

Vorwort










Eine Biographie Louis Spohrs, die sein Leben und Schaffen ausführlich darstellt und der weittragenden Bedeutung des großen romantischen Komponisten, Geigers und Dirigenten nachgeht, ist noch nicht geschrieben. Noch schließt sich, was die Musikforschung bisher an Einzeluntersuchungen geleistet hat, nicht zum umfassenden Gesamtbild, dem insbesondere die Aufgabe zufallen müßte, eine fundierte, kritische Betrachtungsweise jenen summarischen Wertungen, in vielen Fällen sogar Abwertungen gegenüberzustellen, die Spohr zuteil geworden sind. Dabei würde eine in so »romantischer« Ausprägung bisher Spohr gewöhnlich nicht zuerkannte Vielschichtigkeit der künstlerischen Gesamterscheinung aufgedeckt, die nicht nur den Verlauf seines Schaffens bestimmt, sondern auch im einzelnen begründen kann, warum sein Werk auffällig schnell in Vergessenheit geriet und in seiner eigentlichen Bedeutung kaum mehr zu erfassen war.
Dieser Vorgang, der schon zu Spohrs Lebzeiten, etwa ab 1840, einsetzte und noch heute trotz des inzwischen gewonnenen historischen Abstands in manchen Pauschalurteilen nachwirkt, war angesichts der stürmischen Entwicklung der Musik im 19. Jahrhundert unausweichliches Schicksal. Wie Spohr in seinem, von einer letzten eigentlich deutschen Geigerschule vertretenen Violinstil durch den Internationalismus der frankobelgischen Schule in den Schatten gestellt wurde, so verlor auch sein vorwiegend vom Absolut-Musikalischen ausgehendes, in romantischem Ausdruckswillen durch klassisches Formempfinden beherrschtes kompositorisches Schaffen um so rascher an Geltung, je mehr sich die Musikanschauungen der Neuromantik durchsetzten und der allgemeine musikalische Bildungsstand von der Oper her bestimmt wurde. Der Virtuosenruhm Spohrs, seine auch als Komponist unangefochtene führende Stellung im deutschen romantischen Violinspiel gehörten ebenso wie das dirigentische Wirken der Vergangenheit an, seine entscheidenden Beiträge zur Entwicklung der deutschen romantischen Oper waren entweder nicht genügend erkannt oder über den erfolgreichen Repertoirewerken vergessen. Spohr, der einstmals als durchaus zeitgemäß und sogar ausgesprochen fortschrittlich gegolten hatte, wurde jetzt schlechthin als konservativ oder epigonal empfunden, allzusehr beschränkt auf einen begrenzten Ausdrucksbereich und bestimmte Denkformen. In ihnen hatte er aufs vollkommenste die Ideale erfüllt, die von der bürgerlichen[9]  Musikkultur der Restaurationsepoche und des Vormärz gepflegt worden waren. Besonders für alle, die dem revolutionären Vordringen der neudeutschen Richtung kein Verständnis entgegenbringen konnten, war der »Altmeister deutscher Tonkunst« – so wurde Spohr schon seit etwa 1830 häufig genannt – in seinem überreichen und vielseitigen Schaffen, der meisterlichen Beherrschung der Kunstmittel und dem ausgewogen-maßvollen Charakter seiner Musik der große universale, klassischen Traditionen verpflichtete Musiker gewesen. Es waren vornehmlich Angehörige des gebildeten Bürgertums, die sich, vielleicht als aktive Musikliebhaber einst noch selbst um ihn geschart, an Spohrs Schöpfungen begeistert und ihn als den künstlerischen Exponenten ihres Standes betrachtet hatten, eine Einschätzung, die um so mehr zutraf, als ihr Spohr auch in seinen menschlichen Eigenschaften, einer hohen persönlichen Kultur, dem vorbildlichen Berufsethos und seiner schlichten bürgerlichen Erscheinung entsprach.
Es liegt somit nahe, in Spohr einen im besten Sinne des Wortes beispielhaften Vertreter des »Biedermeier« zu sehen, jedoch kann dieser Begriff als Ausdruck einer allgemeinen Geisteshaltung keinesfalls abschließendes Kriterium für Spohrs Musik sein. Biedermeierliche Züge, das heißt die realistische, gemütvoll-philiströse Abwandlung und Verflachung echter romantischer Geistigkeit, sind als Neben- oder Unterströmung von verschiedener Intensität mehr oder weniger deutlich bei allen Romantikern festzustellen. Bei Spohr erscheinen sie schon durch die Herkunft aus einer dem Geist der Aufklärung verhafteten Bürgerlichkeit und durch seinen Bildungsgang vorbereitet, treten aber, und zwar in sehr ungleichartiger Auswirkung, erst in der zweiten Lebenshälfte deutlicher hervor. Damals hatten längst seine wesentlichen Beiträge zur romantischen Musikentwicklung Spohr als eine ihrer Hauptgestalten erwiesen. Den Niederschlag des Biedermeier im Gesamtbild Spohrs als dominierend zu betrachten, hieße ihm diese Bedeutung absprechen. Ebenso wäre es ungerechtfertigt, in der Zuordnung Spohrs zum Biedermeier etwas »Biedermeierlich«-Verkleinerndes, Geringschätziges zu sehen und von seinem so kontinuierlich und zielbewußt zurückgelegten, im wesentlichen kampflosen, von stärkeren persönlichen Erschütterungen verschonten Lebensweg auf einen unkomplizierten, eingeengten und weichen Charakter zu schließen, wozu ja auch manche Merkmale seines ausgeprägten musikalischen Individualstiles verleiten könnten. In einer Zeit des bis zum Exzentrischen gesteigerten Geniekults und vor allem gegenüber der starken inneren Dynamik der führenden Neuromantiker mochte er allerdings vielen als solcher erscheinen.[10] 
Die bald nach Spohrs Tod veröffentlichte »Selbstbiographie« hat solchen Vorstellungen nur in geringem Maße entgegenwirken können. Mit dem durch sie überlieferten Eindruck seiner Persönlichkeit, in der Schilderung von Spohrs internationalen Erfolgen und der Breitenwirkung mancher Werke, die ihn zeitweilig in unmittelbare Nähe der Großmeister gerückt hatten, nicht weniger durch die Fülle des aus einem langen, ereignisreichen Künstlerleben Mitgeteilten waren sie ein wertvolles Erinnerungsbuch für alle, die noch ein näheres Verhältnis zu Spohrs Musik besaßen, eine immer kleiner werdende Gruppe, die sich nur noch selten auf tonangebende Musiker wie Brahms, Bülow oder Joachim berufen konnte. Es ist daher auch nicht verwunderlich, daß im konservativen England, wo Spohrs Musik viele Anhänger gefunden hatte und sogar länger lebendig blieb als in der Heimat, sehr bald eine Übersetzung der »Selbstbiographie« erscheinen konnte.
Obwohl nur einen ganz bestimmten Leserkreis ansprechend, hat dennoch die »Selbstbiographie« dazu beigetragen, das Spohr-Bild der folgenden Generationen zu prägen, allerdings nicht, wie es selbstverständlich in der Absicht der Herausgeber gelegen hatte, in ausschließlich positivem Sinne. Fortschrittlich Eingestellten mochte sie damals als altväterlich, überholt oder höchstens von historischem Belang erscheinen. In jedem Fall erregte aber größte Aufmerksamkeit, was Spohr in ihr an Äußerungen über zeitgenössische Musiker eingeflochten hat, insbesondere seine Kritik an so hochverehrten Meistern wie Weber und vor allem Beethoven, die aus dem Munde einer ehemals als Autorität ersten Ranges hochgeschätzten Persönlichkeit besonderes Gewicht haben mußte. Spohr hat nie ein Hehl daraus gemacht, daß er dem mittleren und späten Beethoven nicht folgen konnte, gewissen Werken gegenüber geradezu eine Aversion empfand. War diese Ablehnung in früheren Jahren noch von vielen anderen geteilt worden, so fand sie jetzt, in der »Selbstbiographie« mit größter Offenherzigkeit ausgesprochen, den energischsten Widerspruch einer in ihrer Beethovenverehrung einmütigen Mehrheit. Es ist begreiflich, daß man in Spohrs Urteilen den bis heute immer wieder gern aufgegriffenen Nachweis der Beschränktheit und Ungeistigkeit zu besitzen glaubte und damit nun Spohr kurzerhand in die Kategorie zweitrangiger Kleinmeister verweisen wollte. Wurden aus Spohrs Urteilen Schlüsse auf sein allgemeines Verhältnis zu Beethoven gezogen, so übersah man dabei allerdings vollständig, daß sich seine Antipathie gegen die elementare regelsprengende Kraft Beethovenscher Musik nicht in der Praxis auswirkte, daß er vielmehr, wiewohl menschlich und künstlerisch von Beethoven weit distanziert, ihn »dennoch trotz aller Bedenken im einzelnen[11]  als den führenden Tondichter seiner Zeit anerkannt hat« (Huschke). Es fehlen keineswegs Spuren in Spohrs Werken, die erkennen lassen, daß gleich den meisten Romantikern auch er sich der Macht Beethovens nicht entziehen konnte. Mit welchem Eifer er sich in seiner Jugend für die noch unbekannten ersten Quartette eingesetzt hat – bei einem aufstrebenden Virtuosen, noch dazu als Debütanten in der musikalischen Welt, damals etwas ganz Ungewöhnliches –, erfährt der Leser aus den Lebenserinnerungen. Leider hat Spohr nichts mitgeteilt über sein Wirken als Dirigent der Frankfurter Museumsgesellschaft, in deren Konzerten er 1818/19 nicht weniger als fünf Sinfonien Beethovens aufführte, zu dieser Zeit eine höchst bemerkenswerte Tat, die später in Spohrs Bemühungen um die Kasseler Aufführungen der Bachschen Matthäuspassion und seinem selbstlosen Eintreten für Wagner nicht weniger bedeutsame Parallelen gefunden hat. Auch auf den Kasseler Konzertprogrammen hat Beethoven nie gefehlt; die vierte, achte und neunte Sinfonie sowie das Violinkonzert waren erstmals unter Spohr in Kassel zu hören. Die anteilnehmende Erwähnung von Beethovens Tod in einem Brief an den Freund Speyer und die von Malibran überlieferte Anekdote, daß er sich beim Anhören der Egmont-Musik gerührt mit den Worten »Comme c'est beau!« an ihn gewandt habe, sind weitere Zeugnisse von Spohrs Stellung zu Beethoven, die bekannt sein sollten. Schon dieses Streiflicht auf das Verhältnis Spohr-Beethoven kann zeigen, wieviel der Lebensbeschreibung Spohrs zu einer eigentlichen Biographie fehlt. Trotzdem bleibt sie von hohem dokumentarischen Wert und in ihrem ungewöhnlich reichen Inhalt zugleich einzigartige Quelle zur Musikgeschichte des frühen 19. Jahrhunderts. Spohrs Memoiren müssen den Ausgangspunkt für jede eingehendere Beschäftigung mit seinem Leben und Werk bilden, selbst wenn sie allein schon in den biographischen Grundzügen vielfacher Ergänzung bedürfen. Die weitverstreute Literatur hat dazu bereits manches beigetragen, noch mehr bleibt zu erschließen. Auch der Herausgeber war veranlaßt, nach weiteren Quellen zu suchen, als ihn in den dreißiger Jahren eine Studie über den Violinstil Spohrs beschäftigte. Dabei hatte er Gelegenheit, den im Besitz von Dr. Werner Wittich, einem Nachkommen des Meisters, befindlichen letzten geschlossen aufbewahrten Teil von Spohrs Nachlaß kennenzulernen, der bis dahin wohl nur Hans Glenewinkel bei den Vorarbeiten zu seiner Dissertation »Spohrs Kammermusik für Streichinstrumente« (München 1912) in seiner ganzen Reichhaltigkeit bekannt geworden war und zu dessen wertvollsten Stücken die Tagebücher und das Originalmanuskript der Lebenserinnerungen gehörten. Der Einblick in diese[12]  Handschriften ergab, daß es sich bei dem bisher allein bekannten Druck der sogenannten »Selbstbiographie« von 1860/61 um eine von den Vorlagen in vieler Hinsicht abweichende Bearbeitung handelt. Da die »Selbstbiographie« seither nicht wieder aufgelegt und ein ziemlich seltenes Buch geworden war, lag der Entschluß nahe, sie aufs neue, und zwar in der von Spohr hinterlassenen Fassung herauszugeben. Damit sollte nicht nur ein wissenschaftlicher Zweck verfolgt werden, sondern ebensosehr sprach der Wunsch mit, für Musiker und Musikliebhaber Spohr in seinem eigenen Lebensbild als eine der markantesten Musikpersönlichkeiten an der Wende von Klassik und Romantik wieder gegenwärtig werden zu lassen. Allerdings erschien es damals nicht allzu aussichtsreich, einen breiteren Leserkreis zu finden, denn noch war Spohr zu sehr mit dem Odium des »vergessenen« Meisters behaftet. Vereinzelte Aufführungen beschränkten sich fast ausschließlich auf einige wenige Violinwerke, wie denn die Geiger in der Regel Spohr beim Studium kennenlernten und ihm am längsten Liebe und Hochachtung bewahrt haben. Sein kammermusikalisches Schaffen, aus dem früher sogar beim häuslichen Musizieren hin und wieder etwas auftauchte, war weitgehend unbekannt, noch mehr Lieder und Orchestermusik, von den Opern und Chorwerken ganz zu schweigen.

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Spohrs Lebenserinnerungen jetzt nach den Originalhandschriften neu herauszugeben, auch wenn in zwischen ein Wiederabdruck der »Selbstbiographie« vorliegt, hat seinen besonderen Grund in dem Verlust der Urschrift, die bis auf geringe Bruchstücke im letzten Krieg vernichtet worden ist. Zudem kann aber auch heute gewiß mit weit stärkerer Beachtung gerechnet werden als vor drei Jahrzehnten, da Spohrs Musik seither eine überraschende, damals kaum so bald erwartete Wiederbelebung erfahren hat, die um so höher eingeschätzt werden darf, als es sich um keine örtlich begrenzte Erscheinung handelt. Vor allem viele Rundfunkhörer werden mit dem Namen Spohr heute schon eine bestimmtere Vorstellung verbinden. So dürfte weit mehr Interesse auch für Spohrs Persönlichkeit und seine Lebensumstände bestehen, von denen die Erinnerungen vor dem Hintergrund eines kultur- und musikgeschichtlich reizvollen Zeitbildes berichten.
Im Jahre 1847 begann Spohr die Begebenheiten seines Lebens aufzuzeichnen. Die Anregung dazu gab der Kasseler Publizist Friedrich Ötker, der die Absicht hatte, seiner Schilderung der Feierlichkeiten bei Spohrs fünfundzwanzigjährigem Kasseler Amtsjubiläum eine ausführliche Lebensbeschreibung folgen zu lassen. Als er Spohr um die notwendigen Unterlagen bat, bekam dieser Lust, selbst zur Feder zu greifen.[13]  Nach mehrfachen kürzeren und längeren Unterbrechungen war Spohr mit der Niederschrift zuletzt noch im Sommer 1858, ein Jahr vor seinem Tode, beschäftigt, gelangte in seiner Schilderung aber nur bis zu den Ereignissen des Jahres 1838. Daß er an eine spätere Veröffentlichung dachte, beweist ein Brief Moritz Hauptmanns an Spohr vom 15. Juni 1848; ebenso geht es aus einer Anmerkung Spohrs in seinem Manuskript hervor, in der er auf die Notwendigkeit einer nochmaligen Überarbeitung, also für den Druck, hinwies. Schon unmittelbar nach Spohrs Tod begann seine zweite Frau Marianne, nach Familienüberlieferung unterstützt von Spohrs Schwiegersohn, dem Architekten Johann Heinrich Wolff, die Herausgabe der »Selbstbiographie« vorzubereiten. Wie rasch dabei zu Werke gegangen wurde, zeigen die unverzüglichen Ankündigungen in den Musikzeitungen. Wenige Wochen nach dem Ableben des Meisters brachte bereits Ende 1859 die Berliner Musikzeitschrift »Echo« einen Probeabschnitt »Spohr als Hornist« (die heitere Episode beim Erfurter Fürstenkongreß 1808, Bd. I, S. 116 f.); Wolffs Vorwort ist datiert »Cassel, im Januar 1860«. Georg Heinrich Wigand, der seit 1858 durch seine Verheiratung mit Spohrs Enkelin Natalie Zahn der Familie nahestand, übernahm die »Selbstbiographie« in seinen Verlag, und schon im Frühsommer 1860 konnten die ersten zwei Lieferungen erscheinen. Im Jahre darauf war der Druck abgeschlossen.
In der Absicht, ein vollständiges Lebensbild Spohrs zu geben und die Erinnerungen nicht mit dem Ende der Handschrift, dem Jahre 1838, abbrechen zu lassen, erhielt die »Selbstbiographie« eine Fortsetzung. In erster Linie war es wohl Marianne Spohr, die unter ausgiebiger Benutzung von Briefen und Zeitungsberichten die Biographie zu Ende führte. Mit 138 Druckseiten fiel dieser Anhang unverhältnismäßig weitschweifig aus und erscheint in seinem überschwenglichen Grundton, wie schon Moritz Hauptmann urteilte, allzusehr vom Familieninteresse bestimmt. Auf Marianne Spohr geht vermutlich auch der Titel »Selbstbiographie« zurück, denn Spohr hat in seinen Briefen, wie Herfried Homburg als ihr bester Kenner bestätigt, nie diese Bezeichnung gebraucht, sondern immer nur von »Lebenserinnerungen« gesprochen. Und das mit Recht, denn der gewählte Titel erweist sich als zu anspruchsvoll gegenüber dem Inhalt und der schlichten Art dieses Lebensberichtes, der nicht mit einer Beurteilung nach literarischem Maßstab rechnet. Wenn es nicht überhaupt Spohrs Veranlagung widersprach, zu einer Selbstbetrachtung im tieferen Sinne zu gelangen, so war es zumindest nicht seine Art, andern gegenüber davon Zeugnis abzulegen, das eigene Leben aus den Perspektiven seiner Zeit zu erkennen, Ursprung und Richtung seiner Entwicklung[14]  aufzudecken und zu begründen. »Nicht zum Konversieren« neigend, wortkarg und mit zunehmendem Alter immer verschlossener, schrieb er nach dem Urteil Moritz Hauptmanns in seinen Briefen und als Verfasser gelegentlicher Artikel für die Allgemeine musikalische Zeitung in schlichter, »kulanter« Weise stets zur Sache und nie ohne unmittelbare Veranlassung. Ganz entsprechend hat Spohr, worauf auch die ersten Herausgeber schon hinwiesen, in seinen Erinnerungen der Darstellung des äußeren Lebensganges den Vorzug gegeben, Grundsätzliches seiner Kunst selten und alles Private nur mit großer Zurückhaltung berührt. Vermutlich schrieb er in ähnlichem Ton, wie er im Freundeskreise, beim »Quartettkränzchen« oder im Kasseler »Väterverein« aus seinem Leben erzählt haben mag. Wohlbesonnen und gemütlich-launig, mit jener sympathischen Mischung von Bescheidenheit und Selbstbewußtsein, die ihre Wirkung bei keinem verfehlte, der ihm Verständnis entgegenbrachte. Gemessen an der schriftstellerischen Gewandtheit und gepflegten Diktion, die Spohrs Aufsätze und Briefe auszeichnen und vor allem durch die weitverbreitete Violinschule zum festen Begriff wurden, erscheint die sprachliche Gestaltung der Lebenserinnerungen uneinheitlich. Eine Ursache ist gewiß darin zu sehen, daß Spohr bei der Niederschrift seine frühen Tagebücher benutzte, die neben den Berichten der Allgemeinen musikalischen Zeitung und persönlichen Notizen über Konzerteinnahmen, Reiseverbindungen, Anschriften u. dgl. wichtige Gedächtnishilfen für die Ereignisse der ersten Lebenshälfte bedeuteten. Daß er außerdem für die Schilderung der Kasseler Jahre seit 1822 entstandene »systematische selbstbiographische Aufzeichnungen« (E. Schmitz, Zu L. Spohrs Selbstbiographie, Deutsche Musikkultur IX (1944), Heft 3/4) besessen habe, ist weder zu belegen noch wahrscheinlich.
Seine Tagebuchaufzeichnungen hat Spohr teils wörtlich, teils überarbeitet, auszugsweise oder auch vollständig in die Lebenserinnerungen eingeschaltet. Mit der abwechslungsreichen Beschreibung der bereisten Länder und ihrer Musikverhältnisse, der Schilderung von Freuden und Leiden des reisenden Künstlers, vor allem aber durch Spohrs unverblümte Äußerungen über alles, was ihm begegnete, sind diese Tagebuchzitate von ganz unmittelbarer Wirkung. Da sie Jahrzehnte zurücklagen und in der Regel unter dem frischen Eindruck und sehr flott aufgezeichnet worden sind, ergaben sich zwangsläufig erhebliche stilistische Unterschiede zwischen ihnen und den eigentlichen Erinnerungen. Daß auch diese recht ungleichmäßig ausgefallen sind, beruht gewiß auf den häufigen Unterbrechungen der Niederschrift und den verhältnismäßig seltenen nachträglichen Verbesserungen. Auch wird gegen Ende ganz[15]  offensichtlich, wie das Nachlassen der körperlichen und geistigen Kräfte Spohr das Schreiben immer mühevoller machte. Zunehmende Unbeholfenheit im Ausdruck, häufige Irrtümer und Auslassungen, die behagliche Breite und das Verweilen bei Anekdoten, während wichtige Tatsachen nur gestreift werden, deuten darauf hin. Dennoch bleibt dem Leser letzten Endes der Eindruck einer beachtlichen, von natürlicher Beobachtungsgabe geleiteten Fähigkeit zu schriftlicher Darstellung; er spürt die gleiche starke Individualität, wie sie sich auch in Spohrs Musik ausspricht. Mehr oder weniger deutlich, bisweilen nur zwischen den Zeilen, werden Züge seiner von den Zeitgenossen als so außerordentlich imponierend und verehrungswürdig geschilderten Persönlichkeit lebendig, in der sich alle Merkmale, auch die eigentümlichen Widersprüche niederdeutscher Wesensart vereinigten. Schon persönliche Zurückhaltung und Vorherrschen von sachlichem Bericht mit starker Neigung zur Kritik deuten auf norddeutsche Verschlossenheit und eine manchmal überraschend naive, durch kurze, bündige Urteile noch betonte realistische Betrachtungsweise. Wie darüber hinaus Spohrs Charakter bestimmt wurde von würdevoll-überlegener, manchmal schwerfällig empfundener Ruhe, von Konzilianz und Überzartheit des Empfindens, bis zur Grobheit steigerungsfähiger Geradheit, von starkem Selbstbehauptungstrieb aber auch ausgeprägtem Altruismus – dem nachzugehen gibt die Lektüre der Lebenserinnerungen immer wieder Gelegenheit.


Von jeher haben Schreibfehler bei Namen und ungeschickter Gebrauch musikalischer Fachausdrücke, vor allem aber zahlreiche ungewohnte Wörter und Wendungen bei dem mit Spohrs Stil vertrauten Leser der »Selbstbiographie« Zweifel an der originalgetreuen Wiedergabe des Textes erregt. Der Vergleich mit den Handschriften zeigte, daß eine noch weit eingreifendere Bearbeitung vorgenommen worden ist, als ursprünglich vermutet. Als erstes fiel auf, daß Spohr nach Gepflogenheit mancher älterer Autobiographen von sich zunächst in der dritten Person gesprochen hatte. Als er im Frühjahr 1858 nach fünfjähriger Pause die Niederschrift (mit dem Bericht von der Gründung des Kasseler Cäcilienvereins, Bd. II, S. 130) in der Ichform weiterführte, merkte er in der bereits erwähnten Fußnote an, daß auch das Voranstehende in die erste Person übertragen werden solle. Diese Anweisung wurde von den Herausgebern befolgt; die Umgestaltung kann im großen und ganzen als gelungen betrachtet werden, doch ist nicht zu übersehen, daß die frühere Ursprünglichkeit von Spohrs Fassung häufig verloren gegangen ist. Die schreibgewandte, auf sprachliche Glätte bedachte Marianne Spohr hat vieles Altertümliche dem neueren Sprachgebrauch angeglichen, wobei[16]  das Satzgefüge häufig erheblich verändert wurde. Spohrs tatsächlich manchmal recht umständliche Ausdrucksweise wurde dadurch keineswegs immer verbessert; Austausch einzelner Wörter und Umbildung ganzer Sätze wirkten sich gelegentlich sogar sinnentstellend aus. Überdies unterliefen viele Lesefehler, die sicherlich ebenso auf die Eile bei der Bearbeitung wie auf mangelnde Sachkenntnis der Herausgeber zurückzuführen sind. Schwerwiegende Eingriffe bedeuteten vor allem die Streichungen von einzelnen Sätzen oder Satzteilen bis zu umfangreichen Abschnitten. Was dabei unterdrückt wurde, mochte den Herausgebern unwichtig oder zu weitschweifig erscheinen, auch sprach offensichtlich der Wunsch mit, Spohr nur in möglichst vorteilhaftem Licht zu zeigen. Wie schon erwähnt, besaß Spohr nicht mehr die Kraft, den 1858 begonnenen letzten Teil seiner Erinnerungen einheitlich durchzuformen. Fortgesetzte Wiederholungen, Verwechslungen und andere Irrtümer machten seine Darstellung so unübersichtlich und unchronologisch, daß sie in der originalen Gestalt für die Veröffentlichung nicht verwendet werden konnte. Hier standen die Herausgeber vor der Notwendigkeit, Spohrs Aufzeichnungen zu sichten und, vor allem bei der Schilderung der politischen Vorgänge, die chronologische Ordnung herzustellen. Das war keine einfache Aufgabe, besonders wenn es galt, die teilweise sehr freimütigen Äußerungen über die Staatsverhältnisse abzuwägen, doch wurde sie geschickt gelöst und ein lesbarer Extrakt der Urschrift gewonnen. Vom textkritischen Standpunkt aus betrachtet, hat sich also die Bearbeitung für die erste Ausgabe sehr unterschiedlich ausgewirkt.
Da Spohrs »Selbstbiographie« im Laufe der Zeit eigentlich nur noch den Musikhistorikern bekannt geblieben war, hatte Gustav Bosse eine Neuauflage im Rahmen der Deutschen Musikbücherei geplant. Er griff die Anregung des Herausgebers auf, sie in der vorliegenden, der Urschrift so weit wie möglich folgenden Fassung zu veröffentlichen, doch vereitelte der zweite Weltkrieg dieses Vorhaben. Erst 1952 wurde vom Herausgeber in der »Zeitschrift für Musik« zum erstenmal auf die Unterschiede zwischen Spohrs Niederschrift und der Bearbeitung für die erste Ausgabe hingewiesen. Mittlerweile hatte das wiedererwachte Interesse an Spohr eine Neuausgabe verschiedener musikalischer Werke im Bärenreiter-Verlag veranlaßt, denen 1954/55, von Eugen Schmitz herausgegeben, ein Faksimiledruck der »Selbstbiographie« in der Ausgabe von 1860/61 folgte. Schmitz gab ihm neben einem wertvollen Nachwort einen Kommentar bei, in dem manche sachliche Irrtümer Spohrs vermerkt, aber nicht die viel zahlreicheren Mängel verbessert wurden, die auf die Bearbeitung durch die ersten Herausgeber zurückzuführen sind. Anscheinend[17]  hat Schmitz den erwähnten Artikel in der »Zeitschrift für Musik« übersehen, da er sonst wohl nicht die Berücksichtigung von Spohrs Original als unnötig erachtet und die Handschrift als noch vorhanden bezeichnet hätte.
Die Revision des Textes für die vorliegende Ausgabe wurde schon während der ersten Kriegsjahre vorgenommen. Sie wäre nicht möglich gewesen ohne das großzügige Entgegenkommen von Dr. Werner Wittich, der dem Herausgeber dafür unter schwierigsten Umständen Spohrs Handschriften zugänglich machte. Sie bestanden aus dem Manuskript der Lebenserinnerungen (1119 Seiten im Format 17,5 mal 22 cm, ohne Einband und Aufschrift in zahlreiche lose Bündel geheftet), dem zweibändigen Tagebuch der Reise nach Petersburg (1802/03) und drei Bänden Reiseaufzeichnungen (1815/17). Nach diesen Vorlagen war es möglich, den ursprünglichen Wortlaut weitgehend wiederherzustellen, Übertragungsfehler der ersten Herausgeber zu verbessern und alles Ausgelassene wieder einzufügen. Im Bemühen um den authentischen Text wurde die ursprüngliche Version auch dort beibehalten, wo offensichtlich Flüchtigkeiten und Ungeschicklichkeiten Spohrs die Formulierung beeinträchtigten. Das ist vor allem der Fall in den rasch vorgenommenen Tagebucheintragungen, die als spontane Äußerungen von besonderem Wert sind. Sie schildern zwar gelegentlich Land und Leute sehr weitläufig und, soweit es die Aufzeichnungen aus Italien betrifft, mit auffallenden Analogien zur zeitgenössischen Reiseliteratur, bieten aber kultur- und musikgeschichtlich sehr viel, so daß es außer Frage stand, auch sie in dem von Spohr vorgesehenen Umfang wiederzugeben. Welche wertvollen Bereicherungen mit den wiedereingefügten Abschnitten gewonnen werden konnten, zeigen beispielsweise die Schilderung russischer Volksbelustigungen (Bd. I, S. 54), die eingehende Beschreibung des Programms vom dritten Frankenhäuser Musikfest (ebenda S. 197 ff.) oder die Charakteristik von Fränzls Oper »Carlo Fioras« (ebenda S. 206 f.). In den Teilen bis zum Jahr 1822 wurde die Übertragung in die erste Person, wie sie gemäß Spohrs eigenem Wunsch von seiner Frau Marianne durchgeführt wurde, im allgemeinen übernommen, dabei aber immer nötigenfalls die sinngemäße Übereinstimmung mit dem Urtext hergestellt. Beim Kasseler Abschnitt ab 1822, der, wie schon bemerkt, in Spohrs Fassung über weite Strecken unbrauchbar war, schließt sich die vorliegende Ausgabe mit kritischen Anmerkungen im wesentlichen der ersten Bearbeitung an, da diese bei Vergleich mit der Urschrift trotz gelegentlicher Umfärbungen und auch Fehler doch als brauchbar zu betrachten war. Ebenso blieben die im zweiten Band der »Selbstbiographie« eingeschobenen[18]  Briefzitate, jedoch mehrfach vervollständigt, an ihrem Platz, ergänzen sie doch sehr glücklich Spohrs hier immer spärlichere Mitteilungen. Neu ist die Aufteilung in Kapitel. Sie erschien empfehlenswert, um den sowohl in der Originalfassung wie im Erstdruck fortlaufenden Text übersichtlicher zu gestalten. Ein weiterer Unterschied gegenüber der »Selbstbiographie« ist der Titel »Lebenserinnerungen«, der dem Inhalt besser entspricht und wohl im Sinne Spohrs gewählt wurde. Wie Gustav Bosse für seine Neuausgabe der »Selbstbiographie« vorgesehen hatte, wurde auf die Fortsetzung Marianne Spohrs verzichtet, da sie trotz mehr oder minder wichtiger biographischer Einzelheiten in der ganzen Anlage und durch das im Vordergrund stehende Enthusiastische beim heutigen Leser kaum Anklang finden kann. Sie durch eine eingehende Darstellung der zwei letzten Jahrzehnte von Spohrs Leben und Schaffen zu ersetzen, hätte den vorgesehenen Umfang des Buches weit überschritten. Außerdem schien es ratsam, den dabei unumgänglichen Bruch zwischen Spohrs im Detail unvollständiger Lebensbeschreibung und einer stoffbelasteten Fortführung zu vermeiden. Der Anhang, der ein zusammenfassendes Bild von Spohrs zweiter Lebenshälfte zu geben versucht, beschränkt sich deshalb auf die wichtigsten biographischen Tatsachen und geht auf Spohrs Wirken nur im allgemeinen ein. Ausführliches Material zur Ergänzung dieses Schlußkapitels, soweit es die Kasseler Musik- und Theaterverhältnisse in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts betrifft, bieten zwei Arbeiten, auf die hier besonders verwiesen sei: E. Freiherr Wolf von Gudenberg, Beiträge zur Musikgeschichte der Stadt Kassel unter den beiden letzten Kurfürsten, Diss. Göttingen 1958, R. Lebe, Ein deutsches Hoftheater in Romantik und Biedermeier, Kassel (1964), sowie die betreffenden Kapitel in Engelbrecht, Brennecke, Uhlendorff, Schaefer, Theater in Kassel, Kassel 1959.
Schon Gustav Bosse hatte die Absicht, Spohrs Lebenserinnerungen einem recht breiten Leserkreis zugängig zu machen. Der Anmerkungsteil enthält daher unter den Erläuterungen zu Musikerpersönlichkeiten und musikgeschichtlichen Fakten auch zahlreiche, die dem Kenner geläufig sind. Von Ausführungen zu rein politischen Ereignissen, wie z.B. dem nur lokalgeschichtlich interessierenden sogenannten Kasseler »Bäckerkrawall« (Bd. II, S. 148 ff.) wurde im allgemeinen abgesehen. Eine besondere Aufgabe sieht der Kommentar darin, Näheres über die von Spohr erwähnten Persönlichkeiten mitzuteilen. Mancher Name wurde dabei der Vergessenheit entrissen, worüber, soweit nur Vornamen festgestellt wurden, auch das Register Auskunft gibt. Vor allem aber wurde versucht, die Spohr unterlaufenen Irrtümer richtigzustellen und den Text,[19]  in möglichst knapper Form biographisch zu ergänzen, wozu neben den allgemein zugänglichen Quellen der heute nicht mehr erhaltene Teil von Spohrs Nachlaß, ehemals im Besitz von Dr. Werner Wittich, zahlreiche Beiträge lieferte. Daß dabei noch manche Lücken zu schließen bleiben, auch abgesehen von den durch Kriegsverluste bedingten, ist sich der Herausgeber ebenso bewußt wie der Schwierigkeit, in den Anmerkungen wissenschaftliche Anforderungen mit den Wünschen des nur allgemein interessierten Lesers zu verbinden.
Nachdem die Urschrift von Spohrs Lebenserinnerungen heute fast vollständig verloren ist, muß es Dr. Werner Wittich nachdrücklich gedankt werden, daß er sie seinerzeit so bereitwillig für die neue Ausgabe zur Verfügung gestellt hat. Darüber hinaus gedenkt der Herausgeber in aufrichtiger Verbundenheit des lebhaften Interesses, das Dr. Wittich von Anfang an seiner Arbeit entgegengebracht hat. Alle diejenigen aufzuführen, deren Hinweise und Auskünfte dem Anmerkungsteil zugute kamen, darunter viele Bibliotheken und Archive des In- und Auslands, ist hier unmöglich. Besonderer Dank gebührt dem um die Spohr-Forschung hochverdienten Sekretär der Louis-Spohr-Gesellschaft Herfried Homburg in Kassel, der stets mit größter Hilfsbereitschaft seinen Rat und die Unterstützung bei der Beschaffung von Quellen- und Bildmaterial aus eigenem Besitz und dem Archiv der Louis-Spohr-Gesellschaft gewährte, ebenso Dr. Josef Bellot, Direktor der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, als unermüdlichem Helfer bei der Literaturbeschaffung. Nicht vergessen sei der Dank an die Deutsche Forschungsgemeinschaft für ihre Beihilfe zur Drucklegung. Auch die freundliche Assistenz von Vreni Göthel bei den Korrekturen und bei der Zusammenstellung der Register verdient dankbare Anerkennung.


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Cannobio, im Herbst 1963 
Folker Göthel[20] 



Jugendjahre und erste Anstellung
1784–1802











Mein Vater Karl Heinrich Spohr, Dr. med., später Medizinalrat, war der Sohn eines Predigers zu Woltershausen im Hildesheimischen. Er hatte sich am 26. November 1782 mit Ernestine Henke, Tochter des Predigers an der Ägidienkirche zu Braunschweig, verheiratet und die erste Zeit im Pfarrhause dort gewohnt. Ich war das älteste Kind dieser Ehe und wurde am 5. April 1784 geboren; zwei Jahre nachher ward mein Vater als Physikus nach Seesen versetzt. Meine frühesten Erinnerungen reichen bis zu jenem Umzuge hinauf, indem mir stets der Eindruck gegenwärtig geblieben ist, den das Weinen meiner Mutter, als sie nach dem Abschied von ihren Eltern in dem einfachen und etwas ländlichen Hause zu Seesen ankam, auf mich machte; auch erinnere ich mich noch des Geruchs frisch geweißter Wände, der mich selbst unangenehm berührte, wie mir denn stets eine ungewöhnliche Empfänglichkeit und Feinheit der Sinne eigen geblieben ist. In Seesen wurden mir vier Brüder und eine Schwester geboren. Die Eltern waren musikalisch; der Vater blies Flöte, die Mutter, Schülerin des Kapellmeisters Schwanberger in Braunschweig, spiel 
te sehr fertig das Klavier und sang die italienischen Bravourarien der damaligen Zeit. Da sie sehr oft des Abends musizierten, so wurde der Sinn und die Liebe zur Tonkunst schon früh bei mir geweckt. Zuerst begann ich, mit einer klaren Sopranstimme begabt, zu singen und im vierten oder fünften Jahre schon durfte ich in Duetten mit der Mutter an den Abendmusiken teilnehmen. Um diese Zeit war es, daß mir der Vater meinem Wunsche nachgebend auf einem Jahrmarkte eine Geige kaufte, auf der ich nun unaufhörlich spielte. Zuerst versuchte ich die früher gesungenen Melodien herauszubringen und war überglücklich, wenn die Mutter mir dazu akkompagnierte.[1] 
Bald darauf bekam ich Unterricht beim Rektor Riemenschneider, und noch ist mir erinnerlich, daß ich nach der ersten Stunde, in der ich den G-Dur-Akkord auf allen vier Saiten der Geige hatte greifen lernen, im Entzücken über den Wohlklang des Akkordes zur Mutter in die Küche eilte und ihr so unaufhörlich den Akkord vorharpeggierte, daß sie mich hinausjagen mußte. Als ich nun die Griffe der Geige nach Noten erlernt hatte, durfte ich auch als Geiger des Abends mitmusizieren, und besonders waren es drei Trios von Kalkbrenner für Piano, Flöte und Violine, die eingeübt und dann vor den Freunden des Hauses vorgetragen wurden.
Etwa um das Jahr 1790 oder 91 kam ein französischer Emigrant namens Dufour nach Seesen, der, obgleich nur Dilettant, doch ein sehr fertiger Geiger und Violoncellist war. Er fixierte sich dort, erhielt Freitische bei den wohlhabenderen Einwohnern und ernährte sich durch Sprachunterricht. An den Tagen, wo er zu meinen Eltern kam, wurde nach Tisch jedesmal musiziert, und noch ist mir erinnerlich geblieben, daß ich bis zu Tränen gerührt war, als ich ihn zum ersten Male spielen hörte. Nun ließ ich den Eltern keine Ruhe, bis ich bei ihm Unterricht erhielt. Dufour, erstaunt über meine schnellen Fortschritte, war der erste, der die Eltern zu bereden suchte, mich ganz der Musik zu widmen. Der Vater, der mich früher für das Studium der Medizin bestimmt hatte, ging bei seiner Vorliebe für die Musik bald darauf ein, hatte aber einen harten Kampf deshalb mit meinem Großvater, der sich unter einem Musiker nur einen Bierfiedler, der zum Tanze spielt, denken konnte. Später wurde mir die Genugtuung, nach meiner so frühen Anstellung als Kammermusikus in Braunschweig, dem alten Großvater, der mich sehr lieb hatte, eine bessere Meinung von der erwählten Künstlerlaufbahn beibringen zu können.
Während des Unterrichts bei Herrn Dufour machte ich auch meine ersten Kompositionsversuche, bevor ich irgendeinen Unterricht in der Harmonie erhalten hatte. Es waren Duette für zwei Violinen, die ich mit meinem Lehrer in den Abendmusikpartien vortrug und damit die Eltern im höchsten Grade überraschte. Noch erinnere ich mich des stolzen Gefühls, nun auch als Komponist vor den Freunden des Hauses auftreten zu können. Als Honorar erhielt ich von den Eltern einen Prachtanzug, bestehend in einer roten Jacke mit Stahlknöpfen und einem gelben Beinkleid nebst Schnürstiefeln mit Quasten, worum ich schon lange, wiewohl vergebens, sollizitiert hatte. Die Duetten, die der Vater sorgfältig aufgehoben hat, sind zwar inkorrekt und kindisch, haben[2]  aber doch eine Form und fließenden Gesang. Dieser erste glänzende Erfolg in der Komposition hatte mich so begeistert, daß ich von nun an fast alle Stunden, die mir die Schule frei ließ, ähnlichen Versuchen widmete; ja ich wagte mich sogar an eine kleine Oper, deren Text ich aus dem Weißeschen Kinderfreund nahm. Charakteristisch möchte es sein, daß ich bei dem Titel begann und diesen vor allen Dingen mit Tusche erst recht schön ausmalte; dann folgte die Ouvertüre, dann ein Chor, dann noch eine Arie, bei der aber die Arbeit ins Stocken geriet. Da ich noch nie einer Opernaufführung beigewohnt hatte, so entnahm ich die Form zu diesen Musikstücken den Opern von Hiller »Die Jagd« und »Lottchen am Hofe«, die die Mutter im Klavierauszuge besaß und oft mit mir und dem Vater gesungen hatte. Ich fühlte jedoch bald, daß es mir für ein solches Unternehmen noch an Wissen und Geschick fehle, und wandte mich zu andern Versuchen. Dabei hatte ich aber einen harten Strauß mit dem Vater, der fest darauf bestand, jede begonnene Arbeit müsse erst vollendet sein, bevor eine andre angefangen werden dürfe, und nur, weil der Vater sich überzeugte, daß ich so bedeutenden Arbeiten noch nicht gewachsen sei, durfte diesmal eine Ausnahme gemacht werden; später nie wieder. Dieser Strenge habe ich meine Ausdauer in der Arbeit zu danken und bin der väterlichen Lehre stets eingedenk gewesen.

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Da der Vater liebte, meine Arbeiten zu beaufsichtigen, so gestattete er mir, mich in seiner Studierstube zu etablieren, und ließ sich durch das Singen, Brummen und Pfeifen des kleinen Komponisten nicht stören. Hatte dieser dann etwas Falsches aufgeschrieben, was oft genug geschah, und war genötigt es auszustreichen, so hörte dies der Vater sogleich und sagte halb ärgerlich: »Nun, macht der dumme Junge wieder Fenster?« So nannte er die Querstriche durch die Notenlinien beim Ausstreichen. Dies war mir empfindlich und ist wohl die Veranlassung, daß ich mich zeitig gewöhnte, eine reinliche Partitur, in der nichts ausgestrichen sein durfte, zu schreiben.
Als es nun auf Herrn Dufours Zureden beschlossen war, daß ich mich ganz der Musik widmen sollte, drang dieser darauf, daß ich nach Braunschweig gesandt werde, um weitern, namentlich theoretischen Unterricht in der Musik zu erhalten. Dies konnte jedoch nicht geschehen, bevor ich konfirmiert war. Nach einem streng befolgten Gesetz durfte die Konfirmation im Herzogtum Braunschweig nicht vor dem vierzehnten Jahre stattfinden. Um nun keine Zeit zu verlieren, wurde ich im zwölften Jahre zum Großvater in das Hildesheimische geschickt, wo es[3]  der Entscheidung der Prediger überlassen war, wie bald die Kinder zur Konfirmation zugelassen werden sollten. Hier erhielt ich während eines Winterhalbjahres von dem gelehrten Großvater nicht nur in der Religion, sondern auch in manchen andern Dingen Unterricht; nur für Musikunterricht war nicht gesorgt, da weder der Großvater noch die Oheime etwas davon verstanden. So mußte ich denn zweimal in der Woche mit meiner Geige nach der Stadt Alfeld wandern und mit dem dortigen Kantor musizieren. Wie beschwerlich auch diese Wege bei der häufig unfreundlichen Winterwitterung waren, so freute ich mich doch stets darauf, hauptsächlich wohl deshalb, weil ich mich dem Lehrer überlegen fühlte und diesen durch mein fertiges Notenlesen in Verlegenheit setzte, ja nicht selten den heimlichen Triumph hatte, ihn steckenbleiben zu sehen.
Auf der Hälfte des Wegs nach Alfeld lag eine einsame Mühle. Dort war ich bei einem starken Regenguß einmal eingetreten und hatte die Gunst der Müllerin so sehr gewonnen, daß ich von da an stets vorsprechen mußte, mit Kaffee, Kuchen und Obst gelabt wurde und ihr dann zum Dank etwas auf der Violine vorphantasierte. Noch ist mir erinnerlich, daß ich sie einst mit Variationen von Wranitzky über das Thema »Du bist liederlich«, worin alle die Kunststückchen vorkamen, womit Paganini später die Welt entzückte, so außer sich setzte, daß sie mich an dem Tage gar nicht wieder von sich lassen wollte.
Nach der Rückkehr von Woltershausen wurde ich nun bald nach Braunschweig geschickt und in dem Hause des reichen Honigkuchenbäckers Michaelis, wo der Vater früher Arzt gewesen war und einst die Frau von der Wassersucht kuriert hatte, wie ein Kind des Hauses aufgenommen und von allen Bewohnern desselben mit Liebe behandelt.
Mit Eifer begann ich meine musikalischen und andern Studien. Den Violinunterricht gab mir der Kammermusikus Kunisch, ein gründlicher und freundlicher Lehrer, dem ich viel verdanke. Nicht so freundlich war der Lehrer in der Harmonie und im Kontrapunkt, ein alter Organist namens Hartung, und noch erinnere ich mich, wie dieser mich einst bös anfuhr, als ich ihm bald nach Beginn des Unterrichts eine Komposition zur Ansicht vorlegte. »Damit hat es noch lange Zeit; erst muß man was lernen!« Nach einigen Monaten munterte er mich jedoch selbst auf, nun Versuche in der Komposition zu machen, korrigierte dann aber so unbarmherzig und strich so viele nach meiner Meinung herrliche Gedanken, daß ich alle Lust verlor, ihm wieder etwas vorzulegen. Nicht lange nachher hörte wegen Kränklichkeit des alten Mannes der Unterricht[4]  auf und ist der einzige geblieben, den ich je in der Theorie gehabt habe. Ich war nun genötigt, Belehrung in theoretischen Werken zu suchen; hauptsächlich aber half mir das Lesen guter Partituren, die ich durch Vermittlung meines Lehrers Kunisch aus der Theaterbibliothek geliehen bekam. So gelang es mir bald, korrekt in der Harmonie schreiben zu lernen, und ich wagte es nun zum erstenmal, in Braunschweig mit einer Violinkomposition öffentlich aufzutreten. Es geschah dies im Schulkonzert der Katharinenschule, die ich als Sekundaner besuchte. Diese Konzerte waren zur Übung des Schulchors von dem Präfekten desselben errichtet, wurden aber durch die Teilnahme mehrerer Mitglieder der Hofkapelle, der Stadtmusiker und geschickter Dilettanten so bedeutend, daß man immer größere Werke aufführen konnte, wie Kantaten, Symphonien und Instrumentalkonzerte. Von nun an wurde alles genau eingeübt, und die Aufführungen, die in Prima, einem ziemlich großen Saal, stattfanden, erlangten bald so viel Ruf, daß man ein kleines Eintrittsgeld zur Bestreitung der Kosten erheben durfte. In einem dieser Konzerte trat ich also zum erstenmal in meiner Vaterstadt auf und erwarb so viel Beifall, daß ich nun auch zur Mitwirkung in den Abonnementskonzerten des Deutschen Hauses aufgefordert wurde und das dafür übliche Honorar empfing. Diese erste Einnahme, die ich mir als Künstler erwarb, machte mich sehr glücklich, und noch erinnere ich mich des stolzen Gefühls, mit welchem ich es den Eltern meldete. Nun spielte ich auch in den Abonnementskonzerten öfters Solo und in der Regel eigene Kompositionen. Auch in dem Theaterorchester durfte ich zu meiner Übung mitwirken und lernte dadurch viel gute Musik kennen.


In dieser Zeit, wo ich noch meine klare, hohe Sopranstimme besaß, gewährte es mir auch viel Freude, mich dem Schulchor bei seinen Wanderungen durch die Stadt anzuschließen. Der Präfektus, der später als Bassist berühmt gewordene Theatersänger Strohmeyer, übertrug mir sehr gern die Sopransoli, da ich sie fehlerfrei a vista sang.
Mein Lehrer Kunisch, der mir väterlich wohlwollte, drang nun darauf, daß ich bei dem besten Geiger der Braunschweiger Kapelle, dem Konzertmeister Maucourt, Unterricht nähme. Der Vater willigte gern ein, obgleich es ihm sehr sauer wurde, das für diesen Unterricht höhere Honorar anzuschaffen, um so mehr, da ich das Michaelissche Haus hatte verlassen müssen, weil man mir kein besonderes Zimmer einräumen konnte und ich mit den Kindern des Hauses in derselben Stube ohnmöglich ruhig spielen und komponieren konnte. Eine weitere Folge dieses[5]  Auszugs war, daß mir der Vater bei seinen früheren Bekannten Freitische ausmachen mußte, was seinem ehrgeizigen Sohne sehr empfindlich war. Doch wurde ich von allen diesen Leuten freundlich behandelt, und so verlor sich das Drückende meiner Lage bald. Ich bewohnte nun mit einem andern Sekundaner ein Zimmer im Hause des Kantor Bürger, konnte dort aber ungestört üben und komponieren, da mir der Hauswirt, der sich für mein Musiktreiben interessierte, sein Musikzimmer mit dem Pianoforte zur Verfügung gestellt hatte.
Durch den Unterricht des Herrn Maucourt wurde ich nun zu einem für meine Jahre ausgezeichneten Solospieler ausgebildet, und nach etwa einem Jahre, als es dem Vater beim Heranwachsen der übrigen Kinder nicht mehr möglich war, die Kosten für den teuern Aufenthalt in Braunschweig zu erschwingen, hielt er mich für weit genug fortgeschritten, um nun als reisender Künstler mein Glück in der Welt versuchen zu können. Er beschloß daher, mich zuerst nach Hamburg zu schicken, wohin er mir Empfehlungen an frühere Bekannte mitgeben konnte.
Gewohnt, dem Vater in allem zu gehorchen, und gern geneigt, mich bereits für ein großes Licht zu halten, hatte ich dagegen nichts einzuwenden. Erscheint es nun höchst abenteuerlich, einen Knaben von vierzehn Jahren sich selbst überlassen auf gut Glück in die Welt zu schicken, so findet dies seine Erklärung in dem Charakter und in den Schicksalen des Vaters. Dieser, im höchsten Grade kühn und unternehmend, hatte sich im sechzehnten Jahre auch schon emanzipiert. Um einer Schulstrafe zu entgehen, war er von der Schule zu Hildesheim entflohen, hatte sich auf höchst kümmerliche Weise in Hamburg anfangs als Sprachlehrer, später als Lehrer an der Büschingschen Handelsschule ernährt, dann mehrere Universitäten besucht, sich immer ohne alle Unterstützung von Haus bei großen Entbehrungen durch Unternehmungsgeist und angestrengte Tätigkeit durchgeschlagen und endlich nach einer höchst abenteuerlich verlebten Jugend zum praktischen Arzte in Braunschweig emporgeschwungen. Er fand es nun sehr natürlich, daß sich der Sohn auf gleiche Weise versuchen müsse, obgleich die Mutter bedenklich den Kopf schüttelte. Dürftig mit Reisegeld, aber mit vielen guten Lehren versehen, wurde ich auf der Post nach Hamburg spediert. Noch ganz voll von dem Eindruck, den die lebhafte Handelsstadt und die zum erstenmal gesehenen Seeschiffe auf mich gemacht hatten, ging ich wohlgemut und voller Hoffnungen zum Professor Büsch, an den mich der Vater adressiert hatte. Aber wie bald sollten diese vernichtet[6]  werden! Der Professor, nachdem er den Brief mit immer wachsendem Erstaunen gelesen hatte, rief aus: »Ihr Vater ist doch immer noch der Alte! Welche Tollheit, einen Knaben so auf gut Glück in die Welt zu senden!« Dann setzte er mir auseinander, daß, um ein Konzert in Hamburg zustande zu bringen, man bereits einen berühmten Namen oder wenigstens die Mittel besitzen müsse, die bedeutenden Konzertunkosten riskieren zu können; daß aber im Sommer, wo alle reichen Leute auf ihren Landsitzen außerhalb der Stadt wohnten, ein solches Unternehmen vollends ganz unausführbar sei. Durch diese Erklärungen wie vernichtet, wußte ich keine Silbe zu erwidern und konnte kaum die Tränen zurückhalten. Ich empfahl mich stumm und rannte, ohne an die Abgabe der anderen Empfehlungsbriefe zu denken, voller Verzweiflung nach Haus. Hier meine Lage überdenkend, erschreckte mich der Gedanke, daß meine Barschaft kaum noch für ein paar Tage ausreichen werde, dermaßen, daß ich mich in Gedanken schon in den Klauen der Seelenverkäufer sah, von denen mir der Vater ein warnendes Bild entworfen hatte. Ich entschloß mich daher kurz, packte meine Geige und meine Sachen wieder in den Koffer, schickte diesen, mit einer Adresse nach Braunschweig versehen, auf die Post, bezahlte meine Rechnung und wanderte mit dem kleinen Rest meiner Barschaft in der Tasche, der allenfalls zur Zehrung ausreichen konnte, zu Fuß nach Braunschweig zurück.
Einige Meilen vor der Stadt kam mit ruhigerer Überlegung zwar bald die Reue dieser Übereilung, doch nun zu spät; sonst wäre ich wohl umgekehrt. Ich sagte mir, daß es töricht gewesen sei, nicht wenigstens erst die übrigen Briefe abzugeben. Sie konnten mir ja vielleicht die Bekanntschaft eines Musikkenners verschaffen, der mein Talent zu würdigen und doch noch Rat zu einem Konzert zu schaffen gewußt hätte. Dazu kam der beschämende Gedanke, daß der Vater, der selbst so unternehmend gewesen, mich kindisch, mutlos, unüberlegt schelten würde. So in tiefster Seele betrübt, wanderte ich weiter und sann unaufhörlich darüber nach, wie ich mir die Beschämung ersparen könnte, so ganz unverrichteter Sache in das elterliche Haus zurückzukehren.

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Endlich kam mir der Gedanke, mich an den Herzog von Braunschweig zu wenden und diesen um die Mittel zu weiterer Ausbildung anzugehen. Ich wußte, daß der Herzog früher selbst Violine gespielt hatte, und hoffte daher, daß dieser mein Talent erkennen werde. Hat er dich nur erst eines deiner Konzerte spielen hören, dachte ich, so ist dein Glück gemacht. Mit neu belebtem Mut schritt ich nun weiter und legte in heiterster Stimmung den Rest des Weges zurück.[7] 
Kaum in Braunschweig angelangt, entwarf ich eine Bittschrift an den Herzog, worin ich ihm meine ganze Lage darlegte und schließlich um Unterstützung zu weiterer Ausbildung oder um eine Anstellung in der Kapelle bat. Da mir bekannt war, daß der Herzog jeden Morgen im Schloßgarten spazierenzugehen pflegte, so suchte ich ihn mit meiner Bittschrift in der Tasche dort auf und war so glücklich, daß er mir das Papier abnahm. Nachdem er es flüchtig überlesen und über Eltern und bisherige Lehrer Fragen gestellt hatte, die ich furchtlos beantwortete, erkundigte er sich auch, wer die Bittschrift entworfen habe. »Nun, wer anders als ich? Dazu brauche ich keinen andern!« antwortete ich, fast beleidigt über den Zweifel an meiner Geschicklichkeit. Der Herzog lächelte und sagte: »Nun, komm morgen um elf Uhr aufs Schloß; dann wollen wir weiter über dein Gesuch reden.« Wer war glücklicher als ich! Präzis elf Uhr stand ich vor dem Kammerdiener und verlangte, beim Herzog angemeldet zu werden. »Wer ist Er?« fuhr mich dieser ziemlich unfreundlich an. »Ich bin kein Er. Der Herzog hat mich hierherbestellt und Er hat mich anzumelden«, antwortete ich ganz entrüstet. Der Kammerdiener ging mich zu melden, und bevor sich meine Aufregung gelegt hatte, wurde ich eingeführt. Mein erstes Wort zum Herzog war daher auch: »Durchlaucht, Ihr Kammerdiener nennt mich Er; das muß ich mir ernstlich verbitten!« Der Herzog lachte laut und sagte: »Nun, beruhige Dich nur, er wird's nicht wieder tun!« Nachdem er mich dann noch über manches befragt hatte, worüber ich die unbefangensten Antworten erteilte, sagte er: »Ich habe mich bei Deinem bisherigen Lehrer Maucourt nach Deinen Fähigkeiten erkundigt und bin nun begierig, Dich eine Deiner Kompositionen spielen zu hören; dies kann im nächsten Konzert bei der Herzogin geschehen. Ich werde es dem Kapellmeister Schwanberger sagen lassen.«
Überglücklich verließ ich das Schloß, eilte nach Hause und bereitete mich auf das sorgfältigste zum Konzerte vor.
Diese Hofkonzerte bei der Herzogin fanden jede Woche einmal statt und waren der Hofkapelle im höchsten Grade zuwider, da nach damaliger Sitte während der Musik Karten gespielt wurde. Um dabei nicht gestört zu werden, hatte die Herzogin befohlen, daß das Orchester immer piano spiele. Der Kapellmeister ließ daher Trompeten und Pauken weg und hielt streng darauf, daß nie ein Forte zur Kraft kam. Da dies in Symphonien, so heimlich auch die Kapelle spielte, nicht immer ganz zu vermeiden war, so ließ die Herzogin auch noch einen dicken Teppich dem Orchester unterbreiten, um den Schall zu dämpfen. Nun hörte man das[8]  »ich spiele, ich passe« der Kartenspieler usw. allerdings lauter als die Musik.
An dem Abend, wo ich dort zum erstenmal spielte, waren aber Spieltische und Teppich verschwunden; die Kapelle, unterrichtet, daß der Herzog anwesend sein werde, hatte sich gehörig vorbereitet, und die Musik ging vortrefflich. Da ich damals noch ohne alle Befangenheit auftrat und wohl wußte, daß von dem heutigen Erfolg mein ganzes künftiges Geschick abhängig sei, spielte ich mit wahrer Begeisterung und mußte wohl die Erwartungen des Herzogs übertroffen haben, denn dieser rief mir schon während des Spiels wiederholt bravo zu. Nach Beendigung des Spiels kam er zu mir, klopfte mir auf die Schulter und sagte: »Das Talent ist da; ich werde für Dich sorgen. Komm morgen zu mir.« Überselig kam ich zu Haus, meldete sogleich den Eltern mein Glück und konnte lange vor Freude und Aufregung nicht einschlafen. Am andern Morgen sagte der Herzog zu mir: »Es ist eine Stelle in der Kapelle erledigt, die werde ich Dir geben. Sei fleißig und führe Dich gut auf. Bist Du nach einigen Jahren tüchtig fortgeschritten, so werde ich Dich auch zu irgendeinem großen Meister senden; denn hier fehlt es Dir an einem Vorbilde.« Diese letzte Äußerung setzte mich in Erstaunen; denn ich hatte bis jetzt das Spiel meines Lehrers Maucourt für das Höchste gehalten, was zu erreichen sei.
So wurde ich mit Beginn meines fünfzehnten Lebensjahres als Kammermusikus angestellt. Das Reskript, welches später ausgefertigt wurde, ist vom 2. August 1799 datiert. Obgleich der Gehalt nur 100 Thlr. betrug, so reichte er doch bei großer Sparsamkeit und mit Hilfe kleiner Nebenverdienste aus, und ich bedurfte von nun an keiner weitern Unterstützung von Haus. Ja, ich war so glücklich, den Eltern die Erziehung der andern Kinder dadurch erleichtern zu können, daß ich meinen acht Jahre jüngern Bruder Ferdinand, der Neigung und Talent für Musik zeigte, zu mir nahm und ihn zum Künstler bildete.
Von nun an war der junge Kammermusikus in großer Tätigkeit. Seine Berufsgeschäfte bestanden in dem Mitwirken bei den Hofkonzerten und im Hoftheater, für welches seit kurzem eine französische Sänger- und Schauspielergesellschaft engagiert war. Ich lernte daher die französische dramatische Musik früher kennen als die deutsche, was auf meine Geschmacksrichtung und damaligen Kompositionen nicht ohne Einfluß blieb. Endlich, als für die Zeit der beiden Messen auch eine deutsche Operngesellschaft aus Magdeburg verschrieben wurde, ging mir die Herrlichkeit der Mozartschen Opernmusik auf und nun war für[9]  meine ganze Lebenszeit Mozart mein Idol und Vorbild. Noch erinnere ich mich deutlich der Wonneschauer und des träumerischen Entzückens, mit welchem ich zum ersten Male »Zauberflöte« und »Don Juan« hörte, und wie ich nun nicht ruhte, bis ich die Partituren geliehen bekam und dann halbe Nächte darüber brütete.

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Aber auch bei allen andern Musikpartien der Stadt fehlte ich nicht; namentlich gehörte ich allen Quartettzirkeln an. In einem derselben, der von zwei Sängern der französischen Oper, die Violine spielten, errichtet war, lernte ich auch die ersten Quartetten von Beethoven kennen und schwärmte von nun an nicht weniger für sie wie bisher für die Haydnschen und Mozartschen. Bei solchem steten Musiktreiben konnte es nicht fehlen, daß mein Spiel und mein Geschmack sich immer mehr ausbildeten. Günstig wirkte auch die Anwesenheit zweier fremder Geiger, die in dieser Zeit Braunschweig besuchten. Es waren dies Seidler aus Berlin und der Knabe Pixis. Ersterer imponierte mir durch seinen schönen Ton und sein sauberes Spiel, letzterer durch eine für seine Jahre außerordentliche Fertigkeit.
Mit den Brüdern Pixis musizierte ich sehr häufig in Privatgesellschaften und spielte auch in deren zweitem Konzert mit dem Geiger öffentlich ein Doppelkonzert von Pleyel. Nach solchen Aufmunterungen wurde dann immer mit verdoppeltem Eifer studiert.
Der Herzog, der seinen Schützling nicht aus den Augen verlor, hatte mir erlaubt, ihn jedesmal zu benachrichtigen, wenn ich eine neue Komposition im Hofkonzert vortrüge, und erschien auch einigemal zum großen Verdruß der Herzogin, die dadurch in ihrer L'hombrepartie gestört wurde. Eines Tages, als der Herzog nicht anwesend war und daher auch niemand auf die Musik achtete, das Verbot jeden Fortes vor Anfang der Musik erneuert und der verhängnisvolle Teppich wieder ausgebreitet war, probierte ich ein neues Konzert von mir; denn eine Probe nur konnte man diese Vorträge nennen, da nie eine solche vorher stattfand, ausgenommen an den Tagen, wo man wußte, daß der Herzog erscheinen würde. Begeistert von meinem Werk, welches ich zum erstenmal mit Orchester hörte, vergaß ich ganz des Verbots und spielte mit aller Kraft und allem Feuer der Begeisterung, so daß ich selbst das Orchester mit fortriß. Plötzlich wurde ich mitten im Solo von einem Lakai am Arm gefaßt, der mir zuflüsterte: »Die Frau Herzogin läßt Ihnen sagen, Sie sollen nicht so mörderlich darauf streichen!« Wütend über diese Störung spielte ich womöglich nur noch stärker, mußte mir aber auch nach geendigtem Spiel einen Verweis vom Hofmarschall gefallen lassen.[10] 
Der Herzog, dem ich am andern Tage mein Leid klagte, lachte herzlich, erinnerte sich aber auch bei dieser Gelegenheit seines frühern Versprechens und forderte mich sogleich auf, mir unter den berühmten Geigern der damaligen Zeit einen Lehrer zu wählen. Ohne Bedenken wurde Viotti von mir genannt und diese Wahl vom Herzog gebilligt. Es ward auch gleich an diesen, der sich damals in London aufhielt, geschrieben. Leider antwortete er aber ablehnend: »Er sei Weinhändler geworden, beschäftige sich nur noch selten mit Musik und könne daher keinen Schüler annehmen.«
Nach Viotti war Johann Friedrich Eck in Paris der berühmteste Geiger. An diesen wurde daher zunächst geschrieben. Aber auch er wollte keinen Schüler annehmen. Er hatte kurz vorher eine reiche Gräfin aus München, wo er Mitglied der Hofkapelle war, entführt, sich mit ihr in der Schweiz verheiratet und führte nun ein vornehmes Leben teils in Paris, teils auf einem von dem Vermögen der Gräfin erworbenen Gute bei Nancy. Er schlug aber seinen jüngern Bruder und Schüler Franz Eck als Lehrer vor. Da dieser eben Deutschland bereisete und in Berlin, wie die Zeitungen berichteten, mit großem Beifall aufgetreten war, so wurde an ihn geschrieben und er für den Fall, daß er den Antrag annähme, nach Braunschweig eingeladen. Eck kam, spielte bei Hofe und gefiel dem Herzog sehr. Da er auf einer Kunstreise nach Petersburg begriffen war, so wurde ich ihm auf ein Jahr als Schüler mitgegeben und ausgemacht, daß ich die Hälfte der Reisekosten zu tragen habe und Eck nach Beendigung des Unterrichts ein angemeßnes Honorar vom Herzog empfangen werde.



 Reise nach Petersburg
[11] 1802–1803











Von dieser Reise ist ein Tagebuch vorhanden, aus welchem einige Auszüge vielleicht von Interesse sein werden. Es beginnt einige Tage vor der Abreise am 24. April 1802 für einen achtzehnjährigen Jüngling noch sehr kindlich folgendermaßen:

Der Abschied
»Unter die traurigsten Stunden des Lebens gehören die des Abschieds von gütigen Eltern und geprüften Freunden. Sie erheitert nicht einmal die Aussicht auf eine angenehme und nützliche Reise; nur die Zeit und Hoffnung auf baldiges Wiedersehen können so schmerzliche Wunden heilen. Diese sind es, von denen auch ich Erleichterung beim Antritt meiner musikalischen Reise erwarte. So lebt denn wohl, Eltern, Freunde! Die Erinnerung an die fröhlichen Stunden, deren Schöpfer Ihr waret, wird mich stets begleiten!«
Die Reise ging zuerst nach Hamburg, wo Eck Konzerte zu geben beabsichtigte. Mit einer gewissen Genugtuung und Selbstzufriedenheit sah ich die Stadt wieder, aus der ich einige Jahre früher so voller Verzweiflung entflohen war.
Nachdem Eck seine Empfehlungsbriefe abgegeben hatte, begann auch der Unterricht. Es findet sich darüber folgendes im Tagebuch aufgezeichnet:
»Heute früh, den 30. April, fing Herr Eck seinen Unterricht bei mir an. Aber ach, wie sehr wurde ich gedemütigt. Ich, der ich einer der ersten Virtuosen Deutschlands zu sein geglaubt hatte, konnte ihm nicht einen einzigen Takt zu Danke spielen, sondern mußte jeden wenigstens zehnmal[12]  wiederholen, um nur endlich einigermaßen seine Zufriedenheit zu erlangen. Vorzüglich mißfiel ihm mein Strich, welchen umzuändern ich nun auch selbst für sehr nötig halte. Es wird mir freilich anfangs sehr schwer vorkommen; doch hoffe ich endlich, von dem großen Nutzen dieser Umänderung überzeugt, damit zustande zu kommen.«
Das Tagebuch berichtet nun in täglichen Referaten über alles, was die Reisenden sahen und hörten. So anziehend dies auch für mich sein mußte, so versäumte ich darüber doch nicht meine Musikstudien. Der Vormittag, der damals in Hamburg bis drei Uhr dauerte, war ganz dem Einüben dessen gewidmet, was Eck mir aufgab. Es dauerte auch nicht lange, so äußerte sich dieser günstig über meine Fortschritte. Schon unter dem 16. Mai heißt es:
»Herr Eck fängt an zufriedener mit meinem Spiel zu sein und war gestern so gütig, mir zu versichern, daß ich das Konzert, welches ich bei ihm einstudiert habe, nun ganz ohne Fehler spielen könne. Er will nun ein andres mit mir vornehmen.«
Die Zwischenpausen, die durch die Ermüdung beim Üben geboten waren, füllte ich mit Malen aus. Von frühster Jugend hatte ich mich im Zeichnen und Malen mit Wasserfarben geübt und es, ohne je guten Unterricht gehabt zu haben, zu ziemlicher Fertigkeit darin gebracht. Meine Neigung dafür war so groß, daß ich eine Zeitlang geschwankt hatte, welche der beiden Künste ich als Lebensberuf erwählen wolle. Nachdem ich mich für die Musik entschieden hatte, trat das Malen in den Hintergrund. Doch hatte ich einen Apparat zum Miniaturmalen mit auf die Reise genommen und machte nun einen ersten Versuch im Porträtieren. Das Tagebuch sagt unter dem 12. Mai:
»Am Sonntag fing ich ein Miniaturbild an, welches ich heute vormittag beendigt habe. Ich versuchte mich selbst zu malen und kann damit sehr wohl zufrieden sein. Dieses und mein Geigenspiel haben mich so beschäftigt, daß ich in diesen vier Tagen beinahe gar nicht aus dem Haus gekommen bin. Ich schickte dieses Bild meinen Eltern und begann dann Herrn Eck zu malen, der geduldig genug war, mir zu sitzen.«
Am 26. Mai sagt das Tagebuch darüber:
»Heute morgen beendigte ich das Miniaturbild des Herrn Eck und überreichte es ihm. Es hatte das Glück ihm zu gefallen und wurde sehr von ihm gelobt. Es ist aber doch nicht ganz getroffen, und ich werde ihn bald noch einmal malen.«[13] 
Es möchte nun an der Zeit sein zu erwähnen, daß der junge Künstler von frühester Jugend an sehr empfänglich für weibliche Schönheit war und schon als Knabe sich in jede schöne Frau verliebte. Es ist daher nicht zu verwundern, daß das Tagebuch des nunmehr achtzehnjährigen Jünglings auf vielen Blättern Ergüsse seiner Herzensregungen enthält. Komisch ist jedoch dabei der Ernst, mit welchem diese flüchtigen Neigungen besprochen werden.
In Hamburg war es besonders eine Demoiselle Lütgert, die Tochter eines Musiklehrers, die sein Herz gewann. Nach einem Besuche bei dem Vater schrieb ich darüber folgendes:
»Seine älteste Tochter, ein Mädchen von dreizehn Jahren, ein sehr schönes, unschuldiges Geschöpf, gefiel mir vorzüglich wegen ihres artigen und sittsamen Betragens. Sie ist sehr schön gewachsen, hat von Natur gelocktes Haar, feurige braune Augen und einen blendend weißen Busen, der sich schon sehr wölbet. Ihr Vater, dessen Steckenpferd die Harmonie und der Generalbaß sind, unterhielt mich, weil er bei mir die meiste Geduld fand, seinen Sermon anzuhören, beständig von Auflösung und Verbindung der Akkorde, unterdessen ich viel lieber mit seiner liebenswürdigen Tochter von Verbindung der Herzen und Lippen gesprochen hätte.«
Um mich ihr öfter nähern zu können, bat ich um die Erlaubnis, sie malen zu dürfen, was gern gewährt wurde. Doch ehe noch die Sitzungen begannen, scheine ich durch Herrn Eck, den ich sonderbarerweise zum Vertrauten meiner Liebe gemacht hatte, vor ihr gewarnt zu sein. Denn es heißt in dem Tagebuche:
»Herr Eck, der in der Komödie war, erzählte, daß meine liebe Dlle. Lütgert mit ihrer Mutter und einem fremden jungen Menschen auch dort gewesen sei und mit letzterem viel gescherzt habe. Er hält sie daher für eine Kokette und glaubt sie meiner Zuneigung unwürdig. Ich kann aber ohnmöglich glauben, daß ein Mädchen von dreizehn Jahren schon kokett sein kann.«
Nach der ersten Sitzung scheine ich jedoch auch dieser Ansicht gewesen zu sein, denn es heißt am Tage, wo diese stattgefunden hatte, im Tagebuche:
»Henriette bat mich, sie in dem Kleid zu malen, das sie trage, und versicherte, es gewählt zu haben, weil ihre anderen Kleider nicht weit genug ausgeschnitten seien und den Busen zu sehr bedeckten. Ich erstaunte über ihre Eitelkeit, und der Anblick ihres wirklich reizenden[14]  Busens, der mich bei jeder andern Gelegenheit entzückt haben würde, machte mich nun traurig, da ich überzeugt wurde, daß sie schon von der Eitelkeit und Schamlosigkeit der Hamburgerinnen angesteckt sei. Sie sprach, während ich malte, mit ihrer Kusine, einem häßlichen, aber eitlen Mädchen, von nichts als dem Putze, den sie auf dem morgigen Ball anzulegen gedächte, und deckte im Fortgang des Gesprächs so manchen Flecken ihres Charakters auf, daß ich erstaunen mußte, so lang blind gewesen zu sein. Hielt sie es nicht der Mühe wert, sich vor mir zu genieren oder glaubte sie mich so ganz mit meiner Malerei beschäftigt, daß ich ihre Rede nicht hören würde, das weiß ich nicht. Zwar ist sie noch nicht ganz verdorben, aber wie lange wird dies dauern, da sie in so übler Gesellschaft ist.« Naiv, sentimental heißt es dann zum Schluß: »Ganz mißvergnügt kam ich zu Haus und wünschte, daß wir nun bald abreisen möchten, weil mir Hamburg mit seinen Einwohnern immer mehr mißfällt. Mein geselliges Herz, das sich so gern jedem Menschen anschließen möchte, findet hier niemanden. Die Leute werden durch den übermäßigen Luxus für alle feineren Gefühle abgestumpft und kennen Liebe und Freundschaft nur dem Namen nach. Ich glaubte, in diesem Mädchen etwas für mein Herz gefunden zu haben, aber ich sehe mich von neuem betrogen und werde immer mehr überzeugt, daß ich in großen Städten vergeblich suchen werde. Ich hatte mir vorgenommen, eine Kopie von ihrem Bilde für mich zu machen; allein ich bin doch zu sehr auf sie erbittert, um dieses zu können. Auch habe ich nun keine Lust auf den Ball zu gehen und werde auf einen Vorwand denken dort wegzubleiben.«
Zwei Tage später heißt es jedoch: »Heute vormittag arbeitete ich ein wenig an dem Bilde der Demoiselle Lütgert und fing auch die Kopie davon für mich an. Nach Tisch ging ich zu ihr, um es dort zu vollenden. Henriette empfing mich mit Vorwürfen, daß ich nicht auf den Ball gekommen sei, und versicherte, wenig Vergnügen dort gehabt zu haben. Sie war heute so reizend gekleidet und sprach so vernünftig, daß ich mich mehr mit ihr unterhielt, als malte, weshalb ich auch nicht ganz fertig wurde. Es ist wirklich ewig schade, daß dieses Mädchen mit so großem Talente und gesundem Verstande in so schlechter Gesellschaft lebt und dadurch zu den Torheiten Hamburgs verführt wird. Wenn sie jetzt noch unter andere Menschen käme, so könnte das beste Mädchen aus ihr werden, denn sie hat ein gutes Herz und läßt sich gern leiten.«
Mit der Übergabe des Bildes und der bald darauffolgenden Abreise von Hamburg endete dieser kleine Liebesroman, bei dem es jedoch nie zu Erklärungen gekommen war.[15] 
Über meine damalige Kunstbildung und meine Kunstansichten gibt das Tagebuch fast auf jeder Seite in der Beurteilung dessen, was ich in Hamburg hörte, vielfache Belege. Freilich sind diese Urteile mit der naiven Zuversichtlichkeit, die der Jugend eigen ist, abgefaßt und würden gewiß mancher Berichtigung bedürfen, wenn diese nach so langer Zeit noch möglich wäre. Die Urteile über Opern und deren Darstellung können füglich übergangen werden, da diese Werke größtenteils vom Repertoire verschwunden und die Sänger längst verschollen sind.
Über einige andere Leistungen sowie über die meines Lehrers mögen aber die betreffenden Stellen hier folgen:
»Den 5. Mai. Wir waren heute mittag bei Herrn Kieckhoefer zum Essen eingeladen und trafen dort Herrn Dussek und einige andere Musiker. Mir war dies sehr erwünscht, da ich mich längst gesehnt hatte, Herrn Dussek spielen zu hören. Herr und Madame Kieckhoefer sind sehr artige Leute und in ihrem Hause ist Pracht mit Geschmack verbunden. Die Unterhaltung bei Tische war fast immer französisch; ich konnte daher, da ich noch nicht sehr im Französischen geübt bin, nur geringen Anteil daran nehmen. Desto größeren nahm ich aber an der Musik, die nachher gemacht wurde. Herr Eck begann mit einem Quartett eigener Komposition und entzückte damit alle Zuhörer. Darauf spielte Herr Dussek Klaviersonaten seiner Komposition, die aber nicht sonderlich zu gefallen schienen. Nun folgte ein zweites Quartett des Herrn Eck, welches Herrn Dussek so hinriß, daß er ihn zärtlich umarmte. Zum Beschluß spielte Herr Dussek ein neues Quintett, das er erst in Hamburg komponiert hat und das man bis in den Himmel erhob. So ganz wollte es mir aber nicht gefallen; denn ohnerachtet der vielen Modulationen wurde es am Ende ein wenig langweilig und das Übelste war, daß es weder Form noch Rhythmus hatte und man das Ende ebenso gut zum Anfang hätte machen können.«
Bei einer Musikpartie auf dem Landsitze des Herrn Thornton lernte ich Demoiselle Grund, die damals gefeiertste Sängerin Hamburgs, kennen. Das Tagebuch spricht von ihr mit großer Begeisterung. Unter anderem heißt es:
Anfangs war die Unterhaltung sehr windig; mit anderen Worten: »Die Herren Kaufleute sprachen von nichts als den widrigen Winden, die ihren Schiffen den Eingang in die Elbe verwehren. Nach und nach wurde sie aber interessanter, besonders da sich Dem. Grund mit in das Gespräch mischte. Schon da bewunderte ich ihre richtige und gebildete Sprache und[16]  ihr einnehmendes, zuvorkommendes Betragen, mit dem sie jeden bezauberte. Als sie aber bei Tische bald mit diesem französisch, dann mit jenem englisch sprach und mir einer der Herren erzählte, daß sie vier Sprachen richtig spreche und schreibe, da fing ich an, sie zu beneiden und mich zu schämen, daß ich als Mann diesem Mädchen hierin so weit nachstehe. Auch in der Musik hat sie es sehr weitgebracht und entzückte uns noch gestern abend durch ihren Gesang so sehr, daß Herr Eck sie aufforderte, in seinem Konzert zu singen, was sie auch versprach. Mein Tischnachbar erzählte mir, ihr Vater ernähre seine Familie mit Musikunterricht und verwende sehr viel auf die Erziehung seiner Kinder. Diese, seine älteste Tochter, erleichtere ihm dieses Geschäft dadurch sehr, daß sie nicht allein ihre Geschwister in der Musik und in Sprachen unterrichte, sondern durch häufiges Informieren in den ersten Häusern Hamburgs eine ansehnliche Summe Geldes verdiene. Ich hätte gern ihre Bekanntschaft gemacht, allein sie war so mit jungen Herren umlagert, daß ich nicht an sie kommen konnte.«
Über die Musikpartie am Abend berichtet das Tagebuch noch:
»Herrn Ecks Spiel und der Gesang der Dlle. Grund erhielten den allgemeinsten Beifall. Nicht so ganz gefiel Herrn Dusseks Spiel. Es ist aber auch in der Tat zu wild und disharmonisch. Er spielte ein Klavierkonzert von eigener Komposition, welches Pleyel in Paris unverschämterweise nachgestochen und seiner Frau, die Dussek gar nicht kennt, dediziert hat. Dussek hat nicht übel Lust, diese größte aller Unverschämtheiten öffentlich bekanntzumachen und von Mme. Pleyel ein Geschenk für die Dedikation einzufordern. Nachdem wir zu Abend oder vielmehr zu Nacht gegessen hatten (denn es war 3 Uhr morgens, als wir vom Tisch aufstanden), begaben wir uns in unser sehr elegantes Schlafzimmer usw.« Von dem öffentlichen Konzert des Herrn Eck im Logensaal auf der Drehbahn am 18. Mai sagt das Tagebuch:
»Herr Eck hatte große Ursache mit dem Orchester zufrieden zu sein, da seine Konzerte vortrefflich akkompagniert wurden, nicht ganz so gut die Arien der Demoiselle Grund, die für die blasenden Instrumente etwas schwer waren. An der Spitze dieses gut eingeübten Orchesters steht der durch seine niedlichen Kompositionen bekannte Massonneau. Man sieht es diesem Mann nicht an, wie talentvoll er ist; denn sein Anstand beim Spiel und sein Bogenstrich und sein Anzug sind so schlecht und geschmacklos, daß man ihn für den größten Stümper halten möchte –, und doch dirigiert er gar nicht übel. Obgleich Herr Eck sein erstes Konzert nicht ganz so gut spielte, wie ich es zu Haus von ihm gehört habe, so[17]  erhielt er doch allgemeinen Beifall. Dlle. Grund sang eine Arie von Righini und im 2ten Teile eine aus der Schöpfung, beide ganz vortrefflich. Auch Herr Dussek, der zu Anfang des 2ten Teils spielte, gefiel mir dieses Mal außerordentlich, da er nicht nur eines seiner hübschesten Konzerte gewählt hatte, sondern auch mit mehr Delikatesse und Deutlichkeit wie bisher spielte. Hrn. Ecks zweites Konzert, welches er bei weitem besser als das erste vortrug, entzückte alle Zuhörer und entlockte ihnen unzählige Bravos. Überhaupt verließen die Leute den Konzertsaal höchst zufrieden.«
Unser Aufenthalt in Hamburg dehnte sich bis zum 6. Juni aus. Herr Dussek, dem die Anordnung des Konzertes bei einem Feste, welches die in Hamburg wohnenden Engländer zu Ehren ihres Königs für den 4. Juni veranstalteten, aufgetragen war, engagierte Herrn Eck zum Vortrag eines Violinkonzertes und sicherte ihm ein bedeutendes Honorar zu als Entschädigung für den verlängerten Aufenthalt. Erst bei der Probe, die am 3. Juni abends neun Uhr stattfand, entdeckte Herr Eck, daß das Konzert im Freien gegeben werden sollte, wovon früher nie die Rede gewesen war. Man hatte eine Bude von Leinwand aufgeschlagen und in dieser das Orchester, wohl hundert Mann stark, terrassenförmig aufgestellt. »Unter den Sängern (sagt das Tagebuch) sind sehr ausgezeichnete, z.B. Dlle. Grund, Hr. und Madame Miarteni und andre mehr. Zuerst probierte Herr Dussek, dem die Leitung des Ganzen übertragen ist, eine von ihm für dieses Fest komponierte Kantate, die auf mich eine außerordentliche Wirkung machte, da sie nicht allein gut geschrieben und vortrefflich einstudiert war, sondern auch durch die Mitwirkung einer großen Orgel, die im Hintergrund des Orchesters aufgestellt ist, und durch die Exekution in stiller Nacht etwas so Feierliches bekam, daß man ganz hingerissen wurde.«
Nach der Kantate sollte nun Herr Eck sein Konzert probieren. Dieser hatte jedoch, besorgt, daß die feuchte Nachtluft ungünstig auf seine Saiten einwirken und seine Geige nach so kräftig besetzter Vokalmusik und zwischen den Leinwandwänden eingeengt schlecht klingen werde, den Entschluß gefaßt, gar nicht zu spielen. Er erklärte dieses und machte zugleich Herrn Dussek heftige Vorwürfe, ihm nicht gleich gesagt zu haben, daß das Konzert im Freien stattfinden sollte. Es entspann sich darüber ein scharfer Wortwechsel, der zur Folge hatte, daß Eck mit mir sogleich das Lokal verließ und wir auch dem Feste selbst nicht beiwohnten, was von mir im Tagebuch sehr beklagt wird, da außer dem Konzert auch noch ein großes Feuerwerk und Erleuchtung des Gartens[18]  zu dem Fest gehörten. Ein Anspruch auf Entschädigung für den verlängerten Aufenthalt in Hamburg, den Eck am andern Tage stellte, wurde zurückgewiesen, und er leitete daher vor der Abreise eine gerichtliche Klage gegen Dussek ein, von deren Resultat aber, wenigstens solange ich bei Eck war, nichts kundgeworden ist.
Die Reise ging nun zunächst nach Ludwigslust, wo Eck bei Hofe gehört zu werden hoffte, was jedoch abgelehnt wurde. Auch nach Strelitz, wohin er Empfehlungsbriefe an den herzoglichen Hof hatte, kam er zu ungelegener Zeit, da der Hof abwesend war. Da dieser aber bald zurückerwartet wurde und das freundliche Städtchen mit seinem reizenden Schloßgarten und dem daran grenzenden See zu längerm Aufenthalte einlud und Eck bedachte, daß er mitten im Sommer auch in Stettin, Danzig und Königsberg keine guten Geschäfte machen könne, so entschloß er sich, die Rückkehr des Hofes abzuwarten. Wir suchten daher eine Privatwohnung und richteten uns für einige Zeit häuslich ein.
Dies war für meine Studien die günstigste Periode der ganzen Reise. Eck, der ganz ohne Beschäftigung war, widmete sich nun dem Unterrichte seines Schülers mit großem Eifer und lehrte ihn alle Geheimnisse seiner Virtuosität. Ich meinerseits, von jugendlichem Ehrgeiz getrieben, war unermüdlich. Ich stand sehr früh auf und übte mein Instrument so lange, bis mich Ermüdung aufzuhören zwang. Doch nach kurzer Rast begann ich von neuem und brachte es auf solche Weise an manchem Tage bis zu zehn Stunden Übung, die Zeit mit eingerechnet, in welcher Eck mich unterrichtete. Man hatte mir von Braunschweig geschrieben, daß die Mißgünstigen unter meinen Kollegen laut geäußert hätten, ich würde mich wohl ebensowenig auszeichnen wie alle andern jungen Leute, die der Herzog bisher bei ihren Studien unterstützt habe. Diese Vermutung zu Schanden zu machen, war ich das Äußerste aufzubieten entschlossen, und wenn daher auch zuweilen der Eifer ermatten wollte, der Gedanke an mein erstes Auftreten in Braunschweig nach meiner Rückkehr belebte mich gleich wieder zu neuer Anstrengung. So gelang es mir, binnen kurzer Zeit eine solche Gewandtheit und Sicherheit in der Technik meines Instrumentes zu erwerben, daß mir von der damals bekannten Konzertmusik nichts mehr zu schwer war. Bei solchen anstrengenden Studien wurde ich durch kräftige Gesundheit und durch einen herkulischen Körperbau unterstützt.
In den Zwischenpausen, die das Üben des Instrumentes übrigließ, wurde komponiert, gemalt, geschrieben und gelesen und der spätere Nachmittag dann zu Ausflügen in die Umgegend verwandt. Ein Lieblingsvergnügen[19]  der Reisenden war es, quer über den See zu schiffen und in einer jenseits gelegenen Meierei das Abendbrot einzunehmen. Ich, der ich schon damals ein geübter Schwimmer war, entkleidete mich oft auf diesen Fahrten und schwamm eine Strecke neben dem Kahne her. Mein Verhältnis zu Eck, welches mehr das zweier Kameraden zueinander als das zwischen Lehrer und Schüler war, gestattete solche Freiheiten.
In jener Zeit vollendete ich ein schon in Hamburg angefangenes Violinkonzert, welches später als op. 1 bei Breitkopf & Härtel in Leipzig erschienen ist, und schrieb die drei Violinduetten, op. 3 bei Kühnel in Leipzig. Beim Einüben dieser Duetten mit Eck wurde es mir zuerst klar, daß mein Lehrer wie so viele Geiger der französischen Schule doch kein durchgebildeter Künstler war; denn so vollendet er auch seine Konzertsachen und einige andere ihm von seinem Bruder eingeübte Kompositionen vortrug, so wenig verstand er es, in den Geist fremder Sachen einzudringen, und es hätten bei diesen Duetten die Rollen füglich getauscht und vom Schüler dem Lehrer angedeutet werden können, wie sie vorzutragen seien. Auch merkte ich nun bei einem Kompositionsversuch, den Eck machte, daß dieser ohnmöglich der Komponist der Violinkonzerte und Quartetten sein könne, die er bisher für eigene Arbeiten ausgegeben hatte. Später erschienen auch die Konzerte unter dem Namen des ältern Eck und die Quartette unter dem des Kapellmeisters Danzi in Stuttgart.
So waren in Erwartung des Hofes vier Wochen höchst einförmig, aber fruchtbringend für mich verflossen, als Eck sich unwohl fühlte und einen Arzt zu Rate ziehen mußte. Die Unterredungen mit diesem waren sehr geheim, und ich konnte lange nicht ergründen, was meinem Lehrer fehle, bis der Arzt es für nötig fand, den jungen unerfahrenen Menschen vor zu naher Berührung mit dem Kranken zu warnen. Der arme Eck, der sich die Krankheit durch frühe Ausschweifungen in Paris zugezogen hatte, war schlecht kuriert worden. Sie kam daher in Strelitz und später noch einmal in Petersburg wieder zum Ausbruch und leider immer bösartiger. Was für traurige Folgen das für ihn hatte, wird später erzählt werden. Noch immer erinnere ich mich des Abscheus, mit dem ich damals zum ersten Male in meinem Leben von dieser Krankheit und ihren gräßlichen Folgen reden hörte, und wohl mag es diesem unauslöschlichen Eindruck größtenteils zuzuschreiben sein, daß ich nie einer Versuchung erlag, die mir eine ähnliche Krankheit hätte zuziehen können.
Da der Kranke während der ersten vier Wochen das Zimmer nicht verlassen durfte, so machte ich von nun an die Abendspaziergänge allein.[20]  Auf diesen entspann sich wieder eine Herzensangelegenheit, die im Tagebuche sehr ausführlich und mit großem Ernst erzählt ist. Es heißt am 8. Juli:
»Heute nachmittag trieb mich die Langeweile in eine Leihbibliothek, wo ich mir den bekannten Roman von Lafontaine ›Quinctius Heymeran von Flaming‹ auswählte. Ich ging damit zur Stadt hinaus und suchte mir ein einsames und schattiges Plätzchen am See, wo ich mich lagerte und zu lesen anfing. Ich vertiefte mich sehr in die Lektüre, trauerte mit Lissow um seine Jakobine und verglich sie mit einer lebenden, mir bekannten Dame. Plötzlich hörte ich nahe Tritte, blickte auf, und vor mir standen zwei Mädchen, die eine mit blauen Augen und blonden Locken, schön wie ein Engel, und die andere schwarz von Haar und Augen, minder schön, aber doch nicht häßlich. Ich sprang auf, grüßte sie ehrerbietig und sah ihnen lange nach. Myrrha, Herrn Ecks Hund, den ich mitgenommen hatte, war ihnen gefolgt und schmeichelte der Blondgelockten unaufhörlich, so daß er mein Rufen nicht hörte. Ich folgte daher, um den Hund zu holen und womöglich der Mädchen Bekanntschaft zu machen. Die Blonde kam mir entgegen, bat um Verzeihung, daß sie den Hund zurückgehalten habe, und verlangte das Versprechen, ihn für seinen Ungehorsam nicht bestrafen zu wollen. Mit ihrer süßen Silberstimme hätte sie mir wohl größere Versprechen abdringen können; ich tat daher das Verlangte mit Vergnügen. Die Unterredung war nun begonnen; ich setzte sie fort und begleitete die Mädchen auf ihrem Spaziergange. Die Blonde lernte ich als ein sehr gebildetes und artiges Frauenzimmer kennen. Die Schwarze sprach zu wenig, um über ihre Bildung urteilen zu können. Wir kamen zuletzt an eine Wiese, die von unserm Wege durch einen breiten, zwar sehr seichten, aber für die Frauenzimmer doch zu tiefen Graben getrennt war. Da sie Lust bezeigten, die Wiese zu betreten, so erbot ich mich, sie hinüber zu tragen. Sie wollten anfangs nicht einwilligen, doch ließen sie sich endlich dazu bewegen. Ich nahm die Blonde zuerst, und unbegreifliches Vergnügen ergriff mich, als ich das schöne Mädchen so auf meinen Armen trug. Als ich mit ihr an der gefährlichsten Stelle des Grabens war, fiel mir eine ihrer blonden Locken ins Gesicht. Dies machte mich so verwirret, daß ich mit meiner schönen Last beinahe in den Graben gefallen wäre. Ich brachte sie jedoch glücklich hinüber. Sie dankte so verbindlich und sah mir mit ihren großen blauen Augen so ins Gesicht, daß ich fast vergessen hätte, die andere nachzuholen. Wir spazierten nun auf der Wiese hin und trafen zu meinem Bedauern am Ende derselben einen Steg, der uns über den Graben zurückführte. Dieser neidische Steg raubte mir das Vergnügen, die süße Bürde noch[21]  einmal zu tragen. Ich begleitete die Mädchen bis an die Stadt und trennte mich dann sehr ungern von ihnen. – Ich werde mich sogleich nach Namen und Stand derselben erkundigen.«
Schon am folgenden Tage traf ich meine Schöne von neuem. Das Tagebuch erzählt dies auf naiv-komische Weise folgendermaßen:
»Heute nachmittag machte ich, Gott weiß, aus welchem Antriebe, denselben Spaziergang wie gestern und lagerte mich wieder just da, wo ich so angenehm von den Mädchen gestört wurde. Ich begann zu lesen; aber obgleich ich bei einer interessanten Stelle war, so wußte ich dennoch, nachdem ich einige Seiten durchgeblättert hatte, nicht das Geringste vom Inhalte. Ich gestand mir nun, daß ich nicht, um zu lesen, sondern in der Hoffnung, meine neue Bekanntschaft wieder anzutreffen, dorthin gegangen war. Ich steckte das Buch ein und sah mit sehnsuchtsvollen Blicken nach dem Orte, wo ich sie gestern erblickt hatte. Aber nach einem zweistündigen vergeblichen Warten stand ich verdrießlich auf und ging zur Stadt zurück. Dicht davor, wo sich zwei Wege vereinigen, stieß ich auf von der Weide heimkehrende Kühe, die den Weg versperrten und mich zum Warten nötigten. Ich hatte aber da noch nicht lange gestanden, als ich von weitem ein weißgekleidetes Frauenzimmer kommen sah, welches ganz die schöne Gestalt und den edlen Gang der so sehnlich Erwarteten hatte. Als sie näher kam, überzeugte ich mich immer mehr, daß sie es sein müsse, und ging ihr daher entgegen. Ich hatte mich nicht getäuscht, sie war es! Sie grüßte mich mit ihrer holden Freundlichkeit und erkundigte sich nach meinem Befinden. Sie erzählte mir, daß ihre Freundin sich gestern abend erkältet hätte und nun das Bett hüten müsse. Ich bezeigte ihr meine Teilnahme deswegen und befürchtete, die Ursache der Krankheit ihrer Freundin zu sein, da ich die Damen zu lange auf ihrem Spaziergange aufgehalten habe. Sie versicherte mich aber des Gegenteils und schob alle Schuld auf ihre Freundin selbst, die sich zu leicht kleide.
Währenddessen hatte sich die Herde verlaufen, und wir traten den Weg zur Stadt an. In diesem zweiten Gespräch habe ich wieder so viel feine Bildung und so zarte weibliche Delikatesse an ihr bemerkt, daß ich auf eine äußerst gute Erziehung schließen darf. – Noch immer weiß ich nicht, wer sie ist; doch bemerke ich aus ihren Reden, daß sie bürgerlichen Standes sein muß.«

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Diese Begegnungen wiederholten sich nun ohne Verabredung fast jeden Abend, und ich fühlte mich sehr unglücklich, wenn ich sie einmal nicht aufgefunden hatte. Ich wurde immer vertrauter mit ihr, erzählte von[22]  meinen Eltern, von meinem Beschützer, der mir die Mittel verschaffe, meinen berühmten Lehrer auf dessen Reise begleiten zu können, sprach von meinen Arbeiten und Plänen für die Zukunft und fand mich durch ihre freundliche Teilnahme immer mehr zu ihr hingezogen. Ich sah in ihr den Inbegriff aller weiblichen Vollkommenheiten und glaubte, die gefunden zu haben, die mein Lebensglück begründen könne. Mehr als einmal war ich im Begriffe, wenn wir im Hölzchen am See Hand in Hand auf und ab gingen, ihr meine Liebe zu gestehen; doch eine Schüchternheit, die ich nicht zu überwinden vermochte, verhinderte mich stets daran. Sie war in bezug auf ihre Verhältnisse sehr zurückhaltend, und ich wußte daher noch immer nicht, wer sie sei. Am 24. Juli heißt es jedoch:
»Endlich weiß ich den Namen meiner Schönen; aber die Erkundigung danach ist mir teuer zu stehen gekommen! Herr Eck, der nun beinahe ganz wieder hergestellt ist und schon einige kleine Spaziergänge gemacht hat, ließ einen Friseur kommen, um sich die Haare schneiden zu lassen. Bei diesem zog ich Erkundigungen ein. Er sagte mir, sie heiße Grot und sei die Tochter eines Kammerdieners des vorigen, vor einigen Jahren gestorbenen Herzogs. Ihre Mutter, bei der sie wohne, lebe von einer kleinen Pension. Auf meine Frage, wie diese ihr so feine und geschmackvolle Kleidung geben könne, antwortete er, es möchten wohl Geschenke des Herrn von Pentz sein, der sie gern leiden möge und häufig besuche. Vor Schrecken hätte ich bei dieser Nachricht beinahe meine Geige aus den Händen fallen lassen und hatte kaum noch den Mut zu fragen, ob man etwa von ihrer Tugend zweideutig spreche? Er versicherte mich jedoch des Gegenteils und meinte, der Herr von Pentz, der erst seit zwei Monaten majorenn geworden sei, habe die Absicht sie zu heiraten. Er sei jetzt auf Reisen und werde in einigen Wochen zurückkehren. Ich lernte diesen Herrn von Pentz vor seiner Abreise im Speisehause kennen und muß gestehen, daß er mir der gesittetste der anwesenden jungen Edelleute zu sein schien. Um so weniger begreife ich aber, daß er ihr Geschenke macht und sie solche annimmt; denn sie kann sich doch wohl keine Hoffnung auf seine Hand machen! Wie dürfte sie sonst als kluges Mädchen in seiner Abwesenheit mit einem jungen Menschen einsame Spaziergänge machen und abends vor der Haustüre sitzen? Die Sache ist mir ein Rätsel, und ich bin zweifelhaft, ob ich heute abend zu ihr gehe oder nicht.«
Der Charakter des Mädchens blieb mir indessen nicht lange ein Rätsel; denn kaum war Eck, der nun die Abendspaziergänge wieder mitmachte, in ihre Bekanntschaft eingeführt, so nahm sie dessen Bewerbungen noch[23]  viel freundlicher und zuvorkommender auf. Eck, galant und freigiebig, veranstaltete ihr zu Ehren Ausflüge in die Umgegend, nach Rheinsberg, Hohenzieritz und andern Punkten, und sie lohnte ihm mit der zuvorkommendsten Freundlichkeit und hatte nur noch Augen für ihn. Ich fühlte mich tief gekränkt; das Tagebuch enthält leidenschaftliche Ausbrüche von Eifersucht gegen meinen Nebenbuhler. Zum Glück blieb es bei solchen schriftlichen, und das gute Vernehmen mit dem Lehrer wurde nicht gestört. Die Verachtung, die ich nun für sie fühlte, half mir meine Leidenschaft bezwingen, und ich wandte mich mit erneuetem Eifer meinen Studien zu. Im Tagebuche heißt es:
»Die Progressen, die ich im Spielen mache, merke ich nicht besser, als wenn ich von Zeit zu Zeit Altes hervorsuche und mich dann erinnere, wie ich es früher vorgetragen habe. So nahm ich heute das Konzert vor, welches ich in Hamburg bei Herrn Eck einstudiert habe, und fand, daß mir die Passagen, die ich damals nicht ohne Anstoß spielen konnte, nun mit der größten Leichtigkeit gelingen.«
Auch ließ es der Lehrer nicht an Aufmunterung fehlen, denn unter dem 16. August findet sich im Tagebuche:
»Als ich heute früh mein neues Konzert gespielt hatte, sagte Herr Eck zu meiner großen Freude: Wenn Sie alle Vierteljahre solche Progressen machen als im letzten, so kommen Sie als ein ganzer Virtuos nach Braunschweig zurück!« – Einige Tage später den 19ten August heißt es: »Gestern war ich fast den ganzen Tag zu Haus und komponierte ein neues Adagio zu meinem Konzerte; denn obgleich ich schon drei gemacht habe, so scheint mir doch keins so recht zu den übrigen Sätzen zu passen. Das gestrige wird aber nach einiger Ausfeilung wohl zu gebrauchen sein.«
Als bezeichnend für meinen jugendlichen Künstlerstolz mag noch folgendes aus dem Tagebuche hier Platz finden:
»Man erzählte mir von einem Volksfeste, welches am 27. August, dem Geburtstage des Erbprinzen, in Hohenzieritz veranstaltet werden soll. Es sind dazu die Bauern der umliegenden Dörfer zu Tanz und Abendessen eingeladen. Auch auf dem Schlosse wird man tanzen. Auf meine Frage, woher man die vielen Musiker nehmen werde, erfuhr ich, daß die Janitscharenmusik den Bauern und die Kapelle – man denke sich mein Erstaunen – dem Hofe zum Tanze spielen werde! Ich wollte es anfangs nicht glauben, bis es mir wiederholt beteuert wurde. Aber, fragte ich, wie ist es möglich, daß der Herzog von den Mitgliedern seiner Hofkapelle so etwas verlangen kann, und daß diese so wenig Ehrgefühl und Künstlerstolz[24]  besitzen, um sich dessen nicht zu weigern? Der Herzog, antwortete man mir, fühlt nicht, daß es unschicklich für seine Kapelle ist, zu Tanz zu spielen, und der größeste Teil der Mitglieder darf nicht wagen, sich seinen Befehlen zu widersetzen, da sie, wenn man sie hier abdankte, schwerlich bei einer andern Kapelle ein Unterkommen finden würden, weil sie – arme Stümper sind.«
Mir war der Aufenthalt in Strelitz nach dem unglücklichen Ausgange meiner Herzensangelegenheit unerträglich geworden, und ich sehnte mich sehr nach der Abreise. Diese verzögerte sich aber, da der Arzt Herrn Eck noch immer nicht als völlig genesen entlassen konnte, bis zu Ende Septembers. Das Unbehagliche in meiner Lage wurde noch dadurch gesteigert, daß die Freundin meiner Ungetreuen, die ich bei der ersten Begegnung »die Schwarze« genannt, mir unverkennbar ihre Neigung zuwandte, die ich aber, obgleich das Mädchen recht hübsch war, nicht erwidern konnte. Soviel es sich tun ließ, zog ich mich von der Gesellschaft zurück. Doch konnte ich aus Rücksicht gegen den Lehrer mich von den Lustpartien und Ausflügen, die dieser häufig veranstaltete, nicht ganz losmachen, und auf diesen war es dann nicht zu vermeiden, der Gefährte der Schwarzen zu sein. Es finden sich im Tagebuche naive Klagen über die Verlegenheiten, die mir ihr zärtliches Anschmiegen bereitete, und mehr wie einmal wünschte ich den Moment der Abreise herbei, der mich von solchen Versuchungen befreien werde.
Am 27. September heißt es dann: »Endlich ist der Zeitpunkt da, wo wir unsern Schönen Lebewohl sagen müssen. Sophie (so hieß die Schwarze) hatte schon seit drei Tagen eine außerordentliche Trauer affektiert oder vielleicht auch wirklich empfunden. Heute sprach sie kein Wort, seufzte nur zuweilen und warf sich, wenn die andern im Zimmer nicht hersahen, ungestüm an meinen Hals. Etwa um sieben Uhr verließen Herr Eck und Demoiselle Grot das Zimmer. Nun erfolgte erst der eigentliche Ausbruch ihrer Zärtlichkeit; denn nachdem sie auch ihre Geschwister fortgeschickt hatte, ließ sie mich kaum mehr aus ihren Armen. Bis 10 Uhr mußte ich aushalten; dann nahm ich Abschied. Das arme Mädchen vergoß so viel Tränen, daß ich mich ernstlich meiner trockenen Augen schämte und sie, um nicht ganz gefühllos zu scheinen, zuletzt herzlich küßte. Sie begleitete mich bis an die Haustür und drückte mir noch ein Papier in die Hand mit der Bitte, es ihr zum Andenken aufzuheben. Ich eilte zu Haus, öffnete es und fand einen Brief und einen goldnen, mit Haaren durchflochtenen Ring. Der Inhalt des Briefes war folgender: ›Sie, edler Freund, verzeihen einem Mädchen, deren Zudringlichkeit Ihnen gewiß schon auffallend[25]  gewesen sein muß. Ich wußte, daß ich zuweilen mehr tat, wie sich für mein Geschlecht schickt. Aber Gott weiß es, daß ich in Ihrer Gesellschaft, die mir so sehr wert war, nie über mich herrschen konnte. Auch jetzt dränge ich Ihnen noch ein kleines Andenken auf, das zwar sehr gering ist, aber mit dem aufrichtigsten Herzen gegeben wird. Mein einziger Wunsch und Bitte ist, daß Sie selbiges tragen und sich dabei meiner erinnern wollen. – Könnte Ihnen doch dieses Papier sagen, wie sehr ich es schätze, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben, und wie unendlich ich es bedauere, daß Sie sich so weit von uns entfernen! Ich muß schließen und in der festen Hoffnung, Sie, bester Freund, einst wieder zu sehn, freue ich mich schon jetzt auf den Tag, der Sie uns wiedergeben wird. Leben Sie wohl, so wohl und glücklich, wie es wünscht Ihre Freundin Sophie Ehrick.‹«
Diese unverdiente zärtliche Zuneigung blieb wohl nicht ohne dankbare Anerkennung; denn es wird im Tagebuche der Vorsatz ausgesprochen, den Brief von Stettin aus recht freundlich beantworten zu wollen. Allein mit Beschämung über meinen damaligen Leichtsinn muß ich gestehen, von der Ausführung dieses Vorhabens nichts im Verfolg des Tagebuchs aufgefunden zu haben. Kaum möchte es mir zur Entschuldigung dienen können, daß ich nur höchst ungern an Strelitz und das dort Erlebte zurückdachte.
Eck, dessen Aussicht, in Strelitz bei Hof gehört zu werden, dadurch vereitelt wurde, daß dieser sogleich nach seiner Rückkehr nach Hohenzieritz aufs Land ging, hoffte nun mit Zuversicht, ein Konzert in Stettin veranstalten zu können. Er gab daher seine Empfehlungsbriefe ab; es wurde ihm aber so allgemein abgeraten, daß er sogleich die Weiterreise nach Danzig beschloß. Es findet sich daher im Tagebuch aus Stettin nur eines Besuchs im Theater erwähnt, wo es heißt: »Man gab zwei kleine Opern ›Das Haus ist zu verkaufen‹ und ›Die beiden Savoyarden‹. Das Theater ist klein und unansehnlich, die Dekorationen sind höchst mittelmäßig gemalt, und die Sänger, soweit man sie in den heutigen Stücken beurteilen konnte, auch nicht sonderlich. Das Orchester ist schwach besetzt und, obgleich nicht ganz schlecht, doch schlechter wie das Hamburger. Wir fanden unter den Sängerinnen eine alte Bekannte aus Hamburg, Madame Koch oder, wie sie sich jetzt nennt, Madame Toskani, mit der wir dort in einem Hause wohnten. Bald nach unsrer Abreise hat sie ihren Mann heimlich verlassen und ist mit einem andern Schauspieler durchgegangen. Sie soll sich in Dobberan, einem Bade bei Schwerin, für eine russische Gräfin ausgegeben haben,[26]  der die Wechsel ausgeblieben seien. Die Herzogin soll ihr 10 Louisdor geschenkt haben mit dem Bedeuten, das Bad je eher je lieber zu verlassen. Nun ist sie mit ihrem zweiten Manne nach Stettin gekommen und hat hier als erste Sängerin ein vorteilhaftes Engagement gefunden. Herr Koch, den ihre Flucht in Verzweiflung gesetzt hat, wird gewiß bald ihren Aufenthalt erfahren, ihr nachreisen und seine ältern Rechte auf sie geltend machen. Dann wird es sonderbare Händel geben!« Aus dem Reiseberichte bis Danzig möge folgendes Bruchstück hier Platz finden: »Hinter Köslin wird die Gegend bergig und waldig. Unser Postillon erzählte uns, daß ehemals eine furchtbare Räuberbande dort gehauset habe, von deren Schätzen die Stadt Köslin erbauet sei. Er zeigte uns die Stelle, wo die Höhle der Räuber war, die jetzt eingesunken ist und eine bedeutende Vertiefung auf dem Berge zurückgelassen hat. Der Kampf mit der Bande, die beritten war, soll ein höchst blutiger gewesen sein. Man fand im Innern der Höhle viele Pferde und anderes Vieh, in der Schatzkammer viel Geld und geraubte Kostbarkeiten und alle Räume auf das Prächtigste möbliert. Auch ein Horn von ungewöhnlicher Größe, unten und oben mit Silber beschlagen, fand sich vor, welches noch jetzt auf dem Rathause aufbewahrt wird. Noch hat man nicht entdecken können, aus welchem Stoffe dies Horn gemacht ist.«
In Danzig, wo die Reisenden am 3. Oktober ankamen, hatte Eck eine große Menge Empfehlungsbriefe abzugeben und dann sein Konzert zu arrangieren. Dadurch kam der Unterricht, der bisher sehr regelmäßig stattgefunden hatte, ein wenig ins Stocken. Ich beklage mich im Tagebuch darüber, meine jedoch, daß es mich auch schon fördere, wenn ich nur Herrn Eck üben höre. Die Reisenden wurden häufig zu Mittag und zu Abend eingeladen, und das Tagebuch erzählt viel von dem Luxus und der Pracht, die damals in den Häusern der dortigen reichen Kaufleute herrschte. Von einer Einladung nach dem Landgute des Herrn Sauermann erzählt es:
»Wir wurden in der Equipage unseres Herrn Wirts abgeholt. Mit uns fuhren ein junger Engländer, der in Deutschland reiset, um seine Finanzen wieder in Ordnung zu bringen, und Herr Stiemer, ein geschickter Klavierspieler, der in den Häusern der hiesigen angesehenen Kaufleute sehr gelitten ist. Wir fanden die Gesellschaft bereits versammelt und setzten uns bald zu Tische. Das Diner war äußerst prächtig und kostbar. Es brachte Delikatessen aller Zonen und Gemüse und Früchte aller Jahreszeiten. Nach Tische führte uns Herr Sauermann in seinem Garten umher. Dieser ist sehr groß und im englischen Geschmack[27]  angelegt. Vor dem Hause sprudeln zwischen hohen Orangen- und Zitronenbäumen eine Menge Fontänen, die eine besondere Zierde des Gartens sind. Hinter dem Hause befindet sich ein Hügel, von dem man die Ostsee und einen großen Teil der Stadt übersehen kann. Der Anblick der See und der vielen darauf befindlichen Schiffe machte einen unbeschreiblichen Eindruck auf mich. Da der Tag etwas trübe war, so schienen letztere in den Wolken zu hängen und sich mit diesen langsam fortzubewegen. Ich konnte mich nur mit Mühe von dem prächtigen Anblick losreißen. Das Landgut des Herrn Sauermann liegt ganz nahe bei dem Kloster Oliva in einer sehr reizenden Gegend.«
Bei einem andern Diner im Garten des Herrn Simpson wurde mir die Ehre zuteil, neben der Frau von Hause zu sitzen. Ich nenne sie im Tagebuch »ein sehr gebildetes, kluges, ich möchte sagen, gelehrtes Frauenzimmer«, und die Unterredung, die ich mit ihr hatte, füllt mehrere Blätter desselben. Sie veranlaßte mich durch teilnehmende Erkundigungen, ihr vieles aus meiner Jugendzeit zu erzählen, wie ich anfangs für das Studium der Medizin bestimmt gewesen, dann aber durch leidenschaftliche Hinneigung zur Musik veranlaßt worden sei, mich ganz der Kunst zu widmen, wie ich durch meine Leistungen die Aufmerksamkeit und das Wohlwollen meines erhabenen Beschützers gewonnen und dadurch das Glück erreicht habe, Schüler des berühmtesten der jetzt lebenden Geiger zu werden. Sie hatte mir mit wohlwollender Teilnahme zugehört, kränkte mich aber zum Schluß durch die hingeworfene Frage, ob ich nicht doch besser getan haben würde, dem Berufe des Vaters zu folgen, und verhehlte nicht, daß sie den des Arztes weit über den des Künstlers stelle. Ganz durchdrungen von der Würde meiner Künstlerlaufbahn antwortete ich entrüstet: »So hoch der Geist über dem Körper steht, so hoch steht auch der, welcher sich der Veredlung des Geistes widmet, über dem, der nur den vergänglichen Körper pflegt.« Lächelnd über meinen jugendlichen Eifer gab sie mir recht, und der Friede war hergestellt.
Das Theater besuchte ich fast jedesmal, wenn eine Oper gegeben wurde. Das Tagebuch enthält dann immer eine Kritik des Werkes und der Leistung. Sänger, Chor und Orchester werden immer scharf mitgenommen, aber sehr überrascht und befriedigt äußere ich mich über die Schönheit des Hauses: »Es ist erst vor wenigen Jahren erbauet und in der Tat das schönste, was ich bisher sah. Es bildet ein Oval, wovon die eine Hälfte zum Parterre, die andere zur Bühne genommen ist. Außer dem Parterre hat es zwei Logenreihen und die Galerie. Die Bühne ist[28]  ziemlich groß und kann von jedem Platze gut übersehen werden. Die Dekorationen sind größtenteils vortrefflich gemalt, und die Maschinerie ist schnell und geräuschlos.« Zu meiner großen Freude ward auch »Ariadne auf Naxos«, das berühmte Melodrama von Benda, gegeben, was ich noch nicht kannte. Es beleidigte aber meinen Geschmackssinn, daß in dem darauffolgenden Lustspiel »Die Bauern und Advokaten« der Theseus, »der vorher mit den Griechen fortzog, nun sich in einen Advokaten verwandelt, und die Ariadne, die der Sturm ins Meer schleuderte, als naives Bauernmädchen ein neues Leben beginnt. Die Musik der Ariadne, die ich heute zum erstenmal hörte, entzückte mich, obgleich sie sehr schlecht exekutiert wurde. Wie konnte es aber auch anders sein, da die Partitur erst heute morgen von Königsberg angekommen und heute mittag die erste und einzige Probe war?! Madame Bachmann, die die Ariadne gab, deklamierte sehr gut, aber sie ist zu häßlich für diese Rolle. Der junge Engländer, der neben mir saß, meinte, es sei dem Theseus nicht übel zu nehmen, daß er eine solche Ariadne verlasse. Er erzählte mir bei dieser Gelegenheit folgende Anekdote: ›Auf einem Liebhabertheater in England gab man ebenfalls die Ariadne. Eine schon etwas bejahrte und nichts weniger als schöne Dame spielte die Rolle der Ariadne so vortrefflich, daß die Gesellschaft nach geendetem Stücke in die größten Lobsprüche ausbrach. Bescheiden lehnte sie diese ab und sagte: »Um die Ariadne befriedigend darstellen zu können, muß man auch jung und schön sein.« Ein junger Stutzer, der ihr auch gern etwas Schönes sagen wollte, antwortete: »O Madame, Sie beweisen uns das Gegenteil!«‹«
Das Konzert des Herrn Eck am 16. Oktober im Schauspielhause fiel sehr glänzend aus. Da ich die Konzertsachen, die mein Lehrer vortrug, sehr genau kannte, übernahm ich die Leitung derselben an der ersten Violine. Die Musiker, die bald erkannten, wie sicher der junge Dirigent war, folgten mir willig, und es wurde dadurch dem Solospieler sein Vortrag sehr erleichtert, was dieser auch dankbar anerkannte. Außer den drei Vorträgen des Herrn Eck gab das Konzert noch eine Sinfonie von Haydn, eine Ouvertüre von Mozart, ein Pianoforte-Konzert von Danzi, gespielt von Herrn Reichel, und zwei Arien von Cimarosa und Mozart, gesungen von Dlle. Wotruba und Herrn Ciliax. »Der Beifall nach den Vorträgen des Herrn Eck war ein sehr enthusiastischer und wollte gar nicht enden. Ich hörte ihn aber auch noch nie so gut öffentlich spielen. Auch Dlle. Wotruba erhielt heute vielen Beifall, weil ihre Bravourarie fast immer in der Höhe lag, die sie sehr schön hat, und selten in die Mitteltöne herabstieg, die bei ihr übelklingend sind.[29]  Die Arie von Mozart, welche Herr Ciliax vortrug, war mir noch unbekannt. Sie ist mit obligatem Pianoforte und hinreißend schön. Herr Reichel spielte dieses wie sein Konzert sehr gut.«
Am 19. Oktober heißt es: »Da wir morgen abreisen werden, so machte Herr Eck heute seine Abschiedsbesuche. Ich begleitete ihn zu Herrn Ciliax, da ich gern dessen schöne Frau einmal wiedersehen wollte. Aber wie erstaunte ich, auch nicht die geringste Spur ihrer ehemaligen, alles bezaubernden Schönheit wiederzufinden! Zwar besitzt sie noch die Grazie ihrer Bewegungen, die ihr vor drei Jahren, als ich sie zum erstenmal in Braunschweig sah, alle Herzen gewann, aber ihre Körperschönheit ist auf ewig dahin. Die sonst so rosigen Lippen sind jetzt blau und aufgesprungen, die glänzenden, feurigen Augen matt und trübe und von aschgrauen Ringen umschlossen, die ehemals so blendend weiße Haut ist jetzt gelb und das süße Lächeln, mit dem sie den Traurigsten aufzuheitern vermochte, hat sich in einen düstern, melancholischen Zug verwandelt! Womit mag sie sich solch trauriges Geschick zugezogen haben? Vermutlich durch Ausschweifungen, die sie nun bedauern wird!«
In Königsberg verweilten die Reisenden 4 Wochen bis zum 18. November. Herr Eck gab dort zwei Konzerte, die sehr besucht waren. Durch die Empfehlungsbriefe des Herrn Eck in viele der ersten Häuser eingeführt, wurden wir häufig sowohl zu Gastereien wie auch zu Musikpartien eingeladen. Das Tagebuch erwähnt besonders dreier Häuser, wo ich mir sehr gefallen zu haben scheine. Es waren die des General-Chirurgus Gerlach und der Kaufleute Diez und Friedländer. Dlle. Gerlach, die ich »eine durch und durch musikalisch gebildete Dilettantin und vortreffliche Klavierspielerin« nenne, musizierte häufig mit mir und sang mir auch meine neuen Lieder. Ob diese irgendeinen Kunstwert hatten, ist nicht mehr zu ermitteln, da sie ganz verlorengegangen sind. Mit zwei Herren Friedländer, von denen der eine Geiger, der andere Violoncellist war, spielte ich einige Male Quartetten und lobte sie als gute Begleiter. Diese Quartettpartien waren es aber nicht allein, was mich in deren Haus zog. Dlle. Rebekka Oppenheim, die jüngere Schwester der Madame Friedländer, hatte mein leicht entzündliches Herz einmal wieder in helle Flammen gesetzt, und das Tagebuch ergießt sich nun von neuem in lauter Superlativen über ihre Schönheit, ihren Witz und ihr gutes Herz. Charakteristisch dabei ist, daß der damals allgemeine Widerwille gegen die Juden, der auch mir anerzogen war, dieser Neigung nicht abkühlend in den Weg trat; aber er scheint bei mir nicht tief gewurzelt zu haben, denn es heißt schon nach der ersten Bekanntschaft[30]  in diesem Hause: »Die Gesellschaft bestand fast nur aus Juden, aber ich muß gestehen, es waren sämtlich artige und gebildete Leute.« Am Tage, wo ich Abschied nahm, heißt es: »Ich traf Madame Friedländer und Dlle. Rebekka allein. Letztere sprudelte einmal wieder über von Witz und Laune, und wir hörten nicht auf zu lachen und zu scherzen, so wenig sich dies auch zu dem Geschäft paßte, weshalb ich gekommen war. Es ist ein Glück, daß wir morgen reisen; denn die Rebekka ist ein gefährliches Mädchen! Wer seine Freiheit und seine Ruhe liebt, muß sie je eher je lieber fliehen.« Noch ehe Herr Eck sein erstes Konzert gab, traf die Familie Pixis auf der Rückreise von Petersburg in Königsberg ein. Ich erneuerte sogleich die Bekanntschaft mit ihnen. »Der älteste Pixis«, so heißt es im Tagebuche, »ist, seit ich ihn nicht sah, sehr groß geworden, und seine Diskantstimme hat sich in eine tiefe Baßstimme verwandelt. Er trägt sich aber immer noch á l'enfant mit einem Kragenhemde und ohne Halstuch. Sie sind sehr unzufrieden mit ihrer Reise nach Rußland, und der Vater behauptet, in Petersburg 1000 Rubel zugesetzt zu haben, obgleich er zweihundert Empfehlungsschreiben dorthin gehabt hatte. Ich bin sehr begierig, den Geiger einmal wieder zu hören. Vielleicht ladet sie Herr Eck zum Quartett ein.«
Einige Tage später trafen wir uns in einer Musikpartie beim Grafen v. Kalnein. »Zuerst spielte der jüngste Pixis Variationen auf dem Fortepiano mit großer Fertigkeit und vielem Geschmack. Auf Herrn Ecks Bitte folgte nun der älteste mit einem Quartett von Krommer. Aber weder die Komposition noch sein Spiel wollten mir gefallen. Sein Ton ist kraftlos und sein Vortrag ohne Ausdruck. Dabei hat er eine solche schlechte Bogenführung, daß er, wenn er diese nicht ändert, nie ein vollkommener Virtuos werden kann. Er faßt den Bogen eine Handbreit vom Frosche und hebt den rechten Arm viel zu hoch. So fehlt ihm alle Kraft im Striche, und die Nuancen von piano und forte fallen bei seinem Spiele ganz weg. Nach ihm spielte Herr Eck ebenfalls ein Quartett von Krommer. Aber Himmel, was war das für ein Unterschied. Die Abwechselung von Stärke und Schwäche in seinen Tönen, die Deutlichkeit der Passagen, die geschmackvollen Verzierungen, womit er selbst die unbedeutendsten Kompositionen zu heben weiß, verleihen seinem Spiel einen unwiderstehlichen Reiz. Er erhielt aber auch den ungeteiltesten Beifall. Pixis spielte noch ein Quartett von Tietz, dem berühmten, verrückten Geiger zu Petersburg, machte aber ebensowenig Glück damit. Zuletzt bat er Herrn Eck, mit ihm ein Duett von Viotti zu spielen, damit er doch sagen könne, er habe mit allen großen Geigern[31]  der Zeit gespielt; denn Viotti, Rode, Kreutzer, Giornovicchi, Tietz, Durand und andre hätten ihm bereits diese Ehre erzeigt. In diese Bitte stimmte die ganze Gesellschaft mit ein, und Herr Eck mußte nachgeben. Dieses Duett spielte Pixis noch am besten, obgleich er nicht eine Passage so gut herausbrachte wie Herr Eck, der doch gar nicht auf dieses Duett vorbereitet war.«
Vom Konzerte der Pixis heißt es: »Zuerst spielte der Jüngste ein Konzert von Mozart mit Präzision und Geschmack. Es wurde ihm aber leider sehr schlecht akkompagniert. Dann trat der älteste mit dem Konzert in A # von Rode auf, und es mochte ihm wohl das Herz nicht wenig klopfen, als er da stand, wo 8 Tage vorher einer der größesten Virtuosen sich hören ließ. Sein Spiel war aber in jedem Betracht so schlecht, daß es unmöglich Beifall erhalten konnte. Die Passagen waren undeutlich, der Gesang matt und ohne Ausdruck, ja er griff sogar oft sehr falsch und kratzte zuweilen, daß den Zuhörern die Ohren wehtaten. – Nachdem im zweiten Teile der jüngste Pixis wieder sehr gut und mit vielem Beifall Variationen gespielt und Herr Weiß, ein hiesiger Sänger, eine italienische Arie nicht übel gesungen hatte, spielte der älteste noch das Konzert in Db von Fränzl, aber fast noch schlechter als das erste. Nach dem einstimmigen Urteil der Musikkenner hat der älteste Pixis in Rußland mehr verlernt als erlernt. Meiner Meinung nach spielte er vor 3 Jahren, als ich ihn in Braunschweig zum erstenmal hörte, seine damaligen leichten Konzerte von Giornovicchi und andern besser wie die schweren, womit er sich heute produzierte. Es wird nie ein großer Geiger aus ihm werden, wenn er nicht bald einen guten Lehrer bekommt, der ihn vor allem einen bessern Strich lehrt. Sein Spiel als das eines nun erwachsenen 17jährigen Menschen kann so nicht länger gefallen.« Auf dieses, sicher viel zu harte Urteil wird wohl der Lehrer eingewirkt haben, der ein sehr strenger Richter war. Pixis hatte sich, als ich ihn zehn Jahre später in Wien wieder traf, zu einem ausgezeichneten Virtuosen herangebildet und bewährte sich auch als Professor am Konservatorium in Prag als tüchtiger Lehrer des Violinspiels.
Das Tagebuch erzählt auch in jener Zeit von Fortschritten im Malen. Ich lernte in Königsberg einen Miniaturmaler namens Seidel kennen, der mir einigen Unterricht gab. Ich malte den Herrn Seidel unter dessen Anleitung und lernte so manche technischen Kunstgriffe kennen, die mir bis dahin unbekannt gewesen waren. Das Bild wurde sehr ähnlich, und ich spreche im Tagebuche die Hoffnung aus, »daß ich nun bei[32]  meinen künftigen Bildern die Ähnlichkeit nicht mehr verfehlen werde.« Auch vom Komponieren ist die Rede, doch wird nicht gesagt, was es war. Vielleicht jene verlorengegangenen Lieder, die Dlle. Gerlach sang. Aus einer Notiz, wo es heißt »ich war auch heute wieder mit der Ausfeilung meines Konzerts beschäftigt, und das erste Allegro wird bedeutende Veränderungen erleiden«, geht hervor, daß ich damals noch nicht verstand, in einem Guß zu arbeiten, was mir später so gut gelang, daß die Entwürfe nur selten kleine Abänderungen erlitten, das einmal in Partitur Geschriebene aber nie mehr abgeändert wurde.


Von der Reise nach Memel heißt es: »Wir wählten den Weg am Strande, weil er zwölf Meilen näher ist als der andre durchs Land. Auch läßt er sich im Winter, wo der Sand fest gefroren ist, besser wie jener fahren. Drei Meilen von Königsberg kommt man dicht an die See und bleibt bis Memel daran. Wir fuhren die ganze Nacht durch und litten sehr von der kalten und schneidenden Seeluft. Zwischen der vierten und fünften Station hatten wir das Unglück, daß uns ein Rad ablief, weil der Vorstecker verlorengegangen war. Nun mußten wir gar den Wagen verlassen, ihn mit vereinter Kraft wieder aufrichten, das Rad anstecken und mit Stricken, die der Postillon glücklicherweise bei sich hatte, notdürftig befestigen. Dies alles hatte wohl eine halbe Stunde gedauert, und ich fürchtete, die Finger erfroren zu haben, was sich jedoch zum Glück als unbegründet erwies. Auf der Station fanden wir einen Schmied, der den Wagen zur Weiterreise wieder in den Stand setzte. Um 9 Uhr kamen wir vor Memel an, mußten aber drei volle Stunden warten, bis wir über den Hafen gesetzt wurden, weil die Fährleute erst aus allen Teilen der Stadt zusammen gesucht werden mußten.« – Vier Meilen weiter erreicht man die Grenze, wo die beiden Adler friedlich gegeneinander überstehen. Neben dem russischen standen zwei Kosaken mit langen Piken, die ein wildes Aussehen hatten. Unsere Koffer wurden sehr scharf durchsucht, und es dauerte lange, bis man uns weiter ziehen ließ.
Zu dreien hatten wir die russische Grenze passiert, zu einem vollen Dutzend angewachsen kamen wir aber in Mitau an. Myrrha war, ohne daß wir es bemerkt hatten, mit neun Jungen niedergekommen, sechs lebenden und drei toten. »Bis auf zwei wurden sie aber der armen Mutter genommen.«
In Mitau fanden wir in den Häusern, an welche Herr Eck adressiert war, die gastfreundlichste Aufnahme. Man lud uns mittags und abends[33]  zu Musikpartien und Bällen ein und bot alles auf, uns den Aufenthalt angenehm zu machen. Nach dem Tagebuch waren es hauptsächlich die Häuser des Gouverneurs, des Herrn von Prelief, eines Herrn von Korff, vormals russischen Generals, und des Kollegienassessors von Berner, wo ich mir besonders gefiel. Bei letzterem ließ ich mich zum ersten Male neben meinem Lehrer und in dessen Gegenwart hören. Herr Eck wurde nämlich, da er einige Quartetten mit großem Beifall gespielt hatte, aufgefordert, einer jungen Klavierspielerin von sechzehn Jahren, Demoiselle Brandt, die eine bewunderungswürdige Fertigkeit besaß, eine Sonate von Beethoven zu begleiten, entschuldigte sich aber mit zu großer Müdigkeit. Da ich wohl wußte, daß es Eck nicht wagen durfte, etwas Unbekanntes a vista zu spielen, so erbot ich mich statt seiner dazu. Zwar war auch mir die Sonate unbekannt, ich vertraute aber meiner Fertigkeit im Lesen. Es glückte, und der junge Künstler, dem man wahrscheinlich nicht viel zugetraut hatte, wurde mit Lobsprüchen überhäuft.
Man forderte mich in den spätern Musikpartien nun jedesmal auf, auch etwas zu spielen, und ich erinnere mich noch, daß mir Herr von Berner bei der Abreise mit väterlichem Wohlwollen sagte: »Mein junger Freund, Sie sind auf gutem Wege, fahren Sie nur so fort! Herr Eck steht wohl als Virtuos noch über Ihnen, Sie sind aber ein viel besserer Musiker als er.«
Im Hause des Herrn Gouverneurs hörte ich auch einen damals in Rußland sehr berühmten Geiger namens Sogeneff, einen Leibeigenen des Fürsten Zubow. »Er spielte Variationen eigener Komposition, die ungeheuer schwer waren. Die Komposition gefiel mir recht gut, sein Spiel aber war, obgleich fertig, doch sehr rauh und dem Ohr widrig. Herr Eck spielte gleich nach ihm, und man konnte daher den Unterschied zwischen beider Spiel recht deutlich hören. Des Russen Spiel war wild, rauh und ohne Abwechselung zwischen Stärke und Schwäche; des Herrn Eck Spiel aber gesetzt, kraftvoll und doch immer wohlklingend.«
Auch russische Militärsänger hörten wir dort. »Es waren sechzehn gemeine Soldaten, von denen einige Diskant sangen. Sie schrien fürchterlich, so daß man sich hätte die Ohren zuhalten mögen. Die Gesänge werden ihnen von einem Unteroffizier mit dem Prügel einstudiert. Bei einigen begleiteten sie sich mit einer Art von Schalmei, die einen solchen penetranten Ton hatte, daß ich fürchtete, die Damen würden in Ohnmacht fallen. Die Melodien der Lieder waren nicht übel, wurden aber mit lauter falschen Harmonien begleitet.«[34] 
Von einer Klubgesellschaft im Hause, wo wir wohnten, sagt das Tagebuch: »Die Gesellschaft war sehr zahlreich, und unter den vielen schönen Damen zeichneten sich die Töchter des Herrn von Bienemann besonders vorteilhaft aus. Ich wurde zu einer Spielpartie mit drei Exzellenzen eingeladen, mußte diese hohe Ehre aber teuer bezahlen; denn ich verlor über drei Taler in wenigen Stunden. Herr Eck gab im Saale der Akademie ein sehr besuchtes Konzert. Das Orchester fanden wir sehr schlecht, doch ging es zur Not. Der Saal ist ziemlich groß und für Musik sehr vorteilhaft. Herrn Ecks Spiel gefiel außerordentlich; auch die Sonate, die Dlle. Brandt vortrug, erhielt den verdienten Beifall.«
Die Abreise nach Riga verzögerte sich bis zum 2. Dezember, weil Herr Eck von neuem unwohl wurde. Die Abende verbrachte ich abwechselnd in den Häusern der Herren von Berner und von Korff und musizierte fleißig mit Demoiselle Brandt. Der ganze Sonatenvorrat mit Violinbegleitung wurde durchgespielt, und ich lernte viele mir noch unbekannte Meisterwerke von Mozart und Beethoven kennen. Nach Tische wurde dann noch ein Stündchen geplaudert, oder Fr. v. Korff spielte mit mir Schach, was ich von Kindheit an leidenschaftlich liebte.
Herr von Berner, der mich besonders liebgewonnen hatte, lud mich ein, auf der Rückreise von Petersburg einige Monate bei ihm auf dem Lande zuzubringen und dann um Johannis, wo sich der ganze kurländische Adel in Mitau versammele, einige Konzerte zu geben. Mit großer Genugtuung hörte ich, daß man mich für weit genug fortgeschritten halte, um öffentlich als Virtuos auftreten zu können. Mit Freuden gab ich meine Zusage.
Befremdend ist es, daß das Tagebuch der Kinder des Herrn von Berner gar nicht erwähnt; denn eine Tochter, die später Schülerin Rodes wurde und sich als Violinspielerin auszeichnete, muß doch damals schon ziemlich erwachsen gewesen sein.
Endlich schlug die Stunde des Abschieds, und ich trennte mich mit gerührtem und dankbarem Herzen von den Familien, die mich so wohlwollend bei sich aufgenommen hatten.
In Riga fand ich einen Brief vom Hofmarschall von Münchhausen aus Braunschweig, der mir viele Freude machte. Ich hatte meinen Gönner um die Erlaubnis gebeten, ihm mein neues Konzert als erstes der gestochenen Werke dedizieren zu dürfen, und der Brief brachte die Gewährung dieser Bitte. Voller Ungeduld, mein Werk erscheinen zu sehen, bat ich Herrn Eck, an die Herren Breitkopf und Härtel in Leipzig, mit denen er in Verbindung stand, zu schreiben und ihnen den Verlag[35]  des Konzertes anzutragen. Die Antwort erfolgte bald, war aber für mich sehr entmutigend. Zum Trost für junge Komponisten, die für ihre Erstlingswerke keinen Verleger finden können, mögen die Bedingungen, unter welchen die genannte Handlung den Verlag zu übernehmen sich bereit erklärte, hier Platz finden. Ich selbst hatte auf jedes Honorar verzichtet und mir nur einige Freiexemplare ausbedungen. Die Handlung verlangte aber, ich solle ihr hundert Exemplare zum halben Ladenpreise abkaufen! – Anfangs sträubte sich mein jugendlicher Künstlerstolz gegen solche, wie es mir schien, schimpfliche Bedingungen. Doch der Wunsch, die Herausgabe des Konzertes so beeilt zu sehen, daß ich es bei der Rückkehr nach Braunschweig dem Herzog gestochen überreichen könne, und die Hoffnung, daß dieser mir ein Geschenk für die Dedikation machen werde, welches zum Ankauf der 100 Exemplare zu verwenden sein würde, halfen mir, diese Empfindlichkeit niederzukämpfen und die Bedingungen einzugehen. Das Konzert wurde auch zur bestimmten Zeit fertig und lag, als ich zurückkehrte, bereits bei einem Kaufmanne in Braunschweig in einem Ballen mit 100 Exemplaren deponiert, wurde mir jedoch nicht eher verabfolgt, bis die Summe für den Ankauf der Exemplare entrichtet war.
In Riga bekam Eck Händel mit der Konzertgesellschaft der dortigen Dilettanten. Diese, im Besitz des Konzertsaales, verlangte von ihm wie von allen fremden Künstlern, daß er zuerst in ihrem Konzerte auftreten solle, wofür sie ihm dann ihr Lokal und ihr Orchester zum eigenen Konzerte bewilligen würde. Herr Eck weigerte sich, diese Bedingungen einzugehen, und wollte lieber ganz auf ein Konzert in Riga verzichten. Dies machte sie nachgiebiger; sie erklärten sich nun zufrieden, wenn er auch erst nach seinem Konzert bei ihnen spiele. Er sagte dies unter der Bedingung zu, daß es vor der Hand verschwiegen bleibe. Man hatte ihm nämlich gesagt, daß die Abonnenten der Dilettantenkonzerte, wenn sie sicher wären, den fremden Künstler in diesen zu hören, nicht Lust hätten, ein Extrakonzert zu bezahlen. Es war aber doch nicht verschwiegen worden, und die Folge war, daß das Konzert des Herrn Eck leer blieb. Hierüber sehr aufgebracht, verlangte er nun für sein Auftreten im Dilettanten-Konzerte ein Honorar von fünfzig Dukaten als Entschädigung für den Verlust, den ihr Ausplaudern ihm verursachte. Die Herren Direktoren, ihr Unrecht einigermaßen fühlend, verstanden sich nach langem Unterhandeln endlich zu einem Honorar von dreißig Dukaten. Herr Eck beharrte aber auf seiner Forderung. Nun drohten die[36]  Herren, ihn durch die Polizei zum Auftreten zwingen zu lassen. Auch wurde er wirklich vor den Polizeidirektor beschieden; es gelang aber, diesen für seine Sache zu gewinnen, und die Herren Dilettanten wurden mit ihrer Klage abgewiesen. Nun endlich, am Tage des Konzertes, nachdem die Konzertzettel, auf welchen Herrn Ecks Name paradierte, bereits an den Straßenecken klebten, bequemten sie sich, das verlangte Honorar zu bewilligen, wurden aber nicht wenig durch die Erklärung des Herrn Eck überrascht, daß er, nachdem sie ihn vor die Polizei geladen, nun gar nicht, selbst nicht für das Doppelte des geforderten Honorars spielen würde. Alles Drohen und Toben half nichts, sie mußten ihr Konzert ohne ihn geben. »Ich war dort,« heißt es im Tagebuche, »und weidete mich an der Gärung, die unter den Dilettanten war. Man sprach nur von Herrn Eck und seiner Weigerung, aber niemand ließ ein Wort zu seinen Gunsten hören. Man war durch die getäuschte Erwartung zu sehr aufgebracht. Das Konzert fiel schlecht aus. Ein Flötenvirtuose aus Stockholm, der sich mit einem veralteten Konzerte von Devienne an des Herrn Ecks Stelle hören ließ, gefiel ebensowenig als ein Dilettant aus Petersburg, der ein Klavierkonzert von Mozart verhunzte.«
Herr Eck hatte aber die Gunst des Polizeidirektors dadurch gewonnen, daß er sich erbot, ein Konzert zum Besten des Nikolai-Armenstifts zu geben. Herr Meirer, der Theaterdirektor, gab dazu das Haus gratis, und die Herren Arnold und Ohmann sowie die Damen Werther und Bauser schmückten es durch ihren Gesang. Die Musikgesellschaft bot alles auf, es zu hintertreiben, aber vergebens. »Gleich bei seinem Erscheinen wurde Herr Eck mit dem lebhaftesten Beifall empfangen, und nach seinem Spiel steigerte sich dieser noch mehr. Die Einnahme belief sich nach Abzug der Kosten auf mehr als hundert Dukaten, die der Kassierer des Armenstiftes in Empfang nahm. Aber auch Herrn Eck wurden hundert Dukaten als ein Geschenk des anwesenden Adels überreicht, und am andern Morgen folgten diesen noch fünfzig Dukaten von einigen reichen Kaufleuten, die dem Adel an Großmut nicht nachstehen wollten. Herr Eck kann daher mit seinen Geschäften in Riga recht wohl zufrieden sein.«
Unter den vielen Einladungen erwähnt das Tagebuch auch einer zum Zuckerbäcker Klein, »einem der reichsten Leute in ganz Riga. Es ging da vornehm her, aber die Leute waren doch sehr artig. Herr Klein hält seinen Kindern nicht weniger als drei Hofmeister, einen Deutschen, einen Franzosen und einen Russen.«[37] 
Über die Reise nach Petersburg enthält das Tagebuch folgenden Bericht: »Wir reisten Freitag, den 17. Dezember, von Riga ab. Der Weg war eben, und wir legten die ersten Stationen daher sehr schnell zurück. Diesseits Dorpat (wo wir die Nacht vom Sonnabend bis zum Sonntag schliefen) fanden wir aber so hohen Schnee, daß fast nicht durchzukommen war. Doch ging es noch erträglich bis Narwa, wo wir am Montag abend ankamen. Der Gouverneur dieser Stadt, ein großer Musikfreund, der aus der Paderoschna, die wir am Tor zum Visieren abgeben mußten, ersehen hatte, welch ein berühmter Künstler durchpassiere, ließ uns sogleich für den Abend zu sich einladen. Unsre Entschuldigung, daß wir in Reisekleidern nicht erscheinen könnten, wurde nicht beachtet. Der Gouverneur schickte seinen Staatswagen, und halb mit Gewalt wurden wir zu ihm gebracht. Die Verlegenheit, uns in unserm Aufzuge plötzlich in einer glänzenden Gesellschaft zu befinden, verlor sich nach dem freundlichen Empfang und der zuvorkommenden Artigkeit der Anwesenden sehr bald, und wir verlebten einen vergnügten Abend. Um ein Uhr, wie die Gesellschaft auseinander ging, fanden wir unsern Wagen mit den Postpferden schon vor der Türe und setzten sogleich unsre Reise fort.«
Aber von Narwa bis Petersburg traf uns ein Unfall nach dem andern. »Zwei Stationen diesseits ließen wir uns bereden, wegen des hohen Schnees Schlittenkufen unter die Räder zu nehmen. Aber kaum waren wir eine halbe Stunde damit gefahren, als schon die Stricke, womit sie befestigt waren, rissen und wir nicht weiterkonnten. Der Postillon mußte aus einem nahe gelegenen Dorfe einige Bauern zu Hilfe rufen, welche die Kufen wieder befestigten. Nach vollendeter Arbeit gaben sie uns durch Zeichen zu verstehen, daß wir ihnen fünf Rubel zu bezahlen hätten. Sehr aufgebracht über diese unverschämte Forderung, weigerten wir uns so viel zu geben; doch da sie Miene machten, die Stricke, mit denen sie die Räder befestigt hatten, von neuem mit ihren Äxten durchzuhauen, und da wir sahen, daß mit Gewalt gegen die vielen wilden Kerle, die nach und nach unsern Wagen umringt hatten, nichts auszurichten sei, so mußten wir uns zur Zahlung bequemen. Nach einem Aufenthalt von länger als einer Stunde konnten wir endlich weiterfahren; aber es dauerte nicht lange, so blieben wir nun förmlich im Schnee stecken, und nur mit Hilfe vieler herbeigerufener Leute kamen wir wieder los. Wir sahen nun, daß die Kufen bei dem hohen Schnee mehr hinderten als nützten, und ließen sie daher abbinden. Nachdem dieses geschehen und bezahlt war, ging es wieder weiter; aber noch[38]  siebenmal blieben wir stecken, so daß wir zu dieser Station von drei Meilen nicht weniger als sechzehn Stunden gebraucht hatten. Sowie wir Petersburg näher kamen, fanden wir die Wege gebahnter und wurden auch schneller gefahren. Endlich, am Mittwoch abend neun Uhr, langten wir an, nachdem wir sechs Tage und fünf Nächte unterwegs gewesen waren. Die letzte Strecke von Narwa bis Petersburg ist furchtbar einförmig und ermüdend. Diese schnurgerade Straße, durch den Fichtenwald gehauen, mit den bunten Werstzeigern, von denen einer wie der andre aussieht, kann auch den Geduldigsten zur Verzweiflung bringen! Nur selten lichtet sich der endlose Wald, um einigem Anbau und einem ärmlichen Dorfe Platz zu machen. Die Häuser oder vielmehr Hütten dieser Dörfer haben meistenteils nur ein Zimmer mit einem Fenster in der Größe eines Quadratschuhs. In diesem wohnen Menschen und Vieh ganz einträchtig beisammen. Die Wände bestehen aus ungezimmerten, aufeinander gelegten Balken, deren Fugen mit Moos verstopft sind. Sehr warm mag es in diesen Löchern wohl nicht sein; daraus scheinen sich die Bewohner aber auch nicht viel zu machen; denn ich sah Kin der und Erwachsene bei strenger Kälte im bloßen Hemde und barfuß im Schnee herumlaufen. Je ärmlicher und dürftiger die Gegenstände auf der Reise erschienen, um so überraschender ist dann aber das prächtige Petersburg mit seinen Palästen. Doch davon ein andres Mal, wenn ich mich erst umgesehen habe. Wir stiegen im Hôtel de Londres ab und nahmen uns sogleich einen Lohnbedienten, ohne den man hier auch nicht einen Tag sein kann; denn sowie dem Fremden sein Zimmer angewiesen ist, bekümmert sich kein Mensch mehr um ihn.«
In Petersburg war ich in der ersten Zeit bei meinen Studien ganz mir selbst überlassen, da Eck fast den ganzen Tag vom Haus abwesend war, um seine Empfehlungsbriefe abzugeben und sein Konzert zu arrangieren. Diese Zeit wäre daher für mich die geeignetste gewesen, mich in der prächtigen Stadt umzusehen. Dies ließ aber die große Kälte, die bereits über zwanzig Grad gestiegen war, nicht zu. Ich arbeitete daher in der gewohnten Weise fleißig fort, ja mit vermehrtem Eifer, da die Zeit des Unterrichts bei Herrn Eck schon über die Hälfte verflossen war. – Durch ein Mitglied der kaiserlichen Kapelle, Herrn Raab, waren wir in den Bürgerklub eingeführt und lernten dort fast alle in Petersburg anwesenden ausgezeichneten Künstler und schönen Geister kennen. Das Tagebuch nennt die Herren Clementi und seinen Schüler Field, Zeuner, auch ein ausgezeichneter Virtuos auf dem Pianoforte und damals gesuchter Lehrer in den ersten Häusern der Residenz, die[39]  Violinisten Hartmann, erster Geiger der Hofkapelle, Remy, auch Mitglied der Hofkapelle (»ein artiger, allerliebster junger Franzose von meinem Alter«, wie ihn das Tagebuch schon nach der ersten Bekanntschaft nennt), Leveque, Sohn des Konzertmeisters in Hannover, Musikdirektor einer Kapelle von Leibeigenen beim Senator Tieplof, Berwald aus Stockholm, den Hornisten Dornaus und andre, deren Namen nun verschollen sind.
Clementi, »ein Mann in den besten Jahren von äußerst froher Laune und einnehmendem Wesen«, unterhielt sich gern mit mir (französisch, was ich bei der vielen Übung in Petersburg und namentlich im Bürgerklub bald ziemlich geläufig sprach) und lud mich nach Tische oft ein, mit ihm Billard zu spielen. Abends begleitete ich ihn einige Male in dessen große Pianoforte-Niederlage, wo Field oft stundenlang spielen mußte, um die Instrumente den Käufern im vorteilhaftesten Lichte vorzuführen. Das Tagebuch spricht mit großer Begeisterung von dessen »vollendeter Technik und dem schwärmerisch-melancholischen Vortrage« des jungen Künstlers, rühmt auch seine Kompositionen. Noch bewahre ich in der Erinnerung ein Bild von dem blassen, hochaufgeschossenen Jüngling, den ich später nie wieder sah. Wenn Field, der aus allen seinen Kleidern herausgewachsen war, sich vor dem Piano niedersetzte, die langen Arme nach der Tastatur ausstreckte, so daß sich die Ärmel fast bis zum Ellenbogen zurückzogen, dann bekam die ganze Figur etwas höchst Englisch-Linkisches. Sobald aber sein seelenvolles Spiel begann, wurde alles vergessen, und man war nur Ohr. Ich konnte dem jungen Manne, der außer seiner Muttersprache keine andre sprach, meine Rührung und Dankbarkeit nur durch einen stummen Händedruck zu erkennen geben. Man erzählte sich schon damals manche Anekdote von dem auffallenden Geize des reichen Clementi, der in spätern Jahren, wo ich in London wieder mit ihm zusammentraf, noch bedeutend zugenommen hatte. So hieß es allgemein, Field werde von seinem Lehrer sehr kurz gehalten und müsse das Glück, dessen Unterricht zu genießen, durch viele Entbehrungen erkaufen. Von der echt italienischen Sparsamkeit Clementis erlebte ich selbst ein kleines Pröbchen; denn eines Tages, wie ich ihn besuchte, fand ich Lehrer und Schüler mit zurückgestreiften Hemdärmeln am Waschkübel beschäftigt, ihre Strümpfe und andre Wäsche zu reinigen. Sie ließen sich nicht stören, und Clementi riet mir, es ebenso zu machen, da die Wäsche in Petersburg nicht nur sehr teuer sei, sondern auch bei der dort üblichen Waschmethode sehr leide. Von allen Bekanntschaften, die ich im Bürgerklub machte, war[40]  mir keine lieber als die meines jungen Freundes Remy. Gleicher Enthusiasmus für Kunst, gleiche Studien und gleiche Neigung verknüpften unsre Verbindung immer enger. Wir trafen uns an jedem Tage, wo ich mit meinem Lehrer nicht zu Gast geladen war, beim Mittagstisch im Bürgerklub, und gab es am Abend keine Oper oder kein Konzert, wo Remy beschäftigt war, so spielten wir bis spät in die Nacht Duetten, von welchen Remy eine große Sammlung besaß. Solcher Abende, wo das Theater ausfiel, gab es in jenem kalten Winter sehr viele; denn nach einem Ukas des menschenfreundlichen Kaisers Alexander waren alle öffentlichen Vergnügungen verboten, sooft die Kälte über siebzehn Grad stieg, damit die Kutscher und Diener nicht der Gefahr des Erfrierens ausgesetzt seien. Und in jenem Winter blieb die Kälte oft vierzehn Tage lang über siebzehn Grad. Das war für die Fremden dann eine traurige, stille Zeit. Am übelsten waren aber die fremden Künstler daran, die nicht dazu kommen konnten, ihre Konzerte zu geben. Sank die Kälte unter siebzehn Grad, dann gab es Ankündigungen in Menge, aber oft mußten sie am folgenden Tage schon widerrufen werden. Auch das öffentliche Konzert des Herrn Eck verzögerte sich, nachdem es bereits mehreremal angekündigt war, bis zum 6. März alten Stils. Unterdessen spielte er aber zweimal bei Hof in den Privatkonzerten der Kaiserin und gefiel namentlich das zweite Mal so sehr, daß die Kaiserin ihn als Solospieler der Hofkapelle mit einem Gehalt von 3500 Rubel engagieren ließ. So war es also entschieden, daß ich die Rückreise im Sommer werde allein machen müssen.
Je seltener in den kalten Monaten Januar und Februar Opern- und Konzertaufführungen zustande kamen, je eifriger besuchte ich sie, um die einheimischen und fremden Talente kennenzulernen. Es finden sich daher im Tagebuche Berichte über eine lange Reihe von Künstlern und ihre Leistungen, von denen das Wichtigste hier Platz finden möge. Bald nach der Ankunft in Petersburg am 25. Dez. heißt es: »Nach Tische fuhr Herr Raab mit uns zu Herrn Tietz, dem berühmten, verrückten Violinspieler. Er verkündigte uns aber im voraus, daß wir Tietz nicht würden zu hören bekommen, da er seit Monaten keine Geige mehr anrühre. Wir fanden einen Mann von etwa vierzig Jahren, von blühender Gesichtsfarbe und angenehmem Äußern. Man sah ihm die Geistesverwirrung durchaus nicht an. Um so mehr waren wir überrascht, als er an jeden von uns die Frage richtete: ›Mein allergnädigster Monarch, wie befindest du dich?‹ Er erzählte uns dann ein langes und[41]  breites, worin sehr wenig Menschenverstand war, beklagte sich bitter über einen boshaften Zauberer, der, eifersüchtig auf sein Violinspiel, ihm den Mittelfinger der linken Hand so behext habe, daß er nicht mehr geigen könne, sprach aber doch zuletzt die Hoffnung aus, daß es ihm noch gelingen werde, den Zauber zu besiegen usw. Beim Abschiede fiel er vor Herrn Eck auf die Knie, küßte ihm, ehe dieser es verhindern konnte, die Hand und sagte: ›Mein allergnädigster Monarch, fußfällig muß ich von dir Abschied nehmen!‹«
Da ich diesen Künstler, den die Russen damals in ihrem blinden Patriotismus für den ersten Geiger aller Zeiten hielten, später noch gehört habe, so mögen die ihn und sein Spiel betreffenden Stellen des Tagebuches sogleich hier Platz finden.
»den 2. Mai (20. April) Ganz Petersburg ist voll von einer Neuigkeit, die auch mich sehr interessiert. Tietz, der wegen seiner Narrheit seit 6 Monaten nicht mehr Violine spielte, hat plötzlich wieder angefangen. Herr Leveque erzählte mir die nähern Umstände. Tietz war zu einer Musikpartie beim Senator Tieplof eingeladen, hatte aber trotz aller Bitten wieder nicht spielen wollen, so daß der Herr Tieplof voller Verdruß das Orchester fortschickte und ausrief: ›So will ich auch nie wieder Musik hören!‹ Dies machte tiefen Eindruck auf Tietz, und er sagte: ›Allergnädigster Monarch, laß dein Orchester wiederkommen, so will ich eine Sinfonie mitspielen.‹ Dies geschah, und nun, da er im Zuge war, spielte er auch Quartetten bis nachts zwei Uhr. Am andern Morgen versammelten sich die Musikfreunde in seinem Hause, und er spielte wieder. Dies gab mir die Hoffnung, ihn ebenfalls zu hören, und ich eilte deshalb heute früh zu ihm. Es waren wieder viel Musikfreunde dort versammelt, die ihn mit Bitten bestürmten, zu spielen. Diesmal aber vergebens. Er war nicht zu bewegen, und ich hörte später, es sei jemand in der Gesellschaft gewesen, den er nicht habe leiden können. In einigen Tagen werde ich meinen Besuch wiederholen und ich hoffe dann glücklicher zu sein.
den 18. Mai (6. Mai) Heute vormittag nahm ich mein neues Duett und meine Violine und ging zu Herrn Tietz, den ich allein traf. Es kostete nicht viel Überredung, ihn zum Spielen des Duetts zu bewegen, doch wollte er nicht die erste Stimme übernehmen. Wir hatten kaum geendet, als Herr Hirschfeld, Hornist der kaiserlichen Kapelle, und noch andre mir unbekannte Leute kamen. Herr Tietz bat mich also, das Duett zu wiederholen, und es schien nicht nur ihm, sondern auch den andern sehr zu gefallen. Nun legte Herr Tietz ein Quartett von Haydn auf und[42]  verlangte, ich solle die erste Violine übernehmen. Er selbst setzte sich zum Violoncell. Da mir das Quartett bekannt war, weigerte ich mich nicht lange. Es wurde recht gut exekutiert, und Herr Tietz sowie die übrigen Anwesenden überhäuften mich mit Lobsprüchen. – Nun noch einige Worte über das Violinspiel des Herrn Tietz, obgleich ich es nach dem wenigen, was ich heute davon hörte, noch nicht vollständig beurteilen kann. Er zieht einen guten Ton aus dem Instrumente und intoniert sehr rein. Die zweite Stimme meines Duetts, die nicht leicht ist, spielte er ohne allen Anstoß und recht sauber und trug auch die Gesangstellen mit Geschmack und Gefühl vor. Weniger wollten mir seine Passagen gefallen, die er nach alter Weise mit springendem Bogen spielte.
den 23ten Mai (11. Mai) Heute abend waren wir zu dem wöchentlichen Konzert des Herrn Senator Tieplof eingeladen. Wir fanden dort zu meiner Freude Herrn Tietz und eine Klavierspielerin, Madame Maier. Zuerst wurde eine Sinfonie von Haydn von dem Orchester des Herrn Tieplof unter Leveques Leitung recht gut exekutiert. Dann spielte Mad. Maier ein Klavierkonzert eigener Komposition, welches nicht ganz schlecht war. Dann folgten wir, Herr Eck und ich, mit einer Konzertante seines Bruders, die wir seit vierzehn Tagen sehr genau zusammen eingeübt hatten. Anfangs hatte ich Furcht und spielte das erste Solo nicht so gut wie zu Haus; doch bald legte sie sich, und es ging besser, besonders im letzten Satze. Die Komposition wie unser Spiel schienen sehr zu gefallen.
Nun legte Herr Tietz ein Konzert eigner Komposition auf, dessen erstes Allegro und Rondo er zweimal spielte, vermutlich weil ihm sein Spiel beim ersten Male nicht genügte. Da er seit seiner Narrheit nie mehr übt, so ist es begreiflich, daß es ihm an technischer Sicherheit fehlt. Auch gelangen ihm die schweren Stellen beim zweiten Male auffallend besser. In allen drei Sätzen brachte er nach alter Weise Kadenzen an, die an sich sehr hübsch waren. Da es ihm aber jetzt an mechanischer Fertigkeit fehlt, so mißriet ihm manches. Daß diese Kadenzen improvisiert waren, ergab sich daraus, daß sie beim zweiten Male ganz verschieden waren. Ist nun Tietz auch kein großer Geiger, noch weniger der größte aller Zeiten, wie seine Verehrer behaupten, so ist er doch unbezweifelt ein musikalisches Genie, wie auch seine Kompositionen, so veraltet im Stil sie auch sind, hinlänglich beweisen. Zum Schluß akkompagnierte er der Madame Maier noch eine Sonate von Mozart, die er wieder sehr hübsch, aber zu überladen verzierte.«[43] 
Der vorzüglichste der damals in Petersburg anwesenden Geiger war ohne Zweifel Fränzl, der Sohn. Ich hörte ihn in einer Abendgesellschaft bei Herrn Severin. Das Tagebuch sagt darüber: »Fränzl, der soeben aus Moskau zurückgekehrt ist, wo er zu 6 Konzerten für ein Honorar von 3000 Rubel engagiert war, legte, nachdem Herr Eck ein Quartett von Haydn mit großem Beifall gespielt hatte, eins eigener Komposition auf. Seine Stellung beim Spiel fiel mir unangenehm auf. Er hält die Violine noch nach alter Methode auf der rechten Seite des Saitenhalters, muß daher mit gebücktem Kopfe spielen, wie das bei dieser Art, die Violine zu halten, gar nicht zu vermeiden ist. Dazu kommt noch, daß er den rechten Arm sehr hoch hebt und die übele Angewohnheit hat, bei ausdrucksvollen Stellen die Augenbrauen in die Höhe zu ziehen. Ist dies nun auch für die meisten der Zuhörer nicht störend, so fällt es einem Geiger doch sehr unangenehm auf. Die Komposition des Quartetts war sehr fad; er konnte daher auch mit seinem Spiele keinen großen Eindruck machen. Nachdem nach ihm Herr Eck in einem Quartett von Danzi sehr geglänzt hatte, spielte er ein mit Quartettakkompagnement eingerichtetes Konzert von Kreutzer und gefiel sehr damit. Sein Spiel ist rein und sauber. Im Adagio macht er viele Läufe, Triller und andre Verzierungen mit einer seltenen Deutlichkeit und Delikatesse. Sobald er aber stark spielt, wird sein Ton rauh und unangenehm, weil er den Bogen zu langsam und zu dicht am Stege führt und ihn zu sehr auf die Saite drückt. Die Passagen macht er deutlich und rein, aber immer in der Mitte des Bogens, folglich ohne Abwechslung von Stärke und Schwäche. Im ganzen genommen ziehe ich Herrn Ecks großartiges Spiel dem seinigen bei weitem vor. Dies schien auch das Urteil der Anwesenden zu sein. Herr Tietz war trotz aller Bitten nicht zum Spielen zu bewegen.«
Noch einen Geiger von Ruf, Herrn Berwald, später Konzertmeister in Stockholm, hörte ich damals. Das Tagebuch berichtet: »Heute abend war endlich das schon so oft angekündigte Konzert des jungen Berwald. Ich fuhr mit Herrn Eck dahin. Das Theater war sehr dürftig erleuchtet, was einen übeln Eindruck machte. Nach einer Sinfonie von Haydn sang Dem. Brückl vom deutschen Theater eine Arie aus der Zauberflöte und erhielt vielen Beifall, den sie aber wenig verdiente. Ihre Stimme ist zwar ganz gut, ihre Methode aber desto schlechter. Nun trat der junge Berwald mit dem Konzert von Viotti (A-Dur)




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auf und wurde schon beklatscht, noch ehe er einen Strich getan hatte.[44]  Dieses sowie sein hübscher Anstand und seine gute Bogenführung spannten meine Erwartungen sehr hoch, und ich erwartete daher mit großer Ungeduld das Ende des Tuttis. Aber wie fand ich mich getäuscht, als ich nun das Solo hörte! Zwar war sein Spiel rein und ziemlich fertig, dabei aber so schläfrig und monoton, die Passagen so matt und schleppend, daß ich viel lieber noch des Pixis falsches, aber doch feuriges Spiel gehört haben würde. Ein eingelegtes Adagio von seines Vaters Komposition spielte er besser und söhnte mich dadurch wieder etwas mit ihm aus. – Nach ihm spielte ein Herr Palschau, ein wegen seiner theoretischen Kenntnisse hier sehr berühmter Mann, ein Klavierkonzert eigener Komposition auf einem Pianoforte mit einem Flötenzuge, den er zugleich mit dem Hammerwerk gebrauchte. So gut und gelehrt das Konzert aber auch gearbeitet sein mochte, so wollte es doch weder mir noch einem der andern Zuhörer gefallen, weil es gar zu lang und monoton war. Auch machten die Töne der Saiten mit denen der Flöten zusammen einen sehr schlechten Effekt. Nachdem Dem. Brückl noch eine Arie gesungen hatte, schloß Berwald mit dem Konzert von Kreutzer A-Dur. Er nahm die Tempi aber wieder so schleppend, daß der Charakter des Konzerts ganz verfehlt wurde.«
Auch über den damals berühmten Geiger und Komponisten Fodor findet sich ein Urteil im Tagebuche. Es heißt unter
dem 12. März (28. Febr.) »Heute abend war das erste Konzert des adligen oder musikalischen Klubs, sehr unpassend so genannt, denn ich fand die Leute dort sehr unmusikalisch. Diese Konzerte werden in einem großen und schönen Saale, dem englischen Magazine gegenüber, gegeben. Die Hofkapelle spielt dort, und die vornehme Welt von Petersburg findet sich zahlreich ein, nicht um zu hören, sondern zu plaudern und im Saal umherzuspazieren. Zuerst wurde eine schöne Sinfonie von Romberg (C-Dur) vortrefflich exekutiert. Dann sang Herr Pasco, erster Tenorist des italienischen Theaters, eine Arie so lieblich, zart und geschmackvoll, daß es wirklich etwas ruhiger im Saale wurde. Nun folgte Herr Fodor mit einem Konzerte eigener Komposition, das mir aber schlechter schien als die mir bekannten. Auch sein Spiel wollte mir nicht behagen. Er spielt zwar rein und ziemlich fertig, aber ohne Wärme und Geschmack. Auch läßt er bei den Passagen den Bogen fortwährend springen, was bald unerträglich wird. – Madame Canavassi, erste Sängerin der italienischen Oper, die mir neulich in der Oper nicht gefallen wollte, sang diesmal so schön, daß ich eingestehen mußte, ihr sehr Unrecht getan zu haben. Sie besitzt Geschmack, Gefühl und[45]  große Kunstfertigkeit. Der junge Czerwenka blies ein Oboekonzert mit vieler Fertigkeit und einem gebildeten Geschmack. Nur sein Ton will mir nicht recht behagen. Vor der Schlußsinfonie sangen Mad. Canavassi und Herr Pasco noch ein Duett höchst vollendet und im schönsten Einklang.«
Während der Fastenzeit, in der die griechische Kirche keine Theatervorstellungen duldet, gab die Hoftheater-Intendanz wöchentlich drei große Konzerte im Steiner-Theater, in welchen sämtliche Virtuosen der kaiserlichen Kapelle, zu denen Herr Eck nun auch gezählt wurde, auftraten. Die vorzüglichsten, die ich dort zu hören Gelegenheit fand und deren das Tagebuch erwähnt, waren die Geiger Hartmann, Jerchow und Remy, der Violoncellist Delfino, der Oboist Czerwenka und der Waldhornist Hirschfeld. Über das erste dieser Konzerte am 6ten März (22. Febr.) sagt das Tagebuch:
»Das prächtige Steiner-Theater erschien heute in einer ganz neuen Gestalt. Die Bühne war mit drei Wänden eingefaßt und mit einer Decke überbauet, das Orchester stufenweis erhöhet, so daß eine Reihe der Musiker über die andre wegsehen konnte. Das Parterre war in die Höhe geschraubt mit der Bühne in gleiche Höhe und nur durch eine niedrige Galerie von dieser getrennt. Man begann mit dem ersten Teil eines Oratoriums von Sarti, wonach das Konzert ein geistliches (Concert spirituel) benannt wurde. Die einfach-erhabene Komposition wurde vortrefflich exekutiert und machte große Wirkung. Das Orchester bestand aus 36 Violinen, 20 Bässen und doppelt besetzter Harmonie. Außer dieser waren zur Unterstützung der Chöre auch noch 40 Hornisten der kaiserlichen Kapelle da, von denen ein jeder nur einen Ton zu blasen hat. Sie dienten als Orgel und gaben dem Chorgesange, dessen Töne ihnen zugeteilt waren, große Festigkeit und Kraft. In einigen kleinen Solis waren sie von hinreißender Wirkung. Vorn vor dem Orchester standen die Hofsänger, Männer und Knaben, etwa 50 an der Zahl, alle in roter, mit Gold besetzter Uniform. Nach dem ersten Teil des Oratoriums spielte Remy ein Violinkonzert von Alday mit vielem Beifall. Nach dem Konzerte, als wir zu Haus fuhren, verlangte er mein Urteil über sein Spiel zu hören. Da nun unter Freunden stets Wahrheit herrschen muß, so verhehlte ich ihm nicht, daß ich an seinem Spiele, so rein und sauber es auch gewesen sei, doch noch Schattierung von Stärke und Schwäche, Ausdruck im Gesange und hinlängliche Kraft in den Passagen vermißt habe. Er dankte mir für meine Aufrichtigkeit[46]  und äußerte, er sei heute besonders befangen gewesen, weil er an Herrn Ecks Stelle habe auftreten müssen, der früher für dies Konzert angekündigt gewesen sei. – Nun folgte der zweite Teil des Oratoriums. Dann spielte Herr Delfino ein Violoncellkonzert. Da man hier so viel Rühmens von seinem Spiele macht, so erwartete ich viel mehr, als er leistete. Er spielte ohne Geschmack und nicht einmal immer rein. Den Beschluß machte der dritte Teil des Oratoriums.«
In dem zweiten Konzert traten die italienischen Sänger, im dritten die französischen auf. Unter den ersten zeichneten sich die schon genannten beiden, Herr Pasco und Madame Canavassi, aus. Unter den französischen waren nur zwei, die auf den Namen Sänger Anspruch erheben durften, Herr St. Leon und die berühmte Philis Andrieux, die durch ihren korrekten, lieblichen Gesang, ihr gewandtes graziöses Spiel und ihre Schönheit damals ganz Petersburg entzückte. Besonders war es eine Polonaise, womit sie alles hinriß und die sie stets da capo singen mußte. Ich habe den Anfang im Tagebuche wie folgt notiert:



Der Rest dieses dritten Konzertes mag wohl sehr uninteressant gewesen sein, denn es heißt im Tagebuche: »Ich konnte kaum bis zu Ende aushalten, so langweilig war es. Doch hörte ich heute etwas, was mich für das viele Schlechte hinlänglich entschädigte. Zwischen dem ersten und zweiten Teile wurde nämlich von den kaiserlichen Hornisten eine Ouvertüre von Gluck exekutiert mit einer Geschwindigkeit und Genauigkeit, die für Saiteninstrumente schon schwer gewesen wäre, wie viel mehr nun für die Hornisten, deren jeder nur einen Ton bläst. Es ist kaum glaublich, daß sie die schnellsten Passagen mit großer Deutlichkeit hervorbringen, und ich würde es auch nicht für möglich halten, wenn ich es nicht mit eignen Ohren gehört hätte. Doch machte begreiflicherweise das Adagio der Ouvertüre größern Effekt wie das Allegro, denn es bleibt immer eine Unnatur, mit diesen lebendigen Orgelpfeifen so[47]  schnelle Passagen einzuüben, und man kann nicht umhin, an die Prügel zu denken, die es dabei gesetzt haben mag.«
Diese Fasten-Konzerte waren übrigens mit Ausnahme eines einzigen, in welchem Herr Eck spielte und Dem. Philis sang, nur wenig besucht, weshalb die Intendanz auch bald damit aufhörte.
Sehr besucht war aber eine Aufführung der »Jahreszeiten« von Haydn, die zum Besten einer Witwenkasse ebenfalls in der Fastenzeit veranstaltet wurde. Sie fand statt im Lionschen Saale in der Großen Perspektive. Herr Baron Rall, der einer der Unternehmer war, hatte auch mich zur Mitwirkung eingeladen. Ich machte daher alle Orchesterproben mit und spielte in diesen sowie auch bei der Aufführung mit Herrn Leveque aus einer Stimme. Das Orchester war so zahlreich, wie ich noch keins gehört hatte. Es bestand aus 70 Violinen, 30 Bässen und doppelten Blasinstrumenten. Die Wirkung war daher auch eine sehr großartige, und ich spreche im Tagebuche mit Entzücken davon sowie von dem Werke, welches ich dort zum ersten Male hörte. Doch findet sich auch die Bemerkung, daß die »Schöpfung«, welche ich schon früher in Braunschweig gehört hatte, doch noch höher stehe. Das gemeinschaftliche Spielen an einem Pulte mit Herrn Leveque hatte mich mit diesem näher befreundet, und so erfuhr ich von ihm, daß er im Sommer seine Eltern in Hannover besuchen werde. Wir beschlossen daher, die Reise nach Lübeck gemeinschaftlich auf demselben Schiffe zu machen.
Bei den nun öftern Besuchen meines neuen Freundes spielte ich ihm auch mein neues Violinkonzert vor und äußerte den Wunsch, es mit Orchester hören zu können, bevor ich es an den Verleger zum Stich absende. Leveque erbot sich sogleich, es mit seinem Orchester einzuüben, und nahm zu dem Behufe die Orchesterstimmen mit und lud dann einige Tage später mich zu einer Probe desselben ein. Das Tagebuch sagt darüber:
»Heute morgen um 10 Uhr ging ich mit meiner Violine und meinem Konzerte zu Herrn Leveque, der sein Orchester bereits versammelt hatte und meiner wartete. Ich war in großer Bewegung, da ich meine Komposition nun zum ersten Male vollstimmig hören sollte. Wir fingen an. Die Tutti waren gut eingeübt, und ich konnte daher recht gut beurteilen, inwiefern jede Stelle den von mir beabsichtigten Effekt machte. Bei den meisten war ich zufrieden, und einige übertrafen sogar noch meine Erwartung. Andere klangen aber schlechter, als ich erwartet hatte. Im ganzen genommen konnte ich aber mit der Wirkung zufrieden sein.[48]  Desto weniger war ich es aber mit meinem Spiel. Da meine ganze Aufmerksamkeit auf die Begleitung gerichtet war, so spielte ich viel schlechter als zu Haus. Ich bat daher Herrn Leveque um die Erlaubnis, das Konzert in 8 bis 10 Tagen, wenn ich die Abschrift erhalten haben würde, noch einmal probieren zu dürfen, was er gern gewährte.«
Später heißt es dann: »Gestern erhielt ich die Abschrift meines Konzerts, wofür ich 8 Silberrubel bezahlen mußte. In Deutschland hätte ich dafür 6 Konzerte abgeschrieben bekommen können. Heute vormittag ging ich damit zu Herrn Leveque und probierte es nun nochmals aus den neuen Stimmen. Ich war viel ruhiger wie das erstemal und spielte daher viel besser. Auch wurde es noch besser akkompagniert wie das erstemal und machte daher auch noch mehr Effekt. Leveque äußerte sich sehr zufrieden. Ich eilte daher vergnügt zu Haus, packte das Konzert ein und trug es nebst einem Briefe auf die Post. Dort hörte ich mit Verwunderung, daß es in Rußland gar keine Fahrpost, mit welcher man Pakete ins Ausland schicken kann, gibt und daß ich für mein Paket, wenn ich es mit der Briefpost versenden wolle, wenigstens 50 Rubel zu zahlen haben würde. Ich nahm es daher zurück und werde es nun mit Schiffsgelegenheit absenden, sobald die Newa aufgeht.«
Da nun im Vorstehenden das Wichtigste, was das Tagebuch in bezug auf Musik berichtet, ausgezogen ist, so möge hier noch einiges andere, was ich in Petersburg sah und erlebte, folgen:
»Freitag, den 14ten Jan. 1803
Gestern am Neujahrstage der Russen gab der Kaiser wie alljährlich eine große Freimaskerade im Winterpalast, wozu 12000 Billete ausgeteilt waren. Auch wir, Herr Eck und ich, hatten ohne Schwierigkeit Eintrittskarten erhalten. Schwieriger war es aber, einen Domino aufzutreiben; auch mußte ich für den meinigen, der schon sehr abgenutzt war, demohngeachtet 5 Silberrubel Miete bezahlen. Um 9 Uhr fuhren wir hin und fanden auf den breiten, prächtigen Treppen das Gedränge schon so groß, daß wir kaum durchkommen konnten. Im Vorzimmer übergaben wir unserm Bedienten die Mäntel und warfen die Dominos um. Es waren der Säle und großen Zimmer, in welchen die Masken sich verteilten, wenigstens 12–14; demohnerachtet mußte man sich allenthalben durchdrängen. In 3 großen Sälen war Musik und man tanzte Polonaise. In dem ersten, einem außerordentlich großen, mit dem kaiserlichen Wappen verzierten Saale, hörte ich von der Höhe der Galerie herab eine Musik, von der ich bis jetzt keinen Begriff gehabt hatte. Es waren nämlich dem gewöhnlichen Tanzorchester die kaiserlichen Hornisten,[49]  deren jeder nur einen Ton zu blasen hat, beigesellt, und die Begleitung dieser Hörner gab dem Orchester eine Fülle und einen Wohlklang, wie ich sie nie gehört habe. Einzelne Soli dieser Hörner machten eine hinreißende Wirkung. Ich konnte mich lange nicht von diesem Platze losreißen.
Durch einige prächtige Zimmer gelangte ich dann in den Audienzsaal mit dem Throne. Dieser ist fast noch größer wie der erste und auch mit einer Galerie, auf marmorne Säulen gestützt, versehen. Am Ende des Saals steht der Thron auf einer Erhöhung mit 8 Stufen. Über ihm befindet sich ein Baldachin von rotem Samt, worauf das kaiserliche Wappen in Gold und mit Steinen besetzt gestickt ist. Der Thron selbst soll, wie versichert wird, von massivem Golde sein.
In diesem Saale, dem Throne gegenüber, tanzte, vom Hofstaat umgeben, die kaiserliche Familie. Da aber diese Hälfte des Saals durch eine Mauer von baumlangen Grenadieren mit ungeheuer hohen Bärenmützen abgesperrt war, und da ich trotz meiner ansehnlichen Länge nicht einmal über die Schultern dieser Riesen wegsehen konnte, so erblickte ich nicht viel von der kaiserlichen Pracht und dem Diamantenschmuck der Damen. Ich ging daher weiter und gelangte bald in den dritten und schönsten Saal. Dieser ist ganz von poliertem Mamor, die Wände weiß, die Säulen violett und die Fenstereinfassungen blau. Die Beleuchtung spiegelte sich tausendfach in dem glänzenden Stein. Sie soll in sämtlichen Räumen in 20000 Wachskerzen bestanden haben.
In einem der großen Zimmer waren Büfetts errichtet, wo Speisen und Getränke verabreicht wurden. Da es aber der Hungrigen und Durstigen sehr viele gab, so hielt es sehr schwer, in dieses Zimmer einzudringen. Nachdem ich nun die Räume mehrere Male durchwandert und alle Herrlichkeiten besehen hatte, versuchte ich, Herrn Eck wieder aufzufinden, der mir gleich anfangs abhanden gekommen war. Dies war aber unter den 12000 Anwesenden ein vergebliches Bemühen. Ich vermutete nun, er sei bereits nach Haus gegangen, und wurde durch den Umstand, daß unser Bedienter nicht mehr auf dem ihm angewiesenen Platze war, hierin noch mehr bestärkt. Ich hielt es daher fürs beste, nun auch zu Haus zu gehen, und hoffte, gut durchwärmt wie ich war, den kurzen Weg zu unserm Wirtshause auch ohne Mantel zurücklegen zu können, obgleich die Kälte bis auf 24 Grad gestiegen war. Kaum hatte ich aber den Platz vor dem Winterpalaste, an dessen entgegengesetzter Seite unser Hotel liegt, betreten, so fühlte ich, daß mir Nase und Ohren erstarrten, und sicher hätte ich sie erfroren, obgleich ich sie fortwährend[50]  rieb, wäre nicht auf der Mitte des Platzes ein großes Feuer für die Kutscher angezündet gewesen, bei dem ich mich wieder ein wenig erwärmen konnte, bevor ich die zweite Hälfte des Wegs zurücklegte. Herr Eck war aber leider noch nicht zu Haus gekommen, und da er den Schlüssel zu unserm Zimmer hatte und die Kaffeestube im Hause schon geschlossen war, so mußte ich mich entschließen, wieder hinzugehen. Dort angekommen, gelang es mir, zum Büfett vorzudringen und mich mit einem Glase Punsch wieder zu erwärmen. Während ich noch das reiche Gold- und Silbergeschirr, womit dieses Zimmer geschmückt war, betrachtete, kam auch Herr Eck zum Büfett. Wir durchwanderten nun noch einmal die prächtigen Räume Arm in Arm und fuhren dann, da sich unser Bedienter mit den Mänteln auch wieder eingefunden hatte, zusammen zu Haus. – Freund Remy, dem ich heute früh mein Abenteuer erzählte, schalt mich sehr wegen meiner Unvorsichtigkeit. Er versicherte mir, daß man bei 24 Grad Kälte in weniger als einer Minute Nase und Ohren erfrieren könne.
den 27. Februar (16. Febr.) Heute endet die sogenannte tolle Woche, die daher den Namen hat, weil die Russen sich während derselben die tollsten Ausschweifungen erlauben, um sich für die Entbehrungen, die ihnen die morgen beginnenden Fasten auferlegen, im voraus schadlos zu halten. Da sie 6 Wochen lang weder Fleisch noch Milch noch Butter essen dürfen, so stopfen sie sich noch einmal recht voll, sprechen der Branntweinsflasche so fleißig zu, daß sie gar nicht mehr nüchtern werden, und erlauben sich in diesem Zustande alle möglichen Sünden, weil sie sie durch das nun folgende Fasten hinlänglich abzubüßen glauben.
In allen Gegenden der Stadt werden Buden aufgeschlagen, in denen Obst, Getränke und Näschereien aller Art verkauft werden. In andern werden Puppenspiele, abgerichtete Hunde, Taschenspielerkünste und dergleichen gezeigt. Das Hauptvergnügen der Russen in dieser Woche ist aber das Herabfahren von den Eisbergen, vermutlich weil es so halsbrechend ist. Auf der Newa und an verschiedenen andern Orten werden hohe Gerüste erbauet, die von der einen Seite Treppen zum Hinaufsteigen haben und auf der andern sich allmählich bis zum Boden herabsenken. Dieser Abhang ist mit großen Eisstücken belegt, die in den Fugen durch hineingegossenes Wasser auf das genaueste verbunden sind. Auf dieser spiegelglatten Eisfläche wird nun mit kleinen, mit Stahl beschlagenen Schlitten herabgefahren und diese mit kurzen Stäben, in jeder Hand einer, regiert. Es gehört viel Geschicklichkeit dazu, bei dem[51]  rasend schnellen Fahren stets die Mitte der Bahn zu halten, damit man nicht an den Seiten, die nur durch eine leichte Barriere geschützt sind, herabstürzt. Vier besoffene Russen, die, kaum abgefahren, mit ihren Schlitten ineinandergerieten, dadurch der Barriere zu nahe kamen, mußten ihre Ungeschicklichkeit hart büßen. Sie stürzten herab; zwei blieben auf der Stelle tot, die anderen wurden mit zerbrochenen Gliedern weggetragen. Das Vergnügen wurde aber dadurch nicht im geringsten gestört, und man drängte sich immer wieder von neuem zu den Treppen. Gestern fuhr der Hof hin und sah eine lange Zeit dem halsbrechenden Vergnügen zu.
den 3ten März (19ten Febr.) Für den gestrigen Abend waren wir zum Baron Rall gebeten. Wir fuhren um 7 Uhr zu ihm, fanden aber noch keinen Men schen dort. Nach und nach fand sich eine sehr zahlreiche Gesellschaft ein, der Hausherr ließ sich aber immer noch nicht blicken! Vielleicht ist es hier guter Ton, erst dann zu erscheinen, wenn alle Gäste versammelt sind, während bei uns in Deutschland, wo man freilich im guten Ton wohl sehr zurück sein muß, der Wirt jeden einzelnen bewillkommnet und ihn der übrigen Gesellschaft vorstellt. Unter den Gästen befand sich auch der Gouverneur von Narwa, der uns bei unserer Durchreise fast mit Gewalt zu sich holen ließ. Er erkundigte sich freundlich nach meinem Befinden und setzte hinzu: ›Bei der Rückreise werden Sie in Narwa das Petersburger Tor geöffnet, das entgegengesetzte aber verschlossen finden und dann ohne Gnade auf 8 Tage mein Gefangener sein müssen!‹«
An diesem Abend spielte außer Herrn Eck auch Field, und zwar wundervoll. Um 2 Uhr setzte sich die Gesellschaft zu Tische, und erst nach vier kamen wir zu Haus.
»Montag, den 5. April (23. März). Heute an meinem Geburtstage lud mich Herr Eck ins Hôtel de Londres zum Mittagsessen ein. Vorher machten wir bei dem freundlichen Wetter einen Spaziergang an die Newa, deren mit Granitmauern eingefaßtes Ufer jetzt der Sammelplatz der Beau monde ist. Man erwartet mit Ungeduld den Durchbruch des Eises, und es wurden in bezug auf den Tag, wo er erfolgen wird, große Wetten abgeschlossen.
Abends hatte ich noch eine unerwartet große Freude! Remy hatte mich wieder eingeladen, mit ihm Duetten zu spielen, und ich konnte ihm heute ein neues von meiner Komposition bringen. Nachdem wir dieses zum zweitenmal durchgespielt hatten, umarmte er mich und sagte: ›Du mußt mit mir die Geige tauschen, damit wir beide ein Andenken[52]  voneinander besitzen!‹ Ich erschrak vor Freude, denn seine Geige hatte mir schon längst besser wie die meinige gefallen. Da sie aber, eine echte Guarneri, wenigstens noch einmal so viel wert ist wie die meinige, so mußte ich sein Anerbieten ablehnen. Er ließ sich aber nicht abweisen und sagte: ›Deine Geige gefällt mir, weil ich dich so oft habe darauf spielen hören, und wenn die meinige wirklich besser ist, so nimm sie als ein Geburtstagsgeschenk von mir an!‹ Nun durfte ich mich nicht länger weigern und trug überglücklich meinen neuen Schatz zu Haus. Hier hätte ich gar zu gern noch die ganze Nacht gespielt und mich an dem himmlischen Tone ergötzt; da Herr Eck aber schon zu Bett gegangen war, so mußte ich sie ruhig im Kasten liegenlassen. Schlafen werde ich aber nicht können!
Sonntag, den 11. April (29. März) Heute mittag holte mich Herr Leveque zu einem Spaziergange an die Newa ab. Wir fanden dort halb Petersburg versammelt, den Durchbruch des Eises erwartend. Endlich verkündete ein Kanonenschuß aus der Festung den lang ersehnten Moment. Dieser war auch zugleich das Signal für die Matrosen, um die lange Schiffbrücke, die Wasiliostrow mit diesem Teil der Stadt verbindet, abzubrechen, was auch in wenigen Minuten geschah. Nun konnte das Eis ungehindert abfließen, und es dauerte nicht lange, so fuhr man schon mit Booten hin und her. Das erste derselben brachte den Gouverneur der Festung herüber, der, von einem ansehnlichen Gefolge und der Regimentsmusik begleitet, dem Kaiser in seinem Palast ein Glas Wasser aus der Newa überbringt und dafür ein Geschenk von 1000 Rubel erhält. Nachher fahren die Kronmatrosen, alle in roten Uniformen, jedermann unentgeltlich hin und her, bis die Kommunikation zwischen beiden Stadtteilen durch die Schiffbrücke wiederhergestellt ist. – Nachdem wir dies alles, einige Stunden hin- und herspazierend, mit großem Vergnügen angesehen hatten, kehrten wir zu Haus zurück.
Sonntag, den 17. April (5. April) Vorige Nacht wurde ich durch Kanonenschüsse erweckt, die den Anbruch des Osterfestes verkündeten. Da es sehr ruhig war, hörte man jeden Schuß in vielfachen Echos so lange nachhallen, bis wieder ein neuer fiel. – Heute begrüßt der Russe seine Bekannten mit den Worten: ›Christus ist auferstanden!‹, worauf der Gegrüßte den Grüßenden küssen muß. Man braucht nur an das Fenster zu treten, um allenthalben sich Umarmende und Küssende zu sehen. Man erzählte mir, die Kaiserin Katharina sei einst am Ostertage, von ihrem Hofstaat umgeben, am Ufer der Newa spazierengegangen, als ein schmutziger Kerl, wahrscheinlich etwas angetrunken, sich ihr mit[53]  dem Gruß ›Christus ist auferstanden!‹ in den Weg stellte und sie, um nicht gegen die heilige Sitte zu verstoßen, gezwungen war, ihn zu küssen. Er wurde indessen auf einen Wink von ihr sogleich gepackt und hatte nachher in Sibirien Zeit genug, seine Keckheit zu bereuen!
Mittwoch, den 20. April (8. April) In dieser Woche haben die Russen ein eigentümliches Vergnügen. Es sind auf dem großen Platz beim Steiner-Theater eine Menge Schaukeln errichtet, in denen sich das Volk vom Morgen bis zum Abend schaukelt. Eine Art dieser Schaukeln gleicht hohen Windmühlen, an deren Flügeln Kasten hängen, in welche sich zwei bis drei Menschen hineinsetzen. Diese Kasten hängen an beweglichen Angeln, so daß sie immer in horizontaler Richtung bleiben, wenn die Flügel sich heben und senken. Die Maschine wird durch eine einfache Mechanik von vier Menschen in Bewegung gesetzt, und ein Platz in einem der Kasten kostet für 15 Minuten 10 Kopeken. Eine andere Sorte dieser Schaukeln ist wie eine Roßmühle gestaltet. An dem äußersten Ende der Querbalken sind ebenfalls Kasten befestigt, aber groß genug, um eine ganze Familie Schaukellustiger aufzunehmen. Im Mittelpunkt der Maschine befindet sich eine Art von Altan, auf welchem zwei Possenreißer, gewöhnlich ein Mann und ein Weib in russischer Nationaltracht, die Umfahrenden zu belustigen suchen. Ihre Spaße mögen wohl nicht sehr zarter Natur sein; für ihr Publikum sind sie aber gut berechnet, denn das Lachen und Jubeln reißt nicht ab. Die dritte Art der Schaukeln ist sehr einfach. Es ist ein starkes, langes Brett, auf welchem 5 bis 6 Personen Platz nehmen. Es hängt an vier Stricken in einem hohen Galgen und wird von zwei Menschen, die am äußersten Ende stehen, in Schwung gesetzt. – Außer diesen Schaukelvergnügungen gibt es aber dort noch viele andere. In einer Menge von Buden wird so ziemlich alles das gezeigt, was man auf deutschen Messen und Jahrmärkten an Sehenswürdigkeiten findet. Leveque, mit dem ich heute dort war, beredete mich, mit ihm in eine dieser Buden zu treten. Zuerst sahen wir Taschenspielerkünste, die sehr gewandt ausgeführt wurden. Dann folgte ein Puppenspiel. Da ich aber nichts davon verstand, so warteten wir das Ende nicht ab. Rund um den Kreis, den die Buden und Schaukeln bilden, fährt die Beau monde jeden Nachmittag in drei Wagenreihen herum, um dem Volksjubel zuzusehen oder vielmehr sich sehen zu lassen. Nie sah ich schönere Pferde, glänzendere Equipagen und reichere Livreen als dort. Auch blickte mancher schöne Mädchenkopf aus den Wagen heraus.
[54]  Freitag, den 6. Mai (24. April) Seit einigen Tagen ist es fortwährend schönes Wetter, und ich benütze es (für meine Studien vielleicht etwas zu sehr), um das prächtige Petersburg recht kennenzulernen. – Vormittags besuchte ich mit Herrn Eck den Sommergarten, wo der Kaiser einem französischen General zu Ehren zwei Kavallerieregimenter manövrieren ließ. Die Evolutionen waren sehr halsbrechend, und es nahm mich wunder, daß niemand verunglückte. Dies muß jedoch wohl öfters vorkommen, denn es wurde ein für Verwundete eingerichteter Wagen mitgeführt, auf dem sich mehrere Wundärzte befanden. Die Pferde dieser Reiter waren alle sehr schön. Nie sah ich aber auch schneller galoppieren. Sonnabend, den 7. Mai (25. April) Vor einigen Tagen erhielt ich einen Brief von den Herren Breitkopf u. Härtel in Leipzig, in welchem sie mich um einen Bericht über den hiesigen Musikzustand für ihre musikal. Ztg. ersuchten. Ich habe einen solchen verfaßt und heute abgesendet.« (Er ist im Jahrgange der m.Z. von 1803 abgedruckt.)
»Freitag, den 13. Mai (1. Mai). Heute war wieder ein originelles Volksfest. Alles, was Equipage, ein Reitpferd oder zwei gesunde Beine besitzt, zieht an diesem Tage zum Rigaer Tor hinaus nach Katharinenhof, begafft sich dort ein paar Stunden und kehrt dann nach Haus zurück. Ich war mit Leveque dort und muß gestehen, daß der Anblick der prächtigen Equipagen, deren wohl zweitausend sein mochten, nebst ihrem geputzten Inhalt mir recht viel Unterhaltung gewährte. Katharinenhof ist ein kleines Gehölz, welches für das hiesige Klima ziemlich frisch aussieht. Man hat von dort eine schöne Aussicht auf das Haff. Mitten im Holze liegt Peter des Großen Lustschloß, welches mit seinen antiken Möbeln noch ganz so erhalten ist, wie er es bewohnte. Es ist sehr ärmlich und gleicht eher einem Bürgerhause als dem Schlosse eines mächtigen Kaisers. Wir nahmen einen anderen Rückweg und sahen viele schöne Landhäuser und Gärten, deren es vor diesem Tore eine große Menge gibt.

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Freitag, den 20. Mai (8. Mai) Da die Zeit unserer Abreise herannahet, so holte mich heute früh Leveque ab, um Anstalten dazu zu treffen. Zuerst gingen wir auf die Börse, um mit einem Lübecker Schiffer, der etwa in 14 Tagen dahin abzugehen gedenkt, wegen der Überfahrt zu akkordieren und abzuschließen. Wir fanden ihn nicht auf der Börse und suchten ihn daher auf seinem Schiffe auf. Er zeigte uns sehr bereitwillig dessen Inneres, und wir waren von der Größe, Festigkeit und Bequemlichkeit desselben sehr befriedigt. Die Kajüte ist hoch und so groß, daß bequem 20 Personen im Kreise an den Wänden Platz finden[55]  können. Er verlangte von uns beiden für die Fahrt nach Lübeck, die Kost mit einbedungen, 20 Dukaten. Wir fanden dies nicht zu viel und schlossen daher ab. Nun gingen wir zum Zeitungs-Comptoir, um unsre Namen unter die der Abreisenden setzen zu lassen; denn es ist hier Gesetz, daß jeder, der abreisen will, dies dreimal in den Zeitungen bekanntmachen muß, damit alle, welche Forderungen an ihn haben, sich beizeiten melden können. Erst dann wird der Reisepaß ausgefertigt, ohne welchen weder zu Lande noch zu Wasser fortzukommen ist.
Montag, den 23. Mai (11. Mai) Heute früh kaufte ich mir einen Plan von Petersburg. Mit Hilfe dessen werde ich nun versuchen, eine Beschreibung der prächtigen Stadt zuliefern.« – Diese wurde nun zwar begonnen, nach einer halben Seite aber schon wieder abgebrochen. Eine Anzahl weißer Blätter im Tagebuche scheint bestimmt gewesen zu sein, um sie bei mehrerer Muße, wahrscheinlich auf dem Schiffe, fortzusetzen. Es ist aber nicht dazu gekommen.
»Freitag, den 27. Mai (15. Mai) Heute mittag ließen wir, Herr Leveque und ich, unsre Koffer nach dem Zollhause bringen, welches in der Nähe der Börse liegt, um sie dort visitieren und plombieren zu lassen. Wir wurden mehrere Stunden aufgehalten und auf eine schmähliche Weise geplündert. In keinem Lande der Welt sind wohl die Zollbedienten unverschämter als hier; wir mußten zahlen und wieder zahlen, wenn wir nicht bis zum Abend hingehalten sein wollten. Endlich war das Blei angelegt, und wir konnten nun ein Boot nehmen, um die Koffer an unser Schiff bringen zu lassen. Es hat dieses den Platz verändert und liegt nun am Talghofe in Wasiliostrow, um seine Ladung einzunehmen. Morgen geht es nach Kronstadt, wohin wir am Donnerstag folgen.
Sonnabend, den 28. Mai (16. Mai) Heute erlebten wir vor unsrer Abreise noch ein glänzendes Fest! Es war das Jubiläum der Erbauung von Petersburg. Heut vor 100 Jahren hat Peter der Große den Grund dazu gelegt.
Um neun Uhr heute vormittag versammelte sich alles anwesende Militär auf dem Isaaksplatze und wurde vom Kaiser selbst aufgestellt und kommandiert. In seinem Gefolge war die ganze Generalität und sämtliche Gesandte zu Pferde. Um zehn Uhr erschien die Kaiserin mit dem Hofstaate in etwa zwan zig prächtigen Wagen. Die Staatskarosse, in welcher neben der Kaiserin auch die Kaiserinmutter Platz genommen hatte, war ganz vergoldet und reich mit Edelsteinen besetzt. Obenauf war sie mit einer Brillantkrone geschmückt, die auf einem Purpurkissen befestigt war. Acht eiergelbe Pferde in Silbergeschirr, mit Steinen besetzt,[56]  zogen diesen Prachtwagen. Die übrigen Hofwagen, ebenfalls sehr schön, waren mit sechs Pferden bespannt. Der Kaiser ritt ein wunderschönes Pferd, reich aufgeschirrt, war im übrigen aber in einfache Uniform gekleidet. In seinem Gefolge war auch ein türkischer Prinz, der durch glänzende Kleidung die Aufmerksamkeit auf sich zog. Der Griff seines Säbels war ganz mit großen Diamanten bedeckt, und Steigbügel und Sporen waren von massivem Golde. Als der Zug vor der Isaakskirche angekommen war, stieg der Kaiser vom Pferde und führte seine Gemahlin in die Kirche, wo sogleich das Tedeum laudamus von den Hofsängern angestimmt wurde. Leider gelang es uns nicht, in die Kirche einzudringen, da sogleich nach Eintritt des Hofes die Türen geschlossen wurden. Doch mag wohl auch im Innern der Kirche wenig von der Musik zu hören gewesen sein, da nicht nur mit allen Glocken geläutet wurde, sondern auch von der Festung und den auf der Newa liegenden Kriegsschiffen Kanonensalven gegeben wurden. Das auf dem Platze neben der Kirche aufgestellte Militär vermehrte noch den Lärm durch Kleingewehrfeuer, und das Volk genierte sich im Toben und Lärmen auch nicht sehr. So drang denn nicht ein einziger Ton der Musik bis zu uns auf den Platz. Nach geendetem Gottesdienste ging der Hof zu Fuß durch ein Spalier von Militär in den Senat. Was dort für Zeremonien stattgefunden haben, habe ich nicht erfahren können. Nach einer halben Stunde etwa wurden die Wagen wieder bestiegen, und der Zug kehrte in der frühern Ordnung wieder in den Palast zurück. Abends war die Stadt auf das glänzendste erleuchtet, so schön, wie ich es noch nie sah. Um neun Uhr holte mich Leveque ab und führte mich zuerst in den Sommergarten. Es hingen schwere Wolken am Himmel und drohten, durch einen tüchtigen Platzregen die soeben angesteckten Lampen wieder auszulöschen. Bei den jetzigen hellen Nächten, in welchen es bis zwölf Uhr so hell bleibt, daß man, ohne Licht anzuzünden, lesen und schreiben kann, war aber dieser schwarze Himmel höchst willkommen, weil sonst die Illumination wenig Wirkung gemacht haben würde. Der Garten war sehr glänzend erleuchtet. An beiden Seiten der Allee waren Gerüste errichtet, die dicht mit Glaslampen von verschiedenen Farben behängt waren. Am Ende der Alleen sah man hellerleuchtete Triumphbogen, in deren Mitte die Buchstaben P. (Peter) und A. (Alexander) in Feuer brannten. Auch sämtliche Pavillons des Gartens waren glänzend und geschmackvoll erleuchtet. Aber einen wahrhaft zauberhaften Anblick gewährte die Festung, als wir aus dem Garten an das Ufer der Newa traten. Sie schwamm in einem wahren Feuermeer! Die Granitmauern der Wälle waren mit weißen, die Säulen und das Gesimse[57]  des Eingangstors mit roten und die Schilderhäuser auf der Höhe der Mauern mit blauen Lampen behängt. Der zierliche Festungsturm war bis zur höchsten Spitze erleuchtet, und da es völlig windstill, so war auch nicht eine Lampe unangezündet geblieben. Auf unserm Standpunkte spiegelte sich nun noch einmal das ganze Feenbild zu unsern Füßen in der Newa ab! Es war ein Anblick zum Entzücken! Doch der Himmel wurde immer schwärzer und drohender; wir mußten daher eilen, auch andre Gegenden der Stadt zu sehen.
Neben der Brücke, die auch auf das glänzendste erleuchtet war, fanden wir ein großes Kriegsschiff, bis auf die höchsten Spitzen der Masten mit bunten Lampen behängt, zwischen denen unzählige Wimpel flatterten. Die von der Admiralität fächerartig auslaufenden Hauptstraßen, deren mehrere über eine Stunde lang sind, waren taghell erleuchtet und gewährten, von der fröhlichen bunten Menge durchwogt, einen herrlichen Anblick. Unter den öffentlichen Gebäuden, die mit Transparentgemälden und Inschriften reich verziert waren, zeichnete sich besonders die Admiralität aus. Auch einige Privatgebäude hatten Transparente, unter anderen das des Oberkammerherrn von Naryschkin. Mars, von den allegorischen Figuren der Weisheit und Gerechtigkeit begleitet, bekränzte die Buchstaben P. und A., ersterer mit der Unterschrift ›Gloire du premier siècle‹, letzterer ›Gloire du second siècle!‹. – Wir folgten nun dem Strome der Menschenmasse, die nach dem Sommergarten eilte, wo ein großes Feuerwerk abgebrannt werden sollte. Doch kaum hatten wir die Arkaden des Winterpalastes erreicht, als ein plötzlich herabstürzender Platzregen der Herrlichkeit auf einmal ein Ende machte und das eben noch taghelle Petersburg in weniger als einer Minute in ägyptische Finsternis einhüllte! Nur der Platz unter den Arkaden, wohin wir uns geflüchtet hatten, blieb hell erleuchtet. Dieser Umstand verhalf uns noch zu einem eigentümlichen Schauspiel. Die bunte, mit dem Sonntagsstaat behängte Menge, die aus dem Sommergarten nach Haus flüchtete, mußte nämlich vor unserm Standpunkte vorbeidefilieren und nahm sich, triefend von Regen, komisch genug aus. Einige Frauenzimmer hatten in Ermanglung eines Regenschirmes die Röcke über den Kopf gezogen, um ihren Kopfputz zu schützen; andre sogar, auf die Finsternis vertrauend, Schuhe und Strümpfe ausgezogen, um sie zu schonen, und wateten nun barfuß vorüber, nicht wenig erschrocken, einen so hellerleuchteten, mit lachenden Zuschauern besetzten Platz passieren zu müssen! Endlich, nach einer Stunde etwa, hörte der Regen auf, und wir konnten nun auch unsre Wohnungen aufsuchen.
[58]  Mittwoch, am 1. Juni (20. Mai) packte ich noch meine übrigen Sachen und ging dann, um von meinen Freunden und Bekannten Abschied zu nehmen. Die Trennung von meinem guten Remy war sehr schmerzlich und kostete uns beiden viele Tränen. Er versprach mir, mich in einigen Jahren, da er dann eine Reise in seine Heimat zu machen gedenkt, in Deutschland aufzusuchen, und ich bin überzeugt, er hält Wort!
Auch der Abschied von meinem Lehrer, dem ich so viel verdanke, wird ein sehr betrübter, um so mehr, da er seit einiger Zeit wieder recht leidend war und ich daher befürchten muß, ihn nie wieder zu sehen!«
Diese Befürchtungen waren nur zu wahr; wir sahen uns nicht wieder! Über seine spätem, zum Teil höchst abenteuerlichen Schicksale habe ich folgendes erfahren, ohne mich jedoch für die strenge Wahrheit desselben verbürgen zu können, da ich es größtenteils nur vom Hörensagen habe.
Eck hatte zu der Zeit, als ich von Petersburg abreisete, ein Liebesverhältnis mit der Tochter eines Mitglieds der kaiserlichen Kapelle angeknüpft, dachte aber nicht entfernt daran, das Mädchen ehelichen zu wollen. Empört über solchen Leichtsinn, hielt ich es für meine Pflicht, die Eltern zu warnen. Es geschah; meine Warnung wurde aber kühl und ungläubig aufgenommen. Einige Monate später, als auf einmal Herrn Ecks Besuche plötzlich aufhörten, gestand die Tochter in Tränen zerfließend, sie sei von ihm verführt und spüre schon die Folgen davon. Die Mutter, eine entschlossene Frau, wußte sich Audienz beim Kaiser zu verschaffen, warf sich ihm zu Füßen und flehte um die Wiederherstellung der Ehre ihrer Tochter. Der Kaiser gewährte. Er ließ in echt kaiserlich-russischer Weise Herrn Eck die Wahl, ob er sich binnen vierundzwanzig Stunden mit seiner Geliebten trauen lassen oder eine Spazierfahrt nach Sibirien antreten wolle. Herr Eck wählte natürlich das erstere. Daß aus einer solchen erzwungenen Ehe bald eine Hölle auf Erden werden mußte, begreift sich leicht. Eck, dessen Gesundheit durch frühere Ausschweifungen ohnehin ganz zerrüttet war, konnte die Einwirkung der täglich sich erneuernden Ehestandsszenen nicht lange ertragen. Er verlor den Verstand und tobte bald dermaßen, daß die Schwiegermutter abermals die Hilfe des Kaisers anflehen mußte. Dieser ließ die Ehe trennen, gab der Frau eine Pension und befahl, ihren Mann unter gehöriger Aufsicht zu seinem Bruder nach Nancy zu schicken. Die Wahl des Menschen, dem der Unglückliche sowie das vom Kaiser bewilligte Reisegeld anvertraut wurden, war aber eine sehr leichtsinnige und verfehlte; denn kaum war er mit seinem Kranken in Berlin angelangt, so erklärte[59]  er dem dortigen russischen Gesandten, das Reisegeld sei ausgegeben, und er könne daher seinen Pflegebefohlenen nicht weiterbegleiten. Zugleich legte er dem Gesandten eine Berechnung seiner Ausgaben vor, wonach allerdings die vom Kaiser bewilligte Summe erschöpft war. Es fanden sich aber sonderbare Posten darin, u.a. ein Diner von hundert Gedecken, welches der Verrückte ohne Wissen seines Führers in einem der ersten Hotels von Riga bestellt hatte und welches dieser dann vollständig habe bezahlen müssen. Ob der Gesandte sich bei dieser Berechnung beruhigte, ist nicht bekanntgeworden; der Führer aber war plötzlich verschwunden!
Unterdessen war dem Geisteskranken, der sich nicht mehr bewacht sah, die Lust angekommen davonzulaufen. Nur mit Hemd, Unterhose, Strümpfen und Pantoffeln bekleidet, entwischte er am Abend unbemerkt aus dem Zimmer und dem Gasthause, und da draußen starkes Schneegestöber war, so gelang es ihm auch, unaufgehalten zum Tor hinauszukommen. Erst einige Stunden von Berlin wurde er von Bauern ergriffen, und da diese ihn für einen entsprungenen Sträfling hielten, gebunden nach der Stadt zurückgebracht. Auf der Polizei erkannte man den armen, halb erfrorenen Flüchtling bald für einen Geisteskranken und lieferte ihn ins Irrenhaus ab. Einige Mitglieder der Hofkapelle, die den Unglücklichen wenige Jahre vorher in dem Glanze seiner Künstlerlaufbahn gekannt und bewundert hatten, nahmen sich seiner nun an. Sie veranstalteten unter ihren Kollegen und wohlhabenden Kunstfreunden eine Kollekte, mit deren Ertrag sie ihn unter der Aufsicht eines zuverlässigen Mannes nach Nancy zu seinem Bruder schickten. Dieser verschaffte ihm ein anständiges Unterkommen im Irrenhause zu Straßburg, wo er mehrere Jahre verblieb. Dann hörte seine ehemalige Gönnerin, die verwitwete Kurfürstin von Bayern, von seinem Unglück und sandte ihn zu einem Prediger in oder bei Offenbach. Hier soll er, wenn auch nicht geheilt, doch merklich ruhiger geworden sein, so daß man ihm wieder eine Violine in die Hand geben konnte, der er rührende Melodien entlockt haben soll. – Nach dem Tode der Kurfürstin fand er dann im Irrenhause zu Bamberg ein Unterkommen, wo er 1809 oder 1810 gestorben ist. Nach dieser Abschweifung nun noch einige Auszüge aus dem Tagebuche über die Rückreise in die Heimat.
»Kronstadt, den 2. Juni (21. Mai) Heute vormittag um neun Uhr fuhren wir von Petersburg ab. Bei einem Wachtschiffe am Ausflusse der Newa mußten wir unsere Pässe vorzeigen und erhielten sie zurück, ohne daß es etwas kostete, was uns nach den bisher gemachten Erfahrungen sehr[60]  verwunderte. Da der Wind uns entgegen kam, mußten die Matrosen fortwährend rudern, wodurch die Fahrt lang und zuletzt auch langweilig wurde, so daß wir froh waren, als wir endlich um 2 Uhr in Kronstadt ankamen. Wir kehrten beim deutschen Traiteur ein, dessen Ehrlichkeit uns gerühmt war. Er hat aber außer dieser auch vollständig die rauhe Derbheit, um nicht zu sagen, Grobheit konserviert, denn als wir Abend um neun Uhr, von einem Spaziergange zurückkehrend, Abendessen verlangten, antwortete er: ›Jez is keine Tit tau eten, jez geit man slapen!‹ Und damit kehrte er uns den Rücken zu. Ganz verblüfft stiegen wir die Treppe hinauf und hatten uns schon mit dem Gedanken vertraut gemacht, hungrig zu Bette gehen zu müssen, als er doch noch zum Essen hinunterrufen ließ. Anfangs hatten wir große Lust, es nun zu verschmähen; doch der Hunger siegte über die Empfindlichkeit. Wir gingen hinunter, fanden recht gutes Essen, und der Wirt, der uns selbst bediente, suchte durch Freundlichkeit die vorige Grobheit vergessen zu machen.
Sonnabend, den 4ten Juni Gestern vormittag besuchten wir den deutschen Pastor, dessen Bekanntschaft ich in Petersburg im Bürgerklub gemacht hatte. Er nahm uns sehr freundlich auf und lud uns ein, bis zu unsrer Abfahrt in seinem Hause zu wohnen, welches wir mit Dank annahmen. Da er unverheiratet ist und keine eigne Haushaltung hat, so aßen wir mittags zusammen im engl. Hotel an der Table d'hôte. Nachmittags besahen wir Kronstadt und ließen uns dann zu unserm Schiffe übersetzen. Dort erfuhren wir vom Kapitän, daß er segelfertig sei und nur noch auf günstigen Wind warte. Gegen abend badeten wir in der See und nach dem Abendessen spielten wir unserm Wirte Duetten vor, was ihn sehr zu erfreuen schien.
Heute vormittag mußten wir noch an 2 Orten unsere Pässe visieren lassen. Wir sahen bald, daß es hier ist wie in Petersburg und daß man den Beutel öffnen muß, wenn man nicht an jedem Orte mehrere Stunden aufgehalten sein will. So mußten wir denn für diese beiden Unterschriften noch einen Dukaten springen lassen, nachdem einem jeden von uns der Paß schon 15 Rubel Silber gekostet hat.
Sonntag, den 5. Juni Heute, am ersten Pfingsttage, besuchten wir die deutsche Kirche, wo unser Herr Wirt uns mit einer ganz guten, aber wahrscheinlich nicht eignen Predigt regulierte, denn er las beständig aus dem Konzept und schien dieses nicht einmal genau zu kennen, da er einige Male fast steckenblieb. Er fand es daher auch nötig, wie wir zu Haus kamen, zu bemerken: ›Heute hatte ich mich fast ein wenig[61]  zu sehr auf mich verlassen.‹ Abends ließ uns der Kapitän sagen, der Wind sei günstig geworden, und er werde daher morgen früh in See gehen. Wir nahmen daher noch heute abend von unserm Wirt Abschied und legten uns zeitig zu Bett.
An Bord des ›Saturn‹, Montag, den 6. Juni Da heute früh der Wind noch immer günstig war (nämlich Nord-Ost), so begaben wir uns mit unsern Sachen an Bord. Es mußte aber nochmals bei einem Wachtschiffe angelegt werden, so daß es bis neun Uhr dauerte, bis wir in freier See waren und alle Segel aufspannen konnten. Dann ging es bis abends 6 Uhr recht schnell. Da das Schiff trotz der schnellen Fahrt nur wenig Bewegung machte, so befand sich die ganze Schiffsgesellschaft, aus 3 Frauenzimmern und 9 Männern bestehend, fortwährend wohl und ließ sich das Mittagsessen vortrefflich schmecken. Abends sprang der Wind nach West um, und man mußte zu lavieren anfangen. Nun ist das Steigen und Senken des Schiffes schon merklicher, und ich halte es daher für geratener, das Lager zu suchen.
An Bord des ›Saturn‹, den 14. Juni Seit 8 Tagen hatten wir fortwährend Westwind und mußten daher beständig lavieren. Wir sind deshalb auch noch nicht weit von Hochland entfernt, was wir schon am ersten Tage erreicht hatten. Am zweiten Tag ging die See sehr hoch, und es wurden daher die Passagiere nach und nach sämtlich krank. Bei mir fing es mit Kopfschmerzen an, worauf Übelkeit und heftiges Erbrechen folgte. Es war mir so schlecht zumute, daß ich es bitter bereute, zur See gegangen zu sein. Doch am vierten Tage wurde mir besser, und bald kehrte auch der Appetit wieder. Nun befinde ich mich, obgleich die See noch immer sehr unruhig ist, so wohl wie am Lande. Aber nicht allen geht es so gut, denn die Damen und auch einige von den Herren sind noch immer krank und unsichtbar. Herr Leveque und ich amüsieren uns aber jetzt ganz gut. Wir spielen Duetten, lesen, schreiben, zeichnen, gehen auf dem Verdeck spazieren und lassen uns Essen und Trinken recht gut schmecken. So vergeht ein Tag nach dem andern. Doch seufzen wir wie die übrigen nach gutem Winde, denn dieses ewige Lavieren, wobei man nicht vorwärts kommt, ist unerträglich!
An Bord des ›Saturn‹, den 16. Juni. Gestern hatten wir wirklich wieder guten Wind und kamen auch ein Eckchen weiter. Heute ist er aber, obgleich noch immer gut, so schwach, daß wir fast gar nicht von der Stelle kamen. Bis zum Abend wird wahrscheinlich völlige Windstille eintreten.
[62]  den 23. Juni Gestern und am 20. hatten wir heftigen Sturm, nachdem schon seit dem 17. beständig widrige Winde geweht hatten. Am 19. wurde der Wind so heftig, daß wir von neuem seekrank wurden. Am andern Morgen tobte der Sturm dermaßen, daß das Schiff in allen Fugen krachte. Ich kroch, so krank ich auch war, hinauf, um das schauerlich schöne Schauspiel anzusehen. Zwar wurde ich tüchtig durchnäßt, denn die Wellen schlugen alle Augenblicke über das Verdeck; auch konnte ich wegen der Kälte und dem schneidenden Winde nicht lange oben aushalten. Aber der Mühe wert war es, zu sehen, wie die Wellen, Bergen gleich, angerollt kamen und uns zu verschlingen drohten, dann uns plötzlich packten, in die Höhe schleuderten und ebenso schnell in einen tiefen Abgrund stürzen ließen! Obgleich ich durch die vorhergegangene unruhige See schon einigermaßen an dieses Schauspiel gewöhnt war, so lief es mir doch bei jedem solchen Sturze eiskalt über den Rücken, und ich würde uns in großer Gefahr geglaubt haben, hätte ich nicht auf des Kapitäns ruhigem Gesichte das Gegenteil gelesen. Dieser gab mit demselben Phlegma wie immer seine Befehle. Schrecklich war es aber anzusehen, wie die Matrosen bis zur höchsten Spitze der Masten hinaufkletterten und dann auf den Rahen hinausrutschten, um die Segel einzureffen. Nur Leute, die bei solchen Gefahren aufgewachsen sind, können mit kaltem Blute dem tobenden Elemente so Trotz bieten. Am 21. wurde es etwas ruhiger, und wir begannen uns zu erholen, doch gestern tobte es von neuem, und wir wurden abermals krank. Heute ist es windstill; da die See aber noch hohl geht, so schaukelt das Schiff auf höchst unangenehme Weise, und man fühlt sich immer noch nicht wohl.
den 27. Juni Seit drei Tagen haben wir wieder guten Wind, und wenn dieser nur noch einen Tag anhält, so dürfen wir hoffen, das Ziel unserer Reise endlich zu erreichen. Gestern segelten wir in nicht sehr weiter Entfernung neben Bornholm, einer dänischen Insel, vorbei. Wir sahen zwei kleine Städte, viele Dörfer und ein sorgfältig bebautes Land. Besonders erfreulich war mir der Anblick der grünen Getreidefelder, den ich so lange entbehrte. Auf einer kleinen Nebeninsel liegt die Festung, wo der Gouverneur residiert. Als wir uns dem Lande näherten, brachten uns Bauern in einem Boote frisches Fleisch, Gemüse und Milch. Letztere erfreute mich besonders, da mir der schwarze Kaffee durchaus nicht hatte munden wollen.
Einige Abende hatten wir bei heiterm Himmel und Windstille ein Schauspiel, wie man es am Lande in dieser Majestät niemals siehet, nämlich[63]  den Sonnenuntergang. Es ist nicht möglich, die Pracht der stets wechselnden Farben zu beschreiben, mit der sowohl die am Himmel zerstreueten Wolken wie die einem Spiegel gleiche See übergossen wurde; aber der Eindruck, den dieses erhabene Schauspiel bei der feierlichen Stille des Abends auf die ganze auf dem Verdeck versammelte Schiffsgesellschaft machte, wird mir ewig unvergeßlich bleiben! Ich sah die Gefühllosesten davon ergriffen.
Wir sind jetzt mittags elf Uhr noch 16 Meilen von Travemünde entfernt, und da der Wind fortwährend günstig ist, so hoffen wir noch heute vor Mitternacht anzukommen. Wir sind alle herzlich froh, daß sich unsere Reise nun ihrem Ende nähert, denn wir sind bereits 22 Tage auf der See.
Travemünde, den 28. Juni 1803. Da es gestern abend wieder windstill wurde, so konnten wir erst heute früh um 7 Uhr Anker werfen. Eine halbe Meile vor der Stadt kam der Lotse an Bord, um das Schiff auf die Reede zu steuern. Von ihm erfuhren wir die überraschende Neuigkeit, daß die Franzosen Hannover besetzt haben, was meinen Freund Leveque seiner Eltern wegen sehr beunruhigte. Wir eilten mit dem ersten Boote ans Land und bestellten sogleich einen Wagen, um nachmittags nach Lübeck zu fahren.«



 Wieder in Braunschweig – Erste Konzertreisen
[64] 1803–1805











Das Tagebuch enthält nun noch Beschreibungen dessen, was ich in Travemünde, Lübeck und auf der Reise nach Braunschweig sah und erlebte (was füglich überschlagen werden kann), und schließt dann folgendermaßen:
»Braunschweig, den 5. Juli 1803. Endlich bin ich wieder in der Vaterstadt angekommen, die mir durch die lange Abwesenheit doppelt lieb geworden ist. – Es war heute früh um zwei Uhr, als wir vor der Stadt ankamen. Ich stieg beim Petritore ab, ließ mich über die Ocker setzen und eilte nach der Großmutter Garten. Dort fand ich aber Haus- und Gartentür verschlossen, und da mein Pochen nicht gehört wurde, so überstieg ich die Gartenmauer und legte mich in dem am Ende des Gartens befindlichen offenen Pavillon auf die Erde nieder. Ermüdet von der dreitägigen Reise, schlief ich augenblicklich ein und würde trotz des harten Lagers wahrscheinlich noch lange ruhig fortgeschlafen haben, hätten mich nicht die Tanten bei einem Morgenspaziergange durch den Garten in meinem Verstecke entdeckt. Erschrocken liefen sie zurück und verkündeten der Großmutter, es liege ein Fremder im Gartenhause und schlafe! Zu dreien zurückgekehrt, wagten sie sich näher, erkannten mich, und unter Jubel, Umarmungen und Küssen wurde ich nun erweckt. Lange konnte ich mich nicht besinnen, wo ich war; endlich erkannte ich die lieben Verwandten und freuete mich, wieder bei ihnen und in der Heimat zu sein. Sie waren um mich sehr besorgt gewesen, da wegen unserer ewig langen Seereise seit sechs Wochen keine Nachrichten von mir eingetroffen waren.
[65]  Die erste erfreuliche Neuigkeit, die ich erfuhr, war die, daß der berühmte Rode hier ist und am Dienstag bei Hofe spielen wird. Ich muß mich daher sogleich beim Herzog melden lassen, damit ich das Hofkonzert besuchen darf. Doch nun, da die Vaterstadt glücklich wieder erreicht ist, will ich dieses Tagebuch schließen. Möge es mir noch oft eine angenehme Rückerinnerung an die schöne Reise gewähren!«
Ich wurde von meinem Gönner mit dem alten Wohlwollen empfangen, welches sich sogleich von neuem dadurch kundgab, daß der Herzog mir durch den Hofmarschall den nicht unbedeutenden Rest des Reisegeldes zum Geschenk einhändigen ließ, als ich darüber Rechnung ablegte. Auch empfing ich für die Dedikation meines Konzertes, welches ich dem Herzoge beim ersten Besuche überreicht hatte, 20 Friedrichsdor.
Ich brannte nun vor Begierde, mit diesem Konzerte als Geiger und Komponist vor dem Herzog und dem Publiko aufzutreten, um Proben meines Fleißes und meiner Fortschritte abzulegen. Doch ließ sich dies nicht so schnell bewerkstelligen, da Rode bereits ein Konzert im Theater angekündigt hatte. Auch konnte ich nicht ohne Bangigkeit daran denken, so bald nach diesem großen Geiger auftreten zu müssen! Denn je öfter ich ihn hörte, desto mehr wurde ich von dessen Spiele hingerissen. Ja, ich trug bald kein Bedenken, Rodes Spielweise, damals noch ganz der Abglanz von der seines großen Meisters Viotti, über die meines Lehrers Eck zu stellen, und ich war schon eifrigst beflissen, sie mir durch ein recht sorgfältiges Einüben der Rodeschen Kompositionen, die ich von ihm bei Hofe und in Privatgesellschaften gehört hatte, möglichst anzueignen. Es gelang mir dies auch gar nicht übel, und ich war bis zu dem Zeitpunkte, wo ich mir nach und nach eine eigene Spielweise gebildet hatte, wohl die getreueste Kopie von Rode unter allen damaligen jungen Geigern. Besonders gelang es mir, das achte Konzert, die drei ersten Quartetten und die weltberühmten Variationen in G-Dur ganz in dessen Weise vorzutragen, und ich erntete damit sowohl in Braunschweig wie auch später auf meiner ersten Kunstreise großen Beifall ein.
Bald nach Rodes Abreise brach dann der von mir so sehnlichst erwartete Tag an, wo ich in einem von mir gegebenen Konzerte im Theater die erste Probe meiner auf der Reise erworbenen Kunstfertigkeiten ablegen durfte. Die Neugierde hatte ein zahlreiches Publikum herbeigeführt. Bei der Sicherheit, mit der ich nicht nur mein eigenes Konzert, sondern auch die andern, unter Ecks Leitung eingeübten Musikstücke spielen konnte, hätte ich billig ohne alle Befangenheit[66]  hintreten sollen. Doch konnte ich sie bei dem Gedanken, daß kurz vorher auf meinem Platze, vor demselben Auditorio ein so großer Geiger gestanden hatte, nicht ganz überwinden. Aber es galt jetzt, meine Neider zu beschämen, die bei meiner Abreise laut geäußert hatten, der Herzog werde seine Wohltaten wieder an einen Unfähigen und Undankbaren verschwenden. Ich raffte daher allen meinen Mut zusammen, und es gelang mir, schon während des Tuttis meines Konzertes alles um mich her zu vergessen und mich mit ganzer Seele nur meinem Spiele hinzugeben. Der Erfolg war nun aber auch ein über alle Erwartung günstiger, denn schon nach dem ersten Solo brach ein allgemeiner Beifall los, der sich nach jedem folgenden noch steigerte und am Ende des Konzerts gar nicht enden wollte. Auch der Herzog, der den jungen Künstler während der Zwischenpause in seine Loge rufen ließ, bezeugte ihm seine volle Zufriedenheit. Es gilt daher dieser Tag noch jetzt in meiner Erinnerung als einer der glücklichsten meines Lebens.
Ich wurde nun an die Stelle eines ohnlängst verstorbenen Kammermusikers zur ersten Violine versetzt und erhielt auch dessen Gehalt von 200 Talern als Zulage. Da aber dieser wegen des Gnadenvierteljahres für die Witwe nicht sogleich fällig war, so wurde ich vom Herzoge durch ein abermaliges Geschenk von 20 Friedrichsdor entschädigt.
Mit einem Gehalte von 300 Talern und meinen Nebenverdiensten konnte ich nun in damaliger Zeit ganz anständig und sorgenfrei leben. Ich nahm daher meinen Bruder Ferdinand von neuem zu mir und widmete mich mit Eifer dessen Ausbildung. Da ich die Eltern und Geschwister noch nicht wiedergesehen hatte, so holte ich ihn selbst in Seesen ab. Dort erhielt ich auch einen Besuch meines Reisegefährten Leveque, der, über die Lage seiner Eltern beruhigt, nun im Begriffe stand, nach Petersburg zurückzukehren. In den acht Tagen unsres Zusammenseins wurde fleißig musiziert, und besonders war es der Vortrag meiner neuen Duetten, von uns während der Seereise so genau eingeübt, der die Eltern und Musikfreunde des Städtchens ergötzte.
Nach Braunschweig zurückgekehrt, begann ich von neuem meine Kompositionsarbeiten. Zunächst vollendete ich ein schon auf der Reise angefangenes Violinkonzert in E-moll, welches ungedruckt geblieben ist, weil es mir in späterer Zeit, nachdem ich die Rodesche Vortragsweise adoptiert hatte, nicht mehr gefiel. Doch wurde es damals von mir mehrere Male mit Beifall in den Winterkonzerten vorgetragen.[67] 
Auch eine Konzertante für Violine und Violoncell mit Orchesterbegleitung schrieb ich in jener Zeit auf den Wunsch des Violoncellisten Benecke, mit dem ich häufig bei Quartettpartien zusammentraf. Auch dieses Werk ist nicht im Stich erschienen, ja selbst nicht einmal in das Verzeichnis meiner sämtlichen Kompositonen aufgenommen, da es mir in der Zeit, wo ich dieses begann, schon abhanden gekommen, ja aus dem Gedächtnis entschwunden war. Doch werden wohl noch einige Abschriften davon bestehen, denn ich hörte es im Jahre 1817 oder 1818 einmal in einem Konzerte in Mainz von den Gebrüdern Ganz (jetzt Mitgliedern der Berliner Hofkapelle) vorgetragen, ohne es sogleich als eine Komposition von mir zu erkennen. Zwar schien mir das Musikstück bekannt, als wenn ich es schon früher einmal gehört habe; doch erst als ich mir von meinem Nachbar den Konzertzettel erbeten und mit Erstaunen meinen Namen erblickt hatte, dämmerte in mir die Erinnerung an diese Jugendarbeit auf. Jetzt weiß ich nichts mehr von ihr, als daß sie aus einem Adagio und Rondo bestand, und daß letzteres im 6/8-Takt geschrieben war. Der Tonart kann ich mich nicht mehr erinnern.
Das Einüben dieser Konzertante mit Benecke mag wohl die Veranlassung gewesen sein, daß wir den Entschluß faßten, gemeinschaftlich eine Kunstreise zu machen, und zwar nach Paris, wohin ich mich schon längst sehnte. Der Urlaub zu dieser Reise war bei der Gunst, in der ich beim Herzog stand, leicht erwirkt, und so traten wir dieselbe im Januar 1804 voll der fröhlichsten Hoffnungen an.
Zuerst verweilten wir einige Tage bei meinen Eltern in Seesen, von wo aus wir uns in Göttingen ankündigten, um dort unser erstes Konzert zu geben. Wir nahmen zu der Reise dahin einen Mietwagen. Ich hatte mir kurz vor der Abreise von Braunschweig für meine aus Rußland mitgebrachte herrliche Geige eine ihrer würdige Hülle, d.h. ein höchst elegantes Kästchen machen lassen und dieses, um es gegen jede Beschädigung zu sichern, mit in den Koffer zwischen Wäsche und Kleider gepackt. Ich trug daher Sorge, daß dieser, der meine ganze Habe barg, recht sorgfältig mit starken Stricken auf dem Wagen befestigt wurde. Demohngeachtet hielt ich es für nötig, mich oft nach ihm umzusehen, besonders als der Kutscher erzählte, es seien seit kurzem zwischen Northeim und Göttingen einige Male Koffer von Reisewagen abgeschnitten und gestohlen worden. Dieses Sich-Umsehen nach dem Koffer war aber, da der Wagen nach hinten kein Fenster hatte, eine sehr beschwerliche Arbeit, und ich war daher sehr froh, als wir mit Anbruch der Nacht zwischen den Gärten vor Göttingen anlangten und ich mich noch ein letztesmal[68]  überzeugt hatte, daß der Koffer noch an seinem Platze sei. Froh, ihn nun glücklich so weit gebracht zu haben, äußerte ich gegen den Reisegefährten: »Meine erste Sorge soll nun sein, zur besseren Befestigung des Koffers eine tüchtige Kette nebst Schloß anzuschaffen.«
Wir kamen nun am Tore an, als eben die Laternen angezündet wurden. Der Wagen hielt vor der Wache. Während Benecke dem Unteroffizier die Namen diktierte, fragte ich, von innerer Unruhe getrieben, einen der Soldaten, die den Wagen umstanden: »Der Koffer ist doch noch gut befestigt?« – »Es ist kein Koffer da!« war die Antwort. Mit einem Sprunge war ich aus dem Wagen und rannte mit gezogenem Hirschfänger wie rasend zum Tore hinaus. Hätte ich besonnen gelauscht, so wäre es mir vielleicht geglückt, die auf einem Seitenwege davoneilenden Diebe zu hören und einzuholen. So war ich aber in meiner blinden Wut weit über den Punkt, wo ich den Koffer zum letztenmal gesehen hatte, hinausgerannt und bemerkte meine Übereilung erst dann, als ich mich auf freiem Felde befand. Trostlos kehrte ich zum Tore zurück. Während mein Reisegefährte das Wirtshaus aufsuchte, eilte ich auf die Polizei und verlangte augenblickliche Durchsuchung der Gärtnerhäuser außerhalb des Tores. Mit Staunen und Ärger erfuhr ich dort, daß die Gerichtsbarkeit jenseits des Tores dem Amt Weende zustehe, und daß ich mich wegen meines Verlangens an dieses zu wenden habe. Da Weende eine Stunde von Göttingen entfernt liegt, so mußte ich für den Abend alle weiteren Schritte zur Wiedererlangung meiner Sachen einstellen. Daß diese auch am andern Morgen erfolglos sein würden, wußte ich schon jetzt, und so durchwachte ich die Nacht in einer Stimmung, wie ich sie in meinem bisherigen vom Glück begünstigten Leben noch gar nicht gekannt hatte! Wäre nur meine herrliche Guarneri-Geige, die Trägerin meiner ganzen bis dahin erworbenen Virtuosität, nicht verlorengegangen, so hätte ich das übrige leicht verschmerzt. Bei einigem Glück wäre es auf der Reise bald wieder zu gewinnen gewesen. So aber, ohne Geige, mußte ich nicht nur die Reise aufgeben, sondern auch gewissermaßen mein Studium ganz von vorn wieder anfangen.
Am andern Morgen ließ mich die Polizei benachrichtigen, es seien auf dem Felde hinter den Gärten ein leerer Koffer und ein Violinkasten gefunden worden. Voll Freude eilte ich hinaus, hoffend, daß die Geige, als ein für die Diebe wertloser und in bezug auf Entdeckung gefährlicher Gegenstand, von ihnen im Kasten zurückgelassen worden sei. Leider war dem aber nicht so. Nur der Violinbogen, ein echter Tourte, am Deckel des Kastens befestigt, war unentdeckt geblieben; alles übrige, worunter[69]  sich auch das Reisegeld in Gold befand, war mitgenommen. Die Musikalien allein hatten die Diebe verschmähet. Sie fanden sich auf dem Felde zerstreut sämtlich wieder. Da meine Manuskripte darunter waren, von denen ich keine Abschrift hatte, so war ich sehr froh, diese wenigstens wiederzubekommen.
Ohne Geld, ohne Kleider und Wäsche, mußte ich mir nun erst auf Borg das Nötigste wieder anschaffen, bevor ich mit meinem Reisegefährten das von uns bereits angekündigte Konzert geben konnte. In der Zwischenzeit übte ich mich auf einer von einem Studenten aus Hannover erborgten, ganz guten Geige von Stainer fleißig ein, und so gut vorbereitet, trat ich zum ersten Male außerhalb Braunschweig als Künstler auf. Das Konzert war ungemein zahlreich besucht. Vielleicht hatte die Kunde von meinem Verlust mit dazu beigetragen. Die Vorträge beider Künstler, einzeln und in meiner Konzertante zusammen, wurden mit dem enthusiastischsten Beifalle aufgenommen. Dies war nun zwar für die Weiterreise sehr ermunternd; doch konnte ich, ängstlich für meinen Ruf besorgt, mich nicht entschließen, noch öfterer öffentlich aufzutreten, bevor ich wieder eine eigene gute Geige gewonnen und mich vollständig auf ihr eingeübt habe. Wir kehrten daher, da Benecke nicht allein reisen wollte, nach Braunschweig zurück.
Dort hatte sich die Kunde von meinem Verlust schon allgemein verbreitet. Auch der Herzog hatte davon gehört und schickte mir, um mir den Ankauf eines andern Instrumentes zu erleichtern, von neuem ein ansehnliches Geschenk. Mit Hilfe desselben erkaufte ich nun zwar (von einem Herrn von Hantelmann, einem ausgezeichneten Dilettanten) die beste Geige, die damals in Braunschweig existierte; ich fühlte jedoch bald, daß sie mir die verlorene nicht vollständig ersetzen könne.
Um mich nun für eine folgende Reise würdig vorzubereiten, wurde wieder mit großem Eifer komponiert und gespielt. So entstand das Konzert in D-moll (bei Kühnel in Leipzig als zweites, op. 2, gestochen), ein Potpourri über bestimmte Themen (bei demselben op. 5) und ein Konzert in A-dur, welches Manuskript geblieben ist. In diesen wie noch in einigen folgenden Kompositionen herrscht nun ganz die Rodesche Manier vor, aus der sich dann erst später mein Stil und die mir eigentümliche Vortragsweise entwickelten.
So verlief der Sommer 1804. Im Herbste vollständig zu einer neuen musikalischen Reise gerüstet, zog es mich nun zunächst nach den deutschen Hauptstädten. Auch wünschte ich sehnlichst, einmal in Leipzig aufzutreten, das sich durch die von Rochlitz vortrefflich redigierte[70]  Musikalische Zeitung zum Mittelpunkt der musikalischen Kritik emporgeschwungen hatte. Ich trat daher meine zweite Kunstreise am 18. Oktober über Leipzig, Dresden nach Berlin an.
Auch von dieser Reise ist ein Tagebuch vorhanden, welches aber nur bis zum 9. Dezember fortgeführt ist und dann plötzlich abbricht. Die Veranlassung dazu wird später erzählt werden.
Den ersten Aufenthalt machte ich in Halberstadt, wo ich ein öffentliches Konzert gab und tags darauf beim Grafen von Wernigerode spielte. Unter den dortigen Musikfreunden, die sich meiner besonders freundlich annahmen, nenne ich den Domvikarius Körte, den Domprediger Augustin und den Auditeur Ziegler. Mit letzterem, der ein gebildeter Musikkenner und fertiger Klavierspieler war, stand ich bis zu dessen Tode in freundschaftlicher Verbindung. Auch die dortigen Musiker, die Organisten Gebrüder Müller und Holzmärker, der Geiger Glöckner, (mit dem ich meine Duetten spielte), der Fagottist Barnbeck und der Sekretär und Konzertmeister des Grafen von Wernigerode, Klose, waren sehr zuvorkommend gegen mich und zum Arrangement meines Konzerts behülflich. Ich verlebte daher vergnügte Tage in Halberstadt, wie die folgenden Auszüge aus dem Tagebuche dartun werden.
»Halberstadt, den 20. Oktober. Heute früh ging ich nach dem Schuhhofe und belegte den Saal zu meinem Konzerte für nächsten Montag. Auch sorgte ich, daß die Subskriptionsliste in Gang kam. – Da das Wetter sich aufgeheitert hatte, so holte mich Herr Barnbeck heute nachmittag zu einem Spaziergange nach den berühmten Spiegelschen Bergen ab. Es betrübte mich zu sehen, daß die herrlichen Anlagen unter dem jetzigen Besitzer, dem Sohne des Schöpfers derselben, sichtlich in Verfall geraten. Wir bestiegen einen der Türme und hatten dort eine wunderschöne Aussicht. Herr Barnbeck erzählte mir, daß der Geburtstag des alten Grafen, der 22. Mai, noch immer jedes Jahr durch ein solennes Test gefeiert wird.
Halberstadt, den 21. Oktober. Heute vormittag spielte ich mehrere Stunden, um mich zu dem Konzerte würdig vorzubereiten. Nachher besuchte ich Herrn Auditeur Ziegler, der mir auf einem vorzüglichen Pianoforte neue Sonaten von Riem in Leipzig vorspielte, die einen talentvollen und für die Zukunft vielversprechenden Komponisten verraten. Der Herr Auditeur besitzt ein fertiges und elegantes Spiel und einen gebildeten Geschmack.
[71]  Nachmittags machte ich mit Herrn Holzmärker und einem seiner Freunde einen Spaziergang vor das Tor. Wir besuchten die Klus, einen Berg, auf dessen Spitze mehrere isolierte hohe und schroffe Felsen stehen, deren Inneres ausgehöhlt ist, der Sage nach von Räubern, die ehemals dort gehauset haben sollen. Ich konnte der Lust nicht widerstehen, einen der Felsen zu ersteigen, so halsbrechend das Unternehmen auch war, und so ernstlich meine Gefährten davon abmahnten. Ich kam glücklich hinauf und hatte außer dem Vergnügen, etwas vollführt zu haben, was nicht jeder wagt, auch noch eine weite und herrliche Aussicht. Bis dahin war alles gut. Wie ich nun aber hinabsteigen wollte und in die Tiefe blickte, überfiel mich ein plötzlicher Schwindel, und ich mußte mich eiligst niedersetzen, um nicht hinabzustürzen. Wohl zehn Minuten dauerte es, bis ich die nötige Fassung zum Hinabsteigen gewann, und schwerlich würde ich glücklich herabgekommen sein, wenn nicht die Herren unten zugerufen hätten, wohin ich den Fuß zu setzen habe, was ich selbst, mit dem Gesicht nach dem Felsen gekehrt, nicht sehen konnte. Zitternd von der Anstrengung und dem krampfhaften Anklammern an den Felsen sowie tüchtig beschämt, die Warnung der beiden Herren nicht beachtet zu haben, kam ich endlich wieder zu ihnen und kehrte froh, einer großen Gefahr glücklich entkommen zu sein, mit ihnen zur Stadt zurück.
Halberstadt, den 22. Oktober. Heute vormittag um 11 Uhr hielt ich zu meinem Konzerte Probe und fand das Akkompagnement ganz erträglich. Mein Konzert in D-moll erregte große Sensation. Die Herren Ziegler, Müller und andere behaupteten zu meiner großen Freude, nie ein schöneres Violinkonzert gehört zu haben! Das Konzert selbst begann um 5 Uhr. Der Saal war sehr leer, das Auditorium aber ein kunstsinnig gebildetes, wie ich an der Stille und Teilnahme, mit der mein Spiel angehört wurde, wohl bemerken konnte. Es wurden folgende Sachen gemacht:


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Erster Teil
Sinfonie von Haydn.
Konzert D-moll von mir.
Arie von Reichardt, gesungen von Herrn Holzmärker.

Zweiter Teil
Konzert von Kreutzer D-dur.
Variationen für Fagott, geblasen von Herrn Barnbeck.
Polonaise von Rode aus dem Es-dur-Quartett.

[72]  Nach dem Konzerte bezeigte mir der Graf von Wernigerode seinen Beifall und lud mich nochmals zu seinem morgenden Konzert ein.
Halberstadt, den 23. Oktober. Um 10 Uhr hielt ich in der gräflichen Kurie die Probe. Unter den Orchestermitgliedern befand sich auch der dritte Herr Graf als Klarinettist. Nachher machte ich meine Abschiedsvisiten. Abends 5 Uhr begann das Konzert. Wie ich ankam, fand ich die Gesellschaft schon versammelt und erkannte fast das ganze gestrige Auditorium wieder. Es war deshalb gut, daß ich heute lauter andere Kompositionen vortrug, nämlich das Konzert von Rode A-dur, das Quartett von ihm in Es-dur und die Variationen in G-dur. Nach Beendigung des Konzertes umringte mich die Gesellschaft und überhäufte mich mit Lobeserhebungen. Den Damen mußte ich viel von Petersburg erzählen. Unter den Anwesenden war auch der Sohn des Kammersekretarius Fesca in Magdeburg, der ein braver Geiger und talentvoller Komponist sein soll. Sehr ermüdet kam ich zu Haus und mußte doch noch meinen Koffer packen, da die Abreise auf 6 Uhr morgen früh bestimmt ist.«
Auch in Magdeburg fand ich als Künstler die freundlichste Aufnahme. Die Herren Hauptmann von Cornberg, Major von Witzleben, Regimentsquartiermeister Türpen und Geheimerat Schäfer, an die ich empfohlen war, boten alles auf, mir ein zahlreiches Publikum für mein Konzert zu werben sowie den Aufenthalt möglichst angenehm zu machen. Es war mir von Halberstadt aus ein günstiger Ruf vorausgeeilt; mein Auftreten in Privatgesellschaften strafte diesen nicht Lügen. Es darf daher nicht wundern, daß schon mein erstes Konzert sehr besucht war. Das Tagebuch sagt darüber:
»Magdeburg, den 3. November. Heute vormittag hielt ich im Saale des Seidenkramerinnungshauses die Probe zum Konzert. Man akkompagnierte mir ziemlich gut, wenigstens besser wie in Halberstadt. – Das Konzert begann um 51/2 Uhr. Der Saal war fast ganz gefüllt. Zuerst wurde das erste Allegro einer Sinfonie von Krommer (F-dur) gemacht. Dann folgte mein D-moll-Konzert. Hierauf sang Herr Giehl eine Arie von Haydn. Im zweiten Teil spielte ich das A-moll-Konzert von Rode und die G-dur-Variationen. Dazwischen das Andante obiger Sinfonie. – Es gelang mir heute alles besonders gut, und die Leute schienen von meinem Spiel ganz hingerissen zu sein. Am Schlusse des Konzerts wurde ich von vielen der Herren aufgefordert, ein zweites zu veranstalten.
Magdeburg, den 5. November. Seit acht Tagen beschäftige ich mich mit der Umarbeitung meines vorletzten Konzerts in E-moll. Das Adagio[73]  schreibe ich ganz neu. Kann ich es noch ausgeschrieben bekommen, so werde ich es hier im zweiten Konzerte spielen.
Gestern abend war ich zu einer Musikpartie bei Herrn Kammersekretär Fesca eingeladen. Sein Sohn, der aus Halberstadt zurückgekehrt ist, ließ sich mit einem Quartett eigener Komposition hören. Das Quartett ist sehr gut gearbeitet und zeugt von großem Talent. Als Spieler gefiel er mir weniger. Es fehlt ihm zwar nicht an mechanischer Fertigkeit, wohl aber an einer gewandten, geregelten Bogenführung, daher an einem guten Ton und Deutlichkeit der Passagen. Auch intonierte er nicht immer ganz rein. Käme er zu einem guten Meister, so könnte viel aus ihm werden. Ich habe ihn aufgefordert, mit mir im nächsten Konzert die Konzertante von Eck zu spielen. Er hat eingewilligt, und wir werden morgen schon beginnen, sie zusammen einzuüben.
Die Begleitung gestern abend war sehr gut. Ich spielte ein Quartett von Haydn und eines von Mozart, die vielen Beifall erhielten.
Magdeburg, den 9. November. Ich war hier häufig in Gesellschaft bei den Kaufleuten Hildebrandt und Schmager, beim Kriminalrat Sucro und dem Geheimerat Schäfer und allenthalben sehr vergnügt. Auch zu einer interessanten Musikpartie bei Türpen war ich eingeladen. Ich fand eine kleine, aber sehr ausgesuchte Gesellschaft der eifrigsten Musikfreunde Magdeburgs versammelt. Ich spielte 4 Quartetten von Haydn, Beethoven, Mozart und zum Schluß das Es-dur-Quartett von Rode. Es wurde mir alles sehr gut akkompagniert, so daß ich mich ganz meinem Gefühle überlassen konnte. Die Zuhörer schienen entzückt. Herr Türpen behauptete, ich verstände wie keiner, jeden Komponisten in seinem eigentümlichen Stile wiederzugeben! Zum Schlusse spielte unser Herr Wirt ein Trio von Mozart auf einem sehr guten Pianoforte von Blume in Braunschweig recht brav. Nur hat er die übele Angewohnheit, den Gesang zu dehnen, womit er dem Ausdruck mehr schadet wie nützt.
Magdeburg, den 10. November. Heute gab ich mein zweites Konzert. Es war nicht ganz so zahlreich besucht wie das erste.

Erster Teil
Sinfonie von Haydn (erster Satz).
Mein Violinkonzert in E-moll.
Arie von Winter, gesungen von Herrn Vio.

[74]  Zweiter Teil
Konzertante von Eck, von Herrn Fesca und mir gespielt.
Andante von Haydn.
G-dur-Variationen von Rode.

Das E-moll-Konzert macht sich nun gut. Das neue Adagio schien sehr zu gefallen. – Fesca hatte anfangs Furcht, doch ging es im ganzen recht gut. Den meisten Beifall hatten wieder die Rodeschen Variationen.
Nach dem Konzert aß ich mit Schmagers und Demoiselle Jettchen (Schäfer) im ›König von Preußen‹. Letztere war erst gegen abend von Braunschweig angekommen und sogleich ins Konzert geeilt. Sie mußte mir viel von der lieben Vaterstadt erzählen.«
Zum Schluß möge hier auch noch die Beurteilung eines Theaterstückes Platz finden, Weil der Verfasser desselben sich später in der musikalischen Welt durch seine pikanten Berichte »Musikalisches Allerlei aus Paris« einen Namen gemacht hat.
»Magdeburg, den 29. Oktober. Gestern abend trieb mich die Neugierde ins Theater. Es wurde nämlich ein neues Stück, ›Der weibliche Abällino‹, von unserm genialen Landsmann Sievers, zum ersten Male gegeben und nach Verdienst ausgepfiffen. Nie habe ich eine erbärmlichere Pièce weder gelesen noch aufführen sehen. Es ist eine unglückliche Nachahmung des bekannten ›Großen Banditen‹, hat aber weder die interessanten, spannenden Szenen, noch den gewandten Dialog, die jenes Stück zum Lieblinge des Publikums gemacht haben. Die Hauptperson, Rosa Salviati, die, um ihren Geliebten gegen eine Verschwörung seines Onkels zu schützen, sich der abenteuerlichsten und abgeschmacktesten Mittel bedient, erklärt die Ursachen ihres Verfahrens am Ende des Stücks in einer Rede, die wenigstens eine Viertelstunde dauert. Das Publikum, das schon früher Zeichen der Ungeduld gegeben hatte, wurde wahrend dieser Rede so unruhig, daß kaum zu Ende gespielt werden konnte. Wie endlich der Vorhang fiel, brach ein allgemeines Zischen und Pfeifen los. Der unglückliche, in Braunschweig verkannte Dichter, der hier Triumphe feiern wollte, soll im Theater anwesend gewesen sein, aber noch vor dem Ende das Weite gesucht haben.«
Über den Aufenthalt in Halle berichtet das Tagebuch nun schon sehr dürftig. Je mehr ich durch vermehrte Bekanntschaften zur Geselligkeit herangezogen wurde, desto weniger, scheint es, habe ich Lust gehabt, in der bisherigen, oft breiten Weise darüber zu berichten. Auch mag es mir wohl an Zeit gefehlt haben, da ich mich doch zu allen Produktionen,[75]  sie mochten öffentlich oder privatim stattfinden, stets sehr sorgfältig vorbereitete, auch fortwährend mit Kompositionsarbeiten beschäftigt war. Es findet sich daher über den Aufenthalt in Halle nur folgendes: »Halle, den 21. November. Gestern und ehegestern gab ich meine Empfehlungsbriefe ab, und da man mir allenthalben sehr freundlich entgegenkam, so konnte schon heute mein Konzert stattfinden.

Erster Teil
1. Sinfonie von Haydn.
2. Mein D-moll-Konzert.
3. Arie aus ›Cosi fan tutte‹ in B-dur, gesungen von Dlle. Weinmann.

Zweiter Teil
4. Konzert von Rode a-moll.
5. Ouvertüre von Mozart.
6. G-dur-Variationen von Rode.

Demoiselle Weinmann sang sehr gut. Sie hat eine schöne Stimme und viel Kehlfertigkeit. Mein Spiel wurde mit Enthusiasmus aufgenommen. Man forderte mich allgemein auf, ein zweites Konzert zu geben.
Halle, den 23. November. Mein zweites Konzert fand schon heute statt und war wieder sehr besucht. Ich spielte mein E-moll-Konzert, mit Dlle. Weinmann, der ältern, die Sonate von Mozart in B-dur und zum Schluß das Es-dur-Quartett von Rode. Demoiselle Weinmann spielt fertig, aber ohne Geschmack.
Halle, den 26. November. Die Leute, die sich hier besonders für mich interessierten und denen ich viele vergnügte Stunden verdanke, sind: die Familie Garrigues, bestehend aus Vater, Mutter, Tochter und zwei Söhnen, sämtlich gar liebe, artige Menschen; Lafontaine und seine reizende Pflegetochter, Chodowiecki, Niemeyer und Loder. Unter den Studenten lernte ich einige tüchtige Dilettanten kennen. Ein Herr Schneider spielt fertig Klavier, ein Herr Müller sehr brav die Violine. Ein Herr Gründler aus Trebnitz bei Breslau nahm sogleich Unterricht im Violinspiel bei mir.«
Dies ist alles, was das Tagebuch über Halle auch bringt. Ich erinnere mich aber noch einer interessanten Szene, die ich dort erlebte, und füge sie deshalb hier bei.
Unter denen, die mir zum Arrangement meiner Konzerte behülflich waren, befand sich auch der berühmte Kontrapunktist Türk. Er dirigierte die akademischen Konzerte, deren eines während meiner Anwesenheit[76]  in Halle stattfand. Es wurde die Oper »Titus« als Konzertmusik gegeben. Schon war das Publikum seit einer halben Stunde versammelt, das Orchester hatte eingestimmt und harrete des Zeichens zum Anfang. Aber noch fehlte einer der Sänger, ein dortiger Gesanglehrer, der die Partie des Titus übernommen hatte. Im studentischen Teile des Auditoriums gab sich schon große Unzufriedenheit über den säumigen Sänger kund; als dieser nun aber in einem sehr unfestlichen Anzuge, im Überrocke und mit beschmutzten Stiefeln, auf dem Orchester erschien, machte sich der allgemeine Unwille durch Scharren und Zischen Luft. Der Sänger, dem der ungeduldige Dirigent bereits die Noten in die Hand geschoben hatte, trat vor und sprach mit verächtlicher Miene: »Bin ich Ihnen so nicht recht, so kann ich auch wieder gehen!« Damit warf er die Noten dem Dirigenten vor die Füße und eilte zur Tür hinaus. Man stürzte ihm nach, um ihn zurückzuhalten; allein, alles vergebens! Ich erwartete nun, man werde das Konzert verschieben oder doch wenigstens alle die Nummern, bei denen Titus beschäftigt ist, auslassen. Nichts weniger! Der gewissenhafte Dirigent verkürzte seine Zuhörer auch nicht um einen Takt des Werkes; er wußte sich zu helfen! Er spielte auf seinem Kielflügel die ganze Partie des Titus, Rezitative, Arien und Ensemblestücke von der ersten bis zur letzten Note! Ich erstarrte und wußte nicht, ob ich mich ärgern oder über das naive Auskunftsmittel lachen sollte. Soviel wurde mir aber an jenem Abend klar, daß man ein gelehrter Kontrapunktist und doch ohne irgendeine Spur von Geschmack sein kann!
Nach der Ankunft in Leipzig am 29. November gibt das Tagebuch nur noch zwei kurze Berichte und verstummt dann gänzlich. Der erste bespricht eine Aufführung der Oper von Paër, »Die Wegelagerer«. Der zweite erzählt von einem Besuche des Gewandhaus-Konzertes.
»Diese Konzerte,« heißt es, »werden von einer Gesellschaft von Kaufleuten veranstaltet. Es sind aber keine Dilettanten-Konzerte, denn nur Musiker bilden das Orchester, welches stark besetzt und recht brav ist. Für den Gesang wird immer eine fremde Sängerin verschrieben, da der Theaterdirektor seinen Sängern das Auftreten in Konzerten nicht gestattet. Dieses Jahr ist es eine Signora Alberghi von Dresden, die Tochter eines dortigen Kirchensängers. Sie ist noch sehr jung, besitzt aber schon eine recht gute Methode und eine klare, klingende Stimme. Sie sang zwei Arien mit großem Beifall. Außerdem hörte ich den Konzertmeister der Gesellschaft, Herrn Campagnoli, ein Konzert von Kreutzer sehr brav spielen. Seine Methode ist zwar veraltet, er spielt[77]  aber rein und fertig. Der Saal, in welchem diese Konzerte gegeben werden, ist wunderschön und für die Wirkung der Musik besonders günstig.«
Dann heißt es noch:
»Sonnabend, den 9. Dezember. Mein Konzert ist nun endlich arrangiert und auf nächsten Montag festgesetzt. Heute war die Probe. Mein D-moll-Konzert wurde mir sehr gut akkompagniert und gefiel außerordentlich.«


Dieses bezieht sich auf die vielen Schwierigkeiten, die ich beim Arrangement meines Konzerts zu überwinden hatte. Bei dem geschäftsvollen Treiben der Handelsstadt kam man mir nicht so hülfreich entgegen, wie ich es bisher gewohnt gewesen war, und ich hatte manchen Weg zu machen, bis alle Hindernisse beseitigt waren. Auch kränkte es mich, daß die reichen Handelsherren, an die ich empfohlen war, noch nichts von meinen Kunstleistungen zu wissen schienen und mich zwar höflich, aber kalt empfingen. Ich wünschte daher sehnlichst, einmal zu einer Musikpartie eingeladen zu werden, um mich bemerklich machen zu können. Dieser Wunsch wurde erfüllt; ich erhielt eine Einladung zu einer großen Abendgesellschaft mit der Bitte, etwas vorzutragen.
Ich wählte dazu eines der schönsten der sechs neuen Quartetten von Beethoven, durch dessen Vortrag ich in Braunschweig schon oft meine Zuhörer entzückt hatte. Aber schon nach wenigen Takten merkte ich, daß meine Begleiter mit dieser Musik noch unbekannt und daher unfähig waren, in den Geist derselben sogleich einzudringen. Verstimmte mich dies nun schon, so steigerte sich mein Unmut doch noch weit mehr, als ich bemerkte, daß die Gesellschaft meinem Spiele bald keine Aufmerksamkeit mehr schenkte. Denn es entspann sich nach und nach eine Konversation, die bald allgemein so laut wurde, daß sie die Musik fast übertönte. Ich sprang daher mitten im Spiele, noch ehe der erste Satz beendet war, auf und eilte, ohne ein Wort zu sagen, zu meinem Kasten, um meine Geige einzuschließen.
Dies erregte große Sensation in der Gesellschaft, und der Herr vom Hause näherte sich mir mit fragender Miene. Ich trat ihm entgegen und sagte laut, daß es von der Gesellschaft gehört werden konnte: »Ich war bisher gewohnt, daß man meinem Spiel mit Aufmerksamkeit zuhörte. Da das hier nicht geschah, so glaubte ich der Gesellschaft gefällig zu sein, indem ich aufhörte.« Der Hausherr wußte nicht, was er antworten sollte, und zog sich verlegen zurück. Als ich nun aber, nachdem ich mich zuvor bei den Musikern wegen meines brüsken Aufhörens[78]  entschuldigt hatte, Miene machte, die Gesellschaft zu verlassen, kehrte der Wirt zurück und sagte freundlich: »Wenn Sie sich entschließen könnten, der Gesellschaft etwas anderes vorzutragen, was ihrem Geschmacke und Fassungsvermögen angemessener wäre, so würden Sie ein sehr aufmerksames und dankbares Auditorium haben.«
Mir, dem längst klargeworden war, daß ich das Vorgefallene durch meinen Mißgriff in der Wahl der Musik für eine solche Gesellschaft selbst verschuldet hatte, war froh, wieder einlenken zu können. Ich nahm daher willfährig die Geige von neuem und spielte das Quartett in Es von Rode, welches die Musiker kannten und daher auch gut akkompagnierten. Es herrschte nun eine lautlose Stille, und die Teilnahme an meinem Spiele steigerte sich mit jedem Satze. Nach Beendigung des Quartetts wurde mir so viel Schmeichelhaftes über mein Spiel gesagt, daß ich dadurch veranlaßt wurde, nun auch noch mein Paradepferd vorzureiten, die G-dur-Variationen von Rode. Mit diesen setzte ich die Gesellschaft dermaßen in Entzücken, daß ich der Gegenstand der schmeichelhaftesten Aufmerksamkeit für den Rest des Abends wurde.
Dieser Vorfall machte einige Tage viel von sich reden und war wahrscheinlich die Veranlassung, daß sich die Musikfreunde, dadurch auf mich aufmerksam gemacht, schon in beträchtlicher Zahl bei meiner Konzertprobe einfanden. Hier wußte ich sie besonders durch den Vortrag meines D-moll-Konzertes so für mich zu gewinnen, daß sich durch sie noch vor Anbruch des Konzertabends ein günstiger Ruf über meine Leistungen in der Stadt verbreitete und dadurch eine größere Zuhörerzahl herbeigelockt wurde, als ich hatte hoffen dürfen. Es war die Elite der Leipziger Musikfreunde und ein sehr empfängliches Publikum. Es gelang mir auch, es so zu enthusiasmieren, daß ich nach Beendigung des Konzerts stürmisch aufgefordert wurde, ein zweites zu geben. Dieses fand acht Tage später statt und war eins der besuchtesten, die je ein fremder Künstler in Leipzig gegeben hat.
In der Zwischenzeit wurde ich häufig zu Quartettpartien eingeladen, bei welchen ich dann meine Lieblinge, die sechs ersten Beethovenschen Quartetten, nachdem ich sie vorher mit den Begleitern eingeübt hatte, vorzugsweise zu Gehör brachte. Ich war der erste, der sie in Leipzig spielte, und es gelang mir, sie durch meine Vortragsweise zu voller Anerkennung zu bringen. Bei diesen Quartettpartien lernte ich auch zuerst den Redakteur der Musikalischen Zeitung, den Hofrat Rochlitz, kennen und blieb seitdem mit ihm in der freundschaftlichsten Verbindung bis zu seinem Tode. Rochlitz berichtete in seiner Zeitung über meine Konzerte.[79]  Da dieser Bericht meinen Ruf in Deutschland zuerst begründete und auf mein Lebensgeschick einwirkte, so möge dies als Entschuldigung dienen, daß ich ihn hier wörtlich aufnehme:
»Herr Spohr gab am 10. Dezember 1804 zu Leipzig ein Konzert und auf Aufforderung vieler den 17. ein zweites; in beiden gewährte er uns aber einen so begeisternden Genuß, als außer Rode kein Violinist uns gewährt hatte, so weit wir zurückdenken können. Herr Spohr gehört ohne allen Zweifel unter die vorzüglichsten jetzt lebenden Violinspieler, und man würde über das, was er, besonders noch in so jungen Jahren, leistet, erstaunen, wenn man vor Entzücken zum kalten Erstaunen kommen könnte. Er gab uns ein großes Konzert von seiner Komposition (D-moll), und dies auf Begehren zweimal, und ein anderes, ebenfalls von ihm selbst geschrieben (E-moll), ferner das bekannte Rodesche aus A-moll und die Variationen aus G-dur, die dieser Künstler hier wie an vielen Orten spielte, und eins der geistreichsten Trios von Viotti öffentlich zu hören, privatim aber Quartetten u. dergl. der verschiedensten Gattungen und Meister.
Seine Konzerte gehören zu den schönsten, die nur vorhanden sind, und besonders wissen wir dem aus D-moll durchaus kein Violinkonzert vorzuziehen, sowohl in Absicht auf Erfindung, Seele und Reiz, als auch in Absicht auf Strenge und Gründlichkeit. Seine Individualität neigt ihn am meisten zum Großen und in sanfter Wehmut Schwärmenden. So ist nun auch sein herrliches Spiel. Herr Spohr kann alles; aber durch jenes reißt er am meisten dahin. Was vorerst Richtigkeit des Spiels in weitester Bedeutung heißt, ist hier, gleichsam als sicheres Fundament, nur vorausgesetzt; vollkommene Reinheit, Sicherheit, Präzision, die ausgezeichnetste Fertigkeit, alle Arten des Bogenstrichs, alle Verschiedenheiten des Geigentons, die ungezwungenste Leichtigkeit in der Handhabung von diesem allen, selbst bei den größten Schwierigkeiten – das macht ihn zu einem der geschicktesten Virtuosen. Aber die Seele, die er seinem Spiele einhaucht – der Flug der Phantasie, das Feuer, die Zartheit, die Innigkeit des Gefühls, der feine Geschmack, und nun seine Einsicht in den Geist der verschiedensten Kompositionen und seine Kunst, jede in diesem ihrem Geiste darzustellen, das macht ihn zum wahren Künstler. Diesen letztern Vorzug haben wir noch an keinem Violinisten in dem Maße zu bewundern Gelegenheit gehabt als an Herrn Spohr, und zwar vornehmlich bei seinem Quartettspiel. Er ist fast ganz ein anderer, wenn er z.B. Beethoven (seinen Liebling, den er trefflich behandelt) oder Mozart (sein Ideal) oder Rode (dessen Grandioses er[80]  sehr gut anzunehmen weiß, ohne mit ihm an das Scharfe und Schneidende zu streifen, und ihm nur weniges, besonders in Dicke des Tons, zuvorlassend), oder wenn er Viotti und galante Komponisten vorträgt: er ist ein anderer, wie sie andere sind. Kein Wunder daher, wenn er überall wohlgefällt und fast gar keinen Wunsch zurückläßt, als daß man ihn behalten und immer hören möchte.«
Ich fühlte mich damals sehr glücklich! Doch war es die Anerkennung, die ich als Künstler fand, nicht allein, die mein ganzes Sein belebte; es war noch ein andres, zarteres Gefühl. Ich liebte und wurde geliebt.
Gleich nach dem Tage, wo ich Rosa Alberghi im Gewandhauskonzerte zum ersten Male gesehen und gehört hatte, machte ich ihr einen Besuch, um sie zur Mitwirkung bei meinem Konzerte einzuladen. Mutter und Tochter empfingen mich sehr freundlich. Erstere, obgleich eine lange Reihe von Jahren in Deutschland, hatte doch kein Wort von unsrer Sprache erlernt. Da sie auch auf meine französische Ansprache mit dem Kopfe schüttelte, so mußte ich mich mit meinem Anliegen an die Tochter wenden, die, in Dresden erzogen, geläufig Deutsch sprach. Sie gewährte sehr gern meine Bitte und plauderte nun mit kindlicher Unbefangenheit mit mir, als hätten wir uns schon lange gekannt. Beim Abschied bat mich Rosa, bald wiederzukommen.
Ich hatte ihr bereits zu tief in die schwarzen, feurigen Augen geblickt, um lange auf mich warten zu lassen. So brachte ich, da mich auch die Mutter immer freundlich willkommen hieß, bald alle meine freien Stunden bei ihnen zu. Ich akkompagnierte, so gut ich es vermochte, die Gesangübungen Rosas am Piano, studierte ihr die Sachen ein, welche ihr die Konzertdirektion zuschickte und schmückte ihre Arien mit neuen Verzierungen aus, worüber sie stets eine wahrhaft kindische Freude hatte. So wurde unser Verhältnis, ohne daß wir uns dessen bewußt waren, ein immer innigeres. Die Aufzeichnungen im Tagebuche waren aber darüber ins Stocken geraten und wurden auch späterhin nicht wieder begonnen. Rosa sang nun auch in meinem zweiten Konzerte, und da ihr Kontrakt in Leipzig zu Ende ging und sie im Begriffe stand, nach Dresden zurückzukehren, so erbot sie sich, auch in meinem dortigen Konzerte aufzutreten.
Ich ging nun, mit gewichtigen Empfehlungen versehen, nach Dresden. Ein Brief Rosas führte mich bei ihrem Vater ein, der mich auf das freundlichste empfing. Er und einige Mitglieder der Dresdener Hofkapelle, namentlich die Gebrüder Rothe, berühmte Klarinettisten,[81]  waren mir beim Arrangement meines Konzertes behilflich und erleichterten mir dieses stets unangenehme Geschäft dadurch sehr.
Rosa kehrte einige Tage vor dem Konzerte nach Dresden zurück und sang nebst ihrem Vater in demselben. Der Erfolg, den mein Spiel und meine Kompositionen hatten, war ein ebenso glänzender wie in Leipzig. Ich wurde, wie dort, allgemein aufgefordert, ein zweites Konzert zu geben. Während ich dieses arrangierte, riet man mir, mich auch bei Hofe zu melden, da bei dem Aufsehen, welches mein Spiel erregt habe, an einem günstigen Erfolg nicht zu zweifeln sei. Doch da ich erfuhr, daß die Hofkonzerte während der Tafel stattfänden und auch zu Gunsten der fremden Künstler kein Unterschied gemacht würde, empörte sich mein jugendlicher Künstlerstolz bei dem Gedanken, daß mein Spiel von dem Geklapper der Teller akkompagniert sein würde, so, daß ich sogleich auf die Ehre verzichtete, vom Hofe gehört zu werden. Mein zweites Konzert war außerordentlich zahlreich besucht und der Beifall fast noch stürmischer wie beim ersten.
Ich dachte nun an meine Abreise nach Berlin, konnte mich aber nicht dazu entschließen, weil mir die Trennung von meiner geliebten Rosa gar zu schmerzlich fiel. Da überraschte mich ihr Vater mit einem Vorschlag, der diese so gefürchtete Trennung zu meiner großen Freude noch weiter hinausschob. Er sagte, er habe schon lange den Wunsch gehegt, daß seine Tochter einmal in Berlin auftreten könne; wenn ich daher geneigt wäre, dort mit ihr gemeinschaftlich Konzerte zu geben, so wolle er sie in Begleitung seiner Frau, da er selbst keinen Urlaub bekommen könne, mitreisen lassen.
Ich ging mit Freuden auf diesen Vorschlag ein und traf nun sogleich alle Anstalten zur Abreise. Da die Reise mit dem Postwagen für die Damen zu beschwerlich erachtet wurde, so nahmen wir gemeinschaftlich einen Mietwagen. Ich saß meinem geliebten Mädchen gegenüber und beklagte mich nicht über die Langsamkeit und lange Dauer der Reise. In Berlin angekommen, fanden wir in einem und demselben Hause Wohnung, die uns mein ehemaliger Lehrer Kunisch, jetzt Mitglied der Berliner Hofkapelle, auf meine briefliche Anmeldung im voraus besorgt hatte. Dieser, nicht wenig stolz, den jungen Künstler als seinen ehemaligen Schüler vorführen zu können, verschaffte mir die Bekanntschaft der ausgezeichnetsten Künstler Berlins und war mir auch möglichst behilflich, ein Konzert zu arrangieren, was jedoch wegen des großen Andranges von Konzertgebenden ziemlich weit hinausgeschoben werden mußte.[82] 
Unterdessen gab ich meine Empfehlungsbriefe ab und wurde in Folge davon zu einigen Musikpartien eingeladen. Zuerst spielte ich beim Fürsten Radziwill, der bekanntlich selbst ein ausgezeichneter Violoncellist und talentvoller Komponist war. Ich fand dort Bernhard Romberg, Moser, Seidler, Semmler und andere ausgezeichnete Künstler versammelt. Romberg, damals in der Blüte seiner Virtuosität, spielte eines seiner Quartetten mit obligatem Violoncell. Ich hatte ihn noch nicht gehört und war entzückt von seinem Spiele. Nun selbst zu einem Vortrage aufgefordert, glaubte ich, solchen Künstlern und Kennern nichts Würdigeres bieten zu können, als eines meiner Lieblingsquartetten von Beethoven. Doch bald mußte ich bemerken, daß ich abermals, wie früher in Leipzig, einen Fehlgriff getan hatte; denn die Musiker Berlins kannten diese Quartetten ebensowenig wie die Leipziger und wußten sie daher auch weder zu spielen noch zu würdigen. Nachdem ich geendigt, lobten sie zwar mein Spiel, sprachen aber sehr geringschätzend von dem, was ich vorgetragen hatte. Ja, Romberg fragte mich geradezu: »Aber lieber Spohr, wie können Sie nur so barockes Zeug spielen?«

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Ich wurde ganz irre an meinem Geschmack, als ich einen der berühmtesten Künstler der damaligen Zeit so über meine Lieblinge urteilen hörte! Später nochmals aufgefordert zu spielen, wählte ich nun, wie damals in Leipzig, das Es-dur-Quartett von Rode und hatte mich auch hier eines gleich günstigen Erfolges wie dort zu erfreuen.
Die zweite Musikpartie, zu der auch meine Reisegefährtin eingeladen wurde, war beim Prinzen Louis Ferdinand von Preußen. Wir fuhren zusammen hin und wurden vom Wirt auf das artigste empfangen. Wir fanden dort einen vornehmen Zirkel besternter Herren und geputzter Damen sowie die vorzüglichsten Künstler Berlins versammelt. Auch traf ich einen frühern Bekannten von Hamburg, den berühmten Klaviervirtuosen und Komponisten Dussek, der jetzt Lehrer des Prinzen war und bei ihm wohnte. Die Musikpartie begann mit einem Klavierquartett des Prinzen, welches von ihm in echt künstlerischer Vollendung vorgetragen wurde. Dann folgte ich. Gewitzigt durch den neulichen Mißgriff, wählte ich heute nur solche Kompositionen, mit denen ich als Geiger glänzen konnte, nämlich ein Quartett und die G-dur-Variationen von Rode. Mein Spiel fand den lautesten Beifall, und besonders schien Dussek davon hingerissen zu sein. Auch meine geliebte Rosa erwarb sich durch den Vortrag einer Arie, die ihr Dussek am Piano akkompagnierte, allgemeine Anerkennung.[83] 
Nach beendigter Musik bot der Prinz einer der anwesenden Damen den Arm und führte die Gesellschaft, die auf einen Wink von ihm ein Gleiches getan, in den Speisesaal, wo ein glänzendes Mahl ihrer wartete. Man nahm ohne Etikette an der Seite seiner Dame Platz, ich neben meiner lieben Reisegefährtin. Anfangs war die Unterhaltung, obgleich frei und ungeniert, doch anständig. Als aber der Champagner erst zu schäumen begann, da fielen Reden, die für die keuschen Ohren eines unschuldigen Mädchens nicht geeignet waren. Ich war daher, sobald ich merkte, daß die vermeintlichen vornehmen Damen nicht dem Hofe, wie ich geglaubt, sondern wahrscheinlich dem Ballett angehören mochten, darauf bedacht, mit meiner Gefährtin mich heimlich fortzuschleichen. Ich kam, ohne weiter von der Gesellschaft bemerkt oder aufgehalten zu werden, auch glücklich zu meinem Wagen und kehrte mit Rosa zu der harrenden Mutter zurück. Am andern Tage sagte man mir, daß des Prinzen Musikpartien gewöhnlich mit solchen Orgien schlössen.
Noch einer dritten Musikpartie erinnere ich mich – beim Bankier Beer –, wo ich den jetzt so berühmten Meyerbeer als dreizehnjährigen Knaben zum ersten Male im elterlichen Hause spielen hörte. Der talentvolle Knabe erregte schon damals durch seine Virtuosität auf dem Pianoforte solches Aufsehen, daß seine Verwandten und Glaubensgenossen nur mit Stolz auf ihn blickten. Man erzählte sich, daß einer von ihnen, aus einer Vorlesung über populäre Astronomie zurückkehrend, den Seinen voll Freude zurief: »Denkt Euch, man hat unsern Beer schon unter die Sterne versetzt! Der Professor zeigte uns ein Sternbild, das ihm zu Ehren der kleine Beer genannt wird.«
Ich hatte den klugen Einfall, den jungen Virtuosen zum Vortrage eines Solos in meinem Konzerte einzuladen, was von der Familie gern genehmigt wurde. Da es das erste öffentliche Auftreten des Knaben war, so zog es eine Menge seiner Glaubensgenossen herbei, und ich hatte es diesem Umstande wohl hauptsächlich mit zu verdanken, daß mein Konzert eines der besuchtesten jener mit Konzerten so überhäuften Periode war. Nach Beseitigung vieler Hindernisse fand es endlich im Saale des Schauspielhauses statt. Mein Spiel und der Gesang meiner Gefährtin wurden auch hier, wie in Leipzig und Dresden, mit großem Beifalle aufgenommen. Nicht so günstig lautete der Bericht der neuen, seit kurzem von Kapellmeister Reichardt herausgebenenen musikalischen Zeitung. Dieser rügte in seiner eigentümlich verletzenden Weise hauptsächlich mein Sichgehenlassen im Zeitmaße. Obgleich gekränkt durch solchen Tadel, an den ich noch nicht gewöhnt war, mußte ich mir doch[84]  eingestehen, daß ich, von meinem tiefen Gefühl verleitet, im Gesang wohl zu sehr zurückgehalten und, von jugendlichem Feuer fortgerissen, in den Passagen und andern leidenschaftlichen Stellen zu sehr geeilt hatte. Ich nahm mir daher vor, meinen Vortrag, ohne daß er dadurch an Ausdruck verliere, von solchen Verirrungen zu reinigen, und durch fortgesetzte Aufmerksamkeit auf mich gelang es mir auch.
Nach einigen vergeblichen Versuchen, ein zweites Konzert in Berlin zustande zu bringen, mußte ich darauf verzichten. Ich teilte daher die nicht unbeträchtliche Einnahme des ersten mit meiner Reisegefährtin und dachte nun an meine Abreise nach Braunschweig, da mein Urlaub bald zu Ende lief. Auch Rosas Mutter machte Anstalten, in die Heimat zurückzukehren, weil ein Versuch, für ihre Tochter ein Engagement bei der italienischen Oper in Berlin zu finden, mißglückt war.
Rosa hatte sich immer inniger an mich angeschlossen und mir unverhohlen ihre Neigung gezeigt. Ich dagegen hatte mir bei näherer Bekanntschaft sagen müssen, daß sie sich zu einer Gefährtin fürs Leben nicht für mich eigne, und daher sorgfältig vermieden, es zu einer Erklärung kommen zu lassen. Sie war zwar ein liebenswürdiges, unverdorbenes Kind, von der Natur mit reichen Gaben ausgestattet; ihre Erziehung aber war, die geselligen Formen abgerechnet, sehr vernachlässigt, und was mich besonders abstieß, war ihre bigotte Frömmigkeit, die sie schon einige Male zu Versuchen getrieben hatte, den lutherischen Ketzer zur alleinseligmachenden Kirche zu bekehren. Ich ertrug daher den Abschied mit ziemlicher Fassung; Rosa aber zerfloß in Tränen und drückte mir bei der letzten Umarmung noch ein auf ein Kartenblatt genähtes R von ihrem schönen schwarzen Haar als Andenken in die Hand.
Nach Braunschweig zurückgekehrt, widmete ich mich mit neuem Eifer der Komposition. Ich schrieb mir das H-moll-Konzert, welches später als viertes Violinkonzert bei Simrock in Bonn erschienen ist. Auch wurde mir zum ersten Male ein Schüler aus der Fremde zugeschickt, ein Herr Grünwald aus Dresden. Auch ein junges, talentvolles, sechzehnjähriges Mädchen, eine Demoiselle Mayer, die mit Beifall als Violinvirtuosin in Braunschweig Konzert gab, unterrichtete ich während ihres Aufenthaltes daselbst und studierte ihr mein D-moll-Konzert ein. Diese Schülerin erregte nach einem Vierteljahrhundert, währenddem ich nichts mehr von ihr gehört hatte, auf einmal die allgemeinste Teilnahme sowohl durch ihr Schicksal, als durch ihre Virtuosität auf der Violine.
Auf einer ihrer frühern Kunstreisen nach Polen gelangt, hatte sie sich dort mit einem wohlhabenden Gutsbesitzer verheiratet. Obgleich jetzt[85]  in glänzenden Verhältnissen, hatte sie doch nicht versäumt, ihr schönes Talent, wenn auch nur als Dilettantin, fortzubilden. Dieses verschaffte ihr nun, nachdem ihr Mann in der polnischen Revolution sein ganzes Vermögen verloren hatte und landesflüchtig geworden war, das Glück, ihn und ihre Tochter durch ihr Talent ernähren zu können. Als Madame Filipowitz trat sie als Künstlerin zum ersten Male in Dresden wieder auf, und zwar mit demselben D-moll-Konzert, welches ich ihr fünfundzwanzig Jahre vorher einstudiert hatte. Da sie glaubte, ihre nunmehrigen Erfolge hauptsächlich dem Vortrage dieses Konzertes verdanken zu müssen, so drängte es sie, dem ehemaligen Lehrer ihren Dank auszusprechen. So erfuhr ich das Vorstehende. Nach ihrer Kunstreise durch Deutschland fixierte sie sich in Paris, später in London. Aus beiden Orten erhielt ich von ihr noch mehrere Zuschriften. Als ich sie aber bei meiner vorletzten Reise nach London persönlich wiederzusehen hoffte, war sie einige Tage vorher gestorben, und ich lernte nur ihre Tochter und deren Mann, einen Arzt und ebenfalls polnischen Flüchtling, kennen.
Doch zurück zum Jahre 1805. Im Frühjahre erhielt ich von Rosa einen Brief, in welchem sie mir mit ihrer naiven Unbefangenheit schrieb, ihre Sehnsucht mich wiederzusehen sei so groß geworden, daß sie ihren Vater bewogen habe, mit ihr eine Kunstreise nach Braunschweig anzutreten; sie würden in einigen Tagen ankommen und bäten, vorläufige Veranstaltungen zu einem Konzerte zu treffen. Ich war gar nicht erfreut über diese Nachricht und sah großen Verlegenheiten entgegen. Ich bemerkte nun mit Kummer, daß Rosas Neigung zu mir eine viel ernstlichere sei, als ich geglaubt hatte, und machte mir bittere Vorwürfe über mein Benehmen gegen sie. Auch war es mir klar, daß der Vater die Reise nur unternommen, um mich zu einer Erklärung in Bezug auf seine Tochter zu veranlassen. Ich sah daher seiner Ankunft mit großer Bangigkeit entgegen. Doch ging alles besser, als ich erwartet hatte. Rosas herzliche Freude mich wiederzusehen, ihre heitere Unbefangenheit, die sie gar nicht an einer Erwiderung ihrer Liebe zweifeln ließ, halfen über jede Erklärung hinweg. So verließen sie, sehr zufrieden mit ihrem Aufenthalte und dem unter meiner Mitwirkung gegebenen brillanten Konzerte, nach vierzehn Tagen Braunschweig und kehrten nach Dresden zurück, wo sie mich auf einer von mir projektierten Reise nach Wien im Herbst wiederzusehen hofften.
Da sie ihre Rückreise über Göttingen nehmen wollten, so führte ich sie durch einen Brief im elterlichen Hause ein. Dort hatte Rosa durch ihre Liebenswürdigkeit bei einem mehrtägigen Aufenthalte die Eltern so für[86]  sich zu gewinnen gewußt, daß sie ihnen ohne Bedenken ihre Liebe zum Sohne gestehen durfte. In der Voraussetzung, daß ich diese Liebe erwidere, hatten die Eltern sie darauf als meine Verlobte umarmt! Ich war höchst erschrocken, als ich dies durch einen Brief des Vaters erfuhr, protestierte sogleich gegen diese Verlobung und führte als Grund meiner Weigerung Rosas Mangel an Bildung und die Verschiedenheit unsrer Religionsbekenntnisse an. Dem Vater wollte dies nicht einleuchten, und er erklärte wiederholt, ich sei ein Tor, ein so herrliches Mädchen nicht nehmen zu wollen.
Im Juni des Jahres 1805 erhielt ich einen Brief von einem mir unbekannten Kammermusikus Bärwolf in Gotha, der auf mein ferneres Geschick großen Einfluß ausübte. Herr Bärwolf schrieb mir nämlich, durch den Tod des Konzertmeisters Ernst sei dessen Stelle bei der dortigen Kapelle erledigt worden, und der Intendant, Herr Baron von Reibnitz, der viel Günstiges über meine Leistungen in der Leipziger musikalischen Zeitung gelesen habe, sei sehr geneigt, mich zu derselben vorzuschlagen, wenn ich mich sogleich darum bewerben wolle. Es sei aber dazu erforderlich, daß ich selbst nach Gotha komme. Er lade mich daher ein, in dem Hofkonzerte, welches zur Geburtstagsfeier der Herzogin am 11. Juli stattfinden werde, mich hören zu lassen.
Höchst erfreut eilte ich zum Herzog, um dessen Genehmigung zur Reise zu erbitten. Ich erhielt sie und meldete dies sogleich nach Gotha. Dort angekommen, führte mich Herr Bärwolf zum Intendanten. Dieser schien erstaunt, einen noch so jungen Mann vor sich zu sehen, und äußerte mit bedenklicher Miene: um mich an die Spitze so vieler, sämtlich älterer Männer stellen zu können, scheine ich ihm doch noch fast zu jung zu sein! Nachdem ich jedoch in der Konzertprobe zwei Ouvertüren dirigiert und mein D-moll-Konzert probiert hatte, war der Intendant wohl andrer Ansicht geworden, denn er bat mich, mein wahres Alter zu verschweigen und mich um vier bis fünf Jahre älter zu machen. Als fünfundzwanzigjähriger Mann wurde ich daher als Bewerber um die vakante Stelle dem Hofe vorgestellt. Doch hätte es wohl kaum eines solchen Betruges bedurft, um sie mir zu verschaffen, da mir mein erstes Auftreten im Hofkonzerte gleich so sehr die Gunst der Herzogin erwarb, daß die übrigen Bewerber um die Stelle sämtlich zurücktraten. Ich wurde als herzoglich Gothaischer Konzertmeister mit einem Gehalte von ungefähr fünfhundert Talern, die Naturalien mit eingerechnet, laut Dekret vom 5. August 1805 angestellt und mein Dienstantritt auf den 1. Oktober festgesetzt.[87] 
Da mein Urlaub noch nicht ganz abgelaufen war, so machte ich auf den Rat des Herrn Bärwolf vor meiner Rückkehr nach Braunschweig noch einen kleinen Ausflug nach Wilhelmsthal bei Eisenach, dem Sommersitze des Weimarschen Hofes. Durch die Frau Herzogin von Gotha empfohlen, wurde es mir leicht dort zu Gehör zu kommen. Ich spielte, gefiel sehr und wurde reich beschenkt entlassen. Nach Gotha zurückgekehrt, gab ich noch in Eile ein unterdessen arrangiertes Konzert in der Stadt, welchem auch der Hof beiwohnte, und kehrte dann höchst beglückt über den Erfolg meiner Reise in die Vaterstadt zurück. Ich nahm meinen Weg über Seesen und wurde von den Eltern und den Freunden des Hauses in meiner neuen Würde mit Jubel begrüßt. Um mir den letzten Rest des Weges angenehmer zu machen, lieh mir der Vater sein Reitpferd und veranlaßte dadurch ein tragisches Ende der bisher so glücklichen Reise; denn einige Stunden vor Braunschweig, als ich in Gedanken an die Zukunft vertieft, ohne viel auf den Weg zu achten, rasch meinem Ziele entgegentrabte, stürzte das Pferd, indem es mit dem Vorderfuße in einer tiefen Gleise hängen blieb, und warf seinen Reiter höchst unsanft ab. Ich stürzte über den Kopf des Pferdes mit dem Gesicht auf einen Haufen klein geschlagener Chausseesteine, bevor ich Zeit gewann, die Hände hinlänglich schützend vorzuschieben; es war daher mein Gesicht von den scharfen Steinen so zerfleischt, daß das Blut in Strömen herabfloß. Auch verbreitete sich binnen wenigen Minuten eine solche Geschwulst über die leidenden Teile, daß beide Augen davon geschlossen wurden. Blind und völlig ratlos stand ich daher auf dem Wege, als mir einige Fußreisende zu Hülfe kamen. Sie führten mich, nachdem sie mein Pferd eingefangen hatten, zum nächsten Dorfe. Dort verschafften sie mir einen mit Stroh belegten Bauernwagen, auf welchem ich im kläglichsten Zustande spät abends vor meiner Wohnung anlangte. Der herbeigerufene Arzt verordnete Umschläge mit Goulardschem Wasser, die, die ganze Nacht fortgesetzt, am andern Morgen die Geschwulst soweit verteilt hatten, daß ich die Augen ein wenig wieder öffnen konnte. Nachdem der Arzt mich sorgfältig untersucht und mich über weitere nachteilige Folgen des Sturzes beruhigt hatte, gewann ich bald meine frohe Laune wieder und bedauerte nur, nicht sogleich zu meinem hohen Gönner eilen und ihn um Genehmigung zur Annahme der Konzertmeisterstelle bitten zu können. Da ich indessen nicht ohne Besorgnis war, mein Wohltäter, dem ich so viel verdankte, werde es übel aufnehmen, daß ich aus seinen Diensten scheiden wolle, so sah ich es nicht ungern, daß mir mein Unfall als Vorwand dienen konnte, mich schriftlich an den Herzog zu wenden. Doch hatte ich diesen[88]  sehr falsch beurteilt; denn schon am nächsten Tage erhielt ich in einem eigenhändigen Schreiben die erbetene Entlassung.
Ich habe dieses Schreiben als ein teueres Andenken an meinen Wohltäter aufbewahrt und kann es mir nicht versagen, es hier mitzuteilen. Es heißt:

»Mein lieber Herr Spohr.

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Ich habe mit vieler Teilnahme den Beifall vernommen, welchen Ihr Spiel in Wilhelmsthal und Gotha gefunden hat. Daß Ihnen zu Gotha geschehene vorteilhafte Anerbieten ist von der Art, daß es ganz Ihren Talenten entspricht, und da Ich jederzeit vielen Anteil an Ihrem Glück und Wohlergehen genommen habe, so kann Ich nicht anders, als Ihnen Glück zu der Stelle wünschen, worin Sie ohnstreitig mehr Gelegenheit finden werden, Ihre Talente auszuüben.
Der ich mit vieler Achtung verbleibe
Ihr
 sehr wohlgeneigter
Carl W. Ferd. H.«

Braunschweig
d. 1. August 1805

Ich fühlte mich, nun meiner letzten Sorge überhoben, ganz glücklich. Nur fiel mir auf, daß mich der Herzog zum ersten Male in diesem Briefe Sie nannte, während er mich bisher stets mit dem wohlwollenden, väterlichen Du beehrt hatte. Doch beruhigte ich mich leicht bei dem Gedanken, daß der Herzog es bei einem aus seinem Dienste Scheidenden wohl unpassend finden werde.
Nach etwa vierzehn Tagen oder drei Wochen war mein Gesicht so weit geheilt, daß ich mich wieder zu meinem Orchesterdienst melden konnte. Bevor ich ihn jedoch antrat, erhielt ich einen Brief von Dussek, der mir schrieb, sein Herr, der Prinz Louis Ferdinand, werde das große Militärmanöver in Magdeburg besuchen und wünsche, daß ich für diese Zeit sein Gast sei, um bei den beabsichtigten Musikpartien mitwirken zu können. Der Prinz werde selbst an den Herzog schreiben, um den Urlaub für mich zu erwirken. Dieser fand ohnhin keinen Anstand. Ich reiste daher nach Magdeburg ab und fand in dem Hause, welches der Prinz für sich und sein Gefolge hatte einrichten lassen, auch ein Zimmer für mich.
Ich führte nun ein sonderbares, wild bewegtes Leben, das aber meinem jugendlichen Geschmack für kurze Zeit ganz gut zusagte. Oft schon des Morgens um 6 Uhr wurde ich wie auch Dussek aus dem Bette gejagt und im Schlafrock und Pantoffeln zum Prinzen in den Empfangssaal[89]  beschieden, wo dieser bei der damals herrschenden großen Hitze in noch leichterm Kostüm, gewöhnlich nur mit Hemd und Unterhose bekleidet, bereits vor dem Pianoforte saß. Nun begann das Einüben und Probieren der Musik, die für den Abendzirkel bestimmt war, und dauerte bei des Prinzen Eifer oft so lange, daß sich unterdessen der Saal mit besternten und mit Orden behängten Offizieren angefüllt hatte. Das Kostüm der Musizierenden kontrastierte dann sonderbar genug mit den glänzenden Uniformen der zur Cour Versammelten. Doch das genierte den Prinzen nicht im geringsten, und er hörte nicht früher auf, als bis alles zu seiner Zufriedenheit eingeübt war. Nun wurde eilig Toilette gemacht, ein Frühstück eingenommen und dann zum Manöver hinausgezogen.
Ich erhielt ein Pferd aus dem Marstalle des Prinzen und durfte mich dem Gefolge anschließen. So machte ich zu meiner großen Belustigung eine Zeitlang alle kriegerischen Evolutionen mit. Als ich jedoch eines Tages, neben einer Batterie eingeklemmt, länger als eine Stunde daselbst bei einem wahren Höllenlärm aushalten mußte, und es mir dann am Abend bei der Musikpartie schien, als höre ich nicht mehr so leise wie früher, da zog ich mich von dem Kriegsspektakel zurück und verbrachte von nun an die Stunden, in denen der Prinz meiner nicht bedurfte, wieder bei meinen frühern Magdeburger Bekannten. Eine besonders freundliche Aufnahme fand ich im Hause des Geheimerats Schäfer. Dessen Tochter Jettchen, schon früher, so lange sie im Hause ihres Schwagers, des Kapellmeisters Le Gaye, zubrachte, ein Gegenstand meiner Huldigungen, war nun ins elterliche Haus zurückgekehrt und mir auch hier eine freundliche, zuvorkommende Wirtin.
Doch bald wurde der Prinz aus seinem Magdeburger Exil nach Berlin zurückberufen, und ich konnte daher, von ihm mit freundlichem Danke entlassen, nach Braunschweig zurückkehren. Dussek sagte mir beim Abschiede, der Prinz habe die Absicht gehabt, mir auch ein Honorar zuzuwenden, es sei aber jetzt solche Ebbe in seiner Kasse, daß er es für eine spätere, günstigere Zeit verschieben müsse. Diese trat aber nie ein, da der Prinz schon im folgenden Jahre in einem Gefecht bei Jena einen frühen Tod fand.
Anfangs Oktober verließ ich, nachdem mir ein ehrenvoller Abschied ausgefertigt war, meine Vaterstadt, um meinen neuen Posten in Gotha anzutreten. Der Herzog sagte mir beim Abschied mit wahrhaft väterlichem Wohlwollen, indem er mir die Hand reichte: »Sollte es Ihnen, lieber Spohr, in Ihrer neuen Stellung nicht gefallen, so können Sie jeden Augenblick in meine Dienste zurücktreten.«[90] 
Ich verließ meinen Wohltäter in tiefer Rührung und sah ihn leider nie wieder, denn er wurde bekanntlich in der unglücklichen Schlacht bei Jena tödlich verwundet und mußte als Flüchtling fern von seiner Residenzstadt in fremden Landen sterben! Ich betrauerte ihn wie einen Vater.



 Gotha
[91] 1805–1810











In Gotha angekommen, wurde ich den Mitgliedern der Hofkapelle durch den Intendanten, Herrn Baron von Reibnitz, als ihr Konzertmeister vorgestellt und in meinen Wirkungskreis eingeführt. Dieser bestand sowohl im Winter wie im Sommer in dem Arrangement eines Hofkonzertes für jede Woche und in dem Einüben der dafür gewählten Musik. Da die Kapelle außer diesen Konzerten weiter keinen Dienst hatte, so konnte ich drei bis vier Proben zu jedem derselben abhalten und alles darin Aufzuführende mit größter Genauigkeit einüben. Bei meinem Eifer und dem guten Willen der Mitwirkenden gelang es denn auch bald, ein höchst genaues Ensemble herzustellen, was von der Frau Herzogin und einigen unter dem Hofzirkel befindlichen Musikkennern auch lobend anerkannt wurde.
Die Kapelle bestand zum Teil aus Kammermusikern, zum Teil aus Hofhoboisten. Letztere hatten nebenbei auch die Verpflichtung, bei Tafel und auf den Hofbällen zu spielen. Unter den Kammermusikern gab es eine ganze Reihe von Solospielern, die ich abwechselnd zu Solovorträgen in den Hofkonzerten aufforderte. Die vorzüglichsten waren: Für Violine Madame Schlick und die Herren Preysing und Bärwolf; für Violoncell die Herren Schlick, Preysing jun. und Rohde; für Klarinette, Bassetthorn und Harfe Herr Backofen; für Oboe Herr Hofmann und für Horn Herr Walch.
Für den Gesang in den Hofkonzerten waren zwei Hofsängerinnen engagiert, die Damen Scheidler und Reinhardt. Der Mann der letzteren saß bei den Vokalvorträgen der Sängerinnen am Pianoforte. Da er, der älteste unter den Orchestermitgliedern, sich sehr eifrig um die[92]  erledigte Konzertmeisterstelle beworben hatte, und man ihm als Musiklehrer des Herzogs einige Rücksicht schuldig war, so hatte man ihm bei meiner Anstellung ebenfalls den Titel »Konzertmeister« verliehen, und sein Reskript war sogar von älterm Datum. Er machte daher anfangs einige schwache Versuche, sich bei den Vokalvorträgen als Dirigenten zu gerieren. Ich wußte ihm aber als Vorgeiger durch meine Entschiedenheit so zu imponieren, daß er sich meinen Anordnungen bald ebenso willig am Pianoforte fügte wie bei der Viola, an welcher er bei der Instrumentalmusik mitwirkte. Auch einige andre Widersetzlichkeiten, namentlich der Familie Schlick, die auf die Gunst des Prinzen August, Onkels des Herzogs, fußte, wußte ich bald zu beseitigen und mich dann in ungestörter Dirigentenautorität zu erhalten.
Bei den Antrittsvisiten, die ich den Mitgliedern der Hofkapelle machte, wurde ich besonders freundlich von der Hofsängerin Madame Scheidler empfangen. Sie stellte mir ihre achtzehnjährige Tochter Dorette vor, von deren Virtuosität auf Harfe und Pianoforte ich schon viel Rühmliches gehört hatte. Ich erkannte in dieser reizenden Blondine das Mädchen wieder, welches ich bei meinem ersten Aufenthalte in Gotha bereits gesehen und deren freundliche Gestalt mir seitdem oft in der Erinnerung vorgeschwebt hatte. Sie saß nämlich bei dem Konzerte, welches ich damals in der Stadt gab, in der ersten Zuhörerreihe neben einer Freundin, die bei meinem Auftreten, erstaunt über eine so lange und schlanke Gestalt, wohl lauter, als sie wollte, ausrief: »Sieh doch Dorette, welch eine lange Hopfenstange!« Da ich den Ausruf gehört hatte, warf ich einen Blick auf die Mädchen und sah Dorette verlegen erröten. Mit einem solchen holden Erröten stand sie jetzt abermals vor mir, sich jenes Vorfalls wahrscheinlich erinnernd. Um der auch für mich peinlichen Situation ein Ende zu machen, bat ich sie, mir etwas auf der Harfe vorzuspielen. Ohne Ziererei erfüllte sie meinen Wunsch.
Ich hatte als Knabe selbst einmal den Versuch gemacht, die Harfe zu erlernen, nahm auch Unterricht bei einem Herrn Hasenbalg in Braunschweig und brachte es bald so weit, daß ich mir meine Lieder begleiten konnte. Nachdem ich aber mutiert hatte und nun eine geraume Zeit ganz ohne Stimme war, wurde die Harfe vernachlässigt und endlich ganz bei Seite gesetzt. Meine Vorliebe für das Instrument war aber dieselbe geblieben; auch hatte ich mich lange genug damit beschäftigt, um zu wissen, wie schwer es ist, wenn man mehr als bloße Begleitung darauf spielen will. Man denke sich daher mein Erstaunen und Entzücken, als ich dieses noch so junge Mädchen eine schwere Phantasie ihres Lehrers[93]  Backofen mit größter Sicherheit und feinster Nuancierung vortragen hörte. Ich war so ergriffen, daß ich kaum meine Tränen zurückhalten konnte. Mit einer stummen Verbeugung schied ich; mein Herz blieb aber zurück!
Es drängte mich nun oft hin, und immer freundlicher und bekannter wurde ich empfangen. Ich begleitete die Tochter am Piano, welches sie ebenso fertig wie die Harfe spielte, half der Mutter beim Einüben der Gesangstücke für die Hofkonzerte und machte mich so der Familie immer unentbehrlicher. Das erste, was ich in Gotha komponierte, war eine große Gesangszene für Sopran, die ich Dorettens Mutter widmete und die sie mit großem Beifall im Hofkonzerte vortrug. Für mich und die Tochter schrieb ich dann eine konzertierende Sonate für Violine und Harfe, die ich mit ihr auf das sorgfältigste einübte. Das waren glückliche Stunden!
So war ein Monat nach meiner Ankunft für mich höchst angenehm verflossen, als der Hof zum Landtag nach Altenburg zog und die Kapelle mitnahm. Auch Dorette begleitete ihre Mutter dahin. Ich trug mich ihnen als Reisegefährten an, hatte mich aber leider zu spät gemeldet; denn sie hatten bereits mit den Brüdern der Madame Scheidler, den Herren Preysing, eine gemeinschaftliche Fahrt verabredet. Ich mußte mir daher andre Reisegefährten suchen. Doch versäumte ich nicht, mich bei jeder Einkehr auf der Reise sogleich der Scheidlerschen Familie anzuschließen und wußte mir auch stets bei Tische den Platz neben Dorette zu verschaffen. Dieses Wiedersehen nach vier- bis fünfstündiger Trennung gab der übrigen so langen und langweiligen Reise doch einen eigentümlichen Reiz, so daß es mir fast zu früh kam, als wir endlich am dritten Tage abends in die Tore von Altenburg einzogen. Ich wurde beim Sekretär Brümmer einquartiert, der als großer Musikfreund mich als Gast für sich erbeten hatte. Ich fand die freundlichste Aufnahme und Verpflegung. Doch hatte ich mir den Mittagstisch bei Madame Scheidler ausgemacht, die als rüstige Hausfrau sogleich für sich und ihre Brüder eigne Küche etablierte. Von nun an fast wie ein Glied der Familie behandelt, fand ich Gelegenheit, meine geliebte Dorette immer näher kennen zu lernen. Ihr Vater, ein tüchtiger Musiker und wissenschaftlich gebildeter Mann, hatte sich bis zu seinem vor zwei Jahren erfolgten Tode ausschließlich mit der Erziehung und Ausbildung dieser Tochter beschäftigt. Mit einer fast zu großen Strenge hatte er sie nicht nur seit ihrer frühesten Kindheit angehalten, ihr Musiktalent auszubilden, sondern auch in allem für ein junges Mädchen[94]  Wissenswerten teils selbst unterrichtet, teils von andern guten Lehrern unterrichten lassen. Sie sprach daher mit großer Geläufigkeit italienisch und französisch und schrieb ihre Muttersprache korrekt und gewandt. Ihre Virtuosität auf Harfe und Pianoforte war aber schon damals trotz ihrer großen Jugend eine wahrhaft ausgezeichnete! Ja, selbst im Violinspiel, worin sie ihr Onkel Preysing unterrichtete, hatte sie bereits so viel Fertigkeit erworben, daß sie mit mir Viottische Duetten spielen konnte. Da ich ihr aber riet, dieses für Frauenzimmer unpassende Instrument nicht weiter zu kultivieren und ihren Fleiß lieber ungeschmälert den beiden andern zu widmen, so befolgte sie diesen Rat und gab es von da an auf.
Die Hofkonzerte hatten unterdes begonnen. Sie fanden in einem großen, für Musik sehr günstigen Saale des Schlosses statt und wurden außer dem Hofe auch von den Landständen und Honoratioren der Stadt besucht. Das durch meine zahlreichen Proben zu immer höherer Genauigkeit gesteigerte Ensemble des Orchesters sowie meine und der übrigen Solospieler Konzertvorträge fanden bei den Musikkennern der Stadt großen Beifall. Auch Dorettens Solovorträge auf Harfe und Piano erregten große Sensation. So wurden die Konzerttage bald als wahre Festtage von den Altenburgern begrüßt und das Zuströmen der Zuhörer nahm immer mehr zu, so daß zuletzt kaum der Raum ausreichen wollte. Auch in Privatgesellschaften wurde häufig musiziert und ich nebst der Scheidlerschen Tischgesellschaft fehlten niemals dabei. Eines Tages wurde ich jedoch mit Doretten ohne ihre Mutter zu einem Feste eingeladen, welches der Minister von Thümmel dem Hofe und dessen nächster Umgebung gab. Wir waren gebeten worden, meine Sonate für Harfe und Violine, die wir bereits in Hofkonzerten mit großem Beifall vorgetragen hatten, hier zu wiederholen. Schüchtern wagte ich die Anfrage, ob ich Doretten im Wagen abholen dürfe, und fühlte mich hochbeglückt, als die Mutter ohne Bedenken ihre Einwilligung gab. So zum ersten Male allein mit dem geliebten Mädchen, drängte es mich, ihr meine Gefühle zu gestehen; doch fehlte mir der Mut und der Wagen hielt, bevor ich nur eine Silbe hatte über die Lippen bringen können. Als ich ihr beim Aussteigen die Hand reichte, fühlte ich an dem Beben der ihrigen, wie bewegt auch sie war. Dies gab mir neuen Mut, und fast wäre ich noch auf der Treppe mit meinem Liebesgeständnisse herausgeplatzt, hätte sich nicht soeben die Tür zum Gesellschaftssaale geöffnet.
Wir spielten an dem Abende mit einer Begeisterung und einem Einklange des Gefühles, der nicht nur uns selbst ganz hinriß, sondern[95]  auch die Gesellschaft so elektrisierte, daß sie unwillkürlich aufsprang, uns umringte und mit Lobsprüchen überhäufte. Die Herzogin flüsterte dabei Doretten einige Worte ins Ohr, die diese erröten machten. Ich deutete auch dies zu meinen Gunsten und so gewann ich denn endlich auf der Rückfahrt den Mut zu fragen: »Wollen wir so fürs Leben miteinander musizieren?« Mit hervorbrechenden Tränen sank sie mir in die Arme; der Bund für das Leben war geschlossen! Ich führte sie zur Mutter hinauf, die segnend unsre Hände ineinander legte.
Am andern Morgen meldete ich den Eltern mein Glück. Bevor ich es jedoch ungetrübt genießen konnte, mußte ich noch einen andern Brief schreiben, der mir sehr sauer wurde. Ich fühlte mein Unrecht gegen Rosa, und es drängte mich, es ihr abzubitten. Ich hatte ihr zwar nie ein Geständnis meiner Liebe gemacht; es lag jedoch deutlich genug in meinem Benehmen gegen sie in der ersten Zeit unsrer Bekanntschaft. Dazu kam nun noch, daß die Eltern in Seesen sie als meine Braut begrüßt hatten! – In welchen Wendungen ich es versuchte, mein Unrecht zu beschönigen, ist mir nach so langer Zeit nicht mehr erinnerlich. Wahrscheinlich war es wieder der Unterschied der Religion, der als Vorwand meines Rücktrittes dienen mußte. Der Brief wurde endlich fertig, und mit erleichtertem Herzen trug ich ihn zur Post. Ich hoffte sehnlichst auf Antwort; es kam jedoch keine. Später erfuhr ich, daß Rosa mit ihren Eltern, die sich in Deutschland einiges Vermögen erworben hatten, nach Italien zurückgekehrt sei. In Dresden erzählte man mir dann einige Jahre später, Rosa sei, von ihrer Frömmigkeit getrieben, in ein Kloster gegangen und habe nach einem Novizenjahre das Gelübde abgelegt. Ich konnte nie ohne tiefe Wehmut an das Mädchen denken!
Am Mittagstische des folgenden Tages erschienen alle geputzt und festlich geschmückt, denn es wurde unsre Verlobung gefeiert. Bald drang die Kunde davon in die Stadt, und es erschienen nicht nur die Mitglieder der Hofkapelle, sondern auch viele Bewohner der Stadt, um dem Paare ihre Glückwünsche darzubringen. Ein Gleiches geschah beim nächsten Hofkonzerte von der Herzogin und dem Hofe.
Mit dem Jahre neigte sich auch der Landtag seinem Ende zu, und man sprach bereits von der Rückkehr des Hofes nach Gotha, als ich vorher noch einen achttägigen Urlaub zu einer Reise nach Leipzig nahm, um dort ein Konzert zu geben. Ich hatte deshalb bei meinen vorjährigen Freunden angefragt und die günstigsten Zusicherungen erhalten. Meine Braut und deren Mutter begleiteten mich, um in dem Konzerte eben falls aufzutreten. Es bot daher dieses des Anziehenden mancherlei dar und[96]  war infolgedessen sehr zahlreich besucht. Ich spielte ein neues Violinkonzert in C-dur (als drittes bei Kühnel gestochen), welches ich in Gotha begonnen und in Altenburg vollendet hatte. Spiel und Komposition fanden ebenso glänzende Aufnahme wie im vorigen Jahre. Auch meine Braut hatte sich eines enthusiastischen Beifalles zu erfreuen. Sie spielte die Phantasie von Backofen und mit mir die neue Sonate. Auch hier war es wieder unser Zusammenspiel, was als Glanzpunkt des Abends gepriesen wurde. Die Mutter, eine Sängerin mit kräftiger, klingender Stimme und guter Schule, sang, von der Tochter begleitet, die Arie von Mozart mit obligatem Pianoforte sowie die neue Gesangsszene von mir, ebenfalls mit großem Beifalle.
Höchst zufrieden mit dem Erfolge unsres Unternehmens kehrten wir nach Altenburg und bald darauf mit dem Hofe nach Gotha zurück.
Madame Scheidler bewohnte daselbst eine sehr geräumige, vollständig möblierte Wohnung, von der sie, ohne sich im geringsten beengt zu fühlen, leicht einige Zimmer an mich abgeben konnte. Da sie sich erbot, außer uns auch meinen Bruder Ferdinand, der als mein Schüler bei mir wohnte, in Kost zu nehmen, so stand meiner alsbaldigen Verheiratung nichts im Wege. Die Hochzeit wurde daher auf den 2. Februar 1806 angesetzt. Ich beeilte mich, die dazu erforderlichen Papiere, den Taufschein und die Einwilligung der Eltern herbeizuschaffen. Leider konnten sie mir diese nicht selbst überbringen, da der Vater damals seine Patienten, unter denen lebensgefährliche waren, nicht verlassen durfte, schickten mir jedoch meinen Bruder Wilhelm, um Zeuge meines Glückes zu sein. Einige Verwunderung erregte es, als ich meinen Taufschein produzierte und man nun sah, daß ich in Gotha, statt älter zu werden, mich um einige Jahre verjüngt hatte! Da ich indessen meine Autorität als Konzertmeister schon hinlänglich zu befestigen gewußt hatte, so brachte mir diese Entdeckung weiter keinen Nachteil.
Der ersehnte 2. Februar brach an. Die Trauung fand auf den Wunsch der Herzogin, die ihr beiwohnen wollte, in der Schloßkapelle statt. Nach beendigter Zeremonie empfingen die Neuvermählten die Glückwünsche und Hochzeitsgeschenke ihrer hohen Gönnerin. Zu Hause fanden wir die beiden Onkel Preysing und mehrere andre befreundete Mitglieder der Hofkapelle. Nachmittags kamen deren noch mehrere. Unter diesen die Gespielinnen und Schulgefährtinnen Dorettens, die ihr alle freundliche Gaben brachten. Auch die, welche mich in meinem Konzert mit einer Hopfenstange verglichen hatte, fehlte nicht und mußte sich zur Strafe für den ungebührlichen Vergleich manche Neckerei gefallen lassen. Da[97]  das Wetter zu einem Ausfluge oder Spaziergange zu ungünstig war, so wurde bis zum späten Abende musiziert.
Unter Musik verlebte das glückliche Paar auch die Flitterwochen. Ich begann sogleich ein eifriges Studium der Harfe, um zu ergründen, was dem Charakter des Instrumentes am angemessensten sei. Da ich in meinen Kompositionen reich zu modulieren gewohnt war, so mußte ich besonders die Pedale der Harfe genau kennenlernen, um nichts für sie Unausführbares niederzuschreiben. Bei der großen Sicherheit, mit der meine Frau schon damals die ganze Technik des Instrumentes beherrschte, konnte dies freilich so leicht nicht geschehen. Ich überließ mich daher auch ganz dem freien Fluge der Phantasie, und es gelang mir bald, dem Instrument ganz neue Effekte abzugewinnen. Da die Harfe am vorteilhaftesten im Verein mit dem singenden Tone meiner Geige erklang, so schrieb ich vorzugsweise konzertierende Kompositionen für beide Instrumente allein. Später machte ich zwar auch Versuche mit zwei Konzertanten mit Orchesterbegleitung und einem Trio für Harfe, Violine und Violoncell; da ich aber fand, daß jede Begleitung unser einiges und inniges Zusammenwirken nur störe, so kam ich bald wieder davon zurück.
Ein andrer Versuch zur Steigerung des Effekts hatte aber einen günstigeren Erfolg. Ich kam auf die Idee, die Harfe einen halben Ton tiefer als die Violine zu stimmen. Dadurch gewann ich zweierlei. Da nämlich die Geige am brillantesten in den Kreuztönen klingt, die Harfe aber am besten in den B-Tönen, wenn möglichst wenig Pedale angetreten werden, so erhielt ich dadurch für beide Instrumente die günstigsten und effektvollsten Tonarten: für Geige nämlich D und G, für Harfe Es und As. Ein zweiter Gewinn war der, daß bei der tiefern Stimmung der Harfe nun nicht so leicht während des Spieles eine Saite riß, was bei öffentlichen Vorträgen in heißen Sälen dem Harfenisten so leicht geschieht und dem Zuhörer den Genuß verleidet. Ich schrieb daher von nun an alle meine Kompositionen für Harfe und Violine in solcher verschiedener Stimmung.
Dorette, von diesen neuen Kompositionen mächtig angezogen, widmete damals ihren Fleiß ausschließlich dem Studium der Harfe und erwarb sich daher bald eine so glänzende Virtuosität darauf, daß ich vor Eifer brannte, diese einem größern Publikum als dem der Gothaischen Hofkonzerte zu produzieren. Da ich mein eigenes Spiel nun auch in einer Weise ausgebildet zu haben glaubte, daß es mir so leicht kein andrer zuvortun würde, so beschloß ich, in nächstem Herbste eine Kunstreise[98]  mit meiner Gattin anzutreten. Den Urlaub dazu hatte ich mir schon bei meiner Anstellung ausbedungen, und er war mir in Betracht meines da mals noch sehr geringen Gehaltes auch zugestanden worden.
Wie indessen der Herbst herannahte, trat der Ausführung des schönen Planes ein doppeltes Hindernis entgegen. Der Krieg zwischen Preußen und Frankreich drohte auszubrechen. Schon war in der Umgegend von Gotha das preußische Heer kampfbereit aufgestellt, und die Bewohner des Herzogtums hatten durch Einquartierung und den Übermut der Preußen viel zu erdulden.
Hätte ich nun auch meiner Reise eine Richtung geben können, die uns von dem Kriegslärme entfernt haben würde, so konnte ich doch die Heimat, die damals noch in Gefahr stand, der Kriegsschauplatz zu werden, in solcher Bedrängnis nicht gut verlassen. Ich hatte mich deshalb auch schon einigermaßen an den Gedanken gewöhnt, meine Reise noch ein Jahr verschieben zu müssen, als mir auch noch mein Weibchen eines Tages errötend, aber mit strahlendem Auge gestand, sie sehe zu Ende des Winters den Mutterfreuden entgegen! Nun war vollends an eine Reise nicht mehr zu denken und jeder Zweifel deshalb beseitigt.
Ich sann nun für den Winter auf eine anziehende Arbeit, die mich von den Sorgen der Zeit möglichst abziehen könne. Schon längst hatte ich gewünscht, mich einmal in einer dramatischen Komposition zu versuchen, doch hatte es bisher an jeder Veranlassung dazu gefehlt. Eine solche lag nun zwar auch jetzt nicht vor, denn Gotha besaß kein Theater. Doch dachte ich: Ist nur erst die Oper da, so findet sich wohl auch eine Gelegenheit sie zu hören.
Nun besuchte mich aber gerade ein Jugendgefährte, Eduard Henke, der jüngste Bruder meiner Mutter (jetzt Professor juris in Halle), der sich schon mit Glück in Liederdichtungen versucht hatte. Diesen beredete ich, mir ein Opernbuch zu schreiben. Wir ersannen gemeinschaftlich den Stoff und die Szenenfolge für eine einaktige Oper und nannten sie »die Prüfung«; Eduard begann sogleich die Dichtung der Gesangsnummern und vollendete sie auch noch vor seiner Abreise. Die Dialoge versprach er nachzuliefern.
Bevor ich jedoch meine Arbeit beginnen konnte, brach das Kriegsunwetter los. Die Schlacht bei Jena wurde geschlagen und mit ihr das Geschick des preußischen Staates entschieden. Die kurz vorher noch so übermütigen Preußen, die in und um Gotha gestanden hatten, sah man nun in größester Unordnung vorüberfliehen. Die Auflösung der Truppen war eine so vollständige, daß die weggeworfenen Gewehre zu Tausenden[99]  auf den Feldern bei Gotha aufgesucht werden konnten. Bei einem Spaziergange, den ich einige Tage nachher machte, fand ich als Nachlese noch einen Ladestock, den ich zum Andenken an die verhängnisvolle Zeit mit zu Haus nahm. An einem Faden aufgehängt, gab derselbe im hellen Klange das einmal gestrichene B und diente daher lange Jahre statt Stimmgabel beim Einstimmen der Harfe.
Der Kriegsschauplatz entfernte sich nun zwar, nachdem das französische Heer nachgerückt war, sehr bald weit und immer weiter von Gotha, die Einquartierung hörte deshalb aber noch nicht auf. Immer rückten neue Zuzüge französischer und süddeutscher Truppen nach. Auch wurde ein großer Teil der bei Jena gefangenen Preußen über Gotha geführt. Diese kamen in Zügen von drei- bis viertausend von allen Waffengattungen, oft nur von vierzig bis fünfzig Voltigeurs eskortiert, und wurden in die große Marktkirche vis-à-vis von unsrer Wohnung eingesperrt, von wenigen Schildwachen vor den verschlossenen Türen bewacht. Da die Nächte schon sehr kalt waren, so mochten sie in ihren dünnen Uniformen wohl frieren und tobten und lärmten deshalb unaufhörlich. Die Umwohnenden, in der steten Besorgnis, daß sich die Gefangenen bei ihrer großen Überzahl befreien und dann arge Exzesse begehen würden, mußten fortwährend auf ihrer Hut sein und konnten manche Nacht nicht zur Ruhe gehen.
Dies war nun eben nicht die bestgewählte Zeit, um mich in einer für mich ganz neuen Kunstgattung zu versuchen. Doch da mein Arbeitszimmer vom Straßenlärm entfernt nach hinten hinaus lag, so gelang es mir bald, alles um mich her zu vergessen und mit ganzer Seele mich der Arbeit hinzugeben. So vollendete ich noch, bevor der Winter zur Hälfte verflossen war, die Komposition der acht Nummern der Oper nebst der Ouvertüre. Die vier Gesangpartien derselben ließen sich durch die beiden Hofsängerinnen und zwei Dilettanten, die ich zur Mitwirkung bei den Hofkonzerten bereits herangezogen hatte, ganz gut besetzen. Ich ließ daher die Oper eiligst ausschreiben, übte sie sorgfältig ein und führte sie dann als Konzertmusik in einem der Hofkonzerte auf.

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So groß nun auch anfangs meine Freude über das neue Werk war, so fühlte ich doch bald dessen Mängel und Schwächen. Von Probe zu Probe wurden mir diese immer klarer, und noch ehe die Aufführung stattfand, war mir die Oper, die Ouvertüre und eine Tenorarie ausgenommen, zuwider geworden. Selbst der große Beifall, den sie sowohl bei den Ausübenden wie bei den Zuhörern fand, konnte mich nicht günstiger für sie stimmen, und so legte ich sie beiseite und gab, die beiden genannten Nummern abgerechnet, nie wieder etwas davon zu hören.[100] 
Ich fühlte mich aber in der Unzufriedenheit mit meiner Arbeit recht unglücklich, denn ich glaubte nun zu erkennen, daß ich für Gesangskompositionen kein Talent besitze. Ich hatte dabei aber zweierlei zu erwägen vergessen, erstens, daß ich einen viel zu hohen Maßstab angelegt, indem ich meine Oper mit den Mozartschen verglichen hatte, und zweitens, daß es mir für diese Kompositionsgattung an der nötigen Übung und Erfahrung noch gänzlich fehlte. Dies fiel mir erst einige Jahre später ein und ermutigte mich dann zu einem neuen Versuche in der dramatischen Komposition.
Für jetzt widmete ich mich wieder ausschließlich der Instrumental-Komposition, schrieb die schon genannten Konzertanten für Harfe und Violine mit großem Orchester, eine Fantasie (Op. 35) und Variationen (Op. 36) für Harfe allein, und für mich mein fünftes Violinkonzert (Op. 17 bei Nägeli in Zürich) und den Potpourri (Op. 22 bei André).
Da Dorette im Frühjahre ihrer Niederkunft entgegensah, so konnten wir nicht länger in der beschränkten Wohnung bei der Schwiegermutter bleiben und mußten uns nun einen eignen Hausstand einrichten. Dies geschah Ostern 1807.
Bald nachher, am 27. Mai, wurden wir durch die Geburt eines Töchterchens erfreuet. Da Mutter und Kind sich wohl befanden, so war unser Glück ganz ungetrübt. Als Paten für die Neugeborne mußte ich den Herzog einladen, da er sich schon früher für dieses Ehrenamt angetragen hatte. Er erschien denn auch am Tage der Taufe in vollem Glänze seiner herzoglichen Würde, umgeben von seinen Hofherren und gefolgt von dem Janhagel der Stadt, der die Pracht der selten gebrauchten Galawagen und deren Inhalt anstaunte, vor meiner Wohnung und wurde von mir an der Haustüre empfangen und in die mit Blumenkränzen geschmückten Zimmer eingeführt. Die Zeremonie begann, und die Neugeborene wurde nach des Herzogs zweitem Namen Emilie getauft.
Zu meinem großen Leidwesen konnten meine Eltern auch diesem schönen Familienfeste nicht beiwohnen. Doch hatte ich ihnen schon im Sommer vorher bei einem Besuche in Seesen mein liebes Weibchen vorgeführt und nicht nur die Freude gehabt, daß sie sie bald sehr lieb gewannen, sondern auch die Genugtuung, daß mir der Vater nun zugestehen mußte, ich hätte mit Rosa nicht so glücklich werden können, auch wenn meine Liebe zu ihr dauernder gewesen wäre.
Sobald Dorette ihre volle Kraft wiedergewonnen hatte, begann sie von neuem das Einüben der neuen Harfen-Kompositionen, um sich für die[101]  projektierte Kunstreise würdig vorzubereiten. Sie erkannte dabei immer mehr das Mangelhafte ihres bisherigen Instrumentes, einer Straßburger Pedalharfe, die sie von der Herzogin als Geschenk erhalten hatte. Es wurde daher im Familienrate beschlossen, ein kleines Kapital, das ihr als Erbteil angehörte, zur Anschaffung einer an dern, bessern Harfe zu verwenden. Herr Backofen besaß eine solche, recht vorzügliche von Nadermann in Paris und war geneigt, sie seiner Schülerin für einen mäßigen Preis zu überlassen. Diese wurde daher angekauft. Es blieben von dem kleinen Kapitale noch einige hundert Taler übrig, um noch ein zweites unerläßliches Reisebedürfnis anzuschaffen, einen Reisewagen nämlich, der für den Transport der Harfe eingerichtet war. Ich sann lange darüber nach, wie ein solcher am zweckmäßigsten zu konstruieren sei. Es war dabei besonders zweierlei zu bedenken, erstlich, daß er nicht zu viel koste, und zweitens, daß er leicht genug sei, um von zwei Postpferden gezogen zu werden. Endlich fiel mir das Rechte ein. Ich ließ einen langen, nicht zu schweren Korbwagen bauen, hinten mit einem Chaisenkasten für die Reisenden. Vor demselben lag zwischen den Korbwänden der Harfenkasten, schwebend auf Riemen und mit einem Leder bedeckt, das, mit einer Eisenstange eingefaßt, vor den Reisenden am Chaisenkasten eingehakt wurde. Unter demselben befand sich ein Sitzkasten, in welchem das Violin-Futteral Platz fand, und hinter ihm ein großer, für den Platz eingerichteter Koffer, in welchen alle übrigen Reisebedürfnisse gepackt werden sollten. Vorn über dem Harfenkasten befand sich der erhöhete Sitz für den Postillon. Eine Probefahrt, wobei der Wagen vollständig bepackt war, zeigte, daß er seinem Zwecke entspreche. So war denn alles für die Kunstreise gerüstet!
Nach einem schmerzlichen Abschiede von unserm Kinde, welches die Schwiegermutter in Pflege nahm, traten wir unsre Reise in der Mitte des Oktober an. Da ich auf dieser sowie den folgenden von Gotha aus unternommenen Reisen leider kein Tagebuch führte, so bin ich bei dem Bericht über dieselben ganz auf meine, für jene Zeit ziemlich verwischten Erinnerungen angewiesen, die durch einige Berichte in der Leipziger musikalischen Zeitung nur dürftig wieder aufgefrischt worden sind. Von einem Tagebuche meiner Frau aus jener Zeit, wovon sie aber nie etwas sehen ließ, habe ich nach ihrem Tode leider nichts auffinden können. Wahrscheinlich hat sie es in spätern Jahren vernichtet.
Unsre Reise begann gleich am ersten Tage sehr ominös mit einem Umwerfen des Wagens auf einer Strecke zwischen Erfurt und Weimar, wo damals noch keine Kunststraße war. Doch wurden zum Glück weder[102]  die Reisenden noch ihre Instrumente beschädigt, und so konnten wir uns glücklich preisen, mit dem Schrecken davongekommen zu sein. Ein ähnlicher Unfall ist uns auf keiner unsrer vielen Reisen wieder begegnet.
In Weimar, wohin wir durch die Herzogin von Gotha empfohlen waren, spielten wir mit großem Bei falle bei Hofe und wurden von der Erbgroßherzogin, der Großfürstin Maria, reich beschenkt. Unter den Zuhörern im Hofkonzerte befanden sich auch die beiden Dichterheroen Goethe und Wieland. Letzterer schien von den Vorträgen des Künstlerpaares ganz hingerissen zu sein und äußerte dies in seiner lebhaftfreundlichen Weise. Auch Goethe richtete mit vornehm-kalter Miene einige lobende Worte an uns.
In Leipzig gaben wir, wie ich aus einem Berichte der musikalischen Zeitung ersehe, am 27. Oktober 1807 Konzert. Auch dieses Mal wird über die darin aufgeführten Kompositionen, nämlich die Ouvertüre zur »Prüfung«, das Violinkonzert in Es, die erste Konzertante für Harfe und Violine, den Potpourri in B und die Harfenphantasie sehr günstig geurteilt. In bezug auf unser Spiel heißt es:
»Über Herrn Spohrs und seiner Gattin Spiel haben wir schon ausführlich gesprochen und setzen hier nur hinzu, daß er sich manchem Allzuwillkürlichen (im Takt u. dgl.), was er sonst angenommen hatte und worüber hin und wieder geklagt worden ist, jetzt ganz entwöhnt hat und nun ohne allen Zweifel im Ton und Ausdruck, in Sicherheit und Fertigkeit unter die ersten aller jetzt lebenden Violinisten, im Allegro wie im Adagio (ja unserem Urteil nach im letztern noch mehr) gehört; sie aber, Mad. Spohr, durch große Fertigkeit, Nettigkeit und Anmut des Spiels ganz gewiß überall ausgezeichneten Beifall finden wird.«
Von Dresden, wo wir ebenfalls Konzert gaben und auch – wenn ich dies nicht etwa mit einem spätern Male verwechsele – bei Hofe spielten (doch sicher nicht während der Tafel, wozu wir uns beide nicht verstanden haben würden), ist mir nichts Spezielles mehr erinnerlich. Wohl weiß ich aber noch manches von unserm Prager Aufenthalte. Dorthin war mein Ruf noch nicht gedrungen, und ich hatte deshalb anfangs mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen. Diese waren jedoch sogleich beseitigt, als ich mit meiner Frau in einer Soiree bei der Fürstin von Hohenzollern gespielt hatte und diese Dame sich darauf als unsre Beschützerin erklärte. Nun waren wir sogleich in der Mode, und die vornehme Welt strömte in Massen zu den beiden Konzerten herbei, die wir in der durch Kunstbildung so berühmten Stadt gaben. Wir hatten[103]  daher volle Ursache, mit unserm Aufenthalte zufrieden zu sein. Dies bestätigt auch ein Bericht in der Musikzeitung, der folgendermaßen beginnt:
»Der dritte (unter den fremden Konzertgebenden) war der rühmlichst bekannte Herzoglich-Sachsen-Gothaische Konzertmeister, Herr Spohr, der sich auf der Violine sowie seine Frau auf der Pedalharfe hören ließ. Nicht sobald wird wieder ein Künstler Ursache haben, so vollkommen mit der Aufnahme zufrieden zu sein, die ihm hier zuteil ward, als H. Sp., und gewiß wird jeder Freund der Kunst laut eingestehen, daß er diese Auszeichnung reichlich verdiente.«
Im Verfolge des Berichtes hat aber der Verfasser doch mancherlei an meinem Spiel und meinen Kompositionen auszusetzen; mag mit diesem Urteil aber ziemlich isoliert gestanden haben, da er bei dem Berichte über das Konzert der Gebrüder Pixis, welches dem meinigen unmittelbar folgte, von dem Geiger selbst sagt: »man habe ihm seinen Platz weit unter Spohr angewiesen«, und dann fortfährt: »da man wenige Tage vorher durch des letzteren Spiel so entzückt war und das Urteil aus diesem Gesichtspunkt fällte, so ging es dabei nicht ohne Ungerechtigkeit ab.« Nachdem er dann ausgeführt hat, daß jeder Künstler nur nach seinen Eigenheiten beurteilt werden müsse, schließt er: »Pixis und Spohr können sehr gut miteinander wandeln, ohne daß das Lob des einen dem andern Eintrag tut.«
Ich lernte damals unter den Kunstfreunden Prags einen kennen, mit dem ich bis zu dessen Tode fortwährend in freundschaftlichster Verbindung geblieben bin. Es war dies Herr Kleinwächter, Chef des Handlungshauses Ballabene. Jeden Sonntag vormittags versammelte sich bei ihm ein kleiner, aber auserwählter Zirkel von Künstlern und Kunstfreunden, um Quartettmusik zu machen und anzuhören. Jeder fremde Künstler suchte dort eingeführt zu werden, und war er Geiger oder Violoncellist, so nahm er tätigen Anteil. Ich spielte dort sehr gern, denn meine Vortragsweise und mein Bestreben, jede Komposition in dem ihr angemessenen Stil wiederzugeben, wurden dort in vollem Umfange anerkannt. So trug ich eines Sonntags morgens ein Soloquartett von mir (D-moll, Op. 11, bei Simrock) vor, als der Hausherr plötzlich abgerufen wurde und, nach einiger Zeit zurückkehrend, der Gesellschaft verkündete, es sei ihm soeben während des Quartetts ein Sohn geboren worden! In die Glückwünsche der Anwesenden mischte sich auch der, daß diese harmonische Begrüßung des neuen Weltbürgers von der besten Vorbedeutung sein und ihm vor allem den Sinn für Musik[104]  erschlossen haben möge! Letzteres traf denn auch in hohem Grade ein. Louis Kleinwächter (man hatte ihm mir zu Ehren meinen Taufnamen gegeben) bildete sich wirklich, obgleich nur Dilettant (er wurde Jurist), zu einem ausgezeichneten Künstler aus, wie dessen Kompositionen, von denen mehrere gestochen sind, genügend beweisen. War es nun, daß man ihm erzählt hatte, er sei während des Vortrages einer Spohrschen Komposition geboren, was seine Vorliebe für diese erweckte, oder war es das eifrige Studium derselben: genug, nie hat es einen enthusiastischeren Verehrer meiner Kompositionen gegeben als ihn! Galt es in den Prager musikalischen Vereinen eine Wahl der aufzuführenden Kompositionen zu treffen, so kämpfte er stets für die Spohrschen und ruhte nicht, bis seine Ansicht durchgedrungen war. Er hieß deshalb auch bald allgemein »Der enragierte Spohrianer«!
Leider ist dieser junge Mann, von dem in diesen Blättern noch öfter die Rede sein wird, den Seinigen früh durch den Tod entrissen worden, früher noch als sein Vater.
Von Prag ging das Künstlerpaar über Regensburg nach München. Ich erinnere mich nicht mehr, ob ich in ersterer Stadt ein Konzert zustande brachte. Einen Bericht darüber habe ich nicht auffinden können. Auch von München aus wird in einem summarischen Berichte der Musikalischen Zeitung über die damalige Wintersaison nur kurz bemerkt: »Herr Spohr aus Gotha gab ein Konzert und fand auch hier vielen Beifall.« Des dortigen Aufenthaltes erinnere ich mich jedoch noch ziemlich genau. Bevor wir unser Konzert in der Stadt gaben, wurden wir bei Hofe gehört. Als wir vortraten, um unsre Konzertante für Harfe und Violine zu spielen, fehlte es an einem Stuhle für Dorette. Der König Max, der neben seiner Gemahlin in der ersten Reihe der Zuhörer saß, bemerkte es und brachte sogleich seinen eignen vergoldeten und mit der Königskrone geschmückten Lehnsessel, bevor noch ein Diener das Fehlende herbeischaffen konnte. In seiner freundlich-gutmütigen Weise bestand er dar auf, daß Dorette sich dessen bediene, und nur erst dann, als ich ihm bemerklich machte, daß die Armlehnen beim Spiel hinderlich sein würden, gestattete er, daß sie den vom Bedienten herbeigebrachten Stuhl annahm. Nach beendetem Spiele stellte er selbst uns der Königin und ihrer Umgebung vor, die sich auf das zuvorkommendste mit uns unterhielten. Tags darauf wurden uns die königlichen Geschenke eingehändigt, für mich ein Brillantring, für Dorette ein Diadem, beides sehr wertvoll.[105] 
Bei unserm Konzerte in der Stadt wurden wir auf das willfährigste von der königlichen Kapelle unterstützt. Kapellmeister Winter dirigierte. Ich war entzückt über die präzise und feurige Ausführung meiner Kompositionen und fand es sehr natürlich, daß sie, so vorgetragen, gefielen. Eine besondere Genugtuung gewährte es mir aber, daß auch der Komponist des »Opferfestes« in seiner aufrichtig-derben Weise mich seines Beifalles versicherte. Ich war oft bei Winter und ergötzte mich an dessen originellem Wesen, das die sonderbarsten Widersprüche in sich vereinigte. Winter, von kolossalem Körperbau, begabt mit riesiger Kraft, war dabei furchtsam wie ein Hase. Bei geringfügiger Veranlassung leicht in Zorn aufbrausend, ließ er sich doch lenken wie ein Kind. Seine Köchin hatte das bald bemerkt und tyrannisierte ihn in arger Weise. Er hatte eine besondere Freude an dem Krippenspiel zu Weihnachten und ergötzte sich oft stundenlang mit dem Anputzen der kleinen Figuren. Aber wehe ihm, wenn die Köchin ihn dabei überraschte; sie jagte ihn sogleich davon und rief: »Müssen Sie denn ewig spielen? Setzen Sie sich sogleich ans Klavier und machen Sie Ihre Arie fertig!«
Die jüngern Mitglieder der Hofkapelle, die er gern um sich hatte und zuweilen zu Tische einlud, neckten ihn dafür unaufhörlich. Sie hatten bald entdeckt, daß er sich vor Geistern fürchte, und veranstalteten daher allerlei Spukgeschichten und Geistererscheinungen, um ihn zu ängstigen. Er besuchte im Sommer häufig einen öffentlichen Garten außerhalb der Stadt, kehrte aber, da er sich im Dunkeln fürchtete, stets vor anbrechender Nacht zurück. Eines Tags hatten ihn die jungen, mutwilligen Leute durch allerlei Künste länger wie gewöhnlich aufgehalten, und es war daher schon ganz dämmerig, als er den Rückweg antrat. Da die übrigen Gäste noch in guter Ruhe sitzen blieben, so fand er seinen Weg, der zwischen düstern Hecken hinlief, schauerlich einsam. Es überfiel ihn daher eine fürchterliche Angst, und unbewußt fing er an zu traben. Kaum war dies geschehen, so fühlte er eine schwere Last auf seinem Rücken und glaubte nun nicht anders, als es sei ein Kobold auf ihn herabgesprungen. Da er noch mehrere hinter sich hertraben hörte, so schien ihm die ganze Hölle auf den Fersen, und er rannte nun noch weit mehr. Schweißtriefend und keuchend kam er endlich am Tore an. Da sprang der Kobold von seinem Rücken herab und sprach mit bekannter Stimme: »Ich danke Ihnen, Herr Kapellmeister, daß sie mich getragen haben, denn ich war sehr müde!« Ein Kichern der andern folgte dieser Rede, während der Gefoppte in einen unbändigen Zorn ausbrach.[106] 
Von München ging die Reise nach Stuttgart, wohin wir Empfehlungen an den Hof mitbrachten. Ich übergab diese dem Hofmarschall und erhielt von ihm schon am folgenden Tage die Zusicherung, daß wir bei Hofe gehört werden würden. Ich hatte aber unterdessen in Erfahrung gebracht, daß auch hier während der Hofkonzerte Karten gespielt und auf die Musik wenig gehört werde. Noch von Braunschweig her voller Abscheu gegen eine solche Entwürdigung der Kunst, nahm ich mir daher die Freiheit, dem Herrn Hofmarschall zu erklären, daß ich und meine Frau nur dann auftreten würden, wenn der König die Gnade habe, während unsres Spieles das Kartenspiel aufzuheben. Ganz erschrocken über eine solche Kühnheit trat der Hofmarschall einen Schritt zurück und rief: »Wie! Sie wollen meinem gnädigsten Herrn Vorschriften machen? – Nie werde ich es wagen, ihm das vorzutragen!« – »Dann muß ich auf die Ehre, bei Hofe gehört zu werden, verzichten«, war meine einfache Antwort, während ich mich empfahl.
Wie der Hofmarschall es anfing, seinem König so Unerhörtes vorzutragen, und wie dieser es über sich gewinnen konnte, darauf einzugehen, habe ich nicht erfahren. Das Resultat aber war, daß der Hofmarschall mir sagen ließ: »Se. Majestät wolle die Gnade haben, meinen Wunsch zu gewähren; nur werde die Bedingung daran geknüpft, daß die Musikstücke, die ich und meine Frau vortragen würden, sich sogleich folgen sollten, damit Se. Majestät nicht öfter inkommodiert würden.«
So war es denn auch. Nachdem der Hof an den Spieltischen Platz genommen hatte, begann das Konzert mit einer Ouvertüre, auf welche eine Arie folgte. Währenddem liefen die Bedienten geräuschvoll hin und her, um Erfrischungen anzubieten, und die Kartenspieler riefen ihr »ich spiele, ich passe« so laut, daß man von der Musik und dem Gesang nichts Zusammenhängendes hören konnte. Doch nun kam der Hofmarschall zu mir, um anzukündigen, daß ich mich bereithalten solle. Zugleich benachrichtigte er den König, daß die Vorträge der Fremden beginnen würden. Alsbald erhob sich dieser, mit ihm alle übrigen. Die Bedienten setzten vor dem Orchester zwei Stuhlreihen, auf welche sich der Hof niederließ. Unserm Spiel wurde in großer Stille und mit Teilnahme zugehört; doch wagte niemand ein Zeichen des Beifalles laut werden zu lassen, da der König damit nicht voranging. Seine Teilnahme an den Vorträgen zeigte sich nur am Schlusse derselben durch gnädiges Kopfnicken. Kaum waren sie vorbei, so eilte alles wieder zu den Spieltischen, und der frühre Lärm begann von neuem.[107] 
Während des übrigen Konzertes hatte ich Muße, mich umzusehen. Meine Aufmerksamkeit wurde besonders auf den Spieltisch des Königs gelenkt, an welchem, um es der Majestät bei ihrer Korpulenz bequemer zu machen, ein halbrunder Ausschnitt angebracht war, in welchen der Bauch des Königs genau hineinpaßte. Der große Umfang desselben und der kleine des Königreiches haben bekanntlich zu der hübschen Karikatur Veranlassung gegeben, auf welcher der König, im Krönungsornat, mit der Landkarte seines Königreiches auf dem Hosenknopfe, in die Worte ausbricht: »Ich kann meine Staaten nicht überblicken!«
Sowie der König sein Spiel geendet hatte und den Stuhl rückte, wurde das Konzert mitten in einer Arie der Madame Graff abgebrochen, so daß ihr die letzten Töne einer Kadenz förmlich im Halse stecken blieben. Die Musiker, an solchen Vandalismus schon gewohnt, packten ruhig ihre Instrumente in die Kasten; ich aber war im Innersten empört über eine solche Entwürdigung der Kunst.
Stuttgart seufzte damals unter einer Despotie, wie sie das übrige Deutschtand wohl nie gekannt hat. So mußte, um nur einiges anzuführen, jeder, der den Schloßhof betrat, den Weg vom Gittertore bis zum Schloßportal mit entblößtem Haupte zurücklegen, es mochte regnen oder schneien, weil Se. Majestät auf dieser Seite wohnte. Ferner war jeder Zivilist auf allerhöchsten Befehl gehalten, vor den Schildwachen den Hut abzunehmen, ohne daß diese ihm die Honneurs gemacht hatten. Im Theater war es durch Anschlag streng verboten, Beifall zu klatschen, bevor nicht der König damit begonnen habe. Die Majestät steckte aber ihre Hände wegen der strengen Winterkälte in einen großen Muff und brachte sie nur heraus, wenn Höchstdieselben das Bedürfnis fühlten eine Prise zu nehmen. War dies geschehen, dann wurde, unbekümmert um das, was gerade auf dem Theater geschah, nun auch geklatscht. Der Kammerherr, welcher hinter dem Könige stand, fiel sogleich ein und gab dadurch dem loyalen Volke das Zeichen, nun auch seinerseits Beifall zu spenden. So wurden denn fast immer die interessantesten Szenen und besten Musikstücke der Oper durch einen heillosen Lärm gestört und unterbrochen.
Da die Stuttgarter schon längst gelernt hatten, sich den königlichen Launen willig zu fügen, so setzte sie es in nicht geringes Erstaunen, als sie erfuhren, was ich mir bei meinem Auftreten im Hofkonzerte ausbedungen und auch wirklich bewilligt erhalten hatte. Es lenkte dies die allgemeine Aufmerksamkeit auf mich und hatte die Folge, daß mein Konzert in der Stadt außergewöhnlich zahlreich besucht war? Die[108]  königliche Kapelle unterstützte mich dabei auf das willfährigste, und der Kapellmeister Danzi suchte mir das Arrangement desselben möglichst zu erleichtern.
Danzi war überhaupt ein liebenswürdiger Künstler, und ich fühlte mich schon deshalb zu ihm hingezogen, weil ich bei ihm dieselbe hohe Verehrung für Mozart fand, von der ich selbst durchglüht war. Mozart und seine Werke waren der unerschöpfliche Stoff unsrer Unterhaltung, und noch jetzt besitze ich ein mir teures Andenken aus jener Zeit, ein vierhändiges Arrangement der G-moll-Symphonie von Mozart, von Danzi gemacht und eigenhändig geschrieben.
In Stuttgart machte ich auch die erste Bekanntschaft mit Carl Maria von Weber, mit dem ich dann bis zu seinem Tode stets in freundschaftlicher Verbindung blieb. Weber war damals Sekretär bei einem Prinzen von Württemberg und trieb die Kunst nur als Dilettant. Dies hinderte ihn aber nicht, fleißig zu komponieren, und ich erinnere mich noch sehr gut, damals als Muster von Webers Arbeiten einige Nummern aus der Oper »der Beherrscher der Geister« bei ihm gehört zu haben. Diese kamen mir, da ich ge wohnt war, bei dramatischen Arbeiten stets Mozart als Maßstab anzulegen, aber so unbedeutend und dilettantenmäßig vor, daß ich nicht im entferntesten ahnte, es werde Weber einst gelingen, mit irgendeiner Oper Aufsehen zu erregen!


Von den Konzerten, welche wir vor unsrer Rückkehr in die Heimat nun noch in Heidelberg und Frankfurt a.M. gaben, weiß ich aus der Erinnerung nichts Genaues mehr zu sagen. Ich gebe daher einige Auszüge aus den Berichten der Musikalischen Zeitung, wo es von Heidelberg zuerst heißt: »Eisenmengers Geige würde unvergessen bleiben, hätten die Heidelberger nicht in dem letzten Konzert das Vergnügen gehabt, den Herzogl. Goth. C.M. Louis Spohr in seiner Rodeschen Manier mit dem festen, gehaltenen und sehr gewandten Bogenstriche spielen zu hören. Seine Gattin spielte Harfe, wie man sie in Deutschland selten zu hören bekommt, – mit einer Zartheit, Leichtigkeit und Anmut, mit einer Sicherheit und Stärke, mit einem Ausdrucke, der hinreißend ist« usw.
Auffallend ist es mir, daß man meine Spielweise hier noch immer als die Rodesche bezeichnet, da ich mich doch damals schon ganz davon losgemacht zu haben glaubte. Vielleicht geschah es nur, weil ich der leichtern Begleitung wegen auch ein Rodesches Konzert zum Vortrage gewählt hatte, wie ich aus dem weitern Bericht ersehe.[109] 
Von Frankfurt wurde berichtet: »Von Konzerten fremder Virtuosen zeichneten sich vor allem zwei aus, die ich aber nur zu nennen habe, da der Ruf beider Virtuosen schon begründet ist und die Wirkung ihrer trefflichen Produktionen hier so glänzend war wie allerwärts. Ich meine zuerst Hrn. Konzertmeister Spohr aus Gotha und dessen kunstgebildete Gattin, welches treffliche Künstlerpaar am 28sten März auch bei uns den wohlverdienten, ausgezeichneten Beifall fand und mich an ein in gar manchem Betracht ähnliches Paar erinnerte, das vor 25 bis 30 Jahren in Mannheim und nachher in London glänzte – an Wilhelm Cramer, den großen Violinisten, und seine Gattin, die herrliche Harfenistin; ihre Harfe ist nicht groß genug für ihr volles und kräftiges Spiel und würde, wenn auch Spohr zuweilen mit seiner Violine sie meisterhaft unterstützte, das Ohr der viel verlangenden Zuhörer im großen Saale nicht befriedigt haben, hätte sie nicht durch ihr bezauberndes Spiel, durch den ätherischen Anhauch ihrer Töne, durch die geflügelte Hand, die im Arpeggio hundert Saiten auf einmal zum Tönen brachte, durch ihr tempo rubato, worin ihr Gatte nur eine Seele mit ihr auszuatmen schien, die Zuhörer zu einer Aufmerksamkeit gezwungen, die eine Stille hervorbrachte, worin man jeden Atemzug vernehmen konnte. Es war eine schwere Aufgabe, ohne alle Mithilfe zur Befriedigung der Laien und Musikverständigen ein ganzes Konzert mit ihrem Spiele auszufüllen. Nur ein Potpourri in variierten Themen von eigner Komposition brauchte Spohr zur Abwechslung und die Mozartsche Arie: Gedenke mein, von Hoffmann zur Harfe seiner Gattin gesungen, die außerdem meistens Kompositionen von ihrem Manne vorträgt. Ein unvergleichliches Konzert von Rode gab Spohr noch zur letzten und vollen Befriedigung der Zuhörer im letzten vollen Konzerte. Spohr macht sich übrigens noch durch seine Bereitwilligkeit verdient, talentvolle Männer aufzunehmen, die ihre letzte Ausbildung unter seiner Leitung suchen werden.«
Bei meiner Rückkehr nach Gotha wurde ich von meinen Schülern, deren einige während meiner Abwesenheit dort geblieben, andre kürzlich zurückgekehrt waren, einige Stunden vor der Stadt festlich eingeholt und von ihnen in meine sorgfältig geschmückte Wohnung geführt. Hier fanden wir Dorettens Verwandte versammelt, um uns zu begrüßen, und auch unser geliebtes, von der Großmutter gut gepflegtes Kind im blühendsten Wohlsein. Da wir auf unsrer Reise nicht nur reichlichen Beifall eingeerntet, sondern auch eine für unsre Verhältnisse nicht unbedeutende Summe erübrigt hatten, so fühlten wir uns, in unsre Häuslichkeit zurückgekehrt, nun recht sorgenfrei und glücklich.[110] 
Sobald ich die Leitung der Hofkonzerte wieder übernommen hatte, drängte es mich zu neuen Kompositionsarbeiten. Zuerst schrieb ich einen Potpourri mit Orchesterbegleitung (op. 23 bei André in Offenbach) auf, den ich bereits während der Reise größtenteils im Wagen ersonnen hatte. Ich war sehr begierig, eine in demselben enthaltene und, wie es mir damals schien, sehr künstliche Kombination zweier Themen auf dem Papiere zu sehen, und noch begieriger, sie vom Orchester ausführen zu hören. Dieser Potpourri beginnt nämlich mit einem heitern, für die Solostimme brillanten Allegro in G-dur, woran sich das Thema aus der Entführung: »Wer ein Liebchen hat gefunden« in G-moll anschließt. Nachdem dieses fünfmal abwechselnd in Moll und Dur variiert worden ist, wird es als sechste Variation von den Blasinstrumenten aufgenommen und in freifugierten Eintritten eine Zeitlang durchgeführt. Bei der Rückkehr in die Haupttonart übernimmt dann das erste Horn die Melodie des Liedes in Dur und führt sie vollständig zu Ende. Hierzu ertönt nun sehr überraschend das Einleitungs-Allegro der Prinzipal-Stimme von neuem und umschlingt sie gleichsam als freie Phantasie, während es früher als selbständiges Musikstück erschien. Ich war mit der Wirkung dieser Kombination bei der Probe sehr zufrieden, mußte jedoch, als ich nun den Potpourri im Hofkonzerte vortrug, zu meinem Leidwesen erleben, daß meine sinnreiche Zusammenstellung der beiden Themen nur von einigen Musikern bemerkt wurde, an den übrigen Zuhörern aber spurlos vorüberging.
Das nächste, was ich nun schrieb, war die Konzertante für zwei Violinen (op. 48 bei Peters in Leipzig). Hierzu veranlaßte mich zunächst die Virtuosität einer meiner Schüler, eines Herrn Hildebrandt aus Rathenow, mit dem ich gern zusammen spielte. Dieser junge Mann hatte unter meiner Leitung binnen einem Jahre so bedeutende Fortschritte gemacht, daß er einer der ersten Geiger Deutschlands zu werden versprach. Leider trat später der völligen Ausbildung seines Talentes eine, ich weiß nicht mehr durch welchen Unfall herbeigeführte Verwundung der linken Hand entgegen, weshalb er in der musikalischen Welt nicht so bekannt geworden ist, als dieses damals zu erwarten stand. Dieser Schüler hatte sich die Vortragsweise seines Lehrers in allen Nuancen so zu eigen gemacht, daß er als ein treues Abbild desselben gelten konnte. Unser Zusammenspiel war daher auch ein so einiges, daß, ohne auf uns zu sehen, nicht herauszuhören war, wer von uns die obere, wer die untere Stimme spiele. In solcher Weise hatten wir nun auch die neue Konzertante eingeübt, bevor wir sie im Hofkonzerte vortrugen. Wir machten damit aber auch solches Glück, daß die Herzogin die Wiederholung[111]  derselben schon im nächsten Konzerte verlangte und sie auch später, solange Hildebrandt noch in Gotha verweilte, immer wieder auf das Programm gesetzt haben wollte, wenn Fremde bei Hofe zu Besuch waren.
Da meine Schüler damals mit mir so ziemlich von gleichem Alter und wohlerzogene, gebildete und für ihre Kunst begeisterte junge Leute waren, so hatte ich sie gern um mich und liebte es, mich von ihnen auf meinen Spaziergängen und kleinen Exkursionen in die Umgebung begleiten zu lassen. Ich schloß mich dann ihrem Tun und Treiben in allem an, turnte und schlug Ball mit ihnen und lehrte sie schwimmen. Ja, ich war wohl etwas mehr en camerade mit ihnen, als es die Würde des Lehrers seinen Schülern gegenüber gestattet. Doch litt meine Autorität dadurch nicht; denn ich wußte sie nicht nur streng während der Unterrichtsstunden, sondern auch außerdem stets aufrecht zu erhalten.
So hatte ich bereits im Frühjahr einen größern Ausflug mit meinen Schülern nach Liebenstein und auf den Inselsberg gemacht und war so befriedigt von dieser Reise zurückgekehrt, daß ich mich nun sehnte, in gleicher Weise auch einmal meinen geliebten Harz mit ihnen besuchen zu können Ganz unverhofft verschaffte mir eine Abwesenheit der Herzogin, wodurch einige Hofkonzerte ausfielen, den nötigen Urlaub dazu. Ich schlug daher sogleich meinen Schülern eine Fußreise auf den Harz vor und erhielt ihre freudige Zustimmung. Da diesmal unsre Abwesenheit vierzehn Tage dauern sollte, so konnte der Unterricht ohne großen Nachteil für die Schüler auf so lange nicht ausgesetzt bleiben. Ich beschloß daher, ihn auf der Reise in der gewohnten Weise fortzusetzen. Zu diesem Behufe nahm ich zwei Geigen mit, womit der Orchesterdiener Schramm, ein noch junger, mir sehr zugetaner Mann, bepackt wurde, während wir selbst das übrige, in zwei Tornister verteilte Gepäck trugen.
Bevor sich die Karawane in Bewegung setzen konnte, hatte ich noch meine Frau zu trösten, die sich in eine so lange Trennung, die erste seit unserer Verheiratung, nicht zu finden wußte und in Strömen von Tränen zerfloß. Erst als ich versprochen hatte, ihr jeden zweiten Tag zu schreiben, vermochte sie sich etwas zu beruhigen, und doch dauerte es noch lange, bis sie mich aus ihren Armen ließ. Auch mir war diese erste Trennung eine höchst schmerzliche!
Wie weit wir am ersten Tage kamen, und wo wir die folgenden Nächte blieben, erinnere ich mich nicht mehr; doch weiß ich noch sehr gut, daß[112]  ich bei jeder Mittagsrast zweien meiner Schüler regelmäßig Unterricht erteilte und streng darauf hielt, daß sie am Abend, sobald das Nachtquartier erreicht war, abwechselnd übten. So waren wir am dritten oder vierten Tage bei großer Hitze eine Stunde hinter Nordhausen angelangt und hatten uns ermüdet in den Schatten einer Eiche am Ufer eines großen Teiches zur Ruhe niedergesetzt, als durch einen unglücklichen Zufall einer von unsern Tornistern das abschüssige Ufer hinabrollte und in das Wasser fiel, und zwar so entfernt vom Ufer, daß wir ihn mit unsern Wanderstäben nicht erreichen konnten. Da das Wasser tief war, so mußte ich mich, als der einzige geübte Schwimmer, schon entschließen ihn wieder herauszuholen Doch ehe ich noch die Kleider abwerfen konnte, hatte der Tornister so viel Wasser eingesogen, daß er zu sinken begann. Ich mußte daher auf der Stelle, wo er verschwunden war, untertauchen, bis es mir gelang, ihn wieder aufzufinden. Nachdem er ans Ufer gebracht und geöffnet war, fand sich sein Inhalt so durchnäßt, daß man ihn auf einem sonnigen Rasenplatze zum Trocknen ausbreiten mußte. Da vorauszusehen war, daß dies mehrere Stunden aufhalten würde, der Mittag herannahete und mit ihm sich der Hunger einstellte, so beschloß ich, hier die gewöhnliche Mittagsrast zu halten und dazu Lebensmittel aus Nordhausen herbeischaffen zu lassen. Das Los bestimmte einen der Schüler, sie einzukaufen, und Schramm begleitete ihn, um sie herzutragen. Unterdessen gab ich unter der großen Eiche meine beiden Lektionen, und die dabei nicht beschäftigten Schüler badeten sich auf einer seichtern Stelle des Teiches. Nach zwei Stunden kehrten die Ausgesandten schwer bepackt zurück, und nun wurde im Schatten der lieben Eiche, die sich gleich willig zum Speise- wie zum Konzertsaale hergab, ein köstliches Diner serviert und in fröhlichster Laune und mit dem besten Appetit verzehrt. Dabei erschallten fröhliche vierstimmige Männergesänge, von denen wir eine ansehnliche Sammlung mit uns führten und auch bereits recht gut eingeübt hatten. Hierauf wurden die nun wieder getrockneten Effekten eingepackt, und der Zug setzte sich von neuem in Bewegung.
In solch lustiger Weise besuchten wir alle bemerkenswerten Punkte des Unterharzes und bestiegen dann den Brocken. Dort angelangt, erging es uns wie neun Zehnteilen aller Reisenden; wir fanden ihn in Nebel eingehüllt und warteten bis zum folgenden Mittage vergebens, daß er sich enthüllen und uns eine Aussicht in die Ferne gestatten werde. Wir suchten unsern Verdruß darüber, so gut es gehen wollte, durch Singen, Spielen und Durchblättern der zahlreichen Bände des Brockenalbums[113]  niederzukämpfen, ja, einer brachte sogar unsre Jeremias-Klagelieder über dieses Mißgeschick in ganz leidliche Reime, die ich sogleich zu einem dreistimmigen Kanon verarbeitete. Dieser wurde eingeübt, im Brockenhause sowie auch außerhalb desselben im Nebel fleißig gesungen und dann endlich neben unsere Namen ins Brockenbuch eingeschrieben, immer noch in der Hoffnung, es werde sich endlich doch aufklären. Aber vergebens! So mußten wir uns entschließen, unsern Stab weiterzusetzen.
Wir nahmen nun die Richtung nach Clausthal und hatten noch den Ärger, daß wir, in der Ebene angelangt, nunmehr die Brockenspitze eine Stunde später, wie wir sie verlassen, im hellsten Sonnenlichte glänzen sahen! – In Clausthal angekommen, mußte es unsre erste Sorge sein, die auf der Reise ungebührlich angewachsnen Bärte abnehmen zu lassen, um wieder ein etwas zivilisiertes Ansehen zu gewinnen. Wir ließen daher einen Bartscherer kommen und lieferten uns ihm einer nach dem andern unter das Messer. Dabei ereignete sich etwas sehr Komisches! Wir hatten sämtlich mehr oder weniger vom Halten der Geige unter dem Kinn eine wunde Stelle, und ich, der sich zuerst niedersetzte, machte den Barbier auf diese aufmerksam und forderte ihn auf, mit dem Messer schonend darüber hinzugehen. Als dieser nun bei jedem Folgenden denselben wunden Fleck wiederfand, verzog sich sein Gesicht immer mehr in ein pfiffiges Lächeln, auch murmelte er wiederholt etwas in sich hinein. Darüber befragt, sagte er dann mit wichtiger Miene: »Meine Herren, ich merke, daß Sie sämtlich zu einem geheimen Bunde gehören und dessen Abzeichen an sich tragen. Wahrscheinlich sind Sie Freimaurer, und ich freue mich, endlich zu wissen, woran man diese erkennen kann!« Als hierauf alle in ein lautes Gelächter ausbrachen, war er anfangs verdutzt, ließ sich aber in seinem Glauben doch nicht irre machen.
Nachdem wir eine Grube befahren und die Pochwerke und Schmelzhütten besucht hatten, setzten wir unsern Weg über Wildemann nach Seesen fort. Dort wurden wir von meinen Eltern und Geschwistern sowie von den Musikfreunden des Städtchens mit Jubel empfangen. Nun wurde vom Morgen bis zum Abend musiziert, ja sogar ein öffentliches Konzert veranstaltet, in welchem wir alle unsre Künste im Spielen und Singen zum besten gaben. Den Ertrag desselben schenkten wir der Armenschule zur Anschaffung neuer Schulbücher.
Höchst befriedigt von unsrer Reise kehrten wir über Göttingen und Mühlhausen nach Gotha zurück. Noch gedenke ich mit Rührung der innigen Freude, mit der mich mein liebes Weibchen bewillkommnete,[114]  und nie habe ich lebhafter empfunden, welch ein Glück es gewährt, geliebt zu sein!
In dieser Zeit trug mir ein junger Dichter, ein Kandidat der Theologie, der in Gotha seiner Anstellung harrte, eine von ihm gedichtete Oper zur Komposition an, und ich ergriff mit Freude diese Gelegenheit, mich nochmals, und wie ich hoffte, nun mit besserm Erfolge, in der dramatischen Komposition zu versuchen. Die Oper hieß »Alruna, die Eulenkönigin«, war nach einer alten Volkssage bearbeitet und hatte dem Stoffe nach viel Ähnlichkeit mit dem »Donauweibchen«, das damals so allgemeines Aufsehen erregte. Ich begann sogleich meine Arbeit mit großem Eifer und vollendete die drei Akte der Oper, noch ehe das Jahr zu Ende ging. Da einige Nummern daraus, die ich im Hofkonzerte zu hören gab, großen Beifall fanden, so ermutigte mich dies, mein Werk dem Hoftheater in Weimar zur Aufführung anzutragen. Ich reisete selbst hin, um Herrn von Goethe, den Intendanten des Theaters, und Frau von Heygendorff, die erste Sängerin und Geliebte des Herzogs, günstig dafür zu stimmen. Ersterm überreichte ich das Buch, der letztern die Partitur der Oper. Da sie darin für sich und ihren Günstling Strohmeyer brillante Partien fand, so versprach sie, die Annahme der Oper zu befürworten, und da ich wußte, daß diese nur von ihr abhing, kehrte ich mit den besten Hoffnungen nach Gotha zurück. Doch bedurfte es noch mancher Erinnerung von meiner Seite, und es vergingen Monate darüber, bis es endlich zum Einstudieren der Oper kam. Als dieses dann soweit gediehen war, daß eine große Orchesterprobe stattfinden konnte, lud Frau von Heygendorff mich ein, diese zu dirigieren. Ich reisete daher zum zweitenmal nach Weimar, diesmal in Begleitung des Dichters.
Da ich nach Vollendung der Oper schon wieder allerhand Neues geschrieben hatte, so war sie meinem Gedächtnis ziemlich entschwunden, und ich glaubte, sie deshalb nun um so unbefangener beurteilen zu können. – Die Probe fand in einem Saale bei Frau von Heygendorff statt. Es hatten sich außer dem Intendanten, dem Herrn von Goethe, auch die Musikfreunde der Stadt, unter diesen Wieland, zum Zuhören eingefunden. Die Sänger hatten ihre Partien gut studiert, auch das Orchester hatte bereits eine Vorprobe gehalten, es wurde daher die Oper unter meiner Leitung recht gut exekutiert. Sie gefiel allgemein, und man überhäufte den Komponisten mit Lobsprüchen. Auch Herr von Goethe sprach sich lobend darüber aus. Nicht so gut kam der Dichter weg. Goethe hatte allerlei an dem Buche auszusetzen und verlangte besonders, daß[115]  die Dialoge, die in Jamben geschrieben waren, erst in schlichte Prosa umgesetzt und bedeutend abgekürzt werden müßten, bevor die Oper zur Aufführung kommen könne. Dies Verlangen war dem Dichter besonders schmerzlich, da er sich auf seine metrischen Dialoge viel einbildete. Er erklärte sich gegen mich demohngeachtet bereit, die verlangte Abänderung vorzunehmen, konnte aber wegen andrer dringender Arbeit nicht sogleich dazu kommen. Mir war dies lieb, denn mit Ausnahme weniger Nummern hatte mir meine Musik bei der Probe in Weimar nicht genügt, sosehr sie auch dort gefiel, und es quälte mich von neuem der Gedanke, daß ich für dramatische Musik kein Talent besitze. Die Oper wurde mir daher immer gleichgültiger, und ich sah es gern, daß sich die Aufführung verzögerte. Endlich wurde mir der Gedanke, sie aufgeführt und veröffentlicht zu sehen, so fatal, daß ich die Partitur zurücknahm. Es ist daher auch außer der Ouvertüre, die als op. 21 bei André in Offenbach erschienen ist, nie etwas daraus gestochen worden. Ich war übrigens ungerecht gegen diese Arbeit, denn sie zeigt, mit der ersten Oper verglichen, doch unverkennbar einen großen Fortschritt im dramatischen Stil.
Im Jahre 1808 war zu Erfurt der berühmte Fürstenkongreß, bei welchem Napoleon seinen Freund, den Kaiser Alexander, und die deutschen Könige und Fürsten bewirtete. Alle Neugierige der Umgegend strömten hin, um die Pracht anzustaunen, die sich dort entfaltete. Auch ich machte in Gesellschaft einiger meiner Schüler eine Fußpartie nach Erfurt, weniger um die Großen der Erde, als die Größen des Théâtre français, Talma und die Mars, zu sehen und zu bewundern. Der Kaiser hatte nämlich seine tragischen Schauspieler aus Paris kommen lassen und ließ jeden Abend eines der klassischen Werke von Corneille oder Raçine aufführen. Einer solchen Vorstellung hoffte ich nebst meinen Gefährten beiwohnen zu dürfen; leider erfuhr ich aber, daß sie nur für die Fürsten und ihr Gefolge stattfänden und jeder andre davon ausgeschlossen sei. Ich hoffte nun, durch Vermittlung der Musiker Plätze im Orchester zu finden, aber auch dieses schlug fehl, da denselben aufs strengste untersagt war, irgend jemand mit hineinzunehmen. Endlich fiel mir der Ausweg ein, daß ich und meine drei Schüler an der Stelle ebenso vieler Musiker die Zwischenakte mitspielen und so der Vorstellung beiwohnen könnten. Da wir es uns etwas kosten ließen und die Musiker wußten, daß die Stellvertreter ihre Plätze genügend ausfüllen würden, so gaben sie ihre Zustimmung. Nun zeigte sich aber eine neue Schwierigkeit: es konnten nur drei von uns bei den beiden Violinen und der Viola plaziert[116]  werden, und da keiner von uns ein andres Orchesterinstrument außer jenen spielte, so hätte einer zurückbleiben müssen. Da kam ich auf den Gedanken zu versuchen, ob ich nicht bis zum Abend so viel auf dem Horn erlernen könne, daß ich imstande sei, die Partie des zweiten Horns zu übernehmen. Ich ließ mir sogleich von dem, dessen Stelle ich einnehmen wollte, das Horn geben und begann meine Studien. Anfangs kamen fürchterliche Töne zum Vorschein; doch nach einer Stunde gelang es mir schon, die natürlichen Töne des Horns zur Ansprache zu bringen. Nach Tische, während meine Schüler spazierengingen, erneuerte ich im Hause des Stadtmusikus meine Übungen, und obgleich mir die Lippen sehr wehe taten, so ruhete ich doch nicht eher, als bis ich meine Hornstimme der allerdings leichten Ouvertüre und der Zwischenakte, die am Abend gespielt werden sollten, fehlerlos herausbringen konnte.
So vorbereitet schloß ich mich nebst meinen Schülern den andern Musikern an, und da jeder sein Instrument unter dem Arme trug, so kamen wir auch unangefochten glücklich zu unsern Plätzen. Wir fanden den Saal, in welchem das Theater aufgeschlagen war, schon glänzend erleuchtet und mit dem zahlreichen Gefolge der Fürsten angefüllt. Dicht hinter dem Orchester befanden sich die Plätze für diese selbst. Bald nachdem der fähigste meiner Schüler, dem ich die Leitung der Musik übertragen und dessen Direktion ich mich selbst als neugebackner Hornist untergeordnet hatte, das Orchester hatte einstimmen lassen, erschien der Kaiser mit seinen Gästen, und die Ouvertüre begann. Das Orchester bildete, mit dem Gesicht nach dem Theater gekehrt, eine lange Reihe, und es war jedem Mitwirkenden streng untersagt, sich umzukehren und die Fürsten neugierig zu betrachten. Da ich davon im voraus unterrichtet war, hatte ich einen kleinen Spiegel zu mir gesteckt, mit dessen Hülfe ich, sobald die Musik geendet hatte, unbemerkt die Lenker der europäischen Geschicke, einen nach dem andern genau betrachten konnte. Bald zog mich indessen das vortreffliche Spiel der tragischen Künstler so ausschließlich an, daß ich den Spiegel meinen Schülern überließ und meine ganze Aufmerksamkeit dem Theater zuwandte. – Bei jedem der folgenden Zwischenakte mehrten sich aber die Schmerzen an meinen Lippen, und nach Beendigung der Vorstellung waren sie so angeschwollen und wund geworden, daß ich kaum zu Abend essen konnte. Selbst am andern Tage bei der Rückkehr nach Gotha sahen sie noch sehr negerartig aus, und meine Frau war daher nicht wenig erschrocken, als sie mich wiedersah; fast aber noch mehr stutzte sie, als ich ihr scherzend[117]  sagte, es komme das vom vielen Küssen der Erfurterinnen! Nachdem ich ihr jedoch die Geschichte meiner Hornstudien mitgeteilt hatte, wurde ich tüchtig von ihr ausgelacht. In jener Zeit (ich erinnere mich jedoch nicht mehr, ob auf der Reise nach Erfurt oder auf einer früheren) übernachtete der Kaiser Napoleon auch einmal im Schlosse zu Gotha, und es wurde daher am Abend vorher ein Hofkonzert angesagt. Ich und meine Frau hatten die Ehre, vor dem Allgewaltigen zu spielen, und er richtete einige freundliche Worte an uns. Auch erhielten wir am folgenden Tage unsern Anteil an den 100 Napoleondors, die er als Geschenk für die Hofkapelle zurückgelassen hatte.

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Damals stand der Herzog von Gotha sehr in Gunst bei ihm, und man hoffte davon viel Gutes für das Land. Später mußte er aber sie durch irgend etwas verscherzt haben, denn es ereignete sich bei einer spätern Durchreise des Kaisers eine Szene, welche die Bewohner Gothas mit Ingrimm gegen den Tyrannen erfüllte. – Man erwartete den Kaiser um elf Uhr. Es war daher im Schlosse Friedrichsthal, wo der Hof im Sommer wohnte, ein Frühstück vorbereitet und der Hofstaat in Gala versammelt. Die Gothaischen Postpferde warteten bereits angeschirrt im Schloßhofe, um den Kaiser sogleich nach eingenommenen Frühstück weiter zu befördern. Endlich ertönte oben am Friedenstein der erste Salutschuß, deren bei jeder Durchreise des Kaisers 101 abgefeuert wurden. Bald darauf rollte sein Wagen heran. Der Herzog, vom Hofstaat umgeben, stand entblößten Hauptes bereits am Gittertor, nahete sich demutsvoll dem Wagen und bat, daß Seine Kaiserl. Majestät geruhen wolle, ein Frühstück einzunehmen. Ein kurzes non! und der Befehl an seinen Mamelucken, die Pferde vorhängen zu lassen, war die Antwort. Ohne den Herzog weiter eines Wortes oder Blickes zu würdigen, lehnte er sich im Wagen zurück und ließ den Fürsten in der peinlichsten Verlegenheit am geschlossenen Schlage stehen. Der Herzog erblaßte vor innerm Grimme, sich so in Gegenwart seines Hofes und Volkes beschimpft zu sehen, und hatte doch nicht den Mut, sogleich ins Schloß zurückzukehren. So vergingen in lautloser Stille fünf bis sechs fürchterlich lange Minuten, bis endlich die Pferde angespannt waren. Beim ersten Anziehen derselben wurde der Kopf des Kaisers noch einmal sichtbar, und mit einem kalten Nicken fuhr er von dannen. Der Herzog kehrte wie vernichtet ins Schloß zurück, und die Bürger äußerten laut ihre Wut, daß der übermütige Korse ihren Fürsten so beschimpft hatte!
Am 6. November 1808 wurde ich von meiner Gattin mit einem zweiten Töchterchen beschenkt, das, von der Stiefschwester meiner Frau, Madame[118]  Hildt, über die Taufe gehalten, den Namen »Ida« bekam. Die Niederkunft ging ebenso leicht und glücklich wie die frühre vonstatten, und das Befinden der Wöchnerin war in den ersten Tagen vortrefflich. Hierdurch verleitet, hatte sie aber zu früh das Bett verlassen, sich erkältet und die traurige Folge davon war, daß sie von einem heftigen Nervenfieber ergriffen wurde. Mehrere Tage schwebte ihr Leben in großer Gefahr! Ich verließ sie weder Tag noch Nacht, da sie nur von mir gern Pflege annahm. Was ich an ihrem Krankenlager litt, läßt sich nicht beschreiben! Geängstigt von ihren Fieberphantasien, von der bedenklichen Miene des Arztes, der meinen Fragen auswich, gepeinigt von innern Vorwürfen, sie nicht besser gehütet zu haben, fand ich während der Krisis der Krankheit auch nicht einen Augenblick Ruhe. Endlich verkündete die wieder heiter gewordne Miene des Arztes, daß die Gefahr vorüber sei, und ich, dem in den letzten Tagen erst recht klar geworden war, was ich an meiner Frau besitze und wie unendlich ich sie liebe, fühlte mich nun unaussprechlich glücklich. Die Genesung machte rasche Fortschritte; doch blieb eine große Schwäche zurück, von der Dorette erst im Frühjahr völlig befreit wurde, als ich auf den Rat des Arztes eine Gartenwohnung mietete und ihr dadurch den fortwährenden Genuß der frischen Luft verschaffte. Hierdurch gestärkt, begann sie dann nach und nach auch wieder ihre musikalischen Studien, die sie fast ein halbes Jahr lang hatte aussetzen müssen.
In dem Verzeichnisse meiner sämtlichen Kompositionen, das ich bald nach meiner Anstellung in Gotha begann und bis in die neueste Zeit fortführte, sind vom Jahr 1808 außer den bereits genannten Kompositionen noch folgende verzeichnet: Zwei Violinduetten (Op. 9) und eines für Violine und Viola (Op. 13), Variationen für die Harfe und zwei Quartetten für Streichinstrumente. In Quartetten, wohl der schwierigsten aller Kompositionsgattungen, hatte ich mich schon ein Jahr früher versucht. Es ging mir aber damit wie mit den Gesangskompositionen. Bald nach ihrer Vollendung gefielen sie mir nicht mehr. Ich würde sie deshalb auch nie veröffentlicht haben, hätte sie mir nicht mein Verleger in Leipzig, Herr Kühnel, bei dem ich sie im Herbst 1807 spielte, fast mit Gewalt zurückbehalten und bald darauf als Op. 4 herausgegeben. Die beiden neuen Quartetten (Op. 15, ebenfalls bei Kühnel) gefielen mir nun zwar etwas länger; doch habe ich es später, als ich im Quartettstil Bessres zu leisten erlernt hatte, ebenfalls bereut, sie herausgegeben zu haben. Die beiden ersten Quartetten dedizierte ich dem Herzoge von Gotha, doch nur, weil dieser es selbst verlangte.[119]  Denn so gern ich meine Arbeiten Künstlern und Kunstfreunden als ein Zeichen meiner Achtung und Freundschaft widmete, so konnte ich es doch in meinem Künstlerstolz nie über mich gewinnen, sie des Gewinnes wegen den Fürsten zuzueignen, es sei denn, daß diese es ausdrücklich begehrten.
In jener Zeit, wo der Herzog mich aufforderte, ihm meine Kompositionen zu dedizieren, ließ er mich auch öfters zu sich rufen, um sich mit mir über seine Kunstliebhabereien zu unterhalten. Er war bekanntlich trotz seiner Sonderbarkeiten ein Mann von Geist und Bildung, wie seine im Druck erschienenen Dichtungen und sein Briefwechsel mit Jean Paul hinlänglich dartun. Um die Regierungsgeschäfte bekümmerte er sich jedoch nicht im mindesten und überließ sie ausschließlich dem Geheimerate von Frankenberg, der daher der eigentliche Regent des Landes war. Genötigt, pro forma den Sitzungen des Geheimen-Rates beizuwohnen, langweilte er sich bei dem dort Verhandelten fortwährend und suchte es daher möglichst abzukürzen, indem er seine Teilnahmslosigkeit selbst persiflierend sagte: »Wollen die Herren Geheimeräte nun nicht bald die Gnade haben, zu befehlen, was ich befehlen soll?«
Damals hatte er, vielleicht durch meine Gesangskompositionen angeregt, Lust bekommen, eines seiner größern Gedichte, eine Art von Kantate in Musik zu setzen. Er erzeigte mir die Ehre, mich darüber zu Rate zu ziehen. Da der Herzog es aber wahrscheinlich nicht über sich gewinnen konnte, mich seine Unwissenheit in der Musik merken zu lassen, so wandte er sich wegen der Ausführung an seinen alten Musiklehrer, den Konzertmeister Reinhardt. Von diesem habe ich dann später einmal in einer unbewachten, vertraulichen Stunde erzählen hören, wie die Komposition der Kantate zustande kam. Der Herzog las seinem am Klavier sitzenden Lehrer einen Satz des Textes vor und setzte ihm seine Ansichten über die Art, wie er komponiert werden müsse, auseinander. Reinhardt mußte ihm dann, weil der Herzog einmal von der Charakteristik der Tonarten gehört oder gelesen hatte, verschiedene derselben in Akkordfolgen anschlagen, damit er die richtigen für seinen Text herausfinde. War dieser heiter, so wurde eine Tonart in Dur, war er traurig, eine in Moll gewählt. Nun geschah es aber eines Tages, daß dem Herzog für seinen Text das Dur zu heiter und das Moll zu traurig war; und er verlangte daher von dem armen Reinhardt, er solle ihm die Tonart in halb Moll anschlagen! – Waren sie nun über diesen Punkt einig, dann mußte die für den Text passende Melodie gefunden[120]  werden. Der Herzog pfiff also alles, was ihm von Melodien einfallen wollte, und überließ es dann dem Lehrer, diejenige herauszufinden, welcher sich der Text am bequemsten unterlegen ließ. Waren so einige Zeilen des Gedichtes erledigt, so ging man zu den folgenden über. Der solcher Weise in den Weihestunden des Herzogs zustande gebrachte Entwurf wurde nun, da Reinhardt nicht komponieren, wenigstens nicht instrumentieren konnte, dem Kammermusikus Backofen übergeben, um daraus die Partitur zu machen. Dieser konnte von den ihm überlieferten Materialien begreiflicherweise nur sehr wenig gebrauchen und mußte daher die Kantate so gut wie ganz neu komponieren. Da er aber viel Kompositionstalent besaß, so entstand unter seinen Händen eine Musik, die sich recht gut anhören ließ. Das so vollendete Werk wurde nun ausgeschrieben, unter meiner Leitung sorgfältig eingeübt und dann im Hofkonzerte aufgeführt. Der Herzog, der doch wohl ein wenig verwundert sein mochte, wie gut seine Musik klang, nahm mit zufriedner Miene die Glückwünsche und Huldigungen des Hofes entgegen, belobte mich, daß ich bei dem Einüben so gut in seine Intentionen einzugehen gewußt habe, und ließ seinen beiden Mitarbeitern heimlich ihr Honorar auszahlen. So war alle Welt zufrieden gestellt!
Im Winter 1808 bis 9 veranstaltete ich zum Besten des Hoforchesters Abonnementskonzerte in der Stadt. Da diese aber nichts Beßres bieten konnten, als was die Hofkonzerte ebenfalls brachten, und letztere von den Musikfreunden der Stadt, für die im Konzertsaale hinter dem Orchester ein geräumiger Platz vorbehalten war, sehr zahlreich besucht wurden, so fanden sie nur wenig Teilnahme. Der Ertrag war daher nach Abzug der Kosten ein so geringer, daß man es nicht der Mühe wert fand, das Unternehmen zu wiederholen.
In einem dieser Konzerte trat Herr Hermstedt, Direktor der Harmoniemusik des Fürsten von Sondershausen, als Klarinettist auf und erregte durch seine schon damals ausgezeichnete Virtuosität großes Aufsehen. Er war nach Gotha gekommen, um mich zu bitten, ihm ein Klarinettkonzert zu schreiben, wofür sein Fürst unter der Bedingung, daß Hermstedt es als Manuskript besitze, ein nicht unbedeutendes Honorar zu zahlen sich erbot. Ich ging gern auf den Vorschlag ein, da mir die immense Fertigkeit, welche Hermstedt neben schönem Ton und reiner Intoniation besaß, volle Freiheit gewährte, mich ganz meiner Phantasie zu überlassen. Nachdem ich mit Hermstedts Hilfe mich ein wenig mit der Technik des Instrumentes bekannt gemacht hatte, ging ich rasch an die Arbeit und vollendete sie in wenigen Wochen. So[121]  entstand das C-moll-Konzert, (einige Jahre später als Op. 26 bei Kühnel gestochen), mit welchem Hermstedt auf seinen Kunstreisen so großes Glück machte, daß man wohl behaupten kann, er verdanke ihm hauptsächlich seinen Ruf. Ich überbrachte es ihm selbst bei einem Besuch in Sondershausen zu Ende des Januars 1809 und weihete ihn in die Vortragsweise desselben ein. Bei dieser Gelegenheit trat ich in einem von Hermstedt veranstalteten Konzert auch als Geiger auf und spielte zum erstenmal mein Konzert in G-moll (Op. 28), welches erst einige Tage vorher fertig geworden war, und einen ebenfalls neuen Potpourri (Op. 24). Der Hofsekretär Gerber, Verfasser des Tonkünstler-Lexikons, berichtet darüber sowohl in dem genannten Werke unter dem Artikel Spohr, als auch in einem mit Begeisterung geschriebenen Aufsatze der Musikalischen Zeitung, welcher in Nummer 26 des elften Jahrganges abgedruckt ist. Der dritte Satz dieses Konzertes ist ein spanisches Rondo, dessen Melodien nicht von mir erfunden, sondern echt spanische sind. Ich erhorchte sie von einem bei mir einquartierten spanischen Soldaten, der zur Guitarre sang. Ich notierte, was mir gefiel, und verwebte es in mein Rondo. Um diesem dann noch mehr den spanischen Charakter zu geben, kopierte ich auch in der Orchesterpartie die Guitarrebegleitung, wie ich sie von dem Spanier gehört hatte.
Zu Anfang desselben Winters erhielt ich auch einen Besuch vom Kapellmeister Reichardt aus Kassel und machte so zuerst dessen persönliche Bekanntschaft. Reichardt erzählte, er reise im Auftrag seines Hofes nach Wien, um Sänger für ein in Kassel zu errichtendes deutsches Theater zu engagieren. Diese Angabe erwies sich später als falsch, da Reichardt schon damals aus westfälischen Diensten entlassen war. Ich hatte mich durch Reichardts herbe Kritik meines Spiels bei meinem ersten Auftreten in Berlin anfangs sehr verletzt gefühlt; da ich aber bald zu der Erkenntnis kam, daß sie manches Wahre und Begründete enthalte, und dies mir Veranlassung wurde, mich von den gerügten Mängeln meines Vortrags frei zu machen, so war an die Stelle der frühern Empfindlichkeit nun längst ein Gefühl der Dankbarkeit getreten. Ich empfing daher meinen Gast mit großer Herzlichkeit und veranstaltete ihm zu Ehren sogleich eine Musikpartie bei mir, in welcher ich ihm meine beiden neuen, eben vollendeten Violinquartetten zu hören gab. Da ich in jener Zeit von Reichardts Kompositionen noch nichts als ein paar gelungene Lieder kannte und daher den berühmten Verfasser der »Vertrauten Briefe aus Paris« und den gefürchteten Kritiker noch für einen großen Komponisten hielt, so legte ich Wert auf[122]  dessen Urteil und sah ihm mit Spannung entgegen. Ich fühlte mich daher nun von neuem unangenehm berührt, als Reichardt auch an diesen Quartetten allerhand auszusetzen hatte und dies sans gêne aussprach. Vielleicht war es aber nur die selbstgefällige Miene der Unfehlbarkeit, mit der dieser seine Urteile verkündete, von der ich mich verletzt fühlte; denn später mußte ich mir abermals gestehen, daß in Reichardts Ausstellungen manches Begründete enthalten sei. Besonders war es eine Bemerkung, derer ich mich bei spätern Arbeiten noch oft erinnerte. Ich hatte nämlich in einem Adagio von Anfang bis zu Ende nach Mozartscher Weise eine Figur bald in der einen, bald in der andern Stimme durchgeführt und in meiner Freude über die künstlichen Verschlingungen nicht bemerkt, daß dies zuletzt monoton wurde. Reichardt aber, obwohl er die Durchführung lobte, sprach dies schonungslos aus und setzte noch boshaft hinzu: »Sie ruheten nicht eher, als bis sie die Figur zu Tode gehetzt hatten!«
Im Frühjahr 1809 sah ich mich durch die außergewöhnlichen Ausgaben, die die Niederkunft und die darauffolgende Krankheit meiner Frau wie der dadurch nötig gewordene Umzug in eine zweite Wohnung außerhalb der Stadt verursacht hatten, so in meinen Finanzen bedrängt, daß ich ernstlich wünschen mußte, die Zusage baldiger Gehaltserhöhung, die mir bei meiner Anstellung gemacht worden war, zur Wahrheit werden zu sehen. Ich wandte mich daher mit einem Gesuche an den Herzog, welches aber, da dieser sich um Verwaltungsangelegenheiten nicht bekümmerte, ganz ohne Erfolg blieb und wahrscheinlich ungelesen bei Seite gelegt war. Der Intendant, Baron von Reibnitz, riet mir daher, mich nun an den Geheimerat von Frankenberg zu wenden und diesem persönlich mein Gesuch um Gehaltszulage zu überreichen. Ich befolgte den Rat und pilgerte an einem schönen Frühlingsnachmittag nach dem Gute des Geheimerats, welches, eine halbe Stunde von Gotha entfernt, an der Erfurter Straße lag. Ich traf ihn in seinem Garten unter einer großen Linde sitzend und mit seiner Tochter Schach spielend. Da ich dieses Spiel seit meiner frühesten Jugend kannte, übte und leidenschaftlich liebte, so wandte ich nach kurzer Begrüßung der Spielenden sogleich meine ganze Aufmerksamkeit der eben gespielten Partie zu. Als dies der Geheimerat bemerkte, ließ er für mich neben den Spieltisch einen Stuhl setzen und spielte ruhig weiter. Das Spiel stand bei meiner Ankunft schon sehr schlecht für die Tochter, und es dauerte daher auch nicht lange, so wurde sie vom Vater mattgesetzt. Ich hatte mir den Stand der Figuren wohl gemerkt, und es war mir dabei ein Ausweg eingefallen,[123]  wie dem Matt noch vorgebeugt werden konnte. Ich äußerte dies, und sogleich wurde ich vom Geheimerat, der seines Sieges gewiß zu sein glaubte, aufgefordert, einen Versuch zu machen. Die Figuren wurden wieder so aufgesetzt, wie sie bei meiner Ankunft standen, und ich übernahm nun das Spiel der Tochter. Nach einigen gut kombinierten Zügen gelang es mir, meinen König aus aller Gefahr zu befreien, und ich operierte nun mit solchem Erfolg gegen meinen Gegner, daß dieser sich bald für besiegt erklären mußte. Der Geheimerat, obgleich ein wenig empfindlich über seine Niederlage, war doch auch sehr frappiert über den unerwarteten Ausgang des Spiels. Er reichte mir mit Freundlichkeit die Hand und sagte: »Sie sind ein tüchtiger Schachspieler und müssen mir öfter das Vergnügen machen, mit mir zu spielen.« Dies geschah, und da ich weltklug genug war, nicht zu viele Partien zu gewinnen, so setzte ich mich bei meinem neuen Gönner bald in große Gunst, und die Folge davon war, daß das Reskript über eine Zulage von zweihundert Talern sehr bald ausgefertigt wurde.
Dorette hatte gegen die Mitte des Sommers durch den fortwährenden Genuß der freien Luft und durch häufige Spaziergänge, die nach und nach bis zu kleinen Exkursionen in die Umgegend ausgedehnt wurden, ihre frühre Kraft und Gesundheit wiedergewonnen und widmete sich nun mit erneuetem Eifer dem Studium ihres Instruments, um sich für die beabsichtigte zweite große Kunstreise würdig vorzubereiten. Da ich die Eigentümlichkeit der Harfe, ihre Effekte und das, was meine Frau insbesondere darauf zu leisten vermochte, nun immer genauer kennen lernte, schrieb ich in jener Zeit wieder eine große Sonate für Harfe und Violine (op. 115 bei Schuberth in Hamburg) und bemühete mich, das Ergebnis meiner Erfahrungen dabei in Anwendung zu bringen. Es gelang mir; die Harfenpartie dieser Sonate war bequemer zu spielen und zugleich brillanter wie die der frühern. Dorette übte sie daher mit besondrer Vorliebe ein und spielte dieses neue Werk bald mit derselben Sicherheit wie die vorhergehenden.
So nun von neuem zu einer Kunstreise gerüstet, fingen wir an zu überlegen, welche Richtung für dieselbe wohl die vorteilhafteste sein werde. Ich hatte von einem Reisenden, der eben aus Rußland zurückkehrte, erfahren, daß mein und meiner Frau Künstlerruf auch schon bis dahin gedrungen sei, und daß man unserm Besuche in Petersburg bereits vergangenen Winter entgegen gesehen habe. Da ich überdies hoffen durfte, vom Hofe zu Weimar gewichtige Empfehlungen an den kaiserlichen Hof zu Petersburg zu erhalten, so schien mir eine Reise nach Rußland den[124]  meisten Erfolg zu versprechen. In eine so weite Entfernung von der Heimat wollte aber Dorette nicht einwilligen, weil sie die Trennung von ihren Kindern auf so lange Zeit nicht glaubte ertragen zu können. Als ich ihr aber vorstellte, daß, wenn wir überhaupt nach Rußland reisen wollten, dies jetzt, wo unsre Kinder in der sorgsamen Pflege der Großmutter uns noch wenig vermissen würden, leichter auszuführen sein werde als später, so gab sie, wiewohl mit blutendem Herzen, endlich ihre Zustimmung. Da ich voraus wußte, daß auch die Herzogin in eine so lange Entfernung, als zu einer Reise nach Rußland erforderlich war, nicht einwilligen werde, so verschwieg ich für jetzt das Ziel unsrer Reise und nannte als solches Breslau, wozu ich einen dreimonatlichen Urlaub erbat und erhielt. Von dort aus wollte ich dann um Verlängerung desselben zur Weiterreise nachsollizitieren.
Wir traten unsre Reise im Oktober 1809 an, spielten zuerst in Weimar und erhielten von der Großfürstin die gewünschte Empfehlung an ihren Bruder, den Kaiser Alexander, sowie noch andre an russische Große. Dann gaben wir in Leipzig Konzert, worüber die Musikalische Zeitung folgenden kurzen Bericht enthält: »Herr Konzertmeister Spohr mit seiner Gattin machte uns das Vergnügen, einen ganzen Abend mehrere seiner neuesten Kompositionen und ihn auf der Violin sowie seine Gattin auf der Harfe zu hören. Wir haben über diesen wahren Künstler und seine treffliche Gefährtin schon früher ausführlich und bestimmt gesprochen und können hier kurz sein. Beide haben während der Zeit, da wir sie nicht gehört, noch zum Bewundern große Fortschritte gemacht, sowohl in der Fähigkeit, noch mehrere Mittel ihrer Kunst in die Gewalt zu bekommen, als auch dieselben zu den würdigsten, schönsten Zwecken zu verwenden. Und haben die Kompositionen dieses Meisters sonst hier und allerwärts ungeteilten Beifall gefunden: so kann es den neuesten, welche wir jetzt hörten, noch weniger daran fehlen. In das Einzelne derselben einzugehen, wollen wir diesmal andern überlassen, welche hierzu um so leichter Gelegenheit finden werden, da das treffliche Paar auf einer Reise nach St. Petersburg begriffen ist.«
Von unsern Konzerten in Dresden und Bautzen weiß ich, da ich vergebens nach einem Berichte darüber gesucht habe, nichts weiter zu melden, als daß sie stattfanden, und zwar am 1. und 7. November, wie ich aus einem Verzeichnis der Einnahmen auf dieser Reise, das sich zufällig erhalten hat, ersehe. Von den drei Konzerten aber, welche wir am 18. November, 2. und 9. Dezember in Breslau gaben, findet sich ein Bericht in der Musikalischen Zeitung, der von unserm Spiele sehr lobend[125]  spricht, an den Kompositionen aber einiges zu tadeln findet. Es heißt: »Das Urteil unserer Kunstfreunde über Herrn Spohr als Komponist stimmt ganz mit dem überein, das sie selbst früher über ihn gefällt haben? Er ist wirklich ein hochachtungswürdiger Tonsetzer. Eigen ist es aber doch, daß seine neueren Kompositionen, soweit sie uns bekannt geworden sind, sämtlich einen schwermütigen Charakter haben. Selbst der Potpourri, welchen er zum Schluß des Konzertes spielte, hatte etwas davon.«
Diese Bemerkung über die Melancholie meiner Kompositionen, die hier zuerst auftaucht und bei Beurteilung meiner Werke später so oft wiederholt worden ist, daß sie förmlich stereotyp wurde, ist für mich stets ein Rätsel geblieben, da mir meine Kompositionen in ihrer großen Mehrzahl vollkommen ebenso heiter zu sein schienen wie die irgend eines andern Komponisten. Besonders sind die, welche ich damals in Breslau zu hören gab, mit Ausnahme zweier Sätze, sämtlich so heitern Charakters, daß ich mir die Veranlassung zu der obigen Bemerkung noch immer nicht zu erklären weiß. Denn nur die beiden ersten Allegrosätze der Konzertante in H- und G-moll sind ernst (ersteres vielleicht auch etwas schwermütig), die andern Sätze aber sämtlich heiter. Dieses gilt auch von der Konzertante für zwei Violinen in A-dur, die ich mit Herrn Luge spielte, vom Anfang bis zu Ende; ja der dritte Satz ist sogar mutwillig scherzhaft. Auch die Harfenkompositionen sowie die Ouvertüre zu »Alruna« tragen keine Spur von Schwermut an sich; wie kommt also der Berichterstatter zu seiner Bemerkung? – Da indessen ähnliches bis in die neueste Zeit von meinen Kompositionen behauptet worden ist (so daß Leute, denen ich nicht persönlich bekannt war, mich für einen Misanthropen oder Kandidaten des Spleens hielten, während ich mich doch eines stets heitern Sinnes zu erfreuen hatte), so muß wohl etwas Wahres daran sein, und ich glaube dies nun darin zu finden, daß man das vorherrschende Schwärmerische und Gefühlaufregende in meinen Kompositionen sowie meine Vorliebe für die Molltonarten als Ausbrüche von Melancholie genommen hat. Ist dem so, so kann ich es mir schon gefallen lassen, obgleich es mich früher stets ärgerte.

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Von der Ouvertüre zu »Alruna« sagt jener Breslauer Berichterstatter, sie sei »nicht frei von Reminiszenzen«. Er hätte geradezu sagen können, sie sei der Ouvertüre der »Zauberflöte« ganz und gar nachgebildet, denn dies war die Aufgabe, die ich mir gestellt hatte. Bei meiner Verehrung für Mozart und der Bewunderung, die ich dieser Ouvertüre zollte, schien mir eine Nachbildung derselben etwas sehr Natürliches und Lobenswertes,[126]  und ich hatte in jener Zeit der Entwickelung meines Kompositionstalentes schon mehrere ähnliche Nachbildungen Mozartscher Meisterwerke versucht, unter andern eine Arie voller Liebesklagen in »Alruna« nach der wundervollen Arie der Pamina: »Ach, ich fühl's, es ist verschwunden«. Obwohl ich nun bald nach jener Zeit zu der Einsicht kam, daß der Komponist auch in der Form seiner Musikstücke sowie in der Entwicklung seiner musikalischen Ideen originell zu sein sich bestreben müsse, so hat sich doch eine Vorliebe für jene Nachbildung der Zauberflöten-Ouvertüre noch bis in die neueste Zeit bewahrt, und noch jetzt halte ich sie für eine meiner besten und wirksamsten Instrumentalkompositionen. Sie ist auch nicht so sklavisch nachgeahmt, daß sie nicht auch einiges von eigner Erfindung enthielte, wie z.B. die auffallenden Modulationen in dem Einleitungs-Adagio und das zweite Fugenthema, womit die zweite Hälfte des Allegros beginnt und das dann mit dem Hauptthema recht glücklich verbunden ist! Auch die Instrumentierung, obwohl noch ganz in Mozartscher Weise, hat doch schon einiges Eigentümliches.
In Breslau fanden wir einen alten Bekannten aus Gotha, den bisherigen Intendanten der Kapelle, Herrn Baron von Reibnitz, der seinen Abschied genommen und sich auf sein Gut in Schlesien zurückgezogen hatte. Für die Wintermonate war er zur Stadt gekommen; bekannt mit allem, was in Breslau Musik trieb und liebte, führte er mich in die dortigen musikalischen Zirkel ein und war mir auch zu meinen Konzerten sehr behilflich. Breslau, von jeher eine der musikalischsten Städte Deutschlands, hatte damals so viele stehende Konzerte, daß fast an jedem Wochentage eines stattfand. Da nun auch noch täglich Theater war, so hielt es sehr schwer, einen passenden Tag für ein Extrakonzert zu finden, und fast noch schwerer, ein zahlreiches und gutes Orchester zusammen zu bringen. Dieser Schwierigkeit wurde ich jedoch durch die Gefälligkeit des Domkapellmeisters Schnabel überhoben, der mir nicht nur zu jedem meiner drei Konzerte ein gutes Orchester verschaffte, sondern auch jedesmal die Leitung übernahm. Unter der umsichtigen Leitung dieses erfahrnen Dirigenten wurden meine Kompositionen denn auch ganz zu meiner Zufriedenheit ausgeführt. Schnabel widmete ihnen eine besondere Teilnahme, die er bald auch auf den Komponisten übertrug, und die von diesem auf das herzlichste erwidert wurde. Wir gewannen uns sehr lieb und blieben bis zu Schnabels frühem Tode in freundschaftlicher Verbindung.[127] 
Bald nach meiner Ankunft in Breslau, als ich mich eben anschickte, in Gotha die Verlängerung des Urlaubs zur Reise nach Rußland zu erwirken, erhielt ich durch Baron von Reibnitz ein Schreiben des Hofmarschalls Grafen Salisch in Gotha, der mir folgendes mitteilte:
Die Herzogin habe zu ihrem großen Leidwesen aus Weimar die Nachricht erhalten, daß ich eine Reise nach Rußland beabsichtige und erst nach Jahresfrist zurückzukehren gedenke. Da sie mich sowie meine Frau höchst ungern so lange bei den Hofkonzerten vermissen werde, so erbiete sie sich, wenn ich die Reise aufgeben und baldigst nach Gotha zurückkehren wolle, meiner Frau als Entschädigung dafür eine Anstellung als Solospielerin bei den Hofkonzerten und als Musiklehrerin der Prinzessin zu verschaffen. – Kaum hatte ich meiner Frau den Inhalt dieses Briefes mitgeteilt, so sah ich, wie die Hoffnung, ihre Kinder nun früher wiederzusehen, ihren Augen Freudentränen entlockte. Dies rührte mich so sehr, daß mein Entschluß, die Reise aufzugeben, sogleich feststand. Ich knüpfte daher mit dem Grafen Salisch, dem nunmehrigen Intendanten der Gothaer Kapelle, Unterhandlungen an, und als diese die Anstellung meiner Frau mit einem angemessnen Gehalt vom 1. Januar 1810 an sichergestellt hatten, versprach ich meinerseits, nun möglichst bald nach Gotha zurückzukehren. Wir beeilten daher unsre Abreise von Breslau und gingen über Liegnitz nach Glogau, wo wir am 13. und 18. Dezember sehr besuchte, von den dortigen Musikfreunden im voraus veranstaltete Konzerte gaben, nach Berlin.
Von dem Konzerte in Glogau erinnere ich mich noch eines höchst komischen Vorfalls. Es fand in einem Gebäude statt, das wohl einzig in seiner Art sein mochte; denn es enthielt im untern Stock die Fleischscharren, in der ersten Etage den Konzertsaal und darüber endlich das Theater der Stadt. Da der Saal sehr niedrig und mit Menschen überfüllt war, so wurde es bald unerträglich heiß. Das Publikum verlangte daher das Öffnen einer Falltür, die sich an der Decke des Saales befand und im Parterre des Theaters aufgezogen werden konnte. Nun war aber der Schlüssel zum Theater, das den Winter über unbenutzt geblieben war, durchaus nicht aufzufinden, und man brachte daher eine Stange herbei, um die Falltür aufzustoßen Anfangs wollte sie nicht weichen; als jedoch mehrere Männer ihre Anstrengungen vereinten, sprang sie plötzlich auf, überschüttete aber in demselben Augenblick die darunter sitzenden Damen mit einer solchen Masse Staub, Kirschkernen, Apfelschalen und[128]  dergleichen, was sich seit Jahren im Parterre angehäuft hatte, daß diese nicht nur ganz damit bedeckt, sondern auch Orchester und Auditorium in eine solche Staubwolke eingehüllt wurden, daß im ersten Augenblick niemand erkennen konnte, was denn eigentlich geschehen sei. Nachdem es wieder hell geworden war, suchten die Damen, so gut es gehen wollte, ihre Hälse und Kleider von dem Schmutze zu befreien; die Musiker putzten ihre Instrumente ab, und das Konzert nahm seinen Fortgang.
Berlin fanden wir von Fremden sehr belebt und in festlicher Aufregung, weil man die Rückkehr des Hofes erwartete, der seit der unglücklichen Schlacht bei Jena fortwährend in Königsberg residiert hatte. Der Moment war daher zum Konzertgeben günstig; auch hatten wir schon im ersten Konzert noch vor Ankunft des Hofes ein zahlreiches Auditorium. Über unsre Leistungen sagt der Berichterstatter der M.Z.: »Gestern [4. Januar 1810] gab der Gothaer Konzertmeister, Herr Spohr, Konzert im Theatersaal. Er spielte das von ihm komponierte Violinkonzert in G-moll mit spanischem Rondo, ein Potpourri für die Violine und mit seiner fertig und ausdrucksvoll spielenden Frau eine Sonate für Pedalharfe und Violin, auch von seiner Komposition. Die Mus. Zeitung hat schon mehreremal dieses talentvollen Virtuosen und neulich auch dieser Kompositionen mit Ruhm gedacht. Auch hier lobte man Kompositionen und Spiel. Besonders bewunderte man die Doppelgriffe, die Sprünge und Triller, welche Hr. Sp. mit größter Fertigkeit ausführte, und durch den seelenvollen Ausdruck seines Spiels, besonders auch im Adagio, nahm er alle Herzen für sich ein. Wir haben Hoffnung, dies ehrenwerte Künstlerpaar künftige Woche noch einmal zu hören.«
Am 10. [Januar 1810] fand der festliche Einzug des in seine Residenz zurückkehrenden Herrscherpaares statt. Es war in der Tat eine ergreifende Szene, als der König an der Seite seiner Gemahlin im offnen Wagen langsam durch die vollgedrängten Straßen fuhr und von tausendstimmigem Zurufe und dem Wehen der Tücher aus allen Fenstern begrüßt wurde. Die Königin schien tief gerührt: denn es stahl sich eine Träne nach der andern aus ihren schönen Augen. Abends war die Stadt glänzend erleuchtet.
Am folgenden Tage, den 11., gaben wir unser zweites Konzert. Schon am frühen Morgen wurden wir mit Anfragen bestürmt, ob der Hof es besuchen werde. Wir konnten darüber noch keine Auskunft geben. Doch als die Königin gegen Mittag Billette holen ließ, verbreitete sich dies wie ein Lauffeuer durch die Stadt, und die Zuhörer strömten nun in solcher[129]  Menge herbei, daß sie der weite Saal kaum fassen konnte. Ich spielte, wie ich aus dem Bericht der Musikal. Zeitung ersehe, mein drittes Konzert in C-dur und mit meinem Schüler Hildebrandt, der bei einem Verwandten in Berlin zu Besuch anwesend war, meine Konzertante in A-dur. Die Genauigkeit unsres Zusammenspiels war noch die frühere und gewann uns auch hier wie damals in Gotha den lebhaftesten Beifall.
Der Berichterstatter ist jedoch damit nicht ganz einverstanden, indem er sich, wie folgt, darüber äußert: »Beide Spieler waren in der Konzertante nicht bloß einig, sondern wie Einer; und wenn das von der einen Seite Lob und sogar Bewunderung verdient, so wurde es doch auch etwas einförmig und einfarbig; man vermißte, und nicht gern, das Anziehende, welches aus der Vereinigung des Verschiedenen entspringt, wenn man durch die Vereinigung doch die Verschiedenheit noch hindurchblicken sieht, – statt eins zu werden, ward es einerlei.« – Das klingt sinnreich und hat doch wenig Sinn! Die beiden Solostimmen dieser Konzertante sind in einer Weise geschrieben, daß ihre volle Wirkung nur durch das genaueste Zusammenspiel zu erreichen ist. Dies ist aber in höchster Potenz nur dann möglich, wenn beide Spieler dieselbe Schule und dieselbe Vortragsweise haben. Ja, es ist sogar erforderlich, daß ihre Instrumente gleiche Stärke und möglichst gleiche Klangfarbe besitzen. Dies alles fand sich bei mir und meinem Schüler vereinigt; daher die große Wirkung unsres Zusammenspiels. Später habe ich auf meinen Reisen innerhalb und außerhalb Deutschlands diese Konzertante mit mehreren der berühmtesten Geiger meiner Zeit gespielt, die sämtlich als Virtuosen höher standen als mein Schüler Hildebrandt; eine gleiche Wirkung wie bei meinem Zusammenspiel mit diesem habe ich aber nie wieder erreichen können, da deren Schule und Vortragsweise von der meinigen zu verschieden waren.
Ich hatte anfangs die Absicht, von Berlin aus direkt nach Gotha zurückzukehren, um meiner Zusage nachzukommen. Da ich aber von einem Hamburger Musikfreunde erfuhr, daß dort jetzt ein sehr günstiger Zeitpunkt sei, um Konzerte zu geben, so bat ich in Gotha noch um einige Wochen Frist, um auch Hamburg vor meiner Rückkehr noch besuchen zu können. Sie wurde mir gewährt.
Hamburg war in jener Zeit von den Franzosen besetzt, die eine strenge Handelssperre gegen England verfügt hatten. Die dortigen, damals noch sehr reichen Kaufleute hatten daher wenig zu tun und um so mehr Muße, sich mit Musik zu beschäftigen und Konzerte zu besuchen. Da[130]  uns nun ein guter Künstlerruf voranging, so war schon unser erstes Konzert, welches wir am 8. Februar 1810 im Apollosaal gaben, ein zahlreich besuchtes, das uns bei dem hohen Eintrittspreise von einem Hamburger Spezies beinahe 400 Taler eintrug. Da unser Spiel in diesem Konzerte große Sensation machte, so steigerte sich die Einnahme beim zweiten am 21. Februar zu der großen Summe von 1015 Taler. Zwischen beiden Konzerten gaben wir am 17. auch eines in Lübeck, wohin wir von den dortigen Musikfreunden eingeladen waren, und spielten dann zuletzt noch gegen ein angemessenes Honorar im Museum zu Altona.
Höchst zufrieden mit unsern Geschäften wollten wir nun abreisen. Da erschien der Sekretär des französischen Gouverneurs bei uns und forderte uns im Namen desselben auf, noch ein drittes Konzert zu geben, weil er und seine Gesellschaft es versäumt hätten, uns zu hören. Da ich, in der Besorgnis, daß ein solches nicht sehr besucht sein werde, mit der Antwort zögerte, so setzte der Herr noch hinzu, er habe den Auftrag, für den Gouverneur und dessen Gesellschaft zweihundert Billette zu nehmen. Dadurch waren alle Bedenken beseitigt, und wir gaben am 5. März noch ein drittes Konzert, welches abermals eine Einnahme von 510 Taler abwarf.
In Hamburg machte ich damals zuerst die persönliche Bekanntschaft von Andreas Romberg und dem Musikdirektor Schwencke. Beide berühmte Künstler nahmen mich auf das freundlichste auf und waren mir beim Arrangement meiner Konzerte möglichst behilflich. Romberg sorgte für ein gutes Orchester und übernahm die Direktion desselben, und Schwencke, der gefürchtete Kritiker, besorgte die Ankündigungen der Konzerte in den Zeitungen. Da sein Ausspruch als die höchste Autorität galt, so trug die günstige Weise, auf welche er das Künstlerpaar beim Publikum einführte, nicht wenig zu dem großen Erfolge bei, den wir in Hamburg fanden. Beide Künstler lebten in angenehmen Familienkreisen und hatten es gern, wenn ich und meine Frau zur Teestunde zu ihnen kamen. Dann wurde nur von Musik geplaudert und manches Belehrende und Ergötzliche vorgebracht. Romberg erzählte gern von seinem frühern Aufenthalte in Paris und wußte manches Pikante von den dortigen musikalischen Berühmtheiten zu berichten. Schwencke ergötzte durch seine geistreiche, aber beißende Kritik, von der fast nichts verschont blieb. Ich konnte es mir daher hoch anrechnen, daß meine Kompositionen wie mein Spiel günstig von ihm beurteilt wurden. Die Details, in die Schwencke dabei einging, waren für[131]  mich sehr belehrend, und ich freute mich daher jedesmal, wenn ich ihn bei den Musikpartien als Zuhörer fand. Man machte damals viel Quartettmusik in Hamburg, und Romberg hatte sein Quartett, dessen Zierde der Violoncellist Prell war, vortrefflich eingeübt. Es war daher ein Vergnügen, sich ihnen anzuschließen. Romberg spielte nur eigne Quartetten und trug sie, obwohl kein großer Virtuos auf seinem Instrumente, doch fertig und mit Geschmack vor. Nur wurde er nie recht warm dabei, was schon daraus hervorging, daß er während des Quartettspieles seine Pfeife rauchen konnte. Ich spielte seine Lieblinge unter den Mozartschen und Beethovenschen Quartetten und erregte auch hier durch meine sich dem jedesmaligen Charakter der Komposition treu anschmiegende Vortragsweise große Sensation. Schwencke sprach sich geistreich darüber aus. Auf seinen Wunsch mußte ich auch zwei meiner eignen Quartetten spielen. Ich tat es ungern, da sie den Ansprüchen, die ich jetzt an diese Kompositionsgattung machte, nicht mehr entsprachen. Ich äußerte dies auch unverhohlen. Doch gefielen sie und fanden sogar vor Schwenckes scharfer Kritik Gnade. Nur Romberg war andrer Ansicht. Er sagte zu mir mit naiver Offenherzigkeit: »Mit Ihren Quartetten ist es noch nichts! Sie stehen den Orchestersachen weit nach!« So einverstanden ich damit war, so kränkte es mich doch, dieses Urteil von einem andern aussprechen zu hören. Als ich daher einige Jahre nachher in Wien Quartetten geschrieben hatte, die mir meiner übrigen Kompositionen würdig schienen, so widmete ich sie Romberg, um ihm zu zeigen, daß ich nun Quartetten schreiben könne, »mit denen es etwas sei!«
Bei einer der Musikpartien, denen ich und meine Frau beiwohnten, gab ein komisches Mißverständnis viel zu lachen. Ein reicher jüdischer Bankier, der mein Quartettspiel hatte rühmen hören, wollte seine Gesellschaft auch damit regalieren und lud mich also ein. Obgleich ich wußte, daß ich dort eine für solch edle Musik wenig empfängliche Gesellschaft finden würde, so durfte ich doch nicht ablehnen, da der reiche Mann zu jedem meiner Konzerte vierzig Billette genommen hatte. Ich sagte also zu, jedoch unter der Bedingung, daß zu meiner Begleitung die besten Künstler Hamburgs eingeladen werden müßten. Dies wurde versprochen, und wirklich fand ich auch, als ich in die glänzende Gesellschaft eintrat, nicht nur Romberg anwesend, sondern sah auch noch einen andern ausgezeichneten Geiger. Ich war daher der Begleitung wegen ganz beruhigt. Als aber die Quartettmusik beginnen sollte, kam[132]  noch ein vierter Geiger mit seinem Instrumente herbei, und wir sahen nun mit Erstaunen, daß der Hausherr nur Geiger eingeladen hatte. Als guter Rechner wußte er nämlich, daß zu einem Quartett viere gehören, aber nicht, daß unter diesen auch ein Bratschist und ein Violoncellist sein müssen. Man riet dem in seiner Verlegenheit Ratlosen, schnell zu Herrn Prell ins Theater zu schicken. Da dieses aber schon beendet war, so konnte nun trotz allen Schickens weder dieser noch irgend ein andrer Violoncellist mehr aufgetrieben werden, und die Gesellschaft hätte ganz ohne Musik auseinandergehen müssen, wenn ich und meine Frau nicht eine unsrer Sonaten vorgetragen hätten. War nun schon die Musikkenntnis dieses Mäzens der Kunst nicht sehr groß, so war es seine Delikatesse noch viel weniger. Denn als ich an diesem Abend Abschied von ihm nahm, holte er aus seinem Schreibtische vierzig Spezies und sagte, indem er sie mir hinreichte: »Ich höre, Sie geben ein drittes Konzert; schicken Sie mir wieder vierzig Billetts; ich habe zwar die andern noch fast alle, will aber doch wieder neue nehmen.« Empört über die Unverschämtheit des reichen Juden, wies ich das Geld zurück und sagte: »Die frühern Billette gelten zwar im nächsten Konzerte nicht; die Ihrigen sollen es aber doch. Sie brauchen also keine neuen.« Und so ließ ich ihn abermals verlegen und beschämt vor seiner Gesellschaft stehen und wandte ihm den Rücken. Am Tage des Konzerts kam aber doch ein Diener des Krösus und holte die vierzig Billette.
Bevor ich Hamburg verließ, wurde mir noch ein Antrag gemacht, der mir viele Freude gewährte. Der berühmte Schauspieldirektor, Schauspieler und Schauspieldichter Schröder, der sich vor beinahe zehn Jahren in Ruhe gesetzt und damals sein Theater an andre Unternehmer verpachtet hatte, bekam plötzlich Lust, dasselbe nach Ablauf der Pachtzeit wieder selbst zu übernehmen. Die Hamburger Theaterfreunde jubelten, denn sie hofften davon ein neues Aufblühen ihrer ehemals unter Schröders Leitung so ausgezeichneten Bühne. Das neue Unternehmen sollte mit Anfang des Jahres 1811 beginnen und zuerst lauter Neues an Schauspielen und Opern bringen. Schröder selbst hatte dazu eine ganze Reihe von Schau- und Lustspielen gedichtet und auch vier Opernbücher erworben, die nun komponiert werden sollten. Drei davon waren bereits an Winter in München, Andreas Romberg und den Musiklehrer Clasing in Hamburg vergeben; das vierte aber, »Der Zweikampf mit der Geliebten« von Schink, wurde mir zur Komposition angetragen. Den Unterhändler machte ein früherer Bekannter von mir,[133]  der Schauspieler Schmidt, ehemals bei der Magdeburger, jetzt bei der Hamburger Bühne angestellt.
So wenig ich bisher mit meinen dramatischen Arbeiten zufrieden gewesen war, so hatte doch die Lust, mich an solchen zu versuchen, nicht abgenommen. Ich nahm daher den Antrag an, ohne erst viel nach den Bedingungen zu fragen und ohne das mir bestimmte Opernbuch einer Prüfung zu unterwerfen. Die Bedingungen waren jedoch ganz annehmbar. Es wurde ein schriftlicher Vertrag darüber aufgenommen und von beiden Teilen unterzeichnet. Ich machte mich verbindlich, im Frühjahr 1811 meine Komposition abzuliefern und im Laufe des Sommers dann nach Hamburg zu kommen, um die drei ersten Aufführungen der Oper zu dirigieren.
So mit der Aussicht auf eine interessante Arbeit kehrte ich gern nach dem stillen Gotha zurück. Nur quälte mich noch die Besorgnis, daß die Herzogin unser langes Ausbleiben übel vermerkt haben werde, und ich wurde darin noch mehr bestärkt, als wir bei unserm Antrittsbesuch von der Herzogin nicht angenommen wurden. Wir sahen sie daher erst im Hofkonzerte wieder. Da ich wohl wußte, daß sie am sichersten zu versöhnen sei, wenn wir sogleich in diesem aufträten, so spielte ich mit meiner Frau eine meiner Sonaten und nach dieser die Lieblingsvariationen der Herzogin, die Rodeschen in G-dur. Dies verfehlte seine Wirkung nicht, denn nach beendetem Konzerte trat die Herzogin zu uns, begrüßte uns auf das freundlichste und ließ uns unsre Entschuldigungen nicht einmal beendigen. Beruhigt konnten wir nun das Glück, mit unsern Kindern wieder vereinigt zu sein, im ganzen Umfange genießen.



 Die Frankenhäuser Musikfeste
Aufführung der Oper »Der Zweikampf mit der Geliebten«
[134] 1810–1812











Sobald wir wieder eingewohnt waren, drängte es mich zur Komposition der mitgebrachten Oper. Ich sah nun erst bei näherer Prüfung des Buches, daß ich eben kein großes Los gezogen hatte! Der an sich nicht uninteressante Stoff war in einer Weise bearbeitet, die mir wenig zusagen wollte. Ich fühlte die Notwendigkeit, Abänderungen zu treffen, und holte daher vor allem die Erlaubnis dazu von Herrn Schröder ein. Diese wurde mir gern gewährt, und ich änderte daher mit Hilfe eines jungen Dichters in Gotha, was mir nicht gefiel, sah aber später bei der Aufführung, daß ich noch manches andre ebenfalls hätte ausmerzen müssen. Es fehlte mir aber damals noch zu sehr an der nötigen Erfahrung in dramatischen Arbeiten.
Kaum war die Komposition der ersten Nummern der Oper begonnen, als ich durch eine andre Arbeit wieder davon abgezogen wurde. Im Frühjahr kam nämlich der Kantor Bischoff aus Frankenhausen nach Gotha und trug mir die Leitung eines Musikfestes an, das er im Laufe des Sommers in der Kirche seines Ortes zu veranstalten gedachte. Bereits hatte er sich der Mitwirkung ausgezeichneter Sänger sowie der vorzüglichsten Mitglieder der in der Nähe befindlichen Hofkapellen der thüringischen Residenzen versichert und zweifelte daher nicht an einem höchst glänzenden Erfolge. Als der jüngste der Direktoren dieser Hofkapellen fühlte ich mich nicht wenig geschmeichelt, daß man mir die Leitung übertragen wollte, und sagte daher mit Freuden zu, obgleich ich noch nie ein so großes Orchester und Gesangpersonal, wie dort vereinigt werden sollte, dirigiert hatte. Meine eben begonnene Arbeit mußte ich nun auf einige Zeit zurücklegen, da Hermstedt mich dringend bat,[135]  ihm noch ein neues Klarinettkonzert für das Fest zu schreiben. Obgleich ungern in meiner Arbeit unterbrochen, ließ ich mich doch bewegen und beendete es auch zeitig genug, daß Hermstedt es unter meiner Leitung noch einstudieren konnte. Dieses erste Frankenhäuser Musikfest, das damals in der Musikwelt großes Aufsehen erregte und Veranlassung wurde, daß sich an der Elbe, am Rheine, in Norddeutschland und in der Schweiz Vereine bildeten, um ähnliche Musikfeste zu veranstalten, hat in Herrn Gerber, dem Verfasser des Tonkünstlerlexikons, einen so beredten Beschreiber gefunden, daß ich am besten zu tun glaube, wenn ich dessen Bericht (in der Musikalischen Zeitung, 12. Jahrgang, Nr. 47) wörtlich hier aufnehme:
»Am 20ten und 21ten Juni dieses Jahres feierte man der Tonkunst in der vier Stunden von Sondershausen liegenden schwarzburg-rudolstädtischen Stadt Frankenhausen durch Aufführung der Schöpfung von Haydn und eines großen Konzerts ein Fest, ebenso merkwürdig durch die so glücklich überwundenen mannigfaltigen Schwierigkeiten bei Veranstaltung des Ganzen als durch den hohen Grad der Vortrefflichkeit, mit der hier auf Tausende von Zuhörern von mehr als zwanzig Meilen im Umkreise gewirkt wurde. Da hier von einer Landstadt Thüringens die Rede ist, in der sich das Musikpersonal einzig auf den Stadtmusikus nebst seinen Gehülfen und das etwaige Singchor einschränkt, so muß allerdings die Verwunderung über die Möglichkeit eines solchen Unternehmens hoch steigen ...«
Der Herr Kantor Bischoff zu Frankenhausen, ein junger, tätiger und für Musik glühender Mann, der schon im Jahre 1804 mit Hilfe seiner Nachbarn und einiger Mitglieder der herzoglich-gothaischen Kapelle unter der Direktion des Hrn. Konzertmeister Fischer aus Erfurt und Ernst aus Gotha »die Schöpfung« mit etwa achtzig Sängern und Instrumentisten zur allgemeinen Zufriedenheit der Zuhörer in dasiger Hauptkirche aufgeführt hatte, fühlte sich dadurch aufgemuntert, dies große Kunstwerk noch einmal nach der Idee seines großen Meisters durch zweihundert Sänger und Instrumentisten zu geben. Lange hinderten Hin- und Herzüge fremder Völker die Ausführung seines Vorhabens. Endlich wagte er es bei der gegenwärtig scheinbaren Ruhe in Deutschland, sein Vorhaben auszuführen. Er besuchte deswegen schon vor einiger Zeit Weimar, Rudolstadt, Gotha und Erfurt; in mehrere Städte wurden schriftliche Aufforderungen geschickt, und aller Orten fanden seine Einladungen ein geneigtes Ohr, so daß sich am 19. Juni früh zur Probe bereits 101 Sänger und 106 Instrumentisten, größtenteils aus[136]  Thüringen, eingefunden hatten, darunter zwanzig Künstler aus Gotha mit ihrem berühmten Direktor, Herrn Konzertmeister Spohr.
Die Mitwirkenden waren teils graduierte Tonkünstler und Kapellisten, teils ausgezeichnete Dilettanten und zum Teil Virtuosen vom ersten Range, ein jeder mit seinem eigenen Instrumente und die meisten mit der »Schöpfung« schon vertraut ...
Aus dieser Masse bildete sich nachstehendes Orchester: Direktor: »Hr. Konzertmeister Spohr; Sopransolo: Mad. Scheidler aus Gotha; Tenorsolo: Hr. Kammersänger Methfessel aus Rudolstadt; Baßsolo: Hr. Kammersänger Strohmeyer aus Weimar; Orgel: Hr. Konzertm. Fischer und Hr. Professor Scheibner, beide aus Erfurt; Flügel: Hr. Kapellm. Krille aus Stolberg; Chordirektor: Hr. Kantor Bischoff in Frankenhausen; Choristen: Sopran 28, Alt 20, Tenor 20, Baß 30.«
Hier folgen die Namen sämtlicher Musiker und eine Beschreibung der Aufstellung des Orchesters. Dann fährt der Bericht fort:
»Diese schöne, zweckmäßige Stellung, wobei jeder Platz genug um sich und den Direktor beständig vor Augen hatte, trug unstreitig nicht wenig zu der nach einer einzigen Probe gelungenen Aufführung so großer, zum Teil neuer und höchst schwieriger Kunstwerke bei, wie besonders am zweiten Tag aufgeführt wurden.« Dies waren:
1) Eine große neue Ouvertüre fürs ganze Orchester (auch mit Posaunen) von Spohr. 2) Eine große italienische Szene für den Baß von Righini, welche Strohmeyer sang. 3) Ein neues vom Hrn. Spohr ausdrücklich für dieses Fest geschriebenes großes Klarinettenkonzert, welches Hr. Musikdirektor Hermstedt vortrug. Hierauf machte 4) Hr. Konzertmeister Fischer auf der vollen Orgel eine kunstvolle Einleitung zum 5) letzten Chor aus Haydns Jahreszeiten. Nach einer Pause von etwa fünfzehn Minuten folgte 6) ein Doppelkonzert für zwei Violinen, ebenfalls von Spohrs origineller Arbeit, durch Hrn. Spohr selbst und Hrn. Matthäi vorgetragen. Hierauf 7) ein großes Rondo aus einem Konzert D-dur von Hrn. Bernhard Romberg, durch Hrn. Dotzauers kunstvollen Vortrag, 8) die Symphonie aus C-dur von Beethoven, welche den Beschluß des Ganzen machte.
Herrn Spohrs Direktion mit der Papierrolle, ohne alles Geräusch und ohne die geringste Grimasse, möchte man eine graziöse Direktion nennen, wenn dies Wort außer dem gefälligen Anstande auch die Bestimmtheit und Wirksamkeit seiner Bewegungen auf die ganze, ihm und sich selbst fremde Masse ausdrückte. Diesem glücklichen Talent des Hrn.[137]  Spohr schreibe ich den größten Teil der Vortrefflichkeit und Präzision – der erschütternden Gewalt sowie des sanften Anschmiegens dieses zahlreichen Orchesters an den Sänger, beim Vortrag der »Schöpfung« zu.
Die für eine große Kirche geeignete, volltönende und doch auch biegsame Stimme der Mad. Scheidler, der ausdrucksvolle Vortrag des in der Kunst erfahrenen Hrn. Methfessel, die herrliche Baßstimme des Hrn. Strohmeyer, unstreitig die schönste, die ich je gehört habe vom contra D bis zum eingestrichenen G, ... diese drei Solosänger im Verein so vieler ausgezeichneter Virtuosen an der Spitze jeder Stimme, wo jeder freiwillig und mit Lust sang oder spielte, machen mir die Versicherung leicht, daß diese Ausführung der »Schöpfung« die kräftigste, ausdruckvollste, mit einem Wort, gelungenste war, der ich je beigewohnt habe ...
Die Ouvertüre, womit am folgenden Tage das Konzert anhub, gehört im eigentlichen Verstande unter die Kunststücke im Modulieren. Fast mit jedem neuen Takte drängt ein Inganno das andere, so daß sie als eine zusammenhängende Reihe von Studien in der Modulation angesehen werden kann. Wahrscheinlich bezieht sich diese Unruhe, dieses Schwanken auf den Inhalt der »Alruna«, zu welchem Drama sie geschrieben sein soll. So gewiß aber diese Ouvertüre vor dem Theater von großem Effekt sein kann, so schien sie als Konzertmusik doch den Eindruck nicht zu machen, den man von der Ausführung eines so braven und zahlreichen Orchesters erwarten durfte. Dieser Erfolg läßt sich nicht anders erklären, als daß, wie ununterbrochene und anhaltend getäuschte Hoffnungen das Gemüt in Unbehaglichkeit versetzen, so auch eine Musik, welche das Ohr bis zum Ende in seinen Erwartungen täuscht und nie befriedigt. Lauter krumme, mitunter rauhe Wege, welche zu keinem Ziele, zu keiner Ruhe und zu weiter keinem Genusse führen und wodurch der Komponist bloß den Verstand des Zuhörers beschäftigt, ermüden dennoch zuletzt. Auch die Musik unserer Vorfahren vor 200 Jahren, ihre Madrigale und Motetten, bestanden aus lauter solchen krummen Wegen ohne Ruheplatz – aus lauter Modulationen und aufgehaltenen Schlußfällen. Aber unsern guten Alten fehlte es noch an den nötigen Blumen, um ein Ruheplätzchen zu verschönern und interessant zu machen; d.h., es fehlte ihnen noch an melodischen Figuren, um den Zuhörer in einer Tonart auf angenehme Weise zu unterhalten. Wie leicht wäre dies aber dem trefflichen Spohr, der der schönsten Blumen so viele hat? Der sogenannte Kontrast in großen Musikwerken ist gar nicht zu verachten; um so weniger, je mehr er sich auf die menschliche Empfindungsweise gründet.[138] 
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Von der Wirkung der von Hrn. Strohmeyer vorgetragenen großen Szene von Righini braucht hier um so weniger etwas beigebracht zu werden, da seinem schönen Vortrage schon oben volle Gerechtigkeit widerfahren ist. Auch Righinis schöner Gesang und vortreffliche Instrumentierung ist bekannt genug. Die Szene versetzte die ganze Versammlung in Enthusiasmus.
Das hierauf von Hrn. Musikdir. Hermstedt vorgetragene Klarinettenkonzert von Spohr aus Es, welches Hr. Spohr wenige Wochen vorher als sein zweites für dies Instrument geendigt und dem Fürsten von Schwarzburg-Sondershausen im Manuskript zugeeignet hatte, gehört unstreitig zu den vollendetsten Kunstwerken dieser Art. Eine große und brillante Behandlung des konzertierenden Instrumentes, verbunden mit einer ganz originellen Begleitung des Orchesters, wo gleichsam jede Stimme, selbst die Pauke, obligat ist, was aber deswegen auch ein um so geübteres, aufmerksameres Orchester erfordert, berechtigt zu dieser hohen Stelle. Besonders zeichnet sich der dritte, polonaisenartige Satz aus, wo man ungewiß bleibt, ob man mehr den Glanz der kunstvollen Solos oder die vortrefflich gearbeiteten Tuttisätze bewundern soll – in welchen letzteren die Blasinstrumente mitunter in wahre thematische Kämpfe miteinander zu treten scheinen. Überdies gewinnt dies Kunstwerk noch besonders durch den heitern Geist, der es durchaus beseelt. Die herrliche Aufführung dieses Konzertes machte dem Komponisten, dem Konzertisten sowie dem ganzen Orchester sehr viel Ehre; auch brachte sie Tausende von Händen der Zuhörer in die lebhafteste und anhaltende Bewegung.
Hierauf überraschte Hr. Konzertmeister Fischer das Orchester sowie das Auditorium nicht wenig, indem er mit der vollen Orgel einfiel, um das nun folgende Schlußchor aus C-dur einzuleiten. Diese neue Art von Musik, wovon in der Probe nichts gehört worden war, seine künstliche Verkettung der Stimmen, seine harmonischen Wendungen und seine meisterhaften Modulationen machten jedes Mitglied des Orchesters doppelt aufmerksam. Mehrere Minuten mochte er die Versammlung auf diese Weise unterhalten haben, als er auf der Dominante verweilte und, um die Erwartung auf den Eintritt des Chors um so mehr zu spannen, vermittelst einer Art von Orgelpunkt auf diesem Intervalle einen Schluß bildete. Nicht sobald bemerkte dies Hr. Spohr, als er seine Papierrolle aufhob; und kaum war der letzte Orgelton verhallt, als das ganze Orchester mit dem ersten einzelnen Schlage C des Chores einfiel, welches C dann die Trompeten durch Zungenstöße bis zum Ende des Taktes allein[139]  fortzusetzen hatten. Dies geschah auch auf das pünktlichste. Allein über dem Orgelspiele hatte einer der Trompeter sein Einsatzstück zu wechseln vergessen, schlug also noch in Es an. Im Augenblick machte Herr Spohr eine Bewegung und das Orchester ließ vom 2ten Takte nichts weiter hören. Dagegen fiel sogleich Hr. Fischer wieder mit der Orgel ein, setzte sein Präludium fort und schloß nun förmlich in dem Haupttone C-dur – als ob dieser Vorgang absichtlich so eingeleitet worden wäre. Da also hierbei kein Stillstand in der Musik stattfand, so daß außer dem Orchester schwerlich jemand dies Versehen bemerkt haben mag, so würde es allerdings verheimlicht werden können, wenn nicht zu fürchten wäre, daß erfahrne Künstler meine hier wiederholten Äußerungen von lauter fehlerfreien und gelungenen Ausführungen durch ein zwanzig Meilen weit zusammen berufenes Orchester nach einer einzigen Probe als eine unserer jetzigen politischen Zeitungsnachrichten belächeln möchten.
Nach einer Pause von etwa fünfzehn Minuten ergriff Hr. Spohr seine Violine, an ihn schloß sich Hr. Matthäi näher an, und nun gewährten uns diese bei den vortrefflichen Künstler durch die vollendete Ausführung eines Doppelkonzerts von Hrn. Spohr die beglückendsten Genüsse von immer wechselnder Bewunderung, Erstaunen und Freude. Oft schienen sie in offenbarer Fehde über den Vorzug in kunstvoller Ausführung, oft vereinigten sie sich wieder, indem sie gleichsam ganze harmonische Rouladen gemeinschaftlich über die Zuhörer herabströmten. Die Präzision und das Zusammentreffen der zueinander gehörigen Töne in der reißendsten Geschwindigkeit war bewunderungswürdig. Das darauffolgende ganz originelle Adagio dieses Meisterwerks hub mit einem Trio, von zwei Violoncellen durch Herren Preysing und Müller und einem Kontrabasse durch Herrn Wach aus Leipzig ausdrucksvoll vorgetragen, an. Als diese drei ihr sanftes melodisches Spiel geendet hatten, ließ sich ein Quadro in gezogenen und gebundenen Harmonien gleichsam von einer Harmonika, nur mehr nach der Tiefe zu gehalten, hören. Es machte einen schauerlich süßen Eindruck. Jedermann sah sich nach den Bässen und Bratschen um, welche zu dieser himmlischen Harmonie beizutragen schienen: aber alle Arme ruhten und nur die Bogen der Hrn. Spohr und Matthäi waren in Bewegung. Und diese waren es auch einzig und allein, welche dies Quadro hören ließen – und zwar mit einer Reinheit, daß das Ohr beim Eintritt der Konsonanzen nach Auflösung der Bindungen öfters durch ein ganz besonders inniges Gefühl gereizt wurde. Nach einem zweiten ähnlichen Violoncelltrio trat das Quadro der beiden Konzertstimmen wieder[140]  ein und wendete sich zum Schluß. Der letzte Satz entsprach vollkommen der Kunst und Schönheit des ersten.
Hierauf näherte sich Hr. Dotzauer dem vordern Pulte und spielte, wahrscheinlich wegen Kürze der noch übrigen Zeit, nur ein Rondo, aber ein groß ausgeführtes, höchst schwieriges Rondo aus einem Violoncellkonzerte aus D-dur von Bernhard Romberg mit einer Fertigkeit, Rundung und Ausdauer in den anhaltenden Passagen und mit einer Leichtigkeit, Reinheit, einem Ausdruck und Silbertone bei melodiösen Stellen in den höhern Oktaven, daß er schon durch den Vortrag bloß dieses Rondos seine große Herrschaft über sein Instrument aufs herrlichste beurkundete.
Hierauf machte die Symphonie aus C-dur von Beethoven, unstreitig seine gefälligste und populärste, den Schluß. Sie wurde unverbesserlich, mit Liebe, Feuer und höchster Präzision vorgetragen. Einen besonders süßen Genuß gewährte dabei das Chor der Bläser in dem Trio der Menuett. Das Ohr glaubte die Töne einer höchst reinen Harmonika zu hören. Ein allgemeines und anhaltendes Applaudissement bewies den Dank und die Zufriedenheit des Auditoriums mit der Wahl der aufgeführten Meisterwerke und mit der Ausführung der dazu vereinigten Künstler.
Wenn oben von den glücklich überstandenen Schwierigkeiten des Hrn. Unternehmers, sowohl in der Veranstaltung für die geistige als für die leibliche Unterhaltung seiner so zahlreichen Gäste die Rede war, so scheint es Pflicht zu sein, auch über letztere noch einiges beizubringen. Sie war in solch einem kleinen Örtchen gewiß keine Kleinigkeit.
Die hundert Choristen waren in verschiedene Gasthöfe verteilt, wo sie Beköstigung und Nachtlager fanden. Die sämtlichen Sänger, Virtuosen und Dilettanten hingegen fanden ihre Absteige- und Nachtquartiere in anständigen Privathäusern. Um aber diesen aus so fernen Gegenden versammelten, braven Musikfreunden den Genuß ihres Vereins aufs möglichste zu erleichtern und zu verschönern, hatte Herr Bischoff sein unmittelbar hinter dem Hause liegendes Blumengärtchen aufgeopfert und es in einen Speisesaal umwandeln lassen. Der zu diesem Zweck errichtete Salon war mit jungem Grün ausgeschmückt, dessen Zweige der Gesellschaft freundlich entgegen winkten. In diesem Saale waren die Tafeln aufgestellt und wurde serviert. Es war eine Freude mit anzusehen, wie sich hier so viele wackere, zu einem und demselben Zwecke froh vereinigte Künstler und Kunstfreunde zu allem gemeinschaftlich zusammenfanden, zur beglückenden Arbeit auszogen, von dieser zum[141]  heitern Genusse sich wieder sammelten und namentlich auch mit unverkennbarer, herzlicher Teilnahme dem großen Vater Haydn, dem trefflichen Spohr und mehreren andern vorzüglichen Künstlern ihr Dankopfer bei vollen Gläsern darbrachten. Gewöhnlich wurde das Vergnügen an den Abendtafeln noch durch munteren und schönen Gesang erhöht. Es traten gute Stimmen zusammen, sangen Quartetten und Kanons; Herr Methfessel ergriff die Guitarre und unterhielt die Gesellschaft mit angenehmen Liedern und rührenden Romanzen von seiner Komposition; zur Abwechselung gab er auch ein paar komische Lieder und entwickelte in diesen seine lebhafte Phantasie, seinen Reichtum an Erfindung, Witz, Laune im Ausdrucke sowie überhaupt seine Bekanntschaft im Reiche der Töne und der Harmonie. Ihm nahm dann der Hr. Bergassessor Hachmeister aus Clausthal die Guitarre ab und ergötzte die Gesellschaft mit Volksliedern im thüringischen Dialekt, voller Witz und Laune, welche den Zuhörer zwangen, die Leiden der Zeit zu belachen, er mochte wollen oder nicht.


Nach dem Wunsche mehrerer von der Gesellschaft hat Hr. Bischoff zum Andenken dieses schönen Vereins noch ein gedrucktes Namensverzeichnis des ganzen Orchesters einem jeden nachgesendet. Da jeden dieser Tage die schönste Witterung begünstigte, so war in beiden Aufführungen die große Kirche gedrängt voll, größtenteils von Fremden, die bis auf 20 Meilen im Umkreise herbeigeströmt waren. »Selbst die Kanzel war mit Damen und Herren angefüllt. Dies läßt hoffen, daß Hr. Bischoff wenigstens für seine großen Auslagen gedeckt sei.«
Ich und meine Frau machten in Frankenhausen unter den dort versammelten Künstlern und Kunstfreunden manche interessante Bekanntschaft, unter andern auch die des Amtsrat Lueder in Katlenburg, der bis zu dieser Stunde einer meiner intimsten Freunde geblieben ist. Lueder wohnte damals in der Gegend von Bremen und war auf einer Geschäftsreise nach Berlin begriffen. Am Fuße des Harzes angelangt, erzählt ihm sein Postillon von dem in einigen Tagen bevorstehenden Musikfeste in Frankenhausen und weiß ihm die dort zu erwartenden Kunstgenüsse so anziehend zu schildern, daß Lueder sogleich vom Wege abbiegen und die Richtung nach Frankenhausen einschlagen läßt. Dort angekommen, ist es sein erstes Geschäft, mich aufzusuchen und um die Erlaubnis zu bitten, sämtlichen Proben beiwohnen zu dürfen. Dies wurde nicht nur sehr gern gewährt, sondern ich lud auch den neuen Bekannten, an dessen brennendem Kunstenthusiasmus ich große Freude hatte, ein, den Zusammenkünften im Zelte mittags und abends beizuwohnen.[142]  Hier gestaltete sich in den Stunden zwischen den Proben und Aufführungen ein so fröhliches, durch Kunstgenüsse und heitre Scherze gewürztes Zusammenleben, daß alle Teilnehmenden gewiß mit großer Befriedigung daran zurückgedacht haben werden. Besonders hatte sich an mich ein kleiner Zirkel gleichgesinnter Kunstenthusiasten angeschlossen, der sich bald so lieb gewann, daß er sich nach Beendigung des Festes nicht sogleich zu trennen vermochte und noch gemeinschaftlich einen Ausflug auf den Kyffhäuser veranstaltete. Auf dieser durch das schönste Wetter begünstigten Bergfahrt war es besonders der Sänger Methfessel aus Rudolstadt, der durch seine unerschöpfliche Laune die Gesellschaft fortwährend in der heitersten Stimmung erhielt. Noch erinnere ich mich mit großem Vergnügen einer von ihm improvisierten Kapuzinerpredigt, die er in der Kirche einer Klosterruine von der Kanzel herab hielt, in welche er die Hauptmomente des Musikfestes ernst und komisch zu verweben wußte. Auf der Spitze des Kyffhäusers wurde auch Kaiser Barbarossa von ihm angesungen und zu baldigem Erwachen und baldigem Auszug zur Befreiung Deutschlands ermahnt!
An den Fuß des Berges zurückgekehrt, mußten die neuen Freunde sich wiewohl mit Widerstreben trennen, und es kehrte ein jeder höchst befriedigt in seine Heimat zurück.
Ich begann sogleich von neuem die Komposition meiner Oper und beendete sie im Laufe des Winters von 1810 zu 1811. Außer ihr finden sich im Verzeichnis dieses Winters noch folgende Arbeiten aus dieser Zeit: ein Violinkonzert, später als zehntes bei Peters erschienen, eine Sonate für Harfe und Violine (Op. 114 bei Schuberth) und eine italienische Arie alla Polacca mit obligater Violine, welche ungestochen geblieben ist. Diese schrieb ich im Auftrage des Prinzen Friedrich von Gotha, des Bruders des Herzogs, der, mit einer wohlklingenden Tenorstimme begabt, öfter in Hofkonzerten sang und sehr wünschte, dazu eine Arie mit Violinbegleitung von mir zu besitzen. Sie wurde denn auch oft genug vorgeführt, besonders wenn Fremde bei Hofe zu Besuch waren.
Der Prinz war ein liebenswürdiger und wohlwollender Mann, der sich viel mehr als sein Bruder für Musik interessierte und im Verein mit der Herzogin die Teilnahme für die Hofkonzerte aufrecht erhielt. Leider war er mit einer unheilbaren Krankheit, dem Starrkrampf, behaftet, der ihn alle vierzehn Tage, in spätern Jahren noch öfter befiel und für zwölf bis sechzehn Stunden niederwarf. Dann war er des Gebrauches aller seiner Glieder beraubt, und nur die Sprachwerkzeuge und die Gesichtsmuskeln blieben vom Krampf verschont. Er lag dann während des[143]  schrecklichen Anfalles wie ein Toter unbeweglich im Bette, hatte es aber gern, wenn man ihn besuchte und unterhielt. Durch die öftere Wiederkehr war er so an diesen Zustand gewöhnt, daß er dabei ganz heiter sein konnte. Die Ärzte hielten ein milderes Klima für heilsam und schickten ihn deshalb nach Italien. Ich traf ihn auf meiner italienischen Reise 1816 in Rom, und es wird dann öfter die Rede von ihm sein.
Im Frühjahr 1811 erschien der Kantor Bischoff abermals bei mir und lud mich ein, ein zweites großes Musikfest, welches er im Juli in Frankenhausen zu veranstalten gedenke, zu dirigieren. Er bat mich zugleich, im Konzerte des zweiten Tages ein Violinkonzert vorzutragen und zur Eröffnung desselben eine große Symphonie zu schreiben. Obgleich ich mich in dieser Musikgattung noch nicht versucht hatte, sagte ich mit Freuden zu.
So war mir abermals zu einer interessanten Arbeit Veranlassung gegeben, und ich machte mich auch sogleich mit großer Begeisterung darüber her. Geschah es mir nun bisher, daß ich meine Erstlingsversuche in einer neuen Kompositionsgattung nach einiger Zeit nicht mehr leiden konnte, so machte doch diese Symphonie eine Ausnahme davon, indem sie mir auch noch in spätern Jahren gefiel. Da ich sie mit meinem Orchester, welches den Kern des Frankenhäuser Orchesters bildete, im voraus sehr sorgfältig eingeübt hatte, so wurde sie beim Musikfeste, trotzdem daß nur eine Probe stattfinden konnte, vortrefflich ausgeführt und fand namentlich bei den Mitwirkenden eine enthusiastische Aufnahme. Ich fühlte mich dadurch sehr beglückt, mehr noch als durch den Beifall, den ich als Solospieler fand. Auch in Leipzig, wo die Symphonie im Herbst im Gewandhauskonzert aufgeführt wurde, fand sie großen Beifall, wie ein Bericht der Musikalischen Zeitung dartut, in welchem es heißt: »Spohrs neue, noch ungedruckte Symphonie erregte die Teilnahme und Bewunderung aller ernsthaften Kunstfreunde. Wir stellen sie nicht nur weit höher sowohl in Erfindung als in Ausarbeitung als alles, was wir von Orchestermusik dieses Meisters kennen, sondern gestehen auch, daß wir seit Jahren kaum ein neues Werk dieser Gattung gehört haben, welches so viele Neuheit und Eigentümlichkeit ohne Bizarrerie und Affektation mit soviel Reichtum und Gründlichkeit ohne Künstelei und Schwulst darlegte als eben dieses. Man kann ihm ohne alles Bedenken voraussagen, es werde, ist es gedruckt, ein Lieblingsstück aller großen und sehr geschickten Orchester, aller ernsten und gebildeten Zuhörer werden; beider aber bedarf es!«[144] 
Außer dieser Symphonie hatte ich auch noch für das Musikfest auf Hermstedts unablässiges Drängen Variationen für Klarinette mit Orchesterbegleitung über Themen aus dem »Opferfest« geschrieben, die von demselben mit der gewohnten Virtuosität vorgetragen wurden. Auch diese Komposition (bei Schlesinger in Berlin, op. 80), die jene Themen mehr in freier Phantasie künstlich durchführt, als eigentlich variiert, fand bei den Musikern und Kennern großen Beifall.
Dem Musikfeste schloß sich am Nachmittage des zweiten Tages auch noch ein Familienfest des Unternehmers an. Es war ihm einige Wochen vorher ein Knabe geboren, dessen Taufe nun stattfand. Er hatte sämtliche Mitwirkenden zu Gevatter gebeten, die sich festlich geschmückt jetzt am Altare der Kirche aufstellten. Ich hielt das Kind über die Taufe und gab ihm meinen Namen »Louis«. Als der Prediger an mich und die andern Gevattern die Frage stellte, ob wir für eine christliche Erziehung des Knaben Sorge tragen wollten, erschallte ein feierliches, wohl dreihundertstimmiges Ja. Ein von den Sängern vorgetragner Chor mit Orgelbegleitung schloß die heilige Handlung.
Meine Freude an diesem zweiten Feste wurde dadurch noch sehr gesteigert, daß sich unter den Zuhörern auch meine Eltern befanden und an dem geselligen Treiben im Zelte lebhaften Anteil nahmen. Der Unternehmer fand ebenfalls seine Rechnung, und so endigte dieses Fest wie das vorjährige zu allgemeiner Zufriedenheit.
Bald nach meiner Zurückkunft von Frankenhausen erhielt ich von Hamburg die Nachricht, daß meine Oper, die ich schon im Frühjahre eingesandt hatte, nun endlich verteilt sei und in den ersten Tagen des November zur Aufführung kommen solle. Ich erbat daher einen vierwöchentlichen Urlaub für mich und meine Frau und reisete mit ihr Mitte Oktober über Hannover, wo ich Konzert zu geben gedachte, nach Hamburg ab. Ich befand mich, da dies die erste Oper von mir war, die zur Aufführung kommen sollte, in großer Spannung, welch eine Wirkung sie machen und welche Aufnahme beim Publiko sie finden werde. Man denke sich daher meinen Schrecken, als ich in Hannover einen Brief vom Schauspieldirektor Schröder erhielt, der mir meldete, die Oper werde gar nicht zur Aufführung kommen, weil die erste Sängerin, Madame Becker, die Annahme ihrer Rolle verweigere und dazu nach den Theatergesetzen vollständig berechtigt sei.

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Die Sache hing so zusammen. Ich hatte mich, bevor ich meine Arbeit begann, bei Herrn Schwencke nach dem Stimmumfang und der Fähigkeit der Hamburger Sänger zwar sorgfältig erkundigt und die Hauptpartien[145]  der Oper danach eingerichtet. Da es mir aber noch an aller Erfahrung in diesen Dingen fehlte, so hatte ich versäumt, mir auch die Persönlichkeit der Sänger beschreiben zu lassen, und so war es geschehen, daß ich für Madame Becker, eine kleine, zarte Figur, die Partie der Donna Isabella geschrieben hatte, die in Männerkleidung ihren ungetreuen Geliebten am Hofe der Fürstin Mathilde aufsucht und ihn zuletzt in Ritterrüstung zum Zweikampf auf Leben und Tod herausfordert. Madame Becker war, solange als sie von der Oper nichts kannte als ihre Partie, höchst zufrieden und begann das Einüben derselben mit großem Eifer. Sobald sie aber das Buch gelesen hatte, erklärte sie, die Rolle nicht übernehmen zu können, weil sie sich damit total lächerlich machen würde. Höchst ärgerlich über meinen Mißgriff reiste ich nach Hamburg, um ihn womöglich wieder gut zu machen und die Oper dennoch zur Aufführung zu bringen. Ich fand den alten Schröder sehr verstimmt und im höchsten Grade mißvergnügt über seine Theaterunternehmung. Er hatte aber auch alle Ursache dazu! Mehrere Mitglieder waren ausgeblieben, andere zu spät eingetroffen, und einige hatten den gehegten Erwartungen nicht entsprochen; seine neuen Schau-und Lustspiele hatten nicht recht angesprochen und das Haus leer gelassen. Von den vier Opern, die er komponieren ließ, waren bereits zwei beiseite gelegt, weil sie mißfallen hatten. Die von Winter komponierte »Die Pantoffeln« hatte doch einige, wiewohl wenig besuchte Aufführungen erlebt; die von Clasing »Welcher ist der Rechte?« war aber gleich nach der ersten Aufführung wieder vom Repertoire verschwunden, weil sie trotz der angestrengten Bemühungen der zahlreichen Freunde Clasings total durchgefallen war.
Bei solchen Erfahrungen war es nun zwar dem alten Griesgram kaum zu verdenken, daß er auch meiner Oper keinen Erfolg zutraute, und das um so weniger, weil die beliebteste Sängerin seines Theaters nicht mitwirken konnte; daß er aber das Honorar dafür auszahlen und sie sogleich, ohne einen Versuch gemacht zu haben, beiseite legen wollte, empörte mich, und ich protestierte auf das entschiedenste dagegen. Endlich erhielt ich nach vielen Debatten Schröders Zustimmung, daß ich mit einer andern Sängerin, die bisher nur in kleinen Partien beschäftigt wurde, den Versuch machen durfte, ihr die von Madame Becker verweigerte Partie einzuüben. Ich fand bei dieser Sängerin, einer Madame Lichtenheld, viel guten Willen und glückliche Naturanlagen, und es gelang mir auch ganz gut damit, nachdem ich die schwierigsten Bravoursätze der Partie ihren Fähigkeiten angemessen vereinfacht hatte. So konnten denn endlich die Theaterproben beginnen, und nachdem Schröder[146]  eine davon angehört und sich davon überzeugt hatte, daß Madame Lichtenheld die Partie genügend würde geben können, wurde die erste Aufführung der Oper auf den 15. November 1811 angesetzt. Meine frühern Bekannten unter den Musikern, Romberg und Prell mit eingeschlossen, erboten sich sämtlich, in den beiden von mir zu leitenden Aufführungen im Orchester mitzuwirken. Auch Hermstedt, der nach Hamburg gekommen war, um unter meinem Schutz Konzert zu geben, schloß sich ihnen an und übernahm die erste Klarinettpartie, welche dankbare Solis und konzertierende Begleitung einer Sopranarie enthielt. Durch den Zutritt dieser ausgezeichneten Künstler wurde das Orchester bedeutend gehoben, und da die Sänger und der Chor ebenfalls gut eingeübt waren, so hatte ich schon in den Proben große Freude an der Genauigkeit, mit welcher meine Musik exekutiert wurde, und daher die beste Hoffnung, daß die Oper gefallen werde. Doch trat ich am Tage der Aufführung nicht ohne neue Besorgnis an mein Pult, da mir zu Ohren gekommen war, daß Clasings Freunde feindlich gegen mich auftreten würden, um den Fall der Oper ihres Freundes zu rächen. Nachdem jedoch die Musik begonnen hatte, dachte ich nur an diese und vergaß alles übrige um mich her. Auch zeigte mir schon der Beifall, mit dem die Ouvertüre aufgenommen wurde, daß die feindliche Partei nicht aufkommen würde; und so war es auch. Fast jede Nummer wurde beklatscht und der Beifall steigerte sich gegen das Ende der Oper immer mehr. Beim Fallen des Vorhangs ertönte ein langanhaltender Beifallssturm, der nur dem Komponisten galt.
Ich hätte nun recht glücklich sein können, war es aber gar nicht. Schon bei der ersten Probe hatte mir einiges in meiner Musik mißfallen. Mit jeder folgen den gesellte sich neues hinzu, und noch ehe es zur Aufführung kam, war mir die Hälfte meiner Oper zuwider. Ich glaubte nun recht gut zu wissen, wie ich es hätte besser machen können, und ärgerte mich, dieses nicht früher eingesehen zu haben. Ja, wäre mir mein Werk bei meiner Ankunft in Hamburg schon in diesem Lichte erschienen, so hätte ich gegen die Absicht Schröders, es unaufgeführt bei Seite zu legen, nichts einzuwenden gehabt. So urteilten meine musikalischen Freunde aber nicht; sie waren auch mit dieser Arbeit sehr zufrieden und wünschten mir Glück zu dem günstigen Erfolge. Schwencke schrieb eine ausführliche, sehr lobende Beurteilung der Oper und wußte in dieser selbst die wohlbegründete Behauptung der Gegner, daß sie viele Reminiszenzen aus den Mozartschen Opern enthalte, mit Geschick zu bekämpfen, indem er zwar zugab, daß die Form der Musikstücke sowie die ganze Faktur an Mozart erinnere, dies aber zugleich als einen Vorzug[147]  geltend zu machen suchte. Hierdurch auf mich aufmerksam geworden, fühlte ich die Notwendigkeit, mich davon frei zu machen, und glaube, dies auch schon in meiner nächsten dramatischen Arbeit, dem »Faust«, vollständig erreicht zu haben.
Schwencke hatte mit meiner Genehmigung schon längst einen Klavierauszug aus der Oper gemacht, der nun bei Boehme in Hamburg erschien und eine weite Verbreitung fand.
Von dem Konzerte, welches ich im Verein mit meiner Frau und Hermstedt damals in Hamburg gab, erinnere ich mich nicht viel mehr, als daß letzterer auch dort durch seine ausgebildete Virtuosität großes Aufsehen erregte. Eine deutlichere Erinnerung habe ich aber noch von einem Konzerte in Altona, bei welchem wir wie auch mehrere unserer Hamburger Freunde mitwirkten, und in welchem uns allerlei kleine Unfälle begegneten, die später Stoff zu vielen Neckereien gaben.
Dieses Konzert war von einem reichen Altonaer Musikfreunde veranstaltet worden, der die Hamburger Mitwirkenden nach der Probe zu einem luxuriösen Diner einlud. Nachdem die Gesellschaft zwei Stunden getafelt und fleißig dem Champagner zugesprochen hatte, wurde sie so fröhlich und ausgelassen, daß niemand mehr an das nun folgende Konzert dachte. Der Schreck war daher allgemein, als plötzlich ein Bote erschien und meldete, das zahlreich versammelte Publikum werde ungeduldig und verlange das Beginnen des Konzertes. Man brach nun eiligst nach dem Konzertsaale auf; doch war eigentlich niemand mehr in der gehörigen Verfassung, um öffentlich auftreten zu können. Auffallend war dabei, daß die sonst Zaghaften nun die Mutigsten geworden waren. Das Altonaer Dilettantenorchester, dem die Hamburger Künstler als Kern und Stütze dienen sollten, war schon aufgestellt, und das Konzert begann daher sogleich mit einer Ouvertüre von Romberg, die er selbst dirigierte. Er, dem man nicht mit Unrecht vorwarf, daß er die Tempi seiner Kompositionen stets zu langsam nehme, übereilte das Allegro seiner Ouvertüre diesmal dermaßen, daß die armen Dilettanten gar nicht mitkonnten. Es fehlte daher nicht viel, so wäre schon in der Ouvertüre umgeworfen worden. Nun folgten wir, meine Frau und ich, mit einer Sonate für Harfe und Violine, die wir wie immer ohne Noten vortragen wollten. Als wir schon saßen und ich eben zu beginnen dachte, flüsterte mir meine Frau, die sonst die Besonnenheit selbst war, ängstlich zu: »Um des Himmels willen, ich kann mich nicht besinnen, welche Sonate wir spielen wollen und wie sie anfängt!« Ich sang ihr den Anfang ins Ohr und brachte sie so wieder zu der nötigen Ruhe[148]  und Besonnenheit. Unser Spiel ging nun auch ohne Unfall zu Ende und erwarb uns großen Beifall. Nun sollte Madame Becker eine Arie singen und war auch bereits von Romberg auf die Orchestererhöhung geführt worden, als sie zum großen Erstaunen des Publikums plötzlich wieder davonlief und in einem Nebenzimmer verschwand. Voller Besorgnis, daß sie krank geworden, eilte ihr Dorette nach. Doch kehrten beide bald zurück, und ich erfuhr nun von meiner Frau, daß der Sängerin infolge des Diners der Atem zum Singen gefehlt, und daß sie ihr daher erst die Kleider habe lüften müssen.

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Nun folgte Hermstedt mit einer schweren Komposition von mir. Er, der sonst beim öffentlichen Auftreten mit der ängstlichsten Vorsicht zu Werke ging, hatte heute im tollen Übermut des Champagnerrausches ein neues, noch nicht erprobtes Blatt dem Mundstück seiner Klarinette aufgeschraubt und rühmte sich dessen auch noch gegen mich, als ich das Orchester bestieg. Mir ahnte gleich nichts Gutes. Nun beginnt meine Komposition mit einem lang ausgehaltenen Tone, den Hermstedt kaum hörbar ansetzte und nach und nach zu enormer Kraft anwachsen ließ, womit er stets große Sensation machte. Auch diesmal begann er so, und das Publikum hörte dem Anwachsen des Tones mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Als er ihn aber zur höchsten Kraft steigern wollte, überschlug sich das Blatt und gab einen Mißton, ähnlich dem, wenn eine Gans aufschreiet. Das Publikum lachte, und der nun plötzlich nüchtern gewordene Virtuos wurde leichenblaß vor Schrecken! Doch faßte er sich bald und trug nun alles übrige in der gewohnten Vollendung vor, so daß ihm am Schluß ein enthusiastischer Beifall nicht fehlte.
Am schlimmsten erging es aber dem armen Schwencke! Ihm hatte das Diner die Hosenschnalle gesprengt, ohne daß er es bemerkt hatte. Als er nun bei einem Potpourri mit Quartettbegleitung, den ich zum Schluß des Konzertes spielte, zur Übernahme der Violapartie auf die Erhöhung des Orchesters getreten war, fühlte er bald nach Beginn der Musik, daß ihm durch die Bewegung der Bogenführung das Beinkleid zu sinken begann. Viel zu gewissenhafter Musiker, um von seinen Noten etwas auszulassen, wartete er ganz ruhig die Pausen ab, um das Beinkleid wieder heraufzuziehen. Seine Not blieb dem Publiko nicht lange verborgen und erregte große Heiterkeit. Als ihn nun aber am Ende des Potpourris eine Sechzehntelbewegung dermaßen schüttelte, daß das Sinken des Beinkleids bedenkliche Fortschritte machte und ans Unanständige zu streifen drohte, da konnte das Publikum sich nicht mehr halten und[149]  brach in allgemeines Kichern aus. So wurde durch diese Störung meines Solovortrags auch ich mit in die allgemeine Kalamität des Tages hineingezogen.
Bei der Rückkehr nach Gotha fand ich einen Brief von Bischoff vorliegen, in welchem dieser mir mitteilte, er sei vom Gouverneur von Erfurt aufgefordert worden, dort im nächsten Sommer zur Feier des Napoleontages, am 15. August [1812], ein großes Musikfest zu veranstalten. Er sei auch bereits mit ihm über die Bedingungen einig geworden und bitte mich nun, die Direktion desselben zu übernehmen und für den ersten Tag ein neues Oratorium zu schreiben. Ich hatte mir längst gewünscht, mich auch einmal im Oratorienstil versuchen zu können, und ging gern auf diesen Vorschlag ein und sagte mit Freuden zu. Es war mir von einem jungen Dichter in Erfurt der Text eines Oratoriums angetragen worden, in welchem ich großartige Momente für Komposition gefunden hatte. Es hieß: »Das jüngste Gericht«.
Ich erlangte das Buch und machte mich sogleich an die Arbeit. Bald fühlte ich jedoch, daß es mir für den Oratorienstil noch zu sehr an Gewandtheit im Kontrapunkte und im Fugieren fehle. Ich unterbrach daher meine Arbeit, um erst die nötigen Vorstudien dafür zu machen. Von einem meiner Schüler erborgte ich Marpurgs »Kunst der Fuge« und vertiefte mich sogleich in das eifrige unausgesetzte Studium dieses Werkes. Nachdem ich nach dieser Anleitung ein halbes Dutzend Fugen geschrieben hatte, von denen mir die letztern ganz gut geraten schienen, nahm ich die Komposition meines Oratoriums wieder auf und vollendete es nun, ohne wieder davon abzulassen. Nach dem Verzeichnisse ist es im Januar 1812 begonnen und im Juni beendigt worden. Es würde daher zum Ausschreiben und Einüben desselben bis zur Aufführung an der nötigen Zeit gefehlt haben, hätte ich nicht die beiden ersten Teile des Werkes schon früher gleich nach ihrer Vollendung an Bischoff eingesandt. Es konnten deshalb nicht nur die Chöre sorgfältig eingeübt werden, sondern ich fand auch die nötige Zeit, um die Orchesterpartie mit meiner Kapelle, die wieder den Kern des großen Erfurter Orchesters bilden sollte, im voraus einzustudieren. So gelang es, trotzdem das Werk sehr schwer ist, nach einer einzigen gemeinschaftlichen Probe eine ziemlich gelungene Aufführung davon zustande zu bringen. Nur einer der Solosänger, der die Partie des Satanas sang, konnte nicht genügen. Ich hatte diese durch starke Instrumente gedeckte Partie auf Anraten Bischoffs einem Dorfschulmeister bei Gotha übertragen, der in der[150]  ganzen Umgegend wegen seiner kolossalen Baßstimme berühmt war. An Kraft der Stimme, um ein ganzes Orchester zu überschreien, fehlte es ihm allerdings nicht, wohl aber an Schule und Musik, um die genannte Partie befriedigend vortragen zu können. Ich studierte sie ihm selbst ein und gab mir große Mühe, ihn ein wenig zuzustutzen, doch ohne großen Erfolg. Denn als es zum Treffen kam, hatte er alle Lehren und Ermahnungen völlig vergessen und legte mit seiner barbarischen Stimme dermaßen los, daß er die Zuhörer zuerst in Schrecken versetzte und dann zum Lachen reizte. Bei dem Übertreiben seiner Stimme intonierte er überdies fast immer zu hoch und verdarb so noch mehrere der effektvollsten Momente des Oratoriums. Ich litt unendlich dabei, und die Freude an meinem Werke wurde mir sehr verbittert. Doch gefiel es demungeachtet allgemein und wurde in dem ausführlichen Berichte über das Musikfest in einem Thüringer Blatte höchst günstig beurteilt. Eine andre Kritik, die in einem süddeutschen, wenn ich nicht irre, Frankfurter Blatte erschien, hatte aber vieles an dem Werke auszusetzen und war überhaupt in einem bittern, gehässigen Tone geschrieben. Ich hatte viele Jahre den Hofrat André in Offenbach in Verdacht, diese boshafte Kritik geschrieben zu haben, da er in Gesellschaft zweier seiner Schüler, Arnold und Aloys Schmitt, dem Musikfeste beiwohnte. Was mich, trotzdem daß sich André mündlich beifällig über das Werk gegen mich geäußert hatte, auf diesen Verdacht führte, ist mir nicht mehr erinnerlich; André hat mir jedoch in spätern Jahren, als ich ihn darüber befragte, versichert, nicht der Verfasser zu sein. Ich selbst hielt das Werk damals nicht nur für das Beste, was ich bis dahin geschrieben hatte, sondern meinte auch, niemals etwas Schöneres gehört zu haben! Noch jetzt habe ich für einige Chöre und Fugen sowie für die Partie des Satanas eine solche Vorliebe, daß ich sie fast für das Großartigste erklären möchte, was ich je zustande gebracht habe. Ein andres ist es aber mit den übrigen Sätzen, besonders mit den Solopartien von Jesus und Maria. Diese sind ganz in dem damaligen Kantatenstil geschrieben und mit Bravoursätzen und Koloraturen überladen. Ich fühlte schon damals das Ungehörige dieses Stiles und faßte in spätern Jahren wiederholt den Vorsatz, diese Solopartien umzuschreiben. Wenn ich aber damit beginnen wollte, schien es mir doch, als könne ich mich nicht mehr hineinfinden, und so unterblieb es. Das Werk, so wie es war, zu veröffentlichen, konnte ich mich nicht entschließen. So ist es denn in spätern Jahren völlig unbenutzt liegen geblieben.[151] 
Da die erwähnte Feier des Napoleonstages kurz vor dem russischen Feldzuge die letzte war, die in Erfurt sowie überhaupt in Deutschland stattfand, so hat man es ominös finden wollen, daß der Hauptbestandteil desselben »das jüngste Gericht« war!



 Reise nach Wien
[152] 1812–1813











Im Herbst 1812 erbat ich für mich und meine Frau wieder Urlaub zu einer Kunstreise, der auch nach einigem Widerstreben von Seiten der Herzogin bewilligt wurde. Wir nahmen diesmal die Richtung nach Wien, als die vom Krieg und Truppendurchzügen am wenigsten beunruhigte. – Unser erster Aufenthalt war zu Leipzig, wo wir in einem Konzerte Hermstedts mitwirkten, und wo ich darauf mein neues Oratorium gab. Über beides berichtet die Musikalische Zeitung folgendermaßen:
»Das Konzert des Herrn Musikdirektor Hermstedt war schon von Seiten der aufgeführten Kompositionen eines der ausgezeichnetsten, die man hören kann. Bis auf die Ouvertüre von Mozart und die Szene von Righini waren alle Stücke vom Hrn. Konzertmeister Spohr, und, das Klarinettenkonzert abgerechnet, ganz neu geschrieben. Dies Konzert, das erste aus C-moll und als Komposition an sich wohl das trefflichste aller Konzerte für dieses Instrument, wurde auch diesmal mit großem Vergnügen gehört. Eine große Sonate für Violine und Harfe, gespielt von Herrn Spohr und seiner Gattin, deren erster Satz in Erfindung und Ausarbeitung meisterhaft genannt werden muß, deren zweiter in einem allerliebsten Potpourri aus glücklich zusammengestellten und sehr gefällig behandelten Melodien der ›Zauberflöte‹ besteht, – dieses sowie jedes der übrigen Stücke wurde mit dem lautesten Beifall aufgenommen. Wir hörten aber noch ein Violinkonzert, gespielt von Herrn Spohr, und ein Potpourri für die Klarinette mit Orchester. In jenem hat uns das erste Allegro, was Komposition und Vortrag anlangt, am wenigsten[153]  gefallen wollen: Es schien uns hin und wieder verkünstelt und überladen, auch für seinen Gehalt zu lang; der Vortrag des Virtuosen aber nicht überall klar und deutlich genug. Allein das Adagio gehört in Komposition und Vortrag unter das Allerschönste, was wir je auf diesem Instrumente gehört haben, und wir dürfen sagen, unter das Allerschönste, was je von einem Virtuosen geleistet worden ist. Das originelle Finale stand in beiden Hinsichten demselben nicht beträchtlich nach. Das Potpourri der Klarinette war nicht bloß aus Ideen des ›Opferfestes‹ sehr glücklich zusammengestellt, sondern diese Ideen waren auch meistens ganz vortrefflich verarbeitet; und so möchte es unter den Werken dieser Gattung wohl auch obenan stehen ...«
Auch über das Oratorium wurde im ganzen günstig berichtet. Es enthalte »der originellen, einnehmenden, zum Teil wirklich hinreißenden, aber auch einander so sehr drängenden, so schnell verdrängenden Details sehr viele«. Jeder Zuhörer – möge er mit Spohr in seinen Ansichten vom Oratorium übereinstimmen oder nicht, möge er namentlich die Weise desselben, fast alle Gattungen der Behandlung und des Stiles zu vermischen oder vielmehr sie im Wechsel auftreten zu lassen, billigen oder nicht – jeder Zuhörer werde dieses Werk nicht ohne lebhafte Teilnahme und mehrere der Hauptpartien nicht ohne Bewunderung und wahre Freude hören können.
In Dresden scheine ich mich auf dieser Reise nach einem Berichte der Musikalischen Zeitung vom 8. November [1812] nicht aufgehalten zu haben, denn es heißt in einem Berichte von dort in der M. Ztg.: »Herr Spohr von Gotha fand hier nicht, was er erwartete und wohl auch erwarten konnte: er eilte darum nur durch, nach Wien.« In Prag aber gab ich schon am 12. November Konzert und führte dann acht Tage später im Theater mein Oratorium auf. Über ersteres findet sich in der Musikalischen Zeitung ein Bericht:
»Den 12. November gab Herr Spohr mit seiner Frau Konzert im k. ständischen Redoutensaale. Schon vor fünf Jahren bewunderten wir ihn als einen ausgezeichneten Tonsetzer und Violinspieler und seine Frau als eine der vorzüglichsten Künstlerinnen auf der Harfe.« Daher war diesmal das musikliebende Publikum zu einem interessanten Abend schon vorbereitet. Der volle Saal bewies, wie sehr man einmal anerkanntes Verdienst fortwährend zu würdigen weiß, und der allgemeine Beifall frönte neuerdings des Hrn. Spohrs geistvoller Komposition sowohl als deren meisterhafter Ausführung. Da es kaum möglich ist, von einer einzigen Produktion, ohne die Partitur gesehen zu haben, ein Urteil im[154]  einzelnen zu fällen, so begnügen wir uns damit, überhaupt davon zu sprechen.
Außer der Szene von Simon Mayr, welche Herr Grünbaum mit Fleiß und Richtigkeit vortrug, waren alle vorkommende Stücke von Hrn. Spohrs Komposition. Die Ouvertüre zu »Alruna« und das Violinkonzert sprachen ganz den denkenden erfahrnen Geist des Komponisten aus. Welche ergreifende Wirkung die wahre Kunst hervorzubringen vermag, die sich in jener durch die kontrapunktische Durchführung und bei der Vereinigung der zwei Hauptgedanken besonders schön entwickelte, bezeigte das ungeteilte, lauteste Bravorufen. Originalität und einen festen Charakter fanden wir in allen Sätzen, welche überdies die reichhaltigsten Harmonien und deren seltenste Kombinationen ausschmückten und die eine sehr vorteilhafte Instrumentation zum schönsten Genusse darstellten, wodurch die so mannigfaltig überraschenden Übergänge auch dem weniger vorbereiteten Ohre deutlich und angenehm wurden ... Die Sonate für Harfe und Violine, welche Hr. Spohr und seine Frau spielten und die sich mit einer interessanten Zusammenstellung verschiedener Lieblingsstücke aus der »Zauberflöte« endete, welche Stücke teils variiert, teils mit Verfolgung der Schlußgedanken aneinander gekettet und mit entzückender Feinheit vorgetragen wurden, woraus zugleich die vollkommenste harmonische Vermählung des vortrefflichen Künstlerpaares deutlich zu erkennen war, – erweckte die innigste Teilnahme. Zum Schluß spielte Hr. Spohr ein Potpourri mit Orchesterbegleitung, worin einige Stellen aus der »Entführung aus dem Serail« vorkamen. Wenn man unter einem Potpourri eine Sammlung von verschiedenen Lieblingsideen versteht, so wußte Hr. Spohr auch eine solche Kleinigkeit zu einer gewissen Höhe zu erheben; nirgends verleugnet er seine edle, planmäßige Art zu setzen. – »Alle Erfordernisse wahrer Virtuosität trafen wir in dem Spiel des Hr. Spohr in hohem Grad vereint an; vorzüglich zeichnet sich sein solider Vortrag, seine Bogenführung, richtige Intonation und Sicherheit in den schwierigsten Passagen aus ...«
Von der Aufführung des Oratoriums erinnere ich mich nur noch, daß Fräulein Müller, später Madame Grünbaum, entzückend schön sang, und daß das Werk vom Publikum sehr beifällig aufgenommen wurde.
Ich eilte nun dem Hauptziel meiner Reise entgegen. Wien war damals unbestritten die Hauptstadt der musikalischen Welt. Die beiden größten Komponisten und Reformatoren des Kunstgeschmacks, Haydn und Mozart, hatten dort gelebt und ihre Meisterwerke geschaffen. Noch lebte[155]  die Generation, die sie hatte entstehen sehen und an ihnen ihren Kunstgeschmack herangebildet hatte. Der würdige Nachfolger dieser Kunstheroen, Beethoven, lebte noch daselbst und befand sich eben im Glanzpunkte seines Ruhmes und der Kraft seines Schaffens. In Wien wurde daher bei Kunstleistungen stets der höchste Maßstab angelegt, und dort gefallen, – hieß sich als Meister bewähren.
Ich fühlte mein Herz klopfen, als wir über die Donaubrücke fuhren und ich an mein bevorstehendes Debut gedachte. Meine Befangenheit wurde noch durch den Gedanken gesteigert, daß ich mit dem größesten Geiger der Zeit werde wetteifern müssen; denn in Prag hatte ich erfahren, daß Rode, aus Rußland zurückgekehrt, soeben in Wien angelangt sei. Lebhaft gedachte ich noch des überwältigenden Eindrucks, den Rodes Spiel vor zehn Jahren in Braunschweig auf mich gemacht hatte, und wie ich jahrelang bemüht gewesen war, dessen Methode und Vortragsweise mir anzueignen. Ich war daher im höchsten Grade gespannt, ihn nun wieder zu hören, um darnach meine eignen Fortschritte bemessen zu können. Meine erste Frage, als ich aus dem Wagen stieg, war deshalb auch, ob Rode schon angekommen sei und bereits ein Konzert angekündigt habe. Man verneinte dies, setzte aber hinzu, er werde schon seit längerer Zeit erwartet!
Es lag mir nun sehr daran, noch vor Rode gehört zu werden, und ich beeilte daher soviel als möglich die Vorbereitung meines Konzerts. Es gelang mir auch, zuerst aufzutreten; doch war Rode schon angekommen und wohnte dem Konzert bei. Zu meinem Erstaunen fühlte ich mich dadurch weniger geängstigt als begeistert und spielte so gut, als ich es vermochte. Die Musikalische Zeitung berichtete über mein Auftreten bei »gedrängt vollem Hause« wie folgt:

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»Am 17. Dezember [1812] hatten wir das Vergnügen, Herrn Louis Spohr und seine Gattin in einem im kleinen Redoutensaal zu ihrem Besten veranstalteten Konzerte zu bewundern. Referent unterschreibt gern die über dies brave Künstlerpaar in andern Blättern und vorzüglich in Ihrer musikalischen Zeitung gefällten Urteile und kann nur hinzusetzen, daß auch hier ihr meisterhaftes Spiel allgemein entzückte. Hr. Spohr spielte ein Violinkonzert mit spanischem Rondo und am Schlusse ein Potpourri, beides von seiner Komposition; mit seiner Frau aber eine von ihm gesetzte Sonate für Pedalharfe und Violine. Die Komposition sowohl des Konzertes als dieser Sonate war bedeutend und zeichnete sich nicht wenig vor den wässerigen, zusammengestoppelten Produkten aus, womit viele ausübende Tonkünstler ohne Talent und ohne Beruf zur Komposition hier auftreten.«[156] 
Auf den Rat wohlwollender Freunde verzichtete ich darauf, mein Oratorium auf eigene Rechnung zu geben, wie ich anfangs in einem zweiten Konzerte beabsichtigte, weil bei den bedeutenden Kosten, die ein großes Orchester und ein zahlreicher Chor noch über die gewöhnlichen Konzertkosten verursachen mußten, nicht zu hoffen stand, daß etwas gewonnen werden könne. Da ich jedoch dieses Werk, welches ich noch immer für eines der großartigsten seiner Gattung hielt, gern auch in Wien zu Gehör bringen wollte, so trug ich es der musikalischen Witwen- und Waisengesellschaft zu einer Aufführung für ihren Fonds an und stellte nur die Bedingung, daß diese Aufführung eine stark besetzte und von den vorzüglichsten Sängern und Instrumentalisten Wiens unterstützt sein müsse. Die Gesellschaft kam dem auch vollständig nach, indem sie ein Personal von dreihundert Mitwirkenden aus den besten Künstlern der Stadt zusammenbrachte. Das Werk wurde in zwei großen Proben sorgfältig eingeübt und ging bei der Aufführung so gut, wie ich es noch nicht gehört hatte. Ich begeisterte mich von neuem für meine Schöpfung und mit mir auch viele der mitwirkenden Musiker, unter ihnen besonders der Orchesterdirektor des Theaters an der Wien, Herr Clement. Dieser hatte sich in das Werk so hineingehört, daß er mir am folgenden Tage nach der Aufführung mehrere große Nummern Note für Note mit allen Harmoniefolgen und Orchesterfiguren auf dem Piano vorspielen konnte, ohne je die Partitur gesehen zu haben. Clement besaß aber auch ein musikalisches Gedächtnis wie vielleicht nie ein andrer Künstler. Man erzählte sich damals in Wien, daß er »die Schöpfung« von Haydn, nachdem er sie mehrere Male gehört hatte, so auswendig wußte, daß er mit Hilfe des Textbuches einen vollständigen Klavierauszug davon machen konnte. Diesen brachte er dem alten Haydn zur Ansicht hin, der nicht wenig erschrocken war, weil er im ersten Augenblick glaubte, man habe ihm seine Partitur entwendet oder heimlich kopiert. Er fand bei näherer Ansicht den Klavierauszug so getreu, daß er ihn, nachdem Clement noch eine Durchsicht nach der Partitur vorgenommen hatte, zur Herausgabe adoptierte.
Bevor mein Oratorium zur Aufführung kam, hatte ich noch einen Strauß mit der Zensur, wodurch das ganze Unternehmen beinahe gescheitert wäre. Man wollte die Namen von Maria und Jesus in dem Personenverzeichnisse des Textbuches und als Überschrift über dem, was sie zu sagen haben, nicht dulden. Nur mit dieser Auslassung wurde nach langen Verhandlungen endlich der Druck des Textes genehmigt. Ich konnte mir diese Änderung gefallen lassen, weil aus dem Inhalt leicht zu entnehmen war, wer die singende Person sei.[157] 
Sosehr nun auch das Werk den Musikern gefiel und ihre Achtung vor meinem Kompositionstalent steigerte, so war die Aufnahme beim Publikum doch bei weitem nicht so glänzend als die, welche mein Spiel und meine Konzertkompositionen gefunden hatten. Zwar fehlte es auch dieses Mal nicht an Beifallsbezeugungen, die Teilnahme war aber nicht so allgemein, um zur zweiten Aufführung, die drei Tage später stattfand [am 24. Januar 1813], wieder ein zahlreiches Auditorium herbeizuziehen. Diese zweite Aufführung in Wien war die letzte, die das Werk erlebt hat; denn in spätern Jahren sah ich die Schwächen und Mängel desselben zu gut ein, als daß ich es hätte über mich gewinnen können, es nochmals öffentlich vorzuführen.
Über die erste Wiener Aufführung im k.k. großen Redoutensaal am 21. Januar hat die Musikalische Zeitung ziemlich eingehend berichtet.
Der Hofkapellmeister Salieri hatte die Leitung des Ganzen, Herr Umlauf den Platz am Klavier und ich selbst die Direktion der Violinen übernommen. Die Hauptpartien sangen: Demoiselle Klieber, Madame Auenheim, Demoiselle Flamm und die Herren Anders, Wild und Pfeiffer. »Es ist schwer für einen der neueren Komponisten«, sagt der Bericht, »hier in Wien mit der Komposition eines Oratoriums aufzutreten, damit Aufsehen zu erregen oder dem Werke bleibende Dauer zu verschaffen – hier, wo so große gediegene Meisterwerke dieser Art zuerst ans Tageslicht getreten, jedermann bekannt geworden sind und ihrem Schöpfer bei der musikalischen Welt bleibenden Ruhm verschafft haben.« Schon Herr Eybler versuchte es, die »vier letzten Dinge« nach der Poesie des Hrn. Sonnleithner – und nicht ganz ohne Glück – in Musik zu setzen. Doch wurde sein Werk nur zweimal öffentlich aufgeführt, weil es ihm an einem durchaus gleichen und originellen Stil fehlte und dasselbe die Parallele mit den Werken des großen Vorgängers in dieser Gattung nicht halten konnte. Auch von Herrn Spohrs »jüngstem Gericht« dürfte dasselbe gesagt werden, obgleich der Komponist dieses Werkes vorzüglich im strengen Satz entschieden noch mehr leistete als der Verfasser der »vier letzten Dinge«. Alle im strengen Stil gehaltenen Chöre und Fugen, gegen die man doch wohl nur in Nebendingen hin und wieder etwas aussetzen kann, haben wahren Kunstwert, sind mit großem Fleiß bearbeitet und wurden auch allgemein laut und mit Enthusiasmus gewürdigt. Die Arien, Duetten und einzelnen Gesangstellen weichen aber zu sehr von dem echten Stil eines Oratoriums ab, sind durchaus im Texte zu oft wiederholt und neigen sich mehr oder weniger zum italienischen Opernstile. Einige gar zu auffallende[158]  Reminiszenzen aus der »Schöpfung« und vorzüglich aus der »Zauberflöte« vermindern den Wert des Werkes in Hinsicht der Originalität. Der Chor der Teufel am Ende des ersten Teils würde in einem Ballette, anschaulich dargestellt, an seinem Platze sein. Herr August Arnold, Verfasser des Textes, hat freilich auch kein Stück Arbeit geleistet, das dem Komponisten zur musikalischen Bearbeitung genügen konnte. Die Ausführung war vortrefflich bis auf die Posaunen, welche bei der Stelle im zweiten Teil: Auftun soll'n nächtigen Schoß die Gräber – ziemlich unrein dreinbliesen. Der Saal war kaum zur Hälfte voll. Am 24. wurde dies Oratorium wiederholt vor kaum 200 Zuhörern. »Ein Werk dieser Art sollte wohl aber auch in einer so lebenslustigen Stadt nicht in der Karnevalszeit aufgeführt werden!«
Vierzehn Tage nach meinem Auftreten kam dann auch Rodes Konzert an die Reihe. Er hatte, gestützt auf seinen europäischen Ruf, das größeste Konzertlokal Wiens, den großen Redoutensaal, gewählt und fand ihn auch ganz gefüllt. Ich erwartete in fast fieberhafter Aufregung den Beginn von Rodes Spiel, das mir vor zehn Jahren als höchstes Vorbild gegolten hatte. Doch schon nach dem ersten Solo schien es mir, als sei Rode in dieser Zeit zurückgeschritten. Ich fand jetzt sein Spiel kalt und maniriert, vermißte die frühere Kühnheit in Besiegung großer Schwierigkeiten und fühlte mich besonders unbefriedigt vom Vortrage des Cantabile. Auch die Komposition des neuen Konzertes schien mir weit hinter der des siebenten in A-moll zurückzustehen. Bei dem Vortrage der E-dur-Variationen, die ich schon vor zehn Jahren von Rode gehört hatte, überzeugte ich mich nun aber vollends, daß dieser an technischer Sicherheit viel eingebüßt habe; denn nicht nur hatte er sich mehrere der schwierigsten Stellen vereinfacht, er trug auch diese erleichterten Passagen noch zaghaft und unsicher vor. Auch das Publikum schien unbefriedigt; wenigstens wußte er es nicht bis zum Enthusiasmus zu erwärmen. Der Berichterstatter der Musikalischen Zeitung sagt ebenfalls, daß Rode die Erwartung des Publikums »nicht ganz« befriedigt habe. »Sein Bogenstrich«, fährt der Bericht fort, »ist groß, lang und kräftig, sein Ton voll und stark – ja fast zu stark, schneidend; er hat eine richtige, reine Intonation und ist in Sprüngen bis in die entfernteste Höhe sicher; seine Doppelgriffe, obgleich dieselben nur sparsam vorkamen, sind gut, und er überwindet im Allegro mit Leichtigkeit große Schwierigkeiten: dagegen mangelt ihm das, was alle Herzen elektrisiert und hinreißt – Feuer und jene Annehmlichkeit, die sich weiter nicht beschreiben läßt, jener Zauber, der alles entzückt und begeistert. Im[159]  Adagio war das Scharfschneidende seines Tones noch fühlbarer als im Allegro; es ließ daher kalt. Auch die Komposition wollte nicht recht Eingang finden; man fand sie zu gesucht und maniriert. Vielleicht mag die Größe des großen Redoutensaales Herrn Rode verleitet haben, den Ton so scharf herauszuheben, daß darüber die Annehmlichkeit verloren ging.«


Acht Tage nach Rodes Konzert gab ich im kleinen Redoutensaal mein zweites. Die Musikalische Zeitung sagt darüber: »Spohr bekundete sich ganz als großer Meister des Violinspiels.« Er spielte von seiner Komposition ein neues Violinkonzert aus A-dur (als zehntes gestochen), welchem eine Einleitung aus A-moll feierlich und langsam voranging. Das Adagio war aus D-dur. Ein allerliebstes Rondo endigte. Dann hörten wir noch ein Potpourri von ihm spielen, welches außer einem russischen Liede Variationen über das Thema aus »Don Juan«: Là ci darem la mano enthielt. Herr Spohr ist unstreitig im Angenehmen und Zarten die Nachtigall unter allen jetzt lebenden, wenigstens uns bekannten Violinspielern. Es ist kaum möglich, ein Adagio mit mehr Zartheit und doch so deutlich, verbunden mit dem geläutertsten Geschmacke vorzutragen; dabei überwindet er im geschwinden Zeitmaße sehr schwere Passagen und die größtmögliche Spannung mit einer unglaublichen Leichtigkeit, wozu ihm freilich die Größe seiner Hand wohl zustatten kommt. Er erhielt heute abermals allgemeinen und ungeteilten Beifall und wurde zweimal hervorgerufen, welche Ehre im Konzerte – soviel wir uns erinnern – nur Herrn Polledro widerfuhr. Mit seiner Frau spielte Herr Spohr ein Allegro, welches sie mit viel Fertigkeit, Geschmack und Ausdruck auf der Harfe vortrug. »Es dünkt uns, von allen uns bekannten Virtuosinnen auf diesem Instrumente besitze keine so viel Schule und so viel inniges Gefühl im Ausdrucke als Mad. Spohr; dafür aber möchte Dem. Longhi mehr Kraft und Mad. Simonin-Polet mehr Gleichheit im Spiele haben. Was man aber am Spiele der Dem. Longhi auszustellen veranlaßt wird, sie habe keine Mitteltinten, dürfte auch von Mad. Spohr gelten. Denn ihr Piano ist vom Forte in zu großem Abstande. Zum Schlusse spielte Mad. Spohr allein eine Phantasie (C-moll) auf der Harfe, wobei sie dem Charakter der Komposition, Schwermut und düsterer Ernst, ganz entsprochen zu haben scheint.«
Über Rodes zweites Konzert enthält die Musikalische Zeitung die Nachricht, daß er »bei sehr besuchtem Saale ungleich mehr Beifall gefunden als neulich; im Cantabile aber auch diesmal den Erwartungen des Publikums nicht genugsam entsprochen habe«.[160] 
Am 28. Januar spielte ich mit Seidler aus Berlin in dessen Abschiedskonzert meine Konzertante für zwei Violinen und trug, wie ein Bericht sagt, »den Preis davon, obgleich das Spiel des Herrn Seidler lobenswert war«. Ich konnte daher mit der Aufnahme, die ich als Künstler in Wien gefunden hatte, vollkommen zufrieden sein; denn auch die einheimischen Blätter erkannten mir den Preis zu. In Privatgesellschaften, wo ich in der Regel nicht nur die genannten Geiger, sondern auch den ausgezeichnetsten der einheimischen, Herrn Mayseder, antraf und mit allen diesen zu wetteifern hatte, wurde meinen Vorträgen ebenfalls besondere Aufmerksamkeit und Anerkennung geschenkt. Es gab dann immer erst einen Streit, wer beginnen sollte; denn jeder wollte der letzte sein, um seine Vorgänger zu verdunkeln. Ich aber, der überhaupt viel lieber ein gediegenes Quartett als ein Solostück vortrug, weigerte mich niemals, den Anfang zu machen, und wußte durch meine mir eigentümliche Auffassungs- und Vortragsweise der klassischen Quartette auch stets die Aufmerksamkeit und Teilnahme der Gesellschaft zu gewinnen. Hatten dann die andern ein jeder sein Paradepferd vorgeritten, und bemerkte ich nun, daß die Gesellschaft mehr Sinn für dergleichen wie für klassische Musik hatte, so holte ich zum Schlusse noch einen meiner schweren und brillanten Potpourris herbei und wußte dann in der Regel auch die Bravour im Vortrage meiner Vorgänger noch zu überbieten!
Bei diesen häufigen Gelegenheiten, Rode zu hören, überzeugte ich mich immer mehr, daß dieser der vollkommene Geiger der frühern Zeit nicht mehr sei. Durch die ewige Wiederholung derselben und immer derselben Kompositionen hatte sich in ihren Vortrag nach und nach eine Manier eingeschlichen, die nun nahe an Karikatur grenzte. Ich hatte die Unverschämtheit, ihm dies anzudeuten, indem ich ihn fragte, ob er sich denn gar nicht mehr erinnere, wie er seine Kompositionen vor zehn Jahren gespielt habe. Ja, ich steigerte meine Impertinenz so weit, daß ich die Variationen in G-dur auflegte und ihm sagte, ich wolle sie ihm genau in der Weise vortragen, wie ich sie vor zehn Jahren so oft von ihm gehört habe. Nach geendetem Spiel brach die Gesellschaft in großen Jubel aus, und so mußte denn auch Rode schicklichkeitshalber mir ein Bravo zurufen; doch sah man deutlich, daß er sich durch meine Indelikatesse verletzt fühlte. Und das mit vollem Recht. Ich schämte mich auch bald derselben und erwähne des Vorfalles jetzt nur, um zu zeigen, wie sehr ich mich damals als Geiger fühlte! In hohem Grade mit Wien zufrieden, dachte ich nun an meine Weiterreise, als mir ganz unerwartet vom Grafen Palffy, dem damaligen Besitzer des Theaters an der Wien, der Antrag zu einem Engagement bei demselben auf drei Jahre[161]  als Kapellmeister und Orchesterdirektor gemacht wurde. Da ich mich nicht entschließen konnte, meine und meiner Frau Anstellung auf Lebenszeit aufzugeben, lehnte ich anfangs entschieden ab. Als mir aber Herr Treitschke, der den Unterhändler machte, mehr denn dreimal so viel Gehalt, wie ich bisher gemeinschaftlich mit meiner Frau in Gotha bezogen hatte, antrug; als er mir erzählte, das Theater an der Wien werde bald das erste Deutschlands sein, da es dem Grafen gelungen sei, die vorzüglichsten jetzt lebenden Sänger dafür zu gewinnen, und er nun die Bildung des Orchesters aus den vorzüglichsten Künstlern Wiens mir zu übertragen gedenke; als er mir ferner vorstellte, ich werde bei einem so vortrefflichen Theater die herrlichste Gelegenheit finden, mich auch als dramatischer Komponist auszubilden und auszuzeichnen, da konnte ich der Versuchung nicht länger widerstehen, erbat mir eine Frist, um mich mit meiner Frau besprechen zu können, und versprach, in einigen Tagen entscheidende Antwort zu sagen.
Bei dem großen Gehalt, der mir geboten wurde und welcher den der beiden Hofkapellmeister Salieri und Weigl bedeutend überstieg, durfte ich hoffen, ein Dritteil, vielleicht die Hälfte davon zurücklegen zu können. Ferner konnte ich bei dem Ansehen, das ich mir als Künstler in Wien erworben hatte, mit Zuversicht darauf rechnen, durch Konzerte, Komposition und Unterrichtgeben noch ein Bedeutendes außerdem zu verdienen. Mithin war ich auch für den Fall, daß das Engagement nach drei Jahren wieder aufhören sollte, für die nächste Zukunft gesichert und konnte dann einen von frühester Jugend an gehegten Lieblingsplan, nämlich den einer Reise nach Italien, in Gesellschaft meiner Frau und Kinder zur Ausführung bringen.
Mehr jedoch noch als alles dieses bestimmte mich die mit erneuter Kraft erwachte Lust, für das Theater zu schreiben, die Vorschläge des Grafen anzunehmen, und so wurde denn, nachdem auch Dorette ihre Zustimmung, wiewohl mit Kummer über die nun notwendige Trennung von Mutter und Geschwistern, gegeben hatte, der schriftliche Vertrag unter Zuziehung eines befreundeten Advokaten und Notars abgeschlossen und unterzeichnet. Ich verpflichtete mich, als Orchesterdirektor bei allen großen Opern als erster Violinist vorzuspielen, die Violinsoli in Opern und Balletten zu übernehmen und als Kapellmeister aus der Partitur zu dirigieren, wenn der andre Kapellmeister durch Krankheit oder andre Abhaltungen verhindert sein sollte. Von kleinern Opern, Possen, Balletten und Schauspielmusiken war ich befreit. Ich trat nun zunächst in Verbindung mit dem Grafen Palffy und meinem neuen[162]  Kollegen, dem Kapellmeister von Seyfried, um die Umgestaltung des Orchesters zu bewirken. Und da der Graf in Bestimmung der Gehalte nicht knauserig war, so gelang es uns sehr bald, die begabtesten jungen Künstler Wiens für dasselbe zu gewinnen und ein Ensemble herzustellen, welches mein Orchester nicht nur zu dem besten in Wien, sondern auch zu einem der vorzüglichsten von ganz Deutschland erhob.
Unter den neu angestellten Mitgliedern befand sich auch mein Bruder und Schüler Ferdinand sowie einer meiner begabtesten frühern Schüler, Moritz Hauptmann aus Dresden. Dieser war eben in Wien angekommen und wünschte sich daselbst zu fixieren. Mein Bruder aber befand sich noch in Gotha und traf erst im Frühjahre ein.

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Ich hatte mir bei meinem Engagement einen vierwöchigen Urlaub für nächsten Frühling ausbedungen, um meine Angelegenheiten in Gotha zu ordnen und meine Kinder dort abzuholen. Vorher aber mußte ich mir noch eine Wohnung mieten und möblieren, um nach meiner Rückkehr eine eigne Haushaltung beginnen zu können. Denn obgleich ich schon längst, um ruhiger arbeiten zu können, eine Privatwohnung bezogen hatte, so war ich doch noch mittags und abends mit meiner Frau ins Speisehaus gegangen, was sich mit Kindern begreiflicherweise nicht fortsetzen ließ. Dabei ereignete sich ein Vorfall, der nicht nur auf dieses Geschäft, sondern auch auf meine künstlerischen Arbeiten in Wien großen Einfluß hatte. Es war nämlich kaum in der Stadt bekannt geworden, daß ich dort bleiben werde, als eines Morgens ein angesehener Fremder bei mir eintrat, der sich als Herrn von Tost, Fabrikbesitzer und leidenschaftlicher Musikfreund, vorstellte und die Zudringlichkeit seines Besuches damit entschuldigte, daß er mir einen Antrag zu machen habe. Nachdem er Platz genommen und ich mich erwartungsvoll gegenübergesetzt hatte, erging er sich erst in Lobeserhebungen über mein Kompositionstalent und sprach dann den Wunsch aus, daß ich ihm alles, was ich in Wien schreiben werde und etwa schon geschrieben habe, für ein angemeßnes Honorar auf drei Jahre als Eigentum überlassen möge, doch so, daß ich ihm die Originalpartituren überliefere und selbst keine Abschrift davon behalte. Nach drei Jahren wolle er die Handschriften zurückgeben, und ich könnte sie dann veröffentlichen oder verkaufen. Nachdem ich einen Augenblick über diesen sonderbaren und mysteriösen Antrag nachgedacht hatte, warf ich zuerst die Frage auf, ob denn die Manuskripte in diesen drei Jahren gar nicht zur Aufführung kommen sollten? Worauf Herr von Tost erwiderte: »O ja, sooft wie möglich, doch jedesmal von mir dazu hergeliehen und nur in meiner Gegenwart.« Er[163]  wolle, setzte er noch hinzu, mir die Gattung der Kompositionen nicht vorschreiben; doch wünsche er vorzugsweise solche, die sich in Privatzirkeln aufführen ließen, also Quartetten und Quintetten für Streichinstrumente oder Septette, Oktette und Nonette für Streich- und Blasinstrumente gemischt. Ich möge mir seinen Vorschlag überlegen und das Honorar für jede Kompositionsgattung bestimmen. Darauf übergab er seine Karte und empfahl sich.
Meine Frau und ich versuchten vergebens zu ergründen, was Herr von Tost mit seinem Anerbieten eigentlich bezwecke; ich beschloß daher, ihn geradezu darüber zu befragen. Vorher zog ich Erkundigungen über ihn ein und erfuhr, daß er ein reicher Mann sei, bei Znaim bedeutende Tuchfabriken besitze, Musik leidenschaftlich liebe und kein öffentliches Konzert versäume. Dies klang ganz beruhigend, und ich beschloß auf den Antrag einzugehen. Als Honorar für das dreijährige Abtreten meiner Handschriften setzte ich für ein Quartett dreißig, für ein Quintett fünfunddreißig Dukaten und so verhältnismäßig mehr für die übrigen Kunstgattungen ein. Als ich nun zu wissen wünschte, was Herr von Tost während der drei Jahre mit den Werken anzufangen gedenke, wollte er anfangs nicht recht mit der Sprache heraus und meinte, dies könne mir gleichgültig sein, sobald er sich schriftlich anheischig mache, meine Kompositionen nicht zu veröffentlichen; als er jedoch bemerkte, daß ich noch immer nicht beruhigt war, setzte er noch hinzu: »Ich beabsichtige zweierlei. Erstlich will ich zu den Musikpartien, in welchen Sie Ihre Kompositionen vortragen werden, eingeladen sein, deshalb muß ich diese in meinem Beschluß haben; und zweitens hoffe ich, auf Geschäftsreisen, im Besitze solcher Kunstschätze, ausgebreitete Bekanntschaften unter den Musikfreunden zu machen, die mir dann wieder für mein Fabrikgeschäft von Nutzen sein werden.«
Wenn mir auch die Spekulation des Herrn von Tost nicht recht einleuchten wollte, so mußte ich mir doch sagen, daß dieser jedenfalls eine hohe Idee von dem Werte meiner Kompositionen haben müsse! Dies bestach mich sehr und ließ keine weitern Bedenklichkeiten aufkommen. Da nun auch Herr von Tost gegen die angesetzten Honorare und die Bestimmung, daß sie bei Ablieferung der Manuskripte auszuzahlen seien, nichts einzuwenden hatte, so wurde das Geschäft sogleich schriftlich abgeschlossen.
Ich hatte bereits ein Manuskript mit nach Wien gebracht, ein Soloquartett für Violine, welches ich auf der Reise vollendet hatte. Mit der Komposition eines zweiten war ich eben beschäftigt. Dies beschloß[164]  ich noch vor der Abreise nach Gotha fertig zu machen und dann beide an Herrn von Tost abzugeben.
Unterdessen war es mir geglückt, ganz in der Nähe des Theaters an der Wien eine für mich passende Wohnung, die Beletage in dem Hause eines Tischlers, zu finden. Sie stand leer und konnte daher noch vor Ostern bezogen werden. Da sie etwas verwohnt war, so ließ ich dieselbe neu malen und aufputzen und war nun im Begriff, sie vor meiner Abreise auch zu möblieren und einzurichten. Ich lieferte daher meine beiden Quartetten an Herrn von Tost ab und erbat mir das Honorar von sechzig Dukaten, dabei bemerkend, daß ich des Geldes zu meiner häuslichen Einrichtung bedürfe. »Die werde ich Ihnen vollständig liefern«, entgegnete er, »und zwar wohlfeiler, als wenn Sie selbst einkaufen; denn ich stehe mit allen Leuten, mit denen Sie zu tun haben werden, in Geschäftsverbindung und kann daher billigere Preise erwirken als Sie. Auch finde ich dabei Gelegenheit, noch alte Schuldenreste einzuziehen. Nennen Sie mir daher einen Tag, wo ich Sie nebst Ihrer Frau Gemahlin abholen kann, um gemeinschaftlich alles Nötige auszusuchen.«
So geschah es. Zuerst fuhren wir in die neue Wohnung, wo Herr von Tost mit großer Sachkenntnis ein Verzeichnis von allen den Geräten und Sachen entwarf, die für die vorhandenen Räume, vom Putzzimmer an bis zur Küche, nötig waren. Dann ging es von einem Gewölbe und Magazin zum andern, und meine Frau und ich hatten nur immer abzuwehren, daß er nicht zu viel und nicht immer gerade das Reichste und Kostbarste auswählte. Doch konnten wir es nicht hindern, daß für die Putzstube Möbeln von Mahagoni mit Seide überzogen und Vorhänge von gleichem Stoff und für die Küche eine Masse von Tafel- und Küchengeschirr angeschafft wurden, wie sie besser für einen Kapitalisten als einen anspruchslosen Künstler gepaßt hätten. Vergebens stellte Dorette vor, wir würden keine Gastereien geben und bedürften daher eine solche Menge von Geschirr nicht! Er ließ sich nicht irre machen, und als ich die Befürchtung aussprach, die Einrichtung werde für meine Verhältnisse zuviel kosten und daher verlangte, daß vor allem erst ein Überschlag gemacht werde, erwiderte er: »Sein Sie unbesorgt, es wird Ihnen nicht zuviel kosten; auch werde ich keine Barzahlung verlangen. Sie können nach und nach alles mit Ihren Manuskripten ausgleichen.«
Dagegen ließ sich nun weiter nichts einwenden, und so sahen wir uns im Besitze einer so glänzenden und geschmackvollen Einrichtung, wie sie gewiß keine andre Künstlerfamilie der Stadt aufzuweisen hatte.[165] 
Ich ordnete nun alles zu meiner Abreise. Meine Frau wurde von einer Dame ihrer Bekanntschaft, der Schwester des Advokaten Zizius, eines großen Musikfreundes, in dessen Hause wir oft musiziert hatten, eingeladen, bei ihr während meiner Abwesenheit zu wohnen, so daß ich sie ohne Besorgnis allein in Wien zurücklassen konnte.
Ich hatte erfahren, daß ein Leipziger Kaufmann, im Begriffe nach seiner Heimat im eignen Wagen mit Extrapost zurückzukehren, einen Reisegefährten suche; ich beeilte mich daher, mich ihm als solchen anzutragen, und wurde auch sogleich über die Bedingungen mit ihm einig. Ich erinnere mich nicht mehr seines Namens, wohl aber, daß er ein gebildeter und teilnehmender Reisegefährte war, von dem ich im besten Vernehmen schied. Wir fuhren wegen der schlechten Nachtquartiere ohne anzuhalten bis Prag, blieben dann aber dort einen vollen Tag, um uns zu erholen. Ich verbrachte ihn sehr angenehm im Hause meines Freundes Kleinwächter. Von Prag aus mußten wir die große Straße über Dresden verlassen, weil sich dort die Armeen der kriegführenden Mächte gegenüberstanden und die Elbbrücke nicht zu passieren war, da einige Bogen sogar durch die Franzosen in die Luft gesprengt waren. Wir mußten uns daher einen Weg über das Erzgebirge suchen, auf dem wir zwar auch Truppenabteilungen antrafen, von denen wir aber weder angehalten noch zurückgewiesen wurden. So kamen wir ohne weitere Abenteuer glücklich bis Chemnitz. Hier aber sollte ich etwas erleben, was mich dermaßen in Schrecken versetzte, daß ich darüber in Ohnmacht fiel, was mir bei meinem kräftigen Körperbau weder vorher noch nachher je wieder geschehen ist!

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Wir kamen um die Mittagszeit in Chemnitz an, als sich im Hotel soeben eine zahlreiche Gesellschaft zum Mittagsessen niedersetzte. Wir schlossen uns ihr an, und ich fand meinen Platz zwischen meinem Reisegefährten und der Wirtin des Hauses. Während diese die Suppe vorlegte, wollte ich mir nach dem Beispiele der übrigen Gäste von einem vor mir liegenden großen schwarzen Brote ein Stück abschneiden. Ich setzte das Messer an, welches aber nicht von der Stelle weichen wollte, weil es, wie sich nachher zeigte, auf einen kleinen, in die Rinde des Brotes mit eingebackenen Stein geraten war. Ich glaubte daher, das Messer sei stumpf, und steigerte daher die Kraft des Druckes. Nun sprang es aber plötzlich ab, fuhr mir in die Kuppe des linken Zeigefingers und schnitt ein bedeutendes Stück Fleisch davon ab, welches auf den Teller vor mir niederfiel. Eine Blutfontäne folgte! Dieser Anblick, mehr aber noch der Gedanke, daß es nun mit meinem Violinspiele zu Ende sei[166]  und ich nicht mehr imstande sein werde, mich und die Meinigen zu ernähren, erschreckte mich dermaßen, daß ich bewußtlos vom Stuhle sank. Als mir nach etwa zehn Minuten die Besinnung zurückkehrte, sah ich die ganze Gesellschaft in Aufruhr und um mich beschäftigt. Mein erster Blick fiel auf meinen Finger, den ich mit einem großen Stück englischen Pflasters, daß die hülfreiche Wirtin herbeigeholt hatte, umwickelt fand. Es hatte sich fest in die durch den Schnitt entstandene Vertiefung hineingelegt, und ich konnte nun zu meiner Beruhigung sehen, daß nicht die ganze Fingerkuppe abgeschnitten war, wie ich im ersten Schrecken gefürchtet hatte. Doch war fast die Hälfte derselben nebst einem großen Stück des Nagels durchschnitten. Da ich fast gar keinen Schmerz empfand, so ließ ich den Verband unangerührt und suchte erst in Leipzig einen Wundarzt auf, der das Pflaster aber ebenfalls liegen ließ und nur sorgfältige Vermeidung aller unsanften Berührung des Fingers riet.
So kam ich denn ziemlich getröstet über den Unfall bei den Meinigen in Gotha an. Den Hof fand ich sehr verstimmt über meinen Abgang; die Herzogin war so böse, daß ich große Mühe hatte, sie zu besänftigen, was mir um so schwerer fiel, da ich nicht einmal mehr, was sie so sehr gewünscht hatte, bei Hofe zum Abschiede spielen konnte! Auch meine Schwiegermutter war sehr betrübt. Ich beeilte mich daher, soviel als möglich, aus diesen unangenehmen Verhältnissen herauszukommen. Meinem alten Freunde Bärwolf hatte ich schon einige Wochen früher den Auftrag erteilt, die Möbeln und Geräte, die ich nicht mitzunehmen gedachte, unter der Hand zu verkaufen. Dies war nach Wunsch geglückt. Ich ließ daher das Zurückbehaltene, hauptsächlich Betten, einige schöne Spiegel, Musikalien, Kleider, Wäsche u. dgl. verpacken und schickte es durch Fracht nach Regensburg voraus. Acht Tage später folgte dann ich mit meinem Bruder Ferdinand, meinen beiden Kindern und einem jungen Mädchen, einer Waise, die meine Schwiegermutter aufgenommen und erzogen hatte und mir nun als Kindermädchen überließ.
Der Abschied von den Verwandten und dem lieben Gotha war ein sehr trüber; doch erheiterten wir uns, vom herrlichsten Reisewetter begünstigt, bald wieder, und ich ergötzte mich sehr an den naiven Bemerkungen der Kinder über die vielen noch nie gesehnen Gegenstände. So kamen wir zwar sehr ermüdet, aber seelenvergnügt in Regensburg an. Dort verweilten wir einige Tage, während welcher ich alles zur Donaufahrt nach Wien vorbereitete. Ich mietete um mäßigen Preis ein eigenes Schiff und ließ meine bereits angelangten Frachtstücke darauf bringen. Die Betten wurden ausgepackt und zum Nachtlager unter dem Bretterhäuschen[167]  des Schiffes ausgebreitet; die Koffer dienten als Sitzplätze. Da die Fahrt, ohne anzuhalten, Tag und Nacht fortdauern sollte, so wurde für vier bis fünf Tage Proviant eingekauft. Die Schiffsgesellschaft bestand außer mir und den Meinigen aus dem Schiffer, seiner Frau, die die Küche besorgte, dessem Knechte und drei Handwerksburschen, denen ich freie Fahrt und Kost gab, wofür sie sich anheischig machten, fleißig zu rudern.
Es war im Mai zur Zeit des Vollmonds und der herrlichste blaue Himmel über die reizenden Gegenden ausgebreitet! Der Frühling hatte soeben die ganze Natur in sein erstes saftiges Grün gekleidet, und die Obstbäume standen noch in der prächtigsten Blüte. Die buschigen Ufer des herrlichen Stromes waren von zahlreichen Nachtigallen bewohnt, die besonders während der stillen, hellen Nächte unaufhörlich schlugen. Es war eine Fahrt zum Entzücken, und ich habe mich fortwährend durch mein ganzes langes Leben hindurch gesehnt, sie unter ähnlichen günstigen Umständen noch einmal machen zu können; doch leider vergeblich.
Der vielen herrlichen stets wechselnden Ansichten, bald wilder Natur, bald reich bebauter Landschaft, sowie der vielen Städte, Schlösser und Klöster, an denen wir vorüberschwebten, erinnere ich mich nicht mehr. Als wir den berühmten Strudel und den Wirbel passierten, was zu jener Zeit noch nicht gefahrlos geschehen konnte, wurde unser bis dahin sehr jovialer Schiffer am Steuerruder plötzlich ernst und ermahnte die Ruderer eindringlich, seinen Anordnungen auf das pünktlichste nachzukommen. Als ich bemerkte, daß der Schiffer in dem Augenblicke, da uns der reißende Strom ergriff, erblaßte, als die Frau sich auf die Knie warf und ein Gebet auf die heilige Jungfrau mehr heulte als sprach, da schien mir der Moment von großer Gefahr zu sein, und ich ermahnte daher meinen Bruder, der wie ich ein gewandter Schwimmer war, im Falle eines Unglücks mir bei Rettung der Kinder beizustehen. Doch kamen wir die abschüssige Stromschnelle glücklich hinab und wichen auch dem Wirbel, der übrigens nur für ganz kleine Kähne gefahrdrohend ist, glücklich aus.
Auf dem Felsen, der am Ende des Strudels mitten im Strome liegt und durch das Zurückwerfen der Fluten den Wirbel erzeugt, wohnte damals ein alter Eremit, der von den Gaben der Vorbeireisenden lebte. Er fuhr in seinem kleinen Kahne zum Ergötzen der Kinder, die noch keinen Eremiten gesehen hatten, auch an unser Schiff heran und empfing die übliche Gabe.[168] 
Am vierten Tage unsrer Wasserfahrt kamen wir gegen Abend in Wien an und sahen schon von weitem Doretten in Gesellschaft ihrer Wirte am Landungsplatze unsrer harren. Das war ein beglückendes Wiedersehen! Noch an demselben Abende wurde das Gepäck in die neue Wohnung gebracht, die wir tags darauf bezogen.



 Wien
[169] 1813–1815











Meine Wunde war bei meiner Ankunft in Wien fast geheilt. Zu meinem Erstaunen und noch viel mehr zu dem der Wundärzte, denen ich davon erzählte, war unter dem englischen Pflaster, welches noch immer den Finger umhüllte, neues Fleisch an die Stelle des ausgeschnittenen gewachsen und hatte sich nach und nach zu dem frühern Umfang der Fingerkuppe ausgedehnt. Auch das fehlende Stück Nagel war wieder gewachsen, doch nur notdürftig mit dem übrigen Nagel verbunden, so daß eine Vertiefung zurückgeblieben war, die noch jetzt sichtbar ist und den Umfang des damals Weggeschnittenen deutlich erkennen läßt. Mit Hilfe eines Überzuges von Leder konnte ich meinen Finger wieder gebrauchen und wenn auch nicht gleich Solo spielen, doch meinen Dienst im Orchester beginnen.
Ich führte nun ein sehr tätiges, im Genusse des Familienlebens auch höchst zufriedenes Leben. Der frühe Morgen fand mich schon am Klavier oder am Schreibtische, und auch jede andre Tageszeit, die mir der Orchesterdienst und mein Unterrichtgeben frei ließ, wurde der Komposition gewidmet. Ja, mein Kopf gärte und arbeitete damals so unaufhörlich in musikalischen Ideen, daß ich selbst auf den Wegen zu meinen Schülern sowie auf Spaziergängen fortwährend komponierte und dadurch bald die Fertigkeit gewann, lange Perioden, ja ganze Musikstücke im Kopfe vollständig auszuarbeiten, die dann ohne weitere Nachhilfe niedergeschrieben werden konnten. War dies geschehen, waren sie im Gedächtnisse wie ausgelöscht, und ich hatte wieder Raum für neue musikalische Kombinationen gewonnen. Dorette schmälte oft auf Spaziergängen über dieses unaufhörliche Denken und war froh, wenn das Geplauder der Kinder mich davon abzuziehen vermochte. War dies einmal[170]  geschehen, so gab ich mich gern den äußern Eindrücken hin; nur durfte man mich nicht wieder in mein Grübeln zurückfallen lassen, was Dorette auch stets mit großer Gewandtheit zu verhüten wußte.
Wir lernten schon im ersten Sommer unsres Aufenthaltes zu Wien die herrliche Umgebung der Stadt recht genau kennen, da wir fast jeden schönen Abend, in welchem ich im Theater unbeschäftigt war, im Freien zubrachten. Dann suchten wir, unser frugales Abendbrot in einem vom Kindermädchen getragenen Körbchen mit uns führend, irgend einen schönen Aussichtspunkt auf und sahen dort die Sonne untergehen. So haben wir manchen schönen Abend bei »der Spinnerin am Kreuze«, wo man eine besonders herrliche und reiche Übersicht der Stadt hat, verlebt. Sonntags nahmen wir dann auch wohl an der Linie einen Zeiselwagen und machten weitere Ausflüge nach dem Leopoldsberge oder der Brühl, oder nach Laxenburg und Baden.
Der Lieblingsspaziergang der Kinder war aber immer nach Schönbrunn zur Menagerie oder in den Prater zum sogenannten »Dörfl«, wo sie die Karusselle, die Puppen- und Hundekomödien und andre Herrlichkeiten immer mit neuem Entzücken erfüllten! Ich und meine Frau, im Gemüt selbst noch halbe Kinder, nahmen an der Freude unsrer Lieblinge den innigsten Anteil. Es war eine schöne, frohe und sorgenlose Zeit!
Meine erste Arbeit nach der Rückkehr von Gotha war die Komposition des »Faust«. Ich hatte vor der Reise einen andern Stoff im Auge, den mir Theodor Körner als Oper bearbeiten wollte. Bald nach meiner Ankunft in Wien machte ich die Bekanntschaft des jungen Dichters, der schon damals wegen seiner Liebenswürdigkeit und wegen des Erfolges seiner Theaterstücke sehr gefeiert wurde. Ich traf ihn fast in allen Gesellschaften, wo ich spielte, und da Körner die Musik sehr liebte, so schlossen wir uns sehr bald aneinander an. Als es dann entschieden war, daß ich in Wien bleiben werde, bat ich Körner, mir eine Oper zu schreiben, wozu ich ihm die Sage vom Rübezahl vorschlug. Körner, der beide Aufführungen des »jüngsten Gerichts« mit angehört und von meinem Kompositionstalent eine gute Meinung hatte, sagte ohne Bedenken zu und ging gern auf den ihm vorgeschlagenen Stoff ein. Doch plötzlich hieß es, Körner wolle als Freiwilliger unter Lützows Reiterschar gehen und für die Befreiung Deutschlands kämpfen! – Ich eilte zu ihm und versuchte wie viele andre meiner Freunde, ihm diesen Vorsatz auszureden; doch ohne Erfolg. Bald schon sahen wir ihn scheiden. Später wurde es bekannt, daß ihm nicht allein die Begeisterung für den deutschen[171]  Befreiungskampf, sondern auch eine unglückliche, unerwiderte Liebe zur schönen Schauspielerin Adamberger in Wien vertrieben und in den frühen Tod gestürzt hatte.
So sah ich meine Hoffnung, von dem jungen begabten Dichter ein Opernbuch zu bekommen, leider vereitelt und mußte mich nun nach einem andern umsehen. Es kam mir daher gelegen, daß Herr Bernard seine Bearbeitung des »Faust« mir zur Komposition antrug, und bald hatten wir uns über die Bedingungen geeinigt. Einige Abänderungen, die ich wünschte, wurden vom Dichter während meiner Reise nach Gotha vorgenommen, so daß ich nach meiner Rückkehr augenblicklich beginnen konnte. Aus dem Verzeichnis meiner Kompositionen ersehe ich, daß ich diese Oper in weniger als vier Monaten, vom Ende Mai bis Mitte September geschrieben habe. Noch jetzt ist mir erinnerlich, mit welcher Begeisterung und Ausdauer ich daran arbeitete! Hatte ich einige Nummern beendet, so eilte ich damit zu Meyerbeer, der sich damals in Wien aufhielt, und bat ihn, sie mir aus der Partitur vorzuspielen, worin dieser sehr exzellierte. Ich übernahm dann die Singstimme und trug sie in ihren verschiednen Charakteren und Stimmlagen mit großer Begeisterung vor. Reichte meine Kehlfertigkeit nicht aus, so nahm ich zum Pfeifen meine Zuflucht, worin ich sehr geübt war. Meyerbeer nahm großes Interesse an dieser Arbeit, welches sich bis in die neueste Zeit erhalten zu haben scheint, da er während seiner Leitung der Berliner Oper den »Faust« von neuem in Szene setzte und mit großer Sorgfalt selbst einübte.
Aber auch Pixis der jüngere, der damals bei seinen Eltern in Wien wohnte, sowie Hummel und Seyfried zeigten große Vorliebe für diese Oper, so daß ich sie mit den schönsten Hoffnungen auf einen glänzenden Erfolg dem Theater an der Wien zur Aufführung antrug. Graf Palffy, mit dem ich damals noch in gutem Vernehmen war, nahm sie auch sogleich an und versprach, sie baldmöglichst zu verteilen und zur Aufführung zu bringen. Ich hatte bei der Arbeit das Personal meines Theaters zwar im Auge gehabt, den Faust für Forti, den Mephisto für Weinmüller, den Hugo für Wild, den Franz für Gottdank, die Kunigunde für Madame Campi und das Röschen für Demoiselle Theimer geschrieben; es war mir aber doch, abgesehen davon, daß ich damals überhaupt noch nicht recht verstand, mich immer in den Schranken des natürlichen Stimmumfangs zu halten, allerlei aus der Feder geflossen, was für die genannten Sänger nicht paßte, wie z.B. die langen Koloraturen in der Arie des Hugo für Wild, der damals noch[172]  wenig Geläufigkeit besaß. Dies wurde später vom Grafen, als ich mich mit ihm entzweit hatte, als Vorwand benutzt, um seine Zusage zurückzunehmen, und wirklich kam die Oper, solange ich in Wien war, gar nicht zur Aufführung. Einige Jahre später wurde sie dann mit vielem Erfolg gegeben und in neuerer Zeit mit noch gesteigertem Beifall von neuem in Szene gesetzt. Ich, der ich mich von jeher nur so lange für meine Kompositionen interessierte, als ich daran arbeitete und von ihnen erfüllt war, ertrug es mit großer Gemütsruhe, daß meine Partitur in der Theaterbibliothek ungenützt ruhte, und machte mich sogleich an neue Arbeiten. Selbst den Klavierauszug der Oper, den Pixis mit großer Liebe verfertigt hatte, ließ ich erst viele Jahre später bei Peters in Leipzig stechen.
Nach Beendigung des »Faust« glaubte ich nun zunächst meiner Verpflichtung gegen Herrn von Tost nachkommen zu müssen. Ich fragte deshalb bei ihm an, welche Kunstgattung ihm für diesmal die liebste sein werde. Mein Kunstmäzen sann ein wenig nach und meinte dann, ein Nonett, konzertierend für die vier Streichinstrumente Violine, Viola, Violoncell und Kontrabaß und die fünf vornehmsten Blasinstrumente Flöte, Oboe, Klarinette, Horn und Fagott, so geschrieben, daß jedes der Instrumente seinem Charakter und Wesen gemäß hervorträte, möchte doch wohl eine ebenso interessante wie dankbare Aufgabe sein, und da er gar nicht zweifle, daß ich sie mit Glück lösen werde, so gebe er anheim, sie als die nächste Arbeit zu wählen. Ich fühlte mich durch die Schwierigkeit der Aufgabe angezogen, willigte mit Freuden ein und machte mich sogleich an die Arbeit. So entstand das bekannte Nonett, welches als Op. 31 bei Steiner in Wien erschienen und bis jetzt das einzige seiner Gattung geblieben ist. Ich vollendete es in kurzem und lieferte die Partitur an Herrn von Tost ab. Dieser ließ es ausschreiben und lud dann die ausgezeichnetsten Künstler Wiens zu sich ein, um es unter meiner Anleitung einzuüben. Dann wurde es in einer der ersten mit dem Winter beginnenden Musikpartien aufgeführt und erhielt so lebhaften Beifall, daß es im Laufe des Winters noch oft wiederholt werden mußte! Herr von Tost erschien dann jedesmal mit der Musikmappe unter dem Arme, legte die Stimmen selbst auf die Pulte und schloß sie nach beendigtem Vortrage sogleich wieder ein. Er fühlte sich durch den Beifall, den das Werk fand, so beglückt, als wäre er selbst der Komponist. Auch die beiden Quartetten, die er im Manuskript besaß, spielte ich häufig in Gesellschaften, und so wurde sein Wunsch, zu recht vielen Musikpartien eingeladen zu werden, vollständig erfüllt. Ja, bald war man es so gewohnt, wo ich spielte, auch Herrn von Tost mit seiner Musikmappe zu sehen,[173]  daß er eingeladen wurde, auch wenn ich keines seiner Manuskripte vortrug.
Vor dem Schlusse des Jahres 1813 schrieb ich nach ein Rondo für Harfe und Violine für meine Frau und mich und ein Streichquintett für Herrn von Tost. Es ist das in G-dur op. 33, welches der Verleger aus Versehen als Nr. 2 bezeichnet hat. Es ist jedoch sechs Monate früher als das in Es-dur geschrieben worden.
Wegen dieses Quintettes wurde ich in eine literarische Fehde verwickelt, welche die erste und auch die letzte gewesen ist, die ich einer meiner Kompositionen halber je geführt habe. Es fand bei den Künstlern und Kunstkennern Wiens eine besonders günstige Aufnahme, und auch ich hielt es, und mit Recht, für das Beste, was ich bis dahin geschrieben hatte. Um so kränkender mußte es für mich sein, daß der Rezensent eines damaligen Wiener Kunstblattes gar nichts Gutes daran finden wollte. Besonders fühlte ich mich durch die hämische Weise verletzt, womit derselbe von der thematischen Bearbeitung des ersten Satzes sprach, die mein Stolz war und die Bewunderung der Kenner erregt hatte. Noch jetzt, nach so langer Zeit, erinnere ich mich jener Worte, die ungefähr so hießen: »Dieses ewige Wiederkäuen des Themas in allen Stimmen und Tonlagen kommt mir vor, wie wenn man einen dummen Bedienten einen Auftrag zu geben hat, den er nicht begreifen kann und den man daher unzählige Male in den verschiedensten Sprachwendungen wiederholen muß, damit er ihm klar werde! – Für solche dumme Bedienten scheint der Komponist seine Zuhörer zu halten!«
Ich erfuhr bald, daß der ungenannte Rezensent Herr von Mosel sei, der Komponist der lyrischen Tragödie »Salem«, von der ich allerdings sehr vorlaut gesagt hatte: »Ich habe im Leben nichts Langweiligeres gehört!« Dieses Urteil war unglücklicherweise dem Komponisten zu Ohren gekommen und hatte seine Galle in so hohem Grade erregt. Herr von Tost, der auf meine Kompositonen, besonders solche, die er in seiner Mappe hatte, stolzer war als der Komponist selbst, ließ nicht nach, bis ich eine Antikritik geschrieben hatte. Was ich zur Abwehr und besonders zur Verteidigung meiner thematischen Durchführung sagte, erinnere ich mich nicht mehr, wohl aber, daß ich es an Seitenhieben auf »Salem« nicht fehlen ließ. Dies goß Öl ins Feuer, und so entspann sich eine Fehde, die noch lange fortgesetzt worden wäre, hätte nicht die Zensur einen Riegel vorgeschoben, indem sie dem Redakteur des Blattes verbot, weiteres in der Sache aufzunehmen. Da mich solche Zänkereien[174]  sehr anwiderten, war ich froh, zu meinem harmlosen Komponieren zurückkehren zu können.

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Im Herbste dieses Jahres hatte mir Dorette einen Knaben geboren. Unser Glück über diesen Familienzuwachs war leider von kurzer Dauer; denn der Knabe fing bald zu kränkeln an und starb, noch ehe er drei Monate alt geworden war. Die arme Mutter suchte und fand Trost bei ihrer Harfe; sie übte zu meinem im Dezember bevorstehenden Benefizkonzerte das neue Rondo mit mir ein. Nach der Musikalischen Zeitung fand dieses Konzert im kleinen Redoutensaale statt, und mein Bruder Ferdinand trat darin in der Konzertante in A mit mir auf.
Unterdessen war die große Völkerschlacht bei Leipzig geschlagen. Die verbündeten Heere hatten den Rhein überschritten, und man hoffte, sie nun bald in Paris einziehen zu sehen! In Wien wurden zur Feier dieses Einzuges sowie für die Rückkehr des Kaisers und seiner siegreichen Armee große Festlichkeiten vorbereitet. Sämtliche Theater ließen Festspiele dichten und komponieren, und die kürzlich errichtete Gesellschaft der Musikfreunde des österreichischen Kaiserstaates unter dem Protektorate des Erzherzogs Rudolf machte Anstalten zu einer kolossalen Aufführung des »Samson« von Händel in der kaiserlichen Reitschule, wozu Herr von Mosel die Instrumentierung vermehrte. Andre Gesellschaften unternahmen ähnliches. So kam auch Herr von Tost auf die Idee, eine große Musikaufführung bei der Rückkehr des Kaisers zu veranstalten, und befragte mich, ob ich ihm dazu eine Kantate schreiben wolle, deren Inhalt die Befreiung Deutschlands sein müsse. Ich sagte gern zu, bemerkte jedoch, daß dieser Stoff dem Komponisten nur wenig dankbare Momente darbieten werde und ihn deshalb ein guter Dichter bearbeiten müsse, um solche zu schaffen.
»O, daran soll es nicht fehlen«, war die Antwort. »Ich gehe sogleich zur Frau von Pichler und zweifle nicht, daß sie es übernehmen wird, Ihnen den Text zu liefern!« Und so geschah es auch. Ich besprach mich mit der Dichterin über Inhalt und Form, und sie lieferte mir dann ein Textbuch, das im reichen Wechsel häuslicher und kriegerischer Szenen eine Reihe sehr günstiger Momente für die Komposition darbot.
Ich machte mich sogleich an die Arbeit und beendigte diese Kantate, die zwei Stunden dauert, bei allen meinen übrigen vielen Arbeiten, in dritthalb Monaten, vom Januar bis Mitte März 1814.
Herr von Tost hatte unterdessen für die Solopartien die vier besten Sänger Wiens, die Damen Buchwieser und Milder und die Herren[175]  Wild und Weinmüller, engagiert und wollte zur Aufführung der Chöre sämtliche Kirchen- und Chorsänger der Theater vereinigen. Die Stimmen wurden ausgeschrieben und verteilt, und ich war bereits einige Male zu Madame Milder gegangen, um ihr beim Einüben ihrer Partie behilflich zu sein. Da stürzte eines Morgens Herr von Tost in mein Zimmer und rief voll Verzweiflung: »Soeben ist mir der große Redoutensaal zu unsrer Aufführung unter dem nichtigen Vorwande abgeschlagen worden, er könne wegen der Vorbereitungen zu den Hoffesten nicht entbehrt werden! Daran ist nur die Eifersucht der Musikgesellschaft schuld, die außer ihrer Aufführung in der Reitschule keine andre großartige will zustande kommen lassen. Was ist nun zu tun? Seit der Zerstörung des Apollosaales gibt es in Wien außer dem großen Redoutensaal kein Lokal mehr für solch eine Musikaufführung.«
Mir fiel nach langem Nachsinnen noch der Zirkus des Herrn de Bach im Prater ein. Sogleich fuhren wir hinaus, um zu sehen, ob die Reitbahn in der Mitte des Gebäudes wohl Raum genug darbieten werde, um unser Orchester- und Theaterpersonal aufstellen zu können. Ich glaubte es und versprach mir von der Aufstellung der Mitwirkenden im Mittelpunkte des Gebäudes eine großartige Wirkung. Leider war aber auch dieses Lokal, ich weiß nicht, aus welchem Grunde, nicht zu haben, und so scheiterte das ganze Unternehmen zum größten Leidwesen des Herrn von Tost.
Es ging mit dieser Kantate wie mit dem »Faust«. Auch sie kam erst zur Aufführung, als ich Wien schon längst verlassen hatte. Ich hörte sie zuerst beim Musikfeste in Frankenhausen am Jahrestage der Leipziger Schlacht im Jahre 1815.
Mit der Ablieferung dieses Werkes an Herrn von Tost war meine Schuld für die Einrichtung nun ausgeglichen, und ich hatte für die folgenden Arbeiten wieder das stipulierte Honorar zu empfangen.
Wie mir, so ging es auch Beethoven mit einer ähnlichen Festarbeit; sie kam damals ebenfalls nicht zur Aufführung. Sie hieß »Der glorreiche Augenblick« und wurde später mit verändertem Texte bei Haslinger in Wien gestochen.
Bei der Erwähnung Beethovens fällt mir auf, daß ich meines freundschaftlichen Verhältnisses zu diesem großen Künstler noch gar nicht erwähnt habe, und ich beeile mich daher, das Versäumte nachzuholen.
Nach meiner Ankunft in Wien suchte ich Beethoven sogleich auf, fand ihn aber nicht und ließ deshalb meine Karte zurück. Ich hoffte nun, ihn[176]  in einer der musikalischen Gesellschaften zu finden, zu denen ich häufig eingeladen wurde, erfuhr aber bald, daß Beethoven sich, seitdem seine Taubheit so zugenommen, daß er Musik nicht mehr deutlich und im Zusammenhange hören könne, von allen Musikpartien zurück ziehe und überhaupt sehr menschenscheu geworden sei. Ich versuchte es daher nochmals mit einem Besuche; doch wieder vergebens. Endlich traf ich ihn ganz unerwartet in dem Speisehause, wohin ich jeden Mittag mit meiner Frau zu gehen pflegte. Ich hatte nun schon Konzert gegeben und zweimal mein Oratorium aufgeführt. Die Wiener Blätter hatten günstig darüber berichtet. Beethoven wußte daher von mir, als ich mich vorstellte, und begrüßte mich ungewöhnlich freundlich. Wir setzten uns zusammen an einen Tisch, und Beethoven wurde sehr gesprächig, was die Tischgesellschaft sehr verwunderte, da er gewöhnlich düster und wortkarg vor sich hinstarrte. Es war aber eine sauere Arbeit, sich ihm verständlich zu machen, da man so laut schreien mußte, daß es im dritten Zimmer zu hören war. Beethoven kam nun öfter in dieses Speisehaus und besuchte mich auch in meiner Wohnung. So wurden wir bald gute Bekannte. Beethoven war ein wenig derb, um nicht zu sagen roh; doch blickte ein ehrliches Auge unter den buschigen Augenbrauen hervor. Nach meiner Rückkehr von Gotha traf ich ihn dann und wann im Theater an der Wien dicht hinter dem Orchester, wo ihm der Graf Palffy einen Freiplatz gegeben. Nach der Oper begleitete er mich gewöhnlich nach meinem Hause und verbrachte den Rest des Abends bei mir. Dann konnte er auch gegen Dorette und die Kinder sehr freundlich sein. Von Musik sprach er höchst selten. Geschah es, dann waren seine Urteile sehr streng und so entschieden, als könne gar kein Widerspruch dagegen stattfinden! Für die Arbeiten andrer nahm er nicht das mindeste Interesse; ich hatte deshalb auch nie den Mut, ihm die meinigen zu zeigen. Sein Lieblingsgespräch in jener Zeit war eine scharfe Kritik der beiden Theaterverwaltungen des Fürsten Lobkowitz und des Grafen Palffy. Auf letzteren schimpfte er oft schon überlaut, wenn wir noch innerhalb seines Theaters waren, so daß es nicht nur das ausströmende Publikum, sondern der Graf selbst in seinem Büro hören konnte. Dies setzte mich sehr in Verlegenheit, und ich war nur immer bemüht, das Gespräch auf andre Gegenstände zu lenken.
Das schroffe, selbst abstoßende Benehmen Beethovens in jener Zeit rührte teils von seiner Taubheit her, die er noch nicht mit Resignation zu tragen gelernt hatte, teils war es Folge seiner zerrütteten Vermögensverhältnisse. Er war kein guter Wirt und hatte noch das Unglück, von seiner Umgebung bestohlen zu werden. So fehlte es oft am Nötigsten.[177]  In der ersten Zeit unsrer Bekanntschaft fragte ich ihn einmal, wie er mehrere Tage nicht ins Speisehaus gekommen war: »Sie waren doch nicht krank?« – »Mein Stiefel war's, und da ich nur das eine Paar besitze, hatte ich Hausarrest«, war die Antwort. Aus dieser drückenden Lage wurde er aber nach einiger Zeit durch die Bemühungen seiner Freunde herausgerissen. Die Sache verhielt sich so:
Beethovens »Fidelio«, der 1804 oder 1805 unter ungünstigen Verhältnissen (es war die Zeit der Besetzung Wiens durch die Franzosen) einen sehr geringen Erfolg gehabt hatte, wurde jetzt von den Regisseuren des Kärtnertortheaters wieder hervorgesucht und zu ihrem Benefize neu in Szene gesetzt. Beethoven hatte sich bewegen lassen, eine neue Ouvertüre (die in E), ein Lied für den Kerkermeister und die große Arie für Fidelio (mit den obligaten Hörnern) nachträglich dazu zu schreiben, auch einige Veränderungen vorgenommen. In dieser neuen Gestalt machte nun die Oper großes Glück und erlebte eine lange Reihe zahlreich besuchter Aufführungen. Der Komponist wurde am ersten Abend mehrere Male herausgerufen und war nun wieder der Gegenstand allgemeinster Aufmerksamkeit. Diesen günstigen Augenblick benutzten seine Freunde, um für ihn ein Konzert im großen Redoutensaale zu veranstalten, in welchem die neuesten Kompositionen Beethovens zur Aufführung kommen sollten. Alles, was geigen, blasen und singen konnte, wurde zur Mitwirkung eingeladen, und es fehlte von den bedeutenden Künstlern Wiens auch nicht einer. Ich und mein Orchester hatten uns natürlich auch angeschlossen, und so sah ich Beethoven zum ersten Male dirigieren. Soviel ich auch hatte davon erzählen hören, so überraschte es mich doch in hohem Grade. Beethoven hatte sich angewöhnt, dem Orchester die Ausdruckszeichen durch allerlei sonderbare Körperbewegungen anzudeuten. So oft ein Sforzando vorkam, riß er beide Arme, die er vorher auf der Brust kreuzte, mit Vehemenz auseinander. Bei dem Piano bückte er sich nieder, und um so tiefer, je schwächer er es wollte. Trat dann ein Crescendo ein, so richtete er sich nach und nach wieder auf und sprang beim Eintritte des Forte hoch in die Höhe. Auch schrie er manchmal, um die Forte noch zu verstärken, mit hinein, ohne es zu wissen!
Seyfried, dem ich mein Erstaunen über diese sonderbare Art zu dirigieren aussprach, erzählte mir von einem tragikomischen Vorfall, der sich bei Beethovens letztem Konzerte im Theater an der Wien ereignet hatte. Beethoven spielte ein neues Pianofortekonzert von sich, vergaß aber schon beim ersten Tutti, daß er Solospieler war, sprang auf und[178]  fing an, in seiner Weise zu dirigieren. Bei dem ersten Sforzando schleuderte er die Arme so weit auseinander, daß er beide Leuchter vom Klavierpulte zu Boden warf. Das Publikum lachte, und Beethoven war so außer sich über diese Störung, daß er das Orchester aufhören und von neuem beginnen ließ. Seyfried, in der Besorgnis, daß sich bei derselben Stelle dasselbe Unglück wiederholen werde, hieß zweien Chorknaben sich neben Beethoven stellen und die Leuchter in die Hand nehmen. Der eine trat arglos näher und sah mit in die Klavierstimme hinein. Als daher das verhängnisvolle Sforzando hereinbrach, erhielt er von Beethoven mit der ausfahrenden Rechten eine so derbe Maulschelle, daß der arme Junge vor Schrecken den Leuchter zu Boden fallen ließ. Der andre Knabe, vorsichtiger, war mit ängstlichen Blicken allen Bewegungen Beethovens gefolgt, und es glückte ihm daher, durch schnelles Niederbücken der Maulschelle auszuweichen. Hatte das Publikum schon vorher gelacht, so brach es jetzt in einen wahrhaft bacchanalischen Jubel aus! Beethoven geriet so in Wut, daß er gleich bei den ersten Akkorden des Solos ein halbes Dutzend Saiten zerschlug. Alle Bemühungen der echten Musikfreunde, die Ruhe und Aufmerksamkeit wieder herzustellen, blieben für den Augenblick fruchtlos. Das erste Allegro des Konzertes ging daher ganz für die Zuhörer verloren. Seit diesem Unfall hatte Beethoven kein Konzert wieder gegeben.
Das von seinen Freunden veranstaltete hatte aber den glänzendsten Erfolg. Die neuen Kompositionen Beethovens gefielen außerordentlich, besonders die Symphonie in A (die siebente). Der wundervolle zweite Satz wurde da capo verlangt; er machte auch auf mich einen tiefen, nachhaltigen Eindruck. Die Ausführung war eine ganz meisterhafte, trotz der unsichern und dabei oft lächerlichen Direktion Beethovens.


Daß der arme taube Meister die Piano seiner Musik nicht mehr hören konnte, sah man ganz deutlich. Besonders auffallend war es aber bei einer Stelle im zweiten Teile des ersten Allegros der Symphonie. Es folgen sich da zwei Halte gleich nacheinander, von denen der zweite pp ist. Diesen hatte Beethoven wahrscheinlich übersehen, denn er fing schon wieder an zu taktieren, als das Orchester noch nicht einmal diesen zweiten Halt eingesetzt hatte. Er war daher, ohne es zu wissen, dem Orchester bereits zehn bis zwölf Takte vorausgeeilt, als dieses nun auch, und zwar pianissimo, begann. Beethoven, um dieses pp nach seiner Weise anzudeuten, hatte sich ganz unter dem Pulte verkrochen. Bei dem nun folgenden Crescendo wurde er wieder sichtbar, hob sich immer mehr und sprang hoch in die Höhe, als der Moment eintrat, wo[179]  seiner Rechnung nach das Forte beginnen mußte. Da dieses ausblieb, sah er sich erschrocken um, starrte das Orchester verwundert an, daß es noch immer pp spielte, und fand sich erst wieder zurecht, als das längst erwartete Forte nun eintrat und ihm hörbar wurde.
Glücklicherweise fiel diese komische Szene nicht bei der Aufführung vor, sonst würde das Publikum sicher wieder gelacht haben.
Da der Saal überfüllt und der Beifall enthusiastisch war, so veranstalteten die Freunde Beethovens eine Wiederholung des Konzertes, welche eine fast gleich große Einnahme abwarf. Für die nächste Zeit war daher Beethoven seiner Geldverlegenheit enthoben, doch soll sie aus gleichen Ursachen noch einige Male vor seinem Tode wiedergekehrt sein.
Bis zu diesem Zeitpunkte war eine Abnahme der Beethovenschen Schöpfungskraft nicht zu bemerken. Da er aber von nun an bei immer zunehmender Taubheit gar keine Musik mehr hören konnte, so mußte dies notwendig lähmend auf seine Phantasie einwirken. Sein stetes Streben, originell zu sein und neue Bahnen zu brechen, konnte nun nicht mehr wie früher durch das Ohr vor Irrwegen bewahrt werden. War es daher zu verwundern, daß seine Arbeiten immer barocker, unzusammenhängender und unverständlicher wurden? Zwar gibt es Leute, die sich einbilden, sie zu verstehen und in ihrer Freude darüber sie weit über seine frühern Meisterwerke erheben. Ich gehöre aber nicht zu ihnen und gestehe frei, daß ich den letzten Arbeiten Beethovens nie habe Geschmack abgewinnen können. Ja, bei mir beginnt das schon bei der viel bewunderten neunten Symphonie, deren drei erste Sätze mir, trotz einzelner Genieblitze, schlechter vorkommen als sämtliche der acht frühern Symphonien, deren vierter Satz mir aber so monströs und geschmacklos und in seiner Auffassung der Schillerschen Ode so trivial erscheint, daß ich immer noch nicht begreifen kann, wie ihn ein Genius wie der Beethovensche so niederschreiben konnte. Ich finde darin einen neuen Beleg zu dem, was ich schon in Wien bemerkte, daß es Beethoven an ästhetischer Bildung und an Schönheitssinn fehlte.
Da Beethoven zu der Zeit, wo ich seine Bekanntschaft machte, bereits aufgehört hatte, sowohl öffentlich wie in Privatgesellschaften zu spielen, so habe ich nur ein einziges Mal Gelegenheit gefunden, ihn zu hören, als ich zufällig zu der Probe eines neuen Trios (D-dur 3/4 Takt) in Beethovens Wohnung kam. Ein Genuß wars nicht, denn erstlich stimmte das Pianoforte sehr schlecht, was Beethoven wenig kümmerte, da er ohnehin nichts davon hörte, und zweitens war von der früher so bewunderten Virtuosität des Künstlers infolge seiner Taubheit fast[180]  gar nichts übrig geblieben! Im Forte schlug der arme Taube so darauf, daß die Saiten klirrten, und im Piano spielte er wieder so zart, daß ganze Tongruppen ausblieben, so daß man das Verständnis verlor, wenn man nicht zugleich in die Klavierstimme blicken konnte. Über ein so hartes Geschick fühlte ich mich von tiefer Wehmut ergriffen! Ist es schon für jedermann ein großes Unglück, taub zu sein, wie soll es ein Musiker ertragen, ohne zu verzweifeln! Beethovens fast fortwährender Trübsinn war mir nun kein Rätsel mehr.
Das Nächste, was ich nach Vollendung der Kantate schrieb, war ein Violinquartett (das zehnte, op. 30 bei Mecchetti in Wien). Sehr brillant für die erste Violine, wurde es bald mein Paradepferd und ich trug es daher unzählige Male in Privatgesellschaften vor. Dann folgte das Oktett, in welches ich auf den Wunsch des Herren von Tost, der damals eine Reise nach England vorhatte, ein Händelsches Thema aufnahm, variierte und thematisch bearbeitete, weil Herr von Tost glaubte, es werde dadurch für jenes Land an Interesse gewinnen. Auch diese Komposition trug ich wiederholt vor, wobei außer mir hauptsächlich die drei Bläser, der Klarinettist Friedlowsky und die Hornisten Herbst und – ?, dessen Name mir entfallen ist, Gelegenheit fanden, sich auszuzeichnen.
Im Herbst 1814 versammelten sich in Wien die Fürsten Europas und ihre Minister, und es begann jener berühmte Kongreß, von dem die deutschen Völker die Erfüllung der ihnen bei ihrer Erhebung gemachten Zusagen erwarteten! Eine Masse Neugieriger und Müßiger strömte herbei, um den Festen beizuwohnen, die der Kaiser seinen Gästen in noch nie gesehner Pracht geben wollte. Vor der Rückkehr des Kaisers nach Wien hatten schon einige stattgefunden, die durch ihren Glanz die Erwartungen auf die folgenden noch mehr spannten. Bei einem derselben war auch ich tätig gewesen. Es war eine großartige Nachtmusik in einem der Höfe der Burg, die, ich erinnere mich nicht mehr, ob dem Kaiser oder dem Fürsten Schwarzenberg gebracht wurde. In der Mitte des nicht großen, aber von hohen Gebäuden umgebenen Platzes war eine Erhöhung für das große Chor- und Orchesterpersonal aufgeschlagen worden. Den Sängern gegenüber auf einem Balkon befand sich der Hof und der Hofstaat. Ein zahlreiches Publikum, dem der Eintritt nicht verwehrt worden war, füllte den übrigen Raum des Hofes.
Ich erschrak, als ich die Lokalität und das zu Tausenden angewachsene Publikum sah, denn ich hatte mich anheischig gemacht, ein Violinkonzert[181]  vorzutragen, und fürchtete nun, meine Töne würden in dem weiten Raume ungehört verhallen. Ein Zurücktreten jetzt noch war indessen nicht mehr möglich, und so ergab ich mich in mein Schicksal. Es lief jedoch alles besser ab, als ich erwartet hatte. Schon bei der Ouvertüre bemerkte ich, daß die hohen Gebäude den Schall recht gut zurückwarfen; ich trat daher mit erneuetem Mute vor. Die ersten Töne meines Solos befreiten mich auch von der Besorgnis, daß die Nachtfeuchtigkeit nachteilig auf meine Saiten einwirken werde; denn meine Geige klang kräftig und hell wie gewöhnlich. Da nun auch das Publikum während meines Spieles in lautloser Stille verharrte, so wurden selbst die feinsten Nuancen meines Vortrages allenthalben deutlich gehört. Die Wirkung war daher eine sehr günstige und gab sich durch lebhafte Beifallsbezeugungen zu erkennen. Ich habe nie vor einem zahlreichern, aber auch nie vor einem empfänglichern Publiko gespielt!
Unter den vielen durch den Kongreß herbeigezognen Fremden befanden sich mehrere Künstler, die den Zeitpunkt für sehr günstig hielten, um in Wien Konzert zu geben. Hierin täuschten sie sich jedoch. Denn da auch alle einheimischen Künstler Konzerte gaben, so drängten sich diese so sehr, daß sie unmöglich alle besucht sein konnten. Eine Ausnahme machte das von mir und meiner Frau am 11. Dezember 1814 gegebene, welches ein zahlreiches und glänzendes Publikum herbeigezogen hatte. Ich gab in demselben auch die Ouvertüre zum »Faust«, die mit großem Beifall aufgenommen wurde. Der Berichterstatter der Musikalischen Zeitung sagte: »Sie steigerte in uns den Wunsch, diese Oper, die bereits seit einem Jahr beendigt ist, nun endlich aufgeführt zu sehen!«
Mehrere Kunstfreunde unter den Gesandten und fremden Diplomaten, die mich in meinem Konzerte zum ersten Male gehört hatten, besuchten mich und sprachen den Wunsch aus, mich auch im Quartettspiel zu hören. Dies war die Veranlassung, daß ich während des Kongresses bei mir einige Musikpartien veranstaltete und in diesen den fremden Kunstfreunden meine neuen für Herrn von Tost geschriebenen Kompositionen zu hören gab. Noch immer erinnere ich mich mit großer Genugtuung des allgemeinen Entzückens, mit dem diese Vorträge aufgenommen wurden. Freilich wurde ich dabei auch von den ersten Künstlern Wiens unterstützt, so daß in Bezug auf Ausführung wohl nichts zu wünschen übrig blieb. Ich begann gewöhnlich mit einem Quartett, ließ dann ein Quintett folgen und schloß mit dem Oktett oder Nonett.
Außer mir gaben auch noch andre den Kongreßfremden Musikpartien, unter denen sich besonders die meines Freundes Zizius auszeichneten.[182] 
Bei ihm ließen sich alle fremden Künstler einführen, und es gab daher in seinen Musikpartien oft einen wahren Wettkampf zwischen einheimischen und fremden Virtuosen. Ich hörte dort zum ersten Male Hummel sein herrliches Septett vortragen, sowie andre seiner damaligen Kompositionen. Am meisten zogen mich aber dessen freie Improvisationen an, worin ihn bis jetzt noch kein andrer Klaviervirtuose erreicht hat. Mit großem Vergnügen erinnere ich mich besonders noch eines Abends, wo Hummel so herrlich phantasierte, wie ich ihn später weder öffentlich noch privatim gehört habe. Die Gesellschaft dachte schon an den Aufbruch, als einige Damen, denen es noch zu früh war, Hummel baten, ihnen noch einige Walzer zu spielen. Gefällig und gelant, wie er gegen Damen war, setzte er sich ans Piano und spielte die verlangten Walzer, wonach die jungen Leute im Nebenzimmer zu tanzen anfingen. Ich und einige andre Künstler gruppierten uns, von seinem Spiel angezogen, um das Instrument und hörten aufmerksam zu. Kaum bemerkte dies Hummel, so ging sein Spiel in eine freie Phantasie über, die sich aber fortwährend im Walzerrhythmus erhielt, so daß die Tanzenden nicht gestört wurden. Nun nahm er aus den von mir und andern an dem Abend vorgetragenen Kompositionen einige leicht faßliche Themen und Figuren auf, verwebte sie in seine Walzer und variierte sie bei jeder Wiederkehr immer reicher und pikanter. Ja, zuletzt mußte sich das eine sogar zum Fugenthema hergeben, und er ließ nun alle seine kontrapunktischen Künste los, ohne die Walzenden in ihrer Lust zu stören. Dann kehrte er zum galanten Stil zurück und entwickelte zum Schlusse eine Bravour, wie man sie auch noch nicht von ihm gehört hatte. Dabei klangen in dieses Finale immer noch die aufgenommenen Themen hinein, so daß das Ganze sich echt künstlerisch abrundete. Die Zuhörer waren entzückt und priesen die Tanzlust der jungen Damen, die ihnen zu einem so reichen Kunstgenusse verholfen hatte!
Unter den fremden Künstlern, die vor und während des Kongresses nach Wien kamen, waren auch drei meiner frühern Bekannten, die Herren Carl Maria von Weber, Hermstedt und Fesca. Weber spielte mit großem Beifall öffentlich und privatim und folgte dann einem Rufe als Operndirektor nach Prag. Hermstedt kam in einer Zeit, wo die Konzerte sich so drängten, daß er ein eignes nicht zustande bringen konnte. Er trat jedoch mit außerordentlichem Beifall in einem Konzerte des Flötisten Dreßler auf, in welchem er die Arie mit obligater Klarinette aus »Titus« begleitete und einen Potpourri von mir vortrug, den ich ihm soeben erst nach einer neuen Komposition für Harfe und Violine, die Hermstedt besonders gefiel, bearbeitet hatte. Beide Bearbeitungen sind[183]  später gestochen worden, die für Klarinette mit Quartettbegleitung als op. 81 bei Schlesinger in Berlin, die für Harfe und Violine als op. 118 bei Schuberth in Hamburg.
Fesca, der seit der Zeit, daß ich ihn in Magdeburg gekannt hatte, Mitglied der westfälischen Kapelle in Kassel geworden und nun nach deren Auflösung als Konzertmeister in Karlsruhe angestellt war, hatte sowohl als Komponist wie als Geiger große Fortschritte gemacht. Seine Quartetten und Quintetten, von ihm rein, fertig und mit Geschmack vorgetragen, gefielen sehr in Wien und fanden bei den dortigen Verlegern guten Absatz. Eins derselben begann in einem seiner Sätze mit den Tönen, die des Komponisten Namen enthalten:




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Die Zuhörer fanden das sehr hübsch und verspotteten die andern anwesenden Komponisten Hummel, Pixis und mich wegen unsrer unmusikalischen Namen. Dies brachte mich auf den Gedanken, mit Hilfe der ehemals gebräuchlichen Abbreviatur des piano in po. und einer Viertelpause, die in der Notenschrift wie ein r aussieht, doch etwas Musikalisches aus meinem Namen zustande zu bringen. Es nahm folgende Gestalt an:



und wurde nun sogleich als Thema zu einem neuen Violinquartett benutzt, welches das erste von den drei Quartetten ist, die in Wien bei Mecchetti als op. 29 gestochen und Andreas Romberg gewidmet sind. Als ich es zum ersten Male bei meinem Freunde Zizius vortrug, fand es großen Beifall, und man rühmte besonders das originelle Thema mit seiner herabfallenden verminderten Quarte. Ich rief nun die, welche mich früher wegen meines unmusikalischen Namens verspottet hatten, herbei und zeigte ihnen (denn gehört hatten sie es natürlich nicht), daß das gerühmte Thema aus meinem Namen gemacht sei. Man lachte sehr über meinen Kunstgriff und verspottete nun um so mehr Hummel und Pixis, die mit allem Aufwande von Kunst nichts Musikalisches aus ihrem Namen zustande bringen konnten![184] 
Unterdessen hatte sich in meiner Stellung zum Theater an der Wien und zu dessen Besitzer manches geändert. Mit dem Grafen Palffy hatte ich mich förmlich überworfen. Die Veranlassung dazu war folgende: Eines Abends, als ich in das Orchester trat, sah ich auf Seyfrieds Platze den dritten Kapellmeister des Theaters, Herrn Buchwieser, den Vater der ersten Sängerin. Ich machte ihm bemerklich, daß nur mir die Leitung der Oper zustehe, wenn Seyfried abgehalten sei, und bat ihn deshalb, sich zu entfernen. Dieser weigerte sich mit der Bemerkung, daß der Graf ihn selbst aufgefordert habe, die Oper zu dirigieren, und zwar auf den Wunsch seiner Tochter, die unter seiner Leitung am liebsten singe. Da alle meine Gegenbemerkungen nichts fruchteten und ich es unter meiner Würde hielt, unter so einem obskuren Dirigenten bei der Geige vorzuspielen, so verließ ich das Orchester und kehrte nach Haus zurück. Am andern Morgen beklagte ich mich schriftlich beim Grafen über diesen Eingriff in meine kontraktlich zugesicherten Rechte und verwahrte mich gegen jede Wiederholung derselben. Der Graf, aufgehetzt von der Primadonna, die es sehr übel genommen hatte, daß ich nicht unter der Leitung ihres Vaters hatte vorspielen wollen, antwortete statt mit Entschuldigungen, die ich erwarten durfte, mit Grobheiten, welche ich mit derberen erwiderte. Der Graf und seine Kreaturen suchten mir nun allen möglichen Verdruß zu bereiten, was mir meine Stellung sehr verleidete. Dazu kam noch, daß Palffy, seit es ihm geglückt war, die beiden Hoftheater in Pacht zu bekommen, sein eignes Theater sehr zurücksetzte. Er nahm ihm die besten Sänger und den besten Teil des Chors weg, um sie dem Personal des Kärtnertortheaters einzuverleiben, so daß an der Wien von da an fast nur noch Spektakelstücke und Volksopern gegeben wurden. Da ich nicht verpflichtet war, bei diesen mitzuwirken, so hatte ich fast gar nichts mehr im Theater zu tun. Ich konnte daher mit Gewißheit voraussehen, daß ich nach Ablauf meines Vertrages entlassen werden würde. Da nun, nachdem Napoleon besiegt und nach Elba verbannt war, ein allgemeiner europäischer Friede in Aussicht stand, so bekam ich große Lust, die schon längst projektierte Kunstreise durch ganz Europa anzutreten. Ich schlug dem Grafen vor, unsern Vertrag nach Ablauf des zweiten Jahres aufzulösen und verlangte als Entschädigung die Hälfte meines Gehaltes für das dritte Jahr in einer Summe. Der Graf, der eines so teuren Vorspielers in seinem Theater an der Wien nicht mehr bedurfte, ging gern darauf ein, und so schieden wir in Frieden voneinander.
Ich beeilte mich, alle Anstalten zu treffen, um meine Reise mit dem Frühjahre beginnen zu können. Sie sollte zunächst durch Deutschland[185]  und die Schweiz, nach Italien führen, wohin mich meine Sehnsucht schon längst zog. Da ich die Absicht hatte, meine Kinder mitzunehmen, da ich voraussah, daß die Mutter auf so lange sich nicht werde von ihnen trennen können, ohne in Sehnsucht zu vergehen, so mußte ich vor allem für einen größern Reisewagen sorgen, der uns sämtlich nebst den Instrumenten aufnehmen konnte. Eine schwierige Aufgabe dabei war, ihn so leicht zu bauen, daß er mit mindestens drei Postpferden gefahren werden konnte. Ich besprach mich darüber mit dem genialen Maschinisten am Theater an der Wien, Herrn Langhans (jetzt Oberbaudirektor in Berlin), der das Ergebnis unsrer Überlegung in einer Zeichnung zusammenfaßte, nach welcher der Wagen alsdann gebaut wurde. Er hatte ein festes Dach, auf dem der mit Leder überzogene Harfenkasten und eine Kleiderwasche Platz fanden. Der Violinkasten wurde in einen Behälter unter dem Kutschersitz geschoben, so daß der sämtliche Raum im Innern des Wagens für die Reisenden blieb. Er war elegant und doch so leicht, daß er stets unweigerlich mit 3 Postpferden weiterbefördert wurde. Da ich meinen alten Wagen abgab, so war der Preis nicht übermäßig hoch.
In meinem Verhältnis zu Herrn von Tost war ebenfalls eine bedenkliche Veränderung vorgegangen. Ich hatte ihm nach Ausgleichung unsrer frühern Rechnung, die durch Ablieferung der Kantate »das befreite Deutschland« bewirkt war, nun schon wieder vier Manuskripte, das Oktett, zwei Quartetten und ein zweites Quintett eingehändigt, ohne dafür das festgesetzte Honorar empfangen zu haben. Ich dachte mir bei dieser Zahlungszögerung anfangs nichts Arges. Als sich aber plötzlich in der Stadt das Gerücht verbreitete, der reiche Herr von Tost habe große Verluste erlitten und stehe nun im Begriff zu fallieren, als er sich bei mir nicht blicken ließ, ja sogar bei einer Musikpartie, wo ich eines seiner Manuskripte vortrug, fehlte und nur die Musikmappe schickte, da wurde die Sache doch bedenklich! Ich trug ihm daher die Mappe selbst wieder hin, um bei dieser Gelegenheit womöglich mit ihm ins Klare zu kommen. Den sonst so jovialen Mann fand ich sehr niedergebeugt. Ohne Rückhalt gestand er mir seine bedrängte Lage. Es sei ihm besonders schmerzlich, sagte er, seinen Verpflichtungen gegen mich nicht nachkommen zu können; er wolle mir aber, da ohnehin seine Pläne für die Zukunft gestört, wo nicht gänzlich vernichtet seien, sogleich vor Ablauf der bedungenen Zeit alle meine Manuskripte zurückgeben, damit ich sie alsbald an einen Verleger verkaufen könne. Als Entschädigung für die Verluste, die ich dabei erleide, wolle er mir einen[186]  Wechsel auf hundert Dukaten ausstellen, den er, sobald sich seine Lage nur ein wenig günstiger gestaltet habe, gewissenhaft einlösen werde. Hierauf holte er alle meine Manuskripte herbei und händigte sie mir ein. Ich, der ich der Ansicht war, Herr von Tost habe den kurzen Besitz derselben überreichlich durch die kostbare Einrichtung, die er für mich eingekauft und zu so geringen Preisen angerechnet hatte, vergütet, war durch die Rückgabe meiner Manuskripte vollkommen befriedigt und verzichtete auf jede weitere Entschädigung. Da ich indessen bemerkte, daß Herr von Tost sich dadurch gekränkt fühlte, so nahm ich den Wechsel, wohl wissend, daß bei meiner bevorstehenden Abreise von Wien an eine demnächstige Einlösung desselben nicht zu denken sein würde. Ich verkaufte nun die sämtlichen Tostschen Manuskripte an zwei Wiener Verleger und erhielt, da sie durch die häufigen Aufführungen sehr in Ruf gekommen waren, ansehnliche Honorare.
Zu Anfang des Jahres 1815 schrieb ich noch ein Quartett in C-dur (Nr. 2 des Op. 29) und ein neues Violinkonzert (das siebente, Op. 38) sowie Variationen, die ungedruckt geblieben sind, zum Gebrauche für die bevorstehende Reise; diese beiden Kompositionen trug ich auch in meinem Abschiedskonzert am 19. Februar vor. Über dieses letzte Konzert, welches ich in Wien gab, berichtete die Musikalische Zeitung sehr anerkennend. Hinsichtlich des neuesten Violinkonzertes (E-moll, C-dur, E-dur) wird bemerkt: »Sehr schwer für die Solostimme sowohl als für die Akkompagnierenden. Eine herrliche, gediegene Komposition; schöner fließender Gesang, überraschende Modulationen, voll kühner, kanonischer Imitationen, eine immer neue, reizende, glücklich berechnete Instrumentierung. Vorzüglich hinreißend ist das schmelzende Adagio (12/8 Takt).« Weiter heißt es: »Arie aus der Oper ›Alruna‹ von Spohr gesungen von Dlle. Klieber. Gefiel sehr. Das erste Tempo erinnerte etwas an Mozarts: Ach ich fühl, es ist verschwunden. Potpourri für Harfe und Violine .... Zwei Themen, ein äußerst zartes von Danzi und das allgemein bekannte und beliebte aus Voglers Castor und Pollux sind hier glücklich und sinnig verarbeitet. Das gefühlvolle Spiel der Mad. Spohr und die delikate Begleitung der Violine sprachen zu aller Herzen.« Zum Schlusse heißt es: »Über die Verdienste dieses Meisterkünstlers ist hier und wohl auch in ganz Deutschland nur eine Stimme. Wir erinnern uns noch mit lebhaftem Vergnügen des Triumphes, welchen er vor zwei Jahren über seinen Rivalen, den großen Rode, errang. Gegenwärtig verläßt er uns, um eine große Kunstreise anzutreten. Sein erster Ausflug ist nach Prag, wo seine Oper ›Faust‹ bereits einstudiert[187]  wird ... Möge es ihm, der sich durch sein Talent und seinen offenen, männlichen Charakter ein würdiges Denkmal in unseren Herzen gesetzt hat, immer und überall wohl ergehen!«
Ich hatte damals wirklich die Absicht, zuerst nach Prag zu gehen, um der Aufführung meiner Oper, die Carl Maria von Weber bereits einstudierte, beizuwohnen. Später gab ich jedoch diesen Plan auf. Ich erhielt nämlich von meinem ehemaligen Intendanten, dem Baron von Reibnitz in Breslau, einen Brief, in welchem dieser im Namen einer ihm befreundeten Familie, der des Fürsten von Carolath, anfragte, ob ich wohl geneigt sei, die Sommermonate bei ihr auf ihrer Herrschaft Carolath in Schlesien zuzubringen? Die Fürstin wünsche, daß ihre beiden Töchter, deren eine Harfe, die andere Pianoforte spiele, von meiner Frau in der Musik unterrichtet würden. Man werde bemüht sein, mir und meiner Familie den Aufenthalt auf ihrem reizend gelegenen Schlosse so angenehm als möglich zu machen. Er, der Baron, sei auch eingeladen und werde sich unendlich freuen, wenn ich die Einladung annähme, um einmal wieder mit mir zusammen sein zu können!
Weil das Frühjahr und der Sommer nun ohnehin wenig geeignete Jahreszeiten sind, um Konzerte zu geben, und Dorette und die Kinder sich von dem Aufenthalte in Carolath viel Vergnügen versprachen, so sagte ich gern zu. Ich beeilte daher die Voranstalten zu unsrer Abreise, um noch vor der schönen Jahreszeit einige Konzerte in Breslau und der Umgegend geben zu können. Das nächste war der Verkauf unsrer Möbeln und Hausgeräte, der sehr schnell vonstatten ging, weil sich sogleich nach der Ankündigung eine Menge Käufer einstellten. Da unsre Einrichtung höchst elegant und dabei fast noch neu war, so überboten sich die Käufer, und wir lösten daher eine Summe, die weit über unsre Erwartung ging. Diese sowie meine Wiener Ersparnisse, die noch in Papiergeld vorlagen, trug ich nun zu einem Bankier und setzte sie in Gold um. Kaum war dies geschehen, so wurde ganz Wien durch die Nachricht alarmiert, Napoleon sei von Elba geflohen, in Frankreich gelandet und mit Jubel begrüßt worden! Die Kurse fielen plötzlich so tief, daß, wenn ich noch einen Tag länger mit dem Auswechseln meines Papiergeldes gewartet hätte, ich dadurch einen Verlust von mehr als fünfzig Dukaten erlitten haben würde.
Als ich den ersten Gedanken zu meiner großen Reise durch Europa faßte, kam mir auch der, ein Album anzulegen, auf dessen Blätter ich Kompositionen aller der Künstler, deren Bekanntschaft ich machen würde, einsammeln wollte. Ich begann sogleich mit den Wienern und[188]  erhielt auch von sämtlichen dortigen Komponisten meiner Bekanntschaft kleine eigenhändig geschriebene und größtenteils für mein Album eigens gefertigte Arbeiten. Der wertvollste Beitrag ist mir der von Beethoven. Es ist ein dreistimmiger Kanon über die Worte der »Jungfrau von Orleans«: »Kurz ist der Schmerz und ewig währt die Freude.« Bemerkenswert ist:
1) daß Beethoven, dessen Schrift, Noten wie Text, in der Regel fast unleserlich waren, dieses Blatt mit besonderer Geduld geschrieben haben muß; denn es ist sauber vom Anfang bis zum Ende, was um so mehr sagen will, da er sogar die Notenlinien selbst, und zwar aus freier Hand, ohne Rastral gezogen hat;
2) daß nach dem Eintritte der dritten Stimme ein Takt fehlt, den ich habe ergänzen müssen. Das Blatt schließt mit dem Wunsche:

»Mögten Sie doch, lieber Spohr, überall, wo Sie wahre Kunst und wahre Künstler finden, gerne meiner gedenken, Ihres Freundes

Wien, am 3. März 1815 
Ludwig van Beethoven«


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Ich habe für dieses Album auf allen meinen spätern Reisen Beiträge gesammelt und besitze daher eine höchst interessante Sammlung kleiner Kompositionen von deutschen, italienischen, französischen, englischen und holländischen Künstlern.
Im Begriff, von Wien zu scheiden, glaube ich, nun noch einiges dort Erlebte nachholen zu müssen, was zu erzählen ich bisher keine Veranlassung fand. Zuerst in Bezug auf meinen Orchesterdienst. Dieser wurde mir einige Male dadurch sehr lästig, daß dieselbe Vorstellung an zwanzig bis dreißig Abenden hintereinander wiederholt wurde. Es geschah dies nicht nur mit zwei Mozartschen Opern, dem »Don Juan« und der »Zauberflöte«, die während meines Engagements neu besetzt und höchst glänzend ausgestattet wieder in Szene gingen, sondern auch ein Ballett, in welchem ich mehrere Violinsoli vorzutragen hatte, erlebte zur Zeit des Kongresses eine zahllose Menge von Wiederholungen. Wie es hieß, erinnere ich mich nicht mehr, wohl aber, daß die vom Grafen Palffy von Paris verschriebenen berühmten Tänzer Duport und die Damen Bigottini und Petitaimée darin tanzten. An sich spielte ich nun zwar diese Soli nicht ungern, da das Publikum stets aufmerksam zuhörte und mir reichen Beifall spendete; ärgerlich war es mir aber, daß ich meine Tempi nach den Schritten der Tänzer abmessen mußte, und daß[189]  ich meine Fermaten und Kadenzen nicht beliebig ausdehnen durfte, weil die Tänzer nicht imstande waren, so lange in ihren Gruppierungen zu verharren. Es setzte daher manchen Wortwechsel mit dem Ballettmeister, bis ich mich endlich fügen lernte. Die Monotonie meines Dienstes suchte ich mir dadurch zu versüßen, daß ich meine Soli immer reicher verzierte und ausschmückte. Besonders war dies mit dem Troubadour aus »Johann von Paris« der Fall, der einem pas de trois in jenem Ballett unterlegt war. Es waren wie in der Oper drei Strophen, deren erste das Horn, die zweite das Violoncell und die dritte die Violine vorzutragen hatte. Ich verzierte meine Strophe anfangs sehr sangbar. Als ich aber bemerkte, daß die Primadonna, Demoiselle Buchwieser, bei der nächsten Aufführung der Oper meine Verzierungen, die sie sich gut gemerkt hatte, nachsang und damit großes Glück machte, so ärgerte mich dies, weil ich die Sängerin nicht leiden mochte, und ich verzierte von nun an in einer Weise, die sie mit der Kehle nicht nachahmen konnte.
Außer den genannten Mozartschen Opern erlebte aber auch noch eine dritte, eine neue Volksoper mit Musik von Hummel durch einen sonderbaren Zufall, wie er wohl kein zweites Mal vorkommen wird, eine lange Reihe von täglichen Aufführungen. Sie hieß die »Prinzessin Eselshaut« und war von Seiten der Dichtung ein so erbärmliches Machwerk, daß sie trotz der hübschen Musik, die auch in fünf bis sechs Nummern großen Beifall fand, am Ende einstimmig und ohne allen Widerspruch ausgepfiffen wurde. Damit wäre sie nun nach Wiener Herkommen begraben! Hummel, der dirigierte, hatte sich auch schon gegen mich, der ihm zu Ehren vorspielte, ganz resigniert geäußert: »Wieder eine total verlorene Arbeit!« Als nun aber am folgenden Abend ein anderes Stück angesetzt werden sollte, wollte sich ein solches wegen Krankheit mehrerer Mitglieder bei Oper und Schauspiel durchaus nicht auffinden lassen, und man war daher zu einer Wiederholung der Oper genötigt, selbst auf die Gefahr hin, dadurch Skandal im Theater zu erregen. Es wurde aber an jenem Abend eben des erwarteten Skandals wegen ungeheuer voll, und man pfiff das Stück nach jedem Akt und am Schlusse von neuem aus. Die Musikstücke fanden aber noch mehr Beifall als das erste Mal, und der Komponist wurde sogar am Ende, nachdem das Pfeifen verklungen war, mit Applaus herausgerufen. Da die Krankheiten fortdauerten, so mußte noch ein dritter Versuch gemacht werden, der ungefähr wie der vorige ablief. Doch war die Opposition gegen das Stück schon geringer, und die Musik gewann sich immer mehr Freunde. So konnte man ruhig fortfahren, und es fanden sich auch an den folgenden[190]  Abenden wieder neue Zuhörer in genügender Anzahl ein. Am Ende wurde es Mode, hineinzugehen, auf das Stück zu schimpfen und die Musik zu loben. Hummel benutzte das schnell und gab einen Klavierauszug der beliebtesten Nummern heraus, der reißend abging. So war es doch keine verlorne Arbeit, wie er am ersten Abend gefürchtet hatte! Nicht so glücklich war Pixis mit seiner Oper »der Zauberspruch«. Sie erlag dem schlechten Buche, ohne daß die Musik sie über Wasser zu halten vermochte, obgleich sie doch auch manche gelungene Nummer enthielt. Sie gab zu einem echten Wiener Witze Veranlassung. Ein Freund des Komponisten, der der ersten Aufführung nicht hatte beiwohnen können, fragte einen anderen, der dort gewesen war: »Nun wie ist's mit der Oper von Pixis?« – »Nix is!« war die Antwort.
Noch eines Wiener Erlebnisses kann ich hier erwähnen, weil es zu denen gehört, die einen tiefen Eindruck hinterlassen und deshalb dem Gedächtnisse nicht so leicht entschwinden. Es war eine ungewöhnlich große Überschwemmung, wie sie dort vielleicht nur einmal in jedem Jahrhundert vorkommt, veranlaßt durch das Austreten des kleinen Flüßchens »die Wien«, an deren Ufer meine Wohnung lag. Sie wurde damals so groß, weil auch die Donau zugleich aus ihren Ufern trat und das Wasser der Wien nun keinen Abfluß mehr fand. Den Beginn der Überschwemmung hatte ich nicht bemerkt, weil ich bei einer Probe im Theater beschäftigt war. Nach deren Beendigung fand ich die Straße, die zu meiner Wohnung führte, aber schon überflossen, und ich erkannte, daß ich mich beeilen müsse, um noch durchwaten zu können. Demungeachtet holte ich erst meinen Geigenkasten aus dem Orchester, weil ich voraussah, daß auch dieses unter Wasser gesetzt werden würde. Nun war die Flut schon so gestiegen, daß mir das Wasser an einigen Stellen bis über die Knie reichte. Meine Familie und noch mehr die andern Hausbewohner fand ich in der größten Bestürzung. Mein Hauswirt, der Tischler, flüchtete mit den Seinigen bereits in die Höhe durch meine Etage auf den Boden und suchte dort seine Sachen im Trocknen zu bergen. Seine Eile tat Not; denn das Wasser stieg so reißend schnell, daß es nach einigen Stunden fast bis zur Beletage reichte. Nun hatten die erschrockenen Bewohner der Vorstadt einen Anblick, wie sie ihn noch nicht erlebt hatten. Die brausenden Wogen führten in buntester Mischung die verschiedenartigsten Gegenstände vorbei: Ackergerät, Wagen mit Heu oder Holz beladen, Trümmer von Ställen, totes Vieh, ja sogar eine Wiege mit einem schreienden Kinde, welches jedoch glücklich in einem Kahn gerettet wurde. Die Hausbesitzer, mit langen Stangen bewaffnet, waren[191]  bemüht, die vorbeischwimmenden Gegenstände fernzuhalten, damit sie die Wände der Häuser nicht beschädigten; andere suchten dagegen mit Haken die Möbeln und andre Hausgeräte herbeizuziehen, um sie aufzufischen und zu den Fen stern herein zu bergen. Einige Stunden später, als solche Gegenstände nicht mehr vorbeiflossen, erschienen dann Kähne mit Lebensmitteln beladen, die in den überschwemmten Straßen guten Absatz fanden. Andre brachten gegen Abend die Beamten und Geschäftsleute aus der Stadt in ihre Wohnungen zu den ängstlich harrenden Familien. Da der Regen in Strömen herabfloß, so erhielt sich die Überschwemmung fortwährend in gleicher Höhe, und es war bis zum Anbruch der Nacht noch kein Sinken des Wassers zu bemerken. Solange es hell blieb, war die Szene ganz unterhaltend; als aber die Nacht hereinbrach, wurde sie schauerlich! Das Tosen des Wassers und das Heulen des Sturmes ließen zu keiner Ruhe kommen; auch war es nicht ratsam, sich niederzulegen, da man nicht wissen konnte, was noch geschehen werde! Ich bettete daher meine Kinder angezogen neben mich auf mein Kanapee. Da nun auch Dorette neben ihnen bald eingeschlafen war, so setzte ich mich an meine Arbeit, eine neue Gesangskomposition, um dem Schlafe besser widerstehen zu können. Es gelang mir auch ganz gut. Doch hatte mich der Eifer im Schaffen einigemal ans Klavier geführt, was meine Wirtsleute, die über mir auf dem Boden die halbe Nacht auf den Knieen lagen und beteten, sehr übelnahmen. »Dieser lutherische Ketzer wird uns durch sein unchristliches Singen und Spielen in noch größres Unglück stürzen!« hatte die Frau heulend geklagt, wie das Kindermädchen am andern Morgen erzählte. Doch die Nacht verging ohne weitern Unfall, und bei Anbruch des Tages war das Wasser schon bedeutend gefallen. Doch dauerte es noch bis zum Abend, bevor es so weit abfloß, daß man wieder zu Fuß durch die Straßen gehen konnte. Das Theater an der Wien mußte aber acht Tage geschlossen bleiben, weil man so lange gebrauchte, um alle Spuren der Überschwemmung zu tilgen.



 Konzertreise in Deutschland
[192] 1815–1816











Nach einem wehmütigen Abschiede von dem lieben Wien, wo wir so glückliche Tage verlebt hatten, trat ich mit meiner Familie die große Reise am 8. März 1815 an. Mein Bruder Ferdinand, dessen Engagement am Theater an der Wien noch ein Jahr dauerte, blieb allein zurück. Nach Ablauf desselben fand er in der Berliner Kapelle eine Anstellung.
Unser erster Aufenthalt war in Brünn, wo wir Konzert gaben. Wie es ausfiel, erinnere ich mich nicht mehr, wohl aber, daß ich mit der Orchesterbegleitung sehr unzufrieden war. In dieser Hinsicht war ich freilich durch mein vortreffliches Orchester in Wien sehr verwöhnt worden!
Von Brünn gingen wir nach Breslau, wo wir im April ebenfalls zwei Konzerte gaben, doch ohne zahlreichen Besuch. Die Verstimmung über den neu ausbrechenden Krieg und über die großen Opfer, die jeder einzelne für die neuen Rüstungen darbringen mußte, war freilich damals so allgemein, daß es wohl nie einen ungünstigem Zeitpunkt für Konzertunternehmungen gegeben haben mag. Ich hielt es daher fürs beste, vor der Hand gar keine öffentlichen Konzerte mehr zu geben, und beschloß deshalb, in den ersten schönen Frühlingstagen direkt nach Carolath abzureisen. In einer so musikalischen Stadt, wie Breslau von jeher war, fehlte es aber auch in jener kriegerischen Zeit nicht an eifrigen Musikfreunden, denen es Lebensbedürfnis war, Musik zu hören. Ich wurde daher häufig in Privatzirkel eingeladen, wo ich Gelegenheit fand, meine Wiener Kompositionen aus der Tostschen Mappe vorzutragen. Dieselben fanden großen Anklang, besonders die beiden Quintetten, die ich daher sehr oft wiederholen mußte. – Auch schrieb ich auf den Wunsch meines[193]  Freundes, des Domkapellmeister Schnabel, ein Offertorium für eine Solosopranstimme und Chor mit obligater Violine und Orchester, welches, wie das Verzeichnis meiner Kompositionen besagt, am 16. April im Dom aufgeführt wurde, und bei welchem ich die Violinpartie übernahm. Da ich die Originalpartitur dort hinterließ und sie seit jener Zeit nie wiedergesehen habe, so vermag ich nicht zu sagen, ob die Komposition Wert hat. Wahrscheinlich befindet sie sich noch in der Bibliothek des Domes.
An einem schönen Frühlingsabende kam ich mit den Meinigen in Carolath an. Da wir in der Nähe des Schlosses einen kleinen Fluß auf einer Fähre zu passieren hatten, so war unsre Ankunft im voraus bemerkt worden. Wir fanden daher bei unsrer Einfahrt in den Schloßhof bereits die ganze fürstliche Familie am Fuß der Treppe versammelt und wurden von ihr auf das freundlichste bewillkommnet. Der Fürst selbst führte uns zu den für uns bestimmten Zimmern. Nachdem wir uns umgekleidet hatten, wurden wir zur Abendtafel gerufen. Der Fürst, ein etwas zeremoniöser, aber freundlicher und wohlwollender Mann von etwa achtundfünfzig bis sechzig Jahren, empfing uns am Eingange des Speisesaales und stellte uns den übrigen Tischgenossen vor. Es waren die Fürstin, seine zweite Gemahlin, deren Schwester, eine für Musik und Poesie schwärmende Dame, seine beiden Töchter zweiter Ehe, liebenswürdige Mädchen von 15 und 17 Jahren, und deren Hofmeister, Herr Kartscher, ein feingebildeter junger Mann. Die Unterhaltung bei Tische war, die etwas altertümliche Förmlichkeit des Fürsten abgerechnet, zwanglos und lebhaft und zeigte mir, daß ich mich in einem gebildeten und für alles Schöne empfänglichen Zirkel befand. Auch Dorette war mit der Unterhaltung ihrer Nachbarn, des Fürsten und dessen Schwägerin, sehr zufrieden, und die Kinder, deren sich die jungen Damen freundlichst angenommen hatten, fühlten sich sehr glücklich. Die ganze Familie sah daher einem vergnügten Aufenthalt auf dem Schlosse entgegen.
Am andern Tag begann sogleich die Hausordnung, die für die ganze Dauer unsres Dortseins mit wenigen Ausnahmen unverändert dieselbe blieb. Vormittags, während Dorette den Prinzessinnen Unterricht erteilte, der ältesten auf der Harfe, der jüngsten auf dem Piano, gab auch ich meinen Kindern den ersten Musikunterricht. Nachher durften sie den Stunden beiwohnen, die der Hauslehrer den Prinzessinnen gab, und er war freundlich genug, seinen Unterricht, soviel es sich tun ließ,[194]  dem Fassungsvermögen der Kinder anzupassen. Unterdessen beschäftigten meine Frau und ich uns mit unsren eignen Musikstudien oder ich komponierte. Da die fürstliche Familie den Liedgesang sehr liebte, so gab mir dies Veranlassung, zwei Hefte Lieder zu schreiben, wozu mir die Schwester der Fürstin aus ihrer großen Gedichtsammlung die Texte lieferte. Es befanden sich darunter auch einige Gedichte von Herrn Kartscher. (Beide Hefte sind in Leipzig bei Peters als Op. 37 und 41 erschienen.)
Waren dann die Arbeiten und Studien des Vormittags beendigt, so mußte zur Mittagstafel noch eine sorgfältige Toilette gemacht werden, da die fürstliche Familie dabei stets en parure erschien. Der Rest des Tages wurde der Geselligkeit und dem Vergnügen gewidmet. War das Wetter schön, so wurde der Kaffee im Schloßgarten eingenommen und gegen Abend ein Ausflug zu Wagen in die Umgegend gemacht. Sehr häufig war eine dem Fürsten gehörende Meierei das Ziel, und es wurde dort oder auch im Walde daneben ein ländliches Abendbrot serviert. War das Wetter trübe oder kam Besuch aus der Umgegend, so wurde abends musiziert. Anfangs bestanden diese Musikpartien bloß in dem, was ich und meine Frau auf Violine, Harfe und Piano zu hören gaben. Als aber Herr von Reibnitz als Gast auf dem Schlosse angekommen war, wurde auch ein Versuch mit Quartettmusik gemacht. Der alte Kammerdiener des Fürsten, der in seiner Jugend Violoncell gespielt hatte, mußte sein Instrument wieder hervorsuchen, der Schulmeister des Orts die Bratsche und Herr von Reibnitz die zweite Violine übernehmen. Ich hatte leider keine andern Quartetten bei mir als meine eignen, die für solche Mitspieler allerdings nicht geschrieben waren! Der erste Versuch fiel daher auch sehr entmutigend aus. Da die andern aber großen Eifer zeigten, so ließ auch ich es nicht an Geduld und Ausdauer fehlen und brachte es mit Hilfe vieler Proben doch dahin, daß ich zwei meiner Quartetten der Gesellschaft zu hören geben konnte. Diese war in Kunstgenüssen nicht sehr verwöhnt und nahm daher die Vorträge mit großem Beifall auf. Auch eine Polonaise, die ich damals schrieb (op. 40, bei Peters), gefiel sehr und wurde bald ein oft begehrtes Lieblingsstück der Gesellschaft, vielleicht nur, weil man sie hatte entstehen sehen.
In solcher, wenn auch etwas einförmigen, doch genußreichen Weise verlebten ich und die Meinigen die zwei ersten Monate unsres Aufenthaltes in Carolath, dann verkündigte der Fürst eines Mittags mit einiger Feierlichkeit: er werde genötigt sein, seine lieben Gäste auf einen Tag zu verlassen, da er wie jedes Jahr, so auch in diesem am 24. Juni[195]  eine Reise nach Glogau machen müsse, um dem Johannisfeste der Freimaurer beizuwohnen. Dies veranlaßte mich, mich ihm nach aufgehobener Tafel als Freimaurer zu erkennen zu geben, worauf der Fürst freudig überrascht mich sogleich zur Mitreise einlud. Ich habe zu erzählen vergessen, daß ich schon in Gotha Freimaurer geworden war, nach einem Jahre dort den zweiten Grad des Ordens und wieder ein Jahr später auf einer Reise in Berlin den dritten, den Meistergrad, erhalten hatte. Da ich nun aber, da in Österreich die Maurerei verboten war, seit zweieinhalb Jahren keine Loge besucht hatte, so sehnte ich mich, einmal wieder einer Brüderversammlung beizuwohnen. Es kam mir daher die Einladung des Fürsten zur Mitreise nach Glogau sehr gelegen!
Nun wurden glänzende Voranstalten gemacht. Der große Reisewagen mit dem fürstlichen Wappen wurde aus der Remise gezogen und abgestäubt, ein Jäger und ein anderer Diener in die Festlivree gesteckt, und der Fürst selbst erschien zum erstenmal in der Staatsuniform mit dem Stern auf der Brust.
Früh am 24. fuhren wir ab. Im Logenlokal angelangt, wurde der Fürst durch eine Deputation bewillkommnet und auch sein Gast, nachdem er sich legitimiert hatte, freundlichst von den Brüdern begrüßt. Nach der Arbeitsloge folgte eine glänzende Tafelloge, bei welcher ich mich den musikalischen Brüdern anschloß, ihren Gesang begleitete und auch selbst mit meiner kräftigen Baßstimme einige Maurergesänge sowie die »Heiligen Hallen« aus der »Zauberflöte« vortrug. Ich fand unter den musikalischen Brüdern mehrere Bekannte von meiner frühern Reise durch Schlesien, die eifrigst bemüht waren, mich durch Aufmerksamkeiten zu ehren.
Auch der Meister vom Stuhl hieß den »berühmten Künstler« im Kreise der Brüder willkommen und dankte dem Fürsten, ihn zugeführt zu haben. Dieser schien sehr froh, mit seinem Gaste Ehre eingelegt zu haben, denn er verdoppelte nach der Rückkehr nach Carolath seine ohnehin schon großen Artigkeiten gegen mich und meine Familie, so daß wir oft dadurch in Verlegenheit gesetzt wurden!
Nach einem weitern höchst vergnügten Aufenthalte von sechs bis acht Wochen daselbst setzten wir dann unsre Reise über Dresden und Leipzig nach Gotha fort. Hier, nach einer fast dreijährigen Abwesenheit in die Heimat zurückgekehrt, fühlte sich Dorette so glücklich, daß ich nicht daran denken durfte, die Reise so bald weiter fortzusetzen. Ich ließ mich[196]  daher auf einige Monate daselbst häuslich nieder und machte nur einige kleine Ausflüge in die Umgegend. Der erste war zu meinen Eltern nach Gandersheim, wohin mein Vater inzwischen als Landphysikus versetzt war, und von da nach Hannover, wo ich Konzert gab. Der zweite nach Frankenhausen, wo Bischoff wieder ein Musikfest veranstaltet hatte.
Hier beginnt eins meiner Tagebücher, welche ich ohne Unterbrechung bis zur Rückkehr aus Italien fortgesetzt habe. Der Titel heißt: »Flüchtige Bemerkungen, auf einer musikalischen Reise, angetreten von Wien, den 8. März 1815«, und das Buch beginnt:

Frankenhausen, den 19. und 20. Oktober 1815

... In Hannover machten wir die interessante Bekanntschaft des Geigers und die höchst uninteressante des Menschen Kiesewetter. Als Geiger zeichnet er sich durch ein kräftiges, sehr reines und gefühlvolles Spiel aus, ohne aber, wie es mir scheint, wahres Gefühl für die Schönheiten der Kunst zu besitzen; als Mensch ist er einer von den aufgeblasensten Windbeuteln, die mir bis jetzt vorgekommen sind. Er besitzt eine vorzügliche Violine von Guarneri. Er dirigierte in unserm Konzerte am 11. Oktober, aber ohne Sicherheit und Übersicht.
Nach einer Pause von drei Jahren haben sich die Künstler Thüringens abermals hier versammelt, um nach dem schnell beendigten Kriege die nun vollendete Befreiung Deutschlands am Jahrestage der Leipizger Völkerschlacht auf eine der Tonkunst würdige Weise zu feiern. Heute, am 19., dem ersten musik. Festtage, war die Aufführung meiner Kantate »das befreite Deutschland« und die des Weberschen Te Deums. Da es mir als Komponisten nicht zusteht, mein eigenes Werk zu rezensieren, so sei nur von der Aufführung die Rede. Die Besetzung der Solopartien war nicht die beste, daher auch die Arien und Ensemblestücke den wenigsten Effekt machten, das Terzett im ersten Teil und der vierstimmige Sologesang vor der Schlußfuge ausgenommen. Der Chor und das Orchester aber waren vorzüglich, daher auch die Chöre und die Ouvertüre einen kräftigen, imposanten Effekt machten. Den meisten Eindruck auf das Publikum machten: der Doppelchor der fliehenden Franzosen und der sie verfolgenden Russen, das darauffolgende Gebet des deutschen Volkes und der Schlußchor mit der Fuge. Ich machte von neuem die Erfahrung, daß in einem großen Raume und mit kolossaler Besetzung die einfachsten Sachen (wenn sie nur überhaupt in einem würdevollen, edlen Stil geschrieben sind) den größesten Effekt hervorbringen[197]  und zu reiche Figuren in der Instrumentalpartie und zu schnell wechselnde Harmonienfolgen dort nicht an ihrem Platze sind.
Das Te Deum von Weber hat meine Erwartungen, die durch mehrere vorteilhafte Rezensionen in der musikalischen Zeitung sehr gespannt waren, nicht befriedigt. Es verrät zu sehr, daß es mit kalter Spekulation und nicht im Moment der Begeisterung geschaffen ist. Gleich der Anfang ist gesucht und als Einleitung zu einem Te Deum unpassend. Wozu dieser lange anwachsende Paukenwirbel, der wie ein ferner Donner klingt, und das darauffolgende Fanfare von vier Trompeten und Posaunen, dem ähnlich, womit die Kavallerie auf die Wachparade zieht? Das folgende Allegro moderato ist, die Harmoniefolge gleich im ersten Takt abgerechnet (wo man es durch keine Lage der Harmonie vermeiden kann, daß der Zuhörer die zwei aufeinander folgenden Quinten hört,



das bestgelungene Stück und macht mit kräftiger Besetzung einen schönen Effekt. Auch das folgende Adagio in Cb mit gehaltenen Chornoten pp und der unisono Begleitung der Saiteninstrumente in Sechzehnteilen macht eine schöne Wirkung. Der letzte figurierte Satz aber (denn eine streng durchgeführte Fuge ist es nicht) hat gewaltige Leeren und Lücken; auch ist das Thema nicht würdevoll genug und besonders dessen spätere Umkehrung eher komisch als im Kirchenstil.



Auch macht es eine schlechte Wirkung, daß der Komponist die Chorstimmen in dieser Fuge durch die Saiteninstrumente um eine Oktave höher verstärkt hat, wodurch häßliche und übelklingende Lagen der Harmonie entstehen. Die Exekution dieses Te Deums war leider ebensowenig wie die der Kantate ganz fehlerfrei.

Den 20. Oktober [1815]

Am zweiten Tage fand ein Konzert folgenden Inhalts statt: Sinfonie von Mozart (C-dur), bei der genauen und feurigen Exekution von hinreißender Wirkung! Ich überzeugte mich heute, daß die 4 verschiedenen Themen der Schlußfuge, die anfangs einzeln stehen, da wo sie in der Coda oder zuletzt alle 4 zusammengearbeitet sind, sich in einem großen Lokale und bei einer kräftigen Besetzung im richtigen Verhältnis sehr akustisch herausheben, und daß diese Stelle alsdann, in gehöriger Entfernung angehört, sich ohne alle Verworrenheit dem geübten Ohre darstellt. Früher fand ich diese Stelle mehr künstlich als schön;[198]  heute machte sie aber einen gewaltigen Eindruck auf mich. – Violinkonzert von mir (E b). Ich machte heute wieder die Erfahrung, daß der Virtuos beim großen Publiko sich eines weit rauschenderen Beifalls zu erfreuen hat wie der Komponist, daß überhaupt dem großen Haufen ein brillantes Konzertstück, wär es auch wirklich fade, weit mehr gefällt als das vortrefflichste Ensemblestück, sei's eine gearbeitete Sinfonie oder ein großer kräftiger Chor, und daß es daher leider wenig belohnend ist, Kompositionen im großen gediegenen Stil zu schreiben, wozu eine so reiche Fantasie und so viel Vorkenntnisse gehören, und daß mans den meisten Komponisten nicht verdenken sollte, daß sie dem Geschmack des Publikums frönen, da sie es so viel leichter und bequemer haben können. – So wie überhaupt unsre heutige Musik mit mehr Beifall aufgenommen wurde wie die gestrige ernstere, so hatte sich mein Konzert eines ganz besondern Beifalls des Publikums zu erfreuen. – Italienische Arie von Paër, gesungen von Herrn Strohmeyer. Diese Arie ist aus einem Oratorio, genannt »la religione«, wenn ich nicht irre, aber in einem so trivialen Stil geschrieben, daß man sie mit verändertem Texte recht gut in eine Opera buffa einlegen könnte. Während die Religion, die personifiziert singt (die wohl auch schicklicher Sopran statt Baß sänge), sich in den allergewöhnlichsten neuitalienischen Melodien, Rouladen und Sprüngen herumtreibt, brüllt der Chor sein »Santa« im unisono ff dazwischen, wie man etwa eine Räuberbande würde singen lassen: »Steh, das Leben oder die Börse!« Das Publikum, das nicht wußte, daß diese Arie in ein Oratorium gehört, war sehr wohl damit zufrieden, da sie Herrn Strohmeyer Gelegenheit gab, seine schöne Stimme und die Geläufigkeit seiner Kehle zu hören zu geben. – Adagio und Potpourri für Klarinette von mir, geblasen von Herrn Hermstedt, mit vielem Beifall aufgenommen. Doch fand ich und auch mehrere andere Musiker, die sich gegen mich darüber äußerten, daß Hermstedt, ob er gleich im Mechanischen noch immer Fortschritte macht, doch seinen Geschmack immer noch nicht sehr ausgebildet hat, und selbst meine Sachen, die ich ihm früher einstudiert habe, wenn er sie eine Zeit lang für sich studiert, in einem so bizarren, ich möchte sagen, verbildetem Geschmacke vorträgt, daß man von dem ursprünglichen Geiste der Komposition wenig erkennt. Seine mechanische Fertigkeit ist seiner Bildung als Künstler überhaupt vorausgeeilt, und er könnte das Mißverhältnis nur durch fortgesetzten Aufenthalt in einer großen Stadt, wo der gute Geschmack zu Hause wäre, aufheben. – Zum Schlusse wurde ein Gesang nach der Melodie des »God save the king« mit Harmoniebegleitung von Herrn Methfessel gesungen, in den das ganze Publikum, an welches Texte ausgeteilt[199]  waren, mit einstimmte. Man wollte anfangs dazu eine 4stimmige Chorbearbeitung dieses Liedes vom Abt Vogler, die kürzlich in der Musikalischen Zeitung bekannt gegeben wurde, nehmen, da diese aber hart und trocken ist und so sonderbar und zwecklos herumspazierende Mittelstimmen hat, so daß man sie kaum für eine Arbeit von diesem gewandten Harmoniker halten sollte, so wurde sie verworfen. – Vor diesem Liede präludierte Herr Methfessel auf der Orgel, aber nicht sehr sonderlich. Viel reicher entfaltete sich Methfessels schönes Talent als Liederkomponist und Liedersänger nach unsern geselligen Mittags- und Abendmahlzeiten, wo er die Gebildeten der anwesenden Musiker und Musikfreunde durch ernste und komische Gesänge mit Klavier- und Guitarrenbegleitung unterhielt und erfreute. Sein musikalischer Witz und seine Launen sind wirklich unerschöpflich. Bei einer frühern Reise mit Hermstedt hatte er mehrere seiner Lieder mit obligater Klarinettbegleitung versehen, von diesen gaben sie uns einige zu hören, die eine herrliche Wirkung machten und alle Zuhörer entzückten.
Der arme Bischoff fand bei diesem dritten Frankenhäuser Musikfeste seine Rechnung nicht, und es ergab sich beim Abschluß ein bedeutendes Defizit. Die Veranlassung dazu war wohl die Einquartierung russischer Truppen in der Umgegend, wodurch die Stadt-und Landbewohner vom Besuche des Festes abgehalten wurden. Da Bischoff nicht in der Lage war, das Defizit aus eignen Mitteln decken zu können, so beschlossen die anwesenden Musiker auf meinen Vorschlag, die Kosten ihrer Hin- und Zurückreise selbst zu übernehmen und die dazu nötige Summe durch ein in der Heimat zu gebendes Konzert aufzubringen. Ich gab ein solches am 28. Oktober in Gotha, wobei mich Andreas Romberg, seit zwei Jahren Konzertmeister daselbst, freundlichst unterstützte. Die Einnahme deckte die Reisekosten der Gothaischen Kapelle vollkommen.
Ehe ich von Frankenhausen scheide, muß ich mich dankbar der als Künstler hier so genußreich und glücklich verlebten Stunden bei diesem und den zwei frühern Musikfesten erinnern. Sie waren mir Veranlassung, einige meiner größesten Kompositionen zu schreiben, z.B. »das jüngste Gericht«, die Sinfonie in Es # und mehrere Sachen für Hermstedt. Sie verschafften mir die persönliche Bekanntschaft aller in Thüringen und Sachsen wohnenden vorzüglichen Künstler und gewährten mir durch das Zusammenwirken dieser Künstler einen Genuß, den ich selbst in Wien nicht einmal wiedergefunden habe.[200] 
Gotha, den 28. Oktober [1815]


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Das Zusammenleben mit Andreas Romberg, einem so gebildeten und denkenden Künstler, hat mir wieder viele genußreiche Stunden verschafft. Wie kömmt es aber doch, daß manche Komponisten ihre eigenen Kompositionen so kalt und trocken vortragen, wenn ihnen auch die dazu gehörige mechanische Fertigkeit nicht fehlt, daß man glaubt, sie fühlten die Schönheiten derselben selbst nicht? Andreas Romberg spielte mehrere seiner neuen Quartetten, die mir lieb und wert geworden waren, weil ich sie oft von andern gehört und selbst gespielt habe; aber der Geist, der sich in diesen Quartetten so deutlich ausspricht, daß ihn bis jetzt jeder der Geiger, von dem ich sie gehört habe, richtig auffand, schien ihm selbst unbekannt; denn er spielte sie ohne alles Gefühl. Auch schien sich seine Vorliebe gerade zu solchen hinzuneigen, die mir und andern als die am wenigsten bedeutenden vorkamen. Auch nahm er manche Tempi in diesen Quartetten sowohl wie in seiner Sinfonie aus Es # langsamer, als es der Charakter des Tonstücks ver langt hätte, und schadete dadurch der Wirkung sehr. Diese letzte Erfahrung macht man übrigens bei fast allen Komponisten, die die Tempi ihrer Kompositionen oft weniger glücklich wählen als jeder andre unbefangene und routinierte Direktor. Auch ist es eine ebensohäufig zu machende Erfahrung, daß Komponisten ihre Sachen falsch beurteilen und auf die weniger guten den größesten Wert legen. In meiner Konzertante, die er mit mir öffentlich spielte, hatte ich Mühe, ihn in das gewohnte Tempo zu bringen, obgleich es ihm an der dazu nötigen Fertigkeit nicht fehlt.

Meiningen, den 31. Oktober [1815]

Heute gaben wir hier Konzert, das die Herzogin sowie ihr ganzer Hofstaat mit ihrer Gegenwart beehrten. Herr Wassermann, einer meiner geschicktesten Schüler, spielte mit mir meine Konzertante.

Würzburg, den 6. November [1815]

Hier machte ich die Bekanntschaft zweier interessanter Künstler, der Herren Professor Fröhlich und des Kapellmeisters Witt. Ersterer ist Professor der Ästhetik an der Universität, ein vielseitig gebildeter Künstler und einer der eifrigsten Mitarbeiter an der musikalischen Zeitung. Als Rezensent scheint er ziemlich gewissenhaft zu Werke zu gehen, doch ist es sehr zu tadeln, daß auch er, wie fast alle andern bedeutenden Werkbeurteiler, Urteile über Werke niederschreibt, ohne einmal eine Partitur zu besitzen. Wer es weiß, daß die geübtesten Komponisten beim Durchlesen einer fremden Partitur nicht sicher über den Effekt des[201]  Stückes sich zu urteilen getrauen, den muß es wundern, daß diese Herren ein Werk zu übersehen glauben, wenn sie die einzelnen Stimmen nebeneinander legen und bald da, bald dort hineinsehen. Man sollte nie über ein mehrstimmiges Werk urteilen wollen, bis man es mehrere Male, und zwar gut exekutiert, gehört hatte. Bei dieser Prozedur der Rezensenten darf man sich nicht wundern, daß so viele schiefe und einseitige Urteile gefällt werden!
Herr Kapellmeister Witt hatte die Güte, mir am Piano sein Oratorium »die vier Menschenalter« zu hören zu geben. Da er sehr schlecht spielte und womöglich noch schlechter sang, so wäre es vorlaut, über den Effekt, den dieses Werk bei der Aufführung machen kann, nach dem, was ich davon hörte und beim Nachlesen in der Partitur sah, urteilen zu wollen. Doch kam es mir ziemlich gewöhnlich, hin und wieder fast trivial vor. Doch zeugten die Fugen und einige andere im strengen Stil geschriebene Nummern von großer Gewandtheit im Kontrapunkt.
Besondern Genuß gewährte mir die hiesige Kirchenmusik in der Schloßkapelle. Man kann nicht leicht ein vorteilhafteres Lokal für Musik finden wie diese Kapelle, die überdies in architektonischer Hinsicht wegen ihres schönen Baues und der reichen und geschmackvollen Verzierungen zu den schönsten Kirchen gehört, die ich je sah. Die ehemalige Großherzogliche Kapelle, die bisher noch unzerrissen ist, und das Sängerpersonale sind sehr brav und exekutierten eine Messe von Haydn ohne Tadel. Auch in meinem Konzerte am 7. November wurde mir sehr gut akkompagniert.

Nürnberg, den 16. November [1815]

In dieser alten Reichsstadt steht es um Musik jetzt sehr schlecht. Das Orchester ist ganz erbärmlich, und der Geschmack für schöne Künste scheint nicht viel besser zu sein als der, in welchem die alten Häuser gebaut und die Spielsachen für Kinder gearbeitet sind. Unser gestriges Konzert war nicht sehr besucht. Alle Musikstücke mit Orchesterbegleitung wurden aber von diesem total verhunzt. Zur Ergänzung des Tagebuchs führe ich hier noch an, daß sich mir damals in Nürnberg der junge, etwa vierzehnjährige Molique vorstellte und mich bat, ihm während meines Aufenthalts Unterricht zu geben, dem ich gern willfahrte, weil der Knabe schon damals Ausgezeichnetes für seine Jahre leistete. Da Molique sich seit jener Zeit durch fleißiges Studium meiner Violinkompositionen immer mehr in meiner Spielweise ausbildete und sich daher Schüler Spohrs nannte, obgleich er nur wenige Lektionen bekam, so habe ich dieses Umstands noch nachträglich erwähnt.[202] 
München, den 12. Dezember 1815

Unser hiesiger Aufenthalt war reich an Kunstgenüssen. Den Tag nach unserer Ankunft war das erste der Abonnementskonzerte, von denen die königliche Kapelle jeden Winter 12, 6 vor dem Karneval und 6 in den Fasten gibt. Diese Konzerte werden sehr besucht und verdienen es. Das Orchester besteht aus einer einfachen Harmonie, wenigstens zwölf ersten, zwölf zweiten Violinen, 8 bis 10 Violen, 10 Violoncell und 6 Kontrabässen. Die Violinen und Bässe sind vortrefflich, die Blasinstrumente bis auf die Hörner ebenfalls. Man gibt gewöhnlich eine ganze Sinfonie (welches um so mehr zu loben ist, da es jetzt so selten wird und das Publikum so wenig Interesse dafür zeigt), eine Ouvertüre, zwei Konzert- und zwei Gesangsachen. Da die Münchener Kapelle sehr berühmt ist, so war meine Erwartung sehr gespannt; dennoch wurde sie durch die Ausführung der Beethovenschen Sinfonie in Cb



womit man dieses erste Konnzert am 20. November eröffnete, noch weit übertroffen. Es ist kaum möglich, ein Musikstück mit mehr Feuer, mehr Kraft und dabei größerer Zartheit sowie überhaupt genauerer Beobachtung aller Nuancen von Stärke und Schwäche zu exekutieren, und so machte diese Sinfonie einen Effekt, den ich ihr, ohnerachtet ich sie oft und gut, selbst in Wien unter der Direktion des Komponisten gehört habe, kaum zugetraut hätte. Indessen fand ich doch nicht Ursache, mein früheres Urteil über sie zurückzunehmen, daß sie nämlich zwar einzelne Schönheiten hat, aber kein schönes klassisches Ganzes bildet. Namentlich fehlt sogleich dem Thema des ersten Satzes die Würde, die der Anfang einer Sinfonie meinem Gefühl nach doch notwendig haben muß. Dies bei Seite gesetzt, ist das kurze, leicht faßliche Thema allerdings zur thematischen Durchführung sehr geeignet und vom Komponisten mit den übrigen Hauptideen des ersten Satzes auch sinnreich und zu schönem Effekt verbunden. Das Adagio in As ist teilweise sehr schön, doch wiederholen sich dieselben Gänge und Modulationen, obgleich immer reicher figuriert, gar zu oft und werden dadurch zuletzt ermüdend. Das Scherzo ist höchst originell und von einer echt romantischen Färbung, das Trio aber mit den polternden Baßläufen für meinen Geschmack gar zu barock. Der letzte Satz mit seinem nichtssagenden Lärm befriedigt am wenigsten; die Wiederkehr des Scherzo darin ist jedoch eine so glückliche Idee, daß man den Komponisten darum beneiden muß. Sie ist von hinreißender Wirkung! Wie schade, daß der wiederkehrende Lärm diesen Eindruck so bald verwischt![203] 
In diesem Konzerte hörten wir auch Herrn Rovelli, einen jungen, erst kürzlich engagierten Geiger, ein Konzert von Lafont (in Cb) vortrefflich und zu allgemeiner Zufriedenheit exekutieren. Dieser junge Künstler verbindet mit den Vorzügen der Pariser Schule (er ist Schüler von Kreutzer) auch das, was ihren Jüngern gewöhnlich fehlt, Gefühl und eigentümlichen Geschmack. Jene Vorzüge bestehen aber in fleißiger Ausbildung des Mechanischen des Violinspiels, worüber aber die meisten Eleven des Pariser Konservatoriums zu steifen Maschinen verbildet werden, wovon sie sich späterhin schwer wieder losmachen. Herr Rovelli zeichnet sich auch noch dadurch aus, daß er fertig prima vista liest und gut akkompagniert, wovon ich die Erfahrung machte, da er mir meine Quartetten akkompagnierte.
Auch sang in diesem Konzerte Madame Bamberger aus Würzburg, von deren schöner Altstimme und guter Schule ich schon dort so viel Rühmliches gehört hatte. Heute gefiel sie aber nicht sehr; sie schien ängstlich, woher es wahrscheinlich kam, daß sie so oft Atem schöpfte und die Töne so wenig trug.
Im zweiten Abonnementskonzerte blies Herr Fladt ein Oboekonzert sehr vorzüglich. Er hat einen schönen Ton und geschmackvollen Vortrag. Herr Legrand, der das Rombergsche Violoncellkonzert (in Eb) spielte, scheint mir schon bergab zu gehen. Wenigstens fehlte es ihm heute an Ausdauer und reiner Intonation. Eine Ouvertüre von Steibelt (aus Romeo und Julie) erhebt sich nicht über das Gewöhnliche.
Im dritten Abonnementskonzerte wurde meine Sinfonie (in Es#) unter der feurigen und umsichtigen Direktion des Herrn Konzertmeister Moralt ganz vorzüglich gegeben und machte hier mehr Wirkung wie selbst in Frankenhausen, wo ich sie vor vier Jahren zum erstenmal gab. Herr Musikdirektor Fränzl spielte sein altes Violinkonzert (in C-dur) mit Janitscharenmusik. Die Komposition ist in dem süßlich-faden Geschmack der Pleyelschen Epoche und kann jetzt unmöglich noch gefallen; ebenso veraltet ist auch sein Spiel, von dessen frühern Vorzügen nur noch das Feuer zurückgeblieben ist, welches ihn aber jetzt oft zur Undeutlichkeit und unreinen Intonation hinreißt. Ohnerachtet das auch heute oft der Fall war, so wurde er doch rasend applaudiert, welches einem Fremden von dem Geschmack der Münchener leicht einen übeln Begriff hätte beibringen können, wenn man nicht gesehen hätte, daß eine kleine Anzahl seiner persönlichen Freunde das Publikum durch[204]  heftiges Klatschen und Bravorufen dazu animierte. So vorteilhaft es übrigens für solche Künstler ist, auch in spätem Jahren rücksichtlich ihrer frühern Verdienste noch immer vom Publiko mit Beifall belohnt zu werden, und so billig man dies im ganzen genommen finden wird, so hat es doch auf die Bildung des Publikums einen nachteiligen Einfluß und muß junge Künstler in ihren Studien irreführen; auch ist es kaum zu verlangen, daß ein Künstler, der sich in seinen alten Tagen noch ebenso enthusiastisch beklatschen sieht wie in seiner brillantesten Epoche, so viel Selbsterkenntnis besitze, um den Zeitpunkt nicht zu überschreiten, wo er aufhören soll, öffentlich aufzutreten. Daß Fränzl diesen Zeitpunkt schon überschritten hat, ist wohl keinem Zweifel unterworfen. Und doch ist er im Begriff, wieder eine musikalische Reise anzutreten!
Im vierten Abonnementskonzerte spielte ich mit Herrn Rovelli meine Konzertante, um dem Gesetze zu genügen, nach welchem jeder fremde Künstler, der sich der Mitwirkung der Kapelle bei seinem Konzerte zu erfreuen haben will, in einem der Abonnementskonzerte vor oder nach seinem eigenen zu spielen verbunden ist. Diese Konzertante, die ich in Wien mit Seidler, in Gotha mit Romberg und noch mit mehreren andern vorzüglichen Geigern gespielt habe, hörte ich noch nie so gut wie hier. Rovelli, der sie mit dem größesten Fleiß einstudiert hatte, spielte sie vortrefflich; ebenso gut wurde sie akkompagniert; einen vorzüglich guten Effekt machte das Adagio mit den drei obligaten Violoncells.
Voglers berühmte Ouvertüre aus »Castor und Pollux« entsprach nicht meiner Erwartung. Sie fängt feurig und kräftig an, wird aber gegen das Ende lahmer, und selbst dieser Anfang wirkt nur durch sogenannte Lärmeffekte mit Blechinstrumenten. Die Jagdsinfonie von Méhul aber machte, so vortrefflich exekutiert, wie ich sie noch nie hörte, eine herrliche Wirkung. Es ist auch nicht zu leugnen, daß diese Ouvertüre, die allenthalben so viel Glück gemacht hat, trotz mehrerer müßiger Wiederholungen wegen ihres herrlichen romantischen Charakters vollkommen diesen Beifall verdient, welches leider so selten mit den Lieblingskompositionen des großen Publikums der Fall ist.
Am dritten Dezember spielten wir bei der Königin im Kabinett, wo außer dem Könige und ihr nur wenige Auserwählte des Hofs zugegen waren. Sie schien besonderes Interesse an der Musik zu nehmen; beide überhäuften uns mit Artigkeiten. Außer den drei Musikstücken, die ich mit meiner Frau spielte, sang Herr Mittermayer eine Arie am Piano und Mad. Dülken, eine ausgezeichte Virtuosin, spielte mit ihrer Tochter und Schülerin ein Rondo von Steibelt für 2 Piano.[205] 
Am sechsten fand unser Konzert im Redoutensaale statt, welches die Königin auch mit ihrer Gegenwart beehrte, eine Auszeichnung, die seit mehreren Jahren keinem fremden Künstler zuteil geworden war. Es war mir als Komponist eine große Freude und als Solospieler eine große Erleichterung, meine Sachen einmal wieder so gut akkompagniert zu hören. – Im Theater wurde wegen Abwesenheit der ersten Sängerin Madame Harlaß (die für den Karneval in Venedig engagiert ist) nichts Neues gegeben. Eine Aufführung von »Figaro« war von Seiten des Orchesters vortrefflich, von Seiten der Sänger aber nur mittelmäßig.
Im Museo fand ich in der musikalischen Zeitung einen Bericht über das letzte Frankenhäuser Musikfest und in diesem eine Rezension über meine Kantate. Diese (wahrscheinlich von Gerber) enthält so viel Seichtes und Falsches, daß ich große Lust hätte, darauf zu antworten, hätte ich mir nicht seit meinem Wiener Federkriege mit Mosel fest vorgenommen, nie wieder eine Antikritik zu schreiben.

Würzburg, den 26. Dezember [1815]

Auf der Reise von München hieher haben wir im Fluge drei Konzerte gegeben, die im voraus arrangiert waren, am 16. in Nürnberg, am 18. in Erlangen, am 22. in Bamberg. Gestern am ersten Weihnachtstage fand unser 2. Konzert hier statt. – Vorgestern gab ich Herrn Professor Fröhlich meine neuen in Wien geschriebenen Quartetten in der Absicht zu hören, daß er sie in der musikalischen Zeitung rezensiere. Da sie sehr gut zusammengingen, so machten sie einen vorteilhaften Eindruck auf die Zuhörer.

Frankfurt am Main, den 14. Januar 1816

Unser hiesiger dreiwöchentlicher Aufenthalt war sehr arm an Kunstgenuß. In der ganzen Zeit kein Konzert und nicht ein einziges Mal Privatmusik! Während wir vor acht Jahren bei unserm ersten Aufenthalte kaum imstande waren, allen den Aufforderungen dazu Genüge zu leisten, fällt es jetzt bei dem langen Aufenthalte keinem der Frankfurter Musikfreunde (wenns jetzt deren überhaupt noch gibt) ein, unsere Talente auch nur ein einziges Mal zu einer Privatmusik in Anspruch zu nehmen.
Im Theater war auch wenig Erfreuliches. Außer Fränzls »Carlo Fioras« gab man nichts für uns Neues. Diese Oper, die schon auf mehreren Bühnen nicht ohne Beifall gegeben worden ist, verdankt dieses Glück wohl nur einigen ergreifenden Momenten im Sujet, denn die Musik hat durchaus nichts Ausgezeichnetes. Aber auch das Sujet ist voller Unwahrscheinlichkeiten[206]  und Albernheiten und schleppt sich in den zwei letzten Akten unerträglich. Auf Fränzls Musik läßt sich jener bekannte Ausspruch anwenden: Das Gute darin ist nicht neu und das Neue nicht gut. Gewöhnliche, unzähligemal gehörte Melodien und verbrauchte Harmoniefolgen; und wenn er je mal einen höhern Flug erregt, führt er uns gleich einen alten Bekannten vor. Indessen ist doch eine sehr ergreifende Stelle darin, nämlich die, wo der Alte den Stummen über sein Schicksal befragt und, während dieser seine Antworten aufschreibt, die Musik dessen Gefühle ausdrückt. Auch der gleich darauffolgende Theatercoup ist von großer Wirkung, wo in demselben Augenblick, wie man, wiewohl vergeblich, in den Stummen dringt, seinen Verfolger zu nennen, ein Bedienter hereintritt und diesen mit Nennung seines Namens anmeldet. Madame Graff bewährte sich in dieser Oper und als Gräfin in »Figaro« als eine gebildete Sängerin von Gefühl und Geschmack. Das übrige Gesangpersonale ist aber sehr unbedeutend. Das Orchester hingegen ist sehr vorzüglich und seines alten Ruhms würdig.
Am zwölften war unser Konzert im roten Hause. Mad. Graff sang die große Szene aus »Faust« sehr vorzüglich. Das Orchester akkompagnierte mit Liebe und großer Genauigkeit.
Am dreizehnten brachte ich fast einen ganzen an Musik sehr reichen Tag in Öffenbach bei André zu. Ich fand ihn auf einem neuen Steckenpferde, auf welchem er sich mit fast noch größerem Selbstgefallen und noch unerträglicherer Arroganz herumtummelte wie seinen frühern. Es heißt: Deklamation und Liedkomposition. Er hat die feste Überzeugung und äußert sie auch laut mit edler Offenherzigkeit, daß alle Gesangkomponisten von Mozart bis Wenzel Müller durch alle Generationen nicht verstanden haben, ein Lied richtig zu deklamieren und in Musik zu setzen, und daß folglich seine Lieder, deren er eine ganze Menge gemacht hat, die ersten untadelhaften seien, die existieren. – Er forderte mich auf, einige meiner neuen Lieder zu hören zu geben, konnte aber nicht lange der Autoreitelkeit widerstehen und fand einen Vorwand, schon beim zweiten zu den seinigen überzugehen. Fräulein von Goldner, seine Schülerin, sang mehrere davon hinreißend schön. Es ist nicht zu leugnen, daß die meisten dieser Lieder richtig deklamiert und auf interessante Weise aufgefaßt sind und, so vortrefflich gesungen und gut akkompagniert, eine große Wirkung machen. Ich sagte ihm dies, verhehlte ihm aber auch nicht meine Ausstellungen. Die meisten sind zu formlos; er opfert der Deklamation Rhythmus und Form auf, was bei einem so kleinen einfachen Musikstücke wie das Lied nur in wenigen[207]  außerordentlichen Fällen geschehen darf. Um nicht in den Fehler so vieler Liederkomponisten zu verfallen, die sich an den Rhythmus, den der Dichter seinem Liede gegeben hat, zu ängstlich binden, verfällt er meiner Ansicht nach in den entgegengesetzten; er wechselt, um manche Silben dehnen und jeder ihren Akzent geben zu können, fast in allen seinen Liedern alle Augenblick die Taktart und macht es so dem Zuhörer unmöglich, irgendeine rhythmische Einteilung zu hören. Nun ist aber Musik ohne Rhythmus ein leeres Geklingel und daher vielleicht das Unbefriedigte, was mich nach mehreren dieser Lieder ergriff. Auch ist noch auszustellen, daß die Klavierbegleitung zu den meisten dieser Lieder zu obligat ist; man glaubte, eine freie Klavierfantasie zu hören, in die ein andrer dann und wann auf eine recht passende Art etwas hineinsang. Die Art, wie André diese Sachen zu hören gibt, sowie überhaupt seine Arroganz in Kunsturteilen sind völlig unerträglich. So holte er z.B. ein altes Schulzisches Lied: »O selig, wer liebt« hervor, sang es so, daß es lächerlich werden mußte, und wollte uns nun seine Komposition über denselben Text zu hören geben. Aha, sagte jemand aus der Gesellschaft, Sie zeigen uns erst den Schatten, damit nachher das Licht um so größere Wirkung macht!
Mich verdroß diese Mißhandlung eines alten würdigen Komponisten so sehr, daß ich mich nicht enthalten konnte zu sagen: Mein lieber André, Sie scheinen mancherlei zu vergessen, erstlich, daß es Ihrem Liede eben nicht zur Ehre gereicht, wenn es erst einer Folie bedarf, zweitens, daß dieses Schulzische Lied vor länger als fünfundzwanzig Jahren komponiert ist, wo man noch andere Ansichten der Kunst hatte und die Melodien, die uns jetzt freilich veraltet vorkommen, noch neu waren, und drittens, daß Sie zu Ihrem Zweck doch eben keine sonderlich glückliche Wahl getroffen haben, indem dieses Lied bei aller seiner Einfachheit doch sehr richtig deklamiert ist und in der Wiederholung des: o selig, wer liebt am Ende jeder Strophe etwas höchst Poetisches enthält, und daß es sehr zweifelhaft ist, ob unsere Lieder nach fünfundzwanzig Jahren noch so viel Vergnügen machen werden, wie es dieses Lied, gut gesungen, noch immer gewährt. – André war doch etwas beschämt und äußerte sich den übrigen Teil des Tages bescheidener. – Ich wollte ihm nun mehrere meiner Quartetten und Quintetten zu hören geben, aber das erste ging gleich so schlecht, daß ich davon abstand und es bei dem ersten bewenden ließ.
Nach Tische gab uns Herr Aloys Schmitt als Fantasie auf dem Piano »einen Seesturm«. Ohnerachtet er diese von Wölffl zuerst versuchte[208]  Spielerei nicht übel gab, so hätte ich doch von einem so ausgezeichneten Klavierspieler lieber etwas Solideres zu hören gewünscht.
Am Abend führte mich André zu Herrn Ewald, bei dem sich die Offenbacher Singakademie versammelt hatte. Man gab mit einer Besetzung von ungefähr 48 Stimmen zuerst: Die drei Worte von Schiller, Musik von Aloys Schmitt, darauf einen patriotischen Chor von André und zum Schluß Schillers Bürgschaft, wieder von Schmitt, alles übrigens mit Klavierbegleitung. Die Ausführung von lauter Dilettanten war sehr vorzüglich und nur zu bedauern, daß das Lokal nicht geräumiger war. Die Komposition der »drei Worte« gefiel mir sehr und verrät ein herrliches Talent zur Gesangskomposition. Auch eignet sich dies Gedicht weit besser zur Komposition als die Bürgschaft. Bei diesem letztern hat der Komponist die verschiedenen redend darin vorkommenden Personen von verschiedenen Stimmen singen lassen; es klingt sehr sonderbar, von diesen Personen auch das singen zu hören, was uns der Dichter erzählt. Der Eintritt des Chors ist bei verschiedenen Stellen von außerordentlicher Wirkung, z.B. der, wo es heißt: Und unendlicher Regen gießet herab, und später, wo der erschöpfte Wanderer das Rieseln einer Quelle hört. Überhaupt herrscht in dem Ganzen eine reiche Fantasie. Zu tadeln ist das öftere Wiederholen einzelner Worte, was oft recht lächerlich klingt, und dann die Formlosigkeit des Ganzen, durch das zu häufige Wechseln der Taktart und der Tempi verursacht. Die vierhändige Klavierbegleitung ist so reich an Figuren, Passagen und enharmonischen Verwechslungen, daß sie sich, so wie sie da ist, nicht für das Orchester umschreiben ließe. – Der Chor von André zeichnete sich durch nichts aus. Herr Hasemann, der mir am Morgen mein Quartett als Violoncellist recht gut akkompagniert hatte, ließ uns seine Virtuosität auf der Baßposaune in Variationen über: Mich fliehen alle Freuden bewundern. Indessen macht es bei dem Zuhörer von Geschmack doch einen widrigen Eindruck, wenn ein Instrument aus seinem Charakter herausgeht und zu Sachen gezwungen wird, die seiner Natur zuwider sind.

Darmstadt, den 9. Februar [1816]



Durch eine Krankheit meiner Frau zu einem beinah vierwöchentlichen Aufenthalt gezwungen, habe ich Zeit genug gehabt, den hiesigen Musikzustand kennen zu lernen. Sehr viel Erfreuliches läßt sich davon nicht sagen. Der Großherzog hat zwar viel Liebe für die Tonkunst und verwendet große Summen darauf; diese Liebe wird aber zur Manie, da sie sich nur auf Theatermusik beschränkt, und bringt der Kunst keinen Gewinn. Er findet nämlich seine Freude daran, in den Proben den[209]  Musikdirektor und Regisseur in eigener Person zu machen; er dirigiert daher nicht nur das Orchester an einem auf dem Theater befindlichen Pulte, sondern ordnet auch alles auf der Bühne an. Da er sich in beiden Posten für unfehlbar hält und weder dem Kapellmeister noch dem Regisseur die geringste Einwendung gegen seine Anordnungen gestattet, so ist es natürlich, daß viele Mißgriffe geschehen. Denn obgleich er unter den Großherzögen wohl der beste Operndirektor sein mag, so ist damit noch nicht gesagt, daß er ein guter sei! Er beweist dies schon in der Wahl der Werke, die er auf seinem Theater geben läßt. Da er es so reich dotiert hat, daß die Regie auf den Geschmack des Publikums behufs der Einnahme keine Rücksicht zu nehmen braucht, so könnte sie ein Repertoire von lauter gediegenen und wertvollen Werken schaffen, ließe er ihr die Auswahl. So trifft er aber diese selbst, und es wird daher nicht nur viel Mittelmäßiges gegeben, sondern manches Vortreffliche ganz ausgeschlossen, wie z.B. die Cherubinischen Opern, weil sie der Großherzog nicht leiden kann. Allenfalls läßt er den »Wasserträger« noch passieren, doch auch nur den ersten Akt. Auch die Mozartschen Opern wollen ihm nicht recht behagen; denn als vor einigen Tagen einmal wieder der »Don Juan« an die Reihe kam, nachdem dreißig Abende vorher nichts als die »Athalia« von Poißl probiert worden war, und das Orchester, von der tödlichen Langenweile befreit, die ihm jene Oper gemacht hatte, das erste Finale mit großer Begeisterung exekutiert hatte, äußerte er laut gegen den Kapellmeister gewendet: Nach der Poißlschen Oper will der »Don Juan« doch nicht mehr schmecken! O Einfalt!
Das Sologesang-Personale ist sehr schlecht, ohnerachtet er so bedeutende Gehalte zahlt, daß ich ihm für das nämliche Geld die besten deutschen Sänger verschaffen wollte. Er will aber nur mittelmäßige Talente, damit sie sich um so williger seinen Anordnungen fügen. Das Chorpersonale (dreißig Frauen und dreißig Männer) ist im Vergleich mit dem Übrigen vorzüglich zu nennen. Im Orchester sind mehrere vorzügliche Künstler, doch ist auch viel Mittelgut darunter. Auf das Ensemble desselben und besonders auf das Pianissimo tut sich der Großherzog viel zu gut; doch bleibt in Bezug auf reine Intonation und auf Deutlichkeit noch viel zu wünschen übrig. Kein Orchester der Welt ist so geplagt wie dieses; denn sämtliche Mitglieder desselben müssen jeden Abend, den Gott werden läßt, von sechs bis neun oder zehn Uhr im Theater zubringen. Jeden Sonntag ist Oper, an zwei andern Tagen jeder Woche Schauspiel; an den vier übrigen Tagen hält der Großherzog seine Opernproben. Nur[210]  wenn er durch Krankheit verhindert ist, fallen sie aus. Dann werden auch keine Opern gegeben. Unlängst war er wegen eines Übels am Bein genötigt, mehrere Wochen das Zimmer zu hüten; in dieser Zeit durfte weder eine Probe gehalten, noch eine Oper gegeben werden. Er schien zu glauben oder wollte es seinen Leuten weismachen, daß ohne ihn nichts einstudiert werden kann.
Es gewährt einen sonderbaren Anblick, den alten Herrn, schon ganz krumm gewachsen, in seiner Uniform mit dem Stern auf der Brust hinter dem Pulte den Musikdirektor oder beim Zurechtstellen der Statisten und Statistinnen den Regisseur machen zu sehen, wie er bald dies, bald jenes zu erinnern hat, bald piano oder forte schreit! Verstände er dies nun alles, so würde es keinen bessern Operndirektor geben; denn er hat nicht nur viel Eifer und Ausdauer, sondern auch in seiner Eigenschaft als Großherzog die nötige Autorität. So reicht seine Partiturkenntnis aber nicht weiter, um allenfalls die Violinstimme nachlesen zu können, und weil er selbst einmal Geige spielte, so quält er die armen Geiger ewig mit seinen Erinnerungen an unwesentliche Kleinigkeiten, ohne daß dadurch etwas gebessert wird. Unterdessen können die Sänger so falsch und geschmacklos singen, wie sie wollen, oder die Blasinstrumente können einen Takt vor oder nach sein, er merkt es nicht, und der Kapellmeister darf nicht einmal wagen, es zu rügen, um den Großherzog nicht in sein Amt zu fallen. Daß daher die Opern trotz der vielen Proben doch nicht gut gehen und in der Regel um so schlechter, je mehr Proben stattgefunden haben, findet seine Erklärung im obigen sowie darin, daß Sänger und Orchester am Ende vor Abspannung und Überdruß nicht mehr achtgeben können. So ging es auch mit der Oper »Athalie« von Poißl, die während unserer Anwesenheit in Darmstadt jeden Abend probiert wurde. Nach vielleicht 30 Proben war endlich die Aufführung, doch fielen noch Fehler sowohl auf dem Theater wie im Orchester vor.
Von der Musik dieser Oper läßt sich nicht viel Rühmliches sagen. Es ist alles zu gewöhnlich, zu oft schon dagewesen, und mehrere Musikstücke sind allgemein bekannten von Mozart und Cherubini nachgebildet, ohne daß dadurch etwas anderes gewonnen wäre, als daß sie an jene erinnern, so z.B. der Priestermarsch, der mit seinen einzelnen Paukenschlägen ganz dem der Zauberflöte während der Feuer- und Wasserprobe gleicht. Ebenso das Schlußallegro des ersten Aktes, welches mehrere auffallende Reminiszenzen aus dem ersten Finale des »Don Juan« enthält u.d.m. Der erste Akt wird noch dadurch besonders langweilig, daß[211]  so viel langsame Tempi und Gebete unmittelbar aufeinander folgen, sowie es denn überhaupt der Oper an Leben und Handlung fehlt.
Der Großherzog, der die Komposition dieser Oper sehr schön findet, vielleicht weil sie ein Baron gemacht hat, hatte den Verdruß zu sehen, daß sie das Publikum sehr langweilte, was man auch selbst in der Nähe seiner Loge laut äußerte. Dies veranlaßte ihn zu der Äußerung, daß man wohltun würde, allen solchen Leuten, die diese herrliche Oper nicht goutierten, die Türen zu Thaliens Tempel ganz zu verschließen! Chacun à son gout! Ich lobe mir eine Mozartsche! Wenn es wahr ist, was man sich hier erzählt, daß er seine Hofdiener und Offiziere zum Theaterbesuche zwingt, indem er ihnen vom Gehalte den Betrag für das Theaterabonnement ohne weiteres abziehen läßt, so könnte er seine Drohung leicht wahr machen, indem er sie von dieser Fronde befreite!
Da uns der Großherzog zu einem öffentlichen Konzerte die Mitwirkung der Kapelle verweigerte, weil er sie, wie es in der Antwort auf mein Gesuch hieß, keinen Abend im Theater entbehren könne, so waren wir schon im Begriffe abzureisen, ohne in Darmstadt gespielt zu haben, als uns die Direktion des Kasino den Antrag machte, in ihrem Lokal aufzutreten, wofür sie uns ein Honorar von zwanzig Karolinen offerierte. Dies nahmen wir an. Ich spielte mit Dorette eine Sonate, zwei Konzertsätze mit Klavierbegleitung und Dorette schloß mit der Phantasie in C-moll. Wir hatten ein sehr empfängliches Publikum. Den Geigern des Orchesters, die mich gern gehört hätten, und Herrn Backofen, dem frühern Lehrer meiner Frau, den ihre jetzige Virtuosität in hohem Grade interessiert haben würde, war es aber nicht gestattet, unter den Zuhörern zu sein, denn der Großherzog hatte abends vorher bei der Probe im Theater gesagt: »Daß mir morgen Abend ja niemand fehlt!«

Heidelberg, den 11. Februar [1816]

Trotz der großen Kälte, die seit voriger Nacht herrscht, haben wir heute mittag den Schloßberg erstiegen, um die wunderschöne Ruine des Schlosses von neuem zu sehen. Ich habe mich gefreuet, daß man seit acht Jahren diese nicht weiter hat verfallen lassen, daß man vielmehr Sorge trägt, es nun so, wie es jetzt da liegt, zu erhalten. Die Aussicht über die Stadt nach Mannheim und in das Neckartal ist selbst im Winter entzückend schön!

Karlsruhe, den 26. Februar [1816]

Unser hiesiger Aufenthalt hatte dadurch, daß wir alte Bekannte vorfanden, viel Angenehmes. Auch bot er manchen Kunstgenuß. Gute[212]  Orchestermusik hörten wir zwar nicht, denn die Kapelle ist, obgleich in neuerer Zeit mehrere ausgezeichnete Künstler engagiert wurden, noch immer sehr mittelmäßig. Einige gute Mitglieder können die Schwächen der übrigen nicht verdecken. Dagegen hörten wir zwei gute Sängerinnen: Demoiselle Barensfeld und Madame Gervais. Erstere sang am 21., als wir bei der Großherzogin im Kabinett spielten, eine Arie und einige Tage früher die Sopransoli in Rombergs »Glocke«, die von einer Dilettantengesellschaft im Museum recht gut gegeben wurde. Demoiselle Barensfeld besitzt eine schöne Stimme, viel Geschmack und Geläufigkeit, überladet aber ihren Gesang zu sehr mit Verzierungen. Madame Gervais, die auch eine vorzügliche Schauspielerin ist, sahe ich in Weigls recht artiger Oper »Ostade«, wo sie besonders eine Kavatine sehr schön sang. Dann hörten wir sie in unserem Konzerte am 24. die große Szene aus »Faust« mit allgemeinem Beifalle singen. Sie hat ebenfalls eine schöne Stimme, gute Schule, viel Gefühl und große Geläufigkeit, verziert aber auch am unrechten Orte und detoniert zuweilen.
Meine Quartetten und Quintetten gab ich viermal zu hören, zweimal bei Herrn von Eichthal und einmal bei den Herren von Freydorf und Brandl. Sie wurden mir von den Herren Fesca, Fiala, Böhnlein und von Dusch vortrefflich akkompagniert. Fesca spielte auch ein neues Quintett seiner Komposition, das sehr viel Neues und Schönes enthielt. Im letzten Satze war je doch manches gar zu gesucht.
Karlsruhe hat sich seit 8 Jahren sehr vergrößert und verschönert. Außer einer Menge von Privathäusern hat es auch drei große öffentliche Gebäude in dieser Zeit erhalten. Das älteste, woran schon vor 8 Jahren gearbeitet wurde, ist das Theater, ein großes, in einem schönen Stil und sehr zweckmäßig eingerichtetes Gebäude. Der einzige Vorwurf, den man dem Baumeister, Herrn Weinbrenner, mit Recht machen kann, ist der, daß er nicht dafür gesorgt hat, daß es im Winter gehörig geheizt werden kann. In den Wintermonaten leidet das Publikum und noch mehr die Schauspieler und das Orchesterpersonal gewaltig vom Zuge und der Kälte, und es wird mancher dadurch vom Besuch des Theaters abgehalten. – Das 2., ebenfalls von Weinbrenner aufgeführte Gebäude ist die katholische Kirche, ein nach dem Urteil der Kenner fürchterlich mißratenes Werk; es besteht in einer großen Rotunde mit einem sehr eckigen Turm daneben, der wie zu einer Dorfkirche gehörig aussieht. Außerdem sind auch noch so viel andere kleine eckige Gebäude angebaut, daß das Ganze einen gar widrigen Anblick gewährt. Zur Entschuldigung des Baumeisters sagte man, daß der Turm nicht in seinen Plan gehörte, daß die[213]  Katholiken aber glaubten, man wolle ihnen den Turm und das Geläute darin nicht gönnen, auf diesen bestanden und sich von einem Wiener Baumeister dazuzeichnen ließen, welchen dann Weinbrenner ausführen mußte. – So wie das Gebäude jetzt dasteht, ist es wirklich ein Schandfleck des Baumeisters und der Stadt. – Das 3. Gebäude ist die noch nicht einmal ganz vollendete lutherische Kirche in einem schönen und reichen Stil mit einem besonders imposanten Portal. Der Turm will dem Kenner zwar auch nicht gefallen, doch ist er in demselben Stil wie die Kirche und viel edler und größer als der von der katholischen Kirche. – Ein ewiges Ärgernis für alle Besucher bleibt die unglückselige Fächergestalt der Stadt, die sie zwingt, ihre neuen Häuser in lauter stumpfen und spitzen Winkeln zu bauen und ihnen fast kein regelmäßiges Zimmer anzulegen erlaubt. Der, der die erste Idee zu dieser Form gab, ist schon oft mitsamt seiner Idee verwünscht worden.

Straßburg, den 6. März [1816]

Es drängt mich zuerst von dem zu reden, was jedem Reisenden noch vor seiner Überfahrt über den Rhein von dem fremden Land zuerst in die Augen fällt; ich meine den Münster! Weit jenseits Kehl sahen wir schon seine kolossale und doch zierliche Gestalt hoch in die Lüfte ragen. Der Münster ist so oft und gut (am poetischsten wohl in Baggesens Reise) beschrieben worden, daß ich mich damit nicht versuchen werde. Aber das muß ich aussprechen, daß früher nie etwas so sehr das Gefühl des Erhabenen und Heiligen in mir erweckt hat als dieser wundervolle Bau! So soll ein Tempel Gottes gebaut sein! Dies ist der Stil, der sich für ein solches Gebäude schickt! Warum man nicht auch noch jetzt, wenn man einmal bedeutende Summen aufwenden will und kann, neue Kirchen in diesem gereinigten gotischen Stile baut? Welch edle Formen, welche Zierlichkeit, welcher Reichtum und welch imposante Größe sind da vereinigt! Man hat alles, was in der Zeit der Revolution von den Bilderstürmern am Münster beschädigt wurde, wieder hergestellt, und die neuen Bildsäulen, die man an die Stelle der zertrümmerten gesetzt hat, sind weit besser wie die alten, die damals verschont geblieben. Überhaupt wird der Münster sehr sorgfältig erhalten, und es sind zu den äußern Reparaturen allein jährlich 20 000 Franken ausgesetzt. Diese Sorgfalt ist bei diesem Gebäude wegen seiner Zierlichkeit aber auch doppelt notwendig, da die geringste Beschädigung leicht größere und gefährlichere nach sich ziehen könnte; denn selbst der gigantische Turm hat nicht einmal rundum eine feste Mauer, sondern steht vom tiefsten[214]  Grunde an auf lauter Pfeilern, zwischen denen sogar unter der Kirche ein Kanal durchfließt, den man beschiffen kann. Auf halber Höhe, da wo der Bau sich in zwei Hälften trennt, von denen aber nur die eine fertiggeworden ist, ist nun vollends alles so luftig, zierlich und durchsichtig wie ein Konditoraufsatz. Die geringste Beschädigung da, wo immer ein Pfeiler den andern trägt, könnte den Zusammensturz des ganzen Turmes nach sich ziehen.
Wie wir den kühnen Riesenbau lange genug bewundert hatten, erregte der Telegraph, der auf dem Kirchendache seine Arme emporstreckt, unsere Aufmerksamkeit. Es wurde eben geschrieben, und die Leichtigkeit und Schnelligkeit der Bewegungen ergötzte uns sehr. Da wir den Mechanismus kennen zu lernen wünschten, so stiegen wir hinauf, kamen aber erst oben an, als eben aufgehört wurde, und sahen nur noch die Depesche in den sonderbaren Zeichen naß auf dem Papiere stehen. Ich hätte gern gewußt, ob diese Zeichen, deren es höchstens vierundzwanzig sein können, die Buchstaben oder einzelne Worte oder ganze Sätze bedeuteten, und richtete deshalb einige Fragen an den Telegraphisten. Er gab aber wenig Auskunft, entweder weil er nicht durfte oder selbst nichts wußte, was das Wahrscheinlichste ist, da nur der Direktor den Schlüssel der Zeichen besitzen soll. Nach seiner Behauptung bedeutet jedes Zeichen ein Wort. Dies ist aber sehr unwahrscheinlich, da man mit vierundzwanzig Wörtern doch nicht ausreichen würde, auch wenn das dazwischen Fehlende größtenteils erraten werden könnte. Daß ihm übrigens die Bedeutung von einem oder einigen Zeichen bekannt sein müsse, bewies er dadurch, daß er, um uns den Mechanismus zeigen zu können, das signe d'attention machte, wodurch angefragt wird, ob im Laufe des Tages noch eine Depesche zu erwarten sei und daher jeder Telegraphist auf seinem Platze bleiben müsse. Dieses Zeichen wurde sogleich vom nächsten Telegraphen abgenommen, wie wir durch das Perspektiv sahen, und dann ebenfalls vom folgenden, der auch noch, obwohl weniger deutlich, zu erkennen war. Nach sieben oder acht Minuten kam aus Paris die Antwort zurück: es müsse jeder auf seinem Posten bleiben. Dieses Zeichen nahm nun auch unser Telegraph ab, und dann standen sie alle wieder in Ruhe. Der Mechanismus ist sehr einfach. Drei große Räder im Zimmer des Telegraphisten, über welche aus Messingdraht geflochtene Schnüre laufen, setzen die drei Gelenke des Telegraphen in Bewegung. Kleinere, an den großen befestigte Räder bewegen einen kleinern Telegraphen im Innern des Zimmers, an welchem der Maschinist sieht, ob die Zeichen oben auf dem Dache richtig gemacht[215]  werden. Ein dritter mäßig großer Telegraph, gegen die Wohnung des Direktors gerichtet, dient dazu, ihm die Zeichen, die von Paris ankommen, sogleich mitzuteilen. Die ganze Anstalt ist sehr interessant und macht dem menschlichen Verstande Ehre. Die Wächter haben einen beschwerlichen Dienst und müssen vom ersten Morgengrauen an bis zum Anbruche der Nacht auf ihrem Posten sein. Die geringste Nachlässigkeit wird gleich mit Absetzung bestraft.
Ich lernte in Straßburg drei ausgezeichnete Künstler und viele passionierte Musikfreunde kennen. Erstere sind: Herr Spindler, Kapellmeister am Münster, Nachfolger von Pleyel, der diese Stelle früher bekleidete, Herr Berg, Pianofortespieler und Komponist, und Herr Kuttner, ebenfalls Pianist und Sänger. Von Spindlers Kirchenkompositionen wird besonders ein Requiem sehr gelobt, von seinen dramatischen Arbeiten eine Oper: »Das Waisenhaus«. Spindler schickte die Partitur und das Buch dieser Oper, welches letztere ebenfalls sein Eigentum war, an die Wiener Theaterdirektion. Sie wurde nicht angenommen und unter dem Vorwande zurückgeschickt, daß die Gesangpartien nicht für ihre Subjekte paßten. Man hatte aber vom Buche diebischerweise eine Abschrift genommen, und Weigl komponierte es nun ebenfalls noch einmal. Da ihm kurz vorher seine »Schweizerfamilie« großen Ruhm verschafft hatte, so verbreitete sich dieses neue Werk bald über alle deutschen Theater, während Spindlers Komposition bis jetzt nur in Straßburg gegeben worden ist. Doch wurde letzterm die Genugtuung zuteil, daß die Weiglsche Komposition, welche im vorigen Jahre von einer deutschen Operngesellschaft hier gegeben wurde, bei weitem nicht so gefiel wie die seinige. – Spindler ist ein unterrichteter und dabei äußerst bescheidener Künstler. Unter den passionierten Musikfreunden steht Herr Advokat Lobstein oben an. Er ist Direktor eines wohl eingerichteten Liebhaberkonzertes. Das stark besetzte Orchester desselben besteht größtenteils aus Dilettanten, und Kompositionen, die nicht zu schwer sind, und die sie oft genug probiert haben, geben sie nicht übel. Da in Frankreich noch aus der Revolutionszeit ein Gesetz besteht, nach welchem jeder Konzertgebende, wenn er sein Konzert affichiert und eine Kasse macht, den fünften Teil der Einnahmen vor Abzug der Unkosten an die Theaterdirektion im Orte abgeben muß, so machte mir Herr Lobstein den Vorschlag, mein Konzert im Lokal und am Tage des Liebhaberkonzerts zu geben. Dadurch entging ich der Abgabe und machte demohngeachtet eine sehr bedeutende Einnahme. Das Konzert wurde nur unter der Hand bekannt gemacht, war aber demohngeachtet so besucht,[216]  daß über hundert Menschen schon keinen Platz mehr fanden. Dies sowie der enthusiastische Beifall, den unser Spiel fand, veranlaßte mich, noch ein zweites öffentliches Konzert zu geben, nachdem ich mich vorher mit der Theaterdirektion über eine fixe Abgabe von achtzig Franken verständigt hatte; dies 2. Konzert war, wahrscheinlich wegen des zu drei Franken erhöhten Eintrittspreises, nicht so besucht wie das erste. Das Orchester war in beiden Konzerten dasselbe, halb aus Dilettanten und halb aus Künstlern zusammengesetzt; die Saiteninstrumente ziemlich gut, die Blasinstrumente aber äußerst schlecht. Da nun in meinen Kompositionen letztere viel beschäftigt sind, so wurden sie auch total verdorben. Meine Quartetten und Quintetten, die ich häufig in Privatgesellschaften spielte, wurden mir hingegen recht gut akkompagniert. Besonders zeichneten sich dabei die Herren Baxmann (erster Violoncellist des Theaterorchesters) und Nani (Violinist) vorteilhaft aus. Obgleich die Straßburger in der Musikbildung den Bewohnern der größern deutschen Städte bedeutend nachstehen und von unserer neuesten Musik und deren Geist noch wenig kennen und wissen, so scheinen sie doch meine Kompositionen sehr zu goutieren. Mein hiesiger Aufenthalt diente daher dazu, daß meine Kompositonen, von denen hier nur wenige gekannt waren, nun häufig verlangt und von den Musikalienhändlern verschrieben werden.
Während unsrer Anwesenheit in Straßburg gaben die Herren Berg und Kuttner ein öffentliches Konzert, in welchem sie sich beide als sehr fertige Klavierspieler zeigten, Herr Berg aber auch als talentvoller Komponist. Es wurde von ihm eine Ouvertüre, ein Klavierkonzert und Variationen für zwei Pianoforte gegeben. Besonders gefiel mir das Allegro der Ouvertüre wegen seines natürlichen Flusses und der guten Durchführung des Themas. Herr Berg ist aber doch nicht frei von der Krankheit aller modernen Komponisten, die immer nur nach Effekten jagen und darüber versäumen, ihre Ideen gehörig durchzuführen.
Wir besuchten einige Male das Theater und fanden die Oper mit Ausnahme der ersten Sängerin, Madame Fay, sehr schlecht, das Lustspiel und Vaudeville aber sehr gut. Ich überzeugte mich von neuem, wie sehr die Franzosen in den beiden letzten Gattungen den Deutschen überlegen sind. Die hiesige Truppe, die allgemein für sehr mittelmäßig gilt, gibt ihr Lustspiel mit einer Rundung und Genauigkeit, wie man es nur sehr selten auf den besten deutschen Theatern findet.
Die Lebensweise der Straßburger weicht von der der gegenseitigen Bewohner des Rheinufers schon sichtlich ab, und man merkt es recht gut, daß man französischen Boden betreten hat. Besonders wird man durch[217]  die vielen größtenteils sehr eleganten Kaffeehäuser, durch deren häufigen Besuch, durch die kolossalen französischen Affichen an den Straßenecken und durch das Sprachgemisch von Französisch und Deutsch daran erinnert. Die Straßburger sprechen beide Sprachen gleich geläufig, oft auf eine komische Art gemischt, das Deutsche aber durchgängig sehr schlecht.

Münster bei Kolmar, den 26. März 1816


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Seit beinahe vierzehn Tagen sind wir hier in einer kleinen Fabrikstadt in den Vogesen bei einem reichen Fabrikbesitzer, Herrn Jaques Hartmann, zu Besuch. Unser Wirt, der ein leidenschaftlicher Musikfreund ist, war von Herrn Kapellmeister Brandl in Karlsruhe benachrichtigt worden, daß wir auf unserer Reise Kolmar passieren würden. Von Straßburg aus hatte er den Tag der Durchreise erfahren; er verlegte uns daher den Weg und zwang uns mit freundlicher Gewalt, ihm nach Münster in sein Haus zu folgen. Dort mit Anbruch der Nacht angelangt, wurden wir von seiner Familie auf das herzlichste bewillkommnet und sogleich durch den Garten in einen hellerleuchteten Konzertsaal geführt, der ringsum mit den Namen unsrer großen Komponisten geschmückt war, unter welchen, wahrscheinlich seit heute, der meinige auch ein bescheidenes Plätzchen gefunden hatte. Die Kapelle des Herrn Hartmann war schon aufgestellt und empfing uns bei unserm Eintritt mit einer gar nicht schlecht exekutierten Ouvertüre. Das Orchester besteht aus der Familie des Herrn Hartmann und aus einem Teile der in seiner Kattunfabrik angestellten Beamten, Künstler und Arbeiter. Da er, soviel es sich tun läßt, nur solche annimmt, die musikalisch sind, so ist es ihm geglückt, fast ein vollständig besetztes Orchester zusammenzubringen, das nicht zu schwere Kompositionen, die es fleißig eingeübt hat, ganz erträglich exekutiert. Herr Hartmann selbst ist Virtuos auf dem Fagott und besitzt schönen Ton und viel Fertigkeit. Seine Schwester und seine Tochter spielen Pianoforte. Letztere, ein Kind von acht Jahren, ist der Glanzpunkt dieses Dilettantenorchesters. Sie spielt bereits sehr schwere Kompositionen mit bewunderswerter Fertigkeit und Genauigkeit. Mehr noch wie dieses überraschte mich ihr feines musikalisches Gehör, womit sie (vom Piano entfernt) die Intervallen der verwickeltsten und vollgriffigsten, dissonierenden Akkorde, die man ihr anschlägt, erkennt und die Töne, woraus diese bestehen, in ihrer Folge nennt. Aus diesem Kinde wird gewiß einst, wenn es gut geleitet wird, eine ausgezeichnete Künstlerin werden.[218] 
Herr Hartmann hat einen schönen Ton auf dem Fagott und viel Fertigkeit. Er besitzt eine Menge Kompositionen, die für ihn geschrieben sind, von Krommer, Brandl, Thurner und andern. Brandl ist sein Lieblingskomponist, weil er die Eigenschaften des Instruments und seines Spiels am genauesten kennt. Diese Kompositionen, deren ich mehrere hörte, sind dankbar für das Instrument, leicht im Akkompagnement, zeichnen sich aber außerdem nicht sehr durch Reichtum der Ideen aus. Für sein gewöhnliches Auditorium, dem unsre deutschen bessern und neuern Kompositionen noch ganz unbekannt sind, passen sie aber sehr.
Nachdem die Familie sich produziert hatte, gaben auch wir eins unsrer Duette zu hören und hatten ein sehr dankbares und begeistertes Auditorium.
Herr Hartmann läßt nicht leicht einen ausgezeichneten Künstler durch das Elsaß passieren, ohne ihn aufzufangen, und hat deshalb schon viele von ihnen bei sich gesehen, unter anderen Kreutzer, Durand, Thurner, Bärmann und die Gebrüder Schunke. Gewiß waren alle ebenso zufrieden mit ihrem Aufenthalte in seinem Hause wie wir; denn es gibt keinen artigern und zuvorkommendern Wirt als Herrn Hartmann. Von den beiden zuerst genannten Künstlern erzählte er mir folgendes, was sie hinlänglich charakterisiert. Kreutzer gab zu Straßburg im Theater ein sehr besuchtes Konzert. Nach dem ersten Teile ließ er sich die Einnahme auszahlen und verspielte sie sogleich am Roulettetisch im Foyer bis auf den letzten Sous. Nun wurde er zum zweiten Teile des Konzerts gerufen und mußte nachträglich verdienen, was bereits verspielt war. – Durand machte es noch ärger! Herr Hartmann hatte für ihn ein Konzert in Mühlhausen arrangiert und begleitete ihn selbst dahin. Durand verlor sich sogleich in ein Bierhaus, und es hielt schwer, ihn von da wegzubringen, um die Probe zu halten. Bei dieser vermißte er seinen Bogen, den er zu Kolmar vergessen hatte. Er erklärte, ihn holen zu müssen, weil er sonst am Abend nicht spielen könne. Herr Hartmann gab ihm seinen Wagen und ermahnte ihn zu baldiger Wiederkehr. Die Zeit des Konzertes rückte heran, aber Durand war noch nicht zurück. Das Publikum versammelte sich, die Musiker stimmten ein, doch der Konzertgeber fehlte immer noch! Nachdem eine halbe Stunde gewartet war und das Auditorium bereits unruhig wurde, ließ Herr Hartmann die Ouvertüre spielen. Da Durand aber noch nicht erschien, so mußte er endlich vortreten und die Abwesenheit des Konzertgebers verkünden. Höchst unwillig auf diesen verließ das Publikum den Saal. Spät am Abend kehrte der Kutscher mit dem vergeblich Erwarteten zurück und erzählte seinem[219]  Herrn, daß er ihn mehrere Stunden lang in allen Kaffee- und Wirtshäusern vergeblich gesucht und endlich in einem Bierhause gefunden habe, wo er im lustigen Verkehr mit andern Gästen das Konzert total vergessen hatte.
Vor drei Tagen gaben wir in Kolmar ein sehr besuchtes Konzert, welches Herr Hartmann durch seine dortigen musikalischen Freunde im voraus hatte arrangieren lassen. Da das Orchester, welches fast ganz aus Dilettanten bestand, sehr schlecht war, so mußte ich darauf verzichten, eigene Kompositionen vorzutragen, und im Akkompagnement leichtere von Rode und Kreutzer wählen. Nach der Sonate, welche ich mit meiner Frau vortrug, wurde uns aus einer Loge ein Lorbeerkranz zugeworfen, an welchem das folgende Gedicht befestigt war:

Couple savant dans l'art heureux
Qui fit placer au rang des Dieux
L'antique chantre de la Grèce
D'un instrument mélodieux
Et de la harpe enchanteresse
Quand les accords délicieux.
Nous causant une double ivresse,
Faut-il, que les tristes apprêts
D'un départ qui nous désespère,
Mêlent d'inutiles regrets
Aux charmes que Vôtre art opère!
Ah! près de nous il faut rester!
Quelle raison pour s'en défendre?
A nos voeux, si Spohr veut se rendre,
Il pourra, j'ose l'attester,
Se lasser de nous enchanter,
Jamais nous lasser de l'entendre.

Par E.C. (outerèt), habitant de Colmar.

Im zweiten Teil des Konzertes ließ sich auch Herr Hartmann mit Variationen für den Fagott von Brandl hören. Er schien sehr befangen, blies aber doch recht gut. – Die Einnahme war für eine so kleine Stadt sehr bedeutend. Den Tag nach dem Konzerte aßen wir zu Mittag beim General Frimont, Kommandeur der österreichischen Truppen im Elsaß. Wir lernten unsern Wirt als einen höchst artigen und jovialen Mann kennen. Er hat sich durch Gerechtigkeitsliebe, strenge Mannszucht und[220]  zuvorkommend-artiges Wesen die Liebe der Kolmarer in hohem Grade erworben. – Abends kehrten wir hierher zurück.
Gestern erhielt ich von Musikdirektor Tollmann in Basel, dem Herr Hartmann im voraus unsre Ankunft meldete, die Nachricht, daß er ein Konzert für uns schon auf nächsten Sonntag, den 31., arrangiert habe. Wir müssen daher von unserm lieben Wirte und den Seinigen scheiden. Doch haben wir versprechen müssen, womöglich im Sommer noch einmal hierher zurückzukehren.
Die Kattunfabrik des Herrn Hartmann haben wir, von ihm geführt, mehrere Male besehen. Sie ist sehr bedeutend und liefert Waren, die hinsichtlich ihrer geschmackvollen Muster selbst den englischen vorgezogen werden. Sie beschäftigt über tausend Menschen und unter diesen ausgezeichnete Künstler als Zeichner und Kupferstecher. Es werden alle Sorten Kattune verfertigt, ordinäre mit Handdruck, feine mit Walzendruck und Möbelkattune sowie Tapeten mit großen und kleinen Kupferstichen verziert. Letztere hauptsächlich für Ostindien und China. An den Kupferplatten zu dieser Gattung arbeiten die Künstler oft jahrelang. Die Bilder sind größtenteils Kopien berühmter Gemälde. Der Mechanismus, womit die Kupferplatten auf Zeuge abgedruckt werden, ist ein Geheimnis der Hartmannschen Fabrik, das den Fremden nicht gezeigt wird. Bei uns wurde als ungefährlich eine Ausnahme gemacht. Auch eine künstliche Maschine zum Farbenreiben wurde hier erfunden und ist bis jetzt die einzige ihrer Art. Das an Fabriken so reiche Elsaß ist mit der neuen Regierung, die für Belebung der Industrie nichts tut, sehr unzufrieden und hängt noch mit ganzer Seele an dem verbannten Kaiser. Es erklärt sich dies leicht, wenn man weiß, daß in der glänzenden Zeit des Kaiserreichs die Fabriken hiesiger Gegend in einem außerordentlichen Flor waren, der hauptsächlich durch die Kontinentalsperre, welche die englischen Waren vom Festlande abhielt, veranlaßt wurde. Die Hartmannsche Fabrik beschäftigte damals mehr als 3000 Menschen. Jetzt, wo wieder ganz Europa mit englischen Fabrikaten überschwemmt ist, haben die hiesigen Fabriken ihre Arbeiten bedeutend einschränken müssen. Man äußert aber auch seine Unzufriedenheit mit der jetzigen Regierung unverhohlen und sagt ganz laut, daß nur der günstige Zeitpunkt abgewartet würde, um das jetzige Joch wieder abzuschütteln. Wahr ist es, daß viel Gemeinnütziges, wie Kanal- und Straßenbauten, Preisverteilungen zur Beförderung der Industrie, Kunstanstalten, z.B. das Konservatorium der Musik zu Paris, als verhaßte Überbleibsel der Revolution und Kaiserregierung teils beschränkt, teils unterdrückt worden[221]  sind. Dies hat viel böses Blut und die neue Regierung sehr verhaßt gemacht. Man würde es daher ganz gern sehen, wenn sich das Gerücht bestätigte, daß das Elsaß an Österreich abgetreten werden soll.
Von dem Vorspieler des Orchesters, einem Beamten der Fabrik, erwarb ich damals eine Geige von Lupot in Paris. Ich war von dem vollen und kräftigen Ton dieses Instrumentes, das damals erst dreißig Jahre alt war, so frappiert, daß ich dem Besitzer sogleich einen Tausch mit einer italienischen Geige, die ich in Braunschweig gekauft und auf meinen ersten Reisen gespielt hatte, antrug, der gern eingegangen wurde. Ich gewann die Geige bald so lieb, daß ich sie meiner bisherigen Konzertgeige, einer alten deutschen von Buchstetter, vorzog und von nun an auf allen meinen Reisen spielte. –
Erst im Jahre 1822, nachdem bereits meine Kunstreisen als Geiger aufgehört hatten, erkaufte ich von Madame Schlick in Gotha mein jetziges Instrument, eine Stradivari, und überließ, von dem Konzertmeister Matthäi in Leipzig dringend gebeten, diesem die Geige von Lupot, die im Laufe der Jahre sehr gut geworden und zu großer Berühmtheit gelangt war. Dieser spielte sie bis zu seinem Tode, wo sie dann in den Besitz des Konzertmeisters Uhlrich kam.



 In der Schweiz
[222] 1816

Basel, den 2. April [1816]











Herr Tollmann, ein recht braver Geiger und Direktor und dabei der gefälligste und dienstfertigste Mensch, der mir je vorgekommen ist, hatte bereits mit Hilfe des hiesigen Musikvereins alles zu meinem Konzerte arrangiert. Es war nur noch vom regierenden Bürgermeister die Genehmigung einzuholen, daß ich den Eintrittspreis bis zu einem halben Laubtaler erhöhen dürfte. Diese wurde aber sogleich erteilt. Herr Tollmann führte mich zu den Vorstehern des Musikvereins, unter denen sehr artige und gebildete Leute waren. Sie widerlegten das Vorurteil, welches im Elsaß kursiert, der Baseler sei kalt und unhöflich, gewohnt, den Besuch Fremder vor der Türe abzufertigen. Ich wurde im Gegenteil fast von allen, die ich besuchte, mit Artigkeit und selbst mit Auszeichnung aufgenommen. – Da das Orchester mit Ausnahme von vier oder fünf Künstlern ganz aus Dilettanten besteht, so war das Akkompagnement meiner Solopiecen besonders von Seiten der Blasinstrumente fürchterlich! Wie ist der arme Tollmann zu beklagen, der solche Musik das ganze Jahr anhören muß! Und doch sollen, wie er behauptet, die Orchester in den übrigen Schweizer Städten noch schlechter sein. Ist dem so, so steht es um die Musik in der Schweiz noch erbärmlicher wie im Elsaß. Die guten Leute ergötzen sich noch an Kompostionen, die man in Deutschland schon zur Zeit der Pleyelschen Epoche ungenießbar fand. Mozart, Haydn und Beethoven kennen die meisten kaum dem Namen nach. Aber Freude haben sie an der Musik, und das Beste ist, sie sind leicht zu befriedigen. Denn so schlecht auch alle Orchestersätze in unserm Konzerte exekutiert wurden, die Leute waren doch sehr zufrieden und fanden, das Orchester habe sich diesmal besonders ausgezeichnet.[223] 
Selbst eine Tenor-Bravourarie von Wenzel Müller, die ein Dilettant auf eine horrible Art herausbrüllte, fanden sie köstlich. Die Einnahme war bei wenigen Kosten sehr bedeutend.
Von der Umgebung Basels haben wir wegen der frühen Jahreszeit nur wenig sehen können. Die Lage der Stadt, von dem prächtigen Rhein in zwei Teile geteilt, ist sehr reizend (soll aber ungesund sein). Von der Bastei sieht man die gesprengten Festungswerke Hüningens im Schutt liegen. Die Basler sind über die Schleifung der Festung sehr froh, denn bei der letzten Belagerung flogen die Bomben bis mitten in ihre Stadt.

Zürich, den 10. April [1816]

Auf der Reise von Basel hierher haben wir wie jeder Reisende, der aus Deutschland kommt, nun hinlänglich die Erfahrung gemacht, daß man in der Schweiz zwar bequemer, aber auch fast noch einmal so teuer reist wie dort. Man findet hier in jedem Wirtshause, selbst in denen der kleinsten Dörfer, ein vollständiges und gut zubereitetes Mittags- oder Abendessen; der Preis dafür ist aber auch durch die ganze Schweiz ein halber Laubtaler für jede Person. Ebenso sind alle übrigen Bedürfnisse zwar gut, aber auch sehr teuer. Mit dem Fuhrwesen ist's fast noch schlimmer. Die Tour von Basel hierher abgerechnet, existiert in der Schweiz keine Extrapost, und man ist gezwungen, entweder mit der Diligence oder mit Mietpferden zu reisen. 2 Mietpferde kosten auf den Tag 3 Laubtaler, und man muß die Tage, wo sie zurückgehen, mitbezahlen. Da sie nun nie größere Tagereisen als von 12 Stunden machen, so kostet ein Weg von 12 Meilen 12 Laubtaler, die teuere Zehrung mittags und abends und das Trinkgeld für den Kutscher nicht einmal gerechnet. Die Extrapostpferde zwischen Basel und hier kosten auch beinah das Doppelte wie im Reich. Die Ursach, warum man durch die Schweiz keine Extraposten anlegt, liegt, wie man mir sagt, darin, daß die Privatpersonen, die die Diligencen haben, und die Wirte, die bei einer solchen Einrichtung, die das schnellere Reisen beförderte, sehr verlieren würden, es zu hintertreiben suchen und jedesmal, wenn davon die Rede war, protestierten, und so läßt man es bei dem Alten um so lieber bewenden, da dadurch den Reisenden recht viel Geld aus dem Beutel gelockt wird.
Auch hier existiert ein Musikverein. Diese Vereine in den Schweizer Städten sind eine wahre Wohltat für einen reisenden Künstler; sie übernehmen ganz allein das Arrangement des Konzerts. Das unserige fand schon den vierten Tag nach unsrer Ankunft statt, und wir hatten außer[224]  unserm Spiele nichts dabei zu tun. Das Akkompagnement war freilich auch wieder sehr schlecht, und ich litt um so mehr dabei, da ich mich unglücklicherweise hatte bereden lassen, ein Konzert eigener Komposition zu wählen. Bei der Probe brachte ich es durch unzähliges Wiederholen der schwierigsten Stellen zwar dahin, daß es wie Musik klang; am Abend war das Orchester aber so konsterniert, daß es alles wieder über den Haufen warf! Zum Glück schien das Auditorium davon nichts zu merken, denn es äußerte seine große Zufriedenheit über alles, was es hörte.
Die Einnahme war noch brillanter als in Basel.
Es leben hier zwei Künstler, die auch in Deutschland bekannt sind. Der eine, Herr Nägeli, Besitzer einer Musikhandlung, die früher bedeutenden Verlag, seit einigen Jahren aber nur Kommissionshandel besitzt, (Komponist des in ganz Deutschland gesungenen Liedes: »Freut Euch des Lebens!«) hat sich neuerer Zeit durch seine »Gesanglehre nach Pestalozzischen Grundsätzen« einen Namen gemacht. Er mag als Theoretiker und musikalischer Schriftsteller große Verdienste besitzen, im praktischen Teile der Tonkunst und in der Geschmacksbildung scheint er es aber nicht weit gebracht zu haben; denn drei seiner Schülerinnen (er hat ein Singeinstitut errichtet und gibt 6 bis 7 jungen Damen im Harfenspiel Unterricht), die er uns als seine besten bezeichnete, von denen die eine eine Arie, die beiden andern ein Duett in unserm Konzerte vortrugen, sangen mit schlechter Methode und sehr geschmacklos. Der andere Künstler ist Herr Liste, ein Hildesheimer, der hier für einen vorzüglichen Klavierspieler und Lehrer gilt. Er ist durch Klavierkompositionen bekannt. Er brachte mir drei- und vierstimmige Männergesänge zur Ansicht, die mir in Melodie, Harmonie und Stimmführung sehr gefielen.
Zürich hat eine reizende Lage. Aus unserm Zimmer im Gasthofe »Zum Raben« können wir einen großen Teil des Sees übersehen. Das Ankommen und Abgehen der Schiffe gibt diesem Teile der Stadt sehr viel Leben. Die Ufer des Sees sind ringsum sehr bebauet, und besonders scheint uns zur rechten die Stadt wegen der vielen Landhäuser noch stundenweit fortzulaufen. Zürich ist auch reich an schönen Spaziergängen. Auf einem derselben am Ufer der Limmat steht Geßners Denkmal, ein einfaches Piedestal mit seiner Büste und einer deutschen Inschrift. Auf einer hohen Bastei übersieht man sowohl den See wie die Stadt. Wie sehr wird diese herrliche Aussicht noch an Reiz gewinnen, wenn es erst grün ist![225] 
Bern, den 20. April [1816]

Wir haben bei sehr schönem Wetter eine äußerst angenehme Reise hierher gemacht. Auf einem Berge, eine Stunde von hier, erblickten wir zum ersten Male, seit wir in der Schweiz sind, die ganze herrliche Alpenkette völlig rein und in ihrer ganzen Majestät. Wir begrüßten sie mit Jubel! Wie sehnen wir uns, diesen Gebirgen noch näher zu kommen!
Die Berner Musikgesellschaft nahm sich ebenfalls des Arrangements unseres Konzertes sehr tätig an und überhob mich aller lästigen Geschäfte. Der Besuch des Konzerts war wieder zahlreicher, als er hier je bei einem Konzerte eines fremden Künstlers war; die Einnahmen wegen des geringern Eintrittspreises aber nicht so bedeutend wie in Zürich. Das Orchester ist hier noch schlechter wie in Basel und Zürich und das Publikum noch ungebildeter mit Ausnahme sehr weniger. An der Spitze des Orchesters steht ein Bruder von Carl Maria von Weber, der, wie man mir sagt, ein guter Theoretiker sein soll. Als Geiger und Direktor ist er sehr schwach. Unter den Dilettanten und Mitgliedern der Musikgesellschaft zeichnen sich durch ihre Liebe und ihren Sinn für Tonkunst besonders aus: die Professoren Meißner und Jahn und der Statthalter Hermann. Ersterer ist Kapellmeister der Gesellschaft und ein recht guter Violoncellist.
Da die Jahreszeit schon zu weit vorgerückt ist, um noch in Lausanne und Genf Konzert geben zu können, so werden wir die Reise dahin für jetzt aufgeben und uns gleich in einer schönen Gegend des Berner Oberlandes zur langersehnten Ruhe begeben, deren Dorette zu völliger Wiederherstellung ihrer Gesundheit so dringend bedarf. Unsre hiesigen Bekannten empfahlen uns dazu ein Dorf in der Nähe von Thun. Wir machten gestern in Eduards Gesellschaft eine Fahrt dahin und fanden alles unsern Wünschen so angemessen, daß wir schon übermorgen ganz hinziehen werden. Das Dorf heißt Thierachern und liegt auf dem schönsten Punkt der Erde, den wir bisher sahen. Da wir in keinem Hause so viele Bequemlichkeiten zusammen fanden als im Wirtshause, so haben wir dort uns ein Zimmer gemietet. Für dieses, Frühstück und Mittagessen zahlen wir wöchentlich vermöge eines mit dem Wirt geschlossenen Kontrakts 2 Carolin. Wir sind alle voller Sehnsucht nach diesem Asyl und freuen uns auf die dortige ländliche Ruhe. Ich denke sie hauptsächlich dazu zu benutzen, um mir neue Violinkompositionen[226]  mit recht einfachem, leichtem Akkompagnement für Italien zu schreiben, weil dort die Orchester nach allen Nachrichten reisender Künstler noch erbärmlicher sein sollen wie die in den Provinzialstädten Frankreichs. Eduard hat versprochen, uns öfter zu besuchen und mit uns dann Partien in die umliegenden himmlischen Gegenden zu machen.
Bern, die schönste der Schweizer Städte von denen, die wir bis jetzt sahen, liegt auf einer kleinen Anhöhe, im Mittelpunkte eines länglichen, engen Tales. Die Aare, ein reißender, klarer Gebirgsstrom, umfließt sie auf drei Seiten. Die Berge, die sie umgeben, sind nicht so hoch, daß man nicht eine Aussicht nach den Alpen hätte. Besonders ausgedehnt und hinreißend schön ist diese von der Platteform, einem geräumigen, viereckigen, mit Kastanien und Ruhebänken besetzten Platze neben der Hauptkirche. Sowie man sich auf die Mauer lehnt, die ihn auf der Südseite einfaßt, erblickt man tief unter sich zwischen Felsen die schäumende Aare, über ihr im Mittelgrunde lachende Wiesen, mit Gebüsch bewachsene Anhöhen und reiche, mit Obstbäumen umgebene Dörfer und im Hintergrunde die majestätische Alpenkette mit ihren ewig beschneieten Gipfeln! Die Berner sind aber auch nicht wenig stolz auf diesen Platz, und es ist gewöhnlich ihre erste Frage an die Fremden: »Waren Sie schon auf der Platteform?«
Die Häuser der Stadt sind sämtlich massiv gebaut und haben nach der Straße offene Bogengänge, unter denen man die ganze Stadt trockenen Fußes durchwandern kann. Unter diesen Bogengängen befinden sich die Gewölbe der Kaufleute und Handwerker.

Thierachern, den 26. April [1816]


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Seit drei Tagen sind wir hier in unserm herrlichen Thierachern und genießen so recht in vollem Entzücken die ersten Frühlingstage in dieser einzigen, über alle Beschreibung himmlischen Gegend. An Arbeit wird noch nicht gedacht und vom frühen Morgen an drängt es uns ins Freie. Wir haben schon wohl eine Meile im Umfange unsere Wohnung umkreiset und immer neue Schönheiten entdeckt. Als Führer dient uns eine Spezialkarte der Schweiz, die ich in Bern kaufte und auf welcher sich alles Merkwürdige aufgezeichnet findet. Die Lage unserer Wohnung ist über alle Begriffe schön! Sie liegt auf einer Anhöhe, von der man die Gegend nach allen Seiten überblicken kann. Unsre Zimmer führen auf einen langen offenen Altan, der die ganze Breite des Hauses einnimmt und vom Hauptdache überdeckt ist. Man nennt hier diese offenen Gänge, die sich fast an allen Häusern befinden, Lauben. Auf dieser Laube, wo[227]  wir bei den bisherigen schönen Tagen jeden Morgen unser Frühstück einnahmen, haben wir die ausgedehnteste Aussicht über Wiesen und Gebüsch nach Thun und seinem altertümlichen Schlosse; dann rechts über den See bis zur Alpenkette mit den weißen Spitzen der Jungfrau, des Eiger und Schreckhorn. Noch weiter rechts grün bebuschte Anhöhen mit von Fruchtbäumen umgebenen Dörfern und dahinter die furchtbare Felsenkette vom Niesen bis zum Stockhorn. Und fast jeden Tag bieten diese Gebirge neue, von den frühern verschiedene Ansichten dar! Bald sind die vordern Berge von einer schweren Wolkenmasse bedeckt und die hintern schauen in einer Höhe, wo man sich gar nichts Festes mehr denken kann, majestätisch darüber her; bald stehen die vordern in Klarheit da und nur die höchsten Spitzen sind in Wolken eingehüllt. Ganz entzückend ist aber der Anblick dieser mit Schnee bedeckten Berge am Abende, kurz nach Untergang der Sonne. Wenn das Tal schon ganz in Dunkel gehüllt ist und die Lichter von Thun über den See herüberschimmern, glänzen sie noch immer im schönsten Rosenlichte, das sich, wenn die Dunkelheit zunimmt, in ebenso schönes Blau verwandelt. Es ist ein Anblick, von dem man sich gar nicht losreißen kann!

den 16. Mai [1816]

Wir haben nun angefangen, unsere Zeit zwischen Vergnügen und Arbeit zu teilen. Vormittags, während ich komponiere, gibt Dorette den Kindern Unterricht im Rechnen, Schreiben, Geographie usw.; nachmittags unterrichte ich dieselben im Klavierspiel und Gesange. Dann geht es rasch hinaus ins Freie. Erlaubt das Wetter einen weiten Ausflug, so nehmen wir unser frugales Abendessen in irgend einem Dorfwirtshause oder bei einem Küher (so nennt man hier die Hirten) ein und kehren erst spät am Abende zurück. Ist das Wetter nicht zuverlässig, so gehen wir mit Schirmen bewaffnet wenigstens bis Thun, erkundigen uns auf der Post nach Briefen aus der Heimat, holen uns für Regentage Unterhaltung aus der Leihbibliothek und kaufen unsere kleinen Bedürfnisse ein. Die tägliche Bewegung in der herrlichen, reinen, balsamischen Luft stärkt unsern Körper, erheitert unsern Geist und macht uns froh und glücklich. In solcher Stimmung arbeitet es sich auch leicht und schnell und schon liegen mehrere Arbeiten vollendet vor mir, nämlich ein neues Violinkonzert in Form einer Gesangsszene und ein Duett für zwei Violinen.
Einer musikalischen Naturmerkwürdigkeit, die wir auf unsern Spaziergängen bemerkten, muß ich doch erwähnen. Es gibt hier Kukuks, die nicht wie alle andern, die ich bis jetzt hörte, ihren Namen in einem[228]  Terzenfall absingen, sondern noch ein drittes »kuk« dazwischen flicken und sich folgendermaßen vernehmen lassen:



Ob dies eine von der unsrigen verschiedene Art ist, habe ich nicht erfahren können, wohl aber, daß es jedes Jahr hier solcher Kukukuk gebe.
Noch etwas anderes, was mich als Musiker noch mehr interessiert, habe ich hier wahrgenommen. Der Knecht aus unserm Hause und einige Mägde aus der Nachbarschaft, die jeden Sonntag Abend vor unserm Fenster ihre Singakademie halten, intonieren in ihren Liedern ganz so, wie ein Blechinstrument die Töne gibt, wenn die stopfende Hand nicht nachhilft, nämlich die Terze ein wenig zu hoch, die Quarte noch höher und die kleine Septime bedeutend zu tief. Es ergibt sich daraus, daß diese Intonation dem menschlichen Ohr natürlich ist, wenn es nicht von Jugend auf an das temperierte Tonsystem gewöhnt ist. Diesen Natursängern würde unsre Tonleiter ebenso falsch klingen wie uns die ihrige. Es ist aber doch höchst merkwürdig und fast beunruhigend, daß wir von der uns von der Natur gegebenen Tonleiter abweichen mußten, um unsern jetzigen Reichtum der Harmonie zu gewinnen! Denn ohne unser temperiertes Tonsystem würden wir auf die nächsten Tonarten beschränkt sein und den enharmonischen Verwechselungen (dem haut-goût der modernen Harmonie) ganz entsagen müssen. Und doch scheint sich mir die Musik durch dies Abweichen von der Natur erst zur eigentlichen Kunst zu erheben, während alle andern Künste sich begnügen müssen, die Natur zu kopieren, und selbst dann, wenn sie idealisieren, der Natur doch alles Einzelne nachbilden müssen. Die Lieder dieser Natursänger haben manches Eigentümliche, und wenn ich erst den hiesigen Dialekt, der viel Ähnlichkeit mit dem Alemannischen hat, besser verstehen lerne, werde ich versuchen, einige davon aufzuschreiben.

den 4. Juni [1816]

Gestern sind wir von dem ersten größern Ausfluge, auf dem wir, von schönem Wetter begünstigt, recht viel Genuß hatten, vergnügt zurückgekehrt. Wir waren in Kandersteg, einem hoch im Gebirge gelegenen kleinen Dorfe, sieben bis acht Stunden von hier entfernt. Ich hatte dazu unsres Wirtes einspänniges Rietwägeli gemietet und machte selbst den[229]  Kutscher. Die Karte war wieder unser Führer. Unser Weg ging zuerst am rechten Ufer des Thuner Sees entlang bis Spiez. Hinter Gwatt überschritten wir die Kander auf einer überbauten hölzernen Brücke, die sich hoch und kühn über den breiten reißenden Strom in einem einzigen Bogen höchst kunstreich wölbt. Man hat vor etwa hundert Jahren die Kander in den See geleitet und dadurch das schöne Tal von Glütsch bis Thierachern, welches wegen der Überschwemmungen in jedem Frühjahre wüst und unbebaut lag, in herrliche Wiesen und fruchtbare Felder umgestaltet. Es war dies aber eine Riesenarbeit, da man einen hohen Berg durchstechen mußte. Von der Mitte der Brücke sieht man aus schwindelnder Höhe hinab auf die über Felsen schäumende Kander und zugleich an turmhohen Ufern hinauf. Von Spiez dreht sich der Weg rechts um den majestätischen Niesen und führt durch ein fruchtbares und reich angebautes Tal nach Frutigen, einem lebhaften Flecken. Hier öffnet sich ein zweites Tal, aus welchem die Kander hervorbricht. In diesem düstern furchtbaren Felsentale, das oft kaum breit genug für das Bett des Flusses und den Weg ist, beginnt nun das Steigen. Auf beiden Seiten himmelanstrebende Felsen, die an vielen Stellen so über den Weg hängen, daß es ganz finster und schaurig wird. Dazu das Gebrause der über Felsen herabrauschenden Kander und der vielen Wasserfälle, die sich auf beiden Seiten des Tales oft von einer Höhe von mehr als hundert Fuß herabstürzen. Sobald wir nach und nach höher kamen, kehrten wir auch immer mehr in den Frühling zurück. Die Kirschbäume, die bei Thierachern schon vor vier Wochen blühten, standen jetzt hier in der ersten Blüte. Weiter hinauf hörten aber alle Fruchtbäume auf, und nachdem wir den letzten steilen Berg vor Kandersteg überschritten hatten, sahen wir nur noch verkümmerte Tannen. Das Dorf, aus kleinen hölzernen Hütten bestehend, die, ohne von Gärten und Bäumen umgeben zu sein, weit voneinander zwischen den Felsenblöcken liegen, gewährt einen traurigen Anblick. Der Schnee, der hier neun Monate liegt, war kaum geschmolzen, und die Wiesen, auf denen mageres Vieh nach Futter suchte, hatten noch die traurig-gelbe Farbe des Winters. Auf allen den himmelanstrebenden Felsen, die das Tal von Kandersteg umgeben, lag noch hoher Schnee, aus welchem unzählige kleine Bäche hervorquollen und schäumend herabstürzten. Von hier aus steigt der Weg nun noch drei Stunden bis zur Gemmi und führt dann steil hinab zum Leukerbad, dessen heiße Quellen im Spätsommer sehr besucht sind. Da in Kandersteg die Fahrstraße aufhört, so müssen sich die Badegäste, die nicht gut zu Fuß sind, von Trägern oder auf Maultieren hinüberschaffen lassen, und mit diesem mühevollen[230]  Geschäft ernähren sich auf kümmerliche Weise die meisten Bewohner des Dörfchens. Lobenswert ist es, daß die Berner Regierung durch bestimmte Taxen, die deutsch und italienisch im Wirtshaus angeschlagen sind, dem Überteuern der Reisenden zuvorgekommen ist, sowie sich denn überhaupt nicht leugnen läßt, daß sie für die Bequemlichkeit der Fremden durch zweckmäßige Einrichtungen besorgt gewesen ist. So findet man z.B. auch in jedem Wirtshause einen Kurszettel angeheftet, worin der Wert der gangbarsten auswärtigen Gold- und Silbermünzen nach Schweizergeld bestimmt ist. Eine solche Sorgfalt ist hier aber auch doppelt geboten, da manche Gegenden der Schweiz fast nur von den Fremden leben.
Wir übernachteten in Kandersteg und kehrten am folgenden Tage zurück. Eine angenehme Empfindung war es, so nach und nach aus dem Winter in den Frühling und Sommer zurückzukehren.

den 1. Juli [1816]



Vor einigen Tagen habe ich fünf neue Werke zum Stich an Herrn Peters nach Leipzig geschickt. Es sind zwei Sammlungen Lieder, drei Duetten für zwei Violinen, das siebente Violinkonzert und eine große Polonaise für Violine mit Orchester, 37.–41. Werk. Die Duette und ein Lied habe ich hier neu geschrieben; die andern Lieder und die Polonaise, die ich vorigen Sommer in Carolath komponiert hatte, nach meiner erweiterten Einsicht umgearbeitet.
Nach reiflicher Überlegung haben wir beschlossen, die Reise in Italien ohne unsern Wagen zu machen, da man dort ohnehin am wohlfeilsten und sichersten mit einem Vetturino fährt. Die nächste Veranlassung zu diesem Entschlusse war die Besorgnis, daß die erneuete Anstrengung auf dem nervenangreifenden Instrumente die Gesundheit meiner guten Dorette von neuem zerrütten könnte und ihr und uns dadurch der langersehnte Genuß der herrlichen Reise verbittert werden würde. Da wir also die Harfe und einen Teil unsres Gepäckes hier bis zu unsrer Wiederkehr in Verwahrung bei unserm Wirte zurücklassen werden, so bedürfen wir auch des Wagens nicht und ersparen zugleich den weiten Umweg auf der Fahrstraße bis zum Genfer See und durch die ganze Länge des Wallistales. Damit Dorette aber als Künstlerin nicht ganz in Untätigkeit versinke, werde ich mehreres für Violine und Pianoforte teils neu schreiben, teils aus ältern Sachen arrangieren, was wir dann in Italien, wo es sogar an einem guten Quartettakkompagnement fehlen soll, sowohl in Privatzirkeln wie auch öffentlich vortragen können. Als Vorbereitung zur nächsten Winterreise kann ich auch noch einer[231]  Verbesserung an meiner neu erworbenen Geige erwähnen. Durch vielfältige Versuche mit Stimme und Steg habe ich es endlich dahin gebracht, daß sie auf der Quinte, wo sie bisher hart und spröde war, nun ebenso zart anspricht wie auf den andern Saiten. Diese Veränderung des Instrumentes ist nicht ohne Einfluß auf den Stil der neuen Violinkompositionen sowie auf meine Vortragsweise geblieben! So gewiß ist, daß das Instrument auf die Methode des Spielers in gleicher Weise Einfluß übt wie die Stimme auf die des Sängers. Indem man sich bemüht, die Schwächen des Instrumentes zu verdecken und seine Vorzüge hervorzuheben, wird man vorzugsweise das ausführen, was das Instrument am leichtesten hergibt, und so wird sich die ganze Spielweise nach und nach der Eigentümlichkeit des Instrumentes unterordnen und anpassen. Man kann daher aus den Kompositionen eines Virtuosen nicht bloß die Eigenheiten seines Spieles, sondern auch die seines Instrumentes erkennen!

Thierachern, den 1. August [1816]

Wir haben wieder einige weitere Exkursionen in die Umgegend gemacht. Zuerst waren wir vor vierzehn Tagen in Bern, um beim Professor Jahn, der uns in Gesellschaft seiner Frau und Eduards einigemal hier besucht hat, den erbetenen Gegenbesuch zu machen. Wir verlebten einen höchst vergnügten Tag mit unsern Berner Freunden. – Schon seit einem Monat hofften wir auf beständiges Wetter, um einen Ausflug über den See zu machen; bei der naßkalten Witterung dieses Sommers gab es aber bisher nicht drei völlig helle Tage hintereinander. Endlich schien es sich bessern zu wollen! Die Berge, die wir seit langer Zeit nicht mehr ganz unverhüllt gesehen hatten, traten am Freitag abend in majestätischer Klarheit hervor. Da nun auch der hohe Stand des Barometers auf dauernd gutes Wetter schließen ließ, so wurde beschlossen, am folgenden Morgen früh die Reise anzutreten. Ein heiterer Himmel erfüllte uns beim Erwachen mit den schönsten Erwartungen, und unter dem Jubel der Kinder bestiegen wir unser Rietwägeli. In Thun mietete ich bis Neuhaus ein Extraschiff, welches uns über die ganze Länge des Sees führte. Diese Fahrt an dem schönen stillen Sonntagsmorgen gewährte unendlichen Genuß. So auf dem grünen durchsichtigen Wasserspiegel dahin zu schweben, an den üppig bewachsenen Ufern entlang, im Hintergrund die majestätische Alpenkette, deren beschneiete Gipfel in unergründlicher Tiefe des Sees erzitterten, das feierliche Geläute der Glocken, die zum Gottesdienste riefen, alles entzückend und stimmte uns zur reinsten Freude! – In Neuhaus, wo wir nach dreistündiger Fahrt landeten, nahm[232]  uns sogleich einer der dort haltenden Mietkutscher in Beschlag. Wir ließen uns von ihm nach Lauterbrunnen fahren. Der Weg führt über das kleine, ärmliche Städtchen Unterseen, um einen vorspringenden Berg in ein tiefes Tal, dem von Frutigen nach Kandersteg ähnlich, doch nicht völlig so wild und öde. Fast am Ende dieses Tales, nachdem es sich nach und nach ziemlich hoch erhoben hat, liegt Lauterbrunnen. Sobald wir uns um die letzte vorspringende Felsenwand herumgebogen hatten, lag der Staubbach in seiner ganzen Herrlichkeit vor uns. Das Wasser stürzt von einer ungeheuren Höhe an einer senkrechten Felsenwand herab und zerstiebt so ganz in Staub, daß man eher eine Masse feinen Schuttes als Wasser zu sehen glaubt. Die Umgebung dieses Naturwunders ist seiner würdig. Im Hintergrunde des Tales Felsenwände, über die ebenfalls kleine Wasserbäche herabstürzen; über ihnen ein grünlicher Gletscher, und neben diesem lang hingestreckt die Wengernalp, über welche die Jungfrau majestätisch herüberragt. Wir waren so glücklich, dies ganze, herrliche, erhabene Bild bei unsrer Ankunft noch bei heiterm Himmel überschauen zu können. Bald nachher aber trübte sich zu unserm Leidwesen der Himmel, und schon während wir im Wirtshause unser Mittagsessen einnahmen, fiel Hagel und Regen in Strömen herab. Gegen Abend klärte es sich wieder etwas auf. Wir beeilten uns daher, einen Spaziergang durch das Dorf nach dem Wasserfalle zu machen, fanden aber, daß unser früherer Standpunkt zur Seite günstiger war als der dicht vor ihm. Lästig war uns das viele Betteln unter allerlei Vorwand. Der eine bot kleine Erz- und Quarzstücke, der andere Kristalle zum Verkauf an. Zwei erwachsene Mädchen hatten sich an den Weg gestellt und heulten ein Duett, wofür sie ein Geschenk in Anspruch nahmen. Bald trieb uns der wieder beginnende Regen ins Wirtshaus zurück, aus dessen Fenstern wir den Wasserfall noch in einer dritten Ansicht genossen.

Thierachern, den 12. August [1816]

Soeben kehren wir von Freiburg zurück, wo wir dem Schweizer Musikfeste beiwohnten. Herr Nägeli, der Präsident der Schweizer Musikgesellschaft, lud uns schon in Zürich dazu ein und trug mir die Direktion desselben an, die ich auch gern akzeptierte. Er hatte aber damals nicht bedacht, daß die Statuten der Gesellschaft ausdrücklich verbieten, daß ein Fremder und Nichtmitglied des Vereins die Direktion führe. Wir erhielten daher von dem Kapellmeister der Gesellschaft (das ist hier in der Schweiz nicht der, der die Musik leitet, sondern der, welcher die Korrespondenz führt, die Logis besorgt, die Orchestererhöhung aufschlagen[233]  und die Eintrittskarten drucken läßt) zwar eine freundliche Einladung, dem Feste beizuwohnen, von der Direktion war aber nicht die Rede. Stattdessen bat er mich bei der Violine mitzuwirken. Da ich aber auf mündliche und schriftliche Anfragen, ob ich das diesjährige Musikfest dirigieren werde, immer mit ja geantwortet und dies sich weiter verbreitet hatte, so konnte ich nun nicht gut eine untergeordnete Rolle bei dem Feste übernehmen. Ich lehnte daher die Mitwirkung ab, schrieb aber, daß wir als Zuhörer dem Feste beiwohnen würden. Am 6. fuhren wir auf unserm Rietwägeli bei hellem, freundlichem Wetter hinüber. Bei unsrer Ankunft in Freiburg wurden wir, obgleich ich die Mitwirkung abgelehnt hatte, doch ebenso wie die Mitglieder der Gesellschaft in einem Privathause einlogiert und fanden dort Eintrittskarten zu allen Proben und Aufführungen sowie zu einem bal paré, auch Textbücher zur »Schöpfung« französisch und deutsch und für mich eine Einladung zu den Sitzungen der Gesellschaft.
Am 7ten früh um 8 Uhr war die erste dieser Sitzungen, die von dem Präsidenten, Herrn Nägeli, mit einer langen, im Zürcher Dialekt gesprochenen Rede eröffnet wurde. Der Inhalt war ungefähr folgender: Zuerst sprach er sein Bedauern aus, daß die diesjährige Versammlung im Vergleich mit frühern so wenig besucht sei; klagte über die Lauigkeit so vieler Mitglieder, die ihm auf seine diesjährige Einladung geantwortet hätten: Das Brot sei zu teuer, um Feste feiern zu können; auch sei es unpolitisch, die Nachbarn merken zu lassen, daß die Schweizer noch die Mittel besäßen, Feste zu veranstalten u.d. mehr. – Hieraus ergäbe sich nun für ihn und die übrigen Beamten die Notwendigkeit, ihre Aufforderung zur diesjährigen Zusammenkunft zu rechtfertigen. Dies versuchte er nun, indem er recht viel Schönes über den Nutzen der Künste zur Bildung und Veredlung des Menschen sagte; indem er sich über den Einfluß aussprach, den namentlich ihr Verein zur Verbreitung eines guten Geschmacks in der Musik haben könne und werde; eiferte gegen solche prosaische Menschen, die nur das für nützlich erkennen wollten, was die physischen Bedürfnisse befriedige und nicht auch das, was zur Bildung des Geistes und Herzens beitrage. Dann schweifte er etwas weit von seinem Thema ab, indem er allerlei von der Erfindung der Instrumente erzählte; ja zuletzt regalierte er seine Zuhörer sogar mit einer Legende vom heiligen Franziskus, auf den er zu sprechen kam, als er des diesjährigen Lokales der Aufführungen, der Franziskanerkirche, erwähnte. Dann beschloß er seine Rede mit einer artigen Wendung gegen die Freiburger, indem er ihre wundervolle Stadt pries, die in ihren Ringmauern alle Schönheiten der Schweiz, Felsen, Wiesen,[234]  einen reißenden Strom mit Wasserfällen und schöne Architektur vereinige. Die Rede, obgleich etwas verworren wie der ganze Nägeli, enthielt viel Wahres und Beherzigenswertes und wurde mit großem Beifall aufgenommen. – Die Nichtmitglieder der Gesellschaft wurden nun gebeten, abzutreten, weil Rechnungsangelegenheiten verhandelt werden sollten.

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Da das Wetter sehr schön war, so beschlossen wir, mit den Kindern einen Spaziergang nach der berühmten Eremitage zu machen, die eine Stunde von Freiburg entfernt in einem engen, wilden Felsentale an der Saane liegt. Es war dies die Wohnung eines frommen Klausners, die er sich vor vielen Jahren in dieser einsamen Gegend in den Sandsteinfelsen gehauen hatte. Sie besteht jetzt, nachdem sie sein Sohn und Nachfolger erweitert hat, aus einer Kapelle mit einem Glockenturme, der 86 Fuß hoch durch den Felsen gehauen ist, fünf oder sechs Zimmern, einer Küche mit einem Rauchfang, der dieselbe Höhe wie der Turm hat, und mehreren Verbindungsgängen. Sämtliche Räume in recht gefälligen architektonischen Verhältnissen sind durch Aushöhlen des kolossalen senkrechten Felsens gewonnen und haben nirgends, selbst nicht in den Fensteröffnungen, Stützen von Mauerwerk. Man muß nicht nur die enorme Geduld und Ausdauer der beiden Erbauer, sondern auch ihre Geschicklichkeit und ihren Sinn für schöne Verhältnisse bewundern.
Die Kapelle ist noch jetzt recht hübsch verziert, und in dem Turme ertönen noch zuweilen die Glocken, um die Frommen der Umgegend zur Messe zu rufen. Die übrigen Räume hat sich nach dem Tode des letzten Klausners eine arme Bauernfamilie zugeeignet, die in ihnen zu allen Jahreszeiten eine gesunde und bequeme Wohnung besitzt.
Wir aßen in einem nah gelegenen Wirtshause zu Mittag und kehrten gegen Abend zur Stadt zurück. Hier erfuhren wir, daß während unsrer Abwesenheit eine Deputation der Musikgesellschaft in unserer Wohnung war, um mir anzukündigen, daß ich am andern Morgen in der zweiten Sitzung zum Ehrenmitgliede aufgenommen werden würde. Zugleich hatten die Herren nochmals gebeten, daß ich bei der Violine vorspielen möchte. Ich war froh, daß meine Abwesenheit mich der Unannehmlichkeit überhoben hatte, abschlägig antworten zu müssen. Um nicht von neuem bestürmt zu werden, schlich ich mich heimlich in die Kirche und hörte hinter einem Pfeiler versteckt der Probe zu. Es ging sehr schlecht, und ich freute mich daher, nicht dabei zu sein. Schon nach der ersten Abteilung mußte ich mich, um nicht gesehen zu werden, entfernen.[235] 
Als ich am andern Morgen in der Sitzung erschien, wurde ich mit Beifall empfangen. Der Präsident kündigte mir an, daß die Anwesenden mich einstimmig zum Ehrenmitgliede ihrer Gesellschaft ernannt hätten, fügte manches Schmeichelhafte für mich hinzu und erwähnte auch auf ehrende Art unsrer Musikfeste in Frankenhausen. Ich dankte ihm und der Gesellschaft mit einigen Worten und nahm dann den mir angewiesenen Platz ein. Man war eben in der Wahl des Präsidenten und der übrigen Beamten für nächstes Jahr begriffen und bestimmte dann nach einigen Debatten Zürich zum Versammlungsort der nächsten Zusammenkunft.
Nachmittags drei Uhr fand die Aufführung der »Schöpfung« statt. Das Lokal war für die Wirkung der Musik überaus günstig, auch das Orchester sehr gut aufgestellt, doch leider auf der der Orgel entgegen gesetzten Seite, so daß diese nicht benutzt werden konnte. Das mitwirkende Personal, das bei frühern Zusammenkünften aus mindestens dreihundertfünfzig Personen zusammengesetzt war, zählte diesmal kaum zweihundert, und da die größere Hälfte den Chor bildete, so war das Orchester, namentlich bei den Chören, viel zu schwach, so daß man es öfter gar nicht hörte. Da es überdies nun recht schlecht war, so gingen besonders das Chaos und die akkompagnierten Rezitative höchst erbärmlich. Die Geiger intonierten unerträglich falsch, und die Bläser, besonders die Hörner und Trompeten, brachten zuweilen Töne hervor, die allgemeines Gelächter erregten. Tollmann dirigierte mit Festigkeit und Umsicht, nahm aber leider viele Tempi total falsch, fast alle Arien zu langsam und die Chöre zu schnell. Am meisten vergriff er die Stelle nach dem Chaos: »Und der Geist Gottes usw.«, die er völlig wie ein Allegro nahm. Der Chor war gut eingeübt und sang kräftig und rein. Er bestand ausschließlich aus deutsch Singenden. Unter den Solosängern waren aber zwei aus der französischen Schweiz, die in ihrer Muttersprache sangen, was sich komisch genug ausnahm, besonders im Duett zwischen Adam und Eva, wo letztere die Zärtlichkeiten ihres deutschen Adams französisch erwiderte. Den Zuhörern aus Freiburg fiel dies aber gar nicht auf, da in ihrer Stadt sich die Grenzscheide beider Sprachen befindet und auf der einen Seite der Saane französisch, auf der andern deutsch gepredigt wird. Sämtliche Einwohner verstehen und sprechen daher auch beide Sprachen. – Die Eva wurde von Madame Segni aus Lausanne gesungen, die eine sehr schöne Stimme besitzt, leider aber auch die für ein deutsches Ohr so unerträgliche französische Vortragsweise. Unter den deutschen Sängern waren auch einige gute Stimmen. Das zahlreich versammelte Publikum nahm die Musik ziemlich lau auf,[236]  und es war von dem Enthusiasmus, der uns in Frankenhausen so belebte, hier keine Spur zu erblicken.
Am neunten war Probe zum Konzert. Da man es früher in einem kleinern Saale hatte geben wollen, diesen aber für die anwesenden Zuhörer unzureichend fand, so fehlte es nun an ausgeschriebenen Stimmen für das ganze Orchester. Es war daher bedeutend schwächer besetzt als tags zuvor, und man hörte die Unreinheit und die Stümperhaftigkeit desselben noch viel mehr. Wie konnte es bei einem ganz aus Dilettanten und besonders Schweizer Dilettanten zusammengesetzten Orchester aber auch anders sein? Die leichtesten Sätze mußten sechs- bis achtmal wiederholt werden, bis sie nur erträglich gingen. Ich bewunderte fortwährend die unermüdliche Geduld des guten Tollmann, der aber auch, man muß es gestehen, ganz zum Direktor eines Schweizer Dilettantenorchesters geboren ist!
Um drei Uhr begann das merkwürdige Konzert sogleich auf eine ohrzerreißende Weise mit der Ouvertüre aus »Iphigenie« von Gluck. Die Trompeten stimmten einen Viertelton zu hoch und wurden demohngeachtet zu dem mageren Orchester aus Leibeskräften geblasen. Hätte die Ouvertüre noch etwas länger gedauert, so wäre jetzt schon ein großer Teil der Zuhörer zur Kirche hinausgelaufen. Nun folgte eine lange Reihe von Dilettanten, teils Sänger, teils Instrumentisten mit ihren Solovorträgen. Einige darunter waren recht gut, namentlich zeichnete sich ein Herr aus Yverdon aus, der ein Harfenkonzert von Bochsa mit Fertigkeit und Geschmack vortrug. Auch Madame Segni, die Eva des vorigen Tages, sang diesmal, und zwar italienisch, recht gut. Ein Herr, dessen Namen ich ebensowenig weiß, wie die der übrigen Auftretenden, weil kein Programm ausgegeben wurde, blies auf einer G-Klarinette, die in Ton und Gestalt dem Bassetthorn ähnlich ist, Variationen mit schönem Ton und vieler Fertigkeit. Im zweiten Teile des Konzertes, den wir nicht abwarteten, da wir schon jetzt bis zum Ekel übersättigt waren, sollen sich noch ein Prediger aus Luzern in einem Flötenkonzert und der gute Tollmann in einem Violinrondo ausgezeichnet haben. Leider wußten wir nicht, daß letzterer spielen würde, sonst hätten wir doch das Ende abgewartet. – Dies waren also die Produktionen des in Deutschland so berühmten Schweizer Musikvereins. Kapellmeister Conradin Kreutzer aus Stuttgart und seine Frau, eine Züricherin, deren Bekanntschaft wir hier gemacht hatten, saßen bei den Aufführungen neben uns, und es war uns angenehm, mit ihnen unsre Urteile über das Gehörte austauschen zu können. Doch mußten wir dabei sehr über unsre Mienen wachen; denn wir wurden fortwährend von[237]  den Umsitzendens beobachtet, die den Eindruck, den ihre Musik auf uns mache, in unsern Zügen lesen wollten. Wurden wir nun um unser Urteil befragt, was nicht selten und immer mit hervorbrechendem Nationalstolze geschah, so hielten wir uns vorsichtig in der Mitte zwischen Wahrheit und Schmeichelei und kamen so, ohne Anstoß zu geben, glücklich durch.
Kreutzer vertraute mir, daß er nicht nach Stuttgart zurückkehren werde, weil ihm die dortige Despotie völlig unerträglich geworden sei. In gleicher Lage befänden sich dort meine frühern Bekannten aus Wien, Romberg und Kraft; auch sie sehnten sich weg und bewürben sich um andre Anstellungen. – Mit Kreutzer und seiner Frau verlebten wir die meiste Zeit unsres Aufenthaltes in Freiburg. Wir aßen mittags und abends zusammen und machten bei dem fortwährend schönen Wetter häufige Spaziergänge in die reizende Umgegend. Zwar hatte die Gesellschaft auch einen Vereinigungspunkt im Schützenhause, wo die meisten Mitglieder aßen; da aber die Frauenzimmer ausgeschlossen waren, weil die Gesellschaft unverheiratete geistliche Herren unter sich hatte, so besuchten wir diesen Ort nicht ein einziges Mal. Es soll dort aber auch ganz an der Geselligkeit und Heiterkeit gefehlt haben, die unsre Frankenhäuser Mahlzeiten so würzten. – Der Ball, der am 8. in demselben Lokale stattfand, hatte auch nichts Anziehendes für uns, da wir sämtlich nicht tanzen. Wir saßen unterdessen traulich zusammen beim Teetisch und unterhielten uns über früher Erlebtes. Kreutzer war eigentlich nur in der Absicht gekommen, um zum Schluß des Musikfestes ein Konzert für seine Rechnung zu geben, da man ihm in Zürich gesagt hatte, die Gesellschaft werde in diesem Jahre nur eine Aufführung veranstalten. Er schien bei mir eine gleiche Absicht vorauszusetzen, denn er schlug mir vor, gemeinsame Sache zu machen. Ich hatte aber nicht daran gedacht, hier zu konzertieren, und nicht einmal meine Geige mitgebracht. Aber auch sein Konzert kam nicht zustande, da die Gesellschaft selbst ein zweites gab, und so hatten wir keine Gelegenheit, das Spiel und die Kompositionen dieses berühmten Künstlers zu hören.

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Am 10. [August 1816] früh reisten wir ab, brachten den Nachmittag und Abend sehr vergnügt in Bern in Eduards und Jahns Gesellschaft zu und kehrten am 11. vormittags hierher zurück.



 Reise nach Mailand
[238] 1816











In Eduards Gesellschaft, der seine Ferien zu einem kleinen Ausfluge nach Oberitalien benutzen will, traten wir Sonntags, den 2. September, unsre Reise an. Um ein Uhr kamen wir in Kandersteg an und nahmen sogleich vier Pferde mit ebensoviel Führern, um uns über die Gemmi zu transportieren. Auf dreien ritten Dorette, Emilie und Ida, das vierte trug unser Gepäck. Eduard und ich zogen es vor, zu Fuß zu gehen. Eine Viertelstunde diesseits Kandersteg beginnt das Steigen und dauert ununterbrochen ziemlich steil wohl 21/2 Stunden. Dann führt der Weg um das Gellihorn eine Strecke gerade aus, bis er sich eine Viertelstunde von Schwaribach von neuem erhebt. – Das Wetter war bisher recht freundlich gewesen; hier aber erreichte uns ein Schloßenschauer, der sich bald in Regen auflöste und uns tüchtig durchnäßte. Da es überdies schon ziemlich spät war und wir die größere und beschwerlichere Hälfte des Weges noch vor uns hatten, so beredeten uns die Führer leicht, in Schwaribach zu übernachten. Dies ist freilich nur ein rohes Blockhaus und hat mit den Hotels in den Tälern der Schweiz nichts gemein, als daß man hier so gut wie dort überteuert wird. Da uns jedoch eins der beiden bewohnbaren Zimmer allein eingeräumt wurde und wir darin außer einer reinlichen Streu für uns Männer ein großes Bett für Dorette und die Kinder fanden, so verbrachten wir doch die Nacht ganz erträglich. Etwas schauerlich war uns freilich zu Mute, als wir uns vor dem Einschlafen erinnerten, daß die Mordgeschichte in Werners »Vierundzwanzigsten Februar« hier vor sich geht!
In der Nacht war Schnee gefallen, und es war daher bei unserm Aufbruch am anderen Morgen bitter kalt. Ich schickte deshalb drei Pferde zurück und ließ Dorette und die Kinder ebenfalls zu Fuß gehen, da[239]  ohnehin das Hinabsteigen in das Leukerbad nicht zu Pferde geschehen kann. Bei Schwaribach hört alle Vegetation auf, und selbst die schöne Alpenrose wird nicht mehr gefunden. Der Weg erhebt sich bis zum Daubensee nochmals sehr steil, führt dann an diesem, der zur Hälfte mit Eis bedeckt war, eine halbe Stunde durch ein ödes Tal hin, in welchem Grabesstille herrschte, zur letzten Steigung, die, weil sie über Eis-und Schneefelder führt, die beschwerlichste von allen ist. Oben angekommen, war uns leider nur ein einziger Blick in den sich zu unsern Füßen öffnenden Abgrund vergönnt; denn eine Minute später umhüllte uns ein Nebel, der kaum einige Schritte weit sehen ließ. Ganz unwillkürlich fiel uns das Goethesche »Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg? Im Nebel zieht das Maultier seinen Weg« ein. Wir mußten nun blindlings dem Packpferde und dessen Führer folgen und uns ganz aneinander schließen. Der Weg führt unerhört steil zwischen Felsenklüften, ja einige Male zwischen senkrechten Felsenwänden hinab, in die ein schmaler Pfad gesprengt ist. Da, wo er sich wendet, hängt der Hals des Pferdes über dem Abgrunde, und der Führer muß es an einem an der Ladung befestigten Strick oder gar am Schwanze mit aller Kraft halten, damit das Übergewicht es nicht hinabstürze. Hier ist der Blick in die Tiefe, die uns der dichte Nebel verhüllte, so schwindelerregend, daß viele Kranke, die zum Leukerbad wollen, nicht den Mut haben hinunterzusteigen und vorziehen, nachdem sie schon das Ziel ihrer Reise im Auge haben, noch einen ungeheuren Umweg von vielleicht zwanzig Meilen über Bern, Freiburg, Lausanne und durch das Wallistal zu machen.
Nachdem wir länger als eine Stunde bergab gestiegen waren und noch keine andere Vegetation gefunden hatten als dann und wann ein in Felsspalten aufblühendes Veilchen, kamen wir plötzlich in eine Region, wo der Nebel aufhörte und uns nun ein überraschender Blick tief unter uns auf das Leukerbad vergönnt war. Hier rasteten wir einen Augenblick, um uns von der höchst ermüdenden Anstrengung des so steilen Hinabsteigens ein wenig zu erholen. Doch bedurfte es noch vieler solcher Ruhepunkte, ehe wir das Bad um elf Uhr erreichten. Die Kinder allein waren nicht ermüdet und uns immer voraus.
Während wir uns in dem großen und gut eingerichteten Wirtshause erquickten, ließ ich andre Pferde holen, und neu belebt setzten wir um zwei Uhr unsre Reise fort, Dorette und die Kinder reitend, Eduard und ich gehend. Das Leukerbad hat eine Schwefelquelle, die aus dem Wirtshause kochend heiß aus der Erde sprudelt und für Gichtkranke sehr heilsam ist. Es wird sehr besucht und würde noch mehr besucht werden,[240]  wenn der Weg dahin für Kranke nicht gar so beschwerlich wäre. Diese müssen sich von Trägern über den Berg tragen lassen. Viele sind aber oben auf der Dauber schon umgekehrt, weil sie die fürchterlichen Abgründe vor sich sahen, und haben den andern, weniger beschwerlichen Weg durch das Wallis genommen. – Wir fanden den Weg vom Bad bis Leuk aber auch noch sehr wild, und es möchte sehr schwer halten, eine Fahrstraße hier anzulegen. Von der letzten Höhe vor Leuk hat man eine ausgezeichnete Aussicht in das untere Wallistal; man kann den Lauf der Rhone bis in die weiteste Ferne verfolgen. – Da in Leuk für den Augenblick durchaus keine Pferde zu bekommen waren, so mußten wir uns wohl entschließen, in dem schlechten Wirtshaus zu übernachten. Am Dienstag, d. 4., setzten wir auf 2 Rietwägeli unsere Reise fort. Wir hatten Pferde bis Brig genommen, wo wir am Mittag ankamen. Das Wallistal ist sehr schmal und wenig angebaut. Man sieht viele sumpfige Wiesen und nur wenige Mais- und Kartoffelfelder. In Brig beginnt Napoleons berühmte Simplonstraße, ein Riesenwerk, das nicht genug bewundert werden kann! Hier nahmen wir ein zweispänniges Fuhrwerk bis Domodossola. Die Straße ist in den Bergschluchten so künstlich hin und her geführt, daß sie sich nie mehr als fünf Zoll auf die Klafter erhebt, und daß schwer beladene Wagen, ohne zu hemmen, hinabfahren können. Besonders merkwürdig sind mehrere kolossale Brücken, die über tiefe Täler und Felsenklüfte führen, sowie die Strecken des Weges, die durch den Felsen gesprengt sind und unterirdischen Gewölben gleichen. Einige davon sind so lang, daß sie das von beiden Seiten einfallende Licht nicht vollständig zu erleuchten vermag. Alle Stunde findet man ein Haus, in welches man sich bei plötzlich eintretendem ungestümen Wetter flüchten kann. Im dritten dieser Häuser ist die Post, im sechsten das Zollhaus, wo wir einige Laubtaler für Wegegeld bezahlen mußten. So ansehnlich diese Abgabe auch ist, so reicht sie doch nicht aus, um die Straße in gutem Stande zu erhalten, und man fürchtet, daß sie nach und nach verfallen werde. Was man schon jetzt im Auslande von diesem Verfall er zählt, ist jedoch ungegründet; denn wir fanden sie, einige von Lawinen weggerissene und noch nicht wieder hergestellte Barrieren abgerechnet, in bestem Zustande. Auf der höchsten Höhe hat man den Bau eines kolossalen Hauses begonnen, in dem viertausend Mann Truppen würden übernachten können, wenn es vollendet wäre. Der Bau ist aber seit Napoleons Sturz liegen geblieben und wird nun bald in Trümmer zerfallen. Weit unten liegt das alte Hospiz, wo arme Reisende unentgeltlich verpflegt werden. Der Simplonpaß ist zwar nicht so hoch wie der über die[241]  Gemmi, doch hört auch hier alle Vegetation auf, und selbst im Dorfe Simpeln, wo wir übernachteten, nachdem wir eine Meile bergab gefahren waren, fanden wir es noch sehr winterlich.
Mittwoch, der 5. September 1816, war der glückliche Tag, wo mein seit der frühesten Kindheit gehegter Wunsch, das Land zu sehen, »wo die Zitronen blühen«, endlich in Erfüllung gehen sollte! Nachdem wir noch zwei Stunden bergab gefahren waren, kamen wir an die lombardische Grenze und fanden uns bald mitten in den Süden versetzt. Nun sahen wir Wälder von süßen Kastanien und in den Gärten Feigen, Mandeln und prächtige Festons von Weinreben, die von einem Baum zum andern gezogen waren und voll der herrlichsten Trauben hingen. Mit jedem Schritte bergab nahm die Wärme zu; anfangs wohltuend, doch bald recht lästig. Um Mittag kamen wir nach Domodossola, einer kleinen, aber hübschen Stadt. Hier wurden wir im Hotel des Capello verde zum ersten Male auf gut italienisch geprellt und an die Vorsicht gemahnt, mit dem Wirte im voraus über den Preis für die Bewirtung übereinzukommen. Nachmittags fuhren wir noch bis Baveno, welches dicht am Ufer des herrlichen Lago maggiore, den berühmten Inseln gegenüber liegt. Hier hatten wir zwar den Preis für unser Nachtlager im voraus bedungen, mußten aber doch, wie wir später erfuhren, die Hälfte zuviel bezahlen. Am 6. früh besuchten wir die so oft und enthusiastisch geschilderten Borromäischen Inseln, Isola Madre und Isola Bella. Es ging uns aber damit wie mit andern von exaltierten Reisenden gepriesenen Orten, sie befriedigten unsre überspannten Erwartungen nicht. Am besten gefiel es uns noch auf Isola Madre, wo wir zum ersten Male die kräftige südliche Vegetation an uralten, majestätischen Lorbeer-, Zitronen-, Pomeranzen- und Feigenbäumen sowie an andern südlichen Gewächsen bewundern konnten. Freilich müssen diese Gewächse hier noch, so gut wie bei uns, im Winter bedeckt werden, um sie gegen den Frost zu schützen; ihr Wuchs ist aber doch viel kräftiger und die Früchte sind viel saftiger und größer als die unsrer Gewächshäuser. Auf Isola Bella befindet sich ein großer, nicht ganz vollendeter und jetzt schon im Verfall begriffener Palast, der einige schöne Säle und in diesen mehrere vorzügliche Gemälde enthält. Den übrigen Raum der Insel nimmt die berühmte Gartenanlage ein, die sich vom Ufer des Sees in zehn Terrassen erhebt. Das Innere wird durch Mauerwerk gestützt, das sich von Terrasse zu Terrasse in immer höhern Bogen wölbt. Die Anlage ist kolossal, aber in schlechtem, altfranzösischem Stile. Besonders abstoßend und das Auge beleidigend sind die vielen schlechten Statuen auf den Gängen und an den Treppen. Die Terrassen sind mit[242]  Blumenbeeten und vielen noch südlichern Gewächsen geschmückt, die in den Gewölben überwintert werden. Alles stand im herrlichsten Flor und hauchte uns unbekannte Wohlgerüche aus. Von der Höhe der Anlage hat man eine weite, entzückende Aussicht nach den jenseitigen Ufern des Sees, nach Palanza, Intra, Laveno und den schön geformten Bergen, welche die Aussicht begrenzen. Soweit das Auge reichte, war alles mit dem reinsten und dunkelsten Blau überwölbet und so hell erleuchtet, daß man die entferntesten Gegenstände deutlich erkennen konnte. Dies und die milde balsamische Luft gaben uns hauptsächlich das Gefühl, ein südlicheres Klima betreten zu haben. Bevor wir die Insel verließen, führte uns der Gärtner noch zu einer historischen Merkwürdigkeit, zu dem Namenszuge Napoleons, den er als Konsul kurz vor der Schlacht bei Marengo in einen Lorbeerbaum eingeschnitten hatte.
Dasselbe Boot, das uns zu den Inseln brachte, führte uns noch sechs Stunden weiter zu dem am Ende des Sees gelegenen kleinen Städtchen Sesto Calende. Auf dieser Fahrt hatten wir noch manche Ansicht der reizenden Ufer. Besonders gut nahmen sich Belgirate, Arona und die kolossale Statue von St. Carlo Borromeo aus. In Sesto Calende fanden wir schon ganz den italienischen Schmutz und die einem deutschen Gaumen so widrige ölkocherei. Am 7. machten wir dann mit einem mailändischen Kutscher die letzte Tagereise bis Mailand durch flache uninteressante Gegenden und traten in einer Pensione Suizzera ab, die uns wegen der deutschen Reinlichkeit empfohlen worden war.

Mailand, den 9. September [1816]


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Das erste, was wir gestern von Mailands Merkwürdigkeiten besahen, war der Dom. Dieses prächtige Gebäude, an welchem nun beinahe fünfhundert Jahre fast ununterbrochen gearbeitet wird und welches doch immer noch nicht vollendet ist, kommt im Stile und der Architektur dem Straßburger Münster am nächsten, ist in der Form aber doch sehr verschieden von jenem. Es hat die Gestalt eines länglichen Kreuzes; da, wo die beiden Linien zusammenlaufen, steht der Hochaltar, und über ihm wölbt sich eine majestätische Kuppel, auf welcher der zierliche Turm in Form einer Pyramide erbauet ist, die auf ihrer Spitze eine kolossale bronzene Statue der hl. Jungfrau trägt. Unzählige andre, gotisch durchbrochene und mit Nischen und Statuen verzierte Pyramiden ruhen teils auf den Pfeilern der äußeren Mauern, teils auf dem mit Marmorplatten belegten Dache und erheben sich immer mehr, je mehr sie sich dem Turme nähern. Auf der Spitze einer jeden derselben[243]  prangt die Statue eines Heiligen. Der ganze Bau, vom Grunde an bis zur höchsten Spitze, ist von weißem polierten Marmor, welcher bei Baveno am Lago maggiore gebrochen und auf dem Ticinokanal hierher gebracht wird. Während Napoleons Regierung ist mit großem Eifer gearbeitet worden und nicht nur die Fassade des Haupteinganges (die nur bis zur Höhe der Tür geführt war), sondern auch alle Pyramiden der äußern Mauer vollendet worden. Auf den ersten Blick und von unten gesehen scheint das Gebäude jetzt vollendet; steigt man aber auf das Dach und den Turm, so sieht man, wieviel noch fehlt. Wäre Napoleon an der Regierung geblieben, so wäre alles binnen zwei Jahren vollendet gewesen; jetzt wird zwar auch noch gearbeitet, aber nicht mehr mit dem Leben.
Die Pfeiler und Nischen sind im gotischen, die Türen und Fenster im römischen Stile und die Statuen griechisch bekleidet. Alle Bildhauerarbeiten, deren es an großen und kleinen Statuen, an Haut- und Basreliefs, an Arabesken und andern Verzierungen eine ungeheure Menge an diesem prachtvollen Bau gibt, sind von berühmten Meistern, und es scheint mir, daß die neuen Arbeiten die alten noch an Schönheit und Korrektheit übertreffen. Das Innere der Kirche ist wegen der gemalten Fenster etwas finster, aber deswegen und bei der imposanten Größe und Höhe nur um so mehr zur Erregung religiöser Gefühle geeignet. Unter den vielen im Innern der Kirche befindlichen Statuen wird die von Carl Borromeo am meisten geschätzt. Sie soll dadurch einen großen Kunstwert besitzen, daß an ihr alle Muskeln, Sehnen, Adern und hervorstechenden Knochen zu sehen sind. Ob Carl Borromeo bei seinen Lebzeiten so skelettartig wie ein anatomisches Präparat ausgesehen hat, steht billig zu bezweifeln. Die Gläubigen wallfahrten fleißig zu ihr, um durch Berührung ihre kranken und krüppelhaften Glieder zu kurieren. Ob es hilft, weiß ich nicht. Von der Galerie des Turmes hat man eine weite Aussicht, gegen Norden von den Schweizer Alpen und gegen Süden von den Apenninen begrenzt.
Heute gegen Abend besuchten wir den Giardino Publico, wo sich uns ein ähnliches Schauspiel darbot wie an einem Sonntage im Prater. In der Mitte der großen Hauptallee eine doppelte Reihe von z.T. sehr prächtigen Equipagen mit ihrem geputzten Inhalt, zu beiden Seiten ein Gedränge von Fußgängern. Hier hatte man Gelegenheit sich zu überzeugen, daß Mailand nicht nur eine große, sondern auch eine reiche Stadt ist. Auf dem Rückwege traten wir in eines der schön verzierten Kaffeehäuser, deren es in dieser Gegend der Stadt eine ungeheure Menge gibt, und erfrischten uns mit Eis, welches hier wie in ganz Italien[244]  sehr gut und sehr wohlfeil ist (das Glas 5 Soldi, etwa 18 Pfennig sächs.).
Abends besuchten wir das Theater della Scala, wo man »la statua di bronzo«, eine Oper semiseria von Soliva, einem jungen Komponisten, Eleven des hiesigen Konservatoriums, gab. Die Größe und Schönheit des Hauses überraschte uns bei unserm Eintritte. Es ist nach dem St. Carlo-Theater in Neapel das größte in Italien und hat ein großes Parterre und sechs Reihen Logen übereinander, faßt aber doch nur, weil man sehr verschwenderisch mit dem Platze umgegangen ist, etwas über 3000 Menschen. Der Eintrittspreis ist auf allen Plätzen derselbe: nämlich zwei Lire di Milano. Das Orchester ist sehr stark besetzt, vierundzwanzig Violinen, acht Contrebässe, ebenso viele Violoncells, alle gewöhnlichen Blasinstrumente, Posaunen, Baßhorn, türkische Musik usw. und für das große Lokal doch kaum stark genug. Die Ausführung übertraf sehr meine Erwartung; sie war rein, kräftig, präzis und dabei sehr ruhig. Herr Rolla, ein durch seine Kompositionen auch im Auslande bekannter Künstler, dirigierte bei der ersten Geige. Außer ihm ist weiter keine Direktion, weder am Piano noch mit dem Taktierstabe, sondern bloß noch ein Souffleur mit der Partitur, der den Sängern den Text souffliert und den Choristen nötigenfalls den Takt gibt. – Die Komposition der Oper ist mehr im deutschen als im italienischen Geschmacke, und man hörte sehr deutlich, daß der junge Komponist sich mehr unsre deutschen Tonsetzer, besonders Mozart, zum Vorbilde genommen hat wie seine Landsleute. Die Orchesterpartie ist nicht so untergeordnet wie gewöhnlich in italienischen Opern, sondern recht hervorstechend gearbeitet; zuweilen ist sie es sogar zu sehr und deckt den Gesang. Es ist daher zu verwundern, daß die Oper so sehr gefallen hat, indem man diesen Genre noch immer nicht sehr liebt.
Freilich haben die gut gearbeiteten Ensemblestücke und Finale das Glück der Oper nicht gemacht, sondern einige kleine unbedeutende Kantabiles, die von den Sängern gut vorgetragen wurden. Diese waren es auch heute allein, was mit Aufmerksamkeit angehört wurde. Während der kräftigen Ouvertüre, mehreren sehr ausdrucksvoll akkompagnierten Rezitativen und allen Ensemblestücken war ein Lärm, daß man kaum etwas von der Musik hörte. In den meisten Logen wurde in Karten gespielt und im ganzen Hause überlaut gesprochen. Es läßt sich für einen Fremden, der gern aufmerksam zuhören möchte, nichts Unausstehlicheres denken als dieser infame Lärm. Indessen ist von Leuten, die dieselbe Oper vielleicht dreißig- bis vierzigmal sehen, und die das Theater nur der Gesellschaft wegen besuchen, keine Aufmerksamkeit[245]  zu erwarten, und es ist schon viel, daß sie nur einige Nummern ruhig anhören. Zugleich kenne ich aber auch nichts Undankbareres, als für ein solches Publikum zu schreiben, und ich wundre mich, daß sich gute Komponisten noch dazu hergeben. Nach dem ersten Akte der Oper wurde ein großes ernstes Ballett gegeben, welches durch Kunstfertigkeit mehrerer Tänzer und Tänzerinnen und durch die Pracht der Dekorationen und Kostüme sich ebenfalls zu einem imposanten Schauspiel erhob. Beinahe eine Stunde dauerte es, so daß man die erste Hälfte der Oper ganz vergessen hatte. Nach dem zweiten Akte der Oper wurde noch ein komisches, nicht viel kürzeres Ballett gegeben, so daß die ganze Vorstellung von acht bis zwölf Uhr dauerte. Welche Arbeit für die armen Musiker!

den 14. September [1816]

Gestern Abend besuchten wir ein Konzert, welches ein Professore di Oboa, Ferlendis aus Venedig, gab. Zuerst wurde eine Ouvertüre von Rossini gemacht, die früher hier viel Glück gemacht haben soll, einem deutschen Ohre aber nicht gefallen kann, wenn sie auch besser exekutiert würde, als es hier von einem größtenteils aus Dilettanten bestehenden Orchester geschah. Ein Herr Diego Sommariva sang darauf eine Arie von Nicolini mit schwacher, aber angenehmer Stimme und sehr geläufiger Kehle. Er machte alle Koloraturen sehr deutlich und rein, tat des Guten aber zu viel. Merkwürdig ist sein Umfang von C bis e". Nun trat der Konzertgeber mit einem Konzerte von eigener Arbeit auf. Komposition und Spiel waren gleich erbärmlich. Man kann sich keinen schlechtern Ton und keine größere Geschmacklosigkeit im Vortrage der Passagen und des Gesanges denken, als dieser Professore di Oboa besitzt. In Deutschland wäre er sicher ausgepfiffen worden; hier wurde er von den Freibilletts notdürftig beklatscht. Im zweiten Teil des Konzerts blies Luigi Belloli ein Hornkonzert von eigener Komposition. Diese erhob sich zwar nicht über das Mittelmäßige, die Ausführung aber war sehr vorzüglich. Er besitzt einen wunderschönen Ton, viel Fertigkeit und einen gebildeten Geschmack. Um uns von der abscheulichen Oboe den guten Eindruck nicht verwischen zu lassen, warteten wir das Übrige des Konzertes nicht ab. Das Lokale, der Redoutensaal im Theater della Scala, war sehr schön und vorteilhaft für Musik, aber trotz seiner geringen Größe nicht gefüllt.

den 16. September [1816]

Bei dem fortdauernd schönen Wetter machen wir fast täglich einen Spaziergang durch die Stadt; da drängen sich uns denn mancherlei Bemerkungen[246]  auf. An der großen, fast unausstehlichen Hitze, die seit unsrer Ankunft hier herrscht, und die weder durch die Nächte, die fast ebenso heiß wie die Mittage sind, noch durch ein starkes Gewitter, welches wir vor ein paar Tagen hatten, gemildert worden ist, merken wir zuerst, daß wir bis jetzt noch nicht so weit südlich waren. Dann sehen wir es aber auch an den herrlichen Früchten, die in großer Menge und zu sehr wohlfeilen Preisen zum Verkauf angeboten werden; Trauben von einer Süßigkeit und Größe, wie wir sie früher nie gegessen haben, Pfirsiche, Feigen, Birn, Äpfel, Pflaumen usw. Auch sieht man es an dem echt südlichen Müßiggange fast aller Stände. Während sich die vornehme Welt von einem Kaffeehause zum andern schleppt, um Erfrischungen zu genießen, oder auf den weich gepolsterten Bänken im Opernhause lang hingestreckt räkelt, ziehn die niedern Klassen besonders am Abend zu 20–30 durch die Straßen und singen aus vollem Halse Lieder, Chöre und Sachen aus Opern oft vierstimmig, was dann, bei der Stille der Nacht von weitem gehört, gar nicht übel klingt. Daß die Italiener überhaupt eine sehr musikalische Nation sind, sieht man auch noch daran, daß ihre Bettler immer singend oder spielend Almosen erbitten. Da sind Gesellschaften von vier bis fünf solcher Musiker, die des Abends vor den Kaffeehäusern eine gar nicht so üble Musik machen, gewöhnlich von einer prächtig geputzten Sängerin begleitet, die auch nachher einsammelt; oder es sind drei Sänger, die mit Begleitung einer Guitarre dreistimmige Sachen und kleine Kanons recht gut singen; oder auch solche, die einzeln ihr Heil versuchen, blinde Geiger oder Flötenbläser, oder Sänger, die entweder gar kein Akkompagnement haben oder sich mit dem Tambourin begleiten; sogar alle, die etwas zum Verkaufe herumtragen, bieten ihre Waren singend aus. – Gestern stieß uns noch ein närrisches Subjekt der erstern Art auf. Er hatte sich von einem Peitschenstiel, von dessem einen Ende zum andern er eine Saite gezogen hatte, ein merkwürdiges Instrument gemacht. Oben war die Saite durch eine Kugel von Pappe gezogen, aus deren Öffnung ein großes Bouquet gemachter Blumen als Verzierung des Ganzen hervorragte. In der rechten Hand hatte er einen Violinbogen, mit welchem er den einzigen Ton, den sein Instrument hat, hervorbrachte. Das bewundernswürdige Talent dieses Künstlers bestand darin, daß er in einer sich immer wiederholenden Melodie, zu deren Grundton sein Instrument die Quinte gab, und die folglich nie in der Tonika, sondern immer in der Dominante schloß, allen Vorübergehenden oder vor der Tür Sitzenden die artigsten Komplimente improvisierte, wofür ihm dann die Geschmeichelten selten ein Geschenk versagten, die er in seinem[247]  Hute einsammelte, ohne jedoch den Gesang zu unterbrechen. In diesem rezitativähnlichen Gesänge, bei welchem sein Instrument die Stelle des Orchesters vertrat, lobte er bald die Gestalt, bald den Anzug der Vorübergehenden, und an dem wohlgefälligen Lächeln der Gelobten und an ihrer Freigebigkeit sah man, daß er ihre schwache Seite recht gut zu treffen wußte. Es müßte für einen philosophischen Menschenbeobachter interessant sein, diesem Menschen einmal einen ganzen Tag auf seinen Wanderungen zu folgen! –
Heute Mittag haben wir wieder einem Konzerte beigewohnt, welches die Società del Giardino gab. Es wurde da mancherlei gesungen, aber außer zwei Ouvertüren von Mayr weiter keine Instrumentalmusik gemacht. Die Ouvertüren zeichneten sich durch nichts aus, wurden aber eben nicht zum Besten exekutiert. Ich rede also bloß vom Gesange. Zuerst sang Sig. Remorini eine Aria buffa von Guglielmi. Er ist ein braver Bassist aus dem Theater della Scala, hatte aber in einer komischen Arie für ein Konzert eine unglückliche Wahl getroffen und konnte daher seine Kunstfertigkeit nicht sehr entfalten. Nach ihm sangen die beiden Damen Marcolini und Fabré ein Duett von Rossini. Erstere ist eine in Italien berühmte Altistin, die eine schöne Stimme und viel Geläufigkeit besitzt; sie singt aber immer etwas zu tief, wodurch mir ihr Gesang sehr verleidet wurde. Signora Fabré ist die Primadonna vom großen Theater, die eine besonders schöne Höhe und einen gebildeten Vortrag hat. Obgleich beide Sängerinnen hinsichtlich der Stimme und der Kunstfertigkeit auf gleicher Höhe stehen, so trug der Sopran doch auch hier den Sieg über den Alt davon (wie eine Viola nie neben einer Violine gefallen kann). Den ersten Teil beschloß ein Herr Tramezzani mit einer Cavatina von Mayr, die er mit etwas schwacher Stimme, aber gebildetem Vortrag und vieler Geläufigkeit vortrug.
Im zweiten Teile wurde noch ein Duett von Pacini, eine Kavatine von Bonfichi und ein Rondo von Paër gesungen. Alles wurde auf dieselbe Art und mit den schon tausendmal gehörten Verzierungen verbrämt vorgetragen, es mochte komisch oder ernst sein. Die Kompositionen waren fast durchgehends fade und ohne innern Zusammenhang und der Gesang oft durch nichtssagende Figuren in den Instrumenten gestört und verdeckt.

den 17. September [1816]



Soeben haben wir die hiesige Mosaikfabrik gesehen. Die bedeutendste Arbeit, an der schon zwölf Jahre unaufhörlich gearbeitet wird, ist Leonardo da Vincis Abendmahl, welches in derselben Größe wie das[248]  Original (die Figuren in Lebensgröße) in Mosaik kopiert wird. Man hat es in zwölf Stücke geteilt, wovon ein jedes etwa drei Ellen in der Länge und ebensoviel in der Breite hat. Sämtliche Stücke sind nun vollendet, aber erst einige poliert; diese (aber nur vom Plafond) hatten viel Glanz; die mit den Figuren waren etwas matt in den Farben, wenigstens gegen die gute Kopie des Gemäldes, nach welcher man gearbeitet hatte; vielleicht gewinnen sie aber noch an Leben, wenn erst die Politur vollendet sein wird. Buonaparte hatte dieses Werk bestellt, welches nun auf Kosten des österreichischen Kaisers vollendet wird. Da täglich acht Dukaten an die Arbeiter gezahlt werden, so kostet es bis jetzt schon an Arbeitslohn 34960 Dukaten. – Außer dieser kolossalen Arbeit sahen wir im Magazin viele kleine Mosaiken von ausgezeichneter Arbeit zum Verkauf ausgestellt.

den 18. September [1816]

Heute vormittag wohnten wir der Hauptprobe zu dem morgenden Prüfungskonzert der Schüler des Konservatoriums bei. Da morgen bei der Preisverteilung, die vom Gouverneur, Grafen Saurau, selbst geschieht, alle höhern Behörden gegenwärtig sein werden, so ist es unmöglich, daß alsdann alle Musikfreunde Platz finden sollten. Deswegen hatte man zur Generalprobe Billette ausgeteilt. Wirklich war auch der ziemlich große Saal ganz gefüllt. – Zum Anfang wurde eine Ouvertüre von Soliva, demselben jungen Komponisten, von dem auch die Oper: La testa di bronzo ist, gegeben. Sie hatte schöne Sachen, war aber hin und wieder etwas gesucht und gefiel mir nicht so sehr wie die aus der Oper, die, ohne fade und gemein zu sein, einen sehr natürlichen Fluß hatte. Nr. 2 Terzetto nell'opera: I due litiganti, eseguito dall'alumno di Gregori e delli alunni esteri Gussoni e Zuccoli. Die Komposition von Fioravanti, wahrscheinlich aus einer Opera buffa, war höchst fade. Die Sänger, 2 Bassisten und 1 Altist, hatten schöne Stimmen, sangen aber noch etwas unbeholfen. Nr. 3 Divertimento per il violino eseguito dall'allievo gratuito Buccinelli. Die Komposition von Rolla war besser, als es gewöhnlich die italienischen Instrumentalkompositionen sind, es war doch Zusammenhang darin. Der junge Geiger, etwa 14 bis 15 Jahre alt, zeigte schöne Anlagen. Er intonierte sehr rein, zog schon einen recht guten Ton aus dem Instrument und entwickelte ziemlich viel Fertigkeit und Sicherheit. Nr. 4 Scena e cavatina nell'opera: L'Issipile eseguita dall'alumna estera Secchi. Der Komponist dieser Szene, Minoja, ist erster Gesanglehrer am Konservatorium und dirigierte heute die Gesangstücke. Er wurde mir als guter Gesanglehrer und vorzüglicher[249]  Komponist gerühmt. Die Musikstücke von ihm, die heute gemacht wurden, widersprachen diesem Urteil gerade nicht. Besonders war diese Szene gut und wurde auch einfach und gut gesungen. Nr. 5 Scena e finale nell'opera: La vestale eseguito dall'alumna gratuita Bonini e dall'alumno estero Zuccoli; i cori dal restante degli alunni ed alunne del conservatorio. Wurde gut gegeben und machte daher auch hier, wo man zum erstenmal etwas von Spontini sang, recht viel Wirkung. Von der Sängerin, die die Julia sang, werde ich nachher reden.

Zweiter Teil.

Nr. 6 Recitativo ed aria nel: Sogno di Scipione eseguita dall'alumna gratuita Napollon. Die Komposition von Minoja. Die junge Sängerin hatte eine volle, starke, etwas hohle Stimme und sang rein und einfach. Nr. 7 Divertimento per violoncello eseguito dall'allievo Merighi. Die Komposition von Storioni, dem Lehrer des Violoncells am Konservatorium, war dankbar für die Hauptstimme, zeichnete sich übrigens aber durch nichts aus. Storioni soll ein sehr vorzüglicher Violoncellist sein. Sein Schüler spielte sein Solo auf einem herrlichen Instrument von Stradivari (deren vier hier in Mailand sind) mit sehr reiner Intonation und einer sichern und kräftigen Bogenführung. Zu tadeln war das zu langsame Herüberziehen von einem Tone zum andern. Dieser junge Mensch spielt auch fertig prima vista und hat mir neulich bei Hr. Carli meine Quintetten sehr gut akkompagniert. Nr. 8 Scena ed aria nell'opera: Amore e Psiche eseguita dall'alumna gratuita Bonini. Komposition von Minoja. Diese junge Sängerin, etwa 18 Jahre alt, ist jetzt die vorzüglichste Sängerin im Konservatorium und wird im Karneval zum erstenmal auf dem Teatro Re als Opernsängerin auftreten. Sie hat eine herrliche, volle, kräftige Stimme, gute Schule und viel Gefühl, macht wenig Rouladen, aber diese sehr rein und deutlich. Ihr Umfang ist von h bis a". Sie soll überdies viel Musik haben, alles prima vista singen und sogar schon mit Erfolg Versuche in der Komposition gemacht haben. Nr. 9 Sestetto per oboe, flauto, clarinetto, fagotto e corni di caccia eseguito dagli allievi Yvon, Rabboni, Carulli, Savinelli, Schirolli e Belloli. Die sehr brillant und gut erfundene Komposition war von Belloli, Lehrer des Horns am Konservatorium, und rein und gut exekutiert. Die Hornisten und der Oboist zeichneten sich aus. Der Fagottist war der schlechteste. Nr. 10 Coro finale nelle quattro stagioni di Haydn eseguito dagli alunni ed alunne del conservatorio. Wurde kräftig und gut gegeben. Die Fuge aber nahm der Direktor zu schnell, wodurch sie an Würde verlor.[250] 
den 19. September 1816

Heute wohnten wir dem Konzerte im Conservatorio bei, zu welchem uns der Graf Saurau Billetten gegeben hatte. Es wurde die gestrige Musik in derselben Folge, wegen größerer Befangenheit der jungen Leute aber nicht so gut exekutiert. Zum Schluß verteilte der Gouverneur Gr. Saurau die Preise, welche in Musikalien, elegant gebunden, bestanden. Vom Gesange bekamen die Emilia Bonini, Elisabetta Napollon und Adelaide Secchi; Violine Giacomo Buccinelli; Horn Giuseppe Schirolli.
Was ich von der innern Einrichtung des Konservatoriums habe erfahren können, ist folgendes: Die Professoren, deren vier für den Gesang, einer für Violine, einer für Violoncell, einer für Kontrabaß und noch einige andere für die Blasinstrumente angestellt sind, beziehen ihren Gehalt von der Regierung. Diese zahlt auch Wohnung und Kost für zwölf Eleven, sechs Knaben und sechs Mädchen. Alle übrigen, von denen einige im Konservatorium wohnen, andere aber nur die Lehrstunden besuchen, müssen für alles bezahlen. Die Mailänder sollen der Anstalt sehr entgegen sein; sie hat in diesem Augenblick auch kaum dreißig Eleven. Man klagt sehr über die Feuchtigkeit des Lokales, die nachteilig auf die Stimmen und die Gesundheit der Eleven einwirken soll. Man denkt jetzt daran, ein anderes Lokale für die Anstalt aufzufinden.

den 22. September 1816

Ich besuchte heute auf einen Augenblick eine Art von Übungskonzert, wo die hiesigen Dilettanten unter Rollas Direktion Sinfonien, besonders von deutschen Meistern, exekutieren. Die Saiteninstrumente sind größtenteils mit Dilettanten besetzt, die Blasinstrumente aus dem Theater della Scala. Man hatte bereits die alte Sinfonie aus D von Mozart und einige Ouvertüren von italienischen Meistern gemacht und war eben beschäftigt, eine von den großen Haydnschen Symphonien (B #) zu exekutieren. Man gab sie zwar ziemlich genau, aber ohne piano und forte und überhaupt etwas roh. Indessen ist die Anstalt, die überdies in ganz Italien die einzige ist, sehr zu loben, weil durch sie die hiesigen Musikfreunde doch Gelegenheit finden, mit unsern herrlichen Instrumentalkompositionen bekannt zu werden. Wenn ich nicht irre, so findet dieses wöchentliche Übungskonzert im Hause eines Herrn Mollo statt, der auch eine schöne Sammlung vorzüglicher Violinen besitzen soll. Überhaupt existieren hier viele vorzügliche Instrumente. Ein Herr Caroli besitzt zwei sehr schöne Stradivari, Rolla ebenfalls eine von großer Schönheit; ein Graf Cozio di Salabue hat in seiner[251]  zahlreichen Sammlung von vorzüglichen Geigen unter vielen andern von Amati, Guarneri und Guadagnini auch vier Stradivari, auf denen noch gar nicht gespielt ist und die, obgleich sehr alt, aussehen, als ob sie eben erst fertig geworden wären. Zwei von diesen Geigen sind aus dem letzten Lebensjahre des Künstlers, von 1737, wo er ein Greis von dreiundneunzig Jahren war. Man sieht es den Geigen aber auch gleich an, daß sie ein zitternder Greis mit unsichern Händen geschnitzt hat. Die beiden andern sind aber aus der besten Zeit des Künstlers, von 1743 und 1744, und von großer Schönheit. Der Ton ist voll und stark, aber doch noch neu und hölzern, und sie müssen wenigstens, um vorzüglich zu werden, zehn Jahre gespielt werden. – Auch existieren hier vier vortreffliche Violoncells von Stradivari.

den 28. September [1816]

Gestern Abend fand unser Konzert im Theater della Scala statt. Das Orchester blieb auf seinem gewöhnlichen Platze; die Sängerin aber, Dorette und ich nahmen bei unsern Produktionen den Platz unter dem Proszenium ein, zwischen der Gardine, die herabgelassen blieb, und dem Orchester. Das Haus, obgleich vorteilhaft für Musik, verlangt doch bei seiner gewaltigen Größe einen sehr kräftigen Ton und ein großes, einfaches Spiel. Auch ist es schwer, mit einem Geigenton da zu genügen, wo man immer nur Stimmen und fast nur vorzügliche Stimmen zu hören gewohnt ist. Diese Betrachtung und die Ungewißheit, ob die Art meines Spieles und meine Komposition auch den Italienern gefallen würde, machte mich bei diesem ersten Debüt in einem Lande, wo man mich noch nicht kennt, etwas furchtsam; da ich indessen schon nach den ersten Takten bemerkte, daß mein Spiel Eingang fand, so schwand diese Furcht bald und ich spielte nun völlig unbefangen. Auch hatte ich die Freude zu sehen, daß ich in dem neuen, in der Schweiz geschriebenen Konzerte, welches die Form einer Gesangsszene hat, den Geschmack der Italiener sehr glücklich getroffen habe, und daß besonders alle Gesangstellen mit großem Enthusiasmus aufgenommen wurden. Dieser lärmende Beifall, so erfreulich und aufmunternd er auch für den Solospieler ist, bleibt doch für den Komponisten ein gewaltiges Ärgernis. Es wird dadurch aller Zusammenhang gestört, die fleißig gearbeiteten Tutti bleiben völlig unbeachtet, und man hört den Solospieler in einem fremden Tone wieder anfangen, ohne daß man weiß, wie das Orchester dahin moduliert hat. – Außer dem Konzerte spielte ich mit Dorette den neuen Potpourri für Piano und Violine und einen zweiten mit Begleitung des Orchesters. Letztern mußte ich auf allgemeines Verlangen[252]  wiederholen. Das Orchester, dasselbe wie in der Oper, akkompagnierte mir mit vieler Aufmerksamkeit und Teilnahme. Besonders aber gab sich Rolla große Mühe. Meine Ouvertüre aus »Alruna« wurde zu Anfang des zweiten Teiles zwar kräftig, aber nicht ohne Fehler exekutiert. Das Orchester ist an zu viele Proben gewöhnt, als daß es etwas nach einer einzigen ganz fehlerfrei ausführen könnte. Madame Castiglioni, Contrealtistin, für den nächsten Karneval als Supplement nach Venedig engagiert, sang im zweiten Teil eine Arie mit schöner Stimme und guter Schule und wurde mit allgemeinem Beifalle belohnt. Es hatte mir unendliche Mühe gemacht, diese beiden Gesangstücke zu bekommen, weil die Sänger vom großen Theater, von denen einige gern gesungen hätten, die Erlaubnis dazu von dem Impresario nicht bekommen konnten und alle übrigen Sänger von Bedeutung, die sich hier aufhalten, entweder auch schon Skripturen gemacht haben oder es nicht wagen wollen, auf der Scala aufzutreten. Auch verlangten die Impresarien anfangs den fünften Teil der Einnahme für die Bewilligung des Theaters; durch Vermittelung des Gouverners, Grafen Saurau, wurde er mir aber erlassen.
Nach dem Konzerte wurde ich allgemein aufgefordert, ein zweites zu geben; da aber nächsten Freitag, dem einzigen freien Tag in jeder Woche, des Kaisers Namenstag ist, an welchem der Gouverneur eine große Festivität gibt, und wir nicht Lust haben, unsern Aufenthalt noch um vierzehn Tage zu verlängern, so will ich dieses zweite Konzert lieber bis zu meiner Rückkehr versparen und jetzt gleich nach Venedig gehen. Das erste hat mir übrigens nicht viel mehr als die Konzertunkosten, die sich auf fünfzig Dukaten belaufen, eingetragen.
Vor einigen Tagen besahen wir die Bildergalerie in der Brera; das Lokal ist das schönste, was wir je sahen. Es besteht aus drei großen Salons, die das Licht von oben erhalten, einer langen Galerie und zwei Kabinetten. In der Galerie befinden sich Gemälde al fresco, die man in den Kirchen zu Mailand gesammelt, mit der Wand herausgenommen und hier in die Mauer wieder eingesetzt hat. Es sind darunter einige von hohem Kunstwerte, von denen man auch schon Kopien und Kupferstiche besitzt. In den Sälen hat man die Gemälde nach ihrer Zeitfolge geordnet und unter einem jeden den Meister angegeben. In dem ersten befinden sich die aus der ältesten, in dem mittleren die aus der spätern und in dem dritten Saale die aus der neuesten Zeit. Doch sind, soviel ich weiß, keine Werke noch lebender Künstler aufgehängt. In den Kabinetten hat man die kleineren Gemälde ausgestellt. Vor allen verdient[253]  ein Raffael, zwar aus seiner frühern Zeit, als er noch im Stil seines Meisters arbeitete, der aber doch von unendlicher Schönheit ist, den ersten Preis. Es ist dies die Verlobung der hl. Jungfrau mit Joseph. In der Mitte steht der Rabbi in ernster, würdevoller Stellung, der sie einsegnet, ihm zur Linken Joseph, eine männliche Figur mit dunkelem Haar und Bart, mit Freundlichkeit der Jungfrau den Ring an den Finger schiebend, und zur Rechten die Holdselige, in jungfräulicher Scham sanft errötend. Unter den andern Figuren zeichnet sich noch ein Jüngling aus, der vor dem Knie einen Stab zerbricht. Die Zeichner bewundern die Verkürzung der gebückten Stellung. Anfangs fallen die scharfen Umrisse der Figuren unangenehm auf; sowie man sich aber durch längeres Anschauen ein wenig daran gewöhnt hat, wird man von dem hohen Ausdruck in Gesicht und Stellung unwiderstehlich hingerissen. Von besonderer Schönheit sind auf diesem wie auf allen Raffaelschen Gemälden Hände und Füße.
In demselben Gebäude besahn wir auch noch eine Sammlung von Gipsabgüssen der berühmtesten Statuen, die wir nun bald in Rom und Florenz im Original sehen werden. Auch waren in mehreren Sälen die Arbeiten der jungen Akademisten aufgehängt und aufgestellt, die den Preis und das accessit erhalten haben. Diese bestanden in Zeichnungen und Büsten und Gemälden, architektonischer Verzierungen und ganzer Gebäude, in Basreliefs und Statuen aus Ton geformt, in Kupferstichen in allen Manieren und endlich in historischen und Landschaftsgemälden in Wahl. Über jeder Arbeit war der Name des jungen Künstlers und das Jahr der Ausstellung angezeigt. Interessant war es zu vergleichen, wie dasselbe historische Sujet von verschiedenen Künstlern verschieden gedacht und ausgeführt war, in Zeichnungen, Gemälden und Basrelief. Fast alle Arbeiten waren von großer Schönheit, besonders mehrere der Ölgemälde.

Venedig, den 5. Oktober [1816]


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Montag, am 30. September, traten wir in Gesellschaft von zwei liebenswürdigen polnischen Grafen, deren Bekanntschaft wir in Mailand gemacht hatten, und eines Malers, der von einer Reise nach Sizilien eben zurückkam, unsere Reise hieher an. Ich hatte für mich und meine Familie einen Vetturino bis Padua für 7 Louisdor gedungen, für welchen Preis er auch Abendessen und Nachtlager bezahlen mußte. Die Fremden tun wohl, immer das letztere mit einzubedingen, um von den Wirten nicht so arg geprellt werden zu können. – Da wir mittags erst abgereist waren, so kamen wir am ersten Tage nur bis Cavernago. Der Weg bis dahin sowie auf der ganzen Reise bis hieher bietet wenig[254]  Abwechslung dar. Man sieht zu beiden Seiten der herrlichen Chausseen nur Maisfelder mit Maulbeerbäumen eingefaßt und auf letzteren Bestand von Weinreben. Einen so schönen Anblick dies auch gewährt, besonders in der jetzigen Jahreszeit, wo die Reben voll der schönsten Trauben hängen und die Weinblätter in den mannigfachsten Abstufungen von rot, grün und gelb prangen, so sehnt man sich doch bald danach, einmal wieder etwas Neues zu sehen, und vermißt sehr unsere deutschen Eichen-, Buchen-und Tannenwälder. Cavernago ist eine sehr reinliche Stadt, in der wir ein gutes Nachtlager fanden. Der Weg von da bis Brescia bietet ebensowenig Abwechslung dar wie der am ersten Tage.
Brescia ist eine alte Stadt, in der nicht viel Sehenswertes ist; sie liegt aber in einer reizenden Gegend am Abhange eines mit Landhäusern und Weingärten bedeckten Berges. Wir machten einen Spaziergang durch die Stadt, in der uns nichts Merkwürdiges aufstieß als ein Weinstock, der die Fassaden von fünf Häusern bis unter das Dach bedeckte und allenthalben voll der schönsten Trauben hing. Einer der Polen, Graf Grzymala, hatte unter der Zeit einen Besuch bei Signora Malanotte abgestattet, einer der vorzüglichsten jetzt lebenden Contrealtistinnen, deren Bekanntschaft er in Florenz, wo sie vor einigen Monaten sang, gemacht hatte. Sie ruht jetzt einige Zeit bei ihrem Cavaliere servente, einem Grafen Secchi, der ein herrliches Haus in Brescia und ein noch schöneres Landgut in der Gegend besitzt, von den Beschwerden der letzten Monate aus und wird während des Karnevals hier in Venedig für ein Honorar von 10000 Franken und ein Benefize wieder von neuem auftreten. Ihr Anbeter, ein Mann von großem Vermögen und vielen Kenntnissen, hat sein ganzes Leben dem Dienste seiner Donna gewidmet, während seine beiden ältern Brüder sich als Generale in französischen Diensten großen Ruhm erworben haben. Er begleitet sie seit zehn Jahren allenthalben hin, wo sie singt, besorgt ihre Geschäfte und huldigt allen ihren Launen. Seine einzige etwas ernstere Beschäftigung ist, ihre Geschichte zu schreiben, d.h. ihre Triumphe über andere Sängerinnen und ihre Liebesaventüren. Einmal im Jahre liefert sie ihm die schriftlichen Daten zu letzteren, das sind die Originale der erhaltenen Liebesbriefe, und obgleich er sehr eifersüchtig ist, so bringt sie dennoch den guten Narren dahin, daß er diese Briefe selbst kopiert und mit den gehörigen Erläuterungen in ihre Geschichte einträgt. Sie hat auch einen Mann und von ihm zwei Kinder, die sie sehr lieben soll. Dieser Mann spielt nun vollends eine erbärmliche Figur; er hält sich immer in einer gewissen Entfernung[255]  und harret mit gespannter Aufmerksamkeit der Winke seiner Gebieterin. Graf Secchi hat bis diesen Augenblick weder Rom noch Neapel gesehen, weil seine Dame dort noch nicht gesungen hat und ihm schwerlich die Erlaubnis erteilen würde, ohne sie dorthin zu reisen. Zwischen Brescia und Verona führt der Weg einige Stunden am Gardasee her, dessen schön bewachsene, mit Landhäusern reich besetzte und von Bergen eingeschlossene Ufer die schönsten Ansichten darbieten, welche uns für die Einförmigkeit der vorigen Tagereisen reichlich entschädigten. Am äußersten Ende des Sees, noch halb im Wasser, liegt Peschiera, eine kleine unansehnliche Stadt von einigen Häusern, aber mit großen, weit ausgedehnten Festungswerken. Von da bis Verona ist der Weg wieder sehr einförmig. Bei unsrer Ankunft erfuhren wir, daß eine Harfen- und Klaviervirtuosin aus Neapel im Theater Konzert geben würde, und nahmen uns vor, dieses zu besuchen. Durch die Langsamkeit der Aufwärter, die unser Abendessen eine Stunde später brachten, als wir es bestellt hatten, wurden wir aber daran verhindert. Abends um elf Uhr beim herrlichen Mondenschein besuchten wir noch die Arena, von allen Denkmalen ehemaliger römischer Größe das am besten erhaltene. Es ist dies der Zirkus, wo die Wettrennen, das Scheibenwerfen, die Wettkämpfe der Gladiatoren und andere gymnastische Spiele stattfanden. Vom inneren Zirkus, der schon bedeutend groß ist, gehen 42 von Quadersteinen gemauerte Sitze amphitheatralisch rund um den ganzen Kreis bis zu den Logen, die ehemals das Ganze einschlossen, von denen jetzt aber nur noch einige Überreste sind. Die Sitze waren auch schon zum Teil eingefallen, sind aber von den Franzosen wieder hergestellt worden. Das Innere besteht aus mehreren Gängen, aus denen Marmortreppen auf die Sitze und Logen führen. Wir stiegen bis zum höchsten Sitze, der in der Höhe schon den größesten Gebäuden in der Stadt gleichkommt, und hatten da einen herrlichen Überblick über das ganze kolossale Werk. Wir dachten uns die gewaltige Steinmasse mit den alten Römern besetzt, wie sie den Siegern unten Beifall zujauchzten, und verloren uns in Betrachtungen über die Hinfälligkeit aller Erdengröße und in Vergleichungen zwischen dem ehemaligen kräftigen Volke und den jetzigen Bewohnern dieses herrlichen Landes. An der einen Seite des Ovals sieht man noch die Gefängnisse, wo die Verbrecher aufbewahrt wurden, die man den wilden Tieren vorwarf. Auch existiert noch die Vorrichtung, durch welche binnen wenig Minuten der Zirkus unter Wasser gesetzt werden kann, um Kämpfe und Wettrennen in Böten zu halten. Bei der Anwesenheit des österreichischen Kaisers hat man dem Volke das Schauspiel eines[256]  Wettrennens zu Fuß und zu Pferd erneuert. Auch haben wir etwas Ähnliches in Mailand gesehen, von dem ich zu reden vergessen habe. Napoleon hat nämlich auf dem Forum Buonaparte einen Zirkus auf römische Art bauen lassen, dessen äußere Wand auch aus einer Mauer mit mehreren Aufgängen besteht; die Sitze im Inneren sind aber nur von Rasen; es sind deren etwa zwölf, und doch haben 25–30000 Menschen Platz. An der einen breiten Seite steht ein schönes Gebäude mit einer prächtigen Kolonnade nach dem Inneren zugekehrt, von wo in der Breite des Gebäudes steinerne Sitze bis zum Zirkus hinablaufen. In dieser modernen Arena, die auch unter Wasser gesetzt werden kann, wurden dem Volke zur Zeit der Krönung Napoleons zum Könige von Italien bei freiem Eintritte die ehemaligen römischen Spiele aufgewärmt. Eine dritte, aber verminderte Auflage für Geld fand an dem Tage vor unsrer Abreise statt. Zuerst traten achtzehn Wettläufer in römischem Kostüm auf, die auf ein gegebenes Trompetenzeichen ziemlich schwerfällig nach dem Ziele liefen. Der Sieger erhielt eine Fahne, an der oben ein Lorbeerkranz hing. Den beiden, die nach ihm zuerst angekommen waren, wurden ebenfalls Siegeszeichen zuerkannt. Dann versuchten zwölf Reiter ihr Heil. Mehrere fielen schon beim ersten Choc von den Pferden und alle ritten so erbärmlich, daß sie nur Gelächter und Mitleiden erregten. Nachdem die Sieger ebenfalls beschenkt waren, kamen die Kurse zu Wagen, die aber ein neues interessantes Schauspiel darboten. Die sechs Wagenführer hatten kleine zweirädrige römische Wagen, wie man sie auf alten Münzen abgebildet sieht, bestiegen und jagten mit ihren Pferden, deren zwei vor jeden Wagen gespannt waren, auf ein gegebenes Zeichen im gestreckten Galopp davon; am Ende der Bahn beim Umkehren überstürzte sich einer mitsamt den Pferden ein paarmal, doch ohne Schaden zu nehmen. Die andern umkreisten die Bahn dreimal und die Sieger erhielten ebenfalls ihre Ehrenzeichen. Nun begann der große Triumphzug. Dreißig bis vierzig Oboisten in römischem Kostüm mit türkischer Musik, einen Marsch aus der Oper »Johann von Paris« blasend, eröffneten ihn. Dann kamen die Wettläufer mit Lanzen in den Händen und endlich ein großer, mit vier Ochsen bespannter römischer Triumphwagen mit sämtlichen Siegern. Man hatte die schön geputzten Ochsen auf römische Art nebeneinander gespannt; die guten Tiere waren aber nicht daran gewöhnt und wollten nicht vom Fleck; endlich sah man sich genötigt, sie so zu spannen, wie sie es vor ihrem Mistwagen gewohnt waren, und nun ging es herrlich. Hinter ihnen kamen die unglücklichen Reiter und Wagenlenker, die den Zug beschlossen. Das Kostüm aller dieser Leute und Tiere war gut[257]  gewählt, und wenn man nicht rund im Zirkel die moderne Beau monde und zwischen den Wettrennern dann und wann einen dreieckigen Hut, der ihre Spiele anordnete, gesehen und die türkische Musik mit dem Marsch aus der »Aline« gehört hätte, so konnte man wohl Augenblicke lang sich einbilden, da unten die alten Römer zu sehen. So sorgten aber diese verkleideten Soldaten und Fiaker mit ihren erbärmlichen Pferden schon ohne das durch ihre Ungeschicklichkeit dafür, daß eine solche Täuschung nicht stattfinden konnte.
Am 3. früh mußten wir uns von unseren lieben Reisegefährten trennen, die nun auf einer andern Straße durch Tirol nach München ihre Reise fortsetzten. Wir übernachteten in Vicenza, einem abscheulich schmutzigen Neste; unsre Fenster gingen auf eine einsame Straße, die von jedermann als Abtritt gebraucht wurde; hohe Haufen von Unrat verpesteten die Luft so, daß es kaum auszuhalten war. Dergleichen Sauereien trifft man übrigens auch in den größesten Städten und auf den prächtigsten Plätzen. Bei hellem Tage sieht man oft ganze Haufen von Gesindel da ungescheut ihre Notdurft verrichten. Besteigt man eine einsame Treppe, oft von schönstem Marmor in den größesten Palästen, so muß man sich ja genau in der Mitte halten, weil man sich sonst sicher beschmutzen würde, und selbst dem Mailänder Dom kann man sich auf verschiedenen Seiten gar nicht nähern, weil hohe Haufen von Unrat es verhindern. Diese Schweinerei, in der die Italiener fast allen anderen Nationen den Rang streitig machen, herrscht auch in den meisten Zimmern und Küchen. Ein Holländer müßte, dächt' ich, hier verzweifeln.
Am 4. mittags kamen wir nach dem alten, unansehnlichen Padua, wo wir bis abends acht Uhr verweilten. Dann setzten wir unsre Reise auf der Diligence zu Wasser fort. Beim Einsteigen in die Barke tat ich, vom unsichern Mondlichte getäuscht, einen Fehltritt und fiel ins Wasser; im Fallen ergriff ich aber glücklicherweise den Bord der Barke und wurde sogleich wieder herausgezogen. Den Schrecken und die Mühe des Umkleidens abgerechnet, war dieser Fall von weiter keinen übeln Folgen. Die Barke ist für vierundzwanzig bis dreißig Personen sehr bequem eingerichtet und geht, von einem Pferde im stärksten Trabe gezogen, sehr schnell. Da man aber bei vier Schleusen Aufenthalt machen muß und der Kanal viele Krümmungen macht, so braucht man demungeachtet bis Venedig 8 bis 9 Stunden. Die letzte Hälfte des Kanales ist auf beiden Seiten mit den prächtigsten Landhäusern und Gärten wie übersäet, die jetzt von den reichen Venezianern bewohnt werden. Besonders zeichnet sich der Palast des ehemaligen Vizekönigs aus, in dem der Gouverneur Graf Goëß während der schönsten Jahreszeit wohnt.[258]  Wir bedauerten sehr, diese reiche Gegend in der Nacht passieren zu müssen; aber selbst beim Mondenscheine gewährt sie schon einen herrlichen Anblick. Früh um fünf Uhr, wie noch alles tot in Venedig war, kamen wir an und traten in der Albergo della Scala ab.



 Venedig
[259] 1816

Venedig, den 10. Oktober [1816]











Sowenig Venedig im ganzen genommen meinen Erwartungen entsprochen hat, sosehr bin ich doch durch die Schönheit einzelner Gegenden der Stadt überrascht worden. Besonders imponiert der Markusplatz. Die tausendjährige, im orientalischen Stil erbaute Markuskirche mit ihren fünf Kuppeln, ihren unzähligen Statuen und herrlichen im Goldgrunde glänzenden Mosaikgemälden, der kolossale Glockenturm mit seiner Pyramide, der weithin ins Adriatische Meer den Schiffern zum Merkzeichen dient, die drei herrlichen, fast im gleichen Stil erbaueten großen Gebäude, die den Platz auf drei Seiten einschließen, das rege Leben unter den Arkaden, die reichen Kaufgewölbe und die geschmackvoll dekorierten Kaffeehäuser, in und vor denen man von morgens 8 Uhr bis nachts um 4 Uhr die elegante faulenzende Welt beiderlei Geschlechts versammelt sieht; die vielen sich da ewig umhertreibenden Musikanten, Taschenspieler, Improvisatoren, Guckkastenträger; das Heer der Bettler, die in den allerabschreckendsten Gestalten voller Schmutz und Ungeziefer zwischen den reich gekleideten Spaziergängern herumkriechen und diese bis ins Innere der Kaffeehäuser verfolgen; das sich durchkreuzende Geschrei der vielen Verkäufer von Erfrischungen und der Ausrufer, die bald Regierungsdekrete ablesen, bald die in den verschiedenen Theatern am Abend zu gebenden Stücke ankündigen: dies alles zusammengenommen bildet ein so buntes Gemälde, daß der Fremde sich wochenlang daran ergötzen kann.
Geht man auf den zweiten Platz, der bei der Kirche mit dem ersten zusammenhängt, auf der Ostseite vom ehemaligen Dogenpalaste und auf der Westseite von der Fortsetzung eines der drei großen Gebäude eingeschlossen[260]  wird, so eröffnet sich ein neues, von dem vorigen ganz verschiedenes Schauspiel. Vor sich hat man den Hafen, der mit Gondeln, Barken und kleineren und größeren Handelsschiffen wie übersäet ist; zur Linken den mit prächtigen Gebäuden und Kirchen eingefaßten Quai, der sich bis zum Giardino Publico hinzieht, gegenüber das auf einer kleinen Insel liegende Kloster, in dessen schöner Kirche der letzte Papst erwählt wurde, und zur Rechten, jenseits des großen Kanals, die mit einer majestätischen Kuppel gezierte Kirche von San Giorgio Maggiore, umgeben von andern prächtigen Gebäuden. Hat das Auge sich an diesen Gegenständen gesättigt, so wird es von den nähern Umgebungen angezogen, von dem bunten Menschengewühl auf den steinernen, hochgewölbten Brücken, die über die vielen Kanäle führen, welche von hier aus die Stadt durchschneiden; von dem Ein-und Ausladen der größeren Schiffe, dem Einsteigen der eleganten und nicht eleganten Welt in Gondeln und Barken zu Spazierfahrten oder Geschäftsreisen; von den sonderbar gestalteten Fischen und Muscheltieren, die hier zum Verkauf aufgeschichtet sind, und von vielen andern auffallenden Dingen, die einer Seestadt eigen sind. Hat man dies alles gesehen, so kehrt man gern auf den Markusplatz zurück und findet da wieder neue Gegenstände zu bewundern. Betrachtet man die Kirche nun genauer, so ziehen zuerst die vier kolossalen Pferde von Bronze über dem Haupteingange den Blick auf sich, weniger ihres Kunstwertes wegen, denn sie sind eben nicht von den schönsten Verhältnissen, sondern um ihres Alters und ihrer Schicksale willen. Von den Venezianern bei der Eroberung von Konstantinopel erbeutet, wurden sie als Siegestrophäen über dem Haupteingange der Markuskirche aufgestellt und behaupteten ruhig diesen Platz, bis sie die Franzosen nach der Eroberung von Italien mit nach Paris nahmen. Von dort kamen sie nebst allen andern aus Italien entführten Kunstschätzen nach der Eroberung von Paris durch die Alliierten wieder hieher zurück und wurden unter dem Jubel von ganz Venedig wieder auf ihren alten Platz gestellt. Außer diesen Pferden befinden sich an der Markuskirche aber noch viele andere Siegesdenkmale der Venezianer: Statuen, Basreliefs, Arabesken, Säulen und Kapitäler aus Griechenland, Ägypten und den Raubstaaten, und es ist an dem Gebäude zu bewundern, daß es, aus so vielen in dem verschiedensten Geschmacke gearbeiteten Einzelheiten zusammengesetzt, doch ein so schönes, harmonisches Ganze ausmacht. Vor der Kirche sind drei hohe, rot angestrichene Mastbäume aufgepflanzt, die an Festtagen mit langen, bis auf die Erde reichenden seidenen Wimpeln prangen;[261]  die aus Bronze gegossenen Fußgestelle sind mit schönen Basreliefs verziert.
Auf dem zweiten Platze nahe am Wasser stehen zwei kolossale Säulen aus ägyptischem Granit, jede Säule aus einem einzigen Steine gehauen. Die eine trägt einen aus Erz gegossenen geflügelten Löwen, der auch mit in Paris war, die andere einen geharnischten Ritter auf einem Krokodil. Das Innere der Markuskirche ist nicht weniger prächtig als das Äußere. Wände, Nischen und Kuppeln sind ganz mit Mosaikgemälden bedeckt, unter denen zwar einige von geringem Kunstwerte sind; bei den meisten ist aber Komposition, Zeichnung und Kolorit sehr vorzüglich, und alle haben einen echten Goldgrund, der trotz seines hohen Alters noch wie neu glänzt. Man wird aber auch hier bald von ganzen Rotten von Bettlern umringt, die so kläglich über Hunger schreien und so ekelerregend aussehen, daß man Gott dankt, wenn man sich mit Aufopferung einiger Kupfermünzen ins Freie gerettet hat. Man kann überhaupt keine Minute in irgend einer Gegend der Stadt gehen, ohne von Bettlern angesprochen zu werden, und es sollen deren an 25000 hier Hunger leiden. Denn hungern müssen sie, weil die Venezianer sehr selten einem Armen etwas geben und die Fremden es auch bald überdrüssig werden, immer die Hand in der Tasche zu haben. Jetzt leben die Armen zwar sehr wohlfeil von gekochten oder vielmehr gebratenen Kürbissen, die an allen Straßenecken feilgeboten werden und wovon ein handgroßes Stück einen Centesimo kostet; dies ist aber ein Essen, was man bei uns kaum den Schweinen bieten würde.
Entfernt man sich vom Platze, so findet man wenig Erfreuliches mehr. Denn da man in Venedig weder reitet noch fährt, so sind die Straßen so eng, daß oft nicht zwei Menschen nebeneinander gehen können. In dem lebhaftesten Teile der Stadt, ohnweit vom Ponte Rialto, ist daher das Gedränge auch so groß, daß man sich kaum durcharbeiten kann. Bei der Unreinlichkeit der Italiener, die allen Unrat in die Kanäle schütten, bei dem pestilenzialischen Gestank der halbverfaulten Seefische und Schaltiere und den ekelhaften Ausdünstungen der Werkstätten der meisten Handwerker ist es sehr natürlich, daß man in diesen engen Straßen das ganze Jahr nicht ein einziges Mal reine Luft einatmet.
Statt der Wagen bedient man sich hier der Gondeln, die man zu einem billigen Preise haben kann. Sie haben alle ein Verdeck von schwarzem Tuch, welches ihnen ein trauriges Ansehen gibt. Zur Zeit der Republik herrschte ein solcher Luxus in Verzierung der Gondeln, daß die Regierung es nötig fand, die noch jetzt übliche Dekoration vorzuschreiben.[262]  Die Gondoliere sind im Rudern und Lenken sehr geschickt, und wenn auch das Gedränge in den Kanälen noch so groß ist, so fahren sie doch in größester Geschwindigkeit aneinander vorbei, ohne anzustoßen. Nimmt man ihrer zwei, so fährt man so schnell, wie ein Pferd Trab laufen kann. Da die Häuser außer der Haupttür nach dem Wasser hin auch einen Ausgang nach der Straße haben, so kann man zwar auch zu Lande allenthalben hinkommen; doch muß man wegen der Brücken so viele Umwege machen, daß man zu Wasser noch einmal so schnell an Ort und Stelle kommt.

den 12. Oktober [1816]


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Heute genossen wir bei hellem Wetter die einzig herrliche Aussicht vom Markusturm, den man auf einem schneckenförmigen Aufgange ohne Treppenstufen sehr bequem ersteigen kann. Der Anblick ist wirklich hinreißend! Auf der einen Seite sieht man über die gewaltige Häusermasse nach dem festen Lande, in der Ferne die Schneegebirge von Friaul, auf der andern Seite den Hafen mit seinem mannigfaltigen Leben, die Inseln bedeckt mit schönen Kirchen und Gebäuden und im Hintergrunde die offene See. Ich erinnere mich nicht, je eine so schöne Turmaussicht gehabt zu haben, es wäre denn die vom Turme der Michaeliskirche in Hamburg.
Um vier Uhr besuchten wir die zum Findelhause gehörige Kirche, wo von den weiblichen Findlingen eine Messe gegeben wurde. Das Orchester und der Chor waren ausschließlich von jungen Mädchen besetzt; eine alte Musiklehrerin schlug den Takt, eine andre akkompagnierte auf der Orgel. Es gab da mehr zu sehen als zu hören, denn Komposition und Ausführung waren gleich schlecht. Die Mädchen hinter den Geigen, Flöten und Hörnern nahmen sich sonderbar genug aus; die Kontrabassistin konnte man leider nicht sehen, weil sie hinter einem Gitter versteckt war. Unter den Stimmen gab es einige gute und eine besonders merkwürdige, die bis zum g"' sang; der Vortrag war aber von allen abscheulich.
Wir haben die Bekanntschaft mehrerer Musikfreunde gemacht, der beiden Grafen Tomasini und der Herren Contin, Filigran und mehrerer anderer, deren Namen ich nicht weiß. Die beiden ersteren sind mir im Arrangement meines Konzertes sehr behilflich, und wenn ich bei der für meine Geschäfte so schlechten Jahreszeit, wo sich alle Personen von Bedeutung auf dem Lande befinden, ein erträgliches Konzert mache, so habe ich es ihnen zu danken.[263] 
Heute besuchte uns auch ein deutscher Künstler, Herr Aiblinger, ein Münchener und Schüler von Winter, der aber schon seit sechzehn Jahren in Venedig wohnt. Er ist Klavierspieler und Komponist und scheint viel wahren Sinn für seine Kunst zu haben. Wenigstens klagte er uns fast mit tränenden Augen, daß ihm in diesem Lande alle Möglichkeit genommen sei, mit seinen deutschen Kunstverwandten gleichen Schritt in der Kunst zu halten, weil ihm fast nie das Glück werde, ein bedeutendes deutsches Werk zu hören, und daß ihm bei seinem Enthusiasmus für Musik fast das Herz zerspringe, durch seine Verhältnisse an eine Stadt gebunden zu sein, wo man seit sechzehn Jahren immer dasselbe Wasser wiederkaue, während die Deutschen inzwischen so manches klassische Werk hätten entstehen sehen. Er kennt unsre neuere gute Musik nur höchst unvollkommen aus Klavierauszügen, die er sich mit vieler Mühe und großem Kostenaufwande zu verschaffen gewußt hat. Ich habe später von seinen Arbeiten gesehen, die es sehr bedauern lassen, daß er in dieses Sibirien der Kunst verschlagen worden ist. Um mir einen Begriff zu geben, wie wenig hier Kunst und Künstler, selbst bei Herren, die sich gern das Ansehen von Mäzenen geben möchten, gewürdigt werden, erzählte er mir eine Anekdote, die Bärmann aus München, der mit der Harlaß vorigen Winter hier war, mit einem derselben passiert ist.
Graf Erizzo nämlich, ein sehr reicher Kavalier, der im Winter wöchentlich einmal Akademien bei sich gibt und dazu oft zweihundert Zuhörer einladet, ließ Bärmann durch einen dritten ersuchen, in einer derselben zu spielen. Da dieser bereits selbst eine öffentliche Akademie angekündigt hatte, lehnte er in der Voraussicht, daß es ihm schaden würde, wenn er sich an einem andern Orte zuvor hören ließe, die Einladung ab, versprach aber, nach seiner Akademie dort zu blasen. Am Tage derselben gab aber Graf Erizzo eins seiner gewöhnlichen großen Konzerte, in welchem »die Schöpfung«, ich glaube zum ersten Male, aufgeführt wurde, und Bärmann hatte so wenig Zuhörer, daß er zu den Konzertunkosten noch vierzig Francs zulegen mußte. Acht Tage später wiederholte Graf Erizzo demohnerachtet seine Einladung an Bärmann, wofür dieser jetzt aber ein Honorar von zwölf Louisdor verlangte. Nach manchen Debatten wurde dieses zwar zugestanden, Bärmann erfuhr jedoch zugleich, daß man sich vorgenommen habe, ihm einen Possen zu spielen. Um dem auszuweichen, sagte er von neuem schriftlich ab und machte mit der Harlaß eine Lustreise auf das feste Land. Nach seiner Zurückkunft kam ein Freund des Grafen Erizzo, fragte nach der Ursache, warum er nicht habe blasen wollen, und versicherte, als er[264]  sie erfahren, auf Ehre, daß dem nicht so sei und Bärmann nicht das geringste zu befürchten habe, worauf dieser also seine Zusage für das nächste Konzert gab. Er wurde mit viel Artigkeit vom Grafen Erizzo empfangen und die Musik begann. Nach einer Stunde, als schon sechs Musikstücke gemacht waren, wurde Bärmann begierig zu erfahren, wann denn die Reihe an ihn kommen würde; er bat sich daher von seinem Nachbar ein Programm aus und fand ganz am Ende sämtlicher Musikstücke, die wenigstens noch zwei Stunden dauern mußten, folgende Worte: »Wenn es die Zeit erlaubt, wird auch Herr Bärmann ein Konzert blasen.« Man denke sich seine Wut! Graf Erizzo würde ihm am Ende des Konzertes laut gesagt haben: »Heute haben wir keine Zeit, Sie zu hören, vielleicht ein andermal!«, und so wäre er auch um das Honorar geprellt gewesen. Bärmann schlich sich nun sogleich fort, hatte aber dabei noch das Unglück, die beiden Ausgänge zu verwechseln und statt auf die Straße gerade in den Kanal zu laufen. Glücklicherweise kamen ihm die dort haltenden Gondoliere zu Hilfe und zogen ihn sogleich heraus. Halb tot vor Ärger und Erkältung kam er nach Hause. Am andern Morgen wurde er vom Grafen Erizzo vor die Polizei gefordert. Der Polizeidirektor hatte indessen, nachdem ihm von Bärmann die Sache auseinander gesetzt war, Mut genug, diesem Recht zu geben und dem Grafen Erizzo seine Unart zu verweisen. Bärmann hielt es unter solchen Umständen jedoch für geraten, seine Abreise zu beschleunigen, weil einige verdächtige Kerle sich nach seinen nächtlichen Ausgängen erkundigt hatten. Auch der Harlaß ging es übel. In der ersten Oper gefiel sie zwar ziemlich, und nur ihre schlechte Aussprache tadelte man; bei der ersten Vorstellung der zweiten Oper wurde sie aber gleich bei ihrer ersten Szene durch Lautreden, Räuspern und Lachen der Zuschauer so dekontenanciert, daß sie mitten in ihrer Arie davonlief und wie tot hinter den Kulissen niederfiel. Sie bekam einen geschwollenen Hals und konnte während des Winters nie wieder etwas anderes als die parlanten Rezitative singen. Alle Ensemblestücke und beide Finale wurden ohne sie gesungen, und doch mußte sie sich, da sie kein Supplement hatte, jeden Abend dem Publikum zur Schau stellen. Zu loben ist es, daß die Impresarien ihr keine Schikanen machten und sie kontraktmäßig bezahlten.

den 15. Oktober [1816]



Es existieren hier zwei Dilettantenkonzerte. Das eine unter der Direktion des Grafen Tomasini findet alle vierzehn Tage im Saale des Theaters Fenice statt. In dem, welchem ich beigewohnt habe, sang[265]  Therese Sessi, die ehemals in Wien engagiert war, zwei Arien, ein Duett und ein Quartett mit vielem Beifall in ihrer alten Manier, die sich weder gebessert noch verschlimmert hat. Außer ihr erregte noch ein Dilettant, der mehrere Buffosachen in der echt italienischen, etwas karikierten Manier sang, die Aufmerksamkeit der Zuhörer. Alles übrige, besonders Komposition und Ausführung der Ouvertüre, war, wie gewöhnlich in Italien, höchst erbärmlich. Das andre ist bloßes Übungskonzert und findet alle acht Tage unter der Direktion von Herrn Contin statt. Das Orchester mit Ausnahme einiger Blasinstrumente und der Bassisten besteht aus lauter Dilettanten, und man exekutiert größtenteils Symphonien und Ouvertüren von deutschen Meistern. An ein eigentliches Studium dieser Werke ist aber nicht zu denken; man ist froh, wenn man sie, ohne stecken geblieben zu sein, heruntergerissen hat. An dem Tage, wo ich gegenwärtig war, wurde erst eine uralte Symphonie von Krommer gemacht, worauf die aus Es-dur von Andreas Romberg folgte. Zum Beschluß ersuchte man mich, die zweite von Beethoven zu dirigieren, was ich nicht ablehnen konnte. Ich hatte aber meine liebe Not; denn man war ganz andere tempi gewohnt, als ich nahm, und schien gar nicht zu wissen, daß es Nuancen von Stärke und Schwäche in der Musik gibt, denn alles arbeitete, strich und blies beständig aus Leibeskräften, so daß mir die Ohren noch die ganze Nacht von dem höllischen Lärm weh taten. Das Gute hat indessen das Übungskonzert, daß die venezianischen Musikfreunde mehrere unsrer klassischen Instrumentalkompositionen, wie die Ouvertüre aus »Don Juan« und der »Zauberflöte«, die sie bis jetzt noch nicht kannten, zu hören Gelegenheit haben, und daß sie, wenn auch nur dunkel, fühlen lernen, daß die Deutschen in dieser Gattung von Komposition ihnen ungeheuer überlegen sind. Sie sagen dies zwar selbst, glauben es aber nicht recht und gestehen es nur ein, um nachher desto ungenierter ihre Überlegenheit im Gesange und der Gesangkomposition (!!) herausstreichen zu können. Die Selbstzufriedenheit der Italiener bei ihrer Geistesarmut ist überhaupt unerträglich; habe ich ihnen etwas von meinen Sachen vorgespielt, so glauben sie mich nicht glücklicher machen zu können, als wenn sie mir versichern, es sei im echt italienischen Geschmack.

den 16. Oktober [1816]

Heute vormittag sah ich in Gesellschaft von drei Schlesiern den ehemaligen Palast des Dogen. Zuerst erregte die sogenannte goldene Stiege unsere Aufmerksamkeit. Bis zum ersten Stocke führt sie außerhalb des[266]  Gebäudes, ist von herrlichem Marmor und mit zwei kolossalen Statuen von schönen Verhältnissen geziert; bis zu dem zweiten und dritten Stocke führt sie im Innern, ist da an den Seiten mit Basreliefs in Marmor, an der Decke mit vergoldeter Stukkatur und kleinen Freskogemälden und in den Nischen mit schönen Statuen reich verziert. Dann sahen wir eine ganze Reihe von Sälen und Zimmern, die wahrhaft grandios verziert waren, die Wände in Öl und die Decken von den besten ältern Meistern gemalt, und dazwischen die reichsten und schönsten Stukkaturverzierungen, die ich je gesehen. Die Gegenstände dieser Gemälde sind fast ausschließlich Momente aus der venezianischen Geschichte, Danksagungen der Dogen an die hl. Jungfrau für erhaltene Siege oder Überreichung der Schlüssel einer von den Venezianern belagerten Festung u.m.d. So geschmacklos bei den meisten dieser Gemälde die Zusammenstellung der himmlischen und der irdischen Personen auch ist, so vortrefflich ist doch die Ausführung und Gruppierung im einzelnen, besonders bei denen von Paul Veronese. Überhaupt gibt es meiner Ansicht nach keine passendere und würdevollere Verzierung eines fürstlichen Palastes als diese, wo mit den Taten der Nation zugleich der Name des geschickten vaterländischen Künstlers verewigt wird. Wie wenig Sinn hat man in unsrer Zeit für diese Art von Patriotismus! Wo ist auf Veranstaltung eines Fürsten bis jetzt etwas von den neuesten Heldentaten der Deutschen gemalt worden? Und wie sehr bedürften doch die jetzigen Künstler einer solchen Aufmunterung und Unterstützung! Und doch rede ich hier nur von den Malern und Bildhauern; Dichter und Musiker hätte man ebenfalls auffordern sollen, die Taten der deutschen Nation zu verewigen.
Zuletzt sahen wir den großen Bibliotheksaal, der einen wahren Schatz von Gemälden und antiken Statuen enthält. Von der Galerie dieses Saales hat man eine entzückende Aussicht über den Hafen. – Um einen Vergleich zwischen der ehemaligen Art, Paläste zu verzieren, und der neuesten machen zu können, ließen wir uns die Zimmer im Gouvernementsgebäude zeigen, die sich der frühere Vizekönig hatte einrichten lassen. Wir fanden sie zwar niedlich und bequem, aber welch ein Unterschied zwischen der ernsten Pracht jenes alten Palastes und der faden Zierlichkeit von diesem neuen! Anstatt der Basreliefs von Marmor und der reich vergoldeten Stukkaturverzierungen in jenem fanden wir hier gemalte, statt der Gemälde von berühmten Meistern Arabesken und Schmierereien hingesudelt oder Tapeten von Papier oder Seide. Spiegel und Möbel allein waren hier geschmackvoll.[267] 
den 17. Oktober [1816]

Gestern ist Paganini von Triest wieder hieher zurückgekommen und hat also, wie es scheint, sein Projekt, nach Wien zu gehen, vor der Hand aufgegeben. Heute früh kam er zu mir, und so lernte ich denn endlich diesen Wundermann persönlich kennen, von dem mir, seit ich in Italien bin, fast jeden Tag vorerzählt wurde. So wie er hat noch nie ein Instrumentalist die Italiener entzückt, und ob sie gleich die Instrumentalakademien nicht sehr lieben, so hat er doch deren in Mailand mehr als ein Dutzend und hier ebenfalls fünfe gegeben. Erkundigt man sich nun näher, womit er denn eigentlich sein Publikum bezaubere, so hört man von den Nichtmusikalischen die übertriebensten Lobsprüche, daß er ein wahrer Hexenmeister sei und Töne auf der Violine hervorbringe, die man früher auf diesem Instrument nie gehört habe. Die Kenner hingegen meinen, daß ihm zwar eine große Gewandtheit in der linken Hand, in Doppelgriffen und allen Arten von Passagen nicht abzusprechen sei, daß ihn aber gerade das, was den großen Haufen entzücke, zum Charlatan erniedrige und für seine Mängel, – einen großen Ton, einen langen Bogenstrich und einen geschmackvollen Vortrag des Gesanges, – nicht zu entschädigen vermöge. Das aber, womit er das italienische Volk hinreißt und wodurch er sich den Namen des »Unerreichbaren«, den man sogar unter sein Portrait gesetzt hat, erworben hat, besteht nach genauer Erkundigung in einer Reihe von Herrlichkeiten, welche in den finstern Zeiten des guten Geschmackes der weiland so berühmte Scheller in kleinen Städten (auch wohl Residenzen!) Deutschlands zum Besten gab, und die damals ebensosehr von unsern Landsleuten bewundert wurden, nämlich in Flageolettönen, in Variationen auf einer Saite, wobei er, um noch mehr zu imponieren, die drei übrigen Saiten von der Geige herabzieht, in einer gewissen Art pizzikato von der linken Hand ohne Hilfe der rechten oder des Bogens hervorgebracht, und in manchen der Geige unnatürlichen Tönen, als Fagotton, Stimme eines alten Weibes u. dgl. m. Da ich den Wundermann Scheller, dessen Wahlspruch war: »Ein Gott! Ein Scheller!«, nie gehört habe, so möchte ich wohl Gelegenheit haben, Paganini in seiner eigentümlichen Manier zu hören, um so mehr, da ich voraussetze, daß ein so sehr bewunderter Künstler auch reellere Verdienste besitzen müsse als die, von denen die Rede war. Die Veranlassung zu seiner jetzigen Virtuosität soll eine vierjährige Gefangenschaft gewesen sein, zu der er verdammt wurde, weil er seine Frau im Jähzorn erdrosselte. So erzählt man wenigstens ganz laut in Mailand und auch hier. Da er sich bei seiner vernachlässigten Erziehung weder mit Schreiben noch mit Lektüre zu unterhalten[268]  wußte, so lehrte ihn die Langeweile alle die Kunststückchen ausdenken und einüben, womit er jetzt Italien in Erstaunen setzt und sich den Namen des Unerreichbaren erworben hat. Da er sich durch sein ungefälliges und unartiges Betragen mehrere der hiesigen Musikfreunde zu Gegnern gemacht hat, so erheben mich diese, nachdem ich ihnen bei mir etwas vorgespielt habe, bei jeder Gelegenheit auf Kosten Paganinis, um ihm weh zu tun, was nicht allein sehr ungerecht ist, indem man zwei Künstler von so verschiedener Manier nie in Parallele setzen soll, sondern auch nachteilig für mich, weil es alle Anhänger und Bewunderer Paganinis gegen mich aufbringt. Sie haben einen Brief in die Zeitungen einrücken lassen, in welchem sie sagen, daß ich ihnen durch mein Spiel die Manier ihrer Veteranen im Violinspiel, Pugnani und Tartini, zurückgerufen habe, deren große und würdevolle Art, die Violine zu behandeln, in Italien ganz verloren gegangen sei und der kleinlichen und kindischen Art der neuesten ihrer Virtuosen habe Platz machen müssen, während die Deutschen und Franzosen diese edle, einfache Manier dem Geschmacke der neuesten Zeit anzupassen gewußt hätten. Dieser Brief, der ohne mein Wissen in die heutige Zeitung eingerückt ist, wird sicher eher nachteilig als vorteilhaft für mich beim Publikum wirken, denn die Venezianer sind nun einmal der festen Überzeugung, daß Paganini nicht einmal zu erreichen, viel weniger zu übertreffen sei.

den 19. Oktober [1816]


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Gestern fand unser Konzert statt und war noch besuchter, als ich gehofft hatte, da alles, was nur die Kosten eines Landaufenthaltes aufbringen kann oder nicht durch sehr dringende Geschäfte an die Stadt gebunden ist, sich nicht hier befindet und ich von allen meinen vielen Adreßbriefen nur den einzigen an den Gouverneur, Grafen Goëß, bis jetzt habe abgeben können. Es lohnt übrigens nicht der Mühe, Empfehlungsbriefe an Italiener zu überbringen, denn sie nützen zu gar nichts. Ein frostiges Erbieten zu Diensten, die sie nicht leisten wollen, ist alles, was man davon hat. In Deutschland wird man doch wenigstens einmal zu Tisch gebeten; in Italien ist aber diese Art von Gastfreundschaft völlig unbekannt, und es haben mir Reisende versichert, daß sie trotz ihrer vielen Empfehlungsbriefe in ganz Italien auch nicht ein einziges Mal zu Tisch eingeladen worden seien. Wenn Reichardt aus Italien vertraute Briefe hätte schreiben wollen, würde es ihm bald an Stoff gefehlt haben. – Doch wieder zum Konzert. Es war im Theater S. Luca, nach Fenice dem größten und schönsten in Venedig. Der Besitzer, Herr von Vendramin, hat es mir unter der Bedingung überlassen,[269]  daß ich ihm von dem Verkauf der Logen, die nicht Eigentümern gehören, zwei Drittel geben solle. Es existiert nämlich fast in ganz Italien der sonderbare Gebrauch, daß die Logen auf immer, solange das Haus steht, an Partikuliers verkauft werden, wo dann der Eigentümer des Hauses sich aller Rechte auf die Logen begibt. Doch müssen diese Logenbesitzer ihren Eintrittspreis am Eingange ebensogut bezahlen wie jeder andere. Dieser ist für das ganze Haus derselbe und immer geringe; mit den Logen, die dem Besitzer des Theaters bleiben, wird dann Wucher getrieben, und sie werden bei sehr besuchten Vorstellungen oft mit mehreren Carolin bezahlt. Gestern waren von den Logen nur wenige genommen und nur das Parterre besetzt, so daß Herr von Vendramin nicht viel gewonnen hat. An der Kälte des Publikums beim Anfang meines Spieles merkte ich sogleich, daß man gegen mich eingenommen sein müsse; nach und nach taueten sie aber doch auf, und am Ende des Konzertes war der Beifall allgemein und ich wurde hervorgerufen. Alles folgende, was ich spielte, fand nun weit leichter Eingang und wurde ebenso rauschend wie in Mailand beklatscht.
Heute ist denn auch ein sehr günstiger Bericht über das gestrige Konzert in der Zeitung erschienen, in welchem zwar in Beziehung auf jenen Brief gesagt wird, daß es ungerecht und einseitig sei, eine Manier über alle andern erheben zu wollen, und daß in der Kunst keine Monopole für irgend ein Genre existieren dürften, in welchem man aber auch von mir unter anderem sagt, daß ich die italienische Lieblichkeit mit aller Tiefe des Studiums, welche unsrer Nation eigen sei, verbinde, und daß man mir den ersten Rang unter den jetzt lebenden Geigern einräumen müsse, also Lobsprüche, mit welchen der eitelste Künstler zufrieden sein könnte.

den 20. Oktober [1816]

Heute früh war Paganini bei mir, um mir viel Schönes über das Konzert zu sagen. Ich bat ihn sehr dringend, mir doch nun auch etwas von sich zu hören zu geben, und mehrere Musikfreunde, die eben bei mir waren, vereinigten ihre Bitten mit der meinigen. Er schlug es aber geradezu ab und entschuldigte sich mit einem Sturze, dessen Folgen er noch in den Armen spüre. Nachher, als wir allein waren und ich nochmals in ihn drang, sagte er mir, seine Spielart sei für das große Publikum berechnet und verfehle bei diesem nie seine Wirkung; wenn er mir aber etwas spielen solle, so müsse er auf eine andere Art spielen, und dazu sei er jetzt viel zuwenig im Zuge. Wir würden uns aber wahrscheinlich in Rom oder Neapel treffen, dann wolle er sich nicht länger[270]  weigern. Ich werde also wahrscheinlich von hier abreisen müssen, ohne den Wundermann gehört zu haben.
Man mißrät mir übrigens, jetzt in einem so ungünstigen Zeitpunkt ein zweites Konzert zu geben, und rät mir, lieber wieder hieher zurückzukehren. Wir werden daher in einigen Tagen über Bologna nach Florenz gehen.
Heute früh hatten wir bei einem Ausgange ganz unvermutet die Freude, Meyerbeer und seine ganze Familie anzutreffen. Er ist jetzt von einer Reise durch Sizilien zurückgekommen, um seinen Eltern, die ihn in fünf Jahren nicht gesehen hatten, ein Rendezvous zu geben, und wird auch von hier über Florenz und Rom nach Neapel zurückkehren, um bei der Eröffnung des neuen S. Carlo-Theaters gegenwärtig zu sein. Es war mir ein wahrer Genuß, mich wieder einmal mit einem gebildeten deutschen Künstler über Gegenstände der Kunst unterhalten zu können. Seine Brüder gaben mir die erfreuliche Nachricht, daß meine Oper »Faust« in Prag gegeben worden sei. Sie hatten auf ihrer Durchreise einer Probe beigewohnt. Ich sehe nun mit Sehnsucht nähern Nachrichten über die Aufführung entgegen.
Im Theater S. Moise wohnten wir der ersten Aufführung der alten Oper »Don Papirio« bei, die vom Sängerpersonal und Orchester mit vieler Genauigkeit gegeben wurde. Die erste Sängerin, Madame Marchesini, schon etwas passiert, zeichnete sich an diesem Abend durch guten Vortrag und gewandtes Spiel zu ihrem Vorteil aus. Auch der Buffo, dessen Namen ich nicht weiß, war sehr ergötzlich.

Bologna, den 25. Oktober [1816]

Am Montag abends spät reisten wir mit dem Kurier von Venedig ab. Da der Wind sehr günstig war, so machten wir die erste Hälfte der Wasserreise sehr schnell bis dahin, wo man aus den Lagunen in den Kanal einfährt. Zweimal mußten wir eine kleine Strecke der offenbaren See passieren, nämlich den großen und den kleinen Hafen von Chioggia, wo denn bei der heftig tobenden See unsre Barke solche gewaltigen Bewegungen machte, daß Dorette förmlich seekrank wurde. Ich entging dem nur dadurch, daß ich mich auf das Verdeck an die freie Luft setzte. Wie wir dann in den Kanal und später in den Po eingetreten waren, wo die Barke von Pferden gezogen wurde, ging es langsam und ruhig genug, so daß sich auch Dorette bald erholte. Am Mittwoch vormittag landeten wir unweit Ferrara, wo wir die Barke gegen einen Wagen vertauschten. Ohne uns in Ferrara aufzuhalten, eilten wir[271]  gleich weiter hieher. Die Nacht überraschte uns aber, und wir mußten auf der Hälfte des Weges übernachten. Man hatte uns die Straße als unsicher beschrieben, so daß wir es nicht wagen wollten, sie bei der Nacht zu befahren. Donnerstag gegen Mittag kamen wir wohlbehalten hier an. Da man mir hier sagt, daß die Reichen der Stadt noch auf dem Lande sind, daß aber selbst in der vorteilhaftesten Jahreszeit kaum die Konzertunkosten zu gewinnen sind, so werden wir darauf Verzicht leisten, hier Konzert zu geben, und morgen früh mit dem Vetturino unsre Reise nach Florenz fortsetzen. Wir haben den heutigen Nachmittag angewandt, die Stadt zu besehen, und in einigen Hauptkirchen schöne Kunstwerke gefunden als Gemälde, Statuen und Basreliefs in Marmor und Bronze von den besten alten Meistern. In einer der Kirchen fanden wir eine Kapelle ganz aus ägyptischem Marmor, der in Schönheit der Farben und in Feinheit alle übrigen Marmorarten übertrifft. Die Lage von Bologna am Fuße eines schön bewachsenen und mit Landhäuschen ganz bedeckten Berges ist sehr reizend.



 Florenz
[272] 1816

Florenz, den 28. Oktober [1816]











Die Reise hieher über die Apenninen war bei sehr schönem Wetter äußerst angenehm. Die Berge, obgleich bedeutend hoch, sind doch fast bis zu ihrer Spitze bewachsen, und die Bäume und Gebüsche prangen jetzt in ihrem Herbstkleide mit den schönsten Farben. Die Wälder auf dem Apennin bestehen größtenteils aus süßen Kastanienbäumen, Eichen und Zypressen, in den Tälern findet man Feigen, Oliven und Wein. Fünf Posten von Bologna und drei von hier übernachteten wir und hätten gern, wenn es nicht schon zu spät geworden wäre, eine dort eine halbe Stunde von der Post befindliche Merkwürdigkeit besucht, nämlich einen feuerspeienden Berg im kleinen. Auf einem Platze, etwa 30 Schritt im Umkreise, schlagen Flammen aus der Erde, die einen Schwefelgeruch in der Gegend verbreiten. Dieses unterirdische Feuer existiert schon seit undenklichen Zeiten; eine eigentliche Eruption hat aber bis jetzt noch nicht stattgefunden. Einen höchst reizenden Anblick gewährt das Tal, in welchem Florenz liegt. Man glaubt in das Paradies hinabzusteigen, wenn man alle die herrlichen Landhäuser und Gärten von oben übersieht.

den 2. November [1816]

Auch Florenz entspricht nicht ganz den Erwartungen, die von exaltierten Reisebeschreibern erregt werden. Man nennt Dresden das deutsche Florenz, ehrt es aber dadurch nicht sehr. Die Lage von Dresden sowohl als die Stadt selbst sind ungleich schöner. Der Arno ist ein schmutziger, unansehnlicher Fluß und kann sich mit der majestätischen Elbe gar nicht vergleichen. Die vier Brücken, die darüber führen, sind zwar fest und[273]  gut, aber weder so lang, noch so elegant wie die Dresdener. Auch hat Florenz weder so schöne Gebäude noch so schöne Plätze wie Dresden und übertrifft jenes nur im Reichtum an allen Arten von Kunstwerken. Deren gibt es aber auch so viele hier, daß man kaum Zeit genug finden kann, sie alle zu sehen. Auf dem Platze vor dem alten Palaste stehen mehrere Gruppen kolossaler Statuen in Marmor und Bronze von den berühmtesten ältern Meistern, die diesen übrigens unansehnlichen und unregelmäßigen Platz für den Kunstkenner zu einem der interessantesten der Welt machen. Eine Gruppe in Marmor, den Raub einer Sabinerin vorstellend, hat uns besonders entzückt. Von diesem Platze hat man nicht weit zu der Kathedrale, einem kolossalen Gebäude mit einer Kuppel, die in Hinsicht auf Umfang und Höhe der von der Peterskirche wenig nachgeben soll. Das Äußere derselben ist ein wenig bunt und nicht sehr geschmackvoll; die Wände sind nämlich mit Marmortafeln von verschiedenen Farben belegt, die allerlei Muster bilden. Für das ungeheure Geld, welches diese Verzierung gekostet haben muß, hätte man sie wohl auf eine edlere, ihrer imposanten Form und Größe angemessenere Art dekorieren können. Neben der Kirche steht ein sehr hoher viereckiger Glockenturm, der auf dieselbe Art verziert ist. Noch gehört zur Kirche eine zwar von ihr abgesonderte, aber in demselben Stil erbaute Taufkapelle mit einer ebenfalls ziemlich hohen Kuppel. An dieser befinden sich die berühmten Türen von Bronze, von denen Michelangelo gesagt hat, sie verdienten am Eingange in die Wohnungen der Seligen zu stehen, denn für jedes irdische Gebäude wären sie zu schön. Es sind deren drei, von denen zwei in gleichem Stil gearbeitet und verziert sind. Die einzelne aber ist die bei weitem schönste und hat weit größere Basreliefs als die beiden andern. Man kann in der ganzen Welt nichts Schöneres in Gruppierung, Zeichnung, Perspektive, Zartheit und Reinheit der Ausarbeitung sehen als diese Basreliefs. Wenn man nun noch bedenkt, daß diese ungeheuren Türen aus einem Guß sind, so muß man das Genie des Künstlers bewundern. Die zwei andern, besonders früher besehen wie diese, setzen den Beschauer ebenfalls in Erstaunen und Entzücken. Über den Türen befinden sich Gruppen von Statuen aus Bronze, von denen eine Geiselung Christi, aus drei Figuren bestehend, besonders bewundert wird. Das Innere der Kapelle ist mit schönen Statuen in Marmor und mit Freskengemälden von berühmten Meistern verziert.
In einer andern Kirche sahen wir eine Reihe von Grabmälern, unter denen uns die von Michelangelo, Nardini und Alfieri besonders interessierten.[274]  Auf dem Grabmale des Erstern befindet sich seine von ihm selbst gearbeitete Büste und drei weibliche Figuren (von einem seiner Schüler), die die drei Künste personifizieren, in denen er exzellierte: Baukunst, Malerei und Bildhauerkunst, die seinen Tod betrauern. Auf die Verzierung der übrigen besinne ich mich nicht mehr, sie war aber ebenfalls prächtig und würdevoll. Wie sehr ehrt es die Künstler, die sich solche prächtige Ehrendenkmale verdienten, und wie sehr auch ihre Zeitgenossen, die sie ihnen setzten! Wo findet man denn etwas Ähnliches in Deutschland? Wo haben Mozart und Haydn ihre Ehrensäulen? Man weiß in Wien nicht einmal, wo sie begraben liegen.

den 5. November [1816]


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Am Tage unsrer Ankunft und seither fast jeden Abend besuchten wir das Theater in der Via della Pergola, welches eins der schönsten ist, die wir je sahen. Es ist zwar nicht so groß wie das in Mailand, aber von ebenso schönen Verhältnissen und noch geschmackvoller dekoriert. Zwischen den Logenreihen befinden sich einfarbige Gemälde, die sehr täuschend Basreliefs nachahmen, und die Decke prangt mit einem großen farbigen al fresco Gemälde. Man gibt jetzt eine große Oper von Rossini, »L'Italiana in Algeri«, und ein großes Ballett. Rossini ist jetzt der Lieblingskomponist der Italiener, und mehrere seiner Opern, z.B. »Tancred«, »Il Turco in Italia« sowie die obige, sind fast in allen italienischen Städten mit ausgezeichnetem Beifall gegeben worden. Ich war daher froh, nachdem ich in Mailand und Venedig seine Kompositionen schon so vielfältig hatte loben hören, endlich selbst etwas von ihm zu vernehmen. Diese Oper hat aber nicht ganz meine Erwartungen befriedigt; erstlich fehlt ihr, was aller andern italienischen Musik fehlt, Reinheit des Stiles, Charakteristik der Personen und vernünftige Berechnung der Länge und Kürze der Musik für die Szene. Diese unerläßlichen Eigenschaften, sobald man eine Oper klassisch nennen will, hatte ich übrigens gar nicht erwartet, weil man sie in einer italienischen Oper gar nicht vermißt. Man ist ja schon daran gewöhnt, dieselbe Person bald im tragischen, bald im komischen Stile singen und von einer Bäuerin dieselben pompösen Gesangverzierungen zu hören wie von einer Königin oder Heldin, bei der leidenschaftlichsten Situation eine der spielenden Personen allein viertelstundenlang, während die andern im Hintergrunde spazieren gehen oder, halb in den Kulissen, mit ihren Bekannten reden und scherzen. Wohl habe ich aber Eigenschaften erwartet, die Rossinis Arbeit vor der seiner Kollegen auszeichnen würden, nämlich Neuheit[275]  der Ideen, Reinheit der Harmonie, Beobachtung des Rhythmus und eine vernünftige Benutzung des Orchesters; aber auch hiervon habe ich nicht viel gefunden. Das, was den Italienern in Rossinis Opern neu ist, ist es uns nicht, indem es größtenteils in Deutschland schon längst bekannte Ideen und Modulationen sind, z.B. der Vorhalt im Basse beim Anfang des beliebten Duettes im ersten Akt:





den mir die Musiker in Florenz als etwas ganz Neues, von Rossini Erfundenes vorrühmten. In Mailand, wo ich dasselbe Duett in einem Konzerte hörte, hatte man es wahrscheinlich zu hart gefunden und den fünften und sechsten Takt so geändert:



Oder auch eine Modulation im Finale des ersten Aktes, die etwa wie folgt ist:




[276] 
Reinheit der Harmonie sucht man vergebens bei ihm auch ebenso wie bei allen andern neuern italienischen Komponisten, und Quintenfolgen wie die folgende habe ich mehrere gehört:



In Beobachtung des Rhythmus und in effektvoller Benutzung des Orchesters zeichnet er sich aber aus und übertrifft darin sicher alle andern neuern italienischen Komponisten. Die Instrumentierung ist indessen im Vergleich mit der unserigen, von Mozart zuerst eingeführten, noch immer sehr mangelhaft, und sie kleben da immer noch zu sehr am Alten. Die Bratschen und Fagotts gehen fast durch die ganze Oper col basso und die Klarinetten und Oboen im Unisono. Da in den meisten italienischen Orchestern bei sechs bis acht Kontrabässen nur ein einziges, gewöhnlich nicht einmal vorzügliches Violoncell ist, so kennt man die seit Mozart übliche Benutzung der Violoncelle zu Mittelstimmen, die, gut angebracht, eine so herrliche Wirkung macht, hier noch gar nicht; auch weiß man aus den Blasinstrumenten bei weitem den Effekt nicht zu ziehen wie in Deutschland.
Am meisten hat es mich aber gewundert, in dieser Oper zuweilen sehr holprichten Gesang zu hören, da ein fließender und für die Stimme dankbarer und gut berechneter Gesang die einzige lobenswerte Eigenschaft der neuern italienischen Opernmusik ist und für alle übrigen Schwächen und Fehler einigermaßen entschädigen muß. Die beiden folgenden Stellen sind mir am meisten aufgefallen, die erste in einer Arie der Prima Donna, die zweite im ersten Finale, wo sie mehrmals wiederkehrt.




[277] 
Beide Stellen sind neben dem, daß sie unsangbar sind, aber auch noch gewaltig fade, und die zweite besonders ist bei der ziemlich langsamen Bewegung, und da sie öfters wiederkehrt, völlig unerträglich.
Unter den Sängern dieser Oper zeichnet sich nur die Prima Donna, Madame Giorgi aus. Sie hat eine volle, kräftige Stimme von seltenem Umfange (von  bis ). Ihre Partie ist für einen Contrealt geschrieben, und sie kann daher ihre Höhe nur in Verzierungen zu hören geben; ob sie gleich Kraft genug in der Tiefe besitzt, so würde ihr eine tiefe Sopranpartie doch noch mehr zusagen. Sie hat ebenfalls, wie fast alle Sänger, die wir bis jetzt in Italien gehört haben, die Untugend, zuviel zu kolorieren, und weiß aus ihrer herrlichen Stimme nicht den gehörigen Vorteil zu ziehen. Da sie überdies, wie man es recht deutlich hört, nichts aus sich selbst nimmt, sondern ihr alles einstudiert werden muß, so bekommt man ihre Verzierungen, die sich Note für Note jeden Abend wiederholen, bald so überdrüssig, daß man sie ohne Widerwillen nicht mehr hören kann. Sie war ehemals bloß Dilettantin und singt jetzt erst auf dem dritten Theater; dafür aber ist sie schon eine recht gewandte Schauspielerin.[278] 
Das Ballett, welches jeden Abend zwischen den beiden Akten der Oper gegeben wird, ist das prächtigste von allen, welche ich bis jetzt sah. Es heißt, glaube ich, »Die Zerstörung des okzidentalischen Reiches« und zeichnet sich dadurch vorzüglich aus, daß immer große Massen von Menschen in Tätigkeit sind und die kühnsten und überraschendsten Gruppen bilden. Es ist mit einer außerordentlichen Genauigkeit einstudiert und wird auch jeden Abend mit derselben Präzision gegeben. 5 Solotänzerinnen und 3 Solotänzer zeichnen sich besonders aus; ihre Namen weiß ich aber nicht, da nie Affiches ausgegeben werden. Zuletzt kommt ein Kavalleriegefecht vor, was indessen immer ein wenig steif und linkisch aussieht. Garderobe und Dekorationen sind gleich prächtig und geschmackvoll.

den 8. November [1816]

Gestern Abend fand unser Konzert im Theater della Pergola statt. Der Großherzog, dem ich einen Brief von seinem Bruder Rudolf gebracht habe, und der mich einige Male mit vieler Gnade bei sich empfangen hat, beehrte es in Gesellschaft seiner ganzen Familie mit seiner Gegenwart. Das zwar nur kleine, aber auserwählte Publikum war sehr animiert und ließ sich durch die Gegenwart des Großherzogs, der wie gewöhnlich mit einem Applaudissement empfangen wurde, nicht abhalten, auch mir seinen Beifall laut zu erkennen zu geben. Die Musik machte sich in dem großen sonoren Theater sehr gut; das Akkompagnement war aber nicht das beste. – Heute sind eine Menge Aufforderungen an mich gelangt, in nächster Woche ein zweites Konzert zu geben, von dem man mir einen bessern Erfolg verspricht. Ich will den Versuch wagen, obgleich der Großherzog, der morgen seinem Bruder Rainer bis Pisa entgegenreist, nicht hier sein wird. Das gestrige Konzert hat mir, das Ge schenk vom Großherzog abgerechnet, nicht mehr als die Abendunkosten eingetragen, da diese wie immer bedeutend waren, der Eintrittspreis nur drei Paul betrug und ich auch wieder nicht über eine einzige Loge disponieren konnte. Ein sehr vorteilhafter Bericht über mein Konzert ist heute nachmittag in der Zeitung erschienen.

den 12. November [1816]

Da wir jetzt mehrere Male die Galerie besucht und alles darin Enthaltene mit Aufmerksamkeit betrachtet haben, so will ich auch einige Worte nicht über die darin befindlichen einzig herrlichen Kunstwerke,[279]  denn sie sind schon oft und vortrefflich geschildert worden, sondern über den Eindruck niederschreiben, den dieselben auf mich gemacht haben. Zuerst muß ich die in Italien gar nicht gewöhnliche Humanität loben, mit der die Galerie dem Publikum geöffnet ist. Man findet am Eingange in vier bis fünf Sprachen angeschlagen, daß es den Aufsehern der Galerie bei Verlust ihres Amtes verboten ist, das geringste Geschenk anzunehmen. Ob sie dieses nun gleichwohl nicht allzu streng befolgen, so ist man doch vor aller zudringlichen Bettelei, von der man in Italien überall verfolgt wird, an diesem durch die Kunst geheiligten Orte völlig sicher und kann sich dem Genusse ruhig hingeben.
Ich habe mir zu meiner Nacherinnerung das Lokal aufgezeichnet und die Plätze bemerkt, wo die Kunstwerke stehen, die den größesten Eindruck auf mich gemacht haben. Da ich mich nie weder eines Führers noch eines Buches bediene, um die Merkwürdigkeiten einer Stadt aufzufinden (ich mag mir nicht vorschreiben lassen, was ich bewundern soll, und mich nicht des Vergnügens berauben, die durch den Ruf mir bekannten Kunstwerke in einer Galerie selbst aufzufinden), so ist es leicht möglich, daß ich mich in mancherlei geirrt habe. Am ersten Tage, wie ich die Galerie besuchte, besah ich lange und aufmerksam die Kunstwerke, die in der Galerie selbst befindlich sind, ehe die Zimmer, in welchen sich das Auserwählte befindet, geöffnet wurden. Ich bin noch jetzt darüber froh, da ich später, nachdem ich das Vollendetste der Kunst gesehen hatte, mich nie mehr bei den in der Galerie aufgestellten Kunstwerken verweilen mochte. Eine Ausnahme hiervon macht die Gruppe des Laokoon, die ich immer mit erneuetem Genuß gesehen habe. – Als nun das Heiligtum der Kunst geöffnet wurde, erblickten wir zuerst die berühmte Mediceische Venus, deren vollendete, über alles reizende Formen durch einen hinter ihr hängenden großen rotsammetnen Vorhang noch mehr gehoben werden. Mit ihr in derselben Rotunde befindet sich das Höchste, was bis jetzt durch Meißel und Pinsel hervorgebracht ist, der Apoll von Belvedere und der Johannes von Raffael. Es gewährt einen ganz eigenen Genuß, in diesen drei Kunstwerken das höchste Ideal menschlicher Schönheit bewundern zu können. Nach wiederholtem Betrachten und langem Schwanken hat bei mir aber doch der Johannes den Preis davongetragen. Etwas Reizenderes und zugleich Edleres wie die ganze Gestalt dieses Jünglings kann sich die lebhafteste Einbildungskraft nicht denken. Ein wenig hat zu dem Siege auch wohl[280]  der Umstand beigetragen, daß der Apoll sowohl wie die Venus in dreiviertel Lebensgröße sind, eine Proportion, die mir nicht ganz glücklich gewählt zu sein scheint, da den Figuren, so nahe an der wahren Größe, immer etwas zu fehlen scheint, was, wenn sie kleiner wären, nicht der Fall sein würde. Der Apoll hat doch eine wohl ein wenig zu weibische Schönheit, was nicht von mir allein, sondern auch von meiner Frau und mehreren andern Anwesenden bemerkt wurde. In diesem Zimmer befinden sich noch eine Menge anderer Meisterwerke, unter denen mir ein Kopf von Raffael, die Venus von Tizian und eine Fechtergruppe in Marmor den meisten Genuß gewährt haben. Von den in den Seitenzimmern nach den Schulen geordneten Gemälden hat mir ein weiblicher Kopf von Carlo Dolce am meisten gefallen; doch kehrt man nach kurzem Verweilen immer wieder zu den drei Perlen der ganzen Sammlung zurück.
Auf der andern Seite des Gebäudes befindet sich in zwei Zimmern die Sammlung der Bronzen, unter denen der berühmte auffliegende Merkur die meiste Bewunderung erregt. In einem andern Saale ist eine Sammlung von Nioben, unter denen auch herrliche Kunstwerke sind. Außerdem sahen wir noch unzählige Portraits von berühmten Meistern, größtenteils von ihnen selbst gemalt.

den 13. November [1816]


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Hinter der Residenz des Großherzogs befindet sich ein großer Garten, den man, ich weiß nicht warum, Boboli nennt. Er ist am Sonntage und Donnerstage für jedermann offen und wird an diesen Tagen häufig besucht. Wir waren zweimal dort und bewunderten die Größe des Gartens, seinen Reichtum an Statuen, Springbrunnen und anderen künstlichen Anlagen, hauptsächlich aber die für einen Deutschen in dieser Jahreszeit merkwürdigen Baumgruppen und Laubengänge von immer grünen Eichen und Lorbeer. Der Garten ist im gemischten Stil angelegt; er hat wildromantische Partien im englischen – und schnurgerade Alleen und Bassins in alt-französischem Geschmack. Am andern Sonntag, wo wir ihn zum zweiten Male besuchten, hörten wir nachher in der Hofkapelle die Messe. Der Großherzog, der eine Sammlung von drei-bis vierhundert Messen von den berühmtesten Meistern aller Zeiten besitzt, hatte diesmal eine von Michael Haydn zur Aufführung gegeben; sie wurde ziemlich genau exekutiert, doch war man genötigt, ein sehr einfaches Solo für Tenorposaune auf der Bratsche zu spielen. Die Musiker fragten mich nachher, ob wir in Deutschland Posaunisten hätten, die solche Soli vortragen könnten![281] 
Auf dem Rückwege machte uns unser Lohnbedienter auf den in bedeutender Höhe geführten bedeckten Gang aufmerksam, der von der Residenz durch mehrere Straßen bis an das Wasser, dann über eine der Arnobrücken quer über den Fluß und noch durch einige Straßen bis zum Regierungsgebäude führt, in welchem sich auch die Galerie befindet. Der Großherzog bedient sich dieses wenigstens eine Viertelstunde langen Ganges, um trockenen Fußes die Geheimeratsversammlungen zu besuchen.

den 15. November [1816]

Unser gestriges Konzert war nicht besuchter als das erste und hat uns folglich nichts eingetragen. Ich habe mich nun überzeugt, daß für einen Instrumentalisten auch unter den günstigsten Umständen, wenigstens in Florenz, nichts zu gewinnen ist, 1) weil die Italiener die Instrumentalmusik zu wenig achten und lieben, und 2) der Eintrittspreis im Verhältnis mit den bedeutenden Unkosten viel zu gering ist. Als etwas Merkwürdiges muß ich mir notieren, daß ein Teil des Orchesters, namentlich alle Geiger, keine Bezahlung genommen haben, was von Leuten, die von ihrem täglichen Gewinne leben müssen, und besonders von Italienern, die sich alles, wo möglich, dreidoppelt bezahlen lassen, allerdings zu verwundern ist. Übrigens wurde mein Spiel gestern mit noch größerm Beifalle aufgenommen wie das erstemal. Madame Giorgi sang die beliebte, in ganz Italien nachgesungene Kavatine aus »Tancred« von Rossini mit folgendem Thema sehr vorzüglich:



Zu tadeln war wieder, daß sie das Thema bei seiner Wiederkehr so verzierte, daß vom ursprünglichen Gesange nichts zu erkennen war. Herr Sbigoli, erster Tenorist am Theater della Pergola, der auch schon im ersten Konzerte mitgewirkt hatte, sang wieder zwei Arien mit guter Schule und vieler Anstrengung, aber wenig Stimme. Er ließ sich ebenfalls wie die Sänger in Venedig und Mailand, die in meinen Konzerten gesungen haben, bezahlen, begnügte sich aber mit der sehr mäßigen Summe von einem Carolin für jedes Konzert.[282] 
Wir machten heute nachmittag noch zu guter Letzt eine Wanderung an die Porta Romana, um dort das durch seine Entstehung merkwürdige Freskogemälde zu sehen, welches sich an einem kleinen, unansehnlichen Hause befindet. Man erzählt davon folgendes: Die Medicis hatten die berühmtesten Maler der damaligen Zeit aus Rom verschrieben, um eine Kapelle, glaube ich, al fresco malen zu lassen. Die Florentiner Maler erfuhren dies erst den Tag vor der Ankunft der Fremden, und eifersüchtig über den Vorzug, den jene erhielten, beschlossen sie, ihnen wenigstens zu zeigen, daß sie ebenso tüchtig zu der Arbeit gewesen wären, wozu jene berufen waren. Sie vereinigten sich daher und malten in einer einzigen Nacht beim Scheine der Lichter dieses große Freskogemälde, wovon jetzt zwar nur noch wenige Spuren da sind, die aber doch hinlänglich die Vortrefflichkeit der Arbeit bezeugen können. Da das Haus, in welchem sich dieses Gemälde befindet, so gelegen ist, daß es durchaus den ersten Blick des zum Tore Hereinkommenden auf sich ziehen muß, so bemerkten die fremden Maler auch sogleich das vor wenigen Stunden erst fertig gewordene Kunstwerk, und da damals die Bescheidenheit unter den Künstlern noch nicht so selten war wie heutigentages, so kehrten sie auf der Stelle wieder um und ließen den Medicis sagen: sie begriffen nicht, warum man sie verschrieben habe, da es in Florenz Künstler gebe, die in einer einzigen Nacht ein so vorzügliches Kunstwerk zustande bringen könnten, wie sie gesehen hätten. Man übertrug nun natürlicherweise die Arbeit den Florentinern.

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Wir haben unsre Abreise auf morgen festgesetzt. Einiges Merkwürdige, wie z.B. das Grab der Medicis, welches wir noch nicht sehen konnten, müssen wir bis zu unsrer Zurückkunft verschieben.



 Rom
[283] 1816–1817

Rom, den 22. November [1816]











Gestern Abend sind wir endlich nach einer langen und unangenehmen Reise in der ehemaligen Hauptstadt der Welt angekommen. Unangenehm war die Reise 1) durch die Langsamkeit unseres Vetturinos, der außer uns, die wir das Innere seines Wagens für zwölf Louisdor inklusive Nachtlager und Abendessen gemietet hatten, noch in dem sogenannten Kabriolett drei andre Reisende aufgeladen hatte, folglich nur Schritt fahren konnte; 2) durch die rauhe Witterung und die für Italien bedeutende Kälte, gegen die man in den Nachtquartieren so wenig Schutz findet, weil Fenster und Türen immer handbreit offen stehen, die Fußböden von Stein und die gewöhnlich sehr hohen Zimmer durch ein Kaminfeuer nicht zu erwärmen sind; 3) durch die Ärmlichkeit und Unsauberkeit dieser Nachtquartiere selbst, und 4) durch die uninteressanten und öden Gegenden, durch welche die Straße führt. Man hat die Wahl zwischen zwei Wegen. Der eine längere, aber interessantere über Perugia hat sieben, der kürzere über Siena hat sechs Tagereisen. Wir haben den letzteren gemacht. Bis Siena ist er nicht ohne Interesse, auch ist es eine reinliche und hübsche Stadt, die überdies den Ruf hat, daß man dort das reinste Italienisch spricht. Von da führt der Weg aber durch lauter traurige Gegenden, die immer öder werden, je mehr man sich der Hauptstadt nähert. Oft sieht man sechs bis acht Meilen lang kein einziges Haus oder höchstens ein verlassenes oder verfallenes. Selbst in den Städten Montefiascone und Viterbo sieht man in den Hauptstraßen unter 8–10 Häusern gewiß eins, was in Ruinen liegt und von niemand wieder aufgebaut wird. Die schönsten Äcker des[284]  besten Landes liegen unangebaut da und sind mit wildem Kraut und Gesträuch bedeckt; man sieht mit einem Wort allenthalben den Verfall eines ehemals blühenden und reichen Landes. Selbst ganz nahe an der Stadt, wo man schon überall die unzähligen Kuppeln und die von St. Peter stolz hervorragen sieht, ist die Gegend noch öde und unangebaut. Man sieht weder Häuser noch Bäume, nur dann und wann die traurigen Denkmäler römischer Justiz, das sind: lange Pfähle mit daran hängenden Armen und Beinen von Räubern und Mördern. Wie in einem Lande, wo der Boden ungedüngt zwei Ernten gibt, die eine von Korn, die andre von türkischem Weizen, die Menschen durch Hungersnot zu Räubereien gezwungen werden, ist unbegreiflich; und doch ist dem so. So lange Überfluß an Getreide ist, sind alle Straßen sicher, sobald der Hunger wütet, hilft die strengste Justiz nichts. Die Räubereien fangen leider schon wieder an, und erst vor wenigen Tagen ist ein junger Mann am hellen Tag einige Meilen von der Stadt mit 42 Messerstichen getötet und seines Geldes beraubt worden. Unter französischer Regierung war es bei Galeerenstrafe verboten, ein Messer bei sich zu tragen; zog jemand bei einem Streite wider seinen Gegner ein Messer, so wurde er als Mörder betrachtet und ohne Gnade aufgehängt. Durch solche strenge Maßregeln wurde die öffentliche Sicherheit bald hergestellt, und lange Zeit hörte man nichts von Mordtaten. Jetzt, wo zwar jene Verbote noch fortdauern, über ihre Befolgung aber nicht streng gewacht wird, fängt die Unsicherheit schon wieder an; selbst in den einsamen Straßen der Stadt darf man es nicht wagen, bei Nacht allein zu gehen.
Ehe wir in ein Wirtshaus fahren durften, mußten wir auf die Douane, wo unsere Koffer und übrigen Gepäcke auf das genaueste visitiert wurden. Für meine Violine, obgleich sie alt und zu meinem eigenen Gebrauche ist, mußte ich eine Abgabe von sieben Paoli zahlen.

Rom, den 5. Dezember 1816




[285] 
Dies ist die erste Musik, die wir in Rom gehört haben und seitdem so oft wieder hörten, daß ich sie leicht habe aufschreiben können. In der Zeit des Advents, wo alle öffentlichen Musiken verboten sind, die Theater geschlossen werden und eine wahre Totenstille herrscht, kommen ganze Züge von Dudelsackvirtuosen aus dem Neapolitanischen, spielen erst vor allen Heiligenbildern und sammeln sich dann in den Häusern und auf den Straßen einen Zehrpfennig. Gewöhnlich sind sie zu zweien, wovon der eine den Dudelsack und der andere die Schalmei spielt. Die Musik ist bis auf einige unbedeutende Abweichungen von allen dieselbe, und es soll ihr eine uralte heilige Melodie zu Grunde liegen. So wie sie jetzt von den Leuten ausgeführt wird, klingt sie ziemlich profan. In einer gewissen Entfernung angehört, macht sie sich indessen doch nicht übel; die Partie des Dudelsackes gibt ungefähr den Effekt, als wenn drei Klarinetten geblasen werden, die der Schalmei klingt wie eine etwas derbe Oboe. Auffallend ist die reine Stimmung sowohl des Dudelsackes an sich, wie auch zu der Schalmei. Wo man jetzt auch geht, in welcher Gegend der Stadt es auch sei, hört man die obige Musik.[286] 
Am vorigen Sonntag führte mich der Prinz Friedrich von Gotha in die berühmte Sixtinische Kapelle, wo ich zum ersten Male den Papst, umgeben von allen Kardinälen, im höchsten kirchlichen Prunke sah und seinen berühmten Sängerchor hörte. Bin ich anders organisiert wie andere Reisende, oder sind durch Reisebeschreibungen meine Erwartungen immer zu hoch gespannt, mich hat weder die Musik, noch das Lokal, noch die kirchliche Zeremonie erfreut und ergriffen. Der Sängerchor bestand etwa aus dreißig Personen, die sich ziemlich derb und ungeschlacht zu vernehmen gaben. Die Soprane, größtenteils schon ziemlich alte Männer, sangen recht oft falsch, überhaupt war die Intonation nichts weniger als rein. Den Anfang machten uralte zweistimmige Melodien, die von den Sängern mehr deklamatorisch herausgestoßen als gesungen wurden. Hierauf folgten dann vierstimmige, im gebundenen Stile geschriebene und mit kanonischen Eintritten versehene Sachen, deren Komposition mir sehr würdevoll, im echten alten Kirchenstile und für das Lokal wohlberechnet schien. Die Ausführung war zwar richtig, aber, wie gesagt, zu derb und nicht besser, als man sie von unsern meisten deutschen Singchören auf den Straßen ebenfalls hören könnte. Es wechselten drei- und vierstimmige Soli mit den Chören ab; einigemal hörte man auch das durch nach und nach eintretende Stimmen bewirkte Crescendo und das auf die entgegengesetzte Art hervorgebrachte Diminuendo, welches bei dem berühmten Miserere am Karfreitag eine so hinreißende Wirkung hervorbringen soll. Auch heute war es nicht ohne Wirkung; man kann dies aber ebenfalls von jedem gut eingesungenen Chor mit gleichem Erfolge hören. Das Lokal ist allerdings für einfachen, langsamen Kirchengesang äußerst vorteilhaft, indem es dort sehr schallt und die Stimmen in einander fließen; ich kenne aber in Deutschland mehrere Kirchen, z.B. die Schloßkapelle in Würzburg und die katholische Kirche in Dresden, wo die Musik noch besser klingt. Auch habe ich mich von neuem überzeugt, daß Vokal- und Instrumentalmusik vereint auch in der Kirche weit effektvoller ist als reine Vokalmusik, die immer etwas monoton bleibt und wegen ihrer beschränkten Grenzen bald ermüdend wird. In der päpstlichen Kapelle ist aber nie Instrumentalmusik, als der kirchlichen Etikette zuwider. Was endlich die Zeremonien betrifft, die, den Berichten der Reisebeschreibungen nach, am Karfreitage so herzerhebend und den Effekt der Musik unendlich verstärkend sein sollen, so war dies am Sonntag durchaus nicht der Fall; im Gegenteil fiel manches vor, was einem unbefangenen Zuschauer lächerlich vorkommen mußte, z.B. das wie auf ein Kommandowort oft wiederholte Abnehmen[287]  der kleinen roten Käppchen der Kardinäle, die täppische Ungeschicklichkeit von mehreren ihrer Diener beim Nachtragen der langen violetten Schleppen und beim Zureichen und Wiederabnehmen der Käppchen u.m. dgl. Auch hat es mich jedesmal empört, wenn ich sah, daß die Messe lesenden Geistlichen und der Prediger, ehe er die Kanzel bestieg, sich vor dem Papste niederwarfen und ihm den roten Pantoffel küßten, wo jedesmal vorher zwei Diener, auf ein Knie niedergelassen, ihm den großen Mantel auseinanderbreiteten und den Priesterrock aufhoben, so daß er den Fuß zum Kusse aufheben konnte. Auch reichte keiner seiner Diener irgend etwas, z.B. das Schnupftuch, ohne vorher niederzuknien. Heißt das nicht die Menschheit entwürdigen!
Das berühmte Jüngste Gericht von Michelangelo und alle übrigen Freskogemälde, womit die Kapelle ausgeschmückt ist, haben schon sehr von der Zeit gelitten und sind vom Rauche geschwärzt worden. Doch sieht man von ersterem, welches die ganze Wand hinter dem Altar einnimmt, noch immer genug, um die ungeheuere Komposition und den Meisterpinsel des Künstlers in der Ausführung bewundern zu können.
Nach der Messe wurde vom Papste im Gefolge aller Kardinäle das Sakrament in die Paulinenkapelle gebracht, welche, von unzähligen Lichtern erleuchtet, auf den ersten Blick einen imposanten Eindruck machte. Da wir früher dort waren, so hörten wir den Gesang des Sängerchores, der dem Zuge voranging, nach und nach immer näher kommen, was ein schönes Crescendo bildete. Ein stilles Gebet, wobei alles auf den Knien lag, beschloß hier die Zeremonie.
Es existieren in Rom zwei Privatmusiken. Die eine, eine Art von Singakademie, findet jeden Donnerstag im Hause ihres Stifters, des Gesang- und Klavierlehrers Sirletti statt. Es versammeln sich bei ihm etwa dreißig bis fünfunddreißig Sänger, größtenteils Dilettanten, unter denen einige sehr schöne Stimmen sind, wie z.B. die von Madame Vera (geb. Häser) und von Signore Moncade, Tenorist. Wir waren bis jetzt zwei mal dort. Am ersten Tage gab man, uns Deutschen zu Ehren, Mozarts Requiem, und zwar recht kräftig und rein; besonders gut wurden alle Soli und das Quartett gesungen. Madame Vera mit ihrer herrlichen sonoren Stimme, mit ihrer festen Intonation und ihrem schönen Tragen der Stimme sang ihre Partie ganz unverbesserlich. Besonders rein und gut wurde auch die große sehr schwierige Fuge gesungen. Das einzige Störende bei dieser Aufführung, die mir außer dem großen Genuß gewährt haben würde, war Herrn Sirlettis Klavierakkompagnement aus[288]  der Partitur. Ich hätte es wohl nicht besser erwarten sollen; denn wo wollte ein italienischer Gesang- und Klaviermeister die Harmoniekenntnis hernehmen, um eine Mozartsche Partitur übersehen und richtig spielen zu können? Da man mir aber im voraus seine tiefen (!) Kenntnisse der Harmonie gerühmt hatte, so erwartete ich es doch etwas besser. Er griff mitunter so barbarische Harmonien, daß Mozart, wenn er sie gehört hätte, sich noch im Grabe umgewendet haben würde. – Nach dem Requiem sang man ein mir unbekanntes Stück von Händel und zum Schlusse das Halleluja; letzteres besonders kräftig und rein.
Am vorigen Donnerstag wurden zwei- und dreistimmige Psalmen von Marcello gesungen. Diese Psalmen, die die Italiener als klassische Meisterwerke betrachten, von denen vor einigen Jahren eine Prachtausgabe mit langen Kommentaren über die Schönheiten jedes einzelnen Psalms herausgekommen ist, haben mir zwar recht wohl gefallen, so etwas Ausgezeichnetes habe ich aber nicht daran gefunden; ich bin im Gegenteil überzeugt, ob ich gleich die deutschen Werke dieser Gattung nicht sehr kenne, daß wir Kompositionen der Art von Bach und andern besitzen, die diesen bei weitem vorzuziehen sind. Sie scheinen mir besonders in der Form vernachlässigt, entfernen sich oft lange von der Haupttonart und schließen sogleich nach der Wiederkehr in die Tonika sehr unbefriedigend. Die dreistimmigen fangen gewöhnlich mit Sopran und Tenor an, und bei der Wiederholung tritt dann erst der Baß ein; diese dritte Stimme war aber nie wesentlich und klang immer wie ein Orchester-Grundbaß; doch waren einige darunter, wo die Stimmen kanonisch geführt waren, und diese zeichneten sich auch sehr aus. Im ganzen war aber die Stimmführung und Modulation sehr monoton, und dieselben Eintritte und Vorhalte kehrten in allen wieder. Auch bei diesen Psalmen war das Akkompagnement von Herrn Sirletti wieder sehr störend, und besonders unangenehm fiel mir eine unreine Vollgriffigkeit auf, die bei diesen einfachen dreistimmigen Sachen doppelt am unrechten Platze war. Dabei hat er wie alle Italiener, die ich bisher akkompagnieren hörte, die verdammte Mode, die Baßnoten in der rechten Hand zu verdoppeln, was bei einigen Akkorden, z.B. 6/5 Akkord, völlig unerträglich klingt. Daß auf diese Art bei dem Auflösen überdies Oktaven entstehen müssen, scheint die Herren nicht sehr zu kümmern und ihre Ohren nicht zu beleidigen. Unangenehm fiel es mir auch auf, daß einige anwesende Deutsche sich so entzückt stellten; wozu sollen diese Grimassen? Die Italiener könnten wahrhaftig glauben, wir hätten in Deutschland so etwas Gutes noch nicht gehört! Wann werden doch[289]  die Deutschen einmal aufhören, die blinden Bewunderer und Affen der Fremden zu sein?
Die zweite Privatmusik findet jeden Montag bei Signor Ruffini, Besitzer der großen Darmsaitenfabrik, statt. Es werden da Opern vor einem Auditorium von 200–250 Personen ebenfalls von Dilettanten als Konzert aufgeführt. Die Sänger stehen auf einer kleinen Erhöhung, das aus vier Violinen, Viola, Violoncell, Kontrabaß, zwei Klarinetten, zwei Hörnern und einem Fagott bestehende Orchester ist rund herum auf ebenen Boden plaziert. Am vergangenen Montag, wo der Prinz Friedrich uns dort einführte, wurde eine alte Opera buffa von Paisiello gegeben. Die Wahl war für eine Konzertmusik eben nicht die beste. Eine komische Opernmusik kann nur in der Szene, mit der dazugehörigen Handlung verbunden, den beabsichtigten Effekt machen; diese schien aber auch noch außerdem ziemlich gehaltlos und fade. Die Ausführung war von Seiten der Sänger und des Orchesters gleich schlecht, nur Herr Moncade mit seiner schönen Tenorstimme zeichnete sich aus. Zwischen beiden Akten blies ein Dilettant das erste Allegro eines Klarinettkonzertes mit vieler Fertigkeit und ziemlich gutem Ton, aber höchst geschmacklosem Vortrage. Er bestätigte von neuem die schon früher von mir gemachte Bemerkung, daß die italienischen Virtuosen und Dilettanten ihr ganzes Bestreben dahin gerichtet sein lassen, sich mechanische Fertigkeit zu erwerben, daß sie sich aber in Hinsicht eines geschmackvollen Vortrages sehr wenig nach den guten Mustern bilden, die ihnen ihre bessern Sänger sein könnten, während unsre deutschen Instrumentalisten gewöhnlich einen sehr gebildeten und gefühlvollen Vortrag besitzen, den sie ohne jene Vorbilder aus sich selbst schöpfen müssen.

den 7. Dezember [1816]


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Da sich uns in Rom ebensowenig wie in den andern italienischen Städten große Musikkunstgenüsse darbieten (sogar hier im Augenblick noch weniger, weil alle Theater geschlossen sind), so müssen wir uns auch, gleich allen andern Reisenden, an die Erzeugnisse der Baukunst, Malerei und Bildnerei aus der frühern blühenden Zeit italienischer Kunst halten. Von diesen gibt es nun freilich hier einen Reichtum wie in keiner andern Stadt der Welt. Wohin man geht, in den Straßen, auf den Plätzen, in den Palästen, Kirchen und Gärten, allenthalben sieht man Säulen, Obelisken, Statuen, Basreliefs und Gemälde. Zuerst durchwanderten wir die Straßen, um die Überbleibsel altrömischer Baukunst kennen zu lernen. Das ehrwürdige Pantheon, das Forum Romanum mit seinen Triumphbögen[290]  und Säulen und besonders das Kolosseum haben uns mit Erstaunen, Bewunderung und Ehrfurcht erfüllt. Dann bestiegen wir das Kapitol, sahen den Tarpejischen Felsen und tausend andere durch die römische Geschichte interessant gewordene Plätze und Gegenstände.
Am folgenden Tage kamen wir zu des unsterblichen Michelangelo Meisterwerke, der Peterskirche. Mehrere Reisende, deren Erwartungen von diesem Riesengebäude bei eigener Ansicht nicht befriedigt worden waren, hatten die meinige sehr herabgestimmt, und daher kam es vielleicht, daß es auf mich einen gewaltigen Eindruck machte. Schon der Vorplatz mit den im Halbzirkel geführten Säulengängen, dem Obelisken und den zwei kolossalen Springbrunnen imponiert gewaltig. Betritt man dann aber das Innere der Kirche, so wird man von Erstaunen und Bewunderung über die Pracht der Ausschmückung hingerissen. Ohne überladen zu sein, enthält sie einen Reichtum von Mosaikgemälden, Statuen und Basreliefs, daß man wochenlang zu tun hat, um alle einzelnen Kunstwerke zu sehen. Da alle diese Sachen im schönsten Verhältnisse zueinander stehen und kolossal wie der ganze Bau sind, so täuscht man sich im ersten Augenblicke gewaltig über die Größe der Kirche. Betrachtet man dann aber die einzelnen Gegenstände genauer und findet z.B., daß die Engelchen, die das Weihwasserbecken halten, in der Nähe gesehen größer sind als der längste preußische Grenadier, so findet man die Angaben der Baukünstler, die sie ausgemessen haben, glaublich, nach welchen z.B. der Straßburger Münster recht bequem in der Kuppel stehen könnte, ohne mit der Spitze des Turmes höher als in die Laterne zu reichen. Indessen muß man doch das Innere der Kuppel selbst ersteigen, um sich von der Richtigkeit der andern Angaben zu überzeugen, daß z.B. die Feder des hl. Petrus acht Fuß lang sei, daß vier Menschen bequem nebeneinander auf dem Gesimse herumgehen können u. dgl. m.
Aus der Kirche gingen wir ins Vatikanische Museum. Der Reichtum der darin befindlichen Kunstschätze und Altertümer und die Größe und Pracht des Lokales übersteigen alle, auch die gespanntesten Erwartungen. Zuerst betritt man eine lange Galerie, in welcher auf beiden Seiten in die Mauer altrömische Inschriften und Leichensteine eingesetzt sind, welche wenig Interesse für uns hatten. Dann kamen wir in eine zweite Galerie, in welcher sich eine unzählige Menge von Statuen, Köpfen und Bruchstücken befinden. Nun betraten wir das berühmte Belvedere, wo rings um einen runden offenen Hof, in dessen Mitte sich ein Springbrunnen befindet, eine Menge von Nischen, Zimmern und Sälen mit[291]  das Kostbarste enthalten, was die alte und neue Kunst hervorgebracht hat. Zuerst sahen wir in einer der Nischen den berühmten Apoll von Belvedere, dessen Gestalt noch immer als das höchste Ideal einer kräftigen, männlichen Schönheit betrachtet wird. Durch einen Irrtum, der mir wohl zu verzeihen ist, da ich, wie schon gesagt, mich nie eines Führers, noch Buches bediene, hatte ich in der Galerie zu Florenz jene etwas zu weibische Figur für den allgemein bewunderten Apoll von Belvedere genommen. Jene Statue, die auch von ausgezeichneter Kunstschönheit ist, wird, wie ich nun belehrt worden bin, der Apollino genannt. In einer zweiten Nische sahen wir die berühmte Gruppe von Laokoon und seinen Söhnen, von der wir in Florenz schon die wohlgeratene, in etwas größerm Maßstabe verfertigte Kopie bewundert hatten, dann sahen wir in einer dritten drei Meisterwerke von Canova: einen Perseus und zwei römische Fechter. Der Perseus ist eine wunderschöne Figur, aber augenscheinlich dem Apoll nachgebildet; denn der Kopf sowie die Haltung des Körpers und des Mantels gleichen jenem auffallend. Der eine der Kämpfer soll mehr einem englischen Boxer als einem römischen Fechter ähnlich sehen; so urteilen wenigstens die Schüler und Anhänger Thorwaldsens, welche überhaupt Canova die allerdings tadelnswerte Eitelkeit nicht verzeihen können, daß er seine Werke als die einzigen modernen in ein Museum von Antiken aufgestellt hat. Urteilt man aber ohne persönliche Rücksichten, so muß man eingestehen, daß er besonders im Perseus ein herrliches Kunstwerk geschaffen hat, und daß es hunderte von Antiken im Museum gibt, die diesem an Kunstschönheit nicht gleichkommen.
In einem der Zimmer findet man eine Menge Tiere, einzeln und in Gruppen, von Marmor und andern, noch kostbarern und seltenern Steinarten von der vollendetsten Arbeit. Ich wüßte unter all dem Vortrefflichen nichts Einzelnes herauszuheben, ohne dem Übrigen zu nahe zu treten. In andern Zimmern gibt es Vasen von ungeheurer Größe, aus ägyptischem Granit und Porphyr, Schalen, Brunnen und Sarkophage mit Basreliefs, Arabesken und andern Verzierungen sowie Statuen in allen Größen. Ein zweirädriger römischer Wagen, wie sie bei Wettrennen gebräuchlich waren, mit zwei unvergleichlich schönen Pferden, hat uns besonders gefallen. Die Pracht der Säle, Rotunden, Zimmer und Treppen geht über alles, was wir bis jetzt sahen. Der Fußboden besteht fast nur aus antiker Mosaik, und die Decken sind mit den herrlichsten Freskogemälden geziert.[292] 
Aus dem Belvedere führen zwei prächtige Treppen eine Etage höher, wiederum in eine lange Galerie. Dann betritt man die Zimmer, in welchen die nach Raffaelschen Zeichnungen gewirkten Tapeten aufgehängt sind. Auf diesen soll nun freilich nicht bloß das Kolorit schlecht sein, wie gewöhnlich auf Tapeten, sondern auch die Zeichnung verfehlt, so daß sie von den Kunstkennern wenig geschätzt werden. Aus der Komposition und ganzen Anordnung leuchtet indessen doch Raffaels Geist hervor.

Nun kommen die berühmten Stanzen von Raffael, die von Malern und Kunstkennern für das Kostbarste und Schönste nicht bloß in Rom, sondern in der ganzen Welt gehalten werden. Eins dieser Zimmer hat er ganz allein vollendet; in den andern rühren nur einzelne Figuren von ihm selbst her; das übrige haben seine Schüler und Freunde nach seinen Zeichnungen und unter seiner Aufsicht gemalt. Die Gemälde sind weit besser erhalten als z.B. die in der Sixtinischen Kapelle und können bei der Sorgfalt, mit der man sie jetzt bewahrt, noch jahrhundertelang die Bewunderung der Kenner auf sich ziehen. Es ist indessen doch ein betrübender Gedanke, daß beinahe das Vollendetste, was der Raffaelsche Geist und Pinsel geschaffen hat, hier auf der Wand klebt und mit dem Ruin der Mauer zu Grunde gehen muß. Es ist daher zu loben, daß diese Gemälde so häufig kopiert und in Kupfer gestochen werden, damit doch etwas übrig bleibt, wenn das Original einmal ganz vernichtet ist. Doch darf dies nicht auf eine Art geschehen, wie zur Zeit der französischen Regierung von den jungen Pariser Akademikern, die ihr Papier, um die Konturen durchzuzeichnen, mit Wachs auf die Wand geklebt oder gar aufgenagelt haben, wodurch besonders von der einen Wand eine Menge Kalk abgesprungen ist. Jetzt sind eiserne Barrieren gezogen, so daß man sich den Wänden nicht mehr nahen kann. Der Ausgang aus diesen Zimmern führt in die Raffaelschen Logen, unter welchen man freie Säulen- und Bogengänge am Äußern des Gebäudes versteht. Der vom Meister selbst dekorierte ist jetzt mit Glasfenstern verschlossen, um ihn gegen die zerstörenden Einwirkungen der Witterung zu schützen, die übrigen aber sind offen. In der Raffaelschen Loge sind auch nur vier kleine Gemälde von ihm selbst; alles übrige ist nach seinen Zeichnungen von andern gemalt. Am Ende der Galerie steht in einer Nische Raffaels Büste, die aber nicht ganz ähnlich sein soll.[293] 
den 9. Dezember [1816]

Bei einem zweiten Besuche, den wir gestern dem Museum machten, sahen wir auch das Zimmer, in welchem sich die berühmten Ölgemälde von Raffael befinden. Das vorzüglichste davon ist wohl ohne Zweifel die Transfiguration, über die schon so viel geschrieben und gestritten ist. Die Kunstkenner sind nicht einig unter sich, ob sie die Komposition eine gelungene oder verfehlte nennen sollen. Einige behaupten, sie bestehe aus zwei abgesonderten Gruppen, die gar nicht zusammen paßten, andere dagegen sagen, alles sei im schönsten Einverständnis. Wir überließen uns dem Genuß, ohne uns um den Streit der Ästhetiker, der von ein paar Anwesenden erneuert wurde, zu bekümmern. Es ist höchst interessant, hier drei Raffaelsche Gemälde aus verschiedenen Zeiten beieinander zu sehen. Das älteste, aus seiner Jugendzeit, hängt neben einem Gemälde seines Lehrers Perugino und ist auch ganz in dessen Manier mit den harten Umrissen und der ängstlichen, fast symmetrischen Gruppierung gemalt. Das aus der mittleren Zeit (eine Madonna mit dem Kinde und einige andre Figuren, der Dresdener in der Gruppierung sehr ähnlich) zeigt schon den eigenen Geist, der sich von den Formen des Lehrers losgemacht hat. Im dritten, der »Transfiguration«, seinem letzten bedeutenden Werke, bewundern wir den zur Vollendung gereiften Künstler.
Nachher waren wir wieder in der Sixtinischen Kapelle und hörten die Messe, die in Gegenwart des Papstes und der Kardinäle gesungen wurde. Ein Quartett für vier Solostimmen machte einen ausgezeichneten, schönen Effekt durch die Reinheit und Übereinstimmung von Stärke und Schwäche, mit der es gesungen wurde. Die Stimme des Sopranisten zeichnete sich besonders durch einen silberhellen Klang aus. Wahrscheinlich war dieser Sänger, der eine ähnliche Stimme wie Sassaroli in Dresden hat, vor acht Tagen nicht gegenwärtig gewesen. Die Chöre wurden aber wieder eben so derb und roh gesungen wie vergangenes Mal. Einen sonderbaren Effekt machte ein Chor während dem halblauten Gebet der Kardinäle, deren Gemurmel in der sonoren Kirche wie ein ferner Donner klang und die Härte der Gesangstimmen sehr mäßigte.

den 12. Dezember [1816]

Da wir ein paar Zimmer bewohnen, die gar nicht geheizt werden können, so haben wir in den letzten acht Tagen, wo beständig die Tramontana (Nordwind) wehete, ziemlich viel von der Kälte gelitten,[294]  obgleich es in Rom nur einige Male gereift, bis jetzt aber noch nicht Eis gefroren und eben so wenig geschneiet hat. Heute früh beim Aufstehen fanden wir aber, daß unsre Fenster außerhalb geschwitzt hatten, und beim Öffnen derselben quoll uns eine laue, feuchte Luft entgegen; die Windfahnen belehrten uns, daß der Schirocco (Südwind) wehe. Nun umwölkte es sich aber auch bald, und heute nachmittag regnet es bereits. Die Tramontana hingegen bringt gewöhnlich, solange sie weht, das hellste, beständigste Wetter. Da Rom sehr feucht und schmutzig ist, so sehnt man sich bald nach diesem zurück und erträgt lieber ein wenig Kälte als die ungesunde Feuchtigkeit. Sie soll besonders im Frühjahre, wenn es anfängt warm zu werden, völlig unerträglich sein und gefährliche Fieber erzeugen, besonders jenseits des Tiber in der Gegend des Vatikans, wo schon mancher Fremde, der diese Gegend der Stadt wegen Wohlfeilheit der Quartiere bewohnte, sein Grab gefunden hat. Überhaupt soll Rom in den heißen Monaten sehr ungesund sein wegen der die Luft verpestenden Ausdünstungen der Gestorbenen, die man hier nach alter Sitte in den Gewölben der Kirchen beisetzt. So oft nun ein solches Gewölbe geöffnet wird, was fast jeden Tag einmal geschieht, dringt ein Gestank heraus, dem die Lebenden im Innern ihrer Paläste nicht einmal entfliehen können. Zur Zeit der französischen Herrschaft wurden die Toten außerhalb der Stadt begraben, kaum kehrte aber die päpstliche Regierung zurück, so hörte diese wohltätige Einrichtung wieder auf. Jetzt werden die Gestorbenen oft schon acht bis zehn Stunden nach ihrem Verscheiden (denn länger als vierundzwanzig Stunden darf ein Toter hier nicht unbegraben bleiben) auf eine Bahre gelegt, mit unbedecktem Kopfe, Brust und Füßen am Tage über die Straße in die Kirche getragen, dort vor dem Altare niedergesetzt und für sie, wenn nämlich die Hinterlassenschaft dazu hinreicht, eine Totenmesse gelesen, und dann werden sie ohne Sarg in eine über den Gewölben befindliche Öffnung hineingestürzt. Daß auf diese Art mancher Scheintote mitbegraben werden muß, läßt sich leicht denken. Wirklich hat sich vor einigen Jahren ein solcher Fall ereignet. Ein armer Mann, den man wenige Stunden nach seinem scheinbaren Ableben ins Gewölbe hinabstürzte, erwachte von dem Falle und verlebte unter halb verwesten Leichen zwei schreckliche Tage. Dann wurde glücklicherweise der Haupteingang zum Gewölbe geöffnet, um dieses auszuräumen, und der arme Teufel war gerettet und lebt in diesem Augenblicke noch. Wie viele mögen aber da unten wohl verschmachten, wenn sie nur scheintot waren und ins Leben zurückkommen.[295] 
In keiner Stadt der Welt, glaube ich, gibt es einen grelleren Abstich zwischen der luxuriösesten Pracht und dem hilflosesten Elend als hier. Auf den Marmortreppen der Paläste, unter den Statuen, für die Tausende bezahlt sind, an den Altären der Kirchen, die mit goldenen Zieraten und Geräten überladen sind, über all sieht man halbverhungerte Bettler liegen, die nach Brot winseln und an Kohlstrünken oder Zitronenschalen nagen, die sie aus dem Kehricht aufgesucht haben. Anfangs hielt ich dies für einen Kunstgriff, um die Fremden zum Mitleid zu bewegen; später habe ich mich aber überzeugt, daß viele Arme sich tagelang mit solcher schrecklichen Kost erhalten müssen, wenn sie nicht Hungers sterben wollen. Die Römer, von Jugend auf an diesen Anblick des Elends gewöhnt, geben höchst selten ein Almosen (allenfalls in die Bettelbüchse eines wohlgenährten Mönches, der für sein Kloster einsammelt), und die Fremden werden auch bald hartherzig, wenn sie sehen, daß sie, sobald sie einem Armen etwas geben, sogleich von zwanzig andern bestürmt werden. Zwar gibt es manche darunter, die nur aus Faulheit betteln, aber auch viele, die wirklich ganz untüchtig zum Erwerb sind. Auch in diesem Stücke lobe ich mir mein deutsches Vaterland, wo jeder Arme doch wenigstens Kartoffeln und Brot hat und der Fall, daß ein solcher mitten unter seinen reichen Mitmenschen vor Hunger umgekommen wäre, unerhört ist.

Rom, den 19. Dezember [1816]



Gestern Abend fand unser Konzert statt. Da man mir die Erlaubnis verweigerte, in der Zeit des Advents ein öffentliches Konzert im Theater zu geben, so war ich genötigt, eins in einem Privathause ohne öffentliche Ankündigung zu veranstalten. Der Prinz Piombino bewilligte mir dazu einen Saal im Palast Poli, und der Graf Apponyi, österreichischer Gesandter, verschaffte mir eine bedeutende Anzahl Subskribenten, so daß dies das erste Konzert in Italien war, welches mir einen ziemlich bedeutenden Gewinn verschafft hat. Der Eintrittspreis war ein Piaster (beinahe ein Laubtaler), das Orchester, aus den besten Musikern Roms zusammengesetzt (die sich auf den Theaterankündigungen Professoren schimpfen lassen), war demohngeachtet das schlechteste von allen, die mir bis jetzt in Italien akkompagniert haben. Die Unwissenheit, Geschmacklosigkeit und dummdreiste Arroganz dieser Menschen geht über alle Beschreibung. Nuancen von Piano und Forte kennen sie gar nicht; das möchte noch hingehen, aber jeder Einzelne macht Verzierungen, wie's ihm einfällt, Doppelschläge fast auf jeden Ton, so daß ihr Ensemble[296]  mehr dem Lärm gleicht, wenn ein Orchester präludiert und einstimmt, als einer harmonischen Musik. Zwar verbat ich mir zu wiederholten Malen jede Note, die nicht in den Stimmen steht; es ist ihnen aber das Verzieren so zur andern Natur geworden, daß sie es gar nicht lassen können. Der erste Hornist z.B. blies einmal im Tutti statt der einfachen Kadenz



folgendes:



Die Klarinettisten blasen vielleicht zu gleicher Zeit



statt



und nun denke man sich dazu die Figuren der Geigen, die der Komponist vorgeschrieben hat, so kann man sich einen Begriff von dem verworrenen Lärm machen, den ein solches Orchester für Musik ausgibt. Dabei sind sie so wenig musikalisch und so ungeübt im Notenlesen, daß ein paarmal wenig fehlte, und wir hätten umgeworfen. – Auch hier gefiel mein Konzert in Form einer Gesangsszene am meisten, und man machte mir weit mehr Lobeserhebungen über die Art, wie ich den Gesang vortrug, als über die Besiegung von großen Schwierigkeiten.
Dem. Funk, eine Dresdnerin, die auf königliche Kosten hier den Gesang studiert, sang ein Duett und eine Arie mit ausgezeichnet schöner Stimme, aber noch nicht ausgebildetem Vortrag. Ein Tenorist aus der päpstlichen Kapelle, für den ich nur mit großer Mühe die Erlaubnis zu singen auswirken konnte, sang das Duett mit ihr und eine sehr schöne Arie von Rossini, das Beste von diesem Komponisten, was ich bis jetzt hörte.

den 20. Dezember [1816]

Gestern Morgen wohnte ich einer kleinen Musik beim Grafen Apponyi bei. Es wurde vor wenig Zuhörern viel gute Gesangmusik am Piano gesungen. Am ausgezeichnetsten waren ein Duett aus einer Passion von Paisiello, von der Häser und der Gräfin Apponyi hinreißend schön gesungen, eine Arie von Zingarelli mit Chor, für die Häser geschrieben und von ihr in höchster Vollendung vorgetragen, und ein Duett von Rossini, von der Gräfin und Herrn Moncade gesungen. Die Häser sang mit so viel Gefühl und einer solchen Reinheit, wie ich sie früher nie gehört habe. Ihre herrliche, klangreiche Stimme, die in einem[297]  Lokale, wo es schallt, fast zu grell klingt, besonders in den höchsten Tönen, machte gestern in einem Zimmer, wo Tapeten und Teppiche den Schall dämpften, eine herrliche Wirkung. Es stehen ihr alle Nuancen vom zartesten Hauch bis zur größesten Stärke zu Gebot, und sie weiß sie meisterlich zu nützen. Ihre ehemals in Dresden bewunderte Geläufigkeit der Kehle hat sich zwar verloren, doch ist ihr noch genug davon geblieben, um alle Gesangverzierungen mit Leichtigkeit und Eleganz machen zu können. Das einzige, was ich bei ihrem Gesange vermisse, ist der in neuern Zeiten so sehr vernachlässigte Triller.
Die Gräfin Apponyi hat zwar nur eine schwache, aber sehr liebliche Stimme und singt mit Gefühl und Geschmack. In dem Duett mit der Häser zeigte sie einen guten Vortrag des Rezitativs und des Kantabiles, und in dem andern mit Moncade eine große Geläufigkeit der Kehle. Moncade ist ein Sänger mit schöner, kräftiger Bruststimme und geschmackvollem, wenn auch nicht sehr gefühlvollem Vortrag. Außer diesen sangen noch der Prinz Friedrich von Gotha eine Arie und ein Bassist ein paar Buffonaden.
Sirlettis Musiken habe ich auch zweimal wieder besucht. Vor acht Tagen wurden einige Sätze aus dem Requiem und das Halleluja wiederholt; die übrige Zeit war aber ganz den Psalmen von Marcello gewidmet. In Hinsicht dieser letztern finde ich mein früheres Urteil immer mehr bestätigt. In der Prachtausgabe dieser Psalmen steht auch eine Lebensbeschreibung Marcellos, in welcher die Veranlassung angegeben wird, warum er von der Theaterkomposition, der er früher ausschließlich ergeben war, auf einmal zur Kirchenkomposition überging. Er hatte nämlich beim Besuch einer abgelegenen Kirche in Venedig das Unglück, durch eine schlecht bedeckte Öffnung in ein unterirdisches Totengewölbe zu fallen, und mußte da lange verweilen, bis sein Hilferufen gehört wurde. Dieser Unfall stimmte ihn so ernst, daß er von da an nur religiöse Musik schreiben wollte.
Auch Ruffinis Musiken habe ich wieder besucht und eine tragische Oper von einem jungen, frühe gestorbenen Komponisten gehört, die von vielem angeborenen Talent, aber auch gänzlichem Mangel an Studium zeugte. Die Sänger zeichneten sich in dieser Oper mehr wie in der früher gegebenen aus, das Orchester war aber ebenso unerträglich. Ich saß neben dem ehemals so ausgezeichneten Sänger Crescentini (der aber jetzt seine Stimme ganz verloren haben soll, obgleich er kaum fünfzig Jahre alt sein wird) und hatte die Freude, sein Urteil über den jetzigen Musikzustand Italiens ganz mit dem meinigen übereinstimmend[298]  zu finden. Sein Gespräch verriet den vorurteilsfreien, gebildeten Künstler. Er klagte mir, daß in der neuern Zeit die gute Gesangschule, das einzige, wodurch sich die Italiener ausgezeichnet hätten, immer seltener werde, und daß er besonders bei seiner letzten Zurückkunft nach Italien (ich glaube, er war in Paris) einen so verdorbenen, frivolen Geschmack vorgefunden habe, daß keine Spur die ehemalige, einfach große Methode seiner Zeit mehr verrate. Auch ihm, der in Deutschland und Frankreich viel gute Musik gehört hat, ist die Fadheit und Inkorrektheit der neuern italienischen Musik ein Greuel.

den 23. Dezember [1816]

Jetzt, da wir uns dem Feste nähern, wird die Bettelei, von der man hier immer schon geplagt ist, ins Große getrieben. Wo man sich sehen läßt, wird jedem ein glückliches Fest gewünscht, und man muß den Beutel ziehen. Diese Bettelei kommt zwar um Neujahr auch in Deutschland vor, doch bei weitem nicht so allgemein wie hier. So kommen z.B. die Bedienten aller der Herrschaften, bei denen man sich nur ein einziges Mal hat blicken lassen, und betteln; ja sogar außer dieser Zeit werden die Fremden von ihnen in Kontribution gesetzt. Hat man dem Herrn Visite gemacht, so kommt der Bediente am andern Morgen und bittet um ein Geschenk. Da man nicht unter drei Paoli geben kann, so ist es ein teurer Spaß, viel Adreßbriefe hieher zu haben. Die armen Teufel sind freilich sehr schlecht bezahlt und müssen zu solcher Bettelei ihre Zuflucht nehmen, wenn sie nicht verhungern wollen.
Gestern ist Meyerbeer mit seiner Mutter hier angekommen. Er hat in Florenz einen Brief von C.M. von Weber erhalten und mir aus demselben die erfreuliche Nachricht mitgeteilt, daß meine Oper in Prag mit ausgezeichnetem Beifall gegeben worden ist. Bei Abgang des Briefes war sie zweimal aufgeführt, das zweite Mal bei sehr vollem Hause zum Benefize für Kainz. Jetzt liegt sie aber einige Zeit, weil die Grünbaum, die die Rolle der Gräfin singt, niedergekommen ist. Ich hoffe, aus Leipzig nun bald einen detaillierten Bericht in der M. Zeitung zugeschickt zu bekommen.

den 25. Dezember [1816]

Gestern abend wohnten wir einer Funktion in der Sixtinischen Kapelle als Vorbereitung zum heutigen Feste bei. Ich hatte mir viel Wirkung davon versprochen, fand mich aber sehr getäuscht. Die Erleuchtung machte nicht den geringsten Effekt, weil die Kapelle bald so mit Lichterdunst[299]  erfüllt war, daß man nicht zehn Schritte weit deutlich sehen konnte. Statt der vierstimmigen Gesänge, auf die ich gehofft hatte, rezitierte der Sängerchor nur eine ewig lange Litanei von Gebeten im Unisono ohne alle Melodie, etwa so:



Dies fast ohne Unterbrechung anderthalb Stunden anzuhören, war die größte musikalische Pönitenz, die ich je habe erleiden müssen. Endlich während eines stillen Gebetes erfrischte ein vierstimmiger Sologesang, bei dem sich wieder die herrliche Sopranstimme von neulich auszeichnete. Gleich darauf ging es aber von neuem los, und nun zogen wir vor, uns lieber mit der größten Anstrengung durchs Gedränge hindurchzuarbeiten, als dies länger anzuhören.
Heute früh sahen wir endlich das Oberhaupt der katholischen Kirche im höchsten kirchlichen Pomp die Messe in der Peterskirche lesen. Der Hochaltar unter der Kuppel, von seiner gewöhnlichen Hülle entkleidet, strotzte von Gold und Edelsteinen; die Geistlichen und Kardinäle in die reichsten Goldstoffe gekleidet, die Leibwache in ihrer glänzenden Uniform, die Schweizergarde in hellpolierten altdeutschen Harnischen, mit einem Wort, alles, was den Papst umgab, trug dazu bei, diese Funktion zu dem glänzendsten Schauspiele zu machen, was je in einer Kirche aufgeführt worden ist. Denn mehr als ein Schauspiel war es den Umstehenden nicht; keine Spur von Rührung oder Erhebung unter all den vielen tausend Zuschauern! Den Anschein eines zur Belustigung aufgeführten Schauspieles gewann es auch noch dadurch, daß für die anwesenden hohen Herrschaften: den König von Spanien, die Königin von Etrurien, die Prinzen von Preußen und Gotha und andere, eine reich dekorierte Loge erbaut war, und daß sich auf Amphitheatern die elegante Welt von Rom im höchsten Staat präsentierte. Einen sonderbaren Kontrast mit dieser Pracht bildete der in Lumpen und Schmutz eingehüllte Janhagel, der sich bis dicht an den Hochaltar vorgedrängt hatte. Da sich die Funktion sehr in die Länge zog und das, was die Sänger dabei sangen, weder sehr interessant war, noch auch bei dem Lärm in der Kirche deutlich gehört werden konnte, so zogen wir es vor; bei dem milden, hellen Wetter lieber einen Spaziergang zu machen, kehrten aber noch zeitig genug in die Kirche zurück, um die Prozession, den Schluß der ganzen Handlung, zu sehen. Voraus ging ein Teil der Leibwache, hinter dieser wurde der Kardinalshut auf[300]  einem Schwert getragen; dann kamen die Kardinäle und endlich der Papst, auf einem reich verzierten Tragsessel oder Throne von acht Geistlichen getragen; ihm zu beiden Seiten zwei große Fächer von weißen Straußfedern; dann alle Geistlichen und zuletzt die übrige Leib- und Schweizerwache. Der Papst, dieser ehrwürdige 75 jährige Greis, dem man die Erschöpfung vom Fasten und der langen, ermüdenden Funktion auf seinem blassen, rührenden Gesicht sehr deutlich ansah, erteilte während dieser Prozession mit kraftloser Handbewegung dem Volke den Segen. Dieses zeigte dabei aber keine Spur von Devotion; niemand knieete; alles lachte und lärmte während der ganzen Funktion. Der Zug ging durch eine Seitenkapelle in den Vatikan. Die ungeheuere Größe der Kirche konnte man heute bei der unzähligen Menschenmenge erst recht bemerken. Es dauerte eine halbe Stunde, bis die Menschen durch drei große Tore ausgeströmt waren.

den 27. Dezember [1816]

Gestern wurden die Theater endlich wieder eröffnet, nachdem sie ein halbes Jahr geschlossen waren. Im Theater Argentino, dem größten und schönsten, gab man Rossinis »Tancred«, im Theater Valle eine neue Opera buffa von Signore Pietro Romano: »Il quiproquo.« Da »Tancred« eine alte Oper ist, von der die erste Aufführung nicht mehr Interesse hat wie die folgenden, so überredete mich Meyerbeer leicht, mit ihm ins Theater Valle zu gehen, während Dorette und die Kinder mit Madame Beer das Theater Argentino besuchten. Vor der Oper wurde eine Farce in Prosa gegeben, die unsern »Proberollen« nachgebildet war. Dann kam der erste Akt der Oper, dessen Text wir bald als eine Bearbeitung des »Nouveau seigneur de village« erkannten. Das Sujet, obgleich ein wenig in die Länge gezogen, war weder so albern noch so langweilig wie gewöhnlich die der italienischen Opern. Desto fader und gewöhnlicher die Musik. Herr Romano hat den jetzt so sehr beliebten Rossini zum Vorbild genommen und so kopiert oder vielmehr abgeschrieben, daß das Parterre alle Augenblicke rief: »Bravo, Rossini!« Dabei ist seine Musik so inkorrekt, daß ein an reine Harmonie gewöhntes Ohr sie nicht ohne Ekel hören kann. Das hat ihr zwar hier nichts geschadet, desto mehr aber der Mangel an Feuer und Lärm, welch letztern die Italiener ebensosehr wie die Franzosen und Deutschen lieben. Nur ein einziges Mal nach einem Duett rief ihm das Parterre das beglückende »Bravo, Maestro!« zu, wofür er sich dann auch gleich sehr demütig bedankte. Alles übrige wurde aber gleichgültig angehört, und beim Schlusse der Oper äußerte sich weder Beifall noch[301]  Mißfallen. Die Sänger waren noch sehr unsicher und pudelten alle Augenblicke. Madame Giorgi, die Prima Donna, im vorigen Karneval der Liebling des Publikums, gefiel gestern eben nicht sehr und hatte den Ärger zu sehen, daß die Seconda Donna, die übrigens nicht schlecht sang, nach ihrer Arie im zweiten Akte herausgerufen wurde, welche Ehre ihr den ganzen Abend nicht widerfahren war. Sie gab ihren Ärger darüber dadurch zu erkennen, daß sie den Rest ihrer Partie nun ganz gleichgültig und mit halber Stimme sang, schadete dadurch aber dem letzten Finale sehr und war vielleicht Veranlassung, daß die Oper so kalt ausging, und daß man heute in der Stadt sagt, sie habe mißfallen. Das Orchester, größtenteils aus den Professoren(!) bestehend, die ich in meinem Konzerte hatte, spielte roh, unrein und ohne alle Nuancen.
Heute früh war wieder eine kleine Privatmusik beim Grafen Apponyi. Es wurden fast nur Sachen aus Rossinis Opern gesungen, von welchen mir ein Terzett aus »Elisabeth«, wenn ich nicht irre, wegen der guten Stimmführung am meisten gefiel. Je mehr ich von Rossinis Kompositionen höre, desto mehr bin ich geneigt, teilweise in das allgemeine Urteil mit einzustimmen, das ihn für den ausgezeichnetsten der neuern italienischen Komponisten und für einen Reformator des Geschmackes im Opernstile ausgibt. Mayr ist indessen billigerweise wohl auszunehmen und hat, wenn auch nicht so viel Phantasie wie Rossini, doch sicher mehr Kenntnisse und ästhetisches Gefühl. Daß es letzterm an Kenntnis der Harmonie, an Charakterzeichnung, an Sinn zur Unterscheidung des ernsten und komischen Stiles und des Schicklichen für die Sinne fehlt, bemerkte ich schon in Florenz nach Anhörung der »Italiana in Algeri«. So sind auch alle seine Modulationen, die hier Aufsehen erregt haben, in Deutschland längst bekannte und abgedroschene, und in seiner Art, zu instrumentieren, und in den Formen der Gesangsstücke klebt er noch viel zu sehr an dem Herkömmlichen. Indessen hat er einiges ganz Neue erfunden, was aber, weil es neu, deswegen noch nicht gut ist, z.B. sein blumigter Gesang, wie ihn Meyerbeer sehr charakteristisch nennt, der eigentlich nichts anderes ist als die bisher auf einen Vokal gesungenen Passagen mit untergelegten Silben, wie in einer Arie aus der »Italiana«:



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[302] 
oder in einem Duett zwischen Tenor und Baß in derselben Oper, wo die zweite Gesangstimme sehr unsangbar ist und mehr einem Orchesterbaß als einem Gesangbaß ähnlich ist:



Da ich den Text nicht weiß, habe ich die Silben mit Punkten bezeichnet.
So oft solche süße Sächelchen von den Sängern gut vorgetragen werden, wie heute besonders von Moncade, bricht das Auditorium in Ausrufungen des Entzückens aus, weshalb auch die italienische Musik immer mehr in einen bloßen Ohrenkitzel ausartet und Sänger und Komponist immer mehr verlernen, auf das Herz zu wirken; so wie ich denn ohne Übertreibung behaupten kann, daß ich von all den Kompositionen, die wir bisher in Italien gehört haben, auch nicht ein einziges Mal ergriffen worden bin, eine oder zwei Stellen in der »Testa di bronzo« abgerechnet, und daß mich von allen Sängern, die wir bis jetzt hörten, die Häser allein mit einem Duett aus der alten Passion von Paisiello auf einige Sekunden gerührt hat. Ebenfalls neu, von Rossini zuerst gebraucht, ist auch die Art, wie er die parlanten Stellen in der Opera buffa, die man bisher gewöhnlich auf einen Ton oder doch nur auf ganz nahe liegenden Intervallen schrieb, solchen Gesangstellen unterlegt, die man bis jetzt nur legato vorzutragen pflegte, wie z.B. im Anfange des obigen Duettes:


[303] 
So bekannt auch dieser Anfang ist (er ähnelt dem Anfang eines Haydnischen Finale in einem Quartett aus Es #:



so ist die Art, ihm auf diese Weise den Text unterzulegen, doch völlig neu; ob aber gut, ist noch die Frage; mir klang er wenigstens immer wie travestiert, als wenn man z.B. auf einem singenden Instrumente einen Gesang, der einen gefühlvollen Vortrag erlaubt, zum Scherze so karikiert vorträgt, daß er statt Rührung Lachen erregt. Wenigstens würde kein Instrumentalist von Geschmack den obigen Gesang staccato vortragen.
Noch etwas Rossini Eigentümliches sind folgende und ähnliche Crescendo-Passagen, die fast in allen seinen Musikstücken vorkommen und das italienische Publikum immer zum Entzücken hinreißen, z.B. in der Ouvertüre aus der »Italiana«:



Auf ähnliche Art geht es noch eine Weile fort, bis endlich auch das Publikum mit dem stärksten Forte in ein wütendes Händeklatschen und Bravo-Rufen losbricht. Denn einem solchen Crescendo kann es so wenig widerstehen, daß auch die unglücklichen Nachahmer von Rossini, wie z.B. Herr Romano in der vorgestrigen Oper, sich damit einen stürmischen Beifall zu erzwingen wissen. – Daß solche Stellen oft sehr unrein und widrig durch durchgehende Noten sind, brauche ich nicht erst zu erinnern; finden sich doch sogar in der berühmten, in ganz Italien bewunderten Kavatine aus »Tancred«, die heute auch gesungen wurde, gleich in den ersten Takten die abscheulichsten Oktaven zwischen dem Baß und der zweiten Oboe, die ich je gehört habe.[304] 


Das endliche Resultat meines Urteils über Rossini wäre also, daß es ihm zwar keineswegs an Erfindung und Geist fehle und er mit diesen Eigenschaften, in Deutschland wissenschaftlich ausgebildet und durch Mozarts klassische Meisterwerke auf den einzig richtigen Weg geleitet, leicht einer der vorzüglichsten Gesangkomponisten unsrer Zeit hätte werden können, daß er aber, so wie er jetzt schreibt, die italienische Musik um keinen Schritt weiter, sondern wohl eher zurückbringen wird. Denn um neu zu sein, entfernt sich Rossini immer mehr von dem einfach großen Gesange der ältern Zeit und bedenkt nicht, daß er die Stimme ganz ihres Reizes und Vorzugs beraubt und wahrhaft herabwürdigt, wenn er sie zu Passagen und Rouladen zwingt, die jeder mittelmäßige Instrumentalist viel reiner und besonders zusammenhängender machen kann, weil er nicht nötig hat, allemal auf der dritten oder vierten Note eine Silbe auszusprechen. Mit seinem blumigten Gesange, sosehr er auch gefällt, ist er also auf dem Wege, allem eigentlichen Gesange, der ohne das schon sehr selten in Italien ist, den Garaus zu machen, wobei ihm der verächtliche Troß der Nachahmer, die hier so gut wie in Deutschland ihr Unwesen treiben, aus allen Kräften beisteht.

den 29. Dezember [1816]

Gestern abend hörte ich in Gesellschaft Meyerbeers denn auch den »Tancred« im Theater Argentino. Eine erbärmlichere Vorstellung habe ich kaum je erlebt. Die Sänger sind bis auf die älteste Paris höchst mittelmäßig; die Prima Donna, die jüngere Paris, ist noch ganz Anfängerin, der Bassist unter aller Kritik, das Orchester schlechter als in der kleinsten deutschen Provinzialstadt, mit einem Worte, es ist ein zusammengelaufenes Volk, wie man sie in ganz Italien nicht schlechter hätte auftreiben können. Gnade Gott dem Komponisten, dessen Werk in solche Hände fällt! Sie entstellen es so, daß man es gar nicht wieder erkennen kann. Die einzige Person, die sich auszeichnete, ist die älteste Paris, die in der Rolle des »Tancred« eine kräftige, gesunde Contrealtstimme[305]  und einen gebildeten Vortrag zeigte. Es wäre ungerecht, die Komposition nach einer solchen Vorstellung beurteilen zu wollen, um so mehr, da man viele Nummern weggelassen und dafür andre hineingelegt hatte. Doch fand ich auch durch diese Musik, die ich noch nicht kannte, mein Urteil von vorgestern bestätigt. – Das Ballett, welches man zwischen beiden Akten gab, war des Übrigen vollkommen würdig: ein seriöses Ballett, von lauter Grotesktänzern aufgeführt! Doch waren unter diesen einige Männer, die sich durch Kraft, Gewandtheit und Sicherheit in Sprüngen allerlei Art sehr auszeichneten.
Wir haben seit acht Tagen wieder viel Interessantes gesehen: Das Kapitolinische Museum, in welchem der Sterbende Fechter und mehrere ägyptische Statuen, letztere weniger durch Kunstschönheit als Sonderbarkeit bemerkenswert, uns am meisten gefielen; die Bildergalerie im Palast Doria, die unter vielen andern ausgezeichneten Gemälden auch vier himmliche Landschaften von Claude Lorrain besitzt; eine andre im Palast Colonna, wo ein wunderschöner Kopf von Raffael hängt; die schön und reich verzierten Kirchen von S. Maria maggiore und S. Giovanni [in] Laterano usw. Vor dem Portale der letztern hat man eine ausgedehnte Aussicht nach der Gegend von Albano, welche durch die antiken Wasserleitungen, die das Auge meilenweit verfolgen kann, und durch andre Überbleibsel altrömischer Baukunst etwas sehr Romantisches erhält.
Am Sonnabend bestiegen wir bei sehr heiterm Wetter die Kuppel der Peterskirche. Zuerst geht es in einem schneckenförmigen Gange ohne Stufen bis auf das Dach der Kirche. Dort angelangt, glaubt man sich wieder in den Straßen einer Stadt; denn der Boden ist gepflastert, und eine Menge Häuser, von denen einige sogar bewohnt sind, und die vielen kleinern und größern Kuppeln hindern den Blick in die Ferne. Geht man dann freilich bis zu den kolossalen Statuen, die über dem Portale der Kirche stehen, so sieht man, auf welcher Höhe man sich schon befindet. Das Pflaster auf dem Platze vor der Kirche gleicht einer feinen Mosaik und die Menschen, die darauf herumkriechen, kleinen Puppen. Betrachtet man die Kuppel von hier aus, so gleicht sie einem selbständigen ungeheuern Gebäude; man hat auch von der ersten innern Galerie sehr hoch zu steigen, bis man zur zweiten gelangt, wo dann erst die Wölbung der Kuppel anfängt. Der Blick von diesen Galerien, besonders von der zweiten, in die Kirche hinunter ist ganz einzig und wirklich schauderhaft. Die hundert Lampen, die gerade unter der Kuppel am Eingange der unterirdischen Kapelle brennen, fließen wie in[306]  eine Flamme zusammen, und die Menschen erscheinen wie wandelnde schwarze Punkte. Von der zweiten Galerie steigt man dann zwischen der innern und äußern Kuppel auf hölzernen Treppen bis zur Laterne, von wo man noch einmal einen schaudererregenden Blick in die Tiefe der Kirche hat. Von hier geht es wieder auf steinernen Wendeltreppen bis in ein ziemlich geräumiges Zimmer, welches in der Spitze der Laterne angelegt ist, und dann zuletzt noch auf einer eisernen Leiter durch den Stiel zum Knopf, in welchem zwölf bis sechzehn Personen bequem Platz haben. Wagehälse können auch noch auf einer Leiter außerhalb des Knopfs bis zum Kreuz steigen; wir begnügten uns aber, bis in den Knopf gewesen zu sein. Die Aussicht von den äußern Galerien ist über alle Beschreibung prächtig und mannigfaltig. Unten das stolze Rom mit seinen unzähligen Palästen, Ruinen, Säulen und Obelisken; rund umher die Villen mit den majestätischen Pinien; in weitern Umkreisen die Berge bei Tivoli und Albano, über welche Schneegebirge hervorragen, und ganz im Hintergrunde gegen Westen das mittelländische Meer, welches sich zu der Tageszeit, in der wir den Turm bestiegen, wie ein feuriger Streifen am Himmel präsentierte. Nachdem wir lange diese entzückende Aussicht genossen hatten, stiegen wir wieder hinab und fanden, daß uns zwei Stunden sehr schnell im Besteigen der Kuppel vergangen waren.
Auch die große Säule auf dem Piazza Colonna haben wir erstiegen und von ihrer Spitze, die weit über alle Häuser hinwegragt, eine der schönsten Übersichten von Rom und seinen nahen Umgebungen genossen.

den 30. Dezember [1816]

Daß es den Italienern auch in der neuern Zeit nicht an glücklichen Anlagen für das Studium der schönen Künste fehle, ja, daß sie darin im Ganzen genommen die nordischen Nationen übertreffen, davon habe ich mich überzeugt. Fast alle ihre Sänger haben ein glückliches Ohr für Intonation und die Gabe, das Melodiöse gleich nachzusingen, ohnerachtet nur sehr wenige davon, selbst unter den Theatersängern, das, was wir Musik nennen, besitzen, ja die meisten kaum einmal die Noten kennen. In der letzten Musik bei Apponyi sollte ein Kanon von Cherubini gesungen werden. Man forderte auch Moncade dazu auf, von dem man mir gesagt hatte, er gehöre ebenfalls zu den Sängern, welche die Noten nicht kennen, obgleich er früher sogar Theatersänger war. Da er sich willig dazu hergab, etwas zu singen, was er nicht kennen konnte, so glaubte ich schon, jene Beschuldigung sei falsch. Auch ging anfangs[307]  alles sehr gut. Die Gräfin sang den langsamen, aus acht Takten bestehenden Gesang zuerst vor, und Moncade wiederholte ihn mit all den kleinen Verzierungen, die sie gemacht hatte, Note für Note. Als sodann aber seine zweite Stimme anfing, konnte er nicht weiter, ließ sich aber nicht irre machen, sondern sang frischweg nach dem Gehör, was denn einigemal nicht sehr Cherubinisch klang. Wie nun aber auch der dritte Sänger, der ebenfalls keine Musik hatte, nach seinem ersten einfachen Gesange beim Eintritt in die zweite Stimme selbst zu komponieren anfing, wurde die Konfusion und Disharmonie so groß, daß man aufhören mußte. Beide Sänger, ohne verlegen darüber zu sein, äußerten, sie hätten gehofft, es würde gehen; gerade wie jener Engländer, der, da man ihn fragte, ob er Violine spiele, zur Antwort gab: »Es ist sehr möglich, ich habe es noch nicht versucht!«
Auch gibt es hier nicht selten unter dem rohen Haufen des Volkes ausgezeichnete Genies für bildende Künste, die frühzeitig durch das Anschauen der öffentlichen Kunstwerke geweckt werden. So erregt schon seit einem Jahre und länger ein Straßenjunge die Aufmerksamkeit der hiesigen Maler durch sein außerordentliches Talent für ihre Kunst. Dieser Knabe, ohne je den geringsten Unterricht gehabt zu haben, zeichnet mit Kohle auf die weißen Wände der Häuser große historische Entwürfe, und es ist fast keine Straße hier, wo man nicht von seinen Kunstwerken sehen könnte. Bald sind es Madonnen oder Legenden, bald römische Triumphzüge. Nirgends aber hat er etwas Vorhandenes kopiert oder sich selbst wiederholt; immer schafft seine Phantasie etwas Neues. Einige unter diesen Zeichnungen verdienen wegen des Reichtums der Komposition von oft mehr als dreißig bis vierzig Figuren und der Korrektheit der Zeichnung große Bewunderung. Am merkwürdigsten erscheint mir aber die Sicherheit, mit der er seine Ideen entwirft. Da sieht man keine doppelte Striche in den Konturen oder etwas Weggewischtes; alles steht sogleich reinlich da. Wenn er zeichnet, ist er immer von einer Menge Menschen umgeben, die seiner Geschicklichkeit mit Vergnügen zusehen; er ist aber so vertieft in sein Werk, daß er auf die umstehenden Zuschauer und ihre Bemerkungen nicht achtet. Zweimal habe ich ihn zeichnen sehen, das erste Mal auf eine Wand mit Kohle zwei knieende Römer, die von tanzenden Nymphen bekränzt werden. Das zweite Mal vor ein paar Tagen, wo er auf der Treppe, die von dem Spanischen Platze auf die neue Promenade führt, saß und auf einem Bogen Papier mit Tinte folgende Gruppe entworfen hatte: ein Soldat in moderner Uniform, aus dem Kriege zurückkehrend,[308]  stürzt mit ausgebreiteten Armen zur Tür herein, seine Frau ebenso ihm entgegen, während ihr Kind, durch den Ungestüm des ihm fremden Mannes erschreckt, sich hinter die Schürze der Mutter zu verstecken sucht. Im Hintergrunde des Zimmers kniet die alte Mutter vor einem Marienbilde. – Auch auf dieser Zeichnung war kein Strich doppelt und, soviel wie ich es beurteilen kann, alles im richtigen Verhältnis. Man hat mir erzählt, daß Canova diesen Knaben zu sich genommen hatte, um seine Talente auszubilden; die sitzende ordentliche Lebensart gefiel ihm aber nicht, und er entlief bald wieder!

den 1. Januar 1817


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Das neue Jahr fängt sehr unangenehm für uns an. Heute früh wurde Emilie plötzlich krank. Der Arzt glaubt, sie werde das Scharlachfieber bekommen; sollte dies der Fall sein, so werden wir unsre Abreise nach Neapel, die auf den 7. festgesetzt war, noch wenigstens um vierzehn Tage verschieben müssen. Zu der Unannehmlichkeit, hier noch länger zwecklos und in Unruhe zu verweilen, kommt auch noch, daß wir nun unsre Landsleute, mit denen wir die Reise gemeinschaftlich machen wollten, allein reisen lassen und die am 12. d.M. stattfindende Eröffnung des S. Carlo-Theaters in Neapel versäumen werden. Als Entschädigung für letzteres werden wir indessen die neue Oper von Rossini, die er für das Theater Valle schreibt, hören und das Debüt der Madame Schönberger im Theater Argentino noch hier erleben.

den 8. Januar [1817]

Nicht Emilie allein, sondern auch Ida ist vom Scharlachfieber angesteckt worden, und die Abreise kann nun vor dem 20. sicher nicht stattfinden. Beide Kin der waren einige Tage recht krank, und meine gute Dorette hat viel Unruhe und Besorgnis gehabt. Ich habe mich dadurch aufgeheitert und unterhalten, daß ich einige Rätselkanons gemacht und nun angefangen habe, mir ein neues Soloquartett zu schreiben.
Ich hätte so gern Rossinis Bekanntschaft gemacht; vor Beendigung seiner Oper ist aber nicht daran zu denken. Der Impresario, bei dem er wohnt, läßt ihn weder ausgehen, noch Besuch zu ihm hinein, damit er seine Arbeit nicht vernachlässige. Sollte seine Oper nicht vor unsrer Abreise noch in Szene gehen, so werde ich ihn wahrscheinlich gar nicht zu sehen bekommen.
Madame Schönberger hat debütiert und recht sehr gefallen. Man findet daß sie das Rezitativ besonders gut deklamiere. Auch ihr Spiel wird sehr gelobt.[309] 
den 18. Januar [1817]

Die Kinder sind früher wieder hergestellt, als wir gehofft hatten, und wir haben übermorgen zu unsrer Abreise nach Neapel bestimmt.
Am vorigen Donnerstag war ich wieder bei Sirletti und gestern in der Morgenmusik beim Grafen Apponyi; an beiden Orten wurde aber nichts aufgeführt, was einer besondern Erwähnung wert wäre, doch nehme ich davon aus ein schönes Quartett von Mayr und ein Duett aus einer komischen Oper von Fioravanti. Mayr zeichnet sich doch durch Rechtlichkeit in der Harmonie, durch Regelmäßigkeit des Rhythmus und eine gute Stimmenführung in mehrstimmigen Sachen vor allen neuern Italienern sehr vorteilhaft aus. Das Duett von Fioravanti war mir deswegen merkwürdig, weil es ebenfalls mit dem neuen sogenannten blumigten Gesange ausgeschmückt ist, woraus ich sehe, daß Rossini nicht der erste und einzige ist, der sich dessen bedient. Ich fange überdies an, günstiger von ihm zu urteilen, sobald er sich nicht über die Grenzen der komischen Oper verliert und so graziös ausgeführt wird wie von der Gräfin Apponyi und Moncade.

Neapel, den 26sten Jan. [1817]

Am 20. Januar reisten wir von Rom ab. Die Campagna di Roma ist hier zwar ebensowenig angebaut, wie auf jener Seite; der Weg bis Albano hat aber dadurch viel Interesse, daß man allenthalben auf Altertümer stößt. Besonders geben die häufigen Überreste von drei oder vier altrömischen Wasserleitungen der Gegend ein sehr romantisches Ansehen. Eine der Wasserleitungen, die am wenigsten beschädigt war, ist in spätern Zeiten ausgebessert worden und dient noch jetzt dazu, Rom von dieser Seite her mit Wasser zu versehen.
Während unser Vetturino in Albano fütterte, erstieg ich den Berg, auf dessen Anhöhe der Albaner See sich befindet. Die Aussicht über denselben nach Rom ist entzückend schön. In der Tiefe zu seinen Füßen hat man den See mit den hohen, steilen, reich mit Buschwerk und Bäumen bewachsenen Ufern; auf der rechten Seite ein langes Gebäude, dessen Bestimmung ich nicht kenne; links auf dem hohen, scharfen Ufer sieht man Castel Gandolfo liegen und in weiter Entfernung die Häusermasse von Rom. Die Form des Sees und seine hohen, steilen Ufer zeigen deutlich, daß er durch das Einstürzen eines ausgebrannten Kraters entstanden ist.
Der Weg von Albano bis zu dem kleinen, schmutzigen Städtchen Velletri, wo wir unser erstes Nachtquartier nahmen, bietet viel Abwechslung dar.[310] 
Am zweiten Tage kamen wir durch die pontinischen Sümpfe, die sich von Velletri bis Terracina 44 Meilen weit erstrecken. So traurig und öde, wie wir sie erwarteten, fanden wir sie nicht, weil man doch immer den Blick aufs Gebirge zur Linken hat und hin und wieder sogar einigen Anbau findet. Auch beleben die häufigen Herden von Ochsen, Büffeln, Schweinen und in trockenen Gegenden auch von Schafen die einförmige Ebene in etwas. Häuser sieht man aber sehr selten, und die Bewohner haben immer ein bleiches, ungesundes Aussehen. In der heißen Jahreszeit sind die Ausdünstungen der Sümpfe selbst für schnell Durchreisende sehr gefährlich, besonders wenn man sich dem Schlafe überläßt, zu welchem man durch die Einförmigkeit des Weges sehr gereizt wird. Erst vorigen Sommer hat ein junges Mädchen, die dem Schlaf nicht widerstehen konnte, hier den Tod eingeatmet und ist schon drei Tage nach ihrer Ankunft in Neapel von einem bösartigen Fieber hinweggerafft worden. Ähnliche Fälle sind im Sommer gar nichts Seltenes.
In Torre a tre ponti, einem einzelnen Wirtshause, wo die Bewohner alle wie eben aus dem Grabe erstanden aussahen, machten wir Mittag und bekamen delikates Fleisch und Braten von wilden Enten und Gänsen, deren es ungeheure Flüge in den unangebauten Gegenden der Sümpfe gibt. Man bot uns große fette Enten, das Stück zu einem Paul (3 Gr.) an.
Terracina, wohin wir mit Anbruch der Nacht kamen, hat eine äußerst reizende Lage. Die Stadt liegt hoch auf wilden Felsen; wir blieben aber unten dicht am Meere in einem sehr vorzüglichen Gasthause. Aus unsern Fenstern hatten wir den Blick aufs Meer und genossen am andern Morgen den einzig herrlichen Anblick der aufgehenden Sonne. Dicht unter unsern Fenstern rauschte die Brandung, ungeachtet der Wind den Tag über nicht heftig gewesen war. Die Luft war so mild wie nach einem warmen Sommertage in Deutschland, und wir sahen noch spät bei Mondenschein den Fischern zu, die kühn durch die Brandung schifften, um ihre Netze auszuwerfen.
Am andern Morgen hatten wir die wegen Räuber gefährlichste Strecke der ganzen Reise zu passieren. Zwischen Terracina und Fondi fährt man nämlich in einer wenig bewohnten Gegend fast immer zwischen lauter halbhohem Gebüsch, wo sich das Räubergesindel leicht verstecken und aus dem Hinterhalte die Reisenden und ihre Eskorte niederschießen konnte. Hier wurden denn auch die meisten Räubereien begangen und erst kürzlich wieder Reisende angefallen. Nun hat aber die Regierung endlich ernstliche Maßregeln ergriffen. Wir fanden einige hundert Bauern beschäftigt, alle Büsche zu beiden Seiten des Weges abzuhauen und zu[311]  verbrennen. Es begegneten uns starke Abteilungen Soldaten, die das Gesindel in ihren Schlupfwinkeln aufsuchen sollen. Man hat sie auch schon zu zwanzig bis dreißig eingebracht und nach kurzem Prozeß aufgehängt. Diesseits der neapolitanischen Grenze fanden wir alle Viertelstunde ein Pikett von zehn Soldaten, die am Wege biwakieren und während der Nacht Patrouillen schicken.
In Fondi, einem ärmlichen, schmutzigen Neste, wo wir von Bettlern beinahe zerrissen wurden, sahen wir die ersten großen Zitronen-, Pomeranzen- und Orangengärten. Wir machten einen Spaziergang um die Stadt und ergötzten uns an dem Anblick der herrlichen Bäume, die ganz voll der schönsten Früchte hingen. In den Gärten und auf dem Markte sahen wir frisches Gemüse: Blumenkohl, Savoyerkohl, Möhren usw. Um Mittag aber war die Hitze so groß, daß wir den Schatten suchen mußten.
Die Nacht blieben wir in Mola [di Gaëta], einem ebenfalls dicht am Meere liegenden Städtchen. Aus den Fenstern unsres Wirtshauses sahen wir abends die Fischer bei Fackelschein auf den Fang ausfahren. Zwischen Mola und St. Agata fanden wir manche immergrüne Gewächse, die man selbst im nördlichen Italien nicht kennt, und auf den Felsen mehrere Arten Aloe, die man bei uns in den Gewächshäusern zieht. Andre auch bei uns einheimische Gebüsche hatten schon ihr erstes Grün getrieben. Am Wege dufteten Veilchen und in den Feldern die Blüte von Saubohnen.
Capua, wo wir unser letztes Nachtquartier nahmen, ist eine hübsche Stadt mit schönen Gebäuden. Wir aßen abends mit ein paar österreichischen Offizieren, die unter anderm erzählten, daß man auch in Capua die Menschen nicht begrabe, sondern in eine eine Viertelstunde von der Stadt entfernte Höhle stürze, die unergründlich tief sei und auf ihrem Grund mit dem Meere zusammenhängen müsse, indem man nach langer Zeit das Hineingeworfene ins Wasser fallen höre.
Der Weg von Capua nach Neapel ist der uninteressanteste der ganzen Reise. Man sieht zu beiden Seiten des Weges nichts andres als hohe Maulbeerbäume mit Weinranken, beide jetzt ohne Blätter. Nachmittags um zwei Uhr kamen wir endlich in dem langersehnten Neapel an und fanden ein von unsern deutschen Landsleuten für uns bestelltes Logis zu unsrer Aufnahme bereit.




Neapel
1817

Neapel, den 1. Februar [1817]











Neapel, ohne sich durch schöne Bauart auszuzeichnen, gehört doch durch seine Lage und manche Eigentümlichkeiten zu den schönsten Städten der Welt. Kommt man von Rom, so vermißt man den großen, durch das Studium der Antiken gebildeten und gereinigten Geschmack in den Gebäuden und anderen Werken der bildenden Kunst, der jene Stadt für ewige Zeiten zu der interessantesten für das Studium der Architekten, Bildhauer und Maler gemacht hat; man wird aber durch andre Vorzüge, die Rom abgehen, hinlänglich entschädigt. Die Stadt gewährt durch ihre amphitheatralische Lage einen sehr imposanten Anblick und gewinnt durch die flachen Dächer und die mit lackierten, bunten Ziegeln gedeckten Kuppeln und Türme ein für einen Nordländer sehr ungewöhnliches orientalisches Ansehen. Sie ist überdies eine der lebhaftesten Städte der Welt, wenigstens eine der lärmendsten; denn obgleich Wien und Hamburg, die beiden volkreichsten Städte, die ich bis jetzt sah, verhältnismäßig ebensoviele Einwohner haben mögen wie Neapel, so scheint dieses doch, teils durch die südliche Lebhaftigkeit, teils durch den Umstand, daß hier alle Stände mehr auf den Straßen müßig gehen, als zu Hause arbeiten, noch viel belebter als jene Städte. Der Lärm auf den Straßen ist wirklich über alle Beschreibung groß, und man wird, bis man sich ein wenig daran gewöhnt hat, davon völlig betäubt. Alle Handwerker haben ihre Werkstätten auf der Straße: Schmiede, Schlosser, Kupferschmiede, Tischler, Schneider und Schuster – alles sitzt vor den Häusern bunt durcheinander und arbeitet. Dazu das Rasseln der Wagen und Fiaker, die in den Hauptstraßen fast immer in zwei Reihen fahren, das wilde Geschrei der Verkäufer, die einer den[1]  andern immer zu überbieten suchen, und endlich die Lebhaftigkeit der sich auf der Straße Begegnenden und Unterredenden, von denen ein Deutscher immer glaubt, daß sie sich heftig zanken, wenn sie doch nur vom Wetter oder unbedeutenden Stadtneuigkeiten reden. Auffallender wie in irgend einer Stadt der Welt ist aber auch der Kontrast zwischen dem Luxus in den Equipagen und der Garderobe der Vornehmen und dem Schmutz und der Blöße der ärmern Klasse, besonders der sogenannten Lazzaroni. Diese sieht man mitten unter der eleganten Welt in ganzen Familien auf der Straße liegen und sich von den halbnackten Körpern die Läuse absuchen. Einen ekelhaftern Anblick habe ich nie gehabt! Und doch gab es vor Murats Regierung, der alle rüstigen Lazzaroni unter die Soldaten steckte, hier von diesem Gesindel eine noch weit größere Menge.
Die nahen und fernern Umgebungen von Neapel sind groß und mannigfaltig. Ich werde von ihnen reden, sowie wir sie nach und nach besucht haben werden.

Neapel, den 3. Februar [1817]

Gestern machten wir unsern ersten Ausflug. In Gesellschaft unsrer schlesischen Landsleute, der Herren von Raumer, von Lattorf, Hagen und Kruse, fuhren wir zuerst nach Portici und besahen das Museum. In einer Reihe von Zimmern werden die in Herkulaneum und Pompeji gefundenen Gemälde und Zimmerverzierungen aufbewahrt, die man dort mit dem Gips aus der Wand genommen und hier in Rahmen mit Glastüren versehen aufgehängt hat. Die Farben haben sich auf den meisten vortrefflich gehalten, besonders ein sehr schönes Rot. Die Zimmerverzierungen, in Arabesken, kleinen Landschaften und Tierstücken bestehend, sind fast alle gut gemalt. Die aus Tempeln und öffentlichen Gebäuden genommenen größern historischen Gemälde haben großen Kunstwert und zeichnen sich durch Zeichnung und Kolorit aus. Einige davon sind wunderbar gut erhalten und scheinen erst kürzlich gemalt zu sein. Außer diesen Gemälden bewahrt man noch in einem Zimmer allerhand Eisengeräte, einen Helm sowie einige irdene Vasen und verschiedene Sorten von der glühenden Asche halb verbrannter Getreidearten, als Roggen, Gerste, türkischen Weizen, Bohnen u. dgl. m., auf. Man erkennt dieses Getreide sehr deutlich, und wir fanden es in Größe und Gestalt völlig dem unsrigen gleich. Alle übrigen Antiquitäten, die ehemals hier aufbewahrt wurden, sind jetzt in Neapel, und man ist willens, auch die Gemälde dorthin zu bringen.[2] 
Da das Wetter sehr schön war, so bekamen wir Lust, sogleich den Vesuv zu besteigen. Da es für Frauen und Kinder fast unmöglich ist, die letzte steile Höhe zu erklimmen, so kehrten Dorette und die Kinder in Gesellschaft von Herrn Kruse nach Neapel zurück. Wir andern mieteten uns Esel für den Hin- und Herweg für den äußerst geringen Preis von vier Carlini (etwa 11 gGr.) und machten uns sogleich mittags zwölf Uhr auf den Weg. Anfangs geht es zwischen Weinbergen etwa anderthalb Stunden lang nur allmählich bergauf; doch wird der Weg schon beschwerlich, weil er sehr uneben und steinig ist. Wir sahen mehrere Weinberge statt der Hecken mit großen Aloestauden eingefaßt. Nach anderthalb Stunden kamen wir an eine Ebene, die in grauser Verwüstung vor uns lag und bis an den Fuß des eigentlichen Vesuv reichte. Nirgends eine Spur von Vegetation, allenthalben nur aufeinander geschobene Lavamassen! Unser Weg führte uns nun links quer hinüber zu einem Bergrücken, der wie eine Insel mitten aus dieser furchtbaren Wüstenei hervorragt. Auf diesem liegt die sogenannte Einsiedelei, ein aus zwei Stockwerken bestehendes Gebäude, wo wir uns mit Brot, Wein, Käse und Früchten erquickten und die herrliche, schon ziemlich ausgebreitete Aussicht genossen. Nach kurzer Ruhe machten wir uns in Gesellschaft von zehn Engländern, die wir hier vorfanden, wieder auf den Weg, der immer auf der Schärfe des Bergrückens bis an den Fuß des Kegels fortläuft. Dieser Teil des Weges ist der bequemste, immer zwischen niedrigem Gebüsche von süßen Kastanien, mit dem Blick auf die mit schwarzer Lava bedeckte Ebene. Nach einer halben Stunde gelangten wir zu der steilsten Anhöhe, an deren Fuß die Esel zurückbleiben müssen. Nun fängt ein saueres Stück Arbeit an. In tiefer Asche ohne festen Grund gleitet man bei jedem Schritte so weit wieder zurück, daß man oft kaum einen Zoll vorwärts zu kommen vermag; und dabei ist der Berg so steil, daß man auch die Hände zu Hilfe nehmen muß. Glücklicherweise läuft fast von der ganzen Höhe ein Lavaguß herab, der wie ein Felsenriff aus der Asche hervorragt. Hat man diesen erst erreicht, so geht es leichter, weil man nun wieder einen festen Tritt hat. Sollte man immer wie im Anfang in der Asche waten, so würde man einen ganzen Tag allein zu dieser Anhöhe gebrauchen. Eine gute Stunde gebrauchten wir indessen doch auch, ob wir gleich mit frischen Kräften und mit der Begierde, bald oben zu sein, unsre Wanderung antraten. Oben angelangt, sahen wir wieder eine kleine Ebene vor uns, wo an vielen Stellen zwischen den Lavafelsen ein weißer Schwefeldampf aufstieg. Der Boden war hier mehr oder weniger heiß, und die Fußtritte klangen hohl. Nachdem wir schnell[3]  darüber weggeeilt waren, hatten wir noch eine, jedoch kleinere Anhöhe zu ersteigen und sahen dann in mäßiger Entfernung die beiden jetzt feuerspeienden Kegel vor uns. Wir setzten uns zwischen den Lavafelsen auf den Boden und befanden uns da wie in einer geheizten Stube, indem eine große Hitze aus der Erde quoll, die uns aber, da sie keine Betäubung verursachte, sehr angenehm war, da wir alle sehr geschwitzt hatten. Nachdem wir einige Zeit hier geruhet hatten, tat jemand aus der Gesellschaft die Frage, ob man nicht zwischen den beiden Kegeln hinauf bis dicht an den Krater vordringen könne? Alle Führer antworteten aber mit Nein und versicherten, es sei gefährlich, sich noch mehr demselben zu nähern. Soviel sahen wir wohl selbst, daß es nicht möglich sein würde, von unserm Standpunkte gerade hinaufzusteigen, weil wir sonst Gefahr gelaufen wären, von dem Rauche des zur Linken gelegenen Kraters erstickt zu werden. Allein einen Weg links um die Krater herum zu finden und dann von der Windseite zu dem einen hinaufzusteigen, schien uns in dem Bereiche der Möglichkeit zu liegen, und so machten wir uns auch sämtlich auf den Weg; nach einigen Einwendungen folgten auch die Führer. Wir waren aber kaum ein paar hundert Schritte gegangen, so warf der eine der Krater mit einem fürchterlichen Gekrach eine ungeheuere Menge glühender Steine aus, von denen einige nicht allzuweit von uns niederfielen. Dieses Ereignis brachte schnell die ganze Karawane ins Stocken; nach einigem Bedenken machten sich indessen die Vordersten doch wieder auf den Weg, und wir übrigen folgten. So gelangten wir nach einem mühevollen Wege hinter den links gelegenen Krater und fingen von da an den Kegel zu ersteigen. Dies war aber die beschwerlichste Arbeit des ganzen Tages, weil wir jetzt, bis an die Knie in der Asche, eine sehr steile Anhöhe erklimmen mußten. Nach vieler Mühe sahen wir uns indessen doch endlich oben und standen nun auf dem schmalen Rande des Kraters, der wie ein Trichter, etwa zweihundert Fuß an der obern Öffnung im Durchmesser, gestaltet ist. Nachdem wir einige Minuten hier verweilt und den Ausbrüchen des andern Kraters, der unterm Winde vor uns lag, zugesehen hatten, wurde der, bei welchem wir standen, plötzlich ganz von Rauch befreit, und wir konnten nun in die grause Tiefe hinabschauen. Da sahen wir in dem Grunde des Trichters zwischen Felsenmassen große Schlünde, aus denen die Flammen hervorbrachen; doch da gleich wieder Rauch darauf folgte, so war dieser Blick nur von kurzer Dauer. Einer der Engländer bekam sogar Lust, in einem Augenblick, wo der Rauch von dem Krater, auf dessen Rande wir standen, nicht stark war, auch zu dem andern hinüberzulaufen,[4]  um einen Blick in dessen Tiefe zu werfen. Er hatte aber kaum den Rand erreicht, so erfolgte ein glücklicherweise nicht sehr starker Ausbruch, vor dem er kaum noch Zeit genug hatte, sich wieder zu uns zu retten. In demselben Augenblicke fing auch ein dritter Krater hinter uns an zu lärmen, und nun war es hohe Zeit, uns aus dem Staube zu machen. Jener warf zwar nur Asche aus, wurde aber durch den Schrecken, den er uns eingejagt hatte, unser Erretter vom völligen Untergange; denn kaum waren wir wieder auf unserm alten Lagerplatze, so warf der bis jetzt sehr ruhige Krater, an dessen Rande wir gewesen waren, eine solche Menge glühender Steine aus, und zwar gerade nach der Seite hin, wo wir gestanden hatten, daß wir sämtlich erschlagen und verschüttet worden wären, hätten wir uns noch fünf Minuten dort oben verweilt. Nachdem wir uns von unserm starren Schrecken erholt hatten, mußten wir uns eingestehen, daß es sehr vorwitzig war, uns trotz der Warnung der Führer so weit hinauf zu wagen.
Wir lagerten nun wieder auf unserm warmen Platze und verzehrten die mitgebrachten Vorräte. Es war ein schauerlicher Gedanke, bei anbrechender Nacht, weit entfernt von allen lebenden Wesen, hier auf einer vielleicht nicht sehr dicken Kruste, die doch über kurz oder lang einmal einbrechen wird, über einem Feuermeer zu schweben, rund umgeben von der schrecklichsten Verwüstung. Mehrere aus der Gesellschaft machten die Bemerkung, daß es doch eine wahre Torheit sei, sein Leben so dem Ungefähr anzuvertrauen, um eine eitle Neugierde zu befriedigen. Diese Betrachtungen hinderten indessen nicht, daß wir die mitgebrachten Eier, die die Führer zu unsern Füßen in der heißen Asche kochten, mit vielem Appetit verzehrten und uns dazu einen Trunk Lacrimae Christi trefflich schmecken ließen.
So erwarteten wir die Nacht, sahen die Sonne ins Meer untertauchen und hinter den Kratern den Vollmond aufgehen, dessen gelbes Licht zu dem roten Feuer derselben einen herrlichen Kontrast bildete. Zu unsrer Rechten erblickten wir zu gleicher Zeit den Widerschein der aus einer Seitenöffnung des Berges hervorbrechenden Lava, wohin man aber ohne große Gefahr nicht gelangen kann.
Um sieben Uhr machten wir uns auf den Rückweg, der anfangs, weil wir auf der Schattenseite des Berges hinabsteigen mußten, sehr beschwerlich und wegen der Dunkelheit auch gefährlich war. Wie wir dann aber die steile Stelle erreicht hatten, führten uns die Führer auf einen andern Rückweg, wo wir in hoher Asche mit Riesenschritten sehr schnell hinabrutschten. Unten fanden wir unsre Esel, auf denen wir im[5]  herrlichsten Mondenscheine nach Portici zurückritten. Abends um zehn Uhr langten wir höchst vergnügt über den äußerst interessant verlebten Tag wieder in Neapel an.

den 7. Februar [1817]

Bei dem fortdauernd schönen Frühlingswetter machen wir täglich einen Spaziergang, um uns mit den nahen Umgebungen der Stadt bekannt zu machen. Der Kinder Lieblingsspaziergang ist auf den Hafendamm, auf dem der Leuchtturm steht, weil sie teils das bunte Leben im Hafen selbst sowie der Anblick der verschiedenartigsten Schiffe, vom Kriegsschiff von hundert Kanonen an bis zur Fischerbarke herab, unendlich ergötzt, teils der Weg dahin das Treiben der niedern Volksklassen recht lebendig dem Auge vorüberführt. Vom S. Carlo-Theater bis zum Hafen ist nächst der Toledostraße das größte Gedränge; da befinden sich in geringer Entfernung alle die kleinen Winkeltheater, die den ganzen Tag über spielen, und zu deren Besuch auf einer Erhöhung ein paar Geiger und ein Hanswurst unaufhörlich einladen. Zwischen ihnen stehen die Buden der Marktschreier, die hoch auf einem Tische ihren zahlreichen Zuhörern und Käufern ihre Medikamente anpreisen. Auf dem Hafendamme, wo es kein Wagengeräusch gibt, schlagen die Puppenspieler ihre ambulierenden Theater auf, und die Improvisatoren unterhalten die Neapolitaner von den Heldentaten ihrer Vorfahren. Zuweilen liest ein solcher auch vor und erklärt nachher das Gelesene. Hier wimmelt es aber auch von unverschämten und ekelhaften Bettlern und verschmitzten Taschendieben, so daß man sich vor denselben nicht genug in Acht nehmen kann. Bei den ersten Spaziergängen dahin habe ich jedesmal mein Taschentuch eingebüßt. Erwartet man hier die Nacht, so gewährt der Vesuv mit seinem roten Feuer im Kontraste zu dem weißen Leuchten des Pharus einen herrlichen Anblick.
Das Ziel eines zweiten, ebenso interessanten Spazierganges ist der königliche Garten an der Chiaia. Er zieht sich in einer beträchtlichen Länge dicht am Meere hin und besteht aus drei sehr breiten Alleen und kleinen englischen Anlagen zu beiden Seiten. Es zieren ihn viele schöne Statuen und Gruppen von Marmor; in der Mitte steht der berühmte farnesische Stier, eine vortreffliche Antike von einem griechischen Meister, an beiden Seiten viele vortreffliche Kopien antiker Meisterwerke, wie die des Apoll von Belvedere, des Sabinerraubs und anderer. Von elf Uhr an versammelt sich hier an schönen Tagen die Beau monde, um zu schauen und sich beschauen zu lassen. Geht man an der Chiaia[6]  immer weiter, so kommt man bald auf die Straße, die durch die Posilip-Höhle nach Pozzuoli führt. Diese wenigstens tausend Schritt lange Durchfahrt quer durch einen beträchtlich hohen Berg ist wohl die merkwürdigste in ihrer Art; denn die durch den Felsen gesprengten Passagen auf der Straße über den Simplon sind nur Kinderspiel gegen dieses Werk. Der Eingang auf dieser Seite zwischen himmelhohen Felsen ist besonders romantisch; schon von weitem hört man den Donner der durchfahrenden Wagen, und man behauptet, daß in der Nacht, wenn hier alles einsam ist, selbst die in den Straßen der Stadt fahrenden Wagen einen donnerähnlichen Widerhall in diesem Felsenwege verursachen. Das Innere der Höhle ist Tag und Nacht mit vielen Laternen erleuchtet. Am Eingange und in der Mitte befinden sich Kapellen, bei welchen die Durchpassierenden um Almosen gebeten werden. Über dem Eingang hoch auf Felsen zeigt man eine kleine Höhle, wo der unsterbliche Dichter Virgil begraben sein soll.
Vor einigen Tagen bestiegen wir auch das Fort S. Elmo, von wo man eine köstliche Aussicht über die ganze Stadt und den weiten Meerbusen hat. Auch die zwar viel beschränktere, aber wegen der Nähe des Hafens sehr interessante Aussicht vom Leuchtturm haben wir bereits genossen.

den 12. Februar [1817]


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Gestern Abend sind wir von einer herrlichen Ausflucht nach den Inseln zurückgekommen. Am Sonntag mittag fuhren wir in Gesellschaft unsrer drei schlesischen Landsleute in einer eigens gemieteten Barke nach Ischia. Zuerst mußten wir das Vorgebirge Posilipo umschiffen, dann lag Nisida und Procida ganz nahe, Cap Misen etwas zurück und Ischia in weiterer Ferne in gerader Richtung vor uns. Diese Inseln und Vorgebirge mit ihren steilen, himmelanstrebenden Felsen am Meerbusen und mit ihrer üppigen Fruchtbarkeit im Innern gewähren jeden Augenblick, je nachdem man sich wendet, neue Ansichten, bald lieblichen, bald kühnen großartigen Charakters. Procida besonders, einer der bevölkertsten Punkte des ganzen Erdbodens, gewährt vom Meer gesehen eine herrliche Ansicht, weil die ganze Insel nur eine große Stadt zu sein scheint. Da der Wind uns ziemlich heftig entgegenwehete, so kam die Nacht heran, ehe wir Ischia erreichen konnten. Der schöne Abend ließ uns aber die Verspätung nicht bedauern. Die Sterne leuchteten mit einem Glanze, wie sie in Deutschland wenigstens nie gesehen werden; besonders glänzte die Venus in einem so klaren Lichte, daß dieses auf dem Meere einen Schein warf wie sonst der Mond, und man recht[7]  deutlich einen Schatten bemerken konnte. Auch das Meer leuchtete bei jedem Ruderschlage mit einem Schein, dem der Johanniswürmchen gleich. Gegen acht Uhr landeten wir endlich an der nördlichen Küste der Insel und fanden in dem schönen Hause eines Geistlichen ein bequemes Nachtlager.
Am andern Morgen machten wir uns bald auf den Weg, um das Innere der Insel zu sehen und den Epomeo zu besteigen. Da es auf Ischia weder Wagen noch Fahrstraßen gibt, so setzten wir uns sämtlich auf Esel, die uns bequem und sicher auf der steinigen und unebenen Straße forttrugen. Wir kamen durch sehr fleißig angebaute Ebenen nach –, einer kleinen, aber lebhaften Stadt am Ufer des Meeres; dann immer am Fuße des Epomeo zwischen Weinbergen an die entgegengesetzte Seite des Berges, wo er bequemer zu ersteigen ist. Nachdem wir auf steinigten Wegen bis zur Hälfte hinaufgekommen waren, wurde zur Erfrischung der Tiere eine Stunde Halt gemacht und dann die zweite, noch beschwerlichere Hälfte zurückgelegt. Leider hatte sich aber unterdessen der Himmel umwölkt, und, auf der Bergspitze angelangt, wurden wir in eine dichte Nebelwolke eingehüllt. Wir traten in eine geräumige, aus mehreren Zimmern, Gängen und einer Kapelle bestehende Eremitage; sie ist der bei Freiburg in der Schweiz ähnlich und ebenso wie jene von zwei fleißigen Einsiedlern in den Felsen gehauen. Hier erwarteten wir sehnsuchtsvoll, daß es sich aufklären würde, und hatten auch einige Male freie Blicke durch die Wolken auf die Fläche der Insel, die wie eine Landkarte in weiter Tiefe vor uns lag; allein die Fernsicht nach Neapel, Capri und Sorrento blieb uns verdeckt. Wir mußten uns endlich wieder auf den Weg machen, ohne von oben diese herrliche Aussicht, die vielleicht eine der schönsten der Welt ist, genossen zu haben, und glaubten schon unsre beschwerliche Tour ganz nutzlos, als sich plötzlich, nachdem wir wieder etwas niedriger unter der Wolkenlage angekommen waren, die ganze prachtvolle Ansicht der Inseln, Vorgebirge und Meerbusen mit dem rauchenden Vesuv im Hintergrunde unsern entzückten Augen darstellte. Lange blieben wir in diesen einzig herrlichen Anblick versunken, und als dann endlich die scheidende Sonne zum Aufbruch mahnte, kehrten wir auf dem kürzesten, aber steilsten Wege, wo wir uns der Esel nicht bedienen konnten, zu unserm vorigen Nachtquartier zurück. Der Epomeo, der vor 450 Jahren noch ein feuerspeiender Berg war, trägt auf dieser Seite, die noch viel wilder als die entgegengesetzte ist, Spuren ehemaliger vulkanischer Ausbrüche. Der Weg führte uns beinahe fortwährend über nun fast verwitterte Lava. Auf den Felsen sahen wir häufig Levkojen in der Blüte,[8]  die hier und auch bei Neapel wild wachsen. Am Wege blüheten Veilchen und andere, bei uns nicht einheimische Blumen, sowie in den Gärten der Mandelbaum. Zuletzt kamen wir noch an einen Ort, wo sich warme Bäder befinden, die im Sommer von den Neapolitanern häufig besucht werden. Zu Hause erwartete uns eine reich besetzte Tafel, an der wir es uns nach all den Beschwerden des Tages trefflich schmecken ließen. Besonders behagte uns ein feuriger weißer Ischiawein von 1811.
Am andern Morgen um acht Uhr schifften wir uns wieder ein und landeten zuerst am Cap Misen, wo wir den größten unterirdischen Behälter von süßem Wasser, aus dem die römische Flotte versorgt wurde, und die cento camere des Nero, wahrscheinlich Gefängnisse für Kriegsgefangene, besahen. Dann ließen wir uns quer über den Meerbusen nach Pozzuoli übersetzen und begannen dort eine neue Wanderung nach Altertümern. Beim Hineinfahren in den Hafen waren wir an den noch stehenden Pfeilern und Bogen der Brücke des Caligula vorbei gekommen, die dieser über den Meerbusen schlagen wollte. Obgleich nur von Backsteinen erbaut, trotzen diese Überbleibsel, durch ihren vortrefflichen Kitt zusammen gehalten, nach so vielen Jahrhunderten den ewig sich daran brechenden Wogen des Meeres.
Unser Cicerone führte uns zuerst nach der Solfatara, einem runden, flachen, ringsum mit Felsen umgebenen Felde, augenscheinlich ein ehemals eingestürzter Krater. Das unterirdische Feuer brennt aber noch fortwährend, denn an vielen Stellen dringt Rauch aus der Erde und setzt wie auf dem Vesuv Schwefel an. Der Boden ist an diesen Orten glühend heiß, und die Fußtritte klingen hohl. Unser Führer warf einen großen Stein auf die Erde, wodurch der Boden weit im Umkreise erschüttert wurde und einen hohlen, sehr starken Ton von sich gab.
Von da gingen wir zu einem ebenfalls unterirdischen Wasserbehälter, der dem auf Cap Misen ähnlich ist; dann sahen wir Ruinen von einem Amphitheater und mehreren Tempeln und gelangten zuletzt zu dem interessantesten Altertum der ganzen Gegend – zu den wiederaufgegrabenen Ruinen des Serapistempels nahe am Meere. Es ist über alle diese Altertümer so viel geschrieben worden, daß es überflüssig wäre, hier etwas darüber zu sagen. Die Ruinen des Serapistempels sind aber so interessant und geben einen so anschaulichen Begriff von seiner ehemaligen Pracht und Größe, daß es ihretwegen schon allein der Mühe lohnt, eine Reise hierher gemacht zu haben. Gegen Abend kehrten wir in einem Wagen durch die Posilip-Höhle nach Neapel zurück.[9] 
den 15. Februar [1817]

Da ich jetzt einige Male das S. Carlo-Theater besucht habe, so getraue ich mir ein Urteil darüber niederzuschreiben. Beim ersten Besuche ging es mir damit wie mit der Peterskirche, es schien mir nicht so groß, als es wirklich ist, und ich mußte mir wiederholt versichern lassen, daß es um vier Schuh breiter und, ich weiß nicht, um wieviel länger sei als das Mailänder, ehe ich daran glauben konnte. Als aber der Vorhang aufgezogen wurde und ich das Verhältnis der Menschen gegen die auf den Dekorationen gemalten Gegenstände sah, merkte ich wohl, daß ich hier ebenfalls durch die guten Verhältnisse der kolossalen Einzelheiten getäuscht worden war. Hier zum ersten Male kamen mir die Pferde nicht unverhältnismäßig groß gegen das übrige vor, und die Menschen, welche man in der äußersten Tiefe des Theaters sah, standen noch in richtigem Verhältnisse gegen die sie umgebenden Gegenstände. Für das Ballett und die Pantomime kenne ich daher kein passenderes Lokal, und es lassen sich hier militärische Evolutionen von Infanterie und Kavallerie, Gefechte, Seestürme u. dgl. geben, ohne ins Kleinliche und Lächerliche zu fallen; für die Oper ist das Haus aber zu groß. Obgleich die Sänger, Madame Colbran und die Herren Nozzari, Benedetti usw. sehr starke Stimmen haben, so hört man doch nur die höchsten, mit Anstrengung herausgeschrieenen Töne; aller zarte Gesang geht durchaus verloren. Dies soll nun freilich vor dem Brande nicht der Fall und das Theater damals eben so sonor wie das Mailänder della Scala gewesen sein. Man schreibt diese nachteilige Veränderung drei Ursachen zu: 1) ist das Proscenium um einige Schuh erweitert worden; 2) die Decke nicht mehr so gewölbt wie ehemals, und 3) hemmen die hoch vorstehenden Stukkaturverzierungen den Ton und werfen ihn nicht zurück. Ist das Haus wirklich ehemals so sonor gewesen, so hat man es bei dem neuen Bau gewaltig verballhornt, und man täte sehr gut, all den unnötigen Plunder von Verzierungen und Vergoldungen, der überdies gewaltig schwer und nicht im besten Geschmack ist, je eher, je lieber hinauszuwerfen, um die ehemaligen Vorzüge wieder zu gewinnen.
Die erste Oper, die ich sah, war »Gabriella di Vergi« vom Grafen Carafa, der ehemals bloß Dilettant war, jetzt aber, als ein unbemittelter, jüngerer Sohn der Familie, Künstler geworden ist und als solcher sein Brot zu gewinnen sucht. Die Oper hat mir sehr wohl gefallen, ohne mich gerade besonders anzuziehen. Der Stil ist gleich und würdevoll, das Orchester aber zu überladen, und die Singstimmen sind zu sehr gedeckt. Die Aufführung war sehr präzis, sowohl von Seiten der[10]  Sänger als auch des Orchesters. Letzteres ist unter der genauen, feurigen, nur etwas zu lauten Direktion des Herrn Festa sehr gut eingespielt, hat aber zu wenig Nuancen von Piano und Forte; besonders sind die Blasinstrumente im Piano immer zu stark. Von den Sängern läßt sich weiter nichts sagen, als daß sie gute, starke Stimmen haben. Ob sie sich aber durch guten Vortrag auszeichnen, kann man in diesem Theater nicht beurteilen; denn entweder hört man sie schreien, oder man hört sie gar nicht. Nach der Oper gab man das von Duport in Szene gesetzte Ballett »Aschenbrödel« mit einem großen Aufwand in Dekorationen, Garderobe und Komparserie. Außer Duport und seiner Frau zeichneten sich noch die Tänzer Vestris, Taglioni(?) und einige Tänzerinnen aus, deren Namen ich nicht weiß. Die Musik war beinahe die nämliche, die wir bei demselben Ballett in Wien hatten; eine neu hinzukomponierte Polonaise vom Grafen Gallenberg, dem hiesigen Ballettkomponisten, zeichnete sich durch Originalität und Lieblichkeit aus. –
Eine andre Oper, ebenfalls von einem Dilettanten, Herrn Carlo Saccenti, wurde vor acht Tagen gegeben, nachdem man länger als drei Monate daran studiert und probiert hatte. Der König, der den Komponisten gewaltig protegiert, hatte sie zur Eröffnung des S. Carlo-Theaters bestimmt, und Mayr, den der Impresario hieher berufen hatte, um eine neue Oper für diesen Zweck zu schreiben, mußte mit der seinigen zurück stehen. Da man aber später sah, daß es unmöglich sein würde, sie zur bestimmten Zeit einzustudieren, so ließ man von Mayr noch in der Geschwindigkeit eine Kantate schreiben, mit welcher das Theater sodann am 12. Januar wirklich eröffnet wurde. Diese Kantate soll nach dem Urteile der Kenner, obgleich sehr schnell geschrieben, doch viel schöne Musik haben; da aber der Text, der den Brand des Theaters zum Gegenstande hat, sich sehr wenig zur Komposition eignete, mußte sie wohl etwas kalt geraten. So konnte es nicht fehlen, daß bei der geringen Aufmerksamkeit des Publikums, welches durch die brillante Beleuchtung des Hauses und die Pracht und spanische Etikette, in welcher der Hof der Eröffnung des Theaters beigewohnt, zerstreut wurde, auch die Aufnahme der Kantate sehr kalt sein mußte. Eigentlich mißfallen hat sie aber nicht. Nachdem dieselbe in Szene gesetzt war, begann man von neuem an der Oper von Saccenti zu studieren. Alles, was von diesen Proben ins Publikum kam, klang sehr widersprechend. Seine Freunde meinten, er habe ein Werk gemacht, das durch seine Originalität und Vortrefflichkeit eine gänzliche Reform in der Gesangskomposition herbeiführen würde, die Sänger[11]  und Musiker hingegen, daß sie in ihrem Leben noch nichts Verrückteres, Langweiligeres und Inkorrekteres gesungen und gespielt hätten. Die Unparteiischen vermuteten, es würde die Wahrheit, wie gewöhnlich bei so verschiedenen Urteilen, in der Mitte liegen; ich überzeugte mich aber bald in einigen Proben, denen ich beiwohnte, daß die Musiker in ihrem Urteile vollkommen recht hatten. Man würde mit aller Mühe kaum etwas Unzusammenhängenderes, Inkorrekteres und Verrückteres von Musik zusammenbringen, wenn man auch mit Fleiß darauf ausginge, allen bis jetzt durch Erfahrung bewährten Regeln von Rhythmus, Periodenbau, Harmonie und Instrumentierung entgegenzuhandeln. Da war keine Spur von Gesang oder vernünftiger Fortführung einer Idee; alle drei Takte etwas anderes mit den inkorrektesten Modulationen. Gleich in der Introduktion kommen drei häßliche Quinten hintereinander vor. Auf Erinnern eines der Musiker hat sie der Komponist sehr sinnreich mit dem Beispiele jenes englischen Matrosen verteidigt, der angeklagt wurde, drei Weiber genommen zu haben, nach den Gesetzen aber frei gesprochen werden mußte, weil in ihnen nur das Verbot, zwei Weiber auf einmal zu nehmen, enthalten, von dreien aber nicht die Rede war; auf gleiche Weise, meint der Komponist, sei es verboten, zwei Quinten aufeinander folgen zu lassen, aber drei höben das Verbot auf.
Endlich nach noch unzähligen Proben fand die Aufführung in Gegenwart des Hofes und bei voll gedrängtem Hause statt. Trotzdem daß hier im Theater bei Anwesenheit des Hofes eine sehr steife spanische Etikette herrscht, die z.B. befiehlt, daß beim Eintritt des Königs in die Loge der Vorhang aufgezogen werden muß, wodurch die armen Sänger in die Lage versetzt werden, sich während der ganzen Dauer der Ouvertüre beschauen zu lassen, ohne sich in dem Geist ihrer Rollen bewegen zu können; die ferner jede Äußerung von Beifall oder Mißfallen verbietet; trotz diesem Zwang, der ein unbefangenes Urteil hemmt, wurde die Oper in optima forma ausgepfiffen; tags darauf, wo ich der zweiten Aufführung beiwohnte, ebenfalls, ohne daß es auch nur einer von den Freunden des Komponisten gewagt hätte, zu klatschen. Mit dieser zweiten Vorstellung, der auch ich beiwohnte, wurde die Oper auf ewige Zeiten begraben. Sie heißt »Aganadeca«, der Dichter Signore Vincenzo de Ritis. Die Dichtung nach Ossian soll nicht ohne Verdienst sein, und man bedauert, daß sie keinem bessern Komponisten in die Hand gekommen ist. Dieser ist übrigens noch nicht zur Erkenntnis gekommen; er gibt der wenigen musikalischen Bildung des neapolitanischen[12]  Publikums die Schuld und will sein Werk nach Deutschland schicken. Apollo und die Musen geben ihren Segen dazu!

den 20. Februar [1817]



Vorgestern ist der Karneval geschlossen worden und die Fasten haben begonnen. Nach dem Lärm der letzten Karnevalstage tut die nun eingetretene Stille recht wohl, obgleich die Abende auch ein wenig langweilig werden, da sämtliche Theater auf vier Tage geschlossen sind. Nächsten Sonntag werden sie aber von neuem wieder eröffnet. Im S. Carlo-Theater wird man statt der sonst gebräuchlichen Oratorien dieses Jahr Opern wie gewöhnlich geben, doch ohne Ballett[e], die in dieser Zeit ganz verboten sind. Im Theater Fiorentino sahen wir eine Oper von Guglielmi dem Sohn, »Paolo e Virginia«, die ziemlich gefallen hat. Sie hat viele recht artige Musikstücke, ohne daß sich indessen etwas besonders auszeichnete. Recht italienisch abgeschmackt ist aber die Musik zum dritten Akt, wo Paul während des Meersturmes eine Arie in der gewöhnlichen Form mit den ebenso gewöhnlichen, faden Zwischenspielen singt und sich in Trillern und Passagen abarbeitet, während er weit gescheiter täte, seiner Geliebten zu Hilfe zu eilen. Dieser Meersturm ohne eine passende Musik war daher das Lächerlichste, was ich je auf dem Theater gesehen habe, und ließ gar keine Teilnahme an der Handlung bei dem Zuschauer aufkommen. Freilich war auch die Maschinerie auf diesem Theater gewaltig kleinlich und kindisch. Unter den Sängern zeichneten sich die Damen Chabran und Canonici sehr aus. Erstere hat eine schöne Sopranstimme, viel Geläufigkeit und gute Schule, letztere dieselben Vorzüge bei einer kräftigen Contrealtstimme. Besonders gut haben sie ihre Duette zusammen einstudiert. In diesem Theater fanden wir bei vollem Hause und bei einer schon oft wiederholten Vorstellung zum ersten Male in Italien ein aufmerksames, ruhiges und empfängliches Publikum. Das Haus ist geräumig und hübsch dekoriert, die Szene aber sehr schmal und eng. – Der Komponist dieser Oper ist vor ein paar Tagen gestorben. Er war sehr kränklich und wollte doch nicht, dem Verbot des Arztes gemäß, sich der Arbeit enthalten und wurde so ein Opfer seiner Kompositionslust.
Den Schluß des Karnevals hatte ich mir weit lustiger gedacht, als wie ich ihn gefunden habe. Der ganze Spaß bestand darin, daß sich halb Neapel zu Wagen und zu Fuß, maskiert und unmaskiert in der Straße Toledo zusammendrängte, dort auf- und abwogte und sich mit Gipskügelchen warf. Die Masken in den Wagen hatten hierzu ganze Körbe voll solcher Kügelchen und Schaufeln, um sie bis zu den Balkonen hinaufzuschnellen.[13]  An der Linken waren sie mit einem Schilde von Blech bewaffnet, um die Würfe andrer Masken aufzufangen. Da die Kügelchen oft von ziemlich grobem Korn waren und mit aller Kraft geworfen wurden, so fiel der Spaß für die unmaskierten Personen ziemlich derb aus, und manche Dame mag wohl an Hals und Armen blaue Flecken davongetragen haben. Demungeachtet entstand nirgends Streit, da die Maskenfreiheit aller Unart zur Entschuldigung dient. Auf den Maskenbällen im S. Carlo-Theater soll es ziemlich langweilig gewesen sein; an Charaktermasken hat es zwar nicht gefehlt, wohl aber an Witz und Geschick, um die Charaktere dem Kostüm gemäß durchzuführen.

den 26. Februar [1817]

Ich habe zweimal das Konservatorium besucht. Das erstemal wohnte ich einem Übungskonzerte der Eleven bei, wo mehrere Ouvertüren oder erste Sätze von Symphonien von einem derselben, der zu gleicher Zeit auch erster Geiger ist, probiert wurden. Sie waren nicht ohne Phantasie geschrieben, in der Form und in der Instrumentierung aber ganz den Ouvertüren von Rossini nachgebildet, die doch gewiß nicht als Muster dienen sollten. Die Exekution war sehr mittelmäßig; es fehlt den jungen Leuten, besonders den Geigern und Violoncellisten, ganz an Schule; sie wissen weder, wie sie die Geige, noch wie sie den Bogen halten sollen, und spielen weder rein noch deutlich! Es kann auch bei dem schlechten Unterrichte, den sie erhalten, nicht anders sein; der einzige hiesige Geiger, welcher eine gute Schule hat, Festa, ist nicht beim Konservatorium angestellt. Auch ist es sehr zu tadeln, daß die jungen Leute nicht unter Aufsicht und Anführung ihrer Lehrer ihre Übungskonzerte halten; ihrem ersten Geiger und Direktor, der selbst noch Schüler ist, fehlt es durchaus an Ruhe und Übersicht. Er hudelt die Allegrotempi so, daß an gar keine Deutlichkeit zu denken ist. Unter den Blasinstrumenten zeichnet sich ein Hornist, ein Knabe von elf Jahren, sehr vorteilhaft aus. Bei der zweiten Musik, der ich beiwohnte, traten auch ein paar Sänger auf, die aber weder gute Stimmen, noch gute Methode hatten. Alles, was ich bis jetzt hörte, bleibt weit unter dem, was die Mailänder Eleven leisteten. Herr Zingarelli, Direktor des hiesigen Konservatoriums und Lehrer der Theorie und des Gesanges, mag als Opernkomponist manche Verdienste haben; allgemein behauptet man aber, daß seit seiner Anstellung das Konservatorium sehr in Verfall geraten sei. Daß er zum wenigsten nicht weiß, wie ein Orchester geführt und eine Symphonie exekutiert werden muß, beweist er dadurch, daß er den Skandal so ruhig in seiner Gegenwart geschehen[14]  läßt. Von den Verdiensten unsrer deutschen Komponisten hat er gewaltig verkehrte Begriffe. Bei einem Besuche, den ich ihm machte, sprach er lange von Haydn und einigen andern unserer Komponisten sehr ehrenvoll, ohne auch nur ein einziges Mal Mozarts zu erwähnen; ich brachte also die Rede auf diesen, worauf er äußerte: ja, auch dieser sei nicht ohne Anlagen gewesen, er habe nur zu kurze Zeit gelebt, um sie gehörig ausbilden zu können; wenn er noch zehn Jahre fort studiert hätte, so würde er wohl einmal etwas Gutes haben schreiben können.

den. 3. März [1817]

Eine schon vor mehreren Jahren geschriebene Oper von Mayr ist wieder in Szene gesetzt worden. Sie heißt »Cora« und hat dasselbe Sujet wie Kotzebues »Sonnenjungfrau«. Die Musik hat zwar einige schöne Stellen, im ganzen genommen jedoch die Erwartung, die ich von Mayrs Musik hatte, nicht befriedigt. Er ist denn doch auch gewaltig tief in die italienische Manier hineingeraten und verleugnet fast ganz den Deutschen. Seine Art, den Gesang zu führen und zu instrumentieren, ist rein italienisch. Verwundern darf man sich darüber freilich nicht, da er seit seinem vierzehnten Jahre in Italien lebt und nie für andere als italienische Zuhörer geschrieben hat. Ich glaube, daß er sich, seinem angebornen Talent unbeschadet, bloß dadurch über die Andern emporgehoben hat, daß er sich von jeher alle vorzüglichen deutschen Werke zu verschaffen suchte, sie studierte und benutzte, und zwar letzteres wohl manchmal ein wenig zu sehr. Er wird in ganz Italien und besonders hier sehr geschätzt und geliebt und verdient es auch in jeder Hinsicht und ist als Mensch noch immer der rechtschaffene, schlichte und bescheidene Deutsche. Sein Vaterland liebt er sehr und scheint nur zu bedauern, daß ihn das Schicksal nicht seine Karriere als Komponist in Deutschland machen ließ. In seinem Bergamo, wo er Kapellmeister ist, will er sich jetzt ganz zur Ruhe begeben und sodann nur noch für seine Kirche schreiben. Er versicherte mir, daß ihn bloß die Ehre, zur Eröffnung des S. Carlo-Theaters zu schreiben, habe bewegen können, sein Asyl noch einmal zu verlassen, daß aber die Oper: »Die Rache der Juno«, die er nun beendigt habe, sicher seine letzte Arbeit für das Theater sein solle. In der »Cora« ist das Lieblingsstück des Publikums der Schlußgesang, bestehend in einem Thema in drei Variationen im Stile der frühern Pleyelschen; einer der Sänger singt das Thema, David die erste Variation in Achteln, dann Nozzari die zweite in Triolen und zum Schlusse die Colbran die dritte in Sechzehnteln. Da es gut gesungen wird, so gefällt es dem Publikum sehr, und die Kritik muß schweigen.[15] 
den 6. März [1817]

Gestern abend gab im Theater Fondo Herr Pio Cianchettino Konzert. Er ist Neveu und Schüler von Dussek und spielte auch zwei Konzerte von diesem Meister ganz in dessen Manier. Obgleich sein Spiel rein, deutlich und selbst ausdrucksvoll war, so bewährte sich doch auch hier wie überall die Erfahrung, daß das Pianoforte als Konzertinstrument die Zuhörer ganz kalt läßt und dies in dem Maße mehr, als das Lokal größer ist. Mir selbst ging es ebenso; denn wiewohl ich das Piano sehr liebe, wenn ein ideenreicher Komponist phantasiert, so läßt es mich als Konzertinstrument doch auch völlig kalt, und ein Pianofortekonzert kann meiner Meinung nur den Effekt machen, wenn es wie die Mozartschen geschrieben, wo das Piano nicht viel mehr bedacht ist wie jedes andere Orchesterinstrument. Die Sänger Madame Chabran und die Herren David, Nozzari und Benedetti zeichneten sich sämtlich aus und wurden lebhaft applaudiert. Die Vorzüge derselben lernt man erst recht kennen, wenn man sie in einem kleineren Lokale, als das S. Carlo-Theater ist, hört. David und Nozzari sind fast vollendete Sänger zu nennen; sie haben beide sehr schöne Stimmen, ersterer einen sehr hohen Tenor, letzterer einen hohen Bariton, merkwürdige Geläufigkeit und viel wahren Ausdruck. Benedetti hat eine sehr schöne Baßstimme, singt aber etwas kalt. – Da das Konzert nicht sehr besucht war, so mag der Ertrag wohl nicht bedeutend gewesen sein.

den 7. März [1817]

Wir haben wieder einige etwas weitere Spaziergänge gemacht, die höchst interessant waren. Das Ziel des einen war das Camaldulenserkloster, welches ungefähr zwei Stunden von dem Mittelpunkte der Stadt entfernt auf einer Anhöhe liegt. Bis an den Fuß des Berges fuhren wir; da der Fahrweg aber nicht weiter führt, so mußten wir die Höhe ersteigen. Die Aussicht aus dem Klostergarten ist vielleicht die reichste und schönste der Welt. Auf der einen Seite sieht man Ischia, Capri, Procida, Nisida und die Vorgebirge, die wir auf unserer neulichen Partie besuchten, vom blauen Spiegel des Meeres umflossen; auf der entgegengesetzten Seite Capua, Caserta und im Hintergrunde die beschneieten Gebirge; auf der nach Neapel einen Teil der Stadt selbst, den ganzen Meerbusen mit den gegenüberliegenden Küsten und zur Linken den rauchenden Vesuv; auf der vierten Seite endlich die Küsten und vorspringenden Vorgebirge bei Gaëta bis nach Terracina. Da das Wetter uns sehr begünstigte, so war dies einer der herrlichsten Tage, die wir je im Genusse der schönen Natur verlebt haben. Die Mönche, deren[16]  wir einige zu Gesicht bekamen, schienen nicht mit uns in gleicher Laune zu sein; denn sie hatten alle ein finsteres Ansehen. Emilie bemerkte dies und äußerte ihre Verwunderung, warum sie nicht lieber ihr großes Haus an Leute aus Neapel vermieteten, die mehr Sinn für die herrliche Aussicht hätten, und die ihnen gern so viel zahlen würden, daß sie sich in der Stadt einmieten könnten.
Einen kürzern, aber nicht weniger interessanten Spaziergang machten wir auf der neuen Straße nach Rom, die unter Murat angefangen wurde, nach seiner Entthronung aber unvollendet liegen blieb. Sie führt über einen Berg, von dem man die herrlichste Ansicht der Stadt hat, und es ist sehr zu bedauern, daß sie nicht vollendet ist, da dann doch der Reisende noch vor seinem Eintritt in Neapel eine würdige Idee von der Stadt bekommen hätte, während er jetzt auf der alten Straße, die durch eine enge Bergschlucht führt, nicht eher etwas von Neapel sieht, als bis er den schmutzigsten und unansehnlichsten Teil der Stadt betreten hat, der ihn lange im Zweifel lassen wird, ob er sich auch wirklich in dem weltberühmten Neapel befinde.
Auch haben wir einen sehr vergnügten Tag auf der Villa des Bankier Heigelin zugebracht, die in der Nähe der Strada Nuova ebenfalls auf einem Berge liegt, und von der man eine prachtvolle Aussicht genießt. Der alte Heigelin, ein liebenswürdiger, braver Deutscher, hat diese seine Schöpfung mit so viel Herrlichkeiten als Grotten, Ruinen, Tempeln, Bassins usw. ausgeschmückt, daß man auf einen so kleinen Raum wirklich nicht mehr zusammendrängen könnte. Obgleich nun das Ganze wohl ein wenig kleinlich im Geschmack ist, so bietet es doch im einzelnen viel Vorzügliches dar. Für uns Nordländer hatten namentlich die vielen fremden Gewächse, die meist schon in voller Blüte standen, das größte Interesse.

den 11. März [1817]

Gestern Abend fand unsere Akademie statt. Da mir der Impresario der Hoftheater, Barbaja, ein höchst eigennütziger Mensch, für die Theater zuviel Geld abforderte, für Fondo nämlich 100 neapolitanische Ducati und für S. Carlo gar 200, so nahm ich lieber seinen Vorschlag an, mein Konzert im Redoutensaale des S. Carlo-Theaters zu geben, welchen er mir mit der Erleuchtung gratis anbot. Dieser scheinbar uneigennützige Vorschlag war übrigens ebenfalls auf seinen Vorteil berechnet, indem der Redoutensaal und die angrenzenden Zimmer das Lokal für die Hasardspiele sind, die er gepachtet hat, und zu denen er[17]  durch mein Konzert die angesehenste und reichste Gesellschaft der Stadt hinziehen wollte. Diesen Nutzen, der mir keinen Nachteil brachte, konnte ich ihm wohl gönnen. Da der Saal nicht sehr groß ist, so setzte ich den Eintrittspreis wie in Rom auf einen Piaster und hatte ein zwar nicht größeres, aber weit empfänglicheres Publikum als dort. Hierdurch begeistert und durch das sehr genaue Akkompagnement unter Festas Leitung aufs trefflichste unterstützt sowie durch das für mein Instrument so vorteilhafte Lokal, spielte ich aber auch besser als in allen übrigen Städten Italiens. Außer meinen Sachen wurden ein Duett von Mayr und ein Terzett von Cherubini von den Herren David, Nozzari und Benedetti gesungen. Es ergingen am Abende selbst von allen Seiten Aufforderungen an mich, ein zweites Konzert im Theater zu geben.

den 18. März [1817]

Heute früh besuchten wir die Studii, d.h. das Gebäude, wo die Kunstschätze aus Pompeji und Herkulaneum und schon früher gemachte Sammlungen von Statuen und Gemälden aufbewahrt werden. Auch befindet sich die Bibliothek in ebendemselben Gebäude. Da es unmöglich ist, an einem Tage alles zu sehen, so wählten wir für heute die Statuen und die Bibliothek. Unter den erstern sind sehr viel ausgezeichnete und durch Gipsabgüsse vervielfältigte berühmte Statuen aus der Farneseschen Sammlung sowie die in Pompeji gefundenen zwei Statuen zu Pferde von vorzüglichem Kunstwerte. In dem einen Zimmer befinden sich zwei Schränke voll antiker Bronzen, ebenfalls aus Pompeji und Herkulaneum, bestehend in Lampen, kleinen Hausgöttern und allerlei Hausgerät. Diese Sachen so wohl als auch die Statuen in Marmor sind vollkommen gut erhalten und scheinen kaum so viel Tage alt zu sein, wie sie Jahre haben; nur alles Eisen ist ganz von Rost zerfressen, wie z.B. die Griffe und Ringe an mehreren Gefäßen von Bronze.
Die Bibliothek befindet sich in einem sehr schönen, großen Saale und mehreren angrenzenden Zimmern. Auf dem Boden des Saales ist die Mittagslinie gezogen, und durch ein kleines Loch in der Wand fällt darauf der Mittagsstrahl. Wenn man an einem gewissen Punkt in die Hände klatscht, antwortet ein Echo mehr als dreißigmal sehr schnell hintereinander. Es entsteht wahrscheinlich durch die Fenstervertiefungen, die sich oben nahe an der Decke befinden.
Zuletzt besuchten wir die Zimmer, wo die Papyrusrollen aufbewahrt und aufgerollt werden. Sie sehen vollkommen wie Kohlen aus, und man würde sie auch dafür halten, wenn man nicht auf dem Schnitt die über[18]  einander liegenden Blätter erkennen könnte. Ein völlig aufgerolltes Manuskript, auf Leinwand gezogen, hängt unter Glas und Rahmen an der Wand. Da das Papier ganz schwarz gebrannt ist, so sind die Buchstaben kaum zu erkennen, und man muß die Geduld, den Scharfsinn und die Sprachkenntnis desjenigen bewundern, der den Sinn zu enträtseln wußte. Man zeigte uns das gedruckte Werk, in welchem die Ausbeute dieses zuerst aufgerollten Manuskripts der gelehrten Welt mitgeteilt wurde. Es betrifft einen Traktat über Musik. Jede Seite ist in drei Kolumnen abgeteilt. Auf der ersten sieht man in Kupferstich eine genaue Abbildung des aufgerollten Papyrus mit allen Lücken und Rissen; auf der zweiten den Inhalt mit neuen griechischen Buchstaben, das Fehlende ergänzt, und zwar mit roten Lettern, und auf der dritten eine lateinische Übersetzung davon. Man rollt jetzt wieder ein Manuskript auf, scheint aber nicht sehr damit zu eilen, denn wir fanden nur einen einzigen Menschen damit beschäftigt. Die Verfahrensart ist sehr einfach. Man klebt mit Gummi kleine Streifen einer feinen Haut dicht neben oder vielmehr halb aufeinander auf die verkohlten Rollen und löst dann das Papier nach und nach behutsam ab. Die Arbeit geht zwar langsam von statten, man hätte aber doch schon weit mehr aufrollen können. Besäße ein deutscher Fürst diese kostbaren Überbleibsel alter Gelehrsamkeit, so wären sie schon längst sämtlich entziffert.

den 22. März [1817]


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Da ich die Mühe scheuete, ein zweites Konzert zu arrangieren, so nahm ich gern den Vorschlag des Impresario an, zweimal im S. Carlo-Theater zwischen den Akten der Oper für die Summe von 300 Ducati zu spielen. Vorgestern Abend fand dies zum ersten Male statt. Ich war besorgt, daß die Violine das kolossale Haus nicht ausfüllen könne, wurde aber bald darüber beruhigt, da man mir bei der Probe sagte, selbst in den entferntesten Winkeln des Hauses würde jeder Ton deutlich gehört. Auf alle feinern Nuancen mußte ich indessen natürlicherweise Verzicht tun. Obgleich das Haus sehr gefüllt war, so herrschte doch, während ich spielte, die größte Stille. Nach dem zweiten Musikstücke wurde ich herausgerufen.
Gestern Abend spielte ich im Casino nobile in einem sehr schönen Saale mein Konzert in Form einer Szene und einen Potpourri mit Begleitung des Pianoforte. Da das Lokal für Musik sehr vorteilhaft war, so machten beide Sachen viel Wirkung auf die Zuhörer. Das Übrige des Konzertes, in Sinfonien und Harmoniemusik bestehend, war nicht von Bedeutung.[19] 
Ich habe vergessen, eines Konzertes der Madame Paravicini zu erwähnen, dem wir im Teatro Nuovo am vorigen Mittwoch beiwohnten. Sie spielte in den Zwischenakten einer Komödie das erste Violinkonzert von Rode in d-moll, einen Potpourri von Kreutzer und zum Schlusse ein Adagio und Rondo von demselben. Ich bin es schon gewohnt, mein Instrument von Frauenzimmern mißhandeln zu hören, so arg wie von Madame Paravicini aber habe ich es noch nicht erlebt. Dies nahm mich um so mehr Wunder, da sie sich einigen Ruf erworben hat und voller Prätentionen ist; so hat sie z.B. erzählt, sie habe Rode in Wien gehört, er habe bei ihr aber nur Mitleid erregt. Hier war nun die Reihe an ihr, Mitleid zu erregen, wenn man es für Arroganz und Ungeschicklichkeit überhaupt haben kann. Sie hat eine sehr vorzügliche Violine von Stradivari und zieht im Gesange einen leidlichen Ton heraus; dies ist aber auch ihr ganzes Verdienst. Übrigens spielt sie in schlechtem Geschmack, mit überladenen und gehaltlosen Verzierungen, und die Passagen undeutlich, unrein in der Intonation und überhudelt in den Bogenstrichen. Der Beifall war sehr lau und äußerte sich nur dann, wenn der Prinz Leopold, ihr Beschützer, zu klatschen anfing. – Weit interessanter wie ihr Spiel war die Komödie, die vortrefflich gegeben wurde. Besonders zeichnete sich Herr de Marini aus, der überhaupt einer der vorzüglichsten jetzt lebenden Schauspieler ist. Das Theater ist zwar kleiner als Fiorentino und Fondo, aber auch sehr hübsch. Ich habe einige Male meine Quartetten und Quintetten in Privatgesellschaften zu hören gegeben, die mir sehr vorzüglich von den Herren Dauner und Sohn, Onario, ein junger talentvoller Geiger, dem ich einige meiner Sachen einstudiert habe, und Fenzi (ehemals in Kassel), ein ausgezeichneter Violoncellist, akkompagniert wurden. Sie gefielen sehr, und Mayr versicherte, er habe nie einen größern musikalischen Kunstgenuß gehabt. Das zweite Mal machten wir sie bei der Marquise Douglas, die selbst sehr vorzüglich Piano spielt und ehemals auch vorzüglich gesungen haben soll. Sie und ihr Mann sind die ersten Engländer, bei denen ich wahren Sinn für Musik gefunden habe.

den 23. März [1817]

Beim Durchblättern des Tagebuches bemerke ich, daß ich auch zweier Aufführungen von Messen, die der Fürst Esterhazy aus Wien auf seine Kosten geben ließ, zu erwähnen vergessen habe. Die erste, vom alten Umlauf in Wien, zeichnete sich durch nichts Besonderes aus; die zweite aber von Haydn in d-moll, welche mit vieler Feierlichkeit und großem militärischen Pompe am Geburtstage des Kaisers gegeben[20]  wurde, gewährte großen Kunstgenuß. Die Damen Chabran und Canonici und die Herren Nozzari und Benedetti sangen die Solopartien ganz vorzüglich, und Chor und Orchester zeichneten sich ebenfalls sehr aus. Unglücklicherweise wurden fast alle Tempi auf ausdrückliches Verlangen des Fürsten gar zu schnell genommen und dadurch vieles verdorben.

Mailand, den 22. April [1817]

Durch die vielen Geschäfte in den letzten Tagen unseres Aufenthaltes in Neapel und die eilige Rückreise, fast ohne Aufenthalt, vom Schreiben abgehalten, bin ich sehr in Rückstand gekommen und habe daher vieles, selbst von Neapel noch, nachzuholen.
Mayrs neue Oper wurde endlich vierzehn Tage vor Ostern, nachdem man sie nochmals umgetauft hatte, in Szene gesetzt, mißfiel aber gänzlich, so daß sie nur drittehalb Vorstellungen erlebte und wahrscheinlich auf ewig ruht. Am dritten Abend gab man nämlich nur noch den ersten Akt und dazu noch einen Akt von Paërs »Sargino«. Das Sujet und die Musik von Mayrs Oper sind beide gleich uninteressant und langweilig. Letzterer fehlt es besonders an allem Leben und Feuer; sie ist so alltäglich und in die Länge gezogen, daß man sie, ohne einzuschlafen, kaum anhören kann. Bei der Generalprobe ist dies mir, dem Grafen Gallenberg und noch mehreren andern wirklich begegnet. Mayr scheint sich erschöpft zu haben, was bei der ungeheuren Menge von Opern, die er geschrieben hat, kein Wunder ist. Es ist wirklich hohe Zeit für ihn, als Opernkomponist abzutreten, um den einmal erworbenen Ruhm nicht wieder einzubüßen, und er hätte vielleicht recht gut getan, den letzten Ruf nach Neapel nicht anzunehmen. Am Abende nach der ersten Vorstellung seiner Oper reiste er nach Bergamo ab.
Die Ankunft der Madame Catalani setzte um diese Zeit alle Musikfreunde Neapels in große Bewegung. Sie benutzte auch gleich diesen Enthusiasmus und kündigte wenige Tage nachher eine Akademie im Theater Fiorentino zu siebenfach erhöheten Preisen an. Am Tage vor dem Konzerte erhielt ich nur noch mit Mühe, und weil ich sie früher bestellt hatte, zwei Billetts, das Stück zu 22 Carolin, zum Parterre. Nie ist wohl ein Publikum in einer gespannteren Erwartung gewesen als das neapolitanische an diesem Abende. Auch meine Frau und ich, die wir uns seit Jahren darnach gesehnt hatten, diese bewunderte Sängerin zu hören, konnten kaum den Augenblick ihres Auftretens erwarten. Endlich erschien sie, und eine Totenstille verbreitete sich im Hause. Sie trat mit einem etwas kalten und prätentiösen Air vor und grüßte weder den Hof noch das Publikum, was sichtlich eine unangenehme Sensation[21]  machte. Vielleicht hatte sie erwartet, mit einem Applaudissement empfangen zu werden, was aber in Neapel nicht Sitte ist, und so mochte sie verstimmt sein. Als sie aber nach ihrem ersten Gesange sehr stürmischen Beifall hatte, wurde sie freundlicher und blieb es den übrigen Abend. Sie sang viermal, zwei Arien von Pucitta, »Ombra adorata« von Zingarelli (oder, wie die Neapolitaner behaupten, von Crescentini, dessen Name auch auf dem Zettel stand) und Variationen über das tausendmal variierte »Nel cor non più mi sento.« Die Arien von Pucitta waren höchst erbärmlich; das berühmte ombra adorata kann nur schön gefunden werden, wenn man nicht an den Text denkt; die Variationen waren alltäglich, wurden aber pikant durch die Art ihres Vortrags. Sie gewährte uns durch ihre immer reine Intonation, durch die Vollendung, mit der sie alle Arten von Gesangsverzierungen und Passagen macht, und durch ihre eigentümliche und besondere Art zu singen großes Vergnügen; das Ideal einer vollendeten Sängerin, das wir in ihr zu finden erwarteten, erreicht sie aber nicht. Ihre Stimme, die den beträchtlichen Umfang von  bis  hat, ist in der Tiefe und Mitte noch voll und kräftig, der Übergang zur Kopfstimme bei  aber sehr merklich, und drei bis vier Töne in dieser Gegend sind viel schwächer als die tiefern und höchsten, daher sie auch alle Passagen, die in diesen Tönen vorkommen, nur mit halber Stimme macht, um die Ungleichheit zu verbergen. Auch fehlt ihrer Stimme der jugendliche Klang, was indessen bei einer Frau, die sicher 40 Jahr alt ist, nicht verwundern darf. Ihr Triller ist von besonderer Schönheit; sie macht ihn gleich rein sowohl auf dem halben als ganzen Tone. Eine besondere Art von Lauf durch die halben Töne, eigentlich die enharmonische Skala, weil jeder Ton zweimal vorkam, wurde als etwas ihr ganz Eigentümliches sehr bewundert. Ich habe ihn aber mehr merkwürdig als schön gefunden; denn er klang mir fast wie das Heulen des Sturmes im Schornstein. Eine andere Art von Gesangsverzierung, welche an und für sich gewöhnlich ist, machte sie aber auf eine Art, die ihr großen Reiz verlieh. Sie würde sich in Noten ungefähr so ausdrücken lassen:



wobei aber noch zu bemerken ist, daß sie bei jeder Sechzehntelpause Atem schöpfte, wodurch diese Stelle etwas sehr Leidenschaftliches bekam.[22]  Unter den Variationen war eine mit synkopierten Noten, die durch ihren besondern Vortrag auch etwas sehr Eigentümliches und Interessantes erhielt, und eine andere in Triolen legato machte sie in höchster Vollendung. Was wir an ihrem Gesange aber hauptsächlich vermißten, war Seele. Im Rezitativ singt sie ohne Ausdruck, ich möchte sagen nachlässig, und im Adagio läßt sie kalt. Wir waren auch nicht einmal ergriffen, sondern hatten nur das Gefühl von Freude, das man immer hat, wenn man mechanische Schwierigkeiten mit Leichtigkeit besiegen hört oder sieht. Und so war allen Zuhörern in unsrer Nähe zu Mute.
Einiger unangenehmer und störender Angewohnheiten, die sie aber schwerlich mehr ablegen wird, muß ich noch erwähnen; daß sie erstlich bei Passagen, besonders wenn sie dieselben stark macht, jeden Ton, ich möchte sagen, herauskauet, wodurch ein Stocktauber, wenn er sie singen sähe, instand gesetzt werden würde, Achtel von Sechzehnteilen und hinauf-und herablaufenden Passagen voneinander zu unterscheiden. Im Triller hauptsächlich ist die Bewegung des Unterkinns, an dem man jeden Schlag abzählen könnte, sehr auffallend und entstellend. Zweitens gerät ihr ganzer Körper bei leidenschaftlichen Stellen in eine südliche, aber höchst unweibliche Beweglichkeit, an der ein Tauber ebenfalls die Figuren, die sie eben singt, abnehmen könnte. Am 2ten Morgen darauf hörten wir sie noch einmal in der Probe zu ihrem zweiten Konzerte, wo sie fünfmal sang und dieselben Vorzüge entwickelte, aber ebenfalls nicht ein einziges Mal durch gefühlvollen Vortrag ergriff. Sie kam mir hier weit anspruchsloser und liebenswürdiger vor; auch war sie sehr artig gegen das Orchester und die Personen, die sich zum Zuhören hereingedrängt hatten, so daß ich um so leichter glaube, was man mir versicherte, daß ihr prätentiöses Air bei ihrem öffentlichen Auftreten mehr Verlegenheit als Stolz sei und daher komme, weil sie ihre Furcht bemänteln wolle. Ein junger Mensch, der während ihres Konzertes hinter den Kulissen gestanden hat, versicherte, sie habe bei ihrem ersten Hinaustreten am ganzen Körper gezittert und vor Beklemmung kaum atmen können. Hier in Mailand hat sie, wie man mir sagt, nicht allgemein gefallen; auch waren die letzten Konzerte weit weniger besucht wie die ersten. Ein Teil des Publikums war auf Seiten der Grassini, die wir hier nun auch gehört haben, von der ich aber erst später sprechen werde. Die Anbeter der letzteren hatten der Catalani einen boshaften Streich gespielt, indem sie die ihr nachteiligen Beurteilungen in der Musikalischen Zeitung von Hamburg und Leipzig beim ersten Konzerte am Eingange hatten verkaufen lassen. Die[23]  Catalani selbst, in der Erwartung, ein Sonett oder etwas der Art zu ihrem Lobe zu finden, kaufte auch ein Exemplar davon.
Am Tage nach dem ersten Konzerte der Catalani in Neapel wurde im S. Carlo-Theater Rossinis »Elisabetta« gegeben, in welcher die Colbran ihre Hauptrolle hat. Da jedermann wußte, daß es bei ihr darauf abgesehen war, mit der Catalani zu wetteifern, so war das Haus ungewöhnlich stark besucht, sowohl von Anhängern, als auch von Widersachern der Colbran. Letztere hatten am Abend vorher das Konzert der Catalani die Exequien der Colbran genannt, und man war daher sehr gespannt auf den Erfolg des heutigen Abends. Gleich bei ihrem ersten Auftreten wurde sie mit einem Pfeifenkonzert, aber auch zugleich mit einem heftigen Applaudissement empfangen. Da sie aber diesmal wirklich ganz vorzüglich sang und spielte, so wurden der Klatscher immer mehr und der Pfeifer weniger, und am Ende wurde sie fast einstimmig herausgerufen. Sie steht der Catalani in Stimme und allem Mechanischen weit nach, singt aber mit wahrem Gefühl und spielt mit vieler Leidenschaft. Die Komposition dieser Oper gehört unter die vorzüglichsten von Rossini, hat aber neben den Vorzügen auch alle Schwächen der andern. – Man unterhielt sich im Theater über einen lächerlichen Zug vornehmer Großtuerei der Catalani, welche einige Abende früher, als sie das Theater zum ersten Male besuchte, ihren Sekretär während des Zwischenaktes auf das Theater schickte und der Colbran und den übrigen Sängern sagen ließ, sie sei vollkommen mit ihren Leistungen zufrieden!

Freiburg im Breisgau, den 20. Juni 1817

Da ich seit Mailand wieder nicht zum Schreiben habe kommen können, so fahre ich erst heute fort, von unserm Aufenthalt in Neapel und unsrer Rückreise wieder zu schreiben.
Durch die Zwischenkunft der Madame Catalani wurde es unmöglich für mich, zum 2ten Male im S. Carlo-Theater noch vor Ostern zu spielen. Nachdem ich Gewinn und Verlust gegeneinander abgewogen hatte, zog ich es vor, auf dieses zweite Mal zu verzichten, um nicht die heilige Woche in Rom zu versäumen. Wir sahen daher nur noch im Fluge das, was uns noch Merkwürdiges übrig war, und rüsteten uns dann schnell zur Abreise. – Einen ganzen Tag widmeten wir dem Besuche von Pompeji. Wir waren so glücklich, dazu einen heitern, ziemlich warmen Tag zu treffen, im Laufe des Monat März eine wahre Seltenheit! Während von Mitte Januar bis Ende Februar das schönste Frühlingswetter fast[24]  ununterbrochen gedauert hatte, wurde es anfangs März plötzlich wieder Winter. In den Tälern fiel ein kalter Regen mit Sturm und auf den Bergen ein so hoher Schnee, daß man sie nicht mehr besteigen konnte. Auf dem Vesuv soll er drei bis vier Schuh hoch gelegen haben. Der Monat März ist aber gewöhnlich sehr kalt und der eigentliche Wintermonat der Neapolitaner.

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Die Ruinen von Pompeji, die dadurch, daß sie fast 2000 Jahre mit einer leichten, trockenen Asche bedeckt waren, weit besser erhalten sind als alle freistehenden Überbleibsel aus jener Zeit, haben auch auf uns einen tiefen, ja wirklich schauerlichen Eindruck gemacht. Während man durch die Ruinen des Kolosseums und anderer antiker Prachtgebäude in Rom einen Begriff von dem Kunstgeschmack, dem Reichtum und der Prachtliebe der Alten bekommt, wird man hier durch die Ansicht von einfachen kleinen Privathäusern, die fast ebenso unversehrt wie am Tage der unglücklichen Katastrophe sind, mit ihrem bürgerlichen Leben und Treiben bekannt gemacht und kann sich durch den Augenschein von manchen, unsrer Lebensweise fremden Gebräuchen, die uns die alten Schriftsteller beschreiben, unterrichten. Betritt man das Innere eines solchen Hauses, was wahrscheinlich einem Wohlhabenden aus dem Mittelstande gehört haben mag, so findet man eine Reihe kleiner, niedlicher Zimmer, alle so al fresco gemalt wie die aus der Wand geschnittenen Gemälde aus Herkulaneum, die in Portici aufbewahrt werden. Die Ausgänge dieser Zimmer, die selten Fensteröffnungen, sondern nur eine Tür haben, wodurch Luft und Licht hineindrang, gehen in den Hof, der durch eine verdeckte, überbauete Galerie eingefaßt ist. In der Mitte des Hofes befindet sich ein Springbrunnen, neben diesem, ehemals wahrscheinlich im Schatten von Bäumen, ein runder Eßtisch von Marmor, umgeben von Marmorbänken zum Liegen bei Tisch, mit Erhöhungen für den Ellenbogen, und an einer Seite des Hofes ein oder auch mehrere geschmackvoll dekorierte Bäder. Alle diese Häuser hatten nur ein Stockwerk und waren viel kleiner als unsre Wohngebäude. Ewig schade ist es, daß man die dort gefundenen Gerätschaften nicht auf ihrem Platze lassen konnte! Man hätte sich sonst einen ganz deutlichen Begriff von der Lebensweise der ehemaligen Bewohner dieser merkwürdigen Stadt machen können. Das Pflaster in den Straßen ist noch ganz wie damals, und man sieht sowohl die Eindrücke von den Wagen, als auch die Spuren der Fußgänger auf den Straßen. Über den Läden findet man noch mit griechischer Schrift, mit dem Pinsel auf die Wand gemalt, die Waren bezeichnet, die da zu Kauf standen; auch an einer Straßenecke eine Ankündigung aus jener Zeit. In den Läden, wo Öl verkauft wurde,[25]  sieht man noch jetzt kolossale irdene Krüge in die vordere Wand eingemauert, aus denen beim Verkauf geschöpft wurde. Ebensolche hohe Krüge, nur mit sehr engem Halse, findet man auch in mehreren sehr gut erhaltenen Kellern, in welchen der Wein aufbewahrt wurde. In einem derselben wurde das Gerippe einer Frau gefunden, und zwar so von Asche umgeben, daß man die Formen ihres Körpers daran erkennen konnte. Ein Stück dieser Form, in welchem ihre Brust abgedrückt ist, wird in Portici aufbewahrt. In ihrer Hand fand man einen großen ledernen Beutel mit Münzen.
Am besten erhalten ist die sogenannte Gräberstraße, wo man auf beiden Seiten fast nur Grabmäler erblickt, die bald in ägyptischer Pyramidenform, bald im römischen Stile gebaut sind. In diesen Grabdenkmälern hat man Vasen gefunden, in denen die Asche und Gebeine der verbrannten Toten aufbewahrt wurden. Die Inschriften an diesen Grabdenkmälern sind bald griechisch, bald lateinisch und fangen sehr oft mit dem Anruf an: »Wanderer, stehe still« usw., was hier in einer sehr belebten Straße sehr am Platze war, auf unsern gewöhnlich sehr abgelegenen Kirchhöfen aber, wo man dies nachgeahmt hat, ziemlich unpassend erscheint.
Was man in Pompeji an öffentlichen Gebäuden als Theatern, Tempeln, Kasernen usw. bewundert, ist zwar nicht von der Größe, Pracht und Schönheit der in Rom, Pozzuoli und andern Gegenden, übertrifft aber doch alles an Bedeutung, was man in neuern Zeiten in einer Provinzialstadt zu sehen bekommt. Wo fände man jetzt wohl in einer solchen einen großen Zirkus zu öffentlichen Spielen und sogar zwei Theater! Von den letztern war das eine überbauet und diente wahrscheinlich zum Lustspiele; das andre, mit einer Bühne, dem Orchester und einem runden, sehr hohen Amphitheater, kann uns einen Begriff von dem Lokale geben, wo die römischen Schauspieler, zur Verstärkung des Schalls mit Masken versehen, die Trauerspiele vor einem Publikum von 10–15000 Zuschauern aufführten. Aber auch die Tempel, deren prächtigster jetzt eben aus dem Schutte aufgegraben wird, geben von der Prachtliebe und dem guten Geschmack der Alten einen anschaulichen Begriff.
Die Weinberge und Ländereien, die über dem noch unaufgegrabenen Teile der Stadt liegen, sind bereits vom vorigen Könige von Neapel angekauft worden. Würde daher mit Eifer fortgearbeitet, woran aber bei der jetzigen Regierung, die all dergleichen sehr schläfrig betreibt, wohl zu zweifeln ist, so könnte in wenigen Jahren die ganze, so höchst interessante Stadt offen daliegen und von dem Rande, der sie umgibt,[26]  mit einem Blick übersehen werden. Jetzt sind die verschiedenen bereits aufgegrabenen Teile noch durch lange Strecken, auf denen geackert und geerntet wird, wie durch Berge, die man übersteigen muß, getrennt, und man ist sehr überrascht, wenn man nach einem Gange über ein solches Feld wieder einen neuen Teil der Stadt in der Tiefe liegen sieht, der mit den Weinreben, Bäumen, Feldern und Bauernhütten auf der Höhe so seltsam kontrastiert. Unbegreiflich bleibt es aber doch, wie der gewiß zwei Stunden entfernte Krater eine solche Menge von Asche auswerfen konnte, daß eine ganze Stadt im Augenblick so hoch damit überschüttet wurde. Denn Lava ist nie bis hierher gekommen. An den umgestürzten und durcheinander geschleuderten Säulen des jetzt aufgegrabenen Tempels sieht man indessen doch auch deutlich, daß ein Erdbeben zur Zerstörung der Stadt mitgewirkt haben muß.
Am Tage vor unsrer Abreise aus Neapel besuchten wir auch noch einmal die Studii und betrachteten die große Sammlung etrurischer Vasen von den mannigfaltigsten Formen und erfreueten uns dann ebensowohl an der reichen, herrlichen Gemäldesammlung, worin uns die aus Sizilien kürzlich zurückgebrachten Bilder von Raffael besonders entzückten. Am 29. März traten wir unsre Rückreise nach Rom an. Der Morgen der Abreise war sehr stürmisch und unangenehm für mich; denn erstlich hatte ich einen Disput mit dem Vetturino, der uns als fünfte Person einen schmutzigen, stinkenden Kapuziner in den Wagen setzen wollte, bis wir ihn nach vielem Hin- und Herreden in das Kabriolett komplimentierten, und dann sollte meine Familie am Tore nicht passieren, weil ihrer in dem neuen neapolitanischen Passe, den man nehmen muß, um wieder zum Lande hinauszukommen, nicht erwähnt war. Ich zeigte vergebens meinen alten Paß vor, worin Frau und Kinder aufgeführt waren. Erst auf mein Versprechen, alsbald zurückzukehren, um für uns einen andern Paß zu holen, ließ man mich von der Stelle. Ich kehrte daher zum Minister zurück, während Frau und Kinder unbehindert weiter reisten. Dort fand ich alles noch im tiefen Schlafe; doch mit guten Worten und dem bei Italienern noch weit wirksameren Gelde brachte ich es bald dahin, daß man mir einen neuen Paß ausfertigte. Mit diesem warf ich mich in eine Karriole und jagte meiner Familie nach, die ich auf halbem Wege nach Capua erreichte und dadurch aus einer großen Besorgnis um mich riß. Unter die Plackereien, von denen der Reisende in Italien beinahe aufgerieben wird, gehört auch die Strenge mit den Pässen, die oft ins Lächerliche fällt. Wir erlebten später den Fall, daß ein Reisender diesseits Parma an der lombardischen Grenze wieder[27]  nach Livorno zurückgeschickt wurde, weil sein Paß vom dortigen österreichischen Konsul nicht unterschrieben war.
In einem zweiten Wagen, der den unsrigen begleitete, fuhr ein Engländer, der eine besondere Geschicklichkeit hatte, die schönen Ansichten in wenig Minuten aufzunehmen. Er bediente sich dazu einer Maschine, die ihm die Landschaft im Kleinen aufs Papier warf. Zwischen Velletri und Albano, wo wir einen Teil des Weges zu Fuß machten, um die ganz herrliche Landschaft und die milde Luft besser genießen zu können, sahen wir seinem Verfahren zu, was besonders den Kindern unendliche Freude machte. Er zeigte uns nachher die Sammlung seiner Ansichten, deren er allein von der Gegend von Neapel mehr als zweihundert hatte, und gab mir seine Adresse: Major Cockburn in Woolwich neun Meilen von London.



 Ostern in Rom
[28] 1817











Unser Einzug in Rom erfüllte uns mit neuem Staunen über die Überbleibsel altrömischer Baukunst, die wir nun seit drei Monaten nicht gesehen hatten. Auch ergötzten uns die naiven Bemerkungen des Kapuziners, der zum ersten Male aufs feste Land kam und in allen Dingen so höchst unerfahren war. Seinen Schmutz abgerechnet, war er als ein gutmütiger, kindlicher Mensch wohl zu ertragen. Er war voll ungeduldiger Erwartung, den Papst und die feierlichen Funktionen zu sehen. Wie verschieden doch die Wünsche und Neigungen der Menschen sind! Ihm war wahrscheinlich so zumute wie uns am Tage vor der Catalani Konzert. Ich wünsche ihm von Herzen, daß er befriedigter nach seinem Kloster zurückreisen möge, als wir aus dem Konzerte nach Hause kamen.
Mit Mühe fanden wir in einem Privathause ein schlechtes Zimmer, wofür wir demohnerachtet täglich einen halben Piaster zahlen mußten. Alle Fremden aus ganz Italien hatten sich für die Zeit der heiligen Woche in Rom zusammengedrängt, wozu noch die Pilger und Frommen aus der halben Welt kommen, die hier Ablaß für ihre Sünden holen. Es war ein Gewühl in den Straßen, daß wir oft halten mußten.
Unser Zimmer hatte einen Ausgang nach dem Tiber über eine hölzerne Galerie. Von ihr konnten wir den Lauf des Flusses verfolgen, von der Porta Romana an bis zur Brücke vor der Engelsburg. Die stille, im Abendrot und Mondlicht glänzende Gegend jenseits des Tibers kontrastierte auffallend mit dem Gewühle, das sich über die Brücke hin- und herdrängte und dann in den Straßen verlor, die von der Engelsburg nach der Peterskirche führen. Über alle die Häuser und Paläste, die zwischen uns und der Peterskirche lagen, ragte diese stolz und majestätisch[29]  hervor und erfüllte uns mit neuer Bewunderung über ihren Riesenbau. Wie ermüdet wir auch waren, so konnten wir uns doch von diesem herrlichen Anblick nicht so bald losreißen und standen noch spät bei dem milden Abend auf unserm Balkon. Als wir uns dann endlich zur Ruhe legten, so riefen wir uns noch zu: »Morgen, morgen also werden wir das berühmte Miserere hören!«

Aachen, den 10. August 1817

Hier finde ich endlich wieder einige Augenblicke Zeit, um in meiner Erzählung von unsrer Rückreise aus Italien fortzufahren.
Am 3. April abends hörten wir endlich das langersehnte Miserere in der Sixtinischen Kapelle. Man hatte uns gesagt, daß die Frauen Eintrittskarten haben und die Männer in Schuhen erscheinen müßten. Eine Karte war für Dorette jedoch nicht mehr zu bekommen, und so mußte ich mich entschließen, allein hinzugehen. Als ich aber unter der Schweizergarde am Eingange der Kirche einen Bekannten erblickte, dessen Gunst ich mir früher durch ein Geschenk für die Begleitung auf die Kuppel der Peterskirche erworben hatte, so fragte ich ihn, ob er meiner Frau nicht auch ohne Billett in die Kapelle hineinhelfen könne, und auf seine Versicherung, daß er sein möglichstes tun wolle, eilte ich schnell, sie zu holen. Nach einigem Hin- und Herreden mit den übrigen Schweizern kamen wir auch glücklich hinein, obgleich mehrere englische Damen von Stande, die ohne Billetts kamen, abgewiesen wurden. Die Schweizer können nämlich die Engländer und Franzosen nicht leiden und begünstigen die Deutschen bei solchen Gelegenheiten weit mehr, und besonders, wenn man sie mit einigen Worten »Schwizerdütsch« anreden kann.
Wir kamen noch zeitig genug und bedauerten nur, nicht beieinander bleiben zu können, um uns den Eindruck, den die Musik auf uns machen würde, sogleich mitzuteilen.
Vor dem Anfange des Gesanges wurden neunzehn Psalmen abwechselnd von hohen und tiefen Stimmen auf dieselbe Art in unisono abgebetet, die uns schon um Weihnachten so viel Langeweile gemacht hatte, und acht oder neun davon hatten wir noch zu überstehen! Nach einem jeden, der etwa fünf lange Minuten dauert, wird eins von den Lichtern verlöscht, die auf einem kolossalen pyramidenförmigen Armleuchter vor dem Hochaltäre brennen. Wie sehr wünscht man, daß auch das letzte erlöschen möge! Endlich kommt der ersehnte Augenblick, und es tritt nach und nach eine Stille ein, welche die Erwartung auf das, was[30]  nun folgt, nicht wenig steigert. Dieser Spannung, der feierlichen Dämmerung in der nur noch vom letzten Schein der Abendröte matt erleuchteten Kirche und der Ruhe, die das Ohr nach dem rohen Abbrüllen der Psalmen nun endlich empfindet, war es wohl zuzuschreiben, daß der erste langgetragene Akkord von C-moll solch einen wohltuenden Eindruck auf mich machte, daß es mir Musik aus einer andern Welt zu sein schien. Doch nur zu bald wurde man erinnert, daß man eine irdische, und zwar eine von Italienern gesungene höre; denn gleich im zweiten Takte wurde das Ohr von fürchterlichen Quintenfolgen zerrissen! Der Satz heißt ohne Zweifel so:




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wurde von den Sängern aber auf folgende barbarische Art verziert vorgetragen:



Ich würde es keinem andern, ja meinen eigenen Ohren nicht geglaubt haben, daß man so in der Sixtinischen Kapelle singen könne, wenn ich dieselbe Stelle später nicht noch einmal wiederholt gehört hätte. Ist das vielleicht die geheimnisvolle Art, diese alten Kompositionen vorzutragen, von der man erzählt, daß sie nur immer diesem Sängerchor bekannt gewesen sei und sich durch Tradition fortgeerbt habe? Doch nein! So barbarisch können nur neuere Italiener singen, die wohl Sinn für Melodie haben, in allem aber, was Harmonie heißt, im höchsten Grade unwissend sind.
Als indessen dieses erste Miserere verschmerzt war, wurde ich bald wieder angezogen. Diese einfachen Harmoniefolgen, fast nur aus Dreiklängen bestehend, dieses Mischen und Tragen der Stimmen, bald zum[31]  brausendsten Forte anwachsend, bald im leisesten Pianissimo verhallend; dieses ewig lange Aushalten einzelner Töne, welches nur einer Kastratenlunge in dem Grade möglich ist, und dann hauptsächlich das zarte Einsetzen eines Akkordes, wenn von andern Stimmen der vorhergehende noch schwach und verklingend ausgehalten wird, geben dieser Musik etwas so Eigentümliches, daß man sich unwiderstehlich davon angezogen fühlt. Ich kann nun wohl begreifen, daß dieselbe in frühern Zeiten, als der Sängerchor noch besser war, auf Fremde, die noch nie eine reine Vokalmusik und Kastratenstimmen gehört hatten, einen ungeheuern Eindruck machen mußte. Auch jetzt könnte sie noch von hinreißender Wirkung sein, wenn die Sänger nur einen kenntnisreicheren Direktor hätten. So singen sie gewöhnlich nicht einmal rein!
An diesem ersten Tage wurden zwei Kompositonen von Allegri und Baini gegeben und eine jede derselben einmal wiederholt. Zwischen jedem dieser zehn nicht sehr langen Sätze wurde von den Kardinälen, Bischöfen und andern Geistlichen ein halblautes Gebet gesprochen, welches, dem fernen Rollen des Donners ähnlich, einen guten Effekt hervorbrachte. Am Ende der Funktion machten aber die Diener durch Scharren und Treten auf die Fußbänke ein für musikalische Ohren sehr unangenehmes Geräusch, welches auf eine störende Art den Eindruck der Musik, dem man sich gern länger überlassen hätte, wieder verwischte. Dieses Gepolter soll, wie man mir sagte, das Erdbeben vorstellen!
Am zweiten Abend richtete ich es so ein, daß ich erst beim Anfange des eigentlichen Gesanges, bei dem Verlöschen des letzten Lichtes in die Kapelle trat. Das Gedränge war so groß, daß ich nahe beim Eingange stehen bleiben mußte, von Engländern umgeben, die nach ihrer löblichen Gewohnheit während der Musik überlaut miteinander sprachen und sich sogar durch kein Ruhegebieten darin stören ließen. Überdies sangen die Sänger viel nachlässiger als tags zuvor und öfters recht falsch, so daß ich froh war, als das Erdbeben der Funktion ein Ende machte. Zu den zwei Kompositionen von gestern waren noch drei neue hinzugekommen, weshalb jede nur einmal wiederholt zu werden brauchte. Im übrigen war alles gerade wie das erste Mal.


Ich habe späterhin die Sammlung von Misereres gesehen, die bei Kühnel in Leipzig herausgekommen sind. Es ist aber unter diesen keins von denen, die wir in Rom gehört haben. Die Bibliothek der Sixtinischen Kapelle wird aber auch wohl so reich an Misereres sein, daß man mehrere Jahre hintereinander immer andere zur Aufführung wählen kann.[32] 
Beide Abende sahen wir nach dem Miserere die Kreuzbeleuchtung in der Peterskirche. Beim Hereintreten durch den Haupteingang, wo man das erleuchtete Kreuz in der weitesten Entfernung sieht, macht sie einen imposanten Eindruck, sobald man sich aber nähert, verliert sie sehr. Die Wirkung würde weit größer sein, wenn alle übrigen Lichter in der Kirche ausgelöscht wären. So brennen aber nicht allein hunderte von Lampen rund um den Eingang in die unterirdische Kapelle, sondern noch unzählige andre Lichter in allen Räumen der Kirche. Man sieht daher die blendende Erleuchtung am Kreuze keine reinen Schlagschatten werfen. Auch das Pantheon wird an diesem Abend erleuchtet, was von herrlicher Wirkung sein soll. Leider kamen wir erst, als die Lichter schon wieder ausgelöscht waren.
Am Abend vorher führte mich der Prinz Friedrich in eine Gesellschaft, wo von Dilettanten der fünfzigste Psalm oder das Miserere von Marcello recht gut gesungen wurde. Da aber die Orchesterbegleitung wie immer in Rom sehr schlecht und die Komposition etwas monoton war, so wurde es mir bald langweilig, und ich war froh, als es zu Ende war. Man erzählte mir viel Herrliches von einer Aufführung des Stabat Mater von Pergolesi, die acht Tage vor unsrer Ankunft in einer Kirche stattgefunden hatte, und worin die Häser und die Schönberger wunderschön gesungen haben sollen. So mag dies übrigens ziemlich seichte Machwerk, durch den Reiz von zwei schönen Stimmen belebt, wohl noch einigen Effekt machen!
Am Sonnabend machten wir vormittags einen weiten Spaziergang nach St. Paul, um die herrlichen ägyptischen Säulen in der übrigens häßlichen Kirche zu sehen. Auf dem Rückwege sahen wir die Pyramide des Cestius und den »Scherbenberg«. Mittags trafen wir im Speisehause »zum Hermelin« mit einem deutschen Zeichner, Herrn Rösel, zusammen, der uns leicht beredete, mit ihm noch einen zweiten Spaziergang zu machen. Zuerst zeigte er uns eine antike, unterirdische Wasserleitung (die cloaca maxima, glaub' ich), dann gingen wir nach einer kleinen unbedeutenden Kirche, die aber schöne Altertümer hat, um dort den griechischen Gottesdienst, der nur an diesem Tage gehalten wird, zu sehen; das Gedränge war aber so groß, daß wir nicht hinein konnten. Hierauf sahen wir den Tempel der Vesta und erstiegen zuletzt den Monte Aventino, wo uns unser Begleiter vor eine Gartentür führte und durch das Schlüsselloch eine der überraschendsten Aussichten zeigte. Der Anblick war prächtig! Durch einen langen, überwachsenen Bogengang erblickt man nämlich die Kuppel der Peterskirche, von der untergehenden Sonne vergoldet. Wir ließen uns dann den Garten öffnen, um eine[33]  sehr große und schöne Palme, die gerade in der Blüte stand, anzustaunen.

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Helles Glockengeläute und Kanonensalven von der Engelsburg erinnerten uns am andern Morgen, daß es erster Ostertag war, und mahnten uns zum schnellen Ankleiden, um die feierlichen Funktionen in der Peterskirche nicht zu versäumen. Doch hätte uns das fürchterliche Gedränge auf der Brücke fast vermocht, wieder umzukehren. Schwebend in der Luft kamen wir endlich auf die andre Seite des Tibers und eilten nun in eine weniger angefüllte Seitenstraße, die uns auch auf den Platz vor der Kirche führte. Hier fanden wir schon viele tausend Menschen, worunter Pilger mit ihren Muschelhabiten, aus allen Gegenden der Welt versammelt, die ungeduldig auf den Moment warteten, wo der Papst den Segen vom Altan herab erteilt. Bis dahin war es aber noch lange Zeit, und wir machten deshalb vorher erst noch einen Gang durch die Kirche, wo wir alles wie um Weihnachten aufgeputzt fanden, und zogen, da wir doch von der Zeremonie wenig sehen konnten, es vor, bei dem schönen Wetter lieber einen Spaziergang zu machen. Gegen zwölf Uhr waren wir wieder zurück und fanden das Volk schon in gespannter Erwartung der Dinge, die da kommen sollten. Der Altan über dem Haupteingange der Kirche war mit rotem Sammet dekoriert und zum Schutz gegen die Sonne ein kolossales Zelt darüber ausgespannt. Auf dem Säulengange linker Hand war eine Loge für die ausgezeichneten Fremden errichtet. Zuerst erschienen auf dem Balkon Pagen mit Kerzen, dann kamen die Kardinäle und zuletzt der Papst, auf einem Sessel getragen und zu beiden Seiten die Fächer von weißen Straußfedern. Sobald er erschien, warf sich alles Volk auf die Kniee, und es trat eine feierliche Stille ein, während vorher das wildeste Geschrei getobt hatte. Dieser Moment hatte etwas sehr Ergreifendes. Der alte, blasse Mann erhob sich dann und erteilte mit langsamer, würdevoller Handbewegung den Segen. Unterdessen wurden vom Balkon zwei Zettel herabgeworfen, wovon der eine, wie man mir sagte, die Verdammung aller Nichtkatholiken und der andere Ablaß für alle anwesenden Rechtgläubigen enthält. Die Verdammungsbulle aber erreichte den Boden nicht, sondern flog, vom Winde getrieben, in ein offen stehendes Fenster, während der Ablaßzettel vom Volke, das sich darum balgte, aufgefangen wurde.
Auf dem Wege nach dem Speisehause gesellte sich Herr Kölle aus Stuttgart, den wir früher in Dresden gekannt hatten, zu uns. Er fragte uns unter anderm, wie wir mit unsrer Reise in Italien und dem, was wir gesehen hätten, zufrieden seien? Ich klagte ihm darauf, daß wir[34]  so manches nicht den Erwartungen gemäß gefunden hätten, die frühere Reisende in uns erregt hatten. Er fand das sehr natürlich und meinte das käme daher, weil keiner der Reisenden bei seiner Rückkehr gestehen wolle, daß er von seinen Vorgängern gleichsam in April geschickt sei. Es fällt mir, fuhr er fort, die bekannte Anekdote dabei ein, wo ein Mensch ankündigte, er habe ein Pferd im Stalle, welches den Kopf da habe, wo bei anderen der Schwanz säße. Die Neugierigen fanden aber nichts als ein Pferd, welches mit dem Schwanze an die Krippe gebunden war, hüteten sich indessen wohl, es den andern vor der Tür zu verraten – weil sie sich schämten. Die Anwendung ist leicht!

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Nachmittags machten wir noch einen Spaziergang in die Villa Borghese und rüsteten uns dann zur Abreise, die auf den nächsten Morgen bestimmt war.



 Rückreise nach Deutschland
[35] 1817











In Gesellschaft von zwei Stuttgartern und einem Münchener, mit dem wir gemeinschaftlich einen Vetturino gedungen hatten, machten wir diesesmal die weit interessantere Rückreise nach Florenz über Perugia in sechs Tagereisen. Den zweiten Abend kamen wir nach Terni und beeilten uns, noch vor Sonnenuntergang den berühmten Wasserfall zu besuchen, der zwei Stunden von da entfernt ist. Bis zum Fuße des Berges gingen wir zu Fuß, dann nahmen wir uns aber in dem daselbst sehr romantisch liegenden Dörfchen, zu dem bei dem milden Sonntagsabend halb Terni gelustwandelt war, gesattelte Esel, die uns schnell und sicher hinauf bis zum Wasserfalle trugen. Die Aussicht von der Höhe des Berges, ehe man sich in das Tal wendet, wo der Wasserfall herabstürzt, ist reich und lieblich. Dann wird die Gegend, je mehr man sich diesem nähert, immer wilder und romantischer. Da die Sonne eben untergehen wollte, so hielten wir uns nicht lange auf und eilten so schnell als möglich, den Wasserfall noch vor Nacht zu erreichen, teils um das imposante Schauspiel noch in gehöriger Beleuchtung zu sehen, teils aber auch unserer Sicherheit wegen, da die Gegend eben nicht im besten Rufe steht. Mit dem letzten Blick der Sonne erreichten wir den Felsen, der dem Sturz gegenüber aus der dunkeln, schäumenden Tiefe emporsteigt, und wohin man zur Bequemlichkeit der Besuchenden einen Pavillon mit Bänken erbauet hat. Der Anblick des majestätischen Schauspieles von diesem Standpunkte aus läßt sich mit Worten nicht beschreiben. Wir waren alle wie versteinert! Wenigstens hat eine Naturschönheit früher niemals, selbst nicht der erste Anblick der Alpenkette, einen so tiefen Eindruck auf mich gemacht. Nachdem wir wohl zehn Minuten hier verweilt und uns in dem Anblicke recht berauscht hatten, kehrten wir bei[36]  dem mildesten, schönsten Frühlingsabende ohne Unfall und seelenvergnügt über den herrlichen Genuß nach Terni zurück.
Am vierten Tage der Reise wurde es auf einmal sehr kalt, so daß gegen Abend sogar Schnee fiel, der über Nacht liegen blieb. Wie wir aber in das tiefe Tal hineinfuhren, in welchem Florenz liegt, fanden wir alles in Blüte. Wir blieben nur einen Tag in Florenz, den wir aber recht benutzten. Vormittags besuchten wir den Dom, das Baptisterium und den Garten Boboli. Das Grabmal der Mediceer und den Palast Pitti konnten wir aber leider an dem Tage, da es Festtag war, nicht zu sehen bekommen. Nachmittags machten wir einen Spaziergang nach dem Cassino. Auch besuchten wir auf einen Augenblick Campagnolis, die immer noch da waren. Man sagte uns, daß die Töchter, besonders die älteste, nicht ohne Beifall im Carneval gesungen hatten, und daß sie jetzt ein Engagement für die Frühjahrssaison suchten. Am Abend im Theater tanzten Duport und seine Frau. Wir waren aber zu ermüdet, um hinzugehen.
Am andern Morgen, den 14. April, setzten wir die Reise nach Bologna ohne unsere bisherigen Reisegefährten, die noch länger in Florenz blieben, fort. Wir trafen auf den Apenninen sehr viel Schnee und kamen noch einmal ganz in den Winter. Im traurigen Bologna verweilten wir nur einen Tag. Der Wirt zum »Pellegrino« hatte uns eine etwas unverschämte Rechnung gemacht; ich applizierte daher ein Mittel, welches ich schon mehrmals erprobt hatte, ich zog ihm nämlich ein Drittel ab, was er sich nach einigem Hin- und Herreden auch gefallen lassen mußte. Ich habe dies nachher immer getan und es besser gefunden als das vorherige Akkordieren, bei dem man doch immer noch geprellt wird.
In Modena meldete ich mich als Künstler bei Hofe. Da man aber gerade die Niederkunft der Großherzogin erwartete, konnte oder wollte man uns nicht hören. Wir setzten daher unsre Reise nach zweitägigem Aufenthalt über Reggio, Parma, Piacenza nach Mailand fort. Da wir nirgends langen Aufenthalt machten, so weiß ich auch nichts von diesen Städten zu sagen, als daß wir allenthalben dasselbe Lumpen-und Bettlergesindel, dieselbe Prellerei der Wirte und dieselbe Unreinlichkeit fanden. In Piacenza bewunderten wir die zwei kolossalen Statuen von Bronze auf dem Marktplatz. Ob sie Kunstwert haben, getraue ich mir nicht zu beurteilen, da wir sie nur in der Abenddämmerung sahen.
In Mailand bezogen wir wieder die Pension Suisse, die wegen ihrer Reinlichkeit und Billigkeit allen Reisenden zu empfehlen ist. Beim[37]  ersten Ausgange frappierte uns von neuem die Pracht und Schönheit des Äußeren des Domes. Es ist doch ohne Zweifel das schönste Gebäude, welches wir je sahen, edler und reicher wie die Fassade der Peterskirche!
Die berühmte Grassini, der Rode durch Nachahmen ihres Gesanges das ihm Eigentümliche seiner Spielart, was von der Viottischen Schule abweicht, zu danken haben soll, hatte sechs Vorstellungen im Theater della Scala angekündigt. Da sie aber nur wenig besucht wurden, kamen nur drei zustande; der letzten wohnten wir bei. Sie bestand aus abgerissenen Szenen aus den »Horatiern und Curiatiern« von Cimarosa und einigen anderen Arien, worunter auch »Ombra adorata« war. Die Grassini, die in der Blüte ihrer Jahre wohl sehr vorzüglich gewesen sein mag, ist jetzt schon ein wenig passiert. In dem, was ihr die Zeit nicht rauben konnte, ist sie indessen immer noch sehr vorzüglich, d.h. sie hat eine gute Schule und spielt und singt sehr leidenschaftlich, mit weit mehr Gefühl und Ausdruck als die Catalani, steht dieser jedoch an Geläufigkeit der Kehle und hinsichtlich der Stimme sehr nach. – Wo es daher bloß aufs Brillieren ankam, befriedigte sie nicht sehr. In leidenschaftlicher Rezitation aber riß sie durch Wahrheit des Ausdrucks hin.
Das Theater della Scala fand ich auch diesmal für den Effekt der Musik vortrefflich. Ich kenne kein Lokal, wo sowohl die Stimmen, als auch das Orchester so edel und dabei so deutlich klingen. In akustischer Hinsicht ist es daher dem S. Carlo-Theater unendlich vorzuziehen.
Da wir bei unserem frühern Auftreten im Theater so schlechte Geschäfte gemacht hatten, so probierten wir es dieses Mal im Saal des Konservatoriums, setzten den Eintrittspreis auf drei Franken und gaben es des Theaters wegen in der Mittagsstunde. Lag es an dieser ungewöhnlichen Zeit oder war die Jahreszeit schon zu weit vorgerückt, – genug, es war wieder sehr leer und warf nicht viel mehr als die Kosten ab.
In Gesellschaft von zwei Engländern, von denen der jüngste für einen Engländer ziemlich liebenswürdig war, reisten wir am 2. Mai von Mailand ab, übernachteten in Arona, ergötzten uns am andern Morgen von neuem an den himmlischen Umgebungen des Lago Maggiore, die wir nun auch im Schmuck des Frühlings sahen, und kamen gegen Abend im Dorfe Simpeln unter der Höhe des Simplon an. Hier wurden wir beim Abschiede aus Italien noch einmal auf gut Italienisch geprellt, indem wir z.B. für jede Tasse Kaffee zwei Franken bezahlen mußten. (Unser Nachtlager und Abendessen hatten wir dem Vetturino mit einakkordiert).[38] 
Am andern Morgen traten wir die in dieser Jahreszeit sehr beschwerliche Fahrt über die höchste Kuppe des Berges an. Eine Stunde hinter Simpeln kamen wir in die Schneeregion. Hier mußte der Wagen auseinander genommen werden; der Kasten wurde auf einen, die Räder auf einen zweiten und unser Gepäck auf einen dritten Schlitten gesetzt, und so ging der Zug mit vielen Vorspannpferden weiter. Auf der Höhe, solange der Schnee hart blieb, gab es nicht viel Aufenthalt, aber weiter unten, wo die Wärme schon beträchtlich war und der Schnee doch noch haushoch lag, kam der Zug jeden Augenblick ins Stocken. Bald sanken die Pferde bis an die Brust ein, bald klemmte sich der Wagen zwischen die haushohen Schneewände fest und mußte wieder losgearbeitet, und bald der von Lawinen verschüttete Weg wieder aufgeräumt werden. Wir gingen daher voraus und kamen, zwar bis an die Kniee durchnäßt, aber doch zwei Stunden früher im vierten Refuge, wo der Schnee aufhörte, an und erholten uns bei einem einfachen Frühstück von der beschwerlichen Promenade. Wir hörten viele Lawinen niederdonnern und waren in beständiger Besorgnis, daß es uns so gehen möchte wie den Reisenden, die tags vorher durchgekommen waren. Diese sahen in der Nähe eines Felsendurchganges eine fürchterliche Lawine auf sich losstürzen und hatten eben noch Zeit genug, sich in diesen zu flüchten. Zu ihrem Schrecken wurden beide Ausgänge verschüttet, so daß sie drei schrecklich lange Stunden eingesperrt blieben, bis sich die Wegaufseher zu ihnen hindurchgearbeitet hatten.
Nachdem der Wagen endlich angekommen war, fuhren wir noch bis Brig, wo wir das dritte Nachtlager machten und zum ersten Male wieder die deutsche Muttersprache reden hörten, was uns recht zur Freude stimmte. Unsere vierte Tagereise ging bis Sion, wo man schon Französisch redet. Mittags bei Turtmann sahen wir einen recht schönen Wasserfall, der nicht weiter als eine Viertelstunde vom Dorfe entfernt ist. Das Frühjahr fanden wir in Wallis im Vergleich mit der andern Seite noch weit zurück. Hier blühten kaum die Kirschbäume, die in Mailand und am Lago Maggiore abgeblühet waren. So kamen wir von neuem ins Frühjahr, in welchem wir seit Anfang Februar beständig gelebt hatten. In Sion und der Umgebung ist das wahre Vaterland der Kretins. Wir waren aber nicht so glücklich (oder soll ich sagen unglücklich), einen vollkommen zu Gesicht zu bekommen. Alberne Fratzen, die kaum Menschengesichtern ähnlich waren, sahen wir aber genug am Wege stehen.
Auf der fünften Tagreise kamen wir zu der berühmten Pissevache, die hart am Wege ist. Unsere Erwartungen wurden aber nicht ganz befriedigt;[39]  denn im Vergleiche zu dem Wasserfalle bei Terni kam uns dieser doch ziemlich kleinlich vor. Unser Nachtlager nahmen wir in Bex, einem reizend gelegenen Dörfchen, welches die Bewohner nicht ohne Grund un paradis terrestre nennen. Das Wirtshaus könnte mit den größten Hotels der Hauptstädte wetteifern.
Am sechsten Tage fuhren wir immer am See her über Vevey nach Lausanne. Diese gepriesene, im Sommer so häufig von Engländern besuchte und bewohnte Gegend habe ich wieder nicht so schön gefunden, als ich erwartete, sowie ich überhaupt den ganzen Genfer See etwas langweilig finde. Immer dieselben Ansichten von Bex bis Genf, auf dieser Seite Weinberge und auf der andern Waldungen. Die Ansichten beim Thuner und noch mehr beim Zürcher See sind viel mannigfaltiger; alle Schweizer Seen aber bleiben, meiner Meinung nach, weit hinter dem Lago Maggiore zurück. Am siebenten Tage kamen wir denn endlich in Genf an.


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Die Folgen einer Erkältung auf der Reise warfen mich für einige Tage aufs Bett. Während dieser Zeit waren Herr Dupan, Herr Pastor Gerlach und einige andere Musikfreunde bemüht, uns ein Konzert zu arrangieren. Es war aber schon voraus zu sehen, daß dies nicht sehr brillant ausfallen würde, denn teils war die Not und Teurung noch zu groß, teils hatten vor kurzem mehrere Konzerte zum Besten der Armen stattgefunden, sowie auch die Jahreszeit schon zu weit vorgerückt und die meisten reichen Familien bereits aufs Land gezogen waren. Wirklich warf es nicht viel mehr als die Unkosten ab. Wir hatten uns verleiten lassen, bei Herrn Pictet-Rochemont und bei Herrn Dupan Privatmusik zu machen; die an beiden Orten sehr zahlreich versammelte Teegesellschaft fand es hierauf denn nicht mehr der Mühe wert, unser Konzert zu besuchen. Den Gebrüdern Bohrer, die vier Wochen vor uns da waren, ist es nicht viel besser gegangen. Im ganzen genommen sollen die Genfer nicht viel Kunstsinn haben, sondern nur immer darauf spekulieren, wie sie die vielen Fremden, die sich im Sommer und Winter dort aufhalten, recht zwicken können. Wenigstens wissen sie von deutscher Kunst und von deutschen Künstlern sehr wenig und kennen unsere klassischen Kompositionen nicht einmal dem Namen nach. Die lange französische Herrschaft und die fremde Sprache sind eine leicht zu erklärende Ursache davon.
Genf besitzt von allen Schweizerstädten die meisten ausgezeichneten Künstler, die aber auch hier wie fast allenthalben in zwei oder mehrere Parteien geteilt sind und wie Hund und Katze untereinander leben.[40] 
Die Gebrüder Hänsel und Wolff und Herr Berger (eigentlich Münzberger) sind die vorzüglichsten davon. Ich war so glücklich, diese Herren, die sonst nie zusammen spielen, in meinem Konzerte zu vereinigen, und hatte so ein für eine Schweizerstadt recht vorzügliches Orchester beisammen. Herr Pastor Gerlach nahm uns aufs freundschaftlichste auf und erzeigte uns gar manche Gefälligkeit; ja er räumte uns sogar zu unserm Konzerte die lutherische Kirche ein, in welcher die Musik einen sehr guten Effekt macht. Außerdem wären wir genötigt gewesen, dasselbe in dem finstern und unfreundlichen Theater zu geben, wo man überdies noch bedeutende Unkosten (300 Franken) hat.
Ich hatte in Genf die unerwartete Freude, meinen alten Lehrer Kunisch aus Braunschweig wiederzufinden. Dieser brave Mann hatte alle Tücken des Schicksals empfunden. In seiner Jugend war er ein vorzüglicher Hornist, bekam dann Blutspeien und mußte, um sich zu retten, diesem Instrumente ganz entsagen. Durch eisernen Fleiß brachte er es in drei Jahren zu ziemlicher Virtuosität auf der Violine und fand später eine Anstellung als Vorgeiger beim Nationaltheater in Berlin. Als nach der Schlacht bei Jena der preußische Hof flüchten mußte und die Kapelle auseinander ging, wurde er von Herrn Schick, der gern seinen Platz gehabt hätte, von Berlin wegkabaliert, ging dann anfangs nach der Schweiz, wo er in seinen alten Tagen das Französisch noch erlernte, und später nach Lyon, wo er wieder als Vorgeiger eine Anstellung beim Theater fand. Hier fing er eben an, sich zu gefallen, als er bei einem unglücklichen Fall die linke Hand verstauchte, die bald ganz steif wurde, so daß er gar nicht mehr Violinspielen konnte und folglich seinen Platz aufgeben mußte. Er war daher gezwungen, zum drittenmal ein neues Instrument zu erlernen, und verdient sich nun als Klavierlehrer sein kümmerliches Brot. Er hatte eine große Freude, mich wieder zu sehen, und schien recht stolz darauf, mich seinen Schüler nennen zu können.

Da ich beim Durchlesen des Tagebuches einiges vermisse, dessen ich mich lebhaft erinnere, so möge hier eine kleine Nachlese folgen.
Erwähnt ist schon, daß ich es nur den Bemühungen des österreichischen Gesandten, Grafen Apponyi, zu verdanken hatte, daß ich in Rom in der Adventszeit, wo alle öffentliche Musik verboten ist, ein Konzert zustande bringen konnte. Graf Apponyi übernahm es, mein Gesuch um die Erlaubnis dazu dem Gouverneur von Rom zu übergeben, riet mir jedoch, die Antwort darauf nicht abzuwarten, sondern das Konzert so[41]  schnell wie möglich zu arrangieren, währenddessen er mir dann die Subskribenten dazu werben werde. Ich ging sogleich ans Werk, allein die Sache hatte ihre großen Schwierigkeiten. Der Saal im Palast Ruspoli, den mir Graf Apponyi verschafft hatte, war wie das ganze unbewohnte Prachtgebäude sehr verfallen. Es mußten erst Glasscheiben in die Fenster eingesetzt, die Löcher in dem Marmorfußboden mit Backsteinen ausgefüllt und die nötigen Möbel, z.B. Kronleuchter, Stühle, Pulte usw., zusammengeborgt werden. Hauptsächlich aber war erst der Palast vom Eingange an bis zum Saale von Unrat zu reinigen, denn der Vorplatz und die prächtige, mit Statuen geschmückte Marmortreppe hatten seit Jahren als Abtritt gedient, und es gab ganze Karren voll Schmutz wegzuschaffen. Auch mußte ich erst Sänger und Musiker (dort Professoren genannt) in der großen Stadt einzeln aufsuchen und für mein Konzert engagieren. Dies nahm alles viel Zeit weg. Bis zum Tage des Konzertes und noch an diesem selbst bis zum Abend war ich daher in steter Angst, daß eine abschlägige Antwort auf mein Gesuch einlaufen und alles über den Haufen werfen werde. Doch die Polizei war so human, mir diese erst am Tage nach dem Konzert zuzusenden, wo ich bereits die ergiebige Einnahme in Händen hatte. Ich wurde durch sie von einer großen Sorge befreit, die mir den Aufenthalt in Rom bis dahin sehr verbittert hatte. Meine Reisekasse war nämlich bei den bisherigen schlechten Konzerteinnahmen in Italien so zusammengeschmolzen, daß ich mit Schrecken sah, sie werde zu einer Weiterreise nach Neapel gewiß nicht, wohl kaum zu einer direkten Rückkehr nach Deutschland ausreichen. So nahe vor Neapel, dem ersehntesten Punkte der ganzen Reise, umkehren zu müssen, war ein zu schrecklicher Gedanke, um sich an ihn gewöhnen zu können! Ich kam daher auf den Gedanken, die Familie Beer, die unterdessen von Venedig nachgekommen war, um ein Darlehn anzugehen, doch sosehr ich indessen auch mit Meyerbeer befreundet war, ich konnte es nicht über mich gewinnen, meinen Wunsch auszusprechen, und zog es daher vor, mich deshalb an einen reichen Freund im Elsaß zu wenden, der mich aber, wie es bei solchen Gesuchen wohl öfters geschehen mag, ohne Antwort ließ. Nun war nach der brillanten Konzerteinnahme alle Not vorüber, und ich durfte die Weiterreise nach Neapel ohne Bedenken wagen. Diese verzögerte sich aber wegen der Krankheit der Kinder noch bis in die zweite Hälfte des Januar. Dorette, die sie pflegte, konnte mich nun nicht mehr auf meinen Exkursionen begleiten; ich schloß mich daher häufig der Familie Beer an und konnte diesen später Angelangten nun schon als Cicerone dienen. Abends, wenn mit Anbruch der[42]  Nacht es nichts mehr zu sehen gab (denn die Theater waren wegen der Adventszeit noch immer geschlossen), begleiteten mich die drei Söhne zuweilen in meine Wohnung, und wir verkürzten uns dann die langen Abende durch eine Partie Whist. Da es aber zu jener Zeit in Rom sehr kalt und mein Zimmer nicht zu heizen war, so legten wir uns, mit dem Rücken nach den vier Weltgegenden gerichtet, in mein kolossales Bett, eine Tischplatte zwischen uns, und endigten so in behaglicher Wärme und bester Laune unser Spiel.


Von dem Aufenthalte in Neapel ist noch folgendes nachzutragen:
Den Tag nach meinem ersten Konzerte im Foyer des Theaters S. Carlo erhielt ich einen Besuch von dem berühmten Sänger Crescentini, den ich bereits in Rom hatte kennen lernen. Nachdem er mir viel Verbindliches über mein Spiel und meine Kompositionen gesagt hatte, machte er mir folgende Eröffnung: Der Minister des Innern gehe damit um, das Konservatorium der Musik neu zu organisieren, da es sehr in Verfall geraten sei. Der jetzige Direktor Zingarelli, der bei seiner frommen Richtung zwar fleißig mit den Schülern bete, aber wenig musiziere, solle in Ruhe gesetzt werden, und er, Crescentini, bewerbe sich nun um dessen Stelle. Da er aber von der Instrumentalmusik nichts verstehe, so beabsichtige der Minister, für diese noch einen zweiten Direktor anzustellen, und habe sein Auge auf mich geworfen, da ihn mein Spiel und meine Kompositionen im gestrigen Konzerte ganz entzückt hätten. Sollte ich nun geneigt sein, mich um die Stelle zu bewerben, so möge ich ihn sogleich zu demselben begleiten, wo mir weitere Eröffnungen gemacht werden sollten. Dies geschah. Ich kehrte sehr zufrieden mit den Propositionen des Ministers zu Dorette zurück, und wir gefielen uns nicht wenig in dem Gedanken, in dem paradiesischen Neapel unsere Heimat zu finden! Doch eine Woche nach der andern verging, ohne daß der Minister wieder etwas von sich hören ließ, und von Crescentini erfuhren wir, daß das Projekt an dem Kostenpunkte zu scheitern drohe. Wir durften daher, als die Zeit der Abreise herannahete, nicht länger zögern; denn ich bemerkte von neuem, daß meine Kasse durch die vielen Ausflüge in die Umgegend, die wir in Gesellschaft unserer schlesischen Freunde gemacht hatten, und bei denen ich stets die Hälfte der Kosten zu tragen hatte, so zusammengeschmolzen war, daß sie kaum zur Rückreise in die Schweiz ausreichen würde. Ich machte daher dem Minister meinen Abschiedsbesuch. Da dieser noch auf mich zu zählen schien, gab ich ihm meine Adresse in der Schweiz, wo mich eine Zuschrift treffen konnte. Ich habe indessen nie eine solche erhalten.[43] 
Die Berechnung meiner Kasse war nur zu richtig gewesen, denn mit der Ankunft in Genf fand ich sie völlig geleert. Da nun mein Konzert dort auch nicht viel eintrug und ich im voraus wußte, daß bei der damals (im Frühjahr 1817) in der Schweiz herrschenden Hungersnot auch in den übrigen Schweizerstädten nicht viel zu gewinnen sein würde, so lernte ich zum ersten Male in meinem Leben das Bittere der Nahrungssorgen kennen. Zwar besaßen wir einige Pretiosen, die wir an den Höfen geschenkt bekommen hatten; doch war der Gedanke, diese verkaufen oder versetzen zu müssen, uns gar zu widerwärtig. Die Not zwang uns aber dazu. Schon war ich im Begriff, ein Leihhaus aufzusuchen, als Dorette den Vorschlag machte, sich lieber dem freundlichsten unsrer dortigen Bekannten, dem Pastor Gerlach, anzuvertrauen, und sich auch erbot, zu ihm zu gehen, wozu ich nicht den Mut gehabt hätte. Sie nahm ihren schönsten Schmuck, ein Diadem, das Geschenk der Königin von Bayern, und machte sich auf den Weg zum geistlichen Herrn. Nie im Leben habe ich so peinliche Minuten verlebt als die während ihrer Abwesenheit! Nach einer ewiglangen halben Stunde kehrte sie endlich wieder und brachte das Diadem zurück –, doch auch die zur Weiterreise erforderliche Summe. Sie war noch ganz in Aufregung von einem Schreck, den sie dort gehabt hatte. Als sie nämlich höchst verlegen und mit bebenden Lippen dem Herrn Pastor die augenblickliche Not und die Bitte um einen Geldvorschuß gegen Pfand vorgetragen hatte, war er plötzlich in ein schallendes Gelächter ausgebrochen und in einem Nebenzimmer verschwunden. Doch bevor sie Zeit gewann, über die Bedeutung dieses, wie ihr schien, sehr unzeitigen Ausbruches von Heiterkeit nachzudenken, kehrte er zurück und brachte die verlangte Summe, indem er freundlich sagte: »Ich freue mich, dem braven Künstlerpaare, das uns so vielen Genuß bereitet hat, gefällig sein zu können; aber wie konnten Sie nur glauben, ein Pfarrer werde wie ein Jude auf Pfänder borgen?!«
So war also die augenblickliche Not beseitigt, und die Reise konnte fortgesetzt werden. Wir gingen nun zuerst nach Thierachern, um unsern Wagen und die Harfe, die wir dort im vorigen Herbste zurückgelassen hatten, abzuholen. Da Dorette einiger Zeit bedurfte, um sich auf ihrem Instrument wieder einzuspielen, und wir überdies nicht zu eilen brauchten, indem die fürs Konzertgeben günstigste Zeit ohnehin schon vorüber war, so blieben wir vierzehn Tage dort, übten des Vormittags unsre Duetten für Harfe und Violine von neuem ein und besuchten nachmittags bei dem herrlichsten Frühlingswetter noch einmal alle unsre frühern Lieblingsplätze. Endlich mußten wir uns je doch entschließen,[44]  das paradiesische Thierachern zu verlassen und unsere Kunstreise weiter fortzusetzen. Es ging uns aber in der Schweiz sehr übel, denn allenthalben wurde wegen der herrschenden Hungersnot die Erlaubnis, öffentliche Konzerte zu geben, verweigert, und nur in Zürich wurde es uns gestattet, weil wir uns erboten, einen Teil der Einnahme an die Armen abzugeben. Ich spielte dort zum ersten Male nach der Rückkehr nach Deutschland meine Gesangsszene und ein in Italien begonnenes und in Thierachern vollendetes Soloquartett (Op. 43), und beide Kompositionen erhielten außerordentlichen Beifall. Damit mußte ich mich aber auch begnügen, denn die Einnahme dieses Konzertes war bei weitem nicht so ergiebig als die des vorjährigen. Ich konnte daher den Termin zur Rückzahlung der in Genf geborgten Summe nicht einhalten, was mich sehr beunruhigte. Herr Pastor Gerlach gab mir jedoch auf die deshalb gemachte Entschuldigung die beruhigendste Antwort, und so konnte ich mit erleichtertem Herzen die Reise fortsetzen.

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Der Konzertgewinn war aber auch in Deutschland, wo wir Freiburg, Karlsruhe, Wiesbaden, Ems und Aachen besuchten, wegen der allgemein herrschenden Not nur mittelmäßig, so daß kaum die Kosten der Reise gewonnen wurden, und erst in letzterer Stadt, wo unser Spiel große Sensation erregte und uns zu drei sehr besuchten Konzerten verhalf, erübrigten wir so viel, um die Schuld bei Gerlach tilgen zu können.
Wir waren nun seit vier Monaten von Neapel bis Aachen fortwährend in der Richtung von Süden nach Norden gereist, ohne uns irgendwo sehr lange aufzuhalten. Wir hatten daher sowohl jenseits als diesseits der Alpen allenthalben die Baumblüte getroffen und so das Frühjahr in einer Ausdehnung durchlebt, wie uns dies später nie wieder zuteil geworden ist. Nach Aachen kamen wir aber im hohen Sommer, mitten in die Badesaison. Da dies für die Weiterreise nach Holland die ungünstigste Periode zum Konzertgeben war, beschlossen wir daher, einige Zeit in Aachen zu verweilen. Wir hatten dort mehrere eifrige Musikfreunde kennen gelernt, bei denen wir gern musizierten. Auch hatte ich ein gutes Quartettakkompagnement gefunden, mit dem ich meine Wiener Quartetten und Quintetten einübte und, da sie bei den Zuhörern großen Anklang fanden, wiederholt zu hören gab.
So verlebten wir die Zeit unsres Aachener Aufenthaltes, zwischen Arbeit und Vergnügen geteilt, höchst angenehm. Der Unterricht der Kinder, der zwar auch auf der ganzen Reise nie ganz aufgehört hatte, indem wir selbst im Wagen während der Fahrt unterrichteten, wurde[45]  nun wieder mit mehr Ernst und Regelmäßigkeit betrieben. Auch begann ich wieder zu komponieren und schrieb dort das erste Heft meiner vier stimmigen Männergesänge (Op. 44), von welchen das Goethesche: »Dem Schnee, dem Regen« später ein Lieblingslied der Liedertafeln geworden ist.
Gegen den Herbst hin wurde die Reise nach Holland fortgesetzt, und wir gaben zuerst in Köln und Düsseldorf sehr besuchte Konzerte. Dann gingen wir nach Kleve, wo wir in Herrn Notar Thomae einen eifrigen Kunstfreund und ausgezeichneten Dilettanten auf mehreren Instrumenten kennen lernten. Wir musizierten häufig in dessen Hause, und die beiderseitigen Familien, die Kinder miteingeschlossen, gewannen sich bald so lieb, daß sie ein Freundschaftsbündnis für das Leben schlossen. Dadurch wurde uns der Aufenthalt in Kleve so anziehend, daß wir das freundliche Städtchen mit seinen reizenden Umgebungen nur höchst ungern verließen.
Nach Holland aber war der Ruf des Spohrschen Künstlerpaars noch nicht gedrungen, und wir mußten uns daher erst Bahn brechen. Dies gelang jedoch sehr bald, und wir machten nun in dem reichen und für deutsche Kunst und Künstler günstig gestimmten Lande große Sensation und infolge davon brillante Geschäfte. Schon hatten wir in Rotterdam und im Haag gespielt und befanden uns eben in Amsterdam, wo wir bereits auch in Felix Meritis aufgetreten waren und darauf ein eigenes Konzert gegeben hatten, als ich einen Brief vom Theaterdirektor in Frankfurt am Main, Herrn Ihlée, erhielt, worin mir dieser im Namen der Aktionäre jenes Theaters die Stelle des Opern- und Musikdirektors antrug und im Fall der Annahme um schleunigste Überkunft bat. Die Bedingungen waren zwar nicht so glänzend als die meiner frühern Anstellung, aber doch genügend, um eine Familie ernähren zu können. Freilich hätte ich meine Kunstreise, auf der ich mir gefiel, gern noch wenigstens bis zum Frühjahre fortgesetzt; doch in Frankfurt drängte man, und Dorette sehnte sich nach häuslicher Ruhe. So sagte ich denn ohne weiteres Bedenken zu und machte mich sogleich auf die Rückreise. In Kleve, wo wir im befreundeten Hause der Familie Thomae abtraten, mußten wir, sosehr die Reise auch beeilt wurde, doch einige Tage verweilen. Obgleich es nun im hohen Winter war, wurde doch wieder von neuem alles aufgeboten, uns den Aufenthalt angenehm zu machen. Musikpartien, Schlittenfahrten und anderes wechselten ab. Am Abend vor der Abreise, als wir beim Nachtisch saßen, Nüsse knackten und der nahen Trennung wehmütig gedachten, machte Freund Thomae den Vorschlag, die Familie Spohr solle als Erinnerung[46]  an ihr Hiersein eine der Nüsse im Hofe einpflanzen, was mit Akklamation angenommen wurde. Nachdem ein Grabscheit herbeigeholt war, zogen beide Familien, in warme Mäntel gehüllt, in Prozession in den Hof, wo ich im Mittelpunkte desselben, nachdem ich die Schneedecke weggeräumt hatte, ein Loch grub, in welches die Kinder die Nuß versenkten. – Im folgenden Frühjahre wurde nach Frankfurt das Erscheinen des Keims gemeldet. Dieser, durch eine Umfriedigung sorgfältig geschützt, wuchs nach und nach zu einem stattlichen Baume heran, und noch jetzt (im Jahr 1852) gedenkt die Familie Thomae, (wie einer der Söhne mir unlängst erzählte), jenes Abends und ihrer entfernten Freunde.



 Frankfurt
[47] 1817–1819











In Frankfurt wurde ich von den Aktionären des Theaters wie auch von sämtlichem Theater- und Orchesterpersonal auf das freundlichste empfangen. Man gab mir zu Ehren ein Festessen im Saal des »Weidenbusches«, bei welchem die üblichen Toaste und herkömmlichen Reden nicht fehlten. Das Orchester, welches sich unter der vorzüglichen Leitung seines bisherigen Direktors, des Herrn Schmitt, den Ruf eines der besten Deutschlands erworben hatte, fand ich durch die lange Krankheit desselben ein wenig verwildert. Da man mir aber in meinen Anordnungen willfährig entgegen kam und sich an meine Art zu dirigieren bald gewöhnte, so wurde das frühere gute Ensemble in kurzer Zeit wiedergewonnen. Mein Vorgänger hatte mit der Geige dirigiert, und auf den Wunsch der Sänger begann ich auch in derselben Weise, indem ich mit dem Bogen taktierte und die Geige zur Hand hatte, um denselben nötigenfalls einhelfen zu können. Doch bald gewöhnte ich sie an solch genaues Einüben ihrer Partien, daß eine derartige Hilfe nicht mehr nötig war. Nun legte ich die Geige weg und taktierte auf französische Weise mit dem Stäbchen.
Der Geschäftsgang bei der Frankfurter Bühne war damals der, daß das von den Aktionären erwählte Direktorium wöchentlich einmal mit den technischen Direktoren (Herr Ihlée für das Schauspiel, ich für die Oper) zu einer Sitzung zusammenkam, in welcher das Repertoire entworfen und alle die Verwaltung betreffenden Gegenstände besprochen wurden. Der Präses dieses Direktoriums war der Kaufmann Herr Leerse, der sich in dem Amte gefiel und daher Sorge trug, immer wieder gewählt zu werden. Er hatte sich durch die Länge der Zeit einige Routine in der Verwaltung des Theaters erworben und sprach daher gewöhnlich[48]  in sehr entscheidendem Tone. Sein ganzes Bestreben war auf Ersparnisse gerichtet, um das jährlich wiederkehrende Defizit von 14 bis 17000 Gulden, das die Aktionäre decken mußten, zu beseitigen. Ihm waren daher die wohlfeilsten Sänger, Schauspieler und Musiker zum Engagement die liebsten, und bei der Wahl der aufzuführenden Opern und Schauspiele entschied er sich stets für die, für welche das geringste Honorar gefordert wurde. Auch Ihlée und ich hatten ein Interesse, das fatale Defizit wegzuschaffen, da uns ein Anteil am Überschuß kontraktlich zugesichert war; wir glaubten aber, daß dies weit sicherer erreicht werden würde, wenn man das Kunstinstitut durch Engagement ausgezeichneter Talente und durch die Aufführung klassischer Werke zu heben suche. Wir waren daher häufig in Opposition mit Herrn Leerse und dessen Kollegen, und nur einer derselben, Herr Georg Brentano, trat unsrer Ansicht bei. Doch wußte er ihr nur selten den Sieg zu verschaffen, da er sie in der Regel nur mit leicht hingeworfenen Witzen und Sarkasmen zu verteidigen pflegte. Die Animosität, die sich durch diese Meinungsverschiedenheit zwischen mir und Herrn Leerse erzeugte, wurde jedoch erst in späterer Zeit bemerklich, denn anfangs vertrugen wir uns ganz gut. Es wurde mir daher auch nicht schwer, die Zustimmung des Direktoriums zur Annahme und Aufführung meiner Oper »Faust« zu erlangen. Ich war sehr begierig, dieses Werk, das ich schon vor fünf Jahren in Wien geschrieben hatte, nun endlich einmal zu hören, und beeilte daher die Voranstalten nach Möglichkeit. Da unter dem Personale kein Baritonist war, der die Partie des Faust genügend geben konnte, so war ich genötigt, sie dem ersten Tenor, Herrn Schelble (später Gründer und Direktor des Cäcilienvereins), zuzuteilen, der in seinem Mezzotenore den nötigen Umfang sowie auch die für die Partie erforderliche Kehlfertigkeit besaß. Nachdem die Proben bereits begonnen hatten, sprach Schelble den Wunsch aus, daß ich ihm noch eine Arie, die dankbarer als die in der Oper vorhandene sei und ihm ganz in der Stimme liege, schreiben möchte. Da sich gleich nach dem Anfangsduett ein passender Platz dafür fand und Herr Georg Döring (Oboist des Orchesters und später beliebter Romandichter) dazu einen mir zusagenden Text lieferte, so erfüllte ich diesen Wunsch sehr gern. Diese Arie »Liebe ist die zarte Blüte«, welche später so oft in Konzerten und von Pischek in London unzählige Male gesungen wurde, ist daher das erste, was ich in Frankfurt komponierte. Unterdessen war das Einüben der Oper so weit gediehen, daß sie im März zum ersten Male gegeben werden konnte. Sie gefiel anfangs dem großen Haufen zwar weniger als den Kennern, gewann[49]  aber mit jeder Aufführung mehr Publikum, so daß sie seit jener Zeit fast fortwährend auf dem Repertoire der Frankfurter Bühne geblieben ist und immer nach kurzen Zwischenräumen von neuem einstudiert wurde.
Dieser Erfolg ermunterte mich zu neuen dramatischen Arbeiten. Ich sah mich daher nach einem Stoffe zu einer solchen Arbeit um und fand einen mir zusagenden im Gespensterbuche von Apel in der Erzählung: »Der schwarze Jäger«. Döring, mit dem ich mich deshalb besprach, erbot sich zu der Bearbeitung als Oper. Wir entwarfen gemeinschaftlich ein Szenarium, das sich von der Bearbeitung Kinds, die uns damals noch unbekannt war, hauptsächlich dadurch unterschied, daß der tragische Schluß der Erzählung beibehalten wurde. Sobald Döring die ersten Szenen bearbeitet hatte, machte ich mich auch sogleich an die Kompositon. Schon war die Introduktion größtenteils in der Skizze vollendet, als die berühmte tragische Schauspielerin Madame Schröder und ihre Tochter, die später noch berühmter gewordene Schröder-Devrient, nach Frankfurt zu Gastspielen kamen und bei ihrem Besuche diese angefangene Arbeit auf dem Klaviere liegen sahen. Sie erzählten mir, daß C.M. von Weber denselben Stoff als Oper komponiere und bereits den ersten Akt vollendet hätte. Dies veranlaßte mich, meine Arbeit liegen zu lassen, da ich befürchten mußte, Weber würde weit früher als ich mit seiner Oper hervortreten. Dies wäre jedoch, wie sich später zeigte, nicht der Fall gewesen; denn der »Freischütz« wurde erst im Jahre 1820 bekannt und meine fast ein Jahr später begonnene Oper »Zemire und Azor« bereits am 4. April 1819 zum erstenmal gegeben. Indessen habe ich es nie bereut, den Apelschen Stoff aufgegeben zu haben; denn mit meiner Musik, die nicht geeignet ist, ins Volk zu dringen und den großen Haufen zu enthusiasmieren, würde ich nie den beispiellosen Erfolg gehabt haben, den »der Freischütz« fand.
Da ich mich nun erst wieder von neuem nach einem Opernbuche umsehen mußte, so begann ich unterdessen Quartetten zu schreiben. Die nächste Veranlassung dazu war eine Aufforderung der Freunde dieser Musikgattung, öffentliche Quartettaufführungen zu veranstalten, die bis dahin in Frankfurt noch nicht existiert hatten. Ich wünschte, dabei neue Kompositionen vorführen zu können, und schrieb deshalb im Laufe des Sommers die drei Quartetten Op. 45. Als ich das erste derselben in einer Musiksoiree bei Herrn Schelble vortrug, war auch Jean Paul unter den Zuhörern. Er schien sich sehr für die neue Komposition zu interessieren und legte ihr eine höchst poetische Deutung unter, an[50]  die ich bei der Arbeit zwar nicht gedacht hatte, welche mir aber als sehr treffend bei jeder spätern Vorführung des Quartetts wieder in Erinnerung gekommen ist.
Am 29. Juli 1818 vermehrte sich meine Familie wieder um ein Töchterchen, welches den Namen Therese von ihrer Pate, der Frau Thomae in Kleve, erhielt und von meinem Freund Speyer über die Taufe gehalten wurde. Dorette fühlte sich nun sehr glücklich, einen festen Wohnsitz zu haben, um sich ganz der Pflege des neuen Ankömmlings widmen zu können.
Im Herbste begann der erste Zyklus der öffentlichen Quartetten im kleinen Saale des »Roten Hauses«. Die Mitwirkenden waren bei der zweiten Violine Herr Konzertmeister Hoffmann, bei der Viola Herr Bayer und beim Violoncell Herr Hasemann, damals Baßposaunist im Orchester, später erster Violoncellist der Kasseler Kapelle. Ich trug Quartetten von Haydn, Mozart, Beethoven und eigne vor und übte sie vorher sorgfältigst in zwei Proben ein. Sie machten daher durch die Genauigkeit ihrer Ausführung große Sensation und fanden so viel Beifall, daß im Laufe des Winters noch ein zweiter Zyklus veranstaltet werden konnte.
Im September 1818 begann ich auch die Komposition der neuen Oper. Herr Ihlée hatte mir dazu den Text der ehemals sehr beliebten Oper »La belle et la bête« von Grétry vorgeschlagen. Da diese damals schon ganz vom deutschen Repertoire verschwunden und der jüngern Generation unbekannt war, so ging ich gern auf den Vorschlag ein. Denn ich hatte von frühester Jugend an eine Vorliebe für dieses Märchen und erinnerte mich auch noch einer Arie aus der Grétryschen Oper, die der Zemire mit dem Echo, die ich als Knabe oft von meiner Mutter gehört und auch selbst gesungen hatte. Herr Ihlée erbot sich, den Text in die Form der modernen Oper umzugestalten, was er auch, als sehr bühnenkundig, zu meiner vollen Zufriedenheit ausführte. – Damals wurde die Rossinische Musik zuerst in Deutschland bekannt, und besonders war es der »Tancred«, der in Frankfurt einen wahren Beifallssturm erregte. Fast in jeder Theatersitzung mußte ich von Herrn Leerse die Worte hören: »Das ist eine Oper, die das Publikum anzieht! Solche müssen Sie uns mehr in Szene setzen!« – Sowenig ich nun auch ein Verehrer der Rossinischen Musik war, wie die scharfe Kritik derselben in dem Tagebuche der ita lienischen Reise zeigt, so blieb doch der Beifall, den »Tancred« in Frankfurt fand, nicht ganz ohne Einfluß auf den Stil meiner neuen Oper. Dazu kam, daß ich über vier Sänger (Demoiselle Friedel, die Schwestern Campagnoli und Herrn Schelble)[51]  zu disponieren hatte, die bedeutende Kehlfertigkeit besaßen. So erklärt es sich, daß die Musik zu »Zemire und Azor« so viele Koloraturen und Gesangsverzierungen in den Partien der drei Schwestern und der des Azor enthält. – Die Oper wurde von den Sängern wie vom Orchester mit großem Eifer einstudiert, da sie ihre Partien sehr dankbar und ihren Stimmlagen angemessen fanden. Auch das Orchester zeigte gleichen Eifer. – So konnte es nicht fehlen, daß die Oper sogleich bei der ersten Aufführung großen Beifall fand und einen allgemeinern als der »Faust«, was sich jedoch später, sowohl in Frankfurt als im übrigen Deutschland, dem wahren Wert beider Opern gemäß wieder ausglich.


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Im Laufe des Winters gab ich mit meiner Frau auch noch ein Konzert, zu welchem ich eine neue Sonate für Harfe und Violine geschrieben hatte. Da sich auch, seit ich von neuem einen festen Wohnsitz hatte, wieder Schüler eingefunden, sowohl einheimische als fremde, so war ich während des ganzen Winters sehr mit Arbeiten überhäuft. Ich sehnte mich daher, als endlich das Frühjahr herangekommen war, sehr nach einer Erholung, und es kam mir erwünscht, daß vier meiner frühern musikalischen Freunde aus Rudolstadt, die Herren von Holleben, Müller, Sommer und Methfessel, nach Frankfurt kamen und mich zur Mitreise nach Mannheim, wo ein Musikfest stattfinden sollte, aufforderten. Ich erwirkte mir einen achttägigen Urlaub und schloß mich ihnen an. Von Darmstadt an, wo die reizende Bergstraße beginnt, pilgerten wir bis Heidelberg zu Fuß und trugen unser Gepäck im Ranzen selbst auf dem Rücken. Drei der Rudolstädter, die Herren Müller, Sommer und von Holleben, die ausgezeichnet Horn bliesen, hatten ihre Hörner auf die Ranzen geschnallt, und Methfessel, der unsere vierstimmigen Gesänge und seine eigenen Lieder mit der Guitarre begleitete, trug sein Instrument, an einem Bande hängend, über die Schulter. So hatte die Reisegesellschaft trotz ihres honneten Äußeren doch ganz das Ansehen einer reisenden Musikantenbande, und da wir in fröhlichem Übermute durch alle Dörfer und Städtchen stets musizierend oder singend einherzogen, so fehlte es uns niemals an einem Schweife jubelnder Zuhörer sowie an zahlreichen Anträgen, aufzuspielen, die natürlich, wiewohl zu großem Bedauern der Anfragenden, abgelehnt wurden. Wir machten kleine Tagereisen und erstiegen mehrere der an unserem Wege[52]  gelegenen Burgen. Dort wurde das aus dem Wirtshause hinaufgeschaffte Mahl eingenommen und durch Hornmusik, Gesang und fröhlichen Scherz gewürzt. Am dritten Tage kamen wir nach Heidelberg, wo wir sogleich wieder die Schloßruine erstiegen. Eine Hornfanfare zog bald einen Zuhörerkreis in unsere Nähe, der sich sehr an unsern vierstimmigen Gesängen und Methfessels komischen Liedern ergötzte. Da wir unsere Namen ins Wirtsbuch eingetragen hatten, so wurde es bald in der Stadt bekannt, daß ich mit einer Gesellschaft Musiker zum Musikfest nach Mannheim ziehe. Es erschien daher am Abend eine Deputation des Heidelberger Gesangvereins bei uns mit der Einladung, die Fahrt nach Mannheim am andern Morgen auf dem festlich geschmückten Schiffe des Vereins mitzumachen. Freudig wurde zugesagt!
Diese Fahrt war der Glanzpunkt der ganzen Reise! Als ich mit meinen Gefährten das bis in die Spitze des Mastes mit Blumenfestons geschmückte Schiff betrat, wurden wir von den bereits versammelten Sängern und Sängerinnen mit einem Chorgesang begrüßt und dann aufs freundlichste bewillkommnet. Da das Schiff unterdes zwischen hohe Felsenufer, die den Schall zurückwarfen, vorgedrungen war, so revanchierten sich die Rudolstädter zuerst mit ihrer Hornmusik, die sich da prächtig ausnahm. Dann folgten unsere Lieder, und besonders war es wieder Methfessel, der durch den Vortrag humoristischer Gesänge, die er meisterhaft mit der Guitarre begleitete, die ganze Gesellschaft in die fröhlichste Laune versetzte. Als wir uns dem Ziel der Reise näherten, wurden wir vom Mannheimer Verein auf mehreren mit Blumen und Flaggen geschmückten Schiffen eingeholt und bewillkommnet. Meine Anwesenheit auf dem Heidelberger Schiffe war bereits bekannt geworden; das Festkomitee begrüßte daher auch mich und meine Gefährten und händigte uns Eintrittskarten für Proben und Aufführungen ein. Ja sogar eine Wohnung in einem Privathause ward mir angetragen, die ich jedoch ablehnen mußte, da ich mich von meinen Begleitern nicht trennen wollte. Sobald daher die Landung bewerkstelligt war, suchten wir ein Gasthaus auf. Leider fanden wir es aber schon so von Fremden überfüllt, daß wir uns zu fünfen mit einem Zimmer behelfen mußten, und am andern Tage wurde der Zudrang so groß, daß wir Mühe hatten, unser Zimmer gegen das Eindringen noch weiterer Gäste zu schützen. Wir machten aber kurzen Prozeß, indem wir den Kellner, der uns solches zumuten wollte, ohne weiteres zur Tür hinauswarfen. Am Abend legten wir uns, da es, wie leicht begreiflich, an Betten fehlte, ganz friedlich nebeneinander auf eine Streu, und unsre gute Laune wurde dadurch nicht im geringsten gestört.[53] 
Was nun die Musikaufführungen betrifft, so erinnere ich mich ihrer nicht mehr, was und wie es gegeben wurde, nur so viel weiß ich noch, daß ich und meine Gefährten, die sämtlich den Frankenhäuser Festen beigewohnt hatten, hier von der Wirkung der Musik nicht so befriedigt wurden wie dort, was sich aber schon durch den einzigen Umstand erklärt, daß die Aufführungen in Frankenhausen in dem sonoren Raume einer Kirche, dagegen in Mannheim im Theater stattfanden.
Am dritten Tage traten wir die Rückreise an. Da der Weg von Mannheim nach Mainz für eine Fußreise zu uninteressant gefunden wurde, so mieteten wir uns ein Boot mit zwei rüstigen Ruderern und machten ihn wieder zu Wasser. Aber auch so war die Reise noch ziemlich langweilig. Wir hatten überdies die Nacht vorher auf einem Balle zugebracht und fühlten uns sehr ermüdet; es war daher kein Wunder, daß wir die versäumte Nachtruhe nachholten und die Fahrt zum großen Teile schlafend zurücklegten. Bei unsrer Ankunft in Mainz erlebten wir jedoch noch ein kleines Abenteuer, das uns für die letzten Stunden unsres Zusammenseins die fröhlichste Laune zurückgab. Es dämmerte bereits, als wir nach unserer Landung das beste Gasthaus der Stadt aufsuchten. Als wir es eben in dem bereits beschriebenen Aufzuge reisender Musikanten betreten wollten, schrie uns der Wirt, der aus dem Fenster sah, mit zorniger Stimme entgegen: »Packt Euch! Leute wie Ihr werden hier nicht aufgenommen!« Diese Anrede ergötzte mich sehr, weil ich meine Gefährten schon vielfach wegen ihres Aufzuges geneckt hatte, und lachend rief ich Herrn von Holleben zu: »Herr Oberforstmeister, man will uns hier nicht aufnehmen; suchen wir ein andres Gasthaus auf!« Der Wirt aber, dem der vornehme Titel in die Glieder gefahren war, stürzte pfeilschnell auf die Straße und bat unter unzähligen Bücklingen: »Meine gnädigen Herren, geruhen Sie näher zu treten und entschuldigen Sie huldreichst meine Bêtise!« Im höchsten Grade komisch war nun seine Verlegenheit, als wir ihm ins Innere des Hauses gefolgt waren und dort im hellen Lichterschein von ihm gemustert wurden. Unser elegantes Äußere schien ihn nun zu beruhigen, doch die unglücklichen Hörner, die auf die Tornister geschnallt waren, und die an Methfessels Halse hängende Guitarre erregten bei ihm immer von neuem Skrupel, ob er auch seines Hauses würdige Gäste aufgenommen habe. Als wir aber drei Zimmer mit Wachsbeleuchtung, wie ich absichtlich hinzusetzte, fünf Betten und ein gutes Abendessen bestellten, und zwar in dem kurz befehlenden Tone vornehmer Leute, da schwand bei ihm der letzte Zweifel, und sein Wesen wurde nun ganz Unterwürfigkeit. Noch lange ergötzte uns diese gemeine Wirtsnatur[54]  und erheiterte unser letztes Beisammensein. Am andern Morgen kehrte ich, da mein Urlaub abgelaufen war, nach Frankfurt zurück, und die Rudolstädter verfolgten weiter rheinabwärts ihren Reiseplan.


Als ich meine Wohnung betrat, sprangen mir die Kinder fröhlich entgegen, meine Frau aber, die schon bei der Trennung vor acht Tagen sehr betrübt gewesen, fand ich infolge eines heftigen Schreckens recht leidend. Damit der Leser die Veranlassung dazu verstehe, muß ich früher Erlebtes vorausschicken.
Im Spätherbst 1818 kam der Oboist Thurner nach Frankfurt, den ich früher in Braunschweig gekannt hatte, wo wir beide Mitglieder der Kapelle gewesen waren. Schon damals zeichnete sich Thurner durch seine Virtuosität sowie durch sein Kompositionstalent sehr aus. Auf spätern Reisen, besonders in Wien, wo er längere Zeit verweilte, hatte er sich den Ruf des ersten der damals lebenden Oboisten erworben. Zugleich erzählte man aber wunderliche Geschichten von seinem dortigen Aufenthalte; von einer Liaison mit einer vornehmen Dame, die er später anklagte, ihn durch eine Tasse Kaffee vergiftet zu haben; von einer deshalb entstandenen Kriminaluntersuchung, die ergeben, daß er periodisch in Irrsinn verfalle und dann an der fixen Idee leide, vergiftet zu sein. Diese Erzählungen, die von Mund zu Mund gingen, machten ihn interessant; sein Konzert war daher überaus zahlreich besucht. Ich fand ihn, da er mich gleich nach seiner Ankunft besuchte, zwar ernster und zurückhaltender, als ich ihn früher in Braunschweig gekannt hatte, bemerkte aber im übrigen durchaus nichts Auffallendes an ihm. Da sein Spiel sehr gefiel und ich ihn als ausgezeichnet auch im Orchester kannte, da ferner durch Georg Dörings Abgang aus dem Orchester (er gedachte, sich von nun an ganz der Schriftstellerei zu widmen) eine Vakanz bei der Oboe entstanden war, so trug ich in der nächsten Theatersitzung darauf an, daß Thurner als erster Oboist angestellt werde. Seine Forderungen waren nicht übermäßig hoch gestellt, und der Vorschlag fand deshalb wenig Opposition, ja selbst Herr Leerse willigte bald ein. Thurner trat daher ins Orchester und zeigte sich durch geschmackvollen Vortrag seiner Soli und schönen Ton als eine wahre Zierde desselben.
Nach einiger Zeit bemerkte man jedoch eine auffallende Schwermut an ihm, die sich nach und nach so steigerte, daß am Ende kein lautes Wort mehr aus ihm herauszubringen war. Seinen Orchesterdienst versah er dabei aber immer noch ganz pünktlich, so daß ich hoffte, es werde diese Periode des Trübsinnes ohne weitere Folgen vorübergehen. Bald ging[55]  sie aber in völliges Irrsein über, wo dann auch die fixe Idee von der Wiener Vergiftung wieder auftauchte. Nun war es die höchste Zeit, um allem möglichen Skandal vorzubeugen, ihn aus dem Orchester zu entfernen. Döring, ein naher Verwandter Thurners, übernahm es, für seine Kur und Pflege zu sorgen, trat auch vorläufig in dessen Stelle wieder ein. Die Krankheit steigerte sich nun bald zu solcher Heftigkeit, daß er fortwährend bewacht werden mußte. Eines Abends war es ihm demohnerachtet gelungen, kaum halb angekleidet seinem Wächter zu entspringen. Er irrte bei starkem Schneegestöber die halbe Nacht hindurch im Freien umher und kehrte erst gegen Morgen, in eine dicke Kruste von Schnee und Eis gehüllt, in seine Wohnung zurück. Da er sich in diesem Zustande sogleich in sein Bett geworfen hatte, so fand ihn der Arzt am Morgen triefend und dampfend im heftigen Fieber. Vielleicht führte dies aber zu einer Krisis, denn von dem Tage an besserte es sich mit ihm, und bald konnte er, wieder völlig bei Verstande, seinen Dienst im Orchester wieder von neuem beginnen. Doch bemerkte ich bald, daß er in jedem Monat, etwa acht Tage lang, und zwar immer bei zunehmenden Monde, von einem leichten Rückfall seines melancholischen Irrseins heimgesucht wurde, der sich durch einen stieren Blick und eine gewisse fieberhafte Unruhe im voraus ankündigte. Dann trug ich mit Dörings Hilfe Sorge, daß er einige Tage vom Orchester ferngehalten wurde, bis mir sein heiterer Blick die Genesung wieder anzeigte. In solcher Weise versah Thurner bis in den Sommer hinein seinen Dienst, und man gab sich der Hoffnung hin, daß er nach und nach auch von diesen leichtern Anfällen geheilt werden würde. Er hatte mich in der letzten Zeit wieder wie früher dann und wann besucht, auch wohl den Abend bei mir zugebracht und sich freundlich und teilnehmend gegen Dorette und die Kinder gezeigt. Als ich daher mit meinen Rudolstädter Freunden nach Mannheim abgereist war, fiel es Doretten anfangs gar nicht auf, ihn eines Morgens ins Zimmer treten zu sehen; als er sich aber, ohne zu grüßen oder ein Wort zu sagen, ihr gegenüber setzte und mit stieren Blicken vor sich hinstarrte, wurde es ihr unheimlich zumute, und sie fing an, sich zu fürchten. Da sie ganz allein mit ihm war (die Kinder waren in der Schule), so wollte sie eine im Nebenzimmer beschäftigte Näherin herbeirufen; doch kaum war sie aufgestanden, so sprang auch er auf und umfaßte sie. Mit einem Schrei des Entsetzens riß sie sich los, stürzte sich in die von der Näherin soeben geöffnete Tür des Nebenzimmers, und es gelang ihr, noch ehe Thurner ihr folgen konnte, die Tür zuzuwerfen und den Riegel vorzuschieben. Das Zimmer aber hatte unglücklicherweise keinen weitern Ausgang, und so sahen[56]  sich die erschrockenen Frauen von dem Rasenden belagert. Seinen Versuchen, das Schloß zu sprengen, begegneten sie dadurch, daß sie sich mit aller Kraft, die ihnen die Todesangst gab, gegen die Tür stemmten; es gelang ihnen, denn nach einigen vergeblichen Versuchen gab er es auf, rannte die Treppe hinab und zum Hause hinaus. Dorette fühlte sich nun einer Ohnmacht nahe, mußte zum Arzt schicken und einige Tage das Bett hüten. Nach meiner Rückkehr erholte sie sich in der Freude darüber und in der Beruhigung, nun unter meinem Schutze zu stehen, bald wieder, und so hatte der Vorfall weiter keine übelen Folgen. Für den unglücklichen jungen Mann hatte dieser letzte heftige Ausbruch seiner Krankheit aber zur Folge, daß ihn die Theaterdirektion entließ. Er reiste dann, nachdem er wieder hergestellt war, nach Holland, konzertierte dort anfangs mit großem Beifall und Erfolg, wurde aber bei einem noch heftigem Anfall seiner Krankheit ins Irrenhaus gesperrt, wo er bald darauf starb. Die Welt verlor in ihm ein großes Musikgenie, das durch die unselige Krankheit nicht hatte zur vollen Entwicklung kommen können!


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Unterdessen war die Animosität zwischen Herrn Leerse und mir immer greller hervorgetreten, und es verging selten eine Theatersitzung, ohne daß sie in förmlichen Streit ausbrach. Er machte mir zum Vorwurfe, daß ich zum Einüben neuer Werke zu viel Zeit gebrauche, weil ich es zu genau damit nähme. Er meinte, alle vierzehn Tage müsse sich eine neue Oper einstudieren oder wenigstens eine ältere in ihren unbesetzten Partien ergänzen lassen! Vergebens stellte ich ihm vor, daß eine Oper, die nachlässig eingeübt sei, unmöglich gut gehen, folglich auch keine Wirkung machen könne; daß sie dann, einmal in Mißkredit gebracht, auch keine Leute herbeiziehen werde, und so die darauf verwandte Zeit und Kosten unnütz vergeudet seien! Bei diesem eigensinnigen Menschen, der überdies vor meinem Eintritt in die Theaterverwaltung nie Widerspruch erfahren hatte, waren vernünftige Vorstellungen ohne alle Wirkung. Da ich mich nun durchaus nicht bewegen ließ, eine Oper früher anzusetzen, als bis sie, den vorhandenen Kräften gemäß, aufs genaueste eingeübt war, so brach der Streit nie ab. Dies sowie eine Äußerung des Herrn Leerse bei einer Generalversammlung der Aktionäre, »daß sie für ihr Institut keines berühmten Künstlers, sondern nur eines tüchtigen Arbeiters bedürften, der alle seine Zeit und Kräfte dem Theater widme«, waren die Veranlassung, daß ich in der nächsten Theatersitzung meine Stelle mit Ende September (1819) kündigte. Die Nachricht davon drang bald in die Stadt und erregte[57]  bei den Musikfreunden allgemeines Bedauern. Auch Börne äußerte sich in seiner Zeitschrift »Die Waage« darüber, und zwar nicht auf sehr schonende Weise gegen die Theaterverwaltung.
Ich schied mit leichtem Herzen von Frankfurt, denn meine Berufung dahin hatte mich nur in meiner Reiselust gestört; meine gute Frau aber, die einer Trennung von den Kindern entgegensah, weil diese nicht mehr auf Kunstreisen mitgenommen werden konnten, war sehr betrübt. Ich beruhigte sie aber durch das Versprechen, daß sie die Sommermonate stets bei ihren Kindern zubringen und nur vier bis fünf Wintermonate mit mir reisen solle.



 Reise durch Deutschland und die Niederlande nach England
[58] 1819–1820











Wir gingen nun zunächst nach Gandersheim zu meinen Eltern, die die Pflege und Erziehung der Kinder während des Winters übernommen hatten.
Noch vor meinem Abgange von Frankfurt hatte ich ein Engagement bei der Philharmonischen Gesellschaft in London für die nächste Parlamentssaison angenommen, welches mir Ferdinand Ries, der berühmte Klaviervirtuos und Komponist, namens der Gesellschaft angetragen hatte. Diese war wenige Jahre früher von zwölf bis sechzehn der berühmtesten Künstler Londons, von den Herren Clementi, den beiden Cramer, Moscheles, Ries, Potter, Smart und anderen, deren Namen ich mich nicht mehr genau erinnere, gestiftet worden und hatte zum Zweck, jedes Jahr während der Dauer der Parlamentssitzungen acht große Konzerte zu geben. Der Zudrang zur Subskription für dieselben war trotz des sehr hohen Eintrittspreises so ungeheuer, daß mehrere Hundert von Unterzeichnern für den Anfang keinen Platz fanden und erst im Laufe der Jahre nach und nach eintreten konnten. Die Mittel der Gesellschaft waren daher auch so bedeutend, daß sie nicht nur für die Solovorträge in ihren Konzerten die ersten Virtuosen und Sänger Londons engagieren, sondern auch namhafte Künstler des Auslandes herbeiziehen konnten. So war auch ich für die Saison von 1820 engagiert worden und hatte gegen ein bedeutendes Honorar, welches mir die Kosten der Hin-und Herreise und eines viermonatlichen Aufenthaltes sicherte, eine vierfache Verpflichtung übernommen. Ich mußte nämlich einige der acht Konzerte dirigieren, in einigen Solo spielen, in sämtlichen als Orchesterviolinist mitwirken und endlich der[59]  Gesellschaft eine meiner Orchesterkompositionen als Eigentum überlassen. Doch war mir auch noch ein Benefizkonzert im Lokal der Gesellschaft und unter Mitwirkung des Orchesters zugesichert worden. Obgleich Dorette bei diesem Engagement nicht beteiligt war, so konnte ich mich doch nicht entschließen, sie vier Monate lang zu verlassen. Es wurde daher im Familienrat beschlossen, daß sie mich begleiten und auch als Künstlerin in London, wenigstens in meinem eigenen Konzerte, auftreten solle. Da die Saison Mitte Februar begann, folglich die Überfahrt übers Meer in der rauhesten Jahreszeit zu machen war, beschlossen wir ferner, um diese möglichst abzukürzen, den Weg über Calais zu nehmen, und, um in den belgischen und französischen Städten auf der Reise dahin Konzerte geben zu können, diese sechs bis acht Wochen früher anzutreten.
Vorher machte ich mit meiner Frau, nachdem ich die Kinder in Gandersheim abgesetzt hatte, noch eine Reise nach Hamburg, um dort Konzert zu geben. Was mich dazu veranlaßte und wie der Erfolg dieser Exkursion war, ist mir ganz entfallen, und ich kann mich davon, daß sie wirklich stattgefunden hat, nur noch dadurch überzeugen, daß ich im Verzeichnis meiner Kompositionen das Lied: »Wenn die Reben wieder blühen« als in Hamburg im Herbst 1819 geschrieben vorfinde.
Diese Reise führte Spohr zunächst nach seiner Heimatstadt Braunschweig, wo er am 25. September 1819 konzertierte. Seinem Freunde Speyer schrieb er in einem Brief vom 26. September: »Meiner Künstlereitelkeit war es ein schmeichelnder Gedanke, mich meinen Landsleuten, die mich als Knaben und angehenden Künstler kannten, als reifen wieder darstellen zu können. Auch war der Enthusiasmus wie sonst nur unter einer weit südlichern Breite.«
In Hamburg, wohin Spohr anschließend ging, gab er, wie er Speyer am 19. Oktober 1819 mitteilte, drei Konzerte. Es lassen sich jedoch nur zwei öffentliche Konzerte im Apollo-Saal am 7. und 20. Oktober nachweisen, die eine Einnahme von 254 und 241 Speziestalern ergaben. Über das erste Konzert berichtete eine Besprechung im »Hamburger Korrespondenten« vom 12. Oktober 1819. Im zweiten Konzert hörten die Hamburger zum erstenmal die »Gesangsszene«; der Tenor Gerstäcker wirkte an diesem Abend mit. Über seine weiteren Erlebnisse schrieb Spohr in dem erwähnten Brief an Speyer: »... Meine neuen Quartette, die man hier schon gestochen hat, habe ich sehr oft, vortrefflich akkompagniert, vor gebildeten Zuhörern gespielt, das meiste Glück als Geiger aber, wie natürlich, mit den beiden Soloquartetten gemacht!. Auch die beiden Quintette haben wir einige Male gegeben. Der Enthusiasmus für diese Gattung von Musik ist hier größer wie irgendwo anders, Wien allenfalls ausgenommen ...«[60] 
Das nächste Reiseziel war Berlin. »Da es jetzt in Berlin an einem großen und schicklichen Konzertlokal fehlt, so machte ich dem Grafen Brühl den Vorschlag, für die Hälfte der Einnahme mit ihm gemeinschaftlich Konzert im großen Opernhaus zu geben. Dieses wollte er nicht, bot uns aber ein Honorar von sechzig Friedrichsdor, wenn wir beide dort auftreten wollten. – Der Erfolg war für uns sehr glänzend und schmeichelhaft. Schon, daß man uns mit Applaudissement bewillkommnete, war eine in Berlin ungewöhnliche Auszeichnung ... Acht Tage später traten wir unter denselben Bedingungen zum zweiten Male auf. Das Haus war so überfüllt, daß nicht alle Platz finden konnten, und dieses Mal hatte der Graf gewiß einen großen Gewinn ...« In Ermanglung von persönlichen Erinnerungen an diese Reise schaltete die Erstausgabe der »Selbstbiographie« folgenden Zeitungsbericht über Spohrs erstes Berliner Konzert ein:

den 4. November 1819


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»Wenn Ref. sich auch nach einem Zwischenraum von zehn Jahren noch sehr lebhaft der gediegenen, ernsten Tonschöpfungen – voller harmonischen Tiefe und Reichtum der Modulation – wie des in seiner Art einzig fertigen Violinspieles des Herrn Spohr erinnert, so scheint ihm dennoch die Fülle und Zartheit des Tones, welchen der fühlende Künstler aus seinem klangreichen Instrument zieht, und dessen trefflicher Vortrag des Kantabile noch gewonnen zu haben. Auch die bewundernswerte Fertigkeit in Oktaven-, Dezimenfortschreitungen, Doppel-, ja drei-, vierfachen Griffen, die Leichtigkeit und Sicherheit der gewagtesten Sprünge, der freie Bogenstrich bei der ruhigsten körperlichen Haltung voll edlem Anstand – alle diese noch in höherem Grade vervollkommneten und selten vereint angetroffenen Vorzüge eines ausübenden und schaffenden Künstlers, sie bekunden deutschen Fleiß, Genie und ernsten Willen eines für die höhere Bestimmung der so oft gemißbrauchten Tonkunst empfänglichen Gemütes. – Deshalb werde auch vaterländisches Talent nach Verdienst geehrt.
Die Form des von Herrn Spohr komponierten Violinkonzertes in ›Form einer Gesangsszene‹ ist neu und verbindet, dem Gesange nachahmend, Rezitativ, Arioso und Bravourallegro sehr geschickt miteinander, ohne durch Länge und verbrauchte Tuttis zu ermüden. Hier bildet alles ein harmonisches Ganze, voll Kunst und Ebenmaß.
Wenn der gewandte, ideenreiche Tonsetzer indes im vollen Orchester – wie auch in der viel modulierenden, gehaltreichen Ouvertüre – seine Instrumentalkenntnis im Großen zeigte, so fand doch im Duett für Harfe und Violine der denkende Virtuose noch mehr Gelegenheit, ganz die Kenntnis des Satzes mit gleichem Vorteil für beide Instrumente (ohne Begleitung) anzuwenden.
Mad. Spohr entwickelt in ihrem zarten und alle Schwierigkeiten der Modulation in die fremdesten Tonarten besiegenden Spiel eine höchst befriedigende[61]  Verbindung von Kunstfertigkeit und Geschmack. – Die Komposition ihres Gatten sprach ungemein an, und es machte eine freundliche Wirkung, wie das anspruchslose Künstlerpaar sich im Einklange zarter Töne sanft vereinte und dann wieder im stürmischen Wechselfluge kühner Phantasie überbot.«
Vom 17. November 1819 bis Ende des Monats weilte Spohr in Dresden, wo er am 19. bei Hofe und am 24. im Hoftheater konzertierte und in regen Verkehr mit Weber und anderen Dresdner Künstlern kam.
Im Leipziger Gewandhaus brachte Spohr in seinem Extrakonzert am 29. November 1819 von eigenen Werken: Neue Konzertouvertüre, »Gesangsszene«, Adagio und Rondo für Violine und Harfe, Violinpotpourri (Dörffel a.a.O.). Über Spohrs Spiel an diesem Abend schrieb die Allgemeine Musikalische Zeitung: »Sein Spiel fanden wir, seitdem wir ihn nicht gehört (es mögen etwa 5 Jahre sein), noch edler, gesangvoller, sicherer, kräftiger und auch wieder zarter; und an vollkommener Besiegung der größten Schwierigkeiten kennen wir auf diesem Instrumente nichts Ähnliches, obgleich im Laufe der Jahre fast alle berühmten Geiger bei uns eingesprochen haben.«
Bald nach der Rückkehr von Hamburg wird dann wohl auch die Reise nach London angetreten worden sein, denn ich habe von der ersten Strecke derselben bis Brüssel ebenfalls keine andre Erinnerung mehr, als daß mir auf dem rauhen Pflaster der belgischen Landstraße ein Reif vom Rade meines Wagens absprang und ich nebst meiner Frau genötigt war, denselben zu verlassen und eine ziemlich weite Strecke bei schlechtem Wetter zu Fuß zu wandern, bis wir an einen Ort kamen, wo die Reparatur des Wagens stattfinden konnte. Von Brüssel, dem dort Erlebten und der weitern Reise nach London ist mir aber eine lebhafte Erinnerung geblieben, die durch öfteres Erzählen immer wieder aufgefrischt worden ist. –

In Brüssel fanden wir ein anderes reisendes Künstlerehepaar, das sich wie wir auf Harfe und Violine hören ließ. Es war Herr Alexander Boucher und Frau aus Paris. Ich hatte schon viel von ihm erzählen hören und war deshalb begierig, seine persönliche Bekanntschaft zu machen. Boucher hatte den Ruf eines ausgezeichneten Geigers, aber auch den eines großen Charlatans. Er glich auffallend dem Kaiser Napoleon, sowohl in den Gesichtszügen als in der Figur, und suchte nun diese Ähnlichkeit nach Möglichkeit auszubeuten. Er hatte sich die Haltung des verbannten Kaisers, seine Art den Hut aufzusetzen, eine Prise zu nehmen, möglichst getreu eingeübt. Kam er nun auf seinen Kunstreisen in eine Stadt, wo er noch unbekannt war, so präsentierte[62]  er sich sogleich mit diesen Künsten auf der Promenade oder im Theater, um die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zu ziehen und von sich reden zu machen. Ja, er suchte sogar das Gerücht zu verbreiten, als werde er von den jetzigen Machthabern wegen seiner Ähnlichkeit mit Napoleon, weil sie das Volk an den geliebten Verbannten erinnere, angefeindet und aus dem Lande vertrieben. Wenigstens hatte er in Lille, wie ich dort später erfuhr, sein letztes Konzert in folgender Weise angekündigt: »Une malheureuse ressemblance me force de m'expatrier; je donnerai donc, avant de quitter ma belle patrie, un concert d'adieux ...« usw. Auch noch andere ähnliche Charlatanerien hatte jene Ankündigung enthalten, wie folgende: »Je jouerai ce fameux concerto de Viotti en mi-mineur, dont l'éxécution à Paris m'a gagné le surnom: l'Alexandre des violons.« Ich war eben im Begriff, Herrn Boucher aufzusuchen, als dieser mir durch seinen Besuch zuvorkam. Er erbot sich sehr freundlich, mir bei dem Arrangement meines Konzertes behilflich zu sein, und zeigte sich überhaupt, seine Ruhmredigkeit abgerechnet, recht liebenswürdig. Er führte uns bei einigen musikliebenden Familien ein, die uns dann auch durch Einladungen zu ihren Musikpartien Gelegenheit verschafften, das Bouchersche Ehepaar zu hören. Beide entwickelten in ihren gemeinschaftlichen Vorträgen viel Virtuosität; es war aber alles, was sie spielten, von dürftiger, gehaltloser Komposition, ob von der des Herrn Boucher selbst, erinnere ich mich nicht mehr. Vorher spielte Herr Boucher auch ein Quartett von Haydn, mischte aber so viel ungehörige und geschmacklose Verzierungen ein, daß ich unmöglich Freude daran haben konnte. Auffallend war, wie Boucher sich dabei von seiner Frau bedienen ließ. Nachdem er sich vor dem Quartettpulte niedergelassen hatte, ließ sie sich von ihm den Schlüssel zum Violinkasten geben, schloß auf, brachte ihm die Violine, dann den Bogen, den sie vorher mit Kolophonium bestrich, legte dann die Noten auf und setzte sich zuletzt neben ihn, um die Blätter umzuwenden. Als wir nun aufgefordert wurden zu spielen, begann die umgekehrte Prozedur, indem ich nicht nur mein eigenes Instrument herbeiholte, sondern auch die Harfe meiner Frau aus dem Kasten nahm, sie auf den Platz trug, wo musiziert werden sollte, und dann einstimmte, was bei der vorhergehenden Produktion alles von Madame Boucher besorgt worden war. Ich übernahm jedoch das Stimmen der Harfe bei jedem öffentlichen Auftreten nicht nur, um meiner Frau die Mühe zu ersparen, sondern auch um das Instrument völlig rein zu temperieren, was bekanntlich nicht so leicht ist. Wir spielten eins unsrer brillanten Duetten und ernteten großen Beifall ein. Besonders schien Boucher sehr entzückt[63]  von meinem Spiel, und er mochte es wohl ziemlich aufrichtig damit gemeint haben; denn in einem Empfehlungsbriefe, den er mir an den Baron d'Assignies in Lille mitgab, und den dieser mir als ein Kuriosum zeigte, hieß es nach einer Charakteristik meines Spieles: »..., enfin, si je suis, comme on le prétend, le Napoleon des violons, Mr. Spohr est bien le Moreau!«
Mein Konzert fand im neuen großen Theater unter vielem Beifall statt; die Einnahme war aber nach Abzug der sehr bedeutenden Kosten eine geringe, weil unser Ruf noch nicht bis Brüssel gedrungen war. Zwar wurden wir von den Musikfreunden und in den öffentlichen Blättern aufgefordert, ein zweites Konzert zu geben; da sich aber nicht gleich ein passender Tag dazu finden wollte und der Aufenthalt in dem großen Gasthause, wo wir abgetreten waren, ein sehr kostspieliger war, so zogen wir es vor, unsre Reise nach Lille sogleich fortzusetzen.



Dort angekommen, war mein erster Gang zu Herrn Vogel, der mir als der beste Geiger der Stadt und als Dirigent der Dilettantenkonzerte bezeichnet war. Ich fand ihn nicht zu Hause, wohl aber Madame Vogel, die mich artig empfing. Als ich meinen Namen nannte, verklärte sich ihr Gesicht, und sie fragte mich mit Spannung, ob ich der Komponist des Nonetto sei, dessen Thema sie mir vorsang. Als ich lächelnd bejahte, fiel sie mir in einem Ausbruche französischer Lebhaftigkeit um den Hals und rief: »O wie wird mein Mann entzückt sein, car il est fou de vôtre Nonetto!« Auch war ich kaum ins Wirtshaus zurückgekehrt, als Herr Vogel schon mit freudestrahlendem Gesicht erschien und mich wie einen alten Freund willkommen hieß! In dem Hause dieses liebenswürdigen Ehepaares verlebten wir sehr frohe Stunden. Wir gaben ein von Herrn Vogel arrangiertes Konzert im Saale der Dilettantengesellschaft, da sämtliche Mitglieder den Komponisten des wiederholt aufgeführten Nonetts auch konzertieren hören wollten. Besonders bei unserm Zusammenspiele fanden wir einen so enthusiastischen Beifall, daß sogleich der Tag zu einem zweiten Konzert angesetzt wurde. Einige Musikfreunde aus dem benachbarten Douay, die zu dem Konzerte herübergekommen waren, luden uns namens der dortigen Musikgesellschaft ein, auch in Douay zu spielen, und garantierten uns den Absatz von 400 Billetts zu fünf Franken. Ich hatte daher die schönste Aussicht, recht viel Geld aus Lille mit fortzunehmen, als ein unerwartetes Ereignis meine Hoffnungen zertrümmerte. Schon war der Wagen gepackt, und wir standen im Begriff, nach Douay abzureisen, als sich das Gerücht in der Stadt verbreitete, der Telegraph habe soeben aus Paris die Nachricht[64]  von der Ermordung des Herzogs von Berry gebracht. Es dauerte nicht lange, so wurden obrigkeitliche Plakate an die Straßenecken geheftet, die diese Trauerbotschaft den Bewohnern Lilles amtlich verkündeten und zugleich für die Dauer der Trauerzeit alle öffentlichen Vergnügungen, Theater, Konzerte, Tanzmusik usw. verboten. Es konnte daher weder das Konzert in Douay, noch das zweite in Lille stattfinden, und ich büßte dadurch eine Einnahme von mehr als 3000 Franken ein. Da nun alles Konzertgeben innerhalb Frankreichs aufhören mußte, der Zeitpunkt, wo mein Engagement in London begann, aber noch nicht herangekommen war, so ließ ich mich von den Herren Vogel, d'Assignies und andern Musikfreunden leicht bereden, noch länger in Lille zu verweilen. Es wurde nun fast täglich in Privatgesellschaften musiziert, und ich fand dadurch Gelegenheit, diesem Zirkel enthusiastischer Musikfreunde meine sämtlichen Quartetten, Quintetten und Harfenkompositionen vorzuführen. Ich hatte dabei ein sehr empfängliches und dankbares Publikum und erinnere mich daher dieser Musikpartien noch immer mit großem Vergnügen. Es wurde bei diesen Soireen auch noch allerlei Interessantes von Boucher erzählt. So hatte er einst mitten im Spiele, als ihm seiner Meinung nach etwas nicht recht geglückt war, plötzlich aufgehört, und ohne auf die Begleitenden Rücksicht zu nehmen, die verunglückte Stelle nochmals wiederholt, indem er sich laut zurief: »Cela n'a pas réussi, allons, Boucher, encore une fois!« Höchst komisch war auch der Schluß seines zweiten und letzten Konzertes gewesen. Bei der Probe bat er die Herren Dilettanten, die ihn akkompagnierten, nach dem Triller seiner Kadenz mit dem Schlußtutti ja recht kräftig einzusetzen, und fügte hinzu, daß er ihnen das Zeichen dazu durch Niedertreten geben werde. Am Abend, als diese Schlußnummer begann, war es aber schon sehr spät, und die Herren Dilettanten sehnten sich nach ihrem Souper. Als daher die Kadenz, in der Boucher noch einmal alle seine Kunststücke vorführte, gar nicht enden wollte, so legten einige der Herren ihre Instrumente in die Kasten und schlichen sich davon. Dies war so ansteckend, daß binnen wenig Minuten das ganze Orchester verschwunden war. Boucher, der in der Begeisterung seines Spieles davon nichts gemerkt hatte, hob schon beim Beginn seines Schlußtrillers den Fuß auf, um auf das verabredete Zeichen im voraus aufmerksam zu machen. Als er es nun am Ende des Trillers gab, war er des Erfolges, nämlich des kräftigsten Eintrittes des Orchesters und des dadurch hervorgerufenen Applaudissements der entzückten Zuhörer, ganz gewiß. Man denke sich also sein Erstaunen, als er außer seinem eignen, derben Fußtritt weiter nichts hörte. Erschreckt sah er[65]  sich um und entdeckte nun die Leere hinter den Pulten. Das Publikum aber, das diesen Moment sich hatte vorbereiten sehen, brach in ein schallendes Gelächter aus, in welches Boucher wohl oder übel mit einstimmen mußte.
Es war nun die Zeit der Reise nach London herangekommen. Da ich willens war, meiner Frau in London eine neue Erardsche Harfe mit dem verbesserten Mechanismus à double mouvement zu kaufen, beschloß ich, das alte Instrument in der Verwahrung des Herrn Vogel zurückzulassen, und da nun auch unser großer Reisewagen, der hauptsächlich zum Transport der Harfe so groß und schwer gebaut war, entbehrlich wurde, so ließen wir auch diesen zurück, um die Kosten der Überfahrt über den Kanal und der Weiterreise in England möglichst zu ermäßigen. Das Vogelsche Ehepaar sah dies sehr gern, da sie nun sicher waren, ihre Freunde auf der Rückreise wiederzusehen.

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In Calais angekommen, begab ich mich sogleich auf das Büro der Paketboote, um die Plätze zur Überfahrt zu belegen. Von da machte ich einen Spaziergang nach dem Hafen, um das Schiff, mit welchem wir nachmittags abfahren wollten, zu sehen. Als ich nun aber bemerkte, daß das Meer schon innerhalb des Hafens in großer Bewegung war, draußen aber so tobte, daß die Wellen hoch über den Hafendamm spritzten, so verlor ich die Lust zur Überfahrt bei so stürmischer See und eilte auf das Büro zurück, um die genommenen Plätze für den folgenden Tag umschreiben zu lassen. Bei einem Spaziergang, den ich nachmittags mit meiner Frau in der Stadt machte, hütete ich mich wohl, sie in die Nähe des Meeres zu führen, damit sie, die sich ohnehin vor der Überfahrt fürchtete, das Toben desselben nicht etwa bemerke. Der Gedanke, in so stürmischer Jahreszeit mit meiner zarten, reizbaren Frau überfahren zu müssen, beunruhigte mich die ganze Nacht; ich eilte daher, sobald der Tag angebrochen war, wieder zum Hafen, um zu sehen, ob der Sturm nicht nachgelassen habe. Es schien mir so. Ich holte deshalb Dorette aufs Schiff und beredete sie, sich sogleich in der Kajüte niederzulegen. Ein gutmütiger Deutscher, der als Matrose auf diesem englischen Paketboot diente, versprach mir, sich ihrer anzunehmen und für ihre Bedürfnisse zu sorgen. Ich konnte daher auf das Verdeck zurückkehren, wo ich in freier Luft hoffen durfte, der Seekrankheit einigermaßen zu widerstehen. Unterdessen waren die Vorbereitungen zur Abfahrt getroffen. Das Schiff wurde nun dicht am linken Hafendamm von sechzig bis achtzig Menschen an langen Seilen bis zur äußersten Spitze desselben fortgezogen. Kaum hatte es aber diese überschritten, so wurde es auch sogleich von einer kolossalen[66]  Welle gepackt und in einem Nu zur entgegengesetzten Seite des Hafens geschleudert, so daß es beinahe an der Spitze des rechten Hafendammes gescheitert wäre. Nun stürzten auch die Wellen sogleich über das Verdeck, und die Luken sowie die Kajütentür mußten geschlossen werden. Ich war allein von allen Passagieren auf dem Verdeck zurückgeblieben und hatte mich in der Nähe des großen Mastes auf eine Bank gesetzt, die innerhalb eines ziemlich hohen Kreises von aufgetürmten Ankertauen stand. Hier hoffte ich, vor dem das Verdeck überströmenden Wasser gesichert zu sein. Doch bald drangen die Wellen so hoch heran, daß ich, um von ihnen nicht durchnäßt zu werden, auf die Bank steigen mußte. Dies war kaum einige Male geschehen, als mich die Seekrankheit so heftig überfiel, daß ich die Kraft dazu nicht mehr hatte. Es dauerte daher auch nicht lange, so war ich trotz meines dichten Mantels bis auf die Haut durchnäßt, was meinen ohnehin trostlosen Zustand noch unerträglicher machte. Dazu packte mich der Krampf des Erbrechens, besonders als der Magen nichts mehr herzugeben hatte, so heftig, daß ich es kaum zu überleben hoffte. Glücklicherweise war die Fahrt, durch den Sturm begünstigt, eine ohngewöhnlich schnelle. Die drei Stunden, in denen sie zurückgelegt wurde, schienen mir nichts destoweniger eine nie enden wollende Ewigkeit! – Endlich war man vor Dover angelangt, aber ein neues Mißgeschick erwartete uns hier; denn man konnte wegen der Ebbe nicht in den Hafen einfahren und war genötigt, die Passagiere auf offenem Meere auszuschiffen. Man ließ deshalb, sobald die Anker ausgeworfen waren, die Boote hinab und rief uns zum Überfahren in den Hafen herbei. Nun sah ich meine Leidensgefährten blaß und schwankend wie Geister aus dem Grabe emporsteigen und merkte wohl, daß sie unten auch nicht besser daran gewesen waren als ich oben. Endlich erschien auch meine arme Frau, von dem freundlichen Matrosen unterstützt, in sehr leidendem Zustand. Eben wollte ich zu ihr eilen, als sich ein junges, schönes Mädchen, das ich zwar schon beim Einschiffen bemerkt hatte, mich aber damals keines Blickes würdigte, plötzlich an meinen Hals warf und, ohne ein Wort zu sprechen, daran festklammerte. Ich erriet leicht den Beweggrund zu so auffallendem Benehmen. Das arme, geängstete Wesen hatte nämlich mit angesehen, wie die ersten Reisenden ins Boot expediert wurden, das von den noch immer tobenden Wellen bald bis zur Höhe des Verdeckes emporgeschleudert, bald in einen Abgrund versenkt und wieder von neuem emporgehoben wurde, welches dann der Moment war, wo die Matrosen wieder einen Passagier oder ein Stück vom Gepäck hineinwarfen. Diese Prozedur hatte sie so erschreckt, daß sie den Arm ihrer[67]  Begleiterin verließ und sich an mich anklammerte, da ich ihr wohl als der kräftigste von der Reisegesellschaft erscheinen mochte. Zu einer Explikation war keine Zeit; ich trug sie daher ins Boot und eilte dann zu meiner Frau, um auch diese zu geleiten. Kaum war ich mit ihr glücklich im Boot angelangt, als sich die geängstigte Schöne abermals fest an mich hing, zu nicht geringem Befremden meiner Frau! Doch die gefahrvolle Fahrt ließ keine Bemerkung aufkommen, und das junge Mädchen fühlte bei der Landung kaum festen Boden unter seinen Füßen, als es mich ohne ein Wort des Dankes losließ und mit ihrer Begleiterin davon eilte. Daß es eine vornehme Lady mit ihrer Gouvernante war, hat dies echt englische Benehmen wohl schon verraten!

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Nachdem ich im Gasthause meine ganz durchnäßten Kleider mit trockenen vertauscht und wir den wiedererwachten Appetit an der table d'hôte gestillt und uns zur Weiterreise gestärkt hatten, nahmen wir sogleich Plätze in der nachmittags nach London abgehenden Postkutsche. Die Reise wurde fast ganz bei Nacht gemacht. Als wir am andern Morgen auf dem Posthofe zu London nebst unserm Gepäck abgesetzt wurden, fand ich mich in sehr großer Verlegenheit. Es wollte mir nämlich trotz aller Mühe nicht gelingen, weder dort noch im Büro jemanden zu finden, mit dem ich mich hätte verständigen können; denn ich wußte kein Wort Englisch, und alle, die ich anredete, verstanden weder Deutsch noch Französisch. Es blieb mir daher nichts übrig, als auf die Straße zu laufen und, während meine Frau das Gepäck bewachte, dort nach einem Dolmetscher zu suchen. Es war aber noch früh am Tage, und ich sah daher nur Leute niedern Standes, von welchen ich nicht erwarten konnte, daß sie eine fremde Sprache verstehen würden. Endlich kam ein Wohlgekleideter, dem ich erst deutsch, dann, als er den Kopf schüttelte, französisch meine Not klagte. Der Mann zuckte aber die Achseln und ging weiter. Ein anderer jedoch, der diese Szene mit angesehen hatte, näherte sich mir und fragte in gutem Französisch, was ich wünsche? Es war ein Lohnbedienter, der auf mein Verlangen sogleich einen Fiaker herbeiholte, um uns zu Herrn Ries, dessen Wohnung ich glücklicherweise wußte, zu fahren. Wir fanden Herrn Ries noch zu Haus und wurden von ihm in die für uns gemietete Wohnung gebracht, wo wir uns endlich von den Anstrengungen der See- und Nachtreise erholen konnten.



 London
[68] 1820











Am andern Morgen, wo eine Sitzung der Direktoren der Philharmonischen Gesellschaft anberaumt war, sollte ich denselben durch Herrn Ries vorgestellt werden. Ich machte daher sorgfältige Toilette und legte absichtlich ein Prachtstück meiner Garderobe, eine rotbunte türkische Schalweste an, die auf dem Kontinent für das Eleganteste der neuen Mode galt. Kaum war ich damit auf der Straße erschienen, als ich die allgemeine Aufmerksamkeit der Vorübergehenden erregte. Die Erwachsenen begnügten sich, mich mit erstaunten Blicken zu betrachten, und gingen dann ruhig ihres Weges, die liebe Straßenjugend aber ergoß sich in Bemerkungen, die ich leider nicht verstand, deshalb auch nicht erraten konnte, was ihr an mir mißfiel. Sie bildete nach und nach einen Schweif hinter mir, der immer lauter und unruhiger wurde. Ein Vorübergehender redete mich an und gab mir wahrscheinlich eine Erklärung darüber; da es aber auf englisch geschah, so konnte ich keinen Nutzen daraus ziehen. Glücklicherweise war die Riessche Wohnung nicht sehr entfernt und wurde von mir soeben erreicht. Madame Ries, eine junge liebenswürdige Engländerin, die aber geläufig Französisch sprach, gab mir nun Aufschluß über mein Abenteuer. Es war unlängst nach dem Tode Georgs III. allgemeine Landestrauer ausgeschrieben, und nach englischer Sitte durfte öffentlich niemand anders als in Schwarz erscheinen. Mein übriger Anzug war zwar schwarz und so der Vorschrift gemäß, die unglückliche rote Weste kontrastierte damit aber um so auffallender. Madame Ries äußerte, ich hätte es sicher nur meiner imposanten Gestalt und meinem ernsten Wesen zu danken, daß die Ungezogenheit der Straßenjugend sich nicht bis zu Tätlichkeiten, d.h. zum Werfen mit Kot, gesteigert habe. Um allen weitern Anstoß zu vermeiden, fuhr[69]  nun Ries erst mit mir zu meiner Wohnung, um die rote mit einer schwarzen Weste zu vertauschen.
Nachdem ich von den Direktoren der Philharmonischen Gesellschaft, deren einige Deutsch, andere Französisch sprachen, freundlich bewillkommnet war, begann die Beratung über das Programm für das erste Konzert. Ich wurde aufgefordert, in demselben zweimal Solo zu spielen und die Direktion an der ersten Violine zu übernehmen. Ich erwiderte, daß ich zu dem ersten zwar bereit sei, aber bitten müsse, mich in einem der spätern Konzerte dirigieren zu lassen, da mein Solospiel zu sehr darunter leiden würde, wenn man mir beides am selben Abend zumute. So klar dies von einigen Herren, die selber Solospieler waren, erkannt wurde, so veranlaßte es doch erst eine lange und lebhafte Diskussion, bis es zugestanden wurde, weil es von dem dort Herkömmlichen abwich. Größern Anstoß erregte noch mein Verlangen, bei diesem ersten Auftreten nur eigene Kompositionen vortragen zu wollen. Die Philharmonische Gesellschaft hatte nämlich, um die seichten und gehaltlosen Virtuosenkonzerte von ihren Programmen entfernt zu halten, das Gesetz gemacht, daß mit Ausnahme der Mozartschen und Beethovenschen Klavierkonzerte keine Konzerte oder ähnliche Musikstücke gespielt werden dürften, sondern der Solospieler nur das vorzutragen habe, was sie wählen werde. Nachdem jedoch Herr Ries die Diskussion englisch, also mir unverständlich, fortgesetzt und den Herren versichert hatte, daß meine Violinkonzerte in Deutschland den von ihnen von dem Verbot ausgenommenen an die Seite gesetzt würden, gab man auch dieses nach. Ich trat daher im ersten Philharmonischen Konzerte zunächst mit meiner Gesangsszene und im zweiten Teil desselben mit meinem Soloquartett in E auf und fand den allgemeinsten Beifall. Als Komponisten gewährte es mir besondere Genugtuung, daß nun die Direktoren sämtlich dem Ausspruche des Herrn Ries beitraten, und als Geiger machte es mir große Freude, daß der alte Viotti, der von jeher mein Vorbild war und in der Jugend mein Lehrer werden sollte, sich unter den Zuhörern befand und mir auch viel Lobendes über mein Spiel sagte.
Da so mein erstes Auftreten in London glücklich überstanden war, verwandte ich die nächsten Tage dazu, meine Empfehlungsbriefe abzugeben. Dies war für mich, der ich kein Englisch verstand, eine sauere Arbeit und brachte mich oft in Verlegenheit. Auch hatte mir niemand gesagt, daß man sich dort an den verschlossenen Haustüren durch Klopfen, und als Gentleman durch starkes, schnell wiederholtes Klopfen anmelden müsse; ich zog daher nach deutscher Weise ganz bescheiden[70]  die Schelle, welche dort nur von Leuten, die Aufträge in der Küche haben, benutzt wird, und wußte es mir daher auch nicht zu erklären, daß mich die Öffnenden stets mit Erstaunen betrachteten und nicht begreifen wollten, daß ich bei der Herrschaft angemeldet sein wolle. Da nun die, denen mein Besuch galt, oft ebensowenig als ihre Diener Deutsch oder Französisch verstanden, so gab es verlegene Szenen. Eine erheiternde, für mich recht ergötzliche hatte ich dagegen bei Rothschild, dem ich einen Empfehlungsbrief von dessen Bruder in Frankfurt und einen Kreditbrief von Herrn Speyer zu überbringen hatte. Nachdem Rothschild mir beide Briefe abgenommen und flüchtig überblickt hatte, sagte er zu mir in herablassendem Tone: »Ich lese eben (auf die ›Times‹ deutend), daß Sie Ihre Sachen ganz gut gemacht haben. Ich verstehe aber nichts von Musik; meine Musik ist dies (auf die Geldtasche schlagend), die versteht man an der Börse!« worauf er seinen Witz laut belachte. Dann rief er, ohne mich zum Sitzen zu nötigen, einen Kommis herbei, gab ihm den Kreditbrief und sagte: »Zahlen Sie dem Herrn sein Geld aus.« Hierauf winkte er mit dem Kopfe, und die Audienz war zu Ende. Doch als ich bereits in der Tür war, rief er mir noch nach: »Sie können auch einmal zum Essen zu mir kommen, draußen auf mein Landgut!« Einige Tage nachher schickte auch wirklich Madame Rothschild und ließ zur Tafel einladen. Ich ging aber nicht hin, obgleich sie die Aufforderung noch einmal wiederholte. Ohne Nutzen war jedoch die Empfehlung an das Rothschildsche Haus doch nicht, denn zu meinem Benefizkonzerte wurde von ihm eine Loge genommen.
Da ich mich sogleich nach unserer Ankunft in London zu meinem öffentlichen Auftreten vorbereiten mußte und meine Frau mit der häuslichen Einrichtung beschäftigt war, so hatten wir es leider versäumt, den Eltern in Gandersheim alsbald Nachricht von unserm Eintreffen zu geben, und damit bis nach dem Philharmonischen Konzerte gezögert. Dadurch wurde den alten Leuten ein Schrecken bereitet, von dem sie sich lange nicht erholen konnten. Das Schiff, mit dem wir am Tage unserer Ankunft in Calais überzufahren willens waren, und für welches ich bereits Billetts gelöst hatte, die ich dann, weil die See gar zu stürmisch war, für den folgenden Tag umschreiben ließ, war nämlich ganz aus dem Kanale verschlagen worden und wurde für verloren gehalten, bis es sich endlich an der spanischen Küste wiederfand. Ein französisches Blatt hatte unter seinen Passagieren irrtümlich auch uns aufgeführt. Was war daher natürlicher, als daß die französischen Blätter bald sämtlich meldeten: »Das Spohrsche Künstlerpaar ist bei der Überfahrt nach England verunglückt!« Bald war dies auch in deutschen Zeitungen,[71]  u.a. auch in der Dorfzeitung, die im elterlichen Hause gehalten wurde, zu lesen. Unglücklicherweise kam der Mutter, die sich bereits wegen des langen Ausbleibens von Nachrichten aus England beunruhigt hatte, das verhängnisvolle Blatt zuerst zu Gesicht. Ein Aufschrei des Entsetzens und eine augenblickliche Ohnmacht waren die Folge davon. Das ganze Haus lief zusammen, und nachdem die Mutter endlich wieder zur Besinnung gekommen war, begann erst recht ein allgemeines Jammern und Klagen! Meine Schwester faßte sich zuerst wieder und gab zu bedenken, wie oft Zeitungsnachrichten falsch seien! Auch bat sie, den Kindern, die eben aus der Schule kamen, nichts davon merken zu lassen, was allgemein versprochen wurde. Doch konnte sich die Mutter nicht enthalten, die vermeintlichen Waisen mit außergewöhnlicher Zärtlichkeit zu umarmen. Dieses sowie die verweinten Augen setzten die Kinder nicht wenig in Erstaunen, und als sie auf ihre Fragen keine Antwort erhielten und niemand sich zum Mittagessen niedersetzen wollte, fingen auch sie an zu weinen, ohne zu wissen, warum. Der eintretende Briefträger machte endlich der peinlichen Szene ein Ende. Alle sprangen freudig auf und hofften einen Brief aus England zu sehen. Doch war die Freude nur kurz; denn als sie das Postzeichen »Frankfurt« und die Hand Speyers auf der Adresse erkannten, glaubten sie nun nicht anders, als die Bestätigung der unglücklichen Zeitungsnachricht zu lesen. Niemand hatte daher den Mut, den Brief zu öffnen, bis endlich meine Schwester sich dazu ermannte. Kaum hatte sie einen Blick hineingeworfen, als sie freudig ausrief: »Sie sind glücklich angekommen!« und den Brief nun dem Vater reichte, der ihn unter großer Aufregung vorlas. Speyer schrieb, daß ihm soeben vom Rothschildschen Hause in London die Anzeige gemacht sei, daß ich mir dort habe Geld auszahlen lassen, daß folglich die Zeitungsnachricht vom Untergange des Spohrschen Ehepaares eine falsche sei, was er sogleich zur Beruhigung der Eltern hiermit anzeige. Nun brach allgemeiner Jubel aus, und das bisher verschmähete Essen wurde zum wahren Festmahle. Nach demselben setzte sich der Vater aber sogleich an den Schreibtisch, um Herrn Speyer für seine Fürsorge zu danken und dem Redakteur der Dorfzeitung den Kopf zu waschen, daß er durch leichtsinnige Aufnahme einer unverbürgten Nachricht den Beteiligten so großen Kummer verursacht habe. Einen Tag nachher traf denn auch mein Brief von London ein und vermehrte durch seine guten Nachrichten die Freude der Familie.
Im Hause des Herrn Ries hatte ich auch die Bekanntschaft des Herrn Erard, dem Chef des Londoner Hauses frères Erard, gemacht und in Begleitung meiner Frau bereits das Magazin von fertigen Harfen besucht.[72] 
Wir konnten uns jedoch nicht entschließen, sogleich eine derselben auszuwählen, da Dorette erst erproben mußte, welche Größe ihr am meisten zusagen würde, und ob sie sich überhaupt an den neuen Mechanismus werde gewöhnen können. Dieser Verlegenheit machte Herr Erard dadurch ein Ende, daß er sich freundlichst erbot, ihr eine Harfe nach ihrer Auswahl für die Dauer des Londoner Aufenthaltes zu leihen, die sie dann, wenn sie ihr nicht zusage, gegen eine andere vertauschen oder auch ganz zurückgeben könne. Dies nahm sie mit Dank an und begann nun sogleich, sich auf dem neuen Instrumente einzuüben. Es wollte ihr dies aber anfangs gar nicht recht gelingen, denn erstlich war die neue Harfe, obgleich vom kleinsten Format, doch noch um ein bedeutendes größer sowie auch stärker bezogen als ihre eigene und verlangte daher viel mehr Kraftanstrengung, und zweitens wurde es ihr sehr schwer, sich an den neuen Mechanismus à double mouvement zu gewöhnen, da sie den einfachen von Kindheit an geübt hatte. Sie sah daher bald ein, daß sie auf dieser Harfe erst nach Monaten werde öffentlich spielen können, und ich beschloß deshalb, sie nur einmal in meinem Benefizkonzert auftreten zu lassen, um diesem dadurch einen besondern Reiz zu geben. Unterdessen war nun auch die Reihe an mich gekommen, eins der Philharmonischen Konzerte zu dirigieren, und ich hatte damit nicht weniger Aufsehen erregt als mit meinem Solospiel. Es war damals dort noch gebräuchlich, daß bei Symphonien und Ouvertüren der Pianist die Partitur vor sich hatte, aber nicht etwa daraus dirigierte, sondern nur nachlas und nach Belieben mitspielte, was, wenn es gehört wurde, einen sehr schlechten Effekt machte. Der eigentliche Direktor war der Vorgeiger, der die Tempi angab und dann und wann, wenn das Orchester zu wanken begann, den Takt mit dem Violinbogen gab. Ein so zahlreiches und weit von einander stehendes Orchester wie das Philharmonische konnte aber bei solcher Direktion unmöglich genau zusammengehen, und trotz der Trefflichkeit der einzelnen Mitglieder war das Ensemble doch viel schlechter, als man es in Deutschland gewohnt war. Ich hatte mir daher vorgenommen, wenn die Reihe zu dirigieren an mich käme, einen Versuch zu wagen, diesem Übelstande abzuhelfen. Zum Glück war an dem Tage, wo ich dirigierte, Herr Ries am Piano, und dieser verstand sich gern dazu, mir die Partitur zu überlassen und ganz davon zu bleiben. Ich stellte mich nun mit derselben an ein besonderes Pult vor das Orchester, zog mein Taktierstäbchen aus der Tasche und gab das Zeichen zum Anfangen. Ganz erschrocken über eine solche Neuerung, wollte ein Teil der Herren Direktoren dagegen protestieren; doch als ich sie bat, doch wenigstens einen Versuch zu gestatten,[73]  beruhigten sie sich. Die Symphonien und Ouvertüren, welche probiert werden sollten, waren mir sehr bekannt und in Deutschland bereits von mir öfters dirigiert worden. Ich konnte daher nicht nur die Tempi sehr entschieden angeben, sondern auch den Blas- und Blechinstrumenten alle Eintritte andeuten, was ihnen eine dort nicht gekannte Sicherheit gewährte. Auch nahm ich mir die Freiheit, wenn mir die Ausführung nicht genügte, aufzuhören und den Herren sehr höflich, aber ernst Bemerkungen über die Vortragsweise zu machen, die Ries auf meine Bitte dem Orchester verdolmetschte. Hierdurch zu außergewöhnlicher Aufmerksamkeit veranlaßt und durch das sichtbare Taktgeben mit Sicherheit geleitet, spielten alle mit einem Feuer und einer Genauigkeit, wie man es bis dahin von ihnen noch nicht gehört hatte. Durch diesen Erfolg überrascht und begeistert, gab das Orchester auch so gleich nach dem ersten Satze der Symphonie seine allgemeine Billigung der neuen Direktionsweise laut zu erkennen und beseitigte dadurch alle weitere Opposition von Seiten der Direktoren. Auch bei den Gesangsachen, deren Direktion ich auf Bitte des Herrn Ries übernahm, insbesondere beim Rezitativ, bewährte sich das Taktieren mit dem Stäbchen, nachdem ich die Erklärung meiner Taktzeichen vorausgeschickt hatte, vollkommen, und die Sänger gaben mir über die Genauigkeit, mit der ihnen nun das Orchester folgte, wiederholt ihre Freude zu erkennen.

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Der Erfolg am Abend war noch glänzender, als ich ihn gehofft hatte. Zwar stutzten anfangs die Zuhörer über die Neuerung und steckten die Köpfe zusammen; als aber die Musik begann und das Orchester die wohlbekannte Symphonie mit ungewöhnlicher Kraft und Präzision exekutierte, gab sich schon nach dem ersten Satz die allgemeine Zustimmung durch ein lang anhaltendes Beifallklatschen zu erkennen. Der Sieg des Taktierstäbchens war entschieden, und man sah bei Symphonien und Ouvertüren von da an niemand mehr am Piano sitzen. – An diesem Abende wurde auch die Konzertouvertüre, die ich vor meinem Abgange von Frankfurt komponiert hatte, zum erstenmal aufgeführt. Da sie sehr gefiel, so nahm sie die Philharmonische Gesellschaft als die Komposition an, die ich ihr, meinem Kontrakte gemäß, als Eigentum zu überlassen hatte. Ich behielt keine Abschrift davon und vergaß sie bald gänzlich, so daß ich einige Jahre später bei der Verfertigung eines thematischen Verzeichnisses meiner Kompositionen mich nicht mehr auf den Anfang besinnen konnte, weshalb das Thema derselben im Verzeichnisse fehlt.[74] 
Bei der Abgabe meiner Briefe in London sowie auch bei andern Gelegenheiten hatte ich so sehr das Bedürfnis gefühlt, jemanden zu haben, der mir als Dolmetscher dienen könnte, daß ich mich fortwährend nach einem Begleiter umsah, der Deutsch und Englisch verstehe, bis Herr Ries sich endlich besann, daß ein alter Diener des verstorbenen Salomon, namens Johanning, diesen Platz wohl auszufüllen imstande sein werde. Zwar hatte er sich bereits zur Ruhe gesetzt und als Erbe seines verstorbenen Herrn eine kleine ländliche Besitzung in der Nähe von London angekauft. Ries hoffte indessen, daß der noch ganz rüstige Alte trotzdem die Stelle annehmen werde, weshalb er zur Stadt zitiert und ihm von mir der Antrag gestellt wurde. Als er erfuhr, daß er einem Deutschen, zumal einem Musiker und noch dazu einem Geiger, wie sein verstorbener Herr gewesen war, dienen solle, war er dazu sogleich bereit und überließ es sogar meiner Bestimmung, was ich ihm nach Ablauf der Saison als Honorar bewilligen würde. Er kam von nun an jeden Morgen zur Stadt, verdolmetschte zuerst die Aufträge meiner Frau an die Hauswirtin in Bezug auf die Küche und begleitete mich dann auf meinen Wegen. Sein Deutsch hatte er aber bei dem langen Aufenthalte in London zum Teil vergessen, und sein Englisch mochte wohl auch nicht klassisch sein; denn es gab bei seinen Verdolmetschungen häufige Mißverständnisse. Im übrigen war er eine gute, treue Seele und zeigte bald für mich und meine Frau eine große Anhänglichkeit. Es wird noch öfter von ihm die Rede sein.
Nachdem ich nun mit weniger Beschwerde als früher noch den Rest meiner zahlreichen Empfehlungsschreiben abgegeben hatte, fand ich auch wieder Zeit und Ruhe zu neuen Kompositionen. Zuerst schrieb ich eine Symphonie (die zweite D-moll, Op. 49) und führte sie in einem der Philharmonischen Konzerte, welches ich zu dirigieren hatte, den 10. April 1820 zum erstenmal auf. Sie fand schon in der Probe sowohl beim Orchester, wie auch bei den zahlreich anwesenden Zuhörern großen Beifall, erregte aber am Abende bei der Aufführung wahren Enthusiasmus! Einen Teil des glänzenden Erfolges verdankte ich den zahlreichen und überaus trefflichen Saiteninstrumenten des Orchesters, denen ich in dieser Komposition besonders Gelegenheit gegeben hatte, ihre Virtuosität in reinem und präzisem Zusammenspiele zu zeigen. In der Tat habe ich in Bezug auf die Streichinstrumente diese Symphonie nie wieder so gut wie an jenem Abende gehört. Alle Blätter[75]  Londons brachten am andern Morgen Berichte über die neue, in ihrer Stadt komponierte Symphonie und überboten sich in Lobeserhebungen über dieselbe. Gleich günstige Berichte über mein Spiel bei jedesmaligem Auftreten verbreiteten meinen Ruf bald über die ganze Stadt, und es fanden sich daher leicht Schüler, die von mir im Violinspiel unterrichtet, und Damen, die am Piano begleitet sein wollten. Sobald sie sich bereit erklärten, das von mir festgesetzte Honorar von einer Guinee für die Stunde zu entrichten, so nahm ich sie ohne weiteres an, weil ich es meiner Familie schuldig zu sein glaubte, das Glück, das ich als Künstler in London machte, nun auch zum möglichst großen Erwerb auszubeuten. So lief und fuhr ich denn, nachdem ich vorher einige Stunden zu Hause komponiert oder mit meiner Frau musiziert hatte, den ganzen Tag im großen London umher und ließ es mir in der Tat recht sauer werden; denn die meisten meiner Schüler waren ohne Talent und Fleiß und ließen sich nur von mir unterrichten, um sagen zu können, sie seien Schüler von Spohr. Ich erinnere mich jedoch mit Vergnügen an verschiedene Originale, die mich durch ihre Sonderbarkeiten erheiterten und mir dadurch die saure Arbeit einigermaßen erleichterten. Das eine war ein alter, pensionierter General, der sich aber stets in Uniform, mit allen Orden und in höchst militärischer Haltung präsentierte. Er kam ausnahmsweise zu mir ins Haus, verlangte aber demohnerachtet, nicht länger als Dreiviertelstunden zu spielen, da nach dortiger Sitte eine Viertelstunde für den Weg abgerechnet wird. Er kam jeden Morgen, die Sonntage ausgenommen, präzis zwölf Uhr in seiner alten Staatskarosse angefahren, ließ durch einen der galonierten und gepuderten Bedienten den Geigenkasten heraufbringen und setzte sich dann nach einem stummen Gruße sogleich an sein Pult. Vorher zog er aber seine Uhr heraus, um nachzusehen, wann angefangen wurde, und legte diese dann neben sich. Er brachte leichte Duetten mit, größtenteils von Pleyel, wozu ich die zweite Violine spielte. Obgleich nun mancherlei am Spiel des Schülers zu erinnern war, so sah ich doch bald, daß es diesem darum nicht zu tun war. Ich begnügte mich daher, meine Stimme der des alten Herrn möglichst genau anzupassen, und so spielten wir in bester Eintracht ein Duett nach dem andern. Sobald wir aber drei Viertelstunden musiziert hatten, hörte der General mitten im Musikstück auf, zog aus seiner Westentasche eine Pfundnote, in die ein Schilling gewickelt war, und legte diese auf den Tisch. Dann nahm er seine Uhr und empfahl sich ebenso stumm, wie er gekommen war.[76] 
Das andere Original war eine Dame, der ich am Piano akkompagnierte. Sie war eine leidenschaftliche Verehrerin von Beethoven, wogegen ich nichts einzuwenden fand, hatte aber auch die Grille, durchaus keine andere Musik als die ihres Lieblings spielen zu wollen, wogegen ich wiewohl ohne Erfolg ankämpfte. Sie besaß sämtliche Klavierkompositionen Beethovens sowie dessen Orchesterwerke in Klavierarrangements. Auch war ihr Zimmer mit allen Portraits von ihm, die sie hatte auftreiben können, geschmückt. Da diese sich nun untereinander sehr unähnlich sahen, so verlangte sie von mir zu wissen, welches ihm am meisten gliche. Auch besaß sie einige Reliquien von ihm, die ihr reisende Engländer aus Wien mitgebracht hatten, unter anderem einen Knopf von seinem Schlafrock und ein Stückchen Notenpapier mit einigen Federproben und Tintenklecksen von seiner Hand. Als sie erfuhr, daß ich drei Jahr in vertrautem Umgange mit ihm gelebt hatte, stieg ich sichtlich in ihrer Achtung, und sie hatte mich nun über so vieles zu befragen, daß es an manchen Tagen kaum zum Spielen kam. Sie sprach ziemlich geläufig Französisch und radebrechte sogar einige Worte Deutsch. Auch ihr Klavierspiel war gar nicht übel, so daß es mir Vergnügen machte, die Sonaten für Piano und Violine mit ihr zu spielen. Als sie später aber auch die Trios auflegte und ohne Violoncell mit mir spielte, dann sogar die Klavierkonzerte, wobei außer der ersten Orchestervioline, die ich übernahm, alles andere wegblieb, so wurde es mir doch klar, daß ihr Enthusiasmus für Beethoven nur ein gemachter war und ihr die Einsicht von der Vorzüglichkeit seiner Kompositionen völlig abging.
Einen dritten Sonderling lernte ich auf folgende Weise kennen. Eines Morgens brachte ein Diener in Livree einen Brief, den mir mein alter Johanning etwa folgendermaßen übersetzte: »Mr. Spohr wird eingeladen, sich präzis 4 Uhr im Hause des Unterzeichneten einzufinden.« Da ich die Unterschrift nicht kannte, von dem Diener auch nicht erfahren konnte, wozu ich zitiert wurde, so gab ich ebenso lakonisch, wie der Brief abgefaßt war, die Antwort: »Ich habe um die genannte Zeit Geschäfte und kann nicht kommen.« Am andern Morgen erschien der Diener mit einem zweiten, viel höflichern Schreiben: »Mr. Spohr wird gebeten, dem Unterzeichneten die Ehre seines Besuches zu gönnen und die Zeit dazu selbst zu bestimmen.« Zugleich hatte der Diener den Auftrag, den Wagen seines Herrn anzutragen, und da ich unterdessen in Erfahrung gebracht, daß der Briefsteller ein berühmter Arzt sei, der häufig in Konzerten gesehen werde und sich besonders für Violinvorträge interessiere, so trug ich kein Bedenken mehr, zu ihm zu gehen,[77]  bestimmte dem Diener die Zeit und wurde dann in der Equipage des Doktors abgeholt. Ein alter, freundlicher Herr mit weißem Haare empfing mich schon auf der Treppe; aber nun entdeckte es sich leider, daß wir uns nicht verständigen konnten, denn er sprach weder Deutsch noch Französisch. Wir standen einander verlegen gegenüber, bis er mich am Arm nahm und in ein großes Zimmer führte, an dessen Wänden ich eine Menge Geigen aufgehängt fand. Andere waren aus dem Kasten genommen und auf den Tischen ausgebreitet. Der Doktor überreichte mir einen Violinbogen und deutete auf die Instrumente. Ich sah nun, daß ich ein Urteil über den Wert der Geigen abgeben sollte, und begann daher sogleich, eine nach der andern zu probieren und sie ihrer Güte nach zu ordnen. Es war dies keine kleine Arbeit; denn es waren ihrer viele, und der alte Herr holte sie sämtlich herbei, ohne eine zu vergessen. Als ich nun nach Verlauf von etwa einer Stunde die sechs besten herausgefunden hatte und diese noch abwechselnd spielte, um die allerbeste zu ermitteln, bemerkte ich, daß der Doktor auf eine derselben besonders zärtliche Blicke warf und sein Gesicht sich ganz verklärte, sooft ich diese anstrich. Ich machte daher dem guten, alten Manne gern die Freude, dieses Instrument als den Matador der ganzen Sammlung zu bezeichnen. Ganz entzückt über diesen Ausspruch, holte er nun auch noch eine Viole d'amour herbei und begann auf diesem längst außer Gebrauch gekommenen Instrumente zu phantasieren. Ich hörte mit Vergnügen zu, weil das Instrument mir noch völlig unbekannt war und der Doktor gar nicht schlecht spielte. So endete der Besuch zu beiderseitiger Zufriedenheit, und schon hatte ich meinen Hut ergriffen, um mich zu empfehlen, als mir der Alte mit freundlichem Gesicht und tiefem Bücklinge noch eine Fünfpfundnote überreichte. Erstaunt betrachtete ich das Geld und den Geber und wußte anfangs nicht, was es zu bedeuten habe; als mir aber plötzlich einfiel, daß es die Bezahlung für das Geigenprobieren sein solle, schüttelte ich lächelnd mit dem Kopfe, legte das Papier auf den Tisch, drückte dem Doktor die Hand und eilte die Treppe hinab. Er folgte mir bis auf die Straße, half mir in den Wagen hinein und sprach dann in sichtlicher Erregung einige Worte zum Kutscher. Diesem war das so aufgefallen, daß er es dem alten Johanning, der an den Wagen kam, um den Schlag zu öffnen, sogleich wieder erzählt hatte. Er hatte nämlich gesagt: »Da fährst Du einen Deutschen, der ein echter Gentleman ist; bringe ihn mir unversehrt in seine Wohnung, das rate ich Dir!« – Als ich einige Monate später mein Benefizkonzert gab, ließ der Doktor ein Billett holen und schickte dafür eine Zehnpfundnote.[78] 
Dorette hatte sich unterdessen mit ausdauerndem Fleiße auf der neuen Harfe eingespielt, sich dabei aber wegen des größern Umfangs und stärkern Saitenbezugs derselben übermäßig angestrengt, so daß sie sich recht erschöpft und leidend fühlte. Ich wußte aus frühern Erfahrungen, daß nichts ihre Nerven so schnell wieder zu stärken vermöge als häufiger Genuß der freien Luft. Ich benutzte daher jeden Sonnenblick der ersten Frühlingstage zu kleinen Spaziergängen mit ihr in den Regentspark, der unserer Wohnung (Charlotte-Street) sehr nahe lag. An Sonntagen, wo alle Musik in London verstummen muß und wir daher, ohne Ärgernis zu geben, nicht einmal zu Haus musizieren konnten, wurden größere Ausflüge nach Hampstead oder in die entferntern Parks gemacht. Unsere Begleiter und Führer dabei waren abwechselnd der jüngere Ries und ein alter freundlicher Herr, der Instrumentenmacher Stumpff. Ich hatte bald die Freude zu sehen, daß meine Frau durch die Einwirkung des englischen milden Frühlings wieder neuen Lebensmut gewann; doch blieb ich meinem frühern Vorsatze, sie nur einmal in meinem eigenen Konzerte auftreten zu lassen, getreu und lehnte mehrere Anträge, die ihr gemacht wurden, standhaft ab. Ich selbst spielte aber in allen Konzerten, wo man das von mir angesetzte Honorar auszahlte, und da dieses nach englischen Begriffen nicht übermäßig hoch war, so wurde ich sehr oft aufgefordert und sah meinen Namen fast auf allen Konzertprogrammen der Saison figurieren. Doch konnte ich mich nie entschließen, auch in Privatgesellschaften für Geld zu spielen, da mir die Art und Weise, wie man in solchen die Künstler damals behandelte, gar zu unwürdig vorkam. Sie wurden nämlich nicht zur Gesellschaft gezogen, sondern mußten in einem abgesonderten Zimmer des Moments harren, wo sie zu ihren Musikvorträgen in das Gesellschaftszimmer zitiert wurden, und hatten dieses nach beendigten Vorträgen sogleich wieder zu verlassen. Meine Frau und ich waren selbst einmal Zeugen solch einer unwürdigen Behandlung der ersten und berühmtesten Künstler Londons. Wir waren nämlich an die Brüder des Königs, die Herzöge von Sussex und Clarence, empfohlen, und da letzterer mit einer Deutschen, einer Prinzessin von Meiningen, vermählt war, so machten wir bei dieser eine gemeinschaftliche Visite. Das herzogliche Paar empfing uns sehr freundlich und lud uns zu einer Musikpartie, die in einigen Tagen sein sollte, und zur Mitwirkung bei derselben ein! Ich sann nun darüber nach, wie ich uns der mir verhaßten Absonderung von der Gesellschaft entziehen könne, und beschloß, wenn mir dies nicht gelänge, sogleich wieder nach Haus zurückzukehren. Als wir daher das herzogliche Schloß betraten und ein Diener uns das[79]  Zimmer öffnen wollte, wo die übrigen Musiker versammelt waren, ließ ich diesem durch Johanning mein Violinkästchen geben und schritt, meine Frau am Arm, sogleich die Treppe hinauf, ehe der Diener Zeit gewann, sich von seinem Erstaunen zu erholen. Vor dem Gesellschaftszimmer angelangt, nannte ich dem dort postierten Diener meinen Namen, und als dieser zögerte, zu öffnen, machte ich Miene, es selbst zu tun. Darauf riß der Diener jedoch sogleich die Tür auf und rief die Namen der Ankommenden hinein. Die Herzogin, eingedenk der deutschen Sitte, erhob sich sogleich von ihrem Platze, kam Doretten einige Schritte entgegen und führte sie zum Damenkreise. Auch der Herzog bewillkommnete mich nun mit einigen freundlichen Worten und stellte mich den umstehenden Herren vor. So glaubte ich nun alles glücklich überwunden zu haben; doch bald bemerkte ich, daß die Dienerschaft mich noch immer nicht als zur Gesellschaft gehörig betrachten müsse; denn sie ging mit dem Teebrett und andern Erfrischungen stets an mir vorüber, ohne mir etwas anzubieten. Endlich mochte der Herzog dies wohl bemerkt haben; denn ich sah, wie er dem Haushofmeister winkte und ihm einige Worte ins Ohr flüsterte. Infolgedessen wurden mir nun ebenfalls die Erfrischungen präsentiert. Als das Konzert beginnen sollte, ließ der Haushofmeister die eingeladenen Künstler nach der Folge, wie das Programm sie nannte, heraufholen. Sie erschienen mit dem Notenblatt oder dem Instrument in der Hand, begrüßten die Gesellschaft mit einer tiefen Verbeugung, die, soviel ich bemerkte, von niemanden als von der Herzogin erwidert wurde, und begannen ihre Vorträge. Es war die Elite der ausgezeichnetsten Sänger und Virtuosen Londons, und ihre Leistungen waren fast alle entzückend schön. Dies schien das vornehme Auditorium aber nicht zu fühlen; denn die Konversation riß keinen Augenblick ab. Nur als eine sehr beliebte Sängerin auftrat, wurde es etwas ruhiger, und man hörte einige leise Bravos, für die sie sich sogleich durch tiefe Verbeugungen bedankte. Ich ärgerte mich sehr über die Entwürdigung der Kunst und noch mehr über die Künstler, die sich solche Behandlung gefallen ließen, und hatte die größte Lust, gar nicht zu spielen. Ich zögerte daher, als die Reihe an mich kam, absichtlich so lange, bis der Herzog, wahrscheinlich auf einen Wink seiner Gemahlin, mich selbst zum Spielen aufforderte. Nun erst ließ ich durch einen Diener mein Violinkästchen heraufholen und begann dann meinen Vortrag, ohne vorher die übliche Verbeugung zu machen. Alle diese Umstände mochten die Aufmerksamkeit der Gesellschaft erregt haben; denn es herrschte während meines Spiels eine große Stille im Saal. Als ich geendet hatte, applaudierte das herzogliche Paar, und[80]  die Gäste stimmten mit ein. Nun erst machte ich meine Verbeugung. Bald darauf schloß das Konzert, und die Musiker zogen sich zurück. Hatte es nun schon Sensation erregt, daß wir uns der Gesellschaft angeschlossen, so steigerte sich diese doch noch um vieles, als man sah, daß wir auch zum Souper dablieben und bei demselben von den herzoglichen Wirten mit großer Aufmerksamkeit behandelt wurden. Wir hatten dieses, nach damaligen englischen Begriffen Unerhörte wohl hauptsächlich dem Umstande zu danken, daß uns die Herzogin schon im elterlichen Hause gekannt und Zeuge der guten Aufnahme gewesen war, die wir zu der Zeit, wo wir noch in Gotha wohnten, wiederholt am Meininger Hofe gefunden hatten. Auch der Herzog von Sussex, dem ich eine Empfehlung vom Herzog von Cambridge, dem damaligen Regenten von Hannover, überbracht hatte, zeichnete mich sehr aus und unterhielt sich viel mit mir. Infolge eines Gespräches über englischen Volksgesang ließ der Herzog sogar eine Guitarre holen und sang mir einige englische und irländische Volkslieder vor, was mich später auf den Gedanken brachte, einige der beliebtesten derselben als Potpourri für mein Instrument zu bearbeiten und in meinem Konzerte vorzutragen. Als sich dann lange nach Mitternacht die Gesellschaft trennte, kehrten wir sehr befriedigt über den Erfolg unseres Wagnisses und den Sieg, den wir über das Vorurteil davongetragen hatten, in unsre Wohnung zurück. Wohl ist es möglich, daß dieser Vorfall, der in der Künstlerwelt Londons große Sensation machte, mit dazu beigetragen hat, daß 20 Jahr später, als ich England zum zweitenmal besuchte, keine Spur mehr dieser entwürdigenden Stellung der Künstler in der Gesellschaft zu bemerken war.



Unter denen, die mich aufforderten, in ihren Konzerten Solo zu spielen, war auch Sir George Smart, einer der Direktoren der Philharmonischen Gesellschaft. Er gab während der Saison eine Reihe von Subskriptionskonzerten, die er geistliche nannte, in denen aber auch viel weltliche Musik gemacht wurde. Ich spielte in zweien derselben, wofür Sir Smart das Arrangement von meinem Benefizkonzerte übernahm, eine Arbeit, die schon für einen Einheimischen, damit Vertrauten sehr umfangreich war, die mir aber, hätte ich sie selbst übernehmen wollen, vielleicht sechs Wochen meiner Zeit, die ich doch zum Erwerb zu benutzen[81]  wußte, gekostet haben würde. Mein Konzert fand am 8. Juni statt und war eins der glänzendsten und besuchtesten der ganzen Saison. Fast alle Personen, an die wir adressiert waren, unter ihnen auch die Herzöge von Sussex und Clarence, hatten Logen oder Sperrsitze dazu genommen, und mehrere dieser reichen und vornehmen Herren schickten bedeutende Honorare dafür ein. Auch ein großer Teil der Abonnenten der Philharmonischen Gesellschaft behielt seine Plätze, und da der niedrigste Preis eines Billetts eine halbe Guinee betrug und der Saal wohl an tausend Menschen fassen konnte, so war die Einnahme eine sehr bedeutende. Dazu kam noch, daß die Unkosten, die in London enorm hoch sind, bei diesem Konzerte dadurch sehr ermäßigt wurden, daß ein Teil der Orchestermitglieder aus Anhänglichkeit an mich auf Bezahlung verzichtete und vermöge meines Vertrags mit der Philharmonischen Gesellschaft das Lokal mich nichts kostete. Dagegen mußten sämtliche Sänger bezahlt werden, und ich erinnere mich noch genau, daß ich der Mrs. Salmon, der beliebtesten der damaligen Londoner Sängerinnen, ohne deren Mitwirkung mein Konzert kein rechtes Ansehen gehabt haben würde, für eine einzige Arie ein Honorar von dreißig Pfund Sterling entrichten mußte, wobei sie noch die Bedingung stellte, daß sie erst im zweiten Teile gegen das Ende des Konzertes singe, weil sie vorher in einem Konzerte der City, sechs Meilen entfernt, aufzutreten habe. Es sei hier auch einer sonderbaren Ausgabe bei den damaligen Konzerten in London erwähnt, weil sie jetzt wie so manches Absonderliche jener Zeit nicht mehr existiert. Es war nämlich Sitte, daß der Konzertgeber seine Zuhörer in der Pause zwischen dem ersten und zweiten Teile des Konzertes mit Erfrischungen bewirtete. Diese wurden in einem Nebensaal am Büfett unentgeltlich verabreicht, und man hatte deshalb sich mit dem Konditor im voraus über eine feste Summe zu verständigen, die bei meinem Konzert auf zehn Pfund akkordiert war. Bestand nun die Gesellschaft größtenteils aus der vor nehmen Welt, bei der es Sitte war, nichts zu nehmen, so machte der Konditor gute Geschäfte, war sie aber sehr gemischt und zahlreich und die Hitze groß, so kam er auch wohl bedeutend zu Schaden. Nie hat er sich aber wohl besser gestanden als bei meinem Konzert. Es fand dieses nämlich an dem Tage statt, an welchem die Königin Karoline von England aus Italien zurückkehrte und in London einzog, um sich vor dem Parlament, bei welchem sie ihr Gemahl der Untreue angeklagt hatte, zu verteidigen. Ganz London war in zwei Parteien geteilt, deren bei weitem[82]  größere, vom Mittelstande bis zum Plebs herab, auf Seiten der Königin stand. Die Stadt war in ungeheurer Aufregung, und es war ein Glück für mich, daß ich die Billetts zu meinem Konzerte bereits sämtlich abgesetzt hatte, weil ich sonst durch die Ungunst des Zufalls leicht in großen Schaden hätte kommen können! Meine Konzertanzeigen an den Straßenecken waren nämlich bald von großen Plakaten überklebt, auf welchen im Namen des Volkes zur Feier des Tages eine allgemeine Illumination der Stadt angesagt wurde; auch brachte Johanning die Nachricht mit, daß das Volk drohe, in allen Häusern, wo diesem Aufrufe nicht Folge geleistet werde, die Fenster einzuwerfen. Da nun die vorhandene Polizeimannschaft sowie das wenige Militär kaum hinreichten, um die königlichen Gebäude gegen die angedrohten Exzesse des Volkes zu schützen, so mußten die Anhänger des Königs, die doch unmöglich dem Aufrufe folgten konnten, ruhig alles über sich ergehen lassen und suchten nur dadurch, daß sie ihre Fenster mit Brettern zunageln ließen, so viele von den teuern Spiegelscheiben zu retten, als es die Kürze der Zeit erlauben wollte. So wurde allenthalben und besonders in dem nahe gelegenen Portland-Place, wo der vornehme Adel wohnte, den ganzen Tag gehämmert zum großen Ergötzen der Straßenjugend, die ihren Witz und Spott nicht zurückhielt. Während wir uns zu Hause auf die Konzertvorträge vorbereiteten, wogte das Volk in großen Massen durch die Straßen und zog der Königin entgegen. Da dies nach der Richtung der City geschah, so wurde es gegen Abend in Westend ganz ruhig. Wir fanden daher, als wir um halb acht Uhr zum Konzertlokale fuhren, die Straßen fast leerer als gewöhnlich und nirgends ein Hindernis auf unserm Wege. Doch bemerkten wir allenthalben eifrige Vorbereitungen zur Illumination, damit beim Anbruch der Nacht dem Gebot des souveränen Volkes sogleich Folge geleistet werden könne. Dorette, die sich ohnehin vor dem ersten öffentlichen Auftreten mit der neuen Harfe sehr fürchtete, war in großer Spannung vor dem, was da kommen werde, und ich hatte ernstliche Besorgnis, daß die Aufregung, in der ich sie sah, sowohl ihrem Spiele als ihrer Gesundheit nachteilig sein werde. Ich suchte sie daher durch Zureden zu beruhigen, was mir auch ziemlich glückte. Der Saal füllte sich nach und nach mit Zuhörern, und das Konzert begann. Das Programm desselben kann ich hier vollständig mitteilen, da mir Sir G. Smart bei meinem letzten Besuche zu London (im Jahr 1852) ein Exemplar, wie es damals den Zuhörern bei ihrem Eintritt in den Saal überreicht wurde, geschenkt hat. Es lautet:[83] 
New Argyll Rooms
Mr. Spohr's Concert
Thursday, June 8th, 1820

Part I.

Grand Sinfonia (M.S.) Spohr

Air, Mr. T. Welsh »Revenge, revenge,
Thimotheus cries« Haendel

Grand Duetto (M.S.), Harp and Violin, Mad.
Spohr and Mr. Spohr Spohr

Aria, Miss Goodall »una voce al cor mi parla«
Clarinet obligato Mr. Willman Paer

Sestetto for Pianoforte, two Violins, Viola,
Violoncello e Contrabasso, Messrs.: Ries, Watts,
Wagstaff, R. Ashley, Lindley and Dragonetti Ries

Irish Melodies (M.S.) with Variations for the Violin,
Mr. Spohr (composed expressly for this occasion). Spohr

Part II.

Nonetto for Violin, Viola, Violoncello, Contrabasso,
Flute, Oboe, Clarinet, Horn and Bassoon, Messrs.
Spohr, Lindley, Dragonetti, Ireland, Griesbach,
Willman, Arnull and Holmes Spohr

Scena, Mrs. Salmon »Fellon, la pena avrai« Rossini

Rondo for the Violin, Mr. Spohr Spohr

Aria, Mr. Vaughan »Rendi 'l sereno« Haendel

Overture Spohr
Leader of the Band Mr. Spohr
At the Pianoforte Sir George Smart[84] 
Die neue, vom Orchester nun schon gekannte, aber doch nochmals sorgfältig durchprobierte Symphonie wurde meisterhaft exekutiert und fand womöglich noch lebhaftern Beifall als bei der ersten Aufführung. Während der folgenden Arie stimmte ich im Nebensaale meiner Frau die Harfe und sprach ihr Mut zu. Dann führte ich sie in den Saal, und wir nahmen unsere Plätze ein, um das Duett zu beginnen. Schon verbreitete sich die Stille der Erwartung, und man lauschte unsern ersten Tönen, als sich plötzlich von der Straße her ein fürchterliches Geschrei erhob, dem auch sogleich eine Kanonade von Pflastersteinen gegen die unerleuchteten Fenster des Nebensaales folgte. Bei dem Klirren der Scheiben und Kronleuchter sprangen die Damen entsetzt von ihren Plätzen auf, und es folgte eine unbeschreibliche Szene der Verwirrung und Aufregung. Man beeilte sich, die Gasbeleuchtung des Nebensaales anzuzünden, um einer zweiten Salve zuvorzukommen, und hatte auch wirklich die Freude zu sehen, daß nun das Volk, nachdem es über den Erfolg seiner Demonstration noch ein Jubelgeschrei angestimmt hatte, weiterzog und so nach und nach die frühere Ruhe wiederkehrte. Doch dauerte es lange, bis das Publikum seine Plätze im Saale wieder einnahm und sich so weit beruhigte, daß wir endlich beginnen konnten. Ich war dabei nicht ohne Besorgnis, daß der Schrecken und die lange Pause meine Frau noch mehr aufgeregt haben würde, und horchte daher in großer Spannung auf ihre ersten Akkorde; als diese aber in gewohnter Kraft ertönten, beruhigte ich mich sogleich und überließ mich nun ganz der Aufmerksamkeit auf unser Zusammenspiel. Dieses, welches in Deutschland immer so sehr gefallen hatte, verfehlte auch auf das englische Publikum seine Wirkung nicht; es steigerte sich daher der Beifall bei jedem Satze des Duettes und wollte am Schlusse gar nicht enden. Als wir höchst erfreut über diesen Erfolg abtraten, dachten wir beide nicht, daß es das letztemal gewesen war, daß Dorette Harfe gespielt hatte! Doch davon später. Von den übrigen Nummern des Programmes, bei denen ich selbst beteiligt war, freute mich besonders die gute Aufnahme, die das Nonett fand. Ich hatte es mit denselben Künstlern bereits in einem der Philharmonischen Konzerte gegeben und war damals von vielen Seiten aufgefordert worden, es in meinem eigenen Konzerte zu wiederholen. Die Genauigkeit unseres Zusammenspieles war dieses Mal noch vollendeter, und so konnte es seine Wirkung nicht verfehlen. Auch die Irländischen Lieder wurden allgemein beifällig aufgenommen. So ging denn das Konzert trotz des störenden Intermezzos zu allgemeiner Zufriedenheit zu Ende. Die Pause nach dem ersten Teil und die Promenade in den Nebensaal waren wegen[85]  der Verwüstung desselben für diesmal ganz unterblieben; der Konditor hatte daher für seine zehn Pfund Sterling gar nichts zu leisten gehabt. Doch war ihm durch den Steinhagel auch einiges auf dem Büfett zertrümmert worden. – Als wir nun endlich in höchster Erschöpfung unseren Wagen erreichten, konnten wir nicht in gerader Richtung nach Haus zurückkehren, weil in der Gegend von Portland-Place gerade der Pöbel noch sein Wesen trieb. Der Kutscher mußte daher allerlei Umwege machen, und es war ein Uhr vorüber, als wir endlich vor unserer Wohnung ankamen. Wir fanden bereits das ganze Haus mit Ausnahme unserer Etage erleuchtet, und die Wirtin erwartete uns in großer Unruhe, um auch unsere Fenster mit Lichtern versehen zu können. Es war die höchste Zeit; denn schon hörte man die Volksmasse heranziehen. Da sie jedoch die ganze Charlotte-Street ihrem souveränen Willen gemäß hell erleuchtet fand, so zog sie, ohne irgend einen Exzeß zu begehen, vorüber. Die Lichter durften aber demohnerachtet noch nicht gelöscht werden, und erst nach Verlauf von einigen Stunden, als die Stadt ganz still geworden war, fanden wir endlich die nötige Ruhe.


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Es folgt nun eine trübe Periode in meinem Leben, an die ich noch jetzt mit Wehmut zurückdenke. Dorette fühlte sich nämlich infolge der Anstrengung, mit der sie sich auf der neuen Harfe eingeübt hatte, und durch die wechselnden Eindrücke des Konzertabends so erschöpft und leidend, daß ich ernstlich fürchtete, sie möchte von einem dritten Anfall des Nervenfiebers heimgesucht werden. Es war daher die höchste Zeit, für ihre Zukunft einen ernsten Entschluß zu fassen. Schon nach dem zweiten Anfall in Darmstadt hatte ich sie, nachdem sie völlig wieder genesen war, zu überreden gesucht, ihrem nervenzerstörenden Instrumente zu entsagen, doch als ich bemerkte, wie sehr sie dieser Vorschlag betrübte, ihn sogleich wieder aufgegeben. Sie war zu sehr mit ganzer Seele Künstlerin und hatte das Instrument, dem sie so manchen Triumph verdankte, zu lieb gewonnen, um so leicht darauf verzichten zu können; auch war es ihr ein beglückender Gedanke gewesen, durch ihr Talent zum Erwerb beitragen zu können. Doch nun, nachdem sie sich nur zu sehr überzeugt hatte, daß ihre physische Kraft nicht ausreiche, das neue Instrument zu bewältigen, und eine Rückkehr zum alten sie auch nicht mehr befriedigen werde, nachdem sie die Vorzüge des neuen im Ton und in der Mechanik genau hatte kennen lernen, nun wurde es mir viel leichter, sie für meinen Vorschlag zu gewinnen, besonders als ich ihr vorstellte, daß sie Künstlerin bleiben und ins künftige als[86]  Pianistin in meinen Konzerten, wozu sie ja die nötige Befähigung besitze, auftreten könne. Dies beruhigte sie sehr, obgleich sie sich sagen mußte, daß sie auf dem Piano solche Erfolge wie auf der Harfe, auf der ihr wenigstens in Deutschland niemand gleichkam, unmöglich erringen könne. Ich versprach ihr jedoch noch, daß ich für sie, um ihren Vorträgen den Reiz der Neuheit zu geben, brillante Konzertsätze schreiben werde, und da es mich sehr drängte, mich nun auch einmal in Klavierkompositionen zu versuchen, so machte ich mich sogleich an die Arbeit und vollendete auch noch vor der Abreise von London den ersten Satz des Klavierquintetts Op. 52. Die Harfe schickte ich nun sogleich, um sie ihr aus den Augen zu bringen, zu Herrn Erard, der sie auch, als er von mir erfuhr, daß meine Frau aus Gesundheitsrücksichten dem Instrumente ganz entsagen müsse, bereitwillig zurücknahm, ohne eine Entschädigung für den bisherigen Gebrauch annehmen zu wollen. Sie habe, so äußerte er sehr galant, nun erst wahren Wert bekommen, da eine so berühmte Künstlerin sie eingespielt und sich ihrer bei ihrem letzten öffentlichen Vortrage bedient habe. Ich machte nun von neuem mit meiner Frau tägliche Spaziergänge ins Freie und hatte bald die Freude zu bemerken, daß sie sich nach und nach von ihrer Schwäche erholte. Der Gedanke, daß sie ihre Kinder nun bald wieder sehen werde, mochte wohl mächtig da mitgewirkt haben. Auch ich sehnte mich nach den Meinigen zurück und machte daher, sobald das letzte der Philharmonischen Konzerte vorüber war, sogleich Anstalten zur Abreise.

Wie in der ersten Ausgabe wird hier der Bericht eingeschoben, den Spohr über seinen Besuch von Logiers Musikinstitut in London für die in der Allgemeinen musikalischen Zeitung veröffentlichten »Musikalischen Notizen« schrieb.

Herr Logier (ein Deutscher von Geburt, der aber seit fünfzehn Jahren in England wohnt) unterrichtet nach einer neuen, von ihm erfundenen Methode im Pianofortespiel und in der Harmonie. Was zunächst in dieser Methode auffällt, ist, daß er alle Kinder, oft dreißig bis vierzig, zu gleicher Zeit spielen läßt. Er hat zu dem Behufe drei Bände Etüden geschrieben, die alle über ganz einfache Grundthemen (von 5 Noten in jeder Hand) gebaut sind und nach und nach bis zum Schwersten fortschreiten. Während die Anfänger nur das Thema spielen, üben sich die Geübteren zu gleicher Zeit in mehr oder weniger schweren Variationen. Man sollte glauben, daß dadurch ein Durcheinander entstehen müßte, aus dem der Lehrer nichts Deutliches mehr heraushören könnte; da aber die Kinder, die dieselbe Etüde spielen, nebeneinander sitzen, so hört man, je nachdem man sich in einer Gegend des Saales befindet,[87]  entweder die eine oder die andre dieser Etüden deutlich hervortreten, und so wird es dem Lehrer doch möglich, der Kinder Leistungen zu beurteilen. Auch läßt er oft die Hälfte, zuweilen alle bis auf eines aufhören, um ihre Fortschritte im einzelnen zu prüfen. In den ersten Lektionen bedient er sich seines Chiroplasts, einer Maschine, von der schon oft in diesen Blättern die Rede war, um den Kindern eine gute Haltung der Arme und der Hände anzugewöhnen. Daß dieses Instrument seinen Zweck vollkommen erfüllt und Herrn Logier, der zu gleicher Zeit auf so viele Kinder zu achten hat, großen Nutzen leistet, ist gar keine Frage; auch möchte es selbst wohl solchen Schülern anzuempfehlen sein, die zwar während der Lektion unter der beständigen Aufsicht des Lehrers sind, aber dann, sich selbst überlassen, gar zu leicht übele Angewohnheiten annehmen. Ließe sich ein ähnliches Instrument erfinden, um dem Violinspieler eine richtige Haltung der Geige und des Bogens anzugewöhnen, ich würde es sogleich anschaffen und mir dadurch bei meinen Schülern unzählige und immer wiederholte Erinnerungen ersparen können. Sobald die Kinder so weit fortgeschritten sind, daß sie die Noten und Tasten kennen, wird die Maschine erst von der einen und dann auch von der anderen Hand weggenommen, und nun lernen sie den Daumen untersetzen und Skalen spielen; aber dies alles in den Etüden selbst, mit allen Kindern zugleich und immer im strengsten Zeitmaße. Sind sie daher zu einer neuen Übung fortgeschritten, so gelingt es ihnen in der schnellen Bewegung, in der sie neben und um sich spielen hören, anfangs wohl kaum, nur einige Noten von jedem Takte herauszubringen; bald aber erobern sie deren immer mehr, und in kürzerer Zeit, als man wohl glauben sollte, geht die neue Etüde so gut als die vorhergehende. Sodann ist es sehr bemerkenswert in der Lehrmethode des Herrn Logier, daß er seine Schüler von der ersten Lektion an mit dem Klavierspiele zugleich die Harmonie lehrt. Wie dies geschieht, ist mir unbekannt; auch ist dies sein Geheimnis, dessen Mitteilung ihm von jedem der Lehrer in England, der nach seiner Methode unterrichtet, mit hundert Guineen bezahlt werden muß. Das Resultat dieser Methode ist aber bei seinen Schülern staunenswert! Kinder zwischen sieben und zehn Jahren, die noch nicht länger als vier Monate Unterricht haben, lösen die schwierigsten Aufgaben. Ich schrieb ihnen einen Dreiklang an die Tafel und bezeichnete die Tonart, in die sie nun modulieren sollten. Sogleich lief eins der kleinsten Mädchen an die Tafel, schrieb nach einigem Nachsinnen erst den bezifferten Baß und dann die oberen Stimmen hin. Diese Aufgabe wiederholte ich oft, und[88]  zwar mit allerlei erschwerenden Bedingungen, ließ sie in die entferntesten Tonarten ausweichen, wo enharmonische Verwechselungen nötig wurden, und nie waren sie in Verlegenheit. Wußte sich die eine nicht zu helfen, so trat gleich eine andere hinzu, deren bezifferter Baß vielleicht wieder von einer dritten verbessert wurde; und von all ihrem Beginnen mußten sie dem Lehrer die Gründe sagen. Zuletzt schrieb ich ihnen eine einfache Oberstimme an die Tafel, wie sie mir eben einfiel, und ließ eine jede für sich auf ihren kleinen Tafeln die anderen drei Stimmen dazusetzen. Zugleich sagte ich ihnen, daß ich mir die Auflösung, die von dem Lehrer und mir als die beste anerkannt sein würde, abschreiben und als ein Andenken an sie in mein musikalisches Stammbuch aufnehmen wollte. Nun war alles voller Leben und Tätigkeit, und schon nach einigen Minuten brachte mir eins der kleinsten Mädchen, die sich schon im Spiel und bei den frühern Aufgaben ausgezeichnet hatte, ihre Tafel zur Ansicht. Allein in der Eile war ihr im dritten Takt eine Oktavenfortschreitung zwischen dem Basse und einer der Mittelstimmen entschlüpft. Kaum hatte ich sie darauf aufmerksam gemacht, als sie errötend die Tafel zurücknahm und mit Tränen in den Augen schnell den Fehler verbesserte. Da nun ihre Auflösung unstreitig den besten Baß hatte, so schrieb sie der Lehrer in mein Stammbuch, und ich gebe sie mit diplomatischer Genauigkeit wieder:



Die Auflösungen der andern Kinder waren mehr oder weniger gut, aber alle korrekt und die meisten in vier verschiedenen Schlüsseln niedergeschrieben.[89]  Auch spielte ein jedes die seinige rein und ohne Anstoß sogleich auf dem Pianoforte. Es wäre sehr zu wünschen, daß Herrn Logiers Lehrmethode auch in Deutschland bekannt würde! Unsere Dilettanten würden dann in der Folge mit ihren oft bewunderungswürdigen technischen Fähigkeiten auch Kenntnis der Harmonie verbinden und nicht mehr wie jetzt so häufig die inkorrektesten und an Harmonie leersten Kompositonen zu ihren Lieblingen erwählen. Wie vorteilhaft dies auch auf die Künstler einwirken würde, sieht jeder leicht ein.
Als ich unsre Abreise als nahe bevorstehend meinem alten Johanning ankündigte, traten dem guten, anhänglichen Menschen die Tränen in die Augen. Er hatte uns so lieb gewonnen, daß er sogar auf jede Vergütung für die uns geleisteten Dienste Verzicht leisten wollte und sich ernstlich weigerte, den von mir für ihn bestimmten Lohn anzunehmen. Als ich ihm diesen aber aufdrang, nahm er ihn zwar, stellte aber als Bedingung noch eine Bitte, die ihm nicht abgeschlagen werden dürfe. Ich forderte ihn auf, sie zu nennen, es dauerte aber lange, bis er endlich in großer Verlegenheit herausstotterte, er bitte, daß ich und meine Frau ihm die Ehre erzeigen möchten, den Tag vor der Abreise unser letztes Diner in London bei ihm einzunehmen. Als wir ohne Zögern zusagten, verklärte sich plötzlich sein ganzes Gesicht, und er wußte nicht, wie er seine Dankbarkeit genug zu erkennen geben sollte. Am letzten Tage erschien er geputzt, wie wir ihn noch gar nicht gesehen hatten, in einem Galakleide seines verstorbenen Herrn, mit gepudertem Haar und in weißseidenen Strümpfen. Vor der Tür hielt ein viersitziger Stadtwagen, der uns nach seiner Villa bringen sollte, und in welchem wir einen uns schon bekannten Künstler, den intimsten Freund seines verstorbenen Herrn, den er ebenfalls eingeladen hatte, bereits vorfanden. Als wir eingestiegen waren, weigerte sich Johanning, den vierten Platz im Wagen einzunehmen, und meinte, das schicke sich nicht, obgleich ich ihm auseinandersetzte, er sei ja nun nicht mehr mein Diener, sondern für diesen Tag mein Wirt und Gastgeber. Er ließ sich aber nicht irre machen und nahm seinen gewöhnlichen Platz neben dem Kutscher ein. Unterwegs erzählte uns der Mitgeladene viel Rühmliches von Johanning, wie er mit unbeschreiblicher Liebe und Treue seinem Herrn zugetan gewesen sei und nach dessem Tode den größten Teil der Erbschaft dazu verwandt habe, ihm ein Denkmal in der Westminsterabtei errichten zu lassen, so daß wir uns von wahrer Hochachtung für unsern bisherigen Diener durchdrungen fühlten. Als wir angelangt[90]  waren, öffnete er den Wagenschlag und führte uns in sein Besitztum ein. Es bestand in einem schmalen Häuschen mit daran stoßendem Gärtchen, alles sehr nett und reinlich. Zuerst ging er mit uns eine Treppe hoch in das Empfangszimmer und verfehlte nicht, uns alsbald auf den Schellenzug neben dem Kamin aufmerksam zu machen, den er auch sofort hell erklingen ließ, obgleich er damit keinen Diener herbeirufen konnte, da er und seine Frau ihre eigenen Diener waren. Dann machten wir einen Gang durch das Gärtchen und traten zuletzt in das Speisezimmer ein, wo für drei Personen gedeckt war. Johanning weigerte sich abermals, neben uns am Tische Platz zu nehmen, diesmal freilich aus dem triftigen Grunde, weil wir dann ohne Bedienung sein würden. Darauf holte er aus der Küche die Speisen herbei und wartete als Wirt seinen Gästen auf. Dabei sah man ihm die Freude aus den Augen leuchten. Das Diner war gut zubereitet und wurde auf elegantem Geschirre aus der Erbschaft seines Herrn serviert. Aus dieser floß wohl auch sicher der gute Hochheimer [?], den er uns vorsetzte. Das Dessert, Erdbeeren und Kirschen, hatte sein Gärtchen geliefert, was er nicht unterließ, seinen Gästen anzukündigen. Hierauf führte er uns wieder in sein Empfangszimmer, wo wir auch Mrs. Johanning, die bisher in der Küche mit der Zubereitung der Speisen beschäftigt gewesen war, in vollem Sonntagsputze antrafen. Da endlich ließ sich, wiewohl nach nochmaligem Nötigen, das gute alte Paar bewegen, mit an dem Tische Platz zu nehmen, auf dem bereits der Kaffee aufgetragen war. Johanning schwelgte nun ganz in Entzücken und war eifrig bemüht, seiner Frau die Lobeserhebungen zu verdolmetschen, die wir über die Bewirtung geäußert hatten und noch äußerten. – Gegen Abend hielt wieder der Wagen vor der Tür, um uns zur Stadt zurückzubringen. Gerührt nahmen wir von den braven Leuten Abschied; Johanning ließ sich aber nicht abhalten, trotz alles Protestierens wieder seinen alten Platz neben dem Kutscher einzunehmen, um uns nach Haus zu begleiten und dort den Schlag zu öffnen. Ja, er war sogar am andern Morgen wieder da, um bei der Abreise behilflich zu sein. Auf dem Posthofe fanden sich auch noch andre unserer Freunde und Bekannten ein, um uns das letzte Lebewohl zu sagen.

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Die Rückreise machten wir wieder über Dover und Calais, um unsern in Lille zurückgelassenen Wagen abzuholen. Die diesmalige Überfahrt fand bei ganz ruhiger See und schönem Wetter statt, so daß niemand von den Reisenden seekrank wurde. Zwischen Calais und Lille hielt die Postkutsche auf einem so reizenden Punkte zu Mittag an, daß ich mich dessen noch jetzt, nach so langer Zeit, mit großem Vergnügen erinnere.[91] 
Es war in dem Städtchen Cassel, welches in einer weiten Ebene hoch auf einem isolierten Bergkegel liegt. Bei dem schönen Wetter hatte man für die Postreisenden im Garten des Wirtshauses unter einer Weinlaube gedeckt, und während des Essens genossen wir von diesem behaglichen, kühlen Plätzchen aus eine weite Übersicht über die herrliche Gegend. – In Lille verlebten wir noch einige vergnügte Tage in Gesellschaft der Familie Vogel und unsrer andern dortigen Freunde und setzten dann in unsrem eigenen Wagen die Reise ohne weiteren Aufenthalt bis Frankfurt fort. Hier übergab ich das in London Erworbene meinem Freunde Speyer, der es mir, wie auch das früher Ersparte, verzinsete.



 Wieder in Deutschland – Reise nach Paris
[92] 1820–1821











Unser Empfang in Gandersheim war nach der dort vorangegangenen Angstszene und nach der ersten längeren Trennung von den Kindern diesmal ein besonders herzlicher und freudiger, und wir fühlten uns jetzt nach den vorausgegangenen Anstrengungen in der ländlichen Ruhe einmal wieder recht wohl und sorgenfrei. Dies war für mich die rechte Zeit zu neuen Arbeiten, und ich vollendete daher zuerst das in London begonnene Quintett für Pianoforte, Flöte, Klarinette, Horn und Fagott, womit Dorette sich auf der bevorstehenden Winterreise als Pianofortespielerin in die Kunstwelt einführen sollte. Es war in der Tat auch hohe Zeit, sie durch das Einüben desselben künstlerisch zu beschäftigen; denn sie hatte, da sie sich wohl fühlte, die größte Lust, ihre Harfe wieder vorzunehmen. Mit Hilfe des neuen Quintetts und unterstützt von dem ärztlichen Rate meines Vaters gelang es mir jedoch bald, sie davon abzubringen. Sie widmete sich nun dem Pianoforte mit großem Eifer und hatte binnen kurzem die Freude, ihre frühere technische Fertigkeit auf demselben wiederkehren zu sehen. Es gelang ihr daher auch schon nach einigen Wochen, das schwere neue Konzertstück zu ihrer und meiner Zufriedenheit vortragen zu können.
Um diese Zeit bekam ich Besuch von zwei musikalischen Freunden aus Hamburg, den Herren Wilhelm Grund und Fritz Schwencke. Ersterer führte mir seinen jungern Bruder Eduard, der bereits ein tüchtiger Geiger war, als Schüler zu. Mit Hilfe der drei Genannten gab ich nun den Gandersheimer Musikfreunden eine Quartettmusik, wie sie diese bis dahin nicht gekannt hatten und später auch wohl nicht wieder gehört haben werden. Damit ich hierbei auch das neue Quintett zu Gehör[93]  bringen konnte, schrieb ich die Begleitung der vier Blasinstrumente schnell für ein Streichquartett um und freuete mich der guten Wirkung desselben auch in dieser Gestalt sowie des sichern und brillanten Spieles meiner Frau. Durch den Erfolg, den dieses fand, fühlte sie sich in ihren neuen Studien sehr ermutigt und über das Aufgeben der Harfe einigermaßen getröstet. Um ihr immer neuen Stoff zum Üben zu geben, schrieb ich auch noch zwei frühere Harfenkompositionen für das Piano um, einen Potpourri und ein Rondo mit Violine, später als Op. 50 und 51 gestochen. Auch diese Kompositionen wurden von uns auf das Sorgfältigste eingeübt und zu Vorträgen in Privatgesellschaften auf der nächsten Winterreise bestimmt. Nach der Abreise des Hamburger Besuches begann denn auch der Unterricht meines neuen Schülers. Er gewann durch sein Talent und seine Liebenswürdigkeit bald die Liebe der ganzen Spohrschen Familie, vom alten Großvater an bis zur kleinen Therese, die er auf echt Hamburgisch immer: »Du säute Deren« nannte. Da er auch fertiger Klavierspieler war, so übernahm er den Musikunterricht von Emilie und Ida und wußte sie trotz seiner Jugend zum fleißigen Üben anzuhalten. Er selbst machte als Geiger bald so bedeutende Fortschritte, daß ich mit ihm die drei in der Schweiz geschriebenen, überaus schweren Violinduetten (Op. 39) einübte, für die ich bisher keinen ebenbürtigen Mitspieler hatte auffinden können. Durch den genauen, reinen und feurigen Vortrag dieser fast immer vierstimmigen Duetten machten wir großes Aufsehen, und es kamen die Musikfreunde aus der ganzen Umgegend herbei, um sie zu hören. Auch in einem Konzert in Hildesheim, das der dortige Musikdirektor Bischoff (der frühere Unternehmer der Frankenhäuser Musikfeste) veranstaltete, trugen wir eins derselben mit großem Erfolge vor.
Gegen den Herbst, als ich eben begonnen hatte, mir ein neues Violinkonzert (das neunte D-moll, Op. 55) für die Winterreise zu komponieren, erhielt ich eine Einladung von Musikdirektor Rose in Quedlinburg, ein von demselben dort zu veranstaltendes Musikfest zu dirigieren. Ich nahm diese Einladung sehr gern an und beeilte mich nun, mein Konzert zu vollenden, um es dort zum ersten Male vortragen zu können. Beim Einüben desselben war es mir eine große Hilfe, daß Eduard Grund mir am Piano aus der Partitur akkompagnieren konnte, eine Erleichterung, die ich früher nie gekannt hatte.
Das Musikfest fand am 12. und 13. Oktober 1820 statt und fiel zur vollen Zufriedenheit des Unternehmers und der zahlreichen Zuhörer aus. Irre ich mich nicht, so wurde am ersten Tage Schneiders »Weltgericht« gegeben, wobei der Komponist desselben als Zuhörer anwesend[94]  war. Vom Programm des zweiten Tages erinnere ich mich nur noch meines Konzerts, das sehr beifällig aufgenommen wurde. Ich fand in Quedlinburg viele meiner frühern Freunde und Bekannten aus Sondershausen, Gotha, Leipzig, Magdeburg, Halberstadt und Braunschweig versammelt und verlebte mit ihnen einige genußreiche Tage. Nach der Rückkehr von dieser vergnügten Ausflucht, auf der mich außer meiner Frau auch die Eltern und Eduard Grund begleitet hatten, war es nun aber Zeit, unsere Winterreise, deren Endpunkt Paris sein sollte, anzutreten. Es mußte daher von neuem von den Kindern und Eltern und dem vergnügten Zusammensein in Gandersheim geschieden werden. Auch Eduard kehrte nach Hamburg zurück mit der Absicht, im Frühjahr wiederzukommen, um seine Studien unter meiner Leitung fortzusetzen. Wir nahmen unsern Weg nach Paris über Frankfurt, Heidelberg, Karlsruhe und Straßburg und gaben in allen diesen Städten Konzerte. In Frankfurt, wo wir im Hause unseres Freundes Speyer wohnen mußten, waren wir als Künstler im guten Andenken geblieben, denn unser Konzert im Saale des »Weidenbusch« war überfüllt, obgleich derselbe bequem achthundert Zuhörer fassen kann. Das neue Violinkonzert, vom Orchester vortrefflich akkompagniert, machte große Sensation; selbst Hofrat André, der früher immer viel an meinen Kompositionen auszusetzen fand, schien mit dieser neuen Arbeit vollkommen zufrieden zu sein, denn er quälte mich schon nach der Probe, es ihm in Verlag zu geben. Obgleich ich dies nun entschieden ablehnte, da mich ein Versprechen an meinen damaligen Verleger Peters in Leipzig band, ihm alle meine neuen Manuskripte zu überlassen, so begann doch André am Abend im Konzerte von neuem in mich zu dringen, und zwar mit solcher Zähigkeit, daß ich, um nur loszukommen und mich in Ruhe auf meinen Solovortrag vorbereiten zu können, ihm endlich ein »Ja!« zurief. Diese Übereilung sollte ich aber hart büßen, denn ob ich gleich Herrn Peters, um mich bei ihm zu entschuldigen, den Vorfall alsbald in aller Umständlichkeit berichtete, so mußte ich doch wegen meiner allzugroßen Nachgiebigkeit gegen Herrn André bittere Vorwürfe hören. Das neue, nun zum erstenmal mit den Blasinstrumenten begleitete Klavierquintett machte ebenfalls große Sensation, und Dorettens gediegenes Klavierspiel, von dem die Frankfurter Musikfreunde bis dahin gar nichts gewußt hatten, fand den lautesten und allgemeinsten Beifall. Ich freuete mich dieses Erfolges noch insbesondere, weil er am besten geeignet war, meine Frau über das Aufgeben der Harfe zu trösten.
Von den übrigen zwischen Frankfurt und Paris gelegenen Städten und den gegebenen Konzerten ist mir durchaus nichts mehr erinnerlich;[95]  von Heidelberg nur muß ich der Bekanntschaft mit Hofrat Thibaut, die ich damals dort machte, erwähnen. Thibaut leitete einen von ihm gestifteten Gesangverein, ließ ihn aber mit Ausschluß aller neuern Kirchenmusik nur altitalienische singen, von der er eine reiche und seltene Sammlung zusammengebracht hatte. Ich kannte bis dahin von dieser Musik weiter nichts, als was ich in der Sixtinischen Kapelle zu Rom gehört hatte, und war daher dem Herrn Hofrat sehr dankbar, daß er mir gestattete, den Übungen seines Vereines beizuwohnen, wodurch ich mehrere dieser alten Werke, die vom Verein recht sorgfältig eingeübt waren, genau kennen lernte. Die Ansicht Thibauts, daß diese Musik allein den Kirchenstil repräsentiere und alles übertreffe, was seit der Zeit geschrieben ist, kann ich zwar nicht teilen, indem mir das Requiem Mozarts, so unfertig es auch aus den Händen des darüber hingestorbenen Meisters hervor ging, allein schon mehr wert ist als alles, was ich von früherer Kirchenmusik je gehört habe; doch machte der einfach-grandiose Stil jener Werke damals einen großen Eindruck auf mich, und ich erbat mir daher die Erlaubnis, die Partituren derselben durchstudieren zu dürfen. Nach einigem Zögern wurde mein Wunsch in der Weise erfüllt, daß ich zu bestimmten Stunden Thibauts Musiksaal besuchen und die Werke am Piano durchgehen durfte; ein Mitnehmen derselben nach Hause war aber nicht erlaubt. Ich benutzte diese Vergünstigung täglich und lernte dadurch die Stimmführung und die Harmoniefolge der alten Meister recht genau kennen. Es kam mir dabei die Lust an, mich auch einmal in einer vielstimmigen Kirchenmusik alla cappella zu versuchen, und ich führte dies im folgenden Sommer in Gandersheim durch die Komposition der zehnstimmigen Messe, Op. 54, aus. Freilich war es mir nicht gegeben, mich in den einfachen Dreiklangfortschreitungen der alten Meister zu bewegen; im Gegenteil habe ich in der reichen Modulation der spätern Mozartschen Weise für die Ausführbarkeit wohl des Guten zu viel getan!
Über unsern Aufenhalt in Paris habe ich damals »Vier Briefe an einen Freund« in der Leipziger Musikalischen Zeitung, Jahrgang 1821, abdrucken lassen, die hier Platz finden mögen.

Erster Brief
den 18. Dez. 1820

Ich hoffe, mein geliebter Freund, Du wirst es mir hoch anrechnen, daß ich Dir schon acht Tage nach unserer Ankunft schreibe, jetzt, wo das viele Neue noch so auf mich einstürmt, daß es mir schwer wird, mich[96]  gehörig zu sammeln. Allein mein eigener Vorteil will, daß ich des Stoffes nicht zu viel sich anhäufen lasse, weil ich sonst mich wohl gar nicht mehr herauszufinden vermöchte.
Mit klopfendem Herzen fuhr ich durch die Barriere von Paris. Der Gedanke, daß mir nun die Freude zuteil werden würde, die Künstler persönlich kennen zu lernen, deren Werke mich schon in meiner frühesten Kindheit begeistert hatten, erregte diese lebhafte Bewegung in mir. Ich versetzte mich in Gedanken in die Zeit meiner Knabenjahre zurück, wo Cherubini mein Idol war, dessen Werke ich in Braunschweig durch das damals dort bestehende französische Theater früher kennen zu lernen Gelegenheit fand als selbst die Mozartschen; ich erinnerte mich lebhaft der Abende, wo die »deux journées« zum erstenmal gegeben wurden, wie ich, ganz trunken von dem gewaltigen Eindruck, den dies Werk auf mich gemacht hatte, mir noch am Abend die Partitur geben ließ und die ganze Nacht darüber saß, und wie es hauptsächlich diese Oper war, die mir den ersten Impuls zur Komposition gab. Den Schöpfer derselben und noch mehrere andere Männer, deren Werke auf meine Ausbildung als Komponist und Geiger den entschiedensten Einfluß gehabt haben, sollte ich nun bald sehen!
Wir waren daher auch kaum unter Dach gekommen, als ich es mein erstes Geschäft sein ließ, mehrere dieser Künstler aufzusuchen. Von allen wurde ich freundlich empfangen, und zwischen mir und mehreren entspann sich bald ein freundschaftliches Verhältnis. Von Cherubini war mir gesagt worden, er sei im Anfange gegen Fremde zurückhaltend, ja finster; ich fand ihn nicht so. Er empfing mich, ohne daß ich eine Empfehlung gebracht hätte, auf das freundlichste und lud mich ein, meinen Besuch, sooft ich wollte, zu wiederholen. –
Am Abend unserer Ankunft führte uns Kreutzer in die große Oper, wo ein Ballett mit lieblicher, charakteristischer Musik von ihm: »Le carneval de Venise« gegeben wurde. Sängern und Tänzern der großen Oper merkt man es an, daß sie gewohnt sind, sich in einem größern Lokale zu bewegen; sie tragen für diesen im Vergleich mit dem verlassenen Opernhause sehr beschränkten Raum viel zu grell auf. Mehrere große Opern, namentlich die Gluckschen, können jetzt gar nicht gegeben werden, da man nicht einmal den nötigen Platz für das ganze Orchester hat ausmitteln können. Daher hofft man sehnlichst auf die Vollendung des neuen Opernhauses, das aber doch, so tätig man auch daran arbeitet, vor Mitte des Sommers nicht fertig werden wird. Vor dem Ballett wurde die Oper »Le devin du village«, Text und Musik[97]  von Rousseau, gegeben. Soll man es loben oder tadeln, daß die Franzosen neben dem vielen Vorzüglichen, wodurch ihr Opernrepertoire in den letzten zwanzig Jahren bereichert worden ist, noch immer die allerältesten Sachen geben, und ist es wohl ein Zeichen eines fortgeschrittenen, ausgebildeten Kunstgeschmacks, wenn man sie die ältesten Opern von Grétry in ihrer harmonischen Armut und Inkorrektheit mit eben dem Enthusiasmus oder wohl noch größerm aufnehmen sieht als die Meisterwerke von Cherubini und Méhul? Mir scheint das nicht so. Wie lange ist es nicht schon her, daß die Opern von Hiller und Dittersdorf und andern jener Zeit von unsern Repertoiren verschwunden sind, obgleich diese ihrem innern musikalischen Werte nach den meisten Grétryschen weit vorzuziehen sind. Freilich ist es auf der andern Seite wieder sehr niederschlagend, daß bei uns nur das Neue, es sei noch so fade und inkorrekt, Eingang findet, und manches vortreffliche Ältere darüber zurückgelegt und vergessen wird. Doch kann man es dem Kunstgeschmack der Deutschen hoch anrechnen, daß die Mozartschen Opern allein eine Ausnahme davon machen und nun seit länger als dreißig Jahren fortwährend auf allen deutschen Theatern gegeben werden, weil es einen Beweis liefert, daß die deutsche Nation nun endlich von der unübertrefflichen Vollkommenheit dieser Meisterwerke durchdrungen sei und in dieser Überzeugung auch nicht irre werden wird, wenngleich das süße musikalische Gift, was uns so reichlich von jenseits der Alpen zufließt, noch so weit um sich greifen sollte. – Das Orchester der großen Oper zählt im Vergleich mit den übrigen Orchestern die meisten berühmten und ausgezeichneten Künstler, soll im Ensemble aber dem der italienischen Oper nachstehen. Ich kann darüber noch nicht urteilen, da ich bis jetzt nur dieses gehört habe. In dem Ballett von Kreutzer, welches vom Orchester mit großer Genauigkeit gespielt wurde, erfreute mich ein Oboesolo, welches von Hrn. Vogt meisterhaft vorgetragen wurde. Diesem Künstler ist es gelungen, seinem Instrumente eine vollkommene Gleichheit des Tons und der Intonation in dem ganzen Umfange von c bis zweigestrichen f zu geben, ein Bestreben, woran fast alle Oboisten scheitern. Sein Vortrag ist überdies voll Grazie und Geschmack. –
Weniger als das erstemal habe ich mich vor einigen Tagen in der großen Oper erbauet. Man gab »Les mystères d'Isis«. Nur zu gerecht sind die Klagen der Verehrer Mozarts über die Umgestaltung der herrlichen »Zauberflöte« in dieses Machwerk, welches bei seinem Erscheinen von den Franzosen selbst in les misères d'ici umgetauft wurde. Man schämt sich, daß es Deutsche waren, die sich so an dem unsterblichen Meister[98]  versündigten. Es ist nichts unangetastet geblieben wie die Ouvertüre; alles übrige ist durcheinander geworfen, verändert und verstümmelt. Die Oper fängt mit dem Schlußchor der »Zauberflöte« an; dann folgt der Marsch aus »Titus«, dann bald dieses, bald jenes Bruchstück aus andern Mozartschen Opern, sogar auch ein Stückchen einer Haydnschen Symphonie. Dazwischen dann Rezitative von des Hrn. Lachnith eigener Fabrik. Ärger aber wie dieses ist es, daß die Bearbeiter vielen freundlichen, selbst komischen Stellen der »Zauberflöte« ernsten Text untergelegt haben, wodurch die Musik dieser Stellen nun zur Parodie des Textes und der Situation wird. So singt z.B. hier die Papagena die charakteristische Arie des Mohrs: »Alles fühlt der Liebe Freuden«, und das liebliche Terzett der drei Knaben: »Seid uns zum zweitenmal willkommen« wird von den drei Damen gesungen. Aus dem Duett: »Bei Männern, welche Liebe fühlen« ist ein Terzett geworden usw. Am ärgsten ist es aber, daß man sich sogar Veränderungen in der Partitur erlaubt hat; so fehlt z.B. in der Arie: »In diesen heil'gen Hallen« bei der Stelle: »So wandelt er an Freundes Hand« der nachahmende Baß




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der hier nicht allein der Harmonie wegen unentbehrlich, sondern auch, auf das Wandeln deutend, so charakteristisch ist, ganz und gar, und die Bässe schlagen statt dessen nur das h einige Male an. Wie nüchtern und kahl diese in Deutschland so oft bewunderte Stelle nun klingt, kannst Du Dir leicht denken. Ferner haben die Bearbeiter in den Gesängen der drei Damen, wo bei Mozart die dritte Gesangstimme nur durch die Violinen verstärkt und gestützt wird, auch Violoncelle und Kontrabässe gesetzt, so daß der Baß bei diesen zarten, nur dreistimmig gehaltenen Stellen in drei verschiedenen Oktaven liegt, was einem gebildeten Ohr unerträglich klingt. Und so gibt es solcher Versündigungen noch mehrere.
Man muß den Franzosen die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß sie von jeher diese vandalische Verstümmelung eines großen Meisterwerks (die ihnen bei der Unbekanntschaft mit dem Original nicht einmal in ihrer ganzen Ausdehnung bekannt geworden ist) entschieden gemißbilligt haben; aber wie kommt es, daß die »mystères« demohnerachtet seit achtzehn bis zwanzig Jahren auf dem Repertoire bleiben, da doch hier das Publikum, wie ich das täglich sehe, so despotisch im Theater regiert und alles durchzusetzen weiß, was es will![99] 
Die Aufführung konnte mir als Deutschen nicht genügen. Selbst die Ouvertüre ging nicht so gut, als sie von einem so herrlichen Verein vorzüglicher Künstler hätte gegeben werden können. Sie wurde zu schnell genommen und nach dem Ende zu noch mehr getrieben, so daß die Geiger zuletzt statt der Sechzehnteile nur Achtel spielen konnten. Die Sänger der großen Oper, die im deklamatorischen Gesange ihre großen Verdienste haben mögen, sind wenig geeignet, die zarten Gesänge der »Zauberflöte« befriedigend zu geben. Sie singen sie mit einer Derbheit, die alles Zarte davon abstreift. Die Ausstattung an Dekorationen, Garderobe und Tanz ist anständig, doch nicht so prächtig, als ich erwartet hatte. – Gestern besuchten wir die große Oper zum drittenmal und sahen »Clari«, ein großes Ballett in drei Aufzügen, Musik von Kreutzer. Sowenig ich auch das Ballett liebe, und sowenig mir auch das Pantomimische des Aufwandes an Kunstmitteln wert scheint, die hier daran verschwendet werden, so leugne ich doch nicht, daß das Pariser einigemal, bis man durch die Monotonie der mimischen Bewegungen und durch die noch größere der Tänze ermüdet ist, angenehm unterhalten kann. Allein, selbst so vollkommen gegeben wie hier, er scheint mir die Pantomime in der Armut ihrer Zeichen, die immer erst einer gedruckten Erklärung bedürfen, neben dem rezitierenden Schauspiel wie ein Schattenriß einer Zeichnung. Man möge ihn noch so sehr herausputzen durch goldenen Grund, verzierte Umgebung (wie hier das Ballett durch Pracht der Dekorationen und Kleider), er gibt nur die Umrisse, und das Leben fehlt. So möchte ich auch das Schauspiel neben der Oper einer Zeichnung neben dem Gemälde vergleichen. Durch den Gesang erhält die Dichtung erst das Kolorit, und nur ihm, unterstützt von der Gewalt der Harmonie, gelingt es, die unnennbaren, bloß geahndeten Regungen der Seele auszudrücken, die die Sprache nur anzudeuten sich begnügen muß. Die Musik zu »Clari« ist sehr gelungen und besonders im zweiten und dritten Akt von hinreißender Wirkung. Sie erleichtert durch richtiges Ausmalen der Leidenschaften das Verstehen der Handlung sehr und enthält einen Schatz lieblicher Melodien, von denen zu bedauern ist, daß sie nicht einer Oper zuteil geworden sind. Demoiselle Bigottini gab die Hauptrolle und entwickelte ein tiefes Studium des Mienen- und Gebärdenspieles. Daß sie den Ausdruck ihrer Gesichtszüge bei höchst leidenschaftlichen Situationen bis zur Grimasse steigert, mag wohl daran liegen, daß sie bisher immer in einem großen Lokale auftrat, wo der Entfernung wegen stark aufgetragen werden mußte. Vielleicht scheint es mir als Deutschen aber auch nur so, denn[100]  der Beifall war nie lärmender, als wenn sie (für mein Gefühl) die Grenze des Schönen und Graziösen überschritt.
Vor dem Ballett gab man »Le rossignol«, Oper in einem Akt, nach welcher die deutsche, von Weigl komponierte Oper »Nachtigall und Rabe« bearbeitet worden ist. Die Musik der französischen ist unbedeutend und wurde mir nur interessant durch das von Hrn. Tulou meisterhaft vorgetragene Flötensolo. Es ist unmöglich, einen schönern Ton zu hören, als Herr Tulou seinem Instrumente zu entlocken weiß. Seitdem ich ihn hörte, kommt es mir nicht mehr so unpassend vor, wenn unsere Dichter den Wohllaut einer schönen Stimme dem Flötenton vergleichen.

Zweiter Brief
den 31. Dezember 1820

Vierzehn genußreiche Tage sind seit Abgang meines ersten Briefes verflossen, und viel Schönes haben wir seitdem gesehen und gehört; doch muß ich mich für jetzt begnügen, Dir nur von dem zu schreiben, was in nächster Beziehung mit meiner Kunst steht.
Ich habe nun vor Künstlern und Dilettanten, Kennern und Laien als Geiger und Komponist debütiert, zuerst bei Hrn. Baudiot, erstem Violoncellisten der königlichen Kapelle, tags darauf bei Kreutzer und seitdem in noch drei Gesellschaften. Bei den beiden erstern waren fast nur Künstler gegenwärtig, bei Kreutzer besonders fast alle ausgezeichneten Komponisten und Geiger von Paris. Ich gab mehrere meiner Quartetten und Quintetten, und am zweiten Tag mein Nonetto zu hören. Die Komponisten sagten mir viel Schönes über die Komposition, die Geiger über mein Spiel. Von letztern waren Viotti, beide Kreutzer, Baillot, Lafont, Habeneck Fontaine, Guerin und mehrere andere, deren Namen in Deutschland nicht so bekannt sind, zugegen, und Du siehst wohl, daß es dasmal galt, und daß ich mich zusammennehmen mußte, um meinen Landesleuten Ehre zu machen. Die Partien der Blasinstrumente meines Nonetts waren durch die fünf Künstler besetzt, von deren meisterhafter Exekution der Reichaschen Quintetten Du oft in den Berichten aus Paris gelesen haben wirst. Ich hatte die Freude, zwei dieser Quintetten von ihnen zu hören, behalte mir aber vor, Dir ausführlich darüber zu schreiben, wenn ich deren erst noch mehrere kennen werde. Auf allgemeines Verlangen der anwesenden Künstler mußten wir mein Nonett an demselben Abend noch einmal wiederholen; und hatten mich die Mitspielenden schon das erstemal durch die[101]  Fertigkeit, mit der sie dieses schwere Musikstück a prima vista lasen, in Erstaunen gesetzt, so befriedigten sie mich bei der Wiederholung noch weit mehr dadurch, daß sie nun in den Geist der Komposition eindrangen und ihn wiedergaben. – Der junge Klavierspieler Herz, von dem Du ebenfalls in dem Pariser Musikalischen Allerlei gelesen haben wirst, spielte auch an jenem Abend zweimal, zuerst Variationen von sich über ein Thema aus der »Schweizerfamilie«, dann die bekannten Variationen von Moscheles über den Alexander-Marsch. Die außerordentliche Fertigkeit dieses jungen Mannes setzt in Erstaunen; doch scheint auch bei ihm, wie bei allen hiesigen jungen Künstlern, die ich bis jetzt hörte, die technische Ausbildung der geistigen vorgeschritten zu sein; er würde doch sonst wohl in einer Gesellschaft, in der nur Künstler zugegen waren, etwas anderes und Gediegeneres als diese halsbrechenden Kunststücke zu hören gegeben haben. Es ist aber auffallend, wie alles hier, jung und alt, nur danach strebt, durch mechanische Fertigkeit zu glänzen, und Leute, in denen vielleicht der Keim zu etwas Besserm liegt, ganze Jahre mit Aufbieten aller ihrer Kräfte dazu verwenden, ein einziges Musikstück, was als solches oft nicht den mindesten Wert hat, einzuüben, um dann öffentlich damit auftreten zu können. Daß bei solchem Verfahren der Geist getötet werden müsse und aus solchen Leuten nicht viel Besseres werden könne als musikalische Automaten, ist leicht begreiflich.
Man hört daher auch in den hiesigen Musikgesellschaften selten oder nie ein ernstes, gediegenes Musikstück, etwa ein Quartett oder Quintett von unsern großen Meistern; jeder reitet nur sein Paradepferd vor; da gibt es nichts als Airs variés, Rondos favoris, Nocturnes und dergleichen Bagatellen mehr, und von den Sängern Romanzen und kleine Duetten, und wenn dies alles auch noch so inkorrekt und fade ist, es verfehlt seine Wirkung nie, wenn es nur recht glatt und süß vorgetragen wird. Arm an solchen niedlichen Kleinigkeiten, bin ich mit meiner ernsten deutschen Musik übel daran und habe in solchen Musikgesellschaften nicht selten das Gefühl eines Menschen, der zu Leuten spricht, die seine Sprache nicht verstehen; denn wenn ich auch manchmal von diesem oder jenem Zuhörer das Lob, was er meinem Spiele zollt, mit auf die Komposition ausgedehnt höre, so darf ich darauf nicht stolz sein, da er gleich nachher die trivialsten Sachen mit denselben Lobsprüchen begleitet. Man errötet, von solchen Kennern gelobt zu werden.
Ebenso ist es auch in den Theatern; der große, tonangebende Haufen weiß durchaus das Schlechteste vom Besten nicht zu unterscheiden; er[102]  hört mit demselben Entzücken »le jugement de Midas« wie »les deux journées« oder »Joseph«. Man braucht nicht lange hier zu sein, um der schon öfter ausgesprochenen Meinung beizutreten, daß die Franzosen das unmusikalischste Volk der kultivierten Welt sind. Selbst die hiesigen Künstler sind dieser Meinung und antworten mir oft, wenn ich in dieser Beziehung von Deutschland rede: ja, dort liebt und versteht man Musik, hier nicht. So wird es auch erklärlich, wie in Paris eine herrliche Musik zu einem schlechten Theaterstück durchfallen und eine erbärmliche Musik zu einem guten großes Glück machen kann. Dies hat mir nun auch schon alle Lust geraubt, für eins der hiesigen Theater zu schreiben, wie ich früher wohl sehr gewünscht habe; denn abgerechnet, daß ich hier wie ein junger Komponist von vorn anfangen müßte, da man von meinen Kompositionen bis auf einige Violinsachen noch wenig oder nichts kennt, abgerechnet ferner, daß ich mich durch tausend Kabalen, die sich gegen mich als Fremden doppelt furchtbar erheben würden, durchzuarbeiten hätte, bis ich mein Werk zur Aufführung bringen könnte, so wäre ich am Ende mit dem Bewußtsein, gute Musik geschrieben zu haben, doch des Erfolges noch nicht gewiß, der hier, wie gesagt, fast allein vom Stücke abhängt. Man sieht dies schon aus den Beurteilungen neuer Opern in den hiesigen Journalen, wo vom Text seitenlang die Rede ist und der Musik nur mit ein paar Worten im Vorbeigehen erwähnt wird. Wäre es nicht so lukrativ, für die hiesigen Theater zu schreiben, so würde sich schon längst kein guter Komponist mehr dazu hergegeben haben. So aber, bei dem bedeutenden Gewinn, den eine Oper, wenn sie gefällt, auf die ganze Lebenszeit einträgt, entstehen fast täglich neue Werke: Dichter und Komponist sinnen unaufhörlich auf neue Effekte, versäumen darüber aber nicht, das Publikum durch die Journale monatelang zu bearbeiten; sorgen am Abend der Aufführung für eine gehörige Anzahl Klatscher im Parterre, um durch alles dies ihrem Werke eine brillante Aufnahme und sich durch diese oft wiederholte Aufführungen [und] am Ende reiche Einnahmen zu verschaffen. Wäre in Deutschland auch nur halb so viel mit einer Oper zu gewinnen, so würden wir bald ebenso reich an vorzüglichen Theaterkomponisten sein, wie wir es jetzt an Instrumentalkomponisten sind, und man würde dann nicht mehr nötig haben, das Fremde auf unsere Bühnen zu verpflanzen, das der Kunstbildung der Deutschen größtenteils so unwürdig ist.
Daß wir nun nach einem dreiwöchentlichen Aufenthalte die Theater alle und wiederholt besucht haben, versteht sich von selbst. Ich bin doppelt froh darüber, da sich jetzt bei vermehrter Bekanntschaft die[103]  Engagements für Mittag und Abend so gehäuft haben, daß wir in den nächsten vierzehn Tagen wohl nur wenige Abende dem Theater werden widmen können.
Vom Théâtre français, dem Odéon und den vier kleinen Theatern schreibe ich Dir nicht, weil sie in musikalischer Hinsicht nichts Bemerkenswertes darbieten. In den beiden ersten hört man nur Entreacts und in den vier andern fast nichts wie Vaudevilles. Daß diese Gattung von Theaterstücken (die, Apoll und den Musen sei es gedankt, bis jetzt noch in kein anderes Land verpflanzt worden ist) hier so sehr geliebt wird, daß vier Theater sie fast ausschließlich geben, beweist wohl am bündigsten, daß die Franzosen ein unmusikalisches Volk sind; denn ärger kann die heilige Kunst nie und nirgends gemißbraucht werden als in diesen Gesängen, die weder gesungen, noch gesprochen, sondern in Intervallen herausgepoltert werden, die mit der vorgeschriebenen Melodie und der sie begleitenden Harmonie im grellsten Widerspruche sind. Es sind auch alle Franzosen von Geschmack einverstanden, daß die Vaudevilles, die früher nur in einem Theater gegeben wurden, durch ihre Vermehrung den Sinn für wahre Musik immer mehr ersticken und daher auf die Kunstbildung sehr nachteilig einwirken. Wir haben diese Theater jedes einmal besucht, um die berühmten Komiker Brunet, Pothier und Perlet kennen zu lernen, werden uns aber wohl zu keinem zweiten Besuche entschließen können, da der Genuß, den jene Künstler durch ihren Witz und ihre unerschöpfliche Laune gewähren, durch das Anhören so schlechter Musik zu teuer erkauft wird. Am merkwürdigsten war mir in diesen Theatern die Geschicklichkeit der Orchester, mit der sie dem Sänger, der sich nicht im mindesten an den Takt und die Geltung der Noten bindet, zu folgen wissen. Dies ist aber auch ihr größtes Verdienst; im übrigen sind sie ziemlich mittelmäßig.
Das italienische Theater haben wir öfter besucht und manchen Kunstgenuß dort gehabt. Gestern sahen wir denn endlich auch »Don Juan«, nachdem er ziemlich lange ausgesetzt gewesen war. Das Haus war wieder, wie bei den frühern Aufführungen, überfüllt, und Hunderte von Menschen konnten schon eine halbe Stunde vor Anfang keinen Platz mehr finden. Ich wurde versucht zu glauben: die Pariser hätten nun endlich die klassische Vortrefflichkeit dieses Werkes begriffen und drängten sich in immer größerer Menge herbei, um es zu genießen; diese Meinung gab ich aber bald wieder auf, wie ich sah, daß die herrlichsten Nummern der Oper, das erste Duett, das Quartett, das große Septett und so manches andere, ohne Eindruck auf sie zu machen, vorüberging und nur zwei Nummern rauschenden Beifall erhielten, der[104]  überdies mehr den Sängern als dem Komponisten galt. Diese zwei Nummern, die jedesmal da capo verlangt werden, waren das Duett zwischen Don Juan und Zerline: »Reich mir die Hand, mein Leben« und die Arie vom Don Juan: »Treibt der Champagner«, ersteres, weil es Hrn. Garcia an Tiefe fehlt, in b und letztere gar einen ganzen Ton höher, in c transponiert. Mad. Mainville-Fodor, die wohl gewußt hat, daß die Gesangstücke der Zerline den Parisern mehr als alles übrige der Oper gefallen würden, wählte sich wohlweislich diese Rolle, und der Erfolg hat bewiesen, daß sie richtig kalkulierte. Was kümmert sie, daß die Oper nun ganz verkehrt besetzt worden ist, wenn ihr nur rauschender Beifall zuteil wird. Diesen kann ihr der Kenner aber nur dann zollen, wenn er vergißt, daß sie die Rolle eines Bauernmädchens gibt, wenn er ganz auf Wahrheit der Darstellung Verzicht leistet. Denn sie schmückt die einfachen Gesänge ihrer Partie mit einer Menge hochtrabender Verzierungen aus, die, so herrlich sie sie auch ausführt, doch hier doppelt verwerflich sind, erstlich, weil sie in Mozartsche Musik überhaupt nicht hineingehören, und zweitens, weil sie dem Charakter der Rolle nicht angemessen sind. Diese abgerechnet, gewährt es freilich einen ungewohnten Genuß, diese Partie, die in Deutschland gewöhnlich durch die dritte Sängerin besetzt ist, hier von der ersten und einer so ausgezeichneten singen zu hören. Hr. Garcia als Don Juan tut des Guten auch zu viel. Wo es sich nur einigermaßen schicken will, ist er gleich mit einer ellenlangen Verzierung bei der Hand. Am unschicklichsten sind diese in dem Ständchen, wo die figurierte Mandolinbegleitung auch die allereinfachste verbietet. Nichtsdestoweniger läuft er die kreuz und quer herum, und um dieses bequemer zu können, läßt er das Tempo recht langsam nehmen. Dafür singt er aber seine Arie: »Treibt der Champagner« unvergleichlich, und ich gestehe, diese Arie noch nie so gut gehört zu haben. Es kommt ihm dabei die geläufige italienische Zunge sehr zu statten, und anstatt daß unsern deutschen Sängern gewöhnlich der Atem dabei ausgeht, steigert sich bei ihm die Kraft bis zum Schluß. Die übrigen Rollen sind mehr oder weniger gut besetzt, keine aber schlecht, und man muß es mit Dank anerkennen, daß jeder sein Möglichstes tut, um dem Werke Ehre zu machen. Man kann auch mit der Aufführung sehr zufrieden sein, sobald man vergißt, zu welchen Ansprüchen man bei einem so berühmten Künstlerverein berechtigt ist. So viel wird einem Deutschen aber doch bald klar, daß diese Sänger, die neuitalienische, besonders Rossinische Musik in höchster Vollendung geben, die Mozartsche nicht mit gleicher Trefflichkeit exekutieren[105]  können; die Gattung ist gar zu verschieden. Der weichliche, süße Vortrag, der bei jener ganz an seinem Platze ist, verwischt hier zu sehr den energischen Charakter, der dem »Don Juan« vor allen andern Mozartschen Opern eigen ist.
Das Orchester, das die Pariser immer das erste der Welt nennen, gab an diesem Abend doch einige Blößen. Erstlich fehlten die Blasinstrumente zweimal recht auffallend, und zweitens schwankte es mehrere Male so, daß der Direktor zum Taktschlagen seine Zuflucht nehmen mußte. Ich bin von neuem in der Überzeugung bestärkt worden, daß ein Theaterorchester, sei es auch noch so vortrefflich, wegen der weiten Entfernung der beiden äußersten Enden nicht anders als durch unausgesetztes Taktgeben dirigiert werden sollte, und daß es nichts taugt, wenn der Direktor selbst mitspielt, auch dann nicht, wenn er, wie Hr. Grasset, durch Bewegungen des Körpers und der Geige fortwährend den Takt markiert. Im übrigen ist dies Orchester wegen der Diskretion, mit der es den Gesang begleitet, mit Recht berühmt und könnte darin den übrigen Parisern sowie manchen deutschen zum Muster dienen.
Auch der Chor ist vortrefflich und war beim Schlußallegro des ersten Finale von besonders kräftiger, herrlicher Wirkung. Warum wurde aber auch hier, wie fast allenthalben, dieses Allegro wieder so unmäßig schnell genommen! Bedenken denn die Direktoren gar nicht, daß sie dadurch die Kraft nur lähmen, anstatt sie zu steigern, und daß die Triolenfiguren der Geigen, die den breiten Massen erst Leben und Bewegung geben müssen, bei so rasend schneller Bewegung gar nicht mehr deutlich und kräftig herausgebracht werden können und man am Ende statt des lebendigen Ganzen nur skelettierte Umrisse ohne Ausfüllung zu hören bekommt?!
Wenn man so einem herrlichen Musikstücke durch falsches Tempo seinen Effekt schmälern hört, wird von neuem der Wunsch rege, daß doch endlich die Bezeichnung der Tempi auf Mälzelsche oder Webersche Weise (oder besser noch auf beide zugleich) allgemein werden möchte. Freilich müßten die Direktoren sich dann auch gewissenhaft danach richten und nicht, wie jetzt, ihrem eigenen Gefühl unbedingt folgen wollen.

Dritter Brief
Paris, den 12. Januar 1821



Mit erleichtertem Herzen melde ich Dir, mein geliebter Freund, daß mein öffentlicher Debüt nun auch glücklich überstanden ist. Es bleibt[106]  für einen fremden Geiger immer ein gewagtes Unternehmen, in Paris aufzutreten, da die Pariser, in dem Wahn befangen, die ersten Geiger der Welt zu besitzen, es beinahe wie eine Arroganz betrachten, wenn ein Fremder sich Talent genug zutraut, einen Vergleich mit diesen aushalten zu können. Ich darf mir daher wohl ein wenig auf die brillante Aufnahme, die mir vorgestern zuteil wurde, zugute tun, um so mehr, da ich den Zuhörern, etwa ein Dutzend ausgenommen, persönlich fremd war und sich unter ihnen keine durch Freibilletts erkaufte Klatscher befanden. Ich hatte mich aber auch sehr sorgfältig vorbereitet, und wurde durch das sorgsame, von Hrn. Habeneck geleitete Akkompagnement gehörig unterstützt. Auch war ich nicht im mindesten befangen, was mir sonst, wenn ich in einem fremden Lande zum ersten Male auftrete, wohl geschieht und was auch im vorigen Jahre in London der Fall war. Den Grund davon glaube ich in dem Umstande zu finden, daß ich hier vor dem öffentlichen Auftreten bereits vor allen ausgezeichneten Künstlern gespielt hatte, in London aber schon acht Tage nach unserer Ankunft, ohne von irgend jemand vorher gehört worden zu sein, im Philharmonischen Konzert auftreten mußte.
Ehe ich in die Details des Konzerts eingehe, muß ich Dir wohl erzählen, auf welche Weise ich es gab. Wenn es schon in jeder andern Stadt ein lästiges Geschäft ist, ein Konzert zu arrangieren, so ist es vollends in dem weitläuftigen Paris, wo täglich so viele Theater spielen, so vielerlei konkurriert und so manches Hindernis zu beseitigen ist, eine wahrhaft herkulische Arbeit. Ich glaube auch, daß dies die Ursache sein mag, warum so viele Künstler, die nach Paris kommen, darauf Verzicht leisten, ein öffentliches Konzert zu geben, das freilich auch außerdem durch die enormen Kosten von beinahe 3000 Franken immer ein gewagtes Unternehmen bleibt. Wenn mir nun schon an andern Orten diese Geschäfte im höchsten Grade zuwider sind, so kannst Du Dir denken, wie ich mich hier davor fürchtete. Um diesen nun auszuweichen, kam ich auf die Idee, der Administration der großen Oper den Vorschlag zu tun, mit mir gemeinschaftlich zur Teilung der Kosten und der Einnahme eine Abendvorstellung zu geben, von der die erste Hälfte durch ein Konzert, die zweite durch ein Ballett auszufüllen wäre. Wider Erwarten aller derer, mit denen ich davon gesprochen hatte, wurde dieser Vorschlag angenommen.
Die Zustimmung des Ministers verzögerte sich aber so lange, daß das Konzert nur drei Tage vorher angekündigt werden konnte, und diesem Umstande schreibe ich es zu, daß das Haus, obgleich gut besetzt, doch nicht so angefüllt war, als ich es bei diesem für die Pariser ganz neuen[107]  und durch seine Neuheit anziehenden Arrangement erwartet hatte. Die Hälfte, die mir nach Abzug der Kosten zuteil wurde, war daher freilich nicht sehr bedeutend; da ich indessen nicht darauf gerechnet hatte, hier viel zu gewinnen, so bereue ich dies Arrangement keineswegs, da es mich unendlicher Mühe überhoben und mir doch Gelegenheit verschafft hat, öffentlich aufzutreten.
Ich gab von meinen Kompositionen: die Ouvertüre aus »Alruna«, das neueste Violinkonzert und den Potpourri über das Duett aus »Don Juan«. Dazwischen wurde eine Kavatine von Rossini, gesungen von Demoiselle Cinti, und ein Duett von ebendemselben, gesungen von den Herren Bordogni und Levasseur, eingeschoben. Die Ouvertüre war bei der Probe dreimal wiederholt worden und ging daher am Abend, wenn auch nicht so gut wie das letztemal in der Probe, doch so, daß das Publikum der Exekution seinen Beifall nicht versagen konnte. Im Konzerte sowohl wie im Potpourri fehlten einige der Blasinstrumente ein paarmal aus einer den Franzosen ziemlich gewöhnlichen Nachlässigkeit im Pausieren; es wurde aber dadurch glücklicherweise nicht viel verdorben. Der Beifall des Publikums sprach sich in lebhaftem Applaudieren und Bravorufen unzweideutig aus. Nicht so günstig lautet heute die Kritik der meisten Journalisten. Ich muß Dir dies Rätsel lösen. Diese Herren sind es gewohnt, daß jeder öffentlich Auftretende, sei es Fremder oder Einheimischer, ihnen die Visite mache, sich ein günstiges Urteil erbitte und einige Freibillets demütig überreiche. Fremde Künstler, um diesen unangenehmen Visiten zu entgehen, kleiden ihr Gesuch allenfalls auch nur schriftlich ein und überschicken so die Freibilletts; oder, was auch schon öfters geschehen ist, veranlassen ein ihnen gewogenes Haus, an das sie empfohlen sind, die Herren Journalisten zum Mittagsessen einzuladen, wo man ihnen dann am bequemsten zu verstehen geben kann, was man vor und nach dem Konzert von sich gern gesagt haben möchte. Dies mag wohl dann und wann auch bei uns in Deutschland geschehen; doch glaube ich nicht, daß irgendwo die Kritik so feil sein kann wie hier. Man hat mich versichert, daß die vorzüglichsten Künstler des Théâtre français, Dem. Mars und selbst Talma, bedeutende Summen jährlich an die Journalisten zahlen, um diese Herren immer beim Guten zu erhalten, und daß diese sich aus einer Geldverlegenheit nie sicherer heraushelfen können, als wenn sie irgend einen geachteten Künstler so lange angreifen, als bis er sich gutwillig zu einem Geldtribut versteht. Wie aber eine solche käufliche Kritik noch im mindesten geachtet werden kann, begreife ich nicht. – Genug, diese Supplikantenvisiten hatte ich nicht gemacht, weil[108]  sie mir eines deutschen Künstlers unwürdig schienen, und glaubte, das Schlimmste, was daraus entstehen könnte, sei, daß die Journalisten meines Konzerts gar nicht erwähnen würden. Da diese aber für ihre Person bei jeder Vorstellung der großen Oper freien Eintritt haben, so hatte ich mich darin doch geirrt. Sie reden alle davon; einige mit unbedingtem Lobe; die meisten hingegen mit einem Aber, wodurch das Lob mehr wie genug entkräftet wird. In allen diesen Berichten spricht sich aber die französische Eitelkeit recht selbstgefällig aus. Alle fangen damit an, ihre eigenen Künstler und ihre Kunstbildung über die aller andern Nationen zu erheben; sie meinen, das Land, welches die Herren Baillot, Lafont und Habeneck besitzt, brauche kein anderes um seine Geiger zu beneiden; und wenn man hier demohngeachtet das Spiel eines Fremden mit Enthusiasmus aufgenommen habe, so sei dies bloß ein Beweis, wie gastfreundschaftlich die Franzosen überhaupt gegen Fremde seien. Diese Eitelkeit abgerechnet, sind die Berichte aber doch sehr widersprechend. In der Quotidienne heißt es z.B.: Mr. Spohr aborde, avec une incroyable audace, les plus grandes difficultés, et l'on ne sait ce qui étonne le plus ou son audace ou la sûreté avec laquelle il exécute ces difficultés; im Journal des Debats hingegen: Le concerto exécuté par Mr. Spohr n'est point surchargé de difficultés usw. Ebenso verschiedener Meinung sind die Herren über den Wert oder Unwert meiner Kompositionen. Die meisten finden sie gut, ohne indessen zu sagen, warum; der Courier des spectacles aber, der mich überhaupt gewaltig mitnimmt, sagt davon: C'est une espèce de pacotille d'harmonie et d'enharmonie germanique, que Mr. Spohr apporte, en contrebande, de je ne sais quelle contrée d'Allemagne. Dafür ist aber Rossini sein Mann, von dem es weiter unten heißt: Cet Orphée moderne a défrayé de chant le concert de Mr. Spohr, et lui suffit pour cela de prêter une petite aria et un petit duo bouffo. Als Geiger habe ich indessen mehr Gnade vor seinen Augen gefunden; er sagt nämlich: Mr. Spohr comme exécutant est un homme de mérite; il a deux qualités rares et précieuses, la purité et la justesse, schließt dann aber seine Phrase als echter Franzose: s'il reste quelque temps à Paris, il pourra perfectionner son goût et retourner ensuite, former celui des bons Allemands. Wenn doch der gute Mann wüßte, was die bons Allemands von dem Kunstgeschmacke der Franzosen denken!!!
Diese lächerliche Eitelkeit der Pariser äußert sich auch in ihren Gesprächen; spielt dieser oder jener ihrer Künstler etwas, so fragen sie gleich: nun, haben Sie in Deutschland wohl etwas Ähnliches aufzuweisen? – Oder stellen sie einen ihrer ausgezeichneten Künstler dem[109]  Fremden vor, so nennen sie ihn nicht etwa den ersten von Paris, sondern gleich den ersten der Welt, obgleich keine Nation das, was das Ausland Vorzügliches besitzt, weniger kennt als sie in ihrer für ihre Eitelkeit so glücklichen Unwissenheit.
Daß ich Dir bis jetzt noch nichts von den Musiken in der Hofkapelle schrieb, wird Dich gewundert haben; ich zögerte aber absichtlich damit, um auch erst einige von Cherubinis Messen gehört zu haben. Lesueur und Cherubini, die beiden Hofkapellmeister, wechseln nämlich alle drei Monat in der Direktion ab; unsere Ankunft traf in das Semester von Lesueur, und das Cherubinis fing erst mit dem ersten Januar an. Die Kapellmeister dirigieren die Musik aber nicht selbst, sondern präsidieren nur in ihrer Hofkleidung an der Spitze des Sängerpersonals, ohne an der Aufführung tätigen Anteil zu nehmen. Der eigentliche Musikdirektor ist Plantade, Kreutzer Vorgeiger bei der ersten und Baillot bei der zweiten Violine. Das Orchester ist aus den vorzüglichsten Künstlern von Paris zusammengesetzt, der Chor kräftig und gut. Man macht von jeder Messe ein oder zwei sorgfältige Proben, und unter Plantades sicherer und feuriger Direktion geht alles sehr gut.
War ich gleich durch des Hrn. Sievers Berichte schon vorbereitet, hier Musik zu hören, die sich im Stil von dem, was man bei uns in Deutschland Kirchenstil nennt, sehr weit entfernt, so wurde ich doch durch den brillanten Theaterstil in einer Messe von Plantade, die ich beim ersten Besuch der Kapelle am 17ten vorigen Monats hörte, nicht wenig überrascht. Es ist darin auch nicht der leiseste Anklang von gebundenem Stil, keine Spur von kanonischer Führung der Stimmen, noch viel weniger von einer Fuge. Dies abgerechnet, recht hübsche Gedanken und gute Instrumentierung, die in einer komischen Oper ganz an ihrem Platze wären. Das Schlußallegro, wahrscheinlich über die Worte: Dona nobis pacem (gewiß weiß ich es nicht, da die Franzosen das Lateinische auf eine dem deutschen Ohr sehr unverständliche Weise aussprechen), war besonders so ganz im Stil eines Opernfinale (wie diese gewöhnlich mit drei- oder viermal gesteigertem Tempo), daß ich beim Schluß, ganz den Ort vergessend, wo ich mich befand, erwartete, der Vorhang werde fallen und das Publikum applaudieren.
Am 24ten Dezember des nachts 12 Uhr hörten wir die sogenannte messe de minuit, dasmal von Lesueurs Komposition. Vorher mußten wir eine große Geduldsprobe bestehen, indem wir während zwei ziemlich langer Stunden, von 10 bis 12 Uhr, nichts als Psalmen, auf die eintönigste Weise abgesungen, dann und wann mit barbarischen Zwischenspielen der Orgel unterbrochen, anzuhören bekamen. Um zwölf Uhr[110]  fing endlich die Messe an. Wieder derselbe frivole Theaterstil, wie in der von Plantade, in der feierlichen Mitternachtsstunde aber nur noch widerlicher! Was mich dabei am meisten wunderte, besonders von Lesueur, der hier in dem Ruf eines vorzüglichen Harmonikers steht und als Harmonielehrer, wenn ich nicht irre, im Konservatorium Unterricht erteilt, nicht einmal vierstimmige Führung der Gesangsstimmen! Wenn es auch in der Oper zuweilen von Wirkung sein mag, wenn man nur zweistimmig schreibt, die Soprane mit den Tenören und die Alte mit den Bässen in Oktaven gehen läßt, teils um den gewöhnlich schlechten Theaterchören die Exekution zu erleichtern, teils um mehr materielle Kraft dadurch zu erreichen, so scheint es mir doch ganz barbarisch, dieses in der Kirche einzuführen, und ich möchte daher wohl wissen, was Hr. Lesueur, der gewiß ein denkender Künstler ist, dabei beabsichtigt. An die Stelle des Offertoriums waren Variationen von Nadermann für Harfe, Horn und Violoncell eingeschoben, vom Komponisten und den Herren Dauprat und Baudiot vorgetragen. Du weißt, daß mir in Deutschland ein ernster Symphoniensatz an dieser Stelle schon zu weltlich vorkam, kannst Dir daher leicht denken, welchen widrigen Eindruck diese galanten französischen Harfenvariationen in einer Messe um die Mitternachtsstunde auf mich machen mußten, und doch sah ich die Anwesenden andächtig beten. Wie gelingt es ihnen nur, bei solcher trivialen Musik einen frommen Gedanken zu fassen! Entweder ist diese für sie ohne alle Bedeutung, oder sie verstehen ihr Ohr gänzlich zu verschließen, denn sonst müßten sie unausbleiblich dadurch wie ich an das Ballett der großen Oper erinnert worden sein, wo diese drei Instrumente bei den üppigsten Tänzen auf gleiche Weise gebraucht werden. Die Harfe, obgleich in uralten Zeiten das Lieblingsinstrument eines frommen Königs, sollte schon deswegen aus der Kirche verbannt sein, weil sie zum gebundenen Stil, dem einzigen für die Kirche passenden, völlig untauglich ist.
Aber wirst Du es glauben, wenn ich Dir versichere, daß selbst der würdige Meister Cherubini sich durch das böse Beispiel hat fortreißen lassen, und auch in seinen Messen der Theaterstil oft vorherrschend ist? Zwar entschädigt er bei solchen Stellen durch vorzügliche, effektvolle Musik, aber wer kann diese genießen, wenn es ihm nicht gelingt, gänzlich zu vergessen, an welchem Orte er sie hört? Es wäre auch weniger zu bedauern, daß Cherubini sich ebenfalls vom wahren Kirchenstil entfernt, wenn er nicht in einzelnen Nummern zeigte, wie würdevoll er sich darin zu bewegen weiß. Mehrere einzelne Sätze seiner Messen, besonders die kunstreich durchgeführten Fugen und vor allem sein[111]  Pater noster (bis zum weltlichen Schluß), liefern die herrlichsten Belege dazu. – Hat man es aber erst über sich gewonnen, an diesem, oft ausschweifenden Stil kein Ärgernis mehr zu nehmen, so kann man den höchsten Kunstgenuß finden. Durch reiche Erfindung, gewählte, oft ganz fremdartige Harmoniefolgen und eine kluge, durch vieljährige Erfahrung geleitete Benutzung der materiellen Kunstmittel weiß er so gewaltige Effekte hervorzubringen, daß man unwillkürlich mit fortgerissen wird, bald alles Klügeln vergißt und sich nur seinem Gefühle und dem Genusse überläßt. Was würde dieser Mann geleistet haben, wenn er, anstatt für Franzosen, immer für Deutsche geschrieben hätte! –

Vierter Brief
Paris, den 30. Januar 1821


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Das Ende der zwei Monate, die ich für unsern Aufenthalt in Paris bestimmt habe, nahet heran. Da ich nicht weiß, ob es uns je vergönnt sein wird, wieder hieher zu kommen, so beeilen wir uns, die von uns noch nicht gesehenen Merkwürdigkeiten aufzusuchen, und machten fast täglich Exkursionen in und außerhalb Paris. Um unsere ganze Zeit ausschließlich dazu verwenden zu können, habe ich darauf Verzicht geleistet, vor unserer Abreise noch eine Soiree zu geben, wozu ich früher schon einige Anstalten getroffen hatte. Die vierzehn Tage, die ich dem Arrangement einer solchen fast ausschließlich hätte widmen müssen, kann ich nun vergnügter und unabhängiger leben. Schwerer ist es mir geworden, auf ein zweites öffentliches Konzert Verzicht leisten zu müssen, von dem ich bei dem Beifall, den das erste erhielt, einen glücklichen Erfolg mit Zuversicht erwarten durfte. Allein es war kein freier Tag in diesem Monate mehr zu bekommen; von den drei noch übrigen Sonntagen (an einem Wochentage gibt die Administration das Theater nicht, weil da entweder große oder italienische Oper gegeben wird) war der erste zu nahe, der zweite als Todestag Ludwigs des 16ten nicht zu erhalten und der dritte bereits von Hrn. Lafont zu einem Konzerte belegt. Unsern Aufenthalt bis über die Mitte des folgenden Monats auszudehnen, haben wir auch keine Lust, denn wir sind des geräuschvollen Lebens und des immerwährenden Nachtschwärmens herzlich müde und sehnen uns sehr nach einem ruhigern Aufenthalte.
In Privatgesellschaften habe ich aber in der letzten Zeit desto öfterer gespielt und mit Freuden gesehen, wie hauptsächlich von Künstlern meine Kompositionen bei jeder Wiederholung mit immer größerm Enthusiasmus aufgenommen wurden. Dies gilt besonders von einem neuen[112]  Quintett für Pianoforte, Flöte, Klarinette, Horn und Fagott, welches ich für meine Frau geschrieben habe, und womit sie, seit sie auf den Rat der Ärzte der Harfe ganz entsagt hat, einige Male aufgetreten ist. Den Hauptzweck meiner Hieherkunft, mich den hiesigen ausgezeichneten Künstlern bekannt zu machen und mich ihnen näher zu befreunden, habe ich also vollkommen erreicht; sie haben wiederholt versucht, mich zu einem längern Aufenthalte zu bereden, und sich für den Fall, daß ich dann ein zweites Konzert geben wollte, nicht allein anheischig gemacht, mir die lästigen Geschäfte des Arrangements abzunehmen, sondern auch versprochen, mir das beste Orchester von Paris zusammenzubringen, ohne daß es mich einen Sous kosten sollte. Dieses Erbieten, ob gleich ich nicht in den Fall kommen werde, Gebrauch davon zu machen, hat mich doch sehr gefreuet. –
Einen andern, nicht weniger wichtigen Zweck meiner Hieherkunft habe ich erreicht, indem ich Gelegenheit gefunden habe, die vorzüglichsten der hiesigen, jetzt anwesenden Geiger zu hören. Baillot gab mir auf mein Bitten eine Soiree bei sich; Lafont hörte ich in seinem Konzerte und den jüngern Kreutzer und Habeneck in Matineen, die zu dem Zwecke veranstaltet waren. Fragst Du mich nun, welcher von diesen vier Geigern mir am besten gefallen habe, so nenne ich Dir, wenn von bloßer Exekution die Rede ist, unbedenklich Lafont. Er vereinigt in seinem Spiel schönen Ton, höchste Reinheit, Kraft und Grazie und würde ein ganz vollkommener Geiger sein, wenn er mit diesen vorzüglichen Eigenschaften auch noch ein tiefes Gefühl verbände und sich das der französischen Schule eigene Herausheben der letzten Note einer Phrase nicht so sehr angewöhnt hätte. Gefühl aber, ohne welches man weder ein gutes Adagio erfinden, noch es gut vortragen kann, scheint ihm, wie fast allen Franzosen, zu fehlen; denn obgleich er seine langsamen Sätze mit vielen eleganten und niedlichen Verzierungen auszustatten weiß, so bleibt und läßt er doch dabei ziemlich kalt. Das Adagio scheint überhaupt hier, sowohl vom Künstler, wie vom Publikum, als der unwichtigste Satz eines Konzertes betrachtet zu werden und wird wohl nur beibehalten, weil es die beiden schnellen Sätze gut von einander scheidet und deren Effekt erhöht.
Dieser Gleichgültigkeit dafür sowie überhaupt der Unempfindlichkeit der Franzosen für alles, was das Gefühl anregt, schreibe ich es auch zu, daß mein Adagio und die Weise, wie ich es vortrage, hier weniger Eindruck machte wie die brillanten Allegrosätze. Verwöhnt durch den Beifall, den Deutsche, Italiener, Holländer und Engländer meinem Vortrage desselben insbesondere geschenkt haben, fühlte ich mich im Anfang[113]  gekränkt, es von den Franzosen so wenig beachtet zu sehen. Seitdem ich aber bemerkt habe, wie selten ihnen ihre Künstler ein ernstes Adagio zu hören geben, und wie wenig daher ihr Sinn dafür geweckt ist, bin ich darüber beruhigt. – Das Herausheben der letzten Note einer Periode durch verstärkteren Druck und schnelles Hinaufstoßen des Bogens, selbst dann, wenn diese Note auf einen schlechten Taktteil fällt, ist allen französischen Geigern mehr oder weniger eigen, bei keinem doch so auffallend wie bei Lafont. Es ist mir unbegreiflich, wie diese unnatürliche Akzentuation, die gerade so klingt, als wenn ein Redner die kurzen Endsilben besonders stark betonen wollte, entstanden sein mag. Hätte man beim Vortrag des Kantabile den menschlichen Gesang immer zum Vorbild genommen (wie nach meiner Überzeugung jeder Instrumentalist tun sollte), so würde man auf solche Abwege nicht geraten sein. Die Pariser sind nun aber an diese Unnatur schon so gewöhnt, daß ihnen das Spiel eines Fremden, der nicht ebenso bizarr vorträgt, viel zu schlicht oder, wie Hr. Sievers sich ausdrückt, viel zu schlankweg vorkommt.
Daß Lafonts Virtuosität sich immer nur auf einige Musikstücke auf einmal beschränkt, und er jahrelang dasselbe Konzert übt, bevor er damit öffentlich auftritt, ist bekannt. Seitdem ich gehört habe, zu welcher vollkommenen Exekution er es dadurch bringt, will ich dieses Aufbieten aller seiner Kräfte für den einzigen Zweck zwar nicht tadeln; doch fühle ich mich außerstande, es nachzuahmen, und begreife nicht einmal, wie man es über sich gewinnen kann, dasselbe Musikstück täglich vier bis sechs Stunden zu üben, noch weniger, wie man es anzufangen habe, daß man durch solch mechanisches Treiben nicht endlich aller wahren Kunst gänzlich absterbe. – Baillot ist im Technischen seines Spiels fast ebenso vollendet, und seine Vielseitigkeit beweiset, daß er es sei, ohne zu jenem verzweifelnden Mittel seine Zuflucht nehmen zu müssen. Er spielt außer seinen eigenen Kompositionen auch fast alle anderen der ältern und neuern Zeit. Er gab uns an jenem Abend ein Quintett von Boccherini, ein Quartett von Haydn und drei Kompositionen von sich, ein Konzert, ein Air varié und ein Rondo zu hören. Alle diese Sachen spielte er vollkommen rein und mit dem seiner Manier eigentümlichen Ausdruck. Dieser Ausdruck schien mir aber mehr ein erkünstelter als natürlicher zu sein, sowie überhaupt sein Vortrag durch das scharfe Hervortreten der Mittel zum Ausdruck maniriert wird. Seine Bogenführung ist gewandt und an Nuancen reich, aber nicht so frei wie die von Lafont, daher sein Ton nicht so schön wie der von diesem und die Mechanik des Auf- und Abstreichens des[114]  Bogens etwas zu hörbar. Seine Kompositionen zeichnen sich vor denen fast aller andern Pariser Geiger durch Korrektheit aus; auch ist ihnen eine gewisse Originalität nicht abzusprechen; aber etwas Erkünsteltes, Maniriertes und Veraltetes im Stil macht, daß sie meistens kalt lassen. Es ist Dir bekannt, daß er die Quintetten von Boccherini oft und gern spielt. Ich war begierig, diese Quintetten, von denen ich etwa ein Dutzend kenne, von ihm spielen zu hören, um zu sehen, ob es ihm durch die Weise, wie er sie vorträgt, gelingen könne, das Gehaltlose der Kompositionen vergessen zu machen. So gelungen aber auch die Ausführung der von ihm gegebenen war, so fiel mir das oft Kindische der Melodien und die Magerkeit der fast immer nur dreistimmigen Harmonie nicht weniger unangenehm auf wie bei allen früher gehörten. Es ist kaum zu begreifen, wie ein gebildeter Künstler wie Baillot, dem unsere Schätze an Kompositionen dieser Gattung bekannt sind, es über sich gewinnen kann, diese Quintetten (die nur mit Berücksichtigung der Zeit und der Verhältnisse, in denen sie geschrieben wurden, ihr Verdienst haben) noch immer zu spielen! Daß sie hier aber ebenso gern wie ein Mozartsches gehört werden, beweiset von neuem, daß die Pariser das Gute vom Schlechten nicht zu unterscheiden wissen und in ihrer Kunstbildung um wenigstens 50 Jahre zurückgeblieben sind.
Von Habeneck hörte ich zwei Airs variés seiner Komposition. Er ist ein brillanter Geiger, der viele Noten mit großer Geschwindigkeit und vieler Leichtigkeit spielt. Sein Ton und sein Bogenstrich sind aber etwas rauh. – Der junge Kreutzer, Bruder und Schüler des ältern, ließ mich ein neues, sehr brillantes und graziöses Trio seines Bruders hören. Die Weise, wie er es vortrug, vergegenwärtigte mir einigermaßen die Manier des ältern und überzeugte mich, daß sie die gediegenste von allen der Pariser Geiger sei. Dem jungen Kreutzer fehlt es an physischer Kraft, er ist kränklich und darf oft monatelang nicht spielen. Sein Ton ist daher etwas matt, im übrigen sein Spiel rein, feurig und voll Ausdruck. –
Ich habe vor ein paar Tagen nun noch zwei, und zwar ganz neue Quintetten von Reicha gehört, die er für die diesjährigen Matineen der fünf Dir früher schon genannten Künstler geschrieben hat. Sie wurden in einer Probe gegeben, die mir nur veranstaltet schien, um unter den zahlreich Eingeladenen noch Subskribenten für die Matineen zu fischen. Es wurde wenigstens eine Liste herum präsentiert. Es ist betrübt zu sehen, welche Wege die hiesigen Künstler einschlagen müssen, um Teilnehmer für ihre Unternehmungen zu finden. Während sich die Pariser zu sinnlichen Genüssen drängen, muß man sie zu geistigen fast mit[115]  den Haaren herbeiziehen. – Die Komposition dieser zwei neuen Quintetten fand ich wie die der früher bei Kreutzer gehörten reich an interessanten Harmoniefolgen, durchaus korrekt in der Stimmführung und effektvoll in Benutzung der in Ton und Charakter so verschiedenen Blasinstrumente, dagegen aber in der Form oft mangelhaft. Hr. Reicha ist zu wenig haushälterisch mit seinen Ideen und gibt oft schon im Anfange seiner Musikstücke vier bis fünf Themen, deren jedes in der Tonika schließt. Weniger reich wäre hier reicher. Auch sind seine Perioden oft schlecht verbunden und klingen, als wenn er die eine gestern, die andere heute niedergeschrieben hätte. Doch sind die Menuetten und Scherzos als kurze Musikstücke diesem Tadel weniger unterworfen und einige unter ihnen in Form und Gehalt wahre Meisterstücke. Deutsche Gründlichkeit und Tüchtigkeit sind auch dieses Meisters schönste Zierden. – Die Ausführung war in den geschwinden Sätzen wieder bewundernswürdig genau, etwas weniger befriedigend in den langsamen.
Vom Feydeau habe ich Dir, glaube ich, noch nichts geschrieben. Wir haben dies Theater viel weniger wie die andern Operntheater besucht, weil der Zufall wollte, daß an Abenden, wo wir frei waren, gewöhnlich Stücke gegeben wurden, die uns wenig interessierten. Doch haben wir der ersten Vorstellung von Méhuls »Joseph« beigewohnt, der nach langer Ruhe wieder in Szene gesetzt wurde. Es schien aber nicht, als wenn das Publikum für dies der Direktion großen Dank wüßte, denn die Aufnahme war ziemlich kalt. Als Beleg für meine Behauptung, daß die Franzosen nur Anteil am Stück nehmen und die Vorzüglichkeit der Musik wenig zu würdigen wissen, galt es mir, daß die Tiraden im Dialog weit mehr beklatscht wurden als die Gesangstücke. Den Sängern gelang es nur dann Beifall zu erringen, wenn sie im Übermaß eines erkünstelten Gefühls, statt zu singen, zu schluchzen anfingen. Bei den schönsten Musikstücken der Oper, z.B. dem ersten Chor der Brüder, rührte sich keine Hand. Mehrere Tempi wurden ganz anders wie in Deutschland genommen, aber nicht zum Vorteil der Musik, z.B. der herrliche Morgengesang der Israeliten hinter der Szene so schnell, daß er alles Feierliche verlor. Auch war eine schreiende Geige, die dem Sopran zur Stütze diente, viel zu vorlaut dabei. Das Orchester spielte gut und zeichnete sich hauptsächlich durch ein zartes Piano aus.
Seit vier Wochen ist Moscheles hier. Er erregt durch sein äußerst brillantes Spiel große Sensation und weiß Künstler und Dilettanten für sich zu gewinnen, erstere durch den Vortrag seiner geistreichen Kompositionen, letztere hauptsächlich durch seine freien Phantasien,[116]  in denen er sich dem Pariser Geschmack, soweit es ihm sein Deutschtum erlaubt, zu nähern weiß. – Auch die Brüder Bohrer sind heute von einer Reise in die Provinzen zurückgekommen, werden aber nur wenige Tage hier verweilen und dann eine neue Reise über München nach Wien antreten. Ich bedaure, diese Künstler, mit denen ich seit zehn Jahren nicht zusammentraf, nicht auch noch hören zu können. Sie wollten mich bereden, eine Reise von hier aus in die südlichen Provinzen zu machen, wo ihrer Versicherung nach etwas zu gewinnen sei. Ich habe aber nicht die mindeste Lust dazu. Die schlechten Orchester in den Provinzialstädten, der verdorbene Geschmack und das unangenehme Unterhandeln wegen Verminderung der Abgaben an Theater und Arme würden mir eine solche Reise zu sehr verbittern.
In einigen Tagen werden wir über Nancy und Straßburg nach Deutschland zurückkehren und Dich daher bald wieder im lieben Vaterlande begrüßen. Bis dahin lebe wohl!


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Diesen Briefen über meinen Aufenthalt in Paris habe ich nur noch weniges aus der Erinnerung hinzuzufügen. Bei den häufigen Gelegenheiten, die ich in Privatgesellschaften fand, von Cherubini gehört zu werden, hatte ich keinen sehnlichern Wunsch, als diesem von mir so hoch verehrten Meister alle meine bis dahin geschriebenen Quartetten und Quintetten nach und nach vorzuführen und ihn um sein Urteil darüber zu bitten. Allein es gelang mir dies nur mit sehr wenigen, obgleich ich damals überhaupt noch nicht viel in dieser Musikgattung geschrieben hatte, was mir würdig genug schien, von Cherubini gehört zu werden. Denn als dieser das erste Quartett (es war Nr. 1 des in Frankfurt geschriebenen Op. 45) angehört hatte und ich nun ein zweites auflegen wollte, protestierte er und sagte: »Ihre Musik wie überhaupt die Form und der Stil dieser Musikgattung ist mir noch so fremd, daß ich mich nicht gleich hineinfinden und gehörig folgen kann; es würde mir daher sehr lieb sein, wenn Sie das eben gespielte Quartett sogleich noch einmal wiederholten!« Ich war sehr erstaunt über diese Äußerung und begriff sie erst, als ich später erfuhr, daß Cherubini die deutschen Meisterwerke dieser Gattung von Mozart und Beethoven noch gar nicht kenne und höchstens einmal ein Haydnsches Quartett in den Soireen Baillots gehört habe. Da nun die übrigen Zuhörer in den Wunsch Cherubinis mit einstimmten, so willfahrte ich um so lieber, da bei der ersten Exekution einiges noch nicht ganz gut zusammen gegangen war. Nun sprach sich Cherubini sehr günstig über die Komposition aus, lobte die Form, die thematische Bearbeitung, den reichen Harmoniewechsel und[117]  besonders das Fugato im letzten Satze. Er wiederholte aber, daß ihm einiges noch nicht ganz klar geworden sei, und bat daher um eine zweite Wiederholung, sobald wir uns von neuem treffen würden. Ich hoffte, er würde nicht weiter daran denken, und legte deshalb bei der nächsten Musikpartie ein anderes Quartett auf. Doch ehe ich noch beginnen konnte, wiederholte Cherubini sein Verlangen, und so mußte ich also dasselbe Quartett zum dritten Male spielen. Ebenso ging es auch mit Nr. 2 von Op. 45, nur daß er sich mit noch entschiedenerem Lobe darüber aussprach und namentlich vom Adagio sagte: »Es sei das schönste von allen, die er gehört habe«. Ebensosehr gefiel ihm auch mein Pianofortequintett mit der konzertierenden Begleitung der Blasinstrumente, und es mußte deshalb sehr oft wiederholt werden. Das erstemal trug Dorette die Pianopartie vor; als sich dann aber Moscheles die Erlaubnis ausbat, sie einüben und einmal vortragen zu dürfen, so wagte sie es in Paris nicht mehr, sie ihm nachzuspielen. Er blieb daher im Besitz und drang immer mehr in den Geist der Komposition ein. Besonders waren es die beiden Allegrosätze, die er mit weit mehr Energie und Bravour vortrug, wodurch sie allerdings an Wirkung sehr gewannen. Da nun auch die 4 Blasinstrumente vom Reichaschen Quintett vortrefflich waren, so erinnere ich mich nicht, dieses Quintett je vollendeter als damals gehört zu haben, obgleich ich es in neuerer Zeit von vielen berühmten Klaviervirtuosen habe spielen hören. Bei den ewigen Wiederholungen meiner Quartetten fand ich in Paris keine Gelegenheit, auch nur eins meiner beiden ersten, damals schon existierenden Quintetten für Streichinstrumente zu hören zu geben. Ich fand dafür aber ein sehr empfängliches Auditorium auf der Rückreise in Straßburg, wohin der Sinn für Quartettmusik bereits mehr aus dem benachbarten Deutschland gedrungen war. Besonders war es das Quintett in G-dur mit dem melancholisch-lustigen Finale, welches bald der Liebling der dortigen Musikfreunde wurde und deshalb zum Beschluß jeder Quartettpartie erbeten wurde. In Karlsruhe, wo ich bei frühern Besuchen schon viel Quartett gespielt hatte, besonders im Haus des kunstsinnigen Herrn von Eichthal, wurde mir der diesmalige Aufenthalt dadurch sehr getrübt, daß ich meinen Jugendfreund Fesca lebensgefährlich krank fand, der dann auch bald darauf seiner unheilbaren Krankheit erlag.



 Übersiedlung nach Dresden
[118] 1821











Nach Gandersheim zurückgekehrt, begann sogleich wieder das vergnügte und tätige Leben des vorigen Sommers. Eduard Grund stellte sich ebenfalls ein und widmete sich mit dem frühern Eifer sowohl seiner eigenen Ausbildung wie auch dem Unterricht meiner Kinder. Ich selbst begann zuerst mit der Komposition der bereits erwähnten zehnstimmigen Vokalmesse, und da dies eine Kunstgattung war, in der ich mich bis dahin noch nicht versucht hatte, so gewährte mir diese Arbeit ein ganz besonderes Interesse. Doch bald mußte ich sie wieder auf einige Zeit unterbrechen. Ich erhielt nämlich von meinem alten Freunde Hermstedt einen Brief, in welchem er mich namens der Badeverwaltung des Alexisbades im Harz aufforderte, im Laufe der bevorstehenden Saison ein Konzert daselbst zu geben, wobei er sich erbot, alles dazu Erforderliche im voraus zu besorgen, damit ich dort nicht länger als einige Tage zu verweilen brauchte. Auch bat er mich dringend, ihm ein neues Klarinettkonzert zu schreiben, und versprach, wenn er es früh genug erhalte, dasselbe im Konzerte zu Alexisbad zum ersten Male vorzutragen. Da ich gern für Hermstedt schrieb, der damals ohne Zweifel der vorzüglichste aller lebenden Klarinettvirtuosen war, so ging ich auf den Vorschlag ein und machte mich sogleich an die Arbeit. Nach Absendung des neuen Konzerts (des dritten für Klarinette) schrieb ich für mich und meine Frau auch noch einen Potpourri für Violine und Pianoforte, konzertiernd über zwei Themen aus dem »Opferfest«, später als Op. 56 gestochen, wozu ich eine frühere Komposition für Klarinette mit Orchesterbegleitung bearbeitete, die ich 1812 zur Napoleonsfeier in Erfurt für Hermstedt geschrieben hatte. Ich hielt diese frühere Komposition für eine meiner gelungensten und[119]  wünschte, sie daher durch diese neue Überarbeitung bekannter zu machen. Daß bei dieser Übertragung von Klarinette und Orchester auf Violine und Pianoforte wesentliche Veränderungen stattfinden mußten und ich mich hauptsächlich nur an die Form und Modulationen der frühern Komposition halten konnte, versteht sich von selbst. Als nun auch diese Komposition von uns in gewohnter Weise auf das sorgfältigste eingeübt worden war, kam der verabredete Zeitpunkt zur Reise nach Alexisbad heran. Von dieser Ausflucht habe ich aber nur noch eine dunkle, halbverwischte Erinnerung. Ich weiß weder, was wir in dem Konzerte vortrugen, noch wie mir das neue Klarinettkonzert gefiel, und dies um so weniger, da ich dasselbe seit jener Zeit nicht wieder gehört habe, denn es ist, da Hermstedt im alleinigen Besitze war, nie veröffentlicht worden. Um so deutlicher erinnere ich mich aber eines Naturereignisses, wodurch das Konzert, ähnlich wie jenes in London durch das Einwerfen der Fenster, gestört und auf einige Zeit unterbrochen wurde. Wie nämlich eben mit der Musik begonnen werden sollte, brach ein Gewitter, welches schon seit Mittag gedrohet hatte, mit solcher Heftigkeit los, daß man vor dem Geprassel des Donners und dem Rauschen des in Strömen herabstürzenden Regens nichts von der Musik gehört haben würde. Das eng zusammengedrängte Auditorium mußte daher in dem überfüllten und zum Ersticken heißen Saale ruhig das Vorüberziehen des Gewitters abwarten, und das Konzert konnte dann erst beginnen, nachdem zuvor die Luft im Saale durch Öffnen der Türen und Fenster erneuert worden war. Es endete daher erst beim völligen Anbruch der Nacht. Nun wurde aber die Verwirrung und Verlegenheit erst recht groß, denn es fand sich, daß das sonst sehr bescheidene Flüßchen, welches das Tal von Alexisbad durchströmt, so angeschwollen war und die Wege dermaßen überschwemmt und verwüstet hatte, daß die zahlreichen Zuhörer aus der Umgegend in der finstern Nacht unmöglich nach Haus zurückkehren konnten. Es strömte daher alles fürs erste in den Speisesaal, wo aber für so viele Gäste nicht angerichtet war. Während nun die Badegäste erst auf ihre Zimmer gegangen waren, bemächtigten sich die Fremden der Plätze am Tische sowie der Speisen, und es blieb für jene, als sie zurückkehrten, nur das Nachsehen. Das gab dann natürlich viel böses Blut, und der Wirt hatte seine liebe Not, die Leute zu beschwichtigen. Nun fehlte es für das Übernachten aber auch an Zimmern und Betten, und es mußten sich die Fremden wohl oder übel bequemen, auf einer Streu bunt durcheinander Platz zu nehmen. Viele taten es mit Lachen, andere aber nur[120]  mit schwer unterdrückten Flüchen. Es war für den unbeteiligten Zuschauer eine höchst komische und amüsante Szene.

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Irre ich mich nicht, so war es in diesem selben Sommer, wo ich eine ähnliche Einladung nach Pyrmont erhielt, um dort Konzert zu geben. Ich folgte ihr, begleitet von meiner Frau und meinem Schüler Eduard Grund, der das Orchester anführte und mir meine Solovorträge dadurch sehr erleichterte, daß er die Begleitung im voraus mit demselben einübte, wodurch er es allein möglich machte, daß ich eigene Kompositionen vortragen konnte. Grund hatte sich überhaupt zu einem ganz ausgezeichneten Künstler herangebildet und begann nun mit vielen Erfolgen eigene Kunstreisen zu machen; auf einer derselben wurde er als Hofkapellmeister zu Meiningen angestellt, woselbst er sich auch noch jetzt (1853), von seinem Fürsten und der Kapelle geachtet und geliebt, in einer der Kunst fruchtbringenden Wirksamkeit befindet. Da Grund also im Herbst 1821 ganz abging, dadurch der Musikunterricht von Emilie und Ida ganz aufhörte, sich bei diesen aber Stimmen zu entwickeln begannen, die einer weitern, kunstgemäßen Ausbildung würdig schienen, so beschloß ich, mit meiner Familie nach Dresden zu ziehen, um den Kindern daselbst von einem damals berühmten Gesanglehrer, Herrn Miecksch, Unterricht geben zu lassen. Ich hatte bei Emilien zwar den Gesangunterricht schon selbst begonnen, fand aber bald, daß es mir dazu an der nötigen Ausdauer und Geduld fehle und ich dadurch auch zu sehr von meinen Kompositionsarbeiten abgezogen werde. Überdies hatte ich auch die Absicht, sobald meine Familie in Dresden sich eingewohnt habe, allein einige kleinere Kunstreisen in die Umgegend zu machen. Ich schrieb also an meinen frühern Schüler M. Hauptmann in Dresden, bat ihn, mit Herrn Miecksch zu reden und, sobald dieser zusage, mir eine Wohnung zu mieten. Bald erhielt ich auch die Antwort, daß alles meinen Wünschen gemäß besorgt sei.
Meine zehnstimmige Messe war unterdessen fertig geworden, und ich sehnte mich sehr, sie nun auch einmal zu hören. Da ich die Absicht hatte, auf der Reise nach Dresden in Leipzig ein Konzert zu geben, und deshalb dort einen längeren Aufenthalt machen mußte, so kam ich auf den Gedanken, sie von dem dortigen großen Gesangverein, dessen Direktor ich kannte, während meines Dortseins singen zu lassen. Ich schrieb daher sogleich an diesen und fragte an, ob er geneigt sei, das Werk im voraus einzuüben. Da die Antwort bejahend ausfiel, so sandte ich ihm sogleich die Partitur, um die Stimmen ausschreiben zu lassen.
Der Abschied von Gandersheim war diesmal ein besonders trauriger, da auch die Kinder, an deren Gesellschaft sich die Großeltern nun so[121]  sehr gewöhnt hatten, mitschieden, und ich mußte daher versprechen, nächsten Sommer, wenn auch nur zu einem kurzen Besuche, wiederzukehren.
In Leipzig angekommen, war einer meiner ersten Wege zum Direktor des Gesangvereins, um mich nach meiner Messe zu erkundigen. Ich hörte aber nicht viel Tröstliches. Zwar hatten die Proben schon begonnen; man fand aber das Werk so enorm schwer und war damit so wenig ins Klare gekommen, daß der Direktor sich entschieden weigerte, eine Probe davon zu veranstalten. Nur auf mein inständiges Bitten wurde ein Versuch gemacht, der aber sehr schlecht ausfiel. Da ich nicht einmal annähernd die Wirkung hörte, die mir in der Begeisterung während der Arbeit vorgeschwebt hatte, so glaubte ich, ein völlig verfehltes Werk geschaffen zu haben, und mochte von da an nichts mehr davon hören. Ich hatte es auch wirklich fast ganz vergessen, als mir lange Zeit nachher einmal einige Sätze von der Berliner Singakademie unter Zelters Leitung daraus vorgesungen wurden. Diese waren so genau eingeübt, wurden so rein intoniert und machten daher in ihrer Vielstimmigkeit einen so imposanten Effekt, daß ich meiner bisherigen Ansicht von der Unausführbarkeit des Werkes entsagen mußte und nun Lust bekam, es auch einmal selbst mit meinem eigenen Gesangverein einzustudieren. Auch dies gelang, da ich die Geduld nicht verlor und die Sänger unermüdlich waren, und es wurde die ganze Messe ohne Auslassungen aufgeführt. Die Erfahrungen, die ich bei diesem Einüben machte, lehrten mich jedoch, bei künftigen Chorkompositionen ohne Begleitung die allzureichen Modulationen und schwierigen Akkordfolgen zu vermeiden.


In Dresden wurde die Familie von Herrn Hauptmann in die neue Wohnung eingeführt, die freundlich und in einer ruhigen Gegend der Stadt gelegen war. Ich ließ den Gesangunterricht meiner beiden ältesten Mädchen bei Herrn Miecksch sogleich beginnen und suchte dann meine frühern Bekannten unter den dortigen Künstlern und Kunstfreunden auf, vor allem den Kapellmeister Carl Maria von Weber. Dieser empfing mich auf das herzlichste und führte mich nach und nach in alle musikalischen Zirkel ein, wo ich nicht nur viel gute Musik zu hören bekam, sondern auch Gelegenheit fand, meine eigene Kammermusik zu hören zu geben. Da die mich begleitenden Musiker großes Interesse für mein Quartettspiel zeigten, so veranlaßte mich dies, mit ihrer Hilfe auch noch bei mir wöchentliche Quartettpartien zu veranstalten, zu welchen ich die eifrigsten Musikfreunde der Stadt einlud. In diesen führte ich, was mir in Paris nicht hatte gelingen wollen, alle bis dahin[122]  geschriebenen Quartetten und Quintetten der Reihe nach vor, und da ich damit bald zu Ende kam und sie bei meinen Zuhörern großen Anklang gefunden hatten, so machte mir dies Lust, wieder neue zu schreiben. Ich vollendete auch in kurzer Zeit zwei neue Quartette (die beiden ersten von Op. 58) und gewann solches Interesse an dieser Arbeit sowie an dem ganzen Kunstleben Dresdens, daß ich vor der Hand die beabsichtigten Kunstreisen aufgab und sie für die zweite Hälfte des Winters verschob.
Unterdessen hatte Carl Maria von Weber es nun auch in Dresden durchgesetzt, daß seine Oper: »Der Freischütz«, nachdem sie in Wien und Berlin so glänzende Erfolge erlebt hatte, einstudiert werden durfte, und es hatten die Zimmerproben bereits begonnen. Da ich das Kompositionstalent Webers bis dahin nicht sehr hoch hatte stellen können, so war ich begreiflicherweise nicht wenig gespannt, diese Oper kennen zu lernen, um zu ergründen, wodurch sie in den beiden Hauptstädten Deutschlands einen so enthusiastischen Beifall gefunden habe. Dazu kam noch der Umstand, daß ich mir denselben Stoff nach dem Apelschen Gespensterbuche vor einigen Jahren in Frankfurt ebenfalls als Oper hatte bearbeiten lassen und die Komposition derselben nur aufgab, weil ich zufällig erfuhr, daß Weber schon damit beschäftigt sei. Ich bat daher, den Proben beiwohnen zu dürfen, was mir auch willfährig gestattet wurde. Die nähere Bekanntschaft mit der Oper löste mir das Rätsel ihres Ungeheuern Erfolges nun freilich nicht, es sei denn, daß ich ihn durch die Gabe Webers, für die Fassungskraft des großen Haufens schreiben zu können, erklärt finden wollte. Da mir nun, wie ich sehr gut wußte, diese Gabe von der Natur versagt war, so ist es schwer zu erklären, wie mich demohngeachtet eine unbezwingliche Lust anwandeln konnte, mich von neuem in einer dramatischen Komposition zu versuchen. Aber es war so. Kaum zu Hause angelangt, suchte ich daher aus meinem Koffer eine halbvergessene Arbeit, die ich bereits in Paris begonnen hatte, hervor. An einem langweiligen Regentage, der in dem kotigen Paris jedes Ausgehen unmöglich machte, bat ich meine Wirtin um Lektüre. Sie brachte mir einen schon ganz zerlesenen alten Roman: »La veuve de malabar«. Ich fand, daß der interessante Stoff desselben sich recht gut zu einer Oper eignen würde. Um damit einen Versuch machen zu können, erstand ich das Buch für wenige Sous. Schon in Paris und auf der Rückreise dachte ich über die für die Komposition günstigste Form der Oper nach und begann, nach Gandersheim zurückgekehrt, sogleich ein Szenarium für dieselbe zu entwerfen. Ich fuhr damit in Stunden, wo ich mich zur Komposition der Messe[123]  nicht aufgelegt fühlte, fort und hatte daher dasselbe gegen die Zeit, wo ich mit meiner Familie nach Dresden zog, so gut wie vollendet. Jetzt überdachte und überarbeitete ich diesen Entwurf nochmals mit erneuetem Eifer, bestimmte auf das genaueste, was in jeder Szene geschehen sollte, und suchte dann nach einem Dichter, der geneigt sei, nach diesem Schema die Oper zu bearbeiteten. Ich fand ihn in Herrn Eduard Gehe, der bereitwillig auf meine Ideen einging. So entstand die Dichtung der Oper: »Jessonda«. Schon war ich im Begriff, die Komposition derselben zu beginnen, als ein Ereignis eintrat, das mich für einige Zeit wieder davon abhielt.

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Eines Morgens zu Anfang des Dezember trat nämlich C.M. von Weber zum Besuch bei mir ein und erzählte: er habe soeben einen Ruf nach Kassel als Kapellmeister an das dort neu errichtete Hoftheater erhalten, sei aber gesonnen, ihn abzulehnen, da er mit seiner jetzigen Stellung vollkommen zufrieden sei. Im Falle, daß ich mich aber um diese Stelle zu bewerben gedenke, wolle er in seiner Rückantwort auf mich aufmerksam machen und erwähnen, daß ich mich jetzt in Dresden aufhalte. Ich hatte ohnlängst von einem durch Gandersheim reisenden Mitgliede der Kasseler Kapelle so viel von der Pracht des dortigen Hoftheaters und der Kunstliebe des soeben zur Regierung gelangten Kurfürsten erzählen hören, daß ich nicht zweifeln durfte, dort einen bedeutenden und angenehmen Wirkungskreis zu finden. Ich nahm daher das Anerbieten Webers dankbar an. Infolge davon erhielt ich auch schon vor Ablauf einer Woche ein Schreiben von Herrn C. Feige, Generaldirektor des Kasselschen Hoftheaters, in welchem mir im Auftrage des Kurfürsten die Stelle als Hofkapellmeister angetragen und ich aufgefordert wurde, meine Bedingungen für die Annahme derselben mit umgehender Post einzusenden. Nachdem ich mich mit Weber und meiner Frau beraten hatte, forderte ich: 1) Anstellung mit Reskript auf Lebenszeit mit 2000 Taler Gehalt; 2) einen alljährlichen Reiseurlaub von 6–8 Wochen; und 3) die Zusicherung, daß mir die artistische Leitung der Oper ausschließlich übertragen werde. Sämtliche Bedingungen wurden genehmigt, als Gegenbedingung aber verlangt, daß ich spätestens mit dem neuen Jahre meine Stellung antreten solle. So froh wir nun auch über die neue Anstellung waren, Dorette besonders, weil sie nun sicher gestellt war, ihre Kinder nicht mehr auf lange Zeit verlassen zu müssen, so war es uns doch gar nicht recht, unsern jetzigen Aufenthalt, wo die Kinder besonders im Gesange sichtliche Fortschritte machten, schon jetzt wieder zu verlassen. Überdies hatten wir unsere Dresdener Wohnung bis Ostern gemietet, und ein Umzug[124]  mitten im Winter war jedenfalls sehr unangenehm. Ich schlug daher vor, daß ich zum Antritte meiner Stelle allein nach Kassel gehe, und daß Dorette mit den Kindern aber noch bis zum Frühjahr in Dresden verweile. Ich könne daher dann in Kassel im voraus eine Wohnung suchen und sie auch noch vor Ankunft meiner Familie möblieren und vollständig einrichten. Dorette mußte die Zweckmäßigkeit dieses Vorschlages zugeben und ihn billigen, so schwer es ihr auch wurde, sich auf so lange Zeit von mir zu trennen. Ich traf daher, da Neujahr nicht mehr fern war, die Anstalten zu meiner Abreise, packte den ersten Akt der Jessonda-Dichirung ein, um in Kassel mit der Komposition sogleich beginnen zu können, und besprach mit Hrn. Gehe den Inhalt des zweiten und dritten Aktes nochmals auf das ausführlichste.
Unterdessen lief ein neuer, überraschender Antrag ein. Graf Salisch, mein alter Gönner in Gotha, schrieb mir nämlich, die Herzogin habe in Erfahrung gebracht, daß ich jetzt in Dresden privatisiere, und sie lasse daher bei mir anfragen, ob ich nicht geneigt sei, in mein altes Engagement, das durch Andreas Rombergs ohnlängst erfolgten Tod von neuem erledigt sei, wieder einzutreten? Man werde mir, fügte Graf Salisch hinzu, eine bedeutende Steigerung meines frühern Gehaltes bewilligen können. – Hätte ich nicht bereits in Kassel zugesagt gehabt, so würde ich vielleicht, um meiner Frau die Freude der Wiedervereinigung mit ihrer Mutter und der Rückkehr in ihr Vaterhaus bereiten zu können, diesen Antrag dem frühern vorgezogen haben. So war mir aber die Wahl erspart, und ich konnte dies als ein Glück betrachten, da mein Wirkungskreis in Gotha im Vergleich mit dem in Kassel doch ein sehr unbedeutender gewesen sein würde. Auch wäre ich bald wieder heimatlos geworden, da der Herzog und auch sein Nachfolger Prinz Friedrich, der letzte Erbe, schnell nacheinander starben und das Land unter die übrigen sächsischen Herzogtümer verteilt wurde. Die Kapelle wurde nun pensioniert, und da ich die gänzliche Geschäftslosigkeit nicht hätte ertragen können, so wäre ich doch bald wieder ausgewandert.

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Der Abschied von Frau und Kindern, obwohl nur auf ein Vierteljahr, war doch ein sehr wehmütiger. Doretten, die ganz in Tränen zerfloß, konnte ich nur dadurch einigermaßen trösten, daß ich ihr wöchentliche Berichte über alles, was ich beginnen werde, versprach. Diese Zusage hielt ich getreulich, muß aber auch meiner Frau das Zeugnis geben, daß sie mir an Schreiblust nicht nachstand. – In Gotha, wo ich meine Schwiegermutter besuchte, wurde ich von dieser, den übrigen Verwandten meiner Frau und den Mitgliedern der Kapelle noch arg bestürmt, doch dort zu bleiben. Auch die Herzogin, die ich nicht unbesucht lassen[125]  konnte, da sie sich mir immer sehr wohlwollend und freundlich bewiesen hatte, machte noch einen letzten Versuch, mich Kassel abspenstig zu machen, indem sie sich erbot, ihren Bruder, den Kurfürsten von Hessen, zu bewegen, mich meiner Zusage zu entbinden. Da mir aber die Verhältnisse in Gotha, seit ich es verlassen und die Welt gesehen hatte, sehr kleinlich und beschränkt vorkamen, widerstand ich allen Versuchungen und entzog mich ihnen durch beschleunigte Weiterreise.



 Die ersten zehn Jahre in Kassel bis zur Schliessung des Hoftheaters
[126] 1822–1832











Kaum in Kassel angelangt, wurde ich zum Kurfürsten berufen, der mich höchst wohlwollend empfing und mir viel Schmeichelhaftes sagte, unter anderm, daß er hoffe, seine Oper durch mich zu einer der ausgezeichnetsten Deutschlands gebracht zu sehen, und mich deshalb beauftragte, geeignete Vorschläge zu machen, wie dies Ziel zu erreichen sei. Ich erbat mir dazu eine Frist von vierzehn Tagen, um die vorhandenen Kräfte erst genau kennen zu lernen. Ich hörte nun einige Proben und Aufführungen mit an und übernahm dann mein neues Amt mit der Direktion des Winterschen »Opferfest«. Da es dem bisherigen Musikdirektor Benzon, wie ich allgemein erzählen hörte, so sehr an Autorität gefehlt hatte, daß die Sänger und das Orchester sich seinen Anordnungen ohne weiteres widersetzten (was dann auch seine Entlassung herbeigeführt hatte), so hielt ich es für nötig, die Zügel sogleich etwas scharf anzuziehen. Ich nahm es daher bei den Proben zum »Opferfest« sehr genau, fand aber weder bei dem Gesangpersonal, noch bei dem Orchester den mindesten Widerspruch und konnte daher schon bei der ersten Oper, die ich dirigierte, ein besseres Ensemble, als man es bisher gewohnt gewesen war, herstellen. Dies wurde auch allgemein anerkannt und erwarb mir sogleich das Zutrauen des Fürsten wie auch des sämtlichen Theaterpersonals. – Da ich unter den Sängern bereits einige ausgezeichnete vorfand, namentlich den ersten Tenor, Herrn Gerstäcker, und die erste Sängerin, Frl. Dietrich, und erfuhr, daß Herr Feige bereits mit mehreren andern ausgezeichneten Künstlern in Unterhandlung stehe, so beschränkten sich die Vorschläge, die ich nun einreichte, vor der Hand nur auf Vermehrung und Verbesserung[127]  des Chor- und Orchesterpersonals. Letzteres bestand zum Teil aus Zivilmusikern, zum Teil aus Mitgliedern der Gardemusik. Unter diesen letzteren befanden sich sehr ausgezeichnete Künstler, denen der Kurfürst ebenfalls wie den Zivilmusikern Anstellungsreskripte auf Lebenszeit bewilligt hatte. Ich konnte es daher nicht mehr durchsetzen, daß das Orchester, um die Kollision zwischen dem Militär- und Orchesterdienst zu vermeiden, aus lauter Zivilmusikern zusammengesetzt werde. Wenigstens hoffte ich aber den Übelstand zu beseitigen, daß die Militärmusiker in vollständiger Uniform erscheinen mußten, was mir beim ersten Besuch des Theaters sehr aufgefallen war. Aber auch dies gelang mir nicht, denn der Kurfürst erwiderte auf meine Vorstellung, »es sei gegen die Militäretikette, daß ein Soldat anders als in voller Uniform vor ihm erscheine«, und als ich nun noch hinzufügte, die enge Uniform erschwere auch den Orchesterdienst, und die hohen Epauletts machten es namentlich den Geigern ganz unmöglich, ihr Instrument so zu halten, wie es sein müsse, so verfügte er lieber, daß den Musikern eine besondere, bequeme Uniform ohne Epauletts für den Orchesterdienst verfertigt werde, als daß er seiner Grille entsagt hätte. Auch meinen weiteren Vorschlag, nun auch den Zivilmusikern dieselbe Orchesteruniform zu geben, verwarf er, und so blieb dies buntscheckige Orchester zum Erstaunen aller Fremden, bis 1830 die Revolution in Hessen den jetzigen Kurfürsten zur Regierung brachte.
Meine Vorschläge zur Vermehrung und Verbesserung des Orchesters wurden aber sämtlich genehmigt und mir der Auftrag erteilt, noch einige gute Geiger sowie ausgezeichnete Solobläser für die ersten Blasinstrumente zu engagieren. Dadurch wurde mir Gelegenheit geboten, meinen Bruder Ferdinand, der nach seinem Abgange von Wien ein Engagement in der Berliner Kapelle gefunden hatte, nun wieder in meine Nähe zu ziehen. Ein Gleiches gelang mir auch mit meinem ehemaligen Schüler und Freunde Hauptmann. Beide wurden auf Lebenszeit reskribiert. Auch einige andere ausgezeichnete Künstler für die Blasinstrumente fanden sich bald, und so wurde das Orchester durch diesen Zuwachs und ein fleißiges Einüben binnen kurzer Zeit eines der vorzüglichsten in Deutschland und ist es auch trotz allem Wechsel der Personen bis jetzt (1853) geblieben.
Doch zurück zum Jahr 1822. Mein Amtsantritt wurde vom Theaterpersonal durch eine solenne Festivität gefeiert, bei der die beiden Chefs der Theaterverwaltung, der Intendant, Polizeidirektor von Manger, und der Generaldirektor Feige, präsidierten. Ich wurde angesungen, angeredet und betoastet und hatte für alles dies auf Worte des Dankes[128]  zu sinnen. Da man mir von allen Seiten mit Freundlichkeit und selbst Herzlichkeit entgegenkam, gefiel ich mir ganz gut in diesem Zirkel. Das damalige Personal, größtenteils aus jungen Leuten bestehend, war überhaupt ein fröhliches und lebenslustiges Völkchen. Da nun der Kurfürst, der in den ersten Jahren seiner Regierung sehr freigebig war, dem Generaldirektor Feige besondere Repräsentationskosten zur Bewirtung der einheimischen und durchreisenden fremden Künstler ausgeworfen hatte, so gab dies Veranlassung zu häufigen Gesellschaften in den glänzend eingerichteten Besuchzimmern der Feigeschen Wohnung, bei welchen Madame Feige, die talentvolle Schauspielerin, die Wirtin machte. Diese Zusammenkünfte wurden durch Geist und Witz belebt, und es herrschte da eine zwar ungebundene, aber anständige Fröhlichkeit. Ich besuchte sie daher anfangs ziemlich oft und gern; gegen die Zeit jedoch, wo ich meine Familie erwartete, zog ich mich mehr zurück, teils weil ich mir sagen mußte, daß meiner Frau diese Zirkel doch nicht zusagen würden, teils weil ich durch häufigen und vertrauten Umgang mit dem Sängerpersonal an meiner amtlichen Autorität einzubüßen fürchtete.

Gleich in den ersten Tagen ließ ich mich der Frau Kurfürstin und den beiden Prinzessinnen vorstellen und wurde von ihr zu ihren Abendgesellschaften eingeladen. In einer derselben trug ich auf den Wunsch der Frau Kurfürstin einige meiner Quartetten vor, die ich zu dem Behufe mit den ausgezeichnetsten Mitgliedern der Hofkapelle, den Herren Wiele, Sologeiger, Barnbeck, Vorgeiger, und Hasemann, erstem Violoncellisten (meinem frühern Quartettisten in Frankfurt, der unlängst nach Kassel berufen war), im voraus einübte. Diese Musikpartie, die viel von sich reden machte, war wahrscheinlich die Veranlassung, daß der Kurfürst, der, von seiner Gemahlin getrennt, ihre Abendzirkel nie besuchte, mir den Auftrag gab, ein Hofkonzert zu veranstalten, um sich und seiner Geliebten, der Dem. Ortlöpp (später von ihm zur Gräfin Reichenbach erhoben), ebenfalls Gelegenheit zu verschaffen, mich spielen zu hören. Dieses Konzert, welches ich mit allem, was das Sängerpersonal und die Kapelle an ausgezeichneten Talenten darbot, ausstattete, wurde im großen Saale des Schlosses vor einer glänzenden Gesellschaft (bei der freilich die Frau Kurfürstin fehlte, weil Dem. Ortlöpp ihre Stelle vertrat) gegeben und machte, weil es das erste am neuen Hofe war, große Sensation. Es blieb aber doch für lange Zeit das einzige, weil der Kurfürst und seine Geliebte sich für Konzertmusik nur wenig interessierten.[129] 
Auf den Wunsch der Kapelle übernahm ich auch die Direktion der Konzerte, die sie im neuen Stadtbausaale veranstaltet hatte, und trat auch in einem derselben als Solospieler auf. Im ersten Jahre wurde deren Ertrag noch wie bisher unter die Mitglieder der Kapelle verteilt, später aber auf meinen Vorschlag zu einer Witwen- und Unterstützungskasse für die Hinterlassenen verstorbener Kapellmitglieder angesammelt und von einem Komitee nach entworfenen Statuten verwaltet. Diese Unterstützungskasse, in die seit jener Zeit der Ertrag der in jedem Winter vom Hoforchester gegebenen Abonnementkonzerte und einer Oratoriumaufführung am Karfreitage fließt, besteht noch jetzt (1853) und hat im Laufe der Jahre manche Not der Witwen und Waisen verstorbener Orchestermitglieder gemildert. Die Konzerte werden aber schon seit vielen Jahren nicht mehr im Stadtbausaale, sondern im Hoftheater gegeben, und zwar seit der Zeit, daß der vorige Kurfürst sich zum Protektor der Anstalt und sein Hofmarschallamt zur Revision unserer Rechnungen ernannte und unserm Verein als Behörde vorsetzte.
Den Tag nach meiner Ankunft in Kassel wurde ich zur Gräfin von Hessenstein, der Geliebten des verstorbenen Kurfürsten, zu einer Musikpartie eingeladen. Ich traf dort die Dilettanten der Stadt, die sämtlich sangen, und zwar in sehr schlechter Manier. Da aber viele darunter mit guten Stimmen begabt waren, so brachte mich das auf die Idee, meine Wirksamkeit mit der Errichtung eines Gesangvereins zu beginnen. Ich knüpfte daher mit einigen der Sänger Bekanntschaft an und teilte ihnen meine Idee mit, und da sie sich zu interessieren schienen, so beredete ich mit ihnen, daß wir uns an einem der folgenden Tage versammeln wollten, um alles Erforderliche zu bereden. Der Verein trat am Cäcilientage ins Leben und nannte sich nach der Heiligen Cäcilienverein. Er wurde mit einer Hymne an die Heilige, von Frl. von Calenberg gedichtet und von mir komponiert, eröffnet, die aus Chören und einem Sopransolo bestand, womit meine älteste Tochter, die damals eine schöne Stimme besaß, großen Beifall einerntete. Der Verein sang in den ersten Jahren seines Bestehens einige Male in der katholischen Kirche eine Messe von Hauptmann mit Begleitung der Orgel während des Gottesdienstes und machte überhaupt in den wöchentlichen Übungen recht erfreuliche Fortschritte.
Meine Wirksamkeit im Theater begann, nachdem ich das Personal und Orchester genau kannte, mit dem Einüben meiner in Frankfurt geschriebenen Oper »Zemire und Azor«. Eine junge talentvolle Sängerin, Demoiselle Canzi, die damals in Kassel gastierte, sang die Zemire und Gerstäcker, der damals sehr bewunderte erste Tenor unserer Bühne,[130]  den Azor. Da auch die übrigen Rollen der Oper gut besetzt waren, so konnte es nicht fehlen, daß sie hier ebenso günstig wie in Frankfurt aufgenommen wurde und während der Anwesenheit der Canzi, die eine sehr liebenswürdige Zemire war, sehr oft wiederholt wurde.

In einem Brief an Wilhelm Speyer vom 29. März 1822 schrieb Spohr:

»Nach der Vorstellung wurde ich gerufen, eine Auszeichnung, die, solange Kassel steht, noch keinem Komponisten widerfahren ist. Der Beifall, mit dem jedes Musikstück aufgenommen wurde, und der sich nach dem Ende zu immer mehr steigerte, hat mich einigermaßen über die ungünstige Aufnahme, welche die Oper in Wien und München gefunden hat, getröstet. Noch mehr hat mich aber der Umstand gefreut, daß die Oper mir selbst gefiel, der ich sie nun seit ein paar Jahren gar nicht gehört hatte und gegen ältere meiner Sachen ein gar strenger Richter bin. Ich habe mich nun aber überzeugt, daß diese Komposition so wie andere meiner Sachen nur recht genau und im Geiste des Werkes gegeben werden muß, um auch dem Nichtkenner zu gefallen, daß sie aber bei nachlässiger Aufführung leicht so verhunzt werden kann, daß auch der Kenner an ihr irre wird.«

Im Frühjahr 1822 kam meine Familie unter dem Schutze meines Bruders Ferdinand, der sie auf der Reise von Berlin hieher in Dresden abgeholt hatte, auch hier an, und ich bezog mit ihnen sogleich die neu gemietete Wohnung im Mansbachschen Hause auf der Belevue. Nun wieder im ruhigen häuslichen Kreise, begann ich auch sogleich, die neue Oper »Jessonda« zu komponieren, und beendigte sie im Dezember desselben Jahres. Einige Nummern daraus, die Ouvertüre, eine Arie der Jessonda und das bekannte Duett zwischen Amazili und Nadori des zweiten Akts wurden schon im selben Winter in den Abonnementkonzerten aufgeführt, und meine Tochter Emilie erntete dabei große Ehre ein. Die ganze Oper wurde zum erstenmal auf unserm Theater am Geburtstage des Kurfürsten am 28. Juli im folgenden Sommer gegeben und mit allgemeinem Beifall aufgenommen. Sie verbreitete sich daher auch bald auf andere Theater.

Diese kurzen Ausführungen Spohrs über sein erfolgreichstes Bühnenwerk ergänzen einige Stellen aus Briefen an W. Speyer über Komposition und erste Aufführungen der »Jessonda«:

26. Januar 1823. »... Wenn ich von dieser Oper mehr erwarte als von den früheren, so stützt sich das auf meine vermehrte Erfahrung und auf[131]  die Begeisterung, mit der das wohlgeratene Buch mich fast bei jeder Nummer erfüllte. Um nie anders als in Stunden der Weihe an die Arbeit zu gehen, habe ich mir bei dieser auch mehr Zeit als bei allen früheren gegönnt.«

2. August 1823. »Sie wünschen durch mich von der ersten Aufführung der ›Jessonda‹ etwas zu erfahren; der Auftrag will sich für mich nicht recht schicken, denn ich werde, ohne es zu wollen, doch wohl zu ihrem Lobredner werden müssen. Der Effekt war groß ... Es ist hier Sitte, daß an Geburtstagen nur der Hof mit Applaudissement empfangen und dann die Oper ohne laute Äußerungen des Beifalls angehört wird. Das sollte diesmal auch so sein, aber schon vor Ende des ersten Aktes brach ein stürmischer Beifall los, und nun war die Etikette für den Rest des Abends vergessen. Die Aufführung war vorzüglich, die Solisten ausgezeichnet, Chöre und Orchester, Szenerie, Tänze, Scheingefechte, Umzüge, Gewitter, Dekorationen, Kostüme, alles vortrefflich: so mußte sie wohl eine große Wirkung hervorbringen. Mich hat diese Arbeit sehr glücklich gemacht, und ich darf hoffen, daß die Oper auch an anderen Orten großen Beifall haben wird, da sie viel leichter wie meine früheren ist, ein sehr interessantes Sujet und weit einfachere und größtenteils lieblichere Musik hat ...«

Am 25. 8. 23 nach der dritten Aufführung. »Das Haus faßte wieder nicht alle Zuströmenden. Der Enthusiasmus des Publikums steigerte sich so, daß ich am Ende der Vorstellung herausgerufen wurde. Die Oper bewährt sich auch bei mir selbst. Bis jetzt habe ich noch nichts so Gutes zustande gebracht ...«

Aus den Zimmern unserer Wohnung auf der Bellevue hatten wir eine sehr schöne Aussicht über die Aue hinüber in das Tal, wo die Leipziger Straße durchführt, und die Schönheit der Gegend veranlaßte uns zu häufigen Spaziergängen in die reizende Umgebung von Kassel. Auf diesen Gängen zogen uns hauptsächlich die vielen Gartenwohnungen an, die sich vor dem Wilhelmshöher wie vor dem Kölnischen Tore befinden, und da es anfing, uns hier sehr zu gefallen, so stieg auch bald der Wunsch in uns auf, eine solche Gartenwohnung, wie wir sie in Gotha bereits in Miete besessen hatten, nun als Eigentum zu erwerben. Wenn daher auf unseren Spaziergängen eine solche unser besonderes Wohlgefallen erregte, so fragte ich gewöhnlich an, ob sie dem Besitzer nicht feil sei, wurde aber öfters abgewiesen, bis mir endlich ein kleines Landhaus vor dem Kölnischen Tore, dicht bei der Stadt und nicht fern vom Theater in einer sehr ruhigen Gegend, allenthalben von Gärten[132]  umringt, zum Kauf angetragen wurde. Da der dafür geforderte Preis mein kleines, in der Handlung von Wilhelm Speyer in Frankfurt angelegtes Vermögen nicht überstieg, so schloß ich den Kauf sogleich ab. Da wir unsre Stadtwohnung für das folgende Jahr anderweitig vermieten konnten, bezogen wir noch im Herbste das neue Eigentum und erfreuten uns gleich einer reichen Gemüse- und Obsternte. Das Einzige, was ich im neuen Hause vermißte, war ein geräumiges Musikzimmer. Ich ließ daher im ersten Stock eine Wand zwischen zwei Zimmern herausnehmen und gewann dadurch ein für eine Quartettpartie hinreichend geräumiges Zimmer, das für eine günstige Akustik jedoch zu niedrig war, weshalb ich mir für die Zukunft vornahm, einen Anbau mit einem Musiksaal errichten zu lassen.

Unsere neue stille Gartenwohnung begeisterte mich zu neuen Kompositionen, und so schrieb ich zuerst ein drittes Quartett zu den beiden schon in Dresden angefangenen, welche bei Peters in Leipzig als Op. 58 herausgekommen sind. Um dieses Quartett sowie die frühern zu hören zu geben, veranstaltete ich auch hier einen Quartettzirkel, wo abwechselnd bei einigen musikliebenden Familien wöchentlich drei Quartette exekutiert und die Abende mit einem frugalen Mahle beschlossen wurden. Anfangs bestand das Quartett aus mir, Herrn Wiele, dem Sologeiger und späteren Konzertmeister unsrer Hofkapelle, meinem Bruder Ferdinand, welcher die Viola übernahm, und unserm trefflichen Violoncellisten Hasemann. Da aber nach und nach, wie im Orchester, so auch in diesem kleinen Kreise der Tod aufräumte, so mußten andere an die Stelle treten, und es bedurfte dann immer einiger Zeit, bis wir das alte gewohnte Ensemble wieder gewannen. Zuerst wurde im Jahre 1831 mein Bruder abgerufen, dann Wiele, zuletzt Hasemann, immer aber die Lücken aus neuen Mitgliedern unsrer Hofkapelle wieder besetzt, so daß die Quartettpartien, welche jedoch nur während des Winters stattfanden, keinmal ganz aufhörten, und ich selbst bis in die neueste Zeit in denselben jedesmal zwei Quartetten gespielt habe. Nachdem ich das dritte Quartett des 58. Werkes vollendet hatte, bekam ich Lust, eine Idee auszuführen, mit der ich mich schon lange getragen hatte, und von der mir, wenn ich nicht irre, Andreas Romberg, als wir das letztenmal vor seinem Tode Quartett spielten, zuerst gesprochen hatte, nämlich die, mich in einem Doppelquartette zu versuchen. Der Umstand, daß Romberg sich jahrelang mit dem Gedanken beschäftigt hatte, ohne zu einem Versuche gekommen zu sein, reizte mich besonders, und ich stellte mir die Aufgabe, wie auch er sie aufgefaßt hatte, zwei Quartetten nebeneinander sitzend ein Musikstück ausführen zu lassen, dabei[133]  aber die beiden Quartetten nach Art von Doppelchören häufig abwechseln und konzertieren zu lassen und das achtstimmige nur für die Hauptstellen der Komposition aufzusparen. Nach dieser Aufgabe schrieb ich also mein erstes Doppelquartett (Op. 65), begann das Thema des ersten Allegro mit beiden Quartetten unisono und forte, um es den Hörern recht einzuprägen, und führte es dann konzertierend durch beide Quartetten abwechselnd durch. Unter den zum Quartettzirkel gehörigen Familien besaß der Hofmarschall von der Malsburg das größte Lokal, weshalb ich wartete, bis an ihm die Reihe war, das Quartett zu halten, wählte dann die fähigsten meiner damaligen Schüler und einen zweiten Violoncellisten aus dem Orchester aus, studierte mit ihnen das neue Quartett gehörig ein und gab es unserm Zirkel zu hören. Ich hatte die Freude zu bemerken, daß seine Wirkung weit über die der einfachen Quartetten und Quintetten hinausreichte, und da diese neue Gattung von Kammermusik auch auswärts viel Anklang fand, wie es die häufigen Aufführungen derselben beweisen, so erwartete ich nichts anderes, als daß die Komponisten damaliger Zeit diese bald nachahmen und allgemein machen würden. Es ist dies aber ebensowenig der Fall gewesen wie mit einigen andern Erweiterungen der Kunstformen, die ich in späteren Jahren versucht habe, wie z.B. bei der Symphonie mit zwei Orchestern: »Irdisches und Göttliches im Menschenleben« (Op. 121), bei der historischen Symphonie (Op. 116) und der vierhändigen Klavierbegleitung zu einigen Tenorliedern. Nur ein einziger junger Komponist aus Lübeck, namens Pape, der später im Theaterorchester zu Bremen als Violoncellist angestellt ward, schickte mir einst ein Doppelquartett im Manuskripte zu. Er hatte viel Talent zur Komposition, fand aber keine Gelegenheit, seine Sachen zu veröffentlichen, und verkümmerte deshalb wie so viele junge Deutsche aus Mangel an Anerkennung. Auch dieses ist niemals herausgegeben worden, und so sind meine vier Doppelquartetten sowie auch die andern oben genannten Werke von mir die einzigen ihrer Gattung geblieben. Ein Oktett für Streichinstrumente von Mendelssohn-Bartholdy gehört nämlich einer ganz andern Kunstgattung an, in welcher die beiden Quartetten nicht doppelchörig miteinander konzertieren und abwechseln, sonderen alle acht Instrumente zusammenwirken. Diese Gattung, obwohl nicht so interessant als die Doppelquartetten, ist auch nachgeahmt worden, denn der Violoncellist Schuberth in Petersburg hat ein solches bei seinem Bruder, dem Musikverleger in Hamburg, herausgegeben, und es ist auch bei uns in Kassel mehrmals mit Beifall zur Ausführung gekommen![134] 
In dieser Zeit beschäftigten mich noch verschiedene andere Kompositionen: zwei Potpourris über Themen aus »Jessonda« (Peters in Leipzig), der eine für Geige (Op. 66), der andere für Geige und Violoncell (Op. 64), welche beide im Laufe des Winters in unsern Abonnementkonzerten von mir vorgetragen wurden. Ferner komponierte ich eine Hymne an die hl. Cäcilie, die von Fräulein von Calenberg zu der am 22. November veranstalteten Feier des Cäcilientages gedichtet war und aus Chören nebst einem brillanten Sopransolo bestand, welches meine älteste Tochter Emilie damals sehr gut vortrug.


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Zur Feier dieses Tages, welche der von mir gestiftete Singverein in diesem Jahr zum ersten Male beging, versammelte sich eine Gesellschaft von etwa 120 Personen, meist Angehörige der Vereinsmitglieder, in dem zu diesem Zwecke schön eingerichteten Österreichschen Saale, der mit dem lebensgroßen Bildnisse der hl. Cäcilie ausgeschmückt war. Die Festlichkeit begann mit der an die Heilige gerichteten Hymne, worauf ein Mitglied eine geistreiche Rede über das Wesen der Kunst hielt und mir unter den schmeichelhaftesten Ausdrücken des Dankes und der Anerkennung ein wertvolles Geschenk des Vereines überreichte, bestehend aus zwei großen, bronzenen Leuchtern, von dem später so berühmt gewordenen Bildhauer Henschel gefertigt, welche mit Szenen aus meinen drei hier gegebenen Opern verziert waren. Hierauf wurden ein Vaterunser von Fesca, das Salve regina von Hauptmann und während des Abendessens einige Lieder für Männerstimmen gesungen. Im folgenden Jahre komponierte Hauptmann zum Namenstage unserer Schutzheiligen eine ebenfalls von Fräulein von Calenberg gedichtete Hymne, und da sich diese sowie meine Komposition stets des ungeteiltesten Beifalls zu erfreuen hatte, so wurden beide Musikstücke abwechselnd bei allen spätern, am Cäcilientage stattfindenden Aufführungen vorgetragen. Die bei diesen Gelegenheiten gesammelten freiwilligen Beiträge dienten nur zu wohltätigen Zwecken, und die Feier des Tages wurde, wenn auch durch einzelne Störungen unterbrochen, doch bis in die neueste Zeit bald in engerer, bald in ausgedehnterer Weise begangen. Im folgenden Jahre (1824) erhielt ich eine Einladung vom Hofrat Küstner, der damals Direktor des Theaters in Leipzig war, meine Oper »Jessonda« auf seinem Theater in Szene zu setzen.

Ein Brief an Wilhelm Speyer vom 15. Februar 1824 berichtet über die Leipziger Erstaufführung der »Jessonda«:

»... Beim Eintritt ins Orchester wurde ich schon mit allgemeinem Jubel begrüßt, die Ouvertüre wurde stürmisch und anhaltend da capo verlangt,[135]  da aber schon aufgezogen war, so ließ sich das Publikum es endlich gefallen, daß wir zur Introduktion schritten. Jede Nummer wurde mit lebhaftem Beifall aufgenommen, vier wurden noch da capo verlangt, worunter auch ein Chor, der erste des zweiten Aktes, sich befand. Den größten, wirklich wütenden Enthusiasmus erregte das Duett zwischen Amazili und Nadori. Gleich nach dem ersten Akt erhob sich in einer Loge des ersten Ranges ein Sprecher und hielt eine kleine Anrede an mich, in der er mich als einen wahren Meister deutscher Kunst bezeichnete, und forderte die Anwesenden auf, mir ein dreimaliges Lebehoch zu bringen. Dies geschah mit Begleitung von Trompeten und Pauken in einem Tutti, daß ich glaubte, die Mauern würden einstürzen. Ein gleiches bravo und ›da capo Jessonda!‹ verlautete beim Schluß der Oper. Der Hofrat Küstner, der früher mit mir um das Honorar gehandelt hatte, überschickte mir tags nach der Aufführung das Doppelte des Bedungenen, und wie ich bei der Abreise im Wirtshause die Rechnung bezahlen wollte, war sie schon berichtigt. Auch ein glänzendes Fest gab er mir. Peters, der Verleger des Klavierauszuges, erklärte mir auch nach der Aufführung, daß das von mir bestimmte Honorar nach dem nun zu erwartenden Erfolg der Oper zu gering angesetzt sei, und daß ich ihm erlauben solle, selbst eines dafür zu bestimmen. Bei dem Eindruck, den ich die Musik auf das große Publikum machen sah, darf ich nun wohl hoffen, daß sich diese Oper Bahn brechen und meine anderen beiden wohl auch noch mitschleppen wird. In Leipzig ist wenigstens schon die Rede davon, die Zemire neu in Szene zu setzen und den Faust einzustudieren ...«
Von Leipzig zurückgekehrt, erhielt ich vom Kurfürsten den Auftrag, für die Vermählungsfeier seiner Tochter, der Prinzessin Marie, mit dem Herzoge von Sachsen-Meiningen, die im nächsten Jahre stattfinden sollte, sich aber bis zum 24. März 1825 verzögerte, eine neue Oper zu schreiben. Schon in Wien hatte ich mich mit dem Gedanken beschäftigt, mir das Märchen von Musäus »Rübezahl« als Oper bearbeiten zu lassen. Ich wandte mich daher wieder an Herrn Eduard Gehe in Dresden, der mir das Buch zur »Jessonda« so ganz zu meiner Zufriedenheit bearbeitet hatte, und bat ihn, mir das genannte Märchen zu einer Oper einzurichten. Da ich ihm aber nicht wieder ein genaues Szenarium für die Oper einsenden konnte, weil ich über die Bearbeitung des Stoffs mit mir selbst noch nicht einig war, so hatte ihn seine Phantasie im Stich gelassen, und er schickte mir eine Bearbeitung, die mir gar nicht zusagte, und zu deren Komposition ich mich durchaus nicht aufgelegt fühlte. Nun hatte ich zu meiner Zeit in Frankfurt einen Pauker im Orchester[136]  gehabt namens Georg Döring, der zugleich Literat war und sich seit jener Zeit durch einige gelungene Romane bekannt gemacht hatte. An diesen wandte ich mich nun wegen der Oper und teilte ihm auch meine Ansichten über die Bearbeitung des Stoffs mit, unter anderm auch, daß es mir unnötig scheine, daß eine große Oper, wie der Rübezahl werden sollte, mit Reimen versehen sei, die mir für die Komposition unnötig schienen, und zwar weil mir viel Seichtes in der Geheschen Bearbeitung des Rübezahl als Folge des Zwanges, den der Reim dem Dichter auferlegt hatte, erscheinen wollte. Als Folge dieser Bemerkung hatte dann auch Döring den Reim durchgehend vermieden, und obgleich dies vielfältig getadelt worden ist, so bin ich doch immer noch der Meinung, daß eine durchkomponierte Oper des Reims nicht bedarf, und daß bei meiner Oper »Der Berggeist«, wenn sie nicht allen Ansprüchen genügt, der Mangel des Reims am wenigsten die Schuld daran trägt! Also, obgleich mir das Döringsche Buch auch nicht ganz zusagen wollte, so war doch keine Zeit zu verlieren, und ich mußte mich an die Arbeit machen, um so mehr, da die Oper nicht die einzige Arbeit war, die mir der Kurfürst zur Vermählungsfeier aufgetragen hatte. Ich sollte auch einen Festmarsch schreiben mit eingemischter Melodie des alten deutschen Liedes: Und als der Großvater die Großmutter nahm, und einen Fackeltanz für 53 Trompeten und 2 Paar Pauken (so viel besaß nämlich die hessische Armee in ihren Musikchören), und da ich zu diesem Fackeltanz der Modulation wegen verschiedene Stimmungen der Trompeten nehmen mußte, die Trompeter bei der Regimentsmusik [aber] in der Regel nicht sehr musikalisch sind, so hatte ich auch die Verpflichtung, ihnen diesen Fackeltanz im voraus einzustudieren. Dieses Einstudieren abgerechnet, war ich mit der Oper und den übrigen mir aufgetragenen Arbeiten doch zu Ende des Jahres 25 fertig und konnte nun an das Einstudieren des »Berggeist« gehen. Unterdes war Gerstäcker, der schon lange gekränkelt hatte, gestorben, und wir hatten für die neue Oper keinen Tenor. Der Kurfürst befahl daher, uns um einen fremden Sänger umzusehen und diesen für die Zeit seines Geburtstages auf Gastrollen einzuladen. Ein junger Sänger in Hamburg namens Cornet machte damals von sich reden. An ihn wandten wir uns daher; er war aber mit der dortigen ersten Sängerin, Frl. Kiel aus Sondershausen, verlobt und im Begriff, sich mit ihr zu verheiraten, stellte daher die Bedingung, daß auch sie mit ihm zugleich für ein Gastspiel und die erste Sopranpartie der neuen Oper engagiert werde. Der Kurfürst, dem die Vermählungsfeier seiner Tochter und daher auch die neue Oper sehr am Herzen lag, genehmigte gern das doppelte Engagement, und ich[137]  wurde beauftragt, den beiden Sängern ihre Partien in der neuen Oper zuzusenden, damit sie im voraus einüben sollten! Nun hatten wir damals von Anfang Juni an bis zum Geburtstage des Kurfürsten Theaterferien. Ich mußte daher das Einüben der Oper für den Geburtstag des Kurfürsten schon im Frühjahr mit dem einheimischen Personal beginnen. Kaum hatten aber die Proben begonnen, so bekam ich einen mich sehr überraschenden Brief von Spontini, der mich um die Partitur von »Jessonda« bat und mich einlud, sie selbst zu dirigieren, sobald sie einstudiert sein würde. Er hatte nämlich damals so oft in den Berliner Blättern lesen müssen, daß er nur seine Opern gäbe und, um sie zu heben, bemüht sei, alle andern neuen wertvollen Opern von der Berliner Opernbühne fernzuhalten, daß er auf die Idee gekommen war, den Komponisten der »Jessonda« einzuladen, um durch das Gegenteil diese Anklage am eklatantesten zu widerlegen. Ich ahnte davon nichts und war sehr froh, meine Oper auch in Berlin bekannt werden zu sehen. Ich erbat mit dem Beginn unserer Theaterferien daher zu der Reise nach Berlin einen 8wöchentlichen Urlaub, wie er mir bei meiner Anstellung zugesichert war, und reiste mit meiner Frau nach Berlin ab. Spontini empfing mich sehr freundlich; als ich aber von ihm zum Graf Brühl ging, um ihm, dem Intendanten des Hoftheaters, ebenfalls meinen Besuch zu machen, und von diesem erfuhr, daß Spontini mich eingeladen habe, ohne es vorher mit dem Intendanten besprochen zu haben, und dann hörte, daß zwar die Partien der Oper ausgeteilt seien, aber die Zimmerproben noch gar nicht begonnen hatten, so merkte ich bald, daß es Spontini gar nicht darum zu tun war, die Aufführung der Oper zu befördern. Um nun nicht unverrichteter Sache wieder heimkehren zu müssen, suchte ich den Graf Brühl, der mir über die Vernachlässigung, welche Spontini gegen ihn sich erlaubt hatte, empfindlich schien, zu besänftigen, welches mir auch gelang, und beredete dann mit ihm alles, was die Ausstattung der Oper betraf, besuchte dann den Kapellmeister und die Sänger und trug Sorge, daß die Zimmerproben sogleich begannen. Ich hatte die Freude zu sehen, daß die Hauptpartien in guten Händen waren: Bader und Blume als Nadori und Tristan sowie die Damen Schulze und Seidler als Jessonda und Amazili waren treffliche Sänger; auch die Partie des Dandau war durch Herrn Krause gut besetzt, und Lopez, der anfangs einem Komiker zugeteilt worden, wodurch der Ernst der Oper beeinträchtigt wurde, übernahm der junge Baritonist Devrient, nachdem ich mich dazu verstanden, einige Abänderungen in den Rezitativen zu machne. So konnte die Oper bald aufs Repertoire gesetzt werden, als plötzlich Bader erkrankte und nach[138]  seiner Wiederherstellung Frau Seidler durch Heiserkeit Störung veranlaßte. Da mein Urlaub zu Ende ging, so bat ich um Verlängerung desselben. Der Kurfürst hatte sich jedoch über die mir von Seiten Spontinis und der Berliner Intendanz in den Weg gelegten Hindernisse gekränkt gefühlt und bewilligte daher nur noch einige Tage, nach deren Verlauf ich abreisen sollte, die Oper möge zustande kommen oder nicht. Zum Glück war es mit Frau Seidler besser geworden; ich konnte daher die erste Aufführung der »Jessonda« in Berlin selbst dirigieren und von deren überaus günstiger Aufnahme Zeuge sein. Gleich darauf reiste ich ab, und zwar drei Nächte hindurch, um die versäumte Zeit in Kassel wieder einzuholen.
Unterdessen waren die fremden Sänger aus Hamburg eingetroffen, hatten mit großem Beifalle gastiert und in den Zimmerproben, die der Chordirektor Baldewein gehalten hatte, gezeigt, daß sie ihre Partien gut gelernt hatten; ich konnte daher die Theaterproben zum »Berggeist« sogleich beginnen, hatte aber bis zum Geburtstage noch saure Arbeit, weil ich jeden Tag außer der Oper auch das laufende Repertoire probieren mußte und nebenbei den Trompetern den Fackeltanz einzuüben hatte. Bei letzterem unterstützte mich Herr Hauptmann. Inzwischen trug mir der Kurfürst noch eine Arbeit auf. Der Herzog von Meiningen sollte nämlich am Tage seiner Ankunft in Kassel mit einem ländlichen Festspiel im Theater begrüßt werden, in welchem ein Chor von Bauern und Bäuerinnen vorkam, und der Wunsch des Kurfürsten war, daß ich in diesem Chor Meiningische Volksmelodien anbringen möge. Ich wandte mich deshalb an meinen Schüler, Kapellmeister Grund, und bat ihn, mir Meiningische Volksmelodien aufzuschreiben, welche ich dann, so gut es gehen wollte, bei der Arbeit benutzte. Die Vermählung fand im Bellevueschlosse statt. Beim Marsch der Neuvermählten und deren Gefolge in den großen Saal, wo gespeist wurde, spielte die Kapelle meinen Festmarsch, der sich sehr festlich und an der Stelle, wo das Großvaterlied eingewoben ist, auch recht lieblich machte. Der Kurfürst und der Herzog, der freilich musikalischer als sein Schwiegervater war, sagten mir beide viel Artiges über den Festmarsch, der auf ihr Geheiß wiederholt werden mußte. Der Empfang des Brautpaares bei der Festvorstellung am andern Abend im Theater war ein sehr glänzender und lärmender; denn ich ließ die dreiundfünfzig Trompeten und zwei Paar Pauken, die ich auf der Galerie aufgestellt hatte, mit in den Tusch und das Vivatrufen des Publikums hineinschmettern!
Dem vom Hofrat Niemeyer verfaßten Festprologe folgte dann meine neue Oper, die zwar von dem gedrängt vollen und festlich erleuchteten[139]  Hause mit ebendem lärmenden Beifalle wie »Jessonda« aufgenommen wurde, aber mich selbst weder so befriedigte noch auch sich so schnell auf anderen Bühnen verbreitete wie jene. Der Kurfürst, der mit allem, was ich bei dieser Veranlassung geschrieben hatte, sehr zufrieden war, ließ mich am andern Tage zu sich rufen, dankte mir und beschenkte mich mit einer sehr schönen, goldenen Dose, auf welcher, für einen Musiker wohl etwas unpassend, eine Reiterszene sehr kunstreich ziseliert und unter Glas gefaßt ist. Sie war aber, was das Beste dabei, mit Friedrichsdoren angefüllt und daher eine reiche, fürstliche Gabe.

Nur Küstner in Leipzig ließ die neue Oper kommen und berief mich im nächsten Winter, um sie zu dirigieren, bei welcher Gelegenheit wir drei auch wieder im Gewandhaussaale Konzert gaben, wovon ich aber nichts zu berichten weiß, als daß ich ein neues Violinkonzert (das elfte) spielte und den gewohnten Beifall einerntete.

In zwei Briefen an Wilhelm Speyer berichtete Spohr über diesen Leipziger Aufenthalt:

Leipzig, 18. 9. 1825. »Vorgestern ist ›Der Berggeist‹ hier mit dem allerglänzendsten Erfolg vom Stapel gelaufen. Er war so gut, wie es das hiesige Personal nur erlaubt, besetzt ... Die Orchesterpartie studierte ich in vier großen Proben, die ich dirigierte, erst noch recht sorgfältig ein. Die Ausstattung war so glänzend, wie man sie nie vorher in Leipzig gesehen hat, und einige Dekorationen waren so schön, daß nicht allein die unsrigen in Kassel weit zurückstehen müssen, sondern daß ich auch nie in meinem Leben etwas Ähnliches gesehen habe. Der hiesige Dekorationsmaler Gropius ist auf dem Wege, der erste der Welt zu werden; ich habe weder in Italien noch in Paris oder London etwas so Zauberhaftes gesehen wie die Schlußdekoration des zweiten Aktes. Die Aufnahme, welche die Oper fand, war die schmeichelhafteste, die ich noch je erlebt habe ... Die Aufführung war sehr gelungen zu nennen. Außer einem Fehler in der Ouvertüre und einem widerspenstigen Felsen, der nicht aus der Erde herauswollte, passierte nichts Fehlerhaftes. Auf dem Theater war fast alles besser als in Kassel, besonders der Berggeist (Köckert) und Oscar (Vetter) ... Das Orchester, obgleich es dem unsrigen weit nachsteht, leistete doch Außergewöhnliches.«

Kassel, 23. September 1825. »... Habe ich alle Ursache, mit der Aufnahme, die mir in Leipzig als Komponist zuteil geworden ist, zufrieden zu sein, so kann ich es doch noch weit mehr mit der sein, die mir als Geiger wurde, gewissermaßen ganz gegen meine Erwartung. Zwar hatte ich mich, der vielen Proben und andern Abhaltungen ungeachtet, tüchtig[140]  vorbereitet und jeden Tag meines dortigen Aufenthaltes durch die Bank zwei Stunden geübt. Daß es mir indessen so glücken würde, hatte ich kaum gehofft, da man mich in Leipzig in meiner besten Periode oft gehört hat, und die Erwartungen daher sehr hoch gespannt waren. Mein neues Violinkonzert hat mich aber über Wasser gehalten und die Leute glauben gemacht, ich geige jetzt besser als je. Der Enthusiasmus steigerte sich von Satz zu Satz so, daß man von allen den kleinen Tuttis im Rondo vor Applaudieren keine Note gehört hat...«.
Im Sommer 1825 kam ein liebenswürdiger junger Mann, Herr Curschmann, nach Kassel, in der Absicht, sich unter meiner Leitung zum Musiker auszubilden. In Göttingen hatte er zwar schon seine juristischen Studien begonnen, doch gedachte er dieselben aufzugeben und versuchte sich bereits in allerlei Kompositionen, besonders Liedern, die er mit einer wohlklingenden Baritonstimme vortrug und sich dadurch in unsre musikalischen Zirkel einführte. Da seine Vorbildung in der Musik noch mangelhaft war, so riet ich ihm, sich zunächst an Hauptmann zu wenden, der auf meinen Wunsch begonnen hatte, meine Violinschüler in der Theorie der Musik zu unterrichten, und vorzügliches Geschick dazu entwickelte. Auch unserm Cäcilienvereine trat er bei und wurde ein sehr nützliches Mitglied desselben, da er nicht nur die Baßsoli sehr gut vom Blatte sang, sondern öfters auch die Klavierbegleitung übernahm und das Amt eines Bibliothekars darin mit vielem Eifer bekleidete. In Gemeinschaft mit einigen der eifrigsten unsrer Dilettanten stiftete er daneben ein Opernkränzchen. So belebte er in mannigfacher Weise das Kunsttreiben unserer Stadt und wurde bald der Liebling aller musiktreibenden Dilettanten.



In demselben Jahre hatte mir Hofrat Rochlitz, der Redakteur der Leipziger Musikzeitung, einen Oratorientext: »Die letzten Dinge« zur Komposition angetragen, den ich mit Freuden annahm, weil ich mit meinem frühern Versuch in dieser Kunstgattung, dem in Erfurt aufgeführten Oratorium: »Das jüngste Gericht«, durchaus nicht mehr zufrieden war und daher nicht einmal einzelne Nummern daraus in unserm Verein aufführen mochte. Ich begann nun mit neuen Studien des Kontrapunktes und des Kirchenstiles und machte mich mit großem Eifer an die Komposition, wobei ich den Vorschlägen des Dichters folgte, welche er mir bei Übersendung des Textes über die Auffassung desselben gemacht hatte, und die ich sehr bewährt und fördernd fand! So wurde der erste Teil des Oratoriums bald fertig, und ich konnte ihn bereits Ende November mit dem Gesangverein in einem Konzerte zum Besten der kürzlich Abgebrannten in Seesen, freilich nur mit Klavierbegleitung, aufführen.[141]  Mit Freuden bemerkte ich dabei, daß er einen tiefen Eindruck sowohl auf die Mitwirkenden als auf alle Zuhörer machte. Mit erneueter Arbeitslust ging ich nun an den zweiten Teil, so daß das ganze Werk bis zum folgenden Karfreitag (1826) beendet und dann in der lutherischen Kirche zuerst aufgeführt wurde. Der tiefe Eindruck, den das Oratorium sichtlich auf das Publikum hervorbrachte, mochte durch die feierliche Kreuzbeleuchtung, die mit der Karfreitagsstimmung sehr harmonierte, noch erhöhet worden sein. Nur der Kurfürst war mit der Wahl der lutherischen Kirche und ihrer »katholischen Beleuchtung«, wie er das Kreuz nannte, nicht zufrieden und befahl der Kapelle, ihre künftigen Karfreitagskonzerte in der Hof- und Garnisonskirche mit Beleuchtung von Kronleuchtern, welche uns aus der kurfürstlichen Lichtkämmerei geliehen werden sollten, zu geben. Dies wurde denn auch seit jener Zeit so gehalten, bis dessen Sohn, der jetzige Kurfürst, später an die Stelle der Kronleuchter einfache Öllampen einführte.

Ein Brief an Wilhelm Speyer vom 26. März 1826 faßt das Wichtigste über die erste Aufführung der »Letzten Dinge« zusammen:

»Der gestrige Tag war für die hiesigen Musikfreunde ein sehr festlicher, denn eine so solenne Musikaufführung, wie die meines Oratoriums, hat in Kassel noch nicht stattgehabt! Auf allgemeinen Wunsch war sie abends bei beleuchteter Kirche. Wolff, mein Schwiegersohn, der Architekt, der lange in Rom war, machte den Vorschlag, die Kirche wie am Karfreitage in Rom durch Kreuzbeleuchtung zu erhellen, und führte die Sache auch aus. Ein vierzehn Fuß langes, mit 600 Glaslampen behängtes Kreuz, schwebte in der Mitte der Kirche und verbreitete ein so helles Licht, daß man allenthalben die Textbücher lesen konnte. Das Orchester- und Sängerpersonal, beinahe 200 Personen stark, war auf der Emporkirche terrassenförmig aufgestellt und den Zuhörern unsichtbar. Das über 2000 Personen starke Auditorium beobachtete während der Musik eine feierliche Stille. Meine beiden Töchter, die Sänger Wild, Albert und Föppel und noch ein Dilettant sangen die Soli, und die Aufführung war fehlerlos. Die Wirkung war, ich muß es mir selbst sagen, außerordentlich! Nie hatte ich früher bei Aufführung eines meiner größeren Werke diese Genugtuung gehabt! Immer mußte ich nachher entweder Mangelhaftes der Ausführung oder verfehlten Effekt oder etwas anderes beklagen. Diesmal war das ganz anders. Das Werk ist auch einfach und leicht und doch nicht weniger reichhaltig als die andern ...«
Im selben Jahr erhielt ich von meinem Londoner Freunde Ferdinand Ries, der, nach Deutschland zurückgekehrt, damals in der Gegend von[142]  Godesberg wohnte, die Einladung, mein neues Oratorium bei dem rheinischen Musikfeste in Düsseldorf, dessen Arrangement ihm von dem Komitee des Festes aufgetragen war, selbst zu dirigieren. Obgleich nun die rheinischen Musikfeste auf Pfingsten, also zu einer Zeit stattfanden, wo unsre Theaterferien noch nicht begonnen hatten, und ich daher eines ausdrücklichen Urlaubes dazu bedurfte, so gelang es mir doch, denselben sogleich zu erhalten, da der damalige Kurfürst sich geschmeichelt fühlte, wenn sein Kapellmeister zu auswärtigen bedeutenden Musikaufführungen eingeladen wurde und sich dabei Ehre und Ruhm erwarb.
Während ich mich nun rüstete, mit meiner ganzen Familie, Ida ausgenommen, die sich inzwischen mit Professor Wolff verheiratet hatte, die Reise anzutreten, war indessen von vier der eifrigsten hiesigen Musikfreunde, Herrn Curschmann, Referendar Karl Pfeiffer, Frau von der Malsburg und deren Freundin, Fräulein von Heister, beschlossen, uns zu begleiten, und zwar wie wir mit der Extrapost zu reisen, um immer mittags und nachts an denselben Orten einkehren zu können. Vom schönsten Wetter begünstigt, traten wir am 9. Mai 1826 unsre Reise an, und da die Wagen stets beisammen blieben, wir in ihnen die Plätze zuweilen vertauschten und auch unsre Mahlzeiten stets gemeinschaftlich hielten, so brach die fröhliche und geistreiche Unterhaltung gar nicht ab, und ich erinnere mich nicht, jemals eine fröhlichere Fahrt gemacht zu haben.

Am dritten Tage wurden wir eine Stunde vor Düsseldorf vom Festkomitee, den Herren Ferdinand Ries, Herrn von Woringen und der Familie des Regierungsrat von Sybel, welche mich mit meinen Angehörigen bewirten wollten, feierlichst eingeholt und, kaum in Düsseldorf angekommen, vom Gesangvereine mit einem Ständchen bewillkommnet! In der am folgenden Morgen stattfindenden ersten großen Probe mit sämtlichen Sängern und dem ganzen Orchester hatte ich die Freude zu bemerken, daß mein Oratorium von den verschiedenen Vereinen mit Genauigkeit und Sorgfalt eingeübt war und mit Begeisterung für das Werk gesungen wurde. Nicht so zufrieden konnte ich mit dem Orchester sein, das aus vielen Orten zusammen gekommen war, und worin selbst Dilettanten, u.a. mein Freund Thomae aus Kleve (1. Fagott), bei den Blasinstrumenten mitwirkten. Es war dann schon eine sehr schwierige Aufgabe, alle Instrumente in gleiche Stimmung zu bringen. Mit Geduld und öfterem Wiederholen ging es am Ende doch auch mit dem Orchester, wenn auch nicht so gut wie mit den Chören. Am Nachmittag desselben Tages war die Probe zur zweiten Aufführung,[143]  welche Ries dirigierte. Es wurde darin eine neue Symphonie von Ries (Manuskript D-dur), Sanctus und Credo aus einer Messe von Friedrich Schneider, die Jubelouvertüre von Carl Maria von Weber und endlich eine Auswahl der schönsten Nummern aus Händels »Messias« gegeben. Die Sopranpartie in den Gesangsachen mußte, weil die Solosängerin, Demoiselle Reinigen aus Krefeld, plötzlich krank geworden, meine Tochter Emilie noch mit übernehmen. Sie studierte nun so fleißig daran, daß sie schon bei der ersten Probe sich ganz gut aus der Sache zog und keine Störung machte. Um so mehr Not hatte Ries bei seiner Symphonie mit den Blasinstrumenten. Er entwickelte dabei aber eine auffallende Geduld und ging sehr schonend mit der dilettantischen Ungeschicklichkeit derselben um! Am folgenden Tage waren noch zwei Proben zu den am ersten und zweiten Pfingsttage (14. und 15. Mai) stattfindenden Aufführungen, die denn auch nach so sorgfältigem Probieren ohne Fehler vorübergingen. Namentlich wurde mein Oratorium von den Ausübenden und den Zuhörern mit solcher Begeisterung aufgenommen, daß schon am Abend des ersten Tages die Rede davon war, das Musikfest zu verlängern, um »Die letzten Dinge« zu wiederholen. Dies wurde am Tage der zweiten Aufführung bekannt gemacht, und die meisten anwesenden Fremden blieben, um der Wiederholung beizuwohnen. So wurde meinem Werke die Ehre einer zweiten Aufführung zuteil, worauf ich wohl stolz sein darf, da dieses später, soviel ich weiß, nie wieder mit einem bei den rheinischen Musikfesten gegebenen Werke der Fall war. Auch in den musikalischen Zeitungen erschienen sehr günstige Berichte, und ich beeilte mich daher, es im Klavierauszuge in eigenem Verlag herauszugeben. Die nicht sehr hohe Anzahl der Exemplare war bald vergriffen, und ich verkaufte das Eigentumsrecht an Herrn Simrock in Bonn, der auch die Singstimmen im Druck erscheinen ließ, wodurch die zahlreichen Aufführungen in fast allen Städten Deutschlands, Hollands und der Schweiz sehr erleichtert wurden. Mit der Aufnahme und Verbreitung dieses Oratoriums durfte ich daher sehr zufrieden sein, denn es hat sich nie eine tadelnde Stimme dagegen erhoben, sooft es auch aufgeführt und besprochen worden ist.

Mit dem Glück, welches mein erstes Oratorium gemacht hatte, stand das der letzten Oper sehr in Mißverhältnis, und da eine Oper, wenn sie gefällt und sich weit verbreitet, doch den Namen des Komponisten viel berühmter macht als der Erfolg eines Oratoriums, so sehnte ich mich nun darnach, mich zunächst wieder mit einer Oper zu versuchen, trotzdem »Der Berggeist« keine große Verbreitung gefunden hatte, indem er nach den Aufführungen in Kassel und Leipzig nur noch in Prag, wo[144]  er zu wiederholten Malen eine glänzende Aufnahme fand, gegeben wurde. Da zu derselben Zeit auch Curschmann einen gleichen Wunsch hegte, so hatte er seinen Reisegefährten und Freund Karl Pfeiffer, der sich damals als Dichter einen Namen zu erwerben anfing, gebeten, ihm eine Novelle von Tieck: »Pietro von Abano« als Operntext zu bearbeiten. Er mochte sich jedoch in seiner musikalischen Ausbildung noch nicht weit genug fortgeschritten fühlen und gab daher, als Hr. Pfeiffer den ersten Akt des Buches bereits vollendet hatte, seinen Vorsatz, sich sogleich an einer großen Oper zu versuchen, wieder auf. Er trug mir nun die Komposition des Pietro an, und da mir sowohl die Novelle als auch deren Bearbeitung als Oper sehr gefiel, und sich der Dichter zu einigen Abänderungen bereit erklärt hatte, so wurde ich bald mit beiden Herren darüber einig und machte mich im Februar 1827 mit großem Eifer an die Arbeit, die ich auch im August desselben Jahres beendigte. Die Oper machte mir wegen der unmittelbaren grellen Folge zweier Szenen, wo in eine Begräbnisfeier ein lustiger Studentenzug störend einfällt, anfangs Sorge; auch wollte mir die Sprechrolle des Bischofs ohne allen Gesang nicht gefallen. Als diese aber von Seydelmann, der damals an unserm Theater engagiert war, aus Interesse an dem Werke übernommen und sehr würdevoll ausgeführt wurde, so beruhigte ich mich hierüber und hatte die Freude zu sehen, daß sie auf die Mitwirkenden, das Orchester und meine musikalischen Freunde, die den Proben beiwohnen durften, einen tiefen Eindruck machte. Auch vom Publikum wurde sie bei der am 13. Oktober 1827 stattfindenden ersten Aufführung mit großem Enthusiasmus aufgenommen, und ich konnte daher hoffen, sie werde sich ebenso schnell wie »Jessonda« verbreiten. Als ich dann aber das Buch einigen Bühnen auf Verlangen einsenden mußte, machte ich bald die Erfahrung, daß nicht bloß die katholischen Städte wegen des Bischofs und des Kirchenapparates Anstoß nahmen, sondern auch protestantische Intendanzen, u.a. Graf Brühl in Berlin, die Oper zurückwiesen, weil sie den Inhalt anstößig fanden. Damals existierten freilich die Meyerbeerschen Opern noch nicht, die das Publikum gegen alles Anstößige gehörig abgehärtet haben, und so fand die Oper »Pietro von Abano« noch weniger Verbreitung auswärts, obgleich sie in Kassel gleichen Enthusiasmus wie »Jessonda« erregte. Auch der Klavierauszug, von meinem Bruder gemacht, fand ziemliche Verbreitung, nach der Partitur ist aber nie Nachfrage gewesen, obgleich in Kassel die Oper mehrere Male, von neuem wieder anders besetzt, eine lange Zeit auf dem Repertoire blieb.[145] 
Im Jahre 1827 schrieb ich mein zweites Doppelquartett und suchte, es in der Form meiner ersten Idee der Doppelchörigkeit noch näher zu bringen als das erste, was denn auch zu meiner eigenen Befriedigung gelang, und es hat sich ebenso schnell verbreitet wie das erste und dieselbe Anerkennung gefunden. Bald darauf erhielt ich die Einladung, mein Oratorium »Die letzten Dinge« bei einem Musikfeste in Halberstadt zu dirigieren, und reiste, diesmal nur von meiner Frau und meiner jüngsten Tochter Therese begleitet, dahin ab, da sich kurz zuvor meine Tochter Emilie mit dem Fabrikanten Zahn verheiratet hatte und nun, ebensowenig wie Ida, ihren Haushalt verlassen konnte. Mein Oratorium wurde von den verschiedenen dazu eingeladenen Gesangvereinen trefflich ausgeführt, da sie alle für dasselbe begeistert waren und es allen andern damals gegebenen Werken vorzogen.

Im zweiten Konzerte spielte ich mein neues Concertino in A-dur, welches besonderes Glück machte, und ich glaube mich zu erinnern, daß damals auch meine eben vollendete dritte Symphonie in C-moll (Op. 78, bei Schlesinger) zuerst zur Aufführung kam. Eines Umstandes, der mir nach so langen Jahren noch im Gedächtnisse geblieben ist und sich auf meine damals neunjährige Tochter Therese bezieht, muß ich jedoch noch erwähnen. Ich nahm das Kind in alle Proben mit, weil es schon in Düsseldorf denselben immer beiwohnen wollte, und ich daraus auf großes Interesse für Musik schloß. In Halberstadt äußerte Therese nun besondere Freude über die Schlußnummer des Oratoriums, und da dies eine Fuge war über die Worte: »Sein ist das Reich, die Kraft und die Herrlichkeit«, so schloß ich weiter, daß sie nicht nur für Musik überhaupt, sondern auch für deren ernste Formen regen Sinn habe, und teilte selbst Doretten meine Freude über die glückliche Disposition unsres Kindes mit. Als ich aber Therese näher über ihre Vorliebe für diese Fuge befragte, erfuhr ich zu meiner Überraschung und Beschämung, »daß sie das bezeichnete Musikstück nur darum vorzugsweise liebe, weil sie von Düsseldorf her wisse, daß die Probe bald zu Ende sei und es dann zum Essen gehe!«

Eine bleibende erfreulichere Erinnerung an dieses Musikfest erhielt ich kurz nachher von den Unternehmern selbst, indem sie mir als Beweis ihrer Dankbarkeit eine kostbare Tischuhr zum Geschenke sandten, die mit bezüglichen Emblemen verziert ist und auf dem Sockel eine Inschrift mit dem Datum des Festes trägt.

Da es mit der Verbreitung meiner Opern auf andern Theatern nicht recht glücken wollte, wandte ich mich wieder der Kirchenkomposition[146]  zu und schrieb im Frühjahre 1829 mein Vaterunser nach dem Mahlmannschen Text.
Am [11. und] 12. Juni gab es wieder ein Musikfest in Nordhausen, zu welchem ich ebenfalls eingeladen wurde. Vom ersten Tage desselben habe ich jedoch keine deutliche Erinnerung mehr, weiß aber noch, daß ich am zweiten Tage mit Müller aus Braunschweig, Wiele von hier und Maurer von Hannover des letztern Concertante für vier Violinen spielte. Für mich selbst wählte ich dabei die vierte Partie, weil meine Stradivari-Geige einen besonders guten Ton auf der G-Saite hat, und da wir das berühmte Musikstück sehr genau zusammen eingeübt hatten, so war der Beifall ein ganz ungewöhnlicher! Nicht mindern Anklang fand auch mein neues Klarinettkonzert in E-moll, welches ich für Hermstedt zu diesem Musikfeste geschrieben hatte, das ich aber selbst gar nicht mehr besitze, und wovon ich jetzt nicht einmal mehr weiß, ob es noch existiert. Während unsres Aufenthaltes in Nordhausen wohnten wir im Hause des Kaufmanns Fleck, dessen Gattin eine sehr liebenswürdige Wirtin war, wodurch Eduard Grund, mein ehemaliger Schüler, sich veranlaßt fand, beim Mittagsmahl einen Toast auf dieselbe auszubringen, und dabei die Bemerkung einfließen ließ, daß sie »nichts weniger als ein Fleck in der menschlichen Gesellschaft, sondern eher ein Lichtschimmer oder eine Sonne zu nennen sei.« Auch erinnere ich mich noch mit Vergnügen des vom schönsten Wetter begünstigten Festes, welches die Nordhäuser auf einem nahegelegenen Berge, von wo man die Stadt übersehen konnte, den fremden Gästen gaben. Die mitgebrachten Vorräte wurden auf dem Rasen ausgebreitet, und da es dabei an guten Weinen auch nicht fehlte, so wurde die Gesellschaft bald sehr fröhlich und kehrte in bester Laune nach der Stadt zurück.
Es ließ mir jedoch der Wunsch, noch einmal mein Glück mit einer Oper zu machen, keine Ruhe, und ich bewog daher Herrn Pfeiffer schon im Jahr 1829, mir eine spanische Novelle von Washington Irving, die mir sehr anziehend und ganz und gar für eine Oper tauglich erschien, als solche zu bearbeiten. Da aber Pfeiffers Name auf dem Zettel nicht genannt werden sollte, weil es bekanntlich in Kurhessen nicht gern gesehen wird, wenn ein Staatsdiener sich neben seinen Berufsgeschäften mit poetischen Arbeiten befaßt, so wurde der unverfängliche Name Schmidt anstatt des seinigen gewählt, während bei der Aufführung des »Pietro« der Verfasser gar nicht genannt war, indem der damalige Theaterdirektor Feige es vor dem Kurfürsten und dem Publikum nicht verantworten zu können glaubte, wenn er einen von mir vorgeschlagenen[147]  fingierten Namen auf dem Zettel angeben sollte. Im Oktober machte ich mich nun mit dem gewohnten Eifer, mit dem ich jede neue Arbeit begann, an die Komposition der Oper »Der Alchymist«, bebeendigte sie im April des folgenden Jahres, verteilte sie dann sogleich und übte sie für den Geburtstag des Kurfürsten ein. Sie gefiel hier in Kassel ebensosehr wie meine frühern Opern, wurde aber außerhalb nur in Prag mit großem Beifalle gegeben, während der von meinem Bruder Ferdinand angefertigte Klavierauszug eine weitere Verbreitung fand.


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1830 kam Paganini nach Kassel. In einem Brief aus Marienbad vom 5. Juli 1830 berichtete Spohr darüber dem Freunde Speyer:

»... Paganini habe ich in seinen beiden zu Kassel gegebenen Konzerten mit dem höchsten Interesse gehört. Seine linke Hand, die immer reine Intonation und seine G-Saite sind bewunderungswürdig. In seinen Kompositionen und seinem Vortrag ist aber eine so sonderbare Mischung von höchst Genialem und Kindischem und Geschmacklosem, weshalb man sich abwechselnd angezogen und abgestoßen fühlt. Der Totaleindruck, besonders nach öfterem Hören, ist bei mir nicht befriedigend gewesen, und ich habe keine Sehnsucht, ihn wieder zu hören. – Am zweiten Pfingsttage war er mittags mein Gast in Wilhelmshöhe und sehr heiter, ja selbst ausgelassen. Abends wurde ›Faust‹ gegeben. Paganini hörte die Oper zum erstenmal und schien großes Interesse daran zu nehmen ...«
Wenige Wochen nachher brach in Frankreich die Julirevolution aus, und als eine allgemeine Erregung auch auf Deutschland übergegangen war, äußerten sich auch hier in Kassel Zeichen von Unzufriedenheit mit den öffentlichen Zuständen. Der Kurfürst war nämlich einige Zeit zuvor mit der Gräfin Reichenbach nach Wien gereiset, wie man glaubte, in der Absicht, dieser am österreichischen Hofe die Fürstenwürde auszuwirken. Darauf hatte er sich nach Karlsbad begeben, und von dort aus kamen allerlei sonderbare Gerüchte über seine schwere Erkrankung infolge von handgreiflichen Streitigkeiten mit der Gräfin Reichenbach, weshalb sein Leibarzt, Obermedizinaldirektor Heräus, nach Karlsbad reiste, jedoch, ohne zu ihm vorgelassen zu sein, nach Kassel zurückkehrte. Eine Deputation, die hierauf vom hiesigen Stadtrate nach Karlsbad abgesandt wurde, erhielt mehrmals Audienz und brachte die Nachricht mit zurück, der Kurfürst werde bald in seine Residenz zurückkehren. Bevor dies indessen zur Ausführung gekommen war, brachen am Abende des 6. September Unruhen aus. Ich befand mich gerade mit meiner Frau im Theater, wo das Raupachsche Lustspiel »Der Zeitgeist«[148]  gegeben wurde, als ich plötzlich bemerkte, daß an die im Theater anwesenden Offiziere Boten geschickt wurden, die sie benachrichtigten, in der Stadt werde Alarm geblasen, worauf sie sich sogleich alle entfernten. Dies erregte solches Aufsehen, daß die andern Zuschauer nicht anders glaubten, als ein großer Brand sei in der Stadt ausgebrochen, und ebenfalls während der Vorstellung das Haus verließen. Auch wir, in der Besorgnis um unsere oder unserer Kinder Wohnungen, schlossen uns an und erfuhren erst draußen, daß das unruhige Volk einige Bäckerladen gestürmt und bei den Besitzern derselben Exzesse begangen hatte, weil diesen, trotz der gefallenen Kornpreise, eine höhere Brottaxe zugestanden war. Zur Verhütung von weiteren Exzessen hatte sich mit Erlaubnis des Ministeriums eine Anzahl Bürger bewaffnet, und Militär besetzte außerdem das kurfürstliche Palais, die Königsstraße und den Friedrichsplatz, so daß die Theaterbesucher die abgesperrten Straßen nicht passieren konnten. Auch wir mußten daher auf Umwegen unsre Wohnung zu erreichen suchen und wagten es dann nicht, zu gewöhnlicher Zeit zu Bette zu gehen, da in der Stadt noch große Aufregung herrschte. Erst am 12. September kehrte der Kurfürst, jedoch vorerst ohne die Gräfin Reichenbach, bei lautloser Stille zurück und begab sich sogleich nach Wilhelmshöhe, wohin ihm an einem der folgenden Tage der Magistrat mit dem Oberbürgermeister Schomburg an der Spitze folgte, um sowohl ihre Freude über seine Genesung und Rückkehr auszudrücken als auch die Bitte an ihn zu richten, die seit 1815 nicht mehr einberufenen Landstände versammeln und mit denselben die Abhilfe so mancher begründeter Beschwerden beraten zu wollen. Der Magistrat wurde indessen abgewiesen und erlangte erst am folgenden Morgen in dem kurfürstlichen Palais zu Kassel eine Audienz, während welcher die halbe Stadt nach dem Friedrichsplatz eilte, um sogleich zu erfahren, ob das Resultat der Deputation ein günstiges sei, in welchem Falle der Küfermeister Herbold vom Audienzzimmer aus durch ein weißes Tuch das Zeichen zu geben versprochen hatte. Als nun die Deputation in feierlichem Zug vom Oberneustädter Rathause kommend dem Palais nahte und die Schwelle desselben überschritten hatte, richteten sich aller Augen auf die Fenster des Audienzzimmers, und mit klopfendem Herzen erwartete man die Entscheidung. Der Kurfürst, dem sicherlich auch beunruhigende Gerüchte zu Ohren gekommen waren, und der wohl der Gesinnung seines Militärs, von dem sich viele, wie es die spätere Zeit lehrte, nach einer Verfassung sehnten, nicht zutrauen mochte, daß sie sein Palais beschützen und die Revolution mit Erfolg bekämpfen würden, gab zu allgemeiner Freude[149]  eine bejahende Antwort. Kaum hatte das Schwenken des weißen Tuches diese dem Volke verkündet, so brach auf dem Friedrichsplatz ein tausendstimmiges Vivat los, worauf der Kurfürst sich einen Augenblick dankend am Fenster zeigte. Abends wurde die Stadt aus freien Stücken glänzend erleuchtet und im Theater statt der vorher angekündigten »Ahnfrau« als Festvorstellung »Der Barbier von Sevilla« gewählt, wo dann das freudetrunkene Publikum vor dem Beginn der Oper beim Erscheinen des Kurfürsten und seines Sohnes ein stürmisches Vivat ausbrachte und »Heil Kurfürst Wilhelm Dir!« anstimmte. Schon am 19. September erfolgte nun die verheißene Einberufung der ehemaligen althessischen Landstände, bestehend aus Abgeordneten der Ritterschaft, der Städte, der Universität und der Bauern, die sich am 16. Oktober zuerst versammelten und sogleich eine beruhigende Bekanntmachung an das Volk erließen. Am folgenden Tage wurde die Eröffnung der Ständeversammlung durch feierlichen Gottesdienst in der großen Kirche begangen und auf Befehl der Regierung durch einen vom Cäcilienvereine mit Begleitung des Orchesters ausgeführten festlichen Kirchengesang verherrlicht. Ich wählte dazu die Schlußnummer meiner in Wien komponierten Kantate: »Das befreite Deutschland« mit dem darin vorkommenden Soloquartett und der Schlußfuge: »Lasset uns den Dankgesang erheben«, einen vierstimmigen Choral, der abwechselnd mit der Gemeinde gesungen wurde, und das Halleluja aus Händels »Messias«. Die den Ständen vorgelegte landesherrliche Proposition wurde nach mehrwöchentlichen Beratungen zwischen dem landesherrlichen Kommissar und den Ständen mit mancherlei Zusätzen und Abänderungen als Grundlage zu der neuen Landesverfassung angenommen sowie auch die vom Kurfürsten getanen Vorschläge hinsichtlich der Feststellung einer Zivilliste und Teilung des sämtlichen Staatsvermögens, das überdies größtenteils durch den Verkauf der Landeskinder in den Sold der Engländer gegen die rebellischen nordamerikanischen Kolonien unter Landgraf Friedrich II. zusammengebracht war. Zur Verkündigung der neuen Verfassung wurde der 8. Januar 1831 festgesetzt, und abends zuvor kam auch die Kurfürstin mit ihrer Tochter Karoline von Fulda, wo sie ihren Aufenthalt seit längerer Zeit genommen, zurück, um Zeuge dieses freudigen Ereignisses zu sein. Der Kurfürst empfing sie bei ihrer Ankunft in ihrer Wohnung im Bellevueschlosse, und ich erhielt vom Oberhofmarschallamt den Auftrag, den versöhnten Gatten ein Ständchen mit der Hofkapelle zu bringen. Nachdem ich im Laufe des Nachmittags die Probe dazu gemacht hatte, zog ich mit der Kapelle bei heftiger Kälte vor das Bellevueschloß, erkundete die Zimmer, wo sich der[150]  Hof befand, und wir machten unsre Musik so gut, wie es bei dem ungünstigen Wetter gehen wollte. Gegen das Ende derselben zeigte sich das fürstliche Paar, indem der Kurfürst seine Gemahlin umarmte, am Fenster, und die Einwohner Kassels, die trotz der argen Kälte sich zahlreich versammelt hatten, brachen in lauten Jubelruf aus. Am folgenden Morgen fand nun die allgemeine Bekanntmachung und feierliche Beschwörung der neuen Verfassung statt, was von Seiten der Bürgergarde auf dem Königsplatze, von Seiten des Militärs auf dem Friedrichsplatze öffentlich, von allen Behörden, den Hofdienern und der Kapelle aber in ihren Geschäftslokalen geschah. Abends war die Stadt illuminiert, und im Theater wurde bei glänzend erleuchtetem Hause als Festoper »Jessonda« nebst einem der Vorstellung vorangehenden Festspiele vom Hofrat Niemeyer gegeben. In letzteres war zugleich eine von mir komponierte Hymne: »Hessens Feiergesang bei Einführung seiner Verfassung« verwebt und zum Schlusse das bekannte, schon oben erwähnte Lied damit verbunden, welches mit angepaßtem Texte vom Publikum mitgesungen wurde, worauf dieses in stürmische Vivats für die in der großen Loge versammelte kurfürstliche Familie ausbrach. Nun hoffte jedermann auf eine glückliche Zukunft; allein das Unglück wollte, daß schon am andern Tage die Gräfin Reichenbach mit Herrn Ortlöpp, ihrem Bruder, nach Wilhelmshöhe zurückkehrte. Kaum war dies in Kassel bekannt geworden sowie auch, daß der Kurfürst sie dort besucht habe, als die Unruhen sogleich wieder ausbrachen. Bürger und Bauern drangen in großen Scharen nach Wilhelmshöhe vor das Schloß und drohten laut, mit Gewalt die Gräfin zu verjagen, bis man endlich erfuhr, daß dieselbe nach Hanau abgereiset sei, und in Kassel eine öffentliche Bekanntmachung erschien: »daß der Anlaß zur Aufregung beseitigt sei«. Doch folgte ihr der Kurfürst schon nach wenigen Wochen, wie man glaubte, mit der Absicht, seine Residenz nach Hanau zu verlegen.

Inzwischen war nun in meinem Hause ein bereits im vorigen Sommer nach der Zeichnung meines Schwiegersohnes Wolff begonnener Bau vollendet. Hierdurch gewann ich außer einigen häuslichen Räumen insbesondere einen bei unsern Quartettpartien längst vermißten Musiksaal, welcher, obgleich an das Haupthaus anstoßend, dennoch ein höheres Dach bekam, um ihm eine erwünschte Höhe geben zu können. Auch bei der Dekoration desselben war vorzüglich eine gute Akustik erstrebt, indem durch die architektonische Bekleidung der Türen und Fenster die dem Klange hinderlichen Vorhänge entbehrlich gemacht wurden. Am 2. Februar 1831 weiheten wir die neu gewonnenen Räume[151]  durch die darin begangene Feier unserer silbernen Hochzeit ein, wozu auch meine Eltern von Gandersheim hieher gekommen waren und uns als Geschenk eine mit Silber reich verzierte Porzellanvase mitgebracht hatten, die außer den Namen der Geber auch die Inschrift enthält: »Jetziges Silber werde einst Gold«. Die eigentliche Feier war von meinen Kindern im Vereine mit unseren musikalischen Freunden veranstaltet und wurde mit dem von den Gästen ausgeführten Fackeltanz aus meinem »Faust«, wobei den Chorstellen passender Text unterlegt war, eröffnet. Hierauf folgte eine Reihe lebender Bilder, in welchen die Hauptmomente meines Lebens sinnreich dargestellt wurden. Neben vielen andern Gedichten komischen und ernsten Inhaltes, welche man bei Tisch vortrug, hatte auch Freund Pfeiffer ein Gedicht dazu geliefert mit der Absicht, daß alle an der Feier Teilnehmenden in Kostümen, den Personen meiner Opern entlehnt, erscheinen und K. Pfeiffer das Gedicht selbst vortragen sollte. Die Vorlesung dieses Gedichtes mit all seinen humoristischen Beziehungen erregte allgemeine Heiterkeit, und niemand hätte wohl geahnt, daß der jugendliche Verfasser desselben schon nach wenigen Monaten durch den Tod unserm Kreise entrissen werden sollte. Am 31. Juli traf ihn frühmorgens beim Baden in der Fulda ein Schlagfluß, und es wurde dadurch seinem schönen vielseitigen Wirken auf Erden ein plötzliches Ende gemacht. Zu seinem Leichenbegängnisse veranstaltete ich einen feierlichen mehrstimmigen Grabgesang, und als ihm später die hiesige Bürgergarde ein Denkmal auf seinem frühen Grab errichten ließ, wurde bei Einweihung desselben vom Cäcilienvereine der Chor aus den »letzten Dingen«: »Selig sind die Toten« am Grabe gesungen, und zwar unter Mitwirkung auch der weiblichen Mitglieder, was bei derartigen Veranlassungen in Kassel noch niemals der Fall gewesen war. Der Vater des Verstorbenen, der bisher nur durch seine öffentliche Wirksamkeit mir bekannt gewesene Oberappellationsrat Dr. B.W. Pfeiffer, besuchte mich darauf, um mir für diese Aufmerksamkeit zu danken, und so kam ich hierdurch zuerst mit ihm, zu dem ich später in ein so nahes Verhältnis als Schwiegersohn treten sollte, in persönliche Berührung.

Leider war das eben erwähnte Familienfest das letzte, welches mein Bruder Ferdinand erlebte. Er erkrankte bald darauf so ernstlich, daß ihn der Arzt gleich für rettungslos erklärte, und ich schon wenige Tage nachher Zeuge seines letzten Atemzuges war. Da seine Witwe, alles Sollizitierens ohnerachtet, keine Pension von der Intendanz erhielt und daher nur auf die kleine Einnahme aus dem von mir wenige Jahre vorher gestifteten Unterstützungsfonds angewiesen war, so setzte ich[152]  für ihre Existenz einen jährlichen Beitrag aus, wodurch es ihr möglich wurde, ihre beiden Kinder gut zu erziehen und den Sohn Ludwig, meinen Paten, studieren zu lassen. Nachdem sich derselbe bereits einige Jahre mit großem Fleiß vorbereitet hatte, um die Universität in Marburg zu beziehen, kam er noch einmal auf seinen schon früher gehegten Wunsch zurück, sich ganz der Musik widmen zu dürfen. Doch schien mir dies bei näherer Prüfung nicht ratsam, da es wohl schon zu spät war, um sich noch die erforderliche gründliche musikalische Vorbildung anzueignen, und so blieb er auf meinen Rat seinem einmal gewählten Berufe, der Jurisprudenz, treu, machte im Jahre 1847 ein glänzendes Examen und trat in den kurhessischen Staatsdienst.
Infolge der neuen Verfassung war nun im April auf Grund des damit verbundenen Wahlgesetzes die erste Ständeversammlung einberufen und hielt ihre Sitzungen in einem Saale des Bellevueschlosses. Der Bürgermeister der Hauptstadt, Schomburg, wurde einstimmig zum Präsidenten derselben gewählt, und die Regierung wagte auch nicht, ihm die Bestätigung zu verweigern. Da die Sitzungen öffentlich waren, so wurde dadurch sogleich ein reges politisches Leben in der Stadt erweckt, und man folgte mit großer Teilnahme den Verhandlungen bis zum Schlusse derselben. Professor Sylvester Jordan, der Deputierte der Universität Marburg, machte sich bald durch seine Beredsamkeit bemerkbar, und es gelang ihm fast immer, seine freisinnigen Propositionen bei der Ständeversammlung durchzusetzen.
Um solche liberale Gesinnungen unter den Bewohnern Kassels immer mehr zu verbreiten, hielten es einige als freisinnig bekannte Männer für ersprießlich, unter dem Namen »Lesemuseum« einen politischen Klub zu bilden, und auch ich schloß mich ihren Bestrebungen bereitwillig an. Da wurde jeden Nachmittag erzählt, was am Vormittag in der Ständesitzung vorgekommen war. In dieser ging es häufig sehr bunt her, und obgleich der Präsident es jedesmal rügte, wenn die Zuhörer einem Redner ihren Beifall zu erkennen gaben, und den Zuhörerraum durch die Bürgergarde räumen zu lassen drohete, so kehrten sich doch die täglichen Besucher der Sitzungen nicht viel daran und suchten ihre Einwirkung auf die Abstimmung fortzusetzen. Die Regierungsgeschäfte erlitten indessen dadurch eine wesentliche Störung, daß der Kurfürst seit März seine Residenz Kassel verlassen und seinen bleibenden Aufenthalt in Hanau genommen hatte. Die Ständeversammlung, deren wiederholt getane Schritte, ihn zur Rückkehr dahin zu bewegen, bisher ohne Erfolg geblieben waren, beschloß Ende August, in Gemeinschaft mit dem Kasseler Stadtrat eine Deputation nach Hanau abzusenden mit[153]  dem Vorschlag, der Kurfürst möge baldigst in die Residenz zurückkehren oder anderweitig Sorge für einen ungestörten Fortgang der Regierung treffen. Zu dieser Deputation gehörte auch der Abgeordnete aus Rinteln, Obergerichtsdirektor Wiederhold, und ihm gelang es, den Kurfürsten zu bewegen, seinen Sohn als Mitregenten anzunehmen und demselben die Regierungsgeschäfte, solange er selbst von Kassel entfernt sein werde, ausschließlich zu übertragen. So kehrte denn der Kurprinz, und zwar als Mitregent, nach längerm Aufenthalt in Fulda nebst der Gräfin Schaumburg, in deren morganatische Ehe mit seinem Sohne der Kurfürst nun eingewilligt hatte, nach Kassel zurück, ließ dort den Ständen einen Revers über die Angelobung der Verfasungsurkunde übergeben und wurde anfangs, besonders als er den Vermittler, Obergerichtsdirektor Wiederhold, zum Justizminister ernannte, in Kassel mit Wohlwollen aufgenommen. Als man aber bemerkte, daß die Kurfürstin infolge ihrer Weigerung, die Gräfin Schaumburg als Schwiegertochter zu empfangen, mancherlei Unannehmlichkeiten und Kränkungen erfuhr, da äußerte sich in der Stadt entschiedene Mißbilligung, und man nahm allgemein Partei für die edle Fürstin, die sich durch ihre wohlwollenden, milden Gesinnungen seit langen Jahren die Liebe und Verehrung des hessischen Volkes erworben hatte. Für meine Person hatte ich mich indessen damals der Gunst des Kurprinzen zu erfreuen. So forderte er mich z.B. auf, ihm im Schlosse zu Wilhelmshöhe einige Hofkonzerte zu arrangieren, und als er bald darauf nach der Stadt zurückkehrte, bat er mich sogar in einem sehr verbindlichen Schreiben, ihm und der Gräfin doch die Freude zu bereiten, ihnen auch einmal meine Quartetten vorzutragen und zu dem Behufe eine Quartettpartie im Schlosse zu veranstalten. Sie mochten ihnen aber doch wohl Langeweile genug gemacht haben, denn es ist nie eine zweite Aufforderung der Art an mich ergangen.
Im Herbste 1831 beendigte ich auch meine Violin schule, eine Arbeit, die ich auf vielfache Aufforderungen unternommen hatte, zu der ich aber mehr als ein volles Jahr gebrauchte, weil ich dazwischen immer wieder andere Kompositionen, die mich mehr anzogen, begann.
Darauf schrieb ich drei Quartetten, die als Op. 84 bei André in Offenbach erschienen, und später, zunächst für den Cäcilienverein, drei Psalmen nach Mendelssohnscher Übersetzung für zwei vierstimmige Chöre und vier Solostimmen, die bei Simrock in Bonn (Op. 85) gestochen sind und weite Verbreitung gefunden haben.
Im Sommer 1832 wurde mir von meinem Arzt eine Kur in dem bekannten warmen Schwefelbade Nenndorf verordnet, weil ich an Steifigkeit[154]  im Knie litt, welche ich mir im letzten Winter beim Schlittschuhlaufen durch eine Erkältung zugezogen hatte. Meine Frau, welche mich begleitete, hatte unter anderer Lektüre auch die Gedichte meines Freundes Pfeiffer, die erst jetzt nach seinem Tode im Druck erschienen waren, mitgenommen, und da ich schon längst gewünscht hatte, zu seinem Andenken etwas daraus zu komponieren, so wählte ich eines derselben: »Die Weihe der Töne«, welches mir sehr gefiel und zur Komposition einer Kantate vorzüglich geeignet erschien. Als ich aber die Arbeit beginnen wollte, fand ich, daß sich der Text dieser Gattung doch nicht her geben wollte; ich bekam vielmehr Lust, den Inhalt dieses Gedichtes in einer Instrumentalkomposition zu schildern, und so enstand meine vierte Symphonie unter dem Titel: »Die Weihe der Töne«.


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Über die Entstehung seiner Sinfonie »Die Weihe der Töne« hat Spohr in einem Brief vom 9. Oktober 1832 Wilhelm Speyer Näheres mitgeteilt:

»Obgleich ich jetzt, ohne Theatergeschäfte, Muße genug zum Komponieren hätte, so habe ich doch in der letzten Zeit nicht recht zur Arbeit kommen können. Bei dem großen Anteil, den ich an der politischen Wiedergeburt Deutschlands nahm und fortwährend nehme, haben mich die letzten Rückschritte zu sehr geärgert, als daß ich mich hätte ruhig in eine Arbeit vertiefen können. Doch habe ich unlängst wieder eine große Instrumental-Komposition vollendet. Es ist dies eine vierte Symphonie, die aber in der Form von den frühern sehr abweicht. Es ist ein Tongemälde nach einem Gedichte von Karl Pfeiffer: ›Die Weihe der Töne‹. Dieses Gedicht wird mitabgedruckt und muß vor der Aufführung im Saale verteilt oder laut vorgetragen werden ... Im ersten Satz hatte ich die Aufgabe, aus den Naturlauten ein harmonisches Ganzes zu bilden. Daß dies wie das ganze Werk eine schwierige, aber höchst anziehende Aufgabe war, werden Sie aus dem Vorstehenden schon ersehen haben, und wirklich hat sie mir, bevor ich an die Arbeit ging, viel Kopfzerbrechens gemacht. Um so größer war nun aber auch meine Freude, wie ich die Symphonie hörte und mich überzeugte, daß die neuen Zusammenstellungen, zu denen mich die Aufgabe geführt hatte, wirklich den erwarteten Effekt machten, freilich erst, nachdem alles sorgfältig eingeübt war. Nun wurden aber auch den Zuhörern meine Intentionen völlig klar, und ich überzeugte mich, daß diese neue Gattung von Instrumentalmusik, weil sie neben dem Gefühl auch den Verstand in unerwarteter Weise beschäftigt, nicht nur den Kenner, sondern auch den Laien in erhöhtem Maße anspricht. Über die Zulässigkeit der in dem Werke vorkommenden Musikmalereien hatte ich vor[155]  der Arbeit mit Hauptmann und andern manchen Disput. Nach gelöster Aufgabe haben sie aber nichts mehr zu erinnern gefunden.«
Meine musikalischen Freunde in Hannover, Freund Hausmann an der Spitze, hatten kaum meine Anwesenheit in Nenndorf erfahren, als sie sich zum Besuch mit ihren Instrumenten ankündigten und mir dadurch Gelegenheit verschafften, den in Nenndorf anwesenden Musikfreunden eine Musikpartie zu geben, bei welcher ich die unlängst geschriebenen Quartetten produzierte. Meine Kur ging inzwischen glücklich zu Ende und befreite mich von meiner Knielähmung hauptsächlich durch eine kräftige, aber sehr schmerzhafte Dusche auf die leidende Stelle. Nach Kassel zu rückgekehrt, beendigte ich vor allem meine neue Symphonie und gab sie dann den Musikfreunden in einer Probe und später in einem Abonnementkonzerte zu hören. Noch immer erinnere ich mich mit Freuden der großen Wirkung, die sie auf alle Zuhörer machte. Bald darauf wurde sie mit vielem Beifall im Gewandhauskonzert in Leipzig gegeben, und Rochlitz berichtete in seiner Musikalischen Zeitung mit Begeisterung über das Werk. Keine meiner Symphonien hat sich einer so weiten Verbreitung in fast allen deutschen Städten zu erfreuen gehabt, und noch immer ist sie das Lieblingswerk und wird in den meisten stehenden Konzerten alljährlich wenigstens einmal wieder gegeben.
Im April 1832 wurde auf Anordnung des Kurprinzen das Hoftheater »auf unbestimmte Zeit« geschlossen, nachdem vorher allen Sängern und Schauspielern, welche nicht auf längere Zeit Kontrakte besaßen, gekündigt war. Nur mit zwei Sängern, den Herren Föppel und Rosner (dessen Frau erste Sängerin war), konnte dies nicht geschehen. Ich wurde nebst der Kapelle ebenfalls vorgefordert; allen von uns, die keine Reskripte vom Kurfürsten besaßen, wurde gekündigt, und wir übrigen befragt, ob wir nicht gesonnen seien, unsere Stellen gegen Entschädigung, über welche mit jedem Einzelnen verhandelt werden sollte, aufzugeben. Ich, der ich zuerst meine Antwort zu Protokoll zu geben hatte, erklärte sogleich, daß ich dazu nicht geneigt sei, sondern das Weitere abwarten und im äußersten Falle Recht bei den Gerichten suchen würde. Die andern Musiker schlossen sich dieser Erklärung einfach an, und so verloren wir nur einen Oboisten, den ich früher auf des Kurfürsten Ermächtigung hin zur Ergänzung der Kapelle von Prag verschrieben, und der nach seiner Ankunft unglücklicherweise versäumt hatte, sich ein Reskript ausfertigen zu lassen. Dem ersten Fagottisten, der in gleicher Lage war, gelang es, seine Entlassung zu hintertreiben, weil er einen Brief von mir vorlegen konnte, in welchem ich[156]  ihm im Namen des Kurfürsten versprochen, daß sein Engagement bis zur Ausfertigung des Reskriptes durch den Brief verbürgt sei; durch diesen Umstand wurde er der Kapelle erhalten. Wir übrigen wurden nicht wieder vorgefordert, und es blieb daher alles beim alten.



 Das zweite Kasseler Jahrzehnt bis zum Ende der Lebenserinnerungen
[157] 1832–1838











Im Herbste 1832 machte mich mein Bruder Wilhelm in Braunschweig brieflich darauf aufmerksam, daß im November d.J. die goldene Hochzeit unsrer Eltern sei, und schlug mir vor, daß sämtliche Kinder in Gandersheim zusammenkommen, den Eltern gratulieren und sie mit einer Spieluhr beschenken wollten. Daß es die Eltern doppelt erfreuen würde, wenn ich damit auch eine musikalische Feier verbände, konnte ich mir leicht denken, und ich veranlaßte daher Wilhelm Wolff, den Bruder meines Schwiegersohnes, mir ein Gedicht zu machen, bei dessen Aufführung meine Frau und ich mit Piano und Geige das Orchester vorstellen wollten, meine drei Töchter die Solostellen und meine Brüder mit ihren Frauen sowie meine Schwiegersöhne den Chor singen sollten. Ich machte mich denn, sobald ich nach meiner Angabe den Text erhalten hatte, sogleich an die Arbeit, schrieb eine heitere Polonaise (bei deren Vorspiel ich meiner Frau und mir sogar Gelegenheit gab, unsere Virtuosität auf unsern Instrumenten zu entwickeln), ließ dieser einen allgemeinen Chor folgen, an welchen sich dann die drei Soli meiner Töchter, die sich zum Schlusse dreistimmig vereinten, anreiheten, und fügte endlich noch einen allgemeinen Schlußchor hinzu. Während ich mit Frau und Kindern die Festkantate einstudierte, schickte ich auch den Brüdern zu gleichem Zwecke ihre Chorstimmen zu, und wir kamen dann einige Tage vor dem Fest, welches am 26. November stattfand, in Gandersheim zusammen. Da uns die Eltern nicht alle logieren konnten, so mietete ich für mich und meine zahlreiche Begleitung sämtliche Räume eines Wirtshauses und beratschlagte dann mit meinen Brüdern und Schwiegersöhnen, wie wir am besten und glänzendsten die Feier begehen[158]  könnten. Wolff schlug vor, vor allem den schönsten Saal der Stadt zu mieten, ihn mit Festons von Tannenzweigen, Immergrün und gemachten Blumen zu schmücken, dort unsre Geschenke aufzustellen und vor den Eltern und befreundeten Familien unsre Kantate aufzuführen. Nach dem Saal war nicht lange zu suchen, denn es gab nur einen am Orte, der überdies für alle die eingeladenen Freunde kaum groß genug war. Das Nötige zur Ausschmückung desselben ließen wir nun in großer Menge aus dem Walde herbeischaffen und waren dann sämtlich mehrere Tage lang mit dem Winden der Festons und dem Verfertigen der Papierblumen sowie mit Zeichnen und Malen von Transparenten beschäftigt. Wenn wir dann alle dieser Arbeit müde waren, begann ich die Proben zur Kantate und mußte den Fleiß der Frauen bewundern, die ihren meist total unmusikalischen, aber mit guten Stimmen begabten Männern die Tenor- und Baßpartie der Chöre doch so gut einstudiert hatten, daß es sich wie Musik anhören ließ. So verging die Zeit bis zum Feste sehr schnell, und wir hatten dann die Freude, die Eltern von unsrer Feier tief ergriffen und unsre Geschenke von den Gandersheimer Freunden sehr bewundert zu sehen. Es bestanden diese aus einer Spieluhr, welche besonders angestaunt wurde, in einem bequemen und sehr schön von den Braunschweiger Schwiegertöchtern gestickten Lehnstuhle für den Vater und in zahlreichen von den Kasseler Frauen angefertigten Arbeiten für die Mutter. Das Festmahl, welches zum Teil aus dem elterlichen Hause, zum Teil aus einer Restauration herbeigeschafft wurde, war sehr reich, und die von uns Brüdern mitgebrachten Getränke fanden ebenfalls großen Beifall, so daß das Spohrsche Jubelfest sehr zufriedenstellend ablief und in Gandersheim noch lange davon die Rede war. Erfreulich war dabei die allgemeine Teilnahme der Stadt und der Umgegend, welche sich unter anderm auch darin äußerte, daß meiner Mutter für die zahlreichen Gäste als Beisteuer für deren Unterhalt das Haus voll Viktualien geschickt wurde, z.B. Wildpret, Würste, Mehl, Eier, Früchte und Kuchen. Das ganze Fest hatte dadurch einen echt patriarchalischen Charakter; ein jeder strebte darnach, sich dem alten, würdigen Paare freundlich und erkenntlich zu zeigen und den Mann zu ehren, der ihnen seit einer langen Reihe von Jahren als Arzt mit Rat und Hilfe beigestanden und die Not der Armen, wo er konnte, stets gelindert hatte.

Nach meiner Rückkehr erhielt ich vom Kurprinzen den Befehl, anstatt der seit dem Frühjahre bereits eingestellten Theatervorstellungen während des Winters eine Reihe von Konzerten zu veranstalten, die allwöchentlich am Sonntag zum Vorteil der Theaterkasse stattfinden, und[159]  in welchen die zurückgebliebenen Sänger beschäftigt werden sollten. Das Publikum aber, aufgebracht darüber, daß die Konzerteinnahmen nicht, wie bisher, in die Unterstützungskasse für die Witwen der Orchestermitglieder fließen sollten, traf die Verabredung, gar nicht darauf zu subskribieren, und so war die Einnahme fast null. Nur wenige Konzerte, z.B. das, in welchem »Die Weihe der Töne« zuerst gegeben wurde, waren zahlreich besucht; in den andern aber sah es wüst und leer aus. Indessen mochte dem Kurprinzen sowie der Gräfin Schaumburg der Winter ohne Theater sehr langweilig vergangen sein; denn gegen das Frühjahr hin bekam ich den Auftrag, mich nach Meiningen zu begeben und eine daselbst befindliche herumziehende Schauspielergesellschaft unter der Direktion von Bethmann aus Berlin für die Monate März, April und Mai zu engagieren. Da ich den Wunsch äußerte, meine Frau mitzunehmen, so befahl der Kurprinz dem Oberstallmeister von der Malsburg, mir einen bequemen Hofwagen aus dem Marstall zu geben, und wir reisten darin mit Extrapost nach Meiningen ab. Es gab aber außer den Unterhandlungen mit Bethmann noch andre Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen. Dieser hatte nämlich bis über den Sommer hinaus Engagement beim Meininger Hof, und der Herzog mußte für eine frühere Entlassung der Gesellschaft gestimmt werden, wozu mir aber die Herzogin, obgleich sie mit ihrem Bruder wegen der Zwistigkeiten mit der Mutter damals nicht gut stand, dennoch verhalf. Bald nach meiner Rückkehr traf denn auch Bethmann mit seiner Gesellschaft ein und gab zur Eröffnung des neuen Theaters den »Freischütz« mit vielem Beifall; besonders gefiel Fräulein Meiselbach als Agathe sehr. Der bisherige Theaterdirektor Feige und ich wurden dann als Aufsichtsbehörde über Herrn Bethmann bestellt und demselben die drei noch in Engagement befindlichen Sänger, das Orchester sowie das ganze Maler- und Theaterarbeiterpersonal, die reiche Garderobe und die Dekorationen usw. zur Verfügung überwiesen. Wir entwarfen von nun an das Repertoire gemeinschaftlich, Feige und Bethmann für das Schauspiel und ich für die Oper, und waren bald imstande, alle frühern, auf unserm Theater gegebenen Opern wieder zu besetzen.

Im Juni desselben Jahres war wieder ein großes Musikfest in Halberstadt, welches von dem Prediger Augustin und dessen Sohn als sechstes Elbmusikfest unternommen worden, und zu dessen Direktion Friedrich Schneider und ich eingeladen wurden. Es zeichnete sich von den frühern hauptsächlich dadurch aus, daß zu Bewirtung und geselligem Zusammensein der Fremden, sowohl der Zuhörer als auch der[160]  mitwirkenden Künstler, ein kolossales Zelt, oder vielmehr eine Bretterbude auf dem Domplatz errichtet war, in welcher sich alle Fremden zu jeder Stunde des Tages versammeln konnten. Die Musikaufführungen fanden an drei Tagen statt und begannen mit Händels Oratorium »Samson« unter Schneiders Direktion. Am folgenden Morgen wurden die Sehenswürdigkeiten Halberstadts, insbesondere die Gemäldesammlung des Domherrn von Spiegel und Dr. Lucanus, in Augenschein genommen. Abends sollte ein Konzert im Schauspielhause stattfinden, da aber das Lokal nicht ausreichte, um die zahlreichen Zuhörer alle aufzunehmen, so veranstaltete man zu gleicher Zeit ein zweites Konzert im Saale des »Goldenen Engel«, und die Vorträge der fremden Virtuosen und Sänger wurden an beiden Orten gleichmäßig verteilt. Die ausgegebenen Billetts waren auch zu den Proben gültig, weshalb jeder das eine Konzert in der Probe, das andere aber am Abend der Aufführung hören konnte, wobei nur ein einziges Musikstück in beiden Konzerten gegeben wurde, nämlich das beliebte Duett aus »Jessonda« zwischen Amazili und Nadori, gesungen von Madame Schmidt und Herrn Mantius, weil kein Teil sich dieses wollte nehmen lassen. Ich dirigierte im Saal und spielte mit dem Konzertmeister Müller aus Braunschweig meine neueste Concertante in H-moll. Im Konzerte des dritten Tages wurden unter meiner Direktion die Symphonien in C-dur von Mozart und in C-moll von Beethoven, das Vaterunser von mir und ein Tedeum von Schneider gegeben, und ich hatte die Freude zu bemerken, daß auch bei diesem Musikfeste meine drei Kompositionen den ungeteiltesten Beifall fanden. Mittags beschloß ein brillantes Festessen in dem großen Zelte, bei dem es sehr tumultuarisch herging, das großartige Fest.

Den Rest der Ferienzeit mußten wir zu einer Reise nach Marienbad in Böhmen verwenden, wo meine Frau, die fortwährend an den Nerven litt, sich durch Trinken und Baden sowie durch den Genuß der Gebirgsluft womöglich stärken sollte. Wir trafen unter den Badegästen auch Raupach aus Berlin; und ich machte mit ihm weite Spaziergänge, bei welchen er mir vielerlei von seinen bevorstehenden Theaterarbeiten erzählte. Er war damals ganz erfüllt von einem neuen Schauspiele, welches er gleich nach der Rückkehr in die Heimat schreiben wollte, in dem er die Mucker und Frömmler zu geißeln beabsichtigte, und dessen Szene er nach China verlegen wollte. Die Arbeit ist aber wahrscheinlich nicht fertig geworden, oder die Berliner Mucker haben Gelegenheit gefunden, die Aufführung zu hintertreiben; denn es ist meines Wissens kein derartiges Stück von Raupach öffentlich bekannt geworden. Die Musikgesellschaft[161]  in Marienbad, deren Direktor ein Leinweber aus der Umgegend war, hatte mich mit der sehr gelungenen Ausführung der Cherubinischen Ouvertüre zur »Medea« bei dem mir gebrachten Empfangsständchen erfreuet und überrascht, weshalb ich mich nun um so leichter bereden ließ, für sie einen Walzer à la Strauß zu schreiben, da ich hierzu bei meiner Neigung, mich in allen Kunstgattungen zu versuchen, schon längst Lust gehabt hatte. Anfangs, als ich ihn dem dortigen Orchester eingeübt hatte, gefiel mir der Walzer auch ganz gut; später habe ich aber doch an ihm die Frische und Originalität vermißt, welche die meisten Walzer von Strauß und Lanner auszeichnen. Er ist demohnerachtet auf den Wunsch meines Verlegers Haslinger in Wien als Op. 89 nicht nur in der ursprünglichen Gestalt als Instrumentalstück, sondern auch im Arrangement zu zwei und vier Händen von ihm veröffentlicht worden. Nach Kassel zurückgekehrt, schrieb ich zunächst sechs vierstimmige Gesänge für Männerstimmen, die in Hamburg bei Schuberth als Op. 90 erschienen, und mein viertes Quintett in A-moll, das ich im Februar des folgenden Jahres beendigte (Op. 91 bei Simrock in Bonn).
Im Frühjahr 1834, am 5. April, überraschten mich meine Kinder und Freunde mit einer außergewöhnlichen Feier meines fünfzigsten Geburtstages. Ich hatte für den Abend gerade eine Oper angesetzt und konnte gar nicht begreifen, weshalb diese von Seiten der Intendanz plötzlich aufbestellt wurde, was natürlich von den Meinigen hinter meinem Rücken erbeten war. Meine Frau und ich folgten nun an dem frei gewordenen Abend einer Einladung zu meinem Schwiegersohn Zahn und waren beide nicht wenig erstaunt, hier in den festlich geschmückten und mit meiner bekränzten Büste sowie mit sinnreichen Transparenten, Kandelabern und Blumen gezierten Räumen eine glänzende Gesellschaft versammelt zu finden, die den Tag mit Musik (eine Kantate von Hauptmann), Anreden etc. feierlich begehen wollten.
Es war dies leider die letzte Festlichkeit dieser Art, welche meine gute Frau erlebte. Der Aufenthalt in Marienbad hatte ihr nicht dauernd geholfen, und da ihr leidender Zustand schon mit dem Beginn des Winters zurückgekehrt war, so mußte sie in der nächsten Ferienzeit die Kur wiederholen. Diesmal trafen wir daselbst die Gebrüder Bohrer, und nachdem ich die frühere Bekanntschaft mit diesen geschickten Künstlern erneuert hatte, machten wir häufig Quartettpartien zusammen, wozu wir auch den alten Leinweber, in welchem wir einen guten Violinspieler kennenlernten, heranzogen. Diese Musikpartien erheiterten auch meine Frau, die ihre Kur mit so gutem Erfolge gebrauchte, daß wir die Rückreise[162]  nach Kassel in der besten Hoffnung antreten konnten. Bald nachher verschlimmerte sich aber ihr Zustand aufs neue, und ich fühlte mich nun wenig aufgelegt, an die Fortsetzung meines im April begonnenen neuen Oratoriums zu gehen. Schon im vorigen Jahre hatte mir nämlich Hofrat Rochlitz bei unsrer Durchreise in Leipzig ein von ihm verfaßtes Passionsoratorium: »Des Heilands letzte Stunden« zur Komposition angetragen. Obgleich dasselbe schon einmal unter dem Titel: »Das Ende des Gerechten« von Schicht komponiert worden war, so nahm ich es doch mit Freuden an, da er mir versicherte, die frühere Komposition sei zwar mit Beifall, aber ohne genügende Wirkung zu machen, aufgeführt; er habe deshalb den Text noch einmal umgearbeitet und halte ihn nun dem Zwecke entsprechender. Nachdem ich indessen erfahren, daß er diesen neuen Text auch Mendelssohn zur Komposition vorgeschlagen habe, so fragte ich, bevor ich die Arbeit begann, bei diesem schriftlich an, ob er das Oratorium zu komponieren gedenke? Da die Antwort verneinend ausfiel und Mendelssohn mir schrieb, daß er sich selbst einen Text aus Bibelstellen zusammensetzen werde, so begann ich im Frühjahre 1834 meine Arbeit, die später durch die Badereise unterbrochen wurde. Als ich indessen bemerkte, daß meine Frau trotz ihres leidenden Zustandes sich doch ebenso lebhaft für meine jetzige Arbeit interessierte als für die früheren, so vergaß ich bald alles über die Begeisterung, mit welcher ich mich derselben hingab. Empfing mich auch Dorette beim Nachhausekommen aus den Theaterproben stets mit kummervoller Miene und ängstlichen Andeutungen wegen ihrer Gesundheit, so zeigte sie doch auch wieder so große Teilnahme an dem Fortschreiten meiner Arbeit und hörte mit so lebhaftem Interesse zu, wenn ich das, was fertig war, im Cäcilienvereine probieren ließ, daß ich immer wieder mit neuem Mut an die Fortsetzung des Werkes ging. Häufig unterbrach sie mich wohl mit der melancholischen Frage: »Was soll aus unsrer Therese werden, wenn ich meinem Zustand erliege?« – denn die Sorge um Therese war in jener Zeit ihre fixe Idee geworden –, und wenn ich ihr darauf antwortete: »Eine glückliche Frau, wie es unsere andern Kinder auch geworden sind«, dann flog ein heiteres Lächeln über ihr Gesicht, denn sie mochte wohl auch bemerkt haben, daß sich trotz Thereses Jugend schon manche Bewerber um ihre Gunst bemühten, und daß auch von ihr namentlich ein Mitglied unsres Cäcilienvereines nicht ungern gesehen wurde. So kam ich mit meinem Oratorium bis zum Schlusse des ersten Teils, und meine Frau erlebte noch die Freude, zu sehen, mit welcher Teilnahme und Begeisterung es vom Cäcilienvereine gesungen wurde; dann nahmen aber ihre Kräfte schnell[163]  ab, und sie wurde bettlägerig. Als ich das bedenkliche Gesicht unsres Arztes und Hausfreundes Dr. Bauer sah, zog ich auch noch den berühmtesten Arzt unsrer Stadt, den Geheime Hofrat Dr. Harnier, hinzu. Doch auch er schüttelte den Kopf und konnte wenig Hoffnung zur Rettung geben. Da sich meine Töchter Emilie und Therese der Pflege der Mutter mit großer Sorgfalt unterzogen, so konnte ich auf Dorettens Wunsch, da sie sich für die Vollendung des Oratoriums lebhaft interessierte, während des Tages fortarbeiten, mußte des Nachts aber abwechselnd mit Emilien bei ihr wachen. Doch war ich kaum bis zur dritten Nummer des zweiten Teils gekommen, so ging es, da sich ihre Krankheit zu einem Nervenfieber gestaltet hatte, mit ihr zu Ende, und heute noch gedenke ich mit tiefer Wehmut des Momentes, wo ich ihrer Stirn den letzten Kuß aufdrückte!


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Mein Schwiegersohn Wolff übernahm alle die traurigen Besorgungen der Bestattung, wozu ich mich in meiner Verzweiflung außerstande fühlte, und so konnte ich mit meiner jüngsten Tochter, die sich über den Tod ihrer Mutter gar nicht zu fassen wußte und schon den letzten Tag zuvor bei ihrer ebenfalls kranken Schwester Ida zugebracht hatte, die Stadt auf acht Tage verlassen. Ich mietete mich im Gasthause zu Wilhelmshöhe ein, und wir versuchten durch langes und ermüdendes Umherlaufen in den benachbarten, winterlichen Wäldern die nötige Fassung wiederzugewinnen. Als wir dann aber nach der Stadt zurückkehren mußten, fühlten wir die Vereinsamung unsres Hauses nur um so tiefer. Ich konnte mich daher lange nicht entschließen, in der Partitur, wo ich den Todestag meiner geliebten Frau, den 20. November, bezeichnet hatte, fortzufahren, bis ich das Werk endlich am Ende des Winters, als die Arbeitslust wieder erwacht war, vollendete und dann auch eine vollständige Aufführung desselben am Karfreitage (1835) veranstaltete. Der Gedanke, daß meine Frau die Vollendung und Aufführung des Oratoriums nicht mehr erlebt hatte, ließ mich keine rechte Freude über diese gelungenste meiner Arbeiten empfinden, und ich bin erst bei spätern Aufführungen zum vollen Bewußtsein ihrer Wirkung gelangt. Eine Wiederholung des Oratoriums konnte schon in demselben Sommer am ersten Pfingsttage stattfinden, den uns der Kurprinz ungewöhnlicherweise für ein Konzert in der Kirche bewilligt hatte. Die bald darauf eintretenden Theaterferien mußte ich auf den Rat meines Arztes zu dem Besuche eines Seebades benutzen, und ich wählte dazu ein neuangelegtes, noch wenig besuchtes Bad, Zandvoort, eine Stunde von Haarlem. Außer Theresen sollte diesmal auch meine Schwägerin, Minchen Scheidler, die wir schon eine Reihe von Jahren[164]  seit dem Tode meiner Schwiegermutter bei uns hatten, und die während unsrer frühern Reisen gewöhnlich ihren Bruder, den Professor Karl Scheidler in Jena, zu besuchen pflegte, die Reise mitmachen, und beide freuten sich unaussprechlich darauf. Wir fuhren den Rhein hinunter über Düsseldorf, wo ich einige Tage zu bleiben beabsichtigte, weil Mendelssohn, der die Stelle als Musikdirektor bei dem von Immermann neu errichteten Theater angenommen hatte, jetzt dort wohnte. Frau Regierungsrat von Sybel, bei welcher ich damals während des Musikfestes logiert, hatte von unserm Plan, in Düsseldorf zu verweilen, gehört und bat mich, mein Absteigequartier wieder in ihrem Hause zu nehmen, was ich um so lieber annahm, als ich hörte, Immermann gehöre zu ihren Hausfreunden und bringe dort gewöhnlich seine Abende zu.

Die Geige begleitete mich sowie auch meine letzten Arbeiten, darunter ein zweites, kurz vorher beendetes Concertino (E-dur, Op. 92, bei Breitkopf und Härtel in Leipzig), auch auf dieser Reise. Zuerst kamen wir nach Frankfurt, verweilten dort bei Speyer nur einen Tag und setzten dann von Biebrich ab die Reise auf dem Dampfboote weiter fort. In Düsseldorf wurden wir im Hause der Frau von Sybel sehr freundlich empfangen und hatten schon am ersten Abend die Freude, Immermann dort kennen zu lernen, der zum besondern Vergnügen meiner Schwägerin sein liebenswürdiges »Tulifäntchen« vorlas. Über Mendelssohn, den ich dort vermißte, erfuhr ich, daß er zwar auch zu den Hausfreunden gehöre, aber an den Abenden, wo Immermann dort sei, niemals erscheine, weil er sich mit ihm, der das ganze Gewicht seiner Tätigkeit nur dem Schauspiele zuwende, über die Oper entzweiet habe. Am andern Morgen, wo ich Mendelssohn besuchte und seine Schwester bei ihm traf, spielte er mir die ersten Nummern seines Oratoriums »Paulus« vor, woran mir nur das nicht recht gefallen wollte, daß sie zu sehr dem Händelschen Stile nachgebildet waren. Desto mehr schien ihm und seiner Schwester mein Concertino in E-dur zu gefallen, in dem ein eigentümliches langes Staccato in einem Striche als Novität vorkam, das er bei andern Geigern noch nicht gehört hatte. Als er mir nun dasselbe auf sehr gewandte Weise aus der Partitur akkompagnierte, konnte er dieses Staccato nicht oft genug hören und bat mich immer von neuem, dabei wieder anzufangen, indem er zu seiner Schwester sagte: »Sieh, das ist das berühmte Spohrsche Staccato, welches ihm kein andrer Geiger nachmacht!« Als ich von da zu Immermann ging, proponierte mir dieser einen Besuch bei Grabbe, der sich damals auf Immermanns Einladung in Düsseldorf aufhielt, und so[165]  lernte ich diesen Sonderling noch an demselben Morgen kennen. Als wir bei ihm eintraten, und der kleine Mensch mich Koloß zu Gesicht bekam, zog er sich schüchtern in eine Ecke seines Zimmers zurück, und die ersten Worte, die er zu mir sprach, waren: »Es wäre Ihnen ein leichtes, mich da zum Fenster hinauszuwerfen.« Ich antwortete: »Ja, ich könnte es wohl, aber darum bin ich nicht hierher gekommen.« Erst nach dieser komischen Szene stellte mich nun Immermann dem närrischen, aber interessanten Menschen vor. Wir verlebten abwechselnd in Mendelssohns und Immermanns Gesellschaft angenehme Tage im Hause unsrer freundlichen Wirte und setzten dann die Reise auf dem holländischen Dampfboot über Kleve, wo ich meinen alten Freund Thomae auf einige Tage besuchen wollte, weiter fort. Wir fanden ihn ebenfalls als Witwer, denn auch er hatte vor kurzem seine Frau verloren. Der Nußbaum in seinem Hofe, zu dem wir im Jahr 1817 bei unserm Familienbesuche die Nuß so feierlich gelegt hatten, grünte und blühete aber noch aufs schönste. Thomaes Kinder, die nun sämtlich erwachsen waren, und von denen der älteste Sohn als Notar in des Vaters Stelle getreten war, befanden sich ebenfalls kräftig und gesund; er selbst schien aber verstimmt und kränklich. Doch erfreuete ihn unser Besuch sehr, und er schenkte bei der Abreise meiner Therese als Pate seiner verstorbenen Frau eine goldene Uhr und bat uns, auf dem Rückweg wieder bei ihm einzukehren. So kamen wir, nachdem wir in Rotterdam das Dampfboot verlassen hatten, über Haag, Amsterdam und Haarlem glücklich nach Zandvoort. Als wir uns dort im Badehause eingemietet hatten und aus unsern Fenstern das Meer zum erstenmal sahen, brach meine Schwägerin in die verhängnisvollen Worte aus: »Hier möcht ich ewig bleiben!« Nachdem ich mit dem Badearzte, welcher täglich mit dem Omnibus von Haarlem die Badenden zu besuchen kam, meine Kur besprochen und sogleich zu baden begonnen hatte, ging ich bald mit wahrer Wonne ins Meer, und es gewährte mir großes Vergnügen, darin herumzuschwimmen. Unsre Haus- und Tischgenossen waren einige Muckerfamilien aus Elberfeld und Barmen, deren Religionsansichten ich bald aus ihren Reden bei Tisch zu Genüge kennenlernte, die mich aber nicht reizten, nähere Bekanntschaft mit ihnen anzuknüpfen. Nach Tische machten wir in dem Walde, welcher gleich hinter den Dünen begann und fast bis nach Haarlem reichte, unsre Spaziergänge, und so lebten wir bei dem schönen Wetter, wovon wir in jenem Sommer 1835 begünstigt wurden, sehr zufrieden in unsrer Einsamkeit. Bald sollte diese aber durch einen unerwarteten Kunstgenuß unterbrochen werden, indem die Musikfreunde in Amsterdam, die meine Anwesenheit in[166]  Zandvoort in Erfahrung gebracht hatten, mich und meine Reisegefährtinnen zu einem Konzerte einluden, welches sie mir zu Ehren veranstaltet hatten. Wir fuhren daher mit dem Omnibus nach Haarlem und von da mit der Trekschuit nach Amsterdam, wo wir auf Herrn Ten Kates, eines frühern Bekannten, Einladung in dessen Haus abstiegen. Mit ihm besuchten wir das im Saale von Felix Meritis veranstaltete Konzert, in welchem lauter Kompositionen von mir aufgeführt wurden; zuerst eine meiner Symphonien, dann das Duett aus »Jessonda«, gesungen von Herrn de Vrugt aus Haarlem und der ersten Sängerin vom deutschen Theater, darauf spielte Herr Tours aus Rotterdam ein Violinkonzert von mir, und Herr de Vrugt beschloß das Konzert mit einigen Liedern. Als wir dann bei unserm Hauswirte zu Abend gegessen hatten und schon im Begriffe waren, uns zur Ruhe zu begeben, wurde mir noch ein Ständchen gebracht, das wir auf dem Balkon des Hauses anhörten. Meine Schwägerin, die schon im Konzert über Kopf wehgeklagt hatte, mochte sich wohl, da sie trotz meiner Warnung in der kühlen Abendluft das Ständchen mit anhörte, erkältet haben; denn als wir nach Zandvoort zurückgekehrt waren und am andern Morgen den Badearzt zu Rate zogen, fand es sich, daß bei ihr in der Nacht eine Hautkrankheit ausgebrochen war, die er jedoch nicht für gefährlich hielt. Die Ferienzeit nahete indessen ihrem Ende, und der Arzt erklärte, nachdem die Kranke einige Tage das Bett gehütet hatte, wir würden in aller Kürze reisen können. Noch an demselben Abend aber, als die Sonne unterging und ich, am Bette meiner Schwägerin sitzend, von der Rückreise mit ihr sprach, verlangte sie in krankhafter Aufregung aufzustehen, und während ich sie mit all meiner Kraft kaum zurückzuhalten vermochte, fiel sie plötzlich in die Kissen zurück, verlor die Besinnung und hatte alsbald zu atmen aufgehört. In unsrer Angst schrien wir beide, Therese und ich, nach Hilfe, worauf ein junger Mann, der neben uns wohnte und als Student der Medizin einen Aderlaßapparat mit sich führte, herbeieilte und ihr sogleich eine Ader öffnete. Doch vergebens! Es kam kein Blut mehr, der Arzt erklärte sie für tot und war nun bemüht, Therese, die vor Schreck ohnmächtig geworden war, wieder ins Leben zu rufen. So war denn der verhängnisvolle Wunsch meiner Schwägerin: »Hier möcht ich ewig bleiben!« zur traurigen Erfüllung gekommen. Was wir dabei empfanden, als wir die Geschiedene wenige Tage nachher zu ihrer letzten Ruhestätte begleiteten, und wie uns bei dieser Szene die im vergangenen Jahr in Kassel erlebte wieder um so lebendiger vor die Seele trat, das will ich nicht zu schildern versuchen.[167] 
Wir machten nun die Rückreise so schnell als möglich und trafen noch am Landungsplatze des Dampfbootes nahe bei Kleve unsern Freund Thomae, welcher, nachdem er unsern neuen Verlust erfuhr, auf Erfüllung unsrer Zusage, abermals in seinem Hause zu verweilen, nicht weiter bestand. Da ohnehin der Urlaub abgelaufen war, setzten wir unsre Reise nach Kassel ohne weitern Aufenthalt fort. Dort aber empfand ich die Einsamkeit unsres Hauses ohne die Zurückgebliebene noch viel schmerzlicher, und ich fing daher an, das Bedürfnis nach einer Lebensgefährtin, die auch an meinen musikalischen Arbeiten teilnehmen könnte, viel lebhafter als bisher zu fühlen. Es war zunächst unser Cäcilienverein, wo sich mir bei den wöchentlichen Übungen Gelegenheit bot, in unbemerkter Beobachtung vielleicht ein weibliches Wesen herauszufinden, von dem ich hoffen durfte, daß es mir den Rest meines Lebens verschönen werde und geeignet sei, mir das verlorene Glück wiederzugeben. Da gedachte ich denn vorzugsweise der Schwestern meines verstorbenen Freundes Karl Pfeiffer, deren ernsten Sinn und rege Teilnahme für die gediegenere Musikgattung ich durch ihren vieljährigen, unausgesetzt pünktlichen Besuch des Vereines erkannt hatte, und von denen ich überdies durch ihren Bruder wußte, daß sie gleich ihm besonders für meine Musik eingenommen waren. Außerdem hatte ich bei meinen fast täglichen Spaziergängen in der Kölnischen Allee, die mich an dem Garten des Oberappellationsrates Pfeiffer vorüberführten, seit längerer Zeit Gelegenheit gehabt, das glückliche und anspruchslose Zusammenleben der Familie aus der Ferne wahrzunehmen. Da nun damals (September 1835) die kurhessischen Truppen zum Herbstmanöver zusammengezogen waren und beim Schlosse Wilhelmsthal ein Lager bezogen hatten, wohin die Bewohner Kassels zu lustwandeln pflegten, so kam ich auf den Gedanken, eine Partie dorthin zu machen, und ließ durch meine Tochter Therese von den Eltern Pfeiffer um die Erlaubnis für die beiden Töchter bitten, uns dahin begleiten zu dürfen. Auf dieser kleinen Fahrt hatte ich bei der Unterhaltung Gelegenheit, nun auch die hohe und vielseitige Bildung des Schwesternpaares kennen zu lernen, und so ward mein Entschluß vollends befestigt, mich um die ältere Schwester Marianne zu bewerben, deren Musikkenntnisse und solides Klavierspiel mir auch schon aufgefallen war, da sie einigemal zur Aushilfe im Cäcilienvereine akkompagniert hatte. Da ich nicht den Mut hatte, mündlich um sie anzuhalten, weil der Unterschied unsres Alters mehr als zwanzig Jahre betrug, so fragte ich schriftlich an, ob sie mir angehören wolle, und fügte, um meine Werbung zu beschönigen, die Versicherung hinzu, daß ich mich von den gewöhnlichen Beschwerden[168]  des Alters noch ganz frei fühle. In höchster Spannung erwartete ich nun die Antwort. Zu meiner Freude fiel sie bejahend aus, worauf ich zu ihren Eltern eilte, um förmlich um sie zu werben. Sie segneten unsern Bund, und wir lernten uns nun immer näher kennen. Da ich bei meinem Alter nicht viel Zeit zu verlieren hatte, so bat ich, daß die Hochzeit gleich nach Neujahr stattfinden dürfe, welches auch nach einigem Widerstreben von den Eltern und der Braut zugestanden wurde. Unsre Trauung wurde auf den 3. Januar 1836 festgesetzt, und ich bat meine Eltern, dabei Zeugen meines erneuerten Glückes zu sein. Doch wäre es am bestimmten Tage fast nicht zur Hochzeit gekommen, da die dazu erforderliche Erlaubnis des Kurprinz-Mitregenten trotz aller Bemühungen meines Freundes, des Herrn von der Malsburg, der dieselbe als Hofmarschall auszufertigen hatte, nicht zu erlangen stand. Mein Schwiegervater, der dem Kurprinzen in frühern Jahren Vorlesungen über Staatsrecht halten mußte und schon damals nicht sehr in Gunst bei ihm war, hatte dieselbe ganz verloren, seitdem er als Mitglied des ersten Landtages (von 1831–32) durch seinen ausführlichen und überzeugenden Bericht bei den Ständen eine starke Herabsetzung des ihnen vorgelegten, unverhältnismäßig hohen Militäretats bewirkt hatte. Der Kurprinz mochte dieses dem Vater Pfeiffer wohl nachtragen und deshalb die Erlaubnis zur Verheiratung seiner Tochter verzögern. Wir erhielten dieselbe wenigstens erst dann, als meine Braut, wie man von ihr ausdrücklich verlangte, einen Revers ausgestellt hatte, daß sie auf jede dereinstige Pension im voraus verzichte. Da ich für meine Frau nach meinem Tode auf andre Weise zu sorgen vermochte, so fügten wir uns dem Verlangen, und so konnte unsre Hochzeit am festgesetzten Tage doch noch stattfinden. Die zur Familie meiner Schwiegereltern gehörigen nächsten Verwandten, dreiunddreißig an der Zahl, nebst meinen Eltern, meinen Töchtern und deren Männer waren sämtlich zugegen. Die Trauung vollzog auf den Wunsch meiner Braut ihr Lieblingsprediger Asbrand, den sie persönlich kannte und hoch schätzte.



So lebte ich nun wieder in den früher gewohnten häuslichen Verhältnissen und fühlte mich unbeschreiblich glücklich im Besitze meiner Frau! Da wir häufig miteinander musizierten, so lernte ich immer mehr ihren feinen Sinn für das Edele in der Tonkunst kennen und konnte bei ihrer eminenten Fertigkeit im a vista-Lesen nicht nur in kurzer Zeit mit ihr alles, was ich früher für Geige mit Klavierbegleitung geschrieben hatte, spielen, sondern es wurde mir auch gar manches Fremde dieser Kunstgattung, was ich bisher nicht kannte, durch sie erschlossen. Ich bekam daher große Lust, mich nun auch einmal in eigentlichen Duetten[169]  für Pianoforte und Violine zu versuchen. Das erste, was ich dann für uns beide schrieb, war das Duett in G-moll (Op. 95, Leipzig, bei Breitkopf). Hiebei bemerkte ich wiederholt mit großer Freude ihre lebhafte Teilnahme an meinen Arbeiten in gleicher Weise, wie sie mich bei meiner seligen Frau so beglückt und gefördert hatte. War ein Satz niedergeschrieben, so konnte ich ihn, wenn ich ihn mit ihr spielte, sogleich vollständig hören, was uns beide in gleichem Grade interessierte und beglückte. Außerdem komponierte ich in dieser Zeit sechs Lieder für eine Altstimme, die als Op. 94 bei Simrock in Bonn erschienen.

Als dann der Sommer und die Ferienzeit herannahete, beschlossen wir, eine Reise zu machen, um die beiderseitigen Verwandten zu besuchen. Da damals noch keine Eisenbahn existierte, so mußten wir wie bisher wieder mit der Extrapost fahren und traten die Reise über Eisenach nach Gotha an, wo wir die an einen Kaufmann Hildt verheiratete Stiefschwester meiner seligen Frau aufsuchten. Wir trafen sie in ihrem Blumengarten, brachten da einen vergnügten Abend mit ihnen zu und reisten am folgenden Tage weiter nach Erfurt. Da die dortigen Musikfreunde im voraus unsre Ankunft erfahren hatten, so wurden wir sogleich im Gasthaus »Zum römischen Kaiser« von einer Deputation empfangen, die uns in der schmeichelhaftesten Ansprache zu den für uns vorbereiteten Festlichkeiten einlud. Bei dem am ersten Mittag stattfindenden Festdiner wurde ich mit einem Bewillkommnungsgedichte begrüßt, worauf ein donnernder Toast auf mich zur großen Freude und Genugtuung meiner Frau und Tochter ausgebracht wurde. Abends fuhren wir nach dem Steiger, dem beliebtesten Vergnügungsorte der Erfurter; da es aber bald zu regnen anfing, so konnten wir von den schönen Gartenanlagen nicht viel genießen, sondern mußten vielmehr in den daselbst befindlichen Saal flüchten. Zum Glücke hatte man für ein gutes Fortepiano gesorgt, und ich konnte daher der Gesellschaft mein neues Duo für Geige und Klavier sowie mein Concertino in E-dur, welches beides ich mit meiner Frau spielte, zu hören geben. Therese sang darauf noch einige meiner neuesten Lieder, und von den Erfurter Herren und Damen wurden auch noch mein Baßduett aus »Faust« und verschiedene Lieder vorgetragen. Diese halb improvisierte Musikpartie schien der Gesellschaft ungemein großes Vergnügen zu machen, und so kehrten wir trotz des Regens sehr zufrieden nach der Stadt zurück. Am andern Morgen wurden wir früh durch ein Ständchen überrascht, das uns von der auf dem Vorplatz aufgestellten Militärmusik gebracht wurde. Es begann mit den wohlbekannten Klängen einer meiner Symphonien, worauf mehrere andere Stücke und zuletzt das erste[170]  Finale aus »Zemire und Azor« folgten. Sodann nahmen wir die Sehenswürdigkeiten der Stadt, insbesondere den herrlichen Dom, in Augenschein, wo uns beim Eintreten die Klänge der berühmten Orgel entgegentönten und darauf die Einleitung zu »Des Heilands letzte Stunden« sowie noch viele andre Melodien, meistens aus meinen älteren Oratorien, in ergreifender Weise vorgetragen wurden. Nachdem wir hierauf einem glänzenden Diner bei Frau Major von Rommel, einer Kusine meiner Frau, beigewohnt hatten, fuhren wir zu dem im Theater veranstalteten großen Konzert, in welchem bei festlicher Erleuchtung die »Weihe der Töne« und mein »Vaterunser« in sehr befriedigender Weise aufgeführt wurden.

Am andern Morgen setzten wir die Reise nach Leipzig fort und wohnten auch dort wieder mehreren interessanten Musikpartien bei, welche meine alten Freunde Rochlitz und Weiße sowie die ausgezeichnete Pianistin Madame Voigt uns zu Ehren bei sich veranstalteten, und wo auch ich einige neuere, den Leipzigern noch unbekannte Quartetten, insonderheit das erst im vorigen Herbste komponierte Quatuor brillant in A-dur (Wien, bei Haslinger, Op. 93) zu hören gab. Dann spielten Mendelssohn und Madame Voigt, und wir verbrachten unter den genannten Freunden einen angenehmen und genußreichen Abend. Am andern Morgen führte ich meine Frau zu Clara Wieck, die uns ganz meisterhaft vorspielte. Der Vater Wieck prahlte und windbeutelte wie gewöhnlich! Am folgenden Tage setzten wir die Reise nach Dresden fort und trafen da in der Schloßgasse in der »Stadt Gotha« die Familie Kleinwächter aus Prag, Vater, Sohn und Tochter, sowie auch meinen Freund Adolph Hesse. Wir traten mit ihnen eine schon im voraus verabredete gemeinschaftliche Reise in die Sächsische Schweiz an und machten die erste Strecke bis zum Eingang in den Uttewalder Grund zu Wagen, der uns dann, wenn unsere Kräfte vom Ersteigen der steilen Aussichtspunkte erschöpft waren, immer wieder erwartete und uns bequem von einer der herrlichen Felspartien zur andern brachte. Dennoch gab es immer noch große und anstrengende Fußtouren, wie namentlich auch die Ersteigung des großen Winterberges bei drückender Hitze. Von Herrnskretschen, dem Zielpunkt unsrer Reise, fuhren wir auf der Elbe nach Schandau, aßen dort vergnügt zu Mittag und neckten uns dabei gegenseitig über unsre Müdigkeit, die wir vor den mit uns zu Tische sitzenden Badegästen möglichst zu verbergen suchten, was zu manchen komischen Szenen Veranlassung gab.[171] 
In Dresden wohnten wir dann noch einer interessanten Quartettpartie bei, die der Kammermusikus Franz, mein ehemaliger Schüler, in seiner mit Kränzen und Blumen festlich geschmückten Wohnung veranstaltet hatte. Wir trafen dort auch die drei Kapellmeister Reißiger, Morlacchi und Rastrelli, und ich spielte eins meiner Doppelquartetten sowie mein neuestes Concertino. Da wir am andern Morgen Dresden verlassen wollten, so hieß es nun von unsern liebenswürdigen Reisegefährten Kleinwächter und Hesse scheiden, in deren Gesellschaft wir so vergnügte Stunden verlebt, und die mich während unsres Zusammenseins mit Liebe und Aufmerksamkeit wahrhaft überschüttet hatten. Sie schieden von uns mit tränenden Augen, und wir setzten unsre Reise über Leipzig und Halle nach Braunschweig fort, wo wir meine Brüder Wilhelm und August besuchen und zugleich dem gerade dort abgehaltenen Musikfeste beiwohnen wollten. Die Aufführungen fanden in der Ägidienkirche statt und begannen mit Händels »Messias«. Obgleich uns das herrliche Werk von frühern Aufführungen längst genau bekannt war, so wurden wir doch durch die großartigen Chöre, ihre starke Besetzung und die Mozartsche Instrumentierung aufs neue wahrhaft hingerissen. An den zwei folgenden Tagen gab es gemischte Vokal- und Instrumentalkonzerte; jedoch erschien uns deren Inhalt, der meist aus Opernsachen bestand, für die Kirche nicht ganz geeignet. Bei den verschiedenen Festessen, die an jedem Mittag in dem großen, auf der Wallpromenade errichteten Zelte stattfanden, ging es gewöhnlich sehr tumultuarisch zu; besonders komisch war aber eine Szene, die sich dabei am letzten Tag ereignete. Der Tenorist Mantius aus Berlin, der schon einige Lieder mit großem Beifalle gesungen hatte, wurde schließlich gebeten, noch das beliebte »Schön Hannchen« vorzutragen. Dieses Lied hat einen scheinbaren Schluß, auf den ein noch brillanteres Ende folgt. Nun brachen die Zuhörer immer schon mit ihrem Beifalle los, bevor Mantius bis zu Ende gekommen. Nachdem dies zu seinem Ärger schon bei einigen Strophen geschehen war, stieg er bei den folgenden auf eine Bank und zuletzt sogar auf den Tisch, um den Glanzpunkt endlich einmal zu Gehör zu bringen; aber wieder vergebens! Der scheinbare Schluß war zu verführerisch, und obgleich Mantius vor der letzten Strophe die Zuhörer abermals de-und wehmütig gebeten hatte, ihren Beifall doch solange zurückzuhalten, bis er wirklich zu Ende gekommen sei, so ließ sich dennoch einer derselben hinreißen, zur unrechten Zeit Bravo zu rufen, und das war genug, um alle Anwesenden mit einstimmen zu lassen. Die verzweifelte Miene,[172]  mit welcher nun der mit Beifall überschüttete Sänger vom Tische stieg, hatte etwas unaussprechlich Komisches.
Bei unsrer Abreise von Braunschweig wurden wir vom Amtsrat Lueder, der sich ebenfalls zum Musikfeste eingefunden hatte, dringend eingeladen, auf dem Rückwege noch einige Tage auf seinem Gute Catlenburg zuzubringen, wodurch dann diese interessante Reise auf würdige Weise beschlossen wurde.
In Kassel fand ich nach unsrer Rückkehr von meinem frühern Schüler, dem Musikdirektor Gercke aus Paderborn, einen Brief vor, in welchem wir zu dem am 21. Juli stattfindenden tausendjährigen Jubiläum des hl. Liborius eingeladen wurden. Dasselbe sollte am ersten Tage durch Kirchenfeierlichkeiten und am zweiten durch die Aufführung meines Oratoriums »Des Heilands letzte Stunden« festlich begangen werden. Da die Ferienzeit noch nicht ganz abgelaufen war, so faßten wir einen schnellen Entschluß und saßen nach wenig Tagen schon wieder im Reisewagen, in dem diesmal meine Schwägerin, Caroline Pfeiffer, den vierten Platz einnahm. Wir übernachteten in Lichtenau, fuhren aber am andern Morgen schon so früh von dort ab, daß wir vor acht Uhr in Paderborn ankamen; wir fanden jedoch die Stadt bereits so voll Menschen, daß wir vor den beiden dortigen Gasthäusern abgewiesen wurden. Dem Wirte des zweiten schien es aber doch leid zu tun, uns nicht aufnehmen zu können, und er besorgte uns daher ein paar Zimmer in einem gegenüber liegenden Privathause. Wir konnten indessen dort nur zwei Betten erhalten, und es mußte für mich und meine Frau für die Nacht im Gasthause selbst eine Schlafstelle eingerichtet werden, und zwar in einem Zimmer, das am Tag ein Friseur zu seinem Geschäft und zum Verkaufe seiner Waren inne hatte. Kaum in unsre unscheinlichen Zimmer eingetreten, erhielten wir von den Dilettanten der Stadt sowie von den bei den Musikaufführungen beteiligten Künstlern Besuche. Darauf wurden wir in ein befreundetes Haus geführt, wo man uns an den Fenstern die besten Plätze einräumte, um die glänzende Prozession, die den vergoldeten Schrein mit den Gebeinen des hl. Liborius nach dem Dome geleitete, bequem sehen zu können. Erst als das übermäßige Gedränge des Volkes nachgelassen hatte, gingen auch wir in den Dom, bewunderten das reiche und schöne Gebäude und hörten die Messe von Carl Maria von Weber, deren allzuweltlicher Stil uns aber nicht recht gefallen wollte. Am folgenden Abend fand die Aufführung meines Oratoriums in der glänzend erleuchteten Jesuitenkirche statt, wo wir durch die bereits überfüllten Räume hindurch bis ganz vorn hingeleitet wurden, um auf gepolsterten Sesseln, die man[173]  uns dicht neben dem Bischof von Paderborn sowie dem Oberpräsidenten von Vincke und dem Kommandanten der Stadt angewiesen hatte, Platz zu nehmen. Ich bemerkte mit Freude, daß auch hier für mein Oratorium große Begeisterung herrschte; Gercke dirigierte sehr gut, die Chöre waren vortrefflich einstudiert, und unter den Solosängern, die meistens aus Dilettanten bestanden, zeichnete sich besonders die bekannte Konzertsängerin Frau Johanna Schmidt in der Partie der Maria aus. Kaum hatten wir uns nach diesem unruhig verlebten Tage zur Ruhe begeben, so erschallte unter unsern Fenstern eine Fackelmusik, wobei abwechselnd gespielt und vierstimmige Lieder gesungen wurden. Als ich mich bei den wiederholten Hochrufen dankend zum Fenster hinwenden wollte, stellten sich mir aber die vor demselben aufgetürmten Schachteln unsres Mitbewohners hindernd entgegen, und ich mußte deshalb den versäumten mündlichen Dank am andern Morgen vor unsrer Abreise schriftlich nachholen.

So kehrten wir denn auch von diesem Ausfluge sehr befriedigt nach Kassel zurück, wo dann für mich, aufgemuntert durch körperliches Wohlbefinden und meine höchst glückliche häusliche Lage, eine fleißige Kompositionsperiode begann. Schon auf der Rückreise von Dresden hatte ich beständig an eine neue Komposition gedacht und auch schon das Programm dazu entworfen. Es war dies eine zweite Sonate für mich und meine Frau, die später als Duett für Piano und Violine »Nachklänge einer Reise nach Dresden und in die Sächsische Schweiz« (Op. 96) bei Simrock in Bonn erschienen und unsern liebenswürdigen Reisegefährten aus Prag und Breslau gewidmet ist. Im ersten Satze suchte ich die Reiselust zu schildern, im zweiten die Reise selbst, indem ich die in Sachsen und dem benachbarten Preußen gebräuchlichen Hornfanfaren der Postillone in das Scherzo als dominierendes, von der Geige auf der G-Saite hornmäßig gespieltes Hauptthema mit auffallenden Modulationen des Fortepiano verarbeitete und dann im Trio eine Schwärmerei schilderte, wie man sich ihr so gern unbewußt im Wagen brütend überläßt! Das folgende Adagio gibt eine Szene aus der katholischen Hofkirche zu Dresden, welche mit einem Orgelpräludium auf dem Pianoforte allein beginnt; darauf spielt die Geige die Intonation des Priesters vor dem Altare, woran sich das Responsorium der Chorknaben genau in denselben Tönen und Modulationen, wie man sie in katholischen Kirchen und auch in der Dresdner hört, anschließt. Diesem folgt eine Kastratenarie, wie man sie nur noch in der Hofkirche zu Dresden hört, wobei es die Aufgabe des Geigers ist, sie ganz im Ton und Stil des dortigen Gesanges zu kopieren. Der letzte Satz schildert[174]  in einem Rondo die Reise durch die Sächsische Schweiz, indem sie teils an die erhabenen Naturschönheiten, teils an die fröhliche böhmische Musik, die man fast aus jeder Felsenpartie hervorschallen hört, zu erinnern sucht; eine Aufgabe, der in so engem Rahmen freilich nur ungenügend entsprochen werden konnte.


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Im Laufe des Jahres 1836 schrieb ich noch eine Anzahl Lieder, deren sechs in einem Heft als Op. 101 bei Breitkopf und Härtel herauskamen, und worunter sich das auch im Musikalischen Album von Breitkopf und Härtel abgedruckte: »Sangeslust« mit vierhändiger Begleitung befindet, ferner einen Psalm für Chor und Solostimmen (für die Berliner Akademie der Künste, Op. 97), dann ein größeres Gesangwerk: »Hymne an Gott« für vier Chor-und Solostimmen mit Orchesterbegleitung und eine Phantasie in Form einer Ouvertüre zu Raupachs mythischer Tragödie: »Die Tochter der Luft«, welche bald nachher in einem unserer Abonnementskonzerte zur Aufführung kam. Da sie mir aber in dieser Gestalt doch nicht recht gefallen wollte, so bearbeitete ich sie später zum ersten Satze meiner fünften Symphonie, die ich für die Concerts spirituels in Wien komponierte, und die bald nachher bei Haslinger als Op. 102 im Druck herauskam. Im Anfange des folgenden Jahres (1837) schrieb ich mein drittes Duett für Pianoforte und Violine in E-dur, welches später als Op. 112 bei Paul in Dresden herauskam.

Um dieselbe Zeit begann ich ernstliche Vorbereitungen zur Ausführung einer Idee, die mich schon lange beschäftigt hatte, nämlich ein Musikfest zu veranstalten, wozu mir in vieler Hinsicht Kassel als ein ganz geeigneter Ort erschien. Mein Plan dazu war folgender: Am Pfingstsonnabend sollte nachmittags in der St.-Martins-Kirche das Oratorium »Paulus« von Mendelssohn aufgeführt werden, am ersten Pfingsttage abends bei Beleuchtung meine Symphonie »Die Weihe der Töne« und das Oratorium »Die letzten Dinge«, am zweiten Pfingsttage vormittags im Theater Konzert der fremden und einheimischen Sänger und Virtuosen und an demselben Abend, wie gewöhnlich auf den zweiten Festtag, eine neue Oper. Die Einladungen nach auswärts, die Anschaffung der Musikalien und die Einübung der Oratorien im Gesangverein hatten bereits begonnen, als ich auf meine beim Kurprinzen eingereichte Bitte um Genehmigung nachstehenden höchsten Beschluß aus dem geheimen Kabinett erhielt: »Die Tage der Aufführung müssen geändert werden, indem dazu der Pfingstsonnabend, an welchem sonst die zum heiligen Abendmahl sich Vorbereitenden gestört werden könnten, nicht gestattet werden kann; desgleichen darf am Pfingstmontag kein Konzert (wegen der Kirche und der Oper) sein; auch dürfen in der großen Kirche keine Gerüste für das Chor aufgeschlagen werden, da solches wegen der fürstlichen Gruft unschicklich wäre. Seine Hoheit erwarten neue Vorschläge, indem Höchstdieselben erst hiernach die Erlaubnis[175]  erteilen können«. Ich entgegnete hierauf, daß bei einem Musikfest in Kassel nur dann ein günstiger Erfolg zu hoffen und das Risiko der sehr bedeutenden Kosten ohne Gefahr zu übernehmen sei, wenn dasselbe, wie bei andern, namentlich den niederrheinischen Musikfesten üblich, an den Pfingstfeiertagen stattfände, wo eine Menge von Fremden zuströmten, und die Musikfreunde der Umgegend nicht durch Geschäfte vom Besuch abgehalten würden; daß, wenn der Festsonnabend nicht gestattet würde, in der genannten Zeit keine zwei Abende aufeinander folgend zu Kirchenaufführungen zu ermitteln wären. Da sich überdies in Kassel kein anderes passendes Lokal vorfinde als die große Kirche und in dieser das Aufschlagen des Gerüstes nicht erlaubt sein sollte, so sähe ich mich daher genötigt, das beabsichtigte Musikfest gänzlich aufzugeben.

So unangenehm nun auch für alle Teile dies völlige Scheitern des Planes war, so mußte ich ohnerachtet der nicht unbedeutenden Kosten, die ich bereits gehabt, und die mir durch Wiederverkaufen der angeschafften Singstimmen an die Gesangvereine nur zum kleinsten Teil ersetzt werden konnten, dennoch dabei bleiben. Da wir indessen das Mendelssohnsche Oratorium fleißig eingeübt und es immer liebergewonnen hatten, so schlug ich es zur Aufführung in dem am ersten Pfingsttage zum Besten des Unterstützungsfonds bewilligten Konzerte vor, erhielt aber auch hierauf höchsten Orts eine abschlägige Antwort, und wir mußten uns damit begnügen, das Oratorium den Musikfreunden am Klavier in zwei Privataufführungen des Cäcilienvereins zu hören zu geben.

Im Sommer 1837 hatte ich eine Einladung nach Prag erhalten, meine Oper »Der Berggeist« dort zu dirigieren, und gedachte daher, gleich beim Beginn der Theaterferien von hier abzureisen. Als aber am Abend vorher der Urlaub noch nicht in der Theaterkanzlei eingetroffen war, ließ ich mich im Zwischenakt der Oper beim Kurprinzen melden und fragte bei ihm an, »ob er mir irgend einen Auftrag auf die Reise mitzugeben habe«. In der ziemlich undeutlichen Antwort verstand ich zwar etwas von nicht ausgefertigtem Urlaub, da ich indessen keine Zeit zu verlieren hatte, so sah ich mich genötigt, demohnerachtet am andern Morgen vier Uhr abzureisen, Als ich in der Nähe meiner Wohnung den Theaterdirektor Feige schon so zeitig umherspazieren sah, so vermutete ich, daß er vielleicht abgesandt sei, um zu erkunden, ob ich wirklich den Mut hätte, ohne die schriftliche Ausfertigung des Urlaubs abzureisen. Auch war ich am ersten Reisetage nicht ohne Besorgnis, daß[176]  man reitende Boten hinter uns hersenden und uns zurückkommen lassen würde. Ich betrieb daher das Vorlegen der frischen Pferde auf den Poststationen soviel als möglich, und so kamen wir unaufgehalten über die hessische Grenze hinaus. Nach einer sechstägigen Reise langten wir endlich in Prag an, wo Marianne und Therese sehr von der Pracht der Stadt frappiert waren und daneben die unerwartete Freude hatten, durch die an den Straßenecken befindlichen Theaterzettel zu erfahren, daß am Abend meine Oper »Jessonda« zum Debüt einer fremden Sängerin gegeben wurde. Daß die Oper auch hier sehr beliebt war, zeigte sich bei der Aufführung schon nach der Ouvertüre, da sie das Publikum da capo verlangte. Ebenso mußte auch das »Blumenduett« und das Duett: »Schönes Mädchen« wiederholt werden. Übrigens ärgerte ich mich über mehrere Auslassungen, die indessen dem Prager Kapellmeister nicht zur Last fielen, sondern in Wien, woher die Partitur gekommen, beliebt worden waren. Die Hauptsänger der Oper waren sehr gut, und so ließ sich auch vom »Berggeist« Günstiges erwarten.

Am andern Morgen überraschte mich der Besuch eines eifrigen Musikfreundes, Dr. Hutzelmann, der erfahren hatte, daß ich ein Freund vom Schwimmen sei, und deshalb kam, mich nach der Militärschwimmschule in der Moldau abzuholen; der bei derselben angestellte Offizier, welcher mich begleitete, bemerkte bald, daß ich ein geübter Schwimmer war, und schlug mir eine Tour außerhalb der Schwimmschule vor, wobei er mich in einem von zwei Soldaten geführten Kahne begleitete. Meine Kleider nahmen sie mit und zogen mich, als ich etwa eine halbe Stunde mit dem Strome geschwommen hatte, in den Kahn, in dem ich mich ankleidete, während uns die Soldaten nach der Stadt zurückruderten. Indem ich neben dem Kahne fortschwamm, drehete sich die Unterhaltung immer nur um meine Kompositionen, die der musikalische Schwimmlehrer fast ebenso gut kannte als ich selbst. Er machte mir den Vorschlag, jeden Tag eine ähnliche Promenade in der Moldau zu versuchen, und ich fand ihn am andern Morgen mit seinem Kahn schon bei der Schwimmschule auf mich wartend. Unterdessen gingen die Proben zum »Berggeist« sehr gut. Der dortige Kapellmeister hatte die Zimmerproben sehr sorgfältig abgehalten und alles so genau einstudiert, daß die Oper bei zwei Aufführungen, die ich selbst dirigierte, vorzüglich gelang. Ich wurde nicht nur beim Eintritt ins Orchester vom Publikum glänzend empfangen, sondern auch beim Schlusse der Oper jedesmal stürmisch herausgerufen. Die Sänger waren in den Hauptpersonen,[177]  Madame Podhorski als Alma, die Herren Pöck und Emminger als Berggeist und Oskar, sehr gut, und die Oper hat sich längere Zeit auf dem dortigen Repertoire erhalten. Wir blieben noch einige Tage in Prag, und ich spielte in mehreren Gesellschaften nicht nur Quartetten, sondern auch meine Sonaten und Solosachen mit Akkompagnement meiner Frau, welche auch neue Kompositionen von Kittl und Kleinwächter mit denselben vierhändig spielte und sich dabei durch ihr fertiges Notenlesen sehr auszeichnete. Dabei machte die Kleinwächtersche Familie mit uns viele Exkursionen in die schöne Umgegend von Prag, wodurch wir diese herrliche Stadt genau kennenlernten. Doch endlich mußten wir dieses angenehme Leben verlassen und uns wieder auf die Reise begeben. Nun kam die beschwerlichste Tour derselben bis nach Wien, wobei wir von Hitze und Staub sowie von schmutzigen und erbärmlichen Nachtlagern viel zu leiden hatten. Halbtot gelangten wir am vierten Tage nach Wien und stiegen im »Erzherzog Karl« ab. Nachdem ich meine frühern Freunde aufgesucht hatte, verlebten wir dort sehr vergnügte Tage, welche wir dem schon von Kassel her mir befreundeten kurhessischen Gesandten von Steuber, dem Baron von Lannoy, besonders aber meinem damaligen Verleger Haslinger zu danken hatten. Dieser führte uns jeden Abend in einen andern Garten, wo Strauß und Lanner ihre Konzerte gaben, und wo man an kleinen Tischen nach der Karte sehr gut speiste. Einige Male besuchten wir auch das Theater, um die eigentliche Wiener Volksposse kennen zu lernen, doch waren meine Begleiterinnen mit dem Wiener Dialekt nicht bekannt genug, um sie recht goutieren zu können.

Nach vierzehn Tagen, wo wir alle Freuden Wiens gekostet hatten, nahmen wir von den lieben Freunden Abschied und traten die Reise nach dem himmlisch gelegenen Salzburg an, welche eine der schönsten ist, die man machen kann, besonders die erste Hälfte über die Seen bis zum Bad Ischl. In Salzburg, dessen Lage uns sehr imponierte, besuchten wir vor allem die Witwe Mozart, bei welcher wir auch die beiden Söhne kennenlernten. Bei den Exkursionen, die wir in einem der dort gebräuchlichen leichten Einspänner in die Umgegend machten, interessierten uns am meisten der berühmte Gollinger Wasserfall sowie eine Rutschpartie durch die Salzbergwerke von Hallein, die für meine Reisegefährtinnen noch etwas ganz Neues war. Von Salzburg ging es nun weiter nach München, wo ich zu meiner Überraschung erfuhr, daß der Kurprinz von Hessen ebenfalls gerade eingetroffen sei. Da es nun galt, diesen wegen meiner Abreise von Kassel zu versöhnen, so wendete[178]  ich mich deshalb an den Hofmarschall von der Malsburg und erzählte ihm zugleich, daß ich von der Münchener Theaterintendanz dringend aufgefordert sei, meine Oper »Jessonda« dort zu dirigieren, wozu ich aber zuvor des Kurprinzen Bewilligung erbitten wolle. Am andern Morgen ließ mir dieser nun sagen, es würde ihm sehr angenehm sein, wenn ich die Oper dirigiere, und er wolle in dem Falle auch seinen Aufenthalt noch verlängern, um sie selbst zu hören. Geschmückt mit einem von Herrn von der Malsburg entliehenen Hut und einem abgeschnittenen Stückchen seines Ordensbandes, begab ich mich am andern Tage zu der bestimmten Audienz und wurde vom Kurprinzen mit den Worten empfangen: »Sie waren uns ja in Kassel auf einmal verloren gegangen.« Ich erwiderte: »Ich glaubte nicht anders, als mich ordnungsgemäß abgemeldet zu haben«, und da er weiter nichts hierüber äußerte, so war die Sache damit für diesmal abgetan. Die beabsichtigte Aufführung der »Jessonda« kam indessen während meiner Anwesenheit in München nicht mehr zustande, da der König einige Tage später einen fürstlichen Besuch erwartete und die Oper bis dahin verschoben hatte, inzwischen aber meine Urlaubszeit zu Ende ging. Wir reiseten daher noch vorher von München ab, besuchten auf der Rückreise in Erlangen meinen Onkel, den Professor Adolph Hencke, wo wir auch dessen Schwiegersohn, den jetzigen Hofrat Rudolph Wagner zu Göttingen, kennenlernten, und kehrten noch vor dem Kurprinzen nach Kassel zurück. Kurze Zeit nachher bekam ich einen Brief von Hermstedt, worin er im Auftrag der Fürstin von Sondershausen mich aufforderte, Lieder für eine Sopranstimme mit Klavier- und Klarinettbegleitung für die selbe zu schreiben. Da mir diese Arbeit sehr zusagte, so komponierte ich im Verlauf einiger Wochen sechs Lieder dieser Gattung (Op. 103, Leipzig, Breitkopf und Härtel), die ich der Fürstin auf ihren ausdrücklichen Wunsch dedizierte, worauf ich einen kostbaren Ring von ihr zum Geschenk erhielt.

Das Jahr 1838 begann ich mit der Komposition des »Vaterunser« von Klopstock (Op. 104, Leipzig, Breitkopf und Härtel), das ich doppelchörig für Männerstimmen, anfangs nur für Klavierbegleitung, schrieb, dann aber für Harmoniemusik instrumentierte, indem es für das zum Besten der Mozartstiftung zu Frankfurt veranstaltete Liederfest bestimmt war, wo es dann, obgleich ich selbst die Direktion hatte ablehnen müssen, am 29. Juli zuerst zur Aufführung kam und, trefflich einstudiert, den dortigen Berichten zufolge eine recht feierliche, erhebende Wirkung hervorbrachte.[179] 
In den folgenden Monaten komponierte ich wieder mehrere Lieder für Sopran oder Tenor, die als Op. 105 bei Hellmuth in Halle im Druck erschienen.
Inzwischen war endlich auch die erste öffentliche Aufführung des »Paulus« am Karfreitag in der Garnisonskirche zustande gekommen, und wir sahen mit Vergnügen der Wiederholung desselben am ersten Pfingsttage entgegen, als plötzlich unsre gute Therese an einem bösartigen Nervenfieber erkrankte, das in kurzer Zeit ihrem blühenden Leben ein Ziel setzte. Am Dienstag vor Himmelfahrt hatten wir noch hauptsächlich auf Theresens Wunsch eine vergnügte Partie nach Wilhelmshöhe gemacht; dort fing sie schon an, über Unwohlsein zu klagen, und mußte sich nach unsrer Rückkehr sogleich zu Bette legen. Da Dr. Ludwig Pfeiffer, unser damaliger Hausarzt, der zweite Bruder meiner Frau, gerade abwesend war, so zogen wir abermals deren Onkel, Geh. Hofrat Dr. Harnier, zu Rate, der die Kranke, obgleich noch keine ängstlichen Symptome sich zeigten, täglich wiederholt besuchte, bis er nach Verlauf von acht Tagen zu unserm großen Schrecken die Krankheit für Nervenfieber erklärte; das Fieber wurde nun immer heftiger, und da sie in ihren Phantasien sich viel mit der von uns beabsichtigten Reise nach Karlsbad beschäftigte, worauf sie sich sehr gefreuet hatte, so versprach ich ihr, jedenfalls mit der Abreise auf ihre Genesung zu warten. Dies beruhigte sie zwar sehr, konnte jedoch das Fieber nicht mildern, und so mußte das neunzehnjährige blühende Mädchen am ersten Pfingstmorgen der bösartigen Krankheit erliegen. Der Verlust des talentvollen und gutgearteten Kindes machte uns so unglücklich, daß wir mit Sehnsucht den bevorstehenden Theaterferien entgegensahen, um die traurige Umgebung sogleich zu verlassen und fern von Kassel nicht in jedem Augenblick an unsern Schmerz erinnert zu werden.


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Nachdem wir durch abermalige Verzögerung des Urlaubs noch acht Tage in Kassel zurückgehalten waren, konnten wir endlich am 23. Juni unsre Reise nach Karlsbad antreten, und zwar in Begleitung meiner Schwiegermutter, der die dortige Kur ebenfalls angeraten war, was mir besonders wegen meiner Frau, die sich den Verlust unsrer Therese sehr zu Herzen genommen, im höchsten Grad erwünscht war. In Karlsbad angelangt, trafen wir sogleich mit Hesse aus Breslau zusammen und machten auf unsern Brunnenpromenaden bald auch die Bekanntschaft von andern eifrigen Musikfreunden, denen wir an trüben Tagen, wo das Wetter keine gemeinschaftlichen Ausflüge in die überaus reizende Umgegend erlaubte, kleine Musikpartien in unsrer Wohnung veranstalteten. Da eine junge Dame aus Breslau, Fräulein Ottilie Schubert,[180]  vortrefflich sang, so studierte ihr meine Frau meine neuen Lieder mit Klarinettbegleitung ein, wobei ein vorzüglicher Klarinettist, Herr Seemann aus Hannover, die Klarinettpartie übernahm; so lernten unsre Zuhörer eine ihnen noch unbekannte Gattung von Liedern kennen, die ihr lebhaftestes Interesse erweckte. Später traf auch de Bériot mit seiner Schwägerin Pauline Garcia in Karlsbad ein, und sein im Theatergebäude veranstaltetes Konzert gewährte uns einen großen Genuß. Er spielte sehr rein, brillant und fertig, wenn mir auch seine Kompositionen nicht durchaus gefallen wollten, und Fräulein Garcia, die später so berühmt gewordene Madame Viardot-Garcia, sang mit umfangreicher, nicht ganz schöner Stimme, aber großer Kunstfertigkeit. Besonders entzückte sie durch den Vortrag ihrer spanischen Romanzen und Lieder, die sie sich selbst auf dem Pianoforte sehr gut begleitete. Nachdem Herr Hesse wieder abgereiset war, kam ein andrer Organist und Klavierspieler aus Breslau, Herr Köhler, in Karlsbad an, der häufig mit uns musizierte, auch vieles mit Marianne vierhändig spielte. Auch trafen wir ganz unerwartet Herrn Lannoy aus Wien mit seiner Frau und Schwägerin in Karlsbad und verlebten einige fröhliche Tage mit ihnen.[181] 



Louis Spohr
Lebenserinnerungen
Erstmals ungekürzt nach den autographen Aufzeichnungen herausgegeben von Folker Göthel













Erster Band

Vorwort
Jugendjahre und erste Anstellung
Reise nach Petersburg
Wieder in Braunschweig - Erste Konzertreisen
Gotha
Die Frankenhäuser Musikfeste
Reise nach Wien
Wien
Konzertreise in Deutschland
In der Schweiz
Reise nach Mailand
Venedig
Florenz
Rom



Zweiter Band

Neapel
Ostern in Rom
Rückreise nach Deutschland
Frankfurt
Reise durch Deutschland und die Niederlande nach England
London
Wieder in Deutschland - Reise nach Paris
Übersiedlung nach Dresden
Die ersten zehn Jahre in Kassel bis zur Schliessung des Hoftheaters
Das zweite Kasseler Jahrzehnt bis zum Ende der Lebenserinnerungen




