren verstorbenen Superintendenten
Gabriel Dunkelmann, der gerade noch lange genug lebte, seinem Schwiegersohn die
eintrgliche Pfarre von Faschwitz zu verschaffen und dann das Zeitliche segnete.
Oswald machte im Stillen die Bemerkung, da die Frau Doctor - denn der Pastor
hatte sich die academische Wrde durch eine grundgelehrte Dissertation ber die
mglicherweise vorhanden gewesenen Schriften eines bis auf den Namen
verschollenen Kirchenvaters erworben - schon damals durch Jugendreiz sich nicht
ausgezeichnet haben knne und wunderte sich auch nun nicht lnger darber, da
der Tisch so klein und das Haus so still war. Die Frau Doctor kannte den
Professor Berger, sie kannte mehrere Familien, in denen Oswald eingefhrt war.
Das gab denn berreichen Stoff zu dem landesblichen Familienklatsch, bei
welchem einige Damen, die ihrer Zeit der verblhten Superintendententochter zu
nahe getreten sein mochten, erfahren konnten, welche zweischneidige Waffe die
Zunge einer Landpastorin unter Umstnden ist.
    Unterdessen war der Nachtisch aufgetragen, und der Pastor hatte, nicht ohne
eine gewisse Feierlichkeit eine zweite Flasche entkorkt, die Pastorin aber den
Tisch verlassen, um anzuordnen, da der Kaffee heute in der Gartenlaube servirt
werde. Der Pastor hatte sich eine Cigarre angezndet, einen Knopf an seiner
schwarzen Weste aufgemacht, augenscheinlich nur in der Absicht, sich in der
Illusion, ein sybaritisches Mahl eingenommen zu haben, zu bestrken - denn die
Weste sa schon schlotterig genug auf seinem hagern Leibe. Er forderte Oswald
auf, mit ihm auf das Wohl der hochmgenden Familie, in welcher er sich zu
befinden das Glck habe, anzustoen, eine Hflichkeit, die Oswald mit einem
Toast auf die liebenswrdige, ebenso gelehrte, wie bescheidene Wirthin
erwiderte.
    Danke, danke, lieber junger Freund, sagte der geschmeichelte Pastor,
Oswald's Hand zu wiederholten Malen drckend. Ja, Sie haben recht, eine
gelehrte, bescheidene Frau! Haben Sie ihr angemerkt, da sie mit mehr als einer
literarischen Gre im lebhaftesten Briefwechsel steht, ja, unter dem Pseudonym
Primula eine der eifrigsten Mitarbeiterinnen der Novellen-Zeitung ist?
    Unmglich! rief Oswald.
    Ich versichere Sie, lieber Freund; und Sie knnen nicht glauben, welche
Freude es mir gewhrt, wenn ich wieder und immer wieder im Briefkasten lese:
Faschwitz und P.V., Primula Veris, Gustava's Chiffre: Tausend Dank fr Ihre
liebenswrdige Sendung, oder: Sie haben uns durch Ihr reizendes Gedicht hoch
erfreut, es wird schon in der nchsten Nummer zum Abdruck kommen x.
    Ich kann es mir denken, sagte Oswald zerstreut. Aber wollen wir nicht der
liebenswrdigen Dichterin in den Garten folgen?
    Festina lente! rief der Pfarrer, dem der Wein schon zu Kopfe stieg. Wir
kommen so jung nicht wieder zusammen. Ein gutes Glas Wein ist ein gutes
geselliges Ding, und Gustava ist zu liberal gesinnt, uns die Freuden des Mahles
zu verkrzen. Aller guten Dinge sind drei, lassen Sie uns noch eine Flasche -
    Aber Jger, der Kaffee wird ja kalt! tnte die scharfe Stimme der Primula
Veris aus dem Garten durch das offene Fenster.
    Wir kommen, wir kommen, Gustchen! rief der gehorsame Gatte. Gesegnete
Mahlzeit, mein lieber junger Freund! (bei diesen Worten umarmte er Oswald); mein
theurer Freund! (abermalige Umarmung) -
    Aber wir vergessen, da der Kaffee auf uns wartet, rief Oswald, mit Mhe
einer dritten Umarmung entgehend, und den Weg nach dem Garten einschlagend,
whrend der Pastor, ehe er seinem Gaste folgte, noch schnell den letzten Rest
aus der Flasche in sein Glas schenkte und dasselbe eiligst (diesmal
wahrscheinlich auf sein eigenes Wohl) austrank.
    Der Garten gewhrte um diese Tageszeit gerade nicht den angenehmsten
Aufenthalt, denn die Anlagen waren noch sehr ung; die Bumchen meist erst in
Manneshhe, und in Folge dessen das Ganze eine schattenlose, prosaische,
nchterne Sttte, die auffallend an die Theologie des gelehrten Herrn erinnerte,
auch insofern, als hier wie dort das Ntzlichkeitsprincip das oberste zu sein
schien. Die Gemsebeete waren sorgsam gepflegt, Blumen aber sah man wenig, nur
einige Sonnenblumen mahnten durch ihre Farbe flchtig an die Erscheinung der
Primula Veris und durch ihre Eigenschaft, sich der Sonne zuzuwenden, aus welchem
Theile des Himmels sie auch strahlen mochte, an die Lebensphilosophie ihres
ausgezeichneten Gatten.
    In der Laube, die glcklicherweise, von Jasmin dicht bedeckt, gegen die
Sonne, welche jetzt hei genug brannte, einen ertrglichen Schutz gewhrte,
fanden sie die Frau Pastorin. Sie hatte neben sich auf der Bank ein
Arbeitskrbchen stehen, in welchem zwischen bunten Lppchen, Docken Seide und
andern Dingen ein zierliches Bchelchen lag, dessen Vorhandensein Oswald
einigermaen beunruhigte.
    Weh' dir, dachte er, wenn dieses Buch eine Sammlung von Primula's in der
Novellen-Zeitung und sonst erschienenen Gedichten ist!
    Er suchte den Pastor bei den Gemsebeeten festzuhalten; er mute sich mit
eigenen Augen berzeugen, wie die vom Pastor selbst erfundene Verbesserung an
den Bienenkrben denn eigentlich beschaffen sei; er sprach endlich von der
Nothwendigkeit, sich baldigst verabschieden zu mssen - kurz, er that, was ein
Mann in seiner kritischen Lage thun kann - vergebens!
    Wir sollen Sie fortlassen, bei der Hitze! rief Primula und lie ihre Hand
(von Oswald nicht unbemerkt) auf das Arbeitskrbchen gleiten. Wir sitzen hier
zwar nicht im Schatten der gewaltigen Fichte und der weien Pappel, aber doch im
Schatten; und den wollten Sie vertauschen mit der Gluth und dem Staub der
Landstrae? Unmglich! Noch eine Tasse, werther Gast! Es ist kein Falerner, wie
ihn der glckliche Rmer in der eben citirten Ode trinkt, aber doch ein Getrnk,
das einigen Anspruch auf Classicitt machen darf, seitdem unser lieber Vo in
seiner Louise es so verherrlicht hat. Sagen Sie, lieber Gastfreund, hat Ihnen
nicht der Aufenthalt unter unserem niedrigen Dache manche Reminiscenzen an die
liebliche Idylle erweckt? Haben Sie nicht empfunden, da in diesen, von dem
Treiben der Menschen weit entfernten Sttten die sanfte Stimme der Poesie, die
auf dem lauten Markte des Lebens ungehrt verhallt, deutlich zu uns spricht?
    Jetzt geschieht das Entsetzliche, dachte Oswald.
    Ich bewundere, sagte er, wie Sie so sinnig Altes und Neues, Wirklichkeit und
Poesie zu einem duftigen Kranze zu flechten verstehen. Mir selbst ist leider in
jngster Zeit die Prosa des Alltagslebens nah und nher getreten; ja, aufrichtig
gestanden, ich habe mich, was ich frher fr unmglich hielt, mehr und mehr mit
ihr ausgeshnt, obgleich ich sehr wohl wei, da ich dabei die Empfnglichkeit
fr die Reize der Dichtkunst vollstndig eingebt habe.
    O, glauben Sie doch das nicht! rief Primula. Der Quell der Poesie in uns
kann wohl zu Zeiten weniger voll strmen, aber gnzlich versiegt er nie. Sie
klagen sich der Unempfnglichkeit fr die Reize der Dichtkunst an. Das sollte
mich eigentlich von meinem Vorhaben (hier legte sie die Hand offen an das
Bchelchen in schwarzem Einband mit Goldschnitt) abbringen, Ihnen eine kleine
Probe der Gedichte mitzutheilen, die ich, wie Ihnen wohl bekannt sein wird,
unter dem Pseudonym Primula in der Novellen-Zeitung verffentlicht habe. Aber
mein Glaube an die Macht der Poesie, vor Allem der latenten Poesie in Ihrem
Herzen, ist zu gro, als da mich Ihre Selbstverleumdung vom Gegentheil
berzeugen knnte. Darf ich einen Versuch wagen, die Richtigkeit meiner Ansicht
auf die Probe zu stellen?
    Wodurch habe ich so viel Gte verdient? murmelte Oswald, sich voll
Resignation in die Ecke seiner Bank zurcklehnend und die Augen bis zu dem
Winkel schlieend, der glcklicherweise den Augen halb schlummernder und
verzckter Zuhrer gemeinsam ist.
    Ich habe mein Bchelchen Kornblumen betitelt, sagte Primula, hold verschmt
in dem Buche bltternd, weil die meisten dieser Poesie auf den Spaziergngen
durch die Kornfelder, auf alle Flle in einer lndlichen Umgebung erblht sind.
    Wie sinnig, flsterte Oswald.
    Nach den Regeln der besten Aesthetiker und nach dem Beispiele der Griechen,
welche die Tragdie der Komdie voranschickten, oder richtiger die Komdie auf
die Tragdie folgen lieen, werde ich mir erlauben, Ihnen erst ein ernstes, dann
ein launiges, dann wieder -
    Gewi, gewi, das wird den Reiz der einzelnen Gedichte erhhen, sagte
Oswald, den vor dieser endlosen Perspective schauderte.
    Willst Du nicht, liebe Gustava - sagte der Pastor.
    La mich meine eigene Wahl treffen, Jger, sagte die Dichterin in einem
sanften, aber entschiedenen Tone, und dann sich ruspernd:
    Auf einen todten Maulwurf -
    Auf was? rief Oswald, erschrocken in die Hhe fahrend.
    Nun, sehen Sie, werther Freund, sagte Primula, wie schon die Ueberschrift
allein Sie elektrisirt!
    Freilich, freilich! murmelte Oswald, in seine Ecke zurcksinkend.
    Auf einen todten Maulwurf, wiederholte die Dichterin, den ich am Wege fand:

Wie liegst Du jetzt so ruhig da
Mit Deinem glatten Fell!
Dein Schicksal, ach, es geht mir nah,
Du schwrzlicher Gesell!

Sie schmhten Dich, Sie hhnten Dich,
Sie sagten: Du bist blind!
Das waren solche sicherlich,
Die selber Blinde sind.

Am Tage zeigtest Du Dich nicht,
Gleich eitler Thoren Schaar,
Doch war's in Deiner Zelle licht,
In Deinem Busen klar.

Und zu der Sterne hohem Lauf
Am ncht'gen Himmelsdom,
Sahst Du von Deinem Hgel auf,
Du kleiner Astronom!

Wie lebtest still und harmlos Du,
Ein dunkler Ehrenmann!
Bei Tag nicht Rast, bei Nacht nicht Ruh,
Wer sieht Dir das nun an?

Nun liegst Du, ach so ruhig da
Mit Deinem glatten Fell.
Dein Schicksal, o! es geht mir nah,
Du schwrzlicher Gesell!

Das ist schn, sagte Oswald. Das ist die echte Lyrik, wie wir sie heute leider
nur zu selten finden. Nicht die Treibhauslyrik jener Dichter, die mit Anklngen
an Heine beginnen, in der Mitte einige Lenau'sche Accorde anschlagen und mit
einer Freiligrath'schen Fanfare schlieen. Welch' ein wahres, inniges Gefhl
erwrmt diese Verse! und dabei diese kernige Kraft der Sprache: Ein dunkler
Ehrenmann! das ist einfach, aber schn; das haben Sie Ihrem Goethe abgelauscht.
    Sie sind wahrlich zu gtig, lieber Gastfreund! sagte Primula hocherfreut. In
der That, Sie beschmen mich durch Ihr freigebiges Lob. Aber, seien Sie ehrlich,
finden Sie nicht, da, wenigstens fr den modernen Geschmack, das Ganze doch ein
wenig zu ideal gehalten ist?
    Vielleicht fr unsere Realisten, die allerdings in ihren Anforderungen etwas
weit gehen, und in ihrem Bestreben, Alles recht natrlich zu machen, im Faust
nchstens den Pudel auf die Bhne bringen und durch Kneifen in den Schwanz zum
Bellen und Heulen veranlassen werden. Aber ich bin berzeugt, da, wenn Sie nur
wollen, Sie auch diesen Herren gerecht werden knnen.
    Was halten Sie von diesem Gedichte? fragte die Dichterin: An meinen Haushahn
. Oswald lehnte sich wieder in seine Ecke.

Gleich Richard von der Normandie,
Frcht't sich mein Held im Leben nie,
Wem bangte nicht, sobald er schrie:
Kikriki!

Das ist naiv! sagte Oswald.
Nicht wahr! sagte Primula.

Am spten Abend schwrmt er nie,
Doch munter ist er Morgens frh,
Drum hat ihn auch das faule Vieh.
Kikriki!

Fr's Liebchen scheut er keine Mh',
Bald kratzt er dort, bald kratzt er hie,
Und fand er was, so ruft er sie:
Kikriki!

Und ist mein Held auch kein Genie,
Und sein Gesang nicht Poesie,
So stimmt mich doch, ich wei nicht wie,
Sein Kikriki!

Nun, was sagen Sie, lieber Freund?
    Was soll ich sagen, erwiderte Oswald, als da Sie Ihre Absicht vollkommen
erreicht haben. Der Hrer glaubt sich auf den Hhnerhof versetzt. Die Tne, die
Sie hier anschlagen, sind wahre Naturtne, aus dem Herzen der Dinge heraus. Das
Gedicht ist ein kleines Meisterstck im modern realistischen Geschmack. Aber
jetzt, verehrte Frau, eine Bitte: Wie sehr es den Werth der Gedichte auch
erhht, sie aus dem wohllautenden Munde der Dichterin zu hren - ich mchte mir
den Eindruck dieses letzten Gedichtes nicht gern verwischen lassen. Was auch
noch kommen mag, dies war die Grenze des Erreichbaren.
    Nur dieses Eine mssen sie mir noch erlauben. Es bildet mit den beiden
andern gleichsam eine Trilogie, ein Summarium dessen, was ich den Thieren
abgelauscht. Darf ich beginnen?
    Bitte!


                   An einen Maikfer, der auf dem Rcken lag.

O Du Bacchant der lust'gen Maiennacht!
Hast Du geschwelget in den Blthendften,
Hast Du gebadet in den weichen Lften
Vom Abend, bis der neue Tag erwacht?
Und hast des Lebens Krze nicht bedacht?
Nicht: wie so bald in dunklen Grabesgrften
Ruh'n zarte Knchel, ach! und pp'ge Hften,
Und Lippen, die nur eben keck gelacht?
Jetzt liegst Du matt auf Deinem Flgelschild.
Ich lese stumm in Deinen ernsten Zgen,
Und dunkle Runen seh' ich dort geschrieben.
Ach! nur ein Taumel war Dein bestes Lieben!
Drum, die Du liebtest, muten Dich betrgen,
Des Maies Kfer, falscher Liebe Bild.

Die schne Vorleserin war zu Ende. Da tnte in das entzckte Schweigen, in
welches Oswald versunken schien, und Primula jedenfalls versunken war, das
Rollen eines Wagens, der denn auch alsbald vor dem Hause still hielt.
    Frau Pastorin, Frau Pastorin! schrie das Dienstmdchen mit ngstlichen Tnen
in den Garten hinein.
    Oswald athmete auf. Hier kam Besuch und mit dem Vorlesen war es auf alle
Flle vorbei. Vielleicht konnte er auch seinem Besuch bei dieser Gelegenheit ein
Ende machen.
    Es sind Plggens, liebe Gustava, sagte der Pastor, der durch die Gartenhecke
den Wagen recognoscirt hatte. Die gndige Frau und zwei Frulein Tchter. Willst
Du nicht eilen -
    Entschuldigen Sie mich, werther Gastfreund, sagte die Dichterin, eiligst das
Buch schlieend; aber Sie wissen, so oft wir versuchen, einen khneren Flug zu
nehmen -
    Frau Pastorin, Frau Pastorin! schrie es immer ngstlicher von der Gartenthr
her.
    Ich komme! rief die verstrte Primula und eilte den sonnebeschienenen
Gartenweg entlang dem Hause zu.
    Wollen wir nicht ebenfalls - sagte der Pastor.
    Entschuldigen Sie mich, wenn ich bitte, mich jetzt entfernen zu drfen,
unterbrach ihn Oswald.
    Aber weshalb, lieber Freund? Frau von Plggen ist eine hchst vortreffliche
Dame und die Tchter, wenn auch nicht schn -
    Und wren sie schn wie die Engelein, ich mte auf das Vergngen
verzichten, sie jetzt zu sehen. Adieu, adieu! Entschuldigen Sie mich bei Ihrer
Gemahlin! Nicht wahr, die Pforte dort ist nicht verschlossen?
    Und damit eilte Oswald von dem Pfarrer, der viel zu gut von sich und seiner
Primula dachte, als da er den eiligen Rckzug des Gastfreundes nicht einzig aus
dessen Scheu, mit der unbekannten hochadeligen Familie zusammenzutreffen, htte
erklren sollen, fort aus dem Garten durch die Pforte auf die Dorfstrae, von
der Dorfstrae hinaus auf die Felder; und gnnte sich nicht eher Rast, als bis
die Bume des Waldes, hinter welchem, wie er wute, das Gut Melitta's lag, ber
seinem Haupte sich wlbten.

                                 Elftes Capitel


Der Waldweg, auf dem jetzt Oswald leicht und frhlich dahinschritt, schien wenig
betreten und noch weniger befahren. Im Winter mochte es ein verzweifelter Weg
sein, desto schner und poetischer war er nun im Sommer. Hier und da wucherten
Gras und Lattig von einem der schlecht gehaltenen Grben bis zum andern quer
drber hin; an manchen Stellen berwlbten ihn die hohen Buchen und Eichen mit
ihren breiten Kronen. Je tiefer Oswald in die grne Wildni drang, desto
heimlicher und stiller wurde es um ihn her - so heimlich und still, da er in
dem Liede, welches er vorhin lustig angestimmt hatte, pltzlich abbrach, als
frchtete er, den Wald im Schlaf zu stren.
    Denn in dieser heien Nachmittagssonne schlft der Wald. Das grne
Blttermeer rauscht nicht in schwellenden Wogen; still und unbeweglich trinkt es
die Gluth der Sonne. Kaum, da es hier oder dort leise in einem der Bume
raschelt. Das erweckt dann wohl einen oder den anderen der schlafenden Nachbarn,
oder sie raunen nur dem Strenfried zu, da jetzt keine Zeit zum Plaudern sei,
und trumen weiter. Die Vgel harren, im dichtesten Laube versteckt, der
Abendkhle. Das Weibchen schlummert auf dem Nest ber den halbflggen Jungen;
das Mnnchen sitzt auf dem Zweige daneben, hat das Kpfchen unter den Flgel
gesteckt und schlummert, mde von dem frhen Aufstehen, dem jubelnden Gesang den
lieben langen Morgen hindurch und der eifrigen Jagd auf Mcken und Wrmchen. Die
wissen, da es jetzt gute Zeit fr sie ist, und tanzen lustig in den rothen
Sonnenstrahlen, die heimlich durch die Zweige schlpfen, und kriechen und
krabbeln und hasten sich durch das warme, weiche Moos. Tiefe Ruhe! da tnt ein
sonderbarer heiserer Schrei in kurzen, wie in Aerger schnell hintereinander
ausgestoenen Tnen. Das ist der Falk, des Waldes Frster. Er ist ein schlimmer
Gesell, den sein bses Gewissen nicht schlafen lt, und deshalb klingt auch
sein Ruf so grell und schrill, wie er jetzt stolz und einsam hoch droben in der
blauen Luft ber dem stillen Blttermeer, seinem Revier, die wunderlichen,
mystischen Kreise zieht.
    Ein blondkpfiger Junge, der am Rande des Waldes ein paar Gnse htete,
hatte Oswald gesagt, da der Weg nach Berkow durch das Holz kaum eine halbe
Stunde und nicht zu verfehlen sei. Da er dabei die schweigende Voraussetzung
gemacht hatte, der Wanderer werde auf dem Wege bleiben und des Weges achten, war
natrlich. Da Oswald aber, wie es seine Gewohnheit war, weder das Eine noch das
Andere gethan hatte, alle Augenblicke ber den Graben gesprungen und in den Wald
hineingelaufen war, wo das Unterholz weniger dicht wucherte, und die hohen
Hallen zwischen den mchtigen Stmmen gar zu verfhrerisch lockten, und auf
Alles geachtet hatte, nur nicht auf den Weg - so mochte er es sich denn auch nun
selbst zuschreiben, als er aus dem Dickicht heraus, statt auf den Weg, den er
bisher gegangen war, zu gelangen, auf einen schmalen Waldpfad kam, und,
denselben in falscher Richtung weiter gehend, immer tiefer in den Forst gerieth.
    Oswald stand still und lauschte, ob er nicht die Stimme eines Menschen, das
Pochen einer Axt vernehmen werde, aber er hrte nichts als den Schrei des Falken
und das Klopfen seines eigenen Herzens. Lustig rief er in den Weg hinein: Wo
geht der Weg nach Berkow, Falk? - Falk, hallte das Echo zurck.
    Endlich wurde es lichter zwischen den Bumen. Schon glaubte er, den Saum des
Holzes erreicht zu haben. Statt dessen trat er auf eine Lichtung heraus, die
fast ganz von einem kleinen, zum Theil mit hohen Binsen bedeckten See
eingenommen wurde. An dem Rande entlang schreitend, scheuchte er ein
Sommer-Entenpaar auf, das aus dem Rhricht hervorbrach und mit wunderbarer Hast
ber den Sumpf fort in den Wald flog. Dann wieder lautlose Stille.
    Kommt Zeit, kommt Rath, sagte Oswald bei sich. Vorlufig will ich mich aber
ein wenig ausruhen, denn ich finde, da ich nachgerade mde werde.
    Er hing seinen Strohhut an einen Zweig, breitete sein Taschentuch ber eine
der mit dichtem Moos bewachsenen Wurzeln einer vielhundertjhrigen Buche und
streckte sich behaglich in das Haidekraut.
    Der Platz ist wie zum Schlafen gemacht, sprach er bei sich, trumerisch den
Libellen zuschauend, die ber dem dunklen Wasser des Sumpfes, bald stillstehend,
bald pfeilschnell fortschieend, ihr wunderliches Wesen trieben. Wer wei?
Vielleicht ist dies ein Zauberwald, so ein von der Cultur bersehenes Stck
Romantik, ein kleiner stehen gebliebener Rest von den groen, groen Wldern,
die in Musus' Mrchen rauschen, von dem Walde etwa, drin der Graf wohnte, der
seine Tchter verkaufte, wenn er die Wechsel am Verfalltage nicht einlsen
konnte, - eine Manier, seine Schulden zu bezahlen, die selbst noch heutzutage in
Schwung sein soll. Und wer nun in diesem Walde einschlft, wozu ich groe Lust
verspre, schlft so ein paar hundert Jhrchen, ehe er's sich versieht, und wenn
er aufwacht, wallt ihm ein schneeweier Bart bis zum Grtel. Darob gerth er
denn in gerechtes Erstaunen, und er fragt den ersten Bauer, der ihm begegnet, ob
er ihm nicht den Weg nach Berkow zeigen knne? Berkow? antwortet der Angeredete
hflich. Habe nie von einem solchen Orte gehrt. Ich meine das Schlo im Walde,
wo Melitta wohnt! Melitta? aber, guter Herr, das ist ja nur ein altes Mrchen.
Ein Mrchen? Nun gewi! meine alte Gromutter hat es mir, wer wei wie oft
erzhlt. - Vor vielen, vielen hundert Jahren stand in dieser Gegend ein groer
Wald; und in dem Walde hauste eine Fee, die hie Melitta. Sie hatte so
wunderschne lichtbraune Augen, wie ein Menschenkind gar nicht haben kann, und
eine honigse Stimme, und deswegen nannten die Leute sie Melitta. Sie war die
beste und schnste Fee von der Welt und hatte nur die eine kleine Schwche, von
Zeit zu Zeit Jemand in ihren Wald zu locken, damit er sich unter den hohen
Buchen und Eichen, von denen die eine immer aussah wie die andere, verirrte.
Darber hatte sie dann ihre Freude. Wenn sie aber so einen armen Schelm
verlocken wollte, setzte sie sich auf ihr Pferd Bella (denn an dieser Fee war
Alles schn, selbst ihr Pferd), ritt in's Land hinein und suchte unter Mnnern,
bis sie den dmmsten fand. Die hatte sie am liebsten. Den bezauberte sie dann
mit ihrer Schnheit, ihrem lieben, holden, neckischen Wesen und ihrer honigsen
Stimme; und um den Zauber fest zu machen, schenkte sie ihm etwas - eine Rose
etwa. Nahm er die nun in seiner Dummheit, so mute er am nchsten Tage in den
Wald, er mochte wollen oder nicht. Da kommt er denn natrlich bald vom Wege ab
und luft die Kreuz und Quer herum, bis er sich endlich am Fue einer uralten
Buche schlafen legt. Und wenn er nun so daliegt und sieht, wie die rothen
Sonnenstrahlen in den grnen Zweigen Versteckens spielen und die blauen Libellen
Haschens auf dem schwarzen Wasser, und hrt, wie es in dem Rhricht flstert und
droben in den Wipfeln der Bume rauscht, und weht und rauscht - - - Melitta,
kommst Du endlich? Steige herab von Deiner Bella! Du siehst ja, da ich hier
festgewachsen bin. O, Du Liebe, Holde, Angebetete! Melitta, Se! einen Ku,
einen einzigen Ku! Und Du willst fort, jetzt fort - aber was ist das? was will
die braune Hexe? Nein, nein - Du bist nicht Melitta!
    Oswald sttzte sich auf den Ellbogen und starrte schlaftrunken in das braune
Gesicht, das sich ber ihn beugte: Was willst Du von mir?
    Nichts Schlimmes, schmucker, junger Herr. Sah den jungen Herrn liegen, wute
nicht, ob schlafend oder todt; ist gefhrlich, zu schlafen in dem Wald, am
Sumpfesrand, wenn man's nicht gewohnt ist von Kindesbeinen.
    Oswald, der sich wieder vollkommen zurechtgefunden hatte, betrachtete jetzt
das Weib, das vor ihm stand, genauer und erkannte denn alsbald in ihr eine jener
Zigeunerinnen, wie sie hier zu Lande nicht selten, wahrsagend, hausirend,
musicirend, bettelnd, gelegentlich auch stehlend, von Dorf zu Dorf und von
Jahrmarkt zu Jahrmarkt ziehen. Diese hier mochte nach dem Feuer ihrer dunklen
Augen, den runden halbnackten Armen und der straffen Haltung des schlanken hohen
Leibes zu schlieen, zwischen fnfundzwanzig und dreiig Jahre zhlen; aber Wind
und Wetter, Hunger und Kummer, vielleicht auch schlimme Leidenschaften, hatten
arge Verwstungen in dem einstmals schnen Gesichte angerichtet, den Zgen eine
unangenehme Schrfe gegeben, die Augenhhlen bermig vertieft, ja schon hier
und da einzelne graue Streifchen in das ppige, blauschwarze Haar gestreut, das
mit seinen dicken Flechten ein besserer Schutz fr den edelgeformten Kopf war,
als der Lappen rothen Zeuges, den sie turbanartig herumgewunden hatte. Ihre
Kleidung war sehr rmlich und vielfach geflickt, ihre Fe nackt. Oswald sah
jetzt auch, da an einem der nchsten Bume ein wunderlich geformtes Instrument
hing und allerlei Gerth umherlag. Ein mit einem rothen Federbusch und einer
bunten Decke geschmckter Esel strich langsam durch die Stmme und lie sich das
harte Waldgras vortrefflich schmecken.
    Sind Sie ganz allein, gute Frau? fragte Oswald.
    Nein, mein Bub' ist bei mir, der Cziko; er ist in den Wald gangen, Wasser zu
holen; dies taugt nur fr Frsch' und Krten.
    Und wie kommen Sie hierher an diesen abgelegenen Ort?
    Kenne den Platz schon seit vielen Jahren. Mache stets hier Rast, wenn ich in
diese Gegend komme. Schlft sich billiger im Walde, als in der Dorfschenke,
guter Herr.
    Da knnen Sie mir gewi auch den Weg nach Berkow zeigen. Ist es noch weit
von hier?
    Gar nit weit, der Bub', der Cziko, soll Sie fhren.
    Das Weib legte die Hnde an den Mund und ahmte den Ruf der Holztaube auf das
tuschendste nach. Alsbald antwortete aus dem Walde ein heller Falkenschrei, und
nicht lange darauf kam ein Kind herbeigesprungen, das, wie es den Fremden
erblickte, scheu und mitrauisch unter den Bumen stehen blieb. Einige Worte
indessen, ihm von seiner Mutter in einer Oswald unbekannten Sprache zugerufen,
machten ihm Muth. Es trat, Oswald das Blechgef mit Wasser, das es in der Hand
trug, hinhaltend, furchtlos heran und sagte: Willst Du trinken, Herr?
    Das Gef war nicht besonders reinlich, aber der es anbot, viel zu schn,
als da Oswald es htte zurckweisen knnen selbst wenn er weniger durstig
gewesen wre, wie er es war. Cziko war vielleicht zehn Jahre alt, aber auch er
sah lter aus. Der feuchte Nebelwind, der ber die herbstlichen Felder fegt, und
der Schneesturm, der durch den Hagedorn saust, hatten alle Jugendfrische von des
Kindes wunderbar schnem Gesicht gewischt und den tiefdunklen Gazellenaugen
einen Ausdruck halb des Kummers und halb des Trotzes gegeben, da man nicht ohne
Wehmuth hineinschauen konnte.
    Mit dem doppelt scharfen Blick der Bettlerin und der Mutter sah das Weib
wohl, welch tiefen Eindruck ihr Kind auf den Fremden machte.
    Ja, er ist ein braver Bub', der Cziko, sagte sie, flink wie ein Eichhorn und
tapfer wie eine wilde Katz', und das Cymbal schlgt er wie Keiner.
    Ist das ein Cymbal, was dort am Baum hngt? fragte Oswald, einigermaen
erstaunt, da dies Instrument noch anderswo, als in Lenau'schen Gedichten
existire.
    Geh', Cziko, zeig' dem Herrn, was Du kannst, sagte die Frau.
    Das Kind nahm das Instrument herab, legte es auf einen Baumstamm zurecht und
die Klpfel ergreifend, begann es, erst langsam, dann schneller und immer
schneller hmmernd, eine wunderliche Musik. Sein Herz schien voll von Musik;
seine magern, braunen Wangen rtheten sich, die dunklen Augen, die es manchmal
trumend zu den Wipfeln erhob, leuchteten. Dann fiel es in ein anderes Tempo und
eine andere Melodie, und nach den ersten Tacten begann die Frau, die whrend
dessen unter einem Kessel ein Reisigfeuer entfacht hatte, in tiefer,
wohllautender Stimme, an dem Kessel schaffend und ab- und zugehend, eines jener
slavischen Volkslieder, deren s-melodische Klage uns Wehmuth in's Herz und
Thrnen in die Augen lockt. Oswald sa da, den Kopf in die Hand gesttzt und
hrte und schaute zu, wie im Traum. Es war, als ob die nie zuvor gehrten
melancholischen Tne ganz neue Gefhle in ihm wach riefen, ein tiefes Mitleid
mit seiner, mit aller Wesen Existenz und doch auch ein Sehnen und Schmachten
nach einem unendlichen, namenlosen Glck.
    Das Lied war zu Ende. Oswald fuhr empor. Er sah auf seine Uhr. Schon drei
Stunden waren vergangen, seitdem er den Wald betreten; er durfte, wollte er noch
heute Melitta sehen, keinen Augenblick zgern.
    Kann mich der Cziko den Weg nach Berkow fhren? sagte er, auf die Frau
zutretend und ihr ein paar Geldstcke bietend. Die Zigeunerin strich das Geld
aus der flachen Hand, als ob es ihr nur darauf ankomme, die Linien derselben
genauer zu sehen, und sie an den Fingerspitzen festhaltend, schien sie eifrig
darin zu lesen.
    Nun, sagte Oswald lchelnd, da steht wohl nicht viel Gutes?
    Viel Gutes, viel Schlimmes, sagte die Zigeunerin, den Kopf schttelnd.
    Das ist meistens so im Leben, sagte Oswald, und worin bestnde denn das
Gute?
    Viel Gutes, viel Schlimmes, wiederholte die Zigeunerin. Jede gute Linie von
einer schlimmen durchkreuzt; kann das Gute nicht nennen, ohne das Schlimme.
    Nun, so nenne es, wie es kommt, sagte Oswald, der anfing, ungeduldig zu
werden.
    Viel zum Glck, und doch nicht glcklich, murmelte die Zigeunerin. Mnnern
Feind und Frauen Freund; rasch im Hassen, rasch im Lieben; buntes Leben, frher
Tod.
    Nun, sagte Oswald, das lt sich ja noch hren. Aber wie war das mit den
Frauen? das interessirt mich.
    Viel Gutes, viel Schlimmes, wiederholte das Weib, den Kopf noch tiefer
beugend, als sollte ihr auch die feinste Linie nicht entgehen; viel, sehr viel
Liebe und doch wenig, ach! so wenig Glck!
    Liebe ich jetzt?
    Ja.
    Und wen?
    Eine sehr vornehme, sehr schne und sehr reiche Dame.
    Hm! und liebt sie mich auch?
    Mehr, viel mehr, als Du sie!
    Und wo steckt denn das Schlimme?
    Viel, viel Schlimmes; denn Du kannst nicht treu sein.
    Woher weit Du das?
    Die Wahrsagerin zuckte mit den Achseln. Hier steht noch eine Dame und hier
noch eine - Du liebst sie alle; das sollte nicht sein; bringt Dir kein Glck.
    Aber mit dem bunten Leben und dem frhen Tode hat es doch seine Richtigkeit?
Nun denn, so kann ja auch das Unglck so gro nicht sein. Und hier hast Du noch
etwas zum Lohn fr die gute Kunde.
    Danke, nehme nur fr das Glck, das ich verknde, nichts fr das Unglck.
    Da wundert es mich freilich nicht, da Sie so arm sind, gute Frau! So nehmen
Sie's als Botenlohn fr den Cziko.
    Die Zigeunerin nahm mit wirklichem oder nur geheucheltem Widerstreben das
Geld und rief dem Kinde, das whrend dieser Zeit fortwhrend, in sich versunken,
auf seinem Instrument leise phantasirt hatte, in ihrer Sprache ein paar Worte
zu. Das Kind sprang auf, trat vor Oswald und sagte: Willst Du kommen, Herr?
    Adieu, liebe Frau! sagte Oswald, nicht ohne Theilnahme dem Zigeunerweib in
die dunklen, glnzenden Augen schauend; wenn Sie nach Grenwitz kommen, vergessen
Sie nicht, nach dem Doctor Stein zu fragen.
    Die Frau kreuzte die Arme ber dem vollen Busen und neigte sich tief. Oswald
ergriff seinen Hut und folgte dem Kinde, das schon hinter den Bumen fast
verschwunden war.

                                Zwlftes Capitel


Nicht so schnell, Cziko! rief Oswald, den Schoo seines Rockes von den Dornen
eines Busches los machend; nimm Rcksicht auf meinen civilisirten Zustand.
    Das Kind ging langsamer, hielt sich aber immer in scheuer Entfernung von dem
Fremden. Vergebens suchte es Oswald in ein Gesprch zu verwickeln, whrend er
mhsam die Bsche auseinander drckte, durch die der kleine Zigeuner wie eine
wilde Katze schlpfte. So waren sie vielleicht eine Viertelstunde gegangen, als
sie pltzlich aus dem dichten Wald in ein Gehlz gelangten, das schon zu dem
Parke von Berkow gehren mute. Reinlich gehaltene Wege, hier und da eine grne
Bank oder eine verwitterte Hermensule; berall die Spuren ordnender
Menschenhand. Dann traten sie auf einen breiteren Fahrweg, der wohl die
Fortsetzung desselben Weges sein mochte, von welchem Oswald abgekommen war, und
der mit einem eisernen Gitterthor endigte, das unmittelbar auf den Hof des Gutes
fhrte. Cziko blieb stehen, deutete stumm auf das Thor; dann, nachdem er sich
vor Oswald mit verschrnkten Armen verneigt hatte, sprang er in die Bsche
zurck und war im nchsten Augenblicke verschwunden.
    Ein geheimnivoller Anfang, sprach der junge Mann bei sich, whrend er
langsam, fast zgernd auf das Thor zuschritt. Ist es die Nachwirkung der
seltsamen Zigeunerwirthschaft, oder die Vorahnung dessen, was mir hier in diesem
Schlo der Zauberin begegnen soll - aber mir ist wunderlich zu Muthe. Ich htte
am Ende doch besser gethan, den Wagen, welchen mir gestern der alte Baron anbot,
nicht auszuschlagen. Ich wre dann vielleicht dem Pastor und seiner Primula
entgangen, und auf jeden Fall kme ich jetzt, in stattlicher Wrde, von den
schwerflligen Braunen gezogen, angefahren, und nicht zu Fu in bedeutend
derangirter Toilette wie ein reisender Handwerksbursch. Ei nun! Kleider machen
wohl Leute, aber keine Mnner, und Melitta, wenn mich nicht Alles trgt,
verkehrt mit Mnnern lieber, als mit - Leuten.
    Er klinkte das unverschlossene Gitterthor auf, und trat in den Hof. Ein
mchtiger Neufundlnder Hund, der im Grase gelegen hatte, richtete sich langsam
empor, als er die Thr in den Angeln kreischen hrte und kam Oswald wedelnd
entgegen. Nun, das ist wenigstens ein freundlicher Willkommen! sprach der junge
Mann bei sich, whrend er, das prachtvolle Thier streichelnd, weiter schritt.
Rechts blickte er ber ein niedriges Stacket in einen blhenden Garten. Mit dem
Stacket in einer Linie war die Front des Herrenhauses, eines zweistckigen
schmucklosen Gebudes, das sich indessen mit seiner altersgrauen Farbe, dem
groen steinernen Balcon ber der Thr und den zwei gewaltigen Linden davor,
recht stattlich ausnahm. Die drei anderen Seiten des gerumigen Platzes waren
von den Wirthschaftsgebuden eingenommen. Ein Stacket und eine Reihe junger
Obstbume war parallel mit dem Wohnhause quer ber den Platz gezogen, als
Schranke zwischen dem Hofe und dem Rasenplatz vor dem Hause. Oswald blickte, an
der Front des letzteren hinschreitend, durch die offenen Fenster in schne
Zimmer. Es war Niemand darin. Er blickte durch die ebenfalls offenstehende
Hausthr auf den mit Steinfliesen ausgelegten Flur. Eine groe Wanduhr schwatzte
in der lautlosen Stille. Auch auf dem Hofe regte sich nichts. Der ganze Platz
war wie ausgestorben, nur die Spatzen zwitscherten und lrmten in den Linden,
und die Schwalben schossen an den Mauern hin zu ihren Nestern unter dem Dache,
die Jungen zu fttern, und schossen ebenso eilig wieder davon.
    Es wird Niemand zu Hause sein, dachte Oswald. Du hast den langen Weg
vergebens gemacht. Oder kannst Du mir sagen, wo Deine Herrin ist, Neufundlnder?
Sollen wir einmal im Garten nachsehen?
    Der Hund, als ob er es verstanden, was man von ihm wolle, trabte von Oswald
fort nach einer Thr, die rechts neben dem Hause in den Garten fhrte; und
blickte, dort stehend, sich nach dem Fremden um.
    Also wirklich im Garten?
    Oswald drckte die Thr auf. Der Hund lief vor ihm her an Blumenbeeten
vorber in einen schmalen Heckengang bis zu ein paar Stufen, die rechts durch
die Hecke auf eine Art Terrasse fhrten. Dort sah er sich noch einmal nach
Oswald um. Dann sprang er die Stufen hinauf. Oswald folgte.
    Zwischen hohen blhenden Struchen war das Thier verschwunden. Indessen
hatte der junge Mann kaum einige Schritte gethan, als sich seinen Blicken ein
Bild zeigte, das ihn regungslos an seine Stelle bannte. Er sah auf einen kleinen
offenen Platz, der auf beiden Seiten von den hohen Hecken, welche die ganze
Terrasse umschlossen, eingerahmt war. In der Mitte scho ein hochstmmiger,
breitstiger Tannenbaum wie eine Lanze machtvoll in die Hhe. An dem Fue des
Baumes auf dem Teppich brauner Nadeln stand ein runder Gartentisch und ein paar
Sthle. In einem der Sthle, umflossen von dem weichen, trumerischen Licht des
Sommernachmittags, sa Melitta, den Kopf in die eine Hand gesttzt, whrend die
andere mechanisch die treue Dogge streichelte, die sich dicht an die Herrin
drngte. Sie trug ein weies Kleid, das in anmuthigen Linien den schlanken Leib
umflo und Busen und Schultern nur zu verhllen schien, um die schnen Formen
desto reizender zu umschreiben. Auf dem Tisch lagen Handschuh, ein
breitrndriger Strohhut und ein aufgeschlagenes Buch.
    Sie sa so in sich versunken da, da sie den leichten Schritt Oswald's nicht
vernahm, bis er vor ihr stand. Da hob sie schnell den Kopf empor und
unterdrckte nur mit Mhe einen Ruf freudigster Ueberraschung, den Mann
leibhaftig vor sich zu sehen, mit dem ihre Gedanken soeben beschftigt gewesen
waren. Fr einen Augenblick stockte ihr das Blut im Herzen, und dann mit Macht
hervorbrechend, bergo es die bleichen Wangen mit hoher Purpurgluth.
    Sieh' da! sagte sie, sich rasch erhebend, und Oswald die Hand
entgegenstreckend.
    Verzeihen Sie, gndige Frau, sagte der junge Mann, die schne zitternde
Hand, die jetzt in der seinen ruhte, ehrfurchtsvoll an die Lippen fhrend, wenn
ich unangemeldet -
    Aber nicht unerwartet Ihr dolce far niente stre - und so weiter, und so
weiter - unterbrach ihn Melitta. Kommen Sie, von Ihnen will ich keine
Redensarten hren. Ueberlassen Sie das unsern hohlkpfigen Junkern. Setzen Sie
sich und bedanken Sie sich zuvrderst, da Sie mich berhaupt noch finden.
Bemperlein und Julius sind, an Ihrem Kommen verzweifelnd, vor einer halben
Stunde auf Besuch in die Nachbarschaft gefahren. So mssen Sie denn mit mir
allein vorlieb nehmen. Das ist Ihre gerechte Strafe.
    Wenn die Strafe gerecht ist, so ist sie auch auf alle Flle sehr mild,
antwortete Oswald heiter, und ich unterwerfe mich ihr mit der Demuth, die dem
reuigen Snder ziemt.
    Sie sehen auch wahrhaftig wie ein reuiger Snder aus! Aber warum kommen Sie
so spt, und -
    Und in so derangirter Toilette? Im Ernst, gndige Frau, ich konnte nicht
frher und nicht anders erscheinen. Wenn man, wie ich, den weiten, unbekannten
Weg zu Fu zurcklegt -
    Wie kommen Sie aber auch auf diesen nrrischen Einfall?
    Ich leide sehr an nrrischen Einfllen, gndige Frau.
    Da theilen Sie mit mir dasselbe Schicksal. Weiter!
    Und wenn man sich unterwegs von einer alten Frau eine Vorlesung ber
Unsterblichkeit, von einem Landpastor eine Predigt ber dasselbe Thema und von
dessen geistreicher Gemahlin erzhlen lassen soll: was sie den Thieren
abgelauscht -
    Ach, Sie Unglcklicher! rief Melitta, die Hnde zusammenschagend.
    Wenn man sich darauf im Walde verirren, am Rand eines Sumpfes einschlafen,
bei der Gelegenheit allerlei ses, nrrisches Zeug trumen, beim Erwachen sich
von einer Zigeunerin wahrsagen, sich von deren Buben auf den rechten Weg
bringen, und bei der Ankunft in diesem verzauberten Schlo Niemanden finden
soll, der den Fremden zur Chatelaine fhrt, als diesen liebenswrdigen Hund, der
so aufmerksam zuhrt, da man glauben mchte, er verstnde unsere Unterhaltung,
so werden Sie mir zugeben, da man mindestens eben so viel Zeit braucht, dies
Alles zu thun, als zu erzhlen.
    Der Hund legte vertraulich den ungeheuren Kopf auf der Herrin Schoo und
blinzelte zu ihr empor. Bist mein braver Boncoeur, sagte sie, den Liebling
ttschelnd, machst Deinem Namen Ehre. Siehst in Haus und Hof hbsch nach dem
Rechten; weit wohl, da es auer Dir und dem Baumann doch Niemand thut. -
Wissen Sie, da mich Ihr Zusammentreffen mit der braunen Grfin, ich meine der
Zigeunerin, und der Czika, denn es ist ein Mdchen, wie ich Ihnen zum Ruhme
Ihres Scharfsinnes nur sagen mu, sehr interessirt?
    Ein Mdchen, der Cziko?
    Die Czika, ein Mdchen - verlassen Sie sich darauf; aber wo trafen Sie die
Beiden?
    Eine Viertelstunde von hier im Walde, bei demselben Zaubersee, an dessen
Rande ich eingeschlafen war.
    Also doch auf dem Berkower Gebiet - das freut mich.
    Sie scheinen sich in der That fr die schne Mutter und die schnere Tochter
- ich finde jetzt allerdings, da das Kind fr einen Knaben viel zu schn war -
sehr zu interessiren, gndige Frau. Wie kommt die Zigeunerin zu dem Namen: die
braune Grfin?
    Ach! sagte Melitta, das ist eine lange Geschichte und ein Beispiel jener
nrrischen Einflle, von denen ich, wie Sie, heimgesucht werde, und die freilich
bei mir meistens an das Gebiet der dummen Einflle streifen. Vor sechs Jahren
kam die Isabell zum ersten Male in unsere Gegend. Sie war damals vielleicht
zwanzig Jahre - vielleicht, denn genau wei sie es selbst nicht. Ihr Kind, die
Czika, war vier Jahre alt; das wute sie, denn es war wirklich ihr eigenes Kind
und keine gestohlene Prinzessin oder dergleichen.
    Woher wissen Sie das?
    Aus der frappanten Aehnlichkeit zwischen Mutter und Kind, die Ihnen doch
auch aufgefallen sein mu. Beide waren damals bildschn, so schn, wie ich nie
wieder etwas gesehen habe. Ich glaube, kein Mensch htte ungerhrt bleiben
knnen bei dem Anblick dieser jugendlichen Mutter mit ihrem prchtigen Kinde,
das in seiner wunderlichen Tracht und in seinen ppigen dunklen Locken so gut
fr einen Knaben wie fr ein Mdchen gelten konnte. Ich habe nur auf Murillo's
sonnegetrnkten, leidenschaftdurchglhten Bildern spter etwas Aehnliches
gesehen. Ich, die ich die Schwche habe, mich auf malerische Schnheit verstehen
zu wollen, und selbst ein wenig in dieser herrlichen Kunst pfusche, zeichnete
und malte damals vom Morgen bis in den Abend Zigeunerkpfe. Ich verga nmlich,
zu sagen, da ich die Beiden ein paar Tage lang hier in Berkow festhielt.
Zufllig mute ich damals eine groe Gesellschaft geben. Und - jetzt kommt der
dumme Einfall - um unserer albernen Sippe einen Possen zu spielen, denn das war
doch der eigentliche Grund, kleide ich die Isabell in das prchtigste Kleid, das
ich in meiner Garderobe auffinden kann, lasse die Czika von meiner Kammerfrau
herausputzen, und prsentire sie der Gesellschaft als Grfin von Kryvan mit
ihrem Tchterchen Czika, die ich im vorigen Jahre in Marienbad kennen gelernt
habe und die so eben aus dem fernen Ungarland mich zu besuchen gekommen sei.
    Und was sagte die Gesellschaft?
    Sie war entzckt. Ich hatte ihr vorher angekndigt, da Isabella von dem
streng nationalen ungarischen Adel sei, der sich das Wort gegeben habe, nie
etwas Anderes, wie die Nationalsprache und auerdem nur noch Lateinisch zu
sprechen.
    Glaubte die Gesellschaft denn das? und versuchten die Herren nicht, eine
lateinische Conversation zu beginnen?
    Unserer Gesellschaft kann man Alles aufbinden, und was unsere Herren
betrifft, so ist lateinisch ihnen spanisch. Isabella, das mu man ihr lassen,
fllte ihren Platz auf dem Sopha mit wahrhaft kniglichem Anstande aus, und die
Griebens, die Trantows, die Blows berschtteten die Standesgenossin mit
Aufmerksamkeiten und bedauerten einmal ber das andere ihre Unkenntni der
lateinischen Sprache, die es ihnen unmglich mache, sich mit der fremden Dame in
eine, jedenfalls hchst geistreiche und interessante Conversation einzulassen.
Die kleine Czika wanderte von einem Schoo auf den andern, und wurde mit
Leckerbissen und Kssen bald erstickt. - Kurz, die Komdie spielte zu meiner
grten Zufriedenheit bis zu Ende, und in den nchsten Tagen war die ganze
Nachbarschaft voll von der braunen Grfin, wie man die Freundin Melitta's von
Berkow kurzweg zu nennen beliebte. Nun, wie gefllt Ihnen die Geschichte?
    Offen gestanden, nur halb, gndige Frau. Ihrer vornehmen Gesellschaft gnne
ich diese Mystification von ganzem Herzen, aber es thut mir weh, wenn ich sehe,
wie der Arme und Hlflose, eben weil er arm und hlflos ist, sich zum Spielding
der Reichen und Mchtigen hergeben mu.
    Melitta sah Oswald voll in die Augen und antwortete, ohne die mindeste Spur
von Empfindlichkeit:
    Sehen Sie, das ist hbsch, da Sie so denken; und noch hbscher finde ich
es, da Sie es mir so geradezu sagen. Aber ich habe Ihnen ja von vornherein
zugestanden: es war ein dummer Streich, den ich nachher aufrichtig bereute und
dessen bse Folgen ich, soweit ich vermochte, wieder gut zu machen mich bemhte.
Denn, hren Sie nur, wie die Sache weiter verlief. Der braunen Grfin hatte ich
natrlich die Sachen geschenkt, die sie und die Czika bei der Komdie getragen.
Das arme Weib, das mit dem Plunder nichts anfangen konnte, wollte ihn in der
nchsten Stadt verkaufen. Man glaubte, sie habe die Sachen gestohlen, und
verlangte, sie solle sich ber den ehrlichen Erwerb derselben ausweisen. Sie
vermochte es nicht, denn sie hatte meinen Namen und den Namen meines Gutes
vergessen, und berdies konnte kein Mensch aus ihrem Kauderwelsch klug werden.
Die Herren vom Gericht beschlossen deshalb in ihrer Weisheit, die braune Grfin
als Landstreicherin und Diebin einzusperren, bis sich die Sache auf eine oder
die andere Weise aufklren wrde. Unglcklicherweise war ich ein paar Tage zuvor
in ein benachbartes Bad gereist, und whrend ich dort die frische Seeluft in
vollen Zgen einsog, mute die Aermste wochenlang in dem dumpfen Gefngnisse
schmachten. Ach! und diesen Leuten ist die Freiheit Alles! Sehen Sie, das werde
ich mir nie vergeben! - Erst nach meiner Rckkehr erfuhr ich durch einen Zufall
das Unglck, welches ich angerichtet hatte. Natrlich that ich sofort die
nthigen Schritte. Ich fuhr selbst nach B. und ffnete den Kerker meiner armen
braunen Grfin. Aber, wie fand ich sie wieder! Bleich, abgemagert, verhrmt, um
so viele Jahre gealtert, als sie Wochen gefangen gesessen hatte. Die kleine
Czika sah womglich noch schlimmer aus. Ich nahm sie mit hierher nach Berkow;
ich pflegte sie, ich trstete sie, ich beschenkte sie, ich that, was ich konnte.
Aber die Reue kam hier, wie berall, zu spt. Der kleinen Czika war die
Kerkerluft bis in's Herz gedrungen. Sie verfiel, kaum hier angekommen, in ein
hitziges Fieber, und ich danke Gott noch heute, da sie mit dem Leben davon kam.
Was htte ich anfangen sollen, wenn sie gestorben wre!
    Melitta schwieg und in ihrem Auge glnzte etwas, wie eine Thrne. Aber im
nchsten Momente lachte sie schon wieder und sagte:
    Nun, sie starb ja nicht, sondern wurde wieder munter und frisch wie vorher,
und spielte sich mit meinem Julius hier wieder helle Augen und rothe Backen. Die
Kinder hatten sich sehr lieb gewonnen, und ich htte die Kleine gar zu gern hier
behalten, sie mit Julius zusammen erziehen zu lassen. Das Kind zeigte die
kstlichsten Anlagen, besonders ein berraschendes Talent fr Musik. Die braune
Grfin wollte ich zu meiner Kammerfrau machen, oder wozu sie wollte. Ich stellte
ihr frei, ihr Leben nach Belieben einzurichten, und bat sie nur, zu bleiben.
Aber es war die alte Geschichte von dem Frosch und dem goldenen Stuhl. Ein paar
Wochen hielt sie das zahme Leben aus; und eines schnen Morgens war sie
verschwunden - sie und die Czika. Spter sind sie wiederholt in diese Gegend
gekommen, aber hierher zu mir kommen sie nicht mehr. Die Isabell grollt mir
entweder noch, oder sie ist eiferschtig auf mich und frchtet, ich werde ihr
die Czika stehlen. Und doch mu sie einsehen, da ich es gut mit ihr meine. Die
Leute im Dorf haben Befehl, ihr, wenn sie vorspricht, jede Geflligkeit zu
erweisen; der Frster hat den Auftrag, sie unbelstigt im Walde zu lassen, und
ich versage mir das Vergngen, sie aufzusuchen, weil ich frchte, sie ganz zu
verscheuchen. Das ist meine Geschichte von der braunen Grfin. Sind Sie mir noch
bs?
    Welches Recht htte ich dazu?
    Nun, Sie machten vorhin ein so finsteres Gesicht, da ich mich ganz als arme
Snderin fhlte.
    Sie belieben zu scherzen. Was kann Ihnen an meinem Urtheil gelegen sein?
    Mehr, als Ihre jedenfalls halb erknstelte Bescheidenheit zu glauben
vorgiebt. Eine Frau hlt stets groe Stcke auf eines Mannes Urtheil, weil sie
instinctiv fhlt, da des Mannes Kopf besser, das heit nicht schneller, aber
grndlicher, sicherer denkt, als ihr leichtsinniges Frauengehirn. Und vor Euch
gelehrten Herren haben wir noch einen ganz besonderen Respect. Ihr habt Alle um
die Augen und um die Mundwinkel herum so etwas Mystisches, Unergrndliches, so
etwas -
    Oswald mute laut auflachen.
    Ja, lachen Sie nur. Ihnen mag das nicht so erscheinen; aber wir frchten uns
vor Eurem Wissen, auch wenn wir Einen oder den Andern unter Euch, der gutmthig
genug ist, sich dazu herzugeben, zur Zielscheibe unseres Spottes machen. Da ist
mein Bemperlein, mein guter, treuer Bemperlein. Nun, er ist wahrhaftig kein
Genie, und kennt die Welt gerade so gut, wie ich das Griechische; und dennoch
ziehe ich, wenn wir uns streiten, jedesmal den Krzeren. Das ist doch rgerlich.
Nehme ich dagegen unsere Landjunker. Es sind hbsche, sehr hbsche Mnner
darunter, die in Landwehrlieutenants-Uniform sich mit ihren blonden
Schnurrbrten, sonnengebrunten Gesichtern und hellen blauen Augen prchtig
ausnehmen; aber in Civil sehen sie dumm aus. Sie haben das Stupide, Leblose von
schnen Pferde- und Hundegesichtern. Der einzige von ihnen, der studirt hat,
sieht aus, als wre er aus einer andern Welt.
    Wer ist dieser Phnix?
    Baron Oldenburg.
    Ein Schatten fiel ber Melitta's lebensvolles Antlitz, wie wenn eine Wolke
ber eine sonnenhelle Landschaft jagt. Sie starrte auf ein paar Augenblicke vor
sich hin, wie wenn sie den Faden des Gesprchs verloren htte. Dann, wie aus
einem Traum erwachend:
    Ja, was ich sagen wollte - und darum will ich, da mein Julius studirt. Aber
ich schwatze und schwatze und frage nicht einmal, ob Sie nicht hungrig und
durstig und mde sind, wozu Sie doch nach Ihren Kreuz-und Querfahrten das
vollkommenste Recht haben. Kommen Sie, wir wollen hineingehen und sehen, ob wir
nicht Jemand auftreiben knnen, der uns einige Erfrischungen besorgt. Mich
verlangt ebenfalls danach, denn es fllt mir ein, da ich eigentlich nichts zu
Mittag gegessen habe. Sind Sie noch gar nicht in dem Hause gewesen?
    Doch, wenigstens in dem Hausflur. Ich fragte eine groe Wanduhr, ob ich Frau
von Berkow meine Aufwartung machen knne, aber sie antwortete: Schnick-Schnack,
Schnick-Schnack! Da ging ich wieder fort!
    Melitta hatte sich erhoben und ihren Strohhut aufgesetzt, ohne sich weiter
um die Bnder zu kmmern, von denen das eine ber den Busen, das andere ber den
Rcken lief, und sagte lchelnd, whrend Oswald im Aufstehen das Buch ergriffen
und nach dem Titel gesehen hatte:
    Fr Sie spricht auch wohl jedes Ding seine Sprache?
    So ziemlich. Dies Buch zum Beispiel sagt mir: Frau von Berkow knnte mich
auch ungelesen lassen, da es so viel bessere Bcher zu lesen giebt.
    Ja, du lieber Himmel, wir auf dem Lande lesen, was uns die Leihbibliothekare
und die Buchhndler zu schicken belieben. Aber, was haben Sie gegen diese
Mystres?
    Erstens rgere ich mich, da ich auf das Buch stoe, wo ich gehe und stehe.
In Grnwald lag es auf jedem Tisch; kaum war ich zwei Tage in Grenwitz,
verfolgte es mich auch dahin, und nun mu ich es auch gar bei Ihnen finden. Ich
habe es nicht bis ber den zweiten Band hinaus bringen knnen, und Sie sind zu
meinem Erstaunen schon im vierten. Wie knnen Sie sich fr diesen Chourineur,
diesen Matre d'cole, diese Chouette, und wie das Gesindel sonst noch heit,
interessiren? Wahrlich, doch kaum so viel, wie fr Bestien in der Menagerie.
Denn diese sind doch wenigstens Gottes Geschpfe, whrend jene nur die
Ausgeburten der wsten Phantasie eines verbrannten Dichtergehirns sind.
    Sie mgen recht haben, sagte Melitta, whrend sie jetzt von der Terrasse in
den Garten hinabstiegen. Es ist vielleicht ein Unglck, da solche Bcher
geschrieben werden, und ein noch greres Unglck, da wir, und besonders wir
Frauen, in unserer Erziehung und Bildung so verwahrlost sind, um an diesen
Bchern doch eine Art von Geschmack zu finden. Uebrigens nehme ich Alles, was
Sue von jenem Gesindel erzhlt, auf Treu und Glauben hin, wie die Berichte eines
berseeischen Reisenden von den Wundern, die er zu Wasser und zu Land erlebte,
um so mehr, als er die Sphren der Gesellschaft, die ich kenne, zum Theil sehr
wahr, sehr treu schildert.
    Ist etwa Rudolphe, Grand Duc rgnant de Gerolstein, auch nach dem Leben?
    Das wei ich nicht, aber so viel wei ich, da Geschichten, wie die des
Marquis d'Harville und seiner Frau so oder hnlich alle Tage im Leben vorkommen.
    Oswald antwortete nicht; es fiel ihm ein, was er ber das Verhltni
Melitta's zu ihrem Gemahl gehrt hatte, wie Herr von Berkow nun schon seit
sieben Jahren in unheilbarem Wahnsinn lag. Eine Ahnung der trauervollen Scenen
bis zum Hereinbrechen der furchtbaren Katastrophe berkam ihn; es that ihm weh,
da unversehens an den Vorhang eines so dunkeln Familiendrama's gerhrt hatte.
Aber zugleich erfate ihn eine unendliche Theilnahme fr die reizende Frau, die
hier in dieser grnen Wildni die schnsten Jahre ihres Lebens einsam vertrauern
sollte. Was hilft ihr Jugend, Schnheit und Reichthum ohne Liebe! und wird sie
wohl so geliebt, wie sie geliebt zu werden verdient, und sie geliebt zu werden
wnscht, sie, durch deren sanfte, schmachtende Augen man in unergrndliche
Tiefen von Zrtlichkeit und Leidenschaft blickt?
    Whrend Oswald so das Schicksal der schnen Frau beklagte, fhlte er, wie
ein Quell schmerzlich ser Gefhle warm aus seinem Herzen hervorbrach, und es
bald bis zum Zerspringen fllte. Mit tiefen Athemzgen sog er die weiche,
blumenduftgetrnkte, warme Luft des ppig blhenden Gartens ein. Wollstige
Schatten erfllten die lauschigen Boskets; trumerisch lag der
Nachmittagssonnenschein auf den grnen Rasenpltzen; in den dichten Kronen der
Bume jubelten die Vgel, Schmetterlinge wiegten sich ber den sonnentrunkenen
Blumenwldern der Beete.
    Langsam wandelten die schlanken Gestalten durch das grne Revier, oft still
stehend, hier einen Rosenbusch zu bewundern, der in noch ppigerem Schmucke
prangte als seine Nachbarn, dort einem Eichhrnchen zuzuschauen, das sich lustig
von Ast zu Ast und von Zweig zu Zweig schwang. Immer mehr berkam Oswald das
Gefhl, als wandele er in einem herrlichen Traum; als trume er nur diesen
Sonnenschein, diesen Blumenduft, diesen Vogelgesang; als trume er nur Melitta's
se Stimme, Melitta's liebestiefe Augen - und auch Melitta war es, als ob sie
heute mit ganz anderen Augen sehe, mit ganz anderen Ohren hre. Der fremde Mann,
den sie durch ihre Besitzung fhrte, war ihr so vertraut, als kenne sie ihn
schon seit vielen, vielen Jahren, als habe sie ihn immer gekannt; und was sie
seit Jahren tagtglich gesehen, erschien ihr jetzt beinahe fremd. Ihr Herz, das
seit Jahren nur mit oberflchlichen Neigungen, mit leeren Coquetterien
hingehalten war, schmachtete nach einer wahren, tiefen Leidenschaft; und sie
fand die halb erfurchtsvollen, halb khnen, aber immer aufrichtig bewundernden,
zrtlich liebkosenden Blicke, mit denen der junge Mann an ihr hing und sie wie
mit einem unsichtbaren Zaubernetz, dessen Maschen sich dichter und immer dichter
woben, umspann, viel zu s, als da sie dem, der ihr dies se Glck gewhrte,
nicht von Herzen htte dankbar sein sollen.
    Sie fhlte sich unsglich glcklich, und dennoch ernster gestimmt, als es
wohl sonst ihre Gewohnheit war. Der Sturm der Leidenschaft, der in ihrer Seele
langsam heraufzog, warf schon seine dunkeln Schatten ber ihr sonnenhelles
Gemth, und sein erster Anhauch zerri den leichten Schleier, den die Zeit
mhsam ber so manches dstre Bild vergangener Tage gewebt hatte. Whrend Oswald
den Bildungsgang, den er fr Julius am geeignetsten hielt, entwarf, dabei auf
sein eigenes Leben zu sprechen kam, und die schne Frau, gleichsam als ein
Zeichen seiner Liebe und Verehrung, so manchen Blick in das tiefgeheimste Leben
seiner Seele thun lie, fhlte sie sich mehr wie einmal auf das sonderbarste
ergriffen. Manche Gedanken, die der junge Mann in seiner lebhaften Weise mit
geflliger Beredtsamkeit vortrug, hatte sie, oft fast in denselben Worten, schon
frher einmal gehrt von einem Manne, der ihr sehr theuer gewesen war, dessen
dmonische Natur ihren regen Geist angelockt und gefesselt, und dessen rauhe
Schroffheit ihren weichen Sinn abgestoen und beleidigt hatte. Hier fand sie die
Rosen wieder, an deren ppigem Duft sie sich damals berauscht, aber ohne die
Dornen; hier fand sie, was sie dort so schmerzlich vermit hatte: Schnheit der
Formen, Grazie der Bewegung und Anmuth der Rede.

                              Dreizehntes Capitel


Im eifrigen Gesprch in den Gngen zwischen den Beeten auf- und abwandelnd,
wurden sie an ihre Absicht, in das Haus zu gehen, erst erinnert, als sie sich
demselben zum zweiten Male nherten. Sie traten durch die offene Thr in einen
Saal, dessen harmonische Verhltnisse und einfache, geschmackvolle Decoration
auf Oswald sofort den angenehmsten Eindruck machten. Die hohen Kastanienbume,
unmittelbar vor den Fenstern, hielten den Raum khl und schattig. Das gedmpfte
Licht that dem Auge wohl nach dem verschwenderischen Sonnenschein drauen im
Garten. Bequeme Sessel in mancherlei Formen und Gren, amerikanische
Rocking-chairs, franzsische Causeusen, ein groer Flgel, Tische mit Bchern
und Bilderwerken bedeckt, hier und da in dem weiten Gemache schicklich
vertheilt, gaben demselben bei allem Reichthum etwas ungemein Wohnliches, das
auf das liebenswrdigste mit der steifstelligen Ordnung, die in dem Innern des
Schlosses Grenwitz herrschte, contrastirte.
    Ich bin doch neugierig, ob Jemand auf mein Klingeln kommen wird, sagte
Melitta, ihren Hut auf den Tisch werfend und nach der Klingelschnur gehend.
Unmglich ist es gar nicht, da wir uns hchstselbst in die Speisekammer werden
verfgen mssen, notabene, wenn wir den Schlssel auftreiben knnen.
    Sie klingelte und wandte sich wieder zu Oswald, der eines der Marmorbilder,
welche die Wnde des Saales schmckten, betrachtete.
    Wie finden Sie diese Maske?
    Sehr schn; es ist die Rondanini'sche Meduse.
    Ah! ich sehe, Sie sind ein Kenner.
    Hchstens ein Liebhaber. Ich habe in der Residenz oder sonst wo manches
gesehen; meistens freilich nur Gypse. Seit meinen Knabenjahren war es mein
sehnlichster Wunsch, einmal in das gelobte Land Italien zu wallfahren, um dem
hohen Gott Apollo von Belvedere persnlich meine Huldigung darbringen zu knnen.
    Nun, das ist doch kein so unbescheidener Wunsch.
    Wenn es unbescheiden ist, zu wnschen, was uns nicht beschieden - doch.
    So wre es unbescheiden, da wir etwas zu vespern wnschen, denn das scheint
uns auch nicht beschieden; sagte Melitta mit komisch-klagendem Ton. Aber wird
uns nicht oft gerade etwas beschieden, weil wir es lebhaft, hei, unbescheiden
wnschen? Das Schicksal gewhrt uns unsern Wunsch, wie eine Mutter dem
bettelnden Kinde das Stckchen Kuchen, nur, um uns los zu werden.
    Das Schicksal ist kein launisches Weib, sondern ein harter felsenherziger
Gott, und wenn wir etwas von ihm haben wollen, mssen wir es ihm abtrotzen.
    Das ist es fr Euch Mnner, und vielleicht ist es gut, da dem so ist - Ihr
wrdet sonst zu bermthig. Wir Frauen aber - Du lieber Himmel, was sollte aus
uns werden, wenn wir uns das bischen Glck ertrotzen sollten. Wir legen uns
lieber auf's Bitten und Betteln, und wenn wir eben alle Hoffnung aufgeben wollen
und ganz am Glck verzweifeln - dann, gerade dann - sehen Sie, da kommt der
Baumann und mit ihm die Aussicht auf unser Vesperbrod.
    Die Thr ffnete sich und die Gestalt eines langen, hagern Mannes, dessen
altem, runzligen Gesichte mit den buschigen Augenbrauen eine tiefe Narbe, die
ber die kahle Stirn am Auge vorbei bis tief in die Wange lief, und ein langer
eisgrauer Schnurrbart etwas ungemein Martialisches gaben, erschien auf der
Schwelle.
    Gndige Frau? sagte er mit einer Stimme, die aus einer tiefen Hhle zu
kommen schien.
    Ach, Baumann, es sind wohl auer Ihm Alle ausgegangen?
    Zu Befehl.
    Das habe ich aber gar nicht befohlen. Wo ist die Mamsell?
    Drben in Faschwitz.
    Und der Johann?
    Bei Frsters.
    Und die Mdchen?
    Im Dorf.
    Bester Baumann, wir mchten gern etwas Abendbrod haben.
    Zu Befehl.
    Kann Er uns denn etwas verschaffen?
    Schwerlich.
    Oder wenigstens den Speisekammerschlssel auftreiben?
    Wird sich kaum bewerkstelligen lassen.
    Lieber guter Baumann, seh' Er doch einmal zu, was sich thun lt.
    Zu Befehl.
    Damit machte die seltsame Gestalt Kehrt und marschirte wieder zur Thr
hinaus.
    Nun, was sagen Sie zu meinem matre d'htel?
    Da der Mann auf jeden Fall ein Original ist; aber weshalb hat er mich so
unverwandt mit seinen alten klugen Augen angesehen?
    Melitta lachte.
    Sie mssen wissen, da der alte Baumann schon Diener bei meinem Vater war,
in dessen Regiment er die Feldzge gegen Napoleon mitmachte. Er hat mich, als
ich ein Kind war, auf seinen Knieen geschaukelt, mich nimmer seitdem verlassen
und wird mich nicht verlassen, bis ich sterbe oder er stirbt.
    Zweimal hat er mir das Leben gerettet, und, ohne da ich es wollte oder
wute, im Stillen jeden Schmerz mit mir getheilt, ich mchte sagen, auch jede
Freude. Wenn ich zu ihm sprche: Baumann, Er mu morgen fr mich nach Australien
reisen, so wrde er sagen: zu Befehl! wrde ber Nacht seine Sachen packen und
vor Sonnenaufgang schon unterwegs sein; und wenn ich sagte: es ist nicht anders,
Baumann, Er mu fr mich sterben, so und so - er wrde sagen: zu Befehl! und
nicht mit den grauen Wimpern zucken; aber wenn ich zu ihm sagte: hren Sie,
Baumann, statt: hre Er, Baumann - so wrde er das fr eine Aufkndigung unserer
Freundschaft halten. Jetzt ist er bse, da ich ihm nicht gesagt habe, wer Sie
sind. Wei er das, und wei er, da ich Sie gern bei mir sehe, dann ist er
zufrieden. Nun passen Sie auf, was geschieht. Er kommt zurck und sagt uns, da
er schlechterdings nichts fr uns thun knne. Darauf gebe ich ihm die gewnschte
Auskunft, und mache Miene, selber zu gehen. Dann wird Friede geschlossen. Sie
mssen ihn aber gtig ansehen, wenn ich von Ihnen zu ihm spreche.
    Keine Sorge, gndige Frau: ich will so freundlich und mild lcheln, wie ein
Engel von Guido Reni.
    Abermals ffnete sich die Thr. Der alte Diener erschien, marschirte in das
Gemach, blieb genau auf demselben Platze wie das erste Mal stehen und sagte,
wiederum Oswald fixirend:
    Keine Menschenmglickeit nicht, gndige Frau.
    Aber Baumann, das ist ja jammerschade. Der Herr Doctor Stein ist eigens aus
Grenwitz, und noch dazu zu Fu herbergekommen, um mit Herrn Bemperlein ber
Julius zu sprechen. Und nun sind die Beiden fortgefahren, und wir knnen ihm
nicht einen Bissen, nicht ein Glas Wein vorsetzen; und ich selbst habe heute
Mittag, wie Er selbst gesehen hat, gar nichts gegessen und komme nun bald um vor
Hunger.
    Oswald mute sich sehr zusammennehmen, da sich das ihm anbefohlene Lcheln
nicht in ein schallendes Gelchter verwandelte, als er sah, wie die Miene des
alten Mannes bei jedem Worte, das Melitta sprach, heller und heller wurde, wie
er den vorher auf den Gast fixirten Blick von diesem zu jener, von jener zu
diesem wandte, als wollte er sagen: Na, seht Ihr, junges Volk, da Ihr ohne den
alten Baumann nicht fertig werden knnt! und zuletzt sagte:
    Nun, was den Kellerschlssel anbetrifft, so habe ich selbigen wie immer in
meiner Tasche, gndige Frau.
    Ja, das ist ja auch wahr, und wie ist es mit dem Speisekammerschlssel?
    Eine Menschenmglichkeit ist es noch, da Mamsell ihn wieder unter den
Abstreicher gelegt hat, trotzdem ich sie schon oft dieserhalb verwarnt habe.
    Will Er denn einmal nachsehen, Baumann?
    Zu Befehl.
    Sobald sich die Thr hinter dem alten Manne geschlossen hatte, warf sich
Melitta lachend in einen Schaukelstuhl.
    Habe ich es nicht gesagt? rief sie, sich hin- und herwiegend, lustig wie ein
Kind, das seinen Willen durchgesetzt hat; habe ich es nicht gesagt?
    Oswald hatte sich ihr gegenber an den groen runden Tisch gesetzt, auf dem
ein aufgeschlagenes Album und allerlei Zeichenmaterialien lagen. Seine Hand
spielte mit einer Bleifeder, whrend er Melitta, in Gedanken verloren,
anschaute.
    Wollen Sie mich zeichnen?
    Ich wollte, ich knnte.
    Warum nicht, da liegt mein Album.
    Das hilft mir nichts. Lehren Sie mich erst die Kunst, unmittelbar mit den
Augen malen zu knnen.
    Sehen Sie, das ist gerade, was ich immer wnsche. Wie oft, wenn mich eine
Landschaft, eine Gestalt, ein Gesicht interessiren, denke ich: jetzt mut du's
treffen, und will ich nun auf das Papier bannen, was mir so klar vor den Augen
steht, wird's eine Stmperei.
    Ich bin berzeugt, Ihr Album wird das Gegentheil beweisen; darf man es
besehen?
    Nein, man darf es nicht; aber Sie drfen es. Im Grunde hat es nur Werth fr
mich; denn fr mich steht nicht nur das darin, was ich gezeichnet habe, sondern
auch, was ich habe zeichnen wollen. Ueberdies ist mir mein Album eine Art von
Tagebuch. Dieses hier werde ich kurz vor meiner italienischen Reise angefangen
haben.
    So waren Sie in Italien?
    Vor zwei Jahren mit meinem Vetter Barnewitz und seiner Frau. Ich wollte, Sie
wren auch von der Partie gewesen; einmal Ihrethalben, denn Sie sind es werth,
Italien zu sehen, und sodann meinethalben, die ich dann hoffentlich nicht
allein, oder in Begleitung von Wachspuppen durch die herrlichsten Gegenden und
die reichsten Galerien htte wandern mssen. Damals, wie stets, war es das
Album, dessen geduldigem Papier ich Alles sagte, was sonst Niemand hren wollte.
    Melitta hatte sich erhoben und sich neben Oswald gestellt, der aufstehen
wollte, ihr einen Stuhl heranzurcken. Sie aber, ihn daran zu verhindern, legte
die Hand leicht auf seinen Arm und lie sie dort ein paar Augenblicke ruhen, -
ein paar Augenblicke, und doch lange genug, da Oswald's Hand zitterte und seine
Stimme bebte, als er jetzt, die ersten Bltter umwendend, sagte:
    Diese Skizzen sind noch vor der italienischen Reise gezeichnet. Hier ist der
geheimnivolle Teich, an dessen Rand ich heute Nachmittag geschlafen und
getrumt habe.
    Sie haben mir noch nicht erzhlt, was Sie getrumt haben.
    Doch, ich sagte Ihnen ja: ses, nrrisches Zeug.
    Von einer Dame natrlich?
    Ja.
    So wre es indiscret, mehr wissen zu wollen.
    Ach, wie reizend! rief Oswald, als er das nchste Blatt umschlug. Wie
heimlich versteckt liegt dieses Huschen im Walde! Gleich treuen Riesenwchtern
umstehen es die alten Fichten. Wie eine schtzende Gottheit breitet die Buche
ihre mchtigen Aeste darber hin. Als wollten sie sagen: Du bist unser! klettern
die Schlingpflanzen daran hinauf und schaukeln sich vor den niedrigen Fenstern.
Und wie trumerisch schleicht der Bach zwischen hohen Binsen und Farrenkrutern
hier durch die saftige Wiese im Vordergrund! - das ist wunderschn gedacht,
sagte Oswald, von dem Blatt zu Melitta emporblickend.
    Und weil Sie Alles so hbsch nachempfunden haben, so will sich Sie noch
heute an Ort und Stelle fhren.
    Wie? so ist dies keine Phantasie?
    Bewahre! hchstens die Enten hier, die sich vor dem Habicht in die Binsen
ducken. Das Bchlein ist der Abflu Ihres geheimnivollen Sees im Walde.
    Also nur eine Fortsetzung meines Traumes, sagte Oswald weiterbltternd.
    Ein loses Blatt kam ihm zunchst in die Hnde. Der Kopf eines Mannes im
Profil war in schnen, khnen Linien darauf gezeichnet. In einer Ecke standen
die Buchstaben A.v.O. und ein Datum.
    Das Blatt wird verloren gehen, sagte Oswald.
    Mag es! antwortete Melitta.
    Der Ton, in welchem sie diese beiden Worte sprach, war so eigenthmlich, so
ganz ohne die gewhnliche Sigkeit ihrer Stimme, da Oswald unwillkrlich zu
ihr aufschaute. Er sah, da ihre schnen Brauen wie im Schmerz zusammengezogen
waren und ihre Lippen zuckten. Er senkte sogleich seinen Blick und wollte das
Blatt umschlagen. Melitta legte ihre Hand auf seinen Arm und sagte leise:
    Wie finden Sie den Kopf?
    Ein Sturm brauste durch Oswald's Seele. Er htte sich von dem Sessel zu
Melitta's Fen werfen und ausrufen mgen: ich liebe Dich ja, Melitta! Wie
kannst Du mein Urtheil hren wollen ber den Mann, den Du geliebt hast,
vielleicht noch liebst ... Aber er bezwang sich und sagte mit scheinbarer Ruhe:
    Es ist der Kopf eines Mannes, auf den mir Tasso's Worte zu passen scheinen:

Und haben alle Gtter sich vereinigt,
An seiner Wiege Gaben darzubringen,
Die Grazien sind leider ausgeblieben -

Dieser Mann wird niemals glcklich sein, weil er niemals wird glcklich sein
wollen.
    Und darum, sagte Melitta, ist dieser Mann aus meinem Leben losgelst, wie
dies Blatt aus dem Album. Wenn man die Erinnerung tdten knnte, wie man ein
Blatt vernichten kann, so lge es nicht mehr hier. Da das aber nicht geht, so
mag es bleiben, wo es ist. Weiter!
    Der Sturm in Oswald's Seele war vorbergebraust. Wie lindes Wehen des
Frhlings berkam ihn der Gedanke: Sie knnte und wrde dir das nicht sagen,
wenn sie dich nicht ihres Vertrauens und ihrer Freundschaft fr wrdig
erachtete. Und ein Gefhl unsglichen Glcks durchbebte ihn bei diesem Gedanken.
    In dieser seligen Stimmung durchmusterte er die folgenden Bltter, die
Melitta auf ihrer italienischen Reise gezeichnet hatte: Landschaften mit
heiteren klaren Linien, Skizzen aus Stdten: Palste, Straen, Ruinen,
zwischendurch ein keckes Lazzaronigesicht oder ein trumerisches Mdchenantlitz.
Dann folgten Studien nach der Antike, zum Theil sehr fleiige Studien, denn
Manches war wieder und wieder gezeichnet, bevor es dem regen Schnheitssinn
Melitta's gengt hatte. Besonders schn war der Kopf der Venus von Milo. Auf
einem der nchsten Bltter war die ganze Gestalt.
    Wo haben Sie das gezeichnet? fragte Oswald; doch unmglich nach einer Copie?
    Nein, nach dem Original selbst. Ich war damals in Italien eine halbe
Katholikin geworden, und als ich in Paris im Louvre die hohe Gestalt sah, da
sagte ich zu mir: diese oder keine ist deine Heilige. O, Sie glauben nicht, wie
schn sie ist! wie schn und wie gut! und dieser Ausdruck himmlischer Gte, den
die Milonische Venus nicht nur vor allen anderen Venusbildern, sondern auch vor
smmtlichen antiken Kpfen voraus hat, rhrte mich fast noch mehr als ihre
gttliche Schnheit. Vor der Milonischen Venus habe ich es zum ersten Male
begriffen, wie es mglich sei, vor einem Bilde, das Menschenhand geschaffen, zu
beten, aufrichtig, inbrnstig zu beten. Warum sttzen Sie den Kopf so
nachdenklich in die Hand? Hier, nehmen Sie diesen Bleistift und schreiben Sie
mir unter das Bild, was Sie eben gedichtet haben; denn ich habe es Ihnen
angesehen, da Sie Verse machten.
    Oswald nahm den Griffel, den ihm Melitta halb im Scherz und halb im Ernst
bot, und schrieb, whrend die schne Frau ihm ber die Schulter blickte, mit
zitternder Hand:

Fern zu Paris, im hohen Louvresaale,
Inmitten all' der gttlichen Gestalten,
Der marmorschnen, ach! und marmorkalten,
Da thront sie hoch auf dem Piedestale;

Sie, die im stillverschwieg'nen Bergesthale,
Als trumerisch die duft'gen Nebel wallten,
Anchises einst in seinem Arm gehalten,
Bis sie entschwand im ersten Morgenstrahle.

Die Gttin starb. Man fand die schne Leiche,
Und trug sie still in heil'ge Tempelhallen;
So herrscht die Todte nun im Todtenreiche.

Und, keinem, keinem von den Glub'gen allen
Neigt gtig sie das Angesicht, das bleiche;
Taub bleibt ihr Ohr fr frommer Beter Lallen.

Oswald legte den Griffel aus der Hand und schaute zu Melitta empor. Sein Blick
begegnete dem ihrigen. Fr ein paar Momente ruhten ihre Augen in einander, als
ob sie Eines in des Andern Seele lesen wollten.
    Da erschien in der Thr zum Nebenzimmer, aus dem man schon seit einiger Zeit
das Klappern von Tellern gehrt hatte, der alte Baumann mit einer Serviette
unter dem Arm und sagte feierlich, wie der Comthur im Don Juan:
    Gndige Frau, es ist angerichtet.
    Schnell, kommen Sie, ehe unser Habermus kalt wird, rief Melitta.
    Nur noch die paar Bltter erlauben Sie, sagte Oswald; ich sehe, es ist
gleich zu Ende.
    Es ist nichts von Bedeutung mehr darin, sagte Melitta fast ungeduldig.
    Ei, da ist ja der Park von Grenwitz, rief Oswald, indem er, vom Sessel sich
erhebend, das letzte Blatt aufschlug. Der Rasenplatz hinter dem Schlosse. Hier
die Flora, dort Bruno im vollen Lauf -
    Und hier sind Sie!
    Wo?
    Dort.
    Dieser Nebelstreif? sagte Oswald, auf eine Stelle rechts neben der Flora
deutend, wo man von einer Figur, die mit Gummi wieder weggewischt war, noch eben
die Umrisse erkennen konnte.
    Dieser Nebelstreif! antwortete Melitta lachend. Ich wollte Sie erst in Ihrer
wirklichen Gestalt zeichnen, konnte aber nicht damit zu Stande kommen. Jetzt
sollen Sie als Erlknig figuriren, der den Knaben Bruno hascht; das heit
Bruno's Leib, denn seine Seele gehrt Ihnen schon. Wie haben Sie es nur
angefangen, den jungen Leoparden in den paar Tagen vollstndig zu zhmen?
    Durch ein Bischen aufrichtige Liebe. Shakespeare nennt als untrgliches
Mittel, die Menschen zu fangen, die Schmeichelei; ich finde, da die Liebe ein
noch viel sicheres und dabei viel edleres ist.
    Und ist nicht die Liebe die grte Schmeichelei?
    So sprachen Oswald und Melitta, whrend sie in das Nebenzimmer gingen, ein
hohes, schnes, mit alterthmlichen Mbeln ausgestattetes Gemach, in dessen
Mitte auf einem runden Tischchen allerlei Erfrischungen gar einladend servirt
waren. Hinter dem einen der reichgeschnitzten, hochlehnigen Sthle stand
kerzengerade, die Serviette unter dem Arm, der alte Baumann, einer Anerkennung
seiner ausgezeichneten Verdienste und fernerer Befehle gewrtig.
    Nun, was bietet uns denn unser Tischlein-decke-dich? sagte Melitta, sich
setzend, und Oswald mit einer Handbewegung einladend, ihrem Beispiele zu folgen.
    Kalten Braten - Eingemachtes - ganz charmant, Baumann! Mamsell wird sich
rgern, da wir ohne sie fertig geworden sind.
    Mamsell ist vor einigen Minuten von Faschwitz retournirt, sagte Baumann, der
an einem Nebentisch eine Flasche entkorkte.
    Ich wette, sie ist gar nicht fortgewesen, flsterte Melitta lchelnd Oswald
zu. Was haben wir denn fr unsern Gast zum Trinken, Baumann?
    Steinberger Cabinet, zweiundvierziger, sagte Baumann, Oswald's Glas mit dem
goldigen Weine fllend.
    Und fr mich?
    Frisches Brunnenwasser, etwa mit Himbeersaft, antwortete Baumann kaltbltig,
die Flasche mit dem Stpfel darauf vor Oswald hinstellend.
    Damit bin ich heute schlechterdings nicht zufrieden, Baumann! Wie steht es
denn mit unserm Champagner?
    Rein alle, gndige Frau.
    Aber wir haben ja doch neulich erst eine Kiste bekommen?
    Steht noch nietennagelfest im Keller.
    Ach, das ist ja jammerschade, klagte Melitta. Und ich komme fast um vor
Durst, und mu nun gerade heute ein solches Verlangen nach Champagner haben.
    Nu, nu, trstete Baumann, wird sich ja noch bewerkstelligen lassen.
    Damit schritt er zur Thr hinaus.
    Sehen Sie, so mu ich mir in meinem eigenen Hause Alles zusammenbetteln,
sagte Melitta, aber Sie essen ja nicht! Und was fr ein Stck Sie sich da
genommen haben! Das schlechteste auf dem ganzen Teller. Gott, was seid Ihr
Mnner doch fr hlflose, unpraktische Geschpfe! Ich merke schon, da ich fr
Sie sorgen mu.
    Und sie begann trotz Oswald's Versicherung, da er gar keinen Hunger habe,
seinen Teller mit dem Besten, was sie auf dem Tisch entdecken konnte, zu fllen.
    Es schmeckt Ihnen nicht, sagte sie endlich fast traurig, als sie sah, da
der junge Mann selbst jetzt die Speisen kaum berhrte. Sie sind krank?
    Ich befand mich im Leben nicht wohler. Aber sind Sie nie in der Stimmung
gewesen, wo man Essen und Trinken fr das Ueberflssigste von der Welt, und die
himmlischen Gtter selbst, die doch noch des Nektars und der Ambrosia bedurften,
fr sehr armselige Gtter hlt!
    O gewi kenne ich solche Stimmungen, antwortete Melitta; genau so war mir zu
Muthe, als ich von meiner Tante zum ersten Mal auf den Ball gefhrt wurde. Aber
das ist lange, undenkbar lange her; seitdem hat meine Stimmung, so viel ich
wei, mit meinem Appetit nie wieder etwas zu thun gehabt.
    Trotz dieser Prahlerei indessen blieb auch fr Melitta auer ein paar
eingemachten Frchten Alles auf der Tafel Schaugericht. Das se Feuer, das
ihren Busen hher wallen und ihre schnen Augen in noch zrtlicherem Lichte
strahlen machte, bedurfte zu seiner Nahrung nicht der Gaben der Ceres. Zum
ersten Male an diesem Nachmittage gerieth das Gesprch in's Stocken. Von dem,
was ihre Herzen zum Zerspringen fllte, wagte Keiner zu sprechen; und Alles
sonst erschien so gleichgltig, so nchtern! Eine Verlegenheit, die sie
vergebens hinter dem Anschein der Unbefangenheit zu verbergen sich bemhten,
berkam sie. Beide fhlten, wie eine starke, unsichtbare Hand ihnen die Masken,
mit denen wir auf dem Carneval des Lebens unsere wahren Gesichter vor einander
verhllen, langsam, langsam abstreifte.
    Aus dieser wunderlichen Lage erlste sie der alte Baumann, der jetzt das
nrrische Kind der Champagne in seiner silbernen, mit Eis gefllten Wiege
herbeibrachte, und vor Oswald auf den Tisch stellte. Wie er es in den wenigen
Minuten bewerkstelligen konnte, aus dem tiefen Keller und der nietennagelfesten
Kiste das Gewnschte herbeizuschaffen, war eines der Rthsel, in die sich der
gute alte Mann zu hllen liebte, und die er fr jedes sterbliche Auge
undurchdringlich hielt. Mit kunstgerechter Hand die Flasche entkorkend, fllte
er den perlenden Wein in die langen zierlichen Kelche, die er vom Bffet
genommen, und schaute, wohlgefllig lchelnd, zu, wie seine Herrin fast gierig
den sen Trank schlrfte und ihm das geleerte Glas hinhaltend rief: Encore,
Baumann! und schenke Er sich auch ein Glas ein und trinke Er es auf das Wohl
unseres Gastes!
    Der alte Diener that, wie ihm geheien; fllte sich am Bffet ein Glas, und
dann, auf zwei Schritt an den Tisch herantretend, rief er:
    Zuerst auf Ihr Wohl, gndige Frau! denn das geht mir doch ber Alles. Und
mge der liebe Gott Ihre Augen allezeit so frhlich blicken lassen, wie zu
dieser Stunde! Und sodann auf Ihr Wohl, junger Herr! und mge der Himmel Ihren
Eingang in dies Haus gesegnen, da nichts als Frieden und Freude daraus komme.
Und das wnscht Ihnen der alte Baumann!
    So sprach er und leerte langsam das Glas, den Kopf zurckbiegend, bis sein
Auge auf den bausbackigen Engelskopf in der Stuckatur der Decke gerade ber
seinem Scheitel traf; und das geleerte Glas dann wieder auf das Bffet setzend,
trat er an's Fenster, dem Paar am Tisch den Rcken zuwendend, wie um die
Unterhaltung nicht weiter zu stren.
    Die Gegenwart des alten Dieners und der belebende Wein hatten ihre Zungen
wieder gelst und ihre Blicke khner gemacht. Sie schwatzten, scheinbar
unbefangen, ber allerlei gleichgltige Dinge, bis Oswald Melitta an ihr
Versprechen, ihn noch heute nach dem Huschen im Walde zu fhren, erinnerte.
    Habe ich Ihnen das versprochen? sagte Melitta. Nun so mu ich es auch wohl
thun, obgleich es mir beinahe jetzt leid ist, denn Sie glauben nicht an meine
Heilige und sind deshalb nicht wrdig, ihre Kapelle zu betreten.
    Ihre Heilige?
    Die hohe Frau von Milo. Ich mu Ihnen jetzt auch nur erzhlen, wie weit
meine Schwrmerei fr die Gttliche ging. Nach meiner Rckkehr verfolgte mich
die Erinnerung an das schne Bild im Louvre so, da ich nicht ruhte, bis ich mir
von Paris mit nicht geringen Kosten eine ausgezeichnete Copie verschafft hatte.
Weil ich aber nicht wagte, meine Heilige hier im Hause aufzustellen, brachte ich
sie nach dem Huschen im Walde, das so meine Waldkapelle wurde, zu der ich jedes
Mal, wenn Besuch in Berkow ist, den Schlssel verloren habe; und wo ich oft
ganze Tage und Nchte zubringe, wenn die dummen Menschen mich einmal mehr als
gewhnlich gergert haben, und ich, da ich keine Gesellschaft haben kann, wie
ich sie wnsche, wenigstens ganz einsam sein will.
    Und da machen Sie dann mit dem Harfner im Wilhelm Meister die traurige
Erfahrung, da, wer sich der Einsamkeit ergiebt, bald allein ist; aber Ihnen
htte ich solche hypochondrische Grillen am wenigsten zugetraut.
    Warum nicht mir?
    Weil Sie so gut und so heiter blicken - blicken knnen.
    Und wissen Sie nicht, da gerade die heitern Augen am leichtesten weinen?
    Ich mchte Sie um Alles in der Welt nicht weinen sehen; ich glaube, das
knnte mir das Leben auf immerdar verleiden.
    Und wieder ruhten ihre Blicke in einander, und ihre Seelen kten sich.
    Nun denn, so kommen Sie! sagte Melitta.
    Es zieht ein Gewitter herauf, bemerkte der alte Baumann vom Fenster her,
ohne sich umzuwenden.
    Bis es herauf ist, sind wir lngst drben, sagte Melitta, die sich schon
erhoben hatte. Und wenn Sie sich vor einem Gewitter nicht mehr frchten, als ich
- oder frchten Sie sich vor einem Gewitter? -
    Oswald lchelte.
    So soll uns das wahrlich nicht abhalten. Uebrigens sehe ich vom Gewitter
keine Spur; sagte sie schon an der Thr des Gartensaales.
    In diesem Augenblick zog ein blauer Schatten ber den Garten, und eine
Schaar Schwalben scho zirpend und schreiend dicht ber die Erde streifend, an
der Thr vorbei.
    Wollen wir doch lieber bleiben? sagte Melitta, die schon den Fu ber die
Schwelle gesetzt hatte, zu Oswald zurckgewandt.
    Ich frchte mich nicht vor dem Gewitter, antwortete Oswald, nicht nach dem
Himmel, sondern in ihre Augen blickend.
    Und im Walde ist es gerade am schnsten im Sturm und Gewitter! rief Melitta.
Adieu Baumann! Wenn der Wagen von Grenwitz kommt, schicke Er ihn nach der
Frsterei. Der Kutscher soll sich im Waldhuschen melden. Baumann schaute den
Enteilenden nach, bis Melitta's weies Kleid zwischen den Bschen verschwunden
war.
    Wer ihn so auf der Schwelle des Hauses stehen sah, den alten, hohen Mann mit
dem weien Bart und dem narbenvollen Gesicht, die noch immer starken Arme ber
der treuen Brust verschrnkt und die klugen, treuen Augen nachdenklich in die
Ferne gerichtet - der mochte wohl denken, da ein besserer Wchter nicht knnte
gefunden werden. Aber ach! das Haus war leer; die geliebte Herrin war davon
geeilt, hinein in den gewitterschwlen Abend mit dem Fremden, dem Manne, den sie
seit gestern kannte. Und er, der treue Diener, seufzte tief, whrend er mit
gesenktem Haupte durch den Saal in das Ezimmer zurckschritt und langsam den
Tisch aufzurumen begann. Die guten Gottesgaben kaum berhrt, murmelte er, das
gefllt mir nicht. Wenn junges Volk keinen Hunger im Magen hat, hat es
Narrenspossen im Kopf. Und an dem Wein haben sie auch nur genippt. Da steht die
Flasche noch halb voll - und morgen ist er nicht mehr zu trinken ... morgen ...
Der alte Mann setzte sich an den Tisch und sttzte sein sorgenvolles, graues
Haupt auf die runzlige Hand. Aber an Morgen denkt das junge Volk nicht. Morgen
ist der junge Mann mit seiner weichen Stimme und seinen groen blauen Augen
wieder in Grenwitz, und wer wei, wo er bermorgen ist. Aber der alte Baumann
ist hier - morgen und bermorgen; und wenn die Gste fort sind, sieht das Haus
ganz anders aus, und beim Auskehren da findet es sich ... Ja, ja, der alte
Baumann sieht, was die Andern nicht sehen, und hrt, was die Andern nicht hren.
- Ach, Baumann, ich wollte, ich wre todt! ach, Baumann, warum hat Er mich
damals aus dem Feuer getragen! - Jetzt sagt sie: ich frchte mich nicht vor dem
Gewitter und: schicke Er uns nur den Wagen nach, Baumann! Hm, hm! ich htte es
eigentlich nicht zugeben sollen; ich htte sie bei Seite nehmen sollen und zu
ihr sagen: Hre Kind, so und so! denke an das und das! ... Aber wenn ich die
Kleine so glcklich sehe, so frhlich, wie damals, als ich sie zuerst auf dem
Pony reiten sah, ein zwlfjhriges Ding, und sie sagte: bitte, bitte, lieber
Baumann, nun la Er uns einmal ordentlich jagen, da konnte ich auch nicht nein
sagen, und fort ging es, was die Thiere laufen wollten. Gerade so groe,
strahlende Augen hatte sie heute Abend wieder und gerade so rosig und frisch sah
sie wieder aus. Das arme, arme Kind ... Ja so, du wolltest ja nachsehen, ob oben
die Fenster alle ordentlich schlieen, es ist von wegen des Gewitters.

                              Vierzehntes Capitel


Frhlich wie Kinder aus der Schule eilten Oswald und Melitta aus dem Hause durch
die grnen Laubgnge des Gartens nach der Pforte, die aus diesem heraus auf die
Wiese fhrte. Hinter der allmlig aufsteigenden Wiese ragte der Wald. Gleich
neben der Pforte und ein Stck am Garten hin lag ein halb versumpfter, hie und
da am Rande mit Weiden besetzter Teich, da sich das Wasser des Waldbaches an
dieser tiefer gelegenen Stelle abermals staute, um dann an dem Gutshof vorber
und hernach durch das Dorf lustig hinabzupltschern. Auch die Wiese war schon
zum Theil versumpft, mochte auch wohl im Frhjahr ganz unter Wasser stehen;
jetzt dienten groe Steine als rohe Brcken ber gar zu nasse Stellen.
    Der Weg ist fr Stadtherrn ein wenig sehr lndlich, nicht wahr, Herr Doctor?
sagte Melitta, leicht wie eine Gazelle von Stein zu Stein hpfend: wir
Naturkinder freilich sind an dergleichen gewhnt. Ich htte Sie auch den lngern
Weg durch den Park und den Wald fhren knnen; aber Sie mssen Berkow auch von
seiner Schattenseite kennen lernen.
    Nun wahrlich, gndige Frau, wenn dies eine Schattenseite von Berkow ist, so
verlangt mich nicht nach den Sonnenseiten, sagte Oswald lchelnd, indem er auf
einem der Blcke stehen blieb und seinen Hut abnahm, um sich den Schwei von der
Stirn zu wischen; denn die Luft war schwl, der blaue Schatten war vorber
gezogen, die am Rande des Holzes stehende Sonne scho glhende Strahlen, und sie
waren schnell gegangen.
    Schon mde? sagte Melitta, ebenfalls stehen bleibend und sich den Hut
abnehmend, um ihr reiches, braunes Haar nach hinten zu schtteln; kommen Sie, je
schneller wir laufen, desto frher kommen wir in den schattigen Wald. Ich zhle
eins, zwei, drei - und wer zuerst ankommt -
    Nun?
    Das wird sich finden. Eins, zwei, drei - o!
    Melitta war von dem Stein, auf welchem sie stand, auf einen anderen,
niedrigeren gesprungen, und sank mit einem Ausruf des Schmerzes in die Kniee. Im
Nu war Oswald an ihrer Seite.
    Mein Gott, was ist Ihnen, gndige Frau?
    O, nichts, nichts! Ich habe mir im Springen den Fu etwas vertreten, es wird
gleich besser sein.
    Sie sttzte sich auf Oswalds Arm; bla und vor Schmerz die Unterlippe
zwischen den Zhnen pressend. Aber die Farbe kam ihr wieder, als sie zu Oswald
aufschaute.
    Seien Sie unbesorgt, sagte sie - und ihre Stimme klang ser als je - Ihre
Wette haben Sie doch gewonnen. So! jetzt wird es schon wieder gehen!
    Sie wollte ihren Arm aus Oswalds Arme ziehen; aber er mochte die schne
Beute nicht so bald wieder fahren lassen.
    Sie knnen, ohne sich zu sttzen, noch nicht gehen, und mignnen Sie mir
die Freude, Ihnen diesen geringen Dienst leisten zu drfen?
    Ich frchte nur, der Weg ist bei der Sonnengluth fr Sie selbst beschwerlich
genug. O!
    Ein falscher Tritt lie Melitta abermals zusammensinken.
    Wir werden stehen bleiben mssen, sagte sie.
    Ich will Sie die paar Schritte bis an den Wald hinauftragen; Sie knnen sich
da wenigstens im Schatten ausruhen.
    Melitta lchelte. Ich bin nicht so leicht wie eine Puppe.
    Und ich nicht so schwach wie ein zehnjhriges Mdchen, rief Oswald, umfate
Melitta's schlanken Leib und sie emporhebend, trug er sie sicher, wie die Mutter
ihr Kind, ber die letzten Steine hinauf bis an den Waldrand, wo die breiten
Kronen der Buchen Schatten und Khlung spendeten. Dort lie er sie sanft aus
seinen Armen auf das dichte Moos gleiten, indem er selbst vor ihr stehen blieb.
Melitta hatte sich von dem Augenblicke an, wo der khne junge Mann sie emporhob,
nicht weiter gestrubt; sie fhlte alsbald, da er stark genug sei, sie zu
tragen; aber sie hielt es fr thricht, ihm die Last nicht so viel wie mglich
zu erleichtern und hatte sich dicht in seine Arme geschmiegt.
    Wie stark Sie sind, sagte sie jetzt, bewundernd zu ihm aufschauend.
    Oswalds Herz hmmerte und seine Brust wogte, mehr vor innerer Erregung, als
in Folge der Anstrengung. Er fhlte noch immer die elastischen Glieder, die er
in seine Arme gepret, das weiche Haar, das sein Gesicht umspielt, den sen
Athem, der seine Stirn umweht hatte.
    Unter solchen Umstnden wre es eine Kunst, nicht stark zu sein, antwortete
er.
    Aber angegriffen hat es Sie doch, gestehen Sie es nur. Kommen Sie und setzen
Sie sich zu mir; auf diesem Moossopha ist Platz fr mehr als zwei.
    Oswald lie sich neben Melitta, die sich an den Stamm der Buche lehnte, in
das weiche Moos sinken, sttzte den Kopf auf den Arm und schaute sinnend empor
in ihr heiteres Antlitz. - Nahte sich der Traum am Sumpfesrand der Erfllung?
wird sich das liebe, holde Gesicht zu ihm niederbeugen und ihn kssen, wie die
Traumgestalt? Oder ist dies wieder ein Traum? ... Es berkam Oswald das
wunderliche Gefhl, als habe er dies Alles schon einmal erlebt; als kenne er
diesen Platz: hier den dunklen Hochwald, aus dem das Klopfen eines Spechtes
ertnte - vor ihm die Wiese, ber deren langes Gras rothe Abendlichter wogten, -
drben den stillen Garten, aus dessen grnem Revier Melitta's graues Schlo
hervorragte - seit vielen, vielen Jahren; - als habe er Melitta selbst in seinem
frheren Leben oft gesehen, als Knabe schon, wenn er sich recht tief in ein
schnes, lauschiges Mrchen hineingelesen hatte, so da zuletzt die holde
Prinzessin ordentlich leibhaftig vor ihm stand ... und auch Melitta mute
Aehnliches empfinden, denn vollkommen unbefangen, als wre er ihr Bruder oder
Gatte, nahm sie ihm den Hut vom Haupt und drckte ihm ihr feines, duftendes
Taschentuch wiederholt auf die perlende Stirn und die blauen, trumerischen
Augen.
    Oswald ergriff die liebe Hand und prete sie an seine Lippen.
    Die Hand mu ich Ihnen freilich lassen, sagte er; aber das Tuch kann ich
Ihnen wahrlich nicht wiedergeben.
    So behalten Sie es als Andenken an diese Stunde. Aber jetzt wollen wir
weiter. Wir haben bis zur Waldkapelle doch noch eine ziemliche Strecke und der
Himmel sieht in der That drohend aus.
    Melitta lehnte sich auf Oswalds Arm, als sie jetzt den schmalen Pfad
einschlugen, der erst durch Buchen, dann zwischen einer Schonung jungen
Laubholzes auf der einen und hochstmmigem Nadelholze auf der andern Seite
tiefer in den Wald fhrte. Die Sonne go ber die niedrigen Bsche fort ihre
letzten Strahlen purpurn auf die Wipfel der Tannen; ein Vglein strmte in
weichen, klagenden Tnen, als wenn es Abschied nhme von der Sonne und vom
Leben, seine sen Abendlieder aus. - Dann erlosch die Purpurgluth droben, das
Vglein verstummte und Schatten und Stille umfing die Liebenden. Aber der
Schatten wurde dsterer und drohender, und die Stille wurde seltsam unterbrochen
von dem Knarren und Sthnen der Tannenriesen, die ihre starken Glieder reckten
und dehnten, als wollten sie prfen, ob ihre Kraft noch ausreiche, dem
Gewittersturm, der ber den Wald heraufzog, zu trotzen. Und jetzt begann es in
den Bschen unheimlich zu zischeln und zu flstern, drres Laub flog, wie in
toller Angst, her vor der Windesbraut, die sausend in das Blttermeer schlug,
die Kronen der Buchen wie wahnsinnig durcheinander peitschte, die hohen Wipfel
der Tannen mchtig bog und den Wald bis in die tiefsten Grnde aus seiner Ruhe
schreckte. Das fahle Licht eines Blitzes zuckte auf; schon fielen groe warme
Tropfen durch die Bltter.
    Melitta hatte sich dicht an Oswald geschmiegt, dessen Herz mit dem Sturm
aufjauchzte. Die Geliebte mit dem einen Arm an sich drckend, streckte er wie
zum Kampf den andern zum gewitterschwarzen Himmel auf. Nur zu, nur zu! murmelte
er durch die zusammengepreten Zhne; ich frchte Dich nicht! ... Wie, gndige
Frau, ist Ihr Muth schon zu Ende? O, es ist schn im strmenden, donnernden
Walde!
    Melitta sprach kein Wort; die Augen nicht vom Boden erhebend, eilte sie
weiter, schneller und immer schneller, bis der Wald sich zu einer weiten
Lichtung ffnete; und da lag vor ihnen, in diesem Augenblick von dem rthlichen
Lichte eines Blitzes hell erleuchtet, die Waldkapelle. Nur ein paar Schritte
noch und sie langten unter dem weit vorspringenden Dache des im Schweizerstyl
allerliebst ausgefhrten Huschens an. Rasch erstieg Melitta die Stufen, die zu
der niedrigen Veranda hinauffhrten; sie nahm einen kleinen Schlssel aus der
Tasche ihres Kleides, drehte das Schlo auf, aber, anstatt die Thr zu ffnen,
lehnte sie sich zitternd gegen die Pfosten. Sie war bleich; ihre Kraft schien
gnzlich erschpft; sie drckte die Hand auf das Herz. So sah sie Oswald, als er
den Blick von der im Regen dampfenden Wiese - ein Anblick, der ihn stets mit
einer eigenthmlichen Lust erfllte - zu ihr wendete.
    Mein Gott, gndige Frau, was ist Ihnen? was haben Sie?
    O, nichts, nichts! sagte sie, beim ersten Ton seiner Stimme sich aufraffend;
es ist der schnelle Lauf; jetzt ist es schon wieder besser; kommen Sie!
    Sie ffnete die Thr und trat ein; Oswald folgte. Aber er fuhr entsetzt
zurck, als er in dem mystischen Halbdunkel, das in dem Gemache herrschte, eine
hohe weie Gestalt erblickte, die aus der Wand hervorzuschweben schien.
    Was ist das? rief er im ersten Schrecken.
    Was? sagte Melitta, welche die Fenster ffnete, um die frische Luft in das
heie, blumendufterfllte Gemach strmen zu lassen.
    Die Venus von Milo! rief Oswald, und ein wollstiger Schauder durchrieselte
ihn.
    Meine Heilige! ich sagte es Ihnen ja. Nun, wie finden Sie die Kapelle?
    Es war ein nicht sehr groes, aber verhltnimig hohes Gemach; rechts und
links je ein Fenster, das auf die Veranda fhrte, der Thr gegenber stand in
einer Nische auf einem niedrigen Piedestale das Bild der Gttin. Bequeme
Gartensthle, eine Chaise longue, ein Tisch, auf dem Bcher, Papiere,
Zeichenmaterialien, eine angefangene Stickerei, Reitpeitsche und Handschuhe
durcheinander lagen - waren die einfache, schickliche Ausstattung.
    Sind Sie sehr na geworden? fragte Melitta, ihren Hut auf den Tisch werfend,
ohne die Antwort auf ihre vorige Frage abzuwarten. Und dann:
    Gehen Sie da vom Fenster fort, Sie werden sich erklten. Kommen Sie hierher,
oder nein! setzen Sie sich auf die Chaise longue und erholen Sie sich!
    Und wieder:
    Wenn ich nur etwas fr Sie herbeischaffen knnte! - Aber es ist wahr, ich
kann ja Thee bereiten. Wo sind nur gleich die Sachen? Hier - nein, dort in dem
Schrank.
    Das Alles sagte sie hastig, wie gedrngt von einer in ihr whlenden Unruhe,
mit raschen, ungleichen Schritten im Gemache hin und her schreitend.
    Oswald ergriff ihre Hand.
    Sorgen Sie nur erst fr sich selbst, liebe, gndige Frau; mir schadet das
bischen Regen wahrlich nichts. Ihr Kleid ist feucht und ihre dnnen Stiefel sind
auch keine Fubekleidung fr das nasse Gras der Wiese.
    O, fr mich ist leicht Rath geschafft. Ich habe nebenan Alles, was ich
brauche.
    Nebenan?
    Sagte ich Ihnen nicht, da ich hier oft selbst die Nchte zubringe? Die Thr
dort fhrt in meine Garderobe.
    So gehen Sie sogleich hinein und kleiden Sie sich um.
    Melitta zog ihre Hand aus der des jungen Mannes, und ging, ohne ein Wort zu
erwidern, von ihm fort und verschwand durch eine Thr, die sich neben der Statue
befand, und die Oswald jetzt zum ersten Male bemerkte.
    Er warf sich in einen der Lehnsthle und sttze den Kopf in die Hand; dann
sprang er wieder auf, lehnte sich in's Fenster und starrte mit dsteren Augen
hinein in den Sturm und Regen; dann ging er mit hastigen Schritten in dem
Gemache auf und ab; endlich warf er sich vor dem Piedestale der Gttin nieder
und legte seine heie Stirn auf ihre Marmorfe.
    Das Rauschen eines Gewandes dicht neben ihm schreckte ihn aus seinem
Fiebertraum.
    Melitta! rief er mit Thrnen der Wonne im Auge zu ihr aufschauend, Melitta!
    Sie beugte sich zu ihm nieder und kte ihn zrtlich auf die Stirn; dann
aber eilte sie von ihm fort, warf sich in einen der Lehnsthle und schluchzte,
als ob ihr das Herz brechen wollte.
    Oswald fiel vor ihr nieder; er umfate ihre Kniee; er drckte sein glhendes
Gesicht in ihren Schoo; er kte ihr Gewand, ihre Hnde. Melitta! se, holde,
weine nicht! Wie kannst Du weinen, da Du mich so namenlos glcklich machst!
Melitta, liebe, liebe Melitta! Deine Thrnen tdten mich. Nimm lieber mein
Herzblut, Tropfen fr Tropfen. Mein Blut, mein Leben, meine Seele sind ja Dein!
Melitta, fr diesen Augenblick will ich Dir ewig danken, hrst Du, Melitta, ewig
-
    Um Gotteswillen, schwre nicht! rief Melitta, auffahrend und ihm die Hand
auf den Mund legend. Dann ergriff sie seinen Kopf und kte ihn leidenschaftlich
auf Stirn und Augen und Mund.
    Und wieder sprang sie empor und eilte, wie von Dmonen verfolgt, in dem
Gemache auf und ab. O, mein Gott, mein Gott! rief sie, die Hnde ringend. Sie
eilte auf die Thr zu, als wollte sie entfliehen, aber, ehe sie dieselbe
erreichte, brach sie zusammen. Oswald fing sie in seinen Armen auf; er trug sie
nach dem Sopha; er bedeckte ihre kalten Hnde, ihre bebenden Lippen mit
glhenden Kssen; ein Freudenschrei entrang sich seiner gepreten Brust, als die
starre Gestalt sich endlich wieder zu regen begann.
    Sie richtete sich halb empor und ihre Augen mit dem Ausdruck unendlicher
Liebe auf ihn heftend, sagte sie leise - leise und fest, wie ein Kranker, der
seinen Arzt fragt, ob Leben oder Tod das Ende sein wird -
    Oswald, hre mich an! liebst Du mich jetzt, in diesem Augenblick, so, wie Du
glaubst, da Du ein Weib auf Erden lieben kannst?
    Ja, Melitta!
    Nun denn, Oswald, so liebe ich Dich - jetzt und immerdar.
    Das Gewitter war vorbergebraust; schweigend ruhte der regenerquickte,
duftende Wald; und ber dem Wald erglnzte aus dem purpurnen Abendhimmel der
Venus leuchtender Stern.

                              Fnfzehntes Capitel


Als Oswald am nchsten Morgen nach einem kurzen, unruhigen Schlaf erwachte, war
es ihm, als htte sich ein trber Lethestrom ber die Erinnerungen des
vergangenen Tages gewlzt. Was sich ereignet hatte bis zu dem Augenblicke, wo
ihm das Venusbild in der dmmrigen Waldkapelle entgegenschwebte - er hatte es
vergessen; was nachher geschehen war, als er Melitta, die ihm bis in die Nhe
des Wagens durch den Wald das Geleit gegeben, zum letzten Male in seine Arme
gepret hatte - er wute es nicht mehr. Aber die Ksse, die er gegeben und
empfangen, brannten noch auf seinen Lippen; aber der se Athem, der sich mit
dem seinen vermischt, umkoste ihn noch; aber die liebetiefen Augen, die in den
seinen geruht, sie strahlten ihm noch immer. O, diese Augen, diese
zrtlichkosenden leidenschaftblitzenden Augen! wie zwei helle Sterne, die selbst
das Frhroth nicht verlschen kann, schimmerten sie und leuchteten sie, und
verfolgten ihn allberall. Er sah sie, wenn er die eigenen Augen schlo: er sah
sie, wenn er aus dem Fenster, in dem er lehnte, in den hellen Morgenhimmel
schaute; er sah sie, wenn er den Blick in die blauen Schatten senkte, die
zwischen den hohen Bumen lagen, unten in dem stillen, thaufrischen Garten. Es
war ihm, als ob er sich todt weinen knnte, als ob er laut aufjauchzen mte vor
seligem Schmerz und schmerzlicher Seligkeit, als ob sein ganzes Wesen sich
auflsen, wie ein Ton in der Harmonie des Alls verklingen mte. Da er einen
Krper hatte, erschien ihm wie Hohn.
    Er schlich sich auf den Fuspitzen in die Kammer der Knaben: er wollte
wenigstens ein liebes Antlitz, Bruno's Antlitz sehen. Das erste Frhroth drang
durch die geschlossenen Gardinen: im Zimmer war es auffallend khl. Bruno hatte
wieder einmal nach seiner Gewohnheit das Fenster die ganze Nacht hindurch offen
gelassen. Oswald schlo es, denn die Morgenluft wehte herein und Bruno's Gesicht
war von einem unruhigen Traum erhitzt. - Wieder lag er da, wie in jener Nacht,
als Oswald ihn zum ersten Mal erblickte - mit ber der Brust verschrnkten
Armen, dstern Trotz auf dem dmonisch-schnen Angesicht. Aber als Oswald ihn
heute auf die Stirn kte, ffnete er nicht, wie damals die Augen, ihn voll
Traumseligkeit anzulcheln; ffnete er nicht, wie damals die Lippen, ihm das
rhrende Wort zuzuflstern: ich habe Dich lieb! die dunklen Brauen zogen sich
nur noch finsterer zusammen, und schmerzlich zuckte es um den stolzen Mund. - Zu
jeder andern Zeit wrde Oswald dies fr einen Zufall angesehen haben; aber jetzt
in seiner augenblicklichen weichen Stimmung schmerzte es ihn innig. - Zrnt er
dir noch, dachte er, da du ihn gestern zu Hause lieest? Ahnt er, da seit
gestern ihm nicht mehr all' deine Liebe gehrt? und doch, liebe ich ihn jetzt
nicht nur noch mehr? Er streichelte dem Knaben sanft das dunkle Haar aus der
finstern Stirn; er hllte die leichte Decke fester um den schlanken Leib und
schlich wieder aus dem Gemach mit viel weniger leichtem Herzen, als er es
betreten hatte. Eine bange Ahnung von schwerem Leid, das ihm selbst und Bruno
und auch ihr! aus all' der Himmelslust erwachsen werde, durchbebte ihn. Er eilte
in den Garten hinab, um im Freien freier athmen zu knnen, und schweifte umher
in den dunklen Laubengngen und zwischen den Beeten, und schttelte den Thau von
den Zweigen in sein heies Gesicht und schaute mit den dstern verwachten Augen
in die frommen Kinderaugen der Blumen. - An den Gemsebeeten fand er den Grtner
beschftigt. Es war doch wenigstens ein Mensch. Oswald sehnte sich darnach, die
Stimme eines Menschen zu hren. Er redete den Mann an; er erkundigte sich, was
er nie zuvor gethan, nach seinen Verhltnissen: ob er verheiratet sei? ob er
Kinder habe? ob er die Kinder liebe? Der Mann gab ihm schiefe, halbe Antworten;
redseliger wurde er, als er auf seine Pflanzungen zu sprechen kam, die bei dem
kstlichen Wetter, wo herrlichster Sonnenschein mit warmem Gewitterregen
abwechselte, gar ppig gediehen. Aber Oswald hrte nur mit halbem Ohre hin und
verlie pltzlich mit einem flchtigen Grue den Alten, der, sich die Mtze aus
der Stirn rckend, ihm verwundert nachschaute, mit dem Kopfe schttelte, und
wieder zum Spaten griff. - Oswald setzte seine rastlose Wanderung durch den
Garten fort, dann aber wurde es ihm auch hier zu eng in dem von dem hohen Walle
rings eingeschlossenen Raum. Er eilte aus dem Garten ber den Hof in das Feld,
aus dem Felde in den Wald, weiter und weiter, dem Brausen entgegen, das zuerst
dumpf, dann lauter und lauter an sein Ohr drang.
    Da trat er heraus aus den Buchen, deren breite Kronen sich ber seinem
Haupte wlbten, auf das hohe Kreideufer, und weit, unermelich lag es vor ihm
da, das heilige, ewige Meer. Dort in der Ferne blitzten die weien Kmme der
Wogen auf, die, sich unaufhaltsam heranwlzend, tief unter seinen Fen zwischen
den gewaltigen Steinen des schmalen Strandes mit unaufhrlichem Donner brandeten
- Woge auf Woge, immer neue und immer neue, unzhlig, sinnverwirrend, wunderbar.
Kein Segel war zu sehen in der ungeheuren Runde; nur ganz am Horizont zog eine
Rauchsule von Osten nach Westen. Sie kam aus dem Schlot eines Dampfers, der
seine einsame Bahn, wer wei, woher und wohin rastlos verfolgte. - Ueber der
schumenden Brandung unter ihm flatterten weie Mwen und strzten sich
kreischend in die Salzfluth und schwangen sich wieder auf und flatterten wieder
hierin und dorthin. Hoch oben in der blauen Luft zog ein Seeadler seine
majesttischen Kreise, hher und immer hher, bis er Oswald's Blicken nur noch
als ein schwarzer beweglicher Punkt erschien. - Aber selbst das erhabene
Schauspiel des Meeres vermochte heute nicht seine Seele auszufllen, und wie
kstlich sie auch Oswald sonst dnkte, die Musik der Wogen, er hatte vor wenigen
Stunden eine kstlichere Musik gehrt. Nur den Adler droben beneidete er. Ein
Schlag deiner mchtigen Schwingen, und du schwebst ber Wlder und Felder fort
bis zu Melitta's Haus.
    Er sprang empor, er eilte zurck in's Schlo, hinauf auf die Zinne des
Thurmes; vielleicht konnte er von dort Melitta's Wohnung sehen; und er jauchzte
laut auf vor freudiger Ueberraschung, als er wirklich, den sphenden Blick nach
jener Seite richtend, den obersten Giebel ihres Hauses eben noch ber den Rand
des Waldes emporragen sah. Ein wonnevoller Schauer durchrieselte ihn; es war
ihm, als htte er den Saum ihres Gewandes berhrt. -
    Die Zeit, in der Oswald seine Unterrichtsstunden zu beginnen pflegte, war
herbeigekommen; er ging in sein Zimmer; er fand die Knaben nicht, die gegen die
Gewohnheit noch unten beim Frhstck waren. Sein eigenes Frhstck stand auf dem
Tische.
    Da klopfte es leise an die Thr und herein trat der alte Baron, mit einem
Bndel Papiere in der Hand. Nach den ersten Begrungen und nachdem er sich
wegen seines ungewhnlichen Besuches entschuldigt hatte, sprach er:
    Sie knnten uns einen rechten Gefallen erweisen, Herr Doctor.
    Ich vermuthe, Herr Baron, da es sich um die Papiere handelt, die Sie dort
in der Hand haben.
    Ja, ja. Sie wissen, da Grenwitz und Stantow zu Martini aus der Pacht
kommen. Nun mchten wir gern, da die Gter neu vermessen wrden, da die
Flurkarten, die vor fnfundzwanzig Jahren angefertigt wurden, sehr schlecht
sind. Der erste Brief also, den wir Sie zu schreiben bitten wrden, wre an
unseren Feldmesser. Er heit Albert Timm und wohnt in Grnwald. Sie wrden ihn
bitten, zu einer vorlufigen Besprechung sofort herberzukommen. Der zweite
Brief ist an unseren Advocaten, ebenfalls in Grnwald. Anna-Maria wnscht seine
Revision der Pachtcontracte. Hier ist eine Abschrift der jetzigen. Anna-Maria
hat am Rande verzeichnet, was wir in den neuen Entwurf aufgenommen wnschen.
Wenn Sie auch dieses Schriftstck mundiren wollten - es ist freilich etwas viel
-
    Geben Sie nur, Herr Baron. Zu wann wnschen Sie die Sachen geschrieben?
    Wenn es Ihnen bis Mittag mglich wre? Wir haben den Knaben schon vorlufig
angekndigt, da sie mich auf einer Fahrt nach Stantow begleiten sollen. Sie
haben doch nichts dagegen?
    Ich denke, es wird wohl so das Beste sein.
    Nun, dann leben Sie wohl, lieber Herr Doctor, und entschuldigen Sie, da wir
Sie mit diesen Sachen belstigen. Aber Sie wissen, Anna-Maria -
    Keine Entschuldigung, Herr Baron -
    Der alte Mann verlie das Zimmer, Oswald warf sich auf das Sopha und schlo
die Augen, um von Melitta zu trumen. Aber je eifriger er sich ihr geliebtes
Bild vorzustellen suchte, desto eigensinniger steckte sich das runzlige Gesicht
des alten Barons dazwischen. Das verwandelte sich dann wieder in das Antlitz der
braunen Grfin, dann zog ihm der Pastor Jger eine Fratze, und pltzlich stand
Bruno im Zimmer, gehllt in lange, wallende, weie Gewnder. Oswald wollte
lachen ber die tolle Maskerade, aber als er einen Blick in das Gesicht des
Knaben warf, erstarb das Lachen auf seinen Lippen. Ein Schauer durchrieselte
ihn, seine Haare bumten sich - die wachsbleiche Farbe, die so seltsam von den
blau-schwarzen Haaren abstach, die weiten starren Augen, ein namenloses Etwas in
dem Ausdruck dieser glanzlosen, gebrochenen und doch so wunderbar beredten Augen
- das war nicht Bruno, das war der Tod, der leibhaftige Tod in Bruno's
vielgeliebter Gestalt ... Mit einem wilden Schrei fuhr Oswald in die Hhe. Das
schreckliche Bild war verschwunden, aber es bedurfte mehrerer Minuten, bis der
junge Mann sich berzeugen konnte, da es wirklich nur ein Bild gewesen. So
deutlich hatte er mit geschlossenen Augen jedes Mbel im Zimmer, den
Sonnenstrahl, der durch das Fenster fiel, die Staubatome, die in dem Strahle
tanzten - Alles, Alles gesehen.
    Da hrte er das Knallen einer Peitsche und das Knirschen von Rdern in dem
Sande vor dem Portal des Schlosses. Der Baron fuhr eben mit den Knaben fort.
    Oswald ging mit hastigen Schritten in seinem Gemache auf und ab.
    Warum heute, gerade heute das frchterliche Bild! Mu Bruno sterben, zuvor
mir sterben, damit ich Melitta lieben kann! Ist es nicht mglich, einen Bruder
und eine Geliebte zu lieben zu gleicher Zeit, mit gleicher Gluth der Seele? Ist
das Menschenherz so klein, da eine Empfindung, um darin wohnen zu knnen, die
andere verdrngen mu? und ist die Treulosigkeit Naturgesetz?
    Der junge Mann war wieder ruhiger geworden, aber die ambrosische Schnheit
des Sommermorgens war verschwunden. Die Sonne hatte keinen Glanz mehr fr ihn,
der Gesang der Vgel keine Sigkeit; der bermthig sprudelnde Quell der Lust
in seinem Busen war versiegt.
    Du bist jetzt in der rechten Stimmung fr die trockene Arbeit, sagte er
bitter und holte das Packet wieder aus der Ecke hervor, in die er es vorhin
geschleudert hatte. Er setzte sich an den Tisch und begann zu schreiben. Zuerst
den Brief an den Geometer - das ging noch; auch der Brief an den Advocaten kam,
obgleich nicht ohne einige heimliche Verwnschungen, glcklich zu Ende; aber die
Abschrift der beiden Kontrakte zu fertigen, mute er seine ganze Geduld
zusammennehmen. Mehr noch als die Langweiligkeit der Arbeit selbst, rgerten ihn
die von der Hand der Baronin eingestreuten Bemerkungen, in welchen sie die in
den Contracten von ihr beliebten Vernderungen in den Augen des Advocaten,
vielleicht auch in ihren eigenen, zu motiviren suchte. Die Hhe der Pacht war in
beiden Fllen fast um das Doppelte gesteigert, was Oswald um so mehr Wunder
nahm, als er den Inspector Wrampe wiederholt hatte sagen hren: Herr Pathe, der
Pchter der beiden Gter, ein auerordentlich fleiiger, strebsamer und
konomischer Mann, sei so gestellt, da ihn eine einzige Miernte ruiniren
mte. In einer Notiz der Baronin hie es: Herr P. ist ein nachliger Monsieur
und sein sauberer Inspector W. ist nicht besser. Je humaner man gegen
dergleichen Menschen ist, desto fauler werden sie. In einer andern: die dem
Schlosse von dem Gute Grenwitz zu leistenden Naturallieferungen mssen auf jeden
Fall doublirt werden, denn da wir doch nur die Hlfte von dem bekommen, was uns
zusteht, und diese Hlfte unter den langen Fingern unserer Leute noch mehr
zusammenschrumpft, ist von vornherein anzunehmen. Durchstrichen, aber nicht so,
da man sie nicht noch htte lesen knnen, waren die folgenden Worte: Sollte ja
etwas brig bleiben, so knnen wir ja den Rest alle Sonnabende in B. (dem
nchsten Landstdtchen) auf dem Wochenmarkte verkaufen. An einer andern Stelle:
Kann nicht contractlich ausgemacht werden, da die Verwalter, Statthalter
(Groknechte), Ausgeberinnen u.s.w. der Pchter jedesmal von dem Baron besttigt
werden mssen? Man wte dann doch, mit was fr Subjecten man es zu thun hat,
und behielte den Griff fester in der Hand.
    Und das Vermgen dieser Menschen betrgt Millionen! rief Oswald und warf die
Feder zornig auf den Tisch. Schreibe ein Anderer das Gewsch! Soll ich mich zum
ergebensten Werkzeug dieser egoistischen, hochmthigen, herzlosen
Aristokratenbrut hergeben?
    Und trber und trber ward es in des jungen Mannes Seele. Nicht zum ersten
Male wurde er heute daran gemahnt, wie schief, wie unhaltbar doch seine ganze
Stellung sei. Und was hatte ihn in diese Stellung getrieben, wenn nicht seine
Freundschaft zu dem Professor Berger, dessen Rath er gegen seine bessere
Ueberzeugung gefolgt war? Es fiel ihm ein, da er den letzten Brief seines
wunderlichen Freundes noch nicht beantwortet hatte. So setzte er sich denn
wieder hin und schrieb:
    Es giebt kein Unrecht als den Widerspruch - das ist, wenn ich mich recht
erinnere, eine Ihrer Lieblingsmaximen, und die Cardinalregel, nach der Sie das
Thun und Lassen der Menschen beurtheilen! Nun denn! So hatten Sie doppelt und
dreifach unrecht, mich in diese Situation hineinzureden und hineinzulachen, denn
sie ist, wie ich sie auch betrachten mag, aus Widersprchen zusammengesetzt. Ich
ein Erzieher Anderer, der ich mich selbst noch zu erziehen habe! Ich, der
Aristokratenfeind, der Adelshasser in dem Schooe einer aristokratischen
Familie, halb der Freund und halb der Diener dieser hochadeligen Sippe! Und was
mich noch abscheulicher dnkt, ist, da ich an den Genssen dieses
aristokratischen Lebens so harmlos Antheil nehmen kann, als htte mich nie ein
Schauer der Ehrfurcht erfat, wenn ich in der Schrift an die Stelle kam: Des
Menschen Sohn hat nicht, da er sein Haupt hinlege! Sind diese Worte denn nicht
auch fr mich geschrieben, fr mich, dem kein Kissen zu wollstig, kein Teppich
zu weich, keine Speise zu lecker, kein Wein zu kostbar dnkt? fr mich, der ich,
weit entfernt, mich von diesem Luxus angeekelt zu finden, ihn nicht gierig
verschwelge, wie der Sklave seine kurzen Augenblicke der Freiheit, sondern ruhig
und bedchtig durchkoste und geniee, ihn hinnehme, wie etwas, was sich von
selbst versteht, wie etwas, zu dem man geboren und erzogen ist. Soll die gndige
Frau Baronin recht haben, die neulich hochmthig behauptete, von allen
sogenannten Volksfreunden frher und jetzt habe nur noch jeder seinen
persnlichen Vortheil im Auge gehabt. Der Eine verkaufe seine Grundstze ein
wenig theurer als der Andere - der Eine lasse sich seine Apostasie mit Geld, ein
Zweiter mit Ehrenstellen, ein Anderer wieder anders bezahlen - das sei aber auch
der ganze Unterschied. Damals widersprach ich natrlich lebhaft - es war gleich
zu Anfang meines hiesigen Aufenthalts - ich wei nicht, ob ich noch heut dazu
den Muth htte. Denn, mein Freund, ich denke an Marie Antoinette, und denke,
wenn eine andere Frau, so schn und so geistreich, wie die unglckliche Knigin,
eine Frau mit den Augen und dem Schmelz der Stimme und dem Liebreiz, wie - nun
wie mein Ideal, die Frau, die ich lieben knnte, lieben mte - zu mir sprche:
Das Abschwren Deiner Grundstze ist der Preis meiner Gunst! - Gott, sie wird es
nicht sagen, sie kann es nicht sagen, denn ich will glauben, da in dem
schnsten Krper die schnste Seele wohne; aber, wenn sie dennoch in den
Vorurtheilen ihres Standes so befangen wre - wie dann? O, ich fhle, nein, ich
wei, da ich ihren Worten, ihren Thrnen nicht widerstehen knnte; da vor der
Gluth ihrer Ksse, dem Feuer ihrer Blicke die stolze Kraft hinschmelzen wrde,
wie Wachs; da, wenn sie ihre weichen Arme um mich schlnge, ich nicht im Stande
wre, mich loszureien; da aus der gepreten Brust kein Wort des Zornes, kein
Wort des Hohnes sich losringen wrde, nein! nur das eine Wort: ich liebe Dich!
    Sie lcheln, o mein Freund, da mich eine bloe Hypothese, ein bloes
Problema so in Aufregung versetzen kann. Sie denken, in der khlen Luft der
Wirklichkeit gedeihen dergleichen phantastische Treibhauspflanzen nicht. Nun
wohl, das Ganze ist nur ein Problema, und wollte Gott, es bliebe problematisch!
...

                              Sechszehntes Capitel


Gott zum Gru, lieber Herr College! Viele Empfehlungen von Frau von Berkow, und
hier schickt sie Ihnen den Bemperlein und den Julius zur geflligen Ansicht,
aufgeschnittene Exemplare werden nicht zurckgenommen.
    So sprach lchelnd ein kleiner, blasser, schwarzhaariger, Brille tragender,
etwas unmodisch, aber sehr sauber und nett gekleideter Herr von etwa dreiig
Jahren, der am Nachmittag desselben Tages, einen Knaben an der Hand fhrend, in
Oswalds Zimmer trat.
    Seien Sie bestens willkommen! sprach dieser, sich hastig aus der Sophaecke
erhebend, in welcher er, in Sinnen und Brten versunken, gesessen hatte, und
reichte dem Eintretenden nicht ohne einige Verwirrung die Hand. Mit unendlichem
Interesse blieb sein Blick auf dem Knaben haften, dem Sohn der Frau, die er
liebte. Julius von Berkow war eine reizende Erscheinung. Die Blouse von
dunkelgrnem Sammet, die er mit einem breiten Riemen um den schlanken Leib
gegrtet trug, gab ihm das Aussehen eines allerliebsten kleinen Pagen. Dunkle
Locken wallten in weichen Ringeln von dem edelgeformten Kopfe, sein Gesicht war
mdchenhaft schn und zart, und Oswald zuckte zusammen, als er die warme, weiche
Hand des Knaben fr einen Augenblick in der seinen hielt, und in die groen
lichtbraunen, trumerischen Augen schaute. Es war ihm, als htte er Melitta's
Hand berhrt, als htte er in Melitta's Augen geschaut.
    Es ist sehr liebenswrdig von Ihnen, Herr Bemperlein, sagte er, seine
Verwirrung bemeisternd, da Sie noch die Zeit gefunden haben, herber zu kommen.
Aufrichtig, ich habe Sie heute halb und halb erwartet, um so mehr, als Bruno es
fr eine Unmglichkeit hielt, Julius knne abreisen, ohne vorher von ihm
frmlichen Abschied genommen zu haben.
    Da sprang die Thr auf und herein strzte Bruno, ein mchtiges Butterbrod in
der Hand. Hurrah, Julius, Zuckerpuppe! schrie er, Dein Glck, da Du gekommen
bist! Ich wre Dir sonst nach Grnwald nachgelaufen, Dich auf offener Strae
durchzuprgeln. Hier, bei ab! Das letzte Butterbrot, das wir fr lange Zeit mit
einander theilen! Und nun komm! wir wollen noch einmal durch den Garten in den
Wald laufen. Sie bleiben doch zu Abend hier, Herr Bemperlein?
    Non, Monseigneur! erwiderte hier, der sich auf einen Stuhl gesetzt hatte und
sich den Schwei von der Stirn trocknete; unsere Augenblicke sind gezhlt. Sie
wrden mich verbinden, wenn Sie Ihre Excursionen nicht ber den Garten
ausdehnten und vor allem, wenn Sie Julius nicht wieder in den Graben wrfen, wie
das letzte Mal.
    Julius, habe ich Dich in den Graben geworfen?
    Nein, aber herausgezogen, nachdem ich hineingefallen war.
    Nun, so komm mein Zuckerpppchen! rief Bruno, hob den schmchtigen Knaben in
seinen Armen empor und trug ihn zur Stube hinaus.
    Ist das ein Junge! sagte Herr Bemperlein; Herr meines Lebens, ist das ein
Junge! Wahrlich, Herr Colega, ich bewundere Sie.
    Weshalb?
    Weil ich Sie in einen leichten Sommerrock gekleidet sehe, und nicht umhllt
mit dreifachem Erz, wie der erste Schiffer des Horaz, und wie, meiner Meinung
nach, der Mann gepanzert sein mu, der es mit solch' einem Seeungeheuer, so
einem Hayfisch, so einem stachlichen Rochen - ich meine Bruno - zu thun hat.
    Um Himmelswillen, Herr Bemperlein, sagen Sie mir nicht, wenn wir Freunde
werden wollen, da Sie Bruno nicht leiden knnen.
    Ich ihn nicht leiden knnen! Ich liebe ihn wie einen Sturm auf der See, den
ich vom Ufer aus beobachten kann, wie ein wildes Pferd, das mit einem Andern
durchgeht, wie ein Gewitter, das eine Meile von mir einschlgt. - Apropos! das
war gestern ein entsetzliches Gewitter. Wir sind erst um elf Uhr nach Hause
gekommen. Frau von Berkow sagte mir, Sie seien vollstndig eingeregnet gewesen
in dem Waldhuschen.
    Wollen Sie in der That schon morgen abreisen? sagte Oswald, dem Gesprch
eine andere Wendung zu geben.
    Ob ich will? sagte Herr Bemperlein in weinerlichem Tone; ob ich will?
durchaus nicht, Werthgeschtzter; aber mu! Das ist es ja eben. Ach, wenn ich
knnte, wie ich wollte, ich ginge im Leben nicht weg von Berkow; und auch im
Tode nicht, denn ich wrde mir als letzte Gunst erbitten, dort begraben werden
zu drfen. - Und wie es mit mir werden soll, wenn ich nun doch weggehe, daran,
lieber College, mag ich gar nicht denken. Leben Sie einmal, wie ich, sieben
Jahre an einem und demselben Ort, und lassen Sie diesen Ort Berkow sein, und
wachsen Sie fest an diesem Ort mit allen Wurzeln Ihres Wesens, da Sie jeden
Spatz, der ber Ihrem Fenster nistet, persnlich kennen, und mit jedem Pferde in
dem Stalle auf Du und Du stehen; und dann versuchen Sie, sich loszureien - und
Sie werden empfinden, wie weh das thut.
    Der gute Mann griff wieder nach seinem Taschentuche und fuhr sich unter dem
Vorwande, den Schwei von der Stirn abtrocknen zu wollen, ein paar Mal ber die
nassen Augen.
    Ich begreife das vollkommen, sagte Oswald mit ungeheuchelter Theilnahme.
    Sie knnen das nicht begreifen, lieber Collega! Sehen Sie, da habe ich im
vorigen Frhjahr angefangen, mir einen Epheu in meinem Fenster zu ziehen, und
mich den ganzen Sommer und Winter darauf gefreut, wie hbsch es in diesem Herbst
sich ausnehmen wrde, wenn das Fenster von unten bis oben berankt wre, und wir,
das heit ich, mein Kanarienvogel und mein Laubfrosch, uns hinter den breiten
Blttern verstecken knnten - denn Sie glauben nicht, wie breite Bltter ich
gezogen habe - so gro, wie Weinbltter - und in diesem Herbst wird mein Fenster
mit grnen Ranken ganz vergittert sein; aber meine Stube wird leer stehen, und
die Sonnenstrahlen werden durch die Bltter schimmern und die Regentropfen daran
herunterrinnen, und keine Menschen- und keine Thierseele wird sich darber
freuen.
    Ich glaube, ich kann Ihnen das nachfhlen, sagte Oswald.
    Unmglich, lieber Collega, unmglich! seufzte der Andere. Ich sage Ihnen, so
ein Fenster giebt es auf der weiten Welt nicht mehr. - In der tiefen Nische
steht ein Lehnstuhl, mit schwarzem Leder berzogen, den mir Frau von Berkow vor
zwei Jahren zu meinem Geburtstage geschenkt hat; - eine Schlummerwalze, die sie
mir zu meinem letzten Geburtstage selbst gehkelt hat, hngt an der Lehne - na,
das lt sich eben nicht beschreiben. Aber da so zu sitzen an einem Sommerabend,
wenn die Stimme von Frau von Berkow und Julius aus dem Garten zu mir herauf
tnen und der Rauch meiner Cigarre in blauen Streifen durch die Bltter
hinauszieht -
    Bei diesen Worten blies Herr Bemperlein zwei mchtige Rauchwolken aus seiner
Cigarre durch das geffnete Fenster, an dem er sa, und schttelte wehmtig den
Kopf, als wollte er sagen: das bringt hier nicht die mindeste Wirkung hervor;
das sollten Sie einmal von meinem Lehnstuhle aus sehen.
    Ja, ja, - schaltete Oswald ein.
    Nein, lieber Collega, Sie knnen sich unmglich in meine Stimmung versetzen.
Sie wissen nicht, welch ein liebenswrdiger Knabe Julius ist. Sieben Jahre bin
ich nun bei ihm, aber wenn er mir in allen diesen Jahren auch nur eine bse
Stunde, ja nur Minute gemacht hat, so will ich nicht Anastasius Bemperlein
heien. Und nun die Frau von Berkow - Sie kennen Sie nicht, lieber Collega -
    Oswald wandte sich ab, denn er fhlte, wie ihm das Blut in die Wangen scho
-
    Sie haben keine Ahnung, welch ein Engel von Gte diese Frau ist. Was
verdanke ich ihr nicht! Bevor ich nach Berkow kam, wute ich von Luft und
Sonnenschein, und allem Schnen auf der Welt gerade so viel, wie ein Maulwurf -
ich war ein richtiger Br, ein vollstndiges Nilpferd, und da ich jetzt
einigermaen einem Menschen hnlich sehe, verdanke ich nur ihr. Und wie hat sie
sich meiner in jeder andern Beziehung angenommen! Einmal, erinnere ich mich, lag
ich viele Wochen lang am Thyphus darnieder. Die ersten Wesen, die ich deutlich
erkannte, als ich aus meinem Torpor erwachte, waren die gndige Frau und der
alte Baumann. Es war ein Sommernachmittag wie heute. Meine Bettvorhnge waren
halb zugezogen, Baumann und die gndige Frau standen ein paar Schritte entfernt
am Tisch. Wenn ich nicht selbst krank werden will, so mu ich heute Nachmittag
eine halbe Stunde spazieren reiten, Baumann, sagte Frau von Berkow, da Er mir
den Bemperlein unterdessen nicht sterben lt. Zu Befehl, sagte der alte
Baumann. Aber damit Sie nicht etwa glauben, lieber Herr Collega, da ich in
dieser Behandlung von Seiten der gndigen Frau eine Bevorzugung erblicke, die
meinen ganz besonderen Verdiensten zu Theil wrde, so setze ich hinzu, da ich
Frau von Berkow dieselbe Huld und Gnade an viele Andere, zum Theil ganz
gleichgltige Personen habe verschwenden sehen, so da ich wahrlich glaube, das
Herz dieser Frau ist aus durchaus edlerem Stoffe, als sonst die Menschenherzen
sind, und da sie Gutes thun und Andere beglcken mu, gerade wie ein
Kanarienvogel singt und ein Eichhrnchen springt, weil's eben so ihre schne
Natur ist, und sie nicht anders kann. Verzeihen Sie, lieber Collega, da ich mit
diesen Dingen, die Sie nicht interessiren und nicht interessiren knnen, Ihre
Zeit in Anspruch nehme, aber mein Herz ist wirklich zu voll, als da es nicht
berflieen sollte, und ich habe das Vertrauen zu Ihnen, da Sie mich deshalb
nicht fr einen sentimentalen Gesellen halten werden.
    Ich kann Sie nur versichern, da Sie Ihr Vertrauen keinem Unwrdigen
schenken, Herr Bemperlein, auch wenn Sie mir nicht erlauben, mit Ihnen zu
sympathisiren.
    Ich Ihnen das nicht erlauben? Es ist mein innigster Wunsch, da Sie das
vermchten, um so mehr, als ich, offen gestanden, hauptschlich in der ganz
egoistischen Absicht herbergekommen bin, Sie in einer fr mich hochwichtigen
Angelegenheit um Rath zu fragen.
    Mich?
    Ja, Sie! Ich will Ihnen auch ganz offen sagen, wie Sie dazu kommen, bei mir
die Stelle des weisen Einsiedlers im Walde, zu dem sich die vom Zweifel geplagte
Creatur flchtet, einzunehmen. Sie sind zu diesem verantwortlichen Amte durch
eine Stimme erhoben, gegen die fr mich kein Appell existirt; ich meine durch
die Stimme der Frau von Berkow. Ich versuchte ihr heute Morgen
auseinanderzusetzen, was ich Ihnen alsbald mit Ihrer gtigen Erlaubni
mittheilen will; sie hrte mich mit himmlischer Geduld von Anfang bis zu Ende an
und sagte dann, ihre Hand fr einen Augenblick auf die meinige legend: Lieber
Bemperlein, sagte sie, wollen Sie meinen Rath hren. Natrlich, gndige Frau!
sagte ich. Nun denn, sagte sie, lieber Bemperlein, gehen Sie hinber nach
Grenwitz, bringen Sie Herrn Doctor Stein eine Empfehlung von mir, und erzhlen
Sie ihm ganz ausfhrlich, was Sie mir eben gesagt haben; und was er Ihnen dann
antwortet, das nehmen Sie als meine Antwort.
    Auf Oswalds Lippen schwebte ein stolzes Lcheln. Er sah in dieser Demuth
Melitta's eine ihm dargebrachte Huldigung; er fhlte, da sie ihrer Liebe keinen
reineren Ausdruck geben konnte, als durch dieses Gestndni, wie fortan ihre
Existenz in der ihres Geliebten aufgehe.
    Wie Sie sich aus dieser Verlegenheit ziehen werden, fuhr Herr Bemperlein
fort, ist Ihre Sache: die Rolle des Vertrauten ist Ihnen einmal zugetheilt, und
Sie mssen dieselbe herunterspielen, so gut Sie knnen. Die Sache ist nmlich
einfach die, oder vielmehr gar nicht einfach, sondern sehr complicirter Weise,
auf alle Flle indessen ist die Sache die: Ich bin nmlich - ich habe nmlich -
aber hier kann ich Ihnen das nicht erzhlen, ich mu dazu den Himmel ber mir
haben, denn unter dem blauen Himmel sind mir die Gedanken gekommen, die eine
solche Revolution in meinem Innern hervorbrachten. Sie thten mir also einen
Gefallen, Herr Collega, wenn Sie mir nach Berkow das Geleit geben wollten.
Unterwegs lege ich Ihnen meine Beichte ab. Jetzt will ich gehen, Julius zu
rufen, und mich bei den Herrschaften zu empfehlen. Machen Sie sich unterdessen
zurecht; aber lassen Sie mich um Himmelswillen nicht lange warten. Zehn Minuten
reichen vollkommen zu, und lnger halte ich auch ein tte--tte mit Ihrer
Baronin nicht aus. Also  revoir in zehn Minuten, es schadet nichts, wenn es
auch nur neun sind.
    Als Oswald nach unten kam, complimentirte sich gerade Herr Bemperlein vor
dem alten Baron zur Thr der Wohnstube hinaus.
    Keinen Schritt weiter, Herr Baron! Uff! - Nun lassen Sie uns machen, da wir
wegkommen, Herr Collega. Wo ist mein Julius?
    Auf dem Hofe fanden sie die Knaben. Bruno sa auf dem Rand des Brunnens der
kopflosen Najade, und schlichtete Julius, der zwischen seinen Knieen stand, das
lange lockige Haar.
    Wie willst Du denn ohne den Pony fertig werden, Julius?
    Ja, ich will sehen, vielleicht lasse ich mir ihn nachschicken.
    Du Glcklicher, ich glaube, Du lt Dir auch Deine Mama und Herrn Bemperlein
nachschicken, wenn's ohne sie nicht geht. - Ich wollte, ich knnte mit Dir nach
Grnwald, und she dies verdammte Nest im Leben nicht wieder.
    Mama sagte mir, Du httest Herrn Stein so lieb, ist das wahr?
    Ich ihn lieb? sagte Bruno, den Kopf trotzig in die Hhe werfend; weshalb
sollte ich ihn lieb haben? er ist mir ganz gleichgltig. Er bekmmert sich viel
um mich! Er! Gestern ist er den ganzen Tag ohne mich umhergelaufen, und heute
hat er mich noch keines Blickes gewrdigt - er ist mir ganz gleichgltig; hrst
Du? sag' das nur Deiner Mama, ganz gleichgltig! - Und damit verbarg er sein
Gesicht in Julius Locken und schluchzte.
    Was ist Dir, Bruno?
    Mir? nichts! was sollte mir sein!
    Bruno, ich begleite Herrn Bemperlein! rief Oswald herber.
    Herr Doctor, ich begleite Julius! rief Bruno zurck.
    Wo ist Malte?
    Soll ich Maltes Hter sein?
    Malte ist auf dem Zimmer des Barons, sagte Herr Bemperlein; er ist von der
Fahrt sehr angegriffen; die Baronin meint, er fiebere etwas, und der Baron hat
ihm auf dem Sopha ein Lager zurecht gemacht, wie einer jungen Katze. Welchen Weg
nehmen wir?
    Ich denke, wir gehen durch den Wald, sagte Oswald.
    Sie gingen ber die Zugbrcke, die seit zwei Jahrhunderten nicht mehr
aufgezogen werden konnte, durch die Lindenallee in den Wald, Herr Bemperlein und
Oswald voran, Bruno und Julius folgten in einiger Entfernung. Bruno hatte den
Arm um Julius' Nacken geschlungen, er hatte heute, oder wollte heute fr nichts
Interesse haben, als fr seinen Freund, den er immer sehr geliebt und auf dessen
braune Augen er mehr als ein Gedicht gemacht hatte, und den er jetzt in der
Trennungsstunde mit strmischen Zrtlichkeiten berhufte.
    Du wirst fortreisen, Julius, klagte er, und wenn Du drei Tage fort bist,
wirst Du mich vergessen haben.
    Ich werde Dich nie vergessen, Bruno.
    So? weit Du das gewi? Da hast Du ein besseres Gedchtni, als Oswald - ich
meine Herrn Doctor Stein. Der hat mir auch gesagt, da er mich lieb htte wie
einen Bruder, und seit vorgestern Abend wei er nicht mehr, da ich auf der Welt
bin. Jetzt erzhlt er wahrscheinlich Herrn Bemperlein, da er ihn wie seinen
Bruder liebt; sieh nur, wie er ihm vertraulich den Arm giebt! Nach mir sieht er
sich nicht einmal um. O, ich hasse ihn, ich hasse Alle, Alle - nur Dich nicht,
Julius!
    Whrend so der unglckliche Knabe seine Liebe und seinen Kummer in den Busen
seines Freundes schttete und wohl fhlte, da auch der ihn nicht verstnde, und
da er allein, ganz allein sei auf dieser fr ihn so freudelosen Erde, sprach
Herr Bemperlein also zu Oswald:

                              Siebzehntes Capitel


Wie gesagt, lieber Collega, mein Vater war ein Pastor, mein Grovater, ja was
sage ich: meine beiden Grovter waren Pastoren, denn meine Mutter war eine
Pfarrerstocher; mein Urgrovater vterlicher Seits war wenigstens ein Kster,
der die Tochter eines Schfers, also auch eines Pastors heirathete. Weiter habe
ich meinen Stammbaum nicht verfolgen knnen - aber ex ungue leonem! Sie sehen,
da bis auf mich herab das eigentliche Geschft meiner Vorfahren das Weiden von
Heerden, - Menschen- oder Schaafherden - gewesen ist. Auch auf mir scheint der
Geist meiner Ahnen zu ruhen. Thiere auf die Weide bringen, war von jeher meine
Leidenschaft, und noch jetzt kann ich Stunden lang an das Gatter einer Koppel
gelehnt stehen und den Klbern und Fllen zusehen, - es ist ohne Zweifel etwas
Paradiesisches in diesem Zustand behaglichen Genusses, der uns an die Urzeit der
Menschen, mich zum wenigsten sehr lebhaft an meine Jugendzeit erinnert. Denn
mein erster Freund war ein Gnsejunge, spter war ein kleiner Schweinehirt mein
Pylades, und der vertraute Umgang mit diesem Eumaeus posthumus hat mich aus der
Lectre gewisser Gesnge der Odyssee einen Genu schpfen lassen, der Anderen,
welche ohne meine grndliche Vorbildung daran gehen, ganz unerklrlich sein mu.
Als mein Pylades zum Rinderhirten avancirte, verlie ich weinend mein
Heimathsdorf, um nach Grnwald auf's Gymnasium zu gehen, wo ich sogleich in die
Tertia eintrat und von Lehrern und Schlern als ein kleines Ungeheuer angestaunt
wurde, von Letzteren in Anbetracht meiner fabelhaften Toilette, in welcher ein
Paar Hosen, die bis zum Knie hinauf aus gutem Rindsleder bestanden, noch nicht
das merkwrdigste Stck war, - von Ersteren wegen meiner nicht weniger
fabelhaften Gelehrsamkeit. Ich wute den halben Virgil auswendig, las das neue
Testament in der Ursprache so flieend, wie meine Mitschler Luthers
Uebersetzung - und das Alles mit dreizehn Jahren! Mir graut jetzt selbst, wenn
ich daran denke. Damals indessen kam mir das Alles sehr zu statten; denn mein
Vater, der eine zahlreiche Familie zu ernhren hatte, und so arm war, wie die
Muse in seiner Kirche, konnte mir auer seinem Segen und sechs
Empfehlungsbriefen an eben so viele mitleidige Familien, die sich jede zu einem
Freitisch wchentlich verstanden, - den siebenten Tag, an welchem ich keinen
Freitisch hatte, setzte ich nothgedrungen zum Fasttage ein fr alle Mal ein - so
gut, wie nichts mit in die Stadt geben. Ich war also gnzlich auf mich
angewiesen; aber ich hatte durchaus keine kostbaren Gewohnheiten, statt dessen
aber das Talent, von einem Butterbrode satt zu werden, bei einem Thranlmpchen
lesen und mit zugespitzten Schwefelhlzern schreiben, meine sechs Schulstunden
absitzen und noch eben so viele Privatstunden geben zu knnen, so da ich nicht
nur die Miethe fr mein Dachstbchen und alles unumgnglich Nothwendige
pnktlich bezahlte, sondern auch schon nach zwei Monaten meine ledernen Hosen
mit einem Paar von stdtischerem Stoff und Schnitt vertauschen durfte. Den
Spitznamen Lederstrumpf indessen, den meine Mitschler mir gegeben hatten, und
den bei dieser Gelegenheit los zu werden, meine stille Hoffnung und die
eigentliche Veranlassung meines Luxus gewesen war, behielt ich nach wie vor; und
das war meine gerechte Strafe. Da mir es im Uebrigen in der Schule gut ging,
verdankte ich besonders einer nicht ungeschickten Politik, die ich unausgesetzt
verfolgte. Ich hatte nmlich bald herausgefunden, da die Strksten und Grten
in der Klasse auch zugleich immer die Dmmsten und Faulsten waren. Ich verfehlte
also niemals, mit ihnen ein Schutz- und Trutzbndni abzuschlieen, das
hauptschlich auf folgende zwei Bedingungen basirt war: ich mache Dir Deine
Arbeiten und dafr prgelst Du mich weder selbst, noch giebst Du zu, da mich
ein Anderer prgelt; und ich mu gestehen, da dieser Vertrag stets
unverbrchlich gehalten wurde. Als ich siebzehn Jahre alt war, fand mein Lehrer,
da ich schon seit einem Jahre zur Universitt reif sei, wenn darunter nmlich
verstanden wird, da man mit Schulkenntnissen aller Art angefllt ist, wie ein
Ei voll Dotter, im Uebrigen aber so unwissend und hlflos, wie ein Kchlein, das
eben aus der Schale kroch. Da ich Theologie studirte, stand natrlich fr mich
so fest, als da ich einmal sterben mte. Shne von pensionirten Hauptleuten
werden in's Cadettencorps gesteckt, und Shne von armen Landpastoren in's
theologische Seminar geschickt: das ist so selbstredend, wie irgend ein anderes
Stck der Naturgeschichte. - Wohl; ich studirte also Theologie, das heit, ich
ging fleiig in's Colleg und schrieb ganze Wagenladungen voll der abstrusesten
Gelehrsamkeit. Im Uebrigen setzte ich so ziemlich mein Leben so fort, wie ich es
von der Schule gewohnt war, selbst mein Dachstbchen hatte ich behalten und
Privatstundengeben war mein Erwerbsquell nach wie vor, um so mehr, als jetzt
einer meiner jngeren Brder bei mir lebte, dem ich das kleine Stipendium, das
ich von der Universitt erhielt - Sie wissen, da in Grnberg ein Student ohne
Stipendium eine rara avis ist - berlie, sowie die Freitische, die ich jetzt
entbehren konnte, da die Caravanserei des Convicts mir ihre gastlichen Thore
geffnet hatte. So verging das Triennium in etwas monotoner, aber nicht
unbehaglicher Weise. Ein Tag sah so ziemlich aus wie der andere; nur der
Mittwoch hatte fr mich eine etwas finstere Physiognomie, weil es an demselben
Erbsen mit Schweinefleisch im Convict gab, ein Gericht, an das ich mich, trotz
meiner liberalen Grundstze in dieser Beziehung, niemals haben gewhnen knnen.
Ich mute jedesmal, wenn die Schssel zu mir kam, an die schnen Sommermorgen
denken, die ich im Eichwalde zugebracht hatte, wenn mein Eumaeus posthumus seine
Heerde weidete, und ich die Eclogen des Virgil dazu las; und dann blieb mir der
Bissen im Munde stecken. Sie werden das wahrscheinlich sehr sentimental finden,
aber es hat ja Jeder seine Schwchen. - Vom Leben sah ich whrend dieser Zeit
ungefhr so viel, wie ein Kameel in der Menagerie von der Wste. Mein Umgang war
uerst beschrnkt, er richtete sich wesentlich nach meinen Mitteln; wie ich
denn berhaupt glaube, da zwischen diesen Beiden eine Art Wechselverhltni
stattfindet; wenigstens bemerkte ich, da die wohlhabenderen Studenten immer
heerdenweise angetroffen wurden, whrend die rmeren einzeln durch die Gassen
schlichen! Ich wei nicht, ob das im Leben auch so ist. Vor diesen
wohlhabenderen Studenten - denn es giebt deren selbst in Grnwald, und in meinen
Augen war ein Jeder, der einen sicheren Wechsel von fnfzig Thalern jhrlich
hatte, ein Krsus - empfand ich brigens allen mglichen Respect. Diese
schnurrbrtigen, gestiefelten Kater erschienen mir als sehr absonderliche
Geschpfe Gottes, und ich konnte nie recht begreifen, wie eine, doch sonst auf
die Ruhe ihrer Unterthanen so eiferschtige Regierung, sie in ihrer ganz
uncivilisirten Freiheit umher laufen lassen knne. Ich mu gestehen, da ich die
drei Jahre hindurch in einer bestndigen Furcht vor einer Herausforderung lebte.
Nicht, als ob es mir an persnlichem Muth gebrche! Ich habe glcklicherweise
hernach ein paar Mal im Leben Gelegenheit gehabt, mich vom Gegentheil zu
berzeugen; ich frchtete nur die Schiefheit der Lage, in die ich mich bei einer
solchen Eventualitt versetzt sehen wrde. Den ganzen sogenannten Comment hielt
ich nmlich von jeher fr den abominabelsten Unsinn, verderblich fr die
Gesundheit, viel verderblicher aber noch fr die Moral, denn er zwingt die
jungen Gemther ihr eigenes Denken und Fhlen heroisch dem Moloch eines
barbarischen Ehrbegriffs, der lcherlichsten Carricatur eines Codex der Moral,
der je erfunden ist, zu opfern, und gewhnt sie auf diese Weise systematisch an
jenes blinde, katholische Gehorchen, welches mir die eigentliche Snde gegen den
heiligen Geist zu sein scheint. Ich wei nicht, ob wir hierin einer Ansicht
sind, Herr Collega?
    Vollkommen, antwortete Oswald. Und nun rechnen Sie zu den Uebelstnden
dieses modern-mittelalterlichen Studentenlebens, da die Jnglinge gerade in
einer Zeit, wo der Mensch am empfnglichsten ist fr die Eindrcke der
Auenwelt, sich hermetisch in ihrer leidigen Kneipe abschlieen, anstatt die
gute Gesellschaft aufzusuchen, die ihnen den Schliff geben knnte, der ihnen
wahrhaftig so sehr fehlt, da sie in den Jahren, wo selbst spter sehr bornirte
Aristokraten fr Freiheit schwrmen, sich der exclusivesten Exclusivitt
befleiigen, und in dem Glanz ihrer bunten Kappen und kindischen Troddeln noch
verchtlicher auf den Philister herabsehen, als der Gardelieutenant auf den
Civilisten; da sie in der Periode, wo sie anfangen sollten, sich als Mitglieder
eines groen Ganzen, als angehende Brger zu fhlen, anfangen, einen Staat im
Staate zu errichten: so haben Sie wahrlich beisammen, was einem nur halbwegs
verstndigen Jngling den Geschmack an solchem albernen Studentenleben grndlich
verleiden knnte.
    Ja, sagte Bemperlein, und es ist ganz auffallend, wie lange der Rausch, den
sich die jungen Leute whrend ihrer glorreichen Studentenzeit trinken, anhlt.
Da ist hier in der Nhe unser Landrath - ein Herr von Sylow, ein Mann von
vierzig Jahren - der seit mindestens zehn Jahren verheiratet ist. Gestern nun,
als ich mit Julius dort meinen Abschiedsbesuch machte - die Kinder sind von
jeher sehr viel zusammen gewesen - kam der Landrath nach dem Abendessen auf
seine Universittszeit zu sprechen, und gab uns, das heit seinem Hauslehrer und
mir, einen Abri seiner studentischen Heldenthaten. Glcklicherweise war mein
College seiner Zeit ein flotter Bursch in Halle gewesen, und konnte dem Landrath
auf seine Fragen ber den heutigen Stand des Comments die nthige Auskunft
geben. Und nun htten Sie den edlen Herrn sich sollen ereifern hren ber die
Versunkenheit des heutigen Studentenlebens, ber die geringe Zahl der
Paukereien, die unwrdig kleine Quantitt Biers, so whrend eines Abends
vertilgt wrde, und so weiter und so weiter. Dabei glnzten seine Augen bei der
bloen Erinnerung an die versunkene Herrlichkeit, und er sprach sich in solche
Rhrung hinein, da er schlielich den sentimentalen Wunsch uerte, alle die
rheinischen Demokraten, wie er sie nennt, die auf dem letzten
Provinzial-Landtage wiederum die alten gotteslsterlichen Petitionen um
Prefreiheit, Freizgigkeit u.s.w. eingebracht htten, mchten nur einen Hals
haben, damit - er machte eine bezeichnende Handbewegung - des Geschreies endlich
einmal ein Ende wrde.
    Natrlich, sagte Oswald, wenn die Herren jung sind, singen sie: Freiheit,
die ich meine, das klingt sehr poetisch, wenn man es hrt, und sie selbst
singen sich dabei in eine gelinde Rhrung hinein, in welcher sie halb und halb
glauben, sie htten in der That eine Meinung. Das ist aber eine reine
Einbildung, oder im Falle ja einmal einer wirklich etwas meint, so ist es die
Freiheit, den Philister verhhnen, Fenster einwerfen, die ffentlichen Locale
unsicher machen, und andere Heldenthaten ungestraft verrichten zu knnen, und
dann die sptere Freiheit, als ganz gehorsamster Endesunterzeichneter in
tiefunterthnigster Demuth zu ersterben, wenn man es nur bis zum
Subalternbeamten, und die Subalternbeamten und die ganze brige Menschheit en
canaille behandeln zu knnen, wenn man es bis zum Verwaltungschef gebracht hat.
Aber wir sind von unserem Thema abgekommen. Die bse Alternative, entweder gegen
Ihre persnliche Ehre, oder gegen die Standesehre verstoen zu mssen, wurde
Ihnen hoffentlich erspart?
    Ja, Dank der Vorsicht, die ich anwandte, vor den gestiefelten Katern meine
Mauseexistenz mglichst geheim zu halten. Als das Triennium vorbei war, und ich
mein erstes theologisches Examen bestanden hatte, war es mit meiner Besorgni
ohnedies vorbei, denn einem ehrsamen Candidaten des Predigeramtes verdenkt es
schon Niemand, wenn er nichts von Terzen und Quarten wissen will. Ich htte
jetzt am liebsten sogleich auf dem Lande eine Stelle als Hauslehrer angenommen,
aber mein Bruder war erst nach Prima gekommen, und ich wollte ihn die zwei
Jahre, die er noch auf dem Gymnasium bleiben mute, nicht allein lassen, da ich
ihn in der Kunst, mit Schwefelhlzern zu schreiben und in den brigen
Geheimnissen des Lebens eines Dorfpfarrersohnes in der Stadt nicht so perfect
sah, wie es im Interesse der Familie wnschenswerth schien. Denn dieser zweite
Bruder sollte an seinem jngeren Bruder die Stelle vertreten, die ich an ihm
vertreten hatte, und dieser jngere Bruder mute um dieselbe Zeit auf die Tertia
des Gymnasiums kommen, wenn jener die Universitt bezog; ebenso wie ich anfing
zu studiren, als er nach Tertia kam.
    Aber wie ist denn das mglich, sagte Oswald erstaunt.
    Ja, sehen Sie, Werthgeschtzer, antwortete Herr Bemperlein, wie es mglich
ist, kann ich Ihnen nicht sagen, da es aber der Fall ist, kann ich beschwren.
Ich bin der Aelteste meiner Geschwister, und am zweiundzwanzigsten Mrz geboren;
dann kommt eine Schwester, genau zwei Jahre jnger, denn sie ist am
einundzwanzigsten Mrz geboren, darauf ein Bruder, darauf wieder eine Schwester,
darauf wieder ein Bruder, und wieder eine Schwester. Wie viel sind das?
    Ein halbes Dutzend, sollte ich meinen, sagte Oswald lchelnd.
    Ganz richtig, ein halbes Dutzend, alle zwei Jahre auseinander und alle im
Mrz geboren, mit Ausnahme meiner jngsten Schwester, die am ersten April zur
Welt kam. Sie ist aber auch eine kometenhafte Erscheinung in unserem
Planetensystem und so zu sagen: das Wunderkind der Familie. Denken Sie sich, sie
ist erst achtzehn Jahre und schon verlobt.
    Ich sehe bei der ohne Zweifel groen Liebenswrdigkeit Ihres Frulein
Schwester nichts Auerordentliches darin, bemerkte Oswald.
    Nichts Auerordentliches? rief Herr Bemperlein; nichts Auerordentliches?
Ein solches Kind? Heirathen! mit achtzehn Jahren! Ich wei wirklich nicht
einmal, ob das berhaupt psychologisch und physiologisch zulssig ist; - Sie
lachen? Mag sein: ich habe mich auf die Weiber nie verstanden, und wte auch
nicht, wie ich zu dieser Kenntni gelangt sein sollte; der Herr mte sie mir
denn, von wegen meiner absonderlichen Einfalt, im Traum geschenkt haben. Also
ich blieb noch fast zwei Jahre in Grnwald, gab Privatstunden, hielt
Repetitorien mit jungen Studenten, die vor dem Examen standen, und mit
Commersbuche besser Bescheid wuten, als in den Kirchenvtern, und verdiente so
viel, da ich nicht nur selbst sehr gut leben konnte - den Fasttag hatte ich aus
reiner Gewohnheit beibehalten - sondern auch meinen Bruder pflichtschuldig
untersttzte. Dieser Bruder machte mir damals einigermaen Sorge - die sich
hernach als unnthig erwiesen hat, denn er ist jetzt in seinem
vierundzwanzigsten Jahre schon wohlbestallter Hlfsprediger, aber er lernte
etwas schwer, hatte schwache Augen und war gegen Hunger und Klte auf eine mir
unbegreifliche Weise empfindlich. Ich sah deshalb ein, da es eine Barbarei sein
wrde, ihm die Sorge fr meinen jngsten Bruder, der jetzt auf die Schule kam,
zuzumuthen, zumal dieser ein sehr schwchlicher Knabe war - er ist jetzt ein
krftiger Bursche von zwanzig Jahren, ein braver, fleiiger Junge, der nchstens
sein erstes theologisches Examen machen wird - ja, was wollte ich sagen:
richtig, er war damals ein schwchlicher, krnklicher Knabe und bedurfte
grerer Pflege. Fr Beide aber das nthige herbeizuschaffen -
    Und fr Sie selber, schaltete Oswald ein.
    Nun, das war das wenigste, aber ich sah ein, da es so nicht lnger ging,
und da kam mir denn die Hauslehrerstelle in Berkow, die mir zu der Zeit
angeboten wurde, gerade recht. Vollkommen freie Station, ein fabelhaftes Gehalt
- ich war berglcklich. Jetzt hatte ich beide Arme frei und konnte endlich
einmal etwas fr die Familie thun.
    Ich dchte, Sie htten das stets nach Krften, oder ber Ihre Krfte gethan,
sagte Oswald.
    Ach, Spa, sagte der Andere; die Lust war gro, aber die Kraft gering, und
jetzt war die Untersttzung nthiger, als je. Meine gute Mutter hatte schon
lange gekrnkelt, jetzt verfiel auch mein Vater in eine schwere Krankheit, die
seine eiserne Natur so untergrub, da er sich nie wieder ganz vollstndig
erholte, so da das Schlimmste zu befrchten stand. Dabei waren meine drei
Schwestern noch unversorgt. Welches Glck also, da ich das prinzliche Einkommen
von Zweihundert Thalern Gold hatte! Ich gab die eine Hlfte meinen Brdern -
    Und die andere Hlfte meinen Schwestern, schaltete Oswald ein.
    Und die andere Hlfte meinen Schwestern - fuhr Bemperlein fort und rieb sich
vergngt die Hnde.
    Aber was behielten Sie denn fr sich?
    Fr mich? erwiederte Bemperlein erstaunt. Sagte ich Ihnen nicht, da ich
vollkommen freie Station hatte? Und nun hren Sie nur! Ich war ein Jahr auf
Berkow gewesen, da lt mich eines Tages die gndige Frau zu sich rufen, und
nachdem wir ber Dies und Jenes gesprochen, sagte sie:
    Sie sind nun ein Jahr bei uns, lieber Bemperlein, nun sagen Sie einmal
aufrichtig, ob es Ihnen bei uns gefllt. - Das bedarf wohl keiner Frage, gndige
Frau, antwortete ich. - Nun, das freut mich, sagte sie, aber haben Sie nicht
noch irgend einen speciellen Wunsch? - Das ich nicht wte, sagte ich. - Aber
Ihr Gehalt ist doch offenbar zu gering, sagte sie mit dem freundlichsten
Lcheln. Ich war so erstaunt ber diese Worte, da ich keine Antwort zu finden
wute.
    Ich will Ihnen nur gestehen, fuhr sie mit himmlischer Gte fort, da ich die
Zeit, die Sie jetzt hier sind, nur als Probezeit angesehen und Ihren Gehalt
darnach berechnet habe. Es ist mir niemals eingefallen, zu glauben, da ein
Mann, dem ich die Erziehung meines Kindes mit vollkommener Sicherheit
anvertrauen kann, berhaupt mit Geld zu bezahlen sei; und wenn ich Sie jetzt
bitte, mir zu erlauben, das geringe Gehalt, das Sie bis jetzt bezogen haben, zu
verdoppeln, so bemerke ich dabei ausdrcklich, da ich mich nach wie vor als
Ihre Schuldnerin fhle.
    War ich vorher noch nicht erstaunt gewesen, so war ich es jetzt; oder
vielmehr ich war so gerhrt - weniger durch das gromthige Geschenk selbst, -
als ber die unbeschreibliche Liebenswrdigkeit, mit der es mir von der edlen
Frau geboten wurde, da mir die Thrnen ber die Backen liefen. Ich stammelte
etwas von unmglich annehmen knnen und dergleichen, da aber wurde sie
ordentlich zornig, da ich nur schnell einlenkte und sagte: ich nhme das
Geschenk nicht fr mich, was unverantwortlich wre, sondern nur, weil ich fr
Andere sorgen mte, die fr sich selber noch nicht sorgen knnten. - Machen Sie
damit, was Sie wollen, sagte sie schon in der Thr, aber bedenken Sie auch, da
Sie gegen sich selbst Verpflichtungen haben. Damit war die Sache zu Ende, aber
noch nicht Frau von Berkow's Gte, die grenzenlos ist. Doch ich wollte Ihnen
eigentlich ganz etwas Anderes erzhlen; nmlich, wie ich dazu kam, den Fehler zu
entdecken, der sich in die Rechnung meines Lebens eingeschlichen hat, und
welches dieser Fehler ist.

                              Achtzehntes Capitel


In diesem Augenblicke kam ein Reiter, der vor einigen Minuten aus einem
Seitenwege auf den Hauptweg gebogen war, im Galopp an ihnen vorber. Ein groer
Neufundlnder, den Oswald zuerst fr Melitta's Dogge hielt, galoppirte in langen
Sprngen neben dem Pferde her, einem herrlichen rabenschwarzen Vollblut, dessen
Brust mit weien Schaumflocken benetzt war. Der Reiter, so weit man es in der
Eile bemerken konnte, war ein Mann von vielleicht dreiig Jahren, lang und drr,
gegen die Gewohnheit der Gutsbesitzer hier zu Lande in langen Beinkleidern statt
der Stulpenstiefeln; seine Haltung zu Pferde durchaus die Haltung der Herren,
welche man lateinische Reiter zu nennen pflegt. Aber es war das wohl mehr
Nachlssigkeit und die Gewohnheit, sich gehen zu lassen, als wirkliche
Ungeschicklichkeit, denn, als er fast unmittelbar vor den ihm Entgegenkommenden
war, die er, in Nachdenken oder Trumereien verloren, jetzt erst bemerkte, warf
er seinen Renner mit einer Kraft und Gewandtheit auf die Seite, die den
tchtigen Reiter bekundeten. Excusez, messieurs! rief er, flchtig an den Hut
greifend und weiter galoppirend.
    Kennen Sie den Herrn? sagte Oswald stehen bleibend und dem Manne
nachschauend, dessen Zge ihm fremd und bekannt zu gleicher Zeit erschienen
waren.
    Tiens! sagte Herr Bemperlein, ebenfalls stehen bleibend, das mu der Baron
Oldenburg gewesen sein. Ja, gewi ist's der Baron! rief er, als der Reiter jetzt
bei den Knaben, die in der Entfernung von ein paar hundert Schritten folgten,
angekommen, still hielt, und ihnen vom Pferde herab die Hand reichte. Ich htte
ihn kaum wieder erkannt mit seinem schwarzen Bart und seinem gelben Gesicht. Er
sieht ja aus wie ein wahrer Kabyle. Seit wann mag er denn wieder im Lande sein?
    Ist er auf Reisen gewesen? fragte Oswald mit angenommener Gleichgltigkeit.
    Er ist seit zehn Jahren eigentlich fortwhrend auf Reisen, erwiderte Herr
Bemperlein; vor drei Jahren trafen ihn Frau von Berkow und Herr von Barnewitz
und dessen Gemahlin in Rom, und sie sind dann mit ihm durch Sd-Italien gereist.
In Sicilien haben sie sich getrennt. Die Herrschaften traten die Rckkehr an,
und der Baron ging weiter nach Aegypten, Nubien, und Gott wei, wohin ihn sein
unruhiger Geist noch sonst getrieben haben mag. Aber wir sind schon wieder von
unserm Thema abgekommen.
    Herr Bemperlein fing mit der ihm eigenthmlichen Redseligkeit abermals zu
erzhlen an, aber wenn Oswald schon vorher nur mit halbem Ohr zugehrt hatte, so
schweiften seine Gedanken jetzt noch viel weiter ab ... Das war also der Mann,
der einst in Melitta's Leben eine so groe Rolle gespielt hatte! Eine so groe
Rolle! Eine wie groe Rolle? Sie hatte ihn nie wahrhaft geliebt - vielleicht, -
gewi nie wahrhaft geliebt - aber ist denn wahre Liebe immer der letzte Preis
der hchsten Gunst einer Frau? Giebt es nicht so dergleichen, wie Begierde ohne
Liebe? oder auch Liebe ohne Begierde, oder der Wunsch, den Geliebten auf jede
Weise an sich zu fesseln, auch durch die Lust und die Erinnerung der Lust - -
Und so htte sie doch an der Seite des Mannes, an dessen Wiege die Grazien
ausgeblieben waren, geruht; wohl ohne Ruhe, ohne die tiefe Seligkeit zu finden,
die sie hoffte, - aber doch geruht? O, in dem Gedanken war Hllenqual ...
    So raunte und flsterte ihm der Dmon der Eifersucht wilde, schlimme
Gedanken in's Ohr, die sein Blut sieden machten und ihm kalte Tropfen auf die
Stirn trieben - was Wunder, wenn er so Herrn Bemperlein's Erzhlung wie im
Traume hrte. Nur so viel begriff er, da der wunderliche brave Mann erst jetzt,
nachdem die Noth des Lebens fr ihn vorbei war und er in der grnen Einsamkeit
von Berkow frei von aller Sorge aufathmen durfte, zum ersten Mal ber seine
sogenannte Wissenschaft, die zu prfen, ihm bis dahin die Zeit gefehlt hatte,
nachzudenken begann; da er jetzt zum ersten Male mit den Heroen der neueren
Literatur, vor allem mit Shakespeare Bekanntschaft machte, da er von den
Dichtern auf die Philosophen kam, und wie ihm vor allem in Spinoza eine Welt
aufging, von der er, der Zgling theologischer Scholastik, keine Ahnung hatte;
da er von Spinoza, spter von Schopenhauer angeregt, sich auf das Studium der
Natur, auf Botanik, Mineralogie, Physik geworfen, sich mit Hlfe des alten
Baumann ein kleines Laboratorium eingerichtet und fleiig experimentirt habe,
und da auf seinen Retorten und Tiegeln der Glaube an die alleinselligmachende
Kraft der Professoren-Religion, den ihm die Lectre der Philosophen noch etwa
gelassen hatte, vollkommen verdampft sei.
    Das ging nun so, so lange es ging, sage Herr Bemperlein, allein es kam nicht
zum Sterben, aber doch zu dem Augenblick, wo ich mich entschlieen mute, ob ich
meinen heimlichen Abfall von dem Glauben meiner Vter offen erklren wollte oder
nicht. Eine sehr eintrgliche Pfarrstelle in hiesiger Gegend, von der ein Onkel
der Frau von Berkow, der ltere Herr von Barnewitz Patron ist, wurde durch den
Tod des Inhabers erledigt. Herr von Barnewitz glaubte seiner Nichte einen
Gefallen zu erweisen, wenn er mir diese Stelle anbot, ich hatte weiter nichts zu
thun, als am nchsten Sonntag eine Predigt in dem Pfarrdorfe zu halten, und die
Sache war abgemacht. Nun mssen Sie wissen, da ich, als mir Herr von Barnewitz
die Sache vorstellte, im ersten Schrecken, halb aus Ueberraschung, halb, um den
guten Mann nicht zu krnken, und dann auch, weil wir (das heit Frau von Berkow
und ich) Juliu's Uebersiedlung nach Grnwald beschlossen hatten, und so meines
Bleibens in Berkow doch nicht lnger sein konnte, Ja gesagt und mich wirklich
hingesetzt habe, eine Predigt auszuarbeiten. Ich hatte mich seit ein paar Jahren
glcklich um jede Gelegenheit, wo mein theologisch-declamatorisches Talent sich
htte zeigen knnen, herumzudrcken gewut, und jetzt fhlte ich zu meinem
Schrecken, da ich die Kanzelsprache, und noch mehr als die Sprache, die
Kanzellogik vollstndig verlernt hatte. Drei Abende hinter einander setzte ich
mich zu der Sisyphusarbeit hin; aber nie kam ich auch nur ber meine
andchtigen Zuhrer hinaus. Die contradictio in adjecto peinigte mich, ich
wute aus eigener Erfahrung, wie es mit der Andacht der Zuhrer bestellt ist.
Andchtig kommt von Denken! Da, in der dritten Nacht, als ich mich voller
Verzweiflung zu Bette gelegt hatte und voller Kummer eingeschlafen war,
erwgend, was wohl mein guter Vater und mein wrdiger Grovater, den ich auch
noch gekannt hatte, sagen wrden, wenn sie den Unglauben ihres in so trefflichen
Grundstzen erzogenen Sohnes und Enkels shen, hatte ich folgenden kuriosen
Traum, zu dessen Erklrung ich vorher bemerken mu, da Frau von Berkow mir an
jenem Tage viel von den Museen des Louvre erzhlt hatte.
    Mir trumte also, ich trat in einen gewaltigen hohen und weiten Saal, an
dessen Wnden Sculpturen und Gemlde standen und hingen. Da sa Gott Vater
selbst, ein schner brtiger alter Mann, und reckte die Hand aus und schuf
Himmel und Erde, dann kamen Adam und Eva, in weiem Marmor: Eva, ziemlich wohl
erhalten - Adam aber hatte den Kopf verloren; darauf Kain's Brudermord, ein
groes Oelgemlde, ebenso wie ein darauf folgendes: Adam und Eva finden die
Leiche des ermordeten Abel; auf welchem die Gestalt des todesblassen Jnglings
der wie eine gebrochene Lilie anzuschauen war, mich fast zu Thrnen rhrte. So
ging es weiter und weiter: Statue an Statue, Gemlde an Gemlde. Ich war nicht
allein im Saale, im Gegentheil, viele Menschen bewegten sich an den Wnden und
durch den Wald von Statuen hin. Vor einzelnen besonders hervorragenden Werken,
zum Beispiel dem Durchzug der Kinder Israel durch das rothe Meer - einer
riesengroen Freske - standen ganze Gruppen - auch vor andern, die sich weniger
durch historische Bedeutung, als durch das Pikante der dargestellten Situation
auszeichneten. So mute ich mich ber das Betragen einer Schaar junger Mdchen
rgern, die vor einem Gemlde, darstellend: Lot, von seinen Tchtern trunken
gemacht die Kpfe zusammensteckten und kicherten. Ueberhaupt erschien mir das
Benehmen der Gesellschaft in hohem Grade anstig. Die Frauen lachten und
schwatzten und kokettirten, die Herren schwatzten, lachten und lorgnettirten,
und einige mit langen Beinen und langen Zhnen - wahrscheinlich Englnder -
hatten gar den Hut auf dem Kopf. Fast Alle hielten ein Buch in der Hand, in
welches die Gewissenhafteren von Zeit zu Zeit hineinsahen, wenn sie sich ber
eins der Kunstwerke Auskunft holen wollten. Dies Buch schien mir der Katalog des
Museums zu sein, und da ich einen solchen ebenfalls zu haben wnschte, weil ich
die Reihenfolge der Propheten vergessen hatte, und nun nicht wute, ob der alte
brtige Mann, Nr. 8, Habakuk, und der Jngling, Nr. 9, Zephanga, oder umgekehrt
sei, so wandte ich mich an einen alten Herrn, den ich mit einem Fliegenwedel an
den Statuen beschftigt gesehen hatte, und den ich in Folge dessen fr einen der
Custoden hielt. Als ich nher trat, wandte sich der Mann um, und ich erschrak
nicht wenig, als ich meinen eigenen Grovater erkannte. Was wnschen Sie, junger
Mann? sagte er in strengem Ton. Ich wiederholte schchtern meine Frage. Hier
haben Sie einen Katalog, sagte er, von einem Tische, auf welchem eine groe
Menge jener Bcher lag, eins nehmend und mir reichend, kostet fnfzehn
Silbergroschen. - - Ich schlug das Buch auf; ich wnschte einen Katalog, sagte
ich, Sie haben mir - Ganz richtig, sagte der alte Mann mit melancholischer
Stimme, dies ist der Katalog fr das alte Museum; der Eingang in das neue
Museum, in welchem die Kunstwerke von dem Jahre Eins christlicher Zeitrechnung
bis zum Jahre 1793, wo die christliche Religion abgeschafft, und die Gttin
Vernunft auf den Thron gesetzt wurde, aufgestellt sind - ist dort! Er wies auf
eine schne breite Treppe, die aus dem Saale hinauffhrte in andere Rume. Sie
werden gut thun, sich dort ebenfalls einen Katalog zu kaufen. Er kostet zehn
Silbergroschen und Sie haben sich deshalb an Ihren Vater zu wenden, welcher in
jenem Theile des Gebudes dasselbe Amt versieht, welches ich hier versehe. Und
damit wandte mir der alte Mann den Rcken, und fing wieder an, mit seinem langen
Wedel die Statuen und Bilder abzustauben. Entschuldigen Sie, lieber Grovater,
sagte ich. - Ich bin Ihr Grovater nicht, antwortete der alte Mann, ruhig in
seiner Beschftigung fortfahrend. Nun, Herr Custos? fragte ich. Ja wohl, Custos,
nichts weiter, nichts weiter, murmelte der Greis. Wo haben denn, Herr Custos,
fuhr ich fort, die Kunstwerke, die seit jener Zeit entstanden sind, ihre Stelle
gefunden? Seit jenem denkwrdigen Jahre, sagte der Alte, hat nichts Gescheidtes
mehr zu Stande kommen wollen. Zwar haben sich noch einige Knstlerschulen
gebildet, aber es hat Alles kein rechtes Leben, und ihre Productionen knnen auf
eigentlichen Kunstwerth keinen Anspruch machen. Den Knstlern selbst fehlte der
rechte Glaube, und ohne den lt sich nun einmal nichts Ordentliches malen oder
meieln oder schreiben, - bei diesen letzten Worten ma er mich mit einem
strengen Blicke. - Oder schreiben, wiederholte ich kleinlaut, an meine
ungeschriebene Probepredigt denkend - Oder schreiben, fuhr er fort, - und dann
ist das Publikum selbst in neuester Zeit sehr gleichgltig geworden, und die
Kritik sitzt den Knstlern zu unbarmherzig auf dem Nacken, und das verdirbt
ihnen die naive Unbefangenheit und nachtwandlerische Sicherheit, ohne welche nun
ein fr alle Mal, - aber jetzt mu ich Sie ersuchen, sich zu entfernen, die
Glocke hat schon lange gelutet, Sie sind der Allerletzte. Er begleitete mich
bis zum Ausgange des Saales, ffnete mir die Thr und lud mich mit einer steifen
Verbeugung ein, hinauszuspazieren. - Ich that es - die Thr fiel donnernd hinter
mir zu, und - ich erwachte.
    Seit jenem Traum, fuhr Bemperlein fort, machte ich keinen neuen Versuch
mehr. Ohne Glauben lt sich keine Predigt schreiben, sagte ich zu mir, und wenn
sich auch noch zur Noth eine schreiben lt, so lt sie sich doch nicht halten,
wenigstens nicht von einem Manne, der, wie Du, ein Stck Gewissen und weder Kind
noch Kegel hat, die manchen ehrlichen Kerl schon Dinge haben schreiben und sagen
machen, die er nur so, und auch kaum so, vor Gott und der Welt verantworten
kann. Da ich nicht mehr Pastor werden knnte, stand bei mir fest, und ich
schrieb also heute Morgen an Herrn von Barnewitz, mich fr die mir zugedachte
Ehre zu bedanken, von der ich keinen Gebrauch machen knne, - da - ich mich
entschlossen htte, Julius nach Grnwald zu begleiten. Der Einfall kam mir
nmlich, wie ich die Phrase schrieb, und ich lief sogleich zu Frau von Berkow,
und theilte ihr meinen Entschlu mit, worber sie eine lebhafte Freude zu
erkennen gab. - Nun sagen Sie mir, mein vortrefflicher Freund, der Sie die Gte
gehabt haben, diese lange Geschichte anzuhren, was wrden Sie thun, wenn Sie in
meiner Lage wren? Bedenken Sie dabei, da ich bereits achtundzwanzig Jahre alt
bin, aber noch meine smmtlichen achtundzwanzig Zhne habe. - Die Weisheitszhne
sind ausgeblieben, sei es aus einer Vergelichkeit der Natur, sei es aus einer
weisen Vorsicht des Schicksals, das daran dachte, wie ich so manchmal im Leben
wenig genug zu beien haben wrde.
    Was ich thun wrde, wenn ich an Ihrer Stelle wre? sagte Oswald, wenn ich,
wie Sie, ein wackrer, gewissenhafter, fleiiger -
    Bitte, bitte, Herr Collega; sagte Bemperlein ber und ber roth werdend.
    Ich sage, gewissenhafter, fleiiger Mann wre? Nun, die Frage ist sehr
leicht zu beantworten. Ich wrde thun, was Sie bereits gethan haben; ich wrde
dem Paradies naiver Gedankenlosigkeit und harmlosen Glaubens wohlgemuth den
Rcken kehren, nachdem ich einmal vom Baum der Erkenntni gekostet, und mich, so
wenig wie Sie, in den Stall sperren lassen, in welchem die Heuchler, die
schnden Hunde im Schafspelze der Demuth, so ohrenzerreiend und
markerschtternd winseln und heulen.
    Ganz wohl, ganz wohl! sagte Herr Bemperlein, sich vergngt die Hnde
reibend, und was wrden Sie dann thun, Werthgeschtztester?
    Dann, sagte Oswald, wenn ich Sie wre, wrde ich mich erinnern, welche
Mhsal ich schon als schwacher Knabe erduldet, und welchen Flei und welche
Ausdauer ich bewiesen habe, blos um mir einen Wust von Kenntnissen anzueignen,
den ich jetzt froh bin, wieder vergessen zu knnen - dessen, sage ich, wrde ich
mich erinnern, und mir eine Wissenschaft zu eigen machen, die ich nicht wieder
vergessen mchte, weil ich ihr Jnger sein darf, ohne vorher die freie Vernunft
zu knebeln, und weil diese Wissenschaft fruchtbar fr mich und fruchtbar fr
meine Mitbrder ist.
    Vortrefflich, vortrefflich, sagte Herr Bemperlein, weiter, weiter!
    Ich wrde also mit einem Wort, fuhr Oswald fort, mich mit aller Macht auf
die Wissenschaften werfen, in denen Sie sich ja schon versucht haben, und wrde
mich sobald als mglich nochmals in Grnwald inscribiren lassen, diesmal aber
nicht, um Theologie, sondern etwa, um Medicin zu studiren.
    Die medicinische Facultt in Grnwald ist ausgezeichnet, sagte Herr
Bemperlein.
    Sie ist anerkanntermaen eine der besten in Deutschland, fuhr Oswald fort.
Dann wrde ich noch ein paar andere Universitten besuchen, wenn das Geld reicht
-
    Geld wie Heu, Geld wie Heu, rief Herr Bemperlein, sechs Jahre lang ein
prinzliches Einkommen und freie Station, ich bitte Sie, Theuerster, ich habe fr
ein halbes Jahrhundert zu leben.
    Dann wrde ich ein berhmter Arzt -
    Wissen Sie, sagte Herr Bemperlein, stehen bleibend und sich nach den Knaben
umsehend, im Flsterton: Ich habe schon ein Paar von Julius' Kaninchen heimlich
mit Blausure vergiftet und hernach secirt, und die Frsche in dem Sumpf hinter
unserm Park haben keine Ursache, meine Freunde zu sein.
    Bravo! lachte Oswald, und dann heirathete ich.
    Wirklich? fragte Bemperlein.
    Nun natrlich, und erzeugte ein halbes Dutzend kleiner Bemperleins, die in
der Folge Alle groe Bemperleins und Alle Leuchten und Fackeln der modernen
Wissenschaft wrden.
    Auch die Mdchen? sagte Bemperlein lachend.
    Die Mdchen heiratheten wieder tchtige, wahrheitsliebende Mnner, und so
hlfe ich theoretisch und praktisch die Zeit herbeifhren, wo die Freiheit
erscheinen wird, die wir meinen.
    Ja, ja, rief Herr Bemperlein, so gehts, so gehts. Dank, tausend Dank, mein
trefflicher Freund, da Sie die letzten Wolken des Zweifels durch Ihre muthigen
Worte zerstreut haben. Morgen reise ich mit Julius nach Grnwald.
    Ich will Ihnen einen Empfehlungsbrief an Professor Berger mitgeben, sagte
Oswald; er steht mit allen naturwissenschaftlichen Gren in Verbindung.
    Er ri ein Blatt aus seiner Brieftasche, schrieb ein paar Worte an Berger
darauf und bergab es Bemperlein.
    Dank, besten Dank! sagte dieser, das Blatt einsteckend. Die Bekanntschaft
dieses Mannes kann mir sehr ntzlich werden.
    Auf jeden Fall. Sprechen Sie durchaus offen gegen ihn, ohne allen und jeden
Rckhalt, dann drfen Sie aber auch versichert sein, da er mit seiner
Herzensmeinung nicht hinter dem Berge halten wird. Vielleicht empfiehlt er
Ihnen, sogleich auf eine grere Universitt, etwa nach der Residenz zu gehen.
Folgen Sie dann seinem Rath.
    Nous verrons, nous verrons! rief Herr Bemperlein. Aber da sind wir bei
unserm Parkthor angekommen. Sie treten doch nher!
    Nein, nein! sagte Oswald hastig, ich mchte nicht gern so spt nach Grenwitz
zurckkommen.
    Nun, dann leben Sie wohl! In ein paar Tagen, wenn ich Julius in Grnwald
installirt, und mich ber mich selbst bei Berger ordentlich informirt habe, bin
ich wieder hier, um definitiv Abschied zu nehmen. Leben Sie wohl so lange, mein
werthgeschtzter Freund!
    Adieu, Adieu! sagte Oswald, hastig Bemperlein und Julius die Hand drckend,
und Bruno mit sich zurck in den Wald ziehend, als hielte ein Engel mit dem
flammenden Schwerte Wache ber dem Parkthore von Berkow.

                              Neunzehntes Capitel


Der Knabe und er gingen eine Zeit lang schweigend nebeneinander durch den Wald.
Bruno war zu stolz, als da er eine Unterhaltung mit dem htte beginnen sollen,
der ihn ganz vergessen zu haben schien, und Oswald war mit seinen eigenen
Gedanken vollauf beschftigt. In dem krystallhellen Spiegel von jenes Mannes
kindlich reiner Seele, hatte er sein eigenes Gesicht erblickt - aber wie
erblickt? von Leidenschaft zerrissen, von Zweifel verdstert, so da er vor sich
selbst erschrak. Und dieser Mann, sprach er bei sich, kommt zu Dir, sich von Dir
Rath zu holen; der Sehende zu dem Blinden, der Gesunde zu dem Kranken! Er
entdeckt einen Fehler in der Rechnung seines Lebens, und er setzt sich hin und
rechnet und rechnet und ruht nicht, bis das Facit stimmt, und Alles wieder
schier und glatt ist, und Du taumelst durch's Leben, wie ein leichtsinniger
Kaufmann, Schuld auf Schuld hufend, von einer tollen Speculation in die andere
rennend, unbekmmert darum, wie es am Zahlungstage werden soll. Jener Mann wrde
sich eher die Hand abhauen, als sie nach etwas ausstrecken, das er nicht
verdient htte im Schweie seines Angesichts. - Du nimmst die Gaben der goldigen
Aphrodite und was Dir sonst ein gnstiges Geschick gewhrt, hin, wie Dein gutes
Recht und murrest nur, da es nicht mehr ist. Jetzt bist Du schon nicht mehr
zufrieden mit Melitta's Liebe, fr die Du ihr auf den Knieen danken mtest;
jetzt verlangst Du, sie sollte Dich geliebt haben, ehe sie Dich kannte, sie
sollte wenigstens mit ihrer Liebe auch die Erinnerung an diesen Mann verloren
haben. Wenn ich die Erinnerung tdten knnte, sagte sie. Nun, was uns
gleichgltig ist, vergit man gar leicht, und was man nicht vergit und nicht
vergessen kann - das ist uns nicht gleichgltig. Also hat sie diesen Mann? Aber
der Ha ist der wilde Bruder der holden Schwester Liebe! Vielleicht liebt sie
ihn noch! - Und woher kam er eben? Von ihr! ohne Zweifel. - Bruno, fhrt dieser
Seitenweg noch sonst wohin, auer nach Berkow?
    Nein, und ich finde den Weg wirklich nicht interessant genug, um ihn zweimal
an einem Tage zu gehen. Hier ist ein anderer, der uns aus dem Walde herausfhrt
und dann immer am Rande hin bis beinahe nach Hause; wollen wir den nicht
einschlagen?
    Meinethalben, sagte Oswald, sogleich wieder in seinen bsen Traum
zurckfallend. Also wirklich von ihr! Doch das ist ja nicht mglich? Ein
rollend Rad des Weibes Brust hat gedrechselt; die Lilienhhen decken, was wankt
und wechselt - das kann der Baron so gut wie Du in der Frithjofssage gelesen
haben. Er ist ja auch ein Schriftgelehrter und dabei Baron und reich. - Dem
Manne kann es gar nicht fehlen; aber Melitta soll mir Rede stehen; sie soll mir
sagen, da ich Ursache habe, den Mann zu hassen, wie ich ihn hasse.
    Bruno war, durch die Breite des Weges von ihm getrennt, schweigend neben
Oswald hergegangen. Er bemerkte wohl dessen Aufregung; er sah, wie sein Gesicht
sich immer mehr verdsterte, wie schmerzlich seine Lippen zuckten, wie seine
Hand sich krampfig ballte; er sah, da sein Freund nicht glcklich war. Mehr
bedurfte es bei dem gromthigen Knaben nicht, ihn alle seine persnliche
Empfindlichkeit, seine eignen Klagen vergessen zu machen; er kam leise an Oswald
heran und seine Hand ergreifend, sagte er:
    Was fehlt Dir, Oswald? Warum sprichst Du nicht? Zrnst Du mir?
    Ich Dir! mehr antwortete der junge Mann nicht; aber der Ton, mit dem er
diese Worte sprach, und der Blick, mit dem er sie begleitete, waren genug, um
Bruno von der Grundlosigkeit seines Verdachtes zu berzeugen, und sie so lange
zurckgestaute Fluth seiner Liebe in wildem Ungestm hervorbrechen zu machen. Er
umschlang Oswald und drckte und herzte ihn unter Thrnen und Schluchzen.
    Bruno, Bruno, was ist Dir? rief Oswald, durch die strmische Zrtlichkeit
des Knaben erschreckt.
    Ich glaubte, Du liebtest mich nicht mehr, schluchzte Bruno, und sieh,
Oswald, wenn auch Du mich nicht mehr lieben willst, dann mu ich sterben.
    Das bleiche Todtenbild, das Oswald heute Morgen in seinem fieberhaft
erregten Zustande so entsetzlich deutlich getrumt hatte, trat wieder vor seine
Seele und gab dem leidenschaftlichen Worte des Knaben eine frchterliche
Bedeutung. Sprachlos vor Rhrung zog er den Weinenden an sein Herz, und
wiederholte sich im Stillen das Gelbni, diesem armen, verlassenen Knaben ein
Bruder zu sein.
    So standen sie, sich eng umschlungen haltend. Rothe Abendlichter spielten in
den Wipfeln der Tannen; aus dem Walde tnte der sanfte klagende Gesang eines
Vgeleins.
    Da schlugen aus geringer Entfernung wste, hliche Tne an ihr Ohr, laute
drohende Stimmen von Mnnern, die in einem heftigen Wortwechsel begriffen
schienen - Schelten, Fluchen - dann auf einen Augenblick tiefe Stille und
pltzlich der laute Ruf: Herr Gott! Hlfe! ist denn Niemand da! Hierher!
    Oswald und Bruno, die einen Augenblick athemlos gelauscht hatten, eilten
jetzt im vollen Lauf der Stelle zu, von wo der Hlferuf ertnte. Sie kamen auf
einen Platz, hart am Rande des Waldes, wo Holz gefllt wurde, und zwischen den
einzelnen noch stehenden Bumen hier und da Klafter aufgeschichtet waren. Neben
einem halb beladenen, mit vier Pferden bespannten Wagen lag ein Mann auf der
Erde, mit Hnden und Fen um sich schlagend, ein anderer hatte sich ber ihn
gebeugt, ihn mihandelnd oder beschwichtigend - man konnte es nicht
unterscheiden. Als die Beiden herankamen, erhob sich dieser Letztere - es war
der Inspector Wrampe - und schrie ihnen entgegen: Schnell, Herr Doctor, um
Gotteswillen! Der Kerl stirbt mir unter den Hnden.
    In der That, das Aussehen des Mannes auf der Erde war entsetzlich genug. Das
Gesicht verzerrt, die Augen verdreht, da man nur das Weie sah, Schaum vor dem
Munde, die Fuste geballt, der Krper in Krmpfen zuckend - kaum, da Oswald den
riesigen Knecht wieder erkannte, der damals durch seine Grausamkeit gegen seine
Pferde den Zorn Bruno's herausgefordert hatte.
    Oswald war an der Seite des Menschen niedergekniet, er wischte ihm den
Schaum vom Munde, er band ihm die steife Binde ab, er suchte ihm eine bessere
Lage zu verschaffen.
    Haben Sie nichts ihm unter den Kopf zu legen? rief er dem Inspector zu,
dessen rohes, brtiges Gesicht die hlflose Angst unaussprechlich albern machte.
    Unter den Kopf? unter den Kopf? hier! und dabei zog er seinen Rock aus und
stopfte ihn als Kissen unter den Kopf des Mannes.
    Ist kein Wasser in der Nhe? rief Oswald weiter.
    Wasser in der Nhe? Nein - aber in dem Rock steckt eine Flasche - da - das
mag auch wohl helfen - Herr Jesus. - -
    Oswald wusch mit dem Branntwein die Stirn des Kranken, der allmlig etwas
ruhiger wurde.
    Wie ist denn dies gekommen? fragte er.
    Ja, ich wei es nicht, rief der Inspector mit klglicher Stimme. Ich komme
hierher geritten, weil der Kerl mir zu lange im Holz trdelt, um ihm ein bischen
den Marsch zu machen. Da sitzt er bei seinem Wagen auf dem Baumstamm und regt
sich nicht. Was hast Du hier zu sitzen? fragte ich. Warum soll ich hier nicht
sitzen? sagte er. Bist Du wieder besoffen, Jochen? sagte ich, denn ich sah, da
er ganz wss'rige Augen hatte und seine Schnapsflasche leer neben ihm lag.
Selber besoffen, sagte er. Du bist ein ganz infamer Schlingel, sagte ich. Selber
Schlingel, sagte er. Na, Herr Doctor, so was kann man sich doch nicht gefallen
lassen. So ich runter vom Pferde und meinem Kerl ein paar aufgezhlt. Er in der
grten Wuth auf mich los - mit einem Mal fllt er, wie ein Ochs, auf die Erde -
und fngt an - ach, Herr Jesus, da geht es wieder los. So was hab' ich mein
Lebtag nicht gesehen.
    Der Knecht bekam wieder einen Krampfanfall; Oswald selbst befrchtete das
Schlimmste. Schnell, schnell, rief er, das Holz vom Wagen herunter, wir mssen
ihn langsam nach Hause fahren. Unterdessen reitet einer nach dem Arzt.
    Ja, ja, ich will nach dem Doctor reiten, rief der Inspector, froh,
fortzukommen, und schon mit einem Fu im Bgel.
    Hier geblieben, herrschte ihn Oswald an; wie kann ich ohne Sie den Mann
fortschaffen? Schmen Sie sich nicht, Herr Wrampe, da Sie ein solcher Hasenfu
sind? Nehmen Sie sich ein Beispiel an Bruno.
    Bruno hatte Oswald nach Krften untersttzt, jetzt stand er auf dem Wagen
und warf mit vollen Armen das schon aufgeladene Holz herab. Ich will zu dem
Doctor reiten, Oswald! rief er herabspringend.
    Es wird wohl das Beste sein, Bruno, sagte dieser. Du kennst den Weg und ich
kann hier nicht fort. Schnallen Sie ihm die Bgel krzer, Herr Inspector.
    Gleich, gleich, sagte dieser, aber schon hatte Bruno es selbst gethan; mit
einem Satze, ohne den Bgel zu berhren, sa er im Sattel und hatte die Zgel
ergriffen. Das feurige Thier, die ungewohnte leichte Last fhlend, bumte sich.
    Es wird Sie abwerfen, Junker! sagte der Inspector.
    Keine Furcht, rief der Knabe! Ihre Peitsche her! Hopp, allez! und damit hieb
er das Pferd ber den Hals und sprengte im Galopp davon. Oswald sah nur noch,
wie er, am Rande des Waldes angekommen, ber den breiten Graben setzte auf den
Weg, von dem Weg ber den andern Graben auf eine Wiese, um, ber diese
weggaloppirend, schneller die Landstrae zu gewinnen, die nach Faschwitz und von
dort weiter nach dem Stdtchen fhrte, in welchem der Doctor wohnte.

                              Zwanzigstes Capitel


Unterdessen hatte der Inspector und Oswald, nicht ohne einige Schwierigkeit -
denn Herrn Wrampe's Riesenkraft schien durch den Schreck vollkommen paralysiert
zu sein - den Kranken auf den Wagen geladen, nachdem sie zuvor von dem Heu der
nahen Wiese und einigen Kleidungsstcken eine Art von Lager darauf bereitet
hatten. Oswald stieg mit hinauf, um den Kranken, der sich jetzt in einem ganz
lethargischen Zustande befand, nthigenfalls zu sttzten, und der Inspector
lenkte die Pferde. Glcklicherweise dauerte die Fahrt nicht lange, da die
Huslerwohnungen auf der ihnen zugekehrten Seite der Landstrae von Grenwitz
nach Faschwitz, den Wirthschaftsgebuden gegenber, also bedeutend nher als das
Schlo selbst lagen.
    Sie wissen doch, wo der Mann wohnt? fragte Oswald, als sie sich dem Dorfe
nherten.
    Gleich in dem ersten Hause, antwortete Herr Wrampe, sich in dem Sattel
umdrehend und mit dem Peitschenstiel auf ein Huschen zeigend, das eher einem
groen Hundestall als einer kleinen Menschenwohnung glich.
    Ist er verheirathet?
    Gewesen, antwortete Herr Wrampe; er hat das arme Weib - hier unterbrach er
sich, einen scheuen Blick auf das blasse Gesicht des Mannes werfend, als wollte
er sagen: von Todten und Todtkranken darf man nur das Beste sprechen.
    Hat er Kinder?
    Zwei, da sind sie vor der Thr mit Mutter Clausen. Mutter Clausen, he! der
Jochen hat das bse Wesen gehabt, bringen Sie doch die Kinder in's Haus, da sie
sich nicht erschrecken. So rief der Inspector, den das Gefhl seines Unrechts
auerordentlich zartfhlend gemacht hatte, einer alten Frau zu, die im letzten
Abendsonnenschein vor der Thr der Htte sa, whrend zwei kleine Kinder zu
ihren Fen im Sande spielten.
    Als die alte Frau aufblickte, erkannte Oswald dieselbe Alte, mit welcher er
auf dem Wege zur Kirche gestern Morgen auf dem Moor die sonderbare Unterredung
ber Unsterblichkeit gehabt hatte. Die Alte warf einen Blick nach dem
herankommenden Fuhrwerk, ergriff die Kinder, fhrte sie in's Haus, und kam
wieder heraus, als der Wagen eben vor der Thr still hielt.
    Ist er toht? fragte sie, an den Wagen tretend.
    Nein, Mtterchen! sagte Oswald.
    Ah, sieh, der junge Herr von gestern! Na, das gefllt mir von Ihnen, da Sie
Mitleid haben mit den armen Menschen. - Tragt ihn nur hier herein, ich habe die
Kinder in meine Kammer gebracht.
    Der Inspektor und Oswald hoben den Mann, der vollkommen regungslos war, vom
Wagen, trugen ihn, nicht ohne sich zu bcken, durch die Hausthr ber den
kleinen Flur in die niedrige Stube, und legten ihn dort auf ein breites, mit
blauem Kattun berzogenes Bett. Die Alte folgte, hie den Inspektor, ihr den
Mann entkleiden helfen und sagt ihm dann:
    So, Sie knnen nun gehen; der Herr Stein und ich wollen schon mit dem Jochen
fertig werden.
    Der Inspektor lie sich diese Erlaubnis nicht zweimal sagen; mit einigen
unverstndlichen Worten drckte er sich aus dem Staube, und Oswald sah nur durch
das Fenster, wie er drauen, eher er das Sattelpferd bestieg, einen langen,
langen Schluck aus seiner Flasche that, als ob er nach solcher geistigen und
krperlichen Anstrengung einer Erquickung ganz besonders bedurfte.
    Oswald hatte sich am niedrigen, offenen Fenster auf einen Schemel gesetzt,
und schaute sich in dem Zimmerchen um. Man erkannte auf den ersten Blick, da
hier in diesem Huschen ein guter Geist waltete, der aber sicherlich nicht in
dem rohen Trunkenbolde dort auf dem Bett seine Wohnung aufgeschlagen hatte. Das
Bett war frisch berzogen, die Zimmerdecke, die Wnde waren sorgfltig
gereinigt, der Fuboden mit Sand bestreut. Die Luft im Zimmer war frisch, die
kleinen Fensterscheiben so klar, wie es ihre grnliche Farbe und das Alter eben
zulieen. Mutter Clausen hatte am Bett gesessen, und, wie Oswald aus einigen
wunderlichen Manipulationen schlo, irgend eine magnetische Kur mit dem Kranken
vorgenommen, der jetzt in einen erquickenderen Schlaf zu fallen schien. Sie
stand auf und sagte: Ich will die Kinder zu Bett bringen, Sie bleiben doch so
lange hier?
    Auf Oswalds bejahende Antwort trippelte sie davon, kam nach einer
Viertelstunde wieder und setzte sich zu dem jungen Mann an das Fenster. Sie
hatte ein Strickzeug in der Hand und strickte mit einer fr ihr Alter
unbegreiflichen Schnelligkeit an einem Kinderstrmpfchen. So sa sie da, halb
nach dem Kranken horchend, bald die Maschen an ihrem Strumpfe zhlend, bald
Oswald aus ihren grauen, tiefliegenden Augen forschend und freundlich ansehend.
    Ich wei nicht, was das ist, sagte sie pltzlich, als ein rother Streifen
der untergehenden Sonne durch das Fenster auf Oswald's Gesicht fiel, ich mu Sie
schon mal gesehen haben.
    Nun ja, sagte Oswald, gestern Morgen auf der Haide.
    Nein, nein - nicht gestern, vor einigen Jahren, so vor vierzig - fnfzig
etwa und darber.
    Wie alt sind Sie denn, Mtterchen? fragte Oswald verwundert, fnfzig Jahre
und darber als einige Jahre verzeichnet zu hren.
    Nchstes Christfest werde ich zwei und achtzig Jahr, antwortete die Alte,
wieder emsig strickend, als erinnere sie diese Frage, da sie keine Zeit mehr zu
verlieren habe.
    Zwei und achtzig Jahre! rief Oswald erstaunt; und haben Sie whrend der Zeit
hier stets im Dorfe gelebt?
    Ja, immer hier; hier und auf dem Schlosse. Dort bin ich geboren, am heiligen
Christabend im Jahre Eintausend Siebenhundert Vierundsechzig, an demselben Tage
und zur selbigen Stunde, wie der Vater von dem verstorbenen Baron -
    Wie lange ist der nun toht?
    Nun, es ist jetzt so ein vierzig Jahre her, er wre jetzt ebenso alt wie
ich, zwei und achtzig Jahre, hm, hm, zwei und achtzig Jahr - wie der wohl
ausshe - auch so verschrumpft? und war ein schmucker Bursch - ei, das war ein
schmucker Bursch!
    Die Erinnerung an den drittletzten, lngst verstorbenen Baron von Grenwitz
schien der Alten eine besonders merkwrdige zu sein; sie lie die magern,
braunen Hnde mit dem Strickzeug in den Schoo sinken, und starrte gedankenvoll
vor sich hin. Ein schmucker Bursch, murmelte sie noch einmal, und die
verschrumpften Zge erhellte ein freundliches Lcheln, dann traten zwei groe
Thrnen aus den gesenkten Wimpern und rollten langsam ber die runzligen braunen
Wangen auf die runzligen braunen Hnde ... Was mochte sie in diesem Augenblicke
erschauen, die alte Frau? Sah sie sich wieder, wie sie vor fnfundsechzig Jahren
war, ein schlankes, bildhbsches Ding mit groen grauen, blitzenden Augen und
prchtigem reichen, dunkel-blondem Haar, so wie sie damals war, als sie sich des
Nachts heruntergestohlen hatte in den Schlogarten, um dem Junker ein
Stelldichein zu geben, dem wilden Junker, mit dem sie zusammen aufgewachsen war,
wie eine Schwester, und den sie wie einen Bruder liebte und wie ihren
Herzallerliebsten, und der ihr schwur, er wolle sie zur gndigen Frau machen, so
bald er einmal der Herr sei in Grenwitz. Damals war sie jung gewesen und er war
jung gewesen; und die Sonne hatte in jener alten Zeit so warm und mild
geschienen in ihr junges, morgenfrisches Herz, und die Lerchen hatten so
lieblich ihr Triliri gesungen und der Mondschein war auf so leisen Fen im Park
herumgeschlichen, da er nicht einmal die Nachtigall strte, die in dem Gebsche
so klagte und schluchzte, als ob ihr das kleine volle Herz brechen wolle vor
Liebessehnsucht und Liebespein - denn ach! der Junker war dann fortgereist,
weit, weit fort - ber's Meer, von seinen Eltern nach Schweden geschickt zu
seinen Verwandten, damit die dumme Geschichte mit der Lise ein Ende nehme; und
er sandte ihr kein Wort, keinen Gru ein, zwei, drei Jahre lang, und als er
wieder kam von Schweden - da, heiliger Gott! war er nicht allein - eine schne,
junge Frau sa bei ihm im Wagen, und die alten Herrschaften waren glcklich, und
die Dienerschaft schrie Hurrah - und sie tanzten und jubelten. - Aber in dem
dichtesten Gebsch des Schlogartens hatte sich ein Mdchen versteckt, die
hbscheste von allen Dirnen weit und breit, und die schluchzte leise, leise vor
sich hin, wie Thrne auf Thrne ber ihre Wangen rollte, und von den vielen
Thrnen waren ihr die schnen Augen tief in den Kopf gesunken, und die blonden
Haare waren grau geworden, und - und da sa sie nun, eine alte, steinalte Frau -
und noch immer flossen ihr die Thrnen ber die runzligen braunen Wangen auf die
runzligen braunen Hnde.
    Ein schmucker Bursch, sagte sie, wie ich mein Lebtage keinen wieder so
schmuck gesehen habe, bis gestern Morgen, als Sie pltzlich auf der Haide vor
mir standen. Da kamen Sie mir gleich so bekannt vor, und nun wei ich auch,
warum. Mit Verlaub, Junker, wie alt sind Sie jetzt?
    Drei und zwanzig Jahr.
    Drei und zwanzig Jahre, ja ja, ich wute es wohl, drei und zwanzig Jahre -
Du bist jung geblieben und bist noch immer so gut und schn.
    Wieder sah sie Oswald an, aber nicht mit dem sprenden, suchenden Blick, wie
vorher, sondern klar und deutlich, wie eine Ahne blickt, die einen Enkel an
ihrem Lehnstuhle spielen sieht. Auf einmal stand sie auf, trat an Oswald heran,
und ihm die welken, zitternden Hnde auf's Haupt legend, sagte sie langsam und
feierlich mit einer Stimme, die nicht ihr zu gehren, die aus einer andern Welt
herberzuschallen schien: Der Herr segne und behte Dich, Oskar! Dann setzte sie
sich wieder auf ihren niedrigen Schemel und strickte wieder emsig, emsig, da
die Nadeln klapperten und dazu nickte sie mit dem grauen Haupte, und lchelte
selig vor sich hin, als erzhlte ihr eine Stimme, die nur sie allein hrte, ein
altes, lngst verschollenes, wunderherrliches Mrchen von Jugend und Liebe und
Nachtigallengesang.

                           Einundzwanzigstes Capitel


In dem niedrigen Zimmer begann es zu dunkeln; die Nadeln der Alten klapperten
immer hastiger, die Schwarzwlder Uhr in der Ecke pickte lauter und lauter in
der tiefen Stille, und Oswald sa noch immer am offenen Fenster, den Kopf in die
Hand gesttzt, wie im Traum.
    Das Gerusch eines Wagens, der die Dorfgasse hergefahren kam, erweckte ihn.
Ein mit zwei Pferden bespannter leichter Holsteinerwagen hielt vor der Htte
still, ein Mann stieg rasch hinab und trat alsbald in die Stube.
    Guten Abend, sagte eine klare, etwas scharfe Stimme. Herr Doctor Stein? -
freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen. - Mein Name ist Braun. Bruno hat mir
schon erzhlt, da ich hier einen barmherzigen Samariter finden wrde - wo ist
denn unser Patient - ach! dort im Bett, - wie wr's, liebe Alte, wenn Sie uns
etwas Licht verschafften, unterdessen ist Herr Doctor Stein so gut, und erzhlt
mir, was er von dem Falle wei, nicht wahr?
    Oswald gab, so gut er es vermochte, eine Schilderung dessen, was er gesehen
hatte.
    Ich dachte es mir schon, sagte Doctor Braun; es ist ein Anfall von
Epilepsie. Hat Ihr Sohn sonst schon an diesen Zufllen gelitten, fragte er die
Alte, die jetzt, ein dnnes Talglicht mit der Hand schtzend, so da nur ein
schwacher Schimmer desselben auf ihr runzliges Gesicht fiel, wieder in das
Stbchen trat.
    Es ist nicht mein Sohn, auch war seine Frau nicht meine Tochter, sagte
Mutter Clausen, das Licht auf einen Schemel vor das Bett setzend; aber seine
Kinder sind meine lieben Enkelchen.
    Der Doctor warf einen forschenden Blick in das Antlitz der alten Frau - und
dann schweifte sein Auge fragend zu Oswald hinber - aber er hielt die
Bemerkung, die er auf den Lippen hatte, zurck, nahm das Licht und leuchtete in
das Gesicht des Kranken.
    Oswald nahm es ihm aus der Hand; erlauben Sie, da ich Ihnen leuchte.
    Danke, sagte der Doctor, den Kranken untersuchend.
    Whrend dessen betrachtete Oswald sich den Ankmmling genauer. Es war ein
Mann zwischen fnfundzwanzig und dreiig Jahren, schlank und etwas drr, in
einen einfachen, bequemen, aber eleganten Sommeranzug gekleidet. Der Kopf war
auerordentlich wohlgeformt, und mit sehr dunklem Haar bedeckt, das zu dicht zu
sein schien, um sich locken zu knnen und jetzt in einer eigenthmlichen, nicht
unschnen Weise wie ein niedriges Barret um die feste, ber die Augen etwas
vorspringende Stirn stand. Die Nase war in keine bestimmte Kategorie zu bringen,
aber fein und ausdrucksvoll, ebenso wie der Mund, dessen Lippen scharf und zart
zugleich geformt waren, als ob sie sich zu einem hbschen, geistreichen Wort
vollends ffnen wrden. Kinn und Wangen umzog ein dichter, glnzender Bart, der
mit dem Haupthaar harmonirte, und den mnnlich-schnen Ausdruck des Gesichts
vollendete. Auch bemerkte Oswald, whrend der Doctor die Augenlider des Kranken
hob, da seine Hnde von einer fast frauenhaften Zartheit und Schnheit waren.
    Es ist, wie ich dachte, sagte Doctor Braun, sich emporrichtend, ein
epileptischer Anfall. Ich kann nichts verschreiben, da die Natur sich hier
selbst hilft. Fr den Augenblick ist nur Ruhe nthig. Morgen wird der Mann noch
etwas schwach, sonst aber wieder ganz gesund sein.
    So sind dergleichen Zuflle nicht gefhrlich? fragte Oswald.
    Sie knnen letal werden, antwortete der Doctor, zumal wenn, wie ich stark
vermuthe, der Kranke ein Potator ist. An eine radicale Heilung ist nicht zu
denken, wenigstens nicht unter diesen Verhltnissen, da die Kur eine sehr
langwierige ist.
    Ich hatte mich schon darauf gefat gemacht, einen Theil der Nacht hier
bleiben zu mssen, sagte Oswald, das ist denn also wohl nicht nthig?
    Gott bewahre! Ruhe, wie gesagt, ist die einzige Erforderni. Der Mann ist
Wittwer? sagte er, sich in der Stube umsehend.
    Die Anne ist todt, sagte Mutter Clausen. Aber ich will schon wachen ber den
Jochen. Alte Leute, wie ich, brauchen nicht viel Schlaf; wir werden bald Zeit
vollauf dazu haben. Gehen Sie nur ruhig nach Hause, Junker. Du bist brav, das
hab' ich ja immer gesagt. Adjies, Herr Doctor, schnen Dank fr den Jochen, da
er sich nicht selber bedanken kann, und sich vielleicht auch nicht einmal
bedankte, selbst wenn er knnte. Adjies Junker.
    Damit leuchtete sie den Beiden zur Thr und zum Hause hinaus.
    Wollen Sie mich nicht noch eine Strecke begleiten? sagte der Doctor, als sie
vor der Thre standen. Ich fahre von hier ber Berkow, wo ich noch im Dorfe
einen Besuch machen mu, nach Hause, und Sie knnen ja absteigen, wo Sie wollen.
Der Abend ist wahrhaft ambrosisch, und in Grenwitz kommen Sie zum Abendbrod doch
schon zu spt, wie ich Ihnen aus bester Quelle berichten kann, da ich selber
dort zu Abend gegessen habe.
    Sie dort zu Abend gegessen? sagte Oswald, sich zu dem Doctor in den Wagen
setzend; hat Sie denn Bruno nicht von B. geholt?
    Der arme Junge hat den Weg vergeblich gemacht; denn whrend er ventre 
terre dorthin jagte, sa ich schon ruhig in Grenwitz.
    Und was fhrte Sie denn nach Grenwitz? wenn man fragen darf.
    Der Doctor lachte. O tempora, o mores - da sieht man es! Der Mentor
beschtzt und htet anderer Leute Kinder, und wei nicht, da sein lieber
Telemach todtkrank zu Hause liegt.
    Sie belieben zu scherzen.
    Allerdings scherze ich; Malte ist so gesund, wie ein Junge, der morgen die
Schule schwnzen will, nur sein kann. Aber da der Baron und die Baronin in der
Erschpfung, welche bei einem solchen Zuckerpppchen nach einer lngeren
Promenade sehr natrlich ist, die Anzeichen eines heranziehenden Typhus zu
erkennen glaubten, und keine Stimme im hohen Rathe sich dagegen erhob, so mute
denn natrlich schleunigst zu dem Unglcklichen geschickt werden, der das wenig
beneidenswerthe Vorrecht hat, allen Unsinn, der den Leuten durch den Kopf geht,
ausbaden zu mssen - ich meine, zum Arzt. Und whrend ich nach dem Abendbrod -
welches, wie Sie wissen, oder wie die Baronin sagt, wenigstens wissen mten -
in Grenwitz stets pnktlich um acht Uhr servirt wird, eben in den Wagen steigen
wollte, kommt der Prachtjunge, der Bruno, wie der Georg in Gtz von Berlichingen
in voller Carrire auf den Schlohof gesprengt. - - Sie htten das Entsetzen des
Barons und der Baronin sehen sollen! - Die guten Leute htten nicht mehr
erschrecken knnen, wenn der Raugraf aus der Brger'schen Ballade mit Holla und
Hussassa ber den Hof geritten wre - und verkndete in athemloser Hast, der
Jochen lge auf den Tod und Doctor Stein wre bei ihm, und er bte mich, doch so
schnell wie mglich zu kommen. - Aber Apropos, wie ist das? Die Alte nannte Sie
Junker, ich vermuthe daraus, da ich in Zukunft Herr von Stein werde sagen
mssen.
    Weshalb nicht gar Freiherr! lachte Oswald, dem die Weise seines neuen
Bekannten sehr gefiel. Nein, ich bin eben so wenig adelig, wie Mutter Clausen
eine Knigin ist, und ich habe keine Ahnung, weshalb die gute Alte, die ich
brigens gestern zum ersten Male gesehen habe, durchaus einen Junker aus mir
machen will.
    Das ist eine sonderbare alte Frau, sagte der Doctor. Sehen Sie, wie schn
der Mond sich dort ber den Waldrand erhebt, und wie duftig der Nebel ber den
Wiesen liegt! - eine sonderbare Frau. Ich erinnere mich jetzt, da sie mir auch
sonst schon aufgefallen ist, sie sieht aus wie - nun, wie nur gleich?
    Wie eine alte, alte Frau aus irgend einem Grimm'schen Mrchen, die sich
gelegentlich in die allerschnste Prinze von der Welt verwandelt.
    Ja, ganz recht, sie hat ein wunderbares Feuer in ihren eingesunkenen Augen.
Es ist einem, als ob das alte Gesicht nur eine Maske fr eine noch immer
jugendliche Psyche sei.
    So ist es auch, sagte Oswald, und er erzhlte dem Doctor die sonderbare
Unterhaltung, die er mit Mutter Clausen gestern Morgen auf der Haide gehabt, und
wie ihm die Rede der alten Frau so natrlich und wahr erschienen sei, wie der
Gesang der Haidelerche, und welchen widerwrtigen Eindruck hernach die Predigt
des eitlen Pastors auf ihn gemacht habe.
    Ja, ja, sagte der Doctor, Goethe's Wort bleibt ewig wahr: Es rgert die
Menschen, da die Wahrheit so einfach ist. Um den Leuten wei zu machen, sie sei
ein wunder wie groes Wunder, behngen sie dieselbe mit allerlei bunten Fetzen
und Lappen, und fhren sie dann in Prozession umher. Solche Menschen aber, wie
unsere Alte da, lesen nur ein Capitel in dem groen Buche des Alls, aber sie
lesen wieder und immer wieder, sechzig, siebzig Jahre lang, bis sie es auswendig
wissen. Und da das Ganze ja doch aus einem Geiste geschrieben ist, so kommen sie
schlielich weiter, wie die groe Heerde der Halb-Viertel- und
Achtel-Gebildeten, die in unruhiger Hast das Buch von vorn bis hinten und wieder
zurck durchblttern, berall etwas heraus klauben und am Ende denn doch so klug
oder so dumm bleiben, wie sie im Anfang waren.
    Ja wohl, sagte Oswald, ein lebendiger Beweis fr die Richtigkeit Ihrer
Bemerkung ist zum Beispiel die Baronin von Grenwitz. Was hat diese Frau nicht
alles gelesen: deutsch, franzsisch, englisch, schwedisch; Heiliges und
Profanes, die besten und die dmmsten Bcher. Einmal treffe ich sie ber
Rousseau's Confessions, das andere Mal ber einem Romane von Van der Velde;
heute liest sie Schleiermachers Reden ber Religion und morgen die letzte
Schauergeschichte von Dumas oder Eugen Sue - sie urtheilt in einzelnen Dingen
vollkommen richtig; aber so wie die Rede auf die summa arcana, die hchsten
Geheimnisse des menschlichen Denkens kommt, oder so wie sie auch nur die Menge
einzelner richtiger Beobachtungen in einem allgemeinen Satze formuliren soll,
beginnt sie zu faseln und bringt so alberne, abgedroschene, aristokratische
Gemeinpltze zu Tage, da einem Hren und Sehen vergeht.
    Diese Disposition der gndigen Frau kann, deucht mir, gerade nicht zur
Erhhung der Annehmlichkeit Ihrer Stellung in Grenwitz beitragen, bemerkte der
Doctor.
    Allerdings, sagte Oswald leichthin; ich suche indessen diesen Zusatz von
Wermuth dadurch abzuschwchen, da ich den philosophischen Expectorationen der
Dame so viel als mglich ausweiche, und mich berhaupt in meinem Verhltnisse zu
der brigen Familie auf das Nothwendige beschrnke.
    Sollten Sie die Grenzen, die Sie sich dabei im Interesse Ihrer Zeit und
Ihrer guten Laune ziehen zu mssen glaubten, nicht etwas zu eng gesteckt haben?
sagte der Doctor, die Asche seiner Cigarre an der Lehne des Wagens abklopfend.
    Wie das? fragte Oswald nicht ohne einige Verwunderung.
    Sie verzeihen meine Indiscretion, sagte der Andere, sich noch etwas mehr zu
Oswald herber wendend, und ihn mit seinen hellen, klugen Augen voll ansehend.
Sie wissen, da wir Aerzte, wir mgen wollen oder nicht, zu der leidigen Rolle
des Vertrauten in allen Familien, wo wir ein- und ausgehen, verdammt werden. Auf
einem oder dem anderen Punkte hngt schlielich alles mit der physischen Natur,
die wir zu controliren haben, zusammen, und so kommt denn nach und nach auch
Alles vor unser Forum, selbst solche Dinge, die vor jedes andere eher zu gehren
scheinen, als vor das rztliche. Und wenn die Sache schlielich in gar keinem
Zusammenhange mit der Ditetik des Leibes und der Seele steht, so denken die
Leute: hast du ihm so viel gesagt, kannst du ihm das auch noch sagen. So konnte
denn auch heute die Baronin die Bemerkung nicht unterdrcken - ich bin hier
nicht darauf aus, Ihnen etwas Schmeichelhaftes oder Unangenehmes zu sagen,
sondern einen Wink zu geben, den Sie beachtet oder unbeachtet lassen mgen, wie
es Ihnen gut erscheint, - da also Sie, der Sie die Gabe angenehmer Unterhaltung
- ich brauche hier die Worte der Baronin - in einem so hohen Grade besen, und
sich in den Formen des Umgangs mit solcher Leichtigkeit bewegten, es
verschmhten, von diesen Gaben den rechten Gebrauch zu machen, was um so mehr zu
bedauern wre, als durch diese Zurckhaltung - ich spreche immer noch in den
Worten der Baronin - Malte, der nun einmal ein huslicher Knabe sei und sich im
Schooe der Familie am wohlsten fhle, um einen Theil der Vortheile kme, die er
aus Ihrer Gesellschaft und aus dem intimen Verhltnisse mit Ihnen ziehen knnte
und ziehen wrde.
    Es ist doch sonderbar, sagte Oswald nach einer kleinen Pause, welch'
sonderbare Kuze wir Adamskinder sind. Das, was Sie mir da sagen, hab' ich mir
schon mehr als einmal gesagt; habe mir gesagt, da, nachdem ich mich einmal dazu
verstanden habe, dem Wohle einer Familie meine Zeit und meine Kraft zu
verkaufen, ich mich auch wohl zu anderen Concessionen wrde verstehen mssen -
und jetzt, da ich dasselbe von Ihnen hre, berhrt es mich doch unangenehm ...
Aber seien Sie versichert, da ich wahrlich nicht Ihnen, da ich einzig und
allein mir zrne, und zwar deshalb zrne, weil mich ein in so freundlicher
Absicht ertheilter Wink auch nur einen Augenblick stutzig machen konnte.
    Ich war gewi, sagte der Doctor, da ich es mit einem Manne zu thun hatte,
der die Spreu vom Weizen zu sondern wei; wre ich das nicht gewesen, seien Sie
berzeugt, ich htte geschwiegen.
    Wiederum trat eine Pause in dem Gesprch der jungen Mnner ein; der Doctor
bereute im Stillen, da ihm seine Gutmthigkeit, wie schon so oft, das
undankbare Geschft des ungebetenen Rathgebers aufgenthigt hatte; Oswald
verfolgte den in ihm angeregten Gedanken und schien ganz vergessen zu haben, da
die hohen Stmme der Tannen sehr schnell an ihm vorberglitten und die raschen
Pferde des Doctors den Weg zwischen Grenwitz und Berkow fast schon zurckgelegt
hatten. Er fuhr erschrocken in die Hhe, als er rechts vom Wege durch die Zweige
ein Licht schimmern sah. Er wute, es kam aus dem Fenster der Frsterwohnung von
Berkow. Auf der entgegengesetzten Seite fhrte ein schmaler Pfad zu der Lichtung
im Walde, auf der Melitta's Eremitage stand. An derselben Stelle des Weges, an
der sie eben jetzt anlangten, hatte ihn gestern der Wagen des Barons erwartet.
    Bitte, lassen Sie hier halten, sagte er hastig zum Doctor. Ich sehe zu
meinem Schrecken, da wir beinahe bis Berkow gekommen sind. Es ist die hchste
Zeit, da ich zurckkehre.
    Der Wagen hielt; Oswald stieg aus.
    Ich hoffe, sagte er, dem Doctor die Hand reichend, da dies nicht die
einzige und nicht die lngste Strecke gewesen ist, die wir auf unserem
Lebenswege zusammen fahren oder gehen werden.
    Ich hoffe und wnsche dasselbe, antwortete der Andere, es scheint mir, als
ob wir in unserm Denken und Fhlen manches Gemeinsame haben, und einer
wahlverwandten Natur zu begegnen, ist ein viel zu kostbares Glck, als da man
es leicht verscherzen drfte. Jedenfalls komme ich bald wieder in diese Gegend.
Leben Sie wohl indessen.
    Der Wagen rollte davon, bald verhallte der Hufschlag in der Ferne; das Licht
in der Frsterwohnung erlosch - Oswald war allein mit der Nacht und dem
Schweigen.
    Und alsbald trat das Bild Melitta's vor seine Seele und glitt vor ihm her
den schmalen Waldpfad entlang, auf dem er jetzt heimlich und leise, wie ein
Wilddieb, hinschritt. Da trat er hinaus auf die Lichtung, und blieb erschrocken,
wie wenn ein Blitz an seiner Seite eingeschlagen htte, stehen - aus dem Fenster
der Eremitage schimmerte Licht! Melitta, die er auf dem Schlosse glaubte, war
hier, hier - fnfzig Schritte von ihm entfernt - er brauchte nur ber den
Wiesenteppich zu gehen und die paar Stufen der Treppe zu ersteigen - - die Thr
zu ffnen - Oswald lehnte an dem Stamm der Buche, sein wild schlagendes Herz ein
wenig zu beruhigen. Und wenn ihn hier Jemand she, wenn er Melitta's Ruf
leichtsinnig auf's Spiel setzte! Athemlos horchte er in die dunkle Nacht hinein.
Nichts vernahm er, als die wunderlichen geheimnivollen Stimmen, die man am Tage
niemals hrt, und die mit der Nacht geboren werden: ein Raunen und Flstern oben
in den Zweigen, ein Rascheln und Knistern in dem trocknen Laub am Boden - das
dumpfe Gebell eines Hundes drben aus dem nahen Dorfe. Ein Nachtaar kam auf
seinem wirren Fluge bis dicht an sein Gesicht geflattert und scho dann wieder
davon. Sonst rings umher tiefe drckende Stille. Da schlug ein dumpfer,
drohender Laut an sein Ohr. Er kam aus der breiten Brust von Melitta's Dogge,
die vor dem Eingange der Eremitage Wache hielt. Der treue Wchter mute die Nhe
eines Fremden gesprt haben, denn er erhob sich, sprang die Treppe hinab und
umkreiste das Haus, wie ein Schferhund seine Hrde.
    Bonceur, rief Oswald leise, als das Thier in seine Nhe kam, ici!
    Das kluge Thier stutzte bei dem wohlbekannten Ruf, den es so oft aus seiner
Herrin Munde vernommen, und kam, Oswald erkennend, in raschen Sprngen auf ihn
zu, und legte ihm als Willkomm die mchtigen Tatzen auf Brust und Schulter.
    So, sagte Oswald, das schne Thier streichelnd: so, Bonceur, Du erlaubst
also, da ich zu Deiner Herrin gehe? Komm?
    Den Hund an den zottigen, langen Haaren festhaltend, schritt Oswald ber die
Wiese. Auf der Treppe bertnten die Tatzen Bonceurs den leichten Schritt
Oswald's; so schlich er sich auf der Galerie, die sich um das Huschen zog, hin,
bis er an das Fenster kam. Das Fenster stand auf, durch den venetianischen Epheu
hindurch, mit dem es dicht berankt war, sah Oswald hinein in das Zimmer. Auf dem
Tisch brannte eine Lampe, deren Glocke mit einem rothen Schleier bedeckt war, so
da der Venus heiliges Bild in dem warmen Licht wie lebend erschien. Zu den
Fen des Bildes sa Melitta, Oswald halb das Gesicht zukehrend an dem Tische.
Sie hatte ein Buch vor sich aufgeschlagen, aber offenbar las sie nicht; die
feine Hand, auf die sie den Kopf sttzte, in dem dunklen reichen Haar begraben,
schien sie in tiefe Trumereien versunken. Ein unaussprechlich rhrender
Ausdruck, halb von thrnenreicher Schwermuth, und halb von unaussprechlicher
Seligkeit lag auf ihren reinen, kindlich weichen Zgen. Oswald vermochte es kaum
ber sich, das einzig schne Bild, das sich ihm in dem Rahmen des kleinen
Fensters zeigte, zu zerstren. Endlich nannte er leise ihren Namen.
    Melitta hob den Kopf in die Hhe und die groen Augen auf das Fenster
heftend, lauschte sie einen Moment. Aber dann lchelte sie wehmthig, als wollte
sie sagen: es war nur ein Traum und sttzte das Haupt wieder in die Hand.
    Melitta, ich bin's. -
    Diesmal hatte sie es nicht getrumt. Mit einem Freudenschrei fuhr sie empor,
nach der Thr, Oswald entgegen - sie schlang ihren Arm um seinen Hals, prete
ihre glhenden Lippen wieder und wieder auf seinen Mund, sie legte ihren Kopf an
seine Brust - sie schaute durch Thrnen lchelnd zu ihm auf: Sieh, Oswald, ich
dachte nur eben an Dich! ich dachte: wenn er Dich liebt, so wird, so mu er
heute kommen, und kommt er nicht, liebt er Dich nicht. Oswald, nicht wahr, Du
liebst mich? nicht, wie ich Dich liebe, aber doch ein wenig, nicht wahr, mein
Oswald?
    Sprachlos vor Rhrung und Seligkeit umschlang Oswald das geliebte Weib.
    Melitta, Du bist so grenzenlos gut und schn, da, wer Dich liebt, Dich
grenzenlos lieben mu!
    Vor der Thr der Eremitage, auf einer Strohdecke, den riesigen Kopf zwischen
den Vordertatzen, liegt Boncoeur. Die schnelle Bewegung seiner Ohren, sobald ein
Gerusch aus dem Walde herbertnt, zeigt, da er gute Wache hlt. Er wrde den,
der es wagte, in dies Heiligthum der Liebe zu dringen, zerreien.

                           Zweiundzwanzigstes Capitel


Es waren seit diesem Abend einige Tage verflossen.
    Bemperlein war mit Julius nach Grnwald abgereist und hatte von dort aus
schon an Melitta und an Oswald geschrieben, der Ersteren, um zu melden, da sein
Zgling in der sehr liebenswrdigen Familie eines Beamten, der zwei Shne fast
in demselben Alter, wie Julius habe, glcklich untergebracht sei; an Oswald, da
er eine hchst interessante Unterredung mit dem Professor Berger gehabt habe,
deren Inhalt er seinem neuen Freunde mittheilen wolle, wenn er in nchster Woche
nach Berkow zurckkme, um definitiv Abschied zu nehmen. Nur so viel wolle er
sagen, da er in seinem Entschlusse fester als je sei und kaum die Zeit erwarten
knne, sich Hals ber Kopf in seine neuen Studien zu strzen.
    Den Tag nach Herrn Bemperlein's Abreise war der Geometer von Grnwald in
Grenwitz angekommen, aber nur ein paar Stunden geblieben, um mit dem Baron und
der Baronin zu conferiren, und dann nach dem zweiten Gute, das vermessen werden
sollte, gefahren, wo er fr's Erste sein Wigwam aufschlagen mte, wie er zu
Oswald sagte. Oswald hatte in dem Geometer einen sehr lebhaften, witzigen und,
wie es schien, sehr belesenen und vielfach gebildeten, noch jungen Mann kennen
gelernt, und er freute sich, diese Bekanntschaft fortsetzen zu knnen, da Herr
Timm in kurzer Zeit nach Grenwitz kommen mute, um die Karten und Plne zu
zeichnen. Schon waren von der stets weit vorausschauenden Baronin zwei Zimmer in
demselben Flgel des Schlosses, in welchem Oswald wohnte, fr ihn bestimmt und
schicklich eingerichtet.
    Auf den Sonntag waren die Herrschaften von Grenwitz nebst Herrn Doctor Stein
zu Herrn von Barnewitz, dem Vetter Melitta's eingeladen. Oswald hatte groe Lust
gehabt, diese Einladung rundweg auszuschlagen, und hatte sich nur auf Melitta's
Zureden bewegen lassen, von der Partie zu sein.
    Was soll ich dort? hatte er zu Melitta gesagt, man ladet mich nur ein,
entweder, weil es an Tnzern fehlt, oder, um dem alten Baron eine Hflichkeit zu
erweisen, in keinem Fall um meiner selbst willen. Ich werde in der Gesellschaft
wie ein Mohikaner unter den Irokesen, wie ein Spion im Lager angesehen werden.
Ich kenne den Adel. Der Adelige ist nur hflich und liebenswrdig gegen den
Brgerlichen, so lange er mit ihm allein ist; sind mehrere Adelige bei einander,
so flieen sie zusammen wie Quecksilber und kehren gegen den Brgerlichen den
esprit de corps heraus. Ich sage Dir, Melitta, ich kenne die Adeligen und hasse
die Adeligen.
    Aber Du liebst doch mich, Oswald, und ich gehre doch auch zu der verfehmten
Klasse.
    Leider, sagte Oswald, und es ist das der einzige Fehler, Du Holde, den ich
an Dir habe entdecken knnen. Aber dann bist Du so engelgut und lieb, und da
gehst Du durch diesen Schwefelpfuhl, ohne auch nur den Saum Deines Gewandes zu
beflecken. Und so sehr Du auch im Vergleich mit diesen eiteln, dummen Pfauen
gewinnen mut, so frchte ich doch, da von dem feurigen Ha, den ich gegen die
ganze Sippschaft habe, unversehens auch ein Funken auf Dich spritzen knnte.
Jetzt bist Du mir eine Knigin, eine Chatelaine, die aus ihrem Schlo sich
weggestohlen hat, den Herzallerliebsten flchtig zu umarmen, und ich vergesse
Deinen Rang, Deine Hoheit hier in dieser traulichen Waldeinsamkeit, Du bist mir
nur das geliebte, angebetete Weib, die Krone der Schpfung, bist, was Du mir
auch im Gewande der Bettlerin sein wrdest - dort aber im kerzenhellen Saale,
umgeben von Deinen Granden, von Allen gehuldigt und gefeiert, kann ich meine
Augen vor dem Glanze nicht verschlieen, und werde schmerzlich daran erinnert
werden, da ich aus meiner Niedrigkeit nicht htte wagen sollen, sie zu solcher
Hhe zu erheben.
    Sieh, Oswald, sagte Melitta, und ihre Augen ruhten fest in den seinen; ist
das nun gut von Dir? Spottest Du nicht meiner, indem Du so sprichst? Hre ich es
nicht in dem herben Ton Deiner Stimme, sehe ich es nicht an dem unruhigen
Blitzen Deiner Augen, das so seltsam mit ihrem sonstigen tiefen, klaren Licht
contrastirt, da Du recht wohl fhlst, wie Du kraft Deines Geistes, kraft Deiner
stolzen mnnlichen Schnheit und Strke unter uns Andern einherschreitest, wie
der geborene Herrscher? - Ich habe mich Dir ergeben mit Leib und Seele, Du bist
mein Herr und Gebieter, ich wrde mich selbst Deiner tollsten Laune willig
fgen, ich wrde von Dir das Bitterste ertragen, von Deiner Hand wrde mir der
Tod nicht grausig sein - aber weshalb auch nur einen Tropfen Wermuth in den
Kelch der Liebe mischen, aus dem ich mit so vollen, durstigen Zgen schlrfe.
Oswald, spotte meiner nicht!
    Ich spotte Deiner nicht, Melitta; ich bin von Deiner Liebe berzeugt, trotz
dem, da ich sie wenig genug verdiene; ich wei, da Deine Liebe demthig ist,
wie es die Liebe ist, die Alles duldet und Alles glaubt, und nimmer aufhren
wird - aber sieh, Du Theure, das ist ja eben der Fluch dieser verruchten
Institutionen, da sie Ha und Zwietracht und Mitrauen sen in die Herzen der
Menschen, selbst in solche Herzen, die von Gott fr einander geschaffen
scheinen. Und dieser giftige Samen wuchert auf und berwuchert der Liebe rothe
Rosen. Ich schelte Dich nicht, da dem so ist, ich schelte berhaupt keinen
Einzelnen, der ja, ohne es vielleicht zu wissen, unter dieser naturwidrigen
Trennung ebenso leidet wie ich. Aber da dem so ist, davon sei berzeugt. Nie
wird der Katholik in dem Protestanten, der Adelige in dem Brgerlichen, nie der
Christ in dem Juden und umgekehrt wahrhaft seines Gleichen sehen - seinen
Bruder! Nathan's frommer Wunsch, da es dem Menschen doch endlich gengen mge,
ein Mensch zu sein, ist noch lange nicht erfllt. Wer wei, ob er in
Jahrhunderten erfllt sein, ob er sich auch nur jemals erfllen wird.
    Und bis dahin, sagte Melitta in ihrem gewhnlichen schalkischen Ton, Oswald
das Haar aus der Stirn streichend, bis dahin, Du trumerischer Trumer und
unverbesserlicher Weltverbesserer, wollen wir die kurzen Augenblicke genieen,
und deshalb mut Du morgen nach Barnewitz kommen. Bitte, bitte, lieber Oswald,
ich will auch nur mit Dir sprechen, nur mit Dir tanzen - ich mu in diese eine
Gesellschaft gehen, um das Recht zu gewinnen, zehn andere auszuschlagen, in
denen ich - mich weniger frei fhlen wrde, wie gerade in dieser. Und ohne Dich
habe ich nicht den geringsten Genu davon, im Gegentheil, ich werde traurig
sein, wie ein Vgelchen, das man der Freiheit beraubt und in ein enges Bauer
gesteckt hat. Wenn Du aber da bist, liebes Herz, so will ich frhlich sein, und
tanzen und - singen - nein, singen nicht, aber hbsch will ich sein - sehr
hbsch, und Alles Dir zu Ehren; soll ich wei gehen? mit einer Camelie im Haar,
oder einer Rose? Du hast mir noch gar nicht gesagt, wie Du mich am liebsten
siehst? Gott, welch' hlzerner Ritter Du bist.
    Am nchsten Tage, es war ein Sonntag, Nachmittags um fnf Uhr, hielt der
Staatswagen vor dem Portale des Schlosses in Grenwitz. Die schwerflligen
Braunen hatten das beste Geschirr mit den neusilbernen Beschlgen aufgelegt
bekommen; der schweigsame Kutscher hatte sich seine Galalivre angezogen, der
Baron den schwarzen Frack, in dessen Knopfloch das Band des Ordens, den er bei
irgend einer geheimnivollen Gelegenheit von irgend einem der deutschen
Duodezfrsten bekommen hatte, und die Baronin selbst ausnahmsweise eine Toilette
gemacht, die sie denn doch nur fnf Jahre lter erscheinen lie, als sie
wirklich war. Nachdem der nthige Ballast von Mnteln und Shawls fr die
Rckfahrt eingenommen war, und die Baronin noch einmal vom Wagen aus
Mademoiselle Marguerite, die, wie es Oswald schien, viel lieber mitgefahren
wre, feierlich mit der Wrde einer Castellanin belehnt und ein kurzes Examen
von zehn Minuten angestellt hatte, um zu prfen, ob die hbsche kleine Franzsin
auch noch alle die Verhaltungsmaregeln fr gewisse, genau stipulierte Flle
ordentlich im Kopfe habe - setzte sich das Fuhrwerk mit demjenigen Tempo in
Bewegung, welches dieser feierlichen Gelegenheit, dem Temperament der Braunen
und den Grundstzen des schweigsamen Kutschers entsprach. Als sie unter der
Brcke wegfuhren, brachte Bruno, der Malten und ein paar Bauernknaben, die im
Garten Unkraut gteten, hier postirt hatte, den Davonziehenden ein solennes
dreimaliges Hurrah, ein Einfall, der selbst die Lippen der Baronin zu einem
Lcheln zu bewegen vermochte. Ueberhaupt war diese Dame, wahrscheinlich, um sich
auf die Gesellschaft vorzubereiten, heute in der besten und mittheilsamsten
Stimmung. Sie fand das Wetter herrlich, nur ein wenig zu warm, den Weg
vortrefflich, nur ein wenig zu staubig; sie freute sich schon auf die Abendkhle
beim Heimwege, nur frchtete sie, da sich bis zu der Zeit ein Gewitter
zusammengezogen haben wrde, da ihr eine Wolke am westlichen Horizont ein sehr
verdchtiges Aussehen zu haben schien. Darauf wurde die Frage errtert, ob
Frulein Marguerite, wenn wirklich ein Gewitter ausbrechen sollte - ein Fall,
fr den sie keine Instructionen hatte - wohl die Fenster in den
Gesellschaftsrumen im obern Stock schlieen lassen und berhaupt ihre
Schuldigkeit thun wrde. Da es nicht mglich war, eine Stimmenmehrheit zu
erzielen, indem die Baronin die aufgeworfene Frage entschieden verneinte, Oswald
sie eben so entschieden bejahte, und der alte Baron sich keine bestimmte Ansicht
zu bilden vermochte, so gab man die Debatte ber diesen Punkt auf und ging zur
Errterung des nicht weniger wichtigen Problems ber, ob sich der Graf Grieben
von seinem akuten Rheumatismus wohl so weit erholt haben wrde, um an dem
heutigen Zauberfest in Barnewitz Theil zu nehmen, oder nicht. Von dem
Rheumatismus des Grafen Grieben kam man dann auf die Gicht des Barons von
Trantow und von dieser ganz allmlig in jenen Familienklatsch, von welchem
Oswald behauptete, da er unter dem hohen und hchsten Adel eben so im Schwunge
sei, wie bei Gevatter Schneider und Handschuhmacher, nur da man dort ber von
Hinz und von Kunz und hier schlechtweg ber Hinz und Kunz sprche. Oswald hatte
sonst die Gewohnheit, sobald das Gesprch auf das beliebte Thema kam, nicht
lnger aufzumerken, und er hatte es in dieser wichtigen Kunst, zu hren und doch
nicht zu hren, whrend der kurzen Zeit seines Aufenthalts in Grenwitz schon zu
einer bedeutenden Fertigkeit gebracht; heute aber, da er die Persnlichkeit, von
denen er schon so oft vernommen hatte, selber sehen sollte, war die Sache nicht
mehr ganz so uninteressant fr ihn, wie sonst, um so weniger, als Melitta's
Namen zu wiederholten Malen genannt wurde. Er erfuhr bei dieser Gelegenheit, da
Herr von Barnewitz und Melitta Geschwisterkinder wren, Melitta's Vater, der
Bruder des alten Herrn von Barnewitz, welcher Herrn Bemperlein die Pfarre
zugedacht hatte, Officier in schwedischen Diensten gewesen, als solcher die
Feldzge gegen Napoleon mitgemacht und bald nach der Vermhlung Melitta's mit
Herrn von Berkow gestorben sei.
    Uebrigens weit Du, Grenwitz, sagte die Baronin, Melitta wird heute nicht da
sein.
    Oswald horchte hoch auf.
    Woher weit Du das, liebe Anna-Maria? entgegnete der Baron.
    Ich habe mir von dem Bedienten die Einladungsliste geben lassen, wie ich das
immer thue, um zu wissen, wen man denn finden wird, und sie sorgfltig
durchgelesen. Frau von Berkow war nicht darauf verzeichnet.
    Das wird ein Versehen gewesen sein.
    Ich glaube nicht; Du weit, Melitta und ihre Cousine sind gerade nicht die
grten Freundinnen; es wre nicht das erste Mal, da man Melitta bergangen
htte; aber dafr wird eine andere merkwrdige Persnlichkeit zu finden sein;
rathe einmal, Grenwitz.
    Der Frst von P., sagte der alte Baron halb erschrocken, und bedauerte schon
heimlich, nicht den Orden selbst und blo das Ordensband angelegt zu haben, doch
nicht der Frst von P.?
    Nein! Rathen Sie einmal, Herr Doctor.
    Der Mann aus dem Monde?
    Eine beinahe nicht weniger merkwrdige Person: der Baron Oldenburg; sein
Name stand, wie es sich gehrt, auf der Liste gleich nach unserem Namen.
    Die Oldenburgs sind ein alter Adel? fragte Oswald, der den Sinn jener
Reihenfolge schon vermuthete.
    Die Oldenburgs sind nach den Grenwitzen's der lteste Adel hier im Lande,
sagte die Baronin mit einem unendlichen Selbstgefhl. Die Grenwitzen's knnen
ihren Stammbaum bis in den Anfang des zwlften Jahrhunderts verfolgen, die
Oldenburg's sind erst aus dem Ende des dreizehnten Jahrhunderts, wo Adalbert,
der Stammvater des Geschlechts, von dem Kaiser zum Reichsbaron erhoben wurde.
    Woher der Name Oldenburg? fragte Oswald.
    Den Oldenburgs fehlt blo die Legitimitt, um heut zu Tage so gut souvern
zu sein, wie viele Andere, die ursprnglich auch nur reichsfrei waren, wie wir.
    Und was macht den Baron, abgesehen von seiner erlauchten Abstammung, zu
einer so merkwrdigen Persnlichkeit? fragte Oswald.
    Die Baronin kam durch diese Frage einigermaen in Verlegenheit. Das, was in
ihren Augen vor allem merkwrdig am Baron erschien, nmlich seine souverne
Verachtung gegen Rang und Stand, sein sarkastisches, hhnisches Wesen seinen
Standesgenossen gegenber, deren Verehrung vor seinem altehrwrdigen Adel
dadurch manchmal auf eine harte Probe gestellt wurde - dieser merkwrdige, ja in
ihren Augen geradezu unnatrliche Zug eignete sich nicht zum Gegenstand der
Unterhaltung mit einem Brgerlichen. Sie begngte sich also mit der vieldeutigen
Antwort:
    Der Baron hat ber die meisten Dinge die sonderbarsten Ansichten von der
Welt, so da man manchmal wirklich fr seinen Verstand bange wird.
    In diesem Augenblicke kam ein Reiter im Galopp aus einem Seitenwege heraus
und parirte sein Pferd vor dem vorbeifahrenden Wagen. Es war ein junger Mann mit
hbschem, braunem Gesicht, dem ein blonder Schnurrbart sehr gut stand.
    Ah, gndige Frau, Herr Baron - freue mich unendlich, rief er, den Hut
ziehend und an den Wagenschlag heranreitend - habe in einer Ewigkeit nicht das
Vergngen gehabt -
    Das kommt daher, mon cher, sagte die Barnnin mit holdestem Lcheln, weil Sie
sich seit einer Ewigkeit nicht bei uns auf Grenwitz sehen lieen.
    Ah, sehr gtig, gn-ge Fra', sehr gtig; gn-ge Fra' hatten noch nicht die
Gnade, mich mit dem Herrn bekannt zu machen - Baron Felix? nicht wahr? fuhr der
Dandy fort, den Hut gegen Oswald lftend.
    Herr Doctor Stein, sagte die Baronin, der Erzieher meines Sohnes - Herr von
Cloten -
    Ah, ah, in der That, sagte Herr von Cloten, freue mich auerordentlich - ja,
ja, was ich sagen wollte, gn-ge Fra', wohin geht es, wenn man fragen darf?
    Nach Barnewitz -
    Ah, wollte ebenfalls dorthin - ruhig, Robin, ruhig!
    Aber Herr von Cloten, es ist groe Gesellschaft, sagte die Baronin, auf des
Junkers Stulpenstiefel und Jagdrock anspielend.
    Unmglich, gn-ge Fra'; Barnewitz sagte mir gestern, als ich ihn zufllig
traf, ich mchte zu einer Partie Boston hinberkommen, aber von einer
Gesellschaft hat er mir kein Wort gesagt.
    Es ist ein Scherz von Barnewitz; verlassen Sie sich darauf.
    Ah, ja, sehr wahrscheinlich; Barnewitz hat immer so tolle Einflle; ruhig,
Robin! - Teufelskerl, der Barnewitz - sich schon gefreut, mich in
Stulpenstiefeln in Salon treten zu sehen - Freude verderben - Beschwre Sie,
gn-ge Fra', meine Herren, erzhlen Sie Niemand, da Sie mich gesehen haben. In
einer Viertelstunde in Barnewitz.
    Damit warf der junge Mann sein Pferd herum und sprengte in voller Carrire
in der Richtung fort, aus der er gekommen war.
    Bald darauf fuhr der Wagen ber einen etwas holperigen Steindamm, der quer
ber den Gutshof von Barnewitz bis zu dem kiesbestreuten Platze vor dem
Herrenhause fhrte.
    Ein Diener trat an den Wagen, den Schlag herunterzulassen; in der Thr
erschien die Gestalt eines breitschulterigen, brtigen Mannes, der schn zu
nennen gewesen wre, wenn nicht Wohlleben und Indolenz die Harmonie der
regelmigen Zge wesentlich beeintrchtigt htte. Es war Melitta's Vetter, Herr
von Barnewitz.
    Sie sind die Allerersten, wie Sie sehen, sagte er, die Gste in einen
dreifenstrigen Saal rechts vom Flur fhrend, wo sie von Frau von Barnewitz,
einer hbschen Blondine, begrt wurden.
    Sie wissen, da ich die Pnktlichkeit ber Alles liebe, erwiderte die
Baronin, den ihr angebotenen Platz auf dem Sopha einnehmend.
    Vortreffliche Eigenschaft das, antwortete Herr von Barnewitz, ganz mein
Grundsatz - stets gewesen - im Leben und auf der Jagd die Hauptsache - Schnepfe
aufgestoen - Baff - liegt - pnktlich - Hahaha.
    Wie ist es? sagte die Baronin zur Frau von Barnewitz gewendet, werden wir
heute eine zahlreiche Gesellschaft haben?
    Nun vierzig bis fnfzig hchstens.
    Das heit, so ziemlich unser ganzer Cirkel.
    So ziemlich, ja.
    Und - wir sprachen schon unterwegs darber - wird Ihre liebe Cousine
erscheinen?
    Da mssen Sie meinen Mann fragen, der die Einladungen besorgt hat.
    Ha, ha, ha lachte Herr von Barnewitz. Kstlicher Spa, meine Herrschaften,
mu Ihnen erzhlen, bevor die Andern kommen. Sie wissen, da wir mit Melitta
durch Italien reisten, und da sich uns dort der Baron Oldenburg anschlo. Wir
lebten sehr vergngt zusammen - denn Oldenburg kann sehr liebenswrdig sein,
wenn er will. Auf einmal war das gute Einvernehmen zum Teufel - entschuldigen,
gndige Frau - der Eine ging hier hin, der Andere dort hin. Melitta und
Oldenburg sagten sich nur noch Malicen, und eines schnen Morgens war Oldenburg
fort - verschwunden - Billet zurckgelassen: er fnde die Luft in Sicilien zu
drckend als angehender Schwindschtiger, und wollte einen kleinen Abstecher
nach Aegypten machen. Seit der Zeit sind drei Jahre verflossen; jetzt ist
Oldenburg wieder hier; ist aber nur bei mir gewesen, um mir, wie er sagte, oder
meiner Frau, wie ich sage -
    Aber Karl -
    Nun, liebe Hortense, unter Freunden mu ein Scherz erlaubt sein; also um uns
Beiden seine Aufwartung zu machen. Als ich ihn neulich vorlufig einlade, sagt
er: ja, wenn Deine Cousine nicht kommt; als ich vor ein paar Tagen Melitta
begegne und sie frage, antwortet sie: ja, wenn Dein Freund Oldenburg nicht
kommt. Natrlich versicherte ich Beiden, da sie ganz ruhig sein knnten, sie
wrden dem Gegenstande ihrer Abneigung nicht begegnen. Um die Sache noch
glaublicher zu machen, schicke ich zwei Kerls aus mit zwei verschiedenen Listen,
auf deren einer Melitta und der anderen Oldenburg stand. Und nun kommen sie alle
Beide, - ist das nicht ein Hauptspa? - Entschuldigen Sie, meine Herrschaften,
ich hre so eben einen Wagen vorfahren.
    Allmlig fllte sich der Saal und die daran stoende Flucht hoher, schner
Zimmer, die auf der Hinterseite des Hauses wieder in einem Saal endigte, aus dem
zwei Flgelthren ein paar Stufen hinab in den Garten fhrten.
    Oswald hatte sich, nachdem er einigen Herren und Damen vorgestellt war, die
seine Verbeugung mit khler Hflichkeit erwiderten, in eine der Fensternischen
des Saales gestellt, von wo aus er die Ankommenden drauen und die Gesellschaft
drinnen zugleich beobachten konnte. Es wurde ihm trb und trber zu Sinn. Er
fing an bitter zu bereuen, da er sich von Melitta hatte bereden lassen, dieser
Gesellschaft beizuwohnen, als ein junger Mann mit einnehmenden hbschen Zgen
und blauen, freundlichen Augen sich zu ihm gesellte.
    Ich habe das Vergngen, mit Herrn Doctor Stein zu sprechen? Oswald verbeugte
sich.
    Mein Name ist von Langen. Ich hre, da Sie whrend der letzten Jahre in
Berlin studirten. Haben Sie dort vielleicht die Bekanntschaft eines Herrn P.
gemacht? Er war Philolog und von der Schule her mein sehr intimer Freund; es
interessirt mich, zu erfahren, was aus ihm geworden ist.
    Zufllig kannte Oswald den Betreffenden, und konnte so Herrn von Langen die
gewnschte Auskunft geben. Die aufrichtige Theilnahme, die dieser junge Mann fr
einen Menschen an den Tag legte, der, wie Oswald wute, auer vortrefflichen
Anlagen und einem rastlosen Flei keine anderen Empfehlungen auf Erden hatte,
machte auf Oswald einen sehr angenehmen Eindruck. Es sah es daher, trotz seiner
innern Unruhe, nicht ungern, da Herr von Langen groe Lust zu haben schien, das
angefangene Gesprch fortzusetzen; auch that es ihm wohl, in dieser Menge
unbekannter Menschen einen zu haben, der seine Bekanntschaft gesucht hatte.
    Wie wr's, Herr von Langen, sagte er nach einigem Hinund Herreden, wenn Sie
mir fr die Auskunft, die ich Ihnen ber einen Abwesenden geben konnte, Auskunft
ber einige Anwesende gben. Wer ist zum Beispiel der alte Herr dort im blauen
Frack mit den weien Haaren und dem rothen Gesicht, der so entsetzlich schreit,
als ob er sich Jemand, der auf der anderen Seite eines tosenden Wildbaches
steht, verstndlich machen wollte?
    Das ist Graf Grieben, einer unserer reichsten Edelleute. Sie kennen doch die
hbsche Anecdote, die ihm vor einigen Jahren mit dem Knig passirt ist?
    Nein, wollen Sie sie mir erzhlen?
    Der Knig besucht auf einer Reise die nahe Hafenstadt. An der
Landungsbrcke, wo sich die Spitzen der Behrden, der Adel und so weiter zu
seinem Empfange eingefunden haben, hlt des Grafen mit sechs herrlichen Braunen
bespannte Equipage, auf jedem der Sattelpferde ein Jockey in der grflichen
Livre. Der Knig bewundert die schnen Thiere. Alles eigene Zucht, Majestt,
schreit der Graf mit einer khnen Handbewegung. Die Jockey's auch? antwortete
der witzige Monarch.
    Nicht bel, sagte Oswald, und wer ist die groe starke Dame mit den
mnnlich-khnen Zgen, die eben mit den drei schnen Mdchen in den Saal tritt?
    Eine Baronin von Nadelitz mit ihren Tchtern. Sie ist eine Katharina von
Ruland im Kleinen. Ursprnglich htete sie die Gnse des Barons, ihres
nachherigen Gemahls. Sie soll so wunderbarer schn gewesen sein, da sich jeder
Mann in sie verlieben mute, und dabei so guten Herzens, da nicht leicht
Jemand, ohne gehrt zu werden, von ihr ging. So soll die Ehe nicht die
glcklichste gewesen sein.
    Die Tchter sind auf alle Flle sehr hbsch, sagte Oswald. Der Baron ist
also todt?
    Ja; seitdem hat sie, wie man zu sagen pflegt, die Hosen angezogen, das heit
diesmal in des Wortes ernstester Bedeutung. Ich selbst habe sie in
Stulpenstiefeln und Inexpressibeln mit ihrem Inspector auf einem Felde gehen
sehen, auf dem man bei jedem Schritt bis ber die Knchel einsank.
    Wer sind die beiden hbschen Mdchen, die jetzt Arm in Arm durch den Saal
kommen?
    Emilie von Breesen und Lisbeth von Meyen; sie sind erst letzte Ostern
eingesegnet, und tragen, so viel ich wei, heute zum ersten Mal lange Kleider.
Soll ich Sie vorstellen?
    Oswald antwortete nicht; denn in diesem Augenblick ging die Thr auf und von
Herrn von Barnewitz begleitet, dessen Gesicht in der Erwartung der von ihm so
fein eingefdelten Ueberraschung vor Freude glnzte, trat ein Mann in den Saal,
dessen Erscheinung offenbar einige Sensation erregte. Die laute Stimme des
Grafen Grieben verstummte, einzelne Herren steckten die Kpfe zusammen, und in
dem Kreise der Damen um Frau von Barnewitz auf dem Sopha wurde es
verhltnimig still. Der Ankmmling war ein Mann von hohem, aber allzu
schlanken Wuchs, dessen uerst nachlssige Haltung das Miverhltni zwischen
Hhe und Breite nur noch mehr hervortreten lie. Auf dem langen Leibe sa ein
kleiner Kopf, dessen wohlgerundeter Schdel mit einem kurzen, starken, schwarzen
Haar bedeckt war. Ein Bart von derselben Beschaffenheit zog sich um Kinn und
Wangen und Mund, so da nur die obere Hlfte seines Gesichts dem Physiognomen
zur ungehinderten Beobachtung blieb. Aber auf dieser Hlfte stand schon des
Rthselhaften genug. Die Stirn war eher hoch als breit, aber von auerordentlich
zarten und zugleich khnen Linien umschrieben. Ein Paar wie mit dem Pinsel
gezeichnete Brauen zogen sich in einer leichten Krmmung ber einem Paar grauer
Augen hin, deren Ausdruck in diesem Momente wenigstens, wo sie rasch ber die
Versammlung flogen, mindestens nicht angenehm war, eben so wenig wie das
Lcheln, das wie Wetterleuchten an der feinen, geraden Nase mit den beweglichen
Flgeln hinzuckte, und des Mannes ganze Antwort auf das lustige Geschwtz zu
sein schien, mit dem Herr von Barnewitz ihn berschttete, whrend er ihn von
der Thr bis zu dem Platze der Dame vom Hause auf dem Sopha begleitete. Frau von
Barnewitz erhob sich, den Ankmmling zu begren, der ihr die Hand kte und
nach einer leichten Verbeugung gegen die anderen Damen sich auf einen leeren
Stuhl neben ihr sinken lie und alsbald, ohne die Uebrigen weiter zu beachten,
eine lebhafte Unterhaltung mit ihr begann.
    Oswald hatte den Ankmmling mit dem Auge des Indianers, der den Spuren
seines Todfeindes nachsprt, beobachtet, denn er hatte auf den ersten Blick
jenen Reiter wieder erkannt, der ihm und Bemperlein im Walde begegnete. Es war
der Baron Oldenburg.
    Nun geben Sie Acht, sagte Herr von Barnewitz, auf Oswald zutretend und sich
vergngt die Hnde reibend.
    Ich bin ganz Auge, sagte Oswald mit einem nicht eben sehr natrlichen
Lcheln.
    Worauf sollen Sie Acht geben? fragte Herr von Langen, whrend Barnewitz sich
zu einer andern Gruppe wandte.
    Herr von Barnewitz hatte die Gte gehabt, mich auf Baron Oldenburg, der eben
eintrat, als auf einen hchst interessanten Mann aufmerksam zu machen.
    Ah, das ist Oldenburg? sagte Herr von Langen, ich kannte ihn noch nicht.
    Da fuhr ein Wagen vor und Oswald erkannte in der Dame, die ausstieg,
Melitta. Es war ein Glck fr ihn, da Herr von Langen in diesem Augenblicke die
Sopharegion lorgnettirte, denn er htte unmglich seine Aufregung verbergen
knnen. Die paar Minuten, die Melitta in dem Toilettenzimmer zubrachte,
erschienen ihm wie eine Ewigkeit. Endlich trat sie durch die offene Thr herein,
und Oswald schien pltzlich der ganze Saal mit Licht und Rosen angefllt.
Melitta trug ein weies Kleid, das Busen und Schultern zchtig verhllte, und
den schlanken, schnen Hals mit einer feinen Krause umschlo. In weichen Wellen
fiel ihr dunkles Haar auf die runden Schultern. Eine dunkelrothe Camelie, das
war ihr ganzer Schmuck. Aber welches Schmuckes bedarf Schnheit und Anmuth - und
Melitta's Erscheinung war so schn und anmuthig, da ihr Eintreten eine noch
grere Sensation erregte, als Oldenburgs. Die lteren Herrn unterbrachen ihr
Gesprch, sie mit Herzlichkeit zu begren; einige jngere Herren eilten ihr
entgegen, um womglich den zweiten Walzer, die erste Polka - nur einen Tanz,
gleichviel welchen, zu erbetteln, und sie lchelte Alt und Jung freundlich zu,
beantwortete hier eine Frage, verwies dort einen Strmischen zur Geduld -
whrend sie quer durch den Saal nach dem Sopha ging, sich den anderen Damen
anzuschlieen. Baron Oldenburg war, als Frau von Barnewitz aufstand, ihrer
Cousine entgegenzugehen, ruhig, und ohne sich nach dem Gegenstand der
allgemeinen Sensation umzusehen, den einen Arm ber die Stuhllehne gelegt,
sitzen geblieben. Da mute Melitta's Name, von einer der Damen am Sopha
ausgesprochen, sein Ohr getroffen haben; denn er sprang in die Hhe, wandte sich
um - und stand Melitta, die von ihrer Cousine an der Hand gefhrt wurde,
Angesicht gegen Angesicht gegenber. Oswald war wie von einer magnetischen Kraft
aus der Fensternische bis nahe an die Stelle gezogen worden, so da ihm kein
Wort, kein Blick entging. Er sah, da Melitta erblate und ihre dunkeln Augen
wie im Zorn aufflammten, als Oldenburg sich tief vor ihr verbeugte.
    Ah, gndige Frau, sagte er mit einem eigenthmlichen Lcheln, als wir uns
zuletzt sahen, schien uns die Sonne Siciliens, und jetzt -
    Scheint der Mond - wollen Sie sagen, entgegnete Melitta, und um ihre Zge
spielte ein hhnisch-bitterer Zug, den Oswald noch nicht an ihr gesehen hatte, -
umgekehrt, lieber Baron, als wir uns zuletzt sahen, schien der Mond, wissen Sie
wohl noch, in dem Garten der Villa Serra di Falco bei Palermo? - und, da wir uns
wiedersehen, scheint die Sonne, mir wenigstens.
    Der Sinn dieser letzten Worte mute wohl Jedem verborgen bleiben, nur nicht
dem, fr welchen sie gesprochen waren. Melitta hatte, indem sie sich halb
umwandte, Oswald bemerkt, und ihm so freundlich zugelchelt, da Herr von
Barnewitz, der neben ihm stand, sich an der Ueberraschungsscene, die er so
mhsam arrangirt hatte, zu weiden, ihn fragte: Kennen Sie meine Cousine schon?
    Ja, sagte Oswald, von ihm weg auf Melitta zutretend, und sie ehrfurchtsvoll
begrend.
    Ah! Herr Doctor, rief Melitta mit vortrefflich gespielter Ueberraschung, das
ist ja kstlich, da ich Sie hier finde. Denken Sie, Bemperlein hat schon
geschrieben, Julius befindet sich sehr wohl - aber setzen Sie sich doch zu mir,
da ich Ihnen in aller Mue erzhlen kann - Julius befindet sich vortrefflich -
und ist in den fnf Tagen, wie Bemperlein schreibt, ein vollkommener Dandy
geworden. Er hat schon einen groen Kinderball mitgemacht und mit der schnsten
Dame, das heit derjenigen, die ihm am besten gefiel, den Cotillon getanzt, den
Cotillon - merken Sie wohl! trotz des heftigen Widerspruchs von einem halben
Dutzend junger Herren.
    Der Unglckliche, sagte Oswald, er wird sich dadurch eben so viele Duelle
zugezogen haben.
    Mglich, aber Sie wissen, Julius ist tapfer wie ein Lwe, und wird fr die
Dame seines Herzens Alles wagen. - Ah, Herr von Cloten! Sind Sie es wirklich?
Ich hrte ja, Sie und Robin htten sich auf der letzten Fuchsjagd die Hlse
gebrochen!
    Quelle ide, gn'ge Fra'! Jedenfalls wieder Erfindung von Barnewitz.
Teufelskerl, der Barnewitz! Befinde mich vortrefflich. Ah! ja - wollte gn'ge
Fra' um einen Tanz bitten, wo mglich Cotillon. Mu noch einen Versuch machen,
ob gn'ge Fra' nicht bewegen kann, mir den Brownlock zu verkaufen.
    Non, mon cher, zu diesem liebenswrdigen Zweck bekommen Sie keinen Tanz, am
wenigsten den Cotillon. Wenn Sie mir aber den Brownlock in Frieden lassen
wollen, so sollen Sie den ersten Contretanz haben. Zum Cotillon bleibe ich so
wahrscheinlich nicht hier. Sind Sie zufrieden.
    Ah! gn'ge Fra' - zufrieden! quelle ide! glcklich - - selig.
    Mein Gott, Herr von Cloten, beruhigen Sie sich nur. Haben Sie schon ein
vis--vis?
    Nein, gn'ge Fra - gleich suchen!
    Hier, bitten Sie den Doctor Stein - erlauben die Herren da ich Sie -
    Ah, hatte schon das Vergngen, sagte der Dandy, Oswald, der einen Schritt
von ihm entfernt gestanden hatte, scheinbar zum ersten Male bemerkend.
    Desto besser, sagte Melitta, die Herren sind also einig?
    Von Cloten und Oswald verbeugten sich gegen einander, und dann vor Melitta,
die sie mit einer grazisen Handbewegung verabschiedete, um mit den zunchst
sitzenden Damen ein leichtes Geplauder ber die neuesten Moden anzufangen.
    Oswald war wieder zu Herrn von Langen getreten, der ihm zu der Bekanntschaft
mit Melitta gratulirte: Ich bewundere Sie, sagte der junge Mann, da Sie so
ungenirt mit ihr sprechen knnen; ich htte nicht den Muth dazu.
    Sie scherzen.
    Auf Ehre, nein. Die Frau hat etwas in ihrem Blick und in ihrer Stimme, was
einem um das Heil seiner Seele bange machen mchte. Ich wei, es geht mir nicht
allein so.
    Vielleicht bin ich um das Heil meiner Seele weniger bekmmert, sagte Oswald.
    Unterdessen hatte Oldenburg, whrend er sich unbefangen mit einigen Herren
zu unterhalten schien, in einem hohen Spiegel die Gruppe um Melitta genau
beobachtet.
    Sieh da, Cloten! wie geht's, mon brave! sagte er, sich schnell zu dem
Angerufenen umwendend, als dieser in seine Nhe kam.
    Baron Oldenburg! Auf Ehre, htte Sie kaum erkannt mit dem horribeln Bart.
    Horribel, mon cher! Machen Sie mich nicht unglcklich; ich pflege ihn nun
schon drei Jahre und habe ihn mich wenigstens eine Million kosten lassen.
    Ah, Spa, sagte der Dandy, seinen blonden Schnurrbart streichend.
    Upon my word and honour, sagte Oldenburg; die Sache ist einfach die: Ich
lernte in Cairo eine englische Familie kennen, mit der ich noch mehrmals auf dem
Nil zusammentraf; ich war so glcklich, ihr einige nicht unwesentliche Dienste
leisten zu knnen. Die Familie bestand aus Vater, Mutter und einer einzigen
Tochter - aber welcher Tochter! mon cher, ich sage Ihnen -
    Ah, ich verstehe! sagte Herr von Cloten; reines Vollblut. Diese englischen
Misses jottvoll - schn - sah mal eine in Baden-Baden, werde mein Lebtag nicht
vergessen.
    Gerade so sah meine Mary auch aus, sagte Oswald.
    Nicht mglich!
    Verlassen Sie sich drauf. Alle englischen Misses gleichen sich wie eine
Lilie der andern. Eh bien! Das Mdchen verliebt sich in den Retter ihres Lebens.
Der Vater ist mir geneigt, die Mutter gnstig. Ich war zwar kein Millionr, wie
Mr. Brown, dafr war er aber auch nur ein in Ruhestand getretener Eisenhndler;
und ich ein alter, deutscher, weiland reichsfreier Baron. Genug, wir werden
Handels einig. Da sagt Mary eines Abends - es ist mir, als wre es heute - wir
saen im Mondschein auf der Terrasse des Tempels von Phil und blickten trumend
ber den stillen Flu und leerten Tropfen um Tropfen den diamantgernderten
Becher der Liebe. Da sagte sie, ihre weichen Arme um mich schlingend, - o Gott,
wie deutlich ich noch immer diese Stimme hre! - Adalbert, sagte sie. - Was,
Holde, sagte ich. - Adalbert, pray dearest love, cut off your horrible beard -
it's so vulgar.
    Ah, ja, jottvoll, jottvoll - diese englischen Misses; aber was heit's denn
eigentlich?
    Es heit: Adalbert, mein Junge, la Dir den Bart scheren, Du siehst
schauderhaft gemein darin aus.
    Verdammt.
    Das sagte auch ich. Sie bat, sie beschwor mich; endlich lag sie sogar vor
mir auf den Knieen. Ich blieb fest, wie der Kolo Memnons. Da sprang sie empor,
und sich bewaffnend mit dem ganzen Stolze Englands, die Hand zum
sternengeschmckten Himmel erhebend, rief sie: Sir, either you cut off your
beard, or I must cut your acquaintance.
    Then, cut my acquaintance! sagte ich.
    Famos, sagte von Cloten; was sagte sie?
    Mein lieber Herr, sagte sie, Sie scheren sich entweder den Bart, oder Sie
scheren sich zum Teufel.
    Verdammt; und Sie?
    Ich sagte: Frulein, ich habe geschworen, da ich das Weib verachten und mit
dem Manne auf Leben und Tod kmpfen will, der mir mit Worten oder in
Wirklichkeit an meinem Bart zupft.
    Merkwrdig; das Alles sagten Sie in den drei Worten?
    Ja, die englische Sprache, wissen Sie, ist wunderbar kurz. Apropos, wer ist
denn der junge Mann, mit dem Sie vorhin sprachen, er steht jetzt dort an der
Thr zum andern Zimmer mit dem alten Grenwitz.
    Ja, rathen Sie einmal.
    Wie kann ich das rathen? Ich vermuthe, da es Felix von Grenwitz, sein
Neffe, ist.
    So dachte auch ich. Und nun denken Sie, cher Baron, der Mensch ist ein
Brgerlicher, heit Stein, Doctor Stein, glaube ich, und ist, nun rathen Sie
einmal!
    Nach dem Entsetzen, das sich in Ihren Zgen malt, zu schlieen, vermuthe
ich, da der junge Mann der Scharfrichter von Bergen ist.
    Scharfrichter! Quelle ide! Welch' sonderbare Einflle Frau von Berkow und
Sie immer haben. Nein - Hauslehrer bei Grenwitz - ist das nicht wunderbar?
    Ich kann nicht besonders Wunderbares in der Sache finden. Es mu auch
Hauslehrer geben, wie es Arbeiter in den Arsenikgruben geben mu, obgleich ich
fr mein Theil weder das Eine noch das Andere sein mchte.
    Aber der Mensch sieht beinahe genteel aus?
    Beinahe genteel? Lieber Freund, er sieht nicht nur beinahe genteel aus,
sondern ausnehmend genteel, genteeler, als irgend einer der Herren hier im
Saale, Sie selbst und mich nicht ausgeschlossen.
    Ah, Baron, Sie sind heute wieder einmal in einer jottvollen Laune.
    Meinen Sie? freut mich. Das verhindert mich indessen nicht, den Mann
ausnehmend genteel aussehend zu finden. Ja, was in Ihren Augen wohl noch mehr
ist, er hat nicht nur das Characteristische, welches die geborenen Vornehmen auf
der ganzen Erde auszeichnet, sondern den speciellen Typus des Adels dieser
Gegend.
    O, in der That, ich denke Typus ist eine Krankheit.
    Typhus, mon cher! Typus ist, wenn mehrere Leute dieselben Nasen, Stiefel,
Augen und Handschuhe haben. Nun sehen Sie selbst, ob nicht Alles und noch mehr
bei dem Doctor Stein stimmt; zum Beispiel im Vergleich mit Ihnen, der Sie doch
gewi alles Specifische des Adels in der hchsten Potenz in und an sich
entwickelten. Er ist schlank und gut gewachsen, wie Sie, nur einen halben Kopf
hher und ein paar Zoll breiter in den Schultern, er hat dasselbe hellbraune
gelockte Haar, nur da Sie sich Ihre Haare entschieden brennen lassen, und die
seinen, wie mir scheint, natrlich gelockt sind; er hat blaue Augen, wie Sie,
und Sie werden selbst zugeben, da diese Augen gro und ausdrucksvoll sind.
    Ah, ja - ich gebe zu, da er ein verdammt hbscher Kerl ist, sagte der
rgerliche Dandy, einen scheelen Blick auf den Gegenstand seiner unfreiwilligen
Bewunderung werfend.
    Nun, und was sein Auftreten anbelangt, fuhr Oldenburg fort, so gbe ich
meinestheils eines meiner Gter darum, wenn ich mich mit diesem Anstande, dieser
Grazie bewegen knnte.
    Das ist stark, weshalb?
    Weil die Weibsen in einen schmalen Fu, ein wohlgeformtes Bein und so weiter
vernarrt sind. Solche hbsche Puppen, wie der Doctor, sind geborene Alexander;
sie fliegen von einer Eroberung zur andern, und sterben auch meistens jung zu
Babylon.
    Gott, Baron, welch' liebenswrdiger Mensch Sie sein wrden, wenn Sie nur
nicht so schauderhaft gelehrt wren!
    Meinen Sie? Mglich! Es ist ein Erbfehler; meine selige Mutter hat whrend
ihrer Schwangerschaft auer dem Rennkalender des betreffenden Jahres auch noch
einen oder den anderen Roman gelesen. So erklren sich die paar menschlichen
Zge in meiner Natur.
    Wollt Ihr Herren meine neuen Pistolen mit einschieen helfen? fragte Herr
von Barnewitz, der eben herantrat.
    Ich denke, es soll getanzt werden, antwortete Cloten.
    Spter. Du kommst doch mit, Oldenburg?
    Versteht sich! Du kennst ja meinen Wahlspruch: aux armes, citoyens!

                           Dreiundzwanzigstes Capitel


Die jetzt vollstndig versammelte Gesellschaft hatte sich allmlig aus den
Zimmern in den Garten begeben, da der herrliche Sommernachmittag unwiderstehlich
in's Freie lockte. Die lteren Herren und Damen promenirten in den schattigen
Gngen, oder besichtigten die schnen Gewchshuser; die jungen Leute suchten
auf einem schnen runden Rasenplatze, der zum Theil von hohen breitkronigen
Bumen berschattet war, gesellschaftliche Spiele zu arrangiren; aus einer Ecke
des Parkes, wo ein Schiestand eingerichtet war, ertnte von Zeit zu Zeit der
scharfe Knall der neuen Pistolen. Melitta hielt sich, eingedenk der bewhrten
Regel, da der Ruf junger Frauen in der Gesellschaft von den alten Damen gemacht
wird, und wohl wissend, da sie die Freiheiten, die sie sich whrend des Balles
zu nehmen gedachte, durch einige vorhergehende Opfer erkaufen msse, in der
Gesellschaft der Grfin Grieben, der Baronin Trantow, der Frau von Nadelitz, der
Baronin Grenwitz und der andern ltern Damen. Oswald hatte sich zuerst der
Jugend angeschlossen, bei der ihn Herr von Langen einfhrte, und hatte mit
einigen Reminiscenzen aus den Gesellschaften in der Residenz und einigen
geschickten Combinationen verschiedene gesellschaftliche Spiele befrwortet und
arrangirt, die mit allgemeinem Beifall angenommen und mit sichtlicher
Zufriedenheit der Theilnehmer ausgefhrt wurden. Als er aber sah, da Melitta,
gegen seine Hoffnungen, sich durchaus nicht in den Kreis der Spielenden mischen
wollte, benutzte er eine schickliche Gelegenheit, sich selbst aus demselben
zurckzuziehen. Herr von Langen war ihm gefolgt und holte ihn in einem
Heckengange ein, wo Oswald sich der harmlosen Beschftigung des
Stachelbeerpflckens hingab.
    Gott sei Dank, sagte Herr von Langen, Oswald's Beispiele folgend und einen
Johannisbeerbusch, der voll dunkelrother Frchte hing, plndernd. Diesem Unheil
wren wir glcklich entronnen. Fluch dem Ersten, der gesellschaftliche Spiele
erfand. Sind die Stachelbeeren reif?
    Kstlich!
    Sie mssen mich auf jeden Fall in nchster Zeit besuchen. Mein Gut liegt nur
ein Stndchen von Grenwitz. Meine Frau, die mich erst vor ein paar Wochen mit
einem allerliebsten kleinen Mdchen beschenkt hat, und sich noch nicht krftig
genug fhlt, so groe Gesellschaften mitzumachen, wird sich freuen, Sie kennen
zu lernen. Wenn Sie mir einen Tag bestimmen wollen schicke ich Ihnen meinen
Wagen.
    Ich nehme Ihre Einladung mit Dank an, sagte Oswald, der sich einigermaen
durch die liebenswrdige Freundlichkeit eines Mannes aus dem von ihm so sehr
gehaten Stande beschmt fhlte. Sollen wir sagen, nchsten Sonntag?
    Sie sind jeder Zeit willkommen; wenn Sie die Knaben mitbringen wollen, thun
Sie es ja; ich habe ein Paar Ponys, die den Jungen besser gefallen werden, als
Cornel und Ovid zusammen. - Ach, Herr des Himmels! Incidit in Scyllam, qui vult
vitare Charybdim! Dort biegt die Grfin Grieben an der Spitze ihrer Suite um die
Ecke. Sauve qui peut!
    Die jungen Mnner schlugen einen andern Gang ein, der den ersten
rechtwinklig durchschnitt, und waren bald den herankommenden Damen aus den
Augen. Oswald seinerseits wre eben so gern geblieben, denn er hatte in der
Suite auch Melitta bemerkt und gehofft, wenigstens im Vorbergehen einen Blick
von ihr zu erhaschen; aber er hielt es fr seine Pflicht, gute Kameradschaft mit
seinem neuen Freunde zu halten, der ihm im Laufe des Nachmittags schon mehr als
eine Geflligkeit erwiesen hatte.
    Sie scheinen die Gesellschaft nicht besonders zu lieben, Herr von Langen,
sagte er lchelnd ber die Eilfertigkeit des jungen Mannes.
    Die groe Gesellschaft - nein! Ich bin in fast absoluter Einsamkeit
aufgewachsen. Mein Vater, der nicht eben reich ist, schlo sich in dem Interesse
seiner Kinder von dem geselligen Leben des hiesigen Adels fast gnzlich ab.
Hernach kam ich auf die Schule. Ich htte gern studirt; aber der Vater bedurfte
meiner fr die Wirthschaft, welche er bei zunehmendem Alter nicht mit derselben
Rstigkeit leiten konnte; so mute ich denn von der Schule abgehen, als ich ein
Jahr in Prima gesessen hatte. Seitdem ist der gute Vater gestorben und ich habe
die paterna rura kaum verlassen. Sind Sie Jger?
    Nein, ich habe bis jetzt nicht die mindeste Gelegenheit gehabt, die
Nimrodnatur, die mglicherweise in mir schlummert, zu cultiviren.
    Ah, das ist schade; aber das findet sich - wir haben eine recht hbsche
Hhner- und Hasenjagd. Sie sollten vorlufig etwas mit der Pistole schieen. Man
lernt dabei visiren und bekommt eine sichere Hand.
    Nun, mit Pistolenschieen habe ich im Leben leider beinahe zu viel Zeit
verbracht, antwortete Oswald. Mein Vater, ein Sprachlehrer und im Uebrigen ein
sehr friedfertiger Mann, hatte eine wahre Leidenschaft fr das Pistolenschieen;
es war seine einzige Erholung. Er scho, wie ich nie im Leben wieder Jemand habe
schieen sehen, mit einer fast wunderbaren Geschicklichkeit. Ich habe nie den
Grund dieser seltsamen Leidenschaft erfahren knnen. Einmal fiel es mir ein, ihn
zu fragen, wie er dazu gekommen sei? Ich werde den Ton nie vergessen, in welchem
er mir antwortete: Es gab eine Zeit, wo ich hoffte, mich durch eine Kugel an
einem Manne rchen zu knnen, der mich tdtlich beleidigt hatte. Als ich meines
Zieles vollkommen sicher war - starb der Mann. Seitdem schiee ich in Gedanken
auf ihn; jedes A, das meine Kugel trifft, ist ein falsches, grausames Herz. Ich
drang in ihn, mir den Mann zu nennen. Das kann ich nicht, antwortete er; aber
wenn Du Dir auch etwas bei der Sache denken willst, nimm an, jedes A sei das
Herz irgend eines beliebigen Adeligen.
    Mon Dieu! sagte Herr von Langen; und haben Sie diesen fanatischen Ha Ihres
Vaters gegen meinen Stand geerbt?
    Nur zum Theil, sagte Oswald, ebenso wie ich auch nur einen Theil seiner
Fertigkeit mit der Pistole geerbt habe. - Wollen wir einen Augenblick nach dem
Schiestande gehen? ich hre an dem Knall, da wir ganz in der Nhe sein mssen.
    Bravo, bravo! erschallte es von dem Schiestande herber. Cloten, ich parire
auf Sie.
    Ich parire auf Breesen, rief eine andere Stimme.
    Sie fanden auf dem Schiestande ein halbes Dutzend Herren etwa, alle in
grtem Eifer, mit Ausnahme des Baron Oldenburg, der, die Hnde in den Taschen
seiner Beinkleider, an einen Baum gelehnt, die Schtzen betrachtete, und
Strophen aus der Marseillaise dazu zwischen den Zhnen summte.
    Bravo, Cloten, wieder Centrum - der Kerl schiet verteufelt, schallten die
Stimmen durcheinander.
    Hat sonst Jemand von den Herren Lust zu pariren? sagte Herr von Cloten, mit
einem wunderbar selbstgeflligen Lcheln sich umsehend.
    Ich, wenn Sie erlauben, sagte Oswald.
    Sie? erwiderte der Dandy mit einem Blick sprachlosen Erstaunens.
    Ich parire einen Louis auf den Herrn, sagte Baron Oldenburg grinsend. Wer
hlt?
    Ich, ich! riefen mehrere Stimmen.
    Ich halte Alles, sagte Oldenburg, dem die Sache einen kstlichen Spa zu
machen schien.
    Unser Einsatz ist bisher ein Thaler gewesen; es ist Ihnen doch recht? sagte
Herr von Cloten zu Oswald.
    Natrlich.
    Aber Doctor Stein kennt die Pistolen nicht, sagte von Langen, und Cloten mu
sich bereits vollstndig eingeschossen haben. Die Partie ist ungleich.
    Wenn nur mein Geld auf dem Spiele stnde, sagte Oswald, so wrde ich den
Versuch wagen. Da aber auf mich gewettet ist, so mchte ich bitten, mir vorher
einen Schu zu erlauben.
    Natrlich, rief Herr von Breesen; das versteht sich von selbst, Herr von
Barnewitz.
    Wird nicht viel helfen, sagte von Cloten leise zu einem Andern.
    Sehen Sie den Tannenzapfen dort, Herr von Langen? sagte Oswald, nachdem ihm
eine geladene Pistole gereicht war, den an dem uersten Ende des Zweiges.
    Ja, aber das sind mindestens fnfzig Fu.
    Thut nichts. Diese Pistolen scheinen mir noch auf weitere Distancen einen
sichern Schu zu erlauben.
    Oswald hob die Pistole. Aller Augen waren gespannt auf den Tannenzapfen
gerichtet.
    Ja so, sagte Oswald, die erhobene Pistole sinken lassend. Wollen Sie nicht
die Gte haben, Herr von Barnewitz, mich dem Herrn vorzustellen, der ein so
gnstiges Vorurtheil fr meine sehr fragliche Fertigkeit im Schieen an den Tag
gelegt hat.
    Hatte ganz vergessen; bitte um Entschuldigung. Baron Oldenburg - Doctor
Stein.
    Ah, Baron Oldenburg! sagte Oswald, mit der linken Hand den Hut abnehmend.
Sie sehen doch den Tannenzapfen, Herr Baron.
    Vollkommen deutlich, sagte Oldenburg, sich hflich verbeugend.
    Oswald hob die Pistole wieder, zielte eine Secunde - der Tannenzapfen kam in
Stcken zur Erde.
    Famos! schrie Herr von Barnewitz; Cloten, Du findest Deinen Meister.
    Nous verrons, sagte Herr von Cloten. Sie haben den ersten Schu, Herr
Doctor.
    Oswald nahm die andere Pistole, und scho, ohne scheinbar auch nur zu
zielen.
    Centrum! schrie der Bediente an der Scheibe, eine Reverenz nach dem Schtzen
machend, bevor er das Loch mit einem Pflaster verklebte.
    Cloten, zahlen Sie Reugeld! rief Oldenburg, mit dem Gelde in seiner Tasche
klappernd.
    Centrum! ertnte es von der Scheibe.
    Sehen Sie? sagte von Cloten, Herrn von Barnewitzens Jger die Pistole zum
Laden gebend.
    Ich denke, wir nehmen eine grere Distance, oder ein anderes Ziel, sagte
Oswald, bei diesem thalergroen Centrum auf vierzig Schritt werden Herr von
Cloten und ich wohl noch lange ohne Entscheidung fortschieen knnen. Sind keine
Karten zur Hand?
    Ich bin's zufrieden, sagte von Cloten.
    Hast Du Karten mitgebracht, Friedrich? rief Herr von Barnewitz.
    Ja, Herr!
    Nimm die Scheibe ab und nagle ein A an den Baum.
    Natrlich gilt nur die Kugel, die durch das A schlgt oder es wenigstens
berhrt hat, sagte Oswald.
    Natrlich, sagte von Cloten.
    Jetzt kommt die Sache in Gang, rief der junge Breesen und rieb sich vor
Vergngen die Hnde.
    Cloten, zahlen Sie Reugeld, sagte Oldenburg wieder und durch die Zhne
murmelte er:

Tannenzapfen - Herzena -
Ei, mein Schtzchen, merkst Du was?
Ist es Liebe? ist es Ha?

Von Cloten zielte lange, aber sei es, da das neue Ziel ihn verwirrte, sei es,
da seine Hand schon unruhig geworden war - seine Kugel traf nur den oberen Rand
der Karte. Oswald trat vor; sein Auge schweifte ber die Schaar der Edelleute,
die um ihn herum stand. Denke Dir, das A sei das Herz irgend eines beliebigen
Adeligen, hrte er eine wohlbekannte Stimme flstern ... Sein Schlu krachte. An
der Stelle des Asses war das Loch der Kugel in der Karte.
    Trsten Sie sich, Cloten, sagte Oldenburg. Non semper arcum tendit Apollo -
zu deutsch: Vorbeischieen mu auch sein.
    Wirklich meisterhaft, sagte von Barnewitz, die Karte herum zeigend; das A
rein herausgeschossen.
    Wollen Sie Revanche haben, Herr von Cloten?
    Nein, danke, ein andermal. Fhle, da meine Hand nicht mehr sicher -
    Warum haben Sie nicht Reugeld gezahlt, Cloten? sagte Oldenburg, das
gewonnene Geld lachend in die Tasche steckend.
    Hier sind sie! hier sind sie! riefen da auf einmal helle Mdchenstimmen, und
um das Gebsch herum, das den Schiestand vom Wege trennte, kamen Emilie von
Breesen, ihre Cousine Lisbeth von Meyen und eine von den jungen Frulein von
Nadelitz, wie eben soviel weie Schmetterlinge.
    Sie sind allerliebste Herren - Spielverderber - im Augenblick kommen Sie
wieder zurck - so schallten die Stimmchen durcheinander.
    Du knntest auch etwas Besseres thun, Adolph, als hier den ganzen Nachmittag
bei dem alten dummen Schieen zubringen, sagte Emilie von Breesen zu ihrem
Bruder.
    Er mu auch mit, rief Lisbeth, wir nehmen sie gefangen. Du Emilie, nimm den
Doctor, Du bist die Strkste und er ist der Rdelsfhrer - Natalie, Natalie,
halt Herrn von Langen fest! er will davon laufen.
    Meine Herren, rief Oswald, jeder Widerstand wre Hochverrath! - Meine Damen!
wir ergeben uns auf Gnade und Ungnade, und er bot Frulein von Breesen den Arm.
    Die beiden andern Herren folgten seinem Beispiele; die drei hbschen Prchen
eilten lachend und scherzend davon.
    Eine Entfhrung in optima forma, sagte Oldenburg.
    Wir gehen auch wohl, Ihr Herren, rief Barnewitz; denn ich frchte, wenn wir
warten wollen, bis wir von den jungen Damen abgeholt werden, so knnen wir lange
warten.
    Allons enfants de la patrie! sang Oldenburg in mglichst falschen Tnen mit
einer Stimme, die wesentlich dem Krhen eines heisern Hahnes an einem
regnerischen Tage glich, und fate von Cloten unter den Arm.
    Cloten, mon brave, wir werden alt, sagte er, whrend sie in einiger
Entfernung hinter den Andern dem Hause zuschritten. Wenn wir nicht bald machen,
da wir unter die Haube kommen, so ist uns jede Hoffnung auf eheliches Glck,
legitime Vaterfreuden und ein seliges Ende, Amen, abgeschnitten.
    Ah, Spa! Baron, Sie sind mindestens fnf Jahre lter als ich.
    Das hindert nicht, da die jungen Damen einen wie den andern en canaille
behandelt haben.
    Die kleine Emilie ist ein verdammt hbscher Backfisch.
    Si Signore, und was fr ein Paar groe, graue, verliebte Augen sie dem
Doctor machte! Mit sechszehn Jahren! wahrhaftig alles Mgliche!
    Verdammte Puppe!
    Wer? - Frulein Emilie?
    Ah, - der Mensch, der Doctor!
    Ja, so! Ich hab's Ihnen ja gleich gesagt! Die Mgdelein reien sich um ihn!
Und wie der Kerl schiet, Cloten! Mchte ihm nicht fnf Schritte Barrire, und
zehn Distance gegenberstehen!
    Ah! danke fr ein Duell mit so einem Brgerlichen. Partie ist zu ungleich.
Meinen Sie nicht auch, Baron?
    Vielleicht ist der Mann die Frucht einer Liaison zwischen einem Sohn des
Himmels und einer Tochter der Erde.
    Was heit das?
    Wissen Sie nicht, da vor Abraham die Kinder von Adeligen mit Brgermdchen
so bezeichnet wurden?
    Nein, habe nie gehrt! Sohn des Himmels - famos! Uebrigens traue Schrift
nicht. Mssen doch selbst zugeben, Baron, diese Idee, alle Menschen von einem
Paare abstammen zu lassen - Adelige und Brgerliche - geradezu abgeschmackt,
horribel - lcherlich! Habe mir immer gedacht: da Schrift von diesen
Brgerlichen in ihrem Interesse zurecht gemacht ist. Hat mich stets gergert,
wenn Hauslehrer mir die alte Geschichte erklren wollte.
    Cloten, sagte Oldenburg stehen bleibend und seinem Begleiter die Hand auf
die Schulter legend! Cloten, Sie sind ein groer Mann. Dieser Gedanke bringt Sie
in eine Reihe mit den tiefsinnigsten Denkern aller Jahrhunderte.
    Ah, wah - reden Sie nun im Ernst, Baron, oder scherzen Sie, wie gewhnlich?
    Lieber Cloten, sagte Oldenburg, seinen Arm wieder unter den seines
Begleiters steckend und weiter gehend: lassen Sie sich ein fr alle Mal gesagt
sein, da es mir immer um das, was ich sage, frchterlicher Ernst ist, und der
Gegenstand, von dem wir sprechen, ist wahrlich von zu ungeheurer Bedeutung, als
da er eine scherzhafte Behandlung vertrge. So hren Sie denn - aber machen Sie
keinen ungeeigneten Gebrauch von der Sache, Cloten -
    Gott bewahre - parole d'honneur!
    So hren Sie denn, da dieselbe Frage, deren richtige Beantwortung Sie mit
dem sichern Tacte des Genies sofort fanden, mich jahrelang beschftigt hat. Auch
ich sagte mir: der Unterschied des Namens, des Standes - er ist ein Unterschied
des Blutes, des Gemthes, der Seele - enfin: der ganzen Natur. Wie knnen nun
zwei so verschiedene Wesen von demselben Menschenpaare abstammen? Wo bleibt der
Unterschied, wenn sie von einem Menschenpaare abstammen? Der Geist verwirrt sich
in diesem schauderhaften Widerspruch.
    Gott, Baron, endlich sprechen Sie doch einmal wie -
    Wie ein Baron. Hren Sie weiter. Diese Frage beschftigte mich so
unausgesetzt, da ich endlich beschlo, sie zu lsen, es koste, was es wolle.
Ihr habt Alle ber mein einsames Leben, ber mein Studiren und so weiter
gespottet. Wissen Sie, Cloten, was ich studirte, whrend Ihr Euch auf der Jagd
oder beim Pharao amsirtet?
    Nein - auf Ehre -
    Aramisch, chaldisch, syrisch mesopotamisch, hindostanisch,
gangobramaputraisch - sanscrit -
    Herr Gott des Himmels! Das ist ja schauderhaft! Wozu?
    Weil ich die feste Ueberzeugung hatte, da sich in den Klstern Armeniens,
in den Katakomben Aegyptens, oder sonst irgendwo im Orient eine alte
Handschrift, welche die Sache aufklrte, entdecken lassen msse. Als ich alle
jene Sprachen und Dialecte so fertig wie deutsch und franzsisch sprach, trat
ich vor drei Jahren meine letzte groe Reise nach dem Orient an. Im Vorbergehen
durchstberte ich die Bibliotheken Italiens. In Rom traf ich Barnewitzens. Dies
Zusammentreffen war mir im Grunde sehr unangenehm. Aus Hflichkeit mute ich sie
bis Sicilien begleiten. In Palermo aber machte ich, da ich davon kam.
    Ah, das erklrt Ihr pltzliches Verschwinden - das unterbrochene Opferfest,
ha ha ha!
    Unterbrochenes Opferfest - der Ausdruck stammt nicht von Ihnen, Cloten.
    Nein, auf Ehre - ist' ne Erfindung von Hortense, wollte sagen, von der
Barnewitz, verbesserte sich der junge Edelmann. Sie behauptet - entre nous,
Baron - da Euer Zusammentreffen in Rom gar nicht so absichtslos von Ihrer Seite
und die ganze Reise von Rom nach Palermo - heit ja wohl, Palermo? - ein reiner
Triumphzug fr die Berkow gewesen sei; Opferfest - unterbrochenes Opferfest! Ha!
ha!
    Aber ich verstehe Sie gar nicht, Cloten.
    Na, entre nous, Hortense wei von der Reise allerlei Geschichten zu
erzhlen. So eine Scene auf der Ueberfahrt von Ciproda -
    Procida, verbesserte Oldenburg. -
    Procida, meinetwegen, der Teufel mag all' die verrckten Namen behalten, von
Procida nach Neapel.
    Nun?
    Aber zum Teufel, Baron, Sie fragen Einem auch die Seele aus dem Leibe. - Sie
hatten einen kleinen Fischerkahn, und es kam ein richtiger Sturm auf - die
Wellen gingen haushoch, und Sie muten jeden Augenblick erwarten, da das Boot
kenterte. Da sollen Sie auf italienisch -
    Die Barnewitz versteht kein Wort italienisch, so viel ich wei, sagte
Oldenburg.
    Hortense nicht, aber die Schiffer, die sie hernach ausgefragt hat -
    Hm, murmelte Oldenburg. Nun?
    Da sollen Sie zu der Berkow gesagt haben: Liebe Seele, mit Dir zusammen zu
ertrinken, ist mehr werth, als mit Deiner Cousine, oder irgend einer andern Frau
hundert Jahr zusammen zu leben.
    In der That? erzhlt Hortense ihren guten Freunden so hbsche Geschichten?
Nun, Cloten, ich will Ihnen einen guten Rath geben: Glauben Sie jedem Ku, den
Sie von Hortense's Mund schon gekt haben, oder noch kssen werden -
    Ah, dummes Zeug, Baron, sagte der Dandy mit jenem Lcheln, das bescheiden
sein soll und doch so entsetzlich unverschmt ist.
    Aber glauben Sie keinem Wort, das aus ihrem Munde geht. Knnen Sie wirklich
denken, da ich nichts Besseres zu thun hatte, als Melitta von Berkow den Hof zu
machen, whrend so ernste, ja so zu sagen heilige Dinge meine Seele
beschftigten? Lassen Sie sich erzhlen: Ich reiste also von Sicilien nach
Aegypten hinauf bis Abu Simbul, zurck nach Kairo, von da nach Palstina,
Persien, Indien; - durchsuchte jeden Tempel, jede Ruine, jede Felsenspalte - ich
fand nicht, was ich suchte. Endlich - als ich schon an dem Erfolge verzweifelte,
als ich schon auf der Rckreise war, da - in der Bibliothek des Klosters auf dem
Vorgebirge Athos -
    Wo ist das, Baron?
    Zwischen dem Indus und dem Oregon - dort in der Kloster-Bibliothek entdeckte
ich endlich das langgesuchte Manuscript. Da stand denn die ganze Geschichte.
    Was stand da?
    Da stand im reinsten Hoch-bramaputraisch, da - ich bersetze Alles in
unsere modernen Begriffe und Ausdrcke -
    Ja, machen Sie's um's Himmelswillen so, da ich es verstehe.
    Da gleich von vornherein zwei Menschenpaare geschaffen wurden, wie es auch
gar nicht anders sein kann: ein adeliges und ein brgerliches. Der Name dieses
ersten adeligen Geschlechts ist aus dem Manuscript nicht zu ersehen. Gerade an
der einen Stelle, wo er ausgeschrieben gestanden hat, ist ein groer Klecks. So
viel ist sicher, Oldenburg hat es nicht geheien; es war noch ganz deutlich ein
C zu erkennen, und in der Mitte ein t.
    Vielleicht Cloten, sagte der Andere.
    Es ist mglich, aber beschwren kann ich es nicht. Auch was fr eine
Geborene seine Gemahlin gewesen ist, die schlechtweg Frulein genannt wird, ist
nicht ersichtlich.
    Aber ich denke, sie ist aus der Rippe des Mannes gemacht und gar nicht
geboren.
    Ah, lassen Sie sich doch kein dummes Zeug einreden, Cloten. Sie wird
ausdrcklich Frulein genannt, dann mu sie doch auch ein Frulein von so und so
gewesen sein.
    Das ist ja aber eine verflucht verwickelte Geschichte.
    Gar nicht so sehr, wie Sie glauben. Genug, der Herr und das Frulein, das
bald genug zur gndigen Frau wurde, hatten ein Landgut, welches Paradies hie; -
warum soll ein Landgut nicht Paradies heien, Cloten?
    Verdammt schnurriger Name, indessen.
    Warum? Nennt doch einer sein Gut Solitude, der Andere Sanssouci, der Dritte
Bellevue, warum soll nicht einmal Einer das seine Paradies genannt haben? Eh
bien! Der Bediente des Herrn hie Adam. Vortrefflicher Name fr einen Bedienten.
Als er steif und lahm wurde, schimpften sie ihn den alten Adam - haben Sie je
von einem Adeligen gehrt, der Adam geheien htte, Cloten?
    Im Leben nicht.
    Sehen Sie, da haben Sie wieder den schnsten Beweis.
    Er rief also seinen Kerl Adam, und die Zofe seiner Gemahlin Eva, Evchen -
allerliebster Kammerzofenname das. Meine Mutter hatte ein Kammermdchen
Evchen, ein bildhbsches Ding. Der Adam war aber ein groer Schlingel, wie die
Bedienten das bekanntlich bis auf den heutigen Tag sind. Das Ding, die Eva, war
auch nicht viel besser. Zuletzt trieben es die Beiden zu arg. Schlielich
ergriff der Herr denn einmal die Hetzpeitsche und jagte die Beiden vom Hofe. In
das Gesindebuch schrieb er: Entlassen wegen Unehrlichkeit, Putzsucht und
Arbeitsscheu. Das ist so in groen Umrissen der eigentliche Verlauf der
Geschichte.
    Wirklich merkwrdig - ganz famos, auf Ehre! Haben Sie das Buch mitgebracht,
Baron?
    Nein; aber eine von dem dortigen Landrath beglaubigte Abschrift.
    Giebt's denn dort auch Landrthe?
    Aber, lieber Freund, wie kann denn ein Land ohne Landrthe bestehen?
    Natrlich; aber es wre doch besser, wenn wir das Buch selber htten.
    Vielleicht macht es sich. Die Mnche sind entsetzlich obstinat; ich hatte
schon vor, sie alle mit Blausure zu vergiften. Wahrscheinlich thue ich das auch
noch, wenn ich wieder in die Gegend komme. Bis dahin mssen wir uns mit der
Copie begngen.
    Hren Sie, Baron, knnen Sie mir nicht auch so eine Copie geben? ich meine
natrlich in deutscher Uebersetzung, nicht in bramaputraisch, oder wie der
verdammte Jargon heit.
    Hm; aber versprechen Sie mir, es Niemand zu zeigen.
    Verlassen Sie sich d'rauf!
    Hchstens Einem oder dem Andern aus unserm Cirkel.
    Das also darf ich?
    Meinetwegen; aber nennen Sie meinen Namen nicht. Sagen Sie, es wre eine
bloe Hypothese von Ihnen -
    Eine was?
    Eine bloe Vermuthung, die noch der Besttigung bedrfe; wenn wir dann
hernach das Original in die Hnde bekommen, so ist das Ihr Triumph und der
Triumph der guten Sache zu gleicher Zeit.

                           Vierundzwanzigstes Capitel


Die Sommersonne war bereits seit einer Stunde hinter den Bumen des Parks
untergegangen; dunkle Schatten lagerten sich in den dichteren Boskets, hie und
da zirpte noch ein Vogel, ehe er zur Ruhe das Kpfchen unter den Flgel steckte;
sonst war es still geworden in dem vor kurzer Zeit noch so belebten Garten. Aber
desto lauter war es jetzt in dem Schlosse. Das blendende Licht von hundert
Wachskerzen auf Kronleuchtern und Girandolen strahlte aus den Fenstern auf den
weiten Rasenplatz vor dem Gartensaale. Musik erschallte aus den geffneten
Flgelthren; und an Thren und Fenstern vorber sahen die Dorfleute, die sich
in ehrfurchtsvoller Ferne im Park hielten, die Paare der Tanzenden schweben. In
den Zimmern, die an den Tanzsaal stieen, waren fr die lteren Herrschaften
Spieltische arrangirt und des Grafen von Grieben kreischende Stimme wurde mehr
als einmal vernommen, wenn der alte Baron Grenwitz, der nur ein sehr
mittelmiger Bostonspieler war, auf drei Asse zum Mitgang gepat, oder sonst,
durch seine Zaghaftigkeit verleitet, einen jener horribeln Fehler begangen
hatte, die das Gemth eines methodischen Spielers so schmerzlich berhren. Herr
von Barnewitz und seine Gemahlin wechselten im Spiele ab, damit stets eines von
ihnen entweder bei den Tanzenden oder Spielenden war und sich so jede Partei
gleicher Gunst erfreute. Hortense hatte ursprnglich den ganzen Ball mitmachen
wollen; aber schon nach den beiden ersten Tnzen rgerte sie sich so ber die
Huldigungen, die ihrer schnen Cousine von allen Seiten gezollt wurden, da sie
ihrem Gemahl jenes Arrangement vorschlug, in welches er sich um so williger
schickte, als er, trotz seiner Corpulenz gern und gut tanzte, und auf alle Flle
ein sehr eifriger Bewunderer hbscher Mdchen und Frauen in Balltoilette war.
Und an solchen fehlte es in dem Saale wahrlich nicht. Es war ein Kranz von
lieblichen und schnen Gestalten, der auch wohl ein sinnigeres Auge als das des
wsten Edelmannes entzckt haben wrde. Die lieblichste und schnste aber war
nach dem ausgesprochenen oder schweigenden Urtheil der Herren wenigstens - die
Ansicht der Damen ber diesen Punkt war allerdings sehr getheilt - Melitta. Die
sonst etwas bleichen Wangen vom lebhaften Tanz gerthet, die groen Augen
strahlend von Licht und Leben, die schlanken elastischen Glieder der herrlichen
Gestalt mit wunderbarer Anmuth in rhythmischem Schwunge bewegend - so schwebte
sie ber den glatten Boden des Saals wie die Muse des Tanzes selbst. Neben
dieser blendenden Erscheinung wurden die hbschen Frauen ihres Alters zu
Wachsfiguren und die jngeren Mdchen zu allerliebsten Marionetten. So dachte
wenigstens Oswald, wenn er sie im Walzer an sich vorbeifliegen sah oder sie ihm
im Contretanze entgegen schwebte. Ein wunderbares Gemisch widersprechender
Empfindungen erfllte seine Seele. Seit jenem Augenblick, wo er in Melitta's
Album das Bild des Baron Oldenburg zum ersten Mal gesehen hatte, war er
unablssig von dem Gedanken verfolgt worden: in welchem Verhltni stand sie zu
diesem Mann? Aber so oft auch schon die Frage auf seinen Lippen geschwebt hatte,
nie hatte er sie auszusprechen gewagt, und je hher die Sonne seiner Liebe
stieg, desto blasser war der drohende Schatten geworden. Heute aber hatte
Barnewitzens Erzhlung, das Erscheinen des Mannes selbst, Melitta's Benehmen in
der ersten Begegnung - die halb entschlafenen Zweifel furchtbar geweckt. Wieder
drngte sich das Wort auf seine Lippen und immer wieder kroch es scheu zum
Herzen zurck. Er zrnte Melitta, da sie ihn diese Qualen dulden lie; er
zrnte sich selbst, da er sich von der Geliebten hatte bestimmen lassen, ihr in
diese Gesellschaft zu folgen, diese Junkerwelt, in die er nicht gehrte, in
welcher er sich nur geduldet wute, in diese Welt frivolen Genusses und
hochmthigen Dnkels, diese lrmende, blendende Welt, die so grausam mit der
Romantik seiner Liebe contrastirte, und der wonnigen, liebeverklrten
Waldeinsamkeit von Melitta's Kapelle Hohn zu sprechen schien. Es kam ihm wie ein
halb verklungenes Mrchen vor, da dies wunderbare Weib in seinen Armen geruht,
da er - wie oft schon! - seinen Mund auf diese rosigen Lippen gedrckt hatte.
Sie erschien ihm so fremd, so ganz verwandelt; er konnte sich nicht berreden,
da dies Melitta sei, seine Melitta, sie, die hier mit dem jungen Breesen lachte
und schwatzte, die dort die faden Complimente von Clotens mit so huldvoller
Miene beantwortete - und dann wieder, wenn ihr leuchtendes Auge das seine traf,
wenn ihre Hand bei den Touren des Contretanzes seine Hand so traulich drckte,
wenn bei dieser Gelegenheit ein: ses Herz! Du Lieber! - nur ihm vernehmbar
geflstert, sein Ohr traf - ja, dann war es doch wieder Melitta, seine Melitta!
- Und immer wieder jagten sich Zweifel, die sich zu wahnsinniger Angst
steigerten, und Gewiheit, die ihn mit unsglichem Entzcken erfllte, durch
seine Seele, wie tiefdunkle Schatten und heller Sonnenschein ber eine
Sommerlandschaft jagen, und um dieser sen Qual, dieser bittern Wonne zu
entgehen, schlrfte er mit hastigen, gierigen Zgen den berauschenden Trank,
der, aus blendenden Lichtern, jubelnden Tnen und wollstigen Dften so seltsam
gemischt, in einem Ballsaal die Sinne der Tanzenden bis zum bacchantischen
Taumel aufregt und das Gehirn umnebelt.
    Oswald lachte und scherzte wie von der tollsten Laune ergriffen: hier ein
bermthiges, keckes Wort, dort eine feine Schmeichelei; hier eine satyrische
Bemerkung, dort eine Sentimentalitt ... Die Damen schienen vollkommen vergessen
zu haben, da ein so unermdlicher und gewandter Tnzer, ein so hbscher Mann,
der ihnen so viele hbsche Sachen zu sagen wute, doch nur ein Brgerlicher sei,
der auf alle diese Vorzge eigentlich gar keinen Anspruch machen durfte, und
wenn ja eine der hochadeligen Mtter dem Tchterchen ihr unpassendes Benehmen
mit dem jungen Menschen, dem Doctor Stein, verwies, so fiel das goldene Wort
diesmal auf ganz unfruchtbaren Boden und die hbsche Kleine beruhigte ihr
aufgeschrecktes adeliges Gewissen mit dem trstlichen Gedanken: es ist ja nur
fr heute Abend! - Es steht sehr zu vermuthen, da das Glck, welches Oswald an
diesem Abend bei den Damen machte, mehr als ein junkerliches Gemth auf das
Tiefste indignirte; aber der Ausdruck dieser feindseligen Stimmung beschrnkte
sich auf einige hhnische Worte, von denen aber keins bis zu Oswalds Ohr drang,
und auf einige rgerliche Blicke, die, wenn er sie bemerkte, nur zur Erhhung
seiner tollen Laune beitrugen. Da er sich auf einem sehr glatten Boden bewegte,
wute er sehr gut; aber die Nhe der Gefahr, welche die schwachen Geister lhmt,
lt starke Herzen nur desto muthiger pochen; und das Bewutsein, wie er sich
jeden Augenblick einer impertinenten Beleidigung versehen knne, gab seinem
Benehmen den Junkern gegenber eine Khnheit, seinem Auftreten eine Sicherheit,
die, wenn sie einerseits den Unwillen dieser Herren herausforderte, andererseits
fr sie die Kluft zwischen Wollen und Vollbringen geradezu unbersteiglich
machte. Und brigens mu zur Ehre dieser jungen Adeligen bemerkt werden, da
sich in einer Schaar von zwlf oder vierzehn denn doch zwei oder drei fanden,
welche von Vorurtheilen nicht so sehr befangen waren, da sie Oswalds
ritterliches Wesen nicht gern htten gelten lassen. So Herr von Langen, welcher
seinen Arm vertraulich unter den Oswalds schob, und in der Pause mit ihm im
Saale freundlich plaudernd auf- und abschritt; so der junge von Breesen, der
hbscheste und gewandteste von der Schaar, welcher Oswald bat, ihm ein paar
Lectionen im Pistolenschieen zu geben, und als seine Schwester durch
Unachtsamkeit eine Verwirrung im Tanz angerichtet hatte, zu ihm kam, ihn im
Namen der jungen Dame um Entschuldigung bat und ihn zu ihr fhrte, damit sie
sich selbst entschuldigen knne; so endlich selbstredend Baron Oldenburg, der
die Tugenden Oswalds, als Tnzer und Schtze gegen mehr als Einen bis in den
Himmel erhob, wobei es nur nicht ganz ersichtlich war, ob er dies aus
aufrichtiger Ueberzeugung oder mehr in der Absicht that, seine jungen
Standesgenossen grndlich zu rgern.
    Dieser dankbaren Aufgabe konnte er sich mit um so grerem Behagen
unterziehen, als er auf Herrn von Barnewitzens Frage, ob er spielen wolle,
geantwortet hatte: ja, wenn Pharao gespielt wird; und auf Lisbeths von Meyen
Bemerkung, ob er denn nicht zu tanzen gedenke, geuert hatte: Meine Gndige, in
diesem Augenblicke bedaure ich zum ersten Male in meinem Leben, da mich mein
Tanzlehrer nie dahin bringen konnte, die erste Position von der zweiten, und
mein Musiklehrer eben so wenig, einen Walzer von einem Choral zu unterscheiden.
So trieb er sich denn bald zwischen den Spieltischen umher, und weckte den
leicht erreglichen Zorn des Grafen von Grieben dadurch, da er in alle Karten
der Reihe nach sah, und Jedem guten oder vielmehr mglichst schlechten Rath
ertheilte; bald war er im Tanzsaal und schaute mit den Augen eines gutgelaunten
Katers, der weie und schwarze Muschen auf der Scheundiele munter spielen
sieht, auf die tanzenden Paare. In dieser angenehmen Beschftigung strte ihn
Herr von Barnewitz, der eilfertig zur Thr des Tanzsaales hereinkam.
    Oldenburg, da Du ja doch hier nichts zu thun hast -
    Nein, guter Freund, ich habe in der That hier nichts zu thun.
    So komm mit hinauf in den Speisesaal und hilf mir beim Arrangiren der
Pltze. Willst Du?
    Das Vertrauen, welches Du zu meinem organisatorischen Talente hast, ehrt
mich hoch, mon ami, sagte Oldenburg und folgte dem Voraneilenden ber den Flur,
die breite, mit Teppichen belegte Treppe hinauf in den glnzend erleuchteten
Speisesaal, wo die Bedienten eben mit der Herrichtung der Tafel fertig geworden
waren.
    Hier, Oldenburg, sind die Zettel, alle schon ausgeschrieben; nun sage mir,
sollen wir -
    Werthgeschtzter, sagte der Baron zu einem Bedienten, knnten Sie mir wohl,
behufs der Entkorkung dieser Flasche, das passende Instrument besorgen? - So,
danke - Festina lente, Barnewitz, auf deutsch: Du sollst dem Ochsen, der da
drischt, das Maul nicht verbinden. Auf Dein Wohl, mein Junge! dieser Knabe
Cliquot gehrt zu den tugendhafteren seines weit verbreiteten Geschlechts.
Wirklich geniebar! und dabei schlrfte er ein Glas nach dem andern. So, jetzt
stehe ich vorlufig zu Deinen Diensten. - Stellen Sie die Flasche dort auf den
kleinen Tisch, lieber Tressenrock! es sind noch ein paar Glser drin. - Grfin
von Grieben - Baron Oldenburg, Baronin von Nadelitz, - bist Du des Teufels,
Barnewitz? ich soll zwischen den alten Schachteln zwei Stunden lang eingeklemmt
sitzen? lieber will ich mit aufwarten helfen! Nein! wir wollen die Sache so
machen. Die ganze alte Litanei setzen wir an das eine Ende des Tisches und das
junge Deutschland an das andere. Geh' Du mit Deiner Heerde von Widdern und
Mutterschafen nach Osten, und ich will mit den Bcklein und Zicklein nach Westen
gehen.
    Das wird wohl auch das Beste sein, sagte Barnewitz, hier sind Deine Zettel.
    Die Bedienten hatten den Saal verlassen; die beiden Herren fingen, jeder auf
seinem Ende, an, die Zettel zu vertheilen.
    Frulein Klau, sagte Oldenburg, einen Zettel in die Hhe haltend; wer, bei
allen Olympiern, ist Frulein Klau?
    Unsere Erzieherin. Hast Du sie nicht bemerkt, das hbsche kleine Ding mit
den hochverrtherischen Augen? sagte Barnewitz, eifrig sortirend. Wir konnten
sie nicht in ihrer Kinderstube lassen. - Herr des Himmels, da sitzen ja schon
wieder Mann und Frau zusammen! - weil sonst eine Tnzerin zu wenig gewesen wre.
Du kannst sie mit dem Doctor Stein zusammen setzen. Gleich und gleich gesellt
sich gern.
    Schn, sagte Oldenburg.
    Wer soll denn die Berkow fhren?
    Zum Kukuk, la mich in Ruhe! Du, meinetwegen!
    Bon, sagte Oldenburg und trank ein Glas Champagner.
    
    Nach einer kurzen Pause eifrigen Arrangirens:
    Wer soll die Ehre haben, bei Deiner Frau zu sitzen?
    Heiliges Kreuz - ja freilich, das ist wichtig. Weit Du was, Oldenburg, nimm
den Unbedeutendsten; dagegen kann Niemand etwas einwenden.
    Will's schon machen, sagte Oldenburg und suchte unter den Zetteln, bis er
den rechten gefunden hatte. Dir will ich Deine unverbrgten Schiffernachrichten
eintrnken, murmelte er zwischen den Zhnen.
    Bist Du fertig, Oldenburg?
    Gleich! - So.
    Nun, weit Du was, Baron, geh' Du in den Tanzsaal und sage jedem Herrn,
welche Dame er fhren soll; ich will dasselbe bei den Spielern thun.
    Ainsi soit-il, sagte Oldenburg, dem Davoneilenden folgend.
    Als er in den Baalsaal trat, fing man so eben einen Contretanz zu arrangiren
an. Unmittelbar nach diesem Tanze sollte gespeist werden.
    Die Gelegenheit ist gnstig, murmelte er und ging, einem schwarzgefiederten,
langbeinigen Vogel zu vergleichen, der sich auf der Wiese Frsche sucht, mit
wunderbarer Gravitt hinter der Linie der Tanzenden hin, den schicklichen Moment
benutzend, jedem der Herren den Namen der Dame, die er ihm zugetheilt hatte,
in's Ohr zu flstern. Oswald tanzte mit Frau von Barnewitz, die in aller Eile
fr Frulein Klau eingetreten war, welche noch schnell eine Commission in die
Kchenregion auszurichten hatte, vis--vis Melitta und Herrn von Cloten.
Oldenburg hatte schon smmtlichen Herren ihr Schicksal verkndet, das Allen mehr
oder weniger gnstig zu sein schien, denn Jeder nickte mit zufriedener Miene.
Ganz zu allerletzt trat er zu Cloten und raunte ihm zu:
    Cloten, ich habe Ihnen die Barnewitz gegeben.
    Dann zu Oswald: Herr Doctor, Sie werden Frau von Berkow fhren.
    Darauf entfernte er sich eiligst.
    Hortense, flsterte der berglckliche Cloten dieser Dame zu: Weit Du, wer
Dich fhren wird?
    Doch nicht Du, Arthur? rief diese erschreckend.
    Ja, mein Engel.
    Unmglich, Arthur. Du gehst gleich nachher zu Oldenburg und sagst, da Du
mich nicht haben willst.
    Aber -
    St! nicht so laut - Du bist ein Narr, ich sage Dir, da Barnewitz unser
Verhltni mehr als ahnt, dies fehlte noch gerade.
    Changez les dames!
    Melitta, ich werde Dich zu Tisch fhren.
    Unmglich, Oswald. Du mut das zu redressiren suchen.
    Weshalb? flsterte Oswald und seine Augenbrauen zogen sich zusammen.
    Sieh nicht so finster aus, liebes Herz! ich will Dir Alles erklren.
    Frulein Klau erschien in dem Nebenzimmer. Sobald Oldenburg sie bemerkte,
trat er auf sie zu und seine hohe Gestalt ehrfurchtsvoll neigend, sagte er in
einem Ton, dessen Milde sonderbar mit der sonstigen Herbheit seiner Rede
contrastirte:
    Mein Frulein, ich werde das Vergngen haben, Sie zu Tisch zu fhren.
    Die arme Kleine stand wie vom Blitz getroffen. Baron Oldenburg, der stolze,
unheimliche Baron, sie zu Tische fhren!
    Mit einem wunderbar fragenden Gesicht blickte sie zu ihm auf.
    Ich habe die Pltze selbst arrangirt, mein Frulein; wenn Sie einen
besonderen Wunsch haben, sprechen Sie ihn frank und frei aus; ich wrde mich
glcklich schtzen, Ihnen gefllig sein zu knnen.
    Gott bewahre, Herr Baron -
    Eh bien, so sind wir einig. Wollen Sie mir Ihren Arm geben; ich sehe, die
Paare arrangiren sich.
    In diesem Augenblicke kam Cloten athemlos herbei.
    Auf ein Wort, Oldenburg. - Sie verzeihen, Frulein; - Oldenburg, Sie mssen
mir eine andere Dame verschaffen; ich kann unmglich Hortense fhren.
    Pourquoi pas, mon cher?
    Weil - zum Henker, weil -
    Je suis au dsespoir, mon brave; aber Barnewitz hat Sie selbst
vorgeschlagen.
    Ist das gewi?
    Verlassen Sie sich darauf.
    Mit vor Freude strahlendem Gesicht, eilte der Andere zu seiner Dame zurck.
    Oswald, sagte Melitta, ich hab' mir's berlegt. Es ist doch besser so - aber
mit der Aussicht auf den Cotillon ist es vorbei. Nun komm, gieb mir Deinen Arm
und sei wieder gut.
    Die lteren Herrschaften waren zuerst in den Speisesaal getreten, und hatten
sich bereits hinter ihren Sthlen gereiht; die Gesellschaft aus dem Tanzsaal kam
hinterdrein. Herr von Barnewitz kam fr einen Augenblick von jener Seite
herber, zu sehen, ob Alles in Ordnung sei. Seine Stirn verfinsterte sich, als
er seine Frau an Clotens Arm, Melitta neben Oswald stehend bemerkte, und endlich
Oldenburg selbst, seine kleine Dame wie eine Prinze von Geblt fhrend, in den
Saal trat.
    Oldenburg, zum Teufel, was hast Du denn da angerichtet, flsterte Barnewitz
heftig. Ich will nicht, da Cloten meine Frau fhrt, sie reden so schon genug
ber die Beiden.
    Ja, lieber Freund, Du sagtest, ich sollte den Unbedeutendsten whlen; da war
ja gar kein Zweifel mglich.
    Und Melitta mit dem Doctor, Du mit der Klau - das ist geradezu lcherlich.
    Ja, Barnewitz, das ist nun einmal geschehen; und nun wrdest Du mir einen
ausnehmenden Gefallen erweisen, wenn Du nicht desavouirtest, was ich in Deinem
Auftrage gethan habe, und Dich ruhig an Deinen Platz verfgtest; die Grfin
Grieben sucht Dich berall mit ihren groen Eulenaugen.
    Ich wasche meine Hnde in Unschuld, grollte Barnewitz, davoneilend.
    Und ich will eine Flasche Champagner auf meinen gelungenen Staatsstreich
trinken, murmelte Oldenburg, an der Seite der kleinen Erzieherin, gegenber
Oswald und Melitta, in unmittelbarer Nhe von Cloten und Hortense, Platz
nehmend.
    Meine Damen und Herren, sagte er; ich hoffe, da Sie mit mir in ein stilles
begeistertes Hoch auf das Wohl des Mannes einstimmen werden, der Jedem von uns
seinen Platz anwies, und der, whrend er nur das Gemeinwohl vor Augen zu haben
schien, doch die geheimen Wnsche jedes Einzelnen zu erfllen wute. Ich gebe
Ihnen zu bedenken, meine Damen und Herren, da ein Mangel an Enthusiasmus in
diesem feierlichen Augenblick nicht nur die Gefhle jenes Mannes schmerzlich
berhren, sondern auch die Empfindungen eines Ihrer Nchsten auf's Tiefste
verletzen wrde, Ihres Nchsten, den mindestens wie sich selbst zu lieben, Sie
schon die Religion der Liebe verpflichtet, zu der wir uns ja Alle ohne Ausnahme
bekennen. Meine Damen und Herren, trinken Sie mit mir auf das Wohl Ihres und
meines besten Freundes, auf das Wohl Adalberts von Oldenburg.
    Man kann sich denken, da, so weit als des Barons mig erhobene Stimme
schallte, Wenige Lust hatten und Niemand es wagte, sich von diesem ironischen
Toast auszuschlieen. Die krystallenen Glser klangen aneinander, und bald
flackerte eine lebhafte Unterhaltung um den ganzen Tisch herum auf, wie das
Feuer in einem Haufen Stroh, der an allen Ecken und Enden zugleich angezndet
ist; jene schwirrende, summende, kichernde, lachende, lrmende, flsternde
Unterhaltung, wo der geistreichste Einfall und die albernste Bemerkung zuletzt
als gleich werthvolle oder werthlose Mnze coursiren.
    Achte auf Deine Augen, Oswald, sagte Melitta, in jener rapiden Weise, wo die
Rede sich kaum vom Hauch unterscheidet und doch jede Sylbe deutlich gehrt wird.
- Deine holden Liebesbriefe werden von profanen Augen unterwegs aufgefangen,
erbrochen und gelesen.
    Von Cloten hatte Hortense vergeblich zu berreden gesucht, es sei ihres
Gemahls eigener Wunsch gewesen, da er sie zu Tische fhre.
    Sei doch nicht so einfltig, Arthur, sagte die junge Frau. Es ist eine
Intrigue von Oldenburg, verla Dich darauf. Hast Du je mit Oldenburg ber mich
gesprochen?
    Nein, Hortense - parole d'honneur.
    Ich bin berzeugt, Du hast es gethan; Du wirst mich noch unglcklich machen
mit Deiner albernen Schwatzhaftigkeit.
    Aber, Hortense -
    Still, Oldenburg beobachtet uns fortwhrend.
    Cloten! rief der Baron.
    Was? Baron!
    Wollen Sie in diesem Herbst mit mir nach Italien reisen? Sie wissen, in der
bewuten Angelegenheit.
    Ginge rasend gerne mit, Baron; aber Sie wissen, tausend Grnde dagegen;
erstens Jagd, zweitens Pferderennen, drittens hasse Reise, viertens verstehe
kein Wort italienisch.
    Nun, das ist das Wenigste. Was man nothwendig wissen mu, beschrnkt sich
auf Si Signora, Anima mia dolce, das Andere lt man sich von den Fischern
sagen.
    Von Cloten errthete bis in die Stirn hinauf, denn, wie Oldenburg diese
Worte lachend sprach, fhlte er Hortensens Fu auf dem seinen und hrte ihre von
inneren Thrnen fast erstickte Stimme: Siehst Du, Arthur; habe ich es nicht
gesagt?
    Auch Melitta, die, seitdem sie den Baron sich gerade gegenber sah, sehr
still geworden war, schien ber diese Bemerkung sichtlich betroffen. Sie senkte
pltzlich die langen Wimpern, wie wenn sie verbergen wollte, was jetzt in ihrer
Seele vorging.
    Ich rufe Sie zum Zeugen auf, gndige Frau, rief Oldenburg. Hat Ihnen Ihr
Italienisch viel gentzt?
    Im Gegentheil, sagte Melitta und ihre dunklen Augen flammten auf; ich habe
so nur manches falsche, lgnerische Wort mit anhren mssen, das mir sonst
unverstndlich geblieben wre.
    Ja, ja, die Italiener lgen viel, lachte der Baron.
    Sagen wir lieber, es wird in Italien viel gelogen, replicirte Melitta.
    Zum zweiten Male abgefallen, murmelte der Baron. Das Weib ist noch immer
schn, wie ein Engel und klug, wie die Schlange. Ja, sie ist schner, als
frher. Ihre Augen sind noch grer und leuchtender, ihre Schultern noch runder;
ihre Stimme ist noch weicher und wohllautender - und das Alles in majorem Dei
Gloriam, das heit, dem hbschen Fant an ihrer Seite zu Liebe! Hm! - Herr
Doctor, wollen Sie mir die Ehre erweisen, ein Glas Champagner mit mir zu
trinken? Ich dchte, es lge eine Wolke auf Ihrer Stirn. Verscheuchen Sie
dieselbe. Sie wissen: dulce est decipere in loco.
    Was fr eine verzweifelte Sprache ist denn das nun wieder. Baron? rief von
Cloten.
    Platt-bramaputraisch, mon cher. Auf Ihr Wohl, Cloten.
    Je mehr sich die Mahlzeit ihrem Ende nahte, und je schneller sich die von
den Bedienten stets wieder gefllten Champagnerglser leerten, desto lrmender
und wster wurde die Unterhaltung, so da selbst die Stimme des Grafen Grieben,
die man bisher wie das Kreischen eines groen Papagei's in einer Menagerie immer
durchgehrt hatte, bertnt wurde. Der dnne Firni uerlicher Cultur, aus
welchem die ganze sogenannte Bildung dieser bevorrechtigten Klasse bestand,
begann von den Strmen Weines, die unaufhrlich flossen, in einer erschreckenden
Weise heruntergesplt zu werden, und die nackte, trostlos drftige Natur kam
berall zum Vorschein. Die jungen Herren erzhlten den jungen Damen ihre
Abenteuer auf der Jagd, bei den Pferderennen, ihre Heldenthaten whrend ihrer
militairischen Dienstzeit, oder gefielen sich in Unterhaltungen, die scherzhaft
und galant sein sollten, und die fr jedes feinere weibliche Gefhl einfach
plump und zweideutig waren. Indessen schienen die jungen Damen leider an diese
Sorte Unterhaltung viel zu sehr gewhnt zu sein, als da dieselbe irgend einen
unangenehmen Eindruck auf sie htte hervorbringen knnen. Im Gegentheil, sie
lieen sich ein Glas Champagner nach dem andern aufnthigen, sie wollten sich
todtlachen ber die reizenden Einflle der jungen Herren, besonders des jungen
Grafen Grieben, eines sehr langen, sehr dnnen und sehr blonden Jnglings,
dessen Erscheinung flchtig an eine Giraffe erinnerte, und der, wenn er, wie
diesmal, nicht in unmittelbarer Nhe Oldenburg's sich befand, gern den starken
Geist spielte und eine gewisse Autoritt ber seine Kameraden ausbte. Oldenburg
selbst schien entweder ein feuriger Verehrer des Gottes Bacchus zu sein, oder
ein ganz besonderes Vergngen darin zu finden, den bacchantischen Taumel um sich
her geflissentlich zu vermehren; denn er trank und sprach unaufhrlich und
forderte die Andern unausgesetzt zum Trinken auf. Besonders hatte er dabei von
Cloten im Auge, der im Anfang der Mahlzeit durch Hortense's Vorwrfe
aufgeschreckt, sehr still und verlegen gewesen war, kaum aber eine Flasche
getrunken hatte, als er die schnen Vorsichtsmaregeln, die ihm seine Geliebte
in aller Eile fr diesen kritischen Fall gegeben, verga, und ihre abwehrenden
Blicke mit desto feurigeren, und ihr geflstertes: Aber Arthur, nimm Dich doch
zusammen; mit einem fast hrbaren: Aber, Kind, was willst Du nur? es achtet kein
Mensch auf uns, beantwortete. Ja, der junge Edelmann trieb die Unvorsichtigkeit
so weit, bei einer Gelegenheit, unter dem Vorwande ein Tuch aufzuheben,
Hortense's herabhngende Hand zu kssen, ein andermal ihr Glas mit dem seinen zu
vertauschen; mit einem Worte, er benahm sich so, da, wer das Verhltni der
Beiden noch nicht kannte, es heute Abend kennen lernen, und wer es ahnte, in
seinem Verdacht besttigt werden mute.
    Ich werde sogleich nach Tische fahren, Oswald, sagte Melitta zu diesem, der
in der letzten Viertelstunde sich fast nur mit Emilie von Breesen, seiner
Nachbarin auf der andern Seite, unterhalten hatte.
    Ich wollte, Du wrst gar nicht gekommen, oder httest mich zu Hause
gelassen, sagte der junge Mann bitter.
    Schilt mich nur noch, sagte Melitta, und schmerzlich zuckte es um den
reizenden Mund. Ach, Oswald, ich wollte, ich knnte Dich mitnehmen - fr jetzt
und fr immer.
    Hoffentlich erlaubt es Baron Oldenburg, antwortete Oswald, der bemerkte, wie
die grauen Augen des Barons, whrend er sich lebhaft mit dem kleinen Frulein
Klau unterhielt, unausgesetzt Melitta und ihn selbst beobachteten.
    Melitta antwortete nicht, aber die Thrne, die pltzlich an ihren dunkeln
Wimpern erglnzte und die sie mit einer schnellen Bewegung ihres feinen
Taschentuchs sogleich trocknete, war Antwort genug.
    Verzeih' mir, Melitta, murmelte Oswald, aber ich bin sehr unglcklich.
    Ich bin es nicht minder, vielleicht noch mehr - und darum gerade mchte ich,
da Du ganz glcklich wrest, wnschte ich, ich knnte Dich ganz glcklich
machen.
    Du kannst es durch ein Wort!
    Was ist es, Oswald?
    Sage, da Du mich liebst.
    Oswald; so fragt die Liebe nicht, so fragt die Eifersucht.
    Giebt es eine Liebe ohne Eifersucht?
    Ja, die echte Liebe, die nichts frchtet und Alles glaubt.
    So wre meine Liebe nicht die echte? Freilich, wie knnen wir, die wir nicht
von Adel sind, auch Anspruch auf irgend etwas Echtes machen! Unsere Mtter und
Schwestern tragen bhmisches Glas statt Diamanten, wir selbst haben keine echte
Ehre, keine echte Liebe - das ist sonnenklar.
    Wenn Oswald, indem er diese wahnsinnigen Worte sprach, in Melitta's Herz
htte sehen knnen, ja, wenn er nur einen Blick in ihr Gesicht geworfen htte,
er wrde vor Scham haben vergehen mssen. Melitta antwortete nicht; sie weinte
auch nicht, sie blickte nur starr vor sich hin, als knne sie das Ungeheure
nicht begreifen, da die Hand, die zu kssen sie sich niederbeugte, sie in's
Antlitz geschlagen, da der Fu, den mit Narden zu salben, sie niedergekniet
war, sie grausam zurckgestoen habe ... Wie hatte sie sich gefreut auf diesen
Abend, wie schn hatte sie es sich gedacht, mitten im Lrm der Gesellschaft
allein zu sein mit dem Geliebten, seinen Worten zu lauschen, seine Hand
verstohlen zu drcken, und whrend hbsche Frauen und reizende Mdchen mit ihm
coquettirten, in seinen Augen zu lesen: Ich liebe doch nur Dich, Melitta! Und
ber diesen Abend hinaus hatte eine rosige Zukunft vor ihren Blicken sich
aufgethan - ein Land der Hoffnung - nicht in deutlichen Umrissen, aber voll Ruhe
und Liebe und Sonnenschein ... Aber da hatte sich ihre Vergangenheit
herangewlzt, wie ein grauer, giftiger Nebel, und hatte das sonnige Land der
Zukunft immer dichter und dichter verschleiert ... Und jetzt erschien ihr durch
den giftigen Nebel das Antlitz des Geliebten wie von Ha verzerrt, und seine
Stimme drang seltsam fremd zu ihrem Ohr. War das sein Antlitz? war das seine
Stimme, die jetzt die Worte sprach: Gndige Frau, man hebt die Tafel auf, darf
ich um Ihren Arm bitten?
    Whrend sie in den Reihen der Uebrigen die Treppe hinunterschritten, sagte
Melitta kein Wort: auch Oswald nicht. Als sie unten im Saale angekommen waren,
verbeugte er sich tief vor ihr, und als er den Kopf hob, schaute er auf einen
Augenblick in ihr Antlitz. Er sah, wie schmerzlich es um ihre Lippen zuckte; er
sah, welch' rhrende Klage aus ihren groen dunklen Augen sprach - aber sein
Herz war verschlossen, und er wandte sich zu einer Gruppe junger Mdchen und
Herren, die das abgebrochene bermthige Tischgesprch noch eine Weile
fortsetzen zu wollen schien. Melitta sah ihm noch fr einen Moment nach, sah,
wie die hbsche Emilie von Breesen sich lebhaft zu ihm wandte, wie er ihr mit
einem Scherze entgegentrat, sie lachend etwas erwiederte und ihn mit ihrem
Fcher auf den Arm schlug. Weiter sah sie nichts mehr; als sie sich wiederfand,
sa sie in der Ecke ihres Wagens. Auf die Bume und Hecken an der Wegseite, die
an dem Fenster vorbertanzten, fiel das helle Licht der Laternen, aber Melitta
sah Alles nur wie durch einen Nebelflor, denn ihr Herz und ihre Augen waren voll
Thrnen.

                           Fnfundzwanzigstes Capitel


Mit Melitta schien der gute Genius aus der Gesellschaft gewichen und allen
Dmonen freies Spiel gegeben. Immer lauter kreischten die Geigen, immer feuriger
wurden die Blicke der Herren, immer frivoler ihre Rede, immer ppiger und
leidenschaftlicher die Bewegungen der Tnzerinnen. Und noch immer flo der
Champagner in Strmen. Frische Lichter waren whrend des Abendessens berall auf
den Kronleuchtern der Sle und rings in den Zimmern aufgesteckt - es schien, als
ob die Lust kein Ende nehmen solle, nehmen knne. Auch die lteren Herrschaften
hatten sich wieder an die Spieltische begeben; aus einem kleinen Nebenzimmer, in
welches fnf oder sechs Herren sich zurckgezogen hatten, hrte man das Klingen
von Goldstcken und ein gelegentliches: Faites votre jeu, messieurs!
    Oswald hatte sich vor dem Beginn des zweiten Tanzes nach Herrn und Frau von
Grenwitz umgesehen, denn er hatte nicht bemerkt und erfuhr erst jetzt, da diese
die Gesellschaft schon vor dem Abendessen verlassen hatten, und da der Wagen
wiederkommen wrde, ihn abzuholen. Er hatte Melitta, da sie nicht in dem
Ballsaal erschienen war, in einem der andern Zimmer vermuthet. Ein Diener, der
mit einem Prsentirbrette voll Weinglser an ihm vorbereilte, antwortete auf
seine Frage, ob er Frau von Berkow nicht gesehen habe? die gndige Frau ist
soeben fortgefahren. Befehlen Limonade oder Champagner? Oswald nahm ein Glas
Wein und leerte es auf einen Zug. Fortgefahren - ohne Abschied! Vortrefflich,
murmelte er, indem er sich in den Ballsaal zurckbegab.
    Und immer nchtiger wurde es in seiner Seele. Jetzt zrnte er nicht mit
sich, da er die Geliebte so schnde gekrnkt und sie so gekrnkt hatte ziehen
lassen, sondern ihr, da sie fortgegangen war, ohne ihm Gelegenheit zu geben,
sie um Verzeihung zu bitten. Ihm war zu Muthe, wie einer Seele zu Muthe sein
knnte, die in ihren Snden zur Hlle gefahren ist, weil sie des Priesters
Absolution verschmhte, und die nun gegen sich selbst und gegen den unschuldigen
Priester wthet. Tolle Gedanken wirbelten durch sein berreiztes Gehirn - es
wre ihm eine Wollust gewesen, wenn einer von diesen jungen Adeligen, durch
seinen Uebermuth beleidigt, ihm feindlich entgegengetreten wre. Ja, er legte es
darauf an, er witzelte und spttelte auf die bermthigste Weise; aber entweder
verstanden die Halbberauschten ihn nicht oder sie hatten noch so viel Verstand
behalten, einzusehen, da ein Duell mit einem Manne, dessen Kugel unfehlbar war,
eine Sache sei, die wohl bedacht sein wolle. Er suchte sich zu berreden, da
von den anwesenden Damen mehr als eine vollkommen so schn und liebenswrdig sei
wie Melitta - da es lcherlich sei, sich um die Abwesende zu grmen, da ihn
hier mehr wie ein feuriges Auge zu entschdigen versprach ... Warum sollte er
sich nicht in Emilie von Breesen verlieben? Warum nicht? Sie war eine Knospe,
die zu einer wundervollen Rose aufblhen mute. Warum sollte er nicht den ersten
Blick in dieses schwellende Knospenleben thun? sich nicht zuerst an dem Duft
dieser frischen Blume berauschen? Und war sie nicht schlank und geschmeidig wie
ein Reh? und war ihr rosiger Mund nicht schon zu einem wollstigen Kusse halb
geffnet? und blickte sie nicht mit so groen, grauen, halb scheuen, halb
kecken, halb neugierigen und halb verstndniklaren Augen zu ihm auf, wie er
jetzt ber die Lehne ihres Stuhles gebeugt mit ihr schwatzte?
    Sie mssen uns ja besuchen, Herr Stein! Ich lade Lisbeth noch dazu, und dann
reiten wir zusammen spazieren.
    Lassen Sie Frulein von Meyen nur zu Hause. Ich ziehe die Duetts den
Terzetts bei weitem vor.
    Ist das wahr? Aber meine Cousine ist ein sehr hbsches Mdchen. Finden Sie
nicht?
    Frulein Lisbeth ist ein reizendes Wesen, das nur den einen Fehler hat, Sie
zur Cousine zu haben, und nur den einen Fehler begeht, sich zu hufig neben Sie
zu stellen.
    Warten Sie, das sage ich ihr wieder -
    Sie wrden mich dadurch dem Ha der jungen Dame aussetzen und mir dafr eine
Entschdigung schuldig sein.
    Und liegt diese Entschdigung in meiner Macht?
    Nein, in Ihren Augen.
    Sie Sptter, kommen Sie, die Reihe ist an uns.
    Oswald hatte sich in der folgenden Pause zwecklos in den Zimmern
umhergetrieben. Als er in den Ballsaal zurckkam, sah er sich vergeblich nach
Emilie von Breesen um. Halb und halb sie suchend und auch wieder ohne Plan, von
seinen bsen Gedanken gejagt, weiter irrend, gerreth er in eine andere Flucht
von Zimmern, die an der den Spielzimmern entgegengesetzten Seite an den Ballsaal
stie und in welchen er bis jetzt noch nicht gewesen war. Nur hie und da brannte
noch ein halb verlschendes Licht auf einem Wandleuchter oder vor einem Spiegel
und zeigte ihm wie in einem bsen Traum ein altes gebruntes Familienportrait
oder sein eigenes bleiches Gesicht. Die Sthle standen wirr durcheinander. Die
Fenster waren mit Vorhngen verhllt. Durch die Spalten schimmerte der Mond, der
jetzt aufgegangen war, herein und zeichnete hier und da einen hellen Streifen
auf die Teppiche des Fubodens. Oswald trat, um frische Luft zu schpfen, an
eins dieser Fenster. Als er den dunkelrothen, schweren Vorhang zurckschlug,
fuhr eine weie Gestalt, die in der tiefen Nische des Fenster auf einem
niedrigen Rohrsessel gesessen und den Kopf in die Hand gesttzt hatte, scheu
empor und stie einen leisen Schrei der Ueberraschung aus. Oswald wollte den
Vorhang wieder fallen lassen und sich zurckziehen, als die Gestalt einen
Schritt auf ihn zutrat und die Hand lebhaft nach ihm ausstreckte. Und ein Paar
weiche Arme umschlangen ihn und ein knospender Busen wogte strmisch an seiner
Brust; zwei glhende Lippen preten sich auf seinen Mund und eine leise Stimme
hauchte: Oswald, o mein Gott, Oswald!
    Ein Knabe, der mit seinem Schwesterchen gespielt und aus Unachtsamkeit das
Kind schwer verletzt hat, kann nicht bestrzter und erschrockener sein, wenn er
das Blut der Kleinen flieen sieht, wie es Oswald war, als er die Thrnen des
Mdchens auf seiner Wange fhlte. Sein wahnsinniger Rausch von Liebe und
Eifersucht war in einem Augenblicke verflogen. Was hatte er gethan? Er hatte die
schnde Rolle des listigen Finklers gespielt; er hatte das arme Vgelchen mit
Schmeichelworten und Liebesblicken gelockt, bis es zu ihm herangeflattert kam
und sich an seinen Busen schmiegte.
    Mein Frulein, flsterte er, indem er sanft den Kopf des Mdchens, das jetzt
leise an seiner Brust schluchzte, emporzuheben suchte, Emilie, theures Kind, um
Gotteswillen, beruhigen Sie sich! Bedenken Sie, wenn Jemand Sie hier she, oder
hrte -
    Was gehen mich die Andern an, ich liebe Dich, murmelte das Mdchen.
    Mein bestes Frulein, ich beschwre Sie, kommen Sie zu sich, machen Sie sich
nicht unglcklich -
    So lieben Sie mich nicht, sagte das leidenschaftliche Mdchen, sich schnell
emporrichtend, so lieben Sie mich nicht? Gut, ich gehe -
    Sie machte einen Schritt nach dem Vorhang hin, aber die Leidenschaft hatte
ihre Krfte aufgezehrt. Sie schluchzte laut auf und wre zu Boden gestrzt,
htte Oswald sie nicht in seinen Armen aufgefangen. Seine Lage war so peinlich
wie mglich. In jedem Augenblick frchtete er, Stimmen in dem Zimmer zu hren,
den Vorhang zurckschlagen zu sehen - und wiederum, die Aermste in diesem
Zustand halber Ohnmacht zu verlassen, zumal da er ihr schicklicherweise Niemand
zu Hlfe senden konnte, war ihm unmglich. Und doch mute er sich losreien,
denn er fhlte, wie das fr einen Augenblick zurckgedrngte Fieber seiner
Sinne, je lnger diese wunderliche Situation whrte, wieder hei und immer
heier durch seine Adern zu rieseln begann. - Zrtliche, liebevolle,
leidenschaftliche Worte mischten sich, er wute selbst nicht wie, in seine
leisen Bitten; eine unwiderstehliche Gewalt drckte ihm den jugendlichen Leib
fester und fester in die Arme, lie seine Lippen flchtig die Lippen, die Augen,
das Haar des holden Geschpfes berhren. Mehr, als alle Worte es vermocht
htten, brachten diese Zeichen der Liebe das leidenschaftliche Kind wieder zu
sich.
    So liebst Du mich also doch, Oswald? flsterte sie, sich innig an ihn
schmiegend.
    Ja, ja, Holde, wer knnte so grausam sein, Dich nicht zu lieben. Aber bei
Ihrer Liebe beschwre ich Sie, verlassen Sie mich jetzt, ehe es zu spt ist. Ich
sehe Sie im Saale wieder.
    Das Mdchen legte noch einmal ihren Kopf an seine Brust, als ahnte ihr, da
er da zum ersten und zum letzten Male geruht, und hob noch einmal den Mund zum
Kusse zu ihm empor, als wte sie, da so se verstohlene Ksse sie nun und
nimmer wieder im Leben geben und empfangen wrde. - Die weie, schlanke Gestalt
war verschwunden und nur der Mondschein flimmerte auf dem dunkelrothen Vorhang,
der das Fenster von dem Zimmer trennte. Und jetzt, als Oswald die Hand an den
Vorhang legte, sich womglich auf einem Umwege wieder in den Ballsaal
zurckzubegeben, hrte er die Stimme zweier Mnner, die soeben in das Gemach
traten.

                          Sechsundzwanzigstes Capitel


Wer zum Teufel war denn das, sagte die eine Stimme - es war die Stimme des Baron
Oldenburg - war das nicht die schlanke Emilie? Wonach hat denn die kleine
Menschenfischerin hier im Trben geangelt? - Aber jetzt, Barnewitz, sage ich mit
Hamlet: Wo fhrst Du mich hin? Red', ich geh' nicht weiter. Zweimal habe ich
schon in dem verdammten Clairobscur, das in diesen Rumen herrscht, meine
freiherrlichen Schienbeine mit einem groben Schemelbeine in unangenehme
Berhrung gebracht. Gott sei Dank, hier ist eine Causeuse: eh bien, mon ami,
causons!
    Ich bitte Dich, Oldenburg, sei fr einen Augenblick ernsthaft, sagte Herr
von Barnewitz, und seine Stimme klang seltsam gepret - mir ist wahrhaftig nicht
lcherlich zu Muthe.
    Ihr seid seltsame Menschen! Du und Deines Gleichen. Ihr glaubt, ein
ehrlicher Kerl knne kein ernsthaftes Wort vorbringen, ohne eine
Leichenbittermiene dabei zu machen. Der Humor ist Euch ein unbekannter Luxus.
Nun wohl, mein ernsthafter Freund, was hast Du?
    Hre, Oldenburg -
    Still! wir sind doch hier unbelauscht? Mir war, als hrte ich eine Ratte
hinter den Tapeten!
    Es war nichts.
    Eh bien, so verknde mir in mglichst verstndlichen Worten Deine
Trauermhr.
    Die Stimmen der Redenden wurden leiser, aber nicht so sehr, da Oswald nicht
jedes Wort deutlich hrte. Er verwnschte seine Situation, die ihm die Rolle des
Lauschers aufzwang; aber er sah keine Mglichkeit zu entrinnen. Da Oldenburg
Frulein von Breesen erkannt hatte, wrde er die Ehre dieser jungen Dame
preisgegeben haben, wre er jetzt aus seinem Versteck hervorgekommen. Er
versuchte, ob er nicht geruschlos das Fenster ffnen knne, um mit einem khnen
Sprunge ber die Stachelbeerhecke fort, die sich unter demselben hinzog, in den
Garten, und von dort durch die offene Thr des Ballsaales in diesen
zurckzugelangen, aber er stand von diesem Vorhaben, als zu gewagt, ab, und
ergab sich, nicht ohne heimlich seinen Unstern zu verwnschen, in die halb
lcherliche, halb rgerliche Situation.
    Oldenburg, sagte Barnewitz, hat Dich Cloten gebeten, ihn zu meiner Frau zu
setzen, oder war es blos ein Einfall von Dir?
    Wie kommst Du auf diese seltsame Frage?
    Gleichviel! beantworte sie mir nur?
    Nicht, bevor ich wei, wo dies Alles hinaus soll!
    Ich will eine Antwort und keine Ausflucht, sagte der wthende Edelmann.
    Euer Drohen hat keine Schrecken, Cassius, antwortete Oldenburg mit einem
Tone, dessen knigliche Ruhe sonderbar mit dem heisern, leidenschaftlichen Ton
der Stimme des Andern contrastirte. Ich sage Dir noch einmal, Barnewitz,
entweder Du sagst mir, was meine Aussage in dieser Sache fr eine Bedeutung hat,
oder ich verweigere, Dir Rede zu stehen.
    Nun wohl, die Sache ist kurz und bndig die: Cloten liebt Hortense!
    O! und vice versa: liebt Deine Frau auch diesen liebenswrdigen Jngling?
    Der Teufel soll ihn holen.
    Ein hchst christlicher Wunsch, dem ich mich von ganzem Herzen anschliee.
Seit wann spielt dieses romantische Verhltni?
    Seit wir von unserer Reise zurck sind.
    Und welche Beweise hast Du?
    Tausend!
    Und was gedenkst Du zu thun?
    Herr Gott des Himmels, Oldenburg, Du fragst, als ob es sich um eine
Whistpartie handelte! Umbringen will ich den Schuft, mit der Hetzpeitsche will
ich ihn von meinem Hofe jagen, ihn und seine Maitresse!
    Bon! Und willst Du mir einen dieser tausend Beweise nennen?
    Nun, ich dchte, der heutige Abend wre Beweis genug. Erst lt sie sich von
ihm zu Tische fhren, hernach coquettirt sie mit ihm auf eine unverschmte Weise
-
    Halt, wer hat Dir das gesagt?
    Der junge Grieben.
    Dann sage dem jungen Grieben, da er sein Spatzengehirn zu etwas Besserem
verwenden knnte, als so alberne Geschichten zu erfinden und sie Dir zuzutragen.
Ich habe nher gesessen, als er, und bin mindestens kein schlechterer
Beobachter, und ich sage Dir, da Deine Frau und Cloten sich ber Tische so
anstndig benommen haben, wie - man es nur von einem Edelmann und einer Edelfrau
erwarten kann. Und dann bedenke doch geflligst, da das ganze Arrangement nur
ein Einfall, und wie ich jetzt sehe, ein schlechter Einfall von mir war.
    Ich kann mich darauf verlassen, Oldenburg?
    Ich meine gewhnlich, was ich sage.
    Aber es ist doch wahr! knirschte von Barnewitz.
    Lieber Freund, ich kann darber gar nicht urtheilen, und Du wrdest mich
also ausnehmend verbinden, wenn Du mich aus dem Handel lieest. Willst Du aber
meinen freundschaftlichen Rath, so steht er Dir gern zu Diensten.
    Was soll ich thun?
    Deine Hetzpeitsche an der Wand hngen lassen, und auf jede Weise einen
Scandal vermeiden, in welchem sich derjenige immer am meisten blamirt, auf
dessen Kosten der ganze Spectakel schlielich aufgefhrt wird, c'est  dire: der
Ehemann. Sodann rathe ich Dir, zu bedenken, da unsere chronique scandaleuse
berreich ist an dergleichen Geschichten, und da, wenn alle gekrnten Hupter
unter uns bei jedem neuen Ende, das ihrem Schmucke angesetzt wird, zur
Hetzpeitsche greifen wollten, schlielich keine Seiler und Riemer im Lande mehr
aufzutreiben sein wrden. Drittens erlaube ich mir, Dir den unmageblichen Rath
zu ertheilen: schaffe die Hlfte von Deinen Jagdhunden, und Deine smmtlichen
Maitressen ab. Lasse die Hasen ihren Kohl in Ruhe fressen, und die Bauerbengel
ihre Schtze in Frieden kssen; bekmmere Dich mehr um Hortense, die, wie alle
Frauen, nichts Besseres verlangt, als geliebt zu werden, und die eine viel zu
kluge Dame ist, als da ihr, wenn sie die Wahl zwischen Dir und Cloten hat,
Deine Vorzge nur einen Augenblick verbogen bleiben knnten. Und schlielich,
la uns wieder unter Menschen gehen, denn dieses philosophische Gesprch in dem
mystischen Halbdunkel hat mich auerordentlich angegriffen, und mich verlangt
herzinnig nach einem Glase Champagner.
    Ja, das ist wahr, sagte der halb betrunkene Barnewitz; ich bin ein ganz
anderer Kerl, als dieser verdammte Hasenfu, dieser Cloten. Und Hortense wei
das auch recht gut, ha, ha, ha! S'ist auch wahr: ich habe in der letzten Zeit
ein bischen flott gelebt. Weit Du, unsere italienische Reise hat mich
eigentlich so liederlich gemacht. Die verdammten Weibsen mit ihren schwarzen
glnzenden Augen - Ja und  propos, glnzende Augen. Was ich Dich immer fragen
wollte: ist es denn jetzt ganz vorbei mit Dir und der Berkow?
    Mit mir und Frau von Berkow? Welch' tolle Blasen treibt denn Dein Gehirn nun
schon wieder? Was soll vorbei sein zwischen ihr und mir?
    Aber Oldenburg, Du wirst einem alten Fuchs wie mir doch nicht einreden
wollen, da Du die sen Trauben nur immer fein suberlich aus der Ferne
bewundert hast?
    Hre, mein Schatz, sagte Oldenburg, und seine Stimme klang scharf wie ein
zweischneidiges Messer; Du weit, ich verstehe Scherz, wie Einer; wer es aber
wagt, Melitta's Ehre zu begeifern, beim allmchtigen Gott: er stirbt von meiner
Hand.
    Nun sieh', wie heftig Du gleich wieder wirst.
    Ich heftig? Ich bin so khl wie Champagner in Eis. - Ja, was ich sagen
wollte, versprich mir, Barnewitz, da Du weder heute, noch morgen, berhaupt
nicht, bevor Du mit mir Rcksprache genommen, etwas in dieser Angelegenheit
thust; vor allem Dir gegen Deine Frau nicht das Mindeste merken lt; hrst Du,
Barnewitz, nicht das Mindeste.
    Ja, der gute Rath kommt nur zu spt, sagte Barnewitz; ich habe schon im
Vorbergehen ein paar Worte gegen Hortense fallen lassen; ich sage Dir: sie
wurde bleich wie die Wand. Der verdammte Hallunke!
    Das war sehr unrecht und sehr unritterlich, mein Ritter von der traurigen
Gestalt, sagte Oldenburg; alte Weiber schwatzen, Mnner handeln; solche Scenen
zwischen einem heulenden Weibe und einem polternden Ehemanne finde ich ber alle
Begriffe plebejisch und gemein, und das Bewutsein, da wir im Rechte, der
andere im Unrechte ist, sollte uns doppelt mild, zartfhlend und nachsichtig
machen. Im Unrecht sein, und es noch dazu eingestehen mssen, ist an sich schon
Unglck genug.
    Ach Oldenburg, das ist Alles fr mich zu hoch. Und dann, Du kennst die
Weiber nicht, wenn Du glaubst, sie nehmen sich dergleichen so sehr zu Gemth.
Zum einen Ohr hinein, zum andern wieder heraus. Komm Oldenburg, und berzeuge
Dich, ob Du Hortense ansehen kannst, da ich ihr vor zehn Minuten gesagt habe,
ich wrde Cloten die Knochen im Leibe entzwei schlagen, wenn die verdammte
Geschichte nicht sofort ein Ende nhme.
    Ja, ja, Du bist der wahre Othello! Und ich in meiner gutmthigen Dummheit
versuche diesen brutalen Mohren zu einem civilisirten Europer zu waschen!
Quelle btise!
    Als Oswald die Stimmen der Redenden nicht mehr vernahm, und die Musik, die
aus dem Saale herbertnte, zeigte, da der Tanz wieder begonnen hatte, kam er
aus seinem Versteck hervor. Er vermuthete, da diese Flucht von Zimmern auf
einem langen Corridor enden msse, den er beim Hinaufgehen in den Speisesaal
bemerkt hatte. Er hatte sich nicht getuscht. Schon aus dem nchsten Zimmer
fhrte eine Thr auf den Corridor. Aus demselben gelangte er auf den Hausflur
und von dort, ohne irgend Aufsehen zu erregen, in den Empfangsaal und die
Gesellschaftszimmer. Hier und da wurde noch gespielt, aber die meisten
Herrschaften hatten sich nach dem Ballsaale begeben, wo demnchst der Cotillon
getanzt werden sollte. Dahin begab sich denn auch Oswald. Sein Auge suchte und
fand alsbald Emilie von Breesen. Er traute seinen Augen kaum, so ganz schien sie
ihm verwandelt; aus dem wilden Mdchen von heute Nachmittag war eine Jungfrau
geworden. Sie erschien ihm grer und bedeutender; ihr vorher rosiges Antlitz
war jetzt bleich, aber ihre Augen leuchteten mit einem ganz ungewhnlichen
Feuer, und fr die Scherze ihres Tnzers hatte sie kein Lcheln mehr. Sobald sie
Oswald ansichtig wurde, zuckte ein Freudenblitz ber ihr Gesicht. Eifrig wandte
sie sich zu ihm, als er in ihre Nhe trat.
    Auf ein Wort, Herr Doctor! - und dann im leisen Ton: Ich tanze den Cotillon
mit Ihnen, ich wei, Sie sind noch nicht engagirt; ich habe den Grafen Grieben
so zur Verzweiflung gebracht, da er soeben mit seinen Eltern fortgefahren ist.
Er vermuthet wahrscheinlich, das werde groen Eindruck auf mich machen, der
Narr! Entschuldigen Sie, Herr von Sylow, ich bin noch zu angegriffen. Tanzen Sie
eine Extratour mit meiner Cousine. Sie schmachtet nach Ihnen. - Gott sei Dank,
da er fort ist! - Oswald, liebst Du mich? liebst Du mich wirklich? Ich kann es
kaum glauben. Mir schwindelt der Kopf; ich mchte laut aufjauchzen vor Wonne. O,
bitte, bitte, sieh' mich nicht so an, ich mu - mu Dir sonst um den Hals fallen
und Dich kssen, wie vorhin. Bist Du mir bs, Oswald? Es war wohl recht schlecht
von mir. Aber sieh, ich konnte nicht anders. Warum sprichst Du nicht Oswald?
    Weil es so s ist, Ihrem Geplauder zuzuhren.
    Ich bin wohl ein rechtes Kind, nicht wahr? Aber warum nennen Sie mich nicht
Du?
    Glaubst Du denn, Holde, da man nur die liebt, die man Du nennt?
    Nein, aber da man die Du nennt, die man liebt. O, ich finde dies Du so
himmlisch. Gott sei Dank, der Tanz ist zu Ende. Komm, wir wollen uns einen guten
Platz suchen, den dort in der Ecke am Fenster.
    Die Herren waren eifrig beschftigt, nach den vorher von ihren Damen
eingeholten Instructionen, die Sthle zu arrangiren; schon war der Kreis fast
geschlossen, als pltzlich durch das Plaudern und Lachen der bermthigen
Jugend, und das Quinquiliren der armen gequlten Musiker auf ihren seit einiger
Zeit sehr widerspnstigen, Instrumenten, und das Klappern der Glser und Tassen
auf Prsentirtellern und in den Hnden der Durstenden - Stimmen aus dem
Nebenzimmer ertnten, die nichts weniger als festlich klangen - laute, von Wein
und Wuth heisere Stimmen, drohende Worte hinber und herber - nur ein paar
Worte, aber gerade genug, um wenigstens alle, die sich auf dieser Seite des
Saales befanden, fr einen Moment aus ihrem Freudentaumel aufzuschrecken.
Freilich auch nur fr einen Moment, denn ein mit unfeinen Worten gefhrter
Streit war der hier versammelten Gesellschaft nichts Unerhrtes und dauerte
nicht immer so kurze Zeit, wie diesmal. Auch dieser Vorfall wrde, wie so viele
andere hnliche, kein weiteres Aufsehen erregt haben, wenn nicht ein zweiter
Vorfall, der sich in dem Ballsaale ereignete, dem ersteren eine eigenthmliche,
und fr die Scharfsinnigeren wenigstens keineswegs rthselhafte Bedeutung
gegeben htte. Kaum waren nmlich die drohenden, heiseren Stimmen nebenan von
einer dritten, die eine groe Autoritt ber die trunkenen Lapithen ausben
mute, zum Schweigen gebracht, als Hortense von Barnewitz, die mit dem jungen
Herrn von Sllitz den Cotillon tanzen sollte, den Arm dieses Herrn fate, der,
ihre Blsse bemerkend, schnell einen Stuhl herbeizog, auf welchen sie ohnmchtig
niedersank. Die Bestrzung der Gesellschaft war natrlich sehr gro. Trotzdem,
da ein Dutzend Riechflschchen sofort zur Hand waren, und mit dem Inhalt
derselben die Stirn, die Augen, die Schlfe der schnen Ohnmchtigen reichlich
benetzt wurden, dauerte es doch einige Minuten, bis Hortense nur so weit zu sich
kam, um mit blassen Lippen den sie umgebenden Damen ihren Dank zuzulcheln, und
sie mehr mit Blicken, als mit Worten zu bitten, sie aus dem Ballsaale zu fhren,
was denn auch alsbald geschah. Die Zurckbleibenden sahen einander an, als wenn
sie fragen wollten, was hatte denn das zu bedeuten?
    Mit dem Balle ist es nun wohl vorbei? fragte Adolf von Breesen, der mit
seiner jungen Cousine Lisbeth, welche er anbetete, zum Cotillon engagirt war,
kleinlaut Oswald, der neben ihm stand.
    Ich frchte, ja, antwortete dieser.
    Wir tanzen doch weiter? fragte eine dritte Stimme.
    Unmglich, sagte Herr von Langen, ich habe schon anspannen lassen.
    Was war denn das eigentlich vorhin fr eine Geschichte zwischen Barnewitz
und Cloten? fragte ein Anderer.
    Was wird's sein? Sie haben Beide ein Glas ber den Durst getrunken. Das ist
Alles, sagte von Langen.
    Es sollte mich sehr freuen, wenn das Alles wre, sagte von Breesen; aber ich
frchte, dahinter steckt mehr. Ich hrte, da Cloten ber Hals und Kopf davon
gefahren ist.
    Herr von Barnewitz erschien an Oldenburgs Seite in dem Ballsaal. Das Gesicht
des Barons war so ruhig wie immer, aber das des andern Edelmanns war von
Aufregung, Zorn und allzureichlich genossenem Wein purpurroth; seine Augen
schwammen, und seine Stimme war etwas lallend, als er jetzt den Herren, die ihm
in den Weg kamen, zuredete, den Ball fortzusetzen.
    Aufhren, nach Hause fahren - dummes Zeug - lasse keinen Menschen vom Hofe -
Heda! Champagner hierher! - Nach Hause? Warum? meine Frau wird alle Augenblicke
ohnmchtig mit und ohne Grund - da knnte ich gar keine Gesellschaft geben.
Musik anfangen!
    Aber trotz dieser gastfreundlichen Worte, deren Wirkung durch das
allzusichtlich aufgeregte Wesen des Sprechenden wesentlich beeintrchtigt wurde,
und trotz der ersten Tne der Instrumente, die mit einem schauerlichen Accord
einsetzten, waren nur sehr Wenige bereit, den unterbrochenen Ball wieder
aufzunehmen. Alle Uebrigen fanden pltzlich, da es schon sehr spt sei, da man
zu lange bei Tisch gesessen habe, da es unverantwortlich wre, ein Fest nicht
zu beenden, an welchem die Wirthin selbst nicht mehr theilnehmen knnte - und
was dergleichen Phrasen denn mehr sind, durch die eine Gesellschaft, die einmal
aufbrechen will, ihren Rckzug zu motiviren sucht. Schon hrte man einen Wagen
nach dem andern vorfahren. Mtter suchten ihre Tchter, diese ihrer Shawls und
Tcher - berall ein Aufbrechen, Abschiednehmen, hier ein bermthiger Scherz,
dort eine bswillige Bemerkung, hier ein verstohlenes Liebeswort. - Oswald sah
nicht viel Anderes, als die Gestalt des hbschen, leidenschaftlichen Kindes, das
ihm so schnell so theuer geworden war.
    Hatte er doch noch vor wenigen Minuten ihre Lippen gekt, sah er doch ihre
jungen, strahlenden Augen voller Seligkeit zu sich aufgeschlagen, vernahm er
doch ihre leise, liebedurchglhte Rede. Was Wunder, wenn er in der kurzen Frist,
die ihm mit dem sen Kinde noch beisammen zu sein vergnnt war, Liebe fr Liebe
gab; wenn er dem Augenblicke, der sie trennen wrde, mit kaum geringerer Angst
entgegensah, als das Mdchen selbst, welches bei der Ankndigung, der Wagen sei
vorgefahren, fast in Thrnen ausbrach. Emilie hatte den Augenblick, wo Oswald
sie nach dem Tanze zu ihrer Tante zurckfhrte, wahrgenommen, ihn dieser Dame,
die bei ihr Mutterstelle vertrat, vorzustellen. Ein paar gewandte, witzige Worte
hatten ihn schnell bei der Matrone, die mit dem besten Herzen von der Welt gern
auf Kosten Anderer lachte, in Gunst gesetzt. Auch sie lud Oswald ein, doch ja
recht bald einmal nach Candelin (dem Gute von Emiliens Vater, der Vater litt fr
den Augenblick an der Gicht und hatte deshalb zu Hause bleiben mssen) herber
zu kommen.
    Ja, und dann wollen wir etwas nach der Scheibe schieen, sagte Adolf von
Breesen, der herantrat, um den Damen anzukndigen, da der Wagen da sei. Ich
lade noch ein paar Herren dazu, damit Sie sich nicht allzusehr bei uns
langweilen.
    Ich besitze das Talent, mich zu langweilen, nur in einem sehr bescheidenen
Mae, und berdies glaube ich, da die Gegenwart dieser Damen, und Ihre eigene,
Herr von Breesen, ein besseres Prservativ gegen diese Krankheit ist, als eine
Gesellschaft von hundert Personen, sagte Oswald mit hflicher Verbeugung.
    Siehst Du, Adolf, rief die lebhafte alte Dame, Herr Stein sagt dasselbe, was
ich Dir schon tausendmal gesagt habe: nur langweilige Menschen langweilen sich;
zum Beispiel Du und Deine Schwester, die Ihr jeden Tag hundertmal vor langer
Weile sterben wollt.
    Ich langweile mich nie, Tante, rief Frulein Emilie eifrig.
    Kind, Du beginnst irre zu reden, es ist die hchste Zeit, da wir nach Hause
kommen. Also  revoir, Monsieur.
    Ich bitte um die Gnade, Sie bis zum Wagen begleiten zu drfen, sagte Oswald,
der alten Dame den Arm bietend.
    Vous tes bien aimable, Monsieur, erwiderte sie, den dargebotenen Arm
annehmend. Sind Sie berzeugt, Herr Stein, da Sie nicht von Adel sind?
    Wie von meinem Dasein, gndige Frau. Weshalb?
    Hm; Sie haben in Ihrem ganzen Wesen etwas Chevalereskes, das man heut zu
Tage nur selten und nur bei unsern jungen Leuten aus den besten Familien findet.
Adolf kann in dieser Hinsicht noch sehr viel lernen. Hrst Du, Adolf?
    Ich hre stets auf das, was Sie sagen, liebe Tante, antwortete der junge
Mann, der mit seiner Schwester folgte, auch wenn ich, was Sie sagen, schon ein
oder das andere Mal von Ihnen gehrt haben sollte. Emilie, Kind, wo hast Du denn
die Augen, Du wrst um ein Haar unter das Rad gekommen!
    Die Damen waren eingestiegen, Adolf von Breesen gab dem Kutscher auf dem
Bocke noch eine Instruction ber den einzuschlagenden Weg. Oswald stand an der
geffneten Thr, die Tante hatte sich schon bequem in ihrer dunkeln Ecke zurecht
gesetzt, Emilie hatte sich etwas nach vorn gebeugt. Das Licht von den Laternen
auf dem Bocke und vor der Hausthr fiel auf ihr Gesicht. Ihre Blicke hingen
unverwandt an Oswald; aber sie sah ihn wohl kaum, denn ihre groen Augen waren
von Thrnen verschleiert; sie wagte nicht zu sprechen, aber ihr leise zuckender
Mund war beredt genug. Ihr Bruder sprang in den Wagen und zog die Thr hinter
sich zu. Fort! die Pferde zogen an. Eine kleine Hand in weiem Handschuh winkte
aus dem Fenster. Das war das letzte Liebeszeichen. Im nchsten Augenblick stand
ein anderer Wagen auf dem Platze.
    Oswald kehrte in das Haus zurck. Die Gesellschaft war schon sehr
zusammengeschmolzen; unter den Wenigen, die noch da waren, und, in Mntel und
Shawls gehllt, auf ihre Equipagen warteten, war Niemand von denen, welche
Oswald im Lauf des Tages nher kennen gelernt hatte. Herr von Langen war der
Erste gewesen, der aufgebrochen war, nachdem er seinen neuen Freund auf das
dringendste wiederholt zu einem Besuche aufgefordert hatte. Oswald hatte sich
drauen erkundigt, ob der Wagen von Grenwitz wieder da sei, aber eine
verneinende Antwort erhalten. Je mehr die Gesellschaft sich lichtete, desto
unangenehmer wurde ihm dies ganz unbegreifliche Ausbleiben. Er sah schon im
Geiste, wie er der letzte von Allen sein wrde, und hatte schon beschlossen,
lieber vorher zu Fu aufzubrechen, als schlielich auf die Gastfreundschaft des
Herrn von Barnewitz angewiesen zu sein. Da kam der Baron Oldenburg aus dem
Nebenzimmer und schien Jemand mit den Augen zu suchen. Sobald er Oswald
bemerkte, lenkte er seine Schritte auf diesen zu.
    Wie ist es, Herr Doctor, sagte er, ich dchte, es wre Zeit, nun abzufahren.
    Ich wre schon auf und davon, antwortete Oswald, nur fehlt es mir vorlufig
noch an Ro und Wagen; ich vermuthe, da des Barons Kutscher und Pferde, die
mich abholen sollen, unterwegs eingeschlafen sind.
    Ich mache mir ein besonderes Vergngen daraus, Ihnen einen Platz in meinem
Wagen anzubieten, sagte der Baron. Der kleine Umweg, den ich machen mu, um Sie
vor dem Thore in Grenwitz abzusetzen, wird mir durch das Vergngen Ihrer
Gesellschaft doppelt und dreifach entschdigt.
    Ich nehme Ihr freundliches Anerbieten mit Dank an.
    Eh bien, partons!
    Auf dem Flure trafen sie Herrn von Barnewitz, der augenscheinlich seinen
Pflichten als Wirth nur noch mit der grten Mhe nachkam. Seine Augen waren
blutunterlaufen, seine Stimme war auf eine unangenehme Weise rauh und heiser. Er
schwatzte allerlei tolles Zeug durcheinander, whrend er den einzelnen Gsten,
die er bis an den Wagen begleitete, eine hfliche Phrase mit auf den Weg zu
geben bemht war. Wollen schon fort - na, bleiben Sie gut nach Hause - Johann!
Deinen Wagen fr Frau von Poggendorf - gndige Frau mssen noch einen Augenblick
anspannen lassen. Empfehle mich Ihrem Herrn Gemahl! Ah! Poggendorf, alter Junge,
hatte Dich gar nicht gesehen, la Deine Frau in Teufels Namen allein fahren,
wollen Glas Champagner - Oldenburg, Doctor, auch schon fort? - Unsinn! freue
mich Ihre Bekanntschaft zu machen - schieen wie der Teufel - ist recht, da Sie
den Cloten blamirt haben - ist ganz recht; bist ein famoser Kerl, Doctor,
(zrtliche Umarmung), bist mein Herzensfreund, (Schluchzen), mein bester Freund,
(neue Umarmung), httest ihn todtschieen sollen, den Hallunken.
    Komm, Barnewitz, ich habe Dir etwas mitzutheilen, sagte der Baron, Herrn von
Barnewitz ziemlich derb auf die Schulter schlagend und ihn ein paar Schritte von
dem Wagen fortfhrend. Entschuldigen Sie auf eine Minute, Herr Doctor; Karl!
Platz machen, da die andern Wagen vorfahren knnen.
    Die Beiden gingen eine Weile im Gesprch auf und ab, bald in dem Dunkel des
Hofes fast verschwindend, bald in den lichten Kreis, der das Haus umgab,
tretend. Oswald konnte sich wohl denken, wovon zwischen den Beiden die Rede war.
Ein paar Mal erhob Herr von Barnewitz seine Stimme, aber er senkte sie auch
alsbald wieder vor einem St! oder bist Du nicht gescheut? Oldenburgs, wie eine
wilde Bestie in der Menagerie aufbrllt und sofort schweigt, wenn der Blick oder
die Peitsche des Herrn sie trifft. Dieser Mann bt eine magische Gewalt ber die
Andern aus, sagte Oswald bei sich, whrend er die lange Gestalt des Barons neben
dem um einen Kopf kleineren Barnewitz, wie das personificirte Gewissen neben
einem armen Snder hin und herschreiten sah - ich selbst verspre schon seine
Einwirkung. Es ist ein Dmon in dem Manne, ein Dmon, den man entweder lieben
oder hassen, oder vielmehr lieben und hassen mu, denn ich mchte diesen
Menschen gern hassen und kann es nicht. Und was hat er dir denn auch schlielich
gethan? Wenn er Melitta noch immer liebt, wie ich glaube, so bin ich fr ihn ein
schlimmerer Feind, als er fr mich. Aber warum hat mir Melitta nicht gesagt, wie
ihr Verhltni mit dem langen Gespenst dort war und ist? ich htte sie heute
nicht gekrnkt. Arme Melitta! wie sie mich ansah - und was wrde sie sagen, wenn
sie die Scene in der Fensternische gesehen htte? - Das se, herzige Mdchen! -
und auch ihre Augen waren voll Thrnen, als sie im Wagen sa und mich so
unverwandt anblickte. O! wer knnte so grausam sein, die Liebe dieses holden
Geschpfes zurckzuweisen? Und dennoch:

All' dies Neigen von Herzen zu Herzen -
Ach, wie so eigen schaffet es Schmerzen.

Heiliger Goethe, bitt' fr mich! Du hast ja auch die Lilie nicht verschmht,
weil die Rose so schn ist, und deshalb umgiebt nun ein Kranz von Rosen und
Lilien Dein ambrosisches Haupt. Du httest die kleine Emilie an Dein groes Herz
genommen und httest ihr sanft die ppigen Haare aus der Stirn gestreichelt und
httest sie zrtlich auf die zrtlichen Augen gekt. O, ihr ewigen Sterne, wie
reizend das Kind in dem Augenblicke war! Denn Alles in Allem ist es doch nur ein
Kind, und morgen wird sie in ihrem Daunenbettchen erwachen und glauben, da sie
die Scene in dem Erker getrumt hat.
    So suchte Oswald sein Gewissen zu beschwichtigen - fr den Augenblick gelang
es ihm auch.
    Darf ich jetzt bitten einzusteigen, Herr Doctor? rief der Baron, der mit
Herrn von Barnewitz herantrat. Es bleibt also dabei, Barnewitz?
    Verla Dich darauf! sagte dieser, dem die Unterredung mit seinem Mentor und
die khle Nachtluft sehr wohl gethan zu haben schienen. Verla Dich d'rauf. Ich
gebe Dir mein Ehrenwort, da ich -
    St! sitzen Sie bequem, Herr Doctor? Adieu, Barnewitz! fort, Karl!

                          Siebenundzwanzigstes Capitel


Die Pferde zogen im Galopp an, der leichte Holsteiner-Wagen rasselte ber den
etwas holprigen Damm des Hofes. Im Nu lag das Schlo mit seinen noch immer
lichterhellten Fenstern, die dunklen Scheunen und Stlle, die kleinen
Huslerwohnungen hinter ihnen, und sie befanden sich drauen zwischen den
nickenden Kornfeldern und den nebelverhllten Wiesen. Die kurze Sommernacht ging
zu Ende. Im Osten verkndete ein hellerer Streifen den neuen Tag; die Dmmerung
breitete ber Alles gleichmig ihren grauen Schleier. Gerade vor ihnen nach
Norden wetterleuchtete es von Zeit zu Zeit aus den trben, dichten Dunstmassen.
Alles war noch still auf den weiten Feldern, selbst die Lerche, die
Tagverknderin, sumte noch. Oswald hatte sich in eine Ecke zurckgelehnt, und
sah trumend in die Dmmerung hinaus, nur manchmal, wenn der Dampf von des
Barons Cigarre an ihm vorbeifuhr, wandte sich sein Blick auf diesen, der den Hut
etwas in den Nacken gesetzt, den Kragen seines Rockes in die Hhe geschlagen,
die langen Beine von sich streckend, in Nachdenken versunken schien. So mochten
sie wohl eine Viertelstunde lang schweigend neben einander gesessen haben, als
der Baron pltzlich sagte:
    Sie rauchen ja nicht?
    Nein.
    Darf ich Ihnen eine Cigarre anbieten?
    Ich danke: ich bin kein Raucher!
    Das ist wunderbar.
    Weshalb?
    Weil ich nicht begreifen kann, wie es ein Mensch im neunzehnten Jahrhundert
aushalten kann, ohne Tabak oder Opium zu rauchen, Haschisch zu kauen oder sonst
auf irgend eine Weise das katzenjmmerliche Gefhl seiner elenden Existenz in
etwas abzuschwchen. Und gerade von Ihnen begreife ich es am wenigsten.
    Warum gerade von mir?
    Weil, wenn mich nicht Alles tuscht, Sie vor Sehnsucht nach der blauen Blume
tdtlich erkrankt sind, und in dieser unbefriedigten Sehnsucht auch eines
schnen Tages sterben werden. Sie erinnern sich doch der blauen Blume in
Novalis' Erzhlung? der Blume, nach der Heinrich von Ofterdingen's armes Herz
verschmachtete? Die blaue Blume! Wissen Sie, was das ist? das ist die Blume, die
noch keines Sterblichen Auge erschaute, und deren Duft doch die ganze Welt
erfllt. Nicht alle Creatur ist fein genug organisirt, diesen Duft zu empfinden;
aber die Nachtigall ist von ihm berauscht, wenn sie beim Mondenschein oder in
der Dmmerung des Morgens singt und klagt und schluchzt, und all die nrrischen
Menschen waren es und sind es, die frher und jetzt in Prosa und Versen dem
Himmel ihr Weh und Ach klagten und klagen, und noch Millionen dazu, denen kein
Gott gab, zu sagen, was sie leiden, und die in ihrer stummen Qual zum Himmel
blicken, der kein Erbarmen mit ihnen hat. Ach, und aus dieser Krankheit ist
keine Rettung - keine, als der Tod. Wer nur einmal den Duft der blauen Blume
eingesogen, fr den kommt keine ruhige Stunde mehr in diesem Leben. Als wre er
ein verruchter Mrder, als htte er den Herrn von seiner Schwelle gestoen, so
treibt es ihn weiter, und immer weiter, wie sehr ihn auch seine wunden Fe
schmerzen und es ihn verlangt, das mde Haupt endlich einmal zur Ruhe zu legen.
Wohl bittet er, von Durst geqult, in dieser oder jener Htte um einen
Labetrunk, aber er giebt den leeren Krug ohne Dank zurck; denn es schwamm eine
Fliege in dem Wasser, oder das Gef, und wre es von Asbest, war nicht
reinlich, und so oder so - Erquickung hatte er sich nicht getrunken. Erquickung!
Wo ist das Auge, in das wir einmal geschaut haben, um nie wieder in ein anderes,
glnzenderes, feurigeres schauen zu wollen; wo ist der Busen, an dem wir einmal
ruhten, um nie wieder das Pochen eines anderen, wrmeren, liebedurchglhteren
Herzen hren zu wollen? wo? ich frage Sie, wo?
    Der Baron schwieg; Oswald fhlte sich auf die seltsamste Weise bewegt. Was
der sonderbare Mann an seiner Seite in einem fast elegischen Tone, der
auffallend mit seiner sonstigen herben, rauhen Weise contrastirte, wie trumend,
wie mit sich selbst redend, sprach, das waren so ganz seine eigenen Gedanken,
die er oft und oft, als Knabe schon, und immer wieder im Leben gehabt, da ihm
fast ein Grauen ankam vor dieser geistigen Doppelgngerei. Er fand keine Antwort
auf eine Frage, die er selbst aufgeworfen zu haben schien.
    Es hat mir immer viel zu denken gegeben, hub der Baron wieder an, da der
Mensch sich selbst, seine Existenz erst mehr oder weniger vergessen mu, bevor
er in den Zustand kommt, den wir in Ermangelung eines andern Wortes mit
glcklich bezeichnen, und da wir ihn um so glcklicher nennen mssen, je tiefer
diese Vergessenheit ist. The best of life is but intoxication, sagt Lord Byron;
ja wohl! die Liebe, die Romeo- und Julieliebe, fr die man in den Tod geht, wie
zu einem heitern Fest, ist auch nur ein Rausch! Schlafen ist besser als wachen,
sagt die Weisheit der Inder; das Beste von Allem aber ist der Tod.
    Und doch tdten sich im Verhltni so wenig Menschen - warf Oswald ein.
    Ja, das ist merkwrdig genug, sagte der Baron, besonders heut' zu Tage, wo
die Meisten sich selbst vor den Hamlet-Trumen, die uns in jenem ewigen Schlafe
kommen mchten, nicht mehr frchten.
    Sollte dies nicht ein Beweis dafr sein, da es mit dem vielgeklagten
Unglck dieser Leute so sehr arg nicht sein kann?
    Vielleicht; vielleicht beweist es aber auch nur, wie schwer es dem Menschen
wird, die letzte Hoffnung schwinden zu lassen. Warum schleppt sich der verirrte
Wanderer mechanisch weiter durch den tiefen Schnee? warum spht der arme
Schiffbrchige auf Salas y Gomez ein halbes Jahrhundert ber die de Wasserwste
nach dem rettenden Segel? warum zerschellt sich der auf Lebenszeit Eingekerkerte
nicht den Kopf an der Wand seines Kerkers? warum erhngt sich der arme Schelm,
der morgen frh hingerichtet werden soll, nicht heute Nacht schon in seinen
Ketten? - weil ihr Unglck so gro nicht ist? Pah, glauben Sie doch das nicht -
einzig und allein, weil noch immer ein schwacher Schimmer von Hoffnung, von
Rettung durch die Hlle ihrer Leiden dmmert, wie dort der blasse Streifen im
Osten. Wenn auch dieser matte Schimmer einmal verlschte, dann, ja dann mu die
alte Mutter Nacht ihr armes, verirrtes Kind wiedernehmen, die milde, gute,
liebevolle Todesnacht.
    Nach einer kurzen Pause, whrend welcher der Baron mchtige Dampfwolken aus
seiner Cigarre geblasen hatte, fuhr er in etwas ruhigerem Tone fort:
    Ich bin ein paar Jahre lter als Sie, und das Geschick verstattete mir, in
krzerer Zeit ein greres Stck vom Leben zu sehen, als es sonst wohl dem
Menschen gegeben ist. Ich habe das, wovon der graue Freund dem jungen Wolfgang
in Leipzig eine mglichst groe Portion wnschte: Erfahrung. Ich knnte, mte
wenigstens mittlerweile erfahren haben, da fr mich und meinesgleichen keine
Hoffnung mehr im Leben ist, und dennoch, trotzdem da ich sage: ich habe keine
Hoffnung mehr, hoffe ich im Stillen doch immer auf ein mgliches Glck, wie der
Schwindschtige auf Genesung. Nehmen Sie zum Beispiel eine Gesellschaft, wie
die, aus der wir eben kommen. Ich wei, wie hohl die Freuden dieser Menschen
sind; ich wei, wie kummervolle Gesichter, welch' erbrmliche Armensndermienen
sich hinter den lachenden Gesellschaftsmasken verstecken - ich wei, da dieses
hbsche Mdchen in zehn Jahren eine unglckliche Frau oder eine Idiotin ist, da
dieser prchtige Junge, der den Kopf so hoch trgt und aussieht, als ob er
smmtliche zwlf Arbeiten des Herkules an einem Tage verrichten knne, ein
plumper Landjunker sein wird, der gegen die Bauern das jus primae noctis geltend
macht und nebenbei seine Frau womglich prgelt - das wei ich, und wei noch
mehr, und habe es tausend- und aber tausendmal im Leben gesehen, und doch bin
ich noch so wenig blasirt, da diese trgerische Fata Morgana eine zauberische
Wirkung auf mich hat, bin so wenig ernchtert, da jede hbsche Mdchenblume die
Hoffnung in mir erweckt, ich knnte wirklich einmal im Leben lieben oder geliebt
werden, da jede jugendlich schne mnnliche Erscheinung mich wieder an
Freundschaft glauben macht. Htten Sie mir solchen Unsinn zugetraut?
    Ich htte nicht geglaubt, da Sie so denken, so fhlen knnten.
    Und darin hatten Sie vollkommen Recht, sagte der Baron; ich denke und fhle
so auch nur, wenn ich, wie jetzt, complet betrunken bin. - Was war das?
    Ein greller Schrei tnte aus geringer Entfernung durch den stillen Morgen zu
ihnen herber, - und noch einmal, schriller, verzweifelnder, wie wenn ein Weib -
denn es war eines Weibes Stimme, das Messer in des Mrders Hand blinken sieht.
Vor ihnen in geringer Entfernung lag ein Stck Waldland; der Weg fhrte daran
herum, das Geschrei mute von der andern Seite kommen, die jetzt noch durch ein
paar einzeln stehende Eichen und durch dichtes Unterholz verdeckt war.
    Zu, Karl! zu! schrie der Baron.
    Der Kutscher hieb krftig in die Pferde. Die edlen Thiere, wie voll
Entsetzen ber eine so unwrdige Behandlung, strmten mit einer Schnelligkeit
dahin, die den Insassen des Wagens leicht htte gefhrlich werden knnen. Im Nu
war die Waldecke erreicht. Sobald sie einen Blick auf die andere Seite werfen
konnten, bot sich ihnen das befremdendste Schauspiel dar. - Ein seltsam
gekleidetes, braunes Weib, um deren blulich schwarze Haare ein Stck rothes
Zeug turbanartig gewunden war, lief kreischend her hinter drei Reitern, die ihre
Rosse zur grten Eile spornend, im nchsten Augenblick schon in einer neuen
Biegung des Weges hinter den Bumen verschwunden waren. Als der Wagen des Barons
herandonnerte, sprang das Weib auf die Seite, und rief mit gellender Stimme, die
Hnde flehend erhebend: Mein Kind - mein Kind! sie haben mir mein Kind geraubt!
    Nur mit Mhe konnte der Kutscher die Pferde zum Stehen bringen. Oswald, der
in dem Weibe sofort die braune Grfin erkannt hatte, war vom Wagen
herabgesprungen.
    Rette mein Kind, Herr! rette mein Kind! schrie die Zigeunerin, sich vor ihm
niederwerfend und seine Kniee umklammernd.
    Der Baron lachte.
    Eine ungeheuer romantische Situation, Herr Doctor, rief er vom Wagen herab.
Morgendmmerung, Wlderrauschen, Zigeuner, des Knigs Hochstrae, - wahrhaftig:
reiner Eichendorff! Unterdessen, da Sie die schne Beraubte trsten, will ich
den Rubern nachsetzen, die brigens nur Schafe in Wolfskleidern, das heit ein
paar unserer hohlkpfigen Junker sein werden, die das Ganze fr einen genialen
Spa halten.
    Der auf dem Schimmel war der junge Herr von Nadelitz, sagte der Kutscher,
der die wilden Pferde kaum halten konnte, ber die Schulter gewandt.
    Zu! rief der Baron, wir wollen die Junker Mores lehren! Der Wagen donnerte
weiter.
    Die Zigeunerin hatte sich wieder erhoben. Sie sah dem Wagen nach, der in
rasender Schnelligkeit auf dem hckrigen Waldweg dahinfuhr und jetzt hinter der
vorspringenden Ecke verschwand. Ein seltsames Lcheln flog ber ihr Gesicht,
whrend sie, in athemloser Aufmerksamkeit lauschend, dastand. Dann, als ihr
scharfes Ohr das Rollen des Wagens nicht mehr vernahm, kreuzte sie die nackten
Arme ber der vollen Brust, deren unruhiges Wogen einzig von dem Sturm, der eben
noch ihren ganzen Organismus erschttert hatte, zeugte, und starrte, in tiefes
Nachdenken versunken, dster vor sich nieder. Pltzlich hob sie den Kopf und
sagte, die groen glnzenden Augen auf Oswald heftend:
    Kennst Du den schwarzen Mann, der mir die Czika wiederbringt?
    Ja, Isabell.
    Ist er Dein Freund?
    Nein.
    Aber er wird es einst sein?
    Vielleicht.
    Ist er gut?
    Ich halte ihn dafr.
    Gedenkst Du noch des Nachmittags am Sumpfesrand, Herr?
    Ja, Isabell.
    Kannst Du die Stelle wiederfinden?
    Ich glaube, ja; - weshalb?
    Willst Du, wenn wiederum der volle Mond, wie heute Nacht, am Himmel steht,
den schwarzen Mann an diese Stelle fhren? O, sage: ja! bei Deiner Liebe zu der
schnen, guten Frau, bei den Gebeinen Deiner Mutter beschwre ich Dich, sage:
ja!
    Die Zigeunerin hatte sich abermals vor Oswald auf die Kniee geworfen, und
blickte, die Hnde ber den Busen kreuzend, flehend zu ihm empor.
    Steh' auf, Isabell; sagte der junge Mann: ich will Deinen Wunsch erfllen,
wenn ich kann.
    Die Zigeunerin ergriff seine Hnde, die er nach ihr ausstreckte, sie vom
Boden zu heben, und kte sie mit leidenschaftlicher Dankbarkeit. Dann sprang
sie empor, eilte ber die Breite des Weges dem Walde zu, und war im nchsten
Augenblicke schon in dem dichten Gestrpp, durch das sie mit der Kraft und
Schnelligkeit des Hirsches sprang, verschwunden.
    Ehe sich Oswald von dem sprachlosen Erstaunen, in welches ihn das
rthselhafte Betragen der braunen Grfin versetzt hatte, erholen konnte, vernahm
er schon das Rollen des Wagens, der in derselben Eile, mit der er sich vorhin
entfernt hatte, zurckkam. Aber bevor das Fuhrwerk die vorspringende Waldecke,
hinter der es verschwunden war, erreicht hatte, hielt es pltzlich, und um die
Bsche herum kam der Baron, im bloen Kopf, die kleine Czika auf dem Arm
tragend.
    Wir haben gejagt, wir haben gefangen! rief er schon von Weitem. Die feigen
Wlfe lieen, sobald sie sahen, da sie verfolgt wurden, die schne Beute
fahren, und machten, da sie davon kamen. - So, Du kleiner Ganymed, nun sieh'
zu, ob Dich Deine Fe wieder tragen -
    Der Baron lie das Kind aus seinen Armen auf den Boden gleiten. Aber wo ist
denn die Mutter geblieben, oder wer sonst das braune Weib war? fragte er,
erstaunt, Oswald allein zu finden.
    Oswald theilte ihm in kurzen Worten mit, was sich whrend seiner Abwesenheit
zugetragen hatte.
    Nun, das ist nicht bel, sagte der Baron; ein Sache wird immer romantischer.
Vollmond, Sumpfesrand, ein schlaues gyptisches Weib und zwei gute deutsche
Jungen, die sich nasfhren lassen! - was sollen wir denn mit der Czika, wie Sie
die kleine Prinzessin nennen - denn ich wette, es ist ein gestohlenes Knigskind
- unterdessen anfangen?
    Wenn wir sie nicht auf der offenen Landstrae zurcklassen wollen, werden
wir uns wohl entschlieen mssen, sie mit uns zu nehmen.
    Aber das Kind wird nicht mit uns gehen wollen. Hre, kleine Czika, willst Du
mit mir gehen?
    Ja, Herr, sagte das Kind, das bis jetzt, ohne eine Spur von Besorgni,
Furcht oder Angst zu verrathen, ruhig da gestanden hatte.
    Hm! sagte der Baron, da komme ich ja zu einem Adoptivkinde, ich wei nicht
wie.
    Er war mit einem Male sehr ernst geworden. Er streichelte der Czika die
blauschwarzen seidenen Locken von der feinen Stirn und betrachtete sie lange
unverwand.
    Wie schn das Kind ist! murmelte er; wie wunderschn! Und wie gro es
geworden ist! - komm mit mir, kleine Czika, Du sollst es gut, sehr gut bei mir
haben; ich will Dich mehr lieben, als Deine Mutter, die Dich so schnde
verlassen, Dich je geliebt hat.
    Mutter verlt die Czika nicht; sagte das Kind, ruhig zum Baron
emporblickend; Mutter ist, wo Czika ist; Mutter ist berall.
    Sich von den Mnnern abwendend, legte es die Hndchen an den Mund; und in
den stillen Wald hinein gellte ein Schrei, dem Ruf des jungen, hungrigen Falken
tuschend hnlich.
    Das Kind neigte den Kopf und lauschte; der Baron und Oswald hielten
unwillkrlich den Athem an.
    Da tnte aus dem Walde, aber offenbar schon aus grerer Entfernung, die
Antwort: der helle, wilde Schrei des alten Falken, wenn er aus seiner luftigen
Hhe, tief unter sich, die sichere Beute erspht hat.
    Siehst Du, Herr, sagte das Kind; Mutter verlt die Czika nicht; wenn Du die
Czika mit Dir nehmen willst, die Czika will mit Dir gehen.
    Nun denn, so komm, Du junge Falkenbrut! sagte der Baron, das Kind bei der
Hand ergreifend. Kommen Sie, Doctor! Ich glaube, da Karl den Riemen, der vorhin
ri, wohl wieder zusammengeflickt haben wird. Da kommt er schon. Alles in
Ordnung, Karl?
    Ja, Herr!
    Die Herren stiegen ein, und nahmen das Kind zwischen sich.
    Fort! rief der Baron; scharfen Trab!
    Bald kamen sie aus dem Walde auf die weite Haide, die sich zwischen
Faschwitz nach Grenwitz hinzieht, dieselbe Haide, auf der Oswald die alte Frau
aus dem Dorfe getroffen hatte. - Es war noch eine halbe Stunde vor
Sonnenaufgang. Am stlichen Himmel legte sich ein Purpurstreifen ber den
andern. Die Luft wehte vom Meer khl her ber das feuchte Moor.
    Die kleine Czika hatte sich dicht an den Baron geschmiegt und war fest
eingeschlafen.
    Wie leicht das Kind gekleidet ist, sagte dieser; es wird sich erklten in
der scharfen Morgenluft.
    Er richtete sich in die Hhe, zog seinen Ueberrock aus, hllte die Kleine
hinein, nahm sie auf den Schoo, und legte ihren Kopf an seine Brust.
    So, so! sagte er gtig, so so! und dann zu Oswald, der in Nachdenken ber
den rthselhaften Charakter des Mannes an seiner Seite versunken, schweigend
dagesessen hatte: Ich komme Ihnen ein ganz klein wenig toll vor; nicht wahr,
Doctor?
    Nein, sagte dieser, den Kopf emporhebend; nicht im mindesten.
    Das kommt, weil Sie an derselben Krankheit laboriren.
    Was Andere vor Erstaunen sprachlos macht, erscheint uns ganz natrlich; und
was die guten Leute und schlechten Musikanten fr ganz selbstverstndlich
halten, kommt uns oft geradezu fabelhaft vor. Ihnen wird es wohl nicht
unglaublich erscheinen, wenn ich Ihnen sage, da mir dieses Kind hier nun schon
zum dritten Male im Leben begegnet, und da ich so aberglubisch bin, in dieser
dreimaligen Begegnung viel mehr zu sehen, als einen bloen Zufall, wie ich denn
berhaupt mit Wallenstein der Meinung bin, da es keinen Zufall giebt.
    Und wo und wann glauben Sie die Czika gesehen zu haben?
    Das erste Mal vor vier Jahren in England. Ich ritt mit einem paar meiner
englischen Freunde in dem abgelegensten Theile eines Parks. Als wir im Galopp um
eine Ecke auf die Landstrae biegen, steht ein Kind da - ein braunes Kind mit
groen, glnzenden, schwarzen Augen - und hebt die Hndchen bittend empor. Ich
achtete seiner, in lebhaftem Gesprch begriffen, kaum. Als wir ein paar hundert
Schritte weiter geritten sind, packt es mich pltzlich wie mit Geisterhand. Ich
kann die Empfindung, die mich berkam, nicht beschreiben. Mir war, als htte
ich, an diesem holden, hlflosen Geschpf gleichgltig vorberreitend, einen
Frevel begangen, der mich zu dem erbrmlichsten aller Menschen machte. Ich warf
mein Pferd herum und jagte, wie wahnsinnig, nach dem Orte zurck. Das Kind war
verschwunden. Ich rief nach ihm; ich stieg ab; ich durchsuchte die nchsten
Gebsche; die Freunde halfen, trotzdem sie ber meine Tollheit, wie sie es
nannten, lachten. Vergebens.
    Das zweite Mal sah ich das Kind in Aegypten. Es sind jetzt gerade zwei
Jahre. Wir, das heit, eine kleine Caravane von Nilfahrern, die sich zufllig
zusammengefunden hatten, durchzogen, auf Eseln reitend, die engen, winkligen
Straen Asyuts. Neben einer offenen Thr, durch die wir auf den stillen,
schattigen Hof einer Moschee blickten, stand in der Nische der Mauer ein Kind,
lter wie das Kind aus dem Park, und jnger wie das, welches hier in meinen
Armen ruht, aber dasselbe braune Kind mit den blauschwarzen Locken und den
leuchtenden Gazellenaugen. Wieder streckte es die Hndchen bittend nach den
Vorbergehenden aus, und rief den Ruf, den Sie berall in Aegypten hren:
Backschisch, Howadji, Almosen, o Kaufleute! Ich sah das Kind, und sah es auch
wieder nicht, denn ich war in einer jener verzweifelten Stimmungen, wie sie mich
manchmal berkommen, wo ich Ohren und Augen offen habe, und dennoch weder sehe
noch hre. Als wir um eine Ecke in die nchste Strae biegen, erfat mich genau
dasselbe Gefhl, wie damals im englischen Park, ich springe vom Esel herab,
laufe, was ich kann, nach der Stelle zurck. - Die Nische war leer. Die Thr zum
Hofe der Moschee stand, wie gesagt, offen. Der Hof hatte auf der andern Seite
eine zweite, ebenfalls nicht verschlossene Thr, die auf eine der Hauptstraen
fhrte, in der sich um diese Stunde - es war in der Abenddmmerung - Menschen,
Kameele und Esel durcheinander drngten. Das Kind war und blieb verschwunden,
und mit schwerem Herzen kehrte ich zu meiner Gesellschaft zurck, die sich mein
Davonlaufen menschenfreundlichst durch die Annahme, ich sei urpltzlich toll
geworden, erklrt hatte. - Halten Sie es fr mglich, da dieses Kind, das ich
zuerst im englischen Nebel und das zweite Mal unter dem warmen Himmel Aegyptens
gesehen habe, mir jetzt in dem deutschen Buchenwalde zum dritten Male begegnet?
    Und wre es nicht dasselbe Kind, und - offen gestanden, ich halte es fr
uerst unwahrscheinlich, da es dasselbe ist; antwortete Oswald; es mte Ihnen
dasselbe sein. Ich glaube an den Weltgeist, den ewig gleichen, der sich hinter
den Dingen verbirgt, den ewig wechselnden; ich glaube, da jene Lerche, die dort
aus dem Haidekraut aufsteigt, und singend zum Himmel schwebt, dieselbe Lerche
ist, zu der ich als Kind entzckt emporschaute, bis sie den scharfen Augen im
blauen Raum verloren war: ich glaube, da alle Helden Brder sind und da jeder
Unglckliche eben derselbe Nchste ist, den, wie uns selbst zu lieben, Vernunft
und Herz gleich gebieterisch von uns heischen. - Ob dieses Kind dasselbe ist,
nach dem Sie nun schon zweimal vergeblich suchten - darauf kommt es nicht an;
wohl aber darauf, da Sie nach ihm suchten, da der Ruf des armen verlassenen
Geschpfes jedesmal durch das Erz, mit dem Sie geflissentlich ihre Brust
umpanzern, bis zu Ihrem Herzen drang. - Verzeihen Sie einem Manne, den Sie an
Erfahrung und an Geist so weit berragen, diese Sprache, zu der ihn nichts
berechtigt, als die Hochachtung, die er, halb gegen seinen Willen, vor Ihnen
empfindet. Und verstatten Sie mir noch das eine Wort! Wenn Sie sich entschlieen
knnten, dies Kind zu lieben, so wre es fr Sie ein Geschenk, kstlicher und
reicher, als Aladins Wunderlampe. Liebe ist allenthalben, auer in der Hlle,
lautet ein tiefsinniges Wort Wolframs von Eschenbach; das heit: wo keine Liebe
ist, da ist die Hlle. Die Liebe ist der Duft der blauen Blume, der, wie Sie
vorhin sagten, die ganze Welt erfllt, und in jedem Wesen, das Sie von ganzem
Herzen lieben, haben Sie die blaue Blume gefunden, nach der Sie Ihr Leben lang
vergeblich suchten.
    Ein unsglich wehmthiges Lcheln umspielte des Barons Lippen, whrend
Oswald diese Worte sprach.
    Sie lsen so doch das Rthsel nicht, sagte er leise und traurig, denn eben
die Bedingung, da wir von ganzem Herzen lieben mssen, wollen wir die Qual los
werden, die uns das Leben zur Hlle macht, knnen wir ja nicht erfllen. Wer von
uns kann denn noch mit ganzem Herzen lieben? Wir Alle sind so abgehetzt und
mde, da wir weder die Kraft noch den Muth haben, die zu einer wahren, ernsten
Liebe gehren, zu jener Liebe, die nicht ruht und rastet, bis sie jeden Gedanken
unseres Geistes, jedes Gefhl unseres Herzens, jeden Blutstropfen unserer Adern
sich zu eigen gemacht hat. Wenn Sie noch jung und gut und glubig genug zu einer
solchen Liebe sind - wohl Ihnen! Von mir kann ich nur wiederholen, was ich
vorhin schon sagte: ich habe es aufgegeben, die blaue Blume zu finden, die
wunderholde Blume, die nur dem Glcklichen blht, der noch mit ganzem Herzen
lieben kann. - Doch hier sind wir vor dem Thore von Grenwitz, und wir mssen ein
Gesprch abbrechen, da ich in allernchster Zeit und Ihnen fortsetzen zu knnen
hoffe und wnsche. Leben Sie wohl, und erkundigen Sie sich recht bald persnlich
nach dem Befinden des kleinen Wesens, das ja Ihr Schtzling fast noch mehr ist,
als der meine.
    Der Wagen entfernte sich rasch. Oswald schaute ihm noch lange nach; dann
schritt er, gesenkten Hauptes, ber die Brcke und ber den Hof dem Schlosse zu.
Die Sonne war aufgegangen und badete die grauen Mauern in Frhrothlicht; in dem
thaufrischen Garten jubelten die Vgel, - aber fr Oswald lag ein grauer
Schleier ber dem kstlichen Morgen, denn in seinem Ohr klangen die Worte des
Barons: Wer von uns kann denn noch mit ganzem Herzen lieben? wer von uns hat
denn noch ein ganzes Herz?

                           Achtundzwanzigstes Capitel


Hat Dir das Schlfchen gut gethan, lieber Grenwitz? fragte die Baronin.
    Ich danke, liebe Anna-Maria, recht gut, erwiederte der alte Baron.
    Es war in der Nachmittagsstunde des Tages nach dem ereignungsreichen Balle
in Barnewitz; die Redenden befanden sich in demselben, nach dem Garten hinaus
liegenden Zimmer des Schlosses, in welchem vor ungefhr acht Tagen die
Unterredung zwischen der Baronin und Melitta stattgefunden hatte. Die Baronin
sa wieder, wie damals, in der Nhe der geffneten Flgelthr, die nach dem
groen Rasenplatz fhrte, auf welchem Melitta's Augen Oswald zum ersten Male
erblickten, und wieder nhte die musterhaft fleiige Frau emsig und
unverdrossen, als mte sie sich ihr tgliches Brod mit der Nadel verdienen. Der
Baron sa ihr gegenber in demselben Schaukelstuhl, in welchem sich Melitta
gewiegt hatte. Er erwachte soeben aus einem erquickenden Nachmittagsschlaf und
schaute mit den alten, glanzlosen Augen freundlich durch die offene Thr auf den
Rasenplatz, wo sein Liebling, der Pfau, das prchtige Gefieder im Sonnenschein
erglnzen lie.
    Recht gut! wiederholte er, die Glieder streckend.
    Aber Du siehst doch sehr angegriffen aus; sagte die Baronin, die groen,
kalten grauen Augen forschend auf die verwitterten Zge des Barons heftend;
diese anspruchsvollen, lrmenden Gesellschaften sind wahres Gift fr Dich; und
ich habe mir schon, whrend Du schliefst, im Stillen rechte Vorwrfe gemacht,
da ich gestern nicht frher zum Aufbruch mahnte.
    Aber ich versichere Dich, liebe Anna-Maria, ich befinde mich vortrefflich,
das heit, nicht schlechter als gewhnlich, ober doch nicht viel schlechter,
sagte kleinlaut der gute alte Mann.
    Du mut Dich in dieser Zeit noch recht in Acht nehmen, sagte die Baronin,
wieder emsig nhend; heute ber acht Tage sptestens mssen wir reisen, und Du
wirst zu den Strapazen einer so groen Tour Deine ganze Kraft nthig haben.
Wollte Gott, wir wren Alle schon glcklich wieder hier! Ich entschliee mich
wahrlich hchst ungern dazu. Deine angegriffene Gesundheit - die Gefahren einer
Seereise - und dann: wird Dir das Bad in Helgoland auch wirklich gut thun?
Doctor Braun versichert es freilich, aber wer kann den Aerzten trauen? Schlgt
eine Kur an, triumphiren sie, und schlgt sie nicht an, sind nicht sie daran
Schuld, sondern der Patient, der sich nicht ordentlich gehalten hat. Und was
kmmert es den Herrn Doctor, ob Du gesund oder krank zurckkommst, ob Du lebst
oder stirbst - aber ich, aber wir, - o Grenwitz, was sollte wohl aus uns werden,
wenn Du uns genommen wrdest!
    Die Baronin blickte von ihrer Arbeit empor, und in ihren Augen blinkte
etwas, das man bei einer andern Frau fr eine Thrne gehalten haben wrde.
    Der alte Baron erhob sich von seinem Stuhl, trat auf seine Frau zu und kte
sie zrtlich auf die Stirn.
    Du mut Dir nicht solche Gedanken machen, liebe Anna-Maria, sagte er gtig.
Der liebe, Gott wird mich noch nicht so bald sterben lassen; ich bete jeden
Morgen zu ihm und danke ihm fr jeden neuen Tag, den er mir schenkt, nicht
meinethalben, denn ich bin ein alter Mann und sterben mssen wir ja Alle einmal
- sondern Deinethalben, weil ich wei, wie sehr Dich mein Tod schmerzen wrde,
und auch, weil ich noch gern, bevor ich sterbe, Deine und Helenen's Zukunft
gesichert sehen mchte.
    Der alte Mann hatte sich wieder gesetzt und aus einer goldenen Dose, die
neben ihm auf einem runden Tischchen stand, eine Prise genommen, um die Rhrung,
in die er sich hineingesprochen hatte, schneller zu berkommen; die Baronin
nhte wieder eifrig an ihrer Arbeit.
    Du bist so gut, sagte sie, viel zu gut, denn Du bist es selbst gegen die,
welche Deine Gte in keiner Weise verdienen, und Du hast Dir dadurch manche
schwere Sorge bereitet, deren Du mit ein wenig mehr - ich will nicht sagen:
Egoismus, denn ich hasse das Wort - aber mit etwas mehr Discretion berhoben
gewesen wrest. Du bist jetzt fr meine und Helenens Zukunft besorgt, mit Recht
besorgt. Diese Sorge wre unnthig, httest Du nicht, als Du vor vierundzwanzig
Jahren das Majorat erbtest, die Gter zu wahren Spottsummen an Leute verpachtet,
die jetzt auf Deine Kosten reich geworden sind und noch dazu die Unverschmtheit
haben, uns als habschtig zu verschreien, weil wir im nchsten Jahre die
Contracte nicht unter den alten Bedingungen erneuern wollen; und httest Du
nicht - was ich nie habe begreifen knnen und nie begreifen werde, - damals ohne
alle Noth die enormen Schulden Harald's bernommen deren Abtragung Alles
verschlang, was Deine und spter unsere Sparsamkeit von unsern Renten erbrigen
konnte.
    Dem alten Baron schien das von seiner Gemahlin angeschlagene Thema nicht
besonders angenehm; er nahm, whrend sie sprach, eine Prise ber die andere und
antwortete, als sie jetzt schwieg, nicht ohne einige Lebhaftigkeit:
    Ich kann Dir nicht ganz Unrecht geben, liebe Anna-Maria, aber auch nicht
ganz Recht. Die alten Contracte sind allerdings den Pchtern sehr gnstig, aber
die Zeiten waren damals auch andere; das Geld war nach dem Kriege uerst knapp,
die Gter im Allgemeinen standen sehr niedrig im Werth, und unsere Gter waren,
allerdings durch Harald's Schuld, in Grund und Boden gewirthschaftet. Die
Pchter hatten wahrlich im Anfang ihre liebe Noth, und wenn sie jetzt mit der
Zeit reich und unverschmt geworden sind, so bin ich an dem einen so wenig
Schuld, als an dem andern. Ich habe es gut mit ihnen gemeint, das wei der liebe
Gott. Was aber mein Benehmen Harald's Glubigern gegenber anbetrifft, so wei
ich wirklich noch heute nicht, wie ich es htte anders einrichten sollen. Die
Ehre meiner Familie erforderte, da ich seine Schulden bernahm, denn nicht dem
Baron Harald von Grenwitz, der, das wuten die Leute recht gut, bei der
Unantastbarkeit des Majorats niemals seine Schulden bezahlen konnte, hatten sie
creditirt, sondern der Familie Grenwitz, die nicht zugeben wrde, da einer aus
der Familie ehrlos werde. Und dann hatte ich gegen meinen Vetter Pflichten der
Dankbarkeit. Als er und ich junge Officiere im Regimente waren, und auch im
spteren Leben, hat er stets wie ein Bruder gegen mich gehandelt. Es ist wahr,
ich habe seine Gte nie gemibraucht, und fr jedes Hundert Thaler Schulden, die
er fr mich bezahlt hat, habe ich Tausend fr ihn bezahlt, aber er wrde mich,
davon bin ich berzeugt, aus jeder Verlegenheit gerissen haben, denn seine
Freigebigkeit kannte keine Grenzen.
    Du ereiferst Dich ohne Noth, lieber Grenwitz, ganz ohne Noth, sagte die
Baronin ruhig, whrend der alte Mann von der ungewohnt langen und lebhaften Rede
erschpft, in den Stuhl zurckgesunken war, es fllt mir nicht ein, Dir Vorwrfe
machen zu wollen. Du weit, wie wenig Werth ich selbst auf Reichthum lege, wie
gering meine persnlichen Bedrfnisse sind, und da, wenn ich mir ber die
Zukunft Sorgen mache, es nicht meinethalben, sondern der Kinder wegen ist.
    Ich wei es, liebe Anna-Maria, sagte der Baron; ich wei es. Ich habe Dir
nicht weh thun wollen, und ich bitte Dich wegen meiner Heftigkeit um Verzeihung.
    Eine Pause in dem Gesprche der Gatten erfolgte. Die Baronin nhte emsiger
denn je, der Baron hatte sich seine Brille aufgesetzt, ein Zeitungsblatt
ergriffen, das der Postbote vor einer Stunde gebracht hatte, und begann, die
Lippen leise bewegend - denn Lesen und Schreiben war des guten Mannes Sache nie
gewesen - sich in die Lecture desselben zu vertiefen.
    Personalvernderung in der Armee, murmelte er; der Oberst von -, der Major
von -, lauter alte Bekannte. Der junge Grieben schon Premierlieutenant - das
geht schnell. Dem Secondelieutenant Felix von Grenwitz - Ersuchen - Abschied -
ei der Tausend; ich dachte, Felix wollte nur um Urlaub einkommen, und hier lese
ich, da er seinen Abschied genommen hat.
    In der That! sagte die Baronin, die betreffende Stelle in dem Blatte, das
ihr der Baron hinreichte, lesend, nun das freut mich, freut mich sehr. Ich will
nur gestehen, lieber Grenwitz, da ich Felix selbst diesen Rath ertheilt, und
seinen Austritt aus der Armee mit zu den Bedingungen gerechnet habe, die er
erfllen mte, bevor wir ihm unsere Helene geben knnten.
    Aber warum das? fragte der Baron erstaunt.
    Warum? antwortete die Baronin. Nun, ich dchte, lieber Grenwitz, der Grund
wre doch klar genug. Ich dchte, es wre die allerhchste Zeit, da Felix ein
anderes Leben beginnt, und darauf mchten wir wohl lange vergeblich warten, so
lange er in denselben Kreisen und denselben Verhltnissen bleibt, wo er seine
Lebensweise nicht ndern knnte, selbst wenn er wollte. Ich sehe aus diesem
Schritt, der auch mich berrascht - denn ich glaubte nicht, da er sich so
schnell dazu entschlieen wrde - da es ihm wirklich ernstlich um die Hand
Helenens zu thun ist; und, wie gesagt: ich freue mich, freue mich sehr darber.
    Aber, liebe Anna-Maria, sagte der Baron, sich hinter dem Ohr reibend, fast
verdrielich; wir laden uns auf diese Weise Verpflichtungen auf, die wir am Ende
gar nicht erfllen knnen. Wenn unser Kind, wenn Helene nun -
    Nicht will - meinst Du? unterbrach ihn die Baronin, sich in ihrem Stuhl in
die Hhe richtend, und die Augenbrauen zusammenziehend; o, ich denke, sie wird
wollen; ich denke, sie wird nicht vergeblich gelernt haben, da ein Kind den
Eltern Gehorsam schuldig ist.
    Aber wenn sie den Felix nun nicht lieben kann! sagte der alte Mann
bekmmert.
    Aber, Grenwitz, ich begreife Dich nicht; erwiderte die Baronin; diese
Heirath ist seit langer Zeit unser liebster Wunsch gewesen. Helene hat, die paar
tausend Thaler, die wir bis jetzt zurckgelegt haben und die Ersparnisse, die
wir in den kommenden Jahren etwa noch machen knnen, abgerechnet, kein Vermgen;
denn Stantow und Brwalde gehren vorlufig noch nicht uns, sondern - Dank der
Freigebigkeit des freigebigen Barons Harald - jedem beliebigen Abenteurer, der
unverschmt genug ist, mit ein paar geflschten Zeugnissen in der Hand, die
Gter fr sich zu beanspruchen. Felix' Gter sind allerdings sehr verschuldet,
ich gebe es zu; aber er kann, wenn er nur will, und ich bin berzeugt, da er
jetzt zur Vernunft gekommen ist, sich mit unserer Hlfe wieder herausreien, und
wenn Malte, was der Allgtige verhten wolle! - aber in solchen Dingen mu man
Alles, selbst das Aeuerste bedenken, und Malte's Gesundheit macht mir
unbeschreibliche Sorge - wenn, sage ich, Malte ja vor der Zeit sterben sollte,
so ist Felix Herr von Grenwitz und ich dchte, es mte Dir ein lieber Gedanke
sein, Deine Tochter so gleichsam an Malte's Stelle treten zu sehen.
    In diesem Augenblick ffnete sich langsam die Thr, ein bebrilltes Gesicht
schaute vorsichtig herein, und eine qukende Stimme fragte:
    Darf ich nher treten, Gndigste?
    Ah, sieh, der Herr Pastor! sagte der Baron, aufstehend und dem Eintretenden
entgegengehend, seien Sie bestens willkommen! Wollen Sie nicht ablegen?
    Bitte, bitte Herr Baron - bemhen Sie sich doch ja nicht - ich kann ja
selbst - danke verbindlichst! sagte Pastor Jger, Hut und Stock auf einen Stuhl
legend; ich wollte mich gar nicht aufhalten; - danke verbindlichst - ich wrde
einen Rohrstuhl vorziehen - danke! - ich wollte mich nach dem Befinden der
gndigen Herrschaften erkundigen, denn ich hrte heute Morgen, da Sie das
Zauberfest in Barnewitz gestern mit Ihrer Gegenwart beehrt haben. Recht gut
bekommen? Nicht sonderlich? O! die Frau Baronin sehen in der That etwas
angegriffen aus - und der Pastor blickte, den Kopf wie ein kranker Papagei auf
die rechte Schulter neigend, mit dem Ausdruck des innigsten Bedauerns auf die
Baronin.
    Ich befinde mich leidlich, sagte diese, die Arbeit, die einen Augenblick
geruht hatte, wieder ergreifend; aber Grenwitz scheint die Tour weniger gut
bekommen zu sein.
    O, in der That! sagte der Pastor, den Kopf schnell auf die linke Schulter
neigend. Darf ich Ihnen von meinen Tropfen offeriren, Herr Baron, sechs bis
zwlf auf Zucker?
    Sie sind doch der wahre Arzt fr Seele und Leib, sagte die Baronin, whrend
der Pastor auf eine abwehrende Bewegung des Barons sein Flschchen wieder in das
Papier wickelte und in die Tasche steckte.
    Ja, ja; mens sana in corpore sano, ein gesunder, das heit ein frommer Geist
in einem gesunden Krper, - das habe ich als Knabe in der Schule gelernt, und
suche es jetzt als Mann zu ben. - Wo sind denn aber die lieben Knaben? Noch
beim Unterricht? Ja, ja, der Herr Doctor Stein scheint ein recht strebsamer,
fleiiger junger Mann, unter dessen Anleitung die Junker es mit Gottes Hlfe
recht weit bringen werden.
    Nun glaubte der Pastor Jger mit diesen, Oswald gespendeten Lobsprchen
etwas dem Baron und mehr noch der Baronin besonders Wohlgeflliges gesagt zu
haben. Oswald ruhiges, sicheres Auftreten hatte ihm gewaltig imponirt; Primula
Veris, deren Urtheile ber Dinge und Menschen ihm Evangelien waren, hatte seit
acht Tagen nur das Lob des jungen Gastfreundes gesungen, der ihr in einer
Stunde mehr Verbindliches gesagt hatte, als ihr sonst vielleicht in einem Jahr
gesagt wurde; heute Morgen hatte Frau von Plggen, die Nachbarin und gute
Freundin Primula's, dieser einen Besuch gemacht, um ihr von dem gestrigen Balle
den pflichtschuldigen Bericht abzustatten. Frau von Plggen, eine Dame, die
schon erwachsene Tchter hatte, aber noch immer gern die Jugendliche spielte,
war entzckt von Oswald, welcher ihr mit scheinheiliger Miene versichert hatte,
sie knne sich getrost fr ihre jngste Tochter ausgeben. Sie erzhlte der
horchenden Primula, welche Sensation Oswalds Geschicklichkeit im Schieen unter
den jungen Mnnern hervorgebracht, welche Anerkennung seine schne Gestalt,
seine feinen Manieren in der Damenwelt gefunden; wie er mit Hortense getanzt,
Frau von Berkow zu Tische gefhrt habe; und eigentlich, Alles in Allem, der Lwe
des Tages gewesen sei. Schon, da Oswald an einer Gesellschaft, deren exclusive
Tendenzen dem Pastor sehr wohl bekannt waren, berhaupt hatte Theil nehmen
drfen, war in den Augen des Letzteren ein merkwrdiges, tief bedeutungsvolles
Zeichen. Und zu alle diesem kam noch ein Umstand, welcher dem hochwrdigen Herrn
Oswalds Gunst und Freundschaft vorzglich wnschenswerth erscheinen lie. Der
Pastor war nicht ohne Ehrgeiz. Er glaubte sich zu greren Dingen berufen, als
den Bauern von Faschwitz das Evangelium zu predigen. Er wollte nicht umsonst
sich bei der Lectre alter Manuscripte der Grnwalder Universitt die Augen
verdorben, nicht umsonst ber die verschollenen Fragmente der verschollenen
Schriften eines verschollenen Kirchenvaters eine grundgelehrte Dissertation
geschrieben haben. Er war Doctor, er wollte Professor sein, Professor in
derselben Musenstadt, die ihn vor zwanzig Jahren als verkmmerten Studiosus der
Theologie in abgeschabtem Rckchen durch ihre Gassen hatte schleichen sehen.
    Er wollte es um so mehr, als seine Primula es wollte, Primula, welche die
lndlichen Gefilde, in denen ihre Kornblumen erblht waren, herzlich satt
hatte, und sich im Geiste als geniale Gemahlin des gelehrten Professors an den
sthetischen Theetischen der Musenstadt glnzen sah. - Zur Erreichung dieses
hchsten Ziels konnte dem Pastor der Professor Berger, den er wegen seines offen
zur Schau getragenen Voltaireanismus, Spinozismus, Atheismus grndlich
verabscheute, und dessen Protection er doch schon oft vergeblich erstrebt hatte,
auerordentlich ntzlich werden. Oswald aber war der erklrte Gnstling des
groen Mannes, der erste Schler des alten Meisters. Eine Empfehlung Oswalds war
mehr werth, als eine gelehrte Dissertation - folglich Oswalds Freundschaft ein
Ziel, auf's innigste zu wnschen, und ein gelegentliches Lob, das ihm doch
wohl wieder zu Ohren kommen konnte, gar keine schlechte Theologie.
    So dachte, so rechnete der Pastor.
    Wie erstaunt war er daher, als die Baronin mit einem Ton der Stimme, der
nicht viel Gutes verhie, seine huldvolle Phrase mit der Frage beantwortete:
    Sagen Sie einmal aufrichtig, Pastor Jger, was halten Sie von dem jungen
Menschen?
    Den Schler Bergers, den Gnstling Primula's, den Lwen vom gestrigen
Junkerfest schlechtweg als einen jungen Menschen bezeichnen zu hren! der
Pastor traute seinen Ohren kaum. Er scho ber die runden Brillenglser fort
einen forschenden Blick auf die Baronin, ob ihr Gesicht etwa einen Commentar zu
der rthselhaften Frage geben mchte. Da er sich in dieser Hoffnung getuscht
sah, und schlechterdings nicht wute, was er antworten solle, griff er zu dem
Mittel, zu welchem er in solchen kritischen Fllen stets seine Zuflucht nahm: er
zog die Schultern und die Augenbrauen mglichst in die Hhe und die Mundwinkel
mglichst tief herunter, und berlie es dem indiscreten Frager, aus der Miene
zu machen, was er wollte und konnte.
    Sie zgern mit Ihrer Antwort! sagte die Baronin; ich gebe zu, es ist nicht
ganz leicht, ber Herrn Stein in's Klare zu kommen. Er hat unleugbar manche
schtzenswerthe Eigenschaften. Seine Manieren sind fr einen Menschen von so
niedriger Extraction wirklich berraschend gut; noch gestern glaubte die Grfin
Grieben im Anfang, ich wollte sie mystificiren, als ich ihr sagte: der junge
Mann, der mit uns gekommen, sei unser Hauslehrer. Aber mit einer ertrglichen
Tournre, mit gewandter Rede und dergleichen ist es nur leider nicht gethan, und
ich bin heute noch immer nicht mit mir einig, ob wir an dem jungen Manne eine
gute Acquisition gemacht haben oder nicht.
    Aber liebe Anna-Maria, sagte der Baron; warum sollen wir uns nicht auf den
Professor Berger verlassen -
    Lieber Grenwitz, ich verlasse mich auf Niemand, als auf mich selbst. Der
Professor kann sich durch Stein's einnehmendes Wesen so gut haben bestechen
lassen, wie Du und viele Andere; und gesetzt auch, seine wissenschaftliche
Bildung sei wirklich ausreichend -
    Nun, darber drfte wohl kein Zweifel obwalten, Gndigste, sagte der Pastor,
der, wenn er Oswald, wie er jetzt wohl einsah, fallen lassen mute, sich
wenigstens nach dieser Seite sichern wollte. Es ist durchaus nicht anzunehmen,
da der Professor, dem Niemand, man mag ber seine - ich will nicht sagen,
unchristliche, aber wenig kirchliche Gesinnung denken, wie man will, einen
durchdringenden Scharfblick, eine eminente Gelehrsamkeit absprechen kann, sich
in dem intimen Umgange eines Ignoranten wohl gefhlt haben sollte.
    Ich erlaube mir in wissenschaftlichen Dingen kein Urtheil, sagte die
Baronin; und so mag meinetwegen Herr Stein neben dem Pistolenschieen, worin er
ja, wie ich hre, brilliren soll, auch noch zu streng wissenschaftlichen Studien
Zeit gefunden haben; aber es kann Jemand gute Manieren haben und Gelehrsamkeit
dazu, und doch ein unmoralischer Mensch sein.
    Aber liebe Anna-Maria, sagte der alte Baron ganz erschrocken, whrend der
Pastor die Mundwinkel herunterzog und beistimmend nickte.
    Ich bleibe dabei, fuhr die Baronin fort, ein unmoralischer Mensch. Htte ich
gewut, was ich leider zu spt erfuhr, da der Professor bei aller seiner
vielgerhmten Gelehrsamkeit in dem Geruche eines Demokraten oder Atheisten - ich
wei nicht, welches von beiden das Schlimmere ist, denn wer seinen Gott nicht
ehrt, kann auch seinen Knig nicht ehren und umgekehrt - ich sage, htte ich
gewut, da der Professor ein Freidenker und ein Mann der Umsturzpartei ist, ich
wrde ihm nimmermehr bei der Wahl eines Erziehers fr meinen Sohn eine
entscheidende Stimme eingerumt haben.
    Aber liebe Anna-Maria, sagte der Baron; es ist doch mglich, da Du in
Betreff Steins ungegrndeten Befrchtungen Raum giebst. Ich erinnere mich nicht,
je ein Wort von ihm gehrt zu haben, in welchem man mit Sicherheit die
Besttigung eines so schrecklichen Verdachtes htte finden knnen.
    Nun, Pastor Jger, sagte die Baronin, sind Sie auch von der Unschuld des
jungen Mannes so fest berzeugt?
    
    Ich wrde nicht der Wahrheit die Ehre geben, sagte dieser mit der Miene und
dem Ton herzinnigen Bedauerns, wollte ich leugnen, aus seinem Munde Aeuerungen
vernommen zu haben, die an das Gebiet des Frivolen, ja, ich mchte, sagen:
Unheiligen nahe genug streiften, um mich, ich darf wohl sagen - recht
schmerzlich zu berhren. Aber ich trstete mich mit dem Gedanken, da auch ein
spterhin trefflicher Wein in der Zeit der Ghrung unschmackhaft und trbe ist,
und vertraue der Allgte dessen, der aus dem Saulus einen Paulus machte.
    Das ist sehr schn und christlich, sagte die Baronin, beruhigt mich aber
keineswegs. Wenn die Seele meines Kindes einmal vergiftet ist, kann es mir
gleichgltig sein, ob der Vergifter spter seinen Frevel bereut; und ich
gestehe: nach den Ereignissen des gestrigen Tages hat sich der Verdacht, den
ich, ohne Uebertreibung, von dem ersten Augenblicke an gegen Stein nhrte, fast
bis zur Gewiheit gesteigert.
    Ist etwas Besonderes vorgefallen, Gndigste? fragte der Pastor, mit seinem
Stuhle einen halben Zoll nher rckend.
    Ich spreche nicht gern darber, antwortete die Baronin, und wenn ich es doch
thue, so ist es, weil ich Sie als einen langjhrigen Freund unseres Hauses
kenne, und zu Ihrer Discretion -
    Meine Pflicht und Schuldigkeit, Gndigste, rief der Pastor, die Hand auf's
Herz legend und den Rcken krmmend.
    Sie, kennen den Baron Oldenburg, fuhr die Baronin fort.
    Nicht persnlich, Gndigste, nur nach dem, was ich in vertraulichen
Unterredungen der gndigen Herrschaften, denen ich beiwohnen zu drfen gewrdigt
wurde, ber den Herrn Baron zu hren nicht umhin konnte.
    Sie wissen also, in welchem Ruf - Gott sei es geklagt - der Baron steht; Sie
wissen, da wir den Kummer haben, sehen zu mssen, wie der letzte Spro einer
unserer ltesten, berhmtesten Familien mit sehenden Augen - denn der Baron ist
ein auerordentlich begabter Mann - in's Verderben rennt.
    Aber, liebe Anna-Maria, sagte der Baron, der in seinem Stuhle hin- und
herrckte, ich dchte, der Gegenstand dieses Gesprches eignete sich nicht
besonders -
    Ich kenne die Rcksichten, die ich unserm Stande schuldig bin, sagte die
Baronin, und werde sie zu beobachten wissen. Der Abfall des Barons von dem
Glauben seiner Vter ist leider zu notorisch, als da ich einem Freunde des
Adels (der Pastor krmmte den Rcken), einem Freunde unseres Hauses (Se.
Ehrwrden legte die Hand auf's Herz) gegenber mit dem schmerzlichen Gestndni
der Wahrheit zurckhalten sollte. - Sie wissen, Pastor Jger, da der Baron
unsere Gesellschaft flieht, um die von allerlei sonderbaren Menschen, denen man
sonst geflissentlich ausweicht, mit Vorliebe aufzusuchen, da er die gottlose
Phrase von den sogenannten Rittern vom Geist bestndig im Munde fhrt, und da
von ihm ausgezeichnet zu werden - namentlich, wenn diese Auszeichnung Jemanden
trifft, dessen gesellschaftliche Stellung so himmelweit von der seinigen
verschieden ist - beinahe so viel heit, als ein verlorener Mensch sein. Nun hat
der Baron gestern Abend Herrn Stein in einer ganz auffallenden, um nicht zu
sagen, anstigen Weise ausgezeichnet; er hat nicht nur sein Mglichstes gethan,
ihn bei der Gesellschaft zu introduciren, sondern ihn vollkommen wie seines, wie
unsers Gleichen behandelt, und um diesem Benehmen, fr das ich keinen Ausdruck
suchen will, die Krone aufzusetzen, ihn, als der Wagen von Grenwitz, der Herrn
Stein von Barnewitz abholen sollte - wir waren schon vor dem Souper aufgebrochen
- nicht gleich zur Stelle war, in seinem eigenen Wagen bis vor unser Hofthor
mitgenommen, das heit, ihm zu Gefallen einen Umweg von fast einer Meile
gemacht.
    Aber, liebe Anna-Maria, das wrde auch jeder Andere -
    Verzeihe, lieber Grenwitz, das wrde nicht jeder Andere gethan haben, und
vor Allem wrde es der Baron, dessen schroffes, ungeflliges Wesen, selbst den
Standesgenossen gegenber, sprchwrtlich ist, nicht gethan haben, wenn er nicht
in Herrn Stein auch so einen Ritter vom Geist, das heit, einen
Gesinnungsgenossen, einen Freidenker und Freiheitshelden, enfin einen
unmoralischen Menschen, um das Wort zu wiederholen, das vorhin Deinen Unwillen
erregte, lieber Grenwitz, und von dem Du mir jetzt zugeben wirst, da es leider
das passende ist - gefunden zu haben glaubte.
    Die Baronin schwieg, in dem wohlthuenden Bewutsein, ihre Ansicht siegreich
verfochten zu haben; der Pastor schwieg, die edle Gnnerin in diesem Genusse
nicht zu stren und der Baron schwieg, weil er schlechterdings nichts zu sagen
wute. In dieses dreifache Schweigen hinein ertnte vom Hausflur her, auf
welchen die Thr des Zimmers fhrte, das Miauen einer Katze, dem sofort das
laute zornige Klffen eines Hundes folgte. Diese Tne waren im Schlosse
Grenwitz, wo weder Hunde noch Katzen geduldet wurden, etwas so Unerhrtes, da
die im Zimmer Befindlichen sich erstaunt ansahen.
    Was bedeutet denn das? sagte der Baron aufstehend und die Thr ffnend.
    Ah, sieh da, Herr Baron! ertnte eine helle, klare Stimme.
    Es ist Herr Timm! sagte dieser zu den im Zimmer Befindlichen zurckgewandt,
und dann zu dem drauen:
    Wollen Sie nicht nher treten, Herr Geometer?

                           Neunundzwanzigstes Capitel


Der, welcher dieser Aufforderung des Barons sofort folgend, in das Zimmer trat,
war ein junger Mann von vielleicht fnfundzwanzig Jahren, obgleich die frische
Farbe seines hbschen bartlosen Gesichtes ihn kaum dem Jnglingsalter entwachsen
scheinen lie. Der wohlgeformte Kopf war mit einem schlichten, blonden Haar
bedeckt, das lang genug war, um nach hinten gestrichen zu werden, und die weie
Stirn frei zu lassen, die keck und fest sich ber einem Augenpaare wlbte,
dessen Farbe, so weit man es durch die Glser der Brille, die der junge Mann
trug, erkennen konnte, ein mattes Blau war. Seine Gestalt war mittelgro, aber
breitschultrig und sein gedrungener, muskulser Krper augenscheinlich zur
Ertragung von Strapazen aller Art ausnehmend geeignet. Auf sein Aeueres schien
der junge Mann sehr wenig zu geben. Seine Kleidung bestand aus einem hellen
Sommerrock von zweifelhafter Farbe, der schon manchen Sturm erlebt zu haben
schien, und aus Beinkleidern von demselben Stoff und derselben Farbe und
Beschaffenheit. Seine Wsche war, als sie aus den Hnden der Wscherin kam,
jedenfalls saubrer gewesen. Seine Haltung entsprach seiner Kleidung, das heit,
sie war weniger elegant als bequem, und hatte noch das mit jener gemein, da
Herr Timm sie offenbar unter Umstnden mit einer besseren vertauschen konnte.
    Bitte tausendmal um Entschuldigung, sagte er lachend, indem er sich vor der
Baronin ohne alle Frmlichkeit verbeugte und dem Pastor vertraulich zunickte,
da ich die Unterhaltung der Herrschaften durch mein lyrisches Intermezzo stren
mute, aber ich wute mir wirklich nicht anders zu helfen, da ich nicht die Ehre
habe, Frau Baronin, Ihre Bedienten namentlich zu kennen, trotz alles Suchens
keinen Klingelzug auf dem Flur entdecken konnte, und schon vergeblich in vier
Thren hineingesehen hatte. Htte ich ahnen knnen, da diese fnfte, welche ich
brigens gar nicht bemerkte, von dem Herrn Baron selbst geffnet werden sollte,
so wrde ich mir natrlich meinen musikalischen Vortrag erspart haben, der
allerdings nur fr das weniger empfindliche Ohr eines in der Nhe befindlichen
dienstbaren Geistes berechnet war. - Wie befinden Sie sich, Frau Baronin?
Angegriffen von der Hitze? Wre kein Wunder - fnfundzwanzig Grad im Schatten -
reine Treibhaus-Temperatur. - Ich soll Sie von Ihrer Frau Gemahlin gren, Herr
Pastor; sprach sie vor einer Stunde in Faschwitz. Sie wird gegen Abend mit dem
Einspnner herberkommen, Sie abzuholen. - Mit der Vermessung von Sassitz wren
wir fertig, Herr Baron. Wenn es Ihren recht ist, will ich jetzt sogleich die
Karten zeichnen, wenn die Frau Baronin die Gte haben will, mir ein Zimmer des
Schlosses einzurumen.
    So sprach Herr Timm und griff in die Tasche nach seinem Taschentuche, um
sich die von Schweitropfen perlende Stirn abzutrocknen. Da er sich aber noch
zur rechten Zeit darauf besann, da das betreffende, so beraus ntzliche Stck
der Toilette sich fr den Augenblick bei ihm in einem keineswegs salonfhigen
Zustand befand, so lie er es, wo es war, fuhr mit der Hand ber Stirn und Haar
und schaute so vergngt um sich, als ob ihm die Grenwitzer Besitzungen, die er
im Schweie seines Angesichts vermessen mute, erb- und eigenthmlich gehrten.
    Gewi; sagte die Baronin, bei der Herr Timm wegen seiner auffallenden
Anspruchslosigkeit in groer Gunst stand und die unwillkrlich einen Mann
schtzen mute, der sich durch nichts imponiren lie, und den nichts aus der
Fassung zu bringen vermochte; gewi, Herr Timm. Sie wissen, da Sie uns zu jeder
Zeit willkommen sind. Sie werden hier, wo Sie nichts strt, besser arbeiten
knnen, als in der Stadt, und es ist ja zu unserm beiderseitigen Vortheil, da
die Arbeit mglichst schnell beendet wird. Sie haben doch Ihre Sachen gleich
mitgebracht, Herr Timm?
    Steht Alles schon auf dem Hausflur, wo es der lndliche Jngling, welcher
die Oelnder lenkte, die mich im Hundetrab von Sassitz hierher kutschirten,
deponirt hat; sagte Herr Timm, dessen Sachen aus einem kleinen melancholisch
aussehenden Koffer bestanden, in welchem etwas reine und nicht viel schmutzige
Wsche und die sonstigen Stcke seiner nicht eben luxurisen Garderobe in
chaotischer Verwirrung durcheinander lagen, und aus einer groen Mappe, die
seine Zeichenmaterialien und Flurkarten enthielt. Ich bedarf nur noch der
Anweisung auf einen Ihrer dienstbaren Geister, der mich auf das mir von Ihnen
gtigst angewiesene oder anzuweisende Zimmer fhrt, um mich sofort huslich
einrichten zu knnen.
    Wollen Sie die Gte haben, jenen Klingelzug zweimal zu ziehen, sagte
Anna-Maria mit huldvollem Lcheln.
    Mit Vergngen, sagte Herr Timm, diese instrumentale Methode des Beschwrens
dienstbarer Geister ist viel bequemer, als meine vocale, und auch viel
wirksamer, wie ich sehe.
    Der eintretende Bediente erhielt den Auftrag, Herrn Timm auf sein Zimmer zu
fhren.
    Es steht schon seit Wochen fr Sie bereit, Herr Geometer; sagte die Baronin.
    Sie sind umsichtig und gtig, wie die Vorsehung selbst, gndige Frau; sagte
Herr Timm aufstehend und der Baronin ohne Umstnde die Hand kssend; auf
Wiedersehen, meine Herrschaften, bis zum Abendessen, bei dem Sie hoffentlich wie
ich erscheinen werden, das heit mit guter Laune und noch besserem Appetit; und
er folgte leichten Schrittes dem Bedienten aus dem Gemache.
    Wirklich ein charmanter Mensch, der Herr Timm, sagte die Baronin, so
harmlos, unbefangen, anspruchslos, so ganz sich seiner Stellung in der
Gesellschaft bewut, und nicht stets oben hinauswollend, wie gewisse andere
Leute.
    Ei, ja wohl, besttigte der Pastor, ein uerst charmanter, bescheidener
junger Mann, und der sowohl was seine Talente betrifft, die wirklich
berraschend sind, als auch wegen der angesehenen Familie, aus welcher er
stammt, Beachtung verdient. Gustava kennt seine Familienverhltnisse genau: auch
ich erinnere mich aus meiner Grnwalder Zeit her sehr wohl seines Herrn Vaters,
eines ausgezeichneten Advocaten, der sein bedeutendes Vermgen kurz vor seinem
Tode in einer unglcklichen Speculation verlor. Seine Verwandten befinden sich
zum Theil in ganz respektablen Stellungen. Ein Onkel von ihm ist Major. Auch
Herr Timm war anfangs einer militrischen Carrire bestimmt, und war, so viel
ich wei, schon Fhndrich, als er in Folge der groen Verluste seines Vaters
diese Laufbahn aufgab, um sich dem Baufach zu widmen. Er wnscht sehnlichst, die
Akademie in der Residenz beziehen zu knnen, nur fehlt es ihm leider - der
Pastor machte mit dem Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand eine
bezeichnende Bewegung.
    Das ist ja jammerschade, sagte die Baronin; wer doch dem armen Menschen
helfen knnte: kann ihm denn sein Onkel, der Major, nicht ein paar hundert
Thaler vorschieen? aber freilich, die Herren vom Militr haben meistens genug
mit sich selbst zu thun. - Ah, mademoiselle, vous arrivez bien  propos!
Veuillez avoir la bont - Die Baronin war aufgestanden, um der eben entretenden
Mademoiselle Marguerite eine Instruction zu ertheilen.
    Wollen Sie meine Bienenstcke einmal ansehen, Pastor Jger? sagte der Baron.
    Mit dem grten Vergngen; erwiederte dieser, Hut und Stock ergreifend.
    Bleiben die Herren nicht zu lange, sagte die Baronin; wir wollen heute etwas
frher soupiren. - Que voulais-je dire? Ah, oui! du chocolat, mais pas si
normement sucr que la dernire fois, et particulirement prenez garde - - -
    Der Abend war gekommen, mit ihm Frau Pastor Jger auf dem Einspnner.
Primula trug dasselbe Kleid von ungefrbter Seide, in welchem sie Oswald an
jenem Sonntag Morgen erschien, und sah, von der bergroen Hitze des Tages
angegriffen, mehr denn je wie ein kranker Kanarienvogel aus. Ihr Gatte hatte,
sobald der langathmige Selam zwischen ihr und der Baronin vorber war, die erste
schickliche Gelegenheit ergriffen, ihr zuzuraunen, von dem Gastfreunde weniger
entzckt zu erscheinen, als sie und er sich vorgenommen hatten, da der junge
Mensch keineswegs in besonderer Gunst bei der Baronin zu stehen scheine - eine
Nachricht, welche Primula in ein solches Erstaunen versetzte, da, als Oswald
kurz vor dem Abendessen erschien, sie seine hfliche Begrung nur mit einer
sehr frmlichen Verbeugung zu erwiedern vermochte.
    Dies wunderliche Benehmen der vorher fr den Gastfreund so begeisterten
Dichterin wrde wahrscheinlich nicht wenig zur Erhhung von Oswald guter Laune
beigetragen haben, wenn er es berhaupt bemerkt htte. Aber er befand sich heute
Abend in einer Stimmung, in welcher man, wie Oldenburg es ausdrckte, Ohren und
Augen offen hat und doch weder sieht noch hrt. Die Schatten der Ereignisse des
letzten Tages und der letzten Nacht lagen noch auf seiner Seele und auf seiner
Stirn. Seine gewhnliche Lebhaftigkeit war einer melancholischen Ruhe gewichen;
er sah bleich und nachdenklich aus, aber so schn und vornehm, da Primula's
zart besaitete Seele alsbald den Zauber, welchen die Erscheinung des jungen
Fremden bei der ersten Begegnung auf sie ausgebt hatte, wiederum zu fhlen
begann, und sie die Warnung ihres vorsichtigen Gatten um so lieber verga, als
sie sah, mit welcher ausgesuchten Hflichkeit und Zuvorkommenheit die Baronin
und der Baron denselben Mann behandelten, der ihr so eben als eine gefallene
Gre denuncirt war. Sie bereitete sich schon im Stillen auf eine Strafpredigt
vor, die sie auf der Heimfahrt ihrem Jger halten wollte, der wieder einmal
nach seiner Gewohnheit den Wald vor Bumen nicht gesehen hatte. Der wrdige
Geistliche selbst war fr den Augenblick durch den vollkommenen Widerspruch
zwischen den Worten und der Handlungsweise der Baronin aus der Fassung gebracht.
Er wute indessen besser als irgend Einer, da die Menschen nicht immer
scheinen, was sie sind, und nicht immer sind, was sie scheinen, und hielt es auf
alle Flle fr das Gerathenste, das Benehmen seiner Gnnerin mglichst treu zu
copiren, was ihm gerade nicht schwer fiel.
    Indessen wrde trotz des scheinbaren guten Einvernehmens der Gesellschaft
die Unterhaltung bei der Abendmahlzeit, die auf der Terrasse im Freien
eingenommen wurde, sehr einsilbig gewesen sein, htte Herrn Timm's Gemth die
Eigenschaft gehabt, die Farbe seiner Umgebung anzunehmen. Dies war indessen
durchaus nicht der Fall.
    Herr Timm hatte sein Versprechen, bei Tische mit guter Laune und noch
besserem Appetit zu erscheinen, wahr gemacht. Er fand die Chocolade, die diesmal
keineswegs normement sucr war, vortrefflich, das Brot vortrefflich, die Butter
vortrefflich, Alles vortrefflich. Und wie kstlich war der Einfall, sich an
diesem lieblichen Abend nicht in die Stube einzuschlieen! wie glcklich der
Gedanke, die Tafel gerade auf diesem Punkte der Terrasse zu decken, von dem man
einen so herrlichen Blick auf den Garten hatte! wie wundervoll waren die
Schatten und Lichter in den hohen Bumen drben jenseits des Rasenplatzes!
wirklich ein Gemlde von Claude Lorraine! Wahrhaftig, Herr Baron, wenn ich nicht
Diogenes wre, so mchte ich wohl Alexander sein! Aber freilich, wir knnen
nicht Alle in Schlssern hausen, es mu auch Tonnenbewohner geben, und wohl dem
Manne, dem sein Schlo nicht wie eine Tonne, oder dem seine Tonne wie ein Schlo
erscheint! Sie sollten diesen Gedanken zu einem Epigramm verwerthen, Frau
Pastorin! Sie haben ein ganz entschiedenes Talent fr diese Gattung, selbst in
Ihren hoch-lyrischen Gedichten findet sich oft eine epigrammatische Wendung. So
in dem reizenden Sonett auf den Maikfer. Wie heit doch noch der Schlu? Des
Maies Kfer, falscher Liebe Bild - das ist an und fr sich schon ein
tiefsinniges Epigramm. Wissen Sie, da man in Grnwald Ihre Uebersiedelung nach
Faschwitz noch immer nicht verschmerzen kann? Erst neulich sagte Professor
Lichtscheu, den ich in einer Gesellschaft beim Kanonikus Schwarz traf: es sei
unverantwortlich, da ein gewisser Gelehrter, den ich nicht nennen will, den
reichen Schatz seines Wissens in der Einsamkeit eines Dorfes, dessen Namen mir
entfallen ist, vergraben solle; worauf ich ihm erwiderte: es sei nicht minder
unverantwortlich, da die Dichterin der Kornblumen noch immer unter Kornblumen
wandle.
    So ging es mit unendlicher Zungenfertigkeit fort, dabei war Alles, was Timm
sprach, so augenscheinlich ohne jegliche Absicht, witzig und gestreich sein zu
wollen, - trotzdem es manchmal geistreich und witzig genug war - gesagt, da man
ihm zuhren konnte wie einem lustigen und in seiner Lustigkeit freilich etwas
berlauten Kanarienvogel, dem die Morgensonne in das Bauer scheint und der dabei
auf den Einfall kommt, sich einmal ordentlich auszusingen. Nur kam es Oswald
manchmal vor, als ob Herrn Timm's Humor durchaus nicht so natrlich sei, als es
den Anschein hatte; als ob Herr Timm nur eine wohleinstudirte und fein
berechnete Rolle, allerdings mit vollendeter Naturwahrheit spiele, und als ob
der gutmthige Bonvivant und anspruchslose Naturbursche bei Licht besehen die
ganze Gesellschaft, die er mit dem Feuerwerk seines Witzes unterhielt, grndlich
verhhne und nasfhre. Er wurde in diesem Verdacht um so mehr bestrkt, als Herr
Timm, sobald er zu ihm sprach, stets einen andern Ton anschlug, als wollte er
sagen: Dir darf ich mit solchen Narrenspossen nicht kommen, aber fr den andern
Pbel sind sie gut genug.
    Diesen Verdacht, auf den Oswald brigens um so leichter verfallen mute, als
er selbst nur zu oft die Gesellschaft, gegen die er eine so grndliche
Verachtung empfand, zum Besten hatte, schien von den Andern Niemand zu theilen,
es htte denn Bruno sein mssen, der heute noch dsterer und verschlossener wie
gewhnlich auf seinem Platze neben Oswald sa, und seinen stolzen Mund nicht ein
einziges Mal zu einem Lcheln verzog, obwohl er Alle um sich her - selbst Oswald
nicht ausgenommen - lachen sah, zumal als gegen das Ende der Mahlzeit Herr
Albert Timm mit seiner Nachbarin, Mademoiselle Marguerite, eine Conversation
begann, in welcher er franzsisch und deutsch auf die possirlichste Weise
durcheinander mischte. Die hbsche scheue Genferin hatte sich die grte Mhe
gegeben, Herrn Timm's Kreuz-und Quersprngen in der Unterhaltung zu folgen, und
sich alle Augenblicke mit einem rapiden: qu'est ce qu'il dit? que veut dire
cela? an Malte, ihren Nachbar auf der andern Seite gewandt, der ihr die Antwort
um so hufiger bleiben mute, als er selbst von Allem, was der unerschpfliche
Albert vorbrachte, kaum die Hlfte begriff, bis dieser mit ihr zu kauderwlschen
anfing, um mit vielem Tacte den Scherz sofort abzubrechen, als er merkte, da
die hbsche Kleine durch das Gelchter der Andern in Verlegenheit gerieth.
    Es war bereits dunkel geworden, als die Baronin die Tafel aufhob, und Herr
und Frau Pastor Jger, die sich jetzt unter vielen Danksagungen fr den so
angenehm verbrachten Abend empfehlen wollten, einlud, mit ihr und dem Baron noch
ein gemthliches kleines Boston - in der alten Weise, wissen Sie, Pastor Jger,
wie es sich fr solide Leute schickt - in dem Salon zu spielen.
    Malte war zu Bett gegangen. Oswald und Bruno, Albert und Mademoiselle
Marguerite promenirten paarweise um den Rasenplatz und in den zunchst gelegenen
Gngen des Gartens.
    Du hast mir noch gar nicht gesagt, Oswald, sagte Bruno - er nannte jetzt
seinen Freund, wenn sie allein waren, stets mit dem brderlichen Du - ob Du
Tante Berkow gestern gesehen hast?
    Ja, Bruno.
    Sah sie schn aus?
    Wie immer.
    Lt sie mich gren?
    Natrlich.
    Weit Du, Oswald, da ich glaube, Tante Berkow mag Dich sehr gern leiden?
    Warum, Du Nrrchen?
    Sie sah Dich an dem Abend, als sie hier war, immer mit so glnzenden Augen
an - so recht lieb und freundlich, wie sie mich manchmal anblickt, wenn sie mir
das Haar streichelt, aber doch anders - so -
    Ach, Du weit ja nicht, was Du sprichst, Bruno.
    Ich wei es recht gut, aber ich kann mich nur nicht so ausdrcken, wie Ihr
klugen, groen Leute. Ich bin an dem Abend ordentlich eiferschtig auf Dich
gewesen, denn frher war sie gegen mich am freundlichsten. Ich nicht wissen, wie
Tante Berkow aussieht, wenn sie Jemanden gern hat? ich wei es sehr wohl! sagte
Bruno trotzig.
    Und ich wei auch noch mehr, fuhr er nach einer Pause fort. Ich sollte es
eigentlich nicht sagen, denn Tante hat es mir verboten, aber ich glaube jetzt,
es ist ihr gar nicht Ernst mit dem Verbot gewesen.
    Was war es? fragte Oswald mit angenommener Gleichgltigkeit.
    Das war es, sagte Bruno. Ich war am Sonnabend Nachmittag, als Du Briefe
schriebst, allein in den Wald gegangen, nach Berkow zu, weil das mein liebster
Weg ist. Da kommt mir auf einmal Tante entgegen, zu Pferde, ganz allein, nicht
einmal der Boncoeur war bei ihr. Sie ritt den Brownlock, den sie immer reitet,
wenn sie schnell reiten will, und schnell mute sie geritten sein, denn
Brownlocks Brust und Hals und selbst Tante's Kleid waren voller weier
Schaumflocken. Sieh da, Bruno! sagte sie, mir vom Pferde herab die Hand
reichend, wo willst Du hin? - Nirgends hin, Tante, wie gewhnlich, sagte ich,
aber wo wollen Sie hin? - Auch nirgends! antwortete sie lachend, da knnen wir
ja zusammen unsern Weg fortsetzen. - Wenn Sie Schritt reiten wollen, sagte ich,
sonst nicht. - Und da sind wir wohl eine halbe Stunde zusammen durch den Wald
gezogen, und haben die ganze Zeit von nichts als von Dir gesprochen, und Tante
fragte mich, ob ich Dich lieb htte, worauf ich natrlich mit Nein antwortete;
ob Du viel studirtest? und noch hunderterlei, was ich wieder vergessen habe.
Zuletzt trug sie mir auf, Dich zu gren und zu fragen, ob Du die Kupferstiche
noch nicht httest, von denen Du ihr neulich gesprochen, und ob Du sie ihr nicht
schicken wolltest - und dann rief sie mich wieder zurck und sagte: ich solle
Dich lieber doch nicht daran erinnern, Dir auch nicht sagen, da ich sie
gesprochen htte - aber wie gesagt, ich glaube jetzt nicht mehr, da es ihr
Ernst gewesen ist.
    Warum jetzt nicht mehr, Bruno?
    Weil, - der Knabe schwieg; pltzlich sagte er in gedmpftem Ton, als
frchtete er, die dunklen Gebsche neben ihnen knnten es hren:
    Sage mir, Oswald, wie ist das, wenn man Jemand liebt?
    Wie meinst Du das, Bruno? antwortete Oswald, den die Frage in nicht geringe
Verlegenheit setzte.
    Ich meine: was ist das fr eine Liebe, von der so oft in den Bchern die
Rede ist? Ich habe Dich lieb, sehr lieb; aber es ist mir, als mte es noch eine
andere Liebe geben. So habe ich immer nicht verstanden, warum der Marquis Posa
so bestrzt ist, als Don Carlos sagt: ich liebe meine Mutter. -
    Weshalb soll er seine Mutter nicht lieben? Ich habe meine Mutter nie
gekannt, und so wei ich gar nicht, wie man seine Mutter liebt, aber ich denke
sie mir immer so jung und schn, wie Tante Berkow. Fr die knnte ich Alles,
Alles thun! Ich wnschte manchmal: sie fiele vor meinen Augen in's Wasser, und
ich knnte ihr nachspringen; oder wie neulich: Brownlock bumte sich, und ich
fate ihm in den Zgel und kmpfte mit ihm, und liee nicht los, und wenn er
mich auch mit seinen Hufen zertrte. - Warum kommen mir solche Wnsche nie, wenn
ich in Deiner Nhe bin, Oswald, oder wenn ich, von Dir getrennt, an Dich denke?
    Weil ich ein Mann bin, Bruno, und Du weit, da ich mir selbst helfen knnte
und helfen wrde. In die Liebe aber, die wir fr eine Frau empfinden, mischt
sich noch das Gefhl, da wir sie, die sich selbst nicht schtzen kann, mit
unserer greren Kraft und unserm khneren Muthe schtzen mssen, und das macht
unsere Liebe zrtlicher, inniger, mitleidiger; und dann noch ein Gefhl, von dem
ich Dir jetzt nur so viel sagen will, da es ein Ausflu der ewigen Kraft ist,
welche das Weltall schafft und trgt, ein Gefhl, welches rein ist, wie alle
Natur, aber auch eben so keusch, und das deshalb, vor der Zeit wachgerufen, dem
Voreiligen so verderblich werden kann, wie seine Khnheit dem Jngling, den des
Wissens Drang nach Sais und in den Tempel trieb, wo sie in dichtem Schleier
verhllt thronte, Isis, die heilige, keusche Gttin der Natur.
    Ich verstehe Dich nicht ganz, Oswald.
    Die Welt und das Leben sind voller Rthsel, Bruno. Das Leben ist die Sphinx
und wir sind der Oedipus. Und es ist der Fluch des Oedipus, da er das Rthsel
lsen mu, und ihn doch des Rthsels Lsung unglcklich macht.
    Du bist mir nicht bse, Oswald?
    Ich Dir bse, liebes Herz? weshalb?
    Da ich Dir mit solchen wunderlichen Fragen komme.
    Du sollst mich fragen, Bruno; nach Allem fragen, was Dich in Erstaunen und
in Verwirrung setzt. Deine Seele mu offen vor mir liegen, wie ein Buch, in dem
ich blttern und immer wieder blttern kann. Wollte Gott, ich mchte nur Weises
und Gutes auf die reinen Bltter schreiben.
    Du bist stets so gut, so unendlich gut gegen mich, Oswald; und ich vergelte
Dir all' Deine Gte nur mit Undankbarkeit und Trotz.
    Das thust Du nicht - und dann: sind wir nicht Brder? Brder mssen sich
untereinander lieben und tragen und sttzen, und drfen nicht rechten um Mein
und Dein. Sieh' Bruno, wenn der fromme Glaube, der die Geister der Verstorbenen
die auf Erden zurckgelassenen Lieben umschweben lt, der meine wre, so wrde
ich sagen: dort oben, von dem leuchtenden Sternenhimmel, schauen unsere Mtter
auf uns hernieder und freuen sich der Vereinigung und Liebe ihrer Kinder. La
uns zusammenstehen in diesem wirren Kampfe des Lebens zu Schutz und Trutz. Wie
lange wird es dauern und Du bist ein Mann, wie ich, und wollte Gott, ein
besserer Mann. Dann wird auch der letzte Unterschied, der Unterschied der Jahre
von uns nicht mehr empfunden werden, wie ich ihn denn jetzt kaum noch empfinde.
Dann werde ich vielleicht zu Dir aufschauen, wie Du jetzt zu mir; dann wirst Du
mir doppelt und dreifach das Wenige bezahlen, das ich jetzt fr Dich thun kann;
dann werde ich - und wie gern! - Dein Schuldner sein.
    O, das wird nie geschehen, sagte Bruno; Du wirst immer unerreichbar weit von
mir vorauseilen: ich werde nie auch nur das werden, was Du jetzt schon bist.
    Du Nrrchen! sagte Oswald und streichelte liebevoll Bruno's Haar; Du sitzt
jetzt im Parterre vor der Bhne des Lebens, und der Felsen von Pappe erscheint
Deinem begeisterten Auge ein Urgebirge, und all' die Trdlerwaare cht. Wenn Du
erst selbst auf die Bhne trittst, wird Dir der holde, rosige Schleier der
Illusion von den Augen fallen und Du wirst Deinen Irrthum erkennen. Aber wenn
auch! Du wirst, wenn Du von Deinem ersten schmerzlichen Erstaunen Dich erholt
hast, begreifen, da es nicht anders sein kann, und Deinen Bruder nicht
verachten, weil Du siehst, da sein stolzer Rittermantel von verschossener Seide
und arg geflickt ist, und seine Sporen eitel Messing - doch still! da kommen uns
Herr Timm und Mademoiselle entgegen. Es scheint, Herr Timm will die gute
Gelegenheit, seine Aussprache des Franzsischen zu cultiviren, nicht unbenutzt
lassen. Wir wollen ihn in diesem edeln Streben nicht stren. La uns in diesen
Gang einbiegen.
    Herr Timm, der jetzt Arm in Arm mit Mademoiselle Marguerite, ohne Oswald und
Bruno zu bemerken, eifrig sprechend und seine helle Stimme dabei sorgfltig
dmpfend, vorberstrich, hatte in der That die gute Gelegenheit, obgleich in
etwas anderer, als in der von Oswald abgedeuteten Weise, zu nutzen verstanden.
Auf seine Aussprache des Franzsischen legte der junge Mann sehr wenig Gewicht,
desto mehr aber auf den soliden Vortheil, den ihm die Gunst der jungen Dame,
welche dem innern Hauswesen des Schlosses vorzustehen schien, whrend eines,
voraussichtlich mehrere Wochen lang dauernden Aufenthalts in Grenwitz gewhren
mute; und sich diese Gunst, die auch vielleicht in anderer Weise die Monotonie
des Landlebens in angemessener Weise mildern konnte, mglichst schnell zu
erwerben, war Herr Albert Timm in dem allerliebsten verschwiegenen tte--tte
mit der kleinen Franzsin eifrigst bedacht gewesen. Die Unterhaltung war von
beiden Seiten, ohne einem gelegentlichen franzsischen Worte das Dasein zu
verkmmern, deutsch gefhrt worden, da Mademoiselle das Deutsche ziemlich und
Herr Timm das Franzsische sehr schlecht sprach, und dem jungen, aufrichtigen,
wahrheitsliebenden Mann nichts verhater war, als der Gedanke, nicht verstanden
oder gar miverstanden zu werden.
    Und sind Sie schon lange hier? fragte er.
    Drei Jahre.
    Der Tausend! und Sie sind vor langer Weile noch nicht gestorben. Sie mssen
eine famose Natur haben.
    Plait-il?
    Ich meine, das mu doch zum Verzweifeln langweilig sein, Jahr aus Jahr ein
in diesem den Nest zu hocken, und noch dazu in so ausnehmend interessanter
Gesellschaft. Aber Sie haben wohl viel zu thun?
    Enormment! Ich mu arbeiten comme un forat -
    Comme was?
    Vous ne savez pas ce que c'est qu'un forat?
    Nein - schadet aber nichts. Wollen einmal sagen: wie ein Pferd; das wird
wohl auf dasselbe herauskommen. Also: Sie mssen arbeiten wie ein forat?
    Justement! ich mu aufschlieen und zuschlieen alle Schlsser -
    Hat auch sein Angenehmes, bemerkte Herr Timm.
    Ich mu hren den ganzen Tag: Mademoiselle, thu Sie dies, Mademoiselle, thu
Sie das! Und des Abends, wenn ich bin mde, da ich nicht kann offen halte die
Augen, ich mu lesen aus die alte dumme Bcher, bis Madame hat die Gte zu
sagen: c'est assez! - Non, madame, ce n'est pas assez, c'est trop - mille fois
trop, sagte die lebhafte kleine Dame und stampfte mit dem Fue.
    Sie scheinen in einer allerliebsten Stimmung, sagte Herr Timm; doch das ist
recht, sprechen Sie sich aus - das erleichtert das Herz - aber, wenn die Baronin
Ihnen ein solches Vertrauen schenkt, so mssen Sie doch auch in groer Gunst bei
ihr stehen.
    Au contraire! Sie mich braucht, weil sie mu. Sie wrde mir heute geben mon
cong lieber als morgen. Sie mich hat gern, weil ich nicht nthig habe viel
Schlaf und weil ich esse wenig.
    Na, da werde ich nie ihr Liebling werden, sagte Herr Timm. Aber Sie armes
Kind, da sind Sie ja in einer schauderhaften Situation. Viel Arbeiten und keinen
Dank dafr; frh aufstehen und dafr spt zu Bette gehen; den ganzen Tag
dreschen mssen, wie das gutmthige Thier in der Bibel, ohne die demselben
verstattete Freiheit - das halte ein Anderer aus. Sie sollten sich verheirathen,
Mademoiselle.
    Marguerite zuckte die Achseln; wer wird wollen mich 'eirathen? Je suis si
pauvre et si laide!
    Was ist das?
    Ich sage: ich bin arm und ich bin 'lich.
    Das Erstere will ich zugeben, sagte Herr Timm; das Zweite ist aber eine arge
Verleumdung. Sie hlich! Au contraire: Sie sind hbsch, Mademoiselle, trs
hbsch, belle, sehr belle. -
    Vous plaisantez, Monsieur!
    Ohne Spa! sagte Herr Timm, Sie sind wirklich ein auffallend hbsches
Mdchen. Erstens haben Sie eine reizende Gestalt -
    Trop petite, sagte Marguerite.
    Nicht die Spur, versicherte Herr Timm; zweitens haben Sie wunderhbsche
braune Augen; eine reizende Hand, einen entzckend niedlichen Fu -
    Mais monsieur!
    Was denn? es ist ja wahr; was wahr ist, darf man sagen. Ich wette, da
Monsieur le docteur Stein vollkommen meiner Meinung ist. Lieben Sie den Doctor?
    Ich ihn lieben? sagte die kleine Franzsin mit groer Lebhaftigkeit; ich ihn
lieben? - ich ihn 'asse!
    Na, na! sagte Herr Timm; warum denn, er ist doch ein sehr schner Mann.
    C'est un bel homme, mais c'est un fat.
    Un was?
    Er ist ein Narr, oui ein Narr, qui est monstrueusement amoureux de lui-mme;
mais avec toute sa fiert je me moque de lui, je me moque de sa fiert, oui, je
m'en moque, moi!
    Bitte, ereifern Sie sich nicht, und sprechen Sie vor allen Dingen deutsch,
wenn Sie wnschen, da ich Sie verstehen soll. Was hat Ihnen denn der
Unglckliche gethan?
    Lui? malheureux? Il n'est pas malheureux, ce monsieur-l. Tout le monde le
flatte, le cajole -
    Aber so sprechen Sie doch um Himmelswillen deutsch!
    Glauben Sie, da er hat gesprochen zehn Worte mit mir, seitdem da er hier
ist?
    Das ist freilich abscheulich! Ah! da habe ich mir schon wieder den Fu an
eine so verdammte Baumwurzel gestoen. Ich bin im Dunkeln so blind, wie ein
Maulwurf. Sie thten wirklich ein Werk der Barmherzigkeit, wenn Sie meinen Arm
annehmen und mich ein wenig fhren wollten.
    Trs volontiers, Monsieur!
    Also so ein eitler Herr ist dieser Doctor Stein, sagte Herr Timm, den Arm
der hbschen Marguerite in den seinen legend und dabei ziemlich fest an seine
Brust drckend; ei, wer htte das gedacht! Na, wissen Sie was, liebe Marguerite
- welch' ein reizender Name das ist: Marguerite! - ich darf Sie doch Marguerite
nennen? - Ja, was ich sagen wollte: rgern Sie sich nicht ber den albernen
Menschen, liebe Marguerite! Wenn er nicht mit Ihnen sprechen will, so ist das
sein eigener Schade, und wenn er Sie nicht hbsch findet, so finden Sie dafr
andere Leute desto hbscher; ich zum Beispiel, obgleich ich sehr kurzsichtig
bin, besonders hier in diesem Baumgange, wo es so dunkel ist, da man wahrhaftig
nicht die Hand vor den Augen sehen kann. - Frchten Sie sich, kleine Marguerita?
Nein? warum klopft denn Ihr Herz so? oder htten Sie mich gar aus Versehen ein
bischen lieb? Haben Sie mich ein bischen lieb, Marguerite? Geniren Sie sich gar
nicht; mir kann man Alles sagen. Oder sagen Sie lieber nichts und geben Sie mir
einen Ku! Sie wollen nicht - so! das ist vernnftig: Ihr Franzosen und
besonders Ihr Franzsinnen seid eine charmante Nation. Aber warum weinst Du
denn, kleiner Narr? Ist es bei Euch denn ein Staatsverbrechen, einem ehrlichen
Kerl einen Ku gegeben zu haben, und noch dazu im Dunkeln ... Verdammt, da kommt
der alberne Mensch, der Doctor mit seinem Grasaffen ... Bon soir, meine Herren,
wir knnen hier Begegnen spielen.
    Oder Blindekuh, sagte Oswald, und noch dazu ohne Binde. Ich dchte, wir
gingen hinein. Wenn ich nicht irre, hat die Baronin schon nach Mademoiselle
gerufen.
    Herr und Frau Pastor Jger hatten sich unter vielen Danksagungen und
Freundschafts- und Ergebenheitsversicherungen empfohlen, um auf dem Einspnner
in die idyllische Ruhe von Faschwitz und unter ihr niedriges Dach
zurckzukehren; Oswald und Herr Timm - Bruno hatte sich schon einige Minuten
vorher entfernt - stiegen die Wendeltreppe des Thurms hinauf, um sich auf ihr
Zimmer zu begeben.
    Das ist Ihr Zimmer, so viel ich wei, Herr Timm, sagte Oswald, vor einer der
vielen Thren stehen bleibend, die auf denselben Corridor gingen, welcher Stufen
auf, Stufen ab, in vielfachen Biegungen durch alten Theil des Schlosses, wo
Oswald und die Knaben wohnten und mehrere der weniger stattlichen Gastzimmer
lagen, fhrte.
    Und wo ist denn Ihre Bude, Herr Doctor?
    Ein paar Thren weiter.
    Sind Sie sehr mde?
    Nicht besonders.
    So erlauben Sie mir, noch ein paar Minuten mit zu Ihnen zu kommen. Ich
empfinde das sehr natrliche Bedrfni, nach all dem Unsinn, den ich geschwatzt,
und habe schwatzen hren, in vernnftiger Gesellschaft eine gute Cigarre zu
rauchen.
    So kommen Sie, sagte Oswald, der viel lieber allein geblieben wre, aber
eine zu hohe Meinung von der Pflicht der Gastfreundschaft hatte, um eine so
indirecte Anrufung derselben zurckzuweisen; ob Ihnen freilich meine Cigarren
gut und meine Gesellschaft vernnftig genug -
    Um Gotteswillen, fr heute nicht noch mehr Complimente! rief Herr Timm; ich
bin mit dem bereits Genossenen vollkommen zufrieden. Bitte! spazieren Sie voran
-
    Eine reizende Bude, sagte Herr Timm, als sie in das Zimmer getreten waren,
und Oswald die Lampe auf dem runden Tisch vor dem Sopha entzndet und ein
Kistchen mit Cigarren aus seinem Secretair geholt hatte; eine allerliebste Tonne
fr einen Cyniker, der gelegentlich bei den Sybariten in die Schule geht;
wirklich famos behaglich, fr meinen Geschmack fast zu behaglich. Der groe
Lehnstuhl in der tiefen Fensternische, von dem man auf der einen Seite so bequem
in den Garten, und auf der andern still und bewegt nach dem schnen
Apollokopfe dort auf dem Schranke blicken kann, Natur und Kunst vis--vis, und
man selbst mitten dazwischen, wie der Mann sagte, als er aus dem Luftballon
fiel. - Die Cigarre ist superb, wirkliche Havannah und keine Stinkadores -
rauchen Sie nicht? nein? und halten sich fr Ihre Freunde und Bekannten ein
solches Blatt! - Edelster der Menschen! der heilige Crispinus ist ja ein
Straenruber im Vergleich mit Ihnen! Was haben Sie denn da in der hchst
verdchtig aussehenden Flasche oben auf dem Bcherbrett? ich glaube gar Cognac -
    Und noch dazu alten, echten, sagte Oswald, wenigstens versichert es mein
Freund, der Inspector Wrampe, der mir diese, jedenfalls geschmuggelte Flasche
aufgenthigt hat -
    Und noch nicht einmal entkorkt - Me herculem! Da mssen wir doch einmal
untersuchen, ob der Inspector Sie nicht belogen hat. Trinken Sie auch ein Glas
Grog?
    Ich nicht, aber lassen Sie sich dadurch nicht abhalten, sagte Oswald
gutmthig, die Flasche herabnehmend und entkorkend; ich will auf meiner Maschine
Wasser hei machen -
    Bewahre! wozu die Umstnde! kaltes Wasser thut dieselben Dienste, besonders
in geringer Quantitt - das ist ja ein reizender Abend, sagte Herr Timm, sich
vergngt die Hnde reibend. Nun setzen Sie sich geflligst in die Sophaecke,
damit ich die Ueberzeugung gewinne, da Sie sich so behaglich fhlen, wie sich
Jemand, der nicht raucht und trinkt, berhaupt fhlen kann; ich werde mir den
Lehnstuhl heranrcken - was der Kerl fr eine Wucht hat! - und nun lassen Sie
uns eins plaudern, wie es sich fr zwei ehrliche Kerle geziemt, die dem ganzen
Bldsinne der sogenannten guten Gesellschaft ein Schnippchen schlagen.
    So sprach Herr Timm, zog mit dem Fue noch einen Rohrstuhl herbei, um seine
Beine darauf zu legen, und streckte sich behaglich, den Kopf etwas
hintenbergebogen, um dem Rauch seiner Cigarre bequemer und lnger nachschauen
zu knnen.
    Der Schein der Lampe fiel ihm dabei voll ins Gesicht und Oswald bemerkte
jetzt zum ersten Male, da Herrn Timms Zge, besonders im Profil gesehen, wo die
kecken, saubern Linien zur vollen Geltung kamen, wirklich berraschend hbsch
und interessant waren. Diese Entdeckung war fr Oswald durchaus nicht
gleichgltig. Er ging noch einen Schritt weiter als Voltaire, und hielt dafr,
da nicht nur von den Bchern, sondern auch von den Menschen das genre ennuyeux
das schlimmste sei, und bei einem beraus regen und durch Studien vielfach
gebildeten Formensinn lie er sich von seiner leidenschaftlichen Liebe fr
malerische und plastische Schnheit in einer Weise herrschen, da sein Gefhl
des Wahren und Guten dabei Gefahr lief, nicht unterdrckt, aber doch getrbt zu
werden. So war es in diesem Falle. Herrn Timm's formenloses Wesen und nur dnn
verschleierter derber Realismus hatten ihn im Laufe des Abends ein paar mal
recht empfindlich beleidigt, und er war schon entschlossen gewesen, den Verkehr
mit dem bermthigen Gesellen whrend dessen Verweilen in Grenwitz auf das
Unvermeidliche zu beschrnken; aber whrend er jetzt die Umrisse des hbschen
Gesichtes im Geiste nachzeichnete, hatte er den kaum gefaten Vorsatz schon halb
und halb vergessen.
    Wollen Sie einmal ein paar Minuten so sitzen bleiben? sagte er,
unwillkrlich nach einem Bleistift greifend, und auf dem ersten Blatte, das ihm
auf den mit Bchern und Papieren bedeckten Tische in die Hnde fiel, anfangend,
Albert's Profil zu skizziren.
    Eine halbe Stunde, wenn Sie wollen, sagte dieser; ich liege vortrefflich;
wenn ich nur dabei rauchen, sprechen und gelegentlich einen Schluck dieses
irdischen Nektars nehmen darf.
    Lassen Sie sich gar nicht stren, sagte Oswald, eifrig zeichnend.
    Es ist doch ein merkwrdiger, alter Kasten, dies Schlo, phantasirte Albert;
ich glaube, ich habe verdammt wenig Sinn fr Romantik, aber ich brauche nur den
Fu auf die Wendeltreppe zu setzen, die in diesen Flgel fhrt und mich umwehen
Schauer des Mittelalters. Selbst meine Sprache wird eine andere, wie Sie hren,
und kriegt einen Beigeschmack von van der Velde und Tromlitz. Welche Mauern! man
wrde jetzt ein Dutzend daraus machen. Wenn es damals, wie zu vermuthen steht,
auch Leute gegeben hat, mit denen man Thren und Wnde einrennen konnte, welche
dicken Schdel mssen die gehabt haben!
    Wollen Sie geflligst einmal die Brille abnehmen? sagte Oswald.
    Mit Vergngen. Htte ich im Mittelalter gelebt, wrde ich mir nicht an der
Lectre schlecht gedruckter Schmker die Augen verdorben haben. Wenn das
Mittelalter berhaupt einen Vorzug vor unserer Zeit hatte, so ist es der, da
die Leute nichts zu lernen brauchten. Denken Sie sich: keine Schulen, keinen
Cornelius Nepos, keine Geschichte des Mittelalters, keine Examina; blos ein paar
Fechtstunden bei einem alten Haudegen von Knappen, der, wie der Klosterbruder im
Nathan, der Herren gar viel gehabt und von dem einen noch immer ein hbscheres
Schelmenstckchen zu erzhlen wei, als von dem andern; und dann etwa, wenn man
Anspruch auf hhere Bildung machte, ein paar Lectionen auf der Laute bei einem
lustigen, fahrenden Gesellen, der voller hbscher Lieder und toller Schwnke
steckt, der vor tausend Thren gesungen und eben so viel schne Mdchen gekt
hat - das mu doch ein famoses Leben gewesen sein! Und vor Allem diese
Leichtigkeit der Ortsvernderung, diese unbedingte, oder hchstens durch ein
paar handfeste Bursche, die einem in dem ersten besten Hohlweg den Schdel ein
ganz klein wenig einschlagen, bedingte Freizgigkeit! George Sand hat einmal ein
hbsches Wort gesagt, das einzige, das ich aus allen ihren vielen Romanen
behalten habe, wahrscheinlich weil es mir aus der Seele geschrieben war: Was
giebt es schneres, als eine Landstrae? Ist das nicht prchtig? Ist das nicht
die ganze Poesie, zum wenigstens die Poesie des Abenteuerlichen, in einem Worte?
Ich knnte die Frau kssen fr das Wort, obgleich sie ein Blaustrumpf ist, und
ich die blauen Strmpfe hasse, wie den Teufel, oder vielmehr rger als den
Teufel, der doch im Grunde nur ein verkanntes Genie ist und als solches auf die
Sympathie jedes Gebildeten Anspruch machen kann. Aber wenn Einen in unserer Zeit
der Teufel und seine Helfershelfer und Diener auf Erden, die Glubiger, plagen,
wo soll man hinfliehen vor ihrem Angesicht? Damals, in der guten alten Zeit,
packte man eines schnen Morgens vor Sonnenaufgang sein Rnzel, oder in
Ermangelung dessen, sich selbst, marschirte zum Thor hinaus und war, wenn man
nach einer Stunde das Weichbild der Stadt hinter sich hatte, in Sicherheit, und,
ehe der Abend kam, mute einem schon so viel Abenteuerliches begegnet sein, da
man die alte Stadt und das hbsche braune Mdel darin, fr die man gestern noch
leben und sterben wollte, bis auf die Erinnerung vergessen hatte. - Sind Sie
fertig? Na, lassen Sie einmal sehen. Hm! Sie zeichnen, wie der Maler Conti in
der Emilia Galotti, nicht, was die Natur geschaffen hat, sondern was sie htte
schaffen sollen, wenn sie in dem betreffenden Augenblicke nicht
unglcklicherweise blind gewesen wre. Sehr hbsch in der That, aber das
Original ist mir doch lieber. Und Dichter sind Sie auch, wie ich sehe.
    Wie so?
    Nun, die andere Seite des Blattes ist ja von oben bis unten mit Versen
beschrieben. Und noch dazu Sonette, die ich ber Alles liebe. Ich darf sie doch
lesen?
    Es ist nicht des Lesens werth, sagte Oswald, den Alberts Frage sichtbar
verlegen machte. - Die Verse waren an Melitta, waren in der Erinnerung an die
erste kstliche Zusammenkunft im Waldhuschen geschrieben! Er glaubte das Blatt
sicher in seinem Pult verwahrt, und bereute bitter seine Unvorsichtigkeit, die
es jetzt seinem bermthigen und, wie er frchten mute, keineswegs sehr
discreten Gast in die Hnde gespielt hatte. Glcklicherweise war Melitta's Name
nicht genannt.
    Nicht des Lesens werth? sagte Albert; das wollen wir gleich einmal sehen.
Dichter haben kein objectives Urtheil ber ihre Producte. Denken Sie einmal, ich
htte der Verse gemacht und fhlte mich gedrungen, sie Ihnen verzulesen. Hren
Sie zu!


                                Sie liebt mich!

Der Anfang ist weniger originell, als wahr. Aber Sie werden mir zugeben, da man
ein so uraltes Thema nicht immer wieder neu behandeln kann. Also:

Sie liebt mich! Herz, hr' auf so wild zu schlagen!
Halt aus, mein Herz! Du darfst nicht auch zerspringen,
Weil er zersprang, der erste von den Ringen,
Die Du so lange Jahre hast getragen!

Sie liebt mich! wie die Wolken eilend jagen
Da droben auf des Nachtwinds feuchten Schwingen!
Die Wlder rauschen und die Quellen klingen,
Und Wolken, Wlder, Quellen - Alle sagen:

Sie liebt mich! O, noch schwebt auf meinem Munde
Der se Ku, den sie mir hat gegeben
In dieser holden, gnadenreichen Stunde;

Noch fhl' ich ihre Brust an meiner beben -
Die stumme, wunderbar beredte Kunde
Von ihres Herzens tiefgeheimstem Leben.

Wie finden Sie das? Ich dchte, ich htte das erste, strmische Entzcken eines
Liebenden in dem Augenblicke, wo er sich der Gegenliebe des angebeteten Wesens
versichert hat, gar nicht so bel gezeichnet. Aber hren Sie weiter, wie das
Allegro in ein Adagio verklingt:

O sterngeschmckte, milde, heil'ge Nacht!
Du grabesstiller, tiefer Gottesfrieden!
Du heilst die Kranken und erquickst die Mden
Nach ihrer wirren, tollen Lebensjagd.

Und Du hast mich so berreich bedacht,
Du hast mir gndiglich ein Glck beschieden,
Wie es so gro und schn noch nie hienieden
Der Erdenkinder einem hat gelacht.

O Mutter Nacht, die Du uns hast geboren,
Die Du uns trugst in Deinen weichen Armen,
An deren Brust wir Kraft und Ruhe trinken -

O, ginge einst mein holdes Glck verloren,
Dann, groe gute Mutter, b' Erbarmen,
Dann la zurck in Deinen Schoo mich sinken!

Albert hatte die Verse ohne alle Affection klar und verstndig, ja mit einem
gewissen Anflug von Wrme vorgetragen. Oswald wute ihm Dank dafr. Er hatte
schon gefrchtet, die Gedichte, auf die er freilich nur in sofern Werth legte,
als sie ein treuer Ausdruck seiner Empfindungen waren, von dem frechen Sptter
ihm gegenber schonungslos profanirt zu sehen. Er war froh, so leichten Kaufs
davon gekommen zu sein.
    Machen Sie nie Verse? fragte er, indem er das Blatt nahm und in ein Heft
legte, das noch andere Poesien zu enthalten schien.
    Ich? sagte Herr Timm, einen tiefen Schluck aus seinem Glase thuend; bewahre!
dazu bin ich viel zu praktisch. Die praktische Weltanschauung und die poetische
vertragen sich wie Hund und Katze. Wenn das Ktzchen Poesie gerade am
zrtlichsten miaut, bellt der Hund Prosa mit seiner groben Stimme dazwischen und
die kleine Schwrmerin verstummt. Warum wollen Sie zum Beispiel Knall und Fall
sterben, wenn Ihnen das holde Glck, wie Sie es nennen, verloren geht? Das ist
doch so unpraktisch wie mglich. Warum sagen Sie nicht statt: Dann la zurck
in Deinen Schoo mich sinken - Dann la mich schnell in andere Arme sinken -
oder dergleichen, wodurch das Gemth des Hrers beruhigt und vor seinem Auge
eine hchst angenehme Perspective aufgethan wrde. Was habt Ihr Poeten denn
berhaupt davon, einem das bischen Vergngen, das man sich noch allenfalls auf
diesem melancholischen Planeten verschaffen kann, geflissentlich zu verkmmern!
Aber freilich, ich spreche davon, wie ein Blinder von der Farbe. Vielleicht
befindet Ihr Euch dort oben in Wolkenkukuksheim, Alles in Allem, doch besser,
als wir auf der hckrigen Erde, wo man von Hhneraugenschmerzen und anderen
irdischen Empfindungen, die Euch luftigen Gesellen erspart sind, gar viel zu
leiden hat. Ich habe mir schon manchmal gewnscht, ich htte ein bestimmt
ausgesprochenes Talent fr diese oder jene Kunst: Poesie, Musik,
Hhneraugenoperiren, Malerei, Grimmassenschneiden, Plastik, Gliederverrenken -
gleichviel, nur irgend einen Sparren, an dem man sich halten kann, wenn einem
die Wellen des Lebens ber den Kopf zusammenschlagen. Ich erinnere mich, einmal
in einer Thierbude an einem Dachs gesehen zu haben, welcher Segen im Unglck ein
solches Talent ist. Die brigen talentlosen Bestien liefen wie verrckt in ihren
Kfigen umher, oder brllten vor Wuth und Hunger, oder ergaben sich im besten
Falle einer stummen Verzweiflung. Meister Dachs dagegen, seinem angeborenen
knstlerischen Triebe folgend, arbeitete unverdrossen an einer imaginren Hhle
in dem Boden seines Kfigs, kratzend, kratzend, immer kratzend, vom Morgen bis
zum Abend. Er verga dabei augenscheinlich Hunger und Klte, verga, da er
gefangen war; in der Ausbung seines Talents, selbst unter so verzweifelt
ungnstigen Verhltnissen, seine Seligkeit findend. Ich wollte, ich wre so ein
Dachs! - Der Cognac ist wirklich superb, Sie sollten auch ein Glas trinken,
Doctor, um die Wolken von Ihrer Apollostirn zu verscheuchen. - Aber ich habe zu
Allem Talent, das heit zu Nichts. In meiner Jugend war ich weit und breit als
ein Wunderkind verschrieen, weil ich wie ein Staarmatz Alles nachpfiff, was mir
die Andern vorpfiffen. Der Junge wird's einmal weit bringen, sagten die albernen
Menschen, wenn ich wieder einmal so eine erstaunliche Probe meines
Gedchtnisses, in welchem alles Dumme und Kluge gleich fest haftete, zum Besten
gab. Ich wollte, ich htte sitzen und schwitzen mssen, wie die andern armen
Jungen, denen ich damals die Exercitien machte und die dafr jetzt gemachte
Leute sind, whrend ich nicht viel Besseres bin, wie ein Vagabund. Aber, vive la
joie et vive la bagatelle! Es mu auch Vagabunden geben, aus dem einfachen
Grunde, weil es sonst keine soliden Leute gbe. Die Vagabunden sind das Salz der
Erde, oder wenigstens der fliegende Same, der die sonst fest am Boden klebende,
und am Boden verrottende Cultur ber die ganze Erde verbreitet. Vagabunden
grndeten Karthago. Vagabunden grndeten Rom. Was soll ein ehrlicher Kerl, der
in Europa nicht mit einer echten Havannah-Cigarre im Munde geboren ist, anders
thun, als nach Amerika auswandern, wenn er das sehr natrliche Bedrfni
empfindet, einmal eine echte Cigarre zu rauchen, und sie nicht gerade stehlen
will, oder nicht das Glck hat, einen so liebenswrdigen Menschen aufzutreiben,
wie Sie, der Sie sich echten Cognac und echte Cigarren fr Ihre Bekannten halten
und dabei noch die Gutmthigkeit haben, dem Geschwtze dieser Bekannten
zuzuhren, obgleich Ihnen die Augen beinahe vor Mdigkeit zufallen. Der Tausend!
Der Inhalt der Flasche hat sich fast um den dritten Theil seines Volumens
verringert. Wie vergnglich doch alles Irdische ist! Buona notte, Don Oswaldo!
dormite bene und trumen Sie dolce von den bei occhi della donna bella, amata,
immaculata Ihrer Sonette. Ich fr mein Theil will, wie Hamlet, beten gehen, denn
nicht einmal zum Schlafen habe ich Unglcklicher Talent, geschweige denn zum
Trumen. Gute Nacht, Dottore!
    Gute Nacht! sagte Oswald, sich schlaftrunken aus seiner Sophaecke erhebend
und Albert bis zur Thr begleitend.
    Keinen Schritt weiter, Dottore! sagte dieser, Alles hat seine Grenzen! und
als die Thr sich hinter ihm geschlossen hatte, blieb er noch einen Augenblick
stehen, legte den Daumen seiner rechten Hand an die Nase, die brigen vier
Finger schnell bewegend - eine Geste, die fr Oswald weniger schmeichelhaft, als
fr das kindlich-harmlose Gemth des Herrn Timm bezeichnend war.

                              Dreiigstes Capitel


Der drckenden Hitze, die in der letzten Zeit geherrscht hatte, folgten einige
khle regnerische Tage.
    An solchen Tagen erschien Schlo Grenwitz noch der und einsamer, als
gewhnlich. Sonst kam, wenn auch Niemand anders, doch wenigstens der
Sonnenschein zum Besuch, und blieb bis zum Abend und drang in alle Rume, selbst
in die verschlossenen Gesellschaftszimmer des oberen Stocks, wo er flchtig ber
die Sthle und Sophas mit den kostbaren, obgleich ein wenig verblichenen
Damastberzgen weghuschte und hier und da ein Bild an der Wand begrte, das er
schon seit hundert Jahren und darber kannte. Sonst waren, wenn weiter auch
Niemand, doch wenigstens die Spatzen lustig und guter Dinge, die in den Lchern
des alten Thurmes und in den Stuckornamenten des Neubaues nisteten und schon vom
frhesten Morgen sich so ungenirt ber ihre Angelegenheiten unterhielten und
zankten, als ob das Baronenschlo ihnen nicht mehr Achtung abnthigte, als eine
Bauernscheune. Und wem es trotz alledem zu einsam und de im Schlosse wurde, der
konnte in den Garten hinabgehen, wo die Blumen in noch viel schneren und vor
allem frischeren Farben prangten, als die Tapeten und die Sthle und die Sophas
drinnen in den Prunkzimmern, wo ber den bunten Blumen sich bunte Schmetterlinge
wiegten, wo die Vgel jubilirten, die Bienen geschftig summten und fr den,
welcher Augen hatte, zu sehen, und Ohren, zu hren, allberall ein wundersames,
still geschftiges, an Leiden und Freuden reiches Leben herrschte.
    Das war nun Alles anders an Regentagen. Da konnten sich die Bilder an der
Wand ohne Furcht vor dem neugierigen Sonnenschein mit den Sthlen und Sophas
alte, gemeinsam erlebte Geschichten erzhlen, so viel sie wollten; da lieen
selbst die Spatzen ihre ewigen Streitigkeiten fr den Augenblick ruhen, oder
bissen sich in aller Stille um die besten und trockensten Pltze; und in dem
Garten lieen die Blumen die regenschweren Kpfchen hangen; und all' das bunte,
reiche Leben schien erstorben. In den nassen Gngen und ber die Beete weg
spielten die Winde Haschens und zerzausten dabei mitleidslos die armen Blumen,
und warfen die Bohnenstangen um und fuhren die Bume hinauf, und schttelten und
rttelten an den Aesten, da die schlanken Zweige hinber und herber rauschten.
    Dies melancholische Wetter pate nur zu gut fr Oswalds Stimmung. Seit dem
Tage in Barnewitz war eine Vernderung mit ihm vorgegangen, die er sich selbst
kaum zu erklren wute. Es war, als ob ihm pltzlich ein dichter Schleier ber
die Augen gefallen wre, durch den hindurch ihm Alles farblos und reizlos
erschien; es war, als ob ihm eine feindliche Hand Wermuth in den Kelch des
Lebens gemischt htte, aus welchem er in der letzten Zeit mit so vollen,
gierigen Zgen getrunken. Selbst das Bild der schnen lieben Frau, die in dem
Allerheiligsten seines Herzens thronte, schien seine Wunderkraft verloren zu
haben. Wo war all' die Seligkeit geblieben, die ihn sonst bei der Erinnerung an
sie und an die einzig wonnigen Stunden, die er mit ihr verlebt hatte, erfllte?
wo die ruhelose Sehnsucht nach ihrem Anblick, nach dem Ton ihrer Stimme? wo die
fieberhafte Ungeduld, mit der er die Sonne in ihrem Lauf verfolgte und die Nacht
herbeiwnschte, unter deren Schutz er sich die enge Treppe, die dicht neben
seinem Zimmer in den Garten fhrte, hinabstahl, um zu ihr zu eilen, die seiner
in der verschwiegenen Kapelle harrte; ihm oft schon, ohne Furcht vor den
Schauern der Nacht und der Einsamkeit, in dem Walde unter den hohen, ernsten,
finstern Bumen entgegenkommen war! - Und doch wute er, da sie jetzt einsam um
ihn trauerte, da sie ihm lngst vergeben hatte, was sein knabenhafter Trotz und
seine kindische Laune an ihr gefrevelt: da kein strafendes Wort, kein
vorwurfsvoller Blick ihn empfangen wrden, wenn er zu ihr zurck kme; da sie
freudig ihre Arme ausbreiten und ihn an ihr liebevolles Herz ziehen wrde. Ach!
nicht an ihr zweifelte er, nicht an ihrer Liebe, aber an sich selbst, an seiner
Liebe! Wie dumpfes Glockenluten, wie Grabgesang tnten ihm noch immer die
letzten Worte Oldenburg's: Wer von uns kann denn noch mit ganzem Herzen lieben?
wer von uns hat denn noch ein ganzes Herz? und eine Stimme, die er nicht zum
Schweigen bringen konnte, raunte ihm zu, wo er auch ging und stand und selbst
des Nachts in seinen wirren Trumen: Du nicht! Du nicht! - In den Linien Deiner
Hand steht es ja geschrieben! Das braune Weib im Walde sah es ja auf den ersten
Blick: Du kannst nicht treu sein: Du nicht! Du nicht! - Und als Du zu Melitta's
Fen sankst, und den Schwur der Liebe und Treue stammeltest, schlo sie Dir den
Mund, ngstlich, hastig, als wollte sie Dir das Verbrechen des Meineids
ersparen: o, schwre nicht! Ich kann Dir Liebe schwren nun und Treue auf
immerdar, aber Du nicht! Du nicht! -
    Regenwetter! wie der Wind die Tropfen gegen die Fensterscheiben jagt, da
sie trb werden wie verweinte Augen! wie schwer und tief die Wolken schleppen,
die grauen Trauermntel, als wrden sie mit dem Saum die Wipfel der Pappeln
drben auf dem Schlowalle streifen! Wer doch da drauen lge in der schwarzen
nassen Erde, berhoben aller Qual des Zweifels und der Reue! Wer doch Theil
haben knnte an dem ewigen Frieden der Natur! wer doch Eines sein knnte mit den
Elementen! mit dem Winde ber die Erde brausen, mit der Flamme zum Himmel
lodern, mit dem Wasser des Stromes im Ocean verrinnen knnte!
    Hat die schwermthige Weisheit der Inder Recht? und ist das ganze
Menschenleben nur ein ungeheurer Irrthum? sind wir Alle, Alle nur verlorne
Shne, die das Haus des guten alten Vaters verlieen, um uns von Trbern zu
nhren? Und ist es wahr, da wir zu jeder Zeit zu ihm zurckkehren knnen? da
wir zurcksinken knnen in den Schoo der lieben Mutter Nirwana, der
uranfnglichen Nacht, wenn wir es nur von ganzem Herzen wnschen? Von ganzem
Herzen? Wer von uns hat denn noch ein ganzes Herz zum Leben und zum Sterben? Du
nicht! Du nicht! - O, wer sich selbst vertrauen knnte! Wie in eine Gtterwolke
gehllt, wrde er die Gefahren des Lebenskampfes unverletzt durchwandeln, und,
wenn er fllt, als Held fallen, mit der Todeswunde auf der stolzen Stirn, in der
muthigen Brust. So aber ringst du mit dem feigen Zweifel, dem jhen Schwindel,
der uns auf steiler Felsenhhe packt, unser Blut gerinnen macht, die Kraft
unserer Sehnen lst, und uns zuletzt rettungslos in den Abgrund schleudert.
    Oswald hob seufzend den Kopf von dem Fensterkreuz und lauschte. Eine helle
Tenorstimme sang ein lustiges Wanderlied.
    Wohl Dir, murmelte Oswald; der Du singend die Strae des Lebens einherziehst
und der Gefahren des Weges spottest.
    Er schwankte einen Augenblick, dann ging er, seinen munteren Stubennachbar
aufzusuchen.
    Albert brauchte nicht mehr Zeit, sich an einem fremden Orte einzurichten,
wie ein Araber, um sein Zelt aufzuschlagen. Und von einer Einrichtung konnte
eigentlich bei ihm keine Rede sein. Er berlie es jeder seiner Sachen, deren
nicht viele waren, sich in seinem Zimmer einen Platz zu suchen. Wollte der eine
Stiefel lieber auf dem Stuhle stehen und der andere mit dem Absatz nach oben auf
der Erde liegen - er hatte nichts dagegen. Fand es der Frack, das einzige,
einigermaen respectable Kleidungsstck, dessen er sich erfreute, behaglich, in
einer Ecke des kleinen, melancholisch aussehenden Koffers zu einem unfrmlichen
Bndel geballt, zwischen schmutziger Wsche sein Dasein zu vergessen, - er
wollte ihn in seinem Vergngen nicht stren. Und er selbst, der glckliche
Besitzer all' dieser emancipirten Herrlichkeiten, stand trotz des khlen Wetters
in Hemdsrmeln ber ein groes Reibrett gebeugt und pfiff und sang und
zeichnete, und lachte Oswald wegen seiner Leichenbittermiene, wie er es nannte,
aus.
    Dottore, Dottore! rief er, Sie sehen aus, als ob Sie von dem Grog, den ich
gestern Abend getrunken, den wildesten Katzenjammer gehabt htten! Wahrhaftig,
Sie beschmen das Wetter! Die Wolken drauen sind ja verglichen mit denen auf
Ihrer Stirn in hundert bunten Farben schimmernde Seifenblasen! Haben Sie je als
Junge an einem schnen hellen Sommermorgen in der Bodenluke gesessen und aus
einem kleinen Stummel von Thonpfeife bunte Seifenblasen in die blaue Luft
hinausgesandt, whrend unten zwischen den bleiernen Soldaten auf dem groen
Tisch der Kinderstube ein angefangenes lateinisches Exercitium lag, fr dessen
fragmentarischen Zustand Sie ein paar Stunden darauf von Ihrem Lehrer die
schnsten Prgel besahen: Sehen Sie, das ist das Bild des Lebens. Unser Wissen
ist Stckwerk, und unsere besten Exercitien bleiben Stckwerk, die buntesten
Seifenblasen zerplatzen, und die derbsten Prgel fhlt man eine Stunde nachher
nicht mehr. Es ist Alles eitel, vor allem aber unser Grmen darber, da Alles
eitel ist. Zum Kukuk! Ich habe die Welt nicht gemacht und Sie, so viel ich wei,
auch nicht. Weshalb sollten wir Beide uns also darber den Kopf zerbrechen? Ich
zerbreche mir ber nichts den Kopf, ber gar nichts, zum Beispiel auch nicht
ber diese Linie, die ich offenbar zu kurz gemessen habe, und die ich nun nach
Gutdnken mit Grazie verlngern mu, bis sie diese Ecke hier trifft, - nebenbei
eine hchst romantische Waldecke, wo ich eine allerliebste stumpfnsige,
rothbckige, hochgeschrzte Bauerndirne traf, die jedenfalls diese ganze
Confusion veranlat hat. Na, schadet nicht. Die Rechnung kann ja nicht immer
rein aufgehen, wozu wren denn sonst die Brche da, und das Grenwitz'sche
Majorat bleibt darum doch, was es ist: eine ausgezeichnet schne Erfindung,
besonders fr den Spatzenkopf, den Malte. Ist der Junge wirklich so dumm, wie er
aussieht?
    Durchaus nicht, sagte Oswald, der mit einem Stiefelknecht und einer
Botanisirkapsel, aus der ein Strumpf von blauem Garn schamhaft hervorlugte, das
Sopha im Zimmer theilte. Malte kann nicht blos bis fnf, sondern sehr viel
weiter zhlen. Er hat zu Manchem ein ganz entschiedenes Talent, besonders zum
Rechnen, worin er Bruno, der sehr wenig Sinn dafr hat, weit vorausgeeilt ist.
    Ja, die Vorsehung ist wunderbar weise, sagte Albert, in einem kleinen
Npfchen schwarze Tusche anreibend; wem sie die Schildkrtensuppe des Reichthums
zugedacht hat, bescheert sie gleich den silbernen Lffel dazu, und wem sie den
Schiffszwieback der Armuth darreichte, versieht sie freundlichst mit hohlen
Backenzhnen, damit er sich nicht lange ber die trockene Kost zu rgern
braucht. Ich fr mein Theil habe aus Versehen vortreffliche Zhne bekommen und
so mundet mir mein Zwieback ausgezeichnet, so ausgezeichnet, da ich mich nicht
einmal ber die hohlkpfigen, dickbuchigen, silberne Lffel fhrenden,
Schildkrtensuppe essenden, verzogenen rechten Kinder der Stiefmutter Natur
erbosen kann. Aber eines sollte mich doch freuen, und das wre, wenn sich zu dem
Codicil im Testamente des vortrefflichen, im Delirium verstorbenen, und jetzt in
Abraham's Schooe seinen Rausch ausschlafenden Baron Harald ein Liebhaber fnde.
    So kennen Sie auch die traurige Geschichte? sagte Oswald.
    Wer sollte die nicht kennen, erwiderte Albert, sich eine Cigarre anzndend
und sich auf die Lehne eines Stuhles setzend, so da seine Fe auf dem Sessel
standen. Wird doch die Geschichte durch die testamentarisch vorgeschriebene
Publication zum frchterlichsten Aerger der hochmthigen und ebenso geizigen wie
hochmthigen Anna-Maria alljhrlich in den Zeitungen aufgewrmt, obgleich ich
glaube, da es in den letzten Jahren gar nicht einmal mehr geschehen ist.
    Es wundert mich, sagte Oswald, da ich von der Sache niemals hrte, bis ich
hierher kam, und auch in den Blttern nie davon gelesen habe.
    Wer bekmmert sich denn um die Publikandas, Steckbriefe und sonstigen
heitern Bekanntmachungen, wenn man, wie wir, von denselben weder etwas zu
frchten, noch zu hoffen hat! Ich wte wahrscheinlich von dem originellen
Streich, den Vetter Lderlich Cousine Gieremund gespielt hat, auch nicht mehr,
wie Sie, wenn mein Vater, den als Juristen die Sache interessirte, und der,
glaube ich, irgendwie dabei betheiligt war - mglicherweise war er dem Vetter
Lderlich bei der Abfassung des Testamentes behlflich gewesen - nicht manchmal
davon gesprochen htte. Uebrigens war die Aufforderung in ziemlich vagen
Ausdrcken abgefat und lief ungefhr darauf hinaus, da die betreffende junge
Dame, oder ein von ihr bis zum Ende, ich erinnere mich nicht mehr, welchen
Jahres, geborenes Kind, gleichviel ob masculini oder feminini generis, sich bei
den unterzeichneten Testamentsexecutoren - natrlich unter Beibringung der
nthigen Legitimations-Urkunden - schleunigst melden mchten, da ihnen von dem
zu seinen Vtern - die jedenfalls ebenso saubere Kunden waren, wie der wrdige
Sohn - versammelten Baron Harald ein bedeutendes Legat vermacht sei. Worin dies
Legat besteht, ist nicht gesagt. Ich aber wei, und es wissens auch noch Viele,
da damit nichts weniger als zwei der schnsten Gter hier auf der Insel:
Stantow und Brwalde, die ich ganz genau kenne, da ich sie im vorigen Sommer
vermessen habe, gemeint sind.
    Es mte allerdings eine reizende Ueberraschung fr unsere liebenswrdigen
Freunde sein, wenn der im Testament vorgesehene Fall eintrte, sagte Oswald.
    Na ob! erwiderte Albert; leider ist dazu nur noch sehr wenig Aussicht, da
das Legat nur fnfundzwanzig Jahre in suspenso bleibt und dann an die Familie
zurckfllt. Von den fnfundzwanzig mssen aber mindestens zwei- oder gar schon
dreiundzwanzig verflossen sein, denn ich bin jetzt sechsundzwanzig und erinnere
mich, da ich mich jedesmal rgerte, nicht das testamentarische Alter zu haben.
    Warum?
    Um mich wenigstens in der reizenden Ungewiheit wiegen zu knnen, ob ich
nicht am Ende doch der Ivanhoe wre, der, aus seinem vterlichen Erbe
vertrieben, unbekannt im Lande umherirrt, trotz seiner ritterlichen Abstammung
mit Schweinehirten Freundschaft schlieen und von alten schmutzigen Juden borgen
mu, bis er endlich das Incognito fallen lassen und die schne Rowena als sein
eheliches Gemahl heimfhren kann, obgleich ich fr mein Theil auf den letzten
Punkt weniger Gewicht legen wrde.
    Haben Sie Ihrem Herrn Vater, wenn Sie sich mit ihm von der mysterisen
Angelegenheit unterhielten, auch diesen fr denselben so uerst
schmeichelhaften Wunsch mitgetheilt?
    Ich erinnere mich nicht; indessen, wenn ich es gethan habe, so hat der Alte
meine kindliche Regung wahrscheinlich sehr natrlich gefunden, denn er war ein
sehr aufgeklrter Mann. Einen Vater mu doch nun einmal jeder Mensch haben,
obgleich diese so uerst weise Einrichtung der Natur auch manchmal, zum
Beispiel, wenn man einen dummen Streich ausgefhrt hat, oder auszufhren
gedenkt, ziemlich unbequem ist; und da sehe ich nicht ein, weshalb ich einem
Vater, der mir zwei prachtvolle Gter hinterlt, nicht einem andern, der mich
in die Welt laufen lt, wie ein Krokodil sein Junges ins Wasser, das heit mit
zwei Reihen ausgezeichneter Zhne und nichts zum Beien dazu, nicht den Vorzug
geben sollte, auch wenn der Erstere in Betreff gewisser, bei christlichen
Nationen landesblicher Gebruche mehr orientalisch-muhamedanischen Ansichten
huldigte.
    Das ist Geschmackssache, sagte Oswald.
    Gewi; erwiderte Albert; obgleich ich berzeugt bin, da von hundert
Menschen, wenn ihnen die Alternative nicht blos als Problem, sondern in
greifbarer Wirklichkeit gestellt wrde, sich neunundneunzig, versteht sich, mit
obligatem schamhaften Errthen, zu meiner Ansicht bekennen, oder sich auch noch
immer zu Ihrer Ansicht bekennen, jedenfalls aber mit beiden Hnden zugreifen
wrden. Versprte doch selbst der groe Gthe hnliche Gelste, obgleich er
natrlich vermge seiner Gre noch ein paar Zweige hher nach den goldenen
Aepfeln schielte, und gern eines Kaisers Sohn gewesen wre, whrend ich schon
mit einem Papa Baron zufrieden bin.
    Der groe Gthe war, als er diese Gelste versprte, eben noch nicht der
groe, sondern ein ganz kleiner Gthe, und hatte, wie andere Kinder, kindische
Einflle.
    Na, ich wei nicht, ob dem alten Geheimerath die beiden Gter nicht auch
willkommen gewesen wren; denn in gewisser Hinsicht, zum Exempel darin, da uns
gebratene Aepfel besser schmecken, als Pell-Kartoffeln, bleiben wir Alle Kinder,
und wenn wir Methusalems Alter erreichten. Indessen, dem sei, wie ihm wolle.
Wenn Sie ein besonderes Gewicht darauf legen, Ihres Herrn Vaters Sohn zu sein,
so wre es Unrecht von mir, Ihnen dies kindliche Vergngen zu verleiden. - Wie
wr's, Dottore, wenn wir unser philosophisches Gesprch als Peripatetiker im
Freien fortsetzten? Der Himmel sieht freilich noch immer aus wie ein nasser
Scheuerlappen, aber es hat doch wenigstens fr den Augenblick aufgehrt zu
regnen, und ich meinestheils will lieber in die Sndfluth hineinschwimmen, als
den ganzen Tag in dieser langweiligen Arche Noah sitzen, wo man sogar gegen alle
Natur- und biblische Geschichte gezwungen ist, ohne das betreffende weibliche
Exemplar der Species, die man selbst reprsentirt, leben zu mssen. Sie knnen
doch schwimmen?
    O ja, sagte Oswald lchelnd.
    Nun, dann setzen Sie sich eine Mtze auf und kommen Sie; die Jungen sind
jetzt unten beim Vesperbrod und werden ihren Mentor wohl auf eine Stunde
entbehren knnen.
    Die beiden neuen Freunde gingen die enge Treppe, die dicht neben Oswald's
Zimmer durch die gewaltige Mauer des unteren Stocks in den Garten fhrte, hinab.
Es regnete nicht mehr, auch der Wind hatte aufgehrt zu wehen, aber der ganze
Himmel war mit schweren, trben Wolken bedeckt, die mit jedem Augenblick tiefer
zu sinken schienen. Aus den Kelchen der Blumen tropften die Regenperlen wie
helle Thrnen aus berstrmenden Kinderaugen. Dann und wann ertnten leise
klagende Vogellaute aus den breiten Kronen der Bume, sonst tiefe Stille
allberall.
    Eine unaussprechliche Wehmuth bemchtigte sich Oswald's Herz. Das Leben
erschien ihm wie ein dumpfer, bengstigender Traum, durch den geliebte Gestalten
mit verhlltem Antlitz glitten. Er gedachte Melitta's, aber wie einer Todten.
    Auch Albert war still geworden in dem stillen Garten. Lassen Sie uns weiter
gehen, sagte er; es ist hier wie auf einem Friedhof.
    Sie gingen aus dem alten verfallenen Thore ber die Zugbrcke in den Wald,
den Weg nach Berkow, denselben Weg zwischen den hohen ernsten Tannen, den Oswald
an dem Abend seiner Ankunft auf Schlo Grenwitz daher gefahren kam, und den er
seitdem mit wie verschiedenen Empfindungen nun schon so oft zurckgelegt hatte.
    Jener Abend hatte eine Kluft in sein Leben gerissen, deren Tiefe er jetzt
erst inne ward. Seit jenem Abend war die weite Welt drauen hinter den stillen
Wldern fr ihn versunken, und eine neue Welt war fr ihn emporgeblht, eine
paradiesische Welt voll Liebe und Sonnenschein; und jetzt war es ihm, als
versnke ihm auch diese Welt unter den Fen, und die alte Welt drauen jenseits
der stillen Wlder lge ihm weit, unerreichbar weit. Wrde er je mit frischen,
muthigen Sinnen in diese Welt zurckkehren? nicht sich stets zurcksehnen nach
der blauen Blume, die ihm hier nahe wie noch nie geblht hatte, so nahe, da ihm
der Duft bis in's Herz gedrungen war? Was war aus den stolzen Ideen geworden,
denen nachzudenken sonst die Freude seines Lebens gewesen? aus den khnen
Plnen, mit denen er sich schon Jahre lang getragen? war Alles nun dahin? und
dahin um eines Weibes willen, um der Liebe willen zu einer Frau, die nie die
seine werden konnte?
    Nein und tausendmal nein! Er mute sich losreien aus dieser
sinnverwirrenden Zauberwelt, und sollte es ihm das Herz zerreien! Ihm! was war
an ihm gelegen! er hatte ja kein ganzes Herz mehr zu verlieren! aber sie - was
sollte dann aus ihr werden?
    Ich glaube, Ihre Melancholie steckt an, Dottore, sagte Albert, als sie eine
Zeit lang schweigend nebeneinander hergegangen waren; wie kann sich nur ein so
geistreicher Mann wie Sie von den Einflssen der Witterung, oder was Ihnen sonst
in den Gliedern steckt, so gnzlich beherrschen lassen! Ihr melancholischen
Genies seid doch pudelnrrische Menschen. Immer heit es bei Euch: hie Welf!
oder: hie Waiblingen! Die aurea mediocritas des Horaz ist fr Euch umsonst
gepredigt. Ihr wollt nicht darauf hren, weil Euch der Stolz nicht erlaubt,
jemals mittelmig zu sein, und doch mtet Ihr einsehen, da wir mittelmigen
Kinder der Natur uns zehntausendmal wohler in unserer Haut fhlen, als Ihr.
Wahrhaftig, Dottore, Sie knnen sich portrtiren und unter die Familienbilder
der Grenwitze, oben im Saale, hngen lassen; es findet Sie Keiner als einen
Fremden heraus. Die haben auch Alle so verteufelt melancholische Gesichter. Mir
ducht, man sieht es der Race an, da Jeder von ihnen so oder so zum Teufel
gehen mute, wie sie es denn auch, so viel ich wei, bis jetzt ohne Ausnahme
gethan haben. Die Gesichter - ich habe sie heute nach Tische der Reihe nach
durchgemustert - knnen alle als Titelkupfer zu grauslichen Ruber- und
Rittergeschichten gestochen werden. Die Gesichter erzhlen von tausend
bertollen Streichen, von durchzechten Nchten, und vor allem: von vielen,
vielen schnen Weibern, die sich an ihnen den Tod kten. Denn fr die Weiber,
wie ich sie kenne, mssen Kerle mit solchen Fratzen unwiderstehlich sein, vor
allem, wenn die Kerle, wie in diesem Falle, reiche Barone sind. Besonders ist
mir der Harald, dieser Rattenfnger von Hameln, aufgefallen. Er ist nicht so
schn, wie sein Vater Oskar, mit dem Sie nebenbei, wenn Sie so finster aussehen,
wie eben, ohne Schmeichelei eine merkwrdige Aehnlichkeit haben - aber er
scheint mir mit seinen groen, verfhrerischen blauen Augen, seinen so feinen
und doch so wollstigen Lippen der wahre Typus dieser hochadeligen und
hochgefhrlichen Race.
    Sie thun mir wahrlich eine unverdiente Ehre an, wenn Sie mich so ohne
weiteres mit dieser noblen Sippschaft zusammenstellen; sagte Oswald.
    Nein, Scherz bei Seite, erwiderte Albert, Sie haben wirklich in Ihrer
Physiognomie den verhngnivollen Grenwitzer Zug; ich will Ihnen damit nicht
etwas Angenehmes sagen, denn Andere, ich fr mein Theil zum Beispiel, ziehe es
bei weitem vor, denselben nicht zu haben. Ja, ich gehe noch weiter. Ich wette
meine Karten der Grenwitzer Gter gegen die Gter selbst, da Sie, im erb- und
eigenthmlichen Besitz dieser Gter, dasselbe Leben fhren wrden, das den
Grenwitzern bis auf die jetzt regierende Seitenlinie, die gnzlich aus der Art
geschlagen ist, erb- und eigenthmlich war.
    Sie verpflichten mich in der That durch die so beraus wohlwollende Meinung,
die Sie zu meinen Fhigkeiten und Neigungen haben, zu dem lebhaftesten Dank.
    Ironisiren Sie, so viel Sie wollen; ich bleibe dabei, Sie wrden es gerade
so machen, wie die tollen Barone, gegen die Sie eine so grndliche Antipathie zu
haben vorgeben, vielleicht auch wirklich haben, etwa so wie eine Dogge, die an
den Karren gespannt ist, eine Antipathie gegen die andere hat, die frei
umherluft.
    Aber was, um's Himmelswillen, bringt Sie, - was berechtigt Sie zu diesen
wunderlichen Hypothesen?
    Meine tiefsinnigen und eben so oberflchlichen, wie tiefsinnigen Studien in
der Physiognomik, erwiderte Albert. Ich war ein Adept dieser Wissenschaft von
Kindesbeinen an, ja ein Mrtyrer derselben, denn ich habe mir fr den
allzugroen Eifer, mit dem ich ihr oblag, oft sehr derbe Prgel geholt, wenn ich
in den Schulstunden, anstatt aufzupassen, die geistreichsten Carricaturen von
den Spatzen-, Affen-, Schafs-und anderen Kpfen um mich her zeichnete; denn
Ihnen brauche ich natrlich nicht zu sagen, da man das Charakteristische eines
Gesichts, einer Gestalt am Schnellsten fat, wenn man sie zu carrikiren
versucht. Aus Ihrem Gesicht nun, wenn ich das Charakteristische stark betone,
wird das schwermthige, und das bei aller Schwermuth so verfhrerisch-sinnliche
Gottseibeiuns-Gesicht der Grenwitzer, - Gottseibeiuns-Gesicht, nmlich aus der
armen Seele oder fr die arme Seele der Mgdelein gesprochen, die sich darin
vergaffen. Ich will mich hngen lassen, wenn Sie nicht noch im Leben ein
rasendes Glck bei den Weibern machen, - und schon gemacht haben.
    Und wenn ich Ihnen nun das Gegentheil versicherte?
    So ist der Baron Harald kein Rattensnger, sondern ein Nachtwchter gewesen,
und nicht an seiner allzugroen Neigung fr junge schne Weiber und guten alten
Wein, sondern von vielem Studiren gestorben; so hat die kleine Marguerite - die
nebenbei ein bildhbsches und auch nicht allzusprdes Kind ist - gelogen, die
mich gestern versicherte: sie hasse Sie, was doch auf deutsch so viel heit,
als: sie sei sterblich in Sie verliebt, und so hat die Fama gelogen, die Ihren
Namen mit dem einer anderen und allerdings zu hheren Ansprchen, als die kleine
Marguerite berechtigten Dame in Verbindung bringt.
    Was meinen Sie? fragte Oswald, welcher fhlte, da ihm das Blut in die
Schlfen scho.
    Nichts, mein Prinz, nichts! erwiderte Albert lachend; mu man denn immer
etwas meinen, wenn man etwas sagt? Ich wollte nur auf den Busch klopfen, ob die
Vgel vielleicht herausflgen. Denn da an Ihrer Melancholie nicht blos das
Wetter schuld ich, das zu sehen, braucht man nicht einmal, wie ich, eine Brille
zu tragen und ein Physiognom trotz Lavater und Lichtenberg zu sein. Wenn unser
Einer melancholisch ist, sind immer ein paar schwarze oder blaue Augen mit im
Spiele. Die schwarzen Augen der kleinen Marguerite sind es aber nicht, denn ich
habe selbst gesehen, mit welcher souvernen Gleichgltigkeit Sie das arme Ding
behandeln, folglich sind es ein paar andere Augen; und folglich, wenn es ein
paar andere Augen sind, mssen diese Augen doch irgend wem gehren; und wenn sie
irgend wem gehren -
    Genug, genug! sagte Oswald, trotz seiner bsen Laune ber das lustige
Geschwtz des wunderlichen Gesellen an seiner Seite lachend; Sie werden mir noch
nchstens beweisen, da ich der Mann im Monde bin und vor Liebe zu einer schnen
Prinzessin, die auf dem Sirius wohnt, mich kopfber in den Weltraum
hineinstrze.
    Warum nicht? sagte Albert; ich bin Merlin der Weise. Ich kenne alle Raupen,
die ein Mensch im Kopf haben kann; ich hre einen Bren, besonders wenn ich ihn
selber angebunden habe, schon von weitem brummen, und prophezeie, da, wenn wir
nicht in fnf Minuten unter Dach und Fach kommen, wir so ausgewachsen werden,
wie man es nur im Interesse seiner Reinlichkeit wnschen kann.
    Die Beiden befanden sich jetzt, nachdem sie aus dem Walde getreten waren,
auf dem offenen Felde zwischen dem Walde und den Huslerwohnungenn von Grenwitz.
Albert's Prophezeihung schien in Erfllung gehen zu sollen. Die trben, schweren
Dunstmassen senkten sich tiefer und tiefer, da es trotz der nicht allzuspten
Stunde beinahe Nacht wurde; schon fielen einzelne groe Tropfen.
    Sauve qui peut, rief Albert. Wie wr's mit einem kleinen Dauerlauf, Dottore,
bis zu jenem Huschen?
    Nur zu! sagte Oswald.
    Na, das war noch gerade vor Thorschlu, sagte Albert, als sie unter dem
vorspringenden Dache der Htte angelangt waren, und schttelte sich wie ein
Pudel. Meinem Rock htte die Wsche freilich nichts geschadet, aber ich bin hier
doch lieber. Nein, wie das regnet! wollen wir nicht in das Innere dieses
Pallazzo dringen, Dottore, oder glauben Sie, da das alte Weib, das da zum
Fensterchen hervorlugt, dieselbe Hexe ist, die dieses Hexenwetter gemacht hat?
    Guten Tag, Mutter Clausen! sagte Oswald, der seine alte Freundin vom
Kirchgang nach Faschwitz erkannte.
    Schn Dank, Junker! sagte Mutter Clausen und nickte freundlich mit dem
grauen Haupte; ich habe Dich schon erwartet. Komm nur herein, und der Andere
auch, wenn er Dein Freund ist.
    Na, was bedeutet denn das? fragte Albert verwundert.
    Folgen Sie mir nur, erwiderte Oswald; Sie sollen eine merkwrdige alte Frau
kennen lernen.
    Und sie traten, nicht ohne sich zu bcken, durch die niedrige Thr der
Htte.

                           Einunddreiigstes Capitel


Nur hier herein, sagte Mutter Clausen, Oswald bei der Hand ergreifend, und ihn
von dem dunklen Flur in ein einfenstriges Stbchen ziehend, das der greren
Stube auf der andern Seite, welche Oswald mit dem Inspector Wrampe den kranken
Knecht an jenem Abend getragen hatte, gegenber lag, whrend sie sich um Albert
nicht weiter bekmmerte, als wte sie, da dieser junge Mann das Talent hatte,
seinen Weg auch im Dunkeln zu finden; ich habe schon nach Dir ausgeschaut, denn
ich wei von Alters her, da Du nur zu gern in solchem Wetter umherlufst, das
heie junge Blut ein bischen abzukhlen. Bist wohl wieder durchgeweicht, wie
gewhnlich? Nun, das geht ja heute noch. Da, setze Dich in den groen Stuhl. Es
hat Niemand von Euch darauf gesessen, seitdem Baran Oscar heute vor
dreiundvierzig Jahren darin gestorben ist.
    Fr aberglubische Gemther keine besondere Empfehlung, sagte Albert, auf
einer groen hlzernen Lade im Hintergrunde des Stbchens Platz nehmend, whrend
die alte Frau Oswald in den Lehnstuhl drngte, und sich zu seinen Fen auf
einen niedrigen Schemel setzte; indessen Ehre, wem Ehre gebhrt. Sie nehmen sich
auf dem einzigen Prunkmeubel in diesem sonst uerst prunklosen Gemach ganz
famos aus, Dottore, besonders bei dieser Rembrandt'schen Beleuchtung und mit der
alten Frau  la Murillo zu ihren Fen: wie ein vertriebener Knig, der bei
einer alten Fee im Walde Schutz sucht und findet, whrend sein getreuer Eckart
im Hintergrunde sitzt und nickt. Ich glaube wirklich, das Laufen hat mich mde
gemacht, und ich knnte ein paar Minuten schlafen. Wecken Se mich, Dottore, wenn
es aufgehrt hat zu regnen - und Albert streckte sich der Lnge nach auf der
Lade aus, legte die Hnde unter den Kopf und schien trotz der, fr jeden Andern
wenigstens, hchst unbequemen Lage nach wenigen Minuten, whrend dessen nur das
monotone Tik-tak der alten Schwarzwlder-Uhr in der Ecke und das Rauschen des
noch immer in Strmen herabfallenden Regens die lautlose Stille in dem kleinen
Gemache unterbrachen, alles Ernstes eingeschlafen zu sein.
    Mutter Clausen hatte ihr Strickzeug zur Hand genommen, und stricke wieder
wie neulich an einem winzigen Kinderstrmpfchen, emsig, emsig, da die Nadeln
klapperten. Nur von Zeit zu Zeit schaute sie zu Oswald empor und nickte ihm
freundlich zu, als freute sie sich, da er gar so bequem in dem alten weichen
Lehnstuhl se, hier in der trocknen Stube, whrend es drauen so unbarmherzig
regnete.
    Nicht wahr, Junker, es sitzt sich gut in dem Stuhl? sagte sie, fr einen
Augenblick das Strickzeug in den Schoo und die rechte Hand auf Oswalds Knie
legend. Die gndige Frau hat ihn mir geschenkt, als der Baron gestorben war. Sie
konnte den Anblick nicht ertragen, sagte sie, denn sie msse dabei stets an den
Augenblick denken, wo die Leute ihn hereintrugen, als er mit dem Wodan gestrzt
war, und hier in diesen Stuhl setzen; und Harald kam herbeigelaufen, und schrie,
als er den Vater so bleich und entstellt sah, und sie selbst lief im Zimmer
umher und rang die Hnde und ich stand neben dem Baron, und wischte ihm den
Todesschwei von der Stirn. Ich hatte damals keine Zeit zum Weinen, ich wute es
wohl, da ich hernach Zeit genug dazu haben wrde.
    Und wie alt war Baron Harald, als sein Vater starb? fragte Oswald.
    Zehn Jahre, antwortete Mutter Clausen; und ihm wre besser gewesen, er wre
an dem Tage gestorben, - ihm und manchem Andern.
    Die Alte hatte das Strickzeug, das in ihrem Schoo mig gelegen hatte,
wieder zur Hand genommen und strickte emsiger wie zuvor, als msse sie die
verlorene Zeit einholen.
    Ja, ja, sagte sie, es wre besser gewesen. Damals war er ein bildhbscher,
unschuldiger Junge mit Augen, blau wie Veilchen und rosenrothen Wangen; und als
er starb -
    Die Alte schwieg - die Nadeln klapperten und der Regen latschte gegen die
Scheiben.
    Nun, sagte Oswald, und als er starb -
    Da starb ein bser Mann, und es war ein bses, bses Sterben. Ich wei es
allein, denn ich war allein mit dem Unseligen, als der Tod ihn packte mit seiner
eisernen Faust. Da rangen sie Beide, der starke Harald und der starke Tod, und
grlich genug war es anzusehen, so grlich, da die Andern davon liefen - aber
ich wollte ihn nicht verlassen in seiner letzten Noth, denn er war, bse wie er
war, doch Oscar's Sohn und ich hatte ihn, als er ein unschuldig Kind war, auf
meinen Armen getragen und auf meinen Knieen gewiegt. So hielt ich aus und
betete, whrend er sich und Gott verfluchte, bis der Tod ihm auf's Herz schlug,
da er laut aufschrie und auf sein Kissen zurckfiel. Da war es aus mit ihm und
seine arme Seele hatte Ruhe.
    Und hatte der Baron keinen Freund, der ihm in seiner letzten Stunde htte
beistehen knnen?
    Freunde genug, und es waren Mnner dabei, die sich vor einem Sterbebette
nicht frchteten; aber vor Harald frchteten sie sich; er htte den erwrgt und
zerrissen, der ihm in dieser Stunde vor die Augen getreten wre. Ja, ich mchte,
sie wren gekommen, Einer nach dem Andern; es verdiente Jeder von ihnen, da ihm
der Hals wre umgedreht worden.
    Und wer waren diese schlimmen Freunde?
    Zuerst Herr von Barnewitz, nicht der auf Sllitz, der noch lebt, der Vater
von dem jungen Herrn von Barnewitz - das ist ein guter Mensch, dem Keiner nichts
Bses nachsagen kann, - sondern der auf Schmittow, der hernach all' sein Geld an
Herrn von Berkow verspielte, und ihm dafr seine Tochter verkaufte.
    Melitta! sthnte Oswald und seine Hnde griffen krampfig nach den Lehnen des
Stuhls.
    Was hast Du, Junker, sagte die Alte.
    Nichts, nichts; murmelte Oswald, mit bernatrlicher Anstrengung das aus
Abscheu, Mitleid, Ha und Rachedurst grauenhaft gemischte Gefhl niederkmpfend,
das in seiner Brust aufkochte, als er der Geliebten heiliges Bild so in den
Schmutz gemeiner Leidenschaften geschleift sah. - Melitta verkauft, von ihrem
eigenen Vater einem Manne verkauft, den sie nicht liebte, dem sie sich nur
vermhlte, ihren Vater von der Schande zu retten - Oswald fhlte, da dieser
Gedanke ihn wahnsinnig machen wrde, wenn er ihn bis zu Ende verfolgte; und
zugleich frchtete er, der scharfsinnige Albert, von dessen festem Schlaf er
keineswegs berzeugt war, obgleich ein gelegentliches leichtes Schnarchen von
der Lade her ertnte, knne seine Aufregung bemerken. So zwang er sich denn,
sitzen zu bleiben und mit scheinbarer Ruhe zu fragen:
    Gehrte Herr von Berkow auch zu den Freunden des Barons? war er damals nicht
noch zu jung?
    Er war der Jngste, sagte Mutter Clausen, und auch der Beste. Er that, was
er die Andern thun sah, ohne weiter zu berlegen, ob es Recht sei, oder Unrecht.
Auch hatte er nicht die mchtige Natur der Andern. Wo er eine Flasche trank,
trank Harald drei, und dabei blieb Harald bei Besinnung und Berkow lag unter dem
Tisch.
    War es ein hbscher Mann? fragte Oswald.
    Nicht so hbsch, wie Harald und lange nicht so hbsch wie Du, Junker. Er war
kleiner und schwchlicher wie Ihr, und Harald htte es mit sechs solchen Mnnern
zugleich aufnehmen knnen. Aber es war auch weit und breit Niemand so stark und
so khn, wie Harald. Er konnte das wildeste Pferd im Lauf aufhalten und zahm und
folgsam machen, wie einen Hund, und in den Sattel sprang er, ohne den Bgel zu
berhren. Sie erzhlten sich Wunderdinge von seiner Riesenkraft, aber es war
just so, wie sie sagten. Wenn er zornig war, und er war es nur zu oft, zerbrach
er einen schweren eichenen Stuhl oder Tisch, als wren sie von Glas. Dann
schwollen ihm die Adern auf der Stirn an, wie Aeste, und er prete die weien
Zhne knurrend an einander, da es grulich anzusehen und anzuhren war; aber
wenn er lachte und freundlich that, da mute man ihn doch wieder lieb haben. Da
konnte er so schn thun, und so gute Worte geben, da kein Mensch nicht glauben
konnte, wie bse er war. Denn bse war er bei alledem; was ihm gefiel, das mute
er haben, es mochte kosten, was es wollte, und wenn Alles darber zu Grunde
ging.
    Waren Sie denn whrend dieser ganzen Zeit noch auf dem Schlosse?
    Warum nennst Du mich Sie, Junker? Du hast es ja sonst nie gethan - ja wohl
war ich auf dem Schlosse. Mein Mann war ja gestorben und die Jungen und die
Dirnen waren gestorben und ich war ja die einzige, die nach dem Tode der
gndigen Frau Mutter noch ein bischen auf Ordnung sah. Ich war nicht gern da,
das wei der Himmel, denn im Schlosse ging es zu wie zu Sodom und Gomorrha. Alle
Tage die saubern Freunde, und oft noch ein halb Dutzend dazu und dann gespielt
und gezecht bis an den hellen Morgen.
    Kamen denn nie Damen auf's Schlo?
    Nein, selbst die frechsten und bermthigsten frchteten sich vor diesen
wilden Mnnern. Und es waren die meisten von ihnen auch noch nicht verheirathet,
wie Herr von Berkow; oder ihre Frauen waren gestorben, wie dem Herrn von
Barnewitz seine Frau; so konnten sie denn ihr bses Leben ganz ungestrt fhren.
Freilich, an Weibern fehlte es nie auf dem Schlosse, aber sie blieben niemals
lange und es waren immer nur solche, an denen nichts zu verderben war, bis auf
Eine, bis auf Eine -
    Und wer war diese Eine?
    Die Letzte - ein schner, unschuldiger Engel, der auch die Teufel htte
bekehren knnen, aber Harald und seine Gesellen waren schlimmer als die Teufel.
    Wie hie sie? woher kam sie?
    Wir nannten sie nur Frulein Marie; woher sie kam, habe ich nie erfahren,
und eben so wenig, wohin sie ging.
    So hat sie sich das Leben nicht genommen, wie die Leute sagen?
    Nein, denn dazu war sie zu fromm und gut; sie htte ihr Kreuz bis Golgatha
getragen. O, sie war so jung und schn und so sanft und so lieb, wie meine alten
Augen nie, weder vorher noch nachher, etwas gesehen haben. Wenn ich gewut
htte, da sie gemeint war, als Baron Harald ber dem Weine mit Herrn von
Barnewitz um, ich wei nicht, wie viel Tausend Thaler wettete: das Mdchen solle
ihm freiwillig nach Grenwitz folgen und freiwillig auf dem Schlosse bleiben -
ich htte sie Alle, wie sie da saen, mit Gift vergeben, wie schnde Ratten.
    Und wie fing es der Baron Harald an, seine Wette zu gewinnen?
    Es ist eine lange Geschichte, Junker, und ich will sie Dir erzhlen. Ich
sage Dir, wenn alle Tropfen, die drauen fallen, Thrnen wren, und alle um das
arme Kind geweint wrden - ich wrde sagen: es sind eben nur genug.
    Als Harald mit Herrn von Barnewitz die schlimme Wette machte, war er vorher
zwei oder drei Wochen mit ihm zusammen verreist gewesen; ich wei nicht wohin;
ich glaube in eine groe Stadt, weit von hier, und da hatten sie, denke ich, das
arme Kind gesehen. Bald darauf reiste er wieder fort und diesmal blieb er zwei
Monate aus. Endlich schrieb er, er komme zurck, aber nicht allein. Seine Tante
Grenwitz komme mit; ich solle die Zimmer der verstorbenen gndigen Frau
auslften und die Mbel gut ausklopfen lassen und Alles zu ihrem Empfang
herrichten. Nun wute ich wohl, da der Baron eine Grotante hatte, die
Schwester seines Grovaters; aber sie mute nach meiner Rechnung achtzig Jahre
und drber sein; sie war zu meinen Lebzeiten nie in Grenwitz gewesen, und hatte
sich nie um Harald bekmmert, so wenig, wie er sich um sie. Deshalb war ich
nicht wenig erstaunt ber den sonderbaren Entschlu, noch in so hohen Jahren
eine so weite Reise zu unternehmen, denn sie wohnte viele, viele Meilen von
hier; aber ich that, was mich der Baron geheien hatte. Sie kamen auch an dem
von ihm bestimmten Tage; ich empfing sie und wunderte mich, wie rstig die alte
Dame noch war, trotzdem sie an einem Stock ging und silbergrane Haare und
Augenbrauen hatte. Harald war voller Respect gegen sie; er fhrte sie an seinem
Arm durch alle Zimmer des Schlosses und zeigte ihr Alles ganz genau, besonders
die Familienbilder im groen Saale, wo auch ihr eigenes hing, wie sie als
achtzehnjhriges Mdchen gewesen war. Davor blieben sie stehen und wollten sich
todtlachen, und die Alte kriegte den Husten und Harald klopfte sie derb auf den
Rcken. Ich wute nicht, weshalb sie so lachten - ich glaubte, weil aus dem
schnen Mdchen ein so hliches Weib geworden war, denn damals ahnte ich noch
nichts von dem schndlichen Spiel.
    Am Morgen de nchsten Tages lie der Baron wieder anspannen und die Tante
setzte sich zu ihm in den Wagen. Wir kommen heute Abend wieder, sagte er, wenn
es auch spt werden sollte. Wir bringen noch eine junge Dame mit, die
Gesellschafterin bei Tante Grenwitz ist. Sie mu das Zimmer nebenan haben, hrst
Du, Alte? Aber Herr, sagte ich, in der rothen Stube ist die Baronin gestorben
und es liegt und steht noch Alles so darin, wie an ihrem Todestage. So la Alles
ausrumen, sagte er, hrst Du, Alles, und schaffe es in ein anderes Zimmer und
setze dafr andere Mbel hinein. Die junge Dame mu in Tante Grenwitz's Nhe
schlafen. Was sagst Du, lieber Harald? fragte die Tante, die auf dem einen Ohre
taub war, und auf dem andern auch nicht besonders hrte, so da sie mich
durchaus nicht verstehen konnte, so laut ich auch schrie. Nichts, nichts, liebe
Tante! sagte der Baron; fort Jochen!
    Es war spt in der Nacht, als sie wieder kamen. Ich hatte alle Leute zu Bett
gehen lassen mit Ausnahme des neuen Kammerdieners, den der Herr von seiner Reise
mitgebracht hatte. Die junge Dame war mit im Wagen. Als sie auf den Flur traten
und der Schein des Lichtes, das der Baptiste, so hie der Mensch, in der Hand
trug, auf das rosige Gesichtchen der jungen Dame fiel, verzog sich sein Gesicht
zu einem recht widerlichen Lachen. Aber ich sah, da Harald die Stirn runzelte,
und mit den Augen winkte, da war Baptiste gleich wieder ganz Ernst und
Diensteifer.
    Fhre die Damen auf ihre Zimmer, Alte! sagte Harald zu mir, und dann
verbeugte er sich stattlich vor den Frauen und wnschte ihnen wohl zu schlafen.
    Wollen Sie mir Ihren Arm geben, liebe Marie? sagte die Tante, als ich mit
dem Licht vor ihnen her die Treppe hinaufging; meine alten Glieder sind doch
etwas mde von der heutigen Fahrt. Wie soll ich Ihnen Ihre Gte danken, gndige
Frau! sagte das Mdchen mit einer so weichen, sen Stimme, da ich mich
unwillkrlich umsehen mute. Die Alte und das Mdchen standen auf dem Absatz der
Treppe. Der Schein von den Kerzen auf dem Armleuchter, den ich trug, fiel hell
auf die Beiden und ich werde den Anblick nie vergessen, und sollte ich noch
einmal achtzig Jahre verleben. So widerlich hlich war mir die Tante noch nie
erschienen, und so etwas Holdes und Schnes, wie die junge Dame, hatte ich im
Leben noch nicht gesehen. Sie wissen es am Besten, liebes Kind, sagte die Alte,
und dabei zog sie eine Fratze, die sie wo mglich noch hlicher machte. Ich
habe nur noch einen Wunsch auf Erden; es steht bei Ihnen, ob mir dieser Wunsch
erfllt werden soll, oder nicht. Das Mdchen antwortete nicht, aber die hellen
Thrnen traten ihr in die Augen, und dann beugte sie die schlanke hohe Gestalt
nieder und kte der alten Hexe die Hand. Nun, nun, sagte die, Sie sind ein
gutes Kind, wir werden uns schon verstehen, und mein Harald, mein Augapfel, wird
noch glcklich werden. Lassen Sie sich den Leuchter geben, liebe Marie; ich
kenne das Schlo meiner Ahnen noch recht gut, obgleich ich es nun seit sechzig
Jahren nicht gesehen habe. Gehe Sie zu Bett, liebe Clausen; ich bemhe die Leute
nicht gern unnthiger Weise.
    Und das mute man der Tante lassen; wir bekamen nur sehr selten ihre Klingel
hren. Sie zog sich selbst an und aus; freilich brauchte sie mehrere Stunden
dazu, aber Keiner von uns durfte ihr die geringste Hlfe leisten; ja, seitdem
eins der Mdchen einmal, whrend sie sich anzog, in ihre Stube gekommen war,
schlo sie stets hinter sich ab. Sie hatte sonderbare Gewohnheiten, die alte
Frau. So konnte sie des Abends nicht mde werden, und ich sah sie manchmal noch
bis zum hellen Morgen in ihrem Zimmer umherwandern, dafr schlief sie aber bis
in den Nachmittag hinein. Bei Tische hatte sie nie Appetit, aber auf ihrem
Zimmer konnte sie desto mehr essen und trinken, manchmal zwei, drei Flaschen
alten Wein an einem Tage. Aber was das Merkwrdigste war, sie schien heute
fnfzig und morgen achtzig Jahre alt zu sein; sie konnte in dieser Minute das
leiseste Wort hren und in der nchsten war sie stocktaub; sie schleppte sich
das eine Mal nur so an ihrem Stocke fort und das andere Mal kam sie die Treppen
schneller hinab, als ich, obgleich ich damals erst sechzig Jahre und noch
vollkommen rstig war. Mir war es ganz unheimlich bei der alten Frau, und ich
war froh, wenn ich ihr mglichst weit aus dem Wege gehen konnte.
    Und wie lebte Frulein Marie unterdessen?
    Sie war fast immer in Harald's Gesellschaft. Ich sah sie des Morgens
zusammen zwischen den thaufrischen Beeten des Gartens unherschweifen, Arm in
Arm, sie, die Augen verschmt niederschlagend, und Harald, eifrig und leise zu
ihr sprechend. Ich sah sie des Nachmittags in den khlen Zimmern, die nach dem
Park hinausliegen, sitzen, sie, mit einer Arbeit beschftigt, die aber oft mig
in ihrem Schoo lag; ihn, aus einem Buche vorlesend, noch fter aber den Arm auf
die Lehne ihres Stuhles gesttzt, whrend sie selig lchelnd zu ihm
emporschaute, sie mit glhenden Blicken verschlingend und ihr von Zeit zu Zeit
das seidenweiche braune Haar aus der schnen Stirn streichend. Ich sah sie des
Abends wieder drauen herumschweifen, oder in den hellerleuchteten Zimmern, Arm
in Arm, langsam auf- und abwandeln, whrend Tante Grenwitz auf dem Sopha sa und
las, oder doch that, als ob sie lse. - Ach! es war eine kstliche Zeit fr das
arme Kind; und sie sah stets so glcklich und selig aus, da es einem angst und
bange wurde, wie das enden solle; und wenn sie mich traf, hatte sie stets ein
freundliches Wort fr mich: Wie geht's, liebe Frau Clausen? oder: kann ich Ihnen
nicht helfen, liebe Frau Clausen? Sie lassen es sich gar so sauer werden. Ich
schme mich, da ich hier so mig gehe.
    Eines Nachmittags begegnete sie mir im Garten. Es war ein sonniger heier
Tag; sie hatte ein weies Kleid an und ein Strohhut mit breitem Rande hing an
ihrem schnen runden Arm. Der Baron war ausgeritten, seit langer Zeit zum ersten
Male, die Tante war noch nicht aufgestanden. Ich hatte mir schon lange
vorgenommen, wenn es die Gelegenheit erlaubte, ein Wort mit dem Mdchen zu
sprechen und ihr die Augen zu ffnen. So fate ich mir denn ein Herz, als sie
mit einem: Guten Tag, Mutter Clausen, wie geht's? an mir vorber wollte, und
sagte: Schn Dank, Frulein Marie; haben Sie einen Augenblick Zeit? ich mchte
gern ein paar Worte mit Ihnen sprechen! - Recht gern; sagte sie, und als sie in
mein Gesicht sah, das wohl recht ernst und traurig sein mochte, rief sie: Um
Gotteswillen, es ist doch kein Unglck passiert? - Nein, Frulein Marie, sagte
ich, aber es knnte leicht eins passiren, wenn Sie sich nicht besser vorsehen;
und das sollte mir herzlich leid thun, denn Sie sind so jung und sehen so gut
und rein und unschuldig aus. - Was meinen Sie? sagte das arme Kind und wurde
dunkelroth. - Kommen Sie hierher, Frulein Marie, sagte ich und zog sie in einen
Buchengang, wo wir vom Schlosse aus nicht gesehen werden konnten, ich will Ihnen
Alles sagen, was ich auf dem Herzen habe. Ich bin eine alte Frau und Sie sind
ein junges Ding, das viel wei, wie's in der Welt aussieht, und wie es hier in
Grenwitz zugeht. Und nun schilderte ich ihr das Leben auf dem Schlosse, wie es
bis zu ihrer Ankunft gewesen war, und welch' ein wilder, wster Mensch Harald
sei, und da er falsch und grausam sei, wie ein Tiger. Sie hrte mir mit
glhenden Wangen und die langen dunkeln Wimpern nicht von den schnen blauen
Augen aufschlagend, ohne mich nur einmal zu unterbrechen, ruhig zu, dann sagte
sie leise: ich danke Ihnen, liebe Frau Clausen - aber was Sie mir da sagen, das
wei ich Alles schon. - Ich war wie vom Donner gerhrt. Sie wissen das, rief
ich, und haben gndigen Tante hierher folgen knnen? Sie wissen das und sind
noch hier? Sie wissen das, und frchten sich nicht, mit dem Baron stundenland,
halbe Tage lang allein zu sein? O, Kind, Kind, was soll ich von Ihnen denken! -
Denken Sie nichts Schlechtes von mir, gute Frau, sagte sie, mir die Hand auf die
Schulter legend. Und denken Sie auch nicht so schlecht vom Baron. Er wird nie
wieder so wild und bs sein, wie er vormals gewesen ist. - Woher wissen Sie das,
Frulein? sagte ich. - Weil er es mir versprochen hat. - Und glauben Sie, da er
dies Versprechen hlt? - O, gewi. - Warum? - Weil er mich liebt. - O, Kind,
Kind, rief ich, um Gotteswillen, es ist die hchste Zeit: fliehen Sie, oder Sie
sind rettungslos verloren. Unglckliche, die Sie seinen Schwren glauben! Er
schiet das Pferd todt, das ihm nicht lnger gefllt und er bricht den Schwur,
der ihm lstig wird. Was er Ihnen geschworen hat, ist ein altes Lied; er pfeift
es, wie ein Staar sein Stckchen pfeift, ohne etwas dabei zu denken. Was er
Ihnen schwur, hat er schon hundert Andern geschworen, von denen freilich die
Meisten nicht viel besser waren, als er selbst, und sich einen Treubruch schon
gefallen lieen, wenn er nur gut bezahlt wurde. - Hren Sie auf, rief Frulein
Marie heftig; ich kann und darf Sie nicht lnger anhren. Und dann setzte sie
lchelnd hinzu: Sie werden bald einsehen, gute Frau, wie bitter Unrecht Sie
meinem Harald - wie sehr Sie dem Baron Unrecht gethan haben. - Ihrem Harald?
sagte ich, armes Kind, er wird nie Ihr Harald. Der nimmt, was ihm der Zufall in
den Weg fhrt, und weil Sie nun einmal zufllig hier sind - Und wenn ich nicht
zufllig hier wre? sagte sie, schelmisch lachend; wenn ich nun nicht der alten
Baronin, sondern die alte Baronin meinethalben hier wre? und wenn ich nun gar
nicht wieder fort ginge und gar hier bliebe. - In diesem Augenblick kam Harald
pltzlich in den Baumgang, in welchem wir redend auf- und ab gingen. Er stutzte,
als er mich mit dem Mdchen allein sah. - Frulein Marie, sagte er, ich glaube,
die Tante wnscht Sie zu sprechen. Und als das Mdchen fort war, trat er an mich
heran und sagte leise durch die weien Zhne: Was hast Du ihr gesagt, Alte? -
Da Du sie an der Nase fhrst, Harald, antwortete ich. - Ich werde Dir dafr den
Hals umdrehen, sagte er und die Zornesader auf seiner Stirn schwoll. - Immer
noch besser, als wenn Du dem armen Dinge das Herz brichst, sagte ich. - Hre,
Alte, sagte er, und wenn ich es nun diesmal wirklich ehrlich meinte; wenn ich
das wste Leben, bei dem man ja doch frher oder spter zum Teufel gehen mu,
herzlich satt htte; wenn ich nun das Mdchen heirathete, wie dann? - Ist sie
von Adel? sagte ich. - Harald lachte: Eines Schneiders Tochter ist sie. Ich
werde die Scheere und das Bgeleisen in unser Wappen zeichnen lassen mssen. -
Wenn sie nicht von Adel ist, sagte ich, wirst Du sie nie heirathen, und es wre
auch nur eine Grausamkeit mehr. Das arme Geschpf wrde unter Deinem Spott und
dem Hohn Deiner Freunde verbluten, wie ein gehetzter Hirsch unter den Zhnen der
Hunde. Schicke das Mdchen fort; ich beschwre Dich, Harald, heute lieber, als
morgen. Und die alte Baronin auch; setzte ich hinzu. - Er sah mich gro an und
dann lachte er und sagte: Du bist doch dmmer, als ich gedacht habe, Alte. -
Damit wandte er mir den Rcken und ging trllernd in das Schlo.
    Ich wute nicht, was ich von dem Allen denken sollte. Hatte Harald dem
Mdchen die Ehre versprochen, glaubte sie alles Ernstes, da er - von dem sie
sagte, da sie sein frheres Leben kenne - dies Versprechen halten wrde? Sie
schaute so klug und verstndig aus ihren groen blauen Augen, wie konnte sie
sich ein solches Mrchen aufbinden lassen? Wie hatte es Harald angefangen, ihre
Klugheit so ganz zu umnebeln? Was meinte das Mdchen damit, da die Tante
ihrethalben hier sei? Mir ging das Tag und Nacht im Kopf herum, da ich fast
darber wurde. Ich htte das arme, unschuldige Lamm so gern gerettet, und dem
Harald diese Snde erspart - hatte er doch schon genug auf dem Gewissen! Aber
ich wute nicht, wie ich es anfangen sollte. Seit jener Unterredung im Garten
wich Frulein Marie mir berall aus; die Tante kam nur noch des Abends aus ihrem
Zimmer und hatte trotz des heien Wetters den Kopf stets dicht in Tcher
eingewickelt. Harald hatte schon seit Tagen kein Wort mehr mit mir gesprochen.
Er schien wirklich ein ganz anderer Mensch geworden zu sein. Er war, so lange
Frulein Marie auf dem Schlosse war, nicht ein einziges Mal betrunken gewesen;
hatte keinen der Leute geprgelt; kein Pferd zu Schanden geritten, whrend doch
sonst kein Tag hinging, wo er nicht diesen oder jenen verrckten Streich
ausfhrte. Wenn er sonst bei der geringsten Veranlassung tobte und fluchte und
sich wie ein Rasender gebehrdete, so war er jetzt gegen Alle mild und
freundlich, nur nicht gegen mich, weil er wute, da er sich vor mir nicht
verstecken konnte, die ihn von Kindesbeinen an kannte - und gegen den neuen
Kammerdiener. Das war ein widerwrtiger Mensch, der bestndig lchelte, und
immer hinter den Mdchen her war, die ihn alle nicht leiden konnten. Er hatte
den ganzen Tag nichts zu thun, als mit den Hnden in den Taschen
umherzuschlendern und Grimassen zu schneiden. Fr den Baron that er gar nichts,
im Gegentheil, seitdem Harald ihm einmal einen Futritt gegeben, da er noch
vierzehn Tage nachher hinkte, ging er ihm berall aus dem Wege. Kein Mensch
konnte begreifen, weshalb ihn der Baron nicht wieder fortjagte. - Whrend dieser
ganzen Zeit war keiner von den Herren, die sonst bei uns aus- und eingingen, zum
Besuch auf dem Schlosse gewesen. Ich hatte immer gehofft, es sollten welche
kommen, damit ich Gelegenheit bekme, mit Frulein Marie zu sprechen, der Harald
jetzt gar nicht mehr von der Seite ging. Wenn sie vorher schn mit einander
gethan hatten, so war das jetzt noch viel schlimmer geworden. So wie sie sich
unbeobachtet glaubten, lagen sie einander in den Armen, und das war ein Herzen
und ein Kssen! - Du lieber Himmel, das ist unter Liebesleuten so der Brauch,
und ich hatte es nicht besser gemacht, als ich ein so junges Ding war, und ich
wute am besten, wie die Grenwitzer Barone einem armen hbschen Mdchen schn
thun und schmeicheln knnen; aber ich wute auch, da man jeden ihrer Ksse mit
tausend Thrnen bezahlen mu. - Und eines schnen Morgens, als ich Frulein
Marie wieder einmal begegnete, und fragte: wie geht's Frulein Marie? gut
geschlafen? da wurde sie purpurroth und konnte vor Verlegenheit kein Wort
hervorbringen und stand da, und zitterte, wie ein Espenblatt. Und als ich das
sah, wute ich auch, was geschehen war, und da wurde mir das Herz so
centnerschwer, da ich mich auf eine Bank setzte und weinte. Als das Frulein
Marie sah, fing sie auch an zu weinen und setzte sich zu mir, schlang ihren Arm
um meinen Hals und sagte schluchzend: Weinen Sie nicht, gute Mutter Clausen! Es
wird noch Alles gut werden! - Das gebe Gott, Kind, sagte ich; aber ich glaube es
nicht. - Aber, sagte sie, Sie sehen ja selbst, wie gut und freundlich der Baron
jetzt ist, und er ist doch nur so, weil er mich liebt, und wenn er mich nicht
heirathen wollte warum htte er dann die Tante mitgebracht? und wenn die Tante
nichts dagegen hat, die so stolz und hoffrtig ist, wie Harald sagt, da knnen
ja die andern Verwandten doch auch nicht nein sagen! - So sind Sie nicht
Gesellschafterin bei der alten Baronin? fragte ich verwundert. - Nein, sagte
sie, ich habe sie hier zum ersten Mal gesehen. - Aber um's Himmelswillen, Kind,
rief ich, wie kommen Sie denn hierher, wenn Sie nicht der Baronin gekommen sind?
- Die Kleine weinte noch strker, als zuvor. Ich darf es Ihnen nicht sagen, rief
sie, ich habe dem Baron versprochen, gegen Jedermann zu schweigen, bis wir uns
ffentlich - sie schwieg, als htte sie schon zuviel gesagt. Ich darf nicht
sprechen, wiederholte sie; aber glauben Sie mir, ich bin kein so schlechtes
Mdchen, wie Sie denken. - Damit kte sie mich auf die Stirn und eilte von mir
fort ins Schlo.
    Seit diesem Tage sah ich Frulein Marie oft mit verweinten Augen; und wohl
mochte sie Ursache zum Weinen haben, das arme Kind. Harald that, was ich schon
lngst gefrchtet hatte: er fing sein altes Leben wieder an; freilich nur
allmlig. Die Freunde kamen noch immer nicht aufs Schlo aber er selbst ritt
aus, und blieb halbe und manchmal ganze Tage lang fort. Wenn er wieder kam, war
er oft in seiner bsen Weinlaune, in welcher er die Diener mit Futritten und
Stockschlgen tractirte, und die armen unschuldigen Mbel zerschlug. Doch war es
noch immer golden, im Vergleich mit sonst, und er war auch noch immer zrtlich
gegen Frulein Marie, besonders wenn er sah, da seine wthende Heftigkeit sie
bis zum Tode erschreckt hatte. Mit der Tante verkehrte er beinahe gar nicht
mehr, seitdem sie sich des Abends, wenn Frulein Marie zu Bett gegangen war, ein
paar Mal im Salon gezankt hatten, da wir es drauen hrten. Ich glaubte, die
Alte setzte ihm den Kopf zurecht und da schickte ich ihr gern so viel Braten und
Wein auf ihr Zimmer, wie sie haben wollte, obgleich es unglaublich war, was sie
verzehren konnte.
    Da geschah es, da, als ich einmal in der Nacht, nachdem Alle zu Bett waren,
die Runde durchs Haus machte, wie ich es immer that, um zu sehen, ob die Lichter
berall ausgelscht waren, mir auf einmal auf dem Corridor, der von dem Thurm
aus in das alte Schlo fhrt, wo die Damen logirten, ein heller Schein
entgegenleuchtete. In dem ersten Schrecken und ohne noch zu wissen, ob die
Gefahr gro oder klein war, schrie ich Feuer! Feuer! so laut ich konnte.
Zugleich lief ich den Corridor entlang nach der Stelle zu, wo es brannte. Auf
einmal war Harald an meiner Seite. Ich wute nur zu gut, aus welcher Thr er
gekommen war, obgleich ich ihn nicht hatte kommen sehen. - Still, Alte, rief er,
Du siehst ja, es brennt nur die Gardine vor dem Fenster. Und damit fing er an,
die brennenden Fetzen herabzureien und mit den Fen auszutreten. Pltzlich
ffnete sich die Thr, die zu dem Zimmer der Baronin fhrte, und die dem
brennenden Fenster gerade gegenber lag, und heraus strzte die alte Hexe mit
einem groen Bndel unter dem Arm, und der Kammerdiener mit einem noch greren
Bndel auf der Schulter, kam hinterher. Sie htten uns beinahe umgerannt, aber
Harald packte den Kammerdiener und schleuderte ihn so gewaltig zurck, da der
Mensch sammt seinem Packet zu Boden strzte. Steckt Ihr wieder einmal bei
einander, Lumpenpack? herrschte er die Alte an, die, als sie den Baron so
wthend sah, am ganzen Leibe zitternd stehen geblieben war; scheert Euch in die
Stube zurck, oder ich will Euch auf den Marsch bringen. Auf einmal fing er laut
zu lachen an, denn er sah, und ich bemerkte es auch erst jetzt, da die Alte in
der Eile vergessen hatte, sich die Perrcke aufzusetzen, und ihr eigenes rothes
Haar in nicht allzu kurzen Zpfen aus der schmutzigen Haube herabhing. Den Stock
hatte sie natrlich auch stehen lassen, und sah berhaupt so verndert aus, da
ich meinen Augen kaum traute. - Scheer' Dich zum Teufel, alte Hexe, rief Harald,
noch immer aus vollem Halse lachend, und la Dich erst wieder anstreichen, sonst
sieht man doch gar zu deutlich, woher Du stammst. - Die Alte murmelte etwas, das
ich nicht verstand, und ging in das Zimmer zurck; der Kammerdiener hatte sich
unterdessen wieder aufgerafft und war die kleine Treppe, die von dem Corridor in
den Garten fhrte, hinab, davongeschlichen. - Geh zu Bett, Alte, sagte der Baron
zu mir, und denke, Du hast dies Alles getrumt, oder denke auch, was Du willst,
mir gilt es gleich. Die Komdie kann ja doch ewig dauern.
    Und die Komdie war denn nun auch vorbei. Am nchsten Morgen waren die Alte
und der Kammerdiener verschwunden und Niemand von uns hat je wieder etwas von
ihnen gesehen oder gehrt; Keiner jemals erfahren, woher sie kamen. Nur das eine
war sicher, da die Alte so wenig des Barons Tante gewesen war, wie ich seine
Mutter. Die Leute lachten, und der Baron lachte, trotzdem die Beiden an
Silberzeug und Kostbarkeiten mitgenommen hatten, was sie forttragen konnten,
aber ich lachte nicht, und da war noch eine Andere, die auch nicht lachte. Das
arme herzige Kind! se wollte es zuerst gar nicht glauben, da der Baron sie so
schndlich habe betrgen knnen. Sie ging mit weiten, starren, thrnenlosen
Augen umher, und wenn sie mir begegnete, sah sie mich an, so angstvoll, so
kummervoll, da es mir in's Herz schnitt. Ach, ich konnte ihr ja nicht helfen;
ich konnte nur mit ihr weinen und das that ich denn redlich, als das arme Kind
sich von ihrem ersten Entsetzen erholt und wieder Thrnen gefunden hatte. Wir
waren jetzt oft beisammen, denn seit jener Nacht kmmerte sich Harald nicht mehr
viel um Frulein Marie. Er ritt alle Tage aus, und nun kamen auch die Herren
wieder auf's Schlo, wie sonst, und das alte Leben fing wieder an. Ob Harald
seine Gewissensbisse zum Schweigen bringen, ob er die verlorene Zeit nachholen
wollte, er war jetzt wilder und unbndiger, als ich ihn je gesehen hatte, und
die Leute gingen ihm aus dem Wege, wo sie konnten.
    Eines Abends, als die Herren wieder einmal zu Besuch auf dem Schlosse waren,
- es war gegen sieben und sie hatten seit drei Uhr bei Tische gesessen -
Frulein Marie war bei mir auf dem Zimmer, wo sie jetzt die meiste Zeit
zubrachte - kam Harald pltzlich zur Thr herein. Ich sah auf den ersten Blick,
da er betrunken war. Sein Gesicht glhte und seine Augen funkelten, wie die
einer wilden Katze. Als er Marie erblickte, die im Fenster gesessen hatte und
bei seinem Eintritt voller Schrecken aufgesprungen war, lachte er und sagte:
Treffe ich Dich hier? ich habe das ganze Schlo nach Dir durchsucht. Komm,
Schatz, ich will Dich den Herren vorstellen; einen davon kennst Du schon - Du
mut aber hbsch artig und freundlich sein, hrst Du?
    Marie war bei diesen Worten bleich wie der Tod geworden und zitterte an
allen Gliedern; ich sah, wie sie die Lippen bewegte, um etwas zu erwidern, aber
sie brachte keinen Laut hervor. Ich konnte es nicht lnger mit ansehen.
    Schmst Du Dich nicht, Harald, sagte ich, das arme, unschuldige Lamm so zu
qulen. Pfui, Harald, - da Du schlecht warst, habe ich immer gewut, aber fr
so schlecht htte ich Dich nicht gehalten! - Er sprang mit einem Satze auf mich
zu und packte mich mit seinen Eisenhnden an der Kehle. - Sprich noch ein Wort,
knirschte er zwischen den Zhnen, und ich breche Dir das Genick, verdammte Hexe!
- Ich wute, da er seine Drohung ausfhren knnte, aber ich frchtete mich
nicht vor dem Tode. - Thu', was Du willst, sagte ich ruhig, aber so lange ich
noch einen Athemzug habe, will ich es Dir in's Gesicht sagen, Du bist ein
Elender. - Ich sah ihm fest in's Auge; ich sah, wie der Zorn immer wthender in
ihm aufkochte, und fhlte, da seine Finger sich wie eiserne Klammern um meine
Kehle schlossen. Ich glaubte meine letzte Stunde gekommen. - Da stand Marie
pltzlich neben uns; sie legte ihre Hand auf Harald's Arm und sagte ganz leise;
la sie los, Harald; ich will mit Dir gehen. - Weiter sagte sie nichts, aber es
war genug, selbst ein so wildes Herz wie Harald's zu rhren. Er lie die Arme
sinken und starrte Marie an, als ob er aus einem schweren Traum erwachte.
Pltzlich fiel er vor ihr auf die Kniee, verbarg sein glhendes Gesicht in den
Falten ihres Kleides und schluchzte: Vergieb mir, Marie; vergieb mir! Dann
sprang er auf, und als er sah, da sie durch Thrnen ihn anlchelte, hob er sie
in seinen Armen empor, wie ein Kind, trug sie in der Stube auf und ab und herzte
und kte sie. Endlich setzte er sie hier in den Lehnstuhl, auf dem Du jetzt
sitzt, und kniete vor ihr nieder, ihre Hnde und ihre Kleider kssend, und
wandte sich zu mir und rief: Geh', Alte, und sage dem Karl: er solle die Pferde
satteln lassen. Ich sei krank geworden, oder was sie wollen, aber ich knnte sie
heute nicht mehr sehen und morgen auch nicht. Ist es so gut, lieb' Herz? nicht
wahr, ich bin nicht so schlecht, wie die Alte sagt? - Ich ging vor Freude laut
weinend, aus der Stube und dachte: es kann doch vielleicht noch Alles gut
werden.
    Aber das wurde es nicht. Schon nach wenigen Tagen war Alles wieder beim
Alten. Aehnliche Scenen kamen noch manchmal vor, aber Harald's gute Vorstze
hielten immer nur wenige Tage Stand, und wir muten jede Spottrede der Herren
mit bitteren Thrnen bezahlen. Ich sage: wir, denn ich hatte die se Dirne so
lieb, also ob sie mein eigen Kind gewesen wre. Und jetzt hatte die Aermste
Trost und Liebe nthiger als je. Sie wute schon seit Monaten, da sie die
Frucht ihrer Liebe zu Harald unter dem Herzen trge, und das Schicksal dieses
Kindes, ihres und seines Kindes, bekmmerte sie tausendmal mehr als ihr eigenes.
- Was aus mir werden soll, sagte sie, was ist mir daran gelegen? Ich strbe
lieber heute als morgen: aber meines Kindes halber mu ich leben und will ich
leben. Und ich will auch nicht mehr weinen und klagen: es hilft ja doch zu
nichts, und Harald sagt ja, da ihm nichts so verhat sei, als verweinte Augen.
- Ich fragte sie, ob sie keine Eltern, keine Verwandte, keine Freunde htte, zu
denen sie ihre Zuflucht nehmen knnte. - Sie schttelte traurig den Kopf; ich
habe Niemand auf der weiten Welt, Niemand, als Sie, liebe Mutter Clausen, und
noch Einen, der Alles fr mich thun wrde, wenn er wte, wo ich wre; aber er
wei es nicht und soll es auch nie erfahren. - Ueber ihr frheres Leben sprach
sie nie; ich habe dem Baron versprochen, darber zu schweigen, bis er sich
ffentlich mit mir verlobe; und, setzte sie wehmthig lchelnd hinzu, da sehen
Sie selbst, da ich wohl ewig werde schweigen mssen.
    Sie kam fast nicht mehr von meiner Seite, und was Harald betrifft, so schien
er in der letzten Zeit ganz vergessen zu haben, da Marie noch auf dem Schlosse
war. Nur manchmal, wenn ich mit ihm allein war, erkundigte er sich in kurzen,
abgerissenen Fragen nach ihr, aus denen ich sah, da er ber ihren Zustand
vollkommen unterrichtet war.
    So standen die Sachen. Der Sommer war zu Ende; der Herbst kam mit Sturm und
Regen, und die drren Bltter wehten von den Bumen. Es war an einem
Nachmittage, Harald war ein paar Tage verreist gewesen; ich war mit Marie im
Garten und suchte ihr Trost zuzusprechen, da sie heute ganz besonders traurig
war. Da schaute pltzlich ein Schacher-Jude ber das Stacket und schrie, als er
uns erblickte, in den Garten hinein: nichts zu handeln? nichts zu handeln? Ich
rief ihn. Er kam. Es war ein alter, schmutziger, schlottriger Mensch, mit einem
weien Bart und einer Brille von blauen Glsern ber den Augen. Er kramte seine
Waaren aus, und weil die Sachen hbscher waren, wie sie diese Leute sonst wohl
fhren, so kauften Marie und ich ihm Verschiedenes ab. Er forderte einen migen
Preis, aber es war doch mehr, als wir bei uns hatten, und so ging ich in's
Schlo, das Uebrige zu holen. Zufllig konnte ich den Schlssel zu meiner
Commode nicht gleich finden, und als ich ihn gefunden hatte, fiel mir ein, da
ich in der Kche nothwendig etwas besorgen mute; so verging wohl eine halbe
Stunde, bis ich wieder in den Garten kam. Ich traf Marie allein. Wo ist der
Jude? sagte ich. - Er will morgen wieder kommen, antwortete sie. - Was haben
Sie, Kind? sagte ich, denn ich sah, da sie rothgeweinte Augen hatte und ganz
verstrt aussah. - Da fiel sie mir um den Hals und weinte, aber so sehr ich sie
auch bat, mir zu sagen, was vorgefallen sei, ich konnte nichts aus ihr
herausbringen.
    Der Jude kam am nchsten Tage nicht, aber Baron Harald kam. Er brachte ein
paar Herren mit. Sie waren auf der Jagd gewesen und tchtig mde geworden. So
gingen sie heute frher zu Bett, nachdem sie ein paar Flaschen Wein getrunken
hatten.
    Ich mochte wohl schon ein paar Stunden im Bett gelegen haben, ohne
einschlafen zu knnen, denn es regnete und strmte in dieser Nacht gar heftig
und die Laden klappten und die Jagdhunde heulten. - Da hrte ich einen leisen
Schritt auf dem Gange vor meiner Stube, eine Hand suchte nach dem Drcker der
Thr und als ich mich erschreckt im Bett emporrichtete, ging die Thr auf; es
trat Jemand herein und kam auf mein Bett zu. - Wer ist da? rief ich. - Ich
bin's, Mutter Clausen, sagte eine leise Stimme. Es war Marie. - Sind Sie krank
geworden, Kind? sagte ich. - Nein, sagte sie, sich zu mir auf's Bett setzend,
ich wollte nur Abschied nehmen, und Ihnen fr all' die Liebe und Gte danken,
die Sie an mir gethan haben. - Ich glaubte, sie wollte sich das Leben nehmen,
und sagte voller Entsetzen: Um Gotteswillen, Kind, was hast Du vor? - Frchten
Sie nichts, Mutter Clausen, sagte sie, und dabei umarmte und kte sie mich
unter vielen heien Thrnen; ich will fort, aber nur fort von hier. Ich habe es
schon lngst gewollt und jetzt ist die Stunde gekommen. - Warum jetzt? sagte
ich; wo willst Du hin mitten in der Nacht? und noch dazu in solcher Nacht! Hrst
Du nicht, wie Wind und Regen mit den Hunden um die Wette heulen? Und Du kennst
weder Weg noch Steg - Du rennst ja gerade in's Verderben, und wenn Du nicht an
Dich denkst, so denke wenigstens an das Kind, das Du unter dem Herzen trgst. -
An das eben denke ich, sagte sie. Es soll nicht hier, wo seine Mutter so
grenzenlos elend gewesen ist, das Licht erblicken. Es soll nie erfahren, wer
sein Vater war. Leben Sie wohl, liebe Mutter! mge der allgtige Gott Sie
behten! und frchten Sie nichts fr mich! Ich gehe nicht allein; es ist Jemand
bei mir, der mich beschtzen und ber mich wachen wird, und der sein Leben fr
mich lassen wrde - Weit Du das auch gewi, Kind? sagte ich; ich dchte, Du
httest jetzt gelernt, was den Mnnern ihre Schwre werth sind. Wer ist es? -
Ich darf es nicht sagen, antwortete sie; und jetzt mu ich fort, es ist die
hchste Zeit. - Sie hatte sich von dem Bett erhoben. Warte, sagte ich, ich will
Dir wenigstens das Geleit aus dem Schlosse geben.
    Sie bat mich instndig, zu bleiben; aber ich kehrte mich nicht daran.
Schnell hatte ich ein paar Kleider bergeworfen; ich war fest entschlossen, sie
nicht eher fort zu lassen, bis ich mich berzeugt hatte, da sie wute, was sie
that. Ich frchtete noch immer, sie wolle sich das Leben nehmen.
    Als sie sah, da ich von meinem Vorsatz nicht abzubringen war, half sie mir,
mich vollends ankleiden und sagte: So kommen Sie, Mutter Clausen; er sieht dann
doch, da ich auch hier nicht ganz verlassen gewesen.
    Wir gingen, uns an den Hnden haltend, auf den Zehen durch die Corridore,
dann die Treppe hinab, die aus dem alten Schlosse in den Garten fhrt. Es hatte
aufgehrt zu regnen, und der Mond schien auf Augenblicke durch die schwarzen,
treibenden Wolken. Ich hatte noch immer Mariens Hand in der meinigen; sie eilte,
mich mit sich ziehend, durch die wohlbekannten Wege. Als wir vor einer Bank
vorberkamen in einem der dichteren Baumgnge, wo ich sie oft mit Harald hatte
sitzen sehen, blieb sie einen Augenblick stehen, und ich fhlte, wie ihre Hand
zuckte. Aber sogleich raffte sie sich wieder auf: Nein, nein, murmelte sie, er
hat Recht; Harald hat mich nie geliebt und darum darf ich auch nicht lnger
bleiben.
    Wir gingen aus dem Garten in den Hof, aus dem Hof durch das groe Thor in
den Wald hinein, die Strae nach Berkow. Als wir ein paar hundert Schritte
gegangen waren, kam uns ein Mann entgegen. Er ist es; sagte Marie; Sie mssen
mich jetzt verlassen, Mutter Clausen; ich habe ihm versprochen, allein zu
kommen, und keinem zu sagen, da ich fortgehe. Du httest das nicht versprechen
sollen, Kind, sagte ich; ich glaube, ich habe das Recht, zu wissen, wo Du
bleibst. -
    Unterdessen war der Mann herangekommen. Bist Du's, Marie? sagte er; warum
kommst Du nicht allein? - Weil ich sie nicht losgelassen habe; sagte ich, und
sie auch nicht loslassen will, bis ich wei, wo sie bleibt. - In Gottes Hut, und
unter dem Schutz eines Freundes; sagte der Mann. Das klang so treu und gut, da
all' meine Angst und Sorge in einem Augenblick verschwunden war.
    Der Mond trat aus den Wolken hervor, und ich konnte den Mann, der jetzt
neben uns herging, etwas deutlicher sehen. Er war klein und nicht mehr jung; und
hatte eine Brille auf der Habichtsnase, wie der Jude von gestern Morgen. Er
hatte einen langen Ueberrock an, und als der Wind denselben auseinander wehte,
sah ich beim Schein des Mondes den Lauf einer Pistole blinken, die in einem
Grtel steckte, den er um den Leib geschnallt trug.
    Einige Schritte weiter hielt eine mit zwei Pferden bespannte Kutsche. Es ist
die hchste Zeit; sagte der Mann auf dem Bocke. Er sprach plattdeutsch, und mir
war, als ob ich die Stimme kannte. Schnell, schnell, sagte der kleine Mann mit
der Brille und drngte Marie nach dem herabgelassenen Wagentritt. Adieu, Adieu,
schluchzte Marie, mich noch einmal umarmend, und als ihr Kopf fr einen
Augenblick auf meiner Schulter lag, flsterte sie mir in's Ohr: Sagen Sie ihm,
da ich ihm Alles, Alles vergeben habe! Schnell, schnell, Marie; rief der Mann
und stampfte ungeduldig mit dem Fu. Er hing ihr einen weiten Mantel um und half
ihr in den Wagen; dann wandte er sich zu mir: Wenn Sie das unglckliche Mdchen
wirklich so lieb haben, sagte er, schweigen Sie zweimal vierundzwanzig Stunden.
Ich bin freilich auf Alles gefat, aber ich mchte um Mariens willen gern, da
es ohne diese hier abginge. Er schlug mit der Hand an die Pistole. - Verlassen
Sie sich auf mich, sagte ich, und ich will mich auf Sie verlassen. - Thun Sie
das, sagte er, es sind ja nicht alle Menschen Schurken.
    Er sprang in den Wagen und schlug die Thr zu. Die Pferde zogen im Galopp
an, und schon nach wenigen Minuten hrte ich nur noch das Sausen des Windes in
den Tannen.
    Ich ging langsam in das Schlo zurck; und gelangte auf mein Zimmer, ohne
von Jemand gesehen zu werden. Ich schlo hinter mir ab; dann warf ich mich auf
mein Bett, und weinte, als ob mir ein liebes Kind gestorben wre; und doch war
ich glcklich und dankte Gott, da er sich des armen Kindes erbarmt und sie aus
dieser Hlle erlst hatte.
    Als ich am andern Morgen erwachte, stand die Sonne schon hoch am Himmel. Es
war ein heller, khler Morgen und Harald ging mit seinen Gsten auf die Jagd.
Ich war froh darber; so konnte ihm doch Mariens Flucht bis zum Abend wenigstens
verschwiegen werden. Den Leuten freilich mute ich schon gegen Mittag sagen, da
Frulein Marie nirgends zu finden sei, und ob sie sie nicht gesehen htten? Die
waren nicht wenig erschrocken, denn da war Keiner, der das sanfte, schne
Mdchen nicht gern gehabt htte. Sie durchsuchten das Haus, die umliegende
Gegend, den Wald bis zum Strande und selbst den Wallgraben, denn da sich die
Aermste das Leben genommen habe, darber waren sie Alle einig.
    Spt am Abend kam Harald zurck. Er war allein. Als er in das Haus trat, sah
er auf den ersten Blick an den verstren Gesichtern der Leute, da etwas
vorgefallen sein msse. Sein bses Gewissen sagte ihm gleich, was. Ist sie todt?
fragte er und wurde wei wie Kalk. Wir wissen es nicht, Herr, sagte der alte
Jochen; wir haben den ganzen Tag gesucht, aber haben sie noch nicht gefunden.
    Er ging, ohne ein Wort zu erwiedern, an den Leuten vorbei nach seinem
Zimmer. Als er in der Thr war, drehte er sich um, und winkte mir, ihm zu
folgen.
    Er schritt in dem Gemach auf und ab, endlich blieb er vor mir stehen und
sagte mit dumpfer Stimme: Hat Dir Marie je gesagt, sie wolle sich das Leben
nehmen? - Nein, sagte ich. War sie in der letzten Zeit besonders traurig? - Ja.
    Wieder ging er im Zimmer hin und her, mit ungleichmigen Schritten und
unverstndliche Worte durch die Zhne murmelnd. Dann blieb er abermals vor mir
stehen. Und wenn sie sich das Leben genommen htte, so wre ich ihr Mrder;
murmelte er. - Wer sonst? antwortete ich.
    Er zuckte zusammen, als ob ihm ein Messer in die Brust gestoen wre. Es
kann nicht sein, sagte er mit bleichen Lippen, es wre zu grlich.
    Ich wute, welche Qualen er in diesem Augenblicke ausstand, aber ich wute
auch, da der stolze Mann sie doch noch lieber dem Tod, als einem Andern gnnte,
und berdies hatte ich zu schweigen versprochen. So blieb ich still und wartete
ab, was er beginnen wrde.
    Er hie mich klingeln und die Leute hereinrufen. Sie kamen.
    Wer von Euch zu mde ist, mag zu Bette gehen; sagte er, wer noch weiter mit
mir suchen will, soll dafr haben, was er verlangt.
    Es meldeten sich Alle, nicht des Lohnes wegen, sondern weil doch Keiner vor
Angst und Aufregung htte schlafen knnen.
    Er lie so viel Lichter anznden, als nur aufzutreiben waren und nun fing
das Suchen von Neuem an, unten in den Kellern, durch alle Zimmer, Trepp auf,
Trepp ab, auf den Bden, bis hinauf auf den Thurm, - Harald immer voran, jeden
Winkel durchsphend, berall die Augen habend, mit fester Stimme Befehle
ertheilend, unermdlich, bis der Morgen kam.
    Nun muten sich die Frauen zu Bett legen, aber von den Mnnern nahm er, was
sich noch auf den Beinen halten konnte. Mit denen durchsuchte er jedes Gebsch
im Garten, und den Wallgraben von der Zugbrcke an bis wieder zur Zugbrcke. Es
regnete an dem Tage, was nur vom Himmel wollte, und die Leute fielen beinahe um
vor Mdigkeit, aber Harald gab ihnen - wohl zum ersten Male in seinem Leben -
gute Worte und bat und beschwor sie, nicht nachzulassen und versprach ihnen
Geld, so viel sie wollten. So hielten sie bis gegen Mittag aus; da konnten sie
nicht mehr. Nun nahm Harald die Anderen, die sich ausgeruht hatten und mit denen
ging er auf das Moor von Faschwitz und in den Wald nach Berkow und bis an den
Strand.
    Gegen Abend kamen sie wieder, triefend von Regen und dem Moorwasser, in
welchem sie stundenlang herumgewatet hatten. Die Mnner waren so mde, da sie
im Gehen schliefen, aber Harald's Kraft war noch nicht gebrochen. Er hie mich
ein paar Flaschen Wein holen, und whrend er sie hinuntergo, sagte er zu mir:
Hre, Alte, ich glaube nicht, da sie sich ertrnkt hat. Es wre zu grlich,
ich mte verrckt werden ber dem Gedanken. So grausam hat sie sich nicht an
mir rchen knnen; dazu war sie viel zu gut und hatte mich viel zu lieb. Hat sie
nie gesagt, sie wolle mich verlassen? hat sie nie von einem Manne gesprochen,
der alle Zeit bereit sei, sie bei sich aufzunehmen?
    Ich dachte, da ich Harald einen Funken Hoffnung lassen msse, und sagte:
ja, Marie htte fter und besonders in der letzten Zeit so geredet.
    Siehst Du? sagte er und stie das Glas, aus dem er getrunken hatte, auf den
Tisch, da es zerbrach; jetzt kommt die Meute endlich auf die Spur. Nun wollen
wir eine richtige Hetzjagd machen.
    Er ri an der Klingel, da ihm der Griff in der Hand blieb. Anspannen
lassen, schrie er dem alten Jochen, der eintrat, entgegen, sofort!
    Ich bat ihn, ein paar Stunden wenigstens zu schlafen, denn ich sah, da
seine Augen im Fieber glhten und seine Glieder flogen. Pah, sagte er, schlafen?
Ich habe mehr zu thun, als zu schlafen. Ich wei nicht, wie lange ich
fortbleibe, Alte; aber ich komme entweder mit ihr zurck oder - wird's bald?
schrie er auf den Flur hinaus, ich will Euch Beine machen, Ihr verdammten
Hallunken!
    So fuhr er ab, ohne auch nur die Kleider gewechselt zu haben. Er blieb vier
Wochen fort; Keiner wute, wo er geblieben war. Eines Abends spt kam er wieder.
Die erste Frage, die er an mich richtete, war: Hast Du Nachricht von ihr? - Er
sah so bleich und verfallen aus, da ich ihn kaum wieder erkannte. Seine Augen
waren tief in den Kopf gesunken und hatten das alte Feuer verloren, und blitzten
dann wieder manchmal auf wie glhende Kohlen. Ich habe sie nicht gefunden; sagte
er, als wir Beide in seinem Zimmer allein waren; gieb mir Wein, Alte; ich mu
das hllische Feuer, das in mir brennt, ersufen.
    Mich jammerte des unglcklichen Mannes, denn jetzt erst fhlte ich, wie sehr
ich ihn liebte. Ich sagte ihm Alles, was ich von der Flucht Mariens wute. Gegen
mein Erwarten blieb er ruhig: Es kommt auf eins heraus, sagte er, ob sie
gestorben ist, oder nicht; fr mich ist sie doch todt; sie konnte nicht anders,
als mich verlassen; sie war zu stolz, um sich wie einen Hund behandeln zu
lassen. Ich habe sie behandelt wie einen Hund, schlimmer wie einen Hund, ich
Elender!
    Er schlug sich mit der geballten Faust vor die Stirn; dann warf er sich in
einen Lehnsessel, legte den Kopf in die Hnde und schluchzte: Und doch habe ich
sie geliebt! und doch liebe ich sie! o, mein Gott, mein Gott!
    Es war schrecklich, den wilden Harald weinen zu sehen. Ich hob seinen Kopf
in die Hhe, er legte ihn an meine Brust und weinte, wie er oft als Knabe in
meinen Armen geweint hatte. Ich bat ihn, sich zu beruhigen, ich sagte ihm, da
Mariens letzte Worte gewesen seien: ich vergebe ihm Alles.
    Und wenn sie mir auch vergeben hat, ich werde mir nie vergeben, rief er.
Geh' zu Bett, Alte. Wir wollen morgen weiter darber sprechen.
    Aber als der alte Jochen am nchsten Morgen zu ihm kam, lag Harald in
hitzigem Fieber. Das whrte neun Tage, neun frchterliche Tage und Nchte. Da
war es aus mit Harald von Grenwitz.
    Die alte Frau schwieg; strich den Strumpf, an dem sie gestrickt hatte, ber
den Knieen glatt, legte ihn zusammen und sagte:
    So, Junker, nun mach', da Du nach Hause kommst. Ich mu nach den Kindern
sehen, die drben auf dem Jochen seinem Bette schlafen. Es hat eben aufgehrt zu
regnen, aber es wird bald strker anfangen. Deshalb halte Dich nicht auf
unterwegs. Adjies.
    Kommen Sie; sagte Oswald zu Albert, der sich so eben, ghnend und sich
reckend, von seinem harten Lager erhoben hatte. Es ist die hchste Zeit, wenn
wir noch zum Abendessen auf dem Schlosse sein wollen. Adieu, Mutter Clausen.
    Adjies, adjies, Junker! sagte die Alte, schon in der Thr.
    Als die beiden jungen Mnner auf der schmutzigen Dorfgasse standen, deutete
Albert mit dem Daumen ber die Schulter nach dem Huschen, das sie soeben
verlassen und sagte: Schnurrige alte Dame das! War die Geschichte nicht famos,
Dottore?
    Haben Sie denn nicht geschlafen?
    Nicht die Spur. Ich wollte anfnglich, aber Ihr liet einen ja nicht dazu
kommen, und hernach, als die Geschichte von Baron Harald anfing, war so an
Schlafen nicht mehr zu denken. Aber ich blieb ruhig liegen, und schnarchte von
Zeit zu Zeit, um die Alte sicher zu machen, die die Geschichte jedenfalls nur
ihrem Junker erzhlen wollte. Weshalb nennt die alte Dame Sie Junker, Dottore,
und Du?
    Ich wei es nicht; sagte Oswald.
    Oder wollen es nicht wissen; erwiederte Albert; na, schadet nicht. Man darf
auch nicht Alles wissen wollen. Warum wollte Baron Harald wissen, wo das hbsche
Ding, die Marie geblieben war? Ohne diese berflssige Neugierde knnte er noch
heute seinen Burgunder trinken. Merkwrdig, da ein so vernnftiger Mann solche
verrckte romantische Grillen im Kopf haben konnte! Knnen Sie das begreifen,
Dottore?
    So ziemlich, sagte Oswald; aber sprechen wir von etwas Anderem.
    Wie Sie wollen, Theuerster. Was halten Sie zum Beispiel von der
Unsterblichkeit!

                           Zweiunddreiigstes Capitel


Am nchsten Tage hatte sich der Himmel wieder aufgeklrt. Die Morgensonne war in
dichten Nebel verhllt gewesen, aber einige Stunden spter zerri sie den grauen
Schleier und go ihr goldenes Licht verschwenderisch auf die regengetrnkte
Erde. In dem Schlogarten war es so paradiesisch frisch und duftig, wie am
ersten Schpfungstage. Die Blumen hoben die Kpfe wieder und wenn noch hier und
da Tropfen an den bunten Kelchen hingen, so glichen sie jetzt in dem funkelnden
Sonnenschein hellen Freudenthrnen; die Vgel jubilirten in den dichten
Laubkronen der Bume, und das kleine Gewrm, das so ruhig in den Ritzen, unter
den Blttern, unter den Steinen auf Sonnenschein gewartet hatte, regte sich
wieder in seiner ganzen geschftigen Emsigkeit.
    Und um die grauen Mauern des Schlosses, die jetzt im rosigen Licht gebadet
waren, schossen eilige Schwalben, und auf den Dchern, in den Dachrinnen, in den
Stuckornamenten setzten die zankschtigen Spatzen die ununterbrochenen
Streitigkeiten wieder fort. In dem groen Saal, wo an den Wnden die Portrts
der Grenwitzer Barone und Baronessen hingen in langer Reihe von dem halb
fabelhaften Sven von Grenwitz bis hinab auf die Bilder der Grotante Grenwitz,
wie sie als achtzehnjhriges Mdchen gewesen war, und Oskar's, der mit dem
Wodan strzte, und Harald's, dem es besser gewesen wre, er htte sich am
Sarge seines Vaters todt geweint - tanzten die Staubatome, welche aus den alten
Prunkmeubeln mit den verblichenen Damastberzgen aufstiegen in den schrgen
Lichtsulen, die durch die drei hohen Bogenfenster fielen.
    Unten im Wohnzimmer nahmen der Baron und die Baronin ein frugales Frhstck
ein. Sie sahen reisefertig aus und Anna-Maria hatte sogar schon einen Hut mit
weit vorspringenden Flgeln, wie sie in den zwanziger Jahren Mode gewesen waren,
auf dem Kopfe. Denn der groe Reisewagen hielt schon vor der Thr. Die vier
schwerflligen Braunen wedelten sich bedchtig mit den langen Schweifen die
Fliegen ab, und der schweigsame Kutscher klatschte regelmig alle fnf Minuten
mit der Peitsche, aus purer Gewohnheit und nicht etwa, um die Reiselustigen zur
Eile zu ermahnen, was dem seiner Herrschaft schuldigen Respect ebenso sehr
widersprochen htte, wie seinem phlegmatischen Naturell.
    Ich wute es ja schon vorher, sagte die Baronin, ihrem Gemahl ein Glas halb
voll Moselwein schenkend - trink das, lieber Grenwitz, es wird Dich zu der
langen Fahrt strken - ich wute es ja vorher. Er schlgt unsere
freundschaftliche Einladung aus, weil er sich nicht ganz wohl fhle! lcherlich!
    Er sieht wirklich, seitdem wir in Barnewitz waren, recht angegriffen aus,
liebe Anna-Maria, sagte der alte Baron, und dann ist es auch wohl nicht ganz in
der Ordnung, da wir ihn auffordern, mitzufahren in dem Augenblicke, wo der
Wagen schon vor der Thre steht. Wir htten das auch wohl frher thun mssen.
    Ich begreife Dich nicht, lieber Grenwitz, sagte die Baronin; Du thust doch
gerade, als ob Herr Stein unsers Gleichen wre! Da ist es gar kein Wunder, wenn
der junge Mann sich vor Hochmuth nicht zu lassen wei. Zu einer Fahrt in die
Nachbarschaft ihn eine Woche vorher auffordern! Das fehlte noch! Haben wir doch
selbst ber die Helgolnder Reise noch nicht einmal mit ihm gesprochen!
    Ich htte es lngst gethan, wenn Du nur einen bestimmten Entschlu
hinsichtlich seiner fassen knntest: sagte der alte Herr, sich hinter dem Ohr
krauend.
    Ich habe jetzt meinen Entschlu gefat, sagte die Baronin gereizt; in diesem
Augenblick gefat. Wenn er uns nicht einmal auf einer dreitgigen Fahrt in die
Nachbarschaft begleiten will; wenn es ihm zu umstndlich ist, bei unsern
Bekannten, die ihm alle mit der grten Herablassung entgegengekommen sind, mit
uns einen Abschiedsbesuch zu machen, so zeigt er ja deutlich, da er gar nicht
Abschied zu nehmen gedenkt, und so mag er denn bleiben, wo er will.
    Aber liebe Anna-Maria, sagte der Baron, das ist doch am Ende nicht ganz
dasselbe, und dann, wo soll er unterdessen bleiben? und wie sollen wir mit den
beiden Knaben allein fertig werden?
    Ich sage Dir ja, lieber Grenwitz, entgegnete die Baronin, es ist mir ganz
gleich, wo er bleibt, ganz gleich. Er geht ja im Allgemeinen so gern seine
eigenen Wege, so mag er es auch in diesem Fall. Er kann eine Fureise durch die
Insel machen, oder seinen Freund Oldenburg besuchen, oder schlimmsten Falls hier
bleiben, obgleich sein Hierbleiben allerdings Umstnde machen wrde. Uns ist er
auf der Reise, die so schon kostspielig genug ist, eine ganz berflssige Last.
Er wird sich wie gewhnlich nur um Bruno bekmmern und die Sorge um Malte
gtigst uns berlassen. Bleibt er hier, so mu Bruno schon nothgedrungen sich
mehr an Malte anschlieen, und da es sich whrend dieser Zeit doch nur um die
Aufsicht der Knaben handelt, so bergebe ich die unserm Johann eben so gern und
lieber noch als Herrn Stein. Ja, wir knnen auf der Rckreise, wenn wir Helene
noch bei uns haben, nicht einmal alle in einem Wagen fortkommen. Nein!, nein! er
bleibt hier; ich bin jetzt mit mir darber ganz im Reinen - vollkommen im
Reinen.
    Ich wei nicht - sagte der alte Herr verdrielich.
    Aber ich wei es, sagte die Baronin aufstehend; das pflegte Dir ja sonst
genug zu sein, lieber Grenwitz. Komm, es ist die hchste Zeit, da wir
aufbrechen, wenn wir zu Mittag noch beim Grafen Grieben sein wollen. Da kommt
Malte. Bist Du auch warm angezogen, lieber Junge? Wo steckt denn der Bruno?
    Oben beim Doctor. Er will nicht mit, wenn der Doctor zu Hause bleibt.
    Siehst Du, lieber Grenwitz, da haben wir's, eine vortreffliche Erziehung, in
der That! Sogleich gehe hinauf, Malte! Bruno soll sich sofort fertig machen,
hrst Du: sofort!
    Ich werde mich wohl hten, erwiederte Malte, das magst Du ihm selber sagen.
    Das werde ich, sagte die Baronin und zog die Schelle. Ich lasse Herrn Doctor
Stein bitten, sagte sie zu dem eintretenden Bedienten, auf einen Augenblick zu
mir zu kommen.
    Der Bediente verschwand, die Baronin ging mit schnellen Schritten in dem
Gemache auf und ab.
    Nur um Himmelswillen keine Scene, liebe Anna-Maria, sagte der alte Herr, der
ebenfalls aufgestanden war, ngstlich.
    Die Baronin antwortete nicht, denn in diesem Augenblicke ffnete sich die
Thr, und herein traten Oswald und Bruno, Bruno mit dsterem, trotzigen Gesicht
und die Spuren eben geweinter Thrnen in dem dunklen Auge, aber vollkommen
reisefertig, den mit Wachsleinen berzogenen Strohhut in der Hand.
    Sie befehlen, gndige Frau? sagte Oswald, sich vor der Baronin verbeugend.
    Die Baronin war durch diese unerwartete Lsung der schwierigen Frage ein
wenig aus der Fassung gebracht.
    Ich hrte, Bruno weigere sich, uns zu begleiten, sagte sie, und da wollte
ich -
    Verzeihen Sie, gndige Frau, unterbrach sie Oswald, von einer Weigerung
Bruno's, einem ausdrcklichen Wunsche Ihrerseits nachzukommen, kann wohl
selbstverstndlich nicht die Rede sein. Bruno htte mir gern Gesellschaft
geleistet, das ist Alles. Es bedurfte natrlich nur eines Wortes, ihn daran zu
erinnern, da er meinethalben nicht die Rcksichten aus den Augen setzen drfe,
die er gegen Sie und den Herrn Baron zu nehmen hat.
    Nun, das dachte ich mir doch gleich, sagte die Baronin, die im Innern sehr
froh war, der Scene mit Oswald, vor dem sie, ohne es sich selbst gestehen zu
wollen, eine sie demthigende aber unberwindliche Scheu empfand, berhoben zu
sein. Es wird ihn nicht gereuen, sich unseren Wnschen accomodirt zu haben. Das
Wetter ist herrlich, und wir werden, denke ich, recht vergngt sein. Wie Schade
ist es, lieber Herr Doctor, da Sie nicht von der Partie sein knnen! Nun, wir
hoffen, Sie bei unserer Rckkehr, die in zwei bis drei Tagen erfolgen wird,
wieder in vollem Wohlsein zu treffen. - Ah, Mademoiselle! ist Alles bereit? Dann
la uns aufbrechen, lieber Grenwitz. Adieu, lieber Herr Doctor! Adieu,
mademoiselle, n'oubliez pas! - Ah, Herr Timm! wahrhaftig, ich htte Sie beinahe
vergessen -
    Eben so schmeichelhaft, wie natrlich, sagte Herr Timm, der mit der
Reifeder hinter dem Ohr und etwas stark derangirter Toilette so eben erschienen
war, um sich den Herrschaften zu empfehlen, und jetzt der Baronin in den Wagen
half. Bon voyage! gren Sie den alten Grafen Grieben bestens von mir! famoser
alter Herr, der einen capitalen Rheinwein fhrt. All right! Hott, Brauner - und
Herr Timm versetzte dem ihn zunchst befindlichen Pferde einen derben Schlag mit
der flachen Hand, und warf dann den Insassen des Wagens, der sich jetzt in
Bewegung setzte, eine Kuhand zu.
    Gott sei Dank, sagte er, als die Kutsche vor dem Thor verschwunden war, und
rieb sich vergngt die Hnde. Nun sind wir doch einmal unter uns Mdchen! Was
fangen wir nun vor Entzcken an? Qu'en dites vous, Monsieur le Docteur? qu'en
dites-vous, Mademoiselle?
    Ich habe ein paar Briefe zu schreiben, und werde mich deshalb auf mein
Zimmer begeben; sagte Oswald in das Haus gehend.
    So wollen wir eine franzsische Lection im Garten nehmen, kleine Marguerite;
sagte Herr Timm, den Arm der jungen Dame ohne Umstnde in den seinen legend.
    Ich nicht 'abe den Zeit! sagte die hbsche Franzsin, und versuchte ihren
Arm loszumachen.
    Dummes Zeug! sagte Albert, wenn Du nicht jetzt hast den Zeit, wo die alte
Vogelscheuche fort ist, wann wollen Sie denn Zeit haben? Kommen Sie! Venez! komm
Du kleiner Zieraffe! Wir haben schon so schne Fortschritte gemacht in der
Conjugation von aimer: J'aime, tu aimes - nous aimons -
    Und Albert zog die sich nicht allzusehr strubende Marguerite in den Garten,
und wer sich fr dies romantische Paar interessirte, konnte es bis zum Mittag
daselbst Arm in Arm umherschweifen sehen, und die Beobachtung machen, da es den
verschiedenen Boskets und den dichteren Baumgngen entschieden den Vorzug vor
den offenen Pltzen gab, was bei der groen Hitze des Tages am Ende auch ganz
natrlich war.
    Es war am Nachmittage und Oswald sa wieder an seinem Schreibtische, den er
nur, um mit Albert und Marguerite ein kurzes und von seiner Seite sehr
schweigsames Mittagsmahl einzunehmen, verlassen hatte, als ihm ein Billet
gebracht wurde. Oswald war, seitdem er auf Grenwitz lebte, so wenig gewohnt,
dergleichen zu empfangen, da er den Bedienten, der es ihm einhndigte, ganz
erstaunt fragte: von wem?
    Von Baron Oldenburg, erwiederte dieser; des Barons Wagen hlt vor der Thr.
    Oswald erbrach das Billet und las:
    Lieber Freund! Wenn Sie die lernbegierige Brut loswerden knnen und sonst
nichts Besseres zu thun haben, wollen Sie nicht einem einsamen Hypochonder auf
ein paar Stunden Gesellschaft leisten und sich bei dieser Gelegenheit
berzeugen, wie gut unserm Haideblmchen die Versetzung in das fremde Erdreich
bekommt! Mein Kutscher ist der Ueberbringer dieses. Er hat den Auftrag, mit
Ihnen, oder auf Ihnen zurckzukommen. Also - whlen Sie! Ihr Oldenburg.
    Oswald schwankte, was er thun sollte. Mit dem Sonnenschein war die Sehnsucht
nach Melitta mchtig in seinem Herzen erwacht. Er konnte es nicht begreifen, da
er drei volle Tage hatte vorber gehen lassen, ohne auch nur einen Versuch zu
machen, sie zu sehen. Und dennoch, trotzdem er wute, da die Wolke, die sich in
dem Ballsaal zwischen sie und ihn gelagert hatte, lngst verschwunden war,
trotzdem er ihr sein Unrecht tausend und tausendmal im Herzen abgebeten hatte,
scheute er sich, den ersten Schritt zur Vershnung zu thun.
    Er nahm einen Briefbogen, um dem Baron zu schreiben, da er seiner Einladung
nicht Folge leisten knne, und schon im nchsten Augenblick hatte er seinen Hut
ergriffen und eilte hinab. Derselbe elegante Holsteiner, in welchem er von dem
Baron von Barnewitz zurckgekommen war, hielt mit den zwei feurigen Rappen
bespannt vor dem Portale. Der Kutscher, ein hbscher Mann mit einem ungeheuren
Bart, lchelte ihm, in Erinnerung des neulich erhaltenen schweren Trinkgeldes
freundlich zu. Als er einstieg, rief Albert ber die Gartenmauer:
    Knnen Sie mich nicht mitnehmen, Monsieur le docteur?
    Nicht wohl! sagte Oswald.
    Nun, dann fahren Sie allein! rief Albert, zum Teufel, setzte er hinzu, als
der Wagen davon rollte. Du hast Recht, Marguerite, sagte er zu der kleinen
Franzsin, die jetzt aus dem Gebsch, in welchem sie sich vor Oswald versteckt
hatte, hervorkam: Der Doctor ist wirklich ein fat, wie Du sagst, und ich werde
nchstens auch anfangen, ihn zu 'assen.
    Unterdessen rollte der Wagen durch das kleinere Thor dem Waldweg zu, der um
den Wall herum in den Buchwald fhrte, welcher sich von hier bis den Strand zog,
und den man passiren mute, wenn man von Grenwitz nach Cona, dem Stammgut der
Oldenburger, wollte. Es war eine kstliche Fahrt in den hohen, khlen
Buchenhallen, wo durch die dichten grnen Baumkronen der blaue Himmel leuchtete,
und links, wenn zwischen den mchtigen Stmmen das Unterholz weniger ppig
wucherte, von Zeit zu Zeit das blaue Meer herberblitzte, im Anfang selten und
nur auf Augenblicke, dann, je nher sie dem Saum des Waldes kamen, fter und
lnger, bis es pltzlich bei dem Ausgang des Waldes da lag, blau und
unermelich, blitzend im prchtigen Sonnenschein.
    Der Weg fhrte auf der Hhe des Ufers hin, manchmal sich so dem Rande
nhernd, da man das Branden der Wogen zwischen den groen Steinen des Strandes
deutlich vernahm, dann wieder auf weitere Entfernungen zurckweichend. Rechts
streifte das Auge ber ungeheure Kornbreiten, die den Rcken des Plateaus
bedeckten. Die langen krftigen Halme bogen sich unter der Last der Aehren, und
wehten hinber und herber vor dem lauen Wind, der von dem Meere ber sie
dahinfuhr. Hier und da flatterte eine Lerche, deren Nest allzudicht am Wege war,
empor und stieg singend in den blauen Himmel.
    Dann senkte sich der Weg in ein muldenfrmiges Thal, durch das ein ziemlich
bedeutender Bach, der Abflu des Faschwitzer Moores, dem Meere zueilte. An dem
Bach entlang und bis hart an's Meer lag ein Dorf, das von Fischern bewohnt
wurde, die dem Baron Grenwitz zinspflichtig waren. Der Wagen mute das Dorf
passiren, das mit seinen kleinen sauberen Huschen und den kleinen mit Muscheln
eingefaten Grtchen vor den Thren einen freundlichen Eindruck machte. Vor der
Thr eines der greren Huser, das sich durch ein Schild, auf welchem ein
Schiff mit vollen Segeln durch grasgrne schaumgekrnte Wogen fuhr, als
Wirthshaus ankndigte, hielt ein Reiter auf einem wundervollen braunen
Vollblutpferde. Er trug einen langen Ueberrock, und Oswald konnte das Gesicht
nicht sehen, da der Reiter sich eben niederbeugte, ein Glas Branntwein
entgegenzunehmen, das eine blauugige, blonde Schifferdirne mit einem
allerliebsten Stumpfnschen ihm prsentirte.
    Das Pferd ist unter Brdern seine zweihundert Louisd'or werth, sagte der
Kutscher, welcher ein Kenner war.
    Wer ist der Herr? fragte Oswald.
    Wei nicht, ich konnte sein Gesicht nicht sehen.
    Hinter dem Fischerdorfe stieg der Weg ziemlich schnell zu einer
bedeutenderen Hhe, als von welcher er auf jener Seite herabgesunken war. Auch
nahm die Landschaft hier einen anderen Charakter an. Das Terrain war weniger
eben; statt des gelben nickenden Kornes bedeckte braunes Haidekraut den Boden,
der hier und da auf groe Strecken eine mit kleinen und groen Steinen und
graugrnem kurzen Grase bedeckte Wste war. Auch die Luft schien weniger warm,
und man hrte, da sich der Weg nher am Rande des hohen steilen Ufers hinzog,
deutlicher das Brausen des Meeres. Ein Seeadler zog oben in der hellen Luft
seine Kreise, einigemal schwebte sein schwarzer Schatten ber den
sonnebeschienenen, steinigen Weg.
    Ist es noch weit bis Cona? fragte Oswald.
    Der Hof liegt dort hinaus, sagte der Kutscher, mit dem Peitschenstiel rechts
ber die Haide deutend; Sie knnen ihn von hier aus nicht sehen. Ich fahre den
Herrn Doctor nach dem Schweizerhuschen.
    Und wo liegt das?
    Gerade vor uns, in den Tannen.
    Ein Waldweg von hohen Tannen krnte den hchsten Punkt des Ufers, zu dem
jetzt der Weg, der immer steiler und steiniger wurde, ziemlich rasch
hinauffhrte. Als Oswald sich, um die zurckgelegte Strecke zu berschauen, im
Wagen umwandte, erblickte er in einiger Entfernung den Reiter, der vorhin vor
dem Wirthshause gehalten hatte. Er ritt mit derselben Geschwindigkeit, in
welcher der Wagen fuhr, und als dieser zufllig hielt, weil eine Schnalle an dem
Riemzeug aufgegangen war, hielt er ebenfalls sein Pferd an, so lange, bis das
Fuhrwerk sich wieder in Bewegung setzte. Oswald, dem dies Benehmen aufgefallen
war, bat den Kutscher, nach einigen Minuten abermals zu halten. Er wandte sich
um: der Reiter hielt ebenfalls. Er lie das Manver noch ein paar Mal
wiederholen, stets mit demselben Erfolg.
    Das ist doch sonderbar, sagte Oswald.
    Ja, sagte der Kutscher; ich wei auch nicht, was das zu bedeuten hat.
    In diesem Augenblick verlie der Reiter den Weg und trabte quer ber die
Haide nach der Richtung fort, in welcher, wie der Kutscher sagte, hinter dem
Kamm des Plateaus der Gutshof von Cona lag.
    Der Wagen hatte jetzt die Tannen erreicht, die so dicht standen, da man vom
Meere nichts mehr sehen und nur noch sein Brausen hren konnte, das sich mit dem
Wehen des Windes in den hohen Bumen vermischte. Dann blitzte es bei einer
Wendung des Weges wieder auf und vor ihnen, auf einem freien nach dem Meere zu
offenen Platze lag ein aus Holz im Schweizerstyl aufgefhrtes Haus, Oldenburg's
Sommerwohnung.

                           Dreiunddreiigstes Capitel


Als der Wagen auf dem von hohen Bumen umragten und mit braunen Nadeln wie mit
einem Teppich berdeckten Platze vor der Thr hielt, erschien Oldenburg oben auf
der Gallerie, welche die zwei Stockwerke trennte und sich um das ganze Haus zog,
und grte freundlich hinab. Im nchsten Augenblick war er an der Thr und
schttelte Oswald mit Herzlichkeit die Hand.
    Also doch! sagte er; ich frchtete schon, es wre Ihnen ergangen, wie den
meisten Leuten, die, wenn sie einmal mit mir zusammen gewesen sind, fr alle
Ewigkeit genug haben.
    Ich wei nicht, Herr Baron, ob Sie sich den meisten Leuten so zeigen, wie
Sie sich mir gezeigt haben, sagte Oswald; wre dies der Fall, so habe ich fr
mein Theil nicht den Geschmack der meisten Leute.
    Wahrlich, ein Selam in optima forma! sagte Oldenburg lchelnd; ein paar alte
graubrtige Shne Mohameds knnten es nicht besser. Es fehlt blos noch, da wir
zum Schlu unsere eigenen Fingerspitzen kssen! Aber kommen Sie in's Haus, da
knnen wir die Sache noch bequemer haben.
    Sie betraten einen kleinen Flur, von welchem man auf einer niedrigen breiten
Treppe in das obere Stockwerk zu einer Entre gelangte, die von oben Licht
empfing. Aus dieser gingen sie in ein weites, ziemlich hohes Gemach, zwischen
dessen zwei Fenstern eine Glasthr auf die breite Gallerie fhrte, die eine
unbeschrnkte Aussicht auf das Meer gewhrte, und obgleich noch ziemlich dreiig
Fu zwischen dem Hause und dem scharf abfallenden Rande des Ufers lagen,
unmittelbar ber der Brandung, welche tief unten zwischen den Rollsteinen und
auf den Kieseln des Strandes murmelte, zu hangen schien.
    Von diesem erhabenen Standpunkte schweifte der Blick auf das blaue
unermeliche Meer und auf das hohe weie Kreideufer, das sich, nach links in
einen weiten Halbmond hinziehend, zuletzt in einem Vorgebirge endigte, welches
der Buchwald von Grenwitz krnte. Oswald konnte einen lauten Ruf der Bewunderung
nicht unterdrcken.
    Nicht wahr? sagte Oldenburg, sich neben ihm auf die Brstung der Gallerie
lehnend, es war ein gescheidter Einfall meines wrdigen Grovaters, an diesem
Punkte, nebenbei einem der hchsten der ganzen Insel, ein Haus zu bauen. Ich
habe den alten Mann mit seinem langen eisgrauen Barte noch gekannt, und sehe ihn
im Geiste noch hier auf dieser Gallerie sitzen und, wie der Knig von Thule, mit
seinen verlschenden Augen auf das heilige Meer schauen, das er verehrte, wie
ein Enkel seine alte Gromutter ehrt, und liebte, wie ein Jngling die Geliebte
seiner Seele liebt. Ich wollte, er htte mir auer seiner Figur auch seine
unermeliche Fhigkeit, fr Naturschnheit schwrmen zu knnen, vererbt. Leider
bin ich in der letzten Beziehung in demselben Grade zu kurz gekommen, wie in der
ersten zu lang.
    Ist das Ihr Ernst? sagte Oswald.
    Wahrhaftig, sagte Oldenburg, und ich habe mich nicht auf meinen Reisen oft
genug deshalb geschmt, und meine sthetische Verstocktheit verwnscht, die mich
auf den schnsten Punkten, wo Andere vor Vergngen Purzelbume schlugen oder
sentimentale Thrnen weinten, geradezu nichts empfinden lie. Vergebens, da
ich, wie die englischen Misses an meiner Seite: beautifully, very fine indeed!
seufzte, vergebens, da ich Tag und Nacht die herrlichsten Naturschilderungen
von Byron und Lamartine las, bis ich sie auswendig wute - es half Alles nichts.
Ich brachte es nicht weiter, wie der arme Werther, als ihm die ewige Natur wie
ein lackirtes Bildchen erschien; und ein paar Bettelbuben, die sich auf dem
Sande des Strandes balgten, und ein armer Fellah, der sein Wasserrad drehte,
waren mir interessanter, als der Golf von Neapel und der Nil. Ich habe nur an
Menschen und Menschentreiben meine Freude - von der Natur verstehe ich ein fr
alle Mal nichts.
    Aber warum verbannen Sie sich denn in diese Einsamkeit? warum wohnen Sie, da
Sie es doch haben knnen, anstatt hier an diesem nordischen Strande, nicht
lieber an dem Boulevard des Capucines, oder in London auf dem Pall-Mall?
    Aus demselben Grunde, aus welchem man den Falken, bevor man ihn auf die
Gazellenjagd nimmt, vierundzwanzig Stunden fasten lt - um meinen Hunger nach
meiner Lieblingsspeise zu schrfen. Wenn ich hier ein paar Wochen gehaust habe,
sind meine Sinne wieder frisch und empfnglich, und das Schauspiel des
Menschentreibens hat wieder seinen alten Reiz fr mich.
    Und wie lange gedenken Sie diesmal hier zu bleiben?
    Ich wei noch nicht. Meine Solitude - so taufte nmlich mein Grovater
diesen seinen Lieblingsort - gefllt mir diesmal besser, als sonst wohl. Ich
habe in den letzten Jahren ein etwas buntes Leben gefhrt und unzhlige
Adamskinder der verschiedensten Racen und Culturzustnde durcheinander gesehen.
Zuletzt sah einer genau so aus, wie der andere; meine Sinne waren vollkommen
abgestumpft und eine lngere Hungercur nthig. Da ich nicht ganz verhungere,
dafr sollen Sie und die Czika sorgen.
    Und wo ist denn unser kleiner Findling?
    Irgendwo auf der Haide, wo sie sich in den blhenden Ginster legt und in den
Himmel starrt, oder am Strande, wo sie zwischen den Felsblcken umherklettert
und vor Vergngen in die Hnde klatscht, wenn eine hhere Welle ihre nackten
Fe benetzt. Bis zu Schuhen hat sie es nmlich noch nicht gebracht, das heit:
ich habe sie noch nicht dazu bringen knnen. Ich lasse ihr berhaupt absolute
Freiheit, seitdem sie mir gleich am zweiten Tage, als ich sie bei dem
schauderhaften Wetter nicht herauslassen wollte, sehr energisch erklrte: Czika
stirbt, wenn Czika nicht in den Regen darf.
    Sehnt sie sich denn nicht nach ihrer Mutter zurck?
    Glauben Sie wirklich, da das braune Weib, das ich brigens nur ganz
flchtig gesehen habe, des Kindes Mutter ist?
    Unbedingt. Die Aehnlichkeit zwischen Czika und der braunen Grfin ist
unverkennbar.
    Von wem habe ich doch diesen Ausdruck schon gehrt? sagte Oldenburg
nachdenklich, von Ihnen neulich, ohne Zweifel aber er kam mir gleich so bekannt
vor. Stammt das Wort von Ihnen?
    Nein, von Frau von Berkow, sagte Oswald, den Blick fest auf Oldenburg
richtend.
    So so; sagte der Baron.
    Es war das erste Mal, da Melitta's unter den beiden Mnnern Erwhnung
geschah, und es war bezeichnend genug, da sofort eine Pause in dem Gesprch
eintrat.
    Bei welcher Gelegenheit hat denn Frau von Berkow die Bekanntschaft der
Zigeunerin gemacht? fragte der Baron nach einiger Zeit.
    Oswald erzhlte in kurzen Zgen die Geschichte von der braunen Grfin, so
wie sie ihm Melitta mitgetheilt hatte.
    Oldenburg lchelte. Ja, ja, sagte er, jetzt erinnere ich mich. Frau von
Berkow hatte mir die Anekdote schon vor ein paar Jahren erzhlt. Die Geschichte
ist allerliebst, besonders fr den, welcher sich fr Frau von Berkow
interessirt, weil sie den liebenswrdigen, aus Muthwillen, Schalkheit und
Gutmthigkeit wunderbar gemischten Charakter dieser Dame so vortrefflich
charakterisirt.
    Der Baron sagte das einfach und ruhig, als htte es niemals eine Zeit
gegeben, wo er fr ein Lcheln dieser Dame sein Leben auf's Spiel gesetzt haben
wrde.
    Aber wollen wir nicht hineingehen, fuhr er fort, ich sehe, Hermann, mein
Rabe und Factotum, hat einen Tisch mit allerlei Appetitlichem gar zierlich
gedeckt, und dort kommt auch Thusnelda, seine Gemahlin und meine Amme, um uns
feierlich zum Vesperbrod zu laden.
    Eine alte, wrdig aussehende Frau von stattlichem Umfange erschien in der
Glasthre, machte einen tiefen Knix und sagte:
    Herr Baron, es ist servirt.
    Schn, sagte Oldenburg; hast Du die Czika nicht gesehen?
    Ich dachte, sie wre beim Herrn Baron, antwortete die Matrone, ngstlich
umherblickend.
    Nein. Bring' sie doch herauf, wenn sie unterdessen kommen sollte. Du kannst
Dich einmal nach ihr umsehen. Kommen Sie, Doctor, ich hoffe, der weite Weg hat
Sie hungrig, zum mindesten durstig gemacht: Thusnelda hat fr beide Flle
gesorgt.
    Whrend sie an dem mit Erfrischungen aller Art reichlich besetzten Tische
Platz nahmen, schaute Oswald sich in dem Zimmer um. Der weite Raum wurde durch
einen groen Schreibtisch von Eichenholz und durch Sthle und Sophas von
mancherlei Formen, die den Platz hufig zu verndern schienen, wesentlich
verringert. An den Wnden standen Eichenschrnke mit Bchern angefllt. Bcher
lagen auf dem Boden. Einige Bsten nach der Antike, und ein paar groe
Kupferstiche waren der einzige Schmuck des Zimmers, das im Uebrigen offenbar auf
Eleganz nicht den mindesten Anspruch machte; zwischen zwei der Schrnke, wo ein
Kupferstich hingehrte, war eine grnseidene Gardine, die entweder ein
ungeschickt angebrachtes Fenster oder ein Bild verdeckte, welches der Besitzer
aus diesem oder jenem Grunde dem Blicke neugieriger Besucher nicht ausgesetzt
wnschte.
    Sodann wurde seine Aufmerksamkeit wieder von dem Baron selbst in Anspruch
genommen, der ihm heute in einem kurzen gelben, leinenen Rock, welcher seiner
langen, hagern Figur gar seltsam stand, ein ganz Anderer zu sein schien. Mehr
aber noch, als der vernderte Anzug war es der vernderte Ausdruck des
Gesichtes, der Oswald auffiel. Der hhnische Zug um den Mund, den selbst der
dichte Bart nicht ganz verdecken konnte, die scharfen kleinen Fltchen auf der
hohen Stirn, um die Augen und die Nasenflgel - Alles war von einem freundlichen
Lcheln ausgelscht, das den grauen, sonst so stechenden Augen einen Ausdruck
von Milde und Gutmthigkeit gab, den Oswald, soweit er auch von seinem
Vorurtheil gegen den Baron zurckgekommen war, niemals fr mglich gehalten
haben wrde. Ja, der Gedanke, da ein Weib diesen seltsamen Mann von ganzem
Herzen lieben knnte, schien ihm nicht mehr so wunderlich, wie auf dem Balle von
Barnewitz. Er dachte an das Blatt in Melitta's Album, er dachte an seine eigenen
Worte: Dieser Mann wird niemals glcklich sein, weil er niemals wird glcklich
sein wollen, und an Melitta's Antwort: Darum ist dieser Mann aus meinem Leben
losgelst, wie sein Bild aus diesem Album, und er sagte jetzt: er htte
glcklich sein knnen, wenn er gewollt htte; warum wollte er es nicht? was
trennte diese Beiden? wer von ihnen sprach das Wort, das sie - wie es scheint -
auf ewig trennte?
    Diese Gedanken erweckten heute in Oswald nicht mehr jene wilde Eifersucht,
die sein Herz an dem Tage, wo er dem Baron zuerst im Walde begegnete, und
hernach auf dem Balle in Barnewitz, zerfleischt hatte - aber das geheimnivolle
Dunkel, welches ber diesen Vorgngen lag, das er nicht lften konnte und, was
schlimmer war, nicht einmal zu lften wagte, erfllte seine Seele mit tiefer
Trauer.
    Oswald suchte dieser trben Stimmung Herr zu werden; es war ihm, als wenn
des Barons scharfe Augen lesen knnten, was in seiner Seele vorging. Indessen
schien dieser vollkommen unbefangen und ganz von dem Thema ihres Gesprchs in
Anspruch genommen, das, wie erklrlich, sich hauptschlich um Czika und die
braune Grfin drehte. Beide Mnner versuchten ihren Scharfsinn vergeblich an der
Lsung der vielen Rthsel dieser wunderbaren Angelegenheit. Was hatte die braune
Grfin bestimmt, ihr Kind, an welchem sie doch mit so groer Liebe zu hngen
schien, so ohne Weiteres fremden Mnnern zu berlassen? Woher nahm sie zu dieser
Entsagung den Muth in dem Augenblicke, wo sie durch die brutalen Scherze der
jungen Edelleute (der Reitknecht des jungen Grafen Grieben hatte Oldenburg's
Kutscher die Sache erzhlt) und durch den, allerdings blos scherzhaft gemeinten
Raub der Kleinen so auer sich gebracht war? Hatte sie das Kind Oswald, oder dem
Baron, oder hatte sie es Beiden geschenkt? oder hatte sie es ihnen nicht
geschenkt, sondern verkauft, und hatte sie nur den Zahlungstermin einen Monat
hinausgeschoben, in der Hoffnung, da die beiden Mnner, oder auch einer von
ihnen, das schne Kind whrend dieser Zeit lieb gewinnen und demnach gern einen
hheren Preis zahlen wrde.
    Meine grte Furcht, sagte Oldenburg, ist, da die braune Grfin der noch
nicht einmal abgeschlossene Handel gereut und sie das Kind wieder raubt, oder
auch die Czika selbst der Sehnsucht nach ihrem Wanderleben nicht widerstehen
kann und eines schnen Morgens verschwunden ist. Ich gestehe, da es ein harter
Schlag fr mich sein wrde. Ihre Prophezeiung, da ich in der sen Dirn einen
Schatz gefunden habe, kstlicher als Aladin's Wunderlampe, scheint in Erfllung
zu gehen. Ich sage mit dem weisen Nathan: ich bliebe, oder richtiger: ich wre
des Mdchens Vater doch so gern! ich mchte so gern dieser bis jetzt stummen
Seele eine Sprache entlocken, und in dieser Sprache meinen eigenen Gedanken
veredelt und verschnert wieder hren! ich mchte sie an mich ketten mit allen
Banden, durch die ein Vater an seine Tochter, eine Tochter an ihren Vater
gefesselt sein kann - versteht sich, um sie nachtrglich alle diese Bande
zerreien und sich dem ersten besten Gelbschnabel in die Arme werfen zu sehen,
dem der Rock um einen Grad besser sitzt, als seinen Nachbarn. Aber bis dahin
mchte ich wenigstens, da sie mein wre. Ich stehe jetzt in den Jahren, wo man
sich, wenn man nicht zufllig ein Swift ist, der bekanntlich die Kinder htte
fressen mgen, aber nicht aus Liebe, - nach Kindern sehnt, wie ein mder
Wanderer nach einem Stab, die erschlaffenden Glieder zu sttzen. Wenn wir
fhlen, da wir den hchsten Punkt auf unserem Lebenswege erreicht haben und es
nun unaufhaltsam bergab geht, und das Land unserer Jugend hinter dem Kamm des
Hgels allgemach verschwindet, da mchten wir frhliche Kinderstimmen von drben
ertnen hren, die uns unsere eigene selige Jugendzeit wieder in die Erinnerung
rufen. Sie werden mich fragen, weshalb ich denn dieser spiebrgerlichen Tendenz
nicht nachgebe und heirathe? oder Sie werden mich das auch nicht fragen, denn
Sie werden sich selber sagen, da fr Jemand, der sich die zehn besten Jahre
seines Lebens in allerlei liaisons dangereuses oder innocentes unausgesetzt
bewegt hat, das Heirathen eine moralische Unmglichkeit ist. Ich will keine
Frau, die so blasirt wre, nicht von mir hren zu wollen: ich liebe Dich! und
wie kann ich das, ohne mir selbst lcherlich vorzukommen, zu ihr sagen, wenn ich
es schon so und so vielen anderen in allen mir bekannten Sprachen gesagt habe?
Nein, nein! mit solchen Gesinnungen mag man Trke werden und sich einen Harem
anschaffen, aber fr die monogamische Ehe im hchsten, reinsten Sinne, wo sie
eine wunderbare Alchymie ist, die aus den Zweien Eines macht, fr diese Ehe, die
auch ich heilig halte, ist man wahrlich zu schlecht.
    Und doch, sagte Oswald, liegt in der wahren Liebe eine reinigende und
heiligende Macht, vor der alle Zweifel an uns selbst verschwinden, wie der Nebel
vor den Strahlen der Sonne. Die wahre Liebe wischt, wie der echte Ha von der
Tafel der Erinnerung weg alle thrichten Geschichten und macht uns mit einem
Schlage aus wsten Barbaren zu zartfhlenden, feinsinnigen Helenen. Die rohe
Kraft, die vorher sich nur bethtigen wollte, gleichviel, ob sie schaffte, oder
zerstrte, nimmt jetzt Form an; und wo sie frher einen Siva schuf, dessen
glhender Blick alle Creatur verzehrt, schafft sie jetzt einen olympischen Zeus,
der Alles, was ist, mit Vateraugen segnet.
    Sehr schn gesagt, erwiderte der Baron, wollen Sie nicht diese
Liebfrauenmilch versuchen, der Wein macht seinem Namen Ehre - sehr schn gesagt,
auch wohl wahr - nur nicht fr problematische Naturen.
    Was nennen Sie problematische Naturen?
    Es ist ein Goethe'scher Ausdruck und kommt in einer Stelle vor, die mir viel
zu denken gegeben hat. Es giebt problematische Naturen, sagt Goethe, die keiner
Lage gewachsen sind, in der sie sich befinden, und denen keine genug thut.
Daraus, fgt er hinzu, entsteht der ungeheure Widerstreit, in dem sich das Leben
ohne Genu verzehrt. - Es ist ein grausiges Wort, denn es spricht in olympischer
Ruhe das Todesurtheil ber eine, besonders, in unseren Tagen, weit verbreitete
Gattung guter Menschen und schlechter Musikanten. - Da ist Czika!
    Wo?
    Hinter Ihnen.
    Oswald wandte sich um. In der offenen Thr, die auf den Balcon fhrte, stand
das schne Kind, vom rothen Licht der untergehenden Sonne umflossen. Ihr
ppiges, tiefschwarzes Haar fiel von beiden Seiten ber die feine Stirn auf die
Schultern, die aus einer blauen Blouse hervorschauten, welche mit einem dnnen,
rothseidenen Shawl um die schlanke Hfte gegrtet war. Weite seidene Beinkleider
reichten bis zu den mit Sandalen bekleideten, sonst nackten Fen. Als sie einen
Fremden in dem Zimmer erblickte, hatte sie sich leise, wie sie gekommen war,
wieder wegstehlen wollen, bis der Ausruf des Barons sie bannte und Oswald sich
umgewandt hatte. Bei seinem Erblicken flog ein freudiges Lcheln ber ihr
ernstes, dunkles Gesicht, und die braunen Gazellenaugen schauten beinahe
zrtlich zu ihm empor, als er ihr jetzt, eine ihrer Hnde in den seinen haltend
und mit der andern ihr das ppige Haar schlichtend, vor ihr stand.
    Czika kennt Dich, sagte sie; Du bist sehr gut. Du hast die Armen lieb, die
Armen haben Dich lieb.
    Eine Liebeserklrung! sagte Oldenburg, der am Tische sitzen geblieben war,
lachend, die wievielste, Doctor, in den letzten acht Tagen! Doctor, Sie sind ein
gefhrlicher Mensch und ich werde mich genthigt sehen, Ihnen mein Haus zu
verbieten.
    Warum bist Du nicht immer hier? sagte Czika, ihre groen Augen von dem Baron
wieder zu Oswald wendend. Czika will mit Dir an dem groen Wasser sitzen, Czika
will Dir Blumen auf der Haide pflcken. Warum bist Du nicht immer hier?
    Er kann nicht immer hier sein, Czika, sagte der Baron, aber er wird recht
oft herkommen. Nicht wahr, Doctor?
    Die Thr nach dem Vorsaal wurde geffnet und Madame Mller, oder Thusnelda,
wie sie der Baron nannte, schaute herein.
    Ich kann sie nicht - ah! da ist sie ja. Wo bist Du denn gewesen, mein
Herzenspppchen? komm, ich will Dich ein wenig zurecht machen. Wie Du wieder
aussiehst - ganz voll Haidekraut, wie gewhnlich; was sollen die Herren von uns
denken.
    So sprach die Matrone, das Kind mit sanfter Gewalt an der Hand aus dem
Zimmer fhrend.
    Sie mssen wissen, da eine groe Liebe zwischen den Beiden besteht, sagte
der Baron. Meine alte Amme hat viel blhende Kinder gehabt, die alle frhzeitig
gestorben sind. Anderer Frauen Herz wird durch solches Unglck oft verhrtet,
aber Thusnelda's Herz ist weich geblieben, und jetzt liebt sie die Czika, als
wre sie ihr Letztgeborenes. Das ist aber nun gerade, als wenn eine Taube einen
Falken ausgebrtet htte. Czika's Tendenzen zu einem mglichst ungebundenen
Dasein bringen die arme alte Dame alle Tage zehnmal in die grte Noth und
Verzweiflung. Und dann ist noch ein Umstand. Thusnelda ist gut kirchenfromm -
und Czika hat - horribile dictu - gar keine Religion - es mte denn irgend ein
geheimnivoller Sterndienst sein, den sie begeht, wenn sie sich des Nachts von
ihrem Lager stiehlt und auf der Hhe des Strandes im Mondenscheine tanzt, wie
Thusnelda es mit Grausen und Schaudern gesehen zu haben schwrt. Uebrigens
glaube ich, Thusnelda hat in diesem Falle Recht. Ich habe wenigstens schon
frher die Beobachtung gemacht, da, wenn die Zigeuner Gegenstnde der Anbetung
haben, es Sonne, Mond und Sterne sind.
    Haben Sie auf Ihren Reisen fter Gelegenheit gehabt, mit diesem
interessanten Volke in nhere Berhrung zu kommen?
    O ja, sagte der Baron, sogar in sehr nahe Berhrung; besonders einmal - in
Ungarn vor zwlf Jahren etwa.
    Der Baron schwieg, schenkte sich ein Glas Wein ein und trank es in mehreren
Abstzen langsam aus, die Augen auf die Tischdecke geheftet, wie Jemand, dessen
Gedanken von einer Erinnerung ganz in Anspruch genommen sind.
    Nun, sagte Oswald, wie war das?
    Was? sagte der Baron, wie aus einem Traum erwachend; ja so, Sie wollen
wissen, was ich in Ungarn mit den Zigeunern zu thun hatte.
    Ich vermuthe, es steckt dahinter eine romantische Geschichte.
    Allerdings, sagte der Baron; ich selbst stand damals noch in den Jahren, wo
jeder Mensch, er mte denn zufllig ein geborner Stockfisch sein, ein
lebendiges Stck Romantik ist. Ich schwrmte fr Eichendorff's
mondscheindurchleuchtete Zaubernchte, fr Brunnen und Wlderrauschen, und vor
allem schwrmte ich fr schlanke Mgdelein mit und ohne Guitarre am blauen
Bande.
    Meine ganze Weltanschauung war in einem eminenten Grade romantisch, vor
allem meine Moral. Das ganze Leben hatte fr mich nicht mehr Bedeutung, als ein
Schattenspiel an der Wand, und das einzige Reelle, was ich gelten lie, war die
souverne Ironie. Mit einem Worte, ich war ein charmanter Kerl, und wenn man
mich an den ersten besten Galgen gehangen htte, so wre das nur mir zur
gerechten Straff, andern aber zum abscheulichen Exempul gewesen.
    Ich hatte damals das sogenannte Studiren in Bonn und Heidelberg gerade
herzlich statt. Ich hatte in tausend Bchern vergeblich nach der Lsung des
Rthsels gesucht, ber dem sich schon so viel bessere Kpfe als ich den Kopf
zerbrochen haben, und wollte es nun einmal auf andere Weise anfangen. Ich
schrieb an meinen Vormund und drckte ihm den Wunsch aus, ein paar Jahre zu
reisen. Der Vormund billigte diesen Plan hchlichst, wie er denn Alles billigte,
was mein Spatzenkopf ausheckte - nur um mich loszuwerden - schickte mir Wechsel
und Empfehlungsbriefe, und ich begab mich auf die Wanderschaft. Ich reiste durch
Sd-Deutschland, die Schweiz, Ober-Italien. Wenn Sie einen aber auch nur
oberflchlichen Bericht dieser Reise von mir verlangten, so kme ich in die
grte Verlegenheit. Ich wei von den Gegenden noch gerade so viel, wie von den
Landschaften, die man im Traume sieht. Zuletzt war ich in Ungarn. Der Zufall,
der berhaupt mein Reisemarschall war, hatte mich dort hingefhrt. Ich war in
Wien mit einem jungen ungarischen Edelmann bekannt geworden, dessen Vater am
Fue des Tetragebirges reich begtert war. Er hatte mich eingeladen, mit ihm zu
kommen; ich war dieser Einladung gefolgt. Wir fhrten ein sehr idyllisches
Leben, dessen Hauptingredienzien Wrfel, Wein und Weiber waren. Herr von Kryvan
hatte ein paar sehr schne Schwestern, in die ich mich der Reihe nach verliebte.
Sodann begeisterte ich mich fr die franzsische Gesellschafterin der alten Frau
von Kryvan, die eben frisch von Paris gekommen war, und die jungen Ungarinnen
durch die Grazie ihrer Manieren, ihr Conversationstalent und ihren Geschmack in
Sachen der Toilette beschmte.
    Als ich einst, voll von dem Bilde dieser Huldin, die ich nebenbei einige
Jahre darauf in Paris unter wesentlich anderen Verhltnissen wieder traf - fr
den Augenblick glaubte ich an die Echtheit ihrer Perlen und ihrer Tugend - als
ich einst, sage ich, trumend in dem Walde umherlief, der sich von Kryvan weit
in das Gebirge hinauf erstreckte, fhrte mich mein Reisemarschall: der Zufall
auf eine Lichtung im Walde, die sich eine Zigeunerbande zum temporren Wohnort
erwhlt hatte. Kleine Htten aus Lehm und Reisig in archaischem Style
aufgefhrt, eine Feuerstelle, an der ein altes Mtterchen einen Marder briet,
Thierfelle und Lumpen an den Zweigen der Bume zum Trocknen aufgehngt - das war
das Bild, das sich meinen erstaunten Blicken darbot. Die ganze Bande war
abwesend, mit Ausnahme besagter alter Hexe, einiger ganz kleiner Kinder, die
sich in paradiesischer Nacktheit im Sande wlzten, und eines Zigeunermdchens
von fnfzehn Jahren etwa -
    Der Baron schenkte sich ein Glas voll und trank es mit einem Zuge aus.
    Von fnfzehn Jahren etwa - vielleicht war sie auch lter - es ist das Alter
von Zigeunermdchen schwer zu bestimmen. Sie war schlank, und geschmeidig, wie
ein Reh, und ihre dunklen Augen leuchteten in einem so magisch
sinnlich-bersinnlichen Feuer, da mich ein Schauder des Entzckens packte, als
ich tief und tiefer hineinschaute, whrend sie unter allerlei Manipulationen mir
aus der flachen Hand mein Schicksal verkndete. Mein Schicksal war in ihren
Augen viel deutlicher zu lesen, als in meiner Hand. Ich war entzckt, berauscht,
auer mir; die Welt war fr mich versunken. - Sie erinnern sich, da ich damals
zwanzig Jahre und Romantiker von reinstem Wasser war - und da ein Zigeuner
sein, sich von Mardern nhren und sich in den Augen eines Zigeunermdchens
sonnen, der Weisheit letzter Schlu und das hchste Ziel menschlichen Strebens
sei, war fr mich ber allen Zweifel erhaben. Ich blieb bei den Zigeunern - ich
wei nicht, wie viel Tage. Meine Freunde im Schlosse glaubten, die Wlfe htten
mich zerrissen. - Da, eines Abends - die Sonne war schon hinter die Bergwand
gesunken, die unsern Lagerplatz nach Westen schirmte - die Bande war noch nicht
von ihrem Streifzuge zurck - ich sa mit der Zingarella am Fu einer alten
Eiche und war selig in meiner jungen Liebe - da -
    Ich glaube gar, wir bekommen noch Besuch - unterbrach sich der Baron; war
das nicht eine fremde Stimme?
    Ich hoffe nicht, sagte Oswald.
    Die Thr wurde geffnet, der alte Hermann schaute herein und sagte:
    Herr von Cloten wnscht seine Aufwartung zu machen, Herr Baron; sind Sie zu
Hause?
    Bewahre, sagte der Baron; aber freilich, ich kann ihn nicht gut abweisen; er
kommt um mich - hm, hm!
    Lassen Sie sich durch mich in der Ausbung Ihrer Gastfreundschaft nicht
stren, sagte Oswald, aufstehend.
    Bleiben Sie! bleiben Sie! sagte der Baron; er wird sich hoffentlich nicht
lange aufhalten. Er kommt in einer gewissen Angelegenheit, in welcher er meinen
Rath haben will. Das ist Alles. Fhre ihn herauf, Hermann!
    Einen Augenblick darauf trat Herr von Cloten ein. Er war in Reitfrack und
Stulpenstiefeln und schien einen weiten Ritt gemacht zu haben. Wenigstens sah er
sehr erhitzt aus. Oswald's Anwesenheit schien ihn zu rgern, oder verlegen zu
machen; wenigstens begrte er ihn mit auffallender Frmlichkeit, nachdem er dem
Baron die Hand geschttelt hatte.
    Sehr warm heute, sagte er, auf einem Stuhl, den ihm der Baron anbot, am
Tische Platz nehmend; Robin trieft von Schwei; habe Ihrem Reitknecht gesagt,
ihn mit Stroh abzureiben. Conservirt die Pferde merkwrdig. Angenehmer Wein, -
Liebfrauenmilch? - famoser Wein - hatten neulich auch welchen in Barnewitz -
nicht halb so gut. Apropos, Barnewitz - gut bekommen, Baron? War etwas vor der
Zeit fortgefahren - Hitze wirklich abominabel -
    Wollen Sie nicht ablegen, Cloten?
    Danke, danke! Will gleich wieder fort; wollte nur einmal, weil gerade in der
Nhe - war auf Grenwitz - Alles ausgeflogen dort - vorsprechen, zu sehen, wie es
steht.
    Aber Sie werden doch ein paar Minuten Zeit haben.
    Keinen Augenblick - auf Ehre, sagte Herr von Cloten, sein Glas leerend und
aufstehend, spreche morgen vielleicht wieder vor. Adieu, Baron.
    Von Cloten verbeugte sich wiederum sehr frmlich vor Oswald und schritt, von
dem Baron begleitet, nach der Thr.
    Bitte, bitte, derangiren Sie sich nicht, sagte Cloten.
    Ich will mir nur Ihren Robin einmal ansehen, sagte den Baron und dann zu
Oswald: entschuldigen Sie mich fr ein paar Augenblicke, Herr Doctor.
    Oswald war allein; das auffallend khle Benehmen des jungen Edelmanns hatte,
wie sehr er denselben auch verachten zu drfen glaubte, doch seinen
verletzlichen Stolz beleidigt. Er ging erregt in dem Gemache auf und ab. Sein
Adelha hatte wieder neue Nahrung bekommen; auch Oldenburg's Benehmen schien ihm
whrend Cloten's Visite weniger herzlich gewesen zu sein.
    Ich sage es ja, murmelte er durch die Zhne, wo zwei zusammen sind, ist der
Kastengeist mitten unter ihnen und sie flieen zusammen wie Quecksilber.
    Sein Blick haftete auf den grnseidenen Vorhang, zwischen den beiden
Bcherschrnken, der seine Aufmerksamkeit schon vorhin erregt hatte.
    Welches ist denn dies verschleierte Bild? irgend ein wollstiger Correggio
vermuthlich; auf jeden Fall ein Beitrag zur intimeren Kenntni dieses
wunderlichen Mannes. Sie entschuldigen meine Neugierde, Monsieur le Baron!
    Oswald zog mit einem Ruck der seidenen Schnur den Vorhang zurck; und der
Jngling zu Sais, der den Schleier von dem heiligen Bilde der Isis hob, kann
kaum mehr erschttert gewesen sein, als es Oswald war, wie er jetzt anstatt
eines farbetrunkenen italienischen Gemldes in einer Nische eine Bste aus
keuschem weien Marmor erblickte, die, obgleich in antikem Haarschmuck und ein
wenig idealisirt, nichts war, als ein sprechend hnliches Portrait Melitta's.
Das war ihr reiches, welliges Haar, das war ihre schne zarte Stirn, die feine
gerade Nase, das waren die weichen, selbst noch im Marmor thaufrischen Lippen!
    Ehe sich Oswald von seinem Erstaunen, dem Bilde der Geliebten sich so
pltzlich gegenber zu sehen, nur so weit erholen konnte, den Vorhang wieder
ber das Bild zu ziehen, trat der Baron in das Zimmer.
    Entschuldigen Sie meine Indiscretion, sagte Oswald, sich schnell fassend;
aber wer heit Sie auch, verschleierte Bilder in einem Sanctuarium aufstellen,
zu dem Sie jedem Fremden den Zutritt gewhren.
    Sie haben Recht, sagte der Baron, ohne eine Spur von Verwirrung; dieser
grne Schleier ist, wie andere Schleier auch, geradezu provocirend, und nebenbei
ist es sehr thricht, die Copie zu verhllen, da Jedermann das Original
unverhllt sehen kann, wenn er sich die Mhe giebt, nach Palermo zu reisen, und
sich eine Erlaubni verschafft, die Villa Serra di Falco besuchen zu drfen.
    In der That! sagte Oswald, den die unverwstliche Ruhe, mit welcher ihm der
Baron dies Mrchen aufzuheften suchte, ein wenig rgerte: also bei Palermo? ich
war schon versucht, das Original weniger weit zu suchen.
    Sie meinen im Berliner Museum? sagte der Baron; es existirt dort allerdings
eine Muse, die mit diesem Bilde groe Aehnlichkeit hat, aber der Unterschied ist
doch, wenn Sie genauer vergleichen, sehr bedeutend.
    Allerdings, sagte Oswald; die Nase ist an jenem Bilde energischer; auch ist
die Haltung des Kopfes eine andere, und berhaupt die Aehnlichkeit mit Frau von
Berkow, die an dieser Bste so frappant ist, weniger auffallend.
    Finden Sie? sagte der Baron, aufstehend und vor das Bild tretend.
Wahrhaftig, Sie haben Recht. Es ist wirklich eine flchtige Aehnlichkeit
zwischen diesem Bilde und Frau von Berkow. Nun, das macht mir das Bild nicht
schlechter, denn ich gestehe, da es wenige Damen auf der Welt giebt, an die ich
mich so gern erinnern liee, als an diese, ebenso liebenswrdige wie geistreiche
Frau.
    Der Baron zog den Vorhang wieder ber das Bild, als wnschte er, jetzt das
Gesprch darber abzubrechen.
    Kommen Sie, Doctor, sagte er, setzen Sie sich wieder und thun Sie, als ob
Cloten, dieser geistreichste Jngling, nicht hier gewesen wre.
    Ich glaube, es ist die hchste Zeit, da ich aufbreche, sagte Oswald; die
Sonne ist im Untergehen - ich mchte gerade heute nicht spt nach Hause kommen.
    Wie Sie wollen, sagte der Baron; man soll den kommenden Gast willkommen
heien und den davoneilenden nicht halten. Ich habe groe Lust, Sie eine Strecke
zu begleiten. Sind Sie Reiter?
    Ein wenig.
    So wollen wir reiten, wenn es Ihnen recht ist. Ich nehme einen meiner Leute
mit. Entschuldigen Sie mich fr einen Augenblick. Ich will nur ein wenig
Toilette machen und die nthigen Befehle geben.
    Sie sitzen gut zu Pferde, Doctor, sagte der Baron, als sie eine
Viertelstunde spter auf der Hhe des Strandes langsam dahinritten. Es ist
wirklich merkwrdig, welch' wunderbares Talent Sie in diesen Dingen zeigen. Ich
glaube, es giebt keine krperliche Geschicklichkeit, in der Sie es nicht in
kurzer Zeit zur Meisterschaft bringen knnten.
    Es ist das um so merkwrdiger, sagte Oswald, weil ich doch eigentlich in
Folge meiner plebejischen Geburt und Erziehung gar keine Ansprche auf diese
aristokratischen Vorzge machen kann.
    Schade, da ich nicht Cloten bin, sagte der Baron.
    Weshalb?
    Weil ich dann die Ironie in Ihren Worten nicht im Entferntesten ahnen, im
Gegentheil durch Ihre rhrende Bescheidenheit von der an Ha grenzenden
Abneigung gegen Sie zurckkommen wrde.
    Ist Herr von Cloten so gegen mich gesinnt?
    Denken Sie denn, da einem Dandy lieb ist, wenn ein Anderer sich im
Pistolenschieen, Tanzen, Courmachen, kurz in Allem berlegen zeigt, was der
grte Stolz seiner kleinen Seele ist? Weiber und weibische Mnner verzeihen
dergleichen nie. Ich habe mich an dem Abend in Barnewitz kniglich ber die
Gesichter amsirt, die, natrlich hinter Ihrem Rcken, von einigen dieser
geistreichen Jnglinge geschnitten wurden, und mir leider den billigen Spa
gemacht, durch allerlei kleine Teufeleien diese Pppchen noch mehr in Harnisch
zu bringen.
    Warum leider? ich versichere Sie, da mir an der guten oder schlechten
Meinung dieser Herren sehr wenig gelegen ist.
    Ohne Zweifel, aber Sie sind, so lange Sie in dieser Gegend bleiben,
genthigt, mit diesen Herren zu verkehren, und es ist eine Regel der
allergewhnlichsten Klugheit, da man seine Mitreisenden nicht geflissentlich
auf die Hhneraugen tritt. - Wer zum Teufel kommt denn da querfeldein von Cona
her?
    Dieser Ausruf des Barons galt dem geheimnivollen Reiter, welchen Oswald bei
seiner Ankunft bemerkt hatte, und der jetzt wieder quer ber die Haide
herantrabte, und ungefhr tausend Schritte vor ihnen auf den Weg gelangte.
    Oswald erzhlte dem Baron, was ihm mit dem Reiter begegnet war.
    Das mssen wir doch untersuchen, sagte der Baron; lassen Sie uns einmal Trab
reiten.
    Sie hatten kaum ein paar Schritte zurckgelegt, als der Reiter vor ihnen,
wie auf Verabredung, sein Pferd ebenfalls in Trab setzte. Es schien, als ob er
sich einige Male verstohlen umschaute; doch war dies bei dem Dmmerlichte, das
jetzt herrschte, nicht mehr deutlich zu erkennen.
    Versuchen wir es einmal mit Galopp, sagte Oswald; ich sehe, der
Geheimnivolle macht es gerade so, wie heute Nachmittag.
    Sie befanden sich jetzt auf der weiten ebenen Flche, die sich allmlig zum
Fischerdorf senkend, dem steinigen und weniger ebenen Terrain des Vorgebirges,
auf welchem Oldenburg's Villa lag, folgte. Der mit einer nur dnnen Erdschichte,
in welcher sprliches Haidekraut wuchs, berkleidete felsige Boden erdrhnte vom
Hufschlag der Pferde, die jetzt wacker ausgriffen.
    Der Geheimnivollen war, so wie sein Ohr den schnelleren Hufschlag vernahm,
dem Beispiele gefolgt und galoppirte jetzt, immer in derselben Entfernung, vor
seinen Verfolgern her.
    Stern chase is a long chase, sagte Oldenburg, dem die Sache groes Vergngen
zu machen schien. Der Bursche ist brigens ausgezeichnet beritten. Sehen Sie
nur, wie das Thier den Boden kaum mit den Hufen zu berhren scheint. Weit Du
nicht, Karl, wer es sein kann?
    Nein, Herr, sagte der Reitknecht, der jetzt in einer Linie mit den beiden
Herren ritt; es kann Niemand aus unserer Gegend sein, sonst mten wir ihn schon
eingeholt haben.
    Karl schmeichelt sich nmlich mit dem Gedanken, da er die besten und
schnellsten Pferde weit und breit unter seinem Commando hat, bemerkte der Baron.
    Er hlt es auch nicht lange mehr aus, Herr, sagte Karl.
    Das mssen wir abwarten, meinte der Baron.
    Sollen wir nicht, um dem Dinge ein Ende zu machen, die Pferde einmal laufen
lassen? sagte Oswald nach einigen Minuten; es mu sich dann ja zeigen, ob wir
ihn einholen knnen oder nicht.
    Meinetwegen, sagte Oldenburg, en avant!
    Die drei Reiter lieen ihren Pferden die Zgel. Die edlen Thiere, wie
entzckt ber die ihnen gewhrte Freiheit, und als wten sie, da ihr Ruf als
beste Renner der ganzen Gegend heute auf dem Spiele stand, strmten mit
gewaltiger Geschwindigkeit dahin, zuerst Brust an Brust, bis Oldenburg's Rappe
die Spitze nahm und behauptete, so oft auch eins der beiden andern Pferde ihm
den Rang streitig zu machen suchte.
    Der Geheimnivolle hatte, als seine Verfolger ihre Pferde in Carriere
setzten, sie bis auf fnfhundert Schritt herankommen lassen. Schon glaubten sie
die Jagd ihrem Ende nahe und der Reitknecht seine und seiner Pferde Ehre
gerettet, als pltzlich der Mann vor ihnen seinem Renner die Sporen gab und
seinen Kopf tief hinab bis fast auf die Mhne des Thieres beugend mit einer
Schnelligkeit dahinscho, die bald die Unmglichkeit ihn einzuholen selbst dem
wthenden Reitknecht klar machte.
    Ich glaube, es ist der Teufel selber, sagte er durch die Zhne.
    Oldenburg lachte; ich glaube es auch, rief er; wir wollen die Sache
aufgeben.
    Es dauerte einige Zeit, bis die aufgeregten Pferde sich beruhigen konnten.
Der Geheimnivolle strmte mit unverminderter Geschwindigkeit weiter und war
schon nach wenigen Minuten in dem Hohlwege, der nach dem Fischerdorfe
hinunterfhrte, verschwunden.
    Eine halbe Stunde spter langten sie vor dem Thore von Grenwitz an. Oswald
stieg ab und bergab die Zgel seines Pferdes dem Reitknecht, um dem Baron die
Hand zu schtteln.
    Wenn Sie sich nicht allzusehr gelangweilt haben, sagte dieser, so wollen wir
das Experiment in den nchsten Tagen wiederholen. Leben Sie wohl!
    Oswald gelangte auf seine Stube, ohne auf dem stillen Hofe, in dem stillen
Hause auch nur einem Menschen begegnet zu sein. Als er sich an das offene
Fenster lehnte und in den schon vom Abenddunkel erfllten Garten hinabsah,
bemerkte er zwei Gestalten, die flsternd und kosend in den Gngen auf- und
abschritten. Es waren Albert und Marguerite. Sie hatten offenbar die schne
Gelegenheit, in der Conjugation von aimer weiter zu kommen, nicht unbenutzt
verstreichen lassen.

                           Vierunddreiigstes Capitel


Mein Herr! Nach allen Seiten gleichmig zu ressiren, gelingt Keinem, selbst
nicht dem vom Glck am meisten begnstigten Ritter. Werden Sie es daher
begreiflich finden, wenn Jemand, der mit einigem Staunen die Fortschritte
beobachtet hat, die Sie in der Gunst einer gewissen Dame machten, das Geheimni
des Zaubers Ihrer Persnlichkeit kennen zu lernen und zu dem Zwecke die Ehre
Ihrer nheren Bekanntschaft wnscht? Und wrden Sie wohl, um ihm dies Vergngen
zu gewhren, die Gte haben heute Abend 11 Uhr einen Spaziergang aus dem kleinen
Thore von Grenwitz zu unternehmen? Sie wrden im Schatten der alten Buche auf
dem Wege nach Berkow einen Wagen treffen, in den Sie nur zu steigen brauchten,
um an den Ort des Rendezvous zu gelangen. Dort sollen Sie Alles finden, was zur
Anknpfung eines intimeren Verhltnisses nthig ist.
    Es ist wohl nicht besonders nothwendig, Sie daran zu erinnern, da diese
delicate Angelegenheit in Geheimni gehllt bleiben mu. Der Lenker des Wagens
wird aus der Antwort Moi auf seinen Anruf: qui vive? hren, da Sie der Rechte
sind. A revoir, Monsieur!
    So lautete der Inhalt eines expressen Briefes, den der Postbote aus dem
nchsten Stdtchen am Abend des folgenden Tages Oswald brachte.
    Er las das sonderbare Schreiben mehrmals, bevor er sich von seinem Erstaunen
erholen konnte. Wer war der Jemand, der seine nhere Bekanntschaft zu machen
wnschte? wer die Dame, um die es sich handelte? War das Geheimni der
Waldcapelle entweiht worden? hatte Jemand die Scene in der Fensternische auf dem
Balle in Barnewitz belauscht? Konnte Herr von Cloten der Herausforderer sein?
Das auffallend khle Benehmen dieses jungen Edelmannes bei der zuflligen
Begegnung gestern schien dafr zu sprechen. Oder war diese Begegnung nicht
zufllig, und stand der geheimnivolle Reiter damit in Verbindung? war es nur
ein Spion Clotens? Aber war die Unterredung zwischen Herrn von Barnewitz und dem
Baron, bei welcher Oswald ein so unfreiwilliger Zeuge gewesen war, nicht Beweis
genug, da Cloten nach einer ganz andern Seite hin in Anspruch genommen und mit
seinen eigenen Angelegenheiten vollauf beschftigt war?
    Oswald lie die Reihe der jungen Edelleute, die er auf dem Balle in
Barnewitz kennen gelernt hatte, an seinem Geiste vorbergehen, und sein Verdacht
blieb schlielich auf dem jungen Grafen Grieben haften, jenem langen, blonden
Jngling, der so komische Anstrengungen machte, den starken Geist zu spielen und
sich die Gunst der bermthigen Emilie zu erwerben, und in beiden Bemhungen so
unglcklich gewesen war. Er konnte am ersten der Erfinder der Phrase von dem
vom Glck begnstigten Ritter sein.
    Was sollte er thun? Sollte er sich der vielleicht nichts weniger als edlen
Rache der jungen Edelleute aussetzen? sollte er in einen Kampf gehen, in welchem
er die Wahl der Waffen, der Zeugen, des Ortes, kurz Alles seinem Gegner zu
berlassen gezwungen war? Konnte es ihm ein billig denkender Mann verargen, wenn
er die Herausforderung eines Namenlosen unbeachtet lie?
    Aber hatte er es denn mit billig denkenden Mnnern zu thun? hatte er nicht
lngst erfahren, bewies nicht Alles, was er sah und hrte, da in diesen
bevorzugten Kreisen subjectives Belieben fr Recht galt und die frivolste Laune
des Augenblicks die Richtschnur des Handelns war? Fand sich dieser Zug nicht
selbst bei denen, welche Geist und Charakter so hoch ber den gewhnlichen Tro
ihrer Standesgenossen erhob: bei Oldenburg und Melitta?
    Und wrde ihm ein Ablehnen der Herausforderung nicht als Feigheit, nicht als
ein Mangel jenes feinen Ehrgefhls ausgelegt werden, auf welches sich dieser
Adel so viel zu Gute that?
    Nein, nein; er mute den Fehdehandschuh aufnehmen, wie verchtlich auch die
Hand sein mochte, die ihm denselben aus dem Dunkel heraus vor die Fe
geschleudert hatte. Er mute den Junkern zeigen, da er sich nicht frchtete,
allein, ohne Freunde, waffenlos ihrer Rache gegenber zu treten.
    Sein Blut kochte. Er ging erregt im Zimmer auf und ab.
    Nur zu, nur zu! murmelte er durch die Zhne; ich wollte, sie stellten sich
mir gegenber, einer nach dem andern, mein Ha wrde mir die Kraft geben, sie
Alle niederzuschmettern. Es ist ganz recht so, ganz recht! Was habe ich hier zu
thun unter diesen Wlfen? Zerrissen werden oder zerreien - das htte ich mir
von vornherein sagen knnen.
    Oswald fhlte, wie aus dem tiefsten Grunde seiner Seele, in den sein Auge
noch nie gedrungen war, es aufstieg mit dmonischer Gewalt. Eine wilde
Leidenschaft, ein heier Durst nach Rache, ein wahnsinniges Verlangen, zu
zerstren, zu vernichten, erfate ihn; der ganze fanatische Ha gegen den Adel,
den er als Knabe empfunden, wenn er seinem Vater in dem Garten hinter der
Stadtmauer die Pistolen lud, mit denen jener auf die Asse scho, die eben so
viele Herzen von Adeligen bedeuteten; wenn er auf der Schulbank im Livius von
dem Uebermuth der Tarquinier las, oder auf seiner Stube die thrnenreiche
Geschichte der Emilia Galotti. Und das waren keine Mrchen! Hier in diesem
Schlosse, vielleicht in denselben Zimmern, die er jetzt bewohnte, war ein Opfer
adeliger Grausamkeit verblutet: hier hatte die arme, unglckliche, schne Marie
mit tausend heien Thrnen die Thorheit bezahlt, den Worten des adeligen
Verfhrers geglaubt zu haben!
    Sie war als Opfer gefallen, denn sie war ein schwaches Weib, und Thrnen
waren ihre Waffen, Thrnen, die kein Erbarmen fanden. Diese Thrnen waren noch
nicht geshnt. Wie? wenn er als Rcher fr sie aufstnde, wenn er diese Thrnen
eines Brgermdchens shnte in dem Blut eines Adeligen?
    Solche Gedanken wirbelten durch Oswald's Gehirn, whrend er fr den Fall
eines schlimmen Ausgangs - den er brigens sonderbarer Weise kaum fr mglich
hielt, so schnell hatte er sich in die Rolle eines Rchers gefunden - einige
flchtige Vorbereitungen traf, das heit, die Briefe, von denen er nicht
wnschte, da sie jemals in fremde Hnde fielen, verbrannte, und berhaupt etwas
Ordnung in seine Papiere brachte; schlielich auch ein paar Zeilen an Professor
Berger schrieb, die er aber hernach wieder zerri und in den Ofen warf.
    Das Volk ist nicht werth, da man seinethalben so viel Umstnde macht; sagte
er bei sich.
    Mit Ungeduld erwartete er die bezeichnete Stunde.
    Es schlug zehn auf der Schlouhr. Er hrte, da die Leute zu Bette gingen,
auch aus Albert's Zimmer schimmerte Licht in den dunklen Garten hinab. Es schlug
halb elf. Oswald machte sorgfltig Toilette, nahm eine Rose aus einem
Blumenstrau, den er sich heute im Garten gepflckt hatte, und steckte sie in's
Knopfloch.
    Dann ging er leise aus seinem Zimmer die enge Treppe, auf welcher Marie in
jener strmischen Herbstnacht sich aus dem Schlo gestohlen hatte, hinab in den
Garten, durch den Garten nach dem Gitterthor, welches neben dem Schlo auf den
Hof fhrte und von dem man nur noch ein paar Schritte zu dem kleinen Thore
hatte, vor welchem ihn der Wagen erwarten sollte.
    Der nchtliche Himmel war mit Wolkendunst bedeckt, durch welchen nur
sprliche Sterne leuchteten; es war so finster, da Oswald, bis sich sein Auge
an das Dunkel gewhnt hatte, den so bekannten Weg mit Vorsicht gehen mute, um
nicht rechts oder links in den Graben zu gerathen.
    Pltzlich tauchte ein groer Gegenstand vor ihm auf, und in demselben
Augenblick rief eine tiefe rauhe Stimme: qui vive!
    Moi, antwortete Oswald.
    Er sah die undeutlichen Umrisse einer langen Gestalt, die ihm die Thr des
Wagens ffnete und den Schlag herablie.
    Sobald er eingestiegen war, wurde die Thr hinter ihm geschlossen und sofort
zogen auch die Pferde an; er konnte nicht erkennen, ob die Gestalt neben dem
Kutscher Platz genommen hatte, oder der Kutscher selbst war.
    Kutscher und Pferde muten den Weg sehr genau kennen, oder in dunkler Nacht
so gut sehen knnen, wie am hellen Tage; denn der Wagen bewegte sich mit einer
Schnelligkeit, gegen die selbst ein ungeduldiger Liebender nichts htte
einwenden knnen. Der Weg war gut, und wenn auch hie und da ein Stein im Geleise
lag, so hing der Wagen in so vortrefflichen Federn, da man den dadurch
verursachten Sto kaum sprte.
    Oswald lehnte sich in die schwellenden Kissen. Der weiche Sammet schien
einen feinen Wohlgeruch auszustrmen, der den engen Raum erfllte, wie das
Boudoir einer hbschen Frau. Ja, es war Oswald, als ob es dasselbe Parfm sei,
das Melitta immer benutzte. Und pltzlich war es ihm, als se Melitta neben
ihm, als berhre ihre warme weiche Hand seine Hand, als fhlte er das Wehen
ihres Athems an seiner Stirn, als legten sich ihre Lippen leicht wie ein Hauch
auf seinen Mund.
    Und vor diesem wonnigen Traum sank die Wirklichkeit in Nichts. Oswald
verga, was er vorhatte; er dachte nicht daran, was seiner harrte; er wute
nicht mehr, wo er war - und nur sie, sie allein erfllte seine Seele. Wie eine
Sturmfluth von Seligkeit berkam ihn die Erinnerung an ihren Liebreiz, ihre
Gte, ihre holde Rede und ihren sen Ku. Mit wunderbarer Klarheit zogen die
kstlichen Bilder der einzig wonnigen Stunden, die er an ihrer Seite, zu ihren
Fen verlebt hatte, durch seine Erinnerung, von jener ersten Begegnung auf dem
Rasenplatze hinter dem Schlosse von Grenwitz bis zu dem Augenblick, wo sie, mit
Thrnen in den lieben Augen, sich von ihm wandte in jener Nacht unseligen
Angedenkens, wo der Dmon der Eifersucht die scharfen Krallen in sein zuckendes
Herz schlug.
    Vergieb mir, Melitta; vergieb mir! sthnte er, seinen Kopf in die Kissen
drckend.
    Da pltzlich hielt der Wagen. Die Thr wurde aufgerissen; die lange Gestalt,
die ihm den Schlag herabgelassen hatte, half ihm aussteigen, reichte ihm die
Hand, fhrte ihn einige Stufen hinauf zu einer groen Fensterthr, durch deren
rothe Vorhnge ein mattes Licht schimmerte. Die Thr that sich auf, und Oswald
sah sich in dem Gartensaal von Melitta's Schlo und Melitta schlang ihre Arme um
seinen Hals und Melitta's Stimme flsterte: vergieb mir, Oswald! vergieb mir!
    Du Grausamer! sagte Melitta, als der erste wilde Sturm des Entzckens mit
seinen Thrnenschauern der Wonne vorbergebraust war; wie hast Du nur so viele
Tage Dein Herz vor mir verschlieen knnen, und wutest doch, da ich da drauen
stand und um Einla bettelte! Aber ich will Dich nicht schelten. Du bist ja hier
und nun ist Alles wieder gut.
    Sie legte ihren Kopf an seine Brust und schaute durch Thrnen lchelnd zu
ihm empor; nicht wahr, lieb' Herz, nun ist Alles wieder gut? nun ist Melitta
wieder, was sie Dir vorher war, was sie Dir ewig sein wird, trotz aller hbschen
sechszehnjhrigen Mdchen, sie mgen Emilie heien oder -
    Melitta!
    Oder Melitta! denn es giebt nur eine Melitta und wenn tausend so hieen und
diese eine bin ich. Und da Du diesen wichtigen Umstand vergessen konntest,
welche Umstnde hast Du mir dadurch bereitet, mir und dem alten armen Baumann!
Ich will von mir nichts sagen, denn Leid will Freud und Freud will Leid haben,
und wenn man rechtschaffen liebt, kommt es auf ein paar Thrnen, ein paar
durchwachte Nchte, ein paar angefangene und wieder zerrissene Briefe mehr oder
weniger nicht an; aber der arme Baumann! Denke Dir nur! ich war am ersten Tage
ganz ruhig, denn ich dachte: er wird schon kommen, und Dich um Verzeihung
bitten; als Du aber nicht kamst, nicht am zweiten, nicht am dritten Tage, da
sank mir der Muth und ich mag wohl recht trostlos ausgesehen haben, denn wie ich
hier, den Kopf aufgesttzt, sa, fhlte ich pltzlich eine Hand auf meiner
Schulter und als ich aufschaue, steht der gute alte Baumann da und sagt: soll
ich einmal nachsehen, wo er so lange bleibt? - Ach ja, lieber Baumann, sagte
ich. Da ging die treue Seele, ohne weiter ein Wort zu sagen fort, und kam erst
spt am Abend wieder. Hat Er ihn gesehen? - Zu Befehl; er ist wohl und munter;
ich bin mit ihm in die Wette geritten.
    So war der alte Baumann der geheimnivolle Reiter?
    Natrlich, und er lachte in seiner stillen Weise, wie er erzhlte, da Ihr
ihn gejagt httet, als wollte er sagen: diese Kinder! dachten, sie knnten mich
berholen auf dem Brownlock!
    Das war der Brownlock, von dem mir Bruno schon so viel vorgeschwrmt hat, ja
freilich! nun erklrt sich Alles!
    Nicht wahr? nun erklrt sich auch, weshalb sich Baumann hinsetzte und nach
meinem Dictat den Brief schrieb. Der Alte wollte nicht und sagte: ein Duell ist
kein Kinderspiel und das heit den Scherz zu weit treiben; aber ich lachte und
weinte bis er es doch that, und heute Morgen noch einmal auf den Brownlock stieg
und in die Stadt ritt und heute Abend nach Grenwitz fuhr.
    Und wenn ich nun der Herausforderung nicht gefolgt wre?
    Das deutete auch Baumann an und ich antwortete ihm: schme Er sich, Baumann,
so etwas zu sagen.
    Oswald lachte: Natrlich! wir mssen uns jedesmal schmen, so oft wir etwas
sagen oder thun, was nicht in die Welt pat, wie sie sich in Euren Kpfen malt.
    Melitta antwortete nicht und Oswald sah, da ein Schatten ber ihr Gesicht
flog. Er lie sich vor ihr auf ein Knie nieder und sagte, ihre herabhngende
Hand ergreifend:
    Habe ich Dich beleidigt, Melitta?
    Nein, sagte sie; aber diese Bemerkung httest Du vor acht Tagen nicht
gemacht.
    Wie meinst Du das?
    Komm, steh auf! la uns ein wenig in den Garten gehen. Es ist so schwl in
den Zimmern; mich verlangt nach der khlen Nachtluft.
    Sie gingen hinab in den Garten und wanderten Arm in Arm zwischen den Beeten,
bis sie zu der niedrigen Erdterrasse gelangten, wo Oswald, als er an jenem
Sonntag Nachmittag den Besuch auf Berkow machte, Melitta getroffen hatte. Sie
setzten sich unter den Tannenbaum, der seine Aeste schtzend ber sie breitete,
auf eine der Bnke. Die Nacht war lautlos still; die Bume standen unbeweglich,
wie in tiefem Schlaf; wrziger Blumenduft erfllte die warme thaulose Luft;
Glhwrmchen irrten wie leuchtende Sterne durch das Dunkel.
    Du hast mir auf meine Frage immer noch nicht geantwortet, Melitta? sagte
Oswald, was haben denn die letzten acht Tage an mir verndert? bin ich nicht
mehr derselbe, der ich war, nur da die bittere Reue, Dir weh gethan zu haben,
meine Liebe zu Dir noch tiefer und inniger gemacht hat?
    Melitta antwortete nicht: pltzlich sagte sie schnell und leise:
    Bist Du seit dem Sonntag in Barnewitz oft mit ihm zusammengewesen?
    Mit wem, Melitta?
    Nun mit - mit Baron Oldenburg. Gott sei Dank, endlich ist es heraus! Es ist
recht kindisch und thricht, da ich mich bis jetzt stets gestrubt habe,
Oldenburgs zu erwhnen, und Dir zu sagen, welches meine Beziehungen zu dem Manne
waren, und doch fhlte ich, da Du ein Recht hattest, es zu wissen, und da ich
die Pflicht habe, von meiner Vergangenheit, wo sie Dir dunkel scheinen mu, den
Schleier zu heben. Dies Gefhl wurde zuletzt, besonders, als ich seit gestern
wute, da Du mit dem Baron auf einem intimen Fue standest, so stark, da ich
Dich um jeden Preis hier zu haben wnschte, und da verfiel ich denn auf den
kindisch dummen Einfall.
    Ich habe nicht, wie Du sagst, das Recht zu einer solchen Neugier, Melitta;
antwortete Oswald. Fr die Liebe, die Du mir gewhrst, mu ich dankbar sein und
bin ich dankbar, wie fr eine holde Gnade des Himmels. Ja, ich gestehe, es gab
eine Zeit, wo meine Liebe noch den Zweifel kannte, aber da war sie noch nicht
die echte Liebe. Jetzt ist es mir nicht denkbar, ich knnte je aufhren Dich zu
lieben, und Deine Liebe knnte jemals aufhren. Ja, es ist mir, als ob diese
Liebe, wie sie ewig sein wird, auch schon von Ewigkeit gewesen wre. Ob Du schon
frher geliebt hast, ich wei es nicht; es ist mglich, aber ich verstehe es
nicht und wrde es nicht verstehen, wenn Du es mich auch ausdrcklich
versichertest.
    Und ich versichere Dich, sagte Melitta, sich zrtlich an den Geliebten
schmiegend; ich habe nie geliebt, bis ich Dich sah; denn, was ich frher Liebe
nannte, war nur die unbefriedigte Sehnsucht nach einem Ideal, das ich im
tiefsten Herzen trug, das sich mir niemals zeigen wollte, und das, jemals zu
finden, ich schon seit Jahren die Hoffnung aufgegeben hatte.
    Und Du glaubst, ich sei dies verkrperte Ideal? Arme Melitta! wie bald wirst
Du aus diesem Traum erwachen! Erwache, Melitta! erwache - noch ist es Zeit!
    Nein, Oswald, es ist zu spt. Es giebt eine Liebe, die stark ist wie der
Tod, und aus ihr giebt es kein Erwachen. Nein! kein Erwachen! Ich fhle es, ich
wei es. Und wenn Du Dein Antlitz von mir wendetest, und wenn Du mich von Dir
stieest - Dir gegenber habe ich keinen gekrnkten Stolz, keine verletzte
Eitelkeit - - nur Liebe, unergrndliche, unermeliche, unerschpfliche Liebe.
Bis jetzt wute ich nur, da ich lieben knne; wie sehr ich lieben knne, hast
Du mich erst gelehrt.
    Und so kann ich auch ruhig ber die Zeit sprechen, in der ich Dich noch
nicht kannte - denn jenes Leben war nur ein Scheinleben - und Alles, was ich
fhlte und dachte, ein unbestimmtes Trumen ohne Zusammenhang und Sinn. Jetzt
wei ich es, jetzt, wo ich in dem Sonnenstrahl Deiner Liebe die Augen aufschlug
und nun das Leben so durchsichtig klar vor mir liegt, da mir die dichte Nacht,
die uns umgiebt, heller dnkt, wie sonst der lichteste Tag, und die dunkelsten
Rthsel meines Herzens gelst sind. Jetzt kann ich von der Melitta der frheren
Zeit sprechen, wie von einem fremden Wesen, fr dessen Thun und Lassen ich mich
nicht verantwortlich fhle; jetzt kann und will ich Dir erzhlen, was es fr
eine Bewandtni mit dem Bilde in meinem Album hat, dem losgelsten Blatt, dessen
Vorhandensein Dich damals so erschreckte, liebes Herz. Ja, ja, ich hab' es wohl
bemerkt - Du entfrbtest Dich und konntest nicht fassen, wie ich Dich um Dein
Urtheil ber den Mann befragen konnte, den Du fr meinen Geliebten halten
mutest. Und doch war das Oldenburg nie, oder es mte in der Liebe tausend
Grade geben, von denen der niedrigste von dem hchsten so weit entfernt ist, wie
die Erde von dem Himmel.
    Ich kannte Oldenburg schon von meiner frhesten Kindheit an. Salchow, das
Gut meines Vaters, grenzt an Cona, wo Du gestern warst. Meine Tante, die nach
dem frhen Tode meiner Mutter meine Erziehung leitete, und Oldenburg's Mutter
waren sehr gute Freundinnen und kamen fast tglich zusammen. Natrlich auch wir
Kinder. Oldenburg war ein paar Jahre lter als ich, aber da die Mdchen den
Knaben stets in der Entwicklung voraus sind, so wurde der Unterschied des Alters
von uns nicht empfunden, wir spielten und arbeiteten zusammen und hielten gute
Kameradschaft - fr gewhnlich; denn es kam auch manchmal zu heftigem
Wortwechsel und Zank und Thrnen. Ich gab selten Veranlassung dazu, denn ich war
wenig rechthaberisch und stets zum Nachgeben bereit, aber Adalbert war ber die
Maen, empfindlich, strrisch und eigenwillig. Die Doppelnatur seines Wesens,
die er spter auszugleichen sich bemhte und vor weniger Scharfsichtigen auch
meistens zu verbergen mute, lag damals offen zu Tage. Es war unmglich, sich
nicht fr ihn zu interessiren, aber ich glaube, es gab Niemand, der ihn wirklich
liebte. Er fhlte das, und dies Gefhl, welches er wie eine geheime Wunde stets
mit sich herumtrug, machte ihn schon sehr frh zu einem Hypochonder und
Menschenfeind. Was half es ihm, da Jedermann seine eminenten Gaben bewunderte,
da Niemand an seinem Muth, seiner Wahrheitsliebe zweifelte! sein strrisches,
eigensinniges Wesen stie Alle zurck, verletzte Alle! ja selbst seine lange,
unschne Gestalt und seine tppischen, linkischen Bewegungen trugen dazu bei,
die Herzen der Menschen von ihm zu wenden. Wenigstens war es so bei mir, die ich
mich von Jugend auf zu Allem, was schn und anmuthig war, unwiderstehlich
hingezogen fhlte, und einen wahren Abscheu vor dem Hlichen und Formlosen
hatte. Ich konnte mich nicht berwinden, Adalbert zu lieben, obgleich er mit
groer, aber freilich stets hinter Schroffheit und Klte sorgsam versteckter
Zrtlichkeit an mir hing und manchmal, wenn seine Leidenschaftlichkeit ber die
knstliche Ruhe, die er zur Schau trug, siegte, mir in den herbsten, bittersten
Ausdrcken meine Lieblosigkeit, meinen Leichtsinn, meinen Wankelmuth vorwarf.
    Dies Verhltni blieb, bis Adalbert mit sechszehn Jahren das Gymnasium
bezog. Er hatte es bei seinem Vormunde - seine Mutter war jetzt auch gestorben -
durchgesetzt, da er studiren durfte. Nur selten noch kam er und immer nur auf
wenige Tage nach Cona. Dann war ich zwei Jahre lang in Pension. So kam es, da
wir uns, bis er nach Heidelberg ging, nur im Vorbergehen sahen. Als er von der
Universitt und seiner greren Reise zurckkehrte, war ich schon zwei Jahre
verheirathet gewesen.
    Es dauerte eine geraume Zeit, bis er einen Besuch auf Berkow machte. Unser
Wiedersehen war eigenthmlich genug. Er schien den ganzen, so vernderten
Zustand nur als ein fait accompli anzunehmen, dem man sich beugt, weil man mu.
Er belstigte mich nicht mit Fragen; er verlangte keine vertrauliche
Mittheilung, auf die der einzige Freund meiner Kinder-und Mdchenjahre doch wohl
Anspruch hatte. Er machte mir auch keine Vorwrfe; er sagte mir nicht, da er
mich geliebt, da er auf meine Hand gehofft hatte, obgleich ich nachher erfuhr,
da dies doch der Fall gewesen, und da er, als ihn die Nachricht von meiner
Verheirathung in Heidelberg traf, fast in Raserei gefallen war und wochenlang,
monatelang an einer unbesieglichen Schwermuth gekrankt hatte. Er suchte sich
durch eigene Beobachtung ein mglichst klares Bild meines jetzigen Verhltnisses
zu verschaffen. Ich sah, da ihm nichts entging, da keine meiner Aeuerungen
von ihm unbercksichtigt, keine meiner Mienen von ihm unbeachtet blieb. Das
Bewutsein, unter der Controle eines so scharfsichtigen Auges zu stehen, war
nichts weniger als behaglich, zumal wenn, wie in diesem Falle, so Vieles htte
anders sein knnen, anders sein mssen. Es trat bald wieder dasselbe Verhltni
ein, welches frher zwischen uns geherrscht hatte, nur da die heftigen Scenen
wegblieben, die damals durch seine Leidenschaft gelegentlich herbeigefhrt
wurden. Wie er mir frher alle hbsche Muscheln, Steine und Blumen, die er am
Strande, zwischen den Klippen, auf den Wiesen gefunden hatte, zutrug, so theilte
er mir jetzt alles mit, was er Interessantes auf den vielen Feldern des Wissens,
auf denen sich sein unersttlicher und unermdlicher Geist umhertrieb, entdecken
konnte: bald ein schnes Gedicht, bald eine tiefsinnige Sentenz, - und er
empfand es jetzt nicht weniger schmerzlich, da ich mit diesen Schtzen nicht
haushlterischer umging, als mit den Blumen, die ich vertrocknen lie, und den
Steinen und Muscheln, die ich wegwarf. Ich wute, da ich keinen treueren Freund
hatte, als ihn, und er, da sich in das Gefhl, welches ich fr ihn empfand,
auch nicht die mindeste Liebe mischte; um so uneigenntziger war seine
Freundschaft, und um so unverantwortlicher der Wankelmuth, mit dem ich ihn
behandelte.
    Seine Freundschaft sollte bald eine traurige Gelegenheit finden, sich zu
bethtigen. Die Schwermuth, in die Carlo kurz nach Julius Geburt gefallen war,
nahm einen immer krankhafteren Charakter an. Ausbrche einer unberechenbaren
Laune, die Vorboten der letzten frchterlichen Katastrophe, wurden immer
hufiger. Er wollte jetzt Niemand um sich haben, als Adalbert, was um so
auffallender war, als er, der Lebemann, den tiefsinnigen, melancholischen, und
um so viel jngeren Baron - den Jngling von Sais nannte er ihn - frher stets
verlacht, verspottet und eigentlich wohl gehat hatte. Jetzt begleitete er ihn
auf Tritt und Schritt, jetzt war Oldenburg's Stimme die einzige, welche die
finsteren Dmonen, die um sein Haupt die Flgel schlugen, auf Augenblicke
wenigstens verscheuchen konnte. Und die Aufopferung, mit der Oldenburg sich
diesem Liebesdienst unterzog, ist nicht hoch genug anzuerkennen und ich mte
sie ihm, so lange ich lebe, danken. Dann kam die Katastrophe. Oldenburg stand
mir in diesen Tagen treu zur Seite; oder genauer: er nahm alle Last und
Verantwortung so ganz auf sich und leitete Alles mit solcher Energie und
Umsicht, da ich nur immer Ja zu sagen hatte.
    Carlo war in eine Anstalt in Thringen gebracht und ich war allein hier auf
Berkow, mich ganz der Erziehung meines Julius, der damals fnf Jahre alt war,
und dem ich auf Oldenburg's Rath schon jetzt in Bemperlein einen Freund und
Lehrer gegeben hatte, widmend. Oldenburg kam jetzt seltener, als frher, aber
doch noch immer sehr hufig, wie mir schien. Ich glaubte zu bemerken, da sich
ein Ton von Zrtlichkeit in die Freundschaft mischte, die ich einzig von ihm
wnschte und erwartete: und kaum hatte ich diese Bemerkung gemacht, als ich mich
schon berechtigt glaubte, ihn, so schonend wie mglich freilich, auf die
allzugroe Hufigkeit seiner Besuche aufmerksam zu machen. Es war dies
vielleicht sehr undankbar von mir; aber uns Frauen wird es auch sehr schwer,
gegen den dankbar zu sein, den wir nicht lieben.
    Den nchsten Tag schon war Oldenburg abgereist; Niemand wute wohin. Dann
wollte ihn ein halbes Jahr spter Einer in London gesehen haben; ein Anderer sah
ihn ein Jahr darauf in Jerusalem. Er war bald hier, bald dort, ruhelos
umhergetrieben von seinem wilden Herzen und seinem unersttlichen Wissensdurst.
    So waren vier Jahre verflossen, die in meinen Verhltnissen sehr wenig
gendert hatten. Oldenburg's gedachte ich selten und immer wie eines
Verstorbenen. Da - es ist nun drei Jahre her - lie ich mich von meinem Vetter
und meiner Cousine bereden, sie auf einer Reise nach Italien zu begleiten. Als
wir eines Abends im Mondschein das Coliseum besuchten, stand pltzlich Oldenburg
vor uns. Endlich! sagte er leise, indem er mir die Hand drckte. Er wollte uns
ganz zufllig getroffen haben; hernach gestand er mir, da er, ich wei nicht
wie und durch wen? unsern Reiseplan erfahren, uns schon von Mnchen aus verfolgt
und immer verfehlt habe, bis es ihm endlich hier gelang, uns einzuholen. Ich mu
gestehen, ich freute mich aufrichtig ber dies Zusammentreffen und empfand es
mit einiger Genugthuung, da es kein zuflliges war. Es vereinigte sich Alles,
um Oldenburg bei mir einen guten Empfang zu bereiten. Man schliet sich auf
Reisen selbst an Fremde leicht an; wie sollte uns der Freund unserer Jugend,
wenn wir ihn pltzlich in fremden Landen treffen, nicht willkommen sein?
Oldenburg hatte Italien schon mehrmals bereist und kannte jeden Meister von
jedem Altargemlde in jeder Klosterkirche und Kapelle. Seine lehrreiche
Unterhaltung stach gegen das banale Geschwtz meiner Verwandten gar sehr zu
seinem Vortheile ab, und dazu kam, da Oldenburg durch die vielfache Berhrung
mit der feinsten Gesellschaft jetzt die schroffen und rauhen Seiten seines
Wesens bedeutend abgeschliffen hatte. Sein Auftreten war, wie Du es jetzt
siehst, das heit, bei aller bis an Nachlssigkeit streifenden Ungezwungenheit,
doch im schnsten Sinne des Wortes vornehm. Mit einem Worte: er machte jetzt
einen Eindruck auf mich, den ich frher nie fr mglich gehalten htte. Es war
nicht Liebe, was ich fr ihn empfand, aber es war doch auch mehr als die khle
Freundschaft, welche ich ihm bis jetzt entgegengebracht hatte. Aber seltsam, in
demselben Mae, in welchem ich die geheime Antipathie, die ich schon von meinen
Kinderjahren her gegen ihn empfand, einer beinahe herzlichen Zuneigung weichen
fhlte, wurde sein Benehmen gegen mich schroffer und klter. Er richtete seine
Unterhaltung, wenn wir beisammen waren, fast ausschlielich an meine Cousine und
behandelte mich wie ein verzogenes Kind, dem man den Willen thut, nur damit es
nicht anfngt zu weinen. Das verletzte meine Eitelkeit und dieser verletzten
Eitelkeit und der Eifersucht, die ich gegen meine Cousine empfand, zu Liebe,
legte ich es ernstlich darauf an, mir Oldenburg's Zuneigung, die ich durch eine
unbekannte Ursache verloren zu haben glaubte, wieder zu gewinnen. Das bewirkte
alsbald eine vllige Umwandlung in Oldenburg's Betragen. Er berschttete mich
jetzt mit Aufmerksamkeiten, er schien Hortense vollkommen vergessen zu haben,
und sobald wir allein waren, zeigte er eine Leidenschaft, die mich zuerst in
Verwunderung und dann in Schrecken setzte. Dabei wute er jeder eigentlichen
Erklrung sorgfltig auszuweichen und mich stets im Zweifel zu erhalten, ob dies
nur eine seiner tollen Launen war, die er gelegentlich annimmt und ablegt, wie
ein Kleid, oder der Ausdruck einer wirklich tiefgewurzelten Neigung. Es war
unmglich, Oldenburg in dieser Zeit nicht zu bewundern. Sein Genius zeigte sich
glnzender, als je zuvor; die Flle von Geist, die er verschwenderisch
entfaltete, war in der That auerordentlich. Er war die Seele jeder
Gesellschaft; man ri sich frmlich um ihn, und da er franzsisch, englisch,
italienisch und ich wei nicht, wie viele Sprachen auerdem, so gut wie deutsch
spricht, so schien jede Nation ihn als einen der Ihrigen ansehen zu drfen und
zu wollen. Wenn er mich nun zur Knigin jedes Festes machte, wenn er Alle zwang,
mir zu huldigen, wenn er alle Schtze seines reichen Geistes nur entfaltete, um
sie mir zu Fen zu legen, so ist es wohl natrlich, da ich dagegen nicht
gleichgltig bleiben konnte, da ich mir eine kurze Zeit lang einbildete, ihn zu
lieben. Ohne ihn geradezu aufzumuntern, lie ich es mir doch gefallen, da er
mich in Augenblicken, wo wir allein waren, mit dem vertraulichen Du unserer
Kinderjahre anredete, da er in Gesellschaft mir jene Aufmerksamkeit erwies, die
man sonst nur von einem erklrten Liebhaber entgegenzunehmen gewohnt ist.
    Still, Melitta, mir war, als hrte ich Jemand im Garten.
    Ich hrte nichts.
    Sind wir hier auch vor jeder Strung sicher?
    Vollkommen. Indessen, la uns in's Haus zurckkehren; mir ducht, der
Nachtthau beginnt zu fallen.
    Sie erhoben sich und gingen Arm in Arm nach der Treppe, die von der Terrasse
in den Garten fhrte. Als sie die letzte Stufe hinabstiegen, stand pltzlich ein
Mann vor ihnen. Das Zusammentreffen war fr Oswald und Melitta so unerwartet,
da sie unwillkrlich zurckzuckten. Indessen war an ein Ausweichen nicht mehr
zu denken, und berdies hatte Herr Bemperlein sie schon erkannt, denn die Sterne
leuchteten jetzt in voller Pracht, und aus den Fenstern des Gartensaales fiel
ein Lichtschimmer den Gang hinab, gerade in die Gesichter der Beiden.
    Mein Gott, gndige Frau, wie kommen Sie hierher? rief Herr Bemperlein.
    Ich gebe die Frage zurck, sagte Melitta, und dann zu Oswald, dessen Arm sie
nicht losgelassen hatte: Sei ruhig, lieb Herz: er verrth uns nicht.
    Es ist doch Julius kein Unglck zugestoen? Sprechen Sie, lieber Bemperlein,
ich habe keine Geheimnisse vor - Oswald.
    Herr Bemperlein ergriff Oswald's Hand und drckte sie, als wollte er sagen:
ich wei jetzt Alles, rechnet auf mich.
    Nein, sagte er, Julius ist wohl und munter, aber ich bekam heute einen Brief
von Doctor Birkenhain, dem zufolge es mit dem Befinden Herrn von Berkows sehr
schlecht steht; man erwartet tglich sein Ende. Da er vor seinem Ende noch
einmal zum Bewutsein kommen knnte, ist natrlich nicht anzunehmen; aber Doctor
Birkenhain hielt es fr seine Pflicht, Ihnen diese Lage der Dinge mitzutheilen.
Jedenfalls wird dies der Inhalt des eingelegten Briefes an Sie sein. Ich habe
ihn selbst gebracht, damit Sie sofort ber meine Dienste verfgen knnten, im
Falle Sie sich zu einer Reise entschlieen sollten. Der Wagen, in welchem ich
gekommen bin, wird jetzt wohl schon vor dem Hause halten; ich hatte den krzeren
Weg durch den Garten vorgezogen.
    Die Drei waren in den Gartensaal getreten. Melitta hatte Oswald's Arm
losgelassen und sich der Lampe genhert, den Brief zu lesen, welchen Bemperlein
ihr berbracht hatte. Oswald sah, da sie sehr bla geworden war, und da ihre
Hand, die den Brief hielt, zitterte. Bemperlein stand, den Blick von Melitta auf
Oswald, von Oswald auf Melitta wendend, da, wie Jemand, der, aus einem schweren
Schlaf erwachend, sich noch nicht von der Wirklichkeit dessen, was er vor seinen
Augen sieht, berzeugen kann.
    Melitta hatte den Brief gelesen: Da, Oswald, sagte sie, lies und sage, was
soll ich thun.
    Oswald durchflog das Schreiben, welches, wie Bemperlein schon gesagt hatte,
Melitta aufforderte, sich sofort auf den Weg zu machen, falls sie den sterbenden
Gatten noch einmal zu sehen wnsche.
    Du mut reisen, Melitta, ohne Frage, sagte Oswald, den Brief wieder
zusammenfaltend.
    Melitta warf sich strmisch in die Arme ihres Geliebten: Es war von
vornherein mein Wille zu reisen: ich wollte ihn nur von Dir besttigt hren,
sagte sie. Ich reise noch in dieser Nacht, noch in dieser Stunde. - Wollen Sie
mich begleiten, lieber Bemperlein.
    Ich bin in dieser Absicht hierher gekommen, gndige Frau, sagte Herr
Bemperlein, und habe den Reiseplan schon entworfen. Wenn wir in einer Stunde
etwa aufbrechen, sind wir noch vor Sonnenaufgang an der Fhre. Drben nehmen wir
Extrapost bis Passow, von da Eisenbahn. So sind wir bermorgen sptestens an Ort
und Stelle.
    Sie guter, treuer Freund, sagte Melitta, Bemperleins beide Hnde in die
ihren nehmend und herzlich drckend.
    Bitte, bitte, gndige Frau! rief Herr Bemperlein, ganz im Gegentheil, wollte
sagen, nur meine Pflicht und Schuldigkeit.
    Ich will mich sogleich zur Reise fertig machen, sagte Melitta, ein Licht
ergreifend. Bleibe ruhig hier, Oswald. Wenn Jemand von den Leuten Dich sehen
sollte, bist Du mit Bemperlein gekommen; es wird Dich aber Niemand sehen.
    Melitta hatte das Zimmer verlassen. Bald hrte man in dem eben noch so
stillen Hause das Gerusch von eiligen Schritten, von Thren, die hastig auf-
und wieder zugemacht wurden, von dumpfen Stimmen, die durcheinander sprachen.
    Von den beiden Mnnern wagte in den ersten Minuten keiner das Schweigen zu
brechen. Beide fhlten das Wunderliche der Situation, in die sie so urpltzlich
gerathen waren; vor allem Bemperlein, der sich innerlich noch immer nicht von
seinem tiefen Erstaunen erholen konnte. Melitta stand in seinen Augen so
unerreichbar hoch da, da er schlechterdings nicht zu begreifen vermochte, wie
es irgend einem Sterblichen gelingen knnte, sich zu dieser Hhe zu erheben; und
auf der andern Seite war er seit vielen Jahren so daran gewhnt, Alles, was sie
that, fr gut und recht und unverbesserlich zu halten, da er von dieser Regel
selbst jetzt eine Ausnahme zu machen nicht den Muth hatte.
    Wir sehen uns auf eine gar seltsame Weise wieder, Herr Bemperlein, sagte
Oswald endlich.
    Ja wohl, ja wohl! sagte Herr Bemperlein. Mein Kommen weder erwartet, noch
erwnscht, ich begreife das vollkommen - die arme gndige Frau: aber welchen
Muth sie hat, welche Schnelligkeit des Entschlusses! ich habe es ja immer
gesagt: sie ist aus besserem Stoffe, als wir anderen Menschenkinder. Ein wahres
Glck, da der Doctor Birkenhain den gescheidten Einfall hatte, nicht direkt an
sie zu schreiben. So kann ich, wenn auch nicht viel, doch wenigstens etwas zu
ihrer Untersttzung thun.
    Sie Glcklicher! sagte Oswald. Sie drfen fr sie wirken und schaffen; und
ich kann nichts thun, nichts, als ihr eine glckliche Reise wnschen und sodann
die Hnde mig in den Schoo legen.
    Ich bedauere Sie von ganzem Herzen, wahrhaftig, sagte Herr Bemperlein. Es
ist eine schwere Aufgabe, die Ihnen zugemuthet wird; aber wo viel Licht ist, da
ist auch viel Schatten. Wir werden fleiig schreiben - Sie sollen von jedem
Schritte, den wir thun, Nachricht erhalten. Und dann hoffe ich, da unsere Reise
nicht lange dauert, und vor allem, da Herr von Berkow schon gestorben ist, wenn
wir in Fichtenau angekommen.
    Das hoffen Sie? und doch scheinen Sie diese Reise fr nothwendig zu halten?
    Gewi, sagte Herr Bemperlein. Es giebt gewisse traurige Pflichten, die man
erfllen mu, nicht der Welt wegen, die uns nicht schelten knnte und schelten
wrden, wollten wir sie unerfllt lassen; nicht des Andern wegen, dem unsere
Opferfreudigkeit zugute kommt, und den wir vielleicht weder lieben noch achten,
sondern um der Achtung willen, die wir vor uns selber haben. Doch was
demonstrire ich Ihnen noch lange vor, was Sie so gut und besser wissen als ich.
Sie haben ja auch zu dieser Reise gerathen, obgleich Sie doch am meisten dabei
verlieren. Es mu eine schauerliche Empfindung sein, so pltzlich aus allen
seinen Himmeln gerissen zu werden. Seltsam! seltsam! je lnger ich ber dies
Alles nachdenke, desto begreiflicher wird es mir. Ja, ja - da Sie die herrliche
Frau lieben, das ist ja so natrlich, so - ich mchte sagen: logisch - das
Gegentheil wrde baarer Unsinn sein: Es mu sie Jeder lieben, und um so mehr
lieben, je edler sein Herz, je empfnglicher seine Seele fr das Gute und Schne
ist. Ihr Herz ist edel, Ihre Seele klingt harmonisch mit allem Schnen zusammen;
so mssen Sie auch die schnste und beste Frau von ganzem Herzen, von ganzer
Seele lieben. Und auf der anderen Seite: ist sie nicht frei? wenn auch nicht vor
den Menschen, so doch vor dem Richter, der in's Verborgene sieht? hat sie ihren
Gemahl jemals geliebt? konnte sie ihn lieben, dem sie verkauft wurde um schndes
Geld - verkauft von dem eigenen Vater, als sie noch viel zu jung und zu
unschuldig war, das Bubenstck auch nur zu ahnen, geschweige denn zu
durchschauen? O! mein Blut kocht, wenn ich daran denke! nein, nein! sie durfte
Sie lieben, sie mute Sie lieben, sie, deren Herz ganz Liebe und Gte ist. Ich
freue mich, da es so gekommen ist, ich wnsche Ihnen Glck von ganzem Herzen.
Ich bin ein einfacher, unbedeutender Mensch und wrde im Gefhl dieser meiner
Unbedeutenheit nimmer den Blick zu solcher Hhe zu erheben wagen; aber, wenn ich
einen Andern khn und stolz auf dieser Hhe wandeln sehe, so erfllt das meine
Brust mit Bewunderung, die von Neid, frei, ganz frei ist, und noch einmal: ich
wnsche Ihnen Heil und Segen von ganzem Herzen!
    Herr Bemperlein ergriff Oswald's beide Hnde und drckte sie mit
Lebhaftigkeit. Die Augen standen ihm voll Thrnen; er war innerlichst
erschttert.
    Und ich danke Ihnen von ganzem Herzen, sagte Oswald gerhrt. Der Beifall
eines Mannes, den ich so hoch achte, ist mir tausendmal mehr werth, als das
Urtheil der dummen, blinden Welt. Die Welt wird unsere Liebe verketzern und
verdammen, aber die Welt wei nichts von Gerechtigkeit.
    Nein, sagte Herr Bemperlein, und dennoch ist sie unsere Richterin, deren
Ausspruch wir uns fgen mssen, wir mgen wollen oder nicht. Und dieser Gedanke
ist es, welcher fr meine Augen einen tiefen Schatten auf das sonnige Bild einer
so reinen, uneigenntzigen Liebe wirft. Doch ich will Ihr Herz, das in diesem
Augenblicke schon schwer genug ist, nicht noch schwerer machen. Dem Starken und
Muthigen hilft das Glck. Sie sind ja stark und muthig, und sind es doppelt und
dreifach, weil Sie lieben. Es soll ja der Glaube Berge versetzen knnen. Was dem
Glauben gelingt, kann der Liebe nicht unmglich sein. Doch still, da kommt die
gndige Frau.
    Die Thr wurde geffnet und Melitta erschien im Reiseanzug. Der alte Baumann
war bei ihr.
    Ich bin bereit, lieber Bemperlein, sagte sie zu diesem, und dann, sich in
Oswald's Arme werfend: Leb wohl, liebes Herz! leb wohl!

                           Fnfunddreiigstes Capitel


Die Baronin Grenwitz war aus mehr denn einem Grunde fest entschlossen, Oswald
auf der projectirten Badereise nach Helgoland nicht mitzunehmen, und sie hatte
whrend der dreitgigen Visitentour vielfach bei sich berlegt, wie sie, ohne
sich doch selbst gar zu viel zu vergeben, diesen Entschlu ausfhren knnte. Wie
erfreut war sie deshalb, als Oswald bei ihrer Zurckkunft (es war den Tag nach
Melitta's Abreise) ihre leiseste Anspielung, ob es ihm nicht lieber wre, diese
Zeit ganz zu seiner Erholung zu verwenden, begierig ergriff; als er erklrte,
whrend dieser Zeit nicht einmal auf dem Schlosse bleiben, sondern eine Reise,
vielleicht durch die Insel, die er noch nicht kannte, vielleicht nach der
Residenz zu seinen Freunden machen zu wollen. Anna-Maria freute sich so sehr
ber dieses ganz unerwartete Entgegenkommen, da sie nicht einmal ber die
Motive, die Oswald dazu bestimmt haben mochten, nachdachte, eben so wenig wie
ber sein dsteres zerstreutes Wesen, und ber die Gleichgltigkeit, mit denen
er den Vorbereitungen zur Reise zusah und schlielich am Tage der Abreise von
Allen, selbst von Bruno Abschied nahm. Vielleicht rgerte er sich, da man ihn
nicht mitnahm, vielleicht wute er nicht, wo er bleiben sollte. Gleichviel, wenn
er nur nicht auf dem Schlosse blieb, wenn er nur, wie er es wirklich that, in
demselben Augenblicke, wo die Familienkutsche, bespannt mit den vier
schwerflligen, von dem schweigsamen Kutscher gelenkten Braunen, langsam und
wrdevoll zu dem Hauptthor hinausfuhr, den leichten Rnzel auf dem Rcken, durch
das andere Thor in die weite Welt hineinwanderte.
    Aber Herr Albert Timm durfte bleiben! Er machte nicht so lcherliche
Ansprche, wie der hochmthige Oswald; er war mit Allem zufrieden! und dann
konnte er in der Einsamkeit des Schlosses so ungestrt arbeiten, und die
schleunige Vollendung der Flurkarten war von so groer Wichtigkeit! Mademoiselle
war angewiesen, es Herrn Timm an nichts fehlen zu lassen. Da es vielleicht
nicht ganz schicklich sei, ein junges Mdchen von zwanzig Jahren und einen
jungen Mann von sechsundzwanzig unter der Aufsicht einiger Dienstleute, ber
welche das junge Mdchen das Commando fhrte, auf einem einsamen Schlosse
zurckzulassen, war sonderbarer Weise der so beraus strengen Baronin gar nicht
in den Sinn gekommen. Die tugendhafte Frau wrde die Nase germpft, wrde es
unverantwortlich, unverzeihlich gefunden haben, wenn sie gehrt htte, da der
junge Graf Grieben mit Frulein von Breesen fnf Minuten nur in einem Zimmer
allein gewesen sei, aber der Geometer Timm und ihre Wirthschafterin Marguerite
Roger - du lieber Himmel! sich um das Schicksal solcher Leute auch noch den Kopf
zu zerbrechen - das ist offenbar zu viel verlangt! Und Marguerite hatte nicht
einmal Eltern, denen man vielleicht verantwortlich gewesen wre - sie hatte gar
keine Verwandte - wie kann man fr Jemand verantwortlich sein, der ganz allein
in der Welt dasteht! Man hatte Frau Pastor Jger gebeten, sich von Zeit zu Zeit
zu berzeugen, da den Befehlen der Frau Baronin strenge Folge geleistet wrde -
Frau Pastor Jger war eine vortreffliche Frau, die kleine Marguerite stand unter
vortrefflicher Aufsicht.
    Die kleine Marguerite stand unter so vortrefflicher Aufsicht, da Albert die
weise Frsorge, welche die Baronin getroffen hatte, nicht genug loben konnte.
    Ich wollte, sie kmen nicht wieder, sagte er zu der hbschen Genferin,
whrend sie Arm in Arm im Garten umherspazierten; ich wollte, sie kippten
zwischen Helgoland und der Dne, wo es am tiefsten ist, mit dem Boote um, und
wir knnten hier, wie jetzt, herrlich und in Freuden leben bis an unser seliges
Ende. Was meinst Du, kleine Marguerite, mchtest Du wohl Frau
Rittergutsbesitzerin Timm von Grenwitz auf Grenwitz sein? Das wre doch famos!
Dann wollte ich Dir Wagen und Pferde halten, ja, und auch eine Wirthschafterin,
die Du eben so qulen knntest, wie Du jetzt geqult wirst.
    Ich bin schon zufrieden mit Wenigem, wenn ich es nur kann theilen mit Sie.
    Sehr edel gedacht, aber besser ist besser, und brigens heit es in diesem
Falle, nicht Sie, sondern Ihnen, oder vielmehr Dir, denn bei uns zu Lande nennen
sich Leute, die sich lieben, Du, besonders wenn sie die respectable Absicht
haben, sich gelegentlich zu heirathen.
    Und Sie mich wirklich wollen 'eirathen? Ach, ich kann es glauben kaum! Was
will ein Mann, comme vous, dem die ganze Welt ist offen, 'eirathen ein armes
Mdchen, die nicht einmal ist 'bsch.
    Das ist meine Sache. Und nebenbei bist Du jedenfalls 'bscher und reicher
als ich. Dreihundert Thaler -
    Dreihundert fnfundzwanzig Thaler, sagte Mademoiselle Marguerite eifrig.
    Desto besser - das ist immer schon etwas fr den Anfang. Wenn ich mein
baares Vermgen dazu rechne - Herr Timm griff in die Tasche und brachte einige
Mnzen zum Vorschein - haben wir dreihundert fnfundzwanzig Thaler, siebenzehn
Silbergroschen und acht Pfennige. Das ist ein ganzes Kapital.
    Wir uns dafr werden kaufen ein kleines Haus.
    Versteht sich.
    Ich werde geben Unterricht im Franzsischen.
    Natrlich.
    Und Du wirst sein fleiig und arbeiten.
    Comme un forat - o, es wird ein charmantes Leben werden, und Herr Timm
fate die kleine Franzsin um die Taille und walzte mit ihr in der Laube, in
welcher sie sich befanden, umher.
    Ich nun mu hinein, den Leuten zu geben Vesperbrod; sagte Marguerite, sich
losmachend.
    So lauf, Du kleiner Grasaff'; aber komm bald wieder, sagte Herr Timm.
    Herr Timm sah der Enteilenden nach. Dummes kleines Frauenzimmer, sagte er;
glaubt wahrhaftig, ich werde sie heirathen. Das fehlte auch noch - fr
dreihundert Thaler, die ich frher an ein paar Abenden verspielt habe! Es ist
wirklich groartig, was sich diese Mdchen nicht alles einbilden! Und dabei ist
diese gar nicht so dumm, wie sie aussieht, und scheint trotz ihres
frchterlichen Deutsch den Goethe grndlich studirt zu haben: thut keinem Dieb
nur nichts zu Lieb', als mit dem Ring am Finger - hm, hm! ich werde ihr
wahrhaftig einen Ring kaufen mssen. Die dreihundert Thaler wren freilich so
bel nicht. Diese verdammten Glubiger! nicht einmal in diesem Winkel lassen sie
einen ungeschoren.
    Herr Timm fate in die Brusttasche und holte einige Briefe von verdchtigem
Aussehen hervor, die er, nachdem er sich in die Ecke einer Bank gesetzt, einen
nach dem andern entfaltete und eifrig studirte. Sein sonst so lustiges Gesicht
verdsterte sich dabei zusehends. Verdammt, murmelte er, die Kerle werden
wirklich unverschmt. Wenn ich den brummenden Bren doch nur so ein paar hundert
Thaler in den Rachen werfen knnte, so schweigen sie doch fr eine Weile
wenigstens. Die dreihundert, welche die kleine Marguerite im Sparkassenbuche
hat, kmen mir wirklich gelegen. Es wre am Ende nur zu ihrem Vortheil, wenn ich
sie darum rmer machte. Denn da ich mein Versprechen, sie zu 'eirathen, ohne
die dringendste Noth nicht halten werde, liegt doch fr jeden Verstndigen auf
der Hand. Fhle ich mich nun ihr gegenber nicht nur moralisch, sondern auch
anderweitig verpflichtet, so hat sie immerhin eine Chance mehr. Ich kann ihr ja
sagen, ich knne das Geld besser anlegen oder dergleichen. Wenn die dummen
Dinger verliebt sind, glauben sie ja Alles, was man ihnen aufbindet. Und kann
sie das Geld besser anlegen, als wenn sie sich damit einen charmanten Kerl von
Mann erkauft, der sie im andern Falle nicht 'eirathen wrde. Me herculem! ich
fhle mich ordentlich gehoben durch den Gedanken, auf diese Weise der Wohlthter
des Mdchens zu werden. Ich will die Kleine doch einmal in's Gebet nehmen.
Weigert sie sich, so werde ich sie freilich ihrer Klugheit wegen achten mssen,
aber mit unserer Liebe ist es aus.
    Albert erhob sich und ging, die Hnde auf dem Rcken, wie es seine
Gewohnheit war, wenn sein scharfsinniger Kopf an der Lsung eines Problems
arbeitete, langsam nach dem Schlosse. Marguerite schaltete noch in der
Kchenregion; Albert verfgte sich auf sein Zimmer, um noch einige Minuten
ungestrt ber seine Aufgabe nachzudenken.
    Er beugte sich ber die Karte, die auf dem groen Reibrett aufgespannt war,
und an der er seit der Abreise der Familie nicht das Mindeste gearbeitet hatte.
    Wenn das so fortgeht, wird sich Anna-Maria ber meine Fortschritte wundern,
murmelte er. Die kleine Marguerite ist doch nicht allein daran Schuld? richtig,
jetzt besinne ich mich - ich brauchte eine Karte aus der Registratur und lie
mir schon vor acht Tagen den Schlssel dazu geben. Die mu ich mir wenigstens
holen, sonst - bei meiner heien Liebe zur kleinen Marguerite! - bleibt diese
angefangene Karte ein Fragment in Ewigkeit.
    Albert ging in die Registratur, ein groes Gemach in dem Erdgescho des
alten Schlosses, dessen Wnde von oben bis unten mit Repositorien voll ganz oder
halb vergilbter Acten und Schriftstcke der verschiedensten Art bedeckt waren,
deren gar manches fr einen fleiigen Alterthmler von hohem Interesse gewesen
wre. Whrend er in einem der Repositorien nach der alten Flurkarte kramte, fiel
ihm ein kleines Bndel Briefe in die Hnde, das er wohl, wie schon einige andere
hnliche, in das Versteck, aus welchem er sie unversehens hervorgeholt hatte,
zurckgeschleudert haben wrde, wenn nicht die Aufschrift: An den Baron Harald
von Grenwitz, Hochgeboren, auf Grenwitz seine Neugierde erregt htte. Herr Timm
lste ohne weiteres den rothen Faden, mit welchem die Briefe zusammengebunden
waren, und begann dieselben einen nach dem andern zu lesen - eine Beschftigung,
die ihn so ausnehmend interessirte, da er alles Andere darber verga und
selbst das Rollen eines Wagens berhrte, der vor dem Portale still hielt und
dessen hchst unerwartete Ankunft eine nicht geringe Sensation in dem Schlosse
hervorrief.

                          Sechsunddreiigstes Capitel


Whrend der acht Tage, die seit der Abreise der Familie verflossen waren, hatte
Oswald in der Einsamkeit des Fischerdorfes Sassitz, von allem Verkehr mit der
Welt abgeschlossen, gelebt. Wie er nach Sassitz gekommen war, wute er selbst
kaum.
    Seit ihm Melitta so pltzlich geraubt war, hatte ihn eine grenzenlose
Gleichgltigkeit gegen Alles ergriffen, was nicht in irgend einer Beziehung zu
ihr stand, die jetzt seine ganze Seele erfllte. In dieser Apathie hatte er sich
selbst von Bruno ohne Schmerz getrennt. Auf die Wnsche der Baronin ging er um
so bereitwilliger ein, als er sich in seiner augenblicklichen Stimmung nach
Einsamkeit sehnte, wie ein Kranker nach Ruhe. So sagte er denn zu Allem: Ja, und
als er den Wagen, welcher die Familie entfhrte, sich in Bewegung setzen sah,
fiel es ihm wie eine schwere Last vom Herzen. Er wnschte den Zurckbleibenden,
Herrn Timm und Mademoiselle, flchtig Lebewohl und wanderte, einen leichten
Rnzel, der noch aus seiner Studentenzeit stammte, auf dem Rcken, zum andern
Thore hinaus, wie der Held eines Mrchens, ohne eine Ahnung davon zu haben,
wohin er seine Schritte lenken sollte, und wo er heute Nacht sein Haupt zur Ruhe
legen wrde.
    Die Sonne brannte hei; es fiel ihm ein, da es im Walde frisch und khl
sein msse. So bog er denn rechts vom Wege ab und bald rauschten ber ihm die
Tannen des Forstes, der halb zu Grenwitz und halb zu Berkow gehrte. Das
Rauschen der hohen Bume lullte ihn in se Trume. Trumend wanderte er weiter,
bis er pltzlich auf die Lichtung heraustrat, wo in dem Schutze der
vielhundertjhrigen, breitastigen Buche Melitta's Kapelle lag.
    Die Thr des Huschens war verschlossen, die grnen Jalousien vor den
Fenstern waren heruntergelassen, die Treppe und die Veranda waren sorgsam
gefegt, wie es die strenge Ordnungsliebe des alten Baumann, der jetzt das
Regiment in Berkow fhrte, erheischte. Oswald setzte sich auf die Stufen der
Treppe und sttzte den Kopf in die Hand. So sa er in Nachdenken versunken,
whrend in den Zweigen der Buche ber ihm ein Waldvgelein sein eintniges Lied
mit dem stets gleichen melancholischen Refrain ertnen lie. Wie einsam er sich
fhlte - wie einsam und wie verlassen! Dem Kinde gleich, das auf weitem den
Moore den Weg zum Hause der lieben Eltern verloren hat. Hier an dieser selben
Stelle hatte er in der Nacht vor der Gesellschaft in Barnewitz mit Melitta
gesessen - sie hatte den Kopf an seine Brust gelehnt gehabt und seste,
kstlichste Worte der Liebe hatte ihr Mund geflstert. Jetzt war es still um ihn
her. Sehnschtige Gedanken an die Entfernte glitten durch seine Seele, wie Vgel
die den Sden suchen, durch den weiten Himmelsraum.
    Ein Sonnenstrahl, der hei und stechend durch das Laubdach auf ihn fiel,
mahnte ihn, da es Zeit sei, aufzubrechen. Eile hatte er freilich nicht, es war
noch frh am Nachmittage, und irgend einen, gleichviel welchen Ort, wo er sein
Quartier fr die Nacht aufschlagen konnte, mute er immer noch erreichen. So
schlenderte er durch den Wald auf einem Wege hin, den er noch nicht betreten
hatte und der ihn, ehe er sich's versah, an den Strand des Meeres fhrte. Nun
wanderte er am Strande fort, bald auf der Hhe des Ufers, wenn die See, wie es
hufig geschah, unmittelbar den Fu der Kreidefelsen besplte, bald auf dem
festen krnigen Sande des schmalen Vorstrandes. Hier und da hatte einer der
kurzen wasserreichen Bche, die aus dem Innern der Insel dem Meere zueilen, das
Ufer durchbrochen und eine Schlucht gehhlt, die mit einer fast sdlich ppigen
Vegetation bedeckt war. Aber mit Ausnahme dieser wenigen grnen Oasen zeigte
sich dem Auge nichts als kahler Fels, nackter Sand, das eintnige blaue Meer,
auf dem hier und da ein weies Segel schwamm, und der eintnige blaue Himmel, an
dem hier und da eine weie Sommerwolke unbeweglich stand. Und zu diesem
eintnigen Bilde die einfrmige Musik der brandenden Wellen und dann und wann
der grelle Schrei der Mve oder das melancholische Pfeifen der kleinen
Strandlufer.
    Die Monotonie dieser Linien, dieser Farben, dieser Tne wre fr ein
glckliches, lebensfrohes Gemth unertrglich gewesen, aber sie pate wunderbar
zu Oswald's Seelenzustand. Seine Schwermuth harmonirte mit dieser tief-ernsten
Natur, die von Glck und Freude nichts zu wissen schien, desto mehr aber von dem
Jammer und der Qual des Lebens. Klang der grelle Schrei, das schrille Pfeifen
der Meeresvgel nicht wie Klaggesang? war es nicht, als ob das Meer in den
Wellen, die sich in monotonen Cadenzen unaufhrlich am Strande brachen, das
verworrene Rthsel der Existenz wie im halben Wahnsinn vor sich hinmurmelte? Und
sein eigenes Leben kam ihm so ziel- und zwecklos vor, wie dies sein Umherirren
zwischen den Uferklippen. Glich es nicht seinem Futritte auf dem harten Sande,
wo die nchste Welle schon die leichte Spur gnzlich verwischte? Warum geboren
werden, Anderen und sich selbst Schmerzen und Sorgen ohne Zahl bereiten, wenn
Alles doch zu nichts fhrt? wenn die Vergangenheit sich hinter uns aufthrmt wie
das steile unersteigliche Ufer, die Zukunft uns anghnt, wie das de wste Meer,
und die Gegenwart ein schmaler Strand ist, den die unbarmherzig glhende Sonne
nur deshalb so grell zu erleuchten scheint, um ihn in seiner ganzen trostlos
drftigen Nacktheit zu zeigen? Und wenn wirklich einmal das Glck uns zu lcheln
scheint, so scheint es eben nur; so ist es eben nur eine trgerische Spiegelung,
die eine schadenfrohe Fee aus dem unwohnlichen tckischen Meere aufsteigen lt,
damit sie in dem Augenblicke versinkt, wo wir das palmengeschmckte,
palastumsumte Ufer zu berhren glauben.
    Ein Drfchen, dem sich Oswald mit raschen Schritten nherte, lag in dem
innersten Winkel einer tiefen, von mig hohen Uferfelsen umschlossenen Bucht,
wo das Wasser so still und glatt war wie in einem Gartenteich. Einige der Htten
lagen hart am Strande, andere waren an den Ufern eines Baches, der sich an
dieser Stelle in's Meer ergo, in der tiefen breiten Schlucht, die er sich
gewhlt hatte, erbaut. Vor den Thren waren kleine mit Muscheln eingefate
Grtchen; auf den mit weiem Sande ausgefllten Gngen zwischen den Husern
hingen Netze zum Trocknen an langen Stangen; ein paar rothhaarige Buben waren
eifrigst mit Antheeren eines umgestlpten Bootes beschftigt; vor einer der
greren Htten saen ein paar Frauen, Netze flickend.
    Oswald nherte sich den Frauen, die, als sie seinen Schritt vernahmen,
neugierig von ihrer Arbeit aufsahen, und fragte sie begrend, ob es ihm
verstattet sei, sich hier etwas auszuruhen, und ob er einen Trunk Wasser und ein
Stck Brod haben knne?
    Stine, sagte die ltere von den drei Frauen, eine Matrone von stattlichem
Umfang und einem beraus gutmthigen, wettergebrunten Gesicht, zu einem der
beiden jungen Mdchen an ihrer Seite; steh auf und la den Herrn sitzen. Siehst
Du nicht, da er mde und ausgehungert ist? Geh in's Haus, und bring was wir
haben. Setzen Sie sich, junger Herr. Sie sind gewi auch ein Maler?
    Warum meinen Sie das? fragte Oswald, den angebotenen Platz annehmend.
    Nun, ein vernnftiger Mensch klettert nicht bei der Hitze am Strande herum;
nichts fr ungut, Herr Maler. Ich hab' schon einen von Ihren Kameraden bei mir
wohnen gehabt, der zwei Wochen hier geblieben ist; und wenn Sie ein eben so
ordentlicher, ehrlicher Mensch sind, so knnen Sie auch bei Mutter Karsten
wohnen; aber die Wnde drfen Sie nicht vollkritzeln, das sage ich Ihnen gleich
im voraus.
    Oswald mute lcheln, als er so ohne Umstnde zu einem auf einer
Studienreise begriffenen Landschafter gemacht wurde. Wie? wenn er sich die
harmlose Rolle, die ihm aufgenthigt wurde, gefallen lie? Es war ihm ja so
gleichgltig, wo er blieb - Alles, was er wollte, war Einsamkeit - und konnte er
eine tiefere Einsamkeit finden, als hier in dieser stillen Bucht unter diesen
gutmthigen, kindlichen Menschen, die nichts dagegen haben wrden, wenn er halbe
Tage lang zwischen den Felsen des Strandes umherirrte? Und dann war er doch hier
in der Nhe von Berkow, von dem er sich nicht allzuweit entfernen durfte. Er
hatte mit Melitta verabredet, da, im Fall sich ihre Abwesenheit in die Lnge
zge, der alte Baumann, der in Berkow zurckgeblieben war, die Correspondenz
zwischen ihnen bermitteln sollte.
    So wollen Sie mich ein paar Tage hier behalten? fragte er.
    Ja, aber die Wnde drfen Sie nicht vollkritzeln, sagte Mutter Karsten.
    Das verspreche ich, sagte Oswald lchelnd.
    Dann knnen Sie bleiben, so lange Sie wollen. Das ist recht, Stine, rcke
den Tisch nher an den Herrn; und, hrst Du, hol auch von dem alten Cognac, den
der Clas Jochen aus England mitgebracht hat, das bloe Wasser thut nicht gut bei
der unvernnftigen Hitze.
    Oswald war beinahe schon acht Tage in Sassitz und er bereute keinen
Augenblick, der Einladung Mutter Karsten's gefolgt zu sein. Er stand in sehr
groer Gunst bei Mutter Karsten. Er hatte stets ein freundliches Wort fr Jeden,
selbst fr den steinalten, halb bldsinnigen Vater von Mutter Karsten, der den
ganzen Tag in seinem Lehnstuhle in der Sonne sa und unverwandt auf das Meer
hinausstarrte, wenn ihm nicht, was freilich oft geschah, die alten noch immer
scharfen Augen vor Mdigkeit zufielen. Mutter Karsten erklrte, da Oswald ein
eben so ordentlicher, ehrlicher Mensch sei, wie sein Vorgnger, da es aber
bei ihm hier (mit einer bezeichnenden Bewegung des Fingers nach der Stirn) noch
weniger richtig sei, als bei jenem. Was Mutter Karsten zu diesem Ausspruch
veranlate, war der allerdings verdchtige Umstand, da der junge Mensch,
welcher doch nun einmal verrckt genug war, eine in ihren Augen so berflssige
Hantirung zu treiben, nicht nur nicht die wieder bertnchten Wnde seiner
Schlafkammer mit Kohlenskizzen von Schiffen unter vollem Segel, einsamen
Klippen, ber denen Mven flatterten, und originellen Matrosengesichtern
bedeckte, wie sein Vorgnger weiland, sondern berhaupt gar nicht zeichnete und
malte, sondern den lieben langen Tag nichts that, als am Strande umherlaufen,
oder auf einem der kleinen Ruderboote mutterseelenallein so weit auf's Meer
hinausfahren, da man ihn vom Strande aus kaum noch sehen konnte. Wie und womit
er sich auf diesen stundenlangen Spaziergngen und Fahrten die Zeit vertrieb,
war Mutter Karsten ein unergrndliches Rthsel, wrde selbst dann fr sie noch
immer ein Rthsel gewesen sein, wenn sie gesehen htte, da Oswald, sobald er
sich allein wute, einen Brief, den ihm vor ein paar Tagen ein alter, sonderbar
aussehender Mann gebracht hatte, aus der Tasche nahm und ihn wieder und immer
wieder studirte, als ob er ihn nicht schon lngst Buchstab fr Buchstab und
Zeichen fr Zeichen auswendig gewut htte. Der sonderbar aussehende alte Mann,
der so ein hochbeiniges, langhalsiges Pferd ritt, wie sie der Clas Jochen in
England gesehen hatte, war nmlich Niemand anders gewesen, als der alte Baumann
auf dem Brownlock. Oswald hatte ihm gleich am nchsten Tage nach seiner Ankunft
in Sassitz mitgetheilt, da er sich entschlossen habe, bis auf weiteres hier zu
bleiben (auch nach Grenwitz hatte er dieselbe Botschaft geschickt, mit der
Bitte, ihm etwa ankommende Briefe nachzusenden), und einen Tag spter konnte die
treue Seele schon einen Brief der vielgeliebten Herrin in Oswalds Hnde legen.
Es waren wenige Worte nur, auf der Reise, in einer Stadt Mitteldeutschlands,
kurz vor dem Schlafengehen in einem Hotel geschrieben - wenige Worte, verwirrt
und traurig, aber s und kstlich, wie Ksse von geliebten Lippen in dem
Augenblicke der Trauung. Er hatte Baumann seine Antwort mitgegeben und erwartete
nun tglich einen zweiten ausfhrlicheren Brief mit einer Ungeduld, die
keineswegs eine freudige war.
    Er hatte an sich selbst die schlimme Entdeckung machen mssen, wie tief
verborgen der Verrath in einem Herzen lauert, da sich bis in seine geheimsten
Tiefen ganz von Liebe erfllt glaubt. Zwar hatte er sich ber die Scene in der
Fensternische auf dem Balle in Barnewitz mit der Entschuldigung zu trsten
gesucht: ich war auer mir; ich wute nicht was ich that; aber kann Eifersucht
eine Entschuldigung fr Treulosigkeit sein? Und dann: war diese Eifersucht denn
nun wenigstens todt? war sie nicht, als er Melitta's Bild in dem Zimmer des
Barons hinter dem Vorhang entdeckte, in hellen Flammen aufgeschlagen? Hatte er
nicht der Erzhlung Melitta's mit athemloser Spannung gelauscht, immer
frchtend, da jetzt - jetzt ein Umstand erwhnt werden mchte, der seinen
Verdacht, da sie den merkwrdigen Mann dennoch - vielleicht ohne es selbst zu
wissen - geliebt habe, besttigen wrde? hatte sie nicht gesagt: ich glaubte ihn
zu lieben? - und nun gerade in dem Augenblicke, wo die Erzhlung bis zu der
Katastrophe gekommen war, die Alles und auch die Feindschaft, die jetzt offenbar
zwischen ihr und dem Baron herrschte, erklren mute - wird ihr eine Botschaft
gebracht, so sonderbarer, so unheimlicher Art, so ganz geeignet, Oswald's
ohnedies schon verstrtes Gemth ganz und gar zu verwirren! Nicht genug, da ihm
in Baron Oldenburg ein Nebenbuhler, den zu verachten unmglich war, in Fleisch
und Blut gegenber stand - hier kommt ein Gemahl, das Gespenst eines Gemahls,
aus einer sieben Jahre langen Wahnsinnsnacht emporgetaucht und winkt sie zu sich
an sein Sterbebett - sie, seine Geliebte, seine Melitta - - Oswald fhlte, da
er selbst wahnsinnig werden wrde, wollte er diesen Gedanken zu Ende denken. Er
hatte es so ganz und gar vergessen, da Melitta jemals vermhlt gewesen war, da
sie jemals in den Armen eines andern Mannes, gleichviel, ob sie ihn geliebt -
und um so grlicher, wenn sie ihn nicht geliebt - geruht, da sie jemals die
Liebkosungen eines andern Mannes entgegengenommen hatte - er zerknitterte den
Brief Melitta's, er htte laut aufschreien mgen vor wildem Schmerz, er htte
sein Haupt an den Felsblcken zerschellen mgen. Warum dieses Gift in den
kstlichen Trank seiner Liebe? warum mute das leuchtende Gewand seines Engels
in dem Schmutz des Lebens schleifen? warum mute die duftige Blthe vom schnden
Wurm benagt werden? - und wre sie denn nur jetzt wenigstens frei - aber sie ist
es nicht - selbst dann nicht, wenn jenes Gespenst aus der Nacht des Wahnsinns in
die Nacht des Todes sinkt. Sie ist die Mutter ihres Kindes - seines Kindes, und
diese Rcksicht, die sie jetzt fr einen Augenblick vergessen hat, wird in den
Vordergrund treten und mich wird sie aufgeben - aufgeben mssen. Und wozu soll
es auch fhren? so lange dies heimliche Verhltni dauert, das ein tckischer
Zufall seines Geheimnisses berauben kann, steht ihr guter Ruf auf eines Messers
Schneide - und kann aus diesem Verhltnisse jemals ein anderes werden? kann ich,
der pfenniglose Abenteurer, der Freiheitschwrmer, jemals daran denken, die
reiche Aristokratin zu heirathen? daran denken, mich in die Gesellschaft der
verhaten Menschen zu drngen, die den Parven stets ber die Achsel ansehen
wrden? nie! nie! Lieber leben, wie die armen Fischer, die tglich mit Gefahr
des Lebens dem grausamen Meer den krglichen Unterhalt abringen mssen! -
    So irrte Oswald's Geist in einem Labyrinth von schmerzlichen Zweifeln
ruhelos umher, wie er selbst zwischen den Uferklippen auf dem den Strande
ruhelos umherirrte, als pltzlich ein Ereigni eintrat, das ihn sehr gegen seine
Vermuthung und seinen Wunsch zwang, in die Gesellschaft, die er jetzt so
grndlich hate, zurckzukehren.

                          Siebenunddreiigstes Capitel


Als er nmlich an einem der folgenden Tage gegen Abend nach einer Abwesenheit
von mehreren Stunden sich wieder dem Dorfe nherte, sah er vor der Thr von
Mutter Karsten's Wohnung einen mit zwei Pferden bespannten Wagen halten. Dies
war etwas so ganz Auerordentliches in dem von allem Verkehr abgeschnittenen
Sassitz, da Oswald sich wohl denken konnte, es msse auch etwas Besonderes sich
unterdessen ereignet haben. Um den Wagen und an die Thr des Huschens drngten
sich Frauen und Kinder und die paar Mnner, die nicht mit auf dem Fischfang
waren. Sie wollten wissen, ob der alte Steffen, Mutter Karsten's Vater, diesmal
wirklich sterben msse, oder ob es dem jungen Doctor, nach dem Mutter Karsten
vor einigen Stunden die rasche Stina geschickt hatte, gelingen werde, ihn noch
einmal von seinem bsen Stickhusten zu curiren.
    So erzhlten sie Oswald mit verstrten Mienen und gegen die Gewohnheit
redselig, als er fragend unter sie trat. Denn Vater Steffen war der Patriarch
des Dorfes, von Allen geehrt. Oswald eilte auf diese Nachricht hin, ohne sein
Incognito zu bedenken, in das Haus und die Wohnstube. Der silberhaarige Greis
sa in seinem Lehnstuhl, matt und bleich, aber, wie es schien, der Gefahr
entrissen - Dank der rechtzeitigen Hlfe des Doctor Braun, der so eben von den
Danksagungen der tief gerhrten Mutter Karsten, ihrer Tchter und eines halben
Dutzend anderer Frauen nach der Thr retirirte.
    Gut, da Sie kommen, rief er dem eintretenden Oswald entgegen; ich habe
einen Auftrag an Sie; wollen Sie mir erlauben, da ich mich desselben, da meine
Zeit kurz gemessen ist, sogleich entledige?
    Der Doctor ergriff Oswald ohne Umstnde unter dem Arm, ihn mit sich fort zum
Hause hinaus ziehend.
    Entschuldigen Sie mein Ungestm, sagte er, als sie, Arm in Arm, am Strande
hinschritten; aber einmal treffen Sie mich in voller Flucht vor den Danksagungen
der guten Leute, und zweitens betrachte ich Sie, trotzdem wir uns leider bis
jetzt nur einmal gesehen, als einen alten Bekannten, denn ich habe mich seitdem
in Gedanken sehr viel mit Ihnen beschftigt. Aber nun zu meinem Auftrag! Sie
wissen jedenfalls noch nicht, da die Familie Grenwitz von der groen Badereise,
auf die ich sie vor ein paar Tagen geschickt hatte, wohlbehalten, wieder zurck
ist?
    Nein! sagte Oswald mit nicht geringer Verwunderung.
    Wie sollten Sie auch in diesem von aller menschlichen Cultur abgeschnittenen
Dorfe der Ichthyophagen! Genug, die Familie ist wieder da. Der Baron (so erzhlt
die glaubwrdige Anna-Maria) hatte in Hamburg einen frchterlichen Fieberanfall.
Der herbeigerufene Arzt erklrte es fr Wahnsinn, unter diesen Umstnden die
Reise ber's Meer anzutreten und rieth zur Umkehr. Sein Rath wurde von
Anna-Maria, die von vornherein gegen die Reise war, hchlichst gebilligt - bref!
sie packten sich sammt und sonders, und Frulein Helene dazu, die sie aus der
Pension abholten, in die groe Familienkutsche und sind wieder hier seit gestern
Abend. Es wurde natrlich sofort nach mir geschickt. Ich bin heute Nachmittag
dort gewesen, und da ich zuflliger Weise erwhnte, ich msse noch nach Sassitz,
bat mich die Baronin, die von Ihrem hiesigen Aufenthalte unterrichtet war, Ihnen
zu sagen, da man sich in Grenwitz ganz ausnehmend freuen wrde, Sie mglichst
bald wieder innerhalb des Schlowalles zu sehen. Ich erwiederte, wie mir die
Ausfhrung dieses Auftrages zu ganz besonderem Vergngen gereiche und da ich
Ihnen zur Rckfahrt meinen Wagen und meine Gesellschaft anbieten wrde - was ich
denn, hochachtungsvoll und ergebenst, hiermit gethan haben will.
    So sprach Doctor Braun, freundlich und lebhaft, wie es seine Gewohnheit war,
die grauen Augen mit den braunen leuchtenden Sternen forschend auf Oswald
heftend. Ich komme Ihnen recht ungelegen, gestehen Sie es nur! setzte er hinzu.
    Durchaus nicht! erwiederte Oswald, das heit, ich wei, wie Achill, als man
ihm die Brisis raubte, den Boten von seiner Botschaft wohl zu unterscheiden.
    Und wer ist die schne Brisis, die ich Ihnen, oder der ich Sie entfhre?
fragte der Doctor.
    Die Einsamkeit, erwiederte Oswald.
    Nun, daraus mache ich mir kein groes Gewissen, sagte der Andere lachend;
die Einsamkeit ist wie der Duft mancher Giftpflanzen, s, aber betubend, und
mit der Zeit geradezu verderblich, selbst fr die strksten Constitutionen.
Wollen Sie meinem Rathe folgen? lassen Sie die schne Brisis Einsamkeit in
Gottes Namen ziehen, zu wem sie will; setzen Sie sich zu mir in den Wagen und
kutschiren Sie mit mir nach Grenwitz, wo Sie berdies ein Mdchen finden sollen,
bei deren Erblicken Sie ausrufen werden: hier ist mehr denn Brisis!
    Frulein Helene?
    Frulein Helene, auch ein griechischer Name, und der einen bessern Klang
hat, wie der andere. Aber die Sonne, oder vielmehr Helios, senkt seinen Wagen,
und meine Pferde werden ungeduldig. Sie kommen doch mit?
    Ohne Zweifel, sagte Oswald.
    Eine Viertelstunde spter rollte der Wagen mit den beiden jungen Mnnern
bereits auf der Hhe des Ufers nach Grenwitz zu, das nur eine Stunde Weges
entfernt war. Oswald hatte Mutter Karsten hoch und theuer versprechen mssen,
bald wieder nach Sassitz zu kommen, und die groe Herzlichkeit, mit der sich
beim Abschied Alt und Jung um ihn drngte und ihm ihr Adjies, Herr Maler!
nachrief, zeigte, da er sich whrend seines kurzen Aufenthaltes, ohne es darauf
anzulegen, die Gunst des harmlosen Vlkchens in einem hohen Grade erworben
hatte.
    Der Abend war wunderschn. Der rothe Sonnenball hing am Horizonte und go
einen Zauberschimmer ber die de Kstenlandschaft. In dem hohen Haidekraut
rechts und links vom Wege zirpten die Cikaden; Schwalben schossen hoch oben in
der beraus klaren, weichen Luft. Oswald fhlte sich zum ersten Male seit langer
Zeit beinahe heiter, und er mute im Stillen dem klugen Manne an seiner Seite
recht geben, da man die Freuden der Einsamkeit doch zu theuer erkaufe.
    Wie leid thut es mir, sagte er, da wir unserem Vorsatz, uns hufiger zu
sehen, so wenig treu geblieben sind.
    L'homme propose et Dieu dispose, erwiederte Doctor Braun. Wir wollen es in
Zukunft besser zu machen suchen. Sie bleiben ja, wie ich hre, noch lange in
dieser Gegend, und ich werde auch wohl meinen Plan, nach Grnwald berzusiedeln,
noch so bald nicht ausfhren knnen.
    Sie wollen nach Grnwald?
    Vorlufig wenigstens. Ich concurrire hier mit einem trefflichen Mann, der
jedenfalls ein viel gewiegterer Praktiker ist, wie ich Gelbschnabel, trotzdem
aber durch mich in den Schatten gestellt wird, weil ich das Glck gehabt habe,
ein paar gute Kuren zu machen, wie sie's nennen, und weil die Leute immer nach
dem Neuen laufen, auch wenn es nicht das Bessere ist. Zwei Aerzte aber trgt die
Gegend nicht, und mein College ist alt und hat eine zahlreiche Familie zu
ernhren; ich bin jung und vorlufig nur verlobt, folglich werde ich ihm den
Platz rumen.
    Das ist sehr edel.
    So scheint es, aber scheint auch nur. Ich giee das reine Wasser nur fort,
weil ich noch reineres in Aussicht habe. Mein Schwiegervater ist einer der
bedeutendsten Aerzte in Grnwald. Die Hlfte seiner Praxis ist mir, wenn er sich
zur Ruhe setzt, wozu er sich noch immer, trotz seiner wankenden Gesundheit,
nicht entschlieen kann, gewi; und da meine Braut eine Grnwlderin ist, jedes
Fischlein sich aber in seinem Teich am wohlsten fhlt, ich berhaupt die
Gesellschaft der Cyklopen und Ichthyophagen, mit denen ich hier verkehren mu,
herzlich satt habe, so - sehen Sie, da mein Edelmuth die Grenzen des Erlaubten
noch keineswegs berschreitet.
    Ist es indiscret, nach dem Namen Ihrer Frulein Braut zu fragen?
    Bewahre: Sophie Robran.
    Ich hatte whrend meines Aufenthaltes in Grnwald leider nicht das
Vergngen, mit Frulein Robran in Gesellschaft zusammenzutreffen. Mein wrdiger
Freund, der Professor Berger, nannte sie den einzigen Schwan in einer gewaltigen
Heerde von Gnsen.
    Sie waren lngere Zeit in Grnwald?
    Ich komme eben von dort, nachdem ich ein halbes Jahr in den schattig-stillen
Straen der trefflichen Stadt ein uerst idyllisches Leben gefhrt, und unter
Berger's Auspicien meine Examina absolvirt hatte.
    Aber - Sie werden jetzt mit greren Recht ber meine Indiscretion klagen -
was bestimmte Sie, wenn Sie diese Brcke der Lahmen und Blinden hinter sich
haben, der Wirksamkeit in einem greren Kreise, fr die Sie doch offenbar
vorzglich befhigt sind, das Stillleben eines Hauslehrers in einer adeligen
Familie vorzuziehen, wo es Ihnen geradezu unmglich wird, Ihre Krfte frei zu
entfalten?
    Was mich dazu bestimmte? antwortete Oswald, ich wei es selbst kaum. Einmal
wohl der grndliche Abscheu vor dem, was die Menschen mit jenem, fr ein
planetarisches Gemth so uerst bedenklichen Ausdruck: eine feste Anstellung,
bezeichnen; sodann der Einflu Berger's, der mir dringend rieth, mich nicht vor
der Zeit zu binden, sondern noch ein paar Jahre in der Welt herumzusinbadesiren,
wozu ich jetzt, wenn meinen Zglingen die Flgel erst noch ein wenig gewachsen
sein werden, sogar contractlich verpflichtet bin.
    Wissen Sie, da ich frchte, oder vielmehr hoffe, Sie werden nicht im Stande
sein, diesem Rath Ihres wunderlichen Freundes bis zum Ende zu folgen?
    Weshalb?
    Weil - Sie erlauben, da ich ganz offen bin - weil Sie sich hier in einer
schiefen Stellung befinden, die ber kurz oder lang unleidlich fr Sie werden
mu. Eine solche Stellung ist nur gut fr Jemand, der, weil er nicht auf eigenen
Fen stehen kann, gezwungen ist, sich an Andere anzulehnen; der von Jugend auf
gewohnt ist, seinen Willen, seine Meinung dem Willen Anderer unterzuordnen, oder
besser noch, der berhaupt gar keinen eigenen Willen und keine eigene Meinung
hat. Von dem Allen ist bei Ihnen das Gegentheil der Fall. Sie sind viel zu
bedeutend fr diese unbedeutenden Menschen. Sie rgern sich ber diese Menschen,
und vice versa. Das ist einmal nicht anders, wo so heterogene Elemente eine
Verbindung eingehen sollen. Sie halten die Baronin fr das, was sie ist, fr
eine dnkelhafte, adelsstolze, trotz ihrer Belesenheit bornirte, engherzige,
geizige Person, die Baronin hlt Sie fr das, was Sie nicht sind: fr einen
unendlich in sich verliebten, hochmthigen Narren. Sie leben in einem Hause, Sie
essen an einem Tisch, und haben doch so wenig Berhrungspunkte, als ob Sie durch
eine Welt getrennt wren; Sie bleiben bei einander, weil Keiner aus diesem oder
jenem Grunde das Wort der Trennung sprechen will, bis ein Augenblick kommt, der
den Einen und den Andern gebieterisch zur Entscheidung drngt. Habe ich recht?
    Ich kann es nicht in Abrede stellen.
    Sehen Sie. Und die Sache wird, glaube ich, jetzt noch schlimmer werden.
    Warum jetzt?
    Bis jetzt hatten Sie in diesem Narrenhause nur ein edles Geschpf, das Sie
lieben und bemitleiden konnten: den kstlichen Bruno; jetzt, wenn Sie
zurckkehren, werden Sie noch einen zweiten Clienten, oder vielmehr eine zweite
Clientin finden. Ich frchte, das arme Kind ist, um die erste Rolle einer
Familientragdie zu bernehmen, aus der Idylle ihres Hamburger Pensionats
hierher nach Grenwitz geschleppt worden. Ich frchte, es steht eine schwere
Gewitterwolke ber dem schnen Haupt des unglcklichen Mdchens. Sie werden, wie
ich Sie kenne, versuchen wollen, den Schlag abzuwenden, und untrstlich sein,
da Sie es nicht vermgen. Sie blicken mich mit groen Augen fragend an, und ich
sehe, da Sie von den Geheimnissen der Familie, in der Sie schon seit einem
Vierteljahr leben, noch so gut wie gar nichts wissen. Die Sache ist die:
Anna-Maria lebt in bestndiger Furcht vor dem Tode des alten Barons, weil, wenn
der Baron stirbt, sie nicht nur einen alten Gemahl, sondern auch die angenehme
Aussicht verliert, sich aus dem Ueberschu der Revenen nach und nach ein
bedeutendes Vermgen zurcklegen zu knnen. Deshalb ist ihr Malte lange nicht so
wichtig. Dennoch frchtet sie auch fr den, da bei seinem Tode das Majorat ganz
auer dieser Linie heraus an eine noch jngere fallen wrde, die durch Felix von
Grenwitz, einen Ex-Lieutenant und notorischen Rou, reprsentirt wird. Und nun
kommt die Teufelei: um, wenn auch der Baron und selbst Malte vor der Zeit
sterben sollten, doch immer noch, so zu sagen, die Hand im Spiele zu haben, hat
Anna-Maria eine Heirath zwischen Frulein Helene und dem ausgezeichneten Vetter
Felix projectirt. Das arme Kind wei nichts von diesem interessanten Plan, desto
mehr aber frchte ich, der ausgezeichnete Felix, der in wenigen Tagen nach
Grenwitz kommen wird, um fern von dem aufregenden stdtischen Treiben in der
Stille des Landlebens ganz seiner angegriffenen Gesundheit zu leben, wie die
Baronin sagt. Mit einem Worte: es ist die alltgliche Misre von Soll und Haben,
das ganz gemeine Brimborium, durch welches ein unschuldiges Pppchen geknetet
und zugerichtet wird, und Ihnen wird das Glck zu Theil werden, diesem erhabenen
Schauspiel als unbefangener Beobachter beiwohnen zu drfen.
    Das wird nimmermehr geschehen, rief Oswald.
    Sie wollen also Ihre Stelle aufgeben?
    Eine Sturmfluth von Leidenschaft brauste durch Oswald's Seele. Er dachte an
die unglckliche Marie, die jetzt oft mit auf der Brust gefalteten Hnden, wie
eine schmerzensreiche Heilige, durch seine Trume glitt; er dachte an Melitta,
die verkauft worden war von ihrem eigenen Vater! Jetzt sollte sich das
Bubenstck wiederholen - vor seinen Augen -
    Nimmermehr, nimmermehr! rief er, wenigstens nicht, bevor ich, so oder so,
die Ausfhrung dieses schurkischen Planes vereitelt habe; bevor ich gethan habe,
was ich konnte, ihn zu vereiteln!
    Aber was werden Sie thun knnen? lieber Freund, die Gromuth ist eine
Tugend, der wir genau auf die Finger sehen mssen, damit sie uns nicht die
Heldenkrone, von der wir trumen, in eine klingende Schellenkappe verwandelt.
Denken Sie an den edlen Junker aus der Mancha, und wie sein ritterlicher Leib
geschunden und geprgelt wurde fr die Wallungen seines guten Herzens! - Und
dann: wissen Sie denn, ob die Andromeda, deren Perseus Sie werden wollen,
berhaupt befreit sein will? Ich kenne den Baron Felix nicht - vielleicht ist er
besser, als sein Ruf; ich habe nicht drei Worte mit Frulein Helene gesprochen -
- vielleicht ist sie keineswegs so lieb und gut, wie sie schn ist.
    Sie ist es, sie ist es, verlassen Sie sich darauf, rief Oswald eifrig.
    Gut, da Sie noch nicht dreiig Jahre alt sind; sagte der Doctor lachend.
    Weshalb?
    Sie wissen, was den Schwrmern, nach Goethe's Ausspruch, in dem bezeichneten
Lebensalter zukommt? der Tod - an demselben Kreuze, welches sie bis dahin
keuchend durch das Leben schleppten. - Aber da sind wir schon nahe am Thore.
Wollen Sie mir erlauben, da ich Sie hier absetze? Ich habe noch einen Besuch im
Dorfe zu machen und dieser Weg fhrt direct hin, whrend ich ber den Schlohof
einen langen Umweg machen mu. Uebermorgen komme ich wieder nach Grenwitz.
Hoffentlich geht Ihr Puls dann ruhiger. Ich sagte Ihnen ja gleich: die
Einsamkeit ist reines Gift fr Ihre Natur. Adieu!

                           Achtunddreiigstes Capitel


Es war ein kstlicher Anblick, den der Schlohof von Grenwitz in dem Augenblick
gewhrte, als ihn Oswald durch das finstere Thor betrat, ein Anblick, wohl
geeignet, ein schmerzlich zuckendes Herz zur Ruhe zu wiegen. Whrend die
hchsten Kuppen der gewaltigen Linden, die auf das Portal des Schlosses
zufhrten, und die Zinne des Thurmes noch vom rothen Abendlichte angestrahlt
waren, lag schon tiefer Schatten unter den Bumen, neben dem Walle, ber dem
langen Grase, das berall zwischen den Steinen des Pflasters emporwuchs. Aus den
Kronen der Linden, die mit weiem Blthenschnee berdeckt waren, strmte ein
ser Duft, der die ganze Atmosphre erfllte. Rings umher war es so still, da
man deutlich das geschftige Summen der Insecten vernahm; auf dem Rand des
Brunnens mit der kopflosen Najade sa ein Vglein und sang der untergehenden
Sonne nach; hoch oben in der rosigen Luft schossen noch immer einzelne
Schwalben, als knnten sie sich heute, wo es doch gar so wunderschn sei, gar
nicht entschlieen, zur Erde zurckzukehren.
    Langsam, fast zgernd, schritt Oswald dem Schlosse zu. Er fhlte tief den
Zauber dieser Abendstunde und wute, da das erste Menschenwort denselben
zerstren wrde. Aber er begegnete Niemandem. Der ganze Hof war wie
ausgestorben. Er stieg die Wendeltreppe hinauf und ging durch die langen
Corridore, die von seinem Futritt wiederhallten, auf sein Zimmer.
    Die Fenster waren geffnet, und der Lehnstuhl in der Nische hatte den
rechten Platz, auf dem Tische vor dem Sopha stand eine Vase, angefllt mit
frischen Blumen, der Kopf des Apollo von Belvedere hatte sich eine schmale Krone
von Epheu gefallen lassen mssen. Es war aufgerumt in dem Zimmer, aber so, wie
es nur von Jemand geschehen kann, der die Eigenheiten des Bewohners ganz genau
kennt. Offenbar hatte hier Bruno's Hand gewaltet.
    Oswald fhlte sich durch das stumme und doch so beredte Willkommen auf das
angenehmste berhrt. Es war wie eine warme Hand, die freundlich die seine
drckte, wie ein Hauch, der liebevoll seinen Namen flsterte. Der Sturm in
seiner Seele, welchen die Worte des Doctors erregt hatten, war vorbergebraust,
und an die Stelle des wilden Zornes eine schwermuthsvolle Trauer getreten, da
die Menschen dieser herrlichen Erde nicht werth seien und in ihres Sinnes
Thorheit sich, gegen das Geschick, Schmerzen und Qualen ohne Zahl bereiteten.
    Er hatte, den Kopf in die Hand gesttzt, am Fenster gesessen. Dann erinnerte
er sich, da es wohl an der Zeit sei, die Gesellschaft aufzusuchen und zu
begren. Er kleidete sich um, nahm eine Nelke aus dem Blumenstrau und ging
hinunter.
    Als er die Thr des Wohnzimmers ffnete, aus welchem die Fensterthr nach
dem Rasenplatze fhrte, hrte er Stimmen und als er ein paar Schritte in das
leere Zimmer hinein gethan hatte, sah er auch schon einen Theil der
Gesellschaft, die auf dem Rasen mit dem Lieblingsspiel der Baronin, dem
Reifenspiel eifrigst beschftigt war. Er nherte sich leise der Thr und blieb
auf demselben Platze stehen, von welchem aus Melitta an jenem Nachmittage ihn
zum ersten Male erblickt hatte, als er Arm in Arm mit Bruno unter den Bumen
hervortrat.
    Die Gesellschaft bestand aus dem Baron und der Baronin, Mademoiselle
Marguerite und Herrn Timm, Malte und Bruno und einer jungen Dame, die Oswald den
Rcken zugewandt hatte, so da er nur die schlanke leichte Gestalt, deren
reizende Formen ein einfaches weies Gewand gar anmuthig hervortreten lie, und
das ppig dichte, leicht gekruselte, blauschwarze Haar bemerken konnte, welches
in der Mitte gescheitelt und hinten lose zusammengesteckt, die Linien des
wundervoll schn geformten Kopfes in weichen Umrissen nachzeichnete.
    Oswald's Blicke waren, wie von einem Zauber, an diese jugendliche Gestalt
gefesselt, die, ohne den Platz zu verlassen, beinahe regungslos dastand, und nur
in regelmigen Zwischenrumen die Arme hob, um den Reif aufzufangen, den Bruno,
ihr Nachbar, mit nie fehlender Sicherheit stets so schleuderte, da er in einem
Halbbogen unmittelbar auf ihren Stock herabschwebte, oder den eben aufgefangenen
Reif weiter zu schicken an Malte, der ihn ein jedes zweite Mal fallen lie und
sich bitter beklagte, Helene werfe so schlecht, und Helene thue es ihm nur zum
Aerger und es me ein Anderer an Helenen's Stelle treten.
    So komm' hierher, Helene, sagte die Baronin, Du wirfst auch wirklich sehr
schlecht.
    Mutter und Tochter tauschten mit den Pltzen, und Oswald konnte jetzt voll
in's Antlitz sehen.
    Es war eins der Gesichter, die man nie wieder vergit, wenn man einmal mit
fhlenden Augen hineingeschaut, an die sich noch der Greis ber ein halbes
Jahrhundert weg mit wehmthiger Freude erinnert, wie er sich an einen warmen
Sommerabend erinnert, als er - ein kleiner Schulknabe - mit den Brdern im
Garten spielte und aus der Laube das Lachen der groen Mdchen klang: eins der
Gesichter, die uns, wenn wir noch so traurig sind, anlcheln, wie ein
Sonnenblick an einem dstern Herbsttage, die, wenn es in unserm Herzen noch so
de ist, uns wieder an Poesie und Alles, was schn und gttlich ist, glauben
machen.
    Oswald stand in Bewunderung verloren, wie man vor einem wunderherrlichen
Gemlde anbetend stehen bleibt. Es war nicht das liebliche Oval des reizenden
Gesichtes; es waren nicht die groen, dunkeln, trumerischen Augen, die aus den
langen schwarzen Wimpern mit einem so zauberischen Lichte leuchteten; es waren
nicht die vollen rosigen Lippen, die so freundlich lcheln konnten; es war nicht
das dunkle Incarnat des sammetweichen Teints - es war eben Alles in Allem. Wer
kann die Sonnenstrahlen fangen? wer die Tne der Nachtigall auf Noten bringen?
wer die Schnheit zergliedern? Oswald versuchte es auch nicht; er fhlte nur,
da er etwas Schneres nie im Leben gesehen habe, nie wieder sehen werde, und es
war ihm, als ob ein holder Traum, den er oft und oft getrumt, nun endlich in
Erfllung gegangen, als ob die blaue Blume, nach der er allberall vergeblich
gesucht, nun endlich gefunden sei.
    Er wollte die Gesellschaft begren, aber es war, als ob sein Fu an den
Boden gefesselt wre. Eine ihm unerklrliche Angst ergriff ihn, ein banges
Zagen, als ob jetzt etwas Ungeheures geschehen msse, als werde in diesem
Augenblick von geheimen Mchten des Schicksals ber das Wohl und Wehe seines
Lebens entschieden; er htte fliegen mgen, weit, weit fort, in die tiefste
Einsamkeit.
    Da bemerkte er, da der alte Baron, dem es drauen zu khl werden mochte,
aus dem Kreise ausgeschieden war und sich dem Hause nherte. Er raffte sich
gewaltsam empor und trat durch die Fensterthr dem Kommenden entgegen. Sein
Erscheinen wurde natrlich sofort bemerkt und ein allgemeines: ah, Herr Stein!
sieh da, Herr Doctor! bewillkommnete ihn, whrend Bruno, den Anderen voraus, mit
ein paar mchtigen Sprngen bei ihm war und ihn umarmt hatte, ehe er an Jene
herangetreten und sie begren konnte.
    Das ist ja charmant, Herr Doctor; sagte die Baronin mit ihrem gndigsten
Lcheln. Wir waren schon untrstlich bei dem Gedanken, Sie noch wochenlang
entbehren zu mssen und nun sind Sie schon wieder in unserer Mitte. Was sagen
Sie denn, da wir so bald wieder umkehren muten! Der arme Grenwitz, er ist
recht krank gewesen! Geh hinein, lieber Grenwitz; es ist wirklich schon recht
khl drauen. Wir wollen Alle hineingehen. - Und unser kleiner Kreis hat sich
unterdessen vergrert. Wo ist denn Helene, - Hlne, venez ici, ma chre!
    Lassen Sie mich Ihnen meine Tochter Helene vorstellen; ich habe ihr Hoffnung
gemacht, da Sie die Gte haben wollen, ihr zu helfen, die vielen, vielen Lcken
in ihren Kenntnissen etwas auszufllen, denn Sie glauben nicht, welch eine
Stmperei eine solche Pensionats-Erziehung in wissenschaftlicher Hinsicht ist!
Nicht wahr, Sie werden die Kleine in die Zahl Ihrer Schler aufnehmen? Wollen
wir hineingehen? Ich denke, wir bleiben Alle etwas im Salon beisammen.
    Ohne Zweifel, sagte Herr Timm, der gegen seine Gewohnheit bis jetzt sehr
still gewesen war; saure Wochen, frohe Feste, Tages Arbeit und Abends eine
gemthliche Bowle, wie der alte Geheimrath sagt. Das soll keine Anspielung sein,
gndige Frau, bei Leibe nicht!
    Aber es wre Ihnen doch nicht unlieb, wenn ich es fr eine Anspielung nhme,
sagte die Baronin, die heute Abend entschlossen schien, Alle zu bezaubern.
    Ich mte lgen, wollte ich das Gegentheil behaupten, sagte Herr Timm, die
Hand auf's Herz legend; und Sie wissen, gndige Frau, da mir alle Lge in den
Tod verhat ist.
    Eh bien! sagte die Baronin, und Sie sollen die Ingredienzien selbst
bestimmen; wollen Sie sich darber mit Mademoiselle in Einvernehmen setzen?
    Famos, sagte Herr Timm, gndige Frau, ich mu Ihnen die Hand kssen; und
nachdem er den Worten die That hatte folgen lassen, zog er die kleine Franzsin
bei Seite, ihr das Recept zu einer famosen Bowle mitzutheilen.
    Man war vielleicht eine Stunde plaudernd im Salon beisammen gewesen, Herr
Timm hatte einige komische Lieder eigener Composition am Clavier recht hbsch
vorgetragen, einige burleske Scenen, in denen er zu gleicher Zeit als zwei oder
drei verschiedene Personen auftrat und mit zwei oder drei verschiedenen Stimmen
redete, ausgefhrt, kurz, er hatte Alles, was in seinen Krften stand, gethan,
um die nach den ersten zehn Minuten ziemlich einsilbig gewordene Gesellschaft zu
unterhalten, und trotz alledem die von ihm selbst gebraute Bowle auch ziemlich
allein ausgetrunken - als die Baronin zum Aufbruch mahnte. Herr Timm erbat sich
als einzigen Ehrensold fr seine Bemhungen am heutigen Abend die Erlaubni, den
Damen vom Hause die Hand kssen zu drfen, eine Erlaubni, die ihm von der
Baronin mit gndiger Bereitwilligkeit, von Frulein Helene aber nicht
zugestanden wurde, die kurz und trocken, und die schnen Brauen ein wenig
zusammenziehend, bemerkte, der Knstler msse seinen Lohn in sich selbst tragen.
Herr Timm wollte dagegen Einwendungen erheben, aber Oswald schnitt die weiteren
Auseinandersetzungen ab, indem er gute Nacht wnschte und mit Bruno (Malte
hatte sich schon frher entfernt) das Zimmer verlie und so Herrn Timm, der in
demselben Theile des Schlosses wohnte, zwang, sich ebenfalls zu empfehlen.
Ueberhaupt hatte Oswald seinen neuen Freund heute Abend nicht gerade freundlich
behandelt, wodurch sich dieser in keiner Weise stren lie, sondern in seinem
bermthigen Geschwtz fortfuhr, bis sie sich, vor ihren Thren angekommen,
trennten.
    Gott sei Dank! sagte Oswald, als er sich mit Bruno in seinem Zimmer allein
sah; endlich sind wir den lstigen Schwtzer los. Und ich habe Dich noch gar
nicht um Verzeihung bitten knnen, da ich neulich beim Abschied so kalt und
gleichgiltig war; Dir noch nicht danken knnen, da Du brderlich Alles
vergessen hast - mir ein so freundliches Willkommen bereitet hast. Nicht wahr,
diese Blumen sind von Dir?
    Ja -
    Und der Epheukranz dort um die Stirn des Apollo ist von Dir?
    Ja -
    Und Du hast den Lehnstuhl an die rechte Stelle gerckt?
    Ja -
    Du lieber, lieber Junge! komm, wir wollen uns Beide hineinsetzen, und nun
sollst Du mir von Deinen Irrfahrten erzhlen, von den Stdten, die Du gesehen,
von den Cyklopen, die Du geblendet, von den Leiden, die Du erduldet hast in
Deiner lieben Seele - Alles der Ordnung gem, weit Du, wie Polyphem seine
Schafe melkt.
    Oswald hatte sich in den Stuhl geworfen und Bruno zu sich gezogen. So saen
sie; und der Knabe schmiegte sich innig an seinen einzigen Freund, und fing an
zu erzhlen, erst mit satyrischer Laune die Hinfahrt schildernd, wie bald der
Baron und bald Malte nicht hatten rckwrts fahren knnen, wie zuletzt Beide auf
dem Bock gesessen hatten, und der Diener im Wagen - und wie er, Bruno, vergngt
gewesen sei, als immer neue Stdte und neue Drfer vor seinen Blicken
auftauchten, und nun zuletzt das groe Hamburg.
    Dann nahm seine Erzhlung einen andern Ton an. Er schilderte mit allem
Ernste den Eindruck, welchen die Stadt auf ihn gemacht hatte, die vielen
stattlichen Huser, das Gedrnge in den Straen, das Treiben im Hafen, die
vielen Schiffe, das Alsterbassin, in welchem sich die vielen Lichter spiegelten
und welche zauberische Wirkung das hervorbringe, wenn man langsam am Rande
hinspaziere, und wie er einmal beinahe in's Wasser gefallen wre, wenn ihn
Helene nicht gehalten htte. Und nun, nachdem Helenens Namen erst einmal genannt
war, tauchte er immer wieder auf, wie ein leuchtender Stern aus treibenden
Wolken, wie Helene geweint habe, als sie von Hamburg abreisten, wie sie auf das
Wort ihrer Mutter: es scheint Dir nicht viele Freude zu machen, zu Deinen Eltern
zurckzukehren, die Thrnen getrocknet, aber auch auf der ganzen Reise kaum
einmal wieder gelchelt habe. Denn sie sei sehr stolz, aber auch sehr, sehr gut
gegen Alle, die sie lieb habe, zum Beispiel gegen ihren Vater, und auch gegen
ihn, obgleich er durchaus nicht behaupten wolle, da sie ihn lieb habe - so
arrogant sei er durchaus nicht - aber so viel sei gewi, da sie eines Abends,
als es schon sehr spt war und er, von dem vielen Fahren mde, die Augen nicht
mehr aufhalten, vor all dem Rtteln und Schtteln aber nicht zum Schlafen kommen
konnte, es sich ruhig gefallen lie, als sein Kopf in der Schlaftrunkenheit auf
ihre Schulter sank, und dort wohl eine halbe Stunde liegen blieb. Das werde er
ihr nie vergessen und wenn er einmal Gelegenheit haben sollte, ihr einen Dienst
zu leisten, dann wnsche er nur, da es dabei um Hals und Kragen gehe, sonst
htte es doch keine rechte Art.
    So sprach der Knabe und seine Worte fielen dicht wie Feuerfunken aus einem
Gebude, das in hellen Flammen steht, und seine Wangen glhten. Oswald bemerkte
wohl, da das schne Mdchen einen groen Eindruck auf den wilden Knaben gemacht
hatte; aber wie gro, wie allmchtig dieser Eindruck war, welche Revolution in
dieser frhreifen, bermchtigen Natur eine erste, wie ein Lavastrom
hereinbrechende Liebe hervorgebracht hatte - das ahnte er nicht. Er scherzte
ber seines Lieblings feurigen Enthusiasmus, um so witziger und feiner, als er
denselben in nicht geringem Grade theilte, und Bruno, der sich von Oswald Alles
gefallen lie, lachte mit und lchelnd und scherzend sagten sie sich gute Nacht.
Bruno ging in seine Kammer, Oswald setzte sich wieder in seinen Lehnstuhl.
    Auf dem Tisch vor dem Sopha brannte die Lampe, dennoch bemerkte Oswald das
Flimmern des Mondes, der eben ber die Buchen des Walles heraufstieg; ein
einzelner Stern in der Nhe der Mondsichel schimmerte aus dem tiefen Blau des
nchtlichen Himmels. Durch das offene Fenster strmte die weiche balsamische
Nachtluft - es war so still, da man die fallenden Thautropfen hrte. Und jetzt,
whrend Oswald sa und lauschte, klangen, wie die Tne einer Aeolsharfe, auf
einem Flgel mit kunstgebter Hand angeschlagene Accorde zu ihm herber, erst
leise, leise als frchte man die Nacht aus dem Schlafe zu wecken, dann ganz
allmlig lauter. Die Accorde flossen zusammen zu der Melodie eines Liedes, und
bald begann eine weiche Altstimme das Lied zu der Melodie zu singen. Oswald
konnte die Worte nicht vernehmen, aber sie schienen sanft und traurig zu sein,
wie die Melodie, deren einfache rhrende Klage wunderbar zum Herzen sprach.
    Diese Musik zu dieser Stunde wrde Oswald entzckt haben, auch wenn er nicht
htte ahnen knnen, wer die Sngerin war. Jetzt aber, wo er wute, da es
Niemand sein konnte, als das schne Mdchen, vor dem sich heute Abend, wie vor
einer berirdischen Erscheinung, seine Seele anbetend geneigt hatte, bei dessen
Anblick es ber ihn gekommen war, wie die Offenbarung einer hheren Welt -
klangen die tiefsten Saiten seines Herzens mit, und wie der Glubige, was in ihm
wogt und drngt, in ein Gebet zu gieen versucht, so fhlte Oswald den Drang, in
Worten auszusprechen, was seine Seele so mchtig erregte. Er erhob sich wie
trunken aus dem Sitz am Fenster; er schritt an den Tisch und schrieb, kaum
wissend, was er schrieb:

Nie, seit der wunderbaren heil'gen Stunde,
Die Milton's keuscher Dichtermund besang,
Als von des ersten Menschen reinem Munde
Das erste se Wort der Liebe klang, -
Und alle Vglein sangen's in der Runde,
Und jedes Blmlein aus der Knospe sprang -
Nie ist ein Weib auf Erden je erschienen,
Dem, so wie Dir, die Engel sichtbar dienen.

O, Du bist lieb! lieb, wie der Gott der Trume,
Der uns Vergessenheit der Schmerzen bringt;
So hold, wie Mondschein der durch Blthenbume
In unser lauschig dunkles Zimmer dringt -
S, wie Dein Sang, der durch die stillen Rume
In tiefer Nacht zu mir herberklingt -
Du bist so schn, da man wie sie Dich nannte,
Fr die der Krieg um Troja einst entbrannte.

Doch Krieg und Wunden ziemen nicht dem Schnen!
Als unser Heiland ist es uns gesandt.
Es soll uns wieder mit uns selbst vershnen,
Die wir zu strmisch durch die Welt gerannt;
Und wie mit seiner Harfe gold'nen Tnen,
Isai's Sohn des Saulus Weh gebannt,
So wird aus Deinen liebetiefen Augen
Manch' dstrer Blick sich Licht und Hoffnung saugen

Aus Deinen holden Augen! wo sie strahlen
In ihrer dunklen, mrchenhaften Pracht,
Da sind vergessen alle Erdenqualen,
Da wird es hell in tiefster Leidensnacht,
Wo sie erglnzen, wird in kummerfahlen
Gesenkten Stirnen Leben neu entfacht
Tiefmder Pilger, die in allen Landen
Die blaue Blume suchten und nicht fanden.

O Blume, Mdchen! nie leg ab die Krone,
Die jetzt auf Deinem jungen Haupte ruht,
Gieb nimmer Raum dem frevelhaften Hohne,
Da, was so engelschn, nicht engelgut!
Wie heute, stets, in heil'ger Unschuld, wohne,
In aller guten Geister treuer Hut,
Auf da getrost in trber Erdenferne
Verirrte Wand'rer folgen Deinem Sterne.

Oswald trat wieder an's Fenster; der Mond und der Stern waren von einer schweren
Wetterwolke bedeckt, die hinter ihnen her ber den Wall heraufgezogen war; der
Gesang war verstummt, lauter rauschte der Nachtwind in den Bumen.
    Er schlo das Fenster und suchte sein Lager auf, aber es dauerte lange, bis
der Schlaf das fieberhafte Wogen seines Blutes snftigte.

                           Neununddreiigstes Capitel


Als Oswald am nchsten Morgen unter den Papieren auf seinem Schreibtisch kramte,
fiel ihm ein Briefchen in die Hnde, das er gestern Abend bersehen hatte. Er
erkannte sogleich die Handschrift, welche mit ihren bald khnen und groartigen,
bald kritzlich verworrenen Zgen so problematisch war, wie der Charakter des
Schreibers. Das Billet war von Oldenburg und lautete:
    So eben erhalte ich eine Nachricht, die mich nthigt, sofort eine grere
Reise anzutreten, von der ich nicht zu bestimmen vermag, wie lange sie dauern
wird. Unter acht Tagen schwerlich. Ich schreibe diesen Brief, um ihn auf
Grenwitz abzugeben, im Falle ich Sie nicht persnlich sprechen sollte, was mir
sehr leid thun wrde, da ich Ihnen Vieles zu sagen htte. Unsere Czika nehme ich
mit, da mir die Solitude whrend meiner Abwesenheit kein sicherer Aufenthalt fr
das Kind scheint. Bis zu dem Termin, den uns die Zigeunerin gestellt hat, bin
ich jedenfalls zurck. Bis dahin leben Sie wohl!
    In groer Eile und noch grerer Freundschaft
                                                                          A.v.O.

Oswald fhlte sich durch diesen Brief eigenthmlich berhrt, denn er ahnte
irgend einen Zusammenhang zwischen dieser pltzlichen Abreise Oldenburg's und
der Abreise Melitta's. War es, da er in der letzten Zeit wiederum so viel ber
das Verhltni der Beiden, das ihm durch Melitta's in der Mitte abgebrochene
Erzhlung in einem ganz neuen Lichte erschienen und doch noch lange nicht
hinreichend aufgehellt war, nachgedacht hatte; war es nur der Umstand, da der
Brief Oldenburg's so dunkel gehalten war - genug, Oswald empfand es als eine Art
Beleidigung, da er nach dieser Seite fort und fort auf Rthsel stie. Er nahm
sich vor, noch heute nach Berkow hinberzugehen und beim alten Baumann
anzufragen, ob ein Brief Melitta's an ihn da sei.
    Dann nahmen seine Gedanken eine andere Richtung, als sein Auge auf die Verse
fiel, die er gestern Abend geschrieben hatte. Er mute lcheln, als er sie jetzt
durchlas. Da hat Dir Deine leidige Phantasie wieder einmal einen dummen Streich
gespielt; sprach er bei sich. Es braucht Dir nur Jemand von einem hbschen
Mdchen zu erzhlen, das einen Andern, als Deine Hoheit, heirathen soll, und Du
gerthst in einen Paroxysmus des Mitleidens mit dem jungen Mdchen und einen
Paroxysmus des Hasses gegen den jungen Mann. Und hernach brauchst Du das Mdchen
nur selber zu sehen und zu finden, da sie groe dunkle leuchtende Augen hat und
berhaupt interessanter aussieht, als die Backfische im Allgemeinen, und ein
Knabe braucht Dir nur eine halbe Stunde von besagtem Backfisch vorzuschwrmen,
so fhlst Du Dich gemigt, so berschwngliche Verse zu schreiben wie diese
hier, die ich in das Feuer des Ofens stecken wrde, wenn wir uns nicht
unglcklicher Weise in den Hundstagen befnden.
    Indessen stellte Oswald das Autodaf nicht an, obgleich die Flamme eines
Lichtes dieselbe Wirkung gethan haben wrde, wie das Feuer im Ofen, sondern
legte das Blatt ganz sorgflltig in sein Pult.
    Der Morgen grte so freundlich aus dem thaufrischen Garten herauf, da er
dem Verlangen, ein wenig zwischen den blumenreichen Beeten und in den schattigen
Laubgngen umherzuschlendern, nicht widerstehen konnte. Ueberdies war es noch
sehr frh - noch beinahe zwei Stunden Zeit bis zum Beginn des Unterrichts - die
Knaben schliefen noch.
    Oswald eilte und suchte seinen Lieblingsplatz auf, den mchtigen Wall, der
Schlo und Garten und Hof umfate und auf welchem es sich unter den Buchen und
Nubumen gar anmuthig promenirte, besonders am Morgen, wenn die rothen
Sonnenstrahlen durch die wehenden Zweige blitzten und die halbwilden Enten noch
lustiger als sonst auf dem grn berwachsenen Graben ihr Wesen trieben.
    Er schlenderte langsam dahin, die reizenden Einzelnheiten des wonnigen
Morgens mit allen Sinnen genieend, heute um so mehr, als die Lieblichkeit, die
sanfte Schnheit; die ihn hier rings umher anlchelte, gar seltsam mit der den
Monotonie der Meereskste, die er in der letzten Zeit bestndig vor Augen gehabt
hatte, contrastirte. Heute Morgen war es ihm beinahe unbegreiflich, wie er sich
von seiner dstern Laune so ganz habe beherrschen lassen knnen. Der Doctor
hatte recht: die Einsamkeit ist ein ses berauschendes und zuletzt tdtliches
Gift. Ich mu den Doctor fter zu Rathe ziehen. Ein klarer Kopf, der die Dinge
und Menschen und Verhltnisse stets in dem rechten Lichte sieht. Aber in Betreff
der zwischen Frulein Helene und ihrem Vetter projectirten Heirath irrt er sich
doch. Erstens ist sie noch viel zu jung, zweitens ist sie viel zu schn und
drittens will ich es nicht! Hren Sie, Madame la Baronne: ich will es nicht! Sie
werden Ihr sauberes Project nicht ausfhren, wenn Sie auch noch so sehr Ihre
groen herrschschtigen Augen rollen und sich zu Ihrer ganzen stattlichen Hhe
emporrichten.
    Es war ein Glck, da Oswald diese Worte nur leise durch die Zhne murmelte,
denn wie er eben um eine Ecke des Walles bog, die durch ein dichtes weit
vorspringendes Gebsch noch schrfer gemacht wurde, fand er sich pltzlich
Frulein Helene, die von der andern Seite kam, gegenber. Dies Zusammentreffen
war fr beide Theile so berraschend, da das junge Mdchen nur mit Mhe einen
leisen Schrei unterdrckte, und Oswald in seiner Verlegenheit nicht wute, ob er
die junge Dame anreden, oder grend stumm vorbergehen solle.
    Aus diesem Zweifel wurde er durch Frulein Helene befreit, die es ganz
begreiflich fand, da der junge Hauslehrer, von dessen Unterhaltungsgabe sie
gestern Abend keine besonders groe Meinung bekommen, nicht die Geistesgegenwart
besitze, aus dem Stegreife eine Conversation zu beginnen; und deshalb glaubte,
eine Bemerkung ihrerseits ber den schnen Morgen drfte das fr die Situation
Passendste sein.
    Der schne Morgen hat Sie auch herausgelockt, wie ich sehe.
    Ja, mein gndiges Frulein, der Morgen ist in der That sehr schn.
    Kstlich. Haben Sie immer so herrliches Wetter in der letzten Zeit gehabt?
    Immer; das heit, einige Regentage ausgenommen.
    Wenn man den Himmel so blau sieht, sollte man schlechtes Wetter fr ein
Mrchen halten, meinen Sie nicht auch?
    Gewi.
    Frulein Helene mochte glauben, da diese geistreiche Unterhaltung nun lange
genug gedauert habe, und da sie zufllig an einer Stelle angelangt waren, wo
eine schmale Treppe von dem Wall hinab in den Garten fhrte, so hielt sie es in
ihrem und ihres einsilbigen Begleiters Interesse fr gerathen, diese
Gelegenheit, die Scene abzubrechen, nicht unbenutzt zu lassen.
    Haben Sie eine Ahnung, welche Zeit wir haben?
    Halb sieben.
    Schon? Da mu ich eilen, in's Schlo zurckzukommen, ehe Mama meine
Abwesenheit bemerkt.
    Frulein Helene nickte vornehm mit dem Kopfe, stieg leicht die Treppe hinab
und ging langsam zwischen den Blumenbeeten dem Hause zu.
    Dem Glcklichen schlgt keine Uhr, sagte Oswald bei sich, als er der
jugendlich schlanken Gestalt nachschaute, glcklich habe ich sie also durch
meine meteorologische Bemerkungen nicht gemacht; und ihre Eile, in's Schlo zu
gelangen, war weniger gro, als die von mir fortzukommen. Jedenfalls scheint sie
noch Zeit genug zu haben, sich ein reizendes Bouquet zu pflcken. Ohne Zweifel
fr mich. Ich habe augenscheinlich eine vollstndige Eroberung gemacht. Wie sie
mich mit ihren wunderbaren Augen, so mitleidig halb und verchtlich, anblickte,
als wollte sie sagen: ich thue Dir wohl einen groen Gefallen, wenn ich Dich mit
Deiner Bldigkeit allein lasse! Sie ist stolz, sagte Bruno; gewi, aber wie
kstlich steht ihr dieser Stolz; wie kann ein Mdchen mit diesem Gesicht, diesen
Augen, diesem Haar anders als stolz sein. Es ist die Atmosphre, in die sie so
nothwendig gehrt, wie ein Adler in die hchsten Lfte. Der Adler ist auch stolz
und kein Mensch nimmt es ihm bel. Wie schn das Mdchen ist! eine prchtige
Schnheit, die das helle Sonnenlicht nicht zu scheuen braucht, die nur noch
schner zu werden scheint, je kstlicher der Rahmen ist, der sie umgiebt. Eine
unheimliche Schnheit, die uns fesselt und erstarren macht, wie die der tdtlich
schnen Muse. Dies Mdchen eine Blume? wo waren meine Augen gestern? sie ist
kein lyrisches Gedicht voll Vogelsang und Sonnenschein, sie ist eine
schwermthige Ballade, in der Schwerter klirren und Herzen verbluten, whrend
oben aus dem Thurme ein weies Tchlein weht. - Und halt! jetzt wei ich's: es
ist das leibhaftige Gottseibeiunsgesicht der Grenwitz, wie Albert vortrefflich
sagt - Zug fr Zug! es ist das Gesicht Harald's, in's Weibliche bersetzt,
dieselben dmonischen Augen, derselbe berauschend sinnliche Zug in den vollen,
fast zu vollen Lippen, dieselbe Kraft in dem ppig dichten blauschwarzen Haar,
das sich ber der breiten festen Stirn aufkruselt! - Vortreffliche Frau Mama!
Sie irren sich sehr, wenn Sie glauben, da diese Stirn sich so gutwillig unter
Ihre Beschlsse beugen wird; ausgezeichneter Baron Felix, Sie mssen Ihrem Namen
wahrhaftig Ehre machen, wenn Sie in diesem Falle ressiren wollen! Der Morgen
ist in der That kstlich, und man sollte wirklich, wenn man den Himmel so blau
sieht, schlechtes Wetter fr ein Mrchen halten.
    Die Baronin war erstaunt ber das Interesse, mit welchem Oswald heute bei
Tisch, und mehr noch in einer lngeren Unterredung, die sie nach der Mahlzeit
hatten, auf ihre Gedanken einging und verschiedene von ihr aufgeworfene Fragen
betreffs des Unterrichts errterte: ob es nicht bei der groen Hitze
zweckmiger sei, die Lectionen um sieben, statt wie bisher um acht zu beginnen?
ob man die Nachmittagstunden nicht lieber ganz ausfallen lassen wolle? ob die
Bcher, aus welchen Helene bis jetzt Geschichte und Literatur studirt habe, fr
sie noch brauchbar seien? ob zwei Lectionen wchentlich fr Helenen's
Fortbildung hinreichen? und ob er den Morgen oder den Abend fr die geeignetere
Zeit halte?
    Auch der alte Baron war auf das angenehmste berrascht, als er an Oswald
einen aufmerksamen Zuhrer der langen Geschichte seiner kleinen Leiden fand. Er
hatte Oswald, der ihn stets mit vieler Hflichkeit behandelt hatte, im Herzen
immer fr einen braven und liebenswrdigen jungen Mann gehalten, trotz des
entschiedenen Widerspruchs seiner Anna-Maria und der mindestens zweifelhaften
Zustimmung des Pastors Jger; und er war ordentlich froh, da er dieser
Gesinnung heute, wo auch die Baronin sie zu theilen schien, endlich einmal einen
Ausdruck geben konnte. Ueberhaupt schien die Reise einen sehr gnstigen Einflu
auf die Baronin gehabt zu haben. Mademoiselle Marguerite, der man in dieser
Beziehung wohl ein Urtheil zutrauen durfte, behauptete gegen Albert, sie ist
verndert totalement, sie hat mich nicht gescholten ein einziges Mal, den ganzen
Tag; worauf Albert erwiderte: ja, ich finde selbst, der alte Drache ist heute
beinahe geniebar. Mit einem Worte, es herrschte heute ein so gutes
Einvernehmen, wie noch nie in der Gesellschaft auf Schlo Grenwitz. Jeder schien
die Grnde, die er hatte, mit Diesem oder Jenem weniger zufrieden zu sein,
vergessen oder doch in den Hintergrund geschoben zu haben, und da aus der
Stimmung ein fr Alle angenehmes Resultat hervorging, nahm man bereitwilligst
fr baare Mnze, was der Andere dafr bot - natrlich, um sich das Recht
zuzusprechen, Jenen mit derselben Mnze zu bezahlen.
    Oswald hatte die Begegnung mit Frulein Helene am Morgen nicht vergessen und
sich des Eindrucks, den er dabei auf die stolze, junge Dame gemacht haben mute,
wohl bewut, sah er es nicht ungern, da ihm im Laufe des Tages mehr als eine
Gelegenheit wurde, seine natrlichen Vorzge geltend zu machen. Bei Tische um
eine Erzhlung dessen, was ihm whrend der Abwesenheit der Familie begegnet war,
gebeten, gab er eine Schilderung seines einsamen Lebens in Sassitz, wobei er
sich eine halb humoristische, halb sentimentale Rolle zutheilte, natrlich ohne
das romantische Dunkel, welches ber seinem dortigen Aufenthalte lag, im
mindesten zu lften. Die derbe Mutter Karsten wurde zu einer Uhland'schen
Meeres-Knigin, ihre rothhaarigen Tchter, Stine und Line, zu Heineschen
Wassernixen und der halb bldsinnige Vater Steffen zu einem weisen Merlin; die
Kreidefelsen der Kste wuchsen in's Ungeheure und die Brandung donnerte zwischen
den Klippen des Strandes mit wahrhaft Ossianischer Majestt. Die Gesellschaft,
obgleich sie die Uebertreibungen bald herausfhlte, horchte mit Aufmerksamkeit,
ja Spannung, und Oswald empfand es als den schnsten Lohn seiner phantastischen
Improvisation, da die groen, glnzenden Augen Helene's whrend seines
Vortrages mit einem Ausdruck halb der Verwunderung und halb des Zweifels
unverwandt auf ihn gerichtet waren.
    Er war so ganz die Seele der Gesellschaft geworden, da man es ihm ernstlich
bel zu nehmen schien, als er gleich nach der Abendmahlzeit erklrte, den
verabredeten Spaziergang durch den Buchenwald nach dem Strande nicht mitmachen
zu knnen, da morgen Posttag sei und er einige sehr wichtige Briefe zu schreiben
habe. Indem Oswald sich so in dem Augenblicke aus der Gesellschaft zurckzog, wo
er sich ihr unentbehrlich gemacht hatte, durfte er mit der beabsichtigten
Wirkung zufrieden sein. Frulein Helene lie sich herab, ihn direct zum Bleiben
aufzufordern, und wandte sich, als er bei seinem Vorhaben beharrte, so kurz von
ihm weg, da ihr Unmuth nur zu ersichtlich war.
    Dennoch hatte der funkelnde Stern, der soeben ber seinem Horizonte
aufgegangen war, ihn nicht so verblendet, da er das Gestirn, welches nun schon
so lange mit nimmer verlschendem, stets gleichem, treuem, lieblichem Licht auf
ihn herabblickte, darber vergessen htte. Er hatte schon gestern in Sassitz mit
Bestimmtheit auf einen Brief gehofft; er frchtete, da der alte Baumann noch am
Abend, als er mit dem Doctor weggefahren, vergeblich nach ihm gefragt habe. Wohl
hatte er Mutter Karsten gesagt, da er nach Grenwitz zurckgehe, aber dorthin
konnte natrlich der alte Baumann einen Brief Melitta's, der so leicht in andere
Hnde fallen konnte, nicht bringen. Und doch hatte er eine unendliche Sehnsucht
nach dem lngst erwarteten Brief.
    So stahl er sich denn, gleich nachdem die Gesellschaft den Schlohof
verlassen hatte, durch den Garten nach dem groen Thor, aus dem man fast
unmittelbar in den Tannenwald zwischen Grenwitz und Berkow gelangte. Es dunkelte
schon unter den hohen Bumen mit den weit berhangenden Aesten. Das von der
Hitze des Tages durchwrmte Holz strmte jetzt am khleren Abend wrzigen Duft
aus. In dem weiten Revier herrschte eine fast unheimliche Stille.
    Und jetzt in dieser feierlichen Abendstunde, in diesem hehren Waldestempel
berkam die Erinnerung an Melitta Oswald's Herz mit aller Macht. Ihre hohe, und
bei aller lieblichen Flle so jungfruliche Gestalt, ihr reiches, braunes Haar,
das in weichen Wellen von dem Scheitel zum Nacken herabflo, ihre dunkeln,
zrtlichen Augen; ihre reizende Schalkhaftigkeit, ihr liebliches neckisches
Wesen - und ach! vor allem ihre unendliche Gte und Liebe - wie deutlich ihr
Bild vor seiner Seele stand! wie hei er sich gelobte, der Lieben, Guten, Holden
nie, auch nur in Gedanken untreu zu werden, und komme, was da wolle, ihre Liebe
mit unendlicher Liebe zu erwiedern.
    Da ertnte Hufschlag durch den stillen Wald und bald tauchte aus dem
Halbdunkel ein Reiter auf, der in raschem Trabe daher kam. Oswald durchfuhr ein
freudiger Schrecken, als er in dem Reiter den alten Baumann auf dem Brownlock
erkannte.
    Ein Brief? Haben Sie einen Brief? rief er mit einer Heftigkeit, die
Brownlock einen Schritt zur Seite springen machte.
    Ruhig, Brownlock, ruhig, sagte der Alte, dem Pferde den schlanken Hals
klopfend; guten Abend, junger Herr! Ich habe Sie schon in Sassitz gesucht, allwo
ich erfahren, da Sie sich am gestrigen Abend nach Grenwitz begeben. Nun wollte
ich soeben dorthin reiten -
    Aber wenn Sie mich nicht selbst getroffen htten? und unter welchem Vorwande
wollten Sie sich bei mir einfhren lassen? Doch gleichviel - wo ist der Brief?
    Hier! sagte der Alte, der unterdessen vom Pferde gestiegen war, ein nicht
unbedeutendes Packet aus der tiefen Tasche seines langen Ueberrocks ziehend.
    Geben Sie!
    Nur Geduld, junger Herr! Ich habe an Alles gedacht. Dies Packet ist, wie Sie
sehen, wohl zugebunden und versiegelt, und trgt die Aufschrift: Hierbei die
bewuten Bcher mit bestem Dank zurck. Die andern wird Ihnen Baumann zustellen,
sobald ich sie durchgelesen habe - und die Unterschrift: Ihr ergebenster B. -
das kann ja wohl so gut Bemperlein als Baumann heien, nicht wahr?
    Der alte Baumann hatte, whrend er sprach, die Schnur um das Packet gelst
und aus einem der drei Bcher, die es enthielt, einen Brief genommen, den Oswald
hastig erbrach und gegen das Licht hielt, um ihn zu lesen, aber das Dunkel unter
den hohen Bumen war bereits zu dicht; er vermochte nur noch die Ueberschrift:
liebstes Herz, mit Mhe zu entziffern.
    Ich kann nichts mehr sehen, sagte er traurig.
    Wren Sie in Sassitz sitzen geblieben, wie Sie neulich wollten, oder htten
Sie gestern dem alten Baumann ein Wort zukommen lassen, so wren Sie noch bei
guter Tageszeit in Besitz dieses Briefes von meiner gndigen Frau gewesen.
    Oswald fhlte wohl den Vorwurf, der in diesen sehr ruhig gesprochenen Worten
lag und es wurde ihm nicht schwer, dem treuen Diener und Freunde Melitta's sein
Unrecht einzugestehen.
    Verzeihen Sie mir, sagte er, da ich Ihnen die zweifache Mhe gemacht habe,
ich habe meine Unbesonnenheit den ganzen Tag hindurch schon verwnscht und ich
bin schwer genug dafr bestraft, denn hier halte ich den theuren Brief in den
Hnden und kann doch nicht erfahren, wie es ihr, wie es Frau von Berkow geht, ob
sie wohl ist, ob sie glcklich in Fichtenau angekommen ist, und tausenderlei,
was ich Alles wissen mchte und was ohne Zweifel hier steht - und versuchte noch
einmal den Brief zu lesen.
    Nu, nu! sagte der alte Baumann; wegen meiner haben Sie nun schon keine Sorge
nicht; so eine Meile oder zwei mehr oder weniger, darauf kommt es mir und dem
Brownlock eben nicht an. Und was die Nachrichten betrifft, die Sie zu haben
wnschen, so wei ich davon auch eine oder die andere mitzutheilen, sintemalen
Herr Bemperlein mir einen Schreibebrief bersandt hat, in welchem die Reise und
was sich bei der Ankunft zugetragen, Alles ausfhrlich berichtet ist. Der alte
Mann hatte den Zgel ber den Arm gehngt und ging neben Oswald her, der seine
Schritte beeilte, um mglichst bald nach Grenwitz und auf sein Zimmer zu kommen.
    Die gndige Frau - Gott behte sie, sagte der Alte, ist mit Herrn Bemperlein
nach Verlauf von drei Tagen glcklich in Fichtenau angekommen. Herr Bemperlein
hat sich sogleich mit Doctor Birkenhain in Vernehmen gesetzt und erkundet, da
Herr von Berkow noch lebe, aber so schwach sei, da man stndlich seiner
Auflsung entgegensehe. Das hat nun so gedauert bis zum Tage vor dem Abgang des
Briefes, allwo die gndige Frau in Begleitung des Herrn Bemperlein und des Herrn
-
    Der Alte unterbrach sich und hustete.
    Nun, wessen? fragte Oswald, dessen Verdacht in Betreff des Baron Oldenburg
wieder erwachte.
    Nun, des Herrn Doctors natrlich, wessen sonst, sagte der Alte; ja, was
wollte ich doch gleich sagen, Sie haben mich durch Ihre Frage ganz aus dem
Context gebracht - richtig: also in Begleitung des Herrn Bemperlein und - hm,
hm: des Herrn Doctors auf wenige Minuten nur bei dem Herrn Baron gewesen sind.
Der gndige Herr soll sich so verndert haben, da er der gndigen Frau, wie sie
selbst gesagt hat, wie ein vollkommen fremder unglcklicher Mann erschienen ist.
Gesprochen hat er auch ein paar Worte, von denen aber kein einziges zu verstehen
gewesen ist. Dann sind sie wieder fortgegangen, und alsbald ist der gndige Herr
wieder in sein Bett zurckgesunken und in tiefen Schlaf gefallen und der Doctor
meinte, das werde wohl nun bis zu seinem Ende so fortgehen, - welches denn der
Herr Gott in seiner Gnade recht bald mge eintreten lassen, damit der arme Mann
von seiner Qual befreit ist und die arme gndige Frau endlich einmal wieder frei
aufathmen kann!
    Amen; sagte Oswald.
    Denn sehen Sie, junger Herr, fuhr der Alte fort - und seine tiefe Stimme
hatte einen eigenthmlich erregten Klang - die gndige Frau hat nicht viel
Freude gehabt ihr liebes Leben lang, und das thut mir weh, denn ich habe sie
lieb, als wre sie mein eigenes Kind, und wohl noch lieber. Denn ich habe
freilich selbst nie welche gehabt, aber ich sehe doch, wie es andere Vter mit
ihren Kindern machen, und da sie sich nicht schmen, nicht blos wie kein Vater,
sondern nicht einmal wie kein Christenmensch nicht an ihren Kindern zu handeln.
Und der Vater von der gndigen Frau - nun, es war mein gndiger Herr, und ich
habe unter ihm die Campagne mitgemacht, und von den Todten soll man nicht Uebles
reden - aber zu Ihnen darf ich es schon sagen, weil Sie uns doch nun nicht mehr
fremd sind - ja, das war ein bser Herr, oder auch eigentlich nicht bse, aber
wild und leichtsinnig, wie der jngste Offizier in seinem Regiment. Je toller
ein Streich war, desto lieber war es ihm; na, und tolle Streiche und schlechte
Streiche, die sehen sich manchmal zum Verwechseln hnlich. So dachte er sich
nichts Bses dabei, wenn er, noch als Verheiratheter, den Frauenzimmern gerade
so nachstellte, wie er es sonst gethan, aber der armen gndigen Frau, welche
eine gar gute, liebe Dame war, brach darber das Herz, und sie starb, als ihr
einziges Kind erst zwei Jahre alt war. Da gab es nun eigentlich Niemand, der fr
das arme Ding sorgte, als den alten Baumann. Ich hab's herumgetragen und habe
mit ihm gespielt, und hernach, als es grer wurde, habe ich mit ihm schreiben
und lesen gelernt, was ich damals noch nicht konnte, und ein bischen Franzsisch
und was noch sonst in meinen alten Kopf hineinwollte. Und hernach habe ich sie
reiten gelehrt, da ihr nun wohl so leicht keine darin gleichkommt; und so bin
ich wieder mit ihr jung gewesen und hab' mich nie nach Kindern gesehnt, denn sie
war ja mein liebes, herziges Kind, obgleich ich nur ein armer unwissender
Reitersmann und sie ein frnehmes, hochadeliges Frulein war. Und ich habe
manchmal so in meinem Sinn gedacht: ob sie es nicht besser im Leben gehabt
htte, wenn sie wirklich mein Kind gewesen wre. Denn vornehm sein und reich
sein, das ist Alles recht gut, aber ich meine doch, wen Gott lieb hat, den lt
er arm geboren werden. Ich wre nie auf den Gedanken gekommen, mein eigen
Fleisch und Blut um schnden Mammon zu verkaufen; ich htte nie vor meinem Kinde
auf den Knieen gelegen und geflennt: Dein Vater ist ehrlos, wenn Du nicht den
und den heirathest, von dem ich wohl wei, da Du ihn nicht liebst, der aber so
viel Geld hat, da er alle meine Schulden bezahlen kann und doch noch genug fr
euch Beide behlt. Und es stand gar nicht einmal so schlimm mit Herrn von
Barnewitz. Was er im Spiel verloren hatte, konnte er auch im Spiel wieder
gewinnen, und hat's auch hernach zum Theil wiedergewonnen, so da er spter,
wenn er zu viel getrunken, oft zu mir gesagt hat: htte ich gewut, Baumann, da
ich noch solch Glck im Pharao haben wrde, da htte der - es war ein hliches
Wort und ein ordentlicher Mensch bringt es nicht gern ber die Lippen, - da
htte ich Herrn von Berkow auch etwas anderes gegeben, als meine Tochter. Mein
einziger Trost ist nur, da er's nicht lange mehr treibt, und dann kann sie ja
noch immer einen andern heirathen. Nun, der gndige Herr trieb es selbst nicht
lange mehr, aber doch noch lange genug, da er das Unglck, welches er
angerichtet hatte, mit seinen leiblichen Augen sehen konnte. Er htte viel drum
gegeben, um ungeschehen zu machen, was geschehen war; aber wer sich mit dem
Teufel einlt, darf sich nicht wundern, wenn der liebe Gott nichts von ihm
wissen will. So war die schne junge Frau eine Wittwe und war es doch auch
wieder nicht. Reichthum hatte sie nun, die Hlle und Flle; aber mir ducht, sie
wre glcklicher gewesen, wenn sie unter einem Strohdach mit einem braven Mann
gelebt htte, als so mutterseelenallein in dem groen, den Hause. Nun war
freilich der Julius da, aber eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, und ein
Kind ist noch immer keine Familie. Sehen Sie, junger Herr, das hat mein altes
Herz oft bluten machen, und wenn ich die liebe gndige Frau so des Abends allein
durch den einsamen Garten wandeln sah, da habe ich oft den lieben Gott gebeten,
er solle den armen Herrn von Berkow in Gnaden zu sich nehmen, und verstatten,
da die arme gndige Frau doch einmal in ihrem Leben glcklich wird, wie andere
Frauen, die nicht werth sind, da sie ihr die Schuhriemen lsen. Reich braucht
der Mann nicht zu sein, denn sie hat, wenn's doch ja Reichthum sein soll, genug
fr Beide, - aber Kopf und Herz mu er auf dem rechten Fleck haben und lieb mu
er sie haben, mehr als seinen Augapfel. Und wenn ich einen solchen Mann wte,
und ihr einen solchen Mann verschaffen knnte, und ich she sie nun glcklich an
der Seite dieses Mannes, da wollte ich auch beten: Herr, lasse Deinen Diener in
Frieden fahren. - Aber da sind wir ja schon am Thore. Nun, wohlschlafende Nacht,
junger Herr! Wenn Sie morgen frh vielleicht eine Antwort auf den Brief von der
gndigen Frau fertig haben, so will ich einen Bchsenschu weiter in den Wald
hinein zwischen fnf und sechs darauf warten. Die gndige Frau wrde sich doch
freuen, wenn Sie recht bald schrieben.
    Ich werde pnktlich um fnf dort sein, sagte Oswald.
    Na, auf eine halbe Stunde kommt es schon nicht an, sagte der alte Baumann,
sein Pferd besteigend. Die Post geht nicht vor acht Uhr, und bis dahin bin ich
mit dem Brownlock zweimal hin und zurck. Ich wnsche nochmals wohlschlafende
Nacht.
    Der alte Mann fate salutirend an seine Mtze, lenkte den Brownlock herum
und trabte durch die Tannen zurck nach Berkow.
    Oswald eilte auf seine Stube, ohne Jemand zu begegnen, da die Gesellschaft
von ihrem Spaziergang noch nicht heimgekehrt war. Mit zitternder Hand ffnete er
den Brief und durchflog ihn mit athemloser Hast, um ihn dann langsam wieder und
wieder zu lesen, wie man Briefe liest, von denen jedes einzelne Wort uns
berhrt, wie ein Ku von geliebten Lippen.
    Als er sich spt am Abend hinsetzte, die Antwort zu schreiben, ertnte
derselbe Gesang, der ihn gestern Abend in so berschwngliche Begeisterung
versetzt hatte; heute aber schlo er das Fenster, denn er fhlte, da seine
Bewunderung fr das schne Mdchen im Grunde ein Verrath seiner Liebe zu Melitta
sei, obgleich er die anklagende Stimme seines Gewissens mglichst zu berhren
versuchte.

                              Vierzigstes Capitel


Oswald konnte es sich nicht versagen, noch ein wenig im Garten zu promeniren,
als er am nchsten Morgen aus dem Wald zurckkehrte, wo Baumann den Brief
entgegengenommen hatte. Er wollte eigentlich nur einige Minuten bleiben, nur
eben einmal auf dem Wall die Runde um den Garten machen; aber er hatte die
Promenade nun schon zweimal vom groen Thor bis wieder zum groen Thor gemacht -
und begann sie eben zum dritten Male, denn der Morgen war allerdings kstlich,
und, wenn ihn seine Augen nicht tuschten, so schimmerte durch die Bsche und
Bume auf der andern Seite ein helles Gewand. Ohne Zweifel eines der Mdchen aus
dem Dorfe, die im Garten arbeiteten. Wie erstaunt war er deshalb, als er bald
darauf in der ihm Begegnenden Frulein Helene erkannte. An ein Ausweichen war
nicht zu denken. Es fhrten von dem Wall nur sehr wenig schmale Treppen in den
Garten hinab. So blieb ihm freilich nichts brig, als, die Hnde auf dem Rcken,
und die Vgel, die ber ihm durch die Zweige flatterten und die Enten auf dem
Graben mit gespannter Aufmerksamkeit beobachtend, langsam weiter zu schlendern,
und ein ganz klein wenig berrascht zu sein, Frulein Helene genau um dieselbe
Zeit und an derselben Stelle, wie gestern, zu begegnen.
    Frulein Helene erwiederte seinen Gru mit jener vornehmen Ruhe, die dem
etwas dstern Charakter ihrer Schnheit so gut stand, obgleich sie fr ein
Mdchen von diesem jugendlichen Alter fast zu kalt und vornehm schien. Und doch
wre ihr Gru nicht ganz so frmlich gewesen, wenn Oswald selbst nicht jede Spur
einer freudigen Erregung geflissentlich unterdrckt htte. Eine kurze, nichts
weniger als geistreiche Unterhaltung ber das Wetter, ein paar gleichgiltige
Fragen Oswald's ber den Spaziergang von gestern Abend und ein paar kurze
Antworten Helene's folgten. Darauf abermalige hflich khle Begrung von beiden
Seiten. Frulein Helene setzte ihren Spaziergang fort, Oswald hatte seine
Promenade, die er regelmig zwischen sechs und sieben auf dem Walle mache -
eine Angabe, die mit der Wahrheit nicht besonders genau bereinstimmte - beendet
und begab sich auf sein Zimmer. Schade, da diese prchtige Schnheit doch nur
die Hlle einer ziemlich alltglichen Psyche zu sein scheint, sprach er bei
sich. Was Professor Berger wohl sagen wrde, wenn er seine liebliche Knospe
jetzt zu einer dunkelrothen Rose entfaltet she? ob er wieder einen
Sonettenkranz flechten und auf das ppige Haar drcken wrde? Edler Berger, war
es ein Stck des guten oder bsen Engels, die sich ewig in Deiner groen Seele
bekmpfen, da Du mich hierher in's Lager unserer Feinde schicktest? Ich sollte
Dir viel ruhmreiche Trophen zurckbringen, Scalps erschlagener Irokesen, die
wir in unserem Wigwam aufhngen wollten, um unsere Freude daran zu haben - wie
wrdest Du erstaunen, wenn Du hrtest, wie oft schon Dein Unkas nur mit genauer
Noth dem Scalpirtwerden entgangen ist! Aber das eine Versprechen will ich
halten: ich werde mich nicht in diese frhbesungene Schnheit verlieben - nein,
und wenn sie eben so geistreich wre, wie sie schn ist.
    Als Oswald zur Mittagstafel nach unten kam, wurde er auf's angenehmste durch
die Gegenwart des Doctor Braun berrascht, der vor einigen Minuten angelangt war
und die Einladung der Baronin, zu Mittag auf dem Schlosse zu bleiben, angenommen
hatte.
    Der Doctor erwies sich in dem greren Kreise als ein eben so bequem
geselliger, feingebildeter Mann, wie ihn Oswald bis dahin gekannt hatte; ja,
dieser hatte jetzt noch mehr Gelegenheit, die ausgezeichnete Unterhaltungsgabe
und die sichere Haltung des jungen Arztes zu bewundern. Und was ihn noch mehr
fr Doctor Braun einnahm, war, da jener sich seiner Vorzge nicht bewut zu
sein schien. Nichts lag ihm offenbar ferner als ein Geltendmachen seiner Person;
im Gegentheil, es schien ihm nur darum zu thun, Andere zur Entwickelung ihrer
Ansicht zu bringen; und so zeigte er sich als ein ebenso geduldiger und guter
Zuhrer, wie gewandter Sprecher.
    Oswald sah mit einigem Erstaunen, da, wenn der Doctor irgend Jemand in der
Gesellschaft auszeichnete, es nur Frulein Helene sein konnte, und mit nicht
minder groer Verwunderung, da die junge Dame dem Doctor gegenber einen Theil
ihrer vornehmen Klte ablegte. Sie hatten schon vor Tische eine Sonate  quatre
mains gespielt; sodann hatte Helene einige Lieder gesungen, die ihr der Doctor
begleitete. Bei Tische saen sie nebeneinander und unterhielten sich lebhaft
ber die verschiedenen Style in der Musik, wobei der Doctor eine sehr
detaillirte Kenntni des Generalbasses und Frulein Helene zum mindesten ein
lebhaftes Verstndni fr musikalische Dinge entwickelte; und als er sich gleich
nach Tisch empfahl, bedauerte sie seine Eile so lebhaft, bat sie ihn so
dringend, ihr die versprochenen Noten recht bald zu schicken - nein, lieber
selbst zu bringen, damit sie dieselben gleich zusammen durchgehen knnten, da
der Doctor, wenn er es darauf angelegt hatte, einen mglichst gnstigen Eindruck
auf die junge Dame zu machen, mit seinem Erfolge ganz wohl zufrieden sein
durfte.
    Sie sind nicht musikalisch? fragte er Oswald, dem er noch fr ein paar
Minuten, bis die Pferde angeschirrt wurden, auf sein Zimmer gefolgt war.
    Nein, und die Eintracht ser Tne lockt mich so wenig, da ich gestern
Abend, als Frulein Helene die Barcarole sang, von der Sie so entzckt waren,
sogar das Fenster schlo.
    Das ist in der That merkwrdig. Ich erinnere mich nicht, eine so weiche -
ich mchte sagen - mystische Altstimme gehrt zu haben.
    Sollte die Schnheit der Sngerin nicht die Reinheit des Urtheils in etwas
trben?
    Nein, ich versichere Sie, da ich ganz objectiv urtheile; obgleich ich gern
zugebe, da eine so dmonische Schnheit mehr in das Reich der Trume, als in
die reale Welt zu gehren scheint.
    Der Doctor hatte sich in Oswald's Lehnstuhl gesetzt und blies den Rauch der
Cigarre, die er sich eben angezndet, in blauen Wolken durch das offene Fenster.
    Es ist eine Schnheit, sagte er, die einen Maler zur Verzweiflung bringen
knnte, weil sie sich gerade in ihrer duftigsten Blthe durch Linien und Farben
gar nicht mehr ausdrcken, sondern nur durch Musik bersetzen lt. Ich wollte
Beethoven htte sie gesehen, oder Robert Schumann; und dann sollten Sie die
geisterhafte, dmonische Composition hren, zu welcher diese Erscheinung die
Beiden begeistert htte.
    Aber wer von uns Beiden ist denn nun der Schwrmer? fragte Oswald lchelnd;
Sie oder ich?
    Sie, sagte der Doctor, denn der hchste Grad der Extase ist tiefes
Schweigen. Wer Worte fr seine Begeisterung findet, hat die Zgel noch in der
Hand. Und dann kann ich ein schnes Mdchenbild sehen, und auch dafr schwrmen,
ohne da mir die Cigarre auch nur einen Grad weniger gut schmeckte. Sie aber
sind im Stande, darber Essen und Trinken und Alles zu vergessen und sich, Hals
ber Kopf, in die Charybdis Ihrer Begeisterung zu strzen, ohne auch nur daran
zu denken, ob Sie im Stande sein werden, jemals wieder zum rosigen Lichte
aufzutauchen.
    Wissen Sie das so gewi?
    Ganz gewi; ich habe Ihnen in der letzten Zeit ein eingehendes Studium
gewidmet, und gefunden, da Sie eines der vortrefflichsten Exemplare einer in
unseren Tagen ziemlich weit verbreiteten Species generis humani sind, Nachkommen
des weiland vom Teufel geholten Doctor Faustus, Faustuli posthumi, so zu sagen,
die den langen Docentenbart abgeschnitten, auch nicht im romantischen
Rittercostm, sondern einfach im modernen Frack einherspazieren; im Uebrigen
aber auf gut faustisch von Begierde zum Genu taumeln, und im Genu nach
Begierde verschmachten.
    Problematische Naturen, nennt sie der Baron Oldenburg, bemerkte Oswald.
    Eine sehr gute Bezeichnung, sagte der Doctor. Freilich, der Baron mu es
wissen, der ist selbst von der Brderschaft und ich vermuthe, da er einen
ziemlich hohen Grad einnimmt. Wenigstens nach Allem, was ich von ihm hre, denn
gesprochen habe ich ihn nie, und nur einmal flchtig gesehen.
    Es drfte sehr schwer halten, sich ber den Baron ein richtiges Urtheil zu
bilden.
    Wre er sonst eine problematische Natur? Ich hre, Sie sind einer seiner
speciellen Freunde, einer von den wenigen, die er, wie es heit, besitzt. Und
gerade deshalb spreche ich offen. Ich kann es nicht billigen, da ein Mann von
den eminenten Gaben des Barons sein Leben in Miggang verdmmert - in einem
geschftigen Miggang, der schwerste Vorwurf, der meiner Meinung nach einen
Mann in unserer Zeit treffen kann, wo es wahrlich so viel, so viel zu thun
giebt.
    Was kann der arme Baron dafr, da ihm das Brod des Alltagslebens nicht
schmeckt?
    Glauben Sie denn, da es mir schmeckt? sagte Doctor Braun, und seine Wangen
rtheten sich und seine Augen leuchteten! glauben Sie, da der herrliche Gott
Apollo, als er die Rinder des Admet weidete und im Schatten der Eiche das
schnde Sklavenmahl verzehrte, sich nicht zurcklehnte nach der Ambrosia und dem
Nektar auf den goldenen Tischen im Hause des Vaters? Dennoch trug er sein Loos
und duldete das Verhngni, wie der noch viel herrlichere Jesus von Nazareth das
seinige. Und ich mu gestehen, mir erschien es immer als eine grobe
Inconsequenz, da des Menschen Sohn von allen, zum wenigsten von den strksten
menschlichen Banden los und ledig dargestellt wird. Sollte er den Leidenskelch
wirklich bis auf den letzten bittersten Tropfen leeren, so mute er durch die
stille Nacht auf dem Oelberge die Stimmen eines angebeteten Weibes, geliebter
Kinder zu hren glauben, die ngstlich nach dem Gatten, dem Vater riefen. Denn
menschlich allem Menschlichen ergeben sein, und dennoch die himmlische Abkunft
nicht vergessen und dennoch bis an den Tod mit den reienden Wlfen der Tyrannei
und Lge kmpfen und das schwere Kreuz des ganz Gemeinen und ewig Gestrigen, das
auf uns lastet, bis nach Golgatha tragen - das erscheint mir als das eigentliche
Loos des Menschensohnes!
    Der Doctor ging ein paar Mal mit raschen Schritten in dem Gemache auf und
ab, dann blieb er vor Oswald stehen, streckte ihm mit herzgewinnender
Freundlichkeit die Hand entgegen und sagte: Verzeihen Sie mir, wenn ich Sie
durch dies oder jenes Wort, das vielleicht weniger berlegt war, gekrnkt haben
sollte. Aber ich gerathe jedesmal in Aufregung, wenn ich eine hohe Intelligenz
feiern, oder in einer falschen Richtung thtig sehe. Das erste ist die Snde
gegen den heiligen Geist, die unserer Snden grte ist, die zweite ist nicht
ganz so gro, aber kommt jener fast gleich. Von jener spreche ich Sie los,
dieser erklre ich Sie fr schuldig. Sie wissen, wie ich ber Ihre Stellung hier
schon neulich dachte: jetzt, nachdem ich Sie zum ersten Male in dem Kreise
selbst gesehen habe, finde ich das Verhltni noch viel bedenklicher. Geben Sie
es auf, ehe es zu spt ist! Es mag eine entsetzliche Indiscretion sein, da ich
mir erlaube, so zu Ihnen zu sprechen; aber Sie wissen, wir Aerzte haben einmal
das Recht, indiscret zu sein. Sind Sie mir bs?
    Ich wre der lcherlichste Narr, wenn ich es wre, antwortete Oswald. Im
Gegentheil, ich bin Ihnen dankbar, da Sie mir eine Theilname zeigen, die ich
sogar nicht verdient zu haben mir bewut bin. Aber ich glaube, Sie sehen die
Dinge ein wenig zu schwarz -
    Blos zu schwarz? sagte der Doctor lachend; ich sehe sie weder grau noch
schwarz, ich sehe sie gar nicht; ich bin blind, stockblind auf beiden Augen.
Adieu, mon cher, adieu. Wenn Sie sich ber kurz oder lang nicht mehr so
kerngesund fhlen sollten, wie zu dieser Stunde - so schicken Sie nur zu mir!
Sie sollen sehen, da ich nicht nur ein Arzt fr die Gesunden bin, sondern auch
fr die Kranken.
    Mit diesen Worten eilte der Doctor zur Thr hinaus, und einen Augenblick
spter hrte Oswald das Knirschen der Rder seines Wagens auf dem Kies vor dem
Portale.

                           Einundvierzigstes Capitel


Da der Rath des Doctors vortrefflich sei, konnte Oswald um so weniger entgehen,
als er noch vor kurzer Zeit ber seine schiefe und ganz unhaltbare Situation in
der Grenwitz'schen Familie nicht viel anders gedacht hatte. Aber einen Ausweg
aus diesem Labyrinth vermochte er nicht zu entdecken; wenigstens nicht fr den
Augenblick. Er hatte in der letzten Zeit ber seine Liebe zu Melitta alles
Andere vergessen und an eine Vernderung, die ihn sofort von der Geliebten
entfernen mute, dachte er nicht, ja die Mglichkeit einer solchen hatte er
immer als das grte Unglck angesehen. Und auch jetzt, wo durch Melitta's Reise
und durch den wahrscheinlichen Tod des Herrn von Berkow die Gegenwart und die
Zukunft gleich dunkel und verworren schienen, konnte er sich unmglich ber
einen Punkt entscheiden, der fr Melitta nicht weniger wichtig war, als fr ihn
selbst. Und dann, ganz abgesehen von seinem Verhltni zu Melitta, hatte er so
gar keinen stichhaltigen Grund, die Stellung, zu der er sich auf mehrere Jahre
verpflichtet hatte, aufzugeben, da er einen Bruch htte gewaltsam herbeifhren
mssen. Ein solcher kecker Schritt aber wrde zu jeder Zeit fr Oswald's Natur
etwas Peinliches und Widerliches gehabt haben, und jetzt, wo die Baronin, gegen
die er sich doch in einem solchen Falle wenden mute, offenbar bemht war, mit
ihm, ebenso, wie mit aller Welt, in Frieden und Freundschaft zu leben, fehlte es
ihm sogar an dem Allerwichtigsten, an einem Gegner, welcher den von ihm
hingeschleuderten Fehdehandschuh htte aufnehmen knnen und mgen.
    Ueberdies hatte er noch ganz krzlich der Baronin den Gang des Unterrichts
der Knaben bis zu der Zeit, wo er mit ihnen die projectirte groe Reise durch
England, Frankreich, die Schweiz, Italien, vielleicht auch Aegypten antreten
wrde, ausfhrlich geschildert, mit einem warmen Interesse, das, wenn es seine
Absicht war, die Ausfhrung dieses Planes einem Andern zu berlassen, mindestens
unerklrlich schien. Auch auf den Wunsch der Baronin, mit Frulein Helene die
durch ihren Fortgang von der Pension unterbrochenen Studien wieder aufzunehmen,
war er bereitwilligst eingegangen; und morgen schon sollten diese Lectionen, an
denen auch die lernlustige Baronin manchmal theilzunehmen versprach, ihren
Anfang nehmen.
    Und abgesehen von dem Allen, so htte er doch, ging er von Grenwitz fort,
auch Bruno verlassen mssen, Bruno, den er brderlich liebte, dessen glnzende
Fhigkeiten zu entwickeln ihm eine so kstliche Aufgabe duchte, den in die
Wissenschaft und hernach in das Leben einzufhren, bisher einer seiner liebsten
Wnsche gewesen war!
    Die kurze Reise schien, wie auf Alle, so auch auf Bruno, einen sehr
wohlthtigen Einflu gehabt zu haben. Er hatte viel von seinem trotzig dstern
Wesen abgelegt; er suchte jetzt die Gesellschaft, die er frher im Verein mit
Oswald gemieden hatte, und gab auch Oswald gute Worte, an Spaziergngen und an
andern gemeinsamen Vergngungen Theil zu nehmen. Er ahnte nicht, da Oswald ihm
durchaus kein groes Opfer brachte, wenn er diesen Bitten nachgab, ja, da
dieser sich nur zum Schein bitten lie, um vor sich selbst die Inconsequenz,
deren er sich in dieser Beziehung schuldig machte, zu beschnigen. Bruno, von
Oswald mit seinem Interesse an Dingen und Personen, die ihm sonst gleichgltig
oder verhat gewesen waren, geneckt, sagte, er wisse nicht, was mit einem Male
ber ihn gekommen sei; ihm sei zu Muthe, wie einem Vogel, der, aus seinem Kfig
entflogen, die Freiheit wieder erlangt habe; wie einer Blume, wenn nach Sturm
und Regen die Sonne wieder scheine. Und wirklich, Bruno war munter wie ein Vogel
und, in dieser seiner Munterkeit, schn wie eine Blume, die eben dem Lichte den
vollen Kelch erschliet. Es war unmglich, den herrlichen Knaben nicht zu
bewundern: seine Freundlichkeit war eben so hinreiend liebenswrdig, wie sein
Trotz abstoend und oft geradezu beleidigend war. Alle waren miteinander darber
einig, da eine merkwrdige Vernderung mit Bruno vorgegangen sei; was aber
diese Vernderung hervorgebracht hatte - das wute, das ahnte Keiner.
    Dennoch htte der Grund derselben einem scharfsinnigen Beobachter nicht
entgehen knnen, und wrde auch wohl Oswald nicht entgangen sein, wenn er mit
seinen eigenen Herzensangelegenheiten nicht so vollauf beschftigt gewesen wre.
Schon die Unterhaltung mit Bruno am ersten Abend htte ihm einen Aufschlu geben
mssen. Wie Helene's Name dort wieder und immer wiederkehrte, so lie sich jetzt
Alles, was der Knabe sagte und that, schlielich auf Helene zurckbeziehen,
obgleich er allerdings, dem Vogel gleich, der durch Hin- und Herflattern den
Verfolger von seinem Nest fortzulocken sucht, sorgfltig darauf bedacht war,
Andere vorzuschieben und sich fr Helene gerade am wenigsten zu interessiren
schien. Was ist nur mit dem Knaben? fragten sich die Andern, wenn sie sahen, wie
seine dunkeln Augen leuchteten, wie stolz und khn seine Haltung, wie elastisch
sein Schritt war; wenn sie seine Stimme hrten, die bald so weich war, wie
ferner Gesang, bald in der Aufregung des Spiels, oder wenn sonst etwas seine
Energie herausforderte, klar und scharf und machtvoll wie Drommetenton.
    Und wenn es wirklich manchmal schien, als ob Bruno nur seiner schnen
Cousine zu Liebe dem Einsiedlerleben entsagt habe, so konnte dies um so weniger
auffallen, als Alle mehr oder weniger seit der Reise sich verndert hatten, und
Alle mehr oder weniger dem neu aufgegangenen glnzenden Stern huldigten. Oder
weshalb war die Baronin jetzt ganz Freundlichkeit und Gte? Weshalb erschien sie
bei Tisch jetzt stets mit einem lchelnden Gesicht und bemhte sich, die
Unterhaltung whrend der Mahlzeit nicht in's Stocken gerathen zu lassen? weshalb
lie der Baron, zum groen Aerger des schweigsamen Kutschers, sobald nur der
Wunsch ausgesprochen war, diesen oder jenen weiter gelegenen Punkt zu besuchen,
die schwerflligen Braunen anspannen - whrend so Etwas vor der Reise geradezu
ein Ereigni hatte genannt werden mssen? weshalb hatte Herr Timm jetzt zum
ersten Male seinen Frack aus der Ecke des melancholischen Koffers hervorgesucht
und mit dem Frack, wie es schien, eine etwas weniger nachlssige Haltung und
eine etwas weniger burschikose Sprache? Weshalb klang der Ton von Mademoiselle
Marguerite's Stimme jetzt etwas weniger scharf, wie sonst? und weshalb hatte sie
sich gerade jetzt darauf besonnen, da sie ein paar recht hbsche seidene
Schleifen besitze, die schon seit Jahren in ihrer Commode mig gelegen hatten?
weshalb gab sich jetzt selbst Malte beim Reifenspiel Mhe, die Spielregeln zu
beobachten und den ihm zugeschleuderten Reifen womglich aufzufangen?
    Ob Frulein Helene wute, da sie die Ursache aller dieser groen und
kleinen Vernderungen war? Es war sehr schwer, zu sagen, ob Frulein Helene
etwas bemerkt hatte oder nicht; ja, ob sie sich ber etwas freute oder nicht; ob
sie heiter war oder nicht; ob Jemand in der Gesellschaft fr sie vorhanden war
oder nicht. Ihre stolze ruhige Miene vernderte sich sehr selten, und das
Lcheln, zu dem sie sich gelegentlich herablie, war, obgleich auerordentlich
reizend, doch so flchtig, da man nicht wohl den Antheil, den ihr Herz etwa
dabei hatte, bestimmen konnte. Sie war gegen ihre Eltern ganz die gehorsame,
aufmerksame Tochter, gegen ihren Bruder die ltere Schwester, die, wenn sie die
Schwchen des Bruders schonen soll, auch ihrerseits respectirt zu werden
wnscht; gegen Mademoiselle Marguerite ganz die freundliche Herrin, die sich in
jedem Augenblicke des Unterschiedes der Stellung bewut bleibt; gegen Oswald und
Albert ganz die vornehme junge Dame, welche von der Pension her noch sehr gut
wei, wie tief die Verbeugung vor Herren in niedrigen Lebensstellungen sein mu,
und nur fr Bruno schien sie eine herzliche Zuneigung zu haben, nur ihm
gegenber lie sie ein wenig von der ruhig vornehmen Haltung nach, die sie im
Uebrigen so wenig ablegen zu knnen schien, wie die dunkle Farbe ihres reichen
Haares, oder den tiefen Glanz ihrer groen grauschwarzen Augen.
    Aber wenn selbst die Baronin sich gegen ihren Gemahl ber Helene's fast
allzu schroffes Wesen beklagte, wenn sie die Bemerkung machte, die lange
Abwesenheit scheine denn doch Helene ihrer Familie etwas entfremdet zu haben, so
war dies freilich nur zu wahr, aber die Schuld daran traf weniger die junge
Dame, als die Baronin selbst. Sie war es gewesen, auf deren Wunsch Helene so
lange Jahre fern von ihrem elterlichen Hause gewesen war; sie hatte dem
schwachen Gemahl, wenn er sich nach der geliebten Tochter sehnte,
auseinandergesetzt, wie vortheilhaft fr die uere und innere Bildung einer
jungen Dame es sei, wenn sie so frh wie mglich in die strenge Schule eines
Musterpensionats komme und so lange wie mglich dort bleibe; sie hatte schon
vorher, wenn die Kleine sich liebevoll an sie schmiegen wollte, nur eine kalte
Miene und ein paar khle franzsische Redensarten fr sie gehabt, bis das Kind,
grer geworden, die Hoffnungslosigkeit des Versuchs, einen Weg zum Mutterherzen
zu finden, einsah und sie fortan mit Liebkosungen, die nicht erwidert wurden,
verschonte. Die arme Kleine mute das Unrecht, kein Knabe zu sein und nichts zur
Sicherung des Majorats in der Familie thun zu knnen, schwer ben, und sie
htte wohl noch lange, von der Mutter halb vergessen, in der Verbannung leben
knnen, wenn diese nicht endlich auf den Gedanken gekommen wre, ob Helene durch
eine Heirath mit ihrem Cousin Felix, dem Majoratserben der Grenwitz'schen Gter
nach Malte's Tode, nicht doch vielleicht mittelbar zur Erhaltung der Herrschaft
beitragen knne. Da dieser Gedanke sich wrde ausfhren lassen, daran zweifelte
die energische Frau nicht. Felix hatte nicht nur das Projekt hchlichst
gebilligt, sondern schon alle Schritte gethan, die ihm die Baronin als
nothwendige Vorbereitungen zum abzuschlieenden Heirathscontract bezeichnete. Er
hatte seinen Abschied genommen; er hatte die Garnisonsstadt, den Schauplatz
seiner Heldenthaten, verlassen und sich auf seine Gter begeben, vermuthlich, um
sich die Stellen anzusehen, wo einst die schnen Waldungen standen, die er
erbarmungslos hatte umhauen lassen, die dringendsten Glubiger zu befriedigen.
Baron Felix hatte die Gewohnheit, Jedem, der ihm Geld lieh, Alles zu
versprechen, was man verlangte - warum sollte er nicht der Baronin versprechen,
ihre Tochter zu heirathen, wenn sie sich anheischig machte, seine Schulden, die
drckendsten wenigstens, zu bezahlen und ihm zu helfen, die in Grund und Boden
gewirthschafteten Gter wieder nutzbar zu machen? Von dieser Seite sah die
Baronin also nicht das geringste Hinderni der Ausfhrung ihres Projects. Von
Seiten Helene's erwartete sie eben so wenig einen ernstlichen Widerstand, oder
genauer, hatte sie bis zu diesem Augenblick einen solchen nicht erwartet. Sie
hatte vergessen, da sie ihre Tochter drei Jahre lange nicht gesehen, da drei
Jahre viel zu ndern vermgen und aus einem trotzigen, aber doch aus Furcht und
Gewohnheit gehorsamen vierzehnjhrigen Mdchen eine siebenzehnjhrige stolze
junge Dame machen knnen, die unterdessen verlernt hat, vor ihrer Mutter zu
zittern, und unter Leitung einer strengen, aber hochherzigen Erzieherin viel zu
selbststndig geworden ist, um ihren Willen so ohne Weiteres dem eines Andern,
er sei auch, wer er sei, unterzuordnen.
    Dies erkannte die Baronin fast auf den ersten Blick, als sie im
Empfangssaale der Pension ihre Tochter zur Thr hereintreten sah. An der Haltung
der jungen Dame, die ohne Hast, aber auch nicht zu langsam, auf die Mutter
zuschritt, ihr die dargebotene Hand kte und dann einen Schritt zurcktretend,
wie weiterer Befehle gewrtig, in ruhiger Haltung stehen blieb, war sicher
nichts auszusetzen; aber die groen Augen blickten so stolz und gelassen, und
die Worte fielen so gemessen von den ausdrucksvollen Lippen, da die Mutter
fhlte, bei dieser ihrer Tochter, die ihr so fremd erschien, knne sie auf
kindlichen Gehorsam, auf einen Gehorsam aus Liebe, mit Sicherheit nicht rechnen.
Das groe Project, welches sie so ganz fertig im Kopfe trug, erschien ihr
pltzlich in sehr ungewissem Lichte, und die ersten Worte, die sie nach der
Begegnung zu ihrem Gemahl sprach, waren: Ich glaube, lieber Grenwitz, wir werden
in der Heirathsangelegenheit sehr vorsichtig zu Werke gehen mssen. Du wrdest
mich verpflichten, wenn Du mir die Sache vollkommen berlieest. Eine
ungeschickte Einleitung, ja nur eine Andeutung zur unrechten Zeit knnte leicht
Alles verderben. - Der gute alte Mann kam dieser Aufforderung um so lieber nach,
als selbst sein felsenfester Glaube an die Unfehlbarkeit seiner Anna-Maria nicht
im Stande gewesen war, die Bedenken, welche er gegen das Heirathsproject hatte,
gnzlich zu beseitigen.
    Die Baronin sah ein, da, im Falle Cousin Felix vor Helenes Augen keine
Gnade finden sollte - und dieser Fall war zum mindesten nicht unmglich - durch
Einschchterung, durch Gewaltmaregeln nichts ausgerichtet werden knnte, und
da Gte nicht nur der sicherste, sondern auch der einzige Weg sei.
    So war sie denn gtig, nach ihren Begriffen uerst gtig gegen die schne
Tochter, und damit die Andern nicht merkten, worauf dies Alles hinausging, oder
auch nur um in der Uebung zu bleiben, war sie es gegen diese auch.
Seltsamerweise indessen schien gerade die, fr welche diese Gnadensonne
leuchtete, am wenigsten dadurch erwrmt zu werden. Helene vernderte ihre ruhig
abgemessene Haltung, ihr hflich khles Wesen auch nicht im mindesten: die von
der Baronin stets so gerhmte Pension hatte in der Erziehung Frulein Helene's
offenbar ein Meisterstck geliefert.
    Und dennoch war dieses junge Herz, das so kalt, so unzugnglich schien,
warmer Gefhle wohl fhig. Sie hatte, als sie von ihrer Freundinnen und der
hochverehrten Lehrerin Abschied nahm, heie Thrnen geweint, die sie freilich,
als die Mutter eine Bemerkung darber machte, sofort trocknete; sie erwies dem
Vater manche Aufmerksamkeiten, auf welche die bloe Hflichkeit nie verfllt;
sie konnte ein armes Kind nicht blos beschenken, sondern auch an die Hand nehmen
und freundlich mit ihm sprechen. Ihre Freundinnen, deren sie allerdings nur sehr
wenige besa, hatten niemals Ursache gehabt, ber Lieblosigkeit von Seiten
Helene's zu klagen; und die Briefe, die sie von Grenwitz aus nach Hamburg
schrieb, waren der Beweis, da sie wenigstens gegen die, welche sie liebte,
weder kalt noch verschlossen war. So schrieb sie unter Anderem an Mary Burton,
eine junge schne Englnderin, die sie von allen Freundinnen am meisten liebte
und die einen groen Einflu auf sie ausgebt hatte:
    Doch das sind tempi passati, meine gute Mary! Ich mu nun lernen, mich an
der Musik zu ergtzen, ohne sie zusammen mit Dir zu hren, und eine Gesellschaft
ertrglich zu finden, in der ich nicht Deinen holden Augen begegne. Bis jetzt
freilich fehlst Du mir berall, und auch die Andern; bis jetzt halte ich es nur
fr eine Mglichkeit, auch ohne Euch froh sein zu knnen. Glaube indessen nicht,
da man mir hier unfreundlich begegnet! im Gegentheil, ich mu gestehen, da mir
die Meinigen ber all mein Erwarten liebenswrdig entgegen gekommen sind. Von
meinem Vater hatte ich es nicht anders erwartet, aber - Du hast ja die Briefe
meiner Mama gelesen! Du meintest, sie glichen sich, wie eine Schneeflocke der
anderen - auch sie ist viel weniger streng, als ich sie von frher her kannte
und als sie in ihren Briefen erscheint. Sie lt mir alle nur mglichen
Freiheiten; ich kann - was wir uns in der Pension immer als das Hchste dachten
- thun und lassen, was ich will. Meine Zimmer liegen im Erdgescho des alten
Schlosses, dicht ber dem Garten, in welchen aus meinem Salon eine Thr mit ein
paar Stufen hinabfhrt. So lebe ich ganz ungestrt, obgleich ich mit wenigen
Schritten ber die Corridore in die Wohnzimmer gelangen kann. Du weit, ich
frchtete schon, hier nicht meiner groen Leidenschaft, des Abends spt, wenn
Alles rings um mich her still ist, zu musiciren, folgen zu knnen. So bin ich
dieser Sorge vollkommen berhoben, und ich habe auch schon jeden Abend von
dieser Freiheit den ausgedehntesten Gebrauch gemacht. Ich stre Niemand, es
mten denn einige Herren sein, die ebenfalls in diesem Theile des Schlosses
irgendwo ber mir hausen, und glcklicherweise zur Kategorie derer gehren, die
man in Eurer aufrichtigen Sprache mit dem Ausdruck Nobody bezeichnet. Es sind
nmlich der Hauslehrer, ein gewisser Herr Stein, und ein Geometer, der fr Papa
arbeitet, und den aristokratischen Namen Timm fhrt. Sie knnen beide fr
hbsche Mnner gelten, oder, um ganz aufrichtig zu sein, ich vermuthe fast, da
Du den Herrn Stein handsome and very gentlemanlike indeed finden wrdest; aber
Du brauchst deshalb nicht zu glauben, da sie, oder einer von ihnen, einen
besonderen Eindruck auf mich gemacht htten. Ich habe eine Antipathie gegen
Leute in dergleichen untergeordneten Stellungen wie etwa gegen Kattunkleider und
bhmische Diamanten. Das mag recht gut sein fr Brgermdchen und Gouvernanten,
aber fr uns pat es nicht. Ich sehe die Herren des Mittags, des Abends - im
Uebrigen existiren sie nicht fr mich. Herrn Stein begegne ich auerdem noch
jeden Morgen frh im Garten, denn die Vgel singen hier so dicht unter meinen
Fenstern, da man aufstehen mu, man mag wollen oder nicht. Ich wre diesen
Begegnungen gern berhoben, aber was lt sich thun? Ich kann dem armen
Menschen, der hernach von sieben bis elf den Knaben Unterricht ertheilt, nicht
wohl verbieten, die einzige freie Morgenstunde, die er hat, zu benutzen, und
wenn ich selbst spter ginge, so kme ich wieder um den schnsten Genu; also:
ich mu es mir gefallen lassen - non son' rose senza spine! Uebrigens ist dieser
Stein, trotzdem er nur ein bhmischer Diamant ist, so fein geschliffen, da ihn
ein weniger gebtes Auge leicht mit einem echten verwechseln knnte. Er hat, was
man bei Leuten aus den unteren Stnden so selten findet, viel Haltung und
Selbstbeherrschung. Er hat eine Weise, mit der ruhigsten Miene von der Welt,
Jemand, er sei, wer er sei, eine Schmeichelei oder eine Malice zu sagen, die
wirklich in Erstaunen setzt.
    So sagte er gestern, als wir uns zum dritten Male zur selben Zeit und an
demselben Orte auf dem Walle begegneten und dasselbe Gesprch ber das Wetter
gefhrt hatten, ob wir nicht in Zukunft bis eine Vernderung des Wetters
eintrte, ganz einfach: wie gestern; sagen wollten? Wir wren denn doch nicht
ganz stumm an einander vorber gegangen, was fr Hausgenossen immer etwas
Peinliches habe, und dabei wren doch die Kosten der Conversation beinahe bis
auf Null reducirt, eine Ersparni, die selbst fr den Geistreichsten - hierbei
eine halb ironische Verbeugung - nicht ganz unbedeutend sei. - Das war doch
ziemlich stark; aber wie gesagt, er bringt dergleichen mit so ruhigem Lcheln
vor, da man niemals wei, ob er es im Scherz oder im Ernst sagt. Auch scheinen
Alle, selbst Mama, einen ziemlichen Respect vor ihm zu haben. Zwischen Bruno und
ihm existirt ein ganz eigenthmliches Verhltni, gar nicht wie zwischen Lehrer
und Schler, sondern wie zwischen Freunden, die innigst verbrdert sind, etwa
wie Orest und Pylades; und wirklich, es ist ein reizender Anblick, wenn man sie
Arm in Arm zusammen durch den Garten schlendern sieht. Diese rhrende
Freundschaft hindert indessen Bruno nicht, sich bei jeder Gelegenheit als mein
Ritter zu geriren. Der Junge sieht mir wahrlich an den Augen ab, was ich will
und wnsche; oder vielmehr er ahnt und wei es, ohne da er mich nur anzusehen
braucht. Es ist mir manchmal ordentlich unheimlich dabei. Wenn ich auf dem
Spaziergange denke, Du knntest auch wohl ohne Tuch gehen, sagt Bruno sicher:
soll ich Dir das Tuch ein wenig tragen, Helene? Bei Tisch, wo er neben mir
sitzt, reicht er mir nur, was ich gern habe, anderes lt er vorbergehen und
sagt: das issest Du doch nicht, Helene! Er ist ein lieber Junge, obgleich
eigentlich dieser Name nicht mehr recht auf ihn pat, denn er wird nchstens
sechszehn Jahr, und ist gro und stark und schn, wie ein junger Achill. Ich
glaube, er wrde fr mich durch's Feuer gehen; in's Wasser wenigstens ist er
gestern schon fr mich gesprungen. Wir gingen des Abends auf dem Wall spazieren
und ein pltzlicher Windsto warf meinen runden Strohhut - Du kennst ihn ja - in
den Graben. Mein armer Hut: rief ich. - Willst Du ihn wieder haben? fragte
Bruno. - Ei natrlich, sagte ich, - aber nur im Scherz, denn ich wei, da der
Graben sehr tief ist und an dieser Stelle war er noch dazu wohl zwanzig Schritt
breit, und der Hut schwamm mitten drauf. Aber Bruno war mit zwei Sprngen den
Wall hinab und in's Wasser hinein. Ich war wirklich erschrocken und ich glaube,
ich stie sogar einen leichten Schrei aus. Beruhigen Sie sich, sagte Herr Stein
- auerdem war glcklicherweise Niemand zugegen - Bruno schwimmt wie ein
Neufoundlnder, und selbst wenn er nicht wieder herauskme, so ist er ritterlich
im Dienste der Damen gestorben. Das ist immer ein Trost. - Glcklicherweise kam
Bruno nach ein oder zwei ngstlichen Minuten wieder an's Land geschwommen, und
Herr Stein half ihm beim Heraussteigen, dann gingen sie Beide lachend von dannen
und lieen mich mit dem nassen Hut in der Hand - ein rhrendes Bild - ganz
allein stehen. - Uebrigens scheint mir Herr Stein doch bel genommen zu haben,
da ich seinen Liebling in diese Gefahr brachte. Wenigstens ist er heute Morgen
nicht auf der Promenade erschienen, bei Tische sehr einsilbig gewesen und hat
die Literaturstunde, die er mir wchentlich zweimal giebt, absagen lassen, weil
er Kopfschmerz habe, was ihn freilich, wie ich von meiner Stube aus beobachten
kann, nicht hindert, in der glhenden Nachmittagssonne drauen im Garten mit
unbedecktem Haupt eine halbe Stunde lang, die Arme untereinander geschlagen, auf
einem Fleck zu stehen und in das Wasserbecken eines Brunnens zu starren, von dem
eine Najade aus Sandstein lchelnd auf ihn herabschaut - es ist ein wunderlicher
Heiliger.

                           Zweiundvierzigstes Capitel


Es war an dem Abend desselben Tages, an welchem Helene von ihrem Schreibtische
aus Oswald am Brunnen der Najade beobachtete, da in einem Zimmer des
Kurhauses in Fichtenau, berhmt durch Doctor Birkenhain's groe Heilanstalt
fr Geisteskranke, zwei Personen, eine Dame und ein Herr, in der Nhe der
geffneten Balkonthr saen. Es dmmerte bereits; Kurgste kamen bestubt von
ihrer Nachmittags-Promenade zurck, von Zeit zu Zeit rollte eine elegante
Kutsche vorber, in welcher, vornehm in die schwellenden Kissen gedrckt, schn
geschmckte Frauen saen. Dann wurde es stiller auf der Strae; drben ber den
Grten schimmerte der Abendstern aus dem safranfarbenen Himmel. Die Dame in der
Thr des Balkons hatte die Augen auf den Stern gerichtet, der Herr, der tiefer
im Zimmer sa, die seinen auf das Antlitz der Dame. Die Beiden hatten seit einer
halben Stunde kaum ein Wort gesprochen; jetzt stand der Herr auf, trat nahe an
den Stuhl der Dame und sagte leise:
    Ich will fort, Melitta!
    Wann kommen Sie morgen wieder?
    Ich komme morgen nicht wieder; ich will fort von Fichtenau, heute Abend
noch.
    Melitta stand auf und blickte, sich fr einen Augenblick auf das Gelnder
des Balkons lehnend, in die schon dunkle Strae hinab. Dann trat sie wieder in
das Zimmer zurck und sagte:
    Reisen Sie direkt nach Cona zurck?
    Nein, ich will die Zeit, die mir noch bleibt, zu einer kleinen Reise
benutzen; vielleicht komme ich wieder ber Fichtenau.
    So lassen Sie mir die Czika bis dahin; es soll ein Pfand sein, da Sie
hierher zurckkommen.
    Wnschen Sie es, Melitta?
    Sie sind wieder einmal sehr gut gegen mich gewesen.
    Also bloe Dankbarkeit?
    Und - Freundschaft.
    Leben Sie wohl, Melitta!
    Reisen Sie glcklich, Oldenburg!
    Der Baron ging mit langsamen Schritten nach der Thr; dort angelangt, blieb
er stehen, dann kam er noch einmal zurck und sagte:
    Haben Sie immer geglaubt, da ich Ihr Freund sei, Melitta?
    Ja.
    Haben Sie je geglaubt, da ich Sie liebe?
    Melitta schwieg.
    Nie? zu keiner Zeit? fragte der Baron mit dumpfer Stimme.
    Lassen Sie das Vergangene vergangen sein!
    Nein, Melitta, lassen Sie uns davon sprechen. Ich finde ja eine Gelegenheit
wie diese vielleicht nicht zum zweiten Mal im Leben wieder; nein, nein! Denn das
alte gute Verhltni zwischen uns ist todt, seitdem ich unsinnig genug war,
Ihnen zu zeigen, da ich Sie liebte - und ber diesen Schlund, der da zwischen
uns aufklaffte, giebt es keine Brcke. Fr den Augenblick hat uns die Noth
zusammengefhrt, oder, wenn Sie lieber wollen: mein alter Aberglaube, ich msse
zu Ihnen eilen, an Ihrer Seite stehen, wo und wann Sie in Noth, in Bedrngni
irgend welcher Art sind; sobald ich aus diesem Zimmer gehe, sind wir uns wieder
Fremde. Melitta, um unserer alten Freundschaft willen, bei der Erinnerung an die
gemeinsam verlebte selige Jugendzeit, sagen Sie mir, haben Sie nie geglaubt, da
ich Sie liebe?
    Ich wei es nicht -
    Das ist hart, sagte der Baron leise; das ist hart. Er lie sich auf einen
Stuhl sinken, sttzte den Arm auf die Lehne und verbarg sein Gesicht in der
Hand.
    Und wenn ich nicht an Ihre Liebe glaube, sagte Melitta, wer ist denn schuld
daran? wer hatte die Scene im Garten der Villa Serra di Falco arrangirt? ich
oder Sie?
    Wie? sagte der Baron sich emporrichtend, sind Sie wirklich ein solcher
Neuling in der Liebe, da ich Ihnen in allem Ernst die Erklrung zu dieser Farce
geben mu? Glauben Sie wirklich, da ich - dem doch sonst so leicht nichts
entgeht - Sie nicht schon lnger hinter den Myrthengebschen bemerkt hatte, ehe
ich zu Hortense's Fen sank, und die Sonne, obgleich sie untergegangen war, und
der Mond, obgleich er nicht schien, und die Sterne, die es besser wuten, zu
Zeugen meiner heien Liebe anrief? das htten Sie auch nur einen Augenblick fr
Ernst gehalten?
    Was war es denn?
    Eine Allegorie. Ich wollte Ihnen zeigen: sieh! dies bleibt mir brig, wenn
Du meine Liebe verschmhst! Du zwingst mich, der ich immerdar vor einer Heiligen
anbeten mchte, in den Armen einer Buhlerin Vergessenheit zu suchen. Melitta,
Melitta, gestehe es! Du wutest recht gut, da dies eine Farce war; aber es war
Dir bequem, sie fr Ernst zu nehmen. Du wolltest von mir befreit sein, selbst um
den Preis - eines Miverstndnisses!
    Und wenn dies mein Wille gewesen wre? - und ich will annehmen, es war mein
Wille - ist es nicht des Mannes Pflicht, den Willen einer Frau, noch dazu einer
Frau, die er liebt, zu ehren?
    Habe ich es nicht gethan? bin ich nicht noch in derselben Nacht auf ein
Wort, ja auf einen Wink hin, abgereist, bin ich nicht drei lange Jahre wie
Ahasver ruhelos durch alle Lande geirrt, und habe ich, als ich dann endlich
zurckkehrte - zurckkehrte, weil mir eine Ahnung sagte, da Dir ein Unglck
bevorstnde - nicht jede Gelegenheit, mit Dir zusammenzutreffen, sorgfltig
vermieden? war es mein Wille, da ich Dich auf dem Balle in Barnewitz traf? ist
es mein Wunsch gewesen, der uns hier zusammenfhrte? Nein, Melitta, Du kannst
nicht ber mich klagen. Ich habe meine Liebe zu Dir lange, lange Jahre - denn
ich liebe Dich, seitdem ich denken kann, seitdem ich wei, da
Nachtigallengesang und Sonnenschein und Wogenrauschen kstlich sind - tief
versteckt im Herzen getragen; und wenn ich einen Augenblick thricht genug war,
die Hoffnungslosigkeit dieser Leidenschaft zu vergessen, so habe ich diese
Thorheit schwer genug gebt. Wute ich doch schon als Knabe, da Du Dein Pferd
und Deinen Hund lieber hattest, als mich; und doch zwang ich den schwer
verletzten Stolz, und doch demthigte ich mich wieder und immer wieder vor Dir;
ich, der ich nie in meinem Leben eine Bitte ber die Lippen bringen konnte!
    Der Baron war aufgesprungen und setzte seine ruhelose Wanderung durch das
Zimmer eine Zeit lang schweigend fort, dann blieb er abermals vor Melitta stehen
und sagte:
    Ich habe mich noch tiefer gedemthigt. Ich habe gesehen, da das Weib, nach
dem sich meine Seele sehnt, wie der Gekruzigte nach einem Labetrunk, von einem
Andern geliebt wird; habe gesehen, da sie diesen Andern wieder liebt mit jener
Liebe, um die ich Gott auf meinen Knieen tausend und tausendmal mit heien
Thrnen gebeten habe - und habe nicht mit der Wimper gezuckt; ich habe der
Schlange Eifersucht den Kopf zertreten - ja, und mehr! ich habe redlich
versucht, diesen Glcklichen nicht zu hassen, ich bin ihm entgegengekommen mit
Gru und Handschlag, ich habe mir sein Vertrauen, seine Liebe zu erwerben
gesucht, nicht, um zum Verrther an ihm und an Dir zu werden, sondern weil ich
fhlte, da mir Dein Glck theurer war, als Alles, und da der, welchen Du
liebtest, auch von mir geliebt werden oder von meiner Hand sterben msse.
    Sie sind frchterlich, Oldenburg! rief Melitta, sich halb vom Stuhle
erhebend; soll denn nicht der geheimste Winkel meines Herzens vor Ihnen
verborgen bleiben?
    Ich bin nicht frchterlich, sagte der Baron; ich bin nur unbequem; das ist
das Recht des Freundes. Glaube nicht, da ich mich auf krummem Wege in Dein
Geheimni gestohlen habe! Ich habe nur die Augen nicht geschlossen, das ist
Alles. Oder glaubst Du, man lerne nicht zuletzt die leiseste Regung in einem
Gesicht verstehen, das man stets im Wachen und ach, wie oft im Traume! vor sich
sieht? Und dann, wenn man die Hoffnung, je geliebt zu werden, aufgegeben hat, so
will man wenigstens die Ueberzeugung haben, da derjenige, welchem dieses Glck
zu Theil wird, auch kein Unwrdiger ist.
    Oldenburg!
    Er ist kein Unwrdiger, aber - ich bin Dein Freund, Melitta! Deiner wrdig
ist er nicht. Er hat viele groe und schne Eigenschaften, ich wei es wohl;
aber sein Charakter ist noch nicht im dreimal heiligen Feuer des Unglcks
gesthlt, und so wei er auch das Glck noch nicht zu schtzen. Er hat eine
unendliche Empfnglichkeit fr Alles, was schn und anmuthig ist, und deshalb
betet er Dich an; aber, weil er seiner Natur nach eben fr Alles empfnglich
ist, wird es ihm unendlich schwer, nicht ber dem Anmuthigeren und Schneren das
Schne und Anmuthige zu vergessen; das heit: treu zu sein. Er ist ein Dichter,
und des Dichters Liebe ist das Ideal. Er wird das kstlichste Gef bei Seite
schieben, weil sein feines Auge doch irgendwo einen Flecken daran bemerkt hat;
er wird Alles, was ihm die Erde bietet, gierig ergreifen und verchtlich wieder
fortwerfen, weil es eben irdisch, weil es, und wre es noch so himmlisch, doch
immer mit einem Erdenrest behaftet ist.
    Sie sagen mir nichts, Oldenburg, was ich mir nicht schon hundert und
tausendmal selbst gesagt htte.
    Ich wei es. Die Beurtheilung solcher Naturen kann Ihnen nicht schwer
werden, denn auch Sie sind diesem Dmon unterthan. Aber Sie sind ein Weib, und
ber Euch hat der Dmon nicht, wie ber uns, unbedingte Gewalt. Ihr, und wenn
ihr Euch auch noch so sehr strubt, lat Euch zuletzt doch in der Liebe Fesseln
schlagen und seid stolz auf diese Fesseln; der Mann, und wenn er im Anfang noch
so sehr mit dem neuen Schmucke prunkt, schleudert ihn zuletzt doch von sich. Und
so wird es geschehen.
    Nein, nein!
    Ja, Melitta; es wird geschehen und das ist das Unglck, das ich ber Deinem
theuren Haupte wie eine finstre Wetterwolke schweben sah. Glaube es mir, der
Schlag wird ber kurz oder lang auf Dich niederschmettern, und wenn Du dann
zerschmettert am Boden liegst und nicht mehr leben magst und doch nicht sterben
kannst - dann, Melitta, dann vielleicht wirst Du die Qualen begreifen, die ich
erduldet; dann wirst Du mir im Herzen das Unrecht abbitten, das Du mir gethan!
Wollte Gott, Du kmest nie zu dieser Erkenntni! Der Preis ist ungeheuer! aber
Du wirst ihn bezahlen mssen. Leb' wohl, Melitta! verzeihe, da ich Dir weh
gethan habe; es wird nicht wieder geschehen: es ist das erste, und es ist das
letzte Mal, da ich so zu Dir geredet. Leb' wohl, Melitta!
    Melitta hatte das Gesicht in die Hnde gedrckt; bei der Dmmerung, die in
dem Gemache herrschte, waren nur noch eben die Umrisse ihrer Gestalt zu
erkennen. - - Sie wollte oder konnte nicht antworten.
    Gott segne Dich, Melitta! sagte der Baron, und die Stimme des stolzen Mannes
klang weich und mild wie eines Vaters Stimme.
    Als Melitta die Thr sich hinter ihm schlieen hrte, sprang sie von dem
Stuhle auf, und that rasch einige Schritte, als wollte sie ihn zurckrufen. Aber
mitten im Zimmer blieb sie wieder stehen.
    Nein, nein! murmelte sie, es ist besser so, ich darf ihm keinen Schimmer von
Hoffnung lassen.
    Sie ging langsam zu ihrem Stuhl zurck. Sie setzte sich wieder, sie bedeckte
das Gesicht wieder mit den Hnden. Und nun brachen die lange zurckgehaltenen
Thrnen in Strmen aus ihren Augen. Ich wei es ja, da es so kommen wird;
murmelte sie; aber weshalb den kurzen Traum des Glcks so grausam stren.

                           Dreiundvierzigstes Capitel


Der Postbote, welcher am Abend den Brief Helene's nach der Stadt trug, war am
Morgen desselben Tages schon einmal dagewesen. Er hatte Oswald ein Schreiben aus
Grnwald von einem seiner dortigen Bekannten gebracht, der auch zu gleicher
einer von den Wenigen war, mit dem Professor Berger in einem intimiren
Verhltnisse stand. Der Bekannte, ein Docent an der Universitt, schrieb Oswald,
da er ihm die schleunige Nachricht von einem Ereignisse schuldig zu sein
glaubte, das seit gestern Nachmittag die ganze Stadt in die grte Bestrzung
versetzt habe. Professor Berger sei ganz pltzlich, zum wenigsten ohne da
irgend Jemand eine Ahnung von seiner Krankheit gehabt habe, wahnsinnig geworden.
Er sei um vier Uhr, wie gewhnlich, in seine Vorlesung ber Logik gekommen, habe
angefangen zu dociren, scharfsinnig, geistreich, wie immer. Dann htte seine
Rede begonnen, verworren und immer verworrener zu werden, so da ein Student
nach dem andern die Feder niedergelegt und den Nachbar voll Verwunderung und
Schrecken angestarrt habe. Wissen Sie, meine Herren, habe Berger gerufen, was
der Jngling von Sais erblickte, als er den Schleier hob, der das groe
Geheimni barg, - das groe Geheimni, welches der Schlssel sein sollte zu den
verworrenen Rthseln des Lebens? Sehen Sie, meine Herren, hier nehme ich meinen
Kopf auseinander, die eine Hlfte in diese, die andere in jene Hand - was
erblicken Sie in dem Kopfe des berhmten Professor Berger, zu dessen Fen Sie
sitzen, seinen weisen Worten zu lauschen, und sie mit abscheulich kritzelnden
Federn in Ihre langweiligen Hefte zu schreiben? was erblicken Sie? - genau
dasselbe, was der Jngling von Sais erblickte, als er den Schleier von der
Wahrheit hob: Nichts! absolut nichts, nichts fr sich, nichts an sich, an und
fr sich: nichts! und da dieses hohle, de Nichts des Pudels Kern sei, da all
unser bestes Streben nichts sei, wir unser Herzblut an nichts und wieder nichts
setzen, sehen Sie, meine Herren, das hat den Jngling von Sais toll gemacht, das
hat mich verrckt gemacht, und wird auch Sie um den Verstand bringen, wenn Sie
irgend welchen aus Ihren Spatzenkpfen zu verlieren haben. Und nun, meine
Herren, machen Sie Ihre dummen Hefte zu, damit das abscheuliche Kritzeln endlich
einmal aufhrt und stimmen Sie mit mir in das tiefsinnige und erhebende Lied
ein; O, da sitzt 'ne Flieg' an der Wand! Berger habe darauf mit lauter Stimme,
und das Katheder mit den Fusten bearbeitend, angefangen zu singen, sei dann im
Auditorium an den Wnden entlang gelaufen, nach imaginren Fliegen haschend,
habe dann jedesmal die Hand geffnet, hineingeschaut und triumphirend gerufen:
Nichts, meine Herren, sehen Sie, nichts und wieder nichts!
    Der Bekannte schlo den Brief mit der Mittheilung, da Professor Berger
sogleich am folgenden Tage auf den Rath seiner Aerzte nach Fichtenau in die
berhmte Heilanstalt des Doctor Birkenhain transportirt sei; er habe Alles
gutwillig mit sich geschehen lassen, nachdem man ihm vorgeredet: man wolle ihm
das groe Ur-Nichts zeigen.
    Oswald war durch den Inhalt dieses Briefes tief erschttert. Er hatte in
Berger seinen Freund geliebt und geehrt; er hatte sich des wunderlichen Mannes
Liebe in hohem Grade erworben; er hatte tiefere Blicke, als wohl irgend Jemand
sonst, in diesen reichen Geist gethan. Wie oft hatte er dem Auerordentlichem
mit entzcktem Schweigen zugehrt, wenn dieser, von einem scharfsinnigen und
genau formulirten Satze ausgehend, pltzlich aus dem Gebiete der Logik in eine
Welt gerieth, die sich ihm nur durch eine hhere Intuition erschlieen konnte,
und nun Traum an Traum und Gesicht an Gesicht reihte, so phantastisch, so
mrchenhaft, aber auch so schn und rein, da Oswald alles Andere darber verga
und leibhaftig in dieser Fata Morgana umherzuwandeln glaubte, bis der Magier mit
einem Worte hhnenden Schmerzes und wilder Verzweiflung die kstliche Spiegelung
versinken lie; Und nun war dieser reiche Geist zerstrt! und diese hohe
Intelligenz in des Wahnsinns de Nacht versunken! - Oswald erschien dies so
ungeheuer, so unfabar, da ihm war, als sei die Welt aus den Fugen gegangen:
als msse jetzt, nachdem diese erhabene Sule gestrzt, Alles in grause Trmmer
zerfallen. Wenn dies geschehen konnte, was war dann noch unmglich? Dann war ja
auch wohl Freundschaft ein Mrchen und Liebe eine Fabel - dann mochte ja auch
wohl etwas mehr hinter dem Zufall zu suchen sein, der ihn heute Morgen den
augenblicklichen Aufenthaltsort Oldenburgs verrieth. - Als Oswald nmlich einen
Blick auf die Aufschriften der Briefe warf, welche der Postbote aus seiner
Tasche genommen hatte und durch die Hand laufen lie, um den fr Oswald
bestimmten herauszusuchen, fiel ihm einer auf, auf welchem die Adresse offenbar
von Oldenburg's hchst eigenthmlicher und schwer mit einer andern zu
verwechselnder Handschrift war. Der Brief war an des Barons Verwalter in Cona
adressirt. Weshalb sollte der Baron nicht an seinen Verwalter schreiben drfen?
Aber Oswald erfuhr zugleich durch den Poststempel den Ort, von welchem aus
dieser Brief abgesandt war; dieser Ort war derselbe, wohin man Berger geschickt
hatte, derselbe, wo Herr von Berkow seit sieben Jahren - und wo Melitta seit
vierzehn Tagen war, das heit, zwei Tage lnger, als die geheimnivolle Reise
Oldenburg's gedauert hatte! In dem ausfhrlichen Briefe Melitta's, den Oswald
vor einigen Tagen durch Baumann erhielt, hatte sie des Barons Anwesenheit mit
keinem Worte erwhnt; Baumann selbst aber mute durch Bemperlein davon
unterrichtet gewesen sein, denn er war in Verlegenheit gerathen, als er die
Personen nannte, die bei dem Besuche, welchen Melitta ihrem sterbenden Gemahl
machte, zugegen gewesen waren. Warum dieses geheimnivolle Wesen bei einem
Manne, der die Gradheit und Offenheit selbst schien? war er dazu beauftragt,
oder hatte er, der die Verhltnisse der Herrin so genau kannte, seine
besonderen, gewichtigen Grnde, die Wahrheit zu verheimlichen?
    Dies waren die schlimmen Gedanken, die durch Oswald's Hirn zogen, als er im
heien Nachmittagssonnenschein barhaupt an dem Brunnen der Najade stand und
bewegungslos in das Wasser starrte, whrend Frulein Helene an ihrem
Schreibtisch Betrachtungen darber anstellte, ob sie selbst vielleicht die
Ursache dieser Verstimmung sei. Ehe sie indessen darber zu einem Resultat
gekommen war, klopfte es an ihre Thr. Das junge Mdchen schlo sofort ihre
Schreibmappe und schien ganz in Lamartine's voyage en Orient vertieft, als sich
auf ihr Herein! die Thr ffnete und die Baronin in's Zimmer trat.
    Stre ich Dich, liebe Helene?
    Durchaus nicht, liebe Mama! sagte das junge Mdchen aufstehend und ihrer
Mutter entgegengehend.
    Du bleibst heut so auergewhnlich lange auf Deinem Zimmer, da ich doch
sehen wollte, was Dich denn so lange fesselte. Lamartine's voyage? nun, ein
recht hbsches Buch, aber ein wenig berspannt, wie mir scheint. Freilich, in
meinen Jahren bekommt man eine etwas andere Ansicht von dem Leben, und so auch
von den Bchern und Menschen. Aber ich freue mich, da Du nicht mig bist, da
Du das Talent hast, Dich zweckmig zu beschftigen. Ich frchtete schon, die
Monotonie unseres Lebens hier wrde doch gar zu sehr von dem muntern Treiben in
der Pension abstechen, und Du wrdest diesen Unterschied schmerzlich empfinden.
Wir knnen Dir hier so wenig bieten! das war immer mein Refrain, wenn der gute
Vater darauf drang, Dich endlich einmal aus der Pension zu nehmen.
    Aber ich versichere Dich, liebe Mama, Du hast Dir ganz unnthige Sorge
meinethalben gemacht, sagte Frulein Helene, die dargebotene Hand der Mutter an
die Lippen ziehend; ich fhle mich hier sehr glcklich, und wie wre das auch
anders mglich! Bin ich nicht im elterlichen Hause, wo mir Alle mit Liebe oder
doch mit Freundlichkeit entgegen kommen? habe ich nicht Alles, was ich nur
wnschen kann? Ich wre wahrlich sehr, sehr undankbar, knnte ich das auch nur
einen Augenblick vergessen.
    Du bist ein gutes, verstndiges Kind, sagte die Baronin, ihre schne Tochter
auf die Stirn kssend, ich werde noch recht viel Freude an Dir erleben. Das ist
meine sichere Hoffnung, wie es mein tgliches Gebet ist. Ach, meine liebe
Tochter, glaube mir, ich bedarf gar sehr dieses Trostes, wenn ich nicht den
vielen Sorgen, die auf mich einstrmen, unterliegen soll.
    Die Baronin hatte sich auf ein kleines Sopha gesetzt; sie schien sehr erregt
und trocknete sich mit dem Taschentuche die nassen Augen.
    Was hast Du, liebe Mama? sagte Frulein Helene mit wirklicher Theilname; ich
bin nur ein unerfahrenes Mdchen, aber wenn Du Vertrauen zu mir haben kannst,
theile Dich mir mit. Wenn ich Dir auch nicht rathen und helfen kann, so vermag
ich doch vielleicht Dich zu trsten, und das wrde mir eine groe Freude
bereiten.
    Liebes Kind, sagte die Baronin, Du bist lange - komm, setze Dich her zu mir
und la uns einmal recht vertraulich mit einander reden - Du bist so lange vom
elterlichen Hause entfernt gewesen und warst noch so jung, als Du es verlieest,
da Du nothwendigerweise von unsern Verhltnissen so gut wie gnzlich
ununterrichtet bist. Du glaubst, wir seien reich, sehr reich; aber es ist
beinahe das Gegentheil der Fall, fr uns Frauen wenigstens. Das ganze groe
Vermgen fllt nach des Vaters Tode - den der allgtige Gott in seiner Gnade
noch recht lange verhten mge - an Deinen Bruder. Mir bleibt, auer einer sehr
geringen Wittwenpension, nichts - und Du, mein armes Kind, gehst gnzlich leer
aus.
    Aber, Mama, ich hrte doch immer, da Stantow und Brwalde dem Vater
gehrten, und da er darber ganz frei verfgen knne?
    Du irrst, mein Kind; die beiden Gter gehren nicht dem Vater. Sie werden
ihm vielleicht einst gehren, wenn sich der eigentliche Erde bis zu einer
gewissen Zeit nicht meldet. Ich kann ber diesen Punkt nicht ausfhrlich sein,
liebes Kind, weil ich dabei gewisse Verhltnisse Deines Onkels Harald berhren
mte, ber die man mit einem jungen Mdchen lieber nicht spricht. Genug, auf
die Gter knnen wir nicht mit Bestimmtheit rechnen. Alles, was uns bleibt, sind
einige tausend Thaler, die Dein Vater und ich bis jetzt von unserer Rente haben
erbrigen knnen.
    Liebe Mama, mache Dir meinethalben keine Sorge, sagte Frulein Helene; ich
bin in Hamburg nicht verwhnt, und der Luxus, mit dem mich hier Deine Liebe
umgeben hat, ist mir etwas ganz Neues. Ich werde auch mit Wenigem zufrieden und
glcklich sein knnen - und dann, der gute Vater ist ja jetzt, Gott sei Dank,
wieder so munter und rstig, hat sich von dem Fieberanfall in Hamburg so
auffallend schnell erholt, da wir uns seiner Liebe und Frsorge gewi noch
recht lange werden erfreuen knnen.
    Das gebe Gott! sagte die Baronin; aber ich frchte, wir mssen uns auf das
Schlimmste gefat machen. Der Vater ist keineswegs so rstig, wie Du glaubst. Er
krnkelt fortwhrend, obgleich er es uns so wenig wie mglich merken lt. Der
Hamburger Arzt schilderte mir des Vaters Zustand als sehr bedenklich. Sollte er
uns entrissen werden, dann wrdest Du leider Gelegenheit erhalten, die
Stichhaltigkeit Deiner Grundstze zu erproben. Aber, mein Kind, Du kennst das
Leben nicht. Es lt sich leicht von Armuth sprechen, wenn man sie nur von
Hrensagen kennt. Ich kenne sie aus Erfahrung; ich war ein armes Mdchen, als
mich Dein Vater heirathete; ich wei, was es heit, ein Kleid wenden und wieder
wenden, weil man kein Geld hat, ein neues zu kaufen; ich wei, welchen
tausendfachen Demthigungen ein armes Mdchen von Adel ausgesetzt ist.
    Es wird anders und besser kommen, als Du denkst, theuerste Mama. Ich wei
nicht, ist es meine Jugend, oder ist es der schne leuchtende Sommertag - ich
kann unsere Lage nicht in dem trben Lichte sehen. Ich werde - Mich mit einem
reichen und wrdigen Mann verheirathen? sagte die Baronin mit einem Lcheln, das
ihr sehr sonderbar stand.
    Aber Mama -
    Ich wei es wohl, da Du etwas Anderes sagen wolltest, meine Tochter. Es ist
ein Scherz von mir, aus dem hoffentlich ein recht erfreulicher Ernst wird. Du
stehst in den Jahren, wo es einem jungen Mdchen wohl erlaubt ist, in Zucht und
Ehren einem solchen Gedanken in ihrem Herzen Raum zu geben. Wohl ihr, wenn sie
ihre Wahl auf einen Wrdigen lenkt, besser noch, wenn sie dieselbe ihren Eltern
berlt, die nur ihr Glck wollen und durch die reiche Erfahrung eines langen
Lebens in diesem Bemhen untersttzt werden.
    Aber Mama, bis dahin hat's noch lange Zeit.
    Sehr wahrscheinlich, mein Kind; indessen man kann nicht wissen, was der
Himmel ber Dich beschlossen hat, ihm mu man in diesen, wie freilich auch in
den andern Dingen des Lebens, Alles anheimstellen. - Aber wer ist nur der Mann,
welcher dort so lange unbeweglich am Baume steht; ich habe meine Lorgnette in
meinem Zimmer gelassen.
    Es ist Herr Stein, Mama; er steht dort schon seit einer halben Stunde
mindestens; ich glaube, er ist festgewachsen.
    Ein wunderlicher Mensch, dieser Stein; sagte die Baronin. Er hat fr mich
geradezu etwas Unheimliches. Es ist schlechterdings unmglich, aus ihm klug zu
werden. Wie gefllt er Dir, liebe Helene?
    Aber, Mama, ich habe wirklich noch nicht darber nachgedacht; und bei
solchen Leuten kann doch von Gefallen oder Mifallen kaum die Rede sein. Ich
dchte, sie wren sich Alle gleich oder wenigstens sind die Unterschiede so
gering, da man sie nicht wohl bemerken kann; - der Eine heit Stein, der andere
Timm - das ist doch im Grunde Alles.
    Du hast Recht, liebe Tochter, sagte die Baronin. Diese Leute sind Statisten,
man sieht sie nur, wenn die handelnden Personen einmal abgetreten sind.
Glcklicherweise kann ich Dir in allernchster Zukunft eine andere und bessere
Gesellschaft versprechen.
    Und die wre?
    Dein Cousin Felix. Ich erhielt so eben einen Brief von ihm - der Postbote
ist noch drauen in der Kche, Du kannst ihm einen Brief mitgeben, wenn Du
vielleicht ein paar Zeilen nach Hamburg schreiben willst - er meldet uns seinen
Besuch auf morgen oder bermorgen an. Aber war das nicht Deines Vaters Stimme?
Adieu, liebes Kind; mache Dich zurecht, wir wollen etwas frher essen und dann
noch eine Visite bei Plgens machen.
    Die Baronin kte ihre Tochter auf die Stirn und verlie das Zimmer.
Frulein Helene holte eilig den auf die Seite geschobenen Brief wieder hervor,
um noch dazu zu schreiben: Mama, die mich soeben verlt, ist doch wirklich sehr
gut und freundlich zu mir. Sie kndigte mir einen Besuch an: Cousin Felix (der
Lieutenant). Es wird wohl durch ihn etwas mehr Leben nach Grenwitz kommen, denn
auf Herrn Stein scheint man nicht mehr rechnen zu knnen. Er steht noch immer am
Brunnen. Adieu, dearest, dearest Mary!

                           Vierundvierzigstes Capitel


Wer sich fr Albert Timm specieller interessirte, konnte bemerken, da diesem
Herrn in den letzten Tagen irgend etwas Besonderes zugestoen sein mute. Zwar
lieen sich der schwarze Frack, den er jetzt bestndig trug, die grere
Sorgfalt, die er auf seine Toilette verwandte, und andere mit seinem ueren
Menschen geschehene Vernderungen fglich durch die Anwesenheit Frulein
Helene's und die gehobenere Stimmung, welche durch dieselbe in die Gesellschaft
auf Schlo Grenwitz gekommen war, erklren, aber wie sollte man den Ernst
deuten, der jetzt hufig auf seiner weien Stirn und in seinen hellen blauen
Augen lag? wie die Schweigsamkeit, zu der er, der sonst keine Minute still sein
konnte, sich oft auf Stunden verurtheilte? wie vor allen Dingen den rastlosen
Flei, mit welchem er jetzt halbe Tage lang ber sein Reibrett gebeugt stand
und zeichnete und tuschte? Allerdings hatte Herr Timm whrend der kurzen
Abwesenheit der Familie nur den harmlosen Freuden eines angenehmen lndlichen
Aufenthaltes gelebt bis zu dem Augenblicke, wo er, von einer pltzlichen
Anwandlung von Flei ergriffen, in die Registratur ging, die alten Flurkarten zu
holen, und bei dieser Gelegenheit ein kleines, mit einem rothseidenen Faden
zusammengebundenes Packet Briefe fand, in deren Lectre er durch das Rollen des
Wagens, welcher die Familie Grenwitz so unverhofft zurckbrachte, gestrt wurde.
Indessen, es war ganz gegen Albert's Natur, ber einen Miggang, dem er sich
lngere oder krzere Zeit hingegeben, Reue zu empfinden; und berdies arbeitete
er so schnell und gewandt, da es ihm ein Kleines war, auch grere Versumnisse
in sehr kurzer Zeit nachzuholen. Die Flurkarten, die neuen oder die alten, waren
es sicher nicht, ber denen er sich den Kopf zerbrach. Davon wrde man sich
berzeugt haben, wenn man an dem Nachmittage einen Blick in sein Zimmer geworfen
htte, das er, sehr gegen seine Gewohnheit, hinter sich abgeschlossen.
    Herr Timm sa auf dem kleinen Sopha in seiner Stube, ein Bein
untergeschlagen, den Kopf in die Hand gesttzt, und aus seiner Cigarre mchtige
Wolken blasend, offenbar in tiefes Nachdenken verloren. Neben ihm auf dem Sopha
lagen die Briefe, die er in dem Repositorium der Registratur gefunden. Es waren
ihrer nicht viele, alle von derselben zierlichen Hand auf ziemlich graues Papier
geschrieben, wie man es noch vor einigen Jahrzehnten ganz allgemein selbst zu
Briefen benutzte. Die Briefe muten wohl dieses Alter haben, denn die Tinte war
ganz vergilbt und konnte so einigermaen das Datum ersetzen, das in smmtlichen
Briefen fehlte.
    Es mu sich etwas mit diesen Briefen anfangen lassen, sagte Albert, leise
mit sich selbst redend, ich wei nur nicht gleich was. Wenn es mir gelnge, die
Antworten dazu zu finden, so mte es doch mit dem Teufel zugehen, wenn ein so
schlauer Kopf, wie der meine, dem groen Geheimni nicht bis in seine
verborgenste Hhle nachsprte. Auf der richtigen Spur, denke ich, bin ich schon
jetzt. Da Mutter und Kind gestorben sein sollten, ist so unwahrscheinlich wie
mglich. Die Marie war allem Anschein nach ein wahres Kernmdel und das bischen
Jammer und Kummer wird ihr das Herz schon nicht gebrochen haben. Das Kind aber
aus dieser wilden Ehe hat sich jedenfalls des legitimen Vorrechts aller
illegitimen Sprlinge, weniger hoch-, als wohlgeboren zu sein, zu erfreuen
gehabt. Die Mutter also, oder das Kind, oder Beide leben noch. Leben sie aber -
und ich wnsche und hoffe es - so wissen sie entweder nichts von dem kostbaren
Codicill zum Testamente des seligen Bruder Lderlich, oder sie sind davon
unterrichtet. In dem letzteren Fall, der nicht sehr wahrscheinlich ist, - denn
vor einer so fetten gebratenen Taube den Mund zu verschlieen, berstiege doch
Alles, was ich von menschlicher Dummheit bis jetzt gehrt und gesehen habe, und
das will sehr viel sagen, - mte man sie zu bestimmen suchen, von ihrem guten
Rechte Gebrauch zu machen; in dem ersten Fall, dem bei weitem
wahrscheinlicheren, mte man ihrer erbarmungswrdigen Unwissenheit freundlichst
zu Hlfe kommen; in jedem Falle - und da liegt der Hase im Pfeffer - mte man
erst wissen, wo sie denn berhaupt zur Zeit sich befinden. Da sie sich in
allzugroer Nhe einen Zufluchtsort gesucht haben sollten, ist nicht wohl
anzunehmen. Denn einmal wrde sie Harald, der jedenfalls kein Mittel unbenutzt
lie und das Geld nicht schonte, nach der Flucht gefunden haben, zweitens
pflegen die Leute bei solchen Gelegenheiten so weit zu laufen, als es irgend
mglich ist, und drittens scheint dieser Monsieur d'Estein ein viel zu schlauer
Fuchs gewesen zu sein, um sich vor dem Lwen, der ihm auf der Fhrte war, nicht
sicher mit seinem Tubchen zu verstecken. Ueberhaupt ist dieser Monsieur eine
sehr irrationale Gre, die sich in meiner Rechnung als ein uerst strender
Factor erweist. Wenn er nicht bald nachher gestorben ist, so hat er jedenfalls
noch viel Unsinn angerichtet, vielleicht gar die kleine Marie geheirathet, das
Kind adoptirt und die Beiden zurck nach Frankreich, oder nach Amerika oder
sonst wohin gefhrt, wo fr mich die Welt mit Brettern zugenagelt ist, und mir
so den ganzen Spa verdorben. Das wre schndlich, denn die Geschichte knnte
wirklich ber alle Begriffe spahaft werden. Ich mchte wohl die Gesichter von
den Beiden sehen, wenn ich vor sie trte und sagte: meine armen Schelme, was
gebt Ihr mir, wenn ich Euch zu einem hbschen Vermgen von einigen
hunderttausend Thlerchen verhelfe? oder auch - und das wre nicht minder
bequem, ja vielleicht ein gut Theil bequemer - wenn ich mich eines schnen
Nachmittags bei der guten Anna-Maria introducirte und sagte: Entschuldigen Sie,
meine Gndigste, wenn ich stre; aber ich habe - unter den Papieren meines
Vaters, der, wie Sie wissen, mit Ihrem verstorbenen Vetter Harald in
Geschftsverbindung stand, gewisse Papiere aufgefunden, die mich in den Stand
gesetzt haben, die rechtmigen Besitzer von Stantow und Brwalde mit Gewiheit
angeben zu knnen. Mein Rechtlichkeitsgefhl und die specielle Verehrung, die
ich fr Sie und Ihr Frulein Tochter empfinde, liegen sich nun sehr bedeutend in
den Haaren. Das erstere befiehlt mir, von meiner Entdeckung den
pflichtschuldigen Gebrauch zu machen, die letztere heit mich, die Sache zu
vertuschen. Wie wr' es, hochverehrte Frau, wenn Sie meiner vollkommen
uneigenntzigen Verehrung mit einigen tausend Thalern, die ich, auf Ehre, sehr
nothwendig brauche, zu Hlfe kmen?
    Dieser Gedanke schien fr Herrn Timm etwas Begeisterndes zu haben. Er sprang
vom Sopha auf, und ging mit raschen Schritten, lebhaft gesticulirend, in seinem
Gemache auf und ab. Das knnte eine wahre Schatzgrube fr mich werden, murmelte
er; ich wollte das stolze Weib ngstigen, da ihre groen grauen Augen noch
einmal so gro wrden; ich wollte ihr Daumschrauben ansetzen und jedesmal, wenn
ich Geld brauchte, die Schraube etwas fester anziehen. Sie wrde Alles und Jedes
thun, ehe sie es auf einen Proze ankommen liee. Dann wre ich so ein Stck von
Herr im Hause: dann knnte ich die Narrenmaske fallen lassen und mich einmal in
meiner wahren Gestalt zeigen. Dann knnte ich bestimmen, wen Frulein Helene
heirathen soll, ja knnte sie selber heirathen, wenn ich wollte, und jedenfalls
der Ankunft meines guten Freundes Felix, die mir die gute Anna-Maria in allem
Vertrauen mittheilte, mit aller Ruhe entgegen sehen. Zwar bin ich auch so nicht
besonders unruhig darber, denn Freund Felix war der wrdige Schler seines
Meisters und schlug die Bolte nicht schlechter als ich, und wenn ihn sein alter
Adel nicht geschtzt htte, so wre es ihm wahrscheinlich nicht besser ergangen.
So freilich kam der Fhndrich Baron Felix von Grenwitz mit einer Warnung davon
und der Fhndrich Albert Timm mute springen. Ich bin doch neugierig auf unser
Wiedersehen. Vielleicht kennt er mich nicht mehr; vielleicht wird er versuchen,
den unbequemen Gast mglichst bald aus dem Hause und sich aus den Augen zu
schaffen. Ha, wie sollte das Blatt sich wenden, wenn diese verdammten Briefe
nicht so frauenzimmermig gerade ber die wichtigsten Punkte flchtig
weghuschten!
    Albert setzte sich wieder auf das Sopha und begann die Briefe, obgleich er
sie jetzt schon so ziemlich auswendig wute, noch einmal der Reihe nach - er
hatte sie sorgfltig numerirt - zu lesen.

Nr. 1. Mein Herr! Ich kenne Sie nicht und wenn Sie derselbe sind, der sich vor
einigen Wochen im Thiergarten so unaufgefordert in die Unterhaltung mischte, die
ich mit meinem Begleiter fhrte und sich von dem letzteren eine so derbe
Zurechtweisung zuzog; derselbe, der mich jetzt allabendlich, wenn ich aus dem
Geschft nach Hause gehe, verfolgt - so werden Sie es begreiflich finden, da
ich sehr wenig Lust verspre, Sie kennen zu lernen. Ich bitte, verschonen Sie
mich mit Ihren Zudringlichkeiten, zu welchen ich vor allem auch Ihre Briefe
rechne. Ich wrde diesen, wie die andern, unbeantwortet gelassen haben, wenn ich
nicht frchtete, durch fortgesetztes Schweigen Ihre Khnheit zu begnstigen.
Sollte es wirklich Mnner geben, welche der directen Bitte einer Frau, und noch
dazu einer unbeschtzten und schutzlosen Frau, wiederstehen knnen?
                                                                 Marie Montbert.

Nr. 2. Mein Herr! Sie scheinen allerdings die Wege zu kennen, durch die man sich
die Verzeihung einer Frau, die man beleidigt hat, gewinnt. - Welches auch die
Motive waren, von denen Sie bei Ihrer Handlung geleitet wurden, - Sie haben viel
Thrnen getrocknet, Sie haben eine ganze Familie von der Verzweiflung gerettet.
Ich selbst konnte nichts mehr fr meine armen Landsleute thun - als nur Gott
bitten, ihnen einen Retter zu senden. Er hat Sie gesandt. Beweisen Sie sich
dieser Gnade wrdig! Bedenken Sie, da, wer Lohn begehrt, seinen Lohn dahin hat,
und lassen Sie nicht Ihre Linke wissen, was Ihre Rechte that.

                             Ihre ergebene Dienerin
                                                                 Marie Montbert.

Nr. 3. Was wissen Sie von dem Schicksal meines Vaters? um Gotteswillen, mein
Herr, spielen Sie nicht mit dem Herzen eines Kindes! Sie wollen von einem Obrist
der groen Armee, in dessen Regiment er den Feldzug nach Ruland mitmachte, ganz
genaue Einzelnheiten ber ihn whrend der Campagne und die nheren Umstnde bei
seinem Tode kurz vor dem Uebergang ber die Beresina erfahren haben. Es klingt
dies Alles so unwahrscheinlich - und doch, woher knnten Sie es wissen, wenn
nicht aus sicherer Quelle? - auch der Name des Obristen, wie ich aus Briefen
meines Vaters an meine Mutter ersehe, stimmt. Ich wei nicht, was ich glauben
soll - aber weshalb mir diese Mittheilungen, die, ich gestehe es, von
unendlichem Werth fr mich sind, nicht in meiner Wohnung - ich will sagen: in
der Wohnung der guten Frau, die bei mir seit langen Jahren Mutterstelle
vertritt? Weshalb dieses geheimnivolle Rendezvous? Weshalb ein Kind, das
Nachricht von dem Tode seines Vaters erwartet, zwingen, einen Schritt zu thun,
den dieser Vater, wenn er lebte, niemals billigen wrde? Ich werde nicht umsonst
an Ihr Herz appeliren; ich wei, da es der Gromuth fhig ist.
    Meine Wohnung ist Marienstrae 21. Wenn Sie die drei engen Treppen nicht
scheuen, so werde ich morgen, Sonntag, zwischen 10 und 12 Uhr zu Ihrem Empfang
bereit sein.

                            Ihre ergebenste Dienerin
                                                                 Marie Montbert.

Nr. 4. Sie bestehen auf dem Rendezvous, das, wie Sie sagen, durchaus kein
geheimnivolles sei, denn es fnde auf offener Strae, an einem der lebhaftesten
Punkte der Stadt und zu einer Zeit, wo die Straen noch von Fugngern
schwrmten, statt. Sie wollen mir die Grnde, die Sie bestimmen, meinen Wunsch,
so schmerzlich es Ihnen auch sei, nicht zu erfllen, selbst sagen, und Sie
schwren mir, ich werde diese Grnde, wenn ich sie erfahren, billigen. Sind Sie
dessen so gewi! - Aber freilich, Sie sind der Geber - ich die Empfngerin - ich
mu mich wohl Ihren Wnschen fgen; da Sie mich tuschen wollten, will ich,
kann ich nicht denken. Sie sind einmal so gromthig gegen Arme und Hlflose
gewesen, Sie knnen das andere Mal gegen ein armes, hlfloses Mdchen nicht so
ungromthig sein.
                                                                            M.M.

Nr. 5. Herr Baron! Nochmals meinen innigsten, herzlichsten Dank! Dank auch fr
die Zartheit, mit welcher Sie Alles eingeleitet hatten! Wie bitter Unrecht habe
ich Ihnen gethan? Aber konnte ich ahnen, da Sie mich dem Herrn Obristen von St.
Cyr selbst bekannt machen wrden? da ich aus dem Munde dieses Veteranen in
meiner geliebten Muttersprache den Heldentod meines Vaters sollte erzhlen
hren? Sie wollten nicht, da der Obrist die Tochter eines Helden, den letzten
Spro einer einst reich begterten, angesehenen Familie in so drftigen
Verhltnissen fnde; Sie wollten mir die Verlegenheit ersparen, den Grafen von
St. Cyr und den Baron von Grenwitz in einer Dachkammer zu empfangen. Sie zogen
es vor, mich als Erzieherin in einer Ihnen nahe verwandten Familie vorzustellen
- und es war am Ende recht und billig, da ich in Ihrer Gesellschaft den kranken
und von der Reise angegriffenen alten Herrn in seinem Hotel aufsuchte. Nochmals
vielen, vielen Dank! auch dafr, da Sie auf dem langen Rckweg vom Hotel bis zu
meiner Wohnung den frischen Schmerz durch ein Schweigen ehrten, das Ihnen bei
Ihrem lebhaften Naturell gewi nicht leicht geworden ist. Wodurch habe ich denn
nur das Interesse, welches Sie an meinem Schicksal nehmen, verdient? Ich bin
doch wahrlich recht unartig und unfreundlich gegen Sie gewesen! Sie fragten mich
zuletzt, ob ich jetzt glaube, da Sie es gut mit mir meinen? Dieser Brief mag
Ihnen darauf Antwort geben. Sie verlassen morgen die Stadt - reisen Sie
glcklich, und lassen Sie sich durch die beifolgende kleine Arbeit - ich habe
sie in dieser Nacht gefertigt - manchmal erinnern an
Ihre
dankbare
Marie Montbert.

Nun ist das Pppchen geknetet und zugerichtet, sagte Albert, der mit einem gar
seltsamen und unheimlichen Eifer - wie ein Beschwrer, der die Recepte eines
Nebenbuhlers in der schwarzen Kunst studirt - die schon mehrmals gelesenen
Briefe wieder las. Dieser Harald, das mu man ihm lassen - war der richtige
Rattenfnger. Ich mchte nur wissen, was fr eine Sorte von Obrist das gewesen
sein mag, der dem dummen Dinge das Mrchen von der Beresina aufband. Vielleicht
der Teufel Oberster, jedenfalls einer seiner Helfershelfer - die Sache mu dem
braven Harald ein schmhliches Geld gekostet haben. Indessen, es wurde
zweckmig verthan, denn in Nr. 6 hat er schon sehr bedeutende Progressen
gemacht.

Nr. 6. Kaum kann ich zu mir selbst kommen! Sie wieder hier um meinetwillen!
hier, weil die Sehnsucht nach mir Ihnen keine Ruhe lie! Mein Gott, mein Gott!
wohin soll dies fhren! Sie sind ein reicher Edelmann - ich bin ein blutarmes
Mdchen, das, mgen meine Ahnen gewesen sein, wer sie wollten - mit seiner Hnde
Arbeit sich das tgliche Brod verdient. Meine Vernunft sagt mir, da aus dem
Allen fr mich nur Unglck ber Unglck erfolgen kann, da ich Sie fliehen mu -
ich wei nicht, was ich Ihnen gestern gesagt, was ich Ihnen versprochen habe -
geben Sie mir mein Wort zurck! Ich kann Sie heute - ich darf Sie nie, nie
wieder sehen. Ich beschwre Sie, reisen Sie wieder ab. Sie mssen es, wenn Sie
mich wirklich lieben. Leben Sie wohl viel tausendmal!
Ihre
Marie.

Was so ein acht Tage Abwesenheit nicht Alles bewirken knnen, sagte Albert, sich
die Cigarre, die ihm in dem Eifer des Lesens ausgegangen war, wieder anzndend,
Ihre Marie! ausgezeichnet! wie sich der biedere Harald wohl in's Fustchen
gelacht haben mag, als er diese thrnenreiche Epistel - denn hier sind noch die
Spuren davon - las. Aber weiter!

Nr. 7. Nehmen Sie den kstlichen Schmuck, den heute ein unbekannter Mann fr
mich abgegeben hat, wieder. Womit habe ich es verdient, da Sie so niedrig von
mir denken? Da ich Sie liebe, liebe, trotzdem meine Vernunft mir deshalb die
entsetzlichsten Vorwrfe macht, Sie wissen es, ich habe es nicht lnger vor
Ihnen verbergen knnen, verbergen wollen; aber weshalb mir nicht wenigstens den
Trost lassen, da diese meine Liebe rein von jedem unedlen Nebengedanken ist!
Diese kostbaren Rubinen, dieses rothe Gold - es brennt in meiner Hand wie
glhende Kohlen - lassen Sie mich, wie Sie mich fanden! Wenn das arme
schmucklose Mdchen Ihre Liebe gewinnen konnte, so sehen Sie ja selbst, da
Armuth und Drftigkeit sich recht gut mit Liebe vertrgt.
                                                                            M.M.

Sehr hbsch gesagt, uerte Albert, diesen Brief zu den andern legend; aber doch
sehr dumm! Armuth und Liebe vertragen sich gerade so gut, wie Wasser und Feuer.
Ich mchte die feurige Liebe kennen, die nicht ausginge, wenn ihr ein Eimer
Armuth ber den Kopf geschttet wird! Pah, das mu ich besser wissen! Ich
glaube, ich wre albern genug, die kleine Marguerite zu heirathen, wenn ich ein
Mann in Amt und Wrden mit vom Staat garantirter guter Bekstigung wre, aber da
ich nichts weiter bin, als ein armer Teufel, mit einem famosen Appetit und
wahrem Patent-Magen, so wre es doch reiner Selbstmord, wollte ich die schon
knapp genug zugemessene tgliche Ration noch mit einem Andern theilen! Liebe!
Unsinn! Liebe ist hchstens ein ganz wnschenswerthes Dessert zum Diner des
Lebens. Ein gutes Diner ohne Dessert - bon! ein Diner mit Dessert - noch besser,
aber ein Dessert ohne Diner! - nun, fr Frauenzimmer mag auch das gengen; aber
mit meiner Constitution vertrgt es sich nicht. Ob die gute Marie, wenn sie noch
lebt, wie ich sehr stark hoffe, jetzt nicht doch manchmal beklagt, da sie die
kostbaren Rubinen und das rothe Gold anderen jungen Damen, die es weniger
verdienten, zugewandt hat? Im nchsten Brief wird die tugendhafte kleine Person
sogar ganz bermthig.

Nr. 8. Sieh, sieh, mein Lieber; also auch eiferschtig knnen Sie sein! wer
htte dem Baron Harald von Grenwitz solche brgerliche Schwche zugetraut! Ich
soll eine andere Wohnung beziehen; weshalb? Damit ich im Winter nicht vor Frost
und im Sommer vor Hitze umkomme; nicht alle Tage ein paar Mal Gefahr laufe, mir
auf den engen, steilen Treppen den Hals zu brechen? bewahre! nur weil die Madame
Schwarz, bei der ich wohne, dem gndigen Herrn nicht gefllt, und weil der
gndige Herr in Erfahrung gebracht hat, da ein junger Franzose, ein Monsieur
d'Estein, mit mir auf demselben Flur wohnt, da ich mit besagtem Monsieur auf
einem vertrauten Fue stehe, ja mit demselben, selbst des Abends spt, Arm in
Arm, auf der Strae gesehen worden bin! Entsetzlich! Aber im Ernst, theuerster
Harald, Sie haben wahrlich keine Ursache, sich zu beklagen. Die Madame Schwarz
ist eine sehr ehrbare, ausgezeichnete Frau, der ich unsglich viel verdanke, und
die, so lange ich denken kann, eine Mutter fr mich gewesen ist; und was
Monsieur d'Estein anbetrifft, so wird Ihre Eifersucht sich wohl wieder schlafen
legen, wenn ich Ihnen sage, da es derselbe kleine, ltliche Herr ist, an dessen
Arm Sie mich zum ersten Mal im Thiergarten sahen. Monsieur d'Estein knnte den
Jahren nach mein Vater sein, wie er denn auch der Freund meines Vaters war. Er
stammt wie wir aus einer Familie franzsischer Refugis und wre wohl schon
lngst in das geliebte Land seiner Vter zurckgekehrt, da er hier gar keine
Verwandte, ja nicht einmal Freunde hat, wenn er nicht frchten mte, dort, wo
alle Welt die Sprache spricht, in der er hier Unterricht ertheilt, Hungers zu
sterben. Er ist sehr wunderlich, aber das bravste Herz von der Welt. Er wrde
fr mich durch's Feuer gehen und au dsespoir sein, wenn er nur die leiseste
Ahnung von unserem Verhltnisse htte. - Dies Alles wrde ich Ihnen schon
gestern Abend gesagt haben; aber ich wollte einmal sehen, ob Sie auch
Widerspruch vertragen knnten. Sind Sie jetzt zufrieden?
                                                    A revoir, monsieur le Baron.
                                                    Votre trs-mchante Marie M.

Dies ist die einzige Notiz ber diesen Monsieur d'Estein, sagte Albert, den
Brief auf den Schoo sinken lassend und nachdenkliche Wolken aus seiner Cigarre
blasend; ohne Zweifel derselbe, welcher in der Erzhlung der Alten als
Schacherjude wieder auftritt, um das Terrain vorlufig zu recognosciren, und
hernach die Entfhrung der bedrngten Unschuld bewerkstelligt. Ich frchte, es
sind hier einige Briefe verloren gegangen, denn, als der nchstfolgende
geschrieben wurde, waren die Affairen schon sehr weit gediehen.

Nr. 9. So eben erhalte ich den - was soll ich es verschweigen! - lngst
erwarteten Brief Ihrer Frau Tante. Sie schreibt mir mit zitternder, aber doch
leserlicher Hand, da sie das Lebensglck ihres geliebten Groneffen hher
stelle, als die Ruhe der wenigen Tage, die sie noch zu leben habe; ja, da sie
sich freue, eine so dringende Veranlassung zu haben, nach dem Stammsitz ihrer
Vter, dem Orte ihrer Geburt, wo sie denn nun auch zu sterben gedenke, eine
Reise, die letzte vor der groen Reise, anzutreten. Sie werde am 13. von St.
abreisen, und bereits vor mir in Grenwitz angekommen sein, da Sie ein
tte--tte mit meinem wilden Neffen so sehr frchten, liebes Kind. - Ich kann
nicht sagen, wie unaussprechlich mich so viel Gte und Liebe rhrt! wie dankbar
ich der alten herrlichen Dame bin, wie ich mich freue, ihr die welken, lieben
Hnde zu kssen! Ja, Harald, wenn sie, die Greisin, die Aelteste Deines
ritterlichen Geschlechts, mich Deiner wrdig gefunden hat, wenn sie unsere Liebe
segnet, dann will ich mit tausend Freuden die Deine sein. Nur eines schmerzt
mich, da ich bei Nacht und Nebel wie ein Dieb von hier, von der Frau, die ich
wie eine Mutter liebe, von dem Manne, der mir Vater und Bruder gewesen ist,
fortschleichen soll. Und doch - es geht nicht anders. Du hast recht: sie wrden
mir den Abschied nur noch schwerer machen; sie wrden das Ganze ein romantisches
Abenteuer schelten. Sie kennen Dich ja nicht, Sie wissen ja nicht, wie treu und
gut Du bist. Aber Lebewohl darf ich ihnen doch wenigstens schriftlich sagen!
ihnen in ein paar Worten fr alle Gte und Liebe danken und sie ber den
Schmerz, den ich ihnen jetzt bereiten mu, auf eine frhliche Zukunft
vertrsten. Ach, wre diese Zukunft doch erst Gegenwart! Ihr neuer Kammerdiener,
der mir brigens viel weniger gefllt, als der alte mit dem treuen, ehrlichen
Gesicht, meldete mir gestern Abend, da alle Vorbereitungen auf bermorgen frh
getroffen seien. Es ist mir lieb, da ich in Ihrer Equipage und in Begleitung
Ihrer Leute fahren soll; der Gedanke einer so weiten Reise hat so viel weniger
Peinliches fr mich. Auf baldiges, kstliches Wiedersehen, Du Vielgeliebter!
                                                                            M.M.

Nun ist das Vgelchen in's Garn gegangen, sagte Albert, diesen Brief, den
letzten, zu den andern legend, und alle wieder sorgfltig mit dem rothseidenen
Bande zusammenbindend; das Uebrige knnte man sich zur Noth denken, wenn man es
nicht aus der langen Geschichte der alten Hexe, der guten Freundin meines
ausgezeichneten Freundes Stein, wte. Ich glaube, die Alte knnte noch mehr
erzhlen, wenn sie wollte. Ich mu mir ihre Gunst zu erwerben suchen und mir
freien Zutritt in ihre Salons verschaffen. Sollte sie nicht noch Manches aus dem
Nachlasse von Frulein Unschuld in ihrem Besitz haben, das zu weiteren
Entdeckungen fhren knnte? Die Kleine hat jedenfalls bei der eiligen
nchtlichen Flucht ihre Kisten und Kasten nicht so sorgfltig ausgekramt, und
die Alte eine gute Nachlese an Bndern, Strmpfen, Schuhen und warum nicht auch
Briefen gehalten. Das Alles mag in sicherer Ruhe in der groen, hlzernen Lade,
auf der ich mir an jenem Nachmittag die Rippen wund gelegen habe, seiner
Auferstehung entgegensehen. Das ist ein Gedanke!
    Albert war aufgestanden und hatte sich vor den Spiegel gestellt, um zu
sehen, wie sich ein so geistreicher Kopf denn eigentlich ausnehme. Das ist ein
Gedanke, und er warf seinem Spiegelbilde eine Kuhand zu, welche dieses in
Anbetracht der Vortrefflichkeit des Originals freundlich erwiederte - ein ganz
famoser Gedanke, den ich ausfhren mu, es koste, was es wolle. Vielleicht war
der Schacherjude ein wirklicher rechter Israeliter und Abgesandter des Monsieur
d'Estein; vielleicht hat er der Kleinen nur einen Brief berbracht, in welchem
der Plan der Flucht entworfen war, und dieser Brief fnde sich, und mit dem
Briefe in der Hand knnte man der Flchtigen auf die Spur kommen.
    Herr Timm hielt pltzlich in seinem Monologe inne und sein Gesicht
verdsterte sich: Verdammt, murmelte er, nun fehlt es wieder am Besten, an dem
nervus rerum, an der Wnschelruthe, mit der ich den Schatz heben knnte.
Offenbar werde ich zur Erreichung meines Zweckes einige Reisen machen mssen,
zum Mindesten in die Residenz, um Marienstrae No. 21 drei Treppen hoch im Hofe
gewisse Erkundigungen anzustellen; aber Reisen kosten Geld und mein actives
Vermgen besteht jetzt aus 5 Silbergroschen, von denen einer, glaube ich, nicht
einmal echt ist. Ich mu eine Zwangsanleihe bei der kleinen Marguerite machen.
Es geht wahrlich nicht anders. Ich wollte es ja auch neulich schon, als
pltzlich die interessante Familie wieder einrckte und unserem idyllischen
Leben ein Ende machte. Freilich diese verdammten Karten mssen erst fertig;
sonst lt mich Anna-Maria nicht aus ihren Klauen. Ich mu schon in den sauren
Apfel beien.
    Und Herr Timm zndete sich eine frische Cigarre an, entriegelte die Thr,
beugte sich ber sein Reibrett, und zeichnete mit einem Eifer, als ob er in der
Welt keine anderen Plne kenne, als die, mit welcher sich ein tchtiger Geometer
von Berufswegen abgeben mu.

                           Fnfundvierzigstes Capitel


Baron Felix war angekommen - mitten in der Nacht. Er war bei guter Zeit von dem
Fhrdorfe in seinem eigenen Wagen aufgebrochen, als es dem Kammerdiener schwer
auf's Herz fiel, der Toilettenkasten seines Herrn mchte sich nicht bei dem
brigen Gepck befinden, da er denselben unter die Bank des Bootes zwischen
seine Fe gestellt, und wahrscheinlich stehen gelassen hatte. Schchterne
Hindeutung Jean's auf die Mglichkeit dieses Falles - groer Zorn von Seiten des
Barons Felix und Androhung von Ohrfeigen, Stockprgeln und Entlassung - auf
offener Landstrae angestellte Nachforschung - schlielich, da sich das corpus
delicti wirklich nicht fand, Umkehr. Leider war unterdessen das Fhrboot mit dem
hochwichtigen Kasten unter der Bank bereits abgesegelt. Bis es wieder an der
Landungsbrcke anlegte, vergingen mehrere Stunden, denn es war unterdessen
Windstille eingetreten und die Leute hatten sich mit den schweren Rudern - zur
Verzweiflung des Baron Felix, der sie vom Strande aus durch ein Taschentelescop
beobachtete - Zoll um Zoll hinber arbeiten mssen. So war der Abend bereits
tief hereingesunken, als der Baron zum zweiten Male - diesmal mit dem Kasten -
von dem Fhrdorfe aufbrach. Er war in einer frchterlichen Laune. Er hatte
versprochen, heute noch auf Grenwitz einzutreffen, da er den Augenblick, seine
schne Cousine zu sehen, nicht erwarten knne. Eine Verzgerung seiner Ankunft
konnte ihm leicht bel ausgelegt werden. Besser also, in tiefer Nacht, als gar
nicht kommen. Auf der andern Seite aber war eine nchtliche Fahrt durch Wald und
feuchtes Moor - noch dazu in einem offenen Wagen keineswegs nach dem Geschmacke
des jungen Ex-Lieutenants, der - jedenfalls in Folge der ungeheuren Strapazen
auf dem Exerzierplatze und bei den Paraden - sehr an Rheumatismus litt und eine
Erkltung wie die Pest frchtete. Er whlte also von den zwei Uebeln, sich dem
Verdacht der Gleichgltigkeit, oder der Gefahr einer Erkltung auszusetzen, das
kleinere und drohte nur, da er von der Gre seines Schnupfens morgen frh die
Gre der Strafe fr Jean's Nachlssigkeit werde abhngen lassen.
    Es war deshalb eine nicht unbedeutende Beruhigung fr Jean, als sein Herr am
nchsten Morgen (man hatte die nchtliche Ruhe des Schlosses so wenig wie
mglich gestrt und sich von einem der herausgepochten Bedienten die schon
lngst bereit stehenden Zimmer anweisen lassen) mit sehr guter Laune erwachte,
seinen Cacao wie gewhnlich im Bett zu trinken begehrte und nachdem er sich halb
hatte ankleiden lassen - die zweite, wichtigere Hlfte besorgte er eigenhndig -
ihn fortschickte, um Herrn Timm, dessen Anwesenheit auf dem Schlosse er erfahren
hatte, bitten zu lassen, ihn auf ein paar Minuten auf seinem Zimmer zu besuchen.
    Ah voil, lieber Timm, wie geht es Ihnen? sagte Baron Felix, das letzte Wort
auffallend markirend, als der Angeredete bald darauf eintrat. Sie entschuldigen,
da ich Ihnen so frh lstig falle: aber ich - zum Teufel, nun hat der Esel von
Jean wieder heies statt warmes Wasser gebracht - entschuldigen Sie! - Jean,
warmes Wasser, Nilpferd! - nun sagen Sie, wie geht es Ihnen, lieber Timm? freue
mich, Sie hier so zufllig zu treffen. Wie geht es Ihnen? und der Baron streckte
dem Angeredeten einen der Finger seiner linken Hand, die er eben abgetrocknet
hatte, entgegen.
    Danke, Baron, passabel! sagte Albert, den dargebotenen Finger sehr flchtig
mit etwa zwei Fingern seiner Hand berhrend; ich glaubte schon, Sie wrden mich
gnzlich vergessen haben.
    Bewahre, sagte Felix, freute mich, wie gesagt, heute Morgen sehr, als Jean
mir die Gesellschaft hier herzhlte, und ich Ihren Namen hrte. Aber wie
gottvoll Sie sich in Civil ausnehmen! wirklich gottvoll, auf Ehre! und Felix
blieb, eine Brste in der einen und einen kleinen Toilettenspiegel in der andern
Hand, vor Albert stehen, ihn von Kopf bis zu den Fen wie ein fremdes
merkwrdiges Thier ansehend.
    Meinen Sie? sagte Albert trocken; freut mich, kann Ihnen leider das
Compliment nicht zurckgeben, da ich erst die folgenden Stadien Ihrer Toilette
abwarten mu. Aber das Eine kann ich Ihnen sagen - jnger sind Sie unterdessen
nicht geworden. Haben Sie nicht noch eine Cigarre?
    Dort auf dem Tisch! sagte Felix; in dem Ebenholzkstchen - Sie mssen die
Feder nach unten drcken - nicht jnger geworden? aber hoffentlich doch auch
nicht lter, ich meine auffallend - zum wenigsten erfreue ich mich, wie Sie
sehen, noch meiner smmtlichen Zhne und zum mindesten fnf Sechstel meiner
Haare - und Felix brstete mit unendlichem Wohlgefallen die allerliebsten kurzen
braunen Locken, die noch ziemlich ppig seinen wohlgeformten Kopf bedeckten.
    Nun, mit den Haaren mag's noch gehen, sagte Albert, der jetzt auf einem
Sopha Platz genommen hatte und den vor dem Spiegel eifrig beschftigten Felix
mit heimlicher Schadenfreude musterte; aber wo haben Sie nur alle die Falten in
Ihrem Gesicht her bekommen? die scharfe Morgenbeleuchtung ist wirklich nichts
mehr fr Sie. Ich machte Ihnen frher das Compliment, Sie htten eine frappante
Aehnlichkeit mit Byron; aber jetzt sehen Sie wenigstens wie Byron's Vater aus.
Und dann - Sie waren niemals durch Flle ausgezeichnet, jetzt sind Sie auf ein
Minimum reducirt.
    Je schlanker, desto eleganter, meinte Felix; und brigens kommt das wieder;
ich wurde in der letzten Zeit etwas knapp gehalten.
    Das alte Leiden?
    Nun, wenigstens eine neue Auflage.
    Vermehrt und verbessert?
    Es ging noch; aber damit ist es jetzt vorbei. Wir sind solid geworden; wir
werden uns zur Ruhe setzen - wie finden Sie diese Beinkleider? ist es nicht eine
geistreiche Combination des militairischen und des Civilschnitts? ganz meine
Erfindung! - wir werden heirathen -
    Das sollten Sie bleiben lassen, Baron!
    Weshalb?
    Wenigstens sollten Sie eine ltere, verstndige Dame heirathen.
    Weshalb?
    Weil Sie, frchte ich, ber kurz oder lang doch einer mtterlichen Freundin
bedrftiger sein werden, als einer anspruchsvollen jungen Gemahlin.
    Pah, mon cher, ich habe die Ehre, aus einer Familie zu stammen, in der man
ungestraft lderlich sein darf. Ein bischen Rheumatismus - das ist das
Aeuerste. Was sagen Sie zu diesem Rock?
    Gar nichts; Sie wissen, ich war nie ein Kenner in diesen Dingen.
    Freilich, Sie waren stets das unsaubere Gef, in welches sich die Schale
des Zorns unseres guten Obristen leerte. Wissen Sie, da sich der arme Teufel
erschossen hat?
    Nein, weshalb?
    Weil er die Schande nicht hat berleben wollen, da bei der letzten groen
Parade die zweite Compagnie mit Tuchhosen statt mit weien Hosen angerckt kam,
und er deshalb vom Commandirenden ob dieser Schweinerei einen frchterlichen
Rffel besah.
    Gott hab' ihn selig!
    Amen. Apropos! wie lange sind Sie denn schon hier auf Grenwitz? ich hre
seit Wochen; da mssen Sie die Gesellschaft ja aus- und inwendig kennen. Ja, was
ich eigentlich wissen wollte: Wie befindet sich denn mein wrdiger Onkel und
meine vortreffliche Frau Tante? und wie hat sich denn meine Cousine - haben Sie
schon eine solche Uhr gesehen? doppelter Secundenzeiger - der Zeiger oben zeigt
Monat und Datum - direct aus London - ich glaube, es ist die erste, die auf dem
Continent getragen wird. Apropos! wer kann denn heute Nacht das hbsche,
schwarzugige, kleine Ding gewesen sein, das wir auch aufgestrt hatten und das
im allerliebsten Nachtcostm ber den Flur huschte - es schien eine Art
Wirthschafterin oder dergleichen. Ihr habt doch weiter keinen Besuch auf dem
Schlosse?
    Nein -
    Also ganz en famille? Wollen Sie geflligst die Klingel ber Ihrem Kopfe
ziehen? Ich dchte, ich she heute ganz ausnehmend wohl aus - Jean! habe ich Dir
nicht gesagt, Kameel, da Du diesen Rock hier nicht tragen sollst - gleich zieh'
den neuen an! und dann geh' und frage bei der gndigen Herrschaft an, ob ich
jetzt meine Aufwartung machen drfe.
    Die Frau Baronin haben schon zweimal nach dem Herrn Baron gefragt.
    Nun, dann sag', ich wrde gleich kommen. - A revoir, lieber Timm, ich hoffe,
Sie an der Mittagstafel zu sehen - und Felix warf noch einen letzten Blick in
den Spiegel, go etwas Eau de Cologne auf sein weies Taschentuch und schritt
durch die Thr, welche ihm Jean ffnete, davon, ohne sich weiter nach Albert,
der ihm auf dem Fue folgte, umzusehen.
    Dieser schaute dem Enteilenden mit einem hhnischen Lcheln auf den schmalen
seinen Lippen nach: lieber Timm, murmelte er; ich will Dir den lieben Timm und
das Sie anstreichen, Du Affe!
    Es war am Abend desselben Tages. Man hatte so eben die Mahlzeit, die bei
gutem Wetter jetzt stets auf der Terasse eingenommen wurde, beendet und
bereitete sich zu einem gemeinschaftlichen Spaziergange, den man, auf den
Vorschlag der Baronin, durch den Buchwald nach dem Strande machen wollte. Oswald
htte sich ausschlieen mgen, da ihm in seiner augenblicklichen Stimmung die
Gesellschaft peinlich war, aber Felix, der ein groes Gefallen an dem
schweigsamen, ernsten Mann zu finden schien, hatte ihn so lange gebeten, kein
Strenfried und Spielverderber zu sein, da er sich endlich, zu Bruno's groer
Freude, zum Mitgehen entschlo. So brach man denn auf und gelangte bald in den
schnen Wald, wo in den grnen Zweigen noch die rothen Abendlichter spielten und
die Vgel sangen. Felix hatte der Baronin den Arm gegeben; Frulein Helene ging
an ihres Vaters Seite; Oswald, Albert und die Knaben und Mademoiselle Marguerite
gingen voran oder folgten, bald einzeln, bald paarweise, wie der schmale Waldweg
es eben erlaubte. Felix, den sein Arzt besonders vor Erkltung gewarnt hatte,
fand es im Wald doch khler und feuchter, als er vermuthet, und er wnschte im
Stillen sehnlichst, da die Partie sich nicht zu sehr in die Lnge ziehen
mchte. Indessen hielt er es natrlich fr gerathener, seinen geheimen Wnschen
keine Worte zu leihen, sondern dem reizenden Einfall dieses romantischen
Spazierganges ein Compliment zu machen.
    Es freut mich, wenn ich damit Ihrem Geschmack entsprochen habe, lieber
Felix, sagte Anna-Maria: ich gestehe, ich htte Ihnen so viel Sinn fr die
einfachen Freuden das Landlebens nicht zugetraut. Wie gut trifft es sich, da
auch Helene diesen Geschmack theilt. Ihr werdet einmal ein recht verstndiges,
solides Leben fhren, wie es sich fr Eure Verhltnisse schickt.
    Nun, meine Verhltnisse, liebe Tante -
    Werden sich bessern, ich bin davon berzeugt; aber Sie werden viel zu thun
haben, lieber Felix, bis Sie ganz frei aufathmen knnen. Wie lange hat es
gedauert, bis selbst wir nur die allergrten Hindernisse aus dem Wege gerumt
hatten! und von einer wirklichen Beherrschung der Situation knnen wir erst in
ein paar Jahren sprechen, wenn Stantow und Brwalde uns hoffentlich nicht mehr
lnger vorenthalten werden knnen und die brigen Gter in neuen und, ich denke,
besseren Pacht kommen. Sie sollten Ihre Gter auch neu vermessen lassen, lieber
Felix. Sie finden in Timm einen fleiigen und geschickten Arbeiter. Ich bin ganz
berrascht, da Sie den jungen Mann schon von frher her kennen; von der
Cadettenschule, nicht wahr?
    Ja, liebe Tante; er war ein groer -
    Liebling - ich glaube es gern; ist er es doch auch hier bei uns Allen.
    Das wollte ich nun eigentlich nicht sagen, versetzte Felix lachend; indessen
man hatte ihn allerdings im Allgemeinen sehr gern. Er war der unermdlichste
Spamacher; und wenn es sich um einen Geniestreich handelte, so stand er sicher
an der Spitze. Indessen, man thut gut, ihm den Daumen etwas auf's Auge zu
halten; er gehrt zu den Leuten, die, wenn man ihnen den kleinen Finger giebt,
die ganze Hand nehmen.
    In der That! sagte Anna-Maria, die Augenbrauen in die Hhe ziehend; ich habe
den jungen Menschen bis jetzt stets fr die Bescheidenheit selbst gehalten; fr
viel bescheidener, als etwa unsern Herrn Stein.
    Wirklich? meinte Felix; ich htte nun gerade gedacht, da Herr Stein sich
seiner Stellung vollkommen bewut ist.
    Nun, Sie werden ihn noch nher kennen lernen. Er ist einer der arrogantesten
Menschen seines Standes, die mir je vorgekommen sind.
    Wir wollen ihm das austreiben, sagte Felix, seinen uerst winzigen
Schnurrbart drehend; mit solchen Leuten mu man kurzen Proze machen. Ich kenne
das. Diese Leute sind sich alle gleich. Sobald sie merken, da wir sein wollen,
was wir von Rechtswegen sind - die Herren im Staat und im Haus - kriechen sie zu
Kreuz. Sie werden nur bermthig durch unsere Schuld. Man mu sie fortwhrend in
dem Bewutsein ihrer Stellung halten. Sie sind zu gut gegen den Menschen
gewesen; das ist Alles. Ich wunderte mich, offen gestanden, schon heute Mittag,
mit welcher Nachsicht sich Frulein Helene seine Zurechtweisung - ich wei nicht
mehr, um was es sich handelte - gefallen lie.
    Nun, Helene ist sonst nicht gerade seine Freundin; wie sie denn berhaupt
eine wahrhaft aristokratische Antipathie gegen alles Plebejische hat. Nhren Sie
diese Grundstze ja! ich glaube, Sie werden so den nchsten Weg zu ihrem Herzen
finden.
    Nun, ich denke, dieser Weg wird ja wohl nicht so bermig schwer zu
entdecken sein; sagte Felix mit selbstgeflligem Lcheln: ich habe einige
Erfahrung in diesem Capitel, ma chre tante!
    Die Sie in diesem Falle brauchen werden, lieber Felix. Helene ist ein sehr
eigenthmlicher, schwer zu berechnender Charakter. Ich gestehe, da ich noch
nicht gewagt habe, ihr unser Project offen darzulegen. Ich wollte erst die
Wirkung abwarten, die Sie ohne Zweifel auf ihr Herz hervorbringen werden. Sie
haben hier die beste Gelegenheit, sich ihr in dem liebenswrdigsten Lichte zu
zeigen; ja nicht einmal einen Nebenbuhler haben Sie zu frchten. Wir leben sehr
zurckgezogen, und ich werde mit Eifersucht darber wachen, da diese
Zurckgezogenheit auch whrend Ihres Aufenthaltes so wenig wie mglich gestrt
wird.
    Verzeihen Sie, liebe Tante, wenn ich in diesem Punkte anderer Meinung bin,
sagte Felix; ich mte mir wahrlich mein theures Lehrgeld wiedergeben lassen,
wenn ich den Vergleich mit den jungen Standesgenossen hier auf dem Lande scheuen
zu mssen glaubte. Im Gegentheil: Jeder, den ich aus dem Sattel hebe, ist ein
Schritt nher zu meinem Ziele, wenn es denn wirklich so sehr weit gesteckt sein
sollte. Nein! bitten Sie so viel Gesellschaft wie mglich. Machen Sie meine und
Helenens Anwesenheit zu einer Veranlassung, kleine Diners, Soupers, Thees zu
geben; und hernach fassen wir Alles in einen groen Ball zusammen, auf welchem
dann unsere Verlobung der ganzen Gesellschaft mitgetheilt wird, die dann
natrlich ber ein Ereigni, das sie seit Wochen erwartet hat, in ein obligates
Staunen gerth.
    Sie sind khn, lieber Felix, sagte die Baronin, der diese Methode, auch der
Kopfspieligkeit wegen, nur halb gefiel.
    Wozu htte ich denn sonst des Knigs Rock so lange Jahre getragen?
erwiederte Felix, seiner Tante galant die Hand kssend.
    Whrend dessen von der Baronin und Felix so ruhig ber Helene's Schicksal
debattirt wurde, hatte zwischen dieser und ihrem Vater ein Gesprch
stattgefunden, das die feingesponnenen Plne der Baronin und den vermeintlich
raschen Siegeslauf des jungen Ex-Lieutenants auf eine gar eigenthmlich naive
Weise durchkreuzte.
    Der alte Baron liebte seine schne Tochter mit aller Liebe, deren sein
braves Herz fhig war, liebte sie um so mehr, als er ber die Gerechtigkeit der
Bestimmungen, welche das junge Mdchen von dem Majoratsvermgen ausschlossen,
von jeher nicht geringe Zweifel gehabt hatte. Dazu kam, da er die
Zurcksetzung, welche die Tochter von Seiten der Mutter bis dahin erfahren
hatte, sehr wohl empfand, wenn er auch zu schwach gewesen war, Maregeln dagegen
zu ergreifen, und vor allem der Hamburger Verbannung ein Ende zu machen. Auch
dem Heirathsproject hatte er seine Zustimmung nur gegeben, weil ihm Anna-Maria
eingeredet hatte, so knne die Ungleichmigkeit in dem Schicksal der beiden
Kinder am besten ausgeglichen werden, da Helene, als die Gattin Felix', nach
Malte's etwaigem Tode, dann gewissermaen zur Erbschaft gelangte, wenigstens in
den vollen Genu des Vermgens kme. Aber auch hier hatte er Helenens vollkommen
freie Zustimmung als unumgngliche Bedingung stipulirt, wogegen er sich wieder
verpflichtet hatte, die Leitung der Angelegenheit den geschickten Hnden seiner
Gemahlin zu berlassen und vor allem sich vor einer vorzeitigen Enthllung des
Planes in Acht zu nehmen.
    Nun aber hatten die Eindrcke in der letzten Zeit an diesen Vorstzen und
Entschlssen arg gerttelt. Zuerst war ihm in Hamburg, als ihn ein pltzlicher
Fieberanfall auf das Krankenlager warf, der Gedanke gekommen, er knne in
nchster Zeit sterben und Helene dann ganz verlassen dastehen, ohne seinen Rath,
ohne sein Veto, das er, im uersten Falle, der Ausfhrung der Plne
Anna-Maria's entgegenzusetzen, fest entschlossen war. Er hatte seine Tochter
immer geliebt, jetzt betete er sie an. Sie war so schn, so stolz, und gegen
ihn, den alten Vater, so freundlich bescheiden, da sein Herz, wenn er dachte,
er knnte aus dem Leben gehen, ohne das Schicksal dieses seines Lieblings sicher
gestellt zu haben, Angst und Trauer zugleich empfand. Wre nun Felix der Mann
gewesen, wie er sich den Gemahl seiner Tochter wnschte, so htte noch Alles
gehen mgen. Aber das war Felix keineswegs. Der alte Baron war seiner Zeit auch
ein junger Baron und war, wie Felix, Offizier gewesen. Er wute sehr wohl,
welchen Versuchungen ein junger und reicher Edelmann in dieser Lage ausgesetzt
ist; er selbst war diesen Versuchungen nicht immer entgangen und hatte in seinem
reiferen Alter, als sein von jeher ernst gestimmter Geist die naturgeme
Richtung erlangt hatte, mit bitterer Reue die Snden seiner heibltigen Jugend
beklagt. Er hatte an seinem Vetter Harald das lebendige Beispiel gehabt, wohin
die ungezgelten Leidenschaften zuletzt fhren, und sein durch die Liebe zu
seiner Tochter und durch die Erfahrung in diesem einen Falle doppelt scharfes
Auge erkannte sofort, da sein Neffe Felix in einem hohen Grade der Sklave
dieser Leidenschaft gewesen sein mute, vielleicht noch war. Er hatte den jungen
Mann vor ein paar Jahren gesehen, als dieser eben die Cadettenschule verlie.
Damals hatte er eine angenehme Erinnerung an den schlanken, krftig gebauten
Jngling mit dem frischen hbschen Gesicht und den lebhaften hellen Augen
davongetragen; jetzt sah er von dieser allerliebsten Erscheinung nur noch einen
traurigen Schatten. Eine gespenstige Magerheit, tiefe Furchen in dem
jugendlich-alten Gesicht, die groen blauen Augen glsern oder von einem
fieberhaften Glanze leuchtend und stets mit dem starren, frechen Blick, der
deutlicher spricht, als eine lange Lebensbeschreibung - die Bewegungen haftig
und fahrig, offenbar in der Absicht, die innere Mattigkeit und Schlaffheit zu
verdecken, die Rede vorlaut und ber Alles mit derselben souvernen
Oberflchlichkeit weghuschend - das ganze Wesen von einer krankhaften Eitelkeit
wie zerfressen - so oder ungefhr so erschien ihm Felix, trotzdem seine
Menschenfreundlichkeit hier wie berall die schlimmsten Flecken des Bildes
gutmthig vertuschte.
    Es that ihm leid, da er sich von seiner Gemahlin das Versprechen hatte
abnehmen lassen, in dieser Angelegenheit nicht selbststndig handelnd
aufzutreten. Es kam ihm vor, als ob er sich mit diesem Versprechen doch bereilt
habe, und auf jeden Fall hielt er dafr, da eine geschickte Sondirung, wie denn
Helene selbst in diesem Punkte denke, kein Bruch des Versprechens sei. So sagte
er, nachdem sie eine Weile schweigend nebeneinander hergegangen waren, ihren Arm
in den seinen legend:
    Wie befindest Du Dich, meine Tochter?
    Ich danke, Vater, gut, weshalb? erwiederte Frulein Helene, etwas berrascht
ber diese pltzliche Frage.
    Ich dchte, Du shest etwas bla aus.
    Das kommt nur von der ungnstigen Beleuchtung hier unter den grnen Bumen,
antwortete das junge Mdchen heiter; ich befinde mich aber wirklich ganz wohl.
    Ich frchtete immer, der pltzliche Wechsel der Luft, der Lebensweise, des
Umgangs wrde Dir schdlich sein. Du bist zu lange vom Hause fortgewesen.
    Das ist nicht meine Schuld, lieber Vater.
    Ich wei es wohl, ich wei es wohl; aber meine Schuld ist es auch nicht; ich
habe stets der Abkrzung der Pensionszeit das Wort geredet, aber -
    Nun, ich bin ja endlich hier und wir wollen das Versumte mglichst
nachholen. Wir wollen recht viel zusammen spazieren gehen; ich will Dir aus
Deinen Lieblingsbchern vorlesen; es soll ein reizendes, stillvergngtes Leben
werden, und das junge Mdchen nahm die Hand ihres Vaters und fhrte sie an ihre
Lippen.
    Du bist ein gutes liebes Kind, sagte der Baron und seine Stimme zitterte
etwas: gebe Gott, da ich mich Deiner noch recht lange zu erfreuen habe.
    Aber, bester Vater, schon wieder solche hypochondrische Gedanken! Du bist ja
jetzt, Gott sei Dank, wieder so rstig, wie immer. Weshalb sollten wir nicht
noch lange glcklich zusammen leben!
    Aber wenn Du uns verlieest.
    Ich sterbe frs erste noch nicht, deshalb sei nur ganz unbesorgt; sagte
Frulein Helene lachend.
    Das wolle auch Gott verhten! aber Eltern und Kinder werden ja nicht blos
durch den Tod getrennt. Wenn Du nun heirathest, so mssen wir uns doch darauf
gefat machen, Dich abermals zu verlieren, nachdem wir Dich kaum wieder gewonnen
haben.
    Aber, Papa, Du sprichst ja gerade, als ob ich womglich morgen schon
heirathen soll! Ich denke gar nicht daran. Auch die Mutter fing gestern davon
an. Wollt Ihr mich denn wirklich so gerne wieder fort haben?
    So, so, also Deine Mutter hat schon mit Dir gesprochen, hm, hm! sagte der
alte Baron, der natrlich nicht anders dachte, als da die Baronin mit dem
lngst besprochenen und vorbereiteten Plan endlich hervorgetreten sei, und der
die Zeit, den Tag vor Felix' Ankunft, auch ganz passend gewhlt fand; so, so!
hm, hm! Nun, und wie gefllt Dir denn Dein Cousin?
    Wer? Felix? fragte Helene, die fr den Augenblick in ihrer Unbefangenheit
den Zusammenhang dieser Frage mit dem Vorgehenden nicht einmal ahnte.
    Ja.
    Er kommt mir vor, wie der Champagner, den wir heute Mittag tranken. Die
ersten Tropfen schmeckten recht gut, als ich das Glas eine Weile hatte stehen
lassen, fand ich den Wein sehr fade und abgeschmackt. - Aber Ihr habt mich doch
nicht etwa fr Cousin Felix bestimmt? fragte Frulein Helene, der dieser Gedanke
jetzt erst durch den Kopf scho, mit groer Lebhaftigkeit.
    Bewahre, das heit: ganz wie Du willst; ich will sagen: es wird Deinem
Willen in dieser Hinsicht nie ein Zwang auferlegt werden, erwiederte der alte
Baron, der weder die Wahrheit sagen durfte, noch lgen wollte, mit ziemlicher
Verwirrung.
    Helene antwortete nicht, aber der angeregte Gedanke arbeitete in ihrem
lebhaften Geiste weiter. Sie verglich das gestrige Gesprch, das sie auf ihrem
Zimmer mit ihrer Mutter gehabt hatte, mit dem so eben gefhrten. Es bedurfte
nicht einmal eines so scharfsinnigen Kopfes, als der ihre war, um den
Zusammenhang zwischen diesen beiden Unterredungen und den Sinn der hingeworfenen
Andeutungen zu entdecken. Ihr stolzes Gemth emprte sich, wenn sie dachte, da
man, ohne sie zu fragen, ohne ihre Meinung einzuholen, im Voraus ber ihr
Schicksal entschieden und ihre Hand versprochen habe; da dieser Felix, vor dem
ihr reines keusches Herz sie instinctiv warnte, vielleicht schon in diesem
Augenblick sie als die Seine betrachtete! Diese Gedanken nahmen sie so ganz in
Anspruch, da sie nicht einmal in das bewundernde: Ah, wie schn, wie herrlich!
einzustimmen vermochte, in das die brige Gesellschaft ausbrach, als man einige
Minuten spter aus dem Walde auf den Rand des hohen Ufers hinaustrat.
    Die Sonne war soeben in das Meer gesunken und schien die in allen
Schattirungen von Roth und Gold prangenden Wolken wie in einem Strudel hinter
sich herzuziehen. Von dem Punkte, wo sie untergegangen war, schossen lichte
Streifen durch die Wolken nach allen Seiten bis hoch hinauf in den durchsichtig
blauen Himmel. Die See war nach dem Horizonte hin ein Feuermeer, und auf
einzelnen hheren Wellen zitterten die goldenen Funken bis zum Strand herber.
Das hohe vielfach zerklftete Kreide-Ufer und der Buchwald, der es krnte, waren
von dem rothen Abendschein, wie von einer bengalischen Flamme angestrahlt. Rings
umher tiefe feierliche Stille, nur unterbrochen von dem dumpfen Rauschen der
Wogen unten auf den Kieseln des Strandes, und dann und wann von dem grellen
Schrei einer Mve, die ber den erregten Wassern flatterte.
    Die Gesellschaft stand, in Betrachtung des herrlichen Schauspiels, das mit
jedem Augenblicke wechselte, verloren, gruppenweis da. Oswald, dem die ewigen
Ausrufe der Bewunderung, an denen sich besonders die Baronin und Felix
berboten, nachgerade langweilig wurden, hatte sich etwas von den Uebrigen
entfernt und sich auf die bloliegende Wurzel einer mchtigen Buche gesetzt.
    Haben Sie noch einen Platz fr mich? fragte Helene, die ihm gefolgt war.
    Ich rume Ihnen gern den meinigen ein, sagte Oswald aufstehend.
    Nur fr einen Augenblick; ich wei nicht, der Spaziergang hat mich
auergewhnlich mde gemacht.
    Sie sind heute Morgen vielleicht zu lange im Garten gewesen.
    Nein, aber  propos, wie kommt es, da ich Sie heute und auch schon gestern
nicht gesehen habe?
    Bloer Zufall.
    Das freut mich.
    Weshalb?
    Ich frchtete, aufrichtig gestanden, ich htte Sie aus dem Garten
vertrieben; ich dachte, dies ewige Sichbegegnen mit derselben bewuten Person
wre Ihnen unleidlich geworden.
    Sie denken in der That uerst bescheiden von der bewuten Person.
    Nein, spotten Sie nicht; ich dachte es im Ernst - ja und noch mehr: Sie sind
seit vorgestern Abend sehr still und, wie mir vorkam, besonders kurz gegen mich.
Sie haben mir auch gestern meine Literaturstunde, auf die ich mich so sehr
freute, nicht gegeben. Bin ich vielleicht unwissentlich die Veranlassung -
    Wie meinen Sie?
    Nun, ich rede manchmal, was vielleicht hart und anmaend klingt; wenigstens
ist mir dieser Vorwurf oft gemacht worden; aber ich meine es wirklich nicht so -
    Und Helene blickte mit ihren groen dunkeln Augen freundlich zu Oswald
empor, der in Bewunderung ihrer Schnheit und in Erstaunen ber diese pltzliche
und unerklrliche Milde und Theilnahme verloren, vor ihr stand.
    Was sehen Sie mich so seltsam an?
    Da sich so viel Gte hinter so viel Stolz verstecken kann!
    Ist es denn die Welt werth, da wir ihr unser Herz zeigen?
    Eine sonderbare Frage in dem Munde eines so jungen Mdchens.
    Freilich, wir drfen ja ber nichts nachdenken. Wir sind, wenn's hoch kommt,
hbsche Puppen, mit denen man spielt und die man an den ersten Besten
verschenkt, der merken lt, da er uns gern haben mchte.
    Cousine, rief Felix, wir wollen zum Strande hinabgehen; wollen Sie mit?
    Nein! sagte Helene, ohne sich nach dem Sprechenden umzuwenden.
    Es ist eine reizende Partie; rief Felix.
    Mglich; erwiederte das junge Mdchen kurz, ohne ihre Stellung zu verndern.
    Felix kam zu dem Platze, auf dem sich Oswald und Helene befanden, herber
und sagte:
    Aber, Helene, Sie werden doch diese erste Bitte, die ich an Sie richte,
nicht abschlagen?
    Weshalb nicht? erwiederte diese und der Ton ihrer Stimme klang eigenthmlich
scharf und bitter; ich kann das Bitten und die Bittenden nicht leiden, das
knnen Sie nicht frh genug lernen.
    Haben Sie sich den Fu vertreten, theuerste Cousine?
    Weshalb?
    Weil Sie so unbeweglich sitzen und in so schauderhafter Laune sind;
erwiederte Felix lachend und ging ohne ein Zeichen, da ihn das Benehmen
Helenens irgend verletzt habe, zu den Uebrigen.
    Wollen Sie sich nicht der Gesellschaft anschlieen, Herr Doctor! fragte
Helene, auf deren Wangen noch die Erregung der letzten kleinen Scene brannte,
als jetzt die Andern den ziemlich steilen Weg, der zum Strand fhrte,
hinabzusteigen begannen.
    Sie wnschen allein zu sein?
    Nicht doch; im Gegentheil, ich freue mich, wenn Sie hier bleiben wollen.
Nach der geistreichen Unterhaltung von heute Mittag und heute Abend fhlt man
das Bedrfni, endlich einmal ein verstndiges Wort zu sprechen. Sie haben mir
noch immer nicht gesagt, ob ich Ihnen, ohne es zu wissen und zu wollen, durch
irgend eine unvorsichtige Bemerkung vielleicht, weh gethan habe?
    Nein, durchaus nicht. Ich habe vorgestern Abend eine Nachricht erhalten, die
mich sehr betrbt. Erinnern Sie sich des Professor Berger von Ihrer Badereise
nach Ostende vor drei Jahren?
    Ei gewi! wie knnte man den vergessen! Mir ist, als ob ich ihn gestern
gesehen htte, so deutlich steht er vor mir mit seinen geistvollen Augen unter
den buschigen Brauen und stets mit einem Bonmot auf den Lippen. Was ist mit ihm?
er ist doch nicht gar todt?
    Nein, schlimmer als das - er ist wahnsinnig geworden.
    Um Gottes Willen! der Professor Berger - dieses Bild der Klarheit und
Geisteshoheit! Wie ist das mglich? Wissen es die Eltern schon?
    Nein, und bitte, sagen Sie auch nichts; ich knnte es jetzt nicht ertragen,
da darber gesprochen wrde.
    Sie hatten den Professor wohl recht lieb?
    Er war mein bester, vielleicht mein einziger Freund.
    Wie beklage ich Sie, sagte Helene, und auf ihrem schnen Antlitz war die
Theilnahme, die sie empfand, deutlich zu lesen; ein solcher Verlust mu
frchterlich sein. Und Sie stehen hier ganz allein mit Ihrem Kummer und Keiner
nimmt Theil an Ihrem Schmerz.
    Ich bin das von jeher gewohnt gewesen.
    Haben Sie denn keine Eltern, keine Geschwister, Verwandte?
    Meine Mutter starb, als ich noch ein Kind war; mein Vater vor mehreren
Jahren; Geschwister habe ich nie gehabt; Verwandte, wenn ich welche habe, nie
gekannt.
    Helene schwieg und zeichnete mit der Spitze ihres Sonnenschirms Linien in
den Sand.
    Pltzlich hob sie den Kopf und sagte in einem Ton, der halb wie eine Klage
und halb wie eine Herausforderung klang:
    Wissen Sie, da man Eltern und Geschwister und Verwandte haben und doch
recht allein sein und sich recht einsam fhlen kann? Und Sie haben es noch immer
gut; Sie sind ein Mann; Sie knnen fr sich selbst handeln, whrend -
    Das junge Mdchen brach ab, als frchtete sie, sich von ihren Empfindungen
zu weit hinreien zu lassen. Sie stand auf und trat einige Schritte von Oswald
weg dicht an den Rand des steilen Ufers. - Es war ein wundersam schnes Bild,
diese stolze, schlanke Gestalt auf dem lichten Hintergrunde des goldenen
Abendhimmels, der ihr herrliches Haupt wie mit einem Glorienschein umgab. Und
wie ein Engel des Himmels erschien sie Oswald, in dessen krankes Herz ihre guten
mitleidigen Worte wie milder Regen auf eine welke Blume gefallen waren. Und nun
zum ersten Male erinnerte er sich wieder des Gesprches, das er am Tage seiner
Zurckkunft von Saffitz mit dem Doctor gehabt hatte. Also wirklich! dies holde,
herrliche Geschpf sollte auch verkauft werden, wie Melitta verkauft worden war!
Sie sagte es selbst! aus ihrem eigenen Munde hatte er es nur eben gehrt: sie
hatte keinen Freund! sie stand allein da in der Welt! sie konnte nicht fr sich
selbst handeln! Und sie hatte noch Mitleid und Trost fr ihn, sie, die sie
selbst des Mitleids und des Trostes - nein, thtiger Hlfe - so sehr bedurfte!
    Da gellte von dem Strande, auf dem die Uebrigen jetzt angekommen waren, ein
Schrei empor - und wie Helene, die sich vom Schwindel ganz frei wute, noch
einen Schritt nher an den Rand trat und sich ber den Abhang beugte, ein
zweiter, noch greller, noch schriller, noch angstvoller.
    Um Himmelswillen, rief Helene; was kann denn da geschehen sein? Mir ducht,
es war Bruno's Stimme. Lassen Sie uns hinab!
    Der Weg zum Strande, der sich im Zickzack an den Kreidefelsen hinwand, war
trotz seiner Steilheit im Nu von den jungen Leuten zurckgelegt. Als sie
athemlos unten ankamen, sahen sie Bruno ohnmchtig, von Albert gehalten, whrend
die Anderen rathlos umherstanden.
    Holen Sie Wasser, schnell! sagte Oswald, Albert den Knaben abnehmend und
diesem das Halstuch abknpfend und die Kleider ffnend, woran noch Niemand
gedacht hatte.
    Wie ist denn dies gekommen? fragte Helene, die kalten Hnde Bruno's in ihre
Hnde nehmend, und angstvoll in sein schnes blasses Gesicht starrend.
    Es wei es Niemand von uns, sagte die Baronin.
    Es wird ein Anfall von Schwindel sein, meinte Felix.
    Unterdessen hatte Oswald von dem Wasser, welches Albert - in Bruno's Hut -
gebracht hatte, des Knaben Stirn und Schlfen und Brust reichlich benetzt.
Helene erinnerte sich, da sie ein Flschchen Eau de Cologne bei sich fhre, und
half Oswald in seinen Bemhungen. Es gelang ihnen in Kurzem, den Ohnmchtigen
wieder zu sich zu bringen. Er schlug langsam die groen Augen auf, sein erster
Blick fiel auf Helene, die sich ber ihn beugte.
    Bist Du todt, ganz todt? murmelte er, die Augen wieder schlieend.
    Man glaubte, er habe den Verstand verloren.
    Komm zu Dir, Bruno! sagte Helene, den Knaben mit leiser Hand ber Stirn und
Augen streichelnd.
    Bruno ergriff diese Hand und drckte sie fest auf seine Augen, durch deren
geschlossene Wimpern sich zwei groe Thrnen drngten. Dann richtete er sich mit
Oswald's Hlfe vollends auf.
    Mir ist wieder ganz wohl! sagte er; ich bin wohl gar ohnmchtig gewesen? Wie
lange habe ich so gelegen?
    Nur ganz kurze Zeit, sagte Oswald, Bruno's Gesicht mit seinem Taschentuche
abtrocknend und den Anzug wieder in Ordnung bringend.
    Du hast uns einen rechten Schrecken verursacht; was hattest Du denn nur?
fragte die Baronin.
    Ich wei es nicht, antwortete der Knabe, dessen blasse Wangen pltzlich hohe
Purpurgluth bedeckte; es kam so pltzlich. Danke, danke, ich glaube, ich kann
jetzt mit Herrn Steins Hlfe ganz gut weiter kommen.
    Wir wollen wieder umkehren, sagte die Baronin. Da einem doch jedes, auch
das bescheidenste Vergngen durch irgend einen Unfall verleidet wird!
    Man stieg langsam das Ufer wieder hinauf und trat, ziemlich einsilbig und
verstimmt, den Rckweg durch den Wald an. Felix, der sich zu erklten frchtete,
ermahnte zu grerer Eile; Oswald bemerkte trocken, er wolle die brige
Gesellschaft nicht aufhalten, man mge ihm indessen erlauben, mit Bruno langsam
zu folgen. Helene erklrte, da sie bei Bruno bleiben wrde; der alte Baron, der
bei dem ganzen Vorfall eine groe, wenn auch thatlose Theilnahme an den Tag
gelegt hatte, schlug vor, die Gesellschaft sollte sich in einen Vortrab und
einen Nachtrab theilen, er selbst wolle bei dem letzteren bleiben.
    Du wirst Dir den Schnupfen holen, lieber Grenwitz, sagte die Baronin; ich
dchte, Du kmest mit uns.
    Nein, ich werde bei den Anderen bleiben, sagte der alte Baron mit einer
Bestimmtheit, die Alle berraschte.
    Er gab seiner Tochter den Arm, blieb aber in der Nhe Oswald's und Bruno's,
eine harmlose Unterhaltung, wie er sie liebte, mit ihnen fhrend und sich von
Zeit zu Zeit nach des Patienten Befinden erkundigend.
    Ich befinde mich wohl, ganz wohl, versicherte dieser ein Mal ber das
andere; doch fhlte Oswald, da er sich fest auf seinen Arm sttzte und da
seine Hnde kalt waren.
    Sie kamen, lange nach den Anderen auf dem Schlosse an. Der alte Baron
wnschte gute Besserung, als Oswald sich sofort mit Bruno auf dessen Zimmer
begab, wo er den Knaben sich sogleich zu Bett legen lie.
    Du bist krnker, Bruno, als Du zugeben willst, sagte er, sich zu ihm auf's
Bett setzend, nicht wahr, Du hast Deine alten Schmerzen?
    Ja, sagte Bruno, dessen Zhne zusammenschlugen und auf dessen Stirn der
kalte Schwei stand.
    Oswald beeilte sich, die alten Hausmittel, wie jenes erste Mal,
herbeizuschaffen; und es gelang seinen Bemhungen auch jetzt, das Uebel zu
heben, wenigstens die Schmerzen in kurzer Zeit zu lindern.
    Wirst Du auch mir nicht sagen, Bruno, was Dich so bewegt hat? fragte Oswald
da.
    Doch! sagte der Knabe, ich wollte es nur nicht in der Anderen Gegenwart,
weil ich ihr albernes Gelchter schon im voraus hrte. - Ich war etwas hinter
den Anderen zurckgeblieben und durch einen Vorsprung des Ufers von ihnen
getrennt. Ich
    dachte immer, Ihr wrdet nachkommen und deshalb ging ich so langsam und
blickte oft nach oben. Da sah ich pltzlich Helene ganz nahe an den Rand des
Ufers treten, das an dieser Stelle wohl hundert Fu und darber lothrecht
hinabfllt. Ich schrie laut auf in entsetzlicher Angst, da trat sie noch nher -
bog sich sogar herber - und da wurde es mir schwarz vor den Augen - nun und das
Uebrige weit Du ja. Aber ich hre Malte kommen. Gute Nacht, Oswald.
    Gute Nacht, Du Wilder!
    Oswald kte seinen Liebling auf die Stirn und ging nachdenklich auf sein
Zimmer. Er lehnte sich in das offene Fenster und schaute lange, in Sinnen und
Brten verloren, in den Garten hinab. Die Nacht war finster, nur hier und da
schimmerte ein Stern auf Augenblicke durch den Wolkendunst. Manchmal rauschten
die Bume lauter auf, als sprchen sie ngstlich in einem wirren, unruhigen
Schlaf; der Brunnen der Najade pltscherte dazwischen, leise und abgebrochen.
    Dein Leben gleicht dieser Nacht, sprach Oswald bei sich: hier und da ein
Stern, der so bald wieder verschwunden ist, und sonst Alles chaotisches Dunkel.
Du hast recht, guter Berger: unser Leben ist ein hohles Nichts, und wer nur
berhaupt einen Verstand zu verlieren hat, mu ihn darber verlieren. Wolltest
Du, da Dir Dein Schler sobald als mglich nachfolgen knnte, als Du mich
hierher schicktest? Da bist Du nun an demselben Orte, wo Melitta ist und auch
Oldenburg. Vielleicht siehst Du sie, wenn sie Arm in Arm an Deiner Zelle
vorbergehen; vielleicht kommt Dir bei der Gelegenheit der Verstand wieder, den
andere Leute bei dem Anblick verlieren wrden. Ich knnte ja auch eine kleine
Reise nach Fichtenau machen, meine guten Freunde zu besuchen; wer wei?
vielleicht gefllt mir der Ort so sehr, da ich gleich da bleibe.
    Wie geht es Bruno? tnte eine Stimme aus dem Garten herauf. Es war Helene's
Stimme. Oswald sah ihr helles Gewand durch das Dunkel heraufschimmern.
    Ich danke, gut! antwortete er hinab.
    Schlafen Sie wohl!
    Und das helle Gewand verschwand in den Bschen.
    Nein, das Leben ist mehr als ein hohles Nichts, murmelte Oswald, indem er
das Fenster schlo; htte Berger dieses Mdchen gesehen, er htte wieder an das
Leben geglaubt. Und doch! er hat sie ja gesehen, gesehen und bewundert und
besungen, und ist doch wahnsinnig geworden! Oede Alles und dunkel und
gespenstisch und in dem den gespenstischen Dunkel eine holde, freundliche
Stimme, die uns schlafen gehen heit.

                          Sechsundvierzigstes Capitel


Eine Zeit fieberhafter Spannung war fr die vor Kurzem noch so stille
Gesellschaft auf Schlo Grenwitz hereingebrochen. Bruno's pltzlicher Unfall,
von dem er sich brigens schon am nchsten Tage erholte, htte fr den
Scharfsichtigeren ein Symptom von dem sein knnen, was da Alles unter der
glatten Hlle geselliger Hflichkeit und peinlich genau beobachteter Formen in
der Tiefe ghrte und kochte: geheime Liebe und tief versteckter Ha!
Feindschaften unter der Maske trefflichsten Einvernehmens und guter
Kameradschaft! herzliche Sympathieen, die sich unter dem Anschein von
Gleichgltigkeit, ja Abneigung verbargen! Selbst die Physiognomie des ueren
Lebens war verndert. Die tiefe, fast bengstigende Stille, die sonst in dem
weiten Raume herrschte, welchen der Schlowall einschlo, wurde jetzt gar
vielfach gestrt. Baron Felix mochte es sich nicht versagen, wenigstens einer
oder der andern seiner gewohnten Beschftigungen in der Einsamkeit von Schlo
Grenwitz nachzuhngen. Am Tage nach seiner Ankunft waren seine beiden schnen
Reitpferde glcklich angelangt, und so konnten bei den weiteren Ausflgen
wenigstens zwei der Herren beritten gemacht werden. In einem entlegeneren Theile
des Gartens war unter seiner Leitung ein kleiner Schiestand hergerichtet
worden, und in den spteren Nachmittagsstunden ertnte jetzt sehr oft (zu der
Baronin geheimen Entsetzen) der kurze, scharfe Knall gezogener Pistolen bis in
die geheiligte Stille der nach dem Garten gelegenen Wohngemcher. Oswald, Albert
und selbst Bruno waren in keinem Augenblick vor Felix sicher, der fortwhrend
auf der Jagd nach einem Gefhrten zu dieser oder jener Unternehmung war, und
stets so lange bat und qulte, bis man sich wohl oder bel seinen Wnschen
fgte.
    Mit der Aenderung seines Lebens, ber die er mit der Baronin so viel
correspondirt hatte, war es ihm keineswegs Ernst. Das Garnisonsleben war ihm
langweilig geworden; die Schaar der Glubiger immer dringender und seine
Situation der Art, da, als er betreffenden Orts um lngeren Urlaub einkam, man
ihm zu verstehen gab, er thte, wenn seine Gesundheit wirklich so angegriffen
sei, vielleicht besser, sogleich seinen Abschied zu nehmen. Gerade in dieser
kritischen Zeit machte ihm die Baronin von Grenwitz ihre Anerbietung betreffs
Helene's. Felix, der hier einen Ausweg fand, an den er noch gar nicht gedacht
hatte - denn Anna-Maria's Gemthlosigkeit in Geldangelegenheiten war ihm aus
Erfahrung bekannt - griff mit beiden Hnden zu, obgleich eine Heirath nicht eben
nach seinem Geschmacke war. Indessen war er bereit, sich auf jeden Fall auch in
diese Bedingung zu fgen. Wie angenehm war er deshalb berrascht, als ihm in
seiner Cousine, die er bis dahin nicht gekannt hatte, ein Wesen entgegentrat,
schner, anmuthiger, als irgend eine der Damen, die er bisher mit seiner Neigung
beehrt hatte - ein Wesen, das, die Seine zu nennen, den Stolzesten der Stolzen
entzckt haben wrde. So waren denn nicht zwei Tage vergangen, als Felix fr
seine schne Cousine in seinem Herzen eine Leidenschaft fhlte, die freilich,
genau betrachtet, bloe Eitelkeit war, ihm selbst aber wie ein Wunder vorkam;
und so konnte er denn nicht mde werden, die Baronin von seiner Liebe zu
unterhalten und sich auch gegen die Uebrigen, besonders Oswald, ber die
Herrlichkeit eines auf das Hchste gerichteten Strebens auszulassen. Er
zweifelte nicht einen Augenblick daran, da seine Leidenschaft erwidert werde.
Hatte er nicht bis jetzt noch berall ressirt? war sein Glck bei den Frauen
nicht sprchwrtlich selbst unter den Kameraden, von denen sich doch so ziemlich
jeder Einzelne fr einen Paris oder Adonis hielt? und hatte er nicht schon so
oft erfahren, da sich die Liebe hinter dem Anschein der Gleichgiltigkeit, ja
der Abneigung verbirgt? Freilich trieb seine schne Cousine die Komdie ziemlich
weit; freilich behandelte sie ihn mit einer Klte, einer Geringschtzung, die
manchmal geradezu beleidigend war - aber er lie sich dadurch in dem
felsenfesten Glauben an seine unwiderstehliche Liebenswrdigkeit nicht beirren
und verspottete die Baronin, wenn diese ihn wieder und wieder zur Vorsicht
ermahnte. Denn Anna-Maria sah, da keine persnliche Eitelkeit die Klarheit ihres
Blickes trbte, in dieser Angelegenheit viel schrfer als Felix. Sie, die an
sich selbst die Energie des Charakters so hoch schtzte, mute im Stillen die
consequente Gleichmigkeit in Helenens Betragen, die bescheidene Festigkeit,
mit der sie ihre Ansichten aussprach und behauptete, bewundern. Es war ein Etwas
in der stolzen Schnheit ihrer Tochter, wovor sie sich unwillkrlich beugte.
    Helene war nach jenem Abend am Strande wo mglich noch stiller und
zurckhaltender geworden. Sie flchtete, wenn sie irgend konnte, in die
Einsamkeit ihres Zimmers. War sie in der Gesellschaft, schlo sie sich am
liebsten an ihren Vater an, oder suchte es auf den Spaziergngen so
einzurichten, da Bruno ihr Begleiter war. Sie hatte stets einen kleinen Dienst
fr ihn: bald mute er ihr den Hut, bald die Mantille tragen; bald hatte er ihr
eine Blume zu pflcken, die auf der andern Seite des Grabens wuchs; bald ihr an
einer steileren Stelle des Ufers die Hand zu reichen. Bruno unterzog sich dem
Dienste mit einem milden Ernst, der freilich den Spott des Baron Felix zuweilen
herausforderte, fr Jeden aber, der sich fr den Knaben interessirte, und die
wilde Unbndigkeit seiner Natur kannte, etwas unendlich Rhrendes hatte. Sein
Wesen schien, sobald Helene's Blick auf ihm ruhte, wie umgewandelt. Er war dann
sanft und freundlich, dienstfertig und zuvorkommend; ein Wort von ihr, ein Wink
nur ihrer langen, dunklen Wimper gengte, ihn, wenn er sich ja einmal von seiner
alten Heftigkeit hinreien lie, sofort zu besnftigen. Diese Heftigkeit machte
sich vor allem gegen Felix Luft, gegen den er einen Ha und eine Verachtung
empfand, die er sich kaum zu verbergen bemhte. Stets hatte er ein hhnisches,
bitteres Wort fr ihn in Bereitschaft; die mancherlei kleinen Blen, die jener
sich in seiner malosen Eitelkeit der Gesellschaft gegenber gab, fanden in
Bruno einen unerbittlichen, grausamen Verfolger, der um so lstiger war, als
seine Jugend ihn nicht als ebenbrtigen Gegner erscheinen lie, gegen den man
nicht mit anderen Waffen kmpfen konnte, als hchstens mit einem von oben herab
gefhrten Hiebe, der meistens ganz vortrefflich parirt wurde. Felix selbst
empfand dies einigermaen, und wenn ihm der Knabe auch nicht gefhrlich
erschien, so war er ihm doch im hohen Grade unbequem. Wo Helene war, da war auch
Bruno, und traf es sich ja einmal auf den Spaziergngen, da sie allein
zurckgeblieben war, und war Felix eben im besten Zuge, von der Liebe im
Allgemeinen - denn weiter war er noch nicht gekommen - zu sprechen, so gesellte
sich wie auf Verabredung Bruno zu ihnen, und Felix, der von Botanik und
Mineralogie nicht das Mindeste verstand, blieb nichts brig, als die Beiden
ihren naturwissenschaftlichen Bestrebungen zu berlassen. Wie wrde er sich
gewundert haben, wenn er gehrt htte, da diese Verhandlungen abgebrochen
wurden, sobald er aus dem Gehrkreise war; da Bruno, die Blume, ber die sie so
eben gesprochen hatten, zerraufend, durch die Zhne sagte: Sieh, Helene, so
zerreiest Du mein Herz, wenn Du schwach genug bist, diesen Felix zu lieben! -
Das alte Lied, Bruno? - Ja, das alte Lied; und ich will Dir es singen, so lange
ich noch Athem in der Brust habe: Meinst Du, ich wei nicht, was es bedeutet,
wenn Tante und Felix die Kpfe zusammen stecken und von Zeit zu Zeit verstohlen
auf Dich blicken? O! mein Auge ist scharf, und mein Ohr ist es nicht minder.
Gestern, als ich an ihnen vorberstrich, meinte der saubere Herr: sie wird schon
zur Vernunft kommen! sie - das bist Du: und zur Vernunft kommen, heit: sie wird
ihren Stolz so weit vergessen, und einen solchen jmmerlich eitlen Pfau, wie ich
bin, heirathen. - Aber wie kommst Du nur auf diesen Gedanken, Bruno? - Nun, ich
dchte, sie lgen nahe genug; und Dir gehen sie auch durch den Kopf, oder
weshalb blicktest Du oft so in Dich versunken vor Dich hin und dann pltzlich zu
Felix oder zu Oswald hinber, als ob Du sie mit einander verglichest. Ja,
vergleiche sie nur immer! Du wirst dann den Unterschied entdecken zwischen einem
Manne und - einem Affen. - Du hast wohl Herrn Stein sehr lieb, Bruno? Ist er
denn immer so still und traurig, wie jetzt? - Bewahre, er kann so ausgelassen
sein, wie ein Fllen, ich wei nicht, was ihm fehlt, oder ich wei es wohl, aber
- Aber? - Aber ich darf es nicht sagen; oder ja, Dir darf ich es sagen, denn Du
bist nicht wie die anderen Menschen. Mir ist immer, als mtest Du mir in's Herz
sehen drfen, wie sie sagen, da uns Gott in's Herz sieht. - Bruno, ich will
nicht, da Du ein Geheimni verrthst. - Ich verrathe nichts, denn Oswald hat
mir nie ein Wort gesagt. Ich wei nur, da er so still und traurig ist, seitdem
Tante Berkow fort ist. Es wurde doch heute Mittag darber gesprochen, wie lange
sie wohl noch fortbleiben, ob sie wohl nach Herrn von Berkow's Tode wieder
heirathen wrde, und da sah ich, wie Oswald sich entfrbte und whrend des
ganzen Gesprches die Augen nicht von seinem Teller hob. Und dann, als Felix
meinte, da Baron Oldenburg, der ja auch, wie er ganz zufllig durch einen
Freund erfahren, nach Fichtenau gereist sei, vielleicht darber nhere Auskunft
geben knnte, hob er schnell, mit einem zornigen Blick zu Felix hinber, den
Kopf und ffnete den Mund, als ob er etwas sagen wollte; aber er sagte nichts
und bi sich in die Lippen; und heute Abend ist er noch ganz besonders
verstimmt. - Und das Alles heit? - Das Alles heit, da Oswald Tante Berkow
sehr lieb hat und da er nicht mag, wenn ber sie gesprochen wird; eben so wenig
wie ich es mag, wenn Tante und Felix ber Dich sprechen. - Ach, Du weit ja
nicht, was Du redest. - Natrlich, das ist immer das Ende vom Liede; ich wei
nichts; ich bin ein dummer Junge; heisa, heisa, hopsasa! ich habe keine Ohren zu
hren, keine Augen, zu sehen? warum? weil ich erst sechszehn Jahre alt bin und
mein Bart noch einiges zu wnschen brig lt.
    Ob Helene ber diese Mittheilung im Stillen nicht doch eine Art von
Enttuschung empfand, ob sie die Melancholie in Oswald's groen blauen Augen
nicht doch anders erklrt hatte, - darber htte sie selbst keine Rechenschaft
zu geben vermocht; auf jeden Fall aber wurde das Interesse, welches sie seit dem
Abend am Strande fr Oswald zu empfinden begonnen, bedeutend erhht. Sie fing
an, ihn genauer als vorher zu beobachten; sie war aufmerksam auf jedes seiner
Worte; sie sang und spielte vorzugsweise gern die Lieder und Musikstcke, die
seinen Beifall hatten; sie freute sich, als er wieder, wie frher, des Morgens
in den Garten kam, und empfand es mit einiger Genugthuung, da der jetzt so
Schweigsame bei diesen Gelegenheiten stets gute freundliche Worte fr sie hatte
und auf jedes von ihr angegebene Thema, bald ernst, bald launig, immer aber mit
dem herzlichen Ton eines lteren Bruders, der einer lieben Schwester gern von
seinem reicheren Wissen mittheilt, einging. Und wenn das stolze, fr alles
Schne und Edle tief empfngliche Herz des jungen Mdchens sich dem Zauber von
Oswald's Persnlichkeit nicht zu entziehen vermochte, so war es auf der andern
Seite Opposition gegen die ihr immer deutlicher werdenden Plne ihrer Mutter,
was sie gerade jetzt an einem Manne, ber welchen ihr aristokratisches Auge doch
sonst wohl weggeblickt htte, ein hheres Interesse nehmen lie. Die
verschiedenartigsten Empfindungen bekmpften sich in ihrem Herzen, wie oft an
einem tiefblauen Sommerhimmel leichte graue Wolken durcheinander treiben und
flieen, bis der Sturm in seiner Vollgewalt hereinbricht.

                          Siebenundvierzigstes Capitel


Die Baronin hatte dem von Felix geuerten Rath, sich an dem geselligen Leben
des Adels der Umgegend lebhafter zu betheiligen, nach reiflicher Ueberlegung
folgen zu mssen geglaubt, und es dauerte nicht lange, als fast kein Tag
verging, an welchem nicht die Familie entweder in die Nachbarschaft gebeten war,
oder, was noch hufiger geschah, selbst Besuch zu empfangen hatte. Man schien
entzckt, da Schlo Grenwitz, frher wegen seiner Gastlichkeit mit Recht weit
und breit berhmt, wieder der Vereinigungspunkt der geschftigen Miggnger
werden sollte: man billigte hchlichst Anna-Maria's Entschlu, das klsterlich
stille Leben mit einem neuen glnzenderen und einer so alten ruhmreichen Familie
wrdigeren zu vertauschen; man sagte ihr so viele Schmeicheleien ber ihre
Unterhaltungsgabe, ber ihr Talent, groe Gesellschaften zu arrangiren, da sie
die Kosten, welche diese ihr ganz ungewohnte Gastfreundschaft veranlate, vor
ihrem eigenen Gewissen durch die unumgngliche Nothwendigkeit der Maregel, so
gut es gehen wollte, zu entschuldigen suchte.
    Oswald hatte auf diese Weise schon mehrere der ihm vom Balle in Barnewitz
her bekannten Gesichter wieder gesehen; aber noch keines von denen, die ihm ein
vorzglicheres Interesse abgewonnen hatten. Es war ein eigenthmlicher Zufall,
da an einem Nachmittage, theils gebeten, theils ungebeten, sich beinahe Alle
zusammenfanden, die damals fr ihn mehr oder weniger merkwrdig geworden waren.
Mit sehr verschiedenen Empfindungen sah er nach und nach Barnewitz mit seiner
Gemahlin Hortense, Cloten, den Grafen Grieben und Andere eintreten und sein
Interesse wurde geradezu ein peinliches, als zuletzt ganz unerwartet noch ein
Wagen vorfuhr, aus welchem Adolph und Emilie von Breesen und die Tante Breesen
stiegen, deren zahnlosen Mund und spitze Zunge er noch sehr wohl in Andenken
hatte.
    Hierher, mein feiner, junger Herr! rief die alte Dame, als sie nach den
ersten Begrungen ihn erblickte; warum sind Sie nicht uns zu besuchen gekommen,
wie Sie versprochen hatten? habe ich Sie deshalb meinem ungerathenen Neffen als
das Muster eines wohlerzogenen jungen Mannes, der da wei, was er alten Damen
schuldig ist, vorgestellt? habe ich deshalb Ihre Aussprache des Franzsischen
meiner naseweisen Nichte als mustergltig gerhmt? Schmen Sie sich! ich beehre
Sie mit meiner Ungnade!
    Ich verdiene diese durchaus nicht, gndige Frau! sagte Oswald. Ich konnte
nicht kommen, wie ich wollte, und gesetzt, ich htte wirklich eine
Unterlassungssnde begangen, so bin ich doch wahrlich, auch ohne Ihre Ungnade
schwer genug gestraft.
    Ja, ja - schne Redensarten, daran fehlt es Ihnen nicht. Sind Sie auch im
Herzen nicht weniger unartig, wie die andern jungen Leute, so sind Sie doch
manierlicher, und schon deshalb mu ich Ihnen verzeihen. Hier haben Sie meine
Hand; und nun sehen Sie zu, wie Sie mit meiner Nichte fertig werden, ohne da
sie Ihnen die hbschen Augen auskratzt.
    Damit wandte die alte lebhafte Dame Oswald den Rcken und lie ihn allein
mit der hbschen Emilie, die, ohne die Augen von dem Boden zu erheben, mit
leicht gertheten Wangen und unruhig wogendem Busen vor ihm stand.
    Oswald war fest entschlossen, das kindische und doch gefhrliche Spiel mit
dem leidenschaftlichen Mdchen nicht wieder zu beginnen. Er wnschte und hoffte,
da sie selbst zur Besinnung gekommen sei, und er sah es deshalb nicht ungern,
als Frulein Emilie einige gleichgiltige Worte, die er an sie richtete,
scheinbar unbefangen beantwortete und sich sodann zu einer Gruppe junger Mdchen
gesellte, die sich um Helene geschaart hatte, den modischen Schnitt eines weien
Kleides zu bewundern, das sie heute zum ersten Mal trug.
    Auch seine Begegnung mit Herrn von Cloten war weniger unerquicklich, als er
nach ihrem letzten unverhofften Zusammentreffen auf Oldenburg's Solitude
erwarten konnte. Der junge Edelmann that sehr erfreut, ihn nach so langer Zeit
wieder zu sehen, erkundigte sich angelegentlich nach Oldenburg, erinnerte an das
Pistolenschieen in Barnewitz, und fragte, ob Oswald ihm heute Revanche geben
wollte.
    Oswald war einigermaen gespannt zu sehen, wie sich Cloten und Barnewitz
gegen einander benehmen wrden. Zu seiner nicht geringen Verwunderung schien
zwischen diesen beiden Herren das vollkommenste Einvernehmen zu herrschen.
Oldenburg hatte sich in dieser Angelegenheit als ein ausgezeichneter Diplomat
bewiesen. Er hatte Jedem der Beiden eingeredet, da der Andere nach seinem Blute
lechze, und so die beiden Mnner, die, nicht ohne alle Ursache, das Leben,
welches sie fhrten, viel zu behaglich fanden, um ohne gewichtige Veranlassung
daraus zu scheiden, fr seine Vermittelungsvorschlge geneigt gemacht. Herrn von
Barnewitz hatte er Cloten's Liebeshandel mit Hortense als eine ganz unschuldige
Tndelei dargestellt, und geschworen, wie er berzeugt sei, da dieser junge
Mann mit jener Dame zu keiner Zeit einem intimeren Verhltni gestanden habe,
als viele andere Bekannte, zum Beispiel er selbst. Dem jungen lndlichen Don
Juan dagegen hatte er den Rath gegeben, in Barnewitz' Gegenwart ein paar Mal
ungezogen gegen Hortense zu sein, und vor Allem sich irgend eine der Damen ihres
Cirkels auszuwhlen, um ihr mglichst auffallend den Hof zu machen. Cloten,
uerst froh, sich so leichten Kaufs aus dem fatalen Handel zu ziehen, hatte
Oldenburg's Rath pnktlich befolgt und von Stund an begonnen, Frulein von
Breesen in seiner lppischen Weise zu huldigen. Er war indessen bisher in seinen
Bemhungen sehr wenig glcklich gewesen, hatte im Gegentheil viel Spott und Hohn
aus dem Munde des bermthigen Mdchens ber sich ergehen lassen mssen. Seine
Liebesversicherungen wurden mit ironischen Bemerkungen zurckgewiesen und seine
Ritterdienste mit einer Gleichgiligkeit entgegen genommen, die ihn, wenn es ihm
wirklich Ernst gewesen wre, zur Verzweiflung gebracht haben wrden. Und es war
ihm, wie es in solchen Dingen zu gehen pflegt, nach und nach wirklich Ernst mit
der anfnglich so leichtsinnigen Tndelei geworden. Frulein Emilie war so
reizend selbst in ihrem Uebermuth, so liebenswrdig selbst in ihrer
Ungezogenheit, da der unglckliche Vogelsteller sich von Tag zu Tag tiefer in
die Netze, die er selber gelegt hatte, verstrickte, und jetzt Alles darum
gegeben haben wrde, ein freundliches Wort aus dem angebeteten Munde zu
erhalten. Wie berrascht war er deshalb, wie auer sich vor Entzcken, als ihm
Frulein Emilie, die er kaum noch anzureden wagte, heute mit der grten
Freundlichkeit entgegen kam, ihn auf dem Spaziergang, den man durch den Garten
machte, zum Begleiter erwhlte, ihren Sonnenschirm von ihm tragen, sich Blumen
von ihm pflcken, ein im Saale vergessenes Taschentuch von ihm holen lie, mit
einem Worte, scheinbar Alles that, die ihm in den letzten Wochen zugefgten
Beleidigungen in einer Stunde wieder gut zu machen.
    Cloten war berglcklich; seine wasserblauen Augen strahlten; er drehte ohne
Aufhren seinen kleinen blonden Schnurrbart und lchelte dumm vergngt, so oft
ihm eine Aeuerung, wie: nun, Cloten, kann man gratuliren? oder: recht so,
Cloten, nur nicht ngstlich! und hnliche in's Ohr gezischelt wurden.
    Oswald wute nicht, was er von dieser Komdie denken sollte. Im Anfang
glaubte er, Emilie wolle ihm nur zeigen: sieh! es fehlt mir nicht an
Bewunderern. Er konnte nicht annehmen, da ein so geistvolles und - mochten ihre
Fehler sein, welche sie wollten - immerhin liebenswrdiges, und jedenfalls sehr
hbsches Mdchen sich ernstlich fr einen so faden Menschen, wie Cloten,
interessiren knnte. Als der Abend aber hereinbrach, die Gesellschaft sich aus
dem Garten allmlig in die nach dem Rasenplatz fhrenden Zimmer zurckzog und
zuletzt nur noch Emilie mit Herrn von Cloten unermdlich drauen promenirten,
mute er sich wohl der Meinung der Gesellschaft, da die Verlobung zwischen
Cloten und Frulein von Breesen nicht mehr lange auf sich warten lassen werde,
anschlieen. Es that ihm leid um das Mdchen, da sich so wegwerfen konnte; dann
aber dachte er wieder: Du brauchtest Dir wahrlich wegen eines so leichtsinnigen
Geschpfes keine so groen Gewissensbisse zu machen. Sie sind im Grunde Eines
des Andern vollkommen wrdig. Ob sich dieser Cloten nicht schmt, vor den Augen
der Frau, die er liebte, ein solches Schauspiel aufzufhren?
    Er wandte sich zu Hortense von Barnewitz, die in einer Fensternische des
Saales ganz allein stand. Die hbsche Blondine schien, sehr gegen ihre
Gewohnheit - denn sie war eine der gefeiertsten und verwhntesten Damen - diese
Vernachlssigung von Seiten der Herren heute gern zu sehen.
    Werden Sie heute nicht tanzen, gndige Frau? fragte Oswald.
    Soll denn getanzt werden? antwortete Hortense, wie aus einem Traume
erwachend.
    Gewi. Die Baronin lt das Klavier in den Saal schaffen. Herr Timm hat sich
erboten, zu spielen; ich wollte mir erlauben, die gndige Frau um den ersten
Tanz zu bitten, im Fall Sie sich noch nicht versagt haben.
    Ich mich versagt? Bewahre! die Zeiten sind vorber, wo ich auf Wochen voraus
zu jedem Tanz engagirt war. Ich berlasse das jetzt den Jngeren.
    Sie belieben zu scherzen.
    Keineswegs. Sie sind der Erste, und weil ich frchte, da Sie auch der
Letzte sein werden, will ich lieber gar nicht anfangen, sondern Sie bitten, sich
ein wenig zu mir zu setzen, und die Zeit, die Sie mit mir vertanzen wollten, in
aller Ruhe zu verplaudern. Ist es Ihnen recht?
    Die Frage beantwortet sich selbst, sagte Oswald, Hortense einen Stuhl
herbeiziehend.
    Setzen Sie sich auch! sagte diese. Ich hre, Herr Doctor, Sie haben ein
groes Talent zur Satyre; lassen Sie mich eine Probe dieses Talentes hren; an
Stoff kann es Ihnen ja nicht fehlen, wenn Sie von unserm Standpunkt aus einen
Blick auf die Gesellschaft hier im Saale werfen. Welche von den Damen halten Sie
fr die hbscheste?
    Sie meinen die am wenigsten hliche?
    Sie Sptter! Freilich, auer einigen ertrglichen Toiletten ist nicht viel
Hbsches wahrzunehmen. Wie finden Sie Helene Grenwitz?
    Ich finde sie gar nicht, trotzdem ich sie berall mit den Blicken suche.
    Dort rechts von der Thr. Sie spricht mit ihrem Cousin Felix. Wie steht denn
die Angelegenheit? hat Felix sich noch immer nicht erklrt?
    Jedenfalls nicht gegen mich.
    Das glaube ich gern. Aber glauben Sie, da er sich erklren wird?
    Nein.
    Weshalb?
    Weil ich die Sache fr unerklrlich halte.
    Schwrmen Sie etwa fr Frulein Helene?
    Ganz unendlich.
    Sie interessiren sich berhaupt wohl besonders fr junge Mdchen, die eben
aus der Pension kommen?
    Nur, wenn sie wirklich interessant sind.
    Nicht immer; oder Sie wollen doch nicht behaupten, da Emilie Breesen dies
Beiwort verdient?
    Ich habe noch nie fr Frulein von Breesen geschwrmt.
    Desto mehr die Kleine fr Sie. Lisbeth von Meyen ist die Vertraute von
Emiliens Liebeskummer geworden und Lisbeth hat natrlich die ganze Sache
ausgeplaudert.
    Aber das ist ja unmglich!
    Beruhigen Sie sich nur! Sie sehen ja, das gute Kind hat sich schnell genug
wieder getrstet. Heute schwrmt sie fr Cloten; ein ander Mal wird sie fr
einen Andern schwrmen. Die Kleine hat Talent, sie kann es noch weit bringen.
Mich dauert nur der arme Cloten.
    Aber weshalb begiebt er sich in die Gefahr?
    Freilich, und noch dazu ohne seinen Mentor.
    Wer ist das?
    Baron Oldenburg. Er wird den Rath seines edlen Freundes miverstanden haben
und die kleine Emilie aus purem Miverstndni heirathen.
    Sie belieben in fr mich unergrndlichen Rthseln zu sprechen, gndige Frau.
    Ich bitte um Verzeihung. Sagen Sie, Sie sind wirklich, wie die Fama sagt, in
der kurzen Zeit der Busenfreund des Barons geworden.
    Die Fama hat in diesem Falle, wie stets, aus der Mcke einen Elephanten
gemacht.
    Glauben Sie, da ich es gut mit Ihnen meine? sagte Hortense und sie blickte
Oswald voll in die Augen.
    Ich habe keinen Grund, das Gegentheil anzunehmen; antwortete dieser, den das
Gesprch, welches er ganz absichtslos angeknpft hatte, auf eigenthmliche Weise
zu interessiren begann.
    So folgen Sie meinem Rath: hten Sie sich vor dem Baron, wie vor Ihrem
schlimmsten Feind!
    Weshalb?
    Weil er falsch ist bis in das innerste Herz hinein.
    Sie kennen den Baron genau?
    Leider!
    Und - verzeihen Sie mir, wenn ich eine so schwere Beschuldigung eines
Mannes, den ich - ich gestehe es - bis jetzt hoch geachtet habe, nicht sofort zu
glauben vermag - haben Beweise Sie von des Barons Falschheit?
    Tausend fr einen.
    Geben Sie nur einen.
    Es bleibt unter uns, was ich Ihnen erzhlen werde?
    Das verspreche ich.
    So hren Sie. Sie kennen meine Cousine Melitta. Nun, sie hat ihre Schwchen
wie wir Alle, aber sie ist doch im Grunde eine charmante Frau, die ich sehr lieb
habe, und um die es mir leid thun sollte, wenn sie sich, wie es den Anschein
hat, wieder in dieselben schlechten Hnde giebt, aus denen ich sie mit so viel
Mhe glcklich erlst zu haben glaubte. Wenn Melitta nicht so gut ist, wie sie
sein knnte - Oldenburg allein hat es auf dem Gewissen. Er hat ihr, als sie noch
ein junges Mdchen war, mit seinen tollen Ideen den Kopf verdreht, da sie
zuletzt nicht mehr Recht von Unrecht unterscheiden konnte. Er hat, als sie
endlich die ausgezeichnete Partie mit Herrn von Berkow gemacht hatte, das ganze,
im Anfang so schne Verhltni zerstrt; und wenn Berkow zuletzt vor Eifersucht
toll geworden ist, es kann Niemand verwundern, der es, wie ich, mit angesehen
hat, wie es die Beiden trieben. Endlich gelang es mir, bei Melitta auszuwirken,
da sie Oldenburg auf einige Zeit wenigstens fortschickte. Er ging; aber, als
wir vor ein paar Jahren Italien bereisten, stellte sich Oldenburg wieder ein -
ob zufllig, ob von Melitta herbeigerufen - ich lasse es unentschieden. Nach
ihrem Benehmen sollte ich freilich das Letztere vermuthen. Das alte Lied begann
von Neuem. Einsame Promenaden, Austausch von Liebesschwren, wobei sie sich
selbst durch die Anwesenheit dritter Personen nicht geniren lieen - mit einem
Worte: es war fr Jemand, die, wie ich, etwas streng in solchen Sachen denkt und
die, wie ich, Melitta noch dazu so aufrichtig liebte, ein recht hliches
Schauspiel. Vergebens bat und beschwor ich Melitta, an ihren kranken Gemahl, an
ihr Kind zu denken. Ich predigte tauben Ohren. Da entschlo ich mich zu einem
verzweifelten Mittel. Um ihr Oldenburg's Treulosigkeit - von der mir von anderen
Seiten die fabelhaftesten Dinge erzhlt waren - zu beweisen, lie ich mich
herbei, ihn glauben zu machen, ich selbst interessire mich fr ihn. Es gehrte
dazu nicht viel, denn der Baron ist eben so eitel, wie er verrtherisch und
zgellos in seinen Leidenschaften ist. Bald verfolgte er mich jetzt mit seinen
Huldigungen - natrlich, ohne sich Melitta gegenber zu verrathen. Dabei sprach
er so lieblos, so schlecht von meiner armen Cousine, da ich kaum im Stande war,
die Maske, die ich vorgenommen hatte, festzuhalten. Und doch mute ich es, bis
Oldenburg von seiner Leidenschaft hingerissen, blind in das Netz rannte, das ich
ihm stellte. Ich wute es so einzurichten, da er - es war im Garten der Villa
Serra di Falco bei Palermo - mir eine feurige Liebeserklrung machte, whrend
Mellitta sechs Schritte davon hinter einem Myrthengebsche stand. Die Arme! es
war eine schmerzliche Operation, aber ich konnte ihr nicht anders helfen.
Oldenburg war natrlich am andern Morgen verschwunden. Ich suchte Melitta zu
zerstreuen, so gut es ging, und ich mu gestehen, sie zeigte sich gefater, als
ich nach einer so schmerzlichen Enttuschung, einer so tiefen Demthigung fr
mglich gehalten htte. Ich hoffte, da diese grausame Lehre, die sie empfangen,
ihr ein fr alle Mal ber Oldenburg die Augen geffnet htte; hoffte es um so
mehr, als der Baron ihr durch mehrjhrige Abwesenheit Zeit genug zur Besinnung
lie. Da pltzlich taucht er vor einigen Wochen ganz unerwartet wieder auf. Mir
ahnte sofort nichts Gutes - denn das Erscheinen dieses Mannes ist immer von
etwas Auergewhnlichem begleitet. Wie er es angefangen hat, sich wieder
Melitta's Gunst zu erwerben, wie es mglich ist, da Melitta schwach genug sein
konnte, ihm wieder ihre Gunst zu gewhren - ich wei es nicht - denn Beide haben
in einem hohen Grade das Talent, ihre Handlungen den Blicken der Menschen zu
entziehen. So viel steht fest: eine Ausshnung - von der wir bei einem so
erfahrenen Paare annehmen mssen, da sie eine vollstndige war - kam zu Stande,
und damit die Feier dieser Ausshnung mglichst geheim bleibe, machen sie eine
gemeinschaftliche Badereise; und wohin? nach Fichtenau, dem Orte, wo der Gemahl
Melitta's seit sieben Jahren krank liegt! Wahrlich, ich bedauere Melitta. Wenn
sie darauf ausging, ihren Ruf zu ruiniren, sie htte es hier bequemer haben
knnen. Denn gesetzt auch, Berkow's tdtlilche Krankheit ist nicht fingirt, was
hat denn Oldenburg, der diese Krankheit jedenfalls mit veranlat hat, dabei zu
thun? und glaubt denn Melitta, da der Baron sie nach dem Tode Berkow's
heirathen wird? Du lieber Himmel! wenn Oldenburg alle Frauen heirathen sollte,
denen er in seinem Leben Liebe geschworen, er mte sich ein Serail anlegen, in
welchem alle Stnde von der Herzogin bis zur Kammerjungfer, alle Nationen und
ich glaube auch alle Racen vertreten wren. Aber mein Gott, was ist Ihnen? Sie
sind ja ganz bla geworden! Sind Sie nicht wohl?
    Es ist nur die bergroe Hitze, sagte Oswald, sich erhebend; ich bitte um
Verzeihung, wenn ich Sie so pltzlich verlasse. Ich will versuchen, ob die
frische Abendluft mich wieder herstellt.
    Er machte Hortense eine sehr frmliche Verbeugung und entfernte sich, ohne
ihre Antwort abzuwarten.
    Nun, was bedeutet denn das? fragte diese, indem sie dem Forteilenden
verwundert nachsah. Hat meine vortreffliche Cousine auch hier eine Eroberung
gemacht? und habe ich, ohne es zu wissen und zu wollen, zwei Fliegen mit einer
Klappe geschlagen? Ich glaube, aus dem jungen Menschen wre etwas zu machen.
Freilich - ich mu jetzt etwas vorsichtig sein; Barnewitz ist nach der letzten
Affaire mit Cloten ein wahrer Othello - da kommt ja das Ungethm - nun, lieber
Barnewitz, siehst Du Dich auch einmal nach Deiner verlassenen kleinen Frau um?
ich sitze hier nun schon den ganzen Abend und schmachte nach Dir.
    Warum tanzt Du denn nicht?
    Meinst Du, da es mir Vergngen macht, wenn Du nicht dabei bist?
    Ich habe mit dem jungen Grieben und Anderen ein kleines Jeu arrangirt; aber
ich kann schon einmal mit Dir herumspringen! Komm! sie fangen eben einen Walzer
an. Das ist so meine Force!
    Und das Paar trat in die Reihe der Tanzenden.
    Unterdessen irrte Oswald ruhelos in dem Garten umher. Aus den offenen
Fenstern und Thren der Zimmer strahlten die Lichter; um den Rasenplatz herum
hatte Anna-Maria Laternen von buntem Papier aufstellen lassen, die der helle
Mondschein ziemlich berflssig machte. Von Zeit zu Zeit traten einzelne Paare
auf den Platz hinaus und promenirten in der balsamischen Nachtluft. Es war eine
festliche, heiter schne Scene, die Oswald's verdstertes Gemth beleidigte. Er
erstieg den Wall, setzte sich auf eine Bank und starrte, den Kopf in die Hand
gedrckt, in das Wasser des Grabens, auf dem die Mondesstrahlen unheimlich
glitzerten.
    Wre es nicht besser, Du machtest Deinem elenden Dasein ein schnelles Ende,
murmelte er, als da Du Dir zur Qual und Keinem zur Freude die Brde des Lebens
weiter schleppst? Willst Du denn fortvegetiren, bis Dir jede Illusion zerstrt
ist, bis Du Alles und Jedes, was Du werth und heilig hieltst, ber Bord geworfen
hast, ber Bord hast werfen mssen? willst Du denn warten, bis Dir die Geduld
vollends ausgeht, wie dem edlen, groherzigen Berger? So also sieht das Bild der
Frau aus, vor der Du wie vor einer Heiligen gekniet hast? das ist der Mann,
dessen Hand in der Deinen zu halten, Dir eine Ehre schien? Du warst ihr nichts
als ein Spielball ihrer hochadligen Laune, und er hat seinen allerliebsten
freiherrlichen Scherz mit Dir getrieben? Aber das ist ja nicht mglich! nicht
mglich? warum denn nicht? ist die Welt, in der sich diese Menschen bewegen,
nicht durch und durch verfault und verrottet? ist ihr ganzes Leben nicht eine
gemeine Intrigue? betrgt hier nicht die Gattin den Gatten? und dieser jene?
verkauft nicht der Vater die Tochter? verkuppelt nicht die Mutter ihr eigen
Fleisch und Blut? verrth nicht der Freund den Freund? plaudert eine Kokette
nicht die Geheimnisse der andern aus? weshalb whnst Du denn, sie wrden mit
Dir, dem Plebejer, dem Arbeiter fr Lohn und Brot besser verfahren? und doch,
und doch! es ist entsetzlich! Das Weib, das Du angebetet, wie eine Gottheit, die
Maitresse eines Andern, ihn betrgend, Dich betrgend, um von ihm wieder
betrogen zu werden? Und Du, gutmthiger Narr, kmpfst wie ein Wahnsinniger mit
Deiner Leidenschaft fr das holde, herrliche Geschpf, die einzig Reine in
diesem Hexensabbat, denn sie ist rein und gut, oder es giebt nichts Reines auf
dieser Welt. Nein, nein! und wenn Alles um Dich her Lug und Trug ist, und
schwarzer, tckischer Verrath - auf diesen einen hohen Stern willst Du Dein Auge
heften - es ist Dein Stern! Nur das unerreichbar Hohe ist Deiner Liebe werth! Um
die Irrlichter, die auf dem Sumpfe tanzen, mgen sich die Molche mit den Krten
zanken.
    Ein leichtes Gerusch an seiner Seite machte ihn aus seiner gebckten
Stellung auffahren. Eine schlanke Mdchengestalt in einem weien Gewande stand
vor ihm. Durch eine Lcke in dem Laubdache oben fiel ein Mondenstrahl auf die
schlanke, weie Gestalt.
    Es war Emilie von Breesen.
    Still! sagte sie, als Oswald sich mit einem leisen Ruf der Verwunderung
erhob; ich sah Sie aus dem Saale gehen; ich bin Ihnen gefolgt, weil ich Sie
sprechen will, sprechen mu. Ich werde Sie nicht lange aufhalten. Es bedarf nur
eines Wortes, eines einzigen Wortes, das ber mein Leben entscheiden soll.
Liebst Du mich? ja? oder nein?
    Das junge Mdchen hatte Oswald's Hand ergriffen, die sie mit krampfhafter
Heftigkeit prete. Ja? oder nein? wiederholte sie in einem Tone, der die
Leidenschaft, die in ihr whlte, deutlich genug verrieth.
    Aber Oswalds Ohr war taub gegen diesen Ton; sein Herz verschlossen, wie das
Haus eines Mannes, den die Diebe in der Nacht zuvor bestohlen haben.
    Sie irren sich ohne Zweifel in der Person, sagte er mit schneidendem Hohne.
Ich heie Oswald Stein; Herr von Cloten ist, so viel ich wei, drinnen im Saale;
und er suchte seine Hand aus der des Mdchens loszumachen.
    Habe ich das verdient? rief Emilie mit von Thrnen fast erstickter Stimme,
und sie lie die Arme wie in Verzweiflung sinken.
    Die Nacht ist khl, sagte Oswald, der Thau beginnt zu fallen; Sie werden
sich in dem leichten Anzug erklten. Darf ich die Ehre haben, Sie in den Saal
zurckzubegleiten?
    O mein Gott, mein Gott! murmelte Emilie, das ertrage ich nicht! Oswald stoe
mich nicht so von Dir! wie hab' ich mich nach diesem Augenblick gesehnt! wie
habe ich mir tausend und tausendmal wiederholt, was ich Dir Alles sagen wollte!
wie habe ich gehofft, da Du mich wieder in die Arme nehmen wrdest - o, mein
Himmel, was rede ich? Oswald, habe Mitleid mit mir! Du kannst meinen Uebermuth
von heute Abend nicht so grausam strafen wollen. Ich wollte Dich ein wenig
necken; ich dachte jeden Augenblick, Du wrdest zu mir treten, und da wollte ich
Dir Alles sagen. Aber Du kamst und kamst nicht; und ich mute die Komdie weiter
spielen, so schwer es mir wurde.
    Sind Sie sicher, mein Frulein, da Sie nicht selbst noch in diesem
Augenblicke Komdie spielen?
    Emilie antwortete nicht. Sie sank mit einem leisen Sthnen auf die Bank,
prete ihr Gesicht in die Hnde und schluchzte, als ob ihr das Herz brechen
wollte.
    Oswald trat dicht vor die Unglckliche und sagte in milderem Ton:
    Wollen Sie mir ein paar Augenblicke ruhig zuhren?
    Emiliens einzige Antwort war ein krampfhaftes Schluchzen.
    Glauben Sie mir, fuhr er fort; ich bedaure von ganzem Herzen, da eine
solche Scene wie diese mglich wurde, und ich fhle, da ich einzig und allein
die Schuld davon trage. Htte ich Ihnen an jenem Abend gesagt, was ich Ihnen
heute sagen mu, Ihr Stolz wrde Alles lngst entschieden haben. - Ich kann Sie
nicht lieben; das klingt sehr wunderlich gegenber einem so holden,
liebenswrdigen Geschpf, aber es ist dennoch wahr. Warum wollen Sie nun Ihre
Liebe an Jemand verschwenden, der sich des kostbaren Geschenkes so ganz unwrdig
zeigt? warum nicht Jemand damit beglcken, der mehr Talent zum Glcklichsein und
zum Beglcktwerden hat, als ich? - Ich bin gerade jetzt in einer sehr gedrckten
    Stimmung, die mich wohl noch mehr wie gewhnlich unfhig macht, die Dinge
und die Menschen in dem rechten Lichte zu sehen. Verzeihen Sie mir daher, wenn
ich Sie vorhin durch bittere, unberlegte Worte gekrnkt habe, zu denen ich kein
Recht habe und die ich nicht htte brauchen drfen, selbst wenn ich im Rechte
gewesen wre. Ich bitte, ich beschwre Sie: vergessen Sie, was zwischen uns
vorgefallen ist! und lassen Sie sich vor Allem durch diese Krnkung nicht zu
Entschlssen verleiten, die Sie spter und zu spt bereuen wrden. Sie haben
gesehen, was es heit, seine Liebe einem Unwrdigen schenken. Sollte Ihnen diese
Erfahrung in der Wahl, die Sie ber kurz oder lang treffen werden, zu Statten
kommen, so will ich gern fr den Augenblick von Ihnen verkannt sein, gern Ihren
Ha, selbst Ihre Verachtung auf mich geladen haben.
    Emilie hatte, whrend Oswald sprach, allmlig zu weinen aufgehrt. Jetzt
stand sie auf und sagte in beinahe ruhigem Ton:
    Es ist genug! Ich danke Ihnen, Sie haben mir die Augen geffnet. Sie sollen
nie wieder von mir belstigt werden. Sagen Sie mir nur noch dies Eine: werde ich
einer Anderen geopfert? lieben Sie eine Anrede?
    Ja, sagte Oswald nach kurzem Bedenken.
    Es ist gut! Und nun hren Sie dies! Wie ich Sie geliebt habe, mit aller
Gluth meines Herzens, so hasse ich Sie jetzt; und wie ich noch vor wenigen
Minuten mein Leben freudig fr Sie dahingegeben haben wrde, so hei wnsche ich
jetzt mich fr diese Schmach an Ihnen zu rchen. Und ich werde mich rchen; ich
werde -
    Wiederum brach sie in ein leidenschaftliches Weinen aus; aber sie bezwang
sich sogleich wieder.
    Sie sind es nicht werth, da ich so viel Thrnen um Sie weine. Nun setzen
Sie Ihrem Benehmen die Krone auf und folgen Sie mir auf dem Fue in den Saal,
damit doch ja die Welt erfahre, welche Nrrin ich gewesen bin!
    Und sie eilte von Oswald fort, den Wall hinab, an dem Rasenplatze vorber
nach dem Saal, wo noch immer eifrigst getanzt wurde. Von Cloten, der sie berall
in den Zimmern vergeblich gesucht hatte und jetzt melancholisch an einen
Thrpfosten gelehnt stand, erblickte sie sofort und kam eiligst auf sie zu.
    Mein gndiges Frulein! haben mich in wahre Todesangst versetzt! war bei
Gott au dsespoir! glaubte wahrhaftig, der Himmlischen Einer habe Sie mir
entfhrt.
    Ich habe in aller Stille ber das, was Sie mir vorhin sagten, nachgedacht,
Herr von Cloten, antwortete Emilie.
    Wahrhaftig! Sie sind ein Engel! und ich darf hoffen? fragte von Cloten, der
die gertheten Augenlider und das aufgeregte Wesen des jungen Mdchens natrlich
zu seinen Gunsten auslegte.
    Gehen Sie zu meiner Tante!
    Wirklich? wahrhaftig? ich kann es nicht glauben! rief der junge Mann und
sein freudiger Schrecken war keineswegs gemacht.
    So gehen Sie nicht! antwortete Frulein Emilie in einem sonderbaren Ton.
    Mein Gott, Emilie, Engel, zrnen Sie nicht! ich eile, ich fliege -
    Und Herr von Cloten entfernte sich in augenscheinlichster Verwirrung, um
Emiliens Tante aufzusuchen.
    Emilie blieb auf demselben Platze stehen, bleich, die Arme verschrnkt, die
groen Augen starr auf die Gruppen der Tanzenden geheftet, ohne mehr zu sehen,
als wenn sie die Blicke in's Leere gerichtet htte.
    Sie sind klger, als wir Andern! sagte eine Stimme dicht neben ihr.
    Es war Felix von Grenwitz; er hatte sich auf einen Stuhl geworfen und
trocknete sich mit einem Batisttaschentuche die nasse Stirn.
    Lcherlich, bei der Hitze herumzuspringen, ich dchte, wir hrten endlich
einmal auf. Und nun hat noch gar Helene Herrn Timm am Clavier abgelst; das
Mdchen hat doch wahrlich wunderliche Einflle. Meinen Sie nicht auch, Frulein
Emilie?
    Vielleicht fehlt es ihr an einem Tnzer.
    Unmglich.
    Nun, vielleicht an dem rechten Tnzer.
    Das heit?
    An dem, mit welchem sie gern tanzt.
    Ich bin stets hier gewesen.
    Sie bilden sich doch nicht etwa ein, da Sie der Glckliche sind?
    Wer denn sonst?
    Wissen Sie nicht, wo Herr Stein geblieben ist?
    Nein, weshalb?
    Ich frage nur Frulein Helenens halber. Bemerken Sie nicht, wie sie die
groen, stolzen Augen fortwhrend ruhig, aber unaufhrlich durch den Saal
schweifen lt?
    Das kann doch unmglich Ihr Ernst sein?
    Weshalb denn nicht? Ist Herr Stein nicht ein sehr hbscher Mann? und hat
nicht Helene, wie Sie selbst sagen, wunderliche Einflle?
    Mein Frulein, sagte Felix ernst; wollen Sie mir die
    Gnade erweisen, mir zu sagen, ob Sie besondere Grnde zu dieser
eigenthmlichen Vermuthung haben?
    Natrlich habe ich besondere Grnde.
    Und wollen Sie die Gte haben, mir diese Grnde zu nennen?
    Nein.
    In diesem Augenblick kam Herr von Cloten mit vor Freude strahlendem Gesicht.
    Mein gndiges Frulein, sagte er; Ihre Frau Tante wnscht Sie zu sprechen.
Darf ich die Ehre haben, Sie zu ihr zu begleiten?
    Sogleich! sagte Emilie, und dann zu Felix: Verlassen Sie sich auf das, was
sich Ihnen sagte; ich habe scharfe Augen und Ohren.
    Sie nahm Cloten's Arm.
    Der Sache mu ich auf den Grund kommen, sagte Felix bei sich, als die Beiden
sich entfernt hatten. Helenens Benehmen in den letzten Tagen ist wirklich
auffallend.
    Er trat an das Klavier: Soll ich Ihnen die Bltter umschlagen, Helene?
    Danke; antwortete Helene trocken; ich spiele aus dem Kopf.
    Nach einer kleinen Pause: Bitte Cousin, gehen Sie fort; es ngstigt mich,
wenn Jemand so dicht hinter mir steht.
    Ich dchte, Doctor Stein htte gestern eine halbe Stunde lang hinter Ihnen
gestanden, ohne da Sie irgend welche Angst verrathen htten.
    So werde ich aufstehen; sagte Helene, griff ein paar schnelle Schluaccorde
und ging, ohne das Ach! der mitten im Tanze Gestrten zu beachten, von dem
Klavier fort.
    Das ist stark, sagte Felix bei sich.
    Weshalb hrte denn Helene so pltzlich auf zu spielen? fragte die Baronin,
welche die Scene aus der Entfernung beobachtet hatte, herantretend.
    Ich wei es nicht; sie wird mir wohl etwas bel genommen haben. Sie ist doch
eigensinniger und launischer, als ich dachte. Meinen Sie nicht auch, Tante, da
der Mensch, der Stein, mit seinen corrupten Ansichten einen schdlichen Einflu
nicht blos auf Bruno, sondern auch auf Helene ausbt?
    Ich habe Ihnen ja immer gesagt, da ich dem Menschen nicht im mindesten
traue.
    So jagen Sie ihn fort.
    Ohne alle Veranlassung?
    Pah, die findet sich. Wollen Sie mir die Erlaubni geben, eine zu suchen?
    Aber ohne da ein Scandal daraus wird.
    Lassen Sie mich nur machen.
    Es mu so eingerichtet werden, da er selbst um seine Entlassung bittet.
    Weshalb?
    Ich habe meine Grnde - und Felix, sagen Sie Grenwitz nichts davon. Er ist
in der letzten Zeit so rechthaberisch und eigensinnig geworden! Ich frchte
sogar, er sinnt darauf, unser Project mit Helene zu stren. Ich bitte Sie,
Felix, seien Sie vorsichtig! Ich wre auer mir, wenn die Sache sich zerschlge,
nachdem ich sie schon unter der Hand nach allen Seiten als ein fait accompli
dargestellt habe.
    Pah! Tante, schon wieder ngstlich? Vertrauen Sie mir: ich pflege zu Ende zu
bringen, was ich anfing.

                           Achtundvierzigstes Capitel


Als Oswald, nach der peinlichen Scene mit Emilie von Breesen auf sein Zimmer kam
- denn zur Gesellschaft zurckzukehren, war ihm unmglich - sah er auf seinem
Tische ein versiegeltes Packet liegen, das whrend seiner Abwesenheit dort
hingelegt sein mute. Schon der Zusatz der Adresse: Hierbei die bewuten Bcher
mit vielem Dank zurck. Ihr getreuer B. sagte ihm, von wem dieses Packet
gebracht worden war, und was es enthielt. Und seltsam! er zgerte, die Siegel zu
lsen. Es war ihm, als ob er kein Recht mehr zu Melitta's Briefen habe, seitdem
sein Herz ihr nicht mehr ganz gehrte; als ob vor allem sie, deren Herz er nie
vollstndig besessen, nie das Recht gehabt, ihm diese Zeichen der Liebe zu
geben. Endlich, fast mechanisch, ffnete er das Packet. Es waren drei Bcher
darin. Aus dem mittleren fielen zwei Briefe - der eine von Melitta, der andere
von Bemperlein. Melitta's Brief enthielt nur wenige herzliche Worte, die ber
die lange Trennung klagten, in welcher sich mit dem weiten Raum auch noch so
vieles Andere zwischen die Herzen, die einst voller Seligkeit aneinander
geschlagen, drngen knnte; und schlielich die Hoffnung eines recht baldigen
Wiedersehens ausdrckten. Der Brief trug keine Unterschrift. Er knnte ja in
fremde Hnde fallen; sagte Oswald bitter. Ich will noch gromthiger sein, ich
will diesen Zeugen eines Verhltnisses, dessen sie sich zu schmen beginnt,
vernichten; und er verbrannte das Papier an der Flamme des Lichtes. Der Brief
von Bemperlein war ausfhrlicher, aber er handelte fast nur von Professor
Berger. Bemperlein war whrend seines kurzen Aufenthaltes in Grnwald sehr viel
in der Gesellschaft des Professors, an welchen ihn Oswald so warm empfohlen
hatte, gewesen, und hatte sich die Gunst des wunderlichen Mannes im hohen Grade
erworben, ebenso wie er sich seinerseits fr den genialen Gelehrten begeisterte.
Man kann sich daher sein Entsetzen vorstellen, als Doctor Birkenhain ihm eines
Tages mittheilte, soeben sei der Professor Berger in das Krankenhaus abgeliefert
worden. Bemperlein schrieb Oswald, da er sogleich um die Erlaubni gebeten
habe, Berger besuchen zu drfen; da ihm diese Erlaubni gegeben sei, und da er
seitdem jeden Tag viele Stunden bei dem Kranken zugebracht habe, der seine
Gesellschaft jeder andern vorziehe. Berger spreche grtentheils vollkommen
vernnftig, nur komme er bei der geringsten Veranlassung auf seine fixe Idee des
Nichts zurck. Er finde es ganz in der Ordnung, da man ihn in eine Irrenanstalt
gebracht habe, denn, sagte er, der Unterschied zwischen den Leuten drauen und
denen drinnen bestehe nur darin, da jene das werden knnten und eigentlich
werden mten, was diese schon seien. Wenn zum Beispiel Doctor Birkenhain nur
einmal seinen Kopf auseinander nehmen wollte, so wrde er die absolute Hohlheit
desselben mit eigenen Augen wahrnehmen und sich in seinem Hause ein behagliches,
sonniges Zimmer anweisen lassen, um in aller Stille ber das groe Ur-Nichts
nachzudenken. Bemperlein schrieb, da Doctor Birkenhain Berger's Wahnsinn nur
fr temporr halte und die bestimmte Hoffnung habe, den ausgezeichneten Mann in
kurzer Zeit seinen Freunden und Schlern geheilt zurckzusenden.
    Was uns selbst angeht, schlo Bemperlein, so wird Ihnen die gndige Frau ja
wohl Alles der Ordnung gem berichtet haben. Ich fge nur noch hinzu, da
unsers Verbeleibens hier, Gott sei Dank, nun wohl nicht mehr lange sein wird.
Herr von Berkow wird tglich schwcher; die Schwindsucht macht reiende
Fortschritte. Birkenhain giebt ihm nur wenige Tage. Wir bleiben auf jeden Fall,
bis Alles entschieden ist. Ich sehe diesem Augenblick mit einer Ungeduld
entgegen, die ganz rein von Selbstsucht ist. Aus dem Tode dieses Unglcklichen,
der nun seit Jahren kaum noch zu den Lebenden gehrt, wird fr zwei Menschen ein
neues Leben erblhen - zwei Menschen, die mir unendlich werth und theuer sind.
    Wirklich? sagte Oswald, den Brief auf den Schoo sinken lassend. Bist Du
dessen so gewi, guter Bemperlein? Freilich, was ahnt Dein reines Herz von
adeligem Betrug und freiherrlicher Tcke? - Und doch! weshalb erwhnt auch er
Oldenburg's Anwesenheit nicht? was hat er davon, ein Factum zu verschweigen, von
dem er wissen mute, da es mich interessiren wrde? So ist auch er in dem
Complot? Wohl; so wirst du fortan dich auf Niemand verlassen, als auf dich
selbst! Unter den Wlfen mu man heulen, und der ist ein Narr, der unter
Betrgern und Lgnern den ehrlichen Mann spielen will. Heuchelt Ihr - ich kann
es auch; spielt Ihr Komdie - ich will nicht im Parterre sitzen; lacht Ihr Euch
in's Fustchen - ich werde nicht weinen, und wer zuletzt lacht, lacht am besten.
    Ich freue mich, Sie in so ausgezeichneter Laune zu treffen; sagte eine
Stimme hinter ihm.
    Oswald fuhr von seinem Stuhle empor und starrte die lange Gestalt, die
pltzlich, wie aus dem Boden gewachsen, vor ihm stand, erschrocken an.
    Ich bitte um Entschuldigung, sagte Baron Oldenburg, Oswald die Hand, welche
dieser zgernd ergriff, entgegenstreckend; da ich wie Nikodemus in der Nacht
bei Ihnen erscheine. Aber ich komme diesen Augenblick erst von meiner Reise
zurck und hrte von einem Bedienten, der mit einem Prsentirbrett voll Glser
und Tassen an mir vorbeirannte, Sie seien auf Ihr Zimmer gegangen. Der Mann
hatte eben nur noch Zeit, mir den Weg zu beschreiben, und klapperte mit seinen
Glsern weiter. Da bin ich denn nun, und, wie gesagt, freue mich, Sie in guter
Stimmung zu finden, denn sonst htte ich kaum den Muth, Ihnen zu sagen, weshalb
ich da bin. Wissen Sie, wo wir heute Nacht vor einem Monat waren? Es ist die
Nacht, welche uns die braune Grfin zum Rendezvous bestimmte. Nehmen Sie noch so
viel Interesse an mir und unserer kleinen Pflegebefohlenen, um mich zu dem
bewuten Platze zu begleiten?
    Ich stehe in wenigen Minuten zu Ihrer Verfgung, sagte Oswald; erlauben Sie
nur, da ich mich ein wenig zu unserer Fahrt zurecht mache.
    Er nahm eins der beiden Lichter, die auf dem Tische brannten und ging in die
Nebenstube.
    Ziehen Sie sich ja warm an; rief ihm Oldenburg nach; es ist jetzt sehr khl
gegen Morgen, noch dazu im Walde.
    Hm! murmelte er, als Oswald verschwunden war; er sieht bleich und
angegriffen aus, und war weniger freundlich, als seine Gewohnheit ist. Er wird
doch nichts von meinem Aufenthalte in Fichtenau, den ich ihm so sorgfltig
verheimlichte, erfahren haben? Ich mu ihn ein wenig aushorchen. Es wre fatal,
denn ich spreche mit Niemand gern ber mein Verhltni zu Melitta, mit ihm am
wenigsten.
    Unterdessen sagte Oswald, whrend er sich umzog, vor sich hin: Jetzt gilt es
klug sein, wie die Schlange. Spielt Ihr mit mir, so will ich mit Euch spielen.
    Er trat wieder in's Zimmer. Ich bin bereit.
    So wollen wir aufbrechen. - Mein Wagen hlt vor dem Thor; sagte der Baron,
whrend sie die Treppe, die nach dem Garten fhrte, hinunterstiegen; die Czika
sitzt, in meinen Mantel gehllt, darin. Meinen Sie nicht auch, da es gerathen
ist, das Kind zu der Zusammenkunft mitzunehmen? Wenn die Zigeunerin wirklich des
Kindes Mutter ist, so sind wir ihr wohl diese Aufmerksamkeit schuldig. In jedem
Fall kann sie sich berzeugen, da das Kind lebt und gesund ist und sich in
seinen neuen Verhltnissen wohl befindet. - Aber was bedeutet denn dies rege
Leben im Schlo? Anna-Maria ist doch sonst keine Freundin von Festgelagen. Ist
Malte vielleicht fortgelaufen gewesen und wieder zurckgekehrt und wird dem
Kalbe jetzt ein Kalb geschlachtet?
    Es handelt sich nicht um einen verlornen Sohn, sondern um eine
wiedergefundene Tochter, sagte Oswald, sich zu einem scherzhaften Tone zwingend;
Frulein Helene ist aus der Pension zurck. Seitdem reiht sich Fest an Fest.
    Tempora mutantur; sagte Oldenburg: das mu ja eine Circe von Mdchen sein,
die solche Metamorphosen zu Wege bringen kann. Ist sie schn?
    Mir erscheint sie so.
    Lassen Sie uns einmal an die Fenster treten, sagte Oldenburg, als sie im
Garten ber den Rasenplatz gingen; ich bin unendlich neugierig, dies Wunder zu
sehen. Es wird uns ja Niemand bemerken.
    Er schritt nach der Treppe, die auf den Perron hinauffhrte. Oswald folgte.
Die Thren war jetzt, wo es drauen khler wurde, geschlossen, auch die Fenster;
aber die Vorhnge waren nicht heruntergelassen; man konnte von diesem
Standpunkte aus Alles beobachten, was in den blendend hell erleuchteten Zimmern
vorging.
    Als sie an das Fenster traten, sa ihnen gerade gegenber Helene am Klavier,
Felix stand hinter ihrem Stuhl. Er beugte sich ber sie und schien eifrig mit
ihr zu sprechen. Oldenburg's falkenscharfes Auge hatte sogleich die Gruppe
erfat:
    Wer ist der junge Mann? fragte er.
    Oswald antwortete nicht; die Unterlippe zwischen die Zhne gepret, die
starren Augen nicht von den Beiden am Klavier wegwendend, stand er da. Felix
beugte sich noch tiefer; Oswald prete die Lippe, da das Blut durch die Haut
sprang. Da erhob sich Helene pltzlich, und schritt durch die Gruppen der
Tnzer, die durch das Aufhren der Musik wie am Boden gefesselt waren, oder
lachend weiter zu tanzen versuchten, hindurch, gerade auf das Fenster zu, vor
welchem Oldenburg und Oswald sich befanden, die ein paar Schritte zurck in den
Schatten traten. Sie blieb, in der Fensternische angelangt, stehen, die Arme
ber dem Busen verschrnkt, die groen, dunklen Augen auf den Mond gerichtet,
dessen goldene Scheibe drauen an dem tiefblauen nchtlichen Himmel schwamm. Ihr
von der Aufregung der eben mit Felix gehabten Scene noch leidenschaftlich
erregtes, in dem Strahl des Mondes geisterhaft bleiches, von dem herrlichen
blauschwarzen Haare eingerahmtes Gesicht gemahnte den Baron an die schnste der
antiken Medusen. Ein Herr - es war Adolf von Breesen - trat an sie heran, und
sprach zu ihr. Sie antwortete ihm kurz, ohne die Stellung zu verndern, ohne
kaum die Lippen zu regen. Er verbeugte sich und trat zurck. - Dann, als ob sie
sich eines Andern besonnen htte, wandte sie sich und schritt wieder zum Klavier
zurck, setzte sich und begann von Neuem zu spielen. Wie von einem Zauberstabe
berhrt, kamen die Paare der Tanzenden wieder in Bewegung - und das bunte Bild,
das Oldenburg und Oswald zuerst erblickt hatten, war wieder hergestellt.
    Wer war der Fant, welcher dieses Intermezzo veranlate? fragte Oldenburg,
als sie wieder in den Garten hinabgingen.
    Felix von Grenwitz, ihr Cousin.
    Ein allerliebstes Pppchen; und die junge Schnheit soll die Puppe zum
Gemahl haben; nicht?
    Ich glaube.
    Und wie erscheint Ihnen das?
    Wie die Welt dem Hamlet: ekel, schal und flach und unersprielich.
    Meine bse Ahnung geht in Erfllung; murmelte Oldenburg durch die Zhne.
    Sie sagten?
    Ich dachte eben daran, ob Carl wohl den Wagen in die Hhe geschlagen hat,
damit meine kleine Czika nicht ganz unter freiem Himmel sitzt. Freilich, ihr
wre es am liebsten, wenn sie nie eine andere Decke ber sich htte. Auf unsrer
Reise jubelte sie jedesmal, so oft wir in die Nacht hineinfuhren, und sie die
vielgeliebten Sterne ber sich leuchten sah.
    Und - darf man fragen, was Sie so pltzlich aus unserer Nhe ri? fragte
Oswald und seine Stimme bebte.
    Eine Angelegenheit, die eigentlich nur indirect fr mich von Bedeutung ist.
Die Krankheit eines Mannes, dessen Tod auf das Geschick einiger Personen, die
mir werth sind, von groem Einflu sein kann.
    Der Baron wartete, ob Oswald etwas erwiedern wrde.
    Ich war eitel genug, zu glauben, da meine Abreise einige Sensation in der
Gesellschaft hier erregen wrde, fgte er hinzu, als Oswald schwieg, dies
scheint indessen nicht der Fall gewesen zu sein.
    Man ist seit so langen Jahren gewohnt, Sie unvorbereitet kommen und gehen zu
sehen, da man sich nachgerade daran gewhnt hat, sagte Oswald, doch da hlt Ihr
Wagen, glaube ich.
    Wo ist Czika, Karl? fragte der Baron.
    Sie liegt im Wagen fest eingeschlafen, antwortete der Kutscher, der vom
Bocke gestiegen war, den Tritt herabzulassen, ich habe sie sorgfltig zugedeckt.
    Wir wollen sie zwischen uns nehmen, wie damals, als wir, von Barnewitz
kommend, sie auf der Landstrae fanden.
    Der Baron war schon im Wagen.
    Bist Du es, Herr? fragte das Kind, aus dem Schlaf erwachend.
    Ja, mein Herz.
    Wer ist der Mann bei Dir?
    Dein Freund, der Mann mit den blauen Augen.
    Er soll bei uns bleiben, murmelte Czika schlaftrunken, sich an Oswald, der
nun auch eingestiegen war, schmiegend. Czika ist mde; Czika will in Deinen
Armen schlafen.
    Ich glaube, sagte der Baron, als sich der Wagen in Bewegung setzte, Sie
haben einen unauslschlich tiefen Eindruck auf Czika gemacht. Sie spricht sehr
oft von Ihnen und fragt, warum der Mann mit den blauen Augen - so bezeichnet sie
Sie stets - nicht wieder kommt? Es ist doch ein wunderlich Ding, das
Menschenherz; ein unergrndliches Rthsel, zu dem der Weiseste der Weisen keinen
Schlssel hat. Wer erklrt uns das Wunder der Sympathien und Antipathien? Welche
Mhe habe ich mir gegeben, das Herz dieses Kindes mir zu eigen zu machen! Ich
mchte so gern etwas auf der Welt mein eigen nennen! Und ist es mir gelungen?
Ich wei es nicht. Sie folgt mir, aber nur wie ein Kind, dem die Mutter gesagt
hat: geh mit dem Herrn und sei hbsch artig! Ich bin ihr heute noch, was ich ihr
am ersten Tage war. Ich habe sie mit der zrtlichsten Sorge umgeben. Sie nimmt
Alles hin, wie eine Gabe, die man nicht ausschlgt, um den Geber nicht zu
beleidigen.
    Aber machen es nicht alle Kinder mehr oder weniger so? erwiederte Oswald;
ist es nicht ihr gutes Recht, sich lieben zu lassen, ohne weiter dankbar dafr
zu sein? Und dann, was ist am Ende eine Liebe, die auf Dank rechnet? Heit es
nicht auch hier: wer Lohn begehrt, der hat seinen Lohn dahin?
    Mgen Sie das nie an sich selbst erfahren? sagte der Baron mit bewegter
Stimme, und mgen es Andere nie durch Sie erfahren. Wten Sie, was
hoffnungslose Liebe ist, wten Sie auf der anderen Seite, was es heit: das
Gefhl mit sich herumtragen, Liebe, warme aufrichtige Liebe mit Klte, mit
Gleichgltigkeit erwiedert zu haben - Sie wrden so nicht sprechen. Nein, nein!
grausam gewesen zu sein gegen ein Herz, das uns liebt, ist eine Erinnerung, die
auf unserm Gewissen brennt, und die keine neue Liebe, und wre sie wirklich
reiner, als die, welche wir damals fhlten, wieder auslscht?
    Und haben Sie diese Erfahrung an sich selbst gemacht?
    Leider, ja! Ich habe in meinem Leben viele Verhltnisse angeknpft und
wieder gelst, ohne da ich darber Gewissensbisse empfunden htte. Wute ich
doch nur zu wohl, da die guten Herzen nicht brechen wrden! Es waren Conta meta
Geschfte, bei denen Jeder seine Rechnung gefunden hatte, oder die, schlimmsten
Falls, den einen oder den anderen und meistens beide Partner so bettelarm
lieen, wie sie vorher gewesen waren. Nur einmal - und ich war damals noch
ziemlich jung und das gereicht mir einigermaen zur Entschuldigung - nur einmal
habe ich mich des Frevels schuldig gemacht, ein Wesen, von dem ich berzeugt
sein konnte, da es mich treu und aufrichtig liebte, mit schndem Undank zu
belohnen. Die Geschichte wrde mir unvergelich sein, auch wenn sie nicht durch
die Begegnung mit der braunen Grfin auf eine wunderliche Weise mir wieder in
die Erinnerung gerufen wre. Habe ich Ihnen nicht erzhlt, wie ich einst sonst
vor vielen Jahren im fernen Ungarlande, als ich mich auf dem Gute eines
Bekannten zum Besuch aufhielt, ganz zufllig ein Zigeunermdchen fand -
    Ja, sagte Oswald; ich erinnere mich Ihrer Erzhlung, die durch das
Hereintreten Herrn von Cloten's unterbrochen wurde, sehr wohl. Ich verga
hernach, Sie um die Fortsetzung zu bitten. War es nicht so? Sie hatten das
Mdchen, als Sie, fern von der Wohnung, in dem Walde umherschweiften, in einem
Zigeunerlager, das fr den Augenblick von der brigen Bande verlassen war,
gefunden. Sie erblicken und sie lieben, war eins. Sie verlebten mit ihr in der
romantischen Einsamkeit mehrere glckliche Tage. Die Geschichte schlo mit
folgendem Tableau: Zigeunerlager im Walde - Sonnenuntergang - unter dem
berhangenden Dache einer breitastigen Buche ein liebendes Paar auf schwellendem
Moosteppich -
    Ihr Gedchtni ist gut, sagte der Baron, auch haben Sie die Stimmung, welche
ich damals dem Bilde gab, getreu reproducirt. Ich werde nur nachtrglich noch
einige Schlagschatten hineinzeichnen mssen. - Ich sa also mit der Zingarella -
Xenobi war ihr ser Name - in der von Ihnen angedeuteten Situation. Ich sang
das alte Finklerlied von der Liebe, die nimmer enden wrde, und das holde
Vgelchen traute der alten falschen Weise und schmiegte sich innig und inniger
an mein Herz. Da pltzlich ertnte Hufschlag durch den stillen Wald und das
Lachen und Schwatzen einer frhlichen Cavalcade. Ich hatte kaum noch Zeit, die
Kleine unsanft von meinem Schoo zu stoen und mich zu erheben, als die Schaar
schon unter den hohen Bumen hervor auf den Platz gesprengt kam. Es waren meine
Wirthe: der junge Graf Cryvany mit seinen Schwestern und mehrere Herren und
Damen aus der Nachbarschaft. Sie knnen sich die nun folgende Scene denken. Ich
wurde sofort umringt und mit Fragen berschttet: Wo ich gewesen? wie ich
hierher gekommen sei? - Ich dachte, die Wlfe htten Sie zerrissen! rief der
Eine; oder Sie htten sich aus unglcklicher Liebe erschossen, ein Anderer. -
Ich habe des Rthsels Lsung! schrie ein Dritter: Liebe freilich ist im Spiel,
aber bei Liebe keine unglckliche. Sehen Sie dort! und er deutete mit dem Stiel
seiner Reitpeitsche auf meine arme Xenobi, die sich bei der Annherung der
Cavalcade scheu hinter dem dicken Stamm der Buche versteckt hatte. - Ein
allgemeines Gelchter belohnte den Witzbold. Nur ein Gesicht blickte finster
drein. Es war die jngste und hbscheste der Schwestern, der ich noch
zuguterletzt den Hof gemacht hatte und die, glaube ich, in ihrer Weise - was
freilich nicht viel sagen will - mich mit ihrer Neigung beehrte, mir wenigstens
schon einige nicht mizuverstehende Zeichen ihrer Gunst gegeben hatte. Ich
schmte mich pltzlich meiner armen Xenobi ganz entsetzlich und hatte nur den
einen Wunsch, mich aus der Affaire zu ziehen, ohne die stolze Georgina zu
beleidigen. Ich spielte den Entrsteten, ich behauptete, tagelang im Wald
umhergeirrt, und nur eben erst auf das Zigeunerlager gestoen zu sein. Woher hat
denn das Mdchen die goldene Kette um den Hals, die wir krzlich noch an Ihnen
bewunderten? fragte Georgina. - Ich htte Georgina ermorden knnen. Xenobi kam
dem Fassungslosen zu Hilfe. - Hier, Herr! sagte sie, nimm, was ich Dir gestohlen
habe und sie reichte mir das Geschmeide. Ich werde die zitternde Hand, das von
Schmerz und Zorn entstellte Gesicht des armen Geschpfes nie vergessen. - Machen
wir, da wir nach Hause kommen! rief Herr von Cryvany; es zieht ein Wetter
herauf. - Ich bestieg das Pferd eines der Bedienten, und fort ging es durch den
dmmrigen Wald. Ich wagte nicht, mich nach Xenobi umzublicken. Georgina, an
deren Seite ich ritt, wrde es mir nie vergeben haben. Ich hatte mir die Gunst
der Dame vollstndig wieder erobert, aber um welchen Preis! Als ich am Abend des
folgenden Tages - frher konnte ich mich nicht von der Gesellschaft losmachen -
in den Wald gerannt war, mein Unrecht wieder gut zu machen, fand ich wohl nach
vielem Suchen den Platz, aber nicht mehr Xenobi. Die Bande hatte, als sie ihren
Schlupfwinkel verrathen sah, ihre Zelte abgebrochen und war wer wei wohin
gezogen. Von Xenobi habe ich nie wieder eine Spur entdecken knnen.
    Der Baron schwieg und blies den Rauch seiner Cigarre in mchtigen Wolken in
die Luft.
    Sehen Sie, hub er nach einer langen Pause wieder an, ich bin fromm genug,
oder aberglubisch genug, wenn Sie wollen, um anzunehmen, da ich durch diese
That einen Fluch auf mich geladen habe, den keine Reue wieder shnt. Und nun
werden Sie auch begreifen, was mir Czika ist - ein Engel im eigentlichsten Sinne
des Wortes, ein holder Bote des Himmels, der mir Friede! Friede! in das kranke
Herz singt. Hat mir das Bild des Kindes doch schon seit Jahren vor der Seele
geschwebt, glaubte ich doch die Erfllung meiner Trume schon zweimal leibhaftig
vor mir zu sehen. Hier ist die rothe Rose Xenobi noch einmal, aber in dem
Morgenthau sester Unschuld. Die rothe Rose hat nun der Sturm des Lebens wohl
schon lange geknickt, und htte ich sie auch damals treuer bewahrt - was wrde
die Welt, die kalte, freche, lsternde Welt aus der romantischen Liebe eines
Barons und einer Zingarella zuletzt gemacht haben! Damals war ich zu jung und
htte die Geliebte vor dieser schnden Welt nicht vertheidigen knnen; jetzt bin
ich ein Mann geworden und habe blos ein Kind, einen Findling zu schirmen und zu
schtzen. Ich werde der Zigeunerin geben, was sie verlangt, und wrmsten,
aufrichtigsten Dank in den Kauf. Ich hoffe, sie hat die Verabredung nicht
vergessen. Halt, Karl! - Wir mssen hier aussteigen, um durch den Wald zu gehen.
Ich kenne den Pfad von frher her noch ziemlich gut. Es ist die Stunde, welche
uns die braune Grfin bestimmte. Wir kommen gerade zur rechten Zeit.
    Wollen wir nicht doch die Kleine lieber hier lassen? sagte Oswald.
    Weshalb? fragte der Baron, der schon aus dem Wagen gestiegen war.
    Das Kind hngt sehr an der Frau, die ja am Ende doch seine Mutter ist.
Vielleicht wird es bei ihrem Anblick von der alten Liebe zum Waldesleben erfat,
und es giebt zum mindesten eine peinliche Scene.
    Oswald sprach die Worte leise, denn Czika regte sich in seinen Armen.
    Czika will mit, sagte das Kind pltzlich; Czika will in den Wald und den
Mond und die Sterne durch die Zweige tanzen sehen. Czika kennt jeden Baum und
jeden Busch.
    Sie stand auf dem feuchten Waldboden und klatschte vor Vergngen in die
Hnde und tanzte und lachte und rief:
    Kommt, kommt! Du, Herr und Du, Mann mit den blauen Augen! Czika will Euch
einen schnen Platz zeigen, Czika kennt jeden Baum und jeden Busch im weiten
Wald.
    Sie huschte auf einem schmalen Pfad, der sich von dem Wege, auf dem der
Wagen hielt, seitwrts in den dichtesten Forst schlug, worauf, wie eine wilde
Katze durch die Bsche schlpfend, deren dnne Zweige wieder hinter ihr
zusammenschlugen. Nur mit groer Mhe folgten die beiden Mnner. Czika war nicht
zu bewegen, ihren Lauf zu hemmen. Ihre einzige Antwort auf das: nicht so
schnell, nicht so schnell, Czika! nimm uns mit, Czika! war der helle, lustige
Schrei des jungen Falken, den sie wieder, lauter und schriller, wie Antwort
heischend, erschallen lie. Pltzlich ertnte die Antwort durch den stillen
Wald, derselbe stolze Schrei, dessen sich Oldenburg und Oswald noch so deutlich
von jenem Morgen erinnerten, als die Zigeunerin aus der Ferne den Ruf der
Kleinen erwiderte.
    Da leuchtete ein rother Schein, der mit jedem Augenblick heller und heller
wurde, durch die hohen Stmme der Bume. Wir sind gleich am Ziele, sagte der
Baron, welcher voranging.
    Wirklich traten sie nach wenigen Minuten auf die Lichtung heraus, die Oswald
von dem Nachmittage, als er sich auf dem Wege zu Melitta verirrt hatte, so
unvergelich war. Auf derselben Stelle, nicht weit vom Rande des Sumpfes, wo
damals die Zigeunerin ihre Mahlzeit kochte, brannte jetzt wieder ein Feuer, aber
gro und mchtig, wie um die Scene in das hellste Licht zu setzen. Die Kronen
der mchtigen Bume glhten purpurroth oder tauchten in schwere Schatten, je
nachdem die Flamme des Holzstoes emporloderte oder zusammensank; von dem
dunklen Wasserspiegel des Sumpfes erglnzte der Wiederschein - und, umflossen
von dieser magischen Beleuchtung, erblickten die Mnner, als sie athemlos den
Saum der Lichtung erreichten, die braune Grfin auf den Knieen vor Czika, die
sie mit Kssen und Liebkosungen berhufte; whrend das Kind sich vergeblich
bemhte, sie vom Boden empor zu ziehen und sich endlich zu ihr auf die Kniee
warf, ihr Haupt an dem Busen des Weibes verbergend.
    Schweigend und regungslos standen die beiden Mnner, tief ergriffen von dem
Schauspiel einer so leidenschaftlichen Zrtlichkeit.
    Da erhob sich die Zigeunerin und das Kind an die Hand nehmend, trat sie auf
die Beiden zu und sagte zu Oldenburg, der sie mit weit aufgerissenen Augen
anstarrte:
    Kennst Du mich, Herr?
    In diesem Augenblick leuchtete die Flamme hoch auf und jeder Zug in dem
edelstolzen Gesicht des gyptischen Weibes und jede Linie ihres schlanken, hohen
Leibes war wie vom Tageslicht erhellt.
    Xenobi! schrie der Baron, seine Arme ausbreitend, Xenobi!
    Das braune Weib strzte sich mit einem Geschrei wahnsinnigen Entzckens an
seine Brust und klammerte sich an ihn, als ob sie sich nie wieder von dem
geliebten Manne trennen wolle. Aber im nchsten Moment schon ri sie sich los,
trat ein paar Schritte zurck und stand da, unbeweglich, die Hnde ber dem
vollen Busen faltend. Czika stand zwischen ihr und dem Baron, die groen dunklen
Augen voller Verwunderung von diesem zu jener, von jener zu diesem wendend.
    Der Baron nahm sie bei der Hand und sagte, nher an die Zigeunerin tretend,
in einem Tone, der, so sehr er sich auch zu beherrschen suchte, deutlich die
ungeheure Erregung, die in ihm whlte, verrieth:
    Xenobi, ist dieses Kind -
    Er vermochte nicht weiter zu sprechen; er rang mhsam nach Worten. Endlich
stammelte er:
    Dein und mein Kind?
    Ja, Herr! sagte die Zigeunerin, ohne sich zu regen; die dunkeln glnzenden
Augen fest auf das Antlitz des Barons heftend.
    Oldenburg hob das Kind in seinen Armen empor und drckte es an seine Brust.
Oswald fhlte, da er die Drei allein lassen msse und zog sich bis an den Rand
des Waldes zurck. Dort setzte er sich. Es war dieselbe Stelle, auf der er an
jenem Nachmittage gelegen hatte, als er den kstlichen Traum von Melitta
trumte, und von wo aus er hernach Czika auf dem Cymbal hatte spielen hren,
whrend die braune Grfin am Feuer schaffte und mit ihrer tiefen, weichen Stimme
die ungarische Volksweise sang. Wie vieles hatte sich nicht seit jenem Tage
gendert! was hatte er nicht Alles gewonnen und wieder verloren! Damals hatte
sein Herz der schnen Frau so sehnsuchtsvoll entgegengeschlagen; heute erfllte
die Erinnerung an sie seine Seele mit Trauer und Schmerz. Warum hatte sie ihn so
unendlich glcklich gemacht, wenn ihre Liebe doch nur die souverne Laune eines
Augenblicks war, nur ein hbsches Spiel, der Stunden Einerlei auszufllen, ber
den momentanen Bruch ihres Verhltnisses zu Oldenburg besser hinwegzukommen?
Wrde die hochgeborene Dame, die stolze Aristokratin, ihn ber kurz oder lang
nicht verleugnen, verleugnen mssen, wie der Mann da das arme Zigeunermdchen
vor seinen Freunden verleugnet? Und hatte er diesen Gedanken nicht immer schon
mit sich herumgetragen? hatte sich dieser Gedanke nicht selbst in den sonnigsten
Augenblicken der Liebe wie ein dsterer Schatten zwischen ihn und die reizende
Frau gestohlen? Hatte er nicht, als der Name Oldenburg's zum ersten Male sein
Ohr berhrte, in diesem Manne, wie von einem Dmon getrieben, seinen Nebenbuhler
erkannt! Und mute er sich nicht eingestehen, da dieser Mann Alles besitze, in
dem Herzen einer stolzen Frau eine heroische Leidenschaft zu entflammen? Rang
und Reichthum, eminente Gaben, den Muth des Ritters ohne Furcht und Tadel, und
gerade genug vom Libertin, um ein Web, welches nicht ganz reinen Herzens ist, zu
bestricken?
    Und wie gut stand ihm sein Weltschmerz und die Duldermiene? Sollte man, wenn
man ihn hrte, nicht glauben, er werde nchstens in die Wste gehen und sich von
Heuschrecken nhren? Jetzt wird er die Zigeunerin mit sich auf seine Solitde
nehmen, damit die Einsamkeit bis zu Melitta's Rckkehr etwas weniger einsam sei!
    So whlte sich Oswald geflissentlich tief und tiefer in die bittersten
Empfindungen hinein. Er hatte ein dumpfes Gefhl davon, wie krank er war, wie
abgehetzt und mde, wie unfhig, ber sich selbst zur Klarheit zu kommen. Er
wre am liebsten gestorben, um all dem Wirrsal zu entfliehen, wie ein Schwimmer,
wenn er fhlt, da ihn die Krfte verlassen, und wei, da keine Rettung mehr
fr ihn ist, sich in den Abgrund sinken lt. Er drckte das Gesicht in seine
Hnde, um nichts mehr zu sehen und zu hren.
    Eine Hand, die sich auf seine Schulter legte, ri ihn aus seinem wirren
Traum. Es war Oldenburg. Der Baron war allein. Das Feuer des Holzstoes flammte
nur noch auf Augenblicke empor und drohte zu verlschen. Der Mond, ber den
graue Wolkenschleier zogen, flimmerte geisterhaft in dem dunklen Wasser des
Sumpfes. Unheimlich zischelte und flsterte der Wind in den langen Binsen des
Ufers.
    Wo ist Czika? fragte Oswald.
    Fort, erwiderte der Baron; lassen Sie uns aufbrechen. Es ist spt.
    Wird sie nicht wieder kommen?
    Ich wei es nicht.
    Und Sie haben zugegeben, da dies Kind, Ihr Kind, der Zigeunerin folgt in
die weite Welt!
    Was sollte ich thun? Ist es nicht ihr Kind tausendmal mehr als meines? hat
sie es nicht mit Schmerzen geboren, es genhrt und gepflegt und beschirmt alle
diese Jahre, durch Regen und Sonnenschein, in Noth und Armuth, im wilden Wald,
auf der offenen Landstrae? Hat sie nicht fr dies Kind gebettelt und gestohlen
und vielleicht gethan, was noch schlimmer ist? Was habe ich fr mein Kind
gethan, nichts - nichts, als seine Mutter vor den Augen eines vornehmen Pbels
wie einen verlaufenen Hund von mir verjagt, einer elenden Kokette zu Liebe!
Nein, nein! ich habe kein Anrecht an diesem Kinde!
    Whrend der Baron so sprach, stie er mit dem Fue die halb verkohlten
Feuerbrnde aus dem Holzsto in den Sumpf, da sie zischend verlschten.
    Weshalb hat denn die braune Grfin Sie aufgesucht? weshalb Ihnen das Kind in
die Hnde gespielt? weshalb dieses Rendezvous selbst herbeigefhrt?
    Sie wollte den Geliebten ihrer Jugend, den einzigen Mann, den sie vielleicht
je geliebt hat, noch einmal sehen; sie wollte ihm das Kind, sein Kind, in die
Hnde legen und zurcktauchen in ihre Waldesnacht. Aber sie kann ohne das Kind
nicht leben und das Kind nicht ohne sie. So mute ich denn Beide ziehen lassen.
    Aber weshalb nicht Beide mit nach Cona nehmen?
    Soll ich den Falken an die Kette legen? Der Falke fhlt sich nur wohl in dem
unermelichen Aethermeer; er stirbt in der dumpfen Stubenluft. Kommen Sie! es
ist fr uns civilisirte Menschen die hchste Zeit, da wir in's warme Bett
kommen.
    Der Baron stie den letzten Brand hinunter in's Wasser; und wandte sich, zu
gehen.
    Zwischen den hastig treibenden Wolken hervor blickte der Mond trbugig in
das schwarze Wasser des Sumpfes, und Oswald war es, als ob die langen Binsen,
die am Rande wuchsen, flsterten: hier ist khle Ruh' fr alles Erdenleid.

                           Neunundvierzigstes Capitel


So! aus der Verlegenheit wren wir glcklich! sagte Albert, ein Packet
Werthpapiere in eine voluminse, abgetragene Brieftasche stopfend, die unter
andern auch verschiedene Schreiben in kaufmnnischer Hand enthielt, welche,
obgleich die meisten darunter von nicht ganz neuem Datum, noch immer nicht
beantwortet waren. Es ist doch Alles in Allem ein gutes kleines Frauenzimmer;
nicht bermig gescheit - aber das ist in diesem Falle nur eine Tugend mehr.
Ich glaube wirklich, ich knnte meine Natur so weit verleugnen, die kleine
Samariterin zu heirathen. Vielleicht fhre ich gar nicht so schlecht dabei. Wer
wei? am Ende steckt noch irgendwo in einem verborgenen Winkel meines Innern der
Keim zu einem soliden Spiebrger, der nur der Wrme des huslichen Heerdes
bedarf, um sich glorreich zu entwickeln. Die Sache ist freilich, wie ich mich
kenne, uerst problematisch, aber so ganz und gar unmglich ist sie denn doch
nicht. Ich sehe mich schon im Geist an der Seite der kleinen Frau des Sonntags
Nachmittags ehrsam durch die Felder wandern, das Lied der Spatzen und die
Philippiken der treuen Ehehlfte gegen die steigende Unverschmtheit der Bcker
und Fleischer mit langen Ohren einsaugend, whrend vor uns her zwei junge
Weltbrger watscheln, die eine flchtige Aehnlichkeit mit einer mir sehr werthen
Person haben, und hinter uns aus einem, von einem Mdchen fr Alles gezogenen
Wgelchen ein feines Stimmchen erschallt, welches den beredtesten Commentar zu
den staatskonomischen Abhandlungen der kleinen Frau liefert!
    Albert sthnte, als ob er sich auf dieser imaginren Promenade den Fu an
einen sehr reellen Stein gestoen htte. Er sprang von dem Sopha auf und ging,
die Arme auf dem Rcken, nachdenklich im Zimmer auf und ab. Die Karten sind
fertig, sagte er, vor seinem Zeichentische stehen bleibend: Anna-Maria hat mich
abgelohnt; ich habe eigentlich hier nichts mehr zu thun, und die Frage der
gndigen Frau, wenn ich abzureisen gedchte, war auch ziemlich deutlich. Wie ich
diese stolze, nichtsnutzige Brut hasse - Alle, keinen und keine ausgenommen,
nicht einmal die schne hochnasige Helene, die mich immer mit so khler
Verachtung aus ihren groen Augen ansieht; und am wenigsten meinen edlen Freund
Felix, der, glaube ich, nicht bel Lust htte, mir Hrner aufzusetzen, ehe ich
noch zu diesem Schmuck ein legitimes Recht habe. Knnte ich doch Euch Allen, wie
Ihr da seid, einen recht grndlichen Schabernack spielen, da Ihr Euer Leben
lang an mich denken solltet! Euch zum Beispiel den Erben von Stantow und
Brwalde in der Person - ja, in welcher Person? hic haeret aqua.
    Aus den Briefen, die ich habe, ist wohl etwas, aber nicht viel zu machen.
Ich kann noch nicht einmal die vortreffliche Anna-Maria damit in's Bockshorn
jagen. Fnde ich nur Gelegenheit, den Koffer der alten Mutter Clausen
durchzustbern! Es ist bei mir zur fixen Idee geworden, da da etwas zu finden
sein mu. Aber vergebens, da ich die Gelegenheit grndlich studirt habe, da
ich Tag und Nacht um's Haus geschlichen bin, einen Moment abzuwarten, wo die
Alte sich einmal daraus entfernt; sie sitzt darin fest wie eine Krte unter dem
Stein. - Ad vocem dieses liebenswrdigen Jnglings! Ich habe schon daran
gedacht, ob man ihn nicht nolens volens zum Prtendenten machen knnte; denn die
ganze Farce als einen lustigen und nebenbei lukrativen Maskenscherz anzusehen,
wird ihm wohl seine dumme Ehrlichkeit nicht erlauben. Es ist merkwrdig, wie
ehrlich die Leute sind, denen es an nichts fehlt! Und dieser Stein ist gar nicht
einmal so glcklich situirt. Er hatte kein Vermgen - warum sollte er sich sonst
mit anderer Leute Kindern plagen? Er wre gerade der Mann, ein anstndiges
Vermgen durchzubringen. Und es pat so weit Alles. Er hat genau das
erforderliche Alter; er hat, wie er mir gesagt hat, seine Mutter kaum und andere
Verwandte, excepto patre, gekannt. Und berdies hat er eine zufllige, aber
frappante Aehnlichkeit mit der lteren Grenwitzer Linie. Ich wollte, ich wre
er, das heit mit meinem Hirn dazu. In welcher fragwrdigen Gestalt wollte ich
bald vor Euch hintreten.
    Ein schchternes Klopfen an der Thr unterbrach Albert's Meditationen. Da
auf sein Herein! Niemand eintrat, ging er selbst und ffnete. Ein kleiner,
blondkpfiger, barfiger Bauerknabe stand da, und schaute mit nicht allzu
klugen Augen fragend zu ihm auf.
    Zu wem willst Du, Kleiner?
    Sind Sie der Candidat auf dem Schlosse?
    Ja wohl! sagte der alle Zeit zu Scherz und Kurzweil aufgelegte Albert.
    Mutter Clausen hat mich hergeschickt -
    Wer?
    Mutter Clausen hat mich hergeschickt -
    Komm herein, Kleiner; sagte Albert, den Knaben bei der Hand in das Zimmer
fhrend, und die Thr hinter ihm schlieend:
    Was will denn Mutter Clausen von mir?
    Mutter Clausen liegt auf den Tod, und hat mich hergeschickt zu dem Herrn
Candidaten, er soll doch noch einmal zu ihr kommen.
    Der Knabe athmete tief auf, als er die Bergeslast seiner Commission vom
Herzen hatte. Albert griff nach seiner Mtze.
    Ich komme gleich mit Dir, oder lauf nur voran, und sag': ich kme gleich.
Und hre! wenn Dich Jemand im Schlosse fragt, woher Du kommst, sag' nur: Du
httest Deine Bestellung schon ausgerichtet. Hier hast Du einen Silbergroschen
und nun mache, da Du fortkommst!
    Der Knabe entfernte sich, ber Albert's gromthigem Geschenk Albert's
wohlberlegten Befehl, sich mglichst schnell davon zu machen, vergessend. Er
setzte sich, unten auf dem Schlohofe angekommen, auf den Rand des Brunnens der
Najade, und berlegte, den Groschen in der Hand herumdrehend, ob er sich jetzt
gleich die ganze Welt, oder vorlufig nur den Stieglitz kaufen sollte, welchen
ihm ein anderer Bauerknabe heute Morgen angeboten hatte?
    Er mochte wohl eine Viertelstunde da gesessen haben, bis er zuletzt, vom
vielen Umherlaufen ermdet, einnickte. So fand ihn Oswald, der von einem
einsamen Spaziergange zurckkehrte. Da das Bild des auf dem Rande des Brunnens
schlafenden zerlumpten Knaben ihn interessirte, trat er nher. Der Knabe fuhr in
die Hhe und rieb sich verwundert die Augen.
    Wie kommst Du hierher, Kleiner? fragte Oswald.
    Mutter Clausen hat mich hergeschickt! sagte jener, der in diesem Augenblicke
nicht wute, ob er seine Bestellung schon ausgerichtet hatte, oder nicht.
    Was ist mit Mutter Clausen? fragte Oswald, der sofort ahnte, es mte seiner
alten Freundin etwas zugestoen sein.
    Mutter Clausen hat mich hergeschickt, wiederholte der Knabe; sie liegt auf
den Tod, und lt dem Herrn Candidaten sagen, er mchte -
    Mehr hrte Oswald nicht. - Die gute, alte Frau, an der er im Anfang so
lebhaftes Interesse nahm und die er doch in der letzten Zeit so ganz vergessen
hatte, im Sterben, vielleicht allein, ohne Hlfe, ohne da ihr eine freundliche
Hand das Kissen glttete - er eilte, was er konnte, durch das kleinere Thor auf
dem Wege hin, der zu den Huslerwohnungen fhrte, denselben Weg, welchen Albert
eine Viertelstunde zuvor, mit nicht geringerer Eile zurckgelegt.
    Albert war, als der Knabe sich entfernt hatte, durch den Garten nach dem
kleinen Thor geschlichen. Niemand hatte ihn fortgehen sehen. Die Familie war
ausgefahren; Oswald glaubte er auf seinem Zimmer.
    Fortes fortuna juvat; dachte er, whrend er unter den Weidenbumen, mit
denen der Weg besetzt war, hinlief. Es ist jetzt noch Alles auf dem Felde. Die
Alte htte sich keine passendere Stunde zum Sterben aussuchen knnen. Ich will
nur hoffen, da sie schon todt ist, wenn ich komme, und ich so aller unnthigen
Auseinandersetzungen berhoben bin.
    In wenigen Minuten hatte er das Dorf erreicht; aber er vermied die
Hauptstrae, sondern lief an den Grtchen, die hinter den Htten lagen, entlang,
bis er zu der Wohnung Mutter Clausens kam. Hier sprang er ber den niedrigen
Zaun und trat durch die offene Hinterthr auf den kleinen Flur. Er horchte, ob
sich etwas im Hause rege. Er hrte nichts, als das Ticken der groen
Schwarzwlder-Uhr aus der Stube Jochen's, und von der Dorfstrae her das Lachen
von ein paar Kindern - Mutter Clausen's kleinen Pflegekindern - die sich in der
Abendsonne im Sande balgten.
    Jetzt nur um Himmelswillen keine mitleidige Seele bei der Kranken in der
Stube, murmelte Albert, leise die Thr, die zu dem Stbchen der Alten fhrte,
aufdrckend.
    Er trat auf den Fuspitzen ein. Es dunkelte schon in dem niedrigen engen
Raum. Alberts erster Blick fiel auf die groe Lade, die noch wie damals in der
Ecke stand; sein zweiter auf die Gestalt der Alten. Sie sa auf dem groen
Lehnstuhle, in welchem Baron Oscar gestorben war. Sie hatte ihren
Sonntagsstaat angelegt; ihr Eichenstock lehnte neben ihr - man htte glauben
sollen, sie htte sich bereit gemacht, nach Faschwitz in die Kirche zu gehen und
sei nur eben noch ein wenig eingenickt, sich auf den langen, langen Weg
vorzubereiten.
    Bist Du es, Junker! sagte sie mit zitternder Stimme, und sie hob das Haupt
mit dem schneeweien Haar empor und blickte nach der Thr. Tritt nher - ganz
nahe, da ich Dich mit der Hand berhren kann. Wo bist Du? Es ist dunkel um mich
her, ich sehe Dich nicht. Scheint nicht der Mond durch die Bume? hrst Du, wie
die Nachtigall singt? horch! wie s, wie schn! Oscar, Du darfst die Liese
nicht verlassen; sie weint sich sonst die alten Augen aus. Und dem Harald mut
Du sagen: da er die arme Marie nicht so qult. Sonst mu sie hinaus in die
wilde Nacht. Leb' wohl, liebes Kind! Ja, ja, ich will Alles verbrennen; es liegt
sicher in der Lade. Mutter Clausen kann nicht lesen; es kommt der Rechte schon
zur rechten Zeit.
    Der Kopf der Sterbenden sank herab auf die Brust. Albert glaubte sie todt.
Er trat an die Lade, hob den schweren Deckel und durchwhlte hastig und doch
methodisch genau den Inhalt. Es lagen Frauenkleider darin, die nicht der Mutter
Clausen gehrt haben konnten, stdtische Kleider, wie sie junge Mdchen vor
fnfundzwanzig Jahren trugen; verwelkte Blumenstrue, verblichene Bnder, ein
paar einfache Schmucksachen: ein Band von rothen Korallen, ein kleines goldenes
Kreuz an einem schwarzen Sammetbande. Das Alles mochte fr einen Andern von
hohem Interesse sein, aber fr Albert hatte es nicht das mindeste. Er wurde
ungeduldig, als er, ein Stck nach dem andern herausnehmend, nichts von dem
fand, was er suchte. Endlich - da! auf dem Boden des Koffers, in der Ecke, unter
einer schwarzseidenen Robe versteckt - ein ziemlich bedeutendes Packet - Briefe,
Papiere - das war's! - Er lie es in die Tasche seines Rockes gleiten; er nahm
mit beiden Armen, was er aus dem Koffer genommen hatte, stopfte es hinein, so
gut es gehen wollte, drckte den Deckel wieder zu - und, wie er sich jetzt von
den Knieen aufrichtete, waren das nicht Schritte, die eilig nher kamen? Im Nu
war er an dem Fensterchen, das von der Stube aus in das Grtchen hinter dem
Hause fhrte. Er ri es auf, er zwngte sich mit einer Schnelligkeit hindurch,
die dem gewandtesten Gauner zu hoher Ehre gereicht haben wrde; kroch auf allen
Vieren durch die Johannisbeerbsche, sprang ber den niedrigen Zaun und war im
nchsten Augenblick in den goldenen Wogen eines Roggenfeldes verschwunden.
    Als Albert seinen Rckzug durch das Fenster eben bewerkstelligt hatte, trat
Oswald, athemlos von seinem raschen Lauf, in das Zimmer. Er glaubte schon zu
spt zu kommen, er kniete neben der Alten nieder und nahm ihre welken,
erkalteten Hnde in die seinen.
    Und diese Berhrung schien die Sterbende noch einmal zum Leben zu erwecken.
Sie richtete sich gerade auf und sagte, dem vor ihr Knieenden die Hnde auf's
Haupt legend, mit einer Stimme, die schon von jenseits des Grabes herberzutnen
schien: Der Herr segne und behte Dich! der Herr gebe Dir Frieden!
    Amen! murmelte Oswald.
    Die Hnde der Alten glitten sanft auf ihren Schoo. Oswald blickte empor.
Der Schein der untergehenden Sonne fiel durch das niedrige Fenster; das Antlitz
der Alten war wie verklrt in dem rosigen Licht. Aber das rosige Licht
verschwand; und der graue Abend schaute herein auf das bleiche Antlitz einer
Todten.
    Oswald drckte ihr die Augen zu. - Von drben her schallte durch die offene
Thr das monotone Tik-tak der Wanduhr; von der Strae tnte das Lachen und
Jauchzen der spielenden Kinder. Was wei das Leben vom Tode? was der Tod vom
Leben? was die Ewigkeit von Beiden? murmelte Oswald, als er sich nach einigen
Minuten von der Seite der Todten aufrichtete, und die Thrnen abwischte, die ihm
hei von den Wangen rollten.

                              Fnfzigstes Capitel


Am nchsten Morgen noch vor dem Frhstck war Herr Timm abgereist. Er hatte den
Baron gebeten, ihn bis nach B., dem nchsten Stdtchen fahren zu lassen, von
dort wolle er Extrapost nehmen. Der gastfreundliche Baron fragte: ob es denn so
groe Eile habe? ob er sich nicht ein paar Tage von seiner angestrengten Arbeit
ausruhen wolle? Da Albert indessen gestern Abend einen bedeutenden Auftrag
erhalten zu haben vorgab (der Postbote hatte ihm in der That einen Brief
gebracht), so lie sich dagegen allerdings nichts einwenden, und der Baron
befahl dem schweigsamen Kutscher, die schwerflligen Braunen anzuspannen. Herr
Timm sagte Allen flchtig Lebewohl und fuhr von dannen. Es vermite ihn Niemand
- Niemand, mit Ausnahme der kleinen Genferin. Aber sie vergo ihre heien
Thrnen in der Stille ihres Stbchens und die Gesellschaft sah von ihrem Kummer
nichts, als die rothgeweinten Augen, die sie durch heftigen Kopfschmerz erklren
zu knnen hoffte, wenn sie Jemand darnach fragte. Es fragte sie aber Keiner.
    Hatten doch Alle genug mit sich selbst zu thun! war doch Jeder vollauf mit
dem, was ihm zunchst am Herzen lag, beschftigt!
    Der Tod der alten Frau war fr Oswald ein neuer Schlag. Es war, als ob sein
verdstertes Gemth nicht zur Ruhe kommen, als ob an seinem Himmel der letzte
helle Streifen verschwinden, und gnzliche Nacht ihn umgeben sollte! Er hatte
Mutter Clausen nur selten gesehen, aber es war jedesmal unter so eigenthmlichen
Verhltnissen gewesen; er hatte jedesmal einen so tiefen, ja erschtternden
Eindruck von diesen Begegnungen davongetragen, da ihm jetzt war, als htte er
eine Ahne verloren, deren zrtliche Liebe er mit Gleichgltigkeit und Undank
vergolten hatte. Wie bestimmt hatte er sich vorgenommen, als er das letzte Mal
mit Albert in ihrer Htte gewesen war, die alte Frau nicht wieder aus den Augen
zu verlieren; nachzufragen, ob er ihr in irgend einer Weise dienen, irgendwie
ihr einsames Alter erfreuen knne? Sie hatte seiner in ihrer letzten Stunde
gedacht; er hatte in allen diesen Tagen keine Minute Zeit gehabt, an sie zu
denken. Sie hatte nicht sterben mgen, ohne ihm ihren Segen zu geben: was hatte
er im Leben Gutes gethan, diesen Segen zu verdienen? - Was half es nun der
Todten, da er fr ihr Begrbni Sorge trug? da er mit Bruno hinter dem
Leiterwagen herging, auf dem man ihren schmucklosen Sarg ber die Haide nach
Faschwitz fuhr, ihn auf dem dortigen Friedhofe in die Gruft zu senken? da er
nach Grnwald schrieb und eine kleine Marmortafel bestellte, auf da ihr Grab
nicht wie einer Gechteten Grab sei? Wie htte ihm die Lebende fr den
geringsten Theil all der Mhe, die er sich jetzt um die Todte gab, so herzlich
gedankt!
    Und war es, weil er ihn so wenig verdient hatte, da der Segen der
Sterbenden nicht in Erfllung ging? Der Frieden, den sie fr ihn herabflehte mit
dem letzten Hauch ihres Mundes, wollte nicht einziehen in sein Herz. Wie ein
Verzweifelter kmpfte er mit der rasenden Leidenschaft, die sich wie ein Orkan
ber ihn gestrzt hatte, aber jeder neue Tag mute ihn nur immer mehr von seiner
Ohnmacht berzeugen. Brachte ihn doch jeder neue Tag oft auf lange Stunden in
die Gesellschaft des schnen Mdchens; trat sie ihm doch mit einem freundlichen
Lcheln auf den stolzen Lippen entgegen, sobald der leuchtende Sommermorgen die
kurze und fr ihn so lange Nacht verdrngt hatte; sa er ihr doch bei Tische
gegenber; brachten die Unterrichtsstunden, gemeinsame Spaziergnge, hundert
andere Gelegenheiten, die in einem so kleinen Kreise auf dem Lande beinahe
unvermeidlich sind, ihn wieder und immer wieder mit der Herrlichen in Berhrung!
    Und wohl mochte es einem leidenschaftlichen Herzen schwer fallen, von so
viel Schnheit, Anmuth und Geist nicht gerhrt zu werden. Empfanden doch Alle,
die mit Helene in Berhrung kamen, den wunderbaren Zauber ihrer Persnlichkeit;
schien es doch fast unmglich, nicht mit Heftigkeit fr oder gegen sie Partei zu
nehmen; gab es doch selbst in der Gesindestube unter den Leuten lebhafte Scenen,
da der schweigsame Kutscher, auf die junge Baronesse anspielend, brummte: es sei
nicht Alles Gold, was glnze, worauf die alte brave Kchin erwiederte: zu
schlechten und mignstigen Menschen kmen die lieben Engel allerdings nicht,
was denn eine unerquickliche Debatte ber schlechte Menschen im Allgemeinen und
Besondern herbeifhrte, bei der es von beiden Seiten ziemlich scharf herging und
verschiedene helle Streiflichter auf die Familienangelegenheiten der gndigen
Herrschaft geworfen wurden. Denn selbst in diesen Regionen war man so ziemlich
darber einig, da der Baron Felix sich nicht blos zum Vergngen so lange auf
Schlo Grenwitz aufhielt; ja Felix' Kammerdiener behauptete: es gbe gewisse
Leute, die ber gewisse Dinge eine ziemlich gewisse Auskunft geben knnten, da
aber Verschwiegenheit die erste Pflicht eines guten Bedienten sei. Er wolle nur
so viel sagen, da sein Herr eine Sache, die er angefangen habe, auch zu Ende
bringe, und da er selbst der unmageblichen Meinung sei, es gebe kein Mdchen
auf Erden, das seinem Herrn auf die Dauer widerstehen knne - eine Behauptung,
die von dem weiblichen Theil der Gesellschaft mit groer Entrstung
zurckgewiesen wurde.
    Was den Blicken dieser Leute nicht entging, konnte Oswald's durch die Liebe
hundertfach geschrftem Auge nicht verborgen bleiben. Mute er doch tglich
wahrnehmen, wie Baron Felix Alles aufbot, sich die Gunst seiner schnen Cousine
zu erwerben: alle Gewandtheit, die er sich in tausend Intriguen auf den glatten
Parquets grostdtischer Salons angeeignet, allen Witz, mit dem ihn die Natur
keineswegs krglich versehen hatte; alle Vortheile, die ihm sein Verhltni als
naher Verwandter gestatteten. Mute er doch sehen, mit welcher Umsicht die
Baronin diese Bemhungen auf jede Weise untersttzte, und Felix in jeder
Hinsicht eben so unermdlich wie geschickt secundirte. Zwar sagte er nein! oder
schwieg, wenn Bruno nach Tische, nach einem Spaziergang mit zornigem Antlitz
diese oder jene Frechheit von dem Affen, dem Felix erzhlte; aber er wute
recht gut, da der Knabe nicht falsch gesehen oder gehrt hatte, und sein
einziger Trost war, da Helene's Stolz in die Verbindung mit einem ihrer so ganz
und gar unwrdigen Mann nun und nimmermehr willigen werde.
    Was Frulein Helene selbst betraf, so ging sie ihren stillen Weg, ohne
scheinbar weder nach rechts noch links zu blicken, nur da in der letzten Zeit
ihr Betragen noch zurckhaltender, ihre Miene noch vornehmer, ihr Lcheln noch
seltener geworden war. Sie wute sehr wohl, da sie in dem Kampfe, der ihr
drohte, vergeblich an das Herz der kalten, egoistischen Mutter, vergeblich an
die Einsicht des alten, schwachen Vaters, vergeblich an die Ritterlichkeit des
frivolen, zgellosen Felix appeliren wrde, und da sie sich auf Niemand
verlassen knnte, als auf sich selbst. Aber dieses Bewutsein diente nur dazu,
den Muth des hochherzigen Geschpfes anzuschren und zu entflammen. Die
Annherung, die zwischen ihr und der Mutter stattgefunden hatte, war nur eine
scheinbare gewesen. Zwischen der Baronin, die nur weltliche Zwecke kannte und
verfolgte, und ihrer Tochter, die einem vielleicht bertriebenen, immer aber
hochsinnigen Idealismus huldigte, war auf die Dauer keine Vereinigung mglich.
    Das sprach Helene wiederholt in den Briefen aus, welche sie jetzt hufig an
ihre liebste Freundin und einzige Vertraute, Mi Mary Burton, nach Hamburg
schrieb. Dearest Mary, hie es in einem derselben, wie oft hast Du Dich ber das
grausame Geschick beklagt, welches Dich mit Reichthum berschttete, um Dir alle
Verwandte zu rauben, Eltern, Geschwister, Cousins und Cousinen - alle jene
Freunde und Freundinnen, die uns die Natur selbst mit auf den Lebensweg giebt.
Aber, glaube mir, liebes Mdchen, es giebt noch ein schlimmeres Loos, als das
Deine. Die Wehmuth, die Dich bei dem Gedanken erfat, allein dazustehen in der
Welt, ist nicht ohne eine gewisse Sigkeit. Wie oft sprachst Du mit Entzcken
von Deinem Bruder Harry, der Dir in der Blthe seiner Jahre geraubt wurde, von
Deiner Schwester Kitty, der holden Blume, die so frh verwelkte - Du sagtest,
sie seien Dir nicht gestorben, knnten Dir nicht sterben, denn sie lebten
schner und herrlicher in Deiner Erinnerung fort. Die Schatten der lieben Todten
umschwebten Dich berall, sie seien Dir eine liebe Gesellschaft, in der Du Dich
unendlich wohler fhltest, als oft, sehr oft in der kalten, egoistischen, die
Dich umgiebt. O gewi: das Leben ist der Gter hchstes nicht; aber die Liebe
ist es. Das Leben ohne Liebe ist ganz werthlos. Deine Verwandten sind gestorben,
aber sie leben Dir; meine Verwandten leben, aber fr mich sind sie todt. - Es
ist ein grauses Wort, theuerste Mary, aber ich streiche es dennoch nicht wieder
aus, denn es ist wahr, und wir haben ja geschworen, uns nie die Wahrheit zu
verhehlen, koste uns ihr Bekenntni noch so viel. Ja, sie sind todt fr mich,
meine Verwandten, und ob ich gleich die Hlfte meines Lebens hingeben mchte,
sie ins Leben zu rufen - mit frommen Wnschen ist hier nichts gethan. Wer leidet
denn fr uns? Doch nur die, in deren Herzen wir allezeit eine sichere
Zufluchtssttte finden vor allem Leid, das uns bedrngt, vor allen Zweifeln, die
uns ngstigen; die nichts wollen, als unser Glck, und unser Glck nicht in der
Erfllung ihrer eigenen Wnsche, in der Befriedigung ihrer eigenen Selbstsucht
erblicken. Und ist dies nicht der Fall bei den Meinigen? kann ich ihnen mein
Herz erschlieen? mu ich nicht stets frchten, bei ihnen anzustoen, wenn ich
spreche, wie ich denke? fragen sie nach meinen Neigungen? ngstigen sie mich
nicht vielmehr mit Zumuthungen, mit Andeutungen, die mir das Blut erstarren
machen? Freilich mein guter alter Vater - er wrde, wenn es zum Aeuersten kme,
mich nicht verlassen; aber groer Gott, ist denn die Furcht, es knne bis dahin
kommen, nicht schlimm genug? und ist denn der Beistand, den man sich ertrotzen
mu, etwas, worauf wir mit vollem Vertrauen, mit glubiger Zuversicht blicken
knnen? Ach, Mary, ich kann Dir nicht sagen, wie fremd, wie unheimlich mir der
Geist ist, der in meinem elterlichen Hause waltet, wie sehr ich mich zurcksehne
nach unserm stillen Pensionsleben, wo wir, wenn uns auch die Welt drauen
verschlossen war, in unseren Trumen und ach! vor allem in unserer herzlichen
Freundschaft eine schnere und reichere Welt fanden. Hier hab' ich Niemand, dem
ich einen Blick in diese Welt verstatten mchte, Niemand, als einen Knaben, bei
dem ich auf Verstndni nicht rechnen kann, und einen Mann, den ich lieben
knnte, wenn er mein Bruder wre, und von dem mich jetzt eine unbersteigliche
Kluft trennt. Du weit, von wem ich spreche. Ich will Dir nicht verschweigen,
da ich in letzterer Zeit an diesem Mann ein Interesse genommen habe, das ich
nie fr mglich gehalten htte - ein Bekenntni, welches Deinen Spott
herausfordern wird und das ich Dir dennoch, kraft der Heiligkeit unseres
Covenant, schuldig bin. Vielleicht fhle ich mich nur deshalb zu ihm hingezogen,
weil er unglcklich ist. Er steht, wie Du, allein, ganz allein in der Welt;
seine Mutter hat er kaum gekannt, seinen Vater schon vor Jahren verloren, Brder
und Schwestern nie gehabt. Er ist noch jung, aber reiche Herzen erleben viel in
kurzer Zeit und er mu viel erlebt und viel gelitten haben. Es liegt eine
Schwermuth auf seiner hohen Stirn, in seinen tiefblauen groen Augen, die fr
mich etwas unendlich Rhrendes hat; manchmal zuckt es so schmerzlich um seinen
Mund, da ich viel, sehr viel darum geben knnte, drfte ich zu ihm treten und
sprechen: sage mir, was Dich qult; vielleicht kann ich Dir helfen, und vermag
ich auch das nicht, kann ich doch mit Dir fhlen. Wir Beide, theure Mary, sind
in der Ueberzeugung aufgewachsen, da die unteren Stnde mit dem Adel der Geburt
auch des Adels der Gesinnung entbehren, da wir bei ihnen auf ein Verstndni
dessen, was uns hoch und theuer ist, in keinem Falle rechnen knnen. Ich
gestehe, da ich seit meiner Ankunft in Grenwitz von diesem Vorurtheil - denn so
mu ich es jetzt bezeichnen - in manchen Punkten zurckgekommen bin, da ich
wenigstens jetzt eingesehen habe, wie sich zu der Regel doch auch Ausnahmen
finden. Stein ist eine solche Ausnahme. Ich habe noch kein Wort aus seinem Munde
gehrt, das den Plebejer verrathen htte, dagegen viele, sehr viele, die mir aus
der Seele gesprochen waren, die ein lautes Echo in meinem Herzen fanden. Er
spricht mit einer Anmuth, wie ich es noch von keinem Menschen gehrt habe, mit
einer reichen Modulation der Stimme, die wie Musik in meinem Ohre klingt, so da
ich oft noch stundenlang nachher versuche, die Art und Weise, den Tonfall, mit
dem er dieses oder jenes sprach, in meiner Erinnerung zurckzurufen. Es liegt
fr mich ein unendlicher Zauber in einer schnen klangreichen Stimme; es ist mir
immer, als sprchen die Menschen mit dem Herzen; als knnte ich, oft schon nach
wenigen Worten, sagen: dies ist ein guter, dies ist kein guter Mensch. Und bei
Stein wenigstens trifft es zu. Ich habe schon manche Proben von seiner
Herzensgte gesehen. So starb vor ein paar Tagen in unserem Dorfe eine alte
Frau, die frher Wirthschafterin auf dem Schlosse gewesen war und von dem Vater
eine kleine Pension hatte. Niemand kmmerte sich um sie, nur Stein, der auch
nach ihrem Tode fr ihr Begrbni Sorge trug, ja, sie zu ihrer letzten
Ruhesttte, mit Bruno, den weiten Weg bis zum Friedhofe begleitet hat. Das ist
ihm im Schlosse sehr bel ausgelegt worden und ich mute sehr lieblose
Bemerkungen darber mit anhren; besonders von einer gewissen Person, die Gott
danken sollte, wenn er sie nur einmal auf den Gedanken einer so guten That
kommen, geschweige denn eine solche wirklich ausfhren liee. Aber ich will
dieser Person nicht die Ehre anthun, noch mehr Worte ber sie zu verlieren. Ich
habe beschlossen, da sie in Wirklichkeit fr mich nicht existiren soll, und so
soll sie es auch nicht in Worten.
    Dieser Brief, in welchem sich Frulein Helene so unumwunden ber die
Personen ihrer Umgebung aussprach, wurde nie beantwortet, denn er gelangte nie
an seine Adresse.

                           Einundfnfzigstes Capitel


Es war in der Nachmittagsstunde. Der alte Baron schlief in dem Wohnzimmer. Er
sa in dem groen Schaukelstuhl; die Zeitung, in welcher er gelesen hatte, war
ihm aus der welken, herabhngenden Hand geglitten. Er sah recht verfallen aus in
diesem Augenblicke; recht wie ein alter Mann, der nicht mehr viele Jahre zu
leben hat und dessen Leben die leichteste Krankheit ein rasches Ende machen
kann. - So dachte Anna-Maria, die ihm gegenber auf ihrem gewhnlichen Platze
gesessen und ihn eine geraume Zeit, in tiefes Nachdenken verloren, aufmerksam
betrachtet hatte. Jetzt erhob sie sich leise und trat vor die Pendeluhr ber dem
Kamin. Es war bald vier, die Stunde, in welcher nach der unwandelbaren Ordnung
des Hauses der Kaffee getrunken werden mute - im Garten, wie stets, wenn das
Wetter es erlaubte. Die Baronin stand im Begriff ihren Gemahl zu wecken, sie
besann sich indessen eines anderen, schritt durch die offene Thr in den Garten
hinab, und fragte den Bedienten, welcher das Kaffeeservice in die Laube trug, ob
Baron Felix schon gerufen sei? - Noch nicht, gndige Frau! - So gehen Sie
hinauf; ich liee ihn bitten, doch, wo mglich, sogleich zu kommen, und hren
Sie! sagen Sie Mademoiselle, ich wollte heut' selbst den Kaffee serviren, sie
mge nur in der Wschkammer bleiben. - Zu Befehl, gndige Frau. - Und was ich
sagen wollte, Sie brauchen die Anderen noch nicht zu rufen. - Zu Befehl, gndige
Frau.
    Der Mann ging seine Auftrge auszurichten. Anna-Maria schritt an der Laube
vorber in einen langen, ganz berwlbten Buchengang, der von dem groen
Rasenplatze aus mehrere hundert Schritte bis an ein Gehlz fhrte, in welchem
eine kleine verfallene Kapelle stand. Sie schien ganz vergessen zu haben, da
sie Felix in die Laube beschieden hatte, denn sie ging immer weiter, die Augen
auf den Boden geheftet, bis sie das Ende des Ganges und die Kapelle erreicht
hatte.
    Es war eine liebliche, s melancholische Stelle. Uralte Riesenbume
umwlbten den Platz mit ihren breiten Laubkronen, da kaum ein Sonnenstrahl sich
hineinstehlen konnte. Der Boden war mit dichtem Moos bedeckt; langes Gras wuchs
zwischen den umhergestreuten Steinfliesen; die weitklaffenden Spalten des alten
Gemuers waren von dunkelgrnem Epheu bersponnen; hier und da ragte ein hoher
blhender Busch aus den Ruinen. Auf dem morschen Kreuz in einer der leeren
Fensternischen sa ein Vgelchen und sang. Das war der einzige Laut, den man
vernahm. Er schien die Stille rings umher nur noch stiller zu machen.
    Einen Liebhaber der Einsamkeit wrde der Platz entzckt haben. Aber die
Baronin erhob kaum einmal die Augen vom Boden, sich flchtig umzusehen. Sie
hatte berhaupt sehr wenig Sinn fr Sonnenstrahlen, die durch ein dichtes
Laubgitter zittern, fr blaue Schatten und andere Requisiten landschaftlicher
Schnheit, und heute vorzglich war ihr Geist von ganz anderen Dingen in
Anspruch genommen. Sie setzte sich auf eine Steinbank unmittelbar unter der
leeren Fensternische, in welcher das Vgelchen sang, nahm aus der Tasche ihres
Kleides einen Brief und begann denselben noch einmal zu lesen.
    Es war der Brief, den Helene heute Morgen in dem guten Glauben, da das Wort
der Mutter, sie werde sich nie um ihre Correspondenz kmmern, eine Wahrheit sei,
geschrieben, und in dem vollen Vertrauen auf die Heiligkeit des
Briefgeheimnisses ihrem Kammermdchen bergeben hatte mit dem Auftrage, ihn in
die Kche zu tragen, wo der Postbote sich an einer Tasse Kaffee erquickte. Das
Mdchen war der Baronin auf dem Flur begegnet, und von dieser gefragt worden,
von wem der Brief sei? Auf die Antwort: von dem gndigen Frulein, hatte die
Baronin sich den Brief geben lassen, mit der Weisung, den Postboten hernach zu
ihr auf's Zimmer zu senden, sie selbst habe noch mehrere Auftrge fr ihn.
    Und hier sa sie nun auf der steinernen Bank neben dem alten Gemuer unter
der Fensternische, in welcher das Vgelchen so lustig zwitscherte und studirte
den Brief, den unseligen Brief, den sie nun schon beinahe auswendig wute. Die
Frucht von dem Baume der Erkenntni, die sie so freventlich gestohlen, war
bitter, sehr bitter. Sie hatte ihre Tochter nie geliebt; jetzt aber hate sie
ihre Tochter. Also wirklich! ihr schlimmster Verdacht besttigt! fr alle ihre
Gte mit schwarzem Undank belohnt! des Egoismus von ihrem eigenen Kinde
angeklagt! in allen ihren Plnen von diesem Starrkopf durchkreuzt! Helene im
besten Einverstndni mit den beiden Verhaten! Frulein von Grenwitz in Liebe
zu einem Miethling, einem gemeinen Menschen, der bei ihren Eltern in Lohn und
Brod stand! Denn was bedeuteten zuletzt all die schnen Phrasen von Oswald's
Herzensgte, von dem Antheil, den sie an seinem geheimen Kummer nahm? Die
Baronin verstand sich freilich schlecht auf die Sprache der Liebe; so viel aber
wute sie, die Gleichgltigkeit spricht so nicht. Dahin also war es gekommen!
Helene wollte Krieg! gut - sie sollte ihn haben. Es sollte sich zeigen, wer die
Strkere war: die Mutter oder die Tochter. Jetzt zurckweichen? zugeben, da
dieses ungerathene Kind ihren Willen durchsetzt? den jahrelang erwogenen Vorsatz
einer thrichten Mdchenlaune opfern? Nimmermehr!
    Aber was jetzt thun? noch einmal es mit scheinbarer Gte versuchen? oder die
Maske fallen lassen und befehlen, wo mit Bitten nichts anzurichten war? Und vor
allem: wie weit Felix in das Geheimni einweihen? wrde sich nicht sein Stolz
regen, wenn er erfhre, wie tief er in den Augen Helenens stand, wie sehr sie
ihn verachtete? Konnte er nicht zurcktreten? und setzte dann Helene nicht doch
ihren Willen durch? triumphierte die Tochter dann nicht doch ber die Mutter?
    Ehe die Baronin ber diesen Punkt mit sich in's Klare kommen konnte, vernahm
sie Schritte ganz in ihrer Nhe. Sie faltete eiligst den Brief zusammen und
verbarg ihn hastig in der Tasche ihres Kleides.
    Felix hatte Niemand in der Laube gefunden, und zufllig einen Blick in den
Buchenwald werfend, die Baronin in der Tiefe desselben zu erblicken geglaubt.
    Also doch, sagte er, als sich die Baronin bei seiner Annherung erhob; ich
wute wahrlich nicht, ob Sie es waren. Der Kaffee steht in der Laube; aber, wie
Knig Philipp auf dem Thron, einsam und allein. Es scheint sich alle Welt, wie
ich, verschlafen zu haben.
    Setzen Sie sich hierher zu mir, lieber Felix, sagte die Baronin; es hat mit
dem Kaffee keine so groe Eile. Wir knnen hier ungestrter sprechen als dort.
    Ein allerliebst verschwiegenes Pltzchen zu einem ehrbaren Rendezvous,
erwiederte Felix lachend, neben der Baronin auf dem Bnkchen Platz nehmend.
    In diesem Augenblick verstummte das Vgelchen, das oben in der Fensternische
gesessen hatte und flog in einen der Bume. Das bleiche, von dunkeln Locken
eingerahmte Gesicht eines Knaben erschien in der Hhlung und schaute herunter,
um sofort, nachdem es die Beiden erblickt hatte, wieder zu verschwinden.
    Da Sie doch noch immer zum Scherz aufgelegt sind, lieber Felix! sagte die
Baronin.
    Noch immer? erwiederte Felix, was ist denn geschehen, weshalb ich weinen
sollte? Sie knnen wohl nicht vergessen, was ich neulich Abends sagte? Pah! ich
habe mich lange von dem Schreck erholt; es war ein blinder Schu, glauben Sie
mir!
    Ich wollte, ich knnte Ihre Zuversicht theilen, lieber Felix; aber ich habe
meine guten Grnde, anderer Meinung zu sein. Ich habe Helene seitdem genauer
beobachtet; ich kann mich von dem Gedanken nicht losmachen, da doch etwas an
der Sache ist.
    Aber, verzeihen Sie mir, Tante; Sie haben ein bewunderungswrdiges Talent,
Alles schwarz zu sehen. Es war ein kindischer Einfall von der kleinen Breesen;
sie wollte mich rgern - voil tout! Ich kann Helenen nicht zutrauen, da sie
mir einen Schulmeister vorzieht. Es wre ja lcherlich, horriblement lcherlich,
sagte der Ex-Lieutenant und betrachtete wohlgefllig seine lackirten Stiefel.
    Und gesetzt auch, Helene knnte sich nicht so weit vergessen, - da es nur
die thrichte Laune eines Augenblicks wre, versteht sich ohnehin von selbst -
sind Sie denn mit ihrem Betragen, Ihnen gegenber, zufrieden?
    Sie wird ihr Betragen ndern, sobald sie sieht, da wir Ernst machen.
    Und wenn sie sich nicht ndert?
    Nun, so sind wir Gott sei Dank noch nicht verheirathet; sagte Felix in der
Bewunderung seiner Stiefel verloren, wahrscheinlich nicht genau wissend, was er
sagte.
    Dann drfen wir ja auch unser Gesprch abbrechen, sagte die Baronin sich
erhebend; wenn Sie mit einer solchen Gleichgltigkeit von dem Scheitern eines
Planes sprechen knnen, an dessen Ausfhrung, sollte ich denken, uns Beiden
gleichviel gelegen sein mu, so verlohnt es sich auch nicht der Mhe, weiter
darber zu reden.
    Aber theuerste Tante, sagte Felix aufspringend und der Baronin die Hand
kssend; Sie sind auch wahrlich heute in einer schauerlichen Laune. Wie knnen
Sie ein Wort, bei dem ich mir, auf Ehre, nicht das Mindeste gedacht habe, so
bel nehmen? Es fuhr mir so heraus. Sie wissen ja, da meine Zunge Vieles
spricht, was ich bei Leibe nicht verantworten mchte. Setzen Sie sich wieder,
ich bitte Sie. Sie sagten, wenn Helene ihr Betragen nicht ndert? meine ernste
Antwort ist: so heirathe ich sie doch. So etwas findet sich, wenn man nur ernst
im Wagen sitzt; auf der ersten Station wird geweint: auf der zweiten wird
geschmollt; auf der dritten fngt man an zu lcheln; auf der vierten -
    Genug! sagte die Baronin, Sie sind ein unverbesserlicher Leichtfu, der -
    Ueberall da hingelangt, wo er hingelangen will. Und deshalb lassen Sie Ihre
Bedenken fahren und uns zum Kaffee gehen, der sonst wahrlich kalt wird.
    Nicht so schnell! sagte die Baronin; wozu rathen Sie denn nun?
    Wozu ich immer gerathen habe. Sagen Sie Helenen - da ich ja doch einmal mich
auf keinen Fall direct in die Sache mischen soll - Du heirathest Deinen Vetter,
Baron Felix von Grenwitz, und zwar binnen hier und irgend einer beliebigen Zeit.
Abgemacht, Sela.
    Ist das Ihr Ernst?
    Mein wohlerwogener Ernst. Wann wollen Sie den groen Ball geben?
    Uebermorgen.
    Gut. Das ist eine vortreffliche Gelegenheit, der Gesellschaft unsere
Verlobung anzukndigen. Sagen Sie Helene: wenn Du am Donnerstag Abend nicht
Felix' Verlobte bist, gehst Du am Freitag frh in die Pension zurck. Sie sollen
sehen: das hilft.
    Ich frchte, die Drohung drfte den entgegengesetzten Erfolg haben. Man hat
Helene in Hamburg viel zu sehr verwhnt. Ich glaube, sie ginge lieber heute
zurck, als morgen.
    Eh bien! so schicken Sie die kleine Widerspenstige nach Grnwald in die
Musterpension von Frulein Br. Es ist das freilich, wie mir die kleine Breesen,
die dort erzogen ist, neulich mittheilte, eher eine Strafanstalt als eine
Pension; aber je schlimmer, desto wirksamer - ich meine, die Drohung, denn da
es ma chre cousine nicht zum Aeuersten kommen lassen, sondern sich, genau zur
rechten Zeit, besinnen wird, darauf hin will ich mich hngen lassen. Verzeihen
Sie, Tante; ich wei, Sie lieben die starken Ausdrcke nicht.
    Es ist wirklich eine recht ble Angewohnheit von Ihnen, sagte die Baronin,
sich erhebend, whrend Felix ihrem Beispiele folgte.
    Die ich Ihnen zu Gefallen ablegen werde, erwiederte er, der Baronin den Arm
bietend.
    Noch eins, sagte diese, stehen bleibend; glauben Sie, da Grenwitz darein
willigen wird?
    Ob ich das glaube? rief Felix mit einem fr den alten, guten Baron wenig
schmeichelhaften Lachen; ob ich das glaube? Ma foi, chre tante, da mte mein
sehr wrdiger Onkel doch nicht beinahe zwanzig Jahre unter Ihrem Commando
gestanden haben. Wie lange habe ich denn die Ehre, unter Ihnen zu dienen? ein
paar Wochen, und ich dchte, ich wre schon ganz passabel gedrillt.
    Sie sind ein Schmeichler, sagte die Baronin gtig, aber man kann Ihnen nicht
bs sein.
    Und das Paar entfernte sich, Arm in Arm.
    Als die Stimmen nicht mehr zu vernehmen waren, schaute das Knabengesicht
wieder vorsichtig zu der Fensternische heraus. Es war noch bleicher, als vorhin.
Der Knabe streckte nach den Davongehenden drohend den Arm aus, und seine Lippen
murmelten einen grimmigen Fluch. Dann, als die Beiden nicht mehr zu sehen waren,
lie er sich aus der Fensternische herab auf die Bank, wo sie gesessen hatten.
Neben der Bank, in dem dicken Moose, lag ein schlecht zusammengefalteter Brief,
den die Baronin aus der Tasche verloren hatte. Der Knabe hob ihn auf und als er
sah, da er von Helenens Hand war, drckte er ihn mit strmischer Zrtlichkeit
an seine Lippen. Dann verbarg er ihn sorgsam in seiner Brusttasche, blickte sich
noch einmal vorsichtig um, und war im nchsten Augenblick im dichten Gebsch
verschwunden.

                           Zweiundfnfzigstes Capitel


Die Behauptung von Felix' vielgewandtem Kammerdiener betreffs der
Unwiderstehlichkeit seines Herrn in Liebesaffairen war zwar als eine Beleidigung
des schnen Geschlechts im Allgemeinen und des in der Kche versammelten,
weiblichen Dienstpersonals im Besonderen von diesem letzteren auf's heftigste
bestritten worden, der Vielgewandte indessen hatte dazu nur geheimnivoll
gelchelt, sich, nach der Weise seines Herrn, in den Stuhl zurckgelehnt, die
Beine von sich gestreckt und mit einem vielsagenden Zwinkern seines rechten
Auges auf die geblickt, welche in dem unerquicklichen Disput die hchste
moralische Entrstung und die grte Zungenfertigkeit zeigte. Die hbsche Luise
war auf diesen Blick hin sehr roth geworden und so pltzlich verstummt, da es
selbst die Aufmerksamkeit des schweigsamen Kutschers erregte und ihn zu der
Wiederholung seiner frheren Bemerkung veranlate: es sei nicht Alles Gold, was
glnze. Darauf hatte die hbsche Luise zu weinen angefangen, die alte, brave
Kchin sich ihrer aber angenommen und gemeint: der Herr Kammerdiener solle sich
schmen, durch gehssige Insinuationen und mechante Blicke ein armes Mdchen
in schlechten Ruf zu bringen; der Vielgewandte, welcher bemerkte, da er zu weit
gegangen sei, sich sodann zu der Erwiederung genthigt gesehen: wie es ihm nicht
eingefallen sei, auf irgend eine der anwesenden Damen direct anzuspielen, und
da er mit seinem Zwinkern schlechterdings gar nichts habe sagen wollen. Diese
Erklrung hatte denn schlielich den so freventlich gestrten Frieden der um den
Kchenheerd versammelten Gesellschaft wieder hergestellt.
    Indessen verhielt sich die Sache genau so, wie der Vielgewandte angedeutet
hatte. Baron Felix war noch nicht vierundzwanzig Stunden auf dem Schlosse
gewesen, als er schon Mademoiselle Marguerite und die hbsche Luise als
diejenigen Personen herausgefunden hatte, welche besonders dazu geeignet sein
drften, ihm die Langeweile des Landlebens und die Unbequemlichkeit einer
Brautwerbung tragen zu helfen. Er hatte Albert, den buon camerata so vieler
hnlicher Heldenthaten in der Cadettenzeit, ber Mademoiselle auszuholen
versucht und seinem Jean den Auftrag ertheilt, die Moralitt der hbschen Luise
gelegentlich auf die Probe zu stellen. Albert war einen Augenblick in Zweifel
gewesen, ob er Felix' saubern Plan nicht wenigstens so weit begnstigen sollte,
um einen Grund zu haben, auf den er sich sttzen knnte, wenn es ihm spter
vielleicht einmal darauf ankme, mit Marguerite zu brechen. Dann aber hatten die
Eifersucht und der Ha, welchen er gegen seinen frheren Kameraden empfand, doch
den Sieg davon getragen. Er hatte Felix erzhlt, wie er ganz bestimmt - von
Mademoiselle selbst - wisse, da sie - mit einem Candidaten der Theologie, der
Himmel wei wo? ich glaube in Grnwald - verlobt sei, da er selbst versucht
habe, sich die Gunst der schwarzugigen Genferin zu erwerben, und also von der
gnzlichen Hoffnungslosigkeit - nach dieser Seite hin etwas auszurichten
vollkommen berzeugt sei.
    Felix, obgleich er sonst nicht der Mann war, sich durch dergleichen
Mittheilungen einschchtern zu lassen, trstete sich um so leichter ber das
Fehlschlagen dieses seines Planes, als ihm der Vielgewandte gesagt hatte, da
eine sofort angestellte forcirte Recognoscirung nach der andern Seite durchaus
von dem gnstigsten Erfolg gekrnt worden sei, und da er seinem Herrn schon im
voraus zu dieser Acquisition gratuliren zu knnen glaube. Don Juan Felix hatte
darauf unter Beistand des Vielgewandten nach allen Regeln langgebter Kunst das
Vgelchen in das Garn zu locken versucht, und sich denn auch nicht weiter
gewundert, als es schon nach wenigen Tagen in die kunstgerecht aufgestellten
Netze flatterte.
    Die Einrichtung des Schlosses mit seinen labyrinthischen Corridoren, seinen
vielen groen und kleinen Treppen, auf denen man unversehens in Etagen gelangte,
in die man gar nicht wollte, mit seinen unzhligen Thren, von denen die eine
aussah wie die andere, machte fr Jemand, der die Localitt nicht ganz genau
kannte, die Durchfhrung eines galanten Abenteuers zu einer uerst schwierigen
und bedenklichen Sache. Das hatte auch Felix erfahren, indem er sich einige Mal
auf seinen nchtlichen Wanderungen grndlich verirrte und nur mit der uersten
Mhe und nach stundenlangem, vorsichtigem Umhertappen sein Zimmer wieder gewann.
Er zog es deshalb vor, in dem Garten, der sich mit seinen schattigen Gngen und
still verschwiegenen Lauben auch ganz vortrefflich dazu eignete, und in den man
sowohl aus der Leutewohnung, wie aus dem Herrenhause ohne groe Mhe gelangen
konnte, den angesponnenen Roman weiter zu fhren.
    So hatte er sich denn auch in dieser Nacht aus dem Schlosse gestohlen, und
harrte, in den dichten Boskets, von denen aus man die Seitenfront des alten
Schlosses und die Leutewohnung, die in einer Linie daran gebaut war, beobachten
konnte, seines armen Opfers. Die Schlouhr schlug zwlf - die Stunde, welche er
zum Rendezvous bestimmt hatte. Der Mond schien hell, die Thautropfen auf den
Blumen und Blttern glitzerten in seinen Strahlen; Felix konnte auf seiner Uhr
sehen, da die Schloglocke eine Viertelstunde zu spt geschlagen hatte. Die
Lichter im Schlo waren erloschen; nur in zwei der Fenster des hohen Parterres
schimmerte durch die rothen Vorhnge der Schein einer Lampe. Es war Helenens
Zimmer. Felix sah in regelmigen Zwischenrumen die undeutlichen Umrisse ihrer
Gestalt hinter dem Vorhang - offenbar schritt sie im Zimmer auf und ab. Dann
mute sie sich wieder an das Clavier gesetzt haben, denn einzelne Tne, den
Lauten des Vogels gleich, der im hellen Mondschein trumend sein Lied zu singen
versucht, irrten durch den stillen Garten; die Tne flossen zusammen zu Accorden
und endlich strmte in vollen rauschenden Wogen Beethoven's herrliche Sonate
pathtique, wie der Gesang eines Engels, der um Mitternacht mit ausgebreiteten
Flgeln ber die Erde schwebt, und alles Erdenleid und alle Erdenqual in seinem
gttlichen Herzen sammelt und ausstrmt in ein feierliches Lied voll unendlicher
Schwermuth und himmlischer Sigkeit.
    Felix empfand in diesem Augenblick, wo er, den Arm auf eine Urnensule
gelehnt, lauschend dastand, eine Art von Gewissensbi darber, da er, der
Wstling, der Unreine, die Hand auszustrecken, die Augen zu erheben wagte zu
ihr, der Keuschen, Reinen. Er nahm sich in diesem Augenblicke vor, ein anderes
Leben zu beginnen, die Thorheiten abzustreifen, und er glaubte alles Ernstes,
da er nur zu wollen brauche, um zu knnen. Er hrte mit einer gewissen Andacht
der Musik zu. Er war Kenner genug, um zu fhlen, da die Sonate nicht schner,
nicht seelenvoller gespielt werden konnte, er sagte bei einzelnen Passagen leise
bravo! bravo! als ob er sich in einem Concertsaale befnde. Aber Helene und
Beethoven, Tugend und Musik und was noch sonst Alles in diesen Minuten durch
sein Hirn gezogen sein mochte - Alles war im Nu versunken, wie eine Fata
Morgana, als sein Ohr jetzt den leisen Schritt eines Menschen vernahm. Der
Schritt kam von einer anderen Seite, als Felix erwartete. Indessen die hbsche
Luise mochte ja einen Umweg gemacht haben, um die breiteren, von dem Mondschein
allzu hell beschienenen Gnge in der unmittelbaren Nhe des Schlosses zu
vermeiden. Der Schritt kam nher und nher, und Felix, der auf den Einfall
gerieth, sich ein wenig suchen zu lassen, drckte sich dicht in die Gebsche.
Wie gro aber war sein Erstaunen, als er statt der hbschen Luise Bruno an sich
vorberschleichen sah. Im ersten Augenblick mute Felix ber diese Enttuschung
lachen; im nchsten aber schon fiel ihm ein, da durch diese Dazwischenkunft
sein Rendezvous mehr wie bedenklich werde, und da es unter diesen Umstnden
wohl das Gerathenste sein mchte, sich in das Schlo zurckzustehlen. Wer wei,
wie lange sich der Junge hier herumtreiben wird; am Ende ist er gar verliebt,
oder er ist verrckt, oder beides, denn er sieht nach beidem aus; oder er ist
mondschtig und geht so ein paar Stunden hier spazieren. Der verdammte Bengel!
berall steht er im Wege; ich htte groe Lust, ihm nchstens einige fhlbare
Beweise meiner freundschaftlichen Gesinnung zu geben. Auf jeden Fall will ich
ihm das Feld rumen. Jetzt kann man noch als verspteter Liebhaber eines
Mondscheinabends auftreten; spter geht das nicht mehr gut. Aber der Tante
wollen wir doch von diesen nchtlichen Excursionen der Zglinge des Herrn Stein
erzhlen.
    Felix hatte den Weg nach dem Schlosse fast zurckgelegt, ohne Bruno zu
sehen, und schon hoffte er, da der Knabe sich aus dem Garten entfernt habe und
sein Rendezvous doch noch zu Stande kommen knne, als er, ber einen kleinen
offenen Platz schreitend, der halb vom Mondschein erhellt und halb im Schatten
lag, Bruno auf einer Bank sitzen sah, die Augen nach Helenens Fenster gerichtet,
aus denen noch immer die Tonwellen rauschten. Der Knabe schien so in andchtiges
Zuhren verloren, da er Felix erst bemerkte, als dieser schon ganz nahe war.
    Weshalb treibst Du Dich denn hier noch so spt umher? sagte Felix, dessen
Aerger sich mindestens in einigen unfreundlichen Worten Luft machen mute; ich
werde es der Tante sagen.
    Bekmmere Dich um Deine eigenen Angelegenheiten, sagte Bruno, der in der
ersten Ueberraschung aufgesprungen war und ein paar Schritte auf den Platz
gethan hatte, trotzig stehen bleibend, als er in dem Herankommenden den
verhaten Felix erkannte.
    Du bist ein naseweiser Bursche, sagte Felix.
    Und Du ein gemeiner Schurke, erwiederte Bruno.
    Der Dich fr Deine Unverschmtheit zchtigen wird, sagte Felix, dem mit
untereinandergeschlagenen Armen vor ihm stehenden Knaben einen Backenstreich
versetzend.
    Bruno taumelte ein paar Schritte zurck; Felix sah, nicht ohne leichten
Schauder zu empfinden, wie die Augen des Knaben buchstblich glhten; dann brach
ein dumpfer, rchelnder Schrei aus seiner Kehle - ein mchtiger Sprung, wie
eines Leoparden, der sich auf seine Beute strzt - und im nchsten Moment lag
Felix am Boden und die starken Hnde Bruno's schlossen sich wie eiserne Klammern
um seine Kehle. Er rang wie ein Verzweifelter, den Knaben von sich abzuschtteln
und wieder in die Hhe zu kommen, aber vergebens. So oft er sich auch mit dem
Krper emporbumte, so oft er Bruno von sich fortzudrcken versuchte, jedesmal
fhlte er seine Anstrengungen von einer unwiderstehlichen Kraft paralysirt, und
fester und fester schlossen sich die schlanken Finger um seinen Hals.
    La mich los, Bruno, sthnte er.
    Befiehl Deine Seele Gott, denn Du mut sterben, knirschte Bruno.
    Felix fhlte, wie seine Krfte ihn verlieen, whrend die seines Gegners mit
jedem Augenblick zu wachsen schienen. Todesangst ergriff ihn. Er wollte um Hlfe
rufen, aber kein Laut entrang sich seinen bebenden Lippen; er fhlte ein dumpfes
Sausen in den Ohren, das immer lauter und lauter wurde; vor seinen Augen wurde
es Nacht, durch die Millionen kleiner Sterne schossen - wste Gedanken jagten
wie vor dem Sturmwind treibende Wolken durch sein Gehirn - pltzlich, als ihn
der letzte Schimmer von Bewutsein zu verlassen drohte, fhlte er, wie die
entsetzliche Last von seiner Brust verschwand - und als er endlich die Kraft
fand, sich vom Boden zu erheben und um sich zu blicken, war er allein. Der Mond
schien hell vom tiefblauen Himmel; das Licht in Helenens Zimmer war erloschen;
die Musik war verstummt. Felix htte glauben knnen, den Kampf mit Bruno
getrumt zu haben, wenn nicht die heftigen Schmerzen, die er an mehr als an
einer Stelle des Krpers fhlte, seine ber und ber mit Sand bedeckten Kleider
und der rings umher aufgewhlte Boden ihm zur Genge bewiesen htten, da dies
Alles nur zu wirklich gewesen war.
    Mit einem von Wuth erfllten Herzen schleppte er sich in das Schlo, wie ein
Wolf, der die Hrde beschleichen wollte, aber von einer edlen Dogge zerzaust und
zerbissen in den Wald zurckhinkt.

                           Dreiundfnfzigstes Capitel


Die Baronin hatte noch an demselben Abend den Brief Helenens vermit. Diese
Entdeckung erfllte sie mit nicht geringer Unruhe. Wie leicht konnte der Brief
in fremde, das heit: in Hnde fallen, die ihn Helenen wieder auslieferten, und
wie viel hatte sie sich dann dem stolzen, unbeugsamen Mdchen gegenber
vergeben! Jeder Vortheil, den sie durch die genaue Kenntni von dem
Gemthszustand ihrer Tochter ber diese errungen, und den sie durch
Anspielungen, Drohungen so geschickt auszubeuten gedacht hatte, war
unwiederbringlich verloren. Es war fatal, uerst fatal!
    Die Baronin erinnerte sich ganz genau, den Brief in die Tasche ihres Kleides
gesteckt zu haben, als Felix den Gang herauf kam. Wahrscheinlicherweise hatte
sie ihn also an der Kapelle verloren. Sie erinnerte sich, da sie whrend der
Unterredung mit ihrem Neffen einmal das Taschentuch gezogen hatte, um die
Beleidigte mit noch grerer Wrde zu spielen. Indessen war es heute Abend zu
spt, noch Nachforschungen anzustellen; sie mute es sich gefallen lassen, eine
beinahe schlaflose Nacht zuzubringen und den Morgen mit einem heftigen Kopfweh
herandmmern zu sehen. Sie ging alsbald in den Garten nach der Kapelle. Der
Brief war nicht da; auch nicht in dem Buchengange, oder in der Laube. Im
hchsten Mae verdrielich ber diesen bsen Zufall kehrte die Baronin in's
Schlo zurck.
    Dort erwarteten sie andere Unannehmlichkeiten. Oswald schickte herunter, um
zu melden, da Bruno sich nach einer schlechten Nach sehr unwohl fhle, und da
er bitte, man mge einen reitenden Boten zu Doctor Braun senden. Auch lie er
bitten, Malte fr heute unten zu behalten, da er, bis der Doctor kme, Bruno
nicht gern allein lassen mchte. Die Baronin lie zurcksagen: sie hoffe, da es
mit Bruno's Unwohlsein nicht viel auf sich habe und da die in dem Unterricht
eintretende Pause nicht zu lange dauern werde. Uebrigens wrde heute im Laufe
des Vormittags noch so wie so in die Stadt geschickt.
    Ein paar Stunden spter lie Felix sich entschuldigen, wenn er heute nicht
zum Frhstck komme; er fhle sich nicht ganz wohl; gedenke indessen, an der
Mittagstafel zu erscheinen.
    Felix versprte in der That noch einige unangenehme Folgen seines Kampfes
mit Bruno. Zuerst und vor allem die brennende Scham, einem Knaben unterlegen zu
sein, vielleicht nur einem Zufall, einer pltzlichen Anwandlung von Gromuth
sein Leben zu verdanken zu haben. Sein ganzer Leichtsinn gehrte dazu, ihm ber
diesen unangenehmen Gedanken wegzuhelfen. Er suchte sich einzureden - und nach
und nach gelang es ihm auch - die Sache sei so ernsthaft nicht gewesen, und wenn
er nicht, als Bruno sich so unerwartet ber ihn strzte, ausgeglitten wre, und
wenn dann sein verdammter Rheumatismus ihm nicht die Arme gelhmt htte, wrde
er ja den Jungen abgeschttelt haben, wie eine Fliege, ihm eine tchtige Tracht
Schlge obendrein gegeben haben. Da vorlufig er die Schlge bekommen und da
die Fliege fest zuzupacken verstand, das bewiesen die blauen Flecken, die er auf
der Brust, am Halse, an den Armen aus dem Kampfe als sicheres Zeichen der
Niederlage davongetragen hatte. Der Vielgewandte gerieth in einiges Staunen, als
er seinen Herrn in einem Zustande sah, der nur zu sehr an die selige
Cadettenzeit erinnerte, wo Franzbranntwein und aqua Gourlardi zu den
nothwendigsten Toiletterequisiten gehrten. Der Vielgewandte bewies, da er die
Kunst, Beulen und blaue Flecke zu behandeln, eben so wenig verlernt habe, als
sein Herr das Talent eingebt hatte, sich solche zu holen, und schon gegen
Mittag sah er sich in einem salonfhigen Zustande. Dennoch zweifelte er, ob er
bei der Tafel erscheinen solle oder nicht. Der Gedanke, Bruno gegenberzutreten,
des Knaben dunkle Augen voll Hohn und Schadenfreude auf sich ruhen zu sehen,
vielleicht gar in Oswald's Blicken wahrzunehmen, da er von den Ereignissen der
verwichenen Nacht vollkommen unterrichtet sei, war ihm uerst peinlich. Es fiel
ihm daher ordentlich eine Last vom Herzen, als Jean berichtete, die Tafel werde
heute sehr klein sein, denn Junker Bruno und der Herr Doctor wrden nicht
erscheinen. So warf er denn noch einen Blick in den Spiegel, go sich etwas
Ebouquet mehr als gewhnlich auf sein Batisttaschentuch und schritt leicht und
frei durch die Thr, die ihm der Vielgewandte pflichtschuldigst ffnete.
    Auch die Baronin fhlte sich nicht wenig erleichtert, als sie im Laufe des
Morgens keine Vernderung in Helenens Betragen oder auf ihrem Gesicht, in ihren
groen Augen zu erblicken vermochte. Die Baronin war heute Morgen ganz besonders
zuvorkommend gegen Helene.
    Indessen war das Mittagsmahl nichts weniger als belebt, obgleich Felix sein
ganzes Unterhaltungstalent aufbot. Der alte Baron hatte sich persnlich nach
Bruno's Befinden erkundigt und war rgerlich, da noch immer nicht nach dem
Doctor geschickt war; wenn auch heute Nachmittag ein Wagen in die Stadt fhre,
verschiedenes zu der groen Gesellschaft morgen Benthigtes zu holen, so sei das
kein Grund, weshalb nicht einer von den Leuten heute Morgen htte hinreiten
knnen. Die Baronin war verstimmt ber diesen ihr in Gegenwart der Andern
ausgesprochenen Tadel, und meinte, sie habe freilich nicht bedacht, da es sich
um Bruno handle, der allerdings grere Ansprche machen drfe, wie zum Beispiel
sie selbst, die an einem sehr heftigen Kopfweh leide, oder Felix, der ebenfalls
die ganze Nacht und den ganzen Vormittag unwohl gewesen sei. Helene hob die
Augen kaum von ihrem Teller und ffnete kaum einmal den Mund; und die Augen der
kleinen Marguerite waren heute noch verweinter, als in den vorhergehenden Tagen.
Felix und Malte sprachen sich nach und nach auch aus, und zuletzt war es so
stumm um den Tisch her, da die Diener nicht wuten, wie sie nur leise genug
auftreten sollten.
    Die Baronin und Felix blieben nach Tische allein, da der Baron sich
ausnahmsweise auf sein Zimmer zurckgezogen. Felix hatte whrend der Mahlzeit
berlegt, ob er nicht doch besser thte, das Ereigni von gestern Abend -
natrlich nach seiner Auffassung - zu erzhlen, bevor Bruno Gelegenheit habe,
sich gegen irgend Jemand, Oswald ausgenommen, darber zu uern. So benutzte er
denn das tte--tte mit der Baronin, ihr mitzutheilen - versteht sich, lachend
und mit der Bitte, die curiose Geschichte nicht weiter gelangen zu lassen - wie
er gestern Abend durch den hellen Mondschein verlockt worden sei, noch etwas im
Garten zu promeniren, wie er Bruno in einer hchst eingenthmlichen Weise um die
Fenster Helenens habe schleichen sehen, wie er den Jungen zu Bett geschickt
habe, darber mit ihm in Streit gerathen, mit dem Fue ausgeglitten, hingefallen
und fr einen Augenblick der Besiegte gewesen sei. Natrlich nur fr einen
Augenblick, dann habe Bruno die verdienten Schlge erhalten, und die wrden wohl
auch der Grund seiner heutigen Krankheit sein.
    Die Baronin fhlte sich durch diese humoristische Schilderung einer sehr
ernsten Begegnung auf das unangenehmste berhrt. Ihre Befrchtungen betreffs des
Briefes regten sich wieder. Bruno zur Nachtzeit unter Helenens Fenster? was
hatte er da zu thun? Der Umstand sah sehr verdchtig aus. Wenn Bruno den Brief
gefunden htte! wenn er gestern Abend die Absicht gehabt htte, ihn Helenen
wieder zuzustellen! Die Baronin sthnte bei diesem entsetzlichen Gedanken.
    Was haben Sie, liebe Tante?
    O nichts. Ich seufze nur ber das Unglck, welches uns dieser Stein in's
Haus brachte. Wenn ich etwas in meinem Leben bedaure, so ist es, den Menschen
nicht am ersten Abend wieder fortgeschickt zu haben, wie ich wirklich groe Lust
hatte. Es hat nicht leicht Jemand einen so unangenehmen Eindruck auf mich
gemacht, wie dieser junge Mann.
    Aber Tante, so holen Sie doch nach, was Sie an jenem ersten Abende leider
versumten: jagen Sie ihn fort. Ich begreife wahrhaftig nicht, weshalb Sie so
viel Umstnde mit ihm machen.
    Die Baronin wollte nicht sagen, da sie die tausend Thaler nicht
verschmerzen wrde, welche Oswald contractlich zu fordern hatte, wenn ihm im
ersten Jahre seines Engagements gekndigt wrde. Ehe sie inde eine Antwort
bereit hatte, ertnte auf dem Flur die qukende Stimme des Pastor Jger, der
sich nach der gndigen Herrschaft erkundigte.
    Einen Augenblick spter trat seine Hochehrwrden an der Seite seiner
Gemahlin in's Zimmer.
    Es bedurfte keines besonders scharfsinnigen Auges, um sofort zu sehen, da
etwas ganz Auerordentliches dem wrdigen Paar begegnet sein mute. Der Pastor
trug den ganz neuen schwarzen Frack, den er nur bei den feierlichsten
Gelegenheiten anzuziehen pflegte, und Primula hatte eine uerst malerische
Verzierung von Kornhren an ihrem gelben Strohhute, so da sie heute noch eine
Schattirung gelber aussah, wie gewhnlich. Der Blick des Pastors suchte
vergeblich die gewohnte Demuth zu heucheln; die runden Brillenglser selbst
glitzerten triumphirend; und was Primula betrifft, so hatte sich ihr poetisches
Gemth jetzt von allem Erdenrest befreit; sie durfte scheinen was sie war.
    Ich komme, gndige Baronin, sagte der Pastor, Anna-Maria galant die Hand
kssend, einmal, mich nach Ihrem und der lieben Ihrigen werthen Befinden
pflichtschuldigst zu erkundigen, sodann, Ihnen die Mittheilung eines Ereignisses
zu machen, das wir - ich darf ja wohl sagen wir, meine edle Gnnerin? - schon
lange freilich erwarteten, erhofften, will ich lieber sagen, dessen endliches
Eintreffen uns inde doch wohl Alle berrascht. Ich bin als Professor nach
Grnwald berufen worden.
    Vorlufig extraordinarius, sagte Primula, aber der ordinarius wird wohl
nicht lange auf sich warten lassen.
    Auch ist mir die Stelle eines Vormittags-Predigers an der Universittskirche
so gut wie gewi.
    Warum nicht: gewi? Jger; sagte Primula; ich dchte, das Schreiben des
Professors Dunkelmann liee nur eine Auslegung zu.
    Ei, das sind ja herrliche Nachrichten, meine lieben Freunde; sagte die
Baronin; erlauben Sie, da ich Ihnen meinen Neffen, Baron Felix, vorstelle -
Herr und Frau Pastor, wollte sagen: Professor Jger, lieber Felix - das sind ja
herrliche Nachrichten. Also endlich! Nun, ich habe es ja immer gesagt; ber kurz
oder lang mute es doch kommen; freilich wir verlieren viel; aber das Glck der
Freunde mu uns theurer sein, als der eigene Vortheil. Nehmen Sie meinen
herzlichsten Glckwunsch entgegen.
    Auch den meinigen, sagte Felix.
    Danke, meine gndige Frau; danke, Herr Baron, danke, danke! sagte der
Pastor, sich vergngt die Hnde reibend; ja, ja! unverhofft kommt oft, und
gehofft kommt auch wohl einmal. Als meine letzte grere Schrift, in welcher ich
den eigentlichen Wortlaut des Titels eines verloren gegangenen Werkes des
Kirchenvaters Philochrysos bis zur Evidenz nachwies, in allen kritischen
Journalen eine so - ich darf wohl sagen - auerordentliche Anerkennung fand,
konnte ich den Erfolg mit ziemlicher Gewiheit zum voraus angeben.
    Wann werden Sie uns denn verlassen?
    Nun zu Michaelis sptestens; wahrscheinlich aber noch frher; ich werde fr
das Wintersemester drei private Vorlesungen, eine publice und gratis, und
endlich eine ber die verloren gegangenen Schriften des Philochrysos,
privatissime und gratis ankndigen.
    Du nimmst Dir zu viel vor, Jger, zu viel! hauchte Primula in zrtlichen
Tnen: o diese Mnner, diese Mnner! jeder ist ein Prometheus, der den Himmel
strmen mchte.
    Wer hat mich denn zu meinem khnen Streben begeistert, wenn nicht Du? sagte
der Pastor, Primula dankbar die Hand drckend.
    Schieen Sie mit der Pistole? fragte Felix, um dem Gesprch eine andere
Wendung zu geben.
    Nun, ein wenig; ich will sagen: so viel wie gar nicht. Ich war wohl frher
auf der Hasen- und Hhnerjagd nicht ganz unglcklich - omen in nomine, ha, ha,
ha! - aber seitdem das Consistorium sich sehr energisch gegen diese lrmenden
Vergngen ausgesprochen hat, liegt das Eisen mig in der Halle - um mit dem
Dichter zu sprechen.
    Du kannst jetzt in Deiner Eigenschaft als Professor der edlen Waidmannskunst
wohl wieder obliegen, Jger; sagte Primula. Ha, ich denke es mir herrlich, so
mit vorgestreckter Pistole einem Wildschweine gegenberzutreten.
    Ich wrde indessen Ihrem Herrn Gemahl rathen, sich zu dieser Jagd mit einer
Bchsflinte, und wo mglich auch einem Hirschfnger zu versehen, sagte Felix
lachend; aber im Ernst, Herr Professor, wollen Sie ein wenig mit mir nach der
Scheibe schieen?
    Gewi, gewi! rief der Pastor aufspringend; ich stehe zu Ihren Diensten, zu
Ihren Diensten.
    Der Pastor war bla geworden; aus seiner Aufregung zu schlieen, htte man
glauben sollen, es handle sich um ein Duell auf Leben und Tod.
    Willst Du nicht doch lieber bleiben? sagte Primula, welcher pltzlich die
Sache in einem sehr bedenklichen Lichte erschien. Du bist heute nicht so ruhig
wie sonst; wenn Dir ein Unglck passirte, gerade jetzt, wo Du dem Ziel Deiner
Wnsche so nahe bist; Jger, ich ertrge es nicht; und die Dichterin brach in
Thrnen aus und klammerte sich an ihren Gemahl an, dessen Anstrengungen, sich
von der sen Last zu befreien, keineswegs sehr energisch waren.
    Gustava, murmelte er; liebes Gustchen, es ist weniger gefhrlich, als Du
denkst. Sind Ihre Pistolen mit einem Stecher versehen, Herr Baron?
    Allerdings; sagte Felix, den diese Scene nicht wenig amsirte. Wenn sie
gestochen sind, drfen Sie nicht niesen, oder ich stehe fr nichts.
    Bleibe, bleib', mein Jger; flehte Primula.
    Es wird nicht so gefhrlich sein, sagte der Pastor mit bleichen Lippen.
    Das meinte neulich auch Kamerad von Schnabelsdorf, sagte Felix; nehmen Sie
sich in Acht, Schnabelsdorf, sagte ich. - Dummes Zeug, sagte Schnabelsdorf, und
fat die Pistole an der Mndung. Im nchsten Augenblick war er um einen Finger
rmer.
    Dies entscheidet; sagte Primula, sich emporrichtend; Jger, Du bleibst, ich
befehle es Dir. Befasse Dich nicht mit Dingen, die Du nicht verstehst.
Pistolenschieen ist kein Kinderspiel.
    So triftigen Grnden wute selbst ein so geistreicher Kopf, wie der des
Pastors, nichts entgegenzusetzen. Er lie sich wieder in seinen Stuhl sinken und
sagte, sich den Schwei mit dem Taschentuch von der Stirn wischend:
    Sie sehen, Herr Baron: Ehestand ist Wehestand. Wenn Sie einmal erst
verheirathet sind, wird der glnzende Cavalier auch vor dem umsichtigen
Hausvater zurcktreten mssen. Aber, wie ist mir denn, man darf ja wohl
gratuliren?
    Und der Pastor lie den Kopf erst auf die rechte Schulter sinken, um die
Baronin anzulcheln; sodann auf die linke, um Felix dieselbe Gunst zu erweisen.
    Fragen Sie in ein paar Tagen wieder nach; erwiederte die Baronin
ausweichend. Was ich sagen wollte: so ist ja jetzt durch Ihre Ernennung der
Verlust, welchen die Universitt durch Berger erlitten hat, mehr als
ausgeglichen. Ihre Vocation steht doch mit jenem Ereigni in keinem
Zusammenhang?
    In keinem directen wenigstens, sagte der Pastor, obgleich ich nicht in
Abrede stellen will, da Berger seinen Einflu nicht zu meinen Gunsten
angewendet haben wrde, und somit immerhin seine Erkrankung fr mich ein nicht
ungnstiges Zusammentreffen der Umstnde genannt zu werden verdient.
    Hat man denn gar keine Vermuthung, wie dies so pltzlich gekommen ist?
fragte die Baronin.
    Nun, meine Gndigste, pltzlich knnen wir wohl so eigentlich nicht sagen;
erwiederte der Pastor, sein Gesicht in die ernstesten Falten legend und seine
Mundwinkel herabziehend; ich gestehe, da mich dies Ende in keiner Weise
berrascht hat und da ich den Professor im Grunde stets fr mindestens halb
wahnsinnig gehalten habe. Wer mit Berger behauptet, da alle sogenannten Beweise
von dem Dasein Gottes, des allmchtigen Schpfers Himmels und der Erden, auf
einen Trugschlu, eine petitio principii hinausliefen, der ist schon wahnsinnig,
auch wenn er noch scheinbar wie ein Vernnftiger spricht. Wer ber die
geheiligten Institutionen des Knigthums von Gottes Gnaden und des Erbadels
freventlich spotten, sie Ueberreste einer barbarischen Zeit, die hinter uns
liegt, nennen kann, der ist schon toll, obgleich er Professor ist und Collegia
vor einem berfllten Auditorium liest. Ich wei es wohl, da geschrieben steht:
richtet nicht, auf da ihr nicht gerichtet werdet; aber ich kann mich dennoch,
diesen Fall erwgend, nicht entbrechen zu sagen: Dies ist der Finger des Herrn.
    Wie wr's mit einer Partie Kegel, Herr Pastor? sagte Felix, der in der
offenen Thr gestanden und nicht zugehrt hatte.
    Mit Vergngen, rief der Pastor, auf diese Kugeln verstehe ich mich. Ich war
meiner Zeit in Grnwald ein famoser Kegelschtze.
    Nach dem Kaffee, lieber Felix, sagte die Baronin; ich habe noch mit dem
Pastor ber einige ernste Dinge zu sprechen. - Ist es nicht entsetzlich, lieber
Pastor Jger, da wir den Zgling eines so abscheulichen Menschen in unserem
stillen Hause haben? da ich die unschuldige Seele meines Kindes solchen Hnden
anvertrauen soll? Um Himmelswillen! rathen Sie mir, wie werde ich den Menschen
auf eine passende Weise wieder los?
    Sie knnen ihn nicht ohne Weiteres fortschicken?
    Wir haben uns gegenseitig auf vier Jahre verbindlich gemacht, und wenn wir
nun also -
    Ich versteh', ich verstehe, sagte der Pastor, der Anna-Maria's Geiz sehr
wohl kannte; hm, hm! wir mten einen Grund haben, hm, hm! es ist jetzt eine
Verordnung vorbereitet, nach welcher die Hauslehrer ein Zeugni des Pfarrers
ihres betreffenden Kirchspiels ber ihre Religiositt und Moralitt beizubringen
haben. Wir wollen es Herrn Doctor Stein schwer machen, ein solches beizubringen;
und der Pastor lchelte schlau.
    Wissen Sie schon das Neueste, meine Herrschaften, rief Felix, ein Billet,
das ihm soeben von dem Bedienten, welcher das Kaffeeservice in die Laube trug,
bergeben war, in der Hand haltend: Cloten hat sich mit der kleinen Breesen
verlobt; hier schickt er mir, als seinem besten Freunde, die erste Karte; die
Anderen kriegen erst morgen welche.
    Ich kann Ihnen ein Paroli biegen, sagte der Pastor. Wer, denken Sie, gndige
Frau, da seit gestern Abend wieder hier ist?
    Nun?
    Frau von Berkow.
    Nicht mglich!
    Ich wei es ganz genau. Sie hat, einem schon vor seiner Krankheit geuerten
Wunsch ihres Gemahls zufolge die Leiche desselben von Fichtenau hierher schaffen
lassen. Der Sarg kommt noch in dieser Nacht, um morgen von mir auf dem
Faschwitzer Kirchhof eingesegnet zu werden.
    Dann knnen wir die schne Frau wohl nicht zu unserem Ball morgen einladen.
    Aber Felix! sagte die Baronin mit einem vorwurfsvollen Blick.
    Der Kaffee steht in der Laube, meldete der Bediente.
    So kommen Sie, meine Lieben! sagte die Baronin.

                           Vierundfnfzigstes Capitel


Unterdessen hatte Oswald an Bruno's Bette bse, angstvolle Stunden verlebt.
Bruno's aufgeregtes Wesen in der letzten Zeit hatte ihn schon mehr als einmal
ernstlich besorgt gemacht. Die Ausbrche leidenschaftlicher Heftigkeit, wie
Oswald sie an Bruno von den ersten Wochen ihres Zusammenlebens kannte und die
dann eine Zeit lang fast gnzlich aufgehrt hatten, waren jetzt hufiger und
gewaltiger als je. Ein Widerspruch, das Milingen eines Unternehmens, einer
Arbeit, eine verletzende Aeuerung ber Tisch aus dem Munde der Baronin - waren
hinreichend, die Dmonen in ihm zu entfesseln. Vergebens, da Oswald ihn bat und
beschwor, diese Heftigkeit abzulegen, durch die er sich seinen Feinden gegenber
so viel vergebe, die es seinen Freunden oft unmglich mache, fr ihn Partei zu
ergreifen - ich kann nicht anders, war seine stete Antwort; es kommt ber mich
mit einer Gewalt, der ich nicht zu widerstehen vermag. Es kocht in mir auf, es
nagt an meinem Herzen, es hmmert in meinen Schlfen und dann wei ich nicht
mehr, was ich spreche oder thue. - Wenn dann Oswald sagte, er knne, wenn er nur
wolle, so antwortete er trotzig: schilt mich nur auch, wie die Anderen; mache
nur gemeinschaftliche Sache mit den Anderen. Ich will keine halben Freunde; wer
nicht fr mich ist, der ist wider mich. - Dann, wenn er sah, wie er Oswald durch
diese und hnliche Reden gekrnkt hatte, warf er sich strmisch in seine Arme
und bat ihn unter heien Thrnen um Verzeihung. - Habe Mitleid mit mir, rief er.
Du weit nicht, wie grenzenlos unglcklich ich bin. - Vergebens, da Oswald in
ihn drang, zu sagen, ob er irgend etwas Besonderes auf dem Herzen habe? ob die
wilde Sehnsucht in die Ferne, von der er frher so gefoltert wurde, jetzt wieder
in ihm bermchtig sei? - Ich wei es selbst nicht, sagte Bruno; ja, ich mchte
fort, weit, weit von hier, um nimmer wieder zu kehren; und dann mchte ich doch
auch wieder nicht fort, nein, nicht fort, nicht um Alles in der Welt; ich wei
es nicht: ich glaube, ich mchte am liebsten sterben.
    Oswald rieth hin und her, was denn nur die Ursache dieses sonderbaren
Zustandes sein mchte; aber wie nahe er auch manchmal der Wahrheit kam, den
eigentlichen Kern des Geheimnisses, das der Knabe in der tiefsten Tiefe seines
Herzens vor Jedem, vielleicht vor sich selbst, scheu verbarg, entdeckte er doch
nicht.
    Er trstete sich mit dem Gedanken, da ja die Zeit des Uebergangs aus dem
Knaben- in das Jnglingsalter fr Alle eine Periode innerer und uerer Strme
zu sein pflege, und da bei so mchtigen Naturen, wie Bruno, die Revolution
verhltnimig gewaltiger sein msse. Er hatte oft mit Bruno ber Verhltnisse
gesprochen, die dem erschlossenen Auge nicht lnger verborgen bleiben knnen,
denn er hielt es fr die heilige Pflicht eines Erziehers, gerade in diesem
Punkte der whlenden Neugier, dem grbelnden Scharfsinn des Neophyten
entgegenzukommen, und ihm die Thr zum Heiligthum der Natur lieber zu
erschlieen, als zuzugeben, da der Jnger durch Schuld zur Wahrheit gelange. Er
wute, da Bruno's Sinn edel und sein Herz rein. Er war nach dieser Seite hin
vollkommen ruhig; er ahnte nicht, da Bruno, edel und rein wie er war, mit allen
Krften seiner starken Seele, mit der ganzen Gluth der eben erst erwachten
Sinnlichkeit, mit der stummen Verzweiflung einer ersten Leidenschaft, die keine
Erwiederung findet und finden kann, seine schne Cousine liebte.
    Er hatte Helene nie vorher gesehen. Als er vor drei Jahren etwa in das Haus
seiner Verwandten kam, war das junge Mdchen schon in der Pension. Es wurde
selten in der Familie von ihr gesprochen, und vielleicht erregte gerade dies und
noch mehr der Umstand, da, wenn man von ihr sprach, es meistens in sehr khlen
Ausdrcken geschah, Bruno's Aufmerksamkeit. Der Verlassene ahnte in der
Verbannten eine Leidensgefhrtin. Nach und nach gestaltete sich fr ihn das sehr
undeutliche Bild der Entfernten zu einer Art von Ideal, einem Inbegriff von
allem Schnen und Herrlichen, das seine reiche Phantasie ertrumte. Der Name
Helene, in dessen weichem Klang er sich berauschen konnte, wie in dem Duft der
Hyacinthe, trug nicht wenig dazu bei, ihm diese Gestalt seiner Einbildungskraft
lieb und theuer zu machen. Dann waren auch Zeiten gekommen, wo er dem Cultus der
schnen Unbekannten untreu geworden war, wo er in Tante Berkow den hchsten,
vollendeten Ausdruck des ewig Weiblichen zu erkennen glaubte, wo er sich durch
ein freundliches Wort Melitta's, fr ein: Du lieber Junge! fr ein Streicheln
seiner Haare von ihrer lieben weien Hand unbedenklich in jede Todesgefahr
gestrzt haben wrde. Gerade in der ersten Zeit von Oswald's Anwesenheit in
Grenwitz hatte seine Liebe zu Tante Berkow in der Blthe gestanden. Melitta's um
ein paar Jahre jngeren Knaben hatte er ebenso wie einen jngeren Bruder
behandelt, wie ihm die jugendlich schne Mutter oft nur wie eine ltere
Schwester erschienen war. Da Melitta gerade in jener Zeit hufig nach Grenwitz
herberkam, und Bemperlein, um seinem Julius Gesellschaft zu verschaffen, den
Umgang der Knaben auf's eifrigste protegirte, so fehlte es Bruno nicht an
Gelegenheit, Tante Berkow zu sehen, ihr hundert kleine Pagendienste zu leisten,
ihr in den Sattel zu helfen, Bella oder Brownlock eine halbe Stunde umher zu
fhren, mit der Reitpeitsche, dem Federhut und den Handschuhen hinter ihr zu
stehen, wenn sie danach fragte. Tante Berkow war in dieser Zeit sein drittes
Wort, und Oswald hatte es sich gern gefallen lassen, wenn ihm Bruno lange
Geschichten erzhlte, in denen Tante Berkow immer die erste Rolle spielte.
    Melitta hatte vielleicht nicht wenig dazu beigetragen, da Bruno in Monaten
ein Stadium der Entwickelung zurcklegte, zu welchem weniger feurige Naturen
fast eben so viele Jahre brauchen. Sie hatte sich in ihrer Harmlosigkeit des
Irrthums schuldig gemacht, zu glauben, da sie einen Knaben, der schon beinahe
Jngling war, noch als Kind behandeln drfe, da sie sich mit ihm kleine
Freiheiten erlauben knne, die schon in ganz kurzer Zeit ganz groe Freiheiten
gewesen sein wrden. Sie hatte nicht bedacht, da die Sinnlichkeit in dieser
Zeit ein Schlaf in der Morgendmmerung ist, den die leiseste Strung
verscheuchen kann; da die Begierde in dieser Periode wie ein Feuer ist, das in
grnem Holze langsam fortglht und bei dem geringsten Windsto in heller Lohe
emporflammt. Sie wrde auer sich gewesen sein, wenn man ihr gesagt htte, da
sie in aller Unschuld einer Unschuld gefhrlich gewesen sei. Und doch war es der
Fall.
    Melitta selbst sah zuletzt ein, da sie Bruno nicht lnger, wie sie es
bisher gethan, mit Julius oder auch nur mit Malte auf eine Stufe stellen drfe;
und wenn sie jetzt von den Knaben sprach, so meinte sie damit vorzglich die
beiden letzteren. Sie hatte angefangen, Bruno wie einen Freund, wie einen jungen
Bruder zu behandeln, wie einen Pagen, den man noch halbe Frauendienste thun
lt, von dem man aber wei, da man sich im Fall der Noth auf sein muthiges
Herz und seinen starken Arm verlassen knnte. Und in der That, ein Kenner wrde
in einem Ringkampf, in irgend einer athletischen Uebung unbedingt auf Bruno
gegen viel ltere und scheinbar gefhrlichere Gegner gewettet haben. Die
classische Statue eines Merkur, oder jugendlichen Bacchus konnte nicht zarter
gegliedert, nicht ebenmiger geformt sein, als Bruno's schlanker und bei aller
Schlankheit starker Krper. Fr Oswald war es schon eine Lust, den Knaben nur
gehen zu sehen. Er war entzckt, wenn er Bruno beim Baden am Strande des Meeres
beobachten durfte, wie der Knabe von einem Felsblock zum andern sprang, mit
einer Sicherheit, die das Gefhl der Furcht gar nicht aufkommen lie, bis er den
am weitesten hinausliegenden erreichte, von dem er sich kopfber in die Wellen
strzte. Dabei war fr Bruno eine Gefahr nicht vorhanden, oder vielmehr: er
wollte nicht, da dergleichen fr ihn existire. Wenn es irgend etwas auszufhren
gab, das Andere auszufhren Anstand nahmen: ein durchgehendes Pferd aufzuhalten,
eine Kirsche von dem obersten Gipfel eines hohen Baumes zu holen, ber einen
Graben zu springen, der ohne Brcke nicht passirbar schien, - Bruno mute das
Wagstck unternehmen; er zitterte vor Verlangen, seine Wange glhte, er warf
einen bittenden Blick auf die, welche er lieb hatte, und man mute ihn gewhren
lassen und lie ihn gewhren, weil man sich sagte: er kann mehr als die
Uebrigen.
    So war Bruno: ein Jngling mehr, wie ein Knabe, mit einem Herzen, an dessen
Feuer sich eine todte Welt htte beleben knnen.
    So sah er Helenen.
    Und alle Melodien, die in ihm geschlummert hatten, erklangen, und Alles, was
er bisher Schnstes und Lieblichstes getrumt hatte, stand wahr und wirklich,
verkrpert vor ihm. Der Knabe traute seinen Augen kaum; er war wie geblendet,
wie trunken; er war wie Jemand, der aus einem schnen Traum zur schneren
Wirklichkeit erwacht und nicht zu sprechen, ja kaum zu athmen wagt, um das, was
er noch immer halb und halb fr eine Sinnestuschung hlt, nicht zu
verscheuchen. So ging er in den ersten Tagen nach der Rckkehr der Familie wie
im Traum umher, gegen die Gewohnheit mild und freundlich gegen Alle. Dann aber
verschwand die Traumesseligkeit und das Entzcken ber die kstliche
Wirklichkeit wurde zum Schmerz. Ruhe hatte er nie gehabt, und leicht war sein
Herz nie gewesen; aber jetzt folterte ihn eine Unrast, die ihm Schlaf und Hunger
und Durst verscheuchte, die wie ein wildes Fieber in ihm brannte, und sein armes
Herz war wie ein Mann, der, was er Liebstes und Theuerstes hat, auf seinen
Schultern vor dem verfolgenden Feinde davontrgt und schaudernd dem Augenblick
entgegensieht, wo er unter der Last zusammenbrechen wird. Er wagte Helenens
Namen nicht mehr auszusprechen, aus Furcht, sein Geheimni zu verrathen; er
wagte nicht mehr, die Augen zu ihr aufzuschlagen. Und dennoch sah er Alles, was
um ihn her vorging, und der Plan der Baronin blieb fr ihn nicht lange ein
Geheimni. Sein Ha gegen Felix kannte keine Grenzen, und er gab sich wenig
Mhe, diesen Ha zu verbergen. Er forderte den Rou bei jeder Gelegenheit durch
hhnische und satyrische Bemerkungen heraus, immer in der Hoffnung, Felix werde
doch endlich einmal den hingeworfenen Handschuh aufheben; aber dieser lie sich,
wie Alle, welche im Grunde sich und die ganze Welt verachten, sehr viel gefallen
und erwiederte des Knaben grausame Sarkasmen mit mehr oder weniger guten Witzen,
so da er die Lacher meistens auf seiner Seite behielt. Und dann hatte er auf
der andern Seite doch auch wieder eine viel zu gute Meinung von sich, um sich
mit einem Gegner, den er so tief unter sich glaubte, in einen ernstlichen Streit
einzulassen. Wre er gestern nicht auf Bruno, der ihm sein Rendezvous gestrt
hatte, nicht so rgerlich gewesen und htte Bruno sich nur ein wenig
glimpflicher ausgedrckt, es wre auch selbst jetzt noch nicht zum Aeuersten
gekommen.
    Und Felix konnte von Glck sagen, da der Kampf keinen schlimmeren Ausgang
fr ihn genommen hatte. Er war dem Tode nher gewesen, als er wohl selber
glaubte. Bruno's Ha war durch die Vorgnge des Tages zur Raserei geworden, und
Felix' brutale thtliche Beleidigung machte das Gef des Zornes und Hasses
berlaufen. Und nun, nachdem der Lavastrom den Krater durchbrochen - was konnte
ihn in seinem vernichtenden Laufe aufhalten? Da Felix von seiner Hand sterben
msse, da ihn Gott in seine Hnde geliefert habe, damit er, koste es, was es
wolle, das Weib, das er anbetete, von dem Scheusal, das er so glhend hate,
befreie, - das war in den kurzen und doch so langen Minuten, wo er mit Felix
rang und auf Felix' Brust kniete, der einzig blutigrothe Lichtschein in der
Nacht seiner Seele. Wenige Secunden nur - und Felix stand nicht wieder auf.
    Da war Bruno durch einen Schrei dicht neben ihm von seiner frchterlichen
Arbeit aufgeschreckt worden. Emporblickend, hatte er flchtig eine weibliche
Gestalt gesehen, die er im ersten Augenblick fr Helene hielt. Er hatte sein
Opfer losgelassen und war aufgesprungen. Die Gestalt hatte sich eilig entfernt,
er war ein paar Schritte gefolgt, bis jene in der Richtung nach dem Leutehause
verschwunden war und er seinen Irrthum eingesehen hatte. Sich wieder ber seine
Beute strzen, nachdem er einmal weggescheucht war, war ihm unmglich; er sah,
wie Felix nach einigen vergeblichen Versuchen sich in die Hhe richtete. Das war
ihm genug gewesen; er konnte sich in seine Kammer und in sein Bett stehlen, ohne
einen Mord auf dem Gewissen zu haben.
    Und doch war er kaum weniger erregt. Sein Herz hmmerte, seine Pulse flogen;
glhende Hitze und Fieberfrost wechselten mit einander ab. Das verworren klare
Bild der Kampfesscene drngte sich immer wieder in den Vordergrund; der Triumph,
seinen Todfeind so gnzlich besiegt zu haben, wurde durch den Gedanken
verbittert, da Helene trotzdem noch immer nicht frei sei. Das qulte ihn fast
noch mehr, als die heftigen Schmerzen, die er, sobald er nur einigermaen zur
Ruhe gekommen war, in der Seite empfand, und die gar nicht nachlassen wollten,
ja, wie es schien, nur immer heftiger wurden und sich von einem anfnglich
kleinen Punkte aus immer weiter verbreiteten.
    Es war eine lange, bange Nacht fr den unglcklichen Knaben, diese kurze
Sommernacht. Gegen Morgen lie ihn die Mdigkeit in einen Zustand verfallen, der
sich vom Wachen nur dadurch unterschied, da noch frchterlichere Bilder durch
sein Gehirn jagten. Er fuhr, vom Schmerz geweckt, wieder auf; er versuchte sich
zu erheben, um Oswald zu wecken, der in dem Zimmer nebenan schlief - Malte
schlief schon seit Wochen unten - aber er vermochte es nicht. Endlich - es
dauerte lange, bis sein Stolz sich dazu entschlieen konnte - rief er Oswald's
Namen. Ein paar Augenblicke spter war Oswald an seinem Bette.
    Er erschrak, als er den Knaben erblickte, in dessen Gesicht diese eine Nacht
furchtbare Verwstungen angerichtet hatte. Das schwarze Haar hing in verworrenen
Locken ber das bleiche Gesicht, die dunklen Augen waren tief in den Kopf
gesunken und glhten im Fieber.
    Gieb mir Wasser! rief Bruno, sobald Oswald in seine Kammer trat.
    Um Gotteswillen, was ist dies, Bruno? sagte Oswald, whrend der Knabe gierig
von dem Wasser, das er ihm reichte, trank. Warum hast Du mich nicht frher
gerufen; so schlimm ist ja der Anfall noch nie gewesen.
    Es ist nicht der alte Schmerz, sagte Bruno; aber es wird wieder
vorbergehen; es ist schon jetzt bedeutend besser. Aengstige Dich nicht, Oswald;
sieh, wenn ich so liege, fhle ich es weniger, fast gar nicht; es war nur in der
Nacht so bs; jetzt, da Du hier bist und die Sonne scheint, wird es gleich
besser.
    Es soll sofort Jemand zu Doctor Braun reiten! sagte Oswald aufspringend.
    Nein, nein! bat Bruno; thue es nicht; Du weit, wie fatal mir das immer ist.
Jetzt ist berdies noch Niemand im Hause auf; Du wrdest Dich vergeblich
bemhen. Und dann - ich wollte Dich um etwas bitten. Komm! setze Dich wieder zu
mir auf's Bett; ich fhle, da ich nicht aufstehen kann und es ist die hchste
Zeit, da der Brief in Helenens Hnde kommt.
    Oswald glaubte, Bruno delirire; er fate unwillkrlich nach des Knaben
Stirn.
    Bruno lchelte. Es war ein schwermthiges Lcheln.
    Nein, nein! sagte er; frchte nichts, ich bin noch vollkommen bei Sinnen.
Hre selbst, ob Alles, was ich Dir sagen werde, nicht ausgezeichnet zusammen
pat.
    Bruno erinnerte nun Oswald, wie er vom Anfang an behauptet habe, Felix sei
gekommen, sich mit Helene zu verloben. Bis gestern habe er allerdings keinen
unumstlichen Beweis dafr gehabt; seit gestern sei aber auch dafr gesorgt. Er
erzhlte nun weiter, wie er am Nachmittage die alte Kapelle im Garten, seinen
Lieblingsplatz, wo er am ungestrtesten seinen Grillen nachhngen konnte,
aufgesucht habe, und durch Stimmen in seiner Nhe aus dem Schlaf, in welchen ihn
der schwle Tag versenkt, aufgeweckt worden sei; wie er nothgedrungen das
Gesprch zwischen der Tante und Felix habe belauschen mssen, wie er, als sie
fortgegangen, den Brief Helenens gefunden habe. Wie es ihm gestern nicht mglich
gewesen, ihr den Brief zuzustellen; wie er den Plan gehabt, ihr denselben in der
Nacht, wenn sie wie gewhnlich bei offenem Fenster spiele, mit ein paar Zeilen,
worin er ihr sagte, wo und wann er den Brief gefunden, in ihr Zimmer zu werfen.
Wie er sie nicht habe erschrecken wollen und gewartet habe, bis sie an's Fenster
treten wrde, es zu schlieen, um ihr mit ein paar Worten zu sagen, um was es
sich handle; und wie er von Felix berrascht sei und wie es ihm leid thue, da
er den Elenden nicht vollends erwrgt habe.
    Die leidenschaftlichen und doch so klaren, so berzeugenden Worte Bruno's
machten auf Oswald den frchterlichsten Eindruck. Morgen schon sollte das
Entsetzliche geschehen; allem Anschein nach ahnte sie nichts davon. Man wollte
sie durch Ueberraschung zwingen; ihr ein Wort abnthigen, das sie hernach
zurckzunehmen zu stolz sein wrde. Und welche Bewandtni hatte es mit diesem
Brief, von dem Bruno und Oswald nur die Aufschrift kannten, der mit Helenens
Petschaft zugesiegelt gewesen war und den die Baronin doch offenbar verloren
hatte. Da hier Verrath im Spiele sei, da dieser Brief den Zwecken der Baronin
hatte dienen mssen, da es nothwendig sei, diesen Brief wieder in Helenens
Hnde gelangen zu lassen, damit sie erfuhr, welcher Waffen man sich gegen sie
bediene, und sie diese Waffen in dem nthigen Augenblick, der morgen schon
eintreten mute, gegen ihre Gegner richten knne - das Alles war natrlich auch
Oswald sofort klar, und nur ber den einzuschlagenden Weg konnten sie sich
anfnglich nicht einigen. Bruno wollte, da Oswald Helenen nicht nur den Brief
gebe, sondern ihr auch den Inhalt des Gesprchs zwischen der Baronin und Felix
mittheile. Oswald erklrte, da das Letztere schlechterdings unmglich sei;
Bruno in seiner Eigenschaft als Verwandter und als erklrter Gnstling Helenens,
drfe sich schon eher eine solche Indiscretion erlauben, ihm, dem Fremden,
verbiete die Schicklichkeit jede Anspielung auf so delicate Verhltnisse.
    Aber, rief Bruno, ich denke, Du bist ihr Freund; ich denke, Du hast sie
lieb! Wie kannst Du Dich denn nur durch solche Bedenken, ob dies oder das auch
nach den Regeln des Complimentirbuches erlaubt sei oder nicht, abhalten lassen,
wenn es sich um das Wohl oder Wehe ihres ganzen Lebens handelt. Denke, wenn man
ihr durch Ueberraschung das Ja abpret; ich wrde verrckt, ich ertrge es nicht
-
    Und dennoch, Bruno, ich mu ber diesen Punkt schweigen; ich kann darber
nicht reden - ich nicht.
    Weshalb Du nicht?
    Weil - ich sagte Dir ja schon, weil ich ein Fremder bin; weil sie mir sagen
knnte, sagen wrde: mein Herr, was geht dies Alles Sie an? Den Brief will ich
ihr geben; es ist ihr Eigenthum; sie kann verlangen, da der Finder es ihr
sobald wie mglich wieder zustellt - und bedenke doch, Bruno, dies einzige
Factum spricht ja laut genug. Sie wird dann wissen, wessen sie sich von jener
Seite zu versehen hat, und der Angriff trifft sie auf ihrer Hut.
    So willst Du ihr den Brief geben?
    Das will ich und zwar sofort. Ich denke, Helene wird heute wie gewhnlich
ihre Morgenpromenade machen. Aber wie steht es mit Dir?
    Besser, viel besser; sagte Bruno, der von den heftigsten Schmerzen gefoltert
wurde, aber frchtete, da Oswald in der Sorge um ihn die einzige Gelegenheit,
Helenen zu sehen und zu sprechen, versumen knnte; viel besser, wenn ich die
Hand so in die Seite drcke, fhle ich beinahe gar nichts. Mache nur, da Du in
den Garten kommst, und hre! gr' sie von mir und sage ihr nicht, da ich krank
bin, nur ein wenig unwohl - ich bin ja auch eigentlich nicht krank -
    Der Knabe sank auf sein Lager zurck und gab und sich Mhe, Oswald
freundlich anzulcheln. Aber es war ein schmerzliches Lcheln trotz alledem, und
als die Thr sich hinter Oswald geschlossen hatte, verbarg Bruno sein Gesicht in
dem Kissen, um das dumpfe Sthnen zu ersticken, das ihm die Qualen seiner Seele
eben so auspreten, wie die Schmerzen seines Krpers.

                           Fnfundfnfzigstes Capitel


Oswald hatte vergeblich ber die Stunde hinaus, in welcher Helene in dem Garten
zu erscheinen pflegte, gewartet. Gerade heute kam sie nicht. Er ging mehrmals an
ihrem Fenster vorber, ohne sie zu sehen. Er kehrte endlich, da es im Hause
lebhafter zu werden begann, zu Bruno zurck, der ihn mit der grten Ungeduld
erwartete. Bruno war auer sich, da dieser Versuch milungen war; Oswald suchte
ihn zu beruhigen, indem er hervorhob, wie aller Wahrscheinlichkeit nach die
Baronin und Felix die Durchfhrung ihres Planes bis auf den letzten Augenblick
verschieben wrden, es also auch morgen frh noch immer Zeit sein wrde, den
Brief in Helenens Hnde gelangen zu lassen.
    Und jetzt, sagte Oswald, mu ich Anstalten treffen, da nach dem Doctor
geschickt wird, denn die Ungewiheit ber Deinen Zustand ist mir unertrglich.
    Leider sollten Oswald's Bemhungen ohne Erfolg bleiben. Der Bediente,
welcher ihm die Antwort der Baronin, es werde im Laufe des Vormittags so wie so
ein Wagen in die Stadt fahren, berbringen sollte, hatte nicht gewagt, ihm
diese Bestellung zu machen, sondern gesagt: es solle sogleich ein Bote
hingeschickt werden. So vertrstete er sich bis gegen Mittag. Da kam der alte
Baron, sich persnlich nach Bruno's Zustand zu erkundigen. Er sagte: so viel er
wisse, sei noch gar nicht in die Stadt geschickt; er wolle indessen sogleich
dafr sorgen. Der alte Herr war ordentlich bse geworden ber diese
unverzeihliche Saumseligkeit; Oswald glaubte jetzt bestimmt, da man sich
beeilen werde, das Versumte nachzuholen. Indessen verging Stunde auf Stunde,
der Abend brach herein, und noch immer wollte sich kein Doctor Braun blicken
lassen. Er ging selbst hinunter, sich zu erkundigen, was denn nun geschehen sei?
Der Wagen, der gegen Mittag in die Stadt gefahren war, war eben zurckgekommen;
auch hatte der mit der Bestellung Beauftragte dieselbe ausgerichtet; aber der
Herr Doctor sind auf vierundzwanzig Stunden verreist, und das Mdchen sagte: sie
solle Alle, die kmen, an Dr. Balthasar - den Collegen Braun's - weisen. Nun
wute ich aber nicht, ob ich dahin gehen sollte. Oswald gerieth in Zorn ber
diese abermalige Verzgerung. Er begab sich sofort zum Baron, den er bei der
brigen Gesellschaft im Garten fand; sagte ihm, was vorgefallen sei und bat um
die Erlaubni, selbst in die Stadt reiten zu drfen, damit endlich einmal etwas
in dieser Sache geschehe.
    Ich verlasse Bruno ungern, sagte er, aber ich sehe kein anderes Mittel.
    Die Krankheit wird ja so gefhrlich nicht sein, sagte Anna-Maria.
    Das zu beurtheilen vermag ich so wenig wie Sie; erwiederte Oswald scharf;
mir erscheint Bruno's Zustand bedenklich und ich halte es fr meine Pflicht,
diese meine Ansicht zur Geltung zu bringen, bis ich von Jemand, der ein Urtheil
darber hat, eines Andern belehrt werde.
    Kommen Sie! sagte der alte Baron; wir wollen den Jochen fortschicken. Sie
brauchen nicht von Bruno zu gehen. Jochen ist ein verstndiger Mensch; man kann
sich auf ihn verlassen.
    Oswald machte der Gesellschaft eine sehr frmliche Verbeugung und entfernte
sich mit dem Baron.
    Es ist hbsch, wenn ein junger Mann ein so sicheres, festes Auftreten hat,
sagte Pastor Jger ironisch.
    Der Apoll von Belvedere! sagte Primula, man wute nicht recht, ob ebenfalls
ironisch, oder in einem Anfall poetischer Extase.
    Ich denke, seine Hoheit wird nchstens von dem Piedestal herabsteigen, sagte
Felix.
    Die gestrengen Herren regieren bekanntlich nicht lange, sagte die Baronin
mit einem bedeutungsvollen Blick nach dem Pastor, welchen dieser mit einem
schlauen Zwickern seines rechten Auges ber das runde Brillenglas sofort
beantwortete.
    Bruno fehlt auch alle Tage etwas Anderes, sagte Malte, sich Zucker ber
seine Erdbeeren streuend.
    Helene sagte nichts. Sie sa da, den Blick fest auf die Erde geheftet. Jetzt
stand sie auf und ging, ohne ein Wort zu sagen aus der Laube dem Schlosse zu.
    Du kommst doch wieder, Helene? rief ihr die Mutter nach.
    Ich glaube kaum, antwortete Helene, sich umwendend; es wird mir etwas zu
khl hier drauen.
    Sie setzte ihren Weg fort. Die Baronin und Felix warfen sich einen
vielsagenden Blick zu.
    Der in die Stadt geschickte Jochen war in der gehrigen Zeit zurck, um zu
melden, da er Dr. Balthasar nicht getroffen habe. Derselbe sei auf ein
entferntes Gut gefahren, wo sich ein Mann den Arm gebrochen. Man wolle ihm
indessen, sobald er zurckkomme, was wohl vor Einbruch der Nacht nicht geschehen
werde, die Bestellung ausrichten, und zweifle nicht, da er derselben Folge
leisten werde, wenn er selbst nicht zu angegriffen sei.
    Dabei mute sich denn also Oswald beruhigen, so gut er es vermochte. Bruno's
Zustand war so ziemlich derselbe geblieben. Die Schmerzen hatten vielleicht
etwas nachgelassen, aber sich ber eine grere Flche verbreitet. Er gab sich
die grte Mhe, Oswald, dessen Angst mit jeder Stunde wuchs, je spter es
wurde, ohne da rztliche Hlfe erschien, seine Befrchtungen auszureden. Es ist
nichts; es wird morgen schon wieder besser sein; da der Brief noch immer in
unseren Hnden ist, macht mir viel grere Sorge, als meine Krankheit. Knntest
Du nicht einen Versuch machen, Oswald, ihn, wie ich gestern wollte, durch's
Fenster in ihr Zimmer zu werfen? Wenn Dir Felix begegnet, sag' ihm nur, er solle
an gestern Nacht denken, dann wird er sich schon aus dem Staube machen; oder
besser, sage nichts, und thu', was ich leider nicht gethan habe, erwrge ihn auf
der Stelle.
    Endlich, als Oswald die Hoffnung schon beinahe aufgegeben hatte, kam Dr.
Balthasar. Es war ein alter Mann, den die vielen Geschfte des Tages
verdrielich gemacht hatten und der etwas von Lappalien, derenwegen man die
Leute um ihre Ruhe bringe, durch die Zhne murmelte. Er untersuchte Bruno kaum,
sagte: es wrde sich schon von selbst geben, brigens wolle er morgen wieder
kommen und eine Einreibung mitbringen.
    Nun sind wir auch noch so klug, wie vorher, sagte Oswald, als der Doctor
wieder fort war.
    Ich sagte Dir ja gleich, es hat nichts zu bedeuten. Leg' Dich schlafen,
Oswald, Du brauchst es eben so nthig, wie ich.
    Indessen, die Beiden fanden nicht viel Ruhe in dieser Nacht. Oswald hatte
sein Sopha neben Bruno's Bett stellen lassen, und blieb angekleidet, um jeden
Augenblick bereit zu sein. Bruno's Zustand blieb derselbe, nur da seine Unruhe
immer grer wurde, und er in immer krzeren Zwischenrumen zu trinken
verlangte. Gegen Morgen war Oswald eingeschlafen; Bruno weckte ihn, als die
Sonne eine Stunde ber dem Horizont war.
    Oswald, ich kann Dich nicht lnger schlafen lassen, so leid es mir thut, Du
mut in den Garten, es ist die hchste Zeit. Wenn Du Helene auch heute nicht
triffst, so stehe ich auf und gehe zu ihr, und wenn ich darber sterben sollte.
    Wie geht es Dir?
    Besser.
    Das sagst Du stets.
    Mache nur, da Du fortkommst.
    Oswald ging in den Garten und suchte die Wallpromenade auf, wo er nun schon
manchen Morgen mit nicht leichtem Herzen dem schnen Mdchen begegnet war. Aber
so schwer wie heute war ihm das Herz nie gewesen. Bruno's Krankheit, die jetzt
hereindrohende Katastrophe in dem Familiendrama, dessen Entwickelung er mit so
schmerzlichem Interesse verfolgt hatte, und in welchem er jetzt die zweideutige
Rolle eines Zwischentrgers zu spielen verdammt war - das Alles lastete auf
seiner Seele und machte, da er von dem wonnigen Morgen nichts empfand, nichts
bei dem warmen Sonnenschein und den blulichen Morgenschatten, nichts bei dem
Duft der unzhligen Blumen, nichts bei dem Schwirren und Tanzen der Myriaden von
Insecten, nichts bei dem Jubiliren der Vgel in den Bumen. Konnten ihm die
Blumen seinen Liebling wieder gesund machen? konnten ihm die Vgel Helenen
herbeisingen?
    Doch da! da schimmerte ihr Kleid zwischen den Bumen des Walles herber. Das
mute sie sein. Sie schritt rascher vorwrts, sobald sie ihn bemerkt hatte - es
schien ihr selbst daran gelegen, ihn zu sprechen.
    Gott sei Dank, da Sie kommen, rief sie ihm schon von weitem entgegen; ich
habe fast die ganze Nacht vor Sorge und Angst nicht geschlafen. Es geht gut -
nicht wahr? Sie wrden ihn ja auch sonst nicht verlassen haben?
    Es geht besser, wenigstens sagt Bruno so; aber ich frchte, nichts weniger
als gut. Sie wissen, er ist ein Held, auch im Ertragen von Schmerzen.
    Ja, das ist er! sagte Helene; ich liebe ihn wie einen Bruder; nein! viel,
viel mehr, als einen Bruder. Der Gedanke, ihn zu verlieren, ist fr mich
entsetzlich. Sie glauben nicht, wie ich mich seinetwegen qule.
    Gewi nicht mehr, als er sich Ihrethalben; sagte Oswald.
    Wie das? fragte Helene, ihre groen Augen forschend auf Oswald's Gesicht
heftend.
    Ich will nicht durch eine lange Einleitung die kostbaren Augenblicke, in
denen ich ungestrt mit Ihnen sprechen kann, verlieren; sagte Oswald. Diesen
Brief hier, dessen Aufschrift von Ihrer Hand ist, der Ihnen also ohne Zweifel
gehrt, hat Bruno vorgestern Abend gefunden, an der Kapelle, unmittelbar nach
einer Unterredung, welche die Frau Baronin mit Baron Felix ber
Familienangelegenheiten auf derselben Stelle gehabt hatte, und die Bruno, der
sich zufllig in der Kapelle befand, mit anzuhren nicht umhin konnte. Er hat
mich gebeten, Ihnen Ihr Eigenthum wieder zuzustellen. Ich brauche Ihnen nicht zu
sagen, da es von dem Augenblick an, wo es in Bruno's Hnde gelangte, heilig
gehalten worden ist.
    Helenens Verwirrung war mit jedem Worte, das Oswald sprach, grer geworden.
Purpurgluth wechselte auf ihrem schnen Angesicht mit einer geisterhaften
Blsse. Ihr Busen wogte; ihre Hand zitterte, als sie den Brief, den ihr der
junge Mann berreichte, und auf den sie nur einen Blick zu werfen brauchte, um
ihn als denselben zu erkennen, den sie gestern Morgen an Mary Burton geschrieben
hatte, entgegennahm. Entsetzen ber den schwarzen Verrath, den man an ihr gebt;
jungfruliche Scham, ihre innersten, geheimsten Gedanken schonungslos profanirt
zu sehen; der Unwille, da Jemand, er sei wer er sei, erfahren habe, wie sie von
den Ihrigen, von ihrer eigenen Mutter schmachvoll behandelt worden sei - Alles
strmte auf sie ein, wie ein Orkan, vor dessen Gewalt jeder Widerstand
vergeblich ist.
    Und dies letzte Gefhl des beleidigten Stolzes fand zuerst einen Ausdruck.
    Ich danke Ihnen, sagte sie, sich zu ihrer ganzen stattlichen Hhe
emporrichtend, fr Ihren Eifer, mir zu dienen. Indessen, Sie und Bruno haben der
Sache, wie es scheint, ein weit greres Gewicht beigelegt, als sie in der That
verdient. Ich habe diesen Brief, weil Einiges darin stand, was ich nach
reiflicher Ueberlegung nicht gutheien konnte, geflissentlich nicht abgehen
lassen; ich werde ihn aus der Tasche verloren haben. Ich erinnere mich, da ich
gestern Abend in der Nhe der Kapelle war; ich -
    Weiter vermochte sie nicht zu sprechen; die Thrnen, die sie so lange
zurckgehalten, brachen gewaltsam hervor, und rollten ber ihre Wangen. Sie
wandte sich ab, sie fhlte, da sie sich nicht lnger wrde beherrschen knnen,
und winkte Oswald mit der Hand, sie allein zu lassen.
    Oswald war vielleicht nicht weniger auer sich, als Helene. Seine Liebe zu
dem schnen, stolzen Mdchen, fr das er so freudig sein Leben hingegeben htte
und von dem er jetzt so verkannt zu werden frchten mute, wogte wie ein frei
gewordener Quell in ihm empor, und erfllte seine Brust bis zum Zerspringen. Er
htte ihr zu Fen strzen, ihr Alles, Alles, was er so lange vor ihr verborgen,
gestehen mgen; aber er bezwang sich und sagte so ruhig wie er vermochte:
    Ich versichere Sie, mein Frulein, da diese Scene Ihnen kaum peinlicher
sein kann, als mir selbst, und da ich dieselbe um keinen Preis herbeigefhrt
haben wrde, wenn mir Bruno's fieberhafte Ungeduld, die ich durch eine Weigerung
zu steigern frchten mute, eine Wahl gelassen htte. Es ist mir schmerzlich,
sehr schmerzlich, von Ihnen verkannt zu werden; ich ahnte es gleich, da es
Ihnen unmglich sein wrde, den Boten von seiner Botschaft zu trennen.
    Er verbeugte sich vor dem noch immer weinenden Mdchen, und wandte sich, zu
gehen.
    Nein, nein! rief sie, wie, um ihn zurckzuhalten, die Hand nach ihm
ausstreckend; Sie drfen so nicht gehen. Mgen es Die verantworten, welche mich
zum Aeuersten getrieben haben, wenn ich die Ehre meiner Familie, die Ehre der
Meinigen preisgeben mu. Ja, Sie haben mir einen Dienst geleistet, einen groen
Dienst. Dieser Brief ist nur durch Verrath in die Hnde derer gekommen, die
ihren Raub so schlecht zu bewahren verstanden. Dieser Brief trennt mich auf
immer von den Meinigen; er soll mich nicht auch von Bruno trennen, den ich so
herzlich liebe, von Ihnen, der Sie stets so gut und freundlich zu mir gewesen
sind. Ich habe Sie immer fr einen Freund gehalten, Sie immer hoch geschtzt und
geehrt - wie hoch, das mge Ihnen dieser Brief selbst beweisen. Lesen sie ihn!
Wenn alle Welt wei, wie ich ber Sie denke, so drfen Sie es am Ende ja wohl
auch wissen.
    Und das junge Mdchen reichte Oswald den Brief hin. Ihr Antlitz glhte, aber
nicht mehr vor Zorn und Scham. Ihre dunkeln Augen leuchteten, aber wie einer
Heldin, die sich fr eine heilige Sache zu opfern im Begriff steht.
    Lesen Sie nur! sagte sie mit einem eigenthmlichen Lcheln, als Oswald sie
unglubig anstarrte; frchten Sie nicht, da es mich hinterher reuen wird. Ich
wei, da Ihr Herz einer Andern gehrt, die seit gestern wieder in unserer Nhe
ist. Bruno, der Alles wei, hat es mir verrathen. Ich will von Ihnen nichts, als
was ich schon habe - Ihre Freundschaft. Lesen Sie den Brief, und wenn Sie ihn
gelesen haben, verbrennen Sie ihn in Gottes Namen.
    Ehe Oswald sich von seinem grenzenlosen Erstaunen ber diese wunderbare Rede
nur so weit erholen konnte, ein einziges Wort ber die Lippen zu bringen, war
das junge Mdchen schon die Treppe, die von dieser Stelle in den Garten fhrte,
hinab und eilte durch die blumenreichen Beete dem Schlosse zu.
    Was ist das? fragte Oswald bebend; narrt mich denn ein Traum? Melitta
zurck? und jetzt zurck - gerade jetzt!
    Es war ein schauerliches Lachen. Oswald sah sich erschrocken um, ob ein
Anderer gelacht habe - ein schadenfroher Dmon, der sich an seiner Qual weidete.
    Er hielt den Brief noch immer in seiner Hand. Es war ihm, als ob er erst,
wenn er diesen Brief lese, Melitta ganz verlieren, erst jetzt das letzte Band,
das ihn an Melitta fesselte, zerreien wrde. Fr einen Augenblick erschien ihm
Helene wie eine schne Teufelin, die an ihn herangetreten sei, ihn zu versuchen.
Wenn er diesen Brief ungelesen verbrannte? konnte dann nicht Alles gut werden?
Konnte ihm Melitta nicht doch erhalten bleiben?
    Und indem er so dachte, hatte er den Brief entfaltet und ihn zu lesen
begonnen.
    Er war mit der Lectre zu Ende und sa nun, den Kopf in die Hand gesttzt,
in der Ecke der Bank, auf die er sich, ohne zu wissen, was er that, gesetzt
hatte. Vor ihm auf dem Erdboden spielten die Lichter mit den Schatten; in den
dichten Laubkronen ber ihm flsterte der Morgenwind und sangen die Vgel, in
dem Garten unten wiegten sich bunte Schmetterlinge ber den Blumenwldern der
Beete; er sah das Alles, er hrte das Alles, aber er empfand nichts dabei,
nichts, als das Eine, da, wenn es ein Paradies auf Erden fr ihn gegeben hatte,
er jetzt auf immerdar daraus vertrieben sei.

                          Sechsundfnfzigstes Capitel


Es war einige Stunden spter. Die Baronin sa in ihrem Zimmer auf ihrem
gewhnlichen Platze in der Nhe der geffneten Fensterthr. Sie hatte eine
Stickerei auf dem Schooe; aber ihre Hnde waren mig; nur, wenn sich Schritte
der Thr, die nach dem Flure fhrte, nherten, nahm sie schnell die Arbeit auf,
und nhte ein paar Stiche, um sie, sobald der Schritt vorber war, wieder in den
Schoo sinken zu lassen. Das wiederholte sich mehrmals, denn es war heute ein
sehr lebhaftes Treiben im Schlosse. Die Vorrichtungen zu dem Ball heute Abend
hielten Alles in Athem, und machten es der wirthschaftlichen Baronin sehr
schwer, hier so mig zu sitzen, whrend ihre Gegenwart in Kche und
Speisekammer so nthig war. Aber sie hatte Frulein Helene bitten lassen, wenn
sie mit ihrem Klavierspiel fertig sei, zu ihr zu kommen, und Helene sollte sie
ruhig, gelassen, zu einem freundschaftlich ernsten Gesprch aufgelegt finden.
    Aeuerlich wenigstens. In ihrem Herzen sah es freilich anders aus. Zwar die
Sorge um den Brief schien sich als unnthig erwiesen zu haben. Offenbar war er
noch nicht wieder in Helenens Hnde gelangt und das war fr den Augenblick die
Hauptsache. So konnte man doch alle Pfeile, die man aus der Lectre gesammelt
hatte, abschnellen, ohne frchten zu mssen, da sie auf den Schtzen
zurcksprngen. Nichtsdestoweniger hatte die kluge und muthige Frau nie einer
Unterredung mit irgend Jemand - und sie hatte doch, da die ganze Last der
Verwaltung des groen Vermgens fast ganz allein auf ihren Schultern lag, manche
wichtige Verhandlung zu fhren gehabt - so voll Unruhe entgegen gesehen. Sie gab
sich alle Mhe, diese Unruhe zu bekmpfen, ja, wenn irgend mglich, in einer
vershnlichen, friedlichen, freundschaftlichen Verfassung zu sein. Sie gerieth
sogar bei diesem Versuch in eine Art larmoyanter Stimmung. Vielleicht waren,
Alles in Allem, Thrnen das beste Mittel, das edle Herz der Tochter zu rhren
und sie fr ihre selbstischen Zwecke zu gewinnen.
    Da klopfte es an die Thr. Die Baronin griff schnell nach ihrer Arbeit. Auf
ihr Herein! trat Helene in das Zimmer. Die etwas kurzsichtige Frau bemerkte
nicht gleich, da das edelstolze Antlitz des jungen Mdchens sehr bleich war,
aber nicht von jener krankhaften Farbe, wie sie die Feigheit auf die Wangen
malt, sondern von jener Marmorblsse, die sich sehr wohl mit Augen vertrgt, aus
denen eine heroische Seele leuchtet.
    Es thut mir leid, liebe Tochter, sagte die Baronin, da ich Dich heute in
Deinem Morgenfleie stren mu Ich habe Dich rufen lassen, um ber eine Sache
von der uersten Wichtigkeit recht ruhig, recht freundschaftlich mit Dir zu
sprechen. Aber setze Dich doch! dort mir gegenber auf den Stuhl, in welchem
Dein Vater zu sitzen pflegt.
    Ich danke, sagte Helene, stehen bleibend.
    Der abgemessene, fast kurze Ton, in welchem das junge Mdchen diese beiden
Worte aussprach, machte die Baronin von ihrer Arbeit jh in die Hhe blicken.
Sie bemerkte jetzt zum ersten Male die blassen Wangen ihrer Tochter, und ihre
eigenen Wangen entfrbten sich.
    Du fhlst Dich doch nicht unwohl? sagte sie, und ihre Stimme war weniger
fest als sonst. In diesem Falle wollen wir unsere Unterredung auf eine
gelegenere Zeit verschieben. Du wirst so schon fr heute Abend Deine Krfte
nthig haben.
    Ich fhle mich vollkommen wohl, erwiederte das junge Mdchen; ich stand
sogar eben im Begriff, Dich um eine Unterredung bitten zu lassen, da auch ich
Dir eine Sache von Wichtigkeit mitzutheilen habe.
    Du mir? sagte die Baronin, ihre groen, tief liegenden Augen sprend auf das
bleiche Antlitz ihrer Tochter heftend. Du mir? was kann das sein? la doch
hren!
    Es ist dies! sagte Helene. Ich fand vorgestern Abend in der Nhe der Kapelle
einen Brief -
    Die Baronin hob ihr Haupt, und warf Helenen einen Blick zu, in welchem
Bestrzung, Zorn, Furcht und Trotz auf eine seltsame Weise gemischt waren.
    Einen Brief, fuhr Helene fort, den ich vorgestern Morgen geschrieben und
Luisen zur Besorgung bergeben hatte. Der Brief war natrlich, als ich ihn
Luisen gab, versiegelt, als ich ihn wiederfand, war er erbrochen. Ich kann nicht
glauben, da Luise, die mir berdies zugethan scheint, ein solches Interesse an
meiner Correspondenz nimmt, um sich auf die Gefahr hin, ihren Dienst zu
verlieren, eines solchen Vergehens schuldig zu machen, mu also annehmen, da
irgend Jemand sonst im Schlo es der Mhe werth hlt, meinen Geheimnissen
nachzuspren. Nun war es meine Absicht, zu fragen, was Du mir in dieser Sache zu
thun rthst.
    Die Baronin hatte, whrend Helene sprach, sehr eifrig genht. Jetzt blickte
sie wieder auf und sagte:
    An wen war der Brief?
    An Mary Burton.
    Hast Du Dich in dem Briefe frei geuert?
    Wie man an eine Freundin eben schreibt.
    Standen Sachen darin, von denen Du nicht gerne mchtest, da sie Anderen zu
Gesicht kmen?
    Allerdings.
    Auch nicht Deinen Eltern?
    Helene schwieg.
    Auch nicht Deinen Eltern?
    Ja.
    Zum Beispiel, da Deine Eltern fr Dich todt sind, eben so wie Deine brigen
Verwandten?
    Du hast den Brief gelesen?
    Wie Du siehst.
    So habe ich nichts weiter zu sagen und zu fragen.
    Helene verbeugte sich und wandte sich, zu gehen.
    Bleib, sagte die Baronin; wenn Du nichts weiter zu sagen hast, so habe ich
noch mehrere Fragen an Dich richten, die Du mir gtigst beantworten wirst. Was
den Brief betrifft, so beruhige Dich. Wenn Eltern ihren Kindern die Erlaubni
geben, frei zu correspondiren, thun sie's in der Erwartung, da die Kinder
dieser Erlaubni wrdig sind. Sehen sie sich in dieser Erwartung betrogen,
nehmen sie ihre Erlaubni zurck. Darin liegt nichts Auerordentliches. Das aber
ist auerordentlich, wenn ein Kind, das von seinen Eltern nur Liebe erfahren
hat, sich von seinen Eltern lossagt; das ist auerordentlich, wenn ein Kind die
Stirn hat, dies zu denken, eine Hand, es niederzuschreiben, den Muth, dieses
schriftliche Bekenntni ihrer Armuth Anderen unter die Augen zu bringen. Was
hast Du darauf zu erwiedern?
    Nichts.
    Und wenn nun dieses Kind die Gefhle der Liebe, die sie ihren Eltern, der
Zuneigung, die sie ihren brigen Verwandten zum mindesten schuldet, nur
verleugnet, um Fremde damit zu beglcken, eine sogenannte Freundin zum Beispiel,
die weiter kein Verdienst hat, als mit ihr in einer Pension gewesen zu sein;
einen Knaben, der aus Gnade und Barmherzigkeit in dem Hause ihrer Eltern
aufgenommen wurde; einen bezahlten Diener ihrer Eltern - ja wohl, mein Frulein!
einen bezahlten Diener, mit dem die Eltern nebenbei im hchsten Grade
unzufrieden sind - was hast Du darauf zu erwiedern?
    Nichts.
    Und wenn nun Deine Eltern Dir doch verzeihen; wenn Deine Verwandten,
obgleich Du es nicht verdienst, Dir ihre Liebe dennoch nicht entziehen wollen;
wenn Du siehst, da Eltern und Verwandte sich die Hand reichen, mit vereinten
Krften Dich, die schon mehr als halb verloren ist, zu retten; wenn Deine Eltern
Dir in der Person eines Gemahls einen Freund und Beschtzer geben wollen, der
Dich in Zukunft vor solchen Thorheiten - ich will einmal einen milden Ausdruck
whlen - vor solchen Thorheiten, wie Du sie an Mary Burton geschrieben hast,
bewahren wird; und wenn einer Deiner liebenswrdigsten Verwandten die Gte haben
will, dieses schwierige Amt eines Gatten, Freundes und Lehrers bei Dir zu
bernehmen, wirst Du darauf wieder nichts zu erwiedern haben?
    Doch! sagte Helene, die, ohne eine Miene zu verndern, bleich und still
dagestanden hatte, die groen dunkeln Augen mit dem Ausdruck unerschtterlichen
Muthes auf ihre Mutter richtend, welche bei den letzten Worten aufgestanden war
und ihr jetzt gegenber stand, doch! ich habe darauf zu erwiedern, da ich
tausendmal lieber sterben, als Felix' Gattin werden will.
    Sie sagte das ruhig, langsam, gleichsam jede Sylbe wgend.
    Und wenn Deine Eltern es befehlen?
    So kann ich nicht und so werde ich nicht gehorchen.
    Und wenn sie heute Abend der versammelten Gesellschaft Deine Verlobung mit
Felix ankndigen?
    So werde ich der versammelten Gesellschaft sagen, was ich Dir so eben gesagt
habe.
    Ist das Dein wohlerwogener Entschlu?
    So wahr mir Gott helfe: ja!
    Nun denn! so sage ich mich von Dir los, wie Du Dich von mir losgesagt hast!
so gehe denn hin und wirf Dich dem Bettler in die Arme! Aber nein! noch giebt es
Mittel, diese Schande wenigstens vor der Welt zu verbergen. Morgen packst Du
Deine Sachen; bermorgen gehst Du in die Pension zurck.
    Ein Strahl wie von Freude brach aus Helenens dunklen Augen und ein zartes
Roth flog ber ihre bleichen Wangen.
    Ich gehe gern, sagte sie.
    Aber nicht nach Hamburg, sagte die Baronin, und es lag eine grausame Ironie
in Ton und Wort: ich habe genug von Mary Burton. Du gehst nach Grnwald. Ich
habe schon an Frulein Br geschrieben. Sie ist nicht ganz so nachsichtig wie
Madame Bernhard, aber mit der Zeit der Gte und Nachsicht ist es jetzt auch
vorbei. Begieb Dich auf Dein Zimmer. Um sechs Uhr wnsche ich Dich zum Ball
angezogen zu sehen. Ueberlege Dir noch einmal, was Du thun willst. Ich gebe Dir
bis dahin Bedenkzeit. Du kannst gehen.
    Helene ging, ohne ein Wort zu erwiedern, nach der Thr. Als sie dieselbe
fast erreicht hatte, trat der alte Baron herein.
    Wo willst Du hin, mein Mdchen? sagte er, die Hand freundlich nach ihr
ausstreckend.
    Helene ergriff die Hand; drckte sie an ihre Lippen und sagte:
    Verurtheile mich nicht, Vater, ohne mich gehrt zu haben.
    Dann eilte sie aus dem Zimmer.
    Was hat das Mdchen? sagte der alte Herr, ihr voller Erstaunen nachsehend.
    Komm, Grenwitz, sagte die Baronin, ich habe ber eine Sache von Wichtigkeit
mit Dir zu sprechen.

                          Siebenundfnfzigstes Capitel


Die Unterredung zwischen der Baronin und ihrem Gemahl dauerte eine geraume Zeit,
aber Anna-Maria war heute nicht glcklich in ihren diplomatischen Bemhungen.
Eben so wenig, wie sie im Stande gewesen war, den Stolz ihrer Tochter zu beugen,
vermochte sie den sonst so fgsamen Gatten diesmal zu ihren Ansichten zu
bekehren. Schon fters in den langen Jahren ihrer Ehe hatte sich in dem Gatten,
der ihrer hheren Einsicht sonst so blindlings vertraute, der mit einer Art von
abgttischer Verehrung an ihr hing, ein Geist des Widerspruchs geregt, oft, wo
sie es am wenigsten erwartete. Sie hatte durch kluge, rechtzeitige
Nachgiebigkeit dann jedes Mal dergleichen Meinungsverschiedenheiten zu
beseitigen gewut, was ihr um so leichter geworden war, als es sich meistens um
hchst gleichgiltige Dinge handelte. Heute aber hatte sie nicht bedacht, da der
Baron ja am Ende doch sein Kind lieben und dann natrlich ihr Glck, ihre Ruhe
hher anschlagen knnte als alle weltlichen Vortheile. Und nun geschah wirklich
das Unglaubliche. Der alte Herr erklrte mit groer Entschiedenheit, da er die
Vortheile, welche allen Betheiligten aus einer Verbindung zwischen Felix und
Helene erwachsen knnten, durchaus zu wrdigen wisse; da er sich sehr gefreut
haben wrde, wre diese Verbindung zu Stande gekommen, da es aber schlielich
doch die Ruhe und das Glck Helenens sei, um die es sich handle, und da, wenn
Helene erklre, Felix nicht lieben zu knnen, die Sache damit ein fr alle Mal
abgemacht sei. Dabei blieb er, mochte Anna-Maria sagen, was sie wollte. Und
Anna-Maria lie es an Worten, ja selbst an Thrnen nicht fehlen. Vergebens, da
sie Helenens Trotz, Helenens unkindliches Benehmen in der eben stattgehabten
Unterredung mit den schwrzesten Farben schilderte; vergebens, da sie dem alten
Mann mit dem Aeuersten drohte, ihm drohte, da er nur zu whlen habe zwischen
seiner treuen Gattin und seiner ungehorsamen Tochter, da sie in ihrem eigenen
Hause nicht die Schmach erleben wolle, ihr eigen Kind ber sich triumphiren zu
sehen - der alte Herr behauptete die einmal eingenommene Position mit einer
zhen Hartnckigkeit: Helene sei nicht schlecht; sie habe sich in ihrer
Heftigkeit vergessen knnen, aber sie sei nicht schlecht, sie werde die Mutter
um Verzeihung bitten, wenn sie dieselbe beleidigt habe; aber gesetzt, sie sei
nicht so gut, wie er glaube, gesetzt, sie habe sich gegen ihre Mutter vergangen,
so sei das doch immer kein Grund, sie in eine ihr verhate Ehe zu zwingen. -
Alles, was die Baronin erlangen konnte, war, da, wenn Helene sich nicht
nachgiebig zeigen sollte, sie das elterliche Haus auf einige Zeit verlassen
msse. Der Baron willigte darein, weil er diese Trennung fr das beste Mittel
hielt, Mutter und Tochter wieder zusammen zu bringen, wenn sich die Leidenschaft
nur erst auf beiden Seiten ein wenig gelegt haben wrde; und er hatte nichts
dagegen, da man Helene nach Grnwald anstatt nach Hamburg schicke, da er so
viel fter Gelegenheit hatte, seine Tochter zu sehen, und er berhaupt in der
Stille die ganze Maregel fr ein Provisorium hielt, dessen vermuthlich sehr
kurze Dauer die lange Reise nach Hamburg gar nicht verlohne. - Anna-Maria
ihrerseits mute sich nothgedrungen mit diesem Resultat zufrieden geben, um so
mehr, als sie frchtete, da Helene, wenn man sie zum Aeuersten treibe, die
fatale Angelegenheit mit dem Briefe zur Sprache bringen werde. Dieser Gedanke
hatte sie berhaupt in der ganzen Unterredung weniger energisch erscheinen
lassen, als wohl sonst ihre Gewohnheit war. Das bse Gewissen hatte sie feig
gemacht und diese Feigheit dem Baron seinen Sieg wesentlich erleichtert. Er
kte seine Gemahlin auf die Stirn, wie er es nach einer Scene grerer oder
kleinerer Uneinigkeit stets zu thun pflegte, dankte ihr fr ihre
Bereitwilligkeit, sich seinen Ansichten und Wnschen zu accommodiren, und sprach
die Hoffnung aus, da in kurzer Zeit der gestrte Familienfrieden vollkommen
wieder hergestellt sein werde.
    Es drckt mir das Herz ab, wenn ich sehe, da die, welche ich am meisten
liebe auf Erden, unter sich uneins sind; sagte der gute alte Mann und die
Thrnen standen ihm in den Augen. Ich habe Gott alle Tage gebeten, er mge mich
erleuchten, da ich in dieser Sache das Rechte thue, wie ich es denn gern in
allen Dingen thte. Es schmerzt mich, wenn ich Dich gekrnkt haben sollte, liebe
Anna-Maria, denn ich wei, zu welcher Dankbarkeit ich Dir verpflichtet bin; aber
ich habe auch Pflichten gegen meine Tochter und darf nicht zugeben, da Du sie
mit dem besten Willen von der Welt unglcklich machst. Gott wei, da ich nur
Euer Aller Bestes will; und nun, liebe Anna-Maria, la uns zu Tisch gehen, denn,
wenn ich nicht irre, hat Johann schon zweimal gerufen.
    Die Baronin sollte heute nicht zur Ruhe kommen.
    Das melancholische Mittagsmahl, an welchem weder Oswald, der Bruno nicht
verlassen wollte, noch Helene, die sich mit Kopfschmerzen entschuldigen lie,
Theil genommen hatten, war vorber und der Baron eben fortgegangen, um sich mit
Helenen auszusprechen und sich nach Bruno's Befinden zu erkundigen. Die Baronin
war mit Felix allein geblieben und jetzt in der uerst peinlichen Lage, ihm
sagen zu mssen, da ihr gemeinsames Project an dem hartnckigen Widerstand
Helenens und der Unbeugsamkeit des Barons gescheitert sei. Und das sollte sie
eingestehen, sie, die sich so viel auf die unbeschrnkte Herrschaft, welche sie
ber ihren Gemahl, ber alle ihr Nherstehenden ausbte, zu gute that; sie, die
diese ganze Unterhandlung nicht nur geleitet, sondern auch den ersten Impuls
dazu gegeben, Felix zuerst den Vorschlag gemacht, Felix die Bedingungen gestellt
hatte - Bedingungen, denen jener zum Theil schon nachgekommen war!
    Wie bereute sie es jetzt, den Brief unterschlagen zu haben! Sie hatte nicht
viel mehr daraus gelernt, als was sie so schon wute, und wie viel hatte sie
sich vergeben! Sie durfte jetzt nicht mit voller Strenge gegen Helene auftreten;
durfte ihre unkindliche Gesinnung, ihre lcherliche Bevorzugung - um die
Sache nicht schlimmer zu bezeichnen - dieses Stein dem Baron gegenber nicht zu
sehr hervorheben. Sie wute, da er - besonders in seiner jetzigen Stimmung -
einen solchen Vertrauensbruch niemals sanctioniren wrde. Ja selbst gegen Felix,
ihren Vertrauten, durfte sie nicht ganz offen sein. Sie mute ihm sagen, da sie
die Schlacht verloren habe, und hatte nicht einmal den Trost, ihm beweisen zu
knnen, da es nur durch einen unglcklichen Zufall geschehen sei.
    So mute also der bittre Kelch geleert werden. Felix traute seinen Ohren
kaum. Er, Felix von Grenwitz, ausgeschlagen, zurckgewiesen, mit Verachtung
behandelt und in dem einzigen Fall, wo er wirklich ernste Absichten gehabt
hatte? von einem Mdchen, das eben aus der Pension kam? und mglicherweise wem
geopfert? einem obscuren Menschen, dessen ganzes Verdienst darin bestand,
beinahe wie ein Gentleman auszusehen? Felix that, als ob der Untergang der Welt
durch diese Zeichen verkndet sei. Und Helenen zu verlieren - darber wrde sich
Felix noch zur Noth getrstet haben; aber auch die Aussichten auf Bezahlung
seiner Schulden, oder genauer auf eine so wesentliche Erhhung seines Credits -
das war das Schlimmste, das, worber Felix von Grenwitz nicht so leicht
hinwegkam. Helenens Aussteuer, die Summe, welche ihm sein Onkel vorschieen
wollte, den zu Grunde gewirthschafteten Gtern wieder aufzuhelfen, - nein! so
konnte man nicht mit ihm spielen wollen. Er hatte Alles gethan, was in seinen
Krften stand, er hatte seinen Abschied genommen; er war von der Baronin
autorisirt worden, vor der Gesellschaft seine Bewerbung um Helene nicht zu
verschweigen - jetzt war Dienst, Braut, Ehre - Alles verloren.
    Ich werde mir eine Kugel durch den Kopf jagen! rief Felix.
    Die Baronin suchte den Aufgeregten zu beruhigen und es gelang ihr, nachdem
sie ihm die feierliche Versicherung gegeben, da trotz der Erfolglosigkeit
seiner Bewerbung die brigen Verabredungen nicht rckgngig gemacht werden
sollten.
    Nachdem sie sich ber diesen uerst wichtigen Punkt geeinigt, konnten sie
mit grerer Ruhe ber einige andre sprechen, vor allem ber den eigentlichen
Grund von Helenens Weigerung. Zu Felix' nicht geringem Erstaunen behauptete die
Baronin heute geradezu, da ein geheimes Liebesverhltni zwischen Oswald und
Helene bestehe. Sie wollte nicht sagen, was sie veranlate, eine frhere
Vermuthung jetzt fr Gewiheit auszugeben; aber sie blieb bei ihrer Behauptung,
bis Felix zugab, da die Sache freilich lcherlich, aber doch nicht geradezu
unmglich sei. - Der Mensch ist ein schlauer Intrigant, sagte er. Timm hat mich
gleich im Anfang vor ihm gewarnt; ich habe nicht viel darauf gegeben, weil die
Beiden auf einem sehr guten Fu zu stehen scheinen. Indessen, ich sehe doch ein,
Timm hat recht gehabt.
    In diesem Augenblick wurde der Baronin ein expresser Brief aus Grnwald
eingehndigt.
    Von Herrn Timm, sagte sie erstaunt, den Brief erbrechend; ich bin doch
neugierig, was mir der zu schreiben hat. Er hat doch sein Geld richtig erhalten.
Entschuldigen Sie, lieber Felix.
    Das Erstaunen, die Bestrzung, der Schrecken, welche sich, whrend die
Baronin las, auf ihrem Gesicht malten, waren so ausgeprgt, da Felix nicht
umhin konnte, zu sagen:
    Aber Tante, was haben Sie? Sie sind ja wie die Wand so wei geworden?
    O, es ist schndlich! sagte die Baronin; es ist schndlich, diese Buben! es
ist eine abgekartete Sache! ein gemeines Complot! diese Buben!
    Aber um Himmelswillen, was giebt es denn? rief Felix.
    Hier, lesen Sie! sagte die Baronin, ihm mit zitternder Hand den Brief
hinreichend.
    Felix nahm den Brief und las:
    Gndige Frau! Es ist nicht meine Schuld, wenn Ihnen der Inhalt dieses
Schreibens mifallen sollte. Sie wissen, mit wie groer Verehrung ich an Ihnen
und Ihrer ganzen Familie hange, mit welchem Eifer ich Ihnen stets meine geringen
Dienste gewidmet, wie dankbar ich fr die liebenswrdige Gastfreundschaft
gewesen bin, die Sie mir stets und besonders in den letzten, so glcklich
verlebten Tagen bewiesen haben. Wenn ich daher etwas sage oder thue, was mit
diesen Gefhlen im Widerspruch zu stehen scheint, so knnen Sie mit Bestimmtheit
annehmen, da dieser Widerspruch eben nur scheinbar ist, und da mich ein
hheres Princip als persnliche Freundschaft und individuelle Hochachtung zum
Handeln zwingt: nmlich die Achtung vor der Gerechtigkeit, die wir Allen
schuldig sind.
    Dieses mir inwohnende Rechtlichkeitsgefhl aber (ein Erbstck ohne Zweifel
meines seligen Vaters) will, da ich Ihnen eine hchst eigenthmliche
Entdeckung, die ich in diesen Tagen gemacht habe, und die fr Sie von einer
gewissen Bedeutung sein drfte, nicht einen Augenblick lnger vorenthalte.
    Sie wissen, da mein verstorbener Vater die Stellung eines Advocaten in
Grnwald bekleidete, da seine Praxis eben so gro war, wie der Ruf seiner
Rechtlichkeit, Gewissenhaftigkeit und Klugheit, und da die angesehensten
Familien des Landes zu seiner Clientel gehrten. Unter andern stand er auch mit
dem verstorbenen Herrn Baron Harald von Grenwitz in steter Geschftsverbindung,
aus der sich, wie mir mein seliger Vater oft erzhlt hat, wenn er auf vergangene
Zeiten zu sprechen kam, eine Art von Freundschaft entwickelte. Wenigstens
behauptete mein Vater, da der verstorbene Baron ihn selbst in den delicatesten
Familienangelegenheiten wiederholt consultirt habe. Die Wahrheit dieser
Behauptung wird besttigt durch die Entdeckung, von der ich eben spreche.
    Sie besteht in der ganz zuflligen Auffindung mehrerer Bndel Briefe und
Papiere, die smmtlich dem Herrn Baron Harald gehrten und die dieser meinem
Vater zu einem Zwecke, der nicht angegeben (denn es befindet sich dabei keine
Erluterung weder von der Hand meines Vaters, noch der des Barons) bermacht
hat. Aller Wahrscheinlichkeit nach sollten sie meinem Vater dienen, ihm die
Auffindung jenes Kindes, welchem der Herr Baron in dem Codicill seines
Testaments das bewute Legat aussetzte, zu erleichtern oder berhaupt mglich zu
machen. So viel wenigstens steht fest, da eine solche Recherche nur mit Hlfe
dieser Briefe und Papiere angestellt und zu einem glcklichen Resultat gebracht
werden kann. Auch bin ich berzeugt, da nur sein pltzlicher Tod meinen Vater
verhindert hat, dieses Resultat herbeizufhren, und da ein geschickter Jurist
noch zu jeder Zeit die Fden, welche der Hand meines Vaters entfielen, wieder
aufnehmen knnte.
    Die Schriftstcke sind a. ein Bndel Briefe einer gewissen Mademoiselle
Marie Montbert an Baron Harald von Grenwitz; b. ein dito des Herrn Barons an
Mademoiselle Montbert; c. mehrere Briefe eines gewissen Monsieur d'Estein an
Mademoiselle Montbert; d. verschiedene Familienpapiere der Mademoiselle
Montbert; e. eine vollstndige Abschrift des von dem Herrn Baron Harald
hinterlassenen Testaments nebst dem Codicill, in welchem, wie Ihnen bekannt ist,
nicht nur die Bedingungen angegeben sind, welche der Herr Erblasser an die
Auslieferung des Legats geknpft hat, sondern auch die Mittel und Wege, welche
am wahrscheinlichsten zu einer Entdeckung des zu jener Zeit noch ungeborenen
Kindes resp. dessen Mutter fhren knnten. Sie wissen, da in diesem
Erluterungsbericht die Namen der Mademoiselle Montbert und des Monsieur
d'Estein vorkommen und es versteht sich von selbst, da die genannten Personen
mit denen, welche jene Briefe schrieben, identisch sind.
    Bis hierher hat Alles, was ich Ihnen berichtete, fr den Unbefangenen und
Unbetheiligten wenigstens, nichts besonders Ueberraschendes. Was ich Ihnen aber
jetzt zu sagen habe, ist so auerordentlich, da ich um die Erlaubni bitten
mu, Ihnen darber mndlichen Bericht erstatten zu drfen. Ich will nur so viel
andeuten, da in den Briefen des Mr. d'Estein der Name vorkommt, welchen dieser
Herr, nachdem er die Flucht der Mademoiselle Montbert von Grenwitz
bewerkstelligt haben wrde, fr die Zukunft annehmen zu wollen erklrt, und da
dieser Name (Sie brauchen nur das d' und E wegzulassen) mit dem Namen eines
Herrn, welcher seit einiger Zeit in Ihrer Familie lebt, bereinstimmt. Ich fge
hinzu, wie ich fr mein Theil von der Identitt dieser Person mit dem noch immer
unbekannten Erben von Stantow und Brwalde (besonders auch in Folge von
Mittheilungen, welche mir die bewute Person ber ihre Familienverhltnisse und
frhesten Erinnerungen machte) durchaus berzeugt bin.
    Doch ist diese meine individuelle Ueberzeugung natrlich noch immer nicht
beweisend, und ich nehme daher Anstand, sie, wie ich wohl mte, der bewuten
Person mitzutheilen, um nicht Hoffnungen in ihr zu erregen, die doch
mglicherweise nicht realisirt werden knnten.
    Ich breche hier ab, um meinem mndlichen Referat (kommen Sie vielleicht in
nchster Zeit nach Grnwald? oder befehlen Sie, da ich Ihnen in Grenwitz
aufwarte?) nicht zu viel vorweg zu nehmen und dem Papiere nicht unnthigerweise
noch mehr anzuvertrauen.
    Genehmigen Sie, gndige Frau, den Ausdruck u.s.w.
    Hier ist noch ein Verte! sagte Felix, das Blatt umwendend.
    P.S. Ich habe die Absicht, smmtliche Papiere, da sie mir in meiner Wohnung
nicht sicher genug verwahrt scheinen, einem Advokaten zu bergeben, im Falle Sie
nicht (was aber schleunigst geschehen mte) anders darber verfgen sollten.
    Da schaut der Fuchs zum Loche heraus! sagte Felix. Im Falle Sie nicht anders
darber verfgen sollten, unterstrichen; d.h. haben Sie die Gte, mir die Summe
zu nennen, welche Sie fr diese Papiere zahlen zu knnen glauben, und die Sache
bleibt unter uns. - Ja, ja, der Timm ist ein geriebener Bursche, das habe ich
schon vor heute gewut!
    Also glauben Sie, da er wirklich diese Papiere gefunden hat? fragte die
Baronin erstaunt.
    Warum nicht? sagte Felix; ich finde das Ding uerst wahrscheinlich, und
rathe Ihnen, sich die Papiere in aller Eile zu kaufen, ehe sie im Preise
steigen.
    Und glauben Sie auch, da dieser - da dieser Mensch - ich kann es kaum ber
die Lippen bringen, da dieser Stein wirklich Haralds Sohn ist?
    Mglich ist es immer; sagte Felix.
    Nein, es ist nicht mglich, rief die Baronin mit groer Heftigkeit; es ist
Alles ein hllischer Lug und Trug, ein abgekartetes Spiel zwischen den beiden
Gaunern. Die Briefe sind geflscht, sind von Beiden, whrend sie hier die Kpfe
zusammensteckten, geschmiedet und geschrieben worden. Es ist eine pure
Erfindung, um uns einen Schrecken einzujagen und Geld abzuschwindeln - oder gar!
jetzt hab' ich's! Sehen Sie denn nicht Felix, wo das Alles hinaus will? auf
Helene haben sie es abgesehen! dem Einen Geld, dem Andern das Mdchen!
wahrhaftig! trefflich, trefflich! schade, da Helene nicht auch darber an Mary
Burton geschrieben hat, denn ich wette, sie ist mit im Complott! Aber nichts
sollen sie haben! nichts, nichts! nicht einen Thaler - keinen Groschen!
    Nehmen Sie die Sache nicht zu leicht, Tante! sagte Felix, Timm ist ein sehr
gewitzter Bursche, und wenn die Briefe wirklich geflscht sind, so knnen Sie
sich darauf verlassen, da es keine Stmperarbeit ist, und uns sehr viel zu
schaffen machen kann. Wollen Sie meinen Rath hren?
    Nun?
    Lassen Sie mich morgen, oder wann es ist, nach Grnwald gehen und mit Timm
sprechen. Ich habe in frheren Zeiten schon manche absonderliche Unterhandlungen
mit ihm gefhrt; er wei, da er mir kein X fr ein U machen kann. Ohne Geld
kommen wir freilich nicht los; aber ich kriege die Papiere billiger, als Sie,
oder ein Anderer.
    Und was soll mit Herrn Stein geschehen?
    Den jagen wir mit Schimpf und Schande fort. Wollen Sie mir auch dies
Geschft berlassen?
    Ja, thun Sie, was Sie wollen, aber befreien Sie mich von diesem Menschen!
    Ich will es schon machen. Es findet sich heute Abend wohl eine Gelegenheit.
Mit je mehr Eclat es geschieht, desto besser. Es soll ihm schon die Lust
vergehen, mit uns noch einmal anzubinden. Sie werden doch dem Onkel nichts von
alledem sagen?
    Um Himmelswillen nicht! rief die Baronin. Er wre im Stande, heute noch
Herrn Stein als unsern lieben Verwandten der Gesellschaft vorzustellen. Er ist
ja schon beinahe kindisch! ich kann mich von heute an in nichts mehr auf ihn
verlassen.
    Nun denn! sagte Felix, seiner Tante die Hand kssend; so verlassen Sie sich
auf mich. Wir wollen die Sache schon glcklich zu Ende bringen. - Aber ich
glaube, liebe Tante, es ist die hchste Zeit, da wir Toilette machen. Um
Himmelswillen! fnf Uhr! und um sechs fngt die Gesellschaft an - wie soll ich
in einer Stunde fertig werden!

                           Achtundfnfzigstes Capitel


Wagen auf Wagen rollten durch das groe Thor auf den Schloplatz, und hielten
vor dem Portale still. Geputzte Damen und Herren stiegen aus und wurden von den
Dienern vorlufig in die Garderobezimmer gewiesen, um einige Minuten spter in
der weit geffneten Flgelthr, die in die Gesellschaftsrume im Erdgescho
fhrte, von dem alten Baron und Felix empfangen zu werden.
    Nach und nach versammelte sich so ziemlich der gesammte Adel der Umgegend.
Schon die glnzenden Equipagen, in welchen man heute gekommen war - die meisten
waren mit vier, einige sogar mit sechs herrlichen Pferden bespannt, Vorreiter in
allen mglichen bunten Livreen nicht zu vergessen - noch mehr aber der gewhlte
Anzug der Herren, die glnzende Toilette der Damen bewiesen, da man sich auf
ein Fest im gresten Styl vorbereitet hatte. Man glaubte auch mit ziemlicher
Gewiheit angeben zu knnen, um was es sich heute eigentlich handelte; hatten
doch die Baronin und Felix es an Hindeutungen auf ein Ereigni, das
mglicherweise in nicht allzu langer Zeit eintreten knnte, keineswegs fehlen
lassen! Die Baronin und Felix hatten sich durch diese voreiligen Anspielungen,
wie es schien, einen schlimmen Tag bereitet, und sollten jetzt die Erfahrung
machen, da es viel leichter ist, den Mund der Fama zum Reden als zum Schweigen
zu bringen. Sie hatten alle Mhe, die bedeutungsvollen Mienen der
Bescheideneren, die zarten Andeutungen der Neugierigen, die direkten Fragen der
Zudringlichen zu bersehen, zu berhren, ausweichend zu beantworten, und bei
diesem Fegefeuer doch noch die officielle gesellschaftliche Freundlichkeit und
Hflichkeit zu bewahren. Die Gesellschaft schien im Allgemeinen entschlossen, an
dem Glauben einer Verlobung zwischen Felix und Helene festhalten zu wollen, und
vertrstete sich auf die Abendtafel, wo man ja doch endlich mit der Wahrheit
hervortreten werde. Nur einige wenige Scharfsinnige wollten aus gewissen
Anzeichen schlieen, da die Aussicht auf das bewute Ende wohl nicht so ganz
ungetrbt sei, wie die Meisten anzunehmen schienen. Sie machten darauf
aufmerksam, da das Benehmen der Baronin heute um vieles frmlicher sei, wie
gewhnlich, ja in manchen Augenblicken geradezu verlegen; da der alte Baron
auerordentlich zerstreut sei, und keineswegs den Eindruck eines glcklichen
Familienvaters mache; und was das Brautpaar selbst betreffe, so sei es zum
mindesten auffallend, da Baron Felix sich unausgesetzt in groer Entfernung von
seiner Cousine halte, und Frulein Helene, obgleich sie sich nie durch groe
Lebhaftigkeit auszeichne, heute offenbar mehr wie eine schne kalte
Marmorstatue, als ein junges Mdchen an ihrem Verlobungstage aussehe.
    Die Aufmerksamkeit der Gesellschaft wurde fr einige Zeit von diesem
problematischen Brautpaare abgelenkt, als jetzt, nachdem die ganze Gesellschaft
fast versammelt war, ein wirkliches Brautpaar erschien, dessen Verlobung in den
letzten Tagen eine so ungemeine Sensation erregt hatte: Frulein Emilie von
Breesen an dem Arme Arthur's von Cloten. Das junge Paar hatte zwar schon die
blichen Visiten gemacht; aber die Nachbarschaft war gro. Zu Einigen hatte man
beim besten Willen noch nicht kommen knnen, Andere hatte man zu seinem grten
Bedauern nicht zu Hause getroffen - es gab noch eine Menge Gratulationen in
Empfang zu nehmen und zu erwiedern. Frulein von Breesen, Herr von Cloten
bildeten den Gegenstand und Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit hier im
Kreise der Damen, dort im Kreise der Herren. Herr von Cloten schien
berglcklich; er lachte und schwatzte unaufhrlich, und es schien ein halbes
Wunder, da von seinem blonden Schnurrbart auch nur ein einziges Hrchen brig
geblieben war - so unausgesetzt wirbelte und drehte er denselben durch die
Finger. Frulein Emilie schien ihr Glck mit grerer Gelassenheit zu tragen;
ja, jene Minoritt der Scharfsichtigen wollte eine trbe Wolke auf ihrer Stirn
bemerken, so viel Mhe sich auch ihr reizender Mund gab, freundlich zu lcheln;
man behauptete, da ihr Auge oft ruhelos ber die Gesellschaft schweife, ohne
auf ihrem glcklichen Brutigam auch nur einen Moment zu verweilen.
    Es gab heute berreichen Stoff zu pikanten Klatschereien.
    Das Verhltni von Cloten's zu der ebenso liebenswrdigen, wie gefhrlichen
Hortense von Barnewitz war in dieser Gesellschaft, in welcher es von
Geschichtentrgern und Geberdesphern wimmelte, durchaus kein Geheimni
geblieben, und die letzte groe Gesellschaft in Barnewitz, auf welcher es
zwischen Cloten und dem Gemahl Hortense's zu einer so unerquicklichen Scene kam
und Hortense die Unvorsichtigkeit beging, gerade in diesem Augenblicke in
Ohnmacht zu fallen, hatte den letzten dnnen Schleier von dem Verhltni
fortgezogen. Nun war man uerst neugierig, zu beobachten, wie sich Hortense in
ihren Verlust schicken werde, und vor allem, ausfindig zu machen, wen die blonde
Menschenfischerin zum glcklichen Nachfolger ihres treulosen Galan erkoren habe.
Die Einen riethen auf den Grafen Grieben, die Andern auf Adolf von Breesen.
Beide bewarben sich eifrigst um die gefhrliche Gunst der Circe. Fr Jenen
sprach der Umstand, da er ein verschmhter Bewerber der koketten Emilie, und
als solcher ganz besonders zum Nachfolger Cloten's sich zu qualificiren schien:
fr diesen, da er bei weitem der Hbscheste, Gewandteste und Khnste der ganzen
Schaar war - lauter Eigenschaften, welche die kluge Hortense sehr wohl zu
schtzen wute.
    Ich parire auf Grieben, sagte der junge Sylow; zwlf Flaschen Champagner!
wer hlt?
    Ich, rief von Nadelitz; pah! da mte ich Breesen nicht kennen.
    Sechs Flaschen Reugeld bis zum Cotillon heute Abend?
    Ha, ha! hrt Ihr's? Er verliert die Courage schon; aber angenommen;
angenommen!
    Wirklich ein famoses Weib, die Barnewitz! sagte Hans von Plggen; ich
wollte, ich stnde auch auf der Candidatenliste.
    Nun, zu der Ehre ist leicht zu gelangen; meinte ein Anderer.
    Ich wei nicht, was Ihr an der Barnewitz findet; sagte von Sylow. Da ist
doch die Berkow eine ganz andere Erscheinung. Ich wollte, die Berkow wre hier.
    Das wollten wohl noch Mehrere! sagte ein Anderer; aber Ihr wit doch, da
Berkow todt und Melitta seit vorgestern zurck ist?
    Eine alte Neuigkeit.
    Auch da sie sich in Kurzem mit Oldenburg verloben wird?
    Unsinn!
    Ihr knnt Euch drauf verlassen; ich habe es von der Barnewitz. Die wird es
doch wohl wissen.
    Kommt denn Oldenburg heute nicht?
    Ich hrte von Felix, da er zugesagt habe; aber Oldenburg hat ja seine
besonderen Gewohnheiten.
    Melitta's Rckkehr und der Tod Herrn von Berkow's wurden nicht blos im
Kreise der Jngeren lebhaft debattirt. Melitta war eine der gefeiertsten Damen
der Gesellschaft und hatte trotzdem merkwrdigerweise wenig Neider und Feinde.
Hin und wieder wurde ihr ein etwas excentrisches Wesen, eine Neigung zum
Besondern, Ungewhnlichen zum Vorwurf gemacht; dieser meinte, sie sei ihm zu
gebildet; jener, sie kokettire mit dem Liberalismus - aber im Allgemeinen wurde
ihre Liebenswrdigkeit, ihre Gutmthigkeit und Anspruchslosigkeit doch willig
anerkannt; abgesehen davon, da der Zauber ihrer Erscheinung ber allen
Widerspruch erhaben war. Man freute sich, da sie endlich von dem Alp, der so
lange auf ihrem Herzen gelastet, erlst sei, und war uerst begierig zu wissen,
wen sie demnchst mit ihrer Hand beglcken werde. Denn da eine so junge,
lebenslustige Frau jetzt, da sie sich wieder frei fhlen durfte, nicht lange
unvermhlt bleiben knne, schien unzweifelhaft. In der allerletzten Zeit war,
man wute nicht recht durch wen? das Gercht verbreitet worden, Baron Oldenburg
habe bei weitem die meisten Aussichten; ja, ganz unter der Hand erzhlte man
sich, eine Intimitt zwischen dem Baron und Melitta habe von jeher bestanden,
und Herr von Berkow habe zu sehr gelegener Zeit den Verstand verloren. Man trug
sich sogar mit gewissen Details aus der Geschichte dieses geheimnivollen
Verhltnisses, die, wenn sie begrndet waren, den Ruf Melitta's einigermaen
compromittiren muten. Man wute nicht, von wem diese Gerchte ausgegangen
waren. Die scharfsichtigere Minoritt meinte: von Hortense Barnewitz, und das
Ganze sei eine Rache an Oldenburg fr einen gewissen guten Rath, den er seinem
Freunde Cloten vor einiger Zeit gegeben, und den Cloten so blindlings befolgt
habe, da er sich, als er die Augen aufthat, zu den Fen Emiliens von Breesen
wieder fand.
    Unterdessen war die achte Stunde, in welcher der Ball beginnen sollte,
herbeigekommen. Die Baronin erffnete denselben an der Hand des Grafen Grieben.
Graf Grieben hatte trotz des schmetternden Kreischens seiner Stimme alle Mhe
die Musik zu berschreien, die auf seinen speciellen Wunsch voranging, da er auf
den geistreichen Einfall gekommen war, die lange Reihe der tanzenden Paare nicht
nur durch die Sle des Schlosses, sondern auch um den groen Rasenplatz und
weiter in die dichtesten Theile des Gartens hinein und aus demselben wieder
zurck in den Ballsaal zu fhren, wo er die Polonaise mit einem feierlich
langsamen Walzer schlo.
    Das ist so gute alte Sitte, gn'ge Frau! kreischte er vergngt der Baronin
in's Ohr; mein Vater selig hielt's so und mein Grovater selig. Die Alten
kannten den Rummel. Jugend hat keine Tugend. Meinen Sie nicht auch, gn'ge Frau?
    Ja wohl, ja wohl! sagte die Baronin.
    Tanz reihte sich an Tanz. Die Geigen quinquilirten, der Ba brummte
dazwischen. Die Gesichter der Tnzer fingen an, sich zu erhitzen; die Damen
begannen ihre Fcher hufiger zu benutzen; die Diener, welche in den Pausen mit
Erfrischungen umher gingen, sahen die Prsentirbretter immer schneller geleert -
aber die rechte Lust wollte sich doch nicht entznden; es war, als ob ein
Schleier ber der Gesellschaft hing.
    Wei der Teufel, was das heute ist, sagte der junge Grieben, sich die Stirn
wischend, als er in einer der Pausen an eine Gruppe von Herren, die mitten im
Saale stand, herantrat: man tanzt sich fast die Beine ab, aber es geht nicht;
man kommt nicht in Zug.
    Nun, Sie knnen lange tanzen, bis Sie Ihre Beine abgetanzt haben, sagte von
Sylow; aber Sie haben Recht; ich habe schon ein paar Flaschen getrunken; je mehr
ich trinke, desto melancholischer werde ich.
    Mir geht es eben so; sagte ein Dritter; ich wei nicht, woran es liegt; der
Ball in Barnewitz neulich war viel amsanter.
    Woran es liegt? sagte von Breesen. Nun, ich dchte, das wre klar genug. Der
alte Baron sieht aus wie ein Hahn, wenn's regnet; die Baronin wie eine
entthronte Hekuba - heit ja wohl Hekuba? - Felix fngt mit Jedem Hndel an, der
in seine Nhe kommt, und Frulein Helene hat, glaube ich, den ganzen Abend noch
nicht drei Worte gesprochen. Und dabei soll ein Mensch vergngt sein? Mir ist,
als ob eine Leiche im Haus wre.
    Nun, einen Kranken zum wenigsten giebt's; sagte von Plggen. Der alte Baron
erzhlte mir's eben: Bruno liegt schon seit gestern zu Bett.
    Deshalb ist auch wohl der Doctor Stein nicht unten; sagte Graf Grieben; ich
glaubte er habe noch ein Exercitium zu corrigiren und werde spter erscheinen,
ha, ha, ha!
    Seien Sie still, Grieben; meinte Hans von Plggen; Sie haben neulich ganz
anders ber den Doctor gesprochen.
    Ich habe gesagt, da er ein verdammter Geck sei, dem ich bei nchster
Gelegenheit seinen Standpunkt klar machen wrde, und das sage ich noch.
    Das ist wrtlich, was auch Felix vorhin sagte - der Doctor scheint ja im
Allgemeinen recht hbsch bei den Herren anschrieben zu sein.
    In desto hherer Gunst steht er bei den Damen, bemerkte von Nadelitz
ironisch.
    Ja wohl; sagte von Breesen; er soll neulich auf dem Balle drei Schwestern
auf einmal unglcklich gemacht haben.
    Wenigstens haben sie sich nicht die Augen ausgeweint, wie man sich von
Frulein von Breesen erzhlt; erwiederte Nalitz, welchen die Anspielung Breesens
auf seine drei Schwestern rgerte.
    Ich verbitte mir dergleichen! sagte von Breesen auffahrend.
    Was Einem recht ist, ist dem Andern billig.
    Ich habe keine Namen genannt.
    Weil ohnehin Jeder wute, wen Sie meinten.
    Aber, Ihr Herren, tant de bruit pour une omelette! sagte von Plggen, ich
glaube, Ihr werdet Euch noch dieses Menschen wegen in die Haare fahren, damit
die, welche behaupten, da er Fortune bei unseren Damen mache, doch ja Recht
behalten.
    Wit Ihr schon das Allerneueste, sagte von Cloten, pltzlich seinen blonden
Schnurrbart in die Gruppe steckend.
    Nun?
    Denkt Euch, dieser Stein - doch st! da kommt Grenwitz - kein Wort, wenn ich
bitten darf.
    Nun, meine Herren, sagte Felix; wollen Sie nicht die Gte haben, zum
Contretanz anzutreten; ich habe schon zweimal das Zeichen geben lassen.
    Felix sagte das in einem beinahe gereizten Tone. Sein sonst nicht gerade
blhendes Gesicht war stark gerthet. Augenscheinlich hatte er der Flasche schon
mehr als rthlich zugesprochen.
    Als der Tanz zu Ende war, fanden sich die Herren, welche vorhin durch Felix'
Dazwischenkunft in ihrer Unterhaltung gestrt waren, wie auf Verabredung wieder
zusammen.
    Nun, wo ist Cloten mit dem Allerneuesten? fragte von Sylow.
    Hier! sagte Cloten herantretend. Denkt Euch, dieser Stein - wir sind doch
entre nous?
    Ja, ja, nur weiter!
    Hat die Frechheit, - nun rathet einmal mit wem? ein Verhltni anzuknpfen -
    Aber, Cloten, Sie sind unertrglich! werden Sie endlich einmal mit Ihrer
Neuigkeit zu Platz kommen?
    Mit Helene Grenwitz; sagte von Cloten in einem hohlen Geisterton.
    Nun, das wre nicht bel; sagte von Sylow.
    Das sieht dem Burschen hnlich; meinte von Grieben.
    Hinc illae lacrimae! sagte Breesen.
    Und was das Schnste ist, fuhr Cloten fort; Frulein Helene hat gar nichts
dagegen; au contraire, ist bis ber die Ohren in ihn verschlossen. Ist das nicht
allerliebst?
    Von wem hast Du denn diese Mordgeschichte, Cloten? fragte Adolf von Breesen.
    Aus sehr guter Quelle; erwiederte Cloten mit einem bedeutungsvollen Zwinkern
nach der Gegend des Saales, wo eben Emilie von Breesen, mit Helene sprechend,
stand.
    Hm, hm! sagte Breesen.
    Die Geschichte ist nicht unwahrscheinlich, meinte von Sylow. Nun erklrt
sich die Leichenbittermiene, die Grenwitzens heut' ohne Ausnahme machen.
    Ich sagte ja gleich, da hier irgend etwas los sei; meinte von Breesen. Es
ist mir brigens sehr lieb, da ich mich mit dem Burschen nicht tiefer
eingelassen habe, wozu ich anfnglich - ich gestehe es offen - wirklich einige
Lust hatte. Der Mensch hat wahrlich etwas ungemein Bestechendes.
    Er schiet famos, sagte Sylow nachdenklich.
    Famos oder nicht, sagte Cloten; ich glaube gar, Ihr Herren, wir lassen uns
so viel von dem Menschen gefallen, weil er nicht schlecht schiet. Nein, Ihr
Herren, das geht nicht, geht wahrhaftig nicht! Ich schlage vor, wir suchen
unsern Fehler wieder gut zu machen und behandeln den Menschen, wenn er sich
wieder unter uns blicken lt, mit der insignesten Geringschtzung - wahrhaftig!
    Auf Ehre! sagte Graf Grieben, Cloten hat Recht. Ich werde den Burschen das
nchste Mal mit der Reitpeitsche tractiren.
    Schade, da er nicht hier ist, damit Sie Ihre Drohung gleich in Anwendung
bringen knnen; sagte von Breesen ironisch.
    Quand on parle du loup - sagte von Sylow; da kommt er ja! Und sein Pylades
Oldenburg natrlich bei ihm.
    Wirklich zeigten sich in diesem Augenblick durch die weitgeffnete
Flgelthr Oswald und Oldenburg in dem Nebenzimmer. Sie sprachen einige Minuten
mit einander; dann trat Oldenburg in den Saal, whrend Oswald von dem alten
Baron drauen festgehalten wurde.

                           Neunundfnfzigstes Capitel


Oswald hatte whrend des ganzen Tages Bruno's Bett nur auf Augenblicke
verlassen, nachdem er von jener denkwrdigen Unterredung mit Helene
zurckgekommen war. Er hatte in der Pflege des lieben Kranken sich selbst zu
vergessen gesucht.
    Bruno selbst verga seine Schmerzen, als ihm Oswald erzhlte, er habe Helene
gesprochen und den Brief in ihre Hnde gelegt; ja er bemerkte nicht einmal
Oswald's bleiches Gesicht und verstrtes Wesen.
    Nun ist Alles gut, rief er, jetzt wei sie, woran sie ist. Jetzt knnen sie
ihr nichts mehr anhaben; jetzt ist sie auf ihrer Hut. O, der eine Gedanke schon
hat mich gesund gemacht.
    Leider war das aber nicht der Fall. Die Schmerzen in der Seite stellten sich
schon nach wenigen Minuten mit desto grerer Heftigkeit wieder ein. Oswald
hoffte mit Bestimmtheit, da Doctor Balthasar sein Versprechen halten und im
Laufe des Vormittags kommen werde. Aber der Vormittag verging und kein Doctor
lie sich sehen. Bruno's Zustand wurde nicht schlimmer, aber auch nicht besser,
und Oswald war zu sehr Laie, um sich zu sagen, da ein Zustand, der nicht besser
wird, sich eben verschlimmert. Indessen lie es ihm keine Ruhe, bis gegen
Mittag, wo der Arzt noch immer nicht gekommen war, ein reitender Bote in die
Stadt geschickt wurde. Der Bote brachte freilich die von Doctor Balthasar
verordnete Einreibung aus der Apotheke mit, meldete aber, da der Doctor selbst
nicht in der Stadt gewesen sei, und Doctor Braun erst heute Abend zurckkommen
wrde. Er sei selbst in der Wohnung des Letzteren gewesen und habe dem Mdchen
gesagt, da der Herr Doctor, wenn irgend mglich, doch ja noch kommen mchte.
Oswald war dem verstndigen Menschen, der selbst an Bruno's Krankheit den
lebhaftesten Antheil nahm, sehr dankbar fr diese Umsicht. Er athmete ordentlich
auf, als er hrte, da Braun, auf den er ein felsenfestes Vertrauen hatte, nicht
mehr fern sei. Unterdessen verga er nicht, das von dem Collegen desselben
verschriebene Mittel anzuwenden, welches indessen sich ohne allen Erfolg zeigte,
bis Bruno endlich bat, von dieser nutzlosen Kur abzustehen.
    So vergingen, eine nach der andern, die langen, langen Stunden, die nur der
Kranke kennt, der sich ruhelos auf seinem Lager wlzt, und der, welcher, die
Seele voll unaussprechlicher und ach! so hlfloser Angst an diesem Lager sitzt
und auf den Arzt harrt, der nicht kommen, und auf das kleinste Symptom der
Besserung, das sich nicht zeigen will.
    Der alte Baron schickte einige Male hinauf und lie sich nach Bruno's
Befinden erkundigen; kam auch am Nachmittage selbst; dankte Oswald mit groer
Herzlichkeit fr seine Sorge, klopfte Bruno auf die heien Wangen und sagte:
wenn er recht bald gesund wrde, sollte er auch das Reitpferd haben, das er sich
schon so lange gewnscht htte.
    Es thut mir leid, sagte er zu Oswald, als dieser ihn zur Thr hinaus
begleitet hatte, da gerade heute die Gesellschaft sein mu. Es wre mir
schrecklich, denken zu mssen, da hier im Schlosse ein Fest gegeben wird,
whrend einer der Meinigen gefhrlich krank liegt.
    Oswald suchte, so gut er es vermochte, den guten alten Herrn zu beruhigen,
obgleich sein eigenes Herz voll schwerer Sorge war. Auch wagte er nicht, dem
Baron gerade jetzt einen Entschlu mitzutheilen, der in diesen letzten Stunden
bei ihm zur Reife gekommen war.
    Es stand jetzt fr ihn fest: da seines Bleibens in diesem Hause nicht
lnger sein drfe.
    Wie er frder ohne Bruno wrde leben knnen; wie er sich von der Seligkeit,
Helenen tglich zu sehen, wrde lossagen knnen - er wute es nicht. Er wute
nur das Eine: Du mut fort.
    Das wiederholte er sich immer, whrend er Bruno's Kissen glttete, Bruno's
heie Hnde in die seinen nahm, ihm das ppige Haar aus der Stirn strich, seine
glhenden Lippen netzte.
    Wenn meine Mutter lebte, sie knnte mich nicht besser pflegen, sagte Bruno,
ihm dankbar die Hand drckend.
    Du hast Deine Mutter nie gekannt, Bruno?
    Kaum, ich war erst drei Jahre, als sie starb. Aber von meinem Vater wei ich
noch. Und nun fing der Knabe mit fieberhafter Lebendigkeit an von seinem Vater
zu erzhlen: wie schn und gro und stark er gewesen sei, nicht so schlank wie
Du, aber noch breiter in den Schultern, und mit langen dunklen Locken, die ihm
bis auf die Schultern wallten, wie den Knig Harfagar. Und von dem kleinen Gute,
hoch oben in Dalekarlien, das der Vater mit noch zwei Knechten ganz allein
bewirthschaftet habe. Und wie geschickt der Vater in Allem gewesen sei, und wie
er die Axt zu fhren verstanden habe, trotzdem er in seiner Jugend Page an dem
Hofe der Knigin gewesen war und ihr die lange seidene Schleppe getragen hatte
bei den prunkenden Festen. Und von Thor, dem schnellen Traber, den der Vater vor
den Schlitten spannte, und von den nordischen Winternchten, wenn die Sterne an
dem schwarzen Himmel funkelten wie Diamanten, Rubinen und Smaragden, so hell,
da der Schnee in ihrem Scheine glitzerte. Und von dem Nordlicht, wie es
pltzlich am Horizont aufflammt und seine Feuerarme bis zum Zenith
hinaufstreckt.
    Wir mssen zusammen einmal nach Schweden reisen, sagte er; der Winter hier
ist nur Kinderspiel; da sollst Du einmal Schnee und Eis zu sehen bekommen! Hier
ist es hei, unertrglich hei - ich wollte, ich lge in Eis und Schnee.
    Und der Knabe warf sein Haupt ruhelos auf dem Kissen umher und verlangte zu
trinken.
    Da tnte Musik herauf aus dem Garten.
    Was ist das? sagte Bruno, in die Hhe fahrend.
    Oswald trat an's Fenster.
    Es ist die ganze Gesellschaft, sagte er, sie kommen eben zwischen den Bumen
heraus. Graf Grieben und Deine Tante erffnen den Zug. Sie wollten hier an
unserem Fenster vorber, aber der Baron, der mit der Grfin Grieben folgt,
bedeutet ihnen, den anderen Weg einzuschlagen. Die ersten Paare verschwinden
schon wieder; aber immer neue Paare tauchen auf.
    Ist Helene schon vorber? fragte Bruno, sich in die Hhe stemmend.
    Nein, noch nicht.
    O, da ich nicht aus dem Bette kann! rief Bruno, von der Anstrengung und dem
heftiger gewordenen Schmerz ermattet zurcksinkend.
    Da ist sie.
    Doch nicht mit Felix?
    Nein, mit einem jungen Mann, den ich noch nicht gesehen habe.
    Gleichviel, sagte Bruno; mit Allen, nur nicht mit Felix.
    Jetzt sind die Letzten vorber; sagte Oswald, sich wieder zu Bruno an's Bett
setzend.
    Bruno's Unruhe schien durch diese directe Erwhnung Helenens, die Beide, wie
auf Verabredung, seit dem Morgen vermieden hatten, erhht. Er fing wieder an,
von Helene zu sprechen. Oswald sollte ihm erzhlen, was sie angehabt, ob sie
schn, sehr schn ausgesehen habe, viel schner, als alle brigen Damen? ob sie
gelchelt habe, ob sie einen Blick nach dem Fenster emporgeworfen?
    O, knnte ich doch nur aufstehen! knnte ich sie doch nur noch einmal sehen!
    Du wirst sie ja bald wieder sehen, Bruno.
    Ich wei es nicht; gerade heute mchte ich sie nur einmal, nur auf einen
Augenblick sehen. Es ist mir, als ob ich ihr etwas zu sagen htte, was mir das
Herz abdrckt. Und dann, wenn sie den Felix fortschickt, und sie wird es thun -
so soll sie ja wieder in die Pension zurck, und da kann es lange dauern, bis
ich sie wieder sehe. Aber ich bleibe auch nicht hier, wenn sie fort ist. Komm
mit, Oswald, wir wollen nach Hamburg. Du bist ja so klug und geschickt, Du wirst
schon eine Beschftigung finden, und ich auch - irgend eine, gleichviel welche,
wenn ich nur in ihrer Nhe sein darf, sie nur von Zeit zu Zeit sehen darf.
    Er verfiel in eine Art von Halbschlaf, aus dem er pltzlich wieder
emporfuhr.
    Warum ist Helene fortgegangen?
    Du trumst, Bruno; sie ist nicht hier gewesen.
    Auch Tante Berkow nicht?
    Nein, Bruno.
    Wie deutlich ich Beide gesehen! Sie kamen Hand in Hand zur Thr herein;
Helene in wei, mit einem Kranz von dunkelrothen Rosen im Haar; Tante Berkow in
schwarz, das Haar, wie sie es immer trgt. Tante Berkow fhrte Dir Helene zu,
und Ihr sankt Euch in die Arme und weintet und ktet Euch; und dann trat Tante
Berkow an mein Bett und sagte: so, Bruno, nun kannst Du schlafen gehen. Da
fielen mir die Augen zu; es wurde Nacht um mich her, ich sank mit dem Bett
tiefer und tiefer und schneller und immer schneller - darber bin ich vor
Schreck aufgewacht.
    Fhlst Du Dich krnker, Bruno? fragte Oswald, den die Phantasien besorgt
machten.
    Im Gegentheil, erwiederte Bruno; der Schlaf hat mir sehr wohl gethan. Meine
Schmerzen sind bedeutend geringer; aber ich fhle mich sehr matt. Ich glaube,
ich knnte schlafen.
    Er legte sein Haupt auf die Seite; aber schon nach wenigen Augenblicken fuhr
er wieder auf:
    Oswald, willst Du mir einen recht, recht groen Gefallen thun?
    Gewi! was soll ich?
    Bitte, zieh Dich an und gehe hinunter in die Gesellschaft.
    Um Alles in der Welt nicht!
    Bitte, bitte, thu's! thu's mir zu Liebe. Sieh! ich fhle mich ja jetzt viel
besser und mchte gern schlafen und werde auch schlafen. Da kannst Du mir ja
doch nicht helfen.
    Aber was soll ich unten?
    Sieh, Oswald, sagte Bruno; ich mchte doch Helene so unbeschreiblich gern
sehen. Und ich kann nicht auf; ich fhle gar keine Kraft in meinen Gliedern.
Wenn nun Du sie siehst, so ist mir, als htte ich sie auch gesehen. Bitte,
bitte! geh hinunter! Du brauchst ja Niemand zu sprechen; nur, wenn es mglich
ist, sage Helenen, ich liee viel tausendmal gren - und wenn Du das gesagt
hast, und sie hat vielleicht geantwortet: und gren Sie Bruno auch von mir!
dann komme schnell, recht schnell wieder, da Du den Ton, in dem sie es gesagt
hat, nicht vergissest. Und hre, Oswald, da ich gerade daran denke: es knnte ja
doch sein, da ich einmal pltzlich sterbe, nein, - lache nicht! ich rede im
Ernst - dann gieb nicht zu, da man mich umkleidet; ich will so, wie ich
gestorben bin, in den Sarg gelegt werden. Sieh! - Du weit, da ich stets ein
Medaillon auf dem Herzen trage; es ist von meiner Mutter, aber nicht deshalb
allein halte ich es so heilig! Es liegt eine Locke von Helenens Haar darin, die
ich ihr gleich in der ersten Zeit einmal im Scherz abgeschnitten habe. Wenn mir
das Medaillon genommen wrde - ich glaube, ich htte keine Ruhe im Grabe. Und
nun, bitte, geh! es wird sonst so spt.
    Oswald wute nicht, was er thun sollte. Gab er dem Verlangen des Knaben
nicht nach, so mute er frchten, dessen fieberhafte Unruhe, die sich jetzt fast
gnzlich gelegt zu haben schien, wieder hervorzurufen. Auf der andern Seite war
ihm der Gedanke, ihn, wenn auch nur auf kurze Zeit, zu verlassen, sehr peinlich.
Und doch htte er auch Helenen so gern gesehen - nur fr einen Augenblick -
mute sich doch in diesen Stunden Alles entschieden haben.
    Bruno machte seinen Zweifeln ein Ende.
    Du hast es mir versprochen! sagte er traurig, und nun willst Du nicht, Du
hast mich nicht lieb!
    Oswald ging in das Nebenzimmer, sein Schlafgemach, und kleidete sich um. Er
hatte sich wohl noch nie in einer solchen Stimmung zu einer Gesellschaft
angekleidet. Das Ganze erschien ihm eine schauerliche Ironie. Er erschrak, als
er sein bleiches, verwstetes Gesicht im Spiegel betrachtete. In diesen letzten
Stunden schien er um eben so viele Jahre gealtert zu sein.
    Er trat wieder an Bruno's Bett.
    La Dich doch einmal betrachten, sagte der Knabe, sich halb aufrichtend. Wie
stattlich Du aussiehst! wie schn! - ksse mich, Oswald!
    Oswald nahm den Knaben in seine Arme und kte ihn auf die schnen, stolzen
- jetzt ach, so bleichen Lippen. Dann lie er ihn sanft auf das Kissen gleiten.
    Ich fhle mich sehr, sehr wohl; sagte Bruno; beeile Dich nicht, ich werde,
bis Du zurckkommst, kstlich schlafen.

                              Sechzigstes Capitel


Auf dem Vorsaal unten begegnete er dem Baron Oldenburg.
    Ich htte groe Lust, wieder umzukehren, sagte Oldenburg nach der ersten,
von beiden Seiten ziemlich frmlichen Begrung; ich glaubte nicht, da die
Gesellschaft so gro sei, bin zu Pferde gekommen und, wie Sie sehen, nicht ganz
etiquettemig angeputzt. Wer ist denn Alles da?
    Ich komme selbst erst in diesem Augenblick von oben; erwiederte Oswald;
Bruno ist seit vorgestern unwohl; jetzt hat er mich fortgeschickt, weil er
schlafen will.
    O, das thut mir ja leid, sagte Oldenburg; der Junge wird hoffentlich nicht
ernstlich krank werden. Sagten Sie mir nicht, da er ein groer Liebling von
Ihnen sei?
    Ja. Haben Sie keine Nachricht von -
    Von meiner Czika? nein.
    Oldenburgs Gesicht verdsterte sich. Wollen wir eintreten? fragte er.
    In einem der Nebenzimmer zum Ballsaale begegneten sie dem alten Baron.
Oldenburg ging nach einer kurzen Begrung in den Saal, Oswald mute dem alten
Herrn einen ausfhrlichen Bericht ber Bruno's Befinden whrend der letzten
Stunden machen.
    Nun, das ist ja schn, recht schn, sagte er, da wir noch so mit einem
blauen Auge davonkommen; ich frchtete schon, es wrde ein Nervenfieber werden.
Gehen Sie doch auch zu meiner Tochter und sagen Sie ihr: da es sich mit Bruno
bessert; sie hat sich schon ein paar Mal nach ihm erkundigt.
    Oswald trat in den Saal. Man fing eben wieder einen Tanz an, den letzten vor
der groen Pause, in welcher in den Slen oben gespeist werden sollte. Er blieb
in der Nhe der Thr auf dem Tritt des niedrigen Divans, der sich um den ganzen
Saal herumzog, stehen. Die Paare der Tanzenden wechselten; bald kamen diese,
bald jene in seine Nhe. Einmal stand Emilie von Breesen, die mit ihrem
Brutigam tanzte, dicht vor ihm. Sie that, als ob sie ihn nicht bemerkte; sie
lachte und scherzte, vielleicht etwas zu laut - von Cloten dagegen machte von
dem Vorrecht der Leute in seiner Situation, die gleichgltigsten Dinge im
Flsterton mit obligatem bedeutungsvollen Lcheln in die Ohren zu raunen, den
ausgedehntesten Gebrauch.
    Oswald hatte von der pltzlichen Verlobung dieser Beiden gehrt; er wute
wohl am besten, wie dieselbe zu Stande gekommen war. Er erinnerte sich, wie
wegwerfend Emilie an dem Abend in Barnewitz sich ber Cloten geuert hatte.
Jetzt war sie seine Braut. - Es wird eine unglckliche Ehe werden, dachte
Oswald, und er mute sich sagen, da er nicht den kleinsten Theil der Schuld an
diesem Unglck trage.
    Ein paar Augenblicke spter kam Helene in seine Nhe. Sie tanzte mit von
Sylow. Oswald hatte sie schon lngere Zeit beobachtet und bemerkt, da sie
schweigend und kalt, wie eine Marmorstatue neben ihrem Tnzer stand, der die
Hoffnungslosigkeit seiner Bemhungen, eine Conversation zu Stande zu bringen,
eingesehen zu haben und den Kronleuchtern eine specielle Aufmerksamkeit zu
widmen schien. Sobald sie Oswald erblickte, flog ein Strahl des Lebens ber die
schnen ernsten Zge. Sie winkte ihm mit den Augen zu sich heran.
    Wie geht es Bruno?
    Danke! besser; er wollte schlafen.
    Bleiben Sie hier?
    Nein! ich werde sofort wieder hinaufgehen.
    Gren Sie Bruno - und hier! nehmen Sie ihm diese Rosenknospe mit.
    Helene nahm eine Rosenknospe aus dem Bouquet, welches sie in der Hand trug,
und gab sie Oswald, der sie mit einer Verbeugung entgegennahm. Er bemerkte, da
von Sylow's Aufmerksamkeit sich pltzlich von den Kronleuchtern abgewandt hatte,
und da die Augen des jungen Edelmannes mit einem Ausdruck, der ihm durchaus
nicht gefiel, auf ihm hafteten.
    Im nchsten Moment stand ein anderes Paar auf der Stelle.
    Hast Du Deinen alten Anbeter nicht gesehen, Emilie? sagte Cloten.
    Wen?
    Dort drben, den Doctor Stein. Er stand vorhin dicht hinter uns.
    Ach da! - meinen alten Anbeter! Du bist wohl toll, Arthur!
    Nun, nun! sei nur nicht bs! ich glaube ja kein Wort von der ganzen
Geschichte. Aber um Himmelswillen, sieh doch nur! Er spricht jetzt mit Helene
Grenwitz; sie giebt ihm eine Rose. Nein, da hrt doch aber Alles auf!
wahrhaftig, Alles!
    Ich sagte Dir ja, da die Beiden vollkommen einig seien. Er sticht Euch Alle
aus.
    Wahrhaftig - es ist stark! aber ich habe dafr gesorgt, da die Geschichte
unter die Leute kommt.
    Was hast Du gethan?
    Nun, ich habe weiter erzhlt, was Du mir vorhin unter dem Siegel der
Verschwiegenheit mittheiltest. Der ganze Saal wei es schon.
    Aber das hatte ich Dir nicht erlaubt.
    Ich glaubte in Deinem Sinne zu handeln. Herr Stein wird es bereuen, wenn er
sich nicht schleunigst mit seiner Rosenknospe entfernt.
    Was hast Du vor?
    O, wir wollen nur dem Burschen seinen Standpunkt klar machen. Es wird eine
gottvolle Geschichte, wahrhaftig! Ich erzhle sie Dir nachher.
    Der glckliche Brutigam fhrte seine Braut, da der Tanz zu Ende war, nach
ihrem Platz zurck und wandte sich zu von Sylow, der auf ihn zukam.
    Hast Du gesehen, Cloten?
    Na ob!
    Es ist ein wahrer Scandal.
    Ich bedaure nur den armen Felix.
    Das mssen wir ihm doch erzhlen. Weit Du nicht, wo er ist?
    Er sagte vorhin, das Tanzen langweile ihn; er wollte zu den Spielern gehen.
Barnewitz hat, glaube ich, eine Bank aufgelegt. Wir knnen auch hin; es wird
nicht mehr getanzt vor Tische. Es ist gerade noch Zeit, ein paar Louis zu
gewinnen. Kommst Du mit?
    Natrlich.
    Emilie von Breesen hatte die Unterredung der Beiden aus der Ferne
beobachtet. Sie sah, wie sie lachend, Arm in Arm, den Saal verlieen. Auch
Oswald sah sie nicht mehr. Eine entsetzliche Angst ergriff sie. Sie hatte in
ihrer eiferschtigen Wuth zuerst Oswald's Namen mit dem Helenen's in Verbindung
gebracht; sie hatte, sich an Oswald zu rchen, schon vor einigen Tagen Felix die
Entdeckung, die sie gemacht zu haben glaubte, mitgetheilt. Sie hatte heute Abend
wieder davon angefangen, um den geistlosen Neckereien Clotens ein Ende zu
machen. Jetzt erst merkte sie, da sie zu weit gegangen sei und da sie
vielleicht Oswald, den sie trotz alledem noch mit der ganzen Kraft ihres
leidenschaftlichen Herzens liebte, einer groen Gefahr ausgesetzt habe. Sie
htte ihn vielleicht in der Raserei ihrer Eifersucht mit ihren eigenen Hnden
tdten knnen - aber ihn den brutalen Mihandlungen Clotens und der Anderen
aussetzen - der Gedanke war ihr frchterlich. Sie blickte wie hlfesuchend im
Saale umher.
    Ihr Bruder kam in ihre Nhe. Sie rief ihn.
    Was willst Du, Kleine?
    Hast Du den Doctor Stein schon gesehen?
    Ja, weshalb?
    Du wolltest ihn ja whrend der Jagdzeit auf ein paar Tage zu uns einladen.
Es wre doch unartig, wenn wir uns jetzt gar nicht um ihn kmmerten.
    Emilie war sehr roth geworden, als sie das sagte; ihre ganze
Geistesgegenwart schien sie verlassen zu haben.
    Ihn zu uns einladen? rief Adolf von Breesen, nun, das fehlte wahrhaftig
noch! damit die albernen Klatschereien, die Lisbeth ber Dich und ihn
aufgebracht hat, doch ja unsterblich werden - ihn zu uns einladen? lieber wollte
ich -
    Ich bitte Dich, Adolf! sei still, der halbe Saal kann ja hren, was Du
sagst.
    Kleine! sagte der junge Mann in leisem, aber bestimmten Ton. Das gefllt mir
nicht. Du weit, ich habe Dich lieb, wie ein Bruder nur seine Schwester lieben
kann; aber gerade deshalb mu ich dafr sorgen, da Du Dich in keine solche
Thorheiten tiefer einlt. Und ich werde dafr sorgen, verla Dich d'rauf!
    Damit wandte er ihr den Rcken und ging den Anderen nach zum Saal hinaus.
    Emilie hatte Mhe, ihre Thrnen zurckzuhalten. Ihre Angst wuchs mit jeder
Secunde. Es mute Rath geschafft werden - so oder so.
    Sie ging auf Helene zu, die nicht weit von ihr mit andern Damen auf dem
Divan sa und sagte:
    Auf ein Wort, Helene!
    Was ist's? sagte Helene, aufstehend.
    Komm ein wenig weiter hierher. - Helene, Du hast den Doctor Stein lieb,
nicht wahr?
    Wie kommst Du darauf? erwiederte Helene und die Gluth scho ihr in die
bleichen Wangen.
    Gleichviel, ich habe ihn auch lieb; ich habe ihn sehr lieb, wenn Du willst -
und deshalb bitte ich Dich, sage ihm - Du kannst es, ich kann es nicht, sonst
wrde ich es selber thun - er solle sich aus der Gesellschaft entfernen. Cloten
und mein Bruder und die Anderen sind sehr aufgebracht ber ihn. Ich frchte, sie
fhren etwas gegen ihn im Schilde. Bitte, bitte, Helene, sage ihm: er solle
fortgehen - gleich - ich wre auer mir, wenn ihm auch nur die geringste
Beleidigung von meinem Bruder oder von Cloten zugefgt wrde.
    Aber wo ist er? sagte Helene, welche die von Emilie ausgesprochenen
Befrchtungen, freilich nicht ganz aus denselben Grnden, nur zu wahrscheinlich
fand. Ich glaube, er ist schon wieder nach oben gegangen.
    Wenn Du es nicht gewi weit, verlasse Dich nicht darauf. Frage doch den
Bedienten da!
    Haben Sie Herrn Doctor Stein nicht gesehen?
    Er ist drben, gndiges Frulein, in den Spielzimmern.
    O, mein Gott, was sollen wir thun? sagte Emilie.
    Baron Oldenburg! rief Helene; wollen Sie die Gte haben, einen Augenblick
hierher zu kommen?
    Mit Vergngen, mein Frulein, sagte der Baron, der, die Hnde auf dem
Rcken, ein Gemlde an der Wand betrachtete.
    Was hast Du vor, Helene?
    La mich nur! Wollen Sie mir einen Gefallen thun, Herr Baron.
    Mais sans doute!
    Suchen Sie den Doctor Stein auf; er ist drben in den Spielzimmern, und
sagen Sie ihm: ich liee ihn bitten, sogleich zu Bruno zurckkehren. Merken Sie
wohl, Herr Baron: sogleich!
    Es bedurfte nicht Oldenburg's Scharfblick, um zu sehen, da dieser Auftrag,
den ein Diener eben so gut htte ausfhren knnen, von tieferer Bedeutung war.
Helene hatte die grte Mhe gehabt, die Worte in einem einigermaen
unbefangenen Tone hervorzubringen, und Emilien's mit dem Ausdruck der
gespanntesten Erwartung auf ihn gerichtetes, von der innern Erregung blasses
Gesicht, war ein sehr deutlicher Commentar zu Helenens Worten.
    Ist das Alles, mein Frulein?
    Ja.
    Ich gehe, Ihren Auftrag sofort und pnktlich auszurichten! sagte der Baron,
sich verbeugend und mit, selbst fr ihn ungewhnlich langen Schritten den Saal
verlassend.
    Unterdessen hatte Oswald, nachdem Helene mit ihm gesprochen, sich zwecklos
in den Zimmern umhergetrieben. Es war seine Absicht gewesen, sogleich hinauf zu
gehen; der Gedanke, Bruno, wenn er wirklich, wie er hoffte, eingeschlafen sein
sollte, nur zu stren; vielleicht der unbestimmte Wunsch, Helenen noch einmal zu
sehen, und jene dunkle dmonische Macht, die den Menschen, unbekmmert um sein
Wohl oder Wehe, seinem Schicksal entgegentreibt, lieen ihn nicht dazu kommen.
Ohne kaum zu wissen, wie er dorthin gerathen war, fand er sich pltzlich in
einem Zimmer auf der andern Seite des Flurs, wo sich eine Menge Herren um einen
groen Tisch drngten. Einige saen, die Meisten standen. Herr von Barnewitz sa
in der Mitte und hielt Bank. Er mute viel Glck gehabt haben.
    Groe Haufen von Gold- und Silberstcken und Kassenscheinen lagen vor ihm
und vermehrten sich mit jedem Augenblick. Felix sa in seiner Nhe. Er pointirte
sehr eifrig, aber, wie es schien, nicht besonders glcklich. Sein Gesicht war
stark gerthet, seine Augen mit Blut unterlaufen, die Adern auf seiner Stirn
geschwollen. Er hrte wenig auf die Herren, die hinter ihm standen und von denen
einige ihn noch aufzumuntern, andere zurckhalten zu wollen schienen. Oswald kam
ihm zufllig gerade gegenber zu stehen; Felix bemerkte ihn erst nach einiger
Zeit; man htte sehen knnen, da von dem Augenblicke an seine Unruhe noch
grer wurde; er trank ein Glas auf das andere aus der neben ihm stehenden
Weinflasche, und verdoppelte und verdreifachte seine Einstze, ohne einen andern
Erfolg, als da er doppelt und dreifach so viel und so schnell verlor, als
vorher.
    Eben war wieder eine Rolle Goldstcke zu den brigen, die vor Barnewitz
aufgehuft waren, gewandert; Felix griff in die Brieftasche, die vor ihm lag,
und holte eine Kassenanweisung heraus.
    Sie werden doch nicht das Ganze auf einmal setzen wollen, Grenwitz? sagte
von Grieben, seine lange Gestalt zu ihm niederbeugend.
    Sie sind wohl toll, Grenwitz? sagte Cloten, der mit Sylow soeben herantrat.
    Ach was! sagte Felix, das Andere hlt nur auf.
    Faites votre jeu, Messieurs! rief Barnewitz, ein neues Spiel Karten zur Hand
nehmend.
    Haben Sie gesetzt, Grenwitz?
    Ja wohl!
    Coeurdame fr mich. Damen immer fr mich. Danke, Grenwitz, kommen Sie bald
wieder so.
    Felix schien fr den Augenblick diesem Wunsche nicht entsprechen zu knnen.
Sein wirrer Blick irrte ber den Kreis derer, die den Tisch umstanden und blieb
auf Oswald haften.
    Sie da! rief er pltzlich berlaut; holen Sie mir doch einmal ein Glas Wein.
    Oswald wurde erst, als die Augen Aller sich auf ihn wandten, inne, da diese
groben Worte an ihn gerichtet waren.
    Der Mensch scheint nicht hren zu knnen, rief Felix. Sie sollen mir ein
Glas Wein holen, verstanden!
    Ich glaube, ein Glas Wasser wrde Ihnen dienlicher sein, sagte Oswald, ohne
seine Stellung zu verndern, mit ruhiger Stimme.
    Es war so still in dem Zimmer geworden, da man eine Nadel htte fallen
hren knnen.
    Wie gefllt Ihnen das, meine Herren? sagte Felix, um sich blickend; mein
Onkel hlt sich eine allerliebste Sorte Diener, meinen Sie nicht?
    Zeigen Sie ihm doch, wer Herr im Hause ist, sagte von Sylow.
    Oder lassen Sie ihn eine Stunde nachsitzen, meinte von Grieben.
    Oder geben Sie ihm die Ruthe, mit der er seine Buben zchtigt, sagte von
Cloten.
    Oder strafen Sie ihn mit der Verachtung, die er verdient, rief von Breesen.
    Oswald wandte seine Augen von Einem zum Andern, wie ein Lwe, der nicht
wei, ob er sich auf die Hunde, die ihn umheulen, strzen soll oder nicht. Seine
Gestalt war hoch aufgerichtet. Vielleicht zitterte die Hand, die er auf den
Tisch gelegt hatte, etwas; aber sicher nicht aus Feigheit.
    Werden Sie gehen, oder nicht? rief Felix aufspringend und dicht vor Oswald
tretend.
    Treiben Sie die Unverschmtheit nicht zu weit, sagte Oswald, die
Rosenknospe, die er fr Bruno von Helene erhalten hatte, in das Knopfloch
steckend; ich mte sonst an Ihnen ein Exempel fr die brigen Bursche
statuiren.
    Felix fate nach Oswald's Brust. Oswald packte ihn mit starken Armen, ri
ihn in die Hhe und schmetterte ihn zu Boden, da die Glser und das Geld auf
dem Tische erklirrten.
    Wer hat Lust, der Zweite zu sein? rief er mit Donnerstimme; kommt heran, Ihr
feigen Wlfe, die Ihr nur in Rudeln jagt!
    Seine Augen blitzten vor Kampfeslust; seine Brust wogte; seine Hnde ballten
sich krampfhaft; er achtete in diesem Moment sein Leben keine Nadel werth.
    Das sahen Alle, und Keiner wagte, seine Herausforderung anzunehmen.
    Felix hatte sich wieder aufgerafft und war in die Arme der ihm zunchst
Stehenden zurckgetaumelt. Er war betubt von dem schweren Fall; Blut strmte
ihm aus Nase und Mund.
    Ein drohendes Murren lief durch die Schaar. Man hrte einzelne Stimmen:
sollen wir das dulden? - schlagt ihn nieder! - er darf nicht lebend vom Platz!
    Sie drngten an ihn heran; ein wstes Schreien und Toben brach aus dem
Haufen; Oswalds Blicke suchten den heraus, welcher zunchst an die Reihe kommen
sollte.
    Da stand pltzlich Oldenburg neben ihm.
    Wie, meine Herren? rief er, sich zu seiner ganzen stattlichen Hhe
emporrichtend, zwanzig gegen Einen? Der Kampf ist doch ein wenig zu ungleich.
Wollen Sie sich nicht lieber noch ein paar Bediente zur Hlfe rufen?
    Dies Wort wirkte wie ein Zauber. Es stellte fr Jeden die schimpfliche Scene
in das rechte Licht. Die Verstndigeren wuten dem Baron Dank, da er ihnen eine
Schande erspart hatte, die der nchste Augenblick ber sie gebracht haben wrde.
Nur Einige schienen seine Dazwischenkunft bel zu empfinden.
    Die Sache geht Sie nichts an, Baron, rief Grieben trotzig.
    Erlauben Sie, Herr von Grieben, erwiederte Oldenburg, die Sache geht mich
aus zwei Grnden etwas an. Einmal, weil ich es fr die Pflicht eines jeden
Mannes halte, darauf zu sehen, da es bei solchen Affairen anstndig und ehrlich
zugeht, und zweitens, weil ich die Ehre habe, Herrn Doctor Stein meinen Freund
zu nennen. Wenn Sie, oder irgend einer der Herren mich fr das, was ich hier
gesagt habe, zur Rechenschaft ziehen zu mssen glauben, so stehe ich gern zu
Diensten. Vorlufig aber verstatten Sie mir, da die Angelegenheit meines
Freundes, des Herrn Doctor Stein, wie es sich unter Mnnern ziemt, zu Ende
gefhrt wird. Ich werde in wenigen Augenblicken wieder unter Ihnen sein, Ihre
Auftrge entgegenzunehmen. Wollen Sie mir Ihren Arm geben, Herr Doctor?
    Der Baron nahm Oswald's Arm in den seinen und fhrte ihn durch die Schaar
der jungen Edelleute, die bereitwilligst Platz gab, hindurch zum Saale hinaus.
    Drauen angelangt, sagte er: Gehen Sie nur auf Ihr Zimmer. Ich folge Ihnen
in wenigen Minuten. Es versteht sich von selbst, da Sie der Beleidigte sind.
    Ja.
    So werde ich Felix von Grenwitz in Ihrem Namen auf Pistolen fordern.
    Ihn und wer sonst noch Lust hat einen Gang mit mir zu machen.
    Wir wollen uns vorlufig mit Grenwitz begngen. An den Andern ist Ihnen ja
auch wohl so viel nicht gelegen. Wann?
    Sobald wie mglich natrlich; morgen frh meinetwegen.
    Bon. Zehn Schritt Distance etwa?
    Oder fnf.
    Zehn reicht aus. Das Uebrige berlassen Sie mir. Also  revoir in Ihrem
Zimmer.
    Der Baron kehrte auf den Schauplatz der letzten Scene zurck, wo natrlich
die Sache von zwanzig Zeugen zugleich besprochen wurde, die bei Oldenburgs
Eintreten verstummten. Oldenburg entledigte sich seines Auftrages an von
Grieben, der es bernommen hatte, Felix zu secundiren. Es wurde ein Rencontre
auf die fnfte Stunde des folgenden Tages (im Fall Felix sich bis dahin noch
nicht erholt haben sollte, auf die zehnte) verabredet; das Rendezvous: ein
kleines Wldchen auf dem Gute Herrn von Cloten's. Dann folgten die Herren in
wenig festlicher Stimmung der schon zweimal an sie ergangenen Aufforderung, sich
in den Ballsaal zu verfgen, um die Damen zur Abendtafel hinauf zu begleiten.
Felix war schon vorher von Einigen auf sein Zimmer gefhrt worden, da er zu
berauscht und von seinem Falle noch zu betubt war, um weiter an der
Gesellschaft Theil nehmen zu knnen. Oldenburg begab sich zu Oswald zurck.
    Als er ihn nicht in seinem Zimmer fand, und ihn bei Bruno vermuthete, aus
dessen Zimmer das Licht durch die halb geffnete Thr schimmerte, ging er leise
dorthin und sah Oswald ber des Knaben Bett gebeugt.
    Wie steht es? fragte er.
    Ich frchte, schlecht, sagte Oswald, emporblickend; sein Schlaf ist sehr
unruhig und der Puls fliegt.
    Lassen Sie mich sehen, sagte Oldenburg, ich verstehe mich auf dergleichen.
    Er ist in der That sehr krank, sagte er nach einer kleinen Pause. Wie lange
whrt denn dies schon und wie hat es angefangen?
    Oswald gab ihm mit fliegenden Worten eine Schilderung von Bruno's Krankheit.
    Und der Schmerz hatte vor einer Stunde vllig nachgelassen? fragte
Oldenburg.
    Ja, fast gnzlich -
    Dann machen Sie sich auf das Schlimmste gefat. Ich vermuthe, es war von
Anfang zweifellos eine Entzndung und jetzt ist der Brand hinzugetreten. Einer
von uns mu nach dem Doctor. - Er sah nach der Uhr. Es ist zehn; ich wollte vor
Tisch wieder nach Hause reiten. Mein Almansor steht in diesem Augenblick
gesattelt vor der Thr. Reiten Sie nach der Stadt. Ich bin hier vielleicht jetzt
ntzlicher als Sie. Sie haben hellen Mondschein. Der Weg ist gut. Nach B. ist
eine halbe Meile. In zehn Minuten sptestens mssen Sie dort sein. Ziehen Sie
Ihren Frack aus und einen Ueberrock an. So! Peitsche und Sporen brauchen Sie
nicht. Almansor ist noch ganz frisch. Schonen Sie ihn nicht.
    Der Baron hatte Oswald den Rock anziehen helfen, ihm den Hut auf den Kopf
gesetzt. Oswald lie Alles mit sich geschehen. Er fand sich erst auf Almansors
Rcken wieder, als ihm der Nachtwind um die Ohren pfiff, und Bume und Huser,
Hecken und Felder und Grten rechts und links im Mondschein gespensterhaft an
ihm vorberflogen.
    Und jetzt war er auf der weiten Haide, die sich hinter dem Dorfe bis nach
Faschwitz erstreckt. Er sah den Mondschein unheimlich glitzern in dem schwarzen
Wasser der tiefen Torfgrben; er hrte von Zeit zu Zeit den heisern Schrei eines
Sumpfvogels, den er aus seinem Neste aufgeschreckt hatte; sonst nichts, nichts
als den dumpfen Donner von Almansors flchtigen Hufen und den Nachtwind, der
seufzend und klagend ber die Haide strich.
    Und jetzt, als er mitten auf der Haide war - ist das nicht ein anderer
Hufschlag auer dem Almansors, oder ist es nur das Echo? Es kommt nher und
immer nher; Almansor spitzt die Ohren und greift aus, schneller und immer
schneller, als flhe er vor dem Tod. Und doch kommt es nher und immer nher.
Oswald blickt sich um und ein Grausen packt ihn, als er jetzt dicht hinter sich
eine lange schwarze Gestalt auf einem schwarzen Pferde bemerkt, dessen Hufe den
Boden nicht zu berhren scheinen.
    Noch eine Secunde und der schwarze Reiter ist an seiner Seite, die Pferde
jagen Kopf an Kopf und schnauben sich an aus weit geffneten Nstern.
    Was beliebt? reif Oswald, sein Grausen bemeisternd.
    Nicht viel! erwiederte der schwarze Reiter mit einer tiefen Stimme. Wollte
nur vermelden, da meine gndige Frau seit vorgestern zurck; ich dachte, der
junge Herr wten's vielleicht nicht. Nichts fr ungut, junger Herr! gute Nacht
und gute Verrichtung!
    Der Reiter warf sein Ro herum; Almansor strmte weiter; im nchsten
Augenblick schon war Oswald wieder allein.
    War dies die Ausgeburt seines berreizten Hirns? war's Wirklichkeit? war es
ein Phantom? war es der alte Baumann auf dem Brownlock gewesen? Oswald htte es
nicht zu sagen gewut.
    Und wieder flogen Bume und Huser, Hecken und Grten rechts und links
gespensterhaft im Mondschein an ihm vorber. Ein Hund fuhr heulend nach
Almansors Hufen. Im nchsten Augenblick schon war Alles verschwunden und
unbersehbare Kornfelder wogten und zischelten auf beiden Seiten der Landstrae.
    Dann schimmerten Lichter herber, nher und nher. Eine helle Glocke schlug
einen Schlag an; schon ein viertel auf elf! und wieder Huser rechts und links,
Bume und Hecken und Grten. Dann ein dunkles Thor, und dann den Hufschlag
Almansors auf dem Straenpflaster.
    Wo wohnt der Doctor Braun?
    Die Strae zu Ende; das letzte Haus links.
    Vor dem bezeichneten Hause hielt ein Wagen. Aus der offenen Hausthr und den
offenen Fenstern in den Parterrezimmern schimmerte Licht.
    Ist der Doctor zu Hause?
    Hier! sagte Doctor Braun am Fenster erscheinend. Von wo her?
    Von Grenwitz. Ich bin's. Eilen Sie; Bruno liegt auf den Tod.
    Wollte eben hinaus, rief Doctor Braun, schon in der Thr. Setzen Sie sich zu
mir. Ich will selber fahren. Karl kann Ihr Pferd langsam zurckreiten. Sitzen
Sie? ja; dann fort.
    Der Wagen donnerte durch die dunklen Straen, durch das enge Thor, hinaus in
die stille Mondnacht, die ber Feldern und Grten, und Wldern und Wiesen so
duftig und trumerisch lag, denselben Weg, den Oswald vor wenigen Minuten
gekommen war. Die krftigen Pferde des Doctors griffen mchtig aus, schon waren
wieder auf der Haide.
    Es war nicht viel gesprochen worden von beiden Seiten. Oswald hatte von
Bruno's Krankheit, wie es der Laie pflegt, Bericht erstattet, auf Nebendingen
verweilend, und das Wichtigste auslassend. Doctor Braun hatte einige kurze
Fragen gethan. Dann hatten sie eine Zeit lang geschwiegen.
    Sie mssen sich auf das Schlimmste gefat machen! hub Doctor Braun an. Es
ist, nach dem, was Sie mir gesagt haben, sehr wahrscheinlich, da wir Bruno
nicht mehr am Leben finden.
    Oswald antwortete nicht. Ein Sthnen brach aus seiner Brust, wie eines
Gefolterten, wenn die Schrauben noch um eine Windung angezogen werden.
    Der Doctor hieb auf die Pferde, die nun im Galopp weiter strmten.
    Ein paar Minuten spter hielt der Wagen vor dem Portal. Das ganze Schlo
schimmerte von Licht. Aus dem Speisesaale rauschte die Musik. Die Diener liefen
geschftig ab und zu.
    Als sie in Bruno's Zimmer traten, erhob sich der Baron von dem Bett, ber
das er gebeugt stand.
    Gott sei Dank, da Sie kommen! sagte er; ich habe schon an vielen
Krankenlagern gewacht; so lang aber ist mir keine Stunde geworden!
    Er trocknete sich seine Stirn; sein ernstes Gesicht war bleich; er schien
auf's Tiefste ergriffen.
    Doctor Braun untersuchte den Kranken, dann blieb er neben dem Bett stehen,
ohne die Andern anzublicken.
    Ist keine Hoffnung?
    Keine.
    Da richtete sich Bruno halb auf:
    Bist Du's Mutter? kommst mich einzulullen? wie geht doch noch die alte
Weise?
    Und in wunderbar sen Tnen, leise, ganz leise, wie die Klnge einer
Aeolsharfe, begann er ein schwedisches Lied zu singen, wie es ihm wohl seine
Mutter vor langen Jahren gesungen haben mochte.
    Er lehnte sich wieder in das Kissen zurck. Durch die tiefe Stille im Zimmer
tnte nur noch das Schluchzen Oswald's; auch die Augen der beiden andern Mnner
standen voll Thrnen.
    Bist Du es, Oswald? fragte Bruno, weshalb weinst Du? guten Abend, Herr
Doctor; wie kommen Sie hier her? es geht wohl zu Ende mit mir? Wo ist Baron
Oldenburg? Geben Sie mir die Hand. Sie sind sehr gut gegen mich gewesen. Doctor,
mu ich sterben so frisch und jung? sagen Sie es mir, ich bin kein Feigling, ich
habe es schon seit gestern gewut; mu ich sterben? - dann, Oswald, eine Bitte:
ich will es Dir in's Ohr sagen.
    Oswald beugte sich ber ihn.
    Er erhob sich und ging nach der Thr. Oldenburg war ihm gefolgt.
    Ich wei, was er will! sagte er; er hat in seinen Phantasien schon
hundertmal nach ihr verlangt; ich will sie rufen. Es ist ja eines Sterbenden
letzte Bitte.
    Er entfernte sich, Oswald trat wieder an das Bett.
    Kommt sie?
    Ja.
    Lege mir das Kopfkissen etwas hher, Oswald, und stelle die Lampe dahin, da
der Schein ber mich weg gerade auf sie fllt. Danke, so ist es recht.
    Sie kommt nicht - doch! war das nicht ihre Stimme? schraube die Lampe
tiefer, Oswald - es wird so hell im Zimmer. Helene!
    Ein seliges Lcheln flog ber sein Gesicht.
    Helene! wie bleich Du bist! und doch wie schn! gieb mir die Rose von Deinem
Busen! o, weine nicht! La mich Deine Hand kssen, Helene!
    Helene neigte sich zu ihm und kte ihn auf den Mund.
    Bruno schlang seine Arme um ihren Hals.
    Ich liebe Dich, Helene!
    Seine Arme glitten auf die Decke zurck. Doctor Braun zog Helene sanft in
die Hhe. Er beugte sich ber das Bett und lauschte einen Augenblick. Indem er
sich wieder aufrichtete, strich er mit der Hand leise ber die Augen des Todten.

                           Einundsechzigstes Capitel


Es war drei Tage nach den Ereignissen dieser Nacht.
    In der Frhe des Morgens hatte es geregnet; jetzt in den Vormittagsstunden
blickte die Sonne auf Augenblicke aus den schweren Wolken, die sich lang und
langsam vor einem feuchten Westwinde nach Osten ihr entgegenwlzten.
    Auf dem Kirchhofe zu Faschwitz gingen in der Lindenallee, die von dem einen
Ende bis zum andern fhrt, und die Grber der Adeligen von denen der
gewhnlichen Sterblichen trennt, zwei Personen in ernsten Gesprchen auf und ab.
Vor der einen Thr des Kirchhofs, aus der man unmittelbar in die Landstrae
gelangt, hielt eine mit zwei Pferden bespannte elegante Kutsche. Neben der
Kutsche hin und her fhrte ein Reitknecht zwei schne Pferde am Zgel. Kutscher
und Reitknecht unterhielten sich nur im halblauten Ton, als ob sie den alten
Mann mit dem langen eisgrauen Schnurrbart, der auf einem der Prellsteine an der
Kirchhofsthr sa und von Zeit zu Zeit die tiefliegenden ernsten Augen durch das
Gitter der Thr auf die in dem Lindengange auf und ab Wandelnden wandte, in
seinen Betrachtungen nicht stren wollten.
    Die auf und ab Wandelnden waren Melitta und Oldenburg. Melitta war nicht in
Trauer, aber ihr liebes schnes Gesicht hatte einen Ausdruck von Schwermuth, den
man wohl frher nicht darin gesehen hatte. Selbst das Lcheln, mit welchem sie
manche Bemerkung ihres Begleiters beantwortete, war nicht das alte, freudige -
es war wie die Sonnenblicke heute aus den trben melancholischen Wolken.
    Und Sie wollen wirklich fort? fragte sie, eine Pause, die in dem Gesprche
eingetreten war, unterbrechend.
    Ich ritt nach Berkow hinber, Ihnen meinen Abschiedsbesuch zu machen, und
Sie zu fragen, ob Sie noch irgend Befehle fr mich htten. Da dies keine leere
Form war, knnen Sie daraus sehen, da ich Ihnen, als ich Sie nicht fand,
hierher auf den Kirchhof gefolgt bin, obgleich Kirchen und Kirchhfe, wie Sie
wissen, durchaus nicht zu den Oertern gehren, die ich mit Vorliebe aufsuche.
    Und wohin wollen Sie diesmal Ihre Schritte lenken?
    Ich wei es noch nicht. Was soll ich hier? Da ich fr die nicht leben kann,
fr die ich leben mchte, und da es in unserer engbrstigen Zeit an jedem groen
Zweck gebricht, an dessen Erreichung ein Mann sein Leben setzen knnte, so will
ich denn auch, ein anderer Peter Schlemihl, meinen eigenen Schatten suchen
gehen. Ich frchte nur, da ich ihn niemals wieder finde, oder da, wenn ich ihn
finde, er sich wieder von mir trennt, wie das letzte Mal.
    Haben Sie Xenobi's Spur nicht verfolgt?
    Nein. Es wrde mir auch nichts geholfen haben. Wandernde Zigeuner
hinterlassen keine Spuren, so wenig wie ein Schiff, da durch die Wogen
streicht. Wenn ich nicht wieder kommen sollte, Melitta, lassen Sie sich Ihre
Bste, die ich in Rom von dem jungen Goldoni anfertigen lie, und die jetzt in
Cona in meinem Arbeitszimmer steht, geben. Oder wollen Sie sie sogleich haben?
    Nein, sagte Melitta; behalten Sie sie immerhin. Ihre unendliche Gte
verdiente wohl einen besseren Lohn als kalten Marmor.
    Oder Marmorklte! sagte Oldenburg lchelnd.
    Die empfinde ich nicht gegen Sie, Oldenburg, sagte Melitta mit Wrme;
wahrhaftig nicht. Ich liebe Sie wie einen um ein paar Jahre lteren Bruder, der
halb und halb Vaterstelle an uns vertreten hat, und zu dem wir mit freudiger
Verehrung und Dankbarkeit emporblicken. Es ist unser Schicksal, da Sie mich mit
einer anderen Liebe lieben mssen, da ich Sie mit keiner anderen Liebe lieben
kann.
    Es ist unser Schicksal, Melitta, ja wohl! und nun lassen Sie uns nicht
weiter davon sprechen. Gegen das Schicksal lt sich nichts thun. Wir knnen nur
das Haupt beugen, und die Lorbeerkrone oder den Todesstreich schweigend
entgegennehmen. Das habe ich in den letzten Tagen lernen knnen, wenn ich es
sonst noch nicht gewut htte. Und nun, Melitta, da Du mich selbst Deinen Bruder
genannt hast, la mich auch wie ein Bruder mit Dir sprechen. Darf ich?
    Ja; sagte Melitta, die den Kopf bei diesen letzten Worten Oldenburg's
gesenkt hatte, leise nach einer kleinen Pause.
    Bekmpfe Deine Liebe zu Oswald! Ich kann Dir nicht rathen, den Pfeil mit
einem Ruck aus der Wunde zu ziehen, denn ich frchte, Dein Leben wrde mit
Deinem Blute entstrmen; aber strube Dich auch nicht gegen die Wirkungen der
Zeit, die fast so allmchtig ist, wie das ewige Schicksal. Du wirst nach einigen
Wochen, einigen Monaten, gleichviel: aber Du wirst in Kurzem ruhiger ber das
Alles denken; willst Du mir, Deinem Bruder, versprechen, diese ruhigeren und
weiseren Gedanken nicht wie eine Versndigung an Deiner Liebe von Dir zu weisen?
    Ja.
    Denn, Melitta, er ist Dir doch verloren, auch wenn er diese seine neueste
Leidenschaft berwinden sollte. Er wird sich auf seiner tollen Jagd nach dem
Ideal, das er nie auf Erden auer sich finden kann, weil es nur in seinem Hirn
lebt, in eine andere und wieder in eine andere Liebe strzen; immer whnen: dies
ist, wonach Du bis jetzt vergeblich gesucht, und immer wieder das Trgerische
dieser Illusion erkennen, bis er zuletzt in der Verzweiflung ber sein
Schlemihlthum irgend einen Schritt thut, der ihn aller weiteren Sorgen um die
confuse Welt berhebt. Die letzten Tage haben ihn diesem unvermeidlichen Ziele
um eben so viele Jahre nher gebracht.
    Wie steht es auf Grenwitz?
    Felix ist jetzt auer Gefahr, obgleich man ihn in den ersten Stunden
aufgegeben hatte. Er wird aber wohl sein Leben lang ein Invalide bleiben - eine
schwere Strafe fr Jemand, der, wie er, geschwelgt in der Blumen Sigkeit und
jede Blume brach. Oswalds Kugel hat nur um eines Haares Breite ihr Ziel
verfehlt. Felix wird Bruno's Tod sein Leben zu danken haben. Oswald hat whrend
des Duells kein Wort gesprochen, seine Miene blieb unbeweglich; nur als Felix
strzte, flog eine Art von Lcheln ber sein blasses Gesicht; er schien das Bild
der vollkommensten Ruhe, und nur, wer ihn genauer betrachtete, sah, wie es in
ihm whlte, und bemerkte, da von Zeit zu Zeit ein Fieberschauer durch seinen
Krper zuckte. Er hat sich bei der ganzen Affaire mit einem Takt benommen, der
selbst der Schaar seiner Gegner Achtung abnthigte. Sogar Cloten fhlte sich
gedrungen, in die bewundernden Worte auszubrechen: es ist wahrhaftig schade, da
der Mensch nicht von Adel ist.
    Und Helene?
    Sie reiste ein paar Stunden vor dem Duell mit ihrem Vater nach Grnwald. Ich
glaube, man will das Mdchen dort in einer Art anstndiger Verbannung lassen,
bis eine Ausshnung mit der Mutter zu Stande gebracht werden kann. Die gute Frau
ist vorlufig ganz auer sich, und nur die Vorstellungen Cloten's und Anderer,
da Felix durchaus der Beleidiger gewesen ist, und durch sein Betragen das Duell
unvermeidlich gemacht hat, haben sie verhindert, Himmel und Hlle und die ganze
Polizei gegen Oswald in Bewegung zu setzen.
    Und - Oswald?
    Ich denke, er hat Dir geschrieben?
    Nichts ber seine Plne fr die Zukunft.
    Von denen wei ich auch nichts. Wir haben kaum drei Worte mit einander
gewechselt. Ich wei nur, da er, um den Ausgang des Duells abzuwarten, sich
whrend dieser letzten Tage in B. beim Doctor Braun aufgehalten hat. Ich freue
mich ber diese Wahl seines neuen Freundes. Braun scheint ein ebenso
liebenswrdiger, wie geistreicher und verstndiger Mann zu sein. Gebe der
Himmel, da er unserem Telemach ein weiserer Mentor ist, als ich ihm bei dem
besten Willen zu sein vermochte. - Aber ich mu jetzt scheiden, Melitta. Mein
Almansor schlgt sich sonst die Hufeisen ab. Hast Du noch etwas hier zu thun?
    Nein, sagte Melitta; wir knnen gehen.
    Wirst Du oft hierher zurckkehren?
    Schwerlich. Ich habe nur sehen wollen, ob meinen Anordnungen Folge geleistet
ist. Sie wissen am besten, da der Todte hier schon seit langen Jahren nicht, ja
da er eigentlich nie fr mich gelebt hat.
    Dann la uns gehen, Melitta.
    Der Baron nahm den Arm der jungen Frau und fhrte sie die Allee hinauf. Sie
sprachen weiter kein Wort. Der alte Baumann ffnete den Schlag der Kutsche.
Oldenburg hob Melitta hinein und stand einen Augenblick, den Hut in der Hand, an
dem offenen Fenster. Als die Pferde anzogen, reichte ihm Melitta die Hand, die
er an seine Lippen drckte. Er verweilte noch ein paar Minuten und sah dem
davoneilenden Wagen nach. Dann winkte er dem Reitknecht, bestieg seinen Almansor
und ritt im Galopp nach der entgegengesetzten Richtung.
    Diese letzte Scene hatten zwei Mnner beobachtet, die in demselben Momente,
als Melitta und Oldenburg den Kirchhof verlieen, durch die zweite Thr, welche
auf die Dorfstrae fhrte, eingetreten waren und auf ein frisches Grab, in der
Nhe der Thr, auf der adeligen Seite, und auf ein etwas lteres, auf der andern
Seite, Krnze gelegt hatten. Es waren Oswald und Doctor Braun; beide in
Reisekleidern. Sie standen, Arm in Arm, auf der Treppe der Kirche und sahen der
Abschiedsscene zwischen Oldenburg und Melitta zu. Als der Baron Melitta's Hand
kte, flog ein ironisches Lcheln ber Oswalds bleiches, verfallenes Gesicht.
    Lassen Sie uns machen, da wir fortkommen, sagte er. Mir ist, als brennte
mir der Boden unter den Fen.
    Ich bin bereit, sagte der Doctor. Wenn es nach meinem Willen gegangen wre,
htten Sie diese Gegend schon lngst verlassen, und wenn es nach meinem Willen
geht, kommen Sie nie wieder hierher zurck. Die Reise, die wir vorhaben, wird
Sie wieder zu sich selbst bringen. Sie haben viel verloren, aber nichts, was
sich nicht wieder gewinnen liee. Sie haben Vernunft und Wissenschaft, des
Menschen allerhchste Kraft, verachtet; und doch ist fr Sie nur Rettung zu
hoffen von eben dieser Kraft, denn - Sie erinnern sich der Worte Ihres
Lieblingsdichters:

- was Amor uns entwendet,
Kann Apoll nur wiedergeben:
Ruhe, Lust und Harmonieen
Und ein krftig rein Bestreben -

Kommen Sie! lassen Sie die Todten ihre Todten begraben! fr Sie mu jetzt ein
neues Leben beginnen.

                          Ende der ersten Abtheilung.

