 Aufenthalt in Holland  [77] Unaussprechlich schmerzhaft war für mich der Abschied von meinem lieben Freunde Wilmans. Erst nach und nach erweckten mich die Gegenstände der Natur aus meinem tiefen Seelenschmerze, besonders als ich die großen Eichen und Lindenbäume in Ostfriesland sah. Auf einigen hatte man in den starken breiten Ästen drei Stockwerke mit Dielen angelegt, um Gesellschaften darauf zu halten. Die Reise nach Holland durch Ostfriesland ist überhaupt im ganzen genommen unterhaltend. Man fährt zuweilen über große flache, öde Stellen, wo nichts als Heide ist; ja zuweilen sieht man weder Hügel noch Berge, nicht einmal in der Ferne, keinen Baum, kein Gebüsch. Man ist auf einer Erdfläche wie auf dem offenen Meere, wo der Horizont einen Zirkel macht, man glaubt auf der Mitte eines Erdtellers zu stehen, an dessen Rand sich rundum der Himmel anschließt. Wer da lange verweilen muß, dem mag es nicht gefallen; mir aber machte es Freude, weil es mir neu war. Die Heideblüten sind gar liebliche Blümchen, und die vielen Bienen, welche ihren Honig hier sammeln, beleben die Gegend mit Gesummse. Auch sieht man oft ganze Reihen Bienenkörbe in dieser Einsamkeit, zuweilen auch Hirten, die Herden von Heidschnucken hüten, eine Art kleiner Schafe, die sich von der Heide hier nähren. Da das Futter kärglich ist, so müssen die armen Tierchen immer eilen, den Ort zu wechseln; und weil, was sie abbeißen, nur kurz und wenig ist, so laufen sie fast immer mit den Knien gebogen,[78] mit dem Kopf am Boden. Doch trifft man auch einzelne Birken an, die der Sturmwind zerzaust hat wie abgepeitschte Ruten. Dann erfreuen auch einzelne Eichen, die allein und stark hinstehen und dem Sturmwinde trotzen, oder auch zwei, die wie Gebrüder oder Freunde mit Gelassenheit, ihrer Stärke sich bewußt, frei und groß dem kommenden Sturme sich entgegenstellen, mächtig, wie Fingal auf der Heide seinen Feinden begegnete, die in ihrer Wut wie nichtiger Nebel bei ihm vorbei zerflossen. Wie gewöhnlich zeigte der Postillon seinen Reisenden den Wunderbaum, wie man ihn nannte, mit der Bemerkung, daß keiner wisse, was es für ein Baum sei. Es war eine Buche, an deren Stamme Katzenkraut durch alle Äste bis zum Gipfel hinaufgewuchert war und den ganzen Baum bis auf wenige Zweige so überzogen hatte, daß man nur an diesen den Baum erkennen konnte. In Ostfriesland gibt es sogar einzelne Stellen von üppiger Vegetation: Bäume von schönem Wuchs und herrlicher Größe, Männer wie Riesen, selbst das Vieh ist groß, besonders die Schweine mit den langen Hängeohren. So erfreut über manche ländliche Gegend, kam ich zu Lemmer an, wo ich den Abend zu Schiffe ging und über den Zuidersee fuhr. Ich ward seekrank und glaubte zu sterben; dennoch kroch ich auf das Verdeck, um die Wogen zu sehen, weil es heftig stürmte. Die Wellen rauschten am Schiffe in die Höhe, und der Staub davon wehte darüberhin. Den Kopf aufgestützt ? ich konnte ihn kaum aufrecht halten ? schaute ich so über das Meer hin, worin der Mond sich spiegelte, beobachtete, wie die Wellen liefen, sah, wie sie sich in ihrer Form veränderten und ebenso mannigfaltig wechselten in dem Wasser wie das blitzende Mondlicht. Indem schlug eine große Welle auf das Verdeck, und mir kam das Seewasser in den Mund. Dies erweckte mich aus meiner Seekrankheit. So elend ich war, wollte ich doch am folgenden Morgen früh wenigstens mit dem Kopfe auf dem Verdecke sein, um die Pracht der Sonne[79] auf dem Meere aufgehen zu sehen. Gegen Morgen legte sich der Sturm, und ich sah nun die sehnlichst gewünschte Sonne hinter dem Meere heraufsteigen; sie erschien vom Horizonte bis an unser Schiff wie eine Feuersäule. Dann kamen wir der Küste immer näher und sahen endlich die reiche Stadt Amsterdam mit ihren hohen Häusern aus den Wellen hervorgehen. Im Hafen war ein Gewimmel von Schiffen aller Art; die vielen Masten sahen von weitem aus wie ein Wald im Winter. ? Ich stieg aus; noch schien die Erde unter meinen Schritten zu wanken. Kaum hatte ich mich im Wirtshause umgekleidet, so ging ich, die Stadt zu besehen, wo man überall Fleiß und Wohlhabenheit, Ordnung und Emsigkeit der Bewohner wahrnahm, welche diese wässerige, morastige Gegend durch Mühe und Kunst zu einem angenehmen Wohnorte umwandelten. Erst gab ich meine Adreßbriefe ab, dann besah ich die Gemälde in dem Stadthause, der Anatomie usw.; darauf besuchte ich die Gemäldehändler, die Sammlungen der Kunstliebhaber, die Naturalienkabinette. Bei diesem Herumgehen arbeitete ich doch jeden Tag so viel, daß ich meinen Unterhalt verdiente, auch wohl noch mehr. Meine Kisten kamen erst nach vierzehn Tagen an, und als ich sie öffnete, waren mehrere Sachen durch das Seewasser verdorben, denn das Schiff, wie ich nun erst erfuhr, war bei der Einfahrt in den Texel leck geworden, und ich mußte sogar noch zu meinem Teil die Kosten der Havarie und der Ausbesserung des Schiffes mitbezahlen. Dies verlängerte Ausbleiben meiner Sachen veranlaßte mich, über meine Reise nach England anders zu denken als vorher. Auch hatte ich während der Zeit viele Bekanntschaften gemacht und malte Porträts und Familienbilder im kleinen sowie andere Bilder von eigener Erfindung und verschiedene zu meiner Übung. Bei diesem längeren Aufenthalte versäumte ich keine Gelegenheit, wo Gemälde zu sehen waren. Bei einem portugiesischen Juden, einem alten, blind gewordenen[80] Manne, sah ich eine Sammlung Seestücke, alle von der Hand des van de Velde. Als ich zu ihm geführt wurde und in sein Wohnzimmer trat, stand der alte blinde Mann auf, kam mir entgegen und gab mir die Hand; kaum bemerkte ich, daß er blind war. Er sagte zu mir: »Da Sie ein Liebhaber von Gemälden sind, so sollen Sie etwas Seltenes sehen, was Sie nirgends finden. Unser Haus ist ein altes Handelshaus, das viele Schiffe bauen ließ und viele in allen Weltteilen herumschickte. Unsere Geschäfte gingen glücklich, und es war eine solche Emsigkeit, daß, wenn ein Schiff vorn ausgeladen wurde, man es hinten schon wieder mit Gütern zu einer neuen Fahrt befrachtete. Dies brachte bei uns Liebe für den Schiffbau hervor; mein Großvater und seine Brüder machten selbst mit eigener Hand Modelle zu Schiffen, woran auch nicht das geringste fehlte. Auch ich habe dergleichen kleine Schiffe gezimmert.« Er zeigte mir eins von den Modellen, die er selbst gemacht hatte. »Diese unsere Liebe für Schiffe veranlaßte die Bekanntschaft unserer Familie mit dem vortrefflichen Seemaler van de Velde. Er war ein Freund unseres Hauses und hatte freie Kasse, mit dem Beding, daß wir für alle Bilder, die er fertigte, den Vorkauf hätten. Auf diese Art bekamen wir die besten Stücke von diesem so großen Meister, der in der Kunst, stille Seen zu malen, einzig ist. Als er starb, kauften wir alle seine Handzeichnungen, so daß wir auch diesen Schatz allein besitzen.« ? Nun traten wir in das Zimmer, wo die Gemälde hingen, lauter Seestücke von van de Velde. Der alte blinde Mann führte mich von einem Bilde zum anderen und drückte mit dem Finger auf die schönsten Stellen, so genau sie bezeichnend, als sähe er sie. »Hier«, sagte er, »sehen Sie, wie der König, von England geflüchtet, an der französischen Küste bei stillem Wetter ankommt. Sehen Sie den schönen Abend, wie windstill! Wie die Segel und Taue schlaff herunterhängen. Jenes Schiff dort in der Entfernung tut Freudenschüsse, und der Rauch kommt dick[81] aus der Kanone. Die andere Kanone ist schon abgefeuert, der Rauch weht schon davon, fliegt eben vor dem anderen Schiffe vorbei und bedeckt dies so, daß man es wie durch einen Flor sieht. Und hier auf diesem weit größeren Bilde sehen Sie, wie der König wieder nach England zurückfährt. Der Ort seiner Abfahrt ist Scheveningen; auf den Hügeln rings umher stehen die vielen Neugierigen, welche ihn wollen abfahren sehen. Van de Velde ging selbst in dem Gefolge mit nach England. Dies dritte Bild stellt vor, wie der König auf der Themse ankommt. Viele englische Schiffe segeln ihm entgegen, ein Gewimmel von Schiffen und Fahrzeugen, die alle durch die aufgesteckten Flaggen ihre Freude bezeigen. ? Hier ist ein anderes schönes Bild, ein Hafen, wo Schiffe dicht gedrängt nebeneinanderliegen, eins wirft Schatten aufs andere; zwischen die dunklen Schiffe hinein scheint die Sonne, beleuchtet einige und reflektiert andere, und bei einigen gibt selbst der Glanz der Sonne im Wasser einen Schein auf die Schattenseite und macht eine Klarheit in dem Dunkeln, daß sich das Auge an der Betrachtung erfreut.« ? Auf einem anderen Bilde war ein flaches Ufer von Sand und Kies, wo die anrollenden Wogen dünn heraufliefen, und man sah durch das Wasser den sandigen Boden. Dem blinden Greise waren die Bilder und ihre Vorstellungen so gegenwärtig, als sähe er sie noch mit seinen Augen, denn er hatte sie von Kindheit immer mit viel Liebe betrachtet, und seitdem war kein Bild von seiner Stelle gerückt. Es machte dem guten Alten großes Vergnügen, daß ich so viele Freude hatte an diesen ausgezeichneten Kunstschätzen. In einer anderen Sammlung sah ich vortreffliche Seestücke von Backhuysen, der nur stürmische Seen malte, wo die Wellen hoch und wild übereinanderschlagen. In dieser Art hat er aber seinesgleichen nicht. Die Wellen sind vortrefflich gezeichnet, man sieht den Gang und die Ursache; und die Klarheit des Wassers hat er so nachgeahmt, daß man[82] glauben möchte, es sei wirkliches Wasser und man könne etwas zum Versinken hineinwerfen. Durch einige Wellen sieht man die Sonne scheinen und den Tag. Ebenso geschickt sind auch die Schiffe gemalt, und nicht das geringste ist dabei vergessen, was zu einem Schiffe gehört. Auch verstand er, wie die Schiffe gehen und liegen müssen, je nachdem der Wind weht. Seine Bilder machten mir Lust, die Wellen bei Sturmwind in der Natur zu sehen, und ich ging deshalb oft, wenn der Wind stark wehte, zu Schiff, fuhr nach Zaardam und sah, wie geschickt die Schiffer ihr Fahrzeug zu regieren wissen. Bei dem heftigsten Winde fuhren sie oft mit vollen Segeln zwischen den Pfählen, wo das Schiff kaum durchkommen konnte, und ohne einen zu berühren, pfeilschnell vorbei. Kam man dann in das hohe Wasser, da tobten die Wellen gewaltig gegen das Schiff; das aber durchschnitt sie oder hob sich darüber hinweg. Eine solche Fahrt machte man für weniges Geld und hatte dabei großes Vergnügen. In Zaardam genoß man gewöhnlich Tee, wozu statt des Zwiebacks eine Art kleiner Schollen gereicht wurde, die, an der Luft getrocknet, zum Genuß beim Tee in lange Streifen geschnitten wurden. Amazon.de Widgets Auch machte ich eine Reise durch Holland, um die verschiedenen Städte zu sehen und vorzüglich die Bilder im Haag. Hier bewunderte ich den berühmten »Ochsen« von Potter; man kann nichts Natürlicheres sehen. Sehr oft besuchte ich den Herrn van Gool, der eine außerordentlich schöne Sammlung von Originalhandzeichnungen besaß und selbst Landschaften zeichnete. So hatte er verschiedene Gegenden auf seiner Reise nach Wien aufgenommen, die ich auch bei ihm sah und zugleich die große herrliche Sammlung der Ridingerschen Handzeichnungen, welche er in Augsburg gekauft hatte. Sie waren leicht mit der Feder, mit schwarzer Kreide und Tusche und bunten Wasserfarben gezeichnet. Mit Vergnügen denke ich an die lehrreichen Abendunterhaltungen, wenn er Gesellschaft von[83] Kunstfreunden bei sich hatte und seine schönen Bilder um die Tafel herumgab, wo die Zeichnungen eines Ostade, Potter, Vischer und anderer Meister von Hand zu Hand gingen und im Gespräche beurteilt wurden. Hier sah ich auch die berühmte grüne »Papageienfeder« von Albrecht Dürer. In der Familie der trefflichen Blumenmalerin Rachel Ruysch, die durch ihre Kunst ihr Geschlecht geehrt hat, sah ich auch sehr schöne Blumenstücke, welche man zu ihrem Andenken aufbewahrte. Darunter waren Blumen, die sie als siebenjähriges Mädchen, und ein Stück, welches sie in ihrem siebzigsten Jahre gemalt hatte. Beide Arbeiten waren sich gleich und zeigten die kindliche Seele der liebenswürdigen Künstlerin. Bei Herrn Ploos von Amstel, welcher die Kunst er fand, Originalzeichnungen so täuschend nachzuahmen, daß sie kaum von dem Originale zu unterscheiden waren, sah ich ein seltenes Bild von Adrian Brouwer; es stellte ihn in seinem Gefängnis vor. Die Geschichte ist bekannt. Die Spanier fanden ihn, wie er im Freien zeichnete, sie hielten ihn für einen Spion und setzten ihn in ein Gefängnis, woraus Rubens ihn wieder befreite. Hier in dem Bilde saß er eben an der Staffelei und malte. Rubens besucht ihn und sitzt neben ihm mit einem Hündchen auf dem Schoß, van Dyck und Diepenbeeck stehen hinter ihm, Brouwer spricht mit Zorn über seine Gefangensetzung, und Rubens lächelt mit einer ruhigen Miene. An der Tür steht ein Italiener und musiziert, und ein Kerl singt dazu, ihm die Zeit im Gefängnis zu vertreiben. Da ich eben des Herrn Ploos von Amstel erwähnte, erinnere ich mich meiner Bekanntschaft mit dem berühmten Kobell aus Rotterdam, verwandt mit dem aus Mannheim. Schon in seinen Knabenjahren erwarb er großes Lob, denn da schon malte er große Seestücke für die Admiralität in London, und die Liebhaber wetteiferten, etwas von ihm zu haben; aber sein übermütiger, feuriger Geist war nicht[84] durch Bildung gezähmt. Er hatte soeben Zeichnungen mit Wasserfarben gefertigt, »Wie Orlow die türkische Flotte verbrennt«. Er hatte das russische Schiff, welches mit in Brand geriet, vorn hingelegt, wo es sich ganz im Dunkeln befand, weil das türkische schon in Flammen stand und dicht dahinter lag. Der Glanz der wütenden Flammen war trefflich ausgedrückt, und das Licht breitete sich von da auf die übrigen Schiffe, die in der Ferne lagen, und der Mond beleuchtete von der einen Seite die Schiffe. Das bläuliche schwache Licht mit dem roten Scheine des Feuers machte eine angenehme Wirkung und spielte auf dem Wasser in mancherlei Farben. Diese Zeichnungen sollten an die Kaiserin von Rußland geschickt werden; aber schade! Sie sind nicht hingekommen. Ein Mißverständnis zwischen ihm und dem Herrn Ploos von Amstel war daran schuld. Er hatte diesen um sein Urteil gebeten; als aber derselbe an den Wellen etwas tadelte und, um ihm zu bedeuten, wie die Wellen schärfer gezeichnet sein müßten, mit einer Feder in eine Welle zeichnete, brachte ihn dieser einzige Strich in so ungestümen Zorn, daß er sie alle zerriß. ? Auch sah ich »Die zwölf Monate« von ihm in kleinen Zeichnungen mit Farben, die überaus schön waren, lauter Wassergegenden oder ganze Seestücke. Der Monat, wo die Stürme wehen, war ein aufbrausender, wilder Seesturm, wo Schiffe in Gefahr mit Wind und Wellen kämpfen; der Heumonat war allerliebst, und man freute sich der grünen Wiesen, mit Wasser durchschnitten, worauf Schiffe fuhren. Vorn war ein Schiff mit Heu beladen, es hatte ein rotes Segel, und das Sonnenlicht fiel gerade auf das Schiff und spiegelte sich im Wasser. Das Gemisch von Grün und Rot, das schwarzglänzende Schiff und das Wasser machten einen wahren Zauber für das Auge: in allem sah man den erfinderischen und dichterischen Geist. Einst fand ich ihn um Mittag noch im Bett schlafen. Er lag zusammengekrochen wie ein Bär, sein Kopf, wo die Füße liegen sollten, und die Decke war aufgerollt,[85] beide Laken in einen Ballen zusammengetreten. Ich weckte ihn und sagte: »Ist das recht, um die Mittagszeit noch im Bett zu liegen?« Er sah mich mit Verwunderung an: »Glaubt Ihr denn, daß ich nach der Uhr zu Bette gehe und danach aufstehe? Von der Sorte bin ich nicht, ich nutze meine Zeit. In der Nacht kommt einem oft das Beste; ich habe mein Licht erst ausgetan, als es Tag wurde.« Schade, daß er so früh starb; ein hitziges Fieber raffte ihn in der Phantasie weg. Der Porträtmaler Quinkhard war vor kurzem gestorben. Ich sah in der Auktion seine Sammlung von Originalbildern alter Meister, darunter das schönste von Metsu »Ein Herr im Kriegskleide spielt einer Dame auf der Laute vor«. Das verliebte Gesicht und der feurige Blick, womit er die Dame ansah, war außerordentlich; ebenso das Wohlwollen, mit dem sie zuhörte ? wie hingeschmolzen! Auch ein großes Bild von Hondecoeter, mit vielem Federvieh, ein Pfau stand in der Mitte und breitete seinen Schweif aus; ein anderes großes Bild, wo ein weißer Wolf tot lag, man konnte die einzelnen Haare zählen; eine Skizze von van Dyck, »Ein nacktes Kind«, war seinen ausgeführten Bildern vorzuziehen. Von Kierings sah ich bei einem Liebhaber ein anmutiges Bildchen. Vorn stand ein reichbelaubter Baum, der wohl gezeichnet und leicht gemalt war, äußerst elegant von Form; die buschigen Zweige schienen zu schweben, die Ferne war eine wässerige Waldpartie. Von diesem Meister fand ich in meinen späteren Jahren ein größeres Bild mit einem Baume, den ich unter die bestgezeichneten Bäume zähle, die ich je gesehen: seine Form war reichbuschig und bei aller genauen Ausführung doch leicht und schwebend. Das Brett war mit Kreidegrund überzogen, worauf sich sehr reinlich malen läßt, die Farben stehen und erhalten ihren Glanz. Nur leider war das Brett eingeschrumpft, der Kreidegrund hatte sich auf einer Stelle gehoben und war geborsten.[86] Von dieser Art vortrefflicher und ausgesuchter Bilder fand ich auch viele bei Herrn Lubeling. Da war ein van de Velde, »Eine Weide von Kühen, Pferden und Schafen«. Das Haarige und Wollige der Tiere war mit dem sanften Pinsel, der diesem Meister eigen ist, vortrefflich dargestellt. Auch der Widerschein im Spiegel des Wassers war wie hingezaubert. Ein Bild von Wouwerman in seiner ersten Manier, »Bauern zu Pferde, die ein Wettrennen halten«, wo der Preis darin besteht, einen Hecht, der an einem quer ausgespannten Seile hängt, im Unterdurchjagen herunterzureißen. Weil dieser aber glatt ist und schwer zu fassen, so gibt's dabei viel zu lachen, indem mancher vom Pferde herunterfällt. Wouwermans erste Manier besteht darin, daß er mit dicken, körperlichen Farben malte und diese wie einen Teig ineinander verschmolz oder, scharf hingesetzt, stehen ließ. Dieses gibt seinen Bildern ein markiges Ansehen, und sie scheinen wie bossiert. Die zweite Manier ist mit einem fließenden Pinsel und mit leichten, durchsichtigen Farben, wie getuscht, und es scheint dabei alles ineinandergeflossen zu sein. In dieser zweiten Manier war ein Bild »Gefecht zwischen Bauern und Reitern im Korn«. Viele waren versteckt im Getreide und schossen heraus, während die Reiter hineinsetzten. Der Rauch im Korn machte einen guten Effekt. Als Herr Lubeling sah, daß ich die Meister der Bilder wie auch deren Manieren ziemlich genau kannte, zeigte er mir ein Bild, auf welchem ein dunkler, ganz mit Eisen beharnischter Ritter auf einem weißen Pferde saß und stark von der Sonne beleuchtet war. »Ich glaube nicht«, sagte er, »daß Sie erraten, von wem dies Bild gemalt ist.« Ich antwortete: »Das stark zusammengehaltene Licht, die großen Schatten mit der Klarheit und die fast fingerdick aufgetragenen Farben zeigen, daß es kein anderer gemacht hat als Rembrandt.« ? »Dafür«, sagte er, »hält es auch ein jeder; aber es ist von Wouwerman, ein gar seltenes Bild! Schon[87] die Größe ist ungewöhnlich, da seine Figuren sonst kaum die Länge eines Fingers haben und diese hier wohl einen Fuß hoch sind, und dazu ist das Ganze in Rembrandtscher Manier gearbeitet.« Nun sah ich, daß Wouwerman wohl ein Bild machen konnte, das von Rembrandt zu sein schien; aber Rembrandt konnte kein Pferd malen wie Wouwerman. Dies war ein Meisterstück von vortrefflicher Zeichnung und das schönste Pferd, welches ich von ihm gesehen habe. Es scheint, daß er es ganz fertig nach der Natur gemalt hat, und weil ihm daran gelegen sein mochte, alle Tinten, wie auch schwache und starke Schatten, genau zu haben, daß er Farbe auf Farbe setzte, wodurch er gerade der Rembrandtschen Manier so ähnlich wurde. Oft ging ich auch auf das Stadthaus, die Porträtgemälde von van der Helst zu beschauen. Das eine stellt einen »Friedensschluß zwischen den Spaniern und Holländern« vor. Männer von Rang, als Bürgermeister und Ratsherren, Generäle, Admiräle und Offiziere, sitzen da um eine Tafel. Der Bürgermeister hat ein großes, zierlich gearbeitetes, silbernes Friedenshorn in der Hand und scheint dem spanischen Gesandten zuzutrinken, während beide sich die Hand geben. Die Figuren sind so vortrefflich gemalt, daß sie lebende Menschen zu sein scheinen, es fehlt nur die Sprache; man wünscht, sie möchten sich umdrehen, um sie von allen Seiten betrachten zu können. Jede Person hat ihre eigene Gesichtsfarbe, und der Ausdruck ist nach ihrem Charakter, man erkennt die verschiedenen Gemütsarten schon in den Blicken ihrer Augen. Dem spanischen Gesandten sieht man es an, daß er viel Fastenspeise genossen hat, aber dem holländischen, daß er sich von gutem Fleisch nährte und oft sein Gläschen trank. Auf dem Amsterdamer Rathause ist fast in jeder Stube ein Bild, welches anzeigt, was hier verhandelt wird, z.B. wo dem Volke Recht gesprochen wird, ist die Gerechtigkeit gemalt, wo über Bankerott gehandelt wird, eine Kiste, wo die[88] Ratten in den unordentlichen Büchern wühlen und anderes. Solche Bilder sind gleichsam Bücher, die im Titelblatte sogleich zeigen, wes Inhalts sie sind. Es war da auch ein großes Bild von Rembrandt, »Eine Bürgermeisterwache«, mit vielen Figuren. Ein ganz vorzügliches Bild von Rembrandt befand sich auf der Anatomie. Es stellt Doktoren vor, die einen Leichnam sezieren. Was Petrarca von der Laura sagte, daß der Schöpfer durch sie zeigen wollte, was er vermöchte, das, könnte man von Rembrandt sagen, zeigte dieser in diesem Bilde. Die Köpfe scheinen zu leben und wirklich erhaben und rund dazustehen. Man sieht die Aufmerksamkeit, mit der sie dem zuhören, der da redet, und einer schaut verwundert auf die Stelle, wo der andere seziert und erklärt; man entdeckt auf den Gesichtern die innerste Seele. Nur ein Kopf sieht aus dem Bilde heraus den Anschauenden an; es scheint, als hätte dies Rembrandt aus Spott auf van Dyck so gemacht, der mehr auf malerische Porträts sah, während Rembrandt malte, wie sie wirklich sind. ? Als ich in die Judenstraße zu Amsterdam kam, begegneten mir die bärtigen Köpfe von Rembrandt; ich sah noch dieselbe Kleidung mit hangenden Röcken und Schärpen um den Leib, auch Tuch um den Kopf gewickelt. Hier ging ich oft spazieren, in dieser Judenstraße, wo Rembrandt seine Modelle holte mit den schimmeligen Bärten und der in Kummer genährten, kränklichen Farbe. Ein anderes ist es, einen Bart zu sehen von einem Bassa in Damaskus, das ist ein glänzendes Schwarz! ? In dem »Roten Fuchs« zu Amsterdam kamen Bürger in ihren Schlafröcken und Pantoffeln zusammen und tranken Bier, rauchten Tabak und spielten Karten und Dame. Das Zimmer war so voll Rauch, daß man die Lichter kaum sehen konnte. Es ist, als hätte hier Rembrandt den Nebel seiner Hintergründe studiert, der sich magisch vor dem Lichte bald dunkel, dann heller vor dem Dunkeln herumwälzt. Von dem Vorsteher eines Männer- und Frauenhospitals[89] ward ich einst in das Gebäude selbst geführt. Auch hier sah ich vortreffliche Bilder, besonders eins von van der Helst; der Kopf schien zu leben, und die Lippe war zum Anfassen natürlich. Jeder Vorsteher mußte sich für das Haus malen lassen, und so ließ sich der jetzige Vorsteher von mir malen. Keine Nation hat im ganzen so viele treue Porträts ihrer Vorfahren aufzuweisen wie die Holländer in allen, auch den geringeren Ständen, ausgenommen die wenigen italienischen Bildnisse aus der hohen Klasse, als »Papst Leo X.« von Raffael, »Papst Farnese« von Tizian und einige Venezianer von Bellini und Moroni. Die Deutschen haben eine kleine Zahl der ausgezeichneten Männer aus den Zeiten des Luther. Da suchte man doch noch die Ebenbilder der vorzüglich geschätzten Menschen für künftige Zeiten zu erhalten. Die Holländer haben aber nicht bloß Porträts, sie haben auch Gegenstände behandelt, worin ihnen keine andere Nation gleichkommt: Backhuysen stürmisches Meer, van de Velde stille Seen, Schalcken Nachtstücke mit Beleuchtung, Snyders wilde Tiere, Handecoeter Federvieh, besonders Enten, Weenix totes Wild. Kein Land kann man auch, ohne selbst dagewesen zu sein, so gut durch Bilder kennenlernen wie Holland. Seine Künstler haben alles gemalt, wie es da ist, die Erde mit ihren Kräutern und was darauf reift, von dem geringsten Insekte an bis zu den vollkommeneren Geschöpfen; die Luft haben sie mit allen ihren Veränderungen sozusagen porträtiert, sogar den Dunst, welcher sich aus den sumpfigen Niederungen der flachen Gegend entwickelt, das Wasser in allen Bewegungen und Veränderungen, sowie auch das, was darin lebt. Kein Volk kann sich rühmen, Maler gehabt zu haben, welche die Fische, Vögel, Insekten, vierfüßigen Tiere von der Maus bis zum Elefanten, sowie alle Stände, das Benehmen und die Trachten der Menschen jener Zeit vom[90] Geringsten bis zum Größten, Bettler, Admiräle, Regenten, Narren und Gelehrte so treu dargestellt haben! Eines Tages sah ich ein kleines Bild, das nichts weiter enthielt als eine Maus, die an dem Kerne einer Walnuß nagt. Die Maus war in Gefahr, von den Klauen einer Katze ergriffen zu werden, die eben auf sie zusprang. ? Man bewundert den Fleiß, das mühselige Bestreben, alles genau zu machen, wie es ist: den Schnabel eines Vogels, seinen Charakter, und was ihn Eigentümliches von anderen unterscheidet, die waldige Wüstenei mit allem ihrem Wild und so weiter. Dazu gehört viel Ausdauer. Die haben die Holländer gehabt, und man nennt sie mühsame Maler. Dennoch überstieg mancher Italiener sie an Genauigkeit, Geduld und Fleiß; man denke an das Auge des da Vinci! Wie unterrichtend ist doch die Malerei für Welt- und Menschenkenntnis! »Die Malerei ist das stumme Buch für die, welche nicht lesen noch schreiben können«, sagt Leonardo da Vinci. Mir kam schon jetzt und noch mehr späterhin im gewöhnlichen Leben nicht leicht etwas vor, das ich nicht schon in der Malerei gesehen hätte; denn so wie sich andere aus Büchern belehren, so lernte ich durch Anschauen der Bilder, vorzüglich von holländischen Meistern, die Eigentümlichkeit der Länder und der Völker. So sah ich die hohen schroffen Gebirgsgegenden von Tirol mit ihren tiefen, sich weit in die Ferne hinschlängelnden Tälern in den Bildern von Paul Brill. Niemand gab vor ihm ein so ähnliches Abbild. Da türmen sich Felsen auf Felsen, die mit ihren Spitzen über die Wolken ragen, und Wasserfälle stürzen herab und eilen als wilde Waldströme ins Tal zum großen Flusse, der sich hinschlängelnd in der Ferne in glänzende Seen verliert. Das vollkommenste Bild dieser Art von ihm war eine gebirgige Schweizerlandschaft; ich sah sie in einem Gartenhause vor Hamburg, wo sie eine hohe und breite Wand einnahm. Hier hatte Brill alle seine Kunst ausgelassen. Auch waren Bäume und Büsche angebracht, die[91] sonst seinen Landschaften fehlen. Ebenso bewies er in diesem Bilde, wie vortrefflich er Figuren zeichnen konnte. Diese waren über anderthalb Schuh hoch und so wohl ausgeführt, als wären sie von den großen Zeichnern, welche zuweilen, wie man sagt, die Figuren in seine Landschaften malten, z.B. von Carracci. Aus Mangel an eigener Geschicklichkeit muß es also nicht geschehen sein. Die Hauptfigur dieses Bildes war Wilhelm Tell, wie er den Apfel vom Haupte seines Sohnes schießt, in Gegenwart des Landvogts Geßler und einer großen Volksversammlung. Er gab hier ein getreues Bild von der Schweiz und den Trachten ihrer Bewohner und zugleich einen Beweis seiner Meisterschaft in Landschaften und Figuren. Man kann sich auch durch Kupferstiche belehren, aber durch Bilder sieht man besser. Die Landschaften von Vinkenboom ließen mich die schönen Stellen des Waldes auffinden und durch die anmutigen, schattigen Partien auf die fröhlichen Lichtstellen sehen; so brachte er das Vorhergesehene in mir wieder in Erinnerung und zu besserer Kenntnis. Mit Freude sah ich immer die Wahl der Bäume und die lieblichsten Waldgegenden, die treu nachgeahmt und fleißig ausgearbeitet waren. Selten vergaß er auch einen Blutfinken in einen Baum zu setzen. Wie man sagt, wollte er seinen Namen damit bezeichnen. Auf Bildern von Everdingen sah ich die norwegischen Gebirge mit Tannen bewachsen, und noch genauer in den Handzeichnungen mit Farben, so wie er sie in Norwegen selbst nach der Natur aufgenommen hatte. Von Huchtenburgs sah ich »Die Belagerung von Belgrad«: Prinz Eugen mit seinen Offizieren machte einen Angriff auf die Türken, die in Verwirrung waren und geschlagen wurden; von van der Meulen den »Feldzug des Königs von Frankreich«, der König selbst und seine Offiziere mit ihren schönen Pferden waren Porträts; von Thomas Wijck »Die mittelländischen Seehäfen« mit orientalischen Kaufleuten und vieles andere.[92] Kann man doch selbst aus Bildern den gegenseitigen Verkehr unter den Nationen kennenlernen! Thomas Wijck ging zu Schiffe mit einem Levantefahrer und malte die dortigen Seehäfen, wie auch die spanischen und italienischen. Ich habe vortreffliche Bilder von ihm gesehen. Gemeiniglich sind seine Vordergründe Hallen mit Säulen, verfallene Ruinen, Portale und dergleichen, wo Kaufleute aller Nationen miteinander handeln, Türken, Italiener, Spanier, Holländer und andere. Die verschiedenen Gesichter und Kleidungen hat er deutlich charakterisiert, besonders hat er sich Mühe gegeben bei den Türken. Sie sind mehrenteils die Hauptfiguren, mit ihren Sklaven, welche die schweren Schiffsballen wälzen. Ich sah ein paar Bilder von ihm, auf denen die Köpfe, als wären sie von Rembrandt, kräftig mit feurigem Kolorit ausgeführt und mit markigem Pinsel hingestellt waren, woraus man sah, daß er gründliche Kenntnis von der Sache hatte und sich auf Licht, Schatten und Perspektive verstand. ? Auch Lingelbach malte oft levantische Seehäfen, so z.B. einen Hafen, wo die Galeerensklaven und andere Sklaven von der Arbeit ausruhen, sitzen, essen und einander erzählen. Man fühlte sich ganz in die Türkei versetzt. Herr Bürgermeister Gabe in Hamburg hatte zwei große Bilder von ihm, deren Figuren über zwei Fuß hoch waren. Da sah man sorgfältig ausgeführte Türken in ihrer Tracht, mit ihren Gewehren, Säbeln und Dolchen. Dies waren die schönsten Bilder, welche ich von ihm gesehen habe. Eigentlich war Lingelbach ein Deutscher aus Frankfurt am Main, aber er hat immer in der holländischen Manier gemalt. Seine meisten Vorstellungen sind italienische Gemüsemärkte, wie die des Momper. So bereitete mir auch viel Freude die merkwürdige Sammlung von Handzeichnungen eines Malers aus der guten Zeit der Kunst, der nach Indien gereist war und dort die seltensten Vögel und Fische mit den schönsten Wasserfarben abgebildet[93] hatte. Die Fische besonders können wir hier nicht so zu sehen bekommen, wenn sie auch in Natur hergebracht würden; sie verlieren nämlich die schönen Farben, sowie sie aus dem Wasser kommen. Unter diesen Fischen waren mehrere so sonderbar von Zeichnung und schillernder Farbe, als hätte die Natur mit diesem Reichtume gespielt. Einige vom schönsten Blau mit Goldstreifen durchzogen, auch silberne mit blauen Streifen, auch solche mit Purpurrot, Gold und Silber, andere grün, kurz, von allen Farben. Es war eine Pracht, wie unter den Vögeln und Blumen und Metallen und Edelsteinen! Amazon.de Widgets Man schätzt die holländischen Maler und ihre Werke, weil sie die Natur so treu nachahmten, und tadelt zugleich, daß sie ihre Kunst oft an geringe Sachen verschwendeten. Wer jedoch nur diese treue Nachahmung der Natur und den Fleiß rühmt, mit welchem sie ihre Bilder ausführten, und wem dies nur das einzige ist, das ihn anzieht, der hat ihre Werke nur oberflächlich betrachtet und den Geist und die Seelenwirkung unbeachtet gelassen. Was kann charakteristischer sein als ein Bild von Johann Steen! Das war ein Mann, der die Menschen bis auf den Grund ihrer Seele kannte und die verschiedenen Charaktere und Nationen deutlich voneinander unterschied. Bei ihm bedarf es keiner Auslegung; alles spricht sich von selbst aus. So sah ich »Eine Bauernhochzeit« von ihm, wo der Schmaus eben vorbei war; die Tische waren leer, die Bänke und Stühle wurden weggeräumt und Braut und Bräutigam in das Schlafzimmer gebracht. Das Lebendige, der Scherz und das Mutwillige war auf jedem Gesichte zu sehen, und von dem schalkhaften Munde der Umstehenden glaubte man witzige Worte zu hören, womit sie die Braut in Verlegenheit brachten, die sich sträubte, oder nur so tat, dem Bräutigam zu folgen, der schon voran einige Stufen der Treppe hinaufgegangen war und die Tür der Schlafkammer öffnete, mit der andern Hand der Braut winkte. Die ganze Gesellschaft[94] sprach ihr herzhaft zu; einige hatten sie umfaßt und wollten sie mit Gewalt hinaufschieben, einige zogen, andere drängten nach; sie war von vielen Armen umschlungen, davon sie sich nicht entreißen konnte; sie stemmte den Fuß gegen die Treppe und strengte alle Kraft an, um nicht in die Kammer zu kommen ? und doch sah man in ihren verliebten Augen die Sehnsucht und das Verlangen nach ihrem Bräutigam, an dessen Augen ihr Blick gefesselt war. ? Ein ähnliches Bild sah ich von Jan Steen, wo die Braut nach vollbrachtem Hochzeitsschmaus von den Gästen in die Kammer geführt wird. Sie sträubte sich, verschämt, mit niedergeschlagenem Auge, und in die Arme ihrer Führer gesunken, lag sie da wie einer Ohnmacht nahe. Und so sah ich mehrere Bilder von diesem Meister, die alle zeigen, daß er ein scharfer Beobachter und Kenner der Menschen war, der ihr Getreibe von der lustigen Seite nahm und daher gern lachenerregende Gegenstände darstellte. Viele holländische Künstler beschäftigten sich auch damit, Sittenbilder zu malen. Einen feurigen Geist in der Erfindung und Ausarbeitung kann man ihnen nicht absprechen; man darf sie keiner Nation nachsetzen, nein, man kann sogar keinen Italiener an feurigem Geiste dem Rubens gleichstellen, und wenn von schneller Arbeit die Rede ist, keinen dem Frans Hals. Seine Porträts scheinen mit drei Strichen gemacht zu sein, und doch glaubt man lebende Personen vor sich zu haben. Lanfranco und Luca Fapresto würden sich wohl haben beeilen müssen, wenn sie mit ihm um die Wette gearbeitet hätten. Luca Giordano malte freilich in einer Nacht ein Altarbild, aber es war auch danach! Als van Dyck aus Italien wieder nach seinem Vaterlande kam, hörte er von dem schnellen Arbeiten des Frans Hals. Er besuchte ihn in Haarlem und gab sich für einen Kavalier aus, der sein Porträt geschwinde zu haben wünsche, weil er gleich weiterreise. Frans Hals fing auf Begehren sogleich an, und nachdem er kurze Zeit gearbeitet[95] hatte, stand er auf und sagte: »Mein Herr, Sie sind fertig.« Der Kavalier sah das Bild mit Verwunderung. »Ich glaubte nicht«, sprach er, »daß Ihr so schnell malen könntet; nun habe ich noch einige Zeit übrig, und da ich sonst auch etwas gemalt habe, will ich versuchen, Euer Porträt zu machen.« Der Kavalier nahm Leinwand und Palette, und nach kurzer Zeit sagte er: »Mein Herr, Sie sind fertig.« Frans Hals sah das Porträt, umarmte den Fremden und rief: »Ihr seid van Dyck oder der Teufel.« Man muß auch den Geschmack der Holländer bewundern, wie sie aus einer armseligen, sterilen Gegend ein Bild haben schaffen können, das Anmut und Seele hat. Oft ist der Ort nichts anderes als ein flaches Sandufer und ein Strich See und Himmel; aber da haben sie eine Abwechslung von Licht und Schatten und Farben hineingebracht, daß es reizend ist. Sie wußten auszuschmücken mit Schatten der Wolken, die über das Wasser laufen und es hie und da schwärzen oder einen Sonnenstrahl durchschießen lassen, der einen Fleck der See beleuchtet und auf den gelben Sand fällt; und um die Ferne auf dem Wasser recht weit scheinen zu lassen, setzten sie auf die verschiedenen Flächen Schiffe, einige nahe, andere in den Mittelgrund und wieder andere hinten, einige in Schatten, andere ins Licht, wo ihre weißen Segel in der Beleuchtung glänzten, gaben auch den Segeln verschiedene Farben, graue, rote, gelbe ? so wurden aus diesen einfachen Gegenden angenehme Bilder. Auch legten sie wohl, wo das Bild nur ein flaches Ufer und eine flache stille See darstellte, einen alten zerbrochenen Krebs- oder Fischkorb hin, den die Wellen an den Strand getrieben hatten, richteten eine Pilotenstange auf mit einem Korbe, zum Zeichen des Orts. Und was haben sie für angenehme Wassergegenden mit Gebüsch, Bäumen und Dörfern dargestellt! Wer sieht nicht gern ein ruhiges Örtchen, wo sich Enten in einem stillstehenden Wasser baden und in seinem Spiegel doppelt erscheinen! Man denke an Poelenburg, den[96] lieblichen Idyllendichter, an Vertangen, an Cuylenburg. Solche vortrefflichen Maler hatten die Holländer! Es liegt nicht im Klima, wie einige meinen, die warme Sonne schaffe nur den feurigen Geist; nein, es liegt am Geiste der Zeit. Damals war alles geistig belebt in Holland. Ihre Helden schlugen mit wenig Volk zahlreiche Feinde, ihre Admiräle waren die Beherrscher der Meere. Ich sah in Berlin einen toten Admiral in seiner Rüstung abgebildet, und er hatte solchen Ausdruck, daß man sich noch im Tode vor ihm fürchtete. Bei allen diesen kriegerischen Zeiten war der Geist in so hoher Kraft, daß Werke der Kunst geliefert wurden, die in Erstaunen setzen, ja, die Kunst war so ausgebreitet, daß Söhne von Tagelöhnern große Künstler wurden; und das rege Aufstreben des Geistes war so gewaltig, daß zu allen Ständen große Männer aus der geringeren Volksmasse aufwachten, Helden und Künstler und Kaufleute und Staatsmänner. Was für große Unternehmungen haben sie damals ausgeführt und was für weise Gesetze! Jener Sultan, der viel von den großen Taten der Holländer gehört hatte, verlangte, man solle ihm eine Landkarte bringen und ihm zeigen, wo dieses Volk wohne, welches so viele wunderswürdige Taten verrichte. Man brachte ihm die Karte von Europa. »Also diese ganze Fläche bewohnt das Volk?« fragte er ? »Nein«, antwortete man ihm, »dieses Ländchen hier ist es.« ? »Wie!« rief er aus, »ein Pünktchen, welches ich mit dem Finger bedecke; und hier wohnen die Gebieter von Europa und allen Meeren!« Allein wie es denn geht, der menschliche Geist blüht nur eine Weile in Ländern und zeigt sich groß, dann sinkt er wieder und schläft ein wie eine Zikade, die des Morgens, eben aus der Erde geboren, sich schnell in die Höhe schwingt und auf dem Gipfel der Bäume singt! Mit Stolz nennen die Holländer die Namen ihrer Helden und mit eben der Achtung die ihrer Künstler. Ihre Bilder sind mit[97] einer Ruhe der Seele gemacht und mit einer Fröhlichkeit des Geistes, daß sie den Anschauer ermuntern, und doch wurden die meisten in den Zeiten des Krieges und Druckes geschaffen. Daraus läßt sich ersehen, wieviel Liebe sie zur Kunst hatten; nur Liebe zur Kunst und Ruhe der Seele kann so etwas Vollendetes hervorbringen. Die Kunst liegt im Menschen, und es kommt allein darauf an, daß sie geweckt wird. Adriaen Brouwer war der Sohn eines Torfträgers, van der Werff, der später seiner Kunst wegen zum Ritter erhoben wurde, eines Schneiders Sohn; der Spritzenmeister van der Heyden, was hat der für schöne Bilder geliefert! ? Daß die Holländer so gut malten, ist ein Wunder, daß aber die Italiener nicht besser malten, ist auch ein Wunder und gereicht ihnen zum Vorwurf; denn sie hatten alles, was dazu gehört, die Holländer aber nichts. Die griechischen Kunstwerke hätten die Italiener schon früher auf bessere Wege bringen müssen, denn wo sie hinsahen, hatten sie diese vortrefflichen Modelle vor Augen. Wie lange hat nicht der Sturz von der schönen Gruppe »Menelaus, wie er den Leichnam des Patroklos aus dem Gefechte trägt«, der sogenannte »Pasquino«, wie man erzählt, als Block einem Schuster vor seiner Tür gedient, das Sohlenleder darauf zu klopfen, ehe man erkannte, daß es etwas Besseres wert sei. Und was für Vorzüge hatten die Italiener, daß ihre Werke zur Religion gehörten! Freilich wurden die herrlichen Anlagen, welche ihnen die Natur gegeben hatte und wodurch sie, wenn sie durch Erziehung gebildet worden wären, der Menschengesellschaft noch ehrenvollere Werke hätten hervorbringen können, durch ignorante Pfaffen nur zu oft zurückgehalten, durch Kasteien, Knien und Rosenkranzbeten unterdrückt, damit sie den geistlichen Herren nicht über den Kopf wüchsen. Aber ihre Bilder wurden doch in Tempeln und Kirchen aufgestellt, dem ganzen Volke zur Schau, das davor niederkniete und als ein Heiligtum sie anbetete! Welche Erhebung für den Künstler! Sie wurden[98] gebeten um ihre Werke und gut bezahlt, und man verschaffte ihnen alle Gelegenheit zur Arbeit. Was hatten hingegen die armen Holländer, wonach sie sich hätten bilden können? Und wie wenig Aufmunterung, wenn so ein unbemittelter Mensch ? es waren häufig Leute ohne Rang und Vermögen ? ein Bild fertig hatte und es nun herumtragen mußte, ehe er einen Liebhaber fand, der ihm ein Weniges dafür gab. Oft denke ich mit Verwunderung daran, wie und wo sie ihre Bilder gemalt haben, da sie gewiß nur kleine Zimmer mit niedrigen Fenstern bewohnten, wo sie ihr Modell kaum gehörig beleuchten konnten und schwerlich Raum und Licht genug hatten, um in der gehörigen Entfernung vom Modell zu arbeiten. Und doch haben sie Schatten und Licht so gut verstanden, und auch den Effekt. In Rembrandts Hintergründen ist eine Luftperspektive, die in das Unendliche geht. Viele holländische Maler gingen wohl darum nach Rom, um da die Historienmalerei zu studieren; aber das Glück war ihnen nicht günstig, sie in den Zirkel gebildeter Menschen zu führen. Sie blieben fremd in diesem Lande, und da ihnen die Unterstützung ihres Geistes zum Schönen und Erhabenen fehlte, so waren sie in diesem Felde, wo Fülle des Großen ist, doch verwaist, denn die lebendige Stimme und Hilfe muß dazukommen. Sie blieben in den Wirtshäusern, ihr herumschweifender Blick wurde nur von der Natur des Landes angezogen, und das Nationelle, das sie täglich sahen, reizte sie, selbiges zu malen; so wurden sie Landschafts-, Tier- und Bauermaler. Ähnlich ging es auch verschiedenen meiner Freunde. Sie kamen nach Rom, die Historienmalerei zu studieren, wählten aber die Landschaftsmalerei; ich selbst schwankte oft, was ich ergreifen sollte. So wurden Willem Romeyn, Both, Berghem ergriffen, Schäferhütten, an große Ruinen gebaut, zu malen; so entstand durch Potter, de Laar, Dujardin, Momper und Slingeland eine Art Bilder, welche man Genre nannte, Bilder aus dem gemeinen Leben.[99] Amazon.de Widgets Man wirft den Holländern vor, daß sie in der Wahl und Darstellung der Gegenstände oft gegen die feinen Sitten gesündigt haben; man muß dies aber den damaligen Zeiten zuschreiben, wo alles derb und kräftig ausgedrückt wurde und man die Sachen schlechthin mit ihrem rechten Namen benannte; dagegen jetzt die Sitten so verfeinert sind, daß man oft aus einem langen Gespräche kaum herausfinden kann, was es eigentlich sagen will. Ich habe Briefe aus jener Zeit von Fürsten, Kaisern und Königen gelesen, die im nämlichen Stil als die holländischen Bilder waren und wo mit eben der kräftigen Deutlichkeit gesprochen wurde, wie die Holländer malten. ? Die Italiener haben ja Sachen gemalt, vor denen das menschliche Gemüt zurückschaudert! Und solche Bilder sind in ihren Kirchen aufgehängt! In der Peterskirche in Rom haben sie ein Bild von Poussin sogar in Mosaik gesetzt, damit es unvergänglich wäre, ein Bild, wo Menschen ausgereckt sind, die man mit Stäben auf den Bauch schlägt und ihnen die Gedärme heraushaspelt!! Wie unterhaltend ist dagegen eine holländische Bildersammlung schon der vielen erfreulichen Gegenstände wegen, die aus der Natur, aus dem geschäftigen Leben der Menschen und ihrem Treiben herausgehoben sind. Leider aber fühlen sich holländische Sammler gewöhnlich nur von solchen Bildern angezogen, deren Meister eine vorzügliche Geschicklichkeit im Pinsel zeigen, während manches Bild, das ein empfängliches Gemüt wohl anspricht und den aus der Natur genommenen Gegenstand noch so wahr nachbildet, übersehen und wohlfeil verkauft wird. Das macht die Mode. So sah ich einst eine Landschaft vom alten Hackert, es war »Das Innere eines Dorfes mit Bäumen und Gärten«. Die Liebhaber bewunderten es wegen seiner Natürlichkeit, man glaubte wirklich darin umhergehen zu können; die Bäume, als könnte man sie abhauen und ihre Borke abschälen, und der alte Gartenzaun, als ließe sich Planke für Planke herausziehen, und die Sonne, wie sie[100] über das kurze moosige Gras hinstreifte! Und doch, weil das Bild von keinem der berühmten Meister war, die man gern in sein Kabinett nimmt, wurde es wohlfeil verkauft, dahingegen ein Blumenstück von van Huysum mit einem Vogelnest, wo die Haare mit Schatten und Licht gemalt waren, mit Tausenden bezahlt wurde, weil so eins zu einem Kabinett gehörte. ? Nur einmal kam mir ein Kunstfreund auf einer Gemäldeauktion zu Amsterdam vor, der, nachdem die Bilder schon zu einem hohen Preise hinaufgetrieben waren, noch immer mehr bot, indem er sagte: »Wer kann das so wohlfeil fahrenlassen, es ist so geistig gemalt! Wenn man Liebhaberei haben will, muß man Mensch sein. De Beester hebben keene Liefhaberei.« Zu einem guten holländischen Kabinett gehört: ein Kopf von Rembrandt, eine ausgeführte Skizze von Rubens, ein Bild von Gerard Dou, vom alten Mieris, Frans Mieris, zwei von Wouwerman, eins von seiner ersten Manier und eins von seiner letzten; eins von Berghem, A. Cuyp, Ostade, Teniers, Brouwer, Metsu und Terborch; das Innere einer Kirche von P. Neefs, ein Stilleben mit Früchten von de Heem, Blumen von Huysum, Ochsen von Potter, ein Viehstück von Adriaen van de Velde, eine stille See von Willem van de Velde, eine stürmische See von Backhuysen; ein Bild von Slingeland, eins von Schalcken, ein Porträt von van Dyck, ein Kopf von Lievens; ein Bruegel, Hondecoeter, van der Werff, Poelenburg, Elsheimer, Rottenhammer, Snyders, Both, Lairesse und andere. ? Sieht man ein solches Kabinett, von einem Holländer gesammelt, der ein echter Kenner ist, so gerät man in Erstaunen; man kann sich nichts Angenehmeres vorstellen, und man muß die Kunst bewundern, welche diese Menschen besessen haben, die Natur so treu nachzuahmen. Der echte holländische Kenner nimmt nichts, als was vortrefflich ist, und dabei müssen die Bilder so sein, als wenn sie eben von der Staffelei des Malers kämen. Ein Bild, das verwaschen ist, nimmt er gar nicht, und ein ausgebessertes[101] Bild sieht er als verdorben an, das keinen Wert mehr hat: es soll so sein, daß es nur mit dem Dunste der Zeit bedeckt ist (»De Dost ligt der noch up«). Ein solches Bild zu sehen von einem großen Meister, welches das Glück gehabt hat, immer gut verwahrt worden zu sein, das ist eine Freude; denn die Harmonie, welche die Zeit vollendet, nachdem der wissenschaftliche Künstler sie seinem Bilde in den letzten Pinselstrichen gegeben hatte, und das Ganze mit ihrem Hauche zusammenschmilzt, das ist ein Zauber, der entzückt! Leicht ist dieser wegzuwischen; denn wenn ein Unkundiger mit Seife oder Lauge oder Spiritus darauf kommt, so geht nicht allein das Zarte weg, sondern auch alle Lasurfarbe, und es bleibt nichts übrig als das Skelett und ein verdorbenes Bild, das einen betrübt. Bald wird die Zeit kommen, wo man kein so wohlerhaltenes Bild mehr sieht, weil so viele Ungeschickte sich damit abgeben, sie zu vernichten ? ein Gegenstand, über den man nicht genug eifern kann, da er uns Deutschen selbst das wenige Gute vertilgt, was man uns noch gelassen hat! Auch versäumte ich nicht, Naturalienkabinette und Sammlungen von fremden lebenden Tieren zu sehen, die aus allen Weltteilen nach Amsterdam kamen: unter anderem auch das sogenannte indische wilde Boßschwein mit den großen krummen Zähnen. In Amsterdam im »Blauen Jan« hielt sich ein Mann auf, der mit ausländischen Tieren handelte, so daß da ein beständiger Wechsel war. Er führte mich einst in ein Zimmer, wo er mir ganz kleine Affen zeigte. Es war sein Staatszimmer; ich freute mich nicht wenig, als ich da einige Porträts fand ? den »Prinzen von Oranien und dessen Familie« ?, von meinem Onkel Valentin gemalt. Als der Mann meinen Namen auf den Bildern sah, wurde er mir noch mehr gewogen, und nun bekam ich jedesmal, wenn ich ihn besuchte, alles zu sehen, was er hatte; er führte mich bis auf den Boden, der voll von Papageien und anderen Vögeln war.[102] Ich hatte auch Freundschaft mit Herrn Schep, der die Sammlung von Vögeln und Schmetterlingen herausgab. Aus Liebhaberei hatte ich das Werk der Vögel übernommen, und es sind einige der ersten Blätter von mir; aber es wurde mir zu weitläufig, und nachher hat es ein anderer fortsetzen wollen; seine Arbeiten sind aber nicht von sonderlichem Wert. ? Auch besuchte ich einen Mann, der aus Amerika kam und eine große Anzahl Schlangen mitbrachte, worunter sonderbare Gestalten und manche von außerordentlich schöner Farbe waren; er hatte große Fässer voll Schlangen, alle wie die Heringe aufeinandergepackt. Die Natur und ihre Geschöpfe kennenzulernen war mir neben der Malerei immer das liebste. So wechselte meine Arbeit mit verschiedenen Gegenständen ab, doch das Porträtmalen war meine Hauptbeschäftigung. Eines Tages kam ein Kaufmann aus Edinburgh zu mir, der sein Porträt in Miniatur von mir haben wollte. Während ich ihn malte, äußerte ich mein Verlangen, England zu sehen. Er riet mir zu, munterte mich sogar auf und versprach mir, daß ich eine Menge Porträts in seiner Familie malen sollte, wenn ich mit ihm in seine Vaterstadt reiste. Als ich aber Bedenklichkeit äußerte, ob ich so viel verdienen würde, wie ich gebrauchte, gelobte er mir eine namhafte Summe, wenn ich ein Jahr lang bloß für ihn Porträts malen wollte. Ich entschloß mich sogleich, mit ihm zu reisen. Bald aber erwachte in mir ein wehmütiges Verlangen, nach so vielen, Jahren meinen Vater und alle die Meinigen wiederzusehen, ehe ich mich weiter von ihnen trennte. Meine Mutter war bereits gestorben. Der Schmerz hatte mich fast vernichtet! Sie, die mich unter allen Menschen am meisten liebte! Ich war es meinem Vater schuldig, ihn noch einmal wiederzusehen. Ich entdeckte meinem Freunde meine Herzensempfindung und die Sehnsucht nach meinem Vaterlande. »Solchen Regungen muß man folgen«, sagte er; doch setzte er hinzu, daß er alle zwei bis drei Monate mit Waren nach Amsterdam komme und[103] daß ich dann, wenn ich die Meinigen besucht hätte, bei der ersten Rückfahrt ? die erste sei ihm die liebste ? mit ihm nach England zu seiner Familie reisen möchte, er werde mich dort anmelden, und ich solle schon Freunde finden. 
 Die Eroberung Neapels durch die Franzosen  [361] Meine Unternehmung des homerischen Werkes wäre gewiß damals vollständig ausgeführt worden, wenn die äußeren Umstände sie begünstigt hätten. Aber sie fiel gerade in die unruhige Zeit, wo die Franzosen unaufhaltsam durch Italien zogen, auf Neapel vordrangen und die Stadt einnahmen. Da war denn freilich an Dinge, welche den Schutz und die Pflege des Friedens begehren, unmöglich zu denken. Wir erlebten wilde Tage und gingen wie im Sturme auf Wellen, wo jeder Augenblick Tod bringt. Die Franzosen standen in Aversa. Ihre Ankunft wurde mit jedem Tage gefürchtet und ebensosehr gehofft, denn Neapel wimmelte von Jakobinern. Schon seit dem Anfange der Französischen Revolution hatte es auch hier in diesen leicht zu erregenden Köpfen gespukt. Die Unzufriedenheit mit der Regierung war groß, man sehnte sich nach Veränderung, und der größte Teil der jungen Edelleute aus den ersten Familien erklärte sich entschieden für die Franzosen, von denen die Freiheitsfreunde alles Heil erwarteten. Die meisten Künstler teilten diese Stimmung, und unter meinen Schülern war kaum ein einziger, der es nicht mit den Franzosen gehalten hätte. Erbärmlicheres als die Anstalten gegen die Republikaner war nicht zu denken. Die Straßenweiber würden die Armee besser geführt haben; und hätte man die Lazzaroni zu leiten gewußt und ihre Hilfe recht gebrauchen wollen, so wäre vieles anders gekommen. Aber hier war Verrat an allen Ecken, und so drangen die Feinde[362] immer näher heran. Dem Prinzen von Hessen-Philippsthal, welcher die Kavallerie geführt und sich brav wie immer bewiesen, aber wegen schlechter Unterstützung nichts ausgerichtet hatte, küßten die Lazzaroni bei seiner Rückkehr die Stiefel und baten ihn, sie anzuführen. »Das geht nicht, Kinder«, antwortete er dem Haufen, welcher sein Pferd umdrängte, »ich würde euch nur unglücklich machen, denn um euch zu ordnen und zu führen, müßte ich doch wenigstens Offiziere und Unteroffiziere haben. Hier aber fehlt es an allem.« Zwei Prinzessinnen, wovon die eine den Kaiser von Österreich und die andere den Großherzog von Toskana heiratete und welche Neapel verlassen wollten, wurden von den Lazzaroni daran verhindert. »Sie sind unsere Landeskinder«, hieß es, »und wir wollen sie auch behalten und ernähren.« Der Lärm wurde so groß, daß die Königin und die beiden Prinzessinnen ohnmächtig wurden und der Hofmarschall Belmonte und diejenigen, welche die königliche Familie beschützen sollten, selbst auf einer entgegengesetzten Treppe flüchten mußten. Wie groß war der Unterschied zwischen damals, als die Königin sich vermählte, und jetzt. Die Kapelle, worin sie getraut wurde, war zerstört und ihrer Schätze beraubt worden! Ich hatte einen Schüler, der Bildhauer war. Sehr für die Franzosen eingenommen, weil sie nach seiner Meinung aus ganz Italien eine Republik bilden wollten, machte er sich auf den Weg nach Aversa, um sie einzuladen. Vor der Stadt bei Capo di Chino wurde er von den Lazzaroni angehalten. Als sie aber seine Kalesche durchsuchten, fanden sie in derselben ein Breviario. »Nein«, sagten sie nun, »wir sehen, daß Ihr un buon figliuolo und kein Verräter seid!« So hatte er an seinem Gebetbuche den besten Paß und gelangte glücklich wieder herein. In der Nacht kam er zu meinem Schüler, dem Luigi Hummel, welcher alle Menschen zu Bekannten und Freunden hatte. Obgleich dieser sich um nichts[363] bekümmerte, was nur von weitem einer politischen Idee ähnlich sah, und einen tiefen Abscheu gegen Aufruhr, Tumult und Kriegsbewegung hegte, so erfuhr er doch immer, was vorging, denn alle Leute, von welcher Farbe und Meinung sie auch sein mochten, waren ihm gewogen und liebten seinen Umgang. Ihm erzählte nun in meinem Beisein der Bildhauer mit Enthusiasmus, was die Franzosen für herrliche Menschen wären, wie sie ihn so höflich aufgenommen hätten und welches Glück diese Leute über Italien, besonders über Neapel, bringen wollten. »Stellt Euch nur vor«, sagte er, »da habe ich einen Soldaten gesehen, der trägt auf seinem Tornister ein Nest voll junger Tauben. Damit marschiert er, geht in die Schlacht, nimmt die Städte ein, und dazwischen füttert er die jungen Tauben. Solche menschenfreundliche Gemüter gibt es unter diesen Helden der Republik!« Er rühmte noch viel, daß die Franzosen gar nichts wollten als Freiheit bringen und daß man alles tun müsse, um ihnen hierin zu helfen. Aber sie kamen nicht so geschwind. Unterdessen ward es bekannt, daß er bei den Feinden gewesen war; die Lazzaroni wollten ihn umbringen, und er mußte sich verstecken. Das tat er denn auch in dem weitläufigen Gebäude der Studien so geschickt, daß es nicht möglich gewesen wäre, ihn zu finden. Als die Franzosen endlich kamen, kroch er freudig aus dem Verstecke heraus und lief mit offenen Armen seinen Befreiern entgegen. Diese hielten aber ihrem enthusiastischen Verehrer die Flinten auf die Brust und nahmen ihm seine Uhr ab. Eines Morgens stand ich mit Hummel auf dem Dach meines Hauses; da sahen wir nicht fern einen gewaltigen Dampf aufsteigen und hörten lebhaft schießen. »Was ist das?« fragte ich. »Ei«, sagte er, »das sind die Franzosen, welche das Kastell eingenommen haben.« Indem wir noch darüber sprachen, zischte es an meiner Stirn vorbei, als ob jemand mit dem Finger mir stark darüberstreifte. Die Kugel fuhr uns über die Köpfe weg und schlug auf der anderen Seite[364] der Straße in die Studien ein. Nun sahen wir, daß es ernst wurde, und fingen an, auf unsere Sicherheit zu denken. Ich war damals mit meinem Schüler gerade an den Plafonds beschäftigt; ich schnitt nun an einer Stelle die Zieraten aus, und in der Öffnung versteckte ich meine griechischen Medaillen und geschnittenen Steine, auf denen homerische Gegenstände waren. Die Öffnung klebte ich wieder zu und bemalte sie wie zuvor. Nachher gereute mich, daß ich die Sachen nicht am anderen Ende der Decke verborgen hatte, welches mehr geschützt war, denn ich fürchtete immer, es könnte eine Kugel von Capo di Monte kommen, wo die Franzosen eine Batterie errichtet hatten, und gerade dieses Ende zerschmettern; wie es später wirklich geschah. Amazon.de Widgets Die Lazzaroni hatten die Zeughäuser erstürmt und sich mit allem bewaffnet, was da war. Nun fingen sie an, die Gewehre zu probieren. Sie pfropften den Lauf voll Patronen, knackten dann mit dem Hahn und ließen den Schuß wie ein lustiges Spielwerk mitten unter den Haufen gehen, wo er ein halb Dutzend niederwarf. Das war alles einerlei. Man hatte ihnen auch Piken machen lassen und sie damit aus der Stadt geschickt, in der Hoffnung, es solle keiner von dem Gesindel, welches man am meisten fürchtete, zurückkommen. Als sie mit ihren gefährlichen Stangen nach einem Orte kamen, wo neapolitanische Kavallerie lag, fingen die Dragoner an, über ihren Aufzug zu lachen. Die Lazzaroni ergrimmten, gingen mit ihren Piken gegen die Reiter, diese saßen auf, wehrten sich, so gut sie konnten, aber die Lazzaroni stachen blind und wild in Roß und Mann hinein, so daß von dem Kavallerieposten fast nichts übrig blieb. Ich hatte die Lazzaroni hinausmarschieren sehen und sah sie mit Erstaunen so schnell und mit wunderlich vermehrter Armatur zurückkehren. Einer trug neben seiner Pike einen Karabiner, der andere schleppte einen großen Pallasch, der dritte ein Paar Pistolen. So zogen sie gerade hinauf zum Könige. »Seht an«, sagten sie, »was wir für Leute sind.[365] Eure Kavalleristen haben uns ausgelacht, weil wir mit unseren Lanzen das Königreich verteidigen wollten; da bringen wir Euch ihre Waffen. Laßt es uns nur allein ausmachen, wir wollen mit den Feinden schon fertig werden!« Sie hatten auch Kanonen und Pulverwagen aus dem Arsenal geholt und stellten diese auf dem großen Platze l'Area delle Pigne zusammen, wo sie die Franzosen erwarten wollten. Weil es nun kalt war, so nahmen sie von den langen Faschinen, womit die Bäcker in Neapel ihre Öfen heizen, und zündeten mitten zwischen den Pulverkarren ein Feuer an, dessen Lohe über die Häuser hinaufschlug. Wir glaubten alle Augenblicke in die Luft zu fliegen. Die Franzosen fuhren immer fort, das Kastell zu bestürmen, aber sie konnten mit zwei Angriffen nichts ausrichten, die Besatzung wagte sogar einen Ausfall. Diesen trieben die Franzosen zurück und machten bei der Gelegenheit mehrere Gefangene. Ein Lazzarone, der sich außen hinter einen großen Strebepfeiler der Mauer gedrückt hatte, wurde gegriffen, um erschossen zu werden. »Ho!« lachte der Kerl, »was wollt ihr mit euren Flinten mir anhaben? Ecco qua!« Damit schob er seine Mütze in die Höhe, um ein Bild des heiligen Januarius und der Maria sehen zu lassen, welches er als Schutzmittel an die Stirn geklebt hatte und womit alle Lazzaroni versehen waren. Die Franzosen machten mit ihm und seinem Amulett kurzen Prozeß, und sein Gehirn spritzte, sowie die Schüsse fielen, an die Wand. Diese Geschichte und andere dergleichen erzählte mir mein Friseur, welcher über eine Stunde weit am anderen Ende von Chiaja wohnte und doch alle Morgen noch zu mir kam, weil er mich, wie er sagte, nicht verlassen wollte. Ich, von Haus aus ein Feind aller Gewalttätigkeiten und der königlichen Familie mit Dankbarkeit und Verehrung ergeben, hatte niemals Anstand genommen, gegen diesen Menschen meinen Zorn über die Franzosen und meine Meinung frei heraus zu lassen. Eines Morgens kam er und[366] sagte: »Das Kastell ist genommen; ich will Euch auch nur sagen, ich bin jede Nacht mit dabeigewesen, und wisset: Io sono generale della republica!« Wer erschrak, das war ich. Der Mensch, gegen den ich mich stets so unbedacht geäußert hatte, ein Jakobiner! Das sah schlimm aus. Er merkte, was in mir vorging, und suchte mich zu beruhigen, indem er viel von den großmütigen Gesinnungen der Republikaner sprach. »Aber«, sagte ich, »man hört doch, es sollen so viele Leute bestimmt sein, ermordet zu werden.« ? »Das ist wahr«, versetzte er, »und das wird und muß geschehen. Aber seid ruhig, solange ich lebe, soll Euch kein Haar gekrümmt werden; auch steht Ihr auf keiner Liste. Nun aber muß ich fort, die Republik bedarf meiner!« Damit sprang er die Treppe hinunter. Ich sah ihm bedenklich nach, wie er über die Straße lief. Indem kam eine Kugel, die ihm über den Kopf wegpfiff und gegenüber in eine Mauer schlug. Der General der Republik bückte sich und machte, daß er fortkam. Als mir die Standhaftigkeit und der Mut entfallen wollten, wodurch ich mich noch immer gegen die drohende und näher kommende Gefahr vom Umsturze des Reiches aufrechterhalten hatte, suchte ich mich durch den Anakreon zu erheitern, der selig in steter fröhlicher Jugend schwelgt. In dem Studio, wo die griechischen Antiken aufbewahrt wurden, war seine Büste. Ich ließ sie mir heraufbringen, um sein Gesicht genau danach zu malen. Ich las seine Schriften ? und die Franzosen kamen näher; dann machte ich Zeichnungen nach ihm ? und die Franzosen drangen weiter vor; dann fing ich an, ihn zu malen, wie er als weißgelockter Greis mit einem rotwangigen Mädchen scherzt. Als aber die Haubitzen anfingen zu spielen, hörte ich auf zu malen und ließ die Büste wieder hinunterbringen und an ihren Ort stellen. Einer von meinen Schülern war auch mit bei dem Sturm auf das Kastell und ganz voran gewesen. Auf seinen Ruf, daß sie verfolgte Royalisten wären, öffneten die dummen[367] Kerle von der Besatzung ein Tor, um die Freunde hereinzulassen. Kaum hatten aber diese einen Fuß drinnen, so ging es an ein Würgen und Totschlagen; die anderen drangen nach, und das Kastell war verloren. Mein Schüler hatte eine rote Weste an, sein Kamerad eine blaue, ein dritter gab sein Hemd her; daraus wurde sogleich eine Nationalfahne zusammengeflickt und unter ihr die Republik beschworen. Von dem Kastell aus beschossen sie nun das sogenannte Wasser-Kastell. Die erste Kugel, welche hinüberflog, traf den Flaggenstock, an welchem die königliche Fahne wehte. Mit der Fahne fiel dem Kommandanten der Mut, und so ergab sich diese Feste gleichfalls. Nach diesen Vorgängen nun konnte es den Franzosen nicht schwerfallen, die Stadt zu überwältigen. Indessen galt es noch manchen Kampf. Man schlug sich in den Straßen. Die Lazzaroni, welche bisher alle Nächte unter dem Geschrei: »Alarto! Alarto! Il nemico è vicino!« mit Kanonen in der Stadt umhergezogen waren, hatten sich an der einen Seite des großen Platzes l'Area delle Pigne in einer Straße festgesetzt, und an der anderen Seite gerade unter meinen Fenstern, stellten die Franzosen eine Batterie auf. Nun ging das Knallen los. Zwischen den hohen steinernen Häusern machte das einen Lärm, als sollte die Welt untergehen. Man wurde fast taub. Meine Haustür war fest verrammelt, alle Fenster waren dicht zugemacht, und es blieb nichts übrig, als in Geduld das Ende abzuwarten. Man gewöhnt sich wahrlich an alles. Als der grausame Tumult eine Weile gedauert hatte, rief ich meinen Koch und sagte: »Es komme nun, wie es wolle, ich will zum wenigsten nicht hungrig aus dem Leben scheiden. Angerichtet!« Das Essen ward aufgetragen, und wir speisten bei einer Tafelmusik, wie man sie nicht leicht haben wird. Allmählich regte sich dann auch die Neugierde, zu sehen, was es draußen gäbe. Man suchte hie und da ein Loch zum Hinausgucken, und es war der Mühe wert. Nicht weit von[368] meinem Hause hatte ein Tischler einen Haufen alter Balken liegen aus dem zerstörten Hause des Duca della Torre, welcher nebst seinem Bruder, einem Geistlichen, erschossen, nachher zerhackt und in Tonnen verbrannt wurde. (Unter den Sachen, welche man aus dem Hause des Duca raubte, befanden sich auch einige treffliche Gemälde, unter anderen zwei Dominichinos: eine »Flucht nach Ägypten« und eine »Maria mit dem toten Christus«; ferner von Annibale Carracci »Die Frauen, welche das Grab Christi besuchen.«) Mit jenen Balken machten die Franzosen ihre Kochfeuer an und brieten sich Schweinerippen. Ganze Haufen lagen um das Feuer her. Hatte einer genug gegessen, so stand er auf, legte sein Gewehr an und schoß unter die Lazzaroni. Andere, welche ihre Patronen verschossen hatten, kamen zurück, aßen, ließen sich frische Munition geben, und dann wieder zum Schießen. Meinem Hause gegenüber vor den Studien war eine hohe Treppe. Auf diese schlugen die Kugeln von der anderen Seite her unaufhörlich wie Hagelwetter. Wer dahinter lag, war sicher, denn die Kugeln prallten hoch auf und über die Häuser fort. Unter den Franzosen war mir besonders ein schöner junger Grenadier aufgefallen, der sich durch eine seltene Länge auszeichnete. Man konnte nicht leicht einen stattlicheren Soldaten sehen. Der ging denn auch fleißig zum Schießen. Ich dachte gleich, daß ihn die Scharfschützen in Solimenas Hause, welches dem Tore gegenüberlag, aufs Korn nehmen würden; denn alle, die nur eben den Kopf über die Treppe hinausstreckten, kamen nicht wieder zum Vorschein. Kaum war er hoch genug gestiegen, daß seine Bärenmütze und ein Streif seiner Stirn hervorblickte, so kam seine Kugel; er fiel rücklings der Länge nach mit zurückgeworfenen Armen hinunter und rührte kein Glied mehr. Eine große Kanone, welche die Lazzaroni im Hafen gefunden hatten, stellten sie unter einem Tore auf, das meinem Hause gegenüberlag. Nachdem ein Schuß daraus[369] geschehen war, fingen die Franzosen an, auf diese Kanone zu schießen, welche nun von ihrer Bedienung verlassen wurde. Ein junger Mensch sprang noch hervor und wollte Hand anlegen, um das Geschütz zu retten, aber sogleich von vielen Kugeln getroffen, stürzte er tot hin, und die übrigen Italiener liefen davon. Bei dieser Gelegenheit wurde auch ein hölzernes Christusbild auf eine jämmerliche Weise zerschossen, die Arme und Beine hingen nur noch an einzelnen Splittern. Den jungen, schönen Menschen, welcher die Kanone retten wollte, hatte ich schon den Tag vorher bemerkt, wie er beschäftigt war, die Zeichen herunterzuwerfen, womit die Feinde diejenigen Häuser kenntlich gemacht hatten, welche sie verbrennen wollten. Bald darauf hörte ich einen Franzosen jämmerlich schreien und sah, daß er von einem Schusse getroffen rückwärts zu Boden fiel. Die Schwere seines mit geraubten Sachen ganz dick gestopften Tornisters hatte seinem Falle diese Richtung gegeben. Seine Kameraden sprangen herbei, hoben ihn auf und wollten ihm helfen, er aber sagte nur noch »Adieu, camarades!« und verschied. Mitten unter diesem tollen Lärm kam mein Stallknecht zu mir herauf und sagte: »Es sind Franzosen da, die wollen Euch als den padrone della casa erschießen und hernach uns andere alle!« Zwei meiner Schüler wollten für mich hinuntergehen; ich gab es aber nicht zu und sagte, das könnte nichts helfen, die Franzosen hätten mich verlangt, ich müßte also hinunter, es möchte daraus werden, was da wollte. Als ich die Treppe hinunterstieg, dachte ich, daß ich nun wohl nicht mehr nötig haben würde, mich rasieren zu lassen, was mir immer sehr peinlich war. Unten fand ich einen Offizier, der mich sehr beleidigend anredete: »Ihr Italiener seid Verräter! Ins Gesicht schmeichelt ihr uns, wenden wir aber den Rücken, so stoßt ihr uns den Dolch hinein. Achtzehn Offiziere und ein paar hundert Gemeine sind aus den Fenstern Eures Hauses erschossen; aber die große Nation[370] wird auch nicht viel Umstände mit Euch machen!« ? »Ihr nennt Euch die große Nation«, versetzte ich, »und wollt einen Menschen erschießen, ohne Euch überzeugt zu haben, ob er wirklich schuldig ist? Was Ihr da von den Italienern sagt, das trifft mich nicht, denn ich bin ein Deutscher.« Der Offizier wendete sich hierauf zu einem seiner Leute mit dem Befehl, einen deutschen Soldaten herbeizuschaffen. Als dieser kam, ging ich auf ihn zu, legte die Hand auf seine Schulter und sagte ganz ruhig: »Freund, bedeutet Eurem Offizier, daß er sich hinsichtlich meiner gewaltig irre; ich bin Lehrer an der Akademie, und das, was Ihr mit dem Könige von Neapel auszufechten habt, geht mich nichts an. Ich wollte mich wohl hüten, auf Eure Soldaten zu schießen.« Ich weiß nicht, wo ich den Mut hernahm, so dreist zu sprechen, die Situation zwischen allen den wilden, bärtigen Kerlen, denen mit ihren Flinten in der Hand die Zeit nach meiner Exekution schon lang zu werden schien, war keineswegs ermunternd. Amazon.de Widgets Als der Offizier sich vom Soldaten meine Antwort hatte übersetzen lassen, sagte er: »Ein Deutscher? Das ist ein anderes.« Er legte seine Hand an den Helm und setzte hinzu: »Dann sind wir gute Freunde. Lassen Sie uns hinaufgehen.« Ich wollte ihm Erfrischungen vorsetzen und fand bei der Gelegenheit, daß nur noch eine einzige Bouteille im Hause war. Auch gebrach es uns beiden an Schnupftabak, wir mußten uns also damit behelfen, die kleinen Reste aus unseren Dosen zu mischen; eine ordentliche Prise konnte man daraus nicht mehr nehmen, und holen konnte man auch keinen, weil jeder fürchten mußte, auf der Straße erschossen zu werden. Ein alter Grenadier, der noch dem vorigen Könige gedient hatte, verschaffte mir zum Glück noch zwei Brote. Man hatte den Bäckern alles Brot genommen. Nachdem der Offizier eine kurze Zeit bei mir gesessen, sagte er: »Hören Sie, wie noch immer geschossen wird, ich muß fort; denn ich darf dabei nicht fehlen.«[371] Am 23. Januar wurde den Lazzaroni der königliche Palast zum Plündern preisgegeben. Diese Erlaubnis befolgten sie aufs beste. Als ich hinkam, waren nicht allein alle Sachen von Wert weggetragen, sondern auch die nicht fortzubringenden, wie die prächtigen Spiegel, zerschlagen, damit jeder seinen Teil davon bekäme. Ein Bild, welches ich für den Kronprinzen gemalt hatte, »Hektors Abschied«, fand ich nicht wieder. Des Nachts drang ein Haufen Soldaten in mein Haus, um zu plündern, wilde Kerle mit Fratzengesichtern, worin kein Zug von menschlichem Gefühle mehr zu entdecken war. Auf ihre Hüte, welche ihnen schlapp um die Ohren hingen, hatten sie Lichter gesteckt. Einer trug eine Fackel, ein anderer ein Brecheisen, das er mir vor die Stirn hielt, um mir den Hirnkasten einzuschlagen, wenn ich nicht alles hergäbe, ein dritter setzte mir die Pistole vor die Brust und schwenkte den Säbel über meinem Kopf, als wollte er ihn damit spalten. Ich sah, daß er Patronen in der Hand hatte, die er mir in die Kamisoltasche stecken wollte; ich wich noch zur rechten Zeit aus. Fanden sie die Patronen bei mir, so hatten sie das Recht, mich auf der Stelle totzuschießen. Sie trugen sehr große Tornister. Ein Offizier sagte mir, einige hätten wohl vier-, fünf- und mehrere hundert Dukaten zusammengeplündert. Stürbe ein solcher, so würde das Geld nach Frankreich an seine Familie gesendet. Während ich nun mit diesem Gesindel kapitulierte, kam ein Elsässer, der deutsch sprach und den ich schon vor meinem Hause gesehen hatte, wie er einen Menschen über den Haufen stach; er rühmte sich, schon viele erschossen zu haben. Dieser wies die Marodeure fort. Sie wollten ihm nicht gehorchen, sondern warfen ihm vor, daß er seine Kriegskameraden wegweisen wolle. Er drohte aber mit Schlägen; das half, sie entfernten sich. Er aß mit mir, denn man mußte alles aufbieten, um die nur einigermaßen menschlich Gesinnten beim Guten zu erhalten. Er bediente sich[372] eines Messers, gerade wie die Italiener es zum Totstechen gebrauchen, und wenn er mir in seinem lebhaften Gespräche etwas recht deutlich machen wollte, fuhr er immer mit dem Messer gegen mich ein, was mir eine sehr unangenehme Empfindung verursachte. Nach diesem kam ein kleiner, rotgekleideter Franzose, der aber äußerst höflich war. Ich ließ mich ins Gespräch mit ihm ein und erzählte, daß ich den Maler David recht gut gekannt hätte. »Warum geht Ihr nicht nach Paris?« fragte er, »das ist der rechte Ort für Künstler, da würdet Ihr geschätzt sein und Euch wohl befinden!« Es war ein beliebter, geistreicher Mensch, und ich hätte ihn gern einmal wiedergesehen, aber er durfte seinen Posten nicht verlassen. Einem Leutnant, welcher Brillantschnallen an den Knien und auf den Schultern trug, wahrscheinlich gute Kriegsbeute, zeigte ich mein Bild: »Hektor, wie er dem Paris seine Weichlichkeit vorwirft.« Das gefiel ihm so sehr, daß er ausrief: »Wenn ich nicht Soldat wäre und das Malen gleich so verstände wie Ihr, so möchte ich ein Maler sein!« Mehrere Soldaten hielten mich für einen Konditor, sie sahen die Gipsabdrücke in meinem Zimmer für Zucker an und überzeugten sich erst von ihrem Irrtume, wenn sie daraufgebissen hatten. Ein Privatsekretär der Königin, welcher viele schöne Antiken besaß, hatte einen Jupiter Ammon mit den Widderhörnern nach dem Studio bringen lassen, wo er restauriert werden sollte. Die Franzosen aber durchschossen die Tür und trafen unglücklicherweise diesen Kopf aufs Auge, die Kugel riß ein bedeutendes Stück weg. Eine schöne Restauration! Als ich schon glaubte, daß der schlimmste Lärm vorüber und die Stadt eingenommen wäre, sah ich plötzlich meinem Hause gegenüber ein Kloster brennen, Äbtissin und Nonnen wurden gemißhandelt, und eine derselben, die sehr schön war und für deren Auslieferung die Familie viel Geld geboten hatte, wurde vierzehn Tage lang zurückbehalten.[373] Wenn man auf der Straße ging, wurde man oft von Begegnenden plötzlich gefragt, ob man zur Partei des Königs oder der Republik gehöre? Da man nun nicht wußte, mit wem man es zu tun hatte, so war man immer in Angst und Gefahr, von einem Feinde niedergestoßen zu werden. An den Straßenecken waren Galgen errichtet für die Royalisten, und alle Neapolitaner mußten die französische Nationalkokarde tragen, welches die meisten nur mit dem größten Widerwillen taten. In meinem Hause hatte ich einen Hauptmann aus der so unglücklich berühmt gewordenen Familie Calas. Er war ein kleiner, sehr artiger Mann, welcher versicherte, er bliebe nur bei mir, um mich zu schützen. Er erzählte mir, sein Vater hätte ihn, da er noch ein Knabe gewesen, bei den Kriegsunruhen in der Gegend seiner Vaterstadt auf die Anhöhen geführt und die Wachtfeuer ringsumher gezeigt; dieser Anblick hätte seine Neigung zum Soldatenstande geweckt und für sein ganzes Leben entschieden. Nachdem die Stadt eingenommen und die Ruhe wiederhergestellt war, ließ der General Championnet mich zu sich rufen. Er empfing mich aufs höflichste, und ich mußte mich zu ihm aufs Sofa setzen. Es wäre leicht zu denken, äußerte er, daß solche Unruhen von vielen Menschen benutzt werden möchten, um Statuen oder andere Antiken zu entwenden; da ich nun Deputierter der farnesischen Altertümer wäre, so würde ich ohne Zweifel die Schlüssel zu den Zimmern haben, in denen die Antiken ständen. Er setzte hinzu: »Wir wollen sie nicht haben, wir wollen nur dafür sorgen, daß sie nicht verlorengehen, und dazu verlangen wir Ihre Nachweisung und Hilfe.« Meine Antwort war, die Antiken wären mir alle genau bekannt, sie ständen aber hier und dort zerstreut, und wir kämen nur zusammen, um uns darüber zu besprechen, was sie vorstellten und welcher vorzügliche Kunstwert die einzelnen auszeichnete. Amazon.de Widgets Ich hatte schon gehört, daß ein gewisser Pasqual, welcher[374] vor der Revolution in Versailles Priester gewesen, Championnets rechte Hand wäre. Dieser war zugegen und hörte genau auf unsere Unterredung. Als der General mich sehr freundlich entließ, bat ich ihn, wenn er ein Kunstfreund wäre, zu mir zu kommen, wo ich ihm viel Sehenswürdiges zeigen könnte. Nun trat der Bürger Pasqual hervor, redete mich an, faßte mich unter den Arm und ging mit mir in dem langen Saale auf und nieder. Auch den lud ich ein zu mir, wenn er die Kunst liebte. »O ja!« sagte er und winkte einem Adjutanten, den Wagen vorfahren zu lassen; er wollte sogleich mit mir. Wir drei stiegen ein und fuhren nach meinem Hause, wo ich ihnen die homerischen Kupfer und die Zeichnungen vorlegte, welche noch gestochen werden sollten. Pasqual sprach über das schöne Land, welches so viele Schätze enthielte, und sagte, wie man hier so große Dinge zustande bringen könnte, wenn man sich nur die Mühe geben wollte. Er war mit dem Homer gut bekannt, der Adjutant aber noch besser. Als wir meine Zeichnungen nach Antiken durchgesehen hatten, sagte er: »Kommen Sie mit zur Tafel und wiederholen Sie das alle Tage, wenn es Ihnen bei uns gefällt.« Wir fuhren wieder hin und fanden alle Generale und eine Menge Stabsoffiziere schon an der Tafel. Nach Tische führte Pasqual mich in ein Kabinett, stellte sich an den Kamin, und wir sprachen weiter über den Homer. Auf einmal trat er vor mich hin und sagte: »Sie sollen Generaldirektor über alle Kunstwerke in ganz Italien werden.« Die Franzosen betrachteten damals Italien schon wie ihre Provinz. Ich erschrak und dachte, das ist eine Falle. Sie merken recht gut, daß du von allem Bescheid weißt, und weil du in deiner Unbefangenheit davon zuviel hast merken lassen, so wollen sie durch dich herausbringen, wo überall die besten Sachen stecken, um sie wegzunehmen und nach Paris zu bringen. Meine Verlegenheit war nicht gering, besonders weil ich keiner von denen bin, welche sogleich eine entscheidende Antwort zu geben[375] wissen, sondern mir in der Regel erst den folgenden Tag einfällt, was ich hätte sagen sollen. Hier aber kam mir doch zum Glück ein guter Gedanke. Es lebte in Neapel ein gewisser da Luca, ein starker Grieche, welcher den Homer fleißig studierte, ihn übersetzte und sich so in die homerische Welt vertieft hatte, daß er behauptete, es wäre nichts auf Erden, was nicht schon im Homer vorkäme. Regierungskunst, Politik, Kriegswissenschaft, wie ein Hausvater seiner Familie vorstehen müsse, alles könnte man aus dem Homer lernen, sogar wie man Linsen am besten weich koche. Den nahm ich mir zum Vorbilde. Ich rühmte die Kriegskunst der Franzosen und sagte, man könnte wohl sehen, daß sie aus dem Homer gelernt hätten, und wenn sie so mit Erobern fortführen, würde es bald Friede werden; der Trojanische Krieg hätte auch zehn Jahre lang gedauert. Wonach man immer fragte, meine Antwort wies gleich auf den Homer hin; wovon einer mit mir sprach, ich brachte den Homer ins Spiel, es mochte so toll herauskommen, wie es wollte, immer und immer den Homer, als ob ich nichts anderes wüßte, sähe und träumte. Nachdem ich das eine Weile getrieben hatte, bemerkte ich in der hohen Meinung, welche Herr Pasqual anfangs von mir zu hegen schien, eine große Veränderung. Er fing an mich zu bedauern, und es währte nicht lange, so war er fest überzeugt, daß ich über dem alten griechischen Zeug meinen Verstand verloren hätte. Da ließ er mich in Ruhe, und von dem Generaldirektor über alle Kunstwerke Italiens war nicht weiter die Rede. 
 Reise mit Goethe nach Neapel  [275] Am 22. Februar 1787 reiste ich mit Goethe von Rom nach Neapel. Es wurde mir leicht, ihn auf alles Sehenswürdige aufmerksam zu machen, was sich auf diesem Wege zeigte, den ich schon einmal zurückgelegt hatte, da mir die schönsten Stellen noch lebhaft in der Erinnerung waren. Fast jeder Stein von den alten verfallenen Gräbern in der Nähe und Ferne wurde begierig aufgesucht und ins Auge gefaßt. Zunächst ging es den Hügel hinan, worauf Albano liegt und wo man eine große Fläche des Tibertales übersieht. Diese Hügel gaben Rom die große Mauer und machten es zu dem, was es wurde. Der Weg geht bergauf und -ab. Unser Vetturino machte vor einer Osteria halt, welche an einem abhängigen Wege lag. Wir standen eben an der steilen Wand dieses Hohlweges, um die verschiedenen Erdlagen zu betrachten, als wir plötzlich ein Geräusch dicht hinter uns vernahmen. Indem ich mich unwandte, sah ich einen Wagen mit Ochsen bespannt den schrägen Abhang herunterlaufen. Der Wagen drückte so gewaltig auf die Ochsen, daß sie ihn nicht aufhalten konnten. Dicht zwischen unserer Sedia und uns durch stürmte er herunter, und der Führer lief ganz bestürzt hinterher. Man denke sich meinen Schreck! Ich, der Begleiter und Schützer von Goethe, hatte mir ja vorgesetzt, ihn zu hüten, wie eine Mutter ihren Säugling, dieses Kleinod für die Welt, diesen lieben Freund, und nun wäre er fast in einer Minute gerädert worden und ich mit ihm! Unser Vetturino, der den Wagen herunterstürmen sah,[276] kam herangestürzt, um seine Pferde zu retten, aber ehe er sie zur Seite lenken konnte, jagte der Ochsenwagen schon vorbei. Wäre dieser auf sein Fuhrwerk gestoßen, so wäre alles zertrümmert. Der Vetturino blieb wie versteinert stehen und biß sich auf die Finger, den Ochsenführer mit grimmigem Zorne anschauend, und sagte fluchend: »Per Cristo ed i Santi! Könnten es alle Heiligen im Himmel einem verdenken, einen Mord zu begehen! Was hindert mich, dir eine Coltellata zu geben?« Der erschrockene Ochsenführer konnte sich noch nicht von seinem Unglück erholen, als ihn der erzürnte Vetturino in noch größere Gefahr setzte. Er blieb in so demütiger, gebückter Stellung, wie ein von aller Hilfe Verlassener, da, wo die tollen Ochsen zu rennen aufgehört hatten, stehen, daß er Mitleid erweckte. Der Vetturino fing nun an ruhiger zu werden, biß sich aber noch immer auf die Finger und sagte: »Es ist ein Jammer, wenn einer Lenkseile über Ochsen hat und weiß sie nicht zu führen!« Die Gefahr war indessen so blitzesschnell vorübergegangen, daß Goethe sie kaum bemerkt hatte, was mir lieb war. So glücklich das Unglück auch abgelaufen war, so hatte es mich doch verstimmt, und es überfiel mich ein Schauder, wenn ich daran dachte, daß die Ochsenhörner und der schwere Wagen uns so nahe am Rücken vorbeigerannt waren. Auch die Pontinischen Sümpfe passierten wir. Von ihnen ist viel Land gewonnen und urbar gemacht worden, aber es ist auch mit Menschenblut gedüngt. Freilich sagt man, daß zu großen Zwecken große Mittel angewandt werden müssen; hier galt es, eine reiche Fruchtkammer für kommende Geschlechter zu schaffen. In Neapel war unser erster Weg zum Cavaliere Venuti. Ich hatte ihn schon in Rom kennengelernt bei dem Bildhauer Albacini, von dem er Statuen restaurieren ließ für den König von Neapel. Man wollte die farnesischen Kunstsachen nach Neapel schaffen und dort ein Museum errichten.[277] In Neapel erneuerten wir unsere Bekanntschaft, und er erwies mir ungemein viel Höflichkeit und wahrhafte Freundschaft. Er führte uns nach Pompeji; seine Gemahlin und der Kupferstecher Georg Hackert waren auch mit. Ich freute mich der Insekten, die hier in unzähliger Menge im Grase leben. Bei jedem Tritte fliegen diese Geschöpfchen hervor, die bei ihrer zierlichen Gestalt auch die schönsten Farben haben. Wenn sie die Flügel ausbreiten, schimmert das höchste Purpurrot hervor, andere haben das glänzendste Azurblau, wieder andere sind von Orangefarbe. Die verschiedenen Arten sind nicht zu zählen, eins ist schöner als das andere, und ich mußte mich nur in acht nehmen, indem ich den Fuß niedersetzte, die lieblich schimmernden Wesen nicht totzutreten. Bei jedem Tritte sprühen sie wie Funken aus dem Grase, und der Grund wimmelt davon. Die meisten haben Psycheflügel. Amazon.de Widgets In einem Saale des Museums stehen die alten römischen Kaiser in zwei langen Reihen und wirken wie die Konterfeis im großen Ahnensaale der Geschichte. Auf ihren Gesichtern kann man den Herodian und Tacitus repetieren. Nero, tiefsinnig, ein sich seiner nicht bewußt gewordener Held, die langen aufwärtsstehenden Ohren wie ein Tier zum Lauschen reckend; Tiber, Hohn und Verachtung zwischen die feinen Lippen klemmend, die von zwei Backenwülsten umgeben sind, niedrige Stirn, steife Haare, spitze Nase; Trajan (Napoleon), viel Beweglichkeit in dem melancholischen Gesichte, große Augen; Galba, dicken Hals mit feinem Kinn; Titus (Bourbon), behaglich; Otho, glatte, unbestimmte Majestät; Maximian, schönen Kopf, skeptischer Zug; Heliogabal, Hyänenschönheit; Marcian, gewöhnliches Weibergesicht; Vitellius, Ähnlichkeit mit dem jungen König von Neapel, nur schärfer, älter; Antonin, kolossale Büste, volles Gesicht, freundlich; Domitian, Ähnlichkeit mit Trajan, aber daneben Züge von Grausamkeit; Caracalla, schönes wildes Räubergesicht aus Kalabrien; Commodus, Kopf[278] von einzigem Ausdruck, unbedeutend; Lucius Verus, sehr besorgten Backenbart, Solonsgesicht; Caligula, ungeheuren Hinterkopf, breiten Mund zur spitzen Nase; Augustus, Melancholie, napoleonisch, sehr italienische Nase, hohe Stirn, Mund verachtend; Nerva, gemeines, scharf durch Alter gezeichnetes Gesicht; Vespasian und Hadrian wie Titus, drei recht behagliche Bierwirte; Cäsar, beherrscht sie alle, denkende Stirn, lachenden Mund, glanzvolle bedeutende Majestät. Viele glauben, daß nur die Holländer Tiere gemalt hätten; aber auch die Griechen haben ihre Kunst auf Darstellung der Tiere angewandt. Es läßt sich auch leicht denken, daß ein so feines Volk, welches sogar ein Denkmal baute für einen Vogel, der einem Kinde gestorben war, die Tiere beobachtete, gern um sich hatte und auch oft in der Kunst nachahmte. Ein Beweis sind die gemalten Tiere aller Art, welche man in Herkulaneum und Pompeji sieht. Die Zeichnung, der Charakter und das Eigentümliche der Bewegung sind vortrefflich. Löwen, Tiger, Adler haben wir viele von ihnen, aber auch kleine Tiere, u.a. eine Amsel, die eben hüpft, um eine Weinbeere zu naschen. Diese momentane Eigenheit der Bewegung setzte mich in Verwunderung und schwebt mir noch vor Augen. Auch von kleineren Vögeln, die oft so traulich in den Hecken sitzen, sind einige in Herkulaneum gemalt, und zwar so eigentümlich, daß man daraus sehen kann, wie sie die Tiere studierten. Besonders war der Adler, der mächtigste der Vögel, ein Liebling der alten Bildhauer und Maler. Man findet noch sehr viele von großer Kunst, u.a. ist uns ein stehender Adler von Marmor aus der guten Zeit der Bildhauerei übriggeblieben, welcher vermutlich neben einer Statue Jupiters stand. Er ist voll majestätischer Kraft, sein Blick drohend und flößt Furcht ein. Besonders die kleinen gemalten Adler in Herkulaneum sind mit vielem Geist und Leben ausgedrückt. Die Griechen waren an den Genuß des Auges gewöhnt. Um ihm Nahrung[279] zu verschaffen, malten sie an die Wände ihrer Wohnung leichte Bilder, welche die Phantasie und das Nachdenken weckten. Um es nicht kostbar zu machen, wurde mit weniger Zeit nur die Andeutung einer Naturkraft dahin gemalt. Das Treiben der Natur z.B. war oft nur durch einen Zweig mit Laub, Blüte und Frucht angedeutet, mit einem Gewande das unergründliche Geheimnis der Natur, das hinter einem Vorhange verborgen liegt, von geflügelten Sphinxen bewacht; ein Adler deutete auf den Jupiter, die hohe Gewalt, Keule und Bogen auf den Herkules, eine Taube mit einem Myrtenzweige auf die Venus, ein Kopf auf das geistige Wirken der Natur. Als ich in das Herkulaneum, in diese geistige Welt, kam, fühlte ich mich wirklich von dieser Erde weggerückt. Da ist die Phantasie in ihrer Blüte! Welche Ideen, welch ein Auge für das Schöne haben die Menschen gehabt! Alle diese Gebilde der Phantasie nannte man auf eine ungeschickte Art »Arabesken«. Allein, die Verzierungen der Araber sind unbedeutende Schnörkel. Sie haben nichts gemein mit diesen Bildern des heiteren Lebens. Die arabischen Erfindungen sind, als wenn einer schön schreiben will und erst die Feder in allerlei Zügen und schlanken Strichen versucht, ob sie mit Schatten und Licht schreibt. Unter den willkürlichen Schwüngen kommen zierliche Buchstaben in die Schnörkel. Leicht wird es dabei dem Künstler, auch Figuren von guter Stellung und Wendung anzubringen, aber dem Liebhaber wird es schwer, sie herauszufinden. Der schöne Genius des Griechenvolkes aber bildete wie der Schöpfer mit Bestimmtheit und Klarheit. Ordnung, Schönheit, Bedeutung und Leben leiteten seinen Kunstsinn. Die Araber hingegen überladeten ihre Gebäude und Gefäße mit sinnlosen Figuren, von denen sie selbst keine Vorstellung hatten. Man findet diese grillenhafte Kunst einer ungebildeten Hand noch viel in Italien, und sie hat Veranlassung gegeben, die griechischen Bilder, welche voll Bedeutung[280] sind, Arabesken zu nennen. Selbst Raffael und auch neuere Künstler haben ohne Bedenken griechische, gotische und arabische Bilder so vermengt, daß man die echten von den falschen nicht zu unterscheiden vermöchte, wenn nicht die wieder aufgefundenen Städte Herkulaneum und Pompeji eines Besseren belehrt hätten. Nachdem wir uns lange an der schönen Gegend ergötzt hatten und vom Anschauen der ausgegrabenen Antiken und so vielfacher Gegenstände ermüdet waren, gingen wir nach Torre dell' Annunziata, wo uns in einer Osteria ein Mittagsmahl erwartete. Hier wurde viel gescherzt, aber der rechte Spaß begann erst nach dem Essen. Wir gingen an den Strand des Meeres, welcher gerade hinter dem Hause war. Die meisten streckten sich hier auf den Sand nieder, der sanft wie Sammet ist. Doch war ihre Ruhe nur von kurzer Dauer. Sie sprangen bald wieder auf, und der gute Lacrimae Christi, welcher in die Köpfe gestiegen war, tat seine Wirkung, besonders bei Hackert. Sie fingen an zu schäkern und sich mit Sand zu werfen. Die Marchesina Venuti, welche einen munteren Geist hatte, wollte sich nicht überwinden lassen. Beide Hände griff sie voll Sand und warf damit. Nun wurde der Kampf allgemein; jeder wurde beworfen und jeder griff nach Sand, anfangs nur nach trockenem, dann nach feuchtem und endlich nach ganz nassem, so daß alle ganz übertüncht wurden. Dann fielen sie erschöpft zur Erde, aber kaum ausgeruht, erneuerten sie den Kampf mit noch größerem Eifer. Jetzt wurde nur nach dem nassesten im Wasser gegriffen; der Gegner wollte das Einsammeln dieser anklebenden Munition verhindern und stieß den, welcher sich eben danach bückte. Dadurch kam der ins Wasser, und damit auch der andere naß würde, zog er ihn nach. So begann nun der Kampf im Meere. Sie benetzten sich mit Seewasser und trieben sich in dem nassen Elemente umher, wo dann die Kampflust abgekühlt wurde. Ganz ermattet streckten sie sich auf den Sand an der Sonne;[281] in kurzer Zeit war alles wieder trocken, der Sand fiel ab und ließ nicht den geringsten Fleck nach. Das Ufer ist hier so flach, daß man weit ins Meer hineingehen kann, ehe das Wasser bis an die Waden steigt. Goethe hatte sich vom Kampfe abgesondert und klopfte Stücke von den Felsblöcken, welche hier liegen, um die Brandung zu brechen, und untersuchte die Steinarten. ? Von da fuhren wir mit Venuti nach seinem Hause. Alle Abende versammelte sich bei ihm eine Gesellschaft von Liebhabern der Künste und Wissenschaften. Da wurde über vielerlei gesprochen. Er besaß viele Kunstsachen, Antiken von Bronze, etrurische Vasen, und war für einen Dilettanten ein braver Zeichner und Maler. Unter andern hatte er den Homer gemalt, wie er sitzt und singt, um ihn her die Helden des Trojanischen Krieges im Elysium als Schatten, eine Komposition, welche ihm Ehre machte und sein dichterisches Talent zeigte. Dann suchte ich meinen Freund Kniep auf, der schon geraume Zeit in Neapel lebte; aber niemand konnte mir seine Wohnung angeben. Selbst Hackert wußte sie nicht, und alle, die ich nach ihm fragte, hatten ihn wohl zuweilen gesehen, aber sein Aufenthalt war niemandem bekannt. Ich hatte Goethen schon vieles von ihm erzählt, von seinem ausgezeichneten Talent und der großen Geschicklichkeit im Landschaftzeichnen, welchem Fache er sich ganz gewidmet hatte, so daß auch Goethe begierig geworden war, ihn kennenzulernen. Daß es ihm nicht gut gehe, hatte ich wohl gehört. Leider verkehrte er nur mit Menschen, die unter ihm standen, die ihm stets ehrerbietig zuhörten und ihn für etwas Großes hielten, während er alle floh, von denen er merkte, daß sie sich nicht viel aus ihm machten. Endlich bezeichnete mir ein alter Lohnlakai sein Haus; ich ging hin und fand ihn in der obersten Etage. Als ich an die Tür klopfte, rief eine schwache Stimme »Herein!« Aber ich kannte sie gleich, und als ich aufmachte und er mich sah, sprang er von seiner Zeichnung auf, umarmte mich und[282] sagte: »Ihr kommt mir wie ein Schutzengel!« In seiner Stube herum hingen viele Zeichnungen von den schönsten Gegenden Neapels, die er alle an Ort und Stelle aufgenommen hatte. Die Arbeit, womit er sich eben beschäftigte, war für einen Holländer, dem ich ihn von Rom aus empfohlen hatte. Es fehlte ihm gar nicht an Bestellungen, aber seine Preise waren zu gering, und er arbeitete zu lange an seinen Sachen, weil er alles aufs genaueste ausführen wollte. Dabei konnte er nicht bestehen. Als er hörte, daß auch Goethe in Neapel sei, stieg seine Freude noch höher, und er ging gleich mit mir, um ihn zu sehen. Dem gefiel er, und von nun an war er täglich bei uns. Goethe bestellte bei ihm Zeichnungen von neapolitanischen Gegenden, und ich riet ihm, statt meiner den Kniep mit nach Sizilien zu nehmen, der könnte ihm die schönsten Gegenden auf der Reise zeichnen, und so entstände daraus ein doppelter Vorteil: für Kniep wäre diese Reise ein Glück auf zeitlebens, und Goethe erhielte durch die Zeichnungen ein sichtliches Andenken daran. Dies wurde denn auch beschlossen, Kniep reiste mit. Amazon.de Widgets Eines angenehmen Tages erinnere ich mich, den wir in Bajä zubrachten. Prinz Christian von Waldeck, der zu der Zeit in Neapel war, lud uns ein, mit ihm jene Gegend zu sehen. Nachdem wir den Golf von Bajä durchfahren und die Gegend durchwandert hatten, speisten wir in einer Villa, welche einem Freunde des Prinzen gehörte. Sie lag auf der Höhe der Solfatara und hatte die schönste Aussicht auf den Golf von Pozzuolo. Der Prinz von Waldeck war mir sehr gewogen, bestellte verschiedene Arbeiten bei mir und bezahlte sie sehr gut. Er kaufte auch eine Sammlung Medaillen, antike Bronzen, Statuen, Porträts in Öl und Miniatur, worunter wertvolle Bilder von Guido, Carracci, Bloemen und anderen waren. Von meinem Freunde Trippel ließ er Goethes Büste in Marmor fertigen.[283] Beiläufig muß ich doch noch eines mir interessanten Vorfalles gedenken, den ich mit Goethe in der Locanda di Mariconi hatte. Goethe forderte Wasser zum Trinken, und da ich auf alles acht gab, was er zu sich nahm, so bemerkte ich, daß in dem Glase das Wasser trübe sei, warnte ihn und verlangte, daß man ihm anderes hole. Man erwiderte, daß man kein anderes hätte, es sei gutes, gesundes Wasser und aus der Zisterne, woraus sie alle täglich tränken. Wir besahen es genau und fanden es voll lebender Insekten von wunderbaren Gestalten, krebs- und taschenkrebsartige, mit Scheren und ohne Scheren, aalförmige usw., welche mit der lebhaftesten Bewegung durcheinanderschossen. Goethe meinte: »Das Wasser kann gut sein, schmecken doch Austern und Krebse und andere Meererzeugnisse gut; aber das nicht allein, es kann auch heilsam sein.« Er trank es, wir ließen uns die Zisterne zeigen und schöpften mit einem Glase aus dem Grunde die schönsten Gestalten von Geschöpfen hervor und machten dabei unsere Betrachtungen über die produzierende Natur in dieser warmen Gegend. Als ich von Goethe in Neapel Abschied genommen, der mit Kniep nach Sizilien reiste, kehrte ich im Mai desselben Jahres mit Prinz Christian von Waldeck wieder nach Rom zurück. Da die Postillione, welche von einem solchen Herrn reiche Trinkgelder zu erwarten haben, in der Regel sehr schnell fahren, so ging es denn auch fast immer im Galopp, und mein Blut ward durch das rasche Fahren so erhitzt, daß, als wir in Rom ankamen, ich die Nacht vor Hitze nicht zu bleiben wußte und mich nach frischer Luft verlangte. Kaum graute der Tag, so ging ich ins Freie. Hier sah ich einen Mann gegen mich heranreiten, der mir im blauen Morgennebel größer erschien, als er wirklich war. Er hatte ein braunes Schaffell um und vor sich ein paar Lämmer über dem Pferde liegen, die an der Seite herunterhingen. Diese dunkle Manneserscheinung auf dem schwarzen Pferde[284] machte meine Phantasie rege. Ich überdachte im weiten Umfange, was der Mann sei und wie er erhaben über alle Geschöpfe herrsche. Er macht sie sich untertan, nutzt sie zu seinem Gebrauche, holt sie aus den Forsten, von den Höhen, fängt sie auf den ausgebreiteten Ebenen; keins kann ihm entgehen, er eignet es sich zu. Er schlachtet es, zieht ihm das Fell ab und kleidet sich damit, bereitet sein Fleisch zum Leckerbissen, beladet ein anderes Tier damit, setzt sich selbst darauf und läßt sich hintragen, wo es ihm beliebt zu speisen. ? Als mir eben die Zeit lang wurde, blieb ich vor dem Kloster zur Kirche S. Maria del Popolo stehen, wo gerade der Pförtner in der Tür stand. Ich fragte den alten Mann nach einem gewissen Bilde, welches ich bisher vergebens in der Kirche gesucht hatte. Er sagte mir, daß sich dasselbe nicht in der Kirche, sondern im Kloster befinde, und ich wurde in das Zimmer geführt, das man die Forestiera nennt, wo die reisenden Pfaffen einlogiert werden. Hier sah ich das Bild mit großem Vergnügen, aber auch mit großer Rührung, denn ich dachte, ich stehe in dem Zimmer, in welchem einst Doktor Martin Luther wohnte! Amazon.de Widgets Als ich auf dem Rückwege an die Stelle kam, wo mir der Mann zu Pferde begegnet war, fiel es mir ein, daß dies ein Stoff zum Malen sei, nur müsse er veredelt werden, denn Schafe, die am Pferde hängen, sind ein erbärmlicher Gegenstand. Indem ich in meinem Hause die Treppe hinaufstieg, fielen mir von Stufe zu Stufe schönere Geschöpfe ein, welche ich anbringen könnte: der Mensch, das Pferd, der Hund, der Löwe, und als ich auf der höchsten Stufe war, der Adler. Ich ging gleich dabei und machte ein kleines Bild davon. So entstand schon vor vierzig Jahren diese Idee, welche ich erst später ins Große ausführte. Da Kenner die Zusammensetzung lobten und Liebhaber es oft von mir zu haben verlangten, so ist es im kleinen, vor der größeren Ausführung, schon viele Male vorhanden. Ich nannte es »Des Mannes Stärke«. De Rossi, der die Werke der jüngeren[285] Künstler durch eine Zeitschrift der übrigen Welt bekannt machte, schrieb vorteilhaft über dieses Bild, und auch Visconti kam, es zu sehen, und führte mir verschiedene römische Prinzen zu, denen es gefiel. 
 Knabenjahre im Elternhaus  Mein Vater hatte in seinem Pulte eine Bibel, worin er den Tag und die Stunde geschrieben, wann ihm ein Söhnlein öder Töchterlein geboren war. Darin stand: »1751 den 15. Februar zwischen 4 und 5 Uhr morgens wurde mir ein Knäblein geboren, den nannte ich Johann Heinrich Wilhelm.« Das bin ich! Die fünfte Stunde morgens ist eine schöne Stunde, aus dem dunkeln Schlaf ins lebendige Licht zu treten. Es sind nun sechzig Jahre, daß ich auf der Welt bin. Dreißig Jahre lang bin ich immer mit und vor der Sonne aufgestanden, habe die Hälfte der Nächte geträumt, habe also doppelt soviel gelebt als einer, der nicht früh aufsteht und nicht lebhaft träumt. Meiner Existenz ward ich zuerst inne, als ich auf die Nase gefallen war. Meine Mutter hatte mich, da ich noch nicht gehen konnte, einem Burschen zur Wartung übergeben. Der stellte mich vor unserer Tür an eine Ziege, die Apfelschalen fraß. Solange das Tier still stand, konnte ich mich daran halten; aber während ich mich über dasselbe freute, sprach er mit jemand anderem und ließ mich allein. Als nun die Apfelschalen verzehrt waren, ging die Ziege fort, und da ich noch nicht allein stehen konnte, fiel ich auf die Nase. Über mein Jammergeschrei kam meine Mutter herzugelaufen und schalt den Jungen, daß er mich so habe fallen lassen. Da erfuhr ich, daß ich etwas wert sei, indem so viele um mich bemüht waren und mir das Blut abtrockneten, mich beklagten und jenen Menschen schalten.[5] Nachdem die Erkenntnis bei mir auf eine so empfindliche Art durch Schmerz geweckt und ich nun meiner bewußt war, wurden mir auch nach und nach die Dinge und Menschen bemerklich, die mich umgaben. So lernte ich durch sanfteren Händedruck das Wohlwollen, die Liebe, meine Mutter und meinen Vater kennen; ich merkte, daß ich von ihr Gutes und Pflege erhielt, Schutz in ihrer Nähe und Warnung in der Ferne hatte. So hing ich an ihr wie sie an mir. Kühn auf ihren Schutz, wurde ich freier und entfernte mich von ihrem Schoße; denn ihre Augen hatten acht, und ihre Arme und Hände schützten mich. Aus ihren Händen lief ich in des Vaters Arme, der mich oft kräftig in die Höhe hob und mich Mond und Sonne sehen ließ. Und es wurde heller um mich, und ich sah immer deutlicher ein, wie sich dies und das von jenem unterschiede. Von meiner Mutter lernte ich sprechen, von dem Vater aber die Sachen mit dem rechten Namen nennen. Der enge Kreis von Kenntnis wurde erweitert. Fern von unserer Wohnung lernte ich das Haus meiner Großeltern kennen, den Großvater und die Großmutter mit ihren Kindern und Kindeskindern, welche bei ihnen wohnten und mit denen wir oft zusammenkamen. Dort erhielten wir Kinder die erste Aufmunterung zu nützlicher Beschäftigung. ? Doch ehe ich weiter von mir etwas sage, muß ich von meinen Großeltern, Vaters Brüdern und Schwestern erzählen. Wem daran gelegen ist, den einzelnen Menschen genau zu erforschen, dem wird dies leichter, wenn er die ganze Familie desselben kennt; denn die hat ähnliches, und man sieht den Einfluß, der auf ihn wirkt, und wie er jedes aufnimmt und betrachtet. Man findet auch wohl Menschen in weiter Ferne, die man vorher nie gesehen hat, bei denen man sich aber auf den ersten Blick für überzeugt hält, daß sie zu einer Familie gehören, die man kannte. Auch verdienen es meine Großeltern, gekannt zu sein, und ich rechne sie zu den Edelsten, welche ich auf meinem Erdenwallen gefunden habe.[6] Der Mensch, welcher gewissenhaft seinen Beruf erfüllt, daneben für sich und andere Nützliches wirkt, durch sein Beispiel dazu beiträgt, Menschen zu veredeln, und zum Nötigen auch das Schöne schafft und das Gute, der ist der Ehre seiner Mitbrüder wert, und sein Name und sein Wirken verdient bei der Nachkommenschaft erhalten zu werden. Das Glück und das Ungefähr führt oft Menschen von großen Geisteskräften auf den Weg, glänzende Taten auszuführen; aber bei den Geringen, die im stillen ohne Lärmen Gutes wirken, da sind die wahren Tugenden. Johann Heinrich Tischbein, so hieß mein Großvater, von dem alle Künstler dieses Namens abstammen. Wie man mir erzählte, war er aus Marburg nach Haina gekommen, wo er die Hospitalbäckerei übernahm. Meine Großmutter war aus Bingen am Rhein, Tochter eines Schlossers Hinsing, der auch künstliche Uhren machte und selbst an einem Weltsystem arbeiten half. Sie kam mit der Obervorsteherin des Hospitals als Gesellschafterin nach Haina, und als sie einfuhren, waren viele Menschen versammelt, um ihre Oberin zu sehen. Auf der Brücke nun sagte die Obervorsteherin scherzend: »Susanne, da steht einer mit braunem Haar, der muß dein Bräutigam werden.« Aus dieser Vorhersagung wurde Ernst. Sie sahen sich, gefielen einander, heirateten sich und wurden die Eltern von sieben Söhnen und zwei Töchtern. ? Der Wirkungskreis meines Großvaters war sehr beschränkt; hatte er aber sein Berufsgeschäft vollendet, dann füllte er die übrigen Stunden mit Drechseln und Tischlern aus, bildete schönes Hausgerät, hübsch ausgelegte Nähkästchen und Klöppelchen, womit die Großmutter zierliche Spitzen schlug. Auch zeichnete er kunstreiche Muster und Blumen mit Indigo zum Sticken, indes sie, als Meisterin in dieser Kunst, die jungen Mädchen in mancherlei weiblicher Arbeit unterrichtete. Übrigens war er ein Mann von einem hellen Blick ins Ganze; leicht stellte sich ihm dar, was nützte und taugte; dies wurde dann ergriffen und[7] kräftig ausgeführt ? er folgte der inneren Stimme in allem, was Gewissen und Pflicht ihn tun hieß. Er war immer mit sich zufrieden und begehrte wenig. Das erfreulichste Geschenk, was man ihm geben konnte, war ein Pfeifenkopf; er hatte eine Sammlung davon. Auch ergötzte er sich wohl an einem Vogel, einem Blutfinken, einer Amsel, die er abgerichtet hatte, Lieder zu flöten; und neben diesen war ich sein Liebling. Sobald sein Geschäft geendet war, kam er, mich zu warten, und trug mich nach meinem Willen, wohin ich verlangte; er war unverdrossen, wenn ich auch unartig war, und wußte auf eine freundliche Art mich zum Bessern zu lenken. ? Vorsichtige Besorgnis, gewissenhafte Tätigkeit, zu ersetzen, wo Mangel war, zu erfüllen, was Hilfe heischte, Rechtlichkeit, stetes Vertrauen, ein Herz, wie Gott es schuf, und ein reiner Glaube, nahe an Überfrömmigkeit, doch das Schwärmen durch Tätigkeit gehindert ? das war meine Großmutter. Beide personifizierten in sich das Zeitalter der sittlichen Häuslichkeit. Noch eines Mannes muß ich erwähnen; er war meines Großvaters Stiefbruder und sein Gehilfe in der Bäckerei; wir nannten ihn Vetter Just. Ich gedenke seiner noch immer mit eben der innigen Liebe, mit der er an mir hing, mich wartete, auf seinen Armen trug und auf seinem Schoße mich wiegte. Der Erstgeborene meiner Großeltern war mein Vater, er hieß Johann Konrad. Da er der Älteste war, so ward er in dem Geschäfte des Vaters erzogen, um diesem künftig zu helfen und auch später seine Stelle zu bekommen. Aber er liebte schon in früher Jugend andere Arbeiten, drechselte, tischlerte und schnitzte künstliche Sachen, die Bewunderung erregten; und da er zum Jüngling erwachsen war, stieg mit den Kräften auch der Geist zum Freieren und erwachte eine Begierde bei ihm, ferne Länder zu sehen. Er hatte gehört, daß Konstantinopel eine so schöne Stadt wäre; darum wollte er die sehen. Vertrauend auf seine Geschicklichkeit,[8] die ihm hinlängliches Durchkommen verschaffen werde, machte er sich auf den Weg, ging über Wien nach Ungarn usw. Ich hörte ihn oft von den Wallachen erzählen, wie er sich mit denen herumgetummelt hätte. Er kehrte aber um, ohne die schöne Stadt gesehen zu haben. In Wien lernte er die Architektur und zeichnete viele Risse, die zu seinem Geschäfte nötig waren. Einst hatte er in einer Kirche eine Kanzeltreppe anzulegen, weil aber der Raum klein war, so wurde es ihm schwer, sie anzubringen. Da träumte ihm eines Nachts, wie er sie machen sollte; er sprang auf und legte seine Treppe mit vielem Beifall an. Eines Tages kam er zu einer Witwe, die weinte, daß ihr Mann gestorben sei und sie nun keine Arbeit habe und kein Brot für ihre Kinder. Er sagte: »Wenn keine bestellte Arbeit da ist, so muß man welche machen, die gekauft wird.« Er fing schön eingelegte Arbeit an und rettete so die armen Leute. ? Das Verlangen, seine Eltern wiederzusehen, und auch wohl der natürliche Wunsch nach dem Orte, wo er geboren war, bewog ihn, die Fremde zu verlassen und nach der Heimat zu kehren. Seine mitgebrachten Zeichnungen von Architektur erregten Bewunderung, und er unterrichtete darin und besonders in den Regeln der Perspektive seine Brüder, die schon zum Teil geschickte Maler waren; er selbst aber ergriff zu seinem Gewerbe die Tischlerei und das Drechseln. Sein regsamer Geist kannte keine Erholung. War die Pflicht seines Hauptgeschäfts vollbracht, so wandte er seine Zeit an, nützliche und künstliche Arbeiten zu vollenden. Ruhig war er bei der Arbeit, aber sein Geist strebte immer vorwärts, und in seinem Auge war ein forschender Blick, etwas aufzufassen; sein Gang war rasch, ohne die gerade Gestalt zu biegen, und seine Nase blies einen starken Odem. »Der alte Tischbein kommt«, sagte jemand, »ich hör ihn schnauben«, und lief gleich zu seiner Arbeit. Seine Nase war rund und stark, etwas vorwärts neugierig in die Höhe gebogen, sein Mund am Ende eingekniffen, als schmecke er etwas Süßes; und[9] seine Miene hatte etwas Peinliches, als fühle er Mitleid. Außer mir hatte mein Vater noch zwei Söhne: Johann Heinrich, nachheriger Galerie-Inspektor in Kassel, der älter war als ich, und Heinrich Jakob, der anfangs in Hamburg, späterhin in Frankfurt am Main mit Beifall malte, und noch zwei Töchter. Johannes, so hieß der erste Bruder meines Vaters. Das forschende Streben, das Denken lag auf seiner Stirn; zwischen den Augenbrauen etwas Finsteres, ein Ernst, der allen aus der Familie eigen war; dabei etwas Banges im Munde, als würde er von einer schweren Last gedrückt. Die meisten seiner Brüder waren ängstlich, furchtsam und nachgebend, außer Christian, der Entschlossenheit hatte, Kühnheit und schnellen Widerstand, und Anton, der sich durch seinen freien, unternehmenden Geist vor allen auszeichnete. Johannes ward Universitätsmechanikus zu Marburg. Er kam oft zu meinem Vater, besonders wenn er neue Maschinen erfinden wollte und etwas im Werke hatte, worüber er dessen Gedanken verlangte. Ich weiß, daß sie oft ganze Tage lang disputierten und ihre Ideen miteinander wechselten. Eines Tages, erinnere ich mich, kam er zu meinem Vater gelaufen und entdeckte ihm voll Freude einen Plan. Auch mein Vater schien sehr erheitert, und sie zeichneten während des Sprechens allerlei geometrische Figuren auf den großen ahornen Tisch, der in unserer Stube stand; und als sie übereingekommen und fertig waren, legte sich mein Onkel erschöpft und so müde, daß er nicht mehr stehen konnte, so lang er war, auf den Tisch und schlief. Betten zum Ruhen wollte er nicht annehmen; denn er wollte nur einen Augenblick sich erholen und dann wieder nach Haus laufen. Das war das letztemal, daß ich ihn sah. Er starb früh und hatte noch die Freude, kurz vor seinem Ende den Ruf als Hofmechanikus nach Kassel zu erhalten. Er hinterließ zwei Söhne, Christian und Georg; seine Frau starb gleich nach ihm, und die Kinder, welche noch sehr jung[10] waren, wurden nach Haina gebracht und bei den Großeltern erzogen. Der eine wurde Maler, der andere Mechanikus. Der dritte Sohn meiner Großeltern war Johann Valentin. Als er eines Tages mit seinen Brüdern Heinrich und Jakob in der Kirche zu Haina einen neuen Stuhl von Tannenholz sah, welchen ein fremder Maler mit nußbraunen Masern angestrichen hatte, damit das weiße Holz nicht gegen die schönen aus Nußbaumholz gemachten und mit Schnitzwerk versehenen Mönchsstühle abstäche, wurden die Knaben von solcher Lust überkommen, auch diese Geschicklichkeit zu erlernen, gewöhnliches Holz durch Malen zu veredeln, daß sie in der Kirche beteten, Gott möchte sie ihnen auch verleihen. Sie liefen hinaus in den Wald, wo ein Bach fließt, der Rotstein führt, und in die Gruben, wo gelber Lehm und roter Ton war. Hier holten sie sich ihre ersten Farben, und nun fingen sie an, alle Wände damit zu bemalen. In Ermangelung der Pinsel nahmen sie in Fasern aufgelöste Stengel von Birnen und malten hiermit nach Herzenslust: solche Pinsel waren dann auch leicht zu ersetzen. So entwickelten sie ihre ersten Anlagen zur Malerei. Ein glücklicher Umstand sollte noch hinzukommen, sie auch auf den Weg zu bringen. Das Hospital zu Haina war halb kasselsch, halb hessen-darmstädtisch. Von Kassel sowohl als aus Darmstadt kamen gewöhnlich im Maimonate sogenannte Herren Räte, welche die Rechnungen nachsahen. Einer dieser Räte aus Darmstadt trat in die Kirche, vielleicht, um ein da befindliches Hautrelief von Stein, mit Ölfarben angestrichen, zu besehen, das den Ritter Hans von Lieder in Lebensgröße vor einem Kruzifixe kniend vorstellte. Dieser hatte zuerst zu Luthers Zeiten die Mönche hier aus dem Kloster vertrieben und ein Hospital daraus gemacht. Nachher beschwerten sich die Pfaffen über ihren Vertreiber und wollten das Kloster wieder einnehmen. Da wurde eine Kommission versammelt. Hans von Lieder ließ alle Lahmen[11] und Blinden und andere notleidende Menschen in einer Reihe aufstellen, ihnen gegenüber die feisten Mönche, und fragte nun die Herren, welche von beiden sie ins Kloster haben wollten? Die Antwort war: »Die Unglücklichen und Notleiden den!« Luthers Lehre mochte wohl schon gewirkt haben, daß man sich der unglücklichen Menschen annahm, die durch Arbeit ihren Lebensunterhalt nicht erwerben konnten. Als nun der Herr Rat aus Darmstadt vor die Kanzel kam, an welcher die vier Evangelisten gemalt waren, sah er meinen Onkel Valentin, der zu der Zeit noch ein kleiner Knabe war, den Evangelisten Lukas abzeichnen. Die Zeichnung mochte ihm gefallen, denn er fragte ihn, ob er wohl Lust hätte, Maler zu werden? Der Knabe, ohne sich lange zu besinnen, gab zur Antwort ein fröhliches »Ja«. Auf Zustimmung der Eltern nahm der Herr Rat den kleinen Valentin mit nach Darmstadt und gab ihn von da nach Frankfurt in eine Tapetenfabrik. In dieser Fabrik lernten die jungen Leute mit Ölfarben umgehen und wurden praktische Maler. Dies bewies sich auch bei meinem Onkel Heinrich, den Valentin mit der Zeit nebst seinen anderen Brüdern nachkommen ließ, aus denen allen ausgezeichnete Maler geworden sind. Später kam mein Onkel Valentin nach Holland, wo er Unterricht in der Perspektive gab und Porträts malte, und ward zuletzt bei dem Fürsten von Hildburghausen Hofmaler. So hängt oft das Fortkommen der Kinder in ihrem künftigen Wirken von glücklichen Zufällen ab. Wären nicht die Herren Räte von Darmstadt nach Haina gekommen, so wäre der Junge, als er den Apostel malte, nicht als Genie erkannt worden und so hätten auch die Brüder und deren Söhne ihre Kunst nicht verbreitet und die vielen Schüler gebildet, die wieder weiter in die Zukunft wirkten. Johann Anton, der dritte Bruder des Vaters, ward ebenfalls[12] Maler. Dem muß es schon leichter geworden sein, weil ihm sein Bruder Valentin zu Hilfe kommen konnte. Ehe er aus Deutschland reiste, malte er seine Eltern, und es ist zu verwundern, wie der junge Mensch so malen lernte, da niemand war, von dem er es lernen konnte. Aber gute Werke von großen Künstlern muß er gesehen und nachgeahmt haben; denn als ich noch vor kurzem einige seiner Bilder mit einem Kenner besah, sagte dieser, daß, wenn er nicht gewußt hätte, sie seien von ihm, er sie für Arbeiten des Carracci gehalten haben würde. Sie waren mit der Jahreszahl 1759 bezeichnet, und ein Bild von ihm, sein eigenes Porträt, war unterschrieben: »Rom 1760.« Ich erinnere mich noch, daß oft von einem Briefe gesprochen wurde, den er an seine Eltern schrieb, der anfing: »Und dennoch bin ich in Rom!«, ein Zeichen, daß es ihm schwer geworden sein mußte, dahin zu kommen. Er fand keinen solchen Mäzenaten, wie sein Bruder Heinrich das Glück hatte am Grafen Stadion zu besitzen. Als er in Rom, so erzählte er mir, eines Abends in die Akademie auf dem Kapitol mit vielen anderen jungen Künstlern die Treppe hinaufgehen wollte, kam eben ein Trupp Künstler aus der Akademie. Sie blieben beieinander stehen, und unter ihnen hörte er einen deutsch sprechen. »Sie sind wohl ein Deutscher?« redete er ihn an. »Ja!« ? »Woher?« ? »Ein Hesse!« ? »Ich auch!« ? »Mein Bruder Anton!« ? »Mein Bruder Heinrich!« riefen sie zugleich und fielen sich in die Arme. Sie hatten sich lange nicht gesehen; der eine lebte in Frankreich, während der andere noch in Deutschland war. Wie verschieden war doch das Glück dieser beiden Brüder! Antons lebhafter Geist strebte mit rastlosem Eifer nach dem Vollkommenen, aber seine Lage ließ ihn nicht dazu kommen. Was ihm Gott in seinem Leben versagte, hat er ihm nach seinem Tode an seinen Kindern getan. Als er starb, waren sechs Mark und sechs Kinder im Haus; doch die Kinder waren schön und zur Arbeit erzogen, und die älteste Tochter heiratete einen[13] der reichsten Männer von Hamburg; und sie lebten alle glücklich. Mein Onkel Johann Heinrich hatte als Knabe schon viele Proben von seinen Anlagen zum Zeichnen und Malen gegeben. Dies führte ihn zu seinem Mäzen, dem Grafen Stadion in Mainz, einem großen Liebhaber der schönen Kunst. Mein Onkel hat den Koch des Grafen gemalt, mit der weißen Mütze auf dem Kopfe. Dies Porträt wurde bei Tafel, als viele Gäste zugegen waren, gezeigt, und alle, die es gesehen hatten, riefen: »Er ist so ähnlich, als sei er selbst da.« Nun erkannte der Graf, daß aus dem Knaben ein großer Maler werden könnte, wenn er Gelegenheit hätte, die Länder und Städte zu sehen, wo die alten Kunstwerke großer Meister aufgestellt sind. Er nahm sich seiner an und ließ ihn nach Frankreich und Italien reisen. In Paris studierte er bei C. Vanloo, der in großem Ansehen stand und damals für den besten Maler galt; darauf reiste er nach Rom. Aber sosehr ihn die Natur mit einem vorzüglichen Talente begabt hatte, war sie ihm doch nicht ganz günstig. Die dortige Luft war seiner Gesundheit entgegen und verhinderte ihn, sich einen noch bei weitem größeren Ruhm unter den Künstlern seiner Zeit zu erwerben. Er reiste nach Venedig und arbeitete bei Piazzetta, der in großem Rufe stand und auch wirklich ein praktischer Maler war, jedoch leider nur auf den Effekt sah. Wie natürlich, nahm mein Onkel etwas von ihm an. Eines Tages sah Piazzetta dem Heinrich zu bei seiner Arbeit und sagte: »Ich wünschte mir die leichte und schnelle Art zu malen, welche Ihr habt.« Heinrich erwiderte ihm, daß er vom Gegenteil überzeugt sei und ihn für einen so schnellen Maler halte, daß seine Geschwindigkeit nicht zu erreichen sei. Piazzetta aber sagte: »Wir wollen uns überzeugen und einen Kopf wählen, den wir beide zugleich anfangen, und dann sehen, wer ihn am besten macht und am geschwindesten damit fertig wird.« Sie unternahmen es, und Piazzetta erkannte Heinrichen den Preis zu[14] und schenkte ihm seine Arbeit. Es war ein Mädchenkopf, und als ein teures Andenken wurden auch beide Köpfe in Kassel aufbewahrt. Er ging zum zweiten Male nach Rom, wurde aber wieder krank, worauf er nach Mainz zurückkehrte und beim Grafen Stadion malte. Einst war der Landgraf Wilhelm VIII. mit dem Grafen Stadion in Frankfurt, und da beide Liebhaber und Kenner der Malerei waren, sprachen sie von der Kunst. Der Graf zeigte dem Herrn Landgrafen das Porträt einer Dame aus Mainz und sagte: »Das hat ein Untertan Ew. Durchlaucht gemacht, den ich habe reisen lassen, der aber für mich zu große ist, weshalb ich ihn Ew. Durchlaucht übergebe, damit er seine Kunst gehörig ausbilden kann.« Der Landgraf wollte nicht glauben, daß das Porträt von einem Deutschen sei, und sagte: »Das kann kein Hesse, es ist gewiß von einem Franzosen oder Italiener.« Der Graf setzte hinzu: »Die beste Überzeugung würde sein, wenn Ew. Durchlaucht dem Maler die Gnade erwiesen, Ihr eigenes Porträt von ihm anfertigen zu lassen.« Das wurde zugegeben, und der Graf schrieb nach Mainz an Heinrich, er möchte eiligst nach Frankfurt kommen, aber Farben und Pinsel mitbringen. Er kam an, war unterwegs jedoch von heftigem Zahnweh überfallen, so daß sein Schmerz ihm ein Fieber verursachte. Der Graf sagte ihm, daß er morgen früh den Herrn Landgrafen porträtieren solle, und das müsse geschwind sein, weil jener Herr schleunig wieder abreise. Heinrich entschuldigte sich, es sei ihm unmöglich zu malen, er sei krank, der Schmerz lasse ihn kaum aus den Augen sehen, worauf der Graf erwiderte: »Das mag alles sein, so müssen Sie es doch machen, und ich weiß, Sie können es, und es muß durchaus morgen fertig sein. Ihr Glück hängt davon ab und meine Ehre; der Landgraf würde mich für einen Lügner halten, denn er will nicht glauben, daß Sie das Porträt der Dame gemalt haben.« ? Mein Onkel mußte also, malte das Porträt unter den heftigsten Zahnschmerzen, und doch wurde es eine seiner besten[15] Arbeiten. Der Landgraf war darüber sehr verwundert und ernannte ihn zu seinem Hofmaler. Dieses Porträt wurde noch 1806 als ein schätzbares Kunststück aufbewahrt. Johann Jakob, früher in Hamburg, nachher Maler in Lübeck, studierte zu Kassel auf der Galerie, und seine Lieblingsneigung waren Landschaften mit Staffage; besonders gefielen ihm Wouwerman und Berghem, deren Manier er auch geschickt nachahmte. Er hatte einen sanften und schmelzenden Pinsel, zeichnete sehr nett und richtig Pferde und Kühe ins kleine. Es war eine Freude, ihn bei der Arbeit zu sehen. Wenn er des Morgens in seiner gewöhnlichen Familienstube mit seinen Kindern Tee getrunken hatte, so stand er auf und fing an zu pfeifen in einem sanften, lieblichen Tone; dann ging er zur Staffelei und setzte eine Leinwand auf oder auch zwei kleine Brettchen, nahm seine Mütze und wischte sie damit ab; dann ergriff er ein Stückchen spanischer Kreide, das immer auf der Fensterbank lag, und fing an, sein Bildchen zu entwerfen. Kaum berührte er mit der Spitze der Kreide das Brett, so leicht und fein deutete er es an. Währenddessen war das Pfeifen erst recht angenehm. Kein Hänfling flötet lieblicher, wenn er seinem brütenden Weibchen gegenübersitzt und ihm ein sanft schmelzendes Liedchen vorsingt. Standen nun die Bildchen aufgezeichnet, dann wankte er mit dem Kopfe hin und her und betrachtete sie und übersah die Haltung im ganzen und Ton und Farbe. Nun stand er auf, nahm Palette und Temperiermesser, mischte die Farben und fing an zu malen. Es war eine Lust, zu sehen, wie schnell es herauswuchs, gegen Essenszeit standen die Bilderchen da, und nach Mittag machte er sie völlig fertig. Endlich der siebente Sohn meiner Großeltern war Anton Wilhelm. Er lernte bei seinem Bruder Valentin, ging hierauf nach Holland, hielt sich einige Zeit an den Höfen und in den Städten am Rhein und Main auf und ward nachher Hofmaler in Hanau.[16] Soviel von den Söhnen meiner Großeltern. ? In seinen späteren Jahren hatte mein Großvater sein Geschäft dem geschickten Bäcker Strack übertragen, dem er seine jüngste Tochter Luise zur Frau gab. Es war ein sehr tätiger und von ihm wohl auserwählter Mann! Die Großeltern genossen nun das Glück der Ruhe und beschäftigten sich von jetzt an ganz mit dem, wozu ihre Lieblingsneigung sie trieb, der Großvater mit Drechseln und die Großmutter mit Sticken und Nähen. Von den adligen Gütern schickten viele Eltern ihre Töchter zu ihr, um Muster mit Indigo zeichnen und danach sticken zu lernen, denn in der ganzen Gegend von Haina war ihre Stickschule berühmt. Noch erinnere ich mich einiger schöner Arbeiten, die sie kunstreich gefertigt hatte, u.a. des gestickten Tauftuches, worin alle ihre Kinder und Kindeskinder getauft wurden. Dasselbe wird noch jetzt in der Familie aufbewahrt. Ihrem Manne schenkte sie eine weiße Sommermütze, mit Blumen ganz überlegt, die ineinander verschlungen waren. Seine Wintermütze hatte er sich selbst aus Fellen von Mardern gemacht, die er für sich zu fangen pflegte. Er sah recht festlich und ehrwürdig aus, wenn sein schönes braunes Haar in langen Locken über seine Schultern und auf der Weste hing. Merkwürdig ist es, daß die Locken diese Farbe zeit seines Lebens behielten. Ich sah ihn in seinem 82. Jahre mit diesem braunen Haare im Sarge liegen. In meiner Großeltern Hause befand ich mich wie in meiner Eltern Hause; da war kein Unterschied zwischen meinen Geschwistern und Stracks Kindern, nur daß ich mehr achtete auf das, was der ernste Großvater und die Großmutter geboten oder verboten. In meiner Eltern Hause waren zwei, denen wir Kinder gehorchten, aber hier waren es, wenn mein Vater und meine Mutter mitkamen, sechs, die uns gute Lehren gaben; und so wie die größeren Kinder, die schon mehr Verstand hatten, sich mit Ergebenheit gegen diese bezeigten, so waren diese wieder denen[17] ergeben, die wir alter Vater und alte Mutter nannten. Da ging mir ein Licht auf, und ich erkannte, daß diese die Eltern von meinem Vater und meiner Tante waren. Die Hochachtung, welche ich gegen die Großeltern hatte, war ohne Grenzen; denn ich sah, daß alles Gute von ihnen kam: Brot für alle, wohlschmeckende Brezeln, süße Honigkuchen und weise Lehren, die auch sogar mein Vater ehrte, den ich doch für den Vollkommensten hielt. Nur der Großvater mußte etwas Höheres sein, weil diesem selbst mein Vater ergeben war, der doch von allem, was auf Erden lebte, mein Höchstes war! Doch bald ahnte ich, daß noch etwas Höheres sein müsse als mein Großvater, weil ich ihn oft von so vieler Ehrfurcht bei einem gewissen Glockenschlage erfüllt sah. Dann nahm er seine Mütze ab, beugte sein Haupt, legte es auf seine gefalteten Hände und betete: »Großer, allmächtiger Schöpfer und Erhalter aller Wesen ...« Als ich einst neben ihm an der Drechselbank stand und die Glocke zwölf schlug, legte er das Drechseleisen nieder, und ehe er den Kopf zu dem Gebete niederbeugte, sah er über die Spitze des Kirchturms und fing dann an: »Allmächtiger, Höchster ...«. Nun suchte ich den Gott auf der Turmspitze. ? Auch meine Eltern waren fromme, reine Menschen, nach dem Worte Gottes in der Bibel erzogen. Ihre Gebete waren kurz und wenige; bei gewissem Glockenschlage still, vor und nach Tische laut. Da sprachen sie Gott flehend um Speise und Nahrung an; nach Tische Dankgebet. Als ich größer ward, stritten wir Kinder oft über die Wahl der Gebete. Am liebsten waren mir die, wo Tiere genannt waren: »Du speisest und kleidest die nackten Vöglein im Nest und gibst den jungen Raben ihr Futter.« Das war mir ein hoher Gedanke von ihm, die schwarzen Galgenvögel nicht einmal zu vergessen! Hatte ich dergleichen in anderen Häusern beten hören, so bat ich, daß die doch auch bei uns eingeführt werden möchten. Wurde mir diese Bitte abgeschlagen, weil sie zu lange währten, dann fielen[18] sie mir oft im Walde ein, und ich sang sie mit Jubel, wenn ich die vielerlei Geschöpfe sah, denen ihre Speise da aufgetischt war, und wo der Schöpfer mit jedem Jahre die Flur mit Pracht der Blumen schmückt und der Vögel Federn mit schönen Farben erneuert. Auch des Abends, ehe wir Kinder zu Bette gingen, mußten wir uns in einen Kreis um die Mutter stellen und beten. Die Gebete, wo etwas vom Teufel und der Hölle vorkam, wollte ich nie hersagen, aber gern die von den lieben Engeln und Cherubim und dem Lamm Gottes. Wenn wir dann mit den gewöhnlichen Gebeten fertig waren, pflegte meine Mutter in ihrer frommen Empfindung noch aus dem Stegreif Gott anzuflehen, daß er uns die Nacht hindurch in seinen väterlichen Schutz nehme und aus seinem Heere von Engeln welche senden möchte, die uns hüteten. War das nun zu Ende, so baten die Schwestern, noch ein wenig aufzubleiben, um zu spielen, ich aber ging willig und gern zu Bett, denn ich dachte: wenn ich tue, als schlafe ich, dann kommen die Engel und Cherubim ums Bett, und die schönen Köpfchen mit Flügeln setzen sich oben darauf, mit denen will ich dann spielen und singen. Auf den vier Bettpfosten waren Cherubim aus Holz geschnitzt von meinem Vater. Amazon.de Widgets Mit frommer Liebe hing ich an meiner Mutter. Das Gefühl ihres guten Herzens war immer ein fröhlicher Gesang auf ihren Lippen. Dennoch gedachte ich, so ein Mann zu werden, wie mein Vater war, der seinen Kindern richtige Ansicht und Kenntnis von allem zu geben wußte, was sie fragten, und der mich nie ohne Belehrung von sich ließ. Auch nahm ich mir meinen Vater in allem zum Vorbilde; ich richtete mich so nach ihm, daß ich Scheu hatte, auch nur etwas zu denken, was sein Mißfallen erregen konnte; ich war ebenso ängstlich, fern und ungesehen von ihm als vor seinen Augen irgendeine unrechte Handlung zu begehen. Mein Vater hatte Würde, ehrbaren Anstand die Mutter.[19] Im Hause war Friede und Eintracht, Ruhe und Friede in jeglichem Herzen. Wie Glieder einer goldenen Kette reichte einer dem andern die Hand; jeden kommenden Tag tat sich auf für uns eine Blume aus der verborgenen Knospe. Mit gelassener Ergebenheit trugen die Eltern die täglichen Widerwärtigkeiten und suchten mit Geduld zu heben, was ihnen widerstand. Es bedurfte keines Rufes zur Hilfe, auch keines Winkes noch Blickes, sie schauten immer auf sich, der Druck erhob ihren Geist; und sie wirkten gemeinnützig vereint und gingen in liebevoller Verträglichkeit miteinander, ruhig und still, wie zwei Wässerchen nebeneinander fließen, die Steine umgleiten, welche ihrem Gange entgegenliegen, oder darüber weghüpfen: so wurde der eine gehoben von des andern Hilfe. Nur wo es die Erziehung ihrer Kinder galt, war der Vater ernster und strenger; doch strafte er die Unarten, wo es irgend geschehen konnte, durch die natürlichen Folgen derselben. So erinnere ich mich eines Mittags, als Gesellschaft bei uns war. Unter mehreren Gerichten stand da auch eine kleine Schüssel mit Meerrettich, den ich nicht kannte und für etwas Süßes und Leckeres hielt, weil alle nur wenig davon nahmen. Ich verlangte auch davon. Meine Mutter sagte, das sei kein Gericht für kleine Kinder, es sei bitter und beißend. Durch diese Vorstellungen wurde mein Verlangen noch dringender und ungestümer. Da nahm mein Vater das Wort und sagte mit Ernst, Kinder dürften das nicht essen, es sei zu stark für sie. Nun schrie ich, und als meine Mutter mit besänftigenden Reden nichts ausrichtete, versetzte mein Vater: »Wenn der Bube nicht hören will, so laßt ihm seinen eigensinnigen Willen und gebt ihm die ganze Schüssel hin!« Meine Tränen hörten sogleich auf; freudig fuhr ich in die Schale und so mit dem vollgefüllten Löffel zum Munde. Aber welch ein Schreck! Ich war fast von Sinnen. Statt der vermeinten Süßigkeit fühlte ich einen entsetzlichen Brand; ich flehte um Hilfe. Meiner Mutter ward bange, sie reichte mir Wasser[20] zur Linderung, aber mein Vater verbot es und sagte: »So müssen die fühlen und durch Schaden klug werden, die sich gegen vernünftige Menschen sträuben und guten Rat nicht annehmen wollen!« ? Meines Herzens wurde ich zuerst gewahr, als eine Frau mit Haselnüssen zu uns kam. Wir Kinder baten die Mutter sehr, sie möchte uns doch welche kaufen; aber sie wollte durchaus nicht. Die Frau ging, wandte sich auf der Türschwelle, setzte den Korb ab, nahm eine Handvoll Nüsse heraus und sagte, auf mich deutend: »Der Knabe da muß doch welche haben, weil ihn so sehnlich danach verlangt; denn wenn man einem Knaben nicht gewährt, was er recht sehnlich wünscht, so fällt ihm ein Blutstropfen vom Herzen.« In diesem Augenblicke fühlte ich, daß mir das Herz träufelte. Meine Mutter ward durch die Worte der Frau stutzig und kaufte Nüsse für mich und für die Schwestern, und es entspann sich ein langes Gespräch mit der Bauerfrau über das Herz. Die Frau meinte, Knaben müsse man eher etwas gewähren als Mädchen, denn diese hätten mehr Enthaltsamkeit, und wie sie sich noch weiter darüber äußerte. Dies veranlaßte mich zu Betrachtungen über das gute Herz der Bauerfrau und über meine Begehrlichkeit, und ich habe mich nachher oft im Leben dieser Bauerfrau erinnert, wenn eine unbefriedigte Sehnsucht mir das Herz träufeln machte. Als ich schon etwas herangewachsen war, kam ich in dem Hause meiner Großeltern auch in die Reihe der Kinder an dem Tische zu sitzen, wo jedes Kind ein Stück Papier und eine Feder erhielt, um die Blumen, welche die Großmutter zu Stickmustern gezeichnet hatte und worin sie Meisterin war, nachzubilden. Der Tisch, um den wir saßen, war mit einem schönen Teppich überlegt, den einer meiner Onkel aus Frankfurt mit Ölfarbe gemalt und seinen Eltern geschickt hatte. In der Mitte saß ein Schäfer mit seiner Schäferin in einem breiten Rande mit Blumen, die nach der Natur waren, so schön, wie Gott die Blumen auf dem Felde[21] wachsen läßt. Da begab es sich oft, daß ein Schieben und Drängen unter uns entstand, weil jedes gern bei der Lieblingsblume sitzen wollte, eines bei der Nelke, das andere bei der Tulipane, der Narzisse, Lilie oder Aurikel. Mir gefiel vor allem die gefüllte große rote Mohnblume; wenn ich diesen Platz erringen konnte, schätzte ich mich glücklich. Auch stritten wir uns oft um die Stühle, denn einer war schöner als der andere vom Großvater gebildet und die Rücklehne künstlich ausgeschnitzt, von weißem Ahornholze. Jeder wollte den Brautstuhl der Großmutter oder den des Großvaters. Auf dem einen waren Herzen und Brezeln durcheinandergeschlungen, auf dem anderen saßen zwei Tauben auf verschlungenen Ringeln. Um uns mehr Spielraum zu geben, wurde auch wohl der Teppich abgenommen, und nun war ein großer, schiefersteinerner Tisch da. Dann bekam jedes Kind einen Griffel, der Tisch wurde abgeteilt und jedem Kinde sein Bezirk angewiesen, um darin zu zeichnen. Mich nannten sie den Maler, weil ich einmal an die Wand mit Kohle eine Zeichnung gemacht hatte: Hirsche und wilde Eber, wie sie vor dem Jäger zu Pferde und den Hunden laufen, diese aber sie verfolgen über Stock und Block, wie sie dann übereinander herfallen, sich wehren, einer den andern verwunden und töten. Dies war bewundert, man beschloß, ich sollte ein Maler werden, und deshalb teilten sie mir denn selber immer den größten Raum am Tische zu. War nun alles in Ordnung, und wir saßen und zeichneten, und es ging sehr emsig ? meine Schwestern zeichneten Blumen, die anderen dies und das und ich Jagden ?, so geschah es oft, daß einer in das Gebiet des andern hinausgegangen war. Darüber erhub sich dann ein Streit; der eine wollte das nicht leiden, der andere bewies, daß er den Raum nötig habe, um dem Stengel der Blumen seine gehörige Länge zu geben. Dann warfen sie den Griffel weg, sie wollten mit ungerechten Nachbarn, die das Grenzrecht überschritten,[22] nichts zu tun haben; kurz, das schöne Kunstwerk, das Bewunderung erregen sollte, unterblieb. Brachte uns auch die Großmutter durch schöne Lehren wieder zur Arbeit, so wurde doch bald mehr um die Grenze gestritten als gezeichnet. Aber nun trat der Großvater als Nestor zwischen den streitenden Agamemnon und Achill und erklärte, daß Uneinigkeit die Menschen vor der bestimmten Zeit ums Leben bringe und Zwist alle guten Vorhaben zerstöre. Es kam aber auch bei uns Kindern in unserer Großeltern und Eltern Hause nie zu Tätlichkeiten, denn da ward nie die Faust gebraucht, nicht einmal ein Fluch ausgesprochen; die härteste Stimme, die im Hause erscholl, war, wenn der Hahn krähte. ? So große Lust ich auch hatte, nach dem Hause meiner Großeltern zu gehen, und sosehr ich mich über die künstlichen Werke freute, die da gemacht wurden, so wuchs doch das Verlangen um die Zeit, wo es gegen Weihnacht ging; denn die Kunstwerke, welche alsdann verfertigt wurden, waren mit vieler Süßigkeit gemengt, und alles kam von nah und fern, sie abzuholen: das war ein reges Leben! Ich bekam jedesmal auch einige und aß sie gern; aber die Freude war größer, sie zu sehen. Mein Großvater hatte die Form dazu in Holz geschnitten. Da waren Hähne, die Augen mit Weiß gemalt; Hasen, Gemsen, Eichhörnchen, Hirsche, Reiter zu Pferde, Jungfern mit Reifröcken, Herren mit Degen und Braut und Bräutigam, die Arm in Arm gingen; einzelne Herzen und zusammengefügte Herzen, auch schöne Blumen in allen Farben. Lange bewunderte ich diese lieben Blumen und zeichnete sie nach. Wir Kinder hatten eine ganze Sammlung, womit wir monatelang den Winter hindurch spielten, bis es gegen Ostern kam, wo Kunstwerke anderer Art erschienen, Eier mit Figuren in Gelb, Rot und Blau gezeichnet. Auf einem stand ein Hase, der eine Katze auf dem Rücken trug, um sie vor den verfolgenden Hunden zu retten, auf einem anderen drei Hasen mit drei Ohren, und jeder Hase hatte doch seine[23] gehörigen zwei Ohren. Sie waren in einem Triangel, an jeder Spitze war der Kopf des Hasen, das Wahrzeichen von Haina, welches auf der großen Glocke steht. Ebensooft kamen nun auch die Großeltern mit des Vetters Kindern in unser Haus. Ohne Unterschied machten diese beiden Häuser eins, und unsere kindlichen Vergnügungen wurden auch hier immer so geleitet, daß wir etwas Nützliches daraus lernten. Ein Buch, worin Pflanzen abgebildet waren, und andere Bilderbücher wurden uns vorgelegt, die wir mit großer Lust besahen und mit Eifer nachzeichneten. ? Oft lagen wir auch der Mutter an, uns ihren Brautschmuck und alle die Geschenke und Kleinodien zu zeigen, die sie in der Kammer in einem Kästchen verwahrte. Das war denn eine Freude und Lust für uns, das Schnürleibchen zu sehen, das sie damals getragen hatte ? es war von Silberstoff ? und den goldenen Gürtel mit Blumen hineingewirkt und das große Silberstück, den Brautpfennig mit den beiden weißen Schwänen, auf die reine Lehre des Doktor Luther geprägt, welches mein Vater ihr als Bräutigam gegeben hatte; und die beiden Ringe von lauterem Golde und anderes glänzendes Geschmeide, geschliffene Steine und Bernsteine, den Hecketaler und die Notpfennige. Dabei sagte sie uns wohl, es gebe einen Hecketaler und einen Zehrtaler. Der erstere sei durch Fleiß und Arbeit erworben, und wenn man den aufhebe, vermehre er die Einnahme; aber man müsse sich ja in acht nehmen, einen Pfennig, der nicht rechtmäßig erworben sei, dabeizulegen, der fresse allen Wohlstand und bringe Unglück und Verderben ins Haus. Auch ihr Bildnis zeigte sie uns dann, wie sie als Braut gemalt war, in ihrem ganzen Schmucke, mit Blumen in dem Haare und vor der Brust. Eine himmlische Freude für uns Kinder, diesen Schatz, und einen noch größeren, sie selbst zu sehen; oft standen wir um sie herum und freuten uns ihrer Schönheit. Mein Vater hatte auch in seinem Pulte einen ähnlichen[24] Schatz von Kleinodien, geschliffene Steine, Miniaturbilder, die er als ein Heiligtum verwahrte. Hier lagen auch neben der Hausbibel die Münzen, welche wir Kinder zum Patengeschenke erhalten hatten, auch die Schaustücke, welche uns unsere Onkel mitbrachten, wenn sie uns besuchten. Besonders war der Onkel Anton sehr freigebig; wir Kinder mußten dann dem Alter nach vor ihn kommen und erhielten ein Geschenk aus seiner Hand, mit einer Rede, die für jeden passend und ermunternd zum Fleiße war. Mein Vater bekam einmal eine emaillierte Tabatière mit goldener Einfassung. Auf dem Deckel waren Bilder und auch auf der Seite Figuren, die mich äußerst ergötzten; und ich wünschte jedesmal, daß ich auch so etwas machen könnte. Außer den kindlichen Spielen und Beschäftigungen im Hause unserer Großeltern und Eltern wurden wir auch oft ins Freie geführt. Eines fröhlichen Tages erinnere ich mich, der noch jetzt alle meine Empfindungen beseligt. Es war eines Sonntags nachmittags, als der Großvater uns Kinder mit anderen Gespielen zu einem Spaziergange einladete und dabei erwähnte, daß jeder sein Körbchen mitnehmen möchte, denn er führe uns in einen Wald, an einen Ort, der voll von Erdbeeren wäre. Es sei aber etwas weit, und alle, die gut gehen könnten, sollten gleich nach der Mittagspredigt bereit sein; wir sollten uns außer der Mauer bei der Steinklippe versammeln, von da werde er uns hinführen. Die Zahl war ziemlich groß von munteren Knaben und lustigen Mädchen. Er ging voran, wir folgten und schwärmten fröhlich im Gehen um ihn herum; die zu rasch Vorwärtsgeeilten kehrten wieder rückwärts zum Zuge und machten den Vorsprung doppelt. Die Mädchen liefen abwärts nach den Blumen und die Knaben nach Stöcken und Prügeln; mich hielt zurück, was in den Hecken lebt und sich regt, und ich mußte oft laufen, um sie wieder einzuholen. Der Weg ging an einem langen Wiesentale hin, das auf beiden Seiten schöne Zäune[25] hatte, und in der Mitte war ein Graben mit hohen Erlen bewachsen, wo die Blaumeise und das Zeischen ihre Nahrung suchen. Von dem Walde her auf beiden Seiten der Berge flogen die befiederten Bewohner mit fröhlichem Gesange hinüber und herüber. Da wir nun lange in dem Wiesengrunde gegangen waren, kamen wir bei großen Eichbäumen an, und dann ging's eine Ecke durch einen dicken Wald. Aus dem Dunkeln führte der Weg über eine große lichte Stelle mit Gras, Binsen und Hecken von Haselnußstauden. Hier halten sich viele Eichhörnchen auf, die aus den nahegelegenen Wäldern kommen und sich hier Nüsse holen. Als wir das erste erblickten, liefen wir alle mit Geschrei dahinter her; dann entdeckten wir noch zwei andere auf einem Nußbaume, und mehrere sahen wir im Grase laufen. Nun nahm das Jagen mit Geschrei und Lärmen erst überhand. Die geängstigten Eichhörnchen wußten sich nicht zu retten. Das war ihnen eine seltene Erscheinung, auf einmal eine solche Horde zu sehen, die das Lärmen aller anderen Geschöpfe überstimmte; bis jetzt sahen und hörten sie nur krächzende Adler und Habichte, miauende wilde Katzen und heulende Uhus. Als sie aber die langbeinigen Jäger sahen, die in ihren Gesichtern mehr List und verderbliche Anschläge zeigten als alle vorher gesehenen Feinde, mußten sie wohl erschrecken. Wir ergriffen die Stämme der Bäume, worauf sie saßen, und schüttelten sie, und es flogen die Erdbeerkörbchen um sie herum. Auf den Ästen und Zweigen konnten sie sich nicht halten, sie sprangen in der Angst herunter; dann ging's hinter ihnen her, und alle suchten den Rückweg und eilten, die feste Burg, ihre alten Eichbäume, zu erreichen. Dennoch mußten wir endlich unsere angestrengte Bemühung aufgeben, eins zu fangen, und zu unserem Erdbeerberge zurückkehren. Nun wurde geprahlt und gestritten, und einer beschuldigte den andern, daß ihm der Fang nicht gelungen sei. Allmählich kühlte der Eifer sich ab, indem wir durch den Wald[26] den Berg hinaufstiegen, denn wir wurden müde. Aber wie überrascht und belebt fühlten sich unsere erschöpften Geister, als wir bei den Erdbeeren ankamen. Jauchzend frohlockten wir! Die ganze Erde schien ein roter Teppich zu sein; rot, groß und reif, beinahe schwarz, standen dicht gedrängt die dicken Erdbeeren beisammen. Wir fielen darüber her und lagerten uns, den Hunger und Durst zu stillen mit dieser würzigen Frucht; und da wir uns satt gegessen, füllten wir in kurzer Zeit unsere Körbchen und trugen sie nach Haus. So nahm mich auch mein Vater oft mit ins freie Feld und in den Wald. Er war überhaupt ein großer Freund der Natur und ein sorgfältiger Beobachter derselben, und ich verdanke es vorzüglich seiner Anleitung, wenn ich auf alles genau achten und auch das Kleinste nicht zu übersehen lernte. Besonders liebte er den Wald und was darin lebt. Es war gewöhnlich spät, wenn er aufhörte zu arbeiten, daß er zu seiner Erholung dahin ging. So erinnere ich mich seliger Abende, wo wir, zwischen Wald und Getreide hinwandelnd, die Wachteln und die Feldhühner im Korn, die Nachtigallen im Gebüsche, die Eulen im Walde hörten. Gewöhnlich standen wir auch still an einer hohen Felsenwand, die am kühlen Abend noch warm war. In den Felsenritzen beobachteten wir die befiederten Bewohner, welche noch vor dem Schlafengehen in Gesellschaft spielten und singend plauderten. Die ganze hohe Wand war wie belebt. Hier nistete der Habicht neben der Taube, die Eule neben der Steinamsel, der Sperber neben dem Sperling, dem Blaukehlchen und Rotschwänzchen. ? Einst kam ich mit ihm in der Nacht von Todenhausen, wo der Weg über das Löhr ging; hier ist der dickste Wald. Er sagte: »Wir wollen den Weg durch den Grund nehmen, da sehen wir die Hirsche, welche oft in großen Rudeln am Wasser stehen.« Es war eine helle Nacht, und der Mond stand glänzend über dem Walde, und am Himmel waren Millionen flimmernder Sterne. Daran[27] erfreute ich mich und wunderte mich, daß der liebe Gott so gut sei, auch für die Hirsche und Rehe ebenso viele Lampen anzuzünden als für uns in Haina. Mein Vater erklärte mir nun, es sei nur eine solche große Himmelsleuchte, und alle die vielen Himmelslichterchen wären, wo man sie auch sähe, immer dieselben; so ging das Gespräch über die Himmelslichter fort, bis wir in den Grund kamen, wo verschiedene Waldbäche sich flach zwischen dem Grase ausbreiteten. Wir fanden keine Hirsche, aber herrliche Spiegel mit Mond und Sternen. Dann gingen wir weiter, immer bergan unter hohen Eichen und Buchen, bis wir auf eine Höhe kamen; da sagte mein Vater: »Wenn wir uns hier setzen und still sind, dann werden wir Hirsche sehen, denn hier ist der Ort, wo sie wechseln von einem Grunde zum anderen.« Und wir setzten uns auf die Wurzel einer Eiche. Nicht lange, so kam ein ganzes Rudel an uns vorbei. Diese herrliche Nacht ist mir noch im Gedächtnisse, und sie schwebt mir immer vor, wenn ich den Ossian nennen höre. Eines Tages im Frühjahr ging ich mit meinem Vater durch einen Dohnenstieg. Unter allen unsern Vögeln ist wohl keiner, der so lieblich flötet als die Drossel. Ihr Gesang ist fröhlich und schallt hoch aus den Gipfeln der schlanken Buchen, wo sie im jungen, grünen Mai ihr Lied singt. Der Zielpunkt von meines Vaters Wanderungen, wenn der Frühling kam, war in dem Walde, wo sich ein Schneisengang durch das Gebüsch schlängelte. Noch vom vorigen Jahre her hingen die Bügel; nach der Fangzeit waren die Schleifen auszuziehen vergessen, und es hatte sich eine Drossel darin erhängt. Von Insekten abgezehrt, von Regen und Sonne gebleicht, hing da das ganze zarte Skelett des Vogels, mit den langen Schlagfedern der Flügel und dem Schwanze. Im Gehen wandte sich mein Vater von ungefähr um und stand mit dem Gesichte gerade vor dem Skelett. Er schien verstummt, und nie habe ich ihn ernster und gerührter gesehen. »Armer Sänger!«, nur diese Worte kamen aus[28] seinem Munde; er blieb lange stehen, angeheftet und wie verloren in Betrachtung. Die Anleitung von meinem Vater, auf die Natur zu achten, machte mir meine angeborene Neigung noch reger, und ich glaubte die größte Glückseligkeit darin zu finden, wenn ich wilde Tiere sehen und zahm machen könnte. Ich hatte von einem kalten Winter gehört, daß die Hirsche bis vor die Häuser und Scheuern gekommen wären und man ihnen aus Mitleid Heu gegeben hätte. Einer erzählte sogar, wie ein Blutfinke Schutz vor der Kälte hinter der Haustür gesucht habe. O glückliche Zeiten, dachte ich und betete, der liebe Gott möchte eine solche strenge Kälte schicken, daß alle wilden Tiere zu uns Menschen kommen müßten und dann so vertraut mit uns würden, daß sie gemeinschaftlich mit uns wohnen und immer bei uns bleiben möchten! Einige Jahre später war ich nicht mehr so verträglich gegen sie gesinnt. Zur Zeit der Obsternte hatte ich mir in meines Vaters Garten eine Hütte gebaut, worin ich den ganzen Tag, auch wohl des Nachts mit einem Schulkameraden blieb und die Waldvögel herbeilockte und ihnen von meiner Speise hinsetzte, daß sie sich gewöhnen sollten, mit mir zu leben, und mich freute, wenn einige davon pickten und wieder wegflogen. Da meinte ich denn, daß sie es den anderen im Walde sagen würden, wie sie ihr Futter mit mehr Gemächlichkeit bei mir finden könnten. Ich träumte mir dann die Glückseligkeit, so mit meinen lieben Vögeln und anderen gutartigen Tieren vereint zu leben, und beschloß, die schrecklichen Tiere zu verringern und sie in ihre räuberischen Schranken zurückzutreiben, daß sie selbst einander auffräßen! Den Mardern und Iltissen stellte ich nach, zimmerte Fallen und habe auch manche gefangen; mit den Katzen lebte ich immer im Streit, weil sie mir meine gutmütigen Kaninchen wegholten, so auch mit den Eulen, die meine sanften Tauben fraßen, ebenso wie mit den bösartigen Buben![29] So dachte ich auch die Fische durch Füttern endlich gesellig zu machen, denn für den Fischfang war ich fast noch leidenschaftlicher. Eine Forelle zu sehen, machte mir große Freude. Ihre wenige Zierde von roten, goldenen und schwarzen Punkten, bei dem bescheidenen grüngrauen Kleide, wo nur eben wenig Gold herausspielt, erhebt sie zum schönsten Fische. Und dann die Maigrasse oder Erlitze mit dem schönen Rot am Leibe, und auf dem Kopfe die weißen Pünktchen! Auch sind die Örter so schön, wo sich die Forellen aufhalten; im reinsten Quellwasser, wo man bis auf den steinigen Grund sieht, in den Waldbächen, unter Felsenblöcken oder Gewurzel von alten Bäumen, an Stubben, die bewachsen sind mit allerlei Ranken, welche mit ihren Wurzeln überhangen ins Wasser: in deren Schatten stehen sie gern und bringen Leben an den einsamen Ort. Außer den Erzählungen aus der Natur und dem alltäglichen Menschenleben, mit welchen uns der Vater in Erholungsstunden und auf Spaziergängen zu unterhalten pflegte, teilte er uns auch manchmal biblische Geschichten mit, besonders solche, die auf unser Herz wirkten und uns in dem Glauben an ein höchstes allmächtiges Wesen bestärken sollten. Die Geschichte Josephs rührte meinen Vater so, daß er nicht sprechen konnte. Eines Abends unterhielt er uns mit der Geschichte Abrahams, wie Gott ihm hieß, seinen Sohn zu opfern, um ihn zu prüfen und ihm dann wohlzutun. Diese Geschichte gefiel mir so, daß ich den anderen Tag meinem Vater ein großes Messer brachte und ihn bat, mich auch zu opfern. Er fragte: »Warum willst du das, mein Sohn?« ? »Damit Gott deinen Gehorsam und deine Folgsamkeit sehe und uns allen gut sei.« Ihm rollten die Tränen aus den Augen, und er sagte: »Dich töten? Das könnte ich nicht!« ? »Lieber Vater, tue es nur, ich will gern stillhalten; und wenn du eben zuschneiden willst, dann ruft Gott aus den Wolken: ?Halt ein!? und zeigt auf den[30] Bock in der Hecke; dann bekommen wir den; das muß ja ein Bock mit großen Hörnern sein, den Gott schickt.« ? Die Wahrheit, in morgenländische, phantastische Dichtung verblümt, wie zum Beispiel die Geschichte Abrahams, verwirrt den Verstand des Kindes, und gerade weil es alles bildlich sieht, wird es um so leichter verleitet, Dichtung für Wahrheit zu halten. Obschon die Bibel dalag, so habe ich doch meine Eltern nie darin lesen sehen; daß sie aber in ihrer Jugend viel darin gelesen hatten und sie fast auswendig wußten, zeigten sie nicht allein, indem sie danach lebten, sondern auch dadurch, daß sie bei Gelegenheit schöne erbauliche Sprüche daraus anführten und Geschichten erzählten, womit sie die guten Lehren bekräftigten, die sie ihren Kindern gaben. Denksprüche in Reimen oder auch Sprichwörter, die sich im Munde des Volkes bewahrt hatten, gebrauchten sie jedoch lieber, so wie auch etwas aus dem gewöhnlichen Leben, das uns bekannt oder doch leicht zu begreifen war. So sagte auch oft meine Mutter, wenn sie an mir vorbeiging: »Mein Sohn, bete: Ach Gott, ich bin ein junger Knabe, verleih mir deines Geistes Gabe, daß der mich möge Gutes lehren, zu andrer Nutz' und deinen Ehren; oder: den Geschickten hält man wert, den Ungeschickten niemand begehrt; was du willst, das dir die Leute tun sollen, das tue ihnen auch.« Es braucht wohl keiner Erwähnung, daß wir Kinder von unseren Eltern frühe zur Kirche und Schule angehalten wurden. Schon die Ordnung und die Gottesfurcht unseres Hauses brachte es so mit sich. Sonnabends pflegte die Großmutter zu uns zu kommen, die uns eine Rede über den reinlichen Anzug am Sonntage hielt, wie man in das Haus Gottes mit sauberen und seinen schönsten Kleidern gehen müsse. Aber auch als Schulknaben hätten wir es nicht wagen dürfen, eine Kirche zu versäumen; oft mußten wir sogar im strengsten Winter die unerträglichste Kälte in der Kirche ausstehen. Mit erbarmenswertem Blicke sahen wir oft[31] zu dem Pfarrer hin, daß er erlauben möchte, uns in dem Kapitel zu wärmen; doch er blieb immer mit demutsvoll gesenkten Augen sitzen. Wenn er aber sah, daß einige erfrieren wollten, dann gab er wohl den Kleineren Erlaubnis, zu dem warmen Ofen zu gehen. Seine Predigten konnten wir ja doch nicht verstehen, auch waren wir mehr des Singens wegen da. Deshalb gab ich auch auf die Predigt selten acht; aber einst, als er, was er so gern tat, von der ewigen Höllenglut predigte ? vielleicht, daß wir uns daran erwärmen sollten ?, fiel es mir auf, daß er von einem Vogel sprach. Um nämlich die Ewigkeit zu beschreiben, bediente er sich des Vergleiches: Wenn ein großer See wäre, wo kein Tropfen dazu oder davon käme, außer daß alle hunderttausend Jahre ein Vögelchen sich einen Trank hole, der weniger wäre als ein Tropfen, so würde es doch endlich den See austrinken; aber die Ewigkeit höre nie auf. Dieses fiel mir auf das Herz, und ich dachte, wer das Unglück hätte, so lange in der Höllenglut mit dem garstigen Teufel zu sitzen, das müßte etwas Erschreckliches sein! Und ich nahm mir vor, recht fromm zu werden. Übrigens führten unser Pfarrherr und unser Schullehrer einen tadellosen Wandel. Einst aber sah ich den Pfarrer, da ich unvermutet in seine Wohnstube trat, mit einem Freunde Karten spielen. Er erschrak so sehr darüber, daß er die Karten geschwind versteckte, als hätte ich ihn bei der größten Schande ertappt. Seit der Zeit hielt ich nun auch das Spiel für eine Sünde. Wenigstens betrachtete ich es immer auch in der Folge als einen unnützen Zeitverlust und war ohnehin nie geschickt genug, es zu lernen, sooft man auch späterhin in manchen großen Gesellschaften, wo Karten gespielt wurde, mich bedauerte, daß ich als Zuschauer müßig und verlassen dasäße. Aber mir währte die Zeit nie lang, denn für meine Maleraugen gab's dort lebendige Bilder, worin viel zu studieren war: Licht und Schatten, Ausdruck, Schönheit und Charakter der Köpfe, Hals, Busen und Arme der Damen, die Grazie der[32] Finger, das Leidenschaftliche der Gebärde, Anstand und Ruhe, Mißmut und Ärger bei Gewinn oder Verlust: Alles dieses in Gedanken nachzuzeichnen und dazu im Geiste die Farben zu mischen, war mir eine angenehme Unterhaltung und eine lehrreiche Schule der Beobachtung. So ging es mir auch späterhin, wenn ich Konzerten beiwohnte; und so geht's mir noch. Die Musik versetzt mich so, daß ich sie nicht mehr höre, sie regt mir die Phantasie auf, es schweben mir Figuren vor, mit denen ich mich unterhalte. In Konzerten habe ich oft die besten Kompositionen gemacht. Auch beim Lesen stelle ich mir nicht die Bilder vor, die da beschrieben sind, sondern diese wecken andere Bilder auf, die in mir liegen. Einen gehörigen und anhaltenden Unterricht in Wissenschaften konnten mir meine Eltern nicht geben. Es war im Siebenjährigen Kriege gerade die Zeit, wo ich ihn hätte genießen sollen; aber weil fast beständig Soldaten, bald Feinde, bald Freunde, bei uns waren, so konnten die Eltern kaum auf ihre Kinder Achtung geben. Auch wurde die Schule oft ausgesetzt, und es kamen Zeiten, da wir Kinder ganz verwilderten, weil wir für uns frei herumliefen und die Eltern schon froh waren, wenn wir nur nicht Schaden nahmen. Auf das Eis durfte ich nie gehen, weil meine Eltern meinten, daß diese Übungen zu nichts führten. Aber dagegen wurde ich nächst dem Kuhhirten für den geschicktesten Werfer in ganz Haina erkannt. Sowie ich aus dem Bette stieg, war ich auch aus der Haustür in freier Luft; aus dem klaren Bache, welcher hinter unserem Hause vorbeifloß, nahm ich meinen Morgentrank und wusch mir Gesicht und Hände. Mein Lieblingsaufenthalt war der Garten. Durch Zufall bekam ich Äsops Fabeln mit Kupfern in die Hände. Dieses Buch machte mich glücklich. Mein Vater erlaubte mir, so viel Vögel zu halten, als ich Lust hatte, wenn ich nur auf dem Zimmer bleiben und lernen und zeichnen wollte. Das hielt ich treulich. Eine Stube wurde[33] für mich ganz allein eingerichtet und die Stunden bestimmt, wo ich arbeiten sollte, aber auch einige, wo ich zum Vogelfang ausgehen durfte. Nun war ich glücklich unter meinen Vögeln und zeichnete aus dem Äsop. Mein Vater besuchte mich oft, um zu sehen, ob ich auch lese und zeichne. Aber ich war es nicht allein, dem der Besuch galt, er sah auch selbst die Vögel gern. Dabei erinnere ich mich eines unglücklichen Vorfalles. An einem schönen Nachmittage waren wir Kinder, Knaben und Mädchen, auf dem Berge versammelt. Wir begannen mancherlei lustige Spiele, wobei wir uns der Freude ganz hingaben und jauchzten und sprangen. Dann ging es in das Rasen über, wir spielten Verstecken und Jagen im Walde, setzten über Gräben und Hügel, durch das dickste Gebüsch, zwischen den Äckern durch das Getreide, dann durch die Gärten und wieder in den Wald. Endlich waren wir alle erschöpft und gingen müde, hungrig und durstig nach Hause. Als ich aber in die Tür trat, fiel es mir schwer wie ein Stein aufs Herz, denn ich hatte meine jungen Hänflinge zu füttern vergessen. Ich stürzte geradezu in die Kammer, wo sie im Käfig waren, und fand alle fünf Vögelchen tot. In der Angst lief ich zu meinem Vater; ich glaubte, der würde meinen Schmerz lindern helfen, und zeigte ihm den Käfig mit den toten Hänflingen. Statt Tröstung gab er mir einen so derben Schlag durchs Gesicht, daß mir das Feuer aus den Augen sprühte! Sein Gemüt war erschüttert. »Unmensch«, rief er, »hast du nie gesehen, wie die armen Vögel bettelten, wenn du ihnen ihr Futter gabst? Du hast das Elend dieser Unglücklichen noch nicht gefühlt. Geh mir aus den Augen mit dem Bilde des Jammers!« Er hielt mir den Käfig vor mit den fünf Toten; damit faßte er mich beim Arme und stieß mich aus der Tür ins Ofenloch, setzte mich in die Asche und den Käfig mit den Toten neben mich. »Nun fühle, was die Unglücklichen litten, und lerne, was der grausame Hunger für eine Stimme ist!« Er ging und verbot[34] allen, mir etwas zu essen zu geben. Nach einiger Zeit kehrte er wieder; er schien mich selbst zu bedauern, entließ mich und sagte nur mit wehmütigem Tone: »Diese Vögel hast du ihren Eltern aus dem Neste geraubt, worin sie weich auf Wolle und Federn lagen; zu ihrem Schutze hatten die Alten zwischen Dornenhecken das Nest gewählt, der Zugang war ihnen selbst gefährlich, wenn sie den Jungen Trank und Speise brachten, was sie mühsam in der Ferne suchten. Und du konntest dieser armen Vögel vergessen?« In Erholungsstunden ging ich auch wohl mit meinen Schulgespielen ins Feld und in den Wald. Da wurden Fische, Käfer, Vögel gefangen; wir legten Teiche an, bauten Häuser für Vögel und andere Tiere, machten Wagen, fuhren Steine und Erde und führten schöne Werke auf, aber kaum standen sie, so wurden sie oft auch mit der nämlichen Lust wieder zerstört. Athletische Übungen und ritterliche Kämpfe, um sich in Ansehen und Respekt bei anderen Jungen zu setzen, waren von meinem Vater streng verboten. Der unfriedsame Zänker wurde hart gestraft, und wenn ich mich einmal beklagte, daß der oder jener mich beleidigt hätte, so sagte er: »Die Schuld liegt an dir, mache es danach, daß dir jeder wohl will. Du sollst mit allen in Frieden leben, und dazu mußt du Mittel finden!« Übrigens war unter uns Knaben selbst ein Gefühl für Recht und Unrecht. Hatte z.B. einer dem andern etwas geschenkt und nahm es ihm wieder, wenn es dem andern schon lieb geworden war, oder wollte den Tausch nicht gelten lassen, so war er der größten Beschimpfung und Verfolgung ausgesetzt; er durfte sich nicht sehen lassen, man lief ihm nach und sang ein Lied, worin er mit entehrenden Schandtiteln überhäuft wurde, und diese Beschimpfung hielt ihn lange von unseren Zusammenkünften und Vergnügungen entfernt. Auch machten wir Gesetze unter uns und Verträge, die heilig gehalten werden mußten. Wenn z.B. einer ein[35] Vogelnest zuerst fand und zeigte es den anderen an, so gehörte es ihm und durfte ihm nicht genommen werden. Entstanden Uneinigkeiten, so wurden auch dagegen Mittel gefunden und beide Parteien über Ort und Stelle, Art und Zahl der Vögel im Neste verhört. Aber es waren auch bösartige Buben darunter, die sich nicht mit uns in das rechtliche Einverständnis fügen wollten: da entstand dann Krieg, und das mußten nicht selten die armen Vögel büßen! Eben diese bösen Buben waren auch mit schuld an der Angst, die ich bei dem folgenden Vorfalle erlitt. Einst waren in einem Winter fremde Vögel gekommen, eine seltene Erscheinung bei uns; es waren Tannenfinken, und andere Jungen hatten einige davon gefangen. Ein Schulkamerad, der sonst eben kein Freund der Vögel war, besaß ein schönes Männchen. Ich hätte es ihm gern abgekauft, aber er wollte durchaus nicht. Ich bot ihm einen Kreuzer und viele Knöpfe und alles, was ich hatte, ich suchte sogar die Brotkrümchen und den Staub aus den Ecken der Taschen, ob ich noch etwas fände, was ich ihm geben könnte, ich bat und flehte, soviel ich nur vermochte, und versprach, ihm mit der Zeit noch mehr zu geben. Alles umsonst! Ich ging mit vielem Kummer und fast krank nach Haus. Meine Gewohnheit war, ehe ich des Morgens nach der Schule ging, meine Vogelstelle zu besichtigen, ob auch alles recht aufstehe, oder ob sich schon Vögel gefangen hätten; und als ich am anderen Morgen nach einem Meisenkasten sah, saß auf dem nämlichen Baume ein Tannenfink. Ich wurde von einer Freude überfallen, die nicht zu beschreiben ist. Es schien wirklich, als wolle der Vogel in den Meisenkasten; er hüpfte um ihn herum, auch einmal auf den Deckel, dann wieder davon und so hin und her. Ich lauerte hinter dem Zaune mit den heißesten Wünschen, daß er doch hineingehen möchte; aber er zauderte. Ich hatte nicht mehr Zeit, und doch konnte ich mich nicht losreißen von einem so nahen Glücke. Es wechselten Freude und Angst bei mir.[36] Ging ich weg, und der Vogel wurde in der Zeit gefangen, so erfror er, denn zwei Stunden mußte ich in der Schule bleiben, auch konnten mir andere Jungen ihn nehmen; blieb ich, so erhielt ich Strafe, weil ich zu spät in die Schule kam ? und doch war mir, als hätte ich schon den Vogel! Ich legte mich also aufs Beten und flehte Gott an, er möchte so gnädig sein und mir diese Freude gewähren, ich wollte sein schönes Geschöpf auch gut halten, es solle bei mir in der warmen Stube wohnen, und ich wollte ihm reichlich Essen und Trinken geben. »Gib ihn mir, o lieber Gott«, flehte ich, »ich will auch fromm und mein ganzes Leben dir dankbar sein und deine Gebote halten.« Dann fing ich an zu beten: das Vaterunser, alle Morgen- und Abendgebete, Tischgebete vor und nach dem Essen, die zehn Gebote ? der Vogel flog von einem Baume auf den anderen, dann über die Mauer, dann kam er wieder und suchte auf den Bäumen umher nach Futter. Nun aber durfte ich nicht länger warten. Ich eilte nach der Schule und kam noch zur rechten Zeit, befand mich aber in einer Unruhe, die nicht auszuhalten war, denn ich glaubte, der Vogel sei nun im Meisenkasten und werde erfrieren oder mir von bösen Buben genommen. Ich fragte die neben mir saßen und die recht geübte Vogelfänger waren, wie lange wohl ein Vogel in dieser strengen Kälte im Meisenkasten aushalten könne, ehe er erfriere? Keine Stunde, sagten sie; denn gestern, als sie aus der Schule gekommen wären, hätten sie welche gefangen gehabt, aber die Vögel wären tot gewesen. Nun fing mein Herzeleid erst an; mir wurde nicht wohl, ich stützte den Kopf auf die Bücher und legte mich über den Tisch. Der Schulhalter kam herein und bemerkte gleich an meinen Nebenschülern, die große Bestürzung zeigten, daß ich krank sei. Er ließ mich aufrichten; nun machte ich zur Beängstigung noch ein jämmerliches Gesicht und klagte, daß ich mich nicht wohl befände. »So geh lieber nach Haus«, sagte er. Über diese Erlaubnis hätte ich bald meine Freude[37] verraten, aber ich hielt sie zurück und tat ganz schwach im Aufstehen. Wie er das sah, gebot er zwei Knaben, sie sollten mich begleiten und führen. Da erschrak ich, denn das waren gerade die schlimmsten Vogelfänger und beide stärker als ich; wäre der Vogel auch im Meisenkasten gewesen, so war er doch für mich verloren, denn die hätten ihn mir genommen. Ich besann mich also schnell, und ohne aus meiner kranken Stellung zu kommen, dankte ich ihm, denn gehen könne ich noch recht gut allein. »Versuch es«, sagte er, »und gehe.« Fast hätte ich gesprungen, aber ich stand wankend auf, nahm meine Bücher unter den Arm und ging einige Schritte. »Nun, es geht noch, also gehe nur.« Ich schlich zur Tür hinaus, die Treppe hinunter und wankte über die Straße, solange er mich noch sehen konnte, bis ich um die Ecke war. Nun wurde ich aber flüchtig, und die Beine wurden gehoben! In wenig Sprüngen war ich in dem langen Kreuzgange und durchlief ihn schnell, daß das Echo in den Ecken nicht einmal Zeit hatte, das Gepolter der Tritte aufzufassen, ehe das erwachte, war ich zum anderen Ende wieder hinaus. Dann ging es über die lange Glitschbahn, die wir uns gemacht hatten, wenn wir nach und aus der Schule gingen, in schnellem Laufe weg; so über die zweite und dritte, und bald brachten mich die Füße zum Garten. Von weitem sah ich schon, daß der Meisenkasten zu war. Ich warf meine Bücher in den Schnee, sprang über den Zaun und den Baum hinauf und sah: Der Tannenfink war gefangen und ? war mein! Amazon.de Widgets Die fremden Waldbewohner machten uns den Winter gesellig. Wir fingen Meisen, Goldammern, Baumläufer, Buchfinken und Spatzen und brachten sie in unsere Stube. Saßen wir dann um den Ofen und brieten Äpfel und Kartoffeln, die wir in Scheiben schnitten und rösteten, so machten wir auch wohl von den Geschichten, die am Ofen dargestellt waren, Abdrücke, zum Beispiel vom verlorenen Sohne, von der Mutter Maria u.a. Meine Geschwister und Gespielen[38] nannten mich freilich schon den Maler; aber seitdem ich soviel Lobens hörte von einem Altarbilde, welches mein Onkel in Kassel für die Michaeliskirche in Hamburg gemalt hatte, ward mein Beschluß immer fester, ein Maler zu werden. Meine Hauptbeschäftigung war das Zeichnen; aber ich goß auch Medaillen in Blei und grub Köpfe mit Griffel und Grabeisen in Stein. Einst war ich bei einer solchen Arbeit etwas zu eilig; ich hatte das Blei nicht heiß genug werden lassen, und es goß sich nicht aus. Ich zeigte das unvollkommene Stück meinem Vater und fragte ihn, wie es zuginge, daß der Kopf im Gusse nicht ganz, sondern nur stückweise herauskomme. Er sagte mir, das Blei werde wohl nicht heiß genug gewesen sein, und dann müsse ich auch die Form tiefer machen. Ich nahm also gleich einen viel dickeren Schieferstein und grub meine Form tiefer. Die lange Zeit, welche ich zugebracht hatte, die Medaille zu graben, wollte ich beim Gießen wieder einbringen und tat Wasser in die Form, damit ich nicht zu warten brauchte, bis das Blei kalt würde. Nun machte ich beim Schmelzen das Blei recht heiß, und dann goß ich es geschwind ein, damit es die Form egal fülle. Sobald aber das heiße Blei in das kalte Wasser kam, gab es einen Knall, als schösse man ein Pistol los, und das Blei spritzte in lauter Punkten umher, so daß ich und meine Mutter, die neben mir am Herde stand, ganz wie mit silbernen Flittern überdeckt wurden. Ein Schrank war wie übersilbert und so auch die Wände. Ein Glück, daß nichts in die Augen sprang; wie leicht hätte ich mein Gesicht dabei verlieren können! Von den häuslichen Arbeiten ging's dann wieder ins Freie zu neuen und anderen Beschäftigungen und Spielen, je nachdem es die Jahreszeit mit sich brachte. Ein Lieblingsort, den ich mit vieler Lust im Frühjahr besuchte, war im Walde, der Schlüsselblumenschlag genannt, mit vielem jungem Holze und mit Hecken. Da war auch ein Graben, wo sich das Wasser sammelte, welches von der höher liegenden Wiese[39] durch das Gras herunterschlich. Hier gingen wir Kinder hin und pflückten Schlüsselblumen. Oft begleitete uns auch der Vater, weil sich viele Vögel da aufhielten, besonders Nachtigallen. Es waren auch Schwarzdornen und andere Gesträuche da. Mein Vater umwickelte einige Stämme zu Spazierstöcken mit starkem Bindfaden, so daß dieser hineinwuchs; nach einigen Jahren waren sie geschlängelt; auch verwundete er einige, die beschädigten Stellen wuchsen dann aus, und es gab buntknotige Stöcke. Der Wald hatte zu verschiedenen Zeiten noch andere abwechselnde Vergnügungen für mich. Ich besuchte einige alte Eichen und durchwühlte das braune Wurmmehl, welches unten durch die Spalten und offenen hohlen Wurzeln hervorrann. Darin fand ich die schönsten Flügel von geharnischten Goldkäfern, Köpfe mit Hörnern von dem Hirschkäfer und andere Reste von Geschöpfen, die in die hohen Eichen von Tieren hineingetragen und da verzehrt worden waren. Diese trockenen Überbleibsel machten mir Freude, weil viele von den Insekten mir fremd waren und ich sie nicht fangen konnte; ich mußte mich also mit den Resten begnügen, welche mir die Vögel zukommen ließen, die sie besser zu finden wußten als ich. ? Außer im Walde fühlte ich meinen Geist nie mehr befreit als bei einem Volksfeste. Mein Vater hatte mich zu einem Scheibenschießen nach Gemünden mitgenommen. Nichts schien mir so erfreulich, als unter freiem Himmel die Menschen aus der Stadt und den Dörfern zum Feste versammelt zu sehen, wo man mit Ernst und mit arglosen Schäkereien nach einem Ziele strebt. ? Ein hoher Genuß für mich war es auch, von der Höhe des Kirchturms den Ort zu übersehen, wo ich zuerst das Licht der Welt erblickte, das Haus, wo mein Vater geboren war und wo mein Großvater die herrlichen Kunstwerke backte und für das ganze Hospital das Brot zu besorgen hatte. Pfaffen hatten sich vor alten Zeiten hier angebaut; vorher mag es wohl ein Bardensitz gewesen sein, denn es ist nicht weit von Fritzlar, wo[40] Bonifazius die heiligen Bäume umhieb. Die alte gotische Kirche ist so groß und schön, daß sie eine Stadt zieren könnte, mit einem weitläufigen Kloster und dazugehörigen Gebäuden, welche durch lange Kreuzgänge zusammenhängen. Haina ist von drei Seiten mit Wald umgeben; von da zieht sich ein flaches Feld und Wiesental in die Ferne. Die nächsten Umgebungen sind Gärten und Obstbäume, und die Landstraßen sind mit Äpfel- und Birnbäumen umsetzt, ebenso die große Fläche, die Gemeine genannt. Obst war gewöhnlich meine Kost. Zuerst Erdbeeren; in den Wäldern wußte ich die Stellen, wo die würzigsten und vorzüglichsten waren, und oft traf ich in Himbeerbüschen mit Rehen zusammen, die auch an den zarten Sprößlingen naschten. Auch kannte ich die besten Äpfel- und Birnbäume; wohltätige Landesherren hatten die besten Sorten aus verschiedenen Ländern kommen lassen und viele Landstraßen damit bepflanzt. Die Zeit, wann dieser oder jener Baum die reifsten Früchte hatte, kannte ich genau. Die Kerne von den Äpfeln und Birnen nahm ich sorgfältig mit, und wenn ich vor einer Hecke vorbeiging, streute ich sie hinein, mit dem Gebete, daß ihr guter Genius sie aufkeimen lasse. Einmal legte ich auch einen Kirschkern neben unserem Hause; nach dem ich eine Vertiefung gegraben hatte, holte ich vom Fahrwege Erde und füllte die Grube damit aus, machte Bretter ins Viereck darum, häufte noch Erde darauf, und nun war mein Kirschkern gepflanzt und hatte ein gutes Bett. Er schoß in kurzem auf, und ich steckte Dornen darum. Nach einigen Jahren war es ein schönes Stämmchen, und ich hatte recht viel Freude. Da sagte mein Vater, der Stamm müsse gepfropft werden, und beschrieb mir, wie es gemacht würde und was dann daraus werden könnte, wenn eine gute Art Kirschen darauf käme. Nun sann ich lange nach; endlich wählte ich eine weiße, große spanische Kirsche, nahm davon ein Auge, pfropfte meinen Stamm, und er ist so hoch[41] geworden, daß er einen großen Teil des Hauses überzogen hat. Er brachte große dunkelrote Kirschen, wie dergleichen keine in dem ganzen Orte bekannt waren. Was mich im Leben am besten bewahrte vor Torheiten und leidenschaftlichen Verirrungen, war das Kloster in Haina, eine wahrhaft menschliche, milde Stiftung. In diesem Hospitale wurden alle die Unglücklichen ernährt und gepflegt, welche sich wegen körperlicher oder geistiger Gebrechen ihren Unterhalt nicht selbst erwerben konnten. Da sah man alle Arten von Verkrüppelungen des Körpers und besonders von Verrücktheit des Verstandes. Die bis zur Verwirrung gesteigerten Leidenschaften sprechen sich stark und bestimmt aus, so daß der, welcher Menschen studieren will, hier gleichsam den Stimmhammer findet für alle die einzelnen Töne, welche in dem großen Weltkonzerte der menschlichen Leidenschaften liegen. Da war einer, der mit Schlauheit alles zu fangen suchte und überall, wo er ging, Fallen stellte. ? Ein Mißtrauischer fürchtete Behexungen. Er ging über kein Kreuz, und ängstlich hielt er seine Schritte an, wo zwei Strohhalme übereinanderlagen, auch kehrte er um, wenn ihm ein altes Weib begegnete. ? Jener liebte den Kleiderschmuck. Das angenehmste Geschenk, was man ihm machen konnte, waren bunte Läppchen, die er sich anheftete. Begegnete ihm jemand, der ein Kleid trug, welches ihm gefiel, so sagte er: »Du sollst bald sterben, damit ich dein Kleid erbe.« Er war dabei in beständiger Fröhlichkeit. ? Eines anderen heißestes Verlangen war, Prediger zu werden. Es bereitete ihm Seligkeit, wenn er die Kirche aufschließen hörte und dem Prediger das Buch auf die Kanzel tragen durfte. Er kündigte immer an, daß der Pfarrer bald sterben und er dessen Stelle bekommen werde. ? Noch einer war bei seiner ersten Predigt verrückt geworden. Dieser hatte Zeiten, wo er sehr rasend wurde. Er predigte immerfort. ? Einen nannte man den Major. Er musterte und exerzierte unaufhörlich seine[42] Soldaten, die er vor sich zu haben glaubte. Er stand früh auf und ging in Pantoffeln auf den Exerzierplatz. Am Wege lag ein großer Stein, vor welchem er Front machte, die Pantoffeln auszog und den Stein küßte. Dann stellte er seine Soldaten in Reihe; doch war ihm die Linie nie gerade genug. All sein Schimpfen half nichts; wollte er sich zum Kommandieren aufstellen, so verhinderten ihn wieder die großen Fehler, welche er bemerkte. Auf diese Weise arbeitete sich der arme Mensch einige Stunden ab; dann ging er zum Essen und fuhr nachmittags bis gegen Abend mit dem Exerzieren wieder fort. ? Ein Reimschmied behängte alle Wände seiner Stube mit Gedichten. Er hatte wohl früher durch satirische Gelegenheitsgedichte seinen Füßen oft den Block verschafft. ? Da war auch ein großer Fresser, auch ein Äsop, der sich rühmte, die Sprache der Gänse zu verstehen und andere. Wir Kinder kamen einst aus der Schule und sahen viele Menschen um einen Wilden versammelt, den man im Sollinger Walde eingefangen und nach Haina in das Hospital gebracht hatte. Wir drängten uns auch heran, ihn zu sehen. Er stand in der Mitte, und man war beschäftigt, ihn einige Worte zu lehren, wie Suppe, Brot usw. Das schien er zu verstehen und war in froher, aufgeregter Erwartung. Vielleicht mochten ihm auch schon während der Gefangenschaft einige Wörter gelehrt sein. Als die Aufwärterin kam und ihm von ferne eine Schüssel mit Suppe zeigte, blökte er und nahm seinen Weg gerade über die Schultern der Umstehenden hinweg; denn so war er's gewohnt, über Hecken und Büsche im Walde hinzuspringen. Ich war noch zu jung, als daß ich darauf geachtet hätte, auf welche Art man ihn eingefangen. Man gab sich Mühe, ihn nach und nach zu unterrichten und zu leichten Geschäften anzulernen, wobei man aber auf seiner Hut sein mußte, ihn nicht zu erzürnen. Ich habe einmal solchen Vorfall mit angesehen. Es waren viele Brüder, wie man diese Unglücklichen im Kloster nannte,[43] zu gemeinschaftlicher Arbeit beisammen, ohne daß die Aufseher zugegen waren. Unter diesen Brüdern war auch der sogenannte starke Hans, dessen Verrücktheit ziemlich unschädlich war. Er sprach nie, ließ sich aber zu schwerer Arbeit wohl gebrauchen und konnte zwei Eimer mit Wasser an den kleinen Fingern aufheben. Nur zu gewissen Zeiten wurde seine Verrücktheit stärker; dann sah er starr auf einen großen Stein, rief das einzige Wort »Frosch!« und ruhte nicht eher, als bis er den Stein von der Stelle gerückt hatte. Er war sehr groß und stark, weshalb ihm und seiner Familie der König von Preußen viel Geld geboten hatte, um ihn unter seine Garde zu nehmen. Aber es fand sich, daß sein Verstand ganz zerrüttet war, und er kam ins Tollhaus. ? Knaben, die bei solchen Gelegenheiten immer ihr Spiel treiben, kamen auf den Gedanken, den Wilden und den starken Hans zusammenzuhetzen. Der Wilde mußte den Hans beim Ohr zausen und ihn fragen, wie alt er sei. Gutmütig tat das dieser; aber Hans antwortete nicht. Nun mußte der Wilde abermals hin und ihn in das Ohr kneifen. Da nun der Gegner Schmerz fühlte, sagte er »Frosch!«, packte den Wilden mit wütender Kraft, hob ihn in die Höhe und schmetterte ihn an den Boden. Dieser aber sprang nun wie ein wütendes Tier mit rasender Wildheit auf den Angreifenden an, beide packten sich, schlugen und zausten sich und waren mit Armen, Beinen und Zähnen so fest ineinander verschlungen und verklammert, daß man sie nicht eher losreißen konnte, als nach beider Entkräftung. ? Nach Jahren schlich sich bei dem Wilden eine merkwürdige Krankheit ein. Er verlor seine Munterkeit, verfiel in Schwermut, saß stets niedergeschlagen, ohne zu sprechen, sein Gesicht und ganzer Körper bekam dicke, runde Schwielen, die nach und nach abtrockneten und aussahen wie weißer Kalk. Vielleicht brachte dies die veränderte Lebensart und Speise hervor; denn früher lebte er in freier Luft und aß alles roh.[44] Eines Tages waren unsere Eltern auf eine Verlobung ausgebeten, und damit wir Kinder auch, so wie sie, die Freude der Gesellschaft genießen sollten, hatten sie verschiedene Kinder eingeladen, mit denen wir spielen könnten. Auch hatten sie uns mancherlei zu essen und zu trinken gegeben und es so geordnet, daß die Ältesten das Regiment über uns Kleinere führen und für unsere Befriedigung Sorge tragen sollten. Die größeren Mädchen hatten nun den Kaffee gemacht, und alles war mit der schönsten Ordnung und Anständigkeit bereitet. Ihrer übertragenen Autorität ein würdiges Ansehen zu geben, saßen meine Schwester und ihre beiden Freundinnen gleichen Alters obenan hinter dem Tische, wo die eingeschenkten Tassen mit einem Stück Kuchen dabei in einen Kreis gestellt waren. Die nun wollten ihre Gesellschaft empfangen und mit Höflichkeit bewirten. Wir Knaben spielten eben, als wir durch ein kleines abgeschicktes Mädchen eingeladen wurden, bei den Damen Kaffee zu trinken. Über diese freundliche Einladung verließen wir sogleich unser Spiel und liefen zu dem Tische, und da die eingeschenkten Tassen so bequem zum Trinken standen, so fielen die Knaben darüber her, verschluckten alle Tassen nacheinander und verschlangen allen Kuchen. Die Damen, welche in ihrer Hoheit saßen, erschraken, daß ihre Würde nicht geachtet und so wenig sittliches Betragen vor ihren Augen geübt wurde. Die eine verwies besonders dem einen Knaben, der die meisten Tassen, auch die, welche anderen gehörten, hintereinander ausgetrunken hatte, mit schmälenden Worten seine Unart und nannte ihn einen groben, ungeschliffenen Jungen, und auch die anderen fuhren fort, auf die Roheit der Buben zu schimpfen. Die eine faßte das Wort »geschliffen« wieder auf und sagte: »Sie sind wie eckige Felssteine, die mit groben Hämmern erst abgeschlagen werden müssen«; mich hingegen, weil ich gar keine Tasse begehrte, nannten sie einen bescheidenen, billigen und mäßigen Knaben, mit dem angenehm[45] umgehen sei. Diese Worte blieben mir im Herzen, und ich dachte darüber nach, was geschliffen und ungeschliffen sei, und bekam eine Achtung vor der Würde des sittlichen Frauenzimmers, das zu Ordnung und Anständigkeit gebildet ist. Es war Sitte in Haina, daß jeder junge Bursch zur Blumenzeit am Sonntage eins von den Mädchen im Dorfe, wenn es zur Kirche ging, mit einem Blumenstrauße beschenkte, welches er dann den Tag über seine Auserwählte oder sein Liebchen nannte. Ich war nun auch schon ziemlich herangewachsen, und es regte sich ein dringender Wunsch in mir, mich aus dem Knabenstand zum Ansehn des Burschenstandes zu erheben; denn ich sah die schönsten Jünglinge in der Kirche auf der Bühne stehen, ausgeziert mit einem Blumenstrauße, den sie am Hute trugen oder auf der Brust und den ihnen ihre Liebchen wiedergeschenkt hatten. Einen Blumenstrauß von einer Mädchenhand vor der Kirchtür zu erhalten, hielt ich für den ehrenvollsten Schmuck, und mein Stolz trieb mich, mir auch einen solchen zu erwerben. Ich wußte lange nicht, auf welche Art ich dazu gelangen könnte. Endlich entschloß ich mich und suchte das schönste Mädchen aus, die meine Auserwählte sein sollte! Als es Sonntag war und ich am Morgen, schön angekleidet, aus der Tür der Sonne entgegentrat ? alles still auf den Wegen und um die Häuser. Die Nachbarn, Knechte und Mägde in der Kirche; fernher tönte der Gesang der Andächtigen; kein Wagen fuhr, und die Schwalben setzten sich ungestört um des Wassers Rand, die weiche Erde zum Bau ihrer Nester zu holen, und flogen wieder beladen von dannen, ein schön Geflatter, wie sie so emsig arbeiteten, ihr Nest zu bauen. Mit Zusehen hatte ich mich lange ergötzt; da stieg ich den Berg hinan zum Blumengarten, mir von der Frau Gärtnerin einen Strauß zu bitten. Am Gegitter, unterm braunen Wallnußbaume, betrachtete ich erst die großen Eichen. Des Sonntags stehen sie still und höher und schauen ruhiger und[46] mit mehr innerlicher Freude als in der Woche, wo es sich überall im Felde regt, auf Korngefilde und hören gern das Geschwirr ihrer Laubbewohner. Dann trat ich ein ins Tor und hörte Herrn Eichler, so hieß der kluge Gärtner, mit seinen Leuten in der Bibel beten. Ich stand wartend still, bis sie fertig wären mit Lobgesang dem Allerhöchsten, der die Erde so reich geschmückt, und sah durch das andere Gitter des Blumengartens. Da wankten die Blumen in stiller Pracht und prangten im Glanze der bunten Farben; eine strebte es der anderen an Schönheit hervorzutun, lachend war der ganze Garten, in stiller Herrlichkeit! Die Sonne freute sich der Blumen, die Blume neigte sich zur Sonne mit ihrem Dufte; es war ein hoher Einklang der Natur, alles jauchzte, ich hörte Gesang der Blumen, der Eichen und der Himmelshöhen mit der bunten Erde! ? Nun kam die vernünftige Gärtnerin, schloß das Gitter auf und schnitt von jedem Beete mir eine Blume! Ich ging so reich mit meinen Blumen. Ach, wenn ich nur jemand liebte! Ich band sie in einen Strauß, nahm ihn mit in die Kirche und suchte die Auserwählte; und da die Kirche aus war, eilte ich voraus an die Tür und wartete, bis sie käme. Sie kam, und ich trat vor sie hin, reichte ihr den Blumenstrauß und sagte: »Du sollst mein Liebchen sein.« Sie nahm die Blumen mit Verwunderung und ging stillschweigend fort. Als sie einige Schritte entfernt war, kehrte sie wieder um und fragte: »Was hast du gesagt?« Ich sagte: »Du sollst mein Liebchen sein.« Darüber fing sie herzlich und laut an zu lachen und kehrte sich um, ging fort und ließ mich stehen. ? Ich dachte nach, warum mein Anliegen so eine ungünstige Wendung genommen, und es fiel mir ein, daß ich vergebens einst meinen Schatten überlaufen wollte, und so große Schritte ich auch machte, ihn nicht einholen konnte; und indem ich mich mit den anderen Knaben verglich, die sich rühmten, älter zu sein, fand ich, daß es für mich noch nicht Zeit wäre, von einem schönen Mädchen einen Blumenstrauß zu erhalten. 
 Tätigkeit in Kassel, Hannover und Berlin  [104] Ich reiste also nach Kassel. Auf dem Wege freute ich mich über die Natur und die schönen Gegenden, die sich mir nun in der Wirklichkeit zeigten und die ich in den Städten nur in Bildern zu sehen gewohnt war. Als ich das erste rieselnde Bächlein wieder bergunter fließen sah, das klare, lebendige Wasser, dann die Hügel und die hohen Berge, die Waldungen und Gebirge in der Ferne und in der Nähe, und ich durch den dichten Wald fuhr, wo mich der frische, erquickende Holzgeruch anwehte und ich die Waldluft wieder einatmete ? da wurden die Freuden der Kindheit und der Jugend wieder lebhaft rege. So kam ich nach Kassel, fand meinen Bruder, meinen Onkel und alle Verwandte im besten Wohlsein und eilte nun nach Haina zu meinem Vater. Die Freude des Wiedersehens war unendlich. »So wie du bist«, sagte mein Vater, »glaubte ich, würdest du werden; ich war dessen gewiß.« Auch mein Vetter Just hatte eine große Freude, mich so herangewachsen zu sehen, denn er hatte mich als Kind gewartet und getragen, und ich war immer sein Liebling gewesen. Viele meiner Schulkameraden kamen gelaufen, den Wilhelm zu sehen, und in fröhlichen Wechselgesprächen erinnerten wir einer den andern, wie wir als Knaben im Walde Erdbeeren gepflückt, Eichhörnchen gejagt und Fische und Vögel gefangen hatten! Nach längerem Verweilen im väterlichen Hause und bei den Meinigen wollte ich meinen Bruder bereden, mit mir nach Holland zu reisen; aber er versuchte, mich bei sich in Kassel[105] zu behalten. Er hatte viele Bestellungen von Porträts und meinte, es sei besser, diese erst gemeinschaftlich zu vollenden; dann könnten wir noch immer tun, was das beste schiene. Er hatte Umgang mit sehr artigen und angenehmen Menschen und sehr viele gute Freunde, unter anderen auch den Intendanten über die Gemälde, welche in den Zimmern des Landgrafen hingen, dem sogenannten Kabinett, einer auserlesenen Sammlung von holländischen Künstlern, mehrenteils kleine Bilder, aber lauter ausgesuchte Meisterstücke. Landgraf Wilhelm VIII., ein großer Kenner, hatte sie als Gouverneur in Holland gekauft. Damals konnte man in Holland noch leicht Bilder erwerben und erhielt sie häufig von der Wand, wo der Maler sie selbst hingehängt hatte, ohne die geringste Beschädigung. Hier war ein kleines Bild von Rubens: »Pan und Syrinx« vorstellend, wozu Bruegel den Hintergrund gemalt hatte. Das Schilf mit den Blumen und das Rohr war bewundernswürdig schön. Auch ein kleines Bild von Rembrandt: »Wie die drei Marien zum Grabe Christi kommen und ein Engel auf dem abgewälzten Steine sitzt.« Das weiße Gewand und die Klarheit des himmlischen Lichtes, das den Engel umfloß, waren wie hingezaubert und ein wunderbarer Effekt in dem Bilde. Ferner ein Bild von Slingeland, eine Mutter sitzt und näht, neben ihr steht eine Wiege, wo das darinliegende Kind eben erwacht und die Mutter ansieht. Ein Bild von Wouwerman, »Eine Plünderung«: es brennt eine Stadt und die Kirche, die Pfaffen werden hinausgetrieben und gemißhandelt; ein Soldat hat einen Pfaffen bei den Ohren und führt ihn zu dem wachthabenden Offizier; eine Frau liegt über dem Leichname ihres Gatten, und ein Soldat schlägt sie über den Rücken; kurz, man erblickt alle Greuel der Plünderung! Dies Bild ist von Wouwermans erster Manier und das vollkommenste, was ich von ihm gesehen. Man erstaunt, was dieser Meister vermochte! Die Gesichter sind nicht viel größer als eine große Erbse, doch betrachtete man sie durch ein[106] Vergrößerungsglas, so glaubte man einen Kopf von Rubens zu sehen: so war es mit Feuer und Geist gearbeitet. Aus diesem Kabinett und aus der Galerie kopierte ich verschiedene Bilder: den ganz vortrefflichen Kopf von Rembrandt mit einem Helme und Köpfe nach van Dyck. Auch malte ich für den Landgrafen Tiere aus der Menagerie, worunter einige seltene und schöne waren, ein Elefant, Löwe, ein Leopard und eine Leopardin, diese bekam in selbiger Zeit zwei Junge; sie hatte schon einmal geworfen, was selten in Europa ist. Die Galerie war außerdem noch angefüllt mit vortrefflichen Meisterwerken, von Rubens: »Mars und Viktoria«, »David«; von Rembrandt: »Jakob segnet seine Söhne«, »Goliath wird gefangen«, »Frauenporträt mit einem Kragen«, zwei Landschaften; von Giordano: »Ein Familienstück«, »Ein Satyr«, »Jupiter als Kind, von der Ziege gesäugt«; von Schalcken: »Ein Nachtstück«; ein Wouwerman; von Potter Bilder in Lebensgröße: »Die pissende Kuh«, »Die verkehrte Welt«, »Eine Mühle«, »Spielende Kinder«; ein A. Cuyp; von Heemskerck: »Die Taufe Christi«; von Rosa da Tivoli: Familienporträts; von Melchior Roos: »Die Menagerie«; ein Lairesse; von Teniers: »Schützengesellschaft von Antwerpen« (400 Figuren). Auch viele italienische Bilder waren da. Von Andrea del Sarto; von Raffael: »Maria mit dem Kinde«; von L. da Vinci: »La Carità, eine Heilige Familie«; Carracci: »Magdalena«; von Guido Reni: »Aeneas und Dido«, »Maria«; von Tizian: »Ein Mann in Lebensgröße«, zwei Frauenporträts; von Palma: »Venus und Amor«, »Perseus und Andromeda«; ein Bassano und andere. Amazon.de Widgets Lady Morgan sagt in ihrem »Leben des Salvator Rosa«, im Palazzo Pitti zu Florenz sei ein Gemälde von Holbein, dessen eigene Familie vorstellend. Hier waltet eine Unrichtigkeit ob, denn dieses Gemälde ist von Giorgione da Castelfranco. Ein Mann sitzt am Klavier und scheint eben[107] einige Akkorde gegriffen zu haben; er wendet sich fragend um nach einem andern, der hinter seinem Stuhle steht und ihm auf die Schulter klopft, mit dem Ausdrucke, als ob es das Rechte sei. Eine weibliche Figur steht neben ihm. ? Allein hier in Kassel in der kurfürstlichen Galerie existiert jenes Gemälde von Holbein: »Die Familie des Künstlers.« Er selbst ist darauf und seine Frau, welche das jüngste Kind auf dem Arme trägt. Zwei andere sitzen an einem Tische und speisen. Es ist ein Kniestück von ungefähr acht Fuß Höhe und vier Fuß Breite. Es war am 2. September 1773, als ich mit meinem Bruder in Kassel anfing zusammenzuarbeiten. Um eben die Zeit wurde Ludwig Strack konfirmiert und von seinen Eltern nach Kassel zu meinem Bruder, dem Galerie-Inspektor Johann Heinrich, getan, um von ihm und mir das Malen zu lernen. Wir nahmen ihn ganz zu uns und liebten ihn, wie unseren Bruder Jakob, der auch bei meinem Bruder war. Oft hatten wir auch das Vergnügen, von Fremden besucht zu werden, die nach Kassel kamen, die schönen Werke und Kunstsachen zu sehen, welche die Fürsten nach und nach gebaut und gesammelt hatten. So lernte ich Kersting und Camper kennen; auch aus Hannover kam einmal Herr Winkelmann zu uns, mit verschiedenen Frauen aus seiner Familie. Diese außerordentlich artigen Menschen hatten eine so große Freude an der Natur und Kunst und sprachen über alles mit so viel Liebe und Gefühl, daß wir gern ihrer freundlichen Einladung folgten, sie in ihrer Heimat zu besuchen. Ich reiste auch hin, das war den 23. Oktober 1774, wurde von Herrn Winkelmann mit der innigsten Freundschaft empfangen und mußte in seinem Hause logieren. Er war der älteste von den drei Brüdern, ein großer Freund der Musik und Malerei und hatte schöne Abgüsse von antiken Statuen; in der ganzen Familie war Geschmack und Liebe für Literatur. Der Dichter Jakobi,[108] Bruder der sehr gebildeten Frau des Herrn Winkelmann, kam auch hin, so oft er seinen Freund Gleim in Halberstadt besuchte. Abwechselnd in ihren Häusern versammelten sich viele Menschen von Geschmack und Kenntnis; alles Neue und Schöne wurde gelesen, besonders aber auch die alten Dichter. Hier kam mir der Homer (von Damm) zum ersten Male in die Hände. Als ich diese göttlichen Gesänge vernahm, wurde ich wie bezaubert, ich hörte eine Geschichte, von einem Dichter gesungen. Die Personen in der Ilias und Odyssee und die olympischen Götter und Göttinnen schwebten lebendig vor meinen Augen; ich fing noch den nämlichen Tag an, einige Begebenheiten nach dem Homer zu zeichnen. Seitdem las ich ihn täglich, und er ist mir nicht wieder aus den Händen gekommen, in kurzer Zeit wußte ich ihn auswendig. In Pyrmont machte ich Gleims Bekanntschaft. Er hatte seine größte Freude daran, wenn ich ihm den Homer vorsagte, der mir wie ein Vaterunser geläufig war, besonders wenn ich in meiner erhitzten Phantasie oft noch zusetzte. Alle Nachmittage mußte ich ihm gegenübersitzen und ihm Gesang auf Gesang vortragen. ? Meine Beschäftigung im Porträtmalen verschaffte mir außerdem immer mehr Bekanntschaften mit den Vornehmsten und Schönsten in der Stadt. Man weiß ja, daß da, wo Schönheiten sind, gern die zarten Seelen sich versammeln, und da den Malern das Glück zuteil wird, daß die Schönsten am meisten gemalt werden, so hatte ich täglich ausgezeichnete Gesellschaft um mich, denn eine schöne Dame brachte gewöhnlich noch eine oder mehrere zur Gesellschaft mit. Auch kamen wohl Herren, sie wieder abzuholen, und so war mein Zimmer oft voll von ausgesuchten Menschen, welche die Künste liebten, und ich freute mich über die feine Art der Unterhaltung und über die auserlesenen Gespräche. Hier entdeckte sich mir eine Welt, die ich bis jetzt noch nicht gekannt hatte. Oft lasen auch die Herren oder Damen aus Dichtern etwas vor, um den Sitzenden die Zeit angenehm[109] zu machen. Da lernte ich nun immer mehr, wie die Dichter die Natur beschauen und belauschen und sie dann mit Worten dem Leser ins Gemüt bringen. Bis jetzt wußte ich nur, wie die Maler die Natur ansehen und in ihren Bildern wiedergeben; in der Malerei nur hatte ich die zarten und die starken Leidenschaften der Menschen abgebildet gesehen. Nun lernte ich aber auch, wie der Dichter in seiner Kunst in das innerste Herz des Menschen eingeht, da die Gefühle aufspürt und durch Worte sie darstellt. Meinem Aufenthalte in der Stadt Hannover, die von jeher keiner anderen an Geisteskultur nachstand, verdanke ich es, daß ich Geschmack für die Dichtkunst gewann. Gemäldesammlungen waren auch verschiedene in Hannover, z.B. die des Herrn von Grote, eine schöne Sammlung, die Herr Greenwood kaufte für 8500 Taler. Er suchte hundert Stück aus, darunter ein Bild von Rembrandt, das ihm, wie er sagte, den ganzen Kauf bezahlen mußte. Es stellte die heiligen drei Könige vor, wie sie das Christkind beschenken, und ist eins der schönsten Meisterstücke, welche ich von diesem Künstler gesehen habe. Die morgenländischen Könige erscheinen mit ihrem ganzen Gefolge in dem Lieblingskostüme Rembrandts. ? Eben dieser Herr Greenwood kam noch einige Male nach Deutschland, um aus dieser Gegend die Kunstschätze wegzuführen, die ihm willig für seine blanken Guineen dargereicht wurden. Ich war mit ihm in Hildesheim, wo er für ein Bild von Rubens, das im Dome hing, hundert Louisdor bot; es wurde ihm geweigert; einige Jahre später nach meiner Zurückkunft habe ich es jedoch vergebens gesucht. Herr Wübels aus Amsterdam, gereizt durch diese guten Ankäufe des Herrn Greenwood, machte auch Reisen durch diese Gegend und führte noch den Rest schöner Bilder für seine Dukaten weg. Auch in Hehlen, auf dem Gute des Grafen Schulenburg, waren viele ansehnliche Gemälde, die er als Gouverneur in Venedig gesammelt hatte. Die Venetianer hatten ihm auch[110] Geschenke gemacht mit Bildern ihrer vorzüglichsten Meister. Diese Sammlung kaufte ebenfalls jener englische Gemäldehändler, wenn mir recht ist, für 18000 Taler. Darunter war ein Tizian, der ihm die ganze Ankaufssumme wieder einbringen sollte. Er konnte nicht genug den Wert und das Lob aussprechen über die vielen vortrefflichen italienischen Gemälde, die er hier gekauft hatte. Nachdem ich viele Porträts in Hannover gefertigt und mir damit etwas verdient hatte, reiste ich nach Kassel zurück zu meinem Bruder, der unter der Zeit Inspektor der Gemäldegalerie geworden war. Um ihm eine Freude zu machen, brachte ich ihm einige Bilder von alten Meistern mit, besonders Jagdstücke, z.B. ein großes Bild von Snyders in Lebensgröße: »Schwäne und Enten, die durch Hunde aus dem Schilfe gejagt werden.« Es war so natürlich und täuschend, daß, als es an der Wand hing, oft fremde Hunde, die hereinkamen, an die Wand sprangen und bellten. Auch eins von Fyt: »Tote Rebhühner, Wachteln und andere Vögel«, und zwei große Bilder von G. Lairesse: »Das prächtige Mahl, welches Kleopatra mit der Perle dem Antonius gab«, und ein anderes: »Wie Cäsar Oktavian zu Kleopatra kommt und sie tot findet, um sie her ihre weinenden Zofen«. ? Mein Bruder, ein so eifriger Liebhaber von Gemälden, dem ich sogleich bei meiner Ankunft von diesen Bildern erzählte, und daß sie bald nachkommen würden, wurde von solcher Unruhe ergriffen, daß er sogleich mit Hammer, Zange und Brecheisen den Kisten auf der Straße entgegenlief. Als er aber vollends die Bilder sah, war kein glücklicherer Mensch wie er! Ich lebte nun wieder einige Zeit in der Galerie, wo mein Bruder wohnte, und arbeitete mit ihm. Meine Reise nach England und Frankreich hatte ich aufgegeben, und ich wünschte mir, für einen Hof wie Gotha, Weimar usw. wirken zu können. Besonders war meine Absicht, mit den dortigen Dichtern zu leben, und ich nahm mir vor, alles Dichterische[111] aufzufassen, wo ich es fände, zu zeichnen, was fürs Auge anschaulich wäre, und aufzuschreiben, was für den Dichter wäre, der mit Worten malt. Eines Nachmittags, als ich im Augarten spazierenging, begegnete mir die Frau Landgräfin Philippine mit dem Prinzen von Württemberg, der eben auf seiner Reise nach Rußland war, wo er nachher Feldmarschall wurde. Die Frau Landgräfin winkte mir und fragte, ob ich den Prinzen, ihren Neffen, malen wollte? Diese Ehre kam mir unerwartet, und meine Freude darüber war desto lebhafter. Am folgenden Morgen malte ich den Prinzen und nachher auch ihr eigenes Porträt. Ich hatte das Glück, daß beide ähnlich gefunden wurden, und ich mußte mehrere Kopien von ihrem Porträt machen, welche sie an verschiedene Höfe schicken wollte. Dann äußerte sie den Wunsch, auch das Porträt ihrer Schwester in einem Familienbilde zu haben, nämlich zugleich mit dem Prinzen Ferdinand von Preußen, deren Gemahle, und mit deren drei Kindern. In diesem Auftrage kam sie meinem Wunsche zuvor, Berlin zu sehen. Mit einem Empfehlungsschreiben reiste ich dahin ab. Dies geschah den 13. Juni 1777. Meinen Weg nahm ich über Gotha, wo ich verschiedene alte gute Bilder sah aus der Zeit des Lukas Cranach, dann über Weimar und Leipzig nach Dresden. ? Hier sah ich nun zum ersten Male gute italienische Bilder, die mich in Verwunderung setzten, besonders die von Correggio. Mit Recht wird die sogenannte »Nacht« (Die Geburt Christi) für das schönste Bild in der Welt gehalten; auch hat ihm dies kein anderer Maler streitig gemacht, wenn er es nicht selbst getan hat mit seiner eigenen Arbeit, dem »Heiligen Georg«. Daß in der »Geburt Christi« das Licht vom Christkinde allein ausgeht, welches das Licht in die Welt brachte, ist ein schöner Gedanke; und da das Licht in der Mitte zusammengehalten ist, so macht es ein vollkommenes, harmonisches Ganzes. Aber in dem Bilde vom heiligen Georg sind wohl einzelne Teile vorzuziehen, z.B. der Arm, der mein[112] Erstaunen so erregte, wie nie ein anderes Kunstwerk getan hat. Auch das kleinere Bild von Correggio, »Die heilige Magdalena«, wie sie, umgekehrt von ihrem Lebenswandel, in einer Grotte auf der Erde liegt und mit Wohlgefallen in einem Buche liest! Ein Sonnenlicht fällt vom Himmel zwischen dem Haupthaar auf ihre Stirn, und das weiße Buch wirft einen klaren Widerschein in ihr Gesicht. Durch das Lesen erhält ihr Geist ein Licht, das die inneren Himmelsfreuden weckt, die in jedem Menschen liegen. Einige Wochen hielt ich mich in Dresden auf und besuchte täglich die Galerie. Dann reiste ich nach Berlin, übergab meinen Empfehlungsbrief und eröffnete meinen Antrag an Ihre Hoheit die Prinzessin Ferdinand. Diese hatte die Gnade, mich schon am folgenden Tage ihr Bildnis für ihre geliebte Schwester malen zu lassen. Sie führte mir ihre Kinder zu, die Prinzessin Luise, die Prinzen Heinrich und Louis; auch stellte sie mich ihrem Gemahle, dem Prinzen Ferdinand, vor. Nachdem ich alle gesehen hatte, entwarf ich meine Komposition, und das Bild wurde angefangen. Ich wohnte bei ihr im Schlosse zu Friedrichsfelde, ging aber oft in die Stadt, wo ich mehrere Porträts aufnahm, unter anderen das vom Minister Finkenstein, welches ich dreizehnmal für seine Freunde kopieren mußte. Einmal auch malte ich ihn in ganzer Figur in Lebensgröße in seiner Ordenskleidung als Johanniter-Ritter. So häuften sich die Arbeiten immer mehr, und ich hatte sogar das Glück, Ihre Majestät die Königin zu malen, welche gleichfalls gegen mich äußerte, daß sie ihr Porträt gerade von mir zu haben wünsche, weil sie gehört habe, daß ich so schnell male, denn das lange Sitzen würde ihr unangenehm. Es schien mir übrigens, als spräche sie gern über die Kunst, und ich sann vorher darauf, wie ich sie während des Sitzens unterhalten wollte, damit sie nicht Langeweile hätte. Zur bestimmten Zeit wurde das Nebenzimmer, wo ich sie malen sollte, mit Hilfe der Bedienten gehörig eingerichtet und die[113] Fenster mit Tüchern behängt, damit das Licht recht vorteilhaft auf das Original falle. Als nun die Staffelei und das Tuch in Ordnung gebracht und der Stuhl zurechtgestellt war, trat die Königin herein und setzte sich gerade so, wie ich es wünschte. Ich fing sogleich beim Arbeiten eine Erzählung an über die Malerei, wobei sie mit Gefallen zuhörte, und wenn ich es nötig fand, daß sie den Mund bewegte, tat ich eine Frage, worauf sie etwas erwidern mußte. So waren rasch drei Viertelstunden vergangen, und ich stand auf und dankte für die gehabte Geduld. Die Königin glaubte, daß sie sich anders setzen müsse, und war sehr verwundert, als ich erwiderte, daß ich schon fertig sei. Mehrere Damen des Hofes kamen nun herbei und jauchzten über die große Ähnlichkeit des Bildes; ein alter Bedienter trat auch herein, und als er es sah, fing er an zu weinen und sagte: »Unsere gute Preußenmutter, wie sie leibt und lebt!« Ich mußte noch einige Kopien davon machen. Das Original schickte die Königin an die Mutter des Kronprinzen. Als diese denselben Abend Assemblée bei sich hatte, stand zufällig eine Dame mit dem Rücken gegen die Wand gekehrt, wo das Bild kurz vorher etwas niedrig aufgehängt war; indem sie sich nun eben umdrehte, glaubte sie, die Königin selbst zu sehen, und wollte sich entschuldigen, daß sie nicht auf die Seite getreten sei. Diese Täuschung der Dame machte großes Aufsehen in der Assemblée. Vielleicht tat sie auch nur so, um der Prinzessin über das Geschenk der Königin ein angenehmes Kompliment zu machen. Genug, mir brachte es großen Vorteil, denn es sprach sich in der Stadt herum, und ich bekam so viel Bestellungen, daß ich oft drei Porträts in einem Tage machte. Amazon.de Widgets Ich gewann nun auch immer mehr Fertigkeit, in weniger Zeit die Hauptzüge und das Charakteristische eines Gesichtes aufzufassen, so daß ich oftmals den Kopf, den ich porträtieren sollte, nicht einmal mit Kreide vorzeichnete, sondern gleich mit Pinsel und Farben anfing. Die vielen[114] Bestellungen veranlaßten mich, meinen jüngsten Bruder Jakob zu mir kommen zu lassen. Er sollte mir helfen, zugleich aber die Welt kennenlernen, wozu es mir in meiner Jugend an Gelegenheit gefehlt hatte. Ich hielt ihm verschiedene Lehrer, vorzüglich zum Unterricht in der Geometrie und Perspektive, die einem Maler zu wissen sehr nötig sind, und um ihn im Porträtmalen vorwärtszubringen, suchte ich ihm Menschen auf mit Charakterköpfen und bezahlte sie, daß sie ihm den ganzen Tag säßen und er recht danach studieren könnte. Einige Köpfe zeichnete ich auch mit ihm zugleich, um ihn durch die Vergleichung der Arbeit auf das Notwendige und Fehlende aufmerksam zu machen. So führte ich in Berlin ein sehr angenehmes Leben. Täglich hatte ich die schönste Gesellschaft bei mir versammelt, und durch diese wurden Empfindungen in meiner Seele geweckt, welche genährt zu werden verlangten; und ich fand, daß die Phantasie Stoff zu Geisteswirkungen geben könne, die von dem bloß mechanischen Wirken ganz verschieden sind. Der Minister Herzberg gab mir häufig Merkmale seines Wohlwollens; ich fuhr öfter mit ihm sonntags auf sein schön eingerichtetes Landgut, wo sich Gelehrte und Männer von Verdiensten um ihn versammelten. Wir gingen miteinander spazieren, und er schien mit besonderem Wohlgefallen zu bemerken, wenn wir über die Schönheiten der Natur sprachen, daß ich alles mit Aufmerksamkeit betrachtete, vorher schon betrachtet hatte und frei und unbefangen die Empfindungen meines Gemüts äußerte. Die vielen Beweise seiner Gewogenheit hätten mich stolz machen können, aber sie demütigten mich; und wenn er mich wegen meines Porträtmalens lobte und ehrte, so glaubte ich nur, daß er eine Anlage in mir finde und daß er mich zu ermuntern suche, diese so auszubilden, daß ich dereinst Werke hervorzubringen vermöchte, die mich seines Beifalls würdig machten. Ja, ich fühlte oft den Wunsch in mir, mich mit Eicheln[115] und Wasser zu begnügen, um seine Güte zu vergelten und ihm zu beweisen, daß er sich nicht geirrt habe in mir. Ich wollte Größeres leisten, nur konnte ich von dem gewöhnlichen Porträtmalen nicht abgehen, weil ich nicht Mittel besaß, Bilder zu schaffen, worauf ich viel Zeit hätte verwenden müssen und wofür ich dann doch nicht einmal eine sichere Einnahme erwarten konnte. Am Ende wurden mir auch solche modernen Porträts mit den gepuderten Haaren und den geschminkten Wangen, wo man nie die Natur malen kann, weil die Originale selbst, nicht wahr sind, zuwider. Erwähnen muß ich wenigstens noch, daß sich auch König Friedrich Wilhelm, der Vater des großen Friedrich, von den Regierungsgeschäften abmüßigte und malte. Ich selbst sah hier sehr schöne Bilder von ihm, besonders ein paar alte Köpfe nach Abraham Bloemaert. Um die nämliche Zeit erhielt ich einen Brief aus Kassel, worin mir angetragen wurde, als Pensionär der Akademie auf drei Jahre zum Studium nach Italien zu reisen. Der Landgraf hatte es bei seiner Akademie so eingerichtet, daß er alle drei Jahre einen der Zöglinge nach Italien schickte, der sich dort in der Kunst vervollkommnen sollte. Da ich nun der erste war, der bei der Stiftung der Akademie dort gearbeitet hatte, so wurde ich gewählt und im Namen aller Mitglieder gefragt, ob ich es annehmen wolle. Dies kam mir zur gelegenen Zeit; alle meine Freunde wünschten mir Glück zu einer Reise in das Land, wo der menschliche Geist in großen Werken der Kunst so schön geblüht. Doch kostete es einigen Kampf, die erfreulichen Verhältnisse in Berlin aufzugeben. Meinen Bruder konnte ich für jetzt nicht mitnehmen, ich mußte erst sehen, ob in Italien alles gut ginge; dann sollte er nachkommen. Ich schickte ihn nach Dresden, dort in der Galerie zu studieren. Dann ließ ich einige ärmere Maler zu mir kommen und gab ihnen, was ich nur irgend entbehren konnte. Mein schönes englisches Pferd, welches[116] ich für meinen Bruder zu seinem Vergnügen und seiner Gesundheit wegen angeschafft hatte, schenkte ich einem Freunde und trat nun meine Rückreise an nach Kassel, wo ich den jungen Forster wiederfand, den ich in Berlin kennenlernte und der jetzt in Kassel angestellt war. Ich besuchte noch einmal meinen Vater und meine Geschwister; sodann ward ich durch meinen Onkel dem Herrn Landgrafen vorgestellt, der mir selbst meine Reiseroute vorschrieb. Ich sollte gerade nach Rom gehen und dort studieren und erst auf der Rückreise die anderen Städte von Italien sehen. Auch ließ er mir durch seinen Minister Empfehlungsbriefe mitgeben und äußerte zugleich gegen meinen Onkel, daß ich demnächst dessen Nachfolger bei der Akademie werden sollte. Nun nahm ich noch Abschied von der Frau Landgräfin, und alle meine Angelegenheiten waren somit geordnet. Ich wollte den Freuden der Welt entsagen und dort nur mit Menschen umgehen, von denen ich etwas lernen könnte. Amazon.de Widgets Meine Abreise von Kassel geschah 1779, den 15. Oktober, am jährlichen großen Bettage. Der Polizeiknecht wollte meinen Koffer nicht wegbringen lassen, weil an diesem Tage niemand etwas über die Straße tragen durfte. 
 Der Vesuv  [306] Sieht man die volkreiche Stadt Neapel, deren schöne Lage so viele Menschen einlud, sich da niederzulassen, und drängt man sich nun durch das Gewühl dieser Volksmenge auf den Straßen, so kommt einem unwillkürlich der Gedanke ein: Wo nehmen die vielen Menschen ihre Nahrung her, um sich das Leben zu erhalten? Geht man aber auf das Feld, so staunt man über die Fülle, denn in dem schönen Italien, wo die Natur so kräftig wirkt, nährende Früchte aller Art hervorzubringen, kommt man oft an Orte, wo der Überfluß an Gewächsen sich drängt und eins dem anderen es zuvorzutun strebt. Besonders um Neapel. Sieht man seine goldenen Weizenfelder und die mit eigener Frucht reich beladenen Bäume, an denen sich noch andere Gewächse hinaufschlängeln und sie mit ihrer Frucht belasten, so glaubt man, ein solcher Überfluß könne nicht verzehrt werden. Schlankes Bohnengeranke schmiegt sich schlängelnd an die derbe Weizenähre und kriecht hinauf zur Feige. Die senkt sich gespalten und träufelt ihren zuckrigen Saft aus. Die schwere, mit Bacchustrank gefüllte Traube kommt von der hohen Ulme, ihr Geranke nach sich ziehend, und küßt den Weizen. Mit hoher Bewunderung habe ich mich auch stets an dem prächtigen Farbenspiele Neapels geweidet. Besonders wenn die Sonne die dichten Massen der Trauben beleuchtete und ich nun im Lichte stand und diese roten, gelblichroten und weißen Trauben betrachtete, welche gedrängt übereinander[307] lagen, einige im hellen Glanze, andere verloren sich im Schatten unter Blättern bis in das heilige Dunkel des Waldes. Dreht man sich aber um und sieht gegen die Sonne, so leuchtet sie durch den klaren Saft, der durch die flammenden Strahlen zum feurigen Geiste gekocht wird. In ihm funkelt der prächtige Rubin, Topas und Smaragd, und der daranhängende Tautropfen blitzt wie der reinste Diamant. Umflossen von hellglänzendem Lichte sind die nach vorn hängenden Trauben, bei den entfernteren mildern sich Glanz und Farben und bilden durch ihr Gemisch die angenehmste Harmonie. Auch die Blätter sind von hoher Schönheit. Die gelb gewordenen gleichen dem Topas, einige haben das reinste Purpurrot, andere sind buntgefleckt, gelbrot und grün. Diese leuchtende Farbe verliert sich gegen die Stämme, wo die Blätter dichter beisammen sind, allmählich vom Dunkelgrün bis in die schwarzen Schatten. In weiterer Ferne schmilzt alles zusammen und vermischt sich mit dem Tau und Nebel, der in der Luft schwebt. Hinein flammt die Sonne, und es zittern die Strahlen wie im Goldstaube und bilden die herrlichste Glorie! Oft fühlte ich mich begeistert auf meinen Spaziergängen am Meere von dem prachtvollen Glanze der aufsteigenden Feuersäule des Vesuvs und der dunkelroten Lavaströme. Ich wurde dadurch zu vielen neuen Gedanken angeregt, wie auch zu sanften Gefühlen durch das milde Licht des Mondes und durch den vielfachen Widerschein im bläulichen Meere, wo eine goldene Sonne neben einer silbernen stand. Viel Vergnügen habe ich auf dem Landhause der Principessa Ottajano di Medici genossen, welches am Vesuv hoch hinauf liegt, wo nichts als Lava ist. Sehr oft wurde ich freundschaftlich von der Besitzerin eingeladen, dort die reine Abendluft zu schöpfen und das Sonderbare der veralteten Lavaströme zu sehen. Man erstaunt über die schrecklichen Verwüstungen, und doch liegt diese liebliche[308] Villa, wo alles üppig grünt und blüht, mitten in den schwarzen metallenen Felsenmassen, die aus dem Berge quollen. Von dieser Höhe ist die Aussicht auf den Meerbusen von Neapel außerordentlich prachtvoll. Diese Villa ist auch der Prinzessin Lieblingsaufenthalt, wo sie sich vergnügt an den Geschäften der ländlichen Wirtschaft. Sie kam mir vor wie die kluge Penelope, die alles nach Vernunft ordnet, denn alles hier war in Tätigkeit um sie herum. Da sie an diesem abgesonderten Orte fern von dem Geräusche der Stadt war, wollte sie in einem Zimmer Gemälde mit ländlichen Szenen anbringen. Sie ließ deshalb einen Maler kommen, der hier auf dem Lande im Rufe stand, daß man alles von ihm haben könne, was man verlange. Kaum hatte er den Auftrag, so fing er an, die Wände einzuteilen in viele kleine Fächer, jedes ungefähr anderthalb Schuh groß für ein Gemälde; auf jedem Stücke stellte er eine andere Begebenheit aus dem gemeinen Leben dar. Man erstaunte über den erfinderischen und schöpferischen Geist dieses Landmalers. Es war ein Leben, ein Getreibe von beschäftigten Menschen und Tieren an der Wand, als hätte man die ganze Schöpfung vor sich. Ich selbst wurde dadurch in stille Betrachtung über das Regen, Streben, Wirken und Gegenstreben in der Schöpfung versetzt. Unter diesen Gemälden waren einige sehr launige ? u.a. »Ein Weinkärrner im Streit mit einem Schäfer« ?, welche ihm selbst auf einer seiner Wanderungen von einem Dorfe zum anderen begegnet waren. Amazon.de Widgets Eines Tages war ich vom Grafen Rasumowsky und seiner Schwester zu einer Lustpartie auf den Vesuv eingeladen. Ich stellte mich am bestimmten Tage des Morgens bei ihnen ein. Sie sagten mir, daß wir von hier erst zu der Prinzessin Monaco gehen würden, die uns auf ein Frühstück nach Portici auf eine Villa gebeten hätte. Ich freute mich jedesmal, wenn ich diese schöne Prinzessin sah, die soviel Gefühl und Geschmack für die Kunst hatte. Sie kam oft zu[309] mir mit der Duchesse Fleury, ihrer Freundin, von der sie fast unzertrennlich war. In Gesellschaft und auf Festen traf man sie immer nebeneinander, Arm in Arm geschlungen, und sie bildeten eine schöne Gruppe, die eine war blond, die andere braun. Als wir auf der Villa ankamen, fanden wir schon eine ziemlich große Gesellschaft, bei dem Eremiten aber, wohin der erste Ritt ging, sollten wir noch mehrere finden. In dieser Versammlung zeichnete sich ein junger Engländer als ein schöner Mann aus. Sein Gesicht war dem Herkules auf einem antiken Steine ganz ähnlich, der mit dem Namen »Der junge Herkules« sich unter den Kameen von Strozzi auf dem Museum befand und zu den ausgezeichnetsten Köpfen dieser Art gezählt wird. Die Augen der Damen waren auf sein schönes Gesicht gerichtet, und auch mir war es Freude, dieses junge Herkules-Antlitz zu sehen. Als das Frühstück vorüber war, wurden die Pferde, Maulesel und Esel vorgeführt, und jeder bestieg nun seinen Träger. Der Engländer hatte vortreffliche englische Pferde, worauf sich einige Damen setzten; eins der besten ritt die Prinzessin neben dem jungen Herkules, und es wurde gescherzt und gelacht. Die schönen englischen Pferde neben den Eseln und langohrigen Maultieren nahmen sich sonderbar aus. So in lustigem Gelächter kam unsere Kavalkade endlich bei dem Eremiten an. Wir sahen schon den anderen Teil der Gesellschaft uns erwarten und uns entgegenkommen. Nun wurde abgesessen, mit frohlockendem Jubel begrüßt und mit offenen Armen entgegengeeilt! Die aber standen stumm, niedergeschlagen und blaß, und mit traurigen Mienen winkten sie, leise zu sprechen. Verwundert über diese Kälte, erfuhren wir von ihnen, daß eben der Eremit in dem Augenblick des Verscheidens sei und daß der Priester ihm schon die Letzte Ölung gegeben habe. Dieses Unvermutete brachte große Bestürzung hervor, denn wir dachten bei dem Einsiedler erst recht fröhlich zu sein.[310] Ernstes Nachdenken und Schwermut bemächtigte sich jedes Gemüts. Die Gesellschaft war geteilt, einige saßen vor der Tür, andere in der räumlichen Wohnstube. Ein jüngerer Eremit, der dem Sterbenden als Nachfolger bestimmt war, schlich hin und her, ihm noch die letzten Dienste zu leisten, und wo er lachen hörte, winkte er. Es verbreitete sich eine feierliche Stille. Die Prinzessin Monaco sagte: »Ich will ihn doch noch sehen, den Mann, der sich so von der Welt abgesondert hat«, und wir gingen alle in die Kammer, wo er sterbend auf seinem Bette lag, mit der ruhigen Miene eines Heiligen. Die Prinzessin Monaco setzte sich neben ihn; ihr Gemüt wurde ergriffen, und ein Strom von schönen Gedanken floß von ihrem Munde. Sie machte die Umstehenden aufmerksam auf die ruhige Miene, womit er die Welt verlasse, den Wechsel des unruhigen Lebens, mit der Zuversicht eines besseren. »Oh, seht seine Ruhe! Er stirbt nicht jetzt, er starb, als er Eremit wurde. Die Welt hat er schon längst verlassen, und er wartete einsam, bis ihm die Himmelspforten geöffnet würden, durch die er nun zur Herrlichkeit eintritt.« Er verschied, und der Priester drückte ihm die Augen zu. »Ach, wer weiß«, sagte die Prinzessin zu den Anwesenden, »ob wir ein so ruhiges Ende haben und wie unsere Umgebung in der Sterbestunde sein wird! Er hatte gewiß eine schöne Seele; wer weiß, was ihn bewog, in der Einsamkeit seinem Leiden in süßer Wehmut nachzulauschen! Dieser Mann floh die schöne Welt, und in seiner letzten Stunde umgab ihn eine schöne Welt!« Die meisten unserer Gesellschaft hatten alle Lust verloren, den Vesuv noch weiter zu besteigen, und kehrten wieder nach ihren Häusern. Nur der Graf Rasumowsky und ich blieben bis in die Nacht, um in dem Dunkel den Effekt des Feuers zu sehen. Wir gingen, so nahe wir konnten, ohne Gefahr zu laufen, von den glühenden Steinen, die von Zeit zu Zeit aus der Öffnung geschleudert wurden, getroffen zu werden. Es war grausend und fürchterlich! Doch, sagte der[311] Graf, sei das alles nichts gegen das Donnern und Feuern, als Oszakow mit Sturm eingenommen worden, wobei er mit gegenwärtig gewesen war. So geht denn das Lärmen der Menschen noch über das der Natur! Ehe die Prinzessin Monaco wieder nach Frankreich zurückkehrte, kam sie noch mit ihrer Freundin zu mir und sagte: »Ich kann Neapel nicht verlassen, ohne Ihre Zeichnungen nach griechischen Werken noch einmal zu betrachten.« Es war eine Freude, zu sehen, mit welcher Aufmerksamkeit sie alles beschaute, und ihre Meinungen und Gefühle darüber zu hören. Sie äußerte sich traurig, daß sie nicht alles kaufen könnte, was sie so sehr liebe, denn die Revolution habe ihre Einkünfte zum Teil geraubt. »Aber etwas muß ich doch haben«, sagte sie und suchte sich Stücke aus, die von ihrem guten Geschmacke zeugten. Nach einiger Zeit ? es war in der Schreckensperiode des Robespierre ? las ich in der Zeitung, daß die Prinzessin Monaco ihren Hals unter das Beil hatte legen müssen, den Tag vorher, ehe der Wüterich umgebracht wurde, und sie habe noch vorher ihr schönes Haar abgeschnitten mit der Bitte, es ihrem Gemahl nach Deutschland zu schicken. Ich erschrak über das Unglück der liebenswürdigen Prinzessin, und das Bild stellte sich mir vor Augen, wie ich sie neben dem sterbenden Eremiten auf dem Bette sitzen sah. Ihr blondes Haar war ihr aus der Flechte gegangen und hing lang herunter, und die Worte, welche sie sagte, fielen mir ein: »Ach, unter uns sind wohl manche, die nicht ein so ruhiges Ende haben werden wie dieser, der die Gesellschaft floh und doch bei seinem Ende eine so schöne Umgebung hatte.« Arme, was für Henkersknechte umgaben dich! Die Eruption des Vesuvs, welche im Jahre 1794 den Ort Torre del Greco mit Lava überschwemmte, kündigte sich wie gewöhnlich lange vorher mit gewaltigem Getöse und Donner im Innern des Berges an. Die Bewohner in der Umgegend gerieten in Angst, und selbst in Neapel war man[312] besorgt, indem man den Berg ungewöhnlich stark donnern hörte. Da aber dessenungeachtet kein Ausbruch erfolgte, so befürchtete man ein Erdbeben, weil die Erde schon Bewegung hatte spüren lassen. Am Abend vor dem Ausbruche saß ich eben mit meinem Schüler Luigi Hummel bei Tische, und mein Bedienter stand neben mir, mit dem ich sprach. Auf einmal fiel dieser um. Wir beide lachten über ihn, und da er aufstand, sagte er: »Wenn ich nie ein Erdbeben erfahren habe, so möchte ich sagen, daß jetzt eins sei.« Ich hatte nichts gespürt, weil ich mich eben auf dem zurückgelegten Stuhle wiegte. Wir glaubten noch immer, daß sein von Wein benebelter Kopf, welches nichts Ungewöhnliches bei ihm war, die Schuld seines Falles sei, aber auf einmal vernahmen wir ein Geschrei von der Straße und aus allen Fenstern: »Terremoto! Terremoto! O Dio! Santissima Maria! S. Gennaro aiuta!« Die ganze Nacht hindurch blieben die Menschen voller Furcht auf der Straße; ich aber, der nicht wußte, daß ein Erdbeben, wenn alles unter einem wegsinkt und das Oberste über einem zusammenstürzt, einer der schrecklichsten Unfälle ist, ging zu Bette. Dann und wann wurde ich freilich aus dem Schlafe geweckt, durch das Gemurmel auf der Straße. An das Donnern des Berges war ich gewöhnt, weil ich zuweilen in Portici in dem Flügel des königlichen Schlosses wohnte, welcher gegen den Vesuv stößt, und mich manche Nacht an dem fürchterlich schönen Schauspiele erfreute und dem Donner und Getöse zuhörte, wie gewaltig die glühende Steinmasse gegen die inneren Felsenwände geschleudert wurde. Am folgenden Abend besuchte ich meinen Freund Kniep in Chiaja. Als ich durch die Villa reale gegangen war, sah ich viele Menschen in verschiedenen Gruppen stehen, die alle nach dem Monde schauten, welcher von dem dicken schwarzen Rauch, der die Spitze des Berges einhüllte, oft verdunkelt wurde und in vielerlei Gestalten sich zeigte. Bald war er viereckig, bald dreieckig, bald oben, bald unten abgeschnitten. Die[313] Schiffer, welche diese wunderbaren Veränderungen des Mondes für eine sichere Vorbedeutung eines Erdbebens hielten, waren in ängstlicher Erwartung, was da kommen werde; ich sah selbst eine Weile mit Verwunderung zu. Aus der Öffnung des Berges stieg es von der gewaltigen Hitze wie eine schwarze Säule gerade in die Höhe und fiel zum Teil auch wieder schwer nieder, und das gab dem Monde die wechselnde Gestalt, wenn es von unten oder von der Seite kam. Es war aber nicht Rauch, sondern schwarze Sandmasse. Ich ging zu Kniep und brachte mit ihm einen angenehmen Abend zu. Als wir bei Tische saßen, entstand auf einmal ein fürchterliches Geschrei auf der Straße von Männern, Weibern und Kindern: »La montagna da fuoco di sotto!« Alle sprangen auf und liefen vom Tisch auf die Straße. Ich blieb sitzen, weil ich mich freute, daß der Berg nun Luft bekommen habe; da sie aber nicht wiederkehrten, ging ich ans Fenster. Indem stieg eine lichte Flamme am Fuße des Berges, die nicht größer als eine Fackel war, immer mächtiger und höher. Ich ging auf die Straße und sah das geängstigte Volk mit Lichtern, Heiligenbildern und Kreuzen aus den Häusern kommen. Die Hände gen Himmel gestreckt, lagen sie auf der Erde. Einige machten in der Geschwindigkeit kleine Altäre, stellten Lichter davor und warfen sich platt auf den Boden, alle Heiligen anrufend; einige trugen Betten und Hausgerät und wollten im Freien bleiben, weil sie fürchteten, unter dem Schutte der Häuser begraben zu werden. Andere schlugen Zelte auf und brachten die Kinder darunter. Ich wollte den geängstigten Leuten, die mit der Verzweiflung rangen, Mut einsprechen und sagte: »Gute Menschen, uns braucht nicht mehr bange zu sein vor einem Erdbeben, der Vesuv hat jetzt Luft und kann sich seiner glühenden Eingeweide entledigen. Vorher stand es zu befürchten, weil da seine ganze Höhlung mit Glutmassen angefüllt war, welche, durch das untere Feuer heraufgetrieben, den Ausgang des Kraters verstopften;[314] nun es aber nach und nach unten hervorquillt, bleibt die Erde ruhig.« Aber das Volk war so in Verwirrung und Fanatismus, daß es durch lauteres Schreien und Beten zu allen Heiligen die Gefahr abzuwenden hoffte. Ein Mädchen im Wahnsinn fuhr mich fürchterlich mit Schimpfen an: »Voi siete un eretico e non credete agli angeli ed ai Santi! Kniet nieder und betet! Erkennt Ihr nicht, daß Gott zürnt und unsere Sünden nur durch Demütigung und Flehen abgewendet werden können?!« Ich erschrak über den Aufruhr des im höchsten Grade fanatischen Volkes mehr als über den Vesuv und fand, daß es nicht Zeit sei, mit Vernunft das Volk zu beruhigen, und zog mich daher still aus dem Gedränge. Während der Zeit war die erste Fontäne größer und höher geworden; dann zeigte sich noch eine, dann die dritte, bis endlich sieben Feuersäulen gegen den Himmel stiegen und die ganze Gegend erleuchteten, als stände alles in Feuer. Mitunter durchfuhren Blitze den schwarzen Rauch in Zickzack. Das Donnern und Prasseln und Zischen war fürchterlich, das Sieden, als kochte es in tausend ehernen großen Kesseln. Man vernahm eigentlich nicht, woher der Lärm kam, der Laut war überall, es schallte von allen Seiten her. Ein fürchterlich-prächtiges Schauspiel mit Blitz und Donner begleitet! Über den sieben Feuerstrahlen, die gegen den Himmel rauschten, stand die höchste Feuersäule, welche aus dem Krater der Bergspitze kam! Die Stadt Neapel mit ihren großen schönen Gebäuden wurde von dem hellen Scheine beleuchtet, als wäre alles von Feuer. Amazon.de Widgets Um diesen seltenen Anblick besser zu genießen, beschloß ich, hinaus auf das Meer zu fahren. Ich nahm eine Barke und drei Rudermänner, die mich gegen den Feuerberg bringen sollten. Freund Kniep und mein Schüler Hummel stiegen mit ein, und je weiter wir hinaus ins Meer kamen, desto schöner wurde die Ansicht der Stadt. Besonders da, wo man mit einem Blicke alles übersehen kann: das schöne,[315] große Neapel, welches wie ein Amphitheater mit seinen Gebäuden an den Anhöhen hinaufsteigt, mit dem königlichen Schlosse und den anderen Palästen, den hohen Kirchen und langen Klöstern, den großen öffentlichen Gebäuden, den Kastellen am Meer und auf den Bergen, besonders mit dem Kastell S. Elmo, mit Capo di Monte und der Kartause. Dort der schiffreiche Hafen mit den vielen hohen Masten, die alle im feurigen Golde glänzten, und die ganze seltsam beleuchtete Gegend. Ringsherum, wo man nur hinblickte, war für die Augen ein Schauspiel einziger Art! Der Wasserspiegel, auf welchem ich sonst in stiller Nacht bei silbernem Monde fuhr und mich des blauen Phosphorfeuers freute, welches um den Nachen leuchtete und von den Rudern träufelte, schien heute ein gelbes Flammenmeer. Indem kamen wir dem Berge immer näher und hörten und sahen das innere Toben und Kochen. Von der höchsten Spitze war ein Teil abgesprengt, daraus strömte die glühende Lava den Berg herunter. Wo sie durch die Weingärten floß, brannten die Bäume in lichtgelber Flamme, denn dieses Feuer ist von hellgelber Farbe gegen die rote Lava. Der Rauch ist verschieden, dunkelrot, schwefelartig und graugelb. Zwischen dem Donner und Krachen hörte man ein furchtbares Sieden. Wir waren dem Berge nun ziemlich nahe gekommen, und ich konnte mir die große Eruption vorstellen, bei welcher Plinius ums Leben kam. Ich hielt für ratsam, wieder umzukehren, denn wer konnte wissen, was für eine Erschütterung im Meere vorgehen oder welch ein Auswurf von Asche über uns kommen konnte. Kaum hatte ich das Wort »umkehren« ausgesprochen, so sagte auch schon ein Schiffer: »Darauf habe ich längst gewartet, denn ich wollte nicht der erste sein, der es sagte, sonst würdet Ihr geglaubt haben, ich fahre Euch nicht gern. Aber der Teufel kann seinen Spuk im Berge haben und öffnet ein Feuerloch unter dem Meere. Obgleich wir auf dem Wasser fahren, so sind wir doch auf[316] dem Fuße des Berges, und man riecht jedesmal, wenn man hier fährt, die Asphaltausdünstung. Wer kennt die Röhren, die für uns verborgen hier unten laufen!« Schnell wendeten sie das Boot und regten die Ruder mit Eile. Ich haschte noch begierig jeden Blick von dieser einzigen Beleuchtung auf. Als wir dem Lande näher kamen, fanden wir längs dem krummen Meeresufer Tausende von Menschen, die dem seltsamen Schauspiele zusahen. Wir gingen nun nach S. Lucia, welches dem Vesuv gerade gegenüber liegt. Hier war Gedränge von Volk, das aus der Stadt zusammengeströmt war. Viele Priester standen auf Erhöhungen und predigten zu der Menge. Hier sind auch die Vorsätze, an denen die Schiffer landen, und als wir uns denselben näherten, erfuhren wir, welches Unglück der Berg verursacht habe. Es waren viele Flüchtlinge mit Weibern und Kindern und ihrem Hausgeräte aus der Gegend hier angekommen, welche sagten, daß der Ort Torre del Greco nicht mehr wäre; die Lava sei darüber hingeflossen und habe ihn ganz bedeckt. Es war entsetzlich, das Jammergeschrei anzuhören. Gegen solch ein Unglück ist aller menschlicher Widerstand eitel! Die Lava reißt alles um oder fließt darüber hin; dieses Mal war ihr Strom höher als ein Haus. Der Kirchturm ragte nur oben noch etwas hervor, und man konnte in den Turm hineinsehen, wo die Glocken unten hingen. Als ich nach einiger Zeit hinkam, sah ich noch die schreckliche Verwüstung. Am Ende standen noch einige Häuser, einige waren halb weggerissen. Man konnte in Stuben sehen, in denen der Tisch noch gedeckt stand, mit dem Essen in der Schüssel und auf den Tellern; Messer und Gabel lagen noch, wie sie aus den Händen gelegt waren, als man durch den Ausbruch verjagt wurde. Wunderbar nahm sich Neapel am folgenden Tage aus. Als ich am Morgen aufstand und aus dem Fenster schaute, war Himmel und Erde aschgrau. Die Leute gingen mit Regenschirmen, denn es regnete Asche, die aus ganz feinem[317] grauem Sande bestand. Dann ging ich auf den Lastrico, denn man hat hier keine schrägen Dächer. Oben lag nun die Asche, als ob es geschneit hätte. Die Eidechsen waren darüber hergelaufen und hatten mit ihren Pfoten die zierlichsten Figuren eingedrückt, ähnlich einer Ingenieurzeichnung von einer Festung. Auch Fliegen und andere Insekten hatten solche Zeichnungen im Gehen nachgelassen. Amazon.de Widgets Hierbei will ich noch eines Bildes aus dem Buche der Herzogin Amalia von Weimar erwähnen, welche meinen Geist auf Zeichnungen bedeutenden Inhalts leitete. Ich wollte das Sprichwort »Wahl hat Qual« durch eine Begebenheit aus dem wirklichen Leben recht anschaulich darstellen und wählte dazu einen Vorfall, der sich bei der Zerstörung von Torre del Greco zugetragen hatte. Links im Hintergrunde des Bildes der Vesuv, aus dem große Feuersäulen aufsteigen, während Asche und Rauch, von einzelnen Blitzen durchzuckt, die Gegend verfinstern und ein mächtiger Lavastrom sich immer näher herandrängt, aus welchem ein Sohn seinen alten Vater tragen will. Der Weg geht zwischen dem herankommenden Feuerstrome und dem Meere hin. Es ist unmöglich, hinüberzukommen, denn der Jüngling war schon viele Male erschöpft an Kräften niedergestürzt. Der Vater sieht, daß sich wenigstens der Sohn allein noch retten kann, und mit der strengsten Vaterwürde befiehlt er ihm, zu fliehen, ihn liegen zu lassen, weil er doch bald sterben müsse, sich selbst aber zu retten, um die Mutter und die Geschwister zu ernähren. Man denke sich den Kampf der Wahl! Der Sohn kann den Vater nicht verlassen, und doch treiben ihn dessen Bitten endlich fort, da die Lava schon nahe bei ihnen ist. Aber schrecklich ist seine Flucht! Noch immer unentschlossen und schwankend zwischen Fliehen und Bleiben, den einen Fuß vorgesetzt zur Flucht, aber Kopf und Oberteil des Körpers zurückgebogen zum Vater, die eine Hand zum Himmel gewandt, die andere dem Vater zum letzten Lebewohl, malt sich in seinem Gesichte Unentschlossenheit[318] und Verzweiflung. »Gehorche! Tue, was der Vater dir gebeut!« spricht der Alte. ? »Du zogst mich beim Korallenfange aus dem Wasser«, erwidert der Jüngling, »und ich soll dich im Feuer liegen lassen?« ? »Ich bin alt«, antwortet jener, »doch rette du dich; du mußt jetzt für deine Mutter und Geschwister Vater sein!« 
 Bei Lavater in der Schweiz  [160] Mit großem Verlangen, die Schweiz zu sehen, fuhr ich mit meinem Freunde Waagen diesem Gebirgslande entgegen. Es war gegen die Mitte des Aprils, als wir aus Rom abfuhren. Je näher wir den Gebirgen kamen, desto mehr Regen hatten wir; das Wasser schoß von den Anhöhen in die Hohlwege, so daß wir oft mehr in einem reißenden Strome fuhren als auf einem Fahrwege. Am schlimmsten erging es uns in der Nähe von Como. Ein herabstürzender Bergstrom durchschnitt den Weg; das Vorderpferd fing schon an zu schwimmen, und der Wagen schwankte, doch bald hatten die Pferde wieder Grund, und es ging bergan. Kaum aber waren wir aus dem Wasser, da brach ein Hinterrad, und der Wagen stürzte auf die Seite; wäre es einige Minuten früher gebrochen, so waren wir verloren. Wir befestigten nun Bäume unter dem Wagen und ließen uns fortschleifen. So kamen wir in Mendrisio an, wo die gutmütigen Wirtsleute ein großes Feuer anzündeten, um uns und unsere Sachen daran zu trocknen, und alles taten, um uns wieder in den Stand zu setzen, daß wir den anderen Morgen weiterreisen konnten. Von diesem Orte bis an den Luganer See hat man nicht weit zu fahren. Der See gewährt mit seinem Ufer einen sonderbaren Anblick, er erscheint wie Wasser, das in einem großen Becken steht. Die hohen Berge umher bilden den Rand; am Fuße der Gebirge liegen Dörfer, welche mit ihren Häusern wie Miniaturgemälde aussehen. Die Linienperspektive ist es,[161] welche sie klein macht; denn da die Luftperspektive fehlt und der Himmel hier eine reinere Klarheit ohne Dunst besitzt, so rücken die Gegenstände näher heran, als es wirklich ist. Wir fuhren an dem einen Ufer des Sees und sahen die Gegenstände an dem anderen mit der größten Deutlichkeit. Dies erschien uns um so merkwürdiger, da wir eben erst aus Italien kamen, wo die Ferne fast immer in duftigem Nebel liegt, welcher einem nahen Gegenstande das Ansehen einer weiten Entfernung gibt. Hier war es nun umgekehrt, die Ferne schien nahe, aber in dieser Nähe wunderbar klein. Von Lugano aus nahmen wir Pferde zum Reiten und für unser Gepäck und setzten den anderen Tag unsere Reise durch das Livinertal und über den Gotthard fort. Nahe an der Brücke des Engen Zolls stürzte von den Bergen ein Felsenstück in den Weg, den wir eben gekommen waren, so daß unser Pferdeführer, der etwas zurückgeblieben war, kaum hinüber konnte und weit später ankam als wir. Auf diesem Wege hat man nicht Augen genug, um die wundersamen Schönheiten der Natur zu genießen, welche sich hier in der herrlichsten Mannigfaltigkeit darbieten ? Höhen, Täler, dunkle Waldungen, Abgründe, steile Bergspitzen, Ströme und Berggewässer, die von den Höhen herunterschäumen! Wir übernachteten am Fuße des Gotthards, stiegen am folgenden Morgen bergan und frühstückten bei dem fröhlichen Einsiedler, der uns trefflich bewirtete und mit gutem Weine stärkte. Es war gerade der 1. Mai des Jahres 1781, und die Sonne wirkte so kräftig, wie sie es lange Zeit nicht getan hatte. Der schöne Tag erwärmte den ganzen Luftkreis und verursachte, daß sich der Schnee von den abhängigen Bergen löste und in Lawinen herunterfiel. Wir hatten das Vergnügen, wiewohl mit einiger Angst, von allen Seiten der Berge ungeheure Schneelasten herunterstäuben zu sehen. Durch die laue Luft nämlich fängt der Schnee über dem erwärmten Boden an einzusinken. Nun kann die geringste[162] Ursache, ein Ton, ein leichtes Geräusch, oft nur der Flügelschlag eines Vogels, die locker hängende Masse auf einmal in Bewegung setzen. Sie rollt nicht, sie schiebt, gleitet und fährt herunter, während der schwer herabhangende Schnee von oben in die Tiefe drängt, mit sich fortreißend, was er in seiner Bahn antrifft, dicke Baumstämme, Felsen, Häuser, Dörfer. Die Luft umher erschallt, und unten im Tale gibt es ein dumpfes Getöse, und wie ein Dampf steigt es in die Höhe über dem Sturze. Auf dem Wege über den Gotthard kommt man durch die Felsengrotte an die Teufelsbrücke, die sich von einem Felsen zum anderen in einem Bogen hinübersprengt. Man blickt mit Schauder auf den tiefen, dunklen Abgrund, in welchem das Wasser von Fels zu Fels zu Schaume gepeitscht wird! Gewöhnlich preßt sich hier ein starker Wind zwischen den hohen Felsenwänden hindurch, dessen gewaltiger Andrang den Wanderer von der Brücke hinabzustürzen droht. Wir stiegen auch ab und ließen unsere Pferde hinüberführen. Man reitet von hier nun immer an der Felsenwand hin. Große Massen haben sich hin und wieder losgerissen, und kleinere sind beim Hinunterstürzen nachgerollt, so daß oft eine Schlucht tief in den Berg hineingerissen ist, wo die gerollten Steine wie der Strom eines Wasserfalls hinunterliegen. Abends kamen wir in ein Wirtshaus, wo Bauern und Bauernmädchen, die ihre Kühe auf die Alpen brachten, übernachten wollten. Sie füllten beinahe das Haus von unten bis oben. Die meisten waren gerade mit dem Abendbrot beschäftigt. Einer hatte einen ziemlich großen Kessel mit Milch angefüllt und einen Laib Brot unter dem Arme. Er pflanzte sich vor den Milchkessel, brockte sein Brot hinein, und mit seinem krummen, hölzernen Löffel verzehrte er seine Milch mit der innigsten Behaglichkeit. Nachher bezahlte ich den Branntwein für sie und sagte, ich möchte sie gern einmal tanzen sehen. Die Mädchen waren gleich dazu bereit; sie machten aber mit[163] ihren schweren, hölzernen Schuhen ein so heilloses Geklapper, daß ich froh war, als sie wieder aufhörten. Dann sangen sie den Kuhreigen. Nachher kamen wir durch ein Dorf, wo viele Knaben versammelt waren, die nach Schweizer Volkssitte mit Armbrüsten nach der Scheibe schossen. In Uri gingen wir zu Schiffe, um uns nach Schwyz bringen zu lassen. Das Schiff war voll von Reisenden aus verschiedenen Ländern und Gegenden. Die Unterhaltung war lebhaft, besonders von den Fahrten über diesen See, welche durch die verschiedenen Schlagwinde oft sehr gefährlich werden. Diese streichen aus den Schluchten der Berge hervor, bald in dieser Richtung, bald in jener, stoßen heftig gegeneinander, rühren das Gewässer im Sturme auf und werfen die Schiffe oft an Felsenwände, wo es unmöglich ist, auszusteigen. So erzählte ein Pilgrim, daß bei einer früheren Pilgerreise aus Italien auf diesem See sein Schiff nahe dabei gewesen, im heftigen Sturme unterzugehen. Bei dem ungestümen Toben hätten sie nirgends einen Platz zum Landen finden können; endlich aber wären sie in die flache Vertiefung eines Felsens geflüchtet, wo sie aber fast noch mehr von der Kälte als vom Hunger gelitten hätten, so daß aus Mangel an Holz ein Reisender sogar sein spanisches Rohr verbrannt habe, um sich nur auf eine kümmerliche Weise zu erwärmen. Durch den Wind sei unaufhörlich Regen und Schneegestöber in die Höhle getrieben, und nur die Güte der Vorsehung habe sie endlich aus einem sichtlich nahen Tode errettet. »Das«, sagte er, »war meine erste Reise nach Italien, nun komme ich von meiner zweiten zurück, und kein Mensch soll mich bereden, die dritte zu machen! Unsägliche Leiden hab ich erduldet, unbeschreibliches Elend der Menschen mit ertragen und viele Pilgrime jämmerlich umkommen sehen.« Der Mensch war aus Brabant und hatte für einen anderen die Reise nach Loretto und nach Rom zur Santa Porta gemacht. Er verwünschte den Pilgerstand als das elendeste Leben auf der Welt.[164] Amazon.de Widgets Während der Fahrt zeigte man uns die berühmte Stelle, wo Wilhelm Tell aus dem Schiffe gesprungen und der Gefangenschaft des Landvogts entgangen war; dann auch den Quell im Rütli, wo die drei Lande sich den Eid schwuren, das Vaterland zu retten. In Brunnen stiegen wir aus und setzten unseren Weg über Schwyz fort nach Zürich. Mein guter Freund Waagen, der mich bis jetzt auf meiner Reise aus Italien begleitet hatte, trennte sich nun von mir; ich blieb in Zürich, und er ging nach Kassel zurück. Ich begleitete ihn eine gute Strecke zu Fuß, und als ich umkehren mußte, umarmten wir uns noch einmal recht herzlich zum traurigen Abschiede. Lange blieb ich noch stehen und sah ihm nach, dem edlen Cherusker, wie er ernsthaft von mir abgewandt dahinschritt. Sein gesenktes Haupt zeigte die Betrübnis seiner Seele. Und als er dahinging den Hügel hinunter, welcher ihn immer mehr meinem Auge entzog, so daß ich nur noch Schultern und Haupt erblickte, endlich der Erdhügel ihn ganz deckte und mir der Gedanke kam, wie er so da vertieft in die Erde hinein und immer mehr und mehr verschwindet, bis ihn die Erde ganz verschlingt, da überfiel mich ? so den Freund allmählich und endlich ganz verlieren zu müssen ? eine Wehmut, die ich damals kaum zu ertragen vermochte und jetzt nicht mit Worten beschreiben kann. Kaum hatte ich mich umgekleidet, so ging ich zu Lavater. Dieser Menschenfreund empfing mich sehr liebreich; von dem ersten Augenblick an waren wir Freunde und einander zugetan. Sein heller Geist leuchtete sprechend aus ihm hervor und ebenso sein gutes Herz, welches er jedem offen entgegentrug. Auf seiner Stirn glaubte ich den Ausdruck seines Gemütes zu lesen: Ich bin dein, wenn du mich unverletzt heilig hältst und mir deine Achtung widmest; sonst ziehe ich mich in die feste Burg meines Inneren zurück. Er bezeigte seine Freude, daß ihn ein Maler besuchte, bedauerte aber zugleich, daß er jetzt keinen Augenblick Zeit[165] habe, mit mir zu sprechen, denn es habe schon in die Kirche geläutet und er müsse auf die Kanzel, gleich nach der Kirche aber wolle er zu mir kommen. Dies geschah denn. Er besah einige Zeichnungen bei mir, und als er hörte, daß ich Porträts malte, freute er sich und bat mich, einige seiner Freunde zu malen. Ich erwiderte, dies sei auch mein Wunsch, und besonders, es unter seiner, eines so großen Menschenkenners Leitung zu tun. Über meine Zeichnungen nach Raffael und nach Antiken hatte er eine außerordentliche Freude, und er schätzte diesen Genuß als eine Gunst des Himmels. »Ja«, sagte er, »ich habe dergleichen Zeichnungen nach Statuen und Raffaels Köpfen nie so gesehen und mir lange einen Maler gewünscht, der für meine Ideen empfänglich wäre.« Mit dem Vorsatze, ihm zu folgen, fing ich auch meine ersten Porträts an. Man konnte ihm nicht treu und wahr genug zeichnen, er sah alles genauer und schärfer als andere. Meistenteils stimmten wir überein; denn auch ich war und bin der Meinung, ein Porträt soll durchaus dem Urbilde genau nachgezeichnet werden, ohne malerische Wirkung zu beabsichtigen. Es war eine Freude, mit ihm die vielen Porträts zu besehen, die er von den merkwürdigsten Menschen besaß. Man weiß, wie Lavater solche Porträts zu seinen physiognomischen Forschungen benutzte. Über Physiognomie und Charakter kann man sich unmöglich mit Worten deutlich ausdrücken; denn diese sind nicht hinreichend, das zu bestimmen, was man sagen will, und der Leser oder Zuhörer denkt sich es leicht anders, als es der Autor meint. Darum wurde Lavater so mißverstanden, und La Porta ist noch unverständlicher. Hierzu gehört notwendig Zeichnen und Malen, und der Autor muß selbst zeichnen können, denn läßt er es von einem andern zeichnen, so wird es selten das, was er meint. Auch muß sich niemand einfallen lassen, daß er über Menschencharaktere nach dem Äußerlichen urteilen könne, wenn er nicht ein langes und[166] gründliches Studium darüber gemacht hat. Es ist sehr schwer, zu dieser Kenntnis zu gelangen, und man irrt sich leicht, wie die Erfahrung lehrt. Ich habe oft Leute gesehen, die einen Hasenkopf für einen schrecklichen Löwen ansahen! Lavater hatte mir neben seinem eigenen Hause bei seinem Freunde Pfenninger eine Wohnung bereitet. Am Abend, als ich ins Schlafzimmer geführt wurde, blieben bei dem Kerzenlichte die Fenster von mir unbeachtet. Kaum war ich eingeschlafen, so erwachte ich wieder, denn Lavaters lebhafter Geist regte mich auf. Beim Abendessen war viel von den alten Freiheitsmännern der Schweizer gesprochen, und kurz vorher hatte ich Tells Kapelle und die Stelle besucht, wo einst die Helden den Bund beschworen. So war meine Phantasie voll von dem Heldensinne und der Kraft dieses merkwürdigen Gebirgsvolkes. Wie man nun gewöhnlich, wenn man im Bette liegt, ohne schlafen zu können, die Augen nach dem Hellen wendet, so blickte auch ich nach den Fenstern, in denen ich menschliche Figuren zu sehen glaubte. Ich dachte, meine erhitzte Phantasie spiegele mir diese Bilder in dem Dunkel vor. Nach und nach aber begann der Tag zu grauen, und ich sah auf den Fensterscheiben die Schweizer Heldentaten gemalt, die mir zum Teil bekannt waren. In diesem Hause waren vordem die Bürgergilden zusammengekommen, und aus der Zeit stammten die Fenster. Diese Bilder paßten auch sehr gut in ein Zimmer, wo der Bürgerrat sich versammelte, indem so die edlen Taten der Voreltern immer vor Augen waren. Die Familienwappen der edlen Geschlechter waren an den Fenstern eines anderen Zimmers. Lavater war von dem schönen Gefühle beseelt, die Menschen durch Liebe zu vereinen. Mit rastlosem Streben und unermüdeter Tätigkeit arbeitete er soviel er konnte, sich und andere nach der Vorschrift des versöhnenden Menschenbeglückers zu bilden, der das Heil auf die Erde[167] brachte, der die Menschen die Wahrheit lehrte, daß ein jeder, auch der Niedrigste, einen Himmel in sich habe, der mehr sei als Gold und Silber und die Schätze der Welt. Stets war er für andere bemüht; er suchte jedem Notleidenden zu helfen, jedem Armen etwas zu geben, suchte jeden zu erfreuen und war unerschöpflich, Geschenke zu ersinnen und sie auf eine passende Art auszuteilen. Dem einen gab er Geld, dem anderen Speise, seinen eigenen Rock einem Dritten, oder ein Buch, einen Spruch, eine Lehre, einen guten Rat; niemanden entließ er ohne ein Geschenk, bestand es auch nur in einer freundlichen, liebreichen Aufnahme, in wenigen belehrenden, tröstenden Worten, wo er nicht anders helfen konnte. Es war eine Freude, diesen regsamen Geist zu beobachten; kein Augenblick ging ihm unbenutzt verloren! Schon seine Pfarrstelle gab ihm viel zu tun; aber das war das wenigste, denn aus der ganzen Stadt und der umliegenden Gegend legte jeder die Geheimnisse seines Herzens und seine häuslichen Angelegenheiten in Lavaters Hände. Er war der Beruhiger der Gewissen, der Vereiniger entzweiter Familien, der Beglücker, der friedenbringende Tröster vieler Leidenden. Es ist nicht zu begreifen, wo der Mann nur die Summen hernahm, um seinen unzähligen Patchen etwas zu geben. Er schenkte ihnen nicht nur bei der Taufe, sondern sie wurden auch von Zeit zu Zeit zu ihm gebracht und nie ohne ein kleines Geschenk entlassen. Wenn er über die Straße ging, wurde er von Menschen aus allen Ständen als Gevatter begrüßt und auch wohl mit wunderlichen Bitten angegangen, wie denn einst ein geringer Mann zu ihm sagte: »Herr Gevatter Lavater, seid doch so gut und macht mir ein Gedichtchen auf die Hochzeit meiner Tochter; die am Sonntage ist; es muß aber so sein, daß es gesungen werden und ich am Schlusse ein Feuerrohr dabei abschießen kann.« ? Seine Bekanntschaft war über die ganze gebildete Welt ausgebreitet, und es läßt sich denken, wie sehr er bei[168] seiner menschenfreundlichen Gesinnung und Handlungsweise mit Ansuchen und Begehren, mit Bitten und Empfehlungsschreiben überhäuft wurde. Schon die Beantwortung der Briefe, die in ganzen Paketen an ihn kamen, erforderte sehr viele Zeit. Dazu rechne man noch die täglichen Besuche von Menschen aus allen Ständen, aus den fernsten Ländern; Kaiser, Könige, Fürsten, Grafen und Handwerksburschen kamen zu ihm. Jeden empfing er mit Freundlichkeit. Als er in Bremen einzog, wo er zum Prediger gewählt werden sollte, fragte der wachthabende Offizier seinen Reisegefährten, der neben ihm saß, nach Stand und Namen, zu ihm aber sagte er: »Sie kenne ich an der langen Nase, Sie sind Lavater, fahren Sie nur weiter!« Man hatte allenthalben Lavaters Porträt. Von da aus verbreitete sich die Nachricht, daß Lavater angekommen sei, und in kurzer Zeit versammelten sich so viele Menschen auf den Straßen, um ihn zu sehen, daß der Wagen nicht durchkommen konnte. Als er dort predigte, war der Zudrang der Menschen so groß, daß die Kirche sie nicht alle fassen konnte und viele ihr Ohr draußen an die Mauer der Kirche legten, um nur seine Stimme zu hören. Da er in Bremen durchaus keine Geschenke annehmen wollte, so schickte man ihm von dort aus ein silbernes Teeservice für seine Frau, welches er aber zurücksandte bis auf ein einziges Stück, welches er zum Andenken behielt. ? Ein Freund Lavaters hörte einst, daß dieser von ihm gesagt habe, er hätte keinen Charakter. Um nun Lavater wieder herunterzusetzen, sagte er: »Lavater ist ein christlicher Prediger; ich will nicht so unbarmherzig sein und ihm einen Charakter absprechen, sondern ihm noch lieber einige zugeben und sagen, er hat tausend Charaktere.« Hierdurch glaubte er, ihn sehr heruntergesetzt zu haben; denn ein Mensch, der tausend Charaktere hat, ist charakterlos. Aber hierin eben hat er ihn recht getroffen. Denn Lavater hatte das Vermögen, wenn er auch mit tausend Menschen sprach, den Charakter jedes einzelnen[169] schnell zu erkennen, auf die feinste Art den fremden Sinn mit dem seinigen in Einklang zu versetzen und durch die Überlegenheit seines edlen, freien Geistes auch den Niedrigen zu höheren Ideen und Ansichten zu erheben. Ein solcher Mensch, der den Kleinen mit dem Großen verbindet, den Armen an den Reichen knüpft, den angehenden Künstler, den geschickten Handwerker erkennt und achtet, ihm Raum und Gelegenheit gibt, wo er seinen Wert äußern, seine Brauchbarkeit entwickeln kann, ein solcher Mann ist der menschlichen Gesellschaft von großem Werte. Besonders kräftig aber ist sein Einfluß auf seine näheren Umgebungen, denn wo ein Geist sich zu solcher Reinheit und Freiheit erhebt, da scheut sich der Böse, seinen feindlichen Willen zu äußern, und manches Unheil unterbleibt schon, weil man wenigstens einen guten Schein zu erhalten sucht. Dennoch vergaß dieser große Menschenkenner, vor dessen Blicke das Göttliche und Teuflische in jedem Menschen offen lag, daß in Zeiten, wo alle zügellosen Leidenschaften aufgeregt sind, der Freche, Schamlose ohne Scheu seinen Willen ausführt und den für nichts hält, der andere schützt. Denn bei der Einnahme von Zürich drängte ihn Menschenliebe aus seinem Hause, um zu sehen, ob er irgendwo helfen oder die aufgeregte Masse besänftigen könne. Aber ein französischer Soldat, der sein Hemd verlangte, versetzte ihm den tödlichen Stich. Sehr angenehm war es auch, die vielen Freunde kennenzulernen, welche Lavater besuchten. Ich fand, indem er mich mit allen bekannt machte, unter ihnen ausgezeichnete und vortreffliche Menschen, deren Umgang vorteilhaft und unterrichtend auf mich wirkte. Von Lavater eingeführt, ward man angesehen, als ob man mit zur Familie gehörte. Auf diese Weise ward ich in vielen Häusern, bei Vornehmen und Geringen sehr freundlich aufgenommen und lernte da in kurzer Zeit den Volkscharakter, den Biedersinn der Schweizer und ihr häusliches Leben kennen, welches[170] nach altem Brauch die würdige Einfalt der Vätersitte treu bewahrte. Ihre Häuser und Zimmer waren bequem und wohnlich; gepolsterte Ruhebänke und Tapeten sah man da nicht, sondern hölzerne Bänke gingen an den Wänden und um die großen Tische herum. Die ganze Lebensart schien mir patriarchalisch. Die Großeltern wurden als die würdigen Oberhäupter der Familie verehrt und nahmen die obersten Plätze ein; dann folgten der Sohn des Hauses und die Schwiegertochter, seine Gattin, dann dessen ältester Sohn und so die Kinder nach der Reihe. Denn auch diesen war ihr Rang eingeräumt, und die Knaben wurden »Herr« genannt. Diener und Mägde rechnete man mit zum Hause, und bei vielen aßen sie mit am Tische der Herrschaft. Wenigstens mußten sie zugegen sein, wenn vor und nach dem Essen gebetet wurde. Der Großvater hub das Gebet an, dann die Großmutter, darauf der Sohn, die junge Frau, das älteste Kind und so die Reihe hinunter bis zu den Knechten und Mägden. Die Köchin, welche zuletzt hereingerufen ward, wenn alle schon um den Tisch standen, war gewöhnlich mit ihrem Gebete am ersten fertig, als ob sie fürchtete, daß während des Betens der Topf überlaufen oder die Katze ihr etwas entwenden möchte. Die Vornehmeren und Gebildeten aber beobachteten diese alten Gebräuche nicht so streng und waren mehr von den Dienstboten gesondert. Sie hatten in ihrem Hauswesen zwar eine einfache, aber edle und gefällige Einrichtung, und ihr Betragen war offen, freundschaftlich, bieder, frei und gerade. Mit gutmütigem Handschlag und Willkommen ward ich überall empfangen, und ich war ebenso gern bei den Geringen wie bei den Reichen. Strenge wurde auch auf Sitte und Recht gehalten. In einem Dorfe am Züricher See war einst ein Mädchen nach dreiwöchiger Krankheit zum ersten Male wieder in die Kirche gegangen. Im Herausgehen sagte ein Weib zu einem anderen: »Unserer gepriesenen keuschen Jungfrau sitzt die[171] Krankheit noch auf dem blassen Gesichte. Man kann es doch nicht verstecken, wenn man auch noch so heimlich ein liederliches Leben treibt!« Das Mädchen kam weinend nach Hause und saß da im stillen Kummer. Als die Eltern aber in sie drangen und die Ursache erfuhren, verklagten sie die Verleumderin in Zürich. Diese wurde, nachdem Zeugen die Aussage bestätigt hatten, am anderen Sonntage vor der Kirche an einen Schandpfahl gebunden, es wurde ihr ein Papier auf die Brust geheftet, worauf ihre Lüge geschrieben stand, und außerdem mußte sie noch der Jungfrau und deren Eltern Abbitte tun. Vorzüglich viel Freude und Freundschaft genoß ich bei dem Herrn Bürgermeister Kilschberger auf seinem Landgute, dem schönsten Gartenhause am Züricher See. Hier kehrte auch meine Gesundheit zurück, und ich war vollkommen wieder derselbe, der ich vor meinem Eintritt in Italien gewesen war. Die warme Freundschaft, deren mich diese gutherzigen Menschen würdigten, belebte meinen Geist, mein Blut floß wieder fröhlicher; auch der beständige Husten, woran ich allein noch litt, verlor sich durch den Gebrauch des Brunnens, den sie mir regelmäßig selbst einschenkten. So verließ mich endlich ganz der Trübsinn, welcher meinen Geist in Rom so schwer niederdrückte, so daß ich mich sogar heiter und lebenslustig fühlte. ? Ernst und Scherz wohnten in Kilschbergers Hause lieblich beisammen. Oft erfreuten wir uns der lustigsten Spiele, wobei Laune und Witz in Bewegung gesetzt wurden. Zeit und Gedanken tötendes Kartenspiel war aufs strengste verbannt. ? Der ehrwürdige Hausvater und der geistige Lavater nahmen oft teil an diesen Unterhaltungen, und sosehr auch der letztere in der Erfindung witziger Gedanken und in den feinen Wendungen ausgesuchter Wortspiele Meister war, so gewann er doch einigen den Vorrang nicht ab. Es waren wahrhaft selige Tage. Zuweilen wurden auch nach Schweizersitte Leibesübungen vorgenommen. Sowenig ich darin[172] geübt war, so fühlte ich mich doch gereizt, einige Versuche zu machen, und ward inne, daß ich mehr Stärke besaß, als ich geglaubt hatte; ich konnte zwar nicht bezwingen, ward aber auch nicht bezwungen. Amazon.de Widgets Eines Tages ward ich in Zürich zu einem Mittagsmahle der Schützengesellschaft in dem Gildenhause eingeladen, eine Auszeichnung, die nur selten einem Fremden widerfährt. Auch hatte ich die Ehre, in eine ihrer Gilden aufgenommen zu werden: ich wurde den Malern zugesellt. Werkmiller war Obmann der Malergilde und der Idyllendichter Geßner Obmann der Schustergilde. Sie füllten einen großen silbernen, vergoldeten Becher mit Wein, der von Hand zu Hand die Tafel herumging. Als die Reihe an mich kam, überreichten sie mir ein Diplom, unterzeichnet und besiegelt vom Obmann und der löblichen Gesellschaft der Maler in Zürich, welche sich »einhellig dahin verstanden, daß man ohne Rücksicht auf die wohlhergebrachten Privilegien und Freiheiten der löblichen Gesellschaft den gedachten Herrn ... in Betrachtung seiner vortrefflichen Kunst und seines liebenswürdigen Charakters wohl gestatten möge, von dato an gerechnet, auf seinen geäußerten Wunsch ein Jahr seine Kunst frei und für sich selbst zu treiben und zu benutzen«. Auch die Bauern hatten nach einem alten Rechte den Zutritt zu dieser Schützengesellschaft, weil einer von ihnen durch seine Tapferkeit einst viel dazu beigetragen hatte, daß eine Schlacht gewonnen war. Sein Schwert ist noch im Besitz seiner Nachkommen und wird bei dieser Gelegenheit mitgebracht; sie hängen es an die Wand, wo ihr Sitz ist, und legen dann ihre Oberkleider ab, um bequem essen und trinken zu können. Nach dem Mahle wurden verschiedene Spiele vorgenommen. Auch ließen die Schweizer von jeher gern geachtete Fremde an ihren Landesgebräuchen und Übungen teilnehmen. So ward einst ein Graf zum Armbrustschießen von ihnen eingeladen, um ihm zu zeigen, daß man mit einer Armbrust ebensoweit schießen[173] könne als mit der Kugelbüchse. Der Graf bezeigte sein Wohlgefallen an dieser Art zu schießen. Man reichte ihm eine Armbrust; sie war bereits gespannt, was durch eine Winde geschieht, und der Bolzen war vorgelegt. Der Graf, gewohnt, mit einer Kugelbüchse zu schießen, nahm sich nicht in acht und legte die Hand vor die Schnur, die den Bolzen ausschnellte, und so wurde ihm der Daumen und alle Sehnen aus dem Arme gerissen. Noch jetzt sprachen sie von diesem unglücklichen Vorfalle mit vieler Teilnahme. Anfangs glaubte ich nicht, so lange in Zürich zu bleiben. Außer Lavater war mein Lieblingsumgang mit Bodmer. Die Art unserer Bekanntschaft war sonderbar. Als ich Lavaters Porträt und einige andere angefangen hatte, sagte Lavater zu mir: »Sie müssen mir den Gefallen tun und den alten Bodmer malen.« ? »Wer ist das?« fragte ich. »Man nennt ihn«, sagte Lavater, »den Altvater der deutschen Gelehrten und Dichter; er ist von ganz Zürich geehrt und geschätzt, und man würde es mir übelnehmen, wenn ich mich malen ließe, und Bodmers Porträt würde nicht von Ihnen gemalt.« ? »Was ist denn sein Hauptverdienst?« fragte ich. »Gelehrte Kritik«, sagte er. Dies Wort verwechselte ich mit dem Worte »bekritteln«. ? »Nein«, erwiderte ich, »den Menschen verlange ich nicht einmal zu sehen, viel weniger zu malen! Denn ich hasse die Menschen, welche anderer Fehler aufsuchen und dann öffentlich zur Schau aufstellen.« Ich hatte auch schon gehört von einer Klasse Gelehrter in Zürich, welche Lavaters Gegner wären, und glaubte, jener Bodmer sei der Hauptanführer, und Lavater habe seine Bitte nur deshalb geäußert, um seine Beleidiger dadurch zu beschämen. Ich schlug es also rund ab. Er aber bestand darauf, brachte mir eine richtigere Meinung von dem Manne bei, und ich war schon um so bereitwilliger, ihn zu besuchen, da ich hörte, daß er ein Freund von Homer sei, den er sogar in deutsche Verse übersetzt habe. »Sie müssen ihn aber während des Gesprächs malen, ohne ihn zu belästigen«,[174] fuhr Lavater fort, »denn zum Sitzen wird er sich nicht bequemen, und wenn er die Zurüstung von Staffelei und Malkasten sähe, so würde er es nicht einmal erlauben.« Ich wandte ihm dagegen ein, daß ich nur Tadel verdienen würde, wenn ich das Porträt eines Mannes so im Fluge und gleichsam auf den Raub malen wollte. »Sie brauchen ihn nur zu sehen«, versetzte Lavater, »er hat ein sehr bedeutsames Gesicht und ist so leicht zu treffen, daß ich selbst, obgleich ich nur wenig zeichnen kann, ihn dennoch mit den Händen auf dem Rücken und mit geschlossenen Augen ähnlich machen wollte.« ? »Nun«, erwiderte ich, »das tun Sie, damit ich sehe, wie leicht es ist.« ? »Ja, das will ich«, sagte Lavater, ergriff ein Buch, legte ein Blatt Papier darauf, hielt das Buch mit dem Papier auf den Rücken und zeichnete und sagte dann: »Da sehen Sie! So sieht er aus!« Ich erkannte in der Zeichnung wirklich einen alten, bedeutenden Kopf und willigte dann endlich ein. ? Den folgenden Tag, nachmittags, gingen wir zu Bodmer. Wir stiegen den Berg hinauf zu seiner Wohnung und ließen den Diener, welcher die Leinwand und den Farbenkasten trug, auf dem Hausflur warten. Ich hatte mir den Bodmer vorgestellt als einen dicken, satirischen Mann. Als wir nun die ausgetretenen Stufen hinauf waren und die Tür aufging, sah ich einen würdigen Greis mit langen weißen Augenwimpern, unter denen blitzende Augen hervorleuchteten, in der Mitte des Zimmers stehen. Er empfing Lavater mit vieler Freundlichkeit, und als dieser mich als einen jungen Maler aus Rom vorstellte, der sein Porträt zu haben wünsche, so erwiderte er: »Ja, mit Freuden will ich dazu sitzen; so muß denn von dem Tiber her ein Maler an die Ufer der Limmat kommen, um den alten, bald hinscheidenden Bodmer zu malen, damit sein Bild den Freunden zum Angedenken bleibe! Ich will recht gern dazu sitzen, Sie können nur den Tag bestimmen.« Lavater sagte, wenn es anginge, so wünschten wir es jetzt; auch sei[175] schon alles dazu vorbereitet. »Nun, auch das, wenn Sie wollen«, antwortete Bodmer, »wie und wo soll ich mich denn setzen?« Die Farben und Leinwand wurden mir hereingegeben; ich stellte ihm einen Stuhl, so wie das Licht vorteilhaft zu fallen schien, setzte mich auf eine Bank unter dem Fenster, nahm die Leinwand auf die Knie, hielt sie mit der Hand, worin ich die Palette hatte, und fing nun an zu malen und während des Malens von Homer zu sprechen. Wie er hörte, daß ich die schönen Stellen so gut hersagen konnte, wurde der Alte ganz lebhaft und sein Auge voll Feuer. Ich suchte die lebhaften Züge zu erhaschen, indem ich nun auch anfing, malerische Stellen zu rezitieren. Während dieser Unterhaltung brachte ein Bedienter ein Journal. Lavater, der sich Bodmer gegenübergesetzt hatte und mit ihm redete, damit dieser ihn ansähe und den Kopf so hielte, wie ich es bedurfte, griff nach dem Journal, blätterte es durch und sagte: »Hier sind Briefe von einem jungen Maler aus Rom; da wir doch eben auch beim Malen sind, so paßt es wohl, wenn ich etwas daraus vorlese.« Er fing an; beim dritten Brief unterbrach ich ihn: »Das ist nichts Neues, ich habe es schon gelesen.« Sie erwiderten aber beide, das könne nicht sein, denn die Blätter kämen eben erst aus der Presse, und Bodmer sei gewiß der erste in Zürich, der dieses Exemplar erhalte. Als ich nun erwiderte, die Briefe wären mir so bekannt, daß ich sie durchaus müßte gelesen haben, meinten sie, ich irre. Lavater las weiter, und fast jedes Wort kam mir erinnerlich vor. Ich bat ihn, den ersten Brief noch einmal anzufangen. Er tat es, und da kam die Anrede: »Mein lieber Jakob!« Nun erst ward ich inne, daß dies meine eigenen Briefe waren, die ich von Rom aus an meinen Bruder Jakob in Kassel geschrieben hatte. Späterhin erfuhr ich, daß der Kriegsrat Merck in Darmstadt selbige bei meinem Bruder gefunden und sie im »Teutschen Merkur« hatte abdrucken lassen. Wir wunderten uns alle drei über dieses sonderbare Zusammentreffen,[176] ich aber am meisten, da ich die Briefe loben hörte, obgleich ich mich nicht einmal ohne Fehler in der Rechtschreibung ausdrücken konnte. Als ich mich hierüber beklagte, sagten beide: »Das tut gar nichts! Die Ausdrücke sind sehr gut; man sieht, daß Ihnen die Sache klar ist, und versteht deutlich, was Sie sagen wollen, und darauf kommt es beim Schreiben an.« Nun stand ich auf und sagte: »Ich bin fertig.« Drei Viertelstunden hatte ich zum Malen gebraucht. Beide waren im höchsten Grade verwundert, und Lavater sagte, es müsse weiter an dem Bilde kein Strich gemacht werden; denn diese genialisch aufgefaßte Darstellung, wozu mich der alte Dichter begeistert habe, würde nur dadurch verlieren. Bodmer gewann mich von dem Augenblicke an lieb und ich ihn über alle Maßen! Er ging in sein Arbeitszimmer, holte seine aus dem Griechischen übersetzten Werke und schenkte sie mir zum Andenken dieses Tages. Unter diesen war auch der Apollonius Rhodius. Von der Urschrift sprach er viel und äußerte unter anderem, der Apollonius sei ihm viel lieber als der Virgil. Am anderen Morgen schickte er mir noch ein Gedicht, worin er wiederholt seine Freude zu erkennen gab; es war geschrieben am 17. September 1781. Amazon.de Widgets Ich besuchte ihn nun sehr oft, saß bei ihm auf der Bank und sah aus dem Fenster über den Züricher See hin, auf die pfeilschnell fließende Limmat und die hohen Gebirge, aus eben dem Fenster, vor welchem Kleist, Wieland, Klopstock, Goethe und Stolberg gesessen hatten und die schöne Gegend gesehen. Schon der Gedanke begeisterte, und dazu kam nun noch der alte begeisterte Dichter, der mit einem jugendlichen Feuer von den homerischen Göttern und Helden sprach, so daß man unter ihnen zu wandeln glaubte. Er schenkte mir auch ein Werk, welches er über die Vergleiche und Bilder des Homer geschrieben hatte, und dies war die Hauptveranlassung, daß ich die homerischen Vergleiche und vorzüglichsten Begebenheiten seiner Gesänge[177] zeichnete. Diese Entwürfe machten dem alten Bodmer viel Freude, weit mehr aber noch ein Bild vom »Götz von Berlichingen, wie er den Weislingen gefangen hat«. Ich hatte dasselbe für den Herzog von Weimar bestimmt. Als Bodmer dieses Bild sah, rief er: »Du stellst mir ihn vor die Augen, den alten treuherzigen, ehrenfesten Berlichingen, wie ich ihn noch nie gesehen, und Thuiskons Söhne schweben vor meiner Seele! Lange habe ich Germaniens Dichter ermahnt, die Taten ihrer Helden zu singen, den gewaltigen Kaiser Karl, den Löwen von Braunschweig, den Helden Bernhard von Weimar; aber sie haben meinen Aufruf nicht befolgt!« Er sprach viel und mit Eifer darüber, man solle der Nation die Taten edler und großer deutscher Männer in Werken der Dichter und Maler als Heiligtümer aufstellen; dies bilde den Charakter des Volkes, erwecke und nähre die Vaterlandsliebe und errege den Geist und die Kraft zu edler Nacheiferung, und er nannte bei dieser Gelegenheit viele, welche es verdienten, von talentvollen deutschen Künstlern in würdigen Darstellungen verewigt zu werden. Bald nachher beehrte er mich mit einem Gedichte, worin er diese Gedanken über meinen Götz von Berlichingen ausführlicher darstellte, es war im Juli 1782, und das Gedicht selbst fand ich bald nachher abgedruckt in Joh. Bürklis »Schweizerischer Blumenlese«, im 3. Teile, Zürich 1783. ? Ich machte in dieser Zeit, eben dadurch ermuntert, viel skizzierte Entwürfe zu dergleichen Bildern aus der schweizerischen Geschichte und aus der deutschen, unter anderen den »Konradin von Schwaben«. Mein Bruder Jakob bereitete mir die Freude, mich in Zürich zu besuchen und mir bei meinen Arbeiten zu helfen. Er blieb aber nicht lange. Nachdem er einige Porträts und Köpfe zu seinem Studium gemacht hatte, reiste er zu seinem Freunde Burkhard nach Basel, wo er verschiedene Porträts malte. Ich besuchte ihn dort auch und sah bei der Gelegenheit Holbeins Gemälde auf dem dortigen Rathause.[178] Um diese Zeit bekam ich einen Brief von meinem Bruder, dem Aufseher der Gemäldesammlung in Kassel, mit einem anderen vom Kriegsrat Merck in Darmstadt, der mir schrieb, wenn ich vom Herzog von Gotha einen Gehalt zum weiteren Studieren annehmen wolle, so habe der Dichter Goethe mir diesen ausgewirkt, und falls ich ihn annähme, sei es des Herzogs Wille, daß ich nach Rom zurückkehre, um mich da zu vervollkommnen. Wer war froher als ich bei dieser Nachricht! Es war eben die Zeit der Ausstellung auf der Kasseler Akademie. Auch ich schickte dahin einige Porträts von Lavater, Bodmer, Füßli, auch einige von Damen. Meinen Bruder und mich hatte ich in ganzen Figuren ins Kleine gemalt, wir saßen in einem Zimmer, an der Wand hingen die Porträts der besten Männer von Zürich, Lavater, Geßner, Bodmer, Füßli, Hirzel usw., und auf der Staffelei stand ein Bild: »Diogenes, wie er mit einer Laterne am hellen Tage im Gewühle Menschen sucht.« Diese Bilder waren von Kassel aus dem Herzog von Gotha zugeschickt. Zwei davon behielt er, Bodmers Porträt und einen »Krieger im Helm, den Kopf auf die Hand gestützt«, ein Bild, das ich zu meiner Übung gemacht hatte. Die anderen Bilder erhielt ich zurück, bekam auch Reisegeld nach Rom und machte nun alle meine Sachen fertig, um so schnell wie möglich abzureisen. 
 Arbeit am Vasenwerk und am Homer  [350] Nachdem Hamilton seine Vasensammlung an das Britische Museum verkauft hatte, war er entschlossen, nichts der Art wieder zu sammeln. So sagte er mir bei Vorzeigung einer Vase, die, wenn ich nicht irre, zu Orvieto gefunden war und ihn zum Ankauf gereizt hatte wegen der geistreichen Abbildung einer Frau, die, zwischen zwei Körben sitzend, einen Faden von einem zum anderen zieht. Vor ihr steht ein dienendes Mädchen, welches ihrer Gebieterin etwas überreicht. Um die Hände frei zu behalten, hebt die Dienerin das Gewand bei einem Zipfel mit dem Munde in die Höhe. Hinter ihr steht noch eine weibliche Figur mit einem Spiegel. Hamilton hielt die sitzende Frau für eine Penelope, deren Charakter unausgesetzte Beschäftigung ist. Er sagte mir auch, Münzen hätte er ganze Tonnen voll an das Britische Museum geschickt, ohne sie anzusehen, denn er hätte gefürchtet, in die Krankheit zu fallen, welcher die Liebhaber und Ausleger von Medaillen selten entgehen. Gewöhnlich wird dies Studium bei ihnen zu einer wahren Seuche. Unablässig sitzen sie darüber und grübeln und sterben jedem anderen Genusse ab. So ging es jenem Deutschen, welchen der König bei der Wegebesserung in Kalabrien angestellt hatte. Man rühmte von diesem rechtschaffenen Manne, daß durch seine Aufsicht dem König die Hälfte der Kosten erspart sei, welche ein anderer vielleicht verschwendet oder für sich beiseite gebracht haben würde.[351] Seine Arbeiter fanden beim Graben der Wege unzählige Münzen von verschiedenem Metall. Diese verkauften sie ihm für geringe Preise; er brachte ganze Fässer voll zusammen, setzte seine Besoldung dabei zu, und als der redliche Mann starb, war diese Sammlung sein ganzer Nachlaß. Aber ähnlich wie dem Teres, welcher seine Zeichnungen für eine ansehnliche Summe an einen Bankier verkauft hatte, jedoch schon nachmittags wieder an dessen Tür klopfte, das Geld zurückbrachte und bat, man möchte ihm seine Zeichnungen herausgeben oder er sterbe, ging es dem Hamilton. Er kam eines Tages voll Freude zu mir und sagte, er hätte nicht widerstehen können und aufs neue angefangen, Vasen zu kaufen. Die Leute, welche nach solchen Gefäßen gruben, mußten auf eine Stelle gekommen sein, wo sich ganze Massen beisammenfanden. Nach Beschreibung dieser Verkäufer war der Ort ein großes Gewölbe gewesen. Zwei der ansehnlichsten Vasen hatten nebeneinander gestanden, sie enthielten die Geschichte des Bellerophon. Auf der einen gibt der König Jobates dem Bellerophon auf, die Chimära zu erlegen, und Minerva, danebenstehend, leiht ihm zu dieser Unternehmung den Pegasus. Auf der anderen sieht man, wie Jobates für die glückliche Ausführung dem Helden seine Tochter zur Gemahlin gibt. Wären beide Vasen getrennt gewesen, so hätte man die erstere immer erkannt, schwerlich aber die zweite, über welche man jedoch nun keinen Augenblick ungewiß blieb. Man findet zuweilen sehr große Gräber, in welchen sogar die Wände bemalt sind. Auf Capo di Monte sind einige derselben. Unter anderem war dort ein Reiter abgebildet, der einen Gefangenen am Schweif seines Pferdes festgebunden hat. Vor ihm steht eine weibliche Figur, von welcher aber nichts mehr zu sehen ist als ein Stück Arm und Hand, das übrige ist abgebrochen. Niemals zeichne ich eine Hand, ohne an diese zu denken, so wunderbar schön waren in ihr die Abteilungen der Gelenke.[352] Zu S. Agata dei Goti, wo viele Vasen gefunden werden, weil dort wahrscheinlich ein Begräbnisort gewesen, fand der Prinz Monte Sarchio einen Fußboden von gebrannter Erde mit Figuren, zusammengesetzt wie gemalte Fensterscheiben und die Figuren ausgeschnitten, so daß die Ausbiegungen genau an die Nebenstücke paßten. Unter mehreren erinnere ich mich eines Reiters, der sehr gut erhalten war. Ebendaselbst ward eine vorzüglich schöne Vase gefunden, worauf Ceres abgebildet war, wie sie ihre Tochter findet. Die Göttin steht in majestätischer Stellung da, in der Hand das lange Zepter, und Merkur führt aus der Unterwelt die Proserpina herauf, daß sie ihre Mutter schaue. Sie kommt aus einer Höhle der Erde und ist nur halb zu sehen. Es würde schwer, ja unmöglich sein, den Ausdruck der Freude zu beschreiben, als sie ihre Mutter erblickt, ein Glück, welches ihr nur auf wenige Momente gestattet ist. Sie hebt die Hände empor, auf ihrem Munde schwebt das Lächeln der Wonne und Wehmut, welche ihre Seele erfüllen. Wie treffliche Zeichner und Kupferstecher ich mir auch zu diesem Fache angezogen hatte, so würden sie doch vergebens gestrebt haben, den Ausdruck des innigsten Gefühls auf diesem Gesichte zu erreichen. In diesem vollendeten Meisterwerk griechischer Zeichnung mußte man die Kunst bewundern, welche mit so wenigen Strichen das schöne Bild tiefempfundenen Entzückens deutlich vor Augen brachte. Noch war eine Vase dort mit Faunen, die auf den Schultern einen Toten auf einer Bahre zu Grabe trugen. Amazon.de Widgets In Sizilien wühlte ein vom Regen angeschwollener Bergstrom aus der Erde eine Vase, die auf dem Flusse wegtreibend aufgefischt wurde. Was fand man auf ihr? Den Apollo Musagetes mit der Lyra, Paris neben ihm sitzend, und zur anderen Seite Mars und Minerva, welche sich an seinem Gesange vom Trojanischen Kriege erfreuen. Solch ein Gott wollte sich im Strome wohl oben halten, selbst auf einer steinernen Vase![353] Unter die schätzbarsten Kunstwerke, die uns die Erde aufbewahrt hat, gehört unstreitig eine Vase von gebranntem Ton, welche mein Freund, der Marchese Vivenzio, Präsident des Tribunals zu Neapel, besaß. Das Bild dieser Vase stellt ein gräßliches Schauspiel des Krieges dar, die Vernichtung der königlichen Familie des Priamus. Priamus ist zu dem Altare geflüchtet, den er selbst den Göttern des Vaterlandes mit eigenen Händen erbaut hat, und sieht den Greuel, seine Kinder von den Griechen ermordet; er selbst sitzt auf dem Altare, mit den Füßen nicht mehr den vaterländischen Boden berührend, sie schweben zwischen Altar und Erde. Neben ihm auf dem Boden liegt sein älterer erschlagener Sohn, auf seinem Schoße hält er den Leichnam seines jüngsten, auch wohl seines Lieblingssohnes. Des Knaben schöner Körper ist ganz durchstochen. Neoptolemos, Achilles' Sohn, grausamer als sein Vater, schreitet ohne Erbarmen mit dem unglücklichen Alten, der seine Kinder vernichten sieht, heran, faßt den König und haut ihm in das geheiligte Königshaupt. Der Alte hält mit einer Hand die bluttriefende Wunde, mit der andern die Augen zu, den Greuel nicht anzuschauen. Eine Tochter kommt herzugeeilt und schlägt nach einem umgestoßenen Griechen mit einem Balken, während er mit dem Schwerte nach ihr stößt. Hekuba, die Königin, liegt auf den Knien, Ulysses und Diomedes reichen ihr die Hand, sie aufzurichten; eine jüngere Tochter sitzt gekauert auf der Schwelle des Tempels. An Priamus' Seite wird Kassandra vom Ajax bei den Haaren von der Statue der Göttin, bei der sie Schutz sucht und die zürnend mit aufgehobener Lanze dasteht, gerissen; hingestreckt liegt ihr Bräutigam am Boden; die Priesterin rauft ihre Haare. Am Ende trägt Äneas seinen alten lahmen Vater und eilt mit ihm und seinem Sohne weg. Vivenzio ließ dieses Bild nachher in Kupfer stechen. Es erinnerte mich an ein Gemälde von Rubens in Florenz, das die Abscheulichkeit des Krieges darstellt, und an ein Bild[354] von Pietro da Cortona sowie an ein marmornes Basrelief, wo Neoptolemos den König Priamus am Altar mordet, zu dem er flüchtet. Der Tag, an dem ich die Vase sah, wo der unglückliche Priamus mit seiner Familie gemordet ist, war einer meiner traurigsten. Mein Freund Vivenzio kam fast täglich zu mir und erzählte mir von seinem glücklichen Funde und nannte sie das Haupt aller Vasen und beschrieb mir das Ausgraben ganz ausführlich, dann auch die Geschichte aus dem Virgil und lud mich nach Nola ein, um sie zu sehen. Ich konnte damals nicht wegen Beschäftigung. Eines Tages speiste ich zu Mittag bei dem kaiserlichen Gesandten, Grafen Esterhazy, der den Abend ein großes Fest geben wollte. Als wir eben am Tische waren, kam die Nachricht, die Königin von Frankreich sei getötet. »Ach, die edle Kaisertochter ist unter dem Beile gefallen!« schrie einer. Es entstand ein Lärm im Hause, ein Hinundherlaufen; alle Bedienten, die so anhänglich waren an die kaiserliche Familie, alle kamen in Wut. Viele waren schon zum Abendfest gekleidet, die Köche hatten alles bereitet. Aber am allerwütendsten war der Konditor. Der kam gelaufen mit dem großen Messer, womit das Eis zerhackt wird, und lief auf die Straße und schrie: »Den ersten Franzosen, den ich finde, will ich ermorden, er sei schuldig oder nicht! Nun kann ich meine Fässer voll Sorbet auf die Straße werfen! Ich dachte meinem Herrn und mir Ehre zu machen!« Er war fast rasend, man mußte ihn halten. Die Begebenheiten von Frankreich wirkten sehr nachteilig auf mein Gemüt, indem die Folgen einer solchen Tat nicht zu übersehen waren. Auch in Neapel fielen schreckliche Begebenheiten vor, und ich war ganz verstimmt. Vivenzio wollte mich erheitern und verlangte, mit ihm aufs Land nach Nola zu fahren, wo in seinem väterlichen Hause seine schöne Vasensammlung aufgestellt war, denn er wußte, daß ich mich darüber freuen würde. Und als wir über den[355] Platz fuhren, auf dem ich seit der Zeit nicht gewesen war, wo viele Menschen das Leben verloren hatten, und ich noch die Flecken sah an den Wänden, wo die Kugeln angeschlagen waren, da wurde mir ganz wehmütig, indem es mir wieder in Erinnerung kam, was hier geschehen war. Nun kamen wir aus der Stadt ins Freie: Wir fuhren durch das Traubengefilde, wo in Girlanden von einem Baume zum anderen die Trauben hangen, die ganze Gegend scheint ein Traubenwald. Und als wir vor Nola ankamen, führte er mich erst in die Grube, wo die Vase gefunden wurde, und machte mir die Beschreibung ganz umständlich. Dann kamen wir zu seinem Hause, wo vom Hofe eine Treppe hinaufführte. Hier stand auf der Balustrade die große Vase von grober Erde, worin die eigentliche Vase aufbewahrt gewesen war, um sie vor Beschädigung zu schützen. Nun traten wir in das Zimmer, wo die Sammlung von Vasen aufgestellt war. Nachdem ich einen Überblick getan hatte und mich dessen freute (ich kannte jede einzelne, denn ich war oft bei ihm), führte er mich zu seiner Lieblingsvase. Die hatte er auf einem Fußgestelle, das so eingerichtet war, daß man es drehen konnte, um sie von allen Seiten zu sehen. Sie war mit einem grünseidenen Vorhange überdeckt, und als er den abnahm, stand gerade vor mir Priamus auf dem Altare sitzend, den er selbst mit seinen Händen den schützenden Göttern des Landes gebaut hatte, mit dem getöteten Lieblingssohne auf dem Schoße! Der russische Gesandte, Fürst Italinski, hatte große Freude über jede Vase, welche man bisher noch nicht kannte. »Nach den bekannten«, sagte er, »fragen wir nicht mehr, aber die neuen Erscheinungen helfen weiter und erklären manche andere.« Nun kam Hamilton fast täglich höchst erfreut mit der Nachricht, er hätte wieder Vasen gekauft, ich sollte doch hinkommen, sie mit ihm zu betrachten. Einst sah ich ihn, er war eben vom Hofe gekommen, in voller Gala mit dem großen Ordensband und Stern einen Korb[356] voll Vasen tragen. Ein zerlumpter Lazzarone faßte das eine Öhr des Korbes und der englische Minister das andere. Er war ein gar großer Verehrer der griechischen Kunst. Die reichliche Bezahlung munterte viele Leute zum Suchen auf. Die rechten Fundorte sind in den ehemals von Griechen bewohnten Städten diejenigen Plätze, wo sie ihre Totenäcker hatten. Aus Puglien ward ihm einst durch einen Priester eine ganze Sammlung gebracht. So kam in kurzer Zeit eine Menge zusammen, und Hamilton äußerte gegen mich den Wunsch, einige in Kupfer gestochen zu sehen, bekannte Vorstellungen, wozu dann eine kurze Beschreibung gegeben würde. Er wollte die Kosten vorschießen und sich aus dem Absatze des Werkes wieder bezahlt machen. Dieser Vorschlag war mir sehr angenehm. Die Vasen wurden auf solche Weise bekannt, und ich konnte manchem meiner Schüler, worunter es genug Bedürftige gab, einen Verdienst zuwenden. Die besten aus ihnen wurden dazu genommen. Ich ließ sie die Figuren auf klares Papier genau durchzeichnen und dann auf anderes Papier die Vase für sich. So bekam ich viele Zeichnungen zusammen. Weil aber gerade um diese Zeit die Franzosen in der Eroberung Italiens immer weiter fortschritten, so mußte ich befürchten, die Zeichnungen auf Papier gar leicht verlieren zu können. Deshalb hielt ich es für besser, sie sogleich auf Kupfer stechen zu lassen, welches nicht so leicht zu vernichten war. Ich hatte mir einen geschickten Kupferstecher herangezogen, der stach die vor ihm stehenden Vasen unmittelbar auf die Platte. Indem solches gut fortschritt, sah ich selbst erst recht ein, welches Verdienst um Kunst und Wissenschaft hier zu erwerben sei. Auf den Vasenbildern nämlich findet man vieles, was man durch die Statuen niemals kennenlernen würde, weil es an diesen, wie ebenfalls an den Basreliefs, abgebrochen ist. Dahin gehören alle hervorstehenden Teile. Ich erinnere zum Beispiel nur an das Zepter, von dessen eigentlicher Gestalt wir nichts[357] wissen könnten, da keins an irgendeiner Statue erhalten ist. Auch sind die Bilder selbst ganz anderer Art. Was der Bildhauer nackend machen muß, weil eben das Nackte der Gegenstand der Skulptur ist, das kann der Maler bekleiden. Daher gewinnen wir durch die Vasenzeichnung wieder die Kenntnis der Gewänder, des Geschmeides, des Hausgerätes und anderer Dinge aus dem Leben der Alten, so auch viele bei ihnen entsprungene und nur ihrer beglückten Zeit mögliche Vorstellungen, poetische Gedanken, Handlungen, Sitten, Zeremonien, Spiele usw. Davon würde ohne die Vasen wenig oder gar nichts auf uns gekommen sein, denn die Basreliefs sind mehr der Zerstörung unterworfen gewesen, und die geschnittenen Steine mit ihren größtenteils nur einzelnen Figuren und engeren Begrenzungen sagen uns bei weitem nicht soviel und nicht alles so deutlich wie die Vasenzeichnungen. Da sieht man, wie geistreich scharfsinnig und einfach die Alten in allem, was sie darstellten, zu Werke gingen und wie vollkommen die Idee eines schönen Lebens in ihren Bildern ausgeprägt war. Den Geist zu denken, aus welchem diese Schöpfungen entsprangen, muß man dem Geiste überlassen. Amazon.de Widgets Bei den Alten gab es viele Fabriken, wo Vasen gemacht wurden. In den kleinen Städten waren sie an Ton sowohl als an Zeichnung nur geringer Art. Bei den großen reichen Städten jener Zeit findet man die schönsten, besonders in der Gegend von Nola und Locri. Die von Nola sind ganz, die von Locri aber meist zerbrochen, weil Erdbeben dort gewütet haben. Es läßt sich denken, wie viele Vasen aus so großen Orten täglich mit Toten in die Erde kamen. In Apulien, sagt man, sollen die Wege damit bedeckt sein, so daß man auf lauter Scherben von Vasen gehe. Diese Vasenfabriken der Alten erinnern mich an neuere Fabriken ähnlicher Art, wozu Raffaels Bilder Veranlassung gegeben haben. In Faenza, wo sich guter Ton findet, war eine sehr große Fabrik von Fayence, worauf Bilder[358] und Zeichnungen nach Raffael dargestellt wurden. Daraus ist das schöne Geschichtchen entstanden, Raffael hätte eine Töpferstochter zur Geliebten gehabt, ihr zur Liebe den alten Töpfer öfter besucht und diese Sachen dort auf Teller und Töpfe gemalt. Es können nur schwache Köpfe sein, welche an diese Töpfe glauben. Raffael hatte größere Sachen vor, als Teller zu malen! Die Italiener aber schwören, er habe sie gemalt. Sie wissen wohl warum. Viele Fürsten des Auslandes haben sich durch das Tellermärchen betrügen lassen und mit bedeutenden Kosten große Sammlungen angelegt. In Wien, Kassel und Braunschweig gibt es Kabinette voll solcher Arbeiten. Auch in Italien fehlt es nicht an Liebhabern, welche sich von dem Glauben, raffaelische Teller zu besitzen, nicht heilen lassen. Die schönste Sammlung dieser Art sah ich in Rom. Der Besitzer hatte mit schwerem Gelde große Schüsseln erkauft, auf welchen Geschichten mit vielen Figuren gemalt waren. Die Vasen, welche in Florenz soviel Aufsehen erregt haben, sind in Neapel gekauft worden. Passeri, welcher das nicht wußte, hielt und erklärte sie für etrurische Vasen; sie sind aber nichts weniger als das, sondern rein griechischen Ursprungs. Gegen den Landstrich des alten Etruriens hin verlieren sich alle Spuren jener Vasenfabriken, und was dort gefunden wird, sind nur kleine schwarze unbedeutende Töpfe. In Wien aber wurde bei dem Baue eines Hauses im Fundamente ein sogenannt etrurisches Grab mit Vasen gefunden, deren Zeichnungen nach Neapel kamen, wo ich sie gesehen habe. Wie nun unter den mir zur Ansicht überlieferten Gefäßen sich gar viele mit homerischen Szenen fanden, so brachten diese mich auf den Gedanken, sie von den anderen abzusondern und mit ihnen jene homerischen Bilder zusammenzustellen, welche auf geschnittenen Steinen und Basreliefs vorkommen. So, dachte ich, könnte man einen vollständigen Homer in Bildern zustande bringen, der auch antik wäre,[359] so daß jeder, wer den Homer studieren wollte, sich schon aus den nach ihm gearbeiteten Bildern Rats erholen könnte. Hamilton lachte, als ich ihm diesen Gedanken mitteilte, und sagte, das würde ich nicht erreichen. Ich ward aber keineswegs abgeschreckt, sondern fing eifrig an und ließ alles zeichnen, was mir Homerisches vorkam, so Statuen als Basreliefs. Auch sah ich bald, daß allerdings die Ausführung meiner Idee sehr tunlich sei. Dabei fehlte es nicht an äußerer Aufmunterung. Von allen Seiten wurden mir homerische Darstellungen zugeschickt; nicht bloß aus Italien, sondern auch aus Frankreich, ja aus Polen und Konstantinopel. So entstand das Werk, welches den Titel führte: »Recueil de gravures d'après des vases antiques la plus part d'un ouvrage grec, trouvés dans des tombeaux dans le royaume des deux Siciles, mais principalement dans les environs de Naples l'année 1789 & 1790 tirés du cabinet de Monsieur le Chevalier Hamilton, envoyé extraordinaire et plénipotentiaire de S.M. Britannique à Naples avec des observations sur chacun des vases par l'auteur de cette collection. Tom. I. II. III.; publié par Guillaume Tischbein, Directeur de l'académie Royale de peinture à Naples 1791?1795.« Amazon.de Widgets Dieses Werk war als Frucht unserer gemeinschaftlichen Bemühungen aus den Vasen entstanden, welche Hamilton allmählich angekauft hatte. Zu meinen Zeichnungen arbeitete er mit Italinski die Erklärung aus. Die Schönheit der Figuren, die Lebendigkeit des Ausdrucks, der Reichtum dichterischer Phantasie, womit die Alten alle diese Szenen ausgestattet, belebten nun auch meinen Eifer für die Vollendung eines Unternehmens, welches ich dem Vater Homer und seiner höchsten Verehrung bei meinen Zeitgenossen und nachwachsenden Geschlechtern schuldig zu sein glaubte. Meinen Freunden und mir war besonders daran gelegen, die edle griechische Einfalt der Darstellung wieder zu erwecken,[360] denn eben sie ist das große und vorzüglichste Verdienst der Vasen, auf denen sie in einem höheren Grade als sonst gefunden wird. Manche Bilder aus Herkulaneum freilich dürfen mit ihnen wetteifern, auch unter ihnen sind Meisterstücke, nur eine Figur vorstellend und doch das Höchste leistend, was geistige Erfindung und vollendete Zeichnung erschaffen kann. 
 Lehrjahre in Kassel, Hamburg und Bremen  [47] Meine Schulzeit in Haina war geendigt, und ich sollte nun zu meinem Onkel Jakob gehen, der meinem Vater das Anerbieten gemacht hatte, mich zu sich zu nehmen und mich das Malen zu lehren. Lieber hätte mich mein Vater in Kassel bei seinem Bruder Heinrich lernen lassen, der das Altarbild für die Michaeliskirche in Hamburg gemacht und sich dadurch viel Ruhm erworben hatte; aber das ging nicht, weil schon mein älterer Bruder bei ihm war. Als ich meine Reise antrat und das väterliche Haus verließ, begleiteten mich meine Eltern und meine Geschwister eine Strecke Weges bis an den Wald. Außer den vielen schönen Denksprüchen und Lehren, die meine Mutter mir von Kindheit auf gegeben hatte und die sie mir jetzt von neuem ins Herz prägte, gab sie noch manche mit auf den Weg, unter anderen auch diese: »Wenn du in die Fremde kommst, zu anderen Leuten, schmeichle ihren Hunden und spiele mit ihren Kindern, dann werden sie dir geneigt.« Das tat ich auch auf meinen Reisen, und manche Wirtin wollte ihren Mann bewegen, keine Bezahlung von mir anzunehmen, denn ich hatte ihre Kinder so gut unterhalten. Als meine Mutter im Eichwalde von mir Abschied nahm, gab sie mir noch eine Düte voll Mandeln und Rosinen: »Die iß; sie sind gut für die Brust.« Dann sprach sie noch ein herzliches frommes Gebet über mich und sagte: »Der Himmel sende seine Engel auf einer Leiter herunter und führe deine Wege und begleite dich.« ? Meine Schwester aber,[48] als wir Abschied nahmen und die Hände nach innigem Drucke voneinander ließen, erhob ihren Arm, stand gleich einer begeisterten Priesterin da, die des Gottes Orakelsprüche verkündigt, und sprach: »Gehabe dich wohl! Suche Weisheit, soviel du kannst; strebe nach dem Schönen, halte dich zu deinem guten Genius, der dir bei der Geburt zum Schutzengel gegeben wurde; der leite dich auf deinen Wegen, beschütze und behüte dich! Bist du ihm treu, so wird er alles für dich zum Besten wenden. Er legt das Gute, das Nützliche um dich her, du brauchst es nur zu ergreifen; suche seine Winke zu erkennen, er ist für dich besorgt und wendet alles zu deinem Besten! Gerätst du auf dornige Wege und strauchelst, so wird dadurch dein Gang befördert; immer halte ihn im Auge und im Herzen. Sei nicht träge, dir selbst zu helfen, wenn er dich unterstützt, sonst verlierst du ihn; er ist leicht, hat Flügel, entschwebt und verläßt dich gar bald; denn er wird gedrängt von dem bösen Dämon, der gewaltig strebt, seinen Platz zu haben.« Mein Vater brachte mich bis Kassel, von da ich weiter mit Gelegenheit nach Hamburg gebracht werden sollte. Der Abschied von meiner Mutter war mir über alle Maßen schmerzlich; doch je näher wir Kassel kamen, desto mehr fühlte ich eine freudige Ungeduld, nach einem Orte hinzukommen, von dem ich mir soviel Herrliches und Glänzendes vorstellte. Besonders freute ich mich auf die wilden Tiere und Vögel in der Menagerie, die mir vor allem andern das liebste waren. Als wir nun in das Tor kamen ? mein Vater im Gespräche mit einem jüdischen Handelsmann, welcher sich zu uns gesellt hatte und nach seinen Reden ein ganz verständiger Mann zu sein schien ? und in die Gegend gelangten, wo es bergan in die Stadt hinaufgeht und wo man unten die Häuser und Dächer von der Menagerie erblickt und in die Höfe und Plätze hineinsieht, wo die Tiere sich aufhalten und die vielen fremden Vögel[49] umherflattern, da kam auf einmal von unten herauf eine weiße Pfauentaube geflogen. Sie schwang sich ein paarmal im Kreise um uns herum und setzte sich dann auf meinen Kopf. Ich zitterte beinahe vor Freude über dieses wunderbare Ereignis. Mein Vater und sein Begleiter waren auch verwundert darüber, und dieser rief: »Das ist ein Glückskind, dem kommt das Glück auf den Kopf geflogen! Habt ihr doch in eurem Glauben den heiligen Geist als eine Taube; nun da kommt er geflogen und setzt sich dem Jungen auf den Kopf!« Ich hätte so gern die schöne Taube in der Hand gehabt und griff danach, denn einen leichteren und schöneren Fang konnte ich ja nicht tun; aber mein Vater verbot es mir und nahm den Stock, um sie von meinem Hute abzustreifen. Sie flatterte aber nur eben in die Höhe, setzte sich auf den Stock, von da wieder auf meinen Kopf und so dreimal nacheinander, bis mein Vater sie endlich wegscheuchte und wir unseren Weg weiter fortsetzten. Ich kam nun in das Haus meines Onkels, wo ich einige Zeit blieb und von da wieder mit Gelegenheit nach Hamburg gebracht werden sollte. Aber das verzögerte sich, und ich wäre beinahe ganz vergessen worden; denn ich war da schon heimisch und hatte mir alle Personen gewonnen, weil ich jedem gern diente, ehe er es verlangte. Besonders war mir die alte Haushälterin gewogen, weil sie mich zu allem gebrauchen konnte, wo nur im Hause und in der Küche zu helfen war. Auch mußte ich Farbe reiben, Tücher grundieren, Paletten machen und Pinsel putzen; und alles dies ging mir flink von der Hand, und ich tat es unverdrossen ? wenn ich nur Tauben halten konnte! Ich zimmerte einen Schlag auf dem Boden und besetzte ihn mit Tauben, die in kurzer Zeit an Zahl so heranwuchsen, daß das ganze Dach voll davon saß. Im Hofe machte ich bretterne Röhren, die unter das Brennholz gingen, das für den Winter in großen Haufen vorrätig lag, und da setzte ich Kaninchen hinein,[50] die sich ebenfalls in kurzer Zeit vermehrten. Der Hof wimmelte von Hühnern und Enten; auch legte ich einen Behälter für Fische an. So war ich in beständiger Tätigkeit und immer bei frohem Mute. Dabei besuchte ich oft meinen Vetter Ludwig, den Architekten, und Fritz, den Maler, Söhne meines Onkels Valentin, und Geldmacher, der Dekorationen für das Theater malte. Bei ihnen zeichnete ich auch zuweilen, doch nur meine Lieblinge, wie in Haina, Eichhörnchen, Hirsche und Hasen. Keiner bekümmerte sich in diesem Fache um mich oder gab mir Anleitung zum Zeichnen; aber es erwachte ein gewaltiger Eifer bei mir, auch das zu machen, was ich bei den anderen jungen Malern sah, und ich fing auch wirklich an. Damals war ich etwas über vierzehn Jahre alt. Nun kam aber ein Brief von meinem Onkel Jakob aus Hamburg, worin er schrieb, es sei nicht recht von seinem Bruder, mich für sich zurückzubehalten, weil er nun Proben hätte, daß ich mich gut schicke und etwas für die Zukunft verspreche; er dagegen habe mich ohne Probe verlangt. Dies war nun meinem Onkel empfindlich, und er sagte: »Der Junge soll morgen fort, ich will um den keinen Verdruß haben.« Ich wurde also mit meinem Bruder auf die Post gepackt und nach Hamburg geschickt. Ich nahm Abschied von meinen Tauben und Kaninchen und freute mich der Reise; denn ich dachte: Je weiter in die Welt, desto besser! Je ferner von Haina, desto klüger sind die Menschen, besonders da, wo Schiffe sind, die Menschen aus allen Weltteilen zusammenbringen, von denen man vieles erfahren kann, und wo der Weg offen steht nach den fernen Orten selbst. ? Ich kam also nach fünf Tagen in Hamburg an, meine Abreise fiel auf den 16. Mai 1766. Mein Onkel und mein Vetter Christian empfingen mich am Schiffe auf dem Baumhause und führten mich zur Tante. Das war eine Freude! Sie nahm mich mit vieler Herzlichkeit auf, und als sie mein munteres Wesen sah und daß ich Lust[51] zur Arbeit hatte, da sprach sie von Wunderwerken der Kunst, die nun geschaffen werden sollten; denn sie war selbst Malerin. Ich konnte kaum den Morgen erwarten, um gleich mit der Arbeit anzufangen. Mein Onkel malte meistenteils Landschaften, Pferde, Kühe und Jagden. Das war nun eben meine Lust. Ich machte meine Farben zurecht und fing sogleich eine Landschaft an, die ich mir selbst zum Kopieren ausgewählt hatte. Luft und Hintergrund waren bald fertig. Um das Wasser zu machen, nahm ich lauter Öl; denn ich glaubte, ein Öligflüssiges sei dem Wasser am ähnlichsten. Mein Onkel bewies mir dagegen, daß das Wasser mit Farbe gemalt werden müsse, und als ich noch widersprach, machte er es mir vor. So fuhr ich täglich fort unter seiner Leitung; ich kopierte von seinen kleinen Pferde stückchen, grundierte Tücher und Bretter und rieb Farben, was ich gut verstand. Dadurch hatte ich mich denn recht in Gunst gesetzt. Auch hatte ich Vögel, unter anderen einen Buchfinken im Bauer vor dem Fenster, der flog aus und ein; des Tags kam er nur selten heim, wenn er aß und trank, aber des Nachts schlief er immer im Bauer. Alles war bis jetzt gut gegangen; ich war in Lust und Freude, so auch mein Onkel und meine Tante, bis ich einmal hörte, ein Historienmaler sei weit mehr zu schätzen als einer, der nur Pferde und Kühe und Landschaften male. Nun bekam ich Lust, mich im Historienfache zu üben. Mein Onkel hatte ein Bild kopiert nach einem Italiener, ich glaube Trevisani: »Wie der junge Tobias seinen blinden Vater wieder sehend machte.« Zu diesem Bildchen bekam ich eine so unüberwindliche Lust, daß ich Tag und Nacht keine Ruhe hatte, bis ich anfinge, es zu kopieren. Ich bereitete mir das Gehörige dazu und bat meinen Onkel deshalb um Erlaubnis. Der sagte, das wäre noch zu schwer, es gehöre mehr dazu, Figuren eines Historienbildes machen zu können, ich müßte erst bei leichteren Sachen lernen; nachher könnte ich dies auch versuchen. Ich äußerte dagegen, man hätte einen großen[52] Schritt gemacht, wenn man gleich bei den besseren Sachen anfinge, statt durch geringere allmählich auf einem langen Wege dahin zu kommen. »Nein«, sagte er, »mache du nur erst fertig, was ich dir gegeben habe.« Das war aber schon fertig, und ich ging hin, es zu holen, Während ich weggewesen war, hatte er mit der Tante gesprochen; und da ich wiederkam und ihm das Gemälde brachte, sagte er: »Fahre nur so fort, die anderen beiden Pferdestücke anzufangen.« Ich äußerte ihm nochmals meine große Liebe zu dem Bilde von Tobias, und wie ich so sehr wünsche, es zu versuchen und glaube, es gut machen zu können. In diesem Augenblicke fuhr meine Tante auf mich zu, nannte mich einen Vorlauten, einen Naseweis, der klüger sein wolle als alte Leute, ich solle erst lernen und tun, was mir befohlen sei; und damit hieß sie mich fortgehen auf meine Stube und meine Aufgabe arbeiten. Das sprach sie mit Zorn und mit einem Auge voll Verachtung gegen mich. Da wandte sich mir das Herz im Busen um; das Herz, das so unschuldig, so unbefangen mit Liebe und Achtung für sie schlug, wurde auf einmal so empfindlich beleidigt! Ich schwieg und ging betrübt auf meine Stube, setzte meine Pferdestücke auf die Staffelei und fing an zu malen; aber es wollte nicht gelingen. Mein Onkel kam zuweilen und sah, was ich machte. »Es wird nicht gut, was du machst«, sagte er. Ich versicherte ihn, daß ich das auch sähe und nicht wisse, warum es mir so schwer werde, denn ich gäbe mir alle Mühe. Ich malte weiter, und es wurde schlecht. Ich hatte nur immer das junge Mädchen in Gedanken vor mir, das mit so vieler Freude sieht, wie der alte Tobias sein Augenlicht wiederbekommt, das frohe Gesicht des Greises, der nun die Seinigen wiedersieht, und die Alte, deren runzlige Wangen sich vor Freude wieder beleben; aber in den dunklen Stellen des Bildes sah ich immer nur die Tante mit dem bösen, zornigen Blicke, der sich mir unaustilgbar eingeprägt hatte. Ich ward nicht mit mir einig, ob mein Onkel oder ich recht[53] gehabt hätte; wenigstens konnte er mir gestatten, den Versuch zu machen. »Der Junge ist tückisch, er macht's mit Fleiß schlecht«, sagte die Tante, als sie hörte, daß meine Arbeit nicht gut geraten sei; und das wurde meinem Onkel auch leicht, zu glauben. An mein blutendes Herz zu denken, kam beiden nicht in den Sinn. Amazon.de Widgets Von solchen Augenblicken hängt viel ab! Ein junger Mensch, dessen Geist sich eben erheben will, kann durch herben Widerspruch leicht vernichtet werden; und woher soll er die Kraft nehmen, wenn ihm nicht von einem andern Hilfe geleistet wird. Ich war allein, war fremden Menschen unterworfen und mußte folgen in allem, was ich auch tat. Nun ward ich mißmutig, hatte nicht mehr das offene, freie, fröhliche Wesen, welches sie doch von mir wie zuvor verlangten, und mein Onkel befahl mir sogar, freundlich und folgsam gegen die Tante zu sein, die doch mit solcher Grandezza auf mich herabsah, auch wohl drohte, sie würden mir beide ihre Güte und Hilfe versagen und ich könnte gehen, wohin ich wollte. Dies erschreckte mich für den ersten Augenblick; dann empörte es mich, und ich nahm das letztere an ? zu gehen. Nun ward ich mit einemmal freier im Gemüte und dachte schon nach Kassel, machte auch gleich den anderen Tag meine Sachen zurecht, um zu reisen. Ich ging dann zu meinem Onkel Anton, der mich in meinem Entschlüsse bestärkte. Bei diesem hatte ich oft die Studien besehen, welche er in Italien nach den großen Meisterwerken gemacht und wovon er mir einige zum Nachzeichnen angeboten hatte, besonders Köpfe nach Daniele da Volterra, die mir außerordentlich gefielen, und auch Figuren nach Annibale Carracci, wodurch meine Neigung zum Historienmalen immer mehr aufgemuntert war. Auf dem Rückwege begegnete mir zufällig der Bruder meiner Tante, Herr Lilly, der ein Gemäldehändler war. Ich erzählte ihm von dem unglücklichen Vorfalle und von dem unfreundlichen Benehmen seiner Schwester gegen mich,[54] und wie ich nun nach Kassel zurückreisen wollte. Da sagte er, daß ich lieber zu ihm kommen möchte, indem er gerade jemand nötig habe, der ihm, da er täglich viele Gemälde kaufe und verkaufe, dieselben ausbessere. Dieses wolle er mich lehren und mir die Woche einen Taler Taschengeld geben; auch könne ich mir, da er sehr viele schöne Historiengemälde in Originalen besitze, die besten zum Kopieren und Studieren auswählen. Zudem verstehe er sich auch auf die Kunst und wisse zu sagen, wie es sein solle. Wer war froher als ich! Ich sah den Himmel offen, in ein Haus zu kommen, worin so viele Kunstsachen waren. Den anderen Morgen sagte ich es meinem Onkel Jakob, welcher mir erwiderte, ich könne gehen. Ich dankte ihm für alles Liebe; dann eilte ich auf mein Zimmer und gab mich noch einmal recht der Freude hin über ein Bildchen, welches ich in Freistunden des Sonntags für mich gemacht und lange daran gearbeitet hatte: Ein Schäfer saß auf einem Sandhügel, um welchen Ziegen weideten; er las in einem Buche, und in der flachen Ferne sah man ein schwarzes Gewitter stehen. Die folgende ganze Nacht hindurch hatten Ideen von Historien- und Landschaftsmalerei meinen Kopf durchkreuzt; ich hatte gar nicht geschlafen und stand sehr früh auf. Noch unschlüssig mit mir selbst und ängstlich ging ich ins Freie auf den Wall. Als ich aber auf eine Höhe kam und ich eine weite Aussicht vor mir sah, da fühlte ich meinen Geist freier. Ich schaute über die Bäume, über die Alleen, über Gärten und Häuser hinweg, bis zum Horizont, wo die Elbe herkam und mir vorbeiströmte in das große Meer. Die Sonne ging in ihrer Pracht glänzend auf und schien rosig in den Nebel, der sie umfloß. Ich ergötzte mich lange an dieser Herrlichkeit, freute mich ihrer milden Wärme, und mein Herz ward mit Anbetung erfüllt für den Allmächtigen, der mit so vieler Güte die Sonne uns sendet mit ihrer allbelebenden Kraft, die alle Keime erwärmt und zu sich[55] heranzieht, auch den schlummernden Geist erhellt und stärkend erhebt; und ich betete: so wie er allen die Wege zeige, werde er sie mir auch zeigen. Mein Weg war unwillkürlich auf die Seite des Walles hingegangen, wo in der Gegend das Haus des Vetters Lilly stand, der mich so zuvorkommend und gütig zu sich eingeladen hatte. War es diese freundliche Einladung, was mich dort hinzog, oder das Licht der aufgehenden Sonne? Ich weiß es nicht; aber ohne meinen Willen war es geschehen. Und da ich so nahe war, wollte ich ihm einen guten Morgen sagen und ging hin. Nun ließ er mich nicht wieder weg und übernahm es, alles weitere bei meinem Onkel zu besorgen. Doch ging ich selbst zu diesem zurück und dankte ihm noch einmal für alle Güte und Liebe und sagte auch meiner Tante Lebewohl. Sobald ich zu meinem Vetter Lilly zurückkam, sagte dieser: »Nun machen Sie sich ein Geschäft, was Ihnen am liebsten ist. Sie können sich Bilder zum Kopieren aussuchen oder auch zeichnen, wie es Ihnen gefällt.« Ich wünschte erst auf dem Boden die Bilder zu sehen, die da in großen Stapeln standen und seit mehreren Jahren nicht umgekehrt waren, ob vielleicht einige darunter wären, welche der Reinigung und Ausbesserung bedürften, um sie dann in den Zimmern aufzustellen. Dies wurde mir mit Freuden gewährt. Ich fand da viele vortreffliche Stücke, besonders Köpfe und Porträts von großen Meistern, die eben nicht in Handel kamen, weil Zeit und Mode gerade für sie nicht günstig waren. Für mich war es ein Glück, diese Meisterwerke in Händen und so nahe vor Augen zu haben. In diesem Hause, unter so vielen Kunstschätzen, saß ich nun wie ein junger Sperling in der Saat; ich konnte wohl naschen, aber nicht mit Einsicht wählen; ich war mir selbst überlassen und mußte mir helfen, so gut ich konnte. Ich fing an, Bilder in Öl zu kopieren, auch studierte ich nach Zeichenbüchern, worin die ersten Regeln der Kunst enthalten waren. Vor allem[56] ergötzten mich auch die schönen Kupferstiche und Originalhandzeichnungen von den großen Meistern: von Michelangelo (sein Jüngstes Gericht), von Raffael (die vatikanischen Logen) und andere. Unter den vielen guten Gemälden fand ich auch ein großes von van Dyck auf Holz gemalt: »Ein Familienstück«, Großeltern, Vater und Mutter und ihre Kinder, ein vortreffliches Bild! Köpfe von allen Altern; besonders waren die Kinder schön. Ich wurde aber nicht allein mit den Sachen bekannt, die im Hause meines Vetters waren; als Gemäldehändler kannte er auch alle Liebhaber in der Stadt und ihre Sammlungen und führte mich dahin. So lernte ich viel in der Bildersammlung des Staatsrats Stengelin, die ich ein halbes Jahr lang besuchte, um zu kopieren, Wouwerman, Berghem und mehrere kopierte ich so, daß die Liebhaber damit sehr zufrieden waren, und es sollen sogar einige solcher Kopien als Originale verkauft sein, besonders nach Rußland. Von Thomas Wijck sah ich hier »Die Alchimisten mit ihren Gerätschaften«; aber das beste Bild, das ich von diesem Meister sah, war »Das Innere eines Bauernhauses«, wo Menschen mit Schweineschlachten beschäftigt waren. Der Dunst, welcher an dem Gebälk schwebte, machte es zum Vorzüglichsten, was ich in der Art gesehen habe. ? Auch sah ich eine Zeichnung von van Luyken, wo ein junges Mädchen am Felsen sitzt und ihr Morgengebet singt; die Sonne schickt ihre Strahlen am Himmel hinauf, eine Lerche steigt flatternd in die Höhe und singt in fröhlichem Jubel, ein anderes Mädchen betrachtet Blumen, die zwischen dem Grase hervorsprießen. Nun fing ich auch an, mich im Porträtmalen zu üben, und ein Bild, welches ich nach einem Manne aus Scherz gemacht hatte, wurde wegen seiner Ähnlichkeit gelobt; doch war ich mir nicht bewußt, daß ich ein Porträt ähnlich machen könnte, wenn ich es wollte, ich glaubte, es sei nur so von ungefähr geraten. Einst stand ich in der Haustür, als eben[57] ein junger Kaufmannsdiener hereintrat und fragte: »Wohnt hier ein Bildermacher?« ? »Ja«, sagte ich, »und auch ein Bilderhändler.« ? »Das ist mir gesagt worden; aber ich meine, ob er auch abnimmt, daß das Bild dem Gesichte ähnlich ist, welches er abnimmt?« ? »Sie fragen nach einem Porträtmaler?« ? »Ganz recht«, versetzte er, »und kann ich den sprechen?« ? »Der bin ich selbst«, erwiderte ich. ? »Nun denn, ich möchte mein Gesicht abgenommen haben, daß es ähnlich sei und jedermann es erkenne.« ? Ich entschloß mich gleich. Der morgende Tag wurde zur Sitzung bestimmt. Ich malte ihn, und jedermann erkannte ihn. Auch ein alter Kenner sah es, lobte es und meinte, wenn der junge Maler erst so viel bei der Arbeit gesessen hätte, daß seine roten Backen die Farbe von einem Heringe bekämen, der einige Jahre im Rauche gehangen, dann könne etwas aus ihm werden; denn in ihm liege es. Dies ließ ich mir nicht umsonst gesagt sein. Das Porträt war fertig, und der junge Mensch war sehr damit zufrieden. Ich schämte mich, einen Dukaten dafür zu fordern. Aber den legte er mir gleich auf den Tisch und noch zwei daneben, wenn ich ihm ein schönes Mädchen malen wolle, das seine Geliebte sei; für die wäre sein Porträt bestimmt, und nun wünsche er auch das ihrige zu haben, weil er wegreise und es gern mitnehmen wolle. Ich versprach es ihm, und er führte sie mir den anderen Tag zu. Ich staunte über die Schönheit des blühenden Mädchens, doch fast noch mehr über den Liebhaber, der während des Malens mit Lobeserhebungen über ihre Schönheit auf eine ausschweifende Art ausbrach, winselnd vor ihr auf den Knien herumkroch und bat und flehte um Liebe, um nur ein wenig Gegenliebe für seine unermeßliche Liebe! Dann warf er sich taumelnd von einer Ecke zur andern, stampfte mit den Füßen, schleuderte den Hut im Zimmer herum, schlug sich vor den Kopf und sagte: »Von der himmlischen Schönheit soll ich gehen, soll reisen, soll von ihr getrennt sein, soll das himmlische Vergnügen entbehren, sie zu[58] sehen, die nicht anschauen können, die mir mehr ist als alles Schätzbare auf der Erde!« Dann fiel er wieder auf die Knie vor ihr nieder und bat um Liebe, um beständige Liebe: »Denn du bist mir alles, und ohne deine Liebe bin ich nichts!« Dann fuhr er auf und kam, zu sehen, was ich machte, und schrie: »Sie wird's! Sie ist's! Das göttliche Gesicht!« und fragte mich: »Aber sagen Sie mir, haben Sie je ein solches schönes Gesicht gesehen? Nicht wahr? Nein! Nicht einmal in der Malerei hat man ein so schönes Gesicht, als sie wirklich ist! Nie werden Sie sich so eins haben denken können.« Ich Einfältiger war dem Menschen gut und wollte ihm einen Dienst erweisen und sagte: »Sie ist schön, aber es gibt Schönere, denn ihre Lippen sind so dick; Augen hab' ich glänzender gesehen, und Nasen gibt es bessere; die ihrige steht etwas in die Höhe!« ? »Nein«, sagte er, »die Lippen ? das ist eben das Schöne, sie strotzen von den vielen Küssen, die darin liegen; und die bescheidenen Augen mit den langen Wimpern, wie sie Schatten um sich streuen! Und wenn sie sie aufschlägt, welche glänzende Sonne, die den Himmel erheitert! Und die gerade senkrechte Nase, die sich unten eben nur wenig in die Höhe biegt, um Raum für einen Kuß zu lassen! O diesen Genuß von ihren Lippen ? ein Kuß, der ewige Seligkeiten gewährt!« Dann bat er um einen Kuß, den sie ihm kaltblütig und gleichgültig gewährte. Nun stand ich auf und bat ihn, einen Augenblick mit mir in die andere Stube zu gehen, da wollte ich ihm ein sonderbares Gemälde zeigen. Er ging mit, und da wir allein waren, sagte ich ihm: »Mein lieber Freund, ich bin Ihnen gut, nehmen Sie von mir einen wohlgemeinten Rat, loben Sie die Schönheit Ihrer Geliebten nicht sosehr, sonst verlieren sie dieselbe; lassen Sie lieber dieselbe nicht erfahren, daß sie so schön ist. Eben darum sagte ich, daß ich noch schönere Mädchen gesehen hätte, meine Unhöflichkeit war ein Opfer, das Ihnen meine Freundschaft brachte.« ? »Mein[59] junger Mann«, erwiderte er hastig, »Sie reden in Ihrer Unschuld und verstehen die Liebe nicht; das ist eine Sache, die man nicht im stillen bei sich behalten kann, Sie werden es einmal anders erfahren, wenn die Liebe Sie überfällt. Lassen Sie es gut sein; indes danke ich Ihnen für Ihre gute Gesinnung gegen mich, und fahren Sie fort, mir die Schönheit so gut zu malen, als Sie können.« Ich konnte nicht begreifen, was der Mann sagte, und fuhr fort zu malen, und als das Porträt fertig war, gefiel es allen und wurde ähnlich gefunden. Das brachte mir einen Namen und machte mir Mut, denn das Porträt des schönen Mädchens kam bei vielen herum und machte mehreren Lust, ihr Porträt von mir zu haben. Hier wäre nun eine günstige Zeit für mich gewesen, wenn ich das Glück gehabt hätte, einen Freund, einen Mann von Einsicht zu besitzen, der mich in die feinere und gebildetere Gesellschaft eingeführt und mir die Menschen, von denen ich hätte lernen können, ausgewählt hätte. Aber so stand ich allein, ohne Führer dieser Art, und für mich war ich zu unwissend und kraftlos. Doch war ein dunkles Gefühl in mir, nach etwas Besserem zu streben. Aus einigen Malerbüchern, die mir in die Hände gekommen waren, sah ich, daß ein Maler, der etwas Tüchtiges lernen will, mehr zu wissen nötig habe als Malen und daß er Umgang mit gelehrten Männern haben müsse. Ich fing nun an, die aufzusuchen und mich bei ihnen beliebt zu machen, besonders bei denen, welche Sammlungen von Naturalien aus anderen Weltteilen besaßen. So wie meine Kenntnis in den Gemälden zunahm, lernte ich auch immer besser die Natur betrachten und dieselbe in ihren mannigfaltigen Werken und Erscheinungen auffassen. Ich ging fleißig spazieren, beschaute die Gegenden, Bäume und Büsche; was ich schön Gemaltes in den Bildern sah, erkannte ich nun auch in der Natur, lernte Licht und Schatten kennen und die Effekte der Beleuchtungen von Sonne und Mond. Meine Wanderungen dehnte ich[60] oft sehr weit aus und gewöhnlich vom Wege ab feldein über Gräben und Hecken, denn ich war leicht zu Fuß, zeichnete Pferde, Kühe, Schafe und Ziegen auf den Weiden, drängte mich unter die Volksmenge, beobachtete da die verschiedenen Neigungen der Menschen, den Ausdruck ihrer Leidenschaften in den Gesichtern und Gebärden. Mein Vetter Christian, der ungefähr in meinem Alter stand, war mein gewöhnlicher Begleiter. Obgleich von verschiedenem Charakter, denn er war hastig, blieben wir doch immer die besten Freunde. Fast jeden Sonntag holte er mich aus dem Bette, so früh kam er, und wir durchstrichen dann die schönsten Gegenden. Oft ging ich, um die Sonne untergehen zu sehen, an einen Ort auf dem Walle nahe an der Elbe gegen Altona hin; ein andermal sah ich sie vom Grasbrook aus gegen die Stadt hin. Da scheint die Sonne, ehe sie untergeht, an die Häuser und spiegelt sich in den Fenstern mit so blitzenden Lichtern, daß man glaubt, die zauberische Erleuchtung eines Feenpalastes zu sehen. Ein fast noch größeres Schauspiel gewährte mir der Mond, wenn er in das Wasser schien. Ich ging deshalb oft auf eine Brücke am Walle, wo in einem abgelegenen Wasser beschädigte oder zerbrochene Schiffe und Fahrzeuge lagen. Der Ort selbst liegt im Schatten, und das Holzwerk und die dunklen Schiffe geben ihm ein finsteres Ansehen. Dazwischen durch spiegelt sich der Mond mit seinem silberreinen Lichte, und sein weißer Schein blitzt glänzender, als wo er das offene Wasser beleuchtet. Sieht man nun in die Ferne auf die Elbe, so flimmert es wie Millionen Fische, die auf dem Wasser spielen, und dort im schwarzen Grunde wälzt der Mond die leuchtende Kugel in mancherlei abwechselnden Formen und flammt zwischen dem schwarzen Gehölz, dem Schilf und Gesträuche herum. Auf der kleinen Brücke an diesem einsamen Orte, wo ich stundenlang verweilte, um mich an dem schönen Lichte zu erfreuen, sah ich auch oft einen Maler, namens Videband. In seinen Mantel[61] gehüllt, ging er da still umher, ohne zu sprechen, und beobachtete so wie ich die Effekte von Sonne und Mond, die er auch in kleinen Bildern nachzumalen suchte. So sah ich einst ein schönes Bildchen von ihm: »Eine Mutter mit ihren Kindern im Scheine des Mondes in der Stube sitzend.« Das Mondlicht schien durch das Fenster auf den Fußboden und auf einige Figuren, und so war das ganze Zimmer von diesem sanften Scheine beleuchtet. Noch ist mir die zarte Rührung wohltuend, die dieses Bild bei mir erweckte. Niemand würdigte, was dieser stille, gefühlvolle Mann malte; er lebte kümmerlich, aber er hatte wohl ein Licht von Sonne und Mond in sich, das ihn erwärmte und ergötzte. ? So wechselten bei mir die Freuden an Natur und Kunst: was ich sah, suchte ich zu begreifen und nachzuahmen. Ich wurde in einem Hause bekannt, Winkelmann und Zimmer, die beide in Kompanie standen und eine kleine schöne Sammlung von Bildern hatten. Der Sohn des Herrn Zimmer lernte bei meinem Onkel das Zeichnen, wurde mein Freund und brachte mich in seines Vaters Haus. Fast alle Sonntage abends war ich da und lernte hier zum ersten Male einen freundschaftlichen Familienzirkel kennen und in ihm das feine Wohlleben. Sie hatten schöne van der Neers, so zwei kleine Bilder, einen »Sonnenaufgang« und einen »Mondschein«. Nie habe ich von diesem Künstler schönere Bilder gesehen als diese. Die wirkten sehr auf mein junges, zartes Gemüt und lehrten mich noch inniger die Schönheit der Sonne und des Mondes kennen, den angenehmen Zauber der klaren Nächte und das Erfreuliche der kommenden Morgensonne. Auch hatten sie ein Bild mit »Kühen und Schafen«, die auf einem Berge standen oder lagen, um altes Gemäuer herum, Ruinen eines ehemaligen Prachtgebäudes, jetzt die einsame Ruhestätte der Hirten, wo sie ihr Vieh weideten; Ziegen nagten an dem Gesträuche, das über das umgefallene Gemäuer hing. Vergang und Leben sah man hier beisammen: Vergang angestrengter Menschenkräfte[62] und einer gesunkenen Größe, Leben der hohen Menschheit, die zwar nicht im aufgeklärten Kunstsinn, aber in der Einfalt mit Kühen und Schafen und Ziegen ihre Sorge und ihren Unterhalt findet. Willem Romeyn, ein Holländer, der sich lange in Rom aufgehalten und daher diesen Beinamen bekommen hatte, ward als Urheber dieses Bildes genannt. Er wählte immer dergleichen Gegenstände zu seinen Bildern, Ruinen, römische Paläste, wo im Mauergewölbe eine Familie ihre Wohnung mit Schilf und Binsen hineingebaut hat und da ihr Leben hinbringt in stiller Einfalt, wohl glücklicher und ruhiger als die, welche stolze Paläste aufführten. Daneben hing ein Bild von Polidoro, grau in grau, »Genien als Kinder, die einen Turm stürmen«. Die Belagerer brachten Sturmleitern, erstiegen die Mauern; die auf dem Turme wehrten sich mit Bogen, Pfeilen und Lanzen und schleuderten große Steine herunter. Auf den Leitern war Gedränge! Einige strebten hinauf, andere stürzten herunter, hingen in den Sprossen. Alle Arten von Stellungen sah man hier bei dem gewaltsamen Ringen und den erschöpften Kräften. Ein schönes Gegenstück zu dem ruhigen, genügsamen Schäferleben! Man mochte da wohl sagen: »Es gibt keine Männer, Gott hat nur Kinder!« Außerdem hatten sie noch mehr schätzbare Bilder, auch zwei von Pieter Quast: »Schwelger und Spieler«, Diebe und Betrüger. ? Solche Bilder nun und mehrere andere kopierte ich. Man lieh mir alles, wozu ich nur Lust hatte. Waren die Bilder besehen, so gingen wir auf die Stube meines Freundes, wo ich manches Nützliche von seinem Lehrer lernte, besonders wenn ein alter Kontordiener dazukam, der sich mit ihm herumdisputierte. Dieses Haus war für die Bildung meines Geistes von unendlichem Nutzen. Auch bei einem anderen Liebhaber der Kunst, der selbst in Miniatur und Pastell malte, Herrn Schwalbe, ging ich ein und aus. Er erzählte mir viel von den italienischen Malern und machte mich dadurch aufmerksam auf ihre[63] Werke. Dann führte mir mein guter Genius einen Mann zu, dem ich für die Erweiterung meiner Kenntnisse sehr viel verdanke. Er hieß Book. Wenn er als Kaufmann seine Geschäfte in der lebenden Welt beendigt hatte, brachte er die Zeit seiner Muße still und eingezogen in seinem Hause zu, nur mit Büchern, Bildern und Kupferstichen beschäftigt. Er war unverheiratet; ein paar Haushunde, zwei Hausjungfern und zwei Schildkröten waren seine Gesellschafter. Die Schildkröten lebten den Sommer über in seinem kleinen Garten, den Winter hatte er sie bei sich in der Stube. Als ich nach vielen Jahren wieder nach Hamburg kam, fand ich diese Tiere noch lebend bei einem Freunde. Schon das Äußere des Mannes zeigte den Sonderling. Er trug einen schlichten Überrock und einen großen runden Hut; aber so einfach und unbedeutend er erschien und allen falschen Glanz und Schein in der Welt floh, so reich und schätzbar war sein innerer Gehalt; übrigens hatte er etwas Ähnlichkeit mit Rembrandt. Er führte mich in sein Haus, das einsam und abgelegen am Walle stand, mit einem kleinen Garten und einem Gartenhäuschen. Wie erstaunte ich, als ich hineintrat! Diele und Treppe hingen voller Gemälde; vom Keller hinauf bis zum Boden, alle Stuben und Kammern waren mit Gemälden behangen und mit Büchern besetzt. In der Stube, wo er sich gewöhnlich aufhielt, hingen vorzüglich solche Bilder und Zeichnungen, die nicht durch Kunstwert, wohl aber durch ihren geistigen Inhalt Aufmerksamkeit erregten. Es war ein lebender Geist an den Wänden, seltene Naturerscheinungen, launige Einfälle, Satiren, ernste und komische Szenen aus dem Leben und Treiben der Menschen; alles zeigte den Sinn des Bewohners, wie ein Gesicht die innere Seele. Um Raum für die Bücher zu schaffen, hatte er große Tonnenreife aufgehängt, wie Kronleuchter unter den Decken, die waren alle voll Bücher gestellt, und ihm war es leicht, jedes Buch zu holen sowie auch die Seite aufzuschlagen, wovon eben die Rede war. Bei ihm sah ich auch[64] zuerst das Buch der moralischen Bilder von Cats, woraus ich späterhin manches Nützliche gelernt habe. Als er bemerkte, wie sehr ich mich freute über alle die lieben Sachen, lud er mich ein, jeden Abend und des Sonntags schon am Mittag zu ihm zu kommen und mit ihm fürlieb zu nehmen. Als ich einmal meine Verwunderung äußerte über alle diese Vorräte und Schätze und wieviel er daran gewandt hätte, sagte er: »Das eben nicht, ich habe mir das alles so bei Gelegenheit angeschafft. In Auktionen und bei Trödlern findet man oft viel Schönes und Seltenes für wenig Geld. So hatte ich gestern im Sinn, die beiden großen Bilder auf Leinwand ?Die Hochzeit der Psyche? von Giulio Romano, nach dem Freskogemälde Raffaels in der Farnesina in Öl gemalt und von Raffael retuschiert, in der Auktion zu kaufen. Der Preis, den ich dafür festgesetzt hatte, war für das Stück ein Dukaten; sie wurden aber höher getrieben, und nun ließ ich sie fahren. Ich wollte mir einen Schirm davon machen im Garten, um die Hühner damit einzuhegen, und so hätten sie mir zu zwei Dingen gedient: Die Hühner konnten nicht überfliegen, und ich hatte im Spazierengehen immer die schönen Sachen von Raffael vor Augen.« Die Bilder waren wirklich von Giulio Romano und kamen aus der Sammlung der Königin von Schweden, wurden aber auch nur wenig über einen Dukaten verkauft, weil sie wegen ihrer Größe nicht leicht einer brauchen konnte. »Übrigens«, fuhr er fort, »kaufe ich immer nur das, was mir besonders gefällt, nie ein Bild um des Meisters willen, auch nicht wegen der Kunst, sondern wegen des Inhalts und Geistes oder wegen einer schönen Figur. Darum habe ich mir das kleine Bild von Raffael in seiner ersten Manier gekauft: ?Der heilige Georg zu Pferde, wie er den Drachen erlegt.? Mir gefällt sein schönes Gesicht und die weibliche heilige Figur, zu deren Füßen das Ungeheuer stirbt; mich erfreut der reine jungfräuliche Reiz und die jugendliche Schönheit in diesen herrlichen Gesichtern.« Auf dies Bild[65] legte er denn auch einen hohen Wert und bewahrte es in einem Schranke mit verschlossenen Türen. Gerade vor der Treppe, wenn man in sein Haus trat, hing ein Bild, welches seiner Meinung nach von Holbein war und den Wilhelm Tell vorstellte, wie er eben die Armbrust anlegt, um zu schießen. Sah man auf sein zielendes Auge und auf den angelegten Bogen, so ging die Spitze einem gerade ins Auge; es war so natürlich, daß man sich fürchtete, geschossen zu werden. ? Die große Sammlung von Kupferstichen enthielt viele der vorzüglichsten Blätter; und weil er sie mir mit seinen Bemerkungen vorlegte, so wurden sie für mich sehr belehrend. Vor allem aber gaben mir die vielen Bücher mit Kupferstichen, meist historischen Inhalts, über die alten Zeiten, das Mittelalter und die neuesten Begebenheiten viele Belehrung sowie die Reisebeschreibungen und die naturgeschichtlichen Werke von Indien über die Religionsgebräuche und Sitten der verschiedenen Völker. Bücher konnte ich nicht viel lesen; aber hier bekam ich durch die Bilder und durch die Erklärungen derselben eine anschauliche Übersicht von der ganzen Welt und von den merkwürdigsten Begebenheiten, die sich darauf zugetragen hatten! Amazon.de Widgets Einige Zeit nachher wurde mir auch das Glück zuteil, einem trefflichen Manne, dem Doktor Bolt, bekannt und von ihm in die größeren feineren Gesellschaften gezogen zu werden, die sich öfter in seinem Hause versammelten. Das war wohltätig für mein ganzes Leben, als Jüngling mit Menschen von höherer geistiger Bildung wie Kirchhof, dem Ratsherrn, und Klopstock in einer Gesellschaft zu sein. Das erhob mein ganzes Wesen und bewahrte mich, mit der niedrigen Klasse von Menschen umzugehen. Bolt hatte auch eine Sammlung Bilder, unter diesen gefiel mir vorzüglich »Eine Landschaft« von Both; im Vordergrunde war die Porta Leone zu Rom, dadurch sah man im Hintergrunde die Pyramide des Gajus Cestius. Die Abendsonne schien in den[66] Dunst, der davor schwebte, und sie stand wie eine Silhouette in einer Glorie; die steinerne Masse erschien hinter dem feurigen Nebel wie eine leichte Wolke. ? Dann bemerkte ich noch als ausgezeichnete Bilder: »Die Flucht nach Ägypten« von van de Velde, »Die Räuber« von Schellinks (Bauern werden ausgeplündert, und ein Mädchen läßt im Laufe den Korb mit Hühnern fallen, so daß diese davonfliegen). Gemälde-Auktionen versäumte ich nie. Gewöhnlich wurden die Bilder einige Tage vorher zum Besehen ausgestellt; da war es denn sehr belehrend, die verschiedenen Urteile von Kunstkennern und Kunstfreunden zu hören, die da zusammenkamen. Ich bemerkte oft unter diesen einen Mann, der seinem Sohne die Schönheiten sowie die Fehler der Gemälde auseinandersetzte. Es war, wie ich nachher erfuhr, der Herr Syndikus Schuback. Er lud mich mit zuvorkommender Güte ein, ihn zu besuchen und seine Gemäldesammlung zu besehen. Unter vielen schönen Studien bemerkte ich vorzüglich »Eine Schlacht« von Berghem, wo ein Türke auf einen Mohren zusprengt und dieser mit einem Beile nach ihm haut. Was aber Schubacks Sammlung als einzig in ihrer Art auszeichnete, waren die Gemälde von van der Neer, ein wahrer Schatz, der ein ganzes Zimmer allein ausfüllte. Da sah man alles Schöne beisammen, was die Natur an Pracht der auf- und untergehenden Sonne zeigt, mit ihren Effekten auf oder hinter den beleuchteten Gegenständen, und so auch den Mond mit seinem sanften Silberschein, mit all dem Zauber und dem magischen Licht, welches er verbreitet und immer wechselt. Bald sah man ihn am Horizont nur eben halb hervorschauen, bald ganz heraufgestiegen, auf einem anderen Bilde hinter Wolken. Des Besitzers Lieblingsbild aber war »Das Innere eines Waldes im Mondenschein«. Diese stille Ruhe mit dem sanften, blassen Scheine, der zwischen den dunklen Bäumen durchfiel und sparsam nur einige Stellen beleuchtete, machte[67] eine überaus angenehme Wirkung. An der Wahl solcher Bilder erkennt man des Sammlers Gemüt. So sah ich eines Tages in einem anderen Hause ein Bild von Johann Both, »Ein innerer Wald«, wo die Sonne am Horizont eben unterging und ihre Strahlen leicht über das Gras wegschickte an die Stämme der Bäume, unter den Bäuchen der Kühe durch, die da weideten. Der ganze Wald stand in Schatten, und nur ein Flitterlichtchen war wie ein vergoldeter Strich längs der Erde und hin und wieder in den Bäumen; das andere lag alles in dämmernder Ruhe. Wer gerade zu solcher Zeit einen Wald in der Natur gesehen hat, wenn alles still geworden, die Vögel zur Ruhe gegangen sind, die Hirsche im Dickicht lauern, bis die Sonne ihr Licht verbirgt, dann heraustreten und äsen zwischen der Herde Kühe, der wird dem Maler danken, daß er das so schnell Vorübergehende schön und wahr im Bilde festgehalten hat. Indem ich mit Dankgefühl mich meiner Jugendzeit in Hamburg erinnere, muß ich noch des Vergnügens erwähnen, wenn ich auf dem Jungfernstiege zwischen der schönen Welt umherwandelte, die da spazierenging. Da sah ich Menschen aller Art, müßige und andere, die von schweren Gedanken sich zerstreuen wollten, wieder andere, um ihre Schönheit sehen zu lassen und mit ihren neumodischen Kleidern zu prangen. An den Bäumen der Allee saßen die italienischen Kupferstichhändler mit ihren Kunstsachen. Da ergötzte ich mich an den Waldtieren des Ridinger und an den Kupferstichen von Heinrich Roos, wo genügsame Menschen ihr Wesen treiben, mit wenigen Haustieren, die da an Ruinen ehemaliger Prachtgebäude friedlich weiden, und wo die kletternde Ziege ausruht, während ihre Jungen auf dem Gesimse herumspringen; daneben Schlachten von Rugendas, »Wie Prinz Eugen die Türken schlägt«; hier »Die Weltkugel«, dort »Die vier Jahreszeiten«, als Nymphen vorgestellt, »Leda mit dem Schwan«, »Die ganze Leidensgeschichte Christi«, »Luna und Endymion« und viele andere.[68] Hamburg war von jeher ein Ort, wo beständiger Verkehr und Wechsel von Gemälden getrieben ward und viele Liebhaber der Kunst sich fanden; doch hatte es deren früherhin noch mehrere gegeben. Zu der Zeit, als die Reformierten aus Brabant auswanderten, brachten sie herrliche Schätze von Gemälden der größten niederländischen Meister dorthin. Die Familien, welche Kunstsinn und Kenntnis der Malerei besaßen, starben allmählich aus, und die Gemälde blieben da; aber mit den ehemaligen Besitzern war auch die Liebe zu den Gemälden großenteils abgestorben. Die Veränderungen in den Familien machten, daß die Bilder hin und wieder wie unnützes Gerät auf den Boden gestellt, wohl gar an Trödler verkauft wurden. So sagte mir ein alter Gemäldehändler, daß er in seiner Jugend die schönsten Bilder von Rembrandt, Rubens und van Dyck bei den Trödlern gekauft habe. Familienporträts von den besten Malern waren damals nach Hamburg gekommen, von da aber durch Bilderhändler in andere Städte und Länder geschickt. So kam ein großer Teil der schönsten Gemälde in die braunschweigische und kasselsche Galerie. Noch vor zehn Jahren weinte ein junger Reisender aus einer der angesehensten Familien Brabants Freudentränen vor einem Bilde von van Dyck, das seine Urgroßeltern vorstellte. Sein Großvater war noch als Kind auf diesem Bilde; es hing in der kasselschen Galerie. Einst kaufte jemand ein Bild in der Auktion, »Ein Dianenbad« von Lievens. Als er es aus dem Rahmen nehmen wollte, fand sich's, daß dieser von geschlagenem und stark vergoldetem Silber war, was keiner vermutete, weil er jedem vergoldeten hölzernen Rahmen ähnlich sah, wenn man die getriebene Arbeit nicht genau betrachtete. Die Liebhaberei für Gemälde muß damals fast allgemein gewesen sein, das zeigten die vielen Bilder, geringe und gute, die man überall zu Hamburg fand; man sah sie in den Zimmern und auf den Dielen. Und doch sonderbar, daß sich kein Künstler in Hamburg mit Anstand[69] ernähren und erhalten konnte, selbst Denner nicht; wohl eine Zeitlang, aber war die vorüber, dann mußten sie ihren Verdienst anderwärts suchen. Man sollte denken, eine so reiche Stadt könnte hinlänglich einen Mann wie Denner mit Arbeit versorgen, da er Porträts und auch idealische Staffeleigemälde machte, Blumen und Früchte, und in seiner Art, alte Köpfe zu malen, die auch auswärts gesucht wurden, einzig war. Er starb in Mecklenburg im Hause einer Freundin, wo er den Abend zuviel Pfannkuchen gegessen hatte. So erzählte sie mir von ihrem Hausfreunde. Ich hatte ein unwiderstehliches Verlangen nach Holland, dem Lande, wo so viele große Maler gelebt hatten und wo zum Teil noch ihre bewundernswürdigen Werke zu sehen waren. Ich wünschte nur so viel Geld zu haben, daß ich den Schiffer bezahlen könnte, dort würde ich mir dann schon weiterhelfen, wenn ich auch fürs erste nur Teetische malte; denn die, dachte ich, brauchten die Holländer am meisten. Ich hatte mir zur Reise schon drei Dukaten gespart. Da kam ein armer, ehrwürdiger Mann in unser Haus und bat meinen Vetter, ihm etwas Geld zu leihen, weil er in großer Not sei. Mein Vetter aber begegnete ihm hart und verwies ihm seine Nachlässigkeit und wie er sich durch eigene Schuld von seinem Wohlstande heruntergebracht habe. Der Alte ging und weinte. Das rührte mich; ich eilte ihm nach, ohne daß es jemand aus dem Hause bemerkte, und als ich ihn eingeholt hatte, sagte ich: »Mir tut es leid, daß man Ihnen so begegnete, kann Ihnen diese Kleinigkeit helfen, so nehmen Sie« ? und ich gab ihm meine drei Dukaten. Er nahm sie mit Dank und gab mir die herzlichsten Wünsche. ? Don Quichotte verlor mit nicht größerem Vergnügen einen Teil seiner Zähne und ein Stück seines Kinnbackens als ich meine drei Dukaten, denn ich dachte: Je mehr man aufopfert, je vollkommener ist man als Mensch, indem man die Pflicht erfüllt, dem Notleidenden und Bedürftigen mit Hilfe beizuspringen; je mehr man verliert und leidet, je[70] höher steigt man, so wie der edle Ritter zu Sancho sagt, wenn er sich beklagt, daß er soviel Prügel in dem Stande der Ritterschaft aushalten müsse: »Darin besteht der Held, mein lieber Sancho ? du verstehst das nicht, weil du auf dem Miste geboren bist; ich aber, in dem edlen Ritterstande entsprossen, weiß, daß je mehr man gedroschen wird und je mehr man Rippen verliert durch Prügel und Flegel, desto besser!« Das dachte ich, wenn mir jemand sagte, daß ich töricht gehandelt hätte, meine drei Dukaten so wegzugeben. ? Ich sah aber nachher ein, wie unvorsichtig es gewesen sein würde, mit drei Dukaten in ein fremdes Land zu reisen, wo man nicht weiß, was einem begegnen kann, und wo man keinen Bekannten, keinen Freund und kein Geld hat. Ich hielt es nun für besser, erst mehr zu verdienen und dann hinzureisen. Ich malte daher fleißig und hatte mir so viel erspart, daß ich nach Bremen mich einschiffen konnte in der Hoffnung, dort erst mehr zu verdienen und sodann weiterzureisen. Ich nahm den Weg von Blankenese über die Elbe, eine äußerst angenehme Fahrt, da der Fluß sich häufig schlängelt und seine Ufer so schön mit Gebüschen bewachsen sind. Auch ist Blankenese ein malerischer Ort, ein Sandberg, wo Häuser übereinanderstehen, den Berg hinauf, und jedes sein Gärtchen mit Bäumen hat. Die Natur ist hier launig gewesen und die Menschen auch. Die ganze Reise über war ich froh und guten Mutes. Ich glaubte, in Bremen würden nicht viele Maler sein und meine Arbeiten etwas gelten. Aber wie sank mir aller Mut, als ich eben in das Stadttor gefahren war und mir über einem Eisenhändlerladen ein Schild in die Augen schien, worauf allerlei Eisengerät, Messer, Beile, Scheren, Hämmer, Zangen so natürlich gemalt waren, daß man sie anfangs für wirkliche Eisenwaren ansah. Nun hielt ich mich für verloren; denn ich dachte, wo Aushängeschilder so meisterhaft gemalt werden, was müssen da die rechten Künstler leisten! Aber wie es denn geht, wenn alle Sperlinge[71] das Korn kennten, dann würde nicht geerntet; es ging keiner von diesen talentvollen Malern über das Gewöhnliche hinaus, keiner malte Porträts oder Bilder. Als ich im Wirtshause von meinem Zimmer in den Saal trat, wo die Gäste Wein tranken, redete mich einer an, der meinen Namen hörte, und sagte, er kenne meinen Onkel in Kassel und viele von unserer Familie, er freue sich, mich kennenzulernen und noch mehr, wenn ich hierbleiben und malen wolle. Da ich erwiderte, das sei eben mein Wille, hier Porträts zu malen, sagte er gleich: »Sie sollen mich malen.« Es war ein malerischer Kopf mit starken Zügen, also leicht zu treffen. Als sein Porträt fertig war, führte er mich zum Ratsherrn Duntze, einem Liebhaber der Kunst, der auch selbst etwas malte und eine schöne Bildersammlung besaß. Dieser fand das Porträt ähnlich und wunderte sich, daß ich das schon könnte, da ich noch so jung sei. Dann fragte er mich, ob ich mich wohl unterstände, eine schöne junge Dame zu malen, was bekanntlich schwerer sei als das Porträt eines Mannes. »Ich habe nach van Dyck, Rubens und Rembrandt das Porträtmalen studiert und mich auch nach der Natur geübt«, sagte ich. »So kommen Sie heute nachmittag zum Ratsherrn Bundsack«, sagte er, »da werden Sie dessen Frau sehen, die sehr schön ist.« Amazon.de Widgets Ich ging um die bestimmte Zeit hin, und als ich in das Zimmer trat, wo ich sie mit einer Gesellschaft beim Kaffeetrinken fand, erstaunte ich über die Frau, die in der Blüte ihrer höchsten Schönheit war. Über mein Staunen, das sich sehr sichtlich äußerte, fingen die meisten an zu lachen; sie selbst lächelte und empfing mich mit einer gutmütigen und holden Miene. Einer sagte: »Der reißt die Augen auf und besieht als Maler, dessen Blick ganz anders ist als der unsere.« Dann wandte er sich gegen mich: »Nach Ihrem scharfen Betrachten der Dame scheint es, als sähen Sie, etwas Besonderes.« ? »Ja«, versetzte ich, »sie ist so schön, wie ich nie eine sah, und doch kommt es mir vor, als hätte[72] ich sie von Kindheit auf gekannt und sie schon tausendmal gesehen.« Dies gefiel allen, und sie sagte: »Ich sehe Sie zum erstenmal, und auch mir kommt es vor, als wäre ich lange mit Ihnen bekannt.« Nun nahm Herr Senator Duntze das Wort und bat sie, aus Gefälligkeit gegen mich sich von mir malen zu lassen. Sie willigte ein, und es wurde beschlossen, am folgenden Tage das Porträt anzufangen. Ich hatte recht überdacht, wie ich es machen wollte, um das schöne, helle, runde Gesicht so zu malen, daß wenig Schatten hineinkäme; denn ich hatte gehört, daß man den Schatten bei Frauengesichtern gern auf die volle Seite nehme und von der halben Seite das Licht kommen lasse. Sie kam und setzte sich, aber unglücklicherweise gerade nicht so, wie ich es wünschte; das Gesicht war so gewandt, daß auf der halben Seite der Schatten war. Ich glaubte, es sei gegen den Wohlanstand, einer Dame zu sagen, daß sie sich nicht recht gesetzt habe, malte also nach meinem Sinn den Schatten auf die rechte Seite, wo keiner war, und setzte die Seite ins Licht, wo sie den Schatten hatte. Eine Weile nachher trat ihr Mann herein und sagte: »Das Porträt wird ähnlich, und Sie sollen auch mich malen.« Bald darauf kam auch der Senator Duntze mit einigen seiner Kollegen aus dem Rate. Auch diese fanden es ähnlich; Duntze, als Kenner, wollte nun das Porträt genau mit dem Originale vergleichen und bat die Dame, die schon aufgestanden war, sich zu setzen. Sie tat es, und er setzte sich nun vor die Staffelei, wo ich gesessen hatte. Als er eben anfangen wollte, bat er die Dame, sich links zu wenden und sich wieder ebenso zu setzen, wie sie beim Porträtieren gesessen habe. Er hielt es für Scherz, als die Dame versicherte, daß sie so und nicht anders gesessen. »Aber der Schatten ist ja auf der anderen Seite.« Nun erklärte ich ihm, warum ich das so gemacht hätte; van Dyck, sagte ich, habe in seinen schönen Frauengesichtern den Schatten immer auf die volle Seite gelegt. »Dann müssen Sie viele Übung haben«, bemerkte[73] er; »dem sei nun, wie ihm wolle, genug, das Porträt ist ähnlich.« Alle brachen nun in Lobeserhebungen aus über die Ähnlichkeit, und einer sagte: »Ich wünsche, daß Sie auch das Porträt meiner Frau malen.« ? »Und das Ihrige dazu«, sagte Madame Bundsack. Er versprach's, und wer war glücklicher als ich! Ich erkannte, daß ich den Fuß auf den Weg meines Glückes gesetzt hatte, und freute mich über die Güte und Nachsicht, welche diese vortrefflichen Menschen für mich hatten; überall sah ich ihre Gewogenheit und ihren guten Willen, mir Mut zu machen und zu meinem Fortkommen behilflich zu sein. Herr Senator Duntze besonders erzeigte mir viele Höflichkeit. Ich war oft bei ihm und besah in seiner Gesellschaft die Originalzeichnungen, deren er eine schöne Sammlung hatte, vorzüglich von Rembrandt, wovon ich auch einige radierte. Diese von mir radierten Blätter sind selten, denn ich spielte mit den Platten, nachdem einige Abdrücke davon gemacht waren. Einige radierte ich auch nach eigener Erfindung in Rembrandtscher Manier, so daß Kenner daran irre wurden, wie denn auch mehrere dieser Blätter späterhin für Rembrandtsche Originale ausgegeben wurden. Herr Senator Duntze hatte viele Kenntnis und Liebe zur Kunst; und während ich sein Porträt malte, nahmen wir die besten Köpfe als Muster zu Hilfe, die er zum Anschauen seitwärts hinstellte. Es wurde lange daran studiert, und ich habe davon vielen Nutzen gehabt. Mein Schutzengel machte mich hier abermals mit einem Manne bekannt, dessen Umgang, Freundschaft und belehrender Rat mein Glück war und auf mein ganzes Leben Einfluß hatte. Dies war der Hauptmann Wilmans, nachher Kommandant der Stadt, ein Mann von vortrefflichstem Charakter, ein Freund der Kunst, der auch selbst recht artig zeichnete. Nachdem er mich schon öfter im Wirtshause besucht und meine Arbeiten besehen hatte, sagte er zu mir: »Mein lieber, junger Mann, sehen Sie mich als ihren[74] wahren und aufrichtigen Freund an und befolgen Sie einen Rat von mir. Das Geschäft und die schöne Kunst, die Sie treiben, erfordert eine andere Art zu leben, als Sie jetzt führen. Sie leben hier im Wirtshause zu geräuschvoll, werden zu oft in ihrer Arbeit gestört und können die übrigen Stunden nicht so anwenden, wie Sie müßten, um auch solche Wissenschaften zu erlernen, die Ihnen nützlich sind. Auch können Sie in einem anderen Logis wohlfeiler und zugleich anständiger leben; ich will ihnen eins suchen, oder kommen Sie zu mir. So wie Sie es jetzt treiben, gingen Sie vielleicht zugrunde, und das wäre Sünde.« Ich kannte schon den vortrefflichen Mann und zog zu ihm in sein Haus. Hier war ich nun wie bei meinem Vater, bei meinem Bruder, bei meinem Freunde, und er behandelte mich wie sein Kind. Erst lehrte er mich Ordnung und gehörige Einteilung meiner Zeit, zur Arbeit, zum Lernen und zum Vergnügen. Er weckte mich frühmorgens, kam mit der Uhr in der Hand und sagte: »Es ist sechs!« Dann blieb er eine Zeitlang bei mir. Ich arbeitete den Vormittag; nachmittags führte er mich spazieren oder suchte mir sonst Unterhaltung und Vergnügen zu verschaffen, die für mich angenehm und nützlich zugleich sein könnten, nahm mich oft mit in Gesellschaft und ermunterte mich immer zum Hohen und Edlen. Dabei machte er mich auch auf mein Äußeres aufmerksam. »Ein Künstler wie Sie«, sagte er einmal, »hat es nur mit der feineren, gebildeteren Menschenklasse zu tun; man muß selbst etwas auf sich halten, so halten andere auch etwas auf uns. Sie müssen sich nach der Mode schön und geschmackvoll kleiden, Sie verdienen Geld genug. Wir wollen zum Kaufmann gehen, da können Sie sich eine Farbe auswählen nach Ihrem Gefallen; das Tuch muß vom besten sein; welche Farbe wollen Sie?« ? »Grün, wie der Wald im Mai!« ? »Die Farbe schickt sich nicht in die Gesellschaft«, war seine Antwort! »Rot mit Gold trägt der Papst, wählen Sie dies!« Ich sagte, das wäre mir schon[75] darum die liebste Farbe, weil er als Militär darin gekleidet sei. Den anderen Tag ward alles zur Ausführung gebracht; Schneider und Schuster und Hutmacher wurden bestellt, und noch dieselbe Woche am Sonnabend sollte alles fertig sein. Am Sonntagmorgen mußte ich mich in seiner Gegenwart ankleiden, und er zeigte mir die nötigen Handgriffe. Dabei hielt er mir eine lange Predigt über den Anzug und wie man an Zeit gewinne, wenn man sich früh gewöhne, alles mit gehöriger Ordnung zu machen. Nun war ich nach seiner Art angekleidet. »Sie müssen auch mit Anstand gehen lernen«, fuhr er fort, »nicht mit den Armen und Beinen schlenkern, nicht mit dem ganzen Körper arbeiten, wenn Sie über die Straße gehen. Man kann auch schön gehen und kommt so weiter und ermüdet weniger.« Der Tanzmeister wurde beschieden, und ich mußte bei ihm gehen und tanzen lernen. Auch suchte er den Ehrgeiz immer mehr bei mir rege zu machen, sprach viel von der Wichtigkeit und Würde eines Porträtmalers und welche Ehre und Achtung ihm gebühre. »Durch den«, sagte er, »erhalten die späteren Zeiten das Ebenbild großer, edler Männer, welche die Nachwelt ehrt und bewundert und an deren Bildern sie sich stärkt und erhebt; er stellt die Tugenden und die Laster vor die Augen und lehrt die Natur der Menschen erkennen.« ? Des Sonntags mußte ich mit ihm zur Kirche gehen. »Die Gottesfurcht allein«, sagte er, »gibt dem Menschen die Glückseligkeit und Ruhe, die er zu seinem Geschäfte bedarf.« ? Kurz, dieser Mann war mir wie ein Engel von Gott gesandt, und seine Liebe bleibt mir ewig teuer! Ich malte nun fortwährend Porträts, auch einige Familienbilder, und verdiente mir ziemlich viel Geld, was mein lieber Wilmans mich sammeln lehrte. Unterdes war ich mit mehreren Leuten bekannt geworden, die mir viel von England erzählten und wie die Kunst dort so vorzüglich bezahlt werde. Da bekam ich große Lust, England zu[76] sehen, und beschloß, über Holland hinzureisen, wenn ich die vorzüglichsten Bilder dort in Augenschein genommen hätte. Ich machte mich nun fertig zur Abreise nach Amsterdam, kannte auch schon mehrere, die da wohnten, und wollte einem ein Porträt von seiner Mutter mitbringen, die ich in Bremen gemalt hatte. Einen Koffer mit Kleidungsstücken führte ich bei mir, meine anderen Sachen übergab ich einem Schiffer, der, wie er versicherte, früher dort ankommen würde als ich; es waren mehrere Kisten mit Zeichnungen, Bildern und Kupferstichen. 
 Zum zweiten Male in Rom  [230] Am 24. Januar 1783 kam ich zum zweiten Male in Rom an und bezog meine alte Wohnung in der Strada Baboina bei meinen guten Hausleuten, diesmal aber leider ohne meinen Freund Waagen. Mein erster Gang war am frühen Morgen auf die Treppe der Trinità de' Monti, um von der Höhe Rom zu begrüßen. Indem ich mich an der herrlichen, weiten Aussicht mit Rührung weidete, stieg zugleich der innige Wunsch in mir empor, daß die hohe Stadt mich freundschaftlich aufnehmen und mir einen Teil des Geistes zukommen lassen möchte, der hier so viele große Männer beseelte, Werke zu vollenden, die von der Nachkommenschaft mit Bewunderung verehrt werden. Auch hatte mich die ganze Nacht die heißeste Sehnsucht nach dem Freskobilde von Daniele da Volterra in der Kirche della Trinità getrieben, um mich einmal wieder an einem durchaus gut gezeichneten Bilde zu laben. Es stellt bekanntlich eine »Abnehmung Christi vom Kreuze« vor. Die wohlgezeichneten Männer und die schöne Gruppe von Frauen, welche der in Ohnmacht sinkenden Mutter Maria mit so vieler Sanftheit zu Hilfe kommen, ergötzten mich unendlich. Lange stand ich davor, um aller der Kenntnis nachzuspüren, womit dieses Bild gemalt ist, und um es mir im Gedächtnisse zu erhalten. ? Dann besuchte ich einige Freunde, denen ich besonders viel von der Schweiz erzählen mußte und von den schätzbaren Männern daselbst, mit welchen ich Bekanntschaft gemacht hatte. Um nun alle meine alten Bekannten[231] zusammen zu sehen, ging ich zur Mittagszeit in eine Trattoria, wo ich wußte, daß die meisten Künstler speisten. Das war nun eine Freude, sich wiederzusehen und auch die Neuangekommenen kennenzulernen! Im Kaffeehause, wohin die Künstler gewöhnlich von der Trattoria gehen, fand ich noch mehrere zusammen. Ich kam also erst am Nachmittage nach Haus und eilte nun zu meinen guten Hausleuten hinauf, um sie noch recht zu begrüßen. Ich fand noch alles, wie ich es verlassen hatte. Die Lampe brannte noch ebenso vor dem Porträt des Signor Federico meines Vetters wie vor dem Bilde der Santissima vergine madre Maria. Auch standen die fünf Lottonummern mit den 30000 Scudi noch an der Wand, deren Verlust die Frau, ob es gleich schon viele Jahre her war, noch immer beweinte. Die unglückliche Geschichte verhielt sich so. Ein Engel hatte ihr im Traume die Nummern angegeben und dabei gesagt: »Setze darauf eine Quinterne im Lotto, du gewinnst sie.« Als sie erwachte, schrieb sie die Zahlen an die Wand und trug jemandem auf, die Nummern für sie im Lotto zu setzen. Dies war vergessen worden; die Nummern gewannen in der Tat, und ich mußte nun, ob ich gleich diese Geschichte wohl hundertmal von ihr gehört hatte, abermals sehen, wie die Frau bitterlich weinte, ihre Arme ins Kreuz auf der Brust zusammenlegte, dann wie in Verzweiflung die Hände rang, die Augen wie Guidos Magdalena gen Himmel wandte und schmerzhaft ausrief: »La madre santissima hatte mir das zugedacht, und perfida gente hat mich drum betrogen!« ? Ebenso unerschöpflich war sie im Lobe des Signor Federico; sie nannte ihn nach wie vor »Un puro angelo, garbato ed amabilissimo, un Santo della prima classe, gentile, polito, nobilissimo e dí buon cuore e delle più scelte qualità, come un christiano può essere.« Da ich nun »fratello carnale del signore Federico« war und die guten Leute auch die Ähnlichkeit der Blutsfreundschaft in mir zu finden glaubten, so ward ich bei ihnen auf die nämliche[232] Art aufgenommen und mit aller erdenklichen Dienstfertigkeit und Gutmütigkeit behandelt. Hier kamen mir nun alle die Vorteile zugute, die jemand genießt, wenn er vortreffliche Verwandte und Vorgänger hat, die bei den Menschen in Liebe und Achtung stehen. Dies erfuhr ich sehr oft in meinem Leben. Wo meine Oheime und Vettern gewesen waren, fand ich überall eine gute Aufnahme; ja, oft wollten die Wirte von mir gar keine Bezahlung nehmen, weil sie, wie sie sagten, noch Schuldner wären für soviel Vergnügen, welches Kunst und Freundschaft meiner Vettern ihnen gewährt hätte. Überhaupt wird in Rom der Fremde gut von den Hausleuten bewirtet, man fühlt sich wie zu Hause bei ihnen. Die meinigen wohnten im oberen Stock und hatten im Fußboden ein kleines, viereckiges Loch, durch welches sie in mein Zimmer sehen konnten. Da lauerten sie nun beständig, ob ich etwas nötig hätte, und gleich waren sie da, um es mir zu reichen. So angenehm und lehrreich es ist, besonders für den Neuangekommenen, bei einem Traiteur in der Gesellschaft von Künstlern zu speisen, so zog ich es doch vor, bei meinen gefälligen Wirtsleuten zu Tisch zu gehen, um für mich allein zu sein und ungestört arbeiten zu können. Ich fing meine Studien wieder an, zeichnete nach den Antiken und machte Entwürfe zu Bildern eigener Erfindung. Hier ist nun ein junger Künstler wie in einer Wüste ohne Weg und Wegweiser, oder vielmehr, und besonders in Rom, ist er allein in einer Gegend, wo tausend Wege sind und nur ein Wegweiser steht, der tausend Arme nach allen Seiten ausstreckt. Welchen Weg soll man einschlagen? So war es mir. Ich wußte nicht, was ich malen sollte. Eins schwebte mir zuerst als würdiger Gegenstand vor, dessen Ausführung mir aber große Schwierigkeiten zu enthalten schien. Bilder, die auf den Geist der Deutschen wirkten, vaterländische Geschichten, wo Menschen von Edelmut und Kraft Taten vollbrachten, die würdig waren, als Muster zur Nachahmung im[233] Bilde aufgestellt zu werden ? solche Bilder, fühlte ich, müßte ich malen. Wenn ich mir auch selbst sagte, daß der Charakter hauptsächlich durch das Wort und die lebendige Tat gebildet wird, so hatte ich doch die feste Überzeugung, daß auch Bilder dazu beitragen könnten, die sich ebenso der Phantasie einprägen wie das Wort dem Verstande; und wirkt nicht die Phantasie oft ebensoviel im Leben wie der Verstand? Dachte ich mir nun ein solches Bild aus der alten Geschichte, so sah ich nichts als eiserne Harnische und dicke Kleider, die den Körperbau versteckten und höchstens Gesicht und Hände sehen ließen, oder Nonnenkleider, die nichts als die Fingerspitzen zeigten und das Schönste verhüllten, was die Schöpfung hervorgebracht hat. Nahm ich dagegen mein Sujet aus der neuen Geschichte, da steckte der Held gar in vielfarbiger, zerstückelter Uniform und die Beine in schwarzen oder gelben ledernen Fässern! Meine Einbildungskraft beschäftigte sich ganz mit den früheren rohen Zeiten, wo Völker aus bloßem Gefühl, in ungezügelter Leidenschaft kräftige Taten vollbringen und mit Hartnäckigkeit alle Beschwerden überwinden, die sich ihnen entgegensetzen. Dies muß dem jugendlichen Menschen immer am meisten gefallen, weil er sich gleichsam im nämlichen, noch ungebildeten Zustande des Gefühls und der Kraft befindet und selbst eher rasch nach Eingebung der Leidenschaft als nach Überlegung handelt. Auch sind solche Gegenstände die auffallendsten in der Geschichte, und sie lassen sich am leichtesten im Bilde darstellen, denn heftige Bewegung des Körpers, ausgestreckte Arme, schlagende Fäuste zeigen gleich, was die Figur tun will; und der Gegner, im kräftigen Widerstreben oder durch Leiden niedergeworfen, gibt sich ebenso leicht zu erkennen. Dergleichen Bilder wirken auf den Anschauer plötzlich, den Nichtkenner ziehen sie am frühesten an, aber nicht so den Kenner. Dieser verhüllt vor den heftigen Darstellungen sein Gesicht; er vermißt die[234] besonnene Ruhe in den zu stark ausgedrückten Leidenschaften. Auch ich hatte jenen Fehler, worauf mich der feingebildete Nüßler oft aufmerksam machte, wenn wir an den traulichen Ufern des Züricher Sees in seinem schönen Garten zusammensaßen. Erst späterhin führten mich die Eindrücke, die seine Gespräche in mir hinterlassen hatten, auf die besonnene Prüfung meiner früheren Ansicht; denn ich merkte nun immer mehr, daß mich das zarte, stillgemütliche Schöne allgewaltig anzog und bleibendes Wohlgefallen in mir zurückließ. Wieviel mehr wurde dies durch das Anschauen der alten Heiligenbilder aus der Zeit der Wiederauflebung der Kunst in Italien geweckt und gestärkt! In diesen Bildern, deren man noch so viele in den alten Kirchen Italiens findet und die in mancher Hinsicht mit den altdeutschen Bildern in Verbindung stehen, gewahrt man das echte, stille, gemütliche Leben edler Wesen ohne heftige Bewegung und ohne malerischen Prunk, und deshalb ließ ich mir's besonders angelegen sein, solche fleißig zu studieren. Da mich aber dabei immer der Wunsch beseelte, Bilder zu fertigen, die meine guten Landsleute interessieren könnten, so suchte ich mir Gegenstände aus der deutschen Geschichte und zeichnete verschiedene Entwürfe. Ich schwankte aber, welche ich zur weiteren Ausführung wählen sollte. In der Schweiz hatte ich bereits mehrere Skizzen der Art gemacht, unter anderen den »Konradin von Schwaben«, ein kleines Bild, das ich daließ, weil ich's nicht der Mühe wert achtete, es mitzunehmen. Unverhofft erhielt ich nun eines Tages Brief und Wechsel von Freund Lavater, der mir schrieb, er habe einer durchreisenden Dame die kleine Skizze von Konradin gezeigt; derselben habe das Bildchen so wohl gefallen, daß sie es zu besitzen gewünscht und mir das beikommende Geld dafür schicke. Ich erkannte hierin recht die Freundschaft des edlen Lavater, der abwesend[235] noch ebenso besorgt für mich war wie in der Nähe, und den ich im Tode noch liebe, wie ich ihn in seinem Leben geliebt habe! Den Manen dieses unvergeßlichen Freundes sei hier nochmals mein warmer Dank gebracht! Die beiden jungen Prinzen, Konradin von Schwaben und Friedrich von Österreich, die sich mit großer Seele so standhaft in ihrem Unglücke bewiesen, lagen mir nun beständig im Sinne; ich hatte Lust, ein großes Bild davon zu machen. Ich fing an, die Köpfe zu zeichnen, so daß in jedem sein Charakter und seine Leidenschaft zu erkennen war: der trotzige Unwille Konradins über das ungerechte Urteil und seine Standhaftigkeit bis an den Tod; im Friedrich sah man den Unmut, daß er seinem Freunde nicht beistehen, ihn nicht retten konnte, in dem Herzoge von Flandern das Mitleid für die Unschuld der jungen Prinzen. Er weinte, mit der Hand auf dem Herzen. Doch wurde es mir schwer, den letzten anzubringen, weil ich ihn bei der einmal erdachten Komposition nicht anders als mit dem Rücken gegen den Anschauer stellen konnte. Nun wußte ich nicht, ihm die Hand aufs Herz zu bringen, alle Versuche mißlangen. Endlich erschien er mir im Traume, da wußte ich's. Den Richter Bari, welcher das schreckliche Urteil geschmiedet hatte, konnte ich mir nicht anders als mit häßlichem Gesichte vorstellen und es nicht übers Herz bringen, ihm ein gefälliges Ansehen zu geben. Ich kannte einen Menschen, der ein solches Gesicht hatte, dem auch alles gleich galt, was er sagte, der die größten Unwahrheiten mit unverschämter Frechheit log und mit den gräßlichsten Schwüren bekräftigte. Den nahm ich zum Modell. In des jungen Pagen Gemüte lag Mitleid für den Prinzen, im Gefangenenwärter Neugier, in den zwei Soldaten Sehen und Horchen. Als ich eben an dem Bilde arbeitete, trat ein junges Mädchen in mein Zimmer. Ihr Auge fiel auf das häßliche Gesicht des Bari, der das Urteil vorliest. »Ei«, sagte sie, »um so ein scheußliches Gesicht hätte ich mir nicht so viel Mühe[236] gemacht!« Ihr Tadel traf mich scharf, und ich dachte an meinen Freund Nüßler, der mir die Lehre gab: »In einem Kunstwerke muß alles schön sein, sogar Furien; das zeigt die Meduse im Palast Rondanini, die alles zu versteinern scheint und doch schön ist.« Bei meinem ersten Aufenthalte in Neapel sah ich noch die Kapelle, welche über dem Orte errichtet wurde, auf welchem einst das Schafott der beiden jungen Prinzen Konradin und Friedrich stand. Noch war der Fleck zu sehen, wo ihr unschuldiges Blut floß. Die Marmorfliesen hatten es unvertilgbar eingesogen, man mochte so viel waschen wie man wollte. So sagte der Cicerone, der den Schlüssel zu dieser Kapelle hatte, aber es mochte wohl aufgefrischt worden sein wie der Tintenfleck auf der Wartburg. Die Wände dieser Kapelle waren mit Figuren bemalt aus der Geschichte der beiden jungen Prinzen. Auch sah man die Statue der Mutter, welche einen Beutel voll Gold trug, womit sie das Leben ihres Sohnes hatte erkaufen wollen. ? Auf Spaziergängen besprach ich mich oft mit meinem Freunde Dornow über die Komposition des Bildes und wie man in den Gesichtern jeder Figur lesen müsse, was im Gemüte vorgehe. »Ich sehe nicht ein, wie Ihr das anfangen wollt«, versetzte er, »und ich gestehe, daß ich es nicht zu machen wüßte.« Ich erwiderte ihm, das Bild läge mir so am Herzen, daß ich den Gedanken durchaus nicht fahrenlassen könnte; auch hätte ich die Köpfe dazu schon alle gezeichnet. »Dann ist das Bild schon halb fertig«, versetzte er, »und so fahrt nur getrost fort.« Wer von einer Idee erfüllt ist, den muß man nicht irremachen; was dem einen unmöglich scheint, bringt der andere zustande. Leicht ist das geistige, eben aufgelebte Flämmchen durch Widerstand ausgelöscht. Die Zeichnungen der Köpfe schickte ich nun an den Herzog von Gotha und bemerkte dabei, daß ich danach ein Bild in Ölfarbe anfinge. Wie mir andere sagten, sind diese[237] Köpfe oft nachgezeichnet worden. Auch Dornow war mit denselben zufrieden. Ehe ich das Bild anfing, machte ich erst alle Zeichnungen von den Stellungen, Händen, Gewändern alles in nämlicher Größe, wie ich es auf dem Bilde brauchte. In Nürnberg sah ich in einer Kirche ein rotsammetnes, mit Perlen gesticktes Kleid, welches ein Kaiser getragen hatte, das nahm ich für den Konradin. Nun mußte mir ein junger Mensch sitzen, den ich erst nackend zeichnete; dann ließ ich mir ein Gewand von dünnem Zeuge machen, welches gute Falten warf, das zog ich ihm an und legte die Falten so, daß der Körper und seine Teile gut zu sehen waren. Hierauf bestellte ich die Leinwand zum Bilde und gab dem Kolorar genau an, wie ich sie haben wollte. Weil ich wußte, wieviel auf eine tüchtige Leinwand ankommt, kaufte ich sie selbst, denn die, welche die Kolorari gewöhnlich nehmen, ist sehr dünn und nur mit Leimwasser und Kleie fester gemacht. Über diesen Grund streichen sie alsdann Ölfarbe, wozu sie Ton nehmen, unter die dritte Grundierung nehmen sie etwas Bleiweiß. Ihre Tücher sehen glatt aus, sind eben und wohlfeil, worauf die jungen Maler hauptsächlich sehen müssen, aber sie sind nicht so zweckmäßig, als sie sein könnten. Der Leim macht, daß Spinngewebe Halt bekommen, die Kleie füllt die Zwischenräume der Fäden aus, und Leim und Kleister machen nun eine so starke Decke, daß die Ölfarbe nicht, wie sie eigentlich sollte, bis zu den Fäden der Leinwand eindringen kann. Daher fällt die Ölfarbe stückweise ab, sobald das Tuch von hinten Nässe bekommt. Wenn das Bild nur einige Jahre an einer feuchten Wand hängt, quillt schon der Leim und Kleister dick auf und löst die Farbe ab. So ging es dem Maler David an seinen »Horatiern«, auch dem Philipp Hackert, der sonst sehr vorsichtig war, mit einer Landschaft, woran nur noch einige Stücke hingen. Ich war also jedesmal dabei, wenn die Farbe gerieben und aufgespatelt wurde. Als nun die Leinwand gehörig ausgetrocknet[238] war, fing ich an, darauf zu malen, nachdem ich die Stellen, wo Köpfe und Hände hinkamen, noch einmal mit feiner Farbe übergangen hatte. Ebensoviel Mühe gab ich mir mit den Farben. Diejenigen, welche am meisten Sorgfalt erforderten, rieb ich selbst. Die Künstler sind oft zu gleichgültig, worauf und mit was für Farben sie malen. Sie lassen ihre Tücher und Farben vom Kolorar holen und verbrauchen sie so, wie dieser sie schickt. Ja, sogar Battoni rühmte sich, daß er mit ordinären Farben so schön zu malen verstehe. Um wieviel besser aber würde dieser geschickte Mann gemalt haben, wenn er sorgfältiger in der Wahl der Farben gewesen wäre! Ich machte mich nun recht fleißig daran, fuhr aber auch immer fort, die Antiken zu studieren und Skizzen zu anderen Bildern zu entwerfen. Da ich die Köpfe für die Hauptsache hielt, so befliß ich mich besonders, diese recht zeichnen zu lernen, die verschiedenen Charaktere der Menschen und die Leidenschaften der Seele, wie sie im Gesichte sich äußern, zu beobachten. Ich wählte daher zu meinen Entwürfen Gegenstände aus der Geschichte, worin Personen von ausgezeichneten Charakteren und Leidenschaften vor kamen; erst späterhin, wenn ich etwas mehr die schönen Formen studiert hätte, wollte ich mich an ein Bild wagen, worin die Schönheit der Formen der Vorzug sein sollte. So machte ich jetzt einen Entwurf zu einem Bilde aus der schönen Zeit, wo die Wahrheit in Deutschland kräftig aufblühte zur Befreiung des Menschengeistes: »Wie Doktor Luther mit seinen Gegnern disputiert.« Hier wollte ich den festen und reinen Wahrheitsverfechter zwischen den listigen, schlauen Gegnern vorstellen. Dies Bild gedachte ich in Deutschland zu malen, denn in Rom schickte es sich nicht. Dann entwarf ich auch den »Brutus, wie er seinen Söhnen die Liste der Verschworenen vorhält, worauf auch ihre Namen stehen«. Dies waren Figuren in Lebensgröße bis etwas unter die Knie. Ich mußte ein Maß wählen, das[239] ich mit meinen Ausgaben bestreiten konnte, und dies war mir auch genug, da es hauptsächlich um die Köpfe zu tun war. Dann wünschte ich aber doch auch, ein großes Bild zu malen, worauf die Figuren ganz zu sehen wären. Besonders hatte ich Lust, eine Frau von großem Charakter darzustellen, und ich wählte dazu die Sophonisbe, die, im Unglück stolz, auf ihren Überwinder mit Verachtung schaut. Wo die Oberen voll so edlen Stolzes und solcher Hoheit waren, da konnte kein niederträchtiges Volk sein, und bei aller Verleumdung ihrer Sieger, sie verächtlich zu zeigen, leuchtete doch immer ihr großes Herz durch. Ich nahm den Augenblick, wie der Römer Lälius sie vom Syphax fordert, um sie in Rom im Triumph aufzuführen. In dem Römer hatte ich einen Mann gezeichnet, der kalt und fest seine Aufträge ausführt, und im Numidier einen wankenden, von Leidenschaften bewegten, mit seinen Gefühlen kämpfenden Mann. Sophonisbe, eine hohe Gestalt, steigt eben aus dem Bette; das Bettuch ist zurückgeschlagen, ihr nachlässig umgeworfenes Gewand sinkt an der aufgerichteten Figur lang herunter und läßt hier und da die Form ihrer schönen Glieder sehen. Syphax ist früher aufgestanden und sitzt unbekleidet auf der vorstehenden Kante des Bettes, gefoltert von unentschlossenem Mute, da er zwar die schöne Frau heftig liebt, aber doch auch sein Wort gegeben hat, sie zu retten oder ihr den Tod zu geben. Lälius steht aufrecht in römischer Rüstung. Ich hatte mich ganz in den großen Geist dieser Karthagenienserin hineinversetzt, die als Tochter des Hasdrubal, der einen Teil der Welt beherrschte, die Ehre höher als das Leben schätzte. Wo ich stand und ging, schwebte Sophonisbe mir vor; auch in meinen Träumen erschien mir die erhabene Gestalt. Amazon.de Widgets Abwechselnd in nämlicher Zeit trat auch das Gegenbild vor meine Phantasie. Neben dem starken weiblichen Charakter sah ich die schöne, anmutsvolle, sanfte Helena mit ihren holden Augen, sie, von deren Schönheit die alten weisen[240] Männer urteilten, daß sie es wert sei, ihretwegen das größte Übel zu tragen. So arbeitete ich an den Studien beider Bilder, je nachdem ich mich innerlich gedrängt fühlte. Sah ich Augen, die etwas Erhabenes, Stolzes hatten, die von einer Höhe auf das, was unter ihnen klein ist, herunterschauten, dann zeichnete ich sie für die Sophonisbe. Bei einem Feste in St. Peter zu Rom ging einmal in sehr dichtem Menschengedränge eine schön gewachsene Römerin mit ihrem Bräutigam vor mir her. Unabsichtlich trat ich ihr einige Male auf die Fersen. Plötzlich wandte sie sich um und maß mich mit einem Blicke voll Verachtung von unten bis oben, so daß ich erschrak und mich freute, daß sie nur ihrem Bräutigam nichts davon sagte, der mir ohne Zweifel sein Messer in die Brust gestoßen haben würde. Diesen Blick hielt ich fest und gab ihn dem Auge meiner Sophonisbe. ? Sah ich aber schön geformte, holdlächelnde Augen, so zeichnete ich sie für die Helena. Und ebenso machte ich es mit den Studien zu den anderen Teilen des Kopfes, auch zu den Armen, Füßen und anderem. Ich wollte die Helena, umgeben von Mädchen, mit weiblicher Arbeit in ihrem Zimmer beschäftigt, vorstellen; der schöne Paris, ihr Gemahl, tritt herein mit glänzenden Waffen, mit ihm Hektor, der Vortreffliche, sein Bruder. Mein Bild, der Konradin, war bereits fertig. Ich zeigte es meinen Landsleuten, doch fürchtete ich, daß diese aus Liebe für mich die Fehler mir nicht sagen möchten, und ich wandte mich also an die vorzüglichsten Künstler in Rom. Mein Vetter Fritz, der in Paris eine genaue Freundschaft mit dem Maler David angeknüpft hatte, rühmte dessen Geschicklichkeit und wie Großes mit der Zeit von ihm zu erwarten sei. Da eben David ein Bild für eine Kirche in Frankreich fertig hatte, so führte mich mein Vetter, um es zu sehen, an einem Sonntagmorgen zu ihm. Beide plauderten lange miteinander von ihrer Freundschaft aus Paris, und ich mußte die lange liebe Zeit immer das Bild ansehen,[241] das mir nicht sehr gefiel. Die Franzosen lieben es, in der Manier des Michelangelo da Caravaggio und Valentino zu malen. Dieses Bild brachte David selbst nach Frankreich, kehrte jedoch bald nach Rom zurück und fing sein bekanntes Bild an, »Die Horatier«, wovon man sich etwas Vortreffliches versprach. Bisher hielt er sein Atelier verschlossen und ließ niemand hinein als einen Bildhauer, der ihm die Modelle dazu fertigte, außerdem seinen Schüler Drouais und einige Landsleute, denen er sich vertrauen konnte. Man hörte immer mehr von diesem Bilde und sagte, daß es seiner Vollendung nahe wäre. David wohnte nicht weit von mir, auf Trinità de' Monti, und ich sah ihn jeden Tag vor meinem Hause nach seinem Atelier vorbei wandern. Ich ging nun zu diesem meinem Nachbar und bat ihn aufs höflichste, sich zu mir zu bemühen, um mir sein Urteil zu sagen über ein Bild, das ich soeben gefertigt hätte. Er schlug es mir rund ab: »Dazu habe ich keine Zeit«, sagte er, »ich werde von so vielen jungen Künstlern darum angesprochen, aber der Gang ist doch vergebens; solche Bilder sind kaum des Ansehens wert.« Ich bat ihn nun inständig, daß er mir aus Rücksicht gegen meinen Vetter Federico Tischbein diese Gefälligkeit erweisen möchte, der habe viel von seiner Wissenschaft in der Kunst gerühmt und ich sei auch mit diesem früherhin bei ihm gewesen, er hätte mich nur übersehen, während er mit diesem gesprochen. Er schien noch immer nicht willens zu sein, die paar Schritte zu machen, nahm noch von seiner artigen Frau einige Tassen Kaffee, dann setzte er seine Pantoffeln weg und kleidete sich langsam an. Endlich gingen wir zu meiner Wohnung und stiegen die hohe Treppe hinauf. Als ich die Tür aufmachte und er das Bild sah, schien er zu erstaunen und rief: »So etwas kann Ihr Vetter nicht; von Füger habe ich viel gehalten« (vielleicht weil er eine Skizze gemalt hatte, wo ein Horatier seine Schwester unter dem Tore ermordet,[242] als sie ihres Bräutigams Rüstung auf ihres Bruders Schulter sieht und jammert), »aber ein solches Bild mit Ausdruck glückt ihm nicht, auch Ihrem Landsmanne Mengs nicht! Wie kommt es, daß ich von Ihnen noch nie etwas gehört habe?« Ich erwiderte, dies sei mein erstes Bild. Dann fuhr er fort: »Ich reise bald wieder nach Frankreich, Sie müssen erlauben, daß die jungen Künstler der französischen Akademie dieses Bild sehen, ich werde sie herschicken. Nun gehen Sie mit mir und sagen mir Ihr aufrichtiges Urteil über mein Bild.« Ich ging mit ihm, und als ich es sah, ergriff mich ein eiskalter Schauer über den Ernst der schwörenden Söhne, indem der Vater ihnen die in die Höhe gehobenen Schwerter übergibt, zu siegen oder zu sterben! Auf der Seite war eine Weibergruppe, unter ihnen saß die wehmütige Mutter, besorgt über das Leben ihrer Söhne. Aber noch wehmütiger saß da ein gebeugtes junges Mädchen, die Braut des Albaners, fürchtend für das Leben ihres Bräutigams. Daneben stand ein Knabe, der sah hin nach den Schwertern und schien Lust zu solchen Taten zu haben. Nun versicherte mich David noch einmal, daß er mich schätze, und er halte mich für seinen Freund, der ihm treu die Meinung über sein Bild sagen werde. Ich erwiderte ihm, daß ich aufrichtig spräche, wie ich in meinem Inneren es dächte: »Wenn Sie die Frauengruppe ebenso ausarbeiten wie die Männer, alsdann kann es unter die vorzüglichsten Bilder gesetzt werden, und keins wird ihm den Rang streitig machen.« Er antwortete dagegen, das Bild sei fertig, und er rühre es nicht mehr an. »Aber man sieht die Farbe des blassen Gipses noch darin«, versetzte ich, »Sie müssen etwas mehr Fleischfarbe und der ganzen Gruppe mehr Klarheit geben, besonders dem jungen Mädchen!« ? »Nichts werde ich mehr daran machen, es muß so bleiben!« versetzte er, und ich schwieg. ? Kaum war ich nach Hause gekommen, so standen auch schon alle französischen Pensionäre vor meinem Bilde und lobten es, besonders daß[243] man in den Gesichtern der Figuren sähe, was sie in der Seele fühlten. Hierauf ging ich zum Kavalier Pompeo Battoni, der mir sehr geneigt war. Ich zeigte ihm einmal einen Pariskopf, der gefiel ihm so, daß er sagte: »Voi farete una volta spicco tra i pittori.« Dies ermunterte mich, daß ich es wagte, ihn um die Gefälligkeit zu bitten, mein Bild anzusehen, denn an seinem Urteile wäre mir alles gelegen, und es würde mich erhöhen, wenn ihm meine Arbeit gefiele. Der Mann war sehr eingebildet und stolz auf seine Kunst. Als er einst am Tische neben einer schönen Dame saß, sagte er zu ihr: »Sie sind ebenso gewiß die schönste Frau als ich der beste Maler in der Welt bin!« Als er hörte, daß ich auf Trinità de' Monti wohnte, versetzte er: »Das ist eine hohe Treppe, bedenkt, daß ich etliche achtzig Jahre alt bin. Aber doch will ich es tun, weil ich Euch gut bin, kommt Sonntag nachmittags zu mir und führt mich hin.« ? Als wir in meinem Arbeitszimmer angekommen waren, stellte ich einen Stuhl dem Bilde gegenüber; er setzte sich und blieb, ohne etwas zu sagen, in Betrachtung lange sitzen. Dann sagte er, er glaube einen Kopf von Annibale Carracci gemalt zu sehen ? es war der Kopf vom Prinzen Friedrich ?, so kräftig sei er von Schatten, Licht und Farbe, und man sehe den Unmut, daß er nicht helfen könne, und den Zorn in der geballten Faust, die er auf den Schenkel stütze. Dann sprach er noch viel über die Anordnung des Bildes und über jeden Kopf und schien sehr zufrieden mit der ganzen Arbeit. Ich begleitete ihn wieder nach seinem Hause, und er sprach noch immer über das Bild. Dabei gab er mir oft zu verstehen, daß, wenn Pompeo Battoni zu einem jungen Maler ginge und mit seiner Arbeit zufrieden wäre, dies seinen Ruhm erweitern, ja sein Glück sein könne, worauf ich erwiderte, daß ich dies erkenne und ihm dafür sehr dankbar sei. Battoni war übrigens ein herzensguter Mann, von weichem Gemüt und einer frommen Seele. Als ich einst von ihm[244] gehen wollte, begleitete er mich vor die Tür. Im Vorzimmer hing sein unvollendetes Bild »Coriolan und dessen Mutter«. Ich fragte, weshalb er es nicht fertig mache? »Das kann ich nicht«, antwortete er, »weil ich zu gerührt dabei werde. Seht diese Mutter, welche Coriolan unter dem Haufen der Matronen gewahrte, auf sie zuging, um sie zu umarmen, wie sie ihn zurückstößt und sagt: ?Unmensch, in Rom bist du geboren, Rom hat dich genährt und stark gemacht, und du willst es aushungern und verdursten lassen? Diese Stadt, wo du die Milch meiner Brust genossen hast? Willst du nach Rom, so wisse, der Weg dahin geht durch meine Brust.?« ? Indem Battoni dieses sagte, wurde er so gerührt, daß er bitterlich an zu weinen fing, und da mir die Tränen auch gerade nicht angefroren sind, so weinten wir beide vor dem Bilde. ? Mit einem anderen Gemälde war es ebenso. Es stellte den Joseph vor, wie er die Maria verlassen wollte. »Da seht«, sagte Battoni, »das Bündel hat der Joseph schon geschnürt, er wollte morgen fort, da erscheint ihm aber der Engel im Traume und sagt: Joseph, tue das nicht, was soll die arme Mutter mit dem Kinde anfangen, wenn du nicht ihr Ratgeber und Führer bist?« ? Und wir weinten beide bitterlich. ? Weil er mir sehr gewogen war, so stieg er oft, wenn ich zu ihm kam, von einem hohen Gerüste, wo er malte, und schloß eine Stube auf, in der ein Bild stand, welches »Die Trauung Christi mit der heiligen Katharina« vorstellte. Das Gesicht der Katharina war so schön, daß man es den Bildern der ausgezeichneten alten Maler zur Seite stellen kann. Besonders schön war der Finger, den sie hinhält, damit Christus den Ring darauf stecke. »Sollte man nicht glauben«, sagte Battoni, »wenn man den Schenkel des Christus berührte, das Fleisch würde nachgeben?« Auf einem kleineren Bilde war ein schlafendes Mädchen, das von Putzsachen träumte. Genien hielten ihr ein Kästchen mit diesen Schätzen hin. Man sah die unruhige Bewegung, welche ihr der Traum verursachte, und[245] die Freude im Gesicht über eine Perlenschnur, die ein Genius ihr zeigte. Ein Amor versuchte die Spitze eines Pfeiles mit dem Finger, um sie auch mit Liebe zu verwunden. »Sollte man nicht glauben«, sagte Battoni, »man könnte sich an der Spitze des Pfeiles verletzen?« Es ist in der Tat viel, daß ein achtzigjähriger Mann noch ein so üppiges Bild malen konnte. Battoni war sehr fromm und beinahe fanatisch religiös. Jeden Morgen um vier Uhr, es mochte schon Tag oder noch dunkel sein, ging er zur Kirche, um die Messe zu hören, im Winter mit einem Laternchen. Dann warteten schon einige Bettler auf ihn, die seine Zeit wußten. Jedem gab er etwas, und wenn er wieder aus der Kirche kam, so warteten in der Tür und an der Treppe seines Hauses schon andere auf ihn. Auch diese beschenkte er. Dann waren noch einige Poveri vergognosi da; diese nahm er mit in sein Vorzimmer und gab auch ihnen. ? Obgleich er für seine Bilder bedeutende Summen erhielt, so hatte er doch nichts erübrigt, weil er so mitleidig war und alles an die Armen gab. Als der Großfürst, nachheriger Kaiser Paul, mit seiner Gemahlin in Italien reiste, kaufte er ein Bild von Battoni: »Elisabeth, Johannes und Maria mit dem Christuskinde.« Ich habe dieses schöne Bild nur einmal gesehen. Da nun meine Arbeit bei einem so großen Manne wie Battoni Beifall gefunden hatte, so konnte ich sie mit freiem Mute abschicken. Ich ging also zum Rat Reiffenstein und bat ihn, mein Bild je eher je lieber an Se. Durchlaucht den Herzog von Gotha zu übersenden. Reiffenstein wunderte sich über dies Begehren und antwortete, er habe wohl bald etwas an den Herzog zu besorgen und da könne es beigepackt werden, er werde mir's dann schon sagen lassen. Man muß selbst Künstler sein, um das Gefühl zu kennen, welches solch eine Äußerung in mir erregte! Jede Minute scheint eine Ewigkeit, bis das Kunstwerk dem vor Augen steht, für den es bestimmt ist! Mir war es um so schmerzhafter,[246] da ich meine Dankbarkeit beweisen wollte gegen einen Fürsten, der mich an einem Orte erhielt, wo griechische Werke der Kunst und Gemälde in Fülle waren und wo ich nach Herzenslust meine Kunst ausüben konnte. Mein Bild war von der Staffelei noch nicht abgenommen, als eines Tages meine Tür aufging und ein fremder Mann hereintrat, der, wie er sagte, einen jungen Künstler aus Rußland namens Demetrio hatte besuchen wollen und, da er dessen Stube verschlossen fand, die Tür gegenüber öffnete. Wir bewillkommneten uns gegenseitig, und sein Blick fiel sogleich auf mein Bild vom Konradin. Es schien ihm zu gefallen, und ich legte ihm aus, was es vorstellte. ? Ehe ich noch damit fertig war, verlangte der Fremde es von mir zu kaufen, für welchen Preis ich nur wollte. Es war der russische Staatsrat Fonwisin. Ich wandte ihm dagegen ein, wie ich dem Herzoge von Gotha mit diesem Bilde meine Schuldigkeit zu erkennen geben wolle für das Glück, welches ich ihm verdanke. Nun schlug er mir vor, da das Bild vielleicht nicht so bald abgehen werde, es für den Herzog zu kopieren, wogegen ich erwiderte, das dürfe ich nicht, weil ich überzeugt sei, daß eine Kopie das Original nicht wiedergeben könne. Es sei damit wie mit der Übersetzung eines Buches aus einer fremden Sprache; die erste Kraft, der erste Geist, wo das Gefühl den Pinsel führe und mit Feuer das Bild hinstelle, könne nicht noch einmal wiederkommen. Auch sei der Herzog, wie man mir gesagt habe, ein Kenner, und dann werde er in dem Bilde die Originalität vermissen. Ich mußte ihm nun versprechen, ihm eine Kopie im kleinen zu machen. Das tat ich, und er bezahlte mir hundert Dukaten dafür. Auch sah er viele Zeichnungen von Köpfen, Entwürfen zu diesem und anderen Bildern, die zum Teil auf der Erde herumlagen. Er las viele davon auf. »Solche Skizzen«, sagte er, »liebe ich«, und ich versprach ihm, mehrere davon auszuführen. Dann sah er einige Portefeuilles durch und legte noch viele Stücke dazu, und als er[247] fertig war, gab er mir für jedes drei Dukaten. »Nun müssen Sie mit mir nach meinem Hause kommen«, sprach er, »um auch meine Frau kennenzulernen.« Diese war ein sanftes, gutmütiges Weibchen, und sie nötigte mich auch, bei ihnen zu Mittag zu speisen. Fonwisin selbst war ein fröhlicher Mann, dabei ein Gelehrter und, wie mir die Russen sagten, einer ihrer besten Köpfe. Auch hat er Verschiedenes geschrieben, besonders ein Schauspiel, womit aber der Adel nicht zufrieden war, weil dieser sich darin stark mitgenommen fand. Herr Fonwisin kam nun fast täglich zu mir und ich zu ihm, wenn ich Zeit hatte. Auch kaufte er in Rom für mehr als zehntausend Zechinen Kunstsachen für seine Kaiserin und bestellte außerdem vieles. Lange schon wollte er ein Bild von Raffael haben. Kaum war dies bei den Bilderhändlern bekannt, so wurden ihm täglich bei Dutzenden Raffaels gebracht. Zum Teil waren es alte Kopien, zum Teil neuere. Er sah selbst ein, daß es keine Raffaels waren, und doch sollte er ein echtes Original nach Rußland bringen. Endlich bekam er eins von diesem großen Meister aus seiner ersten Zeit, eine »Maria mit dem Christkindlein auf dem Schoß«; Joseph, der hinter ihr stand, war das Porträt von Raffaels Vater, und vielleicht war die Maria seine Mutter. Das Bild war etwas dünn von Farbe und, wie es oft der Fall ist, durch den Qualm der Lampe, die darunter gehangen hatte, etwas verdorben. Eines Morgens schickte Herr Fonwisin seinen Lakai und ließ mich einladen, zu ihm zu kommen. Ich fand ihn am Kamine stehend. »Sie wissen«, redete er mich an, »wie gut wir Ihnen sind und wieviel Freundschaft wir für Sie haben, aber Sie hegen sie nicht für uns. Noch diese Nacht sagte mir meine Frau, Tischbein sieht so traurig aus, er seufzt oft schwer auf, wer weiß, was für ein Kummer ihn drückt! Wir müssen ihm helfen; frag ihn doch morgen. Deshalb seien Sie nun aufrichtig und gestehen Sie mir, ob Sie vielleicht[248] Schulden haben, die Sie ängstigen?« ? »Ich habe keine Schulden«, antwortete ich. ? »Schämen Sie sich nicht, es zu sagen, ich will sie gern bezahlen.« ? »Ich habe gewiß keine Schulden«, versicherte ich. ? »So kommen Sie wohl mit dem nicht aus, was Sie verdienen?« fragte er. ? »Ich brauche allerdings mehr, als ich jetzt habe«, antwortete ich. ? »So will ich Ihnen«, fuhr er fort, »jedes Jahrhundert Dukaten geben, die Sie bei meinem Bankier heben können.« ? »Wenn ich Ihnen mit meinen Arbeiten den Wert ersetzen könnte, würde ich es annehmen«, war meine Antwort. ? »Alles, was Sie mir machen, wird mich freuen«, entgegnete er. ? Er reiste hierauf wieder nach Rußland und starb bald darauf, so daß ich nur ein Jahr diese hundert Dukaten bezogen habe. Der Antrag, mein Bild vom Konradin an die russische Kaiserin für jeden Preis, den ich verlangte, zu überlassen, wurde auch von seiten ihres Konsuls Santini auf ausdrücklichen Befehl der Kaiserin wiederholt. Meine Freunde rieten mir zu, weil ich eine große Summe dafür bekäme, da die Kaiserin sehr freigebig in Kunstangelegenheiten sei und man nicht wisse, welche Bestellungen damit verbunden sein könnten! Ich erwiderte aber, daß, so nötig ich auch beides hätte, doch alles Geld in der Welt das Gefühl meiner Pflicht gegen meinen Wohltäter nicht aufwiegen könnte. Nun wurde endlich mein Bild an den Herzog abgeschickt. Als es in Gotha angekommen war, ward es in dem Arbeitskabinett des Herzogs aufgehangen, wo es leider niemand zu sehen bekam. Dies erfuhr ich durch andere, und ich mußte zwei Jahre auf Antwort warten. Was das für ein peinliches Gefühl war! Wenn man jung ist, glaubt man wunder, was man hervorgebracht hat, und jeder, meint man, müsse teil daran nehmen! Mein Freund Dornow beklagte sich ebenfalls darüber, daß so manche seiner Bilder in England aufs Land kämen, wo sie niemand sehe. Ein anderes ist es in einer großen Stadt, wo das Atelier des[249] Künstlers oder auch eine Gemäldegalerie für jedermann offen stehen; da wird der Ruhm verbreitet, und es fehlt nicht an Bestellungen und Ermunterungen zu neuen Arbeiten! Endlich bekam ich einen Brief von Sr. Durchlaucht, worin er sehr gnädig sagte, er habe eine Reise nach England gemacht, daselbst alle Ateliers der Maler besucht, aber nichts darin gefunden, das ihm so gefalle wie mein »Konradin«. Das war sehr schmeichelhaft für mich, und da er sich so zufrieden mit meiner Arbeit äußerte, glaubte ich, die Bitte um etwas Zulage wagen zu dürfen, weil ich ein Bild anfinge, welches große Kosten erfordere für die Farben, die Tücher und die lebenden Modelle. Nun schrieb der Herzog, aber nicht an mich selbst, sondern an Reiffenstein, der mir aus dem Briefe vorlas: »Weil Tischbein mehr fordert, als ich ihm gebe, so bin ich mit ihm geschieden.« Ich erschrak und wurde inne, daß man nicht immer dem Gefühle seines Herzens folgen müsse. Nun dachte ich an die freigebige Katharina und an den Rat, den mir meine Freunde gaben, den ich aber so leichtsinnig verwarf! Hätte mich doch der Herzog gekannt! Mit 60 Scudi konnte er mich zu einem geschickten Künstler bilden; und hätte er nur zuweilen noch etwas hinzugetan, so konnte er eine Galerie von alten Originalbildern in Gotha gründen, da man hier bei Gelegenheit manches für eine Kleinigkeit kaufen kann. So rief mich noch vor kurzem ein armer Trödler in seinen Laden und zeigte mir einen kolossalen Platokopf von schönster griechischer Arbeit aus parischem Marmor. Der Mann forderte nur acht Dukaten, aber mir ging es wie ihm: ich hatte sie nicht. Sogleich erzählte ich allen Freunden, allen Künstlern und Kunstfreunden von diesem Funde, und als wir hinkamen, war er schon verkauft. Reiffenstein fragte mich nun, was er antworten solle? So schwach ich mich auch fühlte, so hoffte ich mir doch selbst zu helfen. Bitten würden nichts geholfen haben, und zu betteln schämte ich mich. Ich antwortete daher, daß ich mich[250] in des Herzogs Willen füge, geschieden von ihm zu sein; ich wolle nach Neapel gehen, wo ich gewiß sein dürfe, gut aufgenommen zu werden. Nachher erst habe ich erfahren, was der Herzog für ein vortrefflicher Mann war. Das Mißverständnis lag nur darin, daß ich nicht selbst an ihn schrieb, sondern durch andere. Reiffenstein konnte mich nicht kennen, wer weiß, was der an ihn schrieb. Er hatte wenigstens noch die Offenherzigkeit, mir zu sagen, daß Fürsten immer übelliefen, wenn sie selbst wählten und es nicht anderen überließen, die Kenntnis von der Sache hätten; er würde dem Herzog einen Besseren gewählt haben als mich. Reiffenstein war übrigens ein ehrlicher Mann, er hatte nur keine Originalität. Er behandelte die Leute noch immer als Pagenhofmeister, dem man nicht widersprechen darf, wie er es in Kassel gewohnt war. Erst war er Führer des jungen Grafen Lynar, blieb dann in Rom, spielte den Antiquar und führte die Fremden herum. Nie hat er aber Vorteil davon gezogen, auch wenn die Fremden Bestellungen bei ihm machten. Als ich zum ersten Male nach Italien reiste, gab mir der Professor Casperson in Kassel einen Brief an ihn mit. Er sagte mir, daß Reiffenstein als Vater für mich sorgen werde; das glaubte ich auch und folgte ihm vertrauend. Vorher kannte ich ihn noch nicht, außer im Bilde. Als mein Onkel nämlich mit dem Landgrafen in Hamburg war, malte er ein Familienbild von der Familie Timmermanns, der die ausgesuchte Sammlung alter Originale hatte. Dieses Familienbild stellte ein Konzert vor, worin Reiffenstein den Baß spielte. Auch das Porträt meines Onkels war darauf. Später sah ich einige kleine Pastellköpfe, die Reiffenstein in der Manier des Rembrandt gemalt hatte und an seine Freunde verschenkte. Das Beste übrigens, was er tat, war wohl, daß er dem Abbate Fea den deutschen Text des Winckelmann erklärte, damit Fea denselben ins Italienische übersetzen könnte. David hatte einen Schüler namens Drouais, den er liebte[251] wie seinen eigenen Sohn; es war auch ein schöner und vortrefflicher Mensch. Bei seiner Abreise nach Paris übertrug mir David, für diesen seinen geliebten Schüler als Vater zu sorgen. Da dieser wohlhabend war, so hatte er in verschiedenen Quartieren der Stadt Zimmer gemietet, wo er ungestört arbeiten konnte. Eines Sonntags führte er mich zu einem derselben in einer abgelegenen Straße an der Treppe des Kapitols. Hier sah ich sein berühmtes Bild, den »Marius«: wie der Zimber, der ihn ermorden sollte, beim Eintritt in das Gefängnis vor dem bloßen Anblick des großen Helden erschrickt, daß er das Schwert fallen läßt. Marius war vortrefflich gemalt; mit einem Blick entwaffnet er den Mörder, der vor diesem ernsten Auge zurückfährt. Alle Nebensachen waren mit vielem Aufwande gemacht. Helm, Federbusch, Schwert, Scheide und Griff hatte Drouais vom Blechschmied fertigen lassen, um nach der Natur zu kopieren; so war auch alles übrige, als Mantel und so weiter. Da er reich war, konnte er die Modelle bezahlen und an dem Bilde so lange arbeiten, bis es nach seiner Meinung ganz vollendet war. Mit dem nämlichen Aufwande hatte auch David sein Bild »Die Horatier« gearbeitet. Der hatte sich ebenfalls alles machen lassen, so daß er nur nachzumalen brauchte. Auch David war reich, er hatte die Tochter des Oberaufsehers der Stadtmauer zu Paris zur Frau. ? Alle französischen Maler haben doch etwas Theatralisches und Karikaturmäßiges. So war das einzige, was ich an Drouais' Bild tadelte, der Fuß vom Marius; die große Zehe schien mir krampfhaft zu sein, weil er damit so stark an den Boden drückte. Drouais aber bemerkte dagegen, das habe er mit Willen getan, weil alle Sehnen in starker Bewegung wären. Als David abreiste, sagte er: »Ich lasse mein Studio offen, damit jeder über mein Bild ?Die Horatier? sagen kann, was er will; mein Bedienter nur bleibt hier, um Unordnungen zu verhüten.« ? Wenn je ein Bild Aufsehen gemacht hat,[252] so war es dieses. Es war viele Tage hindurch wie eine Prozession! Fürsten und Fürstinnen fuhren hin, um es zu sehen, Kardinäle und Prälaten, Monsignori und Pfaffen, Bürger und Arbeitsleute, alle eilten hin. Da jeder Römer gewohnt ist, von Jugend auf Bilder in den Kirchen zu sehen, so bildet sich sein Geschmack. Nun kamen diese Leute in den Wirtshäusern zusammen. Der eine sagte: »Das Bild ist besser als Raffael«, der andere: »Es ist nichts gegen Raffael!« Bei der Erhitzung durch den Wein kam es zu Schlägereien und Dolchstichen. Und so stritten sich Gebildete und Ungebildete, Gelehrte und Ungelehrte, Kenner und Nichtkenner über den Wert des Bildes. Auch Dornow hatte ein lebensgroßes Bild vollendet, das sehr gut gruppiert war: »Alexander, als er seinen Vater Philippus, der verwundet unter dem Pferde liegt, mit seinem Schilde deckt und mit seinem Spieße die andrängenden Feinde abhält, ihn zu ermorden.« In diesem Bilde waren treffliche Sachen, der Kopf des Philippus grandios, der des Alexander voll Ausdruck eines jungen, mutigen Helden; aber hin und wieder war es doch etwas steif, weil Dornow antike Beine und andere Teile als Modelle gebraucht und zu genau kopiert hatte. Diese leichten Fehler mochten wohl schuld sein, daß er es nicht verkaufen konnte. Denn die Engländer sind wunderlich. Einer macht den andern auf die Fehler aufmerksam, und um sicher zu gehen, kaufen sie dann lieber ein altes Bild mit dem Namen eines berühmten Meisters, das vielleicht nicht so gut ist wie das des lebenden Künstlers, aber es hat doch den großen Namen, und der Besitzer wird gelobt. So verliert der junge Künstler den Mut, und es wird ihm unmöglich fortzufahren, weil zu viel Kosten und Zeit dazu gehören, ein solches Bild hervorzubringen. Zum Dornow kam aber sein freigebiger Landsmann, Mylord Bristol; der kaufte ihm alles ab und bestellte die Ausführung der kleinen Skizzen ins Große.[253] Sehr wahr bemerkte daher einst David: »Es wird dem Maler schwerer fortzukommen als dem Dichter und Musiker. Dieser bringt ein Konzert zusammen, wo viele für einen Taler seine Kunst hören können; der Dichter und der Gelehrte läßt sein Werk drucken, welches der Buchhändler talerweise verkauft, so daß er dem Verfasser sehr gut Zahlung leisten kann. Der Maler aber mit seinem großen Bilde kann sich nicht so helfen. Er muß warten, bis irgendein Fürst oder reicher Privatmann ihm dasselbe abkauft, und dann wird es noch dazu nicht selten auf ein Schloß oder Landhaus gehängt, wo es nur der Eigentümer sieht. Warum sollte nicht auch der Maler wie der Musikus und Dichter sein Bild ausstellen, damit jeder für ein Geringes es sehen könnte? Würde für dieses Vergnügen nicht jeder gern etwas bezahlen? Weil dies aber nicht ist, so kommt es, daß jetzt kein einigermaßen vollkommenes Kunstwerk mehr geschaffen wird; denn der Künstler, der Zeit und Mühe daran gewandt hat, seine Kunst zu erlernen, muß nun, um nur Brot zu bekommen, eilen, daß er sein Werk vollende, weil er befürchtet, keine Käufer zu finden. Wenn in England bei einem Künstler eine Bestellung gemacht wird, so bedingt er dabei gleich ein, daß er außer dem Kaufgelde das Werk noch ein Jahr lang zu seinem Vorteile ausstellen darf; und so hat er bald seine Unkosten wieder und auch noch soviel übrig, ein neues anzufangen.« David setzte noch hinzu: »So will ich es in Paris auch machen.« In dieser Zeit machte ich genauere Bekanntschaft mit dem berühmten Steinschneider Pichler, der schon durch seine schöne männliche Gestalt und edle Gesichtsbildung jeden für sich einnahm; ruhig war sein ganzes Wesen und vernünftig seine Rede. Neben seiner schönen Arbeit, die mich oft zu ihm zog, lockte mich auch besonders seine Sammlung von Gipsabgüssen der vorzüglichsten antiken Köpfe, wonach ich oft gezeichnet und studiert habe, um von seinen Einsichten belehrt und unterrichtet zu werden. Ich freute[254] mich sehr, daß unsere Meinungen oft übereinkamen. Von Jugend auf hatte er nach den besten Antiken gearbeitet, und unter den Neueren war er in der Kunst, Kameen und Intaglios zu schneiden, den Alten am nächsten gekommen. Sein Talent war außerordentlich. Die schwere Kunst, kleine Figuren in den harten Stein zu schneiden, ward ihm außerordentlich leicht. Er sagte mir selbst, die Arbeit sei ihm so geläufig, daß er in einem Tage ein Bild aus Herkulaneum mit zwei Figuren und Nebensachen geschnitten habe. Noch immer freue ich mich des Zufalls, daß, als ich einst bei ihm zeichnete, der Besitzer des berühmten Kameo »Wie Achilles seinen Freund Patroklus beweint« zu ihm kam und ihn bat, dieses schöne Fragment zu ergänzen, was jedoch Pichler nicht zu unternehmen wagte. Den Schwefelabdruck dieses Stückes kannte ich schon lange. Es ist doch ganz etwas anderes um den wirklichen Stein. Die Farbe und das Klare tun auch etwas dabei, und dann der Gedanke, solches heiliges Kleinod wirklich in den Händen zu haben! Bei dieser Gelegenheit erzählte Pichler, daß einst jemand zu ihm gekommen, der ihm einen antiken Kameo gezeigt habe, welcher von großem Werte, ja unter die besten zu zählen gewesen sei. Indem sie ihn so betrachtet hätten, sei er auf die Erde gefallen und das unschätzbare Kunstwerk in tausend Stücke zersprungen. Ein andermal sei jemand mit einem Kameo zu ihm gekommen, und da es in der Dämmerung gegen Abend gewesen, so habe er aus Begierde, die Vortrefflichkeit der Arbeit recht genau zu betrachten, das Fenster aufgemacht. In dem Augenblick, da er ihn hinausgehalten, sei ihm derselbe aus der Hand gefallen drei Stockwerke hinunter auf die Steine. Der Eigentümer sei wie vom Schlage gerührt gewesen und auch er. Doch habe er ihn noch von einem Straßenstein auf den andern springen sehen, sei daher am Fenster geblieben, auf die Stelle acht zu haben, und der Bediente habe den Stein ganz unversehrt wiedergebracht.[255] Pichlers Arbeiten werden, wie gesagt, den Antiken fast gleichgeschätzt, doch hat er die besten nicht erreicht, was er auch selbst eingestand. So hatte er den bekannten jungen Herkules in der Strozzischen Sammlung oft nachgemacht, und da er noch immer bei ihm bestellt wurde, lehnte er es ab, weil es ihm so niederschlagend sei, ihn nicht erreichen zu können. Die meisten Abdrücke, die man von jenem schönen Kopfe hat, sind nicht nach dem Originale, sondern nach Kopien gemacht. Im fünfzehnten Jahrhundert lebten auch geschickte Meister dieser Kunst; doch haben sie immer etwas Manieriertes, wodurch sie sich gleich verraten, auch wenn sie Antiken nachahmten. Damals legten sich nämlich viele darauf, ihre Arbeiten für antik auszugeben, ja, in neueren Zeiten finden wir das nämliche. Selbst Pichler gestand, solche Antiken gemacht zu haben, aber nicht gern. Der bessere Preis mag die meisten dazu verleitet haben. Übrigens war es Pichler etwas Leichtes, nach einem schlechten antiken Steine, dessen Intention gut war, einen weit besser ausgeführten zu schneiden. Denn man hat antike Steine, wo die Figuren nur so eben nachlässig hingemacht sind, vielleicht Kopien nach vortrefflichen großen Kunstwerken. So hat man den Ajax, der nach seiner Raserei das Schwert in der Hand hält im tiefsten Nachdenken, bevor er sich entleibt, so den Achilles in mancherlei Stellungen, und anderes mehr. Wie nachlässig und schlecht die Arbeit auch ist, so sieht der Kenner doch die Vortrefflichkeit darin und muß den Künstler loben, der diese Idee ergreift, um sie fleißiger darzustellen. So sagt man auch, daß der fliegende Merkur von Giovanni Bologna nach einem solchen Steinchen gemacht worden sei. Jemand versicherte mich, diesen gesehen zu haben. Doch kann es auch sein, daß die Antike nur Ähnlichkeit mit jener Figur hat, ohne daß diese danach kopiert ist. Es wäre ungerecht, auf die bloße Sage den vortrefflichen Künstler um seine Erfindung bringen zu wollen.[256] Eine große Sünde begehen aber manche neueren Künstler, wenn sie die nachlässig und flüchtig gegrabenen Arbeiten weiter ausführen und den Figuren nachhelfen wollen. Dadurch werden diese nur verdorben, und wer den antiken Geist kennt, möchte darüber weinen! Oft verändern sie auch etwas daran und geben den Figuren Attribute, die ihnen gar nicht zukommen. Sie machen auch wohl aus dem rasenden Ajax einen Herkules mit dem Schwerte, aus dem toten Hammel einen Löwen! So erhält das Studium der Antike einen tödlichen Stoß. Übrigens erkennt man gleich an der Erfindung der Figur, ob sie modern oder antik ist, wenn man gleich im letzteren Falle nicht immer erraten kann, welcher Antike sie nachgebildet sein mag. Ich hatte damals eine große Freude, dergleichen antike Kunstwerke zu besehen. Um mich über die verschiedenen Arten der Steine, worin sie gearbeitet wurden, zu belehren, besuchte ich öfter die Antiquare, die mit solchen Antiken handelten, auch die Goldschmiede, die sie in Ringe fassen und Armbänder, Halsbänder und anderen Schmuck davon machen. Die Alten haben alle Arten von Steinen bearbeitet, Rubine, Smaragde, Saphire, Topase, Amethyste, Karneole, Onyxe usw. Auch ging ich oft auf den Markt Navona, der alle Donnerstage gehalten wurde. Da saßen Männer und Weiber, die Antiken zum Verkauf hatten und sie für wenige Bajocchi feilboten. Ich dachte oft etwas schön Gearbeitetes darunter zu finden; aber ein Fremder kommt fast immer zu spät. Es gab da Menschen, die sich allein darauf legten, herumzugehen, um das Gute aufzusuchen, und die von den größten Antiquaren besoldet wurden. So sah ich oft an großen Festen, wo viel Landvolk nach der Stadt kommt, solche Männer überall herumschleichen und den Bauern eine Prise Tabak präsentieren und hörte sie fragen, ob sie nicht Antikaglien hätten? Von diesen Unterhändlern konnte man zuweilen etwas Gutes erhalten. Durch einen solchen wurde auch der berühmte große Medusenkopf bei einem Bauer an der Piazza[257] del Teatro Martelli gefunden. Dieser, der ihn aus der Erde gegraben und an dem schönen grünen Steine wohl sehen mochte, daß er etwas wert ist, forderte einen Dukaten dafür. Der Unterhändler, ein unwissender Mensch, fürchtete, seinen Dukaten wegzuwerfen und drückte daher die Antike erst in Wachs ab, welches er immer bei sich trug, um sich bei Kennern Rat zu holen. Da es aber Winter und das Wachs hartgefroren war, preßte er es zu stark auf den großen Stein, so daß er in der Mitte durchsprang. »Nun«, schrie der Bauer, »müßt Ihr mir den Dukaten geben, denn Ihr habt mir meinen Stein zerbrochen!« Der Unterhändler mußte sich dazu bequemen und brachte die beiden Stücke zu einem Antiquar, der ihm gleich neun Dukaten dafür wiedergab; dieser zeigte ihn dem Kardinal Albani, welcher ihn für zehn Dukaten erstand. Nachgehends wurde er von diesem für eine große Summe verkauft, wenn mir recht ist, an den Herzog von Orleans, dessen Sammlung er zierte. ? An der Ecke der Piazza Barberini war ein Tabaksladen, wo sich auch die Bauern versammelten. Von diesen erhandelte der Tabakskrämer gegen Tabak und Geld die von ihnen besonders im Winter, wenn das Wasser Erde und Steine wegspülte, gefundenen edlen Steine und sortierte sie gewöhnlich in zwei Schachteln, auf deren einer »vier Paoli«, auf der anderen »drei Paoli das Stück« stand; für diesen Preis konnte man sich nun aussuchen. Die besonders schönen antiken Steine, welche man unter die schätzbarsten Kunstwerke rechnen kann, haben, wie sich von selbst versteht, das höchste Interesse. Mich dünkt aber, daß man deswegen die minder schönen nicht außer acht lassen dürfe, da sie fast alle historischen Wert haben. Denn sie sind oft Abbildungen einzelner Bilder und Statuen großer Meister, die zum Teil verlorengegangen, zum Teil ganz oder auch verstümmelt zu uns gekommen sind. Amazon.de Widgets Wie sehr würde es unsere Kenntnis bereichern, wenn wir alle Steinchen sammelten, die, schön oder schlecht, ein und[258] dieselbe Idee darstellen, z.B. eine Reihe sämtlicher vorhandener Psychen, Amorinen usw. Man erstaunt über die ungeheure Anzahl der antiken Steine, besonders in und um Rom, wenn man bedenkt, daß dergleichen nun schon seit einigen hundert Jahren fortwährend durch Einheimische und Fremde aufgekauft und ausgeführt worden sind und dennoch täglich welche gefunden werden, so daß es selten einen Reisenden gibt, der nicht wenigstens einige aus Kuriosität mitnähme. Wie viele nehmen nicht Hunderte und Tausende mit und in wie vielen Städten Europas findet man nicht bedeutende Sammlungen davon! Wozu die Alten diese Steine gebrauchten, ist nicht immer zu erkennen, weil sie meistens ungefaßt gefunden werden. Zuweilen finden sich noch einige als Fingerringe in Gold, Silber und anderes Metall gefaßt; doch läßt es sich nicht glauben, daß alle hierzu gebraucht worden sind, im Gegenteil ist zu vermuten, daß dieser sinnreiche Luxus zu dem verschiedenartigsten Schmucke angewandt wurde. Man hat auch viele antike Glaspasten, wo die Farbe der Steine nachgeahmt ist. Hier möchte ich sagen, was einst ein Freund dem anderen riet: »Findest du ein Buch aus der Zeit des Cinquecento, so kaufe es, wenn du auch den Inhalt nicht verstehen solltest. Die Jahreszahl auf dem Titelblatte verbürgt dir dessen Wert!« So ist es auch mit den antiken Pasten, denn diese sind immer über schöne und inhaltsvolle Originale geformt. Ein Hauptgrund des Wohlgefallens an diesen kleinen Gemmen liegt wohl mit darin, daß das Schöne derselben so scharf in das Kleine zusammengezogen ist und sich so leicht übersehen läßt. Die Maße und die Form vortrefflicher Figuren fallen sehr faßlich und bestimmt auf, und ganz besonders klar läßt sich der Charakter der Köpfe darin darstellen und auffassen. Pichler selbst besaß eine große Stärke, den Charakter bestimmter Porträts treffend darzustellen. Er hatte die Gewohnheit, diese erst zu zeichnen und dann danach zu schneiden, da hingegen[259] andere die Porträts erst in Ton oder Wachs modellieren. In Pichlers Stube hingen diese Zeichnungen, nach welchen er Kameen oder Intaglios gemacht hatte, meistens Porträts von Souveränen, Fürsten und reichen Leuten. Besonders fiel mir der Kopf des Lord Clive auf, eines Charakters mit eiserner Kraft, und der des Kaisers Joseph II. Pichler besaß auch eine Sammlung Steine und Marmorarten in kleinen geschliffenen Tafeln, die rings in der Stube herum über den Lambris aneinandergereiht waren. Daran hatte er denn seine besondere Freude, die verschiedenartigen Massen und Farben zu bewundern, welche die Natur so schön hervorbrachte. Oft waren diese bewundernswürdigen Kräfte der Natur, die in dem Innern der Erde solche Schönheit entstehen ließen, der Gegenstand unserer Gespräche. So ist z.B. die breccia verde di Egitto ein grüner Kieselteig, worin unzählige bekannte andere Arten Steine stecken, die mit Gewalt zerbrochen und hier eingedrängt zu sein scheinen, als Granit, roter und grauer Porphyr, Karneol, Granat, Amethyst, rund- oder eiförmig geschliffene Kiesel, denen gleich, die man in Bächen findet. Alles deutet darauf hin, daß eine große Umwälzung diese Steine zerstückt und durcheinandergeworfen habe. Gerade über einem solchen Steine hing das kernige Porträt des Lord Clive. Dann über der Reihe Steintafeln ging die Reihe der Porträts an der Wand herum, welche fast von der nämlichen Größe waren. Wenn ich so während des Zeichnens aufsah und mit den Augen erst die mancherlei Steinsorten durchlief und dann die Reihe Porträts, so fand ich, daß ebenso wie die Steine auch die Köpfe sich durch den verschiedenartigsten Charakter unterschieden und sich wohl ebenso in Klassen teilen lassen könnten. Dasselbe bemerkte ich auch in einer schönen Sammlung von antiken Medaillen, welche Pichler besaß, und beobachtete auch die Übereinstimmung des inneren Charakters mit den äußeren Gesichtszügen. Ich suchte damals sehr sorgfältig nach einem Kopfe von[260] Hektor. So viele Abbildungen man von seinem Bruder Paris hat, so wenige gibt es von jenem Helden, der so viele Tugenden in sich faßt. Gerade weil er so viele Tugenden besitzt, mag er nicht oft in den Antiken gefunden werden, da es für den Maler und Bildner schwerer sein muß, ihn darzustellen, als für den Dichter, ihn zu beschreiben. Dieser zählt die rühmlichen Eigenschaften nacheinander auf und läßt den Helden handeln, den trefflichen Bürger reden, den Gatten, den Vater in interessanten Situationen erscheinen; dem Maler fällt dieses unmöglich, weil er nur eins und in einem bestimmten Momente darstellen kann. Auch auf den Basreliefs fand ich keinen Hektor, wenigstens waren diese von so geringer Arbeit und so weniger Kunst, daß man den Charakter des Gesichts nicht erkennen konnte. Es ist mit Hektors Kopfe wie mit dem des Christus: das Göttliche und das Menschliche mit dem sanften Zuge des Duldens läßt sich schwer miteinander darstellen. Ich studierte nun auch fleißig die antiken Basreliefs. Darunter sind oft Vorstellungen von mancherlei Gegenständen, wovon jeder das Gemüt rührt, die Phantasie erhöht und den Verstand erregt. Es wogte oft in meinem Innern, wie das Meer sich bewegt, ehe der Sturm kommt. Auf dem einen erblickt man die Römer als Überwinder und die Oberhäupter der besiegten Völker vor jenen auf den Knien, auf dem anderen Unterjochte in trauriger Stellung bei ihren Waffen auf der Erde sitzen und weinen. Noch andere stellen Bacchanalien vor, Siegeszüge, wo eine leichte Phantasie tanzende Bacchantinnen in erfreulichen Stellungen erdachte; wieder ein anderes zeigt uns, wie die Kinder der Niobe im Angesicht der Mutter getötet werden; dann wieder eins, wie die Frau eines Hirten für ihr Kind eine Hirschkuh melkt und das junge Kälbchen dabeisteht und anderes mehr. Auch ging ich gern unter den Ruinen spazieren zu meinen Lieblingsörtern, dem Kolosseum u.a. Da stieg ich hinauf[261] und kletterte mit Lebensgefahr so hoch, als ich nur kommen konnte, setzte mich da hin und hing meinen Gedanken nach. Oder ich ging auf die Stätte, wo das goldene Haus des Nero gestanden, jetzt ein Gemüsegarten, in welchem der Kohl zwischen den zerschlagenen Stücken Porphyr, Granit und Serpentin herauswächst. Den stämmigen Lorbeer erfüllten liebliche Sänger der Luft. Das war nun mein Ergötzen, die fröhlichen Bewohner dieser Gebüsche ihr munteres Wesen treiben zu sehen, wie die Amseln so emsig ihr Futter an den Bäumen suchten und der kleine Zaunkönig in dem Grünen so munter und keck herumsprang, als gehörte ihm die Welt. War doch Nero mit seiner Lyra, dem Apollo sich gleich schätzend, schwerlich so glücklich wie dieser fröhliche Zaunschlüpfer! Kehrte ich dann in der Dämmerung wieder nach Haus, so las ich im Titus Livius die römische Geschichte, wo sich mir gar mancherlei Gedanken bei der Vergleichung des Beschriebenen mit dem uns Übriggebliebenen aufdrängten. Auch die Peterskirche war oft das Ziel meiner Wanderungen. Unvergeßlich wird mir das Schauspiel sein, welches ich einst dort genoß. Ich sah an diesem schönen Vereinigungsorte die Häupter der Völker in einer Gruppe zusammenstehen: den Kaiser Joseph, den König Gustav von Schweden, den Kurfürsten von Bayern und den Papst. Sie waren äußerst höflich miteinander, doch dachte gewiß jeder das Seine. Es ist schwer, Hand in Hand den Reigen zu tanzen, denn wenn es am besten geht und einer losläßt, fällt die ganze Reihe. Um mich von meinen Arbeiten zu erholen, zu der Zeit, als der Scirocco die Hauptstadt mit den gefährlichen Wechselfiebern bedrohte, wo dann Einheimische sowohl als besonders Fremde gern, um die gesunde heitere Luft am Abhange des Sabinergebirges in der Nähe Roms zu genießen, nach Tivoli, Frascati und anderen hochgelegenen Orten sich begeben, machte auch ich einen Ausflug, für diesmal nach[262] Marino. Ich war von den Geistlichen zu S. Lorenzo in Rom, welche dort ein Kloster hatten, eingeladen, einige Tage bei ihnen zu wohnen, um die schönen umliegenden Gegenden näher kennenzulernen. Auch mehrere deutsche Künstler waren von der Partie, und die Reise wurde auf Eseln gemacht. Wir fanden den freundlichsten Empfang. Sie besorgten uns Pferde und führten uns überall auf die merkwürdigsten Örter. Man braucht nur von Rom aus durch einen kleinen Eichenwald zu reiten, so kommt man an den Albaner See. Hier stand Albalonga, wo die Gründer Roms erzeugt und genährt wurden von der Wölfin Milch. Sie saugten auch das räuberische Naturell in sich, und ihre kriegerischen Konsorten folgten dem gierigen Adler, der auf Stangen ihnen vorangetragen wurde. Auf diesen Hügeln erwuchs die Kraft, womit Rom die Welt bezwang und den Raub der Länder durch Triumphbogen auf das Kapitol brachte. Hier ist das Grab der Kuriatier und Horatier; hier wohnten Pompejus' Veteranen, und das Denkmal seiner fünf Siege steht noch. Noch zeigt man den Ring, woran der entflohene Trojaner Aeneas seine Schiffe band. Hier stand ich auf dem Campo di Annibale, wo seine Afrikaner ihr Lager hatten. Von da ritten wir nach Tusculum zu den Ruinen von Ciceros Villa, dann auf den Monte Cavo, von dem man die ganze Gegend übersieht. So strichen wir viele Tage in den merkwürdigsten und schönsten Gegenden umher, und nur spät abends kehrten wir wieder in das Kloster zurück. Kaum konnte ich den Tag erwarten; ich stand schon im Dunkeln auf, um die Gegend vom Kloster aus zu sehen, die dann anders erschien, als wenn sie beleuchtet war. Eines Morgens, da ich schon lange von diesem vielleicht merkwürdigsten Orte der Welt herabgeschaut hatte, stieg Aurora über den braunen Wald herauf und stand neben dem Monte Cavo mit ihrem blassen Rosenscheine. Einen solchen Anblick, wie das zarte Rot sich mit dem Braun sanft verschmolz,[263] habe ich nie wieder gehabt, obschon ich der Aurora zu Gefallen manchen Morgen in Neapel auf dem Balkon stand, sie lange erwartend, sie mir auch oft erschien und ich mich innig freute und die bedauerte, welche noch schliefen und dieses zarte Schauspiel am Himmel nicht genossen. Wein begeistert, aber die höchste Begeisterung ist in der Nüchternheit, wenn Aurora sie weckt! O prächtige, liebe Sonne! Wie glücklich ist des Menschen Los, der gleich Blumen und Kräutern in deinem warmen goldenen Scheine sein Leben atmet! ? Zur Erinnerung dieser frommen Geistlichen, welche uns mit so vieler Liebe und Freundschaft bewirteten, habe ich ein Bild gemalt, das beim Anschauen die genossenen Freuden mir wieder vor die Augen bringt. Von Frascati aus sah ich oft die Sonne hinter das Meer sinken, und wenn sie den äußersten Horizont des Meeres berührte, hatte sie oft die Form einer Vase und hüpfte einigemal auf. Hier zeichnete ich auch manche Baumgruppen, die mir wegen Schönheit und Abwechslung ihrer Formen und Farben besonders auffallend waren. Als ich späterhin eine Landschaft zu malen versuchte, benutzte ich dazu diese schöne Gruppe von Zypressen, Pinien und immergrünen Eichen. Des Morgens ging ich stets früh und frisch an die Arbeit, des Nachmittags aber wurde ein Spaziergang unternommen. Wenn ich dann ganz ermüdet und den Kopf voll von dem Treiben und Kämpfen der Weltbeherrscher Roms mich an einem Hügel ins Gras legte, fiel mein Auge nicht selten auf das Leben des Gewürms im Grase, wie es auch sein Wesen mit durcheinandertrieb und lebte und webte. Da streiten und kämpfen die kleinen Insekten mit- und gegeneinander, alles ist rege und in beständiger Bewegung. Da läuft eines geschäftig vorbei, ohne sich um die anderen zu kümmern, dort lauert ein anderes auf, um dies zu erhaschen; dies wird wieder von einem anderen verfolgt. Hier vereinigen sich viele, um in Verbindung große gemeinsame[264] Unternehmungen auszuführen, während schon eine andere Partei auf deren Vereitelung sinnen mag. Ich fing nun auch an, die größeren Tiere zu studieren, deren Äußeres das Gepräge ihres inneren Charakters trägt. Die Abstufung ihrer Charaktere ist nach der verschiedenen Bestimmung der Tiere verschieden. Dem Historienmaler wird dieses Studium sehr nützlich sein, weil hier alles auffallend deutlich und hernach leichter im Menschengeschlechte wiederzufinden ist, da das Tierische mit der schönen Menschengestalt verschmolzen ist. Doch wurde auch diese über den nämlichen Leisten geformt wie die Gestalt der Tiere; man findet denselben Bau, nur veredelt. Scheint es doch fast, als habe die Schöpfung zuvor mit den Tieren Probe machen wollen, um nachher den Herrscher über alle Geschöpfe, den Menschen, bilden zu können! So viele Abstufungen man im Tierreich findet, so viele kann man auch im Menschen entdecken, dessen Leben in so mancher Hinsicht dem des Tieres gleichkommt. Dort Streben und Entgegenwirken, Zwecke setzen, Mittel suchen, Zwecke erreichen und verfehlen. Aber das Hauptstreben fehlt dem Tiere, das Streben nach Veredlung! Die verschiedenen Arten des Menschen aufzusuchen, zu bemerken und nachzuzeichnen, wurde nun mein Lieblingsstudium. Ich finde einige Menschen von anderen ganz verschieden an Knochenbau und Form. Um mich hierüber verständlich zu machen, müßte ich Zeichnungen beilegen, deren ich auch viele gemacht habe, welche die Gattungen der Menschen deutlich unterscheiden. Ganz besonders hat man in Rom Gelegenheit, die Menschen zu studieren, da ein großer Teil derselben dort noch ohne Bildung aufwächst und sein Naturell ohne Verstellung, seine Leidenschaften ohne Scheu zeigt. In den gebildeten Ständen, die sich zu mäßigen und ihren Charakter zu verstecken wissen, hält dies natürlich schwerer. Ich ging deshalb oft an Örter, wo Menschen von der niedrigsten Klasse sich versammeln, z.B. in die Osterien, besonders in eine hinter[265] dem Kapitol nahe beim Tarpejischen Felsen. Hier sah ich einst einen Menschen eintreten mit einem heroischen Gesichte und gebietender Sprache. Kaum grüßte er, und das Wenige, was er sagte, war nur so obenhin. Seinen dicken Knotenstock warf er in die Ecke und fragte den Oste, was er zu speisen habe. Der stellte sich vor ihn hin, wie ein höflicher Wirt tut, wenn er einen hohen Gast empfängt, und sagte: »Vossignoria a da comandare«, nannte alle seine Suppen, Gemüse und Fleischarten her und deckte gleich auf mit Servietten und Tellern. Der Angekommene schüttelte bei vielen Sachen den Kopf und wählte endlich, wo denn der Wirt gleich hinauseilte und das Verlangte mit einem »ecco è servita Vossignoria« brachte. Dann setzte sich der Fremde mit einer sehr verwegenen vornehmen Miene hin und speiste. Und wer war dieser vornehme Gast? Ein Bettler, den ich oft auf der Straße und vor der Kirche hatte liegen sehen und mit wimmernder Stimme sein »fratello, dà al tuo povero fratello una limosina« ausrufen hören. Hier erschien er anders. Sein Gespräch enthielt gleich Urteile über die Menschen und über das Neue, was sich gestern und heute in der Stadt zugetragen. Alles, was er sagte, war kurz und treffend. So sprach er über den Verfall und das Sinken alter großer Familien in Rom! »Heute sah ich die Duchesse N.N. mit ihrem Gefolge in die Kirche gehen; sie gab mir noch das Almosen, aber wie knapp! Seidem der Sohn verheiratet ist, vergeht das Haus. Noch gestern abend verspielte er soundsoviel. ? Die neue Verordnung der Kammer wegen des Getreides hat der Kornhändler N. bewirkt und bringt dem Staate soviel Schaden. ? Das Haus des N. erhält sich noch immer in seiner Würde, zwar eingeschränkt an Pracht, aber seine Hoheit im Almosenspenden besteht, und es geht seinen alten Gang; alle Bedienten der Voreltern sind noch im Hause, alle in Ruhestand gesetzten Bedienten erhalten pünktlich ihr Gehalt, ed il decoro della casa resta immobile.«[266] Einen anderen alten Bettler sah ich zuweilen in den Osterien in Rom, der mir nicht minder interessant war. Man nannte ihn »il gobbo Casparo«; er hatte eine vortreffliche Tenorstimme und unterhielt damit das Volk auf der Straße, wenn er bei Laune war, sehr gut. Dieser Mensch brauchte nur ein paarmal eine Arie aus Opern singen zu hören, um sie gleich richtig nachsingen zu können. Oft habe ich auch unter seinen gedrängten Zuhörern auf der Straße gestanden und mich besonders an seiner komischen Gestalt ergötzt, wenn er (der bucklige Kaspar) die Bravour-Arie eines Helden sang, z.B. Alexanders des Großen! Dann sagte er vorher in voller Begeisterung zu den Umstehenden: »Macht mir Platz, damit ich den erhabenen Helden würdig vorstellen und mich in seinen Charakter ganz versetzen kann.« So ging er bis an die Mauer des Hauses zurück, trat auf einmal hervor und begann seine Arie, die die Zuhörer erschütterte und in eine wahrhaft erhabene Stimmung versetzte. Ich hörte, wegen dieses Mannes habe man sich in seiner Jugend viel Mühe gegeben, um seine seltenen Anlagen und schöne Stimme auszubilden; Fürsten hätten ihm Wohnung in ihren Palästen, schöne Kleider, Geld und die besten Kapellmeister zu Lehrern gegeben und überhaupt alles mögliche angewandt, um ihn die Musik aus dem Grunde lernen zu lassen. Aber er habe dies nur eine kurze Zeit ausgehalten und bald seine schönen Kleider weggeworfen und gesagt, das mache ihm zuviel Mühe, die zu schonen, und das Lernen sei ihm unausstehlich, er wolle keinen Zwang und lieber arm, aber frei und frank wie zuvor leben. Ich war begierig, diesen Alten näher kennenzulernen, und da ich in seinem Kopfe Charakter sah, redete ich ihn einst an, als er an einer Straßenecke lag, und sagte zu ihm, daß ich ihn gern abzeichnen möchte, ob er gegen Bezahlung zu mir kommen wolle? Man gibt gewöhnlich drei Paoli in Rom dafür. Er war damit zufrieden. Ich zeigte ihm das Haus und bestimmte die Stunde. Am anderen Morgen war er genau um[267] die festgesetzte Zeit bei mir. Ich fing gleich an, seinen Kopf zu zeichnen, der sehr charakteristisch und ungewöhnlich war, ein Gemisch von Kraft, Unbill und Selbstgenügsamkeit. Ich suchte ihn im Gespräch auf seine Lebensweise zu leiten. Er erzählte mir, das Freie, Fröhliche habe ihn immer angezogen. Die Schönheit und der Menschen schöne Werke, la grandezza e magnificenza zu sehen, habe ihn gereizt, nach Spanien zu gehen, wo er sich erfeut habe; doch gebühre Rom der Vorzug. Dies sei der würdigste Fleck der Erde, wo Hoheit und Schönheit beisammen wären und wo sich auch am wohnlichsten leben lasse. Sein größtes Behagen sei, im Kreise unbefangener, guter Freunde ein Gespräch zu halten; Rom sei angefüllt von köstlichem Genusse für Auge und Ohr! »Will ich der Welt Schönheiten sehen, so werfe ich mich an einer Straßenecke auf die Erde, im Winter in die Sonne, im Sommer in den Schatten, und sehe das Gewimmel der vor mir vorbeitreibenden Menschen und ergötze mich an den blühenden Gestalten und schmuckvollen Schönheiten, die daherwallen. Ist ein Fest, o dann gibt's in diesem Strome frommer Christen sättigenden Genuß fürs Auge! Dann lege ich mich auf der Kirchentreppe nahe am Eingange nieder; und will ich noch mehr Genuß, so gehe ich hinein und lege mich einer Kapelle mit einem schönen Bilde gegenüber und höre die Musik. Was kann köstlicher sein, als, indem das Auge die Kunst des Malers, des Bildhauers und des Architekten bewundert und sich ergötzt an den mit prächtigen Blumensträußen gezierten Altären, vor denen Gottes schönste Blüten, kindliche, fromme Menschen in heiliger Andacht knien, das Ohr begierig die schwellenden Töne des himmlischen Gesanges einsaugen zu lassen und so in unnennbarem Entzücken zu schwimmen. Alles dieses ist mein und kann mir nicht genommen werden, und diese meine größte Freude kostet nichts! Dann«, fuhr er fort, »habe ich auch Bekanntschaft mit den Kustoden der Galerien; die wollen mir wohl und laden mich oft freundlich[268] in die schönen Bildersäle ein, wo ich denn mit Muße die schönen Gemälde betrachten kann. So kenne ich fast alle Schätze, die Rom besitzt.« Ich fragte ihn hierauf um seine Meinung über manches Bild. Zu meiner großen Verwunderung gab er mir fast lauter Urteile, die mit denen der Kenner übereinkamen. »Welches Bild hältst du denn für das vorzüglichste in Rom?« fragte ich ihn. »Das ist keiner Antwort wert«, versetzte er, »denn das schönste und angenehmste Kunstwerk spricht sich genugsam aus!« ? »Nun welches denn?« ? »Das Göttermahl, die Hochzeit der Psyche von Raffael in der Farnesina! Da sind die göttlichen Gestalten versammelt! Alles ist festlich mit Kränzen und Girlanden aufgeschmückt; hoch, erhaben und freundlich schweben die Götter und Göttinnen in der blauen Luft, ohne daß sie, wie wir anderen Sterblichen, Grund unter ihren Füßen nötig haben. Wenn ich mich recht vergnügen will, bitte ich den Kustode, mir den Saal aufzuschließen. Hier lege ich mich auf den Boden und kann nicht aufhören, diese seligen Wesen über mir zu beschauen, dafür singe ich ihm dann eine Arie, auch zwei, auch wohl drei!« Im Laufe des Gesprächs fragte ich ihn, was er, da er gar kein Gewerbe treibe oder andere Einkünfte habe, anfange, wenn Tage kämen, wo ihm die Geschenke mitleidiger Menschen mangelten? »Das geschieht nie«, war seine Antwort! »Der schlechteste Tag bringt mir 3 Bajocchi ein, und ich habe nur 11/2 nötig, um zu essen und zu trinken, also 11/2 überflüssig. Sollten mir auch diese fehlen, so esse und trinke ich doch, denn viel sind meiner Bekannten und meiner Freunde. Die Wirte, wo ich mein Geld verzehre, haben mich gern und borgen mir, da ich nichts anderes nötig habe als ein wenig Suppe, ein Glas Wein und ein Stückchen Brot. Kommt mir die Lust an, zu essen wie die Fürsten, so habe ich es gleich. Ich brauche nur in irgendeinen Palast eines Großen zu dem Koch zu gehen und ihm eine Arie zu singen; dann bekomme ich Pasteten, Braten, den besten Wein, Malaga, Gebackenes[269] und Zuckerwerk. Doch wahrlich, es schmeckt mir besser, wenn ich im Winter um ein Kohlenfeuer für meine drei Bajocchi im Kreise vertrauter Freunde esse.« Amazon.de Widgets Es schien mir immer mehr der Mühe wert, einen solchen Charakter recht ausführlich und genau in der Zeichnung darzustellen. Zwei Vormittage hatte ich schon daran gearbeitet, aber die Vollendung schien immer schwieriger zu werden. Nun ging ich wieder zu ihm an die Straßenecke, wo er gewöhnlich saß, und bat ihn, heute wiederzukommen. Er schlug es aber rund ab und sagte, er möchte heute nicht die Treppe steigen. Ich erwiderte ihm, er habe gewiß kein Geschäft oder andere Einnahme zu erwarten, die drei Paoli wert sei, welche ich ihm gäbe; er möge sich also entschließen und zu mir kommen, da ich meine Arbeit danach eingerichtet und diesen Tag dazu bestimmt habe. ? »Das mögt Ihr wohl für Euch getan haben«, antwortete er, »aber bei mir steht der Sinn nicht danach, heute bei Euch zu sitzen; ich bin alt und mag die Treppe nicht steigen. Verdenkt es mir also nicht, denn ich würde es mir verdenken, wenn ich es täte.« All mein Bereden und Versprechen half nichts. Er antwortete mir gar nicht mehr. Das milde Klima, die leichte Art, den Körper zu bedecken und zu nähren, die nachsichtige Regierung, welche meistenteils die Menschen ganz nach ihrem freien Willen leben und handeln läßt, alles kommt zusammen, um in Rom mehr als an jedem anderen Orte Menschen finden zu lassen, die ihren Charakter ungebändigt und rein aussprechen. Selbst die Kirche begünstigt dieses, indem sie die schützt, welche eigenmächtig Rache nehmen, und so den verkehrten Glauben nährt, daß nur durch diese der Zorn zu besänftigen sei. So kam einst ein Mann, aus Bethlehem gebürtig, nach Rom. Er war voll Fanatismus für die Lehre Christi, nannte sich dessen Landsmann und predigte auf den Straßen, wo sich viel Volk um ihn versammelte. Es wurde ihm freilich einige[270] Male untersagt, weil er nicht dazu berufen sei und Unordnung verursache, allein er hielt sich als Landsmann Christi doch dazu berufen, und wenn er von der einen Straße weggewiesen wurde, begann er in einer anderen seine Predigt von neuem. Eines Tages predigte er auf Monte Cavallo, nicht weit von der Wohnung des Papstes, und da er keinem Gebote, sich hinwegzubewegen, Gehör geben wollte, so wurden Sbirren ausgesandt, ihn gefänglich einzuziehen. Allein, auch denen widersetzte er sich, sie für Diebe, Mörder und Häscher scheltend, und drohte ihnen, wenn sie ihn ferner in seinem heiligen Amte beunruhigten, sie zu behandeln wie sie verdienten. Aber diese bemächtigten sich seiner und paternosterten ihn. Dies geschieht auf folgende Weise: Man schlingt eine kleine eiserne Kette mit runden Kugeln um das Handgelenk, was so schmerzhaft ist, daß der stärkste Mann durch die unerträgliche Pein, welche die Kugeln auf den Knochen verursachen, folgsam wird! Dieser Mensch aber achtete dessen nicht und suchte sich mit Gewalt von der Kette zu befreien, die, je mehr er sich anstrengte, sich um so fester zuzog. Nun wurde er wütend, und mit der Kraft eines Rasenden streifte er durch einen starken Ruck samt der Kette Haut und Fleisch wie einen Handschuh ab. Darauf fuhr er auf die erschrockenen Häscher los, schmetterte mehrere von ihnen zu Boden, eilte zum Palaste des Papstes, bahnte sich gewaltsam einen Weg durch die Schweizer Wache und drang so in die Zimmer des Papstes. Vor diesen trat er hin: »Statthalter Gottes auf Erden, deine Diener der weltlichen Regierung schicken Häscher, welche Diebe und Mörder fangen sollen; allein sie unterstanden sich, mich, einen Landsmann Christi, anzufassen, während ich Christi Lehren predigte, um das sündhafte Volk vom Wege der Hölle auf den allein seligmachenden Weg zum Himmel zu leiten. Sieh, wie ich blute! Diesen Handschuh streifte ich ab und das ganze Lederkleid, welches das sündige Fleisch bedeckt; das ist kein Schmerz, denn meine[271] Seele hängt an dem Erlöser!« Der Papst und die Kardinäle erschraken; doch besannen sie sich bald und wußten die Sache zum Vorteil zu wenden, indem sie ihn zum griechischen Beichtvater an der Peterskirche ernannten. Später traf ich diesen Menschen einmal bei dem russischen Etatsrat Fomrisin, wo ich zufällig äußerte, daß der Martin Luther doch der erste Heilige wäre. Dies brachte den Bethlehemiter so auf, daß er mir seine Kalotte geradezu ins Gesicht warf. Einst hatte ich Gelegenheit, noch einen solchen kräftigen, jähzornigen Menschen zu sehen. Ich war mit einer Gesellschaft Römer nach Fiumicino gefahren, wo der Tiber ins Meer fließt, um dort am Strande frisch gefangene Fische zu essen, welche die jetzigen wie die alten Römer noch immer für die köstlichste Speise halten. Die Gesellschaft bestand aus munteren, kraftvollen Männern, worunter mehrere waren, denen das Messer nur lose in der Scheide saß und die keine vermeinte Beleidigung ungestraft hingehen ließen. Wir waren unterwegs recht lustig, es wurde fleißig getrunken, so daß die Köpfe heiß und die Stimmen laut wurden. Hier angelangt, machten wir gleich den Handel mit den Fischern am Ufer richtig und kauften, wie das hier gewöhnlich ist, den künftigen Fang im voraus auf gut Glück. Während das Netz ausgeworfen wurde, machten wir Feuer mit dem vom Meere angespülten Holze und setzten Kessel und Pfannen darüber. Der Fang fiel so glücklich aus, daß mehr Fische herausgezogen wurden, als wir brauchten. Nun ging das Hochleben recht an. Die Italiener sind fast alle auch Köche und verstehen wenigstens ebensoviel davon wie unsere deutschen Frauen. Jeder war beschäftigt; dazu kamen noch die mitgebrachten Pasteten und Braten. Es ward wacker geschmaust und tapfer getrunken. Als nun das Mahl in lauter Fröhlichkeit und Lust geendigt war, wollte die Gesellschaft diese sandigen Ufer mit den interessanteren auf der anderen Seite des Tiber,[272] wo große Ruinen lagen, vertauschen. Wir gingen also an dem Tiber hinauf und suchten einen Kahn. Endlich fanden wir einen Mann, der saß am Ufer des Flusses und schnitzte mit dem Messer an einem Holze. Diesen fragten wir, ob nicht ein Kahn in der Nähe sei? Er bejahte es, blieb aber in seiner gebückten Stellung sitzen und schnitzelte fort. Dann wurde er gefragt, ob er nicht den Kahn gegen eine Vergütung herbestellen wolle? »O ja«, sagte er, »das will ich tun«, fuhr aber immer fort zu schnitzeln. »So mach geschwind, wir haben Eile«, ward ihm zugerufen. »Gleich«, erwiderte er und schnitt noch den letzten Span von seinem Holze im langsamen Aufstehen. »Geschwind, geschwind!« riefen die meisten mit heftiger Stimme. Er schaute verwundert auf und sah uns an. Nun sprang einer aus der Gesellschaft, ein ausgezeichneter Bramarbas, vor ihn und fuhr ihn mit drohender Stimme an: »Mach geschwind, oder ich werde dir Beine machen, du phlegmatischer Klotz!« ? Nun stand er auf, richtete sich immer höher und schien größer zu werden. Der Zorn stieg ihm in den Kopf, er blies den Odem aus der Nase, wie wenn gepreßter Wind durch eine Röhre braust; leuchtend rollten die Augen, und wie ein schwarzes Donnerwetter, worin Tod und Verderben, zog es sich um die Augenbrauen. So ergriffen und bemeistert von Zorn, stand er ohne Bewegung und Stimme da, das Messer in der Hand, das Holz auf der Erde. Sein Blick war so erschreckend, daß die Gesellschaft mehrere Schritte zurücktrat. Dann begann er mit Donnerstimme: »Verflucht sei eure Seele, die ich gleich aus dem Körper jagen und dorthin senden werde, wo ich schon so manche hingesandt habe; und das waren ganz andere Männer als ihr elenden, übermütigen Würmchen! Wißt! Io sono uomo e Romano! So laß ich nicht mit mir sprechen! Darum bin ich hier in dieser Wüste! Ist das eine Art, einen Mann anzureden, der euch willig einen Dienst tun will?« Die Gesetzteren aus unserer Gesellschaft suchten ihn zu besänftigen[273] und sagten, es sei nicht so gemeint gewesen und nur im Scherz gesagt. »Was euch Scherz ist, ist mir Ernst«, entgegnete jener, »auch in meiner unglücklichen Verbannung wollt ihr leichtsinnige Übermütige mich beunruhigen? Mein Glück habe ich verloren, weil ich Wahrheit von Falschheit, Recht von Unrecht, Scherz von Ernst trennen wollte! Ich bin, tue und fühle noch im Unglück, was ich im Glück tat! Nichts unausstehlicher ist mir, als frecher Übermut! Ihr Frevler! Entfernt euch aus meinen Augen!« Zu mehrerer Verständlichkeit dieser Worte muß man wissen, daß diese Gegend öde, wüst und ungesund ist und oft große Verbrecher zur Strafe hierherverbannt werden, welche auf die Büffelochsen in den Sümpfen achten müssen, und die einzigen Menschen sind, die man hier von Zeit zu Zeit gewahr wird. Man kann sich nichts Traurigeres denken als den Anblick dieser Gegend. Es scheint alles ausgestorben zu sein; Sand oder Sumpf läßt keinen Baum, keine frische Pflanze wachsen, nur einige dürre Meeruferpflanzen erblickt man hier und da. Kein Leben regt sich, nur die Wellen, welche ans Ufer laufen. Nur die lustige und fröhliche Gesellschaft hatte bei den meisten von uns die düsteren Umgebungen vergessen machen; mir gewährte außerdem der Fischfang viel Freude. Unter den gefangenen Fischen befand sich der Zitteraal, der, sowie er angerührt wird, einen elektrischen Schlag von sich gibt. Außerdem wurde ein kleines Fischchen mit herausgezogen, welches die Fischer gleichfalls nicht anrühren, sondern, sobald sie es sehen, ein Loch in den Sand machen, es hineinstoßen und dann niederstampfen. Sie sagen, es steche und sei giftig. Ein Mann aus unserer Gesellschaft bestätigte dieses, denn da er den kleinen Fisch nicht kannte und ihn anfaßte, wurde er durch den Kamm, welchen der Fisch gleich einem Barsche auf dem Rücken hat, zwischen die Finger so gestochen, daß er sich vor Pein in dem Sande herumwälzte. In dem aus dem Meere gezogenen Schilfe untersuchte ich[274] die Bewohner des Schlammes und fand manches wundergestaltete Gewürm. Dann sondierte ich auch die Fischarten und fand darunter einen Fisch, dem saß ein Insekt, ein gepanzerter Käfer, hinter dem Ohre fest angeklammert und sog seine Nahrung aus dem Fische. Der arme Fisch war mager und krank, denn er konnte sich auf keine Weise von diesem Feinde befreien. Ich erschrak. »Frei wie ein Fisch im Wasser«, pflegt man zu sagen, und dieser arme Schwimmer, dem das große Weltmeer offensteht, hat seinen Feind beständig an sich und trägt ihn mit sich, wohin er auch geht! ? So angeklammert trägt mancher Mensch auch seinen Feind an sich, der ihn nagt und aussaugt und den er vergebens abzustreifen versucht! ? Ich bemühte mich, das Insekt loszureißen. Dies schmerzte den Fisch, denn er riß das Maul weit auf und erregte Mitleid ohne Laut und Stimme. Wie es losgetrennt war, sah die Stelle, woran es gesessen, rotgelblich aus wie eine alte Wunde, die in Fäulnis übergeht; es lief auch ein gelber Saft heraus. Ich gab dem Fische die Freiheit wieder, er war aber so kraftlos, daß ihn die Wellen lange wälzten, ehe er in die Tiefe kommen konnte. Die Fischer nennen dieses Insekt, das ungefähr von der Größe eines großen Pfirsichsteines ist und dessen scharfe Füße durch die Fischschuppen gehen, eine Fischlaus. 
 Akademiedirektor in Neapel  [319] Ich war eben in Portici und arbeitete da, als ich hörte, der Akademiedirektor Bonito sei plötzlich gestorben. Er hatte sich erhitzt bei dem vielen Visitemachen. Seiner Schuldigkeit gemäß mußte er seinen Oberen und Bekannten die Gnade des Königs anzeigen, von dem er mit einem Orden beehrt und zum Kavalier gemacht war. Die Schwierigkeit gegen die Veränderungen, welche man mit der Akademie im Sinne hatte, war nun gehoben und der Zeitpunkt da, diese Anstalt auf einen besseren Fuß einzurichten. Man hatte deshalb schon vor Jahren mit Mengs Unterhandlungen angeknüpft. Ich bat den König um die Stelle des Direktors der Akademie und sagte ihm, daß es aus keiner anderen Absicht geschehe als aus Liebe für die Kunst, indem ich glaube, mit meinem wenigen Wissen die jungen Kunststudierenden auf bessere Wege leiten und mit Beistand und Hilfe Sr. Majestät in kurzer Zeit Beweise eines guten Fortganges zeigen zu können. Ich sagte ihm ausführlich, was ich bis jetzt in der Kunst erlernt hätte und daß ich in vielen Fächern bewandert wäre, Historienbilder sowohl im großen als im kleinen malte, desgleichen Porträts, Tiere und Landschaften, und daß ich schon viele Zeichnungen als Vorrat zu Modellen, auch selbst Bilder von alten Meistern hätte, welches alles den Kunstjüngern zugute kommen würde. Hierauf äußerte der König sich sehr gnädig: »Wir kennen Euch und wissen, was Ihr leistet«, denn er sah mich täglich, weil ich den beiden Prinzessinnen Zeichenunterricht[320] erteilte, und er fügte daher hinzu, daß er alles mit beitragen wolle zum guten Fortgange der Kunst. Nun waren aber viele, die nicht die reine Absicht für die Kunst hatten, sondern nur für sich besorgt waren, und diese verursachten das Verzögern der Resolution. Ich hörte, daß viele Gesuche eingegangen wären, und ich bat deshalb in einer Audienz den König nochmals, so gnädig zu sein, einen Concorso anzuordnen, zu welchem jeder Bewerber ein Bild male, worin er Wissenschaft und Kunst zeige, welche einer besitzen müsse, der eine Akademie dirigieren solle. Fände sich einer, der die Sache besser verstände als ich, so würde ich der erste sein, welcher für ihn stimmte. Auf diese Weise könnte sich keiner beklagen, und auch das Publikum sähe, daß kein Unfähiger begünstigt würde. Zur Vollendung dieses Bildes sollte man den Konkurrenten ein Jahr Zeit und freie Wahl des Sujets erlauben, nachher aber die sämtlichen Bilder zur Schau in der Akademie aufstellen. Der König nahm das gnädig auf, aber es währte wieder lange Zeit, ehe eine Anordnung erfolgte. In der Sekretaria, wo alle Sachen ausgearbeitet werden, hatte man etwas ausgeheckt, womit man mir den Rang abzulaufen dachte. Sie sagten: »Die Deutschen sind kalte, phlegmatische Köpfe; mit ihrer Geduld und ihrem Fleiße können sie durch mühsame Arbeit wohl etwas herausbringen, wenn man ihnen Zeit läßt, allein es fehlt ihnen an Feuer des Geistes und an schneller Imagination. Wenn sie nichts vor sich haben, das sie treu nachkopieren können, so wissen sie nichts anzufangen, denn was ihnen gänzlich fehlt, sind poetische und malerische Ideen.« Auf diese Meinung hatten sie nun einen Plan gebaut, und so erhielt ich denn endlich ein Dispaccio, mich in der Kanzlei einzufinden, um den Willen des Königs über den anzustellenden Concorso zu vernehmen. Das war die Sekretaria des Prinzen Belmonte, Präsidenten der schönen Künste. Als ich dort hinkam, fand ich alle Bewerber versammelt, und der[321] Sekretario las uns vor, Se. Majestät verlangten eine Probe, in welcher sich der Geist zeige, womit ein Maler begabt sein müsse, um all' improvviso den Entwurf zu einem historischen Bilde zu machen, ohne irgendein Hilfsmittel vor sich zu haben. Wer sich diesem unterwerfe, der müsse sich in ein Zimmer, in welchem nur die vier Wände zu sehen wären, einschließen lassen, dürfe kein Papier, keinen Kupferstich noch sonst das Geringste in der Tasche mitnehmen. Herr Monjai habe den Befehl, auf das alles zu achten. Die Maße des Bildes seien sechs Fuß Länge und drei Fuß Höhe; jeder Konkurrent könne nun die Leinwand bereiten, und wenn dies geschehen, werde der Gegenstand bekannt gemacht werden, dessen Entwurf dann in drei Wochen fertig sein müsse. Hierauf wurde ich um meine Erklärung befragt. Ich sagte, es befremde mich, daß man eine Skizze zur Preisaufgabe für die Erteilung einer Direktorstelle mache. Ich hätte gewünscht, ein großes Bild zu malen, worauf man ein Jahr wenden und zeigen könnte, was man wüßte, ein Bild sowohl mit nackten männlichen und weiblichen Figuren, als auch mit bekleideten; denn das sei es, was der Lehrer den Schülern in der Akademie zeigen müsse. Aber da sie es wollten, wäre ich auch bereit, und nicht allein in Zeit von drei Wochen, sondern in drei Tagen, und wenn sie doch nur einen Entwurf sehen wollten und glaubten, die Kunst bestände darin, so wollte ich ihn auch in drei Stunden machen. Und damit sie aufs Gewisseste sähen, daß kein fremder Rat und keine Hilfsmittel angewendet würden, so wollte ich es nicht im verschlossenen Zimmer, denn da könne man nicht wissen, was einer arbeite, sondern öffentlich machen, in Gegenwart einer Gesellschaft, in Gegenwart sämtlicher Konkurrenten, auf einem öffentlichen Platze, wenn es sein müßte. Nun wurden die anderen gefragt. Die guten Männer waren ganz betroffen, der eine sagte: »Eine Skizze in drei Wochen? Eingeschlossen in ein leeres Zimmer? So leicht setze ich meine Ehre nicht aufs Spiel. Der König[322] und das Publikum kennt meine Verdienste.« Er nannte nun alle Kirchen, in welche er Altarbilder, und die Paläste, für die er Plafonds mit Beifall gemalt habe: »Hiernach mag jeder urteilen und mich für würdig oder unfähig erklären!« Nun kam die Reihe an den zweiten, an den dritten usw., und alle sagten das nämliche. Ich blieb also ohne Mitbewerber. So verstrich wieder einige Zeit, ohne daß Entscheidung erfolgte. Dann trat einer auf, der mit mir konkurrieren wollte. Er hieß Domenico Mondo, ein Freund des Sekretärs, der die Ausfertigung im Fache der Künste zu machen hatte. Wir wurden zusammen nach der Akademie berufen und uns noch einmal die geschärften Bedingungen vorgelesen. Nach acht Tagen fanden wir uns ein, und der Sekretär las uns das Sujet vor: »Massinissa, wie er seine ehemalige Geliebte Sophonisbe, die Gemahlin des numidischen Königs Syphax, gefangennimmt.« Anstatt sogleich zur Arbeit zu schreiten, ging ich auf die Höhe des Posilipp, wo man die weite Gegend und das Meer übersieht. Hier dachte ich mir die stolze, nun gefangene Afrikanerin, wie sie ihren Landsmann bittet, sie von den Römern zu erretten oder zu töten, und den Sieger, wie er von der besiegten Gefangenen wieder besiegt wird. Sie flehte zu ihm, und nun ist er der Flehende. Unter dem Tore der eroberten Stadt treffen sie zusammen, sie von ihrem weiblichen Gefolge begleitet, er an der Spitze seiner Krieger. ? Als ich es mir nun recht vorgestellt hatte, machte ich mich an die Arbeit. Nach fünfzehn Tagen, also in der Hälfte der Zeit, war ich mit der Arbeit fertig. Ich schrieb unter mein Bild: »Chi non può quel che vuole, voglia ciò che può.« Mein Mitbewerber wurde in den drei Wochen nicht fertig und mußte noch um die Hälfte Zeit bitten. Der Prinz Belmonte brachte beide Bilder in das Apartement des Königs, wo sie von der ganzen königlichen Familie betrachtet wurden. Es war eine Gaukelei von den Sekretarien,[323] welche bei meinem öfteren Andringen zu mir sagten: »Wir sind es allein, welche die Sache machen, und wenn Ihr den König und die Königin und den ganzen Hof und die ganze Stadt auf Eurer Seite habt, so hilft es Euch nichts, wenn wir nicht wollen, denn wir haben die Papiere in Händen, worauf es ankommt, die drehen und wenden wir nach unserem Belieben, und wenn uns die Sache nicht recht ist, so lassen wir die ganze Akademie fallen.« Ich hatte im Grunde meinen Spaß an diesen Intrigen, um so mehr, da ich ihnen zum Trotz mir die Stelle auf eine ehrenvolle Weise eroberte. Den König bat ich noch dazu, er möchte meinem Mitbewerber die Hälfte des Gehalts und des Amtes geben. Dies gewann mir noch mehr die Neigung des Königs und aller Neapolitaner. Mondo, der alte achtzigjährige, gute Mann, konnte mir nicht im Wege sein. Ich hatte ihn früher gar nicht gekannt, aber wir wurden von nun an Freunde. Er war der Sohn des Stadtsekretärs von Neapel, was eine ansehnliche Stelle ist. Sein Vater, ein sehr gelehrter und geachteter Mann, hatte nur diesen einzigen Sohn. Er ließ ihn in schönen Wissenschaften und Künsten unterrichten und zum Solimena in die Schule gehen, um die Malerei nicht zum Erwerb, sondern als Dilettant zu lernen. Dabei hinterließ er ihm ein schönes Landgut, wovon er reichlich leben konnte; aber es war sein Schade, daß er auf einem zu großen Fuß erzogen war, und so durfte er sagen: »Groß und edel handeln, wie mich es mein Vater gelehrt, hat mich zum armen Manne gemacht.« Er war zu gutmütig, um auf seinen Vorteil zu denken, er konnte kein Elend sehen und schenkte alles weg. Bei seinen hohen Jahren war er kränklich und litt sehr an Podagra und Chiragra. Die Schmerzen quälten ihn zum Erbarmen und manchmal so arg, daß er laut schrie. Man durfte ihm dann nicht einmal nahe kommen, und wenn er nur eine Fliege gegen sein Bett summen hörte, jammerte er schon, als ob ihm die Gebeine zerschmettert würden.[324] Wenn ihn aber die Schmerzen verließen, so war er wieder heiteren Geistes, musizierte und schrieb Gedichte, womit er Übermütige geißelte. Die lateinischen Autoren und die besten italienischen Werke, besonders die Gedichte von Dante, Ariost, Petrarca und Tasso, wußte er beinahe auswendig, und ihn anzuhören, wenn er daraus deklamierte, war sehr unterhaltend. Er erzählte mir auch einst, daß sein Ältervater, ein gelehrter Mann, der ein Landgut dicht bei Capua besessen habe, Freund mit dem Cervantes gewesen sei. Dieser habe damals als Offizier in spanischen Diensten gestanden und oft seinen Freund Mondo besucht. Da habe er denn geklagt, daß seine häusliche Glückseligkeit nicht die erfreulichste sei, indem er mit aller Vernunft und Geduld seine Frau nicht zur Einigkeit bringen könne. Diese habe nämlich ihr Los, einen Narren zum Manne zu haben, für unerträglich gehalten und beim Beichtvater und anderen ihn, den Cervantes, verklagt, weil er häufig im ernsthaftesten Gespräche abbräche und wie ein Unkluger laut lachte, wohl gar von Tisch und Bette aufspränge, an sein Pult liefe, anfinge zu schreiben und immerfort dabei lachte, ohne daß sie doch die Ursache davon wüßte. ? Dieses Sujet benutzte ich später zu einem Bilde. Die Akademie sollte mit Pomp und unter Pauken- und Trompetenschall eröffnet und die Direktoren mit einer Rede feierlich eingeführt werden. Ich äußerte mich dagegen und bat, die Kosten, welche dadurch veranlaßt würden, lieber auf etwas Wesentliches für die Akademie zu verwenden. Jenes Gepränge und lärmende Wesen schicke sich besser für ein Regiment Kavallerie als für eine Versammlung junger Leute, die sich im Zeichnen üben wollten. Wir müßten diese Akademie ansehen, als sollte sie erst werden, und da sei viel anzuschaffen. Ganz langsam aber müsse angefangen und von Stufe zu Stufe allmählich fortgeschritten werden, dann könne man zu etwas Großem gelangen. Jede Beihilfe dazu sei willkommen; Abgüsse aber von Antiken[325] und die Unterstützung einiger junger Leute, welche Talent zeigten, das sei das erste und notwendigste. Dies alles wurde versprochen und kam auch über mein Erwarten in Erfüllung. Nun wurde die erste Akademie gehalten, wo nach dem nackten Modelle gezeichnet werden sollte, und es versammelten sich sehr viele junge Leute. Alle die vielen Zeremonien von orientalischer Höflichkeit, womit sie den Direktor zu verehren pflegten, verbat ich mir, ließ den für mich hingestellten Lehnstuhl in die Mitte des Zimmers gerade dem Modelle gegenüber als Ehrenstelle für den besten Zeichner hinsetzen. Hier, vor der lebendigen Natur, sagte ich, und vor den Antiken wären wir alle arme Sünder. Wenig wüßte ich, und wenig könnte ich sie lehren. Was ich gelernt hätte, wollte ich ihnen mitteilen, so gut ich es verstände; aber wer es besser lehren könnte, das wären die Antiken, die müßte ein jeder zu Rate ziehen, diese zeigten das Vollkommene und das, was mangele. Dann setzte ich mich zwischen sie auf die Zirkelbank und zeichnete. Als die erste Stunde vorüber war und das Modell ausruhte, ließ ich mir die Zeichnungen der jungen Leute vorlegen. Da sah ich, daß keiner einen Begriff davon hatte, wie man zeichnen soll. Einige waren schon damit fertig, nach ihrer Gewohnheit, jeden Abend eine Zeichnung hinzuwerfen; das nannten sie alla Solimenasco. Die meisten Figuren waren nicht im Verhältnis, einige hatten so große Köpfe, daß unten das Papier nicht ausreichte und die Gestalt nur bis an die Waden hinkam. Man war es so gewohnt, die Füße daneben zu zeichnen. Nun wies ich ihnen, wie man eine Figur anfangen müsse, erst in der Mitte, von da aus, nach oben und dann nach unten; so erhalte man die rechte Länge, und von einem geraden Strich in die Länge aus nach beiden Seiten gezogen, die rechte Breite. Amazon.de Widgets Den zweiten Abend zeigte ich ihnen, wie man eine Figur entwirft, so daß ein Teil mit dem anderen harmoniert, die[326] Verhältnisse des einen zum anderen und die Hauptteile, aus welchem eine Figur besteht: Brust und Leib, Kopf, Schultern, Arme, Schenkel und Füße; ferner die Teile, welche unverändert bleiben, wie z.B. der Brustkasten, und die, welche sich, bei Wendungen verändern und sich vor- und hintereinander schieben. Diese Lektion war vielen sehr einleuchtend. Mein Unterricht und meine Aufmerksamkeit mußte in dem Grade von den ersten Anfängen ausgehen, daß ich sogar das Aufspannen des Papiers auf die Zeichenbretter lehrte, denn auch das konnten sie nicht. Sie brachten ein gerolltes Papier mit, und so verknickt es war, zeichneten sie darauf. Nun wies ich sie darauf hin, wie man das alles sauber und nett haben müsse, ohne das sei es unmöglich, eine reine und bestimmte Kontur zu machen: in der Reinheit und Bestimmtheit der Form bestehe der Wert der Zeichnung, und der beste Zeichner sei der, welcher eine Sache so klar und deutlich darstelle, daß man sie gleich erkenne und mit nichts anderem verwechsle. Ich verglich das Zeichnen mit der Rede. Wenn einer dem andern etwas sagen wolle und dabei stottere und die Worte durcheinander haspele, so werde niemand begreifen, was er eigentlich meine. Einen andern aber, der seine Worte gut ordne, die nötigen gebrauche, die überflüssigen weglasse und die bedeutenden rein ausspreche, den werde man verstehen. Ebenso sei es mit der Zeichnung, die müsse auch klar, rein und deutlich sein. Ganz unmöglich werde das aber bei einem so hingesudelten Machwerke mit vielerlei Muskeln, wo einer vor dem anderen nicht zu erkennen und zu unterscheiden sei und worunter sich auch manche fänden, die es in der Natur gar nicht gäbe ? sogenannte muscoli forestieri oder auch paniotti (runde Brote) genannt; jeder Muskel habe seine eigene Form, welche ihm gegeben werden müsse, wenn die Zeichnung gut sein solle. Einige Wochen später stellte ich das Modell in den Akt irgendeiner bekannten Statue,[327] damit sie die Formen vergleichen und sich helfen könnten, indem sie das, was sie in der Natur nicht fänden, an der Statue sähen. So ging ich denn immer weiter, sie auf die schöne Form aufmerksam zu machen. Oft ließ ich den Akt zwei Wochen stehen, damit sie sehen lernten, was sich am menschlichen Körper finde; denn wenn man einen Gegenstand so lange anschaut und untersucht, dann lernt man es auch finden. Einige von den jungen Leuten gefielen mir, und ich erkannte an ihren Zeichnungen, daß sie Talent hatten. Diese forderte ich auf, zu mir in mein Haus zu kommen und, was sie bis jetzt gemacht hätten, mitzubringen. Daraus könne ich am besten innewerden, was ihnen zu raten sei; ich wolle ihnen mit allem dienen, was in meinen Kräften stehe. Diese studierten nun bei mir nach meinem kleinen Vorrate von Originalbildern, nach Abgüssen von Antiken und nach Zeichnungen. Was ich gelehrt hatte, das breitete sich durch sie wieder in der Akademie aus, und so kamen sie allmählich zur Kenntnis der antiken Form. Durch den Ruf, welcher bei Eröffnung der Akademie sich von der besseren Einrichtung dieser Anstalt verbreitet hatte, waren auch einige Leute herbeigeführt worden, die sich als Modelle anboten. Alle aber, die ich besah, waren mir nicht schön genug gebaut. Ich hatte mich an verschiedene Personen mit der Bitte gewendet, wenn sie einen wohlgestalteten Menschen wüßten, der zum Modell dienen könnte, ihn zu mir zu schicken. Ich wünschte nämlich, oft mit dem Modelle zu wechseln und die verschiedenen Formen den Schülern geläufig zu machen. Die drei Modelle, welche ich vorfand, waren schon alt und eigentlich bis auf eins unbrauchbar. Zwanzigjährige Leute, wenn sie volle und ausgebildete Muskeln haben, sind im ganzen die besten; doch muß man auch mit älteren versehen sein. Gleich in der ersten Woche ereignete sich ein possierlicher Vorfall. Ich hatte die größte Stille während des Zeichnens[328] empfohlen und alles Sprechen, wenn es nicht durchaus nötig wäre, untersagt, damit nichts die Aufmerksamkeit der Studierenden abwenden sollte. Die Türen der Akademie waren für jedermann offen. Auch fanden sich viele Zuschauer, aber es war alles still, sie kamen und gingen. Eines Abends in der ersten halben Stunde, als alle ruhig zeichneten, drängte sich ein Mensch zwischen den Bänken bis zu mir heran, der ich etwa auf der zweiten Bank saß, stellte sich vor mich hin und sagte: »Signor Direttore! Ich habe gehört, daß Ihr ein schönes Modell zu haben wünscht; seht hier in mir das allerabbildungswürdigste, das Gott, der Schöpfer, je hervorgebracht.« Dabei zeigte er auf sein Gesicht mit einer erschrecklichen Nase und einem Munde, der von einem Ohre bis zum anderen reichte, wies seine höckerige Brust, die unter dem Kinn hervorstand, und wandte sich, um seinen hügeligen Buckel zu zeigen. Er zog sein Gesicht in allerlei Grimassen, deren fratzenhaften Ausdruck kein Pulcinella und keine Karikaturmaske erreicht. Neben dieser grotesken Gestalt hatte er des geschicktesten Buffone Gewandtheit in burlesker Sprache und warf mit satirischer Laune, mit Leichtigkeit und Naivität Worte und Gedanken auf das Lächerlichste durcheinander, so daß ihm schwerlich der ausgesuchteste Possenreißer auf einem Theater gleichkommen konnte. Dieser mißgestaltete Mensch mußte mich desto mehr befremden, als er aufs Schneidendste mit dem Gegenstande kontrastierte, welcher soeben meine Gedanken beschäftigte. Diese waren ganz auf die schöne Form gerichtet. Nebenher dachte ich auch daran, wie ich es machen sollte, einen gutgewachsenen Menschen zum Modelle anzuschaffen, und als ich von meiner Zeichnung aufblickte, stand mir das Gegenteil von dem allen vor Augen. Die ganze Akademie kam in Aufruhr, und ich selbst konnte mich des Lachens nicht enthalten. Doch faßte ich mich und sprach um so ernsthafter, als mir plötzlich der Argwohn entstand, ob mir nicht jemand, um mir einen[329] Possen zu spielen, diesen Krüppel zugeschickt habe. Ich verwies ihm, daß er sich erkühne, mit seinen Possen eine Störung zu machen an einem Orte, wo mit Ernst und Aufmerksamkeit studiert werde; er solle sich sogleich fortpacken, oder ich würde ihn transportieren lassen. Er erwiderte darauf: »Signor Direttore! Ihr werdet böse, weil ich mich zu dem, was Ihr sucht, anbiete! In der guten Meinung, Euren Wünschen im vollen Maße Genüge zu leisten, kam ich hierher; ich wollte Euch ein Original bringen, dessen Nachbildung Euch Ruhm und Ehre erwerben würde. Ihr könnt die Kopien nach aller Welt Enden schicken. Von allen Doktoren werdet Ihr Danksagungen erhalten!« Um dem Dinge ein Ende zu machen, wiederholte ich ihm, daß er gehen solle. Nun wurde er unnütz und sagte, es wundere ihn sehr, daß ich eine so unvergleichliche Gelegenheit so wenig erkenne und so unbedacht von mir weise. Damit ging er fort, und im Weggehen hörte ich ihn draußen noch laut und viel sprechen. Nun besann ich mich eines anderen und ließ ihn durch die Modelle wieder hereinrufen. Ich fragte, wer ihn geschickt habe? »Niemand«, sagte er, »ich kam aus eigenem Antriebe, um Euch einen Gefallen zu erzeigen.« ? »So ziehe dich aus; ich will sehen, ob du zum Modell gut bist.« Das wollte er nicht, aber die Modelle faßten und zwangen ihn. Da er sah, daß es Ernst war und man ihn nicht würde gehen lassen, so fing er in seiner burlesken Art wieder an, zog sich aus und sprang auf den Tisch. Das Modell, welches vorher gestanden hatte, sprang mit hinauf und sagte: »Nun wollen wir malerische Gruppen miteinander machen!« So gaukelten sie auf die lächerlichste Art auf dem Tische herum. Es war, um außer sich zu kommen vor Lachen, wenn man neben dem wohlgebildeten Menschen diese höckerige und purzlige Figur sah. Er glaubte, auf seiner Bühne zu stehen und sagte aus dem Stegreif lauter witzige Pulcinelladen her, welche erst die Verwunderung und dann das Gelächter aufs neue erregten.[330] Ich sah nun wohl, daß er ein geborenes Buffone-Genie war und, von Bekannten und Freunden aufgemuntert in solchen Späßen und Narrenstreichen, sich in den Kopf gesetzt hatte, daß er ein auserkorenes Werk der Schöpfung sei. In diesem Wahne hatte er sich nach der Akademie begeben, weil er glaubte, daß man dort das Wunderbare und Seltene suche. Ich machte nun der Posse ein Ende; er mußte sich wieder ankleiden, ich schenkte ihm etwas Geld und ließ ihn gehen. Er versicherte mich noch vielmal seiner reinen Absicht, welche ihn getrieben habe, mir einen Dienst zu erzeigen, auch sei er stets bereit, mir lustige Buffonerien vorzuspielen, und er ging zufrieden weg. Die Akademisten freuten sich, ihn gesehen zu haben, und die meisten hatten ihn in der Geschwindigkeit abgezeichnet. Ich erinnere mich bei dieser Gelegenheit, in der Villa Albani unter den Antiken von einem griechischen Künstler das Bild des Äsop gesehen zu haben, dessen Gestalt mit der dieses Genius für komische Darstellungen Ähnlichkeit hatte. Übrigens war mir es lieb, daß ich mich in dem Glauben, dieser Narr sei mir von einem verkappten Feinde zugeschickt worden, geirrt hatte. Auch konnte ich darüber nun schon ziemlich ruhig sein, denn seit die Akademie in so gutem Fortgange war, würde der, welcher mir etwas hätte anhaben wollen, es mit dem ganzen Publikum zu tun gehabt haben. Jeder sah klar, daß ich die Mühe aus Liebe zur Kunst übernahm, indem ich alle Vorteile, welche bei der Direktorstelle zu gewinnen waren, namentlich Geschenke, immer von mir wies und auch keinem Künstler Abbruch tat. Ich hörte einmal die Kavaliere klagen, daß gewisse Leute ihnen am Hofe, wenn sie in die Zimmer des Königs gingen, in der Tür immer auf die Fersen träten. Ich schämte mich, unter diese gezählt zu werden, und hielt mich daher zurück, weil ich des Königs Willen besser erfüllen zu können meinte, wenn ich die Kunst in seiner Stadt aufblühen mache. Besonders ging ich nicht hin an Tagen, wo Geschenke ausgeteilt[331] zu werden pflegten. Da war dann ein Gedränge, ein Begehren, ein Neid! Auch Kniep wollte nie zu Hof gehen, um nicht beneidet zu werden. Kamen Hofleute zu ihm, so nahm er sie höflich auf, aber er ließ sich nicht bereden, wieder hinzugehen. Einst trugen venetianische Bilderhändler dem Könige Gemälde an, angeblich von Raffael, Correggio und Tizian. Sie hatten den rechten Weg eingeschlagen und schon die Herren Sekretäre für sich gewonnen, die alles tun wollten, daß der König die Bilder kaufe. Der König aber sagte: »Tischbein soll sie taxieren und entscheiden, ob sie der Galerie wert sind und die studierende Jugend Nutzen davon haben kann.« Da erwiderte ich: »Nein.« Nun schrien die Herren, daß ich ihnen den kleinen Vorteil nicht gönne, den ihnen mein Jawort hätte zuwenden können. Als sie aber merkten, daß ich auf keine Art zu gewinnen noch zu bestechen sei, so schickten sie mir alles auf den Hals. Mein Augenmerk war darauf gerichtet, eine Akademie zu gründen, wo die Kunst erlernt werden könnte, und von wo aus der gute Geschmack sich überallhin verbreiten sollte. Ich mußte also bei der anwesenden Jugend anfangen. Für die Zahl der jungen Leute und der Kunstliebhaber, welche täglich zu mir kamen, war meine Wohnung nicht geeignet, wenn sie schon für mich die angenehmste war, die ich je gehabt habe. Sie lag in Chiaja, wo ich das Schönste des ganzen Golfes mit dem Vesuv vor mir hatte. Dennoch suchte ich mir ein Logis, wo ich alles von Kunstsachen gehörig aufstellen könnte, so daß schon der bloße Anblick von dem Aufgestellten unterrichte. In dem Palazzo, den Luca Giordano erbaut und auch bewohnt hatte, mietete ich mir die oberste Etage. Er hatte die schönste Lage an S. Lucia, gerade dem Vesuv gegenüber, wenige Schritte vom königlichen Palaste, wohin ich fast täglich gehen mußte. Wer war glücklicher als ich, so eine Wohnung gefunden zu haben, die, wenn auch etwas teuer, doch in allen[332] Stücken mir vorteilhaft und erfreulich war. Ich durfte auch hoffen, sie mit der Hälfte der Bezahlung für ein einziges, lebensgroßes Porträt zu bestreiten, denn sie hatte ein gutes Licht, welches ich mir vorrichten wollte, damit ich dadurch aufgemuntert würde, oft Porträts zu malen, wozu ich eben keine große Lust verspürte. In diesem Hause, worin Giordano so viele vortreffliche Bilder verfertigt hatte, hoffte ich, es werde seine praktische Fertigkeit auf meinen Geist wirken, und ich gedachte viel daselbst zu arbeiten; denn auch ich vermeinte eine Stimme zu hören, wie die von Giordanos Vater, der dem Sohne bei der Arbeit zurief: »Luca, fa presto!« Aber ich erfuhr bald, daß mir meine Freude nicht werden sollte. Ungeachtet des bündigsten Kontraktes, den ich in Gegenwart zweier Notarien mit Signor Giordano, einem Nachkömmling des Luca, gültig abgeschlossen hatte, gab ich doch aus freiem Willen die Wohnung auf, weil ich vernahm, daß meinetwegen der Hausherr mit einem Prinzen in einen Prozeß verwickelt werden würde. Dieser, welcher die unterste Etage bewohnte, hatte nämlich das Recht, das ganze Logis zu mieten, weil ihm aufgesagt wurde. Das durfte der Hausherr nicht, indem in Neapel unter der Regierung Karls ein Gesetz erlassen ist, welches den Mietern Ruhe verschafft. Vorher wurden sie von den Hausbesitzern auf das grausamste gequält, um ihnen Geld abzuzwingen. Jährlich erhöhte der Hausherr die Miete, oder man mußte ausziehen. Da das durch die ganze Stadt geschah, so konnten kaum mehr die vier Wände, worin sich der Mensch mit seiner Familie barg, bezahlt werden. Einer drängte immer den anderen aus dem Hause. Mancher, dem die Erhöhung der Miete angekündigt wurde und der die Kosten berechnete und die beschwerlichen Unruhen, welche oft sein Geschäft störten, bezahlte lieber mehr. Aber das Jahr darauf wurde ihm wieder gekündigt, oder er mußte noch höhere Miete geben. Dieser Unfug war auf das höchste gestiegen, als die alljährlich[333] gejagten Mieter das unumstößliche Gesetz erzwangen, daß kein Hausherr die Miete erhöhen und dem Mieter aufsagen dürfe, außer wenn der Besitzer die Wohnung selbst beziehen oder darin bauen wolle. Es steht eine große Strafe für den Hausherrn darauf, wenn er dies etwa nur zum Schein tut. Nun ist Ruhe. ? Auch in Rom kann keinem Maler das Logis aufgesagt werden, worin er gewohnt ist, geistige Arbeiten zu schaffen. Selbst für die heiligsten Feste haben die Künstler vom Papst Ablaß, zu arbeiten, weil die Begeisterung nicht wiederkommt und daher die augenblickliche Eingebung benutzt werden muß. So nehmen Gesetze und Religion in diesem Lande die Kunst in Schutz. Sie diente dagegen auch der Religion, denn Raffaels Marien und Heilige haben manche Seele zur Frömmigkeit und zum Glauben erweckt; was man oft sieht, glaubt man zuletzt. Nach meiner Art zu denken, ist eine der größten Glückseligkeiten eine geräumige Wohnung, in welcher man ruhig zu Bette gehen kann und von jedem gern gesehen wieder aufsteht. Ich gab also meinen Kontrakt zurück. Signor Giordano wollte mich bereden zu bleiben und sagte, daß ich ganz ruhig sein könnte, denn sie beide führten ja den Prozeß, und ich hätte das größte Recht, meine Etage zu bewohnen, und nicht einmal der König könne an dem Kontrakte etwas ändern. Ich sei davon überzeugt, antwortete ich, aber der Prozeß, den er haben werde, sei mir zuwider. »Das ist eben das Beste«, erwiderte er, »und ich suche ihn deshalb mit dem Prinzen zu bekommen.« ? »Aber wie kann man leben«, sagte ich, »wenn man einen Prozeß hat?«, worauf er entgegnete: »Aber wie kann man leben ohne Prozeß? Habt Ihr denn noch keinen Prozeß gehabt?« ? »Nie«, war meine Antwort, »und ich werde auch nie einen bekommen.« ? »Dann kennt Ihr das Leben doch nicht«, meinte er. Ich mietete mir ein anderes Logis an der Porta Chiaja, das freilich die schöne Aussicht nicht hatte wie das[334] erstere, aber groß genug war, um einige Zimmer den jungen Leuten einzuräumen, die nach Antiken und Gemälden studieren wollten. Die Akademie wurde nun von S. Carlo alle Montelle in das Studio Pubblico verlegt. Dieses zu bewirken, war meine Hauptbemühung gewesen, und man kann sagen, daß jetzt erst die Akademie entstand. Hier war Raum, die Abgüsse der Statuen aufzustellen und alles gehörig zu ordnen, so daß in Bequemlichkeit studiert werden konnte. In dem Zimmer, wo nach dem Leben gezeichnet wurde, stand die Statue des farnesischen Herkules im Originale. Ein Glück für die studierende Jugend! Ich wollte Zeichnungen zu Übungen für die Anfänger machen, da das aber mühsam ist, sollten die von meinen Schülern, welche ich von Rom zurückerwartete, daran helfen. Diese Zeichnungen sollten dann mit einer Erklärung in Kupfer gestochen werden. Auch die Basreliefs, welche zerstört umherliegen, wollte ich zeichnen und nach und nach in Kupfer stechen lassen. Das wäre für die Antiquare ein Schatz gewesen, und sie gingen dann nicht verloren, denn die Bildhauer, welche alte Statuen restaurieren und dazu Stücke nötig haben, die an Farbe und Korn mit dem griechischen Marmor übereinstimmen, kaufen deshalb die Basreliefs auf, welche die Landleute in ihren Gärten auffinden. Die Studien liegen voll von solchen Fragmenten, welche die Künstler für geringe Summen an sich bringen. Für die Anfänger konnten keine Lehrer angestellt werden, ausgenommen die, welche ich selbst erzogen hatte. Es war daher mein Wille, von den aus Rom Zurückkehrenden die besten auszuwählen. Denn der beste Zeichner, der Kenntnis und Gründlichkeit hat, soll bei den Anfängern sein. Leider stellt man gewöhnlich bei Zeichenschulen Lehrer an, die zu Malern verdorben sind. Die quälen dann die jungen Leute mit ihrer Lehrart und verderben oft deren natürliche Anlagen. Schüler zu ziehen verstand Carracci. Der sagte zu[335] ihnen: »Wie ihr euch die Sache denkt, so ist sie für euch recht, und so müßt ihr sie machen.« Damit behielt jeder sein angeborenes Talent unangetastet. Jeder hat eine andere Manier, Dominichino eine andere als Guido, Guercino wie verschieden von Lanfranco! Dem schönen Kolorit des Carracci sieht man es an, daß er nach Tizian gelernt hat, aber dem Tizian sieht man nicht an, daß Giovanni Bellini sein Lehrer war, man erkennt in ihm die Natur. Raphael Mengs hat uns einen Beweis gegeben, daß man sich das Gute von verschiedenen großen Meistern zu eigen machen kann. Er hatte sich vorgesetzt, von Correggio rund und weich malen zu lernen, von Tizian das Kolorit, den Ausdruck und die Zeichnung von Raffael. Er hat es zum Teil erreicht oder vielmehr erzwungen, denn er sagte selbst von sich, die Natur habe ihn kärglich mit Talent versehen, er müsse alles mit Nachdenken und Anstrengung seines Geistes suchen und vollenden. Ist es möglich, jene drei in sich zu vereinigen, so nehme man noch zwei in ihrer Art große Meister dazu und lerne von Michelangelo das Große und von Leonardo da Vinci die genaue Ausführung des Details. Dann noch die Wahrheit und das Schöne in den Antiken! Man verlasse aber alle und denke nur an die Natur. Von allen soll man lernen, aber an keinen denken, wenn man komponiert. Freilich kann man sich dessen nicht immer erwehren, und wenn ich etwas entwerfen will, so fällt mir Polidoro ein, dann Guido und Tizian: Geist, Gemüt, Farbe. Das Innerliche, das Geistige ist aber die Hauptsache. Bilder, denen der Inhalt fehlt, sind gut für den, der nur eine Galerie haben will, wie man auch eine Bibliothek haben könnte von leeren Schalen in Form von Büchern, worauf der Buchbinder zwar vergoldete Titel anbrächte, die aber doch keinen Inhalt hätten. »Solche Bilder«, sagte Battoni, »muß man in Kurierstiefeln besehen, sie haben keine Tür zum inneren Eingang, und sie lassen kalt wie der Anblick eines wohlgebildeten Menschen ohne Verstand.«[336] Die Akademie war des Sommers von acht Uhr morgens bis sechs Uhr abends geöffnet. Ein Lehrer für die Anfänger war den ganzen Tag da, wie auch ein Modell und eine Wache an der Tür. Die Meister der Akademie waren Gannaci und de Angelis. Diese beiden waren für die ersten Anfänger; Diana, Dominici und Bartolino mußten abwechselnd des Abends zugegen sein, wenn bei der Lampe nach dem Leben gezeichnet wurde, was immer zwei Stunden währte. In den anderen Zimmern wurde nach Gips gezeichnet. Ich ging so oft hin, als ich konnte, aber meine Wohnung lag zu weit von der Akademie. Von der Porta di Chiaja bis zu dem Studio brauchte ich über eine Stunde. Besonders um die Zeit gegen Abend ist die Straße von Toledo die volkreichste und das Gedränge so dicht, daß man kaum durch kann. Und doch war dies für mich der geradeste Weg. Ich sollte in der Akademie eine Wohnung haben, aber die Zimmer waren noch nicht fertig, und so blieb es immer ein getrenntes und geteiltes Wesen. Den jungen Leuten, welchen ich einen Platz zum Studieren in meiner Wohnung gab, konnte ich wohl behilflich sein, aber die, welche den Tag über in der Akademie studierten, mußten meinen Unterricht entbehren. Um die Zeit abzukürzen, bis die Wohnung für mich in der Akademie fertig wäre, kaufte der König ein Haus, welches in der Nähe stand, und gab mir wie auch meinem Kollegen Mondo eine Wohnung darin. Dieser hatte die unterste Etage und ich die dritte, in welcher sonst der Prinz Santangelo wohnte. Sie war heiter und schön, hatte ringsherum Fenster mit Balkonen und zwei große Logen, wie auch Stallung und Remisen. Hier hatte ich nun, daß mir zu wünschen nichts mehr übrig war. Dicht neben der Akademie, und die Antiken um mich herum, konnte ich nun meiner Lieblingsneigung, diese zu studieren, ein Genüge tun. Nun verlor ich mich auch sozusagen aus der lebendigen Welt und lebte nur in den alten Kunstwerken der Griechen, in den Arbeiten[337] der Bildhauer und den Figuren, welche man auf den Gefäßen von gebrannter Erde findet. Ich sah nur Menschen, welche die nämliche Liebhaberei mit mir teilten. Diese versammelten sich täglich bei mir, sowohl Einheimische wie Fremde aus allen Ländern. Für die studierenden jungen Leute war mein Haus vom Morgen bis Abend offen. Ich hatte ihnen drei Zimmer eingeräumt, und meine liebste Beschäftigung war, ihnen in ihren Fortschritten behilflich zu sein. Auch habe ich das Vergnügen gehabt, von ihnen Werke zu sehen, die bewiesen, daß sie den rechten Weg eingeschlagen hatten, um tüchtige Künstler zu werden. Bis jetzt war der Weg, die Kunstwerke der Griechen zu studieren, hier noch nicht bekannt. Der manierierte Solimena war ihr Abgott, der mit seinem glücklichen Talente und seinem reizenden leichten Malen alle eingenommen hatte, so daß sie ihm alle gefolgt waren und ihn nachzuahmen suchten. Neben meiner Hauptbemühung, meine Schüler die Zeichnung der schönen griechischen Form kennen zu lehren, ermunterte ich sie auch zum Komponieren und hierbei immer die Griechen vor Augen zu haben, soviel man noch von ihnen habe und wisse. Neapel ist der Ort, wo man die meisten zusammengesetzten Figuren findet, sowohl auf den Gemälden aus den drei ausgegrabenen Städten Herkulaneum, Pompeji und Stabiä, als auch auf den vielen Gefäßen von gebrannter Erde, welche man in Gräbern findet. Von solchen Zeichnungen hatte ich einen beträchtlichen Vorrat, wobei ich immer Gelegenheit nahm, aufmerksam zu machen auf das Einfache, Stille, Gemütliche, Große derselben, und wie es ein Ganzes ist und wie sich die Handlung gleich beim ersten Blicke ausspricht. Die Besten von der Akademie bildeten einen Verein unter sich, um sich im Komponieren zu üben. Sie kamen alle Sonntage bei mir zusammen, gaben sich ein Sujet auf, welches alle ausführten, und nach vierzehn Tagen brachten sie[338] die Zeichnungen mit. Diese wurden ausgestellt und beurteilt, das Verdienstliche gelobt und die Fehler getadelt. Alles ging mit der größten Ordnung zu, die sie selbst untereinander ausgemacht hatten. Wenn sich z.B. jemand fände, der ihre Studien stören würde, dem sollte der Zutritt verwehrt werden. Auch durfte keiner auf eine hämische Art den andern kritisieren. Wer Fehler bemerkte, mußte bescheiden seine Ansicht mit Gründen beweisen. Der Getadelte durfte nichts übelnehmen, er konnte seine Meinung zuletzt sagen, und man nahm seine Verteidigung an, warum er es so gemacht und was er sich dabei gedacht habe. War sein Wille gut gewesen und hatte nur die Darstellung dies nicht ausgesprochen, so ward er auf gelinde Weise eines Besseren belehrt. So wurde eine Zeichnung nach der andern aufgestellt und alles genau durchgegangen. Zuletzt stellte man sie zusammen in einer Reihe auf. Übrigens waren es lauter ausgewählte junge Leute von gutem Charakter und edlen Sitten. Es herrschte auch eine solche Freundschaft unter ihnen, daß, wenn es vorbei war und sie sich recht die Wahrheit über ihre Werke gesagt hatten, sie sich wohl einander umarmten und küßten und dankten für die Belehrung. Das wechselseitige Gespräch war auch oft sehr unterrichtend, denn von allen Zweigen der Kunst wurde etwas abgehandelt, und es waren Personen zugegen, die in dem einen oder dem anderen Fache Kenntnis oder die eine und die andere Kunst besaßen und sich hier gegenseitig die Hände reichten. Es nahmen auch verschiedene Gelehrte daran teil, welche ihr Urteil aussprachen und denkwürdige und malerische Begebenheiten aus der Geschichte erzählten. Selbst Kunstliebhaber wurden zugelassen, die aber nicht reden durften, um die Ordnung nicht zu unterbrechen. Auch Anfänger von der Akademie wurden als Zuschauer gewählt, damit sie sahen und hörten und daraus lernten. Brachten sie Versuche, die etwas versprachen, so wurden sie mit eingeschlossen.[339] Abbate Bari, welcher ein Buch über die Schwimmkunst geschrieben hat, war ein eifriges Mitglied. Er liebte die studierende Jugend und war ihr sehr nützlich. Es waren auch poetische Talente darunter, die zuweilen von ihren Eingaben etwas vorlasen. Einige verfaßten auch Auszüge aus einer geschichtlichen Begebenheit, worin man die handelnden Personen in verschiedenen Fällen wirken sehen und ihren Charakter kennenlernen konnte, damit der Zeichner ihn recht auffasse. War das Beurteilen der Zeichnungen zu Ende, so wurde ein neues Sujet für das künftige Mal gewählt. Nach der Reihe hatte jedes von den Mitgliedern eins aufzugeben und nach Belieben einen bestimmten Moment einer Begebenheit festzusetzen oder jedem die Freiheit zu lassen, nach eigenem Willen einen daraus zu entnehmen. Zum Beispiel im Abschiede Hektors von seiner Gemahlin sind viele Momente, welche man darstellen kann: den, als sie ihn bittet, sich nicht soviel der Gefahr auszusetzen, auf daß sie nicht Witwe und ihr Kind eine Waise werde, oder als er das Kind auf seine Hände nehmen will und es erschrickt vor dem schattenden Helmbusch, oder als es der Vater auf den Händen in die Höhe hebt, um es den Göttern zu empfehlen. Wollte man nun jedem Freiheit lassen, zu nehmen, was ihm beliebte, so wurde das Ganze vorgelesen, sollte es aber ein bestimmter Moment sein, so mußte es auch bestimmt vorgelesen werden. Der große Vorteil hiervon war, daß jeder, der ein Sujet zeichnete, dasselbe so verschiedene Male anders aufgefaßt sah. Das muß den Verstand schärfen, das Vorstellungsvermögen erweitern und das Komponieren erleichtern. So wurden auch Bilder für den schönen Palazzo in Caserta entworfen, und die jungen Künstler wetteiferten, denn sämtliche Säle waren noch unverziert. ? Auch die Architekten gaben sich Entwürfe zu Gebäuden auf und waren in dieser Versammlung von großem Nutzen, des Raumes wegen, worauf die Bilder stehen und wegen der architektonischen Hintergründe, welche der[340] Historienmaler zu studieren so nötig hat. Auch Landschaftsmaler waren dabei und Bildhauer. Einige leitete ich auch zu dem Studium der Tiere an und unterwies sie darin, die verschiedenen Gebärden und den Charakter kennenzulernen. Für die Kupferstecher sollte nach Gemälden gearbeitet werden. Das Bild wurde ausgesucht, wonach jeder eine Zeichnung machen durfte. Amazon.de Widgets Philipp Hackert hatte dem König vorgeschlagen, eine Kupferstecherschule zu errichten und seinen Bruder Georg, den Kupferstecher, als Lehrer anzustellen. Dieses erfuhren die Herren von der Sekretaria und legten dagegen den Plan vor, eine Kupferstecherschule von bekannten und angesehenen Professoren dirigieren zu lassen. Hierauf ging der König ein und bewilligte alles, was zur Beförderung der Sache dienen könnte. Vor allem hatte man sich nach einem Direktor umzusehen. Es wurde nach Bologna an Rosaspina geschrieben, der nach Lodovico Carracci den »Abraham, welcher die drei Engel bewirtet« in Kupfer gestochen hatte. Er nahm jedoch die Einladung nicht an. Ein anderer, dessen Name mir entfallen ist, lehnte sie gleichfalls ab. Der dritte, welchen man darum anging, war Porporati. Er hatte eine schöne Tochter, die lieber in Turin als in Neapel wohnen mochte, und ihr zu Gefallen, denn er liebte sie sehr, reiste er wieder nach Turin. Auch war er mit den Sekretären nicht zufrieden; ihre Versprechungen brachten sie nicht in Erfüllung, sein Logis und dessen Ausstattung fand er weit unter dem, was man ihm vorgespiegelt hatte. Auch mochte er sich von den unwissenden Sekretären nichts vorschreiben lassen. Sie wollten darüber entscheiden, welche Bilder aus der Galerie in Kupfer zu stechen wären. Kurz, er reiste sehr mißvergnügt wieder ab. In Paris, wo er seine Lehrjahre verlebt hatte, war er es ganz anders gewohnt gewesen. Dort wußte man ihn zu schätzen. Indessen war er nicht der Mann, der eine Schule dirigieren konnte, er war zu sehr Künstler für sich und zu[341] stolz auf seine Kunst allein. Er konnte sich auch etwas darauf einbilden, denn er war sehr geschickt, aber er glaubte, sich schon etwas zu vergeben, wenn er sich durch andere Sachen stören ließ. Mir tat es leid, daß die Sache so zerfiel, da der König doch zu kräftiger Unterstützung bereitwillig war. Auch hätte Porporati sich genug Ehre dabei erwerben können, wenn er als Kenner der Bilder sowohl wie auch als Kupferstecher das Ganze leitete. Guglielmo Morghen ward nun Direktor und bekam die Hauptaufsicht über die Schule. Er hatte schon früher einige Bilder aus der Galerie in Kupfer gestochen. Mehrere Zöglinge, die bisher die Malerei getrieben, wendeten sich nun zum Kupferstechen, weil der König die Kupferstiche bezahlte. Ich suchte, wie ich konnte, diese nützliche Anstalt zu unterstützen. Es fehlte an Blättern berühmter Meister, ich schenkte ihnen daher u.a. den großen Moseskopf von Edelinck, von Goltzius und Müller eine große Figur, worin die Striche halb so dick waren wie ein Strohhalm. Diese Blätter wurden hinter Glas und Rahmen an die Wand gehängt, damit die Schüler sie immer vor Augen hätten. Um dem Guglielmo Morghen fortzuhelfen, ermunterte ich ihn, eine Platte für sich zu stechen, welche Liebhaber und Käufer anlocke. Ich schlug ihm dazu ein Bild vor von Marco da Siena, »Eine fliegende Fortuna«, welche mit der einen Hand Reichtümer, Kronen und Ehrenkränze, mit der anderen Stacheln, Nägel, Fußangeln und Dornen ausstreut. Die Figur war sehr schön, leicht schwebend, der Leib nackend und nur der untere Teil von einem schönen Gewande umflattert. Ich ließ ihm von meinem besten Schüler die Zeichnung dazu machen, was ihm eine große Erleichterung war, obgleich er selbst gut zeichnete. Er hatte den Stich schon angefangen, und ich versprach mir viel davon. Aber unglücklicherweise riet ihm ein Pfaffe ab, das Bild zu vollenden, weil es eine rebellische, jakobinische Vorstellung sei, die darauf hindeute, daß allen Königen[342] und Fürsten die Kronen vom Haupte geworfen werden sollten, und was des dummen Zeuges mehr war. Aus Furcht vor diesem pfäffischen Geschwätze zerschnitt Morghen die schon ziemlich vollendete Platte. Fremde wunderten sich, eine solche Akademie in Neapel zu finden. Sie hatten geglaubt, so etwas sehe man nur in Rom. Unter meinen Schülern war Francesco Antonio Lapenga der, welcher das meiste Talent hatte. An einem Friese, den er in Wasserfarben zu malen bekam, waren die Figuren in einem so großen Stile, als hätte er ein Original von Polidoro vor sich gehabt. Er war eines Malers Sohn aus Puglien. Sein Vater starb früh, und er zog mit Mutter und Geschwistern nach Neapel, wo er nun für die ganze Familie zu sorgen hatte. In Neapel herrscht ein Gesetz, daß die Eltern von ihren Söhnen die Rückerstattung der Erziehungskosten fordern können. Die Beichtväter trieben an zur Erfüllung dieser Pflicht. Ich zog den jungen Menschen vor, weil ich sein Genie erkannte, und unterstützte ihn mit Geld, soviel ich konnte. Er gab alles an seine Mutter. Leider starb er zu früh für die Kunst und die Seinigen. Laprano zeichnete von meinen Schülern am besten nach der Antike. Als er noch ein Knabe war, fragte er mich, welche Statue er zeichnen solle? Ich antwortete: »Die, welche dir am besten gefällt.« ? »Der Apoll gefällt mir am besten.« ? »Nun, so zeichne ihn.« Ich fand die Zeichnung nach dem Originale einigermaßen ähnlich, nahm mich des Knaben an, ließ mir alles zeigen, was er arbeitete, bemerkte ihm die Fehler und ermunterte ihn, Leben in seine Zeichnungen zu bringen. Schüler ohne Talent wissen das nicht zu erreichen, ihre Arbeiten sind steif und ohne Geist; er aber zeichnete die Antiken, als wären sie lebendig. Mein Freund, der Marchese Hauß, Erzieher des Kronprinzen, wollte einen jungen talentvollen Menschen auf der Akademie unterstützen. Wer war froher als ich. Ich empfahl ihm meinen Laprano. Er sollte ein monatliches Gehalt haben. Dagegen erwiderte[343] ich, eine Einnahme, worauf er sich verließe, könnte den jungen Menschen leicht nachlässig machen, der Marchese möchte daher lieber Zeichnungen bei ihm bestellen, um zugleich auf diese Weise eine schöne Sammlung zu erhalten. Lapranos Eltern waren aus Griechenland, hatten sich in Neapel niedergelassen und ein Kaffeehaus angelegt (die Griechen gelten für die besten Kaffeesieder). Der Knabe war schon in den ersten Kinderjahren verwaist. Sein Onkel, der auch aus Griechenland herübergekommen war und seines Bruders Geschäft betrieb, erzog ihn. Er starb früh. Ohne Zweifel wäre aus ihm, hätte er die Zeit der Reife erlebt, ein großer Künstler geworden. Ducro malte die besten Wasserfälle, Tito Lusieri die besten Prospekte, Sable malte Gesellschaftsbilder aus dem gemeinen Leben, die meisten moralischen Inhalts, Gangero fertigte Historienbilder, Wudki Solfataren mit einem Gewitter oder einer Eruption des Vesuvs. Als Philipp Hackert für den Admiral Orlow soviel zu tun hatte und u.a. den Hafen von Livorno malte, ließ er sich von Wudki helfen, welcher die Figuren geschickt malte und dieses Stück mit Türken ausstaffierte, was zum Hafen von Livorno paßt, weil sich dort immer Türken aufhalten. Hackert kam darauf zu, wie Wudki andere Figuren machte als die von ihm angegebenen. »Sie müssen machen, was ich vorzeichne«, sagte er, »meine Figuren und nicht, was Sie in Triest gesehen haben!« ? »So schlecht wie Ihre Figuren sind«, gab Wudki zur Antwort, »kann ich keine malen, die machen Sie selber!« Damit legte er die Palette weg und ging von dannen. Eines Tages kam einer von meinen Akademiezöglingen zu mir und bat mich um Beistand, er habe jemanden verklagt, der ein Porträt der Königin bei ihm bestellt habe und nun dasselbe, da es fertig geworden, nicht bezahlen noch annehmen wolle; ich sei der Vater aller jungen Leute auf der Akademie, und deshalb hege er zu mir das Vertrauen, ich[344] würde dafür sorgen, daß jener einen richterlichen Befehl erhielte, die bestellte Arbeit zu bezahlen. Ich versprach ihm, das meinige zu tun, indessen müßte ich erst das Bild sehen und auch die Ursache wissen, aus welcher der Signor Giovanni das Bild nicht annehmen wollte. In Neapel ist es Gebrauch, in den Lotterie-Läden die Bilder des Königs und der Königin aufzuhängen. Für diesen Zweck hatte man beide Porträts bei ihm bestellt; den König hatte er schon früher abgeliefert und auch bezahlt erhalten. Kaum war der Maler weggegangen, so kam der Verklagte. »Ich kann das Bild unmöglich annehmen«, sagte dieser, »denn es ist erbärmlich gemalt und nicht im geringsten ähnlich. Der junge Mann hat mich verklagt, und das Bild soll an die Professoren der Akademie geschickt werden, auf deren Gutachten die Richter dann ihr Urteil sprechen werden. Aber kein Mensch wird mir zumuten, solch ein Sudelstück in meinem Laden aufzuhängen und es zu bezahlen. Sie und die Herren Professoren«, setzte er lachend hinzu, »werden in der Akademie schon sehen, welch ein Farbenspiel er zurecht gerührt hat! Ich komme auch nicht, um Sie um Ihren Beistand zu bitten, denn Sie werden das Ding selbst kaum ansehen mögen, sondern ich wollte Sie nur im voraus benachrichtigen, damit die Sache Ihnen nicht fremd wäre.« Am folgenden Morgen kam der junge Maler wieder mit der Bitte, ja dafür zu sorgen, daß jener zum Bezahlen angehalten würde. »Wenn ich kann«, versetzte ich, »was ich aber bezweifeln muß, denn da er das Bild nicht annehmen will, so ist es wohl nicht ähnlich, und dann muß ich nein sagen.« ? »Wieso? Wir sind doch Eure Kinder, Ihr seid unser Vater und werdet dafür sorgen, daß Eure Kinder essen können!« ? »Du weißt, daß ich für jeden tue, was nur möglich ist. Aber deine Sache scheint mir nicht rein; auch gefällt mir nicht, daß du auf solche Weise einen Prozeß[345] anfängst. Will dein Gegner das Bild nicht haben, so würde ich an deiner Stelle es zurückbehalten. Aber laß mich deine Arbeit sehen.« Er lief, holte es, und ich erstaunte über die unvergleichliche Häßlichkeit. Es war mir dergleichen in der Tat noch nicht vorgekommen. Ich sagte ihm, wie sehr ich mich wundern müsse, daß er selbst die abscheuliche Schlechtigkeit dieses Machwerks nicht einsehe, daß er sich nicht schäme, dafür nur einen Bajocco zu fordern, und noch dazu die Frechheit habe, diese Anmaßung gerichtlich durchfechten zu wollen. »Aber«, setzte ich hinzu, »das Ding soll weder in der Akademie noch vor den Gerichten erscheinen, sondern muß sogleich hier in meinem Hause vernichtet werden; ich lasse es nicht wieder heraus, zu deinem eigenen Heil. Denn wenn du es über die Straße trägst und dir begegnen Lazzaroni, welche es sehen wollen, und du sagst, es sei das Bild der Königin, so schlagen sie dich auf der Stelle tot, weil du ihre Königin so häßlich gemacht hast. Und beinahe möchte ich sagen, dir geschähe nach Verdienst. Ist das ein Mund? Ist das eine Nase? Die Löcher, welche du in die Stirn geschnitten hast, sollen wohl ein paar Augen vorstellen?« Ich scheue mich in der Tat zu beschreiben, wie es aussah. Die schöne Dame mit dem majestätischen österreichischen Gesichte so verunstaltet! Ich fragte, nach welchem Bilde er es denn kopiert habe? »Nach keinem, es ist aus der Idee gemalt.« ? »Hast du sie denn gesehen?« ? »Ja, im Vorbeifahren einmal; sie ist blond, und so habe ich sie gemalt.« ? »Das sind ja aber keine Haare, du hast ihr ein altes Gewirre von Flachs über die Stirn hereingehängt.« ? »Was soll ich aber nun anfangen? Ich habe meine Zeit auf diese Arbeit verwendet, habe gehofft, Geld dafür zu bekommen; wovon soll ich nun leben? Wie fortkommen, da ich weiter keine Bestellung habe und auch mir keine zu verschaffen weiß?« ? »Daran hättest du früher denken sollen, du hättest suchen müssen, ein ähnliches, gut gemaltes Porträt von der Königin[346] zu bekommen, um danach zu kopieren.« ? »Ich konnte keines auftreiben.« ? »Was? In Neapel, wo es deren Tausende gibt? Warum hast du mir kein Wort gesagt? Ich selbst hätte dir eins zum Kopieren geliehen, und das ist auch das einzige, was dir jetzt zu tun übrig bleibt.« ? »Das ist viel zu spät; in drei Tagen kommt es vor die Richter, und da muß ich mit meinem Advokaten erscheinen.« Er konnte bei diesen Worten die Tränen nicht zurückhalten. Ich hatte Mitleid mit dem armen Jungen. »Nun, ich will Rat schaffen«, sagte ich, »hier ist eine Leinwand, da hast du Palette und Farben, setze dich her und kopiere dies Bild der Königin, dann wirst du Zahlung erhalten. Du mußt aber keine Zeit verlieren, ich will dir auch etwas helfen, damit du fertig wirst.« Amazon.de Widgets Wer war froher als er! Er setzte sich bei mir hin, fing gleich die Kopie an und wurde auch zur rechten Zeit damit fertig. Auf den angesetzten Tag erschien er nun mit seinem Advokaten vor dem Richter, der Gegner mit dem seinigen. Das mitgebrachte Bild blieb noch verdeckt, und der Advokat brachte die Klage vor, daß Signor Giovanni sich weigere, ein bestelltes Bild zu bezahlen und noch obendrein den Künstler kränke, indem er dessen Arbeit verachte und behaupte, das Porträt sei Ihrer Majestät der Königin nicht ähnlich. Nun erhob der Gegenanwalt seine Stimme und sagte, die Herren Richter würden selbst sehen, wie schlecht es gemalt wäre, so schlecht, daß Signor Giovanni es weder in seiner Bottega aufhängen noch bezahlen könne. »Zeigt das Bild vor«, sagte der Richter. Der Maler wendete sein Bild um, und indem er es gegen die Richter hielt, konnte Signor Giovanni es nicht sehen, da ihm die Rückseite zugedreht war. Die Herren Richter aber staunten, breiteten die Arme aus und schrien Wunder über die frappante Ähnlichkeit. »La Sua Maestà nostra regina! Als wenn sie dastände!« Der Verklagte und sein Advokat lachten und glaubten, das sei nur Scherz und Hohn. Der erste Richter[347] aber wandte sich zu dem Lotterie-Collecteur und sagte: »Wenn Ihr das Bild nicht wollt, so nehme ich es auf der Stelle und bezahle es mit Vergnügen. Ein so ähnliches Porträt von unserer Königin hab ich lange nicht gesehen.« Signor Giovanni stutzte, das Bild wurde gegen ihn und seinen Advokaten herumgewendet, und sie wunderten sich nicht wenig über die unbegreifliche Veränderung. Ja, nun, sagten sie, sähe es ganz anders aus, das wäre gar nicht mehr das vorige Bild. Woher denn das kommen könne, fragten sie den Maler. »Hab ich euch denn nicht gleich gesagt«, versetzte dieser, »daß mein Bild noch la vernice nicht hätte? Aber ihr machtet einen Lärm wie besessen, wolltet mich nicht hören und hättet mich fast aus dem Hause geworfen.« ? »Kann denn la vernice solche Veränderung und solche Ähnlichkeit hervorbringen?« ? »Allerdings; la vernice fa tutto! Damals waren alle Farben eingeschlagen, aber la vernice bringt sie wieder hervor, und dann sieht man erst, was ein Bild ist!« ? »Was Ihr sagt! Ich hätte doch nie geglaubt, che la vernice facesse tanto effetto!« Alle Umstehenden bekräftigten mit lauten Worten, daß la vernice die Hauptsache sei. »Ah ja, freilich, la vernice, da sieht man es deutlich, la vernice! Hier ist das Exempel: la vernice fa tutto!« »Nun, das habe ich nicht so gewußt«, sagte der Lotterie-Collecteur, »aber da es so ist, so freue ich mich, die Kraft della vernice kennenzulernen und nehme und bezahle das Bild mit Vergnügen.« Der Prozeß war aus, und zwar zum unverhofften und unverdienten Ruhme des jungen Menschen. An diesen wendete sich der Vorsitzende mit den Worten: »Es ist mir sehr erfreulich, bei dieser Gelegenheit Eure Bekanntschaft gemacht zu haben; laßt es Euch nicht leid tun, wenn Eure Arbeit im ersten Augenblicke von unverständigen Leuten verkannt ward, welche nicht wissen, daß die letzte Hand und la vernice alles bei einem Bilde sind.« Dann wandte[348] er sich zu seinen Kollegen und sagte: »Nun seht, wie Se. Majestät, unser König, für die Auferweckung und Unterstützung der schönen Künste sorgt! Seitdem die Akademie errichtet ist, steigen in unseren jungen Leuten die Talente hervor; sie lernen die Farben gebrauchen und la vernice. Evviva Sua Maestà! Wir werden in ihnen valorosi pittori erhalten, come i nostri antichi. Wie gesagt, ich freue mich, Eure Bekanntschaft gemacht zu haben und seid so gut, morgen Mittag bei mir zu essen. Ihr sollt mich und meine Familie malen.« Zu Hause erzählte der Richter seiner Frau diesen Vorfall und sagte, er wolle von dem geschickten jungen Manne ein großes Familienbild malen lassen; deshalb habe er ihn eingeladen, daß er das ganze Haus beisammen sehe und seine Komposition entwerfen könne. Dies wurde ins Werk gerichtet und das Bild begonnen. Er malte und malte; die guten Leute wußten nicht, was sie aus dieser wunderlichen Arbeit machen sollten. Nachdem die ganze Familie einigemal durchgesessen, wollten die hübschen Töchter, welche sich vorher so sehr auf das Malen gefreut hatten, mit ihren Gesichtern nicht zufrieden sein. Die eine Schwester sagte zur anderen: »Mir deucht, du wärest gar nicht ähnlich; von mir selbst kann ich freilich nichts sagen, da ich mein Gesicht nicht kenne, aber ich sollte doch kaum glauben, daß ich so garstig wäre.« Die andere erwiderte: »Auch der Vater und die Mutter sehen ganz verwünscht aus!« Sie klagen es der Mutter. Die findet auch, daß ihr bitterlich Unrecht widerfahren; der verhaltene Zorn gegen den unglücklichen Maler bricht los: »Der Mensch ist ein Pfuscher!« heißt es, und sie wollen nicht mehr sitzen. Dieser Entschluß wird dem Vater mitgeteilt. Der lächelt, schüttelt den Kopf und sagt: »Ebenso war es im Gericht; aber, liebe Kinder, Ihr versteht nichts von der Malerei, gar nichts von der Behandlung der Farben. Seht einmal her, ich verstehe mich ein wenig darauf: Die Farben sind jetzt[349] alle eingeschlagen, und darum habt ihr so wüste Mäuler und schiefe Nasen, aber laßt nur erst la vernice darüber kommen, dann erscheint alles glänzend, richtig und zum Sprechen ähnlich. Das Bild der Königin ? ich versichere euch, schön wie der Morgen! Und vorher soll es ausgesehen haben wie eine Eule; aber damals war es noch nicht fertig, und so ist es mit diesem auch. Wartet nur; denn la vernice, ah, la vernice fa tutto!« 
 Neapel  [286] Schon während meines Aufenthalts mit Goethe in Neapel äußerten der Cavaliere Venuti und mehrere seiner Freunde den Wunsch, daß ich dortbleiben und Direktor der Malerakademie werden möchte, mit deren besserer Einrichtung man eben umging. Der damalige Direktor Bonito war ein ziemlich geschickter Maler, aber ohne Kenntnis und gründliches Studium. Alle Kunstsachen, die hier und da zerstreut waren, sollten gesammelt und gehörig aufgestellt werden. Vom Cavaliere Venuti bekam ich nun häufig Briefe, in denen er mich aufs freundschaftlichste einlud, und mehrere Freunde schrieben mir das nämliche. Endlich kam er selbst nach Rom, um die Statue des Farnesischen Herkules abzuholen. Er ließ sie einschiffen, und als er selbst im Juli 1787 zu Lande nach Neapel zurückkehrte, ging ich mit ihm, in Gesellschaft der beiden Gebrüder Hackert. Philipp Hackert, der sich in Neapel niederlassen wollte, ließ sich vorher in Rom Silberzeug machen. »Die Neapolitaner sollen nicht glauben«, sagte er, »daß ich's bei ihnen verdiene, sondern sehen, daß ich es hinbringe.« Er kam also nicht allein mit Anstand, sondern mit Pomp. Das machte die Neapolitaner aufmerksam, und sie waren darauf bedacht, für ihre Stadt und Künstler ehrenvolle Einrichtungen zu treffen. Im Grunde brachte auch ich mehr Geld hin, als ich von Neapel bekam, durch die Fremden, welche meine Sachen kauften. Zuerst logierte ich dort bei Hackert im Palast Francavilla; später nahm ich mir eine[287] Wohnung neben dem Palast des Gesandten Hamilton, weil ich doch den größten Teil des Tages dort zubrachte. An Lord Hamilton hatte ich einen großen Gönner und Freund. Wie natürlich war dieser Liebhaber und Kenner der Künste für mich der vorzüglichste Mann in Neapel. Er war auch in jedem Betrachte ein seltener Mensch. Die Gabe, sich jedem gefällig zu zeigen, besaß er im höchsten Grade, und mit seiner offenen Geradheit zog er alle Menschen auf eine so einnehmende Art an sich, daß in der großen Zahl seiner Bekannten jeder sein bester Freund zu sein glaubte. Von Großen und Geringen wurde er geliebt und geschätzt, auch gehörte er wiederum jedem wirklich an und gab sich freundlich hin. Er war ein Weltmann, der sich die Annehmlichkeiten des Lebens zu verschaffen und sie zu genießen verstand, unbenutzt verstrich ihm kein Moment. Er war ein überaus guter, ein ausgezeichneter, auserlesener Mensch! Sein Haus, der Sammelplatz aller Leute von Geschmack, war mit Kunstsachen aller Art ausgeziert. Allgemein berühmt ist seine Sammlung von Vasen, an die er viel wendete, um die Kenntnis von dem guten Geschmack griechischer Zeichnung zu verbreiten. Anfangs hatte er nur wenige, die er mir oft mit großer Freude zeigte, indem er die Einfachheit und doch so große Innigkeit ihrer Darstellungen rühmte. Er hatte auch antike geschnittene Steine und Gemälde. Seine besten Gemälde waren eine »Venus mit dem Amor« von Campagnola und ein »Lachender Knabe« von Leonardo da Vinci; letzteres Bild hatte ihm eine Dame in ihrem Testamente vermacht, und es wurde von ihm sehr in Ehren gehalten. ? Auf seiner Treppe hingen die Köpfe der beiden Philosophen, deren einer die Welt beweint, während der andere über sie lacht. Dazwischen ein Bild von Salvator Rosa, der manchmal Satiren schrieb und malte. Es stellte einen Mann dar mit einem Papagei und einem Affen auf den Schultern, neben ihm stand ein Schafbock mit großen Hörnern. Der Sinn[288] dieses Bildes war nach seiner Meinung: siamo pappagalli, scimie e becchi cornuti. Hamilton hatte auch in seinem Zimmer verschiedene sinnreiche Sprüche angeschrieben, u.a. »Wo es mir wohlgeht, ist mein Vaterland«. Das wollten einige seiner Landsleute ihm nicht gelten lassen. Er hatte seinen König aber gebeten, ihn als Gesandten immerwährend in Neapel zu lassen, weil ihm Italien und die Künste sosehr gefielen und er von da aus seinem Vaterland nützen zu können hoffte. Das tat er denn auch. Er war schon etliche dreißig Jahre dagewesen, als ich seine Bekanntschaft machte. Nie habe ich ein angenehmeres Kabinett gesehen als das, worin er wohnte und schlief. Die Gemälde an den Wänden waren nur Kleinigkeiten, aber alle von einem Sinn und Inhalt, der ihn erfreute und seinem Geiste manches auf eine angenehme Art wieder in Erinnerung brachte. So war darunter eine Zeichnung nur mit der Feder gekritzelt von einer Dame, seiner Freundin, die ihre Kinder im Momente, wie sie sich auf der Erde übereinander herumwälzten, in einer artigen Gruppe gezeichnet hatte. Mancher würde eine solche Zeichnung gar nicht aufbewahrt haben, aber er hielt sie in Ehren wegen der Naivität, womit sie aufgegriffen war und welche einem Maler, der immer die Kunstregeln im Sinne hat, vielleicht nicht so geglückt wäre. Alles hing hier durcheinander: die verschiedenen Eruptionen des Vesuvs und anderer benachbarter Vulkane auf den liparischen Inseln, daneben ein kleines Bild von Heinrich Roos, »Eine Hirtenfamilie«, die mit ein paar Schafen ruhig und genügsam beisammen sitzt, dann ein berühmter kriegerischer Pascha, ihm zur Seite eine Medaille mit dem Kopfe eines großen Gelehrten, sein Nachbar das Miniaturbild einer berühmten Schönheit. Das Ganze schien ein Chaos, aber wenn man es nur recht betrachtete, so erkannte man den gefühlvollen, sinnigen Bewohner dieses Kabinetts, der die verschiedenen Gegenstände mit Geschmack und Wahl angebracht hatte.[289] Die Wände zeigten sein Inneres. Ein anderes Balkonzimmer, das in der obersten Etage an der Ecke lag, von wo man die freie Aussicht auf den Meerbusen genoß, hatte er selbst auf eine sinnreiche und überraschende Weise gebaut und ausgeziert. Der Balkon war ganz um die Ecke herumgezogen, so daß man im Halbzirkel eine unermeßliche Aussicht umfaßte; den anderen Halbzirkel machten die inneren Zimmerwände. Diese und die Türen waren mit großen Spiegeln bedeckt, in welchen sich die Gegend darstellte. Saß man nun auf den Polstern, die rundherum angebracht waren, so glaubte man im Freien auf einer Felsenkuppe über Meer und Erde zu sitzen. Dies war Hamiltons Lieblingsort, wo er zu lesen pflegte. Eines Tages kam ich zu ihm und fand ihn allein auf dem Sofa ausgestreckt, mit einem Buche in der Hand im lauten Lachen. »Nein«, sagte er, als ich ihn um die Ursache des Gelächters fragte, »es ist zu toll, was für dummes Zeug die Leute machen. Seht, da habe ich ein kurioses Buch, wie ich deren viele kaufe. Was von seltenen Büchern in Neapel zu haben ist, müssen die Antiquare mir bringen, und ich schicke es nach England, wo dergleichen sehr gesucht wird. Da finde ich nun in diesem Buche die Beschreibung, wie man in Palermo einer Hexe den Prozeß gemacht und sie öffentlich verbrannt hat. Es ist alles auf das ausführlichste erzählt und unter anderem auch, wie auf dem Platze, wo die Exekution vor sich gegangen, die vornehmsten Damen der Stadt auf Gerüsten gesessen haben und mit Sorbet und Eis bedient worden sind. Stellt Euch nur die Szene vor: wie die Damen mit den Eisbechern in der Hand dasitzen, im vollen Putz, zu ihrer Kühlung Sorbet schlürfen und gemächlich zusehen, wie die arme Kreatur da im Feuer umkommt!« Außer jenem Balkonzimmer, welches von allen Fremden bewundert wurde, und dadurch, daß er auf Bitten eines Freundes die ganze Aussicht in die Runde von dem geschickten Landschaftszeichner Don Tito Lusieri zeichnen[290] ließ, die Veranlassung zu den ersten Panoramen gab, welche kurz darauf in London erschienen, hatte er noch einen anderen Lieblingsaufenthalt auf einem kleinen Landhause am Posilipp. Dies war auf einem Felsen hart am Meer. Hier hielt er sich in der heißen Sommerzeit auf und holte mich gewöhnlich in Begleitung der Mylady ab, um mit ihm daselbst zu speisen und den Nachmittag zuzubringen. Oft versammelten sich dann unter den Fenstern Knaben, welche baten, man möchte, damit sie ihre Geschicklichkeit im Schwimmen und Tauchen zeigen könnten, Geld ins Meer werfen. Dies geschah. Sie rangen zusammen auf einer hohen Mauer, um einer den anderen ins Meer hinunterzustoßen. Oft hingen ganze Gruppen zusammen, die sich hinabstürzten. Da sah man wunderbare Stellungen und Wendungen und die schönsten Körper. Auch unter den Soldaten, welche des Sommers im Meere baden mußten und kompanieweise dazu kommandiert wurden, gab es die verschiedensten und trefflichsten Formen und Gestalten. Die Bäcker und Holzsäger in Neapel gehen, bis auf kurze Beinkleider von Leinen, nackend, die Lazzaroni sind kaum bekleidet. Man tut fast keinen Schritt, ohne der Menschengestalt frei von aller Hülle zu begegnen. Amazon.de Widgets Des Sonntags veranstaltete Hamilton gewöhnlich nach Tische eine Spazierfahrt auf dem Meere; eine Barke mit Musikanten fuhr nebenher. Abends war Konversation bei ihm. Er erzählte sehr launig und lachte gern über die Verkehrtheit in den Meinungen und dem Betragen der Menschen. Was er sagte, war sehr kernig und fast immer im lustigen Gesellschaftston. Einst sagte er von sich selbst, in seiner Jugend habe er als Kadett den Krieg in Flandern mitgemacht; zu jener Zeit hätten die Offiziere noch Spontons geführt, und ihm hätte, als er in Reihe und Glied gestanden, eine Kugel das oberste Ende seines Spontons weggeschlagen. Da habe er gefunden, daß er eigentlich mehr Talent fürs Zivil- als fürs Militärwesen besitze.[291] Auch sah man bei ihm allerlei Naturprodukte; die Leute wußten, daß er ein Liebhaber alles Seltenen war. Einst zeigte er mir einen lebenden Meerpolypen, das Medusenhaupt, welches die Fischer ihm gebracht hatten. Die Langsamkeit, mit welcher dies Geschöpf Teil für Teil nacheinander regt, gibt einen wunderbaren Anblick. Die Bewegung seiner krummen Arme oder Fußspitzen gleicht dem allmählichen Vorrücken eines Uhrzeigers. Er hielt es lange in einem gläsernen Gefäße, wo man es beobachten konnte. Einmal brachten sie ihm auch einen Fisch mit sechs Füßen und zwei Papillonsflügeln, deren Ränder mit schönen violetten Streifen eingefaßt waren. Es verging beinahe kein Tag, an dem nicht etwas Neues bei ihm zu sehen gewesen wäre. Ich malte damals ein Bild, worauf ich den Kopf der Mylady Hamilton verschiedenemal anbrachte. Sie hatte die Züge ihres Gesichts so in der Gewalt, daß sie die Leidenschaften und Empfindungen aufs deutlichste ausdrücken konnte. In Leid und Freude war die Lebhaftigkeit und Wahrheit der Darstellung gleich stark. Das Bild stellte den Orest dar, der am Opferaltare steht. Seine Sinne sind verwirrt, er sieht nichts mehr auf dieser Welt; in sich gekehrt, denkt er sich seine Ankunft in der Unterwelt, wo ihm seine Bekannten entgegenkommen. Er grüßt seinen Vater Agamemnon und seine Mutter. Die Priesterin Iphigenia erkennt in ihm den Bruder, sie fliegt zu ihm, umarmt ihn, den Gefundenen, lange Ersehnten; aber er ist kalt, fühlt nicht der Schwester Umarmung, hört und empfindet nicht, was die Stimme der Schwester sagt. Er drückt sie von sich, und so versunken er in seinem Geiste ist, so aufgeregt dagegen ist die Schwester. Die Gefühle der Seele sind in äußerster Bewegung, sie hat den Bruder gefunden und den Gefundenen verloren. Sie hält ihn im Arme und hat nichts, sie spricht mit ihm und er mit den Schatten. Hinter ihm zu beiden Seiten sind Furien. Die eine fliegt um ihn herum,[292] man sieht die Wendung ihres Fluges am rollenden Gewande; die andere hebt das lang herunterhangende Haar über das bedeckte Gesicht empor und schaut aus düsterem Nachtgrauen ihn mit hohlen Augen gräßlich an. Zu allen diesen Köpfen hatte sie mir den Ausdruck von dem Seelenzustande einer jeden Person vielmals dargestellt, so daß ich ihr nur nachzubilden brauchte. Selbst beim Orest konnte mir ihr Gesicht die Gemütsbewegung zeigen, von welcher ein Mann in dieser Lage ergriffen ist. Ebenso bei den Furien, deren Gesicht immer schön sein kann, wie es die Kunst erfordert, und doch ist der Schreck und der Abscheu darin zu sehen. So in der Medusa das Kalte, Abgestorbene, und dabei hat das Gesicht die schönsten Formen. Auch zeigt sich in dem schönen Gesichte der Niobe der versteinerte Schmerz, so wie in dem schönen Kopfe der sterbenden Amazone. Der Dichter kann Furien als häßlich beschreiben, weil die Gedanken fortrücken, der Maler aber darf das nicht, weil beim Anschauen der Gegenstand immer vor Augen bleibt. ? Das Gesicht der Lady Hamilton blieb immer schön, wie es war, und doch konnte sie mit der geringsten Bewegung, indem sie nur die Oberlippen ein wenig hob, eine Verachtung hineinlegen, welche vernichtete. Den Kopf der Iphigenia habe ich so treu als möglich nach ihr gemalt, denn da war nichts davonzunehmen noch zuzusetzen. Als ich daran malte, fügte es sich, daß eben Hamilton hereintrat und ihr einen Brief brachte, der ihr den Tod eines Freundes anzeigte. Sie wurde so ergriffen von Schmerz und Wehmut, daß sie in die heftigste Bewegung ausbrach. Die Stellungen, in welchen sie sich hin und her wandte, bald gebückt in tiefer Trauer, dann mit aufgehobenen Armen jammernd, dann hingesunken, den Freund beklagend, dann sich selbst betrauernd ? dies alles zu sehen, war für einen Maler viel wert. ? Das Bild von Orest und Iphigenia malte ich für den Prinzen Christian von Waldeck. Nach seinem Tode bekam[293] es sein Bruder, der regierende Fürst von Waldeck, bei dem es in Arolsen hängt. Der beste Kopf, welchen ich nach ihr gemalt habe, war ein Studio zu einem Bilde, wo Andromache ihren Gemahl, den Hektor, bittet, sich für sie und ihr Kind zu schonen. Auch dieses Gemälde ist im Besitze des Fürsten von Waldeck. Den Kopf der Andromache habe ich sehr fleißig nach Lady Hamilton ausgeführt und mich bemüht, den Ausdruck des Flehens zu erhaschen, und genau die Form ihres Gesichts, vorzüglich den Mund, nachgeahmt, der in der Antike nicht schöner zu finden ist. Auch viele Zeichnungen habe ich nach Lady Hamilton gemacht, in allerhand Stellungen. Besonders des Abends in Caserta, wo wenig Gesellschaft war. Während Hamilton und andere sprachen, zeichnete ich. In welcher Stellung sie auch war, sitzend, stehend, liegend ? sie war immer malerisch. Hamilton gefielen diese Zeichnungen, er bewahrte sie und schloß sie in seine Schatulle. Zum Hektor in dem eben erwähnten Bilde fiel mir ein Kopf ein, den ich gesehen hatte, wo Spanier mit den Stieren fechten. Unter den Zuschauern saß nämlich ein Hirt, der seinen Mut kaum halten konnte, in die Schranken zu springen, um besser mit dem wütenden Stiere zu kämpfen als die Kämpfer von Profession. Als ich nach Hause kam, zeichnete ich gleich den Kopf, so frisch, wie er mir vor der Seele stand. Darum soll man denn auch einen guten Gedanken in dem Augenblicke, wo er einem einfällt, niederzeichnen, denn er kommt so feurig und geistig nie wieder. Zu diesem Zwecke soll man immer Feder und Papier in Bereitschaft haben, und es ist sehr gut, wenn das Papier etwas einsaugt, damit es den Strich willig annehme, weil sonst leicht durch die Materie der Geist verlorengeht. So skizzierte ich die Zehen der Cassandra, und hätte ich dieselben bei der Ausführung nicht immer vor Augen gehabt, so würde mir der Fuß nicht gelungen sein. Auch hat mich die erste Skizze von dieser Gruppe immer bei der Ausführung[294] geleitet. So habe ich auch nach einem Schornsteinfeger, der vielleicht der schönstgewachsene Mensch hier war, die Beine des Achilles gemacht. Und wie vielen edlen Gestalten und Gesichtern begegnet man im gemeinen Leben, die verdienten, von jedem Künstler verewigt zu werden! Ich habe Männer gesehen, die schon mit einem Winke ihrer Augenbrauen geboten. Ein Abbate aus Puglien, der mir Vasen verkaufte, glich ganz einem indischen Bacchus, ein hannöverscher Kavallerieoffizier bei Göttingen hatte die majestätische Gestalt eines Gottes und den Kopf eines jungen Jupiter. So sah ich einen schönen jungen Polen in Neapel, er war blond mit goldenen, geringelten Locken, seine Gesichtsfarbe wie Rosen; ein Stallknecht in Rom glich dem Menelaus, er war weiß wie Elfenbein; der Pascha von Kairo, den ich hier in Neapel verschiedene Male in Gesellschaft traf, war ein überaus schöner Mann, den ich auch zeichnete. Er schien ein Jupiter, hatte dabei die zarteste weiße Frauenfarbe, wie Lilien und Rosen, einen schwarzen, glänzenden Bart und schöne Hände. So begegnete ich auch einem Straßenpflasterarbeiter von Kupferfarbe und der Gestalt des Herkules und einem jungen Mann aus Kiel, mit schöner Rosenfarbe, heiteren Augen, dunklem Haar, sein Backenbart lag zierlich auf den Wangen. Das schönste Frauengesicht sah ich auf einem Feste in Rom: schwarze Augen voll Anmut und Liebe, Wohlwollen und Sanftmut, Form und Farbe in höchster Vollkommenheit, und eine strotzende Blüte glühte in ihrem ganzen Wesen. Hin und wieder beschäftigte ich mich auch mit dem Porträtieren. So malte ich einen jungen Engländer, Mylord Bristol, stehend in Lebensgröße, auch den Fürsten Aremberg, den Prinzen Schwarzenberg, Mad. Skawronsky und andere. Doch wich ich oft aus, wenn Personen mich darum angingen, von denen kein Bild zu machen war, das auch zugleich angenehm für das Auge sein mußte. Zuweilen aber[295] hatte ich Gelegenheit, welche zu malen, die sich der beste Künstler nicht vollendeter in seiner Phantasie denken konnte und die mit den schönsten Idealen wetteiferten. So ward mir dieses Glück mit der überaus schönen Charlotte Campbell, der Tochter des Herzogs von Argyle. Ich hörte von allen, daß man sie in England für die Schönste halte. Ich hatte sie schon einige Male in Gesellschaft und auf Spaziergängen gesehen, wo ich ihre schlanke Gestalt bewunderte, doch nie wie einmal im Freien aus der Entfernung, in welcher man die Figur recht übersehen konnte. Dies traf sich bei einem Vorfalle, der mir sehr günstig war. Der König hielt eine Jagd. Viele Gesandte und Fremde waren eingeladen, um zuzusehen. Unter den Damen war auch Charlotte Campbell. Als die Jagd beendigt war, eilten alle nach ihren Wagen, die auf einem freien Platze im Walde im weiten Kreise durcheinanderstanden. Die meisten waren mit sechs Pferden bespannt. Man sah die Gesellschaft in einzelne Gruppen geteilt: Einige gingen, um ihre Wagen aufzusuchen, andere ließen diese zu sich heranfahren, die Bedienten und Läufer riefen die Kutscher, und nachdem König und Königin eingestiegen waren, ging alles wild durcheinander. Die Herren und Damen, welche zum Gefolge Ihrer Majestäten gehörten, schlossen sich gleich an, als die ersten Wagen fortrannten. Die Kutscher der Gesandten haben die Ambition, daß einer dem andern zuvorzukommen sucht. Jeder Kutscher sucht daher seine Herrschaft zuerst in den Wagen zu heben und fährt ihr entgegen, wo er sie erblickt. Ich war mit Hackert gefahren und wollte zu unserem Wagen gehen. Wie viele andere, geriet auch ich zwischen die hin und her jagenden Equipagen. Auch der Herzog von Argyle kam, seine Tochter am Arm führend, als eben ein Wagen gegen sie heranzufahren schien. Die Tochter erschrak, verließ den Arm und floh, um sich zu retten. Wohin sie gelaufen war, kam ihr ein anderer[296] Wagen in vollem Galopp entgegen. Sie kehrte wieder um, eilte diesem aus dem Wege, und als sie zu einem freien Platze geflohen war, kamen ihr wieder andere Equipagen entgegengerannt. So floh sie vor Angst von einem Ort zum anderen, zwischen den eilenden Wagen durch. Das Gefühl ausgenommen, welches man für sie empfand, weil sie ihr Leben in Gefahr glaubte, war es ein herrlicher Anblick für den, der Augen hat für die schnelle, angestrengte Bewegung einer schönen Gestalt. In einigen Tänzen sieht man wohl schöne Wendungen, aber was ist das gegen dieses natürliche Laufen, Drehen, Umkehren, Unentschlossene und Schnellentschlossene! Jede Wendung war ausdrucksvoll und zeigte deutlich sowohl ihr Inneres an wie auch die schlanke, jugendliche Gestalt, weil sich das Gewand durch den Druck der Luft, durch welche sie sozusagen durchfloh, dicht anschloß. Was ich sonst nur in der Kunst bewunderte, die schönen, jugendlichen, fliehenden Gestalten an den Basreliefs und die schwebenden Tänzerinnen auf den herkulanischen Gemälden, das sah ich hier in der Natur. Keine absichtliche Anordnung hätte so geschickt in Ausführung bringen können, was hier das Ungefähr tat. Alles trug mit dazu bei, Ort und Zeit, besonders der Wald mit dem grünen Rasen, wo ich die leichtgebauten Hirsche und Rehe und die Jäger zu Pferde hatte laufen sehen. Wie bei auserlesenen Festen, welche Eindruck hinterlassen sollen, das Vorzüglichste bis zum Ende aufgespart wird, so konnte ich alles Vorhergehende gleichsam nur als Vorbereitung ansehen zu dem, was dem Auge nun geboten wurde: die schönste, schlanke, menschliche Gestalt, welche floh, wie der erschrockene Hirsch leicht zwischen den Bäumen hindurcheilt. So schwebt Aurora vor dem Sonnenwagen her! ? Einige Tage nachher malte ich sie, sitzend in einem Walde, eine Notenrolle auf dem Schoße, mit dem aufgehobenen Arme einen Zweig herniederbiegend und einen Hirsch lockend, der sich an den Blättern laben sollte.[297] Hier fällt mir ein, daß ich noch einiger interessanter Bekanntschaften zu gedenken habe. Mir war schon längst von einem Manne gesagt, der große Einsichten und eine lebhafte Einbildungskraft besäße. Wir kannten uns von ferne. Beide hatten wir uns schon durch Freunde sagen lassen, daß wir einander bekannter zu werden wünschten. Da begegnete er mir einmal hinter der Schweizer-Kaserne. Er und ich waren gerade von Freunden begleitet, die mich ihm vorstellten. Dieses Begegnen von ungefähr und das glückliche Zusammentreffen begeisterte ihn. »Ich wollte Euch schon längst in Eurer Arbeitsstube besuchen«, sagte er, »um Euch da kennenzulernen; aber den rechten Mann erkennt man auf der Stelle.« Dieser exzentrische Mensch hielt sogleich eine ausschweifende Rede über die Stelle, wo wir standen. Wir hatten auf der linken Seite die Schweizer-Kaserne, welche die weite Aussicht auf das Meer versperrte, und rechts sah man den schönen Berg Posilippo hinauf, die Kartause und das Kastell St. Elmo. »Oh! Wenn die Menschen klug wären«, sagte er, »und täten, was sie sollten, wie leicht könnten sie sich die Welt zum Himmel schaffen! Hier« ? indem er mit der Hand auf die Kaserne wies ? »hier haben sie dem Auge das Herrlichste versperrt; wir stehen hier an einer der schönsten Aussichten der Welt, und doch sehen wir nichts als Scheußliches, dort aber« ? hier zeigte er auf den Berg Posilippo ?, »dort auf jener Höhe sollte das königliche Schloß stehen! Das wäre eine würdige Wohnung für den Regenten! Das schöne Gebäude würde ein prächtiger Anblick für die Anschauer sein, Achtung einflößen für den Herrscher und Genuß geben allen, die es sähen!« ? Gleich machte er auch den Plan, wie auf der Höhe von Pancrazio der ausgebreitete Palast des Königs stehen sollte, die Seitengebäude für seine Dienerschaft. Die Anhöhe müßte mit Gärten bebaut werden, mit geschlungenen Wegen, wo er hinuntergehen könnte, wenn er frische Luft genießen wollte. Zur Auffahrt müßten Terrassen und[298] Lustgärten sein, die Gebäude aber herunter bis ans Meer gehen, dabei mit Kolonnaden und schwebenden Gärten versehen sein. Da stand denn nun der ins Meer gebaute Sommerpalast, immer mit kühlender Seeluft umgeben; hier ragten die schönen Seitengebäude hervor, dort lagen die Lustschiffe, dem Volke zum Vergnügen. Auf den Gipfel des Pancrazio setzte er einen Tempel und nahm den größten von Pästum, genau mit allen Maßen kopiert, von wo aus man denn nach allen Seiten sehen könnte, wenn der Feind von außen käme, und von wo aus man, er komme zu Lande oder zu Meere, ihn bekämpfen und vertreiben könnte. Auch für die Wachen waren Gebäude angebracht: »Das Kastell St. Elmo würde dann die Stärke und der Schutz der Länder und der Zaum des Volkes.« Darauf sorgte er für einen botanischen Garten und eine Menagerie. Die Gebäude der königlichen Regierung schlossen die Seite gegen die Stadt, wo in den Gerichtshöfen die Gerechtigkeit fürs Vaterland gehandhabt würde. Alle Häuser hatte er schon in Gedanken niedergerissen sowie die große Kaserne, wovor wir eben standen, aus welcher viele weißgefärbte Kleidungsstücke hingen. Sie dauerte mich auch nicht, da ich in der Phantasie diese Herrlichkeit schon bewunderte. Ich übersah von oben herab die prächtigen Gebäude und Gärten mit den schönen Gruppen von Bäumen, auch das Meer, die kostbaren königlichen Kriegs- und Lustschiffe, die weite Aussicht gegen den Vesuv, sah da die Sonne aufgehen, die sogleich mir ihre Strahlen hierher warf. ? Nun wendete ihm einer ein: »Aber so majestätisch Euer königliches Gebäude ist, so kann es nur im Wunsche sein! Denn das Land könnte die Kosten nicht aufbringen und würde dadurch in Schulden kommen.« ? »Nein«, sagte er, »im Gegenteil, es würde das Land beglücken und bereichern! Die Menschen sind nur darum arm, weil sie keine großen Werke unternehmen. Jetzt leben sie im Elende und sind den Reichen zur Last; hier müßten sie durch Lohn[299] zur Arbeit angewiesen werden! In kurzem kehrt das Geld doppelt wieder in den Kasten! In diesem Lande, welches die Menschen überflüssig hervorbringt, können sie ihrer angeborenen Neigung zum Schönen folgen; denn der Mensch hat zum Leben wenig nötig, die Natur gibt es ihm hier im Sommer und Winter von selbst!« Amazon.de Widgets Als ich eines Tages nach Hause kam, erzählte ich der Gesellschaft, die bei mir versammelt war, daß ich schon mehrere Male einem Manne begegnet wäre, der ein Gesicht habe, das viel Gefühl und Phantasie zeige, aber auch zugleich etwas Kleinliches, als zerteile er mit Scharfsinn die geringste Münze und hüte sich vor jeder Ausgabe. Er sei mir mit seiner gebogenen Nase wie ein Schaf vorgekommen, doch vermischt mit etwas Wolfsnatur, die vorsichtig spart. Auch sein altmodischer, spaniolbrauner Rock und seine grünen Hosen zeugten von seiner Sparsamkeit. Ich äußerte den Wunsch, diesen Mann kennenzulernen und sein Gesicht zu zeichnen. Nach dieser Beschreibung sagte einer: »Nicolo Sale trägt einen solchen Rock und hat eine große Nase.« Ein anderer fiel ein: »Gewiß, das ist Sale, und er ist mein intimer Freund, den verschaffe ich Ihnen gleich zum Zeichnen.« Einige Tage nachher wurde er zu mir geführt, und ich sah einen herzensgutmütigen Menschen. Während des Zeichnens erzählte er mir, daß er einen Neffen habe, auf den er viel halte, der großes Talent besitze und dem er daher auch all das Seinige vermachen wolle, damit dieser der Erbe seiner Familienbesitzungen werde, die hauptsächlich in Wäldern von Kastanien beständen, deren Vortrefflichkeit er mich wolle kosten lassen. Mir schien, sein gutes Gemüt wolle mir dafür Erkenntlichkeit beweisen, daß ich ihn zeichnete; denn sein Freund hatte ihm gesagt, sein Porträt solle auch in Kupfer gestochen werden, und so im Andenken fortzuleben, schien ihm zu gefallen. Als ich mit der Zeichnung fertig war, sah ich, daß ich das, was in seinem Gesichte lag, nicht erreicht hatte, dieses Zwiefache[300] von Enthusiasmus und scharfer Besonnenheit, und bat ihn, so gefällig zu sein, noch einmal wiederzukommen. Ich bestimmte einen Tag, an dem er auch kam und mir einige Kastanien mitbrachte, die auf einen Faden gezogen waren wie ein Rosenkranz. Er bedauerte, daß sein Vorrat jetzt nicht groß sei, aber wenn die neue Ernte käme, wolle er mich reichlich damit versorgen. Sein Freund erzählte mir, daß Sales große, ergiebige Besitzungen in seiner lebhaften Phantasie lägen; die Familie habe zwar etwas Land, wovon sie leben könne, er aber sei in seiner Jugend so schwach an Geist und Körper gewesen, daß man ihn zu nichts habe brauchen können, auch nicht zu der geringsten Arbeit. In der Besorgnis, er würde sich den nötigen Lebensunterhalt nicht erwerben können, sei er in ein Institut gebracht worden, deren es zwei in Neapel gibt, wo Musik gelehrt wird und die Lehrlinge vom König unterhalten werden. Hier habe er nun ein Werk über den Kontrapunkt geschrieben, so daß, als er diese Arbeit dem großen Kapellmeister Paisiello vorgelegt, dieser die Hände aus Verwunderung zusammengeschlagen und ausgerufen habe: »Sale, was hast du gemacht? Du hast auf mannigfaltige Art zergliedert, was ich nicht möglich glaubte! Viel habe ich studiert, aber wie du die Töne versetzt hast, ist es mir nicht vorgekommen!« Dieses Werk soll auf königliche Kosten in Kupfer gestochen sein, aber ich glaube, daß es nicht zustande gekommen ist, denn ich habe einige Kupferplatten gekauft, welche auf der einen Seite geschliffen waren, auf der anderen gestochene Noten enthielten. Da ich den Kupferschmied deshalb befragte, sagte dieser, die Platten seien von einem Werk, welches auf königliche Kosten angefangen wäre, aber nun nicht fortgesetzt werden sollte, weshalb man die vorrätigen Platten habe verkaufen lassen. Auch machte ich Bekanntschaft mit Herrn von Schlangenbusch, dänischem Minister, und mit dem Ritter Italinski,[301] russischem Minister. Beide stellten Beobachtungen über die Meeresbewohner an, sie suchten nämlich die Lebensart der Fische im Wasser zu belauschen. Eine mühsame und kostspielige Unternehmung! Sie hielten beständig Wachen von Fischern auf dem Meere, um sich benachrichtigen zu lassen, wann sich die Fische sehen ließen. Das mochte nun bei Tag oder Nacht sein, so mußten sie schon eilen, am Orte zu sein, denn die scheuen Meeresbewohner sind schwer zu belauschen und im Husch weg. Die gefangenen Fische, das Äußere und Innere und die ganze Anatomie derselben zeichnete ihnen Kniep mit strenger Genauigkeit. Eine löbliche Unternehmung, weil wir noch sowenig von der Lebensart der Meeresbewohner kennen. Dankbar erinnere ich mich auch noch der Güte und Aufmerksamkeit, womit mich der Hofmarschall Marchese del Vasto und sein Sohn, Prinz Monte Sanhio, überhäuften. Ich war oft in ihrem Hause, wo noch der Harnisch des Königs Franz I. und das Schwert aufbewahrt wurden, welches dieser dem feindlichen Feldherrn überreichte, als er in der Schlacht bei Pavia gefangen war. Auch befanden sich hier Hautelisse-Tapeten nach Tizian, Begebenheiten vorstellend aus jenen Kriegen der Franzosen und Spanier in Italien. Diese Tapeten wurden, damit wir sie recht besehen konnten, oben auf dem Lastrico des Hauses ausgebreitet. Mit dem Gesandten von Tripolis traf ich öfter in Gesellschaft zusammen. Einst besah er die physikalischen Instrumente beim Fiskal Vivenzio. Dieser zeigte ihm die Elektrisiermaschine und elektrisierte einen von seinem Gefolge, der sich auf seinen Befehl dazu hergeben mußte. Um diesem die Elektrizität klarzumachen, stieß ihn der Gesandte gerade ins Auge. Auch sah ich hier einmal auf der Straße ein dichtes Gedränge um einen Mann, welcher vorgab, von St. Paulus das Geheimnis erhalten zu haben, die Menschen vor dem giftigen Schlangenbisse zu schützen. Dieser Heilige habe[302] nämlich auf der Insel Malta, um dem Volke zu zeigen, daß für ihn die Schlangen nicht giftig seien, eine Viper, die ihn gebissen, ins Feuer geworfen. Diese Macht gegen giftige Schlangen sei von Paulus damals vielen Gläubigen erteilt, von denen auch er sie erhalten habe. Zur Bestätigung, daß ihm keine Schlange schade, riß er dem Tiere den Mund auf und ritzte sich mit dessen Zahn Wange und Zunge. Auch versicherte er, daß ihn die Schlange liebe; er gebot ihr, ihm einen Kuß zu geben, führte den Kopf des Tieres gegen seinen Mund, und nun glaubte das Volk wirklich, sie küsse ihn. Viele griffen daher nach den letzten Bajocchi, um sich gegen den Schlangenbiß, der den Landleuten sosehr gefährlich ist, befestigen zu lassen. Er machte seine Formel und gab ihnen im Namen St. Pauli den Segen. Unterdessen griff ich in den Kasten und holte eine Schlange heraus, um sie genauer zu besehen. Auch wollte ich in der Hand fühlen, wie sie sich fortwinde, was wirklich etwas Angenehmes hat, weil man die Ringe spürt, wodurch sie sich fortschiebt. In diesem Augenblick stierte mich der Mensch an mit seinem Caracalla-Gesicht: »Habt Ihr«, rief er, »die Benediktion des St. Paulus erhalten, daß Ihr die Schlangen ohne Schaden berühren könnt?« ? »Nein«, sagte ich, »aber ich kann sie ebensogut anfassen wie Ihr, weil sie kein Gift haben.« ? »Beim St. Gennaro! In welcher Gefahr seid Ihr gewesen! Ein Glück, daß ich so nahe war! Ihr seid ein Engländer, die nichts glauben, aber ich rate Euch, laßt Euch gegen den Schlangenbiß befestigen!« Hierbei nickte er dem Volke zu, welches in höchster Begeisterung war über die Wunderkraft, die es vor Augen sah. Um mich daher keiner Mißhandlung auszusetzen, bezahlte ich lieber. Ich sagte ihm nun, daß ich ein Maler sei, wenn er besondere Schlangen finge, möchte er sie mir bringen, damit ich sie zeichnete. Er versprach mir einen Schlangenkönig, der eine ordentliche Krone auf dem Kopfe habe und durch den alle Schlangen in Verzweiflung kämen.[303] Amazon.de Widgets Nicht lange nachher sah ich diesen selben Menschen in dem Parke zu Caserta. Er sprang in das Gebüsch, winkte mir, zurückzubleiben, indem er eben dem seltenen Tiere auf der Spur sei. Se. Majestät, sagte er, habe ihn zum Hofschlangenvertreiber ernannt, weil die Schlangen die Fasaneneier auffräßen. Nach einer kleinen Weile huschte er wieder aus dem Gebüsch hervor und tat unwillig auf mich, daß ich ihn durch mein Geräusch verhindert habe, jenes Tier zu finden. Kurze Zeit darauf jedoch brachte er mir diesen sogenannten Schlangenkönig. Mit Herzlosigkeit hatte er die Haut auf dem Kopfe der Schlange aufgeschnitten und eine Dornenspitze mit vielen Haken eingeleimt, so daß die Farbe der Dornenrinde von der Farbe der Haut nicht zu unterscheiden war. Ich verwies ihm die Unmenschlichkeit, daß er ein Tier, welches so gut Gefühle habe wie er, so quäle, und fragte ihn, wie ihm zumute sein würde, wenn man ihm die Haut auf dem Kopfe aufschneiden und eine vielzackige Krone hineinleimen wollte? Nun fuhr er mich wütend über meine Ungläubigkeit an, und da ihm das Beteuern noch leichter wurde als das Lügen, so rief er, unter den schauderhaftesten Schwüren, daß seine Seele ewig in der Hölle brennen solle, alle Heiligen zu Zeugen an, daß der Dorn nicht aufgeleimt sei! Später traf ich ihn noch einmal in dem Parke. Er sah ganz dunkelbraun und sehr elend aus, und ich fragte ihn, ob er krank sei? »Ach«, seufzte er, »ich weiß selbst nicht, was mir eigentlich fehlt!« ? »Ihr habt wohl einmal«, erwiderte ich, »mit einer giftigen Schlange Euer Kunststück gemacht, und das ist Euch nicht gut bekommen?« ? »Es kann sein!« antwortete er ganz kleinlaut. Freilich erlaubte ich mir selbst einmal ein ähnliches Schelmenstück, aber doch unschuldigerer Art. Ich ließ mir auf dem Fischmarkte einen großen Krebs kaufen, dessen Schale die Zeichnung eines Menschengesichts hatte. Ich wickelte ihn in ein weißes Tuch, so daß nur der Kopf unbedeckt[304] blieb. Mondo hatte viele Töchter, und oft waren auch junge Herren dort, um zu musizieren, indem die Musik in dieser Familie recht zu Hause war. Ich trug den Krebs in die Gesellschaft, und weil er keine Fühlhörner bewegte, hielt man ihn für ein aus Holz geschnitztes Kind, welches durch ein Uhrwerk bewegt werde. Als sie aber anfingen, es für etwas Lebendes zu halten, drängten sie sich furchtsam in eine Ecke. Nur ein junger Herr hatte die Herzhaftigkeit, den Krebs mit einem Stocke unter dem Schwanze zu berühren. Ich hatte das Tier auf einen großen Flügel gelegt, und da ihm das Kitzeln unerträglich war, so schlug es mit dem Schwanze so auf den Flügel, daß alle Saiten erklangen, dann bewegte es sich rückwärts und fiel auf die Erde. Jetzt, da sie sich überzeugten, daß es ein lebendiges Wesen sei, drängten sich die Damen noch mehr zusammen, und selbst die beherzten jungen Herren erschraken. Eines Tages fühlte ich Verlangen, die Gemäldegalerie auf Capo di Monte zu sehen, und da mich das heitere Wetter dazu einlud, wollte ich mich auch einmal ganz dem Genius großer Meister überlassen. Gewöhnlich spricht mich von der großen Menge einer Gemäldesammlung eins vorzüglich an, und so war es auch dieses Mal. Mich fesselte ein kleines Bild von Primaticcio, »Das Urteil des Paris« vorstellend, wie Merkur ihm den goldenen Apfel bringt, um diesen der Schönsten zu geben. Vor ihm stehen die drei Göttinnen entkleidet, jede in ihren Reizen. Man erkennt an der Arbeit, daß Primaticcio dieses Bild mit Liebe und mit Anwendung aller seiner Wissenschaft und Kunst machte und gerade diesen Gegenstand wählte, weil er Gelegenheit hatte, drei weibliche Figuren, jede von verschiedener Gestalt, anzubringen. Besonders ist der Rücken der einen Figur wunderschön gezeichnet und ausgeführt, mit aller der Kenntnis, welche er von Raffael, Giulio Romano und anderen großen Künstlern, mit denen er Umgang hatte, lernen konnte. Paris steht angelehnt, er hat die Form eines[305] Apollo, aber das Fleischige eines Schäfers, der in unschuldig-müßiger Ruhe ernährt ist. Diese Figur prägte sich mir besonders ein, so daß, als ich nach Hause kam, ich sie aus dem Gedächtnis zeichnete; daneben brachte ich zwei Mädchen an, welche ich vor meiner Tür auf dem Beischlage, mit anderen spielend, hatte sitzen sehen. 
 Erste Reise nach Italien  [117] Alle die Meinigen und meine Freunde begleiteten mich vor die Stadt bis auf den Forst; auch waren mehrere Jagdliebhaber mitgegangen, die zugleich dem Lerchenfang beiwohnen wollten. In dieser Gegend hatten wir oft Vergnügen der Jagd gehabt, mit dem Falken und Habicht Hasen und Feldhühner gebeizt. Der Abschied von den Meinigen war traurig. Besonders weinte meine jüngere Schwester bitterlich; sie konnte meine Hand nicht von sich lassen, es war, als hätte sie noch ein Geheimnis auf ihrem Herzen, das sie mir vertrauen wollte und doch aus Verschämtheit, so schien es, zurückhielt. Es war vermutlich ihre Liebe zu Pforr, dem geschätzten Pferdemaler, der auch nachher, als er sein sicheres Auskommen hatte, mein Schwager wurde. Die arme Schwester hat aber nicht lange das Glück gehabt, den vortrefflichen Mann zu besitzen. Er starb früh und hinterließ sie als Witwe mit zwei Knaben. Ehre und Liebe erwiesen ihm alle, die ihn kannten, auch nach seinem Tode. ? Mein Reisegefährte war Herr Waagen aus Göttingen, der in Kassel die Architektur und Malerei studiert hatte, sich nun aber in Rom der Malerei ganz widmen wollte. Je weiter wir fuhren, desto mehr kehrte ich zu mir selber zurück und desto höher stieg der Gedanke, das schöne Italien zu sehen, das Land, wo die Kraft und der herrliche Geist unter den Menschen wohnten, vor allem die schöne Roma, die Stadt der Welt! In Hildburghausen besuchte ich meine Tante, Valentins[118] Witwe. Sie hatte zwei Söhne, von denen der ältere, Ludwig Philipp, nachdem er sich neun Jahre in Italien aufgehalten hatte, als Architekt nach Petersburg ging, auch das Opernhaus in Moskau baute, der jüngere, Friedrich, der Hofmaler des Fürsten von Waldeck in Arolsen wurde. Früher hatte er Frankreich und Italien besucht. In Neapel malte er die Königin, und diese sandte ihn selbst nach Wien, um ihrer Frau Mutter, der Kaiserin, ihr Bildnis zu überbringen. Hier waren noch verschiedene Gemälde von meines verstorbenen Onkels Hand, besonders Perspektiven, im Gartenhause. Je näher wir gegen Nürnberg kamen, desto lebhafter wurden wir durch die Trachten der dasigen Landleute, besonders durch die züchtigen Jungfrauen, welche Kopf, Hals und Busen so sittsam verhüllt trugen, noch mehr durch die Gestalten selbst an Albrecht Dürer und seine Werke erinnert. So glaubten wir in einem ländlichen Wirtshause, wo wir zu Mittag aßen, die lebenden Modelle zu einem seiner Heiligenbilder zu sehen; die Tochter als Jungfrau Maria, ihren schönen Bruder als des Christus Lieblingsschüler, den sanften Johannes, und die Mutter als heilige Elisabeth. Wir blieben mit Vergnügen in diesem Hause, wo uns von den vortrefflichen, gutmütigen Menschen alles mit zuvorkommender Liebe und Gefälligkeit gereicht ward. Als wir Abschied nahmen, wollten sie uns nicht weglassen, wir hielten einander die Hände fest umschlungen, aber die ungeduldigen Rosse und des Fuhrmanns Peitschengeknalle drängten zum Abschied. Auch der Kutscher war munter wie seine Pferde, denn reichlich war ihm eingeschenkt worden, und Hafer vollauf hatte der Jüngling für die Pferde in die Krippe gefüllt. Sogar in dem Wagen fanden wir zur Seite unserer Sitze alles vollgepackt. Unsere Herzen und Augen flossen über von Dank; wir konnten kaum sitzen vor dem vielen Gepäcke von Brot und Semmeln und Äpfeln, welche die züchtige Jungfrau mit ihren niedlichen Händen[119] eingewickelt und die sinnige Mutter und der besonnene Jüngling zurechtgelegt hatten. Flüchtig ging es mit Gerassel durch das Dorf über die unebenen Wege, und wir hatten Mühe, im Fahren alles zu ordnen, um sitzen zu können. Schon fern vom Dorfe hinaus, hörten wir ein lautes Rufen hinter uns her, unser Fuhrmann mußte halten. Da sahen wir den Jüngling hinter uns herlaufen; er hielt ein Buch in die Höhe, und als er uns nahe kam, sagte er, er sei uns nachgegangen und habe das Buch aus dem Wagen fallen sehen ? es war der Homer. Wir kamen nun bald zu der berühmten alten deutschen Künstlerstadt. Ihre Mauern, von Felsstein aufgeführt, geben ihr ein ehrwürdiges Ansehen; allein man sieht bald, daß sie ihren vorigen Glanz und Ruhm verloren hat. Der Geist und die Emsigkeit der früheren Zeit, wo die vielen großen Künstler hier lebten, war gestorben; sosehr indes ihre künstlichen Werke heruntergesunken waren zu Spielen der Kinder, so ausgebreitet in ferne Länder bleiben ihre Erfindungen! Es ist fast kein Kind in der kultivierten Welt, das nicht mit einem Nürnberger Spielwerk tändelte und sich darüber freute; wieviel fehlt einer Stadt, worin kein Nürnberger Laden ist! Hier in Nürnberg ist der große Albrecht Dürer geboren, ein vorzüglicher Mensch, wie die Natur nur selten einen zur Zierde der Menschheit aufstellt. Ich hoffte hier noch vieles von seinen Kunstwerken zu finden. In einer Kirche wurde mir ein Bild gezeigt und für seine Arbeit ausgegeben; aber es schien mir seines Geistes, seiner Kenntnis und seiner Kunstgeschicklichkeit nicht würdig. Bei einem Kunstliebhaber sah ich ein kleines Bild von Sandrart, »Ein nackter Knabe«; auf den ersten Blick hätte ich es beinahe für einen Rubens gehalten. Es war mir lieb, auch von diesem Nürnberger etwas zu sehen. Dann besuchten wir Herrn Preißler, der durch die Einrichtung seiner Pressen und Kunstinstrumente alle Arten von Zeichnungen[120] der verschiedenen Künstler in ihrer eigentümlichen Behandlung sehr geschickt in Kupfer nachzubilden wußte. Dieser führte uns zu der Familie Praun, wo wir die berühmte Sammlung von Originalzeichnungen sahen. Besonders schienen mir die von Michelangelo sehr natürlich; denn wer konnte so zeichnen wie er! Vermutlich waren auch manche Arbeiten von seinen Schülern darunter, einige mit schwarzer Kreide so ausgeführt, daß man alle und jede Form der Muskeln deutlich und bestimmt sehen konnte. Kaum kann man in Miniatur diese Genauigkeit erreichen. Auch die von Primaticcio waren vortrefflich. Der machte seine Zeichnungen zugleich zu einem Kunstwerke; denn sie sind ausgeführt und fertig wie Bilder, während andere Künstler nur zeichnen, um Form und Gestalt zu lernen oder ihre Ideen hinwerfen, um sie nachher als Skizzen zu Gemälden zu gebrauchen. Für den König von Frankreich soll er schöne Zeichnungen angefertigt haben, dessen Lieblingsmaler er wurde, als Leonardo da Vinci starb. Wie glücklich sind Könige, die solche Menschen um sich haben können! Wie glücklich machte es den Kaiser Maximilian, den Albrecht Dürer im Kirchgäßchen zu besuchen! Und wie glücklich sind die, welche Werke des Geistes von so ausgezeichneten Künstlern im Besitz haben können! Da wir alles besehen hatten, was diese Familie an Kunstschätzen besaß, wurde uns das »Porträt des Michael Wohlgemut« von Dürer gezeigt. Hier hatte der Schüler seinen Meister dargestellt mit einer Wahrheit, als hätte man wirklich den Wohlgemut vor sich; das heißt Ebenbild! Ohne das Original gekannt zu haben, sah man treu, ohne irgend etwas Fremdes den Mann, von dem es abgenommen war. Hier waren keine malerischen Kunstgriffe, sondern die reine Natur, so wie ein Porträt sein soll, und das konnte nur Dürer, der so richtig, so scharf und rein die Maße und Formen sah. Der schrieb das Gesicht mit seinen Formen[121] und Farben dahin, wie er es vor sich hatte; er kannte den Bau des Kopfes und dessen Muskeln, die Knochen, die Knorpel, die angespannte Haut darüber und die fleischigen Teile, die straffen und die, welche häutig hängen; um die Schläfe glaubte man den Puls unter der Haut schlagen zu sehen. Ein Mann von klarer Erkenntnis und von durchdringendem Geiste ? das war Dürer. Was ihm fehlt in seinen Porträts, der malerische Effekt, das Runde, wo sich der Umriß verschmolzen in den Grund verliert, das ist eben sein Verdienst! Dank, lieber Wohlgemut, daß du deinen Schüler so treu lehrtest, und Dank dir Schüler, daß du deinen Meister uns so treu maltest, als sähen wir nach dreihundert Jahren ihn noch vor uns! Vom Nürnberger Zeughause versprach ich mir viel, weil hier unzählige Künstler in Metall gearbeitet, vieles erfunden und schon erfundene Sachen vervollkommnet haben. Bei dem Anschauen der Waffen fiel mir der Gedanke eines deutschen Dichters ein: »Eisen zieht den Mut des Jünglings an.« Ein Schießprügel wurde mir gezeigt, wo ein eisernes Feuerrohr in Holz gefaßt war, das, nachdem es abgebrannt worden, als Keule zum Schlagen diente. Eine solche Keule hatte fünf Rohre. Dieses war vielleicht der Gebrauch, ehe man die Feuerrohre zu Flinten einrichtete und dann eine Lunte anbrachte, die mittels eines Hakens zur Pulverpfanne geführt wurde, bis man die Schlösser erfand, welche durch Abziehen von selbst weiterschlugen. Um die Waffe noch gefährlicher zu machen, bediente man sich der Stechschlösser. Auch an den alten Feuergewehren kann man den Fleiß und den Kunstsinn der Deutschen bewundern! Eben da ich dieses schreibe, habe ich aus den Zeiten Kaiser Rudolphs II. einen Schaft in Händen, der zum Erstaunen künstlich gearbeitet und mit Arabesken von Elfenbein eingelegt ist. Die Verschlingungen der Arabesken sind so künstlich und fein, daß man sie kaum so mit Griffel und Schreibfeder ziehen könnte, und die Figuren sind so gut[122] gezeichnet, daß man sie für Arbeiten des Dürer halten sollte. Allerhand Tiere sind angebracht, Löwen, Hasen, Wölfe und Vögel, alle vortrefflich gezeichnet. An der Rückseite des Backenkolbens sitzt Leda mit dem Schwane, ähnlich der Abbildung an den bronzenen Türen der Peterskirche, welche von der Rotunda dahin versetzt wurden. Jene Antike wird indessen durch dieses Werk an Zierlichkeit übertroffen, welches nur die anhaltende Geduld des deutschen Kunstfleißes zustande zu bringen vermochte, der in dem Schaffen selbst seinen Lohn findet. Man erwäge nur, wieviel Mühe und Zeit es kostete, den Leimtopf so oft zu wärmen als nötig war, um jedes einzelne Stückchen zu befestigen. Ungeachtet diese Büchse so viel gebraucht worden war, daß da, wo der Daumen angreift, die Stelle abgeschliffen ist, so zeigt sich doch alles noch gänzlich unversehrt. Das ist deutsche Tüchtigkeit im Arbeiten! In Augsburg war mein größtes Verlangen, die Wohnung des Ridinger zu sehen, dem wir viel zu danken haben, weil er uns durch seine Zeichnungen die wilden Tiere so bekannt machte. Er hat uns in diesem Stücke einen großen Schritt weitergebracht. Nicht allein lehrt er uns alle Waldbewohner und jagdbaren Tiere kennen, sondern er bringt uns auch ihre besonderen Eigenheiten und momentanen Bewegungen vor Augen. Dazu gehört ein scharfer Beobachter, der die blitzschnellen Bewegungen sieht und festhält und dann mit seiner geschickten und fertigen Hand aus seiner Phantasie wieder herzugeben imstande ist. Er belauschte die Tiere in allen ihren Bewegungen und Stellungen, im Stehen und Staunen, im Lauschen, im Horchen, im Schrecken, in der Furcht, Angst, im Gehen und Laufen, im Zorn, in der Herzhaftigkeit und in der Wut. Von dieser Seite muß man sein Verdienst würdigen. Zu bedauern ist, daß ihm das Studium der Anatomie fehlte. Wer treue anatomische Zeichnungen, so wie Camper sie verlangt, von ihm begehrt, der klopft nicht vor die rechte Tür. Er gibt uns etwas Geistigeres und[123] Besseres; denn die Menschen, die alles in solcher Eile fassen, behalten und wiedergeben können, sind äußerst selten. ? Ich freute mich, in das Arbeitszimmer zu kommen, wo dieser schaffende Geist soviel Schönes hervorgebracht hat, und es wurden mir noch verschiedene Handzeichnungen von ihm vorgelegt, die den Geist hatten, der ihn beseelte. Alles ist Leben und Bewegung, leicht, ohne Mühe ist es hingeworfen. Er war auch unerschöpflich in mannigfaltig schönen Hintergründen, in welchen man nie eine Wiederholung bemerkt und die immer anzeigen, wo sich die Tiere aufhalten und wovon sie sich nähren. Noch ein Grund, warum ich gern in dieses Haus ging, war, daß mein Onkel ein Jugendfreund und ein Bettgenosse von ihm gewesen war. Um die Münchener Galerie kennenzulernen, reisten wir gerade nach Schleisheim, wo sie aufgestellt war. Der Weg dahin hatte viel Schönes, besonders in der Gegend, wo die vielen Hirsche gehegt wurden. Es ergötzten mich diese leichten Geschöpfe, so in Rudeln umhergehend, die stolzen Hirsche mit den großen Geweihen den Zug führend. Mir war, als hätte ich die Gegend schon im Traume gesehen. Wir kamen des Abends spät im Dunkeln an und sprachen noch mit dem Inspektor, dem ich sagte, wie ich vor Begierde brenne, die Gemälde zu sehen, und den ich um die Güte bat, uns so früh als möglich die Galerie zu öffnen. Er blieb den Abend bei uns und unterhielt uns von den Schätzen derselben. Mein Eifer wurde dadurch verstärkt; ich brachte die Nacht schlaflos zu und konnte den Morgen kaum erwarten. Sobald es tagte, machte ich mich fertig, das nun zu sehen, was ich seit so vielen Jahren gewünscht hatte. Der Galerie-Inspektor kam, mich hinzuführen. Das erste Bild, als er die Tür aufmachte, waren »Hungrige Wölfe«, die ein schönes Pferd überfallen haben und es nun verzehren. Es ist mit einer so außerordentlichen Wahrheit von de Vos gemalt,[124] als sähe man die Tiere natürlich vor sich. Die Wölfe hatten die widrige graue Farbe von altem verschimmelten Holze, das im Walde liegt; dagegen glänzte das schöne braune Pferd. Wer kein Bild von diesem geschickten Tiermaler gesehen hat, kann sich kaum vorstellen, daß es möglich ist, die Natur so treu nachzuahmen. Ich sah einmal von ihm zwei Reiher, die ein Fuchs im Schilf beschleicht. Die waren so, daß sie mir auffallender in die Augen leuchteten als die Natur selbst. Von der großen Anzahl Gemälde in dieser Galerie will ich nur ein paar nennen. Einige schöne Porträts von van Dyck waren in einer Reihe einen Saal entlang aufgehangen, das zweite immer besser als das erste. Ich glaubte oft, nun könne kein schöneres mehr kommen; aber das letzte überstieg alle und zeigte mir das Höchste, wohin die Vollkommenheit reichen kann. Nun aber kam ein Porträt von Rubens, das an lebendigem Geiste die anderen vernichtete. Hier sah man den Unterschied! Beide, van Dyck und Rubens, groß, und doch einer über den anderen! Rubens' feuriger, glühender Geist war aber wie die leuchtende Sonne, die alles erhellt und belebt. Mit warmem Blute schien der gemalte Mensch dazustehen. ? Die zwei Bilder »Herkules bei der Omphale« und »Der rasende Herkules«, welche man für Arbeiten des Dominichino ausgibt, sind von Vaccaro, einem neapolitanischen Meister, der ein Schüler des Dominichino war. Hier sah ich auch einige Bilder von Teniers, die ich für Arbeiten des Veronese gehalten hätte; aber er hat zwischen die historischen Figuren, die man zuversichtlich für Veroneses Arbeit halten möchte, in seiner Manier einen holländischen Bauer hingestellt, um zu überzeugen, daß das Gemälde von ihm sei: es ist, als hätte er seinen Namen da hingeschrieben. Späterhin sah ich mehrere Bilder der Art, ungefähr eine Hand groß, in der neapolitanischen Galerie, die man für fremde Arbeit hielt: »Die zwölf Apostel und Christus«, angeblich von Rubens[125] oder van Dyck. Man kann hieraus schließen, daß die holländischen Maler, die sich lange in Italien aufhielten, da es ihnen ebensoleicht war, die Natur treu in Form und Farbe nachzuahmen als die Manieren anderer Künstler und ihre Werke in Gestalt und Farbe aufzufassen, manches Bild gefertigt haben, das man für ein italienisches Bild ausgegeben hat. Auch sah ich ein paar Apostel von Dürer, Figuren in Lebensgröße, in einer breiten und großen Manier in Öl gemalt. Hierin erkannte man den großen Meister mehr als in seinen kleinen, in Kupfer gestochenen Sachen. Es ist zu beklagen, daß dieser Mann, der so seltene Gaben und so große Kunst besaß, sie nicht anwenden konnte, indem er meist nur kleine Sachen malte und Kupferstiche fertigen mußte, weil sie ihm mehr eintrugen, als wenn er große Werke unternommen hätte, die Zeit und Kosten erforderten. In großen Bildern hätte er seine Kenntnisse anbringen können, die er, ohne die Beihilfe des Antiken, aus der Natur entnommen hatte. Jede Arbeit dieses Mannes zeugt von seinem starken Geiste. Er stellte das Kleine wie das Große mit der Wahrheit und Geschicklichkeit dar, die zu bewundern ist. Ein äußerst anmutiges Bildchen von Dürer bewunderte ich später zu Neapel bei den Gebrüdern Teres. Es war ihnen von ihrem Schwager, dem Abbate Mazzola in Wien, der die bekannte Schmetterlingssammlung hatte, zum Geschenk gemacht: Ein schönes junges Mädchen wand einen Vergißmeinnichtkranz vor einem offenen Fenster, in welchem eine weiße Katze mit einem aufgerollten langen Papierstreifen spielte, der um den mittelsten Fensterpfosten geschlängelt war. Auf dem Bilde stand die Inschrift: »Ich binde mit Vergißmeinnicht.« Der grünen »Papageienfeder« in Wasserfarben von Dürer habe ich schon erwähnt. Ich sah sie in der Sammlung des Herrn Gool in Amsterdam. Sie war zum Erstaunen natürlich, man glaubte, es läge da eine wirkliche Feder mit allen den schönen grünen und spiegelnden Farben zum Wegblasen[126] auf dem Papiere. Diese Feder ist sehr bekannt; man weiß, daß der Kaiser Maximilian sie aus Dürers Hand bekam und wie sie seit der Zeit von Hand in Hand ging. Ja, dieser Meister zierte gleich Gott auch das geringste Kleine mit Kunst und Schmuck! Von München ging's nun weiter nach Tirol, dem Lande der Gebirge, Felsen und Täler. In dem Tale von Innsbruck senken sich gegen den Fluß die Gebirge hintereinander hernieder und stehen, durch Wolken abgesondert, die dazwischen schweben, wie Kulissen auf dem Theater, wo durch Lichter eine täuschende Entfernung hervorgebracht wird. Ein Mann beredete uns, den Fußsteig über die Berge zu gehen, der uns viel schöne Aussicht gewähre und kürzer sei, so daß wir mit dem Wagen, wenn der unten um den Berg führe, zugleich im Posthause ankommen könnten. Das taten wir und wurden für unser mühsames Steigen reichlich belohnt. Wir hatten von der Höhe eine weite Aussicht auf die Täler, als hätten wir eine Landkarte vor uns. Wagen und Häuser schienen so klein wie Kinderspielwerke. Die Wege durch dieses unebene gebirgige Land sind sehr gut, so auch die Posten und Wirtshäuser. Wir kamen um die Mittagszeit in ein Gasthaus, wo wir essen wollten. Die Wirtin, eine hübsche junge Frau, redete uns italienisch an und fragte, ob unsere Reise nach Italien ginge. Als wir das bejahten und zugleich äußerten, daß uns das Italienischsprechen noch nicht geläufig sei, sagte sie: »Das werden Sie bald lernen, so wie ich. Als ich hinreiste, wußte ich kein Wort, und auf der Reise habe ich's gelernt.« Nun erzählte sie uns von der schönen Stadt und den prächtigen Kirchen; sie sei nach Rom gereist, um die Santa Porta von San Pietro zu sehen und die wundervolle Madonna von Loretto. So artig und angenehm ihre Unterhaltung war, so zierlich und niedlich waren ihre Bewegungen, während sie uns mit Behendigkeit den Tisch bereitete. Unter anderen Gerichten setzte sie uns eine Schüssel mit Schnecken in ihren Häusern[127] auf, und als wir sagten, daß wir die nicht zu essen verstünden, zeigte sie uns, wie man leicht mit einer Nadel sie herausnehme und sich das den Austern ähnliche Geschöpf wohlschmecken lasse. Die Forellen in Tirol schienen mir kürzer, dicker und schwärzer zu sein als die unsrigen. In Waldströmen, die am Gebirge hangen, können sie nicht so lang sein als in flachen Gegenden; aber was müssen diese Tiere für eine Stärke und Behendigkeit haben, um sich gegen die Gewalt der stürzenden Wasser zu halten! Oft springen sie darin hinauf und herunter! Als wir gegen den Brenner hin fuhren, war vieles von der Gegend in Schneegestöber eingehüllt; über des Berges Spitze kreisten zwei Adler. Den andern Tag regnete es, und ich sah, wie sich einige Leute Regenschirme von einem Bund Stroh gemacht hatten; es war oben zusammengebunden und hing vom Kopf wie ein Strohdach, so daß es vor Nässe schützte, indem das Wasser am glatten Stroh herunterglitt. Ein kleiner Knabe besonders sah niedlich aus, weil man nichts vor dem Bunde Stroh erblickte als sein schönes rundes Gesichtchen und die Beine. Überhaupt habe ich nie schönere Kinder gefunden als in Tirol. Im Vorbeifahren sah ich einige an den Abhängen der Berge spielen; es waren glühende, schönfarbige Apfelgesichter. Bei Bozen geht eine Straße abwärts von der Hauptstraße nach Italien über die Platen nach Venedig. Gewöhnlich nimmt man den Weg über Verona; weil aber jener etwas näher ist, wählte ich den, obgleich er mir abgeraten wurde, denn ich konnte nicht geschwind genug die sonderbare Stadt sehen, welche im Wasser liegt und nur wenige Straßen zum Gehen hat. Grausend ist der Weg über die hohen Berge, auf ganz platten, schlichten Steinen, am Rande der Abgründe, wo man immer in Gefahr schwebt, in die unabsehbaren Tiefen zu stürzen; kaum getrauten wir uns hinunterzublicken. Indem hörten wir das Gejauchze der Winzer in den Weingärten, die eben mit der Weinlese[128] beschäftigt waren. Einmal hielten wir bei einer Schmiede still, die in einem Felsen gebaut war, von dem ein kleiner Wasserfall herunterstürzte, welcher den Blasebalg trieb. Hier wurde der große Maler Giorgio Barbarelli (Giorgione) geboren, von dem Tizian sagte: »Nun der tot ist, bin ich der erste Maler.« Das überhangende Gebüsch und das dazwischen wuchernde graue Geniste machte ein wildes Gemälde; auch schienen die Menschen hier wild und unfreundlich. Dann kamen wir an einen engen Paß zwischen zwei hohen Felsen, in deren einen das Wachthaus eingehauen war; die Soldaten wurden an Stricken hinauf- und heruntergelassen. Von da ging's in die Ebenen von Italien, die wir schon von den Bergen herab in einer unermeßlichen Ferne ausgebreitet gesehen hatten. Weingärten an Weingärten verloren sich vor dem Auge in das Unendliche. Ganz Italien scheint ein Garten und kommt einem um so heiterer und offener vor, nachdem man sich so zwischen engen Bergen durchgewunden hat. Zunächst ging nun unser Weg nach Bassano, wo der berühmte Maler Leandro da Ponte (Bassano) gewohnt hatte, der mit seinen Arbeiten Italien fast überschwemmte. Er war der ausgezeichnetste dieses Namens, aber mehrere seiner Familie waren auch Maler und lieferten so viele Bilder, daß man nicht allein in allen Städten und Flecken Italiens, sondern fast in ganz Europa Bilder von Bassanis findet, von denen zuweilen ganze Ladungen nach Venedig zum Verkauf gegangen sein sollen. Jetzt kamen wir nach Venedig. Überall Spuren der ehemaligen Größe, des Luxus und der weitläufigen Gewerbe dieser denkwürdigen Stadt, aber der Geist und die Tätigkeit waren vergangen; prächtige Paläste und Gebäude, doch alles ohne Leben! Das erste, was wir uns zeigen ließen, waren die schönen Gemälde von Tizian, Paolo Veronese, Tintoretto, Bassano, Palma. Besonders überraschten mich die Porträts auf dem Bilde von Paolo Veronese »Die Hochzeit[129] zu Kana« und das Bild »Alexander und die Gemahlin des Darius«. Der Busen der jungen Königin schien wirklich mit warmem Blute durchflössen! In einer Kirche sah ich ein Bild von Bassano, »Die Arche Noah«, wie alle Tiere paarweise hineingehen, so natürlich gemalt, daß ich im ersten Augenblicke nicht wußte, womit es gemacht wäre; gewöhnliche Farbe schien es mir nicht, die Tiere waren wie mit haarigen Fellen überzogen. Es gehört mehr dazu, als mit einem Fuße auf der Eintrittsschwelle Italiens zu stehen, um das Verdienst der Bilder von Tizian gehörig zu würdigen; das vermag kaum der, der viele Jahre in Italien die besten Kunstwerke studiert hat. Wer die Schönheit in Tizians Werken erkennen will, muß nicht allein mit der Kunst, sondern auch mit dem Schönen in der Natur bekannt sein, nicht bloß was sich äußerlich an Farbe dem Auge zeigt, sondern auch die geheimen zarten Empfindungen des Gemüts beobachtet haben, die sich nur eben in momentanen Übergängen auf dem Gesichte, am Munde und im Blicke des Auges zeigen. Den Seufzer des Mundes, den Reiz, der auf den Lippen sitzt, den Glanz des Himmels im aufschauenden Auge, das Unkörperliche, Geistige hat er gefaßt und gehalten, wie man es nicht häufig in Werken anderer Maler findet. Wenn den geübten Meister, der mit dem höchsten Aufgebote seiner Kraft die letzte Hand an sein Werk legt, um diesem den völligen Seelenausdruck zu geben, nun eine Begeisterung befällt, daß er, sich seiner selbst nicht mehr bewußt, die irdischen Augen fast schließt, und den Pinsel in seiner Hand Gottes Geist führt und leitet ? dann haucht er seiner Schöpfung den zauberischen Reiz und das Magische ein, dann steht ein göttlich-geistiges Werk da! So ward Tizians »Danae«, im Momente der Empfängnis, mit dem wollüstigen Auge, welches mit Schmelz in die Höhe blickt, mit dem atmenden Munde, mit dem Golde, was ihr als ätherische Fruchttropfen in den Schoß regnet.[130] Der alten Stadt Padua, die von Antenor angelegt sein soll, sieht man es an, daß ihr die Wasserstadt Venedig den Rang abgelaufen hat. Viel leichter lebt es sich in den Seestädten, zumal in Venedig, wo die mit geringeren Kosten angeschaffte Gondel keinen Luxus mit Pferden und Wagen zuläßt. Die Ruinen Paduas sind von einer Stärke, als habe der alte Antenor seine Statthalterschaft von Troja auf ewig hierherverlegen wollen. Gewiß ist der alte Turm auf der Ecke nach dem Modell am skäischen Tore genommen, worauf er saß und seine Pflicht verleugnete, als er die Helena erblickte. So sagte wenigstens unser Antiquar, um uns zu beweisen, daß Antenor diese Stadt erbaut hätte, als er Troja verließ. Ich glaube, Antenor würde wieder fortgefahren sein, wenn er das Geschrei der Lastträger gehört hätte, welche sich darum zankten, unsere Koffer zu tragen. Jeder wollte sie fortschaffen, sich gegen uns mit schmeichelnden Worten insinuierend, aber die anderen überschreiend, daß sie zurückblieben. Endlich sagte ich zu einem: »Trage du.« Gleich schrie er: »Es ist des Herrn Wille, er hat befohlen, daß ich trage!« Und die anderen schwiegen. Er packte die Sachen zusammen und türmte eine Last aufeinander, die kaum zwei starke Männer hätten tragen können, und lief damit weg. Ich erstaunte hier mehr als bei dem berühmten Lastträger zu Amsterdam, welcher auf der linken Schulter einen großen Sack voll Korn unten aus dem Schiffe die Treppe hinauf in einem Atem bis auf den Boden trug. Die Deutschen gehen mit der schweren Last festen Ganges langsam fort, die Italiener geben sich einen elastischen Schwung und traben damit weg. Wir eilten ihm nach durch die alten Straßen, in denen die Arbeiter vor ihren Türen saßen und ihr Geschäft trieben. In den Kirchen von Padua fand ich viele alte Bilder aus der Zeit kurz vor Raffael und eine reiche Verschwendung an Basreliefs von Marmor. Ferrara kam mir still und menschenleer vor. Bologna war[131] reich an Gemälden, ich sah da Meisterwerke von Pellegrino Tibaldi, den drei Carracci, Dominichino, Guido Reni, Guercino, Lanfranco, Albano, Cerano-Crespi und anderen. Dann gingen wir über die Apenninen. Die Gebirge sahen zum Teil wild aus, bis gegen das schöne, mit Landhäusern übersäte, vom Arno durchflossene Tal, in welchem Florenz liegt. An der schönen Stadt Florenz erkennt man leicht, daß hier der Zusammenfluß von den denkenden Köpfen Toskanas war. Die prachtvollen Paläste, die schönen Kuppeln, die stolz in die Luft sich wölben, zeigen den kühnen Geist ihrer Baumeister und den grandiosen Sinn der Reichen und Mächtigen, welche dieselben erbauen ließen. Der Palast Pitti erscheint wie ein zusammengetragenes Felsengebirge, welches man künstlich zur Wohnung ordnete. Das unterste Stockwerk besteht aus aufeinandergelegten, schweren, langen Felsenklötzen, das zweite aus gewürfelten Felssteinen, das dritte steht leicht, als schwebe es über diesen schweren Massen. Stellt man sich so, daß man das Gebäude der Länge nach vor Augen hat, so glaubt man, an einer Felsenwand hinzusehen. Hinter dem Palast zieht sich eine große Villa längs einer Anhöhe hinauf mit Springbrunnen, Statuen in mannigfaltigen Gruppen und Boskets von Lorbeeren, Zypressen und Pinien. Die Zypressen sind eine wahre Zierde Italiens, besonders wenn sie auf den Hügeln mit Pinien zusammenstehen. Beide gelangen hier zu einer Höhe wie unsere größten Eichbäume. Die räumlichen Zimmer inwendig waren geziert mit Gemälden der größten Künstler: Raffael, Tizian, Fra Bartolommeo, Andrea del Sarto, Parmeggianino; auch war hier die berühmte »Madonna con collo longo«. Dieser Palast erinnerte mich an meine Träume in den Knabenjahren: eine feste Burg wollte ich mir bauen, bequem zur Wohnung und schön zur Lust; Gärten sollten sie umgeben und ihre Pforten hinausgehen in den Wald. In Florenz sieht man an den Straßen, Brücken, Palästen und[132] Kirchen überall Verstand und Fleiß und ein hohes Streben nach dem Nützlichen und Schönen. So durch tauscherworbenen Reichtum die Stadt mit Kunst zu zieren, das macht der Menschheit Ehre! Ich besuchte das Haus des Michelangelo und sah noch Porträts von ihm in Marmor und in Farben, auch noch einige Handzeichnungen; dann das Denkmal »Die Künste über seinen Verlust weinend«. Es ist so gestellt, daß man von da zur Kirchtür hinaussieht und gerade die Kuppel im Auge hat, die er sosehr pries. Jedesmal, wenn er vorüberging, soll er sie gegrüßt und den Meister gelobt haben. Auf der Galerie sah ich das Porträt des Leonardo da Vinci. Man erkennt gleich die Gaben der Natur und das Hohe, womit dieser seltene Mann ausgezeichnet war. Dort sah ich auch »Die Venus« von Tizian und den »Kindermord« von Daniele da Volterra. Beim Umhergehen in der Stadt fiel mir die Menge von Dolchen auf, welche unter altem Eisengeräte bei den Trödlern lagen; sie erinnerten an die ehemalige unruhige Zeit, wo jeder gewaffnet sich selbst schützte. Als ich das schöne Florenz verlassen hatte, war nun keine Stadt mehr, welche meine Aufmerksamkeit auf sich ziehen konnte, wenngleich Siena manches Sehenswürdige darbot; denn meine Gedanken waren allein auf die einzige Stadt der Welt gerichtet. Wie ein Wanderer, der eilend den Berg erklimmt, auf dessen Rückseite er die strahlende Sonne sehen wird, von der sich ihm jetzt nur der rote Schein zeigt, so begierig war ich, Rom zu sehen, wo das Licht des Geistes wohnen sollte, diese Stadt, welche ich bis jetzt nur aus Erzählungen kennengelernt oder in Abrissen gesehen hatte, die mich schon in Erstaunen setzten. Auf meiner Reise über die wilden Apenninen mit ihren finsteren Tälern und den schwarzen, dunklen Firnen, die gleich hohen Wasserwogen auf wüstem Meere hintereinander ansteigen, und mit ihren Bäumen, die, vom Sturme zerrauft, ihre entblätterten[133] Zweige ausstrecken, konnte ich mir recht mit Muße das in meiner Phantasie versinnlichen, was ich vorher schon von dieser heiligen Stadt erfahren hatte. Ich dachte mir das große Rom, die Kraft, den strengen Geist der alten Römer, womit sie die Welt beherrschten, und die feine Biegsamkeit, womit die jetzigen Römer die Welt regieren; ich stellte mir hier zugleich die Stadt vor, wo so viele Menschen wohnten, die fern vom Geräusche der Welt, dem Erwerbe und Reichtum entsagend, nur einzig dem Geiste lebten und einsam forschend allein dem nachhingen, was verborgen in dem Menschen liege und sie nach dem Willen Gottes zur Glückseligkeit führe. In den Klöstern, dachte ich, muß die Weisheit wohnen, und da, unter den stillen Weisen, sollst du sie selbst suchen, und da wirst du sie finden! Amazon.de Widgets Je näher man gegen Rom kommt, je mehr bedeutende Ruinen gewahrt man; eine bezeichnete uns der Vetturino als das Grabmal des Nero. Den Ponte molle erkannte ich selbst augenblicklich, weil ich ihn so oft von verschiedenen Malern gesehen hatte, von Both, Berghem, Asselyn usw.; und immer bekannter wurde mir, je weiter wir kamen, diese Gegend. Die Begierde, Rom selbst zu sehen, stieg nun immer höher. Über die Brücke des Tiber zu fahren, versetzte mich in Begeisterung! Ich glaubte da die Kämpfe der alten Römer zu sehen, das Lager des Porsenna, den Horatius Cocles, der allein die Brücke verteidigte und, als sie abgebrochen war, mit Schild und Schwert sich in die Wellen stürzte; die kühne Jungfrau, die, aus der Gefangenschaft sich zu retten, durch den Tiber schwamm; Hannibals Einzug und den Triumph seiner Krieger. Alle diese Heldentaten stiegen in meiner Seele auf wie in einem Traume, wo man Vergangenes und Gegenwärtiges zu gleicher Zeit sieht und hört. Durch die stolze Porta von Marmor, mit Statuen ausgeziert, fuhr ich ein, tief in mich selbst versunken. Aber wie erwachte ich, als ich in die leere Stadt blickte und niemand[134] sah wie ein paar Sackträger und Lohnlakaien, die mit Geschrei auf mich eindrangen, meine Sachen zu tragen verlangten und mir als Servitori ihre Dienste anboten. Unter diesen befand sich ein Mensch, der sich unablässig vor meinen Augen hin und her bewegte und sich mir immer so von hinten zudrehte, daß ich seinen dicken Haarzopf sehen sollte. Oh, dachte ich, kaum endlich angelangt in Rom, und der erste Anblick dieser vermaledeite Haarzopf! Wir wurden nach der Dogana gebracht, wo ich für ein kleines Bildchen, das ich im Koffer hatte, einen Dukaten bezahlen mußte. Alle meine Gegenvorstellungen, daß ich nach Rom gekommen sei, um die Malerei zu studieren, halfen nichts; man erwiderte, der Heilige Vater habe es so befohlen, und ich mußte meinen Dukaten bezahlen. Mein erster Gang war zur Wohnung meines Vetters Fritz, um zu erfahren, wann er von Neapel zurückkäme, wo er die Porträts der Königin, der Prinzessinnen und anderer Personen vom Hofe malte, sich Ehre und Geschenke erwarb, mit welchen er einige Monate später nach Rom zurückkehrte. Ich fand bei seinen Hausleuten einen Brief, worin er schrieb, ich möchte sein Logis so lange beziehen, bis er wiederkäme. Das war mir erwünscht, und ich zog gleich ein. Ich fand bei den Hausleuten ein Porträt meines Vetters, das sie zu sich hinaufgenommen hatten und vor dem ebenso eine Lampe brannte wie vor den Bildern der Heiligen Maria. Mit Freuden stürmten sie auf mich zu und schätzten sich glücklich, einen Verwandten von dem Engel il Signor Federigo zu sehen! Er war auch wirklich ein liebenswürdiger Mensch von Natur, dabei unterrichtet und gewandt in allem, was einem feinen Welt- und Hofmanne wohl geziemt. Sein freundliches, geselliges Wesen, sein gutes Herz, die offene Stirn, das Liebliche, Humane, immer Gelassene in seinem Benehmen erwarben meinem Vetter Fritz überall Hochachtung und Liebe; das hörte ich von Jugend auf, und so habe ich es selbst gefunden. Ich war[135] sehr begierig, seine Zeichnungen und Studien zu sehen. In der Arbeitsstube stand ein angefangenes Bild vom fröhlichen Anakreon, wie er mit Rosen und Lilien umkränzt war. Zwischen den Zeichnungen, welche ich durchsah, fand ich zu meiner großen Verwunderung Figuren von Tänzern, schwarz und rot koloriert. Das kontrastierte sehr mit meinen Erwartungen von den Künstlern in Rom sowie mit meinem eigenen Vorsatze, hier allen Zerstreuungen und Vergnügungen der Welt zu entsagen und außer meinen Studien nur bei den stillen Weisen in den Klöstern zu leben. Auch suchte ich diese bald nachher auf; als ich sie aber einmal fragte, was denn eigentlich ihr Hauptstreben sei, antworteten sie: »Ubbidienza!« ? »Dem Gehorsam«, sagte ich, »geht doch wohl das Forschen nach Weisheit voraus?« ? »Dio ce ne liberi« (da sei Gott für!), war ihre Antwort. Auf solche Art war auch meine Erwartung von den stillen Weisen gar bald getäuscht. Sosehr mich verlangte nach den herrlichen Kunstschätzen in Rom, so wünschte ich doch auch die einheimischen Künstler sowohl als die fremden kennenzulernen. Ich verband also beides, besuchte Künstler, besonders meine Landsleute, und besah Galerien, auch Kirchen, worin Gemälde und Statuen waren. Es bedurfte nicht vieler Zeit, um die meisten jüngeren Künstler fast alle zugleich kennenzulernen, weil sie sich in einer Akademie oder im Kaffeehause, oder wo sonst etwas zu sehen war, versammelten. Auch wird man in der Fremde mit seinen Landsleuten gar leicht bekannt und betrachtet sie als seine Verwandten; und dies gilt vorzüglich von den Deutschen. Es ist übrigens sehr unterhaltend in einer großen Kunststadt wie Rom, wo aus allen Ländern Europas Künstler zusammenkommen, so viele verschiedene Menschen zu sehen, die alle nach einem Zwecke streben und doch alle, mehr oder weniger, auf so verschiedenen Wegen! Zumal Künstler, alle sozusagen in ihrer Art Genies! Das Auffallendste aber ist die Art, wie[136] sie sich untereinander über Kunstgegenstände ausdrücken. Jeder hat eine eigentümliche Vorstellungsgabe, und um anderen seine Ideen deutlich darzustellen, gebraucht er nicht selten Wörter und Redensarten, die er sich selbst schafft. Auch seine Wortstellung ist oft ganz anders als bei solchen Leuten, die ihre Sprache nach Regeln und aus Büchern gelernt haben. Anfangs hält man alle die Kunstgenossen, besonders seiner Landsmannschaft, für einen Leib und eine Seele; ist man aber länger mit ihnen bekannt, so lernt man auch die Unterschiede und den Parteigeist kennen. Geteilter Meinung sind zwar alle Künstler, doch ist der Haß unter ihnen und die Verfolgung in Rom nicht so groß als in kleineren Orten oder da, wo keine Kunstkenntnis ist. Wie leicht wird da der Wert eines verdienstvollen Künstlers verringert! Wenn dagegen in Rom, wo sie fast alle arme Sünder sind, sich einer nur über das Mittelmäßige erhebt, so steigt gleich sein Ruf; auch das wenige Gute an ihm wird erkannt, und kleine Geister können ihm um so minder schaden. So ernstlich mein Streben war, in der Kunst etwas zu lernen, so anziehend waren doch auch für mich die merkwürdigen Punkte der Stadt und der umliegenden Gegend. Selbst die Stadtmauer hatte etwas Ehrwürdiges. In den tiefen Nischen wuchsen Gesträuche, die ein wunderliches Ansehen machten. Einiges Wurzelwerk war darin verdorrt; das hing wüst hernieder und bot einen traurigen Anblick wie der alten Steine grau gewordener Bart. Ich ging oft in meiner Einsamkeit hier im schauerlichen Dunkel und sah, wie die alten Bärte belebt wurden durch die lieblichen Feuerwürmchen, die darin glänzten. Aus dem Gesäme des Verdorrten keimte frisches Grün; und so sah man hier den ewigen Kreislauf von Entstehen, Vernichten und Wiederaufbauen! Gleich vor der Porta del Popolo, hart an der Mauer, war der Eingang in die Villa Borghese, wo zwei große Vasen mit Aloen standen; für Ausländer ein imposanter[137] Anblick, diese Pflanze mit ihren hohen Blütenstengeln! Einige Schritte hinauf kam man durch ein Gebäude, aus diesem durch einen Hain in die große Villa, die so viele schöne Partien hat, Tal, Hügel, Piniengruppen, ein Lorbeerwäldchen und ein stilles Wasser, von großen Platanen umschattet. In dieser Villa gingen viele Hirsche umher; bald sah man sie in einzelnen Gruppen stehen, bald beisammen, bald grasend, dann laufend; sie brachten Leben in diesen schönen Park und angenehme Abwechslung. Diese Villa, welche mir so nahe lag, wurde mein Lieblingsspaziergang. Überhaupt sind die Villen in und außer Rom reizende Örter, die den abwärts schweifenden Geist, der sich in dem wirren Gedränge der geschäftigen Welt verirrt, wieder zu sich selbst zurückführen können. Hier söhnt man sich leicht mit sich und der Welt aus und kommt von dem begehrenden Streben wieder zur Genügsamkeit und zum wahren Genusse des Glücks in der Fülle der schönen Natur zurück. Oft lag ich hier am Hügel, krank vor Sehnsucht nach dem Vaterlande, wenn ich den Hirschen zusah, wie sie im Freien nach Belieben bald in der warmen Sonne, dann im Schatten unter Bäumen standen und ihre Jungen um sich hatten. Die kirchlichen Feste zogen mich oft nach S. Pietro und der Sixtinischen Kapelle, in welcher Michelangelo die Erschaffung der Welt, die Sibyllen, Propheten und das Jüngste Gericht gemalt hat. Diese großartigen Darstellungen veranlaßten mich zu ernsterem Denken. ? Oft besuchte ich auch den Vatikan. Ein Inbegriff von menschlicher Geistesgröße ist hier in sinnigen Kunstwerken zusammengetragen. Da sieht man die Welt mit dem, was die Menschen seit alten Zeiten Hohes und Achtungswertes aufgestellt haben; was die Ägypter bauten, die Babylonier errichteten, was die Griechen Schönes aufführten, ihre Tempel, den Göttern geweiht. Dies alles sieht man gemalt auf lasurblauem Grunde, und goldene Buchstaben sagen:[138] »Hier ist Thebai mit hundert Toren, hier Delphi, des schönsten Gottes Tempel« und so weiter. Die oberste Loge des Vatikans ist wie mit Landkarten bemalt, die Städte und Landschaften von guten Künstlern, man sagt von P. Brill und seinesgleichen. Die mittlere Loge enthält Bilder von Raffaels Erfindung ? von der Erschaffung der Welt, die ganze Geschichte der Bibel bis auf die Geburt Christi und sein letztes Abendmahl mit seinen Jüngern. Die unterste Loge bildet anmutige Lauben. Hier ging ich oft in meiner Einsamkeit, diese Werke zu betrachten. Der Vatikan ist eine lehrreiche Schule für den Geist, vielleicht die größte in der Welt. Wo man nur hinsieht, wird man zum Denken und Nachsinnen aufgereizt. Hier sind die Werke des Michelangelo, hier das Museum der Antiken, der Statuen, Basreliefs und Inschriften, die Bibliothek, die Peterskirche! In diesen Räumen umherzuwandeln, muß jeden Menschen von einigen Anlagen schöner und höher bilden, als er vorher war. Würde man alle diese Gegenstände durch die Schrift dargestellt haben, so könnten sie unmöglich das Gemüt so ansprechen wie bei der lebendigen Anschauung. Und es würde auch nicht möglich sein, daß jeder läse, was ihm zu wissen nötig wäre. Der höhere Stand tut es nicht wegen anderer Zerstreuungen, der niedere ist zu sehr mit dem Erwerbe beschäftigt. Wenn aber das Volk doch unterrichtet sein soll, so bediene man sich bildlicher Darstellungen. So erweckten und befeuerten die Griechen durch Bilder und Statuen die Vaterlandsliebe und den Heldenmut, und so ist auch nicht allein Rom, sondern ganz Italien voll dieser unterrichtenden Kunstschöpfungen. Am Pietro di Montorio führt eine Treppe den Berg hinauf, an deren Seitenwänden, in Fächer abgeteilt, die Geschichte Jesu abgebildet ist. Wer langsam die Treppe hinaufsteigt, sieht des Erlösers ganzes Leben vor Augen. In dem vormaligen Tempel des Mars, der jetzigen Kirche der Märtyrer, sind alle[139] die Qualen und Foltern derer abgebildet, welche mit standhafter Seele und starkem Geiste für den Glauben duldeten. Das Auge empfängt einen so mächtigen Eindruck, als sähe man es in der Wirklichkeit. In diesem Lande, wo unzählige Denkmäler der Kunst jedermann offen vor Augen liegen und man überall Belehrendes hört und sieht, ist es daher auch selbst für den Geringsten leicht, sich eine oberflächliche Kenntnis der Kunst und Wissenschaft zu erwerben. Ich habe einen gemeinen Fächermaler gekannt, der in Miniatur auf Pergament oder Kapaunenhaut mit einer Leichtigkeit malte, die zum Erstaunen war. Er mußte wohl geschwind arbeiten, weil er nur wenig dafür bekam. Da sah man auf seinen Fächern die Aurora von Guido, oder die von Guercino, wie sie hinaufsteigt, von Genien umflattert, welche die Zweige der Bäume schütteln und die Vögel aus dem Schlafe wecken. Ein anderer ließ sich von ihm Vulkane, Wiesen oder auch Ruinen malen, z.B. das Grab des Plancius und so fort. Als ich nach meiner Ankunft in Rom den brennenden Durst befriedigt hatte, die Stadt zu übersehen mit ihren jetzigen Prachtgebäuden und den Ruinen ihrer ehemaligen Größe, trieb mich das Verlangen nach Tivoli, dem Lieblingsorte der Maler, die es durch ihre Werke so berühmt gemacht haben. Ich war mit einer Gesellschaft von Künstlern da hingefahren, Bildhauern, Architekten, Malern, Gelehrten und Dichtern. Wir stiegen bei dem Wirte ab, hinter dessen Hause der berühmte Sibyllentempel steht. Der freundliche Mann nannte sich Vater der Künstler und nahm uns auch als seine Söhne auf. Sogleich eilten wir in den Sibyllentempel, wo gerade gegenüber der große Wasserfall in den Abgrund stürzt. Mit Schauder sah ich die Felsen umher, welche in so mancherlei Gestalten übereinanderhangen, die Klüfte, die sich in die Spalten hineinziehen, das Gebüsch, das sie lockig umhängt, und den Strom, der sanft[140] und ruhig aus dem Gebirge schleicht, sich flach im kieseligen Bette ausbreitet, dann im schönen Spiegel sich in den Berg hineinstürzt und mit Gebrüll unten wieder herauskommt und das Gebirge erschüttert, als wolle er es mit sich fortreißen. So arbeitet er im Innern des Berges und höhlt ihn von unten aus. Auch von oben fängt er an zu arbeiten und wirkt daher in der Höhe wie in der Tiefe, den Berg in das Tal zu schmettern. Der Menschen Werke werden langsam zusammengeführt und mühsam aufgestellt, und dieselben Hände, die es schufen, zerstören es wieder. Das Bauen und Zerstören, glaubte ich, sei nur im regsamen, immer wirkenden Geiste der Menschen, aber hier sah ich, daß auch die Natur so verfährt. Das rege Wasser höhlt die Adern der Erde aus, indem es den Stein zu feinem Mehle zerstäubt und ihn aus dem Schoße der Erde mit sich hinaus ans Licht führt und diesen wenigen feinen Staub allmählich zwingt, mit ihm als hohe Berge zu den Wolken hinanzusteigen. Ich war in eine fremde Welt versetzt und fühlte mich berauscht von dieser Übermacht. Da sah ich staunend die Trümmer der Villa Mäcens, wo er oft mit seinen Freunden, Gelehrten und Dichtern zur Tafel saß; dann die Ruinen der Villa des Varus, der mit seinen Legionen in unserem deutschen Vaterlande durch Hermann seinen Vergang fand, und die weitverbreiteten Trümmer von den Prachtgebäuden Hadrians. Alle Geister waren durch diese Wunder und Herrlichkeiten erhöht, aber von dem vielen Bergan- und Heruntersteigen waren doch unsere Kräfte erschöpft, und so kamen wir ziemlich spät gegen Abend nach Haus, wo uns Signor Cieco auf tivolische Art ein Mahl bereitet hatte, wie Horaz seine Freunde bewirtete. Die schönsten Trauben und Wein in Pokalen, mit Weinblättern zugedeckt, in der Mitte das gebratene Lämmchen auf der Schüssel, das ich freilich lieber an den Hügeln umherklettern gesehen hätte. Da wir nun[141] gestärkt waren durch Kost und Wein, wurden die den Tag über aufgefaßten Ideen lebhaft, und das Gespräch kam auf die alten Zeiten, wie die reichen Römer hier ihre Prachtvillen hatten, und auf die glänzenden und heiligen Feste, die hier gehalten worden, und die vielen Statuen und auf die Villa Hadrians, wo alles, was die Welt Schönes hatte, zusammengebracht war, und auf die Großen, die hier gleich den Göttern lebten. Auch wurde viel in Künstlergesprächen hin und her gestritten über Michelangelo, da Vinci, Raffael und über die griechischen Maler- und Bildhauerwerke, über die Helden und Götter der alten Zeit, den Jupiter des Phidias von Elfenbein und Gold und vieles andere. Dies alles, und was ich den Tag über gesehen und dabei gedacht, hatte meinen Geist so aufgeregt, daß ich mit mir selbst nicht zur Ruhe gelangen konnte. Ich ging im Mondenschein noch einmal in den Garten zum Sibyllentempel und sah und hörte den Sturz des rauschenden Wasserfalles. Meine Schlafkammer war ihm gerade gegenüber. Das Getöse des stürzenden Wassers, das donnernd aus dem Abgrunde wieder heraufstieg, ließ meinen Schlaf nicht ruhig, und die Gespräche von den Götterbildern hatten Eindruck hinterlassen, daß sie nun im Traume lebhaft wurden. Ich war selig mit den Göttern. Aphrodite, die ewige Jungfrau, die Mutter der Freude und die Vollbringerin alles Schönen, flüsterte mir, halb träumend, halb wachend wie ich war, die Worte zu: »Ich war's, die dich hinaufführte zu den Göttern; ich ließ dich das höchste Schöne sehen im Apoll, den Ernst und die Milde im Jupiter, die Gewalt im Gotte des Wassers, den Segen in der Erde Gott, den Fleiß und die Kunst in Hephaistos, Weisheit in Minerva, kalte Enthaltsamkeit in der Diana, die Tätigkeit und Gewandtheit im Merkur, den Kampf und Streit im Ares ? nun sei zufrieden mit dem, was die Götter dir gaben! Was du im Olymp sahst, das suche nun auf der Erde und wisse:[142] was Dichtung, Phantasie und Kunst erfanden, haben sie in der Wirklichkeit von dem Menschen gelernt; den Götterbildern zum Modell hat der Mensch gedient!« Ich schrieb diesen Traum auf und arbeitete ihn nachher aus; doch ist die Schrift noch lange nicht so ausgeführt, wie ich alles im Traume sah. Schon beim Eintritt in das Haus des freundlichen Wirts war mein Gemüt ergriffen, denn da fand ich viele Bilder von dem Frankfurter Rosa da Tivoli, von dem ich manche der besten Werke in meines Bruders Wohnung und in der Kasselschen Galerie gesehen hatte. Es hingen hier auch noch Skizzen von anderen Malern, Studien, die sie nach der Natur entworfen und in Tivoli stehengelassen hatten. Hier war es, wo Sandrart, Claude Lorrain, Pieter de Laar, Vernet, Poelenburg, Elsheimer und andere unserer besten Landschaftsmaler die Natur studierten. Eigentlich hat die Landschaftsmalerei wohl ihren Anfang im Vatikan genommen, wo Paul Brill die Wände mit Landschaften verzierte. Der zog nun Schüler, unter denen Claude gebildet wurde. Selbst Carracci, Dominichino, Guercino zeigten sich mitunter als Landschafter. Doch hat man auch schon lange vor Raffael und zu seiner Zeit Landschaften gemalt, die Bewunderung abnötigen. Er selbst lieferte in der Loge des Vatikans einige, die sehr natürlich sind. Man glaubt, eine wirkliche Ferne vor sich zu haben, doch fühlt man sich nicht ganz befriedigt und wünscht alles freier, luftiger und leichter zu sehen. Was Daniele da Volterra und Brill im Vatikan malten, ist immer würdig und groß in der Wahl, aber nicht getreu genug in der Zeichnung. Sie sahen nur die Natur an und machten ihre Bilder aus der Phantasie; ihre Perspektive bestand nur in der Zeichnung, indem sie ferne Gegenstände verkleinerten, aber Luftperspektive war ihnen unbekannt. Die eigentliche Luft mit ihrem nebeligen Dunste wurde erst durch Cortona, de Laar und Claude entdeckt. Die meisten streichen die Luft nur so an und schmieren[143] ein paar Wolken hinein und nennen das Himmel. Claude verfuhr nicht so. Er deutete sogar neben dem Dunste auch das Regen in der Luft an. Moor machte seine Luftstudien, damit es geschwind ginge, mit Pastell. Er trifft die Luft nicht gerade, wie sie ist, doch erinnert er an Haltung und Ton. Er hatte stets verschiedenerlei gefärbtes Papier bereit, um schnell den günstigen Augenblick zu ergreifen. Ich wundere mich nur, daß Brill, der soviel im Belvedere zu Rom arbeitete, von wo man die schönste Aussicht hat auf die oft in einem so schmelzenden Dunste schwimmende Umgegend, nicht darauf kam, die sanfte Harmonie auch in seinen Bildern anzubringen. Aber er stellte gleichsam nur ein bloßes Gerippe von der Welt hin: gewaltige Gebirge ohne Bäume und Gebüsch, ferne Wälder. Die Bäume standen ihm im Wege, deshalb deutete er sie nur an durch einen Stamm, den er abbrach, damit das Gebüsch nichts von dem Gange seiner Pläne bedeckte. Er wählte einen hohen Standpunkt und sah auf die Welt herunter. Als dieser Niederländer, der sich in Tirol bildete, wieder in sein Vaterland zurückgekehrt war, sagte man von ihm, er habe die Gebirge in Tirol verschlungen, um sie in Holland wieder von sich zu geben. Es war für mich sehr unterrichtend zu sehen, wie nun jeder von den Malern, welche hier in dieser Gegend die Natur studierten, dieselbe in seinen Bildern auf eine eigentümliche Weise darstellte. Im Elsheimer findet man die schönen Blätter der Kräuter und das verdorrte Geniste, das seinen Samen selbst ausstreut, wieder aufkeimt, grün und schön und schlank sich im Gewinde wiegt, im Berghem die großen Massen der Gebirge, im Poelenburg das verfallene Gemäuer mit den Grotten; Cuylenburg läßt uns durch die Bögen der Grotten hinaus ins Freie sehen wie durch die Hallen einer Kirche. Den Both scheint die Gegend von Aquapendente vorzüglich angezogen zu haben. In seinen Landschaften sind oft jene großen Felsenmassen, mit Grotten[144] und Durchgängen und abgerissenen Blöcken, die aus den Felsenwänden heruntergestürzt, mit Moos, Kräutern und Gesträuchen bewachsen sind. Die abwechselnden Formen, die vielfarbigen Brüche der Felsen und das Grün der Kräuter, womit das Gestein bekleidet ist, geben seinen Bildern etwas sehr Malerisches und machen ihn zum lieblichsten Landschafter. Salvator Rosa stellt seine Felsenbrocken dahin, mit wildem Gebüsche. Er gibt nur wenig, aber mit dem Wenigen machte er einen großen Effekt. Man glaubt mehr zu sehen, als wirklich da ist ? in einem Baumstamme mit etwas Gebüsch einen ganzen lockigen Wald, in bröckligem Gesteine ein felsiges Gebirge, in einem einsamen Busche eine ganze Wildnis. Bei Claude steht das Ganze groß in Harmonie mit seinem Farbenschmelze. Poussin kommt mir vor wie ein Gedicht von einem Mathematiker; es ist nicht angenehm und auch nicht wahr. Seine Landschaften erwecken Unruhe in mir und erregen Gefühle, die unharmonisch gegeneinanderstreben. Dies kommt von seinen stark entgegengesetzten Linien, indem die Gründe immer gegeneinanderlaufen, und von den frappanten Kontraposten, womit er sozusagen seine Landschaften auseinanderreißt, so daß ein Gegenstand hinter dem anderen wegläuft und sich versteckt. Auch seine dunklen Berge sind stets so schwarzblau, als hätte sie kalter Regen genäßt. ? Der Bataillenmaler Bourguignon benutzte hier die Natur zu Hintergründen seiner Bilder wie mehrere Schlachtenmaler, die ihn nachahmten; Albani bevölkerte diese anmutigen Gegenden mit Liebesgöttern, Geßner seine Höhlen mit Faunen und die heimlichen Wasserörter, von schlankem Schilfe besetzt, mit Quellnymphen. Wie wurde ich überrascht, als ich nun hier in der Wirklichkeit fand, was ich früher schon in Bildern der Maler älterer und neuerer Zeiten bewundert hatte! Auf den Höhen von Tivoli sah ich oft die Sonne rot am Himmel stehen. Sie vergoldete mit ihrem Scheine die Berge[145] und den Staub der drei Cascatellen. Mit diesem Staube war die ganze Gegend überzogen, und es schien, als stände alles in Brand; Feuerdampf war ringsumher, und darin stand die rote Kugel. Da lag nun vor mir das schöne Tal mit dem Flusse, der sich oben vom Berge stürzt, aus seinem Becken sich dreht, in Katarakten niederfährt und die drei Cascatellen aufnimmt, dann sich in die Ebene ausbreitet und in den Tiber fließt. Das Höchste, was man am Horizonte dieser weiten Ebene erblickt, ist die Kuppel der Peterskirche. Dieses zusammen macht ein prachtvolles, großes Bild! Die Berge und das Tal liegen so still, und nur das rege Wasser belebt sie. Ringsumher Olivenbäume und Weinranken, Artischocken und Aloen und so mancherlei abwechselnde Pflanzen, verschieden an Gestalt und Farbe. Blühend steigt neues Gesträuch aus Verdorrtem seiner Art. Im Mondschein, der alles nur im großen zeigt, wie Ossians Gesang, ging ich oft, die stürzenden Gewässer vom Felsen fallen zu sehen und ihren aufwogenden Schwall im Grunde. Schwer, groß und hell standen die Felsen! Sieht man die vielen Höhlen und Grotten in den hügeligen Bergen, mit überhangendem Gebüsche beschattet, wo Ziegen munter und wählig umherhüpfen und naschen, so versetzt man sich leicht in die Ideenwelt, wo Faune und Fauninnen mit ihren Kindern hier wohnten und spielten und mit ihren mutwilligen Neigungen sich die Zeit verkürzten. Rohr zu Flöten hatten sie hier genug, und mit ihren Ziegenfüßen erklimmten sie leicht hüpfend die sonnigen Hügel, wo sie von oben ihre Flöte erschallen ließen und einander einladeten zu munteren Scherzen. Mehrere glückliche Tage hatte ich hier auf den Höhen und in den Tälern von Tivoli verlebt; jetzt verlangte mich wieder nach Rom, denn in den gebirgigen Gegenden kann ich nie lange dauern. Anders fühle ich mich auf Anhöhen mit weiter freier Aussicht. Ich hatte mich diese Tage hindurch mit Gehen und Sehen wirklich erschöpft; denn unser Cicerone,[146] ein munterer Knabe, der seine Pflicht über die Maßen erfüllte, reizte uns immer an, noch etwas Schönes zu sehen, und da er alles sehr gut kannte, so nannte er, wenn er uns eben an einen Ort gebracht hatte, der allein der Mühe wert war, ihn lange zu betrachten, schon wieder einen neuen. Stand ich nun und bewunderte ihn, so rief er schon: »Ja, dort ist es noch weit besser! Denn so sagen die Mylords alle, und die Myladies wollen vor Entzücken nicht wieder weg! Und, oh! Die Pittori! Ich muß ihnen gleich ihre Portefeuilles geben und den Sonnenschirm über ihnen ausbreiten, dann ziehen sie ihre Papiere heraus. Seht, dort sitzt einer auf seinem Feldstuhle im Schatten unter dem Schirm und da oben einer, der malt. Heute morgen hab ich ihm alle seine Sachen auf meinem Esel da hingeführt, Staffelei, Farbkasten, Leinwand, Wein und Brot. Das muß ich alle Tage tun. Es ist weit dorthin, und er geht nicht eher da weg, bis es dunkel wird. Dann hole ich mit meinem Esel seine Sachen wieder ab; sein Bild trägt er selber. Ihr solltet nur einmal sehen, wie schön er malt. Oft kommen viele Mylords und Damen, ihn zu besuchen. Sie können nicht wieder weg, wenn sie einmal bei ihm sind; sie lagern sich dann um ihn herum und frühstücken, was man nur in Tivoli auftreiben kann. Ich und mein Bruder müssen oft zwei Esel mit Eßwaren beladen, und sie selbst bringen doch auch vieles mit. Dann kommen oft andere Maler, die schreien und jauchzen, wenn ich sie auf eine schöne Stelle bringe, und ich kann ihnen nicht geschwind genug die Portefeuilles reichen. Kaum haben sie die Skizz, so sind sie fertig! Dann wieder an einen anderen Ort! Mit denen kommt man in ein paar Stunden weit herum. Dann, sind auch wieder andere, die bediene ich nur den ersten Tag, dann gehen sie selbst umher und tragen ein kleines Büchelchen in der Tasche und zeichnen. Sie mögen wohl nicht viel haben, mich zu bezahlen; doch war ich selbst dabei, daß ein Lord viel Gold für ein solch Büchelchen bot, und der Narr wollte es[147] ihm nicht verkaufen. Ich hätte es gleich getan. Alle Umstehenden sagten auch so. Denn was kann darin sein! Es war ein langes, schmales Buch, um es leicht in die Tasche zu schieben. Ich muß gestehen, schnurrige Sachen waren darin, so allerlei, was man hier täglich sieht. Letzthin ist ein solcher Pittore hier gestorben. Das war ein schöner Mann und gut! Hätte er hier länger gelebt, dann wäre ich reich geworden; denn er hatte Gold wie ein Mylord, sah auch so groß, fett und rotbackig aus. Der bezahlte mich oft dreimal an einem Tage, und immer gab er mir was von seinem Essen, und ich mußte mit ihm aus demselben Glase trinken. Auch band er meinen Esel da an, wo er etwas fressen konnte, und riß für ihn oft Gras und Kräuter aus. Dann zeichnete er alles auf ein großes Papier, hatte auch viele Mappen voll Zeichnungen bei sich, welche die Mylords besahen. Wenn ich ihnen aufwartete, sah ich mit hinein; er nannte mich seinen Cocco. Die Zeichnungen waren teils Tempel, die in einem Lande stehen, das Griechenland heißt, und andere waren aus dem Lande, wo es Krokodile gibt und so große steinerne spitze Dinger stehen als die Pyramide in Rom, wobei er begraben liegt. Ja, er ist selbst schuld, daß er da liegt, ich hab es ihm vorhergesagt. Nachdem wir eines Tages bei großer Hitze lange umhergelaufen waren, setzte er sich in den Schatten, zog Schuhe und Strümpfe aus, hing die Füße ins kalte Wasser und freute sich, daß es so erquickend wäre. Ich sagte ihm: ?Herr, alle, die das tun, bekommen das Fieber und sterben.? Den dritten Tag war er tot. Da kamen von Rom so viele Dottori, Mylords und Maler, aber sie konnten nicht helfen, seine arme Seele hatte schon der Diavolo, der alle Seelen von den Engländern bekommt. Über einen guten Cattolico hätte er nicht Macht gehabt. Was weinten die Mylords und die Pittori und sagten, nun werde das Werk nicht fertig, das in England sollte in Kupfer gestochen werden. ?Welcher Verlust für die Welt!? riefen sie; ich aber dachte: Welcher[148] Verlust für den Himmel! Denn seine Seele ist für ihn verloren. Die Mylords aßen und tranken nicht, nahmen ihn dann in den Wagen und fuhren mit ihm nach Rom, und da ich mit meinem Esel just etwas hinbringen mußte, so blieb ich den Abend in Rom und sah ihn begraben bei der Pyramide von Cestius, wo alle Ketzer hinkommen. Sein Gefolge war groß, eine ganze lange Reihe Kutschen, alle mit zwei Wachsfackeln, folgten ihm; ich kannte die meisten Pittori; alle saßen im Wagen und weinten.« Ich wollte nun wieder nach Rom, als mein Cicerone mir sagte, daß er am Wirtshause eine Kutsche gesehen mit vier Pferden, die ledig nach Rom zurückführe. Ich nahm diese Gelegenheit an, und ein Maler setzte sich zu mir. Unterwegs sahen wir ein großes Messer im Wege liegen; wir stiegen aus und legten es in den Wagen. Kurz darauf stellte sich ein Mensch vor die Pferde und hielt den Kutscher an. Darauf trat er an den Wagen und bat, ihn mitzunehmen, weil es noch weit und schon spät sei und er nicht gern im Dunkeln allein gehe; es sei überhaupt besser und sicherer, in Gesellschaft zu fahren. Wir dachten ebenso; denn so ganz ohne Furcht waren auch wir nicht. Er stieg ein nach vielen Komplimenten. Während er ein Bein schon im Wagen, das andere noch auf dem Tritte hatte, versicherte er, lieber zurückbleiben zu wollen, wenn er im geringsten beschwerlich falle. Um ihn von unserer Willigkeit zu überzeugen, faßte ich ihn beim Arm und zog ihn herein. Noch im Wagen dauerten die Komplimente fort, weil ich ihn fragte, ob er auch rückwärts fahren könne, und verlangte, daß er rechts sitzen möchte, da es mir einerlei wäre. Indem wir uns hin und her zerrten, erblickte er das große Messer, erschrak, wurde still und sah uns oft ins Gesicht, dann wieder aus dem Wagen. Darauf fragte er mit beklemmter Stimme: »Was ist das für ein großes Messer, miei Signori?« Wir sagten ihm, daß wir es auf dem Wege gefunden hätten und es dem Kutscher schenken wollten, es sei gut, den Pferden[149] den Schaum damit abzuschaben. »Es ist auch gut, sich damit zu wehren, wenn wir sollten angegriffen werden; denn man sagt, die Straße sei unsicher. Man findet oft des Morgens Ermordete, besonders dicht vor Rom; selbst am Coliseo, wo wir vorbei müssen, fand man gestern noch einen, der hatte einen Stich in der Brust.« Indem bückte er sich, nahm das Messer, legte es unter sich und setzte sich darauf. »Hier liegt es sicherer«, sagte er, »und ich habe es gleich bei der Hand, wenn es nötig wird.« ? Uns fing an, nicht gut zumute zu werden. Auf deutsch sagte mein Freund: »Was haben wir getan, den unbekannten Menschen in den Wagen zu nehmen! Kann er nicht zu denen gehören, die das Messer verloren haben? Und wenn wir da ankommen, wo sie postiert sind, so hat er uns schon bei der Kehle! Unvorsichtig sind wir gewesen!« ? »Nein«, sagte ich, »mir scheint, daß dem Menschen vielmehr vor uns bange.« In der Tat fing er eine Unterredung an, um zu erforschen, was wir mit ihm im Sinne hätten, und wer wir wohl wären. »Wenn man das Unglück hätte«, äußerte er, »von Räubern angehalten zu werden, so würde es wohl besser sein, gutwillig alles hinzugeben, als das Leben aufs Spiel zu setzen.« Ich suchte ihm seine Besorgnisse zu nehmen, indem ich ihm eröffnete, daß wir selbst nicht ohne Furcht und Maler seien, die in Italien für harmlose Menschen gelten. Trotzdem fuhr er fort, Mordgeschichten zu erzählen, bis wir im Tore anlangten, wo er schnell ausstieg und uns und dem Himmel dankte, daß er so davongekommen sei, weil er diesen Abend für den letzten seines Lebens gehalten habe. Rom ist der rechte Ort der Kunst und kann die Schule der Künstler genannt werden. Hier kamen sie alle zusammen und fanden die alten griechischen Meisterwerke, durch welche sie sich begeistert fühlten, so daß einer den andern durch Arbeiten belehrte. Jeder Maler, welchen man als das Haupt einer Schule ansieht, wurde doch hier erst gebildet.[150] Von einigen weiß man zwar kaum, daß sie in Rom waren, und man nimmt an, daß sie zu der Vollkommenheit der Kunst in ihrem Geburtsorte gelangten; aber es ist zu glauben, daß sie sich hier einige Zeit unbemerkt aufhielten, ohne daß sie hier Werke hinterließen, weshalb ihr Andenken in Rom erlosch. Wie die großen Lichter der Kunst eines das andere entzündeten, kann man in Italien erkennen, vorzüglich hier in Rom. Zu Mailand sind alle Bilder in der Manier des Leonardo da Vinci, in Venedig nach der des Tizian, in der Lombardei herrscht Correggio, in Florenz Michelangelo, in Bologna Carracci, in Neapel Caravaggio und Calabrese, aber gemischt mit Dominichino und Guido, denn eine Manier verdrängte die andere; in Rom ist Raffael vorwaltend. Aber man findet hier auch alles beisammen; denn wenn die Künstler hier auch gar nicht oder nur kurze Zeit zubrachten, so kamen doch ihre besten Arbeiten nach diesem Mittelpunkte der Kunstwelt. An Sonn- und Festtagen pflegten wir jüngeren Künstler, je nachdem wir es verabredet hatten, uns in dieser oder jener Galerie oder auch wohl zu Spaziergängen nach Ruinen zu versammeln. Die Zahl muß nur nicht über fünf oder sechs sein. Steht man nun da vor einem Kunstwerke, so sind oft sechs verschiedene Meinungen darüber, und es werden dann alle seine Verdienste und Fehler herausgehoben. Auf diese Art erwirbt man sich Kenntnis; der eine weiß immer mehr als der andere, und man kann ja von jedem lernen, er mag richtig oder falsch sehen. Sehr unterrichtend ist das Zeichnen in den Privatakademien, wo ausgesuchte Künstler unter sich nach lebenden Modellen zeichnen und bossieren. Da eine solche Gesellschaft nicht groß ist, so wird häufig dabei Konversation gehalten über diesen oder jenen Zweig der Kunst, oft über den Akt selbst. In großen öffentlichen Akademien darf nicht gesprochen werden; dagegen aber hat man den Ersatz, dasselbe Modell viele Male von geschickten Zeichnern zu sehen. Eine solche[151] Privatakademie besuchte ich, sie hieß die Trippelsche. Außer Trippel waren Zauner, Füger, Grandjean, Mechau, Kobell u.a. Mitglieder. Am 7. Januar 1780 zeichnete ich hier die erste Figur. Solcher kleiner Akademien bestanden damals zehn in Rom: bei Battoni, Labruzzi, Bergler und anderen. Die unsrige war auf Trinità de' Monti in einem Zimmer, wo La Fage die Wände mit Bacchanalien bemalt hatte; doch hielten wir es für ein Verdienst, diese Figuren aus der Welt zu schaffen. Aber mit Bedauern sahen wir jeden Sonnabend Trippel und Zauner ihre mit so vielem Fleiße modellierten Figuren zusammenwerfen, um den Ton wieder für Arbeiten der nächsten Woche zu benutzen. Meine Hauptbemühung ging nun jetzt dahin, gründlich zeichnen zu lernen. In der Akademie ward ich inne, daß ich das Modell nicht verstand und nur hinzeichnete, ohne zu wissen, was und wie ich es machen sollte. Ich mußte erst den menschlichen Körper studieren in seinen größeren Hauptabteilungen, wie auch die Maße und die Form der kleineren. Dazu war die Akademie nicht hinreichend. Nur in der Antike sind die Maße und Formen deutlich und richtig; diese muß man studieren, und hat man sie da erkannt, so findet man sie auch in der Natur. Ich beschloß nun, des Tages Statuen und des Abends in der Akademie nach dem Leben zu zeichnen. Aber über diesem eifrigen und ängstlichen Studium ward ich, da ich mich ohnehin niedergeschlagen und mutlos fühlte, ganz krank. Da sagten mir andere: »Ja, bei Raffael werdet Ihr es erst finden! Dem kann niemand nachzeichnen und den Charakter seiner Köpfe treffen!« Ich sah auch wirklich in den Zeichnungen anderer nach Raffael, daß kein Charakter getroffen war. Sosehr ich wünschte, einen Versuch darin zu machen, so schob ich es doch immer auf, denn man hatte mir geraten, wenn man der Sonnenhitze ausweichen wolle, so müsse man die Monate, wo sie am stärksten sei, in den großen[152] kühlen Zimmern des Vatikans zubringen und nach Raffael studieren. Das tat ich auch und bereitete mich und meinen Geist, das Werk mit aller Aufmerksamkeit zu beginnen. Um nicht von der Hitze zu leiden, muß man in der Kühle um vier Uhr morgens dahin gehen und den ganzen Tag bis abends sieben Uhr dableiben. Als nun die Zeit kam, fing ich meine Raffaelschen Studien an mit solchem Eifer, daß ich den ersten Tag sieben Köpfe zeichnete, die, wie man mir sagte, ziemlich den rechten Charakter hatten, und so fuhr ich den ganzen Sommer über fort. Es war mir ein Vergnügen, den ganzen Tag diese vortrefflichen Werke vor Augen zu haben, und ich eiferte danach, wie es auch anderen ging, jeden Kopf in Zeichnung zu besitzen. Erst durch die Zeichnung lernt man den Kopf recht kennen, und hat man das errungen, so ist mit der Zeichnung ein doppeltes Eigentum gewonnen. Bei der »Disputa del Sacramento« hatte ich mit den Köpfen angefangen; dann machte ich mich auch an die ganzen Figuren und Gruppen, die untersten und auch an die, welche auf Wolken in der Höhe schweben. Darauf zeichnete ich die von der athenischen Schule, welche schon in einem größeren Charakter sind; auch hier kopierte ich ganze Gruppen, endlich den Heliodor und so fast alle Köpfe der Bilder in sämtlichen Zimmern. Es ist schon deshalb sehr unterhaltend, in den Raffaelschen Zimmern zu arbeiten, weil hier so verschiedene Künstler zu gleicher Zeit und auf mancherlei Weise kopieren. Der eine malt das Ganze ins Große, der andere ins Kleine; der das Ganze, jener nur einzelne Figuren; der dritte Gruppen, ein anderer Köpfe; mancher nimmt sich auch nur leichte Skizzen. Da ist es denn unterrichtend, zu beobachten, wie verschieden jeder den Raffael ansieht und nachbildet; noch belehrender aber ist es, die verschiedenen Schüler zu erkennen, welche dem Raffael bei seiner Arbeit halfen. Von Polidor, der, solange er bei Raffael war, alles nur[153] dem Großen aufopferte, aber später in Sizilien sich mehr auf den Ausdruck der Leidenschaften legte, sind die Lambris grau in grau; auch zwischen den Bildern sind Figuren von ihm in einem großen Stile. Kurz, man kann das Auge nirgends hinwenden, ohne etwas Vortreffliches zu sehen. Wenn man nun einige Monate hintereinander vom frühen Morgen bis an den späten Abend in diesen Zimmern ist, so kann es nicht fehlen, daß Tage kommen, an denen man sich zum Arbeiten nicht aufgelegt und Langeweile fühlt. Man darf aber der Hitze wegen nicht weg, auch ist es gefährlich, sich zu setzen, weil man einschlafen könnte. Nun geht man den ganzen Tag über in den Zimmern herum und besieht aus lieber Langeweile die Bilder. Da entdeckt man denn manchmal Sachen, die man zu anderer Zeit, bei angespannter Aufmerksamkeit, übersehen hat. So fiel einstmals mein Blick von ungefähr auf das milde, sanfte Auge des Pferdes, welches der Heilige Vater reitet. Diese Milde kontrastiert so schön mit der Wildheit des heransprengenden kriegerischen Rosses des Attila; eine überirdische Erscheinung hemmt den gewaltsamen Zug. Zuweilen, wenn ich vom Arbeiten müde war, ging ich hinaus auf die Logen, wo Raffael die biblische Geschichte gemalt hat, zu den sogenannten Arabesken. Die muß man bei Langeweile und gleichsam in halbem Schlafe besehen, wenn man, von ernsthafter Arbeit abgespannt, sich in angenehme Träume wiegen will. Da ergeht man sich denn im weiten Felde einer gaukelnden Phantasie, und eben das Wunderbare, Un feste gewährt freien Spielraum, die Ideen nach Gefallen anzuknüpfen, je nachdem man aufgelegt ist. Oft ließ ich mir auch andere Zimmer aufschließen mit den Gemälden von Vasari, Guido usw. Kommt man nun aber von da wieder in das Zimmer des Raffael, dann glaubt man, feine Miniaturgemälde zu erblicken, so leicht sie auch auf den ersten Blick hingeworfen zu sein scheinen. Und wie erstaunt man über den wahren Ausdruck! Gleich klar[154] ist die äußere Form wie die innere Gemütsbewegung. Schon der »Heliodor« beweist es, wie deutlich Raffael eine Geschichte vorzustellen wußte. Da braucht nichts ausgelegt zu werden, es spricht sich von selbst aus, was da vorgeht. Als Bramante, so erzählte man mir, seinen Neffen dem Papst vorstellte, kniete Raffael nieder, die Haare hingen ihm um sein schönes Gesicht bis auf die Schultern. Der Papst hob ihn auf, indem er sagte: »Das ist ein reiner, unschuldiger Engel; ich will ihm einen Lehrer in dem Kardinal Bembo geben, und er muß mir diese Wände mit Geschichtsbildern malen.« Auch zeichnete ich in mehreren Galerien nach Bildern verschiedener Maler, so nach Dominichinos »Cäcilia«, einiges nach Guido, um von der Bravour seines Pinsels mir etwas anzueignen. In der borghesischen Galerie hielt ich mich lange auf und zeichnete alle Köpfe von der »Grablegung Christi« nach Raffael; auch Figuren und Gruppen nach Leonardo da Vinci studierte ich, um den bestimmten reinen Umriß und die Form jedes Teiles aufzufassen. Diese Studien zeigte ich eines Tages meinem Freunde Trippel und hoffte, seinen freudigen Beifall zu erhalten; aber statt dessen verwies er mir, nach Bildern zu arbeiten, und sagte: »Diese unnützen Sachen bringen nicht weiter. Da wir das Vollkommene in den Werken der Griechen haben, warum verwirrt man sich denn und verliert Zeit mit den unvollkommenen Bildern, die voll von Mängeln sind? Höchstens soll man nach Raffaels ausdrucksvollen Charakterköpfen und Gruppen zeichnen, weil er die Figuren gut gestellt hat, auch bei Michelangelo studieren, weil der seine Figuren gut zeichnet und die einzelnen Teile bestimmt ausführt; die Hauptaufmerksamkeit aber muß man auf die griechischen Statuen wenden und diese mit allem Fleiße nachzeichnen, damit man das Ebenmaß und die schöne Form lerne, und dann muß man komponieren nach der Natur. Geben Sie acht, wenn Sie über die Straße gehen: da sehen Sie die[155] Frauen mit den Kindern vor der Tür sitzen und hören sie sprechen. Dann zeichnen Sie die Gruppe mit dem Ausdrucke der Gesichter!« Dies befolgte ich, zeichnete oft, was ich auf der Straße und bei Volksversammlungen sah, und erkannte nun auch, daß Michelangelo (wie es auch Raffael tat) zu seinen Bildern in der Sixtinischen Kapelle die Figuren und Gruppen aus Volksversammlungen, von der Straße oder aus den Kirchen genommen hatte. Ich machte mir deshalb Taschenbücher, worin ich alles eintrug, was mir von Natur, Statuen und Basreliefs auffiel. Zugleich studierte ich die Abgüsse nach geschnittenen Steinen, und ich fand, daß ich freier im Komponieren wurde; denn die Bilder, an die ich sonst gedacht hatte, verschwanden, und es stellten sich mir die Szenen unmittelbar aus der Natur vor. So lernte ich nicht allein die Sachen besser kennen, sondern meine Ideen wurden bereichert, und meine Kompositionen erhielten mehr Gestalt und Form. Ich zeichnete auch nach Raffaels eigenen Vorbildern im neugriechischen Stil. Da ist Reinheit, Wahrheit und jungfräulicher Sinn. Von ihnen hat er seine Gewänder und seine Köpfe, und die Urbilder der Apostel sind in der Zeit entstanden. So trieb ich's mit Eifer fort, denn ich halte dafür, den Tag nicht gelebt zu haben, an welchem ich nichts erfinde. Wenn ich aber einen zarten Gedanken in ein Bild bringe, den Tag halte ich für angewandt und schätze ihn für einen glücklichen meiner mir zugezählten Lebenszeit. Doch war ich noch immer nicht ganz mit mir zufrieden, weil ich einsah, daß mein Zeichnen nicht hinlänglich war, die Antike kennenzulernen, und ich machte mich deshalb ernstlicher daran. Ich besuchte nun fleißig im Vatikan die Sammlung der Statuen und Basreliefs. Gleich beim Eintritte fesselte meinen Blick Apollo, wie er daherschwebt, der erzürnte Gott, und die Pfeile in das Lager der Griechen sendet, weil Agamemnon schnöde seinem Priester begegnete,[156] der bittend mit Lösegeld kam, die Tochter zu befreien. ? Laokoon stand daneben. Mit der letzten Kraftanstrengung entflieht dem unglücklichen Vater die Hoffnung, sich und seine Kinder zu retten. Man fühlt, wie er in diesem Augenblicke des höchsten Emporstrebens alles aufgeben wird; er kann das Jammern nicht hören, das Flehen nicht ertragen, und er zerfällt wie das gestiegene Wasser der porphyrnen Schale, welche dicht daneben stand. An diese Fontäne stellte ich mich und beschaute die Gruppe, den Vater und die Söhne ringend im Kampfe mit der ungeheuren Schlange. Nicht weit davon stand »Der Torso«, der geläuterte Held, jetzt vergöttert in ewiger Kraft, vermählt mit der unsterblichen Jugend, die ihm die Fülle der Freude einschenkt. So betrachtete ich eine Statue nach der anderen und verweilte bei der, welche mich am meisten anzog: bald in der Rotunde, wo die Musen um den Apoll standen, bald bei den Basreliefs. Es war für mich ein glücklicher Umstand, daß gerade jetzt am Museum gebaut wurde. Die Statuen waren zum Teil von ihren Plätzen genommen und standen so, daß ich sie von allen Seiten genau beschauen konnte. Ich setzte mich vor den Diskuswerfer, welcher eine schöne Form hat, zeichnete ihn auf großes weißes Papier, blieb monatelang nur bei dieser einen Figur, maß ihre Teile und verglich ihre Form mit meiner Zeichnung; was mir nicht richtig schien, rieb ich wieder aus und bildete das Original so lange nach, bis ich endlich der Form ganz inne wurde. So nahm ich dieselbe Statue von allen Seiten und ließ nicht ab, immer die nämliche Zeichnung zu verbessern; was ich den Abend nach tagelanger Arbeit für gut befunden hatte, untersuchte ich den anderen Morgen wieder mit frischem Auge und Geiste und verglich stets von neuem Kontur, Fläche und Maße mit dem Originale. Zu Haus zeichnete ich dann die Figur aus dem Gedächtnis und suchte auch diese, sooft ich sie wiedersah, immer mehr zu verbessern. ? Selbst Trippel und Moro suchten ihre Studien so weit zur[157] Vollkommenheit zu treiben, als sie nur konnten. Sie ruhten nicht, solange sie noch etwas daran zu arbeiten fanden, und fragten auch andere. Raphael Mengs pflegte wohl zu sagen: »E scirocco.« Damit wollte er ausdrücken, wenn der Scirocco weht, der alle Sehnen erschlafft, müde und träge macht, dann muß man die Antiken studieren. Was man an solchen Tagen von ihnen lernt, das bleibt im Kopfe sitzen. Wird dann in heiteren Tagen die Begeisterung geweckt, so lebt man von dem, was man in trüben Tagen erwarb. Auch nach den Kolossen auf dem Monte Cavallo, an denen man die Formen am deutlichsten sieht, und nach dem Herkules machte ich Skizzen und suchte sie ebenfalls aus dem Kopfe wiederzugeben. Als ich nun lange Zeit mit dieser Genauigkeit verfahren, da gingen mir die Augen auf, und ich bekam Begriff von Form, Charakter und Schönheit. So machte ich es auch mit den Köpfen. Wenige Künstler studieren mit rechter Sorgfalt Köpfe, um den Charakter unterscheiden zu lernen; sie wenden die meiste Zeit auf die Figuren. Ich suchte mir einen scharfen Abguß der Niobe zu verschaffen. Monatelang brachte ich darüber zu, die Schönheit und den Ausdruck dieses Kopfes zu erreichen. Glaubt man auch, eben die Kontur mit der feinsten Linie bezeichnet zu haben, so sieht man doch, wenn man den nächsten Morgen ihn wieder vergleicht, daß sie noch viel zu grob ist und noch weit entfernt von dem feinen Umrisse. Man geht nun wieder mit frischer Aufmerksamkeit daran, beschreibt sie feiner und richtet die äußere Linie mehr nach innen. Jetzt, denkt man, wird die Linie, welche die Form umschreibt, auf der rechten Stelle sein, am anderen Tage aber erkennt man, daß die Kontur zu mager ist und daß die Linie, welche erst zu dick nach außen ging, nun zu weit nach innen geht. ? Nachdem ich die Linien der schönen Form einigermaßen weg hatte, suchte ich auch den Ausdruck zu fassen, so daß die schönen Formen dabei blieben. Ich hatte diesen Kopf der Niobe so beleuchtet, daß alle[158] leichten Schatten und die zartesten Flächen dem Auge sichtbar wurden, und so künstliche Reflexe angebracht, daß auch die tiefsten Schatten klar wurden, und ich hatte zugleich das höchste Licht so auf die Teile fallen lassen, daß sie sich gehörig hoben. Nur erst nach solchen Vorstudien erkennt man des Künstlers Geist, wie er den Schmerz der Seele, den versteinten Schmerz, auf dieses schöne, erhabene Gesicht gelegt hat. Guido, der berühmte Magdalenenmaler, gab diesen Schmerz der Büßenden. Wenn ich die letzte Stunde, indem ich meine Arbeit noch einmal verglich, ehe ich wegging, dazu anwandte, nur auf diesen Schmerz zu sehen, dann fühlte ich mich selbst oft ganz durchdrungen von dem Schmerze der Mutter, die ihre Kinder um sich herum und das jüngste in ihrem Schoße töten sah; ja öfter, wenn ich des anderen Abends in das Zimmer trat und unerwartet die Lampe schon angezündet war und der Kopf der Tür gerade gegenüber stand, erschrak ich, und mit Entsetzen sah ich die Schmerzbehaftete zu kaltem Stein werden. Amazon.de Widgets So machte ich es auch mit dem Apollo. Auch studierte ich Hände und Füße nach Antiken. Hände sind sehr schwer, und man hat wenige aus dem Altertume. Denn die meisten Statuen haben sie verloren, weil die Hände meist vom Körper abstehen und darum leicht abbrechen. Zwei sehr schöne Frauenhände entdeckte ich einmal bei einem Antiquar, und ich ging mit meinem Freunde Trippel oft hin, sie zu bewundern. Trippel hielt sie für die vollkommensten und schönsten, die er je gesehen. Auch in der Natur sind schöne Hände selten. Einst sah ich solche in der spanischen Kirche an einem Feste, wobei dem Priester die beiden Hände geküßt werden; hierzu war nun ein schöner junger Mensch ausgewählt, der überaus schöne Hände hatte. Er brauchte nichts weiter zu tun, als nur dazustehen und die Hände zum Kusse hinzuhalten; die devoten Menschen knieten vor ihm und küßten sie. Ich hatte Zeit, diese schönen Hände lange[159] zu betrachten, und konnte mich nicht satt sehen; sie waren wirklich wert, geküßt zu werden. Füße sind noch seltener schön in der Natur, weil die Zehen vom Schuh verdorben und aus ihrer Form gebracht werden. Hingegen findet man sie häufiger an den Antiken, weil sie an der Unterlage fest sind, worauf die Figur steht; ist auch das Bein abgebrochen, so bleibt doch der Fuß am Blocke; aber leider wird der Fuß oft mit dem Blocke selbst verbraucht. Mein Freund Waagen kopierte in der Galerie Corsina »Das Opfer Noahs nach der Sündflut« von Poussin. Die Arbeit war für seinen Wohltäter bestimmt und machte ihm daher doppelte Freude. Wir sahen uns nur des Abends, wenn wir miteinander aßen, in einem Garten nahe am Palast unter dem Parnaß, wo in einer Laube in der Mitte ein steinerner Tisch stand und ringsherum eine steinerne Bank. Eines Abends klagte er über Halsweh, und das Sprechen wurde ihm schwer; doch trieb ihn der Eifer, sein Bild in der Galerie fertig zu machen. Das Übel verschlimmerte sich, und unser Freund, der Doktor Frey, Sohn des bekannten Kupferstechers, erklärte Hilfe für zu spät; jedoch wurde nach einem langen und schmerzlichen Krankenlager Waagen vom Tode gerettet. Er mochte wohl bei dem Arbeiten erhitzt sein, als er sich auf die steinerne Bank setzte. Dieser unglückliche Vorfall bewog uns, da ohnehin unsere Zeit bald um war, von Rom wegzureisen, ehe wir bei der Pyramide des Cestius zu liegen kämen. 
 Rückkehr nach Italien  [179] Am 24. Oktober 1782 verließ ich Zürich und trat meine zweite italienische Reise an, ganz allein. Ich wollte keine Gesellschaft, um ungestört beschauen und bedenken zu können. Bis Luzern nahm ich einen Wagen, und auf der Höhe des letzten Berges, von wo man Zürich noch sehen kann, stieg ich aus, schaute noch einmal die Stadt an, wo ich so viele Freunde zurückließ, und winkte ihr meinen Dank für alles Gute, was ich dort genossen, und ein herzliches Lebewohl zu. Dann ging es bergab. Die Nacht blieb ich in Luzern und bestellte mir ein Schiff nach Uri. Vor Tagesanbruch schon wollte ich zu Schiffe sein. Dies geschah auch, und ich befand mich bald auf dem See, wo ich nichts sah als die schwarze Wasserfläche und die wunderbaren Gestalten der dunklen Ufergebirge. Allmählich fing der Tag an zu grauen. Die Gebirgsmassen gestalteten sich deutlicher, wurden aber noch oft von Nebel und Wolken verhüllt, die in wechselnden Formen davor herumwogten. Endlich kam auch die Sonne; die Nebel aber waren so dick, daß jene nur streifend hindurchblickte. Es war ein höchst wundersames Schauspiel von magischer Erleuchtung und schwarzer Kunst, wie ich es nennen möchte. Oft stand es ganz dunkel vor der Sonne, und daneben war ein blasses Licht; dann schimmerte sie rot durch, dann wurde sie wieder blaß, erschien darauf in vollem Lichte und glänzte auf dem Wasser, wurde dann wieder verhüllt; und so war ein unaufhörlicher Wechsel in mannigfaltiger Gestalt und[180] Form. Die hohen Berge schienen sich zu regen, nun ward es immer heller; die Wolken fingen an zu sinken, zogen sich verschmolzen in die Felsenschluchten, und die Gipfel standen rein und klar gegen den Himmel, einige als nackte Felsen, andere mit Wald bewachsen, manche grau, andere schimmernd grün, diese weiß mit Schnee bedeckt, jene nur eben leicht damit bestäubt; und es war lieblich anzusehen, wie sich der dünne Schnee auf das Grün hinlegte. Die Fahrt ging nun an Gersau vorbei, einem kleinen Orte von wenig Häusern und nur einigen Familien; aber sie hatten Anteil und Wort bei allen wichtigen Begebenheiten der Schweiz und stellten auch ihre Mannschaft zum Krieg. Der Ort liegt sehr angenehm unter den hohen Gebirgen. Auch an dem Teil dieses Sees fuhren wir vorbei, der der Vierwaldstätter See heißt und zwischen wilden Gebirgen hinstreicht. Dann bogen wir um ein Gebirge und kamen in den See von Uri. Wir fuhren nahe an der Stelle vorbei, wo sich die Eidgenossen in der Nacht an einem Brunnen zur Rettung des Vaterlandes einst versammelten. Hier stehen die Gebirgsmassen so dicht hintereinander, daß nur die zwischen ihnen durchziehenden Wolken die Scheidung bemerklich machen, sonst würde man eine unendliche Gebirgswand zu sehen glauben. Die Abwechslung von Höhen und Vertiefungen, von steilrechten und flach absinkenden Formen, von nackten und bewachsenen, von gediegen festen und gebröckelt zerspaltenen Felsen gibt dem Auge ein mannigfaltiges Schauspiel! An einigen sieht man, wie sich Teile von ihnen losgerissen haben und heruntergestürzt sind; andere stehen unerschütterlich fest, erscheinen aber, als wären sie aus einer weichen umgewühlten, aber bald so, bald anders fließenden Masse zur gediegenen Härte erstarrt und mit ihren geschichteten Lagern stehengeblieben. An der Kapelle, auf dem Platze, wo Tell aus dem Schiffe sprang, ließ ich anlegen und zeichnete verschiedene Aussichten, besonders[181] aber die Nebelgewölke, welche auf eine so wundervoll magisch wechselnde Art vor der Sonne schwebten. Auch weiterhin ließ ich mich ans Land setzen, wo ich einen ziemlich starken Wasserfall aus den Felsen stürzen sah. Er hatte sich eine tiefe Grube gehöhlt, die sehr malerisch von mancherlei Gesträuchen umkränzt war. Frühzeitig des Nachmittags kam ich nach Uri und benutzte die Zeit, um die Gegend zu betrachten. Dann bestellte ich mir Pferde und einen Führer, um vor Tagesanbruch weiterzureisen. Nach meiner Gewohnheit, mich überall mit den Einwohnern ins Gespräch einzulassen, um die Sitten des Landes und den Charakter des Volkes kennenzulernen, sprach ich auch hier mit verschiedenen Leuten und traf unter anderen einen kurzen, untersetzten Mann mit starkem Kropf. Der tadelte mich, daß ich zwei Pferde gemietet hätte, eins zum Reiten für mich wäre genug gewesen. »Für ein geringes Trinkgeld«, sagte er, »hätte ich Ihre Sachen fortgeschafft; erst hätte ich den Koffer genommen, den flugs über den Gotthard getragen, da niedergesetzt, wäre dann zurückgelaufen, hätte die Kiste geholt und so Ihre Sachen bis an den Lago Maggiore gebracht.« Noch vor Tagesanbruch hatte mein Pferdetreiber alles in Ordnung gebracht, auch Zange und Hammer am Pferdesattel nicht vergessen, »denn das«, sagte er, »wie Nägel, Stricke und ähnliche Werkzeuge, darf auf solchen Reisen nicht fehlen«. Ich setzte mich nun auf mein Pferd, hüllte mich in meinen Mantel, und so in mich gekehrt, ritt ich fort. Alles lag noch tief in grauem Nachtdunkel. Die Gebirge erschienen in wunderbaren Gestalten, bis das kommende Tageslicht sie in ihrer wirklichen Form zeigte. Vorher hatte die Phantasie freies Spiel, sich daraus zu bilden, was sie wollte, nun aber sah man die starren Massen in ihrer trotzigen Unbeweglichkeit. Grausend war der Anblick, wie hier die Lawinen gewütet hatten. Von ganzen Wäldern hatten sie die Stämme mit sich fortgerissen, so daß nur die Wurzelblöcke[182] geblieben. Nach Jahren noch sieht man den Weg, den eine Lawine genommen hat. Steine, Grus, Baumstämme, Reiser bezeichnen die verwüstende Bahn, und kein Gras ist nach dieser Verheerung wieder aufgekeimt. Nahe am Wege sah ich Tannen, über deren Höhe und Umfang ich erstaunte. Sie erreichen hier ungestört ihr völliges Wachstum; auch gefällt würden sie doch nicht weggebracht und benutzt werden können. Sie bleiben also bis zu ihrem vollendeten Alter, sterben dann ab und vergehen auf dem Stamme. Einige sah ich ganz grau, ohne Zweige, andere kahl und weiß wie geglättete Mastbäume, manche auch morsch in sich selbst zerfallen; einige lagen übereinandergestürzt, in den Klüften wild und wüst umhergeworfen. Aber auch selbst von diesen Leichnamen gewinnen einige wieder Leben, fassen mit der ausgerissenen Wurzel Grund, schlagen aufs neue aus und grünen frisch aus der Verwesung in die Höhe. Man sieht hier allenthalben, wie die Natur gewaltig und übermächtig wirkt. Die stark erzeugten, himmelanstrebenden Bäume zerschmettert der Sturmwind; tobende Wasserfluten, aus geplatzten Wolken zusammengegossen, spülen die tiefgesenkten Wurzeln aus dem Felsengrunde, führen die Stämme hinab in die Täler, höhlen die Erde aus und rollen Felsenblöcke mit sich fort. Es toben die Winde mit Geheul, mit Brausen die Gewässer; die Wälder rauschen, und knarrend reiben sich die Äste der hochschwankenden Gipfel. Der hangende Schnee löst sich von den steilen Bergen, fährt mit dumpfem Donner hernieder und reißt und rollt in sich fort, was ihm begegnet. Deutlich sieht man die Spuren, wo Felsenstücke, von der eigenen Schwere bewegt, sich losrissen, durch nichts in ihrem Absturze gehemmt, lang hinunter das Steingeröll verstreuten. Nicht weit von der Teufelsbrücke ist ein solcher Felsblock von oben herabgerollt. Die Landleute sagen, der Teufel habe ihn da hingesetzt, weil ein Heiliger ihn verhindert habe, die Brücke damit einzuwerfen. An dem Felsen zeigen sie noch den[183] schwarzen Fleck, womit er auf dem Kopfe des Teufels gelegen. Kommt man nun an die Brücke, welche nach der Sage mit des Teufels Hilfe gemacht ist, wofür der Baumeister ihm seine Seele versprochen und ihn nachher überlistet haben soll, so kann man nur mit Grausen in den Schlund hinabsehen, wo das Wasser zwischen den Felsen dahinrast. Schaumgestäube und Nebeldampf, vom Zugwinde durcheinandergestrudelt, wälzt sich durch das Tal fort. Der Wind, der vom Gotthardsberge hersausend sich über die Fläche ausbreitet, schießt nun mit Gewalt in die Felsenklemme, worin der Fluß hinschäumt, und ist oft so heftig, daß man aus Angst, hinabgerissen zu werden, nur auf Händen und Füßen kriechend sich über die Brücke wagen darf. Zur Seite ist eine wolkenhohe, glatte Felsenwand, entblößt von Erde, Gebüsch und Gras; denn der ungestüme Zugwind fegt jedes Hälmchen rein weg und tobt oft so entsetzlich, daß die Wanderer behaupten, man höre einen losen Stein in der Höhe klappern, der so in die Spalte hineingekeilt sei, daß ihn der Wind bewegen, doch nicht losreißen könne. Jenseits der Brücke kam ich in die Wölbung einer durchbrochenen Felsenwand. Das Wasser, welches von dem Felsen sickert, war zu Eiszapfen gefroren, die Wände hatte spiegelndes Eis überzogen, und nun schien die Sonne mit ihrem goldenen Strahle in diese kristallene Höhle. Welche wundersamen Gestalten von den Eisplatten an den Spiegelwänden! Die verschiedensten der hängenden Eiszapfen, groß und klein, rund, vielzackig von der Decke starrend! Dann der kristallisierte Boden, wo herabgefallene Eiszapfen, in blitzende Diamanten zersprungen, umhergestreut waren. Daneben glänzten feurige Rubine, Smaragde, Karfunkel, Hyazinthe, Topase, Amethyste in den herrlichsten Zauberlichtern durcheinander und flossen in dem Wunderglanze des Prismafarbenspiegels zusammen. In dieser Höhle hatte ich geglaubt, es sei nicht möglich, daß diese schimmernde[184] Pracht noch übertroffen werden könne; aber wie wird der Blick, den der Wechsel jenes furchtbaren und glänzenden Schauspiels fast ermattet und übersättigt hat, nun auf einmal erquickt, wenn jetzt, nachdem man sich aus den Tiefen jener fürchterlichen Schluchten durch die Grotte hervorgewunden hat, die Buchten des Gebirges sich erweitern, die Gegend sich in freundlichem Lichte des Himmels auszudehnen anfängt und nun, wie im Zauberschein eines wonnigen Frühlings, der unbeschreiblich reizende Anblick eines wunderlieblich grünen, friedlichen Wiesentals das Auge erfrischt und den Geist des schauenden Wanderers plötzlich in heitere Traumlabyrinthe einer süß irrenden Phantasie versenkt! Über diese anmutige Fläche führt der Weg durch ein Dorf bis an den Fuß des Berges, auf dem das Hospiz liegt. Hier, in Andermatt, kam ich des Nachmittags ziemlich früh an und wollte übernachten. Als ich von der freundlichen Wirtin Essen verlangte, beredete sie mich, nur wenig zu genießen, um meinen Hunger und Durst zu stillen, ich würde abends in größerer Gesellschaft angenehmer speisen können. Es währte auch nicht lange, so kamen Reisende aller Art zu Fuß und zu Pferde, und das Haus wurde immer voller. Gewöhnlich richten die Reisenden ihren Weg so ein, daß sie abends am Berge ankommen, die Nacht hierbleiben und am anderen Morgen hinübergehen. Unter anderen kam auch ein Mann, der einen Knaben nach einem Erziehungsinstitute brachte. Dieser Knabe war aus der Familie Hedlinger und ein Enkel des berühmten Medailleurs, der am schwedischen Hofe so viele schöne Medaillen gemacht hat und auch an dem Hofe in Kassel verschiedenes arbeitete, unter anderem das Porträt des Herrn Landgrafen Wilhelm, welches unter seine schönsten Köpfe gehört. Er war aus dem Orte Schwyz. Amazon.de Widgets Es ward nun immer lustiger und lauter; die meisten Reisenden kannten sich, und unter den Freunden, die hier unerwartet zusammentrafen, gab es ein Bewillkommnen,[185] ein Händedrücken, ein Fragen und Erzählen und ein freudiges Gelächter ohne Ende. Nun wurde der Tisch gedeckt, und man trug gewaltige Schüsseln auf. Ein Leckermund hätte hier sogar zur Genüge gehabt! Da rauchte ein Böckchen auf einer Schüssel, dort lagen auf einer Platte Forellen mit offenen Mäulern übereinander her; dann kam eine Schüssel voll gebratener Rotkehlchen, Nachtigallen, Amseln und Singdrosseln, die sich verspätet oder den Weg durch die Täler auf der Reise nach wärmeren Gegenden verfehlt hatten und hier am Fuße des Berges ihr Schicksal fanden. Ehe der Tag graute, waren wir alle schon zu Pferde, wohl eingehüllt in unsere Mäntel, denn es war bitter kalt; man fühlte und hörte den Frost. Wo die geschärften Hufeisen der Pferde eingriffen, sprühte das Gefrorene klingend auf, als wenn man Glas zerstößt, so rein war die Kälte und das Eis. Der Weg zieht sich an der Reuß hinauf, die in einzelnen Stürzen herabfällt, zum Teil über hohe Felsen. Über einige hüpft sie weg, neben anderen schleicht sie hin, so daß das Strombett fast bei jedem Schritte eine andere Gestalt annimmt. Die Oberfläche des Wassers war gefroren, und was abgespritzt war, bildete die wunderbarsten und mannigfaltigsten Formen. Oft hing das Eis wie eine Decke herunter, wohinter das Wasser hervorstürzte; dann war es in Röhren gefroren, worin es herabglitt, dann in spitzen Zacken, die das Abgestäubte aufgesetzt hatte. Wie mannigfaltig diese Gestaltungen für das Auge waren, ebenso verschieden waren für das Ohr die Töne! Das rauschte, das plätscherte, das heulte in den hohlen Röhren und Schäften, das murmelte unter der Eisdecke und zwischen den Steinen! Sowie man höher kommt, erweitert sich die Aussicht. Man sieht nun schon auf andere Berge und wie auf diesen wieder andere liegen, wo alles von Schnee glänzt und der Sonnenschein von den glatten weißen Hügeln lange wunderliche Schatten auf die Ebene hinstreckt. Oben auf dem Berge[186] kommt man an einen Teich, worin das Wasser nie friert und Fische umherspielen, während alles ringsherum von Eise starrt. Den Scheitel des Berges bewohnte ein Einsiedler, ein fröhlicher Mann, der sich herzlich freute, wenn Fremde bei ihm ankamen, und der uns in einem warmen Zimmer mit sehr gutem italienischem Weine bewirtete. Er hielt hier Schule und hatte verschiedene Knaben bei sich, die ihm von den Eltern gern anvertraut waren, um sie vor den bösen Eindrücken zu bewahren, welche der Charakter nicht selten von den oft verdorbenen Sitten in großen Lehranstalten empfängt. Nachdem wir uns und unsere Pferde etwas erfrischt hatten, setzten wir uns wieder auf, und nun ging es auf der Seite nach Italien hinunter. Hier gewährte das gefrorene Eis wieder ein ganz anderes Schauspiel, als wir am Morgen auf der Schattenseite des Berges gesehen hatten. Es war ein heiterer, schöner Tag, die Sonne glänzte auf das Eis, welches in langen Zapfen von den Felsen herunterhing, schmelzte es oben weg, so daß das Wasser in Tropfen herabglitt, unten wieder anfror und so die Zacken außerordentlich lang und schwer wurden. So standen ganze Wände mit blinkenden Pfeilern da; von der Wärme lösten sich einige ab, stürzten auf andere Felsenstücke und zersplitterten in den Abgrund hinunter. Auch hörte man das Getöse von anderen, die man nicht sehen konnte, weil sie in tiefen Buchten dem Auge versteckt hingen und mit ihrem Sturze in die Tiefe wundersame Töne hervorbrachten. Je weiter ich den Berg hinunterkam, desto mehr erblickte ich Stellen, die schon vom Schnee entblößt waren, und aus der Tiefe schimmerten hin und wieder schon grüne Flecke. Ich war begierig auf den Fall des Tessin, und nicht weit vom Wege ist die Stelle, wo er herunterstürzt. Ich ging hin und sah, wie er von oben herabkommt und über die Gipfel der Bäume niederfährt. Man sieht nicht, wo er bleibt, weil es abhängig und hohl bergein geht. So im Betrachten hatte[187] ich mich zu weit an den Abhang gewagt und kam ins Gleiten. Zum Glück standen unter mir einige Bäumchen, an denen ich einen Halt gewann und mich sachte wieder hinaufschob. Der Weg ging von da so steil, daß ich geratener fand, vom Pferde abzusteigen; auch waren einige Stellen so glatt und abhängig, daß ich mich setzte und hinunterrutschte. Unten war nun das Grüne dem Auge schon näher. Wir kamen in das Dorf Airolo am Fuße des Berges auf der italienischen Seite. Hier machten wir Mittag und hatten schon italienischen Blumenkohl (Broccoli). Den Nachmittag ritten wir durch das Tal, wo die Tosa rauscht, ein rascher Waldstrom. Vor sich und zu beiden Seiten hat man hohe Felsenwände mit Wasserfällen. Die Aussicht hier setzt in das größte Erstaunen. Gegen Abend kamen wir beim Engen Zoll an, wo wir übernachten wollten. Hier stehen die Felsen sich so nahe, daß der Strom fast das ganze Tal einnimmt. Vielleicht waren sie auch ehemals eine Wand, aber der gewaltige Strom, welcher durch die abhängenden Gründe daherströmt, hatte sich mit eigener Kraft einen Weg gebahnt und die Felsen gespalten, dann tiefer bis auf die Grundfelsen gewühlt, die ihm mit ihrer gediegenen Masse widerstanden. Zerstäubt und mit Geheul schießt die Flut aus den Höhlen und Spalten heraus, schlägt an Felsen zurück und braust pfeilschnell dahin. Immer stärker, immer schneller verfolgt eine Welle die andere in schießender Eile! Das Toben dieser ungeheuren Kraft erschüttert den ganzen Boden, welcher immer mit dem Einsturz zu drohen scheint. Steht man auf der Mitte der Brücke, die über das enge Tal führt, so kann man nicht ohne Schrecken und Bangigkeit gegen den Strom schauen; es ist, als wolle er die ganze Brücke mit sich fortreißen! Ich ging dem Wasser so nahe, als es ohne Gefahr möglich war, um das innere Wüten dieses Kampfes genau zu betrachten. In der Dämmerung ward der Anblick des tobenden Wassers noch fürchterlicher, denn alles war schwarz, und man sah[188] die Veste nicht mehr; nur das Wasser sah man in weißen, schäumenden Wellen, und es schien sich immer zu vermehren und alles anzufüllen und zu vernichten. Hierauf ging ich wieder ins Haus, wo uns der Wirt erzählte, es habe vor einiger Zeit ein Mann bei ihm übernachtet, dem, wie er frühmorgens im Dunkeln über die Brücke gegangen, schon jemand von der anderen Seite entgegengekommen sei. Als er diesem eben einen guten Morgen habe bieten wollen, habe der dunkle Wanderer ihn angebrummt und sei stehengeblieben, als verlangte er, daß man ihm ausweiche. Als der Reisende ihn nun genauer angesehen, habe er entdeckt, daß es ein Bär sei. Vor Schrecken außer sich, sei der Fremde der Länge nach ins Haus gestürzt mit dem Geschrei: »Ein Bär! Ein Bär!« Man wäre nun gleich mit Feuergewehren hinausgelaufen, hätte aber nur noch seine Spuren entdeckt; nachher sei er auch in der Gegend verspürt worden und habe sich durch das Morden des Viehes ruchbar gemacht. Solange man ihm auch nachgegangen sei, habe man ihn doch nicht zum Schuß bekommen können, bis endlich ein junger Mensch, der Bräutigam gewesen, das Gelübde getan habe, nicht eher zu heiraten, als bis er den Bären getötet. Mit Lebensmitteln und allem, was zum längeren Verweilen in der Einöde erforderlich, versehen, habe er endlich das Ungetüm glücklich angetroffen und erlegt. Bei seiner Heimkunft sei er von den nahen Dorfschaften als Sieger und Befreier von einem beständig schreckenden Ungeheuer freudig mit Festlichkeiten empfangen worden. Am Abend fand sich eine lustige Gesellschaft bei unserem Wirt zusammen. Der Mann, welcher den jungen Hedlinger führte, hatte gewöhnlich das Wort, unterhielt auch die Gesellschaft angenehm und war den meisten bekannt. Als wir aber im besten Schmausen waren, traten sieben starke Männer herein, alle mit Reiseprügeln in der Hand. Sie begrüßten die Gesellschaft, nannten auch die meisten bei Namen. Sie waren aus Schwyz und kamen in einem Marsch[189] von Mailand, wohin sie Kühe gebracht hatten. Der Führer warf sich erschöpft auf einen Stuhl und klagte über Mattigkeit, weil das Geld, welches er in einer Katze um den Leib trug, so schwer und die Angst, beraubt zu werden, groß gewesen sei, besonders in den dunklen Kastanienwäldern und den tiefen Schluchten. Die anderen blieben aber stehen, ohne ihre schweren Wanderstäbe an den Boden zu setzen, die sie mit ausgestreckten Armen hielten und dabei lachten. Einer sagte: »Mir war nicht bange! Wenn auch zwei- und dreimal soviel gekommen wären als wir, solange sie nur keine Feuerröhre hatten, wollte ich sie schon hingestreckt haben!« Der Geldträger forderte geschwind einen Trank zur Stärkung. Als er zwei Gläser getrunken hatte, sagte er: »Nun ist mir schon wieder besser, jetzt wollen wir uns nur ein wenig auf das Heulager strecken und dann gleich weiter.« Das gab aber ein Mann im grünen Flausrock nicht zu. Jener mußte sich bei ihm an den Tisch setzen und essen. Die anderen sechs saßen für sich und nahmen eine Kleinigkeit ein. Ich hätte mich gern mit diesen Männern unterhalten und über ihre einfache Lebensart unterrichtet. Ich befahl dem Wirt, ihnen eine Schüssel voll dicken Reis zu geben, wie wir hatten, und auch Wein, ich würde es bezahlen. Dies geschah sogleich, und ich ließ mich mit ihnen in ein Gespräch ein. Sie klagten über Mailand und sagten, sie möchten für alles Geld in der Welt nicht in dieser Stadt leben, die ganz von Stein wäre, sogar die Straßen, und wo man weder Baum noch Gras sehe. »Sogar die Baumstämme, womit man die Häuser stützt«, fuhr er fort, »sind da von Stein; und sieht man in so einen viereckigen Hof hinein, so wird man weder Kuh noch Rind gewahr. Da lobe ich mir Schwyz, wo man auf Gras geht und grüne Bäume vor sich hat, worin die Vögel singen!« Unterdessen stand der Führer auf: »Nun ist es Zeit, daß wir gehen, ich werde in Schwyz an die Ihrigen sagen, daß ich Sie hier gesund und vergnügt angetroffen habe, und wenn ich sonst noch etwas[190] ausrichten soll, so sagen Sie es mir, es soll richtig bestellt werden.« ? »Nun, damit hat es Zeit bis morgen«, sagte der grüne Herr, »wir sehen uns ja morgen, denn Ihr geht doch nun erst, Euch auf das Heu schlafen zu legen.« ? »Nein«, erwiderte der Führer, »wir gehen nun gleich weiter. Schlaf bedürfen wir nun nicht mehr, wir haben nun genug ausgeruht, da wir gut gegessen und getrunken haben, das ist besser als auf dem Heu liegen.« Dann winkte er den Hirten, und die gingen alle zu dem dicken Mann, gaben ihm die Hand und dankten ihm, daß er sie so gut mit Speisen und Wein bewirtet habe und für sie bezahlen wolle. »Das ist mir nicht in den Sinn gekommen«, sagte er und beteuerte, daß er von allem nichts wisse. Der Wirt ward gerufen, der auf mich zeigte: »Der lange Mensch dort hat es mir aufgetragen und bezahlt.« Als ich nun äußerte, daß ich hätte die Freude haben wollen, die Männer, welche den Weg gekommen wären, den ich morgen zu machen hätte, so essen und trinken zu lassen wie uns, traten sie zu mir, reichten mir einer nach dem anderen die Hand, dankten und sagten: »Aber Ihr kennt uns ja gar nicht, seid Ihr denn aus Schwyz? Und wir kennen Euch nicht!« ? »Das tut nichts«, antwortete ich, »ich habe euch gesehen und ihr mich, und ich wollte weiter nichts, als daß wir uns miteinander erfreuten.« Nun schlugen sie noch einmal ein und drückten mir die Hand. Herzhaft war der Händedruck dieser biederen Männer! Hart war die Hand, aber man fühlte ein weiches Herz! Im Hause verfügte sich endlich jeder zur Ruhe, und auch ich legte mich nieder. Aber nach kurzer Zeit erwachte ich wieder und glaubte, da es so hell war, daß es schon Tag sei. Meine Uhr zeigte jedoch erst auf Mitternacht. Vor Langeweile stand ich auf und sah aus dem Fenster. Der Mond schien hell durch die Weinblätter und warf seinen freundlichen Schimmer in das Zimmer. Auch von hier nahmen sich die Gebirge sehr gut aus, und ich ging aus meinem[191] Zimmer, um sie auch aus dem anderen Fenster zu sehen. An Schlaf war nicht mehr zu denken, und als der Tag graute, wollte ich ins Freie und rüttelte an der Haustür. Ich konnte niemanden finden, der mir aufmachte, bis endlich der Wirt mit einem Lichte kam und mir aufschloß. Ich ging nun in der Dämmerung wieder auf die Brücke und in der Gegend umher. Beim Zurückkehren fand ich alle Gäste beim Kaffee versammelt. Der eine lobte seinen guten Schlaf, der andere erzählte seine Träume, und ich sagte, die Nacht sei mir lang geworden, da ich nicht hätte schlafen können. »Ja«, versetzte der Wirt, »ich habe ihn wohl herumwandeln hören, unruhig wie eine Kuh, die gekalbt hat und der man das Kalb genommen hat. Er muß wohl jemand Liebes verlassen haben, wonach er jammert.« ? Der Mann hatte recht. Meine Seele war voll Sehnsucht nach den vielen Freunden, die ich hatte verlassen müssen und deren Andenken mir beständig vorschwebte. ? Mein emsiger Pferdeführer hatte zur Abreise schon alles bereitet, und die Pferde standen fertig, bepackt das eine, zum Aufsteigen das andere. Ich wickelte mich in meinen Mantel und ritt über die Brücke den abhängigen Pfad hinunter neben gewaltig stürzenden Wassern. Man reitet eine ziemliche Strecke an abgerissenen Blöcken und steilen Wänden hin, die mit ihren Kuppen oft über den Weg hereinhängen. Hier fühlte ich es wie eine kalte Kellerluft. Dies enge, schwarze Felsental schien vielleicht noch düsterer, weil die Morgendämmerung es noch umhüllte. Allmählich aber hob sich dieser Schleier, und was gerade vor mir lag, wurde vielfarbig; und je mehr der Tag sich erhellte, desto höher stieg die Schönheit der Gegend. Mit dem erweiterten Tageslichte weitete sich auch das Tal immer mehr, so daß man die Felsenwände ganz übersehen konnte jenseits und diesseits des Stromes. Den Felsen ist man so nahe, daß man den Kopf weit zurückbiegen muß, um daran hinaufzusehen. Oft tat mir der Nacken weh von dem beständigen Hinaufblicken[192] und Hinwenden nach einer Seite, wo ein schöner Punkt war, den ich nicht verlassen konnte. Aber dieser schönen Stellen sind so viele, daß man nicht Augen genug hat, sie alle zu fassen, auch geht im Reiten manches verloren. Bald lockt eine interessante Aussicht gerade nach vorn, dann eine zur Seite, und auch die Gegenseite will man nicht ungesehen lassen. Dann entdeckt man etwas im Abgrunde, und blickt man nicht geschwind hin, so ist man vorbei und hat es für das Auge verloren; hier zieht es den Blick nach oben, dort zur Mitte des Stroms, der die wunderbarsten Abwechslungen bietet. Bald fällt er über Eisensteine herunter, dann schießt er zwischen ihnen hin, bald gießt er sich in einem glatten Sturz herab; dann winden sich die Wellen wie ein Geflechte durcheinander, ohne daß man die Steine sieht, welche die Wallungen und Strudel verursachen, jetzt schäumt er, dann gleitet er still und ruhig, dann wieder auf einmal wird er wild und brausend. Auch sausen einem so mancherlei Töne um die Ohren, bald stärker, bald schwächer, wie man den Kopf wendet. An dem Strome halten sich viele Wasseramseln auf, und mir schien es sehr bewundernswert, daß dieser schwache Vogel sich in den mächtigen Sturz dieses Wassers untertaucht, eine Weile unten bleibt und doch auf derselben Stelle wieder herauskommt, wo er hineinschoß. Man sollte glauben, die Wellen würden ihn eine Strecke mit sich fortreißen, denn schwere Steine, die man hineinwirft, hört man deutlich fortrollen und aneinanderklappern. Auch die anderen Vögel sind erfreulich zu sehen, wie sie lustig hin und her fliegen. Besonders ergötzte mich der Grünspecht, wie er sich von einer Seite lachend über das Tal zur anderen schwingt in den gegenüberstehenden Wald. Von allen Seiten tönt fröhlicher Gesang und auf den hohen Bergwäldern das Balzen des Auerhahns. Nun kam ich an eine auffallend schöne Gegend, die mich vor allem bisher Gesehenen anzog, so daß ich abstieg, um diesen Anblick mit dem innigsten Gefühle der Bewunderung[193] recht zu genießen und in mich zu saugen. Hier war das alles, was ich bis jetzt nur einzeln gesehen hatte, zu einem herrlichen Ganzen vereinigt. Viele Berge senkten sich mit dem Fuß bis unmittelbar ins Tal. Über einen, der stark von der Sonne beleuchtet hervortrat und mit Gebüsch und hellgrünen Bäumen schimmerte, goß sich von Stufe zu Stufe in Absätzen ein Wasserfall. Ein hoher Hauptguß aber war in der Mitte, und dieser schoß weit über, so daß zwischen dem Fall und der Felsenwand das Licht durchfiel und seine Schatten an der Steinwand flatterten. Wo er auf die Fläche fiel, standen gelb belaubte Birken, die mit ihrer Goldfarbe neben dem silbernen Strome hinaufstrebten. Es sah aus, als hinge ein Silberflor zwischen Goldstoff. Neben diesem hellen vordringenden Felsen, der in den schönsten Farben prangte, ging eine dunkle Höhle hinein, in deren schattiger Bucht Wasser herunterfloß; dann trat wieder ein brauner Felsen vor, von dem ersteren halb beschattet. Durch die Schlucht senkte sich ein Wald herunter, der noch in seinem dunklen Grün stand, und breitete sich am Fuße auf der Wiese aus. Über dem Wasserfall schwamm der Mond im reinen Azurhimmel, und in der Ferne des langen Tals stand die purpurne Morgensonne wie eine helle Glorie und flammte in den Nebel, der sich in der ganzen Gegend herumwälzte. In den tiefen Schluchten stand er wie ein blauer Dampf, und im Walde zog er unter den schattenden Bäumen wie ein grauer Strich von Rauch zwischen den Stämmen heraus. Die Schatten der vorstehenden Felsen und Bäume zogen lange Streifen in das schwebende Gewölk, und zwischen diesen fielen die Strahlen der allbeleuchtenden, allerwärmenden, allbefruchtenden Sonne herein. Es war eine heilige Stunde der Vermählung des Himmels und der Erde! Der Atem Gottes hauchte überall, ausgespendet wurde frisches Leben und stärkende Nahrung, das erstarrt Gesunkene richtete sich auf; die gebeugte Pflanze stieg empor, der Käfer regte sich, der Schmetterling flog von der[194] Blume, der Vogel von Busch zu Busch, von Wald zu Wald. Ein allgemeines glühendes Dankgefühl regte sich in der belebten Schöpfung, und Gesang stieg von der Erde wie ein heiliges Halleluja empor zu dem Höchsten, dessen Macht sich so herrlich verkündet! Hinein, hinauf durch das schwarze Dunkel sah man in das lichte Blau, wo der glänzende Mond schwebte. Die reinste Luft schimmerte in der blendenden Höhe; ätherische Tropfen schwammen zur Tiefe hinunter und zerschmolzen, die lechzende Erde zu tränken. Überall Freude, Lebensatem und Genuß. Form mit Form, Farbe mit Farbe im regsten Wetteifer, und die beiden glänzenden Himmelslichter stritten miteinander, welches schöner sei, der silberne Mond oder die goldene Sonne. Ich verließ endlich diese herrliche Stelle und sah im Weiterreiten, daß sie nicht die einzige war, an der alles so schön erschien. Der Nebel sank nun immer tiefer, und wie er sich verdünnte, verschwanden auch die Streifen, welche mich lange ergötzt hatten, indem sie durch das ganze Tal eine strahlende Glorie verbreiteten. Die obersten Höhen standen in der reinsten Klarheit, nur um den Fuß der Berge und in den tiefen Schluchten schwebte hin und wieder einiger Nebel. Sowie die Sonne aber höher stieg, zerteilte die milde Wärme alle Dünste, und jeder Gegenstand lag nun in seiner eigentümlichen Farbe da. Der Alpenhirten tönende Hörner schallten von den Höhen hernieder, einige riefen und antworteten sich wie in einem jauchzenden Wettgesang. Auch das Brüllen der Alpenkühe hörte ich, konnte aber keine zu Gesicht bekommen, weder Hirten noch Herden, sosehr ich mich auch bemühte. Die Berge sind zu hoch, man kann nicht bis auf ihre hohen Flächen hinaufsehen. Je weiter ins Tal hinein, hörte ich immer mehr Menschenstimmen, und die Gegend wurde lebhafter. In einem Dorfe machten wir Mittag. Ich unterhielt mich mit dem Wirt und pries die Bewohner einer so schönen,[195] fruchtreichen Gegend glücklich. Er erwiderte: »Die Leute sind hier dennoch arm, der Wein ist zu wohlfeil, die Männer wollen nicht arbeiten, sondern liegen die meiste Zeit in den Wirtshäusern, und kommen die Frauen hin, um sie wegzuholen, so bleiben die gewöhnlich auch da, oft vom Sonnabend bis zum Montag.« Als ich wieder aus dem Dorfe ritt, kam mir alles schon italienisch vor. In den Gärten hatten die Kinder Weinranken zusammengebunden, von einem Baum zum anderen, und schaukelten sich darauf. In Bellinzona fand ich schon vollkommen italienische Sitten. Selten wird Feuer auf dem eigenen Herde gemacht, die Männer speisen gewöhnlich in den Osterien. Wir kehrten in einer ziemlich großen Osteria ein, die voll von Menschen war. Der ruhige Sinn, die friedliche Ordnung des deutschen Lebens wird hier nicht mehr gefunden. Man lärmt, man tobt; der eine ruft hier, der andere schreit dort, und wer am lautesten und ungestümsten begehrt, wird zuerst bedient. Ich forderte von dem Cameriere, der mich auf mein Zimmer führte, Wasser. »Gleich sollen Sie es haben.« Ich wartete lange; er kam nicht. Ich stellte mich an die Treppe und rief, als ich ihn vorbeigehen sah: »Cameriere, portatemi dell' aqua, per lavare le mani!« ? »A vostro comando, subito l'avrete!« ? Aber er kam nicht; es kam auch kein Wasser. Ich sah wohl, wenn ich es haben wollte, so mußte ich es selbst holen. So ging ich denn hinunter in die große Küche, wo alles voll war, wie auf Bassanos Küchengemälden, auf denen Menschen, lebendes und geschlachtetes Vieh durcheinander sind. Hier wird geschlachtet, dort gerupft, hier gebraten und dort das Gebratene auf der Stelle verzehrt. Welch ein Abstand, wenn man sich den ganzen Tag hindurch alles Lebens in der Natur erfreut hat und kommt dann in solch eine Küche, die einer Hölle gleicht! Es schien der letzte Tag für alle Geschöpfe gekommen zu sein, und doch war es für die Menschen eine Auferstehung. Die Müden und Hungrigen saßen und zermalmten[196] die gebratenen Lämmchen und Hühner und Kapaune, und wie sie diese zu sich genommen, krähten sie selbst lauter als die Hähne, und zu dem Gesang klangen die Guitarre und die Kastagnetten. Nahe an der Tür, wo ich stand, war ein langes, doppeltes Hühnerbauer vollgepfropft von Hühnern und Hähnen. An einem Tische daneben stand ein Mann, der griff hinein, ohne zu sehen, was er faßte, und indem er eins packte, wandte er sich im Gespräche zu jemand und schnitt unterdessen dem Huhne die Kehle ab. Das hatte er so durch die Übung im Gefühle, ohne die Augen zu gebrauchen. Dann schlitzte er es auf und warf die Eingeweide in den Trog. Die hungrigen Hühner, welche schon darauf lauerten, verschlangen sie im Augenblick, während die Hähne sich mit den anderen Weibern in der Fortpflanzung ihres Geschlechts ergötzten. Das war ein Vernichten, das war ein Leben! Andere Hähne kämpften miteinander und pickten sich weidlich in die Kämme. Kaum erfreute sich aber der Sieger seines Triumphes, so ward er schon von der Hand des Schlachters ergriffen und zappelte sterbend an der Erde, und Kamm und Bartlappen wurden bald als eine andere Schüssel zubereitet, Cornelli, ein Gericht von Hahnenkämmen, Lämmer- und Hahnenbohnen und Hühnermagen. Welch ein Unterschied auf der kleinen Strecke diesseits und jenseits des Gotthard! Ich wandte mich nun an eine dicke Frau, die dasaß und mir die padrona della casa zu sein schien, weil sie alles anordnete, und bat sie, mir Wasser und auch Essen auf mein Zimmer bringen zu lassen. Sie befahl es den Augenblick, und wie ich mich umkehrte, folgte mir der Cameriere auch bis an die Treppe und sagte: »Ma Signore, wollen Sie nicht ins Theater gehen?« ? »Auch das verlangst du von mir?« ? »Mi pare, che si vede nella nostra casa commedia, tragedia e opera buffa.« ? »Ich habe aber keine Lust, das noch einmal in Fratzen nachgeahmt zu sehen.« ? »Avete ragione, ma al teatro pare tutto più bello.« ? Ich brachte hier eine[197] traurige Nacht zu. Unruhe von innen und außen, mehr noch als auf dem Engen Zoll, wo der Tessin in seinen Windungen donnerte und mich nicht schlafen ließ. Hier fing nun das rauschende italienische Leben wieder an, worein ich mich wenig schickte und mich schmerzlich getrennt fühlte von dem stillen, ruhigen, gemütlichen Wesen der besonnenen Deutschen. Amazon.de Widgets In der grauen Morgendämmerung ritt ich wieder fort, voll Sehnsucht, nun endlich an den hochgepriesenen Lago Maggiore zu kommen. Auf dem Wege dorthin zeigten sich mir viele schöne Aussichten. Besonders die Berge, welche mit Kastanienwäldern bedeckt sind, geben dem Ganzen ein ernsthaft gefälliges Ansehen. Es scheint, als sei der Samen zu den Bäumen vom Himmel auf die Berge gefallen und so von dem Gipfel durch die Schluchten herniedergerollt bis an den Fuß, wo der Wald sich ausbreitet. Man sieht deutlich, wie die Erde von den Scheiteln der Berge heruntergespült ist; in den abhängenden Schluchten ist sie liegengeblieben und am Fuße festgeschwemmt. Darin sind nun die Kastanien aufgekeimt, und der Wald ist entstanden, der oben in den Spalten anfängt, erst dünn, dann immer dichter, und endlich als große Waldung sich in die Ebene ausbreitet. Als ich dem Gebirge näher kam, wo ein starker Kastanienwald die Berge umgürtete und nur die Scheitel nackt herausstanden, während alles andere mit grünen Bäumen bedeckt war, die dunkel in die Gründe zwischen den Bergen hineingingen, hatte ich das Vergnügen, eine Jagd zu hören, wo eine große Meute Hunde mit dem Hifthorn geführt wurde und Waldhörner durchtönten. In Magadino entließ ich die Pferde und nahm Abschied von meinem emsigen Pferdeführer, der mir unterwegs treulich mit seiner Hilfsleistung beigestanden hatte, und mietete nun eine Barke mit drei Männern zum Rudern. Ich machte dabei die Bedingung, daß ich so viele Tage, wie ich wollte, auf dem See bleiben könnte, und daß sie, wo ich es[198] verlangte, mich ans Land setzen und warten müßten, bis ich zurückkäme, um weiterzufahren. Auch dachte ich daran, Lebensmittel mitzunehmen, wenn wir etwa an einen Ort kämen, wo nichts zu haben wäre. Ich ließ deshalb Schinken, Würste und viel Brot kaufen und sagte zu den Leuten, sie mochten mir auch einige gekochte Kastanien mit ins Schiff geben. Wie nun alles in Ordnung war und ich mich ins Schiff setzte, kamen die Männer mit einem Sack Kastanien, der so hoch war, daß er mir bis an die Brust reichte, setzten ihn vor mich hin und sagten: »Nun eßt!« Ich antwortete, so viel hätte ich nicht verlangt, und fragte, was sie kosteten? »Nichts«, erwiderten sie und brachten noch einen solchen Sack und dann noch einen kleinen mit gebratenen Kastanien, setzten alles neben mich hin und sagten: »Eßt, wie sie euch am besten schmecken, gekocht oder gebraten; das ist unsere tägliche Kost.« Als sie nun zu den Rudern griffen, sah ich nur zwei Männer und eine Frau. Dem widersetzte ich mich und wollte nicht zugeben, daß anstatt eines Mannes eine Frau das Schiff mitführen sollte, da ich doch drei Männer gedungen hätte. Es könnte doch sein, bemerkte ich, daß wir einen Sturm bekämen, wo die Leitung des Schiffes kräftige Männer erfordere. Die Fahrt auf diesem See ist überhaupt schlimm und gefährlich, weil man oft aus einer stillen Bucht um das Vorland eines Berges herumfährt und nun, da man vorher keinen Wind verspürte, auf einmal ein Sturm zwischen den Bergen hervorbraust, der das Schiff umwirft oder vernichtet. Die Männer aber baten mich, ich solle nur ruhig sein und es zugeben, denn diese Frau sei gewohnt, immer zu fahren, und an Stärke und rüstigem Wesen nähme sie es mit anderen Schiffern auf. Als ich nun auch sah, mit welcher Leichtigkeit und Gewandtheit sie mit den Gerätschaften umging, die Ruder tüchtig angriff und den Mast aufrichten half, so ließ ich es geschehen und dachte: Eine Frau muß man doch nicht aus dem Schiffe weisen; wer weiß, ob es nicht die Fortuna ist![199] Wir segelten also ab. Die Fahrt ging recht glücklich, und so wie das Schiff lief, veränderten sich mit jedem Augenblick die Gegenstände. Bald flog es an einem waldbewachsenen Berge vorbei, dann kam schroffes und nacktes Geklipp, dann eine Höhe mit grünen, hangenden Matten, worauf Vieh weidete, ein Berg dann mit landwirtschaftlichen Gebäuden und Hütten; auf dem folgenden lag eine schöne Villa, deren Palast prächtig von Terrassen mit Orangen und Lorbeerbäumen umgeben war; dann wieder die Wildnis eines wüsten Berges, wo aus tiefer Schlucht ein schroffer Fels in die Höhe stieg. So hatte ich im stillen Beschauen an diesen vorüberfliegenden Naturszenen den reichsten Genuß! Doch war er nicht sättigend, denn immer gehen Blick und Wunsch nach dem, was dort hinten liegt, wo die hohen Gipfel der Berge herwinken, deren Felsenmassen in weiter Ferne über andere noch herüberragen. Nachmittags verschönerte sich die Gegend, als die Sonne stärkere und längere Schatten warf und ein rötlicher Dunst in der Luft schwebte. Allein gegen Sonnenuntergang erschien alles erst in seiner völligen Pracht und Herrlichkeit durch den roten Schein, der an die Gebirge glänzte, so daß sie in brennender, weitflammender Goldglut standen! Dann aber kam der braune Abend, der, die einzelnen zerstreuten Schönheiten und blendenden Erscheinungen sanft und leise miteinander verschmelzend, alles in großen Gestalten sehen ließ und in blassen Silberschein verwandelte, den Himmel und das Wasser. Ein flacher Spiegel des Himmels war der See, mit kühn anstrebenden Felsen umgeben, die sich so tief in ihn hineinsenkten, als sie hoch in der Luft standen. Man sah zwei Himmel und vier Felsenufer. Es war eine heilige Stille. Das Bild der Felsen stand unbeweglich wie sie selber im klaren Wasser, doch neigten sich die Gipfel nachbarlich im leisen Wellenspiel nickend gegeneinander. Kein Lüftchen atmete, kein Wölkchen war zu sehen, kein Blatt rauschte, kein Schilfchen lispelte, keine Welle plätscherte,[200] kein Vogel ließ sich hören, selbst unser Boot schien nur im feuchten Wasserhimmel zu schweben und von den nächsten Wellen mit leisem Murmeln begrüßt zu werden. Vom Ufer tönte dumpfes Gebrüll und Blöken der Herden, und man vernahm menschliche Stimmen, fröhliches Gelächter und Rufen. Auch wurden nach und nach Lichter und Hirtenfeuer an den schwarzen Gebirgen sichtbar; sie schienen daran zu hängen, denn die Fläche, worauf sie brannten, war nicht zu unterscheiden. Die Luft war rein und frei von allem Dunst; die Seele dünkte sich geläutert und, von jeder körperlichen Hemmung befreit, fessellos in der Weite dieser wonnigen Seligkeit zu schweben, nur lieblicher Wohlgeruch von dem Pflanzenleben des nahen Ufers kündete sich den Sinnen an und gewährte einen süßen Genuß. So wurde ich sanft von meinem Schiffe hingewiegt, welches nun dem Ufer näher kam. Doch geschah es nicht in jäher Eile, wie sonst vom Winde gejagt die Schiffe ans Ufer fliegen, nur durch leise Ruderschläge glitt es ohne Rauschen vorwärts. So hatte ich die Schiffer gebeten, um nicht durch den Lärm des Ruderns diese heilige Stille zu unterbrechen, doch fühlte ich ein Sehnen zu landen, um zu sehen, was sich da rege beim Schein der vielen Lichter, die aus der Ferne uns entgegenflimmerten. Wir landeten an einem Orte, aus welchem Bolongaro gebürtig ist, den jedermann kannte wegen seiner großen Fabrik von Tabak, womit er die halbe Welt versehen hat. Mit Verwunderung traf ich ein großes Wirtshaus, wie ich an einem so kleinen Orte nicht vermutete. Der Aufwärter, welcher mich auf mein Zimmer führte, sagte, wenn ich Lust hätte, an der Table d'hôte zu speisen, so würde ich Gesellschaft finden und er mich rufen, wenn man zu Tische ginge. Als ich in das große Zimmer trat, sah ich eine lange Tafel mit vielen Kuverts, aber wenig Personen, nur einen Mann mit Frau und Tochter, wie es schien. Sie grüßten mich freundlich, ich erwiderte es, und wir kamen sogleich in ein Gespräch. Ich sagte, daß ich[201] ein Maler und im Begriff sei, nach Rom zu reisen, zugleich aber die schönsten Gegenden besehen wolle. Darauf erwiderte er, er sei aus der Stadt, wo die große bronzene Statue des heiligen Borromeo stehe (aus Arona am Lago Maggiore), und er sei mit seiner Frau und Tochter auf einer seiner Besitzungen in dieser Gegend gewesen, um die Lese von Kastanien und anderen Früchten zu sehen. Einen solchen Ausflug mache er gewöhnlich jeden Oktober, teils um die Aufsicht bei der Ernte zu führen, teils aber auch, um seiner Frau und Tochter den Genuß der schönen Herbstzeit zu verschaffen. Er war ein äußerst angenehmer Mann von sehr würdigem Ansehen, seine Frau liebenswürdig und zuvorkommend und seine Tochter eine wahrhaft schöne Gestalt voll reizender Anmut. Ihr schlanker Wuchs wurde trefflich durch ein langes Gewand erhöht; sie hatte einen Mannshut auf wie gewöhnlich die italienischen Damen, wenn sie im Herbst aufs Land gehen, und sie trug eine lange Haarflechte mit weißem Band umwunden. Der Mann wies mir einen Platz an zwischen seiner Frau und Tochter, er setzte sich daneben, und wir unterhielten uns über die Umgegend. Er erzählte mir von der Ernte, von seinen umherliegenden Besitzungen und dem Vergnügen, welches der jährliche Besuch derselben ihm gewähre, und sagte: »Wenn Ihr die Schönheiten dieser Gegend recht sehen wollt, so müßt Ihr mit uns auf unsere Gitter gehen, da will ich Euch an den merkwürdigsten Orten umherführen, denn ich kenne alles in der Runde ganz genau. Geht also morgen mit, bleibt, bei uns, und wenn wir aufs Land gehen, so erzeigt uns das Vergnügen Eurer Gesellschaft.« Die Frau und die schöne Tochter sagten dasselbe. »Wir sind eben nicht reich«, setzte der Mann hinzu, »aber es mangelt uns an nichts; wir führen ein Leben, das uns fröhlich erhält, und fern von Übermut wie von Sorgen freuen wir uns an dem, was wir haben, und an der Anmut dieser lieblichen Natur.« Dann erzählte er von den Sitten des Landes und wie so viele aus dieser[202] Gegend in der weiten Welt umherschweiften, um Reichtümer zu erjagen. So habe der Bolongaro Millionen erworben, und so fort. Mit dieser Familie brachte ich einen sehr vergnügten Abend zu, und ehe wir uns zum Schlafengehen trennten, wiederholte der Vater noch einmal seine Einladung. Wie gern hätte ich sie angenommen! Eine so schöne Gestalt wie die des Mädchens mit der weißen Flechte konnte ich schwerlich unter den Antiken in Rom finden. Aber ich mußte Abschied nehmen. Meine frühe Abreise verschob ich indes, denn ich wünschte das schöne Bild noch einmal zu sehen. Als es Tag wurde, ging ich vor das Haus, welches dicht am See lag, und wandelte dort am kieselichten Ufer, um zu erwarten, bis jene freundlichen Menschen aufgestanden wären, und noch einmal Abschied von ihnen zu nehmen. Lange ging ich so in Gedanken auf und nieder, bis sich endlich ein Fenster öffnete und das schöne Mädchen herausschaute. Das weiße Band war jetzt aus den Haaren weg, sie hingen in langen Locken zu beiden Seiten des Kopfes hernieder. So schön hat Guido nie die Magdalenen gemalt, aber er hat auch nie ein solches Modell gehabt! Nachdem wir uns mit einem guten Morgen begrüßt hatten, sagte sie: »Nun, ich hoffe, Ihr habt Euch besonnen, mit uns zu gehen.« Ich antwortete ihr, ich hätte nur gewartet, um ihr und ihren Eltern ein Lebewohl zu sagen, und da die letzteren vermutlich noch länger schlafen würden, so wollte ich es ihr übertragen, mich ihnen zu empfehlen und ihnen meinen herzlichsten Dank zu sagen für den angenehmen Abend, den ich durch ihre Bekanntschaft genossen hätte. Dann stieg ich in das Schiff, und wir segelten ab. Amazon.de Widgets Es war ein schöner Morgen, ganz wie gestern. Immer wechselten schöne und neue Gegenden ab, Berge und tiefe Schluchten folgten einander, bis wir die berühmten Inseln erreichten. Nachdem ich die eine gesehen, fuhr ich zur zweiten. Von der Schönheit der beiden Inseln werde ich[203] nichts sagen, weil sie schon so oft beschrieben sind; doch wünschte ich, daß ihre Beschreiber erst die Villen zu Rom, Tivoli und Frascati gesehen hätten! Da stehen schlanke Zypressen und weit ausgebreitete Pinien, und vor den hohen Lorbeerbäumen sieht man oft nicht die lange Allee; da ist Duft von schönen Blüten und in den Palästen die schönste Blüte, die der griechischen Kunst! ? Hier waren viele Gemälde, die ich lange besah, denn eine Gemäldesammlung war mir wieder etwas Neues. Die vorzüglichsten schienen mir aus des Guido Reni Schule zu sein. Nun schickten aber die Schiffer und ließen mir sagen, ich möchte kommen, um wieder abzufahren. Als ich noch zögerte, um mehreres zu besehen, kam der Schiffer selbst und bat dringend, mich keinen Augenblick länger aufzuhalten, wenn ich heute noch nach Sesto wollte; es würde ein Sturm kommen, der uns nötigen könnte, hier auf der Insel zu bleiben. Ich ging hinaus in den Garten und fand das Wetter schön und den Himmel klar, aber die Schiffer versicherten, es wäre ein großes Unwetter im Anzuge: »Sehen Sie dort die hohen, spitzen Berge, dort der schwarze Fleck, das ist's, und in kurzer Zeit werden wir es haben; die Gefahr droht!« Ich glaubte, ihm folgen zu müssen, und stieg in das Schiff. Alle drei Schiffer sahen auch ernsthaft aus und faßten sorgsam die Gerätschaften an. Sie machten ein viel längeres Steuerruder als gewöhnlich, einen langen Baum hinter dem Schweife des Schiffes. Meine Augen waren fortwährend nach den höchsten Gipfeln der Berge gewandt, wo ich das dunkle Fleckchen, welches an dem Gipfel schwebte, immer größer werden sah, während wir an vielen Bergen vorübersegelten und bemerkten, daß die See unruhiger wurde und die Wellen höher gingen. Das Fleckchen wuchs endlich so an, daß eine Wolke daraus entstand, die den Berg einhüllte und in weniger Zeit die ganze Gegend. Abgerissene Wolken wurden nun wie Nebel dahingejagt; waren wir an einem Berge vorüber, so strich ein starker Wind zwischen[204] dem und dem andern heraus. Der Wind wurde nun gewaltiger und regte den See zu heftigen Wellen auf. Dann stürmte es im Wirbel gegeneinander, als würfe der Wind aus dem Schweizer Gebirge den, der aus dem Piemontesischen strömte, zurück und dieser wieder jenen. Ergrimmt ließen sie ihre Wut auf den See aus, kämpften miteinander, sich drehend, und wirbelten die gehobenen Wellen durcheinander, daß sie schäumend sich selbst zerschlugen. Nun ergriffen sie das Schiff, drehten es aus seinem Lauf, bald schwankte es hierhin, bald dorthin; das Segel flatterte, dann wurde es wieder gefüllt und auf die eine Seite gedrückt, dann wieder zu der anderen hinübergeworfen, daß der Bord dem Wasser gleich war. Das Gesprudel der Wellen flog mir ins Gesicht und über mich hin. Die Schiffer hingen sich an die Taue und zogen mit aller ihrer Kraft das Segel in die Richtung, aber es war stärker als sie. Geworfen, geschleudert wurden sie oft übereinander her. Hier sah ich, was die Frau vermochte ? die hatte mehr Stärke als die Männer. Ich wickelte mich aus dem nassen Mantel und faßte auch mit an. Ich schrie, man solle das Segel niederlassen, denn der Wind werde das Schiff umwerfen, aber die Schiffer schrien mir entgegen, das Segel müsse bleiben, sonst werde das Schiff umschlagen. Der Streit wurde heftiger; ich verlangte nun, das Segel nur etwas niedriger zu machen. Den Willen taten sie mir, aber das Schiff schwankte stärker, und sie zogen sogleich das Segel wieder in die Höhe als einziges Mittel, unser Leben zu retten. »Seien Sie ohne Sorgen«, sagten sie, »das Schlimmste ist schon vorüber, der Wirbelwind! Nun mag er wehen so stark er will; wir müssen das Segel ihm stramm aufsetzen, dann drückt er das Schiff gegen das Wasser, und es geht gut.« So geschah es auch. Der Wind lag stärker in dem Segel, und das Schiff schnitt durch die Wellen in schnellem, gleichförmigem Laufe. Wir suchten den nächsten Ort zu erreichen,[205] wo man landen konnte. Das Schiff flog, und wir kamen nach einiger Zeit an flaches Ufer, wo das Schiff auf den Strand lief. Wir stiegen nun aus und wollten warten, bis der Sturm vorüber wäre. Ich fand ein Wirtshaus, wo ich zu Mittag aß. Nach einiger Zeit hatte sich der heftige Sturm gelegt, der Himmel klärte sich auf, und wir fuhren wieder ab. Je weiter wir kamen, je weniger wurden der hohen Berge auf der italienischen Seite. Man sieht nur Hügel, mit Reben bepflanzt, während auf der anderen Seite die hohen Gebirge in die Ferne ragen und an ihrem Fuße sich artige Städte malerisch ausbreiten. Gegen Abend kam ich nach Sesto, wo ich über Nacht blieb, um den anderen Morgen nach Mailand zu fahren. 
 Rückkehr nach Deutschland  [376] Am 20. März 1799 reiste ich mit Heigelin und den beiden Hackerts von Neapel nach Livorno. Als ich meine homerischen Kupferplatten und die Platten zum etrurischen Vasenwerke an Bord des Schiffes bringen ließ, glaubten die Träger, es sei Geld in den Kisten, weil sie so schwer waren. Die Kiste, worin ich ein Originalbild von Raffael gepackt hatte, war mit einem doppelten Boden versehen, damit jeder Beschädigung möglichst vorgebeugt würde. Andere Bilder, so auch zwei von Guido Reni, hatte ich zu den Kupfertafeln gelegt. Das so glänzende Neapel erschien mir jetzt schwarz und traurig wie ein Grab. Sonst waren die Klöster auf den Bergen umher an den heiligen Festen mit tausend Lichtern erleuchtet, es würden Kanonen und Feuerwerke abgebrannt: Nun war alles dunkel und öde; die hohen Paläste standen finster und schweigend, kaum hier und dort blinkte ein einsames Licht. Mein Blut war in Gärung, meine Nerven waren in Erschütterung, und mein Herz war in Wehmut! Diese Stadt, wo ich so viel genoß, so viele Freude, so viele Freundschaft, so viele Ehre! ? Die Anker wurden gelichtet, die Segel aufgezogen und vom Winde gespannt. Das Schiff fing an zu gehen! Da kamen wir nun vorbei an dem Hause, in welchem ich so manches Jahr gewohnt hatte! Bei unserer Abfahrt ereignete sich noch ein sonderbarer Vorfall. Es war verraten, daß ein Silberarbeiter, der sich an Bord befand, zweitausend Scudi bei sich habe; dies war[377] der Erwerb seines Fleißes, und er dachte sich damit in Florenz einzurichten. Der Polizeibeamte befahl, daß alle Koffer aufgeschlossen werden sollten. Wir alle waren nicht wenig in Angst, daß man bei dieser Gelegenheit auch zum unsrigen Lust bekommen möchte; aber es wurde nichts genommen als jene Summe, welche die junge, schöne Frau des armen Silberarbeiters unter ihrem Kleide verborgen hatte. Vorzüglich betrübte es mich, als ich an dem Felsen vorbeifuhr, auf welchem Hamilton ein kleines Lustgärtchen hatte. Man konnte unter dem Felsen durchgehen. Mir fielen alle die frohen Stunden ein, welche ich hier verlebt hatte. Solange der Sommer dauerte, holte er mich jeden Mittag um zwei Uhr in Begleitung der Lady ab, und dann aß ich bei ihm. Seines angenehmen Erzählungstalentes habe ich schon erwähnt. Bei jenem Felsen kam mir eine seiner launigen Geschichten ins Gedächtnis, welche er mit ganz vorzüglicher Lebhaftigkeit und Anmut vortrug. In seiner Nachbarschaft unter einem anderen Felsen wohnte ein Ehepaar in einer kleinen Hütte. Nun geschieht es oft, daß bei anhaltend starkem Regen sich Stücke, die sehr überhangen, von den Felsen losreißen. So hatte einst die Hütte der beiden Eheleute das Schicksal, daß sie von Felsenstücken bedeckt und den Bewohnern der Ausgang versperrt wurde. Sie glaubten, daß ein Erdbeben sei und sie dabei unter die Erde versenkt worden wären, und bereiteten sich auf ihr nahes Ende vor. Nach katholischem Glauben aber kann keiner selig werden, der nicht einen Beichtvater oder, in Ermangelung dessen, sonst jemandem seine Sünden gebeichtet hat. Die beiden Eheleute beichteten also gegenseitig. Was sie einander vertrauten, läßt sich nicht gut schreiben, aber wohl erraten. Amazon.de Widgets Weiter fuhren wir am Posilippo vorbei, und als wir an die Stelle kamen, welche man die Schule Virgils nennt, erinnerte ich mich daran, daß ich oft des Sonntags bei großer[378] Hitze mit allen meinen Schülern hierhergegangen war. Man findet hier immer Seegras, das von den Wellen angetrieben wird. Davon nahm ich und legte mich darauf in eine Felsenspalte, wo immer ein Durchzug vom Winde war. In der Nähe ist eine Grotte, in der es spukt. Die Türken legten sich einmal mit ihren Schiffen hinein, um Neapel zu überfallen. Jetzt halten sich, so glaubt man, Zwergmännchen darin auf, die sich dem Vorübergehenden auf die Schultern setzen und ihn unausgesetzt ohrfeigen. Dann besuchte ich auch wohl einen Ort, ringsum mit einer einsamen Felsenbucht. Die Felsen stehen geradeauf gegen den Himmel. Hier haust die einsame Amsel. Wie lebhaft empfand ich hier jedesmal den wunderbaren Kontrast dieser wie aus der Welt verlorenen, in sich zurückgezogenen Stille mit dem rauschenden Gewühle der großen, prächtigen, bevölkerten Stadt ? und diese Kontraste so nahe beieinander! Das alles lag nun hinter mir, und die wehmütige Erinnerung an so manche heitere Stunden der Vergangenheit ließ mich die Pein der Gegenwart um so schmerzlicher empfinden. Dazu wurde ich seekrank, so daß alle an meinem Aufkommen zweifelten. Nur mit Mühe konnte ich eine halbe Tasse Tee genießen, indem ich sie hinunternippte. Auf der Höhe von Monte Christo, einer kleinen Insel zwischen Italien und Korsika, kam ein kleines, bewaffnetes Fahrzeug auf uns zu und befahl uns, beizulegen. Es war ein Kaper, und als wir die Turbans und türkischen Gewänder seiner Equipage erkannten, sank uns allen der Mut, und wir sahen uns schon als Galeerensklaven nach Algier oder Konstantinopel gebracht. Besonders mein Freund Heigelin war sehr bange. Der einzige von unserer Gesellschaft, welcher bei diesem Übergange mehr Freude als Traurigkeit zeigte, war ein Dattelhändler aus Tunis. Wie der seine vermeintlichen Landsleute sah, geriet er ganz außer sich und tanzte auf dem Verdeck herum. Als aber die Franzosen[379] ihre Verkleidung ablegten und zeigten, wer sie waren, da wurde unser Türke in eben dem Maße schwermütig, wie er vorhin froh gewesen war. Wir sollten nach Korsika, Bonapartes Vaterland, gebracht werden, wo man uns in ein Gefängnis geworfen, uns vielleicht verhungern lassen, ganz gewiß aber unserer Sachen beraubt hätte. Zum Glück waren unsere Reisegefährten, Heigelin und der Bankier Schwarz aus der Schweiz, reich genug, um die Korsaren mit Geld zu befriedigen und uns aus ihren Händen zu retten. Ich lag sehr krank darnieder. Das Steuerruder, welches sich an den Kielbalken scheuerte, brachte Töne hervor, die dem Angstrufe eines Sterbenden glichen, eine angenehme Musik für mich, der ich dem Tode sehr nahe zu sein glaubte! Dazu stieg am Horizonte ein schwarzes Gewitter auf, und die Nacht wurde stockfinster. Der Blitz schlug nach der Küche in einen eisernen Gropen, zum Glück aber zündete er nicht. Der Kapitän stand am Ruder, und der Steuermann war im Vorderteile des Schiffes. Plötzlich rief der Kapitän: »Haltet Wasser! Ich höre die Wellen an die Felsen schlagen!« Es war eine schreckliche Nacht! Der Wind blies mit solcher Gewalt, daß wir jeden Augenblick den Untergang fürchteten. Man glaubte gegen Sardinien hingetrieben zu sein. Bei Tagesanbruch aber entdeckten wir die Insel Elba und die Felsen von Piombino, welche nur sehr wenig aus dem Wasser herausstehen. Später wurden wir auch die Insel Gorgona gewahr; wir kamen ihr so nahe, daß wir sie mit bloßen Augen sehen konnten. Bei dem gewaltigen Sturme hatten wir gewiß hundert Meilen gemacht, und als es Tag wurde, sahen wir uns doch auf derselben Stelle, wo wir den Abend vorher gewesen waren. Unser Kapitän verstand wenig von seinem Fache und der Lotse noch weniger. Auch sahen wir die Formiculi, eine Menge kleiner Felsen. Michelangelo verlor hier alle Zeichnungen, die er nach Dantes Hölle gemacht hatte. Ich flehte[380] Gott an, daß er mir nur meine homerischen Kupfertafeln nicht möge untergehen und mich glücklich nach Göttingen möge gelangen lassen, damit der Heyne den Text dazu schreiben könnte! Endlich lavierten wir in den Hafen von Livorno hinein, nachdem wir zwölf Tage unterwegs gewesen waren. Hier lag eine dänische Fregatte, welche ebenfalls wie unser Schiff vom Blitz getroffen war, der nicht gezündet, sondern rund um das Schiff alle Kanonen berührt hatte. Die Sanitätsbeamten kamen uns entgegen und taten viele Fragen an uns, was mich sehr langweilte. Dann wurden wir alle, um Quarantäne zu halten, nach dem von der Familie Medici erbauten Lazarett gebracht. Hier sah ich auch die zwei großen, länglichen Granitbecken, welche sonst auf der Villa Medici in Rom standen. Heigelin war dänischer Konsul und erhielt daher oft Besuche von Dänen, welche sich hier in Livorno befanden. In dem sogenannten Lazarett belustigte uns unser Türke mit allerlei Kunststücken und Späßen. Er legte z.B. auf einen umgestülpten Topf ein kleines Stück Geld, welches der haben sollte, der es bei verbundenen Augen mit dem Munde aufheben könnte; nun schob er aber eine brennende Kohle unter und so fort. Im Lazarett mußte ich mich an den Unterfeldscherer halten, der mich in Neapel gekannt hatte. Der Oberregimentsfeldscherer befahl nämlich, der einen Reihe, in welcher ich lag, die Beine bis an die Gelenke abzusägen und die ganze Reihe zu begraben, der anderen Reihe, welche an der Ruhr litt und in welcher mein Freund lag, trocken Brot zu geben. Bei diesem Manne ging es ins Große, und mit einem Blick von Übersicht blieb er an der Tür stehen und kommandierte: »Reihe vor Reihe!« Hier in Livorno sah ich auch in einer Trödelbude ein lebensgroßes Bild in Ölfarbe, das nach der Marmorstatue des stehenden Christus mit dem Kreuze gemacht war. Diese Statue, deren Fuß schon abgeküßt und mit einem vergoldeten[381] Bronzeschuh überzogen war, befand sich in der Kirche alla Pace. Die Figur des Bildes war in der nämlichen Größe wie die Statue selbst. Die Kontur war mit der größten Richtigkeit gezeichnet und verriet, unter der Aufsicht des Michelangelo gemacht zu sein. Es war mehr Zeichnung als Gemälde, denn aller Fleiß war auf die Linie verwandt, welche den Körper umschreibt und die einzelnen Muskeln. Die Behandlung hatte viel Ähnliches mit der des Sebastiano del Piombo. Es wäre für eine Akademie ein nützliches Vorbild für die studierende Jugend gewesen, um danach zu zeichnen. In Frankfurt logierten wir bei meinem jüngsten Bruder Jakob. Der war gut Freund mit einem Doktor namens Herrmann aus Straßburg, welcher uns bei den Gebrüdern Bethmann einführte. Hier wurde man fürstlich bewirtet. Vor dem Hause stand das Monument, welches der Landgraf Wilhelm den gefallenen hessischen Offizieren hatte setzen lassen. Hier lernte ich auch den Herrn Sömmering kennen, der eine wunderschöne Frau hatte, die aber leider früh starb. Die Stadt Frankfurt hat drei gefühlvolle Menschen hervorgebracht, deren Gemüt sehr empfänglich für das einfache Ergötzliche der Natur war: den Goethe, den Elsheimer und Heinrich Roos. Hätten wir auch nichts von Adam Elsheimer als seine stillen wolkenlosen Morgen und seine klaren Nächte mit einem Feuer, um welches Hirten sitzen, die ihr Vieh in der Nähe weiden, so würde schon dies allein sein Andenken ewig erhalten. Jeder Mensch von Gefühl, der diese Bilder sieht, wird sich der Empfindungen erinnern, die er beim Anschauen eines schönen Morgens und einer klaren Nacht genoß. Heinrich Roos hat Hirtenszenen gemalt, die so einfach und zart sind, daß sie den besten Idyllendichtungen zur Seite gesetzt werden können. Sie sind so kindlich, daß man an der Wiege mit ihrer Erzählung[382] ein Kind in sanften Schlaf bringen könnte. Ich denke mir den Heinrich Roos, der zu seinen Beobachtungen und Beschäftigungen die genügsamen, geduldigen Schafe nahm, als einen sehr glücklichen Menschen, wenn ich mir als Gegensatz einen anderen vorstelle, der zeitlebens an der Geschichte eines Cato von Utica schreibt. Mein Onkel in Hamburg sagte oft, wenn er kein Maler wäre, so möchte er Schäfer sein; er ginge alsdann mit friedsamen Geschöpfen um, suchte die schönsten Stellen der Landschaft aus und freute sich über die wechselnden Tageszeiten, sähe die Sonne kommen und untergehen, stände ruhig am Hügel, auf seinen Stab gelehnt, und sähe die Schatten der Wolken über die Felder und Wälder hinfliegen. Amazon.de Widgets Lavater pflegte zu sagen, er lerne einen Menschen besser kennen, wenn er auch ein Porträt von ihm sähe. Die Kopie lehre im Original Sachen entdecken, welche er vorher nicht gekannt habe. So verdanke auch ich den natürlich gezeichneten Schafen des Heinrich Roos, daß ich die schuldlosen, friedsamen Schafe besser kennenlernte. Im Hause meiner Schwester Pforr fand ich viele Handzeichnungen von Roos, auf denen Schafe in allen möglichen Stellungen vorkamen. Dann fuhren wir nach Hanau zu meinem Onkel Wilhelm, der mich einst über die Taufe hielt. Er war der einzige meiner Onkel, den ich noch am Leben fand, die anderen waren schon längst im Grabe. Bei ihm sah es gar nicht aus wie bei einem Maler. Jeden Abend ließ er Bild und Staffelei aus der Tür setzen. Er hatte ein Blumenbrett vor dem Fenster, unter welchem die Schwalben ihr Nest bauten. Wenn die Schwalben im Herbst nach wärmeren Ländern zogen, legte er einen Deckel über das Nest. Im Frühjahr kamen sie dann wieder und brüteten ihre Eier aus. Oft ging er hin, nahm den Deckel ab und betrachtete sie. Sie blieben ruhig sitzen, und er freute sich über das schöne Auge, womit sie ihn ansahen.[383] In Gießen besuchte ich meine jüngste Schwester, die den geschickten Pferdemaler Pforr geheiratet hatte. Die Frankfurter schätzen den Pforr so sehr, daß sie für seine Witwe zusammenschossen und seine beiden Söhne studieren ließen. Diese hatten viel Talent. Ich blieb einige Tage in Gießen. Dann wurde ich von drei Damen aus Frankfurt abgeholt, und wir fuhren nach Marburg, wo uns Herr von Wildungen besuchte, der den bekannten Jagdkalender geschrieben hat. Er speiste bei uns, und wir brachten einen vergnügten Abend mit ihm zu. Von Marburg aus hätte ich gern meinen Geburtsort Haina besucht, der nur einige Stunden davon entfernt liegt, aber unser Weg führte uns nicht dahin. Am 20. Juli 1799 kam ich bei meinem Bruder und meiner Schwester in Kassel an. Ich hätte sie kaum wiedererkannt, so sehr hatten sie sich verändert. Verändert fand ich alles. Mein Onkel war gestorben und auch viele meiner Freunde, bei denen ich viel Liebes erhalten hatte, lagen in den Gräbern, über welchen schon seit Jahren Moos gewachsen war. Das konnte wohl nicht anders sein, da ich an zwanzig Jahre in Italien zugebracht hatte. Es machte mir viel Vergnügen, nachdem ich das schöne Land selbst verlassen hatte, hier in Bildern das wiederzufinden, wodurch ich auf meiner ersten Reise nach Italien so sehr ergötzt wurde, und was mir in Rom und die ganze Zeit nachher immer im Sinne lag. So hing das Grottengebirge bei Aquapendente von Both in meiner Stube. Wenn die Morgensonne auf das Bild fiel, sah ich die Felsen in demselben Lichte, in welchem ich sie in der Morgenstunde erblickte, als ich vor ihnen vorbeifuhr. Auch von Pieter de Laar, Berghem, Dujardin u.a. hatte ich hier manches. Das erhielt mich in der Gegenwart und in derselben Empfindung, die ich hatte, ehe ich und als ich nach Italien kam und fand, daß vor zweihundert Jahren andere es ebenso gesehen hatten wie ich.[384] 
 Mailand  [206] Als ich in Mailand ankam, war mein erstes, daß ich nach dem Dome ging. Das ist ein heiliger Wald, von der Kunst aufgestellt, von Gottes Geist bewohnt, mit Bäumen besetzt, aus deren Wurzeln schon die Äste an dem Stamme hinauflaufen, oben sich einander die Zweige reichen und als festes Gewölbe vor Sonne und Regen das Innere decken. Es wurde eben das Fest des Carlo Borromeo gefeiert, und an den Wänden zu beiden Seiten des Domes entlang waren Bilder aufgehängt, welche die Wunder dieses Heiligen darstellten. In einer kostbar ausgezierten unterirdischen Kapelle sah ich den vor mehreren Hundert Jahren Verstorbenen liegen, sein Gesicht noch ziemlich unverstellt und ähnlich allen den Porträts, die während seines Lebens nach ihm gemalt sind. Aber sein Geist lebt noch jetzt; überall findet man die Spuren und Wirkungen vieler trefflicher Anstalten, die er gestiftet hat. Große Züge dankbarer Schüler aus den von ihm errichteten Lehrinstituten wallfahrten in ihren mannigfaltigen, vielfarbigen Kleidungen zu seinem Grabe. Seine den Mailändern so reichlich erwiesenen Wohltaten sind zu bekannt, als daß ich sie noch einzeln aufzuzählen brauchte. Von magischer Wirkung in dieser großen Kirche ist die Dämmerung, welche durch die hohen, gemalten Fenster auf die Bildhauereien fällt. Sie haben kein reines Licht und keinen dunklen Schatten, und doch erscheint alles rund und wie in einem Zauberlichte. Es gibt den Gestalten, und vorzüglich den Köpfen, etwas so Gefälliges, daß ich[207] nie vor dem Dome vorbeiging, ohne einzukehren, um mich an ihnen zu erfreuen. Mein zweiter Weg war nach der Ambrosianischen Bibliothek, um die Bilder von Johann Bruegel zu bewundern: »Die vier Elemente.« Auf dem Bilde der Luft sieht man allerlei Arten von Vögeln. Mit höchster Treue ist jedes Vogels Charakter gezeichnet, besonders richtig ist der Kopf und der Schnabel. Man muß erstaunen, wie Bruegel mit dem weichen Pinsel das Eigentümliche des Schnabels hat wiedergeben können; es ist so bestimmt, als wäre es mit der Feder geschrieben. Auf dem Bilde des Wassers hat er mannigfaltige Fische und Wasservögel angebracht, das der Erde zeigt vielerlei Tiere, die darauf leben. Um den Fleiß und die Schönheit recht zu betrachten, braucht man ein Vergrößerungsglas, denn alles ist klein wie Miniatur; aber durch das Glas glaubt man ein Gemälde von Snyders zu sehen, mit den markigen Charakterzügen. Um das Feuer vorzustellen, hat er eine weitläufige Schmiedegrotte gewählt, wo künstliche Arbeiten von Eisen und Metall verfertigt werden, Rüstungen und Waffen aller Art. In diesem Bilde erkennt man den Bruegel, der mit Liebe ins Kleine alles nachzubilden suchte, was ein anderer kaum ins Große kann. Die mit Gold ziselierten Harnische, Helme und Schilde sind von außerordentlicher Genauigkeit. Wenn er die Belohnung für diese unsägliche Mühe nicht in sich selber fand, so wird er sie schwerlich und nur von wenigen erhalten haben, denn es erfordert schon Anstrengung, diese Bilder nur zu betrachten. Warum mochte der treffliche Maler seine Kräfte nicht auf dankbarere Gegenstände verwenden? Nicht weniger Bewunderung erregt ein Blumenstück, wo er die Form jeder Blume und die Pracht der Farben auf das treueste nachgeahmt hat. Über der künstlich gezeichneten Vase, worin diese Blumen stehen, liegt ein Schmuck von Juwelen aller Art, Diamanten, Rubine, Smaragde, Saphire und anderes. In diesen Edelsteinen hat er[208] die Farbenpracht und den Glanz der Sonne nachgeahmt, das Blitzen und die Härte des Diamants als Gegensatz der sanften weichen Blumen. Während des Besehens erzählte man mir: Als Bruegel dem Kardinal Friedrich Borromeo dieses Bild geschickt, habe dieser eine große Freude gehabt und einen Juwelier befragt, was dieser Schmuck von wirklichen Edelsteinen wohl wert sein möchte. Der Juwelier habe nun ihren Wert nach der Größe geschätzt und der Kardinal, dieser edle Kunstbeschützer, darauf an Bruegel geschrieben: »Den Blumenstrauß, welchen Du mir geschickt, nehme ich als ein Freundschaftsgeschenk an; aber Juwelen haben immer ihren Preis, und hier schicke ich Dir den Wert dafür.« Die Bezahlung für das Bild war so hoch, wie der Juwelier den Schmuck geschätzt hatte. Man sagte mir auch, daß für die Bilder der vier Elemente einst eine große Summe geboten sei, aber man habe sie nicht verkaufen wollen. Sie gehören auch unter die Kunstsachen, deren Wert nicht mit Gold bezahlt werden kann, und sind in ihrer Art das Vollkommenste. Das wußten auch die Franzosen, die sie wegnahmen, ohne sie zu bezahlen, und sie nach Paris brachten. Auch erzählt man: Als Bruegel, der mit dem Borromeo genaue Freundschaft hatte, sich von ihm nicht wollte bewegen lassen, in Italien zu bleiben, habe dieser mit ihm den Vertrag geschlossen, jedes wohlgelungene Bild, welches er in seinem Vaterlande fertigen würde, ihm zuzuschicken, und zwar für jeden Preis, den ihm ein Liebhaber bieten möchte. Den großen »Jahrmarkt« von Bruegel besaß Herr Schmidt in Kiel. Ein anderer Bruegel, Bruder oder Verwandter, war in Neapel; auch gab es einen Bauernbruegel und einen Höllenbruegel; denn es waren ihrer gar viele, und jeder malte auf eine andere Art, doch immer in das Kleine, und ihre Arbeiten sind voll von Details. Ihr aufmerksamer Geist drang bis zu dem Geringsten, so daß sie alles, was sie in der Natur fanden, auch in ihren Arbeiten anbringen wollten. Ich sah hier von ihm[209] einige kleine auf Kupfer gemalte Landschaften, die mehrenteils gebirgige Wildnisse vorstellen, wo man von der Höhe auf niedere weite Täler, Seen und Flüsse in die Ferne hinabblickt. In diesen wüsten Einöden haben sich Einsiedler niedergelassen. So wie des Künstlers sinnreicher Geist mühsame Arbeiten sich aufgab, so hat der Einsiedler in dieser unzugänglichen, schroffen Felsenwüstenei sich durch Stufen, Treppen und Leitern von Abhang zu Abhang einen Zugang gemacht; bald geht er von oben nieder durch eine Höhle in den Berg hinein, bald vermittels der Stricke von außen an der Felsenwand frei in der Luft schwebend, über fürchterliche Abgründe und Schlünde hernieder, dann kommt er wieder zu einem Plan und einer stillen Grotte. Hier hat er seine geringen Bedürfnisse nahe bei sich, ein wenig Moos zum Lager, einen Stein zum Kopfkissen, einen Korb, worin er sich Speise hergetragen, und eine kleine Quelle, die oben aus dem Felsen träufelt, hat er durch Röhren zu seinem Sitze geleitet, die gießt ihm Trank in sein Brünnlein, das in Stein ausgehöhlt ist. Er sitzt nun hier in ungestörter Ruhe, denn der Weg zu ihm ist von unten unmöglich, von oben beschwerlich, und er kann ungehindert denken und nachsinnen. In seiner Felsenhöhle schaut er durch eine Öffnung frei heraus auf die große Welt, die niedrig vor ihm liegt mit den Dörfern und Städten der vielfache Gewerbe treibenden Menschen. ? Es waren viele solcher Landschaften da, jede verschieden, aber angefüllt mit sinnreichen Erfindungen, welche die Einbildung beschäftigen und Stoff geben, auch über mehreres nachzudenken, was nicht auf dem Bilde ist. So mühsam herbeigesucht die Idee von so mancherlei Gegenständen war, so mühsam war auch die Ausführung. Fast jedes Blatt am Baume war einzeln gemalt und umschrieben, man sah es flach oder verkürzt, von oben oder von unten. Jeder Ast, jeder Zweig war richtig gezeichnet, der Baumstamm mit seiner Borke, das Gras und Moos, jeder Vogel in dem[210] Baume; jedes Tierchen, das in dem Grase lief, war zu erkennen ? und doch war alles eins und das Ganze in Harmonie. Mir machten diese Landschaften viel Freude, und noch schweben sie mir als inhaltsreiche Gedichte von Wüsteneien vor, wo des Menschen irregetriebener Geist außerhalb des Gewühls volkreicher Städte wieder seine Ruhe findet. Unter den zahlreichen hier sonst noch vorhandenen Bildern nenne ich nur diejenigen, welche sich durch ihre Eigentümlichkeit vorzüglich auszeichnen und ein Verdienst haben, das man in anderer Meister Werken nicht in einem so hohem Grade findet als zum Beispiel im Bild »Die Geburt Christi« von Rottenhammer. Mädchen und Kinder stehen umher und schauen das neugeborene Kindlein an. Die Freude erhöht die bräunliche, glühende Farbe, welche den Brünetten einen so zauberischen Reiz gibt, und dies hat Rottenhammer so vollkommen erreicht, wie ich dergleichen an keinem anderen Bilde gesehen habe. Hierzu hatten ihm wohl Tintorettos Werke den Weg gezeigt, von dem man sagt, er habe seinen Pinsel in Blut getaucht. In diesem Bilde Rottenhammers sieht man das warme Blut, wenn es einem schönen italienischen braunen Mädchen die Freude bis zur äußersten Haut durchglühen läßt. Tintoretto sah es in der Natur und ahmte es nach, Rottenhammer nahm es von beiden. Besonders ist im Schatten die durchsichtige klare Fleischfarbe meisterhaft, mit allem Zauber, welchen die Farbe eines schönen beschatteten Frauenhalses gibt. Möchte ihn nicht eine ungeschickte Hand verwischen! Man erstaunt über die Kunst, mit der er die Farben behandelte und sauber auftrug. Engel umschweben die Krippe; sie sind leicht und zierlich gestaltet und ihre Wendungen äußerst graziös. Auch hier denkt man an Tintorettos fliegende Figuren. Das Ganze ist eine Liebesglut! Unter die vorzüglichsten Schüler des Leonardo da Vinci gehören die Gebrüder Luini. Ich sah von jedem einige Arbeiten und lernte sie voneinander unterscheiden, indem ihre[211] Werke wie auch mehrere ihres Meisters hier beisammen waren. Ihr Kolorit ist warm und die Fleischfarbe natürlich, sie hat vielfarbige Tinten und ist sanft und mollig, mehr als in Leonardos Werken, wo sie bei allzu strenger Genauigkeit, die Form zu bestimmen, verlorengegangen ist. Hiermit ist nicht gesagt, daß durch die Bestimmtheit der Formen das Kolorit leide. Bei Holbein findet sich auch neben der äußersten Ausführung und strengsten Genauigkeit jeder Kontur der Flächen und Erhöhungen das schöne Kolorit. Sein kleines Bildchen, unter dem Namen »Der schönen Phryne in Athen«, kann als Muster hierin aufgestellt werden. Auch ein weiblicher Kopf von Luini erregte meine vollste Bewunderung. Mit der saubersten Reinheit hat er die Farbe, als wäre sie Wasser ohne Fett, hingesetzt und sie so behandelt, daß die Kontur so scharf zu sehen ist, als ob sie mit der feinsten chinesischen Tusche gezogen wäre. Diese Geschicklichkeit muß man von Leonardo da Vinci gelernt haben. Er mischte seine Töne auf der Palette und dann setzte er sie auf die Tafel, ohne sie gleich mit anderen zu vermischen. So sitzt Ton neben Ton, Tinte neben Tinte. Erst nachher schmolz er sie behutsam zusammen, damit sie hell und rein blieben. Auch Parmeggianino hat Köpfe in dieser Art gemalt. Was mir am meisten an diesem Kopfe von Luini auffiel, war das Auge. Ich erstaunte, daß man die Natur so vollkommen erreichen kann! Ein wässeriger Spiegel, der so schwer mit Farben nachzuahmen ist! Es war von der schönsten Form, die man sehen kann, rein gezeichnet, daß es dazustehen schien; das Licht, welches durch den Augapfel fällt, war durchsichtig wie ein Glas von der bläulichen Schönheit des schillernden Perlmutters, und auf dem schwarzen Augapfel spiegelte sich das Fenster. Mit nämlicher Volkommenheit waren auch die anderen Teile des Gesichtes gemalt, und zusammen machte es ein Ganzes. Doch hatte der Kopf wenig Idealisches; es war ein schönes Gesicht, aus der Natur genommen, wie man es wohl im[212] gewöhnlichen Leben findet, aber selten von so reiner Schönheit. Es gehört dieses Gemälde unter die schönsten Köpfe, die ich in der Malerei gesehen habe. Ein anderes schönes Auge sah ich in dem Bogenschnitzer von Correggio. Amazon.de Widgets Mein dritter Gang war zu dem berühmten »Abendmahl« des Leonardo da Vinci in dem Speisesaale des Klosters St. Maria delle Grazie. Es würde mein erster Gang gewesen sein, wenn ich mir nicht vorgenommen gehabt hätte, einige Studien nach den Köpfen dieses herrlichen Bildes zu machen. Die Geistlichen erlaubten es mir sogleich, und so ging ich alle Morgen hin. Ich hatte auch meinem Freunde Lavater versprochen, ihm eine Zeichnung von dem Christuskopfe zu schicken, der für den besten Christuskopf gehalten wird, welchen man in der Malerei hat. Da Vinci hat hier den Christus vorgestellt wie einen natürlichen, aber erhabenen Menschen, dessen großer, reiner Geist eine universelle Einsicht hat und der die Menschen als Meister wie seine Schüler unterrichtet. Mit ruhiger Hoheit sitzt er unter seinen Freunden, die ihm sagen: »Meister, wir werden dich bald nicht mehr sehen, aber wir lieben dich!« Darauf spricht er: »Und doch ist einer unter euch, der mich verraten hat!« Darauf gibt es eine allgemeine Bestürzung und Bewegung unter ihnen am Tische. Die nächsten springen auf und bezeugen ihre Unschuld; der eine reißt sein Kleid auf und zeigt seine reine Brust, der spreizt die Arme aus vor Verwunderung, ein anderer streckt die Finger in die Höhe und schwört, daß er es nicht gewesen. Johannes, von zartem, weichem Gemüte, ihm zunächst sitzend, lehnt sich an ihn, schlägt die Augen nieder und faltet die Hände zusammen als sagte er: Wie ist es möglich, einen solchen zu verraten! Man erkennt den Busenfreund an der Teilnahme, sein Ich ward getroffen. Petrus im Auffahren ergreift das Messer, augenblicklich den Verräter zu bestrafen; er rückt von seinem Sitze hinter dem anderen weg und rührt mit dem Finger den Johannes an, fragend, wer es sei? Denn ihm, Jesu Lieblinge,[213] denkt er, müsse es wohl vertraut sein! Judas zieht den Rücken ein und lehnt sich mit dem Geldbeutel auf den Tisch, voller Furcht vor dem Messer des heftigen Petrus, den er hinter sich fühlt. Weiter hinunter an dem Ende des Tisches ist die Bewegung ruhiger, als wäre die Stimme von der Mitte aus noch nicht deutlich zu ihnen gekommen, denn der Hohe, Edle hat es leise gesprochen. Man fragt, man sagt's einander, daß ihr Meister verraten sei und das von einem unter ihnen! Der Aufstand ist allgemein, doch mit abgestufter Bewegung, je nachdem der Charakter heftig oder ruhig ist. Nahe um Christus ist es am lebhaftesten. ? Ein Meisterstück von Komposition! Hier erkennt man den großen Leonardo, den vernünftigen Mann, den richtigen Denker. Es geht alles so natürlich zu, daß, wer zufällig in eine Tischgesellschaft träte, wo dergleichen gesprochen wäre, als Christus hier sagt, eben das sehen würde, was in diesem Bilde geschieht! Hier ist nicht auf malerische Gruppierung gedacht oder sonstige künstliche Stellungen. Wem auch die Geschichte nicht bekannt wäre, der müßte sie erraten. Er sieht's, die ganze Tischgesellschaft wird von einer unvermuteten Bestürzung ergriffen und aufgeregt. Wenn man so halbe Tage vor dem Bilde sitzt und zeichnet, dann sieht man erst das Einzelne und wie es zum Ganzen geordnet ein vollkommenes Eins ausmacht. Um mein Verlangen zu befriedigen, die Zeichnung von dem Bilde zu sehen, von der man sagt, sie sei von Leonardos Hand, eilte ich nach dem Hause des Besitzers derselben, des Herrn Casanova, Rè degli armi. Ich glaubte, da noch schärfere Meisterzüge in den Köpfen zu finden, denn die ersten Gedanken, die ersten Federstriche, die, dem Künstler aus der Seele geflossen, mit ungeteilterem Gefühl in dem ersten Feuer der Begeisterung hingeschrieben sind, die werden oft beim Malen geschwächt, weil der Künstler mit der Behandlung der Farben, mit dem Stoff zu sehr beschäftigt ist und dies mehr Aufmerksamkeit erfordert als die Feder und die[214] Tinte, die leichter und williger fließt. Als ich in das Haus kam und um die Erlaubnis bat, die Zeichnung zu sehen, führte mich ein Bedienter in das Zimmer, wo dieselbe aufgehängt war. Da er die Tür öffnete und ich hineintreten wollte, sah ich eine Dame mit zwei Dienerinnen am Nähtische sitzen. Sie standen auf, ich entschuldigte mich und trat zurück; sie aber nötigten mich freundlich herein, nahmen ihre Arbeitssachen zusammen und winkten noch einem Bedienten, einen Tisch und einen Schemel zu bringen, damit ich die Zeichnung bequem und solange ich nur wünschte an der Wand sehen könnte. Alle meine wiederholten Entschuldigungen waren umsonst, und die Damen gingen in ein anderes Zimmer, welches, wie sie sagten, ihr gewöhnliches Arbeitszimmer war; auch befahlen sie dem Bedienten, mir alles zu leisten, was ich nötig hätte, die Zeichnung recht zu sehen. Ich stieg nun auf den Tisch und betrachtete die Zeichnung Kopf für Kopf. Die Köpfe waren alle sehr meisterhaft gezeichnet und der Charakter von jedem wie im Bilde ohne Veränderung. Sie schienen mir daher auch nicht die Skizze zu dem Bilde zu sein, sondern nach dem Bilde gezeichnet, denn die Konturen waren zu rein und dem Bilde zu ähnlich, was gewiß nicht sein würde, wenn es ein Entwurf gewesen wäre. Wie unschätzbar würde es sein, wenn man die Studien hätte, die Leonardo zu diesem Bilde gemacht hat! Als ich die Zeichnung lange besehen hatte und eben weggehen wollte, kam die Dame wieder mit einer anderen und sagte mir, diese sei ihre Schwester und die Frau vom Hause. Auch diese war sehr freundlich und bat mich, jeden Tag wiederzukommen und nach Gefallen zu bleiben, solange ich wolle; sie bedaure nur, daß ihr Mann nicht zu Hause sei, der gern meine Bekanntschaft gemacht haben würde. Ich dankte für die Erlaubnis und für den Genuß, den mir die vortreffliche und seltene Zeichnung gewährt hätte, und als ich mich schon empfohlen hatte, kam Herr Casanova nach Hause, und ich mußte auf der Treppe[215] mit ihm umkehren. Er war äußerst freundlich, überhäufte mich mit Höflichkeiten, sagte, daß er die Deutschen sehr liebe, und lud mich für heute und für alle Tage, solange ich in Mailand bliebe, zum Mittagessen ein; er habe täglich einige Freunde bei sich, Männer von Verdienst und muntere Köpfe, deren Unterhaltung mir vielleicht Vergnügen machen könnte. Ich nahm für morgen die Einladung an. Am folgenden Tage lud mich der Bediente nochmals ein und sagte dabei, ein Herr von der Gesellschaft würde mich abholen. Dies geschah, und ich fand eine zahlreiche Versammlung von sehr interessanten Männern, mit denen ich zum Teil nähere Bekanntschaft machte, besonders mit einem Liebhaber von Originalzeichnungen, deren er eine große Sammlung hatte. Er war ein Spanier von Geburt und bekleidete eine Stelle in der Regierung. Während der Tafel war es sehr lustig; die witzigen Köpfe scherzten wechselweise mit munteren und launigen Gesprächen. Es war einer darunter, der auch mit zu einer solchen Gesellschaft gehört und so nötig ist wie ein Buffone. Er erzählte alle Neuigkeiten des Tages, und weil es angenehm und bequem war, durch seinen Mund zu vernehmen, was sich seit gestern, seit der letzten Nacht und heute morgen zugetragen, so nannte man ihn, wie man mir ins Ohr raunte: »La trombetta di Milano.« Besondere Aufmerksamkeit erregte auch der Sohn des Herrn Casanova, ein Knabe, der die schönsten Brindisis ausbrachte und trefflich improvisierte. Alle, die da waren, setzte er in Verwunderung, sie lobten die Gedanken, die vielfachen blumigen Wendungen und den Reichtum seiner Ideen. Wie ein Quell, der unabgesetzt fließt, so reich strömten die Gedanken. Jedem der Reihe nach, die da am Tische waren, brachte er ein Brindisi. Einige der Gäste griffen sie auf, wiederholten sie und schätzten ihn dem besten Improvisator gleich. Ebenso tüchtig war er auch in der Musik, er sang Arien mit Beifall der Kenner. Sonderbar, daß in diesen[216] Künsten Kinder oft soviel vermögen, aber im Zeichnen können sie selten etwas Erträgliches hervorbringen! Und doch kritzeln sie schon, sobald sie nur etwas in die Hände bekommen, womit sie einen Strich oder Riß zu machen imstande sind. Gewiß liegt die bildende Kunst ebenso in dem Menschen und ist ihm ebenso angeboren wie Musik und Poesie, aber es scheint, als wenn zu jener eine männlichere Kraft gehöre und das Praktische zu lernen Zeit erfordere bis zu den gesetzteren Jahren. Es haben Jahrhunderte hindurch Männer die Malerei geübt, und sie blieb doch in der Kindheit und konnte sich nicht erheben, obgleich das Praktische schon erworben war. Der malerische Geist lag gefangen und konnte nicht aufstreben, bis der große kräftige, lichtvolle Leonardo die Hülle brach ? und es ward Licht! Überall erschienen jetzt freie Werke der Malerei. In der Sixtinischen Kapelle schuf Michelangelo aus sich selbst jenen Gott-Vater im purpurnen Gewande, der den mächtigen Arm ausstreckt und wo er nur hindeutet, einen Menschen werden sieht. Michelangelo malte mit dem Verstande. Er wußte, woraus die Sache bestand, und so machte er sie. Tizian arbeitete mit höchster Phantasie; wenn Leben und Bewegung ein Vorzug in einem Bilde ist, so muß er der größte Maler genannt werden. Er wußte das Momentane zu ergreifen, die Bewegung und das Gefühl, wie es sich im Munde und Auge zeigt. In dieser Weise sah ich ein Bild von ihm, worin ein Kind mit inniger Liebe nach der Mutter blickt; so ist auch das Gesicht der Danae. Endlich stand der Heliodor von Raffael da, groß, mit ungebundenem Geiste, und in Parma schwebten die Götter und Engel im offenen Himmel durch die Kuppel in die Kirche hernieder! So löste Correggio vom Grunde die Figur, und man sah sie sich drehen und wenden. Da kamen die Carracci, deren Schule noch bis jetzt fortgeht, Guido, der das Kleine als unnötig verschmähte u.a. Ich will hiermit nicht sagen, daß vor Leonardo nichts Gutes gemalt sei. Nein, es wurde viel[217] mehr hervorgebracht, als seither geschehen, denn jener Zeit verdanken wir das Bild der Jungfrau Maria, der Mutter Gottes, die der Welt den Vermittler gebar, die reine Unschuld, weibliche Sittigkeit und Würde, das Schätzbarste, was für den Menschen auf der Welt ist. Sie wurde wohl von Griechenland durch die Maler mitgebracht, aber in Italien ist sie erst völlig ausgeführt. Die Innigkeit ist nachher freilich durch das Malerische verlorengegangen, aber im ganzen war die Malerei jener früheren Zeit noch ohne freien Geist. Die Künstler malten wie nach ausgeschnittenen Mustern, die sie nur auflegten, umschrieben und ausfüllten, oder als wäre es nach Schatten an der Wand gezeichnet und dann koloriert, so flach sind die Figuren auf der Tafel. Das Innere, was sie mit freier Hand ausführen mußten, ist auch schwächer als die äußere Kontur. Doch findet man sehr scharf gezeichnete, schöne Marienköpfe und Engel aus jener Zeit. Selbst einige Mosaiken sind ihrer Einfachheit und Größe sowie ihrer Kontur wegen achtungswert, obwohl trocken und armselig. Es war auch nicht auf einmal, daß Leonardo da Vinci erschien; er war es auch nicht allein, mehrere kamen ihm in der Kunst nahe. Sie waren allmählich gereift, und alle gehörten sie der Zeit an. Einer muß als Glied des anderen betrachtet werden, denn einer bildete den anderen und bildete sich durch den anderen. Die Medici beseelten den Kunstgeist in Italien, und überall wachte er auf. Die Zeit war da, daß sich die Blüten zeigten, und sie verbreiteten sich wie ein Frühling, dessen Hauch die Blumen weckt. Bei dem Spanier, welcher mich eingeladen hatte, seine Sammlung von Originalzeichnungen zu sehen, fand ich nach meinem Wunsche viele von Leonardo da Vinci, und es freute mich zu sehen, wie diesem Meister darum zu tun war, die Kontur recht rein und genau zu haben. Gewöhnliches Papier genügte ihm nicht, das war ihm zu grob und höckerig, deshalb hatte er es mit Kreidegrund überzogen[218] und dann mit einem Silberstift darauf gezeichnet. Auf diese Weise konnte er die Grenzen der Form mit allen, auch den geringsten Ein- und Ausbiegungen, nach seinem Willen bestimmen, denn sein scharfes Auge sah, was anderen unentdeckt blieb. So machte er's ebenfalls mit den Schatten; auch diese waren bis auf die geringsten Nuancen der Flächen, Höhen und Tiefen ausgeführt. Einige nackte Figuren nach der Natur, nicht viel größer als ein Finger, waren zum Erstaunen ausgeführt, besonders ein Hieronymus, vermutlich, um ein Bild danach zu malen. Zu seinen schönen Frauen scheint er ein gewisses Lieblingsgesicht aus der Natur genommen zu haben, auch sieht man in den Werken seiner Schüler oft das nämliche. Ich gab mir viele Mühe, womöglich alles von Leonardo und seinen Schülern in den Kirchen und Galerien von Mailand aufzufinden, fand auch verschiedenes von ihm und vieles von seinen Nachahmern. Unter anderen sah ich einige Bilder mit nackten Kindern, wo Form und Zeichnung den Antiken sehr nahekam; die Konturen waren äußerst rein und bestimmt. Sie waren nicht ganz fertig, aber desto geistiger. Von Luini sah ich noch verschiedene, die alle ein schönes, warmes und helles Kolorit hatten, auch von anderen Nachahmern, ebenfalls äußerst fleißig ausgeführt, das Kolorit war aber zu braun. Vermutlich hatte die Zeit viel dabei getan, sodann das viele Übermalen und Anfeuchten, wie es schien mit Öl oder Firnis, was dann mit der Zeit nachdunkelte. Doch waren alle diese Bilder voll Verdienst, nicht allein wegen der äußersten Vollendung der Formen, sondern auch wegen des Ausdrucks in den Physiognomien; besonders war in einem Kopfe des Johannes das sanfte Gemüt ansprechend ausgedrückt. Man muß die Bilder des da Vinci und seiner Schüler mit Ruhe und Nachsinnen betrachten, denn es sind tiefgedachte und reiflich überlegte Kunstwerke. Sie haben aber nicht das Brillante, was beim ersten Anblicke gefällt und anzieht. Es war mir sehr auffallend, was der König von[219] Schweden, Gustav III., sagte, als ich mit ihm in der Galerie Borghese zu Rom war. Er ging vor einem Bilde von da Vinci schnell vorüber. Ein Kenner bat ihn, wieder zurückzukommen und das Bild zu betrachten, welches von allen für ein großes Kunstwerk geschätzt werde. Der König kam zurück und betrachtete es eine Weile, dann ging er wieder fort und sagte: »Es mag wohl viel Verdienst haben, aber es ist nicht angenehm.« Die meisten Bilder des Leonardo haben auch wirklich etwas Eigenes, das nicht gefällt, z.B. seine »Carità«, wo eine Frau sich bückt und drei Kinder von der Erde aufnimmt. Ich habe Menschen gesehen, denen es nicht gefallen wollte. Die Frau mit den mageren Armen und dem gelben Kolorit hat nichts Schönes. Der Künstler hat mit Schattentönen gerundet, man kann aber auch mit Farbe runden; das nebelige Blaue fernt mehr als das dunkle. Ist man ein Kenner der Menschen und betrachtet dieses Gesicht, so sieht man in den Augen das mitleidende Herz, wie gern sie hilft und beisteht und wie sie mit dem Blicke der Liebe beklagt, nicht in dem Maße wohltun zu können, als sie wünscht! In einem anderen Bilde von Leonardo, ich sah es zu Rom, es sind zwei weibliche Figuren, »Die Eitelkeit und die Tugend«, welch ein Ausdruck im Gesichte der ersteren! Die Tugend tritt zu ihr und sagt, daß etwas Höheres sei als eitler Schmuck. Leonardo kannte die Menschencharaktere und war ein großer Physiognom. Ich sah auch viele Karikaturen von ihm, die er in üppiger Laune mit der Feder gezeichnet hatte, alle geistvoll, manche Bewunderung, andere Lachen erregend. Eine besondere Zeichnung der Art, einen Kopf in Lebensgröße, hatte ein Maler in Rom. Das Gesicht war nach einem pöbelhaften Schimpfworte zusammengesetzt; man hört es oft in Rom, wenn man einen Menschen ohne Kraft schimpfen will, sogar von Damen! Hamilton bot einst eine große Summe dafür, ich glaube hundert Karolinen, aber der Besitzer forderte tausend, und so verschwenderisch sonst die Engländer für Kunstsachen sind,[220] so erlaubte er sich doch nicht, so viel für eine etwas obszöne Zeichnung zu geben. Ich besuchte nachher die Ambrosianische Bibliothek noch einmal. Ein Fremder, der den Bibliothekar kannte, führte mich zu ihm, und dieser, ein äußerst gefälliger Mann, gab sich viel Mühe, uns alles vorzulegen, was uns besonders interessierte. Zuerst sahen wir viele große Foliobände von Leonardo da Vincis Hand. Alles war verkehrt von der Rechten zur Linken geschrieben, die Buchstaben rein und deutlich, und auf vielen Blättern hatte er mit der Feder Zeichnungen beigefügt von allerlei Maschinen, die er erfand, für Wasserbau, Festungswerke, Kanonengießereien und vieles andere. Man muß erstaunen, was der Mann alles wußte, wie tätig und fleißig und in wie vielen Künsten er Meister war! Zu bedauern ist es, daß er uns nichts von seinen chemischen Kenntnissen hinterließ, wie er z.B. seine Farben machte und wie er sie behandelte; denn die Farben auf seinen Bildern haben sich vor anderen jener Zeit am besten erhalten. Was man Gedrucktes hierüber von ihm hat, daraus ist wenig zu entnehmen. Auch hatte er in jenen Manuskripten allerlei Bemerkungen an den Rand geschrieben; so stand auf einem Blatte: »Mein Bedienter Francesco hat mir meinen Silberstift gestohlen.« ? Wir besahen hierauf noch viele Bände mit Originalzeichnungen von anderen großen Meistern. Auf dem vordersten Blatte war eine Liste von den darin befindlichen Zeichnungen, darunter auch einige von Raffael und mehreren der größten Meister, aber wir fanden sie nicht mehr, die Blätter waren samt den Zeichnungen ausgeschnitten. Der fremde Herr gab sich für einen Kenner aus und hatte auch einige Kenntnis. Wenn nun eine Zeichnung kam, worauf kein Name stand, so sagte er ganz bestimmt, von wem sie sei; dann freute sich der Bibliothekar und meinte, es sei auch für den Nichtkenner gut, wenn der Name sogleich[221] dazugeschrieben würde. Der Fremde ließ sich nicht lange bitten, seine Weisheit schriftlich von sich zu geben, und forderte Tinte. Da stand nun unglücklicherweise ein Tintenfaß mit einer Feder, die sehr grob schrieb, die nahm er und schrieb auf jede Zeichnung den Namen hin, welchen er für den rechten hielt. Nun kam ein Blatt von Albrecht Dürer, nach welchem der bekannte Kupferstich gemacht ist, wo Gott der Vater den Christus, seinen Sohn, tot auf dem Schoße liegen hat. Diese Zeichnung war überaus schön und mit dem gewöhnlichen Fleiße des Dürer ausgeführt, und sie war so groß wie das Blatt vom Buche, ohne Rand. Ich war soeben in meiner Freude über die bestimmten Formen, welche mit markigem Federzuge hingeschrieben waren, wo jeder Zug mit Gefühl und Ausdruck von der ersten Eingebung geleitet worden war, wo der lebende Geist, mit dem es der Künstler empfand, noch durchaus darauf schwebte, und ich überzeugte mich hier so recht, wieviel mehr Geist in der Zeichnung sei als in dem Kupferstiche, bei dessen mechanischer, langsamer Arbeit das Feuer so leicht erkaltet, als in diesem Augenblicke jener Kunstkenner so schnell, daß ich es nicht mehr verhindern konnte, mit der groben Feder mitten auf den Leib Christi schrieb: »Alberto Durero.« Es wurde mir dabei zumute, als sähe ich einen Menschen dem Albrecht Dürer einen tödlichen Stich versetzen! Die Italiener nennen ihn übrigens Durero, weil sie glauben, er habe seinen Namen von duro, und geben auch jedem harten Bilde den Namen Durero. ? Wie sorgfältig bewahren doch die Holländer dagegen ihre Bilder! Beim Besehen der Zeichnungen ziehen sie weiße Handschuhe an, und niemand darf indessen rauchen oder eine Prise dabei nehmen. Bei einem Kunstliebhaber, der auch selbst Versuche in der Malerei gemacht, aber es darin nicht weit gebracht hatte, sah ich gleichfalls eine Sammlung von Handzeichnungen, worunter viele schätzbare Stücke waren. Nur schade, er[222] hatte in einige selbst hineingezeichnet, um ihnen mehr Ausführung zu geben, und ihnen dadurch das Geistige und die Originalität benommen. Hier waren ebenfalls verschiedene von Leonardo da Vinci. Überhaupt war mir in Mailand vorzüglich darum zu tun, Werke von diesem Meister zu sehen, und ich überzeugte mich immer mehr, daß er vor allen anderen die Kunst verstanden hatte, der Form die reinste Kontur zu geben, und daß eben darum ein angehender Künstler seine Werke studieren müsse, doch nicht zuviel! Wie noch Größeres würden Leonardo und seine Schüler geleistet haben, wenn sie die Schönheit der griechischen Formen gekannt hätten, besonders die schönen Gesichter und die großen Charakterköpfe, so wie sie nachher bekanntgeworden sind durch den Kardinal Alexander Albano, Winckelmann und Mengs. Seit dieser Zeit kennt man erst die Schönheit; gefällige Köpfe sah man von jenen, aber keine von hoher Schönheit, so wie in den Antiken. Von solchen Männern möchte ich den Kopf der Niobe, den Apoll, die Juno, den Jupiter gezeichnet sehen! Nachher besuchte ich auch verschiedene Künstler, unter anderen den Herrn Knoller, der eben an einem großen Altarbilde für seine Landsleute, die Tiroler, arbeitete. Man sah da den offenen Himmel mit unzähligen Heiligen. Er hatte viel Phantasie und eine große Praktik im Pinsel und war ein äußerst artiger und gefälliger Mann. Sein Atelier war voller Arbeiten, aber seine Manier war sehr flüchtig, und er klagte selbst, daß er sich diese der geringen Preise wegen habe angewöhnen müssen. Ich besuchte auch die Professoren der Akademie. Diese fand ich aber gar nicht aufgeheitert, sondern vielmehr niedergeschlagen und zum Teil müßig. Sie beklagten sich, daß sie keine Käufer für ihre Werke fänden und daß keine Liebhaber für die Kunst da wären. Doch wurden sie wieder aufgemuntert, als sie sahen, daß ich so viel Eifer zeigte, indem ich bei ihnen um die Erlaubnis bat, mit auf der Akademie nach dem Leben zeichnen[223] zu dürfen. Sie erwiderten, daß sie schon seit Jahren dort nicht mehr gezeichnet hätten, indes wollten sie nun in meiner Gesellschaft wieder anfangen. Dies geschah auch. Den Montagabend waren die meisten versammelt, und sie taten mir die Ehre an, daß ich selbst das Modell stellen sollte. Ich weigerte mich lange, aber ich mußte es annehmen. Von meinem Freunde Trippel hatte ich das Aktstellen ziemlich gelernt, denn der war darin ein Meister ohnegleichen. Ich gab dem Modell erst verschiedene Stellungen, wovon ich wußte, daß die Hauptteile des Körpers sich vorteilhaft zeigen und eine schöne Figur machen würden: sitzend, dann liegend, von vorn, dann eine in heftiger Bewegung, dann einige von hinten. Nachdem ich so mancherlei Versuche gemacht hatte, stellte ich es aufrecht gerade von vorn, den einen Arm von innen, den anderen etwas gebogen von außen zu sehen; dann fragte ich, ob sie damit zufrieden wären. Sie sagten alle ja. Ich hätte höflicher sein und eine leichtere, sitzende Stellung wählen sollen, aber ich tat es wegen meiner selbst. Ich wollte die stehende Figur zeichnen, welche das schwerste ist, um zu sehen, wieviel ich verlernt hätte, seitdem ich nicht nach dem Nackten gezeichnet hatte. An einer aufrecht stehenden Figur kann man sehen, ob einer zeichnen kann und was er versteht. Überhaupt muß man bei dem Aktzeichnen auf die zufällige, momentane Bewegung achtgeben. Wenn sich das Modell regt, kommen die Teile zum Vorschein, die man in der Ruhe nicht gewahr wird. Viele verlangen, daß das Modell stillstehe oder sitze, damit sie es genau abkopieren können; das muß man aber nicht. Das Modell ist nur eine Hilfe, wodurch man die Figur, welche man in der Imagination hat, vollenden kann. Man muß oft dem Modelle sagen, daß es sich bewege, damit man sieht, woher der Muskel komme oder wie die Knochen der Gelenke sich bewegen. ? Ihre Akademie war übrigens gut eingerichtet, besonders für die Klasse der Handwerker, welche in Verzierungen arbeiten.[224] Sie hatten Modelle in Gips, auch Abgüsse von den meisten antiken Verzierungen, aus ganz Italien zusammengesucht. Ich habe auch Leute gekannt, die sich hier gebildet hatten und ganz vortreffliche Arbeiten machten. Amazon.de Widgets Den Tier- und Landschaftsmaler Herrn Londonio besuchte ich auch. Bei dem sah es sonderbar aus! In seinem Hause fand man das Hirtenleben im kleinen. Er hatte allerlei Modelle, Schäferhütten von Binsen, Schilf und Stroh, allerlei Gerätschaften der Schäfer, auch alte bemooste Baumstämme und Äste, Steine und Wurzeln, die er gebrauchte und natürlich mit Schatten und Licht in seinen Bildern anbrachte. Auch sah man bei ihm viele Studien nach der Natur: Ochsen, Pferde, Kälber, Schafe usw. Besonders gut waren einige Figuren nach dem Leben gemalt: alte Hirten und Knaben und Mädchen, worauf er sich auch viel einbildete und sagte: »Um das zu können, habe ich lange Studien gemacht, in der Sixtinischen Kapelle nach Michelangelo gezeichnet und die ganze Kuppel des Correggio in Parma kopiert; ohne dies würde man's nicht so malen können wie ich.« In der Tat waren seine Sachen kräftig und markig. Er war ein geistiger alter Mann, der mir sehr gefiel, mit Enthusiasmus und Liebe über seine Kunst sprach und ein stilles Schäferleben führte. Ich glaubte eine lebendige Idylle zu sehen. Um sein Haus waren Gärten, und schon das Äußere zeigte daher einen ländlichen Sitz. Es schienen hier Philemon und Baucis zu wohnen, er selbst ein fröhlicher Alter, sie ein gutmütiges Mütterchen. In dem friedsamen Hause wohnte inniges Ergötzen an der Natur. Er zeigte mir noch die Hütte, die er gebraucht hatte, als er sein Bild »Die Verkündigung der Hirten« malte, Modelle von Engeln schwebten darüber, und Schafe und andere Tiere standen herum. Er habe alles stehen lassen, sagte er, weil es ihm noch immer Freude machte. Angelica Kauffmann hatte verschiedene Sachen, welche von Londonio nach der Natur gemalt waren, kopiert und behielt sie immer für sich. Sie[225] zeigte sie mir einst und sprach mit vielem Lobe über seine Verdienste. Seine Tiere waren nicht immer in Proportion, die Köpfe oft zu groß. Das kam vielleicht daher, weil er die Köpfe, welche er als Studien gemacht hatte und die meistens in Lebensgröße waren, dann bei ganzen Tieren auf seinen Bildern anbrachte. So geschieht es wohl, daß der Kopf zum übrigen Tiere nicht paßt, weil man das eine zuviel im Auge hat, ohne das Ganze zu übersehen. Von seinen Kupferstichen, die er selbst radiert hatte, ließ er einige auf blaues und braunes Papier drucken und höhte sie dann mit weißer Farbe, so daß sie zum Teil eine schöne Wirkung taten. Als ich das erstemal in Mailand war, besuchte ich auch das Haus des Grafen Firmian. Damals stand der Graf mit Geist und schönem Sinn unter seinen vortrefflichen Kunstwerken, die mit Geschmack geordnet waren. Während der Zeit, daß ich in Zürich mich aufhielt, war er gestorben. Ich sah es, wie seinen Tod Füßli beweinte, mit dem er freundschaftlichen Briefwechsel unterhielt und der ihm öfters Kunstsachen schickte, wogegen der Graf ihm mäzenatische Geschenke machte. Wie ganz anders sah es jetzt in diesem Hause aus, da er fehlte! Alles lag wüst durcheinander; die Bilder waren von der Wand abgenommen, zum Teil schon verkauft, und in der Bibliothek welch ein Chaos! Die Bücher lagen haufenweis auf der Erde umher und die Kisten daneben, in denen sie hierhin und dorthin versandt werden sollten. So ward das schöne Ganze getrennt, das mit so vieler Mühe zusammengebracht worden war. Die Kupferstiche kaufte nachher der König von Neapel für 7000 Scudi; die besten seiner Bilder hatte er gut verteilt in Vermächtnissen, damit sie an Stellen kämen, die ihrer würdig wären. Oft war ich erstaunt über die vielen schönen Gebäude und Paläste der Stadt; besonders sieht man schöne Höfe mit Kolonnaden von Granitsäulen, die leicht hier zu haben sind, weil man Granitgebirge in der Nähe hat. Auch bemerkte[226] ich an den Gebäuden häufig Zierate von gebrannter Erde, eine Sache, die man in Gebrauch bringen sollte, wo Marmor oder andere Steine, die sich zu Zieraten verarbeiten lassen, selten sind, wo aber guter Ton ist, der gebrannt an der Luft sich hält. Auch ist es nicht so kostbar, in Ton zu formen als in Stein, der zum Bearbeiten viele Zeit erfordert. Dergleichen Ornamente fand ich z.B. an der Kirche delle Grazie und an dem Krankenhause, dessen ovale Fenster mit Kränzen von gebranntem Ton dem Gebäude eine schöne Zierde gaben. Die Alten haben das viel in Gebrauch gehabt. Ich habe Fragmente von antiken Tempeln gesehen, aus den ältesten Zeiten, die sich noch sehr gut erhalten haben, sowohl Figuren wie auch Zierate, und sie sind fast dauerhafter als Marmor. Man sieht dies an den griechischen Gefäßen von gebrannter Erde, die man in Gräbern findet; einige sind so unversehrt, als kämen sie eben aus dem Ofen. Die Einwohner von Mailand sind bekanntlich gutmütige Menschen. Davon habe ich selbst viele Erfahrungen gemacht. Ich wollte mir ein Logis mieten und wurde von dem Sekretär des Grafen Wilzeck in ein Haus geführt, wo ein solches war. Als ich es besehen hatte, fand ich es mir nicht passend und wollte es nicht. Der Hausherr aber sagte, ich müsse bei ihm wohnen, er verlange keine Bezahlung; er liebe die Deutschen so sehr, daß er sich eine Freude daraus mache, wenn ich bei ihm wohnen, essen und trinken wolle. Sogleich führte er mich in die Speisekammer und zeigte mir den Vorrat von Eßwaren, Kapaunen und allerlei Geflügel. »Seht«, sagte er, »wir leben gut, und Ihr sollt mit uns leben.« Dann führte er mich tiefer ins Souterrain. »Hier sitzen wir an der Tafel, wenn es Sommer ist, und fühlen keine Hitze, das Wasser weht uns Kühlung zu.« Das Gewölbe hatte einen weiten Bogen, vielleicht, um Waren aus dem Schiffe gleich hier auszuladen. Der große Kanal floß dicht am Hause vorbei und hatte viele Schleusen und[227] Wehre. Gerade vor einer Öffnung der Halle stürzte sich das Wasser von der Höhe über ein Wehr herunter mit donnerndem Getöse und brauste in Schaum und Wellen auf. Es war ein schönes Schauspiel, und der Mann wußte nicht genug zu rühmen, wie angenehm es wäre, hier in den Sommertagen die Stunden der Hitze zuzubringen und dem Leben des eilenden Wassers zuzusehen. Mailand war von jeher seiner schönen Frauengestalten wegen berühmt. In Monza, wo der Erzherzog einen Ball gab, waren wohl die hübschesten Frauen versammelt, die ich in Italien gesehen habe, ihre Farbe schöner als irgendwo, die Gesichter von voller, runder Form. Besonders zeichneten sich zwei junge Prinzessinnen aus, deren Köpfe fast die hohe idealische Schönheit der Griechen erreichten. Auch im Hause des Herrn Casanova sah ich schöne Gesichter; man hatte mir zu Gefallen einige Male die schönste Jugend in der Abendkonversation versammelt. So gaben sie am Neujahrsabend ein Fest, wo nur schöne Damen und ausgezeichnete Männer eingeladen waren. Da nahm ich auch Abschied von diesen vortrefflichen Menschen, die mir den Aufenthalt in Mailand so angenehm gemacht hatten. Ich reiste nach Lodi zu einem Freunde, den ich in Mailand kennenlernte und der eine schöne Sammlung Bilder besaß, besonders Schlachten von Bourguignon, die ich nie schöner gesehen habe. Diese Stücke begründeten auch Bourguignons Ruf, daß er die lebhaftesten und feurigsten Schlachten male. Meine Reise ging nach Parma. Ehe man dahin kommt, muß man auf einer Fähre über einen Fluß setzen. Es waren eben viele Menschen versammelt, die alle hinüber wollten. Das Wasser war so seicht, daß die Fähre nicht so dicht ans Ufer konnte, man mußte, um einsteigen zu können, eine Strecke durchwaten oder sich von Männern auf den Schultern hintragen lassen. Da gab es denn viele Szenen zum Lachen. Besonders komisch kam mir ein Mann vor, der wie zu einer weiten Reise mit Stock und Degen bewaffnet, mit Stiefeln[228] und Sporen einem Menschen auf der Schulter saß. Dabei machte der Ritter eine so ängstliche Miene wie ein Feiger, der in die Schlacht reitet. ? Mein erster Gang in Parma war zu dem weltberühmten Bilde von Correggio, der sogenannten »Madonna di S. Girolamo e Maddalena«. Es läßt sich nichts darüber sagen; alle Beschreibung reicht nicht hin, von der Vortrefflichkeit und dem Glanze des Kolorits, von der Freundlichkeit der Köpfe und der Grazie, welche in den Figuren herrscht, eine deutliche Idee zu geben. Das muß man selbst sehen! Und man hat ja außerdem schon viele Beschreibungen davon. Zu welcher Größe stieg in kurzer Zeit die Malerei! Zu Leonardo da Vincis Gemälden muß man sich hinbiegen, Correggios aber kommen einem entgegen und springen hervor. Hier sah ich noch mehrere Bilder von Correggio und anderen berühmten Malern. ? In Bologna, der Stadt der vielen Bilder, besuchte ich alle Kirchen und Bildergalerien; auch in Florenz besah ich alles, was zu den vorzüglichsten Kunstschätzen zu rechnen ist. Dann begann ich die Reise über die Apenninen, und als ich den Tag über die wunderbaren großen Massen von Gebirgen und Tälern mit Erstaunen betrachtet hatte, kam ich am Abend auf einer Höhe an, wo ein Kapuzinerkloster war. Der Vetturino wollte hier übernachten und sagte mir, wenn ich mir die Zeit zu verkürzen wünschte, so möchte ich zu den Fratres in den Konvent gehen; die würden sich freuen, einen Besuch zu haben. Ich ging hinein. Es war kalt, und die Fratres saßen auf Bänken um ein Feuer, wo große Stämme loderten. Ich wurde sehr freundlich aufgenommen und mußte mich zwischen die braune Gesellschaft setzen, die zahlreich war und bei den leuchtenden Flammen sich wunderbar ausnahm. Es schien ihnen angenehm zu sein, sich mit einem Fremden unterhalten zu können, besonders fragten sie viel nach dem Könige von Preußen, Friedrich. Den stellten sie sich als einen riesenmäßigen Mann von großer Stärke und Wildheit vor. Da ich vom Vergnügen[229] sprach, das ich im Fahren über die abwechselnden Gegenstände dieser Gebirge gehabt hätte, versprachen sie mir, wenn ich im Sommer zu ihnen käme und einige Zeit bleiben könnte, mich herumzuführen und mir die schöne Umgegend zu zeigen. Bei hellem Mondschein führte mich einer hinaus auf hohe Hügel, von denen man eine ferne Aussicht hatte. Da im Mondschein alles größer erscheint, so sah man die an sich schon großen Gebirge noch größer, und die Phantasie hatte es leicht, sich alles nach Gefallen zu bilden. Amazon.de Widgets Den anderen Morgen, noch ehe der Tag graute, fuhr ich weiter, und es zeigten sich mir wieder die vielen fremdartigen Gegenden. Oft stellte ich mir dabei die Wildnis in Afrika vor mit den Bewohnern, Löwen und Tigern. Gegen Mittag, als die Sonne so recht heiß schien und ich eben auf einer Anhöhe hielt, kam aus der Ferne ein Mann hergeschritten, in türkischer Kleidung, mit dem Bunde auf dem Kopfe, einen Mantel umgeschlagen und mit nackten Beinen. Dem folgten noch zwei andere, ebenso gekleidet. Dann kam ein Wagen mit Männern in orientalischer Kleidung; es war der marokkanische Gesandte mit seinem Gefolge, welcher nach Wien reiste. Wenn ein Maler diese Gegend von wirklich afrikanischem Ansehen hätte malen und sie mit passenden Figuren beleben wollen, so würde er keinen schicklicheren Vorfall haben finden können. Ich erkannte hier dankbarlich, wie günstig mir mein guter Genius war, daß er Landschaft und Staffage mich in dieser Vollkommenheit sehen ließ. Die marokkanischen Männer haben eine gelbe, blasse, fast grünliche Gesichtsfarbe, was ihnen bei den weiß-gelblichen Mänteln, welche wie Schals umgeworfen werden, und bei dem schwarzen Barte ein kränkliches Ansehen gibt. 
