
                           Hahn-Hahn, Ida Grfin von

                                  Maria Regina

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                              Ida Grfin Hahn-Hahn

                                  Maria Regina

                        Eine Erzhlung aus der Gegenwart

                                  Erster Band

                               Vater und Tchter

Ein milder Sommerabend ruhte auf den heitern, lieblichen Ufern des Mains. Grne
Hgel, Rebgelnde, Haine von Fruchtbumen, Stdtchen und Drfer drngen sich an
seine krausen Windungen heran. Auf einer Hhe am nrdlichen Ufer liegt Kloster
Engelberg, der berhmte Wallfahrtsort, mit seinem Hintergrund von dunkelm
Nadelholz. Die rmsten Shne des armen heiligen Franziskus, die Kapuziner,
dienen hier Tag und Nacht Gott und den Seelen. Drben auf dem sdlichen Ufer
erhebt sich auf der Platte eines Hgels, den die Kunst in einen terrassierten
Garten verwandelt hat, das Schlo des Grafen Windeck im Stil der Renaissance
unter uralten Linden und Kastanien. Auf den Zinnen hing das Banner in den
Windecker Wappenfarben schlaff an der Stange herab und auf den Terrassen tanzten
die Springbrunnen wie Elfen und ihr schlanker Wasserstrahl trug spielende
glnzende Kugeln, ohne sie fallen zu lassen: so still war die Luft. Die Blten
der Orangenbume dufteten betubend, und Granaten und Oleander mit ihren
prchtigen Blumen glhten doppelt in der Abendsonne. Breite Steintreppen, deren
Abstze mit groen Vasen voll Hortensien und anderen Prunkblumen geschmckt
waren, fhrten von einer Terrasse auf die andere. Die oberste trug zu beiden
Seiten Gruppen von schattigen Linden und in der Mitte ein weites, von
Wasserpflanzen und kleinen Basaltblcken umgebenes Bassin, aus dem ein starker
Wasserstrahl aufstieg und mit drei Kugeln zugleich spielte. Auf einem der
Felsblcke sa ein kleines Mdchen und schaute mit stillen groen Augen
trumerisch die tanzenden Kugeln an. ber den Main schwamm ein Nachen und trug
einen bejahrten Herrn mit schneeweiem Haar und ein junges Mdchen, die so eben
die hohe steile Wallfahrtstreppe herabgestiegen waren, vom Kloster Engelberg
nach Schlo Windeck hinber. Friedlicher als der Abendhimmel und der stille Flu
und die ganze ruhende Natur war der Ausdruck, der auf dem Antlitze des Greises
und des jungen Mdchens lag, denn es war der Friede, der nichts gemein mit der
Erde hat.
    In dem reichmblierten Saal, dessen drei hohe Fenstertren der Terrasse zu
weitgeffnet standen, ging Graf Windeck auf und nieder, sofern ihm das nmlich
mglich war. Denn der Saal, obzwar sehr gerumig, war mit Sopha's, Ottomanen,
Lehn- und anderen Sthlen, Tischen in allen Gren und Formen, Gestellen mit
Blumen, mit Vasen, mit Lampen, mit Bchern, mit Porzellan, mit tausend und aber
tausend modischen berflssigkeiten, die alle kreuz und quer standen, dermaen
berfllt, da er mehr dem Magazin eines Tapeziers als einem Familienzimmer
glich. So liebte es aber der Graf, denn so war es eben Gebrauch in der Welt,
obschon seine Liebhaberei fr das Auf- und Abgehen, was fr mige Menschen eine
Art von Beschftigung ist, sehr dadurch beeintrchtigt wurde. Er schob auch
ziemlich unmutig bald einen Sessel, bald einen Tisch, einmal sogar das Polster
zurck, auf dem Amour ruhte, Amour, das kstliche Bologneserhndchen, nicht viel
grer als ein Schneeball, ein hchst seltenes Exemplar dieser fast
ausgestorbenen Race. Amour klffte emprt ber diese rauhe Behandlung seinen
Herrn an und ein schner Aras, aus seiner abendlichen Ruhe aufgeschreckt,
kreischte laut auf und schttelte voll Entsetzen sein Gefieder. Dann wurde Alles
wieder still.
    Nach einiger Zeit sah der Graf auf die Uhr, trat unter die Tre, die auf die
Terrasse fhrte, und blickte verdrielich nach Kloster Engelberg hinber. Dann
fiel sein Auge auf die Kleine, die zwischen einem hohen Strau von blhenden
Callas wie die Nymphe des Springbrunnens an dessen Rand sa - und er rief:
    Corona!
    Die Kleine sprang auf und eilte zu ihm. Er fragte:
    Wo bleibt Regina?
    Sie wird wohl gleich kommen, lieber Vater.
    Woher weit Du, da sie gleich kommen wird, wenn sie jetzt noch nicht
zurck ist? fragte ganz unmutig der Graf.
    Weil Du gesagt hast, da sie um sieben Uhr zu Hause sein solle, lieber
Vater, entgegnete sie unbefangen.
    Da schlug es sieben und Regina trat durch eine Seitentre in den Saal, kte
dem Grafen die Hand und nickte freundlich der kleinen Schwester zu.
    Du kannst wieder in den Garten gehen, Korona, sagte der Graf, setzte sich
in einen Lehnstuhl, deutete seiner ltesten Tochter an, ihm gegenber Platz zu
nehmen und fuhr fort: Ich hab' es reiflich erwogen, Regina, ich schicke Euch
nicht zu den Damen vom Sacr Coeur zurck. Die gute Tante Isabella hat mir
versprochen, uns nicht zu verlassen, und ich behalte Euch bei mir. Du bist jetzt
siebzehn Jahre alt; da mu das Lernen aufhren. Denn entweder hast Du etwas
gelernt - und dann bist Du hinreichend unterrichtet; oder Du hast nichts gelernt
- und dann ist's berhaupt umsonst, dann wirst Du auch nichts lernen. Genug, Ihr
sollt bei mir bleiben und mich unterhalten. Du sollst diesen Winter mit mir in
die Welt gehen und fr Korona will ich Gouvernante u. dgl. halten. Aber des
Sacr Coeur bin ich berdrssig. Seit dem Tode Eurer guten Mutter, also fnf
volle Jahre waret Ihr dort. Ein lngerer Aufenthalt wrde Dir entschieden
schdlich sein, Dich der Welt entfremden, Dich wohl gar auf den Gedanken
bringen, ganz und gar da zu bleiben - und das geht nicht..
    Das wrde ich auch nie wnschen, lieber Vater, antwortete Regina, als der
Graf schwieg, um zu hren, was sie erwidern wrde.
    Nicht? rief er erfreut; - nun, das ist mir lieb! ich frchtete schon, Du
httest Klostergedanken.
    Du frchtetest es, lieber Vater? sagte Regina, und sah ihn mit ihrem
tiefen klaren Auge ganz erstaunt an.
    Nun freilich! fuhr der Graf auf; - alle romantischen Grillen sind mir
verhat.
    Scheint es Dir eine romantische Grille, dem lieben Gott dienen zu wollen?
fragte Regina weiter.
    Was wr' es sonst? rief er zornig.
    Ich dachte, es sei eine Pflicht, sagte sie sanft.
    rgere mich nicht, Regina! brach der Graf aus. - Da hub auf Kloster
Engelberg das Ave-Maria-Luten an. Regina stand auf, trat zurck, blickte
hinber nach dem armen Kirchlein, das - wie einst der Stall von Bethlehem den
menschgewordenen Gott aufnahm - so den verborgenen Gott im Tabernakel umschlo,
und betete andchtig den englischen Gru. Der Graf, unterbrochen in seinem
Zornergu, sah whrend der Zeit die Tochter an und sprach zu sich selbst: Wie
schn sie ist! woher hat sie nur die Schnheit? von ihrer armen Mutter gewi
nicht! - Dieser Ideengang vershnte ihn etwas, und als Regina nun sanft vor ihm
niederkniete und um Vergebung bat, wenn sie gefehlt habe, antwortete er:
    Du mut suchen aus den Widersprchen zu kommen, mein Kind, und Dir selbst
klar zu werden. Eben sagtest Du, Du wnschtest nicht im Sacr Coeur fr immer zu
bleiben und gleich darauf schienst Du dennoch mit Klostergedanken umzugehen.
    Lieber Vater, sagte Regina mutig, mein Wunsch wre, zu den Karmelitessen
zu gehen.
    Zu den Karmelitessen! rief der Graf, wer sind die? wo sind die? was weit
Du von ihnen?
    Nichts - als da ich bei ihnen lernen knnte, recht innig Gott zu lieben
und recht ausschlielich ihm zu dienen.
    Unsinn ber Unsinn! rief er. Da fingen die Glocken auf Kloster Engelberg
an, den morgenden Sonntag einzuluten und bald stimmten alle Glocken und
Glcklein der benachbarten Kirchen ein und mahnten wie Stimmen des Himmels die
Menschen im Staube der Erde an das Sursum Corda, das so leicht vergessen. Graf
Windeck berhrte den himmlischen Zuruf und sprach weiter:
    Den Unsinn fetzen Dir die Patres da drben in den Kopf. Ich will nicht
mehr, da Du bei ihnen beichtest. Du kannst bei Onkel Levin beichten - und
berhaupt seltener. Ich begreife nicht, was Du jeden Samstag zu beichten haben
kannst! mir fllt nie was ein.
    Mit einer ganz leichten Bewegung glitt Regina auf ihre Knie, beugte sich
tief zu Boden, kte die Fe des Grafen und sagte zrtlich:
    Desto schlimmer, mein geliebter Vater.
    Der Graf aber behandelte sie wie sein Bologneserhndchen, stie sie fort und
sagte rauh:
    Was erfrechst Du Dich?
    O nur aus Liebe, entgegnete sie und hob immer kniend die gefalteten Hnde
zu ihm auf und sah ihn mit demtiger Zrtlichkeit an, whrend ein rotes Mal auf
ihrer Stirn Zeugnis seiner harten Behandlung ablegte. Er aber sprach mit
steigendem Unmut:
    Karmelitessen! wer hat denn wieder die erfunden! gehren die auch zu den
neumodischen Anstalten, um Bettelvolk zu verpflegen und Bettelvolk zu erziehen,
als ob es unsereiner wre! Oder sind sie selbst solch klsterliches Bettelvolk,
wie ich jngst, als ich Euch aus dem Sacr Coeur abholte, ein Paar von Haus zu
Haus mit einer Bchse fr Almosen herumlaufen sah? Man zeigte mir eine, von der
es hie, sie sei eine Grfin und reich. Da dachte ich, sie mte einen Narren
zum Vater haben, der den Skandal erlaubt, da seine Tochter eine allgemein
bekannte Bettlerin wird.
    Lieber Vater, entgegnete Regina, als er schwieg, um Atem zu schpfen, Du
selbst sagtest gestern, es wrden jetzt Sngerinnen und Tnzerinnen Grfinnen
und Frstinnen. Gilt also in der Welt der Stand so wenig, da Komdiantinnen ihn
erlangen, warum soll es dann nicht Personen dieses Standes erlaubt sein, ihm
freiwillig zu entsagen?
    Graf Windeck htte am liebsten geantwortet: Weil ich es nicht will.
Indessen sammelte er sich, nahm eine hohe Miene an und glaubte eine hchst weise
uerung zu machen, indem er sagte:
    Weil nicht ein Skandal den andern gut machen kann. Ich habe gar nichts
gegen die Theaterprinzessinnen, gar nichts! im Gegenteil! auf der Bhne sind sie
charmant; aber sie mssen dort bleiben - gerade so, wie die Grfinnen und
Frstinnen in ihren Verhltnissen bleiben - und nicht mit Bettelbchsen straauf
stranieder laufen mssen.
    Das gehrt auch nicht zur Ordensregel der Karmelitessen, lieber Vater.
    Schweige von ihnen! schon diese Benennung ist mir unertrglich.
    Ich hnge nicht eigensinnig an ihnen, lieber Vater. Wenn ich wte, da Du
mich lieber zu den Trappistinnen gehen lieest ... - -
    Nun ist's genug! donnerte der Graf. Nun ist meine Geduld erschpft und
ich will von all' dem Unsinn keine Silbe mehr hren. Also merk' es Dir, Regina:
Du gehst nicht mehr zur Beicht in's Kloster und Ihr geht beide nicht zurck in's
Sacr Coeur. Ich werde mit Euch reisen, Euch die Welt zeigen. Das wird Deine
Ueberspannung kurieren und Corona davor bewahren. Hast Du mich verstanden?
    Ja, mein lieber Vater, sagte Regina freundlich, kte zrtlich des Grafen
Hand und entfernte sich so ruhig, so heiter, als ob all diese Anordnungen ihren
Wnschen entsprochen htten. Er sah ihr nach und murmelte fr sich: Im Grunde
ist sie ein prchtiges Mdchen! es tut ihr leid, ich wei es, nicht in's Sacr
Coeur zurckzukehren und nicht mehr dem alten, kreuzbraven, langweiligen
Graubart da drben beichten zu drfen; aber keine Miene verzogen! aber kein Wort
gesagt! aber keine Trne vergossen! keine einzige Trne! O wie hat ihre arme
Mutter mich gelangweilt mit ihren Trnen; - denn was kann man tun einem
weinenden Weibe gegenber? Nachgeben? - das mag man nicht. Also nicht nachgeben
und sie weinen lassen nach Belieben. Prchtiges Mdchen, die Regina! Soll auch
prchtig bleiben! .... nur nicht fromm sein, nur nicht Betschwester werden, nur
nicht in's Kloster gehen! - Wie mag denn wohl die Kleine gesinnt sein? - - Er
ging die breiten Stufen hinab, die aus dem Saale auf die Terrasse fhrten. Der
westliche Himmel schwamm in der Rosenglut des Sonnenunterganges, whrend im
Osten die Nacht aufstieg und mit ihrem blulichen, von blassen Sternen
durchwebten Schleier mehr und mehr den Horizont umhllte. Die Landschaft sank in
unbestimmte Schatten hinein; nur Kloster Engelberg lag noch rosig angehaucht auf
seiner einsamen Hhe und schimmernd wand sich der Main durch die dunkelnden
Ufer. Korona lag, gesttzt mit beiden Armen, auf der Brustwehr der oberen
Terrasse. Als sie Schritte auf dem Kieswege hinter sich hrte, kehrte sie sich
rasch um, lief dem Grafen entgegen und sagte mit der jubilierenden Stimme der
Kinder, wenn sie so recht froh sind:
    O lieber Vater, hier ist es schn!
    Das freut mich zu hren, Korona! Du willst also nicht, wie Regina, in's
Kloster?
    Nein, nicht in's Kloster! ich will in der Welt bleiben! sie gefllt mir gar
zu gut - die Welt!
    Nrrchen! sagte der Graf lachend; was denkst Du denn eigentlich in der
Welt anzufangen?
    O, rief sie, ich will in der Welt dem lieben Gott dienen.
    Graf Windecks Angesicht verfinsterte sich wieder. Er ging in den Saal
zurck, in welchen soeben Lampen und Zeitungen gebracht wurden und murmelte fr
sich hin: Was ist das nur fr eine fixe Idee bei den Kindern, da sie Gott
dienen wollen? Gottesdienst - den gibt es, ja! Da wird die Messe gelesen,
Hochamt celebriert und dergleichen. Dem wohnt man bei - wenn man Lust hat. Aber
dann noch ganz extra Gott zu dienen, wie der Knecht dem Herrn, wie der Soldat
dem Knig dient - das ist ein famoser Einfall der beiden Mdchen, von dem ich
sonst nie das mindeste gehrt habe. Was sie wohl darunter verstehen? immerfort
beten? - ob das im Kloster mglich ist, wei ich nicht. In der Welt ist es aber
unmglich - das wei ich - immerfort zu beten. Und so beruhigt durch diesen
Ausspruch, als habe er sein halbes Leben mit Ergrndung dieser Sachen
zugebracht, griff er zu seinen Zeitungen.
    Regina hatte sich nach dem stlichen Teil des Schlosses begeben. Da lag die
Kapelle, die als ein lnglich runder Ausbau in eine Gruppe uralter Linden
hineintrat und die mit einem flachen Dach gedeckt war, welches einen gerumigen
Altan vor Reginas Zimmer im oberen Stockwerk bildete. Eine kleine Wendeltreppe,
in der Dicke der Mauer angebracht, verband hier beide Stockwerke, soda Regina
unbemerkt aus ihrem Zimmer in die Kapelle gelangen konnte. Diese war ihr
Lieblingsplatz im vterlichen Schlo. Kein Blick auf die Schnheiten der Natur,
auf die Werke der Kunst - um wie viel weniger auf Bilder und Schtze der Welt
hatte fr sie einen solchen Zauber, als der - auf den Tabernakel dieses
einfachen Altars. In der Kapelle war keine Spur von dem Luxus, womit alle
anderen Rume des Schlosses ausgestattet waren. - Die Lampe, in welcher das
ewige Licht brannte, und die Altarleuchter waren von unedlem Metall; die
Blumenvasen von geringem Glas; nirgends ein heiliges Gemlde oder ein frommes
Standbild; aber Blumen in Flle, gestickte Teppiche und anderes mehr, was aus
weiblichen Hnden hervorging. Fr eine wrdige Ausstattung der Schlokapelle
hatte der Graf immer eine leere Kasse, erschpft durch die ewigen Betteleien von
Miggngern und Faullenzern. Dies behauptete er wenigstens, und so nannte er
die Notleidenden und Drftigen. Regina bekmmerte sich aber nicht ber die Armut
der Kapelle; sie sah im Glauben die Sttte von allem Glanz des Himmels erfllt
und vermite nicht die irdische Pracht. Jetzt trat sie ein, sorgsam zwei Krnze
tragend, die sie, nachdem sie das Sanktissimum angebetet hatte, zu Fen eines
Kruzifixes aufhing, vor welchem sie niederkniete und in andchtiges Gebet
versank - in die Betrachtung des Leidens Christi, des Leidens der gttlichen
Liebe, deren mystisches Bild in der Sprache gottliebender Seelen jene Krnze
waren - der eine von Granaten und von blauen Schwertlilien der andere. Der
Granatapfel mit seiner tausendfachen, von harter Schale umflossenen Flle der
Kerne, welche mit einem scharfen Ri in ihrer Reife die Schale sprengen, ist das
Symbol der bitteren Todesnot des Erlsers und der Gnadenfrchte, die in
Ueberflle sein durchwundetes Herz birgt; whrend die Granatblte im hochroten
Kelch das Opfer des heiligsten Blutes ohne Unterla darbringt. Die tiefblaue
Schwertlilie aber ist das Symbol des Leidens um diesen Tod, des Leidens jener
mystischen Lilie, die mit sieben Schwertern im Herzen einst unter dem Kreuze
stand, klagend um den Tod des Einzigen und jede Menschenseele anrufend zur
Teilnahme an ihrer Trauer und zur Bue fr das unendliche Weh, das der
Gottessohn fr die Snden litt. Regina verstand diese mystische Sprache, die
nicht sowohl von den Lippen, als aus dem innersten Gemt quillt, und daher nur
jenen verstndlich ist, welche sich nicht von ueren Dingen einnehmen und
betuben lassen.
    Regina war nicht allein in der Kapelle. Derselbe alte Mann, der mit ihr im
Nachen von Kloster Engelberg gekommen war, kniete auf einem Betschemel und
betete bei dem sprlichen Lichte eines Wachsstockes, der neben ihm auf der
Armlehne stand, sein Brevier. Aber keiner beachtete den anderen, keiner lie
sich vom anderen stren. Beide waren hier so vollkommen zu Hause, da jeder sich
einsam fhlte mit seinem Gott. Dieser Mann trug eine schwarze Soutane,
Schnallenschuhe und zwischen den Silberlocken seines Hauptes - die Tonsur. Graf
Windeck hatte ihn im Gesprch mit Regina schon genannt; es war Onkel Levin, wie
die Familie ihn nannte, whrend man ihn sonst so allgemein und so kurzweg der
hochwrdige Herr hie, als ob er dadurch richtiger bezeichnet werde, als durch
irgend einen Namen.

                                  Onkel Levin


Levin war, als der jngere Sohn, von seinen Eltern dem geistlichen Stande
geweiht worden zu einer Zeit, wo in die Kirche vielfache Verweltlichung
gedrungen war, welche, trotz aller kanonischen Vorschriften, die
Domherrenstellen mit ihren Prbenden fast zum Erbgut der nachgebornen Shne des
Adels machte. Und der deutsche Adel hat eine tiefe Scharte auszuwetzen, da von
dem Augenblick an, wo diese Sinecuren im Anfang des Jahrhunderts ihm entgehen,
seine Shne fast ganz aus dem geistlichen Stande verschwinden; denn dies
Verschwinden beweist, wie nur die Begier nach irdischen Gtern in's Heiligtum
fhrte, das allein dem himmlischen Sinne geffnet werden soll. Bei Levin war es
anders. Er trat mit seiner Seele in den geistlichen Stand und suchte mit
heiligem Ernst und mit einer hohen, von allen Gnadenquellen genhrten sittlichen
Kraft sich desselben wrdig zu machen. Die tiefe Innigkeit seines Gemtes ri
schon eine natrliche Kluft zwischen ihm und der Flachheit der Welt, in deren
Wsten voll tuschender Luftspiegelungen sein Herz keine Befriedigung finden
konnte. Als der Glaube mehr und mehr wie ein balsamisches Oel das feinste Geder
seines inneren Lebens durchdrang und all dessen Ttigkeit und Fhigkeit in
Bewegung setzte, vertiefte sich auch jene natrliche Kluft noch mehr. Er sah mit
anderem Auge, hrte mit anderem Ohr, redete mit anderer Sprache, ma mit anderem
Mastab, wandelte nach anderer Richtschnur; denn er folgte seinem Heilande nach
- und die Welt ihren Gtzen. Wohl trat auch zu ihm der Versucher, wie zu jedem
Staubeskinde, und bot ihm die Gensse und die Freuden der Erde um den Preis der
himmlischen Gter an; aber er betrachtete und wog sie im Lichte des Glaubens -
und da fand er sie so hlich und so gering, da er sie von Herzen verachtete.
Er war noch sehr jung, als jener Sturm ber die Kirche hereinbrach, der
einerseits manches Vermorschte, Unhaltbare aus ihrem unverwstlichen Bau
hinwegfegte und ihr ewiges Fundament von manchem Wust und Schutt suberte, und
andererseits die Wogen der weltlichen Macht so hoch wider sie aufbumte, da sie
in der zweifachen Drangsal htte untergehen mssen, wenn sie eine irdische
Anstalt wre. Dem revolutionierenden, vom Glauben abgefallenen und daher aller
Sittlichkeit fremden Geiste des Jahrhunderts erlagen zuerst die geistlichen
Churfrsten, welche zum Teil selbst diesen Geist gepflegt und begnstigt hatten,
in ahnungsloser Kurzsichtigkeit ber dessen Richtung sich tuschend. Als so die
ersten Frsten des deutschen Reiches gefallen waren, hielten es die weltlichen
Herrscher fr angemessen, den weltlichen Besitz aller Kirchenfrsten, der
Bischfe, der Kapitel, der Stifte und Klster einzuziehen und Staatsschatz und
Land durch das Kirchengut zu bereichern und zu vergrern. Sie erfanden fr
diesen kolossalen Raubzug ein eigenes Wort: die Skularisation. Als das Werk
schauerlicher Ungerechtigkeit vollendet und der revolutionierende Geist in
seiner gemeinsten Richtung, durch Antastung fremden Eigentums, so unbefangen
an's Tageslicht getreten war, kam die Vergeltung ber die weltlichen Frsten:
das alte, ehrwrdige, rmisch-deutsche Kaisertum ging unter nach tausendjhrigem
Bestande und alle Throne krachten und wankten in ihren Fugen vor der
Gottesgeiel, welche der korsikanische Sprling der Revolution ber Europa
schwang, um den Frsten und den Vlkern zu zeigen, was das sei: Macht ohne
Gerechtigkeit.
    Nachdem die Dom- und Stiftsherren wie ausgediente Beamte gleichsam in
Ruhestand und auf Pensionen gesetzt worden waren, kam es vor, da mancher sich
selbst skularisierte, nmlich zum Weltgeist sich hielt und nicht blo in,
sondern auch mit der Welt so grndlich sich einlebte, wie der niedere Sinn es
vielleicht schon lngst begehrt hatte. Daraus entsprang mannigfach rgernis und
Betrbnis. Wenige mochten mit tieferer Trauer auf diese Mistnde, auf diese
Verwstung des Heiligtums und ihre Verwster blicken, als Levin. Nach der
Auflsung seines Stiftes hatte er sich zu seiner Mutter begeben, die an
schweren, unheilbaren Leiden langsam dahinsiechte - auch sie eine Verwsterin
des kstlichsten Heiligtums: ihrer eigenen Seele. Die vielen Verirrungen ihres
Lebens hatten sogar seinem frommen reinen Auge, das so gern mit liebender
Verehrung an ihr gehangen htte, nicht verborgen bleiben knnen. Ein Alltagsherz
wre dadurch erkltet, bei ihm aber ging die natrliche Liebe des Sohnes in die
bernatrliche des Priesters auf, dessen Beruf es ist, alle Tage seines Lebens
fr die Snden der Welt und des einzelnen nicht blo als Opfernder, sondern auch
als Opfer, unter dem Kreuze nach Kalvaria zu gehen. Die bejahrte, kranke Frau
hing noch immer an allem Tand der Eitelkeit, als ob sie zwanzig Jahre alt sei.
Wenn die Wucht der Leiden ein wenig nachlie, schminkte sie ihre abgezehrten
Wangen mit dem schnsten Karmin und versuchte vor dem Spiegel ein Hubchen nach
dem andern, bis ihre Wahl sich fr das jugendlichste und eleganteste entschied.
Dann nahm sie gern solche Besuche an, die von neuen Moden und neuen Romanen zu
erzhlen wuten. Eine ihrer Kammerfrauen verstand gut vorzulesen und hatte
dadurch einen schweren Dienst; denn sie mute viele Stunden des Tages, zuweilen
sogar der Nacht, solche Bcher vorlesen, in welchen die Kranke eine Erinnerung
oder Wiederholung der nichtigen Freuden und trichten Leiden ihrer Vergangenheit
fand. Sie hatte ihre Seele dermaen an uere Dinge gehngt, da ihr Sinn wie
tot fr das Hhere war.
    Levin hatte keine Vorstellung von dieser seelischen Abgestorbenheit seiner
Mutter. Nicht er, sondern sein lterer Bruder, der Stammherr, war der Gegenstand
ihrer Zrtlichkeit und Sorgfalt gewesen, und in diesem Punkt - dem einzigen in
ihrer Ehe - stimmte sie mit ihrem Gemahl berein. Die engen Herzen faten die
Familie nur in ihrem Zusammenhang mit der Welt auf. Glanz und Ansehen, Reichtum
und Grundbesitz, Vertretung des uralten Namens - alles knpfte sich an den
Erstgeborenen. Levin war berflssig, wurde auch immer so behandelt und in den
geistlichen Stand wie in ein Exil geschickt. Vielleicht war es diese irdische
Enterbung, die ihm das himmlische Erbe zuwendete. Die Geringschtzung von Seiten
der Eltern bewirkte, da er sich selbst von Herzen geringschtzte und sich von
Kindheit auf daran gewhnte, fr nichts zu gelten und seine Wnsche wie seine
Persnlichkeit nie in Anschlag zu bringen. Er htte kleinmtig, feig und
mitrauisch werden knnen; aber er hatte die Geisterweihe der Frmmigkeit
empfangen: er wurde demtig. Er traute sich selbst nichts Gutes zu; darum
flchtete er, wenn das Bse sich ihm nahte, zu der gttlichen Gnade - und sie
erhielt ihn gut. Je mehr er diese Wirkung der Gnade in sich erkannte, desto
entschiedener und inniger hing er sich ihr an, folgte ihr und suchte mehr und
mehr aus seiner Seele zu rumen, was an Eigenliebe und Selbstsucht ihr
entgegenstand. Der ersten, der natrlichsten Liebe, der Elternliebe beraubt,
senkten seine Herzfasern sich berhaupt nicht mehr in eine Erdenliebe ein. Der
Boden war zu kalt und zu arm fr sie; sie richteten sich aufwrts; sie faten
Wurzel im Stamme des Kreuzes; und seine Liebe wurde der Gekreuzigte. Mit dieser
Liebe kam er zu seiner Mutter, betrat er ihr Krankenzimmer und verlie es Jahr
um Jahr nicht mehr. Sie lebte jetzt auf Schlo Windeck, dessen Stille ihren
Leiden wohltat und wo sich immer einige Glieder der Familie aufhielten und ihr
Gesellschaft leisteten, am seltensten ihr Gemahl und ihr ltester Sohn. Levins
Vater hatte sich wenig um seine Frau bekmmert, ihr schon frh das Beispiel
seiner Irrwege gegeben und oft jahrelang von ihr getrennt gelebt. Das ging auch
jetzt so fort. Der lteste Sohn war verheiratet und in der Nhe seiner
Schwiegereltern angesessen; berdies wenig geneigt, die Einsamkeit eines
Krankenzimmers zu teilen. Levin war seiner Mutter kaum willkommen. Sie hatte nie
ein Herz fr ihn gehabt und traute ihm daher auch keines fr sich zu.
    Er will mich gewi bekehren, sagte sie zu Frulein Leonore, ihre Cousine
und Busenfreundin, die sich fast immer bei ihr aufhielt und noch oberflchlicher
und weltlicher war, als sie.
    Bekehren? warum denn? fragte Frulein Leonore ganz verwundert. Ich
dachte, man bekehrte nur die Heiden, die Wilden und solche Vlker.
    Zwischen Frulein Leonore, einigen anderen Verwandten dieses Schlages und
den Kammerfrauen mit Romanen und Modejournal wollte Levin Fu fassen, um das
Herz seiner armen Mutter der Welt abzuringen. Fr diesen Kampf mute er seine
Festung haben. Die Schlokapelle war ganz vernachlssigt oder - richtiger gesagt
- vergessen. Man hatte die Erlaubnis, das Sanktissimum darin aufzubewahren;
statt dessen bewahrte man altes Hausgert darin auf, das man zum eigenen
Gebrauch zu schlecht und fr die Armen zu gut fand. Ein Hauskaplan, eine
tgliche Messe - das waren Dinge, die nicht im Gedankenkreise von Levins Eltern
gelegen hatten. In aller Stille und Ruhe machte Levin dem Haushofmeister
begreiflich, da es sich zieme, die Kapelle in Ordnung zu setzen, damit er nicht
auerhalb des Schlosses die Messe zu lesen brauche. Der Haushofmeister meinte:
wenn sich grfliche Gnaden damit bemhen wollten, so sei es allerdings
geziemend, es im Schlo zu tun; und die Kapelle wurde eingerichtet.
Altargertschaften, Paramente, Weizeug waren teils verschwunden, teils
unbrauchbar durch lange Vernachlssigung. Levin schaffte alles Notwendige aus
seinen Mitteln an. Aber diese waren beschrnkt durch seine unbeschrnkten
Almosen. Nur die Gefsse, welche bei der Feier der heiligsten Geheimnisse
dienten, lie er prchtig und kunstreich anfertigen; alles andere konnte nur
ganz schlicht sein. Aber welch ein Frohlocken durchstrmte seine Seele, als nun
alles geordnet und bereitet - und er selbst so glcklich war, den verborgenen
Gott, wie der Prophet Isaias ihn nennt, dessen Lust es ist, bei den
Menschenkindern zu sein - wieder zu dem verlassenen Altar zurckzufhren und
wieder unter dem Dache der Vter zu haben. Er zweifelte nicht, da diese
gttlich wahrhafte, mystische Gegenwart ein Teich Bethesda, ein Born des Heils
und der Genesung fr seine arme Mutter sein werde. Sein Leben wurde nun ein
fortgesetztes Gebet, damit sie den Gnadenquell erkennen mge, der in ihrer
nchsten Nhe geffnet sei; damit sie wenigstens in ihren letzten Stunden den
Gott nicht verschmhe, der mit seinem Blut sie retten wollte; der zrtlich
wartend vor der Tre stand und anklopfte - und wieder und immer wieder
anklopfte; und dem das arme Herz sich nicht ffnen wollte. Es gab Zeiten, wo er
Unsgliches litt. Seine in die ewige, gttliche Schnheit verliebte Seele
erschauerte vor der Klte eines Gemtes, das gar kein Verlangen trug nach
Ewigschnem. Dann seufzte er: O Herr und Heiland! es ist meine Schuld! wenn ich
in Deine Liebe einzugehen verstnde, wenn ich in Dir lebte und webte, und mich
Dir gleichfrmig zu machen wte, so weit meine Armseligkeit es vermag: so
wrdest Du das Werk Deiner Gnade in mir - an meiner armen Mutter vollenden und
sie knnte Dir nicht widerstehen. Aber ich Snder stehe zwischen Dir und ihr,
wie eine Mauer, welche der Blume den Sonnenstrahl raubt. Er hatte anfangs
versucht, zuweilen ein Wort von himmlischen Dingen fallen zu lassen; es war aber
fr sie, als ob er arabisch rede. Er schwieg; doch je weniger er von Gott zu ihr
sprach, desto mehr sprach er von ihr zu Gott. Er durchwachte und durchweinte
halbe Nchte vor dem Altar, namentlich dann, wenn die Heftigkeit ihrer Leiden
jeden Augenblick ihren Tod herbeifhren konnte; - und in der sterlichen Zeit,
wenn er umsonst vor ihr auf den Knien gelegen und sie beschworen hatte, ihrer
Christenpflicht nachzukommen. Die Zeit war wirklich eine Oelbergsnacht fr ihn.
Dann berwog ein Blick auf das heiligste Leiden jedes Bedenken; dann flehte er
die Mutter an, doch nicht denjenigen zu vergessen, der in bitterer Todesnot
ihrer nicht vergessen habe; doch eingedenk zu sein, da sie ja gleichsam mit den
armen Schchern durch ihre Leiden am Kreuze hinge und sich das Paradies
erschlieen knne durch einen Akt demtiger Liebe. Dann empfing er immer
dieselbe Antwort, die khle Versicherung, da sie groes Vertrauen zur
Barmherzigkeit Gottes - aber gar keines zu kirchlichen Ceremonien habe. Ja, sie
lie sogar nicht undeutlich merken, der liebe Gott sei eigentlich ihr Schuldner
wegen der groen und langen Marter, die sie ertragen msse; und Frulein Leonore
ermangelte nicht, in demselben Sinne zu Levin zu sprechen und ihn mit Vorwrfen
zu berhufen, da er durch seinen unkindlichen Fanatismus die Ruhe der kranken
Mutter stre.
    Gndige Cousine, sagte Levin einmal bei dieser Gelegenheit, kme ein
Arbeiter zu Ihnen und sprche: Gib mir meinen Lohn, denn ich habe den ganzen Tag
schwer gearbeitet; so wrden Sie ohne Zweifel, ehe sie ihn bezahlten, fragen:
Hast du denn in meinem Auftrag und fr mich gearbeitet? - Und wenn er antworten
wrde: Nein, ich habe fr andere oder auch nur so auf gut Glck gearbeitet; so
wrden Sie sagen: Mein Freund, dann kann ich dich auch nicht bezahlen. Nicht
wahr?
    Das versteht sich, sagte Leonore; aber was geht das Ihre arme Mutter an?
    Nur insofern, gndige Cousine, als der Dienst der Welt keinen Anspruch
machen darf an himmlische, selige Vergeltung.
    Aber doch gewi an die Barmherzigkeit Gottes, dessen Liebe Sie ja so feurig
preisen, wandte sie ein.
    Ja, unter einer Bedingung.
    Nein, unter keiner! Das lehrt uns ja ganz deutlich der arme Schcher, von
dem Sie vorhin redeten. Christus verspricht ihm das Paradies.
    Denn er bekennt seine Snde, bekennt die Gerechtigkeit der Strafe, die er
leidet, bekennt seinen Erlser, ergnzte Levin ihre Bemerkung.
    Wie Sie das alles deuten! rief Leonore.
    Sie deuten es ja auch, gndige Cousine.
    Aber mit Liebe! und Sie - mit Hrte und Strenge.
    Wenn das Hrte und Strenge ist, so haben Sie, gndige Cousine, mehr Liebe
als der gttliche Erlser selbst, der nur dem einen Schcher das Paradies
versprach.
    Sie sind freilich ein Schriftgelehrter, sagte Leonore mit einem Tone, der
deutlich verriet, da sie im Herzen den Zusatz mache: und Phariser.
    Levin schwieg. Die Welt versteht die Liebe in ihrem Sinn, nmlich als
Schmeichelei. Sie lst die Wahrheit von der Liebe ab, weil die Wahrheit nicht
schmeicheln kann und erklrt ohne Umstnde Denjenigen fr lieblos, der Wahrheit
und Liebe vereint in Gott sieht.
    Eine Seele retten ist mehr als Wunder tun: das war Levins Wahlspruch. Wo er
nur konnte, diente er den Seelen. Er hatte sich die Erlaubnis erbeten, in der
Seelsorge aushelfen zu drfen. Das war seine Wonne! Niemand war eifriger, das
Busakrament zu spenden; Niemand bereitwilliger, der Jugend Christenlehre zu
halten. Zu diesen Werken geistlicher Barmherzigkeit fgte er auch die
leiblichen. Er ging stundenweit umher und suchte Kranke, Arme, Verlassene,
Witwen und Waisen, Kinder und Greise auf, um ihnen in ihren vielfachen Nten
beizustehen, um zu helfen, zu trsten, zu retten, um zu sorgen fr die
Sorglosigkeit des Elendes, um die irdisch Verlassenen in den Himmel zu ziehen.
Kein Wintertag, keine Regennacht, kein Herbststurm hielt ihn zurck von den
Wegen, auf denen er als ein liebender Nachfolger seines gttlichen Meisters
wandelte, unsglich dankbar, da ihm diese hohe se Gunst zu Teil werde. Im
Kreise seiner Familie fand man ihn sehr berspannt. Sein Vater fhlte sich
geradezu dadurch beleidigt, als ob es die Wrde der Grafen von Windeck verletze.
Sein Bruder, ein hchst gemtlicher aber beschrnkter Mann, staunte diese
Liebhaberei fr die armen Leute - wie er sich ausdrckte - als eine Kuriositt
an. Seine Mutter krittelte und mkelte krankhaft an all' seinem Tun und Lassen.
Die Hausbedienten und Untergebenen, eines solchen Mitgliedes der grflichen
Familie gnzlich ungewohnt, wuten nicht genau, ob er nicht etwa fr ein wenig
nrrisch zu halten sei. In dem Kreise seiner Pfleg- und Schtzlinge fand er
zahllose Undankbare, Zudringliche, Boshafte, Verkommene, die ihm Verlegenheit,
Kummer und Sorge, zuweilen tiefe Betrbnis verursachten. Wohin er sich wendete,
fand er nichts als Krnkungen und Widerspruch; wohin er die Hand legte und den
Fu setzte, griff er in Dornen, trat er auf Dornen. Das war ihm gerade recht. Er
dachte an die Nichtachtung, die der Heiland in Nazareth fand; an die zehn
Ausstzigen, die der Heiland gesund machte und von denen nur Einer ihm dankte,
und mit demtiger Freude sprach er zu sich selbst: Der Knecht ist nicht ber den
Herrn! und wer bin ich, o geliebter Herr, da ich dein Knecht sein darf? -
Wollte einmal Unlust, Ermdung, Bitterkeit frostig sein Herz anhauchen: so
gedachte er der Verschmhung, welche der aus Liebe gekreuzigte Gott tagtglich
erfhrt - und wie der nchtliche Reif vor dem Strahl der aufgehenden Sonne von
der Frhlingslandschaft verschwindet: wich jede Klte aus seinem Herzen und
tausend Blten der Hingebung, der Opferfreude, der Geduld, der Barmherzigkeit
drngten sich frhlich und frisch empor.
    So brachte er sieben Jahre hin, die schnsten der Jugend, entsagend und
gottliebend wie der Mnch in der Zelle und der Ascet in der Wste. Es nahete
wieder die heiligschne sterliche Zeit, die so bedeutungsvoll in die letzten
Winterstrme und den Vorfrhling fllt, gleichsam als Vorbote des
bernatrlichen Frhlings, der mit dem Auferstehungsfest beginnt. Die Grfin war
so krank, da die rzte ihr hchstens noch einige Wochen - vielleicht nur Tage,
Lebensfrist gaben. Mehr Weh, als sie krperlich litt, fhlte Levin in der Seele.
Die zwiefache Liebe des Sohnes und des Priesters wurde unter den obwaltenden
Umstnden zu einem zweischneidigen Schwert, das ihm das Herz durchbohrte. O
Herr! seufzte er auf den Knien vor einem Kruzifix, sieben Jahre diente im alten
Bunde Jakob um Rahel, und als die Zeit um war, hatte er nur Lea gewonnen und er
mute abermals sieben Jahre dienen: also vierzehn Jahre um ein armseliges
Staubesgebilde, an dem nichts schn war, als deine Gnade. Aber er diente mit
Freuden, weil seine Liebe zu Rahel so gro war. Ach, wie ist diese Liebe zu
einem sterblichen Weibe so beschmend fr mich! kann ich denn nicht vierzehn
Jahre Dir dienen aus Liebe zu einer Seele? sind mir schon diese sieben Jahre zu
viel? Aber Du weit es, geliebter Herr: nicht sieben Jahre und nicht siebzig
Jahre - sondern mein Leben lang ist es eine wonnevolle Gnade, Dir dienen zu
drfen als ein armer Bettler, der ich bin. Vergi nun aber auch nicht, um welche
Seele ich bettele! - So go er oft kindlich sein Herz vor Gott aus und bat um
Erleuchtung, wie er es anzufangen habe, um mit seiner heiesten Bitte diesmal
nicht von der Mutter abgewiesen zu werden. Am Mittwoch in der Charwoche beginnt
die Kirche gegen Abend feierlich klagend die Tenebr zu beten und die
Lamentationen zu singen, die der Prophet Jeremias um Jerusalems Fall weint -
Vorbild der Klagen des Erlsers um gefallene Seelen. Als Levin am Morgen zu
seiner Mutter kam, lag sie geisterhaft bleich und zum Skelett abgezehrt auf
ihrem Bett und die Schatten des Todes schlichen schon ber ihre Zge. In ihrem
eingesunkenen Auge glnzte aber ein ganz fremdes, mildes Licht auf, als sie ihn
ansah und sagte:
    Mein Sohn, lies mir die Passion nach Johannes vor und la den Pater
Guardian von Engelberg bitten, sich zu mir armen Snderin zu bemhen.
    Stumm vor Ueberma der Freude sank Levin neben dem Bett auf seine Knie. Die
Grfin fuhr fort:
    Vor vielen, vielen Jahren, ehe ich so unglcklich war, mich vom Glauben
abzuwenden, hrte ich sie, am Charfreitag mein' ich, im Dom zu Wrzburg lesen.
Es war das letzte der Art, was ich gehrt habe - und ich will sie noch einmal
hren, ehe ich sterbe.
    Auf seinen Knien, das Buch auf den Rand des Bettes gelegt, las Levin, in
Wehmut zerschmelzend, ihr die Passion nach Johannes vor. Dann kam der Pater
Guardian und blieb bei ihr lange, lange Zeit, so da Frulein Leonore und die
Kammerfrauen frchteten, sie knne wohl schon abgeschieden sein und der Pater in
seinem Gebetseifer es nicht bemerken. Als der Pater endlich das Krankenzimmer
verlie, fand man die Grfin aufgelst in Trnen. Die ganze Dienerschaft, alle
Hausgenossen muten sich auf ihren Wunsch um ihr Sterbelager versammeln. Sie bat
alle zusammen und jeden einzeln um Vergebung wegen des bsen Beispiels und des
rgernisses, das sie durch Verachtung der Kirche und des Glaubens gegeben habe,
und forderte Alle auf, nicht bis zur Todesstunde mit der Bekehrung und der Bue
zu warten. Zu Levin sagte sie dann:
    Um Dir den Gram abzubitten, den ich Dir gemacht habe, mein Sohn - dazu
fehlen mir die Worte .... und die Zeit. Bete fr mich, bete fr unser ganzes
Haus! ein gottentfremdetes Leben ist ein elendes Leben .... und ach! meistens
werden wir das erst dann gewahr, wenn es uns entschwindet. Gott Dank, da Du es
frh begriffen hast! Also bete, Kind! Du bist so gut, da der liebe Gott Dir
gewi nichts abschlgt. Er hat ja auch Dein Gebet fr mich erhrt! .... Gelange
ich einst zu seiner seligen Anschauung, so dank' ich es Dir.
    Mit groer Sammlung empfing die Grfin die Sakramente der Sterbenden. Ein
Altar war in ihrem Zimmer hergerichtet; im Vorzimmer lagen die Hausbedienten auf
den Knien; katholische Erinnerungen wurden in ihnen wach; sie hatten doch noch
die Ahnung davon, was es sei, wenn sich der Knig der Ewigkeit herablt, auf
den ersten Wink eines armseligen Geschpfes, das ihn so lange verschmht hat,
beseligend einzugehen.
    Als die ersten Glockenschlge in Kloster Engelberg den Beginn der
Passionszeit mit den Tenebrn anzeigte, trat die Grfin in die Agonie.
Unsgliche Qualen wechselten mit Bewutlosigkeit ab. Konnte sie aber einmal bei
Besinnung aufatmen, so kte sie zrtlich ein Kruzifix, das Levin an ihre Lippen
legte, sah ihn an und breitete ihre Arme in Kreuzform aus. Er verstand sie: am
Kreuz wollte sie sterben; am Kreuz sollte er leben. Er schrak nicht vor diesem
Wunsch, vor dieser Erbschaft zurck. Er verlie seine Mutter keinen Augenblick,
und in Trnen und Gebeten aufgelst pries er die Barmherzigkeit Gottes, die ihr
solche Gesinnungen schenkte. Am Charfreitag in der Frhe kam sein Vater, der
ohnehin hchst gleichgiltig fr die Grfin - und zu lange daran gewhnt war, sie
sterbend zu wissen, um nicht ganz vorbereitet zu sein auf ihren Tod. Aber - auf
diesen Tod war er freilich nicht vorbereitet! Diese entsetzliche Agonie, auf
deren Qual das Licht des Glaubens so trstlich fiel, hatte er nicht erwartet.
Der Eindruck war so erschtternd fr Jemand, der lebenslang jeden Ernst gemieden
hatte und der nun pltzlich an den furchtbaren Ernst eines jeden Lebens gemahnt
wurde, welches unwiderruflich so endet, da der alte Mann am Sterbebett
zusammenbrach. Die Grfin tat ihren letzten Atemzug am Charfreitag zur Stunde
der Vesper. Der Graf wohnte ihren Exequien bei; dann erkrankte er und genas
nicht wieder - dem Krper nach. Seine Seele aber fand Genesung durch das Brot
des ewigen Lebens, welches der Glaube ihm verhie und die Kirche ihm
vermittelte. Nach wenigen Wochen stand auch sein Sarg in der Familiengruft zu
Kloster Engelberg und der Friede des Grabes vereinigte dies Ehepaar, das durch
den Unfrieden des Lebens so traurig getrennt gewesen war. Die Welt, in ihrer
oberflchlichen Anschauungsweise, machte einige sentimentale Phrasen: wie
rhrend es sei, da so oft alte Eheleute sich schnell im Tode nachfolgten - und
wie so sehr rhrend, da sich dies auch bei zwei Menschen ereigne, von deren
guter Eintracht man so wenig gewut habe - und dann wurde dies hchst rhrende
Ereignis vergessen. Levin's Bruder, Graf Matthias, der Erb- und Stammherr, kam
nun nach Schlo Windeck. Er war ein Mensch, dessen groe natrliche Gutmtigkeit
fr seinen Mangel an geistigen Fhigkeiten htte entschdigen knnen, wenn sie
durch eine feste religise Grundlage zur Tugend gemacht worden wre. Daran
hatten aber seine Eltern nie gedacht; und so sank diese schne Gabe Gottes zu
Schwche, Leichtsinn, verkehrter Nachgiebigkeit - zu einem Spielball eigener und
fremder Laune herab. Er fhlte das und war nicht glcklich; am wenigsten in
seiner Ehe mit Juliane, einer reichen und stolzen Erbtochter, die ihm an
Verstand weit berlegen war und es bei jeder Gelegenheit zur Schau trug. Niemand
war weiter davon entfernt, als sie, sich zum Opfer zu bringen; und niemand
suchte mehr als sie die Rolle eines Opfers der Konvenienz zu spielen, indem sie
behauptete, nur zwei Huser, aber nicht zwei Herzen htten diese Ehe
geschlossen. Mit einer Frau, die ihn nicht durch ihr bergewicht erdrckt htte,
wrde Mathias sich vielleicht gehoben haben. Julianens verkehrte Art bewirkte
das Gegenteil: er lie sich gehen in Leichtsinn und an Nichtigkeit, an armselige
Beschftigungen und freudenlosen Lebensgenu. Die Richtung auf das Himmlische,
die sich so frh und entschieden in Levin aussprach, lag in ihm, dem verwhnten
Liebling der Eltern, der den Sonnenschein irdischen Glckes geno - abgestorben
da. Diese Richtung blht meistens nur in solchen Seelen auf, die, wie im Winter
Hyazinthen - hinter gefrorenen Fensterscheiben des Lebens stehen. Matthias hatte
seinen Bruder von Herzen gern, nur aber verstand er dessen in Gott ruhendes
Gemt gar nicht. Doch sagte er ihm:
    Levin, Du bist unser Beter! Du bleibst doch immer hier bei uns auf Windeck
- nicht wahr? Du tust uns gar zu sehr not: den Eltern da drben, und mir und den
Buben hier.
    Und Juliane? fragte Levin bedenklich.
    Juliane! sagte Graf Matthias verlegen. Ja so! .... Juliane! .... ich
verga sie! Levin, ich bitte Dich - sprich selbst mit ihr.
    Das tat Levin sehr gern. Er fragte seine stolze Schwgerin ganz einfach und
freundlich, ob sie damit einverstanden sei, da er als Hauskaplan auf Windeck
bleibe. Er legte Nachdruck auf den Hauskaplan; denn das war eben die Stellung,
die er im Hause seiner Vter zu haben wnschte. Juliane kannte ihn kaum, hatte
nie die mindeste Teilnahme fr den bescheidenen, schweigsamen Schwager versprt,
der gegen jedermann so gleichmig freundlich war. Sie antwortete uerst
gleichgiltig:
    Ach ja, recht gern! Warum sollte ich nicht!
    Levin aber ging in seine geliebte Kapelle und dankte Gott aus der Flle
seines Herzens. Wenn er nicht auf Windeck geblieben wre, so htte vermutlich
die Feier der heiligsten Geheimnisse dort aufgehrt; denn in Matthias lag das
religise Bedrfnis brach und Juliane war protestantisch. Er hatte den Gnadentau
vergessen, den das heilige Meopfer im Blute Jesu ausstrmt - und sie hatte nie
etwas davon gehrt. Levin hoffte, da dieser Urquell des Heiles den beiden
Kindern seines Bruders zu gute kommen werde.
    Es war die Zeit der franzsischen Kriege, als Deutschland sich entschlo,
die fremde Zwingherrschaft abzuschtteln. Der Schlachtruf fiel belebend in die
unttige, marklose Existenz des Grafen Matthias. Als die Mnner und Jnglinge
sich zum Kampfe scharten, sagte er:
    Ich gehe auch mit! - und sagte es mit einer solchen Entschiedenheit, da
Juliane, die schon den Mund zum Widerspruch gefnet hatte, zum erstenmale ihrem
Manne gegenber verstummte. Matthias ordnete seine Geschfte und
Angelegenheiten, bestimmte im Fall seines Todes Levin zum Mitvormund seiner
beiden Shne, nahm Abschied von den Seinen und rstete sich zur Abreise. Da
sagte Levin:
    Jetzt bitte ich Dich, lieber Matthias, mache noch einen Abschiedsbesuch mit
mir.
    Sehr gern, sagte Matthias; aber bei wem denn? Ich glaube, bei smtlicher
Verwandtschaft und Freundschaft gewesen zu sein.
    Schweigend deutete Levin nach Kloster Engelberg hinber.
    Ja! rief Matthias, komm' zur Gruft.
    Whrend sie ber den Main fuhren, sagte Levin innig:
    Matthias! alles Zeitliche hast Du wohl besorgt fr einen mglichen Fall.
Wie steht es aber mit dem Ewigen?
    Mit dem Ewigen? wiederholte Matthias langsam. Schlecht, Levin! ich
frchte, sehr schlecht.
    Wer das frchtet, mit dem steht es keinesweges schlecht, entgegnete Levin
liebevoll.
    Matthias wurde ernst und nachdenkend und sagte nach einiger Zeit:
    Ich wre ein groer Tor, wenn ich das irdische Haus, das ich vielleicht auf
immer verlasse, bestellt, und nicht daran gedacht htte, mir die Anwartschaft
auf das himmlische zu erffnen! Pater Seraphin soll mir helfen, die Rechnung in
Ordnung zu dringen, die ich dem lieben Gott abzulegen habe. Ich danke Dir,
Levin, da Du mich daran erinnert hast. Ich behaupte ja immer, Du seiest unser
Beter! Vater und Mutter hast Du in ein seliges Sterbestndlein hinein gebetet;
ich hoffe, Du tust es auch fr mich.
    Levin drckte ihm schweigend die Hand und blieb vor dem Gnadenbilde der
Mutter Gottes in dem Kirchlein von Kloster Engelberg, betend fr die
Abgeschiedenen und fr die Lebenden, whrend Matthias mit Pater Seraphin seine
Rechnung machte - wie er es nannte. Als sich die Brder spter zur Heimkehr
zusammenfanden, hatte Matthias rotgeweinte Augen und er sagte zu Levin:
    Versprich mir Eines! versprich mir dafr zu sorgen, da die Buben eine
katholische Erziehung und katholische Frauen bekommen - fr den Fall meines
Todes. Als Vormund ist das ja ohnehin Deine Pflicht.
    Ich frchte, Juliane wird sie mir schwer, vielleicht unausfhrbar machen.
Was in meinen Krften liegt, werd' ich tun. Das brauche ich Dir nicht zu
versprechen.
    Htte ich doch Juliane ganz von der Vormundschaft ausgeschlossen! aber ....
das war nicht wohl mglich; sie ist und bleibt die Mutter! .... die reiche
Mutter.
    Levin schwieg. Er kannte diese kleinen nachdruckslosen Emancipationsgelste
vom Weiberregiment bei Matthias. Als sie ins Schlo zurckkamen, empfing Juliane
sie mimutig und sagte:
    Wie kann man sich denn aber so lange in der feuchten Gruft aufhalten! Du
wirst gewi den Schnupfen bekommen, Matthias. Du hast ihn schon! .... ich sehe
es Deinen Augen an.
    Wer sich vor den Kugeln nicht frchtet, darf sich auch nicht vor dem
Schnupfen frchten, entgegnete Matthias mit groem Gleichmut. Er hatte geweint
- die Trnen geweint, die aus den Tiefen des Gemtes aufquellen; und Juliane
sprach von seinem Schnupfen; ein solches Verstndnis herrschte in dieser Ehe!
    Graf Matthias zog aus - und kam nicht wieder. Er blieb in der Schlacht von
Waterloo. Juliane weinte anstandshalber ein paar Trnen und sorgte mit groer
Aufmerksamkeit dafr, da die verschiedenen Grade der Trauer in ihrer eigenen
Kleidung und der ihrer Shne und ihrer Dienerschaft whrend des Trauerjahres
pnktlich beobachtet wurden. Sie brachte dies ganze Jahr auf Windeck zu, weil es
sich so schickte. Sie beschftigte sich mit Lektre und Handarbeit;
hauptschlich aber mit der Verwaltung des Vermgens. Das verstand sie aus dem
Grunde; hatte auch nie ihrem verstorbenen Mann gestattet, sich darein zu
mischen. Beide hatten die bereinkunft getroffen, da Damian, der lteste Sohn,
das ganze Windeck'sche Vermgen, und Gratian, der nachgeborene, das mtterliche
erhalte, welches sie als eine Stamberg'sche Erbtochter besa. Diesen groen
Reichtum zu ordnen, zu mehren, den grtmglichsten Vorteil zu berechnen und zu
benutzen, umsichtig wie ein Geschftsmann und sorglich wie eine Haushlterin
dabei zu Werke zu gehen, dies war Julianens liebste Unterhaltung und grte
Freude. Sie war nicht geizig, sie hielt ihre Untergebenen gut, bezahlte Beamte
und Dienerschaft hinreichend, hatte eine Liste von Almosenempfngern: sie war
nur eben ein so trockenes und kaltes Gemt, da diejenigen Interessen, welche
sich in Ziffern ausdrckten, ihr am meisten zusagten. Jeder idealen Richtung,
die etwas anderes begehrt, als die Interessen des Lebens auf ein Rechenexempel
zu beschrnken, war sie abhold. Sinn fr das bernatrliche, Neigung zu
himmlischen Dingen, hhere Auffassung der irdischen Verhltnisse nannte sie
Schwrmerei, und sorgsam suchte sie ihre Shne, die bei des Grafen Matthias Tod
zwlf und dreizehn Jahre alt waren, in dieser frostigen Atmosphre zu erhalten.
Bei Damian wurde ihr das sehr leicht; bei Gratian schwerer, denn des Vaters Gte
und ursprngliche Gemtlichkeit war auf ihn bergegangen. Levin war und blieb
fr Juliane ein harmloser Schwrmer, der aber doch so nahe an Narrheit streifte,
da sie ihre Shne auf's Krftigste gegen seinen Einflu zu schtzen suchte und
zwar durch ein Mittel, welches bei Kindern und bei Alltagsmenschen selten die
beabsichtigte Wirkung verfehlt: durch Geringschtzung Levin's. Es gehrt
Gemtstiefe, oder ein sehr gutes Herz, oder geistiger Scharfblick, oder eine
sehr groe Liebe dazu, um sich nicht der Geringschtzung anzuschlieen, die eine
Person, welche als Autoritt gilt, oder die mehrere Personen, bei denen die
Anzahl die Autoritt ersetzt, anhaltend gegen jemand an den Tag legen. Es war
eine ganz besondere Fgung, da Levin wiederum in huslichen Verkehr mit einer
Frau kommen mute, die Nichtachtung fr ihn empfand. Bei seiner armen Mutter
entsprang diese Nichtachtung aus einer Art von Rache, welche das befleckte
Gewissen an der Tugend zu nehmen suchte; bei seiner Schwgerin aus Stumpfsinn
gegen das, was Tugend berhaupt ist: Selbstverleugnung aus Liebe zu Gott. Fr
Jene war Levin ein heimlicher Vorwurf; fr Diese - eine Null. Jene fhlte
unwillkrlich, da sein Leben ganz absichtslos ihr Leben verurteile; Diese hielt
sich fr dermaen vollkommen, da eine Levinsseele neben solcher Vollkommenheit
spurlos verschwand. Aber diese Seele ertrug mit derselben milden und
gleichmigen Liebe jetzt die Schwgerin wie frher die Mutter. Seine ganze
Sorgfalt richtete sich darauf, da ihm die Kinder nicht entfremdet wrden. Dabei
leitete ihn keine egoistische Absicht, nur das Verlangen, dem letzten Wunsche
seines Bruders nachzukommen und die jungen Seelen im Glauben zu schirmen.
Juliane war ganz gleichgiltig gegen alle Konfessionen; da die Windecker nun
einmal katholisch waren, so muten auch ihre Shne katholisch sein. Lieber wre
es ihr gewesen, wenn sie protestantisch htten sein knnen; keineswegs aus einem
religisen Beweggrund, nur weil sie selbst protestantisch und unaussprechlich
zufrieden mit ihrer eigenen Entwickelung und Richtung war. Sie berlie es
Levin, fr Hofmeister und Lehrer zu sorgen, denn sie erwartete von seiner
Gewissenhaftigkeit zweckmige und gediegene Wahlen, und sie wnschte, da ihre
Shne eine vortreffliche Erziehung bekmen. Nur verschmhte sie eine religise
Grundlage derselben und alle uerungen und Einflsse, die aus der Flle des
Glaubens in das Leben und in andere Gemter bergehen. Eine Mutter wirkt
erwrmender oder erkltender auf das Gemt ihrer Kinder, als alle brigen
Menschen zusammen genommen. Juliane hielt ihre Shne in dem Kreise der
Selbstsucht und der Eigenliebe fest, worin sie sich selbst bewegte, und machte
dann hufig bittere Vorwrfe an Levin, da der Hofmeister sie zu nichts anderem,
als zu kleinen Egoisten erziehe.
    Ich mhe mich ab in Geschften, Sorgen und Arbeiten; ich gebe ihnen das
Beispiel eines opferwilligen Lebens; ich kenne kaum eine andere Freude, als die
Erfllung meiner Pflichten; ich strebe dahin, meinen Shnen die beste Erziehung,
alle Bildungsmittel, jeden Unterricht zukommen zu lassen, und sehe doch gar
wenig guten Erfolg, klagte sie mimutig ihren Freunden. Es war aber niemand
unter ihnen, der ihr geantwortet htte: Ja, das alles tust du; aber hast du
dabei die Ehre Gottes und das ewige Heil deiner Shne vor Augen? Erflehest du
dir von Gott das Licht der Gnade, um deine Shne zu tchtigen Mnnern zu
erziehen? Schpfest du deine Opferwilligkeit aus dem Quell jedes wahren Opfers:
aus der Liebe zur gttlichen Liebe? Entnimmst du das Beispiel, das du deinen
Shnen gibst, der Nachfolge deines Heilandes? - Beantwortest du all' diese
Fragen, getreu der Wahrheit, mit Nein! so hre auf, dich zu beklagen und zu
staunen: du streuest irdische Saat aus und sie trgt die irdische Ernte ein.
    Wie oft hatte Levin versucht, ihr ganz leise solche Andeutungen zu machen!
wie oft ihr vorgestellt, da ein warmes, aufrichtiges, religises Leben der
Boden sei, auf welchem Frchte der Gnade gediehen! Juliane fate das mit der
hchsten Oberflchlichkeit auf und pflegte zu antworten:
    Ja, ich wei schon, welch Gewicht Sie auf das Gebet legen, auf den
Gottesdienst, auf die gemeinschaftliche Andacht; ich sehe aber nicht, da meine
Shne dadurch besser werden! Ich meinesteils begnge mich ganz einfach, Gott so
zu verehren, wie er es haben will: nmlich im Geist und in der Wahrheit.
    Die Ablsung vom kindlichen glubigen Geist des Christentums, die
Vereinzelung in nchterner Verstandesde nannte Juliane eine Anbetung im Geist
und in der Wahrheit, ohne zu beachten, da bei diesem gnzlichen Mangel an Geist
und Wahrheit auch die Anbetung zu kurz kommen msse. Zu jeder Andachtsbung, die
Levin mit ihren Shnen machte, zuckte sie die Achseln oder lchelte sie
mitleidig oder schaute mit kalter Gleichgiltigkeit zu. Wie ein erttender Reif
fiel diese Frostigkeit des Gemtes auf jene Keime, die Levin so gern zu Blten
in den Seelen seiner Neffen entwickelt htte. Aber er lie sich nicht
entmutigen. Er flchtete sein einsames, tausendfach betrbtes Herz an das
einsame leidenvolle Herz seines Heilandes und opferte in der Vereinigung mit Ihm
jeden Tag und jede Stunde seines Lebens fr diejenigen auf, die so wenig sein
Opfer verstanden. So legte er in anscheinend geringe und von der Welt verkannte
Tat eine Flle der reinsten, umfassendsten Liebe nieder. Die Knaben konnten sich
einer gewissen Zuneigung fr den Onkel Levin nicht erwehren; er war ihnen
angenehmer als die herzlose Mutter, die auch sie immer in khler Entfernung
hielt. Sie hatten Vertrauen zum Onkel Levin bei ihren kleinen Freuden und
Leiden, denn niemals hatten sie ihn teilnamslos gefunden. Nur ging die Zuneigung
nicht so weit, um seinen Ermahnungen Gehr zu geben und seine Ratschlge
anzunehmen, sobald dieselben Selbstverleugnung von ihnen forderten. Sie fanden
es recht schn, da er ein solches entsagendes Leben fhre; aber sehr unntz,
seinem Beispiele zu folgen. Juliane erntete im reichen Ma den Egoismus ein, den
sie in den Herzen ihrer Shne hatte wuchern lassen. Beide machten ihr den
Kummer, den sie am schmerzlichsten empfand: sie brachten ihr als
Schwiegertchter und ohne sie zu Rate zu ziehen ganz unbemittelte Mdchen. Von
Damian htte sie sich eine solche Wahl gefallen lassen, da er ja bereits
Besitzer des groen Windeck'schen Majorates war; aber von Gratian fand sie es
emprend, weil sie frchtete, er wolle schon bei ihren Lebzeiten den Mitgenu
ihres Vermgens haben - das nach ihrem Tode ihm zufiel - und dadurch ihr
Einkommen verringern und ihre Stellung in der Gesellschaft mglicherweise
gefhrden. Gratian hatte sich allerdings auf das Vermgen seiner Mutter
verlassen und war nicht minder emprt ber ihre frostige Kargheit, als sie ber
seine Rcksichtslosigkeit. Damian wurde in die mtterliche Ungnade verwickelt,
weil beide junge Frauen Schwestern waren und weil Juliane behauptete, Damians
schlechtes Beispiel, eine Frau zu whlen, die nichts habe, als ihr schnes
Gesicht, sei ansteckend fr Gratian gewesen. Genug, diese beiden Heiraten
stifteten groen Unfrieden zwischen Mutter und Shnen, und niemand litt mehr
darunter, als die jungen Frauen, die immer von der Schwiegermutter und zuweilen
von ihren Mnnern darber viel Bitteres hren und leiden muten. Es waren zwei
sanfte, liebe Wesen, sehr gut erzogen, sehr fromm, jedoch dermaen im Gefhl und
in der Phantasie lebend, da ihre Mnner sie, wenigstens in den ersten Jahren,
als unmndige Kinder betrachteten und ihnen wenig Einflu einrumten.

                                 Familienbilder


So blhte denn abermals ein neues Geschlecht um Levin auf; aber ein solches,
worin er Kinder seiner Seele erkennen konnte. Damians Frau, Grfin Kunigunde,
schlo sich mit zrtlicher Ehrfurcht ihm an und sah in seinem Auftenhalt zu
Windeck eine besondere Gnade Gottes. Ihre Schwiegermutter hatte sich nach ihrer
Herrschaft Stamberg im Odenwald begeben, richtete das Schlo prchtig ein,
machte groe Gartenanlagen, neue vortreffliche Bauten und wurde noch klter
gegen ihre Shne als frher, indem sie mit der grten Trockenheit behauptete:
wren Shne verehlicht, so wrden sie gleichgiltig fr die Mtter. Gratian, der
als nachgeborner Sohn nur eine unbedeutende Apanage hatte und freilich sehr
leichtsinnig in die Ehe getreten war, wrde nicht im Stande gewesen sein, mit
einer Familie zu existieren, da seine Mutter ihm nur das Jahrgeld gab, welches
er schon auf der Universitt von ihr empfing, wenn sich nicht Damian sehr
brderlich benommen und ihm eine seiner Besitzungen ganz in der Nhe von Windeck
gegeben htte, deren Herr Gratian so lange sein sollte, bis sich seine ueren
Verhltnisse besser gestalteten. Diese Gromut Damians rhrte Grfin Juliane
nicht im mindesten; auch nicht die groe Eintracht, in welcher beide Familien
lebten. Sie uerte gegen Freunde:
    Nun ja, es sind ein paar harmlose Geschpfe, meine Schwiegertchter, und
ich glaube gern, da sie ihren Mnnern nichts in den Weg legen, sondern eher zu
viel Nachsicht mit ihnen haben und ganz gewi ohne Einflu auf sie sein werden;
allein mir ist dies zrtliche, empfindsame, weichliche Wesen antipathisch. Ich
finde keinen Berhrungspunkt mit ihnen; sie sind unbrauchbar fr einen groen
Wirkungskreis.
    Unter groem Wirkungskreis verstand Juliane immer den, welchen sie selbst
ausfllte, und ihr Talent fr Verwaltung und Finanzen war freilich den jungen
Frauen fremd. Beide berlieen das ihren Mnnern. Gratian sagte einst zu seinem
Bruder:
    Wenn nur die Mama nicht wieder heiratet.
    Possen! rief Damian, was knnte die Mama dazu bewegen! ein zrtliches
Herz gewi nicht. Onkel Levin! haben Sie gehrt, was Gratian befrchtet?
    Eure Mutter war immer eine sehr verstndige Frau, die sich in ihrem
Witwenstande vortrefflich benommen hat, entgegnete Levin mild. Ich begreife
nicht, weshalb Gratian diesen Scherz macht.
    Weil die Mama jemand haben mu, den sie hofmeistern kann, Onkel Levin! Das
ist nun einmal ihr Fach. Das hat sie an dem guten Vater gezeigt und dann an uns.
Sie knnte jetzt freilich unumschrnkt ganz Stamberg beherrschen und hofmeistern
und sich damit begngen; allein was soll sie im huslichen Leben anfangen? Da
ist eine Lcke und die erschreckt mich; zuerst fr die Mama und dann fr mich.
Denn wenn sie wieder heiratet, heit es fr mich: Adieu Stamberg!
    Aber, lieber Gratian, unterbrach ihn Levin begtigend, es ist vor einem
Vierteljahrhundert abgemacht, da die Herrschaft Stamberg Dir dermaleinst
zufallen soll. Traue doch Deiner guten, verstndigen Mutter keinen Schritt zu,
der dies alte bereinkommen aufheben wrde.
    Man mu nie mit einer Frau das Wort alt in Verbindung bringen, sagte
Gratian scherzend mit dem Finger drohend; das wrde der Mama gar nicht
gefallen, obgleich sie eine vernnftige Frau ist und bald Gromama sein wird.
Ich habe aber gehrt, es htte sich ein entfernter Verwandter, ein Stamberg aus
Schlesien, ein verabschiedeter Leutnant, bei ihr prsentiert.
    Es ist doch ganz in der Ordnung, da ein Neffe aus Schlesien, wenn er eine
Reise an den Rhein oder nach Baden-Baden macht, seine Tante besuche.
    Onkel Levin, ein verabschiedeter Leutnant!!! Sie knnen es nicht fassen,
wie erpicht ein solcher Mensch auf ein gutes Etablissement ist! gerade so, wie
ein zartes Jungfrulein von fnfunddreiig Jahren auf ein eheliches Gespons. Ein
Leutnant im aktiven Dienst wrde mich gar nicht erschrecken; der hat Hoffnung,
Feldmarschall - oder totgeschossen zu werden. Aber ein verabschiedeter Leutnant!
was bleibt dem brig? Um seiner Verdienste willen hat noch nie einer den
Abschied bekommen. Eine andere Laufbahn ffnet sich ihm nicht leicht. Was tut
er? er macht eine reiche Heirat.
    Gratian, ich bin es berdrssig, Deine Possen zu hren! rief Damian
unmutig. Ich begreife nicht, wie Dir Deine Spamacherei bei einer so
ernsthaften Geschichte nicht vergeht. brigens halte ich es mit Onkel Levin und
glaube nicht, da sich die vernnftige Mama betren lt.
    Ihr seid beide bewundernswert mit Eurem Vertrauen auf die Vernunft einer
Frau, entgegnete Gratian, in seinem munteren Tone bleibend. So lange die Welt
steht, hat man von der noch nichts Tchtiges gehrt.
    Aber Gratian, wendete seine Frau halb weinerlich ein, wir sind doch auch
vernunftbegabte Wesen.
    Du, mein Kind, nur halb und halb - denn sonst httest Du mich ausreden
lassen und Dinge zu hren bekommen, die Dein Herzchen entzckt htten - ber das
Vertrauen, das man zur Liebe einer Frau haben knne, zur Frmmigkeit einer Frau
etc. etc. Allein zur Strafe dafr, da Du als ein vernunftbegabtes Wesen mir
Vertrauen einflen willst, schweige ich.
    Gratian schwieg, als aber die Familie nach ein paar Tagen wieder beisammen
war, hub er an:
    Wer htte je gedacht, da sich die Mama einer solchen Leidenschaft fr das
Faro hingeben wrde.
    Alle starrten ihn an; nur Damian sagte:
    Du bist unertrglich mit Deinen Spen.
    Mit meinen Spen - kann sein! Dies ist jedoch ein Ernst, den Du wirst
ertragen mssen.
    Da die Mama Faro spielt? rief Damian hell auflachend.
    Und uns ein Paroli biegt, setzte Gratian hinzu. Sie heiratet den
Leutnant. Verlat Euch darauf, ich habe sichere Nachrichten, weil ich bisher
immer zu Stamberg als der zuknftige Herr gegolten habe.
    So war es wirklich. Nach einigen Wochen zeigte Gratian seiner Mutter die
Geburt seines ltesten Sohnes an, und sie antwortet darauf mit der Anzeige, da
sie sich ganz in der Stille mit ihrem Vetter, dem Freiherrn von Stamberg,
vermhlt habe. Sie habe zu lange nur fr andere gelebt, um es ertragen zu
knnen, nur fr sich zu leben. Indem sie einem zweiten Gatten das Opfer ihrer
Freiheit bringe, wnsche sie nicht sowohl Glck zu finden, als vielmehr es zu
bereiten; und mit diesen und hnlichen Redensarten fllte sie vier Quartseiten
an. Zum Schlusse bemerkte sie: ihre Shne wten ja am besten, da sich die Ehen
am leichtesten schlssen, wenn man zuvor keine Ratschlge von den Nahestehenden
begehre und alles unntze Hin- und Herreden vermeide; das habe auch sie getan.
    Merkt Ihr das Paroli? rief Gratian. Nun, Onkel Levin! was sagen Sie jetzt
ber die vernnftige Frau?
    Ich schweige, war die Antwort; und ich glaube, Ihr ttet samt und sonders
gut, so wenig wie mglich ber die Sache zu sprechen, die jetzt unabnderlich
ist und die Euch nicht veranlassen darf, Euch von Eurer Mutter zurckzuziehen -
umso weniger, als wir gar nicht wissen, ob dieser Baron Stamberg nicht ein sehr
rechtschaffener und angenehmer Mann ist.
    Ich habe gar nichts Bses von ihm gehrt, sagte Gratian in seiner
spottenden Redeweise. Den Abschied hat er bekommen wegen einer zarten Neigung
fr die Weinflasche. Mit der mu die Mama also rivalisieren.
    Und die prchtige Herrschaft wird sich ein elender Abenteurer durch die
Gurgel jagen! rief Damian auer sich vor Zorn. Welch' Glck, da die Mama
protestantisch ist! nun kann sie sich doch von ihrem sauberen Herrn Gemahl zur
rechten Zeit scheiden lassen.
    Walburg hielt sich schreckenvoll die Ohren zu. Kunigunde sagte sanft zu
ihrem Manne:
    Lieber Damian, Du machst die Sache noch trauriger.
    Das verstehst Du nicht! fuhr er heftig auf; fr solche Verhltnisse ist
die Scheidung vortrefflich.
    Sage doch lieber: fr solche Verhltnisse ist die Ehe nicht eingesetzt.
    Das sag' ich von ganzem Herzen; allein ich will zugleich eine Abhilfe
haben.
    Die bringt der Tod, sagte Levin. -
    Grfin Juliane war nunmehr Baronin Stamberg, aber immer dieselbe Juliane.
Sie hatte nicht einen Funken von Neigung fr ihren Mann. Er schmeichelte ihr
ber alle maen; das war ihr immer angenehm, und da sie fnfzehn Jahre lter als
er war, doppelt angenehm. Von seiner zarten Neigung, wie Gratian sich
ausdrckte, war Juliane unterrichtet. Sie hatte nicht versumt, dem ehemaligen
Regimentschef des Barons zu schreiben und sich zu erkundigen, weshalb derselbe
entlassen sei. Sie legte aber keinen Wert auf die Antwort, sondern nahm sich
vor, ihren Mann so vortrefflich zu erziehen, da er diese Schwche berwinden
werde. ber das konnte sie ihre Liebhaberei fortsetzen und sich als eine
opferfreudige Seele hinstellen, als ein Rettungsengel und Schutzgeist fr den
jungen Mann. Ihr verletztes Muttergefhl und ihr Mifallen an den beiden armen
Schwiegertchtern legten nicht das kleinste Gewicht in die Wagschale fr Baron
Stamberg. Juliane wollte ihren Kindern zeigen, da sie unbeschrnkte Herrin
ihres Vermgens sei und da dieselben sich mit dem Pflichtteil dermaleinst zu
begngen htten, wenn es ihr gefiele, ihren Mann zum Haupterben einzusetzen. Wie
sie es aber halten wolle, darber schwieg sie. Einstweilen war ihr Mann Herr auf
Stamberg, soweit sie es ihm gestattete, das heit im Pferdestall, im
Hundezwinger und auf der Jagd. Vielleicht htte er sich auch noch den Weinkeller
dazu gewnscht; allein er fhlte sich allzu behaglich in der Befriedigung seiner
brigen Liebhabereien, fr welche Juliane glnzend sorgte, um noch andere
Ansprche zu machen.
    Das Verhltnis zwischen den Shnen und der Mutter war immer so frostig
gewesen, da es durch ihre zweite Ehe im Grunde gar nicht frostiger werden
konnte, umso weniger, als Baron Stamberg ein gutmtiger Mensch war, schwach von
Charakter, beschrnkt von Verstand, der sich mehr und mehr mit wundersamer
Gefgigkeit von Julianen tyrannisieren lie und von ihren Shnen weder
Aufmerksamkeit noch Freundschaft begehrte, sondern froh war, wenn sie ihn
ungestrt pirschen gehen lieen. Es wurde also der uere Anstand stets aufrecht
gehalten. Zu Julianens Geburtstag, den sie als Protestantin feierte, machten
ihre Shne stets die Reise nach Stamberg und hielten sich einige Wochen bei ihr
auf - nicht ungern, weil er mit der Jagdzeit zusammentraf. Fr Walburg und
Kunigunde war es aber immer eine schwere Zeit, teils wegen des herben Umganges
mit Julianen, teils wegen der Entbehrung des katholischen Gottesdienstes. Nach
der nchsten Kirche muten sie eine Stunde fahren. Die meisten groen
Grundbesitzer im Odenwald sind protestantisch; einige Stdtchen katholisch,
andere gemischt, andere vorherrschend protestantisch, so da sich die Schwestern
in jeder Beziehung zu Stamberg auf einem fremden Boden fhlten.
    Gott! seufzte Kunigunde, wie ist es doch solche Totenstille hier zu Lande
in der Morgenfrhe, weil nie eine Glocke zur heiligen Messe ruft.
    Und tagein tagaus kein Ave Maria-Luten, sagte Walburg. Ach, und die
Glocken wollte man schon entbehren, wenn man nur irgendwo einen Kirchturm gewahr
wrde, der sich ber dem hochwrdigsten Gut erhebt. Aber da ist keiner weit und
breit. Nirgends kann sich das Auge mit seinen Trnen und das Herz mit seiner
Trbsal auf einer Kirche ausruhen, welche das heiligste, teuerste Sakrament
umschliet, und es ist doch eine wunderbare Erquickung, die man zuweilen aus
einem einzigen solchen Blicke schpft. Ach, die armen Beraubten! wie sind sie zu
beklagen.
    Und nie Nachla der Snden, sagte Kunigunde, und eine Trne engelhaften
Mitleides gab ihrem schnen Auge einen himmlischen Glanz. Nie die beseligende
Gewiheit der Vershnung mit Gott, die auf keiner Selbstgeflligkeit, keiner
Tuschung beruht. Nie Empfang des wahren und wesenhaften Leibes des Herrn, also
nie die Vereinigung mit dem liebevollen zrtlichen Gott, der hienieden in uns
seine Wohnung nehmen will, um damit den Keim des ewigen Lebens fr den Himmel in
uns zu legen. O Walburg! wenn ich all' die Weltherrlichkeit hier in Stamberg
sehe und nirgends ein Kruzifix, nirgends ein Bild der heiligen Gottesmutter,
nirgends ein Weihwasserbrnnlein, so jammert mein Herz ber diese von Gott
abgelste, leichenhafte Pracht, und ich mchte mich vor der armen Mama auf die
Knie werfen und sie anflehen, ein ganz klein wenig an den lieben gekreuzigten
Heiland zu denken.
    Dieselbe Empfindung habe ich auch schon gehabt! rief Walburg lebhaft. Sie
dauert mich unaussprechlich, die arme Mama! sie ist so kalt - kalt fr uns, kalt
fr ihren Mann, kalt fr ihre Shne, kalt sogar fr meinen kleinen Uriel. Ein
kaltes Herz, kann das glcklich sein? Ach nein, denn es liebt nicht! Liebe ist
warm und innig, denn sie hngt mit dem Herzen Gottes zusammen.
    Es war ein gar liebliches Bild, wie sie traulich auf einem kleinen Divan
neben einander saen, die beiden schnen, jungen Frauen, und mit der gedmpften
weichen Stimme sprachen, die eine hohe Seelenbildung verriet und wie ihre Augen
gleichgiltig ber den irdischen Reichtum hinwegschauten und Trnen vergossen
ber den Mangel an himmlischen Gtern.
    Was geht denn hier vor? fragte pltzlich Damian, der durch die offene Tre
des Vorzimmers unbemerkt eingetreten war. Gundel in Trnen gebadet, Walburg in
Trnen schwimmend. Gab es eine Szene mit der Mama? Habt Ihr kein Geld fr Eure
geliebten Bettler? Hat sich Uriel das Nschen gestoen? Was ist geschehen?
    Nichts von dem allen, lieber Damian, sagte Kunigunde schchtern und
trocknete ihre Trnen.
    Ihr werdet doch unmglich weinen vor Khrung ber den prachtvollen
Sonnenuntergang! rief er ungeduldig.
    Ach nein - wir grmen uns nur so sehr ber die armen Protestanten, deren
Seelen so wenig Nahrung haben, entgegnete Kunigunde zaghaft, weil sie wute,
da dies Kapitel ihrem Manne nicht sehr zusagte.
    Da spart Eure Trnen! rief Damian unmutig. Die befinden sich sehr wohl
auf der Welt und haben es im Grunde besser, als wir, brauchen nicht eine Masse
von Rcksichten zu nehmen, haben keine Fastenzeit, keine geschlossene Zeit,
keine sterliche Zeit - was alles unter Umstnden recht unbequem sein kann.
    Htte sich Kunigunde so weit berwinden knnen, um mit einem leichten Scherz
diese Unbequemlichkeiten fallen zu lassen, so htte sie ihren Mann vor der
Verschanzung im Widerspruch bewahrt und den kleinen Antagonismus vermieden, der
sich auf dem religisen Gebiete so leicht zwischen der Hingebung des weiblichen
Gemtes und dem Unabhngigkeitsbedrfnis des mnnlichen Charakters erhebt;
Antagonismus, der jedoch nur auf den unteren Stufen der Seelenentwicklung
stattfindet, nur da, wo man das religise Leben zur Sache des Gefhles macht.
Wird es aber als die Sache des Willens erfat, so geht es in eine hhere Ordnung
ber, wo die natrlichen Anlagen zur Hingebung und zur Unabhngigkeit in der
freiwilligen Unterwerfung aus energischer Liebe sich begegnen. Es ist sehr zu
beklagen, da das religise Leben des Weibes dem Manne gar oft als eine Schwche
des Herzens, als ein Mangel an Kraft entgegentritt, whrend es den Stempel des
hchsten Adels, der klarsten Energie tragen sollte. Aber die Trnen, aber die
Andachten, aber die Gebetbcher, aber die tausend damit verknpften
Kleinigkeiten lassen es dem Manne weibisch erscheinen und fliehen. Dies war
auch bei Kunigunden zu beklagen. Sie hatte noch nicht die Menschenkenntnis, um
ihren Mann richtig zu behandeln, und auch nicht die Erkenntnis, welche meistens
erst aus einem lngeren Leben hervorgeht, da von der Frau mehr
Selbstverleugnung an einem einzigen Tage, als von dem Manne whrend seines
ganzen Lebens gefordert wird. Genug - sobald Damian in irgend eine kleine
heterodoxe Behauptung verfiel, verfiel Kunigunde in Trnen, ohne daran zu
denken, da er durch seine Mutter in der frostigen Atmosphre religiser
Gleichgiltigkeit aufgewachsen und deshalb mit Nachsicht und Schonung zu
behandeln sei.
    O Damian! wie kannst Du so sprechen! rief sie klagend aus. Alles, was Du
aufzhlst, zeigt ja eben, wie arm an Gnaden man auerhalb der Kirche ist; denn
jene Zeiten sind Gnadenzeiten, und wer arm an Gnaden ist, der ist wahrhaft arm.
    Diese himmlische Wahrheit verstand er gar nicht. Er antwortete spttisch:
    Ich werde alle Armen unter den Katholiken des Odenwaldes sammeln und zu Dir
bringen. Vielleicht kannst Du ihnen besser als mir begreiflich machen, da sie
nicht arm sind.
    Mancher von ihnen mag wirklich durch den Glauben viel reicher sein als Du,
Damian.
    Sieh, wie gut Gott das eingeteilt hat: die einen macht er reich durch den
Glauben ohne Geld und Gut, und die anderen durch Geld und Gut ohne Glauben.
    Aber Damian, sage doch nicht kaltbltig solche entsetzliche Dinge! rief
Kunigunde. Gott gibt die Glaubenslehre und die Fhigkeit zu glauben den Armen
wie den Reichen .....
    Aber Kunigunde, sprich doch nicht so weitlufig ber solche langweilige
Dinge! unterbrach sie Damian, drehte sich auf dem Absatze um und ging von
dannen.
    Kunigunde schlang ihren Arm um den Nacken ihrer Schwester und fragte leise:
    Ist das nicht herzbrechend?
    Walburg nickte sanft mit dem Kopfe und sagte:
    Gratian hat zuweilen auch solche Launen. Sie sind eben die Shne ihrer
Mutter! wir mssen umso eifriger fr sie beten.
    Und umso mehr sie lieben, setzte Kunigunde hinzu.
    Sie war nicht glcklich, die arme Kunigunde; ihre Ehe war kinderlos und
Damian zuweilen auerordentlich darber verstimmt; denn er war nicht daran
gewhnt, unerfllte Wnsche zu haben. Walburg hatte in den fnf Jahren ihrer Ehe
ihrem Manne drei Shne geschenkt, und je mehr sich Kunigundens neidloses Herz an
dem Glck ihrer Schwester freute, desto inniger sehnte sie sich, es selbst zu
genieen.
    Knnte ich nur einmal zur Mutter Gottes nach Alttting und dort eine
neuntgige Andacht halten, sagte Kunigunde zu ihrem Ratgeber und Trster Levin.
Glauben Sie wohl, lieber Onkel, da Damian mir die Wallfahrt erlaubt?
    Halten Sie hier eine Novene zur heiligen Gottesmutter, entgegnete Levin
ausweichend.
    So unmglich scheint es Ihnen also! rief sie traurig.
    Ich meine, Sie sollten alles vermeiden, wodurch kleine Differenzen zwischen
Ihnen und Damian auf dem religisen Gebiete hervorgerufen werden. Ihr Opfer
zieht vielleicht die Gnade sicherer herab, als Ihre Wallfahrt, sagte Levin
mild.
    Es war um Mari Himmelfahrt. Zahlreiche Prozessionen zogen nach Kloster
Engelberg, wo ein Gnadenbild der heiligen Gottesmutter sehr verehrt wird. Der
Main war mit Nachen bedeckt, welche vom anderen Ufer Andchtige hinber fhrten,
die sich am Fue der ungeheuren Treppe hinter ihrem Kreuz und ihren wehenden
Fahnen in Reihe und Glied stellten und betend langsam bergan stiegen, um droben
die heiligen Sakramente zu empfangen und ihre mit Gott vershnten Herzen voll
Bitten und Klagen und Nten auszuschtten vor der Trsterin der Betrbten. Nach
mehreren Stunden zogen sie auf der anderen Seite durch den Wald bergab. Von
Windeck aus sah man diese bunten beweglichen Bilder in grter Deutlichkeit, war
aber zu sehr an ihre Wiederholung gewhnt, um sie zu beachten. Nur bei Kunigunde
regten sich die Flgel der Sehnsucht, wie bei einem jungen Zugvogel, der sich
dem Schwarm anschlieen mchte, der nach Sden fliegt. Sie fate ihren ganzen
Mut zusammen und sagte zu ihrem Manne:
    Lieber Damian, gib mir Urlaub auf vierzehn Tage und schlage mir diese Bitte
nicht ab, weil sie so sehr ungewhnlich ist. Frage auch nicht, wohin ich gehe,
sondern triff nur Anstalt, da ich in der ersten Woche des Septembers reisen
kann.
    Die Welt kehrt sich um, Onkel Levin! rief Damian. Haben Sie es gehrt?
Gundel spricht befehlshaberisch; da mu man wohl gehorchen. Und weil ich mich in
der Tat freue, dies Wunder erlebt zu haben, so will ich der Reise auch nichts in
den Weg legen. Ich denke, sie geht zu Deiner Schwester Isabelle, - setzte er
fragend hinzu.
    Fragen darfst Du nicht, sagte Kunigunde errtend.
    Gut! da ich nun das Meinee getan und Dir Urlaub gegeben habe, so wirst Du
mit demselben Vertrauen mich belohnen und mir das Ziel Deiner Reise nennen.
    Es ist Alttting, sagte Kunigunde unverzagt, und es brach ein solcher
Glanz von Liebe und Zuversicht aus ihrem Auge, da Damian beinahe gerhrt sagte:
    Reise denn, Kunigunde; aber bitte zuvor Onkel Levin, Dich zu begleiten,
damit er Dich vor allen Andachtsexzessen bewahre.
    Levin, der Kunigundens schchterne Zaghaftigkeit kannte, staunte nicht
minder als Damian ber die Beherztheit, welche sie aus ihrem bernatrlichen
Vertrauen schpfte, als Kunigunde pltzlich sich ihrem Manne in die Arme warf
und, nicht zufrieden mit dem, was sie erreicht hatte, noch mehr haben wollte und
ihn bat:
    Ach, Damian, wenn Du doch auch die Wallfahrt mit uns machen wolltest.
    Lieber Engel, wenns einmal dahin kommt, dem Trken mit dem Sbel in der
Faust das gelobte Land zu entreien, dann werd' ich mich bei der Wallfahrt
einfinden; - aber nach Alttting - das berlasse ich Dir; das ist das Fach der
Damen.
    Nun, lieber Damian, sagte Levin lchelnd, Du bist sehr gromtig, das
Vorrecht der frommen Andacht den Damen einzurumen.
    Der Priester hat es durch seinen Stand, bester Onkel. Allein, ich meine die
Idee: auf dem und dem Punkt der Erde sei das Gebet wirksamer als anderswo, knne
sich nur in einem Weiberkopfe festsetzen.
    Und warum meinst Du das?
    Weil es eine kindische, beschrnkte Auffassung von der Allmacht und Gte
des Schpfers ist, der seine Gnaden berall spenden kann.
    Ganz richtig: allberall! Seine Allmacht wird also nicht durch unsere
Vorstellung begrenzt, sondern gleichsam erweitert, da er, der ber die ganze
Welt die Flle seiner Gnaden berschwenglich ausstrmt, dennoch auf gewissen
Sttten noch reicher, noch verschwenderischer sie spendet; und solche Sttten
sind die Wallfahrtsorte.
    Aber, bester Onkel, welche Verbindung kann denn zwischen einer Erdscholle
und einer Gebetserhrung stattfinden?
    Welches ist die Bedingung, mu ich zurckfragen, unter welcher der liebe
Gott die Gebete erhren will, die dem Betenden zum Heil gereichen?
    Ich denke - es wird frommes Vertrauen sein, antwortete Damian, der mit
seiner rationalistischen Richtung es vorzog, frommes Vertrauen zu sagen,
anstatt Glaube und der Schpfer oder die Vorsehung anstatt Gott oder gar
der liebe Gott, und die Madonna anstatt die heilige Mutter Gottes.
    Also, fuhr Levin fort, an einen kindlichen Akt des Glaubens eine
glnzende Gebetserhrung knpfen: das ist ihre Verbindung mit der Erdscholle.
Sie ist bernatrlicher Art. Fleisch und Blut verstehen sie nicht; die fnf
Sinne fassen sie nicht; der menschliche Verstand begreift sie nicht. Aber, wie
der Herr, als er auf Erden wandelte, so oft sagte, Dein Glaube hat Dir geholfen;
oder: Dir geschehe, wie du geglaubt hast! und dann seine Gnaden spendete: so
macht er es noch jetzt. Er verlangt einen kindlichen, demtigen, unbedingten,
schwunghaften Glauben, der nicht fragt: Warum da und weshalb dort? wie ihn der
fromme Wallfahrer an den Tag legt - und den krnt er manchmal durch
Gebetserhrung.
    Bester Onkel, wenn demnach eine Wallfahrt ein ganz enormer Tugendakt ist,
so mu man wohl annehmen, da er immer gekrnt werde? fragte Damian listig.
    Ja, lieber Damian, immer! sagte Levin mit einem himmlischen Lcheln, aber
nicht immer hienieden. Dem Glauben sind auch ewige Kronen aufbewahrt. brigens
ist aber unser Glaube immer noch so schwach, so unvollkommen, von so manchen
irdischen Hoffnungen beflgelt, da er, auch in dem frmmsten Wallfahrer, kein
so enormer Tugendakt ist, wie Du annimmst.
    Das mu wohl sein, denn die Wallfahrten sind ja hier zu Lande lngere Zeit
verboten gewesen wegen vielfachen, damit verknpften Skandals.
    Es ist sehr wahrscheinlich, da sich unter den vielen, vielen tausend
Wallfahrern, die alljhrlich ihre gemeinschaftlichen Bittgnge zu den
Gnadenorten machten, auch einige befunden haben werden, welche kein erbauliches
Beispiel, vielleicht sogar ein rgernis gaben; aber das ist die Schuld des
Einzelnen und man hat sie nur hervorgehoben, um dadurch die Wallfahrten selbst
zu verdchtigen und diese cht katholische Lebensuerung zu unterdrcken, weil
sie mit dem den Begriffswesen moderner Humanitt nicht zusammenstimmen wollte.
In dem Einerlei des mhseligen, sorgenschweren Alltaglebens braucht der Mensch
aber zeitweise eine Erfrischung, eine Aufrichtung, ein Vergessen der irdischen
Nten und Arbeiten. Er will einmal einige Tage der Freiheit und der Ruhe haben
und ungestrt seinen teuersten und hchsten Interessen sich hingeben. Das sind
unstreitig die ewigen, denn sie umschlieen den ganzen Menschen mit allen seinen
Verhltnissen und Pflichten gegen den Nchsten und gegen Gott. Da verlt er
denn auf einige Tage sein Haus und begibt sich nach einem jener uralten
Gnadenorte, wo seit einem halben oder ganzen Jahrtausend Millionen von Menschen
gebetet und Trost gefunden haben. Auf dem Hinweg sammelt er sich in seiner Seele
und bedenkt all' den Wust, der sie drckt: so viel Snden, so viel Torheit und
Verkehrtheit, so viel Leid und Gram und Kummer, so viele Wnsche, Hoffnungen,
Bestrebungen, Das berlegt er alles und teilt es ein: die Snden mit ihrem
Gefolge von Reue und guten Vorstzen fr das Busakrament und die Bitten, die
Klagen, das Flehen fr das Altarssakrament; und dann wendet er sich an die
Frsprache der groen Freunde Gottes, der seligsten Jungfrau Maria, der heiligen
vierzehn Nothelfer, oder stellt sich unter den Schutz und vertraut auf die Kraft
des heiligen Blutes oder der Not Gottes, oder wie sonst das Geheimnis heien
mge, dessen Verehrung der Gnadenort geweiht ist: und in dieser Stimmung bringt
er dort einen Tag zu oder zwei, manchmal auch nur einige Stunden, und geht dann
heim, vershnt mit Gott, erquickt in seiner Seele, voll guter Entschlsse,
getrstet und aufgerichtet - oft fr sein ganzes Leben, und macht sich dann
wieder an sein mhseliges Tagewerk. O mein lieber Damian, scheint Dir das
wirklich ein groer Skandal zu sein? Ich meines Teils wnschte recht oft ihn zu
machen und ihn zu erleben.
    Sie sind ein Idealist, Onkel Levin! rief Damian. Sie haben immer das
Ideal im Herzen und vor Augen! Aber ich wette darauf, da all' jene guten
Wallfahrer, die sich da drben schieben, drngen und stoen, sehr weit davon
entfernt sind.
    Gott allein sieht in's Herz, lieber Damian, und so wollen wir ihm das
Urteil ber jene braven Leute anheimstellen, die bei ihrer Andacht auch noch das
Unbehagen des Gedrnges in den Kauf nehmen mssen. brigens hlt die Kirche uns
allen, fr all' unser Tun und Lassen, in der christlichen Vollkommenheit das
Ideal vor, das wir immer vor Augen haben sollen. Bemhen wir uns nicht, das
Geringste mit mglichster Vollkommenheit zu tun, so werden wir es bald ganz
schlecht machen.
    Lieber Onkel! rief Damian, warum werden Sie nie rgerlich, da ich Sie
doch manchmal mit meinen Bemerkungen recht sekkiere.
    Weil ich Dich lieb habe, mein Damian.
    Ach nein, Onkel, das glaub' ich nicht; sondern weil Sie Gott lieben und in
ihm auch mich.
    Das versteht sich: Gott ist der Urgrund jeder wahren Liebe.
    Zuweilen denk' ich, wren alle Priester wie Sie, Onkel Levin, so wre die
ganze Welt, auch die katholische, gut katholisch.
    Wren wir Priester dem Ideal des kreuztragenden Heilandes nher, so stnde
es ohne Zweifel besser mit der Welt; darin hast Du ganz Recht, sagte Levin
demtig und freundlich. Aber die ganze Last lasse ich mir nicht aufbrden. Um
gut katholisch zu sein, mu man es auch sein wollen. Drei und dreiig Jahre
hatten die Juden Christus vor Augen mit all' seinen Wundern und gttlichen
Beglaubigungen, und wie wenige schlossen sich ihm an! Ohne den Willen kein
Glaube und keine Tugend, darauf verla Dich.
    Kunigunde reiste nach Alttting, das gewi eine der merkwrdigsten Sttten
der Erde ist - so irdisch reizlos und so unirdisch reizend. Eine halbe Stunde
vom Inn entfernt, flach, baumlos, unmalerisch, liegt auf der weiten Ebene
zwischen Mnchen und Passau der kleine Marktflecken Alttting, der aus ein paar
Straen und einem freien Platz besteht. An diesem Platz, der weit und
unregelmig ist, liegen drei Kirchen und verschiedene grere und kleinere
Huser: die Pfarrkirche, die Kapuzinerkirche mit dem daranstoenden Kloster, und
Kirche und Haus der Patres Redemptoristen. Das brige sind Privathuser. Alles
ist ohne Schnheit der Architektur, ohne Pracht, so ungemein einfach und
schmucklos, da man, wenn man an Loretto oder Einsiedeln in ihrer groartigen
Majestt denkt, ganz vergebens nach der Wallfahrtskirche mit dem Heiligtum sich
umsieht, whrend man dort nichts anderes sieht. Dann liegt mitten auf dem freien
Platz eine kleine Kapelle, achteckig, mit spitzem Dach und vor dem Achteck, das
man auch den Chor nennen kann, ein Langschiff; das Ganze umgeben von einem
schwerflligen, niederen Bogengang, der Schutz gegen Regen und Sonnenschein
gewhrt. Welch ein seltsames kleines Gebude! Aber sieh! alles Gemuer des
Bogenganges ist mit Votivtafeln bedeckt und schwere Kreuze, welche bende
Pilger getragen haben, stehen an den Pfeilern; denn dies unscheinbare, ja
drftige Gebude, so unansehnlich und gering wie die Grotte von Bethlehem, ist
die Gnadenkapelle. Auch im Innern ist etwas von der Dunkelheit, der Stille, dem
Geheimnisvollen und Feierlichen jener Grotte. Das kleine Langschiff, 36 Fu lang
und 24 breit, hat zwei Altre und einige Kniebnke; ber der Eingangstr die
Orgelbhne. In der inneren Kapelle, dem Achteck, steht ber dem Altare in einem
silbernen Schrein das kleine uralte Gnadenbild: Maria mit dem Jesukinde auf
ihrem rechten Arme und in der Linken den Scepter, aus dem die Lilie hervorblht.
Maria, als Mutter und Knigin; die Liebe in ihrer Zrtlichkeit und in ihrer
Macht, in Allem, was sie Ses und was sie Groartiges hat. In der Dicke der
Mauer sind Nischen angebracht und vor ihnen Kniebnke aufgestellt, um den engen
Raum mglichst wenig zu beschrnken. ber den Nischen befinden sich auf
schwarzem Grunde hinter Glasscheiben kostbare Votiv- oder auch Liebesgaben,
Hals- und Armbnder, Ringe, Mnzen, Kreuze, kstlich gefate Reliquien. Fnf
herrliche Lampen hngen vor dem Altare und das ewige Licht in ihnen leuchtet
mild durch das Dunkel und wirft hie und da einen Glanzblick auf den reichen
Schmuck. Die Herzen bayerischer Landesfrsten, unter ihnen Kaiser Karl VII., 
1745, und Knig Maximilian I.,  1825, ruhen einbalsamiert in silbernen
herzfrmigen Gefen an der Wand, welche dem Gnadenbilde gegenber sich
befindet. Trotz Purpur und Krone betteten sie sich zur letzten Ruhe unter den
Schutzmantel der Mutter Gottes von Alttting. Ein leises Suseln verhallt nie in
diesem geheiligten Raume, der vom frhen Morgen bis zum spten Abend geffnet
ist. Das Flstern des Gebetes, die leisen Seufzer, die Atemzge der Andchtigen,
das Rauschen eines Kleides, der Fall einer Kugel des Rosenkranzes, das
Umschlagen der Bltter im Gebetbuch - diese Laute, welche man sonst kaum
bemerkt, sind in dieser tiefen Stille hrbar, wie am Abend ein Suseln durch den
Wald geht, oder wie man in weiter Ferne die Wellen des See's an's Gestade
rieseln hrt. In eine wunderbar tiefe Ferne sinkt die Welt und das Leben und das
Treiben der Leidenschaft und der Kampf in der eigenen Brust zurck. Wie man von
einem hohen Berge ringsum den Horizont schaut so weit, so weit, da Erd' und
Himmel in einander schwimmen, aber Stdte und Drfer nicht mehr zu sehen sind:
so geht es der Seele in diesem Raum, der seit mehr als einem Jahrtausend nichts
gewesen ist, als eine Sttte des Gebetes. Es gibt andere berhmte Orte, wohin
auch seit langer Zeit die Menschen reisen, um Kunstwerke, oder Naturschnheiten,
oder prachtvolle Palste, Kirchen, Grten, oder merkwrdige und interessante
Sammlungen und Anstalten zu bewundern, und sie suchen sich dabei zu unterhalten,
zu bilden, zu belehren, oder die Zeit zu tten und das Geld zu verschwenden. Die
Bewunderung bildet eine Art von Glorie um solche Punkte und eine gewisse
geistige Atmosphre, deren Einflu sogar stumpfe und uerst prosaische Menschen
etwas empfinden. Welch eine geistige Atmosphre mu um einen Punkt sich gebildet
haben, den nie ein Mensch in anderer Absicht betrat, als um zu beten! seit mehr
als tausend Jahren - nur um zu beten, nur um die Tiefen des Herzens vor Gott
auszuschtten. Und dieser Zug des Gebetes vererbt sich von einer Generation auf
die andere, zieht sich durch ein Menschenalter in das andere hinein, lt sich
nicht stren durch den Wechsel, den ein Jahrtausend in alle Verhltnisse der
Menschheit bringt; wird unterbrochen durch diese und jene Ungunst der Zeiten,
und hebt jenseits derselben gerade so wieder an, wie er notgedrungen diesseits
aufgehrt hatte! Seitdem der heilige Rupert im siebenten Jahrhunderte das
Christentum in Bayern grndete und das Mutter Gottesbild nach Alttting brachte,
sind Reiche und Vlker auf- und untergegangen, sind Throne und Kronen gesunken
und aufgerichtet; aber die andchtige Wallfahrt zu der Sttte, wo die Mutter
Gottes so gndig ist, geht jetzt gerade so wie damals fort - ein Strom
lebendiger Einheit in Glauben und Liebe, der aus Millionen von Herzen bricht und
in der kleinen grottenhaften Kapelle sich sammelt, ewig wiederholend die
Wallfahrt der Knige des Morgenlandes und der armen Hirten zum Kindlein von
Bethlehem.
    Kunigunde hielt mit groer Sammlung und Ruhe ihre neuntgige Andacht und
erbaute sich ungemein an den feierlichen Prozessionen, die am Tage Mari Geburt
sich einfanden und so viel Menschen brachten, da der ganze Platz belebt war und
jeder nur nach und nach in die Kapelle dringen konnte. Auch an den brigen Tagen
fehlte es nicht an einzelnen Wallfahrern aus den verschiedensten Stnden. Das
Landvolk war am zahlreichsten vertreten; sehr natrlich, weil es berhaupt die
grte Zahl in der Bevlkerung ausmacht. Levin brachte das heilige Meopfer in
der Gnadenkapelle dar, und seine Seele wallfahrtete in den Himmel und pries
Gott, der durch das Christentum Glauben und Liebe so tief in das Menschenherz
versenkt hat, da sie gleichsam als organische Lebensuerungen daraus
emporwachsen und in dieser zugleich so kindlichen und so groartigen Form ein
wunderbares Zeugnis der Jahrhunderte fr die Glaubenseinheit in der Kirche
ablegen. Am Vorabend der Abreise sagte er zu Kunigunde:
    Jetzt mu ich Ihnen eine Merkwrdigkeit zeigen, die freilich nicht
unmittelbar zur Wallfahrt nach Alttting gehrt, aber doch sehr lehrreich ist.
    Er fhrte sie nach der Pfarrkirche in eine Kapelle des Kreuzganges. Auf
einer kleinen Treppe stiegen sie zur Gruft unter der Kapelle herab und standen
vor einem Sarge, auf den Levin deutete und sagte:
    Hier ruht ein ausgezeichneter Mann, ein groer Feldherr, ein tchtiger
Diener seines Herrn, ein wahrhaft frommer Sohn der Kirche, ein tadellos reiner
Mensch, ein so inbrnstiger Verehrer der Mutter Gottes, da er sein Herz in
silberner Kapsel in der Gnadenkapelle beisetzen lie; ein so demtiger Christ,
da er nach seinen Schlachten und Siegen vor dem Bilde des Gekreuzigten
hinkniete und Gott um Verzeihung bat fr den Fall, da durch seine Schuld zu
viel Blut vergossen sei. Und welch Andenken, glauben Sie, bewahrt die Geschichte
ihm auf? Als ein blutdrstiger Unmensch, mit dem man schon Kindern in der Schule
Grauen erregt, wird er dargestellt, und wandelt er fluchbeladen seit zweihundert
Jahren durch die sogenannte unparteiische Geschichte. Es ist der berhmte
Feldherr des traurigen dreiigjhrigen Krieges: Tilly.
    Aber wie kann die Entstellung eines solchen Charakters eine Feder finden?
fragte Kunigunde.
    Weil manche Feder im Dienste einer Partei, statt im Dienste der Wahrheit
schreibt, und weil die Parteiwut das Auge so krank macht, da es im Spiegel
seiner eigenen Verzerrtheit des Gegners Tugenden als Laster sieht. Ist ein
groer Gegner ein glubiger Christ, so knnen Sie sich leicht vorstellen, da er
bei den Glaubenslosen keine Gnade findet.
    Ach, lieber Onkel, wie schmerzlich ist doch dieser Ha des Unglaubens und
des Abfalles gegen den heiligen Glauben und gegen alles, was wir mit
unsterblicher Liebe lieben.
    Bestes Kind, das Kreuz ist ein Zeichen, dem widersprochen werden wird; dies
sagt uns die heilige Schrift. Meinen Sie, es sei nur gesagt fr die ersten Tage
des Christentums? nur fr jene Zeiten, als die Welt heidnisch war? O nein! jene
ersten Tage werden dauern bis zum jngsten Tage, denn in der Welt ist immer ein
Stck Heidentum zu finden: die Selbstvergtterung - und auch in unser Herz ist
sie immer bereit, sich einzuschleichen. Manche Zeiten sind ganz besonders von
ihr berwuchert, Zeiten wilder Kmpfe, leidenschaftlicher Aufregung sowohl, als
Zeiten voll materiellem Segen. Jene erhitzen und verwirren, diese erschlaffen
die Gemter, und solchen ist die Lehre vom Kreuze unwillkommen und der
Gtzendienst des Ich's uerst bequem. Haben sie sich aber recht fest darin
zurecht gesetzt, so kommen Strme und Erschtterungen und all' die kleinen
Gtterchen krachen zusammen und mancher, der sich selbst als seinen Gtzen
verloren hat, sieht sich um nach einem Gott, der unverlierbar ist.
    Bester Onkel, sagte Kunigunde, wenn ich knftig die scharfen, ja oft so
barbarischen Urteile der Welt hre, will ich immer denken an Tillys Herz in der
Gnadenkapelle zu Alttting. - -
    Im nchsten Jahr war groe Freude im Schlo Windeck. Der Tag Mari Geburt
war der Geburtstag eines Kindes, das Kunigunde in zrtlicher Dankbarkeit fr die
Gnade der Himmelsknigin Maria Regina nannte. Sie war glckselig! all' die
Innigkeit, die Wrme, die Zartheit der Empfindung, fr die sie bei ihrem Manne
kein Verstndnis fand, bertrug sie auf das Kind, das freilich jetzt im
Morgenschlaf seines kleinen Lebens bewutlos diese Liebe hinnahm, aber allmhlig
mit den erwachenden Krften seines Herzens an das Mutterherz sich schlingen
wrde. Kunigunde freute sich unsglich, da es gerade eine Tochter war. Die
behielt sie immer an ihrer Seite; die ging auf keine Universitt, auf keine
Reisen, auf keine Jagden, in keinen Krieg; die gehrte ihr, mit der richtete sie
sich frs Leben ein. Es gab keine Tugend, keinen Vorzug, kein Talent, womit sie
nicht im Geiste ihre Tochter schmckte - vor allem aber mit jener fleckenlosen
Reinheit, welche vor jeder Beleidigung Gottes zurckschaudert. Deshalb stellte
sie das Kind unter den besonderen Schutz der seligsten Jungfrau Maria und nahm
sich vor, es immer in Wei zu kleiden, um auch uerlich an die innere
Lauterkeit zu mahnen. Zwischen Kunigunde und Walburg war jetzt ein bestndiger
frhlicher Streit, wer von ihnen die glcklichste Mutter sei und die
glnzendsten Hoffnungen habe. Wenn Walburg mit ihrem Knabenkleeblatt ein wenig
prahlen wollte, so pflegte Kunigunde zu sagen:
    Warte nur ein paar Jahre! dann wirst Du gleichsam eine kinderlose Mutter
sein. Dann sind die Bbchen in alle vier Winde verstreut, whrend ich mit meiner
Regina uerst behaglich hier sitze und Du zu uns kommst, um zu sehen, wie das
ist, wenn man ein Kind hat. So geht's mit den Shnen.
    Und dann, sagte Walburg lachend, kommt eines Tages statt meiner irgend
ein charmanter Jngling, wirbt um das Tchterchen und fhrt es nach Oft- oder
Westindien; und das Tchterchen, das bisher nie einen Tag von der Mutter
getrennt war, geht urpltzlich lwenkhn mit dem fremden Mann an's Ende der
Welt. So geht's mit den Tchtern!
    Das ist eine schauerliche Vorstellung, seufzte Kunigunde.
    Nun, ich will Dir etwas sagen, fuhr Walburg beruhigend fort, Uriel mu
Regina heiraten; dann behalten wir beide in unserer Nhe.
    Uriel mu ein sehr ausgezeichneter Mensch werden, wenn er Regina haben
will, sagte Kunigunde hchst ernsthaft, obwohl Regina erst sechs Monat alt und
Uriel im sechsten Jahre war.
    Du sagst wohl mit Schillers Wallenstein: Meinen Eidam will ich mir auf
Europa's Thronen suchen, wenn Du mit meinem Uriel nicht zufrieden bist, sagte
Walburg scherzend.
    Die Ehe ist ein herber Stand, liebe Schwester!
    Freilich! Aber der ehelose ist noch herber, ist so einsam.
    Der Ordensstand war zu jener Zeit etwas so Fremdartiges unter den hheren
Stnden, weil man nur solche klsterliche Institute duldete, welche sich dem
Unterrichtswesen oder der Krankenpflege widmeten, da Kunigunde seufzte:
    Und wenn sie Ursulinerin oder Salesianerin wrde, mte sie Tag fr Tag
Schule halten fr fremde Kinder und ich verlre sie doch! Es wird wohl am Besten
sein, wenn sie Uriel heiratet.
    Auf diese frohe Zeit folgten Tage schwerer Heimsuchung. Gratian hatte sich
auf der Jagd erkltet und sein belbefinden nicht geachtet. Als er endlich den
Arzt rufen lie, war die Krankheit schon bedenklich, wurde bald gefhrlich und
steigerte sich zu einem furchtbaren Nervenfieber. Walburg schickte ihre Shne
nach Windeck, um sie vor der Ansteckung zu bewahren und pflegte Gratian Tag und
Nacht. Damian kam sogleich und stand ihr hilfreich zur Seite, damit sie sich
nicht ber ihre Krfte anstrenge. Levin ging hin und her zwischen den beiden
zagenden, betrbten Frauen und sprach ihnen himmlische Hoffnung zu, je mehr die
irdische schwand. Die Strke des Fiebers versetzte Gratian gewhnlich in einen
bewutlosen Zustand; aber Gott erhrte Walburg's und Levin's heies Gebet: kurz
vor seinem Ende kam Gratian zu sich und empfing die Sterbsakramente; dann sagte
er fast unhrbar zu seinem Bruder:
    Nimm Dich meiner armen Buben als Vater an.
    Verla Dich darauf, erwiderte Damian traurig. Uriel heiratet Regina und
fr die beiden anderen sorge ich auch.
    Sanft drckte Gratian des Bruders Hand, warf einen zrtlichen Blick auf
Walburg, fiel in's Delirium zurck und verschied ruhig nach einigen Stunden. Die
trostlose Walburg war gar nicht zu trennen von der geliebten Leiche. Als Damian
sie endlich mit Gewalt wegfhrte, legte sie sich zu Bett - und stand nicht
wieder auf. Binnen neun Tagen ri die Krankheit, die junge krftige Menschen am
heftigsten befllt, sie in ihr frhes Grab. Kunigunde war aufgelst von Schmerz.
Die Schwestern hatten ein Doppelleben zusammen gefhrt und jede die Freuden und
Leiden der anderen so innig geteilt, da Kunigundens halbes Herz in Walburg's
Sarg sank. Bei ihrer groen Schchternheit kam ihr auch die Erziehung der drei
Knaben als eine bermig schwere Aufgabe vor, und doch fand sie wieder ihren
sesten Trost darin, den kleinen Verwaisten die Mutter zu ersetzen. Damian
hatte die Knaben so lieb und war so ganz von der Vorstellung erfllt, in Uriel
den knftigen Majoratsherrn und seinen Schwiegersohn zu sehen, da er sich
darber trstete, keinen Sohn zu haben und die Kinder ganz vterlich in sein
Haus nahm. Ihre Erziehung machte ihm nicht viel Sorgen!
    Gundel, sei nicht so ngstlich! sagte er einmal zu der Grfin, als sie von
den Gefahren sprach, denen junge Leute in der Welt ausgesetzt sind. Die Welt
erzieht den Mann.
    Aber wie! seufzte Kunigunde.
    Nun, wie? wie sie ihn braucht, mein Kind. Der junge Mann mu Erfahrungen
machen und hat er die hinter sich, so wird er vernnftig; der eine frher, der
andere spter.
    Aber er macht diese Erfahrungen gewhnlich auf Kosten seines besseren
Selbst und zahlt fr Niedriges den hchsten Preis.
    Das Paradies fr einen Apfel - allerdings, das kann geschehen, sagte
Damian hchst gleichmtig. Diesen Weg hat der Schpfer von Adams Zeiten an dem
Menschen zugewiesen.
    Der Mensch hat freiwillig den Weg des Abfalls eingeschlagen, rief
Kunigunde lebhaft, und fr das Paradies, das er aufgab, hat der barmherzige
Gott ihm die Anwartschaft auf den Himmel gegeben. Die Welt nun, die es ihm so
leicht macht, das Paradies zu verlieren, was tut sie, um ihn an seine
himmlischen Ansprche zu erinnern?
    Nichts, mein Kind, gar nichts! ist auch nicht ntig! Man hat ja Grundstze,
die freilich zuweilen etwas wackeln, aber mit der Zeit sich befestigen. Die
Karriere, in die man tritt, die vortreffliche Frau, die man heiratet, tun denn
auch das Ihre; und so wimmelt die Welt von klugen, rechtschaffenen, gebildeten,
tchtigen Mnnern, zu denen unsere Buben ohne Zweifel gehren werden.
    Kunigunde lchelte traurig und suchte Trost bei Levin. Auch er sagte: Seien
Sie nicht so zaghaft, Kind! aber aus anderen Grnden als Damian. Statt vor der
Zukunft der Knaben zu bangen, benutzen Sie die Gegenwart, um auf dem Wege der
Tugend so fortzuschreiten, da Sie Ihren Kindern ein liebliches, leuchtendes,
unvergeliches Vorbild der Gottesliebe und der christlichen Vollkommenheit
werden. Daran scheitert manch Blendwerk der Welt.
    Aber meine Migriffe, mein Mangel an Einsicht, meine Schwche, wie viel
Schaden knnen sie stiften trotz all' meinem guten Willen.
    Dem menschlichen Tun wohnt Gebrechlichkeit inne, und wir alle lassen es an
Migriffen, auch bei unseren teuersten Angelegenheiten, nicht fehlen. Fassen wir
aber immer wieder und wieder die Richtung auf die Ehre Gottes und das Heil der
Seelen in's Auge, so wird Gott, fr den wir das Beste zu tun suchen, ohne
Zweifel viel Besseres fr uns tun und den Folgen unserer Migriffe Schranken
setzen.
    Damian, der einmal solchem Gesprch beigewohnt hatte, sagte spter zu
Kunigunde:
    Es ist recht seltsam, da Onkel Levin immer so spricht, als ob die
Vorsehung von unserem Tun und Treiben spezielle Notiz nhme.
    Lieber Damian, antwortete Kunigunde lchelnd, ob die Vorsehung das tut,
wei ich freilich nicht. Aber Gott tut es: darauf verla Dich. Warum sollte er
sich die Mhe genommen haben, jedes Haar auf Deinem Haupte zu zhlen, wie wir es
lesen in heiliger Schrift, wenn er keine spezielle Notiz von Dir nehmen wollte?
    Liest Du die heilige Schrift? fragte Damian hchst verwundert. Ich meine
gehrt zu haben, sie sei verboten, weil das ganze knstlich ersonnene und
zusammengesetzte Gebude der katholischen Kirche ber den Haufen fallen wrde,
wenn man die Lesung gestattete.
    Kunigunde lachte herzlich und rief: Das wre ja eine ungemein tragische
Begebenheit, wenn eines guten Tages die apostolische Kirche zusammenprasseln
sollte vor dem Echo der heiligen Schriften, die ja in ihr abgefat, gesichtet
und beglaubigt sind, und die nur ein Leben haben, insofern sie gehren zum
lebendigen Organismus des heiligen Geistes, dessen Bau eben diese Kirche ist.
Einem Denkgebude, von menschlicher Weisheit ersonnen, knnte es hingegen wohl
geschehen, da es zusammenstrzte, wenn die mchtige Stimme des Evangeliums
darin erschallte, weil seine Wahrheiten nicht Stand hielten vor der ewigen
Wahrheit der Offenbarung.
    Es ist der katholischen Kirche schon oft der Untergang prophezeit worden.
    Ja wohl, zu ihrem groen Trost! denn dies oft beweist, da es immer falsche
Propheten waren; da sie nur verkndeten, was sie wnschten, und da sie
wnschten, was der Antichrist immer wnscht: Christus in seinem Erlsungswerk zu
vernichten.
    Gundel, Du sprichst wie ein Professor mystischer Theologie! Hast Du Deine
Freude daran, so sei sie Dir gegnnt. Aber ich bitte mir aus, da Du sie nicht
unseren Buben einpflanzest; die brauchen vom Antichrist nichts zu wissen und
nicht in den heiligen Schriften zu studieren.
    Kunigunde war nach und nach erfahrener und vorsichtiger geworden. Sie lie
die Sache fallen und nahm sich um so fester vor, einen kindlichen frommen
Glauben in den Knaben zu pflegen, als sie wohl wute, da Damian sie nicht darin
untersttzen wrde. Es war ein Donnerschlag fr sie, als Juliane pltzlich mit
berraschender Zrtlichkeit schrieb, sie wnsche den zweiten Sohn ihres
geliebten Gratian zu sich zu nehmen, zu erziehen und ihm nach ihrem und ihres
Mannes Tode Stamberg als Fideikommis zu bergeben. Leichenbla sa Kunigunde da,
whrend Damian den Brief vorlas; ihre Hnde waren vom Stickrahmen in ihren Scho
gesunken und zitterten leise, und mit unaussprechlichem Schmerz sah sie Levin
an, als wolle sie seines Beistandes sich versichern.
    Der arme Junge dauert mich, sagte Damian, als der Brief zu Ende war. So
ganz allein bei der Gromama, das wird eine traurige Kindheit geben! Dafr
bekommt er denn freilich spter ein prchtiges Fideikommis, das somit den
gierigen Klauen der schlesischen Stambergs entrissen wird und unserer Familie
bleibt. Ich bin recht froh, endlich darber Gewiheit zu haben. Nun, Gundel, was
sagst Du? Du bist ja ganz starr vor berraschung.
    Ich sage, lieber Damian, erwiderte Kunigunde mit bebender Stimme, da ich
auf Deine Zustimmung zhle und das Kind nicht hergebe. Dir hat Gratian seine
Shne anvertraut und ich habe sie von Walburg geerbt. Sie sind auch ein
Fideikommis, ein viel kostbareres als alle Gter der Welt - und ich denke, wir
vertauschen sie nicht gegen Stamberg - nicht alle und nicht einen.
    Kind, es handelt sich um eine Rente von mindestens fnfzigtausend Gulden.
Die wirft man nicht fort wie eine Einladungskarte, welcher man nicht Folge
leisten will. Die erste Jugend des kleinen Orest wird nicht sehr munter sein;
aber im spteren Leben kann er das ja leicht nachholen und ganz andere Freuden
genieen, als die unbedeutenden der Kindheit. Weigern wir uns aber, nimmt die
Mama unsere Weigerung bel, macht sie ein Fideikommis zu Gunsten der Stambergs,
und Orest erfhrt dermaleinst, da er durch unsere verkehrte Zrtlichkeit es
verloren hat, wird er uns dann keine Vorwrfe machen? und haben wir sie nicht
verdient?
    Lieber Damian, erwiderte Kunigunde, es ist eine von Deinen glnzenden
Eigenschaften, da Du als ein chter Aristokrat sehr gromtig in Bezug auf Geld
und Gut bist. Das hast Du bewiesen, als Du ein ganz unbemitteltes Mdchen zur
Frau nahmst, und als Du die Existenz Deines Bruders und seiner Familie nicht
einige Wochen oder Monate, sondern acht Jahre hindurch eben so behaglich
machtest, wie die Deine es ist, und als Du ihm auf dem Sterbebette versprachst,
seinen Shnen Vater zu sein, und bei tausend anderen Gelegenheiten.
    Das ist richtig! aus dem Mammon mache ich meinen Gtzen nicht, sagte
Damian, mit heimlichem Wohlgefallen das Lob seiner Tugenden einschlrfend, was
ihm hoffentlich nur diejenigen bel nehmen werden, welche ber diese Schwche
erhaben sind. Aber, Kunigunde, es handelt sich hier nicht um mich und mein
Vermgen, sondern um ein prchtiges Fideikommis fr Orestes.
    Wrdest Du Regina zur Mama geben, wenn sie deren Erbin sein sollte?
    Nicht um die Welt! rief Damian; nein, mein einziges Kind geb' ich nicht
her.
    Von dem Augenblick an, da Du Deinem Bruder versprachst, seinen Shnen Vater
zu sein, hattest Du vier Kinder, sagte Kunigunde, und ich sehe nicht ein, wie
Du mit gutem Gewissen fr einen der Knaben tun magst, was Du um keinen Preis fr
Deine Tochter ttest. Der arme kleine Orest ist unglcklich genug, Vater und
Mutter verloren zu haben; o trenne ihn wenigstens nicht von uns und seinen
Geschwistern.
    Damian hatte sich inzwischen von Kunigundens Schmeichelworten erholt und
sagte: Dir ist nicht zu trauen, denn Du hast bei der ganzen Sache im Grunde nur
die eine Furcht, da Orest nicht fromm genug erzogen wird.
    Und wre ich nicht dazu berechtigt? fragte Kunigunde errtend, weil
Damians Bemerkung ganz richtig war. Ich will nicht von Deiner guten Mutter
sprechen; ich will annehmen, da sie Orest erzieht, wie sie Dich erzogen hat;
aber Du hattest doch Onkel Levin und hrtest und sahest doch etwas vom
katholischen Leben und Weben, whrend Orest in seiner Vereinzelung auf Stamberg
demselben gnzlich entfremdet und gleichsam losgerissen von jeder katholischen
Tradition sein wrde. Welch ein unermelicher Schaden fr die Seele des Kindes!
wer ersetzt ihm den Verlust oder auch nur die Schwchung des Glaubens!
    
    Nun, so glaubt er etwas anderes, oder etwas weniger, wendete Damian ein.
    Oder auch nichts, sagte Levin mit seiner milden Ruhe in Ton und Blick.
    Sind Sie Kunigundens Bundesgenosse, bester Onkel? rief Damian. Das
wundert mich! Sie pflegten doch sonst, trotz Ihrer transcendentalen Richtung,
einen klaren Blick fr alle Verhltnisse zu haben und auch die irdischen Dinge
nach ihrem Werte zu schtzen.
    Levin lchelte leise zu der transcendentalen Richtung, die Damian ihm lieh,
und antwortete:
    Dazu sind wir alle verpflichtet und eben deshalb drfen wir sie nicht ber
ihren Wert schtzen. Das Vaterhaus, das Mutterherz, das Familienleben, beseelt
und durchwrmt vom heiligen Glauben, ist ein so unermeliches Gut, da ein Kind,
welches ohne dasselbe aufwchst, bettelarm ist - und htte es Millionen! Denn
die Millionen sind zu zhlen und alles, was gezhlt werden kann, ist armselig im
Vergleiche zum Unermelichen.
    Aber, bester Onkel, vom Unermelichen lebt man nicht, it und trinkt man
nicht, wird man nicht Majoratsherr. Ein Vater mu fr seinen Sohn ein
Fideikommis bewahren; weshalb also nicht eines erwerben?
    Bewahre zuerst fr Orest das, was er hat; alles andere findet sich.
    Bester Onkel, Sie wissen so gut wie ich, da der arme kleine Orest, der
nachgeborene Sohn eines Nachgeborenen, nichts hat.
    Eben darum, lieber Damian, bewahre ihm sein bernatrliches Gut, damit der
Knabe, den vielleicht schwere und drckende Verhltnisse erwarten, eine Sttze
habe, welche sie tragen hilft. Bewahre ihm das himmlische Fideikommis des
Glaubens, welches Gott Selbst den Eltern anvertraut, damit es ungeschmlert auf
die Kinder, und aus einer Generation in die andere bergehe. Das kann Orest
dereinst von Dir verlangen; Stamberg nicht. Der vernnftige Mensch zieht das
Ewige dem Vergnglichen vor, sowohl fr sich selbst, als fr seine Kinder.
    Wenn man Sie hrt, sollte man meinen, Orest msse ber Stamberg geradeweges
in die Hlle laufen, rief Damian unmutig, und es ist doch ganz ungewi, ob er
ber Windeck in den Himmel spaziert.
    Levin lie diese Bemerkung fallen und sagte:
    Wre ich ein reicher Mann und knnte ich nicht meine Kinder im Glauben der
katholischen Kirche erziehen, so mte ich verzweifeln, denn nur dort sehe ich
Waffen, um den furchtbaren Kampf mit dem Leben, der den Reichen so besonders
gefhrlich ist, siegreich zu bestehen.
    Wo sehen Sie denn die Tugendhelden, die aus dem Kampf als Sieger
hervorgehen, fragte Damian bitter, da doch die Waffen allen zu Gebote stehen.
    Nur leider braucht sie nicht Jeder, entgegnete Levin. Die Waffen fliegen
nicht von selbst jedem in die Hand; sie mssen ausgewhlt, ergriffen und gefhrt
werden. brigens, lieber Damian, ist das Heldentum der Tugend etwas, das man
nicht immer auf der Oberflche und mit dem ersten Blick wahrnimmt.
    Ich sehe schon, da ich keinen Frieden im Hause haben wrde, wenn ich nicht
Orest behielte, sagte Damian nachdenkend; nur wei ich nicht, wie ich den
Antrag der Mama ablehnen soll.
    Kunigunde bog sich tief ber ihren Stickrahmen, um ihre hervorquellenden
Freudentrnen zu verbergen, da sie Damians Feindseligkeit gegen alle Arten von
Trnen gengend kannte. Levin sagte.
    Will Deine Mutter sogleich das Kind haben?
    Nein, im nchsten Frhling.
    Dann wrde ich in Deiner Stelle vor der Hand ihrem Wunsche nicht entgegen
treten. Wer wei, ob sie ihn im Frhling noch hegt.
    Wenn der Bube aber ein Taugenichts wird und doch nicht Stamberg bekommt:
wie dann, Onkel Levin? fragte Damian sinnend.
    Hast Du Deine Schuldigkeit gegen Gott und Orest getan - und sollte er dann
so unglcklich sein, die seine nicht zu tun: so ist es auch dann besser, wenn er
ein armer als ein reicher Taugenichts ist. Es sehen weniger Augen auf ihn und
folglich geht sein schlechtes Beispiel nicht ber einen kleinen Kreis hinaus,
whrend er, als der Mittelpunkt eines greren, entsetzliches Unheil stiften
kann.
    Ich bitte Euch, schweigt von so traurigen Mglichkeiten! sagte Kunigunde
flehend. Welche Mutter kann ohne Herzeleid solche Voraussetzungen anhren! -
    Bald darauf wre der kleine Orest in ganz anderer Weise beinahe seiner
Familie entrissen worden. Er spielte am Ufer des Mains, kletterte in einen
Nachen, verlor das Gleichgewicht von dessen leisem Schaukeln und fiel ins
Wasser. Da er vor Schreck nicht schrie, wurde die Wrterin, die in eine
Handarbeit vertieft war, nicht aufmerksam gemacht und Orest wre vermutlich
ertrunken, wenn nicht sein Spielkamerad, Florentin der Fhrmannssohn, beherzt
ihm nachgesprungen wre, ihn gepackt htte und dann, um Hilfe rufend, am Nachen
sich anzuklammern suchte. Es war in der Mittagsstunde und niemand am Ufer. Als
die Wrterin in hchster Bestrzung herbeieilte und beide Knaben aus dem Wasser
gezogen hatte, bedrohte sie Orest heftig, nichts von seinem Unfall verlauten zu
lassen, weil er hart gestraft werden wrde, und deshalb msse auch Florentin
schweigen. So hoffte sie, werde die Grfin nichts erfahren und ihr jeder
Verweis, vielleicht sogar die Entlassung gespart werden. Sie brachte die Kinder
auf Umwegen ins Schlo, kleidete sie um, und es war weiter nicht die Rede davon,
da Orest wohl wute, da es schmerzlich ohne Strafe fr seinen Ungehorsam
abgehen wrde. Levin hatte aber von der Terrasse aus den ganzen Vorfall gesehen
und sich gefreut, wie herzhaft der kleine Florentin zu Werke ging. Er glaubte,
die Wrterin wrde Kunigunden ihre Unaufmerksamkeit gestehen; da aber gar nichts
von der Sache verlautete, teilte er sie nach einigen Tagen der Grfin mit, um
sie vor der Sorglosigkeit der Wrterin zu warnen. Kunigunde war auer sich vor
Schreck ber Orest und vor Freude ber Florentin. Er war das erste Kind, das sie
in Windeck aus der Taufe gehoben hatte. Sie war eine treue Pflegerin seiner
Mutter gewesen, die brustkrank langsam dahinsiechte. Sie hatte der armen
Sterbenden versprochen, immer ein Auge auf Florentin zu behalten. Dessen Vater
hatte wieder geheiratet, und die Stiefmutter war nicht gut gegen Florentin. Sie
schlug ihn ohne Ursache, wenn sie eben bler Laune war, und ihre eigenen Kinder
durften ihn ungestraft qulen. Er war in Uriels Alter und Kunigunde, die ihn
immer gern gehabt hatte, lie ihn jetzt hufig ins Schlo kommen, seitdem die
Knaben in Windeck waren. Krzlich hatte Florentin auch seinen Vater verloren und
fhrte nun bei seiner Stiefmutter und seinem alten Grovater, der dem bsen
Weibe nicht gewachsen war, ein trauriges Leben. Kunigunde wute ihrer
Dankbarkeit keinen besseren Ausdruck zu geben, als den, da sie beschlo, ihn
mit ihren Kindern zu erziehen.
    Er hat uns das Leben eines Sohnes gerettet, sagte sie zu Damian, dafr
wollen wir wiederum ihn retten! Bei der Stiefmutter kommt er um an Leib und
Seele.
    Damian htte den Knaben lieber in irgend eine Erziehungsanstalt gegeben. Er
fand es bedenklich, ihn in Verhltnissen und Umgebungen aufwachsen zu lassen,
die er spter ungern vermissen wrde; Fhrmannssohn und Grafenkinder drften
nicht auf demselben Fue erzogen werden. Dagegen sagte Kunigunde, gerade aus
solcher Verschiedenheit der Verhltnisse knnten sich die schnsten Tugenden
entwickeln: Dankbarkeit, Hingebung, treue Anhnglichkeit in Florentin und in
ihren Shnen eine richtige Wrdigung des Menschen ohne Rcksicht auf Stand und
Herkunft, brderliche Gesinnung fr Arme und Niedriggeborene, vielleicht auch
heilsamer Wetteifer, da Florentin ein sehr intelligentes Kind sei. Onkel Levin
wurde zu Rate gezogen wie immer. Er sagte:
    Liebe Kunigunde, ich glaube kaum, da ich Ihren Mut htte. Es ist nicht
leicht, ein fremdes Kind so zwischen den eigenen Kindern zu erziehen, da es
sich nicht fremd fhle.
    Bester Onkel, Florentin fhlt sich schon jetzt heimischer und behaglicher
bei uns, als bei seiner Stiefmutter, die ihn fast verhungern lt.
    Das glaub' ich schon; aber ich wei nicht, ob dies Behagen ein Glck fr
die Zukunft des Knaben ist.
    Ist ganz meine Meinung! rief Damian. Was willst Du denn eigentlich mit
ihm anfangen?
    Ich denke, Du lt ihn studieren, lieber Damian, sagte Kunigunde. Wie
schn wre es, wenn er Arzt wrde! wie gut knntest Du einen Arzt brauchen, so
recht in der Mitte Deiner Besitzungen ihm einen Wohnort anweisen und alle armen
Leute ihm bergeben. Oder wie schn wr' es, wenn er geistlich wrde - ein
frommer Priester, ach, welche Gnade! Den Arzt der Seelen knnten wir eigentlich
noch notwendiger brauchen, als den fr die Krper. Oder will Florentin nicht
studieren, so kann er Frster werden, Verwalter, Rentmeister. Du hast eine Menge
Stellen, zu denen Du treue, tchtige Menschen brauchst.
    Damian hatte mancherlei Nten mit seinen Beamten. Der Gedanke, einen recht
tchtigen, zuverlssigen Beamten in Florentin heran zu bilden, war ihm eine
erfreuliche Vorstellung, und er sagte:
    Wohlan, Kunigunde, wir wollen Florentin behalten! Es gefllt mir sehr gut
von dem kleinen Patron, da er so unverzagt und entschlossen ins Wasser sprang;
aber noch viel mehr, da er kein Wort von seiner Heldentat verlauten lie, der
kleine Schweigende!
    Mit groer Freude zog Florentin im Schlosse ein und der ganze Kindertrupp
gedieh aufs beste. Im Frhling hatten alle das Scharlachfieber; Juliane konnte
also Orest nicht zu sich nehmen. Im Sommer auch nicht, denn sie mute wegen
ihrer Gesundheit in die bhmischen Bder gehen. Im Herbst auch nicht, denn sie
frchtete die rauhe Luft des Odenwalder Sptjahres fr den Kleinen. Und endlich
erklrte sie, es sei wohl am zweckmigsten, wenn er nicht vereinzelt, sondern
mit den brigen Kindern erzogen werde. ber das beabsichtigte Fideikommis
schwieg sie; aber Damian rechnete dennoch darauf fr Orest, weil ja nicht er und
Kunigunde den Erziehungsplan durchkreuzt, wohl aber die Mutter selbst ihn
aufgegeben, also in keiner Weise Widerspruch zu strafen hatte. Uriel bekam
Windeck samt Reginen und fr Hyazinth war dann sehr leicht zu sorgen. So
richtete Damian in Gedanken die Zukunft der Kinder so sicher im irdischen Glck
und Glanz ein, wie Kunigunde darauf zu hoffen wagte, sie smtlich zu halben
Wundern der Vollkommenheit aufblhen zu sehen. - Nach einigen Jahren hatte sie
ein zweites Tchterchen, das ihr Mann mit unaussprechlicher Freude empfing, denn
er hatte halb und halb einen Sohn gefrchtet, dermaen hing sein Herz an Uriel.
Und wieder gingen Jahre vorber mit den Sorgen und Freuden des Familienlebens,
denen sich Kunigunde mit unbegrenzter Hingebung widmete. Da wurde sie von einem
Brustfieber befallen und nach einem kurzen Krankenlager schied diese schne,
zrtliche, liebevolle Seele vom irdischen Leben. Ein Schrei des Jammers folgte
ihr nach. Damian war fassungslos; Levin nahe daran; smtliche Kinder in
Verzweiflung. Von einer solchen Trauer hatte kein Mensch auf Windeck je eine
Ahnung gehabt. Als ihr Sarg ber den Main gefhrt wurde nach Kloster Engelberg
in die Familiengruft, standen beide Ufer gedrngt voll Menschen, die ihr
nachweinten und andchtig fr sie beteten. In den achtzehn Jahren, die sie auf
Windeck verlebt hatte, war ihr Herz zuweilen recht kummervoll und gedrckt
gewesen; aber nie hatte sie irgend jemand anders als freundlich empfangen und
nie einen Unglcklichen oder Traurigen anders als getrstet entlassen. Dafr
wurde ihr jetzt manche Trne nachgeweint und manches Gebet nachgeschickt. Im
Schlo ging das Leben mechanisch fort, wie sie es geordnet hatte; aber es hatte
einen leichenhaften Anflug. Jetzt erst merkte man, wie sie es in ihrer stillen,
demtigen, freundlichen Weise beseelt hatte. Als Damian seine Tchter zum
erstenmal nicht wei gekleidet, sondern im Traueranzug sah und dazu ihre
kleinen, blassen, verweinten Gesichter, schlo er sie angsthaft in seine Arme
und sagte zu Levin:
    Was soll aus ihnen werden ohne Mutter?
    Da umschlang Regina ihn zrtlich und sagte: Grme Dich auch nicht zu sehr,
lieber Vater, denn die heilige Mutter Gottes wird jetzt unsere Mutter sein. Eine
andere knnen wir nicht brauchen.
    Er beneidete fast das Kind um diese tiefe Zuversicht und um dies Eingehen in
die bernatrliche Welt. Er machte sich tausend Vorwrfe, da er gerade auf
diesem Punkt Kunigunde so oft betrbt, so hufig die zarteste Blte ihres
inneren Lebens mit dem kalten Frost seines Indifferentismus verletzt hatte. Er
mute sich eingestehen, da er das Beste, was er in sich selbst fand, Kunigunden
verdankte, deren milde Liebe immer gegen seine Selbstsucht kmpfte, ohne sich
durch geringe Erfolge entmutigen zu lassen. Da er ihr nicht selbst mehr danken
konnte, so nahm er sich vor, in den Tchtern ihr zu vergelten und sie im Sinne
der Mutter erziehen zu lassen. In Wien bei den Salesianerinnen hatten Kunigunde
und Walburg ihre Erziehung empfangen, und Damian beschlo, seine Tchter
ebenfalls einem klsterlichen Institute zu bergeben.
    Nach Wien bringe ich sie aber nicht, sagte er zu Levin, als er mit ihm den
Plan berlegte. Sie mssen so gtig sein, bester Onkel, und ein Institut der
Dames du Sacr Coeur auskundschaften, von dem Kunigunde zuweilen redete. Gegen
Wien sprechen drei Grnde.
    Und das sind? fragte Levin voll Erwartung.
    Erstens die groe Entfernung. Zweitens, da die liebe Kunigunde im
Franzsischen keinen Pariser Accent hatte. Drittens mchte ich gerne die Kinder
von einer gewissen kleinen deutschen Sentimentalitt fern halten, von einer
gewissen berschwnglichkeit des Gemtslebens, worin die besten und frmmsten
Frauen leicht verfallen und welche sicherlich in einer deutschen klsterlichen
Erziehungsanstalt ungemein floriert.
    Levin lie diese letzte Annahme auf sich beruhen und erwiderte: Alle
klsterlichen Genossenschaften, die sich der Erziehung der Jugend widmen, tun es
im Geiste des gttlichen Heilandes, der da gesagt hat: Lasset die Kindlein zu
mir kommen, und folglich mit der grten Liebe, Hingebung und Opferwilligkeit,
denn sie haben aus der Nachfolge Jesu im Dienste der Seelen freiwillig ihren
Stand gemacht. Daher erfllen sie ihre Pflichten in mglichster Vollkommenheit
und verdienen das grte Vertrauen. Aber, lieber Damian, wo Menschen wirken und
handeln, da gibt es Schwchen, und in den Charakteren der Zglinge gibt es
Schattenseiten. Du darfst also Deine Erwartungen nicht bermig hoch spannen
und spter die etwaige Unvollkommenheit der Kinder nicht auf Rechnung der
klsterlichen Erziehung bringen. Versprichst Du mir das, so will ich gleich
Erkundigungen einziehen, die ohne Zweifel hchst gnstig lauten werden, indem ja
die Dames du Sacr Coeur berhmt sind wegen ihrer brillanten Erziehung fr die
Welt.
    Das ists gerade, was ich wnsche! rief Damian. Seien Sie unbesorgt,
bester Onkel! Geraten die Kinder einigermaen in dieser Richtung, so schwrme
ich fr das Sacr Coeur. Aber wie einsam, wie unertrglich einsam wird es hier
werden.
    Das empfand Levin mit schneidendem Herzweh. Die Beschftigung mit den
Kindern war seine Wonne; aber er sagte trstend zu Damian: Es war ja schon
festgesetzt, da die ltesten Knaben fort sollten, und wir behalten doch
vorderhand Hyazinth.
    Ja, den einen, und alle anderen gehen! Mir graut vor der Stille, die hier
eintreten wird.
    An einem und demselben Tage war allgemeiner Aufbruch in Windeck. Uriel,
Orest und Florentin reisten in Begleitung eines Hofmeisters ab, um
Gymnasialstudien zu machen; und Damian mit seinen Tchtern zuerst nach Stamberg,
um sie noch einmal der Gromama vorzustellen, und dann zu den Dames du Sacr
Coeur im Elsa. Juliane mute nach ihrer Gewohnheit Einwendungen gegen diesen
Erziehungsplan machen, von dem sie ahnte, da er mittelbar von Kunigunden
herrhre. Weshalb nicht die Kinder nach Mannheim bringen, in das weltberhmte
Institut, dessen glnzende Resultate man kenne. Oder noch lieber nach
Norddeutschland, wo man berhaupt auf einem viel hheren Stand der Bildung
stehe, nach Dresden zum Beispiel; da knnten knstlerische Anlagen in ihnen
entwickelt werden. Gab es aber irgend etwas, wodurch Damian in seinen Ansichten
und Plnen bestrkt wurde: so war es gewi der Widerspruch seiner Mutter.
Ohnehin ging er nicht leicht von seinen Ideen ab und so hatte Julianens
Mibilligung nicht die geringste Wirkung auf ihn. Er war ganz gleichgiltig gegen
ihre bestndige Krittelei.
    Der Abschied von seinen Tchtern, die Heimkehr nach Windeck, die Verdung
seines Hauses stimmten den Grafen ungemein schwermtig. Er hatte an Kunigunden
die treueste Freundin gehabt, deren Teilnahme zu jeder Stunde, fr jede
Kleinigkeit ihm gewi war und die sorgsam alles zu entfernen oder selbst zu
bernehmen wute, was ihn belstigte oder verstimmte. Er hatte in Uriel und
Orest schon Gesellschafter gehabt, die mit ihm jagten und ritten, und in den
beiden frhlichen, kleinen Mdchen eine bestndige Quelle des Scherzes und der
Heiterkeit. Er hatte an dem Personal, welches die Erziehung der Kinder bald fr
immer, bald zeitweise, ins Haus brachte, eine Unterhaltung gehabt. Hofmeister,
Musiklehrer, Zeichenlehrer, Tanzlehrer, Englnderin, Franzsin und was sonst
noch die moderne Erziehung erheischen mag, zog auch in Windeck ein und aus.
Zwlf Personen am Familientisch, das war die geringste Zahl; und zwischen ihnen
allen war er der Herr, war er der Mittelpunkt. Ihn wollten alle unterhalten; ihm
- alle gefallen. Um ihn bemhte sich alles, drehte sich alles. Kunigunde gab
allen die Richtung auf ihn, die sie selbst nie verlor. Jetzt hatte er niemand
als den Onkel Levin, den dreizehnjhrigen Hyazinth und dessen Erzieher, einen
jungen Geistlichen.
    Seitdem ich keine Frau mehr habe, komme ich mir gar nicht vor wie der Herr
des Hauses, sagte er oft.
    Levin versuchte Saiten zu berhren, die in traurigen Herzen manchmal Anklang
finden: Ergebung, Entsagung, Hinwendung zum hchsten Gut, das fr den Verlust
jedes anderen einen himmlischen Ersatz bietet. Allein dafr war der Graf taub.
Er fhlte sich seiner glcklichen Existenz beraubt und fate es nicht, wie man
ohne eine solche zufrieden leben knne. Die Selbstsucht war noch immer
bermchtig in ihm.
    O wie beneide ich den geistlichen Stand um seine ewige, unzerstrbare
Ruhe! uerte er einmal in aufgeregter Traurigkeit gegen Levin. Der Priester
ist der glcklichste Mensch auf Erden. Er fhlt keinen Schmerz mehr.
    Die stille Ruhe fliegt ihm nicht an, entgegnete Levin sanft; sie will
erkmpft sein. Und der Schmerz flieht nicht von selbst vor ihm; er will
bezwungen sein. Und nicht mit einem Kampf ist die Ruhe auf immer hergestellt und
nicht mit einem Willensakt der Schmerz besiegt! Das dauert fort - durchs Leben.
Aber wir sind freilich wie tchtige Soldaten darauf eingebt, uns nicht den
Feind ber den Kopf wachsen zu lassen, sondern uns bei Zeiten durchzuschlagen.
    Was kann der Priester fr Schmerzen haben? fragte der Graf unbefangen. Er
hat nicht Weib noch Kind; er verliert sie nicht; er kennt keine Sorge um sie.
Gegen irdische Leidenschaften - denn es versteht sich, da ich von einem frommen
Priester rede - schtzen ihn Stand, Beruf und Gnade; woher soll also fr ihn der
Schmerz kommen?
    Aus der Snde, der eigenen und der fremden, entgegnete Levin und heftete
sein seelenvolles Auge auf Damian. Aus der Snde, die den Gekreuzigten, welcher
aus einem Wunder der Liebe fr uns stirbt und aus einem anderen Wunder der Liebe
fr uns lebt, wieder und immer wieder kreuzigt und die Seelen, die er retten
will, ihm entreit und in den ewigen Tod strzt. Der Schmerz um die verschmhte
Liebe Gottes, um das Elend des Snders, um die Leiden der Kirche, um den Abfall
vom Glauben, um die Anfeindung der Religion bewegt sich in einer anderen Sphre,
als die der irdischen Verhltnisse, aber er hat auch seinen Stachel, auch seine
Bitterkeit, mein lieber Damian, und wenn wir ihn nicht hinnehmen wrden, als
einen Dorn aus der Krone, die Christus trgt, und als einen Anteil an dem Kelch,
den Christus trinkt: so wrde kein Menschenherz stark genug sein, um ihn zu
ertragen.
    Das ist es ja eben, lieber Onkel: Sie haben immer das Kreuz bei der Hand,
an das Sie sich lehnen.
    Ergreife das Kreuz, dann hast Du es auch. Das Kreuz ist ein Gemeingut der
Menschheit und hat fr uns alle dieselbe Kraft. Es tut uns weh und heilt all'
unser Weh.
    Aber das wollte der Graf nicht verstehen! - Um sich zu zerstreuen, reiste er
viel, ging in die Bder, machte bald in Wien, bald in Paris einen
Winteraufenthalt und besuchte alle Jahre einmal seine Tchter, whrend seine
Shne - wie er sie nannte - in den Ferien nach Windeck kamen und munteres Leben
mit sich brachten. Durch die oberflchliche und erkltende Berhrung mit der
Welt lie sich der Graf mehr und mehr von jeder hheren Ansicht und
Lebensauffassung ablsen. Das Wenige, was ihm Kunigunde allmhlig von ihrer
Seelenwrme, von ihrem Seelenadel mitgeteilt hatte, ging wieder unter in der
allgemeinen Welt-Epidemie der Selbstvergtterung - und das war der Moment, in
dem er seine Tchter aus dem Institut des Sacr Coeur abholte, um sie fortan bei
sich zu behalten.

                                   Prludien


Wie gefllt Ihnen denn eigentlich Regina. bester Onkel, sagte Damian, nachdem
er jenes Gesprch mit seiner Tochter gehabt hatte. Sie ist jetzt vierzehn Tage
hier, da kann man schon ein Urteil ber sie haben.
    Ich denke, ihre gute Mutter wrde eine innige Freude an ihr haben,
versetzte Levin.
    Und ihr guter Vater? fragte Damian.
    Nun, ihr guter Vater hat diese Freude doppelt, entgegnete Levin lchelnd,
fr sich und fr die Mutter.
    Ich gestehe Ihnen, da ich etwas ganz anderes von der Klostererziehung
erwartet hatte! Regina macht mir durchaus nicht den Eindruck eines unterwrfigen
Charakters, einer fgsamen Seele. Sie ist sehr schn, sie hat sehr viel
Verstand, sie hat eine groe Anmut des Benehmens; aber ihre innere
Entschiedenheit mifllt mir. Ich frchte, sie hat wenig Neigung zum Gehorsam.
    Sie sucht doch alle Deine Wnsche buchstblich und mit groer,
zuvorkommender Bereitwilligkeit zu erfllen.
    Das ist richtig - aber! aber! sie hat einen Willen!
    Du wirst doch nicht wnschen, da sie ein Automat sei?
    Unter Umstnden knnte ich es wnschen! Hat sie noch nicht mit Ihnen ber
ihre Klosterideen gesprochen?
    Nicht eine Silbe! und ich bitte Dich, darauf kein groes Gewicht zu legen.
Solche Idee hat manches junge Mdchen, ohne da ein wahrer Beruf ihr zu Grunde
liegt.
    Glaub' es gern! nur frchte ich, da uere Einflsse sie in ihrer
verkehrten Idee bestrken knnten und deshalb hab' ich beschlossen, sie mit
Uriel zu verloben, sobald er kommt, und das wird ja in den nchsten Tagen
geschehen.
    Bester Damian, das ist gefhrlich! Uriel und Regina haben sich in fnf
Jahren nicht gesehen, sind als Geschwister aufgewachsen und haben vielleicht
nicht die mindeste Neigung fr einander.
    O die findet sich! Ich will auch nicht mit der Tre ins Haus fallen,
sondern nur, wenn sie einige Wochen traulich miteinander gelebt haben, ihnen zu
verstehen geben, was ich wnsche. berdas ist Regina ein Mdchen, in das man
sich leicht verlieben kann; bemerkt aber ein Mdchen, da sie eine Neigung
weckt, so erwidert sie dieselbe. Das liegt in der weiblichen Natur und darauf
baue ich meine Hoffnung: Uriel mu sich verlieben und die Klosterideen
bekmpfen; ich werde sie unbercksichtigt lassen.
    Das ist die klgste Taktik, sagt Levin einstimmend.
    Sie wnschen also nicht, da Regina ins Kloster gehe? fragte der Graf
etwas verwundert. Ich dachte, Ordensleute und Priester htten dafr eine
besondere Liebhaberei.
    Hoffentlich, entgegnete Levin lchelnd, ist ihre grte Liebhaberei die,
da die Ehre Gottes und das Heil der Seelen in grtmglichster Vollkommenheit
gefrdert werde. Wo aber kein Beruf zum geistlichen Stande ist, geschieht von
beidem das Gegenteil.
    Ach, Onkel Levin! Sie sind ein prchtiger Mann! sagte der Graf erheitert
und klopfte ihm freundlich auf die Achsel; bei Ihnen wird Regina nicht in ihren
Trumereien Untersttzung finden, und wahren Beruf zum Ordensstande kann sie ja
unmglich haben. Das sind Schwrmereien junger Mdchen und es beruhigt mich
sehr, da sie gar nicht mit Ihnen darber gesprochen hat. Gewi scheut sie Ihren
klaren Blick in dergleichen Angelegenheiten.
    Regina sa whrend dieses Gesprches in einer von dichten Schlingpflanzen
umrankten Veranda am Strickrahmen und stickte zierlich auf einem schweren,
weien Seidenstoff mit Goldfden eine Guirlande von Reben und hren, die sich um
ein Dorngewinde schlang. Ihr Vater hatte wohl recht zu sagen, sie sei sehr
schn. Ihre feinen edlen Zge waren beseelt durch einen Ausdruck von lieblicher
Kindlichkeit und von hohem Ernst, wie man ihn bei den Heiligen und Engeln der
alten florentinischen Maler findet. Unter ihrer zarten, durchsichtigen Stirn
zogen sich ihre dunklen Augenbrauen fest und gerade mit groer Entschiedenheit
hin, whrend ihr klares, glnzendes, graues Auge einen ungemein seelenvollen
Blick hatte, wenn sie ihre langen, schwarzen Wimpern langsam aufhob. Es lag ein
namenloser Friede, eine gnzliche Unberhrtheit von der Welt auf ihrer ganzen
Erscheinung. Sie stickte emsig und summte dabei, wie junge Mdchen zu tun
pflegen, eine Melodie vor sich hin, die sehr frhlich klang. Zuweilen sttzte
sie aber den Arm auf den Stickrahmen und den Kopf auf die Hand, blickte hinber
nach Kloster Engelberg und ging aus dem leisen Summen in ein helles,
wunderliebliches Singen der zwei Worte Venite, adoremus! ber. Es lag in der
Melodie ein Frohlocken, das kein Ende der Freude kennt und in welches Regina's
ganze Seele einstimmte. Dann arbeitete sie weiter. Als sie Mnnerschritte auf
dem Kieswege hrte, der zur Veranda fhrte, verstummte sie. Levin war
nachdenkend ber sein Gesprch mit dem Grafen in den Garten gegangen. Auch er
hatte sich von jeher mit dem Gedanken vertraut gemacht, Uriel und Regina wrden
ein Paar werden. Die uerungen des Grafen ber Regina beunruhigten ihn, obwohl
er, Damian gegenber, die Sache unwichtig genommen hatte, um ihn nicht
aufzuregen. Hatte Regina wirklich einen Lebensplan entworfen, welcher mit dem
ihres Vaters nicht bereinstimmte, welchen Strmen ging sie dann entgegen. Und
war es denn etwas Unmgliches, da sie, die Tochter einer so frommen Mutter und
ein Kind des Gebetes, andere Wege ginge, als den der Welt? Er trat in die
Veranda und sagte liebreich:
    Du singst ja wie eine Lerche so frhlich, Regina.
    Sie stand schnell auf, stellte einen Gartenstuhl fr ihn neben ihren
Stickrahmen und sagte aus vollem Herzen: Ich bin auch froh, lieber Onkel! Wenn
die Lerche schon so frhlich singt, weil sie zum blauen Himmel auffliegen kann,
wie mssen wir dann so viel tausendmal frhlicher sein, weil uns ein Himmel
erwartet, der tausendmal schner ist, als der ther um unseren Erdball.
    Denkst Du, junges Kind, schon an den Tod? fragte er.
    O nein! sagte sie unbefangen; nur an das ewige Leben.
    Mit unsglicher Liebe ruhte sein Blick auf ihr, whrend er ruhig sagte: Ich
wundere mich, Regina, da Du Dich so leicht in die Trennung von den guten Damen
vom Sacr Coeur findest, bei denen Du es so gut hattest.
    Ich hab' es auch hier sehr gut, und so lieb ich die Damen habe und so
innigen Dank ich ihnen schuldig bin, so wei ich ja doch, da es nicht meine
Bestimmung ist, bei ihnen zu bleiben; das erleichtert mir die Trennung.
    Du bist ja ungemein verstndig, sagte er scherzend.
    Hab' ich denn nicht meinen Vater hier? fuhr sie fort, und Dich hier, mein
lieber Onkel? und da in Engelberg das Grab meiner Mutter, ber dem die Mutter
Gottes Wache hlt? Tante Isabelle ist auch sehr gtig fr mich und Corona ist
mit ganzem Herzen hier. Wie knnte ich wohl unzufrieden sein!
    Die Vettern kommen auch nchstens; dann wird es munter werden, und der
Winter noch munterer, da Dein Vater ihn in Frankfurt zubringen will.
    Es flog ein Schatten von Traurigkeit ber Regina's Antlitz, als sie
erwiderte: Ich freue mich sehr, meine Vettern wieder zu sehen; aber auf einen
Winter, gleichviel in welcher Stadt, freue ich mich gar nicht.
    Das kommt daher, weil Dir ein solches Leben ungewohnt ist. Bald wird es Dir
gefallen.
    Sie schlug ihre Augen gro zu ihm auf und fragte:
    Hat es Dir je gefallen, lieber Onkel Levin?
    Mir, mein Kind! rief er lchelnd. Aber Du weit ja, da der Geistliche an
den sogenannten Freuden der Welt nicht Teil zu nehmen pflegt und da ich seit
meinem achtzehnten Jahre geistlich bin. In Worms, wo ich ein paar Jahre Domherr
war, hatte ich bergenug Beschftigung mit theologischen Studien, und als ich
nach Auflsung des Stiftes hierher zu meiner armen kranken Mutter zurckkehrte,
fand ich ein Sterbebett - aber keine Weltfreuden. Spter, zur Zeit meines
Bruders Matthias, Deines Grovaters, ging es hier freilich auerordentlich
lustig her. Allein ich war schon bei dreiig Jahren ein solcher Brummbr
geworden, da ich gar keine Neigung fr diese Art von Lustigkeit und Weltfreuden
hatte!
    Regina ergriff seine Hand, kte sie zrtlich und sagte: Was Du geworden
bist, Onkel Levin, das wissen wir besser als Du.
    Die schmetternden Tne eines Posthorns hatten sich schon in der Ferne hren
lassen; jetzt erklangen in der Nhe die gellenden Dissonanzen. Corona flog
atemlos in die Veranda und rief froh in die Hnde klatschend und gleich wieder
davonspringend:
    Sie kommen! eben kommen die Vettern an! Papa lt Dich rufen, Regina.
    Regina bedeckte sorgfltig ihren Stickrahmen, nahm Levin unter den Arm und
sagte lchelnd:
    Ich werde die Buben gar nicht mehr kennen! sie sind in den fnf Jahren ja
smtlich junge Herren geworden.
    Als sie in den Saal traten, herrschte darin ein ungeheures Getmmel. Der
Graf, vier junge Mnner, Tante Isabelle und Corona sprachen alle auf einmal.
Fragen, Antworten, Begrungen durcheinander. Ein riesenhafter Neufundlnder
hatte die allgemeine Freude benutzt, um mit einzudringen in den Saal und durch
leises Freudengeheul seine alten Kameraden zu begren und bald an diesen, bald
an jenen hinan zu springen. Hyacinth hatte seinen Mops mitgebracht, der ohne
Umstnde im Saal erschien und hchst ungndig von Amour empfangen wurde, welcher
sich allein fr salonberechtigt hielt und es in ruhigen Zeiten auch war. Ihm
mifiel diese revolutionre Bewegung, die ihn vielleicht seines Polsters
beraubte und er klffte znkisch gegen den Mops, whrend der Arras mit seinem
betubenden Gerusch alle anderen Stimmen von Menschen und Tieren bertubte.
    Ah, Onkel Levin! rief pltzlich in dem Wirrwarr eine klingende Stimme und
einer der Jnglinge brach sich Bahn und kte zrtlich Levins Hand.
    Gr Dich Gott, Uriel, sagte Levin.
    Du bist also Uriel? fragte Regina freundlich. Ich mu Euch smtlich der
Reihe nach wieder kennen lernen.
    Aber wir smtlich kennen Dich, Regina, sagte Uriel.
    Sie gab ihm die Hand; auch an Orestes, auch an Florentin; als sie sich aber
zu Hyacinth wendete, nahm sie seine Hand zwischen die ihren und drckte sie
innig und sagte:
    O Hyazinth, mein lieber Hyazinth! Dich kenne ich am besten! wir waren ja
immer zusammen bei der lieben seligen Mutter.
    Der Graf beobachtete Regina mit einer fast ngstlichen Spannung. Nichts wre
ihm erwnschter gewesen, als in Reginen den zndenden Funken der Liebe zu
Uriel wahrzunehmen, von dem zuweilen in Romanen gesprochen wird. Das war aber
unmglich! sie hielt sich entschieden am meisten zu Hyacinth, der nur ein Jahr
lter als sie, und frher ihr unzertrennlicher Gefhrte gewesen war. Allmhlig
legten sich die Wogen der Aufregung, welche mit einem Wiedersehen nach langer
Trennung verbunden sind, und der Graf sagte:
    Nun, meine Buben, tut und treibt, was Ihr wollt und amsiert Euch. Den Weg
zum Pferdestall kennt Ihr und zur Gewehrkammer auch. Die Hhnerjagd floriert!
Bei jedem Schritte durch die Felder knattert eine Kette Rebhhner wie eine
lebendige Rakete in die Hhe.
    Als ob ich's geahnt htte! rief Orest, ein wtender Jger. Vor acht Tagen
erst kaufte ich einen famosen Hund, um schweres Geld freilich! aber er ist's
wert, der Nimrod! dressiert wie ein preuischer Soldat! der soll uns gute
Dienste tun.
    Und in acht Tagen, fuhr der Graf fort, haben wir einen Ball. Dann ist
Reginens Namens- und Geburtstag, und den wollen wir endlich einmal wieder feiern
und uns freuen, da wir beisammen sind.
    Tanzest Du gern, Regina? fragte Uriel.
    Nein! sagte sie sanft und fest.
    Frage sie doch nicht, Uriel, rief der Graf; darauf kann sie Dir nicht
antworten, denn sie hat ja noch nie einen Ball erlebt.
    Und im Kloster zu tanzen, das mag nicht sehr amsant sein, bemerkte
Florentin.
    Im Kloster wird berhaupt nicht getanzt, lieber Florentin, entgegnete
Regina. Im Pensionat bekommen die Zglinge Tanzunterricht so gut wie jeden
anderen.
    Nun, da der himmelweit verschieden von einem Ball ist, versteht sich von
selbst und folglich hat Regina kein Urteil ber den Tanz, sagte der Graf
entscheidend.
    Vielleicht lern' ich es noch, lieber Vater, entgegnete Regina. Mit meinen
Fortschritten im Reiten bist Du ja nicht unzufrieden.
    Bravissimo! Du reitest, Regina? - allen Respekt! rief Orest. Tanzen kann
jede junge Dame. So gottverlassen ist keine, um nicht einigermaen gut zu
tanzen; aber reiten ....
    Reiten ist fr eine junge Dame ein bernatrliches Talent, warf Florentin
hin.
    Vielleicht weit Du auch mit dem Gewehr umzugehen? fragte Orest; oder
doch wenigstens mit Pistolen?
    Warum nicht gar mit der Cigarre, sagte Uriel unmutig.
    Ich sehe schon, da meine Erziehung sehr vernachlssigt ist, erwiderte
Regina munter.
    Die Cigarre ist vor der Hand zu viel der Vollkommenheit, fuhr Orest fort.
Wir mssen erst sehen, ob Du im Stande bist, die Allren einer Lionne
anzunehmen.
    Einer Lwin! rief Corona entsetzt und schlug ihre Hnde zusammen. Regina
... und eine Lwin!
    Kinder, Ihr seid aber wirklich schlecht erzogen, fuhr Orest fort; nun
wit Ihr nicht einmal, da eine Lionne keine Lwin ist ...
    Sondern was denn? fragte Corona gespannt.
    Orest! besinne Dich auf die Antwort! rief ihm Uriel zu, dem des Bruders
burschikoser Ton mit den Cousinen hchst unangenehm war.
    Brauch mich gar nicht zu besinnen, erwiderte Orest, ist weltbekannt -
ausgenommen im Sacr Coeur. Der modische Kunstausdruck fr eine etwas
exzentrische, brillante, hyperelegante, durch allerlei liebenswrdige Torheiten
berhmte Frau - ist Lionne. Verstehst Du jetzt, Corona?
    Nein! sagte die Kleine treuherzig.
    Der Graf belustigte sich ber allemaen an diesen Gesprchen. Levin legte
die Hand auf Coronas lockiges Haar und sagte zu ihr:
    Wer viele Vettern hat, mu viele Neckereien aushalten, Corona. Du kannst
Dich jetzt in der Geduld ben.
    Ich werde suchen, mich zu wehren, Onkel Levin, versetzte sie unverzagt.
    Brav, Corona! rief Orest, aus Dir kann vielleicht eine Lionne werden.
    Dann hte Dich vor mir! rief sie.
    Seit langer Zeit war es auf Windeck nicht so lustig hergegangen, wie eben
jetzt. In dem allgemeinen Rausch von Vergngen und Wohlbehagen blieben nur Onkel
Levin und Regina im gewohnten Gleichmute. Regina tat und trieb, was die brigen
taten und trieben. Man wollte spazieren reiten - sie ritt mit; auf dem Wasser
fahren - sie fuhr mit; Billard spielen - sie spielte mit. Sie war zu allen
diesen Dingen freundlich bereit; aber sie lie sich keinen Augenblick aus ihrem
inneren Gleichgewichte bringen. In der stillen Morgenfrhe, ehe irgend einer von
den Dienstboten sichtbar war, stand sie schon auf und eilte in die Kapelle, die
einzige Sttte des Schlosses, die einsam blieb und wo nur der Unterschied gegen
sonst stattsand, da Hyazinth sehr andchtig dem Onkel Levin bei der Feier des
heiligen Meopfers diente. Im Laufe des Tages wute sie immer ein paar Stunden
zu finden, um sich unbemerkt zurckzuziehen. Dann schlpfte sie auf ihr Zimmer,
las, musizierte oder nahm ihren Hut und besuchte kranke und arme Leute, wie sie
das frher mit ihrer Mutter getan hatte. Ihr Vater beobachtete sie mit der
hchsten Spannung; es war ihm unmglich, etwas Tadelnswertes an ihr zu bemerken.
Sie benimmt sich perfekt, murmelte er zuweilen bei sich selbst; nur scheint sie
kein Herz zu haben, und das ist doch ein groer Fehler! Auch keine Augen hat
sie! sonst mte sie doch gewahr werden, da Uriel nur fr sie Augen hat. Welch
ein Kreuz sind doch die Tchter! man wird nie aus ihnen klug! im Grunde freilich
- aus keiner Frau.
    Ist Uriel nicht ganz geschaffen, um einem jungen Mdchen den Kopf zu
verdrehen? fragte er einmal Levin.
    Je nachdem der Kopf ist! antwortete dieser lachend.
    Uriel war in der Tat ein herrlich begabter Mensch voll Adel der Gesinnung,
Kraft des Charakters und hellem Verstande, noch nicht ganz abgeklrt in den
innersten Tiefen seines Wesens, noch etwas bermannt von der chaotischen Bildung
der Zeit; ganz verschieden von Orest, der um ein Jahr jnger, aber schon ganz
weltfertig in seiner Richtung und sehr entschlossen war, sich das Leben nicht
verkmmern zu lassen. Uriel war nichts weniger als befreundet mit Florentin,
dessen skeptischer und negierender Verstand in der Schule moderner
Aufklrungswissenschaft sein Element gefunden hatte. Orest hatte sich nicht sehr
mit den Studien befat; umso williger ging er auf die Ansichten ein, die sich
bei Florentin entwickelt hatten und die er ungemein bequem fr das Leben fand,
ausgenommen einen Punkt. Florentin bezeichnete kurz und bndig seinen Standpunkt
so: In der Religion - Protestantismus; in der Philosophie - Radikalismus; in den
Rechts- und Naturwissenschaften - Empirismus; in den allgemeinen
Weltverhltnissen - Sozialismus. Zu diesem letzten Punkte vermochte Orest sich
nicht zu erheben. Die Herrschaft Stamberg war das Bleigewicht, welches seinen
Schwung lhmte. Wenn es an den Sozialismus ging, sprang er ab. Florentin hatte
ihm hundertmal bewiesen, das sei unlogisch; untergrabe man das Fundament eines
Hauses, so strzten Mauern und Dach ein, und es sei unmglich, auch nur einen
Dachziegel schwebend in der Luft zu erhalten. Man msse nur den wahren
Sachverhalt allen Gefhlsnebeln entrcken, die Dinge bei ihrem wirklichen Namen
nennen, und die Empfindsamkeitsverbrmungen bei Seite schieben. Die Verwerfung
der Autoritt der Kirche im sechzehnten Jahrhundert sei der erste Akt der
Mndigkeit des Menschengeistes und eine Verwerfung derjenigen Lehre gewesen,
welche unter dem Namen Christentum von herrschschtigen und heuchlerischen
Pfaffen ersonnen und gehandhabt, whrend anderthalb Jahrtausenden die Menschheit
in krasser Stupiditt erhalten habe. Damit sei selbstverstndlich der
Christengott ber Bord geworfen, dessen Stellvertreterin und Lehrorgan die
Kirche zu sein behauptet habe. Sie und ihr Oberhaupt, der Papst, wurden als
Lgner gebrandmarkt. Da nun seit anderthalb Jahrtausenden von dieser alten
Lgnerin jede Autoritt auf jedes Gebiet des Lebens im Namen Gottes bertragen
worden sei, so habe ganz folgerichtig jede Autoritt durch ihren Sturz einen
ttlichen Schlag auf's Herz bekommen, ob zwar bornierte Kpfe gewhnt hatten, es
sei nur auf den rmischen Papst abgesehen gewesen und der Knig auf seinem
Throne, der Prediger auf seiner Kanzel, der Magister auf seinem Katheder, der
Familienvater hinter seinem Ofen, der Besitzer mit seinem Geldsack bten vor wie
nach ihre alte Autoritt. Kindischer Wahn! Der Individualismus habe sich nicht
von seiner anderthalbtausendjhrigen Knechtschaft erhoben, um nur auf religisem
Gebiet eine heilsame Revolution zu machen und dann wieder schlafen zu gehen. O
mit nichten! er pflanze das revolutionre Banner mit demselben Recht auf dem
politischen und sozialen Boden auf und werde auch dort unfehlbar denselben
siegreichen Erfolg haben, denn der Individualismus sei die echte Religion jedes
Menschen, das Grundgesetz seiner Natur, das Ziel seiner Entwicklung, die
Richtschnur seines Willens. Durch ihn gelange die Menschheit zu ihrer
eigentlichen Bestimmung: zu einer erhabenen Freiheit, die keine uerlich
gegebene, sondern nur eine selbstgewhlte Schranke anerkenne. So lange noch von
auen aufgezwungene Schranken des alten Herkommens, der alten Gesetze, der alten
Familien- und brgerlichen Einrichtungen existierten, sei die Menschheit
verkmmert in ihrem Recht und in ihrer Gre, denn innerhalb derselben reibe
sich das Individuum wie ein Sklave an seiner Kette wund und werde verhindert,
die selbsteigen gewhlte Schranke sich zu setzen. Wer nur einen Funken von Liebe
zur Menschheit habe, msse den Sturz der alten Knechtschaft in den bestehenden
Verhltnissen frdern helfen und an der Zertrmmerung der Traditionen von
Religion, von historischem Recht, von Familie, von Eigentum aus allen Krften
arbeiten.
    Zu dieser Hhe nun, die fr Florentins Denkweise ganz folgerichtig ist,
vermochte Orest nicht sich zu erschwingen. Er blieb unerschtterlich bei seiner
Behauptung: der Sozialismus streite wider den gesunden Menschenverstand; wogegen
denn Florentin behauptete, der Menschenverstand von heutzutage sei so krankhaft
borniert durch Vorurteile, da er nicht wagen drfe, sich Gesundheit zu
vindizieren. Findest Du aber in der Tat, da der Sozialismus gegen den gesunden
Menschenverstand streitet, setzte Florentin hinzu, so mut Du auch dasselbe
vom Protestantismus behaupten, denn, wie der Stamm, so der Ast. Dann verfllst
Du der rmischen Finsternis, aber Du bist doch wenigstens konsequent. Orest
htte allerdings antworten knnen, da der Protestantismus den gesunden
Menschenverstand wider sich habe, sobald es sich darum handle, eine allgemeine
Kirche zu stiften; denn der gesunde Menschenverstand ist positiv, verlangt
Positives und lt sich nicht abspeisen mit der Verneinung. Bevor er sich dazu
versteht, mu er krnkeln durch Einflu der Leidenschaften, die ihn blenden und
verwirren, und durch Unwissenheit, die ihn angemessener Nahrung beraubt. Aber
Orest wollte durchaus nicht mit Florentin disputieren, dessen Ansichten ihm
soweit zusagten, als sie fr seine persnliche Theorie des Individualismus
paten; die gengte ihm. Um Religionslehren kmmerte er sich nicht. Er legte sie
so ziemlich bei Seite, indem er fand, da der Vorrat, den er in seiner Kindheit
eingesammelt habe, bergro sei.
    Uriel stimmte weder mit ihm noch mit Florentin zusammen und hielt den
Einflu fr schdlich, den Florentin auf Orest bte. Er war froh, da ihre Wege
fortan sich trennten; Orest wollte die militrische Laufbahn beginnen und
Florentin seine medizinischen Studien fortsetzen, um dann praktischer Arzt zu
werden und - womglich! als Privatdozent an einer Universitt den akademischen
Lehrstuhl zu besteigen, um zur Bildung der Menschheit fr den Sozialismus aufs
krftigste zu wirken. Es waren die ghrenden Zeiten des Jahres 1847, voll der
Schwle, der Unruhe, der Beklommenheit in der geistigen Atmosphre und der
fieberhaften Spannung und Aufregung in den Gemtern, welche dem herannahenden
moralischen Erdbeben vorangingen. Lehrstuhl und Journalismus beherrschten
despotisch die freiheitsdurstige Welt, jener den werdenden, dieser den fertigen
Staatsbrger, welche mit bewundernswerter Kindlichkeit und mit unverwstlicher
Zuversicht an der Unfehlbarkeit ihrer Stimmfhrer hingen, blind dem Ansto
folgend und die Richtung einschlagend, welche diese angaben. Es ging der groen
Menge genau so, wie dem guten Orest: es war ihr gar nicht unlieb, etwas
Revolution zu machen gegen Kirche und Knige, gegen Religion und Gesetze; in dem
allen war ja so viel Mibrauch, Verkehrtheit, Einseitigkeit, Tyrannei, da das
Kind in der Wiege es einsehen mute, und da nur der ein Ehrenmann sein konnte,
der zur Opposition gehrte. Ein wenig antichristlich ging es wohl dabei zu. Das
hatte aber gar nichts zu sagen. Die groen edlen Mnner der Opposition
beabsichtigten ja nur den Fortschritt, keineswegs einen radikalen Umsturz, und
zum Fortschritt gehrte das positive Christentum durchaus nicht, sondern statt
dessen eine grere Dosis Aufklrung, die dann den Menschen ganz von selbst
uerst vortrefflich und glcklich machen wrde. Wenn man gut wte, wrde man
gut sein: zu dem Punkte der Bildung hatte sich die Menschheit erhoben; das
durfte niemand bezweifeln; das wre ein Majesttsverbrechen an der Menschheit
gewesen und vor einem solchen schauderte man. War es aber gegen einen Frsten
gerichtet, so blieb man gelassen. Da aber hinter den groen, edlen Mnnern der
Opposition andere standen, die noch grer und edler waren, weil sie eine noch
umfassendere Opposition machten und ein noch erhabeneres Ziel erstrebten,
nmlich radikalen Umsturz und darauf radikalen Neubau der menschlichen
Vergesellschaftung: das wurde die groe Menge nicht gewahr. Kamen ihr Schriften
in diesem Sinne vor Augen, so belchelte sie die vereinzelte Uebertreibung oder
beklagte die vereinzelte Begriffsverwirrung eines Fanatikers des Fortschrittes,
gerade so, wie Orest bei der letzten Konsequenz von Florentins Theorie
behauptete: diese und nur diese habe den gesunden Menschenverstand wider sich,
weil ja doch unmglich Revolution gegen den Fideikommisbesitzer von Stamberg gut
zu heien sei. Auf dieser Hhe stand die groe Menge, da jeder Einzelne dachte,
wenn auch nicht sagte: revolutioniert gegen wen ihr wollt, nur nicht gegen mich.
    Nicht ganz so tolerant war Graf Damian. Die Fahne der Freiheit wnschte er
nur gegen die bergriffe der Kirche, wie er sich ausdrckte, aufgepflanzt zu
sehen und im brigen mge es beim Alten bleiben. Prefreiheit, Lehrfreiheit,
allgemeine Volksvertretung schienen ihm berflssig, da ja das Volk unmglich
diese Massen von Freiheiten genieen knne.
    Aber die Freiheit mu es haben, am Sonntage zu arbeiten, statt in die Messe
zu gehen, setzte er hinzu, denn davon hngt manchmal seine Existenz ab.
    Es war Abend. Die Familie war versammelt, man las Zeitungen und diskutierte.
Regina mischte sich hchst selten ins Gesprch, welches sich meistens um
Gegenstnde bewegte, die ihr fremd waren. Nur Angriffe gegen die Kirche suchte
sie zu beseitigen. So antwortete sie auch jetzt dem Grafen mit ihrer lieblichen
Stimme:
    Der Mensch lebt nicht vom Brod allein.
    Sehr wahr, Regina! rief Orest; er bedarf auch Beafsteak, Austern und Cte
rotie.
    Seit einer Stunde sitzest Du hier, als httest Du die Sprache verloren,
sagte der Graf - und pltzlich ein Orakelspruch? Woher hast Du ihn?
    Aus dem Evangelium, lieber Vater. Christus weist damit den Versucher ab;
und ist das nicht eine sehr passende Antwort fr alle, welchen die Versuchung
nahe tritt, den Sonntag durch knechtliche Arbeit zu entheiligen?
    Das Evangelium hat keine Glaubwrdigkeit mehr vor der modernen Kritik,
wendete Florentin ein.
    Das heit, sagte Uriel erklrend - denn Regina sah erstaunt Florentin an -
ein gelehrter Herr hat die historische Tatsache, da Christus gelebt und
gelehrt hat, zu einer Mythe entgeistet, und diese hat bei einigen Leuten, zu
denen auch Florentin gehrt, Beifall gefunden. Das Evangelium gilt ihm fr ein
Menschenmachwerk, vielleicht in bser und gewi in beschrnkter Absicht
zusammengesetzt, und er verwirft es.
    Wie seltsam das ist, sagte Regina, lieber an einen Gelehrten zu glauben,
als an die vom Sohne Gottes offenbarte ewige Wahrheit.
    Jener Gelehrte, erwiderte Florentin, ist nur deshalb glaubwrdig fr
mich, weil er das Bewutsein einer Menschheit ausspricht, die nach achtzehn
Jahrhunderten wohl das Recht hat, Windeln abzuschtteln, welche ihren
Fortschritt immer gelhmt haben und jetzt im grellen Widerspruch mit ihren
Bedrfnissen und Bestrebungen sind.
    Wre die Menschheit wirklich im Widerspruch mit dem Evangelium, was ich
aber durchaus nicht annehme, sagte Regina, so wre sie im Rckschritt und
nicht im Fortschritt begriffen, und mte geschwind umkehren.
    Die Menschheit ist nicht im Widerspruch mit dem Evangelium, sagte Uriel;
aber das Bse in jedem einzelnen Menschen strubt sich, das Evangelium als eine
gttliche Wahrheit anzuerkennen, um nicht von derselben gerichtet zu werden. Das
Bse whnt, es sei genug, die gttliche Wahrheit zu lugnen, damit sie auch in
der Tat untergehe, und wenn die schlimmen Leidenschaften ein recht arges Getse
machen, so whnt man triumphierend, die Wahrheit sei stumm und dumm geworden.
    Wre das Evangelium, wie man sonst sagte, das Wort Gottes, entgegnete
Florentin, so mte es sich notwendiger Weise ein Organ gebildet haben, das
seiner Erhabenheit entsprche.
    Nun, das ist die lehrende Kirche, der unter dem Beistande des heiligen
Geistes die Unfehlbarkeit zugesichert ist, erwiderte Regina.
    Unfehlbar? der sndhafte Priester? rief Florentin mit schneidender
Bitterkeit.
    Sie sollten wissen, entgegnete Regina kalt und hoch, da die
Unfehlbarkeit der Lehre verheien ist und dem Priester nur insofern, als er sie
verkndet. Wissen Sie das aber nicht, so sollten Sie ber die Kirche schweigen.
    Mein Gott, sagte der Graf halb ghnend zur Baronin Isabelle, welch' eine
Jugend umgibt uns! lauter Doktoren der Theologie und Professoren der Moral! Du
aber, mein lieber Florentin, kannst aus dieser Diskussion auch eine Sorte von
ewiger Wahrheit entnehmen, nmlich die: da die Damen immer Recht behalten.
brigens, meine Kinder, bitte ich recht sehr, solche Gesprche nicht in Onkel
Levins Gegenwart auf's Tapet zu bringen. Zum Glck betet er jetzt sein Brevier
in der Kapelle! er wrde sich vielleicht etwas alterieren; er ist nicht  la
hauteur der modernen Ansichten, die ja brigens, wie ich hoffe, die
Rechtschaffenheit des Charakters und die Geradheit der Gesinnung nicht im
mindesten beeintrchtigen! Nicht wahr, Florentin?
    Nicht im mindesten, versicherte Florentin, und deshalb mssen sich Alle
in dem heien Wunsch begegnen, den Georg Forster aussprach, indem er sagte: Wann
wird es doch dahin kommen, da Menschen einsehen lernen, die Quelle der
edelsten, erhabensten Handlungen, deren wir fhig sein knnen, habe nichts mit
den Begriffen zu tun, die wir uns vom lieben Herrgott und vom Leben nach dem
Tode machen! Denn wer daran festhlt, gert mit der ganzen Zeitrichtung in
Widerspruch; sie will die Tugend ben um ihrer selbst willen, nicht aus
sklavischer Furcht oder aus kaufmnnischer Spekulation, die sich im Jenseits
ihren Wechsel zahlen lt.
    Wer war Georg Forster? fragte Regina.
    Ein Weltumsegler, Naturforscher und Revolutionr, sagte Uriel mit leichtem
Spott; also ein dreifach groer Mann.
    Ein begeisterter Liebhaber der Freiheit, sagte Florentin.
    Wie konnte er das sein, wenn er von Gott nichts wissen wollte! rief
Regina. Christus hat gesagt: Die Wahrheit wird euch frei machen; und: Ich bin
die Wahrheit, der Weg und das Leben.
    Die Urwahrheit wird uns allerdings frei machen, antwortete Florentin; nur
nicht die geoffenbarte Wahrheit, wie man sie zu nennen pflegt; sondern die
Erkenntnis, da die Freiheit das Erbgut jedes Menschen ist und in der Verwerfung
fremder, aufgedrungener Autoritt besteht. Mit dieser Freiheit kommt jeder
Mensch auf die Welt, und sie wird ihm spter geraubt, indem man ihm eine
verkehrte Erziehung gibt.
    Es ist ganz unntz, da Du mit Florentin streitest, sagte Uriel zu Regina.
Du gehst aus von der gttlichen Offenbarung, welche die Wrde und das Glck des
Menschen in seine sittliche Freiheit, in seine freiwillige Anerkennung
gttlicher Autoritt setzt; und Florentin geht aus von einem natrlichen Gesetz
in der ungezgelten Menschheit, welche ihren Launen, ihren Bedrfnissen, ihren
Leidenschaften und Ansichten nachlebt und gehorcht, und einen Zustand der
Barbarei, d.h. gnzlicher Ungebundenheit, zum Ideal menschlicher Wrde und
menschlichen Glckes macht.
    Der langen Rede kurzer Sinn ist dieser, rief Orest: Regina spricht
mittelalterlichdeutsch und Florentin jungdeutsch; und dabei hat er den
ungeheuern Vorteil, da man ihn viel besser versteht. Deshalb sind die
Sympathien der modernen Zeit fr ihn.
    Denn man wei sehr gut, setzte Florentin hinzu, da ein Rckschritt in
Barbarei nicht von denen zu frchten sei, welche den Fortschritt der Menschheit
im Auge haben und deshalb den hemmenden Wust vermorschter Autoritten bei Seite
rumen.
    Aber mit Ma, Florentin, mit Vorsicht und Ma, rief der Graf. Von
vermorschten Autoritten zu sprechen, beweist etwas zu wenig Um- und Rcksicht.
Wir sprachen von den bergriffen der Kirche - und basta! sonst werden wir
demagogisch und rumen hinweg mit Dolch und Guillotine - was dann freilich etwas
barbarisch ist - wie auch Du finden wirst, hoffe ich.
    Sie sind allerdings hchst beklagenswerte Notwendigkeiten, welche der
Widerstand gegen Freiheit und Wahrheit aber selbst hervorgerufen hat. Man mu
hoffen, da die nchste revolutionre Bewegung in so begeistertem und
groartigem Mastab und so allgemein in ganz Europa stattfinden werde, da
Niemand an Widerstand denkt, sagte Florentin pathetisch.
    Denn sonst mte man leider! die Guillotine als Autoritt einsetzen, sagte
Uriel.
    Lieber Schwager, rief die Baronin Isabelle, tun Sie doch diesen
greulichen Gesprchen Einhalt, von denen man ganz nervenschwach wird.
    Ei Tantchen, sagte Orest, man darf nicht mehr hypersentimental sein,
seitdem der Hypersentimentalsten einer, der berhmte, bewunderte, gefeierte
lyrische Dichter Lamartine, bei dessen poetischen Meditationen Du gewi vor
zwanzig Jahren se Trnen der Rhrung geweint hast, seitdem er in hchst
interessanter Weise die tragische Notwendigkeit der Guillotine in seinen
Girondisten dargestellt hat, und seitdem dies Buch einen so rasenden Beifall
findet, da es weniger gelesen, als verschlungen wird von Mnnern und Frauen,
Jung und Alt, Vornehm und Gering, Aristokraten und Liberalen - und seitdem ich,
sage ich! kein passionierter Leser, wahrhaftig! - es von Anfang bis zu Ende
gelesen habe.
    Da sieht man, wie unwiderstehlich die Wahrheit ist! rief Florentin. Sie
ergreift sogar den Mann der Herzensempfindungen und Gefhlsschwrmereien,
erffnet ihm den grenzenlosen Horizont der neuen ra - und er, berauscht und
bezaubert, stimmt an das Lied von der Gttin Revolution und zieht Vlker und
Nationen unwiderstehlich zu ihrer Huldigung nach sich.
    Da gleicht er ja dem famosen Rattenfnger von Hameln, sagte Uriel, dem
ganz unwiderstehlich die Kinder nachzogen.
    Wo blieben die Kinder? fragte Corona.
    Sie gingen unter, man wei nicht wie, sagte Uriel.
    Die groen Wahrheiten in der Weltgeschichte bereiten hingegen den Aufgang,
nicht den Untergang der Vlker, erluterte Florentin.
    Hyazinth hatte bisher ganz eifrig mit Corona Schach gespielt und sie so eben
durch Matt! erschreckt. Nun sagte er: Heute hab' ich im heiligen Augustinus
die Frage gelesen: Warum wird die ewige Wahrheit der Offenbarung oft so gehat?
und warum finden ihre Verknder so viele Feinde? Darauf antwortet der Heilige:
Weil der Mensch eine solche Neigung zur Wahrheit hat, da er, was er auch lieben
mge, immer behauptet, gerade das sei die Wahrheit. Weil niemand betrogen werden
mag, so mag auch niemand eingestehen, da er betrogen ward, und die Wahrheit
wird gehat wegen des Gegenstandes, der statt ihrer geliebt wird. So geht es Dir
wohl auch, Florentin, mit Deinen Revolutionsliebhabereien? Du liebst die
Wahrheit, aber Du lt Dich tuschen.
    Nun, Regina, freut sich wohl Dein Herzchen, da Du von den Heiligen sprechen
hrst, sagte der Graf. Aber woran denkst Du denn? Du bist ja muschenstill
geworden!
    Ich denke an den gekreuzigten Heiland, sagte sie sanft.
    Erzhle uns etwas von Deinen Reisen, lieber Uriel, nahm die Baronin das
Wort; aber etwas Freundliches, was uns ein angenehmes Bild vorfhrt und nicht
aufregt.
    In England und Schottland, sagte Uriel, gibt es eine Menge schner Ruinen
von Kirchen und Klstern, die, wie bekannt, im Namen des reinen Evangeliums bei
dem Abfall im sechszehnten Jahrhundert geplndert, zerstrt und aufgehoben
wurden. Tintern-Abbey, Melrose-Abbey sind allbekannt durch englische
Stahlstiche, die freilich ihre romantische Schnheit durch einen gewissen
modischen Anstrich abschwchen. In der Umgegend von Edinburg befindet sich eine
Ruine, die an Groartigkeit zwar jenen nachsteht, aber uerst anmutig zwischen
grnbelaubten Hgeln liegt. Sie heit Rolyn Chapel. Ihre reiche Architektur
nimmt sich in der Zerfallenheit eigentmlich melancholisch aus und trgt so
recht das Geprge eines verwsteten Heiligtums. Auf einem Pfeiler dieser Kapelle
stehen in lateinischer Sprache die Worte eingegraben: Stark ist der Lwe;
strker der Knig; noch strker das Weib; am strksten die Wahrheit. Sieh
Regina, welch' ein Trost fr Dich: bist Du im Bunde mit der Wahrheit, so trgst
Du den Sieg davon.
    Ach, an meinen Siegen liegt mir nichts! entgegnete sie gleichgiltig.
Alles, was wie eine Huldigung klang, die ihr dargebracht wurde, verstand sie gar
nicht; davor trat sie zurck in die Region der Kindheit.
    Das ist gewi! rief Florentin, die Frauen haben bei der Lsung der
sozialen Fragen im Geist des Fortschrittes ein ungeheures Interesse, und deshalb
schlieen sich auch die eminentesten unter ihnen, eine George Sand, eine
Christina Belgiojoso, eine Fanny Wright, derselben als ihre Apostel an und
verbreiten sie durch Schrift und Wort, durch Lehre und Leben. Unter welchem
dreifachen Druck, dreifach gelhmt im Geist, im Herzen, in ihrer Stellung zur
Welt, schmachten die Frauen, so lange die Religion der Vergangenheit, d.h. der
kirchliche Glaube, und die daraus entspringenden Institutionen der Ehe und des
Privateigentums, aufrecht gehalten werden.
    Florentin, ich glaube, Du bist berauscht! rief der Graf verblfft. Wir
wollen es zu Deiner Entschuldigung annehmen.
    Ich spreche von Tatsachen, entgegnete Florentin unverzagt, indem ich
sage, was die ganze Welt wei und die halbe bewundert: da Frauen von
genialischem Kopf und groen Herzen das Banner des Fortschrittes nicht nur
frohlockend begren, sondern in ihren schnen Hnden weiter tragen. Ist das
nicht Glck und Ehre, Regina, die Fahne der Wahrheit im Kampf gegen die Lge zu
schwingen?
    Ich habe nie etwas von diesen Frauen und ihrem Tun und Treiben gehrt,
denke aber, da jener Ausspruch des heiligen Augustinus auf sie anzuwenden sei:
sie lieben etwas ganz anderes als die Wahrheit und sind davon so eingenommen und
verblendet, da sie behaupten, gerade das, was sie lieben, sei die Wahrheit,
denn .... -
    O Regina! rief Orest und klatschte ganz entzckt in die Hnde; wie hast
Du den Nagel auf den Kopf getroffen! O Regina! Du bist ja klug, wie .... wie
.... -
    Wie die Unschuld! ergnzte Uriel.
    Denn, fuhr Regina ungestrt fort, haben diese Frauen wirklich Kopf und
Herz, wie Sie behaupten, Florentin, so haben sie beides doch nicht auf dem
rechten Fleck, und das ist immer die Folge der Betrung durch Leidenschaften.
    George Sand nicht Kopf und Herz auf dem rechten Fleck! rief Florentin
achselzuckend.
    Um Namen kmmere ich mich nicht, entgegnete Regina; sie heie A oder Z!
Aber ich kann nicht glauben, da eine Frau von Kopf und Herz, ohne Verblendung
durch Leidenschaften, freiwillig die himmlische Sphre der Offenbarung verlasse,
um sich ich wei nicht in welcher Niedrigkeit zu ergehen. Nein in Ewigkeit
glaub' ich das nicht.
    Die Sache der Menschheit nennen Sie niedrig! brach Florentin aus.
    Niedrig nenne ich, was sich von Gott abgelst hat, und das tut die
Selbstvergtterung.
    Aber Regina! rief Orest mit grenzenloser Verwunderung in Blick und Ton;
woher weit Du das alles? Wo hast Du das alles gelesen?
    Das kann ich Dir so genau nicht angeben, lieber Orest; aber in allen
Bchern ber das innere Leben wirst Du die Flle finden von dem, was ich nur so
ganz unvollkommen sage, erwiderte sie bescheiden.
    Eines ist gewi! sagte die Baronin, die religise Bildung wird
hauptschlich von den Frauen in ihrem Verhltnis als Gattinnen und Mtter
getragen und gefrdert. Gelnge es, aus ihnen Atheisten zu machen, so stnde es
schlimm um das Menschengeschlecht.
    Du vergit, liebe Tante, wendete Uriel spttisch ein, da Georg Forster
uns belehrt hat, unsere religisen Ansichten htten durchaus nichts zu schaffen
mit unserem Leben, und der Adel der Seele beginne erst da, wo der Glaube an Gott
aufhre.
    Das ist aber falsch, entgegnete sie. Der Unglaube verwirft Gott und
folglich auch die gttlichen Gebote, welche unserem Wesen und Leben die Richtung
geben. Sind diese aufgehoben, so gibt es keine Schranken fr die bsen Neigungen
des Menschen, auer etwa die seines Willens. Aber in der Stunde der Versuchung
und im Getse der Leidenschaft wird es sich zeigen, da sich der Wille, der sich
von Gott abkehrte, auch vom Guten hinweg wendete.
    Ist ganz klar! rief Orest. Wenn ich nicht glaube, da die Antastung
fremden Eigentums Diebstahl sei: so nehme ich ganz getrost Anderen das, was ich
brauche oder wnsche, und nicht habe; mit anderen Worten - ich stehle.
    Ich wei wohl, entgegnete Florentin, da die Menschheit der Gegenwart,
noch befangen in allen Vorurteilen, sich teilweise durchaus nicht zu jenem
Standpunkte erschwingen kann, den sie in der Zukunft einnehmen wird. Dazu mu
sie herangebildet werden; und zwar in der Weise, da sie von der Wiege an eine
vernunftmige Erziehung erhlt, nmlich eine solche, aus welcher jede Spur des
Aberglaubens, den die Priesterherrschaft ihr seit achtzehn Jahrhunderten
einimpft, radikal verschwindet. Das wird nicht schwer sein, sobald man das Licht
der wahren Wissenschaft aufleuchten lt. Sie gibt ein rationelles Wissen von
der Welt, das auf Erfahrung und auf Wahrnehmung durch die fnf Sinne begrndet
ist. Das sind die fnf Tempeltore der chten Weisheit, der Humanitt. Kommt
diese durch die Erziehung im Menschen zur Herrschaft, so erkennt er seine
Bestimmung: die Frderung der allgemeinen Glckseligkeit - und sein Ziel: den
Genu dieser Glckseligkeit; aber keineswegs in einem nebulosen Jenseits,
sondern auf dieser sichtbaren und einzig wirklichen Erdenwelt. Dann wird es sehr
leicht sein, die vorhin erwhnten neuen sozialen Institutionen einzufhren, die
mir jetzt freilich den Vorwurf zugezogen haben, da ich im Rausch sprche. Die
vom Aberglauben erlste Menschheit wird sie mit aller Macht herbei sehnen und
fhren, weil sie die hchst unsittlichen Schranken heben, welche um die edelsten
Krfte, um das Freiheitsbedrfnis in unserem Willen, in unserer Liebe, gezogen
sind; Schranken, welche das, was man jetzt Snde nennt, zur Snde stempeln,
folglich die Menschen geflissentlich zu Sndern machen, damit die Priester
absolvieren knnen. Fallen die Schranken, so gibt es keine Snde mehr, denn es
kann dann nicht mehr gepredigt werden: rechts von der Schranke steht die Tugend
und links das Laster, und wenn dennoch so gepredigt wrde, so lacht der wissende
Mensch ber solche Torheit oder knirscht die Zhne ber solche Heuchelei. Bevor
aber nicht die Erziehung der smtlichen Jugend von der Geburt an, und die
Verwaltung des smtlichen Privateigentums in den Hnden des auf neuer sozialer
Basis ruhenden Staates ist, kann die Menschheit nicht in allen ihren Gliedern
aus einer elend glubigen eine glckselig wissende werden. Die Reaktion
behauptet ihre Verschanzungen in der Familie und im Privatbesitz, in diesen
Bollwerken der alten Finsternis im Kampfe gegen das neue Licht. Daher zittert
der wissende Mensch jetzt vor Verlangen nach einer Revolution, die tabula rasa
mache mit dem Christentume, mit der falschen Religion des Kreuzes, damit
endlich, endlich! das Reich der Wahrheit und des ersehnten Glckes fr alle auf
Erden anbreche.
    Als Florentin endlich in diesem Ergu seiner Begeisterung eine Pause machte
und die ganze Gesellschaft vor Verwunderung ber den neuen Propheten verstummte,
stand Regina auf, ging zum Flgel, winkte Hyacinth herbei, machte ein brillantes
Vorspiel, eine wahre Schlacht von brausenden widerstrebenden Akkorden, deren
Dissonanzen spt sich lsten; dann fielen Sturm und Wellen auf diesem Meer der
Tne, wie die See zuweilen ruhig wird, wenn der Mond aufgeht, und die zwei
glockenreinen Stimmen huben an zu singen: O sanctissima, o piissima, dulcis
virgo Maria! mater amata, intemerata, ora pro nobis. Es war die Antwort, welche
die Kinder des Glaubens dem Sohn des Wissens gaben. Whrend er dem Erdgeist in
der Menschheit und in der eigenen Brust huldigte, brachten sie ihre Huldigung
der sndenlosen Frbitterin des gefallenen Menschengeschlechtes dar. Es machte
einen so lieblichen Eindruck, da der Graf am Schlusse rief:
    Da capo! singt weiter und singt mehr! es ist, als ob der Hirtenknabe David
vor dem irren Knig Saul snge.
    Nichts tat Regina lieber! Von Melodie und Rhythmus getragen, fand der
Schwung ihrer Seele ein klingendes Flgelpaar, mit dem sie aufstieg und sich
wiegte in den Regionen, wo die ewige Harmonie zu Hause ist. Uriel setzte sich
so, da er sie im Profil sehen konnte - dies zarte und doch so bestimmte Profil,
das, ganz charakteristisch fr ihr Wesen, etwas von der Schnheit und dem
Schmelz der Blume, etwas von der des Edelsteines hatte, Grazie ohne
Weichlichkeit, Kraft ohne Hrte, Adel ohne Stolz: ein holdseliges Menschenbild.
Zuerst sah und horchte er auf sie; dann flossen Bild und Stimme in einander, wie
am Horizont das Morgenrot mit den sanft rauschenden Meereswellen zusammenfliet,
und es ging ihm ein Singen und Klingen durch die Seele, das uralte Lied der
erwachenden Liebe, das uralte Echo aus dem Paradiese, bevor die Schlange es
vergiftete, der uralte Sehnsuchtsseufzer des Menschenherzens nach einem Glck,
dessen Urbild ihn nach Oben, dessen Schatten ihn nach Unten zieht. Uriel kannte
den Wunsch der Familie. Er wute, da er dereinst Herr auf Windeck sein werde.
Er fand es ganz in der Ordnung, da er der Schwiegersohn des Mannes werde, der
ihn mit der innigsten Vaterliebe gehegt und gepflegt hatte und dessen Erbe und
Nachfolger er war. Sein edles Herz hatte frher immer eine Pflicht der
Dankbarkeit darin gefunden. Jetzt, da er Regina nach fnf Jahren wiedersah,
jetzt freilich wnschte er, sie mge ihm erlauben, dankbar sein zu drfen, und
er gestand sich ein, da dazu wenig Hoffnung sei. Um sich etwas zu trsten,
dachte er an ihre groe Jugend, an ihre Erziehung im Kloster, und hoffte auf
unbestimmte himmlische Fgungen, wie man eben hofft, wenn man auf einen
Wrfelfall die Erfllung des Glckes gesetzt hat.
    Nachdem man sich spt getrennt hatte und Regina einsam in ihrem Zimmer war,
dachte sie nach ber Florentins Reden und Ansichten. Bittere Trnen traten ihr
in die Augen. Der Unglckliche! dachte sie. Es ist der Weg des Seelentodes, den
er wandelt: er verachtet Gott, er verschmht die gekreuzigte Liebe. Ach, und er
ist der Pflegesohn meiner Mutter! Ob er wohl betet? .... Knnte er sich so weit
von der Offenbarung verirrt haben, wenn er betete? Sie nahm ihren Rosenkranz und
stieg die enge Wendeltreppe hinab, die aus ihrem Zimmer in die Kapelle durch
eine Seitentr fhrte, um fr Florentin den Rosenkranz zu beten. Als sie leise
die Tre ffnete, sah sie vor dem Altare Hyacinth knien. Mit ausgespannten Armen
und mit unaussprechlicher Inbrunst lag er da. Der Schimmer des ewigen Lichtes in
der Ampel fiel auf seine blonden Locken und go einen goldenen Glanz um sein
Haupt. berall sonst war es dunkel. Regina trat nicht in die Kapelle ein; sie
frchtete, diese Gebetsstille zu stren. Sie kniete auf der untersten Stufe der
Treppe nieder und empfahl Florentin der Frbitte der heiligen Gottesmutter; und
als der Rosenkranz zu Ende war und sie einen Blick in die Kapelle zurckwarf,
kniete Hyazinth noch immer im stummen Herzensgebet vor dem Altare.

                                Solo Dios basta


Der Balltag kam heran. Der Graf sagte, er habe eigens den Tag dazu gewhlt, wo
Regina ihr achtzehntes Jahr antrete, um mit einem Fest, wie es sich fr die
Jugend schicke, einen neuen Abschnitt ihres Lebens zu bezeichnen.
    Und besorge Dir ein Ballkleid, Regina, setzte er hinzu, von Flor oder
Krepp, oder wie der Stoff heit! recht leicht, recht luftig. Es wird wohl am
besten sein, wenn die Tante dafr sorgt.
    Damit war Regina ganz einverstanden. Sie ging zu Onkel Levin und sagte
kleinlaut:
    Ach, lieber Onkel, der erste Ball!
    Ja, mein Kind, der erste, aber gewi nicht der letzte, entgegnete er
scherzend.
    Ich frchte mich vor den vielen fremden Menschen.
    Ganz unntz, Kind! sei freundlich zuvorkommend gegen alle Frauen und
freundlich zurckhaltend gegen alle Mnner, so bist Du, wie Du sein sollst, und
hast nichts zu frchten.
    Lieber Onkel, sagte sie errtend, ich frchte die Menschen nicht sowohl,
weil ich mich ihnen gegenber ungeschickt benehmen, sondern weil ich mich in
ihrem Tumult und zwischen all' dem Gerede aus der Gegenwart Gottes verlieren
knnte. Man sagt ja, das geschehe sehr leicht und sehr hufig in solchen
rauschenden Lustbarkeiten.
    Freilich ist es leichter, in der stillen Kapelle oder im einsamen Zimmer in
der Gegenwart Gottes sich zu halten, als auf einem Ball! Aber ich hoffe, Du
willst fr Gott nicht blo das tun, was Dir leicht wird. Also hebe in Gedanken
Dein Herz zuweilen von der Nichtigkeit eines Balles zu den Freuden der Ewigkeit
empor und wirf zuweilen einen Blick hinber nach Engelberg oder nach unserer
Kapelle. Dann wird Dir eitler Tand gewi nicht lieblicher erscheinen, als das
hchste Gut. Aber munter Kind, heiter, frhlich! das bitte ich mir aus! setzte
er hinzu, freundlich mit dem Finger drohend. Und damit Dir das alles ganz
leicht werde, wollen wir am Morgen in aller Frhe zur ersten Messe nach
Engelberg hinber fahren und den himmlischen Morgenstern anrufen, der an diesem
Tage der Welt aufgegangen ist, und zu ihm flehen, da er der Stern unseres
Lebens und dereinst unser Abendstern sei.
    In der Morgendmmerung des Tages Maria Geburt glitt der Nachen von Windeck
leise ber den Main nach Engelberg, wo schon fromme Wallfahrer sich eingefunden
hatten. Mit einer Wallfahrt begann Regina ihren Eintritt ins Leben - ins Leben,
das ja selbst eine hhere Wallfahrt, ein Wandeln nach einer bernatrlichen
Gnadensttte sein soll. Als sie an den Fu der groen Treppe kamen, welche von
vielen Pilgern auf den Knien erstiegen wird, legte Regina pltzlich die Hand auf
Levins Arm und sagte:
    Lieber Onkel, sieh'! da ist ja Hyazinth!
    Er war unter jenen Pilgern das schnste Bild der Demut, die ein hohes Ziel
erreicht. Unten in der Kapuzinergruft ruhte der Staub der Mtter dieser beiden
Kinder; aber wie mgen sie von den Hhen der Ewigkeit so zrtlich auf diese
jungen Seelen herabgeschaut haben, die sich nicht gefangen gaben an die Gedanken
und Bestrebungen der irdischen Welt.
    Gegen Abend mute Regina in ihrem Ballanzuge vor dem Grafen erscheinen.
Denn ich mu in ruhe beurteilen, ob Du auch einigermaen prsentabel bist,
sagte er. Hchst gleichmtig sagte Regina, als sie sich vor dem Vater
hinstellte:
    Es wird wohl so ganz gut sein.
    Sie trug ein uerst einfaches weies Linonkleid und einen Kranz von
frischen Scabiosen, deren tiefes Violet einen eigentmlich reizenden Kontrast zu
ihrem blonden Haar und ihrem blhenden Antlitz bildete. Der Graf, ganz
berrascht von ihrer Schnheit, verga, da er sich vorgenommen hatte, einige
Bemerkungen ber die Notwendigkeit der modischen Toilette zu machen und sagte:
    Es ist sehr gut so.
    Orest, der leidenschaftlich alles liebte, was Bewegung war - Reiten,
Fechten, Schwimmen, Turnen, Tanzen - war bereits ballmig gekleidet in
ungeduldiger Erwartung bei dem Grafen. Er sagte in seiner ungenierten Weise, die
Uriel ihm als burschikos vorzuwerfen pflegte, indem er seine fnf Fingerspitzen
an die Lippen legte und leicht kte:
    Regina, Du bist zu schn fr diese Welt.
    Das hr' ich gern, erwiderte sie munter.
    O Du Heuchlerin! rief er. Wir halten Dich smtlich fr eine Sainte N'y
touche und nun kommt es zum Vorschein, da das kolossalste Kompliment Dir das
liebste ist.
    Der Graf dachte bei sich selbst, es wrde geradezu ein Verbrechen gegen die
menschliche Gesellschaft sein, wenn eine so schne und anmutige Person sich im
Kloster vergraben wollte. Das knnten ja die Hlichen tun, die Dummen und
Krummen, die Lahmen und Kranken, die in der Welt weder Freude htten noch Freude
machten; fr die sei das Klosterleben erfunden, denn einen irdischen Brutigam
fnden sie nimmermehr und dem himmlischen fielen sie nicht zur Last. Regina aber
sei eine Person, die, sobald sie nur eine andere Wendung nehmen wolle, unfehlbar
von der Welt vergttert werden msse; und es sei doch hchst angenehm, der Vater
eines solchen Idols zu sein.
    Wie Regina mit Orest gesprochen hatte, so blieb sie, und diese unbefangene
gleichmige Munterkeit zeigte am besten, da nichts von allem, was sie sah und
hrte und tat, ihr Herz berhrte. Hyazinth tanzte nicht; er sagte, er habe es
nicht gelernt. Orest tanzte mit Leidenschaft, um zu tanzen, nicht wegen dieser
oder jener Tnzerin. Uriel htte am liebsten nur mit Regina getanzt; da das aber
unmglich war, so machte ihm der ganze Ball gar kein Vergngen. Er fand es im
Gegenteil hchst lstig, sich mit einem solchen Schwarm von Damen zu
unterhalten. Florentin tanzte nur mit den elegantesten Tnzerinnen oder gar
nicht. Die Theorie der allgemeinen Gleichberechtigung ging in der Praxis nicht
weiter, als da er sich fr berechtigt hielt, nach Lust und Laune unter dem
Ausgezeichneten zu whlen. Er verlor Regina nicht aus den Augen. Er hatte
Anwandlungen von Ha gegen sie, weil sie mit solcher klaren Entschiedenheit
seine Ansichten verwarf und vielleicht - weil er Neigung gehabt htte, sie zu
lieben. Es hatte ihn ttlich verletzt, da Regina ihn nicht mehr mit dem
schwesterlichen Du begrt und ihm dadurch einen anderen Platz angewiesen
hatte, als ihren Vettern, was doch niemand sonst in der Familie getan. Sie aber
fand es passend, die kindliche Gewohnheit aufzugeben, um nicht in unntze uere
Vertraulichkeit zu geraten und den Moment gnstig dafr, als sie nach
jahrelanger Entfremdung, beide aus der Kindheit in die Jugend bergetreten, sich
wiedersahen. Florentin nannte in seinem Sinn Regina aristokratisch und
fanatisch; was ja nach seiner Ansicht unsglich verkehrt und schlecht war: und
dennoch! dennoch! hatte er seine innerliche Freude daran, da Regina gar nicht
Uriels Neigung beachtete. Auch jetzt auf dem Ball, wo so leicht in der
allgemeinen lrmenden Erregung die gewohnte Haltung nachlt und wo Florentin
immer sein Augenmerk auf beide richtete, fhlte er sich ber diesen Punkt
vollkommen beruhigt und in gnzlicher Vergessenheit, da sein
Glckseligkeitssystem den lieben Gott entthront habe, seufzte er aus tiefster
Brust, als er einmal Regina mit Uriel sprechen sah: Gott Dank! sie liebt ihn
nicht! -
    Dem Grafen mochte sich auf dem Ball dieselbe berzeugung aufgedrngt haben.
Wenigstens ging diese Angelegenheit nicht so rasch vorwrts, als er es wnschte;
daher nahm er sich vor, sie auf die bndigste Weise zu Ende zu bringen. Er lie
eines Morgens Uriel in sein Schreibkabinet rufen und sagte:
    Mein lieber Junge, ich sehe, da Du Regina sehr gern hast. Das freut mich
auerordentlich, denn ich habe immer Eure Verbindung gewnscht und gewollt. Ich
finde zu meiner Freude Regina so weit ber ihre Jahre hinaus vernnftig und
geistig entwickelt, da mir nichts lieber wre, als Euch bald verheiratet zu
sehen. Bringe also die Sache in Ordnung. Meinen Segen hast Du.
    Aber nicht Regina's Herz, entgegnete Uriel, auf dessen Zgen Freude und
Trauer kmpften.
    Larifari! soll sie Dir etwa ihr Herz anbieten?
    Sie hat entschieden Hyazinth lieber als mich. Sie spricht mehr mit ihm,
beschftigt sich mehr mit ihm .... -
    Lieber Junge, das verstehst Du nicht! das alles kann gerade ein Beweis
sein, wie ungefhrlich Hyazinth fr sie ist, der ohnehin ein pures Kind ist. Ich
begreife Dich gar nicht! Du hast Regina gern - ich freue mich darber - und Du
siehst aus, als wre Dir ein Unglck widerfahren! Wie kann ein Verliebter so
zaghaft sein? Solche Schchternheit berlasse doch den jungen Mdchen. Allons!
heute noch sprichst Du mit Regina, nicht wahr?
    Nein, lieber Onkel, das ist unmglich! sie wird vor Erstaunen aus den
Wolken fallen ...
    Und Du wirst sie auffangen in Deinen Armen! das macht sich ja ganz
vortrefflich!
    Es ist unmglich, mit Regina von Liebe und von Ehe zu reden, denn sie denkt
nicht entfernt daran, bester Onkel.
    Uriel, mache mich nicht bse! Was soll ich von Dir halten, da Du nicht im
Stande bist, einem siebenzehnjhrigen Mdchen ein paar Liebesgedanken
beizubringen! Es gibt ja nichts Leichteres auf der Welt!
    Je nachdem das Mdchen - und der Bewerber ist. Regina ist ein sehr seltenes
Mdchen und ich bin ein ganz gewhnlicher Mensch.
    Du hast wohl nicht Lust zu dieser Ehe? fragte der Graf unmutig und mit
gerunzelter Stirne.
    Nur zu dieser Ehe, lieber Onkel, antwortete Uriel mit groer Bestimmtheit.
    Gut, mein Junge, sagte der Graf erheitert. Da Du aber ein so entsetzlich
blder Schfer bist, was, unter uns gesagt, das schne Geschlecht gar nicht
besonders liebt: so werde ich Deine Bewerbung vorbringen. Glaube mir! unter
fnfhundert Mdchen, die ganz kalt und sprde scheinen, befindet sich kaum eine
einzige, welche einen jungen, charmanten Mann, der zugleich eine gute Partie
ist, ausschlge. Dafr hat die Natur gesorgt. Geh' jetzt! ich bringe Dir bald
das Jawort der Herzensknigin.
    Der gute Graf hatte sich selbst Mut und Zuversicht eingesprochen. Es war ein
Etwas in seiner Tochter, das ihn heimlich ngstigte, sie knne unter jenen
fnfhundert jungen Mdchen eine Ausnahme machen, oder wenigstens machen wollen.
Aber wenn sie auch ihren eigenen Willen hat, wie ich frchte: so ist sie doch
gehorsam, murmelte er, in seinem Kabinett auf-und niedergehend, schellte, sagte
zu dem eintretenden Bedienten: Die Grfin Regina! und berlegte, in welcher
Weise er am eindringlichsten zu ihr reden knne.
    Regina hatte eben ihre schne Stickerei vollendet und aus dem Rahmen
genommen. Sie freute sich kindlich ihrer Arbeit, schlug sie in Seidenpapier ein
und nahm sie mit, um sie dem Grafen zu zeigen, als sie zu diesem gerufen wurde.
    Was bringst Du da? rief er ihr freundlich entgegen; denn er hatte sich
vorgenommen, ungemein liebevoll zu sein.
    Einen Umhang um das Ciborium, lieber Vater. Ich hab' ihn gestickt. Gefllt
er Dir? sagte Regina und breitete froh ihre prchtige Arbeit aus.
    Ja, ja, ganz gut! rief der Graf schnell verdstert, schob die Stickerei so
hastig bei Seite, da sie vom Tische fiel und setzte hinzu: La jetzt die
Kindereien, wir haben von ernsten Dingen zu reden.
    Regina nahm ihre Stickerei auf, schlug sie sorgsam wieder ein und sah dann
ihren Vater in unbefangener Erwartung mit ihren strahlenden Augen an.
    Liebes Kind, sagte der Graf entschlossen, ich spreche jetzt nicht als
Vater zu Dir, sondern im Auftrage eines anderen, der eine herzliche Liebe zu Dir
hat und um Dich wirbt.
    Bitte, lieber Vater, danke ihm fr diese gtige Gesinnung und sage ihm, ich
wnsche nicht, mich zu verheiraten! rief Regina lebhaft.
    Weit Du denn, von wem ich rede? fragte der Graf.
    Nein! und ich brauche es auch nicht zu wissen, denn Name und Persnlichkeit
sind mir ganz einerlei.
    Aber mir nicht! rief der Graf mit mhsam bekmpftem Zorn. Wisse, es ist
Uriel! und wisse, er hat nicht blo meine Zustimmung, sondern meinen Wunsch, und
den Wunsch Deiner seligen Mutter und seiner Eltern fr sich; folglich macht sein
Name einen ganz enormen Unterschied.
    Regina schwieg, senkte ihr Haupt mit einem Ausdruck von unsglicher Demut
und legte ihre Hnde wie zum Gebet vor der Brust zusammen.
    Nun, was antwortest Du jetzt? fragte der Graf.
    Jetzt und immer dasselbe, antwortete sie mit einer Stimme, die aus leisem
Zittern allmhlig in Festigkeit berging. Es ist das, was Du schon weit,
lieber Vater: mein Verlangen geht nicht nach der Welt, sondern nach dem Kloster,
und ich habe meinem Herrn und Heiland das Gelbde der ewigen Jungfrulichkeit
abgelegt.
    Der Graf sprang auf und rief mit Donnerstimme:
    Bleib hier sitzen! nicht vom Fleck Dich gerhrt! ich komme wieder! Er
verlie das Kabinett.
    Regina seufzte leise: Liebe Mutter Gottes, stehe mir bei! und drckte innig
einen Rosenkranz an ihre Lippen, den ihre Mutter immer bei sich getragen und
tglich gebetet hatte. In das goldene Kruzifix dieses Rosenkranzes war ein
Partikel vom wahren Kreuz gefat. Regina betrachtete es zrtlich und sagte zu
sich selbst: Jetzt beginnt mein Kreuzweg, denn ich betrbe meinen Vater. Der
Graf kam wieder. Er hatte sich zum Beistande Onkel Levin geholt. Als Regina ihn
eintreten sah, brach ein Freudenstrahl aus ihren Augen. Sein mildes Antlitz
schien ihr noch milder als gewhnlich zu sein. Der Graf hatte sich inzwischen
auch gefat und berlegte, da es nicht lnger geraten sei, Regina
einzuschchtern und im Stillschweigen ber ihre innerste Seelenstimmung zu
erhalten. Er setzte sich mit Levin ihr gegenber und sagte gelassen:
    So! nun weiter, Regina! Du hast also das Gelbde der ewigen
Jungfrulichkeit abgelegt. Wann ist das geschehen?
    Am Tage meiner heiligen Erstkommunion.
    Wie alt warst Du da?
    Dreizehn Jahre; und seitdem hab' ich es immer am Jahrestage erneuert.
    Wen hast Du dabei zu Rate gezogen?
    Niemand.
    Ganz fr Dich allein hast Du diese Verwegenheit gehabt?
    Ich wute nicht, da es verwegen sei, der gttlichen Liebe eine
ausschlieliche Liebe zu geloben, sagte sie so treuherzig, da Levin
unwillkrlich zum stillen Dankgebet fr diese Lauterkeit der Seele die Hnde
faltete.
    War das ein Gebrauch bei den Damen von Sacr Coeur?
    Ein Gebrauch ist es ja nie und nirgends, lieber Vater.
    Ich meine, hat man Euch im Pensionat direkt oder indirekt zu einem solchen
Gelbde veranlat?
    Niemals.
    Haben andere es abgelegt?
    Das wei ich nicht. Ich habe nie darber gesprochen.
    Auch nicht in der Beicht?
    O nein! da spricht man von seinen Snden - und dies ist keine.
    Es knnte doch eine schwere Snde sein, so ber sich zu verfgen ohne
Wissen der Eltern! Kennst Du nicht das Gebot: Du sollst Vater und Mutter ehren?
    Doch, mein lieber Vater! Aber Christus hat auch gesagt: Wer Vater und
Mutter mehr liebt, als mich, ist meiner nicht wert.
    Wie bist Du aber berhaupt auf diesen Gedanken gekommen?
    Durch die liebe selige Mutter zuerst!
    Das ist nicht wahr, rief der Graf. Deine selige Mutter hat nie anders
gedacht, als da Du Uriel heiraten wrdest.
    Ich glaube, Dein Vater hat recht, Regina! sagte Levin. Besinne Dich,
Kind.
    Ich brauche mich nicht zu besinnen, lieber Onkel Levin, ich wei es ganz
genau! Erinnerst Du Dich nicht, da die liebe Mutter gar viel ein paar spanische
Verslein der heiligen Therese im Munde fhrte, die gar lieblich klangen und
deren Schlu war: Solo Dios basta?1
    Gewi! sagte Levin und der Graf nickte einstimmend.
    Solo Dios basta! das klang mir so erhaben und lieblich und ich fragte sie
einmal, wie das auf deutsch heie. Da sagte sie: Es heit Nichts gengt uns, als
Gott; denn in ihm haben wir Liebe, Glck, Freude, Frieden, wechsellos und
unvergnglich, whrend das alles auer Ihm gar schwankend und unsicher ist. Und
dann pflegte sie mir viel zu erzhlen von den heiligen Klosterfrauen der alten
Zeiten, wie sie gewirkt htten fr das Reich Gottes auf Erden durch ihr Beispiel
und ihr Gebet, und wie sie durch ihren himmlischen Wandel die Christusliebe
geweckt und genhrt htten in tausend Seelen, und weit hinaus ber ihr irdisches
Leben, und wie sie, oftmals von Leid und Trbsal und mancherlei Nten
heimgesucht, doch immer froh wie die Seligen gewesen wren, weil es fr sie wie
fr die heilige Therese stets geheien habe: Solo Dios basta. Bald darauf schied
die liebe Mutter von uns. Aber ich verga nie ihr Solo Dios basta und was sie
darber gesagt hatte. Als nun die selige Zeit der heiligen Erstkommunion fr
mich kam, als ich mehr und mehr erfuhr von dem Wunder der Liebe Gottes, das er
im eucharistischen Opfer fr uns wirkt, um unsere Seelen auf dem Pfad der Gnade
zum Thron der Glorie hinzuziehen, und von der unendlichen Verdemtigung der
ewigen Liebe, die nichts so sehr begehrt, als die armselige Liebe des
staubgeborenen Geschpfes, und wie sie statt dessen Verschmhung, Beleidigung,
Verlassenheit erfhrt, und wie die Seelen, ach, so leicht! alles fr Glck
halten, was Gott nicht ist: da kam mir das Solo Dios basta gar nicht mehr aus
dem Sinn. Ich dachte es nicht und wollte es auch gar nicht denken; aber wohin
ich sah und hrte, berall sah und hrte ich Solo Dios basta! Am Tage der
heiligen Feier konnte ich mich gar nicht fassen vor berma der Freude, da
meine Seele mit dem Knig der Ewigkeit ein himmlisches Brautfest, eine
Vereinigung fr die Ewigkeit gefeiert habe und da ich jetzt, wie die selige
Mutter gesagt hatte, alles Glck, alle Liebe und alle Befriedigung wechsellos
und unvergnglich mein nennen durfte. Als wir am Abend wieder in der herrlich
erleuchteten Kapelle waren, wir Erstkommunikanten in unseren weien Kleidern,
mit dem Krnzchen im Haar, wie Brute, alle so froh und glcklich, und die
brigen so teilnehmend und gerhrt, und alles ringsumher so festlich geschmckt:
da fiel mir ein, ich wei nicht wie! da wohl manche aus dieser Schar dereinst
ein Brautfest im Sinne der Welt feiern werde. Da schaute ich auf den Tabernakel
und sagte innerlich: Aber ich, Herr, ich werde das nicht tun. Ich bleibe Deine
Braut in Ewigkeit. Ich trage Deinen Brautkranz; keinen anderen! und diesen Kranz
lege ich dereinst vor Deinem Throne nieder, so gewi ich hoffe, mit Deiner Gnade
meine Seele Dir zu bringen, die ich in diesem Kranz Dir anvermhle, geliebter
Herr, Dir und keinem anderen. Das sagte ich innerlich ganz entschieden und wurde
so froh, als ob ich schon unter den Seligen wre. Whrend der Andacht bat ich
unaufhrlich die heilige Mutter Gottes und meine liebe Mutter um ihre Frbitte,
da ich der Gnade, eine Braut Christi zu sein, auch recht wrdig werden mge,
und als zum Schlu der Andacht der Segen mit dem Sanctissimum gegeben wurde und
einige von uns, unter denen auch ich war, mit dem O salutaris hostia es begrt
hatten, da schaute ich auf die Monstranz und sagte: So wahr, wie Du da
geheimnisvoll und wesenhaft in die Gestalt der Hostie Dich verschleiert hast,
und so wahr, wie Du Dich heute geheimnisvoll und wesenhaft im teuersten
heiligsten Sakrament mir geschenkt hast: so schenke ich mich Dir, ohne Rckhalt,
ohne Teilung, fr Zeit und Ewigkeit, und will als Klosterjungfrau fr Dich leben
und sterben. Und bei dem Entschlu ist es denn geblieben.
    Regina hatte mit einer so ruhigen Fassung gesprochen, als erzhle sie die
einfachste Begebenheit von der Welt, ber die man gar nicht viel Worte zu
verlieren brauche.
    Ist ein solches Gelbde gltig, lieber Onkel? fragte der Graf.
    Gewi! entgegnete Levin.
    Aber der Bischof oder der Papst kann eine Dispense geben, nicht wahr?
    Wenn sie verlangt wird, allerdings.
    Verlange sie nicht fr mich, lieber Vater, sagte Regina bittend, denn ich
werde doch nie Gebrauch davon machen.
    Dispense fr's Gelbde und Dispense fr die Ehe wegen der Verwandtschaft,
fuhr der Graf fort, ohne sich stren zu lassen. Ich denke, wir betreiben das
persnlich in Rom. Die Grillen eines dreizehnjhrigen Kindes fallen nicht in's
Gewicht neben dem Glck einer Familie.
    Aber, lieber Vater, zu dieser Familie gehrt doch auch dies Kind und sein
Glck, und es ist nicht mehr dreizehn Jahre alt.
    Allein es ist ganz unerfahren ber sich selbst und Welt und Leben, und wei
daher nicht, wo sein Glck liegt.
    Ich wei, da es nicht in der Welt und nicht in mir selbst liegt, sondern
in Gott; und da ich das wei, weshalb soll ich denn noch Erfahrungen machen, die
mir zu keiner hheren Erkenntnis verhelfen? Solo Dios basta! Wer das wei, der
wei genug und hat genug.
    Aber begreifst Du denn gar nicht, da es auch in weltlichen Verhltnissen
Glck geben knne?
    Ich begreife das sehr gut fr diejenigen Menschen, welche von Gott in die
weltlichen Verhltnisse hineingefhrt werden; also fr die groe Mehrzahl. Aber
nicht fr mich; denn Gott fhrt mich aus ihnen heraus.
    Und begreifst Du denn gar nicht, da dereinst bittere Reue, ja Verzweiflung
Dein Los sein knnen?
    Regina sah den Grafen mit einem reizenden schelmischen Lcheln an und fragte
zurck:
    Wirst Du je darber in Verzweiflung geraten knnen, lieber Vater, da Du in
Deinem Leben keinen Mord begangen hast?
    Alberne Frage! brummte der Graf.
    Sieh, Du selbst hltst es also fr unmglich, Reue zu empfinden ber die
Befolgung eines gttlichen Gebotes. Da nun Christus uns ber das hchste Gebot
belehrt hat, indem er sagte: Liebe Gott ber alles, so begreife ich durchaus
nicht, wie die Befolgung desselben mir je Reue und Verzweiflung zuwege bringen
knnte. Die Nichtbefolgung wrde sie hervorrufen, gerade so, wie der Mrder aus
Gewissensangst verzweifelt, weil er ein gttliches Gebot verletzt hat.
    Du hast nur die Hlfte jenes Ausspruches Christi gesagt. Der Nachsatz wird
Dir zeigen, da man nicht in egoistischer Vereinzelung sein Glck verfolgen
darf. Wie heit es weiter?
    Der Ausspruch Christi lautet: Liebe Gott ber alles und deinen Nchsten wie
dich selbst. Ich habe also Uriel zu lieben, nicht wie ich Gott liebe, sondern
wie ich mich selbst liebe; und das tue ich, indem ich aus ganzer Seele wnsche,
da er in den geistlichen Stand treten mge.
    Regina! donnerte der Graf; aber Levin legte ihm besnftigend die Hand auf
die Schulter und sagte:
    Regina, Du wirst wohl wissen, da das Gebot, Gott ber alles zu lieben,
Weltleute wie Klosterleute angeht und durchaus nicht zum Ordensleben
verpflichtet; und da groe Heilige, ja ich mchte sagen, die berhmtesten, die
populrsten, Frauen gewesen sind, die im Ehestand lebten, wie die hl. Elisabeth
von Thringen, die heil. Franziska Romana, die heil. Brigitta von Schweden, die
heil. Katharina von Genua, die heil. Johanna von Chantal und viele, viele
Andere.
    Ich wei es, lieber Onkel, erwiderte Regina, und ich freue mich, da es
Seelen gibt, die gro und stark genug sind, um in den ermattenden, zerstreuenden
weltlichen Verhltnissen ihr Herz in unzerstrbarer Vereinigung mit Gott zu
halten. Aber ich wei auch, da im Evangelium der jungfruliche Stand hher
geschtzt wird, als der eheliche, weil er auf einem Rat des gttlichen Heilandes
beruht, und weil es eine vollkommenere Liebe voraussetzt, den besonderen Rat
anzunehmen, als dem allgemeinen Gebot zu gehorchen. brigens wirst Du wohl
wissen, da all' jene heiligen Frauen, teils nach dem Tode ihrer Ehemnner,
teils bei deren Lebzeiten noch, aber mit ihrer Erlaubnis, aus den weltlichen
Verhltnissen sich zurckzogen, um sich durch die Befolgung der evangelischen
Rte desto vollkommener mit Christus zu vereinigen. Was sie also am Ende ihres
Lebens ausfhrten, weil sie es fr das hchste Glck hielten, sie, diese groen,
herrlichen Frauen, denen es nicht an Erfahrung fehlte, um die Freuden und
Vorteile weltlicher Verhltnisse richtig zu schtzen: das mchte ich im Anfang
meines Lebens tun. Kann das bedenklich sein?
    Es ist ein Ri im Familienleben, eine Lcke im Hause, eine Kluft zwischen
traulichem Verkehr, mein Kind.
    O lieber Onkel, wenn ein russischer Frst kme und Corona heiraten wollte
und sie ihn, so wrde der gute Vater sie getrost ziehen lassen bis nach
Archangel, ohne die Lcke im Familienleben zu beachten und ohne zu frchten, da
ihm seine Tochter im fremden Lande, unter fremden Leuten entfremdet werden
knnte; denn ihr Glck und der Wille Gottes brchten das mit sich. Und mit
welchen Sorgen mte er doch auf sie schauen! Um mich hingegen braucht er gar
keine Sorgen zu haben, sobald ich bei den Karmelitessen bin. Da kann ich nichts
verlieren! Da tut mir Niemand weh! da gibt's keine Nten und ngste des
Irdischen! Solo Dios basta! Wer sich Gott allein in die Arme wirft, der fhrt
wohl und wird sicherer getragen, als wenn noch der und der Mensch sich auch
damit abgibt. Glaubst Du das nicht, lieber Onkel Levin?
    Ich glaub' es, mein Kind, sagte er zrtlich, aber Dein Vater bezweifelt
es.
    O mein lieber Vater! rief sie, und ihre Augen leuchteten in himmlischer
Zuversicht auf; auch Du wirst es glauben!
    Sie kniete vor ihm nieder und kte seine Hand.
    Es ist gut, Regina, Du kannst gehen; morgen wollen wir weiter sprechen,
sagte der Graf und versenkte sich stumm in seinen Lehnstuhl, nachdem sie das
Kabinett verlassen hatte. Auch Levin versank in Schweigen und Nachdenken ber
den wundersamen mystischen und doch so wahrhaften Zusammenhang im
bernatrlichen Leben; ber die Blitze und Funken, die von der ewigen Liebe
entsendet, heimlich in die Menschenherzen fallen, hier in ihrer Finsternis
untergehen, dort in ihrer Klte erlschen; aber auch zuweilen, wie auf einem
Opferaltar, das Feuer zum Opfer entznden. Und an den unberechenbaren Einflu
heiliger Gesinnung dachte er! Eines der gnadenreichsten Gottesgeschpfe, das je
auf Erden gelebt hat, die heilige Therese, spricht in drei schlichten Worten den
Kern ihres Lebens, ihrer Vollkommenheit aus, und durch die Jahrhunderte klingen
sie in einer frommen Seele wieder, in einem treuen Mutterherzen, das mit diesen
Worten, ahnungslos wie tief sie greifen, dem geliebten Kinde eine himmlische
Richtung gibt. Die heilige Therese wird Regina schon zum mystischen Karmel
fhren, dachte er, wenn sie den langen Atem des Herzens, die heilige
Beharrlichkeit hat. Sein Opferleben, sein Gebet, seine bernatrliche Liebe und
Geduld brachte Levin nicht in Anschlag, dachte gar nicht daran, obwohl gerade
sie zu den wesentlichen heiligenden Einflssen, zu den Kanlen des gttlichen
Gnadenstromes gehrten, die Regina umgaben.
    Es war so still im Kabinett, da der Pendelschlag der altertmlichen Wanduhr
ein groes Gerusch machte. Pltzlich fuhr der Graf aus seinen Trumen auf,
strich mit der Hand ber Stirn und Augen und sagte:
    Lieber Onkel, was hat sie gesagt? was haben wir gehrt? was ist das nur?
    Das ist die Christusliebe in einem reinen Herzen, entgegnete Levin.

                              Die Sybilla persica


Ein Flu, der knnte mancherlei erzhlen von den Dingen, die er in seinem
rastlosen Laufe durch die Zeit und den Raum an seinen beiden Ufern wahrgenommen
hat, und seine murmelnden Wellen bewegen sich so geheimnisvoll wie Lippen, die
ein Zauberbaum geschlossen hlt. Welch ein Wechsel von Bildern aus dem Natur-,
dem Vlker- und dem Menschenleben spiegelt sich in seiner Flut. Die
Weltgeschichte und die Jahrtausende rollen sich neben ihm auf und ab. Welch ein
Kontrast, wie der Main aus den rauschenden Wldern und den dunkeln
Felsenschluchten des Fichtelgebirges in die grnen Wiesen des Frankenlandes und
dann in dessen Rebenhgel sich hinein windet, an alten ehrwrdigen Stdten mit
feierlichen Domen, an herrlichen Ruinen gebrochener Abteien, an Dorf und Schlo,
an Kloster und Kapelle vorber, die alle, alle, ihre Geschichte haben, und oft
eine recht traurige! bis er sich flach und matt, wie lebensberdrig, dem
ehemals goldenen Mainz gegenber in den Rhein gehen lt, der ihn in rascher
Strmung dahinreit. Ehe es so weit mit ihm kommt und nachdem sich Kloster
Engelberg und Schlo Windeck lngst nicht mehr in ihm spiegeln, fliet er an
Frankfurt vorber, der alten Stadt der Kaiserkrnung, und an einem schnen
Garten im englischen Styl, in dessen Mitte eine elegante Villa liegt. Die Strme
des Sptjahres hatten die Gestruche bereits entblttert und die sprliche
Belaubung der Bume in kupferfarbene Schattierungen gefrbt. Die Rasenpltze
waren durch die eisigen Herbstnebel und Nachtfrste brunlich geworden und von
den Massen der Blumen, die auf ihnen in tausend Farben geprangt hatten, war
nichts brig geblieben, als hie und da eine vereinzelte halberfrorene Georgine.
Im Hause selbst war es aber sehr freundlich. Die Blumen, die im Garten fehlten,
standen in Flle in den Zimmern und in den Kaminen glimmte behagliches Feuer. An
den Wnden hingen einige schne Gemlde; auf den Tischen lagen Lithographien,
englische Stahlstiche, Journale, die Tagesliteratur Deutschlands, Frankreichs
und Englands. Totenstille herrschte im Hause. Die Besitzerin war in die Stadt
gefahren, der Salon leer und leer die Zimmer rechts und links. Endlich im
letzten Gemach sa ein junges Mdchen, die Tochter des Hauses, die Tochter des
spanischen Banquiers Miranes, der mehrere Jahre in Paris gelebt und sich jetzt
hier niedergelassen hatte. Das junge Mdchen sa gedankenvoll mit
untergeschlagenen Armen vor einer Staffelei, auf der ein herrliches Gemlde, ein
Frauenbild in orientalischer Tracht, aufgestellt war. Sie betrachtete aufmerksam
das Gemlde. Welch ein Auge! sprach sie zu sich selbst; und welch ein Blick! ein
Blick, der alles zu wissen scheint und doch ist er traurig. Wr' ich allwissend
.... ich wollte nicht traurig sein! - Sie war allerdings das Bild der
Melancholie. Ihre Zge waren von jener edlen regelmigen Schnheit, die man an
den antiken Statuen bewundert und jener tief tragische Hauch, welcher der Antike
ganz eigentmlich ist - von jener Sphynx an, im Sande der gyptischen Wste, zu
Fen der Pyramiden, bis zu jener Psyche, die in ihren Bruchstcken eine Perle
des Museums zu Neapel und der griechischen Kunst ist - lag auch auf ihren Zgen.
Dieser tragische Hauch der Antike gibt ihrer Schnheit, die oftmals herbe
erscheinen knnte, einen groen Reiz: sie weckt Sympathie in jedem
Menschenherzen, das, seiner Natur nach, durch stille Trauer gerhrt wird. Die
ganze antike Welt, mir ihren Heroen und ihren Gttern, steht unter der Signatur
des Todes: sie ist unerlst! Wie sollte sie nicht traurig sein? traurig durch
jene Melancholie, die unbestimmt ein hchstes Gut ahnt und es nicht zu finden,
ja nicht einmal zu suchen wei. Und eine Unerlste war auch diese schne,
schwermtige Judith Miranes: sie war Jdin. Aus ihrem Nachsinnen erhob sie sich
mit einer ungeduldigen Bewegung, sah nach der Uhr und murmelte unmutig: Schon
halb eins! ob der Ernest heute nicht kommen wird? ich wte gar gern, was dies
fr ein Bild ist! - Sie stand auf, zog graue Vorrmel an, rckte eine zweite
Staffelei herbei, auf der ein Rahmen mit Leinwand berspannt sich befand, nahm
ihre Palette, Pinsel, Zeichenstift hervor und hatte alles in Bereitschaft
gesetzt und wohl zwanzig Mal nach der Uhr geschaut, bis endlich ein Diener die
Tre ffnete und der Erwartete eintrat. Es war ein ltlicher Mann, in einem sehr
abgetragenen Rock, mit einem uerst wohlwollenden Gesicht, in welchem nichts
Ungewhnliches war, als ein ungemein klares Auge und eine sehr zart
ausgearbeitete Stirne. Judith sagte stolz und hart, und ihr Ausdruck war nicht
mehr schwermtig, wohl aber hochfahrend:
    Sie haben mich lange warten lassen, Herr Ernest.
    Gr Sie Gott, mein Frulein! Verzeihung, wenn ich Sie warten lie,
antwortete er hchst unbefangen. Sie htten sich beschftigen sollen, dann
wrden Sie ein Stndchen frher oder spter gar nicht bemerken. Nun, wie gefllt
Ihnen mein Gemlde?
    Mit beiden Hnden in den Rocktaschen pflanzte er sich vor demselben auf und
betrachtete es vergngt.
    Es ist wunderschn, sagte Judith, und auch wunderschn gemalt. Aber wen
stellt es vor?
    Es ist eine Kopie der berhmten Sybilla persica von Guercino, deren
Original sich im Kapitol zu Rom befindet.
    Wer war die Sybilla persica?
    Die Sibyllen waren, wie man sagt, hehre Frauen des Altertums, die unter den
Heiden den Platz der Propheten im Volke Israel einnahmen und den zuknftigen
Erlser verkndeten. Die Geschichtsforschung verwirft sie. Poesie und Kunst
lieben sie.
    berall die Spur der Lge, Herr Ernest!
    berall die Spur der Sehnsucht nach Offenbarung, Frulein Judith.
    Wenn sie die Offenbarung wute, warum trauert die Sybilla persica?
    Sie trauert um die Snden der Welt, die den Sohn Gottes vom Himmel
herabziehen und an's Kreuz schlagen.
    Das verstehe ich nicht, oder eigentlich: das verstehen wir nicht!
    Glaub' es! das Kreuz ist Euch ein rgernis; uns ein Geheimnis himmlischer
Liebe, voll unsglich ser Schmerzen und namenlos herber Wonne, und so hat es
auch die Sybilla persica verstanden, obgleich sie nicht Christin war.
    Sind Sie denn ein Christ, Herr Ernest?
    Wofr halten Sie mich denn? fragte er hchst erstaunt.
    Fr einen Papisten, entgegnete sie unbefangen.
    Ernest brach in ein schallendes Gelchter aus. Judith sah ihn verwundert an
und setzte hinzu:
    Ich habe gehrt, das sei eine Sekte, die ihr Oberhaupt, den Papst, anbete
und mit dem Christentume, aus dem sie hervorgegangen ist, nichts mehr zu
schaffen htte; und Christen wren nur die, welche vom Papst, als dem
Antichrist, nichts wissen wollten. Da ich nun mit den Christen nichts zu tun
haben mag, so war es mir sehr angenehm, in Ihnen einen Papisten zu finden. Jetzt
bin ich enttuscht.
    Ernest lachte dermaen, da er die Hnde in die Seiten stemmte und sich
erschpft niedersetzte.
    Werd' ich endlich erfahren, worber Sie lachen? fragte Judith halb
lchelnd und halb unmutig.
    Es wre zu weitlufig, Ihnen das zu erklren, sagte endlich Ernest, und
trotz aller Mhe wrden Sie mich doch nicht verstehen. Aber nicht wahr, jene
Erklrung, was das sei, ein Papist, hat Ihnen jemand gegeben, der sich selbst
Christ nannte?
    Judith wurde noch bleicher als ihr farbloses Gesicht schon war, und
erwiderte: Ich habe es von einer anderen Person in Paris gehrt; denn ich
meinesteils bekmmere mich durchaus nicht weiter um die Christen, als insofern
es die gesellschaftlichen Verhltnisse meiner Eltern erfordern - und ob sie an
den Papst oder an sonst etwas glauben - das ist mir ganz einerlei, und ich
spreche nie mit ihnen darber.
    In letzterem haben Sie vollkommen recht! Der Glaube will nicht im Salon
zwischen einer Tasse Tee und einer Schale Gefrorenem besprochen werden. Er will
gelebt sein, Frulein Judith, gelebt im Salon wie im Dachstbchen, gelebt in der
Kirche wie auf dem Markte
    Erzhlen Sie mir lieber von den Sibyllen, Herr Ernest! das freut mich
mehr, sagte Judith und heftete ihr dunkles Auge sinnend auf das Gemlde.
    Die Sage spricht, da die Sibylle von Cum zum Beherrscher der alten Roma,
zum Knig Tarquinius kam und ihm ihre prophetischen Schriften ber Roms
Geschicke um einen ungeheuren Preis anbot. Der Knig wollte ihn nicht zahlen; da
warf die Sibylle drei ihrer Bcher ins Feuer und ging von dannen. Nach einiger
Zeit kam sie wieder und bot dem Knig ihre um drei Bcher verminderten
Schriften, aber fr denselben ungeheuren Preis an. Der Knig fand das unsinnig
und wies sie ab; da warf die Sibylle abermals drei Bcher ins Feuer und ging von
dannen. Und zum drittenmale erschien sie vor Knig Tarquinius und forderte fr
ihre drei letzten Bcher den ungeminderten, ungeheuren Preis. Da kaufte sie der
Knig und sie wurden auf dem Kapitol niedergelegt; und Tag fr Tag war darin
verzeichnet, welche Begebenheiten das heidnische Rom treffen wrden, bis es
seinen Untergang fand.
    In den verbrannten Bchern stand vielleicht, wie es sich htte retten
knnen.
    Kann sein. Man soll eben nicht feilschen um die Wahrheit. Und mehrere
hundert Jahre spter, gerade am Tage der gnadenreichen Geburt des Herrn, sagt
die Legende, lie Kaiser Augustus die Sibylle von Tibur vor sich rufen und
fragte sie, ob es an der Zeit sei, da er seinen Platz zwischen den Gottheiten
Roms einnhme? das rmische Volk wolle ihm gttliche Ehren erweisen. Da stand
die Sibylle und schaute gen Himmel und sie gewahrte die Sonne umgeben von einem
leuchtenden Zirkel und in der Mitte der Sonne sa eine hehre Frauengestalt, die
hielt auf ihrem Schoe ein zartes Kindlein. Die Sibylle deutete auf dasselbe und
sprach zum Kaiser: Dies Kind ist grer als Du! bete es an. Da entsetzte sich
der gewaltige Kaiser und lie zu Ehren dieses gttlichen Kindes auf dem
kapitolinischen Hgel einen prchtigen Altar errichten. Spter wurde die Kirche
Ara Coeli - Altar des Himmels - dort erbaut und sie steht bis zu dieser Stunde
auf dem Kapitol. Aber auf den reizenden Hgeln von Tivoli, ber welche die
berhmten Cascatellen dahin tanzen, steht der kleine, von jonischen Sulen
getragene Tempel, den man den Tempel der Sibylle nennt; denn Tivoli ist das alte
Tibur. Mehr wei ich nicht von den Sibyllen.
    Aber die Kunst, sagten Sie, habe sie verherrlicht.
    Und unsterblich gemacht! ja, das ist wahr! rief Ernest mit funkelndem
Blick. In des erhabenen Vatikans feierlicher sixtinischer Kapelle, in welcher
nur an den grten Festen die heiligen Geheimnisse des Glaubens gefeiert werden,
haben Perugino und Michel Angelo, der eine mit seinem holdseligen und der andere
mit seinem gewaltigen Pinsel, das ganze Epos des Menschengeschlechtes, von der
Schpfung bis zum Weltgerichte, in groartigen Gemlden an den Wnden und der
Decke geschrieben, und Michel Angelo's Sibyllen, als die Verknder des Erlsers
in der Heidenwelt, schauen mit den Propheten des Alten Testamentes vom Gewlbe
herab auf den Altar des Neuen Bundes, wo das Lamm Gottes im ewigen Opfer
geschlachtet wird; auf den mystischen Kalvarienberg, den sie am Horizont der
Zukunft mit dem Auge des Glaubens aufsteigen sahen. Und da man in Rom keinen
Schritt tun kann, ohne auf Spuren vom Gttlichen im Menschen nach der
Gnadenordnung zu stoen, Spuren, die sich bald als Genie, bald als Seelenadel,
bald als Liebeskraft, bald als Geistesgre aussprechen: so findet man denn auch
eine zahllose Menge von Kirchen, welche fromme Andacht gebaut hat, und welche
daher, mgen sie gro oder klein sein, ihren Schmuck, ihren Reichtum, ihre
Kunstwerke, ja Meisterwerke haben. Ein solches ist in der Kirche Sta. Maria
della pace die Gruppe der vier Sibyllen von Rafael. Das sind Fresken, Frulein
Judith! die mssen Sie sehen, um eine Idee zu bekommen, wie warm und lebendig
die Freskomalerei auf dem kalten Stein sich ausnehmen kann.
    Schade, da ein solches Kunstwerk in einer Kirche versteckt ist, bemerkte
Judith.
    Nicht schade, mein Frulein! Sehen Sie, die alten gypter, ein tiefsinniges
Volk, aber wandelnd in den Schatten der Unerlsung, hhlten die Felsen ihres
Landes zu Palsten aus, mit Hallen und Slen, mit Treppen und Sulen; und alle
Wnde dieser geheimnisvollen Behausung bemalten sie im buntesten Farbenglanz mit
tausend Gttergestalten, mit Kriegsszenen, mit Bildern aus dem Volks- und dem
huslichen Leben; dann stellten sie in das allerinnerste und letzte Gemach einen
Sarkophag mit der Mumie eines Knigs auf, und dann wlzten sie vor den Eingang
dieses Grottenpalastes gewaltige Felsblcke, entzogen ihre Mhe, ihre Arbeit,
ihre Kunst jedem menschlichen Auge und fanden es hchst geziemend und gar nicht
schade, all' jene Herrlichkeit einer Knigsmumie zu weihen. Wie knnten wir den
Schmuck unserer Kirchen beklagen, in denen Gott selbst geheimnisvollerweise
wohnt und weilt? brigens sehen in deutschen Landen nicht wenige Kirchen so aus,
als fnde man fr sie alles gut genug, was der Rumpelkammer angehrt, und
Motten-, Muse- und Wurmfra, den die Menschen nicht mehr haben mgen, ist
beinahe noch zu schn fr das Haus und den Dienst des lieben Gottes.
    Ach, Herr Ernest, sagte Judith ungeduldig, Ihre Kirchen, mit oder ohne
Musefra, interessieren mich gar nicht.
    Gut! entgegnete er gleichmtig; nun an die Staffelei!
    Nein, auch das nicht! rief sie. Erzhlen Sie mir noch etwas von den
Sibyllen. Herr Ernest! ich hre gern von groen Frauen reden - und hre es nie!
    Die Sibyllen sind aber nur dadurch gro, da sie auf unsere Kirchen und auf
den, der sie gestiftet hat, hinweisen, Frulein Judith. Ihre Gre bestand eben
darin, da sie die Wucht der Offenbarung durch die sndenkranke Welt zu tragen
vermochten, und sie waren begnadete Weiber, weil sie die Gebenedeite unter den
Weibern, die jungfruliche Mutter Gottes und den menschgewordenen Gott
prophezeiht haben. Diesen Zusammenhang hat die bildende Kunst in einer
weltberhmten Kirche Italiens, in Loretto, wundersam schn aufgefat und
dargestellt. Der Kern dieser Kirche ist das Huschen, in welchem die
allerseligste Jungfrau Maria zu Nazareth lebte und welches in einer Weise, die
nur Gott bekannt ist, auf die Hhe des Appenins versetzt wurde. Um dies
Heiligtum luft eine Kolonnade von prchtigen Marmorsulen und zwischen ihnen
stehen paarweise die Propheten und Sibyllen, welche die glor- und freudenreichen
Gnaden der Mutter Gottes vorhergesagt haben. Sie bilden gleichsam eine
Prozession durch die Jahrtausende bis zu der Sttte, wo das Wort Fleisch ward
und im feierlichen Reigen schlieen sie sich huldigend dem Gru des Engels an.
Der unsterbliche Meiel von Cioli, Lombardo, della Porta, Sansovino und von
anderen berhmten Bildhauern hat sie verherrlicht und sie sich selbst in ihnen.
    Ich mchte nach Loretto, um das zu sehen! rief Judith.
    Ich will Ihnen sagen, wie Sie sich dabei zu benehmen haben, Frulein
Judith. Zuerst mssen Sie in eine prachtvolle Kapelle sich begeben, in deren
Mitte eine kolossale Schale von Bronze sich befindet, die mit Basreliefs aus der
Geschichte des Alten und Neuen Bundes verziert und von vier Engeln getragen ist.
Vier wunderbar schne Statuetten, ebenfalls von Bronze, ruhen am Rande der
Schale und sind gleichsam ihrer Tiefe entstiegen. Es sind vier Tugenden und sie
heien Glaube, Hoffnung, Liebe, Beharrlichkeit. Unter dem Glauben stehen die
Worte: Nescio falli; er wird nicht getuscht. Unter der Hoffnung: Nescio flecti;
sie wird nicht erschttert. Unter der Liebe: Nescio scindi; sie wird nicht
geteilt. Unter der Beharrlichkeit: Nescio frangi; sie wird nicht gebrochen. In
dieser Schale ist Wasser, das mystischer Weise dem Blute des Kreuzes beigemischt
ist und die Kraft des heiligen Geistes ruht darauf. Und ein paar Tropfen dieses
Wassers auf Ihrem Haupte bewirken, da Ihre Seele fhig wird, jene Tugenden in
sich aufzunehmen. Und dann gehen Sie in die Kirche selbst und schlieen Sie sich
den Sibyllen und Propheten an, und dann erst werden Sie verstehen, was Sie
sehen. Denn jene Schale ist das Taufbecken und jene Tugenden sind die, welche
aus der Taufgnade hervorgehen und im groen Umri angeben, wie das Leben des im
Wasser und im Geist Wiedergeborenen sein soll. Gehen Sie aber nur als neugierige
Touristin nach Loretto, so ist es in der Tat ganz einerlei, ob Sie dort waren
oder nicht.
    Keineswegs, Herr Ernest! ich bilde meinen Kunstsinn aus.
    Ist nicht mglich, wenn der innere Sinn des Kunstwerkes selbst Ihnen nicht
aufgegangen ist! Knnen Sie Ihren Geist an einem groen Schriftsteller bilden,
wenn Sie nicht im Stande sind, dessen Ideengang zu verfolgen? gewi nicht!
Irgend einen schlagenden Ausdruck, irgend eine berraschende Wendung knnen Sie
ihm entnehmen und dieselben in Ihre Brieflein oder Ihre Albums versetzen, wie
exotische Blumen in ein Kartoffelfeld; aber Ihr Geist bleibt arm wie zuvor.
Farbenmischung, Gruppierung, korrekte Zeichnung - ja, das knnen Sie lernen,
wenn Sie Kunstwerke uerlich, in ihrer Technik, studieren; doch Ihre Seele hat
nichts davon, und in der Seele werden die groen Kunstwerke, wie berhaupt alles
Groe, geboren, denn alles Groe und alles Schne ist eine Revelation der ewigen
Schnheit, von der Gott eine Ahnung in die Menschenseele gesenkt hat. Weckt die
Schnheit eines Bildes, eines Gedichtes, eines Buches, einer Statue nicht
himmlische Gedanken im Menschen: so ist entweder der Mensch zu schwach, zu
ungebildet, zu verkommen und roh, oder die Schnheit ist eine falsche,
trgerische, die den Blendwerken der Sinnenwelt angehrt. Die wahre Schnheit
soll auf uns wirken, wie der Sonnenstrahl auf die Regenwolke: sie soll auf
unsere trbe, graue, trnenvolle Seele ein Stck Regenbogen zaubern; Sie wissen
ja, Frulein Judith, da er ein Symbol des Friedens ist, den Gott nach der
schrecklichen Sndflut mit dem Menschen schlo. Ein Etwas von himmlischem
Frieden, von tief innerster Vershnung mit Gott, wenigstens der Sehnsucht nach,
soll das Kunstwerk uns geben.
    Haben Sie auch eine trnenvolle Seele? fragte Judith; man sieht es Ihnen
nicht an, Herr Ernest! Ja, ich meine, der Regenbogen wre sogar bestndig in
Ihnen.
    Mensch - und trnenvolle Seele - das gehrt zusammen, seitdem unsere
Stammeltern das Paradies verloren haben, Frulein Judith. Die Schwere des
Staubes lastet auf ihr, die Dornen der Erde verwunden sie, die Ringel der
Schlange bedrohen sie; welche Last, welche Schmerzen, welche ngste mu sie mit
sich herumschleppen. Siehe, da kommt einer und nimmt ihr all' den Ballast ab,
und heilt all' ihre Wunden, und stellt sich zwischen sie und die Schlange, und
trstet sie unendlich liebevoll und zrtlich, und trocknet mit linder Hand all'
ihre Trnen ab, und verlt sie nie und bleibt ihr treuer, ihr ewiger Freund.
Nun, Frulein Judith, das begreifen Sie gewi: habe ich jemand, der so groe und
se Dinge fr mich tut und mit so unermdlicher Zrtlichkeit mich liebt, so
frag ich nicht viel nach Trnen und Wunden. Vielmehr freue ich mich ihrer, weil
sie mir immer neue Liebesbeweise des geliebten Freundes bringen, und daraus mag
denn wohl so etwas wie ein Regenbogen in meiner Seele entstehen, zu der sie das
graue Gewlk, und der Freund den Sonnenstrahl der Liebe hergibt.
    Aber, Herr Ernest, wen haben Sie denn zum Freunde? fragte Judith gespannt.
    Den menschgewordenen und gekreuzigten Gott der Offenbarung, Frulein
Judith.
    Sie wendete gleichgiltig ihr schnes Haupt ab und sagte mit eisiger Klte:
Graues Haar und eine solche Liebesschwrmerei: reimt sich das Herr Ernest?
    Erst recht, Frulein Judith, entgegnete er gelassen. Die irdische Liebe
erstirbt, wenn die Rosenwangen verblhen und wenn auf Rabenlocken der Schnee des
Lebenswinters fllt, und an etwas so Vergnglichem mit Schwrmerei zu hngen,
ist allerdings der Erfahrung und dem Ernst des grauen Haares nicht anstndig;
denn wenn das Herz still steht, das von solcher Liebe erfllt war, so ist es
Staub und bleibt im Staube. Aber mit meiner Liebe ist es ganz anders! die
zerreibt nicht das Herz, sondern lebt und webt darin fort und fort, und immer
flammender und inniger, je weier mein Haar wird. Und steht das Herz einst im
Tode still, was geschieht? es fliegt ein Schmetterling daraus empor, die Psyche,
die Liebe meiner Seele, die Seele meines Wesens; und der Schmetterling, der noch
mit schwerem Flgelschlag fliegt, weil Erdenstaub ihm die Schwingen beschwert,
sinkt in eine Region von lodernden Flammen hinein, die nicht ihn, sondern nur
das Irdische, das an seinen Flgeln klebt, verzehren und dann ihn frei lassen,
da er auffahre zu den immerblhenden Rosen der Ewigkeit, zu den verklrten
Wundmalen des gekreuzigten Gottes.
    Judith schttelte langsam den Kopf und sagte: Eine solche Liebe verstehe
ich nicht! aber von der Staubesliebe will ich so wenig wissen, als Sie.
    Das ist leichter gesagt als getan, entgegnete er.
    Ich habe mir aber fest vorgenommen, rief sie heftig, keinen Menschen auf
der Welt zu lieben.
    Oho! Frulein Judith! das ist ja ein formidabler Vorsatz! sagte Ernest
lachend. Wie alt sind Sie?
    Achtzehn Jahre.
    Gut, gut! ein paar Jahre Geduld, und Ihr Vorsatz verschwindet.
    Nein! rief sie noch heftiger und ihr sammetschwarzes Auge sprhte Funken;
nie! Herr Ernest! niemals. Ich will nicht lieben, denn lieben tut weh - und ich
will nicht, da ein Mensch mir weh tue; ich will nicht leiden.
    Ohne Leid und ohne Liebe lebt man hienieden nicht!
    Nun, so mgen andere durch mich leiden, wenn ohne Leid nicht gelebt werden
kann!
    Immer bessere Vorstze, Frulein Judith! Wenn Sie das alles ausfhren,
werden Sie auf einer erstaunlichen Hhe - der Unmenschlichkeit anlangen.
    Meine Eltern nehme ich aus, sagte sie.
    Das ist etwas Trost, entgegnete er lchelnd. Aber nun genug des
Geplauders! Der Unterricht darf nicht versumt werden.
    Es kann Ihnen ja ganz einerlei sein, wofr Sie Ihre Bezahlung bekommen,
wenn Ihr Gesprch mir besser gefllt, als Ihr Unterricht, sagte Judith mit dem
schneidenden Hochmut, der sie zuweilen abstoend machte.
    Mit nichten, mein Frulein, erwiderte Ernest ruhig. Ich habe mich gegen
Ihre Eltern verpflichtet, Ihr Talent fr die schne Malerkunst auszubilden, und
eine Verpflichtung ist heilig. Wollen Sie aber nicht lnger bei mir Unterricht
nehmen, so sagen Sie es nur. Dann komm' ich nicht wieder. Aber die Sibylla
persica lasse ich Ihnen doch sehr gern zum Kopieren - und wenn sie fertig und
gelungen ist, schicke ich Ihnen auch meine Sibylla cumana, Kopie nach
Domenichino, welche von einigen der persica noch vorgezogen wird.
    Sie sind ein prchtiger Mann, Herr Ernest! wir mssen gute Freunde
bleiben! sagte Judith und die Lehrstunde begann. -
    Judith war ein sehr verwhntes Kind, besonders seitdem sie das einzige und
ihre ltere Schwester etwa ein Jahr vorher gestorben war. Ihre Schnheit, ihre
Talente waren so ungewhnlich, da ihre Eltern die glnzendsten Hoffnungen fr
die Zukunft ihrer Tochter hegten und der Vater sich bemhte, derselben eine
solide Basis im Sinn der Welt zu geben, nmlich ein groes Vermgen. Darauf war
sein ganzes Streben gerichtet. Das Streben seiner Frau ging dahin, sich und
ihrer Tochter die Vorzge der Gensse einer glnzenden Existenz zu verschaffen,
und blendend wie ein Meteor in der Welt zu erscheinen. Sie selbst war noch schn
und sie hing mit Leidenschaft an Luxus, Eleganz und allen Arten und Abarten
modischer Verfeinerung. Dies zu bedenken, anzuschaffen, einzurichten fllte ihre
Zeit dermaen aus und nahm alle Stunden, die nicht den Pflichten und Freuden der
Gesellschaft gewidmet waren, so ganz in Anspruch, da sie sich nur noch mit der
Leitung ihres Hauses, doch unmglich mit der Erziehung und Bildung ihrer Tochter
abgeben konnte. Sie hielt derselben die besten Lehrer und Meister, gab ihr in
London eine Franzsin, in Paris eine Deutsche zur Gouvernante, und als Judith
bei sechszehn Jahren fnf Sprachen redete und schrieb, eine ganz brillante
Stimme hatte und ein ungewhnliches Talent fr Malerei entwickelte, frohlockte
die Mutter ber ihr Meisterwerk von Erziehung. Die Seele ihrer Tochter war ihr
gnzlich fremd; oder besser gesagt: sie whnte, da die Summa des Erlernten,
durch das Urteil des Verstandes gelichtet und geordnet, das geistige Sein ihrer
Tochter ausmache; sie hielt Bildung fr Seele. brigens liebte sie Judith
zrtlich, kam allen Wnschen zuvor, erfllte jedes Begehren und bedauerte nur
immer, da Judith nicht das enorme Vergngen empfinde, welches sie selbst bei
jeder Art von geselliger Unterhaltung, und bei allem, was Tand und Flitter war,
mit vollen Zgen geno. Judith war ernst und blieb ernst, im Salon ihrer Mutter,
im Theater, auf dem Ball; sogar bei der Toilette, wenn die reizendsten Kleider,
Blumen und Bnder ihr zur Auswahl vorlagen; sogar bei den Huldigungen, welche
die junge Mnnerwelt ihr darbrachte. Sie wute, da sie schn und da ihr Vater
reich sei; sie wute, da man damit in der Gesellschaft herrscht; sie sah
durchaus nicht ein, weshalb sie sich geschmeichelt fhlen sollte, wenn andere
das anerkannten. Ihr mit uerem Glck berschttetes Dasein ermattete sie, ohne
zufrieden zu stellen. Aus dieser bleiernen Windstille konnte wohl ein Sturm der
Leidenschaft jh auffahren und da, wo ein Charakter jeden inneren Halt entbehrt,
furchtbare Verwstung anrichten. Judith hatte das erlebt an ihrer Schwester, die
in einem solchen Sturm zugrunde ging und mit zwanzig Jahren am gebrochenen
Herzen starb. Die Tiefe des Jammers und das Wie und Warum war ihr wohl nicht
klar; allein es gengte, um ihr einen Abscheu vor Verhltnissen beizubringen, in
denen so viel Verrat und Lge zu Hause sein konnten. Judith hatte mit zrtlicher
Liebe an ihrer Schwester gehangen; deren Verlust erbitterte sie, wie der Tod
jeden erbittern mu, der glaubenslos an einem teuren Grabe steht. Kein Funke
eines religisen Trostes leuchtete ihrem Herzen. Ihre Eltern gehrten dem
Rationalismus an, der sich im Judentum sowohl als im Christentum berall breit
macht, wo der Erdgeist im Menschen gepflegt und wo dessen Wirken und Walten als
die hchste Bestimmung des Menschen verherrlicht wird. Man ist reich, man ist
klug, man ist gebildet, man ist angesehen, man zhlt in der Gesellschaft; das
alles hat man erlangt ohne Gott; hheres als das gibt es nicht: also weshalb
sich um Gott bekmmern? Ohnehin ist es so ziemlich erwiesen und abgemacht, da
nicht blo der alte, auerweltliche, persnliche Gott lngst von seinem Nimbus
entkleidet und von seinem Thron verschwunden ist, sondern auch, da er aufgehrt
hat, als Weltseele des Alls sein Dasein zu fristen, welches man ihm in dieser
Form eine Zeitlang gnnte, weil man durch sie leichten Kaufs zum Anteil am
gttlichen Sein gelangte, was fr manche etwas Schmeichelhaftes hat. Aber auch
die Weltseele ist der Welt entschlpft und nichts brig geblieben, als die
Materie, seitdem die Erforschung der Natur, ihrer Krfte und ihrer Gesetze eine
sehr bewunderte Schule bildet, die es sich zur Aufgabe macht, die Schpfung von
der Offenbarung abzulsen, die Geschichte der Menschheit, welche deren
Zusammenhang beweist, beiseite legt, mit dem vereinsamten Ich an das Studium des
Universums geht, insofern dieses nicht ber die fnf Sinne und deren Erfahrungen
und Schlsse hinaus reicht, und dann, bewaffnet mit Lupen, mit Seziermesser, mit
Fernrhren, mit Destillierkolben und ungeheurem Apparat der Wissenschaft die
Bildungen der Natur so sicher und fest auf ihren Gesetzen von Ma und Zahl und
Kraft beruhend findet, da sie in dieser abgerundeten und geschlossenen
natrlichen Vollkommenheit einen Grund zu finden whnt, um mit dem Astronomen
Lalande zu erklren: Ich habe den Himmel durchsucht und nirgends die Spur
Gottes gefunden. Dies ist nun gar nicht berraschend; mit Lupe und Fernrohr
entdeckt man Gott nicht. Sehr berraschend ist aber der Schlu, den jene Schule
daraus macht: Also gibt es keinen persnlichen, auerweltlichen Gott, Schpfer
und Gesetzgeber dieser Natur. Ebensogut knnte ein Kind sagen, nachdem es das
Einmaleins durchgerechnet hat: Das ist ganz richtig und keine Spur von Gott ist
darin; also gibt es keinen Gott. Am allerberraschendsten wrde es sein, da
eine solche Schule glubige Adepten findet, wte man nicht, da der Erdgeist,
der in jeder Menschenbrust sich regt, wenn er nicht von geheiligter Willenskraft
gebndigt wird, die Brcke schlgt, auf der die Lehren, die ihm zusagen, ins
Menschenherz einziehen. Aber geheiligt wird der Wille nur dadurch, da er sich
aus freiem Entschlu Gott unterwirft, und solche Unterwerfung bewirkt nur der
Glaube an eine gttliche Offenbarung, weil in dieser eine gttliche Liebe sich
offenbart. Doch von der wute Judith nichts. Sie lebte unter dem Einflusse einer
tiefen Glaubenslosigkeit, die ihr Innerstes zu einer Felsende, starr, kalt und
einsam machte.
    Haben Sie viel Leid im Leben gehabt, Herr Ernest? fragte Judith, nachdem
sie eine Weile schweigend gearbeitet und den Schlu des Gesprches berdacht
hatte.
    Nicht der Rede wert, Frulein Judith! Das Leid, das vor uns liegt,
erscheint uns hoch wie ein Berg; hinter uns - ist's ein Maulwurfshaufen.
    Doch nannten Sie es vorhin eine Lebensbedingung.
    Gewi! Wenn's kein Leid gbe, woran sollte es sich bilden, das
selbstschtige Menschenherz? Leid tut ihm weh und im Weh denkt's an Gott; und je
mehr es eingenommen wird von diesem Gedanken, desto heilsamer ist ihm das Leid
gewesen. Sie meinen aber wohl, weil ich ein Maler bin, so ein Stckchen von
einem Genie, mt' ich ganz idealische Leiden gehabt haben. Fehlgeschossen! Ein
bischen Hunger und Kummer, einige ngste und Nten - Punktum.
    Auch Hunger, Herr Ernest?
    Warum nicht, Frulein Judith? Ich bin ein armer Bauernbube, der lteste von
elf lebenden Kindern, aus Berchtesgaden, wo man gar geschickt ist im
Holzschnitzen. Das trieb auch der Vater und ich half ihm fleiig, suchte aber
immer mein Schnitzwerk zu kolorieren, was mir verboten wurde. Allmhlig
entdeckte man Talent in mir; ich fand Gnner und Beschtzer; ich kam nach
Mnchen, lernte, arbeitete. Ich ging nach Italien, wie es alle Knstler zu
machen pflegen, studierte dort in den verschiedenen Stdten die verschiedenen
Malerschulen; schlug mich durch, manchmal mhselig genug, mute Geld verdienen
und in die Heimat schicken, denn ein Schlagflu lhmte den Vater, die Mutter
konnte mit all' den Kindern nicht ohne meine Hilfe fertig werden, und als sie
starb, die brave, fromme Mutter, konnten's die armen Kinder noch weniger werden.
Da hie es denn arbeiten, Frulein Judith, vom Morgen zum Abend, bei knapper
Kost, bis mir die Augenlider und der Arm schwer wie Blei waren, und Gott danken,
wenn ich nur immer Arbeit hatte. Deshalb verlegte ich mich auf's Portrtieren;
die Arbeit geht so leicht nicht aus, denn die Leute sind so erpicht darauf, ihr
Gesicht gemalt zu sehen, als ob sie nie in den Spiegel geschaut und nie die
Wahrheit von ihm erfahren htten, da es eigentlich nicht der Mhe wert sei,
solch ein Alltagsgesicht zu verewigen. Nun, ich danke dem lieben Gott fr diese
allgemein grassierende Ophthalmie und malte, malte, malte ....
    Aber das mu ja sehr Ihr schpferisches Talent gehemmt haben, unterbrach
ihn Judith.
    Ganz recht, mein Frulein, und das war vielleicht mein grtes Leid, mein
schwerster Kampf; denn es war ein Etwas in mir, das sich zu hherem Schaffen
erschwingen wollte und sich ducken mute; mute, weil Gott von mir verlangte,
nicht da ich ein groer Maler, sondern ein treuer Sohn und Bruder sei. Und
sehen Sie, Frulein Judith, den Willen Gottes zu tun ist ser, als des heiligen
Vaters Vatikan mit Fresken auszumalen wie ein zweiter Rafael. Kurz, ich sorgte
fr meine ganze Familie und half sieben Brdern und drei Schwestern zu einem
ehrlichen Fortkommen. Alle sind rechtschaffene Leute geworden und hngen an mir
wie an einem zweiten Vater. Einige sitzen auf einem grnen Zweig, andere auf
einem drren - wie das so geht in einer zahlreichen Familie! Mein Pinsel tut
noch immer seine Schuldigkeit. Aber meine jngste Schwester, die Klara, hat mich
auch kniglich belohnt.
    Das glaub' ich nimmermehr! rief Judith. Dann wrden Sie nicht in diesem
kalten Nebelwetter ohne Paletot im Sommerrock gehen.
    Was Rock! was Paletot! Nein, Frulein Judith, einen Lohn, der durch
Schneiderhnde - unbeschadet dem Respekt vor dem ehrsamen Handwerk! - einen
Umweg macht, hat die Klara zu gering fr mich erachtet. O nein! die Klara ist
ein Nnnchen geworden bei den ehrwrdigen Frauen Benediktinerinnen auf dem
Nonnberg zu Salzburg, und betet Tag und Nacht fr mich armen Snder.
    Judith sah ihn starr an, als erwarte sie einen Aufschlu, eine Erklrung
dieser Worte. Aber Ernest, der immer so sprach, als gebe es auf der ganzen Welt
nur gute katholische Christen - Ernest schwieg und es flog nur ein Blick voll
seliger Freude aus seinem lichten Kinderauge dankbar zum Himmel auf.
    Sie sind sehr exzentrisch, wie man in der Welt sich auszudrcken pflegt,
Herr Ernest, sagte sie endlich.
    Exzentrisch sein, bedeutet auerhalb des Zentrums oder ohne Mittelpunkt
sein, erwiderte er. Es kommt also ganz darauf an, was man zum Mittelpunkt des
Menschenlebens oder Wesens setzt. Die Welt nimmt an, ihre Gesetze, ihre
Vorschriften wren das notwendige Zentrum, um welches man sich zu bewegen habe.
Da ich nun das nicht tue, so mgen Sie mich meinethalben exzentrisch nennen,
Frulein Judith! ich wei ja doch, da ich mein Zentrum, und zwar ein ganz
festes, unerschtterliches, in Gott habe.
    Da Sie es so schn finden, da Ihre Schwester Nonne ward, warum sind Sie
denn nicht Mnch geworden?
    Ernest lachte hellauf und erwiderte: Weil es zweierlei ist, etwas schn zu
finden und schn zu sein. Ich mit meiner Wanderlust, mit meinem ungebundenen
Sinn - ein Mnch, der unter dem Gehorsam und nach der Ordensregel lebt! nein,
das ist mir nie eingefallen. In's Heiligtum mu man durch die Gnade berufen
werden, nicht sich hineindrngen.
    Und an wen ergeht ein solcher Ruf?
    An die, welche Gott so lieben oder so lieben wollen, da sie sich mit der
Welt und ihren Gestalten nicht befreunden mgen.
    Das wre etwas fr mich, sagte Judith, wenn ich einen Gott htte, den ich
lieben knnte. Aber auf solche phantastische Trumereien la' ich mich nicht
ein.
    Ein Wagen fuhr vor; Tren ffneten sich. In einen superben persischen Shawl
gehllt, mit Boa und Muff von Zobel, rauschte Madame Miranes durch die Gemcher
und ins Zimmer ihrer Tochter. Die Lektion war zu Ende. Ernest verbeugte sich
tief vor der prchtigen Dame, die ihm in ihrer Art recht gut gefiel, denn sein
Wohlwollen umschlo alle Geschpfe Gottes. Sie entlie ihn huldreich und er
dachte auf dem Heimweg bei sich selbst: In einem Gemlde, als die stolze Knigin
Vasthi, wrde sie sich trefflich machen! recht eine Gestalt fr den Pinsel des
Veronese!

                                   Der Beruf


Nachdem sich Graf Damian von der Verwunderung erholt, in welche Regina ihn
versetzt hatte, berlegte er, was nun zu tun sei. Zwang, Befehl wrden
vergeblich sein gegen diesen festen Entschlu, das sah er ein. Auch wrde Uriel
darauf nicht eingehen. Widerspruch reizt zum Eigensinn, besonders so einen
kaprizisen Mdchenkopf, der sich einbildet, die Welt msse nach seiner Pfeife
tanzen. Sie mu dahingebracht werden, von selbst ihre Klosterideen aufzugeben.
Das dauert vielleicht ein Jahr oder zwei und dann lt sie sich berwinden.
Uriel mu Geduld haben und soll immer in unserer Nhe sein. Wre der politische
Horizont nicht so wetterdrohend, so ginge man nach Italien oder Paris und Uriel
reiste mit. Es ist aber nicht geheuer in der Ferne und Fremde, man knnte in ein
Wespennest hineingeraten! So mag sich denn Uriel der Gesandtschaft in Frankfurt
attachieren lassen. Ein wohlerzogener Gesandtschaftsattache, aus gutem Hause,
der sein eigenes Geld splendid ausgibt, ist berall willkommen. Wir gehen dann
auch hin. Regina ist wie eine Festung, die man mit dem Glck, den Freuden, den
Zerstreuungen und Unterhaltungen der Welt blockieren, und der man die Zufuhr
religiser Lebensmittel mglichst abschneiden mu. Mit diesem Plan zu einer
Wetterkampagne gegen seine Tochter war der Graf uerst zufrieden. Er teilte ihn
Levin mit, welcher erwiderte:
    Es ist gut, da sie geprft werde; Gott wird ihr beistehen. Nicht umsonst
heit es in der heiligen Schrift: Das Himmelreich leidet Gewalt und nur die
Gewaltigen werden es an sich reien
    Als Uriel erfuhr, mit welchem Rival er um Reginas Herz zu kmpfen hatte,
geriet er in heftige Aufregung. Er fand es geradezu emprend. Es gefiel ihm
auerordentlich gut, da Regina so fromm war und wie in einer Glorie von
Glaubensglut stand; aber, da Gott dies gleichsam benutzte, um ihr Herz an sich
zu reien - nein! das war unertrglich! das ging ber die Rechte Gottes hinaus!
ein solcher Eingriff in die heiligsten Verhltnisse und sesten Empfindungen
war nicht zu dulden! Htte sie einen anderen geliebt, nun, so resignierte man
sich zum Schmerz; oder niemand geliebt, so hatte man Hoffnung! Aber Gott zu
lieben, Gott allein, Gott ausschlielich und dabei gar nicht das zerstrte Glck
eines Menschenherzens zu bercksichtigen - -
    Nein, lieber Onkel! rief er, Regina trumt, Regina irrt sich! Erlaube
mir, mit ihr zu sprechen; sie wird gewi zur Besinnung kommen.
    Nichts ist mir lieber! entgegnete der Graf und rieb sich vergngt die
Hnde. Ich bin froh, da Du endlich Feuer fngst und aus Deinem blden
Schferstand heraustrittst. Ich erlaube Dir, stante pede zu ihr zu gehen. Du
wirst ein besserer Anwalt Deiner Sache sein, als der Papa ist.
    Mutig wie ein Eroberer flog Uriel im Sturmschritt die Treppen hinauf. Als er
an ihre Tre klopfte und das: Herein! ihrer weichen Stimme hrte, sank ihm der
Mut und betrchtlich herabgestimmt trat er ein und sagte:
    Verzeih', wenn ich Dich stre! der Vater schickt mich mit einer Frage.
    Regina lie das Buch, worin sie las, auf ihre Knie sinken und sah ihn an, so
unbefangen - so entsetzlich unbefangen diese Frage erwartend, da es dem armen
Uriel unmglich war, eine andere ber die Lippen zu bringen, als die:
    Welch' ein Buch liest Du?
    Will der Vater wissen, was ich lese? entgegnete sie. Es ist die
Philothea, vom heiligen Franz von Sales; - sieh'!
    Sie reichte ihm das Buch. Uriel nahm es und sagte, indem er in das Buch
blickte:
    Ich mchte Dich um etwas bitten, Regina.
    Was wnschest Du, lieber Uriel? fragte sie sanft.
    Er schlo das Buch, legte es auf den Tisch und sagte, indem er zum erstenmal
Regina ins Auge schaute:
    Dein Herz und Deine Hand.
    Sie errtete, legte die Hand ber ihre Augen und entgegnete mit gepreter
Stimme: Nach allem, was ich dem Vater gesagt habe, hoffte ich, da er Dir und
mir diesen Augenblick ersparen und Dir meinen Entschlu mitteilen wrde.
    Er hat es getan, Regina.
    Sie lie die Hand sinken und sagte mit ihrer gewohnten freundlichen Ruhe:
Warum fragst Du mich denn?
    Weil ich Dich liebe, Regina! erwiderte er aus voller Seele.
    Sie schwieg; denn sie fhlte, da das fr Uriel ein giltiger Grund sei.
    Und weil ich hoffe, wollte er fortfahren.
    Nein! unterbrach ihn Regina, hoffe nicht! Sprichst Du von Liebe, Uriel,
so kann ich nur Gott bitten, da er sie Dir aus Deinem Herzen nehme. Sprichst Du
aber von Hoffnung - die kann ich Dir selbst nehmen!
    So la mich von Liebe sprechen, entgegnete er; vielleicht lernst Du sie
verstehen.
    Ich verstehe sie wohl - und gerade deshalb wei ich, da sie nicht fr mich
ist.
    Weshalb willst Du Dich seitab von uns allen stellen und Dich zu jenen
Ausnahmen halten, die mehr zu bewundern, als nachzuahmen sind? Denke an unsere
Mtter! Gab es frmmere, liebevollere, edlere Seelen? htten sie im Kloster
vollkommener sein knnen, Regina?
    Nein, sie nicht! denn Gott rief sie nicht dahin!
    Oder glaubst Du, da eine Frau, wie Deine Mutter - mit einem so groen
Herzen, da sie einer Schar verwaister Kinder Mutter wurde - und mit einem so
demtigen Herzen, da ihr Leben ein bestndiges Opfer gewesen war - nicht sehr
wohlgefllig vor Gott gewesen sei?
    Mchte ich dereinst so wie sie vor Gott bestehen! sagte Regina, und zwei
groe Trnen fielen von ihren Wimpern.
    Nun, was frchtest Du denn, Regina? Frchtest Du, ich knnte Deine
religisen berzeugungen nicht teilen? aber Du weit ja das Gegenteil! Oder ich
knnte Dich in Lebensverhltnisse einfhren wollen, die Dir nicht zusagen? aber
ich kann sie ja so gestalten, wie sie Deiner Neigung entsprechen, und das wrde
zugleich immer die meine sein.
    Ich frchte das alles gar nicht, Uriel, aber ... ich liebe Dich nicht und
werde Dich niemals lieben.
    Und ich liebe Dich so, da ich Deinen Worten keinen Glauben schenke.
    Ein seltsamer Beweis von Liebe! rief sie lchelnd.
    Denn ich traue mir zu, in die Schranken zu treten und Dich Gott abzuringen,
ohne das Heil Deiner Seele zu gefhrden. Im Kloster kannst Du Dich allein
heiligen; in der Ehe auch mich, und zwei Seelen sind mehr wert als eine. Das
bring' in Anschlag bei Deinen egoistischen Projekten, die Du gewi in
aufrichtiger Frmmigkeit, aber im Mangel eines grndlichen Verstndnisses
gemacht hast. Du bist nicht vereinzelt auf der Welt und hast folglich auch kein
Recht, Dich und Dein Glck in der Vereinzelung zu erfassen. Das tut nur die
Blte des Egoismus: blinde Leidenschaft.
    Regina hrte ihn ruhig an: Es geht mir wie dem groen Freund Gottes, dem
armen Job, sagte sie endlich: ich kann Dir auf Tausend nicht Eins antworten.
Alles, was Du sagst, ist richtig; aber innerhalb gewisser Schranken irdischer
Glcksbedrftigkeit, irdischer Lebensauffassung und der Annahme, da man Gott
nicht ausschlielich lieben knne, ja kaum drfe und da das Geschpf ein
hheres Recht an uns habe, als der Schpfer. Diese Annahme ist aber nicht in
gttlicher Wahrheit begrndet, was uns das Evangelium durch den heiligen Apostel
Paulus lehrt, der ausdrcklich den jungfrulichen Stand ber den ehelichen
stellt, und zwar deshalb, weil dieser seine Richtung auf das Wohlgefallen des
Geschpfes, jener auf das des Schpfers nehme. Wer das Verlangen nach irdischem
Glck sprt, whle den Stand, der es ihm durch das Geschpf und durch
menschliche Verhltnisse darbietet; das tun viele Millionen, und wir wollen
ihnen von Herzen wnschen und hoffen, da sie sich heiligen. Diese in's
Ordensleben zu versetzen, wre grausam und unsinnig. Wer aber sagt und mit dem
Herzen sagt: Solo Dios basta, und die jungfruliche Gottesmutter und den
heiligen Apostel Paulus, und Tausende von Heiligen und von frommen Ordensleuten,
und den ganzen Priesterstand der heiligen Kirche fr sich hat und leben will wie
sie: der fat es nicht, lieber Uriel, wie man ihm ein solches Leben als Egoismus
vorwerfen knne, weil, so lange die Welt steht, der egoistische Mensch sein
Glck nicht in Gott gesucht hat, sondern in allem anderen, was Gott nicht ist.
    Das geb' ich zu, Regina; aber das opferwillige Herz findet in allen
Verhltnissen Veranlassung zu Entsagung.
    Ja, sagte sie, es wird sich mannigfachen Entsagungen unterziehen; aber es
macht nicht, wie das Ordensleben, seinen Stand und seine Pflicht aus der
vollkommenen Weltentsagung.
    Es ist schwerer zu entsagen inmitten groer Versuchungen, als hinter
Klostermauern.
    Das zu entscheiden ist nicht meine, sondern Gottes Sache, bester Uriel. Ich
denke ja nicht daran, eine Heldin zu werden, nur eine demtige Braut Christi.
Das hab' ich dem Vater gesagt und das wiederhole ich Dir.
    Du beraubst den Vater seiner liebsten Hoffnung und zerreit ein Band,
welches zwei Familien in zrtlicher bereinstimmung geknpft haben.
    Ich wei es, Uriel! rief sie schmerzlich, und gbe es nichts Hheres als
den Wunsch der Eltern, o glaube mir, ich gehorchte. Nun aber geht es mir, wie
dem heil. Pionius bei seinem Martertode, als er sagte: Ich fhle wohl die Wunden
und den Schmerz, aber mein Gott ruft mich zu sich.
    Du bist eine himmlische Schwrmerin, sagte er, in ihren Anblick verloren;
aber die Erde hat auch Rechte an Dich.
    Ich entziehe mich ihnen nicht, Uriel; denn ich leide und werde noch viel
mehr leiden. Das ist mein Anteil an den Rechten der Erde.
    Leid ohne Liebe, das ist frchterlich! rief er in heftiger Bewegung.
    O Du Tor! sagte sie lieblich und mit einem seligen Lcheln, kannst Du
whnen, da der gttliche Vielgeliebte keine Liebe zu seiner Braut hat?
    Uriel schttelte leise den Kopf und erwiderte:
    Regina, Du machst mir den Eindruck einer Nachtwandlerin, die mit leichtem
und sicherem Schritt am Rande eines Abgrundes geht, wohin kein menschlicher Fu
sich wagt. Sie geht sicher, so lange sie nicht sieht; schlgt sie aber ihre
Augen auf und wird den Abgrund gewahr, so ergreift sie Schwindel und sie strzt
hinab. Deshalb ist es wohl recht wunderbar, sie wandeln zu sehen; aber man
erschauert vor Angst.
    Lieber Uriel, die Mondsucht ist eine krperliche Krankheit, durch die ich
wei nicht was fr Krfte im Menschen geweckt, hingegen seine Willensfreiheit
gefesselt wird. Daher entsetzt sich der Mondschtige ber seine Wege und Stege,
wenn er pltzlich geweckt wird, denn er hat sie nicht mit Bewutsein gewhlt.
Dein Vergleich pat also nicht auf mich.
    Doch! sagte er traurig; Du wandelst in Nacht; die Sonne der Liebe ist Dir
nicht aufgegangen.
    Du hast so ganz nicht Unrecht mit der Nacht; erwiderte sinnend Regina.
Ja, Uriel, ich wandele in Nacht, in der heiligen Sternennacht des Glaubens, und
Du wirst wohl wissen, da dessen Gestirne lichter und treuer sind, als die Sonne
der Welt.
    Mit einer trostlosen Bewegung bedeckte Uriel sein Gesicht mit beiden Hnden
und seufzte beklommen:
    Ich fasse es nicht, da ich Dich verlieren soll.
    O nein! rief sie lebhaft, nicht verlieren, Uriel! ich bleibe mit Euch
allen in ser Verbindung.
    Mit uns allen! sagte er bitter. Httest Du doch wenigstens gesagt: mit
dir, Uriel! Sag' es, Regina, sage wenigstens das!
    Regina schwieg. Er lie seine Hnde vom Gesicht sinken und sah sie an. Seine
schnen Zge voll Adel und Empfindung wurden noch schner und seelenvoller durch
den Ausdruck von Trauer und Bitte in seinen Augen.
    Nun? sagte er, sind drei Worte zu viel fr mich?
    Auch mit Dir, Uriel, sagte Regina leise.
    O schweige! rief er heftig; und nach einer Pause setzte er hinzu: Regina,
Du bist allzu vollkommen! Lassen wir das; aber hr' mich an. Du glaubst mir
keine Hoffnung, auch nicht die allergeringste, geben zu knnen; doch ich, ich
lasse sie mir noch nicht nehmen. Du bist erst siebenzehn Jahre alt: ich warte.
Bei siebenzehn Jahren kann jeder Tag sowohl eine Revolution in der inneren Welt
machen, als auch eine allmlige Umgestaltung derselben bewirken. Und darauf
wart' ich.
    Uriel, sagte Regina bengstigt, wenn Du vergebens wirst gewartet haben,
so gib dereinst nicht mir die Schuld fr die verlorenen Jahre. Ich wei nicht,
wann ich des Vaters Einwilligung bekomme. Hab' ich sie aber, so gehe ich in's
Kloster. Ach Uriel, warte nicht.
    La mich warten, sagte er, das ist schon eine Art von Glck.
    Welche Qual bereiten sich die Menschen unter der Firma: Liebe! seufzte
Regina aus tiefster Brust.
    So jung und schon so weise! rief er mit einem Anflug von Spott. Sie
verteidigte sich nicht; als ob sie wisse, da sie in seinem Herzen ihren
sichersten Verteidiger habe. Er setzte auch gleich zrtlich hinzu: Du bist bei
den Engeln in die Schule gegangen und hast bei ihnen so viel Himmlisches
gelernt, da Du wohl die Dinge der Erde richtiger betrachten magst, als wir.
    Sage das dem Vater, lieber Uriel! sagte sie. Er wollte sie nicht
verstehen. Er wollte da bleiben, in dem stillen Zimmer, wo er nichts sah, nichts
hrte, nichts dachte, nichts wute, als sie! gleichviel ob mit Schmerz, mit
Leid, mit Freude, mit Wonne, nur sie! das war genug. Er liebte sie eben. Da
stand Regina auf, legte ihre Hnde bittend zusammen und winkte so leise mit
ihrem Blick nach der Tre, da man ihr recht tief in's Auge sehen mute, um sie
zu verstehen. Uriel gehorchte der leisen Bewegung ihrer Augenwimpern; er ging;
aber er sagte:
    Weil Du meine Knigin bist, Regina.
    Der Graf hrte Uriels Bericht gelassen an und sprach tief seufzend: Wir
mssen uns mit Geduld waffnen. Es ist eine gute Vorschule fr Deinen Eintritt in
den Ehestand. Welch ein Ma der Geduld man der Frau gegenber haben mu, davon
wei nur der Eheherr ein Lied zu singen! Heute Migrne, morgen Nervenweh,
bermorgen ein Raptus fr eine hchst gleichgiltige Sache und bermorgen gegen
eine sehr wichtige! Bald Enthusiasmus ohne Ziel, bald Abneigung ohne Grund!
Jetzt Trnenstrme um ein Nichts, dann Skrupel um ein Garnichts! Zur Ehre der
Wahrheit mu ich sagen, da ich von dem allen bis jetzt keine Spur bei Regina
gefunden habe; allein der Trotz, der Eigensinn, die bei ihr zum Vorschein
kommen, zeigen deutlich, da es Dir an einem Hauskreuz nicht fehlen wird, was
freilich kein Verliebter glaubt! Nun wollen wir aber ihrem Trotzkopf einen so
weiten Spielraum ffnen, da er vor Ermdung zusammenbrechen mu. Ich werde ihr
erklren, da ich ihre Klosteridee auf eine zehnjhrige Prfung setze. Das hlt
sie nicht aus! Nichts macht die gespannten Krfte so grndlich morsch, als
langes Warten in's Blaue hinein. Ein Jahr, auch zwei und sogar drei Jahre warten
auf die Erfllung des Lebensglckes, das hat etwas Reizendes, davor schreckt
niemand zurck; allein zehn Jahre .... -
    Lieber Onkel! unterbrach ihn Uriel, ich warte mit Freuden zehn Jahre auf
Regina.
    Die Freuden werden doch wohl mit einiger Ungeduld vermischt sein,
entgegnete der Graf. Uebrigens findest Du denn doch am Ende von zehn Jahren in
Regina eine Realitt; aber was wrde sie bei ihren Karmelitessen finden? eine
Chimre, vor der sie selbst sich entsetzen wrde. Das wird sie auch schon
einsehen und zu rechter Zeit Kehrt machen.
    Er kndigte ihr seinen Entschlu an. Zehn Jahre sollst Du Dir die Welt und
die Menschen ansehen und Dich besinnen ber Glck und Pflicht, sagte er.
    Und dann darf ich mit Deiner Einwilligung zu den Karmelitessen? fragte
Regina gespannt.
    Ja, sagte der Graf; wenn Du uns allen whrend zehn Jahren das Leben
verbittert hast, anstatt es, wie eine gute Tochter, zu verschnern: dann will
ich Dir erlauben, Deine Verkehrheit in einem beliebigen Kloster zu beweinen.
    Regina sank vor dem Grafen auf die Knie und bedeckte seine Hnde mit Kssen
und Trnen, indem sie rief:
    O, mein lieber Vater! wie dank' ich Dir! so ist es recht; so mu es sein:
ber allerlei Dornen geht mein Weg; aber ich komme zum Ziel .... ich danke Dir.
    Was war mit einer Person anzufangen, die sich fr jedes rauhe Wort bedankte
und in jeder Strenge eine Gnade sah! Dieser Charakter ging ber des Grafen
Mastab und Erfahrungen so weit hinaus, da es ihm manchmal ganz unheimlich war,
der Vater einer solchen Tochter zu sein. Er teilte inzwischen der ganzen Familie
die Parole aus, um einen Chor der Klage ber Regina's Entschlu zu bilden: die
Baronin Isabelle, Corona, Orest, Florentin, sogar einige der alten treuen
Dienstboten, deren Leben mit dem Leben der Familie zusammen gewachsen war, und
die mit einem rhrenden Gemisch von Stolz und Zrtlichkeit die Kinder des Hauses
unsere Kinder nannten; alle sollten bei jeder passenden Veranlassung ein
Klagelied anstimmen ber die Kalamitt, welche Regina ber ihre ganze Familie
verhnge, was natrlich ihrem Herzen sehr wehe tun mute. Und mit seltener
bereinstimmung gingen alle auf die Absicht des Grafen ein, jeder in seiner
Weise. Niemand machte ihr Vorwrfe, aber niemand - Levin und Hyazinth
ausgenommen - sympathisierte mit ihr. Wie mit einer Kranken, deren elenden
Zustand man beweint und auf deren Genesung man sehnlichst hofft, ging man mit
ihr um. Und keineswegs auf Befehl des Grafen, sondern aus eigenem Antrieb! Er
hatte nur die allgemeine Gesinnung gleichsam organisiert und in eine und
dieselbe Richtung gewiesen. Das vollkommene Opfer ist eben die Sache, von
welcher der gttliche Heiland gesagt hat; Wer es fassen kann, der fasse es.
Damit ist ausgesprochen, da wenige es verstehen werden, und eine Sache, die
kein Verstndnis findet, leidet Widerspruch. Nur fr Hyazinth wurde sie die
Veranlassung, seinen Entschlu zur Reife zu bringen und auszusprechen. Er wollte
in den geistlichen Stand treten und bat den Onkel Levin, dem Grafen diese
Mitteilung zu machen. Es geschah.
    Mein Gott! seufzte der Graf tief niedergeschlagen, welch ein Geist
bertriebener Frmmigkeit fhrt denn gerade in meine armen Kinder und
fanatisiert sie! .... Hyazinth geistlich! der blutjunge Mensch! Es ist ein
wahrer Jammer.
    Trste Dich, sagte Levin lchelnd; ich glaube nicht, da Du um Hayzinth
groen Jammer wirst auszustehen haben!
    Lieber Onkel, das verstehen Sie nicht! der gute Junge tut mir
unaussprechlich leid. Zu Ihrer Zeit galt der geistliche Stand noch etwas. Da
fing man mit dem Domherrn an und wurde Churfrst, Erzbischof, Bischof,
wenigstens Weihbischof; aber jetzt! wie gering sind die Aussichten fr eine
Karriere! der arme Junge mu mit dem Kaplan anfangen und mit dem Pfarrer enden.
Schrecklich, lieber Onkel, schrecklich! Sagen Sie mir aufrichtig, aber nehmen
Sie die Frage nur nicht bel: ist Hyacinth einfltig?
    Ich glaube, da er einen klaren, feinen Verstand hat, entgegnete Levin.
    Oder hat er nichts gelernt? mag er nicht studieren?
    Ich glaube, da er mehr Neigung und Talent fr ernste Studien hat, als
seine Brder.
    Was in aller Welt bringt ihn denn zu dem desperaten Entschlu! Sollte er
vielleicht eine unglckliche Liebe haben? eine Neigung fr Regina z.B., und
geistlich werden wollen, weil sie in's Kloster will? Er ist freilich sehr jung,
um eine so formidable Leidenschaft zu empfinden; aber er mu doch einen Grund
haben.
    Lieber Damian, sein Grund ist der: Christus ruft ihm zwei Worte zu: Folge
mir nach! und: Weide meine Lmmer! Orest will Soldat werden, Florentin Arzt; sie
whlen ihren Beruf, wie er ihren Neigungen und Fhigkeiten zusagt. Hyacinth tut
dasselbe; nur mit dem Unterschied, da jene in ihrer Laufbahn sogenanntes
irdisches Glck zu finden hoffen und da er darauf verzichtet.
    Das macht aber einen ungeheuren Unterschied aus!
    Allerdings, die Kluft ist gro, ist so gro, wie sie eben besteht zwischen
Seelen, die Gott lieben und Gott nicht lieben.
    Man kann recht sehr Gott lieben, sagte der Graf empfindlich, ohne
geistlich zu werden.
    Gewi! entgegnete Levin. In dem Ma aber, wie man Gott mehr liebt, widmet
man sich ihm auch mehr; und wer ihn ausschlielich lieben will, widmet sich ihm
ausschlielich. Das tut Hyazinth. Er sagt auch: Solo Dios basta. In ihm, wie in
Regina, ist das bernatrliche Leben, welches aus der Gnade fliet, so stark,
da die Bestrebungen und Wnsche absterben, welche auf dem natrlichen Leben und
den irdischen Daseinsbedingungen beruhen. Bei Orest und Florentin ist es
umgekehrt: das Gnadenleben tritt bei ihnen in den Hintergrund und das natrliche
Leben in den Vordergrund. Sie fragen nicht, was gottgefllig sei: sondern leben
nach Lust und Laune, und haben, um ungestrt mit allen Segeln der Leidenschaften
fahren zu knnen, Gott als unbequemen Ballast ber Bord geworfen. Hyacinth und
Regina fragen hingegen, was am allergottgeflligsten sei und am
allervollkommensten das himmlische Ebenbild in ihnen herstelle; und da das die
Nachfolge und Nachahmung des Gottessohnes, die opferfreudige Wahl der Entsagung
aus Liebe, die Demut der Krippe und das Leiden von Golgatha ist: so verschmhen
sie das, was ihnen von den Freuden und Genssen der Welt erlaubt wre, weil
dadurch ihre Vereinigung mit Gott gewi nicht gefrdert, aber sehr leicht
gemindert, wohl gar ganz aufgehoben wird.
    Knnte der arme Junge sich in seinem kaplanischen Elend wenigstens damit
trsten, da er heiratete; sagte der unverbesserliche Graf.
    Dann drfte er eben nicht Priester werden, erwiderte Levin. Es ist die
Glorie der Kirche, da sie die unirdische geheimnisvolle Feier des unblutigen
Opfers nur denen anvertraut, welche freiwillig den Stand der Virginitt aus
Liebe zu Gott gewhlt haben, und es ist ein Zeichen ihrer gttlichen Weisheit,
da sie diese freiwillige Wahl, als einen Prfstein, der nicht umgangen werden
kann, vor die Stufen des Altars legt. Der zweifelhafte Beruf, der irdische Sinn,
der schwankende Charakter schrecken vor ihm zurck. Das reine Herz nicht. Die
reinen Herzen aber, mein lieber Damian, sind, so lange die Welt steht, auch die
starken Herzen, und starke Herzen braucht die Kirche in ihren Priestern, in den
Stellvertretern des ewigen guten Hirten.
    Es ist freilich nicht schwer einzusehen, sagte der Graf, da das
Entsagungsleben in Permanenz, wie der Priester es fhrt, ihn zu den grten
Opfern fhig und tchtig macht. Allein ich beklage unseren armen Hyazinth, da
er ein solches Leben fhren soll.
    Nun, Du wrdest doch nie wnschen, entgegnete Levin lchelnd, ihn als
einen mit Weib- und Kindersegen erfreuten Priester zu sehen. Das Leben der
Kirche ist all' ihren Kindern, wenn dieselben auch nicht bermig eifrig sind,
nicht wahr, lieber Damian? doch zu sehr in's eigene Leben bergegangen, um ihnen
nicht Mitrauen und Widerwillen gegen die Priesterehe einzuflen, die nur ganz
verkommenen Subjekten, gleichviel welchen Taufscheines, und den Radikalen in der
Politik, so wie den Rationalisten in Glaubenssachen erwnscht wre; den einen,
damit der Weltsumpf, der ihr Behagen und ihr Ziel ist, sich um so mehr
ausbreite, als die Tradition von Opfer, von Hingebung, von Lauterkeit, die durch
den Clibat in jedem Priester auf's neue in's Leben tritt, aus der Welt
verschwnde; den anderen, damit ein Eckstein aus dem Bau der heiligen Kirche
gebrochen werde, die in ihren ehelosen Priestern freie Mnner zu Dienern hat,
welche nicht zu beugen und nicht zu knechten und nicht in armselige Abhngigkeit
von irdischer Macht hinein zu ngstigen sind. Den Mnnern des modernen freien
Denkens sind solche Mnner des freien Willens verhat und zwar deshalb, weil
diese mit ihrer unverwstlichen Selbststndigkeit in dem unverwstlichen
Fundament des Glaubens an eine geoffenbarte Religion wurzeln, ein Fundament,
welches von jenen gerade bestritten, geleugnet, bekmpft wird, nicht gelten
soll, nicht da sein soll, und dennoch sich nicht hinweg rsonnieren und
revolutionieren lt. Der rmste und verlassenste Priester in dem rmsten und
entlegensten Drfchen macht durch sein schlichtes Dasein alle Theorien falscher
Wissenschaft zu Schanden. Er lebt ein bernatrliches Leben, dessen Quell und
dessen Ziel der Gottmensch Christus ist, wie der Glaube ihn offenbart, und das
ohne diesen ganzen, vollen, gewaltigen Glauben nicht gelebt werden kann. Wer nun
dies himmlische Prinzip leugnen will, der wird ungemein in seinen Theorien
gestrt, wenn er dasselbe in voller Triebkraft wirksam sieht. Was bleibt ihm
brig? Von zwei Dingen eines; entweder die Verleugnung aufgeben, das himmlische
Prinzip anerkennen und sich unterwerfen; oder es hassen, wie nun einmal die
Finsternis das Licht und Belial - Christus hassen mu, mu - weil das Bse, die
freiwillige Abwendung vom Guten, den Ha des Guten in sich schliet. So lange
noch ein frommer Priester auf der Welt ist, der mit reiner Hand das ewige Opfer
darbringt, fhlt sich der Unglaube als Lge gebrandmarkt. Daher seine Neigung,
den Priesterstand zu verdchtigen, zu unterdrcken, zu verfolgen, wo mglich zu
ersticken und auszurotten. Dazu ist ihm jedes Mittel willkommen, wie eben die
Umstnde es gestatten! Bald wird er verleumdet, bald lcherlich gemacht, bald
guillotiniert. Dazwischen sucht man ihn durch heuchlerisches Mitleid zu gewinnen
und ihm das Bild eines Familienvaters als hchstes Ziel alles Glckes hienieden
vorzuhalten, damit er von selbst versinke in die Niedrigkeit der Leidenschaften
und in die Gemeinheit des Alltagslebens.
    Bester Onkel, es gibt in anderen Religionsgesellschaften uerst achtbare
Mnner unter den Geistlichen und sie leben, mit wenigen Ausnahmen, smtlich im
Ehestande.
    Lieber Damian, wir sprechen aber nicht von anderen Religionsgesellschaften,
sondern von dem Priesterstand der heiligen katholischen Kirche, dem unser
Hyacinth sich anschlieen will. Auerhalb der Kirche wird, wie Du weit,
nirgends die Feier unserer heiligen Geheimnisse des Altars begangen, nirgends in
heiliger Messe das unblutige Opfer, diese Fortsetzung jenes blutigen auf
Golgatha, in lebendiger Wesenhaftigkeit dargebracht. Wo das Opfer fehlt, kann es
keinen Priesterstand geben, denn der Priester ist eben der unmittelbare
Darbringer des Opfers. Was also auerhalb der Kirche geschieht oder nicht
geschieht, ist fr uns nichts weniger als magebend, denn sonst knnte man Uriel
mit dem Vorschlag der Vielweiberei beglcken wollen, welche die Sekte der
Mormonen lehrt, was Dir nicht sehr wnschenswert im Hinblick auf Regina
erscheinen wrde. Also was drauen geschieht, lassen wir auf sich beruhen. Aber
wir, wir haben das heilige Opfer und dies Opfer ist das Lamm Gottes und der
Darbringer dieses Opfers ist der Priester, der glckselige, der begnadete
Priester, der tglich in die unmittelbare Vereinigung mit dem Allerheiligsten
eingeht, in seiner Hand den heiligen Fronleichnam hlt, mit seinen Lippen ihn
berhrt, in seinem Herzen ihn aufnimmt. Lieber Damian, fr einen solchen
Priester ziemt es sich wohl, sollte ich meinen, da er im Heiligtum bleibe, die
Kraft und Wrme seines Herzens dem Dienste seines gttlichen Meisters widme und
die Behaglichkeit des huslichen Herdes denen berlasse, die ihm den Altar
berlassen haben.
    Gott hat auch den huslichen Herd durch das Sakrament der Ehe zu einer
heiligen Sttte erhoben, wendete der Graf ein.
    Das ist schon wieder eine Verteidigung, wo kein Angriff geschah, erwiderte
Levin lchelnd. Du wirst mir nicht zutrauen, da ich die heilige Berechtigung
des huslichen Herdes unterschtze. Aber ich mu abermals sagen: wir sprechen
vom Priester. Die Kirche zwingt niemand geistlich zu werden und geht nicht
voreilig bei der Aufnahme zu Werk. Sie sagt dem Adspiranten: berlege und
besinne dich. Sie erteilt ihm die niederen Weihen und sagt abermals: Prfe dich,
denn du kannst noch umkehren, und lockt dich die Welt, so wende dich ihr zu. Hat
er sich aber entschieden und ist er in's Heiligtum eingetreten, so verlangt sie,
da er in demselben so diene, wie er gewut hat, da er dienen msse: frei von
jenen Leidenschaften, die das, was am Hchsten im Menschen ist - seine Liebe, zu
Gunsten dessen, was am Niedrigsten in ihm ist, in Sklaverei bringen. Nun wirst
Du mich gewi verstehen, wenn ich wiederhole, was ich vorhin sagte: fr den
Priester wre die hausvterliche Existenz ein Versinken in Erniedrigung, denn er
wrde himmlische Verpflichtungen aufgeben, um irdische einzugehen; ein
gttliches Joch, das Christus mit ihm trgt, abwerfen, um ein menschliches
anzunehmen. Er steht nun einmal am Altar, d.h. um ein paar Stufen hher als die
Weltlichen. Was bedeutet das? Glaubst Du etwa, das bedeute, da er auf sie herab
blicken und sich um so viel hher schtzen soll? O nein! es bedeutet das, was er
tglich in der heiligen Messe betet: Sursum corda! Empor die Herzen! empor du
mein glckseliges Herz und reie alle die, welche auf dich als ihren Hirten
sehen, mit dir aufwrts zu Gott, der dich in seine gnadenvolle Nhe gestellt
hat, damit du, angeglht von der Flamme seines Opfers, andere Seelen anfeuerst
und dereinst auf dem Erntefeld der Ewigkeit mit vollen Garben erscheinest, mit
einem Geleit liebentzndeter Herzen, die durch dich fr die gttliche Liebe
gewonnen sind. Und er sollte, von der Altarstufe herabsteigend, angeglht von
der Flamme des Opfers seines Gottes, sie ersticken lassen in der Schwle
erdentstammter Liebe? Nein! wer dem Priester so etwas wnschen kann, der hat es
entweder schlimm mit ihm im Sinn, oder urteilt, ohne die Sache zu kennen, oder
spricht, wie Du, lieber Damian, unter dem Einflu bergroer, natrlicher
Zrtlichkeit, und deshalb verkehrt.
    Sie sind nun einmal begeistert fr Ihren Stand, weil Sie selbst eine Art
von Ideal desselben sind ....
    Da irrst Du sehr! unterbrach ihn Levin lebhaft; ich bin ja gar nichts:
nicht Pfarrer, nicht Ordensmann, nicht Missionr! ich bin nur ein unntzer
Knecht. Aber mit Hyazinth wird es anders sein; der wird brauchbar werden! und
ist er das, so findet sich die Begeisterung fr seinen Stand von selbst, denn
man arbeitet alsdann fr Gott und fr das ewige Leben, ohne auf besonders groe
Resultate hienieden zu rechnen und ohne besonders glckliche Erfolge zu
erwarten, und das gibt Freiheit und Freude im Geiste.
    Und wenn ihm sein Beruf mit der Zeit zu schwer fiele! Das Leben ist lang,
die Welt ist bunt! Wenn Hyazinth ein schlechter Priester wrde, bester Onkel,
welch' ein Skandal! Ein schlechter Priester - auf den sind die Augen der ganzen
Welt gerichtet, als ob es nur den einen einzigen auf Erden gbe! und wenn das
nun ein Windecker wre!
    Du frchtest nicht, da Orest von seiner Fahne desertiere, wenns zur
Schlacht geht; so hoffe doch auch fr Hyazinth den notwendigen Kampfesmut, um
seinem Panier zu folgen. Hat er den, so ist er unberwindlich, weil die Gnade
noch nie den Beharrlichen verlassen hat. Nur der treulose Feigling verlt die
Gnade. Das ist richtig: auf einen solchen sieht die halbe Welt. Welch eine
unabsichtliche Glorie fr den geistlichen Stand! Tausende fallen in der Welt zur
Rechten, tausende zur Linken, stehen auf, fallen wieder - niemand sieht hin,
kaum die allernchsten, man zuckt die Achseln, man spricht ein paar Worte
schwacher Mibilligung, schwchlichen Mitleids, und man vergit, eingedenk
eigener Gebrechlichkeit. Aber fr den Priester macht man eine Ausnahme. Er ist
dermaen im allgemeinen Bewutsein anerkannt als der Reprsentant der
Heiligkeit, da ein sittlicher Makel an ihm mit endlosem schadenfrohen Triumph
von allen Glaubensfeinden bejubelt, mit unsglichem Schmerz von den Glubigen
beweint wird. Unsere Glaubenslehre ist etwas so Gttliches, da die Welt sich
gar nicht der Vorstellung erwehren kann, deren Organ, der Priesterstand, msse
Anteil haben an deren Erhabenheit; und darin hat sie vollkommen recht! wer sich
vorzugsweise mit Gott und gttlichen Dingen beschftigt, ohne nach innerer
Heiligung zu trachten, ist seines himmlischen Berufes nicht wert. Darin aber hat
die Welt vollkommen unrecht, da sie whnt, der einzelne schlechte Priester sei
ein Beweis fr die Ungttlichkeit seiner Glaubenslehre. Sie vergit bei einem
solchen Urteil den Verrat des Judas und die Verleugnung des Petrus, d.h. sie
vergit, da der Mensch aus Schwche fallen und aus Bosheit abfallen kann, weil
er keine Maschine ist, die von uerer Kraft in Bewegung gesetzt wird, sondern
weil er seinen Willen zur Beharrlichkeit im Guten brauchen mu und zur Wahl des
Bsen mibrauchen kann. Sei getrost, lieber Damian, und bedenke eines: das Werk,
welches Hyazinth beginnen will, beginnt in ihm die gttliche Gnade, und mit ihr,
der er vertraut, auf die er sich sttzt, wird er es zu Ende fhren. Ein solcher
Entschlu entspringt nicht aus Gedanken von dieser Welt, und darin liegt seine
weltberwindende Kraft.
    Ja, ja! seufzte der Graf kopfschttelnd; das ist alles sehr gut und
klingt ganz schn. Aber! aber! .... der arme Junge! -
    Die brigen Mitglieder der Familie nahmen Hyazinths Entschlu sehr
verschieden auf, aber nicht mit der allgemeinen Mibilligung, die auf Regina
ruhte, weil Hyazinth nicht anderweitige Plne durchkreuzte. Unter anderen
Umstnden wrde sich Uriel herzlich gefreut und in dem Beruf seines Bruders eine
groe Gnade erkannt haben. Jetzt aber schien es ihm bedenklich, allzu groe
Zufriedenheit zu uern - Reginas wegen, die durch Hyazinths Entschlu leicht in
dem ihren bestrkt werden konnte. Orest uerte ein grenzenloses Erstaunen,
Florentin Zorn, die Baronin Isabella zaghafte Freude; Corona beklagte, da
Hyazinth nicht auf der Stelle seine Primiz feiern und sie seine Kerzentrgerin
sein drfe. Regina lobte Gott.
    Was fngst Du denn an mit Deinen Hunden? fragte Orest ganz verblfft; und
wo lt Du denn Dein Gewehr? Dem Reiten und Jagen mut Du wohl auf immer Valet
sagen und Burschenlieder darfst Du wohl auch nicht mehr singen?
    Du bist aber allzu kurzsichtig, Hyazinth! eiferte Florentin. Siehst Du
denn nicht, da es mit der katholischen Kirche zu Ende geht? Siehst Du denn
nicht, da sie zitternd zusammenbrckelt vor dem klirrenden Schritt und dem
Weckruf der Freiheit? Siehst Du nicht, da sich Deutschland nimmermehr den
Ultramontanismus wird gefallen lassen, und da der rmische Papst, vom groen
Geiste des Jahrhunderts ergriffen, in einen Liberalismus verfllt, der,
unvereinbar mit katholischer Finsternis und Knechtschaft, ihn unfehlbar in die
Arme des Protestantismus liefert? Dieser aber bildet die erste Stufe zum
Sozialismus, in dem nicht Religionssysteme, sondern die Ausfhrung groer Ideen
ihren Kultus haben werden, dessen Priester jeder Einzelne sein wird! Siehst Du
das nicht?
    Nein! sagte Hyazinth gelassen, das alles sehe ich gar nicht; denn es sind
nur Phantasmagorien: knstliche Fratzenbilder, welche sich auerhalb der
Finsternis des Unglaubens nicht wahrnehmen lassen. Ich sehe vielmehr, da nichts
auf Erden Bestand, nichts eine Zukunft hat, als einzig und allein die
katholische Kirche und alles, was aus ihrem Mutterscho Lebenskraft schpft.
    Bei der Erhabenheit des priesterlichen Berufes wrde mich das Bewutsein
meiner Schwche ngstigen, ob ich ihm auch immer mit ganzer Treue anhinge,
sagte Uriel. Stets das Ewige und Unvergngliche vor Augen haben, scheint mir
bermig ernst und schwer.
    Wenn Du heiratest, entgegnete Hyazinth, mut Du Deiner Frau ewige Treue
versprechen und bleibst unauflslich mit ihr verbunden: das mte Dich dann auch
in Angst versetzen.
    O nein! rief Uriel; da verbinde ich mich mit meinem zeitlichen und ewigen
Glck, das der Sehnsucht des ganzen Menschen entspricht.
    Und ich, sagte Hyazinth, lasse das unsichere zeitliche Glck ganz und gar
beiseite und whle das unvergngliche: Gott zu dienen aus Liebe, welches der
chten Sehnsucht des erlsten Menschen gewi am allertiefsten entspricht.
    Dann bin ich nicht erlst, rief Orest, denn ich erschaudere vor Deiner
Sorte von Glck! Nein, Hyazinth! lustig leben gehrt auch zum Leben, und eine
Existenz ohne Hhner- und Parforcejagd, ohne Steeple chase und sonstige
Pferderennen, ohne Oper und Ballet, ohne Austern und Champagner - aber
non-mousseux! - die ist zum Totschieen.
    Das ist die Gesinnung der Welt, entgegnete Hyacinth. Sie behauptet, es
gebe kein anderes Glck als das, welches die fnf Sinne genieen und der
natrliche Verstand begreift. Das ist aber grundfalsch, denn das Unsterbliche im
Menschen wird durch die Gensse der Vergnglichkeit nicht befriedigt, sondern
elend gemacht. Tausend Mal ist das gesagt und bewiesen worden; allein Worte ohne
Tat bedeuten nicht viel. Deshalb mu gegen den Ausdruck jener Gesinnung der Welt
ein bestndiger tatschlicher Protest abgelegt werden, und das tun die, welche
mit Gottes Gnade und um Gottes Willen ihr entsagen: Priester und Ordensleute.
    Hyazinth! rief Florentin feurig und schlang den Arm um seine Schultern,
lege ab Deine Gottesideen, mache die Menschheit zu Deiner Gottheit und ihre
Berechtigung zu allgemeiner und allseitiger Beglckung zu Deinem Kultus, so
kannst Du ein ausgezeichneter Mann der Zukunft werden.
    Nein, armer Florentin, entgegnete Hyazinth zrtlich, das ist unmglich!
Wer Christus erkannt hat, dient in Seinem Namen mit tausend Freuden und so weit
die Krfte reichen in aller Demut einer Menschheit, die der Gottessohn geheiligt
hat, indem er sich zu ihresgleichen machte und fr sie lebte und starb; das
gehrt zur praktischen Nachfolge Jesu. Aber aus der Menschheit einen Moloch zu
machen, der, ich wei nicht was fr unsinnige, sakrilegische Opfer verlangt, das
ist unvertrglich mit der ewigen Wahrheit. Christus hat die Selbstverleugnung
als den Weg des Heiles gelehrt, als das einzige Mittel zur Beglckung der
Menschheit fr Zeit und Ewigkeit. Von einer Beglckungstheorie, welche allen zum
allseitigen Genu irdischen Wohlbehagens behilflich wre, wei die Lehre des
Kreuzes nichts.
    Deshalb eben nimmt sie auch nur einen ganz untergeordneten Rang und lngst
berwundenen Standpunkt in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit ein! rief
Florentin. Sieh'! bereits vor mehr als dreihundert Jahren entwickelte sich in
der Menschheit jene gewaltige Bewegung, welche anzeigte, da sie der Lehre vom
Kreuz, der Selbstverleugnung, satt sei; es war die Reformation. Alle und jede
Selbstverleugnung konzentriert sich im Gehorsam, und da die Kirche ihn von der
ganzen Welt im Namen des gekreuzigten Gottes forderte, so sagte ihr die
Reformation den Gehorsam auf, um anzuzeigen, da sie mit der Lehre vom Kreuz
breche. Und das bewies sie tatschlich. Wer sich zu ihr bekannte, war der
Selbstverleugnung berdrssig und folgte dem Zug der Freiheit, fr die der
Mensch geschaffen ist. Die Frsten sagten dem Kaiser den Gehorsam auf, die
Bauern den Edelleuten, die Ritter ihren Lehensherren, die Stdte ihren Bischfen
und bten, die Priester ihren Oberhirten, die Mnche und Nonnen ihren Gelbden.
Durch den erhabenen Akt, dem rmischen Papst den Gehorsam aufzusagen, fiel
selbstverstndlich das Joch knechtischer Selbstverleugnung von Millionen, die
nun wieder frei aufatmen und sich ihrer Menschenrechte erfreuen konnten; denn
vom rmischen Papst ging ja eben der ganze christliche Lebensorganismus aus, der
whrend anderthalb Jahrtausenden die Menschheit wie ein Spinngewebe umfing. Die
Reformation blieb freilich nicht auf ihrer Hhe. Sie machte klgliche Versuche,
den entfesselten Geist wieder einzufangen und in die Botmigkeit ihrer Bibel,
die politischen Verhltnisse in die Abhngigkeit von den Frsten, die sozialen
Verhltnisse in die Fesseln verkehrter, weil auf papistischen Ansichten
beruhender altmodischer Gesetze zu bringen; allein sie erwarb sich doch
unsterblichen Ruhm und den Dank knftiger Jahrhunderte dadurch, da sie zeigte,
wie verhat die Lehre vom Kreuz der Menschheit sei, und da sie jenen Protest
gegen heilige Rechte, von dem Du vorhin sprachst, aufhob, indem sie keine
Priester, keine Ordensleute mehr duldete. Denn kein Mensch will seiner Natur
gehorchen, keiner arm sein, keiner den irdischen Freuden entsagen, und was der
vernnftige Mensch nicht will, das soll er auch nicht.
    Wenn er nun aber dennoch will, entgegnete Hyazinth gelassen.
    So darf er nicht! rief Florentin.
    Das wollte ich eben hren! sagte Hyazinth ruhig. Euerer
Beglckungstheorie hat man zu gehorchen: dann ist man glcklich, und Euerer
Despotie in Durchfhrung Euerer Ideen sich zu fgen: dann ist man frei. Die
Sprache kennt man, mein Florentin. Deine hochgepriesenen Reformatoren in
Deutschland und England fhrten sie auf dem Gebiete des Glaubens und sagten:
Glaubt an uns; das ist der wahre Glaube. Deren Nachfolger, die Revolutionsmnner
in England zuerst und dann in Frankreich, sagten auf dem politischen Gebiet:
Nehmet unsere Ideen an; das ist Freiheit. Und wehe denen, welche es wagten, der
neuen Glaubenslehre und den neuen Freiheitsansichten nicht beizustimmen! ihr
Ungehorsam wurde mit Verbannung, gewaltsamer Unterdrckung, Martertum und Tod
von denjenigen gestraft, welche den Ungehorsam gegen die Anstalt Gottes, die
heilige Kirche, hohe Tugend nannten. Das haben wir gelernt in den drei
Jahrhunderten, auf welche Du pochst, und welche in unserem Jahrhunderte nach der
Vervollstndigung trachten, die eine Revolution in den sozialen Verhltnissen,
den kirchlichen und politischen Revolutionen geben wrde. Wehe denen, die Euerem
Joch verfallen! Ihr macht aus Eueren Ideen ein Bett des Procrustes, in welches
Ihr die Menschheit hineinzwngen wollt und sie zu diesem Zweck verrenkt und
verstmmelt, und dann nennt Ihr diese klglichen und unvollstndigen Gebilde
Ideale von Schnheit und Wrde, weil sie in Eure Schablonen passen. Aber eben
deshalb fehlt ihnen in Wirklichkeit beides, denn Ihr gnnt ihnen keine
Selbstndigkeit, um zu lieben, und keine Freiheit, um zu gehorchen, da doch die
ganze Schnheit der Menschenseele in ihrer Liebe, und ihre ganze Wrde im
Gehorsam liegt.
    Was die Liebe betrifft, entgegnete Florentin, so geben die Prinzipien des
Sozialismus ihr einen ganz ungeheuren Spielraum.
    Keineswegs! sie verflachen und verflchtigen die Liebe in die Weite und
Breite und berauben sie ihres ewigen Quelles und ewigen Gegenstandes - Gottes.
Ohne Kalvarienberg gibt es keine wahre Liebe.
    Und was den Gehorsam betrifft, so ist der nach den Prinzipien des
Sozialismus fr das Individuum durchaus berflssig, indem der Staat, d.h. die
gesamte Vergesellschaftung, alle Verhltnisse so harmonisch ordnet, da jeder
einzelne in seiner Berechtigung geschtzt ist, niemand beeintrchtigen kann und
von niemand beeintrchtigt wird.
    Das mu eine Art von idealischem Zuchthaus werden, und die gesamte
Vergesellschaftung mu darin an Ketten liegen, jeder auf seinem Fleck, denn
sonst sehe ich nicht ein, wie diese smtlichen Gleichberechtigten mit einander
Friede halten werden, sagte Orest.
    Das ist ganz in der Ordnung, sagte Hyazinth; ja, es mu ein Zuchthaus
werden, aber ein hchst reelles. Wer die Selbstverleugnung verachtet, den
Gehorsam verwirft, in der Losgebundenheit von gttlichen Gesetzen einen
Fortschritt sehen will, der mu durch ueren Zwang in Zucht und Ordnung
gehalten werden und der Tyrannei eines Despoten verfallen, wie der
sozialistische Staat eben ist.
    Ihr verget, da eine nach sozialistischen Prinzipien gebildete und in
deren Schulen unterrichtete Menschheit allmhlig eine ganz andere, edlere sein
wird, als die von heutzutage in ihrer Verdummung und ihrer Unwissenheit,
entgegnete Florentin.
    Wissen und Wollen sind aber zwei sehr verschiedene Fhigkeiten, rief
Hyazinth. Entwickelst Du in Deiner Menschheit zuerst und zuletzt das Wissen, so
ist es sehr wahrscheinlich, da Du sie eher zu Teufeln als zu Engeln bildest;
denn das Wissen nhrt den Hochmut und der ist die Schosnde des Menschen. Unser
Stammvater im Paradiese wute sehr gut, was verboten und was geboten war; allein
da die Schlange sagte, durch ein noch hheres Wissen wrde er wie Gott sein: so
lie er seinen Willen fr's Gute durch diese Vorspiegelung lhmen - und fiel.
Und so und noch viel schlimmer wird es der Menschheit gehen, wenn man sie in den
Wahn einlullt, mit dem Wissen des Guten sei dessen Ausbung gleichsam von selbst
verbunden. Ein kleines Kind kann diese Behauptung Lgen strafen: es wei recht
gut, da es nicht naschen darf, und dennoch nascht es, als ein kleiner Sklave
der bsen Begierlichkeit, die dem Menschen seit der Erbsnde innewohnt und die
nur durch den Willen zum Guten, d.h. durch Gehorsam aus Liebe zu Gott,
berwunden werden kann. Aber Ihr leugnet einen auerweltlichen Gott und einen
menschgewordenen Gottessohn und Erlser, der Euch die Gnade erworben hat, Euren
Willen im Guten zu festigen und von der Knechtschaft der bsen Begierlichkeit zu
befreien. Jedoch wnscht Ihr fr sehr vortreffliche und edle Menschen zu gelten,
und da Ihr keinen Erlser habt, der von Snde befreit, so leugnet Ihr frischweg
die Sndhaftigkeit des Menschen und lehrt: nur aus Unwissenheit wrden
Fehltritte begangen; Aufklrung! Aufklrung! dann sei die Tugend schon
vorhanden.
    Deine Barbarei bersteigt alle Begriffe! rief Florentin mit hchster
Entrstung. Tausendfache Erfahrung hat bewiesen, da die schwersten Verbrechen
von Menschen begangen wurden, die in krasser Unwissenheit und ohne Erziehung
aufwuchsen.
    Das ist etwas ganz anderes, erwiderte Hyazinth. Wir hatten bei Deinen
Bildungsplnen die ganze Menschheit, nicht einzelne Verbrecher im Auge, deren
Missetaten allerdings oft aus trauriger Unwissenheit hervorgehen, indem sie
nichts wissen von den gttlichen Lehren des Christentums und daher keiner
Entwickelung sittlicher Kraft gegen ihre bsen Begierden fhig sind. Das Leben
im Glauben aber und nicht das Wissen vom Glauben, gibt jene Kraft und sie uert
sich durch Gehorsam gegen die Glaubenslehre. Bildest Du Deine Menschheit
auerhalb jenes Lebens, so wird sie mit all' ihrem Wissen vom Glauben und von
sonstigen hohen und tiefen Dingen an sittlicher Kraft, d.h. an Widerstandskraft
gegen die bse Begier, so arm sein, da sie sich blind von ihren Leidenschaften
beherrschen lt und durch dieselben in Eueren Zuchthausstaat hineintaumelt, fr
den sie reif ist, weil sie verschmht, folgsam in der Freiheit des Christentums
zu leben.
    Und folgsam fhlt' ich immer meine Seele am schnsten frei, sagte auf
einmal mit ihrer sanften Stimme Regina, die in der Tiefe einer Fensternische mit
ihrem Stickrahmen wie in einer kleinen Zelle sa.
    Was sagst Du da, Regina? rief Uriel, sprang auf und setzte sich ihr
gegenber; es klingt alles, was Du sagst, wie Musik, aber dies ganz besonders.
    Es wird wohl die Ansicht irgend eines Heiligen oder eines mittelalterlichen
Skribenten sein, bemerkte Florentin wegwerfend.
    Ratet! rief Regina lachend.
    Klingt es nicht so gewi Schillerisch? fragte Orest.
    Nein, nein, nein! rief Florentin, das ist von Unsereinem nicht zu
erraten! in die Poesien der Heiligen vertiefen wir uns nicht.
    Auch nicht in die des heiligen Gthe? fragte Regina schalkhaft.
    Gthe? riefen alle aus einem Munde.
    Ja, Gthe, meine Herren! Gthe in der Iphigenia, Akt. V Scene 3. Schlagt
nach, wenn's Euch beliebt. Ja, Gthe, der sein Ideal einer reinen Seele in der
Iphigenia aufstellt, die doch gewi nicht vom Christentum befleckt ist, nicht
wahr, Florentin? Gthe lt sie jene Worte aussprechen: Und folgsam fhlt' ich
immer meine Seele am schnsten frei. Das gefiel mir so gut, weil es so wahr ist,
da ich es behalten habe.
    Uriel, der ein leidenschaftlicher Bewunderer Gthe's war, fragte doch etwas
erstaunt:
    Regina, liest Du Gthe?
    Onkel Levin hat mir Iphigenia und Tasso gegeben, um mir eine Idee
beizubringen von der vollendeten Schnheit, deren unsere Sprache fhig ist.
    Die beiden Tragdien find' ich herzlich langweilig, sagte Orest. Aber der
Faust, erster Teil, der gefllt mir.
    Und mir Egmont und Gtz von Berlichingen! rief Florentin; das sind meine
Leute: Kmpfer fr die Freiheit!
    Nmlich fr die Unabhngigkeit von Kaiser und Reich und von der
gesetzmigen Regierung, sagte Uriel.
    Gib doch den bestndigen Streit mit Florentin auf, sagte Regina leise zu
Uriel. Er setzt sich dadurch mehr und mehr im Widerspruch fest.
    Er wirft immer zuerst den Fehdehandschuh hin, erwiderte Uriel, und noch
dazu mit Behauptungen, die entweder ganz falsch oder verdrehte Wahrheiten sind.
Er ist berfllt von jener furchtbaren Intoleranz, die dem Geist der Lge eigen
ist, weil er wei, da er nur durch gewaltttige Unterdrckung der Wahrheit zur
Herrschaft kommen kann. Das darf man sich nicht gefallen lassen.
    Ach, Uriel! wie viel Intoleranz mu sich die Kirche gefallen lassen! und
sie schweigt dazu, nach dem Beispiel des gttlichen Heilandes, der auch duldete
durch den Lgengeist und dennoch schwieg. Was wird nur aus dem armen Florentin
werden!
    Ein Opfer des freien Denkens, womit er prahlt.

                           Das Paradies und die Peri


Das Sptjahr lste den Familienkreis nach und nach auf. Hyazinth ging zuerst
fort - in Seminar. Er mute dem Grafen versprechen, da keine falsche Scham ihn
verhindern solle, den geistlichen Stand aufzugeben, wenn er denselben nicht als
seinen wahren Beruf erkenne. Levin sagte in seiner schlichten Weise:
    Wandele vor Gott, bete fleiig, sei wachsam, kreuzige Dich und dann
vertraue der Gnade. Denke an den 77. Psalm: Das Ersehnte gab ihnen der Herr. Er
tuschte nicht ihr Verlangen.
    Hyazinth, sagte Uriel wehmtig, Du magst wohl den besten Teil erwhlt
haben! aber folgen knnt' ich Dir nicht. Es ist gewi eine besondere Gnade
Gottes, da nun schon so lange ein frommer Priester in unserer Familie ist, und
da, wenn dereinst Onkel Levin von uns scheidet, das heilige Opfer aus seiner
Hand in die Deine bergeht.
    Orest und Florentin sprachen anders zu Hyazinth; allein die Farben, womit
sie ihm die Welt ausmalten, taten seinem reinen Auge weh, und die Grnde, durch
die sie ihn in der Welt zurckzuhalten suchten, waren eben die, weshalb er sie
meiden wollte, und was sie ihm von Glck und Freude und Genssen erzhlten,
bestrkte ihn nur in seiner berzeugung, da darin fr ihn nicht der leiseste
Hauch von Befriedigung zu finden sei.
    O lat mich gehen, sagte er schmerzlich, qult mich nicht. Ich wei, da
ich den Weg zum ewigen Leben einschlage; aber ob Ihr nicht auf den Pfaden des
Todes wandelt: ach, das wei ich nicht.
    Er war wie der Heiland in der Wste, dem die Engel dienten, nachdem der
Versucher geflohen war. Regina sagte zu ihm:
    Hyazinth, Du wirst nun ein Nachfolger unseres gekreuzigten Gottes werden,
und ich werde es in anderer Weise auch werden. Wir sind glcklich, wir wissen,
Wen wir lieben. Aber stehe mir bei mit Deinem Gebet; denn Du bringst Dich nach
Auen in Sicherheit, whrend ich gleichsam in eine Arena zum Kampf mit wilden
Tieren hinabgestoen werde. Mir graut vor einer Welt, an welcher Orest und
Florentin hngen.
    Der heilige Johannes Chrysostomus sagt, antwortete Hyazinth, eine
Jungfrau, die sich Gott verlobt habe, msse durch die Welt wie durch eine Wste
gehen, und whrend ihr Fu auf Erden weile, mit ihrem Herzen im Himmel sein.
Sieh', damals gab es viele gottgeweihte Jungfrauen, welche durch diese und jene
Verhltnisse veranlat wurden, in ihren Familien zu bleiben. Auch spter hast Du
hnliche Beispiele, und zwei der glnzendsten an den beiden Dominikanerinnen
dritten Ordens, die heil. Katharina von Siena und die heil. Rosa von Lima,
welche nie im Kloster lebten und doch die Welt mit dem Glanz ihrer Heiligkeit
bestrahlten. Halte Dich zu ihnen. Dazu haben wir ja die lieben Heiligen.
    Er zog von dannen, wie ein Seliger, der den Ballast der Erde schon
abgeworfen und seinen Schwung zum Himmel genommen hat. Mit einer Art von Neid
sah Florentin auf ihn; nicht da er sich gesehnt htte, wie Hyazinth zu sehen,
zu denken, zu glauben, zu sein; aber er mignnte ihm diese klare Stille, diesen
Frhlingsmorgen in der Seele, den der Glaube mit seinem Gefolge von Frieden und
Liebe in ihr hervorruft. Nachdem Florentin, wie so manche junge Leute, an der
Klippe schlechter Bcher und schlechter Gesellschaft einen traurigen Schiffbruch
der Sittlichkeit gelitten hatte, lie er sich leicht blenden durch
philosophische Systeme und wissenschaftliche Studien, welche eine hhere
Erkenntnis ewiger Grundwahrheiten zu geben versprachen, indem sie die gttliche
Offenbarung als eine abgenutzte Antiquitt beseitigten, die fr den im
Fortschritt begriffenen Menschengeist ohne Geltung sei: und warf sich mit dem
Heihunger und dem einseitigen Eifer einer zgellosen Jugend auf alle
antireligisen Schriften, an denen die Zeit so berreich war, da sie auf jedem
Gebiet des Denkens, in jedem Fach des Wissens wucherten. Sie entsprachen den
bsen Instinkten, die sich in ihm, wie in jeder Menschenbrust regten, indem sie,
die Abhngigkeit des Geschpfes vom Schpfer nicht anerkennend, dem Hochmut und
der Ichsucht schmeichelten, der Genugier keine Schranken setzten, das
Selbstbewutsein und Selbstvertrauen malos steigerten, und dem Menschengeist
die volle Omnipotenz zusprachen, welche sie dem Schpfer und Regierer des Alls
absprachen, so da jedes Individuum sich selbst, als seinen Gott, anbeten
durfte. Weil dies Zugestndnis aber fr manche, in denen auch edle Instinkte
sich regten, abstoend gewesen wre, so wurde die Vergtterung des Ich's
verschleiert durch die Vergtterung der Ideen. Die Freiheit, der Fortschritt,
die Gleichberechtigung aller Menschen, wozu natrlich auch die Emanzipation der
Frauen gehrte, waren die Stichworte, bei denen man in Begeisterung verfiel,
waren die Ideen, welche das Individuum, oder die Kotterie, oder die Partei,
nicht im Zusammenhang mit der ewigen Wahrheit, sondern subjektiv erfat und
gedeutet, vergtterte. Diese Ideen sollten in der Seele und in dem Leben und
Streben des Menschen denjenigen Platz einnehmen, den bei dem Glubigen Gott
einnimmt; man sollte sich selbst und andere nach ihnen bilden und fr sie
hinopfern. So spann man sich in die Selbsttuschung ein, auerordentlich
unegoistisch zu sein, whrend man in der Tat das liebe Ich im Maskenkleid der
subjektiven Idee anbetete, wohlweislich die Vorsicht gebrauchend, die subjektive
Auffassung immer als die einzig richtige und allgemein anerkannte darzustellen.
Da in Folge einer solchen Verflschung der inneren Entwickelung des Geistes,
seines Strebens und seines Zieles, Unwahrheit, Verwirrung und Unruhe in ihm
herrschen, kann nicht befremden. Gott hat den Menschengeist geschaffen fr die
Offenbarung und hat die Offenbarung gegeben fr den Menschengeist. Es besteht
zwischen beiden eine bernatrliche, geheimnisvolle und doch ganz wahrhafte
Verbindung, wie sie in der Natur zwischen dem Sonnenstrahl und der Blume
besteht, die, vom Licht entfernt, farblos bleibt. Auerhalb seines
Sonnenstrahls, der aus der Offenbarung auf ihn fllt und den Glauben in ihm
weckt, bleibt der Menschengeist verkrppelt. Er fhlt es, aber er will es nicht
eingestehen; er sucht vielmehr nach anderen Sonnen, nach anderem Licht, und irrt
dabei immer weiter und weiter von dem Quell alles Lichtes ab und versinkt immer
tiefer und tiefer in jammervolle Finsternis und in unstillbaren Unfrieden. Ein
Zeichen dieses inneren Unfriedens ist es, da der Glaubenslose den Glubigen
nicht neben sich, nicht einmal auf der Welt dulden will. Er hat das gemein mit
dem Laster, welches auch gern die Tugend vertilgen mchte, die ihm ein Dorn im
Auge ist. Daher der Grimm des Unglaubens gegen das positive Christentum, das
sich am Bestimmtesten in der katholischen Kirche ausdrckt; daher sein Ha gegen
ihre Institutionen; daher die Verachtung, mit welcher er sie in ruhigen Zeiten
zu ignorieren - daher die Wut, womit er sie in ghrenden und aufgeregten zu
vernichten sucht. Das alles wogte durch Florentins Seele. Er hatte mit dem
Glauben auch die Liebe verloren. Er wute nichts von Dankbarkeit gegen den
Grafen, der ihn, den armen, gequlten, vernachlssigten Fischerbuben, zum Kind
seines Hauses gemacht hatte; nichts von Anhnglichkeit an die jungen Leute, mit
denen er als ein Bruder aufgewachsen war. Wie ein erstarrender Nachtfrost hatte
sich der Unglaube ber alle Bltenknospen seines Gemtslebens gelegt. Der Glaube
verbindet tausend Herzen in der Liebe zu Gott; der Unglaube trennt sich von Gott
und vereinzelt somit Tausende, die wie vermauert in ihrem Ich stecken bleiben.
Ich bin ja doch kein Windecker, sagte Florentin bisweilen zu sich selbst; gehre
ja doch nicht ihrer Kaste an; bin nicht gleichberechtigt, weder in ihren Augen,
noch in denen der Welt; habe nicht ihre Traditionen: deshalb mu ich meinen
eigenen Weg gehen. Im Herzen beneidete er sie alle: Uriel um die Hoffnung auf
Regina's Hand; Orest um die Aussicht auf Stamberg; Hyazinth um seinen stillen
Frieden. Oftmals dachte er heimlich, diese drei Dinge mten eigentlich ihm
gehren, und wenn er nur Regina und Stamberg bese, wrde sich der Friede wohl
von selbst finden. So unersttlich ist der Egoismus! und so wenig
bercksichtigte Florentin, da Hyazinth's Frieden auf Entsagung beruhe und nicht
auf Besitz. Von all' den Hoffnungen, welche die gute Grfin Kunigunde an
Florentin geknpft hatte, war noch keine in Erfllung gegangen.
    Der Graf glaubte nicht, da es Florentin ernst sei mit seinen
sozialistischen Tendenzen. berhaupt hielten ja damals sehr viele diese Richtung
fr eine solche, welche rein theoretischer Art sei und nur den Anspruch mache,
geschrieben, allenfalls gelesen, hchstens besprochen, doch nimmermehr gelebt zu
werden; er hielt sie eben fr unmglich, was sie freilich hinsichtlich der
Durchfhrung, doch gewi nicht hinsichtlich eines Versuches sein mag. So hielten
im vorigen Jahrhundert auch sehr viele, welche sich ungemein an den Vorspielen
der Revolution in Schriften und Reden erfreuten und belustigten, deren Richtung
auf die Guillotine fr unmglich. Der Graf glaubte, Florentins irreligise und
sonstige etwas blasphematorische Ansichten wren nur eine Art von Reaktion gegen
die gar zu fromme Erziehung, die Kunigunde ihm, wie allen Kindern gegeben habe,
und jene mache sich Luft, indem sie in den Gegensatz umschlage. Er sagte ihm zum
Abschied, als Florentin zur Vollendung seiner Studien nach Wrzburg ging:
    Klammere Dich nur nicht allzu fest an Deinen Kommunismus und
Republikanismus. Mit den Studentenjahren mssen alle berschwnglichkeiten
aufhren; denn da hrt die Nachsicht auf, die man mit der erfahrungslosen,
hitzkpfigen Jugend hat. Ich verlange wahrhaftig keine Bigotterie von Dir;
allein Du mut Dich hten, in ein entgegengesetztes und wahrhaft indezentes
Extrem zu verfallen.
    Florentin versicherte dagegen, er sei uerst gemigt, wie sich das ja von
selbst verstehe fr eine Richtung, die kein anderes Ziel noch Streben habe, als
wahre Humanitt. Der Graf erwiderte:
    Schon recht! Aber die Mittel, durch welche Du Deine wahre Humanitt zu
verbreiten suchst, scheinen mir nicht eben gemigt, sondern etwas inhuman zu
sein. Revolutionre Querkpfe machen nirgends Glck, als in Revolutionen, und
die knnen wir nicht brauchen.
    Regina gab an Florentin ein ganz kleines Bchlein in violettem Ledereinband
und sagte:
    Lieber Florentin, wenn Sie einmal mit all' Ihren Weltverbesserungsprojekten
grndlichen Schiffbruch gemacht haben: dann wird dies kleine Buch Ihnen zeigen,
wohin und wie Sie sich retten knnen.
    Sie nehmen also meinen Schiffbruch fr eine ausgemachte Sache an? fragte
er beleidigt.
    Ich hoffe darauf, entgegnete sie liebreich. Ich hoffe, da das lecke
Schiff ohne Steuerruder und ohne Kompa, mit dem Sie sich in's Lebensmeer
hinauswagen wollen, sich recht bald in seiner Untauglichkeit ausweisen mge.
Dann werden Sie sich flchten in die rettende Arche, und besseres kann ich Ihnen
nicht wnschen.
    Ah, die Nachfolge Christi! sagte Florentin, das Bchlein aufschlagend;
ich nehme es zum Andenken an ihren Fanatismus, Regina.
    Nehmen Sie es nur, Florentin, entgegnete sie mild; es war das
Lieblingsbuch der lieben Mutter.
    Da fhrte er es hastig an seine Lippen und drckte einen Ku darauf. Dann
reiste er ab. So lange er auf Windeck gewesen war, hatte er nicht ein einziges
Mal seine Stiefmutter und Stiefgeschwister besucht. Er verga nie die schlechte
Behandlung, die er in seiner Kindheit von ihr erfahren hatte; und verga
gnzlich, da gerade dies ein Hauptgrund war, der ihn zum Pflegesohn der Grfin
Kunigunde machte.
    Orest wollte nun auch fort. Aber, sagte er, Soldat im Kriege, oder Soldat
in der Garnison zu sein, ist ein famoser Unterschied. Der Krieg verst alles,
auch die Subordination, die strenge Disziplin, das stramme Kommandieren und
Exerzieren, was in unseren philistrsen Zeiten uerst lstig sein mag. Schade,
da der Sonderbundkrieg zu Ende ist. Ich htte ihn als Volontr mit machen und
zum General Salis gehen sollen! Es war hier aber ein recht lustiges Leben, und
darber hab' ich's versumt.
    Lt Du Dich denn von gar nichts anderem bestimmen, als von einem lustigen
Leben! rief Uriel ungeduldig.
    Weshalb sollte ich das? fragte Orest so unbefangen, als habe er nie von
einer anderen Richtschnur gehrt.
    Ich bitte doch recht sehr, sagte der Graf, da Du einen bestimmten Beruf
whlst und ergreifst, damit Du nicht mit Deinem Hange zum lustigen Leben ein
charmanter Vagabunde wirst.
    Ich - ein Vagabunde! Aber Papachen, woran denkst Du! ich bin ja der
unermdlich ttigste Mensch unter der Sonne! rief Orest. Sieh', jetzt denk'
ich nach Westfalen und nach Mecklenburg zu Parforcejagden zu gehen, zu denen ich
schon im vorigen Jahre eingeladen war. Nein! ein tchtiger Reiter und Jger
gehrt zu den respektabelsten Menschen auf Erden, ist mutig, ausdauernd, rhrig,
abgehrtet. Sind das nicht herrliche mnnliche Tugenden? Besitzt sie ein
Vagabunde? In England wrde ich vielleicht einen Sitz im Parlament erreiten und
erjagen. Ich - ein Parlaments-Mitglied! Ich - ein Lord vom Wollsack! Was
verlangst Du mehr? Ist es meine Schuld, da Deutschland nicht so vernnftig wie
Old-England ist? Wrest Du meinesgleichen, so mten wir uns schieen, Papachen,
ber dem Taschentuch schieen; jetzt bleibt mir nichts brig, als Dir zu
verzeihen.
    Du bist ganz wie Dein Vater! sagte der Graf lachend; der machte auch
immer Spa, und wollte man darber rgerlich werden, so spate er so lange, bis
man ber ihn und mit ihm lachen mute. Also amsiere Dich auf Deinen
Fuchsjagden, Du hochherziger Nimrod, und brich Dir nicht den Hals dabei.
    So war denn nur Uriel noch auf Windeck, und der Graf wollte, da er bliebe,
bis die ganze Familie nach Frankfurt ginge. Regina sollte sich durchaus an den
Gedanken gewhnen, mit Uriel verbunden zu sein und zu bleiben. Sie nderte ihr
Benehmen in keiner Weise; sie war, was sie sein wollte: eine Braut Christi. Sie
legte diese unberwindliche Entschiedenheit gegen Uriel immer an den Tag, um
keine falsche Hoffnung in ihm zu wecken; gegen ihren Vater aber nie, weil es ihn
erbittert htte und weil sie ja seine Zusage hatte, nach zehn Jahren sie ziehen
zu lassen. Widerstand und Ungewiheit lschen zuweilen eine Neigung aus und
zuweilen entznden sie dieselbe zur Leidenschaft; das Letztere geschah bei
Uriel. Regina war fr ihn der Inbegriff menschlicher Vollkommenheit; dieser Adel
der Seele, diese Lauterkeit des Herzens, verbunden mit so viel Schnheit, Anmut
und Geist, mit solcher Grazie und Gte, forderten ja recht zur Liebe auf. Wer
wrde ein so herrliches Geschpf Gottes nicht lieben? fragte er oft heimlich
sich selbst. Und da sie diesen hohen Schwung des Gefhls und dabei diesen
groartigen, opferfreudigen Willen hatte, um ber alles Irdische hinweg zu sehen
und zu gehen - ach! wie gefiel ihm das! wie begeisterte ihn das fr sie! wie
trieb das auch ihn an, den Dingen der Erde nicht den ungemessenen Wert
beizulegen, den die Welt ihnen leiht. Aber da Regina's Besitz zu den Dingen der
Erde gehrte, das wollte ihm nicht einleuchten. Majorat, Vermgen, Karriere
erschienen ihm nichtig, keines Wunsches und keiner Anstrengung wrdig, ohne
Einflu auf sein Glck; doch Regina's Herz zu gewinnen war ein Streben, welches
die edelsten Krfte seines Wesens anregte; Regina - Sein zu nennen, war eine
unerhrte Befriedigung dieses Strebens, denn er htte sie ja Gott abgerungen;
mehr noch, er htte ja den Sieg ber Gott in ihrem Herzen davon getragen. So
sang ihm die Leidenschaft ihre bezaubernden Sirenenlieder vor. Der Gedanke an
einen irdischen Nebenbuhler htte ihn grndlich durchkltet und auch den
leisesten Wunsch unterdrckt, ein Herz zu besitzen, das sich zu einem Anderen
neigte; denn Liebe - ist exklusiv. Aber der Gedanke an den gttlichen Rival gab
ihm Glut und Mut, und geadelt fhlte sich seine Liebe, weil sie gegen
Himmlisches in die Schranken trat. Der Graf freute sich ber diese Gesinnung
Uriels; Levin warnte ihn sanft.
    Wenn ich Dich um etwas bitten drfte, lieber Uriel, so wr' es dies: lasse
Dich zur Gesandtschaft nach Wien, nach Rom, nach Paris oder wohin sonst Du Lust
hast, schicken; nur nicht nach Frankfurt. Du verbitterst Dir das Leben, und die
Wellen werden Dir so hoch an's Herz gehen, da Du bald Deine Lage unaushaltbar
finden wirst. Du rechnest unbedingt auf einen gnstigen Ausgang Deiner Wnsche;
ist er nun aber ungnstig, was dann?
    Was dann? sagte Uriel befremdet. Bester Onkel, was nach meinem Tode
geschehen wird, das wei ich nicht. Ich behaupte nicht, da ich ohne Regina
leiblicherweise sterbe, aber mein Herz stirbt, das ist gewi.
    Mge es in Gott aufleben, sagte der milde Greis, der wohl einsah, da mit
der Leidenschaft nicht ruhig zu berlegen ist.
    Regina trennte sich mit schwerem Herzen von Windeck und von Onkel Levin,
der, wie der Schutzgeist des Hauses, unzertrennlich vom Schlo und der Kapelle
war.
    Ich bin eine Art von Schnecke geworden, die mit ihrem Hause verwachsen
ist, sagte er freundlich ablehnend, als alle, vom Grafen an bis auf Corona, in
ihn drangen, nicht so ganz allein auf Windeck zu bleiben. Hier ist mein
Standquartier, mein Wachposten, gleichviel ob es hier einsam oder gesellig
hergehe. berdas wrde ich in der Stadt gar nichts von Euch allen haben: Uriel
soll diplomatisieren, Regina sich amsieren, Corona studieren; der Papa und die
Tante mssen ein Haus machen und alle Sorgen des Lebens in der Gesellschaft auf
sich nehmen; was sollte Onkel Levin, der alte Nichtstuer, mitten in Eurer
groartigen Geschftigkeit anfangen? Nein! er bleibt hier, in seinem Geleise,
wie es sich fr alte Leute schickt.
    Und tut alles Gute, wofr wir keine Zeit haben, ergnzte die Baronin
Isabelle.
    Dabei blieb es. - -
    - - - - - - - - - - - - -
    Der November mit seinen Strmen und seinem ersten Schnee hatten auch Judith
und ihre Mutter aus dem Gartenhause in die Stadt getrieben. Ernest kam eines
Morgens strahlenden Angesichts zu ihr und sagte:
    Frulein Judith, ich male jetzt ein Bild, wodurch man vershnt wird mit der
Portrtmalerei! Ich male zwei Schwestern, Tchter des Grafen Windeck, Mdchen
von zwlf und von siebenzehn Jahren, die anziehendsten Physiognomien, die ich
seit langer Zeit sah. Stellen Sie sich vor die Gestalt einer Hebe und den Kopf
einer Heiligen, das ist die lteste. Die Kleine aber sieht so romantisch
interessant aus, als ob etwas von einer Mignon, von einer Ophelia in ihr stecke.
Ich hatte beide seit ein paar Tagen in der Siebenuhrmesse im Dom bemerkt. Ganz
einfach gekleidet, in groe Schferplaids verhllt und mit schwarzen Samthten,
kamen sie zu Fu, auch bei dem schlechtesten Wetter, mit einer Begleiterin,
Gouvernante, Kammerfrau, was wei ich! und einem Livrediener. Ich traute meinen
Augen nicht, als ich zum erstenmal sah, da sich diese gromchtige Figur im
mauerfarbenen langen Rock hinter ihnen aufpflanzte; denn Sie mssen wissen,
Frulein Judith, Damen mit Livreedienern sind quasi Phnixe in der
Siebenuhrmesse! Und diese beteten mit einer Andacht, mit einer Sammlung, ohne
die Augen aufzuschlagen, ohne sich zu regen und zu bewegen, immer auf den Knien,
immer so tief geneigt, wie anbetende Engel, da ich vom bloen Anblick teilweise
ganz andchtig, teilweise ganz zerstreut wurde. Wten die Frauen, wie schn
ihnen die Andacht steht, sie wrden alle fromm werden wollen! Einstweilen
vertrauen sie mehr der Schnheit, welche das Modejournal, als der, welche das
Gebetbuch gibt. Vorgestern nun kommt ein Graf Windeck zu mir und bittet mich,
seine Tchter zu malen. Ahnungslos sag' ich ja; sie mchten nur kommen. Und wer
tritt gestern in mein Atelier? meine Beterinnen. Sie wissen, Frulein Judith,
wie es in meinem Atelier aussieht: konfus genug! Kann nicht anders sein. Dazu
war gestern ein extraordinr trber Tag. Nun, ich sage Ihnen, als sie eintraten,
glitt gleichsam ein Sonnenstrahl mit hinein und machte alles ganz licht und
klar. Die Kleine war rosenfarben gekleidet; die lteste wei, und sie trug in
der Hand einen Kranz von Scabiosen. Pltzlich setzt sie sich diesen Kranz auf
und sagt, so wnsche es der Vater. Knnen Sie sich eine Vorstellung von meinem
grenzenlosen Erstaunen machen?
    Nein, ganz und gar nicht, sagte Judith. Die Scabiose ist freilich keine
schne Blume.
    Frulein Judith! unter tausend Frauen, die eines Spiegels mchtig sind,
setzen sich neunhundert neunundneunzig ihre Schlafhaube mit mehr Feierlichkeit
auf, wie dies schne Mdchen den Blumenkranz, mit welchem ihre Schnheit
verewigt werden soll! O Gott! das ist ein ganz groartiger Seelenzug!
    Alle Welt spricht von dieser Komtesse Windeck, sagte Judith mit ihrem
Anflug von kaltem Hochmut. Sehr schn und sehr reich, das ist ja Grund genug,
um die Welt zu elektrisieren. Gestern auf dem Diner bei der Mama war viel von
ihr die Rede und ein paar Herren schienen sehr zu bedauern, da sie mit ihrem
Vetter verlobt sei. Ich meinesteils kann mir eine deutsche Komtesse gar nicht
anders denken, als langweilig und sentimental, so gewi veilchenblau, halb
duftig, halb fade.
    Ich bin leider zu wenig bewandert unter den deutschen Komtessen, sagte
Ernest lachend, um ber die Richtigkeit dieses Charakterkolorits urteilen zu
knnen. Indessen glaub' ich doch, da Regina von Windeck sich Ihres Beifalls
erfreuen wird. Nach Weihnachten beginnt ja das Leben in der Gesellschaft; dann
werden Sie meinen Phnix kennen lernen.
    Leider mu ich in die Welt gehen, da meine Eltern es durchaus verlangen,
sagte Judith. Es sollte mich recht freuen, wenn ich jemand in dem
tumultuarischen Wirrwarr fnde, der mir gefiele.
    Nun, nun! es gibt ja doch gar manche angenehme, gute und kluge Leute in der
Welt! man mu nicht gar zu bergewaltige Ideale haben, sagte Ernest gutmtig
und munter.
    Sie sind freilich mit allen Menschen zufrieden; das hab' ich schon
bemerkt, erwiderte Judith.
    Bis auf einen gewissen Punkt - ja! sie sind alle geschaffen, wie ich, nach
dem Ebenbilde Gottes, und die Nchstenliebe lehrt mich, bei allen anzunehmen,
da sie, wie ich, sich bestreben, dies gttliche Ebenbild, welches jeder von uns
durch seine Snden so sehr verwischt hat, nach Krften wieder in sich
herzustellen. Eine fix und fertige Vollkommenheit suche ich aber nicht
hienieden.
    Es gibt aber bse Menschen, bei denen Sie jenes Bestreben unmglich
annehmen knnen. Was halten Sie von denen?
    Das lehrt mich der heilige Augustinus, welcher sagt: Glaubet nicht, da die
Bsen so umsonst auf der Welt seien, und da Gott nichts Gutes durch sie wirke!
Jeder Bse lebt, entweder damit er gebessert, oder damit der Fromme durch ihn
geprft werde. Sehen Sie! ich mu also fr ihn hoffen und fr ihn beten, damit
sich die Hoffnung erflle; und daraus wird denn in meinem Herzen ein Etwas, das
im verkleinerten Mastab der Liebe nicht unhnlich ist, welche Gott fr uns arme
Snder hat. Die Bsen werden mir also ganz unabsichtlich zum Mittel, das
gttliche Ebenbild in mir herzustellen.
    Ich hasse sie, besonders wenn sie mich krnken, sagte Judith.
    Das begreift sich, sagte Ernest kalt.
    Warum sehen wir denn aber die Menschen so ungeheuer verschieden an? das
kann ich ganz und gar nicht begreifen, sagte Judith sinnend.
    Weil ich an den menschgewordenen und gekreuzigten Gottessohn glaube,
erwiderte Ernest; Sie aber nicht.
    Und da halten Sie sich denn fr unendlich viel edler und besser als mich?
fragte sie schneidend.
    Frulein Judith! entgegnete Ernest liebreich, wofr ich mich selbst
halte, das sag' ich unter vier Augen dem lieben Gott, der zu dem Zweck der
Selbsterkenntnis eine heilsame und gnadenvolle Anstalt in seiner Kirche
angeordnet hat, welche das Sakrament der Bue heit; aber ob ich berechtigt bin,
meinen Glauben fr edler und besser zu halten, als Ihren Glauben - oder
Unglauben: das werden Sie sich allein beantworten knnen.
    Judith konnte es gar nicht lassen, ernste Gesprche mit Ernest anzuknpfen,
denn trotz ihrer Jugend hatte sie eine Kraft in ihrem Charakter, die es ihr
unmglich machte, auf der Oberflche des Lebens ihr Gengen zu finden; diese
Richtung war eine Reaktion gegen die unsgliche Oberflchlichkeit, welche sie
umgab. Aber ebenso wenig konnte sie es unterlassen, sich zuweilen so scharf und
herb gegen Ernest auszusprechen, als ob sie ihn geflissentlich verletzen wolle;
denn Kraft des Charakters ist noch lange nicht Adel der Seele. Die tiefe Kluft,
die zwischen einer natrlichen guten Anlage und einer Tugend liegt, trennt sie,
und Judith, die mit Stolz auf ihrer selbstbewuten Kraft ruhte, fhlte
instinktmig, da ihr in Ernest etwas Edleres und Hheres entgegentrete, was
sie nicht anerkennen wollte und deshalb gering zu schtzen suchte. Sie ertappte
ihn aber nie auf der leisesten Bitterkeit oder Verstimmung, wenn sie ihm herbe
widersprach, und das mute sie denn wieder sehr bewundern. Denn, sprach sie oft
heimlich zu sich selbst, ich bin auch entschieden, aber hart und schneidend, und
er ist mild bei der grten Entschiedenheit. - -
    - - - - - - - - - - - - - -
    Auf einem Ball bei dem sterreichischen Gesandten sollte Regina zum
erstenmal in der groen Welt erscheinen. Sie hatte sich mit dem Gedanken
vertraut gemacht, da es fr die nchste Zeit ihre Bestimmung sei, in der
Gesellschaft zu leben und sie unterzog sich dieser Pflicht, wie jeder anderen,
mit lieblicher Bereitwilligkeit. Aber ihr inneres Leben lie sie sich nicht
antasten und ihre frommen Gewohnheiten behielt sie bei. Sie hatte den Grafen
gebeten, sie jeden Morgen zur Messe nach dem Dom fahren zu lassen.
    Warum nicht gar! erwiderte er; Sonntag gengt.
    Sie lie sich auf keine Bitten und Errterungen ein; aber sie sagte der
Baronin Isabelle, da sie tglich in den Dom gehen werde, und zwar frh genug,
um hernach vollkommen angekleidet beim Frhstck zu erscheinen, wie der Graf es
liebte. Die Baronin war eine ngstliche Seele, die es weder mit dem lieben Gott
noch mit den Menschen verderben wollte, wobei denn freilich jener hufiger zu
kurz kam, als diese. Sie warnte denn auch jetzt Regina vor dem Zorne des Grafen.
    Ach, sagte Regina, der gute Vater ist ja gar nicht so leicht erzrnt. Er
hat mir auch nichts verboten; nur will er seine Pferde schonen, wie das nun
einmal die Art der Herren ist. Ich gehe auch viel lieber.
    Aber Du wirst Dich erklten, sagte die Baronin.
    Abhrten werd' ich mich, liebe Tante, und das ist mir recht notwendig, denn
die Karmelitessen stehen nachts zum Chorgebete auf.
    Das wre ein Grund mehr, Dich zurckzuhalten, seufzte die Baronin und
Corona rief, die Schwester zrtlich umschlingend:
    O, das fatale Kloster! dahin gehe ich gewi nicht mit Dir! aber auerdem
.... bis an's Ende der Welt und folglich auch alle Tage in den Dom.
    Der Graf erfuhr keine Silbe von dem Morgengang seiner Tchter. Er fragte
nicht weiter, und obwohl alle im Hause darum wuten, hatte doch niemand das
Herz, Regina zu verraten.
    Am Ballabend klopfte Uriel an die Tre der jungen Mdchen. Corona steckte
den Kopf heraus, und er sagte:
    Der Papa schickt mich zu Regina.
    Du kannst sie nicht sprechen, antwortete sie leise.
    Nun, so sage ihr, da sie sich mit der Toilette nicht zu bereilen brauche;
der Papa macht noch erst ein paar Besuche.
    O, sie ist angekleidet, und wunderschn! flsterte Corona.
    Dann darf ich ihr selbst meinen Auftrag ausrichten, sagte Uriel und wollte
in's Zimmer treten.
    Nein, nein, Uriel! sie will nicht gestrt sein! rief Corona, immer mit
halber Stimme und stellte sich mit ausgebreiteten Armen in die Tre, um den
Eingang zu verteidigen. Sie frchtet nach der Rckkehr vom Ball zu mde zu
sein, um den Rosenkranz aufmerksam beten zu knnen und deshalb tut sie es
jetzt.
    Im vollen Ballanzug? fragte er.
    Und in einem allerliebsten! sagte sie triumphierend.
    Mit einer raschen Bewegung drehte Uriel ganz sanft Corona zur Seite und trat
ins Zimmer; es war leer. Als sich Corona besiegt sah, legte sie einen Finger auf
die Lippen und deutete mit der anderen Hand auf eine Seitentr, die nur durch
Vorhnge geschlossen war. Der Futeppich machte jeden Schritt unhrbar. Aber
Uriel schlug den Vorhang nicht zurck. Er blieb diesseits desselben stehen, denn
er wollte nichts, als Regina sehen, und da die Vorhnge nicht fest schlossen, so
sah er sie durch deren Spalte gerade vor sich im Profil. Eine
Muttergottesstatuette stand unter einem Bogen von Lilien auf einer Konsole an
der Wand. Regina kniete vor ihr auf einem Betstuhl, die Arme auf dessen Lehne
gesttzt, in den zusammengelegten Hnden die zierliche Perlenschnur eines
Rosenkranzes von Onyx haltend, den Kopf und das Auge. aufwrts gehoben. Ihr
rosenfarbenes Florkleid wellte sich wie ein Frhlingsmorgengewlk um ihre
schlanke Gestalt. Einige blarote Teerosen hingen leicht in ihrem Haar, das ganz
einfach mit zwei groen goldenen Nadeln aufgesteckt war, deren Knopf chte
Perlen verzierten. brigens trug sie keinen Schmuck, nicht einmal ein Armband.
Ein Strau von frischduftenden Teerosen und ihre Handschuhe lagen neben ihr; sie
war also ganz bereit zum Ball, aber ihre Gedanken wendeten sich nicht ihm zu!
die gingen auf anderen Wegen, als auf dem Parkett eines Tanzsaales, und hrten
andere Melodien, als die eines Galopps, und sahen andere Gestalten, als
ballmig geschmckte Elegants. Ebenso regungslos wie Regina auf den Knien lag,
stand Uriel hinter dem Vorhang, der sich, wie die Schranke der Irdischkeit ber
eine himmlische Vision, herabsenkte und ihm nur gerade einen Durchblick gnnte,
um sie wahrzunehmen. Und als er so dastand und auf dies holdselige Wesen
schaute, das ihm verlobt von der Wiege an und jetzt auf's neue zugesagt und
durch alle Wnsche und alle Verhltnisse mit ihm verkettet war: da wurde ihm das
Herz und schwer immer schwerer, und der namenlose Schmerz stieg in ihm auf, der
sich im Innersten seiner Seele entwickelt, wenn sie durch die Macht der
Leidenschaft gleichsam als Hellseherin in die Zukunft ihrer Liebe schaut und
dort, trotz aller Gunst der Verhltnisse, ihre Hoffnungen unerfllt sieht.
Solche Ahnungen oder Warnungen fliegen an das Menschenherz, wie Mven an die
Kste: der Himmel lchelt, die Sonne strahlt, das blaue Meer wogt goldbeflittert
vom Sonnenschein in weichen, verrieselnden Wellen; aber der Schiffer wei, es
gibt Sturm, denn von der hohen See kommen die Mven. Traurig mit seinem
ahnungsvollen Herzen stand Uriel da. Er konnte sich der Stimme nicht erwehren,
die in seiner Brust ihm zuflsterte, diese Blume im Garten Gottes blhe nicht
fr einen Sterblichen. Auch er verga den Ball und die Welt und die Zeit, und
seufzte still mit einem Anflug von zrtlicher Resignation: Du mystische Rose -
bitte fr mich. Da vernderte Regina ihre Stellung, machte das Kreuzzeichen und
begann halblaut die herrliche Antiphone Salve Regina, dies Sehnsuchtslied der
Verbannten nach der himmlischen Heimat. Leise trat Uriel zurck und entwich aus
dem Zimmer.
    Nach einiger Zeit kam sie in den Salon, wo die Baronin, Uriel und der Graf,
der seine Besuche abgemacht hatte, beisammen saen. In des Grafen Gegenwart
fhlte sich Uriel beschtzt in seinem Recht und seiner Neigung, Regina nicht
blo stillschweigend anzubeten. Er sprang freudig auf, ihr entgegen, beugte ein
Knie vor ihr und rief:
    Salve Regina!
    Wo wre mein Szepter? fragte sie und drohte scherzend mit dem Finger.
    Dein Finger ist's! sagte er und kte schnell die Spitze dieses zierlichen
Fingers.
    Sie antwortete nichts; sie zog nur ihre Handschuhe an.
    Regina, sagte der Graf, Du bist aber ber allemaen hochfahrend! Da liegt
ein liebenswrdiger Sterblicher vor Dir auf den Knien und Du reichst ihm nicht
einmal Deine Hand, damit er aufstehe.
    Warum sollte ich das, lieber Vater? entgegnete sie lachend; Uriel hat
sich ja zu seinem Vergngen in diese hchst malerische Stellung geworfen; ich
wrde es fr ein Verbrechen halten, ihn darin zu stren.
    Wrest Du nicht ein Engel, Regina, sagte Uriel, so httest Du, glaub'
ich, groe Anlagen zur Bosheit.
    Frauenart! sagte der Graf; hinter dergleichen Bosheit steckt immer etwas
Koketterie.
    Das heit? fragte Regina.
    Das heit: die Neigung in aller Gemtlichkeit mglichst vielen Mnnern den
Kopf zu verdrehen.
    Aber, lieber Vater, das ist ja abscheulich! rief Regina. Das wirst Du mir
doch nicht zutrauen! - Ich bin froh, wenn mir mein eigener Kopf nicht verdreht
wird.
    Es ist auch nicht so arg, wie der Vater scherzweise sagt, Regina, wendete
die Baronin ein. Zwei oder drei charakterisieren nicht das ganze Geschlecht.
    Liebe Schwgerin, erwiderte der Graf, man sollte es wohl eigentlich nicht
in Gegenwart eines jungen Mdchens sagen, weil es auf den Einfall kommen knnte,
die Sache auch einmal zu versuchen; aber ich habe die berzeugung, da jene
Neigung den Frauen angeboren ist - wie die Eitelkeit.
    Darber will ich nicht streiten, entgegnete sie; es mag wohl mit der
Eitelkeit zusammenhngen. Allein gute und vernnftige Frauen suchen ihre
natrliche Neigung zu Eitelkeiten aller Art zu beherrschen. Malen Sie die Welt
nicht schwrzer, als sie ist.
    Im Grunde kann man sie gar nicht schwarz genug malen, sagte der Graf.
Trge sie nicht ihr buntes Maskenkleid, das mitunter anmutig ist, man liefe
davon! berall jetzt in der Gesellschaft diese Juden! das ist unerhrt. Und
warum sind sie aufgenommen? Bei dem einen heit's: er ist enorm reich; bei dem
anderen: er ist ein groes Genie, ein musikalisches, ein poetisches - was wei
ich! Aber Geld und Genie haben mit dem Salonleben gar nichts zu schaffen; denn
das beruht auf der Tradition von gutem Ton, und den kann man nicht kaufen und
auch nicht durch Genie erwerben. Daher kommen ganz falsche Elemente in dasselbe,
und es wird in die Hhe geschraubt zu wahnwitzigem Luxus und zu einer
lcherlichen Vergtterung des Geistreichen, des Genialen. Warum? - um mit Juden
zu rivalisieren. Die Welt ist hchst einfltig! sind solche Leute salonfhig, so
werden sie auch nchstens politische Gleichberechtigung begehren und Allianzen
mit unseren Familien fr mglich halten, was denn freilich mit Florentins
Glckseligkeitstheorien bereinstimmt, vor denen uns Gott behte.
    Die Juden unserer Tage kommen mir wie die Freigelassenen im alten Rom vor,
sagte Uriel. Eben aus der Sklaverei entronnen, hufig voll Talent und Verstand,
ohne Heimat, fremd im Staatsbrgertum trotz ihrer Freilassung, rchten sie sich,
zum Teil unbewut und unabsichtlich, fr die Tyrannei, die auf ihren frheren
Verhltnissen drckte, und fr die halbe Gunst, die ihnen in den neuen zu teil
wurde und die ihrem erwachten Ehrgeiz nicht gengte, indem sie Zustnde zu
zersetzen und zu zerstren suchten, welche auf einem ihnen feindlichen Prinzip
beruhten. Ihr rnkevoller Verstand, ihre Schlauheit, um tausend Mittel und Wege
zum Ziel ausfindig zu machen, ihre ungezgelte Gier nach Einflu und Genu, ihre
Talente, die sich leicht da entwickeln, wo auf die Entwicklung gediegener
Vorzge und sittlicher Tugend nicht viel Zeit und Mhe verwendet wird, warfen
ein furchtbares Gewicht der Demoralisation in die sinkende Schale des alten Roms
und halfen es reif machen zum Untergang vor den Barbaren. Und so kommen mir in
unseren Tagen die Juden vor, diese Freigelassenen einer Civilisation, welche
ihnen Rechte einrumt, ohne sie als gleichberechtigt zu betrachten und ihnen
eine unvollstndige Ebenbrtigkeit zuweist, die ihnen nicht zukommt, weil sie,
als Nichtchristen, auch nicht verwachsen sind mit den Traditionen der
christlichen Vergangenheit. Ihre Traditionen sind so, da sie uns hassen mssen;
nicht individuell, aber in unserem Prinzip. Denn wir sind die Anhnger und
Nachfolger des Gottes, den sie gekreuzigt haben. Diese Kreuzigung setzen sie
fort, so viel an ihnen ist, indem sie die Lehre vom Kreuze zu vernichten suchen.
In der Literatur und Journalistik, in den schnen Knsten und Wissenschaften
wimmelt es von Juden, die zum Teil mit Genie und Talent, zum Teil mit frecher
Unwissenheit, jeder in anderer Weise, das Christentum zersetzen, verflschen,
benagen, ignorieren, verleumden, verhhnen, mit einem Wort: das Ihre tun, um es
zu beseitigen.
    Aber wer glaubt ihnen? fragte Regina.
    Nicht als Glaubenslehrer treten sie auf, entgegnete Uriel. Das tief
Antichristliche ihrer Weltanschauung, das sie auf ihrem Standpunkt haben mssen,
kleiden sie in das blendende Gewand, welches ihr Talent webt und die groe
Menge, der berhaupt nichts ferner liegt, als einen christlichen Mastab an die
Erscheinungen auf dem groen Markt des Lebens zu legen, bewundert alles, was
amsant, pikant, frappant und brillant ist, kmmert sich nicht darum, ob eine
objektive Wahrheit die Flamme ist, an der sich diese Lichter entznden, sondern
betrachtet sie selbst als Wahrheit, blo deshalb, weil sie glnzen, und bildet
sich allmhlig zu den Ansichten und Urteilen um, die sie, hauptschlich wegen
der Darstellungsart, so sehr bewundert. Wie einst Voltaire die grbsten Lgen
und frechsten Verleumdungen mit gewandtem Wort und leichtem Witz vorbrachte,
wtenden Beifall fand und den verderblichsten Einflu bte, weil die groe Menge
es fr eine Art von Schmach gehalten htte, ein solches Genie nicht zu
bewundern, und fr eine Unmglichkeit, da ein solches Genie nicht Wahrheit und
Recht auf seiner Seite habe: so ist es auch jetzt bei einer Menge von Voltaire's
im kleinen Stil, die keineswegs lauter Juden sind, aber mit ihnen das
Antichristliche gemein haben. Darauf beruht die Gre vieler Sommitten der
Gegenwart: sie sind das, was man so unmig berschtzt, sie sind geistreich in
jener oberflchlichen Weise, welche dem Durchschnittsma der Menge entspricht -
und weil sie es sind, lt man sich die geistige Falschmnzerei gefallen, die
sie treiben, indem sie Falsches oder Verkehrtes und Halbwahres mit dem Geprge
ihres Geistes als Wahrheit stempeln und in der Welt in Kurs setzen.
    Also berwiegt wohl gar das Antichristliche das Christliche in der Welt?
fragte Regina.
    In dem, was man im engeren Sinne die Welt nennt, ganz entschieden! sagte
Uriel; und zwar so sehr, da sie meint, es sei ihr Recht und das Christentum
habe drauen zu sitzen in beliebigen Kirchen und Bethusern, wo es frequentiert
werden knne von unwissenden, ungebildeten, geistlosen Leuten, von
Scheinheiligen und Betschwestern mnnlichen und weiblichen Geschlechtes. Wer
seinen Fu in einen Salon setze, msse auf dessen Schwelle in das
Antichristentum, d.h. in die Vergtterung des Irdischen verfallen und dessen
Kodex zur Richtschnur whlen: also die Gesetze der Selbstsucht und der
Leidenschaften befolgen, welche dem Individuum zur Entfaltung seiner Ansprche
und zum Ziel seiner Bestrebungen verhelfen.
    Regina legte ihren Rosenstrau auf den Tisch, zog ihre Handschuhe aus und
sagte ernst:
    Lieber Vater, Du kannst mir unmglich zumuten, meinen Fu in einen Salon zu
setzen. Ich bin Christin und will es immer und berall sein - in der
Gesellschaft wie zu Hause. Auf die Weltvergtterung lasse ich mich nicht ein.
    Der Graf, der mit seiner prinzipienlosen Oberflchlichkeit immer nach der
Laune des Augenblickes oder nach persnlichem Wohlgefallen oder Mifallen
urteilte, war hchst verdrielich, eine Errterung hervorgerufen zu haben, die
ihn langweilte und die Regina ernsthaft nehmen wollte.
    Welche Torheit, Regina! welcher Professorenton, Uriel! rief er unmutig.
Ich spreche von dem Bankier Miranes, den sein kolossaler Reichtum und seine
schne Tochter salonfhig macht, und davon nimmt Uriel Veranlassung, sich auf
den Katheder zu schwingen und gegen das Weltverderbnis Moralpredigten zu halten,
und Regina glaubt ihm pltzlich, wie einem Evangelisten.
    Ich habe Uriels Wahrhaftigkeit nie bezweifelt, sagte Regina, und da ich
wei, da der Mensch ein gefallener Geist ist, so leuchtet es mir sehr ein, was
Uriel eben sagte, da nmlich in einer Welt, die von Christus nichts wissen
will, Gtzen herrschen mssen, die man nicht anbeten darf.
    Kind, nimm die Dinge nicht so langweilig grndlich! sagte der Graf immer
verdrielicher. Du wirst die Gesellschaft doch nicht reformieren. Der Salon ist
keine Kirche und soll keine sein; und wie die Menschen im Salon beschaffen sind
- das geht Dich ebenso wenig an, als wie sie auf der Strae beschaffen sind. Du
sollst mit ihnen sprechen und tanzen: - basta.
    Ich glaube gar nicht, da Du viel von meiner Wahrhaftigkeit hltst,
Regina, unterbrach Uriel die Strafrede; denn wenn ich sage: nimm Deinen
Rosenstrau wieder in die Hand, dann siehst Du aus wie die Aurora von Guido Reni
- wirst Du mir glauben?
    Ich werde glauben, antwortete sie lchelnd, da Du wahrhaft in das
Antichristentum, wie Du es charakterisiert hast, verfallen bist.
    Sieh, Regina, sagte der Graf freundlich, so ist es recht. So mut Du
sprechen, so mut Du antworten. Glatt wie ein Aal, munter wie eine Lerche, das
ist charmant und ist eine gute Ballstimmung.
    Die Schule, welche Regina bei ihrem Vater durchmachen mute, war ihr eine
Vorbung fr das Leben in der Gesellschaft: dort wie hier eine bestndige
Selbstverleugnung ihrer tiefsten Neigungen. -
    Man war gespannt, Regina auf einem Ball zu sehen. Nicht blo die junge
Mnnerwelt; das versteht sich von selbst! auch die Frauen waren wenigstens
neugierig. Der Ruf ihrer Schnheit brachte das mit sich. Aber sie war von einer
so seelenvollen Schnheit und dabei so einfach und unbefangen, so ganz ohne
Ansprche, da ihre Liebenswrdigkeit gleichsam ihre Schnheit in Schatten
stellte.
    Sie sieht gar nicht interessant aus, sagte ein junger Mann, dem die
berzeugung aus den Augen schaute, da er selbst mit seinen dunkeln Locken und
seinem marmorfarbenen Antlitz interessant aussehe wie Lord Byrons Corsar.
    Sie sieht aus wie ein harmloses Kind, sagte ein anderer, ein groer
Herzenseroberer; und erwog bei sich selbst, ob es der Mhe wert sei, diese
Eroberung zu versuchen.
    Sie sieht aus wie die persische Anahid, sagte ein Dritter, ein ungemein
belesener Jngling. Da natrlich kein Mensch wute, wer die persische Anahid
sei, so setzte er zur Erklrung hinzu: Ihre Schnheit zog zwei Engel vom Himmel
herab, die ihr von Liebe sprachen. Aber Anahid hrte nicht darauf, sondern lie
sich von den Engeln das geheimnisvolle Wort nennen, das in den Himmel
zurckfhrte. Und als die Engel es genannt hatten, sprach Anahid es aus,
schwebte vor ihren Augen in den Himmel hinein und wurde in den Morgenstern
versetzt, whrend die Engel mit goldenen Ketten an den Fen in einem Brunnen zu
Bagdad aufgehngt wurden bis zum jngsten Tage.
    Was die alten Chinesen sich doch fr Unsinn ausdachten, sagte ein Vierter,
der einzige, welcher die Anahids-Sage zu Ende gehrt hatte, dessen Kenntnis vom
Orient sich aber auf China beschrnkte, wegen des Opiumkrieges und des
chinesischen Tees.
    Der belesene Jngling war so betreten ber diese Bemerkung seines einzigen
Zuhrers, da er sich mit kalter Verachtung von ihm wegwendete. Wie wrde er
triumphiert haben, wenn er gewut htte, da wirklich etwas von Anahids
Himmelssehnsucht in Regina sei! - Ein Fnfter hatte inzwischen bedachtsam
geuert:
    Wenn sie auf der Goldwage der Schnheit nicht besteht, so ist es mit dem
Vermgen auch nicht anders. Es soll alles zum Majorat gehren.
    Ist nicht wahrscheinlich! Graf Windeck ist ein sehr guter Wirt, und hat
gewi gesorgt fr seine Tchter.
    Ja, in der Weise, da er sie beide mit seinen Neffen verheiratet.
    Und dann ist ja auch noch eine steinreiche Gromama in irgend einem alten
Schlosse des Odenwaldes vorhanden, die freilich in zweiter Ehe vermhlt, aber
kinderlos ist.
    Welch eine grndliche Kenntnis der Windecker Vermgensverhltnisse!
    Tritt man die Winterkampagne eines Karnevals an, lautete die Antwort, so
mu man sich gehrig orientieren, um nicht falscher Fhrte zu folgen. Zuweilen
sind die Aushngeschilder ungeheuer prahlend und doch steckt nichts Solides und
Reelles dahinter. Wo es Majorate gibt, steht's nie brillant mit den Tchtern; es
sei denn, da die Mutter eine Erbtochter oder sonst sehr reich sei, was aber
hier nicht der Fall war.
    Nun und die schne spanische Donna, die eben jetzt neben der Grfin Windeck
steht, wie die Sternennacht neben dem Frhlingstag, um mich poetisch
auszudrcken, bauen ihre spanischen Dublonen eine goldene Brcke ber die Kluft
der Alliance mit einer Jdin?
    Es ist etwas mysteris mit dieser Familie, erwiderte der Bedachtsame. Der
Papa soll ein rasender Spekulant sein, und Mutter und Tochter sollen in London
das Mosaische Gesetz verlassen und sich einer der dort wimmelnden Sekten
angeschlossen haben. Vielleicht ist dies aber nur ein Gercht, wie tausend
andere! und vielleicht breiteten sie selbst es aus, um mit weniger Schwierigkeit
in der haute vole eine Partie fr die Tochter zu finden, die wegen ihrer
Schnheit freilich dahin gehrt.
    Das ist richtig: sie macht alle brigen Damen tot, diese Judith; aber sie
hat ein Etwas, als ob sie auch allenfalls einem Holofernes den Kopf abschneiden
knnte.
    Mais, mon cher! wie knnen Sie solche gewagte Urteile in die Welt
hineinschleudern. Den Kopf abschneiden! ich bitte Sie, wie wre das mglich in
der hypereleganten Gesellschaft unserer Tage.
    Da diese hyperelegante Gesellschaft auch eine schauderhafte Kehrseite hat,
ist uns allen im vorigen Sommer bei den grlichen Scenen im Hotel de Praslin2
in Paris wohl recht klar vor Augen getreten. brigens haben Sie ganz recht: man
mu dergleichen zu vergessen suchen und mglichst wenig davon reden.
    Ungeteilten Beifall fand Regina nur in der Damenwelt; ja, diese bemhte
sich, sie recht hervor zu heben, um dadurch indirekt Judith herab zu drcken,
die von den meisten Mnnern unmig bewundert wurde. Sie lie sich bewundern,
uerlich ganz gleichgiltig, innerlich mit stolzer Selbstgeflligkeit, als
etwas, das ihr zukam. Nur dann, wenn sie sehr lebhaft sich unterhielt, was
uerst selten geschah, verschwand ihr schwermtiger Ausdruck; ihr Ernst nie.
Nie stieg ihr Lcheln bis in ihre Augen hinauf! es blieb auf den Lippen ruhen,
whrend aus Regina's seelenvollem Auge ein freundliches Lcheln, gleichsam ein
inneres Licht, nie verschwand. Graf Windeck hrte auerordentlich viel Schnes
ber seine liebliche Tochter, was er in Judiths Stil aufnahm. Uriel fhlte sich
mehr und mehr von dem Zauberbann gefangen, den sie so ganz absichtslos durch ihr
Sein und Wesen um ihn wob. Sprche sie nur anders, oder blickte sie nur anders,
oder ginge und stnde sie anders - ach! oder wre sie nur etwas anders - seufzte
er heimlich: so knnte man durch eines dieser Tore ihr entrinnen; aber jetzt, da
alles in ihr und an ihr harmonische Vollkommenheit ist, jetzt ist es eine
Unmglichkeit. Er konnte nicht nur Judith nicht bewundern, sondern nicht einmal
begreifen, da andere sie bewunderten: so aufrichtig war er durch Regina
bezaubert.
    
    Wie alle hienieden, ging denn auch dieser Ball vorber. Um zwei Uhr Nachts
schpfte Regina Atem in ihrem stillen Zimmer und versenkte sich zur Erholung
ihrer Seele in die andchtige Betrachtung des Gnadenhimmels, der diese Schein-
und Flitterwelt berwlbt und dessen Gestirne die heiligen fnf Wunden des
gekreuzigten Gottes sind. Und Dich ber dem Tand vergessen, sagte sie halblaut
und schaute auf ihr Kruzifix, das nennt die Welt Freuden; und an Dir vorber
gehen und nach buntem Staube greifen, das nennt sie Glck; und Dich und Dein
Kreuz und Deine Nachfolge verschmhen, das nennt sie Vernunft; und alles lieben,
was Du nicht bist, das nennt sie Liebe. O welch eine schauerliche Abwendung von
ihrem Ziel! Und das soll auch ich verfolgen lernen?! Dein bin ich! hilf mir!
rief sie und Strme von Trnen strzten aus ihren Augen, die wie friedliche
Sterne ber die Unruhe der Welt hinwegschauten, und zu Fen des Kruzifixes
schmiegte sie sich nieder und gelobte wieder und wieder ihre ungeteilte Liebe
demjenigen, der mit dieser Liebe ihr armes Herz begnadet hatte. Am Morgen war
sie pnktlich in der Siebenuhrmesse, als htte sie die ganze Nacht, wie Corona,
den Schlaf der Gerechten geschlafen.
    - - - - - - - - - - - - - -
    Nun wie gefllt Ihnen mein quasi Phnix? sagte Ernest nach einiger Zeit zu
Judith. Gehrt die Grfin Regina zu Ihren sentimentalen Komtessen? ist sie
veilchenblau?
    Nein! sie ist lilienwei, antwortete Judith.
    Sie sind merkwrdig gescheit! rief er.
    Weil ich Ihren quasi Phnix richtig taxiere? fragte sie spttisch.
    O, sagte Ernest gelassen, dazu sind Sie trotz all Ihrer Gescheitheit
nicht im Stande. Ich bewundere nur, da Sie so bereitwillig Ausnahmen machen und
so bezeichnende Ausdrcke whlen.
    Kann man durch Klugheit glcklich werden? fragte sie.
    Mittelbar, ja! wenn wir die Klugheit anwenden, um zur Selbsterkenntnis zu
kommen, d.h. zur Einsicht unserer Unvollkommenheit und unseres Mangels an
Tugend, woraus dann Demut entspringt, und Demut ist die Wurzel aller
Vortrefflichkeit, also auch des wahren Glckes. Aber unmittelbar und allein
durch Klugheit ist noch nie ein Mensch glcklich geworden und die Welt, die doch
mancherlei Kuriosa erlebt, wird doch das nimmermehr erleben.
    Wozu dienen uns denn Geistesgaben, wenn sie uns nicht glcklich machen?
    Frulein Judith, Sie tun Fragen, die mehr als wunderlich sind! Wenden Sie
Ihre Geistes- und sonstigen Gaben so an, wie es der Absicht des lieben Gottes
entspricht, der sie Ihnen verlieh, nmlich zu seiner Ehre und zum Heil Ihrer
Seele, dann werden Sie schon erkennen, wozu Verstand und Talente dienen. Wenn
Sie sich aber einbilden, da Sie durch ein paar kluge Urteile, oder durch Ihren
Nixengesang, oder durch Ihre Kopie der Sibylla persica mit beiden Fen in die
Glckseligkeit nur so hinein springen knnen, so irren Sie sich heftig. Unsere
Glckseligkeit hienieden hlt gleichen Schritt mit unserer Opferseligkeit und
beruht nicht darauf, was wir in irdischer Weise besitzen, sondern darauf, was
wir uns mit allem, was unser ist, zu einem lebendigen Brandopfer machen, dessen
Altar unser Herz ist und dessen Flamme unsere Liebe zu Gott ist. Der Liebe wird
man nie berdrig. Warum nicht? Weil eine bernatrliche Kraft, die Gnade, sie
nhrt; und hat der Mensch sein Gengen in seiner Liebe, so ist er glckselig.
    Es war nun einmal seine Art, zu allen Menschen zu sprechen, als wren sie
eben so glubige Christen als er. Er betrachtete sie immer als das, was sie
ursprnglich sind: berufen zur Erkenntnis der Wahrheit, und behandelte sie als
solche, denen nur momentan die Wahrheit verschleiert ist. Dadurch sind sie schon
konfus genug, pflegte er mitleidig zu sagen; ich meinesteils will wenigstens
nicht ihre Konfusion vermehren, indem ich auf ihre Anschauungsweise eingehe,
sondern will ihnen reinen Wein einschenken.
    Kann der Mensch einen anderen Menschen so lieben, da er sein Gengen in
dieser Liebe finde? fragte Judith.
    Nein, das ist ganz unmglich, denn das wre gegen seine Bestimmung. Gott
hat ihn geschaffen zur ewigen Beseligung durch das hchste Gut, das Gott Selbst
ist, also kann das Verlangen seiner Seele auch durch nichts Geringeres
befriedigt werden. Htte ich eine liebe Frau und ein halbes oder ganzes Dutzend
liebe Kinder, meine Seele wrde dennoch nach dem hchsten Gut schmachten, nur
wrde ich, in tausendfache Sorgen und Nten verstrickt und durch tausend
irdische Geschfte in Anspruch genommen, vielleicht weniger dieser Sehnsucht
Raum geben knnen und wollen; was denn wahrlich weder ein Vorteil noch ein Trost
fr die arme Seele ist. Weil aber das Menschenherz die Beschaffenheit hat, da
es sich neigt zu seinesgleichen und die se Lebensgemeinschaft, den innigen
Zusammenhalt, die trauliche Ttigkeit fr einen kleinen, besonderen,
selbstgeschaffenen Kreis gar schwer entbehrt: so hat Gottes weise und zrtliche
Vorsorge ihm eine Sphre geffnet, wo diese Neigung ihren Ruhepunkt findet,
indem die freiwillig bernommenen Pflichten ihr zugleich Schranken und Wrde
geben und die Weihe des Sakramentes ihr den Gnadenbeistand zu Kraft,
Beharrlichkeit und Selbstverlugnung bringt, deren sie so sehr bedarf.
    Wovon sprechen Sie denn eigentlich, Herr Ernest? fragte Judith gespannt.
    Von der christlichen Ehe, Frulein Judith.
    Von der Ehe? - so ernsthaft feierlich? - Sie haben doch immer Ihre ganz
eigentmliche Art sich auszudrcken!
    Von der christlichen Ehe, deren Brde ohne die Gnade des Sakramentes fr
menschliche Schultern zu schwer ist - ja, von der spreche ich! Die Welt spricht
von ihr, wie sie's versteht! Bald oberflchlich, bald schief. Fr die jungen
Damen ist die Ehe die Tr, durch welche sie ihren ersehnten Eintritt in die
Gesellschaft machen, oder der Triumphbogen, durch den sie in das Knigreich
einer Liebe einziehen, welche der vielbesungenen Schnheit des Monats Mai darin
hnlich ist, da sie nur in der Poesie existiert. Fr die Mama's ist es eine
Versorgungsanstalt der lieben Tchter. Fr die jungen Herren ist sie ein Mittel,
um Schulden zu bezahlen, um eine Karriere zu machen, um ein bequemes Leben zu
fhren, um sich anbeten zu lassen, und was dergleichen wichtige Grnde mehr
sind, in welche denn allerdings auch etwas Neigung und die eigentmliche
Entzndbarkeit des jugendlichen Herzens hineinspielen.
    Was Sie da sagen, ist ganz richtig und gar nicht bertrieben, unterbrach
ihn Judith. Das habe ich schon mehrmals bei Anderen erlebt.
    Aber die Stellvertreterin Gottes hienieden, die heilige Kirche, betrachtet
die Ehe anders, fuhr Ernest fort, nicht als eine Idylle, nicht als ein Fest
der Herzen, sondern als eine heilige, unauflsliche Verbindung, bei der im
Vorgrund die bernahme strenger Verpflichtungen und schwerer Last, im
Hintergrund das ernste und unter Trnen lchelnde Glck steht, welches durch
herbe Kmpfe und vielfache Selbstverlugnung gegangen ist. Darum gibt sie der
Ehe den Gnadenbeistand des Sakramentes, und unter diesem Schutz, mit dieser
Weihe und dieser Hilfe ist es denn mglich, da zwei Menschen sich mit dem
Willen fortlieben, auch nachdem die Leidenschaft verrauscht und die Neigung
verblht ist. Ihr Gengen werden sie freilich nicht in dieser Liebe finden, aber
sie werden lernen, sich zu begngen, und da hiezu viel Resignation und
Selbstberwindung gehrt, viel Opfermut und Hingebung an den gttlichen Willen:
so knnen diese zwei Menschen in der Ehe ganz auerordentlich glcklich werden,
weil sie, wie ich vorhin sagte, opferfreudig sind. Haben Sie mich verstanden,
Frulein Judith?
    Ich habe verstanden, da kein Mensch einen Menschen ganz glcklich machen
kann. Aber ob Sie Recht haben, das wei ich nicht.
    Wenn Sie mir nicht glauben wollen, Frulein Judith, htten Sie mich ja
berhaupt nicht zu fragen brauchen; antwortete Ernest. Ich sage das nicht
meinetwegen, denn meine berzeugungen werden dadurch nicht bestrkt oder
geschwcht, da Sie sie annehmen oder verwerfen. Allein Ihretwegen tut es mir
leid, da Sie kreuz und quer mit Fragen umherfahren, deren richtige Beantwortung
Ihnen am Herzen liegt und berhaupt wichtig ist, und die Sie doch nicht einfach
und kindlich annehmen.
    Haben Sie nie versucht, durch ein Menschenherz glcklich werden zu wollen?
fragte Judith gleichmtig.
    O ja! rief Ernest erheitert; aber mein Versuch scheiterte an einem
schiefen Nschen.
    Woran? sagte Judith lchelnd.
    Hren Sie nur! es ist eine sehr lehrreiche Geschichte! Als ich zum ersten
Mal in Venedig und vierundzwanzig Jahr alt war, begegnete sie mir. Das ist so
recht das Alter, in welchem das Menschenherz die Neigung hat, sich einem anderen
Herzen anzuschmiegen und zu erschlieen, und die Gegenwart mit allerlei darauf
bezglichen Hoffnungen zu schmcken, welche dann die Zukunft erfllen soll.
    Herr Ernest! rief Judith zrnend, welcher Barbar fhrt denn das Regiment
ber die menschlichen Geschicke, da Sie in einen solchen Widerspruch
geschleudert werden! Das Herz ist nicht geschaffen, um sein Gengen in der
Kreatur zu finden, und dennoch neigt es sich ihr zu!
    Sie mssen hbsch aufpassen, Frulein Judith, und nicht gleich wieder
vergessen, was man Ihnen eben weitlufig expliziert hat: der Mensch hat nicht
die Bestimmung, hienieden sein volles Gengen zu finden, wohl aber die: sich
begngen zu lernen in freiwilliger Beschrnkung. Durst nach Glck ist das
Prinzip seines Lebens; dadurch und dafr entwickeln sich seine Krfte. Die
schnste und vollkommenste Form, in welcher ihm das Glck erscheint, ist die
Liebe, weil sie das Leben bereichert, vervollstndigt, verdoppelt, abrundet,
also eine Flle guter und ser Gaben ihm bringt, die der zrtliche Vater im
Himmel gern seinen Kindern auf Erden gnnt, ja dies Glck erhht, indem er es
heiligt. Ist das ein barbarisches Regiment? Aber weiter! Der Mensch lebt nicht
fr die kurze Spanne Zeit voll Wechsel trber und froher Tage, sondern fr ein
ewiges Leben voll unendlicher, ungetrbter, wechselloser Seligkeit; es mu also
ein Etwas in ihm sein, das nach Unendlichem und Wechsellosem begehrt, und das
sich unmglich mit Vergnglichkeit und Schwankendem begngen kann. Ist es
barbarisch, der Seele eine Gre gegeben zu haben, welche durch die ganze Welt
der Sinne und der Sichtbarkeit, der Gedanken und der Gefhle nicht ausgefllt
werden kann und zu der Gott durch den erhabenen Propheten Ihres Volkes spricht:
Ich Selbst will dein bergroer Lohn sein!
    Sie werden doch zugeben, Herr Ernest, da daraus ein bestndiger Zwiespalt,
ein qulender Kampf entspringt. Der Durst nach dem Ewigen und die Neigung zum
Vergnglichen in ein und dasselbe Herz gepflanzt und beide mit berechtigten
Ansprchen, wie Sie selbst sagen, das mu den Menschen in ein Meer von
Schmerzen, von Irrtum, von Tuschungen, ja von Verzweiflung strzen. Denn er
wird etwas ergreifen und als ungengend fallen lassen; und anderes ergreifen,
aber als unvollkommen wegwerfen; und abermals anderes ergreifen, und es wird ihm
entschwinden wie Rauch und Schatten. Das kann kein Mensch aushalten! Dabei geht
er zu Grunde.
    Ganz richtig, Frulein Judith, sobald dieser Mensch auerhalb des
Christentums steht; und da stehen leider! gar manche, denen das heilige
Sakrament der Taufe nicht gefehlt hat und die nun klglich zu Grunde gehen im
Strudel ihrer Leidenschaften, im Taumel ihrer Selbstsucht. Aber die christliche
Offenbarung belehrt den Menschen ber den Ursprung dieses tiefen Zwiespaltes,
den jeder in seiner eigenen Brust empfindet und beweint: es ist der Sndenfall,
die Abkehr von Gott, die geheimnisvolle Lust zum Bsen in der gefallenen
menschlichen Natur. Lehrte die Offenbarung nur das, so drfte man erst recht
desperat werden! Allein sie lehrt auch Mittel und Wege, um jenen Zwiespalt nicht
sowohl zu tilgen, als vielmehr heilsam fr uns zu machen. Mittel ist - das Blut
Jesu, das fr uns und ber uns und in uns mit Gnadenstrmen rinnt, und uns Licht
gegen alle Verfinsterung, Waffen gegen alle Versuchungen bringt. Der Weg ist fr
jeden sein eigener Kampf. Jeder mu lernen, durch Selbstverlugnung die
Eigenliebe, durch Selbstbeherrschung den unbndigen Willen, ich sage nicht: zu
besiegen; denn so weit bringt es unsereins nicht! aber doch besiegen zu wollen.
Wer diesen Kampf redlich beginnt, Frulein Judith, der findet den Zwiespalt
nicht so trostlos, als er Ihnen erscheint. Im Gegenteil! er hat eine Art von
heiliger Freude daran, wie der brave Soldat sich freut, in der Schlacht fr
seinen Knig sein Blut zu vergieen, wenn nur die gute Sache siege. Es ist
herrlich, einen Menschen zu beobachten, der wider sich selbst fr Gott kmpft.
Das sind keine welterschtternde Schlachten, das Auge der Mit- und Nachwelt ruht
nicht auf ihnen, kaum ahnt sie der eine oder der andere; aber die ganze
triumphierende Kirche schaut verklrten Angesichts diesen stillen Helden zu, die
doch weiter nichts sind, als ein unbedeutender Mann, ein schwaches Weib, ein
armer Jngling, eine ringende Seele in irgend einer Htte oder irgend einem
Palast, wo sie sich wehren bis zu Trnen, bis auf's Blut, aber ohne
Verzweiflung, gegen das Andringen ihrer bermchtigen Selbstliebe und ihres
unbndigen verkehrten Willens.
    Mir graut vor solchem Kampfe! rief Judith.
    Kann sein! erwiderte Ernest; aber Ihr Grauen wrde sich steigern, wenn
Sie sehen knnten, in welche Abgrnde der Mensch versinkt, der ihn nicht fhrt,
der hingegen nach seinen Gelsten und Leidenschaften lebt, und ihnen keine
andere Grenze und Schranke setzt, als die Stimmung des Augenblickes und irgend
einen persnlichen Vorteil. Nein, nein, Frulein Judith: die Unvollkommenheit
aller Verhltnisse und aller Zustnde als den Staubesanhang unseres Bischen
Erdenglcks mit ruhigem Auge betrachten und mit gefriedetem Herzen annehmen, und
die Vollkommenheit, nach der wir solch Verlangen haben, in uns selbst durch
Opferwilligkeit zu erringen trachten, davor darf Ihnen nicht grauen, denn das
ist die Bedingung jedes guten reinen Lebens.
    Erzhlen Sie mir Ihre venetianische Geschichte, sagte Judith; dabei
bekommt man wieder festen Boden unter den Fen, den man bei Ihren
idealistischen Tendenzen Gefahr luft zu verlieren.
    Lieber Gott! seufzte Ernest mitleidig, wie verkehrt reden doch deine
Menschen! die einfache Wahrheit nennen sie nebulose Trumerei, und die platte
Alltglichkeit nennen sie das Element der Wahrhaftigkeit, in dem sie sich wohl
befinden. Nichts fr ungut. Frulein Judith, aber so ist's! - Also in Venedig
sah ich bisweilen Sonntags bei meiner Hauswirtin ein liebes, hbsches, munteres,
frommes Kind, das mir ungemein gefiel. Es hie Gianetta, im weichen
venetianischen Dialekt ausgesprochen Zanetta. Wenn sie in diesem allerliebsten
Dialekt ihre Barcarolen sang und ein wenig auf der Guitarre klimperte, oder die
groen Ereignisse ihres Lebens, z.B. eine Gondelfahrt nach dem Lido, mit
ausfhrlichster Wichtigkeit, als handle es sich um eine Nordpol-Expedition,
beschrieb: so war sie wirklich wunderlieb und ihr kindliches spielendes Auge
berrieselte mit sem Glanz mein Herz, wie der Tau aus weichem Frhlingsgewlk
den Bltenbaum.
    Welch eine Idylle von Dragant und Rosenwasser! rief Judith lachend.
    Ja, ich war damals ungemein idyllisch und htte fr mein Leben gern an den
Ufern der Brenta - denn in Venedig selbst war kein Platz dafr - eine
schferliche Htte erbaut und die holde Zanetta als Schferknigin und Hausfrau
darin eingefhrt. An dergleichen konnte aber so ein armer Tropf von angehendem
Maler nicht denken; er mute sich begngen, seine Wnsche in den Scho der
Zukunft zu legen und sich zu sonnen in den hellen Augenstrahlen der
allerliebsten Zanetta - aber nur Sonntags; am Werktag hatte er weder Zeit noch
Gelegenheit dazu.
    Herr Ernest, sagte Judith hchst belustigt, Ihre Liebesgeschichte flt
mir unwiderstehliche Lachlust ein.
    Warten Sie nur, es kommt gleich tragisch, oder wenigstens elegisch. Zwei
Jahre war ich ein schweigender Anbeter der kleinen Zanetta gewesen. Was htte
ich ihr sagen knnen? Die Liebe gibt sich kund, und wenn tausendmal der Mund
stumm ist. Hat man das Rosenl auch noch so fest im Flacon versiegelt, doch
durchduftet es das Glas; und so geht's dem Herzen mit der Liebe. Die Zanetta
wute wohl, woran sie mit mir war, und ich glaube, da sie mich auch recht gern
hatte. Aber, Frulein Judith, es ist Ihrem liebenswrdigen Geschlecht nun einmal
eigen, in Permanenz kleine Zwiegesprche mit dem Engel Luzifer zu haben.
Erzrnen Sie sich nicht, hren Sie mich weiter. Wir Mnner halten leider Gottes
auch diese Zwiegesprche, und zuweilen lnger und grndlicher, aber nicht so
permanent. Allen Tchtern Eva's klebt die Neigung ihrer Stammmutter an, die
sogar im Paradiese mit der Schlange Konversation machen mute! Ein Wrtchen,
oder mindestens ein Silbchen mu jede bei jeder Vorkommenheit ihres Lebens mit
besagtem Engel wechseln. So auch Zanetta! Sie wurde ungeduldig, die kleine
Donna, ber mein unverbrchliches Schweigen; sie wurde neugierig, wie es denn
wohl klingen mge das bezaubernde Wort von der Liebe; sie wollte mich
heraustreiben aus meiner Verschanzung durch Stillschweigen, indem sie mir Feuer
ans Herz legte - das Feuer der Eifersucht. Der Sohn meiner Hauswirtin, der in
Padua sein Geschft trieb, besuchte seine Mutter, und Zanetta, die jeden Sonntag
zu seinen Schwestern kam, bewies sich ungemein freundlich gegen ihn, was mir
natrlich hchst mifiel und mich nur noch stummer, vielleicht sogar etwas
brbeiig machte. Wie sich nun einmal das Gesprch auf Deutschland wendete, und
wer die Frage an Zanetta stellte: ob sie wohl Deutschland sehen mchte? das wei
ich nicht mehr, weil ihre Antwort meine ganze Aufmerksamkeit verschlang. Sie
sagte nmlich: Ach nein! das mu ein schreckliches Land sein; ganz bevlkert mit
den schlfrigen deutschen Murmeltieren! Wie sie das sagt, und zwar mit einer
ganz allerliebsten kleinen spttischen Miene, sehe ich sie hchst gelassen an,
und was entdecke ich! die Spitze ihres Nschens ist etwas links gewendet. Welche
Difformitt! welche Beleidigung fr das schnheitsdurstige Auge eines Malers!
wie hatte ich das nicht frher bemerkt! Ich schaue hin, ich schaue her - die
Nase ist schief! ich reibe mir die Augen, halte die Hand schirmend vor, um
schrfer zu sehen - die Nase bleibt schief! Bestrzt ziehe ich mich zurck. In
meinem Stbchen suche ich mir Zanettas freundliches Auge, die dunkeln Locken um
ihre heitere Stirn, ihr Lcheln, ihr kindliches Gemt, ihren Frohsinn, ihre
Lieder und ihre Guitarre vorzustellen - alles, was mich vor wenig Stunden
entzckt hatte; aber umsonst! die schiefe Spitze des zierlichen Stumpfnschens
warf einen so dunklen Schatten, da die ganze Zanetta darin verschwand. Ich gehe
schlafen und trume von der schiefen Nase. Ich erwache und denke zuerst an die
schiefe Nase. Wie ein Alp legt sie sich auf meine Brust und nimmt so riesenhafte
Proportionen an, da sie mir bald ungeheuer lcherlich, bald ungeheuer garstig,
in jedem Falle aber durchaus unertrglich erscheint. Da fasse ich mir ein Herz
und spreche zu mir selbst: Bist Du nicht im Stande, eine so geringe uere
Unvollkommenheit an Zanetta zu bersehen, wie wirst Du es denn anfangen, um ihre
tausend Unvollkommenheiten des Herzens, des Charakters, des Geistes, die sie mit
allen Sterblichen gemein hat, zu ertragen und mit freundlicher Nachsicht
hinzunehmen? und wie darfst Du von Zanetta das erwarten, was du selbst nicht zu
leisten vermagst? Gib alle Gedanken an sie fr Gegenwart und Zukunft auf, und
danke dem lieben Gott, da er dich zur rechten Zeit durch die Erkenntnis ihres
schiefen Nschens von groer Torheit und Elend abgehalten hat. Dabei blieb es.
Whrend drei Sonntagen benutzte ich meine Mue, um an's Festland zu fahren und
die Ufer der Brenta zu betrachten, die mir ganz sumpfig und unidyllisch
vorkamen. Und als ich am vierten Sonntag wieder bei meiner guten Hauswirtin
erschien, stellte sie mir ihren Sohn und Zanetta als glckliches Brautpaar vor,
und ich stattete mit aufrichtiger Herzlichkeit meine Gratulation ab. Spter,
wenn je so etwas wie der Wunsch, durch ein Menschenherz glcklich zu werden,
sich in mir regen wollte, warnte mich meine Erfahrung mit Zanetta. Ich gedachte
der hunderttausend Unvollkommenheiten jedes Geschpfes, und sah somit dessen
Unvermgen ein, mir ein wechselloses Glck zu gewhren. Ein vorbergehendes
schien mir aber nicht der Mhe wert, deshalb mit den schweren Sorgen und
Pflichten des Ehestandes mich zu belasten. So wendete ich mehr und mehr mein
Herz von jeder ausschlielichen Liebe zum Geschpf ab; denn wenn diese nicht mit
einem hohen Grad von Resignation gepaart ist - und das ist sie selten - so wird
sie zur Qual. Hingegen bemhte ich mich, alle Geschpfe, alle ohne Unterschied,
in Gott zu lieben, und dabei wurde mir das Herz leicht und frei, unbeschwert
durch irdischen Ballast. Gengte die Liebe zu einem Menschen mir nicht fr die
Ewigkeit, weshalb sollte ich mir von der Leidenschaft die Tuschung vormalen
lassen, als knne sie mir fr eine Spanne Zeit gengen?
    So besonnen oder so kalt ist aber nicht jeder, wendete Judith ein. Sie
htte auch sagen knnen: So gottliebend.
    Drum be sich jeder beizeiten in der Entsagung, schlage es nicht allzu hoch
an, wenn er es im irdischen Glck nicht sehr weit bringt, und hte sich ganz
besonders, auf Kosten anderer glcklich sein zu wollen, wie der rcksichtslose
Egoismus es zu treiben pflegt.
    Sie geben mir sehr gute Lebensregeln, Herr Ernest und ich knnte, abgesehen
von der Malerkunst, vieles von Ihnen lernen; aber .... -
    Aber Sie werden nichts lernen, Frulein Judith, gar nichts, auch nicht
malen, so lange Sie immer aber sagen. Denn nur der kindliche Sinn lernt etwas,
nimmt willig an und auf; drum macht der Glaube - der Kindersinn in hchster
Sphre des Lernens - so ungemein, so berraschend klug. Darum verknchert nichts
so sehr das Auffassungsvermgen, als der Geist des Widerspruchs, die Negation.
Es ist die Krankheit der Zeit, mit einem aber alles in Frage zu stellen. Darum
begreift und versteht sie denn auch nichts - als Rechenexempel.
    Aber, fuhr Judith fort und sah ihn mit ihren tieftraurigen Augen ruhig an,
ich habe nicht Ihre inneren Beweggrnde, und deshalb kann ich nicht einsehen,
urteilen und handeln wie Sie. Alles, was Sie sagen, kommt mir sehr schn, sehr
edel, auch sehr anziehend vor; gerade wie die Sibylla persica. Doch wie diese
nur ein Bild, nur eine bemalte Leinwand ist, die mich in ich wei nichtwas fr
angenehme Trumereien versetzt, aber nicht mein Leben lenkt und regiert; so geht
es mir auch mit Ihren Worten.
    Ein feuchter Schimmer, wie von einer zerdrckten Trne, glitt ber Ernest's
Auge, als er entgegnete:
    Ich bin ein Schwachkopf, der das immer wieder vergit! also verzeihen Sie
mir, Frulein Judith. Ach, wenn man berall das Wirken und Walten der Erlsung
wahrnimmt, wie es in tausend unsichtbaren Kanlen die Staubeswelt durchrinnt und
beseelt: so will einem gar nicht einleuchten, da bei so vielen, vielen Menschen
der Blick des Geistes noch nicht aufgegangen ist fr dies Wunderwerk, whrend
doch ihre lechzende Seele dahin getrieben werden mte, um einen Trunk zu tun
aus jenen Wassern, welche nicht von den dumpfen Zisternen der Menschenweisheit
ummauert sind.
    Die Quellen der Tiefe, hab' ich mir sagen lassen, entdeckte die
Wnschelrute, erwiderte Judith. Knnen Sie mir eine solche verschaffen fr
Ihre unter- und berirdischen Bronnen?
    Sehr leicht! Berhren Sie Ihr Herz und die Welt mit dem Kreuz, so brechen
vor Ihren Augen die gefesselten Bronnen der Tiefe auf und aus dem Abgrund des
liebedurchwundeten Gottesherzens rauscht Ihnen die Flut der Gnaden entgegen, die
jeden Durst stillt, und von jedem Fleck reinigt, und jeden Blick klar wscht,
und jedes Schifflein an die immerblhende Kste des ewigen Lebens trgt.
    Des ewigen Lebens! wiederholte Judith sinnend. Welch eine unbegreifliche
Vollkommenheit setzt das voraus, da unser armseliges Leben bergehen knne zum
ewigen Leben.
    Madame Miranes unterbrach das ernste Gesprch zum groen Leidwesen ihrer
Tochter. Sie hatte allerlei Plne an Ernest mitzuteilen fr ein Fest, das sie
geben wollte. Ein gewhnlicher Ball gengte ihr nicht, auch nicht einmal ein
Ball en costume; der konnte nebenher gehen. Es sollte so recht ein Fest aus
Tausend und eine Nacht sein und alle brigen Karnevalsfeste weit berstrahlen;
hchst glnzend, aber auch knstlerisch und poetisch sollte es sein.
    Und dabei soll ich helfen? fragte Ernest verblfft.
    Gerade Sie! Wenn kein Maler die lebenden Bilder stellt, so geraten sie
nicht.
    Gott! seufzte Ernest, aus Salonfiguren soll ich ein Kunstwerk
zusammenstellen! Das geht ber menschliche Krfte.
    Nicht doch! sagte Madame Miranes; wir haben in der Gesellschaft einige
sehr schne Personen, die sich vortrefflich zu einer heil. Ccilia, heil.
Isabelle .... -
    Halt! halt! rief Ernest; so hoch wollen wir uns nicht versteigen! Rafael
und Murillo wollen wir aus dem Spiel lassen, wenn's Ihnen gefllig ist; denn da
gengt nicht eine oder die andere schne Person, da mssen alle Einzelheiten, ja
jede Fingerspitze perfekt sein, sonst wird das Ganze eine Karrikatur. Wir wollen
uns an Genregemlde halten, rokoko Schferinnen, verzauberte Prinzessinnen,
italienische Buerinnen, Goldschmidts Tchterlein, Ezzelin im Kerker und
dergleichen mehr.
    O herrlich! rief Madame Miranes. Ja! Ezzelin im Kerker mit den beiden
Mnchen, dem alten und dem jungen; das wird ein sperbes Bild geben, sobald die
Beleuchtung desselben richtig getroffen wird. Meinen Sie nicht, da wir auch in
englischen Keepsakes nachschlagen sollten, Herr Ernest? ich glaube, da wrden
wir manch ansprechendes Bild finden.
    Ja, sagte er humoristisch ernsthaft, auf der Hhe des Keepsake-Styls
werden wir uns wohl befinden.
    Judith nahm ein Buch zur Hand und sagte, indem sie es durchbltterte: Dies
sind illustrierte Gedichte des Thomas Moore, und da wrde mir das Paradies und
die Peri recht gut gefallen.
    Sie reichte ihm das Buch, und whrend er die Bilder betrachtete, erklrte
Judith ihm das englische Gedicht und sagte:
    Die Peri ist nach der indischen Mythologie oder Poesie ein Lustgeist, dem
eines Tages sein Element nicht gengt. Er mchte gern in's Paradies. Aber davor
hlt der Engel des Lichtes Wache und weist die Peri ab. Als sie um Einla bittet
und fleht, sagt er ihr endlich, es gbe eine Gabe, die kstlichste der Erde, vor
welcher sich die Pforte des Paradieses erschliee: die mge sie suchen und
bringen. Die Peri fliegt froh zur Erde herab und schaut sich um nach der
kstlichen Gabe. Sie schwebt ber einem Schlachtfeld. Ein junger Held hat die
Schlacht gewonnen und durch sie sein Vaterland befreit; aber er liegt da und
stirbt an seinen Wunden. Die Peri fngt den letzten Blutstropfen aus seinem
Heldenherzen auf und kehrt damit triumphierend zur Pforte des Paradieses zurck.
Doch der Engel weist sie ab und heit sie eine hhere Gabe bringen. Die Peri
findet nun auf der Erde die Heimsuchung durch die Pest, und sieht ein junges
Mdchen, das dem geliebten Jngling ihr Leben zum Opfer bringt, indem sie ihn
pflegt in der grlichen Krankheit. Er findet Genesung und sie den Tod. Den
letzten Atemzug dieses treuen Herzens fngt die Peri auf und bietet ihn dar dem
Engel des Lichtes. Allein er ffnet ihr nicht das himmlische Tor, sondern
begehrt eine hhere Gabe. Und zum dritten Mal schwebt die Peri zur Erde herab
und schaut sinnend umher nach einem himmlischen Kleinod. Siehe, da gewahrt sie
in einem Blumengarten ein frhliches Kind, das pltzlich, als die Abendglocken
luten, seine Spiele unterbricht, auf die Knie fllt und andchtig betet. Unfern
steht ein Mann, in Snden ergraut, von Leidenschaften zerrissen. Sein finsterer
Blick fllt auf das betende Kind. Alle Erinnerungen an seine eigene unschuldige
Kindheit erwachen in ihm und bestrmen ihn mit einem so heftigen Schmerz um
seinen verlorenen Seelenfrieden, da eine bittere Trne sein sonst so kaltes und
hartes Auge fllt. Die Peri aber nimmt die Trne des reuigen Snders von seiner
Wimper und bringt sie dem Engel des Lichtes. Da ffnen sich die strahlenden Tore
des Paradieses der Peri! eine Reuetrne ist die kstlichste Gabe der Erde,
welcher der Himmel nicht widerstehen kann. - Ist das nicht ein liebliches
Gedicht, Herr Ernest?
    Er hatte inzwischen mit Wohlgefallen die Bilder betrachtet und antwortete
nun auf Judiths Frage:
    Eigentlich htte die Peri diese Trne nicht blo bringen, wohl aber auch
selbst weinen mssen, um in den Himmel zu gelangen! Indessen, bei so einer Elfe
oder Fee wollen wir's nicht allzu genau nehmen und die Bilder knnen sehr schn
werden. Sie, Frulein Judith, werden die Peri darzustellen haben, und Grfin
Regina Windeck - den Engel des Lichtes. Alles brige findet sich.
    Madame Miranes frohlockte ber seine Willfhrigkeit und ber die Aussicht
auf so ganz ausgesucht schne Tableaux.
    Wir wollen auf der Stelle unsere Einladungen an die mitwirkenden Damen
machen, sagte sie zu ihrer Tochter. Die Herren kann man zu einem Diner
einladen und ihnen dabei den Antrag stellen; dann nehmen sie ihn um so leichter
an.
    Mssen die armen Teufel mit indianischen Vogelnestern gekirrt werden?
fragte Ernest lachend. Ich verdenk' es ihnen nicht! All' diese Mummereien sind
eigentlich nur die Sache der Damen, deren Wonne es nun einmal ist, sich in
Flitterwerk zu begraben und sich angaffen zu lassen.
    Madame Miranes drohte ihm mit huldvollem Scherz, und er setzte hinzu:
    Sorgen Sie nur dafr, da die Grfin Regina willfhrig sei! Sie - und nur
sie - ist wie geschaffen fr den Engel des Lichtes, und ohne ihre Mitwirkung
mten gerade diese Bilder wegfallen.
    Diese originellen, poetischen Bilder wegfallen? das wre entsetzlich, Herr
Ernest, das darf nicht sein! rief Madame Miranes in einem Tone, als handele es
sich um die Wohlfahrt ihres Hauses. Judith, nimm Hut und Mantel, wir wollen
sogleich zu ihr fahren.
    Wenden Sie sich an den Vater, wenn ich raten darf, sagte Ernest; dann ist
die Sache gleich abgemacht.
    Gut, gut! der Engel des Lichtes soll uns nicht fehlen. -
    Regina war nicht angenehm berrascht, als der Graf ihr beim Mittagessen
sagte, er habe die Aufforderung der Madame Miranes, zu ihrem Zauberfest als
Engel des Lichtes in einigen Tableaux mitzuwirken, in Regina's Namen angenommen.
Was die Toilette dieses Himmelsbrgers betrfe, so wrde Ernest ihr die ntigen
Anweisungen geben, der berhaupt das Ganze dirigiere.
    Regina - ein Engel des Lichtes! das ist aber schn! rief Corona mit
leuchtenden Augen; das freut mich!
    Mich auch! sagte Uriel.
    O, an Dich kommt auch die Reihe, Uriel! sagte der Graf. Du bist
auserkoren, um einen Mnch darzustellen, der den Tyrannen Ezzelin da Romano in
der Gefangenschaft zur Bue bekehren soll, was ich aber nur unter der Hand Dir
sage. Madame Miranes wird es offiziell bei einem demnchst stattfindenden Diner
tun.
    Uriel ein Mnch! das gefllt mir! rief Regina.
    Mir gar nicht, sagte Corona. Uriel in einer dunkeln Kutte, hu!
abschreckend! mich brchte kein Mensch in solchen Habit, auch nur zum Spa
hinein.
    Das ist ein sehr guter Geschmack fr die Wirklichkeit, sagte der Graf,
aber als Karnevalsspiel kann man auch einmal die Kutte anlegen. -
    Es war nicht zu ndern, Regina mute ihre Rolle in den lebenden Bildern
bernehmen, die Proben mitmachen, ihren Engelsanzug nach Ernests Anweisung
anfertigen lassen. Ich wundere mich nicht so sehr, schrieb sie einmal ihrem
geliebten Onkel Levin, dem sie zuweilen ihr Herz erffnete, da man sich einen
Abend bei dem oder dem Fest unterhlt. Aber da man sich zu einem solchen
wochenlang vorbereitet, sich besinnt, berlegt, bespricht, beratschlagt, in eine
Wichtigkeitskrmerei ohne gleichen versinkt und einen Eifer an den Tag legt, als
gelte es ein Menschenleben zu retten: darber kann ich gar nicht aufhren mich
zu wundern, denn nach drei Tagen fllt irgend etwas anderes vor, und kein Mensch
spricht mehr eine Sylbe von einem Fest, das mit solcher Verschwendung von Zeit,
Mhe und Geld vorbereitet worden ist. - Ein anderes Mal hatte sie ihm
geschrieben:
    Lieber Onkel, gestern hatte ich einen frohen Abend! und wo? mitten in einer
glnzenden Soiree! wirst Du es glauben? Ja, es wurde musiziert und zum Teil sehr
gut. Dann verstummt all' das oberflchliche Geschwtz, was mich immer sehr
bengstigt, weil man ja dereinst Rechenschaft vor Gott ber jedes unntze Wort
wird ablegen mssen, und die Salongesprche sind wirklich sehr berflssig.
Tante Isabelle sagt, die Hflichkeit sei auch eine Tugend, sei eine Art von
Nchstenliebe, und man sprche ja aus Hflichkeit. Aber es drngt sich mir
leider die Bemerkung auf, da in den Salongesprchen nichts so wenig zum
Vorschein kommt, als die Nchstenliebe. Darum bin ich immer sehr froh, wenn
Musik gemacht wird. Auch macht sie mir die Seele so gewi einsam frei, und meine
Gedanken gehen ihre Wege, gehen fort aus dieser bunten unruhigen Gesellschaft -
zum stillen Karmel. Das ist nun einmal der Naturzug meines Herzens, wie das
Schwlbchen im Herbst nach Sden fliegt. Gestern Abend nun sang ein junges
Mdchen mit einer wunderbar schnen, groartigen Stimme und entzckte die ganze
Gesellschaft. Ich hrte sagen, es sei eine ganz seltene Stimme, den berhmtesten
Sngerinnen der Gegenwart berlegen, und das junge Mdchen sei eine zweite
Pasta, deren Namen, Judith, sie auch trage. Sie sang nur Opernarien, etwas
anderes kennt die Welt ja nicht! aber durch den Klang, die Flle und den
Ausdruck ihrer Stimme trat etwas eigentmlich Ergreifendes in die profane Musik
hinein, etwas tief Tragisches; wenigstens kam es mir so vor, weil ich dies
junge, schne Mdchen so sehr bedauere: sie ist nmlich Jdin. Ich mute immer
denken, wie das klingen wrde, wen sie Ave verum snge oder O salutaris und ihre
unvergleichliche Stimme zu Lobliedern der ewigen Liebe anwendete, von der sie
nichts wei. Ich war schon frher mehrmals aufgefordert worden zu singen, hatte
es aber immer abgelehnt und mir schon Vorwrfe von dem guten Vater deshalb
zugezogen. Es ist mir unheimlich, vor den vielen Leuten mich hinzustellen und
ihre Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. berdas ist mein Singsang wirklich zu
unbedeutend fr eine elegante Soiree. Als man mich gestern wieder bat, doch auch
einmal mich hren zu lassen, dacht' ich, nun sei gerade der gnstige Moment
gekommen, um den Leuten zu zeigen, da ich nichts kann, denn mein Gesang verhlt
sich zu dem der schnen Judith, wie das Trillern des Finken zum Schlag der
Nachtigall. Und was ich zu singen htte, das wut' ich auch gleich und das war
auch nicht auf den Salonton gestimmt. Die Welt singt von ihrer Liebe, ihren
Freuden, ihrem Glck; - nun wohlan! Ich werde von dem meinen singen! Und weit
Du, lieber Onkel, was ich sang? - Das Wiegenlied der Mutter Gottes von Lope de
Vega. Ich frohlockte es ordentlich aus der Brust heraus, dermaen erfrischte
sich mein Herz an dem Gedanken, da so ein wenig Himmelsluft in die schwlen
irdischen Dnste hineinwehe:

Heilige Engel,
Die ihr dort flieget
Ueber den Palmen,
Snftigt den Wind!
Kommet und wieget
Das gttliche Kind.

    Ich sang aber spanisch, lieber Onkel. Das verstand kein Mensch, und dadurch
fhlte ich mich recht geschtzt in meinem Liebesgesprch. Man wollte wissen, was
ich gesungen habe. Ich sagte, es sei ein Lied von Lope de Vega, und ich vermute,
da man sich verpflichtet fhlte, um dieses berhmten Dichters willen meinen
Gesang zu loben. Ach, lieber Onkel! Alles wird gelobt, nur nicht derjenige, der
allein alles Lobes wrdig ist. Gott wird verschmht, ist Null, und was Null ist,
wird verherrlicht. O ewige Liebe, man liebt dich nicht. - -
    In der Gesellschaft fing man an, Regina ganz ungemein zu bewundern. Mit
ihrer Herzensfrische, ihrem lebhaften Verstande, ihrer anspruchslosen
Einfachheit, ihrer Seelengrazie machte sie zwischen den bis zur Dressur
wohlerzogenen jungen Damen den Eindruck, als trete sie aus irgend einem
paradiesischen Urwald in die Welt hinein. Die kleinen niedrigen Triebfedern,
welche diese beherrschen: Eitelkeit, Gefallsucht, Selbstbespiegelung, berhrten
sie gar nicht, denn sie wollte keinem Menschen gefallen. Aber sie hielt sich
deshalb nicht fr besser, sondern nur fr glcklicher. Sie hatte ihr Herz in
Sicherheit gebracht bei der ewigen Liebe: gab es ein greres Glck? Der heitere
Friede, der aus diesem reinen, stillen, sicheren Glcksbewutsein hervorging,
und der sich durch die liebenswrdigste Freundlichkeit gegen alle Menschen
aussprach, machte sie zu einer uerst wohltuenden Erscheinung in einer Sphre,
wo so viel Zerrissenheit und Verwirrung durch traurige Leidenschaften zu Hause
ist. Obwohl niemand weniger als sie mit den Ansichten, Beweggrnden und Urteilen
der Welt sympathisierte: so wute sie diesen Mangel an Sympathie doch so
lieblich zu umschleiern, da man sich fast zur bereinstimmung mit ihr gedrngt
fhlte. In jener musikalischen Soiree hatte Judith durch ihren prachtvollen
Gesang, namentlich der berhmten Gnadenarie aus Robert dem Teufel, die
Gesellschaft in eine Art von gewitterhafter Aufregung versetzt. Niemand wollte
nach ihr einen Akkord anschlagen, einen Ton singen. Jeder fhlte, da er Fiasko
machen msse, und zog sich deshalb zurck. Fr Regina war das ein Grund zu
singen. Ihre Herzenslust und ihre innerste Meinung verschleierte sie hinter der
spanischen Sprache und sang so s und liebreizend, da es nicht anders war, als
ob die blitzdurchzuckten Wetterwolken, die Judith heraufbeschworen hatte, von
leuchtenden Sternen berraschend durchbrochen wrden. Nicht Lope de Vega wurde
am Schlu bewundert, sondern Regina. Das glaubte sie aber nicht. Der Graf sonnte
sich in den Huldigungen, die seiner Tochter dargebracht wurden, und freute sich
seiner luminsen Idee, sie so frh in die Welt eingefhrt zu haben. Die Reize
des wirklichen Lebens wrden ganz allmlig ihre Trume aus dem Sattel heben,
hoffte er zuversichtlich. Uriel hoffte auch, aber auf seine Liebe, nicht auf die
Welt.
    Die lange und viel besprochenen, probierten und studierten lebenden Bilder
kamen endlich zu Stande. Ernest beklagte aber hundert Mal, seine Hand in dies
Wespennest gesteckt zu haben, wie er sich ausdrckte. Gegen die Aufgabe, aus so
rebellischen Elementen von hlzernen Mnner- und gezierten Frauengestalten ein
Bild zusammenzustellen, sei es ein Kinderspiel, ein wandgroes Gemlde zu
skizzieren. berdas wollten sich die Damen nach dem Modejournal kleiden, nicht
nach seiner Angabe; und jede war berzeugt, da er ihr gerade die Stellung und
den Ausdruck angewiesen habe, welche ihr am wenigsten vorteilhaft wren. Die
eine konnte nicht ihren schnen Fu prsentieren; bei der anderen wurde gerade
ihr schner Arm beschattet, und bei der dritten keine Rcksicht auf ihr schnes
Haar genommen, womit sie doch ganz gewi die heil. Genoveva von Brabant htte
darstellen knnen! Ferner wollte eine jede, da gerade ihr Tableau das letzte
sei, den letzten Eindruck mache, durch kein nachfolgendes verdunkelt werde.
Endlich sagte Ernest:
    Meine gndigen Damen, wie kunstvoll Sie sich smtlich in Ihren respektiven
Tableaux gruppieren, und ob Sie auf einen Fu oder auf keinen sich stellen
werden, das, sehe ich ein, mu ich Ihrer bessern Einsicht berlassen. Da es mir
aber mit dem besten Willen unmglich ist, jedes Tableau zum letzten zu machen:
so beanspruche ich die Reihenfolge derselben so fest zu halten, wie ich sie von
Anfang an bestimmt habe: das Paradies und die Peri werden den Schlu machen,
weil jenseits des Paradieses Irdisches keinen Effekt mehr machen kann.
    Keinen Effekt mehr machen kann! - Dieser Ausspruch wirkte Wunder bei den
Damen. Nunmehr wollte keine mit ihrem Tableau auf das Paradies und die Peri
folgen. Judith und Regina waren die einzigen, die sich durchaus fgsam gegen
Ernest bewiesen, und sich genau so kleideten, so stellten, so blickten, wie er
es ihnen angab. Judith dachte, es sei ja genug der Herablassung, da sie sich
bewundern lasse, und das knne ihr ja gar nicht fehlen, mge sie nun so oder
anders stehen. Regina - gehorchte. Aber die Sache hatte einen geheimnisvollen
Reiz fr sie. Ernest hatte ihr gesagt:
    Gndige Grfin, wenn Sie da stehen werden als Engel des Lichtes,
vorgreifend jenem seligen Augenblick, der Sie einst in's himmlische Jerusalem
und unter die Reihen der Auserwhlten, durch Gottes Gnade, ruft, so ziehen Sie
ihre Seele ein wenig zurck von der buntgefrbten Aschenwelt, die Sie umgibt,
und beten Sie fr die arme Peri Judith, da diese Tochter der Nacht und der
Finsternis, wie der Apostel Paulus so schn sagt, in ein Kind des Lichtes und
des Tages umgewandelt werde. So kann der himmlische Sinn den ganzen Plunder von
Welt heiligen und nebenbei wird das Ihnen den wahrsten und richtigsten Ausdruck
geben. Diese innere Sammlung wrde ich freilich keiner anderen Dame hier
zumuten; da Sie aber derselben fhig sind, so haben Sie die Gte, sie in
Anwendung zu bringen.
    Regina war so vertraut mit dem Bestreben, sich stets innerlich gesammelt zu
haben, da ihr Ernests Zumutung gar nicht seltsam oder bertrieben erschien.
Auch wute sie, da ein wahrhaft apostolischer Eifer, um Seelen fr die
Erkenntnis der ewigen Wahrheit zu gewinnen, ein Grundzug bei den geistlichen
Tchtern der heiligen Therese, und die Gebetsinbrunst fr diesen Zweck unter
allen Umstnden und in allen Verhltnissen eine Hauptaufgabe der Karmelitesse
sei. Da dieser Auftrag eine wundersame Huldigung fr sie enthalte, bemerkte sie
gar nicht. Demtig und dankbar antwortet sie:
    Wie sind Sie gtig, Herr Ernest, mich an etwas zu erinnern, was man so
leicht in dem betubenden Getmmel aus den Augen verliert. Nun kommt doch ein
vernnftiger Sinn in den charmanten Unsinn!
    Die Tableaux kamen zur Darstellung unter ungeheurem Beifall. Einige waren
sehr malerisch, andere sehr elegant, alle im schnsten Lichteffekt und umwogt
von passender Musik- und Gesangsbegleitung. Aber alle erbleichten vor den beiden
letzten, in denen niemand figurierte, als Judith und Regina, die jede in ihrer
Art und fr ihre Rolle von idealischer Schnheit waren. Die Peri trug ein
lichtblaues, silberdurchwirktes Florgewand, Schmetterlingsflgel von Silberflor
mit Pfauenfederaugen, und ber der Stirn, wo die dunkeln Wellen ihres Haares
sich scheitelten, einen Stern von Saphieren, deren bluliches Licht mit dem
Schimmer von Schwermut harmonierte, der immer auf ihrem schnen Antlitz lag und
der so passend fr ein Wesen war, dem das Paradies verschlossen blieb. Der Engel
des Lichtes trug ein weies Gewand, mit Saum und Grtel von Goldstickerei,
groe, blendend weie Flgel, in der Rechten einen Palmzweig und um die Flle
der blonden Locken einen feinen Goldreif, den ber der Stirn ein kleines Kreuz
von strahlenden Brillanten zusammenhielt. So stand eine jede unter ihrer eigenen
Signatur, unter dem Schnsten, was die natrliche und bernatrliche Welt
aufzuweisen hat: unter dem Stern und unter dem Kreuz. Im ersten Bilde lag die
Peri flehend vor dem Engel auf den Knien, der verneinend ihr entgegentritt. Im
zweiten nahte sie sich hoffnungsfreudig, und der Engel reicht ihr den Palmzweig
dar. Judith, die fr alle Knste Talent hatte, besa ein groes fr die Mimik
und verstand es meisterhaft, sowohl ihren Zgen, als ihrer ganzen Gestalt und
Haltung zuerst den Ausdruck von flehender Bitte und dann von triumphierender
Freude zu geben. Regina mochte wohl keine Spur von mimischem Talent haben;
allein sie nahm sich Ernest's Auftrag so zu Herzen, da sich ganz natrlich eine
milde Trauer um die arme Judith und eine se Wonne bei dem Gedanken an deren
Rettung in den klaren Frieden ihres schnen Angesichts mischte.
    Ganz wie ein Engel, flsterte halblaut Ernest vor sich hin, der sich unter
die Zuschauer begeben hatte. Wie ein Engel, der die Schwingen zum Fluge in die
himmlische Heimat ausbreiten wird!
    Es war finster im Saal, wie es eben sein mu, damit die richtige Beleuchtung
der Bilder nicht gestrt werde. Ernest wute nicht, wer ihm ins Ohr sagte:
    O schweigen Sie von Prophezeiungen des Todes.
    Ernest sah sich um, erkannte in dem Sprechenden Uriel, der sein Mnchsgewand
wie eine Raupenhlle abgestreift hatte, und antwortete ihm:
    Sie wissen ja gar nicht, von wem ich spreche.
    Nicht? fragte Uriel; knnte man wirklich in Zweifel darber sein, wen Sie
meinen?
    Nun, Herr Graf, wenn Sie auch die eine Meinung richtig getroffen haben, so
irren Sie doch in der anderen. Ich dachte nicht an Todesprophezeiungen, sondern
drckte mich nur figrlich aus, um das Schwunghafte in diesem Engel des Lichtes
zu bezeichnen. Ist denn die Grfin Regina krnklich? frchtet man fr ihre
Gesundheit?
    Nein, gar nicht! Aber ich wei nicht, wie es kommt, diese Bilder machen
mich traurig, und es ist mir, als ob ich meine Cousine im Himmel she.
    Anticipando - ist das ganz richtig, Herr Graf und ich wnschte sehr, da
Sie diese Second sight auch von der Peri htten.
    Die Peri, sagte der vielbelesene junge Mann, der auf der anderen Seite
neben Ernest stand, die Peri ist und bleibt eine Oreade.
    Ernest tat ihm den Gefallen, gutmtig zu fragen:
    Warum denn gerade eine Oreade? knnt' es nicht auch eine Dryade sein, oder
eine Najade? die ich freilich lieber Nixe nenne.
    Keineswegs! sagte der Belesene. Die Oreade mu es eben sein; denn die
Oreade ist ein Geist, der in Felsen wohnt, und der dadurch so gewi versteinert
und unnahbar ist, wie diese Peri, d.h. wie ihre Darstellerin.
    Ernest dachte in seinem Sinn, es sei der Peri kaum zu verargen, wenn sie
diesem Belesenen gegenber ihren Oreadencharakter recht entschieden
hervorgekehrt habe. Er fragte weiter:
    Nun, und der Engel des Lichtes? was haben Sie von dem zu bemerken?
    Wie es in dem indischen Gedicht Nal und Damajanti heit: Sie ist an
Schnheit und Huldgeberden - Wie eine Wundersage auf Erden - war die Antwort.
    Ei! rief Ernest, was Sie nicht alles wissen! Von der griechischen
Mythologie bring' ich wohl allenfalls ein Stckchen zusammen wegen der
allegorischen Manier der bildenden Knste, welche im Zeitalter der Renaissance
und ihres Auswuchses, des Rokoko, in ganz Europa florierte, und von der
unsereiner Notiz zu nehmen hat. Aber indische Poesie - nein! so hoch hab' ich
mich nie verstiegen! und was Sie fr ein ausgezeichnetes Gedchtnis haben! das
ist auch beneidenswert.
    Mein Gott, flsterte Uriel Ernest zu, er bringt uns ja alle vor
Langeweile um mit seinen Zitaten, und Sie bestrken ihn darin!
    Ach, sagte Ernest, solch harmlose Leute sind gar nicht bel und etwas
sanftmtige Langeweile bei indischen und sonstigen Zitaten ist meiner Seele viel
heilsamer, als die Unterhaltung durch pikante Bosheiten. -
    Der Vorhang rauschte zum letztenmale nieder, die Kronleuchter wurden wieder
angezndet, die Darstellungen waren zu Ende, der Ball begann. Die meisten Damen,
die in den Bildern figuriert hatten, blieben in ihrem Kostme. Regina hatte es
aber fr sich hchst unpassend gefunden und ihr Kammermdchen mit einem
Ballanzug nach Judiths Zimmer beordert. Als sie dies Zimmer betrat, fiel ihr
Blick auf die Uhr; es war Mitternacht.
    Genug der Mummerei! sagte sie zu dem Mdchen, das erwartungsvoll zwischen
Flor, Blumen und Bndern dastand. Ich kann unmglich in tiefer Nacht ein
Maskenkleid ablegen, um ein anderes anzuziehen. Packen Sie den Kram zusammen,
Brigitte, whrend ich meinem Vater in zwei Zeilen schreibe, da ich nach Hause
fahre.
    Als ein Diener dem Grafen dies Zettelchen berreichte, stieg Regina mit
Brigitte in einen Fiaker und fuhr von dannen. Der Graf war gar nicht darber
erzrnt, suchte die Baronin Isabella auf und folgte mit ihr seiner Tochter. Im
Wagen sagte er zu seiner Schwgerin:
    Es war ein recht unheimlicher Abend! Haben Sie nichts gehrt?
    Doch! schlimme Gerchte von einer Revolution in Paris.
    Wobei das allerschlimmste, da die Gerchte wahr sind! Die Revolution ist
ausgebrochen, Louis Philipp hat seinen Bndel schnren mssen, und wir wollen
dasselbe tun und unverzglich nach Windeck zurckkehren. Die Herren von der
Diplomatie und von der Bank hatten die grte Mhe, ihre bedenklich verlngerten
Gesichter in den stereotypen, nichtssagenden Falten zu erhalten. Besonders der
Festgeber selbst, von dem man behauptet, auch er werde sein Bndelchen schnren
mssen.
    Welche Kalamitten verhngt doch dies bestndig revolutionierende
Frankreich ber die Welt, und whnt sich im Fortschritt begriffen, whrend es
dem Abgrunde zutaumelt und andere mit hinabreit! seufzte die Baronin.

                                   Revolution


Die Nachrichten waren ganz richtig, und die revolutionre Mine, welche am 24.
Februar 1848 in Paris Explosion machte, setzte nach und nach alle Minen voll
lange angesammeltem Zndstoff in ganz Europa in Feuer. Wie weit die Flamme um
sich greifen werde, wute niemand, und noch viel weniger, wie sie zu lschen
sei. Die gesunde Vernunft lie sich in einer Weise teils berrumpeln, teils
hinter das Licht fhren, teils terrorisieren, die vielleicht ohne Beispiel in
der Weltgeschichte ist. Der Geist, der die Geschicke der Menschheit regiert,
lie das zu, um warnend zu zeigen, wohin die Worte Fortschritt und Freiheit
fhren, wenn man sie ihres wahren Sinnes, ihres Zusammenhanges mit dem
Christentum beraubt und die edelsten und heiligsten Aspirationen des
Menschenherzens, zu denen die Sehnsucht nach Freiheit und das Streben nach
Fortschritt gehren, durch materialistische Auffassung und egoistische Deutung
verflscht und mibraucht. Die wahre Freiheit und der wahre Fortschritt des
Menschen fhren ihn zu seiner Heiligung, und da es seine Bestimmung ist,
hienieden an seiner Heiligung zu arbeiten, und da zwischen seiner Bestimmung und
seiner Sehnsucht ein geheimer Zusammenhang besteht, so gibt es wohl wenig
Herzen, die bei den Worten: Fortschritt, Freiheit kalt und gleichgiltig blieben.
Aber, wenn nur auf irdischem Gebiet und mit irdischen Krften und Mitteln jener
sich schrankenlos fortbewegen, diese sich unbegrenzt entfalten soll; wenn der
Begriff der Freiheit zur willkrlichen Ungebundenheit herabsinkt und der des
Fortschrittes ausartet in ein tolles Rennen fr materielle Zwecke ohne
bernatrliches Ziel; wenn diese beiden Triebe des Menschen, die dazu bestimmt
sind, ihn zu adeln, indem er sie der Leitung der ewigen Wahrheit und dem Dienste
eines hheren Willens unterwirft, statt dessen von blinder Leidenschaft
irregefhrt, in das Netz der Lge ihn verwickeln: dann gibt es wenig Waffen,
welche dem Geist der Finsternis willkommener wre, um mit ihnen seinen uralten
Krieg gegen das Licht fortzusetzen, als die falsche Freiheit und der falsche
Fortschritt, d.h. Willkr und Zgellosigkeit auf religisem, sittlichem und
politischem Gebiet. Dadurch wird die Welt in Barbarei gestrzt, in Nichtachtung
fremden Rechtes und eigener Pflicht, in einen Individualismus, der das Gegenteil
von aller Civilisation ist, weil er jeden einzelnen in einen Ismal verwandelt,
dessen Hand gegen alle und aller Hand gegen ihn sich erhebt.
    Civilisation ist die Bildung der Menschheit nach christlichen Prinzipien.
Das Christentum allein ist bildend, weil sein Lebenskern das Opfer ist, weil
allein es opferwillig macht und die Achtung fremden Rechtes, die Erfllung
eigener Pflicht und die heilige Notwendigkeit lehrt, den Individualismus zu
beschrnken, um die Einheit herbeizufhren, die einst wilde Horden samt ihren
Huptlingen, und Sklavenvlker samt ihren Neronen in christliche Staaten
umgestaltete. Das Christentum allein erfat die Freiheit als eine freiwillige
Unterwerfung von gottentstammter Autoritt, und den Fortschritt als eine
freiwillige Bewegung in die Richtung auf christlich-sittliche Vollkommenheit.
Dieser bernatrliche Gehorsam, verbunden mit dieser bernatrlichen
Strebsamkeit, entwickelt eine solche Kraft des Geistes und einen solchen Adel
der Seele, da eine Menschheit, die von diesen beiden Begriffen durchdrungen und
belebt wre, in die hchsten Bahnen der Civilisation, der harmonischen
Entfaltung und Anwendung aller guten, sittlichen und geistigen Krfte einlenken,
und ihre politischen, brgerlichen und sozialen Institutionen zu einem ihnen
entsprechenden Ausdruck machen wrde. Da nun ein solches Ideal wohl angestrebt,
aber, vermge der Unvollkommenheit, die allem, was Mensch ist, durch die Snde
anklebt - in allen Einzelheiten nicht verwirklicht werden kann: so sucht der
gefallene unruhige Menschengeist den Grund dieser Unvollkommenheit nicht in der
eigenen Schwche und der eigenen Neigung zum Bsen, nicht in seinem Hochmute und
in seiner Sinnlichkeit, welche die edelsten Institutionen entkrftigen und
unwirksam machen, sondern in den bestehenden Institutionen selbst; und da diese
in ihren Grundzgen aus dem Christentum hervorgegangen sind und der gefallene
Menschengeist wesentlich antichristlich ist: so ist es ihm bei Abschaffung
verhater Institutionen im letzten Grund um Abschaffung des verhaten
Christentums zu tun, was ohne Revolution, d.h. ohne vlligen Umsturz aller
bestehenden Verhltnisse unmglich ist. Die Worte, die das Christentum so
erhaben deutet und durch sie auf die Bahn des Heiles hinweist und hinzieht,
behlt er bei, der gefallene Menschengeist, ja er macht sie recht zu seinen
Losungsworten, weil die Herzen gewhnt sind, fr sie zu entbrennen; nur aber
verflscht er ihren Begriff dergestalt, da sie frmlich in ihren Gegensatz
umschlagen, da Fortschritt genannt wird, was eine unmige Steigerung der
niederen Fhigkeiten und Ttigkeiten auf Kosten des hheren ist; und Freiheit,
was der Rausch eines Sklaven, der gekettet an subjektive Ansichten und
selbstschtige Leidenschaften ist, und Civilisation, was Versumpfung der Seelen
in die Materie ist.
    Dies alles, sophistisch dargestellt, mit halben Wahrheiten vermischt, mit
verwegener Berufung auf groe Namen geharnischt, deren Trger sich freilich
gegen diesen Mibrauch ihres gewichtigen Zeugnisses empren wrden, wenn sie
noch unter den Sterblichen wandelten; dies alles wird durch Trugschlsse
einleuchtend gemacht, durch Schlagworte scheinbar zu unantastbarer Wahrheit
erhoben, und der Menschengeist, der gleich verdunkelt ist, so wie er aus dem
Licht des Glaubens heraustritt, geht auf die Tuschung ein, die ihm blendend und
schmeichelnd entgegenkommt. Es lebt kein Mensch auf Erden, der nicht irgendwo
Last und Druck, irgendwie Entbehrung und Mangel sprte und in dem sich nicht ein
Etwas regte, um sich davon zu befreien. Aber dies Etwas wird wachgerufen -
entweder durch die Lockung der alten Schlange, die ihm ihr altes Lied vorzischt:
Wie Gtter werdet ihr sein, wenn ihr euch aufbumt gegen Gott; oder durch den
Mund der ewigen Wahrheit, die unablssig zu ihm spricht: Nimm dein Kreuz auf
dich und folge mir nach. Je nachdem der Mensch so viel Selbsterkenntnis hat oder
nicht hat, um den Grund dieser Regungen in sich wahrzunehmen, und so viel
Selbstverleugnung, um seine Last als einen Splitter vom Kreuz zu betrachten oder
nicht - wird er den Weg der Emprung einschlagen, das Kreuz verwerfen und durch
den Umsturz des Gesetzes zur Barbarei und bertnchten Sklaverei gelangen - oder
den Weg der gttlichen Gebote wandeln und die Freiheit finden und geben, von
welcher der Apostel Paulus sagt: Wo der Geist des Herrn, da ist Freiheit. Der
Geist des Herrn aber ist Liebe zum Kreuz in solchem Mae, da dadurch das Kreuz
zum Symbol der hchsten Liebe geworden ist.
    Freilich richtet sich die Revolution ffentlich nicht zuerst gegen das
Kreuz, welches eins und dasselbe mit Christentum ist; denn das wrde vielen
Wohlmeinenden, deren Zustimmung, wenigstens der passiven, die Revolution in
ihrem Beginn sehr ntig hat, die Augen ffnen; sondern sie erhebt ihr
Feldgeschrei gegen Absolutismus und Obskurantismus fr Menschenrechte, oder
Aufklrung, oder Volksvertretung, oder Prefreiheit, oder Grundrechte, oder wie
immer die Parole heit, die aus einem wahren oder eingebildeten Bedrfnis der
Zeit enspringt, dem die Wohlmeinenden gern beistimmen; die aber allmhlig
gesteigert und bertrieben durch die Reibung der Massen, die Erhitzung der
Leidenschaften und die sndige Verblendung der Anfhrer zu etwas Ungeheuerlichem
aufschwillt, das kein Recht und Gesetz ber oder auch nur neben sich dulden
will, so da sich dann, etwas zu spt, die Wohlmeinenden ernchtert und verstrt
die Augen reiben und sagen: Das haben wir nicht gedacht und dahin nicht gewollt!
Lange bevor die Revolution ffentlich, gleichviel mit welchem Schlachtruf und
gegen welche Institutionen auflebt, hat sie aber ihre Emprung gegen das Kreuz
betrieben, und auch da wieder groe, gangbare Worte gebraucht, deren Begriff sie
flschte. Geist, Wissenschaft, Forschung, Humanitt - alles dies, so gewichtig
fr die wahre Bildung der Menschheit, so berechtigt in einer richtigen Anwendung
- mute jener Emprung zur Maske dienen und zur Waffe werden. Der Kalvarienberg
ist der Mittelpunkt und der Schlustein der Weltgeschichte. Welch ein Hindernis
fr diejenigen, welche die Weltgeschichte mit sich beginnen und die Weltordnung
nach ihrem Kopf konstruieren mchten! Um die Freiheit und den Fortschritt auf
ihre Irrbahn zu reien, mssen diese das Kreuz aus den Augen verlieren, mu der
Kalvarienberg so gut wie jeder andere Berg, der im Wege liegt, mit einem Tunnel
durchsprengt werden, damit die Menschheit durch diesen dunkeln Schacht hindurch
irdischen Seligkeiten entgegen rase, deren Horizont nichts abschliet, als die
krankhaft und leidenschaftlich gesteigerte Entwicklung des Individuums, und
deren Schranke nichts ist als der Tod, dem Glaube und Hoffnung fehlen auf das
ewige Leben, weil diese Tradition, die vom Kalvarienberg herabklingt, mit ihm
vom Fortschritt berflgelt ist. Der Abfall der Geister von der ewigen Wahrheit
geht dem Ausbruch einer politischen Revolution, die er herbeifhrt, lange
vorher, und uert sich jedesmal durch die neue Phase eines Lichtes der
Aufklrung, das nicht vom Vater des Lichtes stammt.
    So ging der groe Abfall von der Kirche im sechszehnten Jahrhundert der
englischen Revolution vorher, die Knig Karl I. auf das Schaffot brachte. So war
die materialistische Philosophie der Englnder und die atheistische Literatur
der Franzosen im vorigen Jahrhundert Vorluferin der Revolution von 1789. So
bereitete Deutschlands pantheistische Philosophie, verbunden mit seiner eigenen
und mit Frankreichs Literatur des Kommunismus und Sozialismus, den neuesten
Revolutionen die Wege. Wissenschaftliche und belletristische Werke, Journale,
Gedichte, Flugschriften, Zeitungen, Lehrvortrge, Theater, ffentliche
Vorlesungen: Alles atmete, bewut oder unbewut, den Geist der Emprung gegen
politische, oder soziale, oder kirchliche Zustnde aus. In der Theorie war
lngst die Revolution da. Die geheimen Gesellschaften, gleichviel welchen Namen
sie fhren, sind die Laboratorien, wo das Gift dieser Theorien am grndlichsten
destiliert und am begierigsten eingesogen wird. Alles Geheime hat seinen Reiz,
besonders fr die Unerfahrenen und fr Menschen, deren Leidenschaften in der
gesetzlichen Ordnung nicht den begehrten Spielraum finden. Unerfahren und in
Ghrung der Leidenschaften ist hauptschlich die Jugend. Die Verpflichtungen,
welche die christliche Religion ihr auferlegt, finden diejenigen drckend, die
nicht guten Willens sind, die Leidenschaften zu beherrschen. In den geheimen
Gesellschaften werden sie belehrt, da die christliche Religion ein schmhlicher
Aberglaube und nur erfunden sei, um die groe Mehrzahl zum Besten einer geringen
Minderzahl zu knechten, und es werden die Mittel ersonnen, um die Sache
umzukehren und um ohne Religion die bisher Geknechteten zu befreien und die
bisher Bevorzugten in Sklaverei zu bringen oder zu vertilgen. Das Hauptmittel
besteht immer darin, Thron und Kirche zu strzen und Frsten und Priester aus
der Welt zu schaffen. Das ist das letzte Wort aller geheimen Gesellschaften und
aller Revolutionen.
    Der in tausend Sekten zerfallene Protestantismus mit seinen letzten
erbrmlichen Auslufern, den sogenannten Lichtfreunden, zu denen sich Freunde
desselben Lichtes, abgesetzte und abgefallene Priester der heiligen katholischen
Kirche voll Sympathie neigen, fhren ihre Anhnger, die keine Befriedigung in
der drren de und den ngstlichen Schwankungen der Sektiererei finden, und die
nicht um Rettung vor der Pforte der Gnade flehen, schnurstracks in die finsteren
Abgrnde der geheimen Gesellschaften, bei denen sie das finden, was der Mensch
so sehr bedarf: Gemeinsamkeit, Vereinigung der Krfte; aber zum Faktionsgeist,
diesem blinden und wilden Zerstrer aller Ordnung, aller Gesetzlichkeit, alles
Friedens, aller Freiheit, aller Kultur, der mehr als jeder Mistand die
gedeihliche Entwickelung der Staaten hemmt, indem er eine permanente
Widersetzlichkeit hervorruft und dadurch die Herrschaft gesetzlicher Ordnung
unmglich macht. Die bernatrliche Einheit der Menschheit in Christus, welche
die katholische Kirche vermittelt und darstellt, wird von dem Faktionsgeist mit
blindem Grimm angefallen, wirklich verzerrt und dann wird diese Verzerrung mit
unerhrter Frechheit fr eine wahre Gestalt ausgegeben, die kein vernnftiger
Mensch bezweifeln knne. Dann wird alles begeifert! Der groartige
Associationsgeist, der dem triebkrftigen Boden des Christentums entwchst,
durch die Kirche geheiligt wird und whrend anderthalb Jahrtausenden Wunder der
Sittigung, der Bildung, der harmonischen Entfaltung aller Krfte, der
selbststndigen Bewegung auf allen Gebieten des Lebens geleistet hat und immer
und berall leistet, wo man ihm Spielraum gnnt - wird entweder als bser
Mibrauch gehssig gemacht, oder mit verchtlichem Achselzucken kurzweg
abgefertigt als: finsteres Mittelalter! oder man drckt seinen Formen irgend ein
beliebiges Brandmal auf. Das Ordenswesen befrdert den Miggang, so wird
behauptet; die Bruderschaften verbindet der Aberglaube; das Zunftwesen raubt die
persnliche Freiheit: folglich sind es hassenswerte Institutionen, was zur
Genge dadurch bezeugt wird, da sie in der christlichen Kirche wurzeln, welche
die Anstifterin alles Unheils auf Erden ist.
    Bewiesen werden solche Behauptungen gar nicht: sie werden nur so lange und
so laut wiederholt, da sie in jedes Ohr drhnen. Laster und Mibruche gab es
freilich zu allen Zeiten; Missetaten wurden in allen Epochen begangen; aber
zwischen den Frevlern in Tagen des Gaubens und des Unglaubens besteht sogar noch
ein ungeheuerer Unterschied zum Vorteil der Ersteren: sie haben nicht selten die
Kraft, ihre Missetaten durch Reue und Bue zu shnen. Auf ihrer Seite stehen die
groen Bekehrungen, whrend sich auf der Seite des Unglaubens das Zeichen der
uersten sittlichen Verkommenheit, der Selbstmord, grlich huft. Da es nun
nichts Christlicheres gibt fr den gefallenen Menschen, als die Bue, und nichts
Unchristlicheres, als die Judastat des Selbstmordes: so wird jene aufs uerste
verhhnt vom Antichristentum, damit sich nur niemand einfallen lasse, auf dieser
Notbrcke sich zu retten, wenn ihm die steigende Flut des bsen Gewissens an's
Herz geht. Dem Selbstmord hingegen, als dem Hhepunkt des Abfalles von Gott, hat
die Apotheose nicht gefehlt. Bis zur letzten Masche wird das Netz ausgewebt,
worin die alte Schlange alle diejenigen zu fangen sucht, denen es lockender
klingt wie Gtter - als Kinder Gottes und Mitbrger der Heiligen zu sein.
    Bei diesem Werk hat sie alle bsen Neigungen und verderblichen
Leidenschaften der ganzen Menschheit zu Bundesgenossen. Darum darf sich Keiner
von der Mitschuld freisprechen, wenn ein solcher Krater zum Ausbruche kommt. Es
gibt Stufen in der Mitschuld; es gibt Sandkrner und Felsblcke im Reiche des
Bsen; aber jeder klopfe an seine Brust und spreche sein mea culpa; denn in
ihrem innersten Wesen sind Revolutionen nie etwas anderes, als sittliche
Erkrankungen der Menschheit in Folge der Snde - und dazu hat jeder in seiner
Weise beigetragen, sei es ein Atom, sei es auch nur negativ, oder durch
Gleichgiltigkeit gegen Wahrheit und Recht, oder durch unbedachtsamen Beifall fr
das blendendgeschmckte Bse, oder durch passives Gewhrenlassen desselben, das
man Toleranz nennt und das doch nur ein Mangel an Entschiedenheit fr das Gute
ist.
    Im heimlichen Bewutsein dieser allgemeinen Mitschuld erbebte die Welt, vom
Thron bis zur Htte, und alle Fundamente, die man schon so lange aus ihren Fugen
zu sprengen suchte, schienen wirklich auseinander zu fallen und einen Schutt-
und Trmmerhaufen nach sich zu ziehen, als die Revolution im Jahre 1848 Europa
in Brand steckte. Der Augenblick der Emanzipation aller von allem schien
gekommen zu sein, denn diejenigen, welche nicht in den Schwindel einstimmten,
wurden als Minoritt betrachtet und fr die, welche ihm entgegentraten, wurde
das Wort Reaktionr erfunden, wodurch sie als Verbrecher gegen das erhabene
Werk der Revolution gestempelt und den Folgen einer blindrasenden Aufregung in
den unteren Volksschichten preisgegeben wurden. Die Revolte ging bis in die
Kinderstuben herab: Schulknaben emprten sich gegen miliebige Lehrer. Die
Frsten aber lieen sich einschchtern durch Studenten, Literaten, Advokaten,
Journalisten und deren Anhang, flohen oder unterwarfen sich - und die Revolution
regierte.
    Niemand sog ihren Rausch mit volleren Zgen ein, als Florentin! Endlich war
die ra angebrochen, nach welcher sein vom Stachel des Ehrgeizes in ein
bestndiges Wundfieber versetztes Herz so brennend verlangte! Endlich sollte
eine groartige Demokratie die Ketten Europa's brechen und die befreite
Menschheit aus den widernatrlichen Zustnden erlsen, unter denen sie
schmachtete! Endlich sollte das Individuum zu seiner wahren Geltung kommen und
die ungeheuere Geistes- und Charaktergre offenbaren, welche die revolutionre
Gesinnung in ihren Anhngern entwickelt! Er schwelgte in diesen Voraussetzungen.
Zu welcher Hhe er selbst sich erschwingen werde - ob zu einem Cajus Gracchus,
ob zu einem Brutus, oder Cromwell, oder Washington, oder Danton - das war ihm
freilich nicht klar; das hing ab von Umstnden und Verhltnissen. Es galt nur,
sie zu ergreifen und zu benutzen: dann war ihm die Gre gewi. Vor der Hand
galt es, mit den groen Schlagworten Emeute zu machen und zum Schutz derselben
Barrikaden zu bauen. Florentin htte sich verhundertfachen mgen, um berall
dies hochherzige Werk des Barrikadenbaues zu frdern. woran die vertierte
Soldateska, welche so niedrig dachte, ihren Fahneneid zu halten, scheitern
sollte.
    Als ein eifriges Mitglied geheimer Bnde wute er, da die Revolution in
ganz Europa organisiert sei. Er wollte daher seine Krfte der Befreiung
Deutschlands widmen - so sehr ihn auch das Verlangen zog, nach Paris, dem groen
Babylon der Revolution, zu eilen - oder nach Rom, um diese wichtigste Citadelle
der Vlkerknechtschaft und der Geistesverfinsterung strmen zu helfen. Im
deutschen Vaterlande gab es ja aber eine ganze Kette solcher Citadellen zu
sprengen! Florentin verlie Wrzburg und seine Studien. Dort war nicht mehr die
Sttte und das Feld seiner Ttigkeit. Nicht der leiseste Gedanke an Windeck
erschwerte seinen Entschlu. Wie htte das sein knnen? Hatte nicht Brutus den
Csar umgebracht? Gab es Greres als die Taten der alten Rmer? War die
aristokratische Usurpation minder fluchwrdig, als imperatorische Kronengelste?
Nicht Dank war er dem Windecker Grafen schuldig fr seine Erziehung, Bildung und
Erhaltung; denn das alles war ihm ja nur infolge einer Laune der bigotten Grfin
Kunigunde zu Teil geworden, die nichts Hheres kannte, als den Ultramontanismus
zu verbreiten. Wie leicht htte er demselben verfallen knnen gleich dem
armseligen Hyacinth! Nein! sein Dank gebhrte den groen Mnnern, deren
wissenschaftliche Forschungen auf dem Gebiete der Natur- und Geschichtskunde
herausgestellt hatten, da die Natur die ewig aus sich selbst gebrende
Allmutter und Schpferin - der Geist des Menschen ein Produkt seines Gehirns -
Religion die Erfindung und Politik schlauer Priester - gttliche Offenbarung ein
widersinniges Mrchen - ein auerweltlicher persnlicher Gott etwas Undenkbares
- das Leben ein Tummelplatz fr alle Gelste - der Tod der Eintritt in das
Nichts sei. Sein Dank gebhrte den freien Denkern, die nicht nur gnzlich
absahen vom Katholizismus, der ja, seit dreihundert Jahren schon tot, nur noch
als Gespenst mit den Nachteulen und Wehrwlfen zu mitternchtiger Stunde
umherschleiche, und nur von kleinen Kindern und alten Weibern wahrgenommen
werde; sondern auch vom Protestantismus; der ja nichts weiter sei, als eine
Kritik des Katholizismus, viel weniger innere Triebkraft und schpferische
Befhigung habe, als dieser, um einen Fortschritt der Menschheit zur
Verbrderung zu erzielen, und allenfalls nur zu dulden sei, weil seine tausend
Sekten ebenso viel Tore ffneten, durch die man dem Christentum entfliehen
knne.3 - Nein, dem Windecker Grafen gebhrte kein Dank! Aber mit
unaussprechlichem Wohlbehagen stellte sich Florentin die Mglichkeit vor, da er
in irgend einem, fr die Windecker recht gefhrlichen und recht demtigenden
Augenblick als ihr Beschtzer vor ihnen auftreten und ihnen beweisen knne,
welch' edles Herz in einer demokratischen Brust schlage.
    So, ohne einen Funken von religiser Denk- und Willensrichtung, die gnzlich
erloschen war in dem eisigen Egoismus seines Hochmutes und Ehrgeizes, machte
sich Florentin an die Neugestaltung der menschlichen Verhltnisse. In
erfahrungsloser Kurzsichtigkeit und ohne richtige Kenntnis des Menschen und der
Geschichte der Vlker brachte er den Mangel an jener Richtung gar nicht in
Anschlag. Er dachte: nur niedergerissen! nur tabula rasa gemacht! dann findet
sich der Aufbau von selbst! Aber nur die religise Denk- und Willensrichtung hat
Trieb- und Bildkraft, denn nur sie hat einen Lebensgrund in der Liebe zu Gott
und zum Nchsten, die verbindend wirkt und aus der sie schpft. Diese
bernatrliche Liebe ist in der Menschheit, was im einzelnen Menschen seine
Seele: sie hlt den ganzen Organismus zusammen. Ohne sie - tritt der Tod ein,
die Auflsung, und Totengebein wird zu Staub, wenn nicht, wie in jener Vision
des Propheten Ezechiel, der Geist Gottes es neu belebt. Florentin whnte mit
sozialistischen Ideen das Nmliche leisten zu knnen. -
    Auf Windeck war freilich mit der Rckkehr der Familie auch etwas von der
schwlen Stimmung und Spannung der Zeit eingekehrt; aber sie hatte auch ihr
Gegengewicht. Der Graf hegte groe Besorgnis vor der Gefhrdung des Besitzes,
der infolge der Gefhrdung des historischen Rechtes allerdings sehr bedroht war,
und mit unaussprechlicher Geringschtzung betrachtete er die Leute, die
pltzlich durch die Wogen der Revolution von unten nach oben gebracht, in ihrer
Weise zu herrschen und ihre Ordnung einzufhren suchten. Die Baronin Isabelle
stand Todesangst aus vor den Forderungen des Landvolkes und den
Zusammenrottungen allerhand Gesindels. Sie htte sich selbst und ganz Windeck
unsichtbar machen mgen, um nur ja keine scheelen Blicke auf dies
Aristokratennest zu lenken. So wie der Graf aus Frankfurt zurckkam, lie er,
wie immer, wenn er anwesend war, ber dem Schlo seine Fahne aufziehen. Nicht
genug, da dies stolze Banner uerst aristokratisch da wehte und den
Schloherrn verkndete, so waren die Windecker Wappenfarben auch noch zum
Unglck die Farben Oesterreichs: schwarz und gelb. Wenn es ein mildes Wei und
Blau, oder ein freundliches Rot und Wei gewesen wre, das htte doch nicht so
finster, so drohend, so unheilverkndend ausgesehen! Mit Trnen flehte sie ihren
Schwager an, diese entsetzliche Trauerfahne mit sterreichischen Frbungen bei
den gegenwrtigen Verhltnissen einzuziehen; sie walle ganz zwecklos ber den
Zinnen, denn willkommene Gste drfe man in den betrbten Zeitluften doch nicht
erwarten, und der Heimsuchung durch unwillkommene wnsche man ja sehnlichst zu
entgehen. Aber stolz wies der Graf dies Gesuch ab mit dem Bescheid, sein alter
Brauch habe nichts zu lernen von revolutionrer Insolenz.
    Uriel und Orest waren beide in sterreichische Kriegsdienste gegangen. Die
ganze Jugend war kampfesdurstig und bereit, an der allgemeinen Aufregung ttigen
Anteil zu nehmen: die einen im revolutionren Sinn, die anderen im
konservativen. Obgleich Oesterreich fr den Augenblick vielleicht mehr gefhrdet
war, als irgend ein anderer Staat, da innere und uere Feinde zugleich ihn
anfielen: so stand dennoch das alte traditionelle Vertrauen zu seiner
Lebenskraft, die sich in den vielfachen Strmen von mehr als einem halben
Jahrtausend entwickelt und bewhrt hatte, in allen denjenigen fest, welche nicht
gesonnen waren, mit der Revolution zu gehen und sich ohne Schwertstreich vor ihr
zu beugen. Als man sah, welche Wendung die Dinge in Deutschland nahmen, erklrte
Uriel gleich:
    Ich gehe nach Oesterreich in den italienischen Krieg! Welche Wonne, gegen
einen ueren Feind die Krfte zu brauchen, die sich in der Unttigkeit
fieberhaft steigern, und die zu edel sind, um sie gegen deutsche Freischaren
anzuwenden.
    Orest verlie sogleich seine Jagden und seine Berliner Oper- und
Balletfreuden, deren Zauber vor den Barrikaden schwand, und eilte nach Windeck,
um mit Uriel nach der Lombardei zu gehen. Er hatte an Florentin geschrieben und
ihn nach Windeck beschieden, um zu hren, was Florentin jetzt beginnen werde.
Allein von diesem kam weder eine Antwort noch er selbst. Orest ging nach
Wrzburg, um ihn zu suchen und bei Hyazinth, der dort im geistlichen Seminar
studierte, Erkundigungen ber ihn einzuziehen. Aber er war fort und niemand
wute, ob nach Wien, ob nach Frankfurt, ob nach Paris oder wohin sonst. Whrend
des ganzen Winters hatte Hyazinth ihn ein einzigesmal gesprochen und ihn
aufgeregter, bitterer denn je gefunden.
    Also einen Revolutionr habe ich unter meinem Dache grogezogen und mit
aller Liebe und Sorgfalt einen Basilisken ausgebrtet, sagte der Graf, als
Orest mit diesen Nachrichten zurckkam.
    Wir wollen Gott danken, da es von vieren - nur einer ist, sagte Levin.
    Und kein Windecker! setzte der Graf hinzu.
    Levin ruhte mehr denn je am Herzen Gottes. Sein Friede konnte durch den
Unfrieden in der Welt nicht getrbt werden. Seine lange Erfahrung zeigte ihm in
dem immer wiederkehrenden Ausbruch solcher Ungewitter die tiefe Strung im
geistigen Leben der Menschheit, die aus ihrem Gleichgewicht gekommen war, weil
sie in sich dem Niederen die Macht ber das Hhere gegeben hatte, und die nun,
taumelnd und berauscht, in Orgien verfiel, welche den einen Untergang, den
anderen aber Ernchterung bringen muten. Lange Friedenszeiten, die der
Entwicklung des materiellen Wohlstandes gnstig sind, fhren die Menschheit
leicht zur berschtzung ihrer Krfte, ja, zu einer Vergtterung derselben.
Brechen dann groe geschichtliche Katastrophen wie Orkane ein, so knicken alle
die berschtzten und angebeteten Krfte zusammen, zeigen sich in ihrem Nichts,
ja, werden zum Rohr, das zersplitternd die Hand verwundet, die sich darauf
sttzt und bringen durch das Bewutsein tiefer Hilflosigkeit die Menschheit zur
Besinnung ber die lange verschmhte Liebe Gottes, die whrend des
Idolendienstes nicht zur Geltung kam. Dies ist nun freilich nie die Absicht
derjenigen, welche die Katastrophen zum Ausbruch bringen; denn Liebhaber des
Kreuzes machen keine Revolution; aber so ist der Gang der Weltgeschichte! Dem
freien Willen des Menschen ist aller Spielraum gelassen, bis zu einem gewissen
Punkt, den niemand kennt, als Gott allein. Ist die Sndflut bis zu dem Ararat
gestiegen, so sinken die Wasser der Trbsal und mancher Noe richtet den Altar
auf, um Gott ein Dankopfer darzubringen. Je grer und allgemeiner die
Ueberschtzung des Niederen und die Miachtung des Hchsten in der Welt ist,
umso grer mssen die Katastrophen sein, die aus einer solchen Verletzung der
gttlichen Ordnung hervorgehen; umso lauter mu der Warnungsruf erklingen, der
die Berauschten aus ihren Orgien wecken soll. Das alles hatte Levin schon in den
gesamten Weltereignissen, und hufiger noch in den Schicksalen einzelner erlebt.
Er war daher ganz ruhig und suchte auch andere zu beruhigen, namentlich das
Landvolk, das durch glnzende Vorspiegelungen geblendet wurde und auf die
Revolution eingehen sollte. Eine so lange, lange Reihe von Jahren hatte Levin
hier gelebt, seine zrtlichste Sorgfalt gerade dem gemeinen Manne zugewendet,
zwischen denen er, wie sein gttlicher Meister, wohltuend umherging, kannte
auf den Windecker Besitzungen alle Leute, die Alten - als seine Zeitgenossen und
so abwrts bis zu den Kindern herab, deren Eltern er schon als Kinder gekannt.
Da war kaum einer, dem er nicht irgendwie einen Dienst geleistet, einen Gefallen
getan, einen Rat erteilt - und da waren sehr viele, denen er hilfreich die Hand
gereicht hatte in mannigfachen Nten und Drangsalen.
    In ruhigen Tagen waren auch alle fest berzeugt, da niemand es besser mit
ihnen meine und bereitwilliger sei, ihnen mit Rat und Tat zu dienen, als der
hochwrdige Herr; aber durch die feindlichen Aufstachelungen und bsartigen
Verdchtigungen, welche die Umsturzpartei berall ausstreute, um Mitrauen an
die Stelle des Vertrauens zu bringen, kam es denn doch dahin, da dies Vertrauen
sehr geschwcht und dadurch Levins Einflu sehr geschmlert wurde. Es wurde den
guten Leuten vorgestellt, er sei zu alt, um auf die neuen Zeiten eingehen zu
knnen; er hnge deshalb zu fest an den Vorurteilen, welche die Welt
beherrschten, halte zu viel auf die Vorrechte einiger und zu wenig auf die
Rechte aller - und knne daher fr die Gegenwart kein guter Ratgeber sein. Die
Gegenwart habe nichts im Auge, als den Vorteil des Volkes. Es sei schwer, ja
kaum mglich, da einer vom Adel, der noch dazu Priester, als zwiefach beteiligt
sei, das Volk in Unmndigkeit und Abhngigkeit zu erhalten, um es materiell und
geistig zu beherrschen, seine und seines Standes Vorrechte fallen lasse, und
sich aufrichtig mit dem Volk verbrdere. Es mge sich also nicht blind leiten
lassen von irgend einem Herrn; denn ein solcher werde es immer und immer wieder
zur Ruhe, Ordnung, Gesetzlichkeit auffordern und somit um die Vorteile bringen,
die es eben jetzt durch entschiedene Forderungen sich erringen msse. - Wer ist
taub gegen die Lockungen persnlicher Vorteile? und wem mu man leichter
verzeihen, wenn er es nicht ist, als dem gemeinen Mann, dessen mhseliges Leben
so arbeits- und sorgenvoll ist! Das Licht des Glaubens mu mit voller Klarheit
auf ein solches Leben fallen, und dessen Verdienste in der Vereinigung mit dem
verborgenen Leben recht hervorheben, welches der Sohn Gottes in der armen Htte
des geringen Zimmermanns fhrte, um in solchen Verhltnissen gegen die
Vorspiegelungen von groen rechtmigen Vorteilen taub und blind zu machen.
Levin empfing sein volles Ma von Bitterkeit durch die Klte und das Mitrauen,
die vielfach seiner warmen Treue begegneten; aber er lie sich nicht erbittern!
Lebenslang hatte ja sein gttlicher Meister nichts so reichlich mit ihm geteilt,
als die Myrrhen. Je heftiger der Zorn des Grafen aufbrauste, wenn die neu
erfundenen Grundrechte eine Bresche nach der anderen in der Mauer des
historischen Rechtes und einen Raubzug nach dem anderen auf fremden Gebiet
machten, desto milder wurde Levin, so da der Graf zuweilen auch ihm zrnte und
ihm vorwarf, im Bunde mit der Revolution zu sein. Aber er blieb ruhig bei seiner
Behauptung:
    Das Volk ist betrt, berauscht und irregeleitet durch das Geschrei der
falschen Freiheitspropheten, die ihm goldene Berge der Zukunft vorschwindeln.
    Aber diese Schwindelei bringt uns in Wirklichkeit um Hab und Gut, rief der
Graf aufgeregt; und was viel mehr ist, bringt uns um unser uraltes Recht, ja
sogar um unsere Ehre, indem wir gezwungen werden, die Erfindungen der
revolutionren Schreier als Gesetze gelten zu lassen - gezwungen durch offenbare
Feindseligkeit und Aufhetzerei des Volkes gegen uns, so da man eines Tages, man
wei nicht wie! den roten Hahn auf dem Dach hat. Ebenso gut knnte man einer
Ruberbande gehorchen.
    Dahin kommt es mit einer Menschheit, die aus dem Geleise des wohlgeordneten
Gehorsams gewichen ist, sagte Levin ernst. Der Menschengeist hat sich in jedem
Einzelnen von Gott emanzipieren und der ewigen Weisheit den Gehorsam verweigern
wollen: dafr wird er jetzt ein durch Furcht vor Gewalttaten verschchterter
Sklave menschlicher Verkehrtheit. Der himmlischen Liebe hat er nicht dienen
wollen in edler Freiheit seines Willens, so gehorche er jetzt, furchtgeknechtet,
sndiger Torheit und Bosheit.
    Welch ein Trost! murrte der Graf.
    Ein groer, lieber Damian, denn damit schlgt man den Weg der Bue ein.
Nimm hin die Trbsal als heilsame Arznei und bringe die geforderten Opfer nicht
der Revolution, nicht den sogenannten Rechten des Volkes, die sich nicht
urpltzlich dekretieren lassen, sondern bringe sie Gott dar, dessen Hand
unsichtbarer Weise in dieser Revolution die Menschen prft und wgt, und
denjenigen fallen lt, den er zu leicht befindet. -
    Der Graf hatte Frankfurt viel frher verlassen, als er es ursprnglich
beabsichtigte. Daher war das Gemlde, welches Ernest von seinen Tchtern malte,
noch lange nicht vollendet. Der Graf lud Ernest ein, es auf Windeck fertig zu
machen, da auch ihm der Aufenthalt in Frankfurt und berhaupt in jeder Stadt
gegenwrtig nicht angenehm sein knne. Freudig nahm Ernest die Einladung an. Ihm
gefielen die Windecker sehr gut, fr Regina hatte er eine andchtige
Zrtlichkeit, und da sein Aufbruch von einem Ort keine groe Anstalten
erheischte, so vollendete er noch einige Portrts und begab sich dann nach
Windeck, wo ihm die Baronin ein kleines passendes Atelier eingerichtet hatte. Er
war allen willkommen. Der Graf, gastfrei wie ein chter grand seigneur, hatte
gern viele Menschen unter seinem Dach, und freute sich, wenn sie sich behaglich
fhlten und ungeniert bewegten. Belstigen und stren durfte man ihn nicht;
dafr lie er aber auch jeden gewhren. An Ernests heiterem Sinn fand er groes
Gefallen in der trben Zeit. Die Baronin sah in jedem mnnlichen Wesen einen
Beschtzer gegen etwaige Attentate. Sie htte das groe Schlo voll Gste haben
mgen, um aus ihnen gleichsam eine Leibwache sich zu bilden. Regina und Corona
fhlten sich mit der Sorglosigkeit der Jugend und dem kindlichen Gottvertrauen
der frommen Seelen persnlich nicht bengstigt durch die Zeitverhltnisse. Ja,
Regina htte sich freuen mgen, weil sie Uriels Entfernung veranlaten. Aber was
in den ffentlichen Ereignissen sie betrbte, das waren die vielfachen
Gottesbeleidigungen, die sich bei dieser Auflsung von Zucht und Ordnung kund
gaben, und der bittere Ha gegen die Kirche, welcher der Revolution gleichsam
aus allen Poren drang. Das sah sie ein: eine so furchtbare Mistimmung unter den
Menschen, eine so klgliche Verwirrung aller Begriffe ber Recht und Pflicht
mute ihren eigentlichen Grund und Ursprung in der Zerfallenheit der Menschen
mit Gott haben, woraus denn die Zerfallenheit des Menschen mit sich selbst und
mit dem Nchsten hervorgeht, und verwirrend und verfinsternd auf alle
Verhltnisse wirkt.
    Lieber Onkel, sagte sie einmal traurig und beklommen zu Levin, sieh', wie
die einen so wild fordern und so blind niederreien und mit Gewalt ihr Ziel zu
erreichen suchen - und wie die andern so ungern geben und nachgeben, und dennoch
so schwach sich verteidigen, als zweifelten sie an ihrem Recht, der Willkr
entgegentreten zu drfen! Ach, wo ist da der heilige Geist geblieben, der jener
Erstlingsgemeinde der Christen zu Jerusalem ein Herz und eine Seele gab und
einen himmlischen Kommunismus hervorrief!
    Der heilige Geist ist da, wo er immer ist, sagte Levin, im Herzen derer,
die ihn auf sich wirken lassen, und die man nicht im Tumult der Faktionen und im
Zank und Streit der Parteisucht suchen darf. Er wirkt in der Stille und bereitet
sich in der Verborgenheit seine Werkzeuge und scheidet die guten Elemente in dem
groen Schmelztiegel der Gegenwart von den bsen ab, und wie die Saaten gut
gedeihen bei Ungewittern, so werden auch die Blitze und Donnerwolken der Zeit
den Keimen und Pflanzungen nicht schaden, die der heilige Geist gerade jetzt und
ohne da wir wahrnehmen knnen, wie - ausstreut und pflegt. Du aber, Kind,
frchte nicht, da er, wie ein entthronter Knig, vor Barrikaden und Freischaren
aus seinem Reich fliehe, und nimmst Du wahr, da die Weltkinder ihm ihre Herzen
verschlieen, so lichte und reinige Du mehr und mehr das Deine, damit er gern
bei Dir seine Einkehr nehme. Dann lebst Du ja in dem himmlischen Kommunismus des
mystischen Leibes Christi, den die heilige Kirche darstellt, und hast mit allen
ihren lebendigen Gliedern, ihren glubigen Kindern, die seelenernhrende
Gemeinschaft der heiligen Sakramente und die herzstrkende Gemeinschaft des
Gebetes.
    Und dennoch, lieber Onkel, sagte Regina lchelnd, hab' ich eine groe
Neigung fr den ueren Kommunismus der ersten Christen, der gewissermaen ein
natrlicher Ausdruck fr ihre bernatrliche Gemeinschaft war und ein warmes
Zeugnis von ihrer Christusliebe ablegte. Die Arme und Geringen, die Verlassenen
und Elenden nahmen um Christi willen teil an Hab und Gut der Reichen und Groen,
und die schreckliche Kluft wurde ausgefllt, welche zwischen Not und Wohlbehagen
besteht und welche mir wie eine tiefe blutige Wunde am Leibe der Menschheit
vorkommt. Ach, war das nicht schn?
    Wohl war es schn! entgegnete Levin, wohl war es ein glnzendes Zeugnis
fr die Christusliebe, die in den Bekehrten der ersten Jahrhunderte flammte,
wenn sie den Sieg, den das Christentum in ihren Herzen ber heidnische
Wertschtzung des Irdischen und ber heidnische Genusucht davongetragen hatte,
dadurch feierten, da sie freiwillig den Mitteln entsagten, durch die das
irdische Dasein behaglich gepflegt wird und zu einer verkehrten Geltung kommt -
und in die freiwillige Armut eingingen, die um Christi willen die Gensse der
Sinnlichkeit, die Triumphe des Hochmutes verschmht. Wunderschn war es, wenn
diese stolzen Patrizier, diese kniglich reichen Senatoren, diese mchtigen
Statthalter, die ber weite Provinzen geboten, pltzlich ergriffen von dem
wunderbaren Glauben an einen freiwillig leidenden Gott, sich ihrer Glcksgter,
ihrer Weltherrlichkeit schmten, weil dieselben einen schneidenden Gegensatz zu
Golgatha bildeten, und ihre Schtze mit ihren armen und bis dahin verachteten
Brdern teilten. Aber das Schne in diesem Opfer ist eben dessen Freiwilligkeit.
Niemand wurde bei den ersten Christen gezwungen, es zu bringen. Weder die
Apostel noch die Armen in der Gemeinde forderten so etwas. Christus hatte nur
einfach gesagt: Willst du vollkommen sein, so verkaufe, was du hast, und gib es
den Armen - und hatte es nur als Rat gesagt, nicht als Gebot. Es war also ein
himmlischer Antrieb, aus dem jene Gemeinschaft hervorging: die Liebe Gottes
entzndete edle Herzen zur innigsten Nchstenliebe. Der Kommunismus kam von oben
herab und ist der schlagendste Gegensatz zu dem modernen, unchristlichen, der
durch Zwang und von kommunistischen Gesetzgebern eingefhrt werden soll.
brigens gab es schon im zweiten Jahrhundert Hretiker,4 welche neben ihrer
Irrlehre auch irrige soziale Verhltnisse und namentlich die allgemeine
Gtergemeinschaft predigten, und bei einigen hretischen Sekten des Mittelalters
tauchte sie ebenfalls auf. Es ist also an dieser Erscheinung in unserer Zeit
nichts neu, als der Name: Kommunismus. Er gibt ihr einen gewissen pedantischen
Anstrich, als sei die Sache im System versteinert, bevor sie sich im Leben als
praktisch bewhrt hat, und sie gehrt auch zu denjenigen Theorien, welche der
Unglaube ausbrtet, um das Christentum, wie er whnt, zu berflgeln.
    Ja, sagte Ernest, der brutale Bursche Kommunismus rcht die Verbannung
der himmlischen Charitas! Wie manche Staaten whnten sich in der
selbstgeflligen Vorstellung von ihrer Omnipotenz beeintrchtigt, weil die
Charitas reiche, frische, krftige Blten auf dem Boden der Kirche trieb. Die
katholische Liebe mit ihren unzhligen Anstalten der Barmherzigkeit nicht unter
Verwaltung des Staates zu sehen, war dieser krankhaften Sucht nach Regiererei
unertrglich. Diese Anstalten wurden eingezogen, zusammengeschmolzen,
umgestaltet, unter ein Heer von Beamten gestellt, die ber jeden Kreuzer eine
weitlufige Rechnung, ber jedes Stck Brot eine genaue Kontrolle fhren muten
und deren Besoldung einen betrchtlichen Teil der Habe der Armen verschlang. Nun
war man doch sicher, da nichts verschleudert wurde! Nun hatte man doch der
Kirche diese groen Geldmittel entrissen, vermge welcher es ihr so leicht
wurde, das geringe Volk fr sich zu gewinnen und ungescheut bergriffe in die
Rechte des Staates zu machen und ihren Obskurantismus zu verbreiten - whrend
nun hinter den Bollwerken der Bureaukratie der Staat geschirmt und gesichert fr
ewige Zeiten war und die Aufklrung ihre Siege feierte! - Alle engen Herzen und
beschrnkten Kpfe stieen in die Jubelposaune ber solche Maregeln von Seiten
der Regierungen. Aber siehe da! die Zuflsse stockten! vor dem Rauschen der
Schreibfedern in ungeheueren Registern floh die verschchterte Charitas, die an
den Verkehr mit armen Ordensbrdern, stillen Nnnchen und einfachen Priestern
gewhnt war, auf vertrautem Fu mit ihnen lebte, sie als Verwalter und
Ausspender der Gaben Gottes kannte und deshalb keine ngstlich genaue
Rechnungsablage von ihnen begehrte. An die Stelle jener ungeheueren freiwilligen
Liebesgaben, welches das christliche Europa mit Anstalten der Barmherzigkeit
erfllten, die im bedrftigen Nchsten Christus den Herrn sieht und ihn demgem
behandelt wissen will - trat der Staat mit seiner Verwaltung, seinen
Besoldungen, seiner Armentaxe, seiner Armensteuer, seinem Geschftsgang, und
machte die leidenden Glieder Christi zu Objekten, fr die man fast ebenso gut zu
sorgen habe, als dafr, da keine Motten in die Montierungskammern kommen. Dies
fhlen die Armen sehr gut; es mifllt ihnen ungemein - was ihnen auch nicht zu
verdenken ist - und Dankbarkeit kann durch diese Sorte von Wohlttigkeit nicht
geweckt werden. Im Gegenteil! vom Staat erwartet jeder vor allem Gerechtigkeit.
Nimmt der Staat also die Sorge fr die Armen in die Hand, so mge er doch -
folgern die Armen - etwas mehr fr sie tun und sie nicht so klglich
untersttzen, da es ihm ja doch nie, in ihren Augen, an Mitteln fehlt. In
ruhigen Zeiten lt sich ihr Murren berhren als bedeutungslos; aber in
unruhigen kann sehr leicht ihr Mivergngen benutzt und dem Staat gefhrlich
werden. Er hat die Charitas unter Vormundschaft seiner Bureaukratie stellen
wollen - wie es hie, zum Vorteil der Armen; jetzt tritt der grobe Kommunismus
auf und sucht zu beweisen, deren wahrer Vorteil beginne mit ihm, und da man
jetzt dem Fortschritt vor allem und in allem huldige und auf des Volkes Wohl
zuerst und zuletzt bedacht sei: so msse man nunmehr dem Kommunismus huldigen.
Der Staat hat das uralte, heilige Recht der Kirche berflgelt zu Gunsten seiner
Omnipotenz: der Kommunismus berflgelt diese zu Gunsten der seinigen, die durch
einen furchtbaren Mechanismus im Gesamtgang des Lebens jede frische Blte und
jede edle Kraft in demselben unterdrckt.
    Wie trostreich, sagte Levin, nimmt sich neben diesen, so ganz aus dem
Erdgeist hervorgegangenen Bestrebungen das Walten des heiligen Geistes in der
Kirche aus, der nichts untergehen lt, was zum Leben in ewiger Wahrheit
berechtigt ist. Ein chter Ableger christlicher Gtergemeinschaft wchst fort
und fort durch die Jahrhunderte und beweist, da es, wie in den ersten Tagen des
Christentums, so auch in der Gegenwart, Seelen gibt, welchen es ein heiliges und
durch die Christusliebe gerechtfertigtes Bedrfnis ist, in jener zu leben. Der
Ordensstand bringt die Gtergemeinschaft mit sich.
    Eigentlich die Armutsgemeinschaft, sagte Ernest.
    Allerdings - und das ist denn freilich etwas so Schnes, da sich der
natrliche Mensch nicht zu dieser Hhe zu erheben vermag. Der natrliche
Kommunismus schreit von unten nach oben: Ihr Reichen, wir sind eure Brder, wir
wollen mit euch von dem Euren genieen und schwelgen! - Der bernatrliche
spricht von oben herab: Ihr Armen, meine Brder in Christus, ich will mit euch
arm sein.
    O Gott! rief Ernest, wenn das nur von oben herab gesagt wrde! Das ist
das Elend in unserer Zeit, da die Glaubensklte, wie ein Gletscher, von den
Hhen in die Tler hinabwchst! Damit stand es sonst anders! Da hatte das Volk
wirklich strahlende, erwrmende Bilder heiliger Liebe und frommen Glaubens vor
Augen. Da sah es einen Knig Ludwig von Frankreich tglich in seinem Palast eine
Anzahl Armer nicht blo speisen, sondern bei der Mahlzeit bedienen; einen Knig
Stephan von Ungarn, nicht zufrieden mit diesem Akt der Demut, die Armen in ihren
Htten aufsuchen - oft zur Nachtzeit, weil sein Tag bervoll an Geschften war -
und ihnen milde Gaben bringen; eine Isabelle von Portugal die Ausstzigen
waschen und kleiden; eine Elisabeth von Thringen im Spital die Kranken pflegen.
Da sah es Kaiserstchter und Knigswitwen herabsteigen von ihren goldenen
Sthlen und in die strengen Orden der heil. Klara, der heil. Theresia eintreten,
deren Mitglieder armseliger leben, als die Allerrmsten, elend gekleidet,
drftig genhrt, Leib und Leben in frommer Bue und heiliger Andacht verzehren.
Das Volk liebt alle armen Orden. Es ist ihm ein Trost, da andere freiwillig
jene Entbehrungen bernehmen, die es oft nur widerwillig selbst ertrgt. Es wird
unwillkrlich zu dem Gedanken hingedrngt, ohne Glcksgter und ohne
Lebensgensse auf Erden zu wandeln, msse doch nicht so ganz unertrglich sein,
da ja diese alle darauf verzichteten. Es lernt ahnen, da es eine Liebe gebe,
welche mchtiger und ser sei, als alle Lieben der Welt; die Liebe zum Leiden,
in der Nachfolge des dornengekrnten, geielzerrissenen, ngeldurchwundeten,
gekreuzigten Gottes. Gewahrt es nun, da diese Liebe in den Groen der Erde
mchtig genug ist, um sie in ein freudiges Schlacht- und Brandopfer der
vollkommenen Entsagung zu verwandeln: so fat es umsomehr Vertrauen zu solchen
starken, zrtlichen, kreuztragenden Seelen, als die irdische Hhe, von der sie
herabgestiegen, blendender ist. Ein Frstenkind bei den Karmelitessen oder
Klarissen vershnt tausend Arme mit den Nten ihres Daseins, denn sie sehen, da
die irdische Gre sich glubig und liebend in ein Dasein voll tausend Nten
versenkt. Es ist eine wundersame und gar nicht genug geschtzte Gnade, welch ein
Segen auf dem guten Beispiel eines frommen Glaubens von oben herab liegt; es
wirkt heilsam in die weitesten Kreise! O wenn doch recht bald nach alter Sitte
aus jedem katholischen Frstenhause zwei oder drei Tchter in ein Kloster
strengen Ordens treten wollten! An diese zwei bis drei Prinzessinnen - fuhr
Ernest zu Regina gewendet fort - wrden sich dann zwei bis drei Dutzend
hochadelige Frulein anschlieen und diese wiederum zwei- bis dreihundert
Jungfrauen brgerlichen Standes ... -
    Halt, Halt! Herr Ernest, Sie entvlkern die Welt! rief die Baronin
ngstlich.
    Ja, von Proletariern, gndige Frau, entgegnete er gelassen; und das wre
in der Tat uerst wnschenswert, denn es gibt auch ein frstliches und adeliges
Proletariat, seitdem man sich in diesen Regionen nicht mehr dem geistlichen und
dem Ordensstande widmet.
    Man nennt das aber nicht so! bemerkte sie mit leisem Vorwurfe im Tone.
    Ach, gndige Baronin, rief Ernest, und sah sie freundlich mit seinem
treuherzigen klugen Auge an; mir steckt der unverbesserliche Bauernbube im Blut,
so alt ich auch bin, und Sie werden immer groe Verdienste sich zu sammeln haben
durch Ihre Nachsicht mit mir. Aber hier darf ich doch wahrlich ohne Scheu von
jenem Proletariat sprechen, das - man mge es so nennen oder nicht - leider in
der Welt ist; denn die Windecker sind davon unberhrt. Hier haben wir den
hochwrdigen Herrn, und Graf Hyacinth tritt in dessen Futapfen ein.
    Ja, die Liebe zum Leiden! sagte Levin sinnend. Diese himmlische Blte
entsprot dem Baum des Glaubens nur, wenn er in voller Kraft steht! Nur da, wo
er ganz tiefe Wurzeln in das Erdreich des Menschenherzens hineintreibt, wachsen
seine ste so stark und so hoch hinauf, da sie sich von den irdischen Strmen
nicht mehr erschttern lassen; und nur in dieser stillen Hhe entfaltet sich des
Christentums mystische Passionsblume, die zeitweise in frheren Jahrhunderten zu
so prachtvoller Entwicklung kam: die Liebe zum Leiden.
    Die ist allerdings heutzutage nicht Mode, sagte Ernest; im Gegenteil!
Jedermann hat eine entschiedene Liebe zum Nichtleiden in einem solchen Grade,
da man sich gar keine Mhe mehr gibt, diese bermacht des Erdgeistes in der
eigenen Brust zu bekmpfen. Und das ist sehr erklrlich! Man mu anbetend vor
dem Kreuze knien, um es liebend mit all seiner Herbe umfassen zu knnen. Aber
wovor kniet die Welt? Ein Teil, der pantheistische, vor dem Gott, der sich im
All offenbart und dessen Offenbarung nirgends herrlicher zu Tage kommt, als in
dem Individuum A. oder Z. Da beten denn Z. oder A sich selbst an und
beanspruchen fr diese Gottheit in ihrer Brust die Glckseligkeitsflle, die der
Allmacht eigen ist. Ja, ja, Grfin Regina, sehen Sie mich nur an mit Ihren Augen
voll seraphischem Erstaunen! ich fable nicht! solcher Wahnwitz existiert nicht
blo in den wilden Phantasien hindostanischer Religionssysteme, die ihn
erfanden, sondern auch in Kpfen, die von christlichem Taufwasser berhrt sind -
und er heit Pantheismus. Es werden freilich viele schne Phrasen und Floskeln
drum und dran gehngt, um zu blenden und zu betuben; aber die lasse ich bei
Seite und gebe Ihnen des Pudels Kern - um mit Doktor Faust zu sprechen.
    Also das sind die Pantheisten, sagte Regina. Nun und was betet die brige
Welt an, die nicht pantheistisch gesinnt ist, aber auch vom Kreuze nichts wissen
mag?
    Fetische, Grfin Regina! - Der Fetisch ist, wie bekannt, jedes beliebige
Ding oder Unding. Die alten Egypter beteten unter Anderen, nebst Krokodill und
Katze, auch die Zwiebel an, weil sie gern dieselbe speisten. Wenden Sie das auf
die Welt an! Der grte Fetischdienst wird aber unstreitig mit Papierschnitzeln
getrieben.
    Da mu ich auch zuhren! rief Corona, und legte ihren Bleistift nieder,
mit dem sie bis dahin fleiig gezeichnet hatte. Das ist ja ber allemaen
merkwrdig! - Also, Herr Ernest, Papierschnitzel!
    Ja, Komtechen, mit Zahlen bedruckte. Steht eine Eins darauf, so ist die
Anbetung gering! Zehn - zehnmal hher! Hundert - hundertmal hher! Tausend - nun
dann ist sie enorm! Ein Pckchen solcher mit der Zahl Tausend bedruckter
Papierschnitzel - ja, wenn das da drben zu Engelberg auf der Stelle lge, wo
die heilige Mutter Gottes steht - und es hiee: Derjenige bekommt es, der zuerst
auf Hnden und Fen den Berg erklimmt - o mein liebes Komtechen, welch' eine
Jagd wrden wir erleben! Kein Glatteis, kein Regen, kein Schnee, keine dreiig
Grad Hitze - nichts hielte diese Adoranten zurck, sich auf allen Vieren an die
Eroberung ihres gebenedeiten Fetisches zu machen. Knieend die Wallfahrtstreppe
zu ersteigen, andchtig dabei den Rosenkranz zu beten und sich in dieser
kindlichen Weise vor dem gttlichen Kindlein Jesu zu demtigen: das ist in den
Augen dieser Fetischdiener der hchste Grad des Lcherlichen und Trichten. Aber
eine Promenade auf allen Vieren wre hchst weise, respektabel und durchaus
notwendig, wenn es sich um jene Papierschnitzel handelte; denn das sind
Bankzettel, die Geldeswert haben - oder haben sollen.
    Bankzettel! sagte Corona im Tone getuschter Erwartung. Ich dachte
Wunder, was das sein wrde!
    Sie sind gar nicht auf der Hhe des Jahrhunderts, wenn das Wort Sie nicht
elektrisiert zu brennendem Verlangen. Ja, Bankzettel sind die Idole der Welt,
denn sie verhelfen zum Genu ihrer Herrlichkeit und darin besteht, nach
vorherrschender Meinung, das Glck und die Wrde des Menschengeschlechtes.
    O, rief Regina, wie notwendig ist es, da gegen diesen niedrigen Zug, der
durch die Menschheit geht und sie entadelt, ein energischer Protest eingelegt
werde und ein Zug nach dem himmlischen mit Entschiedenheit sich kund gebe! Je
mehr die einen nach den Freuden der Erde schreien und rennen, desto mehr msse
die anderen ihre Verachtung dieser Nichtigkeiten an den Tag legen und nach
bernatrlichen Gtern seufzen und streben.
    Diesen himmlischen und ganz unausrottbaren Zug in der Menschheit, der durch
ihre dunkelsten Epochen wie Sternenlicht schimmert, vertritt eben der
Ordensstand, sagte Levin. Sein Dasein ist der energische Protest einer
Menschheit, die nach dem Bilde Gottes sich geschaffen und fr ein ewiges Leben
bestimmt wei; die sich als verbannt aus dem Paradiese fhrt und sich dahin
zurcksehnt; die, von geheiligter Willenskraft bewogen, eben so entschieden
erlaubtem Erdenglck entsagt, wodurch sie, - wie Atalante durch die goldenen
pfel - in ihrem Lauf gehemmt werden knnte, als man sich auf der anderen Seite,
von brutalen Leidenschaften blind getrieben, gierig im Unerlaubten ergeht. Der
Ordensstand ist der entschieden und in bestimmtester, gleichsam handgreiflicher
Form ausgeprgte Protest der Kinder Gottes gegen das Gebahren der Kinder
Belials. Daher der unaussprechliche Grimm dieser gegen jene! sie fhlen sich
gleichsam bei Leibesleben schon verdammt durch die lichte Richtung, welche ihre
finstere doppelt dunkel erscheinen lt. Haben sie die Oberhand in den
Angelegenheiten der Welt, so ist es regelmig ihre erste Grotat, da Klster
aufgehoben und Ordensleute verjagt werden. Dies sage nicht ich, dies sagt seit
mehr als dreihundert Jahren die Geschichte. Jede Verbindung in der menschlichen
Gesellschaft, welche irgend einem Zweige des Baalsdienstes huldigt, darf
bestehen. Verbinden sich aber einige Mnner oder Frauen, um gemeinsam dem
gttlichen Heiland durch Gebet und Liebeswerke zu dienen, so wird irgend ein
beliebiges Zetergeschrei so hartnckig und so betubend von ihren Widersachern
angestimmt, als fhrten sie den Untergang der Welt herbei. Fahndet man aber auf
die Singvgel wie auf Habicht und Geier, so wird der Wald stumm und de und der
liebliche Gesang verhallt, der dem Wandersmann das Herz frisch und frhlich
machte und ihn zuweilen veranlate einzustimmen in die friedlichen Hymnen. So
sind denn auch wir gar arm jetzt an Klstern und daher auch bitterarm an Gebet.
Das Kloster ist so recht dessen Heimat. In der Welt bereiten ihm wohl auch
fromme Seelen eine Sttte, allein es ist dort eine Ausnahme; im Kloster ist es
die Regel. Dem Gebetsleben sich widmen: das war in den ersten christlichen
Jahrhunderten der bezeichnende Ausdruck fr das klsterliche Leben; er zeigte
an, da jede Arbeit, jede Beschftigung, jedes Werk, jede Handlung durch das
Gebet in der Vereinigung mit der Anbetung der Engel geschehen sollte. Das
gemeinschaftliche Chorgebet, das durch Tage und Nchte zu festgesetzter Stunde
anhub - die andchtige stille Betrachtung der heiligen Geheimnisse des Glaubens
- die Anbetung des Sanktissimums, worin sich ununterbrochen, Stunde um Stunde,
in gewissen Klstern die Ordensleute abwechselten - das hhere, beschauliche
Gebet, das sich versenkt in das Leben, Leiden und Sterben des Gottessohnes - das
alles ist mit den Klstern verschwunden. Dazu hat in der Welt niemand Zeit,
niemand Lust, auch niemand Anleitung. Die Weltgeistlichkeit ist in viel zu
geringer Zahl, um sogar den notwendigsten Anforderungen der Seelsorge zu
gengen; wie sollte sie hhere Bedrfnisse des Seelenlebens pflegen knnen! Je
mehr sie sich notgedrungen vielfachem Verkehr mit der Welt und deren Gesinnungen
und Verhltnissen hingeben mu - desto heilsamer wr' es auch ihr, wenn sie die
weltfremde Richtung des Ordenslebens vor Augen htte und zu heiligem Wetteifer
angespornt wrde.
    Es gab auch viele Mibruche in den Klstern, viel Trgheit, Schwelgerei
und Mssiggang, bemerkte die Baronin, um Regina herabzustimmen, deren
leuchtende Augen immer heller leuchteten, je lnger der Onkel sprach. Die Zahl
der Klster war zu gro, als da der Beruf sie htte bevlkern knnen; sie
wurden ein Exil, wohin Eltern unliebsame Kinder schickten, oder ein Zufluchtsort
fr Taugenichtse, die dort ihr Behagen fanden.
    Das mag alles stattgefunden und der liebe Gott den Klostersturm deshalb
zugelassen haben, entgegnete Levin. Wir wissen ja smtlich, da der Mensch
alles Gute mibrauchen und jede Gnade in ihr Gegenteil verwandeln kann. Lt er
sich von Selbstsucht und Eigenliebe bestimmen und leiten, so ist er inner-wie
auerhalb der Klostermauern ein Kind Belials. berdies hat das Kloster, als
solches, kein Privilegium, wodurch es hermetisch gegen die allgemein menschliche
Schwche verschlossen wre. Jeder Bewohner desselben bringt sein Stckchen
Schwachheit mit und der Reichtum einiger Klster ist ihnen zum Verderben
geworden.
    Nun, sagte Ernest, diesen Stein des Anstoes hat man ja mit zarter
vterlicher Sorgfalt fast berall hinweg gerumt.
    Wir wollen auch nicht darber klagen, entgegnete Levin. Arm sein ist fr
alle Menschen ohne Ausnahme besser, als reich sein, weil die Armut auf
Sinnlichkeit und Hochmut drckt, Reichtum sie nhrt. Wer sich der Nachfolge
Christi widmet, freut sich der Armut und nennt sie, wie St. Franziskus
Seraphicus, seine geliebte Braut. Da wir keine gefrsteten bte und btissinnen
haben, wollen wir verschmerzen - ohne doch das Recht anzuerkennen, welches sie
von ihren Sthlen warf. Aber da man die Engherzigkeit und Kurzsicht so weit
treibt, um dem lieben Gott zu mignnen, da ihm einige stille Seelen in
demtiger Zurckgezogenheit, durch geistliche und leibliche Werke der
Barmherzigkeit dienen - das ist wohl sehr schmerzlich. Nie gab es mehr Leid
hienieden, als in unserer Zeit, weil seit achtzehnhundert Jahren noch nie die
Begier nach Genssen und Freuden und Wohlleben so allgemein verbreitet, so
rasend gesteigert war, und weil sie noch nie einen solchen Schein von
Zugnglichkeit fr alle und jeden hatten, als eben jetzt vermge der vielfach
gesteigerten Mittel der Bildung, der Spekulation, der Ttigkeit, der Verbindung
fr kommerzielle Zwecke. Da whnen denn alle und jeder, sie mten ihren Sitz
haben bei dem Festgelage des Lebens und sind mivergngt, wenn sie ihn nicht
einnehmen. Diese massenweise getuschten Erwartungen der Eitelkeit, des Dnkels,
der Hoffart, der Lsternheit machen die Menschen unsglich elend, und sie wird
nicht eher zu ihrem Frieden kommen, als bis sie das gefunden hat, was keine
Revolution, wohl aber die Religion ihr geben kann: Liebe zum Leiden. Da eine
solche Liebe existiere, wrde sie gewahr werden durch die armen Klster, und
wenn durch deren Beispiel, Anregung und Gebet auch nur hundert Herzen vom
Dienste des Baal abgelst wrden - oder fnfzig, oder nur zehn - welch ein
Gewinn fr die Ewigkeit!
    Wie wrden die aber als Reaktionre verschrien werden! rief Ernest
lchelnd.
    Gerade so wie in der franzsischen Revolution des vorigen Jahrhunderts
diejenigen als Aristokraten verschrieen wurden, die sich nicht wollten
guillotinieren lassen. Sie waren Reaktionre gegen die Guillotine, die das
letzte Mittel aller Vergewaltigung durch Revolution ist.
    Es ist in der Tat kein bles Monopol, welches sich die revolutionre Partei
vindiziert, da nur ihr Tun und Treiben als berechtigte Bewegung und Handlung
gelten soll, sagte Ernest. Jede andere Bewegung empfngt das Stigma Reaktion!
was die Bedeutung von Hochverrat gegen die Majestt dieser Partei haben soll,
und was die gedankenlose und verschchterte Menge ihr nachlallt. brigens
gefllt es mir, da die Demokraten sich somit als Aktionre der Revolution
bezeichnen; nmlich als solche, die auf dieselbe zum Vorteil ihrer
Aufgeblasenheit spekulieren.
    Mir ist das Wort ultramontan noch widerwrtiger! seufzte die Baronin.
    Es ist auch - wo mglich - noch hmischer, sagte Levin. Jeder Katholik,
der schlecht und recht seinen Katechismus glaubt und demgem spricht und
handelt, soll ein Ultramontaner sein. Dies Wort, das nur einen geographischen
Sinn hat, wird von der Revolutionspartei angewendet, um jemand zu bezeichnen,
der Verrat am Vaterlande durch sein Glaubensbekenntnis begehen, whrend der
Reaktionr diesen Verrat durch politische Institutionen treiben soll. Der
Ultramontane ist selbstverstndlich immer reaktionr; aber der Reaktionr - und
wenn er der strengste Calviner oder Altlutheraner wre - mu es sich auch
gefallen lassen, ultramontaner Tendenzen beschuldigt zu werden, sei sein Abscheu
vor der rmisch-katholischen Kirche auch noch so heftig.
    Wir Windecker, sagte Korona, sind Alle ultramontan und reaktionr; bei
Onkel Levin angefangen und bei mir geendet.
    Das wolle Gott! sagte Levin.
    Ist das schwer, lieber Onkel? fragte sie.
    Die Revolution zu hassen und zu bekmpfen ist fr jemand, der Herz und
Ehrgefhl hat, nicht schwer; allein der uere Krieg gegen das Reich der alten
Schlange gengt nicht; er mu auch innerlich gegen die Revolten der Selbstsucht
gefhrt werden - und das ist schwer; das ist die chte, wahre, heilige Reaktion
gegen das Bse, die das Fundament jeder anderen sein mte. Und ultramontan bist
Du noch nicht, weil Du Deinen Katechismus auswendig weit. O nein! Nur wer ein
in Glauben und Werken lebendiges Glied ist des mystischen Leibes Christi, der
sein sichtbares Haupt zu Rom im Stellvertreter Gottes, dem heiligen Vater, hat -
und wer sich bestrebt zu leben, wie es sich ziemt fr ein Kind des Reiches
Gottes: der nur darf sich die Benennung ultramontan als einen Ehrennamen
ausbitten. Dazu aber brauchen wir recht sehr den Gnadenbeistand Gottes.
    Corona kte errtend des Onkels Hand und gestand sich heimlich, da ein
solcher Ultramontanismus seine Schwierigkeiten habe. Levin schlug einen
Spaziergang vor. Der Graf war nach der Besitzung gefahren, wo frher Gratian
gelebt hatte; man wollte ihm entgegen gehen. Die Sonne stand schon zum
Untergang, aber die Hitze war den Tag ber so drckend gewesen, da man sich
nicht im Freien hatte aufhalten knnen und da man sich gegen die Einwendung der
Baronin, welche nicht fr Spaziergnge auf der Landstrae in der Dmmerung war,
einstimmig aussprach. Sie ging nicht mit; Levin, Ernest, Regina und Corona
machten sich auf den Weg und freuten sich des lieblichen Abends, der sich recht
wie eine Gabe Gottes, mit seinem heiteren Frieden und stillen Segen ber die
Welt legte und all' deren Aufregungen und Leidenschaften fr ein paar Stunden
zur nchtlichen Ruhe brachte. Dann schlafen sie alle, die armen Menschen! dann
sind sie alle hilflos, gebunden, still, auf gleicher Stufe, in gleicher
Unfhigkeit, ohnmchtig hingesunken in die Hand Gottes, die ihnen die Erquickung
des Schlafes spendet und sie dann erweckt fr einen neuen Tag, der ihnen neue
Gnaden bringt und in den sie ihren Unfrieden, ihren Ha, ihre Unruhe, ihren
Hader bringen.
    Aber diese friedvollen Seelen dachten an keinen Hader! Ernest mute erzhlen
von seinen Reisen, von seinem Aufenthalt in fremden Lndern, von der wilden
Schnheit des Hochgebirges und den zauberischen Reizen der sdlichen Natur.
Regina wollte wissen, ob wohl ein Punkt auf der Erde so schn sei, da man
darber die Sehnsucht nach dem Himmel vergessen knne. Corona versicherte, sie
fasse nicht, da es irgendwo schner sein knne als gerade hier um das liebe
Windeck herum, hier - wo man Wasser und Berge, Fluren und Wlder beisammen habe.
    Wasser und Berge schn und gar freundlich gemischt, entgegnete Ernest.
Indessen mu ich doch bekennen, Komtechen, da mir die mit Kaktus, Aloe und
Myrthen umsumten Felsenksten der leuchtenden Meere des Sdens - und die
Granit- und Gletscherpyramiden des Hochgebirges mit ihren pyrenischen Tlern
und ihren Schweizerseen - groartiger, mannigfaltiger und malerischer
erscheinen, als der kleine Main und als die Auslufer des Odenwaldes hben und
des Spessarts drben. Im Ganzen genommen haben Sie aber gar nicht unrecht! die
Elemente der Naturschnheit sind berall dieselben, und das, was sie erst recht
schn macht, die wundervolle Weisheit und Allmacht des Schpfers, strahlt auch
berall aus ihnen hervor.
    So bin ich denn ganz gerechtfertigt in meiner Vorliebe fr mein Windeck!
sagte Corona. Ich wei nun, da es gewissermaen alle Schnheit in sich fat.
-
    Sie ging vor den brigen her und zwar rckwrts nach Kinderart, um alle
ansehen zu knnen, mit denen sie sprach. Pltzlich stie sie einen kurzen Schrei
aus, denn sie sah einen Stein von der Seite durch die Luft fliegen, und in
demselben Augenblick sank Levin mit dem dumpfen Seufzer Jesus Maria! zu Boden.
Sie hielten ihn fr tot und knieten mit grenzenlosem Schmerz und Entsetzen neben
ihm nieder. Der Stein hatte ihn dicht ber der Schlfe verletzt und htte leicht
die gefhrliche Stelle treffen knnen, da er, nach seiner Gewohnheit, den Hut
abgenommen hatte und in der Hand trug. Das Blut strmte aus der Wunde. Regina
suchte es mit Taschentchern zu stillen, Corona untersttzte das Haupt des
lieben Onkels Levin; beide zerschmolzen in Trnen. Ernest hatte auch Trnen in
den Augen. Er htte gern nach dem Frevler umhergesprt, aber er konnte die
jungen Mdchen nicht verlassen und es dmmerte stark.
    Was fangen wir an? wehklagte Corona.
    Wir warten auf den Vater, der ja bald kommen mu, sagte Regina, da er nie
die Teestunde versumt und es nicht weit von neun Uhr sein kann.
    Da schlug Levin die Augen auf und sagte:
    Ach, es ist nichts, liebe Kinder! Wir wollen Tcher um den Kopf binden und
heimgehen.
    Er stand auf. Indem lie sich das dumpfe Rollen hren, das auf einer
Chaussee die Ankunft eines Wagens schon in groer Entfernung anzeigt.
    Gott Dank! da kommt der Graf! rief Ernest. Nun werd' ich ausschauen, wer
diese Untat verbt hat.
    Nicht doch, Herr Ernest, sagte Levin, das war ein Zufall! seien Sie ganz
ruhig!
    Ja, ein Zufall - der nur Ultramontane trifft! rief Ernest emprt.
    Genug, es bleibt bei dem Zufall! entgegnete Levin.
    Der Wagen kam nher. Ernest eilte ihm entgegen und erkannte bald mit
unbeschreiblicher Freude die offene Kalesche des Grafen. Er winkte dem Kutscher
Halt zu und des Grafen Erstaunen ber Ernests unerwartete Erscheinung ging in
zornige Bestrzung ber, als er die ruchlose Tat erfuhr. Die Kalesche mute die
ganze Gesellschaft aufnehmen und langsam, jede Erschtterung vermeidend, fuhr
der Kutscher heim.
    Im Schlohof empfing sie neue Bestrzung. Es war eben eine Staffette aus
Stamberg mit einem Brief an den Grafen angelangt, schwerlich eine gute Nachricht
bringend. Die Spannung der Baronin und der Dienerschaft lste sich in Jammern
auf, als man den verwundeten Onkel Levin und Regina und Corona in blutbefleckten
Kleidern sah. Die arme Baronin war ganz fassungslos. Ernest mute ihr zwei-
dreimal das Attentat erzhlen, bis sie es verstand. Es wurden inzwischen
Eisumschlge ber die Wunde gemacht und Arzt und Wundarzt herbeigeholt. Regina
besorgte alles mit Ruhe und Pnktlichkeit und lie es sich nicht nehmen, die
Nacht bei dem lieben Kranken zu wachen, der fortwhrend versicherte, die Wunde
sei unbedeutend, obschon der starke Blutverlust und der brennende Schmerz ihn
sehr abmatteten. Die Staffette hatte einige Zeilen von Baron Stamberg gebracht:
ein Schaganfall bedrohte das Leben der Baronin, doch war sie bei Besinnung und
ihr Zustand noch nicht ganz hoffnungslos. Die vielfachen Gemtsbewegungen der
letzten Zeit erschtterten ihr Nervensystem aufs heftigste. Als eine Erkltung
dazu kam, trat der Anfall ein. Der Graf machte sich reisefertig. Er wollte nur
abwarten, wie der Kranke die Nacht hinbringe und den Ausspruch des Arztes - und
dann in der Morgenfrhe aufbrechen. Er sagte zu Ernest, der bei dem Verwundeten
ab und zu ging und die Eisumschlge bereiten half:
    Welch eine Beruhigung fr mich, da Sie in diesem Augenblick hier sind, wo
ich meine Tchter auf zwei bis drei Tage verlassen mu! Ich wrde sie am
liebsten mitnehmen, aber Regina trennt sich nicht von dem Krankenbett des guten
Onkels.
    Darf ich fragen, Herr Graf, weshalb Sie pltzlich so besorgt sind?
    Man sagte mir in Jochhausen, es htten sich dort gesindelhafte Figuren mit
groen Brten und Schlapphten gezeigt. Das Attentat auf den Onkel beglaubigt
ihre Nhe. Da ich ein Reaktionr bin, versteht sich von selbst - und was ein
solcher zu erwarten hat, auch wenn er sich fern von jeder politischen
Demonstration hlt, haben wir gesehen bei der Brandstiftung des Schlosses
Waldenburg in Sachsen. Auf dergleichen mu unsereiner jetzt gefat sein.
    Gott verht' es! kommen Sie nur recht bald wieder!
    Mir brennt der Boden unter den Fen, um fortzuziehen und heimzukehren, das
glauben Sie mir! Aber ich mu meine arme Mutter noch einmal sehen. Als ich sie
im Winter von Frankfurt aus besuchte, merkte man ihr nicht im Entferntesten ihre
siebenundsechzig Jahre an - und jetzt! ja, solche Zeiten machen die krftigsten
Menschen kaput, weil man so tatlos dasitzen und von dieser Legion von Schwtzern
sich tyrannisieren lassen mu. Htte ich nicht die beiden Kinder, so ginge ich
zu meinen Buben nach der Lombardei, wo man doch im Kampfe mit Ehren leben kann!
    Der Arzt traf in Begleitung eines Wundarztes ein und beide erklrten die
Verwundung fr schwer, aber nicht fr gefhrlich, vorausgesetzt, da sich das
Wundfieber nicht steigere; deshalb msse die uerste Ruhe und Stille den
Kranken umgeben. Sie legten ihm einen regelrechten Verband an, lobten die
Eisumschlge und empfahlen sich. Levin sagte lchelnd:
    Nun habt Ihr es von den Sachkundigen gehrt: es hat gar nichts zu bedeuten.
Eine Dornenwunde ist es vom Dornenkranz unseres Heilandes.
    Das glaub' ich auch, entgegnete Ernest gerhrt.
    Der Graf teilte nun die Erkrankung seiner Mutter dem Onkel mit, nahm
Abschied von allen, versprach mglichst schnelle Heimkehr und reiste ab. Kaum
war er fort, so lie die Baronin Isabelle in aller Stille das Banner einziehen.
Als es von den Zinnen sank, fiel ihr ein Stein vom Herzen. Der Tag verstrich wie
jeder andere und mit Levins Befinden ging es gut. Regina sa mit ihrer Arbeit in
seinem Vorzimmer, whrend er still im Schlafzimmer ruhte. Zu bestimmten Stunden
gab sie ihm Arznei oder einen khlenden Trank und in der Zwischenzeit stand sie
zuweilen auf, ging auf den Fuspitzen zur Tre des Schlafzimmers, schaute hinein
und nickte zrtlich dem lieben Onkel Levin zu. Die Baronin, Corona und Ernest
kamen und gingen; zuweilen auch Brigitte, Regina's Kammermdchen.
    Es war gegen Abend, als diese geisterbleich und bebend eintrat und mit
gebrochener Stimme flsterte:
    Unsere Leute, die von drauen kommen, sagen, es sei eine Rotte im Anmarsch,
welche den Herrn Grafen um seine Gewehre bitten wolle. O liebster Heiland, was
wird das fr eine Bitte sein!
    Leise ffnete Ernest die Tre des Vorzimmers und winkte Regina zu kommen.
Sie sagte zu Brigitte:
    Bleiben Sie ruhig hier und frchten Sie sich nicht. Wir sind ja alle sicher
in Gottes Hand. Ich will selbst mit unseren Leuten reden.
    Brigitte sank zitternd in einen Sessel und sah im Geiste schon eine
Mordbrennerbande vor das Schlo rcken. Regina ging hinaus und fragte Ernest:
    Was ist denn Wahres an dieser Geschichte?
    Ein Reitknecht, der Pferde frisch beschlagen lie, begegnete auf dem
Heimritt von der Schmiede zwei Mnnern, die ihn fragten, wie viel Gewehre der
Windecker Graf wohl in seiner Gewehrkammer habe. Der Reitknecht gab zur Antwort,
das wisse er nicht, und ritt von dannen. Er und die brigen Leute sagen aber, es
munkele schon seit ein paar Tagen von einem ungebetenen Besuch auf Windeck und
Ihr Herr Vater schien gestern in Jochhausen hnliches gehrt zu haben - nach
seiner eigenen uerung zu schlieen und nach denen des Kutschers und des
Bedienten, die ihn begleiteten.
    Whrend er so sprach, gingen sie die Treppe hinab.
    Unten in der Halle standen der Portier, der Koch, zwei Bedienten und ein
paar Stubenmdchen und unterhielten sich eifrigst von den Dingen, die da kommen
sollten.
    Was geht hier vor? fragte Regina ernst. Aber ehe jemand antwortete, flog
die Tre des Salons auf und die Baronin Isabelle strzte, von ihrem
Kammermdchen und von Corona begleitet, in die Halle und umfing mit krampfhaftem
Weinen Regina. Nun sprach die ganze Dienerschaft auf einmal, was man alles tun
msse: das Hoftor und die Fensterladen schlieen; die ueren Tren verrammeln;
Geld, Silberzeug und sonstige Kostbarkeiten zusammenpacken und dann bersetzen
nach Engelberg; die Gewehre aber smtlich vor dem Hof niederlegen, damit jeder
Vorwand zum Einbruch in das Schlo entfernt sei.
    Welche Feigheit! rief Regina.
    Ach Gott, ja! nach Engelberg! seufzte die Baronin.
    
    Und Onkel Levin? sagte Regina. Nein! ich bleibe - und ich denke, wir
bleiben alle, ruhig jeder bei seinem Geschft und mit geffneten Fenstern und
Tren - ganz wie gewhnlich. Kommt irgend jemand mit irgend einer Anfrage, so
rufe man mich.
    Regina! rief die Baronin, Du wolltest Dich wei der Himmel welchen
Beleidigungen aussetzen? O nimmermehr leid' ich das!
    Liebe Tante, ich bin die lteste Tochter des Hauses und mu in meines
Vaters Abwesenheit dessen Stelle vertreten. Ich tue meine Pflicht, Gott ist mit
mir, und es wird keinem Menschen einfallen mich zu beleidigen, sagte Regina
sanft und fest.
    Kind, sagte die Baronin in grenzenloser Aufregung, Kaiser und Knige sind
vor diesen Mannern der Volkssouvernett gewichen und haben ihnen ihre Rechte
abgetreten - und Du willst ihnen ein paar Gewehre verweigern: das ist unerhrt
khn.
    Wollen Kaiser und Knige ihre Arsenale von dem souvernen Volk erstrmen
lassen: so ist das ihre Sache; allein in dem unseren hat es nichts zu tun.
berdies find' ich, da wir gerade so gut zum souvernen Volk gehren, wie
irgend ein Blousenmann.
    Regina sagte dies alles so einfach und heiter, da sich die allgemeine
Aufregung etwas legte - nur nicht bei der Baronin. Sie rang die Hnde und rief
klagend:
    Was fangen wir an, wenn sie mit dem einbrechenden Dunkel kommen?
    Halten Sie Windlichter bereit, sagte Regina zu den Dienern. Die werden
ganz festlich die Audienz beleuchten, welche wir den Herren von der Blouse auf
dem Perron geben werden, wenn sie heute kommen; was ja ganz ungewi ist.
    Gewi kommen sie heute, jammerte die Baronin; gewi benutzen sie des
Vaters Abwesenheit.
    Sollten sie davon unterrichtet sein? fragte Regina.
    Versteht sich! ich lie sogleich die Fahne einziehen.
    Regina lchelte und sagte zu den Dienern:
    Also wenn jemand in den Hof kommt, so rufe man mich; aber bei Zeiten, denn
drauen will ich mit dem souvernen Volk sprechen - nicht hier in der Halle. Und
Niemand zeige den ungebetenen Gsten Unruhe oder Mitrauen.
    Liebste Regina, ich fasse gar nicht Deine bermenschliche Verwegenheit,
sagte die Baronin. Die Leute kommen vielleicht, um das Schlo an allen vier
Ecken anzuznden und Du willst mit ihnen Gesprche fhren!
    Regina nahm die Baronin unter den Arm, fhrte sie in den Salon zurck und
sagte:
    Wer soll denn sonst mit ihnen sprechen, liebe Tante? man mu ihnen doch
Bescheid geben und unsere Leute knnten sich verwirren lassen.
    Da der Rentmeister auch gerade jetzt auf vierzehn Tage Urlaub nahm! der
ist redefertig und dreist! seufzte die Baronin.
    Regina erwiderte nichts, sondern ging in das Zimmer ihres Vaters, das zur
Rechten neben dem Salon lag. Es war sein Schreibzimmer; sie ging hindurch; auch
durch sein Schlafzimmer. Die dritte Tre, welche sie ffnete, war die der
sogenannten Gewehrkammer, ein sehr geschmackvoll eingerichtetes kleines Arsenal,
die Wnde mit Eichenholz getfelt und die verschiedensten Arten von Waffen
trophenmig darin aufgehngt. Eine Sammlung von Pistolen und eine andere von
Dolchen enthielt alte, seltene und manche sehr kostbare Exemplare, welche sich
der Graf mit vieler Mhe und groen Kosten verschafft hatte. Seine Gewehrkammer
war seine Liebhaberei und noch weit mehr die seiner Shne, die, wie alle junge
Mnner, eine wahre Leidenschaft fr Waffen hatten. Und dies sollt' ich plndern
lassen? Nimmermehr! sprach Regina bei sich selbst. Sie verschlo die Tre, nahm
den Schlssel, ging in den Salon zurck und sagte:
    Jetzt bekommen die Goldfische im Basin einen eisernen Kameraden.
    Die Baronin starrte sie an ohne sie zu sehen und fragte ganz stumpf, als
Regina auf die Terrasse ging, zu Ernest gewendet:
    Was sagt sie? was will sie?
    Sie wirft den Schlssel der Gewehrkammer in das Bassin, entgegnete Ernest,
der mit grter Freude Regina beobachtete.
    Ist Ihnen je ein junges Mdchen von solcher Lwenkhnheit vorgekommen, mit
einem Trupp Blousenmnner es aufnehmen zu wollen! flsterte die Baronin mit
versagender Stimme:
    Grfin Regina hrt alle Tage in heiliger Messe beten: Adjutorium nostrum in
nomine Domini, erwiderte Ernest. Da sie glaubt, was sie hrt und was sie
mitbetet, so ist sie mutig. Die gndige Baronin sollten sich darber freuen und
auch etwas Mut fassen.
    Regina kam aus dem Garten zurck und sagte:
    Ich gehe jetzt wieder zu Onkel Levin. Werd' ich aber abgerufen, so bitte
ich Sie, Herr Ernest, mich bei ihm zu ersetzen und dafr zu sorgen, da er sich
weder erschrecke noch ngstige. Welch Glck, da er gartenwrts wohnt.
    Nein! rief die Baronin sich ermannend; dann gehe ich zu ihm und Herr
Ernest bleibt an Deiner Seite.
    Wenn Du mir versprichst, Onkel Levin nicht zu beunruhigen, liebe Tante,
wendete Regina ein und verlie den Salon. Sie ging zuerst in die Kapelle, um
sich daran zu erinnern, wer unter dem Dach ihres Vaterhauses weile. Du bist es,
o gttlicher Heiland, flsterte sie vor dem Tabernakel niederknieend; und Du
hast gesagt: Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist.
Aber verwilderte, abtrnnige, unglubige Menschen nehmen die Rechte, die den
Frsten gehren, und da Du, gnadenreicher Herr, noch ganz andere Rechte habest
- und da sie diese mit Fen treten: darauf sind sie stolz. Und solchen
Menschen soll man aus Furcht nachgeben? Nimmermehr! Ich frchte mich nicht vor
Denen, die nur den Leib tten knnen, wenn ich im Schatten Deiner Flgel
wandele.
    Als Regina die Kapelle verlie, war es fast ganz dunkel, umsomehr, als sich
ein schweres Gewitter ber den westlichen Himmel und den Sonnenuntergang
gelagert hatte. Sie wollte die Treppe hinauf steigen - da trat ein Diener rasch
von Auen in die Halle und meldete, unten im Hof sei eine Truppe von Mnnern,
die den Grafen oder sonst jemand im Schlo zu sprechen begehrten.
    Gut, sagte Regina, lassen Sie sie nur kommen; ich werde ihnen auf dem
Perron entgegen gehen.
    Sie eilte in den Salon und rief: Nun, liebe Tante, auf Deinen Platz! zu
Onkel Levin.
    Die Baronin und Corona flogen beide auf sie zu und umschlangen sie, um sie
festzuhalten.
    Zu Onkel Levin! sagte Regina dringend und suchte sich los zu machen.
    Nein, nein, nein! stammelte die Baronin wie besinnungslos vor Angst.
    So wollen wir in die Kapelle gehen, sagte Regina, und zog beide rasch
dahin. Als sie aber eingetreten waren, floh Regina mit einer schnellen Wendung
hinaus und schlo die Tren von auen zu. Das alles ging blitzgeschwind vor
sich. In der Halle stand Brigitte und warf eine Mantille um Regina's Schultern.
    Wer ist bei Onkel Levin? fragte Regina.
    Herr Ernest.
    Ah, das ist gut! sagte sie und ging durch die Halle auf den Perron, wo sie
stehen blieb, whrend eine Truppe von zwlf bis fnfzehn Mnnern durch den Hof
auf den Perron zuschritt. Sie trugen das beliebte Kostm des Tages, Blousen,
wilde Brte, Schlapphte und hatten rohe, gemeine Gesichter. Vor dem Perron
machten sie Halt, denn Regina trat ihnen entgegen und sagte:
    Sie haben meinen Vater sprechen wollen; er ist verreist. Was wnschen Sie
von ihm?
    Wir wollen nach Holstein ziehen, sagte der eine.
    Und nach Baden! rief der andere.
    Nein, nach Holstein!
    Ich bitte allen Lrm zu vermeiden, sagte Regina, und mglichst kurz zu
sagen, was Sie von meinem Vater wnschen. Wir haben einen Schwerverwundeten im
Hause, der nicht beunruhigt werden darf und den ich nicht gern verlasse.
    Wir wollen also fr die Einheit und Freiheit des deutschen Volkes berall
kmpfen, wo sie bedroht wird. Dazu brauchen wir Waffen, Flinten, Sbel, Pistolen
- und da sich hier ein frmliches Waffendepot befindet, so kann es zu gar keinem
besseren Zweck verwendet werden, als zur Volksverteidigung.
    Sie sind im Irrtum ber ein Waffendepot. Mein Vater besitzt nur
Jagdgewehre, und eine Sammlung von altertmlichen, seltenen, fr den Krieg ganz
unbrauchbaren Waffen.
    Mit denen aber doch auf das Volk eingehauen und geschossen werden kann!
    Mein Vater schiet auf Wild, nicht auf Menschen.
    Da jetzt die Grundrechte dem Volk die Jagd frei gegeben haben: so wird er
seine Gewehre nicht mehr ntig haben und andere knnen sie besser brauchen -
vorzglich in den edlen Freiheitskmpfen.
    Ich bedauere, Ihrem Wunsche nicht entsprechen zu knnen, indem mir nicht
das Recht zusteht, ber den Besitz meines Vaters zu verfgen - was Sie ganz in
der Ordnung finden werden. Ich darf nichts fortgeben, was mir nicht gehrt.
    Sie brauchen es auch gar nicht zu geben, rief derjenige, welcher den
Freischarenzug nach Baden statt nach Holstein fhren wollte, und schlug mit der
Faust seinen Hut tiefer auf die Stirn. Wir borgen es!
    Auch dazu hab' ich kein Recht.
    So nehmen wir es! schrie der Mensch.
    Dazu haben Sie kein Recht, sagte Regina mit unverndert gelassenem Tone,
wendete sich dann wieder zu dem Wortfhrer und setzte hinzu: Sie sehen also,
da ich nicht im Stande bin, Ihren Wunsch zu erfllen. Da nun die Nacht
einbricht, das Gewitter heraufzieht und unser Kranker mich vermit .... -
    Der alte Pfaff! rief der badische Freischrler.
    Woher wissen Sie, da mein Onkel der Kranke ist? fragte Regina lebhaft.
    Wir werden wiederkommen! rief der Wortfhrer hastig. In den nchsten
Tagen kommen wir und zhlen darauf, da die Verteidiger der deutschen Einheit
und Freiheit die notwendige Untersttzung finden werden.
    Beht' Sie Gott! sagte Regina.
    Statt ihren Gru zu erwidern, stimmte er mit rauher Kehle an:
Schleswig-Holstein meerumschlungen und seine Gefhrten fielen ein.
    Schade, da Ernest nicht da war! er htte ein recht malerisches lebendes
Bild zu sehen bekommen, einen Gherardo della notte mit seinen Lichteffekten in
der Finsternis. Die Halle und einzelne Fenster des Schlosses waren, wie
gewhnlich, beleuchtet und warfen ihren Schein in einzelnen Lichtstreifen auf
den Hof und auf die Mnnergruppe, deren Figuren, je nachdem die Beleuchtung sie
traf, bald aus dem Dunkel auftauchten, bald darin verschwanden, und im Ganzen
eine finstere, gestaltlose, unheimliche Masse bildeten. Ihnen gegenber und
durch die Hhe des Perrons, zu dem sechs breite Stufen hinanfhrten, ber sie
erhoben und von ihnen getrennt, stand Regina. Die Windlichter, ihr zur Seite von
den Dienern gehalten, lieen sie ganz hell erscheinen und ihr weies Kleid, ihre
hellblaue Taftmantille umflossen sie mit sanftem Glanz. Wie Psyche in der
Unterwelt stand sie da, ein himmlischer seliger Fremdling, zwischen den dunkeln,
verzerrten, traurigen Gebilden des Orkus.
    Schleswig-Holstein stammverwandt! brllte die Bande, machte kehrt und zog
ab. Regina blieb auf dem Perron, bis sie vom Hof herunter waren, das Gittertor
im Rcken hatten und durch die Lindenallee der Chaussee zugingen. Nur einer von
ihnen, der ein besonderer Liebhaber des Steinwerfens war, kehrte sich um und
schleuderte mit krftiger Faust einen Stein gegen einen der Lwen, die in
Sandstein gehauen auf den beiden Pfeilern des Gittertores lagen, das den Hof
schlo. Der ruhende Lwe, schwarz im goldenen Felde, war das Wappen der
Windecker.
    Als die wsten Stimmen sich mehr und mehr entfernten, trat Regina in die
Halle zurck und sagte zu dem einen Bedienten:
    Der Portier soll das Gitter nicht frher schliessen als gewhnlich.
    Dann eilte sie zur Kapelle, schlo auf, kniete einen Augenblick vor dem
Tabernakel nieder, nickte freundlich der Baronin Isabelle zu, die halbohnmchtig
auf einem Betstuhl kniete - und ging schnell die kleine Treppe hinauf durch ihr
Zimmer zum Onkel Levin, bei dem sie Ernest und Corona fand.
    Lieber Onkel, sagte sie zrtlich, wie befindest Du Dich? Hast Du mich
auch nicht vermit? - ich mute ein kleines Geschft besorgen.
    Sie kniete neben seinem Bett nieder und kte seine Hand. Er sah sie mit
unbeschreiblicher Liebe an, legte die Hand auf ihr schnes Haupt und sagte:
    Sieh', wie die heilige Mutter Gottes Dich lieb hat!
    Die Herren Volkssouvernler, nahm Ernest das Wort, haben nicht Ihren
schwebenden Schritt, Grfin Regina, sondern treten auf mit dem vollen Gewicht
selbstbewuter Majestt. Durch die abendliche Stille drang das dumpfe Gerusch
auch in dies Zimmer, und da es den hochwrdigen Herrn beunruhigte, so sagte ich
ihm einfach, um was es sich handle, damit er Sie durch ein Salve Regina der
heiligen Mutter Gottes empfehle; und das hat denn auch seine Wirkung getan.
    Es war aber schauerlich! sagte Corona und schlang den Arm um Reginas
Nacken, als wolle sie die geliebte Schwester noch nachtrglich festhalten.
    Wo warst Du denn? fragte Regina. Ich schlo Dich ja in der Kapelle ein.
    Aber ich lief ber die kleine Treppe durch Dein Zimmer zu Brigitte. Da
lschten wir das Licht aus und bersahen den ganzen Hof! rief sie eifrig.
    Ja, sagte Ernest trocken, das Komtechen war neugierig! sonst htte es
wohl zum wrdigen Herrn kommen und mich ablsen knnen! und dann wr' ich zu
Grfin Regina gegangen.
    Ich dachte, Tante Isabelle wolle Sie ablsen, Herr Ernest, erwiderte
Corona kleinlaut.
    Ach, die arme Tante! rief Regina mitleidig. Ich mu sie holen, damit sie
uns alle beisammen sieht und zur Ruhe kommt.
    Sie eilte hinab. Ernest sagte zu Corona:
    Komtechen! Ihre Schwester ist ein goldenes Herz.
    Und will in's Kloster! platzte Corona heraus.
    Ah! will sie das! rief Ernest freudestrahlend. Das sieht ihr hnlich! da
hat sie recht.
    Aber Papa will es nicht und wir alle wnschen es auch nicht, entgegnete
Corona; und so wird wohl nichts daraus werden.
    Es wird das geschehen, was Gott will! erwiderte Ernest, und Levin setzte
hinzu:
    Amen.
    Die Baronin erschien, ganz erschpft auf Reginas Arm gelehnt, und lie sich
von ihr Zuckerwasser  la fleur d'orange bereiten.
    Willst Du nicht auch etwas nehmen, Kind? fragte sie. Bist Du nicht
ungeheuer alteriert?
    Gar nicht, liebe Tante! entgegnete Regina munter. Ich habe starke Nerven!
- Aber zum Tee wollen wir gehen.
    O Himmel! rief die Baronin, kommt jetzt erst die Teestunde? Ich dachte,
es sei Mitternacht. Nun so geht nur. Ich kann nichts genieen und bleibe hier.
-
    So endigte dieser Tag ruhig am Teetisch, wie jeder andere. Mit dem wilden
Besuch war auch das Gewitter abgezogen. Bis Mitternacht wachte Regina dann noch
in der trauten Kapelle im Frieden ihres Gottes und ihres Herzens. -

Ihr Vater war inzwischen wohlbehalten auf Stamberg angelangt. Er fand seine
Mutter nicht nur nicht in Lebensgefahr, sondern die Aerzte, die aus Darmstadt
und Heidelberg gerufen waren, versicherten sogar, da sie sich erholen knne,
wenn sie recht gepflegt und geschont werde. Ob ihr Mann sich darauf verstehe,
war dem Grafen zweifelhaft; denn Baron Stamberg, brigens der harmloseste Mensch
auf Erden, war jetzt in einer permanenten Wut, weil der Gegenstand seines
lebhaftesten Interesses hienieden ihm durch die Erfindung der Grundrechte
beeintrchtigt wurde: die Jagd, die geliebte Jagd! Statt also seine Frau zu
beruhigen, regte er sie doppelt auf - zuerst durch seine zornig gereizte
Stimmung welche die Zukunft fr ewige Zeiten rabenschwarz und hoffnungslos sah;
dann durch den rger, den sie empfand, weil er so ganz auer Rand und Band war.
Der Graf konnte nicht umhin, Vergleiche anzustellen zwischen Stamberg und
Windeck, die ganz zu Gunsten Windecks ausfielen; denn, sprach er zu sich selbst,
wenn ich auch - und zwar mit vollem Rechte - ber die gegenwrtigen ffentlichen
Zustnde wte und Isabelle ein weniges zu viel lamentiert: so haben die brigen
doch frische Hoffnung und guten Mut - was allerdings heroisch ist! - und
Hoffnung ist ansteckend. Ohne Hoffnung aber ist das Leben eine Hlle. Ich
meinesteils mchte nicht hier bleiben! - -
    Brigitte sagte am andern Morgen, whrend sie Regina's schnes Haar flocht,
ganz schchtern:
    Haben die Grfin wohl den Herrn Hauptmann bemerkt?
    Warum titulieren Sie den Rdelsfhrer so feierlich als einen Herrn
Hauptmann? fragte Regina lchelnd.
    Den meine ich nicht, entgegnete Brigitte, sondern Herrn Florentin, dessen
Zuname ja Hauptmann ist.
    Florentin! unser Florentin? Wie kme der unter eine solche Bande! rief
Regina berrascht.
    Ich mchte wetten, da er es war! sagte Brigitte.
    Meine Schwester war ja bei Ihnen; hat auch sie ihn erkannt?
    Ich glaube nicht! Sie hat wenigstens nichts geuert.
    Und ich glaube, da Sie trumen, Brigitte! Hten Sie sich vor solchen
uerungen, die ein verkehrtes Geschwtz unter die Leute bringen, dem armen
Florentin viel schaden und meinem Vater sehr wehe tun knnten. In der
unbestimmten Beleuchtung und bei Ihrer ngstlichkeit haben Sie gewi nicht
erkannt, welche Gesichter denn eigentlich zwischen Hut und Bart steckten. Es
wird jetzt so viel Falsches und Lgenhaftes in die Welt gesprengt, da man sich
mehr denn je vorsichtig in Worten zeigen und auch nicht alles glauben mu, was
die Leute erzhlen.
    Wie htte die Bande wohl wissen knnen von der Gewehrkammer des Herrn
Garfen!
    Gutes Kind, versetzte Regina, ich bin fest berzeugt, da man auf zehn
Stunden in der Runde ganz genau wei, wie es hier aussieht und was hier
vorfllt. Das spricht sich herum - auch ohne den armen Florentin. - -
    Regina nahm ein Buch zur Hand und Brigitte sah sich gentigt, ihr Geschft
schweigend zu vollenden. Dennoch blieb sie dabei, sie habe Florentin erkannt.
Und sie hatte auch ganz recht. Er hielt sich in Frankfurt auf. Je nher dem
babylonischen Feuerofen der Leidenschaften - desto besser! da konnte er an jedem
Ereignis teilnehmen, zu jeder Bewegung mitwirken. Warum nicht auch in Windeck um
Waffen bitten fr die Freiheiltskmpfer der Einheit Deutschlands? Er fand das
sehr erhaben; der Graf selbst mute, trotz reaktionrer Gesinnung und
ultramontaner Umgebung, fr Schleswig-Holstein Sympathien haben und die
Freischrler mit offenen Armen empfangen, das war ja gar nicht anders mglich.
Heroisch wollte er den Zug nach Windeck fhren. Der Steinwurf, den ein roher
Gesell aus dieser Schar abends zuvor, als er von Ferne einen Priester erblickte,
auf Levin warf, verstimmte Florentin auf's uerste, denn im unglcklichen Falle
wre das ein Meuchelmord gewesen - und damit wollte er nichts zu tun haben. Als
er nun gar die Abwesenheit des Grafen erfuhr, wre er am liebsten wieder
umgekehrt; denn vor wem sollte er seine gracchische Rede halten? Doch Umkehr
lieen seine Kameraden nicht zu; sie wollten nicht unverrichteter Sache abziehen
und Florentin blieb, um den Ausgang derselben zu berwachen. Als aber Regina
erschien, versenkte er sich in die tiefste Dunkelheit und berlie einem anderen
das Wort. Der Moment war doch nicht groartig genug, um vor ihr in der vollen
Wrde eines Volkstribuns auftreten zu knnen. Vor dem Grafen schon eher! aber
vor ihrem klaren, unbestechlichen Auge - nimmermehr! Wie er sie da sah auf dem
Perron, so unaussprechlich edel in ihrer Ruhe, so umflossen von einer Sphre von
Licht fielen ihm als schneidender Gegensatz Frauen ein, die er an Barrikaden
gesehen hatte, in karikierter Begeisterung und verzerrter Leidenschaft.
Unwillkrlich mute er sich eingestehen, da jene Freiheitsheldinnen einen
widerwrtigen Eindruck neben dieser Vertreterin der Reaktion machten. Er war
froh, als der Rdelsfhrer den Abmarsch antrat und fest entschlossen, einen
zweiten Zug gen Windeck nicht mitzumachen. Die brutalen Bemerkungen seiner
Kameraden ber Regina und ihre Schnheit machten alles Blut in seinen Adern vor
Zorn kochen; aber was war da zu tun? - nichts, als in der Liebe fr die
Volksfreiheit alles Mibehagen zu ersticken. In der dunkeln Lindenallee kehrte
sich Florentin nach dem Schlo um, das mit seinen abendlichen Lichtern so
friedlich und heimlich da lag, als ob weder Revolution noch Freischaren in der
Welt wren; und der schne Lwe am Tor, gegen den so eben der grimmige Steinwurf
geschah, lie sich auch gar nicht stren auf seinem Pfeiler und hielt seine
Wache fort. Da dies sich nun alles so entsetzlich aristokratisch ausnahm und
Regina, das vershnende Element, aus dem Bilde verschwunden war, so fhlte sich
Florentin wieder in seinem Gleichgewichte, d.h. in seinem Ha gegen
traditionelle Vorurteile, Kastengeist etc. und grimmig hob er einen Stein auf,
um ihn seinerseits gegen einen der stolzen Lwen zu schleudern. Aber er lie ihn
fallen und murmelte fr sich: Grotaten der Gassenbuben? - pfui, Florentin! -
    Am dritten Tage kam der Graf zur grten Freude der Seinen wieder aus dem
Odenwalde zurck, beruhigt ber das Befinden seiner Mutter - und ebenso ber den
Zustand der Besserung, worin er den Onkel Levin antraf. Natrlich wurde ihm
gleich von allen Seiten der Freischarenbesuch mitgeteilt.
    Wer wei, ob ich mich so ruhig benommen htte wie Regina, sagte der Graf
liebreich.
    Drum hat es der liebe Gott gerade so gefgt! rief sie munter und kte
seine Hand.
    Hattest Du denn gar keine Furcht dem wsten Gesindel gegenber, das Dich
durch Wort oder Tat htte beleidigen knnen?
    Nein, gar nicht, sagt sie.
    Und hattest niemand, um Dich zu beschtzen?
    O doch! rief sie, zog ihren Rosenkranz hervor, kte das kleine Kruzifix
mit dem Partikel vom wahren Kreuz und setzte hinzu: Im Schutz des Kreuzes bin
ich gefeit.
    Das ist ein Glaube, der Berge versetzt, sagte der Graf.
    Und der die Welt berwindet, bemerkte Ernest. -
    Das Befinden der Baronin Stamberg wurde besprochen, und als der Graf
beklagte, da sie keine andere Pflege als von Dienerinnen habe, erbot sich
Regina sogleich, zur Gromama zu gehen.
    Kind, Du bist allzu vollkommen, das ist auch eine Art von
Unvollkommenheit! sagte der Graf unmutig, der durchaus nicht gewillt war, sich
der Gesellschaft seiner Tochter zu berauben.
    Um's Himmelswillen nicht! flehte die Baronin Isabelle. Im Badischen
hausen die Freischaren und knnten einmal Stamberg berfallen.
    Nun, wegen der bekannten Freischarenbravour knnten sie dort wohl bald
ausgehaust haben, bemerkte Ernest.
    Vor der Hand ist nicht daran zu denken, sagte der Graf. Ich kann doch
unmglich ganz allein bleiben? Die Buben sind fort - nun soll ich auch meine
Regina fortschicken? Nein, daraus wird nichts.
    Die Buben, wie er sie nannte, machten freudig den Feldzug in der Lombardei
mit. Uriel schrieb fleiig, und die Siegesnachrichten von jenseits der Alpen
lichteten die trben Zustnde diesseits derselben.
    Mailand htten wir wieder! rief der Graf froh. Jetzt nur auch bald Wien.
    Wird schon kommen! entgegnete Ernest zuversichtlich.
    Ach, aber der heilige Vater! sagte Regina beklommen. Das undankbare Rom
mihandelt sein mildestes Herz - und wer wei, ob ihn die Revolution nicht
verjagt oder Schlimmeres noch begeht.
    Daran sind die Stellvertreter Christi gewhnt, bemerkte Levin. Vom ersten
Apostelfrsten an, der auf dem Janikulus kopfabwrts gekreuzigt wurde und dessen
dreizehn erste Nachfolger smtlich den Martertod fr den katholischen Glauben
fanden - bis zur heutigen Stunde haben dem sichtbaren Oberhaupt der heiligen
Kirche Schmach und Geielung, Dornenkranz, Kreuzigung und Herzenswunde so wenig
gefehlt, als einst dem Gottessohn selbst. Hrte die eine Art von Martertum auf,
so brach die andere an: heidnische Verfolgung, Heimsuchung durch Barbaren,
deutschrmische Kaiser, franzsische Knige, die furchtbarsten wildesten inneren
Faktionen voll republikanischer Gelste und Adelstyrannei, Schisma und Hresie
haben sich seit achtzehn Jahrhunderten ber und gegen Rom gewlzt und dem
Stellvertreter Christi seinen reichlichen Anteil am bitteren Leiden des Herrn
gebracht; denn in der Siebenhgelstadt liegt mystischer Weise auch der Hgel
Golgatha; ja, er ist recht eigentlich das Fundament des Vatikans - und das haben
die Stellvertreter Christi in so vollem Umfang begriffen, da es dem bittersten
Ha und der feindlichsten Scheelsucht nicht mglich ist, mehr als fnf oder
sechs Ppste ausfindig zu machen, welche die Nachfolge Christi nicht angetreten
htten - also einer etwa in dreihundert Jahren, bei dem der natrliche Mensch
den bernatrlichen besiegte! Welche lange, lange, wunderbare Reihe von
Heiligen, und wie selten wird sie unterbrochen durch einen armen Snder!
    Man bekommt eine Art von Grauen vor der Heiligkeit, nahm der Graf das
Wort, wenn man sie immer und immerfort in einer Sndflut von Leiden und
Bitterkeiten gewahr wird.
    O lieber Vater, sind das aber die Bedingungen zur Heiligkeit, wie gern
mssen wir sie annehmen! rief Regina - und Levin sagte:
    Das Auge des Glaubens nimmt die Dinge anders wahr, als das sinnliche und
vom Irdischen befangene Auge. Leiden machen gotthnlich - sagt der fromme
Heinrich Suso. Gotthnlich zu werden, das Ebenbild Gottes in der Seele
herzustellen, ist die Aufgabe jedes Christen und ist das ersehnte und
angestrebte Ziel jedes Glubigen. Was ihm dazu behilflich ist, heit er
willkommen. Nichts adelt die Seele mehr, als ein mit frommer Ergebung und edler
Geduld getragenes Leiden. Das gibt ihr die Stigmata der Kreuzigung und auf ihnen
ruht das Auge Gottes mit ewiger Liebe. Wer sie trgt, ist Gott wohlgefllig,
denn er ist Christus hnlich - und in dieser Liebesverbindung mit Gott fhrt der
glubigleidende Mensch schon hienieden mitten in seiner Trbsal ein seliges
Leben, weil der Friede der Seligen in ihm ist.
    Ernest sah ihn an, whrend er so sprach, und dachte, da auf diesem zarten
durchschmerzten Antlitz die Stigmata des Kreuzes nicht fehlten - aber auch nicht
die balsamischen Trstungen der Kreuzesliebe. Er sagte:
    Kein Thron der Welt ist von so verschiedenen Seiten und so zu allen Zeiten
von Strmen umbraust worden, als der Stuhl des heiligen Petrus. Der liebe Gott
lt das zu, um zu zeigen, da Er ihn halte. Ppste in der Verbannung durch -
und auf der Flucht vor Faktionen, Ppste in der Gefangenschaft - sind ganz
hufige Erscheinungen in der Geschichte, und nicht selten traf die
ausgezeichnetsten das Loos. Leo III. floh vor hretischen Aufrhrern nach
Paderborn zu Karl dem Groen. Gregor VII. starb in der Fremde zu Salerno, von
einem Gegenpapst, den ein deutscher Kaiser whlte und sttzte, aus Rom
verdrngt. Bonifatius VIII. starb an den Mihandlungen, welche Knig Philipp der
Schne von Frankreich, in Verbindung mit einer Partei des rmischen Adels, ihm
zufgte. Dann gerieten die Ppste whrend siebenzig Jahren unter die kniglichen
franzsischen Kerkermeister, welche die Faktionen in Rom auszubeuten verstanden
- und lebten im babylonischen Exil zu Avignon. Spter lie Kaiser Karl V. Papst
Klemens VII. in Rom belagern. Unsere Tage haben Pius VI. von franzsischen
Republikanern, die Rom als Republik proklamierten - gefangen nach Frankreich
schleppen und in der Gefangenschaft zu Valence umkommen sehen. Und wie das
vorige Jahrhundert schlo, so begann das jetzige! Napoleon Bonaparte vereinigte
den Kirchenstaat mit Frankreich und hielt whrend der letzten fnf Jahre seiner
Zwingherrschaft Papst Pius VII. in der Gefangenschaft zu Savona und zu
Fontainebleau. Dann wanderte er nach St. Helena und starb auf der Felseninsel im
tropischen Meere - und Pius VII., der gottselige unberwindliche Greis, kehrte
nach Rom zurck und beschlo auf dem Stuhle Petri sein heiliges, vielgeprftes
Leben. Die Signatur, unter welcher, nach jener uralten Prophezeiung, sein Leben
stand, hat sich bewhrt; sie hie Aquila rapax der raubgierige Adler. Aber die
Taube hat den Adler besiegt.
    Ja, in Wahrheit besiegt! rief Levin. Und viel mehr, als man geneigt ist,
ihm zuzugestehen, zwischen den politischen und kriegerischen Ereignissen, die
den korsikanischen Diktator strzten. Ich erinnere mich lebhaft des ungeheuren
Enthusiasmus, der in den katholischen Herzen aufflammte, als Pius VII. auf das
berchtigte napoleonische Dekret, das im Jahre 1809 den Kirchenstaat mit dem
franzsischen Reich vereinigte und den Papst mit einer Rente von zwei Millionen
Francs pensionierte - durch die Exkommunikationsbulle antwortete. Alle Monarchen
Europas litten Vergewaltigung durch jene Gottesgeiel; die einen zitterten vor
ihm und die anderen schlossen Freundschaft mit ihm, und die zertretenen Vlker
zhneknirrschten in Blut und in Trnen gebadet. Europa erseufzte und erlahmte
unter dem Alp, ohne ihn abzuschtteln. Da schleudert der machtlose, von
franzsischen Soldaten in seiner eigenen Residenz umgebene und der Tat nach
gefangene Greis die Exkommunikation ber alle, welche Gewalttat im Kirchenstaat
ausben, und lt die Bulle am hellen Tage, angesichts der franzsischen
Truppen, an den drei Hauptkirchen Roms anheften. Der Blitz vom Vatikan hatte zu
gut getroffen, als da Napoleon ihn, ohne Rache zu nehmen, verschmerzt htte. In
der Nacht zum 6. Juli drang der General Radet mit Gewalt in den ppstlichen
Palast und entfhrte den heiligen Vater samt dem Kardinal Pacca, dessen Simon
von Cyrene, aus Rom und Italien. An diesem nmlichen 6. Juli besiegte Napoleon
in der Schlacht von Wagram sterreich. Mehr denn je war Europa geknechtet, und
hohnlachend des Bannes schrieb Napoleon spttelnd an den Vizeknig von Italien,
seinen Stiefsohn: Croitil que ses excommunications feront tomber les armes des
mains de mes soldats?5 Nun, der Tag lie nicht lange auf sich warten, wo der
ewige Gott die Bulle seines irdischen Stellvertreters ratificierte! Zwei Jahre
darauf, im russischen Feldzug, geschah buchstblich das, was Napoleon im blinden
Wahn seiner Omnipotenz fr unmglich hielt: die Waffen fielen aus den erfrorenen
Hnden der franzsischen Soldaten und der Rckzug aus Ruland war eine der
furchtbarsten Niederlagen einer Armee, welche die Weltgeschichte aufzuweisen
hat. Mit ihr begann die Sonnenwende des Napoleonischen Glckes und sie war eine
Tat Gottes - nicht menschlicher Weisheit und Kraft. Knnte der Felsen Petri
pulverisiert werden, wie der Ha der Hlle es seit achtzehn Jahrhunderten
begehrt und versucht: so wre es lngst geschehen. Statt dessen werden ihre
Sendlinge pulverisiert. Die Dynastie des armen Fischers ist unsterblich! Unser
heiliger Vater gehrt ihr an. Man kann ihn zu Tode qulen, aber sie lebt fort.
    Ist auch ber ihn eine Prophezeihung gesprochen? fragte Corona.
    Ja wohl! entgegnete Ernest. Das Wort der Weissagung ber ihn heit: Crux
de Cruce. Gewi eine groartige, gewichtige Verheiung Kreuz vom Kreuze, die ein
berma der Leiden andeutet.
    Wer hat denn das alles prophezeit? fragte sie.
    Ein Bischof Malachias zu Armagh in Irland, erwiderte er.
    Welche Rtsel gehen durch die Welt, sagte Regina, gleichsam Dissonanzen,
welche erst spt ihre Auflsung finden, und doch so gro und mchtig in der
Harmonie mitwirken.
    Ich wrde wnschen, da sich die Dissonanzen der Gegenwart mglichst bald
lsten, sagte der Graf. Dies ohrzerreiende Freiheitsgeheul kann nimmermehr
zur Weltharmonie mitwirken.
    Doch! sagte Ernest; nur nicht fr die Gegenwart! Es ist aber geringe
Hoffnung vorhanden, da sich Ihr Wunsch, Herr Graf, erflle.
    Sie sind ja ein wahrer Unglcksprophet, Herr Ernest! rief die Baronin
Isabelle. Ist denn auch ber unsere Zeit, wie ber die Ppste, eine traurige
Weissagung gesprochen?
    Nicht da ich wte, entgegnete Ernest gleichmtig. Allein es geht ein
grlicher Zug durch die Zeit, den jeder wahrnehmen kann, der Augen hat: sie
neigt sich massenhaft der Tiefe zu und diese Massen haben ihre dmonische Freude
daran, da dem so ist. Es gab Epochen in der Weltgeschichte, die wilder und
ungeordneter waren, als die Jetztzeit, in denen sich mehr Gewalttat, Roheit,
brutale Sinnlichkeit, und auch massenhaft, zeigten.
    Nun, das ist beruhigend, unterbrach ihn die Baronin, denn Sie geben damit
zu, da es schlimmere Zeiten gab.
    Der Nachsatz folgt! erwiderte Ernest. Aber in jenen Epochen sittenloser
Verwilderung, die zu mannigfachen Grueln fhrte, fehlte die charakteristische
Signatur der Jetztzeit: heuchlerische Schntuerei mit Bildung, Fortschritt,
Geist, welche den furchtbaren Abfall von Gott und vom Christentum als einen
Riesenschritt aufwrts anpreist und hinter jenen drei Worten den Kultus des
Materialismus verschleiert. Viel lesen und viel schreiben - ist Geist; viel
Eisenbahnen und Brsenspekulationen haben - ist Fortschritt; viele Opern und
Ballets angaffen und im raffiniertesten Luxus den Nerv der Seele abstumpfen und
das Gehirn schwchen - ist Bildung; und diese drei Zauberworte sollen weiter
nichts bezwecken, als dem Menschen einen mglichst hohen Lebensgenu zu
verschaffen, der durch die alte fixe Idee der christlichen Menschheit von Gott -
bis jetzt beeintrchtigt wird. In anderen schlimmen Zeiten verga man nicht
sowohl Gott, als vielmehr seine Gebote und im Sturm tobender Leidenschaften
kmmerte man sich nicht um ihn. Die Sinne sndigten im Taumel; nicht der Geist
mit berlegung. Roher waren die Frevel - vielleicht! gewi nicht so
niedertrchtig. Das hmische Bemhen, den ewigen Gott vom Thron der heiligen
Dreifaltigkeit herabzureien, die Weltordnung von seiner Allmacht abzulsen, die
Menschheit von seiner Gnade und Liebe hinweg zu drngen, an die Stelle des
menschgewordenen Gottes den Wechselbalg eines Gottes zu bringen, der in jedem
einzelnen Menschen zum Bewutsein kommt, in der Gattung Mensch - den
Zwillingsbruder der Gattung Affe zu sehen, der sich von dieser nur durch sein
greres Gehirn unterscheidet: und dies Bemhen auszufhren, kaltbltig,
hohnlchelnd, Brill' auf der Nase, Bein' unter dem Schreibtisch, in zahllosen
Werken, Schriften, Vortrgen, Vorlesungen, die sndflutartig aus allen
Weltgegenden, in allen Sprachen, in gebundener und ungebundener Rede, gedruckt
und gesprochen, eindringen und einbrechen und - auf die die Sympathien der
niederen Instinkte in der Menschheit pochend - frech behaupten, dies und nur
dies sei chte und rechte Wahrheit: diese massenhafte Lge ist die Signatur
unserer Zeit. Im alten, heidnischen, absterbenden Rmerreiche gab sich ein
hnliches Bemhen kund, den Gott der Christen aus den Seelen der Glubigen zu
reien, und schon damals hie es, das Christentum verdumme die Leute und mache
sie gleichgiltig gegen Philosophie, Wissenschaft, heiteren Genu des Daseins und
andere hohe Dinge mehr - und um sie aus ihrer Gleichgiltigkeit aufzuwecken, lie
man wilde Bestien gegen sie los und folterte sie mit Feuer und Eisen. Allein
dies Bemhen ging von Heiden aus und die Antwort, welche die Christen darauf
gaben, war der Martertod von Millionen und die Bekehrung von Millionen aus dem
Heidentum zum Christentum. Jetzt aber findet den Bemhungen getaufter Heiden
gegenber, die so gefhrlich sind, weil sie nicht direkt den Abfall vom Glauben,
sondern nur von hherer Erkenntnis, wissenschaftlicher Forschung, Licht der
Aufklrung etc. predigen - keine massenhafte Bekehrung zum wahren Glauben statt:
folglich ist es unmglich, da die kreischenden Dissonanzen schnell gelst
werden. Sie behalten im Gegenteil die Oberhand und werden vermutlich noch lauter
aufheulen. -
    Ein Jahr vorher htte der Graf gewi geantwortet: politische Revolutionen
htten nicht das mindeste mit dem religisen Glauben oder Unglauben zu tun; aber
jetzt war ihm doch ein gewisser Zusammenhang derselben nicht unwahrscheinlich
und er begngte sich mit der uerung:
    Die Soldaten mten nur mit gehriger Energie auf smtliche Demokraten-,
Republikaner-, Carbonari-, Sozialisten-, Freimaurer- und sonstige Nester
losgehen: dann wrde es schon besser werden.
    uerlich vielleicht, sagte Levin, aber jene armen Menschen wrden
schwerlich dadurch gebessert!
    Nun bedauern Sie die noch gar, bester Onkel! rief der Graf emprt.
    Ich auch! sagten Ernest und Regina aus einem Munde.
    Das ist unerhrt! rief der Graf. Nein! ich hasse sie grndlich.
    O lieber Vater! rief Regina, auch sie sind als Ebenbild Gottes geschaffen
und machen sich zu seinen Feinden! Kann es etwas Erbarmenswerteres geben? und
wer wei denn, ob ihr Irrtum nicht grer ist, als ihre Bosheit.
    Das mu man hoffen! sagte Levin. Der Irrtum, dem nie das wahre Licht
geleuchtet hat, dem nie die katholische Wahrheit aufgegangen ist - ist
unaussprechlich zu beklagen. Von ihm heit es in der Tat: er wei nicht, was er
tut. Der freiwillige, absichtliche Irrtum hingegen, der das Licht hat, weil
seine Werke bse sind - wie es in heiliger Schrift heit - der steht in engster
Wechselwirkung mit der Snde und beide bedingen und verstrken einander. Snde
befleckt das Herz, und die Nebel, welche aus einem solchen Herzen aufsteigen,
beflecken die Intelligenz und berauben sie tiefer Einsicht und reiner
Erkenntnis. Nicht umsonst hat der gttliche Heiland gesagt: Die reinen Herzen
werden Gott schauen. Je mehr das Menschenherz in Snden vergraben ist, desto
weniger Erkenntnis hat es von gttlichen Dingen, desto weniger Liebe sprt es
fr Gttliches. Dadurch gert es allmlig in eine, seiner Bestimmung genau
widersprechende Richtung: in die Feindschaft Gottes. Der Verlust der
heiligmachenden Gnade beraubt es des bernatrlichen Lebens. Gibt es ein
greres Elend als dieses: der Seele nach eine galvanisierte Leiche zu sein, die
sich regt und bewegt, von uerem Impuls getrieben, aber ohne den Lebenshauch,
den sie von Gott empfing? Wem wrde nicht ein solcher Zustand zu Herzen gehen?
Und ihn nimmt das Auge des Glaubens in denjenigen wahr, welche ihre Lust an der
absichtlichen Emprung gegen Gott finden.
    Ich betrachte sie aber schlecht und recht mit meinem Sinnenauge,
entgegnete der Graf, und nehme wahr, da die Lust an Emprung gegen Recht und
Gesetz nicht die revolutionren Herren, wohl aber uns in's Elend strzt, in's
wirkliche, materielle und reelle Elend; also bitte ich, nicht zu
verschwenderisch mit dem Bedauern fr unsere Widersacher zu sein, die sich
ohnehin ungeheuer lustig ber Euch alle machen wrden, wenn sie Euer zartes
Mitleid ahnten. Wir knnen smtlich durch sie an den Bettelstab gebracht werden,
so gut wie der Herr Miranes, von dem es im vorigen Winter hie, er habe so und
so viele Millionen.
    Die schne Judith an den Bettelstab? ... das kann ich mir gar nicht
vorstellen! rief Regina.
    Seit jenem Abend, da sie die Peri darstellte, sagte Ernest, hab' ich sie
nur noch einmal gesehen, zur gewhnlichen Unterrichtsstunde. Da war sie ganz
unverndert und sprach von den Zustnden in Paris so gleichgiltig, wie vom
Wetter. Zwei Tage darauf schickte sie mir ein Gemlde und andere Sachen, die sie
von mir hatte; auch mein rckstndiges Honorar und schrieb mir dazu in zwei
Zeilen, sie verreise mit ihrer Mutter auf lngere Zeit. Als ich zu ihr eilte, um
von ihr Abschied zu nehmen, war sie fort, verschwunden, Einige sagten nach
Brasilien. Bald darauf brach denn auch fr Herrn Miranes eine grndliche
Katastrophe ein; aber die allgemeinen Weltverhltnisse verschlangen alle
Teilnahme. Man sprach kaum von ihm! Einmal hrte ich, er sei tiefsinnig
geworden.
    Wie traurig! sagte die immer mitleidige Regina.
    Kind! rief der Graf unmutig, bedenke das Schicksal, welches das Haus
Habsburg traf, und wimmere nicht um das Haus Miranes!
    Revolution! sagte Ernest gelassen.

                               Im Kristallpalast


Im Sommer des Jahres 1851 machte Europa eine Wallfahrt zum Tempel der Gttin,
die sich mit einer bis dahin unerhrten Geschmeidigkeit, Ttigkeit und Umsicht
des ganzen Rderwerkes der revolutionsmden Welt bemchtigte: der Gttin
Industrie. Eine Ausstellung ihrer Erzeugnisse, auf dem ganzen civilisierten
Erdball eingesammelt, fand in London statt, in dem eigens dazu erbauten Lokal,
das sich unter den herrlichen Eichen und auf der grnen Wiesenflur von Hyde-Park
wie ein Feenschlo im Mrchen - aus Glas erhob. Die franzsische Republik lag in
den letzten Zgen, ganz bereit, wie fnfzig Jahre zuvor, von einem zweiten
Diktator sich in eine Knechtschaft bringen zu lassen, gegen welche die beiden
letzten, durch Emeuten gestrzten Regierungen Frankreichs im hellsten Lichte der
Freiheit aufleuchteten; ein Schicksal, das brigens, wie die Weltgeschichte
lehrt, nicht die franzsischen Republiksversuche allein, sondern alle diejenigen
haben, die sich auf den Ruinen einer anderen durch Gewalt und Willkr zerstrten
Regierungsform erheben. Der demokratische Geist, auf dem die moderne Republik
beruhen soll, hat in sich etwas Zersetzendes und Zersplitterndes, weil jedes
Individuum zum Mitherrscher in der ueren Welt berufen wird. Er mu also mit
hoher Tugend gepaart sein, um der Masse von Individuen die Charakterstrke und
die sittliche Reinheit zu geben, welche jeden einzelnen ber die Klippe des
Wahnes und des Wunsches hinwegheben, Alleinherrscher zu sein oder zu werden. In
unseren alten monarchischen - jetzt leider! vielfach bureaukratischen Staaten,
in denen sich der demokratische Geist aber nur als Gegensatz zu denselben, ja
eigentlich nur als Gegensatz zu ihren Schattenseiten entwickelt, mangelt ihm
jede hohe, einfache Tugend, welche notwendig wre, um seinen Deklamationen gegen
Mibruche, bergriffe und Untaten der Monarchien einige Wrde zu verleihen und
um seine beliebten Worte von Volksbeglckung und Volksbildung in Taten zu
verwandeln. In Europa hat er sich als unfhig zu dieser Aufgabe erwiesen, hat
berall, wo er revolutionierend die Oberhand gewann, in England, in Frankreich,
in Deutschland, die Vlker in Verwirrung, Entsittlichung und Elend gestrzt; und
hat sie zuletzt, stumpf und morsch, der Diktatur eines Cromwell, zweier
Bonaparte's berliefert. Da es in Deutschland nicht zu etwas hnlichem kam, hat
man wahrlich dem demokratischen Geist nicht zu danken. Da nun dessen
glnzendstes Produkt, die franzsische Republik, im Absterben begriffen war, so
verschwand die Hydra Revolution mit ihren tausend Kpfen - aber nur aus der
ffentlichkeit, und nur auf dem Kontinent. In England und in Amerika zngelten
und zischten die Schlangenzungen dieser tausend Kpfe nach wie vor in giftiger
Frechheit; da man aber keine Barrikaden und keine beblousten Freiheitshelden
unmittelbar vor Augen hatte, und einen in Revolutionsschwindel und Atheismus
verkommenen Teil der Schweiz als zu gering fr Ausbreitung giftiger geistiger
Miasmen betrachtet, so frohlockte man in Europa, und mit einer Art von gieriger
Wut warf man sich darauf, die Segnungen des Friedens auszubeuten und
herauszustreichen. Diese Segnungen bestanden vorzugsweise in einem ungeheueren
Aufschwung der Industrie, welcher durch die Ausstellung im Kristallpalast zu
London eine Art von europischer Brgerkrone aufgesetzt wurde. So etwas hatte
die Welt noch nicht erlebt: aus allen Himmelsgegenden ber Land und Meer zu
reisen, um allerhand Fabrikat in geschmackvoller Aufstellung anzusehen. Eine Art
von Vlkerwanderung begab sich auf den Zug nach London. Was jeder heimbrachte,
war die Erinnerung an einen fabelhaft bunten Wust, aus dem, wie ein Wrack aus
dem Weltmeer, irgend ein Lieblingsgegenstand auftauchte.
    Wer sich eifrig an dieser Vlkerwanderung beteiligte, war Graf Windeck. Im
Grunde war ihm alles Fabrik-, Industrie- und Spekulationswesen uerst
gleichgiltig, ja zuwider. Er hatte eine entschiedene Abneigung gegen alle
Emporkmmlinge durch Reichtum, weil er in ihrer Stellung und ihren Verhltnissen
keine Garantie des konservativen Elementes fand. Wer so pltzlich reich wurde,
nur durch geschickte Benutzung gnstiger Zeitumstnde, knne durch deren Ungunst
auch einmal ebenso pltzlich arm werden, und befnde sich in einem bestndigen
Schaukelzustand, nie in einem zuverlssigen und stabilen, und zu einem solchen
knne er kein Vertrauen haben - pflegte er zu sagen. Zu jeder anderen Zeit htte
er sich ungemein gewundert, da man sich mit einer Industrie-Ausstellung so
enorme Mhe gebe und so viel Geld und Teilnahme an sie verschwende; allein
gegenwrtig erschien sie auch ihm als eine Blte der Segnungen des Friedens, ja
als deren Besiegelung; denn wie mute sich eine Industrie, die es dahin gebracht
hatte, im mrchenhaften Kristallpalast berkniglich zu thronen - gegen die
Emeute zur Wehr setzen, deren brutale Erdste ihre Feenbehausung samt ihrer
Ttigkeit in Grund und Boden krachen wrden.
    Das Ungeheuer Industrie, hatte er im Frhling zu den Seinen gesagt, hlt
das Ungeheuer rote Republick im Zaum. Ein Monstrum besiegt das andere! Wir
wollen uns das siegende betrachten und nach England gehen. -
    Die Verhltnisse in der Familie waren unverndert geblieben; auch die
Gesinnungen. Regina war schner denn je, denn es legte sich ber ihre liebliche
und edle Erscheinung ein Schmelz der Wehmut, wie sie aus einer tiefen
ungestillten Sehnsucht, die nie in Klage ausbricht und nie von schmerzlicher
Unruhe sich bewegen lt - unwillkrlich entspringt; ein Nachtviolenduft der
Seele, der dem Glanz der Schnheit einen unvergleichlichen Zauber gab. Neben ihr
war Corona zu einem reizenden jungen Mdchen aufgeblht, mit ein paar Augen so
tief und so dunkel, wie das nchtliche Meer, das ber ungeahnten Geheimnissen
geheimnisvoll aufleuchtet. Corona war nicht mehr das spielende, allem Ernst
abholde Kind, das einst ein Ordensgewand sogar als Maskenkleid mit Furcht und
Abneigung betrachtete. Sie verstand jedes ernste Streben und jeden hheren
Aufschwung, aber sie war nicht, wie Regina, durch und durch von einer
weltentfremdeten Sehnsucht ergriffen, sondern sie wnschte ein Stckchen Welt in
ihrem Herzen himmelwrts zu heben, oder ein Stckchen Himmel in die Welt zu
verpflanzen; sie wute selbst nicht recht wie! sie war eben sechszehn Jahre alt!
und war als die Jngste - auch der verzogene Liebling der ganzen Familie. Der
Graf adorierte sie, als sie sich so schn und anmutig entwickelte. In Regina war
ein Etwas, das ihm unwillkrlich einen gewissen Respekt einflte, ber den er
sich im Stillen rgerte. berdies gab es Punkte, von denen sie, trotz aller
Unterwrfigkeit, nicht abging; sie hatte nicht Coronas unbedingte Fgsamkeit.
    Orest war im Kriegsdienst geblieben. Uriel hatte denselben nach Beendigung
des lombardischen Krieges verlassen und war wieder in die diplomatische Laufbahn
getreten, aber nicht nach Frankfurt zurckgekehrt. Die furchtbaren Ereignisse
der Zeit, die bitteren Erfahrungen, an denen sie so berreich war, die Kriegs-
und Schlachtenbilder, angeschaut in nchster Nhe und in voller Herbe - die auch
den glorreichsten Siegen nicht fehlt; die Ungewiheit des eigenen Daseins und
der eigenen Zukunft: alles stimmte ihn ernst, und er nahm sich vor, seine Tage
nicht in trumerischer Anhnglichkeit an Liebesgedanken zu verschwenden, durch
welche Regina nun einmal nicht zu gewinnen sei. Er war eine Zeit lang in London,
dann in Wien, dann in Florenz. Dazwischen kam er aber immer wieder nach dem
lieben heimatlichen Windeck, und wie bunt, bewegt und regsam sich auch die Welt
mit ihren blendenden Farben, bestechenden Erscheinungen, interessanten Fragen
und gewichtigen Tatsachen vor ihm entfalten und ihn zur Teilnahme auffordern
mochte: Eines war gewi - sein Herz blieb an Regina gefesselt, seine ganze
Zukunft hatte nur insofern Reiz fr ihn, als er hoffte, sie mit Regina zu
teilen, und so oft er sie wiedersah, umso fester stand es in ihm, da er
ihresgleichen nicht in der Welt gefunden habe. Aber er schwieg und bat auch den
Grafen zu schweigen, der jedesmal, wenn Uriel kam, Regina mit Vorstellungen zu
bestrmen dachte, um sie zu einer gnstigen Entscheidung hinzudrngen. Regina
wute ihm innigen Dank fr diese Schonung, allein ihr Herz lag auf der Folter
durch die Peinlichkeit dieses Verhltnisses. Sie wechselten in drei Jahren kein
Wort, welches darauf Bezug hatte. Da - kurz vor Uriels Abreise von Windeck, als
er zufllig allein mit ihr auf der Terrasse auf- und niederging - da blieb sie
stehen, sah ihn sanft und ernst an und sagte mit ihrem innigen Sprachton:
    Uriel, Du kennst mich! Du kannst Dich verlassen auf mein Wort und Du weit
es. Nun wohlan, lieber Uriel: Warte nicht!
    O Regina, entgegnete Uriel ebenso sanft und ebenso bestimmt als sie, von
den festgesetzten zehn Jahren ist noch nicht die Hlfte verflossen und Du wirst
schon ungeduldig, whrend ich geduldig warte! Wir sind noch lange nicht bei der
letzten Entscheidung!
    Mit einem Ausdruck von unaussprechlichem Schmerz schlo Regina eine kleine
Weile ihre Augen, als wolle sie vor Uriel verschleiern, wie weh er ihr tue; dann
sagte sie gefat:
    Gottes Wille geschehe.
    Ist er Dir noch immer nicht klar? fragte er.
    Mir - vollommen; aber leider nicht Dir, sagte sie und setzte rasch hinzu
mit einem schmerzlichen Lcheln: Wie traurig, da wir beide solche eigensinnige
Kpfe haben, und wie gut Gott ist, sie grndlich zu brechen.
    Uriel war nicht so lebhaft von dieser Gte Gottes durchdrungen. Die
Hauptabsicht Gottes in der Lenkung der Schicksale: die Erziehung des Menschen
fr das ewige Leben, entschwand sehr oft seinem inneren Auge. Fr Regina war sie
immer ganz klar, wie die Feuersule, welche dem nchtlichen Zuge der Kinder
Israels durch die Wste vorleuchtete. -
    Baron Stamberg war frher aus diesem Leben abgerufen, als seine Frau.
Whrend sie sich von ihrem Schlaganfall erholte, begann er zu krnkeln, und
vermochte sich nicht aufzureien aus seinem Kummer ber die verlorenen
Jagdrechte. Die Tiefe der Ungerechtigkeit, welche einer solchen Maregel zum
Grunde lag, war es nicht, die ihn so heftig erschtterte, nur sein persnlicher
Verlust. Er hatte sich whrend seines Lebens nie ber die niedrigste Stufe der
Selbstsucht erhoben und so starb er auch auf ihr. Die Baronin, immer kalten
Herzens - und noch klter durch das hhere Alter das nur dem himmelwrts
gewendeten Sinn himmlische Innigkeit verleiht, aber die irdische absterben lt
- war hchst gefat bei diesem Ereignis und blieb nur ihrer alten Gewohnheit
treu, sich als eine Verfolgte des Schicksals zu betrachten und zu beklagen.
Indessen kam doch auch an sie die Mahnung, da jedes Leben zu Ende gehe. Sie
erkrankte an einem abzehrenden Leiden. Nun war Regina nicht lnger zu halten.
Sie bat ihren Vater so flehentlich und so wiederholt, die Pflege der Gromama
bernehmen zu drfen und stellte es ihm als eine so heilige Pflicht vor, da er
endlich einwilligen und sie nach Stamberg bringen mute. Zum Glck konnte Corona
jetzt vollkommen ihren Platz in Windeck ausfllen, am Piano, am Billard, am
Teetisch, bei dem Spazierritt; sonst htte der Graf schwerlich dies Opfer
gebracht. Was es Regina koste, sich von der lieben Kapelle zu trennen und am
einsamen Krankenbett auf alle Trstungen zu verzichten, die fr die glubige
Seele aus der Nhe des Sanktissimums strmen - das ahnte der gute Graf freilich
nicht. Er sagte zu Levin:
    Es ist merkwrdig, was das Mdchen fr eine Passion hat, sich zu opfern!
Was ihr schwer wird - gerade das sucht sie sich aus! Ich bezweifle sehr, da die
gute Mama ihr diesen Liebesbeweis danken wird.
    Ich auch, entgegnete Levin, aber desto besser ist's fr Regina. Es gibt
noch immer Seelen hienieden, die das tun, was einst die heilige Katharina von
Siena tat: als der gttliche Heiland ihr zur Auswahl einen Blumenkranz und eine
Dornenkrone darbot, nahm sie die letztere, weil sie sicher war, unter den Dornen
ihren gekreuzigten Gott zu finden - unter den Blumen nicht. Zu diesen Seelen
gehrt durch Gottes Gnade auch Regina.
    Ja, es mu wohl Gottes Gnade und Ihr Beispiel sein, lieber Onkel! Ich mu
mir das Zeugnis geben, nichts getan zu haben, wodurch Regina in die Nachfolge
der Heiligen htte geraten knnen, sagte der Graf ehrlich.
    Es beweist zugleich, wie ernst und fest sie an ihrem Klosterberuf und
Gelbde hlt, sagte Levin.
    Glauben Sie wirklich? rief der Graf bengstigt. Sie macht nie die
leiseste Andeutung, und so hab' ich gehofft, die Sache werde allmhlig
einschlafen.
    Regina - und einschlafen! rief Levin. Lieber Damian, kennst Du so wenig
das krftige Herz Deiner Tochter? Glaubst Du so wenig an die Gnadenwirkung in
einer Seele, die nach Gott verlangt? Das ist richtig: sie schweigt. Aber was
sollte sie auch noch weiter sagen? sie hat uns ja alles gesagt - und dabei
bleibt sie. Ich habe die berzeugung, da Regina nicht abfllt von ihrer ersten
Liebe - und da diese Liebe die erste und die letzte und die einzige bleiben
wird.
    Entsetzliche Vorstellung! seufzte der Graf; und aufrichtig gestanden - es
ist auch die meine! ich suche sie nur immer zu unterdrcken. Bemerkten Sie wohl,
wie ihre Augen aufleuchteten, als krzlich von Kloster Himmelspforten bei
Wrzburg gesprochen wurde, das frher aufgehoben und in eine gemeine
Schenkwirtschaft verwandelt - nunmehr aber von einer Ordensgenossenschaft
angekauft und ein Kloster von Karmelitessen sei? Wenn diese Illumination in ihre
Augen tritt, dann hat sie eine grenzenlose innere Freude - das kenne ich an ihr!
Gewi hofft sie als Karmelitesse durch Himmelspforten in den Himmel
einzuziehen.
    Es ist mir sehr lieb, da Du anfngst, Dich mit diesem Gedanken vertraut zu
machen, entgegnete Levin.
    Ja, wenn Uriel sich nur statt in Regina - in Corona verlieben wollte,
versetzte der Graf, so wrde ich mich allenfalls darin ergeben! Aber er ist
leider! gar kein Mensch mit einem beweglichen Herzen.
    Welch Unglck Du mit Deinen Kindern hast! sagte Levin mit gutmtigem
Spott. -
    Regina richtete sich einstweilen auf Stamberg ein und wurde von der Baronin,
die ihr Zimmer nicht mehr verlassen konnte, freundlicher behandelt, als man es
zu Windeck erwartete. Nicht als ob der Liebesbeweis sie rhre; sondern weil sie
sehr bald in Regina eine Eigenschaft erkannte, die sie hher als jede andere
schtzte: Regina war im Stande, die Fhrung der Geschfte unter ihrer Leitung zu
bernehmen, Geschftsbriefe zu schreiben, Rechnungen durchzusehen,
Kostenberschlge nachzurechnen und die Ordnung des Hauses geradeso aufrecht zu
halten, wie die Baronin es seit fnfzig Jahren zu Windeck erst und dann zu
Stamberg getan hatte. Da Regina immer ganz bei ihrer Pflichterfllung war, in
welcher sie den Willen Gottes freudig erkannte und vollzog, so war sie
aufmerksam bei den Anweisungen, welche die Gromama ihr gab und uerst
pnktlich in deren Vollziehung, so da die Baronin ihr jedesmal glnzendes Lob
spendete, wenn der Graf bald allein, bald mit Corona und der Baronin Isabelle
nach Stamberg kam. Hatte Regina aber gehofft, durch ihre Liebe und Ergebenheit
die Gromutter zum Urquell aller Liebe - zu Gott hinzuweisen, so irrte sie sich
grndlich. Das religise Leben hatte bei derselben whrend siebenzig Jahren
unter dem Gefrierpunkt gestanden; sie hatte zu keiner Zeit, nicht in der
Kindheit, nicht in der Jugend, nicht in guten und nicht in schlimmen Tagen die
beseligenden Lehren des Christentums, die Wonne der Erlsung, die Gnaden der
Sakramente in sich aufgenommen, sondern stets auf ein fremdes khles Wissen vom
Christentum sich beschrnkt und mit groer Selbstgeflligkeit darin ein Gengen
gefunden. berdies war sie immer hchst tugendhaft gewesen, nmlich so, wie die
Welt es versteht. Der heilige Gregor von Nyssa, welcher sagt: Tugend ist die
praktische Liebe zu Gott - wrde vermutlich Julianens Tugend minder hoch
geschtzt haben, als sie selbst es tat. Aber von den Heiligen, deren Leben und
Lehren die Ausbung des Evangeliums sind, wute Juliane nichts; sie begngte
sich mit ihren Ideen von Gott und Unsterblichkeit und erwhnte zuweilen mit
einer bei ihr hchst seltenen Anwandlung von Ehrfurcht zweier Schriftsteller,
aus denen sie hauptschlich jene Ideen geschpft habe: das waren Herder und Jean
Paul. Sie vertraute sogar Reginen an, da sie, obzwar eine abgesagte Feindin
aller Schwrmerei, dennoch ein wenig fr Jean Pauls Romane geschwrmt habe und
bis zur Stunde nichts Rhrenderes und Ergreifenderes kenne, als in dessen
Hesperus Lord Horions Grabschrift. Regina fragte ganz erwartungsvoll, wie
diese laute? Juliane erwiderte:
    Eine weie Marmortafel mit einem blutroten Herzen in der Mitte bildete den
Grabstein, und unter dem Herzen standen nur die zwei Worte Es ruht.
    Ich wrde es noch schner finden, liebe Gromama, sagte Regina, wenn zwei
Worte hinzukmen und wenn es hiee: Es ruht in Gott.
    Nein, entgegnete die Baronin, gerade dieser Ausdruck der vollkommenen
Einsamkeit in stiller Grabesruhe ist erhaben. Aber freilich! das verstehen nur
wenige! Ich erzhlte dies einmal meinem seligen Mann, Deinem Grovater, und er
gab mir lachend zur Antwort: Ich wnsche nicht ein solches Coer-A als Grabstein
zu haben.
    Regina schwieg; aber heimlich stimmte sie dem Grovater bei. Fnf Monate
brachte sie auf Stamberg und im Krankenzimmer zu, ohne andere Erholung als die,
jeden Sonntag Morgen zum Gottesdienst nach der nchsten katholischen Kirche zu
fahren und sich dort durch den Empfang der heiligen Sakramente der Bue und des
Altars zu strken. Dann schied die Baronin vom Leben und verhauchte still ihre
letzten Atemzge in Reginas Armen. Htte Regina nicht ihrem brechenden Auge das
Kruzifix vorgehalten und nicht die Gebete der Sterbenden neben ihr gebetet: so
wrde niemand geahnt haben, da dies das Sterbelager einer Christin sei.
    Der Graf war in hchster Spannung wegen des Testamentes seiner Mutter und in
grenzenloser berraschung, als es geffnet wurde. Es war in den letzten Monaten
und zwar zu Gunsten Uriels gemacht. Warum Orest nicht Universalerbe - wie das
frher ihre Absicht war; ob sie ein anderes Testament vernichtet hatte; ob sie
ihr Vermgen Reginen zuwenden wollte und in der Voraussetzung, da diese Uriel
heiraten werde, es ihm vermachte; ob sie nur bis zuletzt zeigen wollte, sie sei
unumschrnkte Herrin ihres Vermgens: das alles blieben Fragen ohne Antwort, und
nur die Tatsache bestand: Uriel war Herr auf Stamberg.
    Dies trug sich im Frhling zu, und im Sommer ging Graf Windeck mit seinen
Tchtern nach England. Er fand Zerstreuung und vernderte Luft ganz notwendig
fr Regina. Der Anhauch von zarter Schwermut, der sich wie ein leichter Schleier
ber ihre Schnheit legte, erschien ihm als Krnklichkeit, als Nervenschwche.
Aber Regina sagte zu Levin:
    Lieber Onkel, ich bin nicht krank und fnf Wintermonate an einem teuren
Kranken- und Sterbebett erschttern meine Nerven nicht. Allein dies Leben und
dies Scheiden vom Leben in tiefer Gottentfremdung, wie ich es bei meiner armen
Gromutter vor Augen hatte - sieh! das hat mir Herzweh gemacht.
    Levin war immer bemht, Regina in der Tugend der Heiligen, in der Demut, zu
ben und lchelnd fragte er:
    Ah, Du hofftest wohl, Deine arme Gromutter im Laufe einiger Monate fr die
katholische Wahrheit zu gewinnen? O mein liebes Kind, soll Dir so etwas
gelingen, so lerne zuvor leiden. Wer Seelen retten will, vereinige sich mit
Christus in seinem Martertum fr die Seelen und teile mit ihm - wenn nicht die
blutige Passion auf dem Kalvarienberge, so doch die stille Passion des Herzens
am Oelberg. Du mut mystischerweise in Dein Herzblut Deine Gebete fr Seelen
eintauchen, wenn Gott sie erhren soll. Wie unaussprechlich haben die Heiligen,
die groe und zahlreiche Bekehrungen bewirkten, unausgesetzt gelitten! Ihre
Liebe und ihre Vollkommenheit haben wir nicht; umso mehr wollen wir uns bemhen,
ihnen im Leiden hnlich zu werden. Du hast Herzweh um Deine arme Gromutter? O
Kind, das glaub' ich Dir! aber das Leiden darf kein Zustand - es mu eine Tugend
sein, indem Liebe zum Leiden es zum Opfer macht und die Seele in ein tgliches
Holocaust verwandelt.
    Mit einem Ausbruch der tiefsten Sehnsucht rief Regina:
    Ist es nicht auch vermessen, lieber Onkel, wenn ich beteure: das - gerade
das, nur das begehre ich!
    Nun, wenn Du das wirklich begehrst - das kannst Du haben, unter allen
Verhltnissen und zu jeder Stunde, entgegnete Levin.
    Aber so recht doch erst unter dem strikten Gehorsam des Ordenslebens, das
zu jeder Stunde den eigenen Willen, die eigenen Absichten, die eigenen Wnsche
abttet.
    Ich sage nicht Nein; aber ich sage: zur vollkommenen Hingebung an den
Willen Gottes brauchst Du das Ordensleben nicht. Dieses bt die Hingebung auf
einer hheren Stufe des inneren Lebens, weil es nach den evangelischen Rten
geordnet ist. be Du Dich einstweilen in der Hingebung Deines Willens, die auf
den Geboten Gottes ruht; dann machst Du Dich vielleicht der Gnade wrdig, jene
hhere Stufe betreten zu drfen. -
    Auch ihn hatte Julianens Tod sehr ergriffen. Sie war seine Zeitgenossin,
wenig lter als er; viele Jahre - und vielleicht die schmerzlichsten seines
Lebens, hatte er neben ihr auf Windeck verlebt und tief die Lhmung empfunden,
die von ihr ausging und auf der hheren Entwicklung ihres Mannes und ihrer Shne
lastete. Aber immer hatte er es als seine Schuld, als ein Zeichen seiner
Unvollkommenheit betrachtet, da das wundervolle Licht des katholischen
Glaubens, mit dem Juliane in so hufige Berhrung kam, ihr dennoch verschleiert
blieb. Er wendete auf sich selbst an, was der heilige Karl Borromus einst zu
seinen Provinzialbischfen auf einer Synode sagte: Mchte das gttliche Licht,
das in dem Herzen der Bischfe leuchtet, nie verdunkelt werden von der
Finsternis ihrer sndigen Natur. Das gilt fr uns alle, dachte er bei sich
selbst; das gttliche Licht und die gttliche Liebe sind ja immer bereit, unser
Herz zu entznden; doch jenes stirbt in der Finsternis - und diese in der Klte
unserer sndigen Natur - und da Juliane sie nicht in mir, dem Priester,
aufstrahlen sieht, so mssen sie ihr freilich verborgen bleiben. Alles wurde ihm
ein willkommener Anla, um sich zu verdemtigen. Nun war sie tot, die arme
Juliane! nun war sie eingetreten in die Welt, die von der ewigen Wahrheit
schleierlos durchleuchtet wird! War diese ihr aufgegangen als ein sengender
Blitzstrahl oder als eine berirdische Sonne? - -
    Niemand war im ersten Augenblick so betroffen und im zweiten so gefat ber
Julianens Testament, als der, den es am meisten anging: Orest. Er hatte sich von
Kindheit auf daran gewhnt, sich als den knftigen Herrn auf Stamberg zu
betrachten; pltzlich war das vorbei! eine sehr unangenehme berraschung
allerdings; doch nicht heftig genug, um ihn aus seinem Gleichgewicht zu bringen.
Mit der grten Gemtsruhe beschlo er auf der Stelle, seinen Etat, den er im
Hinblick auf die glnzende Erbschaft gemacht hatte, nicht im geringsten zu
beschrnken und Uriel dafr sorgen zu lassen, da er denselben durchfhren
knne. Orest war ganz der Alte: der Ausdruck des genuschtigen Egoismus. Da
aber kein Mensch unverrckbar auf einer und derselben Stelle in seiner Richtung
stehen bleibt, sondern entweder mit starker Willensfreiheit aufwrts geht, oder
sich von den Windsten der Neigungen, der Leidenschaften, der Triebe
beherrschen lt und unter ihrem Einflu mehr und mehr abwrts sinkt: so hatten
sich denn auch in Orest die Grundzge seines Charakters und seiner Richtung
betrchtlich entfaltet und ihn nicht aufwrts gefhrt. Sein Losungswort hie:
Lebensgenu, der ununterbrochen angeregt und ebenfalls ununterbrochen befriedigt
werden mute. Wie er sich das Herz verwstete und den Kopf verdete, wie alle
hheren Fhigkeiten seiner Seele nach und nach aus Mangel an Nahrung absterben,
aus Mangel an bung verkommen muten, das wurde er nicht gewahr, weil sein Leben
sich eben auf der sinnlichen Oberflche, nicht in der sittlichen Tiefe bewegte.
In den lombardischen und ungarischen Feldzgen war er der bravste,
unermdlichste Soldat gewesen, immer munter, immer herzhaft, pnktlich im
Dienst, tapfer in der Schlacht, khn in der Gefahr. Er wurde auch sehr bald
Rittmeister; seine Chefs hatten ihn gern, seine Mannschaft liebte ihn. Dies war
Orests glnzende Seite. Das kriegerische Leben mit seiner Gefahr, seiner
Mhseligkeit, seiner Anstrengung, seiner Beweglichkeit - war das Element, in
welchem sich Orest mit Wonne bewegte; da fhlte er sich immer angeregt und immer
beschftigt; da konnte er entbehren und sogar gromtig sein, fr andere sorgen,
denken, wachen, denn dies war eben die Richtung und die Gabe seiner Natur. Aber
ber seine natrlichen Anlagen reichte seine gute Seite nicht hinaus. Da, wo
jene aufhrten, hrten seine Vorzge auf. Unter blutigen Wunden gegen den Feind
kmpfen - mit Freuden! Kanonendonner, Waffengeklirr, Pulverdampf, wehende
Fahnen, Hrnersignale, Trommelgerassel, das unnennbare betubende Getse der
Schlacht versetzte ihn in eine Art von Jubelrausch. Aber die geringste
Selbstberwindung auf sittlichem Gebiete, der leiseste Kampf gegen die Laune und
die Stimmung des Augenblickes - nein! das war zu viel! das durfte man ihm nicht
zumuten!
    Nach beendigten Feldzgen kam sein Regiment nach Mailand. Er war
auerordentlich mit dieser Garnison zufrieden: herrliche Oper, zahlreiches corps
de ballet, die ganze lombardische Ebene, um ein paar Dutzend Pferde darauf tot
zu jagen, und die Tiroler Alpen nahe genug, um im Sommer den Urlaub fr die
Gemsjagd zu benutzen. Was brauchte er mehr? - Geld vollauf - das verstand sich
von selbst! daran hatte es Graf Damian bis jetzt nicht fehlen lassen - nur
reichte es immer noch nicht fr Orests allernotwendigste Bedrfnisse, wie er
behauptete, aus. Machte Uriel jetzt die Zuschsse, woran er keinen Augenblick
zweifelte, so lag ihm nichts an dem Besitz des einsamen Schlosses im Odenwald;
denn ein solcher Besitz zieht gewisse Verpflichtungen nach sich und
Verpflichtungen setzen Schranken. Orest aber wollte keine anderen gelten lassen,
als Barrieren - und diese nur, um beim Wettrennen oder auf der Steeple chase
ber sie hinwegzusetzen.
    Er kam nach Windeck, um sich mit der neuen Ordnung der Dinge bekannt zu
machen und um seine Verhltnisse durch Uriel regulieren zu lassen; nebenbei
auch, um all' die Seinen einmal wiederzusehen, denn Uriel war auch dort
eingetroffen, bevor er seinen Wohnsitz auf Stamberg nahm. Htte Uriel die
Aussicht gehabt, Regina als Herrin dort einzufhren, so wre er sehr glcklich
gewesen. Ihm sagte das Landleben mit seinen ruhigen Beschftigungen und mit dem
abgeschlossenen Kreise seiner Wirksamkeit zu. Der Reiz der Neuheit, den die
groe Welt fr die Jugend hat, war ihm schnell entflohen, weil er mehr begehrte,
als sie geben kann - vielleicht auch deshalb, weil seine Liebe fr Regina ihn zu
ausschlielich einnahm, um ihn von anderer Seite dauernd befriedigende Eindrcke
zukommen zu lassen. So lange es Krieg gab, war er gern Soldat gewesen; aber
nicht, wie Orest, um Soldat zu sein, sondern um unter Oesterreichs Fahnen fr
Recht und Ehre gegen die Revolution zu kmpfen. In die diplomatische Laufbahn
trat er, wie berhaupt seine Standesgenossen, um durch sie in die Gesellschaft
eingefhrt zu werden und in dem jugendlichen Wahn, Einblick und Einflu in die
Geschicke der Vlker und Staaten zu erhalten; ein Wahn, der allerdings nur durch
die Unerfahrenheit der Jugend erzeugt und entschuldigt werden kann, da in
unseren Tagen, die freilich berall einen traurigen Mangel an Genie kund geben,
kaum eines seltener ist, als das diplomatische Genie - und da die
Depeschenschreiberei in's bureaukratische Fach gehrt, von welchem die
Gestaltung der groen Weltverhltnisse nun einmal nicht ausgeht. Uriel war
hierber auch bereits so vollkommen im Klaren, da er ganz gern seine
diplomatische Karriere aufgab, als das Testament seiner Gromutter ihm Erbe und
Herrschaft zuwendete. Orest's Wnschen entsprach er bereitwillig und gromtig;
nur bat er ihn, bei dem Festgesetzten zu bleiben, und Orest, dem ein Versprechen
gar nichts kostete, weil er sich immer fest vornahm, es zu halten - so lange es
eben mglich sei, versprach es froh. Es herrschte die grte Eintracht unter den
Brdern, denn Hyazinth war mit seinem Pflichtteil vollkommen zufrieden.
    Und er kann es auch sein! sagte der Graf, seine persnlichen Bedrfnisse
sind unglaublich gering, und hat er sich ein paar Bcher angeschafft, so wandert
sein Geld zu den Armen.
    Das meine auch, nur im greren Mastab, versicherte Orest.
    Das htte ich Dir nicht zugetraut, sagte der Graf.
    Wie! rief Orest, sind Schuster, Schneider und Handschuhmacher, sind
Traiteur, Cigarrenfabrikant und Pferdehndler, sind Theaterunternehmer und
Kaffeewirt nicht auch arme Leute, die leben wollen? und mu man denn durchaus
mit der Untersttzung warten, bis sie smtlich zu Bettlern werden und dem
Almosen verfallen? Treib' ich's nicht viel grandioser, indem ich sie vor der
tiefsten Stufe bewahre?
    Es ist merkwrdig, bemerkte Levin lchelnd, welch blendende Scheingrnde
dem Weltsinn zu Gebote stehen.
    Onkelchen, Du tust mir himmelschreiendes Unrecht mit Deinen Scheingrnden!
behauptete Orest. Es ist ja sonnenklar, da ich drei Fliegen mit einer Kappe
schlage: ich untersttze die Industrie, ich befrdere die Civilisation, ich
wehre dem Proletariat- und bewirke das alles, indem ich in der arbeitenden
Klasse, welche zugleich die arme ist, Geld in Umlauf bringe. Bin ich da nicht
ganz in der vernnftigen Idee des Jahrhunderts - von der natrlich der
Kommunismus auszunehmen ist?
    Ja freilich, Du chter Sohn Deines Jahrhunderts, Du bist in dessen Idee!
sagte Levin und klopfte ihn freundlich auf die Achsel; Viel der Bedrfnisse
haben, soll - besonders wenn man sie prompt bezahlt, fr Tugend gelten! Aber so
wenig wie das eine Tugend ist, ebensowenig wird das allgemeine Wohl durch sie
gefrdert. Dein Cigarrenfabrikant mag ein Millionr werden, aber seine Arbeiter
verkmmern in Armut und Elend an Leib und Seele, whrend er und Du, Ihr beide,
Euch etwas darauf zu gut tut, in Euren Genssen. Eurem berflu, Eurem Luxus zu
schwelgen - weil Ihr Geld unter die Leute bringt. Glaubst Du wirklich, da
hierin hnlichkeit mit der christlichen Barmherzigkeit ist, die Hyazinth bt,
indem er seine Bedrfnisse auf das knappste Ma einschrnkt - - nicht um Deinen
Cigarrenfabrikanten reicher zu machen, sondern um dessen drftige Arbeiter zu
untersttzen, die bei ihrem kargen Tagelohn halb verhungern und, wenn sie krank
werden, ganz hilflos sind!
    Nein, lieber Onkel, das glaub' ich keineswegs; aber es war anfangs auch gar
nicht die Rede von christlicher Barmherzigkeit, antwortete Orest, der immer
gleich nachgab, wenn ihm eine Sache zu ernst wurde. -
    Der Graf schlug ihm vor, die Reise nach England mitzumachen und um
Verlngerung seines Urlaubs zu bitten. Orest besann sich etwas. Er wute nicht
genau, ob die Reise auch gehrig unterhaltend ausfallen werde. Endlich sagte er
zum Grafen:
    Ich will's nur gestehen, Papachen - ich frchte, unser Reisegeschmack geht
weit auseinander! was willst Du denn eigentlich in England sehen?
    Alle Merk- und Sehenswrdigkeiten der drei Knigreiche: Natur und Kunst,
Fabriken und Parks, Kathedralen und Kottages, Kriegsschiffe, Kristallpalast und
alle anderen Kuriositten - ausgenommen die Gesellschaft in London, weil wir
noch in Trauer sind und auch keine Neugier spren, einen Schwarm von
langlockigen Ladies und weikravattierten Gentlemen beisammen zu sehen.
    Nun, das alles ist mir recht! aber ich mu einige Zustze zu Deinem
Register machen und mir meine freien Allkren fr dieselben ausbedingen, und
zwar zuerst Epsom, Askot, Tattersal.
    Nicht mehr wie billig! dabei bin ich auch.
    Dann - die Oper, berhaupt Theater.
    Ganz richtig! Etwas davon werd' auch ich in Augenschein nehmen. Aber die
Mdchen sind nicht dazu zu bewegen, d.h. Regina nicht. Corona allein htte
vielleicht Lust dazu; aber ohne Regina tut sie es nicht und die geht nun einmal
nicht in's Theater.
    Originell das! Die ganze elegante und gebildete Welt strmt ja in's
Theater, kann ohne Loge so wenig existieren wie ohne Dach und Fach, hat nichts
zu sprechen und nichts zu denken, wenn sie kein Schauspiel zu sehen hat! Ich
spreche nicht von uns - denn das versteht sich von selbst; sondern auch von den
Damen. Was sagt sie denn eigentlich dagegen - diese sonderbare Regina?
    Sie sagt, alle Geistesmnner und Lehrer des innern Lebens erklrten
einstimmig den Theaterbesuch fr gefhrlich und verderblich, weil das Schauspiel
gefhrliche Leidenschaften mit allem Zauber der Kunst und allem Blendwerk der
Phantasie ausstatte und darstelle.
    Da hat sie wahrhaftig ganz Recht! aber eben darin besteht der ungeheure
Reiz der Bhne: sie idealisiert dermaen das Verbotene, da es unwiderstehlich
erscheint.
    
    Solche Behauptung wrde Regina Snde nennen, und umsomehr bei ihrer
Weigerung beharren. Sie ist nun einmal aus ganz besonderem Stoff! Weil ein alter
Erzbischof, der Johannes Chrysostomus hie und vor fnfzehnhundert Jahren in
Konstantinopel lebte, gesagt hat: das Schauspiel sei ein berrest des
entsittlichten Heidentums und wtende Schaulust verrate heidnische Gesinnung; so
nimmt sie das auf, wie das Evangelium. Im Grunde hat sie Recht! Das Theater ist
nichts fr junge Mdchen - nicht einmal die sogenannten klassischen Stcke, wie
z.B. Emilia Galotti. Regina wrde es emprend fr Vernunft und Herz finden, da
sich die Heldin von ihrem Vater erdolchen lt, um nicht in Liebesschlingen zu
geraten; und, beim Licht besehen, mu ich wieder sagen: sie hat Recht.
    Ja, sagte Orest, das ist mir nicht auffallend, denn Regina ist klug und
so kann sie wohl das Richtige leicht erkennen; da sie aber nun auch felsenfest
danach handelt, whrend sie rings umher sieht, da die ganze Welt es anders
macht - darber mu ich staunen. In mir ist nun einmal die heidnische Gesinnung
stark entwickelt, nach der Ansicht des alten Johannes - wie hie er weiter? und
ich bin ein rasender Liebhaber der Bhnenwelt, verspreche mir auch Brillantes
von ihr whrend einer Season in London.
    Sei versichert, sagte der Graf, da ich Dich durchaus nicht in Deinem
Vergngen stren werde. -
    Und so war die Sache abgemacht; man ging im hohen heien Sommer nach London,
wo der Graf in demjenigen Teil des Westendes, der Belgravia genannt wird, und
der fast ganz fr Fremde eingerichtet ist, ein komfortables Haus nach englischer
Sitte einnahm und allein bewohnte - eine Sitte, die allerdings etwas
kostspielig, aber ungemein bequem ist. Man ist zu Hause, lebt ruhig und
ungestrt ohne Gasthofstumult, ohne lstige Zimmernachbarn, ohne das wilde Heer
halbtotgehetzter Kellner, und richtet sich ein, wie man es gewohnt ist. Orest
hatte sich nicht umsonst seine freien Allren ausgebeten. Er fand in London
einen ganzen Schwarm von Bekannten und guten Freunden, mit denen er sich
vortrefflich unterhielt, ohne an der Besichtigungskampagne aller
Merkwrdigkeiten - wie er sich ausdrckte, Anteil zu nehmen.
    Solchen Strapazen fr nichts und wieder nichts bin ich nicht gewachsen!
versicherte er. Ich kann viel aushalten - aber dies ewige Stehen und Stehen und
zwei Schritte gehen und wieder Halt machen, nein! das macht mich kaput. Und wenn
ich nun im Tower die Kronjuwelen, wie wilde Tiere hinter Eisengitter - und in
der Mnze die Prgung eines Sovereigns, der nicht mir gehrt, gesehen habe - was
hab' ich davon? mein Herz bleibt leer.
    Corona lachte und sagte in dem scherzenden Ton, den Orest mit seinen
Cousinen beibehielt:
    Da erfhrt man ja pltzlich, da Du ein Herz hast.
    Und was fr eins! rief er. Schau', Krnchen, knnte ich die englischen
Kronjuwelen auf Deiner schnen Stirn sehen, so wrden sie mir auerordentlich
gefallen: solch ein Herz hab' ich!
    Dies ist nur ein Beweis gegen Deinen Anspruch, entgegnete Corona; das
Herz sagt keine Fadaisen.
    Was weit denn Du von der Sprache des Herzens! rief Orest mit komischem
Erstaunen. Erst sechszehn Jahr und schon darin bewandert!
    Ja gerade deshalb! nahm Regina das Wort. Sie betrachtet das Herz als den
Ausdruck des unverflschten Gefhls. Je jnger man ist, desto leichter kann man
wohl dies Zutrauen haben.
    Knigin und Krone, beide gegen mich, sagte Orest mit Anspielung auf ihre
Namen; dann mu ich freilich die Segel streichen! aber dem Krnchen verge' ich
nicht den Zweifel an meinem Herzen. -
    Es fiel Orest nicht im Traume ein, sich anders mit seinen Cousinen zu
beschftigen, als in dieser munteren Weise. Die Orests bringen ihre Huldigungen
entweder den verheirateten Frauen dar, oder sie begeben sich in eine Sphre
hinab, wohin man ihnen nicht folgen mag. Seiner erklrten Liebhaberei fr die
Bhnenwelt getreu, hatte er sich auch nicht damit begngt, dem Syrenengesang der
Prima Donna der italienischen Oper von der Loge aus sein Entzcken kund zu
geben, sondern sich mit einem halben Dutzend seiner guten Freunde durch ein
anderes halbes Dutzend ihr vorstellen lassen.
    Einst begleitete er, wider seine Gewohnheit, den Grafen und dessen Damen in
den Kristallpalast, um in einer fr London frhen Stunde dessen Schtze mit
einiger Mue betrachten zu knnen. Als sie sich nach langer Wanderung dem Platz
der Spitzen nherten, welche fr alle Damen eine gewisse magnetische
Anziehungskraft hatten, standen zwei sehr elegante Damen bewundernd vor diesen
kstlichen Geweben, und obgleich sie den Ankommenden den Rcken zugewendet
hatten, erkannte Orest sie dennoch und ging auf sie zu. Regina wrde dies nicht
weiter beachtet haben, wenn ihr nicht die Stimme bekannt in's Ohr gefallen wre,
womit die eine Dame Orest's Verwunderungsausruf beantwortete:
    Wir sind hier noch zu groe Neulinge, um Geschmack zu finden an dem
Gedrnge, welches die obligate Freudenerhhung des Londoner Vergngens ist.
    Indem sie das sagte, wendete sie sich und ging weiter. Orest blieb ihr zur
Seite und Regina flsterte dem Grafen zu:
    Das ist die schne Judith Miranes mit ihrer Mutter.
    Wie kommt denn die aus Brasilien her? und wie kommt Orest zu ihr? sagte
der Graf, der sie nicht bemerkt hatte.
    Sie war es und schner denn je, setzte die Baronin Isabelle hinzu.
    Orest soll uns Auskunft geben, sagte der Graf.
    Aber Orest kam nicht wieder. Man war daran gewhnt und kehrte ohne ihn
zurck. Als er sich gegen Abend zu einem verabredeten Spazierritt einstellte,
rief ihm der Graf entgegen:
    Woher stammt denn Deine Bekanntschaft mit der schnen Dame im
Kristallpalast?
    Wo denn anders her, als von der italienischen Oper, wo Du sie fast tglich
sehen knntest, sagte Orest.
    Da bewundere ich ihre Nerven beinahe noch mehr als ihre Schnheit! rief
der Graf. Tag fr Tag gegen Mitternacht italienische Oper - das prstiere ich
nicht!
    Du bist auch keine Primadonna mit einem horrenden Gehalt fr die Dauer der
Season.
    Ist sie die Primadonna der italienischen Oper? rief Regina. Sie - Judith
Miranes!
    Ob sie Judith Miranes heit, wei ich nicht, erwiderte Orest; aber hier
ist sie schwarz auf wei zu lesen.
    Er suchte das Tagesblatt, in welchem die verschiedenen Schauspiele angezeigt
waren, und las:
    Also heute Othello, der Mohr von Venedig. Da ist sie! Desdemona - gesperrt
gedruckt: Signora Giuditta. Eine gttlichere Desdemona gab es wohl nie. Die und
die Norma sind ihre Hauptrollen. Nun, Regina, warum siehst denn Du so betrbt
aus? war sie etwa Deine Pensionatsfreundin im Sacr Coeur?
    Regina schwieg mit beklommenem Herzen, und der Graf erzhlte, was er von
Judith und ihren Eltern wute.
    Menschenschicksal! versetzte Orest uerst gleichgiltig.
    Jetzt gehe ich aber gewi in die italienische Oper! rief der Graf. Wollt
Ihr nicht alle mitgehen?
    Ich gewi nicht, sagte Regina traurig.
    Ach geht doch alle mit, bat Orest, Ihr werdet entzckt sein.
    Ist denn diese Oper so besonders schn? fragte Corona mit leiser Neugier.
    Versteht sich! das Libretto ist nach der Tragdie von Shakespeare
bearbeitet.
    Ach erzhle doch etwas, lieber Orest, bitte!
    Die Sache ist in Krze so: Die Republik Venedig hat einen heroischen
Feldherrn, der Othello heit und ein Mohr ist. Die Dogentochter Desdemona fat
eine so heftige Leidenschaft fr ihn, da sie ber den Fluch ihres Vaters, der
keinen schwarzen Schwiegersohn haben will, sich hinwegsetzt und Othello
heiratet. Der Mohr liebt nun seine schne Desdemona auf gut afrikanisch, d.h.
mit einer tchtigen Dosis Eifersucht gemischt; und als er den falschen Verdacht
auf sie wirft, da sie einen andern liebe, lt er sich vom Satan blenden und
ermordet die unschuldige Desdemona. Es ist furchtbar ergreifend, wie sie zuerst
den Fluch des Vaters und dann den Dolch des Gemahls von sich abzuwehren sucht!
    Nein! rief Corona, solche Entsetzlichkeiten mag ich nicht sehen. Ich
wrde mich halbtot ngstigen und halbtot weinen und die schauderhaften Szenen
gar nicht aus dem Gedchtnis bringen. Wie kann man an solchen Vorstellungen
Vergngen finden.
    Wohlan, Papa, so gehen wir allein und bewundern allein die Vereinigung der
dreifachen Kunst Shakespeare's, Rossini's und Giuditta's - eine Vereinigung,
welche meine sublimen Cousinen doch zu Ehren der heiligen Dreifaltigkeit gelten
lassen sollten.
    Lieber Orest, entgegnete Regina mit ihrem schnen Lcheln, Du bist zu gut
erzogen, um nicht zu wissen, da sich solche Spe in unserem Kreise nicht
schicken. Mige also den Ausdruck Deiner extatischen Bewunderung.
    Liebenswrdigste Knigin, rief Orest entzckt und glitt grazis auf ein
Knie vor ihr; Du bist immer perfekt! Wenn alle Damen einen dummen Spa so
beantworteten, wie Du, bei Gott! wir wrden keinen zweiten machen. Gewhnen wir
uns dergleichen an, so ist das wahrhaftig Eure Schuld, denn Ihr knnt es uns
abgewhnen. Wie beneidenswert ist Uriel, unter ein solches Pantffelchen von
Sammt und Perlen zu kommen.
    O, sagte Regina unbefangen, Uriel ist selbst so perfekt, da er das gar
nicht ntig hat.
    Aber nun hrt auch meine Neuigkeit! sagte Orest. Ihr habt im
Kristallpalast eine Salonbekannte als Opernsngerin wiedergefunden; aber wem bin
ich begegnet? ratet.
    Nein, sagte die Baronin Isabelle, da knnte man die halbe Welt der
Bekannten durchraten! Sag' es uns.
    Ich begleitete also die Giuditta und ihre Mama auf ihrer Wanderung und
machte dabei die schmeichelhafte Bemerkung, da das Tchterlein etwas weniger
wortkarg als gewhnlich war.
    Ist sie das noch immer? fragte teilnehmend Regina.
    In einer Weise, die noch nicht da gewesen ist! versicherte Orest. Deinem
charmanten Cousin gelang es aber, ihr einige zusammenhngende Worte zu
entlocken.
    Mein charmanter Cousin, erwiderte Regina lachend, ist wirklich recht
bescheiden - fr einen fat! -
    Nun, wem bist Du begegnet? fragte ungeduldig der Graf.
    So geleitete ich sie zum Wagen. Als eben der Schlag geschlossen wird und
ich mit vieler Grazie meinen letzten Kratzfu mache, schlpft eine Gestalt an
mir vorber, die ich sogleich erkenne und die auch mich erkennt - denn sie
wendet ihr Gesicht ab und drngt sich in einen Menschenknuel hinein, der sich
dem Eingang zuwlzt. Ich springe vom Wagen zurck und mitten unter die Menschen
und schreie aus Leibeskrften: Halt! halt! Alles stubt entsetzt auseinander,
man denkt, ich setze einem Taschendiebe nach. Eine Mi mit ellenlangen blonden
Locken machte Miene, sich in Ohnmacht vor Schreck legen zu wollen. Mir einerlei!
Wie ein Tiger auf seine Beute springe ich auf die Gestalt zu, die sich trotz des
Tumults rund umher gar nicht umschaut und nur vorwrts eilt. Aber ich nach, und
halte sie beim Kragen! - und wen halte ich - Florentin!
    Alle waren berrascht und riefen durcheinander Fragen aller Art. Der Graf
sagte:
    Warum hast Du ihn nicht mitgebracht? hat er seine Revolutionsgrillen noch
immer nicht satt? ich dchte, er knnte nun endlich zur Vernunft gekommen sein
und in guter Ruhe mit uns heimkehren. Ich wrde ihm alles verzeihen, Barrikaden,
Freischaaren - alles! denn im Jahr 1848 haben ganz andere Kpfe, als der seine,
sich verdrehen lassen. Es waren revolutionre Miasmen in der Welt, die das
Gehirn in ein Delirium versetzten. Wie spricht er denn jetzt?
    Gerade wie vor vier Jahren, als er zum letzten Mal in Windeck war.
    Wie? er hat sich gar nicht gebessert?
    Im Gegenteil! grimmig ist er geworden und hat sich, wie man zu sagen
pflegt, in seine Idee verbissen. Ich nahm ihn ohne Umstnde unter den Arm,
fhrte ihn aus dem Kristallpalast hinaus und in Hyde-Park umher. Da mute er
denn erzhlen. Wr's nicht alles im Satansdienste der Revolution bis zur roten
Republik gewesen, so knnte man ihn beneiden um sein bewegtes Leben. Er sagte,
als Wien fr die Revolution verloren gegangen und wieder kaiserlich geworden
sei, da habe er geahnt, da alles in Deutschland schief gehen werde. So lange
man nicht sterreich, dies Bollwerk der Stabilitt, diese Grundfeste der
konservativen Ideen und des historischen Rechts ... -
    Also das erkennt er alles an? fragte der Graf.
    Freilich! und darum hat er es und nennt es weiter: eine Bastille der
Freiheit, die man entweder aus Deutschland herausbeien, oder es so lange
revolutionr bearbeiten und unterminieren msse, bis es in sich selbst zusammen
und in so viel Brocken auseinander falle, als es Vlker verschiedener Zunge in
seinen Ketten schmachten lasse. Kurz, die erhabenen Ideen der Demokratie sind.
nach Florentin's Meinung, nicht durchzufhren im deutschen Vaterlande, so lange
es mit Oesterreich behaftet ist, und da die Stunde der Vernichtung noch nicht
fr dasselbe geschlagen habe, so machte Florentin sich nach Italien auf. In Rom
ging es ja herrlich her! Der Papst war landflchtig, Mazzini's Republik oben
auf. Er war bei den Opfern zugegen, die Mazzini nach altrmischer, d.h.
heidnischer Weise, im Kapitol den alten Gttern darbrachte und somit die
katholische Kirche absetzte, wie denn auch des Papstes weltliches Regiment
abgesetzt war. Aber, o Jammer! auch im Kirchenstaat war man noch nicht reif fr
die rote Republik, und sogar verschiedene, wohl applizierte Dolchste, vulgo
Meuchelmorde, wollten nicht die gehrige berredungskunst ben. Rom war
eingeschchtert - was sich begreifen lt! - gewonnen nicht. Die
Banditenwirtschaft, wie wir auf gut deutsch sagen, ging zu Ende, die
Banditenhuptlinge Mazzini und Garibaldi suchten das Weite; der Papst kam
wieder, die Kardinle kamen wieder, die katholische Kirche brauchte nicht wieder
zu kommen, denn es zeigte sich, da sie, trotz der grlichsten Mihandlung der
Geistlichen, immer dagewesen war - und mein Florentin ging nach Amerika.
    Mge er da bleiben! rief die Baronin Isabelle aufgeregt. Ich hoffe,
lieber Schwager, Sie nehmen diesen verwilderten Menschen nicht zu Gnaden an.
    Hat er Dir das alles wirklich eingestanden? fragte der Graf.
    Eingestanden? rief Orest; o keinegswegs! Geprahlt hat er mit den
Grotaten der heroischen Republikaner! geprahlt mit der Hingebung an die
Befreiung der Vlker in politischer und religiser Beziehung! geprahlt mit dem
Ha gegen Kirche und Priestertum!
    Auch geprahlt mit dem Meuchelmord? fragte Regina.
    Mit jener Klte davon gesprochen, wie andere Deutsche seiner Farbe im Jahre
1848 von dem Morde Lichnowsky's, Auerswald's, Lamberg's, Zichy's etc. etc.
sprachen. Solche kleine Zuflle haben ja nicht das mindeste bei dem erhabenen
Gange der Revolution zu bedeuten! Was tut's, wenn ein paar armselige
Reaktionre, die, als solche, Verrter an der Sache des Volkes und der Freiheit
sind, mit einem Stilett bei Seite geschafft werden! Was tut's, da die halbe
Welt untergeht, wenn nur die andere Hlfte als rote Republik floriert! so redet
Florentin und die Florentine - das kennt man zur Genge!
    Was machte er denn in Amerika? fragte der Graf.
    Da gefiel es ihm durchaus nicht, erwiderte Orest. Ich fragte ihn, ob er
sich dort nicht recht gut als Arzt habe durchbringen knnen? Er behauptet Nein!
- Ein Arzt, der zu Fu seine Patienten besuche - bekme keine Praxis. Wer
Vermgen habe, oder wer sich auf Handels- und Spekulationsgeschfte gut
verstnde, der knne in Amerika Seide spinnen. Auch der Urwldler. Aber Geld und
Arbeitskrfte msse man tchtig mitbringen. brigens habe er gar nicht den
Beruf, im freien Amerika zu leben.
    Das glaub' ich! sagte der Graf; auf Windeck lebt sich's anders! Nun, was
ist denn sein Beruf?
    Europa zur Freiheit zu verhelfen! Jetzt sitzt er hier und wartet auf seine
Zeit - schwrt aber darauf, da sie kommen msse.
    Wovon lebt er denn?
    Darber rckte er nicht mit der Sprache heraus! Ob sie eine Bundeskasse
haben, welche von den Reichen der Partei genhrt wird, ob sie kommunistisch
leben, ob er Mitarbeiter an einem Journal ist, ob er Unterricht in der deutschen
Sprache gibt, ob das alles zusammen? ich kann's nicht behaupten! Auch England
schien ihm nicht sehr zu behagen. Er machte wtende Ausflle gegen die Wucht,
womit die Klasse der Besitzenden, sowohl in der Aristokratie, als in der
Industrie und der Bank, auf der Klasse der Nichtbesitzenden drcke.
    Er mu sich in eine Gener'sche Schferwelt begeben, sagte die Baronin,
wo die ganze Gesellschaft mit weien Kleidern mit rosenfarbenen Schleifen zarte
Lmmer an himmelblauen Bndern spazieren fhrt! denn die ganze wirkliche Welt
ist ja zu schlecht fr seine erhabene Persnlichkeit.
    Einstweilen wnschte er nach Gener's Heimat zu gehen, nach der Schweiz. In
Ermanglung jener Idylle findet er dort Gesinnungsgenossen. Auch ist er dort
nher an Deutschland, und darauf hat er nun einmal zrtlichst sein Augenmerk
geworfen.
    Nun, und wie kamt Ihr auseinander? fragte der Graf.
    Hat er sich gar nicht nach Papa und Onkel Levin erkundigt? fragte Corona.
    Doch! nach der ganzen Familie.
    Gott sei Dank! das ist doch wenigstens menschliches Gefhl! seufzte die
Baronin aus tiefer Brust.
    Als ich ihm sagte, Onkel Levin sei heiligmig wie sonst, der Papa
aristokratisch wie sonst, Hyazinth ultramontan wie sonst, Uriel Gentleman wie
sonst, die Damen fromm und andchtig wie sonst, und ich Bruder Lustig wie sonst:
da gab er mir zur Antwort: Ja, ihr seid und bleibt Windecker! - Versteht sich!
rief ich; chte Windecker! Keine untergeschobenen Wechselblge! - - Nein, sagte
er darauf, kein einziger ist von dem Stoff, dem die Zukunft gehrt. Ich wollte
ihn herbringen; aber durchaus nicht! Unsere Wege sind geschieden - wiederholte
er.
    Wenn es so mit ihm steht, hat er recht! sagte der Graf. Das ist der Dank,
den Florentin Hauptmann fr die Windecker hat!
    Und wie trenntet Ihr Euch? fragte die Baronin.
    Er schrieb mir seine Adresse in mein Notizenbuch, sagte Orest, und ich
gab ihm eine Hundertpfundnote.
    Was! bist Du rasend! rief der Graf.
    Lieber Onkel, ich sagte ja, da er gern nach Geners Heimat wollte,
entgegnete Orest gelassen.
    Was Gener! was Heimat! er ist ein Revolutionr und geht nach der Schweiz,
um von dort aus das Gift seiner Prinzipien bequemer zu uns herberzuspritzen -
und das erleichterst Du ihm! Er wrde uns allen ganz getrost das Fell ber die
Ohren ziehen - und Du ftterst ihn dazu auf!
    Ja, Onkelchen! so unterscheidet sich Orest Windeck von Florentin Hauptmann!
er hat mir als Kind das Leben gerettet: dafr bleib' ich ihm dankbar, so lange
ich lebe. Windecker Art knausert nicht um ein paar Gulden!
    Paar Gulden! brummte der Graf; eine Hundertpfundnote sind zwlfhundert
Gulden!
    Corpo di Bacco! zwlfhundert Gulden! rief Orest hchst verwundert. Das
ist stark! - htte ich das gewut! - Aber bei dem unendlichen Ideenreichtum
meines Kopfes kann ich unmglich das Verhltnis der fremden Geldsorten zu den
unseren immer gegenwrtig haben. Nun, hin ist hin! - Morgen will ich aber den
Florentin besuchen. Vielleicht treffe ich eine ganze rote Bande beisammen.
    Nimm Dich in acht! rief Corona ngstlich; sie knnten Dich auch
erdolchen!
    Ich bin fr diese Ehre zu gering, erwiderte Orest lachend. Aber wo wohnt
er denn - der Florentin? im Westende schwerlich!
    Orest zog sein kleines Notizenbuch hervor und durchbltterte es vorwrts und
rckwrts. Pltzlich rief er:
    Schau! der Florentin! statt seine Adresse einzuschreiben, hat er ganz leise
ein Blatt herausgerissen. Mein Besuch war ihm also nicht angenehm. Servus! die
Sache ist abgemacht. - Jetzt, Knigin und Krone, verwandelt Euch in Amazonen! es
wird einen herrlichen Ritt geben in der Abendkhle unter den Eichen von
Hyde-Park. -
    Welch eine konfuse Welt! sprach Regina heimlich zu sich selbst, als sie
spter mit Hunderten von Reitern und Reiterinnen auf dem smaragdgrnen Rasen und
unter den krftigen Eichen von Hyde-Park ihr Pferd tummelte, whrend in
unabsehbarer Reihe die elegantesten Wagen hinter einander fuhren, lauter chtes
Equipagen-Vollblut, nirgends unterbrochen durch den gemeinen Eindringling
Fiakre, dessen Rder noch nie Hyde-Parks aristokratischen Boden entweiht haben.
ber diese hochfahrende Herrlichkeit glitt Regina's gedankenvolles Auge hinweg
und sah im Geiste die rote Republik, die dahinter lauert, und den Abgrund, der
daneben ghnt, und in den dieser ganze Weltprunk hineinprasselt, wenn ein Ruck
die knstlich empor geschraubte Maschinerie der modernen Civilisation in ihrer
schwindelnden Steigerung aufhlt. Sie dachte an Florentin und an Judith. Was war
aus dem Pflegesohn ihrer Eltern, aus dem brderlichen Gefhrten ihrer Kindheit
geworden - und was konnte noch aus ihm werden? Was war aus dem jungen Mdchen
geworden, das mit ihr gleichberechtigt in der Gesellschaft aufgetreten war und
jetzt, auerhalb derselben auf der Bhne stand? Florentin lebte und webte in Ha
und Groll gegen diese goldbertnchte Civilisation; Judith lebte und webte durch
sie und von ihr. Er - ein Revolutionr; sie - eine Opernsngerin; beide - durch
Zufall zusammengefhrt mit den Windeckern im Tempel dieser Civilisation: im
Kristallpalast! - O heiliger Karmel! erffne mir deine Einsamkeit, deine Armut,
deine Stille, seufzte Regina aus tiefster Brust. ffne mir deine ascetischen
Zellen! ich verlange nach ihnen, nicht als nach Zaubergrotten voll berirdischer
Freudenfeste, sondern als nach den Katakomben, in denen die ersten Christen die
Welt besiegten.

                           Die Nachtigall von Cintra


Auch Judith war an dem Abend in Hyde-Park und strkte sich in der erfrischenden
Abendluft gegen die qualmende, drckende Schwle, die ihrer in der Oper harrte,
wenn sie zum hundertsten Male als Desdemona das Publikum in einen Rausch des
Entzckens versetzte. Sie fuhr in einer leichten, offenen, dunkelblauen
Kalesche, die mit weiem Damast ausgeschlagen und mit zwei brausenden
Apfelschimmeln bespannt war. Sie sa in ruhender Stellung ganz allein im Wagen.
Neben ihr auf dem Sitz stand ein zierliches Krbchen, mit kirschrotem Atlas
weich und warm gefttert, und darin lag ein brasilianisches ffchen, nicht
lnger als ihre Hand, das sie zuweilen mit groem Interesse betrachtete. Sie
trug ein ganz einfaches weies Kleid und statt des Hutes die spanische Mantille,
von schwarzem Tafft mit breiter schwarzer Spitze, die ber den Hinterkopf
geworfen und auf der Brust zusammengeschlagen wird. ber dem linken Ohr war,
cht andalusisch, eine prchtige dunkelrote Nelke angesteckt. Ein groer
spanischer Fcher, auf dem eine ganze Hirtenwelt aus Arkadien im zierlichsten
Rokoko paradierte, diente ihr zugleich als Spielwerk und als Schirm gegen die
letzten Strahlen der untergehenden Sonne. Judith war unbeschreiblich schn. Ihr
marmorfarbenes Antlitz ruhte in dem schwarzen Rahmen der Mantille, wie eine
zarte antike Gemme in weien und dunkeln Onyx geschnitten. Da ihr Mund schon
nicht mehr die vollkommene Reinheit der Linien hatte, welche ihren Zgen einen
so edlen Charakter gab, da er schon einen Anflug von dem komdiantenhaften
Etwas hatte, das aus der Gewohnheit hervorgeht, Leidenschaften, heftigen
Empfindungen, fremdartigen Seelenzustnden den entsprechenden mimischen Ausdruck
zu geben, wrde hchstens ein Ernest bemerkt haben.
    Wie bei der italienischen Korsofahrt bewegten sich auch hier die Wagen
langsam hintereinander her, hielten auch zuweilen ganz still. Man will nicht
blo Luft schpfen, man will auch sehen, auch gesehen werden, auch sich
unterhalten mit den Reitern, die den Inhaberinnen der Wagen - denn selten sind
es Inhaber, oder sie sind doch nicht allein! - ihre Huldigung bezeigen. Zur
Konversation aber hatte Judith nicht die mindeste Lust. Jeden Gru, den sie
beachtete - und sie beachtete nicht jeden - erwiderte sie mit einer ganz
leichten Neigung ihres schnen Kopfes, ohne eigentlich den Grenden anzusehen.
So schnitt sie die Mglichkeit eines Gesprches ab. Man mute die grenzenlose
Unverzagtheit eines Orest besitzen, um sich durch ein so frostiges Benehmen
nicht zurckschrecken zu lassen. Orest war an der Wagenreihe hinabgeritten, um
sich die Damen und die Pferde in der Nhe zu betrachten. Als er sich Judiths
Wagen nahte, fiel es ihm ein, sie in italienischer Sprache zu begren, und es
schien ihr angenehm zu sein, denn sie erwiderte ihm zwei Worte. Das war ihm
gerade genug, um zu sagen:
    Welchen Zauber hat denn dieser Fcher, Signora? Sie wrdigen Ihres Blickes
nur seine Bilder - aber nicht das groartige Bild der schnen Welt von Europa.
    Groartig und schne Welt - sind zwei Worte, die nicht zusammen gehren,
sagte Judith. Das Groartige liegt auerhalb der schnen Welt.
    Nicht immer! entgegnete Orest.
    Wenn Sie das ernsthaft behaupten wollen, so bin ich wirklich neugierig auf
ein einziges Beispiel.
    Die groartige Schnheit befindet sich mitten in der schnen Welt.
    Selten! sagte sie ablehnend.
    O Signora! rief Orest, Sie haben ein einziges Beispiel haben wollen und
so rede ich auch nur von einer einzigen Schnheit.
    Dies pat vortrefflich auf meine Nanko, entgegnete Judith. Schade, da
sie es nicht versteht.
    Wer ist Ihre Nanko, Signora?
    Hier mein ffchen, sagte Judith, nahm es aus dem Krbchen, steckte den
Ring an ihren Finger, der an einem Ende des goldenen Kettchens hing, das um
Nankos Hals geschlungen war, und setzte das kleine grazise Tier auf ihre Hand.
    Bei Gott, ein allerliebstes Tierchen! rief Orest mit so aufrichtiger
Bewunderung, als habe er wirklich Nanko's Schnheit im Sinne gehabt.
    Sehen Sie, Graf! sagte Judith, Nanko schweigt und meine Fcherbilder
schweigen; darin besteht der Zauber, nach dem Sie fragten.
    Ohne sich aus der Fassung bringen zu lassen, entgegnete er:
    Sie haben am allerwenigsten das Recht, dem Schweigen eine Lobrede zu
halten! Ihre Kunst und Ihr Genie sind nicht stumm.
    Judith schwieg und bettete ihren Affen wieder in den roten Atlas. Orest fuhr
fort:
    Wenn wir nun aber einmal der Norma und Desdemona gegenber so stumm wren,
wie Signora Giuditta es uns gegenber ist - was wrden Sie dann sagen?
    Dann wrde ich sagen, da man sich in London nicht auf die Kunst versteht,
antwortete Judith - und da man eben auf einem Punkt angelangt war, wo die Wagen
wendeten, sagte sie zu dem Bedienten: Nach Hause! nickte Orest einen khlen
Gru zu - und dahin flogen die Apfelschimmel.
    Schau! eine perfekte Komdiantin .... aber im groen Stil! sagte Orest
vergngt zu sich selbst; der kleine genre ist auch nachgerade langweilig. Und
munter sprengte er zu seiner Gesellschaft zurck. -
    Einige Stunden spter war er mit dem Grafen in der italienischen Oper, wo
die ganze haute vole beisammen war, um Desdemona's tragisches Schicksal zu
bewundern und zu beweinen. Denn auf der Bhne war Judith hinreiend, voll Leben,
voll Feuer, voll Bewegung, voll tiefer Empfindung und auch im Ausdruck heftiger
Leidenschaft immer edel. Ihre mchtige Stimme durchdrang mit einem goldenen
Glockenton den ungeheuren Raum, herzerschtternd im tiefen, gehaltenen Ausdruck
groer Schmerzen, sinnbezaubernd in den perlenden Fiorituren der Frhlichkeit,
des Glckes, der Zrtlichkeit. Die Damen zerflossen in Trnen, die Herren
erschpften sich in Beifallssturm. Seit der Pasta und der Malibran hatte man
keine solche Stimme von solchem Metall und solcher Ausbildung, verbunden mit
einem so hinreienden theatralischen Genie, in der italienischen Oper gehabt.
Mit Giuditta's goldener Stimme verglichen, hatten die Sontag und die Lind nur
Silberstimmen, und deren anmutiges Darstellungstalent verschwand vor den
Kunstschpfungen dieser tragischen Muse.
    Man erzhlte, sie habe geuert, die Desdemona mache ihr den Eindruck von
Orangenbltenduft in einer italienischen Sommernacht - so viel Glut und Zartheit
liege in dem Charakter. Das war genug, um einen Regen von Orangenblten
hervorzurufen, mit dem die Bhne berschttet wurde, als Desdemona auftrat. Die
krankhafte Exaltation der Zeit fr Erscheinungen in der Theaterwelt hatte sich
auch der khlen, baumwollspinnenden Shne Albions bemeistert - wenn auch nicht
bis zu dem Grad von Wahnwitz gesteigert, der sich auf dem Kontinent an manchen
Orten kund gab. Der Gegenstand dieser Bewunderungsexplosion blieb auch auf der
Bhne stets in ruhiger Haltung - und das gefiel nur umso mehr. Die
Schicksalswendung, welche Judith getroffen hatte, war nicht geeignet, um ihr
Welt und Menschen in einem lieblichen Lichte darzustellen. Der gnzliche Umsturz
seiner glnzenden Verhltnisse hatte Judiths Vater geistig entkrftet. Er fhlte
sich auer Stande, noch einmal - und zwar bei sechzig Jahren - das Riesenwerk
des Reichwerdenwollens von vorn wieder anzufangen. Madame Miranes, die ihr Leben
lang nichts anderes getan, als Geld ausgegeben hatte, war eine Ausnahme unter
den Tchtern ihres Volkes, verstand nichts von Geschften, von Einschrnkung
ihres Luxus, von einem Leben nach ganz niedrigem Mastab der Finanzen, und
anstatt ihrem Mann seine traurige Lage tragen zu helfen, erschwerte sie ihm die
Last. Judith stand zwischen dem kraftlosen Vater und der verzweiflungsvollen
Mutter, ganz bereit, ihn zu untersttzen und sie zu trsten, denn der Verlust
des Vermgens und der damit verknpften gesellschaftlichen Stellung berhrte sie
nicht tief. Sie war noch jung genug, um zu whnen, da man auch ohne das zur
Geltung gelangen knne, und es war ihr ungemein schmerzlich, da sich die Klagen
ihrer Eltern hauptschlich um das Unglck drehten, welches die Aussichten der
Tochter betroffen habe. Die Familie ging nach Bordeaux, Vaterstadt der Madame
Miranes, wo ihre Brder, zwei wohlhabende Mnner, lebten. Mit der
Bereitwilligkeit, Verwandten fortzuhelfen und zu dienen, welche sich nicht immer
in christlichen Familien findet, boten beide Schwger dem Herrn Miranes die
Mittel, um einem befreundeten Hause in Lissabon sich anzuschlieen. Dies war nun
freilich eine ganz beschrnkte und untergeordnete Lage im Vergleich zu der
frheren; allein Madame Miranes war herzlich froh, der Heimat zu entrinnen, wo
sie unaufhrlich an den entschwundenen Glanz ihrer Vergangenheit erinnert wurde;
und Herr Miranes fhlte nur zu gut, da ihm nicht mehr die energische Ttigkeit
frherer Jahre zu Gebote stehe, um nicht mit dem beschrnkten Spielraume
zufrieden zu sein. Allein das Glck war ihm nicht mehr hold. Die Geschfte
dieses Hauses nahmen keine gnstige Wendung, Herr Miranes krnkelte mehr und
mehr, Madame Miranes langweilte sich mehr und mehr; Judith litt fr ihre Eltern.
Fr sich selbst wre sie recht glcklich gewesen! Sie bewohnten ein kleines
Landhaus in den Citronenhainen von Cintra, das in seiner poetisch bezaubernden
Wildheit vier Stunden landeinwrts von Lissabon an die schroffen Felsenauslufe
der Gebirge von Estremadura sich lehnt. Judith erkletterte diese Felsen,
durchstreifte diese Bergabhnge voll Kastanienwlder, diese Ebene voll
Citronenhaine, wo sich so wenig Spuren von Kultur und Civilisation finden, und
die Natur noch so ungestrt einen ursprnglichen Stempel von wilder Schnheit
und melancholischer Poesie trgt. Aber gerade das, was ihr gefiel, verabscheute
ihre Mutter. Madame Miranes begehrte von der schnen Natur nichts weiter, als
einen macadamisierten Weg. um spazieren zu fahren - und den gab es nicht
zwischen Cintra und Lissabon, vielleicht nicht in ganz Portugal. Was lag ihr an
malerischen Bergpartien, die man zu Fu oder zu Esel mhselig aufsuchen mu!
Auch ihr Landhaus war weit entfernt von der Eleganz ihrer Frankfurter Villa, war
fast rmlich eingerichtet. Die pyrenische Halbinsel hat das Glck, mit dem
erdrckenden Komfort des Lebens noch nicht behaftet zu sein, der wie ein Alp auf
Mitteleuropa lastet und es entnervt. Wo die materielle Bedrftigkeit eine so
ungeheure Bagage mit sich schleppt, da mssen hhere Bedrfnisse vorkommen. Das
soll nicht heien, als wrde diese auf der pyrenischen Halbinsel besonders
gepflegt; da es nicht geschieht, hngt mit anderen Grnden zusammen, namentlich
mit dem einen, da die halbe und oberflchliche Bildung gewisser Klassen
verkehrten Fortschrittsideen die Oberhand gibt, und dadurch eine
Revolutionsphase nach der anderen herbeifhrt. Unter manchem Druck, der von
England ausgeht, schmachtet die pyrenische Halbinsel; allein die Brde des
englischen Komfortes belastet sie noch nicht - und ach! wie sehr seufzte Madame
Miranes gerade danach! - Judith wurde angesteckt von der Niedergeschlagenheit
ihrer Eltern. Sie hing an ihnen mit zrtlicher Ehrfurcht, und der Wunsch, ihrem
spteren Alter den Glanz der ueren Verhltnisse zurckzugeben, wurde immer
lebendiger in ihr. Sie wute nur durchaus nicht, was sie dazu tun knne.
    Ein Verwandter des Herrn Miranes berhrte Lissabon auf seiner Reise von
Cadix nach Mexiko. Er sah Judith und bewarb sich auf der Stelle um sie. Er besa
ein kolossales Vermgen und die Eltern zweifelten keinen Augenblick an Judiths
bereitwilliger Zustimmung. Aber Judith sagte nein! sie habe keine Neigung, sich
zu verheiraten und wnsche bei ihnen zu bleiben. Umsonst wurden ihr alle Vorzge
dieser brillanten Heirat vorgestellt, umsonst der Luxus ausgemalt, der in Mexiko
sie erwarte, umsonst die Pflicht ihr eindringlich gemacht, auf ihre Eltern
Rcksicht zu nehmen, die pltzlich aus der Armut befreit, an ihrem Reichtum
teilnehmen und mit ihr nach Mexiko gehen wrden: Judith blieb bei ihrer
Weigerung. Der Vater kam allein und flehte sie an, aus Rcksichten fr ihre
Mutter diese Verbindung einzugehen; und die Mutter kam allein und beschwor sie
um dieselbe Rcksicht fr den Vater. Judith weinte - aber sie sagte nein. Eine
Flut von Vorwrfen des Undankes, der Klte, des Eigensinnes, des Mangels an
kindlicher Liebe bestrmte sie. Judith fiel ihren Eltern zu Fen und bat um
Verzeihung - aber ihr nein nahm sie nicht zurck. Der Bewerber reiste hchst
beleidigt ab und die Eltern waren geradezu in Verzweiflung, da ihre Tochter
nichts fr sie tun wolle, nachdem sie alles fr die Tochter getan hatten. Judith
verfiel in tiefe Traurigkeit. Welche Zukunft stand ihr bevor? Die Eltern
unglcklich und mivergngt ber sie; und sie - um dieser drckenden Lage zu
entrinnen - vielleicht veranlat, den nchsten Bewerber zu erhren, dessen
Vortrefflichkeit in Reichtum bestehe. Sie hatte nie eine Neigung fr einen Mann
gehabt; darum begriff sie nicht, weshalb sie heiraten solle - und sie war fest
entschlossen, es nicht zu tun, bis - ja bis - sie wute selbst nicht, ob dieses:
bis sie einen Mann liebe, je eintreten werde; denn sie wollte lieben, um
glcklich zu werden, aber Ernest hatte ja einmal gesagt, da kein Mensch einen
anderen je ganz glcklich machen knne, und ihre Schwester war durch die Liebe
unglcklich geworden; das verga sie nicht.
    Madame Miranes fand einen Trost darin, Leidensgefhrten zu haben. Eines
Tages erzhlte sie ihrer Tochter, da die berhmte Sngerin Sontag, welche seit
einer Reihe von Jahren von der Bhne abgetreten war und mit ihrem Manne in der
elegantesten Sphre der Hauptstdte Europa's lebte, wieder dem Theater sich
zuwende und eine Kunstreise nach England und Amerika beabsichtige, um das
zusammengeschmolzene Vermgen ihrer Kinder zu vergrern. Madame Miranes fgte
hinzu:
    Htte ich ein solches Talent, wrd' ich es auch so machen.
    Wie ein Blitz flog es durch Judith's Sinn: Vielleicht hab' ich es! - aber
sie uerte nichts, weil sie ihres Talentes nicht gewi war und keine
vergebliche Hoffnung in ihrer Mutter wecken wollte. In Lissabon war ein
vortreffliches Konservatorium der Musik, wie man solche Anstalten nennt, in
denen musikalische Talente sowohl fr Opern- als Kirchen- und Kammermusik
ausgebildet werden. Die groe Sngerin aus dem Anfange des neunzehnten
Jahrhunderts, die Catalani, welche zugleich Primadonna und Direktrice der
italienischen Oper zu Lissabon gewesen war, hatte auch auf das Konservatorium
einen groen bildenden Einflu gehabt, so da es nach ihrer Tradition die
musikalische Pflanzschule fortsetzte. Judith wendete sich an den Direktor der
Anstalt, anfangs nur, um sich seinen Unterricht zu erbitten. Er war, als ein
guter Kenner, dermaen entzckt von Judith's Stimme und Schule, da er ihr
erklrte, sie brauche die Ausbildung im Konservatorium und seinen Unterricht
eigentlich nicht mehr; wolle sie sich aber der Bhne widmen, auf der sie ohne
Zweifel das glnzendste Phnomen der Zeit werden wrde, so msse sie sich fr
diesen Beruf unter seiner Leitung eine gewisse bung und Gewandtheit aneignen,
die ihr nicht schwer fallen knne. Dies war gerade alles, was Judith wnschte!
Da sie zu Ende des Sommers das Landhaus in Cintra mit dem Aufenthalte in
Lissabon vertauschte, so wurde es ihr ganz leicht, ihre Studien im
Konservatorium zu machen, ohne da ihre Eltern eine Ahnung von ihrer
eigentlichen Absicht hatten; sie glaubten nur, da Judith in der Kunst und in
ihrem Talent Zerstreuung suche fr ihr einfrmiges husliches Leben. Der
Direktor nahm mit Freude und Stolz wahr, da Judith's theatralisches Talent
hinter ihrem musikalischen nicht zurckstehe, ja da beide recht eigentlich
zusammen gehrten, wie der Duft und die Rose, da ihr Spiel durch ihre Stimme
getragen werde und zugleich ihre genialische Kunstfertigkeit plastisch mache. Er
nannte sie die goldene Nachtigal von Cintra; ihren Namen und ihre Verhltnisse
kannte er nicht. Gegen den Winter fragte er sie, ob sie geneigt sei, fr diese
Saison ein Engagement an der italienischen Oper zu Lissabon anzunehmen. Judith
entgegnete mit ihrer gewohnten Ruhe, wenn es glnzend sei, wolle sie es tun; sie
betrete diese Laufbahn, um ihren Eltern ein sorgenfreies Alter zu bereiten, und
da sie ihres Erfolges gewi sei, msse ihr pekunirer Gewinn demselben
entsprechen. Das fand der Direktor ganz in der Ordnung. Er bernahm die
Unterhandlungen mit dem Impressario der Oper, d.h. mit demjenigen, der nach
italienischem Gebrauch Unternehmer der Oper ist und Snger und Sngerinnen fr
eine Winterzett engagiert. Judith wurde die Primadonna. Als das Geschft
vollkommen abgetan war - und das war nicht ganz leicht, weil der Impressario die
Forderungen dieser unbekannten Nachtigal von Cintra bermig hoch fand - teilte
Judith den Eltern ihren Entschlu und ihre Aussichten mit und fgte hinzu, sie
hoffe dadurch zu beweisen, da es ihr nicht an kindlicher Liebe und Dankbarkeit
fehle, denn fr sich selbst begehre sie weder Reichtum noch knstlerische
Berhmtheit. Herr Miranes war gerhrt und Madame Miranes entzckt, doppelt
entzckt, als Judith sagte, sie sei durch eine uerung ihrer Mutter zur
Klarheit gekommen ber das, was sie zu tun habe, und danke derselben im voraus
ihre Erfolge.
    Da der Impressario sich nun einmal zu dem ungeheueren Wagstck entschlossen
hatte, eine gnzlich unbekannte Primadonna dem Publikum vorzufhren: so tat er
sein Mglichstes, um ihr einen fabelhaften Ruf von Schnheit und Genie voraus zu
schicken. Den Effekt, den sie machen wrde, konnte er selbst nicht ermessen,
denn Judith sang in der Probe nur mit halber Stimme und spielte mit kaum halber
Aktion; allein da sie nicht Fiasko machen werde - und folglich auch nicht seine
Kasse! - das stellte sich denn doch beruhigend fr den gebten Beurteiler
heraus. Als Desdemona trat Judith zum ersten Mal auf und so, da der Impressario
sich eingestand, sie habe ganz Recht, ihre Forderungen hoch zu spannen, und
dieser Winter werde wohl der erste und letzte fr Lissabon sein, da eine solche
Sngerin unstreitig bald einen europischen Ruf genieen und auf den groen
Bhnen von Neapel, Mailand, Paris und London glnzen werde.
    Judith lebte nun das Leben, welches die gefeierten Heldinnen der Bhne zu
leben pflegen, bewundert, vergttert, angestaunt, beneidet, von Kabalen und
Intriguen, von Huldigung und Anbetung umringt - das glnzendste und flchtigste
inhaltlose Schein- und Schaumdasein, welches ein menschliches Wesen leben kann;
zugleich auch das gefhrlichste, weil es alle bsen Neigungen des
Menschenherzens weckt und aufstachelt. Der Glanzpunkt einer solchen Existenz
besteht darin - zu gefallen! Es heit zwar nicht so! es heit: durch genialische
Darstellung bezaubern, durch knstlerische Vollendung entzcken. Aber darauf
kann man mit Hamlet erwidern: Worte! Worte! Die Tatsache ist: man mu gefallen
- und zwar den Augen und den Ohren der Menschen - und zwar in solcher Weise, da
sie ganz Auge und ganz Ohr und gleichsam der Sphre der menschlichen Vernunft
entrckt werden. Die vier- bis fnftausend Personen, welche ein Opernsaal fat,
mssen durch Ohrenkitzel und Augenverblendung in Wonnetaumel versinken und in
einen enthusiastischen Rausch auffahren, die in allerhand Extravaganzen
bergehen: das ist der hchste Triumph, den man in dieser Existenz feiern kann.
Auch Judith errang ihn und mute ihn erringen wollen. Ohne ihn - htte sie ja
ihre Laufbahn verfehlt. Sie mute es zu einem Gegenstand ihres ernsten Studiums
machen, durch einen Blick, einen Ton, eine Stellung die elektrische Kette des
Beifalls in Bewegung zu bringen. Sie mute die Falte ihres Gewandes, die Haltung
ihres Kopfes, den Aufschlag ihrer Augen, ihr Lcheln, ihren Gang, alles und
jedes, Groes und Kleines, auf den Effekt berechnen, den sie hervorzurufen
hatte, und mute es dahin zu bringen suchen, da der Eindruck von Berechnung
hinter dem der einfachsten Natrlichkeit verschwinde, wozu allerdings ein groes
Talent gehrt. Aber weil sie es hatte, so fand sie auch Vergngen daran es zu
ben. Hchst lstig war ihr hingegen die Huldigung, die man ihr auerhalb der
Bhne darbrachte. Sie wollte durchaus ihre Person in Schatten und nur ihre Kunst
in's Licht stellen. Allein bei ihrer Kunst macht die Person selbst einen
wesentlichen Teil und Gegenstand derselben aus: wie der Bildhauer seinen
Marmorblock, mu der Schauspieler seine Person behandeln und bearbeiten, und da
Judith diesen Teil ihrer Kunst auch auerhalb der Bhne beibehielt, so mute sie
es sich gefallen lassen, auch auerhalb derselben Huldigungen entgegen zu
nehmen, die oftmals ihr stolzes Herz tief verletzten. Niemand glaubte an die
kalte Gleichgltigkeit ihrer Erscheinung im gewhnlichen Leben; einige hielten
es fr Koketterie, andere fr Maske, noch andere fanden den Schlssel - in einer
unglcklichen Leidenschaft, die ja durchaus bei jeder Erscheinung, welche der
Alltagswelt nicht klar ist, eine Hauptrolle spielen mu. Von den Verhltnissen,
welche sie auf die Bhne gefhrt hatten, sprach sie nie. Nur gelegentlich
uerte sie einst, da sie eine spanische Jdin sei. Sie lebte bei ihren Eltern,
erschien nie ffentlich ohne ihre Mutter, und ihr Vater trieb sein Geschft nur
nach Lust und Laune, um nicht in die Langeweile der Unttigkeit zu versinken.
    Als der Winter und mit ihm Judith's Engagement in Lissabon zu Ende war, ging
sie nach Amerika. Europa hatte noch nicht wieder das gehrige Gleichgewicht
gewonnen, um sich fr die Nachtigal von Cintra zu fanatisieren; es lag noch in
den letzten Krmpfen der momentan gebndigten Revolution. Nach England htte
Judith freilich gehen knnen; aber sie wute, da sie dort als eine Berhmtheit
auftreten mute, wenn sie gefeiert werden wollte. Diese Berhmtheit gab ihr das
an der uersten Grenze von Europa gelegene Lissabon nicht und deshalb whlte
sie Amerika, das geld- und stdtereiche, als den entsprechenden Schauplatz fr
ihre knstlerischen Grotaten. Sie gelangen ihr ber alle Erwartung. Judith trat
als Opern-und Konzertsngerin auf; wo keine Bhne war - oder keine, die ihr
zusagte - war doch gewi ein Saal zu finden, und das Konzert bildete sie allein.
Manche hrten sie sogar am liebsten im Konzert, weil man sie dort in ihrer
eigenen Persnlichkeit, anstatt in einer Rolle sah; und dies Sehen gehrte
wesentlich zum Hren! Wenn sie so da stand, immer wei und einfach gekleidet;
immer in ruhiger edler Haltung, immer mit ihrem melancholischen Ausdruck auf dem
unvergleichlich schnen Antlitz, sah sie aus wie die tragische Muse selbst,
whrend die Norma, Desdemona, Lucia etc. nur Schpfungen dieser Muse waren. Sie
konnte auch singen was sie wollte: ihre Stimme, ihr Vortrag machten aus dem
Singen der Skala bald eine Bravourarie und bald ein zauberhaftes Liebeslied.
Eine alte Arie aus einer vergessenen Oper von Zingarelli, die Romeo und Julia
heit und die heutzutage kein Mensch kennt, war in Judith's Hand gekommen,
gefiel ihr ungemein wegen der seelenvollen, melodischen Musik des einst
berhmten und jetzt verschollenen alten Meisters, und wurde von ihr in jedem
Konzert vorgetragen. Wenn sie Romeo's Nachruf an die geliebte Julia anhub: 
Ombra adorata, aspetta - so war es nicht anders, als ob eine in tausend und
tausend Herzen versteckte, verschlossene, schlummernde Sehnsucht nach dem
Schatten der Liebe in Judith's Klage ihren Ausdruck gefunden habe; und Amerika,
das Land der Praxis und der Realitt, seufzte: Ombra adorata! Solche Macht hat
nun einmal das Genie in dieser Richtung. Ihr Vater starb in Amerika. Sie hatte
kaum Zeit ihn zu beweinen. Die Bhne ist auch ein Despot. Aber Judith's Trauer
erhhte den Zauber ihrer Stimme und ihres Spiels.
    Als nach zwei Jahren ihrer Kunstreise in Amerika der Kristallpalast die
halbe Welt nach London zog, flog denn auch die Nachtigal von Cintra ber den
atlantischen Ocean nach Europa zurck und nach England, wo sie den Enthusiasmus
wiederfand, dessen sie in Amerika herzlich berdrssig war. Aber sie mute ihn
hinnehmen; das gehrte zur Handwerksseite ihrer Kunst, und obwohl er ihr nicht
eigentlich Freude machte, begehrte sie ihn doch, wenn und wo sie auftrat: er
verhalf ihr zu einer Art von Betubung gegen die innere Leere, die sie immer
peinlicher, immer qulender in sich empfand. Wohl waren unter den Millionen
Worten, die sie umschwirrten, auch Worte von Liebe gewesen. Ob sie ihnen
geglaubt hatte? ob sie gewhnt hatte, die Welt des Scheins, die sie umgab, knne
eine Blte des Herzens erzeugen und hervorlocken? ob sie, um der Langenweile zu
entrinnen, einem Traum von Liebe sich hingab? Es ist nicht immer mglich, allen
labyrinthischen Fden zu folgen, die sich in einem und demselben Herzen
durchkreuzen. Aber gewi war Eines: hatte Judith einen solchen Versuch gemacht,
so war er nicht schwer in die Schale ihres Glcks gefallen. Htte sie Zeit
gehabt, ber sich selbst nachzudenken: so wrde sie sich noch tausend Mal
elender gefhlt haben, als es jetzt der Fall war. Doch sie kam nicht dazu! sie
trieb mit vollen Segeln auf dem hohen Meer der Welt und mute immer Menschen
sehen, sprechen, hren, die sich einerseits zu der gefeierten Knstlerin
drngten, und die andererseits ihr ntig waren und ihr knstlerische
Verbindungen in allen Weltgegenden anknpfen halfen. Dazu ihre Darstellungen,
ihre Studien, ihre Reisen, um in den groen Stdten Englands Konzerte zu geben -
dies ganze angreifende und aufregende Treiben lie keinen klaren und
entschiedenen Gedanken ber ihren inneren Zustand in ihr aufkommen. Sie verfiel
nur zuweilen in einen grndlichen Gegensatz zu ihrem Leben, in ein gewisses
trumerisches Hinbrten, das aus dem Schlaf der hheren Seelenkrfte hervorging
- wie damals, als sie in Hyde-Park lieber mit dem Affen spielte, als mit Orest
sprach. Warum fuhr sie aber berhaupt nach Hyde-Park und auf dem groen Wege, wo
jedermann sie bemerken mute und wo von Erholung und Erfrischung keine Rede sein
konnte? - Weil alle Welt da fuhr und weil sie zur Welt gehrte und gehren
wollte! - In hnlichen Widersprchen bewegen sich tausend und aber tausend Leben
in der Welt. Man fhlt die Schwere ihres Jochs und wei nichts mit sich selbst
anzufangen, wenn man es nicht trgt. -
    Einige Damen aus der groen Gesellschaft bewerkstelligten ein Konzert fr
eine Wohlttigkeits-Anstalt, welche sie patronisierten und brachten es dahin,
da sich Judith darin hren lie; nun waren sie einer guten Einnahme gewi! man
ri sich um die Eintrittskarten, und der ohnehin nicht groe Saal von Hanovre
house, wo solche Konzerte stattzufinden pflegen, war berfllt. Hier hrten auch
Regina und Corona das berhmte Ombra adorata. Corona mit ihrem jungen,
frischen, unabgestumpften Gefhl war so hingerissen, da sie in Trnen
zerschmolz und spter zu Orest sagte, sie beneide ihn um das Glck, ein so
herrliches Wesen persnlich zu kennen.
    Ja, sie ist auerordentlich interessant, entgegnete Orest.
    Und welch ein Gemt mu sie haben, um so himmlisch zu singen! rief Corona.
    O Du Kind! erwiderte er; das ist bei ihr Sache der Kunst - und Du
verstehst das nicht zu trennen, weil Du nie in's Theater kommst. Du wrdest
vermutlich jeden guten Schauspieler, der einen edlen Helden darstellt, ohne
Weiteres fr einen hchst edlen Menschen halten, whrend er vielleicht ein
erbrmlicher Wicht ist.
    Das wrd' ich schwer glauben, sagte sie.
    O beneidenswerte Unschuld! rief Orest in seiner spahaften Weise. ber
dies kindliche Vertrauen sind wir hinaus! -
    Er machte fter seinen Besuch bei Judith. Immer war sie so umringt, da der
einzelne es nie zu einem Gesprch mit ihr brachte. Es herrschte immer das
allgemeine Wortgeklingel, das man Konversation nennt. Umsomehr freute sich
Orest, da er sie endlich einmal allein mit ihrer Mutter - und berdas in
ungewhnlich heiterer Stimmung fand.
    Wnschen Sie mir Glck, Graf Orest, ich freue mich! rief sie ihm entgegen.
Ich gehe endlich in die Heimat der Musik und darf die Nebelatmosphre verlassen,
die der Stimme so nachteilig ist. Ich gehe nach Mailand, zur Skala.
    Da wnsche ich zuerst mir Glck, entgegnete Orest frhlich, denn ich lebe
in Mailand. Ist denn aber die Freude bei Ihnen etwas so Seltenes, da Sie sich
dazu beglckwnschen lassen?
    Ich dchte nicht, da die Freude fr irgend einen Menschen, Kinder
vielleicht ausgenommen, etwas Alltgliches sein knnte, erwiderte sie. Ach!
Freude! Ist das nicht ein Stckchen Frhling in der Seele? so etwas wie
Morgenrot und Maientau und Rosenduft und Finkenschlag? so etwas, wovon sie ganz
hell, frisch und leicht wird? - Das begegnet meiner Seele hchst selten, und
wenn ich ber die Freude nachdenke: so wird es mir mehr und mehr klar, da mein
Engagement an der Skala zu Mailand mir im Grunde so wenig Freude macht, wie
irgend etwas anderes in der Welt.
    Aber wer grbelt denn auch ber die Freude nach! rief Orest. Man mu sie
genieen - basta!
    Aber um sie genieen zu knnen, sagte Judith, mu man sie doch erst
empfinden.
    Nicht wahr, meine Tochter ist eine groe Trin? sagte Madame Miranes zu
Orest. Sie besitzt doch gewi alles, was glcklich macht, und ist dennoch immer
ganz schwermtig.
    Besitzen! rief Judith lebhaft; was hab' ich denn, wenn ich alles besitze?
Ballast, der das Schiff flott erhlt! Nein, mein Lieblingslied ist Ombra adorata
.
    Ob dieser Schatten einer untergegangenen Sonne nachsinkt - oder ob er der
Schatten ist, den der Sonnenaufgang zerstreut: das wt' ich gern, sagte Orest.
    Das glaub' ich! antwortete Judith; aber man mu nicht so neugierig sein,
Graf Orest.
    Man mu auch nicht mit der Adoration der Schatten kokettieren, Signora
Giuditta.
    Wenn es berhaupt etwas Wahres in meinem Leben gibt, so ist es dies! rief
Judith.
    Was? fragte Orest.
    Gerade das, was Sie Koketterie zu nennen belieben: etwas Wesenloses, etwas
Ungekanntes dem Sichtbaren und Handgreiflichen vorzuziehen.
    Da haben Sie sehr Unrecht, Signora! sagte Orest; als eine kleine
Koketterie knnte man es sich eher gefallen lassen; aber da das wirklich Ihr
Ernst ist - das ist unverzeihlich.
    Wie hufig mache ich meiner Tochter diesen Vorwurf! rief Madame Miranes.
    Wozu wre sie denn da, diese ganze reiche herrliche Welt der Sichtbarkeit,
mit ihren mannigfaltigen Erscheinungen, wenn man sich nicht ihrer freuen, nicht
sie bewundern und lieben, nicht sich behaglich in ihr fhlen wollte! rief
Orest. Das mssen Sie noch lernen; sonst haben Sie ganz vergeblich gelebt, denn
wenn Sie immerfort von Schatten singen und sagen, fhren Sie ein Schattendasein
- und das ist grauenhaft. Das haben Sie sich gewi in Amerika angewhnt, in dem
Lande der Rechenexempel - nicht wahr? Die Art von Realitt war zu trocken, um
Sie nicht in den Gegensatz hinein zu treiben. Ja, ja, das begreift sich! - aber
in Mailand wird das ganz anders werden, und wenn Sie auch etwas fr Ihre
schwrmerische Neigung tun wollen, so beziehen Sie im Frhling eine Villa am
Komersee.
    Das klingt ja, als ob Sie sagten: Und wenn Sie etwas fr ihre Gesundheit
tun wollen, so brauchen Sie im Sommer eine Brunnenkur, sagte Judith belustigt.
Ich werde mir Ihr Rezept berlegen.
    Nur nicht zu lange und nicht zu viel, bat Orest.
    Was sind Sie fr ein oberflchlicher Mensch, Graf Orest! entgegnete
Judith. Fr den Augenblick und von Schaum leben - das ist die Philosophie Ihrer
Existenz.
    Und ist die nicht charmant?
    Fr einen Schmetterling - ja! fr einen Menschen - nein!
    Nun mcht' ich doch aber auch nach der Philosophie Ihres Daseins zu fragen
mir erlauben. O ich habe keine.
    Wohlan, Signora, so werden Sie erst meine Schlerin und dann wollen wir
sehen, ob Ihnen meine Schmetterlingsphilosophie, die Sie jetzt so sehr
verachten, nicht ungemein zusagt.
    Es wre mglich, da ich sie mir aneignete; aber es wre unmglich, da sie
mir gengte.
    Versuchen Sie nur erst, sie sich anzueignen und das Weitere findet sich.
    Wenn es sich aber nun nicht findet? wenn das Dasein leer bleibt, hohl, de?
wenn all' die Versuche erst recht deutlich herausstellen, da man mit ihnen
nicht zum Glck gelangt? wenn man von der vergeblichen Anstrengung doppelt mde
und traurig wird - was dann, Graf Orest?
    Nun, dann ist der Moment gekommen, um wieder zu singen: Ombra adorata!
rief Orest mit lustigem Zorn. Nein, Signora, vor Ihren Wenn und Aber streich'
ich die Segel und streck' ich die Waffen. Ich bekenne mich berwunden und bin
Ihr Gefangener.
    Ich dachte, das wren Sie lngst, Graf Orest, entgegnete Judith mit
stillem Lcheln.
    O schne Circe! rief er entzckt.
    Migen Sie Ihr Entzcken, entgegnete sie khl, und vergessen Sie nicht,
da Schauspielerei mein Handwerk ist.
    Circe erst recht! erwiderte Orest. - Es kamen Besuche und er ging hinweg,
heimlich frohlockend ber die Aussicht, Judith in Mailand zu sehen und nicht
einen Augenblick bezweifelnd, da es ihm gelingen werde, ihr Herz zu erobern.
Etwas lange wird's dauern und etwas schwer wird's halten - das sehe ich schon,
sprach er zu sich selbst; aber das schadet nichts, sie ist der Ausdauer wert.
All' die leichten Eroberungen verlieren auch eben so leicht ihren Reiz und ihren
Beistand, und lsen sich auf in nichts, man wei kaum wie. Aber diese Judith mit
all' ihrer abwehrenden Klte versteht zu fesseln! - - Vier Wochen hatte er sie
gesehen und bewundert; das nannte der gute Orest gefesselt sein! Fr jetzt hatte
er nicht mehr das Glck, sich ungestrt mit ihr zu unterhalten; er traf immer
Leute bei ihr, die ihn zuweilen so unmutig machten, da er sie gern zum Fenster
hinausgeworfen htte; und bald darauf ging Judith nach Liverpool, um dort eines
jener ungeheuern Musikfeste verherrlichen zu helfen, das die Englnder so sehr
lieben und wobei Hunderte von Musikern und von Sngern whrend vier bis fnf
Tagen tglich ungefhr zehn Stunden singen und musizieren. Vormittags werden
Oratorien und Symphonien ausgefhrt, Abends kleinere Musikstcke. Alle
musikalischen Krfte, die in Grobritannien einheimisch sind, und alle groen
Knstler aus der Fremde, welche sich zur Season in London aufhalten, mssen in
der Regel dabei mitwirken. Der Zuhrer - wenigstens der, welcher nicht die
gewisse khle Unempfindlichkeit eines englischen Ohres fr Musik hat - wird
dermaen betubt von diesem Tonmeer ohne Zusammenhang und ohne Einheitspunkt,
da er zuletzt ein gewisses harmonisches Ohrenbrausen bekommt und nicht mehr im
Stande ist, eine Melodie klar aufzunehmen. Dem Englnder aber tut das nichts: er
harrt doch vier bis fnf Tage auf dem Posten aus und labt sich an einem
Kunstgenu, der eine Abstumpfung der Gehrwerkzeuge bewirkt. -
    Whrend Judith's Abwesenheit verlie auch Graf Damian London und ging mit
seinen Damen nach Schottland; Orest's Urlaub war aber zu Ende und er mute sich,
statt gen Norden zu den Seen des Hochlandes - gen Sden zu den lombardischen
Seen begeben, welche letztere brigens unvergleichlich schner sind, da sich an
ihren Ufern die groen Kontraste des Hochgebirges und der sdlichen Vegetation
begegnen, tiefer Ernst und grazise Anmut sich verbinden und eine Flle wilder
und weicher Formen von dem Schmelz eines berreichen Farbenspiels umflossen
werden. Diese groen Gegenstze in Formen und Farben fehlen dem schottischen
Hochlande, berhaupt der Naturschnheit des Nordens; es hat nur eine Farbe: grn
- und dadurch bekommt es einen ganz eigentmlichen Charakter von Schwermut, der
aus dieser stillen, khlen, einfrmigen, wechsellosen Frbung hervorgeht. Es
gibt kaum etwas Melancholischeres, als ein Sommerabend im schottischen Hochland,
an einem dieser stillen Seen, mit grnbewaldeten hgeligen Ufern, wenn der
Abendwind durch die Wlder rauscht und die unbelebte Flche des See's ein wenig
kruselt und die eintnige Melodie eines Liedes herberweht, das ein Bagpiper
auf seinem Dudelsack blst und das einst das Schlachtlied von Clan M'Donald oder
von Clan M'Kenzie war. Graf Windeck behauptete, einen der grten Liebesbeweise
fr seine Tchter habe er ihnen durch diese romantische Reise zu den Seen des
schottischen Hochlandes gegeben; denn man laufe Gefahr, auf derselben einen
Anfall von Spleen zu bekommen. Wenn kein Walter Scott gekommen wre, wrde sich
nie ein Mensch um diese triste Naturschnheit bekmmert haben, die ihm den
Eindruck eines grnen Leichentuches mache. Regina empfand in diesem nebelreichen
und sonnenarmen Lande doppelt schmerzlich, da auch die warme Liebessonne der
katholischen Kirche hier hatte untergehen mssen. Als sie statt des Kruzifixes,
das die Katholiken gewhnt sind inmitten ihrer Gottescker zu sehen, um zwischen
der Grabestrauer und den Todesschmerzen auf die selige Auferstehungshoffnung in
und mit Christus hingewiesen zu werden - als sie auf dem Gottesacker zu Glasgow
dafr die kolossale Statue, hoch thronend und weit sichtbar, des Apostels des
reinen Evangeliums fr Schottland erblickte, sagte sie zu Corona:
    Sieh, wie die Irrlehre sich unabsichtlich als solche stempelt! John Knox
hat Christus verdrngt! ber unsere Grber schwingt sich der gekreuzigte
Gottessohn aus seinem Grabe mit der Siegesfahne der Auferstehung empor und im
Glauben an Ihn finden wir das ewige Leben. Diese Armen aber mssen zuerst an
John Knox und dann an das glauben, was er ihnen von Christus brig gelassen hat,
mssen mit einer verstmmelten Lehre und mit verkmmerten Gnaden sich zufrieden
geben - und mssen sich endlich im Grabe zu seinen Fen betten. O, auf dem
Karmel! wie will ich da beten fr die armen irrenden Brder. Die heilige Therese
stiftete ihre betenden und benden Klster der unbeschuhten Karmeliten fr
Mnner und Frauen, gerade zu der Zeit, als hier ein John Knox und in anderen
Lndern Brder seines Geistes gegen die heilige Kirche wteten und die weltliche
Macht auf ihre Seite rissen, so da die guten Katholiken verfolgt, unterdrckt,
martyrisiert und ausgerottet - die lauen aber angesteckt, wankelmtig und
eingeschchtert wurden, und die Irrlehre in der Welt die Oberhand zu gewinnen
schien - wie denn hier im Lande eine Maria Stuart unterlag und eine Elisabeth
triumphierte. Und sieh! pltzlich trat ein ungeheurer Umschwung ein: der Strom
der verderblichen Lehre wurde nicht blo eingedmmt, sondern zurckgedrngt und
der wiedergewonnene Boden aufs neue und krftiger als zuvor von der heiligen
Kirche angebaut und bestellt. Diese Gnadenkrfte hat nur das Gebet vom Himmel
herabgezogen, und wo konnte mehr gebetet werden, als in den Klstern, deren
Ordensgenossenschaften damals entweder neu sich bildeten oder neue Zweige
trieben, indem sie in ursprnglicher Strenge hergestellt wurden. O Corona, wenn
dereinst die schwere Erdenbinde von unseren Augen fallen wird, welche
wundervolle Dinge werden wir schauen! .... und eine Schnheit erster Ordnung
wird es sein, das fromme beharrliche Gebet um Rettung der Seelen wahrzunehmen -
dies Gebet, das gleichsam ein Perlennetz und eine goldene Angel nach den armen
Fischlein auswirft, welche in den bitteren Wassern der Glaubenstrbung
schwimmen; dies Gebet, das die heilige Therese mit ihren Shnen und Tchtern vom
Karmel so gut verstand.
    Wenn ich Dich so sprechen hre, Regina, mcht' ich auch gern in's Kloster,
sagte Corona; aber ich habe nicht den Mut dazu.
    Bitte Gott darum, entgegnete Regina, und er wird Dir Mut geben.
    Aber ich habe auch nicht einmal den Mut, den lieben Gott recht aufrichtig
um einen solchen Heldensinn zu bitten, erwiderte Corona zaghaft.
    Nun, dann wird das Kloster wohl nicht Deine Bestimmung sein! sagte Regina
lachend.
    Hoffst Du es denn wirklich bei dem Papa durchzusetzen, da er Dich gehen
lt? fragte Corona.
    Wenn ich nicht zuvor sterbe - gewi! Gott wird es schon so fgen! Er gibt
den Dingen pltzlich eine Wendung, die kein Mensch ihnen geben - ja, nicht
einmal ahnen konnte, und das Ziel, das wir tausend Meilen fern von uns whnten -
liegt nahe vor uns.
    Und wenn es vor uns liegt und uns unerreichbar ist, trifft es sich zuweilen,
da wir inzwischen anders geworden sind und - statt vorwrts zu gehen, umkehren
mchten! von so wandelbarer Gebrechlichkeit ist der Mensch.

                                  Auf Stamberg


Es war ein wunderschner Herbsttag. Die Sonne schien so golden vom blauen Himmel
herab, als wolle sie durch ihren Glanz ihren Mangel an Wrme ersetzen. Die
Laubholzwaldungen leuchteten in ihren bronzefarbenen Schattierungen, je nach Art
der Bume, vom hellen Citronengelb bis zum tiefen Blutrot. Einzelne Tannen
sprangen schwarz und finster aus diesem goldenen Meer auf, das mit ungeheuren
Wellen von Laub ber die Abhnge des Odenwaldes bis zu den Wiesen an ihrem Fu
hinabstieg. Einzelne kahle Felsen erhoben sich hier und da ber diese Waldungen,
und auf anderen Punkten war der Kamm der Berge mit Nadelholz wie mit einer
schwarzen Linie eingefat, die eine scharfe Grenze zwischen dem Blau des Himmels
und der schillernden Bronzefarbe des Laubholzes zog. Auf den Wiesen blhte in
Menge die Herbstzeitlose und auch hier, wie bei den Bumen, zeigte der Mangel an
frischem Grn, da das Sptjahr und nicht der Frhling die Herrschaft fhre,
denn statt mit ppigem Graswuchs war der ganze Boden mit diesen kleinen
lilafarbenen Blumen, wie mit Urnen von Amethysten berset.
    Auf einem Felsenvorsprung des Berges, umrauscht von wogenden Wldern, lag
Schlo Stamberg mittelalterlich hoch und herrisch, wie ein Leuchtturm auf einer
Klippe im Meere. Juliane hatte es vortrefflich in Stand gehalten, hatte es nicht
mit sich alt werden lassen nach Art der meisten alten Leute. Was sie auf Erden
vielleicht am herzlichsten liebte, war eben Stamberg, denn es gehrte ganz und
ungeteilt ihr, sie konnte damit schalten und walten und fand nie einen
Widerspruch. Dafr war es denn auch gepflegt wie ein Schmuckkstchen, prchtig
und doch nicht berladen eingerichtet, groartig und doch bequem. Das Ganze
hatte einen anziehenden Charakter von romantischer Einsamkeit; die bewaldeten
Hgel und Kuppen des Odenwaldes, von Wiesentlern durchbrochen, stiegen herab
bis an die Bergstrae, und jenseits derselben breitete sich die weite Ebene, das
Stromgebiet des Rheins aus, am westlichen Horizont begrenzt von dem blulichen
gewellten Streif der Vogesen.
    Hyazinth brachte einen Teil der Vakanzen in Stamberg zu. Whrend der ersten
Wochen war er bei Onkel Levin gewesen. Uriel hatte gewnscht, der verehrte Onkel
mge dann mit Hyazinth nach Stamberg kommen; aber Levin entgegnete:
    Die Nahrung der sinkenden Flamme meines Lebens ist das heilige Meopfer.
Seitdem ich geistlich bin, war ich so glcklich, keinen Tag zu verleben, ohne es
darzubringen. Es ist mir notwendiger geworden, als das tgliche Brot. Wenn Du
auf Stamberg eine Kapelle haben wirst und wenn Gott es so fgt - dann komme ich
und lese dort die heilige Messe. Aber bis dahin weiche ich nicht von hier.
    Du bist hier aber so einsam, lieber Onkel, sagte Uriel zrtlich, da ich
mir fast eine Gewissenssache daraus mache, Dir den Hyazinth zu entfhren.
    O lieber Sohn, sagte Levin lebhaft, whne das nicht! ich bin unter einem
Dach mit dem lieben Gott im hochheiligen Sakrament - wie knnte ich mich einsam
fhlen! - Bedenke doch die lange Gewohnheit von fast fnfzig Jahren! setzte er
hinzu, um nach seiner Weise vor jedem menschlichen Auge die Glut und Innigkeit
seiner Andacht zu verschleiern.
    So waren denn die Brder auf Stamberg und beide froh eines Beisammenseins,
das sie seit Jahren nicht genossen, weil Uriels Urlaubszeiten nie mit den
Vakanzen des Seminars zusammengestimmt hatten. Uriel freute sich, in Hyazinth
gleichsam eine neue Auflage von Onkel Levin zu sehen, dieselbe Reinheit,
dieselbe Einfachheit, dieselbe Geistesstille bei intensivstem inneren Leben,
dieselbe Bereitwilligkeit zu jedem Opfer, zu jeder Hingebung, dieselbe frohe
Verzichtung auf alles, wodurch das Reich Gottes, weder in eigener Seele noch in
fremden, gefrdert wurde. Hyazinth freute sich wohl auch ber Uriel - aber mit
gemischter Freude. So lange Uriel eisenfest an dem Glcksprogramm hielt, welches
er sich verfat hatte, war er da auf dem Wege zu Gott? Und wenn es im Plane
Gottes lag, dies Programm nicht zur Ausfhrung kommen zu lassen, wie wrde Uriel
die Vereitelung seiner Wnsche und Hoffnungen aufnehmen? Es war bengstigend fr
Hyazinth, zu sehen, in wie hohem Grade Regina den Schlustein in Uriels
Glcksgebude bildete. Das sollte nicht sein! sprach er oft mit heimlicher
Trauer zu sich selbst. Dabei kommt die Hingebung in den Willen Gottes und der
heilige Gleichmut offenbar zu kurz! - Der gute Hyazinth bedachte nicht, da die
Leidenschaft in ihrem eigenschtigen Durst nach Glck eine Art von Verachtung
gegen jenen geheiligten Gleichmut empfindet, welcher nur in solchen Seelen
wohnen kann, deren selbstloses Glck darin besteht, den Willen Gottes zu tun.
Der gute Hyazinth dachte ganz einfach, was vermutlich manche Leserin hchst
prosaisch finden wird: wenn es Uriels Bestimmung sei, in den Ehestand zu treten
und die Last des Familienlebens fr die Windecker auf seine Schultern zu nehmen:
so sei es nicht durchaus notwendig, da gerade Regina, und nur sie, dies Leben
mit ihm teile; es gebe ja noch andere liebe, fromme Mdchen in der Welt, mit
denen er glcklich werden knne. Hyazinth hatte einmal bei passender Gelegenheit
eine derartige Andeutung gemacht, die aber mit einer so souvernen Verachtung
von Uriel aufgenommen worden war, da Hyazinths Bekmmernis stieg. Er war jetzt
im Begriff, in den nchsten Tagen nach Wrzburg zurckzugehen; und zwar zum
letztenmal in's Seminar, da er im nchsten Frhling die Priesterweihe empfangen
sollte. An jenem schnen Tage saen die Brder in einem Erker von Uriels Zimmer,
der die schnste Aussicht gewhrte und mit khnem Vorsprung aus der Mauer ber
dem still rauschenden Walde schwebte, der in der Umgebung des Schlosses zu einem
herrlichen Park umgeschaffen war. Sie betrachteten Zeichnungen zu einer Kapelle,
welche Uriel bauen und dazu einen alten Turm bentzen wollte, der vielleicht in
katholischer Zeit dazu gedient hatte, jetzt aber zu den Stallgebuden gehrte.
Uriel hatte schon andere Plne und Zeichnungen anfertigen lassen, und Hyazinth
sagte mit einiger Verwunderung:
    Aber warum zgerst Du mit Deiner Wahl? Die Kapelle knnte beinahe fertig
sein, wenn Du gleich den ersten Plan ausgefhrt httest.
    Das doch wohl nicht! sagte Uriel etwas verlegen, und setzte nach einer
Pause hinzu: Ich werde den Plan ausfhren, den Regina whlen wird. Sie mssen
nun doch endlich wieder nach Windeck zurckkehren; sie sind fast vier Monate
abwesend! - Regina hat einen so feinen Geschmack und sieht jetzt manche schne
Bauwerke, da kann sie mir einen guten Rat geben .... umsomehr, als ich ja doch
nur fr sie baue.
    Hyazinth legte das Blatt sanft auf den Tisch, nahm zrtlich Uriels Hand und
sagte:
    Baue Schlsser, wenn Du willst, fr Regina, aber die Sttte, wo der Altar
stehen wird, auf dem das Lamm Gottes sich schlachten lt, baue fr Gott.
    Du hast recht! entgegnete Uriel und fuhr mit der Hand ber die Stirne;
aber mir scheint ja auch, da ich alles fr Gott tue, was ich fr Regina tue:
so verbunden mit Gott ist sie in meinem Herzen.
    Eigentlich steht es so mit Deinem Herzen: es vergit Gott, es vergttert
Regina, und dann sucht es sich selbst zu tuschen, als ob diese Anbetung eines
vergtterten Geschpfes eins und dasselbe mit der Anbetung Gottes sei; nicht
wahr, so ist's?
    O Hyazinth! rief Uriel, dem Verstande nach wirst Du immer in diesen
Sachen Recht haben. Aber ich mu mit dem heiligen Augustinus ausrufen: Gebt mir
einen Liebenden und er wird mich verstehen!
    Wie Du schlau bist! entgegnete Hyazinth mit sanftem Lcheln; jetzt
berufst Du Dich sogar auf den groen heiligen Augustinus, der allerdings jenen
Ausruf gemacht hat. Aber ebensowenig wie ein anderer bekannter Ausruf: Liebe!
und dann tue, was Du willst! sich auf die Liebe zum Geschpf bezieht, sondern
auf die Liebe zu Gott - ebensowenig wird er mit Dir ber die Anwendung
einverstanden sein, die Du von seinen Worten machen willst. Nein, lieber Uriel,
alle Heiligen kmpfen mit aller Kraft, welche sie aus der Gnade schpften, gegen
die parasytische Pflanze leidenschaftlicher Zuneigung, die allmhlig das Herz
dermaen berwuchert, da fr die heilige Liebe kein Platz darin bleibt.
    Sobald ich meines Glckes sicher sein werde, entgegnete Uriel, sollst Du
mit mir zufrieden sein, Hyazinth! dann werde ich anfangen, Gott zu lieben!
Freude und Dankbarkeit werden das mit sich bringen. Aber jetzt, in dieser
jahrelangen Spannung, Erwartung, Ungewiheit und Sehnsucht - jetzt bin ich wie
ein Jger auf dem Anstand, der fr die ganze brige Welt taub und blind ist.
    Hyazinth legte mit einer tiefschmerzlichen Bewegung die Hnde zusammen und
rief: O ewige Liebe, so wirst du behandelt von deinen Geschpfen! Wenn du ihren
Willen tust, sind sie geneigt, dir zu danken; bis du ihn erfllt hast, denken
sie nicht an dich, und wenn du ihn nicht erfllst - - ja, was dann, Uriel?
    Das wei ich nicht, erwiderte Uriel. Zrne mir nicht, es ist nun einmal
so! Alle Hoffnungen meiner Zukunft sind mit Regina verwebt, und mir mu durch
sie unsgliches Glck oder unsgliches Leid zuteil werden. Sie ist kein Wesen,
das man lieben - und dann vergessen knnte! Von Kindheit auf habe ich mich daran
gewhnt, unser Leben als ein gemeinsames - unsere Existenz als eine unauflslich
verbundene zu betrachten. Mit dieser stillen ungestrten Gewohnheit ist spter
die Liebe mir ins Herz gedrungen und ist umso heftiger geworden, als zugleich
auch heftige Strungen eintraten. Kein Mensch auf Erden lt sich gleichgltig
sein teuerstes Kleinod entreien. Je hher er dessen Wert schtzt, desto
lebhafter wird er sich gegen den Verlust struben und sein Anrecht behaupten.
    Hier ist aber nicht die Rede von einem Schatz, den Ruber und Diebe zu
stehlen trachten, sagte Hyazinth, sondern von einem willensfreien Wesen, das
mit demselben Rechte wie Du Anspruch macht an Glck, - und zwar an ein solches,
welches dem Deinen entgegen steht. Das weit Du! seit vollen vier Jahren siehst
Du, da Regina bei ihrem heiligen Entschlusse bleibt, und dennoch kannst Du es
nicht ber Dich gewinnen, zu dem Deinen zu kommen. Ist das nicht feig?
    Ich bin nicht feig! rief Uriel aufgeregt; aber ich liebe sie und so lange
es liebefhige Herzen auf Erden gibt, werden sie Dir sagen, da es mglich sei,
keine Furcht vor Not und Tod, vor Armut und Elend zu haben und zu gleicher Zeit
den Verlust eines geliebten Herzens bitterer als alle Todesschmerzen zu
frchten. Einem solchen Todesschmerz aber - das begreifst Du doch? - wirft man
sich nicht freiwillig in die Arme. Man wartet, bis er kommt.
    Und lt sich das Herz zerbrckeln, anstatt es mit krftigem Schnitt von
seinen Fesseln zu befreien und die Wunde zu heilen! sagte Hyazinth. Willst Du
denn wirklich noch sechs Jahre hier auf Stamberg einsam sitzen und warten, bis
die zehn Jahre um sind und Regina ihre Freiheit errungen hat und in's Kloster
geht? Ach, Uriel, verschwende doch nicht Dein Leben, Deine Krfte, Deine Gaben,
Deine Jugend an einen Traum von Glck. Gib Deine Ansprche an Regina auf! ...
umso leichter lt der Vater sie ziehen und ihre schne Seele kommt dann in
Ruhe.
    Liebst Du Regina so sehr, da Du sie keinem andern gnnst? fragte Uriel
scharf.
    So sehr, da ich sie nur Gott gnne - ja! antwortete Hyazinth; aber da
mich dazu keine persnlichen oder irdischen Wnsche bestimmen, brauche ich Dir
nicht zu versichern. Ich denke nur an Euer beiderseitiges wahres Glck.
    Ich glaub' es! ich danke Dir! rief Uriel herzlich; aber, Hyazinth ....
ich liebe sie! Fr sie und mit ihr will ich dies Stamberg zu einem Paradiese
umschaffen, wo alles zu finden sein soll, was hienieden gut ist und glcklich
macht; ohne sie ..
    Nun? ohne sie? fragte Hyazinth gespannt, da Uriel stockte. Du hast also
doch bereits an diese Mglichkeit gedacht?
    Ohne sie ... fllt der Vorhang! versetzte Uriel. -
    Er ahnte nicht, wie nahe die geliebte Regina ihm sei!! Als Graf Windeck auf
dem Heimwege in Frankfurt ankam, erklrte er pltzlich zu Regina's grtem
Schrecken:
    Jetzt berraschen wir Uriel! darauf hab' ich mich schon lange heimlich
gefreut. Wir mssen doch sehen, wie der gute Junge auf seinem Bergschlo einsam
wie ein verzauberter Prinz sitzt.
    O herrlich! rief jubelnd Corona.
    Er ist nicht einsam, wendete Regina schchtern ein; nach den letzten
Briefen ist Hyazinth noch bei ihm.
    Desto besser! dann sehen wir sie beide! sagte der Graf entschieden. -
    So ging es denn am andern Morgen gen Stamberg. Nach einigen Stunden
verlieen sie die Eisenbahn und fuhren bergwrts in's Tal hinein und langsam
steigend, in weiten bequemen Windungen zum Schlo hinauf. Die Brder hatten ihr
Gesprch abgebrochen und saen schweigend im Erker. Jeder hing seinen Gedanken
nach. Beider Blick ruhte auf der schnen Landschaft - und keiner nahm sie wahr!
Uriels schwrmerisches dunkles Auge glitt ber Wlder und Hgel, ber Tler und
Strme in eine Zukunft hinein, aus der Regina's edle und holde Gestalt beseelend
und beherrschend aufstrahlte; und Hyazinth's klares, stilles Auge flog ber alle
Gebilde und Erscheinungen der Erde zu demjenigen auf, der das Wesen dieser
Schattengestalten ist und ihnen ihre vergngliche Schnheit, den matten Abglanz
seiner unvergnglichen und wechsellosen gibt. Das groe Erkerfenster war weit
geffnet und rahmte ein Stck des leuchtenden blauen Himmels ein, aus dem der
Sonnenstrahl, wie ein goldener Strom, in's Gemach quoll. Ein Nachzgler des
Sommers, ein verspteter Schmetterling, gaukelte durch die warme Luft und suchte
umsonst nach den entbltterten Rosen. Eine Schwarzdrossel, versptet auf ihrem
Wanderzug, schlug zuweilen ein paar se Tne an, Erinnerungsklnge an ihren
vergessenen Liebesfrhling. Ein rtliches Blatt, mde von Regen, Wind und
Sonnenglut, lste sich leise vom Zweig und rieselte zur Ruhe herab auf das
weiche Moos, das die mchtigen Wurzeln der Eiche bedeckte, in deren Wipfel es im
Frhling gesuselt hatte. Eine bezaubernde Stille herrschte in der ganzen Natur,
eine Stille, welche das unruhige Menschenherz bald als etwas Ersehntes
beschwichtigt, bald als etwas Fremdartiges bedrckt.
    Ohne sie .... fllt der Vorhang ber alles, was erdenschn ist: das steht
fest! sagte Uriel halblaut zu sich selbst, als das Ergebnis seines Nachsinnens.
    Und gerade dann geht die bernatrliche Schnheit auf, erwiderte Hyazinth
und blickte mild in das schwrmerische Auge seines Bruders. Du fhrtest vorhin
Worte des heiligen Augustinus an; vergi nicht, da er auch gesagt hat: Keine
irdische Schnheit und keine irdische Freude konnte mich je glcklich machen.
Mde machte sie mich, aber nie ruhig. Ein glckseliges Leben ist die Freude an
der Wahrheit - ist die Freude an dir, o mein Gott, und in dir, denn du bist die
ewige Wahrheit.
    Augustinus hat auch keine Regina geliebt, erwiderte Uriel.
    Er hat, wie Du, ein Geschpf geliebt, sagte Hyazinth, und Adeodat's
Mutter hatte das in ihrer Seele, was aus groen Sndern groe Heilige macht: sie
begriff das Opfer. Als sie sah, da sie ein Hindernis fr Augustins vorteilhafte
Verehelichung sei, trennte sie sich von ihm, ging nach Afrika zurck und
verzehrte ihr Leben in Bue und Trnen. Gewi hat er sie sehr geliebt; aber er
gesteht, da sein Herz erst dann Ruhe fand, als es in Gott ruhte.
    Uriel schwieg und sank in seine Trumerei zurck. Da trat rasch ein Diener
in's Zimmer und meldete, da ein bepackter Wagen den Schloberg hinauf fahre;
und er glaube den Kammerdiener des Windecker Grafen zu erkennen. Der Ausdruck
einer so unaussprechlichen Freude ergo sich ber Uriels schnes Antlitz, da
Hyazinth mit einem Seufzer erkannte, des heiligen Augustinus Anathema gegen
irdische Freude und Schnheit habe wenig Eindruck auf Uriel gemacht. Er folgte
dem Bruder, der mit zwei Stzen die Treppe hinabflog und im Hof dem Wagen
entgegensah, der mglicherweise die Knigin seiner Seele unter sein Dach fhrte.
Als der Wagen durch das Schlotor in den Hof fuhr, und Uriel in dem Kammerdiener
erkannte, da wirklich Regina komme, schlo er einen Moment die Augen, um sich
zu sammeln und nicht ganz fassungslos seine Gste zu bewillkommnen. Da hrte er
auch schon die Stimme des Grafen, der ihm frhlich zurief:
    Schau, da sind wir, mein Junge! wir mssen sehen, wie's dem Grafen von
Stamberg geht! das ist uns viel wichtiger als der Kristallpalast und alle
sonstigen Herrlichkeiten Grobritanniens. Sind wir Dir auch willkommen?
    Uriel sah so strahlend glcklich aus, da er keine Antwort zu geben brauchte
- und es auch wirklich nicht tat.
    Du hast wohl die Sprache verloren in Deiner Einsamkeit - armer verzauberter
Prinz Uriel! sagte Corona schalkhaft.
    Die kleine Fee Corona wird mir die Sprache schon wiedergeben, antwortete
Uriel, dem es am leichtesten wurde, scherzend zu sprechen, weil das berwallen
des Herzens dadurch in Schranken gehalten wurde.
    Gr Dich Gott, lieber Uriel, sagte Regina mit der ihr eigentmlichen
Innigkeit in Blick und Ton, indem sie ihm die Hand bot.
    Wie war sie so schn! wie stand ihr die Halbtrauer so gut und der einfache
Reiseanzug von hellgrauer Seide! und der kleine weie Taffthut mit dem
Halbschleier von schwarzer Spitze! - Corona und die Baronin Isabelle waren genau
ebenso gekleidet. Davon bemerkte Uriel so wenig, da er es gar nicht geglaubt
haben wrde! Er war verloren in Regina's Anblick. Ihm war zu Sinn, als nehme sie
Besitz von Stamberg, als knne er sie nimmermehr wieder ziehen lassen, als habe
sie sich jetzt in die Gefangenschaft seiner Liebe begeben, als sei nun alle
Ungewiheit vorber und selige Erfllung nahe, als msse er in diesen Tagen die
Siegesfahne auf den hchsten Zinnen seiner Wnsche aufpflanzen. Wie bei Gewitter
Feuerflmmchen aus den Kelchen gewisser elektrischer Blumen aufsteigen, brach in
Uriels Herzen die tiefe Glut der Leidenschaft zu lichter Flamme aus. Der Graf,
dem Glut der Leidenschaft lebenslang ein unentdecktes Land geblieben war, ahnte
nicht, welchen Sturm er ber Uriel herauf beschwor und hoffte nur Regina etwas
mit der Vorstellung vertraut zu machen, bald als Herrin und Hausfrau auf
Stamberg einzuziehen. Sie benahm sich ja so vernnftig und so weltvertraut, als
sei sie ganz bereit, auf ihre kindlich schwrmerischen Grillen zu verzichten.
Man mute ihr nur den bergang zu den Realitten des Lebens erleichtern, und das
konnte mglicherweise durch diesen Besuch geschehen. Regina fhlte die Absicht
ihres Vaters und den Eindruck auf Uriel und beschlo, sich eben hier und eben
jetzt mit solcher Entschiedenheit auszusprechen, da beide ber ihre
unvernderte Gesinnung klar wrden. Uriel's Wunsch kam ihr entgegen; die
spannende Ungewiheit wurde ihm unaushaltbar. -
    Hyazinth ging jeden Morgen in grauer Dmmerung des Oktobers eine starke
Stunde, um dem heiligen Meopfer beizuwohnen, und Regina bat ihn, sie
mitzunehmen.
    Wenn Du fort bist und wir noch lnger hier bleiben, bin ich wieder auf den
Sonntag beschrnkt - wie ich es auf der ganzen langen Reise war, setzte sie
hinzu.
    Frchtest Du nicht die khle Frhe? fragte er.
    O Hyazinth! rief sie, unser Gott und Heiland senkt sich vom Himmel auf
den Altar - und mir sollte der Weg zu weit sein von Stamberg zum Altar?
    Ich fragte auch nur! ich glaubte es nicht, entgegnete Hyazinth einfach.
    Am anderen Morgen, als das ganze Schlo noch in Morgentrumen lag, gingen
sie still von dannen.
    So! sagte Regina froh, jetzt wollen wir denken, wir zgen mit den
heiligen drei Knigen nach Bethlehem zum Jesukindchen! Gold und Weihrauch haben
wir Armen nicht darzubringen; aber desto mehr Myrrhen, die schnen heiligen
Myrrhen der Abttung.
    Oder wir gehen mit den Jngern und den heiligen Frauen zum Grabe des Herrn,
trauernd um die Snde, die ihn dort in seinem Blut gebettet hat, sagte
Hyacinth.
    Und mit den zwei Jngern knnen wir gen Emaus wandern, nahm Regina das
Wort; o mchten wir dem Herrn begegnen und mchten wir mit liebentbranntem
Herzen zu ihm sagen: Bleibe bei uns, denn es will Abend werden! - - der Abend,
Hyazinth, der eine gottentfremdete Finsternis ist, die jeden bedroht, der nicht
mit Gott und seiner Gnade wandelt.
    Und all' dieser sen und gttlichen Mysterien, von der Menschwerdung, vom
bittern Leiden und Sterben, von der Auferstehung, vom geheimnisvollen und
wesenhaften Verbleiben bei den Seinen - feiern wir in heiliger Messe! rief
Hyazinth, und ich Glckseliger werde nun bald, trotz all' meiner Unwrdigkeit,
die himmlische Vollmacht erhalten, diese berirdische Feier zu begehen und mich
ausschlielich dem Dienste des gttlichen Heilandes zu widmen. O Regina, welch'
ein Beruf fr den staubgeborenen Menschen! kein Engel hat einen hheren! Dem
Wort des Geschpfes gehorcht der Schpfer und zum mystischen Kalvarienberg des
Altars kommt das Lamm Gottes. Ecce! venit! ruft staunend der Prophet Malachias.
Siehe, Er kommt.
    Wie freue ich mich zu Deiner Primiz im nchsten Frhling, Hyazinth! zuerst
fr Dich und dann fr mich; denn da mu mir Deine Bitte die Zelle des Karmels
ffnen.
    Und wenn Du dann heimisch bist auf dem stillen Karmel, als die Taube in
Felsenklften des Hohen Liedes, dann zhle wiederum ich auf Dein Gebet, Regina;
denn alsdann bist Du geborgen vor dem Nebelanhauch der Welt und ich mu in ihr
leben, ohne mich von ihr berhren zu lassen. -
    In solchen Gedanken waren ihre Seelen zu Hause und in traulichem Gesprch
oder in sinnender Stille wanderten sie unbedrckt durch die Schwere eines
erdwrts gesenkten Sinnes, wie selige Geister zu ihrem Ziel. Regina empfing die
heiligen Sakramente und so wurde es so spt, da die Stunde des
gemeinschaftlichen Frhstcks vorber war, als sie mit Hyazinth zurckkehrte.
Uriel kam ihnen schon am uern Schlotore entgegen und sagte bittend:
    O Regina, ich htte Dich ja so gern zur Messe fahren lassen! Jetzt ist der
Papa ungehalten ber Deine Promenade in Nacht und Nebel - wie er sagt.
    Sei ruhig, lieber Uriel, er wre es auch ber die frhe Fahrt gewesen; Du
kennst ihn ja! versetzte Regina lchelnd. Ich aber wollte es mir heute nicht
nehmen lassen, den Tag der heiligen Therese zu feiern und vor dem heiligsten
Sakrament mein Gelbde zu erneuern - Solo Dios basta.
    Uriel wurde leichenbla. Regina sagte:
    Komm' ein wenig in den Park - und schlug aus dem Hof den Weg dahin ein,
whrend sie Hyazinth zuwinkte, ins Schlo zu gehen, was dieser sehr gern tat und
heimlich seinem Gotte dankte, da er kein solches Gesprch zu fhren und zu
hren habe, wie jetzt Regina. Sie ging schweigend durch eine Kastanienallee zu
einem freien, sonnigen Platz auf einem Hgelvorsprung, wo unter einer herrlichen
alten Eiche Gartensthle um einen Tisch standen; ein allgemeiner Lieblingsplatz
wegen seiner schnen Aussicht. Da setzte sie sich nieder und Uriel setzte sich
schweigend zu ihr.
    Lieber Uriel, hub sie mit fast zitternder Stimme an, es tut mir
unaussprechlich leid, da ich hier bin; aber Du weit, da der Vater seinen Gang
geht.
    Ich wei, da Du mir keinerlei Freude gnnst, entgegnete er finster.
    Du irrst, lieber Uriel! Stnde es in meiner Macht, Dir Glck und Freude zu
bereiten, es sollte Dir nicht fehlen.
    Wozu die leeren Versicherungen, da Du ja sehr gut weit, da es in Deiner
Macht steht, und nur in ihr, mich glcklich zu machen.
    Du vergit, da ich gebunden bin.
    Das Band ist zu lsen!
    Da mein Herz gebunden ist und bleibt, Uriel, wenn mein Gelbde auch
tausend Mal gelst wrde.
    Er machte eine ungeduldige Bewegung und rief:
    Genug und bergenug! ich warte!
    Und was ist Deine Absicht dabei?
    Du sollst nicht glcklich sein ohne mich, so lange ich es hindern kann!
rief er heftig.
    Ist das edel gedacht, Uriel? O verleumde Dich nicht! Nein, Deine Absicht
ist nur, Deine Hoffnung auf eine unmgliche Erfllung zu nhren. Du hoffst mich
treulos zu sehen, damit ich Dir Treue versprechen knne. Schlechte Brgschaft
fr Dein Glck! Mchtest Du eine Frau, die zehn Jahre geschwankt htte in ihrer
Wahl zwischen Dir und einem anderen Mann? - schwerlich! Um wieviel weniger, wenn
sie schwankte zwischen Gott und einem Menschen! Welch' eine armselige Charakter-
und Herzensschwche wrde das verraten! La mich also ganz sein, was ich sein
kann und sei auch Du es ganz. Dadurch, da Du und nicht Orest, wie wir alle
glaubten, Stamberg geerbt hast, sind Deine Verhltnisse ja ganz verndert. Du
wirst hier leben, findest hier den Kreis Deiner Wirksamkeit Dir zugewiesen und
Haus und Herd bereit. Nun, so nimm sie in Besitz, aber ganz und vollstndig!
Mache Dir den huslichen Herd lieblich und traut, schmcke Dein Haus mit Deinen
eigenen Tugenden und denen einer lieben frommen Frau, erflle Deine schne,
segensreiche Bestimmung und la mich die meine erfllen - dann wirst Du mehr und
mehr Deinen Frieden finden, weil Du Dein Leben ordnest nach dem Willen Gottes,
anstatt es zu verschwenden an leere Leidenschaft. Einsam darfst Du nicht
bleiben! Du wrdest Dein Herz hngen an Hunde und Pferde, an Bauten und
Parkanlagen, vielleicht an den Mammon - was wei ich! die Einsamkeit mitten in
weltlichen Verhltnissen ist Vereinzelung und tut weh, weil das Herz durch sie
abstirbt oder verknchert. Ach, Uriel, Du kannst ja ein so schnes Leben haben!
wolle nur!
    Whrend sie sprach, schwand der finstere Ausdruck von Uriel's Zgen, und er
sagte in ihren Anblick verloren:
    Ja, Regina, es ist alles ganz richtig, was Du sagst, und ich knnte ein
schnes Leben haben, aber nur durch Dich und nur mit Dir! und ich begreife
nicht, wie Du so fest auf dem Wege Deiner Liebe wandeln - aber zugleich mir
raten kannst, den meinen zu verlassen.
    Weil das ein Unterschied ist wie Himmel und Erde - den Schpfer zu lieben
.... oder ein Geschpf! Die Welt wimmelt von Reginen, aber der Geliebte meiner
Seele ist nur einer. Du kannst ohne mich eine tausend Mal bessere Wahl treffen;
ich wrde durch jede andere Wahl ein elendes Loos ziehen.
    Meine Liebe lt sich nicht beliebig auf irgend ein Individuum - gleichviel
welches! - des weiblichen Geschlechtes bertragen, Regina. Bei einer so ernsten,
so heiligen, so verantwortungsschweren Verbindung wie die Ehe, die
unwiderruflich ber das Lebensglck von zwei Menschen entscheidet, gengt das
allgemeine Wohlwollen und die christliche Nchstenliebe nicht. Da mu zugleich
tiefe bereinstimmung ber die hchsten Angelegenheiten - und ausgleichender
Gegensatz in den Charakteren herrschen. Da mu das Etwas sein - die Sympathie,
die Neigung, der unerklrliche und unleugbare Zug des Herzens, den man Liebe
nennt, der ein Wesen ausscheidet aus tausenden, ja aus allen brigen - und der
durch dies eine Wesen alle Hoffnungen, alle Wnsche, alle Trume, alle Sehnsucht
zugleich geweckt und erfllt sieht. Sage mir nicht, da man sich irren kann, da
man getuscht wird, da man statt Glck - Elend findet; oder sage es, denn ich
leugne es nicht, und das Alles beruht auf unserer Schwche, unserer
Unvollkommenheit, unserem Mangel an Selbstbeherrschung. Aber dennoch, so lange
Menschenherzen hienieden schlagen, wird die Liebe, die ausschlieliche Neigung
zu einem Wesen, heimatberechtigt in ihnen sein - und mgen sie dieselbe kennen
durch Schmerzen und Opfer oder durch Wonnen und Trost - sie finden eine
unausfllbare Kluft zwischen dem einen geliebten Geschpf und den Millionen
nicht geliebten. Ich wei, man schliet Ehen ohne eine solche exklusive Neigung,
und diese Ehen fallen ganz gut aus. Ach, warum nicht? Die Menschennatur ist
schmiegsam in jeder Beziehung, siedelt sich auch in einem Kamtschatka an und hat
Freude an ihrer Ansiedelung, weil es eben die ihre ist. So kann sich auch das
Herz in einem Kamtschatka zurechtfinden, wenn es nie im blauen duftenden Sden
selig war, oder wenn Pflicht oder was wei ich fr Rcksichten es an den Nordpol
in's Exil schicken. Aber, Regina, dann ist man eben glcklich durch mancherlei,
was nicht Liebe ist und wodurch nicht jeder glcklich werden mag und kann. Das
liebende Herz emprt sich gegen die Zumutung, seine Neigung auf einen anderen
Gegenstand bertragen zu sollen. Das meine ist Dir anvermhlt und bleibt es fr
Zeit und Ewigkeit.
    Nein, Uriel! rief Regina erbleichend, das darf nicht sein! das wre
Torheit, Snde vielleicht.
    Hast Du allein das Recht, Gelbde abzulegen, die anderen als Torheit
erscheinen? fragte er.
    Ja! sagte sie fest; denn meine Torheit ist die des Kreuzes und mein Wille
ist kein Eigensinn, sondern ist eingesenkt in die zrtlichste und schnste
Absicht Gottes mit seinen Menschen - whrend der Deine dem gttlichen Willen
widerspricht.
    Wenn ich es nur fassen knnte, da es wirklich unmglich ist, Gott und
einen Menschen zu lieben! brach Uriel aus. O glaube mir, Du wrdest hier einen
viel greren Wirkungskreis fr Deine Liebe zu Gott finden, als im Kloster!
Wnschest Du ein Krankenhaus, eine Schule, irgend ein Asyl fr menschliches
Elend - Du sollst es haben! ja, unter Deinem Dach haben. Sieh', wie gro das
Schlo ist! Sieh', die Stallgebude werden verlegt und deren Flgel, der an die
Kapelle stt, wird ausgebaut nach Deinem Wunsche und Deiner Angabe fr Christus
in den Armen. Sage nur ein Wort! sage nur - Ja! und es geschieht.
    Ich glaub' es, Uriel, entgegnete Regina und sah ihn mit unaussprechlicher
Freundlichkeit an. Aber wenn Du es unmglich findest, mit Deiner Liebe im
Herzen eine Frau zu heiraten, welche Du nicht liebst, wie soll ich es denn
mglich machen, einem ungeliebten Mann mein Jawort zu geben, whrend mein Herz
in den stillen Flammen einer Liebe steht, die, wie Naphthaquellen, unsichtbar
und unauslschlich brennt. Gewi, es stnde schlimm um die Welt, wenn man nicht
Gott und einen Menschen zugleich lieben knnte! allein ich bin in meiner Meinung
gerade so exklusiv, wie Du in der Deinen. Ich berlasse es anderen, jene
schwierige Aufgabe zu lsen, ohne da Gott dabei zu kurz komme - und halte mich
einfach an der meinen: Solo Dios basta. Wir stehen, wie mir scheint, auf einem
Wendepunkt Deines Lebens, wohin die Hand Gottes Dich gefhrt hat, damit Du
klarer als bisher den Weg berschauen knnest, welchen Du zu wandeln hast.
Deshalb hab' ich es fr meine Pflicht gehalten, Dich mit aller Entschiedenheit
daran zu erinnern, da mein Entschlu jetzt so fest ist, wie er vor vier Jahren
war und wie er, mit Gottes Gnade, in sechs Jahren sein wird. Auf diese Weise
nehmen ich keinen Teil an der Peinlichkeit, welche unser Zusammenleben
vielleicht fr Dich hat.
    Sie wollte aufstehen. Heftig ergriff Uriel ihre Hand und rief:
    Bleibe noch! ist hier ein Wendepunkt in meinem Leben, so kann ich unmglich
zugeben, da er schon jetzt erreicht - da ich schon jetzt verdammt sei, auf der
Nachtseite des Erdenglckes zu gehen. Du mut mich hren.
    Und was hast Du noch zu sagen? fragte sie.
    Uriel sah sie an und sagte langsam:
    Ich liebe Dich.
    Sanft und traurig wendete Regina ihre Augen von ihm ab und lie sie auf der
lieblich beleuchteten Landschaft ruhen. Auch Uriel schwieg und blickte auf das
zarte Profil ihres Angesichtes, das sich von dem blauen Himmel abschnitt und auf
das Ganze ihrer edlen Erscheinung, die im Goldglanz der Morgensonne schwamm, wie
ein Heiligenbild in der Glorie.
    Ich liebe Dich! fuhr er fort; und nach Deinem Beispiel richte ich mein
Leben fr meine Liebe ein. Alle uerlichkeiten haben nur insofern Wert fr
mich, als ich sie in Zusammenhang mit Dir bringen kann. Kann ich das nicht, so
fallen sie von mir ab, wie Dinge, die mich nichts angehen, denn mein Herz kennt
sie nicht. Ich liebe Dich! nun wohlan, Regina, gehe Deinen Weg - ich gehe den
meinen.
    Zu Gott, Uriel? fragte sie mit gepreter Stimme.
    Was Du so nennst - schwerlich!
    Um ihre eigene Bangigkeit zu unterdrcken, sagte sie im scherzenden Tone:
    Denke an Gthe's Prometheus: Ich sollte das Leben hassen, in Wsten
fliehen, weil nicht alle Bltentrume reiften?
    Mit der Gthemanie ist's aus, Regina! die taugt nur fr junge und fr alte
Kinder, die aus dem Leben nichts zu machen verstehen, als eine Schaubhne, auf
der sie Komdie spielen sehen, oder selbst Komdie spielen. Fr eine solche
Manie ist mein Herz nicht mehr kindisch genug und noch nicht altersschwach
genug.
    Desto besser, Uriel! Dadurch bist Du der ewigen Wahrheit um einen Schritt
nher. Jeder zertrmmerte Gtze ist eine Huldigung fr Gott. Wie Du jetzt Deine
Gthemanie mitleidig belchelst, so wirst Du auch einst Deine Reginamanie
belcheln.
    Kann sein! Doch zu meinem Heil wre das nicht, denn in Dir liebe ich die
Offenbarung von etwas Himmlischem. In Gthe sah ich nur das leuchtende Genie,
die vollendete Intelligenz, und ich bewunderte seine Schpfungen und Gebilde,
aber nicht ihn als Gottesgeschpf. Aber was geht er mich an? was geht die ganze
Welt mit ihren Genie's mich an? .... Ich liebe Dich, Regina!
    Regina stand lebhaft auf und sagte entschieden:
    Genug, Uriel! Du kennst mich nun bis in's Herz hinein. Was Du tun willst
oder zu tun hast, mu ich Dir berlassen. Aber eines verspreche ich Dir
feierlich: nach Stamberg komm' ich nicht wieder! - nie wieder! und sollte ich
noch zwanzig Jahre warten, ehe die Klosterzelle mich aufnimmt - Uriel, ich komme
nicht wieder.
    Auch Uriel war aufgestanden. Er blickte ber die sonnig glnzende Flur und
sagte:
    Der Vorhang sinkt! - la uns gehen.
    Sie sah ihn an; ein Silberlicht schimmerte in seinem Auge, aber er deckte es
mit seinen dunkeln Wimpern zu und die Trne zerschmolz. Wie schn er ist! dachte
unwillkrlich Regina. Schweigend gingen sie in's Schlo.
    Der Graf sa auf dem groen Balkon, rauchte Zigarren und las Zeitungen. Er
hatte mit Zufriedenheit das Gesprch unter der Eiche aus der Ferne bemerkt und
schmeichelte sich mit der khnen Hoffnung, Regina werde sich ihm als Braut
vorstellen. Aber nicht sie erschien auf dem Balkon, sondern Uriel allein und
zwar so ernst, da der Graf erschreckt fragte:
    Bringst Du eine Trauerbotschaft?
    Wenigstens keine neue, lieber Onkel! Regina ist unberwindlich in ihrem
alten Entschlu!
    Ist's mglich! rief der Graf; hat sie eine solche Selbstbeherrschung, nie
eine Silbe zu uern, in der Welt zu leben wie unsereiner - oder doch ungefhr
so! und dabei die Klostergrillen festzuhalten?
    Der Graf tat ein paar tiefe Zge aus der Zigarre und sah gedankenvoll die
kleinen blulichen Rauchwolken an, die geschlngelt seinen Lippen entquollen und
in der Luft zerflossen.
    Hr', mein Junge, sagte er nach einiger Zeit, nimm Du Vernunft und guten
Rat an, gib Du Deine Grille auf, la Regina fahren und heirate Corona; dann ist
uns allen geholfen. Dann wird Corona die Erbtochter, Du wirst mein
Schwiegersohn, und wenn Regina es denn durchaus nicht anders will, so gehe sie
in's Kloster. Seitdem die Kleine herangewachsen und - wie alle Welt sagt! -
bildhbsch geworden ist, flog mir schon fter dies glckliche Auskunftsmittel
durch den Kopf; allein ich hoffte immer noch, da sich Regina besinnen werde -
namentlich hier, wo es ihr so recht anschaulich werden mte, welch' ein
glckliches Leben mit Dir ihrer harrt. Ist sie aber eigensinnig, so sei Du es
nicht! Du ziehst vielleicht mit Corona ein glcklicheres Los. Was sagst Du zu
meinem Vorschlag?
    Da ich die Knigin liebe und nicht die Krone!
    Ach, mein Junge, sei nicht romanesk! Tausend Mnner wrden sich glcklich
schtzen, wenn ihnen ein solcher Antrag gemacht wrde!
    Und auch ich knnte es sein, wenn ich nicht Regina liebte.
    Nun, so vergi Regina, denke nicht an sie, beschftige Dich nicht mit ihr:
dann dauert es nicht lange und schau! Du liebst sie nicht mehr. Und dann dauert
es wieder nicht lange und schau! Du liebst Corona. Diese kleinen
wunderniedlichen Persnchen haben einen eigenen Reiz, womit sie sich in die
Herzen stehlen - wenn man nur nicht wie ein Bramarbas das Herz gegen sie
panzert. Leg' ab Deine Rstung, la es getroffen werden von dem Liebespfeil des
kleinen Gottes Amor ...
    Lieber Onkel, es ist ja bereits durch und durch getroffen! unterbrach
Uriel traurig lchelnd.
    berla doch den Eigensinn dem schnen Geschlecht! rief der Graf. Gott
wei, wie gern ich Regina als Deine Frau gesehen htte! aber wir werden doch
beide wahrhaftig nicht so tricht sein, uns durch sie unsere Zukunftsplne
stren zu lassen? Bisher hoffte ich sicher auf Regina's Bekehrung zum Ehestande,
und ich habe in diesen vier Jahren alles getan, wodurch ich hoffen konnte, sie
fr die Welt zu gewinnen. Umsonst! Nun wohlan, so mssen wir die Sache anders
anfangen. Ich bin jetzt runde fnfzig Jahre alt. Niemand sieht mir's an, nicht
wahr? .... aber Anno Eins geboren, macht fnfzig Jahre wohlgezhlt. Es verlangt
mich, junge Sprossen an meinem Stamm zu sehen, Windecker Nachkommenschaft. Habe
drei Shne und zwei Tchter, und noch immer keine Aussicht dazu! Das ist
verdrielich und mu aufhren. Nicht umsonst hat es sich so fgen mssen, da Du
Herr auf Stamberg wurdest und so frh eine glnzende selbstndige Stellung
bekamst. Es ist augenscheinlich der Wille Gottes - um mit Regina zu sprechen! -
da Du Dich als der Stammhalter der Windecker gerierst, und da das trichte
Mdchen davon nichts wissen will, so wollen denn auch wir sie nicht weiter
bitten und uns Corona erwhlen. Was sagst Du dazu?
    Uriel war so tief in seine eigenen Gedanken versunken, da er des Grafen
Betrachtungen gar nicht gehrt hatte. Jetzt weckte ihn dessen Frage und er rief:
    Ja! Corona!
    Also Du willigst ein? fragte der Graf erfreut. Bravissimo! - Bei der
Kleinen machen wir die Sache krzer und vernnftniger. Sie wird weiter nicht
gefragt, sondern ich kndige ihr an, sie sei Uriels glckliche Braut und in vier
Wochen seine Frau; - nicht wahr?
    Uriel rief lebhaft: Meine Frau? Corona? .... lieber Onkel, ich mu Zeit
haben und mich besinnen. Vorderhand kann von dem allen gar keine Rede sein; aber
sei fest berzeugt, da ich alles tun werde, was Deinen Wnschen entspricht. -
Bist Du mit den Zigarren zufrieden?
    Mehr als mit Euch allen zusammen! murrte der Graf kopfschttelnd. Welche
Nten steht man doch mit seinen Kindern aus! Wahrhaftig, ich sehe nicht ein,
weshalb ich mit meinen miserablen Erfahrungen sie noch durch Enkel zu
vervollstndigen wnsche! aber das ist die Verpflichtung, welche der alte Name
und das Ansehen der Familie aufbrdet. Wre man von gestern, ohne Ahnen und ohne
Erbgut, so wrde man kein besonderes Verlangen nach Enkeln haben. -
    Es vergingen noch einige Tage recht angenehm, denn Regina war wieder ganz in
ihrer unbefangenen Haltung und Uriel beherrschte sich meisterhaft. Nur als der
Graf von der nahen Abreise sprach, zuckte ein grlicher Schmerz, wie ein
Todesstich durch Uriels Herz, weil er wute - Regina kommt nicht wieder her.
Jetzt ist sie noch hier, noch einen Tag, noch ein paar Stunden, noch einige
Augenblicke; dann ist's aus und vorbei! sie kommt nicht wieder.
    Am letzten Morgen, als sich alle zur Abreise rsteten, ging Regina schon
reisefertig auf den groen Balkon und blickte auf das wogende Nebelmeer, welches
die Landschaft bedeckte, Himmel und Erde mit farblosem Grau verhllte und
einzelne kalte Tropfen, wie schwere Trnen, fallen lie. Es war so recht ein
trber Herbstmorgen, dem zuweilen ein schner Tag folgt. Ein Bild des Lebens!
dachte Regina; wir wandeln in Wolken, so lange wir hienieden wandeln; der
ungetrbte Sonnenschein bricht erst mit der Ewigkeit an. - Uriel folgte ihr auf
den Balkon.
    Regina! sagte er und seine sonst so klingende Stimme sank durch die
bermacht der Herzensbewegung zu einem Flstern herab; - wirst Du
wiederkommen?
    Sie verneinte schweigend und ohne ihn anzusehen.
    Besinne Dich wohl! fuhr er fort; dieser Augenblick entscheidet ber Deine
und meine Zukunft - und wer wei ber welches Schicksal! Es liegt in Deiner
Macht, das schnste, edelste Glck hier einzufhren, hier auf dieser Sttte
heimisch zu machen - ein Glck, worauf Gottes Wohlgefallen und Segen ruht, ein
Glck, das die Seelen adelt und die Herzen verklrt, ein Glck, woran sich eine
Kette von Gnaden knpft und das in weite und ferne Lebenskreise wohlttig
hineinwirkt. Sieh Dich um, sieh Dir diese Sttte genau an, sieh mich an, sieh
mir in's Herz hinein - - dann sprich! und bedenk' es wohl: was Du jetzt sagst,
mut Du verantworten in der Ewigkeit.
    Regina blickte geradeaus und leise bewegten sich ihre Lippen, dann sah sie
Uriel an und eine bernatrliche Zrtlichkeit verschmolz mit tiefer Trauer in
ihrem unergrndlich schnen Auge und sie sagte:
    Solo Dios basta.
    Es glitt ein solcher Schmerz ber Uriels Zge, da sie ihre gefalteten Hnde
lebhaft an die Brust drckte und ausrief:
    O mein Gott! wandle du diesen Schmerz in Gnade um, und diesen Dorn der Erde
in himmlische Rosen.
    Der Graf, die Baronin Isabelle, Corona und Hyazinth traten soeben alle
reisefertig in den Salon und gingen auch auf den Balkon, und der Graf fragte
Regina:
    Du nimmst wohl Abschied von Stamberg?
    Nein, lieber Vater, von Uriel, sagte sie ruhig.
    Hyazinth ging rasch auf den todesbleichen Uriel zu, legte zrtlich den Arm
auf dessen Schulter und sagte:
    Auf Wiedersehen zu meiner Primiz, Uriel.
    Ja, auf Wiedersehen! entgegnete Uriel gedankenlos.
    Der Wagen fuhr vor - und fuhr dahin! Uriel sah ihm nach, horchte ihm nach -
und als er nichts mehr von ihm sah und hrte, war ihm zu Mut, als habe er die
ganze Welt besessen - und verloren.

                                 Die Versuchung


Der Winter mit seinen Freuden der Geselligkeit hatte den Grafen wieder nach
Frankfurt gefhrt. Diesmal sollte auch Corona in der Welt erscheinen. Die
schauerliche Katastrophe, durch die vor vier Jahren der Fasching unterbrochen
wurde, war so ziemlich seinem Gedchtnis entschwunden: ein bergrastes Grab, wie
es deren so zahllose und mannigfache hienieden gibt. Die Welt mit ihrem
unverbesserlichen Leichtsinn und Heihunger nach berauschenden und blendenden
Genssen und materiellem Wohlbehagen machte es genau, wie Graf Windeck, lie
sich durch keine warnende Vergangenheit und durch keine schwankende Zukunft aus
ihrem Opiumtraum von allgemeinem Frieden und Fortschritt aufwecken und versenkte
sich immer tiefer in die den Freuden eines krankhaft gesteigerten Luxus und in
die schwindelnden Reigen einer Civilisation, die auf Dampfmaschinen beruht.
Damit der allmchtige Faktor der Zeit, Dampf - in seiner Ttigkeit und
Wirksamkeit nur beileibe nicht gestrt werde, schrie die Welt nach Frieden und
berredete sich, da das Brodeln der Dampfkessel und das Schwirren der Maschinen
Grundlage und Unterpfand eines Friedens wren, dessen Dauer die hohe und
allgemeine Bildung der Menschheit verbrge. Und so hatte denn die Welt ihre Art
von Frieden, d.h. es gab keinen Krieg.
    Mit groer Selbstgeflligkeit fhrte der Graf seine beiden schnen Tchter
in die Gesellschaft ein. Regina's erstes flchtiges Auftreten war im Laufe der
Jahre und der Ereignisse vergessen. Sie war eine ebenso neue Erscheinung als
Corona, ja neuer, insofern ihre Eigentmlichkeit entschiedener und nicht
salonmig war. Sie ging und stand und sprach und tanzte zwar mit allen brigen,
aber sie tat es nicht wie sie. Sie trug zwar die Farbe der Welt, aber in einer
besonderen Nance. Man hielt sie allgemein fr Uriels Braut und man zerbrach
sich den Kopf, weshalb wohl noch immer nicht die Dispense aus Rom gekommen sei,
welche die Verehelichung gestatte. Corona aber wurde die gefeierte Schnheit des
Tages. Sie war auch schn wie der Tag, mit ihren bezaubernden goldbraunen Augen,
die schwrmerisch und schalkhaft zugleich, halbverschleiert hinter schwarzen
Wimpern lagen - und mit ihrer feinen nymphenhaften Gestalt, die sich so edel
bewegte und so grazis das liebliche, braungelockte Haupt trug. Sie unterhielt
sich vortrefflich; alles machte ihr Vernggen: der Tanz, die Musik, die
verbindlichen Menschen, die geschmackvollen Kleider, die glnzenden Feste; auch
die Huldigungen, deren Gegenstand sie war; auch die dadurch erhhte Zrtlichkeit
ihres Vaters, bei dem die Wertschtzung seiner Tchter in dem Mae stieg, als
die Welt ihnen huldigte. Wie ein Blumengarten lag das Leben vor Corona und sie
whnte, sie brauche nur die Hand auszustrecken, um sich tausend duftende Blten
zum Strau zusammenzubinden. Zu anderer Zeit wrde Regina sorgenvoll Corona's
Richtung beobachtet haben; allein Regina's innerstes Wesen stand selbst in den
Flammen eines Scheiterhaufens, und sie wute nicht, ob ihr Herz darin zu Asche
verbrennen oder zu jenem Gold von vierundzwanzig Karat ausglhen werde, ber
welches keine Flamme mehr Gewalt hat. Sie litt und schwieg - und kmpfte ihren
Kampf nach ihrer Art, still vor Gott, ohne zu klagen und zu fragen. Aber sie
litt so sehr, da die frische Blte ihrer Gesundheit davon angehaucht wurde. Sie
suchte es zu verbergen; je bleicher sie wurde, um desto freundlicher lchelte
sie, und da sie sichtlich abmagere, schob sie den durchtanzten Nchten zu. Aber
Corona hrte sie zuweilen in stillen Nchten beten und weinen und sagte es der
Tante Isabelle mit dem Zusatz:
    Sie vergeht vor Sehnsucht nach dem Kloster.
    Und die Tante sagte es dem Grafen und bat ihn, einen Arzt zu Rat zu ziehen,
ob der Gram nicht wirklich Regina's Gesundheit zernage. Der Graf hatte
seinerseits nicht ohne Sorgen Regina's Zustand wahrgenommen, aber sich, nach Art
der Egoisten, darber zu tuschen versucht, indem er alles fr bare Mnze nehmen
wollte, was sie von den Anstrengungen des Faschings vorschob. Nun aber brach er
gegen die Baronin aus:
    Beste Isabelle! bin ich nicht ein beklagenswerter Vater! Alles tue ich fr
meine Kinder - alles! In die schottische Romantik begebe ich mich mit ihnen und
in die Faschingslustbarkeiten - und was ist mein Lohn? Regina vergrmt sich in
wahrhaft stupider Sehnsucht nach dumpfen Klostermauern, und Uriel - statt
herzukommen und frischweg Corona zu heiraten, sitzt auf Stamberg und bebrtet
Gott wei was fr Plne. Ehe er sich aber nicht entschieden hat, kann ich doch
unmglich Regina ziehen lassen. Das wre zu frh, da ich ihr eine zehnjhrige
Frist gestellt habe. Das hiee meinem Ansehen als Vater etwas vergeben. Liee
ich mir meine Einwilligung von ihr abtrotzen - wer wei, was der Kleinen
einfiele.
    Davon reden wir ja nicht, entgegnete die Baronin, ngstlich wie immer.
Lassen Sie nur einen Arzt fr Regina rufen. Es wre doch besser, sie ihrem
Klosterberuf folgen - als sie sterben zu sehen.
    Sterben! meine prchtige Regina sterben! rief der Graf aufgeregt; das
darf nicht sein. Es soll auf der Stelle ein Arzt gerufen werden.
    Er ging in das Zimmer seiner Tchter. Beide saen am Flgel und spielten
vierhndig Beethovens Symphonie aus C moll. Sie wollten ihr Spiel unterbrechen,
als er eintrat; aber er hie sie fortfahren und setzte sich ihnen gegenber, um
sie zu beobachten und zu vergleichen. Corona's Gesichtchen glhte von Eifer und
Aufmerksamkeit; sie spielte die erste Partie, und ihre hellrosigen Wangen, ihre
leicht geffneten Lippen, der feste Blick, womit sie auf ihre Noten sah,
verrieten, wie vertieft sie in ihrer Aufgabe war. Regina spielte mit viel
grerer Leichtigkeit, gab gewandt hie und da der Schwester nach, schlug die
Notenbltter um, verriet gar keine Anstrengung; warum brannte denn aber ein so
scharfes abgezirkeltes Rot auf ihren Wangen? und warum hatten ihre Augen solchen
auffallenden Glanz? Sie wird doch nicht hektisch sein! murmelte der Graf
bengstigt. Nach dem Schluakkord rief er:
    Bravo, Kinder! Corona mu sich noch tchtig ben, Du aber, Regina, solltest
Dich nicht anstrengen; Du siehst leidend aus - und zwar so sehr und so lange
schon, da wir denn doch einen Doktor konsultieren wollen.
    Du bist so gut, lieber Vater; aber weshalb der Doktor? sagte Regina und
kte zrtlich des Vaters Hand.
    Weshalb? wunderliche Frage! weil ich nicht will, da Du dahinsiechen und
sterben sollst.
    O mein lieber Vater, sei ganz ruhig! ich glaube nicht, da mich jetzt schon
der liebe Gott in die Ewigkeit ruft, sagte Regina mit sanfter Wehmut.
    Du wrst im Stande, das zu bedauern! rief der Graf fast zornig, weil er
sich von ihrer Sanftmut gerhrt fhlte. Aber daraus wird nichts - das sage ich
Dir! lieber lasse ich Dich in's Kloster gehen. Gestehe mir aufrichtig: bist Du
krank vor Sehnsucht nach Deinen Karmelitessen?
    Regina legte die Hand flchtig ber ihre Augen; dann sah sie ihren Vater mit
zrtlichster Dankbarkeit an und sagte fest:
    Nein, mein lieber Vater.
    Nein? - Du sagst Nein, Regina! Httest Du Ja gesagt, so wrde ich Dir
antworten: Geh in's Kloster.
    Ich kann keine Unwahrheit sagen, lieber Vater.
    Aber Du bist doch leidend, Regina?
    Ich leide wohl etwas; nur kann kein Arzt mir helfen.
    Das wollen wir erst erleben! sagte der Graf.
    Der Arzt kam, fragte, fhlte den Puls, tat, was seines Amtes ist, sprach von
Aufregung der Nerven und erklrte endlich, er msse die Grfin mindestens acht
Tage beobachten, bevor er sich aussprechen knne. Man fand das ganz in der
Ordnung. Er kam tglich, bald zu der einen Stunde, bald zu der anderen. Er
beobachtete Regina und unterhielt sich mit ihr. Er lie sich von der Baronin und
von Corona deren Bemerkungen unter vier Augen mitteilen. Endlich erschien er bei
dem Grafen und sagte nicht ohne Verlegenheit, er sei etwas betroffen ber seine
Entdeckung und der Graf mge es nicht bel nehmen, wenn eine unangenehme Sache
zur Sprache komme; aber nach Pflicht und Gewissen knne er nicht anders. Der
Graf starrte verblfft den Doktor an und rief endlich ungeduldig:
    Nur heraus mit der Sprache! ist sie hektisch?
    Nicht im geringsten! erwiderte mitleidig lchelnd der Doktor. Es ist
allerdings eine gewisse Spannung des Nerven- und Erregung des Blutsystems bei
Ihrer Grfin Tochter wahrzunehmen, allein dies ist nicht mit anderen
Krankheitssymptomen verbunden, sondern steht vereinzelt da. Deshalb mu ich
schlieen, da es Folgen von Gemtsleiden sind, und ich glaube mit allem Recht
behaupten zu drfen, da die Grfin eine unglckliche Liebe im Herzen trgt -
vielleicht fr jemand, der unter ihrem Stande ist. Ich bin noch nicht ganz
darber im Klaren. Auch Sie scheinen es nicht zu sein - fuhr er fort, als ihn
der Graf sprachlos vor Erstaunen ansah - und es tut mir wahrhaftig herzlich
leid, eine wunde Stelle zu berhren. Aber ich habe allen Grund, bei der Diagnose
stehen zu bleiben und die heit - unglckliche Liebe.
    Welchen Grund haben Sie denn aber eigentlich dafr? fragte der Graf, der
sich von diesem Ausgang nichts hatte trumen lassen.
    Einen solchen, der Ihnen einleuchten wird, Herr Graf! denn er ist schwarz
auf wei, erwiderte der Arzt und zog triumphierend ein Billet hervor. Sehen Sie
hier .... einen poetischen Liebesbrief.
    Einen Liebesbrief von Regina! Herr Doktor, Sie faseln! rief der Graf
lachend, indem er das Blatt ergriff. berdas ist das nicht Reginas, sondern
Coronas Handschrift. Was? Verse!
    Nun, das versteht sich, Herr Graf! eine so zarte und noble Dame, wie Grfin
Regina, drckt ihre Herzensempfindung auch zart aus.
    Kopfschttelnd las der Graf:


                                 Mein Erbteil.

O wohl sind sie dunkel die Nchte,
Die schwarz um den Pfad sich geballt,
Wenn Irrwisch und trgende Mchte
Verlocken in Gauckelgestalt;
Wenn immer ein Stern zu ersphen,
Wenn strauchelt der Fu - ach, wie oft!
Doch Du wachst auf seligen Hhen:
Ich wei, in Wen ich gehofft.
O wohl sind sie dunkel die Nchte,
So Innen die Seele umziehen,
So schwarz, da das Wahre, das Rechte,
Nicht krftig und frisch kann erblh'n.
Doch sind auch die sprlichen Saaten
Der segnenden Sonne beraubt,
Du wachst und sie knnen geraten:
Ich wei, an Wem ich geglaubt.
O wohl sind sie dunkel die Nchte,
Worinnen das Herz versinkt,
Wenn drstend nach Liebe, die chte,
Ach fern, ach verloren ihm dnkt,
Wenn zitternd im schmachtenden Bangen
Nicht Labsal noch Trstung ihm gibt;
Doch Du wachst und stillst sein Verlangen:
Ich wei, Wer mich ewig geliebt.
O wohl sind sie dunkel die Nchte,
Die Erde, durch Leid und durch Lust!
Das Leben, ein Dornengeflechte,
Zerreit und verdet die Brust,
Es birgt auch in Rosen nur Herbe,
Weil Dauer berall fehlt,
Doch Du bist mein ewiges Erbe:
Ich wei, Wen ich mir mir erwhlt.

Der Graf hatte laut gelesen und der Doktor, ganz versunken in seine vorgefate
Meinung, hatte aufmerksam zugehrt.
    Was sagen Sie nun, Herr Graf? rief er selbstzufrieden; ist das nicht klar
genug? Dies ewig wache, angebetete Wesen, das in einer anderen Sphre weilt, ist
eben der Geliebte, der unerreichbare - nur etwas mystisch ausgedrckt.
    Sehr mystisch, antwortete der Graf lakonisch.
    Lesen Sie nur geflligst weiter; es wird deutlicher im zweiten Gedicht.
    O Gott! seufzte der Graf, jetzt lese ich sogar Gedichte, meine Horreur!
.... Alles fr meine Kinder! Ich bin wirklich ein halber Martyrer. Er las:


                                Seliges Gengen.

Der Abend sinkt, zur Ruhe geht die Erde,
Es bricht die Nacht mit kaltem Schauer an,
In Asche stirbt die Flamme auf dem Herde,
Zur Heimatshtte eilt der Wandersmann.
Unheimlich starrt das Reich der Finsternisse,
Wo weilt die Sonne? wo das gold'ne Licht? - -
O frag' nicht mich, ob ich das Licht vermisse,
Ich habe Ihn - ich brauch' die Sonne nicht!

Das Leben sinkt! es fliehen Tag' und Jahre
Die Wolkenzge ber Himmels Blau.
Wo Jugend blhte - steht die Totenbahre,
Wo Rosenflor - ein fahles kahles Grau.
Ist das noch Leben, wenn der Tod es endet?
Ist's Tag noch, wenn er stirbt im Abendrot?
O frag' nicht mich! mir hat sie nichts gewendet,
Ich habe Ihn - ich wei von keinem Tod!

Das Herze sinkt! - es hat sich matt gerungen,
Im blut'gen Kampf nach dem getrumten Glck.
War's je zum heiersehnten Ziel gedrungen -
O weh! es fiel in Sehnsucht hei zurck.
Ist Liebe nicht ein Schattenspiel fr Toren?
Ein klglich Blendwerk mit des Glckes Schein? -
O frag' nicht mich! ich habe nichts verloren!
Ich habe Ihn - die ew'ge Lieb ist mein.

Ist das nicht sehr rhrend, Herr Graf? fragte der Doktor. Ich an Ihrer Stelle
wrde dieser tiefen innigen Liebe alle Standesvorurteile zum Opfer bringen.
    Auch dann, Herr Doktor, fragte der Graf mit leichtem Spott, wenn der
Geliebte niemand anders wre - als der liebe Gott?
    Wieso? entgegnete der Doktor hchst verblfft.
    Ja, meine Tochter will ins Kloster und deshalb verschmht sie jede irdische
Liebe.
    Ah, sagte der Doktor gedehnt, mit dieser Sorte von Sentimentalitt bin
ich freilich weder bekannt noch einverstanden, da ich gottlob! Protestant bin.
Indessen versteht es sich wohl von selbst, da ein guter Vater einer solchen
Grille seine Zustimmung versagt.
    Die Mesalliance mit dem lieben Gott wre allzu schreiend, nicht wahr?
fragte der Graf spitz.
    Solche Zustnde liegen auerhalb des Horizonts meiner Wissenschaft und
meiner Erfahrung, antwortete der Doktor und empfahl sich. -
    Der Graf ging zu seinen Tchtern. Corona knpfte rosenfarbene Bandschleifen,
die sie am Abend tragen wollte; Regina sa am Schreibtisch, als er eintrat.
    Schreibst Du Verse, Regina? fragte er.
    Ich bringe nur ein paar Reime zusammen, entgegnete sie leicht errtend
    O Papa! sie ist eine Minnesngerin - aber der himmlischen Liebe! rief
Corona ber ihre rosenfarbenen Bnder hinweg.
    Darf ich lesen? fragte der Graf und blickte ber Regina's Schulter.
    Sie reichte ihm willig, aber verlegen, das Blatt und sagte entschuldigend:
    Verzeih, lieber Vater! es wird Dir wohl nicht gefallen und ist ja auch nur
ganz armselig. Aber Du weit: Solo Dios basta! darauf bezieht sich alles bei
mir.
    Der Graf las:




                            Die Lampe im Heiligtum.


Das ewige Licht
Ist die Flamme, die aus dem Herzen bricht.
Das ewige Licht
Ist die Stimme, die still zum Geliebten spricht.
Das ewige Licht
Ist die Rose, die ihn brutlich umflicht,
Das ewige Licht
Ist ein bezauberndes Liebesgedicht.
Das ewige Licht
Macht alle Lichter der Welt zunicht
Das ewige Licht
Ist die Seele betend vor Gottes Angesicht.
O ewiges Licht
Mir leuchte Dein Glanz, wenn mein Auge bricht.

Wie monoton! rief der Graf.
    Nicht wahr? sagte sie freundlich.
    Regina, fuhr er fort, hier sind ein paar Deiner Reimereien, die Corona,
weil sie Dich fr eine Minnesngerin hlt, abgeschrieben und dem Doktor gegeben
hat. Dieser stellte sie mir so eben zurck und bemerkte dabei, er knne Dich
nicht eigentlich krank finden! nur mtest Du Dich schonen.
    Das fhle ich auch, lieber Vater, entgegnete sie, und deshalb erlaube
mir, nach Windeck zu Onkel Levin zu gehen. Wenn Du dann in einigen Wochen
kommst, werd' ich mich gewi ganz erholt haben und Dir keine Sorge mehr machen.
    Was war zu tun? der Graf lie sie reisen.
    Wir mssen uns darauf vorbereiten, sie in's Kloster gehen zu lassen, sagte
er zur Baronin und zu Corona. Diese Trennung ist eine kleine Vorbung.
    Willst Du es wirklich erlauben, Papa! rief Corona.
    Sie zwingt mich ja, sagte er unmutig. Der Doktor, obzwar er auf ganz
falscher Fhrte war, riet mir doch, den Widerstand nicht auf's uerste zu
treiben. Von Dir, Corona, hoffe ich auf Ersatz fr alle Sorgen, die ich um Deine
Schwester habe.
    Und sie ist doch tausend Mal besser als ich! rief Corona, zrtlich an
ihren Vater sich schmiegend.
    Mit froher berraschung, doch nicht ganz ohne Besorgnis, empfing Onkel Levin
die Tochter seiner Seele, seine geliebte Regina. Seit ihrer Rckkehr aus England
hatte er eine leise Verstrung in dem Gleichmut ihres inneren Lebens
wahrgenommen. Er kannte aber ihre schweigende Art und mochte nicht fragen, bevor
sie nicht Veranlassung dazu gab. Wie der Pflanzenleim seine Zeit braucht, ehe er
das Erdreich durchbricht, so will auch das Wort seine Zeit haben, bis es sich
vertrauend ausspricht. Als Regina den lieben Onkel Levin wiedersah, und wieder
in der trauten Kapelle vor dem Allerheiligsten auf den Knien lag, und wieder ihr
stilles Zimmer betrat, das in schlichter Einfachheit einer Zelle glich und eher
einem Kloster als einem grflichen Schlo zu gehren schien - da drngte sich
all' ihr Weh ber ihr Herz hinaus, und sie ging raschen Schrittes zum Onkel,
nachdem sie am ersten Morgen seiner Messe beigewohnt hatte.
    Ich erwartete Dich, sagte er liebreich zuvorkommend, denn Du sahst
verweint aus. Was betrbt Dich, Kind? Sprich'! der liebe Gott wandelt auch
unsere bittersten Trnen in Gnadentau um.
    Er blickte sie an mit seinen seelenvollen verklrten Augen, die ber seinem
edeln, blassen, vielfach durchschmerzten und tief gefriedetem Antlitz strahlten,
wie stille Sterne ber einer Winterlandschaft. In einem Strahl der Morgensonne
ruhte sein Haupt mit den Silberlocken. Er sah aus wie jemand, der heimisch ist
in einer besseren Welt. Regina sank zu seinen Fen nieder und bedeckte seine
Hnde mit Trnen und Kssen. Er lie sie gewhren und betete still fr sie.
Endlich erhob sie sich und sagte mhsam gefat:
    Ich bin abgefallen von meiner ersten Liebe.
    Das glaub' ich nicht! erwiderte Levin freundlich.
    Ich bin es! mein Herz geht nicht mehr geradesweges zu Gott; meine Gedanken
wenden sich nicht mehr ungeteilt dem hchsten Gut zu; meine Liebe strebt nicht
mehr einzig und allein zur ewigen Liebe. Ein Mensch ist mir in den Weg getreten
und sucht mein Herz an sich zu reien; und dies trichte Herz neigt sich ihm zu
- und nur mit meinem Willen hefte ich es an das Kreuz meines Gottes. So sieht es
mit mir.
    Nun, bestes Kind, dann steht es ja sehr gut mit Dir. Deine Liebe ist aus
der Region des Gefhls in die des Willens bergegangen. Die bloe Neigung hrt
auf und die Tugend beginnt. Aus der natrlichen Ordnung wandert Deine Liebe aus
und strebt heimisch zu werden in der Ordnung der Gnade. Und Du weinst? und Du
zitterst? O falle auf Deine Knie und danke Gott, da endlich die Stunde des
Kampfes fr Dich geschlagen hat.
    Er reibt mich auf, dieser Kampf! ich kann nicht leben unter der Last meiner
Treulosigkeit!
    Ja Kind, wenn Du stolz bist, dann kann es leicht von Dir heien: Wie bist
Du vom Himmel gefallen, schner Morgenstern! - Nimm in Demut Dein Kreuz auf Dich
- das schwerste Kreuz: Deine Armseligkeit - und wandele damit weiter; dann
findest Du Gott, denn der kreuztragende Heiland und Millionen von heiligen
Liebhabern des Kreuzes geleiten Dich. Bist Du aber stolz, so sagst Du Dich von
ihnen los.
    Lieber Onkel! Du weit, welch' ein Entschlu mir aus der Kindheit in die
Jugend gefolgt ist und wie ich deshalb die Wnsche meines Vaters nicht erfllen
konnte. Von meiner Familie, von Uriel, von der ganzen Welt mich zu trennen, war
mir kein Opfer; denn ich lebte in einer berirdischen Freudenwelt, und es wre
mir wie ein Gottesraub erschienen, htte ich mich mit vergnglichem Glck
beschftigen wollen. Seit dem vorigen Herbst ist es anders geworden - anders,
seitdem ich in Stamberg auf immer von Uriel Abschied nahm. Warum? das wei ich
nicht! - aber seitdem erscheint mir Uriel sehr liebenswrdig und das Leben mit
ihm auf Stamberg sehr glcklich; und eine Stimme sagt mir, es wre Gott sehr
wohlgefllig, wenn ich meinem Vater gehorchte und meine liebe selige Mutter
wrde im Himmel meine Verbindung mit Uriel segnen. Und das alles spricht so
mchtig zu meinem Herzen und lhmt dermaen meine Verteidigungswaffen, nmlich
mein Gebet und die Hingebung meines Willens an Gott, an Gott allein - da ich
nicht wei, auf welche Seite der Sieg sich neigen wird und nicht wei, ob ich
nicht tausend Trnen weinen werde, wenn er sich auf die Seite Gottes neigt.
    Wohlan, Regina, Dein Gelbde ewiger Jungfrulichkeit kann gelst werden. Es
ist gltig. aber nicht unauflslich. Hast Du alles wohl erwogen, viel gebetet,
viel um die Erleuchtung des heiligen Geistes gefleht ... - -
    Das habe ich getan, lieber Onkel; doch in der Absicht nie, o nie! ich will
nicht die Lsung meines teuern Gelbdes! ich will nicht mit Gott angefangen
haben, um klglich mit einem Menschen zu enden! ich will nicht mein Herz in zwei
Lieben und zwei Treuen zerspalten und verkleinern! sondern ich will dies: mein
Herz unberhrt von jeglichem Anhauch aus den Niederungen des Lebens zu Fen des
Gekreuzigten hinlegen. Das mchte ich erbitten und erflehen. Deshalb durchwache
ich halbe Nchte in Trnen und Klagen. Aber Gott erhrt mich nicht - denn wieder
und immer wieder werden betrende Stimmen laut, nach denen ein Etwas in meinem
Herzen hinhorcht, weil sie s und schmeichelnd klingen, obschon sie wehe tun.
    Ah, nun verstehe ich! nahm Levin mit unaussprechlicher Milde das Wort; Du
mchtest dem lieben Gott vorschreiben, auf welche Weise er Dich in's Himmelreich
fhren soll. Durch ein Triumphtor mchtest Du einziehen, nicht wahr? das frohe
Selbstbewutsein Deiner Strke sollte Dir eine goldene Rstung anlegen, von der
jeder friedliche Pfeil abprallte, nicht wahr? in stolzer Zuversicht
unverwundbar, mchtest Du ber Schlangen und Nattern schreiten und lchelnd den
Drachen besiegen, nicht wahr? O weh, meine arme Regina! das ist die Art des
Erzengels, aber nicht des Menschenkindes! Als der heilige Apostel Paulus sich zu
Gott bekehrte, sprach eine Stimme: Ich will ihm zeigen, wie viel er um Meines
Namens willen leiden soll. Sieh', das ist Menschenart! Gekreuzigt dem Leibe und
der Seele nach - mit Wundmalen am Krper und am Herzen - zermalmt von innerem
Leid ber seine Schwachheit - geqult von allen Versuchungen, denen der Sohn des
Staubes durch seinen Zusammenhang mit der Irdischkeit ausgesetzt ist - wandelte
dieser gewaltige Kreuztrger, zum trstlichen Vorbild fr uns alle, immer
gedemtigt und immer tapfer, durch die furchtbare Schlacht des Lebens. Und wie
er sich hindurch gekmpft hatte, so kmpften ihm nach die groen Heiligen aller
Jahrhunderte, ein Basilius, ein Augustinus, ein Bernardus, ein Franziskus, ein
Alphonsus - diese Wundermenschen an Glauben, an Liebe, an Genie und an Demut.
Sie alle bauten sich keine Triumphbogen und schwangen nicht zuversichtlich ihre
Siegesbanner. Sie alle sprachen mit Paulus: Wenn ich schwach bin, dann bin ich
stark - um anzudeuten, da sie im Gefhl ihrer Schwche sich zu Gott wendeten
und von ihm Strke empfingen. Sie alle gingen vorsichtig, gebeugt und wachsam
auf dem schmalen Wege und durch die enge Pforte, die zum Himmel fhren. Nicht
auf ihren herrlichen natrlichen Gaben, und nicht auf ihrer frischen,
ungebrochenen, menschlichen Kraft ruhte das Gebude ihrer Vollkommenheit,
sondern auf ihrer unberwindlichen Demut. Sie suchten auch nicht den
selbstgeflligen Genu ihrer eigenen Vollkommenheit in ihrer Hingebung an Gott.
Sie baten ihn nicht, ihr Herz auf einem Hhepunkt zu erhalten, der ber dem
Niveau alles Menschlichen ist; sie baten ihn nur, ihr armes, elendes Herz nicht
zu verschmhen; es zu verbinden, wenn es wund; es zu reinigen, wenn es befleckt
wurde; es in Gnaden anzunehmen mit seinen Krankheiten und seinen Narben. Und wie
die groen Heiligen, so machen es Millionen von guten schlichten Kindern Gottes.
Willst Du es anders haben und anders machen, Regina? o, dann liefest Du Gefahr,
eine Tochter Lucifers zu werden.
    Regina's Trnen waren versiegt und ihre schmerzliche Aufregung hatte sich
gestillt. Mit geschlossenen Augen sa sie ruhig da; sie blickte nach Innen.
Levin schaute mitleidig auf ihr schnes bleiches Antlitz, das noch von einem
Anhauch von Schmerz berschattet war und fragte liebreich:
    Tue ich Dir weh, bestes Kind? soll ich schweigen?
    O sprich, lieber Onkel, sprich noch mehr zu mir! sagte sie sanft und ohne
ihre Stellung zu verndern. Deine Stimme klingt mir wie die, welche einst
sagte: Ich will ihm zeigen, was er um Meines Namens willen leiden soll.
    So heit es auch in der Tat fr jeden, der sich aus ganzem Herzen zu Gott
bekehrt; denn Welt und Fleisch und Blut, die ihm wahrlich seine Bekehrung nicht
eingegeben haben, fhlen, da sie durch dieselbe zu kurz kommen, setzen sich zur
Wehr, verbinden sich mit der berall geschftigen alten Schlange und rcken mit
einem Heer von Versuchungen in's Feld. In dem Mae, als diese bekmpft und
berwunden werden, vermehren sich die Siege, und je grer der Sieger, desto
glnzender seine Kronen. Willst Du keine Versuchungen haben, so verzichtest Du
aus Feigheit auf den Siegespreis. - Sieh'! als Du auf Stamberg von Uriel
Abschied nahmst und Dich vielleicht recht stark whntest mit Deiner Entsagung,
und recht sicher gegen jeden Angriff von Seiten der menschlichen Schwche, da
trat der Versucher zu Dir, wie einst zu dem Herrn - und zeigte Dir von der Hhe
herab die Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit. Und Du blicktest auf sie, wie
jemand, der sich gewaffnet whnt gegen einen feindlichen berfall, aber die
Schlange vergit, die ihn in die Ferse sticht. Die bse Natur hast Du stets zu
berwinden gesucht - dies Zeugnis geb' ich Dir gern. Aber Regina, das gengt
nicht dem Menschen, der sich ausschlielich der Liebe und dem Dienste des Herrn
widmen will. Der mu auch seine edle und gute Natur abtten, um ganz in der
Gnade, durch sie und fr sie, zu leben; denn die Natur ist nun einmal
betrgerisch! Mit tausend Faden hngt sie zusammen mit der Welt, mit dem
Nchsten, mit unseren guten und schlimmen Eigenschaften, mit unseren Vorzgen
und Talenten - und bestndig sucht sie diesen Zusammenhang zu ihren Gunsten
auszubeuten und der schnsten Seelenblte, der reinen Absicht auf Gott, die
Spitze umzubiegen und sie in die Richtung der Selbstsucht zu bringen. Die groben
und dicken Faden lsen wir wohl allenfalls ab; aber es bleiben Millionen feine
Fdchen brig, die zuweilen weich wie Seide und schimmernd wie Gold sind und
die, wenn wir sie nicht recht vorsichtig ablsen, abstuben und, in Gnade
getaucht, an ihren Platz zurckbringen - ein Netz von feiner Selbstgeflligkeit
knpfen, welches den Fortschritt der Seele klglich hemmt. Wohlan, Regina,
betrbe Dich nicht, da Deine Natur um kein Haar anders ist, als die von uns
anderen armen Sndern; aber liebe und lobe Gott, der Dir den Willen und die
Gnade gibt, sie in ihren letzten Verschanzungen abzutten und der fr die
durchwundetsten Herzen auch wundervolle Trstungen hat.
    Welch' ein wunderbarer Tausch das ist: Gottes Trost fr vergngliches
Leid, sagte Regina mit einem seligen Lcheln.
    O Kind, irre nicht wieder ab vom geraden Wege, sagte Levin sanft und
schwermtig und durch seine Stimme, seinen Blick, sein Lcheln schimmerte eine
Welt voll namenloser heiliger Schmerzen. Gottes Trost findet der, der mit dem
heiligen Apostel Paulus gestorben ist, um in Gott zu leben. Was war denn Gottes
Trost fr den hinsterbenden Gottessohn? Essig, Myrrhen, Verhhnung, Desolation.
Der Wille Gottes mu Dir so s und lieblich werden, da er allein Dein Trost
ist, und wenn dieser Wille auch darin bestnde, da Du die mystische Todesnot am
lberg und die innere und uere Verlassenheit am Kreuze Zeit Deines Lebens zu
erdulden httest. Willst Du Meisterin werden in der vollkommenen Liebe, so fange
damit an, Schlerin zu werden im vollkommenen Leiden - im unausgesetzten
mhseligen Kampf gegen die Welt in und auer Dir, gegen Deine sndhafte Natur,
gegen Hlle und Teufel. Diese alle werden wider Dich streiten, werden ganze
Heere von Versuchungen - immer andere, immer neue, immer berraschende - wider
Dich in die geistige Schlacht fhren. Und Du wirst sie nicht blo zu jeder
Stunde und unter allen Umstnden schlag- und ringfertig bekmpfen mssen,
sondern auch die beklemmende Angst zu ertragen haben, nicht zu wissen, ob Du
deinen Kampf in gottgeflliger Weise fhrst - nicht zu wissen, ob Du, wie die
heilige Schrift es nennt, des Hasses oder der Liebe wrdig bist. Sieh'! einen
Tropfen aus diesem Kelch mystischer Prfung ist Dir jetzt zu Teil geworden - und
schon warst Du dem Verzagen nahe, und schon schmachtest Du nach Gottes Trost,
wie ihn die weichliche Natur versteht! O Kind, besinne Dich! das Leben nach den
evangelischen Rten ist ein bestndiges und allseitiges Opferleben, das nur die
reinste Christusliebe antreten und durchfhren kann. Wo bleibt aber die Liebe
zum gekreuzigten Christus, wenn Du Lohn fr sie, in Trost ausgezahlt, erwartest?
Mit einer Hand bist Du an's Kreuz genagelt und begehrst schon sie abzulsen? O
reiche auch die andere hin und la sie annageln, und hnge nackt und blo und
schmerzzerrissen geduldig an den drei Ngeln; denn das und nichts anderes sind
die drei Gelbde - und vermagst Du jenes nicht, wenigstens dem Willen nach,
auszuhalten: so darfst Du diese nicht ablegen.
    Welch' eine Welt erffnest Du mir, teurer Onkel, sagte Regina sinnend und
trocknete ihre Trnen.
    Die Welt des mystischen Leidens, des Leidens aus Liebe zu Gott, entgegnete
er, die sich frher oder spter allen erschliet, welche sich wahrhaft, aus
innerstem Herzen und aus ganzem Gemt zu Gott bekehren. Es versteht sich, da es
tausend Stufen in ihr gibt. Zu der niedrigsten sind wir alle berufen; zu der
hchsten sind es die grten und heiligsten Seelen, die in Wahrheit mit dem
Apostel ausrufen: mortuus sum, ut Deo vivam!
    Also die Lieblinge Gottes mssen am meisten leiden und ihr Trost wird erst
in der Ewigkeit beginnen? fragte Regina.
    Nichts anders, Kind! der Herr selbst preist selig in Ewigkeit die Armen,
die Leidtragenden, die Verfolgten, die Weinenden. Leiden um Jesu willen macht
den Menschen liebenswrdig vor Gott, denn der leidende Mensch ist Jesu hnlich.
Im vierzehnten Jahrhundert lebte in Schwaben ein ganz wundersamer Liebling
Gottes, der in der Welt Heinrich Suso - im Kloster Bruder Amandus hie. Er war
ein Sprling jenes bernatrlichen Baumes, den St. Dominicus in der heiligen
Kirche gepflanzt hat - ein Baum, durch dessen Gezweig das seste Gebet suselt,
welches Menschenlippen je gesprochen haben und welches St. Dominicus
zusammengestellt hat: der Rosenkranz. Als lebendige Blten dieses Rosenkranzes
glnzen, duften und schimmern Seelen von unbertrefflicher Schnheit im
Dominikanerorden: ein Thomas von Aquin, genannt der Engel der Schule, der die
Theologie bezaubernd macht. Eine Katharina von Siena, die mit himmlischer
Beredsamkeit das Schisma von Avignon zu Ende - und Papst Gregor XI. nach Rom
zurckfhrt. Eine Rosa von Lima, die sich zrtlich in die Leiden des gttlichen
Vielgeliebten mitleidend versenkt und extatisch aus ihnen hervorgeht. Ein
Angelico von Fiesole, der stille Maler, den sogar die stumpfe Welt Beato, den
Seligen nannte, weil seine Bilder, die er auf den Knieen malte, ein Abglanz
himmlischer Herrlichkeit, geschpft aus seliger Anschauung Gottes, zu sein
schienen. Ein Seelenbruder dieser Auserwhlten war diesseits der Alpen Heinrich
Suso, ein in die Wunden Jesu ganz verliebter und ganz versunkener Ordensmann,
der mit so lieblichen, herzzerschmelzenden Worten, als ob sie vom Kreuz herab
tnten, von den Leiden heiliger Liebe in seelendurchwundeter Erfahrung schreibt.
Dieser sagt einmal - und ich sage es Dir als Antwort auf Deine Frage: Es gibt
nichts Peinlicheres, als Leiden; aber nichts Erfreulicheres, als aus Liebe zu
Gott gelitten zu haben. Leiden tut dem Menschen hier wehe, droben wohl. Wren
aller Menschen Herzen nur ein Herz, so knnte es auf Erden doch nicht den
kleinsten Lohn ertragen, den der Herr in der Ewigkeit fr das geringste Leiden
geben wird, das aus Liebe zu ihm gelitten ist. Leiden - ist der sicherste und
krzeste Weg zum Himmel; ist die Rute der Liebe fr Gottes Auserwhlte; mindert
die Freuden, aber vermehrt die Gnaden. Alle Heiligen im Himmel sind Freunde und
Beschtzer eines leidenden Menschen, denn sie haben es selbst empfunden, wie
bitter und doch wie heilsam der Trank der Leiden ist. Geduld in Leiden ist
grer, als Tote erwecken oder andere Zeichen tun; es ist ein lebendiges Opfer,
ein edler Balsamduft, der mchtig zu Gottes Angesicht dringt. Es macht zu
Genossen der Martyrer und fhrt mit sich den Sieg wider alle Feinde. Wer nicht
gelitten hat, was wei der! Im Himmel singt die leidende Seele ein neues Lied,
das alle Engelscharen nie singen konnten, weil sie nie gelitten haben. - Sieh',
Regina, etwas so Knigliches im Reiche Gottes ist das Leiden. Es ist ein
Purpurmantel, den unser Herzblut webt.
    Lieber Onkel, sagte sie, und ihr gewohnter heiterer Friede lchelte wieder
aus ihrem schnen Antlitz; ich hatte dennoch Recht zu sagen: O wunderbarer
Tausch! Gottes Trost fr vergngliches Leid! - nur darf ich diesen Trost nicht
in dem vergnglichen Leben hienieden erwarten. Nun wohlan! um desto sicherer ist
er mir in der Ewigkeit aufbewahrt! Meine Glcksbegriffe sind ja noch sehr eng
und niedrig, denn ich bin ungebt und unerfahren. Gehrt aber die ganze Summe
von menschlichen Elendserfahrungen dazu, um standhaft in der vollkommenen
Hingebung an Gott zu werden: so will ich sie in gelassener Unterwerfung annehmen
und mit dem heil. Augustinus beten: Gib mir Kraft, o Herr, zu tun, was du
gebietest, und dann gebiete, was du willst.
    Ja, Kind! halte Dich mglichst in heiliger Gelassenheit. Kommen Dir
Ruhezeiten und Trstungen, so preise die Barmherzigkeit Gottes; bleiben sie aus,
so preise seine Gerechtigkeit. Begehre nie, einen Genu in Deinem geistlichen
Leben zu finden, denn ein solcher ist leicht mit Selbstgeflligkeit gemischt;
sondern sprich mit dem heil. Bonaventura: Gibst du mir Freuden, so verwunde mein
Herz; und gibst du mir Leiden, so verwunde mein Herz - damit es deinem Herzen,
mein Heiland, hnlich werde! - Und nun genug, geliebtes Kind! tritt ein in die
Schule des Kreuzes mit vieler Demut und vieler Gromut, sieh gnzlich ab von Dir
und schaue einzig und allein auf den Gekreuzigten, dem Du nachfolgen willst. Nur
das ist der Weg, auf dem Du die Welt berwinden kannst. - Ich habe jetzt einen
Krankenbesuch zu machen, fuhr er in verndertem Tone fort. Wendel ist vor ein
paar Tagen aus Amerika zurckgekommen, schwer krank, ohne Frau und Tchter, mit
seinen drei Buben. Ich lie ihm sagen, ich wrde ihn besuchen.
    Der Wendel ist wieder da? rief Regina erstaunt; ist er vom
Republikanismus geheilt?
    Nimm Hut und Shawl und begleite mich. Unterwegs erzhle ich Dir, was ich
wei. Er wohnt jetzt bei seiner braven Schwester.

                          Gottes Mhlen mahlen langsam


Sie gingen einem Bauernhof zu, der etwa eine halbe Stunde vom Schlo am Fue
eines bewaldeten Hgels lag. Die freundliche Mrzsonne milderte mit ihrem warmen
Strahle schon etwas die scharfe Luft. Die cker wurden bestellt und lagen mit
ihren umgebrochenen Furchen in langen schwarzen Streifen neben den lichtgrnen
der jungen Wintersaat, die unter der eben geschmolzenen Schneedecke krftig
gediehen war. Die Lerchen fuhren von den Feldern auf und in den blauen Himmel
hinein und frohlockten ihr ewig junges Lied vom Lob Gottes und vom erwachenden
Frhling. Scharen von Tauben rauschten auf und nieder mit ihrem klingenden
Flgelschlag und schimmerten wie Silberflocken im lichten Blau. Der Fink sa am
Waldessaum in unbelaubten Bumen und schlug sorglos seinen sen Schlag; und aus
der Waldestiefe tnte dumpf und taktmig die Axt des Holzschlgers. Die Hhne
krhten schallend von einem Gehft zum andern. Hie und da bellte ein Hund, der
eine einsame Htte zu bewachen hatte, in welcher kleine Kinder ihrem Schutzengel
und seiner Obhut von den auf Arbeit ausgehenden Eltern anvertraut waren. Aus den
Schornsteinen stiegen kerzengerade feine geschlngelte Rauchsulen auf und
zerflossen in der Hhe. Wohltuender Friede war der Grundzug dieses schlichten
Stilllebens in der Natur- und der Menschenwelt
    Als Regina mit Levin in den frischen Tag hinaus trat, sog sie diese Bilder
und diese Klnge durstig ein und sagte dann mit einem langen Atemzuge sehr
frhlich:
    Ach, lieber Onkel! hrst Du wohl, da die Lerche singt: Dir! Dir! Dir! Dir,
Herr, sei Ehr'! - und da der Fink schlgt: Wie lieb', wie lieb', wie lieb' ich
Dich!
    Ja, Kind, erwiderte er gerhrt, wer gern an Gott denkt, der findet ihn
berall - und wer aus ganzem Herzen nach ihm verlangt, dem begegnet er berall.
    Aber wo ist denn die Wendelrose geblieben? fragte sie teilnehmend.
    Das wei ich nicht! wir werden es ja bald von dem Vater erfahren.
    Und wie ist er denn zum Kreuz gekrochen, der bse Wendel?
    Wie der verlorene Sohn. bestes Kind! Er schrieb mir im vorigen Herbst einen
verzweiflungsvollen Brief aus New-York und bat um Reisegeld zur Heimkehr fr
sich und seine Shne.
    Wie frech! Du hast ja frher so viel fr ihn getan!
    Und doch nicht genug - nicht genug fr ihn gebetet! Ueberdies gestand er
ein, da er sich der Untersttzung von meiner Seite umso unwrdiger fhle, als
er einst in seinem blinden Ha gegen die Priester mit einem Steinwurf mich
schwer verletzt habe. Dies freiwillige Bekenntnis rhrte mich sehr. Ich sorgte
fr Reisegeld - und jetzt ist er da.
    Sie hatten das Gehft erreicht. Bei ihrem Eintritt in den Hof balgten sich
drei Buben in armseligen Kleidern mit dem groen Hofhund herum, der von ihnen
ablie, um durch heftiges Bellen Fremde anzukndigen. Die Buerin eilte aus der
Kche herbei, begrte mit ehrfurchtsvollem Handku den hochwrdigen Herrn und
Regina mit bescheidener Vertraulichkeit und seufzte, in Trnen ausbrechend:
    Ach, mein armer Bruder! Nichts als das nackte Leben, Gram und Krankheit und
die Buben da - hat er heimgebracht!
    Aber vielleicht ein bekehrtes Herz: und das ist die Hauptsache, sagte
Levin trstend.
    Die Buerin fhrte den Besuch in die Stube, die mit vielen Heiligenbildern -
den Schutzpatronen der ganzen Familie - mit Kruzifix und Muttergottesbild von
Engelberg, mit Weihwasserbrnnlein und geweihtem Palmzweig - der freilich nur
Buxbaum war - sauber und freundlich sich ausnahm. Tische und Bnke waren so rein
und glatt abgewischt, da sie wie poliert aussahen. Die buntbemalte
Schwarzwlderuhr ging mit ihrem schweren Pendelschlag. Daneben hing der
Kalender; - in ungesuchter und richtiger Zusammenstellung an den Wert und die
Flchtigkeit der Zeit erinnernd. In einer Ecke stand ein Nubaumschrank, hinter
dessen Glasfenstern allerlei Kostbarkeiten vor Kindern und Fliegen bewahrt
wurden. Da standen uralte Glser mit goldenem Rande; bunte Tassen; ein
Jesukindchen von Wachs; ein Osterlmmlein von schneeweiem Zucker, mit einer
Siegesfahne von rosenfarbenem Tafft; zwei verblichene Blumenstrue, welche
einst Grfin Kunigunde vom Altar der Schlokapelle entfernt - und welche sich
die Buerin zum Andenken ausgebeten hatte; zwei hellgrne Pappkstchen, worin
sich die Goldkrnchen verbargen, die bei der heiligen Erstkommunion die Kinder
getragen hatten; einige Rosenkrnze und bemalte geweihte Kerzen, Andenken an
Wallfahrten zum heiligen Blut nach Walldrn in schweren Zeiten und groen Nten.
Kurz, die Freuden und Leiden von ein paar Generationen waren in verstndlicher
Zeichensprache hier eingeschrieben. Nichts war unbehaglich in der Stube als die
furchtbare Hitze, die aber der Bauer liebt, um sich eben so grndlich zu
erwrmen, als er bei seinen Feldarbeiten grndlich durchkltet wird. Trotz
dieser Hitze war der Grovaterstuhl am Ofen nicht leer. Da sa ein Mann von
stmmigem Wuchs, aber abgezehrt bis auf die Haut, die welk und gebrunt an
seinen derben Hnden hing, whrend sein Gesicht, ganz zerrissen von
Blatternnarben, und seine roten geschwollenen Augenlider, seinen erbrmlichen
Anblick erhhten.
    Wendel! der hochwrdige Herr besucht Dich, und Grfin Regina! sagte die
Buerin freundlich.
    Gott vergelt's, hochwrdiger Herr, Gott vergelt's tausendfach, was Sie an
mir armen Snder tun! und bin ich auch nicht Ihrer Gte wrdig, so kommt sie
doch meinen armen Buben zu gut, die es Ihnen, will's Gott! besser danken werden,
als ich! rief Wendel mit zitternder Stimme und am ganzen Krper so heftig
zitternd, da er, der aufgestanden war, um Levin und Regina zu begren, sich
gleich wieder setzen mute. Aber er ergriff deren Hnde und kte, drckte und
schttelte sie, und seine groben vernarbten Zge nahmen den Ausdruck innigster
Dankbarkeit an. Und die Buerin stand daneben und klopfte zum Ausdruck ihrer
Liebe immerfort ganz sanft mit der rechten Hand auf Reginas Schulter, whrend
sie in der Linken den Saum ihrer Schrze hielt und sich zuweilen die Augen damit
abtrocknete.
    Armer Wendel! bist Du krank gewesen? fragte Levin und setzte sich
teilnehmend zu ihm an den glhenden Ofen. Hast Du kein Gold gegraben in
Kalifornien - oder wo Du sonst warst?
    Zwei Grber hab' ich gegraben - fr eine Tote und fr eine Lebende, sonst
nichts! sagte Wendel mit dumpfer Stimme und fuhr mit der Faust ber seine
geschwollenen Augenlider.
    Wir wollen Gott danken, da Du wieder bei uns bist, sagte Levin mild
ablenkend, und die Toten der Barmherzigkeit Gottes empfehlen. Dann wollen wir
sorgen, da Du wieder gesund wirst und arbeiten kannst. Ich besorge Dir den
Arzt, Medikamente und Wein zur Strkung; Regina schafft einige Kleidungsstcke
fr Dich und die Buben an; Deine brave Schwester gibt Euch Obdach und Nahrung;
und mit der Sommerszeit bist Du ein neuer Mensch geworden - gelt?
    Und wie hat er mir zugesetzt, der Wendel, auch nach Amerika zu gehen! rief
die Buerin. Da wren Lndereien, gro wie eine Grafschaft, um nichts zu haben
und keinen Heller Steuern drfte gefordert werden - und Prinzen heirateten
Bauernmdel und Bauernbuben Prinzessinnen - und alle wren ein Herz und eine
Seele.
    Hat mir alles der Florentin erzhlt, der Florentin Hauptmann, hochwrdiger
Herr! sagte Wendel. Aus dem hat sich der Herr Graf eine Natter auferzogen! ja,
eine Natter fr viele von uns! In den bsen Jahren schlich er hier umher, und
tat so schn und sprach so klug, da es in der ganzen Welt jetzt vorwrts!
hiee, so da die geringen Leute obenauf kmen. Denn die, welche den Erdboden
bebauten, die mten ihn auch von Rechts wegen besitzen. So wr's in Amerika;
leider aber in Deutschland nicht, denn die Frsten und Edelleute verhinderten
das, und die Pfaffen untersttzten sie in ihrer Bosheit, indem sie dem gemeinen
Mann Gehorsam vorpredigten. Darum mten sie sich alle zusammentun, die das Herz
auf dem rechten Fleck, Liebe fr die Befreiung des deutschen Vaterlandes und
Sinn fr den Fortschritt htten; und sie mten es durchaus dahin bringen, da
Deutschland nicht hinter Amerika zurck und nicht in der Knechtschaft sitzen
bliebe. Das wr' eine Schande, sagte er. Und in diesem Ton ging das fort. So
sprach er, so las er aus allerhand Schriften vor. Wer ihm glaubte - das war ich!
besonders dann, hochwrdiger Herr, wenn er den Schoppen dazu setzte. Ich hatte
ja immer einen unruhigen Kopf, wie Sie ja wissen, und meinte, ich wre zu was
Besserem geboren; ich wute nur nicht zu was. Aber der Florentin steckte mir ein
Licht auf - nur leider ein Irrlicht! Ich wollte in Deutschland ein freier
Amerikaner werden, und hate deshalb Frsten und Herren und Priester, und half
Barrikaden gegen sie bauen. Ich warf grimmig den Stein gegen Ihr weies Haupt,
hochwrdiger Herr, als ich durch die Flur strich, um meine Kameraden
aufzusuchen, mit denen ich, unter Florentins Anfhrung, den Marsch auf Windeck
und die Plnderung der Gewehrkammer des Herrn Grafen verabreden wollte. Es kam
aber nicht dazu! Florentins Stirn war nicht eisern genug, um vor dem Schlo
Stich zu halten, und Grfin Regina lie uns durchaus nicht herein. Aber,
hochwrdiger Herr, da der Florentin, der doch auf dem grflichen Schlo in Sammt
und Seide und aller Gelehrsamkeit aufgewachsen und fast ein Grafensohn geworden,
und dennoch statt mit seinem Schicksal zufrieden - mit der ganzen Welt
mivergngt war: mute ich da nicht leicht irre gefhrt werden und glauben, es
gehe verkehrt auf der Welt zu?
    Es war eine Versuchung, armer Wendel, und Du httest ihr wohl widerstehen
knnen.
    Freilich, hochwrdiger Herr! aber ich war wie ein Mensch, der im Rausch
umherrast, um etwas zu ergreifen, was in seinem verkehrten Hirn sitzt, aber
sonst nirgends.
    Ach, Wendel! jammerte die Buerin, httest Du auf mich gehrt und auf
Dein armes Weib, so wrst Du nimmer in dies Elend geraten.
    Ich wei! ich wei, Brbel! Ihr war't beide brav und gottesfrchtig und
habt mir tausendmal gesagt: Wenn dich die bsen Buben locken, so folge ihnen
nicht; und habt mich bitterlich weinend gebeten, mich mit dem lieben Herrgott
durch wrdige Beicht und Kommunion zu vershnen. Dafr hab' ich Euch verlacht
und verspottet, und mich trotzig abgewendet von Gottes Gnade und Herrlichkeit,
und mein armes Weib' in's Elend geschleppt, wo sie vor Hunger und Kummer
umgekommen ist ohne Priester und Sakrament - und die Rosel verloren fr Zeit und
Ewigkeit - und den siechen Leib, den Bettelstab und die hungernden Buben in Dein
Haus zurckgebracht, weil ich auf Gottes weiter Welt sonst nicht wei wohin. Ja,
Brbel: Gottes Mhlen mahlen langsam, langsam, aber trefflich fein; was durch
Langmut er versumet, holet er durch Schrfe ein. Das war ein Kernspruch von der
Mutter selig; weit Du's noch, Brbel? ich verga ihn Zeit meines Lebens. Als
ich drben blind und krank an den Pocken lag - ein armer Lazarus vor des reichen
Mannes Tr - da fiel er mir ein und kommt mir nicht mehr aus dem Sinn. Ja, ja,
Brbel! Gottes Mhlen mahlen langsam, langsam, aber trefflich fein!
    Wenn Du das einsiehst, armer Wendel, sagte Levin mit zrtlichem Mitleid,
so ist Dein Herz ja in der Tat trefflich fein ausgemahlen.
    Und ich wollt' es schon aushalten, hochwrdiger Herr, wenn nur nicht der
Gram um mein Weib und die Rosel wre! mir hat der Florentin den Kopf verdreht -
der Rosel das Herz.
    Regina hatte bisher schweigend zugehrt. Jetzt stand sie auf und sagte mild
wie der Engel der Barmherzigkeit: Wendel, ich kann's nicht aushalten, eine so
traurige Geschichte von der armen Rose zu hren. Ich will hinausgehen und die
Buben ein wenig im Katechismus examinieren.
    Im Katechismus? sagte die Buerin, indem sie Regina begleitete; da Gott
erbarm! Die Buben sind wie die Wilden, gndige Grfin, und wissen vom
Katechismus so wenig, wie die Krhe vom Sonntag.
    Wo ist denn die Rose? kann man ihr nicht helfen? fragte Levin, als er mit
Wendel allein war. Sie kann ja nicht im Bsen verhrtet sein; sie ist ja so
jung.
    Auf Georgi neunzehn Jahre, hochwrdiger Herr. Sie war von Kindesbeinen an
ein sauberes Mdel, aufgeweckt und klug - aber hoffrtig! den Sparren im Kopf
hat sie richtig von mir geerbt: sie wollte hoch hinaus. Das grmte ihre arme
Mutter; mich freute es. Als der Florentin hier herum scharwenzelte, war sie
blutjung; aber sie suchte immer dabei zu sein, wenn er mit mir sprach, und
begriff alles so gut, da sie mir manches erklrte, was ich nicht begriff, so
z.B. das Selbstregiment, welches das Frauenzimmer in der neuen Freiheit fhren
wrde; und die edle freie Liebe, die jede glcklich machen wrde, wenn sie der
Neigung ihres Herzens freien Lauf liee. Ich meine, sie war damals schon in ihn
vernarrt. Da ich aber meinen eigenen Grillen nachging und auch sah, da der
Florentin, trotz seiner glatten Reden, viel zu hochnasig war, um nicht lieber
mit einer amerikanischen Prinzessin, als mit einem deutschen Bauernmdel zu
charmieren: so kmmerte ich mich nicht weiter darum und arbeitete fr die
deutsche Freiheit, die mich und Rosel zu hohen Ehren bringen sollte. Statt
dessen ging das Ding schief. Die Frsten brauchten ihr Recht, wie ich jetzt
sage; damals sagte ich: Gewalt! und lieen tchtig auf die Revolutionre
schieen, was sie von Anfang an hten tun mssen, um die Rdelsfhrer zu ducken
und die Betrten zu belehren, da man sich beim Barrikadenbau ganz umsonst die
Fuste blutig arbeite. Bei dem Maiaufstand in Dresden im Jahre 1849 war ich
noch; denn ich zog umher, bald hier und bald da, und lie mein Weib auf unserem
Hofe wirtschaften, und lie mir jeden Kreuzer schicken, den sie, Gott wei wie
sauer! erarbeitete. Aber in Dresden bekam ich's satt. Da hie es freilich, nun
mten alle tchtigen Mnner nach Holstein ziehen und den Dnenknig aufs Haupt
schlagen. Aber ich ging nicht mit; sondern heim, verkaufte in der Stille meinen
Bauernhof und erklrte dann meiner Frau, wir wren jetzt Auswanderer, die sich
in Amerika ein Stck Paradies aussuchen wrden. Ihr Jammergeschrei klingt mir
noch in den Ohren! - Der Hof war verschuldet, da von der Verkaufsumme nicht
einmal unser Reisegeld brig blieb. Der Herr Graf und Sie, hochwrdiger Herr,
muten eine Beisteuer geben, die ich durch mein armes Weib erbitten lie, wobei
Sie noch sagten: es tue Ihnen recht leid wegen der guten Frau. Endlich mute
auch noch die Brbel mit ihrem Sparpfennig herausrcken, damit wir nur
fortkmen. Das war eine erbrmliche Reise, ein Stck vom Fegfeuer, hochwrdiger
Herr! mein jngstes Kind starb auf der berfahrt; ein herziges Kind, die Theres,
sechs Jahre alt, der Mutter Augentrost. Es konnte die Strme und die
Seekrankheit und das Elend der Zwischendeckspassagiere nicht aushalten; es bekam
ein Fieber, das immer strker und strker wurde und am neunten Tage war es tot.
Unter den Passagieren der ersten Kajte befand sich der Florentin, der
inzwischen in Italien Revolution gemacht hatte - aber auch nicht auf die Dauer.
Er war ja ein studierter Arzt und er besuchte auch die kleine Theres; allein er
sagte, gegen einen so heftigen Typhus sei nichts zu machen. Das Kind war kaum
verschieden und noch nicht kalt, da schrie das ganze Schiff, man msse es gleich
ber Bord werfen, damit es aus dem Wege komme und nicht Ansteckung verbreite.
Sie htten es schon gerne bei lebendigem Leibe ber Bord geworfen, glaub' ich!
Meine Frau wollte schier verzweifeln. Ach, erbarmt euch, ihr Leute, erbarmt
euch! schrie sie, und schafft mir einen Priester, da er den letzten Segen ber
mein Kind spreche. Es war aber kein Priester auf dem Schiff, und die Leute, die
umherstanden und hrten, wie sie nach einem Priester jammerte, brummten in den
Bart oder grinsten hhnisch und einer sagte, man msse nicht so viel Umstnde
machen mit dem Stckchen Fischfra. Als nun meine Frau fortwimmerte: erbarmt
euch meiner, ihr Leute! es ist ja ein christliches Kind! ein im heiligen Blut
Jesu getauftes, unschuldiges Kind! das kann man ja nicht dahinwerfen ohne
priesterlichen Segen! da trat die Rose auf sie zu, schttelte sie am Arm und
sagte ganz rot und verlegen: Mutter, schreit doch nicht so! die Leute sehen Euch
an und wundern sich, was ihr mit dem Priester wollt! man mu sich ja schmen fr
Euch! - Starr blickte die arme Frau die Rose an und sagte kein Wort mehr; aber
sie schluchzte, als ob ihr das Herz brechen wollte. Und nun nahm sie das Beste,
was sie ihrem Kinde zu geben hatte, ihren Rosenkranz nahm sie vor, der am
heiligen Blut zu Waldrn geweiht war, den sie manches Jahr in der Tasche bei
sich getragen und hundert- und tausendmal gebetet hatte. Den zog sie hervor und
kte ihn andchtig, und kte einzeln den lieben Herrgott und die
Muttergottesmedaille, die daran hingen. Dann schug sie ihn um den Hals des
Kindes und steckte das Kreuzchen mitten auf der Brust des Kindes mit einer Nadel
ganz fest am Hemdchen an. Dann schlug sie die kleine Leiche von Kopf bis zu Fu
in eine ihrer Schrzen sauber und sorgsam ein und trug sie vorsichtig auf ihren
Armen zu den Matrosen, welche sie in ein altes Stck Segeltuch wickelten, mit
Stricken auf ein schmales Brett festschnrten, an dessen Fuende eine eiserne
Kugel hing. Das sah sie alles mit an, die arme Mutter, und die drei Buben und
ich sahen es auch mit an; und darauf sagte sie: Nun kommt, ihr Kinder! nun
wollen wir fnf Vaterunser und fnf Gegrt seist du, Maria fr unsere liebe
kleine Theres beten, damit sie bald zur seligen Anschauung Gottes gelange;
kniete nieder mit ihren Buben und betete laut. Und ich betete mit, hochwrdiger
Herr, aber leider nur ganz leise. Und ich kniete auch nicht; mir waren die Knie
steif von Trotz gegen Gott und von Menschenfurcht. Die Rose aber war gar nicht
mitgegangen, hatte sich in ein Eckchen gedrckt und weinte da still vor sich;
denn nicht aus Bosheit hatte sie so hart zur Mutter geredet, sondern aus
Menschenfurcht, besonders wegen dem Florentin; und Sie sehen, hochwrdiger Herr,
da sie von mir auch den Sparren im Kopf geerbt hatte. Endlich hoben die
Matrosen das traurige Brett auf. Da stie mein armes Weib einen dumpfen Schrei
aus und fiel wie tot zu Boden. Ich aber schaute starr aufs Meer und sah Etwas in
die Wellen hineinschieen, die sich spalteten und wieder zusammenrauschten; und
es wurde mir schwarz vor den Augen. - -
    Wendel schwieg erschpft, drckte seine Hnde krampfhaft an die Stirn und
sagte nach einer Weile:
    Ich will es kurz machen, hochwrdiger Herr, und Sie nicht ermden mit der
Erzhlung von allem, was wir drben gelitten haben. Es waren nur zwei Jahre,
aber man knnte dicke Bcher davon schreiben. Das Schiff war ein Stck Fegfeuer;
ja! aber da hoffte ich! Drben kam die Hlle, wo man nicht mehr hofft. Geht man
hinber, ledige Leute, krftig, zu jeder Arbeit willig; oder Vater und Mutter
noch rstig und mit erwachsenen rstigen Kindern - nun ja, dann schlgt man sich
durch unsgliche Mhsale durch, und mu auch die eine Hlfte darber ins Gras
beien, so kommt die andere doch wohl auf einen grnen Zweig. Aber wir! - wir
waren unserer sechs, von denen die drei Buben nicht arbeiten konnten, weil der
lteste erst zwlf Jahre alt war. Ich ging nicht nach Amerika, um zu arbeiten;
htte ich das gewollt, so htte ich daheim bleiben und Weib und Kinder ernhren
knnen. Die Rose war ebenso arbeitsscheu wie ich, alle Untugenden hat sie von
mir geerbt. Da war also niemand, der sich auf die Arbeit verlegte, als meine
Frau. Essen und Obdach haben - wollten wir aber alle sechs. Es gibt auch gar
keine Arbeit in den groen Seestdten fr die armen Auswanderer. Die mssen
gleich in die Landstrecken des Westens ziehen und ein kleines Betriebskapital
mitbringen, um sich das Notwendigste an Lebensbedarf, Gertschaften und was eine
Niederlassung und Ackerwirtschaft in der Wildnis erfordert, zu kaufen. So
machtens ein paar Schwaben, Vater und Sohn, brave Leute, mit denen wir zufllig
den ersten Tag zusammentrafen. Der Sohn freite auf der Stelle um die Rose.
Weibsbilder sind rar in Amerika; da bleibt keine ledig. Aber Rose rmpfte
gewaltig die Nase und meinte, es verlohne sich nicht der Mhe, nach Amerika zu
gehen, um dort einen schwbischen Bauern zu heiraten; den knne man auch in
Europa haben. Sie war wie behext von dem Florentin. Auf der Reise hatte das
angefangen und es nahm zu, je mehr Florentin erkannte, da in New-York die
amerikanischen Prinzessinnen nicht herumliefen, die sich ihm in die Arme werfen
wrden. Da stieg denn das Bauernmdel ganz gewaltig in seinen Augen, und da er
sich auch recht verlassen fhlen mochte, so tat's ihm wohl, da sie ein Herz fr
ihn hatte. Es ging ihm schlecht, ich sah es an seinem abgetragenen Rock; und er
fing auch bald an, auf Amerika zu schimpfen, obgleich mehr und mehr von seinen
Leuten, den Revolutionsmnnern, herber kamen. Es hatte aber jeder vollauf zu
tun, um sich nur durchzubringen; denn alles, was zum Lebensbedarf gehrt, ist
furchtbar teuer da drben. Was man anschaut, kostet einen Dollar. Da kann nicht
so leicht einer dem andern beistehen, wenn er auch wollte, und wenn er Zeit
htte, an einen andern zu denken, als an sich selbst. Jeder mu zugreifen und
das Stck Arbeit, das er eben findet, geschwind verrichten; sonst schnappts ihm
ein anderer vor der Nase weg. Mit seinem Pulsfhler wird er sich den Geldbeutel
wohl nicht sehr gespickt haben, der Florentin! Kurz, er fing an von Kalifornien,
dem Goldlande, zu sprechen; denn er kam immer fleiig zu uns - versteht sich
wegen der Rose. Mir aber fielen vor dem amerikanischen Paradiese die Schuppen
von den Augen. Wir schmachteten im grlichsten Elend und ich glaubte auch an
sein Goldland nicht. Ein Wort gab das andere; und endlich verbot ich ihm, den
Fu je wieder ber meine Schwelle zu setzen. Er ging - und am anderen Morgen war
die Rose verschwunden. Wir haben sie nicht wieder gesehen!
    Stelltet Ihr denn gar keine Nachforschungen an, Wendel?
    Ach, lieber hochwrdiger Herr! ein blutarmer Mann kann in Amerika keine
anderen Nachforschungen anstellen als die, da er Tag und Nacht Stra' auf
Stra' nieder rennt und sein Kind sucht. Nachforschungen von den Behrden kosten
viel Geld! Der wackere Geistliche, bei dem mein Weib in die Messe und zur Beicht
ging und an den sie sich in ihrem Herzeleid wendete, tat, was er konnte, um die
Verlorene aufzuspren; er selbst und andere barmherzige Leute. Aber nirgends die
geringste Spur! sie wird sich eben mit dem Florentin auf ein Dampfschiff oder
die Eisenbahn gesetzt haben und in die weite Welt - oder zur Hlle gefahren
sein! Mein Weib wurde ein Jammerbild. Hunger, Sorge, schwere Arbeit hatten ihr
nicht so zugesetzt, wie der Gram um Rosel. Schau', Wendel! sagte sie und sah
mich an mit ihren hohlen eingesunkenen Augen; schau', wohin der Mensch kommt,
der den Glauben verliert. Fr unsere kleine Theres' hat die Rosel damals den
priesterlichen Segen verachtet; jetzt verachtet sie ihn fr sich selbst und geht
in blinder heidnischer Weis' zu einem Mann, der sie in Schande und Unglck
strzen wird. - Es ging mir durch Mark und Bein, denn ich hatte ja auch den
Glauben verloren und das hatte mein armselig Mdchen ebenfalls von mir geerbt!!
- Der brave Geistliche hatte groes Erbarmen mit uns, das ich wahrhaftig nicht
verdiente, denn trotz meines Elendes hatte ich mich nie im Gottesdienste, nie
bei den heiligen Sakramenten eingefunden. Ein Farmer, der alle Jahr zur
sterlichen Zeit nach New-York kam und dreihundert englische Meilen nicht
scheute, um seine Christenpflicht zu erfllen, hatte den Pfarrer gebeten, ihm
einen tchtigen Knecht zu verschaffen. Der Pfarrer empfahl mich und stellte dem
braven Farmer, der sein Weib verloren hatte und sich nicht zur zweiten Ehe
entschlieen konnte, so dringend vor, wie ntig ihm eine Magd sei, da er ganz
gern auch mein Weib als Haushlterin nahm; und als er so weit war, da erklrte
ihm der Pfarrer, die drei Buben msse er obendrein nehmen - und so lange sprach
er ihm zu und so innig verhie er ihm die Seligkeit, welche die Barmherzigkeit
erwartet, da sich der gute Farmer endlich willig fand uns alle aufzunehmen. Wir
zogen mit ihm in die Wildnis. Wre meine Arbeitsscheu nicht mrbe geworden vom
Hunger, hochwrdiger Herr, so htte ich mich billig entsetzen drfen vor der
rauhen, schweren, mhseligen Arbeit, die mich erwartete. Hier war ich zu faul
gewesen, um als Bauer meine Ackerwirtschaft zu bestellen, da ich meine, ich
htte zuweilen Blut geschwitzt. Doch gleichviel! der Herr war gut und teilte
alles mit uns, das rohe Obdach und die grobe Kost; wir konnten leben. Ein Stck
Wald sollte in urbares Land verwandelt werden; da mute man alle Bume und
Struche nicht blo fllen, sondern auch Wurzeln aus der Erde graben. Das war
mein Geschft; die Frau besorgte die Kche, die Milchwirtschaft und was es im
Hause zu tun gab. Die Buben gingen ihr und mir zur Hand, hteten Pferde, Khe
und Hhner und halfen dem Herrn, der mit der Feldwirtschaft, der Jagd, dem in
Stand halten seiner Gertschaften vollauf zu tun hatte. Ein neues und greres
Blockhaus wurde gebaut. Das alte war zu eng und ganz vermorscht; der Farmer
hatte es bereits halb zerfallen vorgefunden. Als das neue fertig war, kam es uns
vor wie ein Schlo so stattlich - und bestand doch nur aus Wnden von
Baumstmmen mit Moos verstopft und aus dem natrlichen Estrich der Erde, nur
festgestampft. Es war recht feucht, dies Schlo und wir lieen, als wir es
bezogen, am ersten Tage das Feuer gar nicht in unserer Kammer ausgehen. Es
brannte in einer Art von Kamin auf einem niedrigen Herd von Lehm. Zu beiden
Seiten des Kamins waren Schlafsttten bereitet: rohe Bretter lagen auf dem
nackten Boden, ungegerbte Tierfelle bedeckten sie und darauf war eine dicke
Streu von drrem Laub gehuft. Hier bei uns hat kein Taglhner ein so elendes
Lager. Nun, ich war froh, da wir wenigstens dies hatten und ich streckte meine
totmden Glieder recht bequem zur Ruhe aus. In der Nacht fuhr ich halb und halb
aus meinem bleiernen Schlafe auf. Mir war, als htte ich dumpfes Gerusch
vernommen und tiefes Seufzen. Was gibt's! rief ich schlaftrunken. Sei ruhig! ich
bin bei den glimmenden Kohlen; antwortet mein Weib und ich schlafe wieder fest
ein. Mit dem Tage erwache ich und was mu ich sehen, hochwrdiger Herr! schwarz
im Gesicht, steif gestreckt, liegt mein Weib tot am Boden - und in der Asche des
Herdes eine zusammengeringelte Schlange! Neben mir stand ein Holzklotz, auf dem
wir das Brennholz spalteten. Ich hob ihn auf und warf ihn mit aller Macht auf
die Schlange, die er zermalmte, und dann hieb ich ihr mit der Axt den Kopf ab.
So waren die Buben gerettet - aber mein liebes, frommes Weib war dahin, klglich
umgekommen, ohne Priester und Sakrament. Wir huben ein Geheul an, da es die
Steine htte erbarmen mgen. Der Farmer kam und weinte mit uns. Er war kreuzbrav
und sehr fromm, wie die meisten Irlnder sind. Er sprach viele Gebete bei ihrer
Leiche und, nachdem wir sie armselig verscharrt hatten, an ihrem Grabe; und er
zimmerte ein Kreuz und steckte es darauf. Die Schlange hatte vermutlich halb
erstarrt in ihrer Hhle unter der Erde und in der Nhe des Kamins gelegen, war
durch das Feuer erwrmt und geweckt worden und hatte sich einen Ausweg gesucht,
um in dessen Nhe zu kommen. Das geschieht nicht selten. Vermutlich hatte mein
armes Weib bei den glimmenden Kohlen das Untier gesehen. Htte sie es ruhig
liegen lassen, so wre es vielleicht nach einigen Stunden ohne Schaden zu tun
fortgekrochen; denn diese Art pflegt nur dann zu stechen, wenn man ihr irgendwie
in den Weg kommt. Sie ist aber so giftig, da der Mensch augenblicklich von
ihrem Stich aufschwillt, stirbt und schnell in Verwesung bergeht. Wir glauben,
da mein armes Weib aus Angst um die Buben, die auf der anderen Seite des Kamins
schliefen, den Kopf verlor und die Schlange zu erschlagen versuchte mit einem
dicken Knttel, den wir neben dem Herde fanden, und da sie dadurch das Tier zum
Stich aufreizte. So erklre ich mir das dumpfe Gerusch, das mich weckte. Aber
noch in ihrem Todessthnen dachte sie an mich und die Buben! Sei ruhig! sagte
sie. Htte sie mich geweckt, wie leicht htten die Buben erwachen und Lrm
machen und die gereizte Schlange uns alle in der Dunkelheit um's Leben bringen
knnen. Sie war nun dahin, die gute Seele, und der liebe Gott schenke ihr die
ewige Ruhe. Auf Erden hat sie nicht viel gute Tage gehabt - durch meine Schuld!
Mein Farmer vermite sie sehr und sagte mir eines Tages, es ging nicht gut im
Hause ohne Frau; er msse sich entschlieen, ein Weib zu nehmen. Mir wurde das
Herz ganz schwer bei dieser Rede! ich wei nicht warum! aber ich konnte ihm nur
denselben Rat geben. Er vertraute mir die Farm an, ritt von dannen und kam erst
nach zwei Monaten wieder mit einer schnen jungen Frau und zwei Schwgern,
stmmigen Burschen, die mich scheel ansahen und meine Buben noch mehr. Nach drei
Tagen erkrankte die junge Frau und die Pocken brachen so furchtbar bei ihr aus,
als sei sie nie geimpft worden. Wer in der Wildnis krank wird, mu von selbst
gesund werden oder sterben! rzte sind unerreichbar. Die Frau starb. Der Farmer
hatte sie treu gepflegt und dabei das Pockengift eingesogen. Er wurde ebenfalls
krank und starb in groen Qualen, der brave Mann; die Schwger aber sagten, nun
htten sie die Farm geerbt und sie brauchten keinen Knecht mit drei Kindern. Sie
gaben mir das Notwendigste, um nach New-York zurckzukehren und so stand ich
denn im vorigen Sptjahr wiederum bettelarm vor der Tre des braven Pfarrers. Da
konnt' ich aber die Last meiner Leiden und meiner Snden nicht mehr ertragen.
Der liebe Gott mute sie mir tragen helfen. Ich erleichterte mein Herz durch
eine reumtige Lebensbeicht und dann schrieb ich Ihnen, hochwrdiger Herr, und
bat Sie um Reisegeld zur Heimkehr, und der brave Pfarrer schrieb Ihnen auch. Ehe
das Geld aber ankam, ergriffen mich die Pocken und ich war so geschwcht von
all' meinem Elend, da die heftige Krankheit mich fast um all' meine Sinne
brachte. Ich lag drei Monate im Spital, fast blind, halb taub, zitternd an allen
Gliedern, und so bin ich denn, wie Sie mich jetzt sehen, aus dem amerikanischen
Paradiese heimgekehrt. -
    Es wurden Stimmen im Hofe laut und Mnnerschritte lieen sich vernehmen.
Wendel blickte mit seinen kranken Augen scheu nach dem Fenster und Levin stand
auf, um zu sehen, was vorfalle. Da flog die Tre auf und die Buerin strzte mit
den Geberden hchster Verzweiflung in die Stube und schrie:
    Wendel! sie sagen, die Rose sei eben gefunden, erstickt im Kohlendampf. O
Jesus Maria! ist sie denn nicht in Amerika geblieben, Wendel! -
    Zwei Gerichtsdiener folgten der Buerin; die Buben drngten sich ngstlich
herein und in eine Ecke; Regina eilte schreckenvoll zu Levin und umfate seinen
Arm; Wendel rhrte sich nicht; alle sahen gespannt die Gerichtsdiener an. Diese
grten hflich Levin und der eine sagte zur Buerin:
    Heule Sie nicht, Frau, und komm' Sie mit uns. Ist Ihre Nichte wirklich in
Amerika, so kann sie freilich nicht bei uns erstickt im Kohlendampf liegen. Da
aber die Leute sagten, es sei die Wendelrose, die vor dritthalb Jahren mit ihren
Eltern ausgewandert sei und wir mchten uns bei Ihr, Frau, Auskunft holen: so
sind wir gekommen, um Sie mitzunehmen.
    Wendel, hrst Du nicht! schrie die Buerin ganz auer sich. Die Leute
sprechen ja, Deine Tochter sei da - aber tot.
    Seine Tochter! rief der Gerichtsdiener erstaunt. Ist denn der Wendel auch
aus Amerika zurckgekommen? Htt' ihn nimmer erkannt! er sieht ja aus wie sein
eigener Grovater. Nun Wendel, sprecht: kann das eure Tochter sein?
    Gottes Mhlen mahlen langsam, sagte Wendel stumpf, tat seine kranken Augen
weit auf und blickte mit bldsinnigem Lcheln umher.
    Auch das noch! er ist irr! chzte die Buerin und fiel auf die Bank. -
    Regina untersttzte sie und rief nach Essig und kaltem Wasser. Der
Gerichtsdiener sagte ehrerbietig zu Levin, der den unglcklichen Wendel in
seinen Armen hielt:
    Hochwrdiger Herr, reden Sie der Frau zu, da sie mit uns gehe. Der arme
Mann ist ja seiner nicht mchtig. Vielleicht ist's auch nicht die Wendelrose.
Die Bruerin aus dem roten Ochsen kann sich ja irren. Man mu nur Gewiheit
haben, ob Ja, ob Nein.
    Hat die Bruerin aus dem roten Ochsen gesagt, da es die Wendelrose sei: so
ist sie es; nahm die Buerin mit schwacher Stimme das Wort; denn die ist aus
der Verwandtschaft meiner Schwgerin selig. Wer von uns zur Stadt geht, kehrt
bei ihr ein. Die kennt die Rose wie ihr eigen Kind. -
    Man kam endlich dahin berein, da die beiden ltesten Buben mit den
Gerichtsdienern in das benachbarte Stdtchen gingen. In einer Oberstube des
Posthalterhauses lag auf dem Bette, vllig angekleidet und in einen schottischen
Shawl gehllt, eine weibliche Gestalt. Die Fenster des Zimmers waren geffnet
und die Tre verschlossen. Ein Gerichtsdiener hielt vor derselben Wache. Unten
in der Wirtsstube drngten sich die Leute und besprachen das grausige Ereignis.
Als die beiden Buben anlangten und die Treppe hinauf gefhrt wurden, wlzte sich
ein Menschenstrom ihnen nach, und kaum ffnete sich ihnen die Zimmertr, so
strzten Beide mit dem Jammergeschrei: Rosel! ach Rosel! dem Bette zu. Nun
wute man, da es die Wendelrose sei!
    Das Gericht nahm ihren armseligen Reisesack in Verwahrung. Es fand sich
darin kaum das Notdrftigste an Wsche, ihr Pa, der vor einigen Tagen in London
ausgestellt war, und ein kleines Buch von der Nachfolge Christi, in welchem der
Name Kunigunde Windeck stand. In diese Hnde war Regina's fromme Gabe an
Florentin geraten!
    Tags zuvor in aller Frhe war aus dem Post-Omnibus, der zwischen
Aschaffenburg und Miltenberg fhrt, in diesem Stdtchen ein junger Mann und eine
junge Frau ausgestiegen, die man fr Englnder hielt, denn sie sprachen englisch
und trugen blaue Brillen. Er forderte ein Zimmer und Frhstck. Man hrte sie
lebhaft, ja heftig sprechen - wohl eine Stunde lang. Dann ging der Mann fort und
sagte zu der Magd in der Kche: wenn die Frau zu Mittag noch da sei, was er aber
nicht glaube, so mge man ihr eine Suppe bringen. Sie war noch zur Mittagszeit
da und die Magd brachte ihr etwas Essen. Sie lag auf dem Bette, hatte ihre blaue
Brille abgelegt und die Magd bemerkte, da sie furchtbar geweint habe. Gegen
Abend ging sie aus und blieb ein paar Stunden fort. Als sie wiederkam, war es
ganz finster und sehr kalt. Sie zitterte am ganzen Krper und begehrte Feuer im
Ofen und einen Kasten voll Kohlen. Als die Magd das Feuer angezndet hatte und
das Mittagbrot unberhrt auf dem Tische sah, fragte sie, ob sie vielleicht
warmes Abendessen bringen solle. Nein, war die Antwort, aber Bier; ich
verschmachte vor Durst, denn ich habe ein Fieber. Als die Magd das Bier brachte,
dankte sie ihr und schlo die Tre hinter ihr zu. Am anderen Morgen um neun Uhr
war es noch immer ganz still bei der Fremden. Die mitleidige Magd horchte,
klopfte leise an und versuchte die Tre zu ffnen. Alles blieb still. Sie wurde
ngstlich, lief zur Wirtin und bat diese, die Fremde zu wecken. Aber umsonst.
Die Stille war so unheimlich, da die Posthalterin den Schlosser rufen und die
Tre sprengen lie. Kohlendunst erfllte das Zimmer, denn die Klappe des Ofens
war zugedreht - und die Fremde lag tot auf dem Bette. Neben dem leeren Bierkrug
lagen zwei Zwanziger auf dem Tische. Dies war das Ende der Wendelrose: Hoffart,
die in Gemeinheit unterging; zuerst der Rausch der Sinnlichkeit, zuletzt der
Rausch des Biers; - Schmach im Leben, Schmach im Tode. Abseits an der
Kirchhofsmauer wurde sie in aller Stille beerdigt, und kein Priester sprach den
Segen ber ihrem Grabe. Als die Begebenheit bekannt wurde, erzhlte ein
Reitknecht: es sei an jenem Abend ein Frauenzimmer im Windecker Schlohof
erschienen und habe sich scheu umgesehen. Er habe sie fr eine Art von Bettlerin
gehalten und sie gefragt, ob sie den hochwrdigen Herrn zu sprechen wnsche.
Nein! habe sie gerufen, den Priester will ich nicht! aber die Grfin Regina! Auf
seine Antwort, da diese abwesend sei, habe sie sich gleich entfernt. Eine
Stunde spter sei Grfin Regina angekommen; so da er bei sich selbst gedacht
habe: Schade, da die arme Person nicht gewartet hat! - Noch da, gleichsam in
ihrer letzten Stunde, bot ihr die gttliche Barmherzigkeit Vershnung und Gnade
durch seinen Priester an. Der htte sie grettet an Leib und Seele. Sie schlug
ihn aus; sie begehrte menschliche Hilfe; als sie diese nicht fand - ging sie
unter an Leib und Seele. -
    Florentin war verschwunden. Leichten Herzens ging er nach der Schweiz. Hatte
er nicht das uerste fr Rose getan und sie zurckgebracht auf die Schwelle
ihrer Heimat, nachdem er sie dem Elend in New-York entrissen und seine Armut in
London mit ihr geteilt? Um welchen Preis, das brachte er nicht in Anschlag. Es
war ja ihr Wille, ihre Leidenschaft fr ihn, welche sie zu seiner Sklavin
machten. Sie war ja glcklich durch ihn, so lange er sie liebte - und da er sie
nicht ewig lieben werde, htte sie sich doch wohl vorstellen knnen. Er hatte
ihr ja tausend Mal gesagt, das wahre Glck beruhe nur auf freiwilligen
Verhltnissen und Neigungen und ersterbe in jeder Art von Zwang. Zwang des
Herzens sei ein Verbrechen, ein Selbstmord, den der Mensch an seiner Liebe
begehe; und weil die Ehe diesen Zwang auf zwei Leute fr immer werfe, die
vielleicht nach sechs Monaten grndlich gleichgltig fr einander wren: so
msse man die Ehe verabscheuen. Mit dem allen war sie einverstanden gewesen, so
lange er sie liebte - und dann pltzlich nicht mehr! Schwche des weiblichen
Kopfes, der jeder Logik unzugnglich ist, weil er von den falschen Schlssen des
Gefhls bermeistert und konfus wird, sprach Florentin zu sich selbst. Alle
Frauen scheitern an ihrem Subjektivismus! Zur hohen objektiven Anschauung und
Beurteilung groer allgemeiner Verhltnisse, denen man sich mit voller Kraft und
Begeisterung hingeben mu, erschwingt sich keine! - nmlich keine Rosel. Die
bleibt im Gefhl stecken .... und Punktum! - Aber das Gewissen lie sich nicht
ganz bertuben. Wer steckte denn tiefer im praktischen Subjektivismus, nmlich
im Egoismus, als er? In stiller Nacht, in den Augenblicken, welche dem Schlaf
vorhergehen, wenn die geheimnisvolle Macht, die einen Riesen an geistigen und
leiblichen Krften in unsichtbare unwiderstehliche Fesseln schlgt, seine
richtige oder falsche Logik durch das Einschlafen unterbrach: dann stiegen
andere Bilder in Florentin's halbtrumenden Gedanken auf. Ja! ihre Leidenschaft
hatte sie zu seiner Sklavin gemacht; aber auf dem Bauernhof ihrer Eltern, auf
dem Auswandererschiff, in dem Elend von New-York hatte er diese Leidenschaft
geweckt und genhrt durch seine giftigen Lehren, seine verderblichen Ansichten.
Warum hrte sie hin? warum nahm sie dieselben an? Ja, das war freilich ihre
Schuld: sie gab Gehr dem Zischen der alten Schlange! Aber warum schmeichelte er
ihr mit seiner Bewunderung, da ein schlichtes Bauernmdchen eine so feine
Fassungsgabe besitze, und warum ging diese Bewunderung mehr und mehr auf ihre
Persnlichkeit ber, und warum fand er einen solchen Reiz in der Wahrnehmung,
da ihr Herz, welches er so geflissentlich vom Glauben an Gott und an gttliche
Gebote ablste, ihn zu einem Gott machte, an den es glaubte? Ich bin kein Gott!
rief Florentin aus seinen Bildertrumen sich aufreiend und wach schttelnd. Ich
bin kein Gesetzgeber fr andere! warum glaubte sie an mich? warum folgte sie
mir? - - Ein Grauen berfiel ihn, da er die Verantwortung seiner Grundstze und
ihrer Folgen fr sich selbst und fr andere bernehmen solle; und doch wollte er
behaupten, diese Grundstze wren die einzig wahren, und an ihrer Verbreitung
und Durchfhrung hnge der Fortschritt der Menschheit. Und immer, wenn er
einschlafen wollte, kamen diese qulenden Vorstellungen. Sein eitler Triumph,
als sie, alle weibliche Zurckhaltung verlierend, ihre Eltern floh und zu ihm
kam - und fr ihn arbeitete und sich abmhte, was ihr sonst ein Gruel war - und
fr ihre Person mit dem Armseligsten sich begngte, whrend sie sonst an eitlem
Tand bergroes Wohlgefallen hatte - und ihm nach London folgte und auch dort
mit bermenschlicher Anstrengung zu jeder Arbeit, zu jedem Dienst bereit war, um
ihr Leben zu fristen, damit sie ihm nur nicht zur Last falle und um wohl gar
seinen Bedrfnissen abzuhelfen! Und wie sein eitler Triumph bald verrauschte und
berging in Widerwillen, ja, in grimmigen Ha, weil sie ihm frchterlich zur
Last fiel mit ihrer Person, mit ihrer Opferwilligkeit, mit ihrer Liebe, die er
verachtete, weil sie sich mihandeln lie. Die Unglckselige, was sollte sie
beginnen? Lieben mu das Menschenherz; dazu ist es geschaffen, dazu wird es von
der Natur gedrngt, dazu geheiligt von der Gnade; das ist sein hchstes,
irdisches und gttliches Gesetz. Aber die Unglckselige! sie hatte die Liebe zu
Gott verlassen, den einzig chten Quell jeder Liebe hienieden, welche Anspruch
machen darf auf diesen himmlischen Namen; sie klammerte sich an die Kreatur, und
umso fester, als sie keinen anderen Halt hatte - und das nannte sie Liebe. Mit
einer Ausdauer, welche unter anderen Verhltnissen und um Gottes Willen gebt,
die schnste Tugend und die lichteste Glorie des weiblichen Herzens ist, ertrug
sie Florentins schneidende Behandlung, die Ausbrche seines Zorns, seines
Widerwillens, seine Vorwrfe ber ihre lstige Gegenwart. Sie suchte sich
unsichtbar zu machen, um ihm nur nicht in den Weg zu kommen. Sie wnschte gar
nicht von ihm beachtet zu werden; und all' diese unsglichen ngste und
Erniedrigungen nahm sie hin, damit er sie nur in seiner Nhe dulde und sie nicht
ganz verstoe. Wenn er damit drohte, ja, dann geriet sie auer sich und in einen
solchen Wahnwitz von Verzweiflung, da er sich frchtete. Httest Du einen Hund,
sagte sie, den Du nicht zu fttern brauchtest, wrdest Du ihm nicht den Platz im
Winkel Deines Zimmers gnnen? verlange ich mehr als ein Hund? In welchem Roman
hast Du das gelesen? fragte er hhnisch. Sie hatte es allerdings in einem Roman
gelesen, den er ihr mit groen Lobsprchen gegeben hatte. Aber sie schwieg, denn
das hatte er vergessen. In seinen Trumen fiel es ihm wieder ein. Als Orest ihm
in London die Hundertpfundnote gab, warf er ihr ein paar Goldstcke hin und
sagte kalt: I Dich einmal satt! Sie tat es buchstblich einmal. Das brige Geld
hob sie auf, um es ihm zu geben, wenn er spter nichts mehr haben wrde, wenn
die Redaktionen der Journale seine Artikel unbenutzt zurckschickten und wenn es
ihn langweilte, ungelehrigen Kindern Unterricht in der deutschen Sprache zu
geben. Mit Frohlocken fand er zu Ende des Winters die kleine Summe auf seinem
Tisch. Er fragte nicht, er dankte nicht; er rief nur: Jetzt reisen wir! Sie
wagte nicht zu fragen, wohin? Er reiste mit ihr ab und fort bis zu jenem
Stdtchen, wo er ihr erklrte: hier knne sie sich zu ihren wohlhabenden
Verwandten begeben oder sich anderweitig leicht ihr Brot verdienen, und hier
trennten sich ihre Wege fr immer; sie sei der Fluch seines Lebens und den mge
er nicht lnger mit sich herumschleppen. Sie bat und flehte; er drohte und
zrnte. Da sagte sie, sie werde sich das Leben nehmen; er lachte - und ging von
dannen. Aber in seinen halbwachen Trumen fiel ihm ein, da sie das sagte, und
er fuhr zhneknirschend auf: Bah! wollten sich alle Weiber aus Liebesgram ein
Leid antun, so wre die halbe Welt entvlkert. Und endlich schlief er denn doch
ein. -
    Der arme Wendel aber murmelte ununterbrochen.
    Gottes Mhlen mahlen langsam. Das war der Gedanke, der sich am tiefsten
seines Gemtes bemchtigt hatte und der ihm Stich hielt, als sein von Leiden
aller Art geschwchter Organismus unter dem letzten furchtbaren Schlag seine
geistigen Fhigkeiten, sein klares Bewutsein verlor. Seine brave Schwester
gnnte ihm gern den Platz im Grovaterstuhl hinter dem Ofen im Winter - und im
Sommer auf der Bank unter dem alten Birnbaum im Garten, wo die Bienen so munter
summten. Im Hause tappte er still herum, tat nichts, sprach mit niemand. Seine
Buben zog die Buerin ebenso rechtschaffen und fromm auf, wie sie ihren eigenen
Sohn erzogen hatte, der ihr im Sptjahr eine liebe willkommene Schwiegertochter
ins Haus brachte. Regina und Levin besuchten fters den Bauernhof und seine
guten Menschen. So wie Wendel Levin erblickte, pflegte er lebhaft auszurufen:
Gottes Mhlen mahlen langsam und die Buerin pflegte betrbt beizusetzen:
    Ach, hochwrdiger Herr! htte die arme Rosel das bedacht, so htte sie Bue
tun und vielleicht noch eine Heilige werden knnen.
    Ja, sagte Levin, Gott will nicht den Tod des Snders, sondern da er sich
bekehre und lebe.

                                  Brautkrnze


Hyazinth hatte das wunderbare Erbe angetreten, das niemand durch irdische
Begabung beanspruchen und durch irdische Berechtigung in Besitz nehmen kann; das
wunderbare Erbe, welches dem Auserwhlten himmlische Begnstigung zuwendet, an
die zugleich irdische Entsagung geknpft ist, damit er eingedenk bleibe, da
diese hchste Gunst von oben komme und keine Naturgabe sei; Hyazinth hatte die
Priesterweihe empfangen. In seiner zrtlichen Andacht zur Mutter Gottes whlte
er den Tag Maria-Hilf, um seine Primiz, seine Erstlingsfeier des heiligen
Meopfers, zu begehen. Ganz Windeck war in einem Freudenrausch; sogar der Graf -
obgleich er behauptete, er werde nur durch die brigen mit fortgerissen, ihm
blute eigentlich das Herz, da ja nun der gute Hyazinth in sein kaplanisches
Elend hineingehen msse. Dennoch tat er alles, um in seiner Weise das Fest zu
verherrlichen. Das Schlo wurde von oben bis unten bekrnzt, bewimpelt und
beflaggt, die Bller aufgestellt, die ganze Verwandtschaft und Freundschaft
eingeladen, die Kapelle glnzend geschmckt. Ein wunderschner Kelch sollte sein
Angebinde fr Hyazinth sein. Die Baronin Isabelle, Regina und Corona hatten jede
ein Megewand fr ihn gestickt und Regina ihm den Kranz gewunden.

    Denk' an mich, wenn Du ihn trgst und bitte Gott, da ich bald einen
hnlichen Brautkranz tragen drfe, sagte sie, als sie ihm den Kranz reichte.
    Die heilige Gottesmutter vergit Dich nicht, entgegnete Hyazinth.
    Es kamen viele Verwandte. Uriel fehlte nicht. Sogar Orest traf aus Mailand
ein; Uriel hatte darauf gedrungen.
    Am Tage Maria-Hilf trug die ganze Natur den brutlichen Frhlingsschmuck;
die Erde lachte im Bltenkranze des Mai und der blaue Himmel unter seiner
Sonnenkrone. Die Schlokapelle glich einer Blumenlaube mit Kerzenlicht
durchwebt; der Altar war strahlend. Hyazinth im weien, goldgestickten
Megewande, den mystischen Brautkranz auf der reinen Stirn, ging zum Altar;
neben ihm die mystische Braut, die ihm die brennende Kerze trug, ein kleines
sechsjhriges Mdchen, die jngste unter allen Verwandten. Levin und Pater
Athanasius von Kloster Engelberg, Hyazinth's Beichtvater von Kindheit auf,
assistierten. Ein wunderbares Fest! auf Erden wird es gefeiert, aber es gehrt
dem Himmel an. Die Weihe, das Opfer, der Gegenstand, die Bestimmung - alles ist
himmlisch, alles ist Gnade, alles betrifft den bernatrlichen Menschen. Da
wandelt ein Jngling zum Altar, verliebt in die gttliche Liebe und dem
geheimnisvollen Opfer, das seine gebenedeite Hand als reines und demtiges
Werkzeug vollzieht, schliet er das Opfer seiner vollkommenen Hingebung an und
da, wo der se Wohlgeruch des heiligsten Blutes zum Throne Gottes emporwallt,
da steigt auch aus der zartesten Blte des Menschenwesens ein Arom von
unirdischer Lieblichkeit und Schnheit auf. Der Jngling, der da zum Altare
wandelt, der meint es ernst mit Gott - und Gott mit ihm. Gott hat ihn aus der
Welt auserkoren und geheiligt; dafr soll er die Welt geheiligt an Gott
zurckgeben. Er hat den Zuruf des Apostels im vollen Umfange verstanden: Was
droben ist, habet im Sinn; nicht was hienieden; und deshalb wandelt er zum
Altar, er selbst ein geschmcktes Opferlamm, um sich fr jetzt und fr immer mit
seinem Opfer in das Opfer seines Gottes zu verabgrnden, um - das Droben mit dem
Hienieden zahlend - in die Gnadenwelt einzugehen, die der Priester der
Menschheit vermittelt und durch die er der Fortsetzer des Erlsungswerkes, der
Stellvertreter und Mitarbeiter Gottes ist. Eine Feier, die holdseliger und
erhabener, rhrender und groartiger wre als eine Primiz, gibt es auf Erden
nicht, denn nirgends sonst erscheint der Mensch in so idealischer Verklrtheit,
nirgends sonst steht er auf so lichter Hhe des Tabor und nirgends sonst ist ihm
ein Gethsemane so gewi. Die Seelen lieben, die Christus geliebt hat, den Seelen
dienen, denen er gedient hat, - das bringt Leiden mit, die er gelitten hat, und
die leiden nur Seelen, die sich ihm verhnlichen.
    Wie ein Engel, in demtige Anbetung Gottes versunken, ganz weltvergessend,
ganz aufgelst in die Gnadenflle, die sich um ihn, in ihn, ber ihn ausgo,
vollzog Hyazinth die Feier der heiligsten Geheimnisse, ohne sich auch nur einen
Augenblick aus der Gegenwart Gottes zu verlieren. Mit heiliger Andacht und
tiefer Rhrung dienten ihm seine Assistenten, beide - Meister und Vorbilder
seines inneren Lebens, beide - treue Glieder der lehrenden und streitenden
Kirche, beide - wohlgebt in der Schule des Kreuzes, beide - betend, da er
gewrdigt werde sie zu durchwandeln. Levin sah so strahlend von seliger Freude
aus, da Regina den Greis Simeon zu sehen glaubte, nachdem er das Heil Israels
geschaut hat und in Frieden heimzugehen wnscht. Stille Wonne durchschauerte sie
bei dem Gedanken, da diese beiden Erwhlten, der Greis und der Jngling, ihr
die Hand reichten, um sie in die Chre der Brute Christi einzufhren. Ihrer
ngste und Versuchungen achtete sie seit jenem Gesprch mit Levin nicht mehr,
als der Wandersmann, der einen hohen Berg ersteigen will, der Nebel achtet, die
sich zuweilen um ihn zusammenziehen; er schreitet rstig weiter. Wer dem Lamme
folgen will, wohin immer es geht, mu die Siegespalme tragen, sprach sie bei
sich selbst; und sie hatte Uriel mit der klaren Stille empfangen, die ihm
deutlicher als tausend Worte sagte: Solo Dios basta.
    Das heilige Opfer war dargebracht und der fromme Gebrauch vorber, nach
welchem sich die Andchtigen den Segen des Priesters, der seine Primiz gefeiert
hat, geben lassen. Sie knien vor ihm nieder und er spricht, indem er ihnen die
Hnde auf das Haupt legt: Durch die Auflegung meiner Hnde segne dich der Vater
und der Sohn und der heilige Geist; und macht das Kreuzzeichen ber sie.
Frommer und lieblicher, aus tiefer Andacht zum heiligsten Fronleichnam
entspringender Gebrauch! wie sollen die Hnde nicht segensreich sein, die zum
erstenmal so glcklich waren, da sich unter ihrer Segnung die gnadenvolle
Wandlung vollzog! Graf Damian, der sich noch nie um eine Primiz bekmmert hatte,
weit weniger je dabei anwesend war, kannte den Gebrauch nicht und wute nicht,
was geschehen solle, als seine Tchter, die Baronin und die brigen Damen zum
Altare vorgingen und dort niederknieten. Als er es aber gewahr wurde und die
schlichten Worte hrte - und Hyazinth so demtig in seiner priesterlichen Wrde
- und die knienden Frauen so wrdig in ihrer demtigen Unterwerfung sah: so ging
ihm der Anblick dermaen zu Herzen, da er ebenfalls aufstand und vor Hyazinth
niederkniete, vor dem Jngling, den er sonst gar nicht anders, als mit einem
gewissen Gefhl von Mitleid und Protektion zu betrachten pflegte. Orest tat
dasselbe - keineswegs aus Andacht oder Ehrfurcht, sondern weil er glaubte, das
gehre mit zu einer Primiz. Uriel verlie nicht seinen Platz; er war zu einem
starren Abschlu mit Herz und Leben, nicht zu frommer Ergebung in den Willen
Gottes gelangt; deshalb ging er auf keine uerung froher und gerhrter Andacht
ein. Er hielt sich knapp auf der Grenze des Schicklichen. Allein Hyazinth schien
zu ahnen, was in seinem geliebten Bruder vorgehe, und er ging zu Uriel, legte
ihm die Hnde auf und sprach den Segen ber ihn.
    Am Abend lie der Graf den Garten illuminieren und auf der unteren Terrasse
ein prchtiges Feuerwerk abbrennen, welches Raketten und Leuchtkugeln wie
fliegende Sterne zum Himmel hinaufschickte und in dem stillen Main das Rosen-
und Silberlicht des bengalischen Feuers abspiegelte. Tausende von Menschen waren
zusammengestrmt, um in Nachen oder von den Ufern aus an dem prchtigen
Schauspiel sich zu ergtzen. Die Meisten dachten gar nichts dabei; sie gafften
nur. Einige freuten sich aufrichtig, da einer der Windecker Grafen geistlich
geworden sei und da all' der Jubel zu Ehren seiner Primiz stattfinde; und
andere fanden es unbegreiflich, da man fr eine Primiz solche
Freudenbezeugungen verschwende, da sie ja den jungen Mann zu einem
beklagenswerten Leben und zu einer bestndigen Heuchelei verdamme. Ja, wenn's
eine Hochzeitsfeier gewesen wre - daran knnte man teilnehmen! aber eine
Primiz!! - Regina sagte zu Hyazinth:
    Da Deinetwegen heute auf Erden schon solch Frohlocken ist, wie mag dann
erst der Himmel jubilieren!
    O Regina! rief Hyazinth sehr bewegt, nach ein paar Tagen oder Jahren
kommt ein Stndlein, da ist alles ganz still auf Erden, denn ich liege auf dem
Sterbebett und alle Freudenfeuer sind erloschen und es brennt nur meine
Sterbekerze, die Brautfackel fr's ewige Leben. Bitte fr mich, da alsdann im
Himmel ein Jubilieren sei.
    Corona sagte, als man auseinander ging:
    Ach, wie schade, da solche Tage ein Ende haben und da man zuletzt uerst
prosaisch schlafen geht.
    Ich meinesteils, rief Orest, fhle mich von der vierundzwanzigstndigen
Rhrung dermaen erschpft, da mir jene Prosa hchst willkommen ist.
    Als nach einigen Tagen die gewohnte Ruhe und Ordnung wieder eingetreten war,
begab sich Uriel zum Grafen und bat ihn, den Onkel Levin rufen zu lassen, da er
ihnen beiden etwas mitzuteilen habe. Uriel war in dieser Zeit so ernst und
abgeschlossen gewesen, da der Graf ganz betroffen sagte:
    Onkel Levin? ja, sehr gern! aber Du wirst doch kein wunderlicher Kauz sein
und uns ankndigen, Du wollest geistlich oder Ordensmann oder dergleichen
werden.
    Sei ruhig, lieber Onkel, so hochfliegende Ideen hab' ich nicht, entgegnete
Uriel mit Bitterkeit.
    Ich mte sie mir auch recht sehr verbitten und Onkel Levin wrde
gleichfalls keine Freude daran haben. Nun komm' zu ihm! sagte der Graf und nahm
vergngt Uriel unter den Arm, denn er zweifelte nicht, da es jetzt ein
Brautpaar geben werde.
    Uriel will uns eine gute Nachricht bringen, lieber Onkel! rief er, bei
Levin eintretend.
    Levin warf einen fragenden Blick auf Uriel und sagte liebreich: Mge sie
zur Ehre Gottes gereichen.
    Uriel nahm das Wort und sagte zum Grafen:
    Im vorigen Sptjahr machtest Du mir auf Stamberg einen Vorschlag, den ich
in Erwgung zu ziehen versprach. Er betraf meine Verehelichung mit Corona,
welche zur Erbtochter eingesetzt werden, whrend Regina die Freiheit erhalten
sollte, ins Kloster zu gehen. Ich habe ihn whrend dieser langen sieben Monate
berlegt und bin zu einem festen Entschlu gekommen, der Dir hoffentlich genehm
sein wird, bester Onkel, und dessen Ausfhrung ich schon begonnen habe.
    Und der wre? fragte der Graf gespannt.
    Ich trete Stamberg an Orest ab und er heiratet Corona.
    O nimmermehr! rief Levin schmerzlich.
    Und Du? was wird mit Dir? fragte der Graf.
    Ich gehe nach Kopenhagen, wo man soeben ein Schiff ausrstet, das eine
Reise um den Erdball machen soll. Es ist nicht auf Handel und Wandel dabei
abgesehen, wenn er auch nicht ausgeschlossen wird. Man will der Reiseliebhaberei
unserer Tage eine Weltumsegelung, und den Gelehrten, den Naturforschern, den
Knstlern die Mglichkeit anbieten, den Horizont ihrer Wissenschaft und ihres
Studiums durch eigene Beobachtungen und Anschauungen, und durch praktische
Erfahrungen in Lnder-, Vlker- und Sprachenkunde zu bereichern. Ich bin nun
freilich kein Gelehrter, kein Knstler und kein Tourist; aber ich werde die
ganze Welt in lebendigen Bildern an mir vorber ziehen sehen und werde
vielleicht etwas entdecken, wofr es sich der Mhe lohnt zu leben, nachdem ich
nicht fr Regina leben kann. Im nchsten Monat reise ich ab und in zwei Jahren
komme ich zurck: so lange dauert die Reise.
    Uriel, ich glaube Du hast in Deinem Bergschlo den Verstand verloren! rief
der Graf und setzte sich zurecht, um eine lange Rede zu halten. Doch Uriel
unterbrach ihn:
    Ich habe mich, mein Wollen und mein Knnen nach allen Seiten betrachtet und
grndlich erwogen. Um freiwillig die schweren Verpflichtungen des Welt-und
Familienlebens zu bernehmen, und sie mit einiger Geschicklichkeit und Ausdauer
zu erfllen, dazu knnte mich nur mein Herz bestimmen, meine Neigung, meine
Liebe. Ich mte ein Wesen an meiner Seite haben, bei dem ich sicher wre, da
das Alltagsleben mit seinem Einerlei, seinen Forderungen, seinen Bedrfnissen,
seinen Gewohnheiten, kurz mit seiner ganzen Wucht von Irdischkeit ein
Gegengewicht fnde in der Richtung auf Himmlisches, und in dem Streben, das
Irdische mit diesem Himmlischen zu durchgeisten. Mein Glck ruht nicht auf Geld
und Gut; ruht nicht darauf, eine blinde Leidenschaft zu empfinden und
einzuflen. Lieben will ich - und geliebt sein, edel, rein, geheiligt: das ist
mein Ideal von Glck, und htte Regina mich lieben knnen, so htte ich es mit
ihr verwirklicht und dann keine Pflicht zu streng und keine Aufgabe zu schwer
gefunden. Ohne Regina - ist aber die Last zu gro fr meine Schultern, und da
ich es wei - lege ich sie nieder. Ich darf es. Stamberg kommt mir nicht
eigentlich zu; es sollte ursprnglich eine Sekundogenitur sein und hat whrend
eines halben Jahrhunderts dafr gegolten. Eine Laune der guten Gromutter
wendete es zu unserer aller hchster berraschung mir zu; mir, weil sie glaubte,
Regina wrde dann Herrin auf Stamberg. Aber Regina wird es nicht. Sie kommt
nicht wieder dahin. Folglich hab' ich nicht das mindeste Anrecht an Stamberg,
und freudig trete ich es an Orest ab, dem es nach Billigkeit gehrt. Die
gerichtlich notwendigen Schritte habe ich bereits getan. So kommt alles in's
richtige Geleis - Orest in sein Erbe, Regina in's Kloster und Corona wird
Erbtochter - oder Orest tritt auch fr Windeck in die Rechte der Primogenitur
ein.
    Halt! mit nichten! rief der Graf ganz auer sich. - Das hngt von mir ab!
ich nehme diese Vernderungen nicht vor. Willst Du Stamberg an Orest abtreten -
gut! Willst Du die Welt umsegeln - gut! beides ist Unsinn, aber ich kann's nicht
hindern. Willst Du Regina aufgeben - das ist verstndig, denn sie lt sich
nicht berwinden und Zeit, Geduld und Mhe sind bei ihr verschwendet. Aber was
Corona betrifft - hab' ich ein Wrtchen mitzureden. Sie heiratet binnen zwei
Jahren nicht, und kehrst Du heim von Deiner Weltumsegelung, so reden wir
abermals von der Sache. Weit Du, wie sie diesen Winter genannt wurde? Die Krone
des Bundes nannte man sie, symbolisch, als die schnste Person in Deutschland.
Warum bist Du nicht nach Frankfurt gekommen? was kalmuserst Du auf Deinem
Odenwldischen Bergschlo mutterseelenallein sieben lange Monate? Da mu man ja
mit Gewalt melancholisch werden und das Leben verabscheuen, nmlich solch ein
Leben zwischen Eulen und Raben! Sei kein Tor! fhre Corona nach Stamberg und Du
wirst bald aus einem anderen Ton sprechen. Bist so untrstlich um Regina, da Du
zwei Jahre der Weltumsegelung brauchst, um Dich zu fassen, so segle ab und komm'
vernnftig wieder. Ich bin sehr froh, wenn ich Corona noch zwei Jahre behalte.
    Lieber Onkel, sagte Uriel entschieden und eine helle Glut flog ber seine
Stirn, so wahr ich ein Windecker bin, ich heirate Corona nicht! sie ist
Regina's Schwester und wrde mich an die geliebte Regina erinnern. Das darf
nicht sein!
    Der Graf setzte sich im Lehnstuhl zurck, lie die Hnde ermattet auf die
Knie sinken und sagte tief niedergeschlagen zu Levin:
    Bester Onkel, haben Sie es gehrt? Uriel fllt auch in einen Raptus von
sublimen Gefhlen und will Corona nicht heiraten.
    Ja, es gibt noch immer zarte Herzen auf der Welt, entgegnete Levin.
    Was zarte Herzen! fuhr der Graf auf. berspannte Gehirne gibt's - und die
wuchern in meiner Familie! aber nun hab' ich's satt, nun schieb' ich einen
Riegel vor. Diese Influenza soll nicht weiter grassieren! Corona heiratet Orest,
lieber heute als morgen - so wahr ich ein Windecker bin! Basta.
    Als Uriel erfreut seine Hand kte, wendeten sich seine Gedanken aber wieder
diesem, seinem Lieblingsneffen zu, den er seit so langen Jahren als seinen Erben
und Schwiegersohn geliebt hatte, und er sagte kopfschttelnd:
    Wenn Du aber nach zwei Jahren wiederkehrst - was willst Du beginnen? Aus
der diplomatischen Karriere bist Du ausgetreten, Stamberg hast Du abgegeben.
Also was bist Du, was hast Du dann? Sollte ich bis dahin sterben, so bekommst Du
freilich Windeck mit allem, was dazu gehrt, und damit kannst Du schon in der
Welt bestehen. Aber ich sollte meinen, da ich noch so zwanzig, dreiig Jahre
leben und Kinder meiner Enkel sehen knnte.
    Ich habe mir eine kleine Apanage vorbehalten, die der Besitzer von Stamberg
mir alljhrlich zahlen wird und die mir gengen soll.
    Du hast aber immer wie der Sohn eines reichen Mannes gelebt!
    Ja, bester Onkel, Dank Deiner Gte. Aber - so gewiegt zu werden im
Wohlleben, so aufzuwachsen in allem Behagen, so zu genieen die Vorzge des
weltlichen Glcks - darin liegt ein Etwas, das die Entwickelung des inneren
Menschen hemmt, seine sinnlichen Bedrfnisse ins Unglaubliche steigert und seine
geistigen nicht befriedigt. Nie war die Welt in einem so rasenden Rennen nach
eben diesem Zustande begriffen: Glcksgter erringen und genieen ist ihr Ideal.
Ein sehr brutales - man mu es gestehen! Darum ist sie denn auch selbst ungemein
brutal unter ihrem glatten, blanken Bildungsfirni; oberflchlich der Verstand,
schwach der Charakter, trb das moralische Bewutsein, lahm der Sinn fr
Hheres, Null - das Verlangen danach. Im klglichsten Subjektivismus zerfllt
die groe Einheit der Menschheit, wie ein toter Krper in widerliche Atome sich
zersetzt. Ich habe nicht wie ein Blinder und Tauber diese letzten
verhngnisvollen Jahre durchlebt. Ich hab' mich umgeschaut, ich habe
aufgehorcht; ich bin da gestanden, wo es genug zu sehen und zu hren gab. Eines
ist mir klar: in ihrem tiefsten Grunde ist die Welt ratlos. Sie hat die Wahrheit
nicht. Hinter all' der pomphaften Prahlerei mit Civilisation und Aufklrung, mir
Wissensdurst und Freiheitsdrang, mit Vlkerglck und Bildungsfortschritt liegt
eine ungeheuere Leere. Bildungsfortschritt? - und die Gefngnisse, die
Zuchthuser, die Strafanstalten vergrern sich mehr und mehr, und die
statistischen Tabellen weisen nach, da diese Vergrerung nicht Schritt hlt
mit der wachsenden Zahl derer, fr welche diese Anstalten bestimmt sind.
Vlkerglck? und das Proletariat und das Elend des Fabrikwesens wchst in
monstrser Progression. Freiheitsbedrfnis? und Niemand will das edle Joch der
Selbstbeherrschung tragen, und jeder spricht sich das Recht zu, Selbstherrscher
- ber andere zu sein. Wissensdurst? - ja: freche Neugier und Forschungen auf
der Oberflche der Dinge und Erscheinungen. Aufklrung? - ja: Bankrott an
gesundem Menschenverstand, an Sinn fr Recht und Unrecht, an klarer Einsicht und
Beurteilung der Verhltnisse und entschiedene Sympatie fr jede Art von
Marktschreierei und Charlatanismus. Civilisation? - ja: Eisenbahnen, Telegraph,
Schreibfedern, Papiergeld, Zeitungen, stehende Heere, Breaukratie,
Branntweinschenken, allgemeine Begier nach materiellen Freuden und Genssen,
allgemeines Mivergngen, weil sich Keiner auf dem Punkt befriedigt fhlt. So
sieht es aus in der Welt! Weil sie die Wahrheit nicht hat, wird sie wehrlos
sein, wenn der Umsturz kommt. Und er wird kommen, denn es ist unmglich, da die
Fiktion oder, deutsch gesprochen, die gleiende Lge dauernd die Menschheit
beherrsche. Frei mu sie werden von der Lge; dann kann die Wahrheit sie retten.
Ich will suchen nach dieser rettenden Wahrheit und deshalb brechen, so weit ich
vermag, mit der groen Lge der Zeit, mit der berschtzung von Geld und Gut.
    Uriel! rief der Graf, Du wirst ja ein leibhafter Don Quixote: ziehst aus
fr Deine Dulzinea - Wahrheit!
    Uriel! sagte Levin, wenn Du alles, was Du tun willst, aus bernatrlichen
Beweggrnden ttest und die Wahrheit mit dem Auge des Glaubens suchtest: so
wrde sich Dir ein seliges Leben erschlieen, und - wenn nicht die Welt, so doch
gewi Deine Seele fnde sicher ihren Rettungshafen.
    Ich suche die Wahrheit, weil ich die Liebe verloren habe und weil ich ohne
etwas Gttliches nicht leben kann, sagte Uriel kalt.
    O sage doch: nicht ohne Gott leben kann! rief Levin. In ihm hast Du die
ewige Wahrheit vereint mit der ewigen Liebe - und folglich das, was Deine Seele,
was jede Seele begehrt.
    Nicht doch! sagte Uriel und blieb bei seiner abwehrenden Klte; wer nur
mit dem Auge des Glaubens sucht, verliert gar leicht die Liebe aus dem Gesicht
und gert auf Irrwege.
    Levin schwieg. Er hatte Mitleid mit diesem wunden Herzen. Der Graf sagte
gelangweilt:
    Um auf die praktische Wahrheit, nmlich auf das wirkliche Leben zu kommen,
Uriel: willst Du denn gar nicht heiraten? Auch ohne Stamberg bist Du als
Windecker Erbgraf eine brillante Partie.
    Hu! schrecklicher Gedanke, eine brillante Partie zu sein! rief Uriel
scherzend. Da sehe ich im Vordertreffen die heiratslustigen Augen von hundert
Komtessen - und im Hintertreffen die nicht minder heiratslustigen, aber im
zweiten Grade, von hundert Mama's. Nein! da schlag' ich Chamade ber den Ocean.
    Wenn Du schon auf dem Punkt des Scherzes angelangt bist, sagte der Graf,
so bleibt mir freilich nichts brig, als die neuen Verhltnisse in Gang zu
bringen, damit sie endlich einmal zum Abschlu kommen und damit jeder wisse,
woran er ist. Ich bin von der langen Ungewiheit schon ganz morsch geworden.
    Orest wurde zuerst vorgerufen.
    Was geht hier vor? rief er in seiner lustigen Weise. Warum seht Ihr so
feierlich aus? Wollt Ihr mich in den Freimaurerorden aufnehmen! Papachen bist Du
Meister vom Stuhl?
    Aber zum ersten Mal in seinem Leben wies der Graf entschieden Orest's
Scherze zurck, erffnete ihm die neue Lage der Dinge, durch welche nunmehr
Orest der Stammhalter der Windecker werde und setzte hinzu, er hoffe alle
Freude, die er durch Uriel und Regina nicht gefunden habe, jetzt doppelt durch
Orest und Corona zu finden. Orest war mehr berrascht als erfreut. Der Gedanke,
in die Ehe zu treten, hatte ihm stets ganz fern gelegen und erschien ihm nur als
eine Brde und Schranke - besonders jetzt, da er in Judiths Zauberfesseln
gefangen war. Indessen schmeichelte es doch seiner Eitelkeit, pltzlich zu
solcher Geltung in der Familie zu kommen, eine viel eminentere Stellung in der
Gesellschaft einzunehmen und ein so liebliches Mdchen wie Corona als Gattin
heimzufhren. Er nahm sich vor, sich auf der Stelle in sie zu verlieben - was in
der Tat recht leicht war - und erklrte sich dankbar einverstanden mit dieser
Wendung seines Schicksals. Der Graf lie die Brder beisammen, die Hyazinth
aufsuchten, whrend er mit Onkel Levin zu seinen Tchtern ging und whrend des
Gehens sagte:
    Corona wird sich doch nicht weigern? was meinen Sie?
    Armes Kind! sagte Levin; ich glaube, der frhere Besitzer von Stamberg
wre ihr lieber als der gegenwrtige.
    O Gott! rief der Graf, nur nicht abermals eine unglckliche Liebe.
    Das behaupte ich nicht, entgegnete Levin, dazu ist sie noch zu jung. Aber
der Keim ist da.
    Den wollen wir geschwind ausrotten! Die exaltierten Gefhle meiner Kinder
machen mich ganz nervenschwach.
    Er trat bei seinen Tchtern ein und rief ihnen frhlich zu:
    Nun, Kinder, kommt her und wnscht mir Glck! ich habe zwei Brute unter
meinem Dach! eine fr den Himmel - das ist Regina, und eine fr Orest - das ist
Corona. Nun sind wir alle auf unserem Platz.
    Beide Schwestern erbleichten - Regina vom Affekt der hchsten Freude, Corona
von einem leisen Schmerz, der durch ihr Herz glitt. Sie hatte es sich wohl nie
eingestanden und es war auch nie ein bestimmter Wunsch gewesen; aber
unwillkrlich waren ihr liebliche Bilder vor die Seele getreten, als ob sie, an
Reginen's Stelle, sehr glcklich auf Stamberg sein knnte; doch in diesen
Bildern hatte Orest nie einen Platz eingenommen. Regina sank ihrem Vater zu
Fen, bedeckte seine und Levin's Hnde mit Kssen und Trnen und sprach ihm
Dank, Liebe und Freude in abgebrochenen einzelnen Worten aus.
    Also endlich hat es der Papa denn doch recht gemacht! sagte der Graf mit
dem Ausdruck inniger Zufriedenheit. Es ging nicht anders! ich mute erst die
Standhaftigkeit Deines Entschlusses prfen. Da Uriel und ich uns nunmehr
berzeugt haben, da Du eine uneinnehmbare Festung bist, so siedle Dich an auf
Deinem Karmel! Ich htte Dich vielleicht noch lnger zappeln lassen, aber
Uriel's Entschlu brachte alles in's Reine und macht jetzt meine Corona zum
Trost meines Alters.
    Schweigend und mit niedergeschlagenen Augen hatte Corona sich in die
Fensternische zurckgezogen. Als der Graf das Wort an sie richtete, schlug sie
die Augen zrtlich zu ihm auf und zwei schwere Trnen fielen von ihren Wimpern.
    Kind, weine nicht! sagte der Graf liebevoll; Du gehst einer schnen
Zukunft entgegen, Du machst uns alle glcklich und Orest wird Dich auf den
Hnden tragen.
    Ach, ich mchte lieber noch etwas warten, sagte sie schchtern.
    Larifari! das sagen alle jungen Mdchen. Sprst Du etwa auch den
Klosterberuf?
    Nein, lieber Vater, dazu bin ich nicht fromm genug, erwiderte sie
aufrichtig und unbefangen.
    Mchtest Du etwa in der Welt eine alte Jungfer werden?
    Das wre just nicht meine Liebhaberei, sagte sie mit der Munterkeit ihrer
siebzehn Jahre.
    Weshalb wolltest Du also warten? Ein Sprichwort sagt: Jung gefreit, hat
niemand gereut. Deine selige Mutter war ein Jahr lter - und Orest's Mutter ein
Jahr jnger wie Du, als sie heirateten. Also habe nur guten Mut. Du bleibst in
der Familie, Du kommst in alte wohlbekannte Umgebungen - das erleichtert den
Schritt.
    Nach ihrer Neigung fragte der Graf durchaus nicht. Er wrde auch nichts
anderes von ihr gehrt haben, als da sie fr Orest schwesterlich gesinnt und
immer bereit sei, die Wnsche ihres Vaters zu erfllen.
    Regina eilte in die Kapelle, zum Tabernakel ihres himmlischen Brutigams -
und ihrem uerst irdischen wurde Corona vom Grafen zugefhrt. Die Baronin
Isabelle, die ihren Gatten kaum ein Jahr nach ihrer Verheiratung verloren und
ihn schwrmerisch geliebt hatte, beurteilte den Ehestand nach den Erfahrungen
ihrer eigenen Rosenmonde und fhlte grenzenloses Bedauern, da Regina eines
solchen Glckes verlustig gehe. Es tat ihr aber auch sehr leid, in Corona nicht
die leiseste Spur der schwrmerischen Gefhle wahrzunehmen, in denen sie einst
geschwelgt hatte, und sie sagte bengstigt, wie sie leicht war, zum Grafen:
    Bester Schwager, wenn nur Corona's Herz mit Ihrer Wahl bereinstimmt! sie
sieht so gewi melancholisch aus, wie sonst nie.
    Beste Isabelle, unterbrach sie der Graf, verschonen Sie mich mit
melancholischen Beobachtungen, denn ich bin endlich einmal in Jubilo und mein
Haus ist es mit mir. Solch' ein Brutchen wei nicht recht, was es fr ein
Gesicht machen soll, halb freundlich, halb verlegen; das nennen Sie
melancholisch. Bedenken Sie doch, da Corona, die von Kindesbeinen an den guten
Orest gekannt hat, unmglich stante pede in heftige Liebe zu ihm verfallen
kann.
    Das bedaure ich eben, weil ich nicht einsehe, wie sie ohne Liebe die
schweren Pflichten, die ihrer harren, erfllen soll.
    Und ich justement nicht! Bei solcher gewaltigen Liebe sind gewaltige
Enttuschungen unvermeidlich und diese machen viel unglcklicher, als das
bischen Liebe glcklich gemacht hat. Aber je weniger man erwartet, desto mehr
findet man. Also trsten Sie Sich! -
    Corona ging inzwischen zu dem, an den sich alle wendeten, die Rat oder Trost
suchten; - zu Levin, und fragte ihn mit groer Entschiedenheit:
    Nicht wahr, lieber Onkel, Orest ist doch ein guter katholischer Christ?
    Gott sieht in's Herz, mein Kind! wir aber hoffen es.
    In London ging er nie Sonntags mit uns zur Messe.
    Vielleicht ging er zu anderer Stunde! Nicht selten ist es den Mnnern
unangenehm, gerade von den nchsten Verwandten bei ihren Andachtsbungen
beobachtet zu werden. Hier in Windeck fehlt Orest nie.
    Lieber Onkel, sagte sie beklommen, ach bitte, frage ihn doch, wie es mit
seinem Glauben steht.
    Es ist viel besser, wenn du selbst, liebes Kind, Dich darber mit ihm
aussprichst. Habt Ihr Euch erst in den hchsten Interessen zusammen gefunden, so
ordnen und gestalten sich alle brigen befriedigend.
    Ich frchte einen Ton anzuschlagen, der keinen Wiederhall findet! rief sie
schmerzlich.
    Welch' Mitrauen, Corona! sagte Levin und drohte freundlich mit dem
Finger. Es findet sich gewi recht bald eine Veranlassung, um Dich darber mit
Orest auszusprechen, und ich hoffe, Du wirst dann beruhigt sein.
    Da trat Orest ein, um im Namen des Grafen zu fragen, ob Levin schon wegen
der Dispense von der Verwandtschaft nach Rom geschrieben habe.
    Ich war damit beschftigt, als Corona mich unterbrach, entgegnete Levin.
Sage mir, Orest, fuhr er fort, um ein Gesprch anzuknpfen, welches Corona
dann in ihrem Sinne fortsetzen konnte - ist die Kapelle im Stamberger Schlo
fertig? und hat Uriel vielleicht eine Messe daselbst gestiftet?
    Ich wei von nichts, lieber Onkel, von gar nichts - als da ich unerhrt
glcklich bin! glcklicher noch wie Saul, der Sohn Cis, der ausging, seines
Vaters Eselinnen zu suchen und eine Krone fand; denn ich suchte nichts und fand
doch eine Krone.
    Du bist ja sehr belesen in der heiligen Schrift, sagte Corona lchelnd.
    Lat mich jetzt schreiben, meine Kinder! unterbrach sie Levin und Corona
sagte scherzhaft:
    Komm' ein wenig auf die Terrasse mit mir, Orest! der Abend ist herrlich.
    Levin nickte ihnen freundlich zu und sie gingen hinab; Orest seelenfroh,
endlich einmal mit seiner Braut allein zu sein, der er doch unmglich vor allen
Leuten sagen konnte, wie lieblich, wie reizend, wie bezaubernd er sie finde; und
sehr geschmeichelt, da auch sie mit ihm unter vier Augen zu sein wnschte, weil
sie ihm vermutlich etwas hnliches zu sagen hatte. Sein Erstaunen war daher
grenzenlos, als Corona sich auf einen Basaltblock an dem pltschernden
Springbrunnen setzte, ihm mit ihrem lieblichsten Lcheln tief in's Auge sah und
mit ihrer sesten Stimme eindringlich fragte:
    Orest, wie steht es mit dem Glauben?
    Er prallte frmlich zurck vor berraschung; doch schnell gefat rief er
scherzend:
    Aber Krnchen, Du irrst im Wort! Du willst wohl sagen: Wie steht's mit der
Liebe!
    O nein! danach brauch' ich nicht zu fragen! antwortete sie mit einem
Anflug von Selbstbewutsein, der sie so anmutig machte, da Orest meinte, er
habe nie ein holdseligeres Wesen erblickt, und am Rande des Bassins neben ihr
niederkniete.
    Ah! rief sie, das ist gerade die Stellung, in der ich Dich haben will.
Nun beichte! also: wie steht's mit dem Glauben?
    Ich glaube, da Corona ganz dazu geschaffen ist, angebetet zu werden, und
ich bekenne, da ich auf gutem Wege dazu bin, entgegnete Orest.
    La uns nicht mehr scherzen, lieber Orest, sagte sie sanft und ein milder
Ernst trat in ihr Auge; la uns von dem Hchsten und Heiligsten reden, wie es
sich geziemt. Sieh, ich habe fter sagen hren, die junge Mnnerwelt unserer
Tage sei recht unglubig, verachte die Lehren der heiligen Kirche, welche doch
nichts anderes sind, als Gottes Gebote - und verschmhe die Sakramente, deren
Ausspenderin die Kirche ist. Nun ist es Gottes Wille und der Wunsch unseres
Vaters, da wir in die Ehe treten. Nun mut Du mir sagen, da Du nicht zu der
unglubigen Mnnerwelt gehrst, sondern glubig fr wahr hltst, was die Kirche
lehrt und glubig hinzutrittst zu den heiligen Sakramenten. Verachtetest Du sie:
so wrdest Du ja auch die Ehe als Sakrament verachten und sie ohne die
Mitteilung der Gnade Gottes schlieen. Woher sollten wir dann aber die
Zuversicht nehmen, da unsere Ehe gottgefllig wre, da die gttliche Gnade uns
beistehen werde? und wie knnte ich mich auf Dich verlassen, wenn Du Dich nicht
auf Gott und seine Gnade verlt?
    Diese tief wahren, einfachen Worte trafen Orest in seinem Gewissen. Er
dachte an die bunte Kette von gottentfremdeten Freuden, welche sich durch sein
Leben schlang, an die tausend Fden, welche seine Seele umspannen und von denen
auch nicht einer den inneren Menschen an Hheres knpfte - an Judith, die eine
unerklrliche Macht ber ihn ausbte, eine Macht, die ihm so zauberisch lockend
erschien, da er, auf welchen Punkt der Zukunft er sein Auge heftete, berall in
sie hineinschaute, wie in eine blendende Sonne. Wenn er an Judith dachte, so kam
er sich in seinen gegenwrtigen Verhltnissen wie das Opferlamm seiner Familie
vor, obzwar er eingestehen mute, da sein Opfer mehr ein Empfangen als ein
Geben sei. Er empfing die schne Braut, die groe Herrschaft, das bedeutende
Vermgen; aber er opferte doch sein ungebundenes, zwangloses Dasein. Freilich
war mit Judith an keine Ehe zu denken und er konnte doch unmglich ihr zu
Gefallen unter den gegenwrtigen Umstnden ehelos bleiben und das alte edle
Geschlecht der Windecker aussterben lassen. Und gab es nicht tausend Ehen, neben
denen eine Judith stand? Ich mu mir das alles aus dem Sinne schlagen, Judith
gar nicht wieder sehen und jetzt mein Bestes tun; dachte er bei sich selbst,
whrend Corona sprach. Als sie schwieg und ihn fragend ansah, antwortete er:
    Ich wute gar nicht, da Du so enorm fromm wrest, Corona! aber das tut
nichts. Fromme Frauen - allen Respekt! Ich werde Dich nie in Deiner Frmmigkeit
irgendwie beeintrchtigen; Du aber mut auch nie verlangen, da ich in diesem
Punkte genau mit Dir sympathisiere.
    Ich verlange es nicht - ich hoffte es nur, antwortete Corona traurig und
sah dabei so lieblich aus, da Orest ganz hingerissen ausrief:
    Du bist ja wahrhaftig ein kleines himmlisches Geschpf, Dich zu grmen,
weil ich nicht die Sakramente zu empfangen pflege.
    Ah, Du empfngst nicht die Sakramente? fragte sie.
    Nein, sagte er unbefangen, diese Gewohnheit habe ich nicht; aber in die
Messe geh' ich - zuweilen.
    Corona stand von ihrem Basaltblock auf, warf einen Blick voll
unaussprechlichem Ausdruck auf Orest und ging ernst und schweigend von dannen.
Seine erste Bewegung war, ihr nachzueilen. Aber nein! sprach er zu sich selbst,
ich rede lieber mit Onkel Levin und schtte ihm mein Herz aus. Ganz aufgeregt
eilte er zu dem frommen Vertrauten aller verstrten Gemter und rief:
    Bester Onkel, ich bin im hchsten Grade betroffen! ich scheine Corona sehr
betrbt und verletzt zu haben. Als es sich in unserem Gesprch herausstellte,
da wir nicht vollkommen harmonierten, sah sie mich an - mit einem Blick ....
einem unbeschreiblichen, sagte kein Wort - und verlie mich.
    Und wie entstand Eure Disharmonie?
    Bester Onkel, es war ein unerhrtes Gesprch. Es steht gewi einzig im
Jahrhundert da, da Verlobte, zum ersten Mal unter vier Augen, ein solches
Gesprch fhren!
    Um welchen Gegenstand drehte sich denn dies merkwrdige Gesprch?
    Um die Lehre von den Sakramenten.
    Ah so! um die Lehre! - nicht wahr, um die praktische Ausbung dieser
Lehre?
    Richtig getroffen, lieber Onkel. Es ist doch wahrhaftig unmglich, da
unsereiner in dem Punkt Schritt halten soll mit einem Geschlecht, das nicht nur
das schne, sondern noch ganz extra das fromme heit! Der Soldat dient Gott in
anderer Weise, mit Blut und Leben, in Gefahr und Ungemach, in Schlacht und
Krieg. Da bekommt er denn ganz natrlich aus gewissen Gewohnheiten heraus.
    Wenn ich nicht irre, unterbrach ihn Levin, so werden die Soldaten
pnktlich dazu angehalten, sich jeden Sonntag beim Gottesdienste und alljhrlich
zur sterlichen Zeit zum Empfang der heiligen Sakramente einzusinden.
    Versteht sich, bester Onkel, das gehrt zum Reglement! rief Orest eifrig.
Ordnung mu sein und der Offizier mu sorgen, da sie von den Mannschaften
beobachtet werde.
    Ich kann nicht glauben, da sich das militrische Reglement nur auf die
Mannschaften beziehe; aber das wei ich gewi: das kirchliche Reglement macht
keine Ausnahme fr Offiziere, bei dem Leutnant angefangen, und bei Kaiser und
Knigen aufgehrt, welche die obersten Anfhrer ihrer Heere sind. Und da Du so
besorgt bist, das erstere aufrecht zu halten, mein' ich, Du knntest doch auch
fr das zweite etwas Eifer bewahren.
    Wenn Du wtest, lieber Onkel, wie ungeheuer beschftigt ich gerade immer
in der sterlichen Zeit war, wie ungeheuer viel Gedanken mir im Laufe eines
einzigen Tages durch den Kopf wirbeln, so da man gar nicht zur Besinnung kommt
und das Aufgeschobene nicht mehr nachholen kann ....
    So wrd' ich Dir raten, unterbrach ihn Levin, all' diesen
Ungeheuerlichkeiten auf eine Zeit Valet zu sagen und Dich als ein guter Soldat,
der nicht blo treu seinem Kaiser, sondern treu dem Herrn aller Kaiser dient -
um das kirchliche Reglement zu kmmern.
    Werde ich dadurch mit Corona meinen Frieden stiften?
    Mit Corona auch; aber zuerst mit Gott, und das ist es eben, was Corona von
Dir mit Recht verlangt. Liebe, Achtung und Vertrauen kann eine Frau nur zu dem
Manne fassen, mit dem sie eine und dieselbe aus dem gemeinsamen Glauben
entspringende Lebensrichtung hat. Ist diese Richtung bei dem einen Teile der
Ehegatten unchristlich, so fhrt sie beide ins Unglck.
    Unchristlich! ach, lieber Onkel, ich bin ein sehr guter Christ - nur nicht
immer strikt kirchlich. Aber das mag wohl nur eine schlechte Gewohnheit sein;
und kurz, um mit Corona - ich wollte sagen mit Gott, meinen Frieden zu machen,
will ich mein pater peccavi beten. Es ist wahrhaftig kurios, was man alles lernt
als Brutigam. -
    Corona aber nahm die Sache nicht so leicht, wie Orest, und trstete sich
nicht so schnell ber seinen Mangel an strikter Kirchlichkeit, wie er es nannte.
Sie erkannte, da sein Glaubensleben unter dem Gefrierpunkt stehe und sie fhlte
mit dem richtigen Instinkt des reinen Herzens, da diese Klte nicht die Folge
von Orest's Tugenden sei. Nun, so mu ich Gott doppelt lieben! sprach sie zu
sich selbst und trocknete ihre schnen Augen, die noch nie so bittere Trnen
geweint hatten und die ihrem Vater gegenber heiter sein sollten. Sie wre gern
glcklich gewesen, ihr junges Herz hatte unbestimmte Trume von Glck gehabt und
Brute pflegen ja glcklich zu sein; aber sie war es nicht! Regina war es. -
    Jetzt hast Du, was Du verlangst, sagte Hyazinth freudestrahlend zu ihr.
    Und was Du schon besitzest, erwiderte sie. Ja, Hyazinth, jetzt beginnt
das Leben schn fr uns zu werden: jetzt beginnt das Leiden aus Liebe, das
vollkommene Opfer ohne irdischen Trost.
    Bist Du so leidensdurstig? fragte er.
    O nein! sagte sie; mich will zuweilen groe Furcht bermannen, da ich
von Euch allen auf immer getrennt sein soll, und das enge Menschenherz zittert
und bebt vor dem nahen Opfer - und dennoch geht mir ein unsgliches Frohlocken
durch die Seele; denn ich denke, Hyazinth, da die Nahrung der Liebe hienieden
im Leiden fr Gott und mit Gott besteht - und liebe ich nur immer vollkommener -
was frag' ich dann nach Leid!
    Droben wird's anders sein, Regina! droben nhrt sich die Liebe von ihrer
Seligkeit und die steigert sich in dem Ma, als wir im irdischen Leben gelitten
haben.
    Ich hrte einmal, sagte sie, die vollkommene Liebe dchte nie an die
vergeltenden Wonnen der Ewigkeit und es sei ein jdischer Handel, etwas zu geben
und zu tun, um viel zu erlangen.
    Das klingt ja ungemein erhaben und ist doch nur halb wahr, entgegnete
Hyazinth; denn wenn die vollkommene Liebe gewi niemals an eine Vergeltung
denkt, die ihr in der Form dieser oder jener himmlischen Freudengensse
ausgezahlt werden mte: so ist es doch eben so gewi, da sie mit all' ihrem
Denken und Empfinden, Wollen und Handeln, mit jeder Fhigkeit und Ttigkeit
ihres Wesens zu jeder Zeit den Gegenstand ihrer Liebe umschlingt und die Kluft,
welche das Gnadenleben vom Leben in der Glorie trennt, auch als Trennungsschmerz
von dem gttlichen Geliebten empfindet. Der Uebergang in die Ewigkeit schliet
diese Kluft, das wei sie. Da gibt es keine Trennung, keine Schleier mehr. Da
besitzt sie auf ewig, ungeteilt und unzertrennlich, nicht diese oder jene ewigen
Gter, sondern das eine Gut, das Urgut, ihren Gott, den einziggeliebten, und in
ihm - die Flle der Seligkeit. Das ist kein niedriger Handel; denn um Gott zu
besitzen, mssen wir das Ich fallen lassen. Wucher treiben knnen wir ebenso
wenig mit der vollkommenen Liebe, als diese bestehen knnte ohne die bestndige
Sehnsucht nach Vereinigung mit Gott. -
    Zu Uriel, der mit kalter Abgeschlossenheit auf all' die bewegten Herzen sah,
sagte Regina:
    Gott vergelt's, Uriel! ich wei, da ich des Vaters Nachgiebigkeit Deinem
gromtigen Entschlu zu danken habe.
    Ich hoffe, sagte Uriel finster, da Gott Dir vergelten werde, wie Du es
verdienst: mit dem Kreuz - weil Du mein Herz gekreuzigt hast.
    Sein Wille geschehe! entgegnete sie sanft.
    Immer zerschmolz ihm das Herz in unsglicher Liebe, wenn er in ihres Auges
klare Stille sah.
    Sieh'! sagte er in verndertem Tone, Du wirst gekreuzigt werden
innerlich; denn das fehlt Dir zu Deiner Vollkommenheit. Also, Regina, wenn Du es
wirst, so werde es fr mich.
    Wenn Gottes Wille mir Kreuz schickt, Uriel, so werd' ich es vereinigen mit
dem Kreuz auf Golgatha. Christus litt nicht fr Dich allein, nicht fr mich
allein! Er litt fr alle, ohne Ausnahme, ohne Bevorzugung. In Seine Hnde geb'
ich mich ohne Rckhalt.
    Deine Herzensklte ist schauerlich! rief er.
    Sie lchelte und schwieg. Ah, Du lchelst, als ob Du es besser wtest!
fuhr er fort. Nun, wohlan, Regina, Du bist aufrichtig, also sage mir: hast Du
eine Ahnung davon, wie sehr ich Dich liebe?
    Ja! sagte sie einfach.
    O dann, rief er freudig, werd' ich immer einen besonderen Platz in Deiner
Erinnerung haben.
    So lange es Gott gefllt! erwiderte sie ruhig. Ich habe zu viel in der
Welt leben mssen, um nicht einige weltliche Eindrcke im Gedchtnis zu haben
....
    Weltliche Eindrcke! rief Uriel zrnend. Du nimmst eine Liebe wahr, die
so tief, so stark. so umfassend ist, da sie mein ganzes Schicksal ber den
Haufen - und mich selbst, Gott wei in welche Bahn wirft - und das macht Dir
einen weltlichen Eindruck!
    Lieber Uriel, antwortete Regina, wir beide drfen uns auf keine
Errterungen einlassen. Wir sprechen jeder eine Sprache, von welcher der andere
nur einzelne Worte versteht; da sind denn Miverstndnisse ganz unvermeidlich -
und die tun weh. Ich wiederhole Dir: Gott vergelt's! - und dabei wollen wir es
lassen.
    Wann wirst Du eingekleidet? fragte er finster.
    Ich hoffe am Tage der heiligen Maria vom Karmel, sagte sie mit strahlendem
Blick.
    Deinen Kalender kenn' ich nicht! entgegnete er hart. Den Datum will ich
wissen - um vorher abzureisen.
    Ende dieser Woche gehe ich nach Himmelspforten, um, wie es blich ist,
einige Wochen in weltlichen Kleidern im Kloster zu leben. Finden die Oberen, da
ich mich ins Klosterleben schicke - und finde ich mich darin heimisch: so darf
ich mein Noviziat und mit ihm die ernste und grndliche Prfung meines Berufes
beginnen. Die Einkleidung bezeichnet den Eintritt ins Noviziat; ich vertausche
dann die weltlichen Gewnder mit dem geweihten Ordenshabit und empfange den
weien Schleier der Novizen. Hoffentlich findet diese heilige Handlung am 16.
Juli statt. Erst nach einem Jahre werde ich zur Ablegung der heiligen Gelbde
zugelassen und dann erhalte ich den schwarzen Schleier, der da bedeutet, da die
Ordensfrau tot und begraben fr die Welt ist.
    Und wenn sie es nicht ist, Regina?
    So betet sie, da sie es mehr und mehr werde, Uriel.
    Und wie lange betet sie so?
    Lebenslang! denn das Stck Welt in uns mu tglich von neuem sterben.
    Jedes ihrer Worte tat ihm weh und doch wollte er immer sie hren und sehen,
und sehen und hren, weil sie jenseits dieser paar Tage frs Leben ihm verloren
war. Die ganze Familie wollte Regina nach dem Karmelitessenkloster
Himmelspforten bei Wrzburg begleiten; nur Uriel nicht! er htte das Kloster in
Brand stecken mgen: so hate er es. Corona war fast ebenso traurig, wie er.
Hufig umschlang sie die geliebte Regina, legte den Kopf auf ihre Schulter und
weinte bitterlich.
    O, sagte Regina zrtlich, weine nicht um mich. Die Brute Christi haben
es besser, als die weltlichen Brute.
    Das fhl' ich nur zu gut! seufzte Corona, und doch kann ich Dir nicht
nachfolgen.
    Nein, Gott will es nicht! Deine Aufgabe ist, Dich in der Ehe zu heiligen -
und Orest mit Dir.
    Ich werde der Aufgabe erliegen! jammerte Corona; sie ist allzuschwer.
    Sie wre es, wenn Du mit Deinen menschlichen Krften sie lsen solltest.
Aber die Gnade des Sakramentes steht Dir bei und Deine Last trgt Gott ebenso
gut mit Dir, wie er die meine mit mir teilt. -
    Der Graf war dermaen erfreut ber die Verheiratung der einen Tochter, da
er den Klosterberuf der anderen darber verschmerzte. Was Uriel betraf, so hegte
er die Hoffnung, die Weltumsegelung werde ihn von seinem Liebesleid herstellen
und dann sei es ja noch immer Zeit, sich nach einer passenden Partie fr ihn
umzuschauen.
    Drei Wagen standen im Hof. Der eine sollte gen Westen fahren und die beiden
anderen nach Osten. Um die Wagen, auf dem Perron in der Vorhalle des Schlosses
war die ganze Dienerschaft versammelt und viele Leute aus den Besitzungen des
Grafen, um von Regina Abschied zu nehmen. Man hatte zwar schon lngst gesagt,
sie sei so fromm, da ihr Sinn nach dem Kloster stehe; der Graf wolle es jedoch
nicht erlauben. Nun ging sie wirklich in das arme, strenge Kloster - die junge,
schne, reiche, liebenswrdige und geliebte Regina! nun verlie sie wirklich das
Vaterhaus und die Familie und den jungen Mann, der sie anbetete! in welcher
bernatrlichen Liebe zu Gott mute das Herz entbrannt sein. Sie hatte in der
Frhe zu Kloster Engelberg die heiligen Sakramente empfangen, Abschied genommen
von der Gruft ihrer Mutter, von dem Gnadenbilde der Mutter Gottes, von den
frommen Patres, die ihre Seele gepflegt hatten; dann Abschied genommen von dem
lieben Windeck, von jedem Zimmer im Schlo, von jedem Pltzchen im Garten, ach!
und von der trauten Kapelle. Jetzt trat sie in Onkel Levin's Zimmer, bleich,
verklrt, wie ein Geist, der - wie einst Ernest von ihr gesagt hatte - die
Schwingen entfaltet zum Aufflug in die Heimat der Geister.
    Mein Herz stirbt, geliebter Onkel! sagte sie leise und sank zu seinen
Fen nieder.
    Wohl Dir, teures Kind! in dem durchwundeten Herzen unseres Gottes findet es
sein Leben wieder! Nimm nur getrost alle Kronen von Deinem Herzen ab, auch die
der Kraft, auch die der freudigen und stolzen Zuversicht; setze keine Grenzen
Deiner inneren Verdemtigung und Selbstentuerung - verlange auch die
Dornenkrone nicht, denn das knnte Dich stolz machen; aber nimm sie selig an,
wenn Dein Herr und Heiland sie mit Dir teilen will - und nun komm'! die Stunde
ist da.
    Er segnete sie, hob sie von der Erde auf und sagte mit unaussprechlicher
Zrtlichkeit:
    Nicht hier nehme ich Abschied von Dir. Ich gehe auch mit nach Wrzburg. Ich
will selbst das Kleinod meines Herzens im Schrein Gottes niederlegen.
    Sie verlieen Levin's Zimmer. Da stand Uriel an eine Sule gelehnt.
    Regina! rief er und trat ihr entgegen; ist's denn wirklich ein Lebewohl
fr immer?
    O nein, Uriel! sagte sie gefat, nur fr die Erde - ein kurzes Lebewohl.
Und dann: auf Wiedersehen, lieber Uriel!
    Sie ging vorber mit Onkel Levin. Uriel folgte ihr gedankenlos. Wie durch
einen Schleier sah und hrte er, was um ihn her vorging. Er hrte sprechen, er
hrte weinen; er sah sich umringt von der ganzen Familie, die ihm tausend Liebes
und Herzliches sagte und ihm glckliche Reise und glckliche Heimkehr wnschte.
Onkel Levin sagte:
    Der Engel Raphael geleite Dich zu uns zurck.
    Das verstand Uriel, sonst nichts. Er antwortete auf alles ganz gedankenlos:
Ja, ja!
    Der Graf, Onkel Levin, Regina und Hyazinth stiegen in den ersten Wagen; die
Baronin Isabelle mit Corona und Orest in den zweiten. Kinder und junge Mdchen
warfen den beiden Schwestern Blumen zu. Die Wagen rollten vom Hof.
    Dahin ist mein Glck! seufzte Uriel. Er sprang in seinen Wagen, schlo die
Augen und sein Kammerdiener sagte zum Postillon:
    Fort nach Frankfurt! von da geht's weiter nach Hamburg und rund um die
Welt.

                                  Zweiter Band



                               Die Villa Diodati

Es war ein herrlicher Oktober. Dieser Monat ist der schnste am Genfersee, ist
so sommermig, da die Abende sogar noch warm sind, und verbindet damit die
Vorzge des Herbstes: gleichmige Witterung, klare Luft und einen
unvergleichlichen Schmelz der Farben auf dem Gebirg und dem See. Die Villa
Diodati, berhmt durch den Aufenthalt, den einst Lord Byron dort machte, liegt
auf dem Ufer von Savoyen, eine Stunde von Genf, in einem terrassierten Garten,
unmittelbar am See, der seinen strahlenden Spiegel wie eine lichtblaue, mit
Goldfunken durchblitzte Emaille vor ihr ausbreitet. Auf dem entgegengesetzten
Ufer steigen die Rebgelnde des Waadtlandes auf, unterbrochen von Schluchten und
Hgeln mit reicher Bebaumung und berset mit Stdten, Drfern, einzelnen
Schlssern und Campagnen. Im Osten schliet das Hochgebirge des Walliserlandes
den See ab, schickt ihm aber aus den gewaltigen Gletschern am Fue der Grimsel
und Furka die reiende Rhone zu, die im Westen, bei Genf, an dem Becken des
See's im ungeduldigen Jugendmut herausbricht und sich ihre eigenen Wege sucht,
hinab zur Kste des mittellndischen Meeres. Die Krone des See's und der ganzen
Landschaft ist der gewaltige Montblanc; er liegt da wie ein weier Marmorblock
in einem Blumengarten.
    Es war gegen Abend; die Sonne sank und zog einen rosenfarbenen Schleier ber
alle Berge, whrend der ewige Schnee des Montblanc im feurigsten Rosenlicht
aufflammte. Mitten auf dem See, da, wo man die volle Ansicht des Montblanc hat,
schwamm eine Barke, leise gewiegt von den rieselnden Wellen, denn die Schiffer
hatten die Ruder eingezogen. In der Barke saen einige Mnner und eine Frau. Sie
hatte sich in einen weien Burnus eingewickelt, der ihre hohe schlanke Gestalt
hervorhob, nicht verhllte, und dessen Kapuze ber den Kopf gezogen. Sie blickte
mit ihrem ernsten schwarzen Auge unverwandt auf den Montblanc und kmmerte sich
nicht im mindesten um die Herren und ihre Gesprche. Zwei dieser Herren waren
brigens ebenso schweigsam wie die Dame, obschon sie nicht, gleich ihr, in den
Anblick des zauberhaften Naturgemldes versunken waren. Endlich sagte der eine
zu ihr:
    Signora Giuditta! - aber er mute es wiederholen, bevor sie die Kapuze ein
wenig zurckschob und, ohne nach ihm umzublicken, sagte:
    Was wnschen Sie, Graf Orestes?
    Sie zu hren, da Sie uns das Glck nicht gnnen, Ihr Antlitz zu schauen.
    Als ob diese Aufforderung ihrer Stimmung einen Ausdruck gegeben htte,
begann Judith sogleich jenes Lied vom Wanderer zu singen, das durch Schuberts
Komposition so berhmt geworden ist: Ich komme vom Gebirge her - Es ruht das
Tal, es rauscht das Meer. Sie sang alle Strophen durch. Kein Atemzug war in der
Barke zu hren; auch die Schiffer lauschten. Als sie zu Ende war, blieb alles
still.
    Hat Ihnen das Lied nicht gefallen, Graf Orestes, oder klingt meine Stimme
tonlos ber der Tiefe? fragte Judith.
    Das Lied ist so frchterlich melancholisch, da man davon angesteckt wird,
entgegnete er.
    Ein deutsches Lied! antwortete sie mit leichtem Achselzucken.
    Ganz recht, Signora! rief der zweite der schweigsamen Mnner; ein
deutsches Lied - das mu melancholisch sein! Deutschland hat nicht genug
Stimmen, um zu weinen und zu klagen ber seinen tiefen Verfall.
    Warum ziehen Sie es nicht empor - Sie und Ihre Gleichgesinnten? fragte
Judith kalt. Sie klagen ber die mark- und tatenlose Zeit; aber was haben Sie
denn aufzuweisen an Kraft im Willen und im Handeln?
    Barrikaden, Signora! erwiderte nicht der Gefragte, sondern statt seiner
Orest mit scharfem Hohne. Es gehrt sehr viel Kraft an Leib und Geist dazu, um
den Pferden eines Omnibus in den Zgel zu fallen - die bekanntlich so wild sind,
als ob sie eben auf den Steppen der Ukraine eingefangen wren - um den
Omnibuskutscher von seinem Sitz herabzureien, der bekanntlich erhabener als ein
Thron ist, um den Omnibus quer ber die Strae zu werfen, mit der Intention,
also smtliche Throne Europa's in den Gassenkot zu schleudern, und um dann einen
Fetzen, welcher Fahne der Freiheit tituliert wird, nicht eigentlich auf den
zerschmetterten Thronen, wohl aber auf dem zerschmetterten Omnibus, dem Bollwerk
der modernen Freiheit, aufzupflanzen.
    Die Freiheit ist das Gut des Volkes! rief der Verhhnte schneidend zurck.
Schlimm genug, wenn Ihr sie im Gassenkot unbercksichtigt lat, anstatt sie
aufzunehmen in Euren goldenen Slen.
    Mssen Sie denn immer wieder Streit anfangen mit Fiorino, Graf Orestes?
rief Judith.
    Aber, Signora, er ist ein ehrlicher Deutscher und heit Florentin! rief
Orest. Tausendmal schon sagt' ich es Ihnen! Florentin Hauptmann heit er.
    Ach, ich wei es ja sehr gut, erwiderte sie gleichgltig. Er ist ja seit
drei Jahren mein treuer Sekretr und Geschftsfhrer; allein der Name Fiorino
gefllt mir besser und ist leichter auszusprechen. Setzen Sie nur Ihre
Jeremiaden ber Deutschland fort, Fiorino! ich finde sie ganz richtig. Ein
englischer Schriftsteller hat die Deutschen ein Volk von Denkern genannt. Ob er
ihnen ein Kompliment damit machen wollte, wei ich nicht. Mir aber fllt bei
diesem ewigen deutschen Grbeln, Philosophieren und abstrakten Spekulieren der
Prinz Hamlet ein mit seinem berhmten Monolog. Aller Tatkraft der Deutschen wird
des Gedankens Blsse angekrnkelt - um mit besagtem Hamlet zu sprechen - und
dadurch die Energie des Willens und die Originalitt des Charakters gebrochen,
welche beide die Basis der Tatkraft sind.
    Welche Studien machen Sie ber die Deutschen infolge von Florentins
Jeremiaden! rief Orest.
    O nein! entgegnete Judith lchelnd, die haben mit meinen Beobachtungen
wenig gemein! Sie wissen ja, Graf Orestes, da ich von jeher Studien der
Menschen und Charaktere machte. Je lter ich werde, desto lieber und umfassender
mache ich sie. berdies gehren sie zur Bhnenkunst.
    Mir scheint aber, sagte Orestes, da Ihnen durch diese Studien von Jahr
zu Jahr mehr des Gedankens Blsse angekrnkelt wird.
    Darin knnen Sie recht haben, sagte sie abbrechend, - und dann zu
Florentin: Wie heit sie weiter, Ihre Lamentation um Deutschland?
    Einst war es gro, krftig, mchtig! rief Florentin. Einst stand es an
der Spitze der Weltbewegung, der Civilisation, des Fortschrittes. Einst lag es
in seiner Hand, die Gesetze einer neuen Bildung unserem Weltteile
vorzuschreiben. Es war bei seinen Gaben und Krften das erste Volk der Erde.
Aber von dem Augenblick an, wo es sich nur teilweise, nicht gemeinsam in die
Bahn eines bis dahin unerhrten Fortschrittes schwang, da ging es in Splitter
und seitdem verkommt es.
    Das verstehe ich nicht, sagte Judith. Wenn ein Teil von Deutschland einen
groartigen Fortschritt machte, so htte er ja den anderen Teil mit fortreien
mssen, oder wenigstens, wenn das ber seine Krfte ging, allein zu einem
glnzenden Resultate gelangen mssen.
    Und gerade derjenige Teil von Deutschland, rief Orest, der nach
Florentin's Ausdruck einen groartigen Fortschritt machte - oder, wie ich mich
ausdrcke, Deutschlands religise und politische Einheit zerri, durch welche es
fast ein Jahrtausend an der Spitze der Civilisation gewesen war: gerade der Teil
verband sich mit allen Vlkern, welche gegen das alte groartige, macht- und
kraftvolle Deutschland feindlich gesinnt waren - und mit allen Tendenzen, welche
das Streben und Verlangen nach Einheit hintertreiben. Gerade der Teil hat mit
seinem freien Forschen und freien Denken, mit seinen philosophischen und
metaphysischen Systemen und mit den tausend Scharteken, welche zum Apparat hoher
Bildung und Wissenschaft gehren, dermaen die Tatkraft des deutschen Volkes
gelhmt und dermaen seinem gesunden Sinne des Gedankens Blsse angekrnkelt,
da es wirklich teilweise in den gebildeten und halbgebildeten Schichten marklos
geworden ist. Ob brigens ein markloses Geschlecht ein Volk von Denkern und im
Stande sein knne, einen klaren Gedankenproze durchzumachen, bezweifle ich. Mir
scheint, die Verwirrung der Begriffe stehe in ppigster Blte, besonders auf dem
Gebiete der sozial-politischen Theorien. Aber die Shne Albions mchten nicht
blo Deutschland, sondern Europa - ja den ganzen Erdball in das Gebiet des
Gedankens hinein schmeicheln, damit sich mglichst wenig Hnde auerhalb
Englands an die allerdings furchtbar gedankenlose Praxis der Baumwoll-Spinnerei
und Weberei begeben.
    Ich staune, Graf Orestes! rief Judith. Sie stehen ja ganz auf der Hhe
des Jahrhunderts und halten Reden wie ein Kammermitglied, so da alle Hoffnung
vorhanden ist, auch Ihnen knne noch des Gedankens Blsse angekrnkelt werden!
Aber jetzt beruhigen Sie Sich durch einen Blick auf den Montblanc.
    Die Sonne war nicht nur schon unter den Horizont hinabgesunken, sondern der
westliche Himmel hatte bereits die glhenden Frbungen verloren, die aus lichtem
Goldglanz in feuriges Rosenrot, dann in zarten Purpur und Violet allmlig
verschwimmen, bis sie endlich zu einem blulichen Duft verbleichen, der den
ganzen Himmel umflort und der nur im Westen mit einem leichten, grnlich gelben
Anhauch gemischt ist. Das Gebirg, das allen Schattierungen des Sonnenunterganges
und des Abendhimmels folgt und, wie ein Geschmeide von Topasen, Rubinen und
Amethysten fr den Knig der Erdgeister, prchtig und anmutig in glnzenden
Farben aufstrahlt, wird ebenfalls in die bluliche Umflorung gehllt, welche vom
Himmel zur Erde herabsinkt, nimmt jedoch durch seine Masse und Schwere ein
stumpfes, hartes Grau an, das selbst die schwerste Wolke nicht hat, und sieht
ganz tot und leichenfahl aus. In solchem Moment tritt zuweilen - und am
hufigsten im Herbst - das wunderliebliche Alpglhen ein. An die totesstarren
Spitzen des Hochgebirges mit ewigem Schnee fliegt pltzlich ein rosiges Licht
und eine zauberhafte Illumination flammt auf zwischen Himmel und Erde. Die
hchsten Spitzen der Schneeberge bilden ber der grauen Tiefe und unter dem Grau
in der Hhe eine Kette von rosigen Flammen oder von glhenden Rosen, die im
ther zu schweben und ohne Zusammenhang mit der Erde zu sein scheinen.
    Dies wunderschne Naturschauspiel fand so eben am Montblanc statt: seine
drei eisgrauen Hupter strahlten im Rosenfeuer des Alpglhens. Das dauerte ein
paar Minuten; dann sank das Feuer, verglomm mehr und mehr, die Schatten krochen
aufwrts, nur eine Kohle glimmte noch auf der uersten Spitze - nur ein Funke
noch - nun erlosch auch der und das Gebirg trat in seine tote Starrheit zurck
und die Schatten der Nacht machten es doppelt finster und kalt. Judith wickelte
sich strstelnd in ihren Burnus, wendete sich pltzlich zu den Mnnern hin und
sagte:
    Meine Herren, warum ist die hliche Erde zuweilen so wunderschn?
    Einer der Herren, ein russischer Frst, entgegnete verbindlich:
    Die Rtsel der Sphynx lst nicht jeder Sterbliche.
    Zwei Englnder, Vater und Sohn, wtende Touristen und geschworene Bewunderer
aller Merkwrdigkeiten und aller Berhmtheiten, sagten aus einem Munde:
    Oh! Ah! No! very well!
    Ein junger Franzose rief lebhaft:
    Weil Sie, Signora, ber die Erde wandeln.
    Florentin sagte: Weil in den Stoffen der Natur auch diejenigen Krfte
liegen, welche im harmonischen Zusammenwirken die Schnheit bilden.
    Was sagt Graf Orestes? fragte Judith ihn; denn er schwieg.
    Er sagt nichts! rief Orest ungeduldig. Ich bitte, verschonen Sie mich mit
solchem hohlem Gerede! Sie selbst sind ein solches Rtsel, da Sie mir
wahrhaftig keine neuen aufzugeben brauchen.
    Nun aber mssen Sie uns auch die Lsung geben, sagte der Frst.
    Es war kein Rtsel, es war nur eine Frage, erwiderte Judith; und ich
fragte ganz ehrlich, weil ich durchaus nicht begreifen kann, weshalb diese Erde,
die ja weiter nichts als ein immenser Klumpen von Moder ist, in welchem alles
Leben sich auflst, weshalb und woher diese garstige Masse zuweilen eine
Schnheit erhlt, welche das Herz rhrt und die Seele erschttert.
    Die ganze Schpfung ist von Gott - die Natur, wie das Menschenherz, sagte
der junge Franzose; und um dieses auch durch die Sinnenwelt an Gott zu
erinnern, nehmen die Werke der Allmacht zuweilen den Schmuck der Schnheit an.
    Ah, Sie sind glubig! sagte Judith. Es berrascht mich immer von Neuem,
da es fr den Glauben eigentlich gar keine Rtsel gibt.
    Man mu sehr gengsam sein, rief Florentin, um sich mit den Auflsungen
zufrieden zu geben, die der Glaube gewhrt.
    Ich sage nicht, da er die Rtsel lse; das ist Sache der Intelligenz, die
sich bei diesem Bemhen tausendmal fr inkompetent erklren mu, wenn sie
aufrichtig ist - und das ist sie selten. Ich sage aber: es gibt kaum Rtsel fr
den Glauben. Er legt das, was fr unsereins unverstndlich und unbegreiflich
ist, gleichsam in einen Lichtstrahl, der von der Hand Gottes ausgeht und im
Wiederscheine dieses Lichtes sieht er klar.
    Dann stnde ja der Glaube hher als die Intelligenz, sagte der Frst, und
das kann doch nicht sein, denn er mu durch sie geprft und gesichtet werden.
    Vielleicht um ihn in seinen uerungen und Ttigkeiten zu regeln, sagte
Judith. Mir scheint aber, als stehe wirklich die Fhigkeit des Menschengeistes
am hchsten, die das Rtsel der Welt auf eine bernatrliche Einheit
zurckfhrt.
    Ah! Oh! No! hub der jngste Englnder an;  die Fhigkeit ist die hchste,
welche Signora besitzen: der Zaubergesang.
    Sie denken wohl, der Villa Diodati gegenber, an Lord Byrons Zauberlied: 
When the moon is on the wave, sagte Judith und rezitierte zum hchsten
Entzcken der Englnder, worin der Russe und der Franzose pflichtschuldigst
einstimmten, das Gedicht. Es war inzwischen ganz finster geworden und aus den
tausend Wohnungen rings an den Ufern flammten Lichter auf, diese stummen Zeugen
und Zungen von Menschentreiben, Menschenunruhe, Menschenleid, Menschenglck.
    Judith lie die Barke der Villa Diodati zuwenden. Sie hatte sich dort fr
einige Wochen niedergelassen, um sich von der furchtbaren Anstrengung zu
erholen, in den groen Opernhusern Europa's als Primadonna das Publikum zu
entzcken. Obschon sie auch in diesem idyllischen Aufenthalt nie allein war und
Tag fr Tag Besuche empfing, so fhrte sie doch vergleichsweise ein sehr ruhiges
Leben, da sie von keiner Verpflichtung abhngig und Herrin ihrer Zeit und ihrer
Beschftigungen war. Letztere bestanden darin, da sie stundenlang auf dem See
fuhr, viel las, etwas sang und etwas auch mit ihren Hausgenossen - und mit den
Fremden, den Bekannten und den Verehrern, die sie umlagerten, sich unterhielt.
Ihre Hausgenossenschaft bestand aus ihrer Mutter, aus einem italienischen
Musiker Namens Lelio, den sie bei ihren musikalischen Studien zum
Akkompagnieren, zum Transponieren, dann zur Durchsicht von musikalischen
Manuskripten, die man ihr widmen wollte, und von Opernpartituren, die sie auf
die Bhne bringen und berhmt machen sollte - ganz notwendig brauchte; und aus
Florentin, der ihre pekuniren Geschfte und ihre offizielle Korrespondenz
fhrte - zwei Dinge, die ihr ein Gruel waren. Lelio und Florentin hatten sich
zuerst bei der Revolution in Rom als feurige Gesinnungsgenossen kennen gelernt.
Als aber die Beschftigung in diesem Fache durch die momentane Rckkehr zur
brgerlichen Ordnung unterbrochen wurde, widmete sich Lelio wieder der Musik,
bekam eine Stelle im Orchester der Skala zu Mailand und lernte dort Judith
kennen, die auf seine Brauchbarkeit schnell aufmerksam wurde, als sie zum ersten
Mal nach Mailand kam, und ihn leicht bewog, eine Stellung in ihrer Umgebung
einzunehmen. Sie fhlte damals, da sie Jemand ntig habe, der firm in der
italienischen Musik und Schule sei und den italienischen Geschmack grndlich
kenne. Sie wute, da kein Beifall in Amerika und in England genge, um ihr den
gltigen Stempel einer groen Sngerin aufzuprgen, und da die Sngerinnen
erster Ordnung sich in Italien entweder ihre Bildung holen oder ihre Probe
durchmachen mssen. Sie war fest entschlossen, eine Sngerin erster Ordnung zu
werden, und versumte nichts, was ihr dazu behilflich sein konnte.
    Florentin war durch seinen verkehrten Freiheitstrieb eine Art von Vagabunde
geworden. Er schweifte umher, er ging nach Amerika, er ging nach Europa zurck
und nach England; er fand nirgends eine Sttte, nirgends einen Wirkungskreis,
nirgends Ruhe. Seine innere Haltungslosigkeit machte ihn unfhig zu jeder
beharrlichen und anstrengenden Ttigkeit. Die hchste Blte menschlichen
Hochmutes, der Subjektivismus, verschlang all' seine guten Krfte oder
vertrocknete dasjenige Erdreich seines Wesens, auf welchem sie sich gedeihlich
htten entfalten knnen. Fr einen Menschen, der nichts kennt, nichts begreift,
nichts will, als eine schrankenlose Entwickelung und Durchlebung seines Ichs,
ohne andere Richtschnur als die, welche aus dem falschen System einer absoluten
Freiheit entspringt, fr einen solchen gibt es keinen Platz auf der Welt, so
gro sie auch ist. Es flossen ihm freilich berall einige Untersttzungen aus
den Mitteln seiner Partei zu, die in Verbindung mit allen geheimen
Gesellschaften und eigentlich nichts anderes ist, als deren in der
ffentlichkeit ttige rechte Hand. Diese Gesellschaften und Verbrderungen,
welchen Namen und welche Zeichen sie fhren mgen, haben alle einen und
denselben Hauptzweck: die Ausrottung aller positiven Religion - oder mit einem
anderen und deutlicheren Wort: die Vertilgung der katholischen Kirche von der
Erde. Aber nicht alle Mitglieder dieser Verbrderungen legen ffentlich Hand an
das Werk des Umsturzes und der Zerstrung. Das verbieten Verhltnisse und
Rcksichten, Stellung und Charakter. Umsomehr sind sie bereit zu derjenigen
Untersttzung, welche fr alles, was einen Fortgang auf dieser irdischen Welt
haben soll, mehr oder minder notwendig ist: sie spenden Geldmittel. Die Mnner
der ffentlichen Revolution sind gleichsam die Kriegstruppen der geheimen
Revolution und werden als solche von dieser auf jede Weise untersttzt. Die
einen werden zu Stellen und mtern befrdert; die anderen erhalten Jahrgelder,
um Reisen oder Studien im Sinne der Aufklrung und des Unglaubens zu machen;
noch andere werden besoldet als Journalisten und Verfasser von Tendenzschriften;
wieder anderen macht man einen erstaunlich groen Ruf hinsichtlich ihres
Wissens, ihrer Talente, um auf diese Art ihr Fortkommen zu begnstigen; und so
wird diese Armee der Revolution in stillen Zeiten durchgebracht, um in unruhigen
alsbald auf ihrem Platz und dienstbereit zu sein.
    Florentin empfing also wohl einige Untersttzung, allein sie entsprach nicht
seinen Bedrfnissen, noch konnte sie seinen Ehrgeiz befriedigen! daher fhlte er
sich mehr erbittert als verpflichtet, was von seinem kommunistischen Standpunkt
aus nicht anders sein konnte. Nachdem er die unglckliche Wendelrose in ihre
Heimat zurckgebracht und verschiedene Wanderungen durch Deutschland gemacht
hatte, um den Stand seiner Partei nach so langer Abwesenheit zu rekognoszieren,
ging er nach der Schweiz, deren Gletscher in einen Krater der Revolution
verwandelt zu sein schienen, und stie in Chamouny auf Lelio, der Judith's
Kreuz- und Querzge mitmachen und sie auf ihren Kunst- und Erholungsreisen
begleiten mute. Lelio freute sich sehr, seinen alten Genossen am Fue des
Montblanc wiederzufinden, nachdem er ihn am Fue des Kapitols verlassen hatte -
und da Judith einen gewandten und gebildeten Sekretr in ihrer Umgebung zu haben
wnschte, der die neueren Sprachen gelufig schreibe, und da Florentin von
Kindheit auf die praktische bung dieser Sprachen hatte: so schlug Lelio ihn in
der zwiefachen Eigenschaft seines Freundes und eines hchst brauchbaren
Geheimschreibers ihr vor. Er lie auch die Bemerkung fallen, Florentin sei ein
Italianissimo, habe als solcher viele politische Verfolgungen ausstehen mssen
und sei eines Ruhehafens recht bedrftig. Judith erwiderte mit ihrem khlen
Indifferentismus, Lelio wisse ja, da sie sich fr den politischen Fanatismus
ebensowenig wie fr den religisen interessiere; da sie aber gern einem
Hilflosen, der brauchbar fr ihre Absicht sei, einen Platz in ihrer Umgebung
anweisen wolle, vorausgesetzt, da er es verstehe, sich auf diesem Platz zu
halten. Am anderen Tage bestieg sie den Montanvert und besuchte das groe
Eisfeld, das unter dem Namen mer de glace ebenso berhmt als sehenswrdig ist.
Florentin hatte sich seinerseits zur mer de glace begeben; und auf diesem Punkt,
einem der interessantesten in Europa, lie er sich durch Lelio einer der
berhmtesten Frauen von Europa vorstellen, deren Schnheit und Genialitt ihn
vershnte mit der untergeordneten Stellung, die er bei ihr einnehmen sollte.
Htte Graf Windeck ihm den Vorschlag gemacht, sein Privatsekretr zu werden: so
htte Florentin ihn mit der uersten Verachtung zurckgewiesen; aber
Privatsekretr bei einer italienischen Primadonna, das war etwas ganz anderes!
sie gehrte zu den Celebritten des Jahrhunderts, sie war ein groes Genie, und
Florentin betrachtete jedes Genie als einen gekrnten Sprling der Freiheit -
einesteils, weil es die breitgetretene Bahn der Alltglichkeit verlasse und
eigene Wege einschlage; andernteils, weil es mannigfache Kmpfe gegen
eingerostete Vorurteile und mit dem Stumpfsinn der unempfnglichen Masse zu
bestehen habe. Da Florentin sich selbst als einen Freiheitssprling ansah, der
durch die Ungunst der Verhltnisse noch nicht gekrnt sei, so fand er eine
gewisse Verwandtschaft seines Geistes mit allen groen Genies, wenn auch nicht
in der Begabung, so doch in der Richtung. Judith war indessen mit seinem
Benehmen und seinen Leistungen zufrieden und behielt ihn.
    Wie lebt man denn mit der Signora Judith? fragte er seinen Freund.
    O sehr gut! entgegnete Lelio. Sie ist sehr ungeniert und gnnt Jedem
seine Freiheit; sie behandelt alle Leute, die mit Huldigung, Verehrung etc. etc.
zu ihr kommen, ber einen Leisten - und Gott wei, wer nicht zu ihr kommt!
Prinzen und Journalisten, Banquiers und Knstler, Neugierige und Touristen,
Bettler und Krsusse! - Sie nimmt, wie eine marmorne Gttin, jeden Ausdruck der
Bewunderung an, mge er zu Tage kommen durch einen Blumenstrau oder ein fades
Gedicht, durch eine Liebeserklrung oder einen Diamantenschmuck. Zuweilen aber
ist sie launenhaft, und dann nicht selten insolent.
    Wer ist der primo amoroso? fragte Florentin.
    Lelio zuckte die Achseln bis zu den Ohren hinauf und stie das
unnachahmliche Eh! der Italiener aus.
    Du wirst doch nicht mit mir den Verschwiegenen spielen wollen? rief
Florentin. Ich frage ja nur, um mich auf meinem Platz zu orientieren und um
nicht in Verlegenheit zu kommen und zu bringen.
    Niemand kann das verraten, was er selbst nicht wei, erwiderte Lelio
kaltbltig. Als Florentin ihm aber mit spttisch fragendem Blick in die Augen
sah, gab er lchelnd zur Antwort:
    O nein! - Ich kann Dir nur sagen, da ich mich um ihre intimen Verhltnisse
gar nicht bekmmere und kann Dir nur raten, in dieser Beziehung meinem Beispiel
zu folgen. Ein gemeines Weib ist sie nicht! aber .... -
    Nun - aber? rief Florentin gespannt.
    Aber vielleicht ein bses!
    Bah! sie wird doch nicht mit Gift und Dolch umgehen?
    Nein; doch mit eiskalter Koketterie. Sie verlangt groe Triumphe. Leute wie
Dich und mich beachtet sie gar nicht.
    Lelio's Aufrichtigkeit verdro Florentin ungemein und er gab seine Fragen
hinsichtlich Judith's aus Empfindlichkeit auf. Wie nun auch seine eigenen
Beobachtungen ausfallen mochten, er blieb ihr Privatsekretr und war bereits
drei Jahre in dieser Stellung, als sie ihren Aufenthalt in der Villa Diodati
nahm.
    Judith's Schnheit hatte in dieser Zeit verloren und gewonnen; verloren -
alle Frische und Weichheit der Jugend, allen Schmelz der ersten,
unwiederbringlichen Blte; gewonnen - eine gewisse tragische Ruhe in Ausdruck
und Haltung. Sie schien bestndig zu denken: Es ist nichts anzufangen mit dem
Leben! ich wei es aus Erfahrung! - -
    Sie trat jetzt mit dem ganzen Schwarm ihrer Begleiter in den eleganten, hell
erleuchteten Salon der Villa Diodati, wo Madame Miranes sie erwartete, und ihr
entgegen rief:
    Lelio ist endlich zurckgekehrt!
    O glckliche Nachricht! rief der russische Frst.
    Jetzt wird mir vielleicht die Wonne zu Teil Casta Dia zu hren.
    Bester Frst, sagte Judith, ich begreife gar nicht diese Marotte. Sie
haben ja unzhlige Male die Norma gehrt.
    O welch ein Unterschied, sie zu hren auf der Bhne, als Oper und mit dem
ganzen Publikum - oder im Salon, und gerade diese eine Arie! das ist ein Genu,
der nur wenigen Lieblingen des Glckes zu Teil wird.
    Diese Sucht nach dem Besonderen ist eben das, was ich Ihre Marotte nenne,
erwiderte Judith.
    Aber der Frst fuhr fort: Ich flehe Sie an, Signora, lassen Sie den Herrn
Lelio rufen, da er seinen Platz am Pianino einnehme und die Casta Dia
akkompagniere. Legen Sie Ihren Burnus nicht ab! er drappiert Sie unvergleichlich
und bildet ganz ungesucht das Gewand der Druidin.
    Da alle Herren die Bitte des Frsten untersttzten, sagte Judith endlich zu
Florentin:
    Htten Sie wohl die Gte, uns den Lelio zu holen?
    Ein Sturm des Entzckens brach aus und der junge Englnder wurde gesprchig
vor froher Erwartung und sagte:
    Von den Druidinnen, die in meiner Heimat Wales recht eigentlich zu Hause
waren, erzhlt die Sage: sie htten Lieder von so wundersamer Schnheit
gesungen, da sie die Meeresstrme damit bezaubert und zur Ruhe gebracht htten.
Das fllt mir immer ein, wenn ich Signora Judith die Norma singen hre.
    Nur mit dem enormen Unterschied, fiel der Frst ein, da die Signora
Strme erregt, nicht beschwichtigt. -
    Florentin trat so eben mit einem ganz verstrten Gesicht wieder ein und
berichtete dem erwartungsvollen Kreise, Lelio lasse sich entschuldigen, er liege
bereits im Bett.
    Desto besser! sagte Judith und warf ihren Burnus ab. Sie brauchen ber
dies Migeschick nicht fassungslos zu sein, Fiorino.
    Aber ich desto mehr! rief der Frst. Seit vierzehn Tagen bin ich hier
festgehalten durch ...
    Ihre Marotte! warf Judith lchelnd ein.
    Gut also! durch meine Marotte; werde von einem Tag auf den anderen
vertrstet: Wenn Lelio kommt! - Er kommt, der Unglckliche, und legt sich mitten
im Tage - denn es ist ja wohl kaum sieben Uhr - legt sich zu Bett!
    Morgen ist auch noch ein Tag, sagte Judith.
    Nicht mehr fr mich! rief der Frst klagend aus. Meine Paerlaubnis ist
bis zur uersten Grenze abgelaufen; ich mu fort.
    Welche Sklaverei! rief Florentin.
    Nun ja, entgegnete der Russe kalt, ohne einige Sklaverei lebt sich's
nicht auf dieser sublunarischen Welt. Ketten von Oben und Unten, von Innen und
Auen sind unser aller Los. Der eine gehorcht dem Czar, der andere dem Volk, der
dritte einem geheimnisvollen Alten vom Berge, der vierte einem schnen
Augenpaar: Ketten allberall! Nur ein Mensch ohne alle Beziehungen knnte sich
ihrer entledigen; damit wrde er jedoch aufhren, Mensch zu sein.
    Dennoch ist es sehr hart, rief unbesonnen der Marquis d'Avallon, von
solchen Beziehungen umsponnen zu sein, die fr eine geringe berschreitung
polizeilicher Ordnung nach Sibirien fhren.
    Oder nach Cayenne, entgegnete der Frst mit seinem verbindlichsten
Lcheln.
    Madame Miranes machte es sich zur besonderen Aufgabe, allen Gesprchen, die
eine scharfe Wendung zu nehmen drohten, die Spitze abzubrechen. Bei den vielen
und verschiedenartigen Menschen, die zu ihrer Tochter kamen, wachte sie darber,
da sich alles in Ruhe und Harmlosigkeit bewege und unterhalte, und da vor
allen Dingen nie eine politische Diskussion gefhrt werde, von der nichts zu
erwarten sei, als Erbitterung fr die Redner und Langeweile fr die Zuhrer.
Jetzt rief sie lebhaft:
    Was Sibirien und Cayenne! ich sage etwas ganz anderes! ich sage Clarens!
wir wollen morgen mit dem Dampfboot eine Exkursion an das Waadtlndische Ufer
machen und in Clarens die bosquets d'Hloise durchwandeln.
    Alle gerieten wieder in gute Laune. Marquis d'Avallon sagte triumphierend,
der Genfersee trage eine wahre Krone von berhmten Namen; aber die glnzendsten
unter diesen gehrten doch der groen Nation an: Voltaire, Rousseau, Madame de
Stal. Dagegen behaupteten die Englnder, Lord Byron mit seiner schwunghaften
Poesie berwiege bei Weitem die beiden Letzteren, und Gibbon's skeptische
Intelligenz drfe sich mit Voltaire messen.
    Das Schlo von Chillon hat durch Lord Byron gleichsam eine unsterbliche
Seele bekommen, sagte der junge Englnder.
    Rousseau hat dasselbe fr Clarens getan, versetzte der Franzose.
    Welches Land schickt denn jetzt seinen kostbarsten Edelstein fr die Krone
des Leman? wendete sich der Frst an Judith.
    Mein Vater war ein Spanier, antwortete sie, und meine Kindheit verlebte
ich in Cadix.
    O herrlich! rief Florentin. Diese groen Genies, die smtlich fr das
hchste Gut der Menschheit, fr die Freiheit, schrieben und wirkten, haben nicht
blo ihren Schatten und ihren Namen an diesen Ufern zurckgelassen. Der Genius
der Freiheit, der jetzt ber der Schweiz sein Banner schwingt, ist
hervorgegangen aus ihren Mhen, ihren Anstrengungen, ihren Studien, ihren
Nachtwachen. Wahrlich, sie verdienen die Pilgerfahrt zu den Sttten, die sie
unsterblich gemacht haben. Aber wenn der Erinnerung Rousseaus in Clarens
gehuldigt wird, und Voltaire's in Ferney, der Frau von Stal in Coppet, Gibbon's
in Lausanne und Lord Byron's auf dem ganzen See: so ist doch auch Vevay nicht zu
vergessen. Dort ist das Grab eines Mannes der Tat, eines politisch groen
Mannes..... - -
    Oh! No! unterbrachen ihn die Englnder, Vater und Sohn, die ihr
Reisehandbuch auswendig wuten.
    Wer war der Mann? fragte Judith gespannt.
    Es war Ludlow - einer jener Mnner, die Carl von England auf's Schaffot
schickten.
    Wir sind Whigs, sagte der alte Englnder, aber wir lieben nicht das
Schaffot fr die Knige.
    Ein sehr guter Geschmack, Mylord! versicherte Madame Miranes. Der Signor
Fiorino hat Sympathien, vor denen man schaudert.
    Ich meinesteils, sagte Judith, schaudere vor all diesen prunkhaften
Sympathien mit Leuten, die doch weiter nichts getan, als eine Masse Bcher in
die Welt geschleudert haben, welche von Millionen, ohne den mindesten Nachteil
fr Leib und Geist - nicht gelesen - hingegen von Tausenden zu ihrem grten
Schaden gelesen werden. In die Bewunderung des Genies legt man eine lcherliche
bertreibung.
    Aber was soll man bewundern, wenn nicht das Genie - diese gttliche Flamme
des menschlichen Geistes! rief der Frst verwundert.
    Das ist es eben, entgegnete Judith, man wei nicht, was man bewundern
soll, und deshalb verfllt man auf diesen Kultus, bei welchem unausbleiblich ein
paar Weihrauchkrner fr den Adoranten selbst abfallen, indem sich jeder -
versteht sich in tiefster Stille des Herzkmmerleins - eine gewisse hnlichkeit
oder Beziehung, oder Verwandtschaft mit dem Genie zuspricht.
    Der junge Franzose, der bei der Wasserfahrt gesagt hatte, die Schpfung sei
das Werk Gottes, besann sich, ob er nicht einen Mann nennen solle, der
gleichfalls an dem Ufer dieses Sees, in dem kleinen Stdtchen Thonon, in groer
Mhsal und Demut seine glorreiche Laufbahn begann und von dessen Schriften das
Gegenteil von Judiths Behauptung galt: denn es ist ein Schaden fr die Seelen,
die Werke des heiligen Franz von Sales nicht zu kennen. Aber wenn sich auch der
franzsische Mut bis zu der Verwegenheit erhob, Gott als den Schpfer der Natur
zu bekennen, so ging er doch nicht so weit, um auf Gottes bernatrliche
Schpfung, die Gnadenwelt - und auf deren bernatrliche Genie's, die Heiligen -
Judith mit ihrem ungestillten Bewunderungsverlangen hinzuweisen. In der
Gesellschaft von zwei Jdinnen, zwei Hochkirchlern, einem Russen und einem
Kommunisten den heiligen Bischof von Genf als berebenbrtig von Voltaire und
Gibbon zu nennen - nein! zu dieser Grotat des Glaubens erschwang der Marquis
d'Avallon sich nicht und er, der einzige, der von dem groen und liebenswrdigen
Heiligen htte sprechen knnen, er nannte ihn nicht.
    Endlich empfahlen sich die Herren und begaben sich nach Genf zurck. Als
Judith mit ihrer Mutter allein war, sagte sie zu Florentin:
    Was ist denn dem Lelio widerfahren? Sie kamen ja in einem entsetzlichen
Zustand von ihm zurck.
    Das wird er Ihnen selbst sagen! brach Florentin aus. Mir fehlen die
Worte, um eine solche Schmach zu bezeichnen.
    Hat er gestohlen? rief Madame Miranes bengstigt.
    Oder ein anderes Verbrechen begangen? fragte Judith, ihrerseits
beunruhigt.
    Er hat gebeichtet! sagte Florentin dumpf.
    Nun, was denn? fragte Madame Miranes neugierig. Hat er Ihre oder seine
Geheimnisse ausgeplaudert?
    O Gott! Sie verstehen das nicht! rief Florentin ungeduldig. Er ist ein
Apostat der Gewissensfreiheit geworden! er ist zum Kreuz zurckgekrochen! er hat
das Joch der Pfaffenherrschaft auf seine Schultern genommen! Ha! so sind diese
Italiener: unzuverlssig bis in's Mark hinein!
    Aber, bester Fiorino, weshalb wten Sie so? sagte Judith gelassen. Sie
predigen ja Gewissensfreiheit fr jedermann. Nun, so lassen Sie doch auch dem
armen Lelio das Recht, die Freiheit seines Gewissens zu wahren und zu ben, wie
es ihm zusagt.
    Wenn es ihn von der Sache der allgemeinen Geistesbefreiung abtrnnig macht
- nein! und abermals nein!
    Das ist leeres Gerede! warum soll er seine Idee von Freiheit der Ihren -
oder der Idee von Millionen opfern? Wo ist das Richtige? wo ist die Wahrheit?
wer brgt dafr? auf diesem Gebiet beweisen groe Zahlen gar nichts! Millionen
knnen irren und einer kann ihnen gegenber das Rechte und Richtige verteidigen
und die Wahrheit behaupten. Also nicht ber Lelio hergefallen, mein Bester!
    Sie sind ein groes musikalisches Genie, Signora, rief Florentin emprt,
und haben berhaupt manche eminente Fhigkeit. Geht Ihnen aber nicht das wahre
Licht der Erkenntnis auf und bemhen Sie sich nicht, fr dasselbe zu wirken -
was einer geistreichen Frau in einer bewunderten Stellung so leicht ist - so
werden Sie nie mitzhlen unter den Gren des Jahrhunderts.
    Er strmte hinaus und Madame Miranes sagte:
    Das fehlte noch! eine Barrikadengttin fr den Signor Fiorino! Liebes Kind,
ich habe andere Wnsche fr Dich. Du hast jetzt ein groes Vermgen und eine
groe Berhmtheit erworben; es wird nun Zeit, an eine glnzende Heirat zu
denken. Wie gefllt Dir der russische Frst?
    Gar nicht, sagte Judith trocken.
    Es wre doch nicht bel, Frstin - - wie heit er denn eigentlich? - zu
werden. Nach so vielen Theaterkronen wrde sich eine solide Frstenkrone gar
passend auf Deiner Stirn ausnehmen und Dein Streben wahrhaft krnen.
    Madame Miranes kte die Stirn ihrer Tochter und verlie den Salon. Judith
legte sich matt in einen Sessel zurck und sagte halblaut:
    Welch' eine Menagerie - von Menschen umgibt mich!
    Da ffnete sich die Balkontre, die Vorhnge rauschten und Orest trat in den
Salon. Judith sah ihn befremdet an und sagte:
    Was fllt Ihnen ein, Graf Orestes! wir sind beide zu alt, um Versteckens zu
spielen.
    Ich spiele nicht, Signora, erwiderte Orest und setzte sich ihr gegenber;
und ich wnschte sehnlichst, da auch endlich einmal das Spiel von Ihrer Seite
aufhren mge.
    Zu dieser, wie es scheint, hchst ernsten Unterhaltung - denn Sie sehen
finster wie die Nacht aus - wollen wir doch eine gelegenere Stunde whlen,
sagte Judith und wollte aufstehen. Aber Orest ergriff ihre Hnde, hielt sie fest
und sagte:
    Mit nichten, Judith! glauben Sie, ich htte drei Stunden auf dem Balkon
gewartet, um mich jetzt fortschicken zu lassen? um Sie morgen wieder nicht
allein, sondern in Ihrer Menagerie zu finden? um von Tag zu Tag, von Jahr zu
Jahr, in der immer gesteigerten Qual der Ungewiheit zu verharren? Nein, Judith!
das geht nicht mehr! Sie mssen mir Rede stehen.
    Gut! sagte sie, schob ihren Lehnstuhl zwei Schritte zurck, legte die Arme
ber einander und sah ihn an mit ihren wunderschnen, wie schwarze Diamanten
glnzenden Augen, ber welche lange Wimpern einen zarten, dunkeln Schleier
warfen. Sie sah bezaubernd aus.
    Orest betrachtete sie eine Weile, drckte dann heftig beide Hnde vor's
Gesicht und sagte halbleise:
    Judith! .... ich liebe Dich!
    Darauf hab' ich nichts zu antworten! sagte sie.
    Ha! rief er, sprang auf und stampfte wild mit dem Fu auf den Boden; wenn
Sie nicht darauf antworten knnen, so drfen Sie es auch nicht anhren.
    Wer hrt es nicht gern, das se Wort von der Liebe? entgegnete Judith mit
so weichem Ausdruck in Ton und Blick, da Orest wieder gefangen und entwaffnet
wurde und zrtlich bat:
    Aber das Wort werde erwidert, Judith!
    Ich bin von wenig Worten, Graf Orestes, das wissen Sie ja lngst.
    Wie Sie mich foltern! rief er.
    O armer Martyrer der Liebe, entgegnete sie lchelnd.
    Und wenn ich des Martertums berdrssig werde?
    So verleugnen Sie mich! sagte Judith in einem Tone, der mit tausend
Schlingen sein Herz umspann; aber erwarten Sie nie von mir, da ich je zu Ihnen
von Liebe sprechen knnte! Dadurch wird das Weib des Mannes Sklavin; er wei
sich geliebt - und triumphiert. Das Weib hingegen findet keinen Triumph in der
Gewiheit, geliebt zu werden - sondern ein Glck. Er kann sprechen; schweigen
mu sie.
    Bis auf einen gewissen Punkt knnen Sie recht haben. Allein das Schweigen
darf nicht lange genug whren, um Zweifel zu wecken.
    Graf Orestes! ich habe Ihnen einmal vor Jahren ein Wort gesagt. Wissen Sie
es noch?
    Ob ich es wei! ob es mir nicht Tag und Nacht das Herz durchklingt! Judith!
Alles fr alles - so lautete das Wort.
    Das ist doch gewi klar und verstndlich; und Sie haben es dennoch
miverstanden. Als Sie zuerst in Mailand um meine Liebe warben, da sprach ich:
Alles fr alles! - und Sie? was taten Sie, Graf Orestes? - Sie gingen hin und
vermhlten sich mit Ihrer schnen Cousine. Kaum waren die Flitterwochen vorber,
so lagen Sie wiederum zu meinen Fen. Konnte ich anders, als diese - Liebe kann
ich unmglich sagen! - als diese Sorte von Liebe tief zu verachten? Wer auf die
Zusage: Alles fr alles - so antwortet, der versteht sich nicht auf die Liebe
des Weibes, berhaupt nicht auf die Liebe des Herzens - und eine andere mag ich
nicht! - Damals sprach ich Ihnen unumwunden meine Verachtung aus und stieg bei
Ihnen im Preise, als Sie erkannten, da ich so leichten Kaufes nicht zu gewinnen
sei. Sie wurden erzrnt, gekrnkt, Sie gaben Ihre Liebesversicherungen nicht auf
und sprachen viel vom Drang der Umstnde und von schuldiger Bercksichtigung der
Familienverhltnisse - was mich natrlich nicht im mindesten von Ihrer Liebe zu
mir berzeugen konnte. All' die heftigen Szenen, all' die bitteren Vorwrfe,
welche ich Ihnen htte machen knnen, machten Sie mir unter dem Vorwand Ihrer
glhenden Leidenschaft - was mich natrlich, als eine armselige Komdie, sehr
langweilte. Und so trennten wir uns, wie ich glaubte - auf immer! Aber Sie kamen
wieder, Sie suchten mich von neuem auf, Sie drngten sich an mich; meine Klte,
meine Gleichgltigkeit stie Sie nicht zurck; Sie behaupteten, nicht von mir
lassen zu knnen - und dies haben Sie allerdings bewiesen, denn seit drei Jahren
sind Sie, bald nach lngeren, bald nach krzeren Pausen, nach Paris, nach der
Insel Wight und wieder nach Paris mir gefolgt. Diese Beharrlichkeit wrde mich
rhren und ich knnte sie wohl als einen Beweis von aufrichtiger Liebe
betrachten, wenn ich nicht wte, da versagtes Glck reizender fr das
Menschenherz ist, als erlangtes; denn um die Hoffnung schwebt stets ein Abglanz
von der Unendlichkeit und auf der Erfllung liegt stets ein Schatten des Todes -
die Endlichkeit. So sind Sie nicht allein; so ist der Mensch, so ist sein
melancholisches Schicksal. Aber weil ich das wei, so betrachte ich die
Extravaganzen Ihrer Leidenschaft und Ihr Beharren bei derselben auch noch nicht
als die wahre Liebe. Die mu sich aussprechen in einer Tat, einer entscheidenden
lebenumfassenden Tat; und deshalb sage ich heute, wie damals: Alles fr alles.
Nur sage ich es jetzt mit noch grerer Entschiedenheit, denn Sie sind mir jetzt
eine Ehren erklrung fr die ttliche Beleidigung schuldig, eine frivole
Liebelei bei mir gesucht zu haben.
    Das hab' ich nie! rief Orest und lie die Hnde sinken, mit denen er, so
lange Judith sprach, sein Gesicht bedeckt hatte. Das nie! ich habe immer
gefhlt, da Sie die Herrin meines Schicksals sein wrden und habe niemals
begehrt, den Zauberbann zu lsen, der mich an Sie fesselte. Zu Ihren Vorwrfen,
da ich mich mit meiner Cousine vermhlte, mu ich schweigen - denn ich hab' es
getan! ich wute, da mein Glck in dieser Ehe nicht liege - und ging sie
dennoch ein. Ich war ein leichtsinniger Tor, der sich von den Verhltnissen
berrumpeln lie, oder besser gesagt, der vor ihnen erlag. Sie haben keine
Ahnung davon, was das ist: die Familientradition, dies Forterben des Standes,
des Namens, des Vermgens, der Erinnerungen, der Wirksamkeit, von einem
Geschlecht auf das andere. Sie ist so mchtig, da ich mich ihr gegenber
gefangen und wehrlos fhlte.
    Kann sein! erwiderte Judith. Indessen mag doch auch die Schnheit der
Grfin Windeck diese Gefangenschaft nicht reizlos gemacht haben.
    Eifersucht, Judith? rief Orest freudestrahlend. O wenn das ist, so werden
Sie begreifen, in welchem Kreuzfeuer ich stehe, wenn ich sehen mu, wie man
Ihnen huldigt - und wie ich zittern mu bei dem Gedanken, da einer unter den
vielen Ihr Herz gewinnen knnte - und da ich dieser Eine vielleicht nicht bin!
O dann werden Sie Mitleid mit mir haben, nicht wahr, Judith?
    Wer hat denn Mitleid mit mir, Orest? sagte sie sanft. Sie gehen zurck zu
Grfin Windeck .... -
    Ein Wort von Ihnen, Judith, und ich bleibe!
    Alles fr alles! - Ist dies das Wort, Graf Orestes, welches Sie nicht hren
mchten?
    Judith! sagte er mit gepreter Stimme, Sie sind ein dmonisches Weib.
    Das sagen die Mnner sehr leicht, sobald man nicht mit ihnen einverstanden
ist, erwiderte sie kalt. Und das mu abwechseln mit dem Ausruf: herzloses
Weib!
    O knnte ich Sie doch hassen, Judith! rief Orest, sprang vom Stuhl auf,
hielt mit beiden Hnden seinen Kopf und eilte auf den Balkon.
    Strzen Sie sich nur nicht in den See! - er ist sehr kalt! rief ihm Judith
nach. Armer Orest! setzte sie nach einer Weile mit ihrer Sirenenstimme
halblaut hinzu. Als er nicht kam, folgte sie ihm auf den Balkon. Er hatte sich
auf einen Stuhl gesetzt, die Arme auf das Eisengelnder - und den Kopf auf die
Arme gelegt.
    Kommen Sie doch herein, Orest! sagte Judith und berhrte ganz leise sein
gesenktes Haupt. Die Luft ist feucht und der nchtliche Tau schdlich.
    Er stand auf und folgte ihr in den Salon, willenlos wie ein Kind.
    Ich kann Sie nicht hassen, Judith! seufzte er.
    Graf Orestes, nahm sie wieder mit ihrem khlen Tone das Wort, Sie
veranlassen immer Gesprche mit mir, bei denen Sie ganz Feuer und Flamme werden
und Gefahr laufen, in ein kaltes oder ein hitziges Fieber zu verfallen, je
nachdem die Wagschale mit Ha oder Liebe sich mir zusenkt. Ist das vernnftig?
ist das liebenswrdig? was kann man mit einem zu solchen Excessen geneigten Mann
anfangen?
    Ihn lieben, Judith.
    Vor der Hand nicht! sondern ihm Gute Nacht wnschen, antwortete sie
scherzend, schellte und sagte zu dem eintretenden Diener: Graf Windeck's
Wagen.
    Orest machte Anstalt, den Befehl zu berhren, indem er sich in einen tiefen
Lehnstuhl versenkte und drei Journale auf einmal zur Hand nahm. Da ffnete und
schlo sich leise eine Seitentre des Salons; und als er aufblickte, war Judith
verschwunden und er allein. Ohne mir Gute Nacht gesagt zu haben! murmelte er und
blickte ihr zornig nach. Dabei fiel sein Auge auf den Burnus, der ber dem
Lehnstuhl hing, in welchem Judith ihm gegenber gesessen hatte. Er sprang auf,
ergriff den unschuldigen Burnus, zerri das feine Gewebe von oben bis unten,
drckte es an seine Lippen - und eilte zu seinem Wagen.
    Als er fortrollte, kehrte Judith in den Salon zurck, fand ihren Burnus
zerrissen am Boden liegen, hob ihn auf und sagte fr sich: Du armer Mantel! auf
dem Webstuhl zu Marocco trumte dir vielleicht davon, in die Klauen eines Tigers
oder eines Lwen des Atlas zu fallen und zerfetzt zu werden - und jetzt erfllt
sich Dein Schicksal nicht in Afrika's Wste durch wilde Bestien, sondern am
eleganten Genfersee durch ein Menschenkind! Sie wickelte sich in ihren
zerrissenen Burnus ein und ging auf den Balkon, und ging auf demselben auf und
nieder, eine Stunde, und noch eine Stunde - und fand nicht einmal die Ruhe der
Ermdung in diesem rastlosen Wandeln: so unruhig waren ihre Gedanken.
    Immer drngten sich diese Gedanken der Zukunft zu; aber nicht, um sich ber
freundliche und glnzende Bilder hingleiten zu lassen; nicht, um bei
Phantasiegebilden von Freuden und Genssen zu verweilen, oder um
Lebensverhltnisse mit lieblichen Farben auszumalen. O nein! - Lechzend,
atemlos, durstig, standen ihre Gedanken vor der dunkeln Zukunft und fragten: Was
birgst du mir? Was bringst du mir? Bist du die Sphynx, die das Rtsel meines
Lebens mir vorlegt? und mu ich unter deinem steinernen Griff umkommen, wenn ich
es nicht lse? Gelst hab' ich meine Aufgabe nicht, denn ich habe keine
Befriedigung gefunden. Und doch hab' ich alles erreicht, was ich damals in den
Citronenhainen von Cintra mir zu erreichen vornahm. Ich habe Gold, Ruhm und
Bewunderung eingeerntet; ich habe Welt und Menschen in bunten und glnzenden
Gestalten, in fesselnden und interessanten Erscheinungen - nebenbei auch in
allen ihren Niedrigkeiten kennen gelernt; ich habe Freude gehabt an der Kunst,
an der Ausbung meines Talentes, an den Studien, die damit verbunden sind, an
der Begegnung mit anderen, die eines Weges mit mir gingen. Ich habe mit stolzem
Selbstgefhl die Huldigung der einzelnen und der Massen empfangen. Ich habe
Triumphe gefeiert - aber sie verrauschen, und die alte Leere und die alte Unruhe
sind wieder da. Es war zuweilen wohl still in meiner Brust, aber die Stille der
Ermdung, die Stille dumpfer Resignation, wenn ich zu mir selbst sprach: La sie
dahinrollen, die Welt und das Herz und die Zeit und das Leben! la sie gehen,
wie sie wollen und knnen! das Menschenschicksal ist nun einmal ein Ringen ohne
Sieg! und wenn ich so zu mir selbst sprach, so kroch mir ein Etwas wie
Verzweiflung durch alle Adern, alle Nerven, alle Fibern - und ein anderes Etwas
stemmte sich dagegen und schrie in mir: Nein! das Leben mu etwas anderes sein,
als ein Ringen aus dem Nichts, fr das Nichts, in das Nichts! gerade dies Ringen
beweist, da es ein Ziel habe und da es folglich auch einen Sieg gebe - und in
dem Siege Befriedigung! Aber wo ist sie - die Befriedigung? Sphynx meines
Schicksals, habe ich dich noch immer nicht verstanden mit deinem geheimnisvollen
dunkeln Blick? Meinst du die Liebe? - Ja, die groe Leidenschaft, von der man
zuweilen hrt und liest, mag wohl solchen Zauber haben, da sie, wenn sie mit
vielen Schmerzen und Bitterkeiten Hand in Hand geht, das Herz befriedigt. Aber
die kommt, man wei nicht wie und woher; die kann man nicht erringen, man fhlt
sie nur. Empfunden hab' ich sie nie. Ob ich sie einfle? ich wei es nicht. Die
armseligen Lieben aber, durch welche der frische Schmelz des Herzens, der
Bltenduft des innersten Wesens trb' und matt wird - und welche sich doch
wiederholen, weil sie einem Opiumrausch gleichen, der des Menschen Trume
lieblicher macht als seinen wachen Zustand - nein! fr sie bin ich nicht mehr
jung und noch nicht alt genug. - - Und sie verfiel in trbes Sinnen ber diese
traurigen Lieben, an die auch sie gestreift war und die ihr Herz gepanzert
hatten mit einer so kalten und grndlichen Verachtung von allem, was man Liebe
nennt, da sie - mit sich selbst allein - auch sich selbst verachtete. Aber dann
erwachte der Stolz und schttelte diese Brde ab, hob trotzig das Haupt und
schaute nach anderen Triumphen aus. Orest liebt mich - fuhr sie fort in ihren
Gedankenzgen. Er soll mich lieben. Er hat mich fr eine leichte Eroberung
gehalten: dafr will ich eine groe Genugtuung. Grfin Windeck will ich werden.
Ja, ich will in den Kreis dieser Hochgeborenen hinein; aber nicht als die
berhmte Sngerin, der sie eine Ehre zu erzeigen meinen, wenn sie ihr ein paar
bewundernde Worte zuwerfen und die sie als eine exotische Merkwrdigkeit, fr
die Dauer einer Soiree, in ihrem Salon aufweisen mchten, um am anderen Abend
mit leichtem Augenblinzeln hinter Fcher und Lorgnette ber sie hinweg zu sehen.
O man kennt diese Hochgeborenen! Und gerade in ihrem Kreise will ich Platz
nehmen, gerade zu ihnen will ich gehren, als ihresgleichen will ich durchs
Leben gehen. Dies gehrt nicht zu den Vorstzen von Cintra! die sind erreicht
und abgetan. Dies ist ein neuer Vorsatz: noch ein paar Jahre, hchstens, meines
glanzvollen Kunstlebens und dann mitten aus dem Glanz der ffentlichkeit in ein
glnzendes Privatleben. Sphynx meiner Zukunft, ist das dein Rtsel? und wird
dessen Lsung mir besser Stich und Farbe halten, als der Erfolg meiner Plne von
Cintra? - Da flog ihr durch's Gedchtnis, da sie vor wenigen Stunden zu Orest
gesagt hatte: auf jede Erfllung eines ersehnten Glckes falle ein Todesschatten
von Endlichkeit. Sie schauerte in sich selbst zusammen und strich das Haar von
der Stirn, als ob sie die qulenden Gedanken verscheuchen wolle und blickte ber
den See hinweg, einen Gegenstand suchend, der wenigstens ihr Auge fesseln mge.
Da fuhr der Nachtwind auf und bltterte im Osten das Gewlk auseinander, das wie
eine silbergraue Rose ber das Gebirg herauf schwebte und sanft sich ffnete und
immer tiefer unter der aus ihr aufsteigenden Mondessichel zurcksank. Und mit
dem vollen Glockenton ihrer goldenen Stimme hub Judith zu singen an: O casta
dia; und niemand blickte in ihr Auge, als das melancholische Licht des Mondes
im letzten Viertel - und niemand begleitete ihren Gesang, als die leise
pltschernden Wellen des Genfersees - und einsam stand sie da, wie der Genius
dieser nchtlichen Natur, der an die Schatten gebannt ist und die Flgel zu
regen sucht, um ihnen zu entfliehen und immer tiefer und tiefer in sie
zurcksinkt und sich sehnt nach Erlsung.

                                     Lelio


Am anderen Morgen befahl Judith, da ihre Tr bis zum Abend fr jedermann
verschlossen bleibe. Sie wollte mit Lelio sprechen, den Grund seiner befremdend
langen Abwesenheit erfahren und ihm sein Benehmen des vorigen Abends verweisen.
Lelio erschien auf ihr Begehren - ein kleiner schwarzer lebhafter Italiener, mit
feurigen rmischen Augen und mit der vollkommensten italienischen desinvoltura -
ein Wort, welches in deutscher Sprache nicht wiederzugeben ist, wahrscheinlich
deshalb, weil der Deutsche die Sache selbst nicht hat. Man knnte etwa sagen:
zwangloses Benehmen - vorausgesetzt, da sich keine brutale, bengelhafte
Schattierung in diese Zwanglosigkeit mische.
    Nun, Signor Lelio, sind Sie von den Toten auferstanden! rief ihm Judith
entgegen und reichte ihm freundlich die Hand zum Willkommen.
    Ecco, das ist's! just was Sie sagen! rief Lelio vergngt und schttelte
ihre Hand.
    Waren Sie wirklich lebensgefhrlich krank?
    Oh! sagte Lelio mit einem Ausdruck, als fnde er keine Worte fr seine
Gefahr und mit einer Geberde namenlosen Entsetzens.
    Ich bitte, Lelio, erzhlen Sie mir Ihre Reiseabenteuer nicht blo durch
Seufzer und Geberden, sondern recht ausfhrlich. Sie wissen ja, wie viel Anteil
ich an Ihnen nehme.
    Ich wei es, Signora, und ich will Ihnen gern alles erzhlen. Nur frchte
ich zwei Dinge.
    Und die wren?
    Erstens: von meiner Seite, Mangel an Worten; - zweitens: von Ihrer Seite,
Mangel an Verstndnis.
    Das ist freilich bel, entgegnete Judith lchelnd, denn damit fehlt auf
beiden Seiten die Hauptsache! aber fangen Sie nur an! wir wollen uns Mhe
geben.
    O Judith, teure Signora! denken Sie an Petrarca, der einst klagte: Non ti
conosco il mondo, mentre ti ha!6 und doch nur von der Laura, von einem
sterblichen Weibe sprach!
    Aber, guter Lelio, es wird Ihnen doch nicht eine Unsterbliche begegnet
sein?
    O Judith, das Gttliche ist in der Welt und die Welt kennt es nicht und
verachtet es und geht vorber zu ihren Festen, die nach Moder duften; zu ihren
Freuden, die nach Moder schmecken; zu ihren Klgeleien, die um Moder sich
bewegen; zu ihren Bestrebungen, die in Moder untergehen.
    Sehen Sie, Lelio, das verstehe ich sehr gut! warf Judith mit einem
schwermtigen Lcheln ein und legte sinnend ihre Stirn in die aufgesttzte Hand.
    Es mgen wohl schon sechs Wochen sein, fuhr Lelio fort, denn wir waren
noch in Venedig und Sie hatten noch eine Reihe von Vorstellungen in der Fenice
zu geben - da bat ich Sie um einen Monat Urlaub. Ich wollte in der Schweiz eine
Zusammenkunft mit politischen Gesinnungsgenossen haben und dann nach Regensburg
gehen, um den Gregorianischen Kirchengesang in Deutschland kennen zu lernen, der
am dortigen Dom am tchtigsten ausgefhrt werden soll. Ich reiste ab. Ich fand
meine Freunde in Genf ganz in unserer Art und Weise beschftigt, Systeme zu
ersinnen, Theorien zu verbreiten, Verbindungen zu schlieen, Faden anzuknpfen,
Lehren zu predigen, Taten auszufhren, Adepten zu gewinnen - alles zu dem einen
Zweck: die bestehende gesellschaftliche Ordnung von ihrer Basis und aus ihren
Fugen zu drngen, um dann, in einem gnstigen Augenblick, durch den heftigen
Sto einer Revolutions-Bewegung das wankende Gebude ber den Haufen zu werfen
und darauf den Neubau der gesellschaftlichen Ordnung nach dem Programm:
Vlkerfreiheit! Geistesfreiheit! auszufhren. Hierin stimmen alle Mnner der
Zukunft berein. Dies ist Plan und Ziel aller geheimen Bnde, mgen sie
Carbonari, Illuminaten, Freimaurer, Italianissimi oder sonst wie heien. Was nun
jeder einzelne unter Vlker-, Geister-, Gewissens- und sonstiger Freiheit
versteht, wie weit er sie verallgemeinert, wie gro er ihr den Spielraum lt -
das ist seine Sache und hngt mit seiner Persnlichkeit und seiner Spezialitt
zusammen und man gnnt es ihm, insofern das bundesgemeinsame Wirken nicht
dadurch beeintrchtigt und gehemmt wird. Wir Italianissimi wollen die Zeiten der
alten Roma wieder haben - die Zeiten der Republik, mit ihren Volkstribunen,
ihren Grotaten und ihrer Besiegung aller Karthaginensischen Nebenbuhler um die
Weltherrschaft.
    Ich wei es, unterbrach ihn Judith; Sie haben sich oft mit hchster
Begeisterung ber diese Gestaltung der Zukunft gegen mich ausgesprochen, und da
ich nun einmal glaube, da jeder Mensch seine fixe Idee, seine Chimre, seine
Marotte hat: so hab' ich mich ber die Ihre nicht weiter gewundert. Ginge ich
aber nicht von einer allgemeinen, einer Ur-Marotte aus, so wrde ich Sie fr
verrckt halten mssen, denn kein vernnftiger Mensch unternimmt es in
Wirklichkeit, die Weltgeschichte um zwei bis drei Jahrtausende zurck zu
schleudern. Ich bitte Sie, was fangen Leute unseres Schlages in Ihrer
altrmischen Republik an! Wir mssen uns fr die Gttin Roma schlachten lassen,
sonst kommen wir um vor Hunger und Beides wre nicht nach meinem Geschmack.
    Ich wei nicht, fuhr Lelio lchelnd fort, soll ich es dem ernchternden
Einflu Ihres Umganges, Signora, oder irgend einem feindlichen Gestirn
zuschreiben, genug, ich fand im Kreise meiner Freunde und Bundesbrder nicht die
Begeisterung frherer Tage. Manche Ansicht kam mir hohl vor, mancher Weg schief,
manche Theorie unhaltbar, mancher Plan unausfhrbar. Disharmonien innerer
Widersprche gellten mir in die Ohren, und Dissonanzen mit Wahrheit und Recht
wollten sich durchaus nicht lsen lassen. Ich fhlte mich etwas verstimmt, etwas
ernchtert, etwas abgekhlt - und um wieder in meinen Freiheitsschwung zu
kommen, beschlo ich, von dem hyperkultivierten Leman, wo nichts mich an die
altrmische Republik erinnerte, an den Vierwaldstttersee zu gehen. Ich tat es!
aber! aber! - auch die kleinen Kantons, die Urschweiz, die Wiege der
schweizerischen Freiheit - sie wollten mir nicht gefallen. Diese Lwenkhnheit
in der Verteidigung ihrer politischen Unabhngigkeit gegen fremde Herrschaft,
von den Tagen ihres ersten Bndnisses bis zu den Tagen der franzsischen
Republik - als die Weiber von Schwyz die Kanonen herbeizogen, um die Mnner im
Kampfe gegen die Franzosen zu untersttzen; und dagegen diese hndische Treue,
einem Ludwig XVI. den Fahneneid zu halten, auf der Seite eines Knigs wider ein
Volk zu stehen.... -
    Lelio! fuhr Judith heftig auf, fhlen Sie nicht, da Sie sich ein
Brandmal auf Stirn und Herz durch Verachtung des Fahneneides drcken?
    Ich fhlte es nicht! erwiderte er gelassen und fuhr fort: Und dagegen
diese mehr als hndische Unterwrfigkeit vor einer Religion, welche die
heftigste Gegnerin aller Freiheit ist und von ihrem ersten Anbeginn das edelste
und beste, was der Mensch hat: die Freiheit seines Willens - nicht sowohl in
Ketten, als in Windeln legte: ich konnte einen so schreienden Widerspruch nicht
begreifen und kaum ertragen. Als ich vom Rigi herabsteigend das grne Alpenland
des Kantons Schwyz durchwanderte, fand ich nach und nach eine Menge von
Reisegefhrten, Mnner und Weiber, die mit einem Bndel auf dem Rcken, mit
bestaubten Schuhen, manche mit der Perlenschnur des Rosenkranzes in der Hand,
andere auf einen Stab sich sttzend, des Weges zogen. Einige gingen in grsseren
Scharen, einige in kleinen Huflein, bekmmerten sich weder um die Gegend, noch
um Reisebegebenheiten, beteten Litaneien und Rosenkranz und knieten oftmals vor
den Kruzifixen nieder, welche dort so hufig sind, da sie naturwchsig zu sein
scheinen. Fragte ich den einen oder anderen: Wohin des Weges? - so antwortete
jeder: Nach Einsiedeln, zur Engelweihe. - Ha! dacht' ich, das kommt dir gerade
recht! da gehst du auch hin und schaust dir einen Aufzug der Farce mit an,
welche von der katholischen Kirche zum besten der leichtglubigen Menschheit
aufgefhrt wird. Ich ging noch ber ein paar Berge und durch eine Strecke grnen
stillen Hirtenlandes - dann durch einen groen Flecken, dessen Huser von auen
frmlich mit Wirtshausschildern tapeziert sind - und war in Einsiedeln. Im
Hintergrund des weiten Tales, gelehnt an einen mchtigen, mit Schwarzwald
bedeckten Bergrcken, erhebt sich das groartige, majesttische Kloster, das mit
seiner von zwei Trmen berragten Kirche zwischen zwei langen Seitenflgeln ein
stattliches Gebude im Stil des vorigen Jahrhunderts bildet und von den Husern
des Fleckens durch einen groen freien Platz abgesondert ist. In der Mitte
desselben steht eine Muttergottesstatue auf einem Springbrunnen, der bestndig
in zwlf Strahlen Wasser speit und rings herum liegen kleine unansehnliche
Boutiken, in denen Kruzifixe, Medaillen, Rosenkrnze, Heiligenbildchen und
dergleichen Gegenstnde, welche die Andacht liebt, feilgehalten werden.
Verstehen Sie mich, Signora? fragte Lelio, pltzlich abbrechend.
    Halb mit leisem Lcheln, halb mit leichtem Achselzucken neigte Judith
bejahend ihr schnes Haupt - und Lelio fuhr fort: doch mit so verndertem
ernsten Ausdruck, da auch sie unwillkrlich ganz ernst wurde.
    Vor dreizehnhundert Jahren lebte ein Jngling, der hie Benedikt, und der
wurde von einer ganz wundersamen Liebe ergriffen - von einer Liebe, welche die
Welt nicht begreift, weil sie nicht mit Fleisch und Blut zusammenhngt - von der
Liebe zu Gott, zu dem menschgewordenen, leidenvollen, gekreuzigten Gott der
christlichen Offenbarung. Er war jung und von hoher Geburt; aber er vergrub
seine Jugend und ihre Ansprche in einer Felsenhhle - denn von einer ganz
anderen Hhe stieg der Herr des Himmels und der Erde in die Felsenhhle von
Bethlehem hinab. Weil der Gegenstand seiner Liebe ein gekreuzigtes Leben fhrte,
wollte Benedikt es nicht anders haben. Das ist Urgesetz der Liebe: alles teilen
mit dem Geliebten, hnlich sein dem Geliebten, um unzertrennlich zu sein vom
Geliebten! Das begreift jedes Herz; das stellt auch die griechische Mythe
lieblich und tiefsinnig in den Brdern Castor und Pollux dar. Pollux war ein
Gttersohn, Castor der Sohn eines Sterblichen, und als nun Castor sterben mute
und, gem dem Menschenschicksal, in den Orcus versinken sollte, da erklrte
Pollux, der unsterbliche, er wolle zeitweise mit seinem geliebten Bruder in der
Unterwelt weilen; dafr solle dieser dann zeitweise die Wonnen des Olymps mit
ihm teilen. Das ist Liebe. Die Griechen dichteten von ihr; Christus bte sie;
aber - da er Gott war, so bte er sie als Gott, immer und fr alle. Auch darin
suchte Benedikt ihm hnlich zu werden und die Strme der Liebe, welche sich in
seinem fr die Irdischkeit abgestorbenen Herzen angesammelt hatten, fr die
Menschen, seine Brder, auszugieen. Was braucht der Mensch zu seinem Glck? -
die richtige Erkenntnis Gottes. Sie ist der klare Born, aus dem der Trunk der
Ruhe geschpft wird, der Ruhe, die ber alle Unruhe der Welt trstend
hinweghilft. Die richtige Erkenntnis Gottes wollte Benedikt in der Menschheit
frdern, das Apostelamt fortsetzen und ausbreiten. Es sammelten sich
gleichgesinnte Mnner zu ihm, um ihren guten Willen an seiner hheren
Erleuchtung und Kraft zu strken, um durch Gemeinschaft ihre Unvollkommenheit zu
ergnzen. Benedikt lehrte sie zuerst, die sinnliche Natur zu besiegen durch
Selbstverleugnung, Gebet und Arbeit; und dann dem Nchsten zu dienen, wie Gott
es fgen wrde. Und Gott nahm groe Dienste von diesen Mnnern aus Benedikts
Schule an! Was Europa von Kultur und Civilisation besitzt, hat es ihnen zu
danken. Sie drangen aus Italien immer weiter gen Norden; sie hielten in der
vielfach vermorschten, und mit dem Christentum hufig nur bertnchten,
rmischen Gesittung das christliche Ideal aufrecht und zndeten wie auf einem
Leuchtturm das Licht an, das ein Signal der Rettung fr alle war, welche
zwischen den Wellen und Strmen jener unter- und aufgehenden Zeit gefhrlich
schifften. Sie zogen zu den barbarischen Vlkern Galliens und Germaniens und
weiter noch, ber Nord-und Ostsee, predigten das Evangelium, siedelten sich an
unter dem rauhen Himmel, in weiter, wilder Ferne von ihrer Heimat und ihrer
Sprache, unter fremden Menschen, von denen sie gehat, verfolgt, gemartert,
gemordet wurden; und zum Dank dafr brachten sie diesen barbarischen Horden
nicht nur das Licht, sondern auch die Liebe des christlichen Glaubens und
machten ihnen das zeitliche Leben leicht, nachdem sie ihnen das ewige Leben
gerettet hatten. Die Glaubensboten wurden Holzschlger, Ackersleute, Handwerker.
Sie rodeten Wlder aus, sie legten Smpfe trocken, sie bebauten das Feld, sie
trieben Gartenbau, sie pflanzten den Weinstock; sie fhrten Kapellen und Kirchen
auf, daneben enge Rumlichkeiten zu ihrer Wohnung, und grere, um Kinder und
Jnglinge aufzunehmen, zu unterrichten und auszubilden. Sie wuten Mnner
herbeizuziehen, von Jagd- und Kriegszgen abwendig zu machen und fr das
gesittete Leben des Feldbaues und des Handwerkes zu gewinnen. Diese siedelten
sich auf den urbar gemachten Sttten rings um die Kirche an, bildeten Familien
und die Familien bildeten eine christliche Gemeinde; so entstanden Drfer, dann
Stdte. Das ging nicht schnell, das whrte Jahrhunderte; aber Benedikts Schler
waren nicht ungeduldig, denn sie wirkten nicht, um sich an ihren Erfolgen zu
freuen, sondern um das Werk Gottes unter den Menschen fortzusetzen: Pertransivit
benefaciendo. Eine ihrer Generationen starb nach der anderen, und eine
Generation bertrug die Fortsetzung dieses Werkes der anderen; sie lehrten und
lebten das Evangelium. Je wilder die Zeiten wurden, je trber die Ghrung
brodelte, die bei dem Untergang und der Neubildung groer Epochen die Menschheit
zerwhlt, je feindlicher uere Strme, Fehden, Kriege, barbarische Invasionen,
ruberische Einflle die Keime der christlichen Kultur mit Untergang bedrohten,
und alle Bildung, alles geistige Leben in den Nten und Drangsalen des
Augenblickes begruben, um so eifriger waren Benedikts Schler, das Werk der
Finsternis zu hemmen und der Zerstrung des geistigen Lebens der Vlker ein
Bollwerk zu setzen. Immer grer, zahlreicher, umfassender wurden ihre
Bildungsanstalten fr die Jugend. Das zarte Knblein fand bei ihnen die Pflege
der Mutterliebe; der wibegierige Jngling die Lehre der Wissenschaft; der
weltentfremdete Sinn die Meister in der erhabenen Ascese, der hchsten Blte des
Menschengeistes. In ihrem gemeinschaftlichen Leben unter einem Dach, sprlich
genhrt, einfach gekleidet, waren ihre persnlichen Bedrfnisse gering. Alle
Mittel, welche dem Notleidenden, dem Kranken, dem Reisenden, dem Pilger nicht
zuflossen, wurden darauf verwendet, Bibliotheken von Manuskripten anzulegen, und
diese zu erhalten, zu vervollstndigen, abzuschreiben, mit unsglicher Mhe zu
entziffern, bildete einen groen Zweig der Ttigkeit fr diese demtigen Mnner.
Sie verlangten nicht die armselige Ehre, ihren Namen auf ein Manuskript
verzeichnet zu sehen. Sie verlangten die Ehre Gottes, die durch alles gefrdert
wird, was den Menschen in seiner Erziehung fr ein bernatrliches Ziel - ich
meine fr ein solches, das auerhalb der Grenzen dieses Erdballes liegt - bilden
hilft. So waren sie; so sind sie.
    Aber wer sind sie, diese Mnner der groen Taten und der demtigen Herzen?
rief Judith.
    Es sind Mnner, die heutzutage verachtet, verhhnt, verfolgt, verleumdet,
angefeindet werden und ber die ich, von der vollen Hhe meines Ichs herab,
lngst den Stab gebrochen und sie unwrdig erklrt habe, in der Lichtwelt
unserer Tage zu existieren.
    Bester Lelio, Sie reden irre.
    Keineswegs, beste Judith! diese Mnner sind ja Mnche! Mnche des
Benediktinerordens.
    Es sind Mnche! sagte Judith gedehnt. Wie konnten sie dann doch so viel
Gutes stiften?
    O Du chte Tochter Deiner Zeit! rief Lelio. Ja, sehen Sie, Judith: weil
es Mnche sind, deshalb stiften sie so viel Gutes. Es sind Jnger, es sind
geistige Shne von jenem Benedikt, den eine wundersame Liebe ergriff: die Liebe
zu Gott; und Shne erben die Neigungen und Eigenschaften ihrer Vter - das
mssen Sie bedenken.
    Welch ein Erbe von Liebe fr die Menschheit, um nach dreizehnhundert Jahren
nicht erschpft zu sein! sagte Judith sinnend. Warum gehen denn Ihre modernen
Volksfreunde und Weltverbesserer nicht bei diesen Mnchen in die Schule, Lelio?
    Das will ich Ihnen sagen: weil die modernen Apostel die Abttung, die
Verdemtigung und die Selbstverleugnung des Kreuzes ebenso sehr hassen und
fliehen, als die Shne Benedikts sie suchen und lieben; und weil ihre heilige
und segensreiche Wirksamkeit ganz absichtslos unsere unheilige und verderbliche
verdammt, deshalb verfolgen wir diejenigen, welchen wir nicht nachahmen wollen.
- Dies ist aber alles nur die Einleitung, um zu sagen, da Einsiedeln eine
Benediktinerabtei ist, und die frommen Mnche jetzt, wie vor dreizehnhundert
Jahren, Gott in dem Nchsten dienen: sie beten fr ihn, sie studieren fr ihn,
sie unterrichten ihn. Sie lichten keine Wlder und trocknen keine Smpfe mehr;
dafr aber lichten sie die Herzen und retten sie die Seelen aus dem Sumpf der
Snden. Einsiedeln empfing den Namen nach einem Einsiedler und nach der Mutter
Gottes. Im neunten Jahrhundert floh Meinrad, ein schwbischer Grafensohn, in
diese Waldeswildnis, an den Rand dieser Quelle. Nichts nahm er mit von den
Schtzen seines Hauses, als eine kleine Muttergottesstatue, vor welcher er seine
Gebete verrichtete. Er bte gegen sich selbst, nach Art der Heiligen,
unerbittliche Bustrenge, und gegen andere, welche bei ihm Rat und Trost in
ihren Drangsalen suchten, liebevolle Barmherzigkeit. Himmlische Erleuchtungen
wurden ihm zu teil; er wendete sie an, um das Reich Gottes in den Seelen zu
frdern. Bse Buben haben zu keiner Zeit, nicht im ersten, nicht im neunten,
nicht im neunzehnten Jahrhundert, die Heiligen geliebt. Bse Buben erschlugen
Meinrad, der sie gastfreundlich beherbergt hatte. Die Legende - diese poetische
Arabeske um ein historisches Gemlde - berichtet: zwei Raben, die Gefhrten
Meinrad's in der Einde, wren den Mrdern auf Schritt und Tritt mit wtendem
Geschrei und wilden Flgelschlgen durch Berg und Tal, ber den See bis in ein
Gasthaus der Stadt Zrich nachgeflogen; und dadurch sei die Missetat entdeckt
worden. Das Gasthaus heit bis zur Stunde zu den beiden Raben, und die Abtei hat
sie in ihr Wappen aufgenommen. Meinrad's Zelle mit dem Muttergottesbilde blieben
in hoher Verehrung und andchtige Menschen kamen von nah und fern, um auf der
Sttte zu beten, wo er so viel gebetet hatte, und um in geistiger Gemeinschaft
mit ihm und mit allen Seligen, unter denen die allerseligste Jungfrau Maria
obenan steht, um Gottes Gnade zu weinen und zu flehen, und fr Gottes
Barmherzigkeit zu preisen und zu danken. So wurde die Meinradszelle ein
vielbesuchter Wallfahrtsort, wo auf Frbitte des Heiligen und der Muttergottes
groe Gebetserhrungen stattfanden. Bald fand sich ein frommer und reicher Mann,
der sein ganzes Vermgen dazu verwendete, den geistigen Bedrfnissen der Pilger
entgegen zu kommen. Er kaufte diesen Landstrich, baute Meinrad's Zelle zum
Kloster, Meinrad's Oratorium mit dem Muttergottesbild zu einer Kirche aus, fand
gottselige Genossen, welche bereit waren, den Seelen zu dienen, nahm mit ihnen
die Benediktinerordensregel an, und nannte das Kloster von Unserer Lieben Frau
zu Einsiedeln, woraus denn der gegenwrtige Name entstanden ist. Dieser Mann
hie Eberhard und wurde der erste Abt des Klosters. Als der Bau vollendet war,
bat Eberhard den Bischof Konrad von Konstanz, die feierliche Einweihung der
Kirche vorzunehmen und die Sttte zu segnen, wo fortan die gttlichen
Geheimnisse des Glaubens vollzogen werden sollten. Bischof Konrad kam und
brachte die Nacht vor der groen Zeremonie mit Gebet und Wachen hin. Pltzlich
hrt er einen wundersen Psalmengesang, der aus der Kirche zu kommen scheint.
Er horcht, er verlt seine Zelle; der Gesang dauert fort. Er eilt zur Kirche,
ffnet die Tre - ein Meer von Licht flutet ihm entgegen und in diesem Licht
sieht er Gestalten, welche freilich unsere trben, von irdischen Bildern
verdunkelten Augen nicht wahrnehmen knnen. Auf dem festlich erleuchteten Altar
steht die Mutter Gottes von Strahlen umflossen, und vor dem Altare, bekleidet
mit den hohenpriesterlichen Gewndern, bringt Christus der Herr das heilige
Opfer dar. Die vier Evangelisten assistieren; St. Petrus hlt den bischflichen
Hirtenstab, St. Gregorius die Mitra, St. Ambrosius bringt den Opferwein dar und
St. Augustinus den Weihrauch; St. Stephanus liest die Epistel, St. Laurentius
das Evangelium und Erzengel Michael, der Anfhrer der himmlischen Heerscharen,
singt mit allen Engeln, welche Palmenzweige und Rauchfsser schwingen, das
Offizium der Kirchweihe.
    Das ist ja wunderschn, Lelio! das sieht ja aus wie eine jener himmlischen
Visionen, die Fra Angeliko gemalt hat! rief Judith. Nur schade, da diese
Arabeske die historische Wahrheit berwuchert!
    Ich erfinde nichts! ich berichte nur die Tradition, erwiderte Lelio; aber
die Tradition bildet ein groes und wahrhaftes Stck Welthistorie, denn sie fat
immer den Zusammenhang der natrlichen Weltordnung mit der bernatrlichen auf,
ohne welchen Zusammenhang alle Wahrheit aus der Weltgeschichte verschwindet und
sie zu einem den Schattenspiel herabsinkt. - Bischof Konrad teilte dem Abt
Eberhard am anderen Morgen die nchtliche Feierlichkeit mit und weigerte sich,
die Einweihung der Kirche vorzunehmen. Aber man hielt ihn fr einen frommen
Visionr und bestand auf die Einweihung. Nachdem er lange umsonst Widerstand
geleistet hatte, mute Konrad nachgeben und die Zeremonie sollte beginnen, als
pltzlich eine Stimme, die alle hrten und die allen unbekannt war, ihm zurief:
Halt ein! sie ist geweiht. Diese wunderbare Begebenheit erlebten tausende; die
Zeitgenossen glaubten sie, die Tradition bewahrte sie, ppstliche Bullen
besttigten sie - und Einsiedeln wurde mehr und mehr eine Sttte, auf der es
Gott gefiel, groe Gnaden und ungewhnliche Gebetserhrungen an die Verehrung
der allerseligsten Jungfrau Maria zu knpfen. Kein Tag verging, der nicht Pilger
nach Einsiedeln gefhrt htte. In ungeheuren Massen strmten sie herbei am
Jahrestage des wunderbaren Ereignisses, das die Benennung die Engelweihe
empfing. Ohne recht zu wissen wie, war ich am Vorabend dieses festlichen Tages,
der auf den 14 September fllt, zwischen Scharen von Wallfahrern nach Einsiedeln
gelangt - ich, ein feuriger Jnger und Apostel der Offenbarung des neunzehnten
Jahrhunderts, deren Glaubensbekenntnis fr jeden einzelnen lautet: Es ist kein
anderer Gott als Gott - und der bin Ich! Glnzender Fortschritt gegen das
Glaubensbekenntnis des Islams, welches auch sagt: Es ist kein anderer Gott, als
Gott; aber dann ganz bescheiden hinzusetzt: Und Muhamed ist sein Prophet! also
noch eine andere Autoritt festsetzt, als die des Selbstherrschers Ich Aber
Fortschritt mu sein, und da das erste Jahrhundert zum siebenten und das
siebente zum neunzehnten fortgeschritten ist, kann die Menschheit doch unmglich
beim Glaubensbekenntnis der Apostel Christi und der Anhnger Muhamed's stehen
bleiben. Darin sind wir ja lngst bereingekommen, nicht wahr, Judith? Moyses,
Solon, Confutse, Christus, Zoroaster, Muhamed - haben wir glcklich berwunden!
Wir laborieren fr den Augenblick ein wenig an Fourier, Proudhon und Brigham
Young; aber das alles liegt doch schon in den letzten Zgen und nicht lange
whrt's, so herrscht in der fortschreitenden menschlichen Gesellschaft die
absolute Subjektivitt. Jeder sitzt auf dem Thron, den er sich selbst baut -
trgt eine Krone, die er sich selbst flicht - empfngt den Kultus, den er sich
selbst darbringt - lebt nach den Gelsten seines Herzens, die natrlich ebenso
erhaben sind, wie dies Herz es ist - und nebenbei wird Italien glckselig und
Rom der Mittelpunkt der modernen Gtterherrschaft.
    Diese und hnliche Hochgefhle schwellten meine Brust, und im stolzen
Bewutsein meiner Wrde und meiner Weisheit wanderte ich, wie ein verkappter
Gttersohn, zwischen den armseligen und einfltigen Menschenkindern umher, die
sich zu meinem Fortschritt nicht erschwangen und die sich wie eine
Vlkerwanderung ber Einsiedeln ausgossen. In den verschiedensten Trachten, hier
lndlich, da stdtisch, dort national eigentmlich, wogten tausend Gruppen, in
besonderer Frbung und geschiedener Originalitt, zu einer Masse verschmolzen,
durch die Gassen dem groen freien Platz zu, wo sie sich sonderten und trennten,
am Springbrunnen tranken, die Kauflden besichtigten, am Bergesabhang sich
lagerten oder die breiten Stufen zum Portal der Kirche hinanstiegen. Da waren
Leute aus allen katholischen Kantonen und aus allen Nachbarlndern der Schweiz:
aus Oberbayern, Schwaben und dem badischen Oberland; aus dem Elsa und dem
fernen Lothringen; aus Deutschland und Welschtirol. Da hrt man italienisch,
franzsisch, deutsch, romanisch in den verschiedensten Mundarten reden, und da
sah man Gesichter und Trachten, die eine ebenso groe Verschiedenheit der
Sitten, der Gewohnheiten, der Lebensverhltnisse andeuteten. War es nicht sehr
seltsam, da so viel tausend Menschen aus allen Weltgegenden, von einem und
demselben Gedanken bewogen, sich hier zusammenfanden in aller Stille, Ruhe und
Ordnung! und was war es fr ein Gedanke? wollten sie einen Karnevalszug sehen, -
oder ein Pferderennen - oder die Erffnung einer Eisenbahn - oder den Einzug
einer Prinzessin? wollten sie Gold graben, wie in Kalifornien, oder Diamanten
suchen, wie in Peru? - Ach nein! sie wollten hier beten. Keiner strte den
anderen, keiner beeintrchtigte den anderen; keiner beobachtete den anderen;
jeder war wie versunken in seine innere Welt, und alle waren in vollkommener
Eintracht in der ueren. Signora, ich mu gestehen, diese idealische
Geistesverbrderung frappierte mich ungemein, besonders weil sich mir gewisse
patriotische Feste in's Gedchtnis drngten. die wir vor sechs, acht Jahren in
Rom feierten, und weil diese Zusammenstellung nicht zum Vorteil unserer
Bacchanalien war. Nun warf ich mich, um gegen alle milde Eindrcke hieb- und
schufest zu sein - in die Frechheit. Das hab' ich schon oft mit Glck getan.
Ich ging umher, Hnd' in den Taschen, Cigarre im Munde, Lorgnon in der
Augenhhle - und sah mir die Leute an. Es waren wirklich krftige Mnner dabei.
frische Burschen, hbsche junge Mdchen, - keineswegs lauter Krppel, Greise und
alte Hexen. Aber bei den jungen Mdchen dachte ich: Ah, ihr wollt hier um einen
Ehegatten bitten; und bei den Jnglingen: und ihr um die Gunst eurer Liebsten;
und bei den Mnnern: und ihr um das groe Los, oder um den Tod eures verblhten
Weibes; und Tagediebe seid ihr alle miteinander. Traf ich aber auf ein altes
Weiblein oder einen mden Greis, die erschpft von der Wallfahrt hastig und
zerstreut einige Gebete murmelten, dann dacht' ich frohlockend: Ihr seid der
echte und rechte Wallfahrertro! Euch grinst der Tod an; da erschreckt ihr und
nennt die Freuden eurer Jugend - Snden. Und eure Feigheit lt sich's wei
machen, da ihr eurem Gott ein X fr ein U machen und aus Sndern - Heilige
werden knnt, wenn ihr gerade hier auf dieser Sttte fnfhundert Ave Maria
murmelt. Ja, ja, ihr seid mir die Rechten. euch kennt man! In Gedanken von
solcher Stupiditt, solcher Bosheit und solcher Gemeinheit erging ich mich con
amore. Endlich begab ich mich in die Kirche, die nach einer Feuersbrunst im
vorigen Jahrhundert im reichsten, ornamentiertesten, italienischen Stil, mit
einer Flle von Gemlden, Statuen und Fresken gebaut und geschmckt ist. Meiel
und Pinsel stellen durch Marmor und Farben die Geschichte der Menschheit in
jenen groartigen Umrissen dar, welche aus dem Alten und dem Neuen Bunde
geschpft werden, und an den majesttischen Gewlben rollen sich die Geheimnisse
des Christentums und das Leben des Gottessohnes von Bethlehem bis Kalvaria, dem
himmelwrts gewendeten Blick auf. Unfern vom Eingang, mitten im Hauptschiff,
steht eine kleine offene Kapelle, deren Kuppel von schwarzen Marmorsulen
getragen wird. Unter der Kuppel steht ber dem Altar eine schwrzliche
Mutter-Gottesstatue mit dem Jesukinde. Goldene Strahlen bilden ihr den
Hintergrund und vor ihr schwebt eine Lampe mit dem ewigen Licht. Mit meinem
Lorgnon im Auge gaffte ich alles an, und zum Glck durfte ich mir, als Knstler,
erlauben, diese ganze Schpfung der christlichen Kunst zu bewundern. Da sie ein
Sprling des christlichen Glaubens sei, lie ich bei Seite. Es waren viele
Leute in der Kirche, aber es herrschte eine lautlose Stille. Die Meisten knieten
um die Mutter Gottes-Kapelle herum, denn die kleine Statuette ist St. Meinard's
uraltes Gnadenbild, und der Altar, ber dem sie sich erhebt, ist derjenige, an
welchem Bischof Konrad die himmlische Erscheinung wahrnahm. Dort ergieen sich
seit tausend Jahren die Menschenherzen in Gebet und Trnen; dorthin wenden sich
zuerst die Pilger. Ich aber, als ein Neugieriger, schlenderte auf und nieder in
den breiten Schiffen der Kirche und besichtigte alle Seitenkapellen. In einer
derselben kniete eine einsame Frau. Sie fiel mir auf, denn in ihrer edlen
Haltung war etwas, das mich an meine Mutter erinnerte. Auch in deren Alter
mochte sie sein; aber sie trug noch die Spuren einer so ausgezeichneten
Schnheit, da es mich verdro, solch ein edles Menschenbild in dem
Verdummungsproze des Rosenkranzgebetes zu sehen. Ich pflanzte mich seitswrts
vom Altar, vor dem sie kniete, auf und starrte sie an.
    Aber Lelio, Sie sind unertrglich! unterbrach ihn Judith. Gnnen Sie doch
den Leuten das Gebet - besonders den Frauen! Wer wei, in welchen Schmerzen es
die einsame Beterin getrstet hat.
    Nein, Signora, das drfen wir nicht dulden. Die Apostel des Lichts mssen
Licht verbreiten und Finsternis erhellen! Ich nahm meine ganze Frechheit
zusammen und sagte auf italienisch ganz laut zu der Beterin: Nicht wahr? du bist
eine perfekte Magdalena? Sie schlug ein paar groe, milde, mde Augen zu mir auf
und sagte im reinsten Italienisch mit einem unaussprechlich friedlichen und
sanften Lcheln: Nicht in der Bue, mein Sohn! bete ein Ave Maria fr mich. -
Judith! mein Gefhl war ungefhr das von Don Juan, als die Marmorstatue des
Komthurs ein vernehmliches Ja! sagt; nur mischte sich in meinen Schreck eine
grenzenlose Beschmung. Ich htte mich unsichtbar machen und aus der Kapelle,
aus der Kirche, aus ganz Einsiedeln verschwinden mgen. Ich fand mich auf dem
freien Platz wieder, ohne Lorgnon vor dem Auge. Wie ich hinaus gekommen, wei
ich gar nicht! mir schien, alle Blicke mten auf mich gerichtet gewesen sein.
    O wie gnne ich Ihnen die Beschmung! rief Judith und klatschte in die
Hnde. Sie waren ja von einer ganz giftigen Insolenz.
    Es scheint, die heilige Atmosphre habe die Macht gehabt, alle Herzen zu
ffnen, und als das meine sich auftat - sieh'! da kam Gift heraus! Und htten
Sie nur die Frau gesehen mit dem schnen Blick und der schnen Sprache und wie
sie so mild sagte: Figlio mio! so wrden sie sich noch mehr meiner Beschmung
freuen! In der frischen Luft und im heitern Sonnenschein, der die bunten
bewegten Bilder glnzend umrahmte, kam ich wieder zu mir und kehrte in die
Kirche zurck, als zur Vorfeier des festlichen Tages die Vesper begann. Die
Menschenmasse war so gro, da sich Kopf an Kopf und Schulter an Schulter
drngte; doch kein profanes Wort wurde laut und keine profane Neugier gab sich
kund. Ich fand gar keinen Stoff fr meine Beobachtungen und horchte deshalb auf
die Musik. Das Magnifikat wurde prachtvoll gesungen, mit einer Wrde, einem
Schwung, einer Ruhe, einem feierlichen Ernst, da jedes Wort und jeder Ton wie
Perlen in Gold gefat dahin rollten und in mein Ohr fielen. Was das fr eine
seltsame Verheiung ist, dachte ich bei mir selbst: Die Mchtigen stt er vom
Stuhl und erhhet die Niedrigen. Sollte Gott wirklich mit den Republikanern
gemeinsame Sache machen, die Frsten und groen Herren wegjagen und das Volk auf
den Thron bringen wollen? Dann kmst du auch auf den Thron, Lelio! - Aber du
hast schon deinen Thron, inwendig in dir! - Am Ende gehrst du zu Denen, welche
gestrzt werden sollen, und die kleinen niedrigen Geschpfe rings um dich her
kmen dann in die Hhe! Ja, klein und niedrig von Gesinnung wie jene Frau, die
zu dem bsen Buben, der sie zu beleidigen versucht, mild sagt: Mein Sohn, bete
fr mich! Solche kuriose Gedanken hatte ich bei dem Magnifikat. Nach der Komplet
mit ihren wunderbaren Tnen, die wie Abendglocken zur Ruhe luten, wurde es
still in der Kirche und dmmernd. Die Kerzen erloschen. Vor dem Tabernakel hing
eine Lampe mit dem ewigen Licht und vor dem Gnadenbild eine andere. Wie selige
Gestirne flimmerten sie in die Schattenwelt hinein. Ein Teil der Pilger hatte
sich in die Gallerie begeben und umlagerte die Beichtsthle so massenhaft, so
ausdauernd, wie unsereiner die Aspiranten zu einer anderen Gallerie vor der Tre
des Opernhauses zu sehen pflegt - wenn Judith die Norma oder die Desdemona
singt. In der Kirche, um die Beichtsthle, allberall, Stillschweigen, Sammlung,
Ruhe und keine andere Bewegung als die, welche durch das leise Kommen und Gehen
vieler Menschen verursacht wird. Ich fragte einen Kirchendiener, der am Eingange
ein paar Lichter anzndete, damit die Dunkelheit nicht berhand nehme, ob spter
noch irgend eine Zeremonie statt fnde. Er verneinte es mit dem Zusatz, da die
Beichten bis Mitternacht fortdauerten und da am anderen Morgen um vier Uhr die
ersten Messen gelesen wrden. Ich fing an mich zu langweilen. Ich hatte genug
gesehen, gehrt, mein Mtchen gekhlt; ich dachte an meinen Rckzug. Aber ich
blieb wie eingewurzelt auf meinem Platz, denn es erhub sich pltzlich ein ganz
eigentmliches Getn, flsternd erst, wie das Laub im Winde, wie ein Bchlein,
das ber Kiesel und Moos behende fortrieselt; dann steigend, anschwellend,
rauschend wie ein gewaltiger Sturm - brausend wie die Meeresbrandung -
unmelodisch und doch voll bernatrlicher Harmonie - regellos, und doch zur
bernatrlichen Einheit gesammelt. Es quoll aus allen Teilen der groen Kirche
hervor, aus den Stufen der Altre; es stieg und sank - und erhob sich wieder -
eine Flut, ein Orkan von Gebet, das aus dem Herzen und von den Lippen von
zehntausend Pilgern kam. Jeder betete halblaut seine Gebete in seiner Sprache,
weinend, klagend, frohlockend, flehend, angsthaft, zuversichtlich, jammernd,
lobpreisend - der eine ein Pater, der andere ein Miserere, der dritte ein Salve
Regina, der vierte ein De profundis, der fnfte ein Te Deum, der sechste ein
Veni sancte. Und einige beteten mit ihren Trnen und andere mit ihren Seufzern
und andere mit gebrochenen Worten: alle Leiden und Schmerzen, alle Nten und
Trbsale, alle Kmpfe und Qualen, alle Liebe und Hoffnung, welche ber den
Erdball ausgebreitet sind, drngten sich auf diesem einen Punkt der Erde
zusammen, und schrieen auf in diesem einen ungeheuern, Mark und Bein
erschtternden Akkord: es war der Geist der Menschheit, der sehnschtig an das
Herz Gottes flchtete. Es berfiel mich, ich wei nicht was fr ein Verlangen,
einzustimmen in diese wunderbare Hymne der betenden Menschheit; aber ich
verteidigte mich auf's uerste und dachte an unsere Hymnen auf den Barrikaden,
auf den Gassen, bei Volksbanketten, im Theater, bei unseren Orgien; was fangen
die? Ja, was singen die! Blut, Mord, Lustgier, Wahn und Rausch. Ein namenloser
Ekel wandelte mich an. Ich stie sie fort - mit dem Fu. Hinweg mit euch! ihr
seid nicht die Stimme eines hheren Geistes in der Menschheit; denn was ist euer
Grundton? Trotz! - Trotz gegen Gott und seine Offenbarung. Nennt's wie ihr
wollt! .... aber das ists: Trotz gegen Gott und seine Offenbarung. Ihr seid
gerichtet!! - - Judith, verstehen Sie mich?
    Ich wei nicht! flsterte sie. Erzhlen Sie weiter.
    Aber ich! fuhr Lelio fort, ich sollte einstimmen in die Hymnen des
Gebetes zu Ehren eines menschgewordenen, eines gekreuzigten Gottes und Erlsers?
ich glaubte ja nicht an ihn! Mein Glaube lag ja begraben unter jenen Disteln und
Dornen, die mir das weie Kleid der Gnade zerrissen hatten. Wer nicht glaubt,
kann nicht beten! Da fiel mir die Frau mit dem schnen liebreichen Blick ein und
ihr Wort: Figlio mio, bete ein Ave Maria fr mich! Nun schlo ich einen
Kompromi mit mir selbst ab und sprach heimlich: Ich habe die Frau gekrnkt;
dafr will ich ihr den Gefallen tun und ein Ave Maria fr sie sprechen. Auf
diese Weise war halb und halb mein Verlangen befriedigt, halb und halb meine
Ehre gerettet. Es gibt nichts Elenderes unter der Sonne, als ein Kompromi mit
der Wahrheit. Dann verlie ich die Kirche, begab mich in meine Herberge und
suchte zu schlafen. Es ging aber nicht recht. Teils hielten mich wahre
Gedankenstrme wach; teils strten mich die Pilger, die in neuen Scharen
herbeikamen und ohne Obdach zu suchen geradesweges zur Kirche gingen und auf den
Stufen gelagert, Rosenkranz und Litaneien beteten und geduldig harrten, bis sich
um zwei Uhr Morgens die Tren ffneten und sie zum Teich Bethesda der Seelen -
zum Busakrament eingehen lieen. Schlief ich aber ein paar Minuten, so war mir
unaussprechlich wohl, denn das unbeschreibliche und unvergeliche Nachtgebet der
Pilger suselte ber mich fort wie ein Wiegenlied. Um drei Uhr luteten alle
Glocken. Ich sprang so eilig auf, als drfe ich keinen Moment des Festtages
verlieren und eilte in die Kirche; nicht aus Andacht, aber wir Knstler lieben
allerhand Emotionen, nicht wahr, Judith? Wie das aber zu gehen pflegt: sucht man
sie, so findet man sie nicht. Um vier Uhr begann der Gottesdienst. Die ganze
Kirche und alle Kapellen waren erleuchtet. Am Hochaltar feierte der Abt das
heilige Meopfer und an den brigen Altren die Mnche und fremde Geistliche.
Dann wurde die heilige Kommunion ausgeteilt - an tausende und tausende. Zuweilen
trat eine Pause in der heiligen Ausspendung ein. Dann flutete aber wieder ein
Menschenstrom zum Tische des Herrn und wieder erschien der Priester und brach
das Vrod des Lebens. Um zehn Uhr wurde ein prachtvolles Pontifikalamt celebriert
und zwar vom Nuntius des Papstes - was mich denn wieder in meine allergiftigste
Stimmung versetzte. Der alte schwache Priesterfrst in Rom hat seine Gesandten
berall, bei Kirchenfrsten, bei weltlichen Frsten und wie sie; und die
Oberhupter des chten, des republikanischen Roms, ein Mazzini, ein Garibaldi,
werden als Revolutionre verbannt, gehat und miachtet! berdies mifiel mir
die frohe Stimmung des Volkes, das sich nach dem Hochamt wie ein bunter,
beweglicher, tausendsarbiger Teppich ber den Platz und den Bergabhang und die
Gassen hinzog. Und ach! was war das doch fr eine unschuldige Frhlichkeit! sie
waren mit Gott ausgeshnt, sie waren mit der Speise der Engel erquickt: nun
lagerten sie sich traulich zusammen, die Familien, die Freunde, die Gemeinden -
auf dem Rasen, um den Brunnen, in den Gaststuben, wo sie eben ein Pltzchen
fanden - und genossen das Wenige, was sie mitgebracht hatten, oder was sie mit
knapper Not sich kauften. Und wer etwas hatte, der teilte es mit dem Drftigen
und labte den Krppel und den Armen. Wie htten die nicht froh sein sollen! Da
waren ja alle beisammen, die Christus auf Erden geliebt und denen er im Himmel
die Seligkeit versprochen hat: die reinen Herzen, die Armen im Geist, die
Leidtragenden, die Barmherzigen. Aber ich - ich gehrte nicht in das Reich
dieser guten Kinder Gottes und deshalb grollte ich ihnen.
    Um mich zu zerstreuen, geriet ich auf einen seltsamen Einfall. Ich ging in
die Sakristei und bat um Erlaubnis, die Orgel spielen zu drfen, da ja jetzt
whrend einiger Stunden kein Gottesdienst stattfinde; ich sei ein Musiker aus
Rom, und die Orgel mein eigentliches Fach. Sie wissen, Signora, da dies die
volle Wahrheit ist, da meine Eltern mein Talent fr die Kirchenmusik ausbilden
lieen und da sogenannte Freunde mich spter in das Bhnenorchester und so
weiter! und so weiter lockten! aber die Orgel blieb mein Lieblingsinstrument,
und in Einsiedeln berfiel mich das Verlangen, sie zu spielen. Mein Wunsch wurde
gewhrt; doch mit kluger Vorsicht. Man kannte mich ja nicht! ich konnte ein
Stmper sein oder ein Bswilliger, der durch schlechtes Orgelspiel die
Andchtigen verletzte oder rgerte. Man fhrte mich auf eine Orgelbhne, die zu
einem Oratorium gehren mochte; und da fand ich ein herrliches Instrument. Ich
war ganz allein, ganz ungestrt. Durch die Fenster, die mehr als mannshoch vom
Fuboden angebracht waren, schaute der reine Septemberhimmel wie ein tiefblaues
Augenpaar auf mich herab. Auerdem sah und hrte ich nichts von der ganzen Welt.
Ich setzte mich an die Orgel. Die Anklnge des gestrigen Abends gingen mir noch
durch die Seele. Ich entfesselte eine Welt von Tnen. Alle Klagen der
Menschenbrust, vom Jammerschrei bis zum Todesseufzer rief ich wach und lie ihre
Wogen steigen, wachsen, schwelen, bis sie mir selbst ber dem Kopf
zusammenschlugen und nicht ich mehr sie beherrschen konnte, sondern ein hherer
Meister; und wer? Pergolese! an seinem himmlischen Stabat mater brach sich die
steigende Flut. Erinnern Sie sich, Signora, wo Sie zuletzt das Stabat sangen und
ich Ihren Gesang begleitete? In der letzten Charwoche war's, zu Paris, in der
Kapelle der Klosterfrauen von Notre-Dame-de-Sion - da war's! da sangen Sie mit
Ihrer Erzengelstimme, gromtig wie immer, fr den Zweck dieses Ordens: die
Bekehrung der Juden in Jerusalem. Seitdem hatte ich nicht an das Stabat gedacht.
Nun fiel es mir ein. Nun tauchte aus den Schmerzen einer Welt - das Kreuz auf,
und alles irdische Wehegeschrei verstummte vor der bermenschlichen Klage eines
Herzens, das unter dem Kreuze stand pertransivit gladius. Ich wei nicht, wie
lange ich spielte. Ich schwamm, ich badete in diesen Melodien einer hheren
Sphre; ich durchwob sie mit meinen Phantasien, ich lie alle Verzweiflung der
Erde und alles Wutgeheul der Hlle in sie hineingellen; aber nur um so mchtiger
rauschten die Strme himmlischer Harmonie auf sie herab, und wie ein stiller
silberweier Schwan zog das Stabat durch die tobende See und stellte das Kreuz
immer fester, immer leuchtender auf ein zermalmtes Mutterherz.
    Endlich kam ein dienender Bruder mit der Bemerkung, da der Abend sinke, und
da ich doch ja nicht die Prozession versumen mge, welche beginne, sobald es
ganz dunkel sei. Ich ri mich mhsam von meiner Orgel los und eilte in's Freie.
Ich hatte die Absicht, einsam auf den Bergen umher zu schweifen, um der
langweiligen Prozession aus dem Wege zu gehen; da bemerkte ich Anstalten zu
einer Beleuchtung und die Beleuchtung der St. Peterskirche in Rom, diese Wonne
meiner Kindheit, fiel mir ein. Ich blieb, um zu sehen, ob hier etwa eine
Nachahmung stattfinden solle. Je mehr die Nacht einbrach, desto mehr versammelte
sich die Menschenmasse auf dem freien Platz. Er war zuletzt wie gepflastert mit
Kpfen. Da ich etwas kurzer Statur bin, verwnschte ich hundertmal die
langgewachsenen Shne der Alpen, zwischen denen ich eingekeilt stand, und
verfiel in eine hchst grimmige Stimmung ber die stupide Neugier, welche so
viel tausend Menschen hier zusammenfhre, whrend ich vielleicht der einzige
stupid Neugierige unter ihnen war. Endlich entstand in der Kirche eine groe
Bewegung; die Orgel erklang, die Kerzen auf allen Altren wurden angezndet,
feierlicher Gesang ertnte, die Glocken huben an zu luten, die Prozession
setzte sich in Bewegung. Eine Doppelreihe von Mnchen und Geistlichen, jeder mit
einer brennenden Kerze in der Hand, zog vom Hochaltar aus durch die Kirche, aus
der Tre, die Stufen hinab, um den Platz. Am Schlu der Doppelreihe ging der Abt
unter einem Baldachin, von Weihrauchwolken umwogt, das Sanktissimum tragend. Als
es auerhalb der Kirche erschien, flammte ber dem Portal ein koloslales
Lichtkreuz und rings um den Platz, in gewissen Zwischenrumen, Bndel von
Fackeln auf, und im feierlichen Reigen wandelte die Prozession dahin. Wie die
Wellen des roten Meeres sich teilten, um dem Volke Israels Durchgang zu lassen:
so wich die Menschenmasse und stand zu beiden Seiten wie eine Mauer, und kniete
nieder, wenn die kleinen Glckchen und die Weihrauchwolken sich nherten, und
erhob sich wieder, wenn das Sanktissimum weiter zog. Ich aber kniete nicht
nieder, sondern reckte mich so hoch ich konnte, und stand mit verschrnkten
Armen, Lorgnon vor dem Auge, Hut auf dem Kopf, in der vordersten Reihe
kerzengerade, als sich das Sanktissimum meinem Platze nahte und alles neben mir,
hinter mir und gegenber auf die Knie sank. Ich stand im stolzesten Bewutsein
meiner Wrde und Freiheit; aber mein Hut fiel! ein ernster dunkelugiger Tiroler
nahm ihn mir ganz ruhig ab, mit dem Ausdruck eines Vaters, der seinem Bbchen
zeigt, was schicklich sei. Ich ri ihm emprt meinen Hut aus der groen sehnigen
Hand, die mit ungewhnlicher Behendigkeit das Kreuzzeichen machte, und drngte
mich, von Zorn gekrftigt, nach der anderen Seite des Platzes, wo man unfern der
Kirche zum Behuf dieser Feierlichkeit einen Altar errichtet hatte, der wie ein
Meteor im nchtlichen Dunkel aufstrahlte. Er war um viele Stufen erhht und von
einer sulengetragenen Kuppel berwlbt, und alle Umrisse des kleinen Gebudes
waren mit ungemein glnzenden Lampen, wie mit Schnren von Diamanten eingefat.
Das Innere war ganz mit Blumen austapeziert und an der Hinterwand ein groes
transparentes Gemlde angebracht, jene Vision, die Johannes auf Pathmos hatte:
das wunderbare Weib mit den zwlf Sternen um das Haupt und der Mondessichel zu
ihren Fen. Nach diesem Altar zog die bewegliche Lichtlinie der Prozession.
    Trotz meiner kritisierenden Stimmung fand ich das Schauspiel groartig. Es
war nichts zu sehen, als eine tiefdunkele, von einzelnen Lichtgruppen
erleuchtete Erde: das Kreuz in der Hhe, Altar und Fackelbndel im Vorgrund, in
der Tiefe des Bildes der Flecken Einsiedeln illuminiert von tausend Lichtlein -
einer kleinen Welt von Leuchtkfern hnlich. Die Menschen - still, ernst,
gesammelt, ruhig auf einem Fleck, kein Gedrnge, keine Schaulust, und doch zu
tausenden beisammen. Im Hintergrund die gewaltigen Berge, die sich in ihrer
Massenhaftigkeit ganz schwarz zum Nachthimmel erhoben. Dazu die groartigen
Stimmen, welche dem Bilde einen Ausdruck von Seelenleben gaben, Orgelklang,
Chorgesang, Glockenton - und ber dem allen der starke Wind, der von den
Gletschern kam und ber den Wald sauste und die Spitzen der hohen Tannen umbog
und mit ihren sten wie mit Fahnen wehte. Der Abt war zum Altare hinaufgestiegen
und nun erklangen diese wunderbaren eucharistischen Hymnen, welche von den
Heiligen geschaffen sind und vielleicht von den Engeln gesungen werden. Dann hob
er hoch auf das goldene Haus, in welches die berhimmlische Dreifaltigkeit,
verschleiert von der heiligen Hostie, sich herabgelassen hat, hielt es einige
Augenblicke fest und hoch vor allem Volk und bewegte sich dann langsam, im
Kreuzzeichen, segnend ber die Menge. Alle Gebete waren verstummt; die Orgel
schwieg; nur die Kanonen donnerten in den Choral der Glocken hinein; alle
Stirnen senkten sich zu Boden; denn nicht der Priester - Gott der Herr segnete
sein Volk. Und ich? - o ich stand aufrecht, als der Abt die Monstranz erhob und
hoch hielt und darzeigte; und stand aufrecht, als die Kanonen krachten und die
Menge auf die Knie fiel und der Abt die beiden ersten Bewegungen mit der
Monstranz machte. Und als er sie nach meiner Seite wendete und ich sie fest und
kalt ins Auge fassen wollte, da ging von ihrem Mittelpunkt ein goldener Strahl
aus - und der traf mich, war's in's Herz, auf die Stirn, im Blick - ich wei es
nicht! genug, er traf mich besiegend. Meine Stirn sank zur Erde, meine Seele
flog in den Himmel, ich lag im Staube und ich betete an.
    Was ist das, Lelio! rief Judith gespannt und aufgeregt. Was war das fr
ein Strahl?
    Nichts Irdisches war's, Signora, nichts Materielles. Kein Blitzstrahl war
es, und kein Spiel der Lichter auf den Diamanten der Monstranz. Aber auch eine
Vision war es nicht, wie die Heiligen sie wohl haben; kein Flammenpfeil, wie er
der heil. Therese das Herz durchbohrt und zu seraphischer Liebe entzndet ...
    Nun denn, rief Judith beinahe heftig, was war's?
    Die Gnade war es, Signora! sagte Lelio sanft. Der Hebel war es, der
seinen Sttzpunkt im Herzen des Erlsers hat, und der ein elendes Menschenherz
aus dem Abgrund der Snde emporhebt.
    Das verstehe ich nicht, sagte Judith kalt.
    Ich prophezeihte es, erwiderte er lchelnd.
    Nun weiter! rief sie.
    Ich bin zu Ende, Signora! ich habe in der ganzen Zeit Einsiedeln nicht
verlassen, grndlich in meinem Gewissen aufgerumt und komme nun, um meine
Vorstze auszufhren.
    Aber Ihre unbekannte Beterin werden Sie doch erkundschaftet haben?
    O nein! die ist mir unbekannt geblieben. Komme ich aber einst in den
Himmel, so werd' ich sie schon erkennen - unter den Heiligen oder zwischen den
Engeln.
    Das Geschlecht, welches das schne und das fromme genannt wird, hat eine
Eigenschaft, welche seine Schnheit und Frmmigkeit sehr beeintrchtigt: es
vertrgt nicht gut das Lob einer anderen Frau. Bei Judith, die nicht den
mindesten Anspruch an Frmmigkeit machen konnte, wird es also nicht auffallen,
da sie von ihrer Hhe herab entgegnete:
    Nun was ist denn darin so groartig, einen armseligen Menschen zu
verachten, der uns beleidigen will? es fliegt Staub an den Saum unseres Kleides:
wir schtteln ihn ab - und gehen weiter. Das ist doch eine allzu unbedeutende
Handlung, um einen Pa in die Heimat der Engel zu erwirken.
    Lelio machte eine lebhafte verneinende Geberde.
    Tag und Nacht! rief er, Himmel und Erde! Sie verachten den Menschen, der
Sie beleidigt: heidnischer Stolz! die Unbekannte bittet ihn: Mein Sohn, bet' ein
Ave fr mich: katholische Demut!
    Und gaben Sie sich gar keine Mhe, diesem Mirakelwesen auf die Spur zu
kommen? Schade, da es nicht ein Vierteljahrhundert jnger war!
    Signora, sagte Lelio ernst, dies verstehen Sie wirklich nicht.
    Und weshalb nicht, Signor Lelio?
    Weil sich die Welt nach der Ordnung der Gnade Ihnen noch nicht erschlossen
hat.
    Und was ist das fr eine neue mystische Weltordnung, Signor Lelio?
    Es ist die, in welcher die Liebe zu dem gekreuzigten Gott der Offenbarung
des Menschen hchstes Gesetz und heiligste Richtschnur ist. Es ist die, in
welcher der Mensch, erlst von der Wucht seines Ichs und von dessen
unertrglicher Sklaverei, in den freiwilligen Dienst der gttlichen Liebe tritt
und dadurch ein Werkzeug Gottes wird.
    Und fr ein solches halten Sie Ihre Unbekannte?
    Allerdings, Signora. In der Gnadenwelt sind hhere Krfte ttig, als in der
natrlichen Welt, darum ben sie auch einen hheren Einflu. Lebt und webt eine
Seele in der Gnade, so gehen auch Gnadenwirkungen von ihr aus. Die hchste ist:
eine Seele zu retten. Die Unbekannte hat den Grund zur Rettung meiner Seele
gelegt; aber so recht wie ein unscheinbares Werkzeug Gottes: sie wute es nicht,
sie wollte es nicht. Sie bte nur einen kleinen Akt von Demut und Liebe - so
klein, da die Weisheit der Welt ihn nur beachtet, um ihn zu verachten; aber er
war gottgefllig und darum folgte gttlicher Segen ihm nach. Ahnungslos hat sie
meinem verhrteten Herzen den ersten Ruck zu seiner Bekehrung gegeben. Gottes
Barmherzigkeit tat das Weitere. Jetzt mu ich das Meine tun.
    Was wird das sein! rief Judith erwartungsvoll.
    Nicht wahr, den Montblanc in den Leman strzen - oder eine neue Sonne
entdecken - oder einen neuen Weltteil erobern - darauf sind Sie gefat? Nein,
teure Judith! ich gehe schlecht und recht zu meinen Eltern zurck, bitte sie um
Verzeihung, da ich so viele lange Jahre so bitter sie betrbt habe, und suche
fortan ein guter Sohn zu sein, mit der festen berzeugung, da die wahre
Befreiung Italiens sehr gefrdert wird, wenn ein Italianissimo daran geht, sich
vom Unglauben und von der eng damit zusammenhngenden hochmtigen Selbstsucht zu
befreien.
    Wie, Lelio! Sie verlassen mich? fragte Judith traurig.
    Stabat mater, teure Judith! Auch meine Mutter steht unter ihrem Kreuz und
weint! - ach! um ihren verlorenen Sohn. Was wren Entschlsse, wenn wir sie nur
faten, um unserem aufgeregten Gefhl eine momentane Befriedigung zu geben, und
wenn sie mit unserer Erregung verschwinden wrden! Nein! heute noch reise ich
nach Rom ab.
    Unmglich! Sie wissen, wie unentbehrlich Sie mir sind!
    Ich wei, da Sie einen Musiker brauchen, ja! - doch hier nicht, denn hier
ruhen Sie aus von Musik. Singen Sie dem Frsten X., dem Marquis Y., dem Lord Z.
die Skala vor, so brauchen Sie niemand zum Akkompagnement und die Herren sind
ebenso entzckt, als htten Sie die Casta dia gesungen. berdas kommen Sie ja
auch bald und fr den Winter nach Rom. Da hoffe ich Ihnen einen brauchbaren
Musiker aufgefunden zu haben.
    Also auch in Rom wollen Sie nicht mit mir zusammen bleiben? Hindere denn
ich Sie daran, ein guter Sohn zu sein? Oder berlassen Sie mich meiner
Verdammung, nachdem Sie sich gerettet haben?
    Ich mu meine Seele retten, nicht die Ihre! das berlasse ich vollkommneren
Menschen. Was aber Ihre Verdammung betrifft, so hoffe ich genau das Gegenteil!
ich hoffe, da Ihnen hienieden das Gnadenleben - und droben die ewige
Herrlichkeit zu Teil wird.
    Werden Sie fr mich beten, Lelio? fragte sie und reichte ihm die Hand. Er
drckte sie herzlich und rief:
    Gewi! ich - und Bessere als ich!
    Nun, so beten Sie fr mich, da ich zu meinem Ziel komme und Grfin Windeck
werde.
    Lelio schleuderte ihre Hand fort und sprang zurck, als habe ihn eine Natter
gestochen, und rief heftig:
    Wissen Sie denn nicht, da der Mann verheiratet ist.
    Ja, sehr unglcklich.
    Unglcklich oder glcklich, das gilt gleich! Sie werden doch nicht in ein
Serail gehen wollen?
    Signor Lelio, ich bitte, migen Sie Ihre Ausdrcke. Ich will Graf
Windeck's rechtmige Frau werden.
    Ganz richtig, Signora! dem Muhamedaner sind vier rechtmige Frauen
erlaubt; Sie mssen sich also mitsamt Graf Windeck zum Islam bekennen, wenn Sie
ihn heiraten wollen - denn eine rechtmige Frau hat er bereits.
    Haben Sie denn nie gehrt, da man unglckliche Ehen auflst, um eine
glcklichere zu schlieen?
    Judith, Sie wissen nicht, was Sie sagen - nicht, was Sie anstiften! rief
Lelio mit dem Ausbruch tiefsten Schmerzes. Ich ahnte wohl die Leidenschaft des
Grafen fr Sie, doch nicht diese Wendung. O erbarmen Sie sich des Unglcklichen
und treiben Sie ihn nicht zum uersten! Er kann Sie nur dann heiraten, wenn er
abfllt vom Glauben und in eine Sekte auerhalb der Kirche, kalvinische,
lutherische, evangelische - was wei ich, wie sie sich nennen! eintritt - und
Sie, Judith, mit ihm.
    Wozu die enormen Anstalten, Lelio! Bleibe er doch katholisch, wenn er es
ist, der arme Orest. Da ich getauft sein mu, um ihn zu heiraten, wei ich.
Europa's Civilisation steht noch auf einer so niedrigen Stufe, um die Giltigkeit
der Ehe an eine so leere Ceremonie zu binden. Mir ist es aber gnzlich einerlei,
nach welchem Ritus es geschieht, und ich kann ebenso gut katholisch als
kalvinistisch oder lutherisch mich nennen lassen.
    Ach, arme Judith, in welchem Wahn sind Sie befangen! Die katholische Kirche
betrachtet die Ehe als einen unauflslichen Bund, welcher der Gnadenordnung,
nicht den Gelsten der wandelbaren menschlichen Natur angehrt. Im Blut Jesu
haben die Eheleute das Sakrament empfangen, sind sie verbunden zu einer Einheit,
die nur der Tod scheidet. Dawider gibt es keinen menschlichen Richterspruch, und
so lange Graf Windeck's Gemahlin lebt, ist eine Ehe mit einem anderen Weibe fr
ihn unmglich.
    Die Sekten aber gestatten sie?
    Ja! denn sie beruhen auf Irrlehren! und eine solche ist es, welche die Ehe
ihres sakramentalischen Charakters beraubt, und gerade sie, welche mehr wie
jedes andere menschliche Verhltnis des Beistandes der heiligmachenden Gnade
bedarf, zu einem lockern Vertrag herabsetzt, ber dessen Dauer der Rausch der
Leidenschaft entscheiden darf. Judith! Judith! den Bund der Ehe drfen Sie nicht
anrhren. Sie drfen es nicht!
    Also auf Wiedersehen in Rom! sagte Judith abbrechend. Reisen sie
glcklich, lieber Lelio. Ich halte Sie keinen Augenblick zurck, denn ich sehe
wohl, da der Lelio, den ich vier Jahre lang gekannt habe, durch vier Wochen in
Einsiedeln mir fremd geworden ist.
    Und gerade jetzt mcht' ich bei Ihnen bleiben, mchte wachen und
warnen.... -
    Sie werden langweilig, Lelio! ich brauche keinen Mentor. Ich will jetzt
noch einige Wochen Nachsommer in Genua oder Nizza genieen; dann komme ich nach
Rom. A rivederlo! Sie winkte ihm freundlich mit der Hand zu und verlie das
Zimmer.
    Lelio sah ihr traurig nach und seufzte heimlich: O die Arme! sie strzt in
den Abgrund und reit ihr Opfer mit sich hinab. Niemand geht allein in den
Himmel, allein in die Hlle. Die Seelen hngen zusammen - im Abfall, in der
Heiligung. Das erste Menschenpaar verwickelte die ganze Menschheit in den
Sndenfall; Christus zieht die ganze Menschheit am Kreuz empor.

                             Drei Jahre im Ehestand


Whrend der Genfer See in Sonnenglanz und Farbenpracht funkelte und strahlte,
hingen graue Wolken ber den Odenwald; am Morgen lagen schwere Nebel auf den
Tlern und am Abend sauste der Sturm durch die entlaubten Wlder und drehte
kreischend die Wetterfahne des Schloturms von Stamberg. Im Schlo herrschte
tiefe Stille, kein Laut war zu hren, keine Bewegung zu sehen, kein Gehen und
Kommen von Dienern und Untergebenen wahrzunehmen. Kein Pferd stampfte im Stall,
kein Hund spielte im Hof. Ein trbes Gestirn schien ber dem Schlo zu walten,
so da sich seit den Tagen der Grfin Juliane kein frisches Leben darin
entfalten konnte. Und doch war es mit Luxus und Komfort eingerichtet! von der
Eingangshalle bis zum Speisesaal - und vom Salon bis zu den Zimmern fr Gste -
allberall Behagen und Eleganz! die weichsten Teppiche, die bequemsten Polster,
die ausgesuchtesten Mbel, um in behaglichster Weise zu sitzen, zu liegen, zu
lesen, zu schreiben, zu essen, zu ruhen - kurz, um dem Krper schlafend und
wachend ein Nonplusultra des Wohlseins zu bereiten. berdies arbeitete der Koch
im weien Baret und mit der weien Schrze uerst ttig in der Kche und der
Haushofmeister sa mit der Feder in der Hand und fhrte Buch ber den Inhalt des
Weinkellers, und die Kastellanin wandelte mit einem Federwedel in der Hand durch
die unbewohnten Gemcher, um sie zu lften und von jedem Stubchen zu befreien.
Es war also nicht ausgestorben, das stattliche Schlo - und doch so tot! denn es
fehlte in diesen prchtigen Rumen das etwas, das Leben hervorruft: das
husliche Glck.
    In einem runden Turmkabinet befand sich die Herrin des verzauberten
Schlosses - Corona Windeck, mit ihrer kleinen Tochter Felicitas. In diesem
Gemach war Leben - ja, gleichsam ein Brennpunkt alles Lebens: eine traurige Frau
und ein frhliches Kind. Das Kabinett war mit der hchsten Eleganz eingerichtet;
die Wandtapeten, die Vorhnge vor den beiden Spitzbogenfenstern und vor der
Tre, der Mbelbezug, alles war dunkelblauer Damast. Die Tische und die in der
Dicke der Mauer eingelassenen Wandschrnkchen mit zierlichen gothischen Tren
waren von der schnsten eingelegten Holzarbeit mit feinen Metallstreifen und
Perlmutterverzierungen. In dem weien Marmorkamin brannte ein munteres Feuer,
und auf dessen Gesims stand eine Garnitur Vasen von Meiener Porzellan in Blau
und Gold, unter einem prchtigen Spiegel. In dem einen Fenster stand Corona's
Schreibtisch, ganz berladen mit den Millionen von Schelchen, welche einen
Schreibtisch hchst elegant - und hchst unbequem zum Schreiben machen. berdas
hatte sie eine kleine Gemldegallerie von Familienportraits, sehr schn in
Aquarell ausgefhrt, darauf eingerichtet. Im anderen Fenster stand ihr
Stickrahmen und daneben auf besonderem Gestell zwei groe chinesische
Deckelkrbe voll Seide, Wolle, Garn, Stickmuster und allem, was die weiblichen
Arbeiten erfordern. Ein ganz niedriges Kindertischchen, mit Spielzeug und
Bildern dermaen berladen, da die Hlfte davon auf dem sammtweichen Teppich am
Boden lag, verriet - auch wenn sie beide nicht dagewesen wren - da Corona's
Kabinett auch das Zimmer ihres Kindes sei. Sie sa am Schreibtisch und hielt
einen Brief in der Hand, den sie berlas, um ihn zu beantworten. Aber es traten
oft Trnen in ihre Augen und dann blickte sie ber das Blatt hinweg mit
namenloser Zrtlichkeit auf Felicitas. Zwischen den Fenstern stand ein breites
Sopha, und auf demselben hatte sich die Kleine mit ihren Puppen huslich
niedergelassen und eingerichtet. So oft Corona's Blick auf das Kind fiel, flog
ein Sonnenstrahl ber ihr Antlitz; allein er verschwand, wenn er wieder in den
Brief fiel. Er war aus Genf und lautete:
    Da ich in diesen Tagen mit einigen lieben Freunden nach Genua gehen und
dort Seebder brauchen will, so leidet unser Reiseplan eine kleine Vernderung,
liebe Corona. Ich kann unmglich nach Stamberg zurckkehren, um Dich abzuholen,
was ja auch ganz berflssig ist, da Du an dem guten Papa einen besseren
Reisemarschall hast, als an mir. Ich gehe von Genua direkt nach Rom,
wahrscheinlich Ende November. Du wirst am besten tun, wenn Du Dich sogleich nach
Windeck begibst, und wenn Ihr von dort aus die Reise nach Rom antretet, wie und
wann es Euch genehm ist. Schreibt nur vorher an Hyazinth, da er Quartier mache,
Piazza di Spagna, Via Condotti - oder da so herum. La Dir vom Rentmeister Geld
geben, wenn Du es notwendig brauchst. Ich meine aber, der gute Papa knnte die
smtlichen Reisekosten zahlen. Kurz, mglichst wenig Geld la Dir geben, denn
ich gebrauche enorm viel. Ich habe mir ein paar superbe Reitpferde gekauft und
will sie mitnehmen nach Genua und Rom. Du darfst auf keinen Fall einen Diener
mitnehmen. Fr die Reise gengt der des Papa - und in Rom der meine. Adieu,
gutes Kind! Befiehl im Stall, da die Pallas nie ber eine halbe Stunde tglich
spazieren gefhrt werde, damit es sich erhole, - das pompse Tier; und ksse
Felicitas. Dein Orest.
    So schrieb der Gatte dieser Frau und der Vater dieses Kindes - immer
derselbe Orest von Jugend auf; nur fortschreitend - aber auf seiner Bahn; und
immer rascher und gesteigerter, je fester er sie verfolgte. Ein Ruf vom Himmel
zieht das Menschenherz aufwrts; die Stimme des Erdgeistes - abwrts. Die ersten
Schritte nach beiden Richtungen hin gehen langsam, schwankend, mit Ungewiheit,
ja mit Rckschritten sogar: der Zug zum Himmlischen lt nach; der Zug zum
Irdischen begegnet besseren Einflssen. Die Kmpfe, welche hieraus entspringen,
sthlen entweder den Willen, der das kstlichste Gut, seine Freiheit, bewahrt
und mit ihr auf der Bahn des Lichtes mehr und mehr aufwrts steigt; oder die
Willenskraft lt sich besiegen vom verlockenden Bsen, lt sich von den
Leidenschaften in Fesseln schlagen, wird immer ohnmchtiger zum Guten und lt
das Menschenherz mehr und mehr einem Abgrunde zurollen, dessen Tiefe das
sterbliche Auge nicht ermit. Auf diesem Wege flieht der Mensch alles, was seine
Gensse und Freuden stren und ihn an seine Pflicht erinnern knnte. Er verliert
den Sinn fr himmlische Dinge; er schtzt nur die Irdischkeit, kennt nur
materielle Interessen, versteht nur die Neigungen, die Bestrebungen, die von der
Erde stammen. Er ist gefesselt an die Gebilde des Staubes, er ist der Knecht der
Snde. Dieser innere Zustand des Menschen wirft einen furchtbaren Schatten auf
ihn, den Schatten des ewigen Todes, der langsam, frostig, vernichtend an der
Seele hinaufkriecht und sich zwischen sie und Gott ausbreitet. Davor weichen
alle Strme der Gnade zurck! daran erlschen alle Strahlen hheren Lichtes!
dadurch vertrocknet allmhlig das bernatrliche Leben nicht blo - sondern auch
alle hheren Fhigkeiten des Menschen. Seine Intelligenz verdunkelt sich, sein
Herz verhrtet sich, sein Verstand schwcht sich. Jeder Erkenntnis, welche ber
die Materie hinausliegt, wird er unfhig. Er begrbt seine entwrdigte Seele in
dem Kerker seiner gefallenen Natur. So stand es mit Orest. Sein Wahlspruch:
froher Genu des Lebens! hatte ihn dahin gebracht, da er des schnsten Lebens
nicht froh wurde und all sein Glck nicht zu genieen verstand. Da das Glck
Opfer fordere und da aus den Verhltnissen Pflichten hervorgehen, fand er ber
allemaen lstig, und was ihm lstig war, dem wich er aus. Selbstverleugnung,
Selbstbeherrschung hatte er nie gebt, nie zu einem krftigen gesunden Willen
sich erhoben. Von seinen Launen und Einfllen, von seinen Neigungen und
augenblicklichen Eindrcken lie er sich wiegen und tragen, bestimmen und
hinreien. So geriet er auch manchmal an ein gutes Wollen; aber es hielt nicht
Stand. Durch gute Aufwallungen wird der Mensch nicht gut! der Wind ist zu
schwach, um sein Schifflein flott zu machen, wenn es auf eine Sandbank gelaufen
ist. Nur ernster Beharrlichkeit und unermdlicher Selbstberwindung ist die
Tugend erreichbar; denn Tugend ist Beschrnkung des Ich's nach allen Richtungen
hin. Orest aber pflegte sein Ich nach allen Richtungen wie eine uerst kostbare
und edle Pflanze, und so wurde denn dieses Ich in der moralischen Welt zu einem
Upasbaum, der alles Leben ttet, das in seine Nhe kommt. Einen Augenblick war
er von Corona's Lieblichkeit ergriffen genug gewesen, um verschiedene gute
Vorstze zu fassen und seinen Ehestand mit dem Entschlu zu beginnen, Judith
nicht wiederzusehen. Aber wie das immer zu gehen pflegt: hat man groe
Entschlsse gefat, so treten stets eine Menge Umstnde ein, um sie wankend zu
machen. Das ist ganz in der Ordnung; denn wie knnte sich ein Entschlu bewhren
ohne Prfung. Wer aber nicht geneigt ist, ihnen treu zu bleiben, klagt ber sein
unerhrtes Schicksal und die zwingende Gewalt der Umstnde - und gibt sie auf.
So machte es Orest. Gleich nach seiner Vermhlung trat er mit Corona eine Reise
in's Berner Oberland an und traf in Interlaken - auf Judith, auf seine schwarze
Sonne, wie er sie nannte. Aber sie lie kalt und stolz keinen Strahl auf ihn
fallen. Sie bersah ihn bei jeder ffentlichen Begegnung, und als er ihr seinen
Besuch machen wollte, nahm sie ihn nicht an. Dies war ganz genug, um seine
Eitelkeit zugleich zu verwunden und zu befriedigen. Sie war verletzt, oder
wenigstens beleidigt; folglich war er ihr nicht gleichgltig. Je frostiger sie
sich zeigte, desto heftiger wurde der Reiz, eine Klte zu berwinden, die nur
der Schild vor ihrem Herzen war - wie er hoffte und wie Judith es ihn zuweilen,
wie durch ein leises Wetterleuchten, ahnen lie. Noch in Interlaken, kaum drei
Wochen seine Frau, sah Corona ihn in Judiths Fesseln und sich selbst in der
Vernachlssigung, welche fortan ihr Los blieb. Es knnte befremden, da ein so
oberflchlicher Charakter wie Orest, dem es hauptschlich nur darum zu tun war,
den Schaum vom Lebensbecher zu schlrfen, in eine solche verzehrende
Leidenschaft verfiel; aber einesteils war er sehr hartnckig, wenn es galt, das,
was er sein Glck nannte, zu verfolgen - wie es Jger gibt, die auf der Jagd
voll Feuereifer, brigens aber ganz phlegmatisch sind - und anderenteils zeigt
leider die traurige Erfahrung, da nicht selten Menschen, welche in jedem
geheiligten Verhltnis eine Last finden und eine Sklaverei sehen, durch
unheilige Verhltnisse in ganz erstaunlicher Weise sich binden lassen. Es ist
die natrliche Strafe ihrer Verkehrtheit: sie wollten nicht die edle Freiheit
ihres Willens ben, drum sind sie unfrei - und in einem solchen Grade, da sie
ihre Gefangenschaft fr die rechtmigste und natrlichste Sache von der Welt
halten.
    Corona war zu unerfahren und zu rein, um von diesen traurigen Verirrungen
eine Vorstellung zu haben. Sie hatte, ohne die mindeste Neigung fr Orest, dem
Wunsche ihres Vaters, der Fgung Gottes gehorcht und, war je ein Traum von Liebe
durch ihr junges Herz gezogen, so war es nicht Orest, der ihn hervorgerufen
hatte. Aber sie reichte ihm mit dem festen Entschlu die Hand am Altar, da sie
ihn lieben wolle, wie es sich fr eine christliche Ehefrau ziemt. Orest machte
es ihr sehr schwer. Fr die Feinheit ihrer Empfindung, fr die zarte
Jungfrulichkeit ihres Herzens fehlte ihm durchaus jedes Verstndnis. Tausendmal
verletzte er sie, qulte er sie durch seine Scherze, durch seine Bemerkungen,
durch seine Handlungsweise, durch seine Auffassung von Welt und Leben; sie litt
und schwieg. Sehr selten erlaubte sie sich eine Einwendung, aber so bittend und
demtig, da Orest, der ohnehin schon, vermge seiner Selbstsucht, vielmehr ihr
Herr als ihr Gatte sich fhlte, dadurch in seiner Despotenlaune bestrkt wurde.
Ihr Ton htte sehr ernst und uerst bestimmt sein mssen; dann wrde sie ihm
imponiert haben - wie ihm das zuweilen bei Regina geschehen war; aber diese
unberwindliche Entschiedenheit, die, auf dem innersten Grunde von Regina's
geistigem Sein beruhend, ihre ganze Wesenheit gleichsam illuminierte - war nicht
in Corona. Bei ihrem Vater hatte sie gehorchen gelernt! an ihre Schwester hatte
sie sich gelehnt wie an eine zrtliche und weise Mutter; einem Orest war sie
nicht gewachsen. Aber sie hatte die Tradition ihrer frommen Mutter und das
Vorbild ihrer frommen Schwester! Die Baronin Isabella und Regina hatten ihr
oftmals erzhlt, wie diese Mutter durch Milde, durch Stillschweigen, durch
Opferwilligkeit dem Egoismus des Vaters begegnet sei und wie sie ihn damit
gewonnen habe. Die Mutter, die kaum in ihrer Erinnerung lebte - lebte umso mehr
in ihrer Gegenwart als ein Vorbild stiller, unscheinbarer Tugend und an dem
Streben, diesem Beispiele nachzufolgen, entwickelte sich die tiefe Frmmigkeit,
die von der Wiege an ihrem Gemt eingesenkt, aber nicht entfaltet war und jetzt
aus einer grnen Knospe in voller Blte hervorbrach. Corona erkannte schnell,
da sie in ihren Verhltnissen himmlischen Beistand ntig habe, denn kein
irdischer gengte ihr, noch bot er sich ihr. Ihr Vater hatte nun einmal
beschlossen, da Orest und Corona miteinander glcklich zu sein htten. Der arme
Vater! sprach Corona zu sich selbst; hat er nicht bei Regina, Hyazinth und Uriel
sich an seinen Hoffnungen getuscht gesehen und auf seine Wnsche und
Erwartungen verzichten mssen! ich will ihm, so viel an mir liegt, keinen Kummer
machen; ich werde glcklich sein, glcklich - die Bestimmung zu erfllen, die
Gott mir angewiesen hat. Und so machte sie sich denn an das Heldenwerk der
Heiligen: in bernatrlicher Weise glcklich zu sein.
    Zu Orest's qulenden Eigenschaften gehrten auch die, da er, wenn er nicht
in irgend einer Spannung und Erregung war, sich bestndig langweilte. Die
soldatische Disziplin, dies und das und jenes zu der und der Stunde pnktlich
verrichten zu mssen, war ihm anfangs uerst lstig, allmhlig aber ganz lieb
gewesen; denn sie gab ihm tglich die Befriedigung, die aus einer, wenn auch
noch so geringen Pflichterfllung hervorgeht. berdas machte es der ganze
Schwarm der Kameraden, unter denen sich doch mancher rebellische Kopf und
strrische Nacken befand, genau so wie er, weil die Unannehmlichkeiten, welche
der Mangel an Disziplin nach sich zog, doch am Ende noch lstiger waren, als die
militrische Subordination. Aber auf Stamberg gab es keine Lebensregel fr ihn.
Er konnte schalten und walten wie - tun und treiben, was ihm beliebte. Hatte er
heute ein Geschft begonnen, so zwang ihn niemand, es morgen fortzusetzen. Er
konnte es ganz liegen lassen, oder es nach acht Tagen wieder aufnehmen, oder es
dem Rentmeister, dem Frster, oder sonst dem betreffenden Beamten zur
Fortsetzung zuschicken. Letzteres geschah denn auch regelmig! Er fand alle
Geschfte, die Art sie zu fhren, den Gang, den sie gingen, ttlich langweilig,
und da die Beamten nun einmal auf diese Langeweile eingebt waren und dafr
bezahlt wurden, auch die Sache viel pnktlicher und schneller machten: so gab er
es sehr bald ganz auf, sich um seine Geschfte, seine Verhltnisse, den Zustand
der Herrschaft, die Verwaltungsart seiner Beamten, um das Gute, das zu tun, um
die Mibruche, die abzustellen waren, zu bekmmern. Drei Arten von
Beschftigungen hatte er auf Stamberg, und die trieb er abwechselnd mit einer
Art von Wut: jagen, reiten, lesen. Die Jagdzeit war seine Lieblingszeit; da
trieb er sich vom frhen Morgen bis zum spten Abend in Flur und Wald umher und
ermdete sich dergestalt, da seine etwaige ble Laune bei der Heimkehr - in
Schlaf unterging. Reiten war seine zweite Liebhaberei, nmlich Pferde
zuzureiten. Das verstand er meisterhaft, und je bser das Pferd war, desto
lieber bernahm er dessen Erziehung und brachte die Bestie zur Raison - wie er
es nannte. Das war denn aber auch der Hauptspa! war einmal das Pferd
zugeritten, so hatte er keine Freude mehr daran. Deshalb verschwendete er
Unsummen fr den Ankauf junger roher Pferde, die er zuritt und dann fr ein
Billiges verkaufte, um sie nur wieder los zu werden und Platz in den Stallungen
fr neue Zglinge zu gewinnen. Endlich, wenn er bis zur uersten Abspannung im
Walde ein Nimrod und in der Reitbahn ein Rossebndiger gewesen war - pflegte er
zu sagen: Jetzt erhole ich mich an Leib und Geist bei den schnen
Wissenschaften; legte sich auf einen breiten, niedrigen Divan von braunem
Saffian, rauchte ein orientalisches Nargileh und las dutzendweise franzsische
Romane greulichster Art. Dermaen war er dann in seine Lektre versunken, da er
nicht selten bei Tisch mit seinem Buch erschien und, da Corona sich seine
Vorlesung verbat, whrend des Essens still fr sich las. Diese Bcher trugen
natrlich nicht dazu bei, ihm Lust und Liebe zum huslichen Herd und zu dessen
Freuden und Beschftigungen zu geben. Mimut berfiel ihn; die Bcher wurden ihm
verhat; Corona sollte ihn unterhalten. Wie gern htte sie das getan! allein er
fand sie nicht munter, nicht ausgeweckt genug.
    Als Kind hattest Du Anlagen zu einer Lionne! rief er einmal hchst
mimutig; aber die fromme Erziehung hat sie bis auf's letzte Fnkchen
ausgelscht. Du bist eine ganz alltgliche Person geworden.
    Darin hast Du recht, lieber Orest, sagte sie demtig. Und sie hatte doch
einen feinen Verstand und eine liebenswrdige Munterkeit; aber freilich,
einbalsamiert in geistige Grazie, so da alles Scharfe, Exzentrische,
Leidenschaftliche - alles, was nicht bestehen konnte neben zarter Sitte und
heiliger Wahrheit - dem Kreise ihrer Anschauungen und Urteile, dem Gang ihrer
Gedanken fern blieb. Ein solcher Geist war nicht nach Orest's blasiertem
Geschmack. Er machte den Versuch, sie in seinem Sinn hher zu bilden und sie mit
einer gewissen traurigen Richtung des Geistes in literarischen Erzeugnissen
bekannt zu machen, an welche manch' groes Talent sich wegwirft. Er brachte ihr
solche Bcher und empfahl ihr dringend, sie zu lesen. Sie las den Namen der
Autoren, machte die Bcher zu und sagte:
    Ich danke Dir tausendmal, aber lesen kann ich diese Bcher nicht.
    Was ich Dir gebe, darfst Du lesen! fuhr Orest auf.
    Gewi - insofern es nicht gegen Glauben und Sittlichkeit ist. Onkel Levin
hat mir aber eben diese Autoren als solche genannt, die gegen beides verstoen
und mich vor ihnen gewarnt.
    Onkel Levin! ... ich bitte Dich, rede doch nicht so kindisch! der
siebzigjhrige Greis hat andere Ansichten ber Lektre, als die siebzehnjhrige
Frau.
    Andere - aber richtigere, lieber Orest.
    Hre, Corona, Du tust mir leid, da Du mit Deinem bischen Verstand
fortwhrend zwischen den Scheuklappen vegetieren sollst, die Onkel Levin Dir
anbindet. Darum stelle ich Dir die Bcher hier in's Wandschrnkchen und schenke
sie Dir erb- und eigentmlich. In einem Augenblick von Langeweile nimmst Du sie
doch vielleicht zur Hand und guckst neugierig hinein, und hast Du das nur erst
getan, so wirst Du auch schon weiterlesen. Schau', wie sie gut eingebunden sind
- dunkelblauer Saffian, ganz in Harmonie mit Deinem Kabinett! eine wahre Zierde
Deiner Bibliothek!
    Da Du mir die Bcher schenkst, lieber Orest, so sage ich Dir meinen
schnsten Dank, sagte Corona.
    Die Bcher blieben unverndert auf ihrer Stelle! Orest, der eine Ahnung
hatte, als ob sie vielleicht verschwinden knnten, ffnete von Zeit zu Zeit das
Wandschrnkchen; aber da standen sie in Reih' und Glied. Weiter brachte er es
jedoch nicht bei Corona. Fragte er, ob sie gelesen habe, so verneinte sie es. Da
rief er einmal zornig:
    Nun! willst Du sie nicht lesen, so sollst Du sie hren! und griff ein Buch
heraus. Es klappte in seiner Hand zusammen, denn es war nur ein Deckel: das Buch
selbst war herausgeschnitten. Corona sagte ungemein freundlich:
    So sind sie alle. Du hast sie mir geschenkt, folglich durfte ich ber sie
verfgen, und sie sind lngst dem Feuer bergeben. Den Einband lie ich stehen,
weil er Dir gefiel und unschdlich ist.
    Warum gabst Du mir nicht meine Bcher zurck, wenn Du sie durchaus nicht
haben wolltest - murrte Orest.
    Weil ich keine schlechten Bcher verschenke und gern alle, die je
geschrieben wurden, von der Erde vertilgen mchte.
    Das ist einmal ganz  la Regina gesprochen! sie - im Fanatismus fr den
Glauben; Du - im Fanatismus fr die Tugend! rief er spttisch. Allein er
versuchte nicht wieder, sie mit dergleichen Bchern zu belstigen. Weil er aber
immer in unzufriedener Laune war, so mkelte er an ihr vom Morgen bis zum Abend.
    Was machst Du fr Toiletten, Corona! bist Du denn ein altes Weiblein von
dreiig Jahren? was helfen schne Stoffe, wenn man sie nicht zu tragen
versteht!
    Corona kleidete sich sehr gut und standesmig elegant, wie sie das bei
ihrem Vater gewohnt war. Sie war aber ein durchaus edles Wesen; deshalb kam ihr
ein Herausschmcken ihrer Person, ein Geltendmachen ihrer Schnheit nie in den
Sinn, und sie kleidete sich, wie es sich schickt fr die zchtige vornehme Frau.
    Corona, Dein Gesang ist eben nicht Deine glnzendste Seite - umsoweniger,
als Deine Aussprache des Italienischen auch Vieles zu wnschen lt.
    Lehre mich die richtige, sagte sie bittend.
    Sprachmeister meiner Frau zu sein - horrender Gedanke! kolossale Zumutung!
Nein, gutes Kind, willst Du durchaus singen, so singe deutsch.
    Und sang sie deutsch, so klagte er ber die unmelodische, cht Odenwldische
Musik! Jeder dieser kleinen Nadelstiche war fr Corona ein Schmerz, den sie zu
berwinden hatte. Ihre feine Natur fhlte die leiseste Verletzung und empfand
sie tief; das war ihre schwchste Seite, und weil sie es war, so sorgte Gott,
der alle Menschen fr das ewige Leben erziehen und sie stark machen will, dafr,
da gerade auf dem schwchsten Punkte die Angriffe nicht aufhrten. Auf Windeck
war sie das verzogene Kind gewesen. Wie das oft in zahlreichen Familien geht:
das jngste Kind wird allgemeiner Liebling. Fr ihn lassen die Eltern nach von
frherer Strenge oder von allzu groen Ansprchen. Fr ihn haben die brigen
Geschwister, die sich zuweilen schroff genug gegenber stehen, ein Herz. Ein
solcher Liebling des ganzen Hauses war Corona und - so weit sie in der Welt
erschienen war - auch dort. Ihrem Vater hatte sie gehorchen mssen; allein dafr
trug er sie auch auf den Hnden. Jetzt mute sie lernen, sich ihrem Mann zu
fgen, ohne je die Genugtuung zu haben, da er zufriedengestellt sei. Und wre
es nur bei den kleinen Nadelstichen geblieben!
    Corona's heisester Wunsch stand nach Hausgottesdienst. Noch als Braut hatte
Orest ihr die Zusage machen mssen, die Kapelle zu vollenden und einzurichten,
welche Uriel begonnen hatte, eine Messe zu stiften und einen Hausgeistlichen
anzustellen; damals hatte Orest zu allen diesen Wnschen Ja gesagt. Als sie sich
nun aber auf Stamberg niederlieen und Corona ihren Mann an das Notwendigste:
den Ausbau der Kapelle erinnerte, da hie es, im nchsten Frhling solle er
vorgenommen werden. Aber im nchsten Frhling hie es: die Kasse sei eben leer.
Corona, die von ihrem Vater ein reichliches Nadelgeld erhielt, bat Orest, zu
gestatten, da sie die Kosten des Ausbaues bestreiten drfe.
    Und die Einrichtung, soll die vom Himmel fallen? rief er unmutig. Die
kostet enorm viel und eines zieht das andere nach sich. Besser der Ausbau
unterbleibt. Mir liegt nichts an der Kapelle, ich mchte lieber die Stallungen
erweitern, und Du fhrst ja so pnktlich jeden Sonntag zum Gottesdienst, da Du
dich an den Werktagen schon mit dem Gebet in Deinem Zimmer begngen kannst.
    Ich kann es freilich! aber es qult mich, da ich es nicht mglich machen
kann, smtliche katholischen Dienstboten Sonntags dem Gottesdienst anwohnen zu
lassen. Bei der Entfernung der Pfarrkirche geht der Vormittag darauf; da knnen
sie nicht alle fort. Htten wir Kapelle und Hausgeistlichen - ach, welch ein
Trost!
    Hausgeistlichen! das fehlte noch, um die Langeweile des Hauses komplett zu
machen! Nein! den Gedanken la total schwinden. Ich - mit einem Schwarzrock
unter einem Dache!
    Lieber Orest, vergi nicht, da Onkel Levin und Hyazinth geistlich sind und
da dies eine Gnade und Ehre fr uns alle ist.
    Nun ja, die gehren einmal zur Familie - und was in der Familie geschieht,
wird gut geheien. Da ist ein esprit de corps, wie im Soldatenstande. Da lt
auch keiner irgend etwas auf sein Regiment kommen. Doch von den beiden ist hier
nicht die Rede! brigens mchte ich keinen von beiden hier auf Stamberg anders
haben, als zum Besuch. Um wie viel weniger einen anderen von diesen schwarzen -
Diamanten! Denn wahrhaftig! rar wie schwarze Diamanten sollen ja diese Herren
sein, weil kein vernnftiger Mensch geistlich werden mag. Das kann Dich trsten:
der Bischof wrde uns keinen Hausgeistlichen geben.
    Hast Du ihn denn darum gebeten?
    O nein! ich bitte nicht um Dinge, von denen ich wei, da man sie mir
abschlgt.
    Es kommt darauf an, wie man die Bitte stellt und mit welchen Grnden man
sie untersttzt. Ich wollte sie gleich wagen - wenn ich nur Deine Genehmigung
htte.
    Zuerst mte denn doch eine Kapelle vorhanden sein - und diese hier ....
wird wohl eingehen mssen wegen notwendiger Erweiterung der Stallgebude! sagte
Orest und begab sich zu seinen Pferden.
    Corona's Herz wollte auswallen und heie Trnen hingen an ihren Wimpern.
Aber da kam ihr der Gedanke, sie sei der Gnade nicht wert, da unter ihrem Dache
die Feier der heiligsten Geheimnisse begangen werde. Und die Aufwallung des
jungen raschen Herzens legte sich. Sie trat in die Schule der Demut ein und bte
sich mehr und mehr in der Kunst der Heiligen, welche der Psalmensnger in dem
Wort zusammenfat: Drcke dein Herz nieder und leide.
    Orest hatte in Interlaken gehrt, Judith werde den Winter an der
italienischen Oper in Paris singen. Im Karneval erklrte er pltzlich seiner
Frau, er msse sich jetzt vierzehn Tage in Paris amsieren und sie knne whrend
der Zeit nach Windeck gehen. Corona zuckte schmerzlich zusammen. So wenig froh
ihr Leben an Orest's Seite war, so fhlte sie doch instinktmig, da es besser
fr sie und fr ihn sei, wenn er sich nicht daran gewhne, sich fern von ihr in
den Strudel der Welt zu strzen. berdas hatte sie sich noch nicht so recht auf
Stamberg eingewohnt. Das junge Ehepaar hatte viele Besuche gemacht und
empfangen; vielen Festen beigewohnt, die ihm zu Ehren von den Nachbarn gegeben
wurden. Es hatte sich am Hof des Landesfrsten vorgestellt und das
Weihnachtsfest im Vaterhause zu Windeck zugebracht. Corona sehnte sich nach
Ruhe. Sie war leidend. Alle Hoffnungen der Erde sind mit Leiden gemischt; auch
die auf Mutterglck. Sie wre gern auf Stamberg geblieben und sie sagte ihrem
Mann, sie hoffe die Einsamkeit von vierzehn Tagen aushalten zu knnen. Er aber,
der in seinem Sinn schon an eine Abwesenheit von sechs bis acht Wochen dachte
und sie doch nicht so lange ganz allein wissen wollte, drang darauf, da sie
nach Windeck gehe. Sie tat es - und ihr vierzehntgiger Besuch dehnte sich auf
drei Monate aus - denn Orest blieb in Paris. Da setzte sich Graf Damian hin und
schrieb ihm: Lieber Sohn! ich kenne Dich; also wundere ich mich nicht, da Du
nicht urpltzlich mit beiden Fen zugleich in den vernnftigen Ehestand
hineinspringst, sondern noch ab und an ein Stckchen Junggesellenleben
fortlebst. Lieber wr' es mir freilich, wenn Du - um mit jenem Hollnder zu
sprechen - bereits ausgerast httest. Da dies aber nicht der Fall ist, so sehe
ich mich veranlat, Dir eine vterliche und freundschaftliche Bemerkung zu
machen. Und das ist diese: man lt seine Frau nicht allein in einer
Katastrophe, die ihr das Leben kosten kann, um sich in Paris zu amsieren. Das
ist gegen Anstand, Gefhl und Gebrauch. Diese Katastrophe wird des nchsten fr
Corona eintreten. Deshalb begleite ich sie morgen mit Tante Isabelle nach
Stamberg zurck, wo wir Dich smtlich mit Ungeduld erwarten. Dieser kurze
trockene Brief tat seine Wirkung: Orest kam. Er kam mit sehr guter Laune, denn
er hatte sich mit Judith ausgeshnt. Ihre Plne lauteten freilich ganz anders
als seine Wnsche. Vorderhand aber war er froh, da sie den Bann von Interlaken
von ihm zurckgenommen hatte. Deshalb lie er sich auch gar nicht durch Damians
etwas khlen Empfang aus der Fassung bringen und benahm sich wie jemand, der das
Recht hat, seine hchst wichtigen Interessen selbstndig zu verfolgen. Corona
empfing ihn mit liebenswrdiger Freude und Freundlichkeit. Sie hoffte das Herz
des Vaters - wenn auch nicht das des Gemahls zu gewinnen.
    Der Tag Maria Hilf war der Geburtstag der kleinen Felicitas. Corona war
selig - selig ber ihr Kind! selig, da es im Muttergottesmonat an einem
Muttergottesfeste auf die Welt kam! Sie weihte und schenkte es tausendmal der
heiligen Jungfrau Maria und rechnete auf sie, wie auf eine Mutter, fr die
Erziehung des Kindes. Alle edlen und schnen Seelen haben in der Jugend einen
Schwung zu den Hhen des Lebens, ein uneigenntziges Verlangen nach Hingebung
und Opfer, eine Phantasie, welche den Himmel ohne Wolken, die Vortrefflichkeit
ohne Mangel, den Horizont ohne Grenzen, die Rosen ohne Dornen sieht Darin
besteht ihr Adel und ihre Schnheit, da sie sich nicht aufhalten in den
Niederungen des Daseins, und - wenn ihnen die Erfahrung spter auch zeigt, da
sich an dem Strauch mehr Dornen als Rosen befinden - sie mit umso grerer
Freude und tieferer Treue die Rosen pflegen. So machte es Corona. Ihr stiller
Durst nach Glck, der in jedem Menschenherzen so wach ist, wie die Unruhe in der
Uhr, fand nun seine Labung: sie hatte einen Gegenstand fr ihre Liebe. Gott hat
der Mutterliebe eine hnlichkeit mit der gttlichen Liebe gegeben: sie liebt
durch das, was sie gibt, nicht durch das, was sie empfngt. Mutterliebe ist von
allen Lieben hienieden die einzige, die gengsam ist, und die, ohne an Dank oder
Erwiderung zu denken, fort und fort liebt. Dadurch zeigt sie sich eben als etwas
Himmlisches, und je mehr das bernatrliche in ihr vorherrscht, desto mehr sieht
sie im Kinde das Kind Gottes, der es ihr fr eine Spanne Zeit anvertraut, damit
sie es ihm fr die Ewigkeit zurckbringe. So begrte, so empfing, so umfing
Corona ihr Kindlein: sich selbst heiligen, um Felicitas heiligen zu knnen - das
wurde ihre Idee von Mutterpflicht, Mutterfreude, Mutterglck.
    Orest blieb sich gleich. Sein erstes Wort an Graf Damian war:
    Leider kein Sohn, Papa!
    Eigentlich war dem Grafen das kleine Mdchen auch nicht willkommen; indessen
fand er doch Orest's uerung so rcksichtslos, da er ihm ironisch erwiderte:
    Trste Dich! man erlebt hufig mehr Freude an den Tchtern, als an den
Shnen. -
    So lange Graf Damian auf Stamberg war, nahm sich Orest mehr zusammen und war
freundlicher gegen Corona, als er aber wieder allein mit ihr war, begannen die
alten Qulereien aufs neue. Er sann nur darauf, Judith nachzureisen, und da er
fhlte, da dies im Grunde unmglich sei, so wurde ihm seine Lage unertrglich
und die arme Corona verhat. Warum war sie ohne Zauber fr ihn? Das war doch
offenbar ihre Schuld! Niemand hat anziehender, pikanter, reizender zu sein, als
gerade die Ehefrau, damit sie eine siegreiche Nebenbuhlerin aller brigen Frauen
sei; vermag sie das nicht, so hat sie die Folgen ihrer Unvollkommenheit sich
selbst zuzuschreiben. Warum hatte sich Corona berhaupt in seinen Weg gedrngt
und ihn einer Laufbahn entfhrt, auf welcher er sich froh und zufrieden bewegte
und welche ihm mehr zusagte, als das stupide Landjunkertum! Jetzt stand sie
zwischen ihm und seinem Glck, whrend sie sich mit ihrem Kinde unsglich
beglckt fhlte! Welche Hrte des Schicksals! ja, welche Ungerechtigkeit, welche
Grausamkeit des Schicksals gegen ihn - den beklagenswerten Orest. Dann trat
Judith in seine Gedanken hinein, mit dem zwiefachen Reiz stolzer Klte und
feiner Koketterie; Judith, die Bewunderte, die Gefeierte einer Welt, deren
Huldigung sie sprde hinnahm; Judith, mit dem abstoenden Benehmen und dem
anziehenden Blick; und diesen Gedanken gab er sich so gern, so hufig, so
widerstandslos hin, da sie die Meister seines Lebens wurden und ihn, wie
Schlingpflanzen den Baum, umrankten und berwucherten und das Mark seiner Kraft
zum Guten aufsogen. Tausendmal war er willens, sich aufs Ro zu schwingen, bei
Nacht und Nebel davon zu reiten und Weib und Kind, Haus und Hof zu verlassen;
und er staunte seine hohe Tugend an, da er noch immer nicht diesen Entschlu
ins Werk setze. Einmal wird es aber doch geschehen! sagte er dann trstend zu
sich selbst; alle Tugend hat ihre Grenze da, wo die Leidenschaft bermchtig
wird; und auf diesem Punkte angelangt, ist der Mensch nicht mehr Herr seines
Schicksals, sondern das Schicksal ist Herr ber ihn! - Von dieser Romantheorie
durchdrungen, war es denn ganz in der Ordnung, da sich Orest aus allen Krften
nach jenem Punkt hinarbeitete, wo das Schicksal Herr ber ihn werden msse.
    Corona kannte nicht den Schlssel zu seiner fr sie so rtselhaften
Verstimmung. Sie ahnte wohl, da eine so grndliche Unzufriedenheit mit einer so
glcklichen Lebenslage nur aus Orest's Unzufriedenheit mit sich selbst und aus
einem geheimen Zwiespalt zwischen Pflicht und Neigung entspringen knne. Aber
seine Leidenschaft fr Judith ahnte sie nicht. So etwas lag unter dem Horizont
ihrer Gedanken und Gefhle. Sie hatte damals in London Orest im Rausch des
Entzckens ber Judith gesehen; dann in Interlaken abermals in diesem Rausch;
allein sie schrieb dies auf Rechnung der Huldigung, welche die Mnnerwelt den
gefeierten Heldinnen der Bhne darbringt. Hatte ihr Vater bei einer solchen
Veranlassung doch einmal ganz gleichmtig gesagt: Ja, das ist heutzutage nicht
anders! zwischen den jungen Mnnern unseres Standes gibt es nicht viele, die
nicht in der Region der Theaterprinzessinnen ihren ersten Kursus der Liebe
gemacht htten. Daher kam es denn, da Corona zu jenen Hochgeborenen - wie
Judith sich ausdrckte - gehrte, welche die ganze Bhnenwelt mit ihren
smtlichen Berhmtheiten als etwas betrachteten, das in ihre Sphre nicht gehre
und nur der unerfahrenen mnnlichen Jugend gefhrlich sei. Nach ihrer Ansicht
konnte eine Primadonna fr Orest eine Unterhaltung sein - doch keine Fessel. Was
sie aber auch versuchen oder vorschlagen mochte, um ihm sein Haus lieb und
traulich zu machen - es scheiterte an seinem schroffen Widerstand gegen jeden
guten Einflu, der sich durch einen peinigenden Geist des Widerspruches gegen
all' ihr Tun und Treiben uerte. Zuweilen war er so bitter in seinen
Bemerkungen, so hart in seinen uerungen, so abstoend in Worten und Benehmen,
da er selbst darber erschrak, besonders wenn er sah, wie Corona es aufnahm.
Sie wurde nie heftig oder ungeduldig. Es ging ihr wie den Kindern, wenn ihnen
irgend etwas sehr leid tut: sie errten und ihre Augen fllen sich mit Trnen.
Das rhrte ihn zuweilen einen Augenblick und er sagte dann freundlicher:
    Ich qule Dich, Krnchen, vergib es mir! Du glaubst nicht, wie verstimmt
ich bin! ich reibe mich auf in der Unttigkeit und im rger ber mein verfehltes
Leben.
    Wollte sie ihm aber begreiflich machen, da er einen schnen Kreis fr
ttige Wirksamkeit haben und in seinem Alter und seinen Verhltnissen nicht von
einem verfehlten Leben reden drfe: so verfiel er gleich wieder in unbndige
Aufregung und erwiderte:
    Du verstehst nicht, was mir not tut und weit nicht, was ich bedarf.
    Auch den zweiten Winter brachte er in Paris zu; aber er nahm Corona mit.
Einerseits war es ihm lstig, da er sie doch nicht der vollkommenen
Verlassenheit bergeben durfte. Andererseits war ihre Anwesenheit ihm, der Welt
gegenber, eine Art von Rechtfertigung. Warum sollte sich ein junges Ehepaar
nicht einen Winter in Paris aufhalten? Corona fgte sich seinen Anordnungen und
hoffte, da Orest sich besser unterhalten und vielleicht dadurch besser gestimmt
werde. Fr sich selbst hoffte sie nichts. Da wie dort mute Gott ihr Trost,
Felicitas ihre Freude sein. So war es auch. Orest fhrte sie in einige Huser
der guten Gesellschaft ein und begleitete sie knapp so viel, als es der Anstand
erheischte. Da sie fhlte, wie schwer die Stellung in der Welt fr eine junge
Frau ist, um welche ihr Mann sich gar nicht bekmmert, und welche Gefahren dies
Alleinsein mit sich bringt, da die Mnner nicht ermangeln, einer schnen
Verlassenen ihre Huldigungen darzubringen: so zog sich Corona leise so viel wie
mglich zurck und schob auf ihre schwache Gesundheit, die allerdings nicht sehr
fest war, ihre ungesellige Neigung. Orest lie sie gern gewhren. Blieb sie zu
Hause, so war er um desto freier, seine Tage bei Judith und seine Abende in der
italienischen Oper zuzubringen. Corona sah ihn kaum; wenn sie ihn aber sah, war
er munter, gesprchig und augenscheinlich fhlte er sich hier zufriedener, als
auf Stamberg.
    Judith hatte ihn in die Reihen ihrer Verehrer aufgenommen und gesagt:
    Es bleibt aber, wohlverstanden, bei der Verehrung, der Bewunderung, Graf
Orestes, und von Liebe ist keine Rede zwischen Ihnen und mir.
    Orest hatte erwidert: gerade das sei sein Thema. Judith antwortete kalt:
    So werden Sie sich darber mit Ihrer Frau Gemahlin unterhalten.
    Wenn Judith in dieser Weise sprach, war er immer auf dem Punkt, auch sie zu
hassen, und dennoch hatten solche Worte die Wirkung von Wassertropfen, die man
ins Feuer spritzt: die Flamme brennt um desto heller auf.
    Wer mit Zorn und Groll Orest wieder zu Gnaden bei Judith aufgenommen sah -
das war Florentin. Das Wort seines Freundes Lelio: An Leute wie Dich und mich
denkt Judith nicht! hatte um so tiefer seine Eitelkeit verletzt, als er bald
gewahr wurde, wie richtig es sei. Whrend sein Herz von Ehrgeiz zerfressen war,
machte er ihr heimlich einen Vorwurf daraus, da es mit ihr nicht anders stehe.
Ehrgeiziges, eitles Weib! murrte er zuweilen, wenn sie ihn eben ganz wie ihren
Sekretr behandelt und fortgeschickt hatte, um ihre Geschftsbriefe zu
schreiben, whrend sich die eleganteste Mnnerwelt um sie versammelte; Triumphe
will sie - nichts als Triumphe! und in welchen niederen Regionen bewegen sich
diese Triumphe! Den Ehrgeiz der Knstlerin lasse ich gelten; denn durch ihr
Genie hngt sie mit dem ganzen Volk zusammen, das sie bezaubert, und indem sie
den Beifall des ganzen Volkes begehrt und erstrebt, wird sie von ihm abhngig,
so da ihre Triumphe ohne ein Buhlen um des Volkes Gunst unmglich sind. Das
lasse ich gelten, denn da huldigt sie meiner Gottheit! Aber sie ist auerdem von
niederem Ehrgeiz besessen. Irgend einen hochtnenden Namen will sie erobern, der
nicht im goldenen - sondern im schwarzen Buch der Menschheit, auf vergelbten
Pergamenten verzeichnet steht. Sie ist kalt und klug - sie wird es durchsetzen.
Da aber Orest derjenige sein knnte, auf den ihre Wahl fiele, da Orest von dem
gefeierten Wesen bevorzugt werde, von dem er, Florentin, gar nicht beachtet
wurde: das war ihm ganz unertrglich. berdas verdro es ihn bitter, da Orest
ihn bei Judith wieder in einer ganz untergeordneten Stellung fand, nachdem er
ihn in London schon in einer armseligen getroffen hatte. Mssen mir denn berall
diese Windecker in den Weg kommen! murrte er. Als er hrte, da Corona in Paris
sei, frohlockte er: Sie soll alles erfahren. Sie wei nichts, davon bin ich
berzeugt, denn sie wrde nicht gekommen sein, wenn sie wte, welcher Magnet
Orest nach Paris zieht. Sie mu es wissen! Warum denn aber? fragte ihn heimlich
sein Gewissen; warum der armen Frau diesen Kummer bereiten? Um irgend ein bel
zu verhten, das in solchen Verhltnissen nie ausbleibt; murmelte er seinem
Gewissen zu. Er ging zu Corona, um sich als ihr Pflegebruder und
Kindheitsgefhrte vorzustellen, zu dessen Wahrhaftigkeit sie Vertrauen fassen
drfe. Aber vor dem Hause kehrte er wieder um. War Orest nicht auch sein
Pflegebruder und Jugendgefhrte? Sie ist vielleicht nicht allein! besser ich
schreibe ihr! so beschwichtigte er abermals die Regung seines Gewissens. Und
wirklich schrieb er an Corona und setzte sie unter dem Schleier innigster
Teilnahme von Orest's Leidenschaft fr Judith in Kenntnis, die schon vor seiner
Verehelichung in Mailand begonnen habe. Aber er setzte seinen Namen nicht unter
den Brief. Sie knnte an der Wahrheit zweifeln, da ich ja in ihren Augen ein
Verlorener bin, sprach er ironisch zu sich selbst. Der eigentliche Grund war: er
schmte sich dieses Schreibens. Anonym kam es in Coronas Hnde. Sie las es und
warf es in's Feuer. Welche Bosheit, mir diese Sache zu schreiben - mge sie
Wahrheit und Verleumdung sein! rief sie emprt. Aber ach! wenn es Wahrheit wre!
Sie sank zusammen wie gebrochen von der Wucht solcher Snde, solcher Schmach.
Herr, erbarme dich unser und unseres Kindes! betete sie, zitternd vom Scheitel
bis zur Sohle. Neben der kleinen Wiege kniete sie nieder. Da schlief Felicitas,
da wachten die Engel, da fand Corona eine bernatrliche Ruhe. Was hat der zu
frchten, der sein ganzes Herz voll Liebe, voll Wnsche, voll Sehnsucht in
unbedingter Hingebung dem Willen Gottes aufopfert? Offenbar - nichts! denn was
auch geschehen mge - es wird immer aufgenommen als Gottes anbetungsvoller
Wille, Fgung oder Zulassung. Nur da, wo es eigenen Willen gibt, gibt es auch
Furcht: Furcht vor dem Opfer. Ist es gebracht, tritt Ruhe ein. Der Schmerz hrt
nicht auf; der gehrt zum Menschenleben. Aber Ruhe im Schmerz sprot zu Fen
des Kreuzes.
    Wenn es Wahrheit wre? sagte Corona zu sich selbst; wenn er in der Todsnde
lebte, mein Mann, der Vater meines Kindes - an den wir gewiesen sind frs Leben,
als an unsere irdische Sttze, unseren Freund, Ratgeber und Beschtzer - wie
drfte ich es dulden als christliche Ehefrau und Mutter! und ach! wie knnte ich
es hindern? Ist es nicht Mangel an Liebe fr Orest, wenn ich den Inhalt dieses
Briefes fr Wahrheit halte? und halte ich ihn fr Verleumdung - ist das nicht
eine heimliche moralische Feigheit? So sprach sie mit sich selbst und mit Gott,
und betete und flehte um Kraft, Einsicht und Gnade, damit sie das Rechte treffen
mge und litt den bittersten Schmerz, der auf Erden gelitten werden kann: den
Schmerz um eine schwere Gottesbeleidigung, verbt von einem geliebten Menschen.
Denn sie liebte ihn, - aber nicht wie der Mensch den Menschen zu lieben pflegt,
aus Neigung des Herzens, aus blinder Leidenschaft, aus selbstschtigem
Wohlgefallen; sondern als eine nach dem Ebenbilde Gottes geschaffene Seele.
Orest bemerkte nicht ihr stilles Leid, das sie freilich immer hinter einem noch
sanfteren Lcheln und noch sanfteren Wort zu verbergen suchte. Htte er es aber
auch bemerkt - er wrde es doch nicht beachtet haben: so wenig zhlte sie in
seinem Leben.
    Der Fasching war lngst vorber, der grte Teil der Fastenzeit auch. Da
sagte Corona eines Tages, als Orest mit ihr zu Mittag gegessen hatte - was nicht
oft geschah:
    Lieber Orest, die sterliche Zeit hat begonnen. Willst Du Deine Andacht
hier oder zu Hause halten? Im vorigen Jahre waren wir getrennt: Du hier, ich auf
Stamberg. Ich bitte Dich, la uns in diesem Jahre vereint sie halten.
    Orest hatte im vergangenen Jahre nicht im entferntesten an seine
Christenpflicht in der sterlichen Zeit gedacht; und auch jetzt sah er in dieser
heiligen Zeit nichts anderes, als den entsetzlichen Moment, der ihn von Judith
trennte, indem sie sich Ende April zur italienischen Oper nach London begab und
ihm erklrt hatte, sie schicke ihn dann zurck in seine odenwldische Wildnis,
da sie in ihrem Salon auch fr andere Leute Platz machen msse und da es viel
angenehmer sei, wenn er sich nach einer lngeren Abwesenheit wieder bei ihr
einfinde. Orest hatte ihr eine empfindliche Antwort gegeben; darauf sagte sie
denn in ihrer Weise, die nichts bestimmtes verhie und doch viel zu verheien
schien:
    Wie kann Sie das verletzen, Graf Orestes? Was wre der Frhling, wenn er
bestndig dauerte? gibt es ein traurigeres, stumpferes Grn, als das Immergrn?
    So verfiel er stets aufs neue unter ihre Bezauberung. Jetzt sprach Corona
von der sterlichen Zeit und wie alle leichtsinnigen Menschen, die stets das
Unangenehme aus ihrer Gegenwart in die Zukunft zu schieben suchen, sagte er:
    Zu Hause! natrlich!
    Ein heller Freudenstrahl blitzte in Corona's Augen auf. Sie hatte keine
Ahnung von einem so verdunkelten Gewissenszustand, da er, wenn's notwendig war,
seiner Frau mindestens diese kleine Freude zu machen, auch allenfalls mit ihr
seine Andacht halten wollte. Nur wute er gar nicht, um was er sich anzuklagen
habe! sein Verhltnis zu Judith war ja eine ganz unglaublich platonische Liebe!
Vielleicht lie sich auf Stamberg auch noch ein Mittel finden, dieser
kirchlichen Zeremonie zu entkommen. Er glich, der Seele nach, jenen Totkranken,
die gar nicht glauben wollen, da sie in Lebensgefahr sind. Es ist eine der
frchterlichsten Wirkungen des Weltgeistes das Gewissen einzuschlfern, ihm in
dieser Schlaftrunkenheit die Pflichten, die Verhltnisse, die inneren Zustnde
in ein trgerisches Licht zu stellen und dann diese geistige Verblendung und
moralische Erschlaffung zu benutzen, um es zuerst verwirrt ber Wahrheit und
Recht - und dann gleichgltig gegen beides zu machen.
    Freudig kam Corona nach Stamberg zurck; Orest - in halber Verzweiflung.
    Ich sterbe an der Monotonie des huslichen Lebens! rief er und umbaute
seinen Divan mit einem Wall von franzsischen Romanen.
    Corona mahnte ihn mild an seine Zusage; die sterliche Zeit sei fast
verflossen. Sie bat ihn flehentlich, auf ein paar Tage wenigstens mit etwas
anderem, als mit dieser Literatur sich zu beschftigen, die, ebensowenig als die
Welt, der sie entstamme, ihm Frieden und Freuden geben knne. Er blieb auf
seinem Divan, rauchte und las - und versicherte, er habe noch Zeit genug.
Endlich sagte Corona, der nchste Sonntag sei der letzte in der sterlichen
Zeit, und fgte hinzu:
    An Deine arme Seele willst Du nicht denken, lieber Orest; ach! so denke
mindestens daran, da Du Deinen katholischen Dienstboten und Untergebenen kein
rgernis geben darfst durch Verletzung dieses heiligen Kirchengebotes.
    An meine arme Seele soll ich denken? nun, wenn sie auch nicht so
schwanenwei ist, wie Du die Deine whnst, so ist sie doch auch gewi nicht so
rabenschwarz, als Du es Dir einbildest: das denke ich von ihr.
    Lieber Orest, sagte sie sanft, auf unsere Einbildungen kommt es nicht an;
die tuschen uns. Der heilige Franz von Assisi sagt: Wir sind das, was wir vor
Gott sind.
    Diese Seccatur! rief Orest, sprang auf, lief in den Pferdestall, schwang
sich auf den Mars, das unbndigste seiner Pferde, und jagte von dannen. Er blieb
den ganzen Tag aus, kam spt abends wieder und sagte, er sei drben in
Oggersheim bei den Minoritenpatres gewesen. Ob es sich so verhielt? ob er bei
ihnen war, um das heilige Busakrament zu empfangen? Corona erfuhr es nicht. Sie
bat Gott, da es so sein mge und da sich Orest bei dem Empfange der heiligen
Kommunion keines Gottesraubes schuldig mache. Bei dem Gedanken schwand ihre
Ruhe, ihre Ergebung. Sie bot sich ganz zum Opfer fr Orest dar - mehr noch: sie
bot ihr Kind, ihr einziges, ihre Wonne auf Erden Gott dar, wenn nur Orest in den
Abgrund nicht sinke. O ses Kind, sagte sie zrtlich zu Felicitas, die mit
ihren seraphischen Augen sie anlachte; Dich wrde ich ja nach ein paar
armseligen Erdentagen im Himmel und fr die Ewigkeit wiederfinden! Du gehst mir
ja nicht verloren, Du wirst mir nur in Sicherheit gebracht, wenn der liebe Gott
Dich zu sich ruft. Aber wenn ich Deinen armen Vater nicht wiederfnde! Bete,
ses Kind, bete! Und sie legte die Hndchen der Kleinen zusammen und nahm sie
in ihre Hnde und hob sie vereint zu Gott auf.
    So lebte Corona; ein Marterleben, der Seele nach - immer verwundet durch
eine Waffe, die bis aufs Blut geht; lieblose Demtigung; und immer verwundet auf
dem Punkt, welcher der empfindlichste fr eine Frau ist: im Herzen ihres
Bewutseins als Gattin und Mutter. Sie brachte einen Teil des Sommers auf
Windeck zu - gern und doch auch ungern. Dort fhlte sie sich zu Hause, denn dort
war sie geliebt; aber in der weichen Luft der Liebe wird auch gar leicht das
Herz weich und ffnet sich zur Klage. Das wollte Corona nicht. So weit es in
ihrer Macht stand, sollte weder ihr teurer Vater, noch der liebe Onkel Levin
eine Ahnung haben von ihrer traurigen Ehe, und deshalb verteidigte sie immer
Orest, wenn Graf Damian zuweilen seine Mibilligung nicht verhehlte. Er sagte
einmal ganz mrrisch:
    Corona, Du bist allzu demtig! Ich glaube gar, Du bedankst Dich, wenn Dein
Mann Dir das Herz zermalmt.
    Der Thymian duftet am strksten, wenn er zertreten wird, sagte Levin in
seiner milden Weise. Ihm brauchte Corona nichts zu sagen, nichts zu
verschweigen. Er hatte die Schule der Demtigung zu grndlich durchgemacht, um
nicht ihre Wirkung in anderen Seelen zu erkennen.
    Das ist stark, lieber Onkel! rief der Graf. Wir sind es nicht anders
gewohnt, als erhabene Ansichten und Lehren von Ihnen zu vernehmen; allein dies
ist die Erhabenheit zu weit getrieben. Was mte sich denn, nach Ihrer Meinung,
die Frau gefallen lassen, ehe sie sich gegen den Mann emprt?
    Alles - nur nicht die Snde. Alles andere, in Demut getragen, kann dazu
dienen, ihn zu Gott zurckzufhren. Lt sie sich aber seine Snden gefallen, so
nimmt sie teil an seiner Schuld, und statt ihm die Hand zu reichen, die ihn aus
dem Abgrund ziehen knnte, stt sie ihn hinein.
    Ich bitte Dich, lieber Vater, rief Corona flehend, la Dich nicht irre
machen durch Orest's Benehmen! Du weit ja, da er von jeher alle Verhltnisse
etwas leicht zu nehmen und zu behandeln pflegte.
    O ja! das wei ich zur Genge, sagte Graf Damian bitter. Nichts war ihm
wichtig, als seine hohe Person, sein liebes Ich.
    In seiner Tochter fhlte sich Graf Damian sehr verletzt durch die
Selbstsucht, die ihm nie auffiel, wenn er selbst sie bte.
    Ja, Vterchen, Du hast den armen Orest sehr verzogen, sagte Corona und
drohte lieblich mit dem Finger; Du darfst am allerwenigsten ungehalten sein,
wenn er ist, wie er ist.
    Er wre vielleicht in der scharfen Zucht meiner armen Mutter besser
geraten, sagte der Graf nachdenklich; aber das wollte ja Deine selige Mutter
nicht, Corona.
    La ruhen die wenn und die aber! nahm Levin das Wort. Die liebe Kunigunde
hat nur ihre Schuldigkeit getan, indem sie Orest nicht fortgab. Jede Erziehung,
auch die beste, hat einige Mngel, da sie von unvollkommenen Menschen ausgeht;
und es ist die Sache des Zglings, solche Mngel zu ergnzen und solche Lcken
auszufllen. Das ist berhaupt nicht die Aufgabe der Erziehung und kann es nicht
sein, eine junge Menschenseele fest und fertig fr alle Ewigkeit im Guten zu
machen. Die Tugend wird dem Menschen nicht angetan; er mu sie selbstndig sich
zu eigen machen. Und deshalb kann die Erziehung keine andere Aufgabe haben, als
ihm durch Beispiel und Belehrung Liebe zur Tugend einzuflen, seine Fe auf
den Weg zu ihr zu stellen und in seine Hnde einen sicheren Wanderstab zu geben.
Da er am Ziel anlange, ist seine Sache. Dafr ist er Mensch und dazu empfing er
von Gott die Freiheit des Willens. Kunigunde hat ihren Kindern das Evangelium
nicht blo gelehrt; sie hat es ihnen auch vorgelebt. Mehr kann keine Mutter
tun. -
    Orest war nach Ostende gegangen. Er behauptete, angegriffene Nerven zu
haben, welche durch Seebder gestrkt werden mten. Er war auch ein paar Tage
dort; dann fuhr er hinber nach der Insel Wight, wo sich Judith von der Saison
in London etwas erholte. Sie empfing ihn sehr freundlich.
    Sie sind ein recht treuer Mensch, Graf Orestes, sagte sie und gab ihm
huldreich ihre schne Hand. Ich wte nicht, was ich im Menschen hher schtzte
als die Treue. Man nennt die Mnner so oft treulos! Sie sind eine glnzende
Ausnahme und ich darf stolz sein, einen so treuen Freund zu haben.
    Sie frchtete zuweilen, er knne seines Joches berdrssig werden und es
abschtteln; darum legte sie hie und da Freude an ihm und Freundschaft fr ihn
an den Tag; aber mehr nicht. Dann rief Orest:
    Bei Ihnen ist mir wohl, kann ich leben, atmen, denken, wollen, wnschen,
hoffen - kann ich Mensch sein! rief er und atmete tief auf und fuhr mit den
Hnden ber seine Stirn und durch sein Haar, wie jemand, der sich von schwerer
Anstrengung erholt.
    Ist Ihnen wirklich so zu Mut oder spielen Sie mir eine kleine Komdie vor?
fragte Judith nachlssig. Wir Schauspielerinnen denken gar leicht an Komdie.
    Wie soll ich Ihnen die berzeugung beibringen, da es keine sei? rief er
aufgeregt.
    O Graf Orestes, erwiderte sie kalt und hoch, es ist nicht an mir, sondern
an Ihnen, dieses Wie ausfindig zu machen.
    Ich werde Sie entfhren, Judith, in irgend eine Wste Asiens oder Afrikas.
    Mit nichten, Graf Orestes! ich hnge ungemein an dem europischen Luxus und
Komfort, erwiderte Judith eisig und sang eine Roulade, die mit einem grazisen
Triller endete. Pat so etwas in Ihre Wstenphantasie? setzte sie hinzu.
    O Judith, wie wird dies enden! seufzte Orest und warf sich in einen
Lehnstuhl. Die Wellen seines Schicksals, wie er es nannte, brausten ber ihn
zusammen. Er fhlte sich grenzenlos elend.
    Sie sind ein Tor, Graf Orestes, sagte Judith frostig und achselzuckend.
Man mu im Stande sein, einen Entschlu zu fassen und auszufhren; dazu hat man
seinen Willen.
    Die wildesten Gedankenstrme gingen ihm durch den Sinn. Sollte er sich von
Corona trennen? sollte er sie bitten, ihm seine Freiheit zu lassen? war seine
Ehe auch gltig, auch rechtmig, so da er wirklich durch sie gebunden war?
wre es denn gar nicht mglich, Judith zu vergessen? Nein! sprach er zu sich
selbst, das ist unmglich. Alles andere ist mglich - aber das nicht! - - So
lagerten sich die Schatten immer tiefer ber Recht und Pflicht und so wurde der
bse Wille immer mehr der Beherrscher in diesem Reich der Finsternis.
    Mit Judiths Aufenthalt auf der Insel Wight ging auch der seine zu Ende. Bis
die italienische Oper in Paris erffnet wurde, machte sie eine Kunstreise durch
Belgien und Norddeutschland, wo sie noch nie gewesen war. Orest wnschte
sehnlichst sie zu begleiten. Sie sagte trocken:
    Ich glaube, Sie sind wahnwitzig, Graf Orestes. Was soll denn das bedeuten?
    Florentin und Lelio begleiten Sie doch!
    Florentin und Lelio sind in meinem Dienst, gehren zu meiner Umgebung. Ich
brauche den einen im Fach meiner Geschfte, den anderen im Kunstfach. Jeder hat
seine Stellung und die ist abhngig von mir; also ist sie durchaus vor der Welt
gerechtfertigt. Aber wenn Sie, ein verheirateter Mann, aus einer bekannten
Familie, meine Kunstreisen mit mir machen wollten: das gbe einen enormen
Skandal, und ich wte nicht, weshalb ich einen solchen hervorrufen sollte. Auf
Wiedersehen in Paris.
    So trennten sie sich. Judith ging nach Brssel, Orest nach Windeck. Dort war
auch Hyazinth. Einen schneidenderen Gegensatz, als diese beiden Brder, gab es
vielleicht nie! so ganz Welt der eine, so ganz Gnade der andere; jener - durch
und durch im Irdischen wurzelnd, dieser - im Himmlischen. Orest durch
selbstschtige Zwecke und Hoffnungen in die gefallene Menschennatur gebannt;
Hyazinth durch gnzliche Hingebung an seinen Beruf, getragen von der gttlichen
Kraft, welche die gefallene Natur besiegt. Orest so seelenmatt, da er ohne
Schwertstreich der Gegenwehr von Leidenschaften sein Herz zerfleischen lie, und
so unfhig zu jeder hheren Auffassung des Lebens, da ihm die reiche
Bltenflle seines Daseins nicht gengte, weil sie den Gelsten nicht entsprach,
deren Befriedigung sein Ziel war; und Hyazinth, ein ringfertiger Kmpfer gegen
die leiseste Versuchung und dabei so unerschtterlich ruhend in den Verheiungen
des Glaubens, da ihm alle Mhen und alle Dornen seiner anstrengenden,
schmerzen-, sorgen- und arbeitsreichen Laufbahn in Paradiesesblumen umgewandelt
wurden. Orest ein leibhafter Vertreter des Materialismus der Zeit; Hyazinth ein
lebendiger Protest gegen ihn. Der Gegensatz war so auffallend, so schlagend, so
ausgeprgt in der Gesinnung und in den Worten der beiden Brder, so ausgeprgt
in ihrer ueren Erscheinung, in Ton und Blick, in Haltung und Geberden, da
Corona, wenn sie die Brder beisammen sah, immer ganz heimlich eine gewisse
schmerzliche Beschmung fr Orest empfand, und sich wunderte, wie er, der sein
Lebenlang in der eleganten Welt, der groen Welt, der knstlerischen Welt sich
bewege, so roh und alltglich aussehen knne neben Hyazinth, der als ein armer
Kaplan zwischen Bauern verkehre. Aber das ist's: der Mensch ist nicht blo der
Sohn des Staubes, er ist auch der Mitbrger der Heiligen; und dies Bewutsein
himmlischer Heimatberechtigung, das unabhngig von jedem Stand, von jeder Lage,
von jedem Ort, von jedem Verhltnis ist, machte Hyazinth zu einem Flchtling aus
der Region des Staubes, whrend Orest, in dem es erloschen war, der Sklave des
Staubes wurde. Diese innerliche Abkehrung von allem Hheren, die mehr und mehr
in Orest um sich griff, erfllte Hyazinth mit nagendem Kummer. Corona hatte ihn
und Onkel Levin gebeten, sie mchten Orest zu bewegen suchen, da er die Kapelle
ausbaue und sich um einen Hausgeistlichen bemhe. Beide fanden diesen Wunsch
durchaus gerechtfertigt, aber Orest wollte nichts davon hren.
    Eine Frau mu nicht immer ihren Willen durchsetzen! entgegnete er.
    Immer nicht, antwortete Levin; aber doch zuweilen, wenn er so gut ist,
wie in diesem Falle.
    Ich mag keinen Dritten in meiner Huslichkeit haben.
    Ist auch nicht ntig! sagte Hyazinth. Je weniger der Geistliche mit euch
- was das uere Leben betrifft - zu tun haben wird, desto lieber wird es ihm
sein.
    Das ist Deine Gesinnung, aber nicht die allgemeine. Die Priester wollen
berall die Ersten sein und herrschen.
    Wir mssen durch Orest geistliche Gesinnung kennen lernen, lieber
Hyazinth, sagte Levin lchelnd.
    Bester Onkel, verzeih! rief Orest; Du und Hyazinth - Ihr seid Ausnahmen
von der Regel.
    Und wo hattest Du denn Gelegenheit, die Regel kennen zu lernen?
    Nun da, wo alle Welt sie kennen lernt: in der Geschichte.
    Sage lieber, in den Geschichten; dann bezeichnest Du Deine Quellen etwas
richtiger.
    Der grte Teil der Bevlkerung in der Herrschaft ist protestantisch; da
wrde ich in den Verdacht der Proselytenmacherei kommen.
    Ich glaube, da Du in diesen Verdacht nicht so leicht kommen wirst, sagte
Hyazinth.
    Du willst mir dadurch kein Lob spenden, ich wei es! entgegnete Orest;
aber ich betrachte es dennoch als ein solches. Ich will mit wildem Fanatismus
blinder Bekehrungswut nichts zu tun haben, und meine Pflicht als Ehemann ist es,
Corona vor solchem Verdacht zu schtzen. Ich kann es aber nicht, wenn mein Haus
eine Kapelle und einen Priester umschliet. So etwas wrde den konfessionellen
Frieden stren. Das darf nicht sein! darin darf ich kein schlechtes Beispiel
geben.
    Du sprichst ja, als wrst Du Mitarbeiter an gewissen Zeitungen, sagte
Hyazinth, die alsbald ein Zetergeschrei ber Strung des konfessionellen
Friedens erheben, wenn sich irgendwo und irgendwie eine katholische
Lebensuerung kund gibt. Willst Du Dich denn mit diesen Rittern Don Quixote auf
einer und derselben Rosinante tummeln? und wrdest Du nicht durch Ehrfurcht und
Liebe fr Deinen Glauben und dessen kirchliche Ausbung der protestantischen
Bevlkerung ein sehr gutes Beispiel geben?
    Larifari, Hyazinth! Du bist ja nur Corona's Organ! Priester und Frauen
machen immer gemeinschaftliche Sache zu demselben Zweck.
    Und der wre? warf Levin ein.
    Herrschaft! rief Orest. Frauen und Priester wollen herrschen - und wollen
es um so eifriger, durstiger, heier, als sie es nur heimlich drfen.
    Du irrst, lieber Orest, wenn Du annimmst, da die Frau und der Priester nur
heimlich herrschen drften, sagte Levin gelassen. Beide haben von Gott die
Mission zu einer ganz ffentlichen und anerkannten Herrschaft empfangen. Zum
Priester hat der Herr selbst gesprochen: Wie mich der Vater gesandt hat, so
sende ich euch. Der Priester kommt als Stellvertreter Christi, um ber die
Seelen der glubigen Gemeinde zu herrschen, eine Herrschaft, die ganz Liebe,
ganz Dienstbarkeit, ganz Opferwilligkeit ist. Er kommt als der sichtbare
Schutzengel der Glubigen, belehrt, warnt, heilt, rettet, trstet, belebt und
beseelt sie. Fr sie betet er, fr sie opfert er. Ein solches Amt gibt eine
Herrschaft, die der Priester nicht zu verheimlichen braucht, mein Sohn, denn er
braucht sich ihrer nicht zu schmen. Sein Scepter ist das Kreuz, besonders
dasjenige, welches er unsichtbar auf seiner Schulter und in seinem Herzen trgt.
Und was er in der Gemeinde, das ist die Frau in der Familie. Indem Gott sie an
die Wiege des Kindes stellte, hat er sie zum Schutzengel des Hauses gemacht. Da
bt sie ihr husliches Priestertum, da wacht und warnt, da belehrt und beseelt,
da betet und opfert sie. Der Priester ist ein Mitarbeiter Gottes, sagt der
heilige Apostel Paulus; aber die Frau ist die Mitarbeiterin des Priesters fr
das Reich Gottes. In dieser bernatrlichen Weise herrschen sie und sollen sie
herrschen; nicht aus ihrer Machtvollkommenheit, sondern im Auftrag Gottes; nicht
verstohlen, sondern offen vor der ganzen Welt.
    Bester Onkel, beteuerte Orest, Du siehst alles im idealen Licht und
fassest es auf von der idealen Seite, weil Du selbst ein Ideal bist.
    Lieber Gott! sagte Levin demtig; ist man schlecht und recht ein
armseliger Priester, aber ganz durchdrungen von seinem Beruf, so soll man fr
ein Ideal gelten.
    Aber das mt Ihr doch zugeben, rief Orest, da der priesterliche Beruf
oft zu herrschschtigen Zwecken mibraucht worden ist.
    Lieber Bruder! sagte Hyazinth und legte seine beiden Hnde auf Orests
Schultern. Du hast ja Deinen ganz guten Verstand! also wende ihn doch an, ich
bitte Dich flehentlich, um einen anderen Einwand oder Vorwurf aufzufinden, als
jene klgliche Redensart: der Beruf kann mibraucht werden! - Das bedeutet gar
nichts, denn das kann man von allem Guten, sowohl in der materiellen, als in der
geistigen Schpfung sagen.
    Es ist aber nirgends emprender, als im geistlichen Beruf! sagte Orest,
und deshalb will ich keinen Hausgeistlichen auf Stamberg.
    Mit dem Vordersatz bin ich vollkommen einverstanden, entgegnete Hyazinth;
allein der Nachsatz ist keine richtige Folgerung.
    Basta! ich will es nicht! rief Orest heftig. Ich mu wissen, was ich in
meinem Hause zu tun und zu lassen habe. Damit strmte er fort. -
    Levin und Hyazinth hatten beide grenzenloses Mitleid mit Corona, und als sie
allein waren, fragte Hyazinth den Onkel, ob es nicht seine Pflicht sei, sich so
auf Stamberg niederzulassen, wie Levin auf Windeck. Aber Levin entgegnete:
    Das waren andere Verhltnisse. Ich ging in mein elterliches Haus, nachdem
ich meiner Stellung in der Welt beraubt war, und zu meiner totkranken Mutter.
Der Platz konnte mir nicht wohl streitig gemacht werden; er gehrte mir. Der
Sohn des Hauses ist schwer zu entfernen. Du aber hast keine Heimatberechtigung
auf Stamberg, und sobald Dein Bruder Deine Anwesenheit daselbst nicht wnscht,
bist Du ein Eindringling und um so weniger auf einem haltbaren Platz, als Orest
seinen Groll mit Dir gegen Corona auslassen wrde. Sie hat es schwer - das arme
Kind! aber Gott steht ihr bei. Sie leidet und lchelt und schweigt: untrgliches
Zeichen, da sie sich heiligt.
    Es blieb wie es war! - Gleich nach Weihnachten begann Orest zu Corona von
der Reise nach Paris zu sprechen. Sie machte keine Einwendungen. So qulend der
dortige Aufenthalt fr sie war, schien es ihr doch besser, mitzureisen, als ihn
allein gehen zu lassen. Sie war aber auerordentlich leidend und der Arzt
erklrte, in Rcksicht auf ihre Mutterhoffnung msse er ihr jede Reise in so
rauher Jahreszeit und jede Unruhe streng untersagen. Corona bat den Arzt, er
mge selbst sein Verbot ihrem Mann kund tun, damit Orest nicht whne, da sie es
sei, die ein Hindernis in seinen Plan lege.
    Wie unangenehm! rief Orest; nun .... dann mu ich allein reisen!
    Der Herr Graf werden doch die Reise etwas abkrzen, nicht wahr? sagte der
Arzt, ein ltlicher, trockener Mann, der gewohnt war, seine Meinung unverholen
zu sagen.
    Wie so? warum? rief Orest.
    Weil die Frau Grfin sehr leidend - und so ein einsamer Winter sehr lang
fr eine Leidende ist.
    O, meine Frau liebt ganz auerordentlich die Einsamkeit! rief Orest und
traf seine Reiseanstalten.
    Corona kmpfte einen schweren Kampf mit ihrer Schchternheit, bevor sie
einen Entschlu fate, zu dem sie sich durch ihre Pflicht gedrngt fhlte. Sie
nahm als kleinen. Bundesgenossen Felicitas bei der Hand und ging eines Morgens
mit ihr zu Orest, der eben beschftigt sein Portefeuille zu ordnen und sehr
guter Laune war.
    Ah, Lili! rief er und nahm die Kleine auf den Arm; was soll ich Dir aus
Paris mitbringen? eine Puppe, so gro wie Du selbst bist, nicht wahr? und eine
Unmasse von Bonbon!
    Lieber Orest, nahm Corona mit leise bebender Stimme das Wort, Lili und
ich - wir mchten Dich um etwas ganz anderes bitten.
    Und das wre? fragte er ziemlich gleichgltig.
    Da Du bei uns bliebest und fr diesen Winter auf Deine Reise nach Paris
verzichtest.
    Ah bah! sagte er im wegwerfenden Ton; und zum Kinde: Nicht wahr, Lili, Du
willst Bonbon aus Paris haben?
    Bitte, bitte! sagte die Kleine und klatschte in die Hndchen, froh ber
die Aussicht auf Bonbon.
    Siehst Du, Lili ist auf meiner Seite! rief Orest.
    Lieber Orest, entgegnete Corona mit schmerzlichem Lcheln, wtest Du,
wie mir zu Mute ist, so wrdest Du nicht Deinen Scherz mit Lili treiben.
    Ich bitte Dich, la Dich doch nicht durch den Doktor hypochonder stimmen!
sagte Orest unmutig. Es ist ja der Vorteil dieser Herren, die Menschen
ngstlich ber ihr Befinden zu machen damit man sich desto mehr an sie wende.
    Du tust dem guten Doktor und mir Unrecht, lieber Orest. Er hat nur seine
Schuldigkeit getan, indem er mich von der Reise zurckhielt, und ich bin
wahrlich nicht besorgt um mein Befinden, das krperlich und vorbergehend ist,
sondern nur besorgt um Dich und Deinen Seelenzustand.
    Die Sorge berlasse mir!
    Aber, lieber Orest, Du behandelst ihn nicht mit Sorgfalt! Du stehst unter
irgend einem unglcklichen Einflu, dem Du Dich willenlos, besinnungslos
berlt, und der Dich Deiner Frau, Deinem Kinde, Deinem Hause, Deiner Familie,
Deinem Wirkungskreis - mit einem Wort: Deiner Pflicht entfremdet. Von wem dieser
Einflu ausgeht, wei ich nicht und verlange ich nicht zu wissen; ich sehe nur
seine traurige Wirkung auf Dich, denn er versetzt Dich in einen innerlich
verkehrten und verwirrten Zustand, der Dich elend macht und der nicht nach dem
Willen Gottes ist. Wie soll das aber werden, lieber Orest, wenn Du auf einem
Wege bleibst, der so entschieden der Bahn zuwiderluft, welche Gott Dir
zugewiesen hat.
    Ich tue nichts Bses, sagte Orest finster; ich habe mir nichts
vorzuwerfen, als da ich mich auswrts besser unterhalte, als hier. Ich bin
nicht fr das Kartuserleben geschaffen, nicht fr den Ehemann, nicht fr den
Hausvater, nicht fr die Einfrmigkeit des lndlichen Aufenthaltes.
    Das httest Du bedenken sollen, bevor Du dich in diese Lage begabst. Aber
ich glaube, wenn Du Dich nur ein wenig gegen den bsen Einflu stemmen wolltest,
von dem Du dich beherrschen lt, so wrdest Du anfangen, weniger unglcklich
Dich zu fhlen. Du wrdest nach und nach zur Besinnung ber Deine Lage kommen,
sie wrde Dir in einem freundlicheren Licht erscheinen, und was Dir jetzt
schwer, ja unertrglich vorkommt, wrde Dir leicht und immer leichter werden.
Ach, lieber Orest, nur ein wenig guter Wille - und Gott hilft nach! Nur der
Versuch zum Widerstand - und Du berwindest die inneren oder ueren Feinde! Und
deshalb flehe ich Dich an: gehe nicht nach Paris! bleibe bei uns! bleibe hier.
    Sie hob die Hnde bittend zu ihm auf und schwere Trnen rollten ber ihre
zarten bleichen Wangen. Als Felicitas die Mutter weinen sah, verzog auch sie,
nach weicher Kinder Art, ihr Gesichtchen zum Weinen, schlang beide Arme um
Orests Nacken und sagte:
    Papa, hier bleiben.
    Jetzt ist Lili auf meiner Seite! rief Corona.
    Orest stellte finster das Kind auf den Boden und sprach:
    Ich begreife nicht, weshalb Du mir diese Scene machst. Ich sage Dir ja, da
ich mir nichts vorzuwerfen habe; ich amsiere mich nur mit - Freunden. Es gibt
nichts Unertrglicheres, als eiferschtige Launen.
    Gott sieht in mein Herz, antwortete Corona sanft. Ich hoffe, er spricht
mich frei von unedler Eifersucht und gibt mir das Zeugnis, da ich keine andere
Absicht habe, als Dich zufrieden - und mit Dir selbst, mit Deiner Lage und mit
Gott vershnt zu sehen.
    Und woher weit Du denn, da ich es nicht bin?
    Weil Deine Pflichten Dir eine so unertrgliche Brde sind, da Du sie
fliehst, lieber Orest, sagte sie schchtern. Ach, sie knnen uns ja schwer
werden und wir drfen ja ihre Wucht empfinden; aber wenn Gott sie tragen hilft,
so harren wir aus. Versuch' es, lieber Orest, ach, versuch' es! harre aus. Ich
bitte nicht fr mich! um mein eitles und selbstschtiges Herz mehr und mehr zu
verleugnen, fgt Gott es so, da ich in Deinem Herzen nichts gelte: also bitte
ich nicht meinetwegen! aber ich bitte fr Dich selbst und fr Deine Kinder.
    Sie sank ihm zu Fen mit strmenden Trnen, aber ohne Leidenschaft, ohne
Aufregung. Sie weinte mit seinem Schutzengel, um ihn, nicht um sich. Felicitas
brach aber in lautes Weinen aus und schmiegte sich an die knieende Mutter. Orest
rief in uerster Ungeduld:
    Auch das noch! mu man da nicht aus dem Hause getrieben werden!
Weibertrnen und Kindergeschrei - das ist einem Menschen zu viel zugemutet,
davon werden die Nerven ganz erschttert.
    O lieber Orest! bat Corona immer auf den Knieen, sage das nicht,
verleumde Dich nicht! nicht Deine Nerven werden erschttert, sondern Dein Herz.
Vergib uns die Trnen! Du kannst sie ja so leicht stillen. Sprich nur: ich
bleibe! - und wir weinen nicht mehr.
    Sie ergriff seine Hand und kte sie. Da trat er zurck und rief heftig:
    Steh auf! all' solche Scenen sind mir verhat. Ich kann es nun einmal nicht
jahraus jahrein hier aushalten; ich mu im Winter und im Sommer kleine Reisen zu
meiner Erholung machen. Du wirst doch nicht verlangen, da ich hier umkommen
soll.
    Ich verlange gar nichts, lieber Orest, ich bitte nur.
    Da ich Dir aber meine Grnde gesagt habe, so mein' ich, Du solltest Deine
Bitten einstellen.
    O vergib mir, da ich dennoch bitte. Ach, Du sagst, Du mtest eine
Erholungsreise machen; nun wohlan, reise! aber reise nach Venedig, oder Wien,
oder wohin Du willst - nur nicht nach Paris.
    Nun ist's genug! brach Orest im heftigsten Zorn aus; nun hab' ich's satt!
nun kommt Dein Eigensinn zutage! Ja, reise! .... nach Kamtschatka reise! nach
Marokko reise! .... nur nicht nach Paris. Und warum nicht nach Paris? .... eben
weil ich dahin will!
    Ganz recht, lieber Orest, eben um Dir einen Anla zu geben, Deinen Willen
zu verleugnen.
    Du bist sehr gtig, Dich zu meiner Gouvernante machen zu wollen; allein ich
rate Dir, dies Amt bei Lili anzutreten und ihr das Weinen abzugewhnen.
bermorgen gehe ich nach Paris.
    Corona hatte noch immer auf den Knien gelegen; jetzt stand sie auf und sagte
zu Felicitas, indem sie ihr die Trnen von den langen Wimpern trocknete:
    So, meine Lili! jetzt ksse dem Papa die Hand und bitte ihn um Verzeihung,
da wir geweint haben.
    Zaghaft gehorchte das Kind, kte Orests Hand und sagte ngstlich:
    Papa, nicht bse auf Lili.
    Geh' nur, geh'! erwiderte er rauh.
    Corona nahm die Kleine auf den Arm und verlie schweigend Orest, der mit
beiden Hnden seinen Kopf ergriff und hielt und bei sich selbst murmelte: Die
Weiber sind ganz darauf eingerichtet, einen ehrlichen Mann um den Verstand zu
bringen!
    So wirkt die Leidenschaft: sie entnervt den Menschen und sie macht ihn
barbarisch.
    Orest ging nach Paris, Corona blieb allein; aber Gott war mit ihr. Sie war
wochenlang auf ihre Gemcher beschrnkt, so leidend, da sie sich kaum mit etwas
Handarbeit - und gar nicht mit Musik und Lesen beschftigen durfte; und da es
ihr nicht einmal mglich war, Sonntags zum Gottesdienst zu fahren. Sie verlor
nie die Geduld bei so herben Entbehrungen; sie klagte nie, da sie ihr zur Last
fielen. In ihrem freundlichen Turmkabinet verbrachte sie meistens ihre Tage.
Zuweilen ruhte ihr Blick lange auf der winterlichen Landschaft, die sie aus
ihren Fenstern weit und breit bersah. Das weie Leichentuch des Schnees lag auf
Berg und Tal, auf Wald und Flur - so kalt, so schauerlich, so erttend. O Winter
meines Lebens! seufzte wohl einmal Coronas Menschenherz mit seinen zwanzig
Jahren. Und der Frhling kommt doch! der ewige Frhling! setzte sie entschlossen
hinzu und zog mit himmlischer Energie ihr Herz hher, ber seine zwanzig Jahre
und seine Erdenwnsche hinauf. Und fiel ihr Auge gar auf Felicitas, so rief sie
froh: Mein Gott, wie undankbar ich bin! hab' ich nicht im Erdenwinter mein
Schneeglckchen, mein ses Kind! O du Seele meines Kindes - in dir besitze ich
ja das Paradies! - - Graf Damian besuchte sie und fand sie so leidend, so bel
aussehend, da er der Baronin Isabelle schrieb und sie bat, nach Stamberg zu
kommen. Grenzenlos war Coronas Freude, als sie nicht allein kam; Onkel Levin
begleitete sie. Seit vielen langen Jahren hatte er Windeck nicht verlassen. Aber
er dachte: Vielleicht ist sie reif fr die Ewigkeit; vielleicht ruft der gndige
Gott eine Seele, die durch reine edle Schmerzen frh gelutert ist, aus diesem
Tal der Trnen. Und sie hat niemand, der ihr in schwerer Stunde mit geistlichem
Trost und mit den gttlichen Gnadenmitteln der Kirche zur Seite stehe. Er erbat
und erhielt die bischfliche Erlaubnis, in einem Saal, der an die Wohnzimmer
stie und nicht benutzt wurde, eine Kapelle einrichten und die heiligsten
Geheimnisse feiern zu drfen.
    Heute ist meinem Hause Heil widerfahren! frohlockte Corona, als Onkel
Levin eintraf und diese Nachricht mitbrachte. Ihrem Vater gegenber war sie
immer frhlich, mitteilend, gesprchig - und ganz ungesucht, ganz einfach. Sie
litt nicht, da er auch nur eine Silbe der Mibilligung ber Orest's Benehmen
uere. Von diesem Zwang, der ihm sehr lstig war, erholte er sich bei Levin.
    Ich mchte dem Jungen, dem Orest, den Hals umdrehen! rief er zuweilen.
    Lieber das Herz! entgegnete Levin.
    Ja freilich - das Herz! aber hat er ein Herz, wenn er keines hat fr diesen
Engel von Frau? sie ist meine Tochter und es ist wider den Anstand, das eigene
Kind zu loben; aber ich kann mir nicht helfen! Sehe ich ihr liebes, sanftes
Gesicht an, so mu ich immer denken: O du lieber Engel! -
    Mit Levin sprach Corona anders, als mit Graf Damian. Sie sagte:
    Lieber Onkel, wie gut ist Gott! wie erbarmt er sich meiner! Ich war ein
kleines, eitles, launenhaftes Mdchen, mit allen Anlagen zur Selbstsucht und zur
Selbstgeflligkeit - und dabei verzogen und verwhnt wie Eine! Wre das so
fortgegangen, htten mich die ueren Verhltnisse immer so weich und warm
gewiegt und getragen - wer wei, ob ich nicht ein recht schlimmes Weltkind
geworden wre.
    Wohl Dir, da Du es erkennst, geliebtes Kind, erwiderte Levin. Irdisches
Glck erschlafft und erkltet uns oft gegen unsere himmlische Bestimmung. Das
Herz des Menschen ist wie ein Rauchfa, in welchem allerhand Weihrauchkrner
liegen und aus welchem dennoch kein Wohlgeruch aufsteigt - denn der Weihrauch
brennt nicht. Da fallen Kohlen auf ihn, entznden ihn, entwickeln seinen Arom,
der sich zu lieblichem Duft und in zartem Gewlk ausbreitet und zum Tabernakel
emporsteigt, in welchem unser Gott unter uns wohnt. Die zndende Kohle im
Menschenherzen, Kind - das ist der Schmerz. Wer mchte ihn missen, da durch ihn
unser kaltes trockenes Herz verwandelt wird in eine Schale, die vor Gott sen
Wohlgeruch aushaucht. - -
    Corona war sehr krank. Zwei rzte waren im Schlo. Ein Telegramm ging nach
Paris und benachrichtigte Orest von ihrer Gefahr. Er war aber nicht in Paris,
sondern in Lyon, wo Judith ein Konzert gab. Corona sagte zu den rzten:
    Ich habe von Fllen gehrt, in denen es mglich sein soll, Mutter und Kind
am Leben zu erhalten. Es knnte ja sein, da sich dieser Fall fr uns ereignete;
denn ich wei, es steht nicht gut mit mir. Tritt er ein - dann vergessen Sie
nicht, da es sich handelt um eine unsterbliche Seele. Ich habe so eben die
heiligen Sterbsakramente empfangen und darf hoffen, da der liebe Gott meine
Seele in Gnaden aufnehmen werde; also ich kann sterben. Aber das Kind mu leben
- denn es mu die heilige Taufe empfangen.
    Der eine Arzt dachte bei sich selbst: die Logik verstehe ich nicht. Der
andere, Coronas Hausarzt, der trockene Mann, sah sie an mit feuchtschimmernden
Augen und sagte im barschen Ton:
    Gndige Grfin mssen nicht so sprechen! davon wird einem ja ganz unntzer
Weise das Herz weich. Man ist ja auch ein Christenmensch und hat ein Gewissen.
    Gut, Herr Doktor! sagte Corona; auf Ihr Gewissen lege ich die Seele des
Kindes. - -
    Namenloser Jubel brach im Schlo aus: Corona lebte und ihr Sohn lebte auch;
schwach und schwankend zwar, aber er lebte.
    Wie soll er heien? fragte Levin; ich taufe ihn gleich.
    Gott war mit uns! sagte Corona strahlend vor Wonne; Emanuel soll er
heien.
    Alles an ihr war bernatrlich: ihre Freude wie ihr Leid; ihre Gedanken wie
ihre Liebe. Und abermals ging ein Telegramm mit diesen Nachrichten zu Orest und
traf ihn nicht; denn er war noch in Lyon bei einem prchtigen Fest, das man zu
Ehren Judiths gab. Tags darauf ging sie nach Paris zurck. Man war in der
Charwoche und sie hatte versprochen, am grnen Donnerstag in der Kapelle der
Klosterfrauen von Unserer Lieben Frau von Sion zu singen; Pergoleses Stabat
mater, zum besten des Klosters. Auch ihr Konzert in Lyon war fr einen Zweck
der Barmherzigkeit gewesen und nie schlug sie eine solche Bitte ab. Mit Orest
zugleich traf ein drittes Telegramm aus Stamberg ein, so da er auf seinem Tisch
drei telegraphische Depeschen fand. Trotz seines Leichtsinns entsetzte er sich
und ffnete die letzte zuerst. Sie meldete ihm den Tod seines Sohnes. Das
schwache Lebensflmmchen war nicht zu erhalten gewesen und nach vierundzwanzig
Stunden still erloschen. Orest war vernichtet. Er hatte einen Sohn gehabt und
verloren - und ihn nie gesehen! Er sauste mit dem Schnellzuge durch die Nacht
und war am andern Vormittag auf Stamberg, auer sich, verzweifelnd, mit Gott und
Menschen hadernd, denn einen Sohn hatte er gewnscht, einen Trger des Namens,
einen Erben des Vermgens, einen Vertreter des Hauses Windeck; und nun fand er
ihn - aber als Leiche. Auf Frhlingsblumen gebettet und in Spitzen eingehllt
lag die kleine Leiche in dem Saal, der zur Kapelle umgeschaffen war, und
Felicitas sa, mit Blumen spielend, so ruhig und ahnungslos neben dem kleinen
Sarge, als ob es die Wiege ihres entschlafenen Brderchens sei. Dies Bild eines
Friedens, der Zeit und Ewigkeit umschlo, trat so berwltigend in die wilde
Gewitternacht seines Innern, da Orest ohnmchtig neben den beiden Kindern
zusammensank. Dies entwaffnete etwas den Graf Damian, der einen betrchtlichen
Vorrat von Groll gegen seinen Schwiegersohn in sich aufgespeichert hatte, und
der Hausarzt sagte zu Levin:
    Ja, ja! so sind die Leute! Nichts wollte der Herr Graf davon hren, seine
Reise abzukrzen, obgleich es ja auf der Hand liegt, da bei einer so zarten
Gesundheit, wie die Frau Grfin hat, die Dinge leicht eine schlimme Wendung
nehmen. Und nun ist er desperat, das Bbchen nicht mehr am Leben zu treffen, und
hat nicht bel Lust, uns alle dafr verantwortlich zu machen.
    Corona hatte ihr Kind in die Hand Gottes zurck gegeben, aus der sie es
empfangen hatte. Bei solcher Gesinnung verliert der Schmerz seine Herbe und
seinen Stachel; aber weh tut er doch! Das Herz blutet sich leise nach innen aus.
Sie suchte Orest zu trsten und zu beruhigen und bat ihn, da das Kind in der
Familiengruft zu Kloster Engelberg beigesetzt werde.
    Dort sind wir im Sarge zu Hause, sagte sie, und viele heilige Meopfer
und Gebete erheben sich ber unsere Gruft und schlingen die Toten in den Verband
des ewigen Lebens hinein.
    Was sie wnschte, geschah. Es war, als habe sie einen Blick in ihre Zukunft
getan. Allmhlig senkten sich wieder die Wellen in den aufgeregten Gemtern, und
das Alltagsleben kehrte in das gewhnliche Geleise zurck. Graf Damian, Levin
und die Baronin Isabelle verlieen Stamberg. Corona erholte sich; doch so
langsam, da sie im Laufe des Sommers eine Kur in Ems brauchen mute und da die
rzte erklrten, sie msse den nchsten Winter in Italien zubringen, in Rom oder
Pisa; ihre Brust scheine angegriffen.
    Also nach Rom! rief Orest.
    Ja, nach Rom! sagte Graf Damian. Ich gehe mit. Das habe ich mir schon
lange gewnscht.
    Er war auch in Ems mit Corona; er konnte sich kaum mehr von ihr trennen, so
sehr fhlte er die Verpflichtung, in ihrer Verlassenheit ihr beizustehen.
Hyazinth war bereits im Frhling nach Rom gegangen, um dort ein Jahr
theologische Studien zu machen. Der Grund, weshalb Orest sich fr Rom entschied,
war kein anderer, als weil Judith dahin ging. Diese hatte erklrt, ihr Ruhm sei
jetzt begrndet; sie brauche London und Paris nicht mehr; sie wolle fortan nur
in Italien singen - und diesen Winter in Rom. Als Orest's Schmerz um sein Kind
sich gelegt hatte, schlief auch sein Gewissen wieder ein und der Schmerz ging
schnell vorber, denn er hatte doch eigentlich nur einen knftigen Orest in
seinem Sohn ersehnt, geliebt, betrauert. Ein solcher Schmerz ist nicht die
glhende Kohle, die das Innere entzndet; ist nur ein drftiger Funke, der in
der kalten inneren Finsternis schnell erlischt. Mit brennender Ungeduld harrte
er auf den Augenblick, wo Judith am Genfersee sich ausruhen werde; dann wollte
er zu ihr, sein Verschwinden aus Paris und ohne Abschied von ihr - gleichviel
wie erklren und dann nach Stamberg zurckgehen, um mit Corona die italienische
Reise anzutreten. Die rzte hatten freilich geraten, Corona mge nicht den
Oktober diesseits der Alpen abwarten; aber Judith war ja im Oktober in der Villa
Diodati! da mute Corona schon Geduld haben! Endlich kam statt seiner jener
Brief, der ihr anzeigte, da sie die Reise allein mit Graf Damian zu machen
habe.

                                  Die Heimkehr


In Sinnen verloren sa Corona am Schreibtisch, den Brief in der einen Hand und
in die andere den Kopf gesttzt - so lieblich in ihrer Erscheinung, ihrem
Ausdruck, ihrer Haltung, da die volle ehemnnische Gleichgltigkeit dazu
gehrte, um eine andere Frau ihr vorzuziehen. Ihr lichtbraunes Haar war  la
Valois in weichen Wellen zurckgeschlagen und lie die Stirn ganz frei, die wei
wie Alabaster, an den Schlfen ein feines bluliches Geder, zart wie auf
Blumenbltter getuscht, durchschimmern lie. Vom zartesten Schnitt waren ihre
Zge, vom zartesten Rosenhauch ihr Kolorit und mit einer ihr eigentmlichen
Grazie hoben und senkten sich ihre langen, gebogenen Wimpern ber ihr mildes,
aber melancholisches Auge. Sie trug ein Kleid, wie es sich fr die Jahreszeit
pate, von schwerem Seidenstoff, perlgrau mit korallenfarbenen Ramagen, und
Broche und Ohrringe von geschnittenen Korallen und eine Flle von Spitzen fiel
von ihren schmalen weien Hnden zurck. Sie sah aus, wie eine wunderschne
Blume aus einem fremden Himmelsstrich - fein und zart organisiert an Leib und
Seele, an Herz und Geist. Ein Ausruf des Kindes weckte sie aus ihrem Nachsinnen.
    Mama! sagte Felicitas im Tone des Erstaunens und zeigte mit dem Finger
nach der Tre, die aus dem Kabinett in den Salon fhrte. Corona wendete sich
nach der Tre um: da stand Uriel. Sie streckte ihm beide Hnde entgegen, aber
sie zitterte so heftig, da sie nicht aufstehen konnte. Die Erinnerung an den
Abschied damals in Windeck - und an alles, was zwischen dem Damals und Jetzt
lag, berwltigte sie und sie brach in Trnen aus.
    Corona, Du weinst! .... und ich freue mich! rief Uriel, und drckte und
kte ihre Hnde.
    O, ich freue mich auch, sagte sie, trocknete ihre Augen und suchte sich zu
fassen; aber Du hast mich erschreckt. Sieh', Uriel, dies ist Felicitas.
    Die Kleine hatte bei dem Eintritt eines Fremden ihre Puppenwelt verlassen
und sich zur Mutter geflchtet. Uriel hob sie auf, stellte sie vor sich auf den
Tisch und sagte zrtlich:
    Also Du bist Felicitas! Sei willkommen! und sei das Glck Deiner Eltern, Du
liebes Kind! .... Wo ist Orest? setzte er in einem Tone hinzu, der die
Erwartung verriet, er werde die Antwort bekommen: Auf der Jagd.
    Er ist verreist - er braucht die Seebder in Genua, entgegnete Corona
beklommen.
    Orest - Seebder des Sdens! rief Uriel in hchster Verwunderung. Wenn Du
es wrest!
    O nein, sagte sie abbrechend, ich bin wohl und brauche desgleichen nicht.
Aber nun sprich von Dir, nun erzhle, Du Weltumsegler! Was hast Du gesehen,
gehrt, gedacht, getan!
    Gesehen: wie schn Gott die Erde geschaffen - und wie hlich die Menschen
sie und sich selbst gemacht haben. Gehrt: mehr Worte als Wahrheit. Gedacht:
eines; nmlich - das Menschenherz ist grer als der Erdball. Getan: nichts.
    Du bist ein lakonischer Berichterstatter, sagte Corona lchelnd.
    Ich habe Dir die Quintessenz meiner Reiseerfahrungen gegeben; ist das nicht
die Hauptsache? Allerlei Bilder lassen sich wohl spter ausmalen und dienen mehr
zur Unterhaltung, als da sie der Teilnahme gengten. Und deshalb ist jetzt an
Dir die Reihe, mir einen Abri Eures Lebens zu geben.
    Corona legte sanft ihre Hand auf das lockige Haar ihres Kindes und sagte
himmlisch freundlich:
    Felicitas.
    Du bist aber doch noch lakonischer als ich! entgegnete Uriel gerhrt.
    Ich habe auch keine Weltfahrten gemacht! rief sie heiter.
    Dann fragte er nach dem Vater, nach Onkel Levin, nach Hyazinth, nach Tante
Isabelle, nach ganz Windeck. Nach Regina fragte er nicht. Aber Corona erzhlte
von allen und allem und auch von der geliebten Schwester: da dieselbe den
Klosternamen Therese trage - und da sie alle einmal im Jahre von Windeck aus
sie in Himmelspforten besuchten und im Sprachzimmer sie sehen und sprechen
drften. Das heit, wir sehen sie hinter dem Gitter und sie schlgt nie ihren
Schleier auf. Auf Wiedersehen im Himmel! sagte sie am Tage ihrer feierlichen
Einkleidung, und als der Vater sie vor der Ceremonie noch einmal zu sehen und zu
sprechen verlangte. Sie war, wie es blich ist, noch in dem glnzenden
weltlichen Anzug, den sie gleich darauf mit dem groben braunen Habit der
Karmelitessen vertauschen sollte. Wie eine Knigin stand sie da, in dem weien
Seidenkleide und mit den herrlichen Perlenschnren von der seligen Mutter um den
Hals - wie die Knigin einer hheren Welt, in welcher Diamanten als
Staubeskrner gelten. So stand sie da und das Gitter im Sprachzimmer war weit
geffnet. Der Vater hatte durchaus verlangt, sie im letzten Augenblick zu
sprechen und wir waren alle dabei. Alle Verwandten waren gekommen zu der
heiligen Feierlichkeit, die der Bischof vollzog. Papa sagte ihr vieles und Onkel
Levin auch ein paar Worte; aber sie erwiderte nur: Der Brutigam ruft, ich mu
ihm folgen! und hnliches mehr, ganz sanft, ganz bestimmt - wie sie immer war.
Endlich kniete sie am Gitter nieder und bat Papa und Onkel Levin um ihren Segen
- und als sie dann aufgestanden war und uns alle und jeden einzelnen ansah mit
ihrem tiefen unvergelichen Blick, da sagte sie: Auf Wiedersehen im Himmel! und
wie eine wandelnde Lilie verlie sie das Zimmer. Jetzt, wenn wir kommen, ist sie
immer von einer ganz herzzerschmelzenden Liebe, als ob sie ihr Leben aushauchen
mchte, um Seelen zu Gott hinzuziehen. Diesen Sommer fragte ich sie: Kommst Du
vom Kalvarienberg, um so zu lieben? Da antwortete sie so recht nach alter Art,
damit nur niemand sie fr etwas Besonderes halten mge: Ach nein! aus meiner
Zelle! Wir gehen dann immer in die Klosterkapelle, um sie singen zu hren; am
Abend nach der Vesper ein Salve Regina oder Regina coeli, laetare. Die
Karmelitessen singen wunderschn, mit gedmpfter Stimme, nach der Tradition der
heiligen Therese, welche gesagt hat, die laute Stimme, der weithin tnende
Gesang schicke sich nicht fr Klosterfrauen, bei denen alles das Geprge der
Abttung, nicht der natrlichen Gabe, tragen msse. Und so singt denn auch
Regina wie vom Himmel herab. Die Leute kommen aus der Stadt, um sie zu hren.
Ihre Stimme schwebt gleichsam ber den anderen Stimmen, wie ein Balsamduft ber
Blumen. Ach, Uriel, von Regina gilt das Wort unseres Heilandes: Sie hat den
besten Teil erwhlt!
    Fr sich selbst - gewi! sagte Uriel.
    Auch fr uns! entgegnete sie. Regina ist unsere Beterin. Es gibt in den
Familien einige Glieder, die zahlreichsten, welche fr irdischen Bestand und
irdische Wohlfahrt der Familie sorgen. Damit sich diese nicht zu tief und zu
ausschlielich in das Irdische versenke und verliere, hat sie auch andere
Glieder, welche ihr himmlische Gnaden zuwenden. Das Gebet des Gerechten vermag
viel: so lehrt und beweist uns die heilige Schrift. Wir sind reich an betenden
Seelen: Onkel Levin, Hyazinth, Regina.
    Und was haben sie denn fr Dich erbeten? fragte er bewegt und blickte in
ihr melancholisches Auge.
    Das, was mir not tut, lieber Uriel, sagte sie mild.
    Nun aber sprich von Orest! rief er.
    Diesen Brief erhielt ich soeben von ihm; der sagt Dir alles, was ich selbst
wei, entgegnete sie ausweichend und reichte ihm das Schreiben. Daraus wirst
Du sehen, da ich am Vorabend einer Reise nach Italien bin. Morgen werden die
Koffer gepackt, bermorgen gehe ich nach Windeck und mit dem Papa gen Sden,
nach Rom - wo ich Orest finde.
    Uriel war ber allemaen durch den Inhalt dieses Schreibens betroffen. Orest
brauchte enorm viel Geld - Corona sollte nichts brauchen! Er reiste mit
Reitpferden - sie sollte ohne Diener reisen! Zuerst nannte er sein Pferd - dann
sein Kind! Er fing an, ihre melancholischen Augen zu verstehen. Sie sprachen den
ganzen Abend traulich und offenherzig wie Geschwister mit einander; aber Coronas
eheliche Verhltnisse berhrten sie nicht. Corona schwieg darber und Uriel
fhlte alles, was in diesem Schweigen lag. Als er ihr seine Verwunderung
aussprach, da sie ihr Shnchen nicht in ihrer Nhe habe beerdigen lassen, sagte
Corona:
    Sieh', ich bin hier nicht recht heimisch! Aber gleich setzte sie erklrend
hinzu: Ringsumher alles protestantisch - das macht mir den Eindruck von
unberwindlicher Fremdheit.
    Und die Kapelle? fragte er.
    Corona kramte tief in ihrem groen chinesischen Arbeitskorb, um ihr Errten
zu verbergen und wo mglich die Frage im Eifer der Geschftigkeit zu berhren.
Als Uriel sie aber wiederholte, schlug Corona ihm zierlich mit einer Hkelnadel
von Elfenbein auf die Finger und erwiderte:
    Warum hast Du sie nicht ausgebaut? Wir haben kein Geld dazu.
    Ihn berfiel ein unsgliches Mitleid mit dieser Frau, die in der Blte der
Jugend und Schnheit, und umringt von Reichtum und Wohlbehagen dennoch ein
verzichtendes Leben zu fhren hatte, dessen Entbehrungen grell abstachen gegen
den ueren Glanz. Sie rhrte ihn umso mehr, als sie sehr heiter war. Ihre
Kindheit und ihre erste Jugend wachten in tausend Bildern und Erinnerungen in
ihr auf, als sie Uriel wiedersah; die zehn Jahre, die er vor ihr voraus hatte,
trugen dazu bei, jene aufzufrischen und zu vervollstndigen; und da er darauf
einging, da er es nicht langweilig fand, wie Orest, von der Vergangenheit zu
sprechen; da er nicht vergessen hatte diese Kinderei und jenen Scherz und da
er gar noch mehr wute als sie - das stimmte sie so froh, wie sie lange nicht
gewesen war, die arme Corona. Diese Freude traulicher Mitteilung war ein
seltener Gast bei ihr; denn derjenige, auf den sie von Gott und durch die
natrlichen Verhltnisse gewiesen war, stie sie rauh zurck, und bei allen
anderen frchtete sie, bald wehe zu tun, bald schmerzlich berhrt zu werden. Bei
Uriel fhlte sie eine gewisse wohltuende Sicherheit. Aber so zart hatte ihr
demtiges Gebets- und Leidensleben ihr Gewissen gemacht, da sie, als sie spter
allein war und vor Gott Rechenschaft ber ihren Tag ablegte, mit heiliger
Wachsamkeit - mit diesem Gnadenlicht, das um so heller brennt, je reiner die
Luft des inneren Lebens ist - ihr Herz durchleuchtete. Und sie dachte daran, da
frher ein leiser, ihr selbst unbewuter Zug von Neigung fr Uriel wie ein
warmer Hauch ihr Herz berhrt habe. Sie verschlo nicht ihr Auge gegen die
kleinste Gefahr. Sie verlie sich nicht auf ihr schwesterliches Verhltnis zu
ihm; nicht auf ihren reinen Willen. Sie betete um himmlischen Schutz und fate
ihren Vorsatz. Heilige Mutter Gottes, beschirme Du mein Herz! ich will mich
nicht so sehr ber Uriel freuen! - So heiligt man sich. -
    Auf Windeck war sie zwiefach willkommen, da sie Uriel mitbrachte. Graf
Damian rief vergngt:
    Geh' nur gleich mit uns nach Rom!
    Ich bleibe erst noch etwas bei Onkel Levin, sagte Uriel; aber ich komme.
Es ist recht seltsam, da ich trotz meiner Weltfahrten noch nie in Rom war. -
    Graf Damian betrieb rasch die notwendigen Reiseanstalten, umsomehr, als
Corona tglich nach Kloster Engelberg hinberfuhr. Er brach gegen Uriel in
heftige Klagen ber Orest aus.
    Was sagst Du zu einem solchen Benehmen? Ist's nicht emprend? Die Hlfte
des Jahres sitzt er bei dieser Sngerin, dieser Judith Miranes - Du weit ja
deren Geschichte! und wenn er auf Stamberg ist, wrde man wnschen, da er nur
lieber fortginge - so mimutig, so verstimmt, so gelangweilt, so lebenssatt, so
durch und durch unertrglich benimmt er sich und besonders gegen Corona. Htte
sie nicht eine bermenschliche Geduld, so wre sie lngst davongelaufen! Wer
htte je eine solche Geduld von der kleinen lebhaften Corona erwartet - und je,
da Orest so ausarten knne! Leichtsinnig war er zwar immer; allein solche Leute
werden oft die allerbesten Ehemnner. Frher war er doch munter, guter Laune,
auch so gewi gutmtig und gescheut. Jetzt - alles fort! aber alles!
untergegangen in Egoismus, verschlungen von verrckter Leidenschaft. Ich sag'
Dir, verrckt! denn wenn Du mit ihm sprichst, wie ich es einmal getan habe, so
antwortet er Dir: hchst edle Freundschaft - platonische Liebe - etc. etc.
Stelle Dir dies vor: Orest und platonische Liebe! - Was hab' ich von seinem
Platonismus, wenn er all' seine Standespflichten versumt, Frau und Kind
verlt, der Welt Skandal gibt! Aber die Sache ist so: die Donna ist klug! sie
wei, wie sie ihn fesseln kann. Ich wei nur nicht, wie lange das whren soll!
    Mein Gott, sagte Uriel niedergeschlagen, wie schwer ist die Kunst,
glcklich zu sein! fr Orest sind doch wahrlich alle Elemente, alles Material
dazu vorhanden und er benutzt es nicht und macht sich selbst und Corona
unglcklich.
    Mein Trost ist der, sagte Graf Damian mit einer an ihm ganz ungewhnlichen
inneren Erhebung, da Corona sich wirklich zu einer kleinen Heiligen bildet.
Ich war diesen Sommer mit ihr in Ems. Sie ist ja eine ganz charmante Person und
einer solchen fehlt es in der Welt nie an Leuten, die ihr das sagen oder zu
verstehen geben. Aber es war als ob sie von dem Mann im Mond oder zu ihm
sprchen! Ich habe sie oft in der Stille bewundert wegen ihres unvergleichlich
taktvollen Benehmens. Und das wei ihr leichtfertiger Patron von Mann gar nicht
zu schtzen. -
    Am Tage nach Allerseelen reiste Graf Damian mit Corona und Felicitas gen
Italien.
    Du bleibst bei uns alten Leuten! sagte die Baronin Isabelle freundlich zu
Uriel. Du magst auch recht mde von dem rastlosen Umherschweifen dieser
vierthalb Jahre sein! Was willst Du denn nun beginnen?
    So hatte auch Graf Damian gefragt und Onkel Levin ebenfalls. Ja - wute er
es denn? Was er nicht wollte, das wute er. Aber was er wollte? -
    Lieber Onkel, sagte er einmal in einem stillen Gesprch zu Levin, ich
wei durchaus nicht, was ich auf der Welt anfangen soll. Ich bin ausgereist, um
etwas zu suchen, das ich hier nicht fand; ich habe mir in fernen Weltteilen das
menschliche Treiben und Wirken betrachtet und berlegt, das mir in dem unseren
so frchterlich mifiel. Es ist dort wie hier. Ich bin nach Europa zurckgekehrt
- vielleicht mit der leisen Hoffnung, es werde mir jetzt einen besseren Eindruck
machen. Aber im Gegenteil! ich habe dies letzte Jahr fast ausschlielich in
Petersburg, London und Paris zugebracht, und zwar nicht in dem Teil der
Gesellschaft, welche sich exklusiv die Gesellschaft nennt. Die kenne ich aus
frherer Zeit! die ist so blasiert, so entsittlicht, so verkommen im brutalsten
Materialismus, da der Duft von Ebouquet und Patchouly, in welchem sie
schwimmt, ihren eigentmlichen Verwesungsgeruch nur zurckdrngt, aber nicht
verscheucht. Die kenne ich mit ihrer moralisch versunkenen Mnnerwelt und ihrer
durch Eitelkeit sinkenden Frauenwelt, und deren Losungswort, das zu allem
hintreibt und alles entschuldigt, es sei noch so gemein und noch so schlecht:
genieen wollen! gefallen wollen!
    Der Ekel vor ihr hat mich recht eigentlich damals aus Europa vertrieben, als
ich mein Gegengewicht gegen ihren furchtbar verderblichen Einflu mit der
Hoffnung auf husliches Glck verlor. Aber das ffentliche Leben in Europa, das
Leben der Staaten und Vlker, die groe allgemeine Gesellschaft, die wollte ich
in's Auge fassen, wollte beobachten, was es denn sei, das die Menschen treibt
und bewegt auf der ungeheueren Flut einer rast- und ruhelosen Anstrengung, die
augenscheinlich, wie aus unsichtbaren geffneten Schleusen, den Weltteil so
gewaltsam berstrzt, wie die Menschheit es noch nie erlebt hat. hnlich war es
bei dem Untergang des alten Rmerreiches vor den nordischen Barbaren. hnlich
auch, tausend Jahre spter, als Byzanz vor dem Islam fiel. Aber nur hnlich im
kleinen Mastab. Nicht zu einer solchen Ausbreitung ber Weltteil und Erdball
hatte sich das tausendgliederige Wesen, welches man Civilisation nennt und
welches doch keine ist, zerdehnt. Nicht brauchte sie ein China und ein
Kalifornien, den Hindu und die Rothaut zu ihrer Ttigkeit; nicht ein Netzwerk
von Eisenschienen zu ihrer Bewegung; nicht einen Flug des Gedankens mit
Blitzesschnelle ber Lnder und Meere zu ihrer Mitteilung, wie sie das alles
jetzt hat und jetzt braucht. Aber zu welchem Zweck hat die menschliche
Gesellschaft diese unerhrte Bewegung zu einem so wichtigen Faktor ihres
Bestehens gemacht? welche Bildung wird durch sie errungen, welche Wahrheit durch
sie verbreitet, welche Tugend durch sie gepflegt, welche sittliche Gre durch
sie erlangt? welche Wrde bringt sie in die Verhltnisse des Menschen, welchen
Adel in seine Gesinnung, welche Grundlage in seine Handlungen? - - Null, lieber
Onkel, unter Null! Wenn man sich einen Kreis denkt, ausgeweitet bis zur
uersten Spannung, und Millionen von Radien schieen aus der Mitte dem Umkreis
zu und drngen und treiben ihn immer noch mehr und mehr auseinander - aber der
Punkt, von dem sie auslaufen, hat keine Schwerkraft, um sie zu halten und zu
binden, ist kein Centrum, ist Nichts, ist Null: sieh, lieber Onkel, das ist ein
Bild der Zeit. Die Radien aber blitzen und schieen und spielen in tausend
Farben, wie ein Nordlicht, blendend, berraschend, fort und fort dem Umkreis zu
und ziehen alle Blicke von der Leere des Mittelpunktes ab - und auf sich. Und
die Blicke lassen sich fesseln durch dies Sinnenschauspiel und das, was es
bietet - und die Augenlust zieht die Gier nach Genu und die Gier nach Besitz
nach sich - und das ist das Ende der hochgepriesenen Civilisation! da sinkt sie
zusammen im Moder ihrer eigenen Zersetzung. Wenn sie etwas Hheres zu geben
vermchte, so wrde ja nicht eine so kolossale Lge, wie wir sie erleben, das
ffentliche Leben beherrschen.
    Alle Zustnde sind hohl. Die Verhltnisse von Staat zu Staat, von Frst zu
Volk, von Volk zu Frst - sind hohl, sind ohne gegenseitiges Vertrauen, sind
ohne Wahrheit, stehen im Kreise jener Radien ohne Centrum. Alle fhlen es, jeder
wei es von sich selbst und von dem anderen, und keiner will es sich merken
lassen. Daher wird denn jetzt eine Komdie aufgefhrt, die in der Welt umsonst
ihres Gleichen sucht - eine Komdie, an der Europa untergeht; die Komdie vom
Fortschritt. Ich kann sie nicht mitspielen! ich kann und kann nicht fr und
durch die Lge leben und sterben! Schau' auf das Vlkerleben, ob je so groe
Worte im Schwange waren, und so wenig - ja, das Gegenteil, hinter ihnen steckte!
Freilich, das groe Wort fhren die groen Herren in den Kammern, die, in
Parteien geteilt, herrliche Reden halten ber alles Gute und Vortreffliche - die
einen, was sie bereits tun, die anderen, was sie tun wollen. Da grnt und blht
Friede und Gerechtigkeit, Bildung und Betriebsamkeit; da geht alles am
Schnrchen, von der Dorfschule bis zum Staatshaushalt. Aber schau' auf den
gemeinen Mann, wie ihm die Schuldenlast des Staates, die man dessen Reichtum zu
nennen beliebt, seine paar Pfennige abqult, die er im Schwei seines
Angesichtes mhselig verdient hat und gern sparen mchte fr schlimme Zeit oder
seine alten Tage. Wie er, whrend die groen Herren in Papieren spekulieren und
mit einem Bankerott so leicht fertig werden, als mit einer Flasche Champagner,
und endlich denn doch den geliebten Mammon erschwindeln - wie er an diesen
Eisenbahnen, an diesen Fabriken, die den Spekulanten, den Besitzer mit Gold
msten, seine Gesundheit opfern, sein Leben wagen mu fr geringen Tagelohn, der
fr die knappsten Bedrfnisse nicht ausreicht; wie er seine Kinder in die
Fabriken schicken mu, wo sie entarten an Leib und Seele, aber dafr doch einige
Kreuzer heimbringen und ihre armselige Existenz fristen helfen; wie er dabei
bestndig zittert vor Stockung im Handel und Wandel, vor Krankheit, vor
Herabdrcken des Arbeit- oder Tagelohnes, vor Erhhung der Preise der
gewhnlichen Lebensbedrfnisse. Schau' ihn an, wie er marklos wird vom
unausgesetzten Kampf gegen die bitterste Not, die ihn tglich aus den hohlen
Augen von Weib und Kind, aus ihren Lumpen, von ihrem Strohlager, von ihrem
kalten Herde angrinst; wie er in leiblicher Schwche und seelischer Ermattung
diese stumpfe Folter nicht mehr ertrgt - und zum Branntwein greift, in
Ausschweifung hineintaumelt, die Arbeit hat, Vernunft und gesundes Urteil
verliert und die ungeheuere Zahl der Betrten vermehrt, welche jetzt whnen,
republikanische Verfassungen nach kommunistischen und sozialistischen Theorien
eingerichtet, oder ihnen sich nhernd, brchten das Heil der Welt. Die Arbeit in
der Wildnis ist schwer und rauh und mehr als einer erliegt ihr. Aber die Arbeit
in unserer Civilisation ist entsetzlich, saugt das Mark aus den Knochen, das
Gehirn aus dem Kopf, das Herz aus der Brust, macht zu einer besinnungslos
schwirrenden Maschine. Und diese zhlen nach Millionen!! Ist es denn mglich,
ohne Errten vom hohen Zustand unserer Kultur zu sprechen? Da heit es denn
freilich: Der gemeine Mann vegetiert doch nicht mehr in krasser Unwissenheit; er
wird unterrichtet, er lernt, er kann sich fortbilden und jede Laufbahn steht ihm
offen - allerdings zum Ersticken berfllt von Nebenbuhlern. Ja, er lernt in den
Schulen mancherlei, was er bald vergit, sei's in der Werkstatt, bei dem
Feldbau, in der Fabrik oder wo er sein Brot verdient. Indessen etwas behlt er
doch! er kann lesen. Was liest er? welche Bcher sind ihm erreichbar? -
schlechte Zeitschriften, von denen es in der Welt wimmelt, die darauf berechnet
sind, den unentwickelten Menschengeist in die Dmmerung eines falschen Wissens
zu versetzen, um ihn dort fr Parteizwecke zu gewinnen; und Bcher der
gemeinsten Art, Romane und Erzhlungen auf Lschpapier gedruckt, in
Winkelbibliotheken fr ein Geringes leihweise zu haben - Gift und Pest fr Moral
und Sittlichkeit, die sich in Dachkammern und Kellerlcher, wo Hunger und Kummer
hausen, wie Schlangen einstehlen, von Hand zu Hand gehen und ebenso gierig
verschlungen werden, wie die Zeitschriften in der Schenke und in der Werkstatt.
Das liest er; denn das findet er gleichsam von selbst und mundrecht ihm gemacht,
auf den Wegen und Stegen seines Lebens; und das soll fr Bildung gelten!! Nein,
die Epoche stirbt an der Lge!
    Mit dem Ausdruck trostloser Entmutigung lehnte Uriel seine Stirn in die Hand
und setzte hinzu:
    Es ist der Weg des Todes, den wir schreiten! - Das ist von unserer Zeit
gesagt. Sie stirbt an ihrer eigenen Lge.
    Levin hrte still diesen Klagen zu. Er dachte an jenen himmlischen Retter,
der die hinsinkende Welt, wie der Pelikan seine erschmachtende Brut, mit seinem
Herzblut errettet; allein er sagte es nicht.
    Du armer Sturmvogel! sagte er liebevoll, hast Du versucht, Dir ein Nest
zu bauen auf den Wellen der Zeit und bist Du mde geworden von dem vergeblichen
Bestreben? Dann bleibt Dir nichts brig, als Dich loszusagen von dem treulosen
Element und einen Aufflug zu versuchen. Du bist mde von den Erscheinungen der
Zeit. Das war auch ein groer Teil der menschlichen Gesellschaft im vierten und
fnften Jahrhundert, als die berreste der alten heidnischen Welt, welche sich
in mumienhafter Starrheit dem beseelenden Einflu des Christentums widersetzte,
von dem Andrang der barbarischen Vlker mehr und mehr bedroht, dann berschwemmt
und endlich hinweg gefegt wurden. Damals klammerte sich auch die sieche Welt, im
heimlichen Bewutsein ihrer Ohnmacht, an den Glanz und die berfeinerung, welche
die innere Vermorschung der Verhltnisse uerlich bertnchte. Damals suchte
sie auch eine Beschirmung ihrer Unhaltbarkeit in groen Worten und in groem
Reichtum. Die Gttin Roma stand noch im Sitzungssaal des Senates zu Rom und die
Tempel der Gtzen hatten noch ihre Priester und ihre Verehrer. Die Vermgen der
konsularischen und senatorischen Geschlechter waren so gro, da deren
Besitzungen unseren Frstentmern glichen. Die Sklaven der alten Civilisation
zhlten ebenso wie die der modernen - nach Millionen, und die Gladiatorenspiele,
blutiger zwar, doch nicht entsittlichender als die Schauspiele der modernen
Bildung, bestanden noch immer. Und die Macht des heidnischen Geistes mit seinem
Hochmut, mit seiner berschtzung des Ichs und der ueren Vorzge, mit seiner
Sucht zu prahlen und zu schwelgen, war so gewaltig, da die Entwickelung des
christlichen Geistes in den Massen durch ihn gehemmt wurde. Er war taub und
blind; er wollte die Signatur der Zeit nicht verstehen; er wollte beharren bei
seinen Wollsten, in seinen Traumbilden, bei den Ausgeburten seiner stolzen
Gesinnung, gepaart mit niedrigen Begierden.
    Da ffneten sich, wie Du von der Jetztwelt sagst, unsichtbare Schleusen und
aus ihnen quoll und schwoll eine Sndflut auf, welche nicht blo die
abgestorbene, kraft- und marklose heidnische Kultur, sondern auch die frischen
Saaten, die sprossenden Keime, die duftenden Blten der christlichen zu
vernichten drohte. Verwstend wie Wildwasser brausten die Vlker aus den Wldern
des Nordens und den Steppen des Ostens heran, berschwemmten den Sden und
Westen Europa's und setzten nach Afrika ber, als ob sie begierig wren, allen
Spuren der alten rmischen Bildung zerstrend nachzugehen. Jahrhunderte lang
standen sie wogend und wallend auf dem Schutt und den Trmmern; dann sanken sie
allmlig, die Wildwasser verliefen sich, und es zeigte sich, da der Geist
Gottes ber dem Chaos geschwebt und seine Schpfung, das Christentum, behtet,
entwickelt, gefestigt hatte. Der menschliche Wille, mge er zum guten oder bsen
sich wenden, ist nicht der einzige Faktor in der Weltgeschichte. Der Geist
Gottes, der nie aufhrt zu wehen, ist ein anderer - und konnte der die Barbaren
der Wildnis zu seinem Werk gebrauchen, so kann er auch die Barbaren der
Civilisation zur Zerstrung des modernen Heidentums, das den christlichen Geist
zu ersticken sucht, verwenden. Im vierten und fnften Jahrhundert schlich,
gerade wie jetzt, ein geheimnisvolles Grauen durch alle Seelen, welche in dem
Schattenspiel des ffentlichen Lebens und in den brutalen Genssen der
Sinnlichkeit keine Befriedigung fanden, sondern wie Du, von dem Atem des Todes,
den die Lge aushaucht, sich angeweht fhlten. Sie wollten diesen Gttern und
diesen Kaisern so wenig dienen, als ihrem eigenen Ich; sie suchten einen
greren Herrn. Aber nicht suchten sie ihn auf der Oberflche des Daseins, nicht
am Rande des Kreises, den die blitzenden und schillernden Radien wirbelnd
ausdehnen. Sie suchten im Centrum; sie suchten das, was jeder Menschengeist
finden soll: Wahrheit - die eine, von der alle Wahrheiten ausgehen, wie die
Planeten ihr Licht von der Sonne empfangen. Sie suchten mit Ernst, mit
Beharrlichkeit. Sie fragten nicht hie und da, oberflchlich wie Pilatus; was ist
Wahrheit? - Sie gingen ihr nach, sie sprten ihr nach, aufmerksam, gespannt, wie
der Bergmann, der in den Felsenmassen des Schachtes unverwandt die Goldader
verfolgt, die durch das Gestein luft. Aus dem Heidentum, aus dem Judentum, aus
der Hresie, aus dem lauen Christentum, aus der Barbaren-wie aus der Rmerwelt -
kamen suchende Seelen; und unter ihnen mancher Sturmvogel, wie Du, der die
halkyonischen Tage der Fabel auf den Wellen der Zeit nicht gefunden hatte; aber
dafr fanden sie die Wahrheit, die eine, die ewige, die gttlich offenbarte:
Gott ist die Liebe! - und dann sprachen sie mit Philippus: Das gengt uns. -
Jene so wilden, so strmischen, so gedrangsalten Zeiten waren zugleich die der
groen Bekehrungen. Wir wollen hoffen und beten, da es auch jetzt so sei und
wollen damit anfangen, uns selbst zu bekehren.
    O sprich nicht von Dir, lieber Onkel! rief Uriel.
    Gerade von mir, denn mich selbst kenne ich am besten. Und zu uns allen
spricht der Engel der Offenbarung, den Johannes auf Pathmos hrte: Wer gerecht
ist, werde noch gerechter, und wer heilig ist, werde noch heiliger. Wir sind
alle bekehrungsbedrftig.
    O ja! rief Uriel, es gibt auch jetzt groe Seelen. Aber in einer Sphre,
die mir unzugnglich ist.
    Die Seelengre hngt von keiner Sphre des Lebens ab und ist an keine
gebunden. Ihr Wesen ist: das Opfer des natrlichen Menschen - und das kann, mit
Gottes Gnade, berall gebt werden.
    Nur fehlt leider berall diese Opferliebe so sehr in der Welt, da man
versucht wird anzunehmen, sie sei an eine gewisse Sphre gebunden, sagte Uriel.
Die groen Seelen, von denen ich spreche, steckten in der Kutte des Mnchs und
in der Soutane des Priesters. Missionre mu man sehen in anderen Weltteilen:
dann bekommt man wieder Achtung und Liebe fr das Menschengeschlecht. Bei dem
Missionr ist so recht anschaulich das Apostolat des Evangeliums. So gingen die
Zwlf aus, die von Christus unmittelbar ihre Weihe und Sendung empfingen - und
so gehen sie jetzt aus, von demselben Christus mittelbar geweiht und gesendet.
In welcher Armut und Entblung, unter welchen Entbehrungen, Gefahren und
Drangsalen der Missionr sein apostolisches Werk vollfhrt - davor schaudert die
menschliche Natur zurck. Das ist eine Marter von Mhsal, die jede Fiber
zerreit und jeden Nerv aufreibt, und die er nur ertragen kann, weil Christus in
ihm lebt. Mit natrlichen Krften ist es unmglich. Die Phantasie erlahmt, wenn
sie sich die Anstrengung vorstellen will, die einen Missionr in den ungeheueren
den von Nord-und Sdamerika erwartet. Hunger, Ermdung, Krankheit, feindliches
Klima, wilde Tiere, wilde Menschen - alles das steht ihm bevor; alles das
ertrgt und berwindet er, um in tief gesunkenen, halb tierischen und halb
bldsinnigen Racen das Ebenbild Gottes herzustellen und sie zum Bewutsein ber
ihre Bestimmung zu bringen - oder um in einer kleinen Herde von bereits
gewonnenen, aber hirtenlosen Schflein das Reich Gottes zu befestigen. Und in
welcher Einsamkeit und Weltabgeschiedenheit vollfhrt er sein Werk! wie getrennt
von allem, was Trost und Sttze gibt! Vaterland, Vaterhaus, Muttersprache,
Familie, Jugendfreude - alles ist fern. Aber auch sein Ordenshaus, seine Brder
nach der Gnadenordnung, seine Wirksamkeit in der Heimat hat er verlassen. Mit
einigen Gefhrten, zuweilen mit einem einzigen, zuweilen ganz allein, zieht er
ber Eis- und Schneegefilde, durch Savannen und Wsten, durch Urwlder und
Smpfe, ber Gebirge und Strme - allein! und wenn er in tropischen oder
arktischen Nchten das Auge zum Himmel aufschlgt, ist er so einsam, da er
nicht einmal die Gestirne seiner Heimat wiederfindet. Und welch' ein Tod krnt
dieses Leben? - Ist's der Martyrertod mit seinen raffinierten Qualen, unter dem
Wut- und Triumphgeheul seiner Glaubensfeinde? - Oder siecht er im Kerker dahin,
auf dem langsamen Folterbett der Gefangenschaft? Oder reit ihm ein Tiger das
Herz aus der Brust? Oder fllt er unter dem Skalpiermesser eines Wilden? Oder
verschmachtet er langsam am Fieber, das sein Blut verbrennt, sein Mark verzehrt
und ihn endlich niederwirft im Schatten eines Felsens oder eines Baumes, wo er
sich ausstreckt zum Sterben, wo kein Gefhrte da ist, um ihm die heilige
Wegzehrung zu reichen und ihm den Todesschwei von der Stirne zu trocknen, wo er
ber sich selbst das Totenoffizium betet und wo sein kaum erkalteter Leichnam
eine Beute der Raubvgel oder der Tiere des Waldes wird! - Und solch ein Leben
und solch ein Tod - weshalb werden sie gewhlt? frei gewhlt? so fragte ich
einst einen Missionr. Um dem gekreuzigten Christus in aller Demut nachzufolgen,
anwortete er freundlich und einfach. Das ist Seelengre! Aber die Welt geht an
ihr vorber, wie die Juden am Kalvarienberg - gleichgltig oder verachtend oder
lsternd. Htte jedoch einer von den ihren ein weniges von diesen Dornen und
Myrrhen genossen, um die Wissenschaft zu frdern, oder aus ehrgeiziger Neugier,
oder um ein Vermgen fr die Seinen zu erwerben - ja, dann hat sie nicht Krnze
genug, nicht Lob und Bewunderung genug, um diese Verdienste zu krnen. Mgen es
Verdienste sein! ich taste sie nicht an. Von bernatrlicher Seelengre sind
sie jedoch weit entfernt. Solche Menschen dienen ihrem Ich, ihren
vorherrschenden Neigungen oder Talenten und somit auch der Welt; das schmeichelt
ihr. Der Missionr geht an ihr vorber wie an sich selbst und dient einem
hheren Herrn; das nimmt sie bel. Sie will nichts von Hherem wissen, als von
sich selbst. Ich aber habe immer den Missionr beneidet, gerade weil er einem
hheren Herrn dient.
    Nun, lieber Uriel, sagte Levin lchelnd, ich hoffe, Du wirst ihm auch
noch einmal als Missionr dienen.
    Nein, lieber Onkel, rief Uriel und stand lebhaft auf, ich habe nicht die
mindeste Anlage zu solcher Seelengre und keine Neigung zu solchem
bernatrlichen Heldenmut.
    Die fremde Seelengre erkennen und bekennen, gleichviel in welcher
geringen Gestalt man sie antrifft, ist der erste Schritt, um sie zu erwerben.
    Aber um sie in einem so heroischen Grade zu ben, rief Uriel, dazu fehlt
mir die Lebendigkeit des Glaubens.
    Ganz richtig, entgegnete Levin. Du trgst Deinen Glauben in festen
Goldbarren mit Dir umher, so da er Dir manchmal beinahe eine Last ist. Zur
Mnze ausgeprgt, flssig gemacht fr den tglichen Gebrauch, fr alle Umstnde,
fr alle Verhltnisse, in allen Nten, wider alle Prfungen - besitzest Du ihn
nicht. Er ist Dir noch ein toter Schatz.
    So ist's! sagte Uriel trbe. Er leuchtet mir vor, aber er leuchtet nicht
in mir. Meine Vernunft folgt allen Lehren der Offenbarung, die so fein und so
logisch ausgezweigt sind, da es ein Genu fr meinen Verstand und eine
willkommene bung fr meinen Scharfsinn ist, ihnen nachzugehen. Und dennoch ist
mein Herz nicht ergriffen; dennoch ist eine geheimnisvolle Scheidewand zwischen
mir und Gott.
    Das kann auch gar nicht anders sein, entgegnete Levin. Du hast die
Weltteile durchpilgert und die Ozeane durchmessen und drauen das Etwas gesucht,
mit menschlichen Krften und menschlichen Mitteln gesucht, was grer sei, als
Dein Herz - wie Du damals bei Deiner Abreise sagtest - das Etwas, welches Dir
eine dauernde Befriedigung geben knnte; und hast es nicht gefunden und konntest
es nicht finden. Denn die Schpfung, dies wundervolle Werk Gottes, steht unter
dem Gotteswerk der Erlsung. Dieser gehrt die christliche Seele an, hier soll
sie zu Hause sein. Sucht sie ihre Heimat in der Schpfung, so ist sie abgeirrt
von ihrer Bestimmung, mein armer Uriel, und dann sind die Lehren der Offenbarung
dem Geist ein feines, tiefsinniges System, dessen Logik ihn berwltigt; aber
sie sind kein Trost fr das Verlangen seines Herzens. Nur in Gedanken lsen sie
ihn ab von der Erde; das Herz bleibt an ihr haften, hrt nicht auf himmlische
Einsprechungen und erkennt nicht himmlische Fgungen, die alle, alle mahnende
Boten Gottes sind, durch die er zu uns spricht: Kind, gib mir dein Herz. Aber
was willst Du denn anfangen, Uriel, mit dieser Last Deines an der Erde haftenden
Herzens?
    Haftet es denn an ihr, lieber Onkel? fragte Uriel ernst und sinnend. Hab'
ich nicht den Ballast des Mammon ber Bord meines Schiffleins geworfen, um nicht
in die Schlingen dieses Gtzen zu fallen, dessen Kultus mehr als irgend einer -
den Materialismus frdert? hab' ich mich je verloren in die brutale Genusucht
der Zeit? oder an den Ehrgeiz? oder an die Sucht der Eitelkeit, etwas gelten zu
wollen, ein Mann der Partei zu sein? Und meine Reisen - hab' ich denn Gemeines,
Niedriges, Alltgliches von ihnen begehrt? sollten sie vorwitzige Schaulust und
einen unbestimmten Drang nach Bewegung befriedigen? Mir scheint, ich drfe all'
diese Fragen mit Nein beantworten. O wie oft habe ich gerade auf diesen Reisen,
gerade diesen wunderbar schnen Naturbildern gegenber die ganze Nichtigkeit des
Erdendaseins empfunden! O, in stillen Nchten unter dem leuchtenden
Sternenhimmel und auf den leuchtenden Meeren des Sdens - o, in der rosigen
Morgenfrhe der paradiesischen berflle tropischer Lnder, mit ihrem
unvergleichlichen Zauber von Farbe und Form, von Licht und Luft - o, bei dem
feierlichen Sonnenuntergang in der Savanne und der Wste mit ihrer grenzenlosen,
bis zum Entsetzen majesttischen Einsamkeit - hat dies gttliche Schweigen,
diese gttliche Stimme mich je anders berhrt, als da ich empfunden htte, es
gebe noch etwas Hheres - und das sei so hoch und so gro und so wundermchtig,
da alle Erdenschnheit sich dazu verhalte, wie ein Sandkorn gegen das
Himalajagebirg. Und dann htte ich die Erde mit einem Fusto von mir schleudern
mgen, um mich aufzuschwingen zu jener nur geahnten Herrlichkeit. Nennst Du das
an der Erde haften, teurer Onkel?
    Der heil. Augustinus schreibt in seinen Bekenntnissen: In mehr als einer
Weise schliet man sich den gefallenen Engeln an; entgegnete Levin. So gibt es
auch mehr als eine Weise, in welcher das Herz an der Erde haften kann. Es kann
begraben sein in ihrem Moder, verstrickt in ihren Dornen. Es kann aber auch so
fein mit ihr zusammenhngen, wie manchmal Blumenbltter an fliegenden
Sommerfdchen schweben. Eines ist gewi: Du hast Gott nicht gefunden. Mit Deiner
Intelligenz hast Du das Dasein Gottes auerhalb seiner Schpfung begriffen; mit
Deinem Gefhl hast Du ihn ber der Schpfung geahnt. Aber Dein eigen, Dein
Centrum - ist er nicht geworden, weder der menschgewordene Gott, noch der
gekreuzigte Gott, noch der eucharistische Gott! und deshalb bist Du auch keinen
Augenblick Deiner selbst sicher und der nchste kann Dein Herz begraben in den
Aschengrften der Erde. Da es bis jetzt nicht geschah, hast Du, nchst der
Gnade Gottes - Deiner Liebe fr Regina zu danken. Du betrachtest sie als Dein
Leid - aber sie ist Dein Heil gewesen! Die Liebe ist etwas so Himmlisches, so
Gottverwandtes, da sogar die natrliche im Stande ist, dem Menschen eine
Zeitlang einen edlen Impuls zu geben und in edler Richtung ihn zu halten. Aber
in dem wechselvollen Dasein hienieden, zwischen tausend neuen Eindrcken und
abertausend neuen Erfahrungen, verliert diese Liebe allmhlig ihre Triebkraft,
vermag nicht mehr Schwung und Ausdauer zu geben, und lt das Herz nach und nach
so de zurck, so leer, so traurig, so arm, da ihm die Bilder und Erscheinungen
der Erde wnschenswerter vorkommen, als seine Erstorbenheit. Das ist die
allgemeine Geschichte jeder Liebe, die nur aus dem natrlichen Gefhl
hervorgegangen ist: sie keimt, sie wchst, sie blht, sie verblht - wenn man
sie nicht in das Erdreich der Gnade verpflanzt und in das bernatrliche selige
Liebesleben hineinschlingt, welches die mystische Braut Christi mit ihrem
gttlichen Geliebten fhlt. Dein Herz haftet an der Erde, mein armer Uriel! Du
hast die ewige Wahrheit noch nicht gefunden, denn Du hast sie noch nicht
gesucht.
    Aber wo - aber wie - soll ich sie suchen? fragte Uriel tief in Sinnen
verloren.
    Wo? - in der Krippe von Bethlehem und am Kreuz von Golgatha. Wie? - durch
Gebet. Bete, Uriel! wie es jetzt mit Dir steht, kann und darf es nicht bleiben.
Du bist flgellahm. Es ist mehr Welt an Dir vorber gerauscht, als Du - als
irgend jemand mit der bloen Beobachtung berwltigen kann. Das berma der
Ttigkeit, deren Zuschauer Du bist, betubt Dich und bringt Dich um die, welche
Dir von Gott bestimmt ist.
    Lieber Onkel, unterbrach Uriel ihn sehr lebhaft, Du whnst doch wohl
nicht, da es mir je einfallen knnte, Missionr zu werden, weil ich gesagt
habe, ich htte bei ihnen Seelengre gefunden und ich beneidete sie, weil sie
einem so groen Herrn dienten? Missionr will ich durchaus nicht werden! und
kme mir je ein solcher Gedanke, so wrde mein eifrigstes Gebet gegen ihn sein.
    Sei unbesorgt! erwiderte Levin lchelnd, zu so khnen Hoffnungen
erschwingt mein altes Herz sich nicht. Das war eine groe Gnade, wenn Du die
Welt abermals durchpilgertest - nicht um die Wahrheit zu suchen, sondern um sie
anderen zu verkndigen; nicht zu Deiner Befriedigung, sondern aus Liebe zum
gekreuzigten Christus. Aber eine solche Gnade senkt sich nur in ein ihr
entsprechendes Herz. Vorderhand bin ich froh, da Du in Kalifornien kein
Goldgrber geworden bist.
    Es war ein unvergleichlicher Zauber von Wrde und Huld um den
fnfundsiebenzigjhrigen Greis. Er war so stark bei seiner heiteren Milde, so
nachsichtig bei seinem heiligen Ernst, so lchelnd bei seiner tiefen Einsicht, -
der Geist so offen, das Herz so warm, die Seele so licht, da Uriel oft in
seiner Nhe dachte: die Verklrung des Tabors sei schon ber dies Leben
ausgegossen, das mehr als ein halbes Jahrhundert in der Verschattung des Kreuzes
verharrt sei. An Onkel Levins Seite, in Gesprchen und im traulichen Verkehr mit
ihm fhlte sich Uriel zufriedener, als sonstwo auf Erden. Aber eine leise
Unruhe, ein unausgesetztes Vibrieren des inneren Menschen mahnte ihn stets
daran, da er seinen Schwerpunkt noch nicht gefunden habe. Es tat ihm leid, an
Graf Damian versprochen zu haben, da er ihm nach Rom folgen wolle; leid, den
geliebten Greis zu verlassen.
    Komm' mit mir nach Rom! bat er ihn einst. Die Griechen hielten es fr ein
Unglck, das Gtterbild ihres Zeus, das Meisterwerk des Phidias, nicht gesehen
zu haben. Ist es nicht ein ganz anderer Schmerz fr einen Priester, den
Stellvertreter des Erlsers und den Nachfolger des Petrus nicht gesehen zu
haben?
    Ja, lieber Sohn, ganz anders! er ist ein Glied in der langen Kette der
Entsagungen; aber die lst sich mit dem Tode. Die armen Griechen hatten schon
recht, ihren Zeus zu betrachten; denn seine Marmorstatue war doch mehr - als das
Nichts, welches sie vorstellte. Aber fr uns, Kind, ist es gerade umgekehrt: wir
sehen hienieden nur Bilder, aber droben das Wesen. Deshalb hab' ich mich nie
danach gesehnt, mich viel umzuschauen in der Welt. Scheide ich von ihr - dann
werden meine Augen ihre Wonne haben und mein Herz seine Lust. Kommst Du aber
nach Rom, so gre mir eine traute Sttte: das Koliseum, wo die Martyrer sich
verbluteten und wo St. Ignatius von Antiochien unter den Zhnen der Lwen rief:
Meine Liebe ist gekreuzigt! lat mich ein Nachfolger der Leiden meines Gottes
sein! Um das Koliseum schwebt in meiner Phantasie eine Glorie von Purpurfarbe.
    O diese Martyrer, rief Uriel, haben in Wahrheit die streitende Kirche zur
triumphierenden gemacht!
    Darum stirbt auch dies heilige Geschlecht nie in ihr aus. Sie soll
triumphieren - trotz Ketten und Banden, trotz Schmach und Verfolgung, ber den
Satan und seinen Anhang! Und das tut sie, bald auf diesem, bald auf jenem Punkt
der Erde. Sieh' die Christenverfolgungen in China, in Japan - berall wiederholt
sich die alte Tatsache: Christus der Gekreuzigte lebt in den kmpfenden Gliedern
seiner Kirche. Sie werden mit ihm gemartert, gehhnt und gettet; sie werden
begraben und Steine vor die Gruft gewlzt und Wchter bestellt; und wenn das
alles sicher besorgt ist, dann kommt der Ostertag, und mit den Hingewrgten ist
die Kirche, die man erwrgt und begraben whnte, auferstanden. Das sind ihre
unvergnglichen Geschicke. So hat sie es auf Kalvaria gelernt. Dazu lebt und
webt in ihr der heilige Geist. Deshalb umfngt und trgt sie durch die
Weltzeiten den eucharistischen Christus. Solche Gottesanstalten berdauern den
Anprall Luzifers und seiner Legionen.
    Ja wohl, Legionen! rief Uriel. Von allen Ecken und Enden der Welt strmen
eben jetzt die hochgehenden Fluten des Unglaubens und des Irrglaubens mit voller
Wut gegen den Felsen Petri und die revolutionren Strme, die aus allen Gegenden
der Windrose, von Thron und Katheder, aus Schenkstube und Presse, aus
Kammerverhandlungen und geheimen Gesellschaften zusammen brausen, toben gegen
nichts und niemand so rasend, als gegen das Schifflein des galilischen
Fischers. Ich habe in England und Deutschland Leute gekannt, von denen es heien
konnte, wie in Schillers Wallensteins Lager: Es sind Tiefenbacher, Gevatter
Schneider und Handschuhmacher - so behaglich schmausten sie ihr Beefsteak mit
obligatem Porter; so friedlich kannegieerten sie bei der Tabakspfeife und dem
Schoppen; Damen hab' ich gekannt, gebildete, kunstsinnige, schngeistige,
romanesk poetische: nun! diese ganze Gesellschaft - so philisterhaft der eine
Teil und so hypergebildet der andere - verfiel in eine Art von Berserkerwut,
wenn die Rede auf den Papst und die katholische Kirche kam. Rom, als Mittelpunkt
der antiken Welt und der modernen Kunst, lieen sie gelten. ber Rom, als
Hauptstadt der Christenheit, waren sie rabbiat. In den Kreisen der
Freiheitsmnner, der Licht- und Volksfreunde versteht sich so etwas von selbst,
weil Rom das unberwindliche Bollwerk der Wahrheit - also der wahren Freiheit,
des wahren Lichtes, des wahren Rechtes ist: aber bei meinen Tiefenbachern und
bei meinen Geistreichen hab' ich mich immer verwundern mssen, da sie nicht
einsahen, wie Beefsteak und Bildung nicht zu retten sind, wenn es mglich wre,
da das Schifflein Petri unterginge. Ein gesellschaftliches Chaos wrde
beginnen. Es gehrt mit zu den greulichen Lgen der Zeit, die geschichtlichen
Ereignisse und Charaktere zu Parteizwecken zu verflschen und schon dem Kinde in
der Schule Zerrbilder statt Vorbilder in die junge Seele zu prgen.
    Und damit zieht sie, wie das von der Lge auch nicht anders zu erwarten
ist, einen so traurigen und furchtbaren Ha gro, da, wenn jetzt heftige
Katastrophen ausbrchen, der giftigste Gram sich gegen die Vertreter und Diener
der Kirche entladen wrde. Lies die vertilgungswtigen Verfolgungen, welche der
treue und standhafte franzsische Klerus in der Revolution des vorigen
Jahrhunderts zu erdulden hatte. So wrde es jetzt berall sein, wo
Revolutionsmnner an die Spitze kmen. Der Priesterha wchst, je mehr Luzifers
Scharen wachsen.
    Das wre ein Grund, um Priester zu werden! Was Satan hat, mu Gott
lieben! rief Uriel.
    Und doch sind die Bestrebungen des Hasses dem Priester vielleicht nicht so
qulend, als die der sogenannten Humanitt, sagte Levin. Ich habe in meinem
langen Leben schon manche Phase der Geschicke der Kirche durchgemacht. Zu Ende
des vorigen Jahrhunderts ging man mit der Guillotine und Deportation auf sie
los; das hat ihr nichts geschadet; im offenen und entschiedenen Martertum liegt
eine Art von bernatrlicher Lockspeise, die ihr gut bekommt. Aber nach den
napoleonischen Kriegen brach in Deutschland eine entsetzliche Zeit, eine
nchtern-schwrmerische Epoche aus, die mit Deutschtmelei und allerhand
Bruderliebe seltsam herausgeputzt war. Da sollte die Kirche deutsch sein und
human und jedermanns Freund; den Quell ihres Lebens sollte sie verstopfen und
von Rom sich lossagen; und dafr die Vorteile genieen, die der Zeitgeist ihr
aufzuzwngen suchte: Lockerung heiliger und heilsamer Disziplin, Verblasenheit
ihres Dogma's, Fraternitt mit allerhand unkirchlichen und widerkirchlichen
religisen und philosophischen Systemen. Statt der katholischen Kirche sollte
eine Allerweltskirche organisiert werden, ohne Offenbarung Gottes, ohne
festbestehendes Dogma, ohne positiven Glauben, folglich ohne wahres Christentum
und zwei Mittel schienen vorzugsweise geeignet, dies zu bewerkstelligen: die
Aufhebung des Clibates und die Sanktionierung der gemischten Ehen. Das
verehelichte Individuum, welches den katholischen Priester ersetzen sollte,
lehrt, was der Staat oder ein beliebiges Oberhaupt seiner Sekte von ihm begehrt:
das beweist die Erfahrung aller Zeiten; und in einer Mischehe ist von einem
frischen und krftigen Familienleben im positiven Glauben keine Rede; das sieht
man alle Tage. Diese Mauerbrecher sollten die Kirche zersprengen. Aber unbewegt
hielt sie den Sto aus - die heilige Kirche! die gemischten Ehen wurden nicht
sanktioniert - nur traurig geduldet; und der priesterliche Clibat nicht
aufgehoben. Ich erinnere mich noch sehr wohl, wie meine Schwgerin Juliane,
Deine Gromutter, mich oftmals fragte, ob ich schon mein Augenmerk auf eine
knftige Gattin geworfen habe; worauf ich ihr regelmig antwortete: man drfe
sich nicht voreiliger Hoffnung hingeben. Als nun das Projekt zu Wasser wurde,
sagte Juliane, ich htte sehr weise getan, nicht zu frh zu hoffen. Da lachte
ich und sagte: Ihre Hoffnungen hab' ich voreilig genannt. Das war ihr aber nicht
genehm. Ja, es war sogar manchem Katholiken nicht genehm! Aber kurz! die
Allerweltskirche kam nicht in Deutschland zu Stande. Dagegen wurde die Braut
Christi in Zucht und Vormundschaft genommen, mute knappe Haushaltung lernen,
durfte ohne Genehmigung betreffender Behrden keine Kerze auf dem Altare
anznden, kein Megewand des Priesters anfertigen; mute lernen, wie sie zu
lehren habe, sie - die Christus selbst zur Lehrerin der Vlker eingesetzt hat;
mute in Staatsdienst treten und sich besolden lassen, sie, die uralte
Ernhrerin und Haushlterin jener zahlreichen Familie der Armen Christi, welche
gerade an sie gewiesen, ihrer frommen Frsorge anvertraut sind. Das alles und
viel tausendmal mehr mute sie sich gefallen lassen, und Du darfst mir glauben:
manches treue Priesterherz hat darber so viel Gram und Kummer ausgestanden, da
man wohl sagen darf: es habe freilich nicht fr und mit dem Heiland den Tod
gelitten, allein es habe die unblutige Passion von Gethsemane mit ihm
durchgemacht. Das alles gehrt zum Leben der Kirche. Es hat kein Leid, keine
Bitterkeit, keinen Schmerz gegeben, welche der Sohn Gottes auf Erden nicht
gekostet htte. Knnte seine heilige Braut es wohl anders haben, als er? Darum
haben alle, welche in Wahrheit erkennen, was es heie, den mystischen Leib zu
bilden, einen unberwindlichen, langatmigen Mut. Sie wissen, wem der endliche
Sieg gehrt, sie frchten nicht die Legionen von gefallenen Geistern, die auf
den Felsen Petri Sturm laufen.
    Fnfundsiebenzig Jahre - und kampfesfreudig wie St. Michael? rief Uriel.
O lieber Onkel, welchem groen Herrn mut Du dienen?
    Ach und immer als ein unntzer Knecht! entgegnete Levin lebhaft und
faltete seine Hnde als wolle er seinen Herrn um Verzeihung bitten.
    Wre ich doch ein solcher unntzer Knecht! seufzte Uriel.
    Wozu htte ich fnfundsiebenzig Jahre und ber ein halbes Jahrhundert im
geistlichen Stande gelebt, entgegnete Levin, wenn ich kein mutiges Vertrauen
zu dem allmchtigen Herrn gewonnen htte, dem ich diene? Das Leben des Priesters
ist ein Leben im Glauben und in der Gnade. Sie sind die himmlischen Sttzen
seiner gebrechlichen Natur. Er verlt sich auf sie: das ist Vertrauen. Und dies
Vertrauen auf gttlichen Beistand sollte er nur in Bezug auf seine armselige
Person und nicht fr seine vielgeliebte Mutter, die heilige Kirche, besitzen?
Nein, das wre ein Widersinn! O schwanke du nur, du Schifflein Petri! la sie
heulen - die Orkane! la sie tosen - die Wellen! la sie brllen - die
Meeresungeheuer! du trgst deinen Hort: Christus schlft. Er wird erwachen und
dann werden die Strme fallen. Aber, mein Sohn, wir wollen nicht zu jenen
gehren, zu denen er sagen wird: O ihr Kleinglubigen!

                                 Himmelspforten


Es war die schne, heiligstille Adventzeit - dieser Vorfrhling im
bernatrlichen Jahr, welches die Kirche durchlebt; der Vorfrhlung unserer
Erlsung. Uriel hielt sich noch immer in Windeck auf. Was sollte er in Rom? was
berhaupt in der Welt? Die Baronin Isabelle qulte ihn ein wenig mit ihren
verschiedenen Ratschlgen, was er alles versuchen und unternehmen knne; und mit
ihrem leisen Bedauern, da er nicht Herr auf Stamberg geblieben sei. Er nahm es
ruhig hin und sagte:
    Liebe Tante, dieser Entschlu war eine hhere Fgung und ich harre jetzt
wieder auf eine solche.
    Aber, lieber Uriel, erwiderte sie, man mu dem lieben Gott doch
gewissermaen Vorschlge machen und Spielraum geben, damit seine Fgungen irgend
einen festen Boden vorfinden.
    Ich wte ihm in der Tat keinen Vorschlag zu machen, entgegnete Uriel
lchelnd.
    Nun, zum Beispiel! rief sie; la Dich auf Jochhausen nieder, wo Deine
guten Eltern gelebt haben. Das wre so eine Art von Andeutung, welche der liebe
Gott verstehen und Dir husliches Glck schicken wrde.
    Uriel lachte und sagte: Das wre eine entsetzliche berraschung! Htte ich
das gesucht, liebe Tante, so wr' es allerdings vernnftiger gewesen, auf
Stamberg zu bleiben - und da ich dies nicht tat, betrachte ich eben als eine
hhere Fgung.
    Sie schttelte zweifelnd den Kopf und entgegnete:
    Ich bitte Dich, Uriel, sei vorsichtig! Du stehst in einem bedenklichen
Lebensalter.
    Doch weniger als vor zehn Jahren, sollt' ich meinen! entgegnete er immer
noch lachend.
    Ach, Kind! rief sie, lache nicht; es ist sehr ernsthaft! Sieh': ist ein
Mann ber dreiig Jahre alt geworden und unverheiratet - ja sogar ohne den
Wunsch und Willen zu heiraten, geblieben, da er es in seiner Lage doch knnte,
so droht ihm von Tag zu Tag immer mehr die Gefahr, in Verhltnisse zu geraten,
in Schlingen sich zu verwickeln, die ihn nicht glcklich und nicht gut machen,
in die er aus Langeweile fllt und in denen er aus Trgheit bleibt - zuweilen
fr immer, zuweilen lange Jahre. Es gibt Frauen genug, deren Eitelkeit es
schmeichelt, einen solchen Gefangenen mit sich durch's Leben zu fhren; und
Mnner genug, die sich so mitfhren lassen, weil sie dabei gehtschelt und
verzogen werden - bis sie alte Hagestolzen und vollkommen unertrglich sind.
    Eine furchtbare Perspektive, liebe Tante! sagte Uriel scherzend, und ich
begreife, setzte er ernst und liebevoll hinzu, da Dein wahrhaft mtterliches
Auge sie fr mich nicht ertragen kann. In ein solches Verhltnis gert man, wenn
man niemand liebt und doch gern geliebt sein mchte. Bei mir ist es aber gerade
umgekehrt: ich liebe jemand - und will von niemand sonst geliebt sein.
    Ach! seufzte die Baronin, wie konfus ist das Leben mit all' seinen
Erscheinungen! Hrt man von der Treulosigkeit der Mnner, so seufzt man. Und
findet man einmal die Treue - so seufzt man auch. -
    Am anderen Morgen erschien Uriel nicht zum Frhstck und Levin sagte der
Baronin, da er nach Himmelspforten gefahren sei.
    Und Sie hielten ihn nicht zurck? rief sie.
    Er hat mich nicht gefragt, sondern nur gesagt, er gehe. Warum sollte er
aber auch nicht gehen?
    Warum? mein Gott, warum will er denn durchaus in Regina's Nhe kommen, da
es nur seinen Schmerz erneuert! Ich interessiere mich lebhaft fr alle liebende
Herzen, aber nicht fr ihre Torheiten.
    Das ist doch recht schwer zu trennen, antwortete Levin heiter,
Leidenschaft ist Torheit. Nun, wer wei, ob Regina ihm nicht die Pforte des
Himmels aufschliet, die enge Pforte, durch welche wenige gehen.
    Dann wre es freilich eine hhere Fgung - und nach einer solchen verlangt
er, sagte die Baronin. -
    Uriel hatte lange mit sich selbst gekmpft, ob er Regina aufsuchen solle -
oder nicht. Er frchtete nicht die Aufregung des Schmerzes; aber sehr, den
Stachel von Bitterkeit gegen Gott und Menschen, der ihm so viel zu schaffen
gemacht hatte und dessen er sich noch immer nicht ganz erwehren konnte. Doch
vielleicht nimmt sie mir gerade diesen Stachel aus dem Herzen, sprach er zu sich
selbst; wer wei, welche Gnaden eine solche Seele mitteilen kann.
    Zur Stunde der Vesper war er in Kloster Himmelspforten und ging in die
Kapelle, die geffnet - jedoch hinter dem Altar durch Gitter und Laden
abgeschlossen gegen den Chor, war, in welchem die Ordensfrauen gemeinschaftlich
die kanonischen Stunden beteten. Es war ein grauer milder Nachmittag, die Luft
so seltsam lau, wie sie zuweilen im Dezember auf ein paar Tage oder Stunden
eintritt; man denkt dabei an erfrorene Rosen. In der Kapelle herrschte schon die
Dmmerung des Abends und die Vesper hatte begonnen, als Uriel eintrat. Also hier
in diesem trben, frostigen Dunkel verblht die leuchtende Lilie! sprach er zu
sich selbst; in dieser Schattenwelt ist ihr energisches Leben untergegangen, in
dieser Grotte des Karmels ihr Herz eingesargt! Ein namenloses Weh zerschnitt ihm
die Seele; das Weh, welches jeder empfindet, der in der Opferflamme des Altars
ein blutendes Menschenherz langsam verzehren sieht und nicht wei, da es darin
auf der Hand Gottes liegt. Er horchte auf die betenden Stimmen; sie waren zu
einem und demselben Ton eingebt: er konnte nicht Regina herausfinden. Begraben!
begraben! jammerte sein Herz. Er hoffte auf die Antiphone; es war ja unmglich,
die Singstimme ganz ihres eigentmlichen Geprges zu entuern. Die Antiphone
des Advents Alma redemptoris wurde gesungen; aber ohne Regina. Er htte ihre
Stimme mit dem ihr eigenen seeleninnigen Klang unter Tausenden erkannt.
Begraben! begraben! jammerte sein Herz; und wie es so jammerte, fiel ihm ein,
dies sei vielleicht keine figrliche Redensart und sie sei in der Tat tot oder
sterbend. Er floh aus der Kapelle, eilte zur Klosterpforte und schellte hastig.
Die Pfrtnerin erschien am kleinen Fenster und mit stockendem Atem sagte Uriel:
    Ich wnsche die Schwester Therese vom Lamm Gottes zu sprechen. Dies war
Regina's vollstndiger Klostername; es konnte jetzt keine Verwechselung mit
irgend einer anderen Schwester Therese vorfallen.
    Sie ist im Chor, sagte die Pfrtnerin, und setzte ein paar Worte hinzu,
welche bescheiden andeuteten, da die spte Stunde ungelegen sei.
    Also komme ich morgen vormittag, erwiderte Uriel und ging ruhiger in die
Kapelle zurck, die ihm pltzlich nicht mehr so finster und frostig vorkam, denn
- sie war im Chor und wo sie war, da wurde es sonnenhell und sonnenwarm. Er
fhlte sich beglckt, in ihrer Nhe zu atmen, von denselben Mauern umschlossen,
von demselben Dach beschirmt zu sein. Nichts trennte sie - als der Altar mit dem
Tabernakel; als Gott! Und trennt denn Gott die Seelen? fragte er sich heimlich.
Sind sie nicht s und fest geheimnisvoll in ihm verbunden? .... viel sicherer,
viel unzertrennlicher in dieser gttlichen Lebensgemeinschaft, als in einer
irdischen? .... Und doch! und doch! das Menschenherz hat nicht sein Gengen in
ihr! - Und er dachte mit einer so unerhrten Freude, da ihm die Brust davon
beklemmt wurde: morgen werde ich sie sehen, sie hren, mit ihr sprechen! und
dann? .... - Ihm war zu Sinn, als ob dann sein Herz still stehen werde.
    Es war ganz dunkel geworden, nur das ewige Licht verbreitete seinen ruhigen
Schimmer durch die Kapelle und stimmte ihn friedlich. Er schlug das Auge zur
Lampe auf und sagte leise: So zu leuchten im Heiligtum, und vor Gott und fr
Gott, das Los hat Regina sich gewhlt und vielleicht ist es das seste, welches
uns hienieden zu Teil wird, weil es ber dem Wechsel und dem Wandelbaren ist.
Dies Schwanken zwischen Wonnen und Qualen, dieser Wechselgesang von Lust und von
Weh, diese zitternde Sehnsucht und dies trostlose Ungengen, diese
himmelstrmenden Wnsche und diese grliche Nichtigkeit in ihrer Erfllung:
dies Alles, das drauen liegt, auerhalb des Gottesfriedens - ist's eine
Entbehrung, wenn man es nicht kennt? ist's ein Verlust, wenn man es aufgibt? - -
- Da hub das Angelusgelute an. Ihm war, als bewege die Glocke sein Herz. Er
kniete nieder, barg das Gesicht in den Hnden und betete: Mutter Gottes, bitte
fr uns arme Snder! - Dann klirrten Schlssel in seiner Nhe. Er entwich wie
ein Schatten aus der Kapelle, deren Tre hinter ihm geschlossen wurde, und ging
nach der Stadt zurck.
    Die Nacht verging wie alle Nchte. Fr Uriel aber hatte sie hundert Stunden
und jede Stunde hundert Minuten. Er ging wieder zum Kloster. Der helle frische
Wintermorgen mit dem stillen blauen Himmel und der feinen weien Decke, welche
der nchtliche Schnee ber die Erde gebreitet hatte, tat ihm wohl und khlte den
Scirocco, der ihm durch den Kopf und die Brust ging. Ist das denn Freude? fragte
er sich selbst. Ich freue mich - und die vorherrschende Empfindung ist - Qual!
An der Pforte fragte er, ob die Schwester Therese jetzt zu sprechen sei. Es
wurde bejahet und er in das Sprachzimmer gewiesen. Es war von uerster
Einfachheit: weie Wnde, einige hlzerne Sthle, ein schwarzes Gitter, hinter
welchem sich ein geschlossener Laden befand, und dem Gitter gegenber ein groes
schnes Kruzifix. Nach seinem Namen war er nicht gefragt worden und er hatte ihn
nicht genannt. Als ein Unbekannter, ein Namenloser sollte er vor sie treten!
Jenseits des Gitters lag das innere Sprachzimmer. Es whrte nicht lange, so
ffnete sich eine innere Tr. Es trat jemand ein und sagte, zum Gitter
vorgehend: Gelobt sei Jesus Christus.
    In Ewigkeit, Amen! erwiderte Uriel mit versagender Stimme - denn das war
Regina!
    Uriel! gr Dich Gott! sagte sie so herzlich, als ob sie beide in Windeck
wren.
    Weit Du denn noch von mir? hast Du mich nicht vergessen? rief er
berwltigt.
    Whnst Du, wir vergen die Unseren? fragte sie zurck. Das wre ja
treulos, herzlos. Gott zerreit keine Bande des Herzens: er heiligt und verklrt
sie.
    Ja, das ist Regina! sagte er seufzend.
    Wie kommst denn Du zu unserem Karmel? fiel sie ein.
    Ich mchte von Dir wissen, ob Du glcklich bist, entgegnete er. Du wirst
es bejahen; das wei ich! Hat der Mensch sich ein ungewhnliches Schicksal mit
freiem Willen bereitet, so ist er oft zu stolz, um spter zu gestehen, da es
mit seinem getrumten Glck kaum mittelmig beschaffen sei. Darum bitte ich
Dich, mir zu sagen, warum oder wodurch Du glcklich bist; das gibt mir
vielleicht einen richtigeren Mastab, und ich werde Dein Leben besser
verstehen.
    Ich bin glcklich, weil ich das hchste Gut liebe und gem dem Drang
dieser Liebe leben darf.
    Und wohin drngt diese Liebe Dich?
    Zum Opfer, Uriel. Ich bin glcklich, weil ich mich in jedem Augenblick und
mit jedem Atemzug in gottgeflliger Weise der gttlichen Liebe opfern kann.
    Woher weit Du, da sie gottgefllig ist?
    Weil sie auf den evangelischen Rten beruht, welche durch die drei Gelbde
besiegelt werden. Das ist die hchste Gnade, welche dem Menschen zu Teil werden
kann. Wie gern folgt man nicht in weltlichen Verhltnissen dem Wunsch, dem Wink
eines geliebten Wesens, ohne im mindesten zu betrachten, ob sich eine solche
Folgsamkeit rechtfertigen lasse vor der Vernunft und der Wahrheit und ob man sie
nicht dereinst bereuen werde. Wir aber sind sicher vor solcher Tuschung. Wir
folgen einem Wink, der so zart ist, da Millionen ihn nicht verstehen, und
wissen dennoch, da wir keinem selbstgeschaffenen Wolkengebilde folgen, denn der
menschgewordene Gott Selbst winkt uns zur Nachfolge.
    Und worin besteht diese Nachfolge?
    Im Leiden aus Liebe.
    Leidest auch Du, Regina?
    Wer die drei Gelbde abgelegt hat und treu zu erfllen sucht, ist gleichsam
durch die drei Ngel Jesu mit ihm an das Kreuz geheftet, denn Armut, Entsagung
und Gehorsam allzeit gebt, kreuzigen den natrlichen Menschen auch allzeit. Das
tut freilich weh, aber dem gttlichen Heiland haben auch die Ngel weh getan,
als er an ihnen in seinen Wunden hing.
    Wie fngst Du es aber an, um dies Bild so fest Dir einzuprgen, da es Dein
Vorbild wird?
    Man denkt an ihn.
    Uriel htte fast gelchelt ber diese Antwort.
    Darin liegt eben das Schwierige, sagte er.
    In der bunten, lauten, zerstreuenden Welt - ja! antwortete Regina. Da hat
man weder Zeit noch Lust noch Aufforderung, anders als ruck- und stoweise an
den gttlichen Geliebten zu denken - wenn's berhaupt geschieht! Aber fr uns
heit es: Was droben ist, habet im Sinn, nicht was hienieden. Wir sind ja da, um
uns in die Betrachtung seines Lebens und Leidens, seines Todes und seiner
Herrlichkeit, seiner Lehre und seiner Liebe zu versenken; sind ja da, um es nach
unseren Krften mitfhlend nachzuleben; sind ja da, um ihm zu sagen, da wir ihn
lieben; da wir verlangen, ihn so zu lieben, wie er geliebt sein soll und sein
will; da wir wnschen, der ganze Erdkreis mchte ihn erkennen und lieben; da
wir begehren, jeden Blutstropfen zu vergieen, jeden Atemzug zu verhauchen, um
zu bewirken, da sein Name verherrlicht und sein Reich verbreitet werde. Er will
hren, da sein Geschpf ihn liebe. Zwischen den Millionen von Worten, die eine
armselige Liebe verherrlichen, und zwischen den Millionen von Beleidigungen,
welche sein gttliches Herz durch sndige Liebe empfngt, will er doch auch ein
paar Worte hren, die zu ihm allein von Liebe sprechen und denen der Beweis
nachfolgt, da es keine leeren Versicherungen sind. Dazu sind wir da; das ist
die Bestimmung unseres mystischen Karmels. Uns erwartet nicht ein groer Kreis
von frommer Ttigkeit, der anderen Orden zugewiesen ist; nicht die unmittelbare
Wirksamkeit auf die Seelen, welche man in der Armen-, Kinder-, Gefangenen- und
Krankenpflege bt. Wir sind nur da, um den gttlichen Liebhaber der Seelen zu
lieben und es ihm zu sagen - betend, leidend. Wer das will - der denkt an ihn!
und wer einmal angefangen hat, an ihn zu denken - o, der findet das nicht mehr
so schwierig, wie es Dir erscheint. Aber anfangen mut Du! Du mut an ihn denken
wollen, ihn lieben wollen.
    Ich will aber nicht Karmelit werden! versicherte Uriel eifrig.
    Was soll denn eigentlich aus Dir werden? fragte sie, als habe sie seine
innere Unruhe erkannt.
    Ich wei es nicht! brach Uriel aus. Ich wei nur dies: ich kann nicht
mein Herz der Welt vor die Fe werfen; nicht lieben, wie sie liebt; nicht
begehren, was sie begehrt; nicht dienen, wem sie dient! ich kann in nichts mit
ihr Schritt halten.
    Gott Dank! rief Regina; ist das Herz grndlich von der Welt abgewendet,
so kehrt es sich leicht dem Himmlischen zu. Aber, Uriel, zur Welt gehrt auch
die Welt Deines Ichs; und der Abschied von ihr ist nicht so leicht, als von der
ueren Welt.
    Ich meine, entgegnete Uriel, ich htte auch die verabschiedet.
    Suchst du kein Glck irgend einer Art zu erringen und zu genieen?
    Doch! rief er lebhaft; die Seele ringt nach Glck. Allein sie will nur
ein bernatrliches genieen.
    Sieh! das ist noch Welt, Uriel: Genu finden wollen im bernatrlichen
Leben! Begehrst Du den, so bist Du ja gleichsam ein Lohndiener. Als der
gttliche Heiland am Kreuz hing, durchstrmte ihn ohne Zweifel eine
unbegreifliche Seligkeit, das Werk der Erlsung vollbracht zu haben; allein er
empfand so gar nicht den Trost, der doch in berschwnglicher Weise daraus
hervor htte strmen mssen, da er wehklagte: Mein Gott, warum hast du mich
verlassen! So mssen auch wir unser Glck einzig und allein in der vollkommenen
Hingebung an den Willen Gottes - ohne Beimischung von Genu und Trost suchen.
    Ich bin aber nicht so vollkommen! rief Uriel.
    Ich auch nicht! entgegnete Regina. Da wir es werden, ist Gnadensache;
da wir uns alles Ernstes daran machen, es werden zu wollen, ist unsere Sache.
brigens bleibt Dir keine Wahl! da Du dein Herz nicht der Welt vor die Fe
werfen willst, mut Du es an's Kreuz heften. Eine Zwischenstation gibt es
nicht.
    Allein es gibt ein Ma in der Kreuzigung, Regina! Du hast immer das Leben
nach den evangelischen Rten mit seinen drei entsetzlichen Ngeln im Sinn.
    O, fiel sie lebhaft ein, Du nennst sie entsetzlich; ich nenne sie unser
Brautgeschmeide. Mit ihrem Schmuck sind wir des Brutigams wert, denn sie
verhnlichen uns ihm. Schlagen sie den natrlichen Menschen an's Kreuz, so heben
sie dafr den bernatrlichen zum Himmel hinauf. Sie machen es ihm mglich,
seinen Reichtum in Gott allein, seine Freuden in Gott allein, seinen Willen in
Gott allein zu suchen und zu finden. Ja, nur sie machen ihm die vollkommene, die
Christus hnliche Hingebung an Gott mglich. Unter dem Gelbde des Gehorsams,
welches die beiden anderen sicher stellt, fhrt der Mensch ein Abbild vom Leben
des Gottessohnes, der dreiig Jahre lang in der Htte und der Werkstatt von
Nazareth sterblichen Menschen untertan war. Nein, Uriel! gttlich ist das ganze
Evangelium! aber die drei Ngel sind seine Krone und seine Glorie. Die bilden
bende Seelen, jungfruliche Seelen, Martyrerseelen. Nimm diese hinweg - was
bleibt brig im Leben des Christentums? nur die Gebote, nur das Alltagsbrot,
whrend das himmlische Manna verschwindet. Den Vater behalten wir, aber den
Brutigam verlieren wir. Die evangelischen Rte sind das eigenste Eigen des
Christentums. Das Jesukindchen hat sie vom Himmel herunter gebracht; um die
Krippe von Bethlehem sind sie aufgeblht. Und weil sie diese wundervolle Abkunft
haben, deshalb sind sie so edel, da sie mit Geld und Gut und irgend einem
Besitz von geschaffenen Dingen sich nicht vertragen! so geistig, da sie die
innerste Freiheit von jeder Kreatur, die Trennung von dem Liebsten auf Erden,
die Losschlung der feinsten Bande von Fleisch und Blut begehren; so erhaben,
da sie mit den gewhnlichen Wegen der Menschen nichts zu schaffen haben und nur
den Weg gehen, den sie vom Jesukind gelernt haben gehorsam bis zum Tode am
Kreuz. Uriel! ein einziger Mensch, der in der Vollkommenheit nach den
evangelischen Rten lebt - und aus ihnen drei Ngel macht, mit denen er sich an
das Kreuz des Herrn heftet, berwiegt weit alle Gre aller Menschen zusammen
genommen, welche die Welt gro nennt; denn der himmlische, nach Christus
gebildete Mensch ist grer in ihm. Und davor grauet Dir? und das flt Dir
Entsetzen ein? Ach, Uriel! ich will Dir sagen, woher das kommt: Du denkst nicht
an die Menschwerdung Gottes, an dieses se, liebeselige Geheimnis, welches die
Kirche jetzt im Advent andchtig betrachtet und welches gleichsam der
immerblhende Rosenstrauch ist, aus dem sich fort und fort alle anderen heiligen
Glaubensgeheimnisse wie gttliche Rosen entwickeln. Dem Gottessohn, der sich
liebebesiegt durch unser Elend, zum Sohn der seligsten Jungfrau macht, und als
das gebenedeite Jesukindchen zu Bethlehem auf unserer armen Erde erscheint: dem
mssen wir zuerst, zum gerhrten Dank fr eine so gttliche Liebe, unser Herz
schenken - und ist das geschehen, ach! wie wei er es dann festzuhalten, und
wieder zu gewinnen, und sich darum zu bewerben, und es an sich zu ziehen, und es
zu berauschen mit seinen Myrrhen und seinem Blut, so da sich das Herz endlich
auch liebebesiegt ihm anschmiegt und dann sein Gengen hat - fr die Ewigkeit.
    Dazu mu das Herz besonders begnadet sein, Regina! wendete Uriel ein.
    Das Herz bildet sich allmlig um nach seiner Liebe; das ist deren Gesetz, so
mchtig ist sie. Liebt der Mensch irdisches Gut, so wird er irdisch. Liebt er
gemeine Gensse, so wird er gemein. Liebt er Schlechtes an Menschen und Dingen,
so verschlechtert er sich und wird mehr und mehr unfhig zum Guten. Liebt er
Gott, so vergttlicht er sich, so geht aus dem trauten und bestndigen Umgang
mit dem unendlich Schnen und Guten auch etwas Gutes und Schnes in seine
Gedanken, Gefhle, Bestrebungen und Handlungen ber. Je besser das Herz wird, um
so mehr liebt es Gott, und je mehr es ihn liebt, desto grere Gnaden empfngt
es. Er ist ein Herr von unendlicher Milde und Gromut und kommt der leisesten
Liebesregung zrtlich entgegen.
    Dennoch, Regina, mu das Herz besonders begnadet sein, um sich innerlich
und vollstndig von allen Geschpfen - und von dem Glck und den Freuden, welche
sie bringen, abzutrennen. Es gibt sndlose Freuden und Verhltnisse voll
geheiligtem Glck.
    Gewi! entgegnete sie lebhaft. Nicht Jeden beruft Gott zum vollkommenen
Aufgeben des Irdischen; allein er verlangt von jedem, da dasjenige, was in dem
sndlosen Glck und den erlaubten Freuden irdisch ist, durch Beziehung auf Gott
mehr und mehr gereinigt und verklrt werde. Willst Du also Irdisches besitzen
und in Deiner Freude darber das rechte Ma inne halten und Dich nicht
besinnungslos darin verlieren; willst Du Menschen lieben und in ihnen Dein Glck
finden: so darfst Du es doch nur als etwas von Gott Geliehenes besitzen, das Du
allzeit bereit bist, mit Gleichmut ihm zurck zu geben. Tust Du das nicht, so
wirfst Du dein Herz der Irdischkeit zu Fen. Tust Du es aber, so lebst Du
gewissermaen auch nach den evangelischen Rten, arm im Geiste, bereit zur
Entsagung, willig zum Gehorsam - und in dieser Weise heiligen sich unzhlige
Seelen.
    Und warum, Regina, hast Du diesen leichteren Weg nicht gewhlt?
    Weil ich ihn fr einen gefhrlichen und mhseligen Umweg halte. Mein Ziel
ist Gott: danach verlange ich. Mein Ende ist Gott: darber frohlocke ich.
Weshalb sollte ich bei der Kreatur mich aufhalten? berdas setzt es ein Streben
nach hherer Vollkommenheit voraus, wenn man den Entschlu nach den
evangelischen Rten zu leben, durch die Klostergelbde besiegelt und sich durch
sie, an Hand und Fu himmlischer Weise gebunden, wehrlos das se Joch und die
sanfte Brde Jesu auflegen lt.
    Immer der alte, hohe, energische Schwung! rief Uriel.
    Sie unterbrach ihn, wie sie jedesmal tat, wenn sie frchtete, da er von Lob
oder von Liebe sprechen wolle, und fragte:
    Bist Du denn wirklich all diese Jahre in der Welt umher geschweift?
    Ja! erwiderte Uriel. Ich wollte die eine Liebe vergessen und eine andere
finden; dazu braucht man Zeit und allerhand Kenntnis.
    Im Grunde nur - Erkenntnis! sagte Regina. Nun, wohin bist Du denn mit
Deinen Kenntnissen gelangt?
    Da ich nichts habe finden knnen, das grer als mein Herz und folglich
meiner Liebe wrdig wre. Die Hhen des Tschimborasso, und die Weiten der Wste
und die Tiefen des Ozeans und der Donnersturz des Niagara fllen die Abgrnde
meines Herzens nicht aus - und all das Lebensgewimmel voll Ttigkeit und
Geschftigkeit, voll Klgeleien und Betrgereien, voll Berechnung und Tuschung,
voll Anstrengung und Nchternheit gibt meinem Herzen auch nicht einen einzigen
rascheren Schlag.
    Das begreift sich! sagte Regina. Das Menschenherz ist ein goldener Kelch,
den Gott mit Opferwein gefllt haben will. Soll er den schalen Wein der
tglichen Mahlzeit oder der irdischen Feste aufnehmen, so entspricht er nicht
seiner Bestimmung. Er wird entweiht - und das Herz, das ein lebendiger Kelch
ist, wendet sich ab von der Entweihung - wenn es sie begreift - und bleibt
lieber leer. Weit Du wohl, da dies eine groe Gnade ist?
    Zu der Erkenntnis hab' ich es noch nicht gebracht, antwortete Uriel mit
einem Anflug von Bitterkeit.
    Der Trank aus trben Cisternen gengt Dir nicht; aber Du verschmachtest,
entgegnete Regina. Nun wohlan, Uriel! wende Dich zu den Wassern des ewigen
Lebens, wende Dich zu dem Born, aus dem sie in unergrndlicher Flle strmen.
Durchschweife nicht lnger den Erdball. Geh' in das erste beste Kirchlein, knie
nieder vor dem Tabernakel. Sieh! dort in dem engen, dunkeln, kleinen Raum, dort
wohnt der, der einzige, welcher grer ist, als Dein Herz und folglich dessen
Leere fllt. Dann hast Du, was Du brauchst, was Du ersehnst, was Dir gengt.
Meinst Du, da uns die Klostermauern und die enge Zelle ser wren, als das
liebe Vaterhaus, wenn Er nicht im Tabernakel unter uns wohnte? Er ist der
gttliche Magnet, der uns fesselt! er ist der himmlische Kompa, der unseren Weg
bestimmt. Der geheimnisvolle Gott im Tabernakel ist die Vervollstndigung des
Jesukindchens in der Krippe und des bittern Leidens auf Golgatha: so liebt uns
Gott - der Knig der Ewigkeit. Wer das erkennt, dem wird eine namenlose
Seligkeit das Herz durchfluten, so geliebt zu sein. Dann werden sich die Fluten
senken und das Herz in seiner eigenen Armseligkeit zurcklassen und traurig wird
es sprechen: Ach Herr! zu lieben verstehe ich dich nicht, dazu bin ich zu
gering! aber dienen will ich dir alle Tage meines Lebens bis zum letzten Atemzug
auf dem stillen langen Kreuzweg von Bethlehem bis zum Tabernakel. Und dann sei
versichert, Uriel, Du hast den gefunden, der Dein Herz erfllt. In der Enge, in
der Stille, in der Abgeschiedenheit begegnest Du dem Gott, den Du auf Deinen
Weltfahrten nicht begegnet bist.
    Regina! Regina! rief Uriel, in diese Enge, in diese Stille mu man ein
wunderbar reines und friedliches Herz bringen; sonst reibt es sich auf.
    Ach! sagte sie, es bringt jeder sein elendes Herz mit, das unruhig ist,
weil es in menschlicher Brust schlgt. Beginnt nur erst seine stille Kreuzigung
durch die praktische Ausbung der evangelischen Rte, so wird es nach und nach
gefriedigt. Jeder hat seine Kmpfe zu bestehen, seine Versuchungen zu
berwinden, in seinen Prfungen sich zu lutern..
    Und das alles ohne das erleichternde Gegengewicht groer Ttigkeit!
    Ach, Uriel, wir haben hier mehr zu tun, als je die Tante Isabelle, Corona
und ich auf Windeck zu tun hatten.
    Ist Gebet - Tat? fragte er.
    Meinst Du nicht? fragte sie zurck. In stiller Nacht geht der gttliche
Heiland in die Einsamkeit der Berge und betet fr die sieche Menschheit. Ist das
weniger Tat, als wenn er am Tage ihre Gebrechen heilt? In stiller Nacht kniet
Franziskus, der seraphische, vor einem Kruzifix und betet: Mein Gott und mein
Alles. Das war vielleicht mehr Tat, als seine ergreifendsten Predigten, durch
die er Tausende zur Bue bekehrte. Das Gebet ist eine ungeheuere Tat, Uriel, ist
das Fundament von allem, was auf Erden zur Ehre Gottes und zum Heil der Seelen
geschieht. Nur setzt sie, statt der Hnde und Fe, die hchsten geistigen
Krfte in Bewegung. Sie ist der Atemzug des Gedankenlebens. Die Wissenschaft mit
ihren Entdeckungen und Erforschungen, die von so unberechenbarem Einflu auf die
Menschheit sind, wirkt in der Sphre des Verstandes etwa so, wie das Gebet in
der hheren und umfassenderen geistigen Sphre: sie erfindet, was andere
ausfhren. Das Gebet lenkt und untersttzt, was anderen frommt. Am jngsten Tage
wird es dereinst offenbar werden, was wir dem Gebet frommer Seelen zu danken
haben. Unser Gebet hier ist nun freilich zu gering, um groe Erfolge zu haben.
Wir sind sehr unvollkommen und gehren nicht zu jenen Lieblingen Gottes, deren
Bitten und Wnsche er gern hrt und gern erfllt. Wir sind jedoch in uerer
Praxis auch nicht so unttig, wie Du zu glauben scheinst! In einer armen Familie
hat jedes Mitglied das Seine zur Erhaltung des Hauswesens beizutragen, der eine
verrichtet dies und der andere jenes. Wir bilden eine arme Familie mit einer
geistlichen Mutter und zwlf Tchtern. Die Zahl ist festgesetzt zu Ehren des
gttlichen Meisters und seiner heiligen Apostel. Sie ist gro genug, um allen
Verpflichtungen nachzukommen; sie ist klein genug, um ohne Lrm und Tumult das
stille Grottenleben des Karmels fhren zu knnen. Die eine hat die Haushaltung
zu besorgen, die andere die Bedrfnisse der Sakristei. Die dritte ist
Krankenwrterin, die vierte spielt die Orgel und leitet den Gesang. Alle stehen
auf zum gemeinsamen nchtlichen Chor und beten die Horen zu den bestimmten
kanonischen Stunden. Ist das nicht alles eine hchst geziemende Beschftigung?
in stiller Zurckgezogenheit, die berall den Frauen so wohl ansteht, werden die
huslichen Pflichten des geistlichen Familienlebens erfllt - und erfrischend
und beseelend, wie ein schner Strom durch einfrmige Fluren, schlingt und
windet sich das Gebet durch all unser Tun und lt uns nicht allzuweit aus der
Gegenwart Gottes uns verlieren. So vergehen Tage, Wochen, Jahre. Knnen wir
nicht in Wahrheit mit Knig David selig ausrufen: Kommt vor Sein Angesicht mit
Jubel. Wir sind Sein Volk und die Schflein Seiner Weide. Gehet ein mit
Frohlocken in Seine Tore. Preiset Ihn, lobet Seinen Namen; denn lieblich ist der
Herr. Und zu einer so sen Gegenwart gesellt sich eine noch sere Hoffnung.
Dereinst kommt ein Stndlein, ach, das gebenedeite, glckselige Sterbstndlein.
Dann heit es: Der Brutigam kommt! Dann spricht die Seele: Tritt ein, o Herr,
bei deiner Magd! lngst hat mein Herz zu dir gesagt: Dein Antlitz such' ich! -
Und dann spricht er, der unendlich milde und liebliche Herr: Stehe auf, meine
Freundin, und komm'. Der Winter ist vorber! - Sieh, Uriel, so lebt man und
stirbt man auf dem Karmel.
    Er hrte ihr zu. Sie htte stundenlang sprechen knnen und er wrde des
Zuhrens nicht mde geworden sein. Ihm zerschmolz das Herz vor diesen
Frhlingslften aus einer bernatrlichen Welt. Sie sagte das alles mit einer
Einfachheit und Geistesstille, welche deutlich zeigten, wie heimisch sie in
jener war. Wie von lindem Balsam berflossen und geschmeidigt lste sich die
Spannung, die Unruhe, die ihm die Brust zerkrallten. Er verga, da er sie
geliebt, da er sie verloren hatte. Er war bei ihr, er war glcklich.
    Regina, Knigin meiner Seele! rief er mit einem Ausbruch von namenloser
Wonne.
    Willst Du zur Knigin der Seelen sprechen, entgegnete sie sanft, so mut
Du sie nennen Maria Regina, die gebenedeite Gottesmutter. Die Regina, welche Du
im Sinne hattest, ist ja lngst tot. O wende Dich doch nicht den Schatten und
dem Tode zu, wenn ein gttliches Leben Dich ruft und Deiner harrt. Lerne Gott
lieben, indem Du ihm dienst: das ist mein Wunsch und mein Gebet fr Dich.
    Er hrte, da sie vom Stuhle aufstand.
    O warte noch! rief er in heftiger Bewegung; erflle mir erst eine Bitte!
sie ist gering. Du hast am Tage Deiner Einkleidung hier am Gitter zu der ganzen
Familie gesagt: Auf Wiedersehen im Himmel! aber ich war nicht dabei. Wohlan,
Regina, ffne das Gitter, schlage den Schleier vom Antlitz zurck, damit ich
Dich noch einmal auf Erden sehe, Dich - die Du alles bist, was ich je geliebt
habe! und dann sprich auch zu mir: Auf Wiedersehen im Himmel.
    Es geht nicht, antwortete sie zgernd; ich tue es nie.
    Ich will es nicht verraten, sagte Uriel flehend, nicht dem Vater, nicht
an Corona, nicht an Hyacinth.
    O, Hyazinth wnscht so etwas nicht! rief sie. Er war nie hier - und es
wre doch ihm und mir ein Trost gewesen. Aber er will nicht den irdischen Trost.
Sein Herz ist so recht ein Opferkelch. In den heiligen fnf Wunden bin ich immer
mit ihm vereint; denn nichts verknpft die Seelen so innig, Uriel, als die
Entsagung.
    Ja, er ist eben Hyazinth, sagte Uriel sanft. Wirf mir nicht vor, da ich
anders bin. Einmal, nur ein einziges Mal la mich Dich sehen in dem wunderbaren
Leben, das Du von himmlischen Geistern gelernt haben mut. Einmal tritt heraus
aus den Wolken, Du Morgenstern meines Lebens - und dann bleibst Du mein
Polarstern. Einmal, Du seliges Geschpf, la mich den Abglanz Deines Glckes
schauen und meiner Seele einprgen.
    Genug, sagte sie. Warte hier, ich komme wieder.
    Sie kam wieder und sagte:
    Uriel! es war eine besondere Eingebung Gottes, da ich mir vornahm, als ich
den Schleier empfing, er solle mir nun auch wirklich alle Gestalten der Erde
verschleiern. Aber heute ist's ein besonderer Fall!
    O Dank, Regina! Gott Dank! frohlockte er.
    Versprich mir aber eines, sagte sie feierlich. Der Vater und Corona
drfen nie erfahren, da Du mich gesehen hast. Versprich es mir bei dem
gekreuzigten Herrn und Heiland.
    Bei dem gekreuzigten Herrn und Heiland! wiederholte Uriel mit einer
Stimme, die vor Bewegung zitterte.
    Der innere Laden wurde aufgeschlossen, der dunkle Vorhang zurckgeschoben,
endlich das Gitter weit geffnet. Da standen drei Karmelitessinnen in ihrem
dunkelbraunen Habit mit dem weien Skapulier und dem schwarzen Schleier. Zwei
von ihnen hatten ihn tief ber das Antlitz herabgesenkt. Die dritte hatte ihn
ganz zurckgeschlagen; nur weies Linnen umgab ihr Gesicht. Das war Regina;
schlank und hoch stand sie zwischen den Ordensschwestern und blickte ruhig zu
Uriel hinber. Er hielt die Augen geschlossen, bis all die Vorbereitungen
gemacht waren; dann schlug er sie zu Regina auf. Als habe er einen Todessto
mitten im Herzen empfangen - so taumelte er vom Gitter zurck, brach zusammen,
sank auf die Knie, schlug beide Hnde vor's Gesicht und rief mit einem chzenden
Schrei:
    Ah! Ah! Regina - ist das die Milde und Gromut Gottes!
    Seine Barmherzigkeit ist's, die mir schon auf Erden mein Purgatorium -
seine Liebe ist's, die mir Anteil am Kreuz gnnt, entgegnete sie ruhig.
    Leichenbla und abgezehrt waren ihre Zge, eine frchterliche Wunde klaffte
an ihrer linken Wange und zog sich zu der Schlfe hinauf - und wie Kerzen in
einer Gruft standen ihre Augen, noch grer, noch strahlender als sonst, mit
stillem Glanz ber der grausigen Zerstrung.
    Das Gitter zu! den Schleier herab! rief Uriel in namenloser Verzweiflung.
Ich halt es nicht aus! ich sterbe vor dem Anblick.
    Der Vorhang rauschte zusammen und sie sagte:
    Sieh, Uriel, das ist die Regina, die Du geliebt hast - und Du schauderst
vor ihr zurck! Wirst Du nun die Fgungen Gottes preisen?
    Nein! rief er, und seine Verzweiflung lste sich in Trnenstrmen - das
ist sie nicht! Das Lamm Gottes, das Opfer, das sich lchelnd und selig langsam
am Kreuz schlachten und verbluten lt: das ist die Regina, die ich liebe. O Du
gottbegnadetes Geschpf, welch einem groen Herrn dienest Du!
    Es ist der, welcher gesagt hat: ich liebe, die mich lieben; und der mir zum
Beweis seiner Liebe seine Dornenkrone aufgesetzt hat.
    Uriel drckte mit beiden Hnden die Trnen aus seinen Augen, nahm alle Kraft
zusammen, um seine Aufregung zu bemeistern, blickte auf das Kruzifix, das ihm
noch nie so verstndlich, so lebendig gewesen war, sammelte sein Herz in seinem
Willen und sagte gefat:
    Wohlan, Schwester Therese vom Lamm Gottes, der Herr, der Deine Liebe mit
einem solchen Lohn auf Erden vergilt, dessen Liebe mu etwas ber alle Begriffe
Groes, Ses, Gttliches sein, welches das Ma meines Herzens berfllt. Das
hab' ich verlangt, das hab' ich gesucht! nun ist es gefunden: dem Herrn will ich
fortan dienen.
    Da teilte sich der Vorhang. Regina erschien in ihre Schleier verhllt und
nichts von ihrem Antlitz war sichtbar, als ihre Augen, die wie aus dem Jenseits
schimmernd ihn anblickten. Mit unbeschreiblicher zrtlicher Freude sagte sie:
    Auf Wiedersehen im Himmel! und verschwand. -
    Am Abend dieses Tages suchte Uriel in der Stadt den Superior der
Karmelitessen auf, nannte sich ihm und fragte ihn, nachdem er in einigen Worten
den Vorgang mitgeteilt hatte, wie denn eigentlich dies furchtbare Leiden ber
die blhende krftige Regina gekommen - und ob nichts zu ihrer Herstellung
versumt sei.
    Letzteres ist gewi nicht der Fall, erwiderte der Geistliche. Wir haben
hier uerst geschickte Aerzte und keine Mittel, auch die schmerzlichsten nicht,
sind unversucht geblieben. Aber dies bel ist ja fast immer unheilbar! - Als die
Grfin bei den Karmelitessen eintrat, siechte eine Laienschwester daran hin und
die demtige Novize bat um Erlaubnis, die Kranke pflegen zu drfen. Ansteckend
ist es nicht; nur heit es, da der Krankheitsstoff, wenn er auch nur durch ein
Minimum in das Blut des Gesunden bergehe, dieses vergifte. Die Grfin empfing
mit Freuden die Erlaubnis und besorgte ihr Geschft mit solcher Andacht, da die
Oberin mir sagte, ihr fielen dabei die Legenden von der heiligen Elisabeth von
Thringen und der heiligen Katharina von Siena ein. Kaum war die Laienschwester
tot, so zeigte sich das bel bei der Grfin; aber sie kannte dessen Entstehung
nicht und beachtete es nicht, hielt es fr vorbergehend, vielleicht erzeugt
durch die vernderte Lebensweise und mochte nicht davon reden, aus Furcht, man
werde sie, die noch Novize war, zurckschicken, damit sie sich im Vaterhause
herstellen lasse. Bemerken konnte es niemand, da der Halsschleier die Wangen zur
Hlfte bedeckt, da sie immer ganz heimlich die Linnen wusch, welche sie auf die
Wunde legte und nie die leiseste Unruhe oder Bekmmernis kund gab. Nachdem sie
Profe abgelegt hatte und somit ganz sicher war, da man sie behalten msse -
wie sie unbefangen sagte - da sprach sie denn endlich von dem bel und sogleich
wurde ein geschickter Arzt zu Rate gezogen. Er meint, sie knne einen
Nadelstich, einen feinen Ri an der Hand gehabt - und durch denselben, bei dem
Verbinden der Laienschwester, den Giftstoff im Blut aufgenommen haben.
    Und so ist sie verloren - rettungslos verloren! sagte Uriel tonlos.
    Nur fr die Erde, Herr Graf, von der sie ja, der Sehnsucht nach, lngst
abgeschieden ist; droben ist ihr ein herrlicher Platz bereitet. Die heilige
Therese sagt: Nach dem Ma der Liebe, mit der wir unserem guten Jesus
nachgefolgt sind, werden uns die himmlischen Wohnungen eingerumt. Da ist denn
wohl zu hoffen, da der gute Jesus die Schwester Therese vom Lamm Gottes
liebevoll empfangen werde, wenn sie vor seinem Thron erscheint. Ein
Blutbrutigam, wie die heilige Schrift ihn nennt, ist er ihr hienieden gewesen;
in seinen Wunden hat er sie sich anvermhlt; zu einem lebendigen Schlachtopfer
hat er sie auserkoren; und sie hat, wie das Lamm, das zur Schlachtbank gefhrt
wird, gnzlich dem Willen des gttlichen Brutigams sich hingegeben, nie den
Mund zur Klage, viel weniger zum Widerspruch geffnet und so gelitten, in
stiller, schweigender Liebe, wie die ganz guten Kinder Gottes leiden. O Herr
Graf! das gibt eine selige Sterbestunde - und wenn wir uns einer solchen
erfreuen, so haben wir ja unsere Bestimmung erfllt und unser Ziel erreicht.
    Uriel lie sich noch mancherlei erzhlen von ihrer heldenhaften Geduld, von
ihrer gromtigen Ergebung. Der Arzt hatte ihr jede Anstrengung untersagt - auch
Orgelspiel und Gesang, auch das gemeinschaftliche Chorgebet; gerade alles, was
ihre seste Beschftigung war. Die schlaflosen Nchte wurden ihr zuweilen so
lang und gern htte sie sich dann zum Tabernakel geflchtet und Kraft gesucht in
der wesenhaften Gegenwart Gottes; aber sie durfte nachts nicht die Zelle
verlassen: so wollte es der Arzt - und sie fgte sich mit einer
Bereitwilligkeit, als habe sie auf Genesung gehofft. Uriel fragte, ob sie noch
ein langes Leiden vor sich habe? Der Geistliche erwiderte, das knne der Arzt
nicht bestimmen. Es gehre Zeit dazu, bis eine so krftige Natur aufgerieben
sei. Manchmal trete ein Stillstand in der Krankheit ein - und das sei eben jetzt
der Fall - dann erscheine sie, der Stimme und den Bewegungen nach wie eine
Gesunde. Aber nach solchen Pausen im Leiden erhebe es sich jedes Mal mit
verstrkter Gewalt.
    Ich war ahnungslos ber ihren Zustand, bis ich sie sah, sagte Uriel.
    Ja, sie ist eine Heldin im Leiden, entgegnete der Superior. Sie ist viel
nher bei Gott, als bei sich selbst. Sie hngt mit Christus am Kreuz und
schweigt, wie er. Nur dauert ihre Passion lnger, als von der Sext bis zur Non.
Betrben Sie sich nicht, Herr Graf! den Auserwhlten sollen wir nachahmen, nicht
nachweinen.
    Das fhlte Uriel. Ihm war zu Mut, als sei der Nachen seines Lebens vom Ufer
und von dessen Untiefen und Klippen weit hinweg und auf die hohe See
geschleudert, damit er endlich mit vollen Segeln gehen und den Gestaden der
bernatrlichen Welt zusteuern lerne. Ein Orkan war durch seine Seele in wenigen
Minuten geflogen und hatte sein Inneres zu einem Chaos gemacht; aber so, wie
einst die Sndflut die Schpfung verheerte, damit eine neue Erde aus ihr
hervorgehe. Die Taube mit dem lzweig schwebte ihm zu. Alle Bitterkeit war
geschwunden, alle Hrte zerschmolzen - denn die sind irdisch und Himmlisches
hatte sich ihm genaht. Martyrer sind Wundertter. Das empfand er. Er dachte
daran, da er einst vor Jahren zrnend zu Regina gesagt habe, sie msse fr ihn
leiden, weil sie ihm so viel Leid bereite. Das war nun geschehen. Er sagte, wie
der heilige Johannes von Gott vor einem Kruzifix zu sagen pflegte: Deine Dornen
sind meine Rosen und Deine Leiden mein Paradies.
    So kam er nach Windeck zurck. Die Baronin empfing ihn wie eine zrtlich
besorgte Mutter. Er sagte ihr nur, dankbar und beruhigend:
    Es ist alles gut, liebe Tante, alles gut - mit ihr und mit mir!
    Aber in Levins Arme sank er und sagte:
    Ich habe gefunden, was mein Herz ausfllt: Liebe zum Leiden, aus Liebe zu
Gott.

                                  Der Kreuzweg


Also dies ist die berhmteste Ruine der Welt! sagte Judith und blickte sinnend
umher.
    Ja! dies ist die Weltruine! entgegnete Lelio.
    Dies ist die Ruine, welche Tyrannenmacht verherrlichen sollte - und ihrer
spottet! rief Florentin.
    Sie ist hchst malerisch! bemerkte Madame Miranes.
    Sie standen im Koliseum zu Rom.
    Was sagt Graf Orestes? fragte Judith, zu ihm sich wendend.
    Nichts, erwiderte er. Er hrt und sieht - Sie.
    Das war begreiflich! Von Kopf zu Fu in schwarzen Sammt gekleidet, mit dem
dunkeln Auge in dem schnen farblosen Antlitz, glich sie jenen Statuen aus
hadrianischer Zeit, die freilich nicht mehr im reinen Stil der Antike, aber
vielleicht umso berraschender - nicht geistiger, aber sinnlich lebendiger sind:
deren Gewandung ist aus dunkelm Marmor; Hnde, Fe, Antlitz - aus weiem Marmor
und das Auge aus schwarzer Emaille.
    Sie sehen aus wie ein Gtterbild, das aus alter Zeit vergessen hier stehen
geblieben wre, setzte er hinzu.
    Nein! rief Lelio; sondern wie eine chte Tochter Sions, die im
Trauergewande auf dieser Sttte stehen mu. Hier erfllte sich das Schicksal
Ihres Volkes in seiner ganzen Herbe. Whrend hier 12000 gefangene Juden auf
Kaiser Vespasians Gehei Block auf Block zu diesem Riesenbau hinwlzten und
zusammentrmten und bei der Anstrengung und Mhsal umkamen, wurde ihr eigener
Tempel von den Rmern zertrmmert, so da kein Stein auf dem andern blieb. Sie
muten sklavisch zur Verherrlichung der Gttin Roma beitragen, whrend Rom das
Volk Gottes samt dem Gottestempel vernichtete. Seitdem ist es
auseinandergefallen in wandernde Stmme, an denen sich noch nicht die Verheiung
des Propheten erfllt: Israel zieht hin zu seiner Ruhe.
    Wie das schn klingt! sagte Judith: Israel zieht hin zu seiner Ruhe!
weit schner als Opernarien und Freiheitshymnen! Wer spricht so, Lelio?
    Ein Mann Ihres Volkes; aber keiner von denen, welche die modernen Opern
komponieren und die modernen Freiheitshymnen dichten. Der Prophet Isaias spricht
so, ein Gottgesandter, der die Ankunft des Messias und die Erlsung verkndete
und den ein gottloser Knig ums Leben brachte, weil gttliche Wahrheit dem
irdischen Sinn verhat ist.
    Warum kennen wir nicht die Schriften unserer grten Mnner? fragte Judith
ihre Mutter.
    Bestes Kind, erwiderte diese, woher sollten wir Zeit nehmen, uns mit der
alten Literatur zu beschftigen, da wir ja an der modernen in vier bis fnf
Sprachen bergenug haben.
    Lelio lchelte und Florentin nahm das Wort:
    Wie wr' es mglich, sich mit dergleichen Antiquitten zu befrachten, da
jetzt unsere ganze Gegenwart eigentlich eine Weissagung ist.
    Welche sich durch tanzende Tische ausdrckt, nicht wahr? warf Judith ein.
    Oder durch Brigham Young, den Mormonenhuptling und Konsorten! rief Lelio.
    Nein, nein! Durch Jung-Deutschland und Jung-Israels Zeitungsbltter! sagte
Orest.
    Genug! rief Florentin triumphierend, durch Millionen Stimmen, die Ihr
verhhnt, weil Ihr sie nicht widerlegen knnt - und gegen die Ihr aufschreit,
weil Ihr Euch vor ihnen frchtet.
    O nein, sagte Lelio, wir wissen, da es von Anbeginn falsche Propheten
gegeben hat, und da sie groen Zulaufs sich erfreuten; denn sie reden zur Welt
vom Weltgeist. Sie schauen sich um in den niederen Geistesschichten der Epoche
nach der vorherrschenden Strmung und Richtung derselben und nach welchem Punkt
hin diese die Fahne des Zeitgeistes drehen, die eben eine Wetterfahne nur ist
und kein edles Banner von bestimmter Farbe, das seinen Ehrenplatz einnimmt.
Jenen Punkt fassen die falschen Propheten in's Auge, erzhlen Wunderdinge von
ihm, znden bengalisches Feuer um ihn an, streuen Weihrauch in dasselbe und
machen sich zu dessen Priester. Die Luft weht irdisch schwl in jenen
Niederungen. Da blht sich eine falsche Wissenschaft auf, da fchelt sich die
Selbstvergtterung mit Pfauenfedern, da spreizt sich der Hochmut, da flattert
die Neugier umher, da schwelgt die Sinnlichkeit, da haucht jede bse Lust ihre
giftigen Dmpfe aus; und in diesen Niederungen sind die falschen Propheten zu
Hause, oder siedeln sie sich an. Da sind sie willkommen; da werden ihre
Verheiungen gierig aufgenommen. Es sind ja die Spiegelbilder der eigenen
Begierden! Der falschen Wissenschaft wird die Herrschaft ihres Idols:
Erkenntnis, verheien; der Selbstvergtterung die Herrschaft ihres Idols:
Emanzipation von jeder hheren, heiligen Schranke; der Neugier ihr Idol: den
Einblick in schauerlich interessante Mysterien; dem Hochmut: einen Thron fr das
Individuum; der Sinnlichkeit wird das uralte Wort zugerufen: wie Gtter werdet
ihr sein! So hrt jeder von dem falschen Propheten das, was seine Begier
verlangt, labt sich an dieser Zusage, hofft auf deren Verwirklichung, treibt und
drngt nach seinen Krften zu ihr hin, schwelgt in der Verheiung und preist
den, der sie gemacht hat - so da sich um ihn, nicht selten zu seinem eigenen
Erstaunen, lawinenartig ein immenser Anhang bildet und mehr und mehr seinen Ruhm
erhht.
    Aber worin besteht denn der Unterschied zwischen dem wahren und dem
falschen Propheten - zwischen Isaias und Joe Smith, von dem ich gelesen, da er
das Buch Mormon, die nordamerikanische Bibel, aufgefunden haben wolle und, auf
sie sich sttzend, behaupte: seine Anhnger wren die Heiligen der letzten Tage
und mit besonderen Krften und Gaben ausgerstet, fragte Judith.
    Darin, da die falschen Propheten die Idole in der Menschenbrust hegen und
pflegen, schmeicheln und bereichern und dadurch ihren Weissagungen Eingang
verschaffen - und da die wahren Propheten diese Idole zu strzen und eine
hhere Geistesstrmung in die Niederungen des Lebens zu lenken suchen. Die
falschen Propheten fabeln von Menschenwitz und Menschentat; die wahren
verkndeten eine Gottestat. Als diese sich erfllte und Gott - Mensch wurde,
brauchte die Welt keine Propheten mehr, denn ihr wurde fortan durch das
Evangelium Weg und Ziel gewiesen. Heilige Seher hat es seitdem noch im
Christentum gegeben, welche durch eine besondere Kraft die Dinge der Zukunft in
der Zeit wie in der Ewigkeit in wunderbaren Gesichten schauten und ihnen Worte
gaben. Allein diese Gesichte, diese Prophezeihungen des Zuknftigen wurzelten
immer in der Offenbarung und waren im tiefsten Einklang mit dem Evangelium. Eine
neue Wahrheit verhieen sie nicht; ein neues Wort Gottes wie Joe Smith sein Buch
Mormon, erfanden sie nicht; und deshalb bildeten sie auch keine neue Sekten,
sondern blieben schlichte, einfache Glieder der heiligen katholischen Kirche.
Auerhalb derselben wimmelt es von Propheten - bei Muhamed anzufangen, bei Joe
Smith und seinem Nachfolger Brigham Young vor der Hand zu endigen. Da sie eine
neue Offenbarung oder eine neue Deutung derselben zu bringen vorgeben, so
drcken sie sich selbst den Stempel der Unwahrheit auf und erweisen sich weniger
klug, als die Orakel der vorchristlichen Welt, die, nach glaubwrdigem Zeugnis
gleichzeitiger heidnischer Schriftsteller, verstummten, als Christus geboren
wurde.
    Mit jemand, dessen kategorischer Imperativ die katholische Kirche ist,
versetzte Florentin achselzuckend, ist freilich nicht zu streiten.
    Das kommt mir auch so vor, sagte Judith gedankenvoll.
    Denn er sieht, fuhr Florentin fort, in dem Geistesrauschen, das ber die
Welt hinfegt, um einer neueren, besseren ra die Bahn zu brechen, nur einen
Orkan, der sein Idol strzen wird.
    Der Orkan der Zeit kann die Rechte, die Besitztmer, die freie Bewegung der
Kirche hinwegfegen - wie das schon oftmals geschehen ist, entgegnete Lelio
ruhig. Aber das Ewige in ihr wird vom Vergnglichen nicht gestrzt!
    Idole sind Scheingtter, d.h. Gtzen; und diese strzen zusammen. In der
katholischen Kirche aber ist Gott - und Er ist Der, der da ist. Der Urgrund
alles Seins kann nicht gestrzt werden. Sein Geist beseelt, lenkt und fhrt die
katholische Kirche, hat schon oft vom Zeitgeist ausgelscht werden sollen, wurde
aber immer fertig mit ihm und wird es auch werden mit dem Geistesrauschen, das
sich, wie Graf Orestes sagt, in Jung-Deutschlands und Jung-Israels Zeitschriften
vernehmen lt. O! fuhr er lebhaft fort, zu Judith gewendet, mu man nicht auf
dieser Sttte von unerschtterlicher, in gttlicher Verheiung wurzelnder
berzeugung ergriffen werden, da das Evangelium und die Kirche, welche es
bewahrt und verkndet, gttlichen Ursprunges und voll bernatrlichem Leben sein
mssen? Hier wteten whrend dreihundert Jahren alle Mchte der Welt und der
Unterwelt gegen das Christentum. Hier wollten es die Imperatoren vertilgen, und
die Philosophie es mit der Ferse zertreten, und das Volk es in Blut ertrnken;
und siehe da! nach drei Jahrhunderten hatte das Christenblut die heidnische Welt
berflutet, so da nur noch deren schwarze Trmmer aus dem rauchenden Meer von
Blut und von Trnen aufstarrten. Hier vollzog sich der Untergang Israels; hier
der Untergang des heidnischen Roms. Die Legionen besiegten die Juden und die
Martyrer die Legionen. Fr beide Siege blieb als Denkmal das Koliseum zurck;
drum nannte ich es vorhin die Weltruine! und sehen Sie, Signora, die Trophe des
letzten Sieges: - dort!
    Lelio zeigte auf das schlichte hlzerne Kreuz, das von einigen Stufen
umgeben, mitten in der Arena des Koliseums sich erhebt. Sie waren smtlich zum
Podium hinauf gestiegen, dem breiten Umlauf vor den Sitzen der Zuschauer bei den
Gladiatorenspielen - und blickten von hier ber eingestrztes Mauerwerk und
grne Schlingpflanzen in das schne edle Oval der Arena hinab. Judith lie sich
von Lelio die Einrichtung des Gebudes und die Art der Spiele, die hier
stattfanden, beschreiben. Madame Miranes schauderte. Judith sagte:
    Welch' eine Entnervung des Charakters gehrt dazu, um in eine solche
Verwilderung zu fallen.
    Ich kann sie begreifen! sagte Orest. Es ist ja unmglich, in permanenter
Bewunderung des Ballets zu bleiben. Das Auge stumpft sich ab; das Herz nimmt es
bel, da es durch das Auge keinen Eindruck mehr empfngt, der es zu einem
rascheren Schlage anspornt, und mag nicht in der faden Mattigkeit verbleiben. Da
gert man denn in den Gegensatz, um die Sehnerven wieder zu beleben und dem
Herzen wieder Spannkraft beizubringen. Bestndig Honig ist der Zunge widerlich.
Drum indischen Pfeffer her! So ging's den alten Rmern - und wer wei, was uns
noch passiert.
    Besser doch zum Schwarzbrot des Lebens greifen, rief Judith.
    Um an der Kost Behagen zu finden, mu man eine sehr gesunde Natur haben,
bemerkte Lelio.
    Ich wundere mich aber sehr, Graf Orestes, sagte Judith, da Sie solche
affrse Neigungen dem Herzen zuschieben wollen! Schieben Sie es auf Erziehung,
Beispiel, rohe Umgebung, schlechte Sitten oder sonst etwas - nur nicht auf's
Herz.
    Die hchst edlen Herzen leben und handeln nicht hchst brutal, entgegnete
Orest. Das Ding, das in der Menschenbrust Tiktak macht, stellt den Zeiger auf
unsere Handlungen.
    O, er hat recht, Signora! rief Lelio; der Graf hat ganz recht! im Herzen
sitzt der Wille des Menschen und macht ihn gttlich oder teuflisch oder gemein -
je nachdem er das Herz mit seinen Neigungen zur Hhe treibt, zur Tiefe drngt.
    Knnt' ich nur begreifen, Lelio, sagte Judith fast ungeduldig, wie Sie in
so wenig Wochen sich ganz haben verwandeln knnen! Frher sprachen Sie in
Fiorino's Styl und lebten in dessen Anschauungsart - allerdings schwunghafter!
und jetzt ist das spurlos verschwunden, wie mit einem feuchten Schwamm von der
Schiefertafel hinweg gewischt!
    Das verspricht Dauer! rief Florentin verhhnend.
    Sie mssen bedenken, Signora, sagte Lelio gelassen, da ich eine
vortreffliche katholische Erziehung genossen und bis zu meinem achtzehnten Jahre
in dem Kreise einer Familie aufgewachsen bin, die, so einfach brgerlich sie
ist, durch cht christliche Bildung sich auszeichnet. Nichts macht den Geist so
empfnglich fr schne und groe Ideen, nichts hebt das Gefhl zu einer solchen
Hhe, als die Kultur der Seele durch Religion. Unter diesen Einflssen verlebte
ich meine Kindheit, meine erste Jugend. Ein Bruder meines Vaters ist Pfarrer an
der Kirche Maria della pace; ein Bruder meiner Mutter ist Benediktiner zu Sta.
Scholastica, droben im Gebirg; eine ihrer Schwestern Klosterfrau bei den vive
sepolte .... -
    Grlich! rief Judith; bei den Lebendig-Begrabenen! o grlich!
    So nennt sie der Volksmund - ja Signora! fuhr Lelio ruhig fort. Was ist
denn darber zu lamentieren? Begraben zu sein fr die Bosheit und Gemeinheit der
Welt, ist doch wahrlich kein Unglck! Trsten Sie sich, Signora! meine Mutter
hat noch drei Brder und zwei Schwestern, die smtlich in glcklicher Ehe leben
und zusammen wohl zwei Dutzend Kinder haben: die Welt stirbt nicht aus! aber die
Seelen, die sich von ihr zurckgezogen haben, erhalten in der Familie durch ihr
Gebet und ihr Beispiel ein gewisses himmlisches Element, ein bernatrliches
Gut, das auch Denen zu gut kommt, die im Strome der Welt schwimmen. Als ich
jetzt zu meinen Eltern zurckkam, brauchte ich mich nur unterzutauchen in die
Erinnerungen meiner Jugend - und der ganze Ballast sndhafter Verkehrtheit fiel
mir wie eiserne Bande von der Stirn, von der Brust, vom Auge. Ich wurde frei -
denn ich trat aus der Luft des Todes in die des Lebens - aus der Knechtschaft in
die Erlsung zurck.
    Ja, sagte Judith gedankenvoll, es mgen geheimnisvolle Einflsse um uns
ttig sein und wir bemerken es nicht! oder wir fliehen wohl gar die heilsamen
und suchen die unheilvollen auf.
    So hab' ich es damals gemacht, als ich es vorzog, meinen Leidenschaften den
Zgel schieen zu lassen, anstatt sie zu bndigen, entgegnete Lelio.
    Signora, sagte Orest unmutig, Sie scheinen nach Rom gegangen zu sein, um
sich ausschlielich mit Signor Lelio zu unterhalten.
    Man folgt gern den Schicksalswendungen eines alten Freundes nach, sagte
sie.
    Jetzt wollen wir uns aber aus dem Staube machen! rief Florentin. Da kommt
eine Prozession mit ihrem plrrenden, ohrenzerreienden Gebet! das ist
unaushaltbar.
    Durch den groen Eingangsbogen, vom Forum her, trat ein Kapuzinerpater, ein
groes Kruzifix tragend, in die Arena, und eine Menge Menschen folgte ihm laut
betend.
    Ah, die Kreuzwegandacht! es ist heute Freitag, sagte Lelio.
    Was beginnen diese Leute? fragte Judith; weshalb knieen sie alle dort
nieder und was bedeuten die blassen Gemlde, die ich eben jetzt erst an der
inneren Ringmauer der Arena bemerke?
    Nachdem das Koliseum seine erste Bestimmung verloren hatte und kein Zirkus
fr Gladiatorenkmpfe mehr war - Dank dem frommen Einsiedler Telemach, der vom
Geist christlicher Liebe aus seiner Felsenzelle getrieben, sich mitten in die
Arena flehend und weinend warf ... -
    In was sich diese Mnche nicht berall einmischen! unterbrach Florentin
Lelio's Bericht. Die Civilisation htte diese Spiele ja von selbst ersterben
lassen!
    Und da bis dahin noch ein paar tausend Menschen von anderen Menschen und
zum Vergngen von abermals Menschen hingewrgt wurden, hat freilich in den Augen
der Civilisation gar nichts - fr den armen Einsiedler aber sehr viel zu
bedeuten; entgegnete Lelio. Die entmenschte Roheit war in diesem Punkte so
hoch gestiegen, da kein Gesetz des Kaisers Theodosius die blutgedrngte Arena
in Rom zu schlieen vermochte und noch weniger gelang es seinem Sohn, dem Kaiser
Honorius. Telemach brachte es zu Stande, indem er sich opferte. Er strzte sich
zwischen die Kmpfer, um sie zu trennen, und rief die Zuschauer an, ihm
beizustehen in diesem Bemhen. Allein die Gladiatoren, im Blutrausch des
wtenden Kampfes, metzelten denjenigen nieder, der ihnen das Leben retten
wollte, und Telemach's zerfleischter Leichnam lag vor den blutigen Schwertern
beider Parteien. Da entsetzte sich das Volk ber eine solche Barbarei, und nun
wurde es dem Kaiser Honorius leicht, die Gladiatorenspiele aufzuheben. Wenig
Jahre spter wurde Rom von den wilden nordischen Vlkern mehrmals bedroht und
belagert, erobert und geplndert. Sie machten das Koliseum zu ihrer festen Burg
und ihrem Lagerplatz. Als sie abzogen, war Rom verwstet und durch Feuersbrnste
verheert. Da wurde das Koliseum ein Steinbruch: aus seinen Blcken erbaute man
ganze Palste. In eine unzerstrbare prchtige Ruine verwandelt stand es nun da,
bis im Mittelalter die wilden Parteien des rmischen Adels teils dem Papst,
teils sich untereinander die Herrschaft der ewigen Stadt zu entreien suchten
und in blutigen Fehden, welche die fremden Knige zu ihrem Vorteil untersttzten
und ausbeuteten, grliches Elend, Not und Schmach ber die ewige Stadt
brachten. Die Orsini und Colonna, Roms stolzeste Shne, hausten schlimmer als
Gothen und Vandalen, und das Koliseum mute auch ihnen als Feste und Warte
dienen, worin sie sich verschanzten und die Campagna berschauten. Dann wurde es
wieder still um diese wunderbare Ruine, an die jeder Sturm in der Weltgeschichte
heranbrauste, ohne ihre Schnheit zu beeintrchtigen.
    Im vorigen Jahrhundert lebte ein groer apostolischer Missionr, der selige
Leonardo von Porto Mauricio, Franziskanerordens. Der erwog in seinem von
Christusliebe glhenden Herzen, es gezieme sich, da diese Sttte, ber welche
Martyrerblut in Strmen geflossen war, eine heilige Weihe empfange. So viele
Kirchen Roms waren ber den Grbern derjenigen Martyrer erbaut, deren Namen,
Taten und Leiden zur allgemeinen Kenntnis gekommen waren; aber die Armen, die
Namenlosen, die Unbekannten, die hier ihre Seele in ihrem Glaubensbekenntnis
aushauchten und deren Grab niemand kennt als Gott: sie waren es wohl wert, da
das Leid, welches sie hier geduldet - hier auch mit dem gttlichen Leiden in
Verbindung gebracht werde, welches allein ihre Kraft und Strke war. Der heilige
Vater Papst Benedikt XIV. genehmigte die Bitte und den Vorschlag des seligen
Leonardo. Es wurden jene kleinen Kapellen an der inneren Ringmauer errichtet,
die so unscheinbar sind, da sie den Charakter des Koliseums nicht stren, aber
ihm gleichsam eine christliche Seele geben. In jeder der vierzehn Kapellen ist
ein Gemlde, welches einen Moment aus dem bitteren Leiden und Sterben des Herrn
darstellt: seinen Kreuzweg; also fr jeden Christen der Weg und der Wegweiser
zum Himmel, daher sehr heilsam zu betrachten und im Herzen zu erwgen und
deshalb eine der beliebtesten Andachtsbungen des christlichen Volkes. Sehen
Sie, Signora, vor jedem Bilde wird Halt gemacht - Station gemacht, ist der
kirchliche Ausdruck - werden einige kurze Gebete gebetet, die sich auf den
Moment des heiligen Leidens beziehen und eine kleine Nutzanwendung auf uns
selbst machen. So wandelt die Seele an den vierzehn Stationen vorber, im Geist
den Herrn begleitend, von seiner Verurteilung bis zu seiner Grablegung,
gekrftigt in ihrer Trbsal und zu ihren Kmpfen durch das leuchtende, rhrende
Vorbild ihres gttlichen Erlsers. Fiorino behauptet freilich, die stupiden
Mnche mischten sich unntzer Weise in eine Menge von Dingen, die auch ohne sie
zu Stande kommen wrden; aber ich glaube nicht, da die liebliche
Kreuzwegandacht hier von selbst aus Sand und Steinen aufgeblht wre. Ein armer
Mnch mute kommen und sie aus seinem liebeflammenden Herzen hierher
verpflanzen.
    Armseliger Spott, rief Florentin erbittert, der meinen und Ihren gesunden
Menschenverstand, Signora, nicht trifft. Aber das behaupte ich: ob diese Andacht
hier oder im Mond gehalten wird, das ist fr das wahre Wohl der Menschheit
durchaus gleichgltig und deshalb htte dieser erbrmliche Mnch sie in seinem
Herzen oder in seinem Kloster behalten drfen.
    Wie denn berhaupt die beste Lebensuerung der katholischen Kirche und die
beste Kundgebung innigen Glaubens in Deinen Augen, Fiorino, die wre - da sie
sich unsichtbar machten; nicht wahr? sagte Lelio.
    Und ich bin der Ansicht, sagte Judith, da das wahre Wohl der Menschheit
auerordentlich gefrdert wird, wenn man ihr durch Andachtsbungen Trost und
Krftigung beibringen kann. Das ist ein edles, einfaches Mittel und es freut
mich viel mehr, Fiorino, die Kreuzwegandacht im Koliseum gehalten zu wissen, als
im Monde.
    Wenn Sie das Menschenwohl im stumpfen Dulden erblicken, Signora, so
begreift sich Ihre Freude. Nur entadeln Sie den Menschen dadurch und berauben
ihn seiner Wrde, entgegnete Florentin.
    O nein! rief Lelio; der betende Mensch ist sich mehr als ein anderer
seiner Wrde bewut: er spricht mit Gott, als ein Kind zum Vater.
    Lelio, ich bitte Dich, hr' auf mit Deinen Faseleien! rief Florentin mit
steigender Heftigkeit. Es ist entsetzlich, einen vernnftigen Menschen - denn
Du warst noch vor drei Monaten ein sehr vernnftiger Mensch, von hellem Kopf und
klarer Einsicht - in einer so traurigen Verwirrung seiner Begriffe zu sehen. Der
Mensch ist ein aus ewigen Naturgesetzen hervorgehendes, in sich selbst
abgeschlossenes, selbststndiges Individuum, das sich innerhalb der Schranken
jener Gesetze frei bewegt. Er kann sich nicht unsterblich machen, kann nicht
immer zwanzig Jahre alt bleiben, kann nicht auf einem anderen Planeten sich
ansiedeln und was dergleichen Schranken mehr sind, welche eine Bedingung seines
Daseins ausmachen. Aber in die Abhngigkeit von einem sogenannten hheren Wesen
ihn bringen, zu einem unmndigen Kinde ihn machen wollen, das jenem Wesen
gegenber zu bitten, zu danken, zu wnschen, zu jammern htte, um es sich
geneigt zu machen - ja, das ist eben ein Mrchen, womit man die Vlker in den
Tagen der Unwissenheit am Gngelbande fhrt. Ein solches hheres Wesen kann
schon deshalb gar nicht fr uns existieren, weil kein Zusammenhang zwischen ihm
und uns besteht.
    Was wre denn das Leben Deines Geistes und Deine unsterbliche Seele?
fragte Lelio.
    Der Geist ist ein Erzeugnis der Ttigkeit des Gehirns, erwiderte
Florentin, entwickelt sich mit dem Gehirn und stirbt mit ihm dahin. Das lt
sich beobachten von der Wiege bis zum Grabe, vom Kinde bis zur Leiche.
Unsterbliche Seelen hat die Wissenschaft noch nicht entdeckt. Sie fallen mitsamt
jenem hheren Wesen, jenem auer- und berweltlichen Gott, in die Kategorie der
Fabel. Spricht also ein Mensch zu diesem Wahngebilde, so macht er den Eindruck
eines Fieberkranken, der seine Phantasien fr Wahrheit hlt. Wie kann da von der
Wrde des Menschen die Rede sein? Ein aufrichtiger Mensch, der nicht mit sich
selbst und nicht fr andere geflissentlich Komdie spielt - was knnte der wohl
in einer solchen betenden Situation sagen?
    Vergib uns unsere Schuld, erwiderte Lelio ernst.
    Florentin erbleichte und schwieg. Orest rief:
    Allons, Florentin, Antwort! Soll der rmische Katholik das letzte Wort
haben gegen Jung-Deutschlands freien Forscher?
    Madame Miranes aber, die eine grenzenlose Langeweile bei solchen Gesprchen
empfand und gar nicht begriff, wie Judith ihnen stets mit Interesse folgen mge
- benutzte den gnstigen Augenblick und rief:
    Barmherzigkeit! wir werden hier auch zu Martyrern! wir erfrieren in diesen
Steinmassen, denn die Sonne ist fast untergegangen und die feuchte Novemberluft
ist so schdlich.
    Die Gesellschaft brach auf, durchwanderte noch die brigen Gnge und Rume
des Koliseums und stieg dann wieder in die Arena hinab. Die Kreuzwegandacht war
zu Ende. Der selige Leonardo von Porto Mauricio hat nicht blo die Errichtung
der vierzehn Stationskapellchen im Koliseum bewerkstelligt, sondern auch eine
Bruderschaft gegrndet, welche die Verpflichtung bernahm und bis zur Stunde
erfllt, jeden Freitag daselbst die Anbetung des Gekreuzigten ffentlich zu
verknden. Ihr schlieen sich gewhnlich andere Andchtige an; und einige von
diesen knieten noch betend an verschiedenen Stationen. Auch zwei Kapuziner, von
denen der eine einen Sack ber die Schulter gehngt trug. Als Judith an ihnen
vorberging, stockte ihr Schritt unwillkrlich und Florentin rief laut genug, um
von den Kapuzinern gehrt zu werden:
    Der Auswurf der Menschheit: Tagediebe, Faullenzer, Bettler und Heuchler in
einer Person!
    Die Blte des Christentums und deshalb von den modernen Heiden gehat!
rief Lelio ebenso laut.
    Die Kapuziner befolgten den Rat, den ein alter gyptischer Einsiedler einem
Jngling gab: sich gegen Lob und Tadel der Menschen wie eine Bildsule zu
verhalten. Judith sagte im Weitergehen:
    Fiorino, Sie machen es mir unmglich, Sie hier in meiner Begleitung
aufzunehmen. Solche rohe uerungen will ich nicht hren - und umso weniger, als
der eine Kapuziner ein Mann ist ... o ein unvergleichlicher Mann! Hast Du ihn
nicht erkannt, liebe Mutter? Ernest war es!
    Bestes Kind, entgegnete Madame Miranes, glaubst Du, Ernest werde hier auf
seine eigene Hand lebende Bilder auffhren?
    Ernest war es! wiederholte Judith; lter geworden, wie man eben wird in
acht Jahren, verndert durch die Tracht .... aber er war es. Damals in
Frankfurt, sagte sie zu Orest, war ich seine Schlerin in der Malerei. Jetzt
ist er Kapuziner und ich bin Opernsngerin! - welche Kluft! ich mchte ihn nicht
wiedersehen.
    Bravissimo, Signora! rief Florentin.
    Wenn Sie mich loben, Signor Fiorino, entgegnete sie kalt, so frchte ich
Unrecht zu haben. Was sagt Graf Orestes? wendete sie mit ihrem bezaubernden
Lcheln zu diesem sich hin.
    Diesmal hat Florentin recht, erwiderte Orest. Die Kapuziner sind uerst
respektable Mnner, ich kenne sie von meiner Heimat und Kindheit her und in
ihrem Kloster am Main ist die Begrbnisgruft meiner Familie; aber mit Ihnen,
Judith, und mit dem Leben haben sie nichts gemein. -
    Sie fuhren nach dem Corso, wo Judith eine groe, elegante Wohnung hatte.
Dort angelangt, verabschiedete sich Orest, setzte sich auf sein Pferd, das im
Hof des Palastes ihn erwartete, und ritt der Porta del popolo und der Milvischen
Brcke zu - denn auf der Strae sollte heute Graf Damian mit Corona von Florenz
nach Rom kommen.
    Orest schien keine Eile zu haben, die Seinen wiederzusehen. Er ritt im
Schritt, nichts weniger als heiter war sein Ausdruck und das schlanke
Vollblutpferd fhlte mit Unbehagen und mit nervosem Unwillen die Verstimmung des
Reiters an dessen unstter Hand. Orest dachte bei sich selbst: O htte ich eine
Wnschelrute! ich versetzte den Schwiegerpapa von dem ponte molle nach Windeck
zurck! Corona allein - wrde der Vernunft Gehr geben, aber er! aber er!
Hyazinth ist freilich auch da .... als Moralprediger - aber als Prediger in der
Wste! auf einen Bruder hat man nicht Rcksicht zu nehmen, wenn es das
Lebensglck gilt - und Hyazinth hat das zuerst bewiesen, als er, ganz gegen
meinen Rat und meine Ansicht, geistlich wurde. Uriel will auch kommen -
schreiben sie. So wre dann die Familie ziemlich beisammen! allein Uriel macht
auch Extravaganzen .... in seiner Art! drum ist mir niemand lstig als der Papa.
Schwiegervater, Pflegevater, Onkel und Vormund in einer Person - das gibt eine
Respektsperson sondergleichen ab, wenn man auch lngst der Vormundschaft
entwachsen ist. - - Orest fhlte sich dem Grafen Damian gegenber deshalb unfrei
in seinen Projekten, weil er voraussah, da derselbe sie ganz kalt und ohne die
mindeste Berufung auf religise Grundstze und einen bernatrlichen Standpunkt
abfertigen werde. Seinen Brdern war er entschlossen zu antworten, da sie mit
ihren exzentrischen und schwrmerischen Ideen nicht im Stande wren, die
Herrschaft der groen Leidenschaften zu begreifen; allein dem Grafen Damian, der
mit ihm, was den Egoismus betraf, ungefhr auf gleicher Stufe stand - dem
scheute er sich, Rechenschaft ablegen zu sollen. Seine Hoffnung war Corona. O!
seufzte er aus tiefster Brust, die Jagd nach dem ersehnten Glck ist etwas
Verzehrendes! Wre nicht Judith mein Ziel und erreichte ich es nicht bald - ich
wei nicht, ob ich noch lange die Folter des Lebens aushalten knnte. - - Unfern
des ponte molle traf er die Reisenden, stieg zu ihnen in den Wagen und gab sein
Pferd seinem Reitknecht.
    Graf Damian war seinem Schwiegersohn nicht sehr gewogen; es trafen zwei
selbstschtige Naturen aufeinander, welche beide Rcksichten forderten, aber
nicht nahmen, und welche beide geneigt waren, im Universum nur sich selbst und
ihre Persnlichkeit zu sehen. Diese berwiegende Wertschtzung seiner
Persnlichkeit hatte sich bei Graf Damian durch seine Liebe fr Corona nur
gesteigert, gleichsam ausgedehnt. Er zog seine Tochter in den Kreis seines Ichs
hinein und verlangte, sie glcklich zu sehen, um ihr Glck zu genieen. Dahin
lie es aber Orest nicht kommen und so fhlte er sich beeintrchtigt in seinen
so uerst edlen Glcksansprchen, die ihm umso rechtmiger erschienen, als sie
ja nur das Glck der Tochter verlangten. Der Mensch hat immer allerhand
Scheingrnde, um seine Schwchen - und gerade sie! als Tugenden darzustellen;
denn seine Schwchen - sind seine Schokinder! seine groen Fehler wre er wohl
meistens selbst gerne los. - Eine gewisse Spannung zwischen dem Schwiegervater
und Schwiegersohn ergab sich aus diesen Verhltnissen, und Corona, zwischen
beiden stehend, mute noch gar die Vermittlerin abgeben und das l ihrer
schonenden Milde ber die bitteren Fluten der Gereiztheit und des Trotzes
snftigend ausgieen.
    Hyazinth, der zur Vervollkommnung seiner theologischen Studien auf ein Jahr
nach Rom gegangen war und dort im deutschen Priesterhause Santa Maria delle
anime lebte, hatte fr die Ankommenden eine Wohnung am spanischen Platz genommen
und erwartete sie in derselben. Sie war sehr freundlich und empfing die mden
Reisenden mit behaglichem Kaminfeuer und Lampenlicht.
    Guter Hyazinth! rief Graf Damian und rieb sich vergngt die Hnde, bei
Dir ist's warm und huslich. Bisher war es recht frostig!
    Du bist hier bei Dir und nicht bei mir, lieber Onkel! entgegnete Hyazinth.
    Ich wei! ich wei! rief der Graf. Es war nur, um Dir zu sagen, da Du
Deine Sache vortrefflich gemacht hast.
    Die Koffer wurden gebracht und die Zimmer verteilt. Als der Graf in den
Salon zurckkam, sagte er:
    Es ist aber ein Zimmer zu wenig, Hyazinth! Du hast wohl nicht auf Lili und
ihre Bonne gerechnet. Wo Orest sein Unterkommen finden soll, wei ich nicht.
    Orest sa am Kamin und Felicitas auf seinen Knien. Mit einem Anflug von
Verlegenheit sagte er:
    Da diese Wohnung sehr hbsch ist und bequem liegt, so riet ich Hyazinth zu
ihrer Wahl. Eine Stallung fr meine Pferde hat sie aber nicht, und da ich diese
nicht einzig und allein der Obhut eines englischen Jockeys berlassen kann, der
zwar exzellent ist, doch kein anderes Wort spricht, als Yorkshire-Englisch: so
hause ich mit ihnen im Hotel Meloni - ganz in der Nhe.
    Unbequeme Einrichtung! brummte der Graf; da mu immer ein Diener auf den
Beinen sein, um mit Auftrgen, Anfragen etc. etc. hin und her zu laufen!
    Sein Mimut wrde zugenommen haben, wenn er gewut htte, da das Hotel
Meloni mit nichten in der Nhe lag, sondern an der Piazza del popolo und durch
die ganze lange Strae del Condotti vom spanischen Platz getrennt. So hatte
Orest es sich ausgedacht, um freier in seinen Bewegungen zu sein. Corona ahnte
nichts Gutes aus dieser Einrichtung; Orest aber sagte:
    Du wirst fr Dich und Lili gewi mit dieser Wohnung zufrieden sein, Corona,
denn davon abgesehen, da sie eine angenehme und gesunde Lage hat, brauchst Du
nur die sogenannte spanische Treppe hinaufzusteigen, so bist Du auf der
herrlichen Promenade des Monte Pincio und stehst zugleich vor der Kirche Trinit
dei Monti, welche den Damen vom Sacre Coeur gehrt.
    Das ist gut! sagte sie, das werden wir benutzen, das brauchen wir.
    Es war etwas so Eisiges in Orest's Ton und Benehmen, da sich ihr Herz
erschauernd zusammenzog und da sie, als ob ihre Seele prophetisch gewesen wre,
zu sich selbst sprach: Hier werd' ich recht den Kreuzweg zu gehen haben!
Geheimnisvolles Vermgen des inneren Menschen, da er zuweilen am Vorabend
schwerer Geschicke oder auf dem Wendepunkt seines Schicksals Andeutungen
vernimmt, die vielleicht sein Schutzengel zur Warnung oder zur Vorbereitung ihm
gibt! Hyazinth fragte viel nach Uriel und nach Onkel Levin und mute viel von
Rom erzhlen und von allem, was man hier zu tun und zu sehen habe. Orest war
einsilbig und fragte wenig. Noch weniger fragte man ihn, was er getrieben, wie
und mit wem er am Genfersee und in Genua gelebt habe. Die Leidenschaft ist eine
Mauer, welche den Menschen umgibt, vereinzelt, und allem unzugnglich macht, was
nicht sie ist. Er fhlte sich elend zwischen denen, welche seinem Herzen die
Nchsten - und dessen Glck und Freude htten sein sollen; ein Fremdling am
huslichen Herd, ohne Sympathie fr das reine, friedliche und doch so
reichhaltige Leben, welches ihn umblhte. Er langweilte sich bei diesen
Gesprchen, bei diesen Fragen nach Personen und Dingen, die ihm, durch die
frchterliche Klte, welche die Leidenschaft fr alles uert, was ihren
Gegenstand nicht betrifft, tief gleichgiltig waren.
    Die Leidenschaft ist etwas Entsetzliches und doch verwechselt die Welt sie
hufig mit der Liebe! Leidenschaft ist der von Gott ab- und der Kreatur
zugewendete Hunger des Herzens, ein unstillbarer, nagender, wtender Hunger,
der, hnlich dem physischen, den Menschen so entmenscht, da er ihn fhig macht,
wenn er den hchsten Grad erreicht hat, den Nchsten zu schlachten, den Bruder
zu morden und von dessen Fleisch und Blut das Leben zu fristen. Dasselbe tut in
der sittlichen Welt die Leidenschaft; sie verlangt ihre Befriedigung, ohne zu
achten auf die Trnen, auf das Herzeleid, auf den Jammer, welche sie denen
bereitet, die ihr im Wege stehen und die sie gleichgiltig beseitigt; ohne zu
achten der Schmach, der Entwrdigung, der Entmenschung, welche ein solches
Verfahren nach sich zieht. Sie ist eine Feuersbrunst: auf einem Punkt wilde,
zgellose, gierige Flammen und rings umher Verwstung und Elend, Klage und
Trauer und zerstrtes Glck. Sie ist die vollkommenste Blte des Egoismus; sie
isoliert den Menschen in seinem Ich - gegenber der wundervollen Gemeinschaft
der Liebe, die Gott gewollt und angeordnet hat, indem er den Seelen sein
Ebenbild gab. Gott ist die Liebe: darum liebt die Seele; darum ist Liebe - ihr
Leben, ihr Wesen, ihr Zusammenhang mit Gott und durch ihn mit aller Kreatur,
folglich ist sie der Leidenschaft geradezu entgegengesetzt. Die gttliche Liebe
befriedigt in bernatrlicher Weise den Hunger des Herzens, das ein
bernatrliches Ideal von Glck in sich trgt. Die gttliche Liebe entzndet in
bernatrlicher Weise die Flamme des Herzens, das sich sehnt zu verlodern im
heiligen Feuer des Opfers. Die gttliche Liebe entfaltet in bernatrlicher
Weise die Krfte und Neigungen des Herzens zu einer solchen Blte, da ein
Paradies von Tugenden darin aufgeht. Und das ist nun das wunderbare Geheimnis,
da der von der Erbsnde angehauchte und von der eigenen Snde befleckte Mensch
dennoch aus freier Wahl der bernatrlichen Liebe sich zuwenden kann. Das
Urgeheimnis von der Freiheit der Liebe, die im Paradiese an egoistische
Leidenschaft sich gefangen gab, wird jedem Menschen zur Lsung vorgelegt. Um es
richtig zu lsen - dazu hat der Mensch seinen Willen, der, wenn's ein guter
Wille ist, von der gttlichen Gnade untersttzt wird. Nicht jeder lst es bei
dem ersten Versuch zu seinem Heil. Auf einen Hyazinth, dem es gelang, von der
Wiege an in dem leidenschaftslosen Frieden einer bernatrlichen Liebe zu
wandeln - kommt mancher, ach mancher Uriel, der eine Welt braucht, mit ihren
Bitterkeiten und Schmerzen, ihren Erfahrungen und Enttuschungen, ihren Kmpfen
und Strmen, um sich zu besinnen auf das verlorene Gut der bernatrlichen
Liebe, das den Hunger seines Herzens stillen kann. Und auf einen Uriel kommen
viele, ach viele Orests, die es vergessen haben, da die Liebe in der
Leidenschaft ihnen verloren ging und da es, um den Hunger des Herzens zu
stillen, etwas anderes gibt, als die Speise im Trog der Tiere.
    Whrend Corona dachte, jetzt beginne ihr Kreuzweg, dachte Orest, jetzt sei
der Augenblick gekommen, der durch einen khnen Schritt seinem Leben eine
glckliche Wendung geben knne. Als die Familie auseinander ging, war es noch
nicht zu spt, um zu Judith zu eilen, die bis Mitternacht Menschen bei sich aus-
und eingehen lie. Es waren an diesem Abend ihrer so viele, da er sich unmutig
in das letzte Zimmer zurckzog, wo er um niemand sich zu kmmern brauchte und
ziemlich gedankenlos ein Album durchbltterte. Nach einiger Zeit gesellte sich
Florentin zu ihm und fragte:
    Weit Du, da Hyazinth hier ist?
    Gewi! lngst! er studiert hier schon seit einem halben Jahr.
    Und was sagt er dazu, Dich in dieser Gesellschaft in Rom zu treffen?
    Da er nicht Deine Insolenz hat, so schweigt er.
    O, sagte Florentin, Du und ich, wir sind Seelenbrder - Du kannst mir
sagen, was Du willst - ich nehme Dir nichts bel - und um so weniger, als ich
Dich aufrichtig bedaure, denn Du verlierst bei der stolzen Judith Deine Zeit und
Deine Mhe.
    Wer gibt Dir das Recht in diesem Tone zu mir zu sprechen? fuhr Orest mit
brausendem Zorn auf.
    Unsere alte Freundschaft, unsere gemeinsame Kindheit und erste Jugend,
unsere frhere Vertraulichkeit. Wir hatten ja nie Geheimnisse vor einander.
Freilich ist diese Vertraulichkeit geschwunden, seitdem Du mich bei Judith
gefunden hast.... -
    Sage lieber, seitdem Du auf politischem Gebiet einen Weg betreten hast, den
ich verabscheue und der mir jeden Gedanken an Vertraulichkeit in der Brust
erstickt, unterbrach ihn Orest.
    O nein! erwiderte Florentin; damals in London lag es nur an mir, unsere
alte Vertraulichkeit wieder anzuknpfen. Doch waren meine Verhltnisse damals
so, da ich nicht Lust dazu hatte.
    Und jetzt hab' ich keine Lust dazu! sagte Orest abbrechend; denn es war
ihm in der Tat uerst unangenehm, gerade Florentin in Judith's nchster
Umgebung sehen zu mssen; teils weil er ihn zu genau kannte, um Florentins
Umgang fr irgend ein weibliches Wesen wnschenswert zu finden; teils weil er
sich durch Florentin jeden Augenblick an Windeck und an seine Familie erinnert
fhlte. Die gemeinste aller Eigenschaften, der Neid, sprach dann auch noch ganz
leise sein Wrtchen mit: Florentin war immer in Judiths Gesellschaft und er so
selten.
    Ich beklage Dich unaussprechlich! fuhr Florentin mit einem Ton fort, der
keine Spur von Teilnahme durchklingen lie. Zwiefache Fesseln zu tragen - hier
am Herzen, dort an der Hand: das mu mehr sein, als ein Mensch aushalten kann.
    Darin hast Du Recht, sagte Orest dumpf; aber warum sprichst Du so?
    Um Dich zu fragen, weshalb Du nicht die eine Fessel sprengst und dann der
anderen ungehindert folgst?
    Orest entsetzte sich, seine geheimsten Absichten von Florentin erraten zu
sehen - und schwieg.
    Sieh! fuhr dieser fort, Du bist nicht umsonst nach Rom gekommen. Bei der
rmischen Kurie ist mit Geld - alles mglich und dann auch wieder unmglich zu
machen. La Deine Ehe fr null und nichtig erklren, so bist Du frei. Wie das zu
bewerkstelligen ist, wei ich natrlich nicht; aber mglich ist's! versteht sich
fr Geld. Du weit, wie ich von jeher ber die Ehe gedacht habe, da sie nmlich
nicht als ein uerer Zwang, sobald die Weihe der Herzenszustimmung fehlt,
haltbar sei. Ich wnsche sehr, da Du meinen Grundsatz in Ausbung bringen
mgest. Als ich heute zufllig an Hyazinth vorberstreifte, schlug mein Ha
gegen diese Vertreter der Finsternis einmal wieder in hellen Flammen auf. In der
politischen Welt ist in diesem Augenblick nichts zu machen gegen das
Nachteulengeschlecht. Tatlos mu man dasitzen und zusehen, wie sie Einflu
gewinnen und Herrschaft an sich reien. Da nahm ich mir vor, mit erneutem Eifer
auf jedem Gebiet sie zu bekmpfen, wo ich ihre Gesetze finden wrde. Und wo
findet das mehr statt und wo sprechen sie der menschlichen Freiheit mehr Hohn,
als in der Ehe. Das Wrtchen mu sollte eigentlich gar nicht existieren im
Wrterbuch der civilisierten Menschheit. In Verbindung gesetzt mit der
Herzensneigung, ist es ein Widersinn; denn die Neigung hngt nicht von uns ab,
ist durchaus unwillkrlich und schaudert heimlich vor der Vorstellung zurck,
gerade nur diese eine Frau, diesen einen Mann bis zum letzten Atemzug
ausschlielich lieben zu mssen.
    Und doch gibt es ein mu in der Liebe! sagte Orest. Man ist nicht darauf
ausgegangen, diese oder jene Person zu lieben; allein sie besitzt den Zauber -
und man mu sie lieben. Von der Cleopatra wird erzhlt, sie habe einen
orientalischen Talisman besessen, der die Wirkung hatte, da man sie lieben
mute und nie vergessen konnte.
    Dieses Mu ist ein anderes! rief Florentin; es entspringt aus einer
inneren Ntigung, aber nicht aus einem ueren Zwang.
    So redeten sie sich immer tiefer in die Verkehrtheit hinein, ohne zu
bedenken, da allerdings das Erwachen einer Neigung unwillkrlich - hingegen
ganz dem Willen anheim gegeben ist, ihr zu folgen oder ihr zu widerstehen - und
da der Widerstand deshalb so selten mit aller Kraft erfolgt, weil die Neigung
den Gelsten der verderbten Natur schmeichelt. Florentin verfolgte seine
Theorie. Orest seine Wnsche; und obgleich Orest sonst bei jeder Gelegenheit
Florentins Ansichten mit Spott und Geringschtzung abfertigte und seine Theorien
zuweilen lcherlich und immer unhaltbar fand, so hrte er ihm doch jetzt mit
Wohlgefallen zu, weil Florentin im Sinn seiner Leidenschaft sprach und seinen
Gedanken Worte lieh. Endlich wurde es still im Salon; die Stimmen verhallten,
die Tren ffneten und schlossen sich; Orest stand auf und sagte zu Florentin:
    Heute Abend ist mein Schwiegervater gekommen .... mit Corona.
    Und Du bist hier! rief Florentin staunend.
    Ja, ich habe noch mit Judith zu sprechen.
    Da trat sie ein und sagte:
    Hier ist sie! was wnscht Graf Orestes? Ach, ich bin recht froh, noch ein
paar stille Augenblicke mit Ihnen zu sprechen. Man wird so betubt von all dem
leeren sinnlosen Gerede, da der Kopf schmerzt und schwindelt.
    Auch der Ruhm hat seine Brden, sagte Florentin, und die Lorbeerkrnze,
die, von Tausenden gesucht und nicht errungen, Ihre schne Stirne krnen, sind
Ihnen zur Last. Sie sollten fortan nur Rosenkronen tragen, Signora.
    Als ob die Rosen keine Dornen htten! sagte Judith schwermtig lchelnd
und nickte ihm freundlich zu, als er das Zimmer verlie. Dann sprach sie:
    Nun, Graf Orestes, was haben Sie mir zu sagen? Sie sehen bewegt aus. Ist's
Leid, ist's Freude?
    Sie behandelte ihn ganz anders, als an jenem Abend in der Villa Diodati;
traulicher, inniger und doch mit edler Zurckhaltung. Sie wollte eben Grfin
Windeck werden und glaubte seiner sicher genug zu sein, um nicht mehr ntig zu
haben, ihn durch den Wechsel von Abstoen und Anziehen zu fesseln. Orest
schpfte tief Atem und sagte:
    Judith, ich mu mit Ihnen ber die Zukunft reden - die Ihre und die meine.
Bleiben Sie bei Ihrem Wort: alles fr alles?
    Ich bleibe dabei.
    Werden Sie mir angehren, wenn ich in voller Freiheit um das Glck werbe,
Sie zu besitzen?
    Als Grfin Windeck - ja!
    Werden Sie nicht zurckschrecken vor Kmpfen, Strmen, Widerwrtigkeiten,
Qulereien, peinlichen Auftritten ...
    Aber warum das alles! unterbrach sie ihn.
    Weil meine Ehe gelst werden mu und weil meine Frau jetzt hier ist.
    Sein Sie unbesorgt, entgegnete sie lchelnd; ich habe Mut und
Beharrlichkeit, wenn das Ziel es wert ist. Ich erschrecke nicht vor
Unannehmlichkeiten und Hindernisse zu berwinden ist ein Sporn des Willens. Ich
will auch einmal glcklich sein! ich will nicht umsonst gelebt haben! ich bin
dieser Existenz hinter Schminke und Lampen und unter stupidem Beifallsgetse
satt und bersatt! ich habe sie nicht zu meinem Vergngen gewhlt, bin nicht fr
sie erzogen worden, habe nur durch sie Kindespflicht erfllen wollen und habe
nie - aber auch nie! eine wahre Befriedigung in ihr gefunden. Die Eitelkeit
feierte ihre Triumphe; die Huldigungen, die mich in Wolken von Weihrauch
hllten, gaben mir zuweilen eine se Berauschung; allein es war und blieb - ein
Rausch und er lie eine Leere zurck, die mein Herz tief und immer tiefer
durchgrbt und meine Sehnsucht nach Glck mehr und mehr steigert. Und fragen Sie
mich, Orest: Was ist das - Dein Glck? so antworte ich Ihnen: Es ist der ruhige
und ungestrte Besitz eines treuen Herzens. Ihres Herzens, Orest! Sie sind treu!
Sie zwingen mich, diese Zuversicht zu Ihnen zu fassen. Wer Jahre lang so um
Liebe geworben hat, wie Sie - und jetzt so bereit ist, alles wegzuwerfen, was
sie vom Ziel zurckhlt, der ist nicht flatterhaft, nicht leichtsinnig, nicht
schwankend. Der ist treuer Liebe fhig und die findet immer Gegenliebe.
    Nie hatte Judith so zu Orest gesprochen; aber sie erkannte, der Augenblick
sei nun da, der ber ihre Zukunft entscheide und Orest msse, nicht blo von
seiner, sondern auch von ihrer Liebe getrieben, seine Ketten brechen. Als er zu
ihren Fen niedersank und keine Worte fand, um die Wonne auszusprechen, die ihn
berstrmte, sagte sie zrtlich:
    Stehen Sie auf, Orest! ich mte Ihnen zu Fen fallen und Sie um Vergebung
bitten, da ich so lange Sie geqult und in Ungewiheit gehalten - da ich
scheinbar ein kokettes Spiel mit Ihnen getrieben habe. Allein jetzt bin ich vor
Ihnen gerechtfertigt, nicht wahr? und Sie selbst werden diese Prfung, die Ihnen
oft weh getan hat, jetzt billigen, nicht wahr? berdas, setzte sie lchelnd
hinzu, ist es besser, die allgemeine Regel inne zu halten, da die Herren den
Damen zu Fen liegen. Weicht man von ihr ab, kommt selten ein glckliches
Verhltnis dabei heraus.
    Unwillkrlich tauchte jener Moment in seinem Gedchtnis auf, als Corona mit
der Liebe der Engel vor ihm gekniet und ihn gebeten hatte, seine Seele zu
retten. Diese Erinnerung kam zu hchst ungelegener Zeit, denn Orest war lngst
ber den Punkt hinweg, wo noch ein Kampf zwischen dem Guten und Bsen gefhrt
wird und wo folglich eine heilsame Erinnerung die gute Sache krftigen kann.
Jetzt strte sie ihn nur und er rief:
    Wie sehr verstehen Sie sich auf weibliche Wrde und auf die richtige
Behandlung des mnnlichen Charakters! Sie sind geschaffen, um angebetet zu
werden und deshalb ist es mir eine qulende Vorstellung, Sie durch meine
unglcklichen Verhltnisse in eine Menge von Verdrielichkeiten zu strzen.
    Was steht mir denn eigentlich bevor? fragte sie.
    Nun, zuerst und auf jeden Fall mssen Sie sich taufen lassen, arme Judith.
Dem hchsten Wesen, das von uns verehrt wird, ist es selbstverstndlich uerst
gleichgltig, in welcher Religionsform der Mensch diese Verehrung kund gibt. Da
aber in Europa die christliche so vorherrschend ist, da sich die brgerliche
Gesetzgebung groenteils auf dem Boden ihrer Gesetze entfaltet hat: so sind
gewisse Bedingungen fr gewisse Verhltnisse unumgnglich zu erfllen, um diese
giltig zu machen; und dazu gehrt, da die Ehe von Christen eingegangen werde.
    Orest! sagte Judith finster, es ist mir in meinem Leben noch kein Christ
vorgekommen, der besser, edler, reiner gewesen wre, als ein Jude. Ich nehme
Ernest aus. Mu ich also eine christliche Religionsform annehmen: so wnsche
ich, da es die katholische sei, denn er war Katholik.
    Das mu sich nach den Umstnden richten, teure Judith. Die katholische
knnte uns Verlegenheit bereiten. Es wird sich herausstellen, was Sie zu whlen
haben: ohne Taufe geht es nicht!
    Wohlan, Orest! Sie bringen Ihre Opfer und ich werde das meine bringen. Aber
es ruft in mir eine frchterliche Erinnerung wach. Ich hatte eine ltere
Schwester, ein so schnes, liebenswrdiges, talentreiches, gutes und kluges
Mdchen, da sie ihren kniglichen Namen Esther zu tragen verdiente. Es war in
Paris und ich damals noch zu jung, um in die Welt zu gehen. Ein junger Mann aus
einer vornehmen Familie fate eine heftige Neigung zu ihr, die sie leider!
erwiderte. Da er von seiner Verbindung mit ihr sprach, so erklrte er, es knne
nicht mit einer Jdin geschehen und sie msse sich taufen lassen und Christin
werden. Esther und meine Eltern willigten ein. Esther wurde Christin; aber die
Ehe fand nicht statt! ich habe nie dies traurige Geheimnis ergrndet; aber ich
wei, da der Christ sich von Esther zurckzog, sich auf eine diplomatische
Mission begab und da Esther am gebrochenen Herzen starb, whrend einige Herren
und Damen dann und wann bei ihr erschienen, welche sich um ihre Taufe und um den
Unterricht, der dabei stattfinden mute, bekmmert hatten - und welche ihr immer
die Bibel empfahlen. Die msse sie lesen und glauben msse sie, da sie durch
den Tod Christi vor Gott gerechtfertigt sei. Und wenn die arme Esther
versicherte: das glaube sie sehr gern und von ganzem Herzen; aber sie sterbe vor
Gram und ein Buch knne sie nicht trsten, nicht beruhigen; so gab man ihr zur
Antwort, dann fehle ihr der rechte Glaube und sie mge nur Sonntags in die
Predigt gehen. Sie tats einige Male; aber sie kam stets traurig zurck und sagte
mir zuweilen: Ach Judith! das ist keine Religion fr ein schwaches leidendes
Mdchenherz! da ist kein Stab, um es zu sttzen, da ist keine Kraft, die ihm
berwinden hilft, da ist kein Balsam, der seine Wunden heilt! Nun, sie grmte
sich zu Tode, die arme, geliebte Esther! bei neunzehn Jahren sank sie in's Grab
- ganz das, was die Dichter nennen: eine geknickte Rose. Mir aber hat ihr
Schicksal etwas Hartes gegeben, Eisen ums Herz. Ich trat nach zwei Jahren in die
Welt ein, mit Ha und Groll gegen eine Welt, in welcher fr ein Wesen wie Esther
kein Platz war; mit Ha und Groll gegen die Christen, von denen einer ihren Tod
auf dem Gewissen - und keiner sie getrstet hatte. Was sind das fr Diener und
Lehrer einer Religion, die damit trsten wollen, da sie sprechen: Lies die
Bibel! Sei sie geschrieben von Gott und seinen Heiligen - ich wills glauben!
aber jeder Leser macht die Deutung, die Anwendung nach dem Ma seines Geistes
und trgt folglich seine Leidenschaften, seine Neigungen, ja sein ganzes Ich in
deren Verstndnis hinein; und was hat er dann gewonnen? Vielleicht die
Wahrheiten, die er eben finden will. Aber ist das die Wahrheit, welche die
Offenbarung verkndet? Ach, es wre mir entsetzlich, wenn ich protestantisch
werden mte, jetzt, da die Erinnerung an Esther mir so lebendig geworden ist!
Ach, Orest, dies ist eine schlimme Vorbedeutung! Auch ich werde unglcklich
werden und trostlos dahin schmachten!
    Trnen standen in Judiths Augen und die tiefste Bewegung malte sich in ihren
Zgen. So gewaltig war die Erschtterung, die ihr junges Herz durch das
Schicksal der Schwester erfahren hatte, da sie noch jetzt, nach mehr als zehn
Jahren in die schmerzlichste Aufregung geriet. Orest aber, der nie eine Trne in
ihren diamantenen Augen gesehen hatte, war davon so ergriffen, da er es sich
als eine Grausamkeit vorwarf, diesen edlen Charakter, dies groe schne Herz mit
den Formalitten der christlichen Religion belstigen zu mssen. Er rief:
    O Judith, ist Ihre Abneigung gegen den Protestantismus so gro, da Sie
davon traurig werden, so lassen Sie sich katholisch taufen! aber hten Sie sich,
Ihre Ansichten und Ihre Handlungsweise von irgend einem Priester abhngig zu
machen! Verbannen Sie alle schwermtige Furcht und fassen Sie das Vertrauen zu
mir, da ich fr Ihr dauerndes Glck einstehe. Wenn Sie an mir zweifeln, woher
soll mir die Kraft kommen, das Meer von Hindernissen zu durchschwimmen, welches
sich vor mir ausdehnt. Lcheln Sie Judith! lchle, Du schwarzes Sonnenauge, ich
bedarf Deines Lichtes.
    Er kniete vor ihr und nahm ihre Rechte in seine Hnde. Sie legte die Linke
leicht und leise auf sein Haupt und sagte lchelnd und lieblich:
    Welche Torheit von mir! auf diesen bsen Kopf setz' ich all mein Glck.

                                 Stille Dornen


Coronas erster Ausgang am anderen Morgen war die spanische Treppe hinauf zur
Messe in der Kirche Trinit del Monte. Mehr denn je fhlte sie sich machtlos
ihren Verhltnissen gegenber und gedrckt durch die Verstimmung zwischen ihrem
Vater und ihrem Mann, die hier aufs peinlichste zum Vorschein kommen mute, wo
beide, auf lngere Zeit und durch die Fremde mehr als sonst an einander
gewiesen, zusammen leben muten. Und was konnte sie tun, um die bestndige
Reibung zu verhten? sich aufreiben lassen; sonst nichts. Sie bat Gott um Kraft
zum vollkommenen Opfer und um himmlische Klugheit, um in jedem Augenblick das
Richtige zu erkennen, zu sagen, zu tun. Als sie nach beendeter Messe die Kirche
verlie, fand sie drauen Orest, der vor derselben auf- und niederging und
sagte:
    Ich war schon bei Dir und erfuhr von Justine, da Du hieher gegangen
wrest. Komm nun, ich bitte Dich, mit mir ins Hotel Meloni, in meine Wohnung.
Ich habe an Justine gesagt, Du wrdest bei mir frhstcken. Lili schlief noch.
    Er gab ihr den Arm und sie gingen den Monte Pincio entlang und dann die
prchtigen Rampen hinunter zur Piazza del Popolo, an welchem das Hotel Meloni
liegt. Sie sprachen von der Peterskirche, die sich dem Monte Pincio gegenber in
gigantischer Groartigkeit erhebt - ein Felsendom, die ewige Stadt so weit
berragend, wie diese alle Stdte der Welt - und wenn sie ihre Einwohner nach
Millionen zhlen - an Groartigkeit weit berragt; ein Felsendom, sinnbildend
den Felsen Petri, in dem die Kirche Christi, gttlicher Verheiung gem,
unerschtterlich wider die Pforten der Hlle gegrndet ist. Von An- und
Aussichten, von Palsten, Kirchen und Ruinen sprachen Orest und Corona so
gleichgltig, als ob sie nicht zwei Monate getrennt gewesen wren. Aber hinter
dem gleichgltigen Ton klopften unruhige Herzen, und Orest war in so fiebernder
Aufregung, da er kaum sein Zimmer betrat, als er sich auf ein Sofa fallen lie
und sagte:
    Corona, Du mut mich retten!
    Sie legte ihre Hnde wie zum Gebet vor der Brust zusammen und sagte innig:
    Gott wolle mir diese Gnade geben.
    Ja, Du mut mich retten, Corona! fuhr Orest fort; Du kannst, Du wirst es!
meine ganze Hoffnung ruhet auf Dir. Sage, da Du es auch willst!
    Lieber Orest, erwiderte sie traurig, httest Du nur die leiseste Ahnung
von den Sorgen, die ich um Dich trage, so wrdest Du mich nicht fragen, ob ich
Dich retten wolle. berdas ist es ja meine Pflicht, alles fr Dich zu tun, so
weit meine Krfte reichen. Also sprich! ich sehe ja, da Du leidest.
    Ich werde Dir wehe tun! rief er in uerster Aufregung, und ging heftig im
Zimmer hin und her.
    O daran bin ich gewhnt, antwortete sie ruhig, wie jemand, der nicht den
geringsten Anspruch an eine andere Behandlung hat. Sprich nur ohne Scheu.
    Wohlan, Corona! sagte Orest, indem er vor ihr stehen blieb, sei
barmherzig und gib mir meine Freiheit.
    Sie schlug erstaunt die Augen zu ihm auf und fragte:
    Hab' ich je versucht, Deine Freiheit zu beschrnken?
    Nein, nein! in Kleinigkeiten nie! aber meine Freiheit ist im Ganzen
verloren, weil Du meine Frau bist.
    Corona legte mit einem Ausdruck von stillem, namenlosem Schmerz die Hand
ber ihre Augen und sagte:
    Nur ein paar Jahre noch, lieber Orest, und ich denke - dann bist Du frei.
    Ach, nur nicht solche unsinnige Todesgedanken! davon ist keine Rede! Du
sollst ja nicht sterben, sondern nur meine Freiheit mir geben.
    Und was verstehst Du darunter? fragte sie.
    Da unsere Ehe fr ungiltig erklrt werde, indem Du erklrst, Du seiest zu
derselben gezwungen worden. Ich habe mir sagen lassen, auf den nachweislichen
Grund des Zwanges hin knne eine Ungiltigkeitserklrung bewirkt werden, so da
beide Teile zu ihrer vollkommenen ungeschmlerten Freiheit gelangen und eine
andere Ehe eingehen drfen. Da nun wirklich eine Art von Zwang bei Dir
stattgefunden hat, so mache davon Gebrauch zu meinen Gunsten und gnne mir das
Glck - eine Frau glcklich zu machen, die ich seit Jahren grenzenlos liebe und
die viel zu edel ist, um eine Liebe zu erwidern, welche ihre weibliche Wrde
auch nur durch einen Hauch verletzte. Ich gehe zu Grunde bei diesem Verhltnis
und Du bist auch nicht glcklich; fasse also einen gromtigen Entschlu - und
drei Menschen richten sich auf von einem vernichtenden Druck.
    Lieber Orest, entgegnete Corona ruhig, auf diesen Vorschlag war ich
freilich nicht gefat; aber mein Entschlu ist dennoch reif. Zu Deiner Rettung
biete ich mit Freuden die Hand - bis zum hchsten Opfer. Aber nicht zu Deiner
Entwrdigung.
    Und so willst Du an mir haften als der Fluch meines Lebens! rief er
knirschend.
    Ich will, was Gott will: bis zum Ende die Fessel tragen, die er geheiligt
und unauflslich gemacht hat.
    Ich sage Dir aber, da die Ehe freilich nicht aufgelst, allein fr null
und nichtig erklrt werden kann. Da die Kirche das tut, deren Autoritt Dir ja
ber alles geht, so wirst Du ihr Recht dazu und die Rechtmigkeit ihres
Verfahrens nicht in Abrede stellen.
    Durchaus nicht! entgegnete Corona mit unerschtterlicher Ruhe. Die
menschliche Verkehrtheit und Bosheit ist so gro, da es der uralten Schlange
mglich wird, in jedes Verhltnis ihr Gift zu spritzen, und da mag es denn wohl
zu trostlosen Zustnden kommen, welche eine ausnahmsweise Behandlung erfordern.
Ein solcher Fall liegt aber bei uns durchaus nicht vor. Da sich in der Ehe der
eine Teil durch traurige Verblendung einer verbotenen Liebe hingibt, ist leider,
ach leider! in unserer Zeit und unserer Welt nicht so selten, um die Kirche zu
veranlassen, jenes Mittel, das auf ganz unheilbare Zustnde berechnet ist, auf
heilbare anzuwenden.
    O wollte man doch weniger von dieser Heilbarkeit faseln, rief Orest, und
mehr jenes Mittel anwenden! es wrde dadurch viel Skandal vermieden und viel
menschliche Schwche von dem Brandmal der Treulosigkeit befreit bleiben, die
sich auch in das edelste Herz einschleichen kann.
    Und der Mensch den Gelsten der gefallenen Natur preisgegeben werden, gegen
welche das edle Herz sich bis aufs Blut verteidigt, wenn es so unglcklich
gewesen sein sollte, ihnen irgendwie Gehr zu geben, sagte Corona. Nein,
Orest! jede Schwche, jeder Fehltritt, jede Versndigung, jede Wunde an der
Menschenseele ist heilbar. Daran darf man nicht zweifeln; man mu nur Geduld
haben, wie Gott mit uns Geduld hat. Noch in der elften Stunde kann Reue erwachen
und zur Umkehr vom bsen Wege mahnen und drngen; kann der Pflichtvergessene
sich besinnen, auf seine Pflicht und in ihren Kreis zurcktreten und den Kummer
gut machen wollen, den er auf Weib und Kind gehuft hat. Ist dann die Brcke
hinter ihm abgebrochen, ghnt dann eine unausfllbare Kluft zwischen ihm und
seiner Vergangenheit, ist er neue Verpflichtungen eingegangen, die ihm ebenso
lstig werden, wie die alten - weil es Verpflichtungen sind, die auf der
verderbten Natur drcken und drcken sollen: so schleppt er den Stachel in der
Todeswunde mit sich umher, ungeshnt, ungebt. Nein, Orest, wir wollen Gott
danken, da die heilige Kirche von gttlicher Weisheit erleuchtet und gefhrt,
ihr letztes Mittel nur in ganz seltenen Fllen anwendet und statt dessen den
einen Teil zu Liebe, Geduld und Gebet - den anderen zu Reue und Busse
auffordert.
    Es mu charmant sein fr einen Flchtling vom huslichen Herde, sich wieder
bei demselben einzufinden als Ber und sich dessen Asche aufs Haupt streuen zu
lassen.
    Lieber Orest, entgegnete Corona mit himmlischer Liebe in Blick und Ton,
ein solcher Flchtling wrde aufgenommen werden, wie der gttliche Heiland den
Petrus nach seiner Verleugnung aufnahm: er vertraut ihm die Leitung seiner Herde
an; und wie der Vater den verlorenen Sohn empfing: er eilt ihm entgegen und
richtet ein Festmahl fr ihn an.
    Ach, Krnchen! rief Orest, knnt' ich Dich nur lieben! Du bist wirklich
ein seelengutes Geschpf, zu gut fr mich. Darum hab' ich ja das Vertrauen zu
Dir, da Du mir ein Opfer bringen werdest ... -
    Du verlangst Unmgliches! unterbrach sie ihn mit groer Bestimmtheit.
Mich selbst, mein Kind, Dich, meinen Vater, alles was mir teuer ist, kann ich
zum Opfer bringen, wenn der anbetungswrdige Wille Gottes es verlangt. Aber Dich
Deiner Leidenschaft zum Opfer bringen, wenn der Satan es verlangt - nein, Orest,
das kann ich nicht, denn ich will es nicht. Ich kann es nicht! ich kann nicht
lgen! es hat nicht der leiseste Zwang stattgefunden bei meiner Verheiratung.
    Httest Du mich gewhlt, wenn der Vater nicht unsere Verbindung angeordnet
htte? fragte er.
    Als ich Dich heiratete, erwiderte sie, war ich zu jung, um je vorher an
die Ehe oder die Wahl eines Gatten gedacht zu haben. Nach meiner Verheiratung
hab' ich nie gedacht, da ich anders htte whlen knnen.
    Es ist doch gewi, da der Vater die Sache abmachte, ohne uns so recht zu
fragen. Er kndigte sie an und erwartete Gehorsam.
    Ja, das ist so seine Art. Aber wir haben an Regina und Hyazinth das
Beispiel vor Augen, da sie ihm nicht gehorchten, wenn die Stimme Gottes anders
zu ihnen sprach, als die Stimme des Vaters - und da er es sich gefallen lie.
Du und ich, wir htten beide es machen knnen wie unsere Geschwister. Wir taten
es nicht. Wir gaben freiwillig unsere Zustimmung.
    Der Wunsch, den ein geliebter Vater mit der grten Zuversicht ausspricht,
ist auch ein Zwang, ein moralischer, fr ein gutes Kind.
    Wenn Du Gehorsam aus Liebe - Zwang nennen willst, lieber Orest! Aber ein
solcher ist gewi nicht darunter verstanden, wenn auf den Grund hin eine Ehe
ungltig erklrt werden soll. Aus Rcksicht fr den Wunsch der Eltern werden
gewi sehr viele Ehen geschlossen, welche glcklicher sind, als jene, die von
blinder Neigung geschlossen werden. Ja, wenn ich ebenso sicher wte, da Du in
einer anderen Ehe Dein getrumtes Glck fndest, als ich jetzt wei, da Du es
nicht finden wirst, so knnte ich es Dir doch nimmermehr verschaffen um den
Preis einer Lge.
    Entsetzliches Schicksal! rief Orest und warf sich in trostloser Aufregung
in einen Lehnstuhl. Wodurch hab' ich es bewerkstelligt, da ein ungeliebtes
Weib sich so fest an mich klammert!
    Du hast mir freilich nicht das Leben an Deiner Seite so lieblich gemacht,
entgegnete Corona sanft, da es mir, menschlich gesprochen, sehr schwer fallen
sollte, mich davon zu trennen. Aber die Ehe gehrt nicht der menschlichen Denk-
und Empfindungsweise, sondern dem Gnadenleben an. Die Wrde des Sakramentes
ruhet auf ihr und das verbindet uns fr dies irdische Leben zu einer hheren
Gemeinschaft als die ist, die auf verflatternder Neigung und verrauschender
Leidenschaft beruht. Sie soll uns im Wechsel von trben und heiteren Stunden,
von bald lieblichen und bald schweren Pflichten, uns und unsere Kinder fr den
Himmel erziehen. Das ist der Zweck der Ehe; zu dieser erhabenen Bestimmung haben
wir uns verbunden; wir mssen suchen, sie zu erfllen. Hattest Du, als Du sie
eingingst, mit frevelhaftem Leichtsinn eine andere Absicht: so mut Du das vor
Gott verantworten. Das ist aber kein Grund, um die Ehe ungltig zu machen.
Hingegen sollte es ein Grund sein, um die Vergangenheit gut zu machen. Ach,
vergib mir, da ich so zu Dir spreche, lieber Orest! Glaube mir, ich tue es ohne
Selbstsucht, ohne Empfindlichkeit. Ich denke nicht daran, mich an Dein Herz zu
drngen oder irgend einen Anspruch an Deine Liebe zu machen; allein ich mu den
Platz behaupten, auf den Gott mich gestellt hat und Dich anflehen, dasselbe zu
tun!
    So sind diese frommen Frauen! brach Orest aus. Immer im Kanzelton
geredet! immer den lieben Gott als Larve vor ihrem Eigensinn! immer ihre
Herzensklte verbrmt mit ttenden Phrasen! unfhig zu jedem Opfer! unfhig zu
erkennen, wo ihre Wrde liegt. Du siehst ja, da das Leben mit Dir eine Folter
fr mich ist, da ich es fliehe, und, wenn ich es nicht fliehen kann, unter
dessen Bleigewicht zusammenbreche. Wie ist es mglich, da ein zartfhlendes
Weib so etwas aushalten mag, und nicht lieber tausendmal sich von dem Mann
trennt, der ihr nichts sein kann, da sie ihm nichts ist. Ich fasse das nicht!
ich begreif' es nicht; aber ich mu ein Wesen verabscheuen, das aus starrem
Egoismus mich um mein Glck bringt.
    Der heftige Kampf streitender Gefhle wogte in Coronas Brust, und drckte
sich in dem Wechsel ihrer Farbe und in dem schmerzlichen Zittern ihrer Lippen,
ihrer Hnde und ihrer Stimme aus, als sie mit der Gewohnheit der
Selbstbeherrschung sagte:
    Wollte ich meinem Egoismus folgen, so wrde ich meine Tochter bei der Hand
nehmen und, statt unter Dein Dach zurckkehren, mit ihr in mein Vaterhaus gehen.
Aber ich darf nicht, ich mu bei Dir ausharren. Ich mu vor der Welt Deine Ehre
in meinen Schutz nehmen und vor Gott Deine Seele, fr die auch ich
verantwortlich bin - denn wir sind Eins.
    Sie stand auf, tauchte ihr Taschentuch ein wenig in ein Glas Wasser und
drckte es an ihre bebenden Lippen, nahm dann ihren Hut und sagte mit einer
Stimme, die - wie das oft bei seelenzarten Personen der Fall ist - durch
Gemtsbewegung zu einem leisen Flstern herabgedmpft war, whrend die Roheit in
solchem Falle lrmt und schreit; sie sagte:
    Ich bitte Dich, la einen Wagen kommen und mich zu Hause fahren.
    Und Du fragst gar nicht? rief Orest; nicht nach einem Namen oder einer
Person? nicht nach meinem ferneren Plan oder Entschlu?
    Es gibt Dinge, von denen es sich nicht schicken wrde, da ich sie mit Dir
besprche, und andere Dinge, von denen es gut ist, wenn Du sie so wenig wie
mglich besprichst, entgegnete Corona mit Fassung.
    Whnst Du denn, alles sei abgetan mit Deiner wahnwitzigen Weigerung! rief
Orest mit solchem Zorn in Ton und Geberde, da Corona wieder in ein nervses
Zittern verfiel und nichts erwiderte als: Um Gotteswillen, einen Wagen, Orest!
    Aber er beachtete ihre Bitte gar nicht. Er fuhr fort, mit den heftigsten
Ergssen von Zorn, von Klagen, von Vorwrfen sie zu berschtten und sie
frmlich unterzutauchen in das Meer von Bitterkeit, das sich in seinem Herzen
blo deshalb gegen sie angesammelt hatte, weil er ihr so viel zu Leide getan.
Denn geradeso, wie der Mensch eine Zuneigung fr diejenigen sprt, denen er wohl
tut, ebenso fat er eine Abneigung, die sich bis zur hrtesten Ungerechtigkeit,
ja bis zum Ha steigern kann, gegen Personen, die nicht etwa ihm, sondern denen
er wehe getan. Corona schwieg, sammelte sich vor Gott und lie den Sturm brausen
- bis es ihm einfiel, ihr die unsinnigsten Vorwrfe zu machen ber den Tod ihres
Sohnes. Wre der am Leben, so wte man doch, weshalb diese ganze unselige Ehe
geschlossen sei! Das konnte sie nicht mehr hren. Das Muterherz drohte zu
brechen. Sie stand auf, verlie schweigend das Zimmer, das Hotel Meloni,
verhllte sich in Shawl und Schleier und ging die via Condotti hinauf zum
spanischen Platz, ganz allein in der groen fremden Stadt. Ihr war zu Mut, als
knne ihr von keinem Menschen Schlimmeres begegnen, als von ihrem Mann. Neben
der spanischen Treppe erkannte und erreichte sie glcklich ihre Wohnung.
Felicitas stand am Fenster und rief:
    Da kommt Mama!
    Endlich! sagte Graf Damian, trat zum Fenster und sah mit grenzenlosem
Erstaunen Corona ohne irgend eine Begleitung ber den Platz gehen. Er ging ihr
in das Vorzimmer entgegen und fragte:
    Wo kommst Du denn her? wo ist Orest? wo sind seine Leute? warum gehst Du
denn mutterseelenallein in der wildfremden Stadt spazieren? gibt es keine Wagen
in Rom?
    Doch, lieber Vater! aber ich wollte gehen! antwortete sie und ging in ihr
Zimmer, wo sich die bermige Spannung von Leib und Seele in Trnen auflste
und im Gebet snftigte. Graf Damian fuhr zu einigen der fremden Gesandten, mit
denen er bekannt war, und so war Corona allein, als Hyazinth kam. Sie sah so
angegriffen aus, da er teilnehmend sagte:
    Bist Du mde von der Reise, liebe Corona? oder bist Du krank?
    Sie verneinte schweigend; als ihr aber Trnen in's Auge quollen, sagte sie
entschlossen:
    Orest ist krank - an der Seele! und ich bin ratlos. Deshalb mu ich mit Dir
sprechen, Hyazinth, nicht um zu klagen. Ich mchte ja am liebsten seinen Zustand
vor mir selbst verbergen; es geht aber nicht mehr, da wir so fortleben wie
bisher. Er treibt es zum uersten.
    Und sie erzhlte an Hyazinth klar und einfach ihr ganzes Leben, seitdem sie
Orest's Frau geworden war, mit der grten Schonung fr Orest und mit der
grten Bereitwilligkeit ihren Anteil an dem traurigen Verhltnis anzuerkennen,
obzwar ihre Schuld hchstens in Unerfahrenheit bestand, wie sie den siebenzehn
Jahren eigen ist. Zum Schlu sagte sie:
    Die Szene von heute frh hat mir gezeigt, wie tief das bel bei Orest um
sich gegriffen hat. Es haben weder meine Bitten noch die Geduld, die ich drei
Jahre bte, den geringsten Eindruck auf ihn gemacht; und obgleich ich, wenn es
Gott so fgt, bereit bin, mein Lebenlang in Geduld auszuharren, wie das ja meine
Pflicht ist: so mu ich doch frchten, da Orest durch dies Verfahren nicht zur
Erkenntnis kommt. Er ist blind und taub fr alles, was nicht mit seiner
Leidenschaft zusammenstimmt.
    Das sind eben die Schatten des Todes, sagte Hyazinth, von denen die
heilige Schrift so ergreifend spricht. In der Finsternis der Snde, im dunkeln
Schattental sitzen die Menschen, geblendet, gelhmt, betubt - und ahnen nicht,
da die Nacht des geistigen Todes mit dem Verlust der heiligmachenden Gnade ber
sie eingebrochen ist. Ach, Corona! einem so schrecklichen Zustand gegenber sind
wir alle macht- und ratlos; denn Orest will nicht hren, will nicht sehen, will
nicht verstehen - und wenn wir uns alle zu Tode reden und bitten, ermahnen und
flehen. Wir mssen Gott bitten um Erleuchtung fr uns und fr ihn. Wir mssen
uns bereit machen, nicht blo Opfer zu bringen, sondern uns selbst durch die
stets erneuerte Hingebung unseres Willens an Gott als ein lebendiges Holocaust
ihm darzubieten. Wir mssen leiden, Corona! und zwar so, da uns die Liebe zum
Leiden in freudige Opfer verwandelt. An die Ausfhrung von Orest's wahnwitzigem
Plan, die Ehe fr ungiltig erklren zu lassen, ist gar nicht zu denken! aber da
er so lange schon in dieser jmmerlichen Leidenschaft befangen ist und dennoch
daran denkt, seine Ketten immer fester zu schmieden - ist ein bses Zeichen.
    Glaubst Du, fragte Corona beklommen, was der anonyme Brief in Paris
sagte: die spanische Sngerin, Judith Miranes, habe ihn gefesselt?
    Ich glaub' es, denn unser Vater hat mir hnliche Andeutungen gemacht.
    Also wei es der Vater! rief sie erschreckt.
    Liebe Corona, sagte Hyazinth traurig lchelnd, in der Welt wei man
alles, was zur Welt gehrt. Mit Dir spricht Niemand darber, das versteht sich!
aber der arme Vater, der so viele Menschen kennt und mit so vielen in Verbindung
ist, wei gewi alles, was Orest betrifft. Ich habe aber immer diese
Mitteilungen vermieden; denn es war mir ein grenzenloser Schmerz, meinen Bruder
auf solchem Wege und Dich in solchem Leid zu wissen, ohne Euch helfen zu
knnen.
    Ach, und stelle Dir nur vor, wie grlich das ist: diese Circe ist eine
Jdin - ungetauft, unerlst, gnadenlos, nie eingetreten in's bernatrliche
Leben.
    O die Unglckselige! rief Hyazinth schmerzlich. Bedauere sie, Corona,
verdamme sie nicht. Das Gewissen und das natrliche Licht des Verstandes knnten
ihr freilich sagen, welch Unrecht sie begeht. Aber ach! wie leicht werden die
von der Leidenschaft geflscht und ausgelscht, wenn man nicht hheres Gesetz
und hheres Licht zu Rat ziehen kann, welche sich nicht der Leidenschaft
anbequemen, sondern ihre ewige, unwandelbare, objektive Geltung haben. Davon
wei sie nichts, diese Circe! sie sitzt, wie jener gefesselte Mensch des Plato,
in einer dsteren Hhle, mit dem Rcken dem hellen Eingang zugewendet, und sieht
vor sich an der Wand nur die Schatten, welche die Gestalten werfen, die sich
hinter ihr im Licht bewegen. Der Wahrheit in's Auge - sieht sie nie! hat sie nie
gesehen! o arme Circe!
    Aber Orest ist noch viel unseliger! rief Corona. Er wei, was wir wissen,
Hyazinth, und ach! er lebt, als wisse er es nicht. Mir grauet vor jeder
Errterung ber diesen Gegenstand mit dem guten Vater, und doch frchte ich, da
es unmglich sein wird, lnger in dieser Weise fortzuleben - denn Orest will
keine Rcksicht mehr nehmen. Ach, Hyazinth! darf man sich den Tod wnschen? wenn
mich der liebe Gott in die Ewigkeit riefe, so wre all' die Trbsal zu Ende und
Orest frei.
    Das wre die Auflsung eines Romans und nicht so pflegt Gott seine Menschen
zu fhren. Er will sie an sein Ziel, nicht an das ihre bringen. Orest wird nicht
frei, wenn er sich ungehindert seiner Leidenschaft hingeben darf - und Du hast
nicht Zeit, Dich zu heiligen, wenn Du vor der Zeit vom Leben scheidest. Aber
sieh! Dorn, wohin der Fu tritt, wohin die Hand greift! Wermut, was die Lippe
berhrt: das ist uns heilsam! das lst uns ab von unserer sndigen Natur, die so
selbstschtig ist, da sie in jedem Verhltnis ganz heimlich, wenn auch
uneingestanden, Freude und Trost begehrt; und so betrgerisch, da sie, mge man
noch so innig Gott in's Auge und in's Herz fassen, all' Augenblick sucht, ihm
das Geschpf vorzuschieben. Es ist aber kein irdisches Verhltnis ohne Trbsal,
ohne Verwirrung, ohne Bitterkeiten, und nur in dem Ma, als wir das erkennen,
suchen wir unseren Trost in dem einzigen Verhltnis, das ohne Trbsal fr uns
ist - in dem, zu unserem gttlichen Heiland. Deshalb mssen wir uns mehr ber
Dorn und Wermut freuen, als ber Nektar und Ambrosia.
    Statt dessen grmt man sich! sagte Corona schmerzlich; statt dessen
verlangt man immer wieder ein wenig blauen Himmel und Sonnenschein - ein wenig
Glck!
    Und ganz besonders: Genu des Glcks, entgegnete Hyazinth lchelnd; - und
damit sind wir denn wieder bei unserer selbstschtigen Natur angelangt, der wir
auf jedem Schritt und Tritt begegnen.
    Was fang' ich an, Hyazinth? ich meine immer, ich msse etwas tun fr
Orest! rief Corona und rang schmerzlich ihre Hnde.
    La Dich mit unberwindlicher Geduld demtigen und kreuzigen, so tust Du
genug, entgegnete Hyazinth. Bete viel, opfere viel, hoffe viel - mit einem
Wort: liebe viel; damit brachten die Heiligen groe Dinge zu Stande. Aber
freilich, das unruhige Menschenherz findet eine Erleichterung in ueren
Handlungen, und lt sich gern zu ihnen hinreien! Bleibe Du in der Stille und
Ruhe Deines Herzens. Sieh, die Christenheit feiert jetzt den Advent, die Ankunft
des Herrn. Wie kommt der Herr? mit welchen Taten tritt er auf? wie bekehrt er
die Menschheit? wie erlst er die Welt? Die seligste Jungfrau bereitet ihm ein
Kripplein im elenden Stall, und das Kindlein in Windeln ist der menschgewordene
Gott und er friert in kalter Winternacht und er weint. So erlst er die Welt. Er
lt sich demtigen; und dann - lt er sich kreuzigen. Weshalb wollten wir es
anders machen - da doch gerade dies uns vorgezeichnet ist?
    Vielleicht, weil gerade dies am schwersten ist, erwiderte Corona.
    Sieh, wie gut es Gott mit Dir meint! Du sollst es nicht anders haben, als
er es hienieden hatte. Weine nicht, Corona, blicke in Dich und ber Dich mit dem
Auge des Glaubens und Du wirst frohlocken mit jenem heiligen Snger: Mir ist das
Los auf's Lieblichste gefallen, mir ist ein herrliches Erbteil geworden.
    Bete fr mich, bete fr uns! sagte Corona. Sie fhlte sich ermutigt durch
Hyazinths Zuspruch, und gefater sah sie einer Zukunft entgegen, von der sie
nicht ahnte, wie drohend sie sich gestalten werde. Auch Hyazinth ahnte es nicht
und wute nicht es anzufangen, um einen klaren Blick in Orests Seele zu werfen;
denn da dieser ihn nicht eher in seine Plne einweihen werde, als bis er auf
ihre Durchfhrung hoffen knne - das war zu erwarten. Ihm Vorstellungen machen,
hie aber weiter nichts, als Wasser auf heies Eisen gieen. Es zischt, es
raucht - und bleibt hei wie zuvor. Er beschlo, Orest mit der grten Liebe zu
behandeln und dadurch, wenn nicht Einflu auf ihn, doch vielleicht sein
Vertrauen zu gewinnen. Als Orest sich bald darauf bei den Seinen einfand,
bersah Hyazinth gnzlich dessen Verstimmung und uerte nicht das leiseste
Zeichen von Erstaunen ber das Auffallende in seinem Benehmen und in der ganzen
Art und Weise, wie er den Zuschnitt seines Lebens gemacht hatte. Er lie ihn
gewhren und bot sich ganz ungesucht zu Corona's Begleitung an, um die
zahlreichen Kirchen zu besuchen, in welchen wahre Schtze von Gemlden, von
Fresken, von Bildhauerarbeit, von kstlichem Material, von Kunst- und von
heiligen Gegenstnden aufgehuft sind - whrend Orest mit der ernsthaftesten
Miene von der Welt die Behauptung aussprach: er knne die Kirchenluft nicht
vertragen. Sie sei dumpf, feucht, beklommen, durchruchert - kurz, sie mache ihn
nervs.
    In der Beziehung halte ich mich zu Dir, Orest, sagte Graf Damian, der
inzwischen von seinen Besuchen heimgekehrt war. Ich glaube, man kann hier ganz
angenehm im diplomatischen Kreise leben, in welchem sich auch immer einige
ausgezeichnete Fremde vorfinden, ohne die ermdende Unterhaltung aufzusuchen,
die mit der Besichtigung so vieler Merkwrdigkeiten verbunden ist. Die
Hauptkirchen, die Hauptruinen, die Hauptpalste und basta - fr mich. Sehr
unterhaltend ist es in der Stadt selbst sich umzusehen; da hat man merkwrdige
berraschungen! Ein Platz ist ganz berset mit abgebrochenen, umgestrzten,
verstmmelten Sulen, die wie ein Kegelspiel aussehen, welches von Riesen
aufgerichtet und verlassen worden wre. Zwischen ihnen erhebt sich eine
prchtige, mit Bildwerken bedeckte himmelhohe Sule. Trajans Forum - nannte es
der Lohndiener. Ein anderer Platz sieht aus, als wre er unter Wasser gesetzt,
so enorm und zu ebener Erde ist das Bassin, an welchem die Tritonen so ungeniert
sitzen, als wrden sie sich nchstens aus ihrer Versteinerung aufmachen und auch
ihr Wort mitreden zwischen den brigen Leuten, die da zirkulieren. Fontana de
Trevi, nannte es der Lohndiener. Solche Wassermasse in einem Springbrunnen ist
groartig. Und der Venetianische Palast - welch' ein herrliches Gebude! halb
Kastell, halb Schlo - ein Adlerhorst! ich freue mich, da sterreichs Adler
drin horstet! Die sterreichische Botschaft ist drin, sagte er erluternd zu
Corona, die sich an seinem Interesse fr Rom erfreute. Ich habe doch wahrlich
die grten Hauptstdte Europa's gesehen und abermals gesehen und lasse mich
daher nicht so ganz leicht durch Huser und Straen und was drum und dran hngt,
verblffen; aber in diesem Rom komm' ich mir vor, wie ein Krhwinkler in der
Residenz. Er sperrt Mund und Augen auf ber die ungeahnte Herrlichkeit. Und das
tue ich redlich. In anderen Stdten gibt's auch Herrlichkeiten an schnen
Gebuden, ffentlichen Pltzen und dgl. mehr. Aber es ist alles so berechnet, so
wohlgeordnet, so gemacht, so fremd, so eingewandert, so - ich wei nicht was.
Hier ist es naturwchsig und eingeboren. Das hab' ich noch nie gesehen! ich
schwrme fr Rom.
    Gewi die erste Schwrmerei Deines Lebens, Papa! sagte Orest.
    Nun, das will ich doch nicht behaupten, entgegnete Graf Damian. Frher
hatte ich eine groe Vorliebe fr Paris - wie Du sie jetzt hast. Das begreift
sich. Es ist die Stadt des eleganten Lebensgenusses, und der Mensch hat Epochen,
in denen er fr denselben schwrmt. Damit scheint es hier nicht splendid
auszusehen. Die Kaffeehuser und die Kauflden sind nicht luxuris ausgestattet
und zur Schau gestellt, und ob es hier einen guten Restaurant gibt, ist wohl
sehr die Frage. Als ich mich bei meinem Lohndiener nach einem solchen
erkundigte, sagte er betreten, es gbe recht gute Trattorien in Rom. Aber eine
Trattorie ist auf gut deutsch - eine Garkche! Wie sieht's denn mit dem Diner
aus, Corona? - das wird wohl auf Windeck besser sein. -
    Nachdem die ersten Tage der Niederlassung an einem fremden Ort, die stets
etwas Unbehagliches fr alle haben, welche nicht in langer Gewohnheit des
Reisens sind, vorber waren, schien die Familie in's rechte Geleise gekommen zu
sein. Man wohnte sich ein, man lebte sich ein. Graf Damian ging in die Welt,
machte Besuche, fand alte Bekannte, ritt mit ihnen in der Campagne umher, ging
auf die Jagd und unterhielt sich vortrefflich. Corona trank Eselsmilch, fuhr
spazieren und nahm mit Ma Roms unerschpfliche Herrlichkeiten in Augenschein.
Mit der groen Gesellschaft befate sie sich nur gerade so viel, als sie es
ihrem Vater nicht abschlagen mochte, der zu behaupten pflegte, er werde
freundlicher empfangen, wenn Corona an seiner Seite erscheine.
    Die Welt, sagte er, bedarf des Schmuckes der Jugend und Schnheit.
ltliche Leute - zu denen ich leider anfange gezhlt zu werden, aber mich selbst
keineswegs zhle - sieht sie gern nur unter drei Bedingungen. Entweder: sie sind
europische Berhmtheiten - oder sie geben ungeheuer gute Diners - oder sie
haben schne Tchter. Das erste bin ich nicht; das zweite kann ich in Rom nicht
bewerkstelligen! dazu mu man mich in Windeck aufsuchen. Doch die dritte
Bedingung - die erflle ich und zwar in hchster Potenz: mein feines Tchterlein
ist vermhlt. Folglich kann man ihr in aller Gemtsruhe huldigen, ohne Furcht,
sich deshalb in Hymens Fesseln begeben zu mssen - was bei der bekannten
Ehescheu, die jetzt wie eine Grippe bei den jungen Mnnern unseres Standes
grassiert - ein groer Vorzug ist.
    Lieber Vater, sagte Corona in dem heiteren Ton, womit sie immer zu ihm
sprach, auch wenn sie ernste Dinge sagte, weil er auf diese Weise sie anhrte;
Deine Welt ist ein Babylon, mit Knig Baltassars Festmahl. Die Geisterhand
schreibt ihre geheimnisvollen Zeichen an die Wand des Knigssaales; der
Perserkrieg steht vor der Tr; aber sie achtet es nicht und taumelt dahin in
ihrem Rausch und ihrem Frevel. Sie dachte an Orest - dem chten Sohn dieser
Welt. Graf Damian erwiderte:
    Kind, warum nennst Du sie meine Welt? Ich habe sie nicht geschaffen und bin
recht froh darber, denn ich wrde mich tot rgern, sehen zu mssen, wie sie
jeden Augenblick - bald nach der verkehrten Seite sich umdreht, bald wieder
schief ins Blaue hinein fliegt, bald einen ungeschickten Burzelbaum macht. Die
Welt ist Gottes Welt. Er hat sie geschaffen, er mu fr sie sorgen, da sie wie
ein Stehauf immer wieder auf die Beine kommt, wenn sie auch tausendmal auf die
Nase fllt. Ich sehe bei dem Spektakel nur ganz vergnglich zu und wlze alles
getrost auf seine Schultern. Das ist meine Philosophie. Ist sie nicht sehr
christlich?
    So ganz wohl nicht, sagte sie lachend.
    Nicht ganz? rief er verwundert. Ei, Kind, was fehlt denn noch?
    Von dem, was fehlt, wollen wir gar nicht reden, mein Vterchen! nur von
dem, was zu viel ist.
    Zu viel Christlichkeit! sieh, das berrascht mich.
    Der vergngliche Zuschauer, lieber Papa, der dem Weltbankerott zusieht und
die Hnde reibt, und auch wohl einmal Beifall klatscht - der ist zu viel in
Deiner christlichen Philosophie.
    Ja, Kindchen! sagte Graf Damian und streichelte liebevoll ihr weiches
Haar, Du bist aus Onkel Levins Schule! mit Euch ist fr unsereinen nicht
Schritt zu halten.
    Orest beobachtete einigermaen den ueren Anstand Corona gegenber -
hauptschlich auf Judith's Wunsch. Als sie sicher war, ihr Ziel zu erreichen,
hatte sie zu ihm gesagt:
    Whnen Sie nicht, Graf Orest, mir einen Gefallen zu tun oder mir eine
Huldigung darzubringen, indem Sie ihre Leidenschaft fr mich zur Schau tragen,
oder Aufsehen erregen, oder Ihre Gemahlin beleidigen. Fr eine gewhnliche
Schauspielerin knnten Sie dergleichen tun, denn die hat Freude daran. Aber ich
bin keine gewhnliche Schauspielerin und alles, was an eine solche erinnert, ist
mir zuwider. Ich will ruhig und ohne komdiantenhaftes Geprnge und Getse den
Platz in der groen Welt einnehmen, den Ihre Liebe mir bereitet. Da dazu die
Trennung von Ihrer Gemahlin gehrt, tut mir leid, ist aber unvermeidlich.
Umsomehr mssen Sie schonend und rcksichtsvoll verfahren, und wenn es Sie auch
einige Monate Ihres Glckes kosten sollte! wir haben ja das ganze Leben vor uns,
um glcklich zu sein.
    Aber wie lang ist denn berhaupt das Leben, fragte Orest, da Sie die
Versumnis von einigen glcklichen Monaten nicht als Verschwendung betrachten?
    Ich werde mich freuen, wenn Sie in zehn Jahren auch noch so gesinnt sind,
erwiderte Judith. -
    Orest hatte in seinem Gesprch mit Corona erkannt, da sie nie ihre
Zustimmung zu seinem Vorschlag geben werde.
    Sie liee sich lieber umbringen als dazu bewegen, sagte er zu Florentin,
der pltzlich, er wute selbst nicht wie! sein Vertrauter geworden war. Neigung
zum Bsen ist kein dauerhaftes, aber zuweilen ein sehr starkes Band zwischen den
Menschen, die sich ihm hingeben. Einer sttzt den andern, so lange es gilt, das
gute Prinzip zu bekmpfen. Spter verfolgt dann jeder seinen besonderen Zweck
und dann verwandelt sich die Freundschaft nicht selten in bittere Feindschaft.
Florentin hatte schon frher durch den vollen Cynismus seiner Grundstze einen
verderblichen Einflu auf Orest gebt. Dieser fand zwar immer, da Florentin zu
weit gehe, aber er merkte nicht, da er ihn nur in der Theorie, nicht in der
Praxis bekmpfe und dasjenige bereitwillig annehme, was mit seinen
Leidenschaften bereinstimme. Als Florentin ihm jetzt erwiderte, es sei nun an
der Zeit, endlich Anspruch an seine volle Freiheit zu machen und sich den
abgeschmackten Gesetzen der katholischen Kirche grndlich zu entziehen,
entgegnete Orest:
    Das ist mein fester Entschlu! ich werde protestantisch und lasse mich
scheiden.
    Vortrefflich! jubelte Florentin. Ja, Du mut protestantisch werden! das
ist der erste Schritt zur geistigen Befreiung, dadurch widersagst Du der
priesterlichen Vormundschaft und nimmst Deinen Platz ein zwischen denjenigen,
welche ihre Selbstberechtigung beanspruchen, ihre hchsten Angelegenheiten nach
ihrem eigenen Gewissen zu gestalten. Einen Grund zur Scheidung findet man sehr
leicht und der beste wird sein - da Du protestantisch wirst. Dann kommt auch
wieder ein protestantischer Herr auf Deine protestantische Herrschaft Stamberg!
Vortrefflich! nach welcher Seite hin man es betrachten mge - ganz
vortrefflich!
    Ich wute nicht, da Du ein so wtender Protestant geworden seiest, um
sogar auf ein harmonisches Verhltnis zwischen Herr und Untertanen Rcksicht zu
nehmen, Du Sozialist und Kommunist! erwiderte Orest, immer spottend ber
Florentins Ansichten und immer bereit, ihnen zu folgen, wenn sie seinen
Projekten zusagten. Was bist Du denn eigentlich? calvinisch, lutherisch,
anglikanisch, high church, low church, presbyterianisch? nennst Du Dich
evangelisch oder reformiert? gehrst Du zu den Mennoniten, den Irvingianern, den
Anabaptisten? bist Du der geschworene Anhnger irgend einer Landeskirche? oder
wie oder was?
    Florentin antwortete mit verchtlichem Achselzucken:
    Der groe Wilhelm von Oranien sagte: Ich wei nicht, ob die
Prdestinationslehre grau oder blau ist. Aber ich wei, da Oldenbarneveldt's
Kopf und der meine nicht unter einen Hut gehen. Der Kampf fr und wider diese
Lehre, in den sich natrlich politische Meinungen und Interessen verwebten,
zerri damals Holland in zwei wtende Parteien und Oranien war der Fhrer der
einen, nicht um die Prdestinationslehre siegen - sondern um Oldenbarneveldt um
einen Kopf krzer zu machen. Schlaue Politiker und sonstige kluge Kpfe haben es
immer als etwas hchst gleichgltiges betrachtet, ob die religisen Lehren grau
oder blau sind; sie haben sie benutzt fr ihre Zwecke. Und so mache ich es auch,
obschon ich nichts weniger als ein kluger Politiker bin. Aber das ist ja
handgreiflich klar: religise Lehren und Ideen sollen in irgend einer Weise den
Menschen beglcken. Tun sie das nicht, so haben sie weder Sinn noch Zweck. Der
Mensch besitzt seine Vernunft, um zu erkennen, ob sie zu seinem Glck beitragen
oder nicht - und seinen freien Willen, um andere Lehren aufzusuchen und
anzunehmen, welche mit seinen Glcksbedrfnissen in Einklang sind.
    Hyazinth wrde sagen, warf Orest ein, das sei kein Akt des freien -
sondern des von Gelsten und Begierden geknechteten Willens.
    Sophistik! Priesterart! rief Florentin. Hyazinth haben wir hinter uns!
der Wille ist frei, wenn er whlen kann nach seiner Lust: das versteht jedes
Kind; aber der Priester verdreht die Auslegung. Genug! da kein denkender
Mensch, wenn er zugleich aufrichtig und unegoistisch ist, im Protestantismus
sitzen bleibt, das ist so gewi, wie zweimal zwei - vier ist. Da der
Protestantismus noch immer als Landeskirche oder Bekenntnis, oder wie man das
Ding nennen soll! existiert - beweist, wie selten jene drei Eigenschaften in
einem und demselben Menschen vereinigt sind. Hingegen als Sauerteig in der
politischen Welt, und als ein getreuer Eckart der Revolution gegen Tiare und
Krone - da wird er bestehen, so lange diese zu bekmpfen sind. Das ist seine
Glorie - und darum lieb' ich ihn. Seine Sekten verachte ich; und wenn ich Dir
rate, Dich an eine derselben zu schlieen, so geschieht das nur, um Dich von Rom
abzulsen und in der Hoffnung, da Du vom Protestantismus nach und nach zu
irgend einem anderen - ismus fortschreiten werdest, denn er ist mit ihnen allen
verwandt. Auch macht es mir Vergngen, mir den Schreck vorzustellen, den die
aristokratische ultramontane Partei in der Heimat wegen Deines sogenannten
Abfalles bekommen wird. Dies Geschrei der Priester! dies Geschnatter der
Betschwestern, die sich ihre letzten drei Haare ausreien werden! Ah, denen
gnn' ich besonders diesen Schlag.
    Judith hat einen groen Widerwillen gegen den Protestantismus, bemerkte
Orest.
    Judith ist stolz und tief unglubig, entgegnete Florentin. Welcher
Religionsgesellschaft sie sich zuwenden mge - es ist fr sie eine Sache der
Form. Es liegt ein gewisser Schmelz auf der katholischen Kunst und dem
katholischen Gemtsleben, das ihre Phantasie anspricht; aber sie beugt ihren
Geist vor keinem fremden und deshalb ist es ziemlich gleichgltig, ob sie auf
katholische oder protestantische Weise die Zeremonie der Taufe durchmacht. Ist
sie einmal Grfin Windeck, so hoffe ich noch viel von ihr und von Dir. Bis dahin
verfolgt Ihr beide ganz selbstschtig eure persnlichen Bestrebungen und es ist
nichts mit euch anzufangen.
    Seid ihr denn noch immer damit beschftigt, die euren zu verfolgen und die
Welt zu revolutionieren? fragte Orest.
    Bedarf sie es etwa nicht? rief Florentin. Sitzt hier nicht der Papst im
Regiment, als ob das ewig dauern sollte?
    Ich bekmmere mich ja wenig um diese Angelegenheiten, erwiderte Orest,
aber ich hre von Mnnern, die im Stande sind, es grndlich wissen zu knnen,
weil sie sich um die Tatsachen bekmmern, da dies Regiment nichts weniger als
schlecht sein soll; da man Reformen beginnt, Freiheiten gibt, auf Neuerungen
eingeht wie berall, und da die Staatsschulden und die Abgaben geringer sind,
als irgendwo.
    Und wenn die Zustnde paradiesisch wren - sie taugten doch nichts! ja, sie
taugten gerade dann am wenigsten, denn durch sie wrde sich ja das ppstliche
Regiment rehabilitieren - und es soll untergehen, rief Florentin; durchaus
untergehen! Das Haupt der katholischen Kirche ist das Haupt der gegenwrtigen
Weltordnung, denn es stellt eine moralische Macht ohnegleichen dar, eine Macht,
die Frsten und Vlker miteinander und mit diesem Oberhaupt der Kirche
verbindet. Drum ist es die Zielscheibe unserer Bestrebungen. Verbesserungen,
Freiheiten, Reformen, Erleichterungen - wir wollen sie nicht; denn wir wollen
nicht die Hand, die sie erteilt.
    Ihr seid wahnwitzig! rief Orest; Ihr verabscheut die Herrschaft eines
Lammes und sehnt Euch nach der Herrschaft von Tigern.
    Und Du wirst das noch ganz in der Ordnung finden, wenn Du etwas logisch
denken willst, entgegnete Florentin hohnlachend. Tust Du nicht dasselbe? nur
in enger egoistischer Sphre und nach kleinem Mae. Corona - ist sie nicht ein
Lamm? duldend, friedfertig, lieblich, zur Erfllung jedes Wunsches bereit. Was
helfen ihr die Tugenden und Gaben! Du liebst sie nicht, Du sagst Dich von ihr
los, Du willst Dein Leben nicht mit ihr teilen. Und Judith - ist sie nicht so
etwas, wie das schne, stolze Tigertier der Wste in wilder, kniglicher
Freiheit? und ihr huldigst Du! und ihr bist Du bereit, allerhand Opfer zu
bringen! und von ihr erwartest Du die Wonne Deines Lebens! Und was Du tust fr
ein sterbliches Wesen und es gerechtfertigt findest durch Deine Liebe - und wenn
Dich tausendmal die Welt deshalb verdammt! - Das nennst Du wahnwitzig, wenn es
gilt, die Liebe zu einer unsterblichen Idee in Taten auszuprgen? wenn es gilt,
die wonnige Braut der Menschheit, die Freiheit, in ihrer vollen, wilden,
ungeschminkten Schnheit zu erringen! wenn es gilt, mit ihr eine neue Aera zu
begrnden - nicht fr ein Haus und an einem Herde! sondern fr die groe Familie
der Nationen, die nach ihr schmachtet und der sie schon so lange verheien ist.
Ich sehe, Orest, da ich auf Dich noch geraume Zeit werde warten mssen.
    Ja, entgegnete Orest kaltbltig; und um so lnger, je glcklicher ich
sein werde. Kein glcklicher, mit seinem Schicksal zufriedener Mensch macht
Revolution. Drum habt ihr bei den euren immer Banditen und Leute dieses Schlages
bei der Hand, die ihr Glck erst machen wollen und in ruhigen Zeiten und
geordneten Zustnden nicht dazu kommen knnen. Also auf mich rechne nicht. - -
    Hyazinth hatte Coronas Mitteilungen mit um so grerem Schmerz aufgenommen,
als er vor ihr verbergen mute, wie tief sie auch ihn erschtterten. Corona
verlangte von ihm in Geduld und Kraft bestrkt und zu edler Ergebung ermuntert
zu werden. In dem Sinn mute er zu ihr sprechen und von demselben beseelt vor
ihr erscheinen, denn das ist der cht christliche Sinn: er ist gefat in den
Willen Gottes - nicht aus Stumpfheit, sondern weil er ein St. Christophorus des
Geistes, ein Riese in der himmlischen Liebe ist, und durch die brausenden Wellen
des reienden Lebensstromes zrtlich und unerschtterlich den Heiland der Welt
auf seinen Schultern trgt. Wohl stand Hyazinth mit seinem Willen auf diesem
Gipfelpunkt des inneren Lebens; aber er sah zugleich auch in den Abgrund hinab,
in welchem die Snde, die ttliche Beleidigung Gottes fort und fort geboren wird
und sah diesen Abgrund geffnet im Herzen seiner Familie, unter dem Dach seines
Hauses. Welche Strafgerichte konnten da nicht einbrechen! auf welche
Gottesgeiel mute man da nicht gefat sein! Wird die Ehe nicht in ihrer vollen
Heiligkeit hoch und unangetastet gehalten, so durchschleicht ein geistiges Gift
nicht ein Herz allein, sondern es ergiet sich, wie die bervolle Schale eines
Springbrunnens in ein weiteres Becken - in die Familie, und geht aus ihr, in
tausend Kanlen, deren Zusammenhang das Menschenauge freilich selten entdeckt,
in die ganze menschliche Gesellschaft ber. Denn der Mensch ist nicht ein
abgerissenes Einzelwesen, das ohne Zusammenhang mit seinesgleichen und mit den
Hhen und den Tiefen, die ihn umgeben, sein Dasein fr sich allein hat, wie eine
Kugel dahin rollt. Durch das Gnadenleben, welches Christus der Menschheit
gebracht hat, ist sie in eine bernatrliche Gemeinschaft eingetreten und zu
einem mystischen Leibe geworden, an welchem die Schnheit und Vollkommenheit
jedes einzelnen Gliedes dem Ganzen zur Zier gereicht. Indem jeder einzelne an
seiner Vervollkommnung arbeitet, dient er zugleich der bernatrlichen
Gemeinschaft und trgt, nach dem Ma, das ihm geworden, sein Sandkorn oder
seinen Edelstein zu ihrer Vervollkommnung bei. Wer es nicht tut, reit eine
Lcke in sie; seine Arbeit fehlt; der Platz ist leer, den er ausfllen sollte,
und alsbald zeigt sich und vergrert sich der Schaden. Wo eine Lcke war,
brckelt mehr und mehr die Mauer ein, bis sie zusammenstrzt und aus einem
schnen Gebude einen Schutthaufen macht, worin hliches Getier wohnt. Je mehr
der Mensch von der Wahrheit und Wrme dieser bernatrlichen Lebensgemeinschaft
durchdrungen ist, welche durch die Menschwerdung Gottes begrndet und durch die
Sakramente erhalten wird, desto schrfer erkennt er den Frevel gegen diese
gttliche Liebesordnung, der in der Snde liegt; desto schmerzlicher beweint er
die Vereitlung gttlicher Liebesabsicht, welche sich der Frevler in sndiger
Verblendung zu Schulden kommen lt. Und das war Hyazinths untrstlicher Gram:
die Snde hatte sich eingenistet in seinem Hause! sein Bruder verga Gott und
seine Pflicht und huldigt einem Gtzen und seiner Leidenschaft; und wie weit der
innere Abfall ihn auch uerlich noch strzen werde - das war nicht zu berechnen
und lie den schlimmsten Befrchtungen Raum. Ihm war zu Mut, als msse er sich
vor den Abgrund werfen, dem Orest zutaumelte, und den Berauschten auffangen und
festhalten - sollte er auch unter der Last zusammenbrechen. Mit
unaussprechlichen ngsten und mit grenzenlosem Vertrauen bat und flehte, weinte
und seufzte er vor Gott um die Rettung seines Bruders, und indem er sein Kreuz
an das des gttlichen Erlsers lehnte, begehrte Hyazinth sein Opfer mit dem
Opfer des Gottessohnes zu vereinigen und die Seelen zu lieben, wie Christus sie
geliebt hat: fr alle sein Blut zu vergieen, fr die fremdeste, die geringste,
die unbekannteste - nicht fr Orest allein.
    So lebten sie alle ein Doppelleben, wie das bei den meisten Menschen der
Fall ist; uerlich - rosenrot, Sammt und Seide, geflliger Umgang, genureiche
Unterhaltung. Trat dann jeder in sein Kmmerlein zurck, so war es anders! da
fand sich jeder gegenber seinem Herzen, das die Folge und Strafe der Snde, der
eigenen und der fremden - einen Dornenkranz trug.

                               Das Auge der Welt


Es gehrte zu Florentins grten Peinen, da Judith nach wie vor eine treue
Freundschaft fr Lelio bewahrte. Die kleine Mistimmung, die sie am Genfersee
gegen ihn uerte, war lngst verschwunden - um so mehr, als er sich wohl
htete, ihren liebsten Plnen wieder mit der Schrfe von damals, die sie ja auf
ihrem Standpunkte durchaus nicht verstehen konnte, entgegenzutreten. Das lt
sich niemand gefallen ohne Erbitterung - ausgenommen die vollkommenen, der
Selbstsucht abgestorbenen Seelen. Die nehmen auch den schrfsten Widerspruch,
der sich nicht etwa gegen ihre Fehler, wohl aber gegen ihre Tugenden erhebt,
mild und liebevoll hin. Judith hatte Lelio gern, wie sie frher Ernest gern
hatte: es lag auf beiden der Schmelz des katholischen Gemtslebens - wie
Florentin es nannte. Ernest machte ihr einen so tiefen Eindruck, weil er das
war, was man nchst dem Vogel Phnix am seltensten in der Welt findet: er war
aus einem Stck; denken, wollen, handeln stimmten bei ihm berein; immer, nicht
ausnahmsweise. Die meisten Menschen sind aus Bruchstcken von diesem und jenem
Denken, Wollen, Handeln, zufllig und uerlich, planlos zusammengesetzt; die
einen mehr, die anderen minder. Sind die Bruchstcke schn, so gibt es das, was
man nennt, interessante Menschen. Bei Lelio kamen jetzt solche Bruchstcke zum
Vorschein. Er war nicht aus einem Gu wie Ernest; Judith selbst hatte ihn ja
noch vor kurzem auf einem ganz anderen Wege, mit einem ganz anderen Streben
gekannt. Um so mehr interessierte sie sich fr seine Umwandlung, die
augenscheinlich aus seinem innersten Wesen hervorging. Florentin versicherte
zwar, er folge einem fremden Impuls. Einmal wollte er gehrt haben, ein sehr
reiches junges Mdchen habe sich zum Sterben in Lelio verliebt; aber von ihrem
Beichtvater die Weisung erhalten, unter keiner Bedingung mit einem Menschen sich
zu verehelichen, der zu den geheimen Gesellschaften, zu einer Venta oder einer
Loge gehre; nun knne Lelio doch unmglich diese schne reiche Person vor Liebe
umkommen lassen! Ein anderes Mal hatte Florentin gehrt, da die Jesuiten, deren
fabelhafte Reichtmer ja immer eine sehr groe Rolle bei allen Gegnern der
katholischen Kirche spielen, Lelios Bekehrung erkauft haben sollten. Ein drittes
Mal sollte seine bigotte Familie ihn dermaen mit Schilderungen der
Hllenstrafen gengstigt haben, da er durch Grauen zur Apostasie von der Sache
der Freiheit und des Fortschrittes getrieben sei. Aber all diese Angaben machten
nicht den mindesten Eindruck auf Judith, obschon eine Menge Menschen, vielleicht
die meisten, in hnlichen Fllen hnliche Motive voraussetzen. Sie war zu
selbstndig, um nicht an eigene, innere Beweggrnde zu glauben, und zu stolz, um
nicht zu begreifen, da man ihnen rcksichtslos folgen knne. Sie sagte
kaltbltig zu Florentin:
    Geben Sie sich keine Mhe, mich durch das Wutgeheul Ihrer Partei zu
betuben, Fiorino. Ich glaube das, was Lelio mir gesagt hat. Er lgt nicht.
    Darf man wissen, was er gesagt hat?
    Die Gnade hat ihn bekehrt.
    Und das begreifen Sie, Signora?
    Nein, das hab' ich nicht gesagt; wohl aber, da ich an Lelios
Aufrichtigkeit glaube.
    Die Gnade? .... ja, was ist denn das fr eine mystische oder mythische
Person? Wie gibt sie sich kund? wodurch wirkt sie? wie ergreift sie den
Menschen? was ergreift sie in ihm?
    Fragen Sie doch lieber: was it sie, was trinkt sie? dann stehen Sie
vollkommen auf der Hhe von Sir John Falstaff! unterbrach Judith ihn unmutig.
Ist das Genie nicht auch eine mystische oder mythische Person, wie Sie hhnend
fragen - und ist es deshalb etwa nicht? Wer versteht die geheimnisvolle Flamme
zu erklren, die z.B. ber der Stirn eines kleinen Bauernbuben so wunderbar
leuchtet, da sie ihm die Augen ffnet fr die Schnheit, die im Stein verborgen
ist, ihn antreibt, den Meiel zu ergreifen und die schnen Gtterbilder aus
ihrer Versteinerung heraus zu arbeiten; und die ihn endlich zu einer der groen
Berhmtheiten macht, die man unsterblich zu nennen pflegt. Ich finde es nicht
seltsam, da Lelio von der Gnade - als da ein Canova vom Genie ergriffen wird.
    Nur haben beide uerst verschiedene Folgen! das Genie wirkt schpferisch,
die Gnade erttend.
    O nein! rief Judith, auch die Gnade ist schpferisch; aber nach innen.
    Sie sind hellsehend, Signora! rief er spttisch.
    Und Sie sind blind, armer Fiorino, sagte sie kalt.
    Das mu wohl sein, entgegnete er; denn ich nehme nichts wahr von dieser
wunderbaren Schpfung in Lelio. Er ist ein Abtrnniger einer heiligen Sache
geworden, ein Deserteur von der Fahne der Freiheit, ein berlufer ins Lager der
Finsternis. Er ist treulos gegen seine besten Freunde, er entsagt der Kunst, die
das Leben lieblich schmckt. Nein, Signora, ich entdecke keine goldenen Frchte,
welche seine Gnade ihm trgt.
    Sie macht ihn gut, Fiorino; rechnen Sie das fr nichts? Er ist ein guter
Sohn geworden, er lebt in dem Kreise seiner einfachen Pflichten, er ist die
Wonne und der Herzenstrost seiner Eltern, er hat sich losgesagt von dem wsten
Sinnenleben, in dessen Schwelgereien er sich berauschte; er begngt sich mit
einer ganz unscheinbaren Stellung, mit einem uerst bescheidenen Lose, um nicht
in der Strudel der Welt zurckgeschleudert zu werden; er verzichtet auf den
Beifall und die Bewunderung, die seinem herrlichen musikalischen Talent folgen
wrden, auf diesen gewissen Kunstrausch, dem man schwer entsagt, wenn man ihn
genossen hat. O es ist eine ganz wunderbare Vernderung mit Lelio vorgegangen,
und so wie er jetzt ist, ist er besser und edler, als er frher war. Ich nehme
vorlieb mit den Menschen, wie sie eben sind, guter Fiorino! allein deshalb
drfen Sie nicht whnen, da ich den Mastab fr hhere Naturen verloren htte.
Er rostet mir nur ein wenig ein, weil ich so uerst selten ihn an jemand
anlegen kann. -
    Florentin wtete heimlich bei solchen uerungen Judiths und hatte zuweilen
Lust, auf irgend eine Weise rcherisch strend einzugreifen in ihr Verhltnis zu
Orest. Aber abgesehen davon, da ihm bei Orests Leidenschaft fr Judith die
Unmglichkeit einer Strung einleuchtete, versprach er sich durch ihre Ehe doch
noch einen viel hheren Triumph seiner Ideen. Eine Apostasie, ein zerrissenes
Eheband, eine jdische Sngerin - und das alles im Hause der Windecker - welche
Elemente des Fortschrittes, nach seinen Ansichten, waren nicht darin enthalten!
Vorderhand mute er sich in sein Schicksal ergeben, bei den Ausflgen, die
Judith in Roms Umgegend machte, und bei der Besichtigung der Altertmer, der
Kirchen und Kunstwerke immer Lelio an ihrer Seite zu sehen. Dieser hatte ihr
einen Musiker empfohlen, wie sie ihn fr ihre Studien brauchte und auf ihre
Einladung, sie oft zu besuchen, geantwortet:
    Nein, Signora, die Welt, die Sie umgibt, ist meine Welt nicht mehr. Ich
suche die Sprache zu vergessen, die man dort spricht; der Gedanken mich zu
entschlagen, die dort herrschen; den Bestrebungen mich zu entziehen, die dort
verfolgt werden. Kann ich Ihnen aber als Cicerone dienen, so bin ich gern dazu
bereit und hoffe Ihnen etwas von der Langweile zu ersparen, welche Sie bei einem
gemieteten Cicerone unfehlbar ausstehen mten.
    Judith nahm gern den Vorschlag an und setzte hinzu:
    Desto mehr geniee ich Ihre Unterhaltung.
    Florentin sagte erbittert: Signora, Ihr kaprizioser Kopf macht es wie Ihre
Stimme: beide suchen umsonst ihres Gleichen! Sie haben jahrelang Lelio zum
Hausgenossen gehabt und nie eine Vorliebe fr seine Unterhaltung geuert. Kaum
verlt er Ihr Haus, so wird er Ihnen unentbehrlich.
    Unentbehrlich nicht, entgegnete Judith, aber lieb und angenehm, und ich
finde meine Kaprizen durchaus gerechtfertigt.
    O das finden die Damen immer! rief Florentin.
    Dann bin ich ja vollends in meinem Recht, sagte Judith lachend, wenn ich
es mache, wie mein ganzes Geschlecht. -
    Sie fuhr eines Tages mit Madame Miranes, Lelio und Florentin zum Grabe der
Ccilia Metella - dieser Frau, welche das seltsame Schicksal hat, da ihr Name
und ihr Grabmal durch die Jahrtausende gehen, ohne da man irgend etwas von ihr
selbst wei.
    Und dann ist man noch stolz auf seine Berhmtheit! rief Judith. Und dann
freut man sich des Gedankens, da die Nachwelt unsere Namen aufbewahren werde!
Eine gnzlich unbekannte Frau geniet diese Ehre in weit hherem Grade, als sie
unsereinem je zu teil wird, nur weil ihr Name, in eine Marmortafel geschnitten,
ihr Grab anzeigt und weil dies Grab eine Art von festem Turm ist, der den
Jahrtausenden trotzt. Rom khlt ungemein gegen den Durst nach irdischer
Unsterblichkeit ab. Man sieht hier so recht, wie die verschiedenen Epochen in
der Geschichte auf einander folgen, wie eine jede ihre Gren hat und wie sie
alle nach und nach untergehen. Rom ist ein chtes elysisches Gefilde im Sinn des
Altertums: eine Schattenwelt! und ist melancholisch, wie eine solche sein mu.
    Ist es nicht recht eigentmlich, sagte Lelio, da gleichsam ein
verlorener Ton aus uralter Offenbarung in die Fabelwelt sich versenkt hat und
einen leisen Anklang der groartigen Harmonie angibt, die im Christentum zur
vollen Erhabenheit sich entfaltet? Die christliche Lehre vom Dasein nach dem
Tode - im Himmel fr die Heiligen, in der Hlle - fr die Verlorenen, im
Purgatorium fr die, welche dereinst in den Himmel bergehen werden, findet
sich, gleichsam durch einen Hohlspiegel verzerrt, in der griechischen Fabel vom
Olymp, vom Orkus und von den elysischen Gefilden.
    Der Hohlspiegel ist die Sinnlichkeit, in welche die Griechen versunken
waren, sagte Judith. Die verzerrt alles Groe! die Schnheit wird weichlich,
die Kraft brutal und ich habe nie begreifen knnen, wie vernnftige Menschen
unserer Tage fr die griechische Gtterlehre und fr das griechische Kunstideal
schwrmen konnten. Das Technische der Kunst, die Vollendung und Harmonie der
Form, die Behandlung des Materials ist unvergleichlich; aber ein Herkules als
Ideal der Kraft, oder eine Venus als Ideal der Schnheit gengen mir nicht.
    Sie stellen das Menschliche idealisiert dar, sagte Florentin. Was
verlangen Sie denn noch mehr, Signora?
    Da sich Gttliches in ihnen darstelle.
    Mit der Anforderung geraten Sie abermals in eine Fabelwelt.
    Oder in die christliche Kunst, ergnzte Lelio.
    Wie ein guter und ein bser Geist standen diese beiden Menschen bestndig
neben Judith und jeder redete zu ihr in seiner Sprache und suchte sie zu
gewinnen fr das Reich, das er vertrat. Aber um jeden Menschen, wenn auch nicht
in so ausgeprgten Gestalten, regen und bewegen sich hnliche Einflsse.
    Whrend sie das Grabmal betrachteten, das ein Rundbau von so enormer Gre
ist, da er in Roms mittelalterlichen Brgerkriegen als Festung diente - und
nach allen Seiten ihn umgingen, kam von der Stadt her ein Wagen gefahren, in
welchem Graf Damian, Corona, Hyazinth und Felicitas saen. Orest machte eine
groe Jagdpartie mit, sonst wrde er zwar nicht seine Familie, wohl aber Judith
begleitet haben. Florentin erkannte schon von Weitem die Ankommenden und rief:
    Da ist die ganze Familie von Graf Orest.
    Wer ist der junge Geistliche? fragte Lelio.
    Sein jngster Bruder - ein Schwrmer erster Ordnung! vielleicht kein
Betrger, doch ganz gewi ein Betrogener.
    Du machst eine Einteilung und einen Unterschied, als ob Du von den
verschiedenen Graden der Eingeweihten in irgend einer geheimen Gesellschaft
sprchest, entgegnete Lelio mit groer Bestimmtheit. Das pat aber nicht fr
den katholischen Priesterstand und ich bitte Dich nicht zu vergessen, da ich
Katholik bin und folglich eine Gleichstellung vom Grand-Orient und von der
heiligen Kirche nicht dulden kann.
    Warum denn nicht! rief Florentin. Der Priesterstand ist gleichsam die
Miliz einer Sache, die er heilig nennt und er schart sich zu gegliederter
Ordnung um seine Anfhrer, die Bischfe, welche die Parole erteilen. Wir sind
auch eine Miliz, haben auch eine heilige Sache und empfangen auch von unseren
Fhrern die Parole. Aber an uns ist es, uns jeden Vergleich mit der Kirche zu
verbitten.
    Kommen Sie, Lelio! rief Judith ungeduldig; wir wollen zum Zirkus des
Maxentius gehen - so nannten Sie ihn ja wohl? - dessen Trmmer man schon von
hier gewahr wird. Und rasch schlug sie den Weg dahin ein, ohne einen Blick auf
den Wagen zu werfen.
    Madame Miranes blieb etwas zurck, nahm die Ankommenden in Augenschein und
sagte dann zu Florentin:
    Das ist aber nicht die Grfin Regina Windeck.
    Nein, es ist die jngste Tochter von Graf Damian. Die lteste ist im
Kloster.
    O Himmel! warum denn das?
    Fanatismus! Sucht nach besonderen Dingen! Es hie, sie wolle Frstin werden
und die Heirat sei nicht zu Stande gekommen.
    Und dafr suchte sie Ersatz im Kloster?
    Ersatz, Trost, was wei ich! Unglckliche Liebe ist ja immer der Grund, der
junge Mdchen in's Kloster treibt.
    Was ist denn aus dem Graf Uriel geworden, der damals in Frankfurt lebte und
ein bildschner und sehr angenehmer junger Mann war.
    Nichts! ein Herumtreiber! ein hochgrflicher Vagabund!
    Hat er sich auch auf die unselige revolutionre Seite gelegt? rief Madame
Miranes unbefangen.
    O nein, entgegnete Florentin, uerst entrstet ber diese naive Frage;
der ist und bleibt ein Ultra unter den Aristokraten. Aber es ist eben nichts
Tchtiges aus ihm geworden, man hat ihn im Staatsdienst nicht brauchen knnen
und so hat er sich auf die chte faule Seite gelegt: er reist in der Welt umher,
ohne Zweck, ohne Geschft, ohne Sinn.
    Schade um ihn! er war schon damals eine brillante Erscheinung in der
Gesellschaft.
    Freilich schade! aber was lie sich von einer Windecker Erziehung anders
erwarten! Wo eine so bigotte Mutter und ein so fanatischer geistlicher Onkel den
Ton angaben, muten Kirchenblumen erzielt werden, ohne Farbe und Duft.
    Welch ein Glck, da Sie und Graf Orest diesem traurigen Einflu sich
entzogen haben.
    Ja! rief Florentin jubilierend, da kann der Mensch den rechten Gebrauch
seines freien Willens an den Tag legen, wenn er sich ber die Migriffe, die
Fehler, die fesselnden Gewohnheiten seiner Erziehung hinaus schwingt und eine
neue Bildung sich zu eigen macht. -
    Als die eine Gesellschaft mit der Besichtigung der Zirkusruine und die
andere mit dem Grabmal der Ccilia Metella fertig war und jede zu ihrem Wagen
zurckkehrte, rief pltzlich Hyazinth:
    Da kommt der heilige Vater! o seht, er kommt des Weges! er geht zu Fu! in
der weien Soutane - das ist er.
    Welch ein Glcksstern waltet ber uns! rief Graf Damian vergngt.
    Diese Wonne! Lili bekommt seinen Segen! jubelte Corona.
    Sie hatte einen herrlichen Blumenstrau von Rosen und Orangenblten in der
Hand; sie ri ihn auseinander, gab die einzelnen Blumen an Felicitas und
unterrichtete das Kind, was es zu tun habe. Dann warteten alle in frohbewegter
Spannung, da der heilige Vater sich nahe. Er ging zwischen zwei Herren seines
Gefolges; andere hinter ihm; in einiger Entfernung fuhren die Wagen langsam
nach.
    Lelio hatte mit ebenso groer Freude wie Hyazinth seiner Gesellschaft die
Ankunft des heiligen Vaters angezeigt, aber nicht dieselbe Teilnahme gefunden.
    Weltlicher Frst und Priesterknig! rief Florentin; zwiefachen Hasses
wert! o knnt' ich ihm diesen Ha ausdrcken.
    Nahest Du dich ihm oder sagst Du eine Silbe, so schlag' ich Dich zu Boden!
rief Lelio zornesbleich.
    Ruhig, Lelio! sagte Judith; Fiorino wei, wie er sich in meiner
Gesellschaft zu benehmen hat. Sie knnen aber nicht von uns Ihre papistische
Adoration verlangen.
    Ein fremder Souvern geht uns gar nichts an, sagte Madame Miranes; und
was den Glanz betrifft, so haben wir schon ganz andere gekrnte Hupter
gesehen. -
    Sie bildeten eine eigentmliche Gruppe! Judith stand da, hoch aufgerichtet,
kalt und stolz, wie jemand, der gewhnt ist, Huldigungen zu empfangen, nicht
darzubringen. Madame Miranes sah neugierig dem Kommenden entgegen und zugleich
verwundert, weshalb Lelio eine solche Verehrung fr den alten Herrn uere. Mit
finsterem Trotz in Blick, Mienen und Haltung stand Florentin neben Judith. Aber
Lelio lste sich von der unfreundlichen Gruppe ab, die unbeweglich stehen blieb,
whrend er niederkniete, um den Segen zu empfangen, den der heilige Vater im
Vorbergehen mild ihm erteilte. Lelio htte gern den Staub unter seinen Sohlen
gekt, so zerschmolz ihm das Herz vor Reue bei dem Gedanken, da er in diesem
gtigen, liebevollen Greise je einen Tyrannen, ein schdliches, unheilbringendes
Wesen habe sehen knnen. Er folgte ihm mit den Blicken und sah, wie aus der
Gruppe der Windecker ein Kind ihm entgegen lief, das in Wei gekleidet einen
himmelblauen Grtel und beide Hnde voll Blumen trug. Mit der unnachahmlichen
Grazie der kleinen Kinder, die noch von keiner Eitelkeit und Ziererei etwas
wissen, streuete Felicitas ihre Blumen auf den Weg und kniete dann neben ihnen
nieder. Und der heilige Vater legte einen Augenblick zrtlich seine Hand auf das
Haupt des Kindes und erteilte dann mit groer Freundlichkeit an Corona, Graf
Damian und Hyazinth seinen apostolischen Segen. Dann ging er weiter des Weges.
Auf der kurzen Strecke hatte sich ein getreues Abbild von dem Urbild aufgerollt,
das der Evangelist Marcus von dem Heiland mit den Worten malt: Und Er war in
der Wste, bei den wilden Tieren; und die Engel dienten ihm. Wie der gttliche
Heiland, so steht auch die Kirche, die sein Werk fortsetzt, hienieden in der
Wste der Welt - einerseits umheult und umtobt von der Wut des Satans und von
der Bosheit wilder, verderblicher, frecher Leidenschaften - whrend andererseits
alles Gute, alles Heilige, alles Himmlische und bernatrliche ihr huldigt. Und
je hnlicher des gttlichen Heilands Stellvertreter, als Oberhaupt der
sichtbaren Kirche, in Liebe und Leid Ihm ist: desto mehr wird sich auch in
seinem Leben dieser Zug herausstellen und Niedriges und Bses wird wider ihn
wtend die Zhne fletschen, das Edle und Reine verehrend ihn lieben.
    Corona schlo Felicitas zrtlich in ihre Arme und sagte mit
feuchtschimmernden Augen:
    Nun hab' ich eine Ahnung davon, wie jenen Mttern um's Herz war, deren
Kinder der Heiland segnete.
    Und nun kannst Du auch mit beruhigtem Gewissen auf unsere Audienz im
Vatikan Dich freuen! sagte Graf Damian mit freundlicher Neckerei. Es war Dir
doch immer ein Schmerz, nicht wahr, da Lili als audienzunfhig davon
ausgeschlossen und ohne apostolischen Segen bleiben sollte. Jetzt hat sie den
besten Teil von uns allen bekommen.
    Wie gut ist Gott! rief Corona gerhrt; mit welcher himmlischen Liebe
erfllt er unsere Wnsche!
    Ja, die himmlischen! sagte Hyazinth und froh beglckt setzten sie ihre
Spazierfahrt fort. -
    In Judiths Wagen herrschte nicht dieselbe freudige Stimmung. Florentins
Groll uerte sich durch finsteres Schweigen. Er hatte die Windecker Gruppe aus
der Ferne wohl bemerkt und genau beobachtet, und ihr einfach demtiges Benehmen
bildete einen so schlagenden Gegensatz zu seinem grimmigen Ha, da ihm sein
ganzes Herz davon durchstachelt wurde. Die Gesinnung, die sich in jenem Benehmen
aussprach, griff ihn absichtslos in seinem innersten Selbst, in allem, was er
liebte und erstrebte, an und deshalb empfand er ein Weh, als sei ihm eine
schwere persnliche Krnkung absichtlich zugefgt. Dies merkwrdige, wenn auch
gelugnete innere Bewutsein der Bosheit, des Unglaubens, der Snde und
berhaupt aller Laster, da sie durch das bloe Dasein der Tugend, der
Gottesfurcht, des heiligen Wandels, der himmlischen Gesinnung - gleichsam
verurteilt und gebrandmarkt sind, beweist, welche ungeheuere Macht die Tugend
ausbt, wie unausrottbar die Stimme des Gewissens in der Menschenbrust ist und
erklrt die Wut, mit welcher das Bse, wenn es in den Weltgeschicken die
Oberhand gewinnt, sich an die Vernichtung des Guten macht. Es kommt aber nicht
weiter, als da es einzelne Trger des Guten vernichtet; denn das Prinzip des
Guten ist in Gott, und somit in Sicherheit gestellt vor Dolch, Stilet und
Guillotine.
    Lelio hing seinen Gedanken nach und verfolgte die labyrinthischen
Hhlengnge, mit denen der Geist einer von Gott abgefallenen Menschheit nun
schon seit mancher Generation die allgemeine Vergesellschaftung unterminiert
hat; diese Krater, in denen alle Lava zgelloser Leidenschaften, welche
gttlichem Gesetz und heiliger Ordnung den Gehorsam aufgesagt haben, brodelt und
ghrt; diese Vulkane, die finstere Rauchwolken und schdliche Dmpfe aushauchen
und durch diese Vorboten schon genugsam die Gesellschaft bedrohen - bis irgend
ein unerwartetes Ereignis sie schttelt und die Feuerstrme aus ihrer Tiefe auf
die Oberflche bringt und verheerend ergiet. Er dachte, da die Lava, die dort
kocht, und die Asche, die sich dort absetzt, in ihrem Ausbruch manch Herkulanum
zerstren, manch Pompeji verschtten werde, sei es in einzelnen Seelen, sei es
in den Massen, im Leben des Glaubens wie in den ueren Verhltnissen. Er
dachte, da auch er seinen Anteil zu dieser unsichtbaren Hllenmaschine
beigetragen habe, da auch er von der fixen Idee des Satans, nichts Hheres ber
sich anerkennen zu wollen - behaftet gewesen sei, und unwillkrlich drckte er
mit einer Geberde voll namenlosem Schmerz seine gefalteten Hnde vor die Stirn.
    Was fehlt Ihnen, Lelio? fragte Judith, die ihm gegenber im Wagen sa.
Sie haben als ein chter Papist Ihr Idol angebetet und sind dennoch traurig!
    Er ist ein bufertiger Snder, nahm Florentin das Wort; und einem solchen
ist immer schlecht zu Mut.
    Der Tag wird kommen, wo dem verstockten Snder noch viel schlimmer zu Mut
sein wird, entgegnete Lelio. Aber Du hast ganz Recht, Fiorino! ich bin
bufertig bis in's Mark meines Herzens hinein und Sie erlauben mir wohl,
Signora, Ihnen einen Auftritt zu erzhlen, der sich vor sieben Jahren hier in
Rom ereignet hat und der Ihnen erklren wird, weshalb man hier Bue, und zwar
massenhaft, tun, d.h. das Unrecht bereuen, sich bessern und Genugtuung leisten
sollte. Der heilige Vater machte damals zum Minister einen Mann, welcher sagte:
Das Papsttum ist die letzte lebensfhige Gre Italiens und die Sache des
Papstes ist die Sache Gottes. Diese Sprache mifiel der Revolution und
derjenige, der so redete, noch viel mehr, denn er war der Mann dazu, um zu
handeln, wie er sprach. Er htte Freiheiten und Reformen gegeben und befestigt,
die weltliche Macht des Papstes zu Ansehen gebracht und dadurch der Revolution,
die nach zeitgemen Verbesserungen brllte, den Mund gestopft. In Wahrheit gab
es fr die Patrioten - wie hier die Revolutionsmnner sich nannten - nur eine
zeitgeme Verbesserung, nmlich: den Untergang der weltlichen Macht des
Papstes, keineswegs deren Herstellung; denn sie hoffen, wenn der Papst nur erst
in Abhngigkeit von irgend einem Monarchen ist, wie ehedem der Patriarch von
Constantinopel es von den griechischen Kaisern war - wenn er nur erst heimatlos
und machtlos geworden ist, ein Werk- und Spielzeug fremder Politik: dann habe
die Kirche ebenfalls den Todessto bekommen und das lichte Auge der Welt sei
geschlossen und das frische Herz der Welt stehe still. Darauf arbeiten sie hin;
das ist ihr letztes Ziel: die Kirche soll untergehen. Die weltliche Macht des
Papstes bildet ihr ein Bollwerk - darum falle sie! - Nun kam dieser Graf Rossi
und erklrte, sie retten, sie befestigen zu wollen und auf gesetzmigem Wege,
den die Konstitution ihm vorzeichnete, die Revolution dmpfen und beruhigen zu
wollen. Deshalb wurde Graf Rossi grenzenlos von den Patrioten gehat. Sie htten
ihn bekmpfen knnen auf konstitutionellem Wege, mndlich, schriftlich, ihn
strzen knnen, wenn's mglich war! Aber nein! die Politik der Venta hat einen
anderen Ausdruck, als den der Rede und der Feder. Sie hat das Stilet. Auf der
Treppe der Cancelleria vecchia wurde Graf Rossi durch einen einzigen,
wohlangebrachten Dolchsto in den Nacken ermordet. Eine Menge von Menschen war
gegenwrtig, auch Nationalgarden und Gensdarmen; keiner rhrte sich, keiner
versuchte den Mrder festzuhalten. Sie waren also entweder mit ihm einverstanden
oder gleichgltig gegen die grliche Tat und der Diener des Grafen fand kaum
Beistand genug, um den Entseelten in ein benachbartes Zimmer zu tragen. Am Abend
durchrasten wtende Banden mit brennenden Fackeln die Straen, tanzten unter den
Fenstern der unglcklichen Witwe ihres Schlachtopfers und sprachen ihr
Einverstndnis mit dem Meuchelmrder unverholen aus. Sie sangen ein Lied, das
den Dolch heilig nannte, der einen Verrter traf. Sie wollten Beifall hren -
und die abgestumpfte Masse klatschte Beifall. Sie wollten Freudenbezeugungen
sehen, zwangen mit Drohungen die Straen, durch welche sie zogen, zu
Illumination - und man illuminierte.
    O genug und bergenug! rief Judith. Das erweckt Grauen am hellen Tage.
Sie waren doch nicht bei diesen schauderhaften Szenen, Lelio?
    Nein, Signora! um solche Auftritte wuten nur die Hupter der Patrioten und
deren geheime Agenten. Unsereiner erfuhr nur nachtrglich die Tatsache und zwar
so, da der Hllenpunsch zu einer Limonade abgeschwcht erschien. Ein
beklagenswertes Ereignis - einige Exzesse - gerechtfertigtes Mitrauen der
Patrioten: so glitt die ganze Begebenheit in den Strom der revolutionren
Bewegung hinein. Aber Sie begreifen, Signora, da man Angesichts einer solchen
Tat mit einigem Recht an Shnung derselben denken kann.
    Die Geschichte weist dergleichen Taten in Masse auf, sagte Florentin kalt.
    Nur mit dem Unterschied, entgegnete Lelio, da sie in gesetzlich
geordneten Zeiten von einem Einzelnen und unter dem Abscheu der groen Menge -
hier aber unter massenhafter Teilnahme verbt wurden. In revolutionren Zeiten
erlebt man freilich berall, da ein Teil der Menschheit an edlem Mut und
Rechtsgefhl klglich bankrott macht und mit den Wlfen heult, um nicht fr ein
Lamm zu gelten und von den Wlfen zerrissen zu werden.
    Dahin kommt man mit Ihren Theorien, Signor Fiorino, sagte Madame Miranes.
Das sehen Sie ja selbst ein und lugnen es auch gar nicht. Aber weshalb sagen
Sie sich denn nicht davon los? das fasse ich nicht. Es mu Ihnen ja ganz
unheimlich sein in Verhltnissen zu stehen, die jede Untat gut heien, wenn sie
in ihr System pat.
    Ja, Fiorino! sagte Judith, Sie knnen am Ende Ihr Rechtsgefhl so
abstumpfen und Ihr Gewissen so verflschen, da Sie selbst in Ruchlosigkeit
verfallen. Machen Sie es wie Lelio: treten Sie zurck.
    Sie sind eingeschchtert durch eine Tat, die in der hohen Politik, welche
zuweilen der Geist eines Volks in gewichtigen Momenten ausbt, nicht
ungerechtfertigt erscheint, sagte Florentin eiskalt.
    Und Sie sind unverbesserlich! rief Judith.
    Hrten Sie nicht, Signora, fuhr Florentin fort, wie Lelio vorhin sein
Idol, Papst und Kirche - denn das fllt bei ihm zusammen - Auge der Welt und
Herz der Welt nannte? Mit diesem Auge soll man bereinstimmend sehen, mit diesem
Herzen bereinstimmend fhlen - und wer das nicht tut, soll als ein Verworfener
gelten. Mu man sich nicht einem solchen Absolutismus gegenber zur Wehr setzen?
und wer tut das, wenn nicht die Mnner, welche in allen Jahrhunderten die
geistige Freiheit und den Fortschritt der Menschheit verteidigt und gerettet
haben!
    Die Kirche ist das Auge und das Herz der Welt, sagte Lelio, weil sie der
Menschheit das Licht des gttlichen Glaubens und die Kraft der heiligen Liebe
vermittelt, durch welche die Menschheit in Wahrheit frei, in Wahrheit auf die
Bahn des Fortschrittes gefhrt wird. Das beweist die Geschichte des
Christentums. Es hat sinkende und aufsteigende Epochen, Perioden der Blte und
des Verfalles im Leben der Vlker. Sprt man dem Grunde nach, weshalb die Zeiten
untergehen, so ist es immer, weil das feindliche Element des hochmtigen
Individualismus bald auf dem Gebiet der Politik, oder der Religion, oder der
Literatur - aber immer da, wo eben ein schwacher Punkt sich zeigt, den Einflu
des religisen Lebens hemmt, strt oder sogar ganz lhmt. Wie gefallene Engel,
groe Gaben elend verwstend, bumen sich dann manche Geister gegen die Kirche
auf und nennen diesen Abfall - Befreiung! und augenblicklich, als wrden die
Pforten des Himmels hinter ihnen zugeschlagen, erlischt in ihnen das
bernatrliche Licht des Glaubens und erstirbt in ihnen die bernatrliche Kraft
der Liebe; denn sie haben sich freiwillig von dem Auge der Welt und dem Herzen
der Welt losgesagt. Verworfene, wie Fiorino sagt, sind sie nicht; die Kirche
verwirft niemand, der ihr anhangen will. Aber sie sind Fremdlinge und
ausgeschlossen von den Rechten der Kinder des Hauses - bis zu ihrer Bekehrung,
welche Gottes Gnade einem jeden mglich macht; wie Sie das an mir erlebt haben,
Signora.
    Judith antwortete nicht; sie hing ihren Gedanken nach und hrte nicht auf
Lelios und Florentins fernere Gesprche. Sie war trbe gestimmt. Die Begegnung
mit Corona, mit dem heiligen Vater hatte sie peinlich aufgeregt. Sie dachte mit
Unbehagen an diese Frau, an die Mutter dieses engelgleichen Kindes, welche sie
aus dem Hause des Gemahls verdrngen wollte; mit Unbehagen an diesen milden
Priesterknig, der nur einen kleinen irdischen Staat und doch ein unendlich
groes geistiges Reich beherrschte, in welchem sie ein Fremdling war, und sie
fragte sich im Stillen wieder und wieder: Knnte ich denn nicht auch in das Auge
der Welt schauen? Sie nahm sich vor, mit Lelio darber zu sprechen, und als sie
nach einigen Tagen mit ihm allein war, sagte sie:
    Haben Sie fr mich gebetet, Lelio? In der Villa Diodati versprachen Sie es
mir.
    Und ich habe Ihnen Wort gehalten, Signora.
    Und Erhrung gefunden, Lelio; denn ich werde jetzt Grfin Windeck.
    Das mssen wri erst abwarten, Signora.
    Es handelt sich jetzt meinerseits darum, da ich die christliche Taufe
empfange und ich wnsche, es mge nach dem katholischen Ritus geschehen; dann
habe ich das meine getan und werde nicht lange mehr zu warten brauchen, mein
armer Lelio. Es wird mit jener Ceremonie ein gewisser Unterricht verbunden:
kennen Sie einen Geistlichen, der mir denselben erteilen knnte?
    Lelio unterdrckte mit Gewalt den Ausdruck seiner grenzenlosen Freude und
sagte gelassen:
    Ich werde mich umschauen, Signora.
    Halten Sie es fr mglich, da ich nach dem Empfang des Unterrichts Ihre
Ansichten von der katholischen Kirche bekme?
    Fr sehr mglich, Signora.
    Das wre mir lieb, auerordentlich lieb - bis auf einen gewissen Punkt. Das
geistige Leben des Menschen nimmt ab und erstirbt, wenn es bestndig von seinem
eigenen Fond zehren und aus seinem eigenen Ich schpfen mu. Hingegen bereichert
und entfaltet es sich, wenn es sich um eine objektive, ber allen vernnftigen
Widerspruch erhabene Wahrheit, wie um eine Sonne bewegt. Diesen Mangel empfinde
ich schmerzlich - und noch schmerzlicher die geistige Vereinzelung, in welche
man ohne eine solche Centralsonne verfllt. Man schliet sich an Kunstgenossen
oder an Gesinnungsgenossen an; man versucht es wenigstens. Aber ach! bei solchen
Verbindungen spielen Laune, Leidenschaft und menschliche Schwche eine so groe
Rolle, da sie nicht von Dauer sein knnen. Ich sehne mich nach etwas
Unvergnglichem, Lelio, und ich mchte meine trbe, unsichere Erkenntnis durch
Untrgliches gesichert wissen. Ich mchte mich anstrahlen lassen vom Auge der
Welt, Lelio.
    Ich glaub' es, teure Signora.
    Nun sagt man aber, da die katholischen Priester sich in alle persnlichen
Verhltnisse zu mischen und sich um alles Mgliche und Unmgliche zu bekmmern
suchen. Davon kann denn natrlich bei mir keine Rede sein. Dem Hofmeister bin
ich entwachsen und meine weltlichen Angelegenheiten besorge ich allein. Sie
wissen ja, wie ich durch mein Schicksal dem meine Neigung entsprach, selbstndig
geworden bin. Den berweltlichen Geist, der in der katholischen Kirche lebt,
wnsche ich kennen zu lernen, aber keineswegs den vormundschaftlichen
Bestrebungen ihrer Priester ausgesetzt zu werden.
    Sein Sie unbesorgt, Signora, entgegnete Lelio lachend, mit dieser Brde
wird sich keiner zu befrachten suchen. Was spricht denn aber Graf Orest zu Ihrem
Plan?
    Lieber wr' es ihm, wie mir scheint, wenn ich protestantisch getauft wrde.
Aber ich kann mich nicht dazu entschlieen und wei weshalb. Und da auch Graf
Orest es wei, so lt er mir freie Hand, denn er legt wenig Gewicht auf die
ueren Formen des einen wie des anderen christlichen Bekenntnisses. Das wird
einen wunderbaren Kontrast geben, nicht wahr, Lelio? Abends sing' ich in der
Oper und Morgens studiere ich den Geist des Christentums. Ich liebe solche
Kontraste.
    So lange, bis sie in Konflikt mit einander geraten - nicht wahr, Signora?
    Zum Konflikt kommt es nicht, Lelio! ich trete mit Freuden von der
Bhnenwelt in's Privatleben zurck. Mit dem Beginn der Fastenzeit hren meine
Verpflichtungen hier auf. Hat Graf Orestes bis dahin seine Verhltnisse ordnen
knnen, so steht unserer Verbindung nichts im Wege, und dann ist's auf ewig aus
und vorbei mit der berhmten Sngerin Judith Miranes! Sie mssen mir dazu Glck
wnschen, Lelio, denn ich freue mich darauf, wie auf eine Erlsung. Bringen die
Verhltnisse des Grafen noch eine Zgerung mit sich, so mu man sich fgen; und
in dem Fall will ich nach Neapel gehen - doch nur aus Liebhaberei. Jetzt aber
wollen wir Rafaels berhmte Sibyllen bewundern, die ja Ihre Kirche Santa Maria
della pace schmcken.
    Orest stellte sich ein, Madame Miranes erschien, und sie fuhren nach jener
Kirche, die ein so wunderschnes Kunstwerk umschliet, wie die Gruppe von vier
Sibyllen ist, welche Rafaels Pinsel mit der ganzen Flle seines Seelenzaubers al
fresco an den Bogen einer Kapelle gemalt hat. Da ruhen sie in stiller Sammlung
und lassen den Strom des Lebens unbeachtet an sich vorber rauschen und schauen
ber ihre Gegenwart und ber die kleinen Geschicke der Menschen mit ihren
wunderbaren, nicht blo sehenden, sondern wissenden Augen, in den gttlichen
Lebenskeim, den die Zukunft ihnen entschleiert hat, klar hinein. Nie ist das
Heidentum edler, schner, tiefsinniger aufgefat und dargestellt worden, als
durch diese Sibyllen. Die Ahnung von einem Erlser, einem gttlichen Shnopfer,
einem Hineintreten des Gttlichen in das Menschliche, um dieses zu einer
verlorenen Glckseligkeit, zu einer hheren Stufe des Seins zurckzufhren,
durchzittert die ganze antike Welt, wie die Schwingung einer Seite, die nur
klingt, aber keinen bestimmten Ton anschlgt. Und dies Ahnungsvolle in der
antiken Welt, das in ihren grten Menschen, in einigen ihrer Kunstschpfungen,
in manchen Mythen, in einzelnen geheimnisvollen Lehren sich uert, um dann
wieder in einem Meer von wsten Fabeln des Geistes, von wilden Orgien der
Phantasie unterzugehen, gibt ihr einen eigentmlichen Reiz, etwas
Tragisch-Anziehendes. Wie ein Gestirn aus einer anderen Hemisphre, das nur am
Horizont aufleuchtet, um sogleich wieder unter denselben zu verschwinden, steht
diese Ahnung von der Offenbarung einer bernatrlichen Liebe tief am Horizont
der heidnischen Welt, und deren Wolken und Nebel fluten ber sie dahin - ohne
sie zu vernichten. Sie bleibt unerschttert in den hheren Naturen. Der
Baalsdienst, das Molochopfer, die bacchischen Geheimnisse gleiten an ihren Augen
vorber, wirbeln die Wolken ihres Taumels, ihrer Berauschung, den Duft ihrer
Blumenkrnze, das Licht ihrer Fackeln zu ihnen empor; aber sie bleiben
unberauscht, unbetubt, unbeirrt und halten fest an der Ahnung, da sich die
gttliche Wahrheit in anderer Weise offenbaren werde. Und zu diesen erhabenen
Naturen in der heidnischen Welt gehren Rafaels Sibyllen. Er hat einen
Schnheitscharakter fr sie erfunden! Das sind nicht Musen, Grazien, Gttinnen
der antiken Kunst; das sind aber auch nicht Fiesole's und Luini's selige
Jungfrauen, nicht Perugino's und Francia's weltentfremdete Heilige; es sind
Gestalten, in denen sich die Hoheit ausspricht, welche der gefallenen Menschheit
vom Ebenbild Gottes aufgeprgt bleibt, wenn sie, um dies Bild zu bewahren, von
den Scheingebilden der Erde sich abwendet. Es liegt eine berirdische Schnheit
auf diesen Sibyllen; aber bernatrlich ist sie nicht; sie ist noch nicht von
der Gnade verklrt.
    O, das ist aber etwas unvergleichlich Schnes! rief Judith vor dem
Gemlde; man mchte dem Blick dieser Augen nachgleiten, tief und immer tiefer,
in die Zukunft hinein, um das zu schauen, was sie schauen; denn das mu etwas
Groes sein, weil es ihnen diesen erhabenen Ausdruck gibt.
    Ja, sagte Lelio, sie schauen in das verschleierte Auge der Welt.
    Und warum entschleiert es sich nicht vor solchen Seelen?
    Warum wandeln wir zwischen Wiege und Grab? warum wechseln Tag und Nacht mit
einander ab? Es gibt Fragen, Signora, welche nur durch andere Fragen zu
beantworten sind.
    Rafael ist unvergleichlich in der Gruppierung, sagte Madame Miranes. Wie
schwierig war sie hier! Vier Frauengestalten ber den Bogen! aber sie treten so
natrlich zusammen, als gbe es gar keinen anderen Platz fr sie auf der Welt.
    Ich finde, da die Sibylla Samia Ihnen etwas hnlich ist, Judith, sagte
Orest.
    Ich wnschte die hnlichkeit lge im Ausdruck, erwiderte sie - und
unwillkrlich trat das Gesprch ber die Sibylla persica, das sie einst mit
Ernest hatte, vor ihre Seele, als er ihr sagte: die Groartigkeit der Sibyllen
bestehe darin, da sie das Geheimnis von der Menschwerdung Gottes im Geist
geschaut htten.
    So fand jeder vor dem Bilde das, was seine Seele beschftigte, und lange
verweilten sie dabei. Als sie endlich sich entfernten, bemerkte Lelio, da Orest
flchtig einem jungen Geistlichen seinen Gru zuwinke, der abseits sein Brevier
betete. Lelio begleitete Judith zum Wagen und kehrte in die Kirche zurck, und
kniete mit seinem Gebetbuch auf einem Platz nieder, von wo er den Geistlichen im
Auge behielt. Die Kirche der Deutschen, Santa Maria dell anime, mit ihrem
Priesterhause, das nach altchristlicher Sitte eine Herberge fr fremde deutsche
Geistliche bietet - liegt unmittelbar neben der Kirche Maria della pace.
Hyazinth pflegte hufig die letztere zu besuchen und Lelio hatte schon fter den
jungen Abbate bemerkt, der mit der Andacht eines heiligen Aloysius betete; hatte
ihn auch sogleich erkannt, als Florentin am Grabmal der Ccilia Metella sagte,
das sei Orests Bruder. Nun fand er diesen Bruder eben hier vor dem
allerheiligsten Sakrament, wahrscheinlich in Gebeten fr Orest begriffen und
schmerzlich bewegt durch diese Begegnung. Sollte er vielleicht das Werkzeug
Gottes zu Judiths Bekehrung, zu Orests Rettung sein? Lelio war so ergriffen
durch Judiths Entschlu, von einem katholischen Geistlichen sich unterrichten
und taufen zu lassen, da er fortan alles hoffte von der Barmherzigkeit Gottes,
und als Hyazinth aufstand, um die Kirche zu verlassen, ihm folgte und demtig
sagte:
    Signor Abbate, ich mchte die Ehre haben mit Ihnen zu sprechen, weil Sie
ein Bruder des Grafen Orest sind, der vor einer halben Stunde hier war. Ich
spiele die Orgel hier an der Kirche und wohne ganz in der Nhe bei meinen
Eltern.
    Knnen Sie nicht zu mir kommen? fragte Hyazinth befremdet.
    Sehr gern! entgegnete Lelio unbefangen; nur mu ich Sie allein und, wo
mglich, ganz unbemerkt sprechen, denn es betrifft die Bekehrung der Dame,
welche Graf Orest so eben begleitete.
    Ich folge Ihnen, Signor! sagte Hyazinth uerst berrascht durch diese
unerwartete Nachricht; und bald befanden sich beide in Lelio's stillem Zimmer,
wo dieser Hyazinth in Kenntnis von seinem Verhltnis zu Judith und von allem
setzte, was er ber sie und Orest als Augenzeuge wute.
    Heute nun, so schlo er seinen Bericht, hat sie mir erklrt, da sie sich
mit dem Geist des Christentums bekannt machen wolle. Das ist ihre Art sich
auszudrcken. In unserer Sprache heit es: sie will sich in der Lehre der Kirche
grndlich unterrichten lassen - und das heit so viel, als sich bekehren.
    Doch nicht ganz, Signor, entgegnete Hyazinth; Stolz und Ehrgeiz sind von
je her ein paar gefhrliche Feinde der christlichen Lehre von der Demut gewesen
und das scheinen ja Grundzge ihres Charakters zu sein. Sie verlangt mehr eine
belehrende und anregende Unterhaltung fr ihren Verstand, als da sie sich nach
der Offenbarung einer Wahrheit sehnte, von der sie im innersten Wesen zugleich
erleuchtet und ergriffen genug wrde, um sich mit all' ihren hochfliegenden
Plnen ihr zu opfern.
    Man kann das nicht ersehen, was man nicht kennt, Signor Abbate, und sie
steht ja auerhalb der Gnaden des Christentums, kennt also nur ein natrliches
Licht, natrliche Gaben, natrliche Empfindungen. Wer kann sagen, welche Wnsche
nach himmlischen Dingen in ihr erwachen werden, wenn sich die himmlische Licht-
und Gnadenwelt vor ihr auftut. Ich meine, Signor Abbate, Sie sollten zu ihr
gehen, und ihr sagen, Sie wren der Geistliche, den sie begehrt habe und Sie
wren mit mir befreundet. Ich wei wohl, da ich dieser Ehre nicht wert bin,
aber ich wei auch, da Sie um des bitteren Leidens willen, welches der
gttliche Erlser fr mich geduldet hat, mir befreundet sind.
    Wird sie nicht mitrauisch werden, wenn sie meinen Namen erfhrt.
    Den darf sie vor der Hand nicht wissen! Sie brauchen ja nur, wenn sie
fragen sollte, Ihren Taufnamen zu nennen.
    Und wenn ich meinen Bruder dort trfe!
    In den Morgenstunden treffen Sie ihn nie. Dann ist sie immer allein, mit
musikalischen Studien und mit Lektre beschftigt.
    Was in aller Welt kann aber meines Bruders Absicht sein, da es unmglich
ist, seine Ehe fr ungiltig zu erklren!
    Judith selbst scheint es nicht zu wissen. Sie macht sich nur ihrerseits
bereit, damit sie keine Verzgerung in die Angelegenheit bringt, sobald diese
eine gnstige Wendung nimmt.
    Entsetzlich! rief Hyazinth, mit einer solchen Kaltbltigkeit ein heiliges
Verhltnis zu zerreien.
    Sie whnt das Glck des Grafen Orestes zu begrnden.
    Ja, sie! aber er! aber er! Ach, ich frchte fast, er wird noch schwerer zu
bekehren sein, als sie. Ihr ist die Gnadenwelt verschlossen gewesen; aber er
gehrte derselben an und verlt sie! und verachtet sie! sein Zustand ist viel
gefhrlicher.
    Allerdings! entgegnete Lelio; allein uns stehen augenblicklich keine Wege
zu Gebot, auf denen wir an seine Seele heran kommen knnten, whrend sie bei
Judith geebnet sind. Ist das nicht eine hhere Fgung, da sie katholischen
Unterricht begehrt?
    Ich mu mich besinnen, was ich zu tun habe, sagte Hyazinth. Ich mu
beten, um den Willen Gottes zu erkennen. Ich mu mich mit so vollkommener
Hingebung als Werkzeug ihm anbieten, da meine Armseligkeit seine groen,
liebevollen Absichten nicht vereitelt. Neun Tage mu ich Zeit haben, Signor,
schlieen Sie sich meiner Novene an.
    Mit Freuden! rief Lelio. Neun Tage hindurch werde ich die seligste
Jungfrau Maria mit dem Gebet der Verbannten im Tal der Trnen, mit dem Salve
Regina anrufen, damit auf ihre Frbitte Judith's Verbannung aufhre. Glauben Sie
mir, Signor Abbate, wenn sie zuweilen mit ihrem tief melancholischen Ausdruck in
schweigendes Sinnen sich verliert, so fallen mir die Tchter Israels ein, die
ihre Harfen an die Weidenzweige gehngt haben, trauernd an Babylons Flssen
sitzen und weinen, wenn sie Sions gedenken. Nur ist bei ihr der israelitische
Typus gnzlich in der Frivolitt moderner Allerweltsbildung untergegangen und
das Sion, nach welchem sie weint, liegt nicht in ihrer Vergangenheit, wohl aber
in ihrer Zukunft.
    Hat sie denn keine Zuneigung fr meinen Bruder? Erwiderte sie seine
Leidenschaft nicht? Wre das der Fall, so mte sie sich ja beglckt und
befriedigt fhlen durch die ungeheueren Opfer, die er ihr bringt. Hat sie aber
keine Neigung fr ihn und handelt sie nur aus Stolz und Ehrgeiz, so werden diese
Disteln und Dornen das Wort von der Wahrheit in ihrer Brust ersticken.
    Signor Abbate, ein Frauenherz ist fr unsereinen unergrndlich! Sie wissen
besser Bescheid in der menschlichen Seele, als ich, und werden leichter
erkennen, wie es mit Judith beschaffen ist. Ich glaube, da sie gerhrt ist
durch die Anhnglichkeit, welche Graf Orest seit Jahren fr sie hat; aber ich
glaube auch, da sie weniger davon gerhrt sein wrde, wenn er nicht reich und
nicht Graf wre. Der Flitter der Bhnenwelt ist ihr unertrglich, aber der Glanz
im Privatleben scheint ihr unerllich. Ihr mu ein Licht aufgehen, in welchem
Glanz und Flitter ersterben und, so Gott will! werden Sie es ihr bringen.
    In neun Tagen geb' ich Ihnen Antwort, sagte Hyazinth. Beten Sie
einstweilen, da das geschehe, wodurch Gott am meisten verherrlicht werde, und
da er sich ein passendes Werkzeug dazu erlese. Ich fhle mich dieser Aufgabe,
an welcher fr Zeit und Ewigkeit so ungeheuer viel hngt, nicht gewachsen.
    Sie trennten sich. Lelio frohlockte bei sich selbst: Und er wird es doch
sein! gerade er! die Demut ist ein David, welcher den Goliath des Stolzes
besiegt. Als Judith ihn nach einigen Tagen fragte, ob er noch keinen Geistlichen
gefunden habe, sagte er ernst:
    Signora, es ist nichts Geringes, was Sie wnschen und solche Wnsche sind
nicht auf der Stelle zu erfllen. Ich suche und bete.
    Lelio! Sie sind mein wahrer Freund! rief sie. Wre nur erst alles
vorber! Graf Orest ist sehr verstimmt; er sagt nichts, allein ich frchte, er
kmpft mit groen Schwierigkeiten. Fiorino ist von einer unertrglichen
Bitterkeit. Ich mchte ihm tglich, ja stndlich den Laufpa geben und ich tte
es, wenn ich nicht frchtete, da er sich dann bei Graf Orest einnisten wrde,
was mir nicht lieb wre, und wenn ich nicht wte, da sich ja in einigen Wochen
oder Monaten seine Stellung bei mir von selbst auflst. O wr' es so weit! wr'
ich doch getauft, mit Graf Orest vermhlt und fort von hier - weit fort, damit
die Judith vergessen werde.
    Geduld! Geduld! entgegnete Lelio; es wird sich schon alles entwirren und
lichten, wenn man sich nur den himmlischen Fhrungen berlt. Suchen Sie nur
Graf Orest recht sanft zu stimmen.
    Ach, Lelio! erwiderte sie, das geht ber meine Krfte. Er ist, wie die
guten englischen Wettrenner, die, je nher dem Ziel, desto rascher laufen, bis
sie ohne Atem und Besinnung anlangen und selbst von ihrem Reiter nicht mehr
gezgelt werden knnen.
    Diese Eigenschaft ist besser fr ein Rennpferd als fr einen Menschen,
bemerkte Lelio trocken.
    Freilich wohl! der arme Orest ist berreizt durch den Druck seiner
Verhltnisse, fr die er kein Gegengewicht hat.
    Und an der Seite eines solchen Mannes rechnen Sie auf Glck, Signora?
    Warum nicht, Lelio? sobald der Druck aufhrt, findet er von selbst sein
Gleichgewicht.
    Teure Signora, sagte Lelio und schttelte sanft den Kopf, der Druck, der
auf dem Menschen - auf jedem Menschen - lastet, hat die Bestimmung, ihn hher zu
heben, als er ohne denselben steigen wrde. Sehen Sie den Vogel an: auf der Erde
sind ihm seine Flgel lstig und hindern ihn, seine Fe zu brauchen. Aber seine
Last gibt ihm Schwung und er fliegt hoch zum Himmel hinauf. Sehen Sie die Quelle
an, wie sie sich bequemen mu, ihr natrliches Bett zu verlassen und in die
Tiefe hinabgedrckt zu werden. Aber als ein schner, krftiger Wasserstrahl
steigt sie im Springbrunnen auf, ein kristallner Baum mit perlenden Zweigen; der
Druck erhebt und verschnert sie. Das soll auch seine Folge in den menschlichen
Charakteren sein. Gerade der Druck soll unseren Willen im Gleichgewicht mit
unserer Bestimmung erhalten. Spren wir keine Last, so gleitet das Leben
behaglich dahin und versumpft in den Niederungen der Irdischkeit, wo die edle
geistige Natur der Seele zu kurz kommt. Gnnen Sie dem Grafen Orest ein wenig
Druck.
    Seit Ihrer Bekehrung, Lelio, haben Sie eine ganz idealische Auffassung des
Lebens bekommen, die mir sehr gefllt, die ich sogar recht gut verstehe und die
ich doch nicht zu der meinen machen mchte. Ist das nicht ein wunderlicher
Widerspruch?
    Er ist leider ein sehr gewhnlicher, Signora! die sinnlich stolze Natur
hngt an ihrem egoistischen Wohlbehagen und bekmpft die hhere Erkenntnis des
Geistes!
    O wie wahr! rief Judith; o wie haben Sie Recht! Aber, Lelio, was ist es
denn, das die sinnlich stolze Natur in der Menschenbrust besiegt?
    Signora! das ist das Geheimnis des Kreuzes.
    Werd' ich es je erkennen, Lelio? fragte sie mit ihrem schwermtigen
Ausdruck.
    Ja! sagte Lelio zuversichtlich; durch das Auge der Welt.

                         Der Weg zu beiden Schicksalen


In der groartigen Wohnung, welche Judith in einem der prchtigsten Palste auf
dem Corso genommen, hatte sie sich ein Zimmer mit der freundlichen Behaglichkeit
eingerichtet, welche den rmischen Palsten nicht eigen ist. Sie machen den
Eindruck von Wohnungen fr ernste, edle, hochherzige Geschlechter, deren Leben
in groen Gedanken und wichtigen Taten verluft, die zur Erholung wohl prchtige
und feierliche Feste und einen Luxus im groen Stil, Hallen mit Marmorsulen,
Sle voll Freskobilder, Sammlungen von Gemlden, Statuen und Vasen kennen, aber
keine Ahnung haben von der luxurisen Eleganz, welche so bertrieben und so
kleinlich in der Mode der Gegenwart zum Vorschein kommt. Die meisten Menschen
fhlen sich sehr unbehaglich in einem solchen Palast, wo ein Saal zuweilen
grer ist, als eine ganze modische Wohnung in Paris oder als ein ganzes
elegantes Haus im Westende Londons. Judith hatte sich, um diesem Unbehagen zu
entfliehen, ein Zimmer nach elegantem Komfort einrichten lassen. Schwere
Vorhnge verhllten die Tren, ein weicher Teppich bedeckte den Fuboden; ein
Marmorkamin erfllte seinen Zweck und gab Feuer - keinen Rauch; ein Pianino und
anderes modisches Mobiliar fllte den Raum. Dies Zimmer hatte Judith fr ihre
Einsiedelei erklrt. Niemand durfte es betreten auer Madame Miranes, und diese
tat es nicht, weil sie auf alle Launen ihrer Tochter bereitwillig einging -
berdas in ihrem eigenen Zimmer denselben Komfort hatte. Es war ein seltsamer
Kontrast zu diesem Zimmer und zu Judith selbst, da sie zuweilen arme Leute, die
sich mit Bittschriften an sie gewendet hatten, gerade hier empfing. Sie war sehr
wohlttig, ja mehr als das! sie war teilnehmend fr fremde Not. Weil sie in Gold
schwamm, beklagte sie die tausend Entbehrungen der Armen. Sie machte es nicht
wie so viele, welche ihre Gedanken von den Drftigen abwenden, um nur ja nicht
im Vollgenu des Wohlbehagens durch ein trbes Bild gestrt zu werden.
    Eines Morgens hatte Judith eine arme Witwe, die traurige Mutter von vier
kleinen Kindern, erfreut und getrstet entlassen. Die Frau ging die Nebentreppe
hinunter, welche zu diesem Teil der Gemcher fhrte und stie am Fu derselben
auf einen Geistlichen, der zu ihr sagte:
    Ich finde keinen Diener, um mich zu melden. Wie komme ich zu der Signora,
die hier im ersten Stock wohnt? oder ist es noch zu frh?
    Zu frh fr Diener und Gesellschaft; aber nicht zu frh, wenn Sie ein
Anliegen bei der Signora haben. Nur hier hinauf, Signor Abbate! da finden Sie
eine Tr; da klopfen Sie an - und die seligste Jungfrau Maria verhelfe Ihnen zu
Ihrem Anliegen, wie sie mir zu dem meinen bei der edlen Seele verholfen hat,
entgegnete die Frau und trocknete die Trnen ihrer kummervollen Augen.
    Das ist eine gute Vorbedeutung! dachte Hyazinth und folgte der Weisung.
Judiths Kammerfrau ffnete die Tr, an die er klopfte, nahm ohne weiteres an,
da jemand, der so frh und in so demtiger Haltung auf diesem Wege vorgelassen
zu werden wnsche, ein Bittender sein msse, fhrte ihn durch ihr Zimmer, machte
eine zweite Tre auf, teilte einen Vorhang von dunkelrotem Damast und hie ihn
eintreten. Judith sa am Kaminfeuer auf einer niedrigen Causeuse. Neben ihr auf
einem Tisch von florentinischer Mosaik stand ein wunderschner Kasten von
Schildkrot mit Silberfden eingelegt und mit weiem Atlas gefttert, worin sich
eine Menge Schmucksachen befanden, welche sie musterte. Sie trug eine weite
Jacke von violettem Sammt mit Zobel besetzt, in die sie sich hllte, denn es war
ein kalter Wintertag. Ein starker Arom von allerlei Wohlgerchen erfllte dies
Zimmer mit einem Duft, welchen die kaum bemerken, die an ihn gewhnt sind, und
welcher anderen oft unertrglich erscheint. War es der Arom, oder eine gewisse
orientalische Pracht des ganzen Bildes, oder Judith selbst und das, was er von
ihr wute - und hoffte: genug, Hyazinth dachte unwillkrlich an Maria Magdalena
vor ihrer Bekehrung. Er blieb ruhig an der Tre stehen, als Judith sich von der
Causeuse erhob und auch ganz ruhig sagte:
    Was wnschen Sie, Signor?
    Fr mich - nichts! entgegnete er, aber .... -
    Ich verstehe! unterbrach sie ihn freundlich; fr irgend ein Werk der
Barmherzigkeit! und sie schlo ein Schrnkchen auf.
    Aber ich bitte fr Gott um Ihre Seele, Signora, sagte Hyazinth.
    Ah, Sie sind von Lelio zu mir gewiesen! rief Judith und wendete sich rasch
ihm zu. Sein Sie willkommen! .... Sind wir uns schon irgendwo begegnet? setzte
sie hinzu, als sie ihn ins Auge fate.
    Das kann wohl sein, entgegnete Hyazinth gelassen. Ich war neulich in der
Kirche Maria della pace, als Sie dort mit Lelio die Sibyllen bewunderten.
    Aber Sie sind kein Rmer? fragte sie wieder, als msse sie eine Erinnerung
verfolgen.
    Das beweist meine Aussprache zur Genge, sagte Hyazinth lchelnd.
Indessen ist die Veranlassung, die mich hierher fhrt, zu wichtig, als da sich
die Signora bei meiner armseligen Persnlichkeit aufhalten drften -
vorausgesetzt immer, da Lelio recht hatte.
    Was sagte Ihnen Lelio, Signor?
    Sie wnschten die katholische Kirche kennen zu lernen und getauft zu
werden.
    Hauptschlich aber wnsche ich Grfin ... - Sie stockte, deutete Hyazinth
an, Platz zu nehmen, setzte sich wieder auf ihre Causeuse und nahm einen groen
grnen Tafftfcher mit Stben von Sandelholz zur Hand, mit dem sie spielte und
den sie zuweilen als Schirm gegen die Flamme vor das Gesicht hielt. Sie fhlte
sich verlegen und suchte nach Worten. Als sie aber schwieg, sagte Hyazinth nach
einer Weile sanft und ruhig:
    Sie wnschen Grfin Windeck zu werden. Lelio hat mich auch davon in
Kenntnis gesetzt. Erlauben Sie mir aber zu fragen: weshalb wnschen Sie es?
    Um glcklich zu werden.
    Sie wissen also, da Sie in dieser Verbindung Ihr Glck finden werden?
    Ich hoffe es.
    Und worauf grnden Sie diese Hoffnung?
    Auf die Liebe des Mannes, mit dem ich mich zu verbinden denke.
    O Arme! sagte Hyazinth mit dem Ausdruck des tiefsten Schmerzes und des
innigsten Mitleides.
    Er ist geprft und bewhrt, Signor! es ist eine jahrelange Neigung - oder
Leidenschaft! es ist kein verfliegender Rausch. Mein Leben war von der Art, da
ich den Unterschied wohl kennen gelernt habe und da nichts mir wnschenswert
erscheint, als der Besitz eines treuen Herzen.
    O Arme! wiederholte Hyazinth.
    Nicht doch, Signor! sagte Judith bewegt; ich bin ja reich. Ich habe ja
alles, was Tausende umsonst ersehnen und was sie beneiden: Naturgaben und
Vorzge glnzender Art. Ich werde bewundert, angebetet; wo ich erscheine,
erwarten mich Triumphe und Feste; ich versetze groe Massen in einen Taumel von
Wonne und Entzcken, weil ich die Kunst verstehe, die Saite in der Menschenbrust
anzuschlagen, die am strksten vibriert: die Leidenschaft. Ich herrsche ber
diese Massen; ich stimme sie auf meinen Ton. Das ist ein groer Genu. Das ist
die Art, wie das Weib am feinsten seine Herrschaft ben kann und herrschen - ist
nun einmal eine Wonne! Ich habe auch Gold und bin durch mein Vermgen vollkommen
unabhngig. Sie sehen also, da ich reich bin. Nur macht dieser Reichtum mein
Herz nicht glcklich. Das hab ich erkannt in den sieben Jahren meines
Kunstlebens und deshalb will ich all' die schimmernde Herrlichkeit verlassen und
da mein Glck suchen, wo das Menschenherz es findet - in der Liebe.
    O Arme! wiederholte Hyazinth.
    Schweigen Sie, Signor, mit Ihrem entsetzlichen: o Arme! rief Judith
heftig. Wenn Sie das sagen mit diesem Blick und diesem Ton: so verwandeln Sie
mir die Marmorwnde in Tonscherben und Sammt und Seide in Spinnweben - und diese
Juwelen in Kieselsteine - und meine Kleider in Lumpen - und meine Hoffnung auf
Glck in Fiebertraum - und mich selbst in eine Bettlerin.
    O Arme! sagte Hyazinth. - - -
    Wer ist denn in Ihren Augen reich, Signor? fragte Judith nach einer Pause
des Nachdenkens mit Fassung.
    Wer Gott besitzt.
    Dann haben Sie ganz Recht, mich arm zu nennen, denn Gott gehrt weder zu
meinem Reichtum, noch zhlt er mit in meinem Glck.
    Aber Sie glauben an ihn? an einen persnlichen, auerweltlichen Gott?
    Ich habe einmal gehrt, sagte Judith sinnend, ein gewisser Fixstern sei so
weit von unserem Planeten entfernt, da sein Licht drei Millionen Jahre brauche,
bis es zu uns komme. Da die Astronomie das berechnet hat, so nehm' ich es als
eine ausgemachte Wahrheit an - und glaube es. Allein dieser Fixstern mit seinem
drei Millionen Jahre alten Licht ist mir so fern, so fremd, so unerreichbar, da
er mich, wie man zu sagen pflegt, nicht warm noch kalt macht. Ich habe nichts
mit ihm zu schaffen noch zu teilen, er hat auf mein Dasein keinen Einflu, ich
denke nie an ihn. Und so ungefhr geht es mir auch mit Gott. Es gibt ja eine
Gotteskunde, wie es eine Sternkunde gibt. Ich nehme an, da auch sie die
Wahrheit lehrt und glaube an einen Gott, der auerhalb seiner Schpfung steht
und von ihr unabhngig ist. Aber ich bin so wenig mit ihm in Verbindung, wie mit
jenem Fixstern, und die ganze Welt rollt zwischen ihm und mir auf und ab.
Versuche ich es, an ihn zu denken, so erlahmt der Geist oder irrt in der
Zersplitterung der Gedanken umher. Ich finde keine Leiter, die mich zu ihm
fhrte, keinen Faden, der mich an ihn fesselte. Jeder Aufschwung dazu macht mich
mutloser, weil ich auf dem nmlichen Punkt mich immer wiederfinde, und da in
meiner Familie von dem religisen Leben, wie es bei den altglubigen Israeliten
existieren soll, nie eine Spur war, so hab' ich auch nie ein Beispiel vor Augen
gehabt, da es anderen anders gehen knne, als mir.
    Aber Sie sahen Christen, Signora; und Sie sollten bei denen nie etwas
anderes wahrgenommen haben?
    Signor! sagte Judith und schlug ihre Augen fest und klar zu ihm auf; Sie
merken gewi, da ich mich bemhe, aufrichtig Ihre Fragen zu beantworten.
Vergeben Sie mir also, wenn ich etwas sage, das Sie verletzen knnte. Ja, ich
habe Christen gesehen, habe immer unter ihnen gelebt und verkehrt. Aber Sie
wissen, in dem Weltverkehr und in dem gesellschaftlichen Treiben sucht man
Unterhaltung, Zerstreuung, eitle Freuden, auch schlimmeres noch; und was man
sucht, findet man. In Ball- und Opernsle verirrt sich das Glaubensleben nicht
hinein, oder - sollte es ausnahmsweise geschehen, so trgt doch jedermann viel
zu wohlerzogen die Toilette der groen Welt, um ahnen zu lassen, was in seiner
Seele vorgeht. Und so kenne ich denn unter den Christen nur zwei Menschen, in
deren Leben Gott wirklich mitzhlt - und es sind die beiden einzigen Mnner, vor
denen ich Achtung habe.
    Ohne Zweifel ist der eine von ihnen - Graf Windeck und Sie setzen deshalb
ein so groes Vertrauen in ihn? fragte Hyazinth.
    Nein, Signor! entgegnete Judith gelassen. Graf Windeck nimmt, vermge
seiner treuen Liebe fr mich, einen ganz besonderen Platz ein. Der eine jener
Mnner ist unser Freund Lelio, der mir von dem Augenblick seiner Bekehrung an so
lieb und achtungswert geworden ist, wie ich frher nie geahnt habe, da er mir
sein knne. Der ander ist Ihnen unbekannt und ist auch gnzlich aus meinem
ueren Leben verschwunden. Aber zuweilen, wenn ich recht menschenmde bin,
denke ich an ihn, und das erfrischt meine Seele. Er war der schlichteste,
einfachste Mensch von der Welt, kindlich unter seinen grauen Haaren. Ernest hie
er und Maler war er. Ich habe ihn hier im Kapuzinerhabit von fern gesehen. Auf
diese beiden Menschen beschrnkt sich meine Kenntnis von den Christen, die Ihnen
bei Ihrer Frage im Sinn lagen.
    Und haben Sie nie gewnscht, im Denken und Sein diesen Mnnern hnlich zu
werden?
    Ganz auerordentlich, entgegnete Judith mit feinem Lcheln, wenn es
mglich wre es zu werden, ohne meine Eigentmlichkeit aufzugeben.
    ber den Punkt seien Sie auer Sorge, Signora! sagte Hyazinth lchelnd.
Niemand liebt die Mannigfaltigkeit mehr, als der liebe Gott! das beweist seine
Schpfung im allgemeinen wie im einzelnen - und jede Eigentmlichkeit, das
grte Genie, wie die beschrnkteste Intelligenz - die begeisterte, wie die
nchterne Seele - das volle schwunghafte, wie das mig begabte Herz: alle ohne
Ausnahme gelangen zu der ihnen mglichen Stufe der Vollkommenheit nur dadurch,
da sie Gott zum Mittelpunkt ihres Lebens machen.
    Gelangen viele zu der Stufe von Vollkommenheit, die ihnen erreichbar war?
    Das kann allein der allwissende Gott entscheiden. Wir wissen nur, da die
Mittel dazu einem jeden zu Gebot stehen.
    Es werden aber groe Opfer verlangt, um sie zu erreichen; und an der
Eigentmlichkeit wird so viel geschliffen und gemodelt, da wenig davon brig
bleiben mag.
    Signora, ich sehe da in Ihrem Schmuckkasten einige wunderschne Smaragden.
Ehe sie geschliffen waren, mgen sie noch einmal so gro gewesen sein, als sie
jetzt sind, und dennoch sind sie jetzt ungleich schner und kostbarer als zuvor,
denn das Licht spiegelt sich in all ihren Facetten und lockt den glhenden Glanz
ihrer Farbe funkelnd hervor. So soll von der Eigentmlichkeit des Menschen, von
seinem Charakter, seinem geistigen Wesen, welche ihm sein besonderes Geprge
geben, nur das verschwinden, was dessen Schnheit beeintrchtigt und was das
Licht hindert, den spielenden Farbenzauber erstrahlen zu lassen.
    Judith hatte die Smaragdnadel in ihre Hand gelegt, betrachtete sie
nachdenkend und fragte:
    Aber was ist das fr ein Licht, welches dem geistigen Sein des Menschen
seine Schnheit gibt?
    Das ist der menschgewordene Gott, Christus, der Erlser der Welt. Auf jeder
Facette unseres Wesens sollen wir sein Abbild tragen: dann sind wir schn! Da
wir aber statt dessen unser eigenes Bild oder die Abbilde der Welt tragen,
welche durch die Snde verzerrt und entstellt sind, so mu das erst
abgeschliffen werden, bevor die Spiegelung eintreten kann.
    Die Snde! rief Judith im Ton des Vorwurfes; aber es begehen doch nicht
alle Menschen Snden, welche den Charakter entstellen und das Herz verderben.
    Ich wei nicht, welchen Snden Sie das Privileg erteilen, Signora, den
Charakter zu verderben.
    Nun, zum Beispiel dem Geiz, der Heuchelei, der Lge.
    Nicht wahr, Signora, fragte Hyazinth mit sanftem Lcheln, Sie sind
gromtig? und Sie sind des Komdienspiels so berdrssig, da Sie die Komdie
der Welt im Fach der Heuchelei und Lge nicht mitspielen mgen?
    Sie knnen Recht haben, Signor.
    So macht es der Mensch: diejenigen Fehler und Leidenschaften, die er nicht
hat oder die seinen guten Eigenschaften entgegengesetzt sind - nur die nennt er
Snde. Was er aber bei sich selbst findet .... -
    Nennt er Schwche, traurige Schwche, die seiner irdischen Natur anklebt,
unterbrach Judith ihn ruhig. Und was nennen Sie denn Snde, Signor?
    Ich bin nur das Organ der lehrenden Kirche und sie spricht: Die Snde ist
eine bertretung des gttlichen Gesetzes. Gott schuf den Menschen nach seinem
Bilde mit einer liebenden Seele, welcher die Liebe zu ihrem Urbild innewohnt;
aber nicht als Zwang, nur als Neigung, denn die Liebe hat nur dann Wert, wenn
sie auf besonnener freier Wahl beruht. Sie ist kein Feuer, das den ersten besten
brennbaren Gegenstand ergreifen und verzehren darf; sie soll das suchen, was
ihre Flamme dauernd nhrt, ohne Zerstrung um sich her zu verbreiten. Gott lie
dem ersten Menschenpaar die Wahl, ob es seiner himmlischen Bestimmung gem in
der Liebe und Anbetung der gttlichen Schnheit alle Krfte seines Wesens
entfalten und in ihrer Entfaltung selig sein wolle; oder ob es zum Gegenstand
seiner Liebe etwas machen wolle, was Gott nicht ist. Wie unsere Stammeltern
whlten - das wissen wir! sie mibrauchten die himmlische Gabe ihrer Freiheit zu
einem beweinenswerten Akt ihres Willens, sagten ihrem Schpfer den Gehorsam auf
und wendeten sich dem Bsen zu, das er verboten hat. Darum sagt einer unserer
grten heiligsten Kirchenlehrer, St. Augustinus, mit energischer Krze: Die
Snde ist die Verachtung der Liebe Gottes.
    Ah, Signor! rief Judith, wenn das Snde ist, ach! dann gibt es viel Snde
auf Erden! denn wer denkt berhaupt an die Liebe Gottes!
    Bei jedem von uns wiederholt Gott die Prfung, welcher er unsere
Stammeltern unterworfen hat, und wie wir dieselbe bestehen, das kann jeder sich
selbst am besten beantworten. Die gttliche Liebe, die uns selig machen will in
Ewigkeit, wenn wir mit kindlichem Gehorsam ihr anhangen - sie wird verschmht
und gedankenlos, wie ein um sich fressendes Feuer, werfen wir unsere Liebe auf
Dinge, die unserer sinnlichen Natur schmeicheln und ziehen unserem Gott - einen
Apfel vor.
    Das ist grlich wahr! rief Judith und schlug die Hnde ineinander. So
macht es der Mensch. Aber sind das wirklich seine uranfnglichen Geschicke? sind
es nicht Parabeln? nicht Mythen?
    Und wenn es der poetische Ausdruck fr eine allgemeine Wahrheit wre, so
htte Ihr Ausruf, so gut wie die innere Geschichte jedes Menschen, ihm
beigestimmt. Allein Sie werden wohl wissen, Signora, da es wirklich und
wahrhaft die uranfnglichen Geschicke der Menschheit sind, welche in den
heiligen Bchern der Offenbarung von dem gotterleuchteten Moses aufgezeichnet
wurden. Sie sagten ja vorhin, da Sie der Gotteskunde Glauben schenkten. Nun,
ein solcher Gotteskundiger war Moses gewi. Kommen Ihnen Zweifel, so ist das nur
die Folge der Schwankungen, welche im menschlichen Verstande, in seiner
Fassungsgabe und Urteilskraft vor sich gehen. Auf der Hhe der Intelligenz ruhet
der Glaube, wie die Krone auf einer Geisterstirn. Bei Ihnen vielleicht erst im
Keim, als Glaubensbedrfnis, oder als Wunsch und Verlangen zu glauben; aber der
Keim ist vorhanden, wie in jedem Menschen, der mit Vernunft begabt ist. Der
Glaube ist das Band zwischen der Seele und ihrer Heimat. Er gibt ihr die
Anwartschaft auf ein Brgerrecht, welches Sie, Signora, gewi nicht im Staube
des rmlichen Erdenlebens suchen.
    Wenn wirklich in jeder vernnftigen Seele der Glaubenskeim ruht, warum
entwickelt er sich nicht? warum bleibt der Mensch in seinen Zweifeln, in seinen
Verneinungen? warum wendet er sich von der gttlichen Offenbarung ab und seinen
eigenen Ideen zu, an die er mit Fanatismus glaubt, whrend sie anderen durchaus
verkehrt erscheinen?
    Weil der Mensch seinen freien Willen hat. Wie er der Liebe eine verkehrte
oder rechte Richtung geben kann: so kann er den Glaubenskeim entwickeln oder
ersticken. Glaube und Liebe werden ihm nicht wie etwa Seh- und Gehrwerkzeuge
ein fr allemal uerlich gegeben. Wenn das wre - wo bliebe seine sittliche
Freiheit? und fehlte ihm die, wo wre dann seine Wrde, seine Tugend? Gab Gott
dem Menschen die Vernunft und die Fhigkeit, das gttliche Gesetz mit dem
Glauben annehmen und mit der Liebe umfassen zu knnen: so mute er es dem Willen
des Menschen anheim stellen, beides auch verwerfen zu knnen. Christus sagt: Ich
stehe vor der Tr und klopfe an. Diese Tre kann verschlossen bleiben und kann
geffnet werden. Zum ffnen - treibt die Gnade an; zum Verschlieen - die Snde;
oder die Neigung zu ihr.
    Und wenn wir ffnen, Signor?
    So tritt Christus bei uns ein, der verheiene Erlser, und nimmt Wohnung
bei uns. Er richtet die gefallene Natur wieder auf, er stellt die Kraft der
sndensiechen Seele wieder her, er bringt ein himmlisches Leben da hervor, wo
schon der Verwesungsqualm des ewigen Todes brodelte. Er giet ein
bernatrliches Licht dort aus, wo schon die Regionen der ewigen Finsternis
herauf dmmerten - und dies Licht erleuchtet und verklrt die Seele, befhigt
sie zu hoher Erkenntnis, zu reiner Liebe und zur Beharrlichkeit in der
Kindschaft Gottes.
    Bin ich kein Kind Gottes, Signor?
    Doch, Signora, denn Sie sind sein Geschpf - und zu jedem seiner Geschpfe
hat er gesagt durch den Mund des Propheten: Mit ewiger Liebe lieb' ich dich;
darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Gte. Aber er trauert noch um Sie.
Sie haben sich noch nicht unter seine schirmenden Flgel geflchtet, die er
ausbreitet, wie eine Henne fr ihre Kchlein. Das Licht Christi, die
heiligmachende Gnade, ist noch nicht in Ihre Seele eingedrungen und diese ist
noch nicht zu gottgeflliger Schnheit gelangt.
    Und das alles - weil ich Ihren Christus nicht kenne? rief Judith scharf.
    Mein Christus ist Ihr Christus und der Christus der ganzen Welt, sagte
Hyazinth gelassen. Was wre die Erlsung, wenn sie nicht einen erlsenden
Einflu auf die Seele bte, der sie zu teil wird, und sie edler und besser
machte, als sie zuvor war! Knnte die gefallene Menschheit ohne den Erlser zur
gottgeflligen Schnheit sich entwickeln und durch ihre natrlichen Gaben und
Krfte sich zum Ha der Snde und zur Liebe Gottes erheben: so wre freilich der
Erlser etwas ganz berflssiges im Leben der Menschheit. Der moderne Unglaube
hat ihn auch dafr erklrt; denn der moderne Unglaube liebt die Snde, schwimmt
in Snde, trinkt die Snde wie Wasser und wnscht durchaus nicht mit ihr zu
brechen und sich vom Luzifersdienst zur Anbetung Gottes hinzuwenden. Ihm ist
Christus unbequem; darum nennt er ihn eine Fiktion, eine Priestererfindung, um
die Gewissen zu schrecken und um in seinem Namen die Seelen zu beherrschen. Und
etwas der Art ist Ihnen durchs Gedchtnis geflogen, als Sie im Ton des Vorwurfs
sagten: Ihr Christus!
    Wenn Sie sich mit mir vergleichen, fragte Judith, halten Sie sich dann
nicht fr ein unsglich bevorzugtes Wesen?
    Was die Gnade betrifft - unsglich bevorzugt, denn ich bin im Christentum
geboren und bei meinem Eintritt ins natrliche Leben empfingen mich alle Gnaden
des bernatrlichen Lebens, welche Christus, der menschgewordene, der
gekreuzigte, der eucharistische - uns erworben hat, und fort und fort uns
spendet. Was aber mein Verdienst betrifft - ach, Signora, da frchte ich, da
ich, trotz so groer Gnaden, doch keinen Vorzug vor Ihnen habe.
    Glauben Sie nicht, da Gott mit besonderem Wohlgefallen auf Sie
herabschaut?
    Wie knnte ich das glauben, Signora! jeder Blick in mein Herz zeigt mir -
nach innen ein Gewimmel von bsen und sndhaften Neigungen und nach auen -
Fehler und Flecken auf all meinem Tun.
    Das alles sehen Sie in sich, Signor? rief Judith staunend; und ich - ich
nehme nichts der Art in mir wahr! - Sie legte ihr Gesicht in ihre Hnde und
setzte nach einer Pause hinzu: Das Licht der heiligmachenden Gnade, wie Sie es
nennen, ist mir noch nicht aufgegangen, und ob es geschehen wird, wei ich
nicht! ich frchte mich.
    Durch den Mund des Propheten ruft Gott auch Ihnen zu: Frchte dich nicht,
ich bin mit dir. Ich habe dich erlst und dich bei deinem Namen gerufen; du bist
mein.
    Es mu ein entsetzlicher Moment sein, zu entdecken, da man in sich,
gleichsam mit seinem Herzblut, ein Schlangengewimmel nhrt, und ich begreife
nicht, wie Sie davon so gelassen reden knnen, Signor. Ich wrde darber
verzweifeln. Ich kann es nicht ertragen, den Menschen - sowohl mich selbst als
andere - in solcher Erniedrigung zu sehen.
    Und zu dieser Erniedrigung des gefallenen Menschen hat sich der Erlser
herabgelassen, Signora, hat ihr ins Auge und ins Herz geschaut, hat gesehen, da
er rettungslos unheilbar sei, wenn nicht die Todeswunde des Bsen, welche die
Snde ihm schlug, geschlossen werde; hat im wunderbaren Geheimnis seiner
Menschwerdung, der menschlichen Natur die Vereinigung mit der gttlichen - und
die Teilnahme an einem gttlichen Leben gebracht und hat der Majestt Gottes
gegenber seine heiligste Menschheit zu einem Shn- und Schlachtopfer fr den
Abfall der unheiligen gemacht. Und dieser Christus steht jetzt auch vor Ihrer
Tr, Signora, und klopft an und ist bereit, Ihnen die Teilnahme an seinem
gttlichen Leben zu gnnen.
    Was wird aus uns, wenn wir ihn aufnehmen?
    Der neue Mensch, Signora! Der Mensch ist jetzt nicht mehr in dem Zustand,
in welchem er einst aus der Hand Gottes hervorging. Er bringt auf die Welt das
Stigma des Sndenfalles mit, in welchen der Stammvater seine ganze
Nachkommenschaft bis zum Ende der Zeit verwickelt hat. Das ist die Erbsnde -
dies unergrndliche Geheimnis, welches das Gemisch von Erhabenheit und
Niedrigkeit in jedem Menschen erklrt. Er hat etwas vom Engel und etwas vom
Tier: Himmelssehnsucht und gemeine Begierden, einen erhabenen und einen groben
Instinkt, edle und brutale Neigungen. Er trgt das Ebenbild Gottes an der Seele
- und dem Leibe nach, von Staub und Asche, von Fleisch und Blut, steht er in
einer Reihe mit den unvernnftigen Kreaturen. Daraus entspringt eine zwiefache
Sympathie, die von zwiefachem Gesetz angezogen wird; die eine - fr das Schne,
das Geistige, das Ewige, das Unsterbliche; die andere - fr Sinnliches und fr
rohen Genu. Das gttliche Gesetz begehrt vom Menschen Gehorsam und
Unterwerfung. Das Gesetz der gefallenen Natur macht denselben Anspruch und die
bse Begier bumt sich gegen Gott auf. Folgt ihr der Mensch, so begeht er eine
Snde - und je mehr er ihr folgt, desto schwcher wird seine Kraft fr das Gute
und fr den Widerstand gegen die bse Begier. Welche Kmpfe aus dieser
Doppelrichtung, aus diesem Streit von zwei entgegengesetzten Elementen, welche
in der menschlichen Natur begrndet sind - fr jeden Menschen hervorgehen,
welche Niederlagen er leidet, mit welchen Anstrengungen er sich aufrichtet, wie
er sich verzweiflungsvoll zu einer Bahn gedrngt fhlt, die er verabscheut, wie
er sehnsuchtsvoll nach lichter Schnheit verlangt, die ihm in den Hhen
vorschwebt und zu der er sich nicht zu erheben vermag: das hat der Apostel
Paulus in den zwei Worten ausgedrckt: Das Gute, das ich will - tue ich nicht,
und das Bse, das ich nicht will - das tue ich. Unser himmlischer Instinkt ist
nicht stark genug, um die Neigung der sndigen Natur zu den Dingen der Erde zu
besiegen; das lehrt uns jeder unbefangene Blick, den wir in uns selbst werfen.
Er sollte triumphieren, aber ach! er wird von ihr erstickt, wenn die Gnade ihm
nicht zu Hilfe kommt und ihn in Tugend verwandelt, indem sie ihn zur Richtung
des Willens auf das Gute, auf Gott, macht. Hinter der starren, rauhen Rinde
eines Baumes steigt ein wunderbarer Lebenstrieb auf und ab, der ihn mit
berraschender Schnheit, mit Laub, Blten und Frchten schmckt. So steht die
himmlische Pflanze des bernatrlichen Menschen hinter der groben Rinde der
gefallenen Natur, und Christus mu kommen und den bernatrlichen Menschen in
seinem Blut baden, mit seinem Fleisch nhren, mit seinem Licht erleuchten, mit
seinem Geist heiligen, so da dieser nicht mehr von der groben Rinde sich
berwuchern lt, sondern in Blten des Lichtes und Frchten der Gnade
ausbricht. Das Leben Christi in uns ist der neue Mensch; der zweite Mensch - wie
der Apostel Paulus mit groartigem Ausdruck sagt. Der erste Mensch ist der
gefallene Stammvater, der die Menschheit mit sich abwrts reit und ihr
Reprsentant ist. Der zweite Mensch ist der Erlser, der die Menschheit in die
Gnadenordnung einfhrt und sich zu ihrem Stellvertreter macht.
    Nun wei ich, was mit Lelio vorgegangen ist! rief Judith. Die Gnade hat
die sndige Natur berwunden und deren bermacht von dem himmlischen Menschen
hinweggenommen, der in ihr schmachtend gefangen lag. Christus ist in
geheimnisvoller Weise in ihn eingegangen und lebt geheimnisvoll in ihm fort.
Lelio ist ein Christustrger geworden, ein Christ geworden! .... denn Christ und
bernatrlicher Mensch ist ja eins und dasselbe - wenn ich Sie recht verstehe,
Signor?
    Ganz recht, Signora, entgegnete Hyazinth, und all unser Elend rhrt
daher, da die Christen das Christentum als etwas uerliches betrachten und
ihre Verpflichtung vergessen, so zu leben, wie es sich fr Christustrger - um
Ihren Ausdruck zu brauchen - geziemt. Sich zur Ebenbildlichkeit Gottes in der
praktischen Nachfolge Jesu auszuleben: das soll das Charakteristische, das
Wesentliche des Christen sein; dazu empfngt er die Gnade durch die heiligen
Sakramente, die wie unsichtbare Kanle durch die bernatrliche Welt laufen und
seiner Seele das Blut Jesu zufhren, worin sie den Quell und die Krftigung
ihres Lebens findet. So verstanden es die ersten Christen alle. Sie waren
bekehrte Heiden und Juden. Sie waren aufs tiefste von der berzeugung
durchdrungen, da ihre Bekehrung zum Christentum keine andere Folge haben drfe,
als die: sich nach dem Beispiel ihres Erlsers ganz und ohne Rckhalt Gott
hinzugeben. Sie betrachteten den Christen als einen himmlischen Menschen, der
wie ein wandernder Fremdling auf Erden weilt; dem es zwar gestattet ist, sich
Htten zu bauen und sich darin niederzulassen mit denen, die Gott ihm ans Herz
gelegt hat und die er die Seinen nennt - der aber bereit sein soll, von den
Ansiedelungen seines Glckes zu scheiden, wenn der Wille Gottes es verlangt,
oder wenn hhere Fgungen es gebieten; als einen himmlischen Menschen, der zwar
zu seiner heilsamen Demtigung und tglichen Prfung mit seiner sndigen Natur
und deren Trieben und Begierden verbunden bleibt, aber nicht mehr auf sie hren
und noch weniger ihnen folgen darf; der sich hingegen ganz den Anregungen der
Gnade hingibt, ganz sich leiten lt vom Geist Gottes, ganz sein Leben
gestaltet, seine Ansichten bildet, sein Urteil bestimmt, seinen Mastab der
Dinge fhrt nach bernatrlichen Grundstzen, welche die christliche
Glaubenslehre ihm darbietet. Fr die ersten Christen war die Taufe eine ewige
Scheidung zwischen ihnen und Welt und Teufel, eine unbedingte Aufopferung an
Gott und Verzichtung auf ihr Ich, ein unwiderrufliches Bndnis mit dem
bernatrlichen Leben, das ebenso unwiderruflich die Abwendung von der Snde in
sich schlo; eine Liebesvereinigung mit Christus. So gingen sie aus der Taufe
hervor, und in dieser Reinheit des Gewissens und der Absicht suchten sie sich zu
erhalten durch groen Eifer zum Gebet, zum Empfang der Sakramente, zum Anhren
der Auslegung des Evangeliums, zur pnktlichen Ausbung aller christlichen
Tugenden. Kam dann der Tod, gleichviel in welcher Gestalt - ob in den Martern
der Verfolgung, ob in dem bekannten Kleide von Alter und Krankheit - so schieden
diese, den Genssen der Welt und den Leidenschaften des Herzens abgetteten
Menschen freudig von einer Erde, die ihnen nichts gewesen war, als eine
Schranke, welche sie von dem Gegenstande ihrer einzigen Liebe - von Gott
trennte.
    Und dies Geschlecht ist ausgestorben? fragte Judith traurig.
    Nein, Signora, entgegnete Hyazinth, das stirbt nicht aus! das Blut Jesu
hat nicht seine reinigende und heiligende Kraft verloren. Nur kamen damals seine
Wirkungen in gedrngter Flle in dem, verhltnismig zur Jetztwelt, kleinen
Huflein der Christen und bei den Bekehrten zum Vorschein, die mit vollem
Bewutsein das Christentum als die hchste, die gttlichste Gabe empfingen;
whrend jetzt, wo es ber die ganze Erde ausgebreitet und durch beweinenswerte
Irrlehren vielfach geflscht ist, der Weltgeist sich auch vielfach hinein
gedrngt und die Menschen stumpf gemacht hat fr das eigentliche innerste Wesen
des Christentums. Aber Gott Dank! es fehlt auch nicht an Seelen, denen es sich
in seiner himmlischen Schnheit erschliet und die mit dem Apostel Paulus
verlangen, sich selbst abzusterben, um in Gott wieder aufzuleben.
    Dies Verlangen also ist eine unerlliche Bedingung, Signor, um nicht dem
Namen - sondern dem Wesen nach ein guter Christ zu sein?
    Eine unerlliche, um den Weg der christlichen Vollkommenheit zu betreten
und auf demselben fortzuschreiten.
    Und davor soll sich das Menschenherz nicht frchten? vor dieser Bedingung
kein Grauen empfinden? Seine Wnsche, Neigungen, Bestrebungen, seine Liebe,
seine Hoffnungen, sein innerstes Eigentum - alles soll es opfern, um zu einer
geheimnisvollen Lebensgemeinschaft mit diesem, wenn auch nicht unbekannten, so
doch verborgenen Gott zu gelangen, der nicht seines Gleichen ist und der in
seiner seligen unzerstrbaren Ruhe folglich auch nicht den tausend Aspirationen
des warmen und beweglichen Menschenherzens entsprechen kann! Nein, Signor! das
ist zu viel begehrt. Eine aufrichtige Seele darf keine Verbindlichkeit eingehen,
bei der sie die berzeugung hat, ihre Verpflichtungen nicht erfllen zu knnen.
    Das ist, vom natrlichen Standpunkt aus, eine ganz begreifliche
Verzagtheit; erwiderte Hyazinth. Aber Sie vergessen, da in Ihnen, unter all
dem Schutt, der sich in Ihrem Herzen angehuft hat, in Folge seiner
abgestorbenen Wnsche, Hoffnungen und Liebe - der himmlische Mensch auferstehen
soll, wie ein verschttetes Gtterbild zwischen Tempelruinen. Und dieser aus dem
Blut Gottes geborene, vom Lebensatem Gottes durchseelte, in die Liebe Gottes
untergetauchte Mensch - ist dem Gott nicht fremd, der sich durch seine
Menschwerdung zum Bruder - durch sein Leiden und Sterben zum Opfer - durch seine
eucharistische Gegenwart zum Liebhaber jeder menschlichen Seele gemacht, und ihr
fr niedrige Entsagung einen beraus prchtigen Ersatz, fr vergngliche und
drftige Freuden eine grenzen- und endlose Wonne verheien hat. Nicht mde
werden die Propheten Ihres Volkes, diese Verheiung in immer neuen Wendungen zu
wiederholen. Bald spricht der Prophet im Namen Gottes: Ich, ich Selbst will euch
trsten! Bald verkndet er: Ruhe wird dir geben der Herr auf immer und deine
Seele mit Glanz erfllen. Oder er spricht: Nicht wird fortan deine Sonne
untergehen und dein Mond nicht mehr abnehmen; denn der Herr wird dein ewiges
Licht sein; und weiter sagt er: Wie der Brutigam sich freuet seiner Braut, so
wird sich freuen dein Gott ber dich. Sind das nicht prachtvolle Verheiungen?
Durchweht sie nicht die Luft von den Hhen der Ewigkeit? Breiten sie nicht einen
immerblhenden Liebesfrhling vor dem liebedrstenden Auge aus? Umwogen sie
nicht mit leuchtenden Wellen das Herz, das ihnen vertraut, um es durch einen
Ozean der Liebe hinber an das Gottesherz zu tragen?
    Signor! rief Judith und stand lebhaft auf, ich kann das nicht ertragen!
ich habe nicht gewut, da Gott mich so liebt. Versenke ich mich in diese
Bilder, die keine bemalte Leinwand, sondern Gottesverheiungen, sondern
Offenbarung gttlicher Wahrheit sind, so schreit mein Herz auf: Das ist's! das
hab' ich gewollt, das hab' ich ersehnt, danach verlangt meine Seele! das ist die
Liebe ohne Grenzen, ohne Wechsel, ohne Ebbe und Flut, immer gleich und doch
immer neu, die das Geschpf mir nicht zu bieten vermag, weil es selbst begrenzt
und wandelbar ist. Da ich von dieser Liebe getrumt, oder sie geahnt htte -
ich kann's nicht behaupten, obwohl es gewi ist, da ich mich immer mit der
Liebe wenigstens fr eine irdische Ewigkeit einzurichten suchte, und jede andere
als einen Irrtum beweinte. Aber Signor! whrend Sie eben von den Liebestaten und
Liebesverheiungen Gottes sprachen, da war es mir, als sei das verschttete
Gtterbild in meinem Herzen nichts anderes, als die im Wust der Irdischkeit
begrabene Liebe der Seele zu Gott.
    Und was nun weiter, Signora? fragte Hyazinth immer in demselben Ton
sanfter Milde, mit dem er das Gesprch begonnen hatte; werden Sie dem Gott, dem
Knig der Ewigkeit, der wie ein Bettler vor Ihrer Tr steht und um nichts
bittet, als um Ihre Seele - werden Sie ihm Ihre Liebe schenken? Unsere Liebe ist
unser Wesen. Unserer Liebe folgt unsere Seele, unser Herz, unser ganzer innerer
Mensch nach.
    Weil das so wahr ist, Signor, so mu ich mich besinnen! entgegnete Judith.
Ich wei nicht, ob nicht die Liebe fr das Geschpf zu kurz kommt, wenn man
sich mit ganzer Seele in die gttliche Liebe versenkt. Und das darf nicht sein.
Ich will auch das Geschpf lieben.
    O, Sie sollen es auch lieben! rief Hyazinth. Auch diese Liebe soll in den
Strahl der Gnadensonne hineintreten, die bereit ist, ber Ihnen aufzugehen, und
soll daraus eine Kraft und eine Reinheit schpfen, die jeder natrlichen
Empfindung eine hhere Weihe gibt.
    Das beruhigt mich - denn Graf Orest hat mein Wort, und ein Wort ist heilig;
nicht wahr, Signor?
    Ein Wort, das mit voller Erkenntnis und Freiheit in einer gottgeflligen
Sache gegeben ist - ist heilig; von seiner Seite sowohl, als von der Ihren,
Signora.
    Wohlan, dies ist gewi eine sehr gottgefllige Sache. Eine solche Treue
verdient ihren Lohn und das Wort, das ich dem Grafen seit Jahren wiederholt
habe: Alles fr alles! soll endlich zur Tat werden. Nur mu ich Zeit haben, mich
zu besinnen, meine Gedanken zu ordnen, meine Verpflichtungen als Christin zu
berlegen .... -
    Zeit haben, um ein wenig zu beten, setzte Hyazinth hinzu; beten um den
Beistand des heiligen Geistes, da er Sie erleuchte; beten um treue Befolgung
dessen, wozu die Gnade treibt; beten um groes Verlangen, die unendliche Liebe
Gottes zu erkennen.
    Ach, Signor! unterbrach Judith ihn traurig, ich verstehe nicht einmal, an
so hohe Dinge zu denken; wie knnte ich Worte finden, um sie zu erbitten?
    Es war einmal in den ersten Jahrhunderten des Christentums eine Tochter
Babylon's, die Thas hie, und die sich auf die dringenden Vorstellungen eines
heiligen Greises von der Welt zu Gott bekehrte. Sie hatte ihm gesagt, sie
verstehe nicht zu beten. Da riet der Greis ihr, weiter nichts zu sagen, als: O
Herr, der du mich erschaffen hast, erbarme dich meiner! Das tat sie mit solcher
inbrnstigen, demtigen, vertrauensvollen, reuigen Gesinnung, da sie in dem
Ma, wie sie zuvor Gott verachtet hatte, nun ihn lieben lernte und unter den
groen heiligen Bern der alten Tage ihren Platz einnimmt. Ohne Sie in irgend
einer Weise, weder vor noch nach Ihrer Bekehrung mit der heil. Thas zu
vergleichen, knnten Sie doch auch beten mit wenigen Worten und mit um so
grerer Inbrunst.
    Judith ging unruhig im Zimmer auf und nieder, whrend Hyazinth sprach.
Endlich blieb sie vor ihm stehen und rief:
    Sie haben groe Dinge in der kurzen Zeit gesagt - grere, als ich je im
Leben gehrt habe. In den wunderbaren Geheimnissen von der Liebe Gottes zu
seinem Geschpf, die ihn antreibt, sich mit dem Menschengebilde von Staub und
Asche zu vereinigen und in die Erniedrigung einzugehen, um diesem armseligen
Menschengeschlecht ein etwas von seiner gttlichen Natur mitzuteilen und ihm die
verlorene Anwartschaft auf das ewige selige Leben zurckzubringen: darin ffnet
sich mir die Perspektive in eine ganz neue Welt. Aber Signor, wer sind Sie denn,
da ich Ihnen Glauben schenke?
    Ich bin ein ganz geringer und unbedeutender Priester, noch jung, wie Sie
sehen, Signora, und ohne irgend ein Verdienst, so da meine Persnlichkeit nicht
geeignet sein kann, Ihnen das mindeste Vertrauen einzuflen; das ist in der
Ordnung. Aber als ein Priester der heiligen katholischen, von Christus Selbst
auf den Felsen Petri gegrndeten und von den Aposteln ausgebreiteten Kirche,
habe ich, trotz meiner Unwrdigkeit, die Gnade, das Glck und die Ehre, zu den
Nachfolgern und Mitarbeitern der Apostel bei der Verkndigung des Evangeliums zu
gehren, denn ich habe die Weihe und die Sendung zum Priester und zum Lehramt
vom rechtmigen Oberhaupt der Kirche, auf meinen Bischof bertragen, erhalten -
und bin Ihnen Brge mit dem ganzen Priesterstande der heiligen katholischen
Kirche, da jedes meiner Worte, insofern es die Lehre des Evangeliums betrifft,
Ihren vollen Glauben in Anspruch nehmen darf und mu, weil es die volle,
ungeflschte, gttliche Offenbarung verkndet, an der, in ihrer ewigen,
objektiven Wahrheit, kein Deuteln und kein Feilschen gestattet ist. Lassen Sie
sich von zehn verschiedenen Nationen und Zungen Priester rufen, und befragen Sie
dieselben ber ein beliebiges Dogma: alle Zehn werden Ihnen dieselbe Antwort
geben, denn alle sprechen nicht ihre Ansicht oder Meinung oder Erklrung -
sondern die Lehre der Kirche aus, diese wunderbare Lehre, die der heilige Geist
hoch ber alle Schwankungen und Verirrungen des menschlichen Geistes, fr alle
Zeiten der Welt in ungetrbter, gttlicher Reinheit erhlt.
    O wie hat Lelio die Kirche so richtig das Auge der Welt genannt, rief
Judith. Wie von allen Gliedern des Krpers nur das Auge das Licht schaut,
besitzt, umschliet: so besitzt die Kirche ganz allein auf Erden die Flle der
gttlichen Wahrheit und teilt dies himmlische Licht allen denen mit, die sich
aus ihrer Finsternis zu ihr hintappen und Erleuchtung begehren!
    In der Religionslehre der alten Parsen kommen, wie mehr oder minder bei
allen orientalischen Vlkern, neben grulichen Karikaturen ganz wunderbar schne
Anklnge einer hheren Offenbarung, wie eine halbverschollene himmlische Sage
oder wie ein Bruchstck der Tradition, die aus dem Paradiese stammt, vor; sagte
Hyazinth. Sie lehrten ein Lichtreich, in dem das Gute und Schne ein Reich der
Finsternis, in dem das Bse und Hliche heimisch sei. Jeder Sieg des einzelnen
Menschen ber das Bse verstrkte das Lichtreich und jede Niederlage des Guten
minderte es; und je nachdem sich der Mensch zu Ormuz oder Ahriman gehalten
hatte, ging er im Tode mit diesem in das finstere - und mit jenem in das lichte
Reich ein. Drum nannten sie das menschliche Leben: den Weg zu beiden
Schicksalen. Jeder hatte die Wahl, welchem Gott und welchem Schicksal er folgen
wollte. Es treten Momente ein, wo auch im christlichen Sinn fr jeden von uns
das Leben vor uns liegt, als der Weg zu beiden Schicksalen, und ein solcher
Moment ist fr Sie gekommen. Die Nacht dmmert, das Licht bricht an.
    Mge es Tag werden! rief Judith feurig. Dann setzte sie mit ernster
Fassung hinzu: Genug fr heute, Signor! ich danke Ihnen. Ich mu jetzt in die
Alltagswelt hinabsteigen. Lelio wird Sie in meinem Namen bitten, Sich spter
wieder einmal zu mir zu bemhen. -
    Auf demselben Wege, wie Hyazinth zu Judith gekommen war, verlie er sie und
sein nchster Gang war in die nchste Kirche, um vor dem Tabernakel den
verborgenen Gott anzuflehen, Sein begonnenes Werk der Gnade in Judiths Seele zu
vollenden. Denn eine Bekehrung ist eine geistige Schpfung; ein geistiges Leben
bricht aus dem geistigen Tode hervor; der verwesende Lazarus erhebt sich
lebendig aus seinem Grabe; das ist eine Gottestat. Und davon war Hyazinth so
fest durchdrungen, da er jeden Blick auf sich selbst - den verzagten sowohl als
den selbstgeflligen - gnzlich aus dem Auge verlor und sich hingebend versenkte
in die unendliche Liebe des Gottes, der von sich gesagt hat: Er gehe als ein
guter Hirt jedem verirrten Schflein nach. War Judith gewonnen, so konnte auch
Orest gerettet werden.
    Durch Judith's Seele brausten heftige Strme. Sie hatten es so leicht und so
gleichgltig genommen, sich taufen zu lassen; so gar nicht geahnt, da ihr
innerstes Wesen dadurch erschttert werden knne, da ihre Auffassung von Welt
und Leben, von Bestimmung und Ziel eine Vernderung erleiden wrden. Und jetzt?
Sie sa unbeweglich in ihrer Causeuse, mit geschlossenen Augen, die Stirne in
die aufgesttzte Hand gelegt. So nahe ist mir das Gttliche, sprach sie zu sich
selbst, und in das Menschliche hab' ich mich vertieft und verloren. So weit bin
ich abgeirrt von meinem Ziel. Nun verstehe ich, weshalb das Leben mir als eine
Sphynx erschien, deren Rthsel ich nicht zu deuten vermochte und an dem ich mich
mde riet: die gttliche Offenbarung ist der Schlssel zu dieser Hieroglyphe.
Der Abfall des ersten Menschen - die Erbsnde, welche das Ebenbild Gottes in
unserer Seele verletzt - die eigene Snde, welche es zerstrend verwstet und
dem Bsen in uns die Oberhand gibt - der grliche Zwiespalt zwischen der
erstrebenden hheren Natur und der niederen, welche ber sie triumphiert - das
Erbarmen der gttlichen Liebe, die sich demtigt, um das Niedrige wieder zu sich
zu erheben, die himmlischen Arzneien und himmlischen Bande in gttlich
geheimnisvoller Weise bereitet, um die siechen, hinsinkenden Seelen zu heilen
und zu fesseln - und die nichts begehrt, als die Gegenliebe der Geretteten -
eine Liebe, die den Ha des Bsen und die Widersagung der Snde in sich
schliet, und das verwstete Ebenbild Gottes wieder rein und klar zu machen
sucht - o wie ist das verstndlich, wie ist das einfach! Wie befriedigt das alle
Fragen, welche rastlos in der hheren Natur kommen und wiederkommen; Fragen,
welche sie zuweilen in den Regionen der niederen Natur sich beantworten lt,
wenn sie nicht fest an der gttlichen Offenbarung hlt; Fragen von jener
furchtbaren Wichtigkeit, wie jene sind, um die sich das Menschenleben bewegt und
entfaltet, ja - die Lebensfragen fr jeden Menschen sind: Was ist die Liebe?
.... Was ist das Glck? Was ist Wahrheit? .... Klar wie der Tag wird mir das
alles, wenn ich glaube, da die gttliche Offenbarung, welche Christus vom
Himmel gebracht und der katholischen Kirche zur Verkndigung und Aufbewahrung
anvertraut hat, all' diese tausend Fragen mit einer himmlischen Entschiedenheit
lst, welcher die Fhigkeiten meiner hheren Natur beistimmen. Da die niedere
Widerspruch erhebt, ist ein Beweis mehr fr die gttliche Wahrheit der
Offenbarung: die niedere Natur fhlt sich gerichtet und zum Tode verurteilt; sie
will nicht sterben, sie wehrt sich, sie verleumdet die Offenbarung und nennt die
gttliche Wahrheit - Lge! .... Weshalb? .... Um das Lgengewebe der
Sinnlichkeit und der Leidenschaft, welches die Wahrheit zu zerreien trachtet,
ungestrt fortzuspinnen. Wollte ich mich ihr hingeben, so wrde auch ich die
Offenbarung verwerfen und an der Liebe Gottes, die sich in ihr kund gibt,
verachtend vorber gehen. So macht es der Unglaube. Da liegt fr jeden Menschen
die Gefahr, die Versuchung, die Lockung zum Abfall; da - sein unvergnglicher
Kampf; da - der Punkt, auf dem der Weg zu beiden Schicksalen sich spaltet. -
    Die Zeit verging; sie achtete es nicht. Mehrmals hatte ihr Diener an die Tr
geklopft, die in den Salon fhrte, zum Zeichen, da man sie zu sprechen wnsche;
sie hrte es nicht. Rasche Schritte eilten jetzt durch das Zimmer ihrer
Kammerfrau; sie bemerkte es nicht. Die Tr flog auf, der Vorhang zurck - Orest
erschien auf der Schwelle und rief, als er sie ins Auge fate:
    Judith! aber Judith, was ist geschehen!
    Und er lag zu ihren Fen und bedeckte ihre Hnde mit Kssen, um sie zu
wecken aus ihrem Traum, ihrer Ohnmacht, ihrer Meditation. Er wiederholte:
    Aber was ist geschehen? was ist Ihnen widerfahren? warum sperren Sie sich
ab zu dieser Stunde, wo man gewohnt ist, Sie zu sehen? woher diese krankhafte
Blsse? was beschftigt Sie? woran denken Sie? - Sehen Sie mich an! rief er
herrisch.
    Judith zog ihre Hnde aus den seinen und legte sie auf seine Schultern,
schaute ihn an mit dem tiefen ernsten Blick ihres dunkeln Auges und fragte:
    Sind Sie ein guter Christ, Graf Orestes?
    Wenigstens ein besserer als Sie! rief er.
    Ich habe soeben ernsthaft daran gedacht, es zu werden und mich taufen zu
lassen, damit meinerseits dasjenige geschehen sei, was unsere Verbindung
beschleunigt. Da drfen Sie sich nicht wundern, wenn ich mich in Nachsinnen
versenke. Die Komdie meines Lebens hrt auf - die Wahrheit beginnt.
    O da es so weit wre! rief Orest; da endlich! endlich! der Wonnetag
anbrechen, die Stunde des Glckes schlagen mge, die uns auf ewig verbindet, auf
ewig in Liebe aneinander knpft! O Judith! ich reibe mich auf an der Kette, die
mich an ein anderes Weib fesselt, und wenn ich sie auch zerreie, so wird es
doch noch lange whren, bis ich deren Bruchstcke abgestreift habe, die ich
vorderhand mit mir umherschleppen mu. Deshalb, Judith, wollen wir uns in
nchster Zeit vor all' dem Wirrwarr flchten und in der Einsamkeit, fern von der
Welt, unserer Liebe leben. Nach dem Orient wollen wir gehen, nach Damaskus! da
ist das Dasein leicht und lieblich, da verfliegt nicht die schnste Zeit im
Tretrad europischer Konvenienz und Langweil! da wollen wir in ungestrter Ruhe
das Glck genieen, nach dem wir uns schon so lange sehnen und das wir nur da
finden knnen, wo uns keine Erinnerung an frhere Verhltnisse strt. O Judith,
zu flchtig ist die Jugend, zu kurz ist das Menschenleben, um Tag auf Tag mit
nichts anderem auszufllen, als mit der Hoffnung.
    Gerade so denke auch ich! entgegnete Judith. Es mu im Dasein einen
Inhalt, einen Kern, eine Wahrheit geben, welche Ersatz gewhren fr die
unsgliche Leere, welche die glnzendste Existenz elend macht, sobald sie eine
liebelose ist. Ja, Orest, nach dem Orient wollen wir gehen und in dem
paradiesesduftenden Damaskus - wie die orientalischen Dichter es nennen, in den
Feenhusern von Marmormosaik und vergoldetem Cedernholz, welche von den
Reisenden so bezaubernd dargestellt werden, unter Citronenbumen am
pltschernden Springbrunnen, in sen Gefhlen und groen Gedanken unser Leben
zu seinem Ziel fhren.
    O Geliebte! rief Orest beseligt, la uns fliehen, jetzt! gleich! O glaube
mir, die verhate Kette wird leichter gesprengt durch einen so energischen
Schritt, der zugleich eine unausfllbare Kluft zwischen der Vergangenheit und
Gegenwart reit, als durch tausend Schritte, die wir hier unter zahllosen
Hemmnissen und Strungen tun knnten. O komm! o vertraue meiner Liebe!
    So nahe dem Ziel - und die alte Torheit sollte uns besiegen? sagte Judith
traurig. Nein, Orest! ich glaube, da weder Ihre Empfindungen, noch Ihre
Absichten hinsichtlich meiner dadurch eine nderung erleiden wrden. Aber ich
kann diesen Schritt nicht tun! Judith Miranes, die Jdin, kann nicht den Grafen
Orest Windeck auf seinen orientalischen Streifzug begleiten, ohne durch eine so
verkehrte Nachgiebigkeit sich in seinen Augen herabzusetzen. Und merken Sie es
wohl, Graf Orest: es mag nicht schwer sein, die Miachtung einer Welt zu tragen,
die durchaus keinen Mastab hat und gibt fr das, was zu achten und zu verachten
ist und deren Beifall man ganz geschwind wieder erkaufen kann durch eine
Gnseleberpastete und ein paar Flaschen Champagner. Aber schwer, ja unertrglich
wre es, die Miachtung eines geliebten Mannes ertragen zu mssen. Sie wollen
auffahren, Sie wollen Beteuerungen machen! armer Orest, was sind Ihre
gutgemeinten Worte gegen die Tatsache der Erfahrung! Ich kenne das Menschenherz:
es will eine Glorie um seine Liebe sehen. Je heller die - um desto seliger ist
es, wenn es auch mit Schmerzen und Nten zu kmpfen hat.
    Judith, meine Gttin, Du bist in der Glorie! rief Orest. Nun so bleibe
darin, Du unvergleichliches Geschpf! .... Ich will jetzt einen anderen
energischen Schritt tun. -
    Er strmte fort und zu Corona. Sie war nicht daheim. Sie war nach St. Peter
gefahren. -
    Es gibt Menschen - versteht sich, hchst selten, hie und da einmal einer!
die sind von so wundervoller Vollkommenheit, da man dieselbe gar nicht recht
gewahr wird und ganz treuherzig whnt, das sei ein Mensch wie unsereiner, bis
man allmlig im nheren Umgang und nach lngerer Beobachtung herausbringt, dem
sei nicht so; ihre Vollkommenheit falle nur nicht in's Auge, weil ein
wunderschnes Gleichgewicht sie nach Innen harmonisch ordne und ihnen nach Auen
das Geprge friedlicher Einfachheit, ohne hervorstechende Zge, verleihe. So
ungefhr ist es mit der St. Peterskirche zu Rom. Ihre Verhltnisse sind von so
herrlicher Harmonie, da man durch ihre ungeheuere Gre anfangs gar nicht
frappiert wird und nur nach und nach, wenn man in ihr auf Entdeckungen ausgeht,
das Riesenhafte des Baues erkennt, anstaunt und bewundert. Die Engelchen, welche
die Weihwasserschalen halten, sind sechs Fu lang; der Hochaltar ist so hoch wie
der Palast Farnese - einer der groartigsten in Rom; die Gemlde ber den
Altren sind alle in Mosaik und ber Lebensgre ausgefhrt, ohne da man es
bemerkt. Man mu manchen Besuch in St. Peter wiederholen, bis man sich in seiner
Welt von Kunst und Schmuck, von Reichtum und Gre, von Grabmalen und
historischen Erinnerungen heimisch fhlt. Wie immer und berall, so hat auch da
die Andacht es am besten und leichtesten. Die geht vor bis zu der Balustrade,
welche den Einblick in die Krypta umschliet, kniet nieder und betet. Denn da
ruhen die Reliquien eines Menschen, an dem Gott die Wundertaten seiner Gnaden
seit achtzehnhundert Jahren in einem Ma aufleuchten lie und lt, wie an
keinem anderen Staubgeborenen: Petrus, der Fischersmann aus Galila, der Hirt,
dem Christus Selbst die Fhrung seiner Heerde anvertraut hat, der Nachfolger des
Gottessohnes in diesem heiligsten Amt, der Stammvater aller Stellvertreter des
Herrn als Oberhaupt der Kirche auf Erden: Petrus ruht da.
    Corona's Lieblingsausflug war immer nach St. Peter und ihr Lieblingsplatz
dort war am untersten Pfeiler des linken Seitenschiffes, nchst dem Eingang;
denn von dort blickt man gerade auf Rafaels Transfiguration, die in einer
Mosaikkopie ber dem Altar des Kreuzschiffes sich erhebt. Die hohe majesttische
Marmorhalle bildet eine lange Perspektive vor dem groartigen Gemlde, in
welchem Rafaels Genie allen Jammer der Erde und alle Seligkeit des Himmels wie
in einer wunderbaren Vision zusammengestellt hat. Whrend sich der gttliche
Heiland auf dem Tabor vor seinen drei auserwhlten Jngern in himmlischer
Verklrung zeigt, leuchtend, schwebend, strahlend, Mittelpunkt und Spitze eines
berirdischen Lichtglanzes, angebetet von Moses und Elias, die in einer
niedrigeren Region schweben; stehen am Fu des Berges die brigen Jnger ratlos,
angsthaft und niedergeschlagen dem trostlosen Vater gegenber, der den
besessenen Knaben in seinen Armen hlt, der verzweiflungsvollen Mutter
gegenber, die ihnen zrnend vorwirft, da sie ihr Kind, ihr einziges, ihr
vielgeliebtes, nicht retten knnen, dem Volk gegenber, das von ihnen dieselben
Wunderheilungen wie von ihrem Meister verlangt. Aber der Meister ist nicht bei
ihnen und deshalb vermgen sie nichts! ohne Christus keine Rettung, keine
Heilung, kein Trost, kein Sieg ber den Geist des Bsen. Ohne Glaube ist der
Mensch tot in sich und unbrauchbar zum Gnadenwerk. Aber hoffet nur, ihr
Geplagten, ihr Leidenden, ihr Hilflosen! der Herr ist nah. Glaubet nur! er
selbst steigt aus seiner Verklrung, von seinen bernatrlichen Taborshhen in
eure Finsternis und euer Elend herab. Glaubet nur! bittet nur! Er kommt, um euch
zu retten und euch von der bermacht des bsen Geistes zu befreien! Ein
gttliches Bild, jeder Menschenseele verstndlich! aber fr Corona ganz voll
lebendigster Anklnge, fr die jammervolle Gegenwart sowohl, als fr die
Hoffnung, die der gttlichen Barmherzigkeit vertraut, und umsomehr, wenn die
Menschen ratlos sind, welche man sonst als gute Ratgeber kennt. Corona brachte
immer einen Strahl des Trostes in ihrer Seele von der Transfiguration zurck. So
war es auch heute - und sie konnte ihn brauchen.
    Als Orest ihren Wagen ber den Platz fahren sah, eilte er hinab, hinderte
sie auszusteigen, whrend er Felicitas, die ihre Mutter immer in Obhut ihrer
Bonne begleitete, schnell aus dem Wagen hob und dabei zu Corona sagte:
    Man kann hier im Hause keinen Augenblick vor Strung sicher sein, bald
kommt der Papa, bald Hyazinth - also la uns nach der Villa Borghese fahren; ich
habe verschiedenes mit Dir zu sprechen.
    Er setzte sich zu ihr und sie fuhren der porta del popolo und dem
groartigen Park zu, den der Frst Borghese dem Publikum geffnet hat. Seit
jenem traurigen Gesprch am ersten Morgen ihrer Anwesenheit in Rom war Corona
nur auf Augenblicke mit Orest allein gewesen, da er jedes besondere Gesprch mit
ihr vermied. Aber die Erinnerung an jenen Morgen war so lebhaft in ihr, da ihr
Herz unwillkrlich erhebte bei dem Gedanken, dies knne vielleicht dessen
Fortsetzung sein. Sie faltete ihre Hnde unter der Mantille und bat um den
Beistand des heiligen Geistes, da er sie stark zum Hren und sanft zum Reden
machen mge. Sie harrte schweigend auf das, was ihr Mann ihr sagen werde. Er sah
finster aus und wurde es noch mehr, als er anhub:
    Bei Deiner Ankunft in Rom hab' ich Dich gebeten, Corona, mir behilflich zu
sein, unsere Ehe fr null und nichtig erklren zu lassen, indem ich
voraussetzte, es msse dem weiblichen Zartgefhl willkommen sein, aus einem
Verhltnis herauszutreten, in welchem zwei Herzen keine Befriedigung finden. Ich
habe mich aber in dieser Voraussetzung getuscht. Dadurch hast Du mich zu einer
anderen Maregel gezwungen. Damals bat ich um Deine Zustimmung, Deine
Mitwirkung; jetzt zeig ich Dir nun meinen Entschlu an. Ich werde mich einem
protestantischen Bekenntnis anschlieen. Da sind Ehescheidungen nichts seltenes,
weil man nicht die wahnwitzige katholische Idee hat, aus dem Ehebund ein
unauflsliches Sakrament zu machen. Man betrachtet ihn als einen brgerlichen
Vertrag, der seine Gltigkeit verliert, wenn die Herzen erkalten, und man kann
sich ohne Umstnde zwei-, dreimal wieder verheiraten. brigens sind ja die
Protestanten ebensogut Christen wie die Katholiken und so steht mein Entschlu
unwiderruflich fest: ich werde protestantisch, verlange die Ehescheidung und
heirate Judith Miranes, die aus ihrem jdischen Glauben oder Unglauben zum
Christentum bertritt. Auf diese Weise ordnet sich alles und drei Menschen - Du
selbst bist mit einbegriffen - finden ihren Frieden und ihr Glck.
    Orest sprach mit eisiger Ruhe, wie jemand, der entschlossen ist, sich mit
seinem Gewissen abzufinden. Das fhlte Corona. Ihr Schmerz war zu gro, um Worte
oder Trnen zu finden: Orest wollte seinen Fall durch seinen Abfall krnen und
besiegeln! es war unmglich, tiefer zu sinken, unmglich, mit der Leidenschaft
einen hheren Gtzendienst zu treiben.
    Du bist berrascht, wie es scheint, nahm er nach einer Pause das Wort;
denn Du kennst die Liebe nicht! Du hast keine Ahnung, mit welcher Gewalt sie
den Menschen ergreift und antreibt, all' die Schranken von Menschenmachwerk zu
durchbrechen. Ich kann nicht anders, ich habe jahrelang gekmpft und gelitten!
ich halte das nicht mehr aus. Einen anderen Ausweg finde ich nicht - ich wende
mich dahin, wo ich Rettung sehe.
    Und glaubst Du wirklich, fragte Corona bebend, treulos allen Pflichten
gegen Deinen Schpfer und seine Geschpfe - und dennoch glcklich sein zu
knnen?
    Die Treue folgt der Liebe nach. Dem geliebten Weibe bin ich treu.
    Und Gott? .... und seine Heilsanstalt, die heilige katholische Kirche?
    Vor deren bertreibungen hatte ich immer einen Abscheu! umsomehr jetzt, da
mir die Unmglichkeit klar geworden ist, ihre Forderungen zu erfllen. Die
berspanntheit stt zurck; nennst Du das treulos sein?
    Corona barg ihr Gesicht in den Hnden, so grenzenlos fhlte sie sich
niedergebeugt und beschmt, da Orest zu einer solchen Gesinnung habe
herabsinken - so ganz aus dem Gnadenleben habe heraustreten knnen. Aber wo kein
Glaube ist, da ist auch keine Gnade; da ist der Mensch der sndigen Macht seines
von Gott abgelsten und dem Wirbelwind der Leidenschaften preisgegebenen Herzens
elend unterworfen; da wird er fr alles hhere und namentlich fr die
Pflichterfllung, die ja immer mehr oder minder ein Opfer ist, dermaen
abgestumpft, da er keine andere Pflicht mehr anerkennt, als die - der
Selbsterhaltung, wenn nicht leiblicher, so doch geistiger Weise, und auf deren
Rechnung die Befriedigung all' seiner Neigungen schreibt; da heit sein Programm
frs Leben kurz und bndig: mein Ich soll glcklich sein! Corona fragte mit
mhsam erzwungener Fassung:
    Lieber Orest, solltest Du wirklich so abgestumpft sein, um keine Ahnung von
der Schmach zu haben, welche Du auf Dich, auf Deine Familie, auf Deinen Namen
herabziehst, wenn Du einer jdischen Sngerin zuliebe die heiligsten Bande mit
Fen trittst und Dich zugleich vom Glauben und von Weib und Kind lossagst?
    Fr den Augenblick wird die Sache allerdings einiges Aufsehen machen und
fr ein Jahr oder zwei wird meine oder Judiths Stellung in der Gesellschaft
nicht eben angenehm sein. Das hab' ich wohl erwogen und deshalb beschlossen,
mich mit ihr fr einige Zeit in weiter Ferne niederzulassen. Aber die Welt
vergit schnell und ist zur Nachsicht geneigt fr alles, was Liebesverhltnisse
betrifft; denn sie besteht aus Individuen, die sehr wohl wissen, da ihnen in
der Vergangenheit, der Gegenwart oder der Zukunft hnliche Nachsicht willkommen
war, ist, oder sein wird. Deshalb ist nach einigen Jahren alles vergessen und
vergeben und meine Stellung in der Welt ganz die alte. Auch meine Familie wird
sich vershnen lassen; denn wozu wret Ihr alle so enorm fromm, wenn Ihr Euch
nicht mit dem Gedanken vertraut machen knntet, da Gott mir andere Wege
zugewiesen hat als Euch.
    Keine Gotteslsterung, Orest! die will ich nicht hren! rief Corona
lebhaft. Du hast, was wir haben: Gottes Gnade und Deinen freien Willen.
Strzest Du Dich ins ewige Verderben, indem Du gttliche Gesetze verachtest, um
den Gesetzen Deiner sndhaften Natur zu folgen, so ist das nicht Gottes Fgung,
sondern Dein Widerspruch gegen seine Fgungen, sondern derselbe Ungehorsam, der
einst Luzifer aus dem Himmel und Adam aus dem Paradiese strzte. Und mit der
entsetzlichen Vorstellung, Dich in der Feindschaft Gottes, Dich auf dem Wege zum
ewigen Tode, Dich ausgeschlossen von Gottes Gnade und Herrlichkeit zu wissen,
darf und wird Deine Familie sich nie vershnen. Sie mu darber untrstlich sein
und bleiben. Was die Gesellschaft betrifft, und ob sie die niedrigen Ansichten
hat, die Du ihr zuschreibst - bleibe dahingestellt. Eines aber wei ich: hat sie
allzu groe Nachsicht mit strflichen Liebesverhltnissen, so ist sie doch
unerbittlich in Bezug auf diejenigen Ehebndnisse, welche nur geschlossen werden
konnten, indem ein Teil oder beide vom katholischen Glauben abfielen. Diese sind
fr immer von der Gesellschaft - ich spreche von der katholischen -
ausgeschlossen und tragen das Brandmal der Bigamie. Bei jedem strafbaren
Liebesverhltnis darf man die Hoffnung hegen, da die Beteiligten zur Besinnung
kommen, von ihrer Schwche sich aufraffen und die entsetzliche
Gottesbeleidigung, die sie sich zu Schulden kommen lassen, erkennen, bereuen und
sich zu ihrer Pflicht bekehren werden. Ist aber der Abfall vom Glauben
geschehen, um das Eheband, das sie als ein unauflsliches kennen, scheinbar zu
beseitigen und scheinbar ein neues zu knpfen, so beweist dieser Schritt, da
sie sich mit Besonnenheit und berlegung entschlossen haben, fr's Leben der
Zeit und der Ewigkeit in der Trennung von Gott, welche durch die Todsnde
bewirkt wird, zu verharren.
    Die protestantische Welt ist vernnftiger! erwiederte Orest gelassen.
    Hast Du Achtung vor ihrer Auffassung der Ehe?
    O, das ist gar nicht ntig! ich will, da sie vor mir Achtung habe und
Judith als meine rechtmige Frau anerkenne. Und das tut sie, wenn ich
protestantisch werde. Mehr verlang' ich nicht. Sie ffnet mir die Arme; Ihr
sprecht Bann und Interdikt wider mich: da ist es ganz natrlich, wenn ich mich
dahin wende, wo ich liebevoll aufgenommen werde.
    Ja! sagte Corona grenzenlos traurig, so macht es die gefallene Natur: sie
wendet sich dahin, wo ihr geschmeichelt, wo ihr der herbe Kampf der
Selbstverlugnung erspart wird. Das ist gerade so, wie wenn ein Kind das
Vaterhaus verliee, um sich leichtsinnigen Kameraden anzuschlieen, und dann
behauptete, diese meinten es besser mit ihm, als seine Eltern, denn sie hieen
seine Torheiten gut, hingegen wollten die Eltern sie nicht dulden.
    Es gibt unter den Protestanten hchst rechtschaffene und vortreffliche
Menschen, sagte Orest.
    Das ist kein Grund, um vom Glauben abzufallen, entgegnete Corona, denn
wenn er gltig wre, so knnte man auf denselben Grund hin ein Renegat des
Christentums werden: es soll unter den Muhamedanern ebenfalls sehr
rechtschaffene Menschen geben.
    Daraus geht hervor, da alle Religionsformen vollkommen gleichgltig sind,
sagte Orest. Da der Christ nichts voraus hat vor dem Muselman und dem
Buddhisten - wie knnte dann wohl im Christentum selbst die eine Konfession sich
ber die andere erheben wollen?
    Lieber Orest, sagte Corona, bedenk' es wohl! Es ist jetzt mit Dir dahin
gekommen, da Du die gttliche Offenbarung der christlichen Glaubenslehre, auf
welcher die christliche Sittenlehre beruht, verwirfst - und zwar deshalb, weil
dies himmlische Sittengesetz, das den Menschen zur Heiligkeit fhren soll, in
der katholischen Kirche gelehrt und aufrecht gehalten wird, whrend sie zugleich
die Mittel der Gnade aufbewahrt und spendet, die den Fortschritt zu diesem Ziel
ermglichen. Du hast Dich von demselben abgewendet; Du entsagst dem Streben nach
himmlischen Gtern, dem Kampf fr Pflicht und Tugend; Du verwirfst die erhabene
Glaubenslehre, welche Dir in dem Streit zwischen Gutem und Bsem, der in keiner
Menschenbrust rastet, bernatrliche Waffen bietet; Du lt Dich besiegen von
irdischer Leidenschaft; und dann sprichst Du von rechtschaffenen Menschen
auerhalb der Kirche, als ob Du nach einer Vortrefflichkeit strebtest, die
innerhalb derselben nicht zu finden wre - und fast in einem Atem von der
Gleichgltigkeit aller Regionen. Kannst Du bei einer solchen inneren Verwirrung
denn berhaupt einen Entschlu fassen wollen?
    Du machst mich verwirrt mit Deinen Widersprchen und Einwrfen! rief Orest
zrnend. Ich wei, was ich tun will und Du weit es jetzt auch. Httest Du mir
die Hand geboten zur friedlichen Lsung unseres traurigen Verhltnisses, so
httest Du mir einen Gewaltschritt erspart. Der komme auf Dein Gewissen. Du
treibst mich in die Arme des Protestantismus!
    Gerade so, wie Gott Dich auf den Weg des Verderbens fhrt - nicht wahr?
sagte Corona mit trbem Lcheln. Das gehrt zusammen! Gott und der Nchste
mssen unsere Schuld tragen, wenn wir anders nicht mit ihr fertig werden
knnen.
    Willst Du die Verantwortung nicht bernehmen, rief er, wohlan! so bleibe
sie mir! Ich frchte mich nicht davor. All' diesen kirchlichen Gesetzen
gegenber hat das Menschenherz seine unverlierbaren Rechte; die nehme ich in
Anspruch - und mit ihnen werde ich mich vor Himmel und Erde ohne Scheu
verantworten.
    Orest! rief Corona flehend, erbarme Dich Deiner Seele! Du wirfst die
Religion von Dir, wie eine lstige Kette, weil sie Deine bsen Leidenschaften in
Fesseln halten will. Ach, Orest! Du wirst untergehen als das Opfer dieser
Leidenschaften, denen Du den Zgel schieen lassen willst.
    Bah! untergehen! .... Das knnte mir in dem verzweiflungsvollen Druck der
Gegenwart geschehen; aber nie in meiner Freiheit! rief Orest. Pltzlich setzte
er hinzu: Adieu! sprang ber den Wagenschlag hinweg, ohne sich Zeit zu nehmen
halten zu lassen, und eilte einem Seitenwege zu, weil er in der einsamen
Frauengestalt, die dort wandelte - Judith zu erkennen glaubte. Corona
erschauerte vor einer solchen Gefangenschaft aller hheren Seelenkrfte. Er ist
ja willenlos gebannt an diese Judith! seufzte sie und lie den Heimweg
einschlagen. Ob sie auch eine solche Leidenschaft fr ihn hat? ob sie sich aus
berzeugung taufen lt? und wenn das sein sollte - knnte sie nicht dahin
gebracht werden, ihm als Christin zu entsagen? -

                                Sonnenuntergang


Uriel war noch immer zu Windeck. Er konnte sich nicht entschlieen, Onkel Levin
zu verlassen. Dankbarkeit, Verehrung und Liebe fesselten ihn an den Greis. Ihm
war zu Sinn, als msse er die ganze Familie in dem Ausdruck zrtlichster
Ehrfurcht vertreten und als bleibe sie dennoch eine ewige Schuldnerin dieses
Greises, der ihnen allen, seit vier Generationen, das schnste Beispiel in
eindringlichster Weise gepredigt hatte: demtige Selbstverlugnung; nie durch
Worte, immer durch die Tat. Welch' ein Opfergeist gehrte dazu, um ein ganzes,
langes Leben freiwillig in der Abhngigkeit zuzubringen und in der
untergeordneten Stellung zu verharren, welche der Weltgeist ihm anwies! welch'
eine bernatrliche Liebe, um gerade von dieser Stellung aus, mit
unerschtterlicher Energie einer in Gottes Langmut wurzelnden Geduld, den
Weltgeist zu bekmpfen! welch' eine Kette von Seelenschmerzen, von Sorgen, Mhen
und Arbeiten um und fr Seelen wickelte sich aus jeder Stunde, jedem Tage, jedem
Jahre dieses Lebens ab! Und niemand hatte ein Auge fr diese unvergleichliche
Selbstverlugnung! Keinem fiel es ein, da dazu eine himmlische Tugend gehre!
Da die Glcklichen der Welt ihres Glckes berdrssig und ihrer Freuden mde
werden: man begreift es, man findet es in der Ordnung, denn der Mensch ist nun
einmal so geschaffen, um den Wechsel zu lieben und im einerlei - selbst des
Glckes - zu erschlaffen. Da aber Onkel Levin je seiner Opfer, seiner
Entsagung, seiner Verdemtigung htte mde werden knnen, daran hatte man nie
gedacht und daher war ihm auch nie die Anerkennung seiner Vollkommenheit zu Teil
geworden. Man brauchte ihn zu Rat und Tat, dann verga man ihn, und er war so
gleichgltig gegen sich selbst, da er sich mild alle Vernachlssigung gefallen
lie, um stets, als stiller Schutzengel des Hauses, Gnadenstrahlen auf dasselbe
herab zu ziehen durch das hochheiligste Opfer, durch das unermdliche Gebet.
Mehr und mehr erkannte Uriel, da die demtige Seele die groe Seele ist; denn
die Demut macht den Menschen leer von sich selbst und dadurch fhig, die
Gnadenkraft, die von Gott kommt, die aufwrts hebt und gro und stark macht - in
sich aufzunehmen. Und die Welt hlt die christliche Demut fr niedrige
Gesinnung, seufzte Uriel bei sich selbst; ach, sie ist ja die Grundlage der
wahren Gre, der chten Wrde! ach, wie voll mu die Welt von sich selbst und
wie leer von Gott sein, um in der Demut Kriecherei und Heuchelei zu sehen!
Vielleicht sind wir alle es dem heiligen Greise schuldig, seinem Opferleben,
seiner Frbitte, seinem Beispiel, seinen Lehren, da wir nicht in die Gemeinheit
solcher Gesinnungen und entsprechender Handlungen versunken sind. Und immer
klarer sah Uriel ein, da er sich nicht damit begngen drfe, ein solches
Beispiel unttig zu bewundern. Immer deutlicher vernahm er eine innere Stimme,
die ihm zusprach: Trinke du aus demselben Kelch; dann hast du dein Gengen. -
    Mit tiefer Erschtterung hatte Levin Regina's Zustand erfahren. Mit ihm
durfte Uriel ja darber sprechen; er konnte es aushalten. Dem Vater und der
Schwester wollte Regina die herbe Mitteilung ersparen.
    Sieh! sagte Levin, das sind so recht die unergrndlichen Schickungen
Gottes, an denen der Unglaube solchen Ansto nimmt und worin wir ein Geheimni
voll himmlischer Liebe ahnen. Wodurch belohnt er das freudige Opfer, das Regina
ihm bringt? durch ein schauerliches Leiden, durch einen martervollen Kreuzgang,
dessen Ende der gewisse und nahe Tod ist. Er konnte sie leben und im Schatten
seiner Gnade friedlich blhen lassen, wie eine Blume des Waldes, zu seiner Ehre
und anderen zum Trost und zur Erbauung. Statt dessen wendet er ihr das volle
Licht, ja die Flammenpfeile seiner Gnade zu - und krnzt sie mit grausamen
Dornen. Das ist die chte Braut Christi.
    Ja, sagte Uriel, den Eindruck hab' ich fr's Leben empfangen: denke ich
an den gekreuzigten Heiland, blutberstrmt unter seiner Dornenkrone, so trgt
er Regina's Zge.
    Sieh, wie gut Gott auch fr Dich ist, entgegnete Levin zrtlich; so
lieblich zieht er Dich hin zum Kreuz!
    Ich fhle es, erwiderte Uriel, ich wei es. Der Opferstahl liegt auf dem
Altar; es ist das Kreuz. Aber die Natur erschauert bei dem Gedanken, es in
solchem Ma umfassen zu mssen.
    Das Ma wird nicht jedem gleichfrmig gemessen, nicht genau die eine Seele
wie die andere behandelt. Es gibt Stufen in der Liebe, Stufen in der Prfung.
Wer hat den gttlichen Heiland mehr geliebt als Maria Magdalena! mit welcher
bernatrlichen Demut, mit welcher herzzerschmelzenden Selbstverlugnung nahet
sie sich ihm bei jenem Gastmahle, wo sie beweist, da ihr die Welt unter- und
der Himmel aufgegangen ist. Und wie behandelt sie der Herr, der gtige, milde,
zrtliche Heiland, der fr den hochmtigen Phariser so liebevoll ist und die
grten Snder so trstend behandelt? Man sollte meinen, er werde die Magdalena
mit der innigsten Liebe empfangen. Aber nein. Er schenkt ihr kein Wort, keinen
Blick, keine Beachtung. Auf einen Akt der rhrendsten Demut sieht er gar nicht
hin, und wie einen wesenlosen Schatten lt er sie vorber gleiten. Dies
Schweigen, diese abwehrende Nichtachtung htten nicht alle ertragen. Magdalena
aber ertrug es. Dafr steht sie denn unter dem Kreuz mit der Gottesmutter und
dem Liebesjnger - und ihr zuerst erscheint der Auferstandene! und sie ruft er
bei ihrem Namen! Jede Seele, die sich von der Welt zu Gott, von dem Irrtum zur
Wahrheit bekehrt, gleicht der Magdalena, indem sie bis dahin Ungttliches dem
Gttlichen vorgezogen hat. Ach, wir alle gleichen ihr; denn in uns allen ist
Anhnglichkeit an unser so sehr ungttliches Ich - und wir alle mssen deshalb
darauf gefat sein, so vom Herren empfangen zu werden, wie sie. Allein der
Empfang ist dennoch verschieden, weil wir nicht ihre welt- und totverachtende
Liebe haben.
    O, htte ich sie! rief Uriel.
    So spricht wohl mancher, entgegnete Levin lchelnd, und macht doch nicht
seine Anstalten dazu! Die vollkommene Hingebung an den Willen Gottes, ohne
Rckblick und Hinterhalt fr uns selbst - ist eine Hauptbedingung. Unterwirf
Dich ihm bedingungslos; mache Dein Herz zu einem Reich, in welchem er nach
seinem Wohlgefallen herrschen soll; und siehe! dann schickt er Dir die Liebe,
als die Knigin dieses Reiches zu, die wonnestrahlend Dich zur Huldigung ihres
Herrn und Herrschers hinzieht. Sie kommt auf zwei Wegen, die Knigin Liebe. Im
heiligsten Sakramente des Altars sucht sie Deine Seele auf. Im Gebet sucht Deine
Seele nach ihr. Das ist eine mystische Ebbe und Flut, sinkend und steigend im
Wechsel der innersten Lebensbeziehung auf das ewige Gesetz, da der Mensch
selbstttig zu seiner Heiligung mitwirken soll. Auf einige verfliegende Wnsche
und Seufzer kann die ewige Liebe nicht hren. Sie ist Wahrheit, und darum
begehrt sie Wahrheit. Hingebung, Unterwerfung - das ist Wahrheit, denn da hren
alle Selbsttuschungen alle Gefhlsschwelgereien, alle Phantasiegebilde
urpltzlich auf. Das ist der unerbittliche Prfstein, an dem der Wille als
chtes Gold oder als unedles Metall zum Vorschein kommt. Hingebung und
Unterwerfung heiligen die Seele mehr und schneller, als die grten Taten fr
Gott getan; und haben auch das noch fr sich, da man sie berall ben kann,
whrend die groen Taten Zeit und Ort haben wollen. Fange nur an, Dich zu
heiligen, Uriel, und Dich mit und aus allen Krften Deiner Seele Gott als ein
unbedingtes Werkzeug darzubieten, und die himmlische Liebe wird schon kommen und
Wohnung bei Dir nehmen. -
    Nicht Uriel's Kmpfe, nicht Regina's Leiden, nicht Corona's Prfungen waren
es, welche Levin's Herz sorgenschwer machten. Diese gehrten ja zu jenen
Schflein der Herde Christi, welche die Stimme des guten Hirten kennen, auf sie
hren und ihr folgen wollen; und bei solchen Seelen ist das Amt des
stellvertretenden guten Hirten, des Priesters, nicht schwer. Mit einem Wink
seines Hirtenstabes, mit einem Zuruf aus seinem Munde sammelt er sie gleich
wieder auf den immergrnen Auen und an den silberklaren Wassern des christlichen
Lebens, wenn sie zu einer drren Weide abgeirrt sein sollten; und sein einziger
Kummer ist der, da ihr Fortschritt auf dem Wege der Vollkommenheit noch viel
grer sein knnte, als er bereits ist. Wohl ist es ein Kummer, neben der
unbegrenzten Gnade Gottes immer die unvollstndige Mitwirkung des Menschen, auch
des edelsten, gewahr zu werden; aber wie anders, wie bitter und nagend ist der
Kummer, welchen die Schflein hervorrufen, die den guten Hirten nicht kennen
wollen und sich von ihm abwenden. Da mu er durch Wsten von Traurigkeit und
ber Dornen von ngsten im Gebet den Verirrten nacheilen und nachweinen, nie die
Hoffnung auf deren Rettung aufgeben, von keiner Enttuschung sich entmutigen
lassen und ach! oftmals erst dann sie erreichen, wenn sie vom Wolf zerfleischt
ihr Leben aushauchen, von Dornen umstrickt sich verbluten oder gar in den
Abgrund strzen, welcher der ewige Tod, der Untergang der Seele heit.
    Je nher sich Levin dem Ende seiner Tage fhlte, um desto sorgenvoller sah
er auf die kleine Herde, fr welche er in besonders inniger Weise ein guter Hirt
hatte sein sollen; und zogen auch die einen mit fliegenden Fahnen zur Eroberung
des Himmelreiches aus - und folgten auch die anderen gemigteren Schrittes
nach: so waren doch Orest und Florentin entflohen der schirmenden Hrde und in
eine Wildnis geraten, die ihnen den Untergang nahe legte. Ein Brief von Corona
versetzte ihn in den tiefsten Schmerz. Sie teilte ihm den Inhalt ihres letzten
Gesprches mit Orest mit. Die Gefahr ist so gro, so dringend, da ich die
himmlische Hilfe des heiligen Gebetes in Anspruch nehmen mu, schrieb sie;
wenn das nicht wre, so wrde ich schweigen, wie ich bisher geschwiegen habe,
weil ich die berzeugung hege, da alles, was man an Orest sagen mag, nur dazu
beitragen wrde, ihn in seiner jammervollen Verblendung zu bestrken und in
seiner verkehrten Liebe zu befestigen. Ich schwieg, so lange diese traurige
Sache gleichsam nur die meine war; ich hatte sein Herz verloren: das betraf mich
allein. Aber jetzt soll seine Seele verloren gehen durch den Abfall vom Glauben:
das ist die Sache Gottes! dagegen trete ich ganz in den Hintergrund, und nicht
mehr fr mich, sondern fr Orest allein ruf' ich um Hilfe. So lange meine Augen
offen stehen, habe ich in tiefster Aufrichtigkeit meiner Seele vor Gott auf
alles und jedes verzichtet, was Glck, was Freude, was Trost, was Erquickung
hienieden ist - wenn nur der grliche Abfall verhindert wird. Wir alle mssen
uns mit ausgebreiteten Armen zwischen ihn und die Hlle werfen, der er im
Wahnwitz der Leidenschaft zutaumelt. - -
    Nachdem Levin diesen Brief gelesen hatte, faltete er die Hnde und rief:
    Den Kelch, o Herr, erspare mir! Aber sogleich setzte er hinzu: Wenn er
Dir, o Herr, erspart sein soll! Wenn nicht - so gib mir die Gnade, ihn in der
Vereinigung mit Dir zu leeren, diesen bittersten Myrrhentrank!
    Ich mu nach Rom! rief Uriel. Der Unglckselige soll wenigstens von all
den Seinen den Schrei des Entsetzens ber sein Beginnen wie aus einem Munde
hren. Corona hat Recht: wir mssen uns alle ihm in den Weg werfen. Vielleicht
hemmen wir seinen Sturz.
    Geh, mein Sohn, Gott segne Dich und stehe Dir bei! rief Levin lebhaft.
Corona schreibt, sie habe die Sache auch an Regina mitgeteilt, um sie zum
Gebetseifer zu entflammen. So werden wir beide, sie und ich, denn unablssig
unsere Hnde zum Gebet erheben, whrend Ihr in Rom vielleicht die Mglichkeit zu
einem krftigen Handeln findet.
    Mit unsglich schwerem Herzen entschlo sich Uriel zur Trennung von Levin.
Der Greis war ganz allein, denn die Baronin Isabelle war verreist, war soeben an
das Sterbebett ihrer teuersten Freundin, der einzigen Schwester ihres
verstorbenen Mannes gerufen. Und nun sollte er diese qualvolle Zeit der
Spannung, der Erwartung, der Sorge - einsam bleiben, ohne Mitteilung, ohne
Zuspruch, auf Briefe beschrnkt, deren Nachrichten stets unvollkommen und
folglich ungengend sind!
    Darber grme Dich nicht, entgegnete Levin, als Uriel ihm seine
Bekmmernis aussprach. Es war mir bis jetzt ein groer Trost, Dich bei mir zu
haben, allein nun ist es mir ein grerer Trost, Dich zu entbehren - zuerst,
weil ich denke, da Du in Rom mehr ntig bist, als hier; und dann, weil es mir
ein Opfer ist, Dich gehen zu sehen. Dem lieben Gott in irgend einer Weise ein
Opfer bringen zu drfen, ist aber immer das glckseligste, was einem Menschen
widerfahren kann. Reise getrost, mein Sohn. -
    Uriel war schnell zur Abreise gerstet und Levin blieb allein auf Windeck
zurck. Ein schwererer Schlag als Orest's Abfall htte ihn nicht treffen knnen!
jeder andere htte ein paar Dornen mehr auf den Erdenweg gestreut; aber ber sie
ging Levin hinweg, als wr' es Bltenschnee, der vor der Frhlingsluft
herabrieselt. Dieser Schlag ging ber die Erde hinaus. Die namenlosen Schmerzen,
die er einst um seine arme Mutter ausgestanden hatte, erneuerten sich auf eine
noch unheilvollere Weise, um eine noch drohendere Gefahr. Die Verachtung der
Liebe und Gnade Gottes, die vor einem halben Jahrhundert seinen jungen Augen so
viel tausend Trnen gekostet hatte, drngte ihm auch jetzt wieder sein Herzblut
in bitteren Zhren aus den Augen. Und htte er noch ein halbes oder ganzes
Jahrhundert gelebt, und noch eines, und abermal eines, und so fort bis zum
jngsten Tage: so wrde er fort und fort das nmliche Herzeleid zu tragen,
denselben Jammer zu beweinen haben: die Beleidigung der ewigen Liebe durch die
Snde des Geschpfes! Dann gedachte er des furchtbaren mystischen Leidens,
welches der gttliche Erlser am lberg ausgestanden, gerade weil er im Geist
das grenzenlose Elend berschaute, das er mit seinem heiligen Blute heilen
wollte - und das sich dennoch, dennoch! so vielfach gegen die himmlische Arznei
strubt, da sie ach! nicht fr alle ihre Wirkung tun, nicht allen die Genesung
der Seele bringen kann. Ja! seufzte Levin aus tiefster Brust, zur vollkommenen
Vereinigung mit Gott gehrt die willige Annahme dieses Leidens, das ber alle
menschliche Grenzen von Gram und Kummer hinausreicht! Dann dachte er an Regina,
wie sie die Schreckensnachricht aufnehmen - ob sie in ihrer Gelassenheit bleiben
werde. Ein groes Verlangen, gemeinsam mit ihr die Mutter Gottes vom Karmel
anzurufen, erwachte in Levin. Er hatte nie gewnscht, sie zu sehen; er wute ja,
da er sicherer und ungestrter am Fu des Kreuzes - als im Sprachzimmer zu
Himmelspforten sie finden knne. Aber jetzt war ihm zu Sinn, als ob die Hand
Gottes ihn zu Regina fhre. Er fuhr nach Wrzburg und ging sogleich zum Kloster,
wo er auf seine Frage nach ihr den Bescheid erhielt, sie sei krank und knne
nicht im Sprachzimmer erscheinen. Da nannte er sich und lie die Oberin bitten,
ihm nhere Auskunft zu geben. Die Oberin kam eilends und verhehlte ihm nicht,
da Regina sterbend sei. Levin faltete die Hnde und sagte sanft:
    Also darum hat Gott mich hergefhrt.
    Er begab sich zum Bischof und bat um Erlaubnis, in die Klausur eintreten zu
drfen, um die Sterbegebete ber die Tochter seiner Seele zu sprechen. Der
fromme Bischof gab die Erlaubnis mit gerhrter Teilnahme, da der Tod an dem
fnfundsiebenzigjhrigen Greise vorbergehe und die junge Lebensblte
dahinraffe. Als Levin nach Himmelspforten zurckkam, war es schon spt Abends;
aber die Tr ffnete sich ihm, wie das die Regel ist, als er des Bischofs
schriftliche Erlaubnis vorzeigte. Die Oberin empfing ihn und setzte ihn von
Regina's Zustand in Kenntnis, whrend sie ihn zu der Zelle der Kranken fhrte.
Bis zum Weihnachtsfest hatte sich Regina trotz ihrem Leiden ziemlich wohl
befunden und die heilige Christnacht und die Ankunft des gttlichen Kindes in
der Krippe mit frohlockender Freude gefeiert. Seitdem aber war es reiend bergab
gegangen und das Fieber mit solcher Heftigkeit eingetreten, da sie seit sechs
Wochen weder bei Tag noch bei Nacht Ruhe hatte und gnzlich davon aufgerieben
war. Der Arzt zweifelte, da sie den Morgen erleben werde. Die Oberin ffnete
eine Tr; Levin trat in die armselige Zelle, an deren wei getnchter, kalter
Wand ein Kruzifix zwischen den Bildern der Mutter Gottes von der unbefleckten
Empfngnis und der heil. Therese hing. Ein Strohstuhl und ein brauner Tisch, auf
dem ihr Brevier und einige Andachtsbcher lagen, bildeten das Mobiliar dieser
Zelle, die an Armut, wenn nicht mit dem Stall von Bethlehem, so doch mit der
Htte von Nazareth wetteiferte. Regina lag im Bett; ihr Antlitz, halb verhllt
von weien Linnentchern, war weier als sie, denn das Fieber hatte ihr
Lebensmark verzehrt; die krankhafte Glut war eingesunken; sie verglimmte wie
eine Kohle, die sich nach und nach mit Asche bedeckt - mit der Asche, welche der
Tod auf sie streute. Zu Hupten des Bettes brannte die Sterbekerze; zwei
Karmelitessen knieten daneben und beteten abwechselnd die Gebete der Sterbenden.
Als Levin eintrat, hatte Regina ihre Augen geschlossen und ihre langen dunkeln
Wimpern warfen einen breiten Schatten auf die geisterbleichen Wangen. Ihre Hnde
lagen auf der Decke und hielten ein kleines Kruzifix. Aber im Gegensatz zu
dieser Ruhe flog ihre Brust kampfhaft und unregelmig auf und ab durch die
schweren, hastigen Atemzge. Auf den ersten Blick sah Levin, da es zu Ende
gehe. Mit gebrochener Stimme sagte er:
    Gelobt sei Jesus Christus!
    In Ewigkeit! in Ewigkeit! .... lieber Onkel Levin, erwiderte Regina und
schlug ihre groen mden Augen mit einem Blick von rhrender Freude und
Dankbarkeit zu ihm auf.
    Nun bist Du bald am Ziel, geliebtes Kind! die Braut Christi eilt dem
himmlischen Brutigam zu.
    Mge er mich nur als seine chte Braut anerkennen und nicht allzu unwrdig
finden, sagte sie. Ich habe ihm sein gebenedeites Kreuz gar schlecht
nachgetragen.
    Fandest Du es schwer, geliebtes Kind, so denke, da Dein Erlser auch
seinen Kelch bitter gefunden hat.
    Das uere Kreuz war nicht das schwerste! das innere war es. Ach, die
Desolationen von Gethsemane und die Finsternis von Kalvaria - die wollten mir
zuweilen die Seele so berfluten, da ich verga, wie gerade sie die Hauptpunkte
sind in der Nachfolge des himmlischen Brutigams.
    Umsomehr mut Du seiner Gnade vertrauen, die so barmherzig fr uns arme
Snder ist, wenn wir nur ein wenig guten Willens waren.
    Ja! sagte sie, und ein Freudenstrahl trat in ihr Auge, ich schmcke mich
mit dem Purpur und den Rubinen seines heiligsten Blutes. Das wird mir zum
Knigsmantel und zum Brautgeschmeide.
    Hast Du je bedauert, der Welt und dem Erdenglck entsagt zu haben? fragte
Levin nach einer Pause.
    Niemals! entgegnete sie. Die Gottverlassenheiten waren meine Prfung.
    Die gehren gerade zum vollkommenen Opfer. Wer den Gott alles Trostes
besitzt, mu dessen Trstungen entbehren knnen, sagte Levin ernst.
    Ach bitte fr mich, sagte sie schmerzlich, da der liebe Gott nicht nach
seiner Gerechtigkeit mit mir verfahre und mich auf ewig von seinem Angesicht
verbanne; in seinem strengen Gericht knnte ich nimmermehr bestehen. Jetzt sehe
ich freilich ein, da meine geringen Leiden ein Maientau fr meine elende Seele
waren und sie zum Grnen gebracht haben.
    Im Himmel wird sie aufblhen, sagte er.
    Wre nur nicht das lange Purgatorium, seufzte Regina.
    Gott war immer so gndig fr Dich, da er Dir vielleicht Deine schwere,
lange Krankheit als Purgatorium anrechnet und Dich bald in den Himmel ruft!
    Ja, wenn Du recht viel fr mich betest und mir die Gnadenstrme des
heiligen Meopfers zuwendest, und wenn auch hier alle Schwestern fr mich
beten.
    Die Oberin zerdrckte still ihre Trnen, und die beiden Schwestern weinten
bitterlich. Regina fragte, was es an der Zeit sei, und als Levin erwiderte, es
gehe auf Mitternacht, sagte sie mitleidig:
    Ach, lieber Onkel Levin, so bricht die Fastenzeit noch einmal fr Dich an,
whrend ich mein seliges Gengen finde!
    Es war nmlich die Nacht vor dem Aschermittwoch. Sie atmete immer mhsamer,
stoweise und chzend; ihre Hnde lieen das Kruzifix sinken und machten auf der
Decke jene seltsamen Bewegungen des Haschens, die den Sterbenden eigentmlich
sind. Die Anwesenden beteten und sie bewegte bisweilen die Lippen, als ob sie
ihnen folge. Pltzlich sagte sie:
    Drfte ich nicht den Leib des Herrn empfangen?
    Die Oberin erwiderte, da er ihr vor kaum zwei Stunden gespendet sei. Da
sagte sie:
    So vergit man die Zeit, wenn die Ewigkeit naht.
    Auf die Bemerkung der Oberin, da sie gleich nach der ersten heiligen Messe,
die um fnf Uhr gelesen wurde, mit dem Brot der Engel gestrkt werden drfe,
antwortete sie mit einem seligen Lcheln:
    Ach, wenn meine Snden es nur nicht hindern, so knnte ich Ihn dann
vielleicht schon schauen, wie Er ist.
    Sie fiel in die Agonie zurck und verlor die Sprache, aber nicht das
Bewutsein. Schlug sie einmal die Augen auf, so war ihr Blick klar, liebevoll
und dankbar auf ihre Umgebung gerichtet; und verstummte einmal deren Gebet vor
Wehmut und Herzeleid, so gab sie durch Zeichen zu verstehen, da man es
fortsetzen mge. Eine schmerzenreiche halbe Stunde ging auf diese Weise vorber.
Da hub Regina zu aller berraschung mit ganz krftiger Stimme an:
    Lieber Onkel! jetzt bete die Commendatio anima! die Mutter Gottes holt
mich, der Brutigam kommt.
    Und sanft wendete sie ihr Haupt, machte das heilige Kreuzzeichen, schlo die
Augen und entschlief mit immer leiseren Atemzgen wie ein mdes unschuldiges
Kind, whrend ihre Seele zu dem Gott flog, den sie von dem Augenblick an, wo ihr
junges Herz zu lieben anfing, mit unerschtterlicher Liebe geliebt hatte. Da lag
sie nun tot in der drftigen Zelle, auf dem armseligen Lager, aufgerieben von
entsetzlicher Krankheit, fern von den Nchsten, die keine Ahnung von ihrem
Scheiden und Leiden hatten - diese Regina, dies Kind des Gebetes, die bei ihrem
Eintritt in die Welt mit einem Jubelruf der Freude von zwei Familien begrt,
von zwei Mttern als Tochter geliebt und gleichsam in goldener Wiege gewiegt
wurde. Da lag sie nun tot zwischen den kahlen Wnden - diese Regina, der alles
zu Gebot stand, was man auf Erden Glck nennt, was man begehrt, ersehnt,
beneidet - und die alles gelassen beiseite legte, als Dinge, die fr den Himmel
keinen Wert hatten. Jetzt stand sie auf der Hhe, wo der wahre Standpunkt fr
die Wrdigung des irdischen Glckes ist und wo die vergnglichen Freuden im
Licht der Ewigkeit ihre wahre Beleuchtung finden. Jetzt stand sie mit ihrem von
jungfrulicher Christusliebe durchflammten Herzen, das von keiner Neigung zu den
Staubesgebilden beschwert war, vor dem Thron ihres Gottes, dessen Kelch sie zu
ihrem Erbe und Anteil fr hienieden gewhlt hatte, und Levin, dem all diese
Bilder am inneren Auge vorberzogen, whrend er die Nacht neben ihrer entseelten
Hlle betend durchwachte, konnte nicht anders, als wieder und immer wieder
sagen: O Kind, du bist nicht vergeblich der heiligen Gottesmutter, der
Himmelsknigin Maria, geweiht worden! Als deine Mutter es tat, hat sie nicht
geahnt, da du bei sechsundzwanzig Jahren als Klosterjungfrau von hinnen
scheiden wrdest, und alle weltlichen Verhltnisse waren ja auch dagegen. Aber
die Mutter Gottes, die mchtige Knigin, rang dich ihnen ab, whlte dein Los,
lie es vor dir aufleuchten, ebnete deinen Weg, zeigte dir dein hohes Ziel, gab
dir ein Herz, das der Hhe des Zieles entsprach, und hat dich jetzt geholt zum
himmlischen Brautfest. O Kind, geliebtes, warum wein' ich denn! Und langsam
schlich Trne um Trne ber seine bleichen eingefallenen Wangen - -
    Frh um vier Uhr las er fr die teuere Abgeschiedene eine Seelenmesse,
diesen Balsam fr die schmerzlichste Trauer. Nicht blo den Lebenden gehrt der
ewigstrmende Gnadenbronnen des Blutes Jesu an; nicht blo fr sie ffnet er
wieder bei der Feier der heiligsten Geheimnisse seine Wunden, um ihnen alle
Gnaden zuzuwenden, welche an seinen Vershnungstod geknpft sind. Sein
gttliches Blut gehrt allen Seelen an und die Abgestorbenen sind ja so recht -
Seelen! arme Seelen, die durch dieses Blut reinigende und heiligende Kraft von
den Makeln und Flecken befreit werden, welche langsam das Purgatorium tilgt;
Makel und Flecken, welche die Seele nicht zur Seligkeit gelangen lassen, denn
nichts Unreines kann in den Himmel eingehen - heit es in heiliger Schrift.
Wie s ist also die Hoffnung, wie wahrhaft der Trost, welche die Leidtragenden
aus der Darbringung des hochheiligen Meopfers schpfen. Ein Trpflein vom Blut
Jesu der geliebten Seele zugewendet, vermag mit seiner unendlichen Kraft sie zu
reinigen und sie zur Anschauung des hchsten Gutes zu fhren! Levin gewann all'
seine Fassung wieder, nachdem er sich in heiliger Kommunion mit Gott vereinigt
hatte und ein namenloser Trost berstrmte sein Herz bei dem Gedanken, da
Regina vor allem Wechsel und Wandel geborgen, in Sicherheit gebracht und einem
Leben entronnen sei, welches dem Menschen nie die Gewiheit gibt, da sein
nchster Schritt ihn nicht bergab fhre. Sie lag nun im Sarge, im braunen Habit
der Karmelitessen, mit einem Kranz von weien Rosen ber dem schwarzen Schleier
- ein unaussprechlich schnes Bild, rhrend in seiner Erhabenheit. Der schwarze
Schleier, der sie umrahmte, war die Folie des Kranzes, den ihr Haupt wie eine
Glorie von leuchtenden Sternen trug. Ein seliger Friede lag auf ihren Zgen, ihr
eigentmlich schnes Lcheln war ihnen noch eingeprgt. Sie sah aus, als sei
ihre Seele frohlockend von der Erde geschieden.
    Requiescat in pace, sagte Levin, als er zum letzten Mal mit Weihwasser die
schne Hlle segnete. Dann nahm er Abschied von Himmelspforten.
    Der Aschermittwoch, sprach er scheidend zur Oberin, hat uns
eindringlicher als das Aschenkreuz auf unserer Stirn gepredigt: Memento, homo,
quia pulvis es et in pulverem reverteris! -
    Von Windeck aus schrieb er an Graf Damian, da ein Zehrfieber Regina's Leben
ein Ende gemacht und Gott ihn wunderbarer Weise an ihr Sterbebett gefhrt habe.
Ausfhrlich beschrieb er ihre letzten Stunden, deren Zeuge er gewesen war, und
setzte viel Liebliches und Trostreiches hinzu, was ihm die Oberin, der Superior
und der Beichtvater aus ihrem Ordensleben erzhlt hatten. Wie frher in der
Welt, so jetzt im Kloster fhrte sie ihren Wahlspruch Solo Dios basta
tatschlich durch; darum drfe um ihre frhe Seligkeit kein trostloser Jammer
ausbrechen; diese Lilie des Carmels blhe ja ihnen allen zum Troste leuchtend im
ewigen Frhling fort.
    Er aber sehnte sich nach diesem Frhling! Fnfundsiebzig Jahre, die der
bernatrliche Mensch im Kerker des Leibes gelebt hat, sind lang, auch fr die
demtigste Ergebung. Aber keine Schwche des Alters, keine Stumpfheit der Sinne,
keine Abnahme des Gedchtnisses, kein Versagen der inneren oder ueren
Fhigkeiten stellte sich ein; das Unsterbliche herrschte in ihm vor. -
    Ein tosender Schneesturm, wie er zuweilen im Februar, besonders wenn milde
Tage vorhergehen, als Mahnung an den Winter ausbricht, umsauste eines Abends
Schlo Windeck mit solcher Gewalt, da die Fenster stoweise klirrten und die
mchtigen Aeste der Linden und Kastanien auf der Terrasse erkrachten. Die
Wetterfahne drehte sich angstvoll kreischend ber den ungestmen Tanz, den sie
mit dem Sturm machen mute, und Kuzlein und Uhu, verstrt in ihrem sonst so
behaglichen nchtlichen Treiben, schrieen und seufzten um die Wette und
flatterten mit ungeschicktem Flgelschlag verwirrt und betubt gegen die
Fenster, hinter denen Licht schimmerte. Der Aberglaube spricht: Fliegt ein
Kuzlein mit seinem scharfen Schrei: komm mit! komm mit! gegen ein Fenster, so
mu in dem Hause ein Mensch sterben. Im ganzen Schlo war es still und dunkel,
die Mitternacht fesselte alle Bewohner im ersten Schlaf. Nur Levin wachte.
Pltzlich schien ihm, da am Gittertor des Schlohofes die groe Glocke heftig
gezogen werde. Aber der Sturm war eben in seiner Flut und sauste betubend. Nach
einigen Minuten fiel er; Levin horchte - und hrte genau hastige Glockenzge. In
solcher Nacht! ein Kranker ruft mich! das war sein erster Gedanke. Er zndete
Licht an, kleidete sich schnell, wartete nicht, bis der Portier erwache und ihn
rufe, warf seinen Mantel um und ging eilig hinab. Als er sein Zimmer verlie,
flog ein geblendetes Kuzlein gegen sein helles Fenster und schrie: komm mit!
komm mit! Unwillkrlich dachte Levin an den Volksaberglauben, aber nicht fr
sich besorgt, sondern fr den Kranken. Vielleicht stirbt ein Mensch, ehe du zu
ihm gelangst! seufzte er. Inzwischen kam ihm unten der Portier verstrt entgegen
mit der Meldung, des Wendels ltester Sohn sei drauen und jammere nach dem
hochwrdigen Herrn, denn der Wendel selbst liege in den letzten Zgen, sei aber
vollkommen klar im Kopf und begehre ihn zu sprechen.
    O du grundgtiger Gott! du lt den Armen nicht in seinen Snden
dahinfahren! rief Levin.
    Befehlen der hochwrdige Herr, da die kleine Kalesche angespannt werde?
    Ja, sie kann mich abholen, sagte er, eilte in die Kapelle, versah sich mit
dem heiligen l und mit dem heiligen Altarssakrament, ging dann nach dem
Portierstbchen, wo der junge Mensch mit einer groen Laterne wartend und
bengstigt sa, und rief ihm zu:
    Komm jetzt! la uns eilen.
    Da strzte sein Kammerdiener ihm entgegen und bat:
    O nur ein wenig Geduld, gndiger Herr! die Pferde werden schon angeschirrt
.... -
    Keine Sekunde! unterbrach ihn Levin; es stirbt ein Mensch! -
    Und mit Jugendkraft eilte er durch die Nacht von dannen, nicht achtend den
wtenden Sturm und das tolle Schneetreiben.
    Wendel hatte seit vier Jahren in dem stillen Bldsinn gelebt, in den die
Schreckensnachricht von dem grlichen Selbstmord seiner Tochter ihn versetzte.
In der letzten Zeit war ein krperlicher Marasmus eingetreten, der sein Ende
herbeifhren mute. Sein Geist aber blieb in der Stumpfheit. Noch vor einigen
Tagen, gleich nach seiner Rckkehr aus Wrzburg, hatte Levin ihn besucht, ihm
und der braven Buerin, seiner Schwester, Reginas Abscheiden mitgeteilt. Whrend
die gute Frau in Trnen zerflo, wiederholte Wendel nur seinen alten Spruch:
Gottes Mhlen mahlen langsam. Umso berraschender war es, da die Krankheit
jetzt eine Wendung und einen akuten Charakter nahm, der Geist aber, gleichsam
aufgestachelt durch die nahe Gefahr, aus seiner Stumpfheit pltzlich erwachte
und sich nach einer Vorbereitung auf den Eintritt in die Ewigkeit sehnte.
    Bis zur Ohnmacht erschpft und von heftigen Stichen in die Brust gepeinigt,
kam Levin im Bauernhof an. Er hatte den ganzen Weg fast im Lauf zurckgelegt,
obgleich er Sturm und Schnee gegen sich hatte und der Schnee fuhoch auf dem
Wege lag. Der Gedanke: es stirbt ein Mensch! es verlangt eine Seele nach
Vershnung und Vereinigung mit ihrem Gott, ohne die kein ewiges Leben ihrer
harrt - gab ihm Flgel, die Flgel der heiligen Liebe, welche der heilige Glaube
in Schwung setzt. Wie ein Bote des Himmels wurde Levin auf dem Bauernhofe
empfangen. Er war es ja auch! er kam ja mit der himmlischen Arznei und der
himmlischen Speise. Whrend man ihn bei dem Kranken allein lie, der mit einem
von Neue zermalmten Herzen alle Snden seines Lebens an sich vorberziehen lie,
um sich ihrer anzuklagen, weckte die Buerin alle im Hause und hie sie sich
festtglich kleiden und sich bereit halten, der heiligsten Feier beizuwohnen,
welche Gott den Herrn unter ihr Dach bringe. Knecht und Magd, ja ihr kleines
Enkelchen, ein dreijhriges Kind, muten aus dem Bett und in andchtiger
Sammlung sich freuen der Ehre und des Heiles, die in dieser Nacht ihrem Hause
widerfuhren.
    Das Kind versteht's noch nicht! sagte die Schwiegertochter, aus Besorgnis,
da die Kleine eine Strung machen knne.
    Tut nichts! entgegnete die Buerin; der liebe Gott hat die Kindlein gern
gehabt und die Unmndigen gesegnet. Er soll auch unser Kind segnen.
    Dann bereitete sie einen kleinen Tisch, umhing und bedeckte ihn altarmig
mit feinen weien Linnentchern, stellte ein Kruzifix darauf, das sie als ein
uraltes Erbstck in ihrer Familie ganz besonders in Ehren hielt, daneben zwei
Wachskerzen, die sie just auf Maria Lichtme hatte weihen lassen, endlich ein
kleines Weihwasserbrnnlein mit dem Zweige von Buxbaum, und harrte dann, still
ihren Rosenkranz betend, bis Levin sie ins Kmmerlein rufen werde.
    Der arme Wendel hatte einen schweren Kampf zu bestehen! er konnte sich nicht
entschlieen, dem unglcklichen Florentin seine Missetat zu vergeben. Es schien
ihm, er sei ein Rabenvater, wenn er den Mann nicht hasse, der sein Kind fr Zeit
und Ewigkeit elend gemacht habe. Levin widerholte ihm umsonst, da die Rose ja
freiwillig ihm Gehr gegeben und in des Satans Fallstricke eingegangen sei. Da
wollte er denn einen Teil ihrer Schuld auf sich nehmen, auf sein schlechtes
Beispiel, seinen unglubigen Wandel; aber den anderen sollte Florentin tragen
und dafr wollte er ihn hassen, so lange, wie die unglckliche Rose von der
Seligkeit des Himmels ausgeschlossen sei: also vermutlich auf ewig. Endlich
sagte Levin:
    Aber Wendel, Ihr betet ja im heiligen Vaterunser, das der liebe Heiland
selbst uns gelehrt hat: Vergib uns unsere Schuld, so wie wir vergeben unseren
Schuldigern. Da hrt Ihr ja die Bedingung, die ganz ausdrckliche, unter der Ihr
Vergebung findet. Ihr mt also auf Gottes Barmherzigkeit verzichten und ihn,
den mildesten Herrn, zu Eurem Feinde machen, wenn Ihr in Feindschaft mit irgend
einem Menschen verbleiben wollt.
    Ich will es nicht, hochwrdiger Herr, seufzte Wendel; aber es macht sich
von selbst so! ich kann nicht anders.
    O bedenkt doch Wendel, da die arme Rose nicht blo Euer Kind, sondern auch
ein Kind Gottes war; da der himmlische Vater sie viel mehr geliebt hat, als Ihr
sie je lieben konntet; da Er nicht damit zufrieden war, wie Ihr sein Kind
erzogt und was Ihr aus seinem Kinde machtet; und obwohl Ihr sein gttliches
Vaterherz noch tiefer betrbt und noch grere Schmach ihm angetan habt, als der
Florentin Euch: so will Er Euch dennoch vergeben, wenn Ihr auch die Beleidigung
von ganzem Herzen verzeihet.
    Sei es drum, hochwrdiger Herr, sagte Wendel nach einer Pause, in welcher
er leiblich und geistig schwer rang nach Atem und Selbstberwindung; hab' ich
dem lieben Gott wegen der Rose so bitteres Herzeleid zugefgt, wie der Florentin
mir, und verzeiht er mir dennoch: so ist es recht und billig, da ich keinen Ha
gegen den Florentin trage, und so will ich denn recht aufrichtig beten: vergib
uns unsere Schuld, so wie wir vergeben unseren Schuldigern. Ist nun alles in der
Ordnung, hochwrdiger Herr?
    Alles, guter Wendel, sagte Levin gerhrt; und nun folgt auf Eure
Demtigung die Gnade und auf Euer Opfer der Trost.
    Und er ffnete die Tre nach der groen Familienstube, wo alle Bewohner des
Bauernhofes still beisammen saen. Die Buerin hatte den Altartisch so gestellt,
da Wendel von seinem Bett aus ihn sehen konnte; sie zndete die Kerzen an,
Levin begann die Gebete, alle knieten nieder und er gab ihnen den Segen mit dem
Sanktissimum. Wendel hatte sich von seinem ltesten Sohn etwas aufrichten lassen
und sa, mit dem Kopf an dessen Brust gelehnt und von dessen Armen untersttzt,
auf seinem Lager, unverwandten Blickes allen Bewegungen Levins folgend. Als
dieser mit der heiligen Hostie die Schwelle des Kmmerleins betrat, nahm Wendel
alle seine Kraft zusammen, faltete seine matten Hnde und sagte mit dem Ausdruck
demtigster Freude:
    Mein lieber Herr Jesus, kommst Du wirklich zu mir armen Snder!
    Nach dem Empfang der heiligen Wegzehrung schlo er die Augen und streckte
sich ruhig aus zum Sterben.
    Bleib Du in ihm, auf da er in Dir bleibe, betete Levin und spendete ihm,
da Wendel durchaus bei Besinnung war, die letzte lung, die den Leib des Staubes
fr den Todeskampf strkt und ihm die Weihe bringt fr die dereinstige
glorreiche Auferstehung. Vom ersten Atemzug ihrer Kinder bis zum letzten sorgt
die bernatrliche Mutter, die Kirche, fr deren bernatrliches Leben; und mit
der uersten Kraftanstrengung bemeisterte Levin seine steigende Schwche, damit
kein Atom der Gnade, welche an die heiligen Sakramente geknpft ist, durch seine
Schuld dem Sterbenden verloren gehe. Als alles beendet war fiel Wendel in seine
frhere Bewutlosigkeit zurck und die Seinen priesen den barmherzigen Gott, der
ihm die paar leichten Stunden geschenkt hatte. Jetzt erst kam Levins Wagen und
der Kammerdiener erzhlte, sie kmen so spt, weil dies die zweite Ausfahrt sei.
Bei der ersten gerieten sie vom Wege ab in einen berschneiten Graben; der Wagen
fiel und es brach ein Rad.
    Wie gut und notwendig war es, da ich mich zu Fu aufmachte! antwortete
Levin. Ich wre untrstlich, wenn durch meine Zgerung der arme Wendel nicht
mehr die heiligen Sterbsakramente empfangen htte.
    Er nahm die Stola ab, das Zeichen des Priesteramtes, welches er bt, indem
er dies Symbol des Joches Christi auf seinen Nacken legt; und gleichsam als
berliee der bernatrliche Mensch jetzt den natrlichen seiner Hinflligkeit,
sank Levin in die Arme seines Dieners, whrend sich die Schmerzen seiner Brust
in einem Strom von Blut Luft machten. Alle gerieten in die furchtbarste
Bestrzung; niemand wute, was gegen einen solchen Anfall zu tun, wie dessen
Wiederkehr zu verhten sei. Levin fhlte sich totesmatt; aber im Bauernhof war
er ja den guten Leuten zur hchsten Last. Er lie sich also zum Wagen tragen,
der ihn ganz langsam, um jede Erschtterung zu vermeiden, nach Windeck zurck
fuhr. Zwar hatte ihn die Buerin in warme Decken eingehllt, aber mit jedem
Atemzuge in der kalten Luft sog seine wunde Brust den Tod ein, und als er
anlangte, war er ein Sterbender, der nur noch mit ganz leisem Flstern den Pater
Guardian von Englberg begehrte. Die trostlose Dienerschaft schickte auch zum
Arzt und die Haushlterin und sein Kammerdiener wollten ihm einstweilen durch
Hausmittel einige Linderung verschaffen. Doch er bewegte sanft verneinend die
Hand und sagte nur: Pater Guardian! Der war schnell zur Stelle und ein
freudiger Blick empfing ihn, als er an Levins Bett trat. Dieser hatte soeben
einen zweiten und noch heftigeren Blutsturz gehabt und war der Sprache fast
nicht mehr mchtig; darum sagte der Pater, er msse sich zuvor erholen und nicht
jetzt beichten. Aber Levin erwiderte:
    Ich habe keine Zeit zu verlieren! und obgleich er mit der grten
Anstrengung sprach, und der Pater sich tief zu ihm herabneigen mute, um die
flsternde Bewegung seiner Lippen zu verstehen, so ging er doch mit ruhiger
Sammlung alles in seinem Leben durch, was ihm als Beleidigung Gottes erschien.
Das war ihm in diesem Augenblick der Schwche und Erschpfung nur deshalb
mglich, weil er sich seine Snden immer vor Augen hielt, immer von neuem bereit
war, sich vor Gott anzuklagen und Bue zu tun. Vor wenigen Stunden hatte er die
heilige Wegzehrung gespendet; jetzt empfing er sie. Sein Auge hatte dabei einen
Glanz, als spiegelte sich schon die Glorie des ewigen Lichtes darin ab. Was er
fr Wendel gebetet hatte, betete er jetzt fr sich selbst:
    Bleib Du in mir, auf da ich in Dir bleibe.
    Das ist das ganze Geheimnis des christlichen Lebens, der Inbegriff seiner
Vollkommenheit hienieden, seiner Verherrlichung im Jenseits. Das innere Leben
des Christen ist - das Leben Jesu in ihm, und diese ebenso wahrhafte als
geheimnisvolle Verbindung beruht auf dem wrdigen Empfang des wahren Leibes und
Blutes des Herrn in heiliger Kommunion. Diese Verbindung gibt sich kund nicht
durch uerliche Glanz- und Grotaten, sondern durch eine wundervolle Schnheit
der Seele, die sich in tausend Tugendstrahlen entfaltet. Diese Tugenden sind
Gnadenblumen, gehen nur aus der Vereinigung der menschlichen Natur mit der
gttlichen Natur, deren Trger und Mittler Christus ist - hervor, schpfen durch
ihn ihre Lebenskraft aus dem Wesen Gottes selbst und wenn der Tod den Leib von
Staub zum Staube legt, schlagen sie ihre volle Schnheit erst recht in der Seele
auf, und was die Gnade gewirkt hat, entfaltet die Glorie.
    Bleib Du in mir, auf da ich in Dir bleibe, sprach Levin.
    Wie ist Ihnen denn zu Mut, hochwrdiger Herr? fragte der Pater Guardian,
der keinen Augenblick den gottseligen Greis verlassen wollte.
    Ich hoffe die Gter des Herrn zu schauen im Lande der Lebendigen,
antwortete Levin mit dem Psalmenverse aus dem Officium fr die Abgestorbenen.
    Das glaub' ich, erwiderte gerhrt der Pater. Er lie noch zwei Kapuziner
aus Englberg holen, um mit ihnen im Gebet abzuwechseln fr den Fall, da die
Agonie lang sein werde.
    Auch der Arzt kam und verordnete dies und das, wie jemand, der da wei, da
die Verordnungen vergeblich sind. Auf seine Frage an den Kranken, ob er sehr
leide, da seine Brustbeklemmung auf groe Qual schlieen lasse, erwiderte Levin
abermals mit einem Psalmenverse aus dem Totenofficium:
    Der Herr regiert mich, nichts mangelt mir. Auf einem Weideplatz am Wasser
der Erquickung hat er mich gelagert.
    Er sprach nichts Irdisches mehr. Fragte man ihn, so gab er Antwort aus den
heiligen Schriften. Da der Guardian sah, da er seine Seele ganz in das erhabene
Totenofficium versenkt hatte, so begann er es mit den beiden Patres zu beten,
als diese aus Engelberg sich einstellten. Das machte dem Kranken eine unsgliche
Freude. Manches, was ihm besonders lieb war, oder was besonders auf ihn pate,
betete er mit.
    Um eines hab' ich gebeten den Herrn; da ich weile im Hause des Herrn alle
Tage meines Lebens. -
    Mein Herz hat zu Dir gesagt: Es suchet Dich mein Angesicht. - -
    Mein Vater und meine Mutter haben mich verlassen, der Herr aber nimmt mich
auf. - -
    Er zog mich aus der Grube des Elendes und er stellte auf einen Felsen meine
Fe. - -
    Aber nur an der Bewegung seiner Lippen merkte man, da er mitbete, denn
sprechen konnte er zuletzt nicht mehr, so qualvoll arbeitete seine Brust. Das
whrte so lange, bis der Tag sich neigte. Da wurde er still und immer stiller,
und als eben der Pater Guardian in der siebenten Lektion an die Worte kam: Nach
der Finsternis hoffe ich auf Licht - machte pltzlich ein Lungenschlag sanft
seinem Leben ein Ende, so sanft, da niemand den Augenblick seines Abscheidens
bemerkte. Sein ganzes Leben war ein friedliches Hinberwallen aus der Unruhe der
Zeit in den Frieden der Ewigkeit gewesen, und so war auch sein Tod. Und wie er
einsam unter den Menschen gestanden und nur am Herzen Gottes Zuflucht und Trost
gefunden hatte, so starb er auch einsam, ohne Freunde, ohne Verwandte, und nur
die frommen Mnner waren bei ihm, die sich, wie er, arm im Geist und arm im
Herzen gemacht hatten, um reich in Gott zu sein. Eine hehre Stille erfllte das
Sterbezimmer und das ganze Schlo. Die Nachricht von seiner gefhrlichen
Erkrankung hatte sich blitzschnell in der ganzen Gegend verbreitet, und es kamen
Leute stundenweit herbeigeeilt, um zu hren, wie es mit ihm stehe. Die meisten
hatten sich in die Kapelle begeben und beteten; andere saen unten in der groen
Halle und in den Zimmern der Dienerschaft und harrten. Niemand konnte sich
entschlieen, fortzugehen. Da kam der Pater Guardian ernst von der Treppe herab
und sagte zu den Leuten gewendet, die in der Halle versammelt waren, mit
feierlichem Ton:
    Herr, gib ihm die ewige Ruhe.
    Und das ewige Licht leuchte ihm - sprachen alle aus einem Munde und fielen
auf die Knie.
    Er ruhe im Frieden. Amen, sagte der Pater.
    Nun wute man, da er am Ziele sei! In alle Augen traten stille Trnen, auf
alle Lippen stille Gebete, in alle Herzen stille Wehmut! man gnnte ihm die
selige Ruhe.
    Er ist sicher vom Munde auf in den Himmel gegangen, sagte der
Haushofmeister, der fast ebenso alt wie Levin, und aus den Zeiten von dessen
Eltern war.
    Kann irgend eine Seele ohne Fegfeuer durchkommen, so ist das gewi die
seine! rief die Haushlterin.
    Einer von Wendels Shnen war von der Buerin ins Schlo geschickt, um Kunde
ber Levin zu holen, und um anzuzeigen, da Wendel in seinem bewutlosen
Zustande ruhig verschieden sei. Der arme Bube wurde nicht freundlich von der
Dienerschaft empfangen. Der Portier sagte mrrisch:
    Dein Vater hat den Tod des hochwrdigen Herrn auf seinem Gewissen.
    Ja! rief der Kutscher in stiller Wut ber seinen Unfall, umgeworfen zu
haben, was ihm noch nie auf Windeck geschehen war. Ein Unwetter, wo man keinen
Hund vor die Tre jagen mag, eine pechrabenschwarze Nacht, in der keine Eule
Hand vor Augen sehen kann, da den hochwrdigen Herrn aus dem Bette zu holen: das
nenn' ich unverschmt.
    Der Vater jammerte nach ihm, sagte der arme Bursche niedergeschlagen.
    Und wrs noch ein anderer gewesen! rief der Portier; aber gerade der
Simpel und Taugenichts Wendel!
    Fr den mute sich der hochwrdige Herr den Tod holen! setzte der Kutscher
ergrimmt hinzu.
    Der Bursche hub laut und klglich zu weinen an.
    Zank im Trauerhause! sagte die krftige Stimme des Pater Guardian, der
jede Veranlassung benutzte, um den Leuten ins Gewissen zu reden, und jetzt mit
ernster Miene in das Portierstbchen trat. Was heulst Du denn wie ein altes
Weib?
    Sie sagen, mein Vater wr' ein Taugenichts gewesen und nicht wert, vom
hochwrdigen Herrn versehen zu werden, und gleichsam sein Mrder, erwiderte der
Bursche schluchzend.
    Was schwatzt Ihr da fr Unsinn, Ihr Taugenichtse! sagte der Guardian in
der Redeweise, die ihn bei den Leuten uerst beliebt machte, und drohte mit
seinem langen hageren Finger dem Kutscher und dem Portier dicht vor den Augen.
Fr wen ist der Herr Jesus vom Himmel gekommen? Gerade fr die Taugenichtse -
Euch, mich, uns alle inbegriffen, denn wir alle taugen nichts vor Gott. Fr wen
hat er sein bitteres Leiden und Sterben geduldet? fr die Taugenichtse! Fr wen
sein heiligstes Blut vergossen und die heiligen Sakramente eingesetzt? fr die
Taugenichtse! Fr wen den Priesterstand geordnet und gesendet? fr die
Taugenichtse! Er will sie ja alle selig machen, alle im Himmel haben. Nun, das
seht Ihr doch ein: hat Christus der Herr bereitwillig fr die verkommenste Seele
sterben wollen, so mu der gute Priester auch dazu bereit sein. Einen besseren
Priester als unseren lieben hochwrdigen Herrn hat unser Herrgott selten gehabt.
Der hatte so ganz den hochgeborenen Grafen ausgezogen, um ein Diener der Seelen
zu werden, wie nicht jeder von uns den alten Adam auszieht. Der war immer
bereit, dem Herrn Christus nachzufolgen, und die Fuwaschung, welche dieser an
seinen Aposteln bte, geistiger Weise an allen armen Sndern zu vollziehen. Ihm
war Seele - Seele! Punktum. Ihr meint, wenn ein Kaiser da im Bauerhof gelegen
htte - oder zum mindesten ein Knig: dann wr's der Mhe wert gewesen in tiefer
Mitternacht durch Sturm und Schnee hinaus zu traben und sich den bitteren Tod zu
holen. Allein der Sohn Gottes war nicht Euerer Meinung, und sein frommer
Priester, der liebe hochwrdige Herr auch nicht. O, Ihr Leute! seht doch ein,
wie schn das ist und welchen Edelstein in seiner Krone das gibt: er hat nicht
blo fr einen gewhnlichen armen Snder, sondern so recht, wie der liebe
Heiland, sein Blut fr einen Menschen hingestrmt, der ihn einst um's Leben zu
bringen versuchte. Seht! solche Dinge zu ben, das bietet der liebe Gott denen
an, die sich heiligen wollen, und wenn sie dieselben annehmen, so heiligen sie
sich. brigens, Ihr Taugenichtse, ob Ihr dermaleinst so bufertig in Euerem
letzten Stndlein sein werdet, wie ich hre, da der arme Wendel gewesen ist,
das wollen wir seiner Zeit erst erleben.
    Ich hoffe, der hochwrdige Herr Pater werden das nicht gerade bei mir
erleben, sagte der Kutscher ehrlich, im Hinblick auf seine dreiig, und auf die
sechszig Jahre des Guardians.
    Ah, ich verstehe schon! rief der Pater, und sah ihn freundlich mit seinen
guten klugen Augen an. Ich soll Euere bufertige Gesinnung frher kennen
lernen! Recht so! das ist brav! dazu haben wir die gnadenreiche heilige
Fastenzeit. Sonntag Invocavit liegt hinter uns; habt Ihr vergessen, Gott den
Herrn anzurufen - nun wohlan! Sonntag Reminiscere ist vor der Tr! da seid
eingedenk, da nolens volens Euer letztes Stndlein ber Euch kommt, mg' es
auch noch hundert Jahre whren, und da mit jedem Jahr Euere Rechnung im
himmlischen Schuldbuch grer wird. Du aber, mein Wendelbub', la das Heulen und
schreib' Dir's hinter die Ohren, was Du eben gelernt hast: lebe so fromm und
rechtschaffen, da niemand Dir bei Deinem Absterben mit Wahrheit nachsagen
drfe, Du seiest ein Taugenichts gewesen.
    Ein Postillonshorn unterbrach schmetternd den Guardian; ein Wagen rollte in
den Schlohof. Die Baronin Isabelle war es. Sie kam, um mit Levin Regina's Tod
zu beweinen. Sie weinte jetzt neben seiner entseelten Hlle.
    Mir ist, als wren zwei gute Sterne fr Windeck untergegangen, sagte sie in
Trnen zum Pater Guardian.
    Ja, sagte er, aber um im Himmel schner aufzugehen.

                                 Sonnenaufgang


Auf der Grenze zwischen Frhling und Winter pflegen heftige Strme auszubrechen,
und nicht ohne starke Erschtterung geht die Natur aus toter eisiger Erstarrung
zum warmen blhenden Leben ber. Auf dem sittlichen Gebiet finden dieselben
Erscheinungen statt; das eingeeiste erfrorene Herz taut nicht vom ersten
Sonnenstrahl grndlich auf. Judith konnte eine gewisse stille Angst nicht
berwinden, da ihre Bekehrung zum Christentum Opfer von ihr fordern werde, die
sie nicht zu bringen geneigt war. Hatte Lelio nicht vom Augenblick seiner
Bekehrung an sein ganzes Leben verndert? Hatte nicht Ernest ein Leben voll
ununterbrochener Entsagung gefhrt? Freilich behaupteten Beide, sie wren sehr
zufrieden. Aber diese Zufriedenheit, die aus einer immerwhrenden berwindung
aller Neigungen hervorgeht, ist doch nicht die, welche man sich wnscht, sagte
Judith zu sich selbst; oder sollte es eine Wirkung der Gnade sein, welche das
Christentum mitteilt, im Opfer der Neigungen ein hheres Glck zu finden, als in
ihrer Befriedigung? .... Und habe ich denn so bse Neigungen zu opfern? ....
Habe ich berhaupt eine andere, als die - zu mir selbst? als die - glcklich
sein zu wollen? Besteht aber das Gnadenglck, das christliche Glck - wie soll
ich es nennen? im Opfer: so brauchte ich nur meine Neigung zu mir selbst zu
opfern und sieh'! ich wre glcklich, nmlich so, wie die ersten Christen es
verstanden. - - Dazwischen fiel ihr ein, ob dieser junge Geistliche nicht
vielleicht sehr exaltiert sei und zu hohe Forderungen an die Menschen mache; ob
es nicht geraten sei, sich an einen Akatholiken zu wenden. Dann dachte sie aber
an die Herren im schwarzen Frack mit weier Kravatte, welche die arme Esther
besucht hatten und welche zuweilen die Bibel und zuweilen ihre Gattinnen
mitbrachten, und dann sprach sie mit energischer Entschiedenheit zu sich selbst:
Nein: gttliche Offenbarung will durch geheiligte Organe verkndet werden und
himmlische Wahrheit von geweihten Lippen flieen! Ich hate jene armen
protestantischen Prdikanten, weil sie meiner geliebten Esther keinen Trost
gewhrten. Daran hab' ich vielleicht sehr Unrecht getan, denn niemand kann etwas
anderes geben, als was er hat, und sie haben ihr Buch und ihre Frauen - aber die
Weihe zum Apostolat haben sie nicht. Sie sind vielleicht sehr rechtschaffene
Hausvter - aber Priester, aber Lehrer einer bernatrlichen Weltordnung knnen
sie nicht sein! dazu gehrt eine volle Hingebung an dieselbe, und sie haben ja
Wurzel gefat in der Alltagswelt. Zu Priestern braucht Gott Mnner mit einem
ganzen Herzen; diese - geben ein gutes Stck davon an Weib und Kind. Der
Priester ist fremd, und sie sind heimisch im Irdischen. Der Priester steht ber
mir: sie sind meines Gleichen; er ist der geweihte Verkndiger der ewigen
Wahrheit und gibt sich bedingungslos allen Anforderungen seines Berufes hin; sie
sind ... ja, ich wei nicht, ob sie auer Familienvtern, Staatsdienern und
Brgern noch etwas sind ... noch etwas sein knnen. Genug, das steht fest fr
mich: ich will nichts zu tun haben mit einer Religionsgesellschaft, die ohne
geweihten Priesterstand ist! Dem Priester glaub' ich, dem Menschen nicht! den
Priester verehre ich, den Hausvater nicht. Nur der, welcher im Namen Gottes und
als berufener, geweihter und gesendeter Diener Gottes zu mir spricht, flt mir
Glauben und Verehrung ein. Aber warum? .... Tusche ich mich nicht? Weil er vom
Altar Gottes kommt - vom Opfer; und mich zu ihm hinfhrt - zum Opfer; whrend
der Hausvater kommt - was wei ich woher! und mich fhrt - zum huslichen Herde!
Mein Gott! .... und Orest will sich ihnen zuwenden um unseres huslichen Herdes
willen! Wird denn Gottes Gnade darauf liegen? - -
    In heftiger Bengstigung ging sie im Zimmer umher, ratlos, geqult eilte
dann zu ihrer Kammerfrau und sagte
    Geben Sie mir Ihren Hut und Ihren Shawl; ich will zu armen Leuten.
    Doch nicht gehen? fragte die erstaunte Zofe.
    Nein! ich will im Fiakre inkognito fahren.
    An dergleichen Einflle war die Kammerfrau gewhnt. Judith entschlpfte
unbemerkt ihrer Wohnung, stieg auf dem Korso in den ersten besten Fiakre, fuhr
zur Kirche Maria della pace, entlie ihn dort und hielt Nachfrage nach dem Hause
von Lelio's Eltern. Sie fand es schnell, traf Lelio's Mutter allein und hrte
voll Schreck, er sei nicht daheim. Die obligate Phrase: er werde aber gewi bald
zu Hause kommen, hielt Judith fest, um so mehr als ihr einfiel, sie knne ja
eben so gut der Mutter wie dem Sohne einige Fragen vorlegen und vielleicht von
ihr noch bestimmtere Antwort erhalten.
    Signora, hub sie an, ich wei durch Ihren Sohn, da Sie eine fromme Frau
und eine treue Mutter sind; da ich nun keine Mutter habe, an die ich mich mit
meinen Anliegen wenden knnte, so fhrt mich Gott zu Ihnen. Ich bin nmlich eine
Jdin, die sich zum Christentum bekennen will.
    Signora Pasqualina hatte Judith etwas khl empfangen. Wer war diese schne
Person, die so ganz ohne Umstnde und ohne sich zu nennen auftrat und nach
Lelio, wie nach einem guten Bekannten fragte? Khl hatte sie den Anfang von
Judith's Rede vernommen; aber bei den letzten Worten trat ein warmer
Freudenausdruck in ihr ganzes Wesen. Sie hub Hnde und Augen zum Himmel, indem
sie rief: O welche Gnade! welche Gnade! und als sie wieder auf Judith blickte,
fielen ein paar Trnen von ihren Wimpern.
    Freuen Sie sich so sehr ber meine Bekehrung? fragte Judith berrascht und
gerhrt; ich bin Ihnen ja ganz fremd.
    O, was tut das! rief Pasqualina. Es wird eine Seele gerettet! das Blut
Jesu kommt zu Ehren an einer Seele! der se Name Jesu wird in Ewigkeit
verherrlicht durch eine Seele! das Reich Jesu wird ausgebreitet, der Wille Jesu
vollzogen auf Erden wie im Himmel, durch eine gerettete Seele! und ich sollte
nicht frohlockend Gott loben und preisen fr solches Glck, fr solche Freude,
an der die ganze streitende und triumphierende Kirche samt allen himmlischen
Heerscharen teil nimmt? O, meine liebe Signora darber knnen Sie sich nur
deshalb wundern, weil Sie noch nicht wissen, welche Gnadenschtze Ihnen zu Teil
werden, und welche Liebe alle durchstrmt und verbindet, die mit Ihnen diese
Schtze genieen!
    Und wer sind die? fragte Judith.
    Alle, die zur heiligen Kirche gehren.
    Ach, sagte Judith, ich bin ja noch ganz unwissend und habe nichts, als
meinen guten Willen. Vergeben Sie mir also meine Frage: Was ist die Kirche?
    Die Kirche, entgegnete Pasqualina, ist die Gemeinde aller Christen auf
Erden, die durch das Bekenntnis desselben Glaubens und durch die Teilnahme an
denselben Sakramenten vereinigt sind unter einem gemeinsamen Oberhaupt, dem
Papst, als dem Nachfolger des heil. Petrus und den ihm untergeordneten
Bischfen, den Nachfolgern der brigen Apostel.
    Und wer hat diese Kirche gestiftet und ihr diese Einrichtung gegeben?
fragte Judith weiter.
    Der Sohn Gottes, unser Erlser, Jesus Christus, der alle Menschen bis zum
Ende der Welt selig machen wollte, und deshalb diese Heilsanstalt grndete,
welcher er seine Lehre, seine Gnadenmittel und seine Gewalt anvertraut, und ihr
den Beistand des heiligen Geistes verliehen hat, um sie in den Stand zu setzen,
den Auftrag auszufhren.
    Was wrden Sie sagen, Signora, wenn ich mich einer der Sekten zuwendete,
welche nicht den Papst als ihr Oberhaupt anerkennen?
    Tten Sie das, bevor Sie mit der heiligen Kirche bekannt geworden wren: so
wrde ich traurig sagen, es habe Ihnen unfreiwilliger Weise die Erkenntnis der
gttlichen Wahrheit gefehlt. Tten Sie es aber mit voller Erkenntnis, so htten
Sie sich freiwillig ausgeschlossen von Gottes Gnade in der Zeit und Gottes
Glorie in der Ewigkeit und wren abgefallen zum Geist der Lge. Aber ein so
furchtbares Unglck widerfhrt denen nicht, die, wie Sie von sich sagen, einen
guten Willen haben. Wer Augen hat zu sehen und Ohren zu hren - und wer in
reiner Absicht, nicht um irdischer Vorteile willen, die Offenbarung der
gttlichen Wahrheit sucht, der findet sie auch. Das hat der gttliche Erlser
uns versprochen, indem er sagte: Suchet, und ihr werdet finden. Die heilige
Kirche ist nicht etwas Unsichtbares, woran man vorbergehen knnte. Sie steht
da, klar und einheitlich, immer dieselbe in der ganzen Welt. Welche Lehren der
Liebe, welche Taten der Liebe hat sie aufzuweisen! Sie ist ein bernatrliches
Spital fr alle Leiden der Seele; der liebe Heiland ist der Arzt; die
Sakramente, die er aus seinem Blut bereitet - sind die Arzneien; die Lehre, die
von seinen gebenedeiten Lippen fliet - ist der Labetrunk; seine Diener und
Helfer, die Priester, sind die Krankenwrter; die Kranken - das sind wir alle!
Einige lebensgefhrlich, andere in der Agonie, andere genesend, frischer und
krftiger denn zuvor. Einige sind gesund: das sind die Heiligen! die haben des
heiligsten Blutes Wunderkraft in sich wirken lassen. Ein Genesender ist mein
Lelio. Sie aber, Signora, wenn Sie das Sakrament der Taufe empfangen, dann
werden Sie in Christo geheiligt, zum ewigen Leben wiedergeboren und durch die
heiligmachende Gnade und die gttlichen Tugenden geistiger Weise umgeschaffen,
ein Kind der Kirche, eine Tochter Gottes, ein Erbe des Himmelreiches; das ist
das Hchste, was der Mensch werden kann, und Dem entsagt keine gute, vernnftige
Seele, um sich einer unvollkommenen Sekte anzuschlieen.
    Es ist eine schwindelnde Hhe, sagte Judith und schlo unwillkrlich ihre
Augen. Kann man sich dort halten?
    Die Heiligen konnten es! Durch das heilige Busakrament reinigten sie fort
und fort ihr Gewissen von jedem Stubchen und wurden mehr und mehr darber
erleuchtet, wie notwendig diese unausgesetzte Reinigung sei. Und durch das
Sakrament des Altars empfingen sie in ihrer gereinigten Seele wahrhaft und
wesenhaft den Leib des Herrn mit seiner Gottheit und verklrten Menschheit-und
der brachte ihnen dann alle Gnaden, alle Krfte welche sie ntig hatten, um in
ihren Kmvfen zu siegen. Denn kmpfen muten sie mit den heiligen Waffen der
Abttung und des Gebetes, tchtig kmpfen, da es in heiliger Schrift heit: Nur
die Gewaltigen reien das Himmelreich an sich. Unsereiner steht ja nun freilich
ganz niedrig neben der Hhe der lieben Heiligen; allein uns stehen ganz
dieselben Gnadenmittel zu Gebot, um uns nach unserem Mastab zu heiligen. Ist
unsere Seele befleckt durch Snde, so wascht der barmherzige gttliche Samaritan
sie im Busakramente wieder rein; und wird sie schwach und hinfllig in den
tausend Prfungen und Versuchungen, so speist er sie im Altarssakrament durch
sein Fleisch und Blut; und da wir alle, die Heiligen wie die armen Snder, an
diesem heiligen Gastmahle Teil nehmen, wo unser Gott sich zur Speise unserer
Seelen macht: das, Signora, stiftet eine so wundersame Liebesgemeinschaft
zwischen ihm und seiner Kirche, da man fr ihn, den Knig und den Brutigam,
mit Freuden lebt und stirbt und Opfer bringt.
    Lelio hatte wohl Recht zu sagen, seine Mutter sei eine fromme,
vortreffliche und kluge Frau. sagte Judith.
    Ob ich gut und fromm bin, wei Gott allein! erwiderte Pasqualina. Bin
ich's - so wolle Gottes Gnade mich so erhalten bis zu meinem seligen
Sterbestndlein. Klug aber bin ich gar nicht, Signora! meine Klugheit steckt im
Katechismus und in der Betrachtung des bitteren Leidens und Sterbens des Herrn.
Im Katechismus strke und erleuchte ich meinen Glauben und in der Betrachtung
krftige und erwrme ich meine Liebe. Das kann jeder haben!
    Der danach verlangt! setzte Judith hinzu. Aber nun noch eine Frage teure
Signora! Wenn ich katholisch bin - darf ich dann einen Akatholiken heiraten?
    Bei uns zu Lande kommt, Gott Dank! so etwas nicht vor! Es mu ja etwas
Entsetzliches sein, eine Ehe zu schlieen, in welcher der eine Teil auerhalb
der Glaubens- und Liebesgemeinschaft der Kirche stnde. Es scheint mir
unmglich, da eine solche Ehe anders, als aus frevelhaftem Leichtsinn
geschlossen werden knnte! Welche Gefahr fr ihre Nachkommenschaft, in
Gleichgltigkeit gegen den Glauben zu geraten, die Sakramente zu miachten, oder
wohl gar - o seligste Jungfrau! der Gnadenmittel beraubt zu werden! Welch'
katholisches Herz wre im Stande, eine Ehe zu schlieen, die arme unschuldige
Kinder um die Seligkeit brchte, den Leib des Herrn zu empfangen, der unser
Trost, unser Glck, unser Heil, unsere Liebe, unser ein und alles ist. O teuere
Signora! der Leib des Herrn in unseren Tabernakeln, auf unseren Altren - ist
nicht blo der Mittelpunkt unserer Glaubensgeheimnisse; er ist der Grund unserer
Liebe zu unserem Glauben und zu Dem, der vom Himmel kam, um ihn uns zu
offenbaren. Wer an das hochheilige Geheimnis der Eucharistie glaubt, fhlt ein
solches Erbarmen mit denen, welche nicht daran glauben, da er ihnen diesen
Glauben mit seinem Blut erkaufen mchte; aber seinen Freund, aber seinen Gatten
whlt er nicht unter ihnen sich aus, denn er wei ja, da sie die ewige
Wahrheit, die uns zu unserem Heile und unserer Heiligung durch die Zeit in die
Ewigkeit leitet, nicht besitzen. Und wer sie nicht besitzt - was hat der? was
wei der? was vermag der? was liebt der?
    Nichts! sagte Judith. Er hat sein Ich, er wei von seinem Ich, er liebt
sein Ich - und das ist Nichts, wenn Gott selbst ihn nicht belehrt, was damit
anzufangen sei! Und diese Lehrerin der Menschheit ist die Kirche; deren Mund ist
der Priesterstand; er verkndet die ewige Wahrheit! O mein Gott! ich werde auch
in der ewigen Wahrheit leben und gerettet werden aus meiner Existenz des
Scheines, der Verblendung und des Irrtums.
    Dann werden Sie aber auch den Gedanken fahren lassen, einen Akatholiken zur
Ehe zu nehmen, nicht wahr, teure Signora? rief Pasqualina und ergriff innig
Judith's Hand. Das mssen Sie mir versprechen! Nein, nicht mir! der heiligen
Mutter Gottes von den sieben Schmerzen mssen Sie es versprechen! O, welche
Gnade, Signora! Sie sind eine Tochter des Volkes, aus dem Maria, die Gebenedeite
unter den Weibern, als eine Lilie zwischen Dornen entspro! des Volkes, dem die
Magdalena angehrte, die als eine groe Snderin dem Heiland zu Fen fiel und
als eine groe Heilige wieder aufstand, gerechtfertigt durch ihre bende Liebe.
O, wie werden diese beiden Wunder der Gnade jetzt am Throne Gottes bitten fr
Sie, die Tochter Israels, die zu ihnen auf den Kalvarienberg sich flchtet! Aber
auf den Kalvarienberg zu Jesus und Maria, zu Johannes und Magdalena kommt man
nur durch das Kreuz - und das Kreuz ist Sinnbild jedes Opfers, welches aus
heiliger Liebe gebracht wird. Also bringen Sie nur getrost Ihr kleines Opfer dem
Gott, der ein so groes fr Sie am Kreuz bringt; und in dem Augenblick, wo Er
Ihre Seele in seinem Blut rettet, betrben Sie ihn nicht so sehr, um diese
gerettete Seele eine Verbindung eingehen zu lassen, in welcher dies gttliche
Blut verachtet und die Ehe nicht als ein Sakrament betrachtet wird. Das knnen
Sie nicht tun! das drfen und werden Sie nicht tun! Ach, versprechen Sie es der
Mutter Gottes. Tut's Ihnen weh? Ach, es hat auch der seligsten Jungfrau wehe
getan, unter dem Kreuz zu stehen und ihren liebsten Sohn der Gerechtigkeit
Gottes zum Opfer zu bringen. Gibt es Ihnen einen Stich durch's Herz? Ach! ihr
Schmerz war so gro, als ob ihr sieben Schwerter auf einmal das Herz
durchbohrten. Das sollte so sein, damit sie Mitleid habe mit dem Jammer der
ganzen Welt. Die Knigin der Schmerzen mute sie sein, um die Trsterin der
Betrbten werden zu knnen. O, frchten Sie nicht das Herzeleid eines Opfers!
Maria steht Ihnen bei! Maria hlt Sie und lehnt Sie sanft an das Kreuz ihres
lieben Sohnes .... und das rosenfarbene Blut aus den heiligsten fnf Wunden
berrieselt Sie und heilt wie Balsam alle Wunden Ihres Herzens zu.
    Immer inniger und zrtlicher, und endlich unter strmenden Trnen hatte
Pasqualina gesprochen und so mtterlich schaute sie mit ihrem seelenvollen Auge
Judith an, da diese ganz berwltigt von einer so neuen, so ungeahnten Liebe,
ihre Arme um Pasqualinas Nacken schlang und ihre Stirn auf deren Schulter lehnte
und leise sagte:
    Ach, wie ist mir bei Ihnen so wohl!
    Ich habe heute auch den Leib des Herrn empfangen, entgegnete Pasqualina
freudig gerhrt und demtig.
    Diese Liebe zu den Seelen, diese Teilnahme fr Seelen, dies Verlangen,
Seelen fr Gott zu retten, ffnet mir den Einblick in eine ganz fremde Welt,
sagte Judith und richtete sich nachdenkend auf.
    In die Welt der Erlsung, setzte Pasqualina hinzu, in der man an allen
Seelen das Ebenbild Gottes und das Blut Jesu gewahr wird - oder werden mchte.
    Nun mu ich fort! sagte Judith tief erseufzend; aber ich habe noch einige
Bitten. Geben Sie mir das Buch, das Sie so himmlisch klug macht.
    Den Katechismus? gern! erwiderte Pasqualina und holte ein kleines Buch aus
dem Auszug des Tisches, auf dem ihre Nharbeit lag. Dies kleine Buch enthlt
die geoffenbarten Wahrheiten unserer heiligen Religion, wie die Kirche Christi,
die vom heiligen Geist regiert und erleuchtet wird, sie lehrt.
    Judith schlug das Bchlein auf und las auf der ersten Seite die Frage:
    Wozu bist du auf Erden? -
    Und darunter die Antwort
    Um Gott zu erkennen, ihn zu lieben, ihm zu dienen und dadurch in den Himmel
zu kommen.
    Judith machte das Buch zu und rief:
    Damit ist alles gesagt! dadurch erfhrt man, was Wahrheit - was Liebe - was
Glck ist. Und wahrlich, Signora! das spricht der heilige Geist! denn so lange
die Welt steht, hat der Menschengeist so nicht gesprochen.
    Sie steckte das Buch zu sich, nahm ihre Brse und sagte:
    Signora, ich bin hier fremd! Sie werden gewi einige Notleidende kennen,
denen man mit Gold helfen kann. Wollen Sie das tun?
    Ich werde die Brse unserem Herrn Pfarrer bringen, entgegnete Pasqualina;
der versteht sich auf's Almosengeben und wird Sie in ein frommes Gebet
einschlieen. Ich werde ihn bitten, Maria della pace fr Sie anzurufen, damit
der unzerstrbare Friede des Glaubens Ihre Seele erflle.
    Endlich, bitten Sie Ihren Sohn, da er mir seinen Freund zusende, den
jungen Geistlichen.
    Meinen Sie den Abbate, Don Cinthio?
    Ich wei seinen Namen nicht! es ist ein hoher schlanker, blonder junger
Mann
    Ganz recht! mit einem engelhaften Ausdruck und einem fremden Accent - Don
Cinthio!
    Ich lasse also Don Cinthio zu mir bitten.
    Aber zu wem, Signora?
    Zur Judith! das brige wei Ihr Sohn! Und beten Sie fr mich!
    Sie umarmte Pasqualina und eilte fort - fort zur Kirche Maria della pace;
doch nicht um Raphaels Sibyllen zu bewundern, sondern um zu berlegen, was sie
gehrt, und was sie zu tun habe. Was sie gehrt? o wie war das schn, lieblich,
klar! wie quoll das in ihre durstige Seele, als ein warmer Mairegen in sprdes
Erdreich, als weiche Frhlingsluft um den starren Baum! Welch ein Reichtum des
Daseins, welche Flle des Lebens tat sich vor ihr auf in dieser Liebe die von
der Liebe Gottes entzndet - in dieser Wahrheit, die von dem Geist Gottes
durchleuchtet - in diesem Glck das in der Vereinigung mit Gott gefunden wird.
Das ist's! das ist's! das ist's! frohlockte ihr Herz in einem Jubel, der nicht
enden wollte. Und was sie zu tun habe? .... o das war zuerst auch ganz einfach
und leicht: die Taufe empfangen im Blut Jesu! Aber dann? Sie schauderte. Nicht
weil sie ein Opfer zu bringen hatte; denn es schien ihr kaum ein Opfer zu sein,
einen Menschen aufzugeben, um Gott zu gewinnen. Aber weil sie nicht wute, wie
sie sich von Orest losmachen sollte. Sie hatte ihn so weit gebracht, da er
gleichsam einen Todessprung machen wollte, um zu ihrem Besitz zu gelangen - und
nun sollte sie ihm Halt! zurufen und sagen: Es ist aus und vorbei zwischen uns.
Wie wird er das aufnehmen - jetzt, wo alles fr ihn auf dem Spiele steht und wo
er in einer Spannung und Aufgeregtheit sich befindet, wie der Spieler, ber
dessen ganzes Vermgen der nchste Wrfelfall entscheidet. Und wenn es mich das
Leben kostete, sagte Judith schaudernd zu sich selbst, ich kann nicht Grfin
Windeck werden - und ich mu mich von Orests Seite auf alles gefat machen. O
nur erst die Taufe! die Taufe, da mich die heiligmachende Gnade zu einem Kinde
der Kirche, einer Tochter Gottes und Erbin des Himmelreiches mache: dann ist
meine Seele gerettet! und bringt Orest mich um's Leben, wie ich das verdient
habe, so wei ich doch, da ich im Blut Jesu von meinen Snden gereinigt und
eine erlste und fr die Ewigkeit gerettete Seele bin. Wie hat jene groe
Berin Thais gebetet? O du, der du mich erschaffen hast, erbarme dich meiner!
Ihr Herz brach in Trnen und mehrmals wiederholte sie: Erbarme dich meiner! Ihr
ganzes Leben zog an ihrem inneren Auge vorber. Was sah sie? kalte Selbstsucht!
kalten Hochmut! Nie habe ich etwas anderes geliebt, als mich selbst - oder
anderes .... meinetwegen! wimmerte sie leise; nie ein Opfer gebracht, nie
fremdes Glck hher angeschlagen als das meine! Vor dem Altar des heiligsten
Sakramentes war sie auf die Knie gesunken. Da lag sie auf dem Marmorboden und
hob weinend ihre Hnde empor und streckte die Arme aus zum Tabernakel und
seufzte: Wohnst du da, du Gott der ewigen Wahrheit und der ewigen Liebe, so
erbarme dich meiner und la mich dich finden denn ich verschmachte nach Liebe
und Wahrheit, und wei nicht, wo auf Erden ich sie suchen knnte, als bei dir.
Niemand strte die Beterin; niemand sah hin zu ihr. Der warmherzige Sdlnder
begreift, da die Andacht ebenso gut wie jede andere lebhafte Empfindung - ihre
Sprache ihren Ausdruck, ihre Geberden habe. Ein junger Geistlicher, der hufig
vor diesem Altar sein Brevier betete, zog sich leise zurck. Er glaubte Judiths
Gestalt trotz ihres einfachen Anzuges zu erkennen. Ihr Gesicht war verschleiert.
Vor dem Mutter-Gottesaltar kniete er nieder und flsterte in seliger
Hoffnungsfreude: Wenn sie es ist, so ist sie gerettet .... denn sie betet ....
und betet in Trnen. Heilige Maria, Knigin des Friedens bitte um Frieden fr
diese arme ruhelose Seele.
    Nach einer dreistndigen Abwesenheit kam Judith gefat zu Hause; aber ihre
Kammerfrau strzte ihr entgegen und rief
    Gott Dank, da sind Sie! Hat der Herr Graf Sie gefunden? er streift in der
Stadt umher, um Sie zu suchen. Die Villa Borghese hat er schon durchjagt und kam
verzweiflungsvoll vorgefahren, um zu fragen, ob Sie inzwischen vielleicht
angelangt wren.
    Der Herr Graf ist allzu gtig! unterbrach Judith den Strom der Mitteilung.
Ist sonst nichts vorgefallen?
    Die Kammerfrau gab ihr einen Brief und setzte hinzu, das kleine Mdchen, das
denselben gebracht habe, werde im Laufe des Nachmittags die Antwort holen.
Judith ging mit dem Brief in ihr Zimmer und erbrach ihn ziemlich gleichgltig.
Er war in franzsischer Sprache, Handschrift und Papier hchst elegant - und
ohne Unterschrift. Sie las mit wachsender Spannung:
    Signora! Da Sie dem hchsten Glck entgegen gehen, welches einem Menschen
zu Teil werden kann, indem Sie das Sakrament der Taufe empfangen: so glaube ich,
da Sie umsomehr von fremdem Leid gerhrt sein werden. Meine Verhltnisse sind
der Art, da ich Sie nicht aufsuchen kann und doch das heieste Verlangen habe,
Sie zu sprechen. Das Ungewhnliche meiner Bitte sagt Ihnen deutlicher als
tausend Worte, wie wichtig mir ein Gesprch mit Ihnen wre. Ich bitte also,
Signora, da Sie die Gte haben mchten, mir Tag und Stunde zu bestimmen, wo ich
Sie im Kloster der Damen vom Sacre Coeur zu Trinit dei Monti auf dem Pincio
erwarten drfte. Ihr Name, an der Pforte genannt, wird Ihnen Einla geben. Je
nher der Tag und je frher die Stunde, desto lieber wr' es mir. Ich bitte nur
um zwei Worte mit Ihrer Bestimmung, Signora; aber ich bitte um des Blutes Jesu
willen, das Ihrer Seele, zur Freude aller Kinder der heiligen Kirche, die Flle
der Gnaden bringen wird.
    Judith las den Brief dreimal von Anfang bis zu Ende durch; da ihr aber nicht
die leiseste Ahnung kommen wollte, wer die Schreiberin sein knne, die von ihrem
Vorhaben wisse und sich eben so sehr darber freue, wie Signora Pasqualina, so
setzte sie sich rasch hin, schrieb die Worte:
    Morgen frh um sieben Uhr wird I. M. an der Pforte des bezeichneten
Klosters sein; siegelte das Blatt ein und gab es ihrer Kammerfrau fr die
kleine Botin.
    Kaum war sie damit fertig, so hrte sie im Salon Orests hastigen Schritt.
Sie eilte ihm entgegen, gab ihm die Hand und sagte freundlich:
    Ich danke Ihnen gar nicht fr Ihre Sorge, denn Sie werden ja ganz dadurch
verstrt.
    Er sah in der Tat so leichenbla und verstrt aus, da sie Mhe hatte, ihre
heimliche Angst zu unterdrcken.
    Woher kommen Sie denn eigentlich? und was dachten Sie berhaupt? fragte
sie beklommen, da er gar nichts sagte, sondern nur ihre Hnde hielt und kte
und an seine Stirn und auf seine Augen legte, wie um sich zu berzeugen, da sie
wieder da sei! da sie es sei.
    Werd' ich nicht erfahren was Sie in diesen Zustand von Aufregung versetzt
hat? fragte sie abermals.
    Judith verschwindet - und ich soll nicht aus der Fassung kommen! rief
Orest.
    Verschwindet! .... ich hatte armen Leuten Geld zu geben und war in einer
Kirche; nennen Sie das - verschwinden! entgegnete Judith.
    Der Morgen verging - und Sie kamen nicht wieder! da suchte ich Sie in der
Villa Borghese und als ich Sie nicht fand - in der Villa Pamfili, weil ich ja
wei, da Sie dort gern unter den Pinien wandeln. Aber Sie waren auch da nicht -
und nun kam mir der grliche Gedanke in den Sinn .... Sie wren entfhrt, wren
mir entrissen. ..
    Welche Torheit, teurer Orest! unterbrach ihn Judith; Entfhrungen sind
nicht rmische Sitte! man mu doch immer bei Besinnung bleiben.
    Nicht bei dem Gedanken, da ich Dich verlieren knnte! brach Orest
strmisch aus. Was wre die Liebe, wenn das Herz dabei kalt bliebe! ... wenn es
sich nicht strubte, wie gegen den Tod, gegen einen solchen Verlust. O Judith!
Geliebte! die ganze Welt hat sich wider unser Glck verschworen! ich kann hier
freilich protestantisch werden; allein meine Ehescheidung mu ich in meiner
Heimat betreiben. Das gibt unabsehbare Verzgerungen. O la uns fliehen! la uns
auf irgend einer paradiesischen Sttte des Orients die Welt vergessen.
    Gott will es nicht! unterbrach sie ihn. Aber sie, die doch sonst so mutig
war, hatte nicht den Mut, ihm zu sagen, welchen Umfang sie diesem Ausruf gab.
Sie frchtete sich vor Orest. Sie, die Stolze, die ihren Triumph darin gefunden
hatte, seine Leidenschaft so zu steigern, da er nicht mehr deren Herr war; die
gewhnt hatte, sie sei jetzt die Knigin und Beherrscherin seines Glckes und
seines Schicksals, weil sie sein Idol war: ach, sie mute jetzt erfahren, da
sie gerade dadurch abhngig von ihm und die bengstigte Sklavin seiner
entfesselten Leidenschaft geworden sei.
    Kaltes Herz! rief Orest vorwurfsvoll.
    Man liebt wie man kann! sagte sie khl.
    Sei es! liebe mich wie Du kannst ... aber liebe mich, Judith! rief Orest
zu ihren Fen sinkend.
    O, ich fange wirklich an, Sie zu lieben! sagte sie mit einem so
eigentmlichen Ausdruck, da Orest sich ber deren innerste Bedeutung tuschte
und jubelnd rief:
    Dann werde ich selig sein.
    Ich habe vor einiger Zeit mit einem Geistlichen hinsichtlich meiner Taufe
gesprochen; nahm Judith das Wort, um alle Liebesbeteuerungen abzuschneiden, die
auf Orest's Lippen schwebten. Jetzt, da meine Verpflichtungen an hiesiger Oper
zu Ende sind, will ich mich etwas grndlicher mit der Lehre beschftigen, der
ich mich zuwende.
    Nur nicht zu viel! rief Orest. Die Hauptlehre in allen Religionen ist
die: Gott ist die Liebe. Das mu man festhalten und alles, was dem widerspricht
- wegwerfen.
    Ja, sagte Judith ernst, so habe auch ich den Kern des Christentums
verstanden.
    Und bleib' dabei, Geliebte! la Dich nicht ein auf dogmatische
Auseinandersetzungen, auf scholastische Erklrungen, welche dieser einfachen,
verstndlichen, unserem Begriff vom hchsten Wesen entsprechenden Lehre, eine
teils bertriebene, teils verkehrte Anwendung geben mchten, um die Gewissen in
ngstlicher Abhngigkeit zu halten! Gott ist die Liebe: damit kommt man durch
die Welt.
    Aber wohin? fragte Judith gedankenvoll und ihr Sinn flog weit hinweg ber
die Staubeswelt.
    Wohin? rief Orest, sie miverstehend. Nun, zum Ziel! zum Glck .... zum
Glck der Liebe.
    Das ist ein groes Wort! sagte sie: Glck der Liebe - unser Ziel!
    So sprach jeder von seinem Standpunkt aus und keiner verstand den anderen.
Es war eine Kluft zwischen ihnen aufgetan.
    Am Abend fand sich bei Judith mit einigen anderen Personen auch der Marquis
d'Avallon ein, der sie in der Villa Diodati besucht hatte.
    Das ist ja die verkehrte Welt, nach dem Karneval in Rom einzutreffen!
sagte Judith ihn begrend.
    Dann hab' ich ja ganz absichtslos etwas sehr Passendes getan, entgegnete
er; Verkehrtes schickt sich in unsere verkehrte Welt! Geschieht einmal etwas
Vernnftiges, so findet es keinen Platz, keinen Anklang, keine Heimat, keine
Sympathie.
    Ah, Sie haben gewi etwas enorm Vernnftiges getan, seit wir uns am
Genfersee sahen, Herr Marquis! rief Judith lchelnd.
    Dies Glck .... oder Unglck hatte ich nicht, Signora; aber ich hab'
inzwischen jemand gesehen, der es hatte und der mir allerdings interessanter
war, als die hchst interessanten Ruinen rmischer Baukunst im sdlichen
Frankreich, die ich so eben studiert habe, um sie mit den Ruinen Roms zu
vergleichen.
    Abermals eine Verkehrtheit! warf Judith ein. Rousseau verga die Huldin
seines Herzens ber dem Pont du Gard: Marquis d'Avallon vergit den Pont du Gard
ber? ....
    ber einen unbeschuhten Karmeliten, Signora.
    Ein herzliches Gelchter antwortete von allen Seiten dem Marquis.
    Dies ist beispiellos in der Geschichte der Menschheit! sagte Madame
Miranes.
    Wenn es eine Karmelitesse wre! rief Orest.
    So wre das freilich keine Verkehrtheit, sagte der Marquis. Aber es ist
nun einmal ein Karmelit! und sollten Sie, Signora, nie etwas von diesem Pater
Augustin vom heiligen Sakrament gehrt haben?
    Keine Silbe! und weshalb denn ich? sagte sie erstaunt.
    Als auf der Sonnenhhe der Berhmtheit Liszt in Europa seine Kunstreisen
machte, begleitete ihn zuweilen ein junger Mensch von brillantem musikalischen
Talent, der Herrmann hie.
    Ich erinnere mich seiner aus Paris! rief Madame Miranes. Ja, ja!
Herrmann! ein junges, ziemlich insolentes Brschlein, aber ein Lieblingsschler
Liszt's, wegen seines eminenten Talents!
    Mit seinem vollen Namen hie er Herrmann Cohen und war der Sohn eines
jdischen Kaufmanns aus Hamburg, sagte der Marquis. Er - und der unbeschuhte
Karmelit, Pater Augustin vom heiligen Sakrament, sind eine und dieselbe Person;
und ich hrte ihn in Bordeaux predigen. Er machte einen merkwrdigen Eindruck
auf all' seine Zuhrer. Er stellte in seiner Predigt, die er am Tage der
Bekehrung des Apostels Paulus hielt, viel lebendiger noch durch sich selbst, als
durch seine feurigen und beredten Worte die Bekehrung des Saulus zum Paulus dar.
Zum Zeichen seiner Macht ber die widerstrebendsten Geister unter den Kindern
Israels stellt Gott solche Menschen wie Denksteine in der Welt auf. Welch eine
bermenschliche Seelenstrke und Liebe zur Tugend gehrt dazu, um einen Menschen
aus dem ungebundenen Rausch eines glnzenden, vielfach bewegten Lebens in den
Habit und die Zelle des Karmeliten zu fhren.
    Was mu Gott sein .... fr die, die ihn lieben! sagte Judith.
    Das ist's! rief der Marquis berrascht. Signora, Sie verstehen alles ....
wie eine gewiegte Katholikin!
    Es gibt nun einmal solche Menschen, die ihre Freuden da finden, wo wir
verzweifeln mten, sagte Orest. Ich habe ja ein solches Beispiel an meiner
Cousine erlebt. Ein bildschnes, liebenswrdiges Mdchen begrbt sich bei
zweiundzwanzig Jahren im Kloster der Karmelitessen. Man fat, man begreift so
etwas gar nicht.
    Wenn man den Grund dafr mathematisch - oder durch Wahrnehmungen der fnf
Sinne bewiesen haben will: dann freilich ists nicht zu fassen, sagte der
Marquis.
    Und kann irgend etwas vor der Vernunft Geltung haben, fragte Florentin,
was sich nicht auf jenem Wege beweisen lt?
    Wenn Sie alles verwerfen, was die Sinne nicht wahrnehmen und was die
empirische Wissenschaft nicht beweist, entgegnete der Marquis, so verwerfen
Sie das ganze hhere Geistesleben des Menschen, die ganze sittliche und
intellektuelle Welt, alle Lehren und Grundstze, auf denen die Menschheit ruht.
Aus ihrem chemischen Schmelztiegel geht nicht Gott, nicht die Offenbarung, nicht
das Gewissen hervor. Leugnen Sie aber das alles - womit fllen Sie dann den
furchtbaren Abgrund aus, der sich im Innern einer Seele auftut, welche von allen
bernatrlichen Traditionen abgelst, an nichts sich hlt, als an der sichtbaren
Welt; also am Nichts! .... denn die vergeht! In allen groen Gesetzen und hohen
Ideen der Menschheit, in ihrem ganzen Leben und Weben verrt sich die Ahnung
einer bernatrlichen Welt, mit welcher der Menschengeist in geheimnisvoller
unleugbarer Verbindung steht.
    Dieser Behauptung kann vielfach widersprochen werden, sagte Florentin,
zum Beispiel durch den Zustand, in welchem sich der grte Teil der Menschheit
befindet. Die wilden Vlker wissen nichts von solcher Ahnung.
    Weil der Geist bei ihnen in jenen Stumpfsinn gefallen ist, der ihm die
berwucherung durch die Materie bereitet, erwiderte der Marquis.
    Und das ist auch der Grund, rief Judith, weshalb die Wilden unter den
gesitteten und gebildeten Nationen jene Ahnung verloren haben und jenen
Zusammenhang leugnen: ihr Geist ist geknechtet vom Materialismus. Sprengt ein
Geist diese Fessel, so erwacht das Gottesbewutsein in ihm - unklar, schwankend,
entstellt: aber es erwacht! das beweist der Geisteszustand aller
nichtchristlichen Vlker alter und neuer Zeit, sobald sie die unterste Stufe der
Wildheit berwunden haben und durch dies Gottesbewutsein treten sie in den
Zusammenhang mit einer Welt, die auer und ber der Sichtbarkeit liegt. Der
christlichen Offenbarung ist es vorbehalten, dies dunkle Bewutsein in lichte
Erkenntnis zu verwandeln.
    Indem sie so sprach, sah sie wunderschn aus: die Statue bekam eine Seele
und ging aus der Traumbefangenheit zur Erkenntnis ber. Es fiel allen auf. In
Orest's Gehirn kreuzten sich die abenteuerlichsten Plne, um Judith zu entfhren
und nach Damaskus zu bringen. Das mittellndische Meer, Libanon und Antilibanon
zwischen ihm und der europischen Welt - und er gleichsam allein im Universum
mit Judith: das wurde seine fixe Idee. Der Marquis d'Avallon fragte sich
heimlich, ob Judith etwa auf Herrmanns Wegen gehe, was ihn, wo mglich, in noch
greres Staunen versetzen wrde. Florentin dachte zhneknirrschend: sollte denn
wirklich ihr skeptischer Verstand, der nach allem fragte und alles gleichgltig
beiseite legte, in die Klauen eines Boten der Finsternis gefallen und von ihm
umgarnt sein! Ohne ihren Einwurf zu beachten, sagte er zum Marquis:
    Das Studium der Naturwissenschaften gibt unseren Tagen das Licht der
Erkenntnis. Es durchmit und durchforscht das Universum und entrtselt die
Gesetze, welche dessen Stoffe verbinden und trennen, dessen Krfte in Bewegung
setzen; und eben weil sie das Universum umschliet und begreift, so schliet sie
es auch ab - und hat somit das letzte Wort, denn ber das Universum hinaus -
liegt nichts; das ist klar!
    Fr den, der im Chaos der Stoffe und Krfte bleibt, sagte der Marquis.
Wer aber zur Schpfung bergeht, - findet den Schpfer und somit wieder die
bernatrliche Welt.
    Und prahlen Sie nur nicht, Signor Fiorino, da Ihre Wissenschaften die
Gesetze ergrnden, welche den Erscheinungen in der Natur zum Grunde liegen!
Trotz all Ihrer Physik und Chemie gibt es tausend Warum? die Sie so wenig
beantworten knnen, als ich - der ungelehrtesten eine! rief Judith.
    O bitte, Signora, ein Warum! damit wir das Vergngen haben, Signor Fiorino,
der es beantworten wird, anzustaunen, sagte der Marquis.
    Warum, sagte Judith lchelnd zu Florentin, hat das adriatische Meer Ebbe
und Flut, da es ein Busen des mittellndischen Meeres ist und dieses keine Ebbe
und Flut hat?
    Dies ist eine ganz vereinzelte Erscheinung, ber welche man vermutlich nie
physikalische Beobachtungen angestellt hat, entgegnete Florentin nachlssig.
    Mit anderen Worten: man wei es nicht, sagte Judith. Ja, man kennt
berhaupt nicht den Grund dieses wunderbaren Phnomens der Ebbe und Flut, das
man am Ocean tglich vor Augen hat. Ihre Physik kann es nicht erklren, obgleich
es durchaus dem Bereich der sinnlichen Wahrnehmungen angehrt; sie wei nicht,
welche Krfte und Einflsse dabei ttig sind. Und nach einem solchen Fiasco
sollte man ihr vertrauen, wenn sie bersinnliche Fragen lsen und etwa beweisen
wollte, es gebe keine unsterbliche Seele, denn sie entdecke weder mit dem
Seziermesser im menschlichen Organismus, noch mit dem Teleskop im Universum den
Platz und den Himmel, wo diese Seelen leben knnten! Nein, guter Fiorino, Ihre
Lieblings- und Fachwissenschaft kann zwar Salze, Suren und Gase zersetzen und
kombinieren, aber nicht einmal den Urgrund dieser Stoffe erklren. Wollte die
Vernunft von ihr die Lsung gewisser Fragen begehren, welche sich auf
bersinnliche Erscheinungen beziehen: so wrde sie aufhren - Vernunft zu sein.
Whnen Sie aber nicht, Herr Marquis, fuhr Judith zu diesem gewendet fort, da
Signor Fiorino allein ber mein Warum? Fiasko gemacht hat! O nein! ich war
einmal mit einer groen naturforschenden Celebritt bei einem Diner; wo? das
sag' ich nicht! Dieser Herr geberdete sich in seinen Reden nicht anders, als
habe der Schpfer ihn bei der Erschaffung der Welt zu Rate gezogen. Da rief ich
ihm ber den Tisch die Frage zu: Warum hat das adriatische Meer Ebbe und Flut
etc.? Alles verstummte und sah erwartungsvoll das Orakel an. Aber siehe da! auch
das Orakel verstummte.
    Entsetzliches Schicksal fr eine Celebritt! rief Marquis d'Avallon
munter. Judith fragt - die Menge harrt - und sie verstummt.
    Signora waren aber auch sehr boshaft, sich gerade diese Frage auszudenken,
sagte ein guter, stiller, deutscher Baron, der selbst nicht recht wute, wie er
in diese Gesellschaft geraten war.
    Das geb' ich zu, erwiderte Judith. Ich erzhlte es aber, um Fiorino zu
trsten.
    Und zwar durch eine zweite Bosheit, ergnzte der Marquis.
    Kommt es hufig in der Welt vor, fragte Madame Miranes den Marquis, da
man die mosaische Religion aufgibt, um die christliche anzunehmen?
    Es geht mir wie jener Celebritt, erwiderte er; ich kann diese Frage
nicht beantworten. Das Groartige ist ja immer selten; also steht auch die
Bekehrung des Pater Augustin ziemlich vereinzelt da. Doch hat sich gerade hier
in Rom vor etwa zehn, zwlf Jahren eine andere zugetragen, von der man auch sehr
viel gesprochen hat, weil sie so pltzlich und doch so grndlich war; nmlich
die des Herrn Alphons Ratisbonne aus Straburg. Er kam nach Rom, um sich zu
amsieren, keineswegs, um zu konvertieren. Er ging eines Tages mit einem Freunde
nach der Kirche S. Andrea delle fratte. Whrend der Freund in die Sakristei
geht, um mit einem Geistlichen zu sprechen, bleibt er allein in der Kapelle der
Muttergottes, und als der Freund zurckkommt, erklrt er demselben, er wolle
katholisch werden. Das geschah denn auch - und nach einigen Jahren stiftete Herr
Ratisbonne von seinem Vermgen die Congregation von Unserer Lieben Frau zu Sion;
eine weibliche Genossenschaft, welche die Bestimmung hat, durch Erziehung und
Unterricht jdische Kinder fr den christlichen Glauben zu gewinnen und
namentlich in Jerusalem dies fromme Werk zu betreiben. Er hat in der heiligen
Stadt den Platz des alten rmischen Prtoriums gekauft und zu einer
Niederlassung fr seine Tchter Sions eingerichtet, whrend sie in Paris ihr
Mutterhaus - und zum Generaloberen der Congregation den Abb Theodor Ratisbonne
haben, den lteren Bruder ihres Stifters, der schon frher konvertiert und sich
dem geistlichen Stande gewidmet hat.
    Und in der Kapelle, rief Judith, die ein bekehrter Sohn Israels fr die
fernere Bekehrung des Volkes Israels gestiftet hat - habe ich in der Charwoche
des vorigen Jahres das Stabat mater gesungen, um diesem Werk einige Geldmittel
zuzuwenden - ich, eine Tochter dieses Volkes!
    Die Kinder dieses Volkes mssen sich aber vor der Bekehrung zum Christentum
hten, bemerkte Florentin giftig, denn nach allem, was wir heute hren,
verfallen sie durch dieselbe in den grauenhaftesten Fanatismus. Der eine wird
Mnch, der andere wird Pfaffe, der dritte verschwendet sein Vermgen, um durch
bigotte Nonnen arme Judenkinder um ihren Glauben zu bringen. Wahrhaftig, ein
solches Delirium des Fanatismus kann nur abstoend wirken.
    Signor Fiorino, sagte Marquis d'Avallon sehr verlegen, vergeben Sie mir
.... ich wute nicht .... ich htte diesen Punkt vielleicht besser unberhrt
gelassen .... -
    Was wuten Sie nicht, Herr Marquis? fragte Judith hchst verwundert ber
seine pltzliche Verlegenheit.
    Aus Signor Fiorinos Bedauern, da jdische Kinder im Christentum erzogen
werden, sehe ich, da er ein eifriger Anhnger der mosaischen Religion ist - und
das wute ich nicht.
    Orest lachte hellauf und rief, immer bereit, an Florentin einen Hieb zu
geben:
    Corpo di Bacco! dies ist ein hchst interessantes Quiproquo - denn es ist
eine Enthllung der geheimen Verwandtschaft zwischen Jung-Israel und
Jung-Deutschland. Ha gegen das Christentum ist das rosenfarbene Band, welches
sie verbindet. Von jeher war Heide, Ketzer, Trk in dem Punkt des Juden
Bundesgenosse. Jetzt ist es der Sozialist. Trsten Sie sich, guter Marquis!
Signor Florentin ist gerade so gut von einem katholischen Priester getauft
worden, wie Sie und ich.
    Das wre ein Grund, um mein Bedauern auf einen anderen Grund zu richten!
rief der Marquis.
    Nein, nein! Trsten Sie sich nur ganz grndlich, Herr Marquis! rief
Florentin hochfahrend. Meine Gottheit und mein Kultus haben mit mosaischen,
christlichen und islamitischen Glaubensbekenntnissen nichts zu tun; haben diese
Eierschalen, welche auf eine niedrige Abkunft deuten, von ihren Flgeln
geschttelt, und sind weder in Dogmen zu beschrnken, noch in Kirchenmauern
einzusperren. Der Geist, der sich zu freier Selbstbestimmung, ber tausend
Lug-und Truglehren, Vorurteile und Tuschungen erhebt: das ist meine Gottheit,
und sie wohnt in jeder Menschenbrust. Der Kultus, der ihr wohlgefllig ist,
besteht darin, da alles weggerumt werde, was die freie Selbstbestimmung hemmt:
der ganze Kram von Dogmen, der ganze Apparat theologischer Wissenschaft, das
ganze Agglomerat kirchlicher Formen und Zeremonien, Vorrechte und Gebruche -
alles! Wer von diesen Fesseln, Ketten und Windeln des Geistes auch nur ein Atom
hinwegnimmt, hat dadurch ein Weihrauchkorn der Huldigung fr die ewige Gottheit
gestreut, die von Anbeginn in der Menschheit gewohnt hat - aber verkannt.
    Sehr verkannt! sagte der Marquis trocken. Man hat diese ewige Gottheit -
Satan genannt.
    Das haben die Priester Ihres Gottes zuwege gebracht! fuhr Florentin fort.
Um die freie Selbstbestimmung des Menschengeistes zu hindern, nannten sie
dessen Bewegung in jener Richtung: Abfall zum Bsen - und gaben diesem Bsen, um
es fr Kinder an Geist mglichst abschreckend zu machen, die Gestalt eines
Teufels, eines Undings, das nirgends existiert, als in der Phantasie eines
Pfaffen, aus dessen entmenschtem Herzen es in sein verbranntes Gehirn
bergegangen ist ... -
    Herr Marquis, sagte Judith mit ruhigem Ernst, jetzt ist es an mir, Ihnen
meine Entschuldigung zu machen, weil Sie, ein Katholik und, wie ich hoffe, ein
guter Katholik - gerade bei mir einen Emanzipierten vom katholischen Glauben
treffen muten. Ich bin keine Katholikin; aber eine Versicherung kann ich Ihnen
mit aller Aufrichtigkeit geben: die Bilder, welche Sie uns heute abend in
Menschen vorgefhrt haben, die sich zum katholischen Glauben - und infolge davon
zu einem weltentsagenden Opferleben bekehrt haben - stellen sich neben dem Bilde
des abgefallenen .... oder emanzipierten Menschen, welches Signor Fiorino uns
vorfhrt, nicht anders dar, als das Paradies neben der Hlle.
    Der Marquis, dessen Glaubenstemperatur durch Judiths Beifall um einige Grade
stieg, erwiderte:
    Das haben Sie ganz richtig charakterisiert, Signora. Der Katholik ist
infolge seiner Glaubenslehre im Besitz der vollen bernatrlichen Wahrheit, die
ihn, wenn er sie praktisch ersat und bt - zum hchsten Ziel, zur Seligkeit
durch Heiligkeit fhrt: und das erstreben die Menschen, von denen ich sprach.
Der Katholik, der die Offenbarung der bernatrlichen Wahrheit, und folglich
auch das Ziel, wohin sie fhrt, verwirft - hlt sich zu ihrem Gegensatz und
langt bei deren Ziel an: Unseligkeit! Also: der eine zum Himmel und zur Hlle
der andere.
    Und so wre ich richtig zur Hlle verdammt! rief Florentin hhnisch
lachend.
    O mit nichten! entgegnete verbindlich der Marquis; diese Vermessenheit
hat keiner von uns. Sie haben sie freiwillig gewhlt, Signor. Der Weg des
Abfalles und der Weg der Unterwerfung - die Hingebung an den Geist Gottes wie an
den eigenen Geist - die Liebe zu bersinnlichen Dingen wie die Versenkung in
Materialismus sind in unsere Hand gelegt. Wir whlen frei. Das ist ja eben die
Selbstbestimmung, auf die Sie so stolz sind. - -
    Judith brach auf. Ihr waren Herz und Kopf voll und bervoll von allem, was
sie im Laufe des Tages gehrt - und innerlich gelebt hatte. In ihrem einsamen
Zimmer sank sie auf die Causeuse am Kamin und seufzte erschpft: Bin ich endlich
erlst von meiner Menschenmenagerie! Aber nach einer Pause setzte sie hinzu: ich
mu mir diese Verachtung der Menschen abgewhnen! sie haben ja Seelen, fr
welche das Blut Jesu vergossen ist! - -
    Florentin nahm Orest unter den Arm, begleitete ihn zum Hotel Meloni und
sagte:
    Orest, nimm Dich in acht vor den Dunkelmnnern. Judith luft Gefahr, in
ihre Schlingen zu fallen. Wer htte je so etwas gedacht! Stupide, unbedeutende
Gnschen, denen man einredet, sie wrden Heilige werden, Wunder tun und
prophezeien und dadurch zu Ansehen und Geltung kommen - ja, da die sich von den
Pfaffen fangen lassen, ist begreiflich. Aber Judith, die bergenug an
Berhmtheit - und auerdem Urteil und Besonnenheit trotz ihres Genies und einen
energischen Charakter hat - es ist unbegreiflich! unbegreiflich! unbegreiflich!
    Was ist unbegreiflich! fuhr Orest auf; da sie an Deinen Predigten ber
die freie Selbstbestimmung keinen Geschmack findet; nicht wahr? Nein, Freund!
diesem Idol knnen nur ganz verkommene Weiber huldigen - oder solche, die auf
gutem Wege dazu sind. Mit dieser Sorte hat Judith nichts gemein, und ich freue
mich darber. Gibt es eine Horreur unter der Sonne, so ist es ein brutales Weib;
und brutal ist jede, die Deinen Theorien huldigt.
    Florentin zndete hchst gelassen seine Cigarre an und sagte: Warte nur!
wird Judith eben so fromm wie Corona, so langweilt sie Dich auch.
    Judith hat bis jetzt ein einziges Mal mit einem Geistlichen gesprochen,
sagte Orest; daraus kann man unmglich auf bertriebene Frmmigkeit schlieen.
    Woher weit Du, da es nur einmal geschah?
    Judith hat es mir gesagt - und sie lgt nicht.
    Sage lieber - sie log nicht! Unter der Leitung der Pfaffen mu man auf
alles von ihr gefat sein. Ich bin berzeugt, es ist eine Intrigue in vollem
Gange.
    Orest machte eine Bewegung, als ob er Florentin packen und schtteln mchte,
fate sich aber und sagte:
    Du bist so grenzenlos gemein, da Dir die Niedertrchtigkeit der Gesinnung
gleichsam aus allen Poren dringt.
    Ich habe ja nicht von einer Liebesintrigue gesprochen, hohnlachte
Florentin.
    Orest sprang drei Schritte zurck und in seinen Wagen, der hinter ihm her
fuhr, rief: Gute Nacht - und fuhr von dannen. Florentin tat einige gemtliche
Zge aus seiner Zigarre und sprach zu sich selbst: Ich werde aufpassen! das
fehlte noch, da Judith eine fromme Katholikin wrde! das mu man stren - und
das kann man am besten durch Eifersucht.
    Orest langte hchst aufgeregt im Hotel Meloni an. Als sein Diener ihm sein
Zimmer ffnete - sa Uriel da. Die Brder fielen einander in die Arme. Seit fast
vier Jahren hatten sie sich nicht gesehen. Jeder fand den anderen ber alle
Maen verndert.
    Wann bist Du angekommen? fragte Orest.
    Gegen Abend! Ich ging gleich nach dem spanischen Platz und fand den Vater
und Corona in tiefster Trauer, denn eben war ein Brief von Onkel Levin angelangt
mit der Nachricht .... von Regina's Tod.
    Tot! rief Orest erbleichend; tot .... diese schne, diese herrliche
Regina! Trste Dich, Uriel! fr Dich war sie ja doch schon mehr als tot ... sie
war Dir unerreichbar. Das regt auf! Der Tod beruhigt.
    Es knnen freilich im Leben Ereignisse vorkommen, die schmerzlicher sind,
als das Abscheiden einer edlen Seele von der Erde, sagte Uriel und blickte
Orest sanft und traurig an.
    Ich verstehe Dich! rief Orest, aber schweige! ich beschwre Dich ....
schweig'! Du weit alles durch Corona .... ich sehe es Dir n .... aber schweige,
Uriel, denn Dein Reden ist ganz vergeblich. Mein Entschlu steht fest: ich lasse
nicht von Judith. Macht, was Ihr wollt .... ich will geschieden sein. Ich gehe
nach Stamberg, werde protestantisch und betreibe die Lsung dieses trostlosen
Ehebandes. Ich hatte gehofft, Corona zu bewegen, die Sache in Gte abzutun,
indem unsere Ehe, als durch Zwang geschlossen, fr ungltig erklrt wrde - was
sich ja hier bewerkstelligen lt; aber sie geht nicht darauf ein; sie drngt
mich zu einem groen Skandal, den ich verabscheue .... und Judith noch mehr.
Willst Du also von dieser Angelegenheit sprechen, so sprich mit Corona und mache
ihr die geeigneten Vorstellungen, um sie zur Vernunft zu bringen. Mit mir ist
jedes Wort unntz. Ja, ich kann's nicht aushalten darber zu sprechen .... es
macht mich krank .... in einer so fieberhaften Spannung bin ich.
    Armer Orest! rief Uriel; in diesem krankhaften Seelenzustand rennst Du
jeder Art von Verderben zu.
    Es sei! mit Judith .... nehm' ich es an.
    Auch die Reue?
    Die frchte ich am allerwenigsten! Judith ist ein Wesen, bei dem man Himmel
und Erde vergit.
    Auf wie lange?
    Bis zum Ende des Lebens.
    Nun, so ist doch immer noch fr die letzte Stunde, wenn nicht frher -
verzweiflungsvolle Trauer ber Dein verwstetes Leben zu erwarten.
    Komme, was will! ich will zuerst glcklich sein .... und der Inbegriff
meines Glckes ist Judith.
    Und Deine Frau? .... und Dein Kind?
    Schweig, Uriel! .... Es gibt nun einmal Schickungen, deren wir nicht
Meister sind. Eine solche war meine Heirat mit Corona: ich gab mich den
Umstnden hin. Eine solche ist meine Liebe fr Judith; nur da die Leidenschaft
viel gebieterischer drngt, als jene Umstnde.
    Orest! rief Uriel zrnend, spricht so ein Mann - ja, spricht so ein
vernnftiges Wesen? Kein Kind wrde wagen, sich auf diese Weise zu
entschuldigen.
    Ich entschuldige mich gar nicht! rief Orest. Ich sage, wie es ist. Lat
mich meinen Weg gehen. Ihr geht ja den Euren, Du, Hyazinth ... und hat nicht die
arme liebe Regina sich auf dem ihren in die Arme ihres frhen Todes recht
mutwillig geworfen?
    In die Arme Gottes hat sie sich geworfen, und er hat sie frh der Erde
entrckt. So, lieber Orest, steht es mit Regina. Ich glaube, Du tust
schnurstracks das Gegenteil von dem, was sie getan hat.
    Orest fuhr mit einer verzweiflungsvollen Geberde mit beiden Hnden in sein
Haar und sagte dann:
    Willst Du vielleicht noch zu Nacht essen? ich mu schlafen gehen. Es ist
mindestens Ein Uhr.
    Uriel gab ihm die Hand. Da umarmten sie sich doch wieder, die beiden Brder!
aber Orest schlief mit dem Gedanken ein: Ich gebe sie alle auf, alle und alle,
fr Judith.

                                 Tag und Nacht


Zur bestimmten Stunde stand Judith am anderen Morgen an der Pforte von Trinit
dei Monti, schellte, wurde eingelassen, als sie ihren Namen nannte, und in ein
Zimmer gefhrt, wo sich bereits eine Dame befand. Diese hatte ihren dichten
schwarzen Schleier herabgelassen, so da es unmglich war, ihr Gesicht zu
erkennen. Als Judith eintrat, ging sie ihr entgegen, reichte ihr die Hand und
sagte mit einer bewegten sanften Stimme:
    Ich danke Ihnen, Signora, da Sie gekommen sind.
    In ihrer Haltung, ihren Bewegungen, ihrem Ton lag etwas so Edles, da Judith
sich heimlich fragte: Bin ich an eine verbannte Knigin geraten? Dieser Frau
kann ich unmglich Geld anbieten .... und wenn es Millionen wren!
    Und ich werde Ihnen danken, Signora, erwiederte sie, sobald ich wei,
womit ich Ihnen dienen kann.
    Ich habe erfahren, da Ihnen das berschwngliche Glck zu Teil werden
soll, das heilige Sakrament der Taufe zu empfangen. Da ich nun nicht zweifle,
da Sie in dem Augenblick, wo ein gttliches Lsegeld fr die Rettung Ihrer
Seele von unserem Heiland mit seinem Blut gezahlt wird - erkennen werden, wie
kostbar eine Seele ist: so flehe ich Sie an, Signora, die Hand zur Rettung einer
armen verirrten Seele zu bieten, die in der Verblendung einer traurigen
Leidenschaft ihre Wrde, ihre Pflicht, ihre Ehre mit Fen tritt, ihrer Familie
Schmach bereitet und der Welt ein furchtbares rgernis gibt.
    Aus ganzem Herzen biete ich dazu die Hand! rief Judith. Die Liebe zu den
Seelen, zu den unbekanntesten, den fremdesten, den elendesten Seelen, ist etwas
so Himmlisches, da der Heiland sie ganz gewi vom Himmel herab gebracht hat und
durch himmlische Mittel in den christlichen Herzen entzndet; denn die Welt wei
nichts von dieser Liebe. Sie ist dem Christentum eigentmlich: so liebt der
Erlser die Seelen und so liebt sie der Erlste. So werde auch ich lieben und
dann erst wissen, was Liebe ist! .... Also, Signora, was hab' ich zu tun?
    Darf ich fragen, ob Sie sich an einen katholischen Geistlichen gewendet
haben?
    Gewi! rief Judith, an einen Priester hab' ich mich gewendet, der von der
Kirche, also aus dem Herzen Gottes heraus, Weihe, Sendung und Vollmacht zum
Apostolat hat.
    Gottes Gnade lenkt sichtbar Ihre Schritte, sagte die Dame gerhrt. Sie
wissen also auch, da der Sohn Gottes selbst die Kirche gestiftet hat, als er zu
Petrus sprach: Auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen, und die Pforten
der Hlle werden sie nicht berwltigen! und zu allen Aposteln sprach: Wer euch
hret, der hret mich; und tausend andere Verheiungen gab, welche seine
Heilsanstalt zu einem gttlichen Werk machen, das unwandelbar und
unerschtterlich die ewige Wahrheit offenbart.
    Ich wei und glaube es. entgegnete Judith.
    Glaubt der Mensch berhaupt an den Erlser, so mu er auch glauben drfen,
da er eine untrgende Kunde ber das Erlsungswerk irgendwo auf Erden finden
knne. Kann niemand ohne den wahren Glauben selig werden - und ist der Zweck des
Erdenlebens, nach der Seligkeit zu ringen: so wird der Gott, der aus Liebe zu
den Menschen am Kreuze starb, nicht so lieblos oder so unweise gewesen sein,
ihnen die chte Glaubenskunde in einer Reihe mit menschlichen Lehren
vorzufhren. Gttliche Weisheit und Liebe stiftete die Kirche auf Erden, und der
Geist Gottes, der ihr blieb, als der menschgewordene Sohn Gottes von ihr schied,
bewahrt die Lehre in ungetrbter Reinheit, so da die Kirche nichts hinzutun,
nichts hinwegnehmen darf. Sie verkndet die gttliche Lehre; aber sie erfindet
sie nicht. Das glaube ich.
    Nun, Signora, sagte die Dame, die arme Seele, von der ich rede, will sich
von dieser gttlichen Heilsanstalt losreien, weil der himmlische Glaube von der
irdischen Leidenschaft ein Opfer begehrt; will die Absicht Gottes vereiteln,
seine Liebe, die ihn an's Kreuz gebracht hat, verachten; will mit dem Abfall vom
Glauben den Abfall zur Snde zudecken. .... -
    Ha, das ist's, was der Abbate sagte! rief Judith; Snde ist die
Verachtung der Liebe Gottes .... und einer Liebe, die ihn gekreuzigt hat! Der
Abfall vom Glauben vereitelt auf ewig die Absicht Gottes, den Menschen durch die
ewige Wahrheit zur Seligkeit zu fhren. Es ist ein freiwilliges Aufgeben der
Gnade, ein freiwilliger bertritt zu allem, was nicht von Gott und aus Gott ist:
zur Snde, zur Lge, zum Untergang. O, Signora, wir mssen diese arme, arme
Seele retten!
    Das Gesprch war bisher franzsisch gefhrt worden. Jetzt schlug die Dame
ihren Schleier zurck und sagte in deutscher Sprache und mit zrtlicher Bitte in
Ton und Blick:
    Wohlan, Signora, retten Sie Orest.
    Judith hatte Corona in Interlacken wohl fters von Ferne gesehen, war auf
Spaziergngen an ihr vorber gestreift und bewahrte keine andere Erinnerung von
ihr, als das Bild einer ganz jungen, wunderhbschen, unbedeutenden Frau. Es ist
ja auch nicht selten, da Personen, welche zu einer wirklichen, tiefen
Seelen-und Charakterbildung gelangen, in der Jugend - und namentlich bei ihrem
Auftreten in der Welt, zuerst den Eindruck von Unbedeutendem machen. Das
Weltleben ist ihnen etwas Fremdes und Neues, das sie nicht auf der Stelle
bewltigen knnen, weil sie sich nicht, wie die wirklich Unbedeutenden,
gedankenlos von der allgemeinen Strmung ergreifen und treiben lassen, und nicht
auf der allgemeinen Hhe des Stromes schwimmen. Ihr Wesen ist noch unreif, noch
unentwickelt, eine grne Knospe. Nur Geduld! sie wird sich entfalten, diese
Knospe, zu einer schnen duft-und farbenreichen Blume - und um so schner, je
weniger sie von Auen dazu gedrngt wird. So war es mit Corona. Ihre
Seelenbildung fand innerlich statt: der Schmerz war deren Wurzel und der Glaube
ihre Sonne. Corona glich einer Passionsblume, die das Kreuz umrankt: so zart, so
geistig edel war sie. Dazu ihre verweinten Augen, ihre Blsse, ihr Traueranzug -
und Judith, die sich die Grfin Windeck als eine hchst alltgliche Frau
ausgemalt hatte, begriff nicht, wer vor ihr stehe.
    Orest! sagte sie berrascht.
    Ich bin Corona Windeck, sagte Corona sanft und glitt vor Judith auf die
Knie; und um des Blutes Jesu willen bitte ich Sie, retten Sie Orest's Seele.
    Mit einem Ausdruck, der an Entsetzen grnzte, schlug Judith ihre Hnde in
einander und rief:
    Corona Windeck! .... und Sie sprechen liebevoll zu mir .... und bitten mich
.... und knieen vor mir .... und flehen um Rettung einer Seele! O, was mu das
sein, Liebe zu den Seelen - die eine so himmlische Demut gibt.
    Ach, sagte Corona, denken Sie an unseren gttlichen Erlser, der am Kreuz
fr seine Peiniger betete: Vergib ihnen! sie wissen nicht, was sie tun! - Auch
Sie haben es bis jetzt nicht gewut.
    Gndige Grfin, sagte Judith, und hob ehrerbietig Corona auf; als mir die
Ahnung dmmerte, was das Christentum sei, da sagt' ich: Christen mssen dem
Herzen nach Christustrger sein. Ich sehe an Ihnen, da ich Recht hatte. Sie
hassen mich nicht, Sie verachten mich auch nicht, Sie lassen sich mild zu einer
Person herab, die das Glck Ihres Lebens zerstrt hat und ferner es bedroht.
Ach, ich wei nicht, ob es mglich ist, in aller Stille hochherziger zu sein.
    Signora! unterbrach Corona sie lebhaft, es handelt sich um die Rettung
einer Seele - und diese Rettung soll von Ihnen ausgehen. Dagegen verschwindet
meine arme Person gnzlich.
    Immer und immer diese wunderbare Liebe zu den Seelen! entgegnete Judith
sinnend. Ach, sie ist ansteckend! Knnte ich mit meinem Blut Graf Orest vom
Abfall zurckhalten - ich tt' es.
    O, es mu auch andere Wege geben! rief Corona.
    Ja, einen wei ich, entgegnete Judith: ich mu fr Graf Orest
verschwinden. Das kann ich - und das will ich. Vorstellungen fruchten nichts bei
ihm; das werden Sie so gut wissen, als ich. Er mu tatschlich einsehen, da die
Erfllung seiner Wnsche an der Unmglichkeit scheitert. Ich kann nicht
behaupten, da er dann ein guter Gatte und Vater sein werde; allein er wird den
grlichen Gedanken des Abfalles aufgeben, und dadurch gewinnt hoffentlich die
Gnade wieder Macht ber ihn. Seien Sie getrost, gndige Grfin, die Judith
verschwindet! Es war lngst mein Wunsch, da sie verschwinde - nur freilich in
anderer Weise. Ich will nicht umsonst die Gnade empfangen, im Blut Jesu meine
Snden abzuwaschen. Ich will auch, dem Herzen nach, ein Christustrger werden.
Ich will auch die Seelen lieben, wie der gttliche Erlser meine Seele geliebt
hat.
    Ein milder Glanz von zerschmelzenden Trnen trat in ihr dunkles mchtiges
Auge. Corona breitete die Arme zu ihr aus, und berwunden von dieser Welt neuer,
starker, groer Empfindungen, sank Judith weinend an das Herz dieser Frau, der
sie ein so namenloses Weh bereitet hatte. Der Engel des Lichts ffnete die
Pforten des Paradieses - und die Peri trat ein.
    Und wohin wollen Sie gehen? fragte Corona.
    Ich wei es nicht, entgegnete Judith, und legte die Hand an ihre heie
Stirn. Mein erster Schritt mu jetzt zum Sakrament der Taufe sein. Ich sehne
mich - Christin zu werden und mit meiner Vergangenheit zu brechen.
    Sie mssen eine Taufpatin haben; darf ich es sein? fragte Corona.
    Ein neuer Trost! rief Judith.
    Aber Orest darf nichts von unserer Zusammenkunft ahnen; es wrde ihn
erbittern, sagte Corona.
    Ich nehme alles auf mich, entgegnete Judith. Ich bin eingetreten in das
wunderbare Reich, welches man das der Gnade nennt. Da begegnen uns Wunder und da
geschehen Wunder an uns, die unberechenbar sind. Das hat Graf Orestes nicht
bedacht. Ich aber habe es bis jetzt nicht gewut. Man wird nicht Christin, wie
man sich eine neue Rolle fr die Oper einstudiert und wie ich es in meiner
Unwissenheit whnte. Graf Orest selbst hat auf meine Taufe gedrungen; er mu die
Folgen hinnehmen. Heute oder morgen kommt ein Priester zu mir, mit dem ich den
letzten Schritt berlegen will, und dann, gndige Grfin, lasse ich Ihnen
Nachricht zukommen, wann und wo meine Taufe stattfinden soll.
    Ich habe Ihnen hier ein Vermchtnis zu bergeben, sagte Corona mit
bebender Stimme. Gestern Abend kam die Trauerbotschaft vom Tode meiner
geliebten Schwester .... -
    Der Karmelitesse! .... gestern Abend! rief Judith. Ach, gestern Abend
sprach man bei mir von groen Opfern aus Liebe zu Gott - und da wurde auch sie
genannt.
    Sie ist nun in der Heimat der Seelen, sagte Corona. Als Orest mir seine
schreckliche Absicht mitteilte und zugleich auch Ihr Vorhaben, teure Signora,
die Taufe zu empfangen, da schrieb ich meiner lieben Schwester und bat sie um
ihr Gebet, da diese trostlose Verwirrung zur Ehre Gottes und zum Heil der
Seelen sich lsen mge. Dieser Brief kam in Regina's letzten Tagen an, und von
ihrem Sterbebett schickt sie Ihnen dies Andenken, das ich ebenfalls gestern
Abend erhielt.
    Judith ffnete das kleine Kstchen und nahm die Perlenschnur eines
Rosenkranzes von Onyx, woran ein goldenes Kruzifix hing - dann ein versiegeltes
Blatt heraus. Sie erbrach es. Die Handschrift war kaum zu entziffern, so hatte
Regina's Hand von Fieber und Schwche gezittert. Judith las beklommen:
    Geliebte Seele! Auf Erden sind wir uns flchtig begegnet, um uns nie wieder
zu sehen. Aber die Gnade umfngt und trgt Sie, und dereinst, hoffe ich,
begegnen wir uns vor dem Throne Gottes und singen ein endloses Alleluja dem
Lamme, in dessen Blut wir das Kleid unserer Seele wei gewaschen haben. Nicht
wahr, so wird es sein? Ich kann nicht glauben, da eine vom Strahl der Gnade
berhrte Seele diese Gnade benutzen knnte, um Gott zu beleidigen. Nein! sie
wird ihn verherrlichen, indem sie ihr Opfer bringt und ihr Kreuz annimmt. Dazu
stehe ihr bei Maria, die Knigin der kreuztragenden Seelen. Der Rosenkranz aber
erinnere sie an die Dornen, die der gttliche Vielgeliebte fr uns getragen hat,
damit aus unseren umdornten Herzen die Rose der heiligen Liebe erblhen knne.
Mit dieser Liebe umfange ich Ihre Seele und sage: Auf Wiedersehen unter den
Seligen. Schwester Therese vom Lamm Gottes.
    Vom Himmel und aus dem Grabe und wohin ich auf Erden sehe und hre,
erklingt dies wunderbare Lied von der Liebe der Seelen zwischen all dem
Schellengeklingel menschlicher Torheit, sagte Judith erschttert. Wehe mir,
wenn ich es berhren wollte! Sie kniete vor Corona nieder und sagte unter
sanften Trnen:
    Ich kann nicht fort, ohne Ihre Vergebung erhalten zu haben, gndige Grfin,
und Sie sehen so gut und liebevoll aus, da ich wirklich zu hoffen wage, Sie
werden mir von Herzen vergeben.
    Ach, ich hab' es vergessen, da ich Ihnen etwas zu verzeihen hatte! sagte
Corona lieblich und umarmte Judith, die nun rasch ihrer Wohnung zueilte, in der
Hoffnung, da der Abbate Don Cinthio, wie Pasqualina ihn genannt hatte, im Laufe
des Morgens zu ihr kommen werde. Als sie durch das groe Tor in ihren Palast
eintrat, kam Florentin ihr entgegen und rief im Ton hchster berraschung:
    Ganz allein? zu so frher Stunde schon heimkehrend! Signora, woher kommen
Sie?
    Da ich nicht frage: Signor, wohin gehen Sie? so sind wir quitt! entgegnete
Judith und ging kalt an ihm vorber die Treppe hinauf, durch die den Gemcher,
deren Luft sie frostig anwehte. In ihr Zimmer. Da stand Hyazinth am Kamin.
    Das ist gut! rief Judith, hastig Hut und Shawl abwerfend; Signor Abbate,
seitdem ich mit Ihnen gesprochen habe, dreht sich mir die Welt nach der andern
Seite um. Ich will nicht mehr Grfin Windeck werden, allein ich mchte gern eine
recht gute Katholikin und lieber heute als morgen getauft werden.
    Hyazinth sah bleich und angegriffen aus; aber jetzt verklrte sich sein
Antlitz und mit dem Freudenausruf:
    O heilige Mutter Gottes! faltete er dankbar seine Hnde. Dann setzte er
besonnen hinzu: Ihr Entschlu scheint mir sehr schnell gereift zu sein. Ist er
in der Tat reif, Signora?
    Fragen Sie mich nicht zu viel, Signor Abbate! ich wei nur eines: ich will
katholisch werden, weil ich zur Kirche gehren will, die der gekreuzigte Gott
zur Beseligung und Heiligung der Menschheit gestiftet hat; in der er fortwirkt
durch den heiligen Geist und fortlebt durch die heilige Eucharistie; und in der
sein gttliches Leben in den Menschenseelen geheimnisvoll aufblht als Liebe zu
den Seelen. Dies wei ich! alles brige glaube ich - und will es glauben; ....
denn Gott selbst hat es gelehrt.
    Das gengt! sagte Hyazinth. Das ist das Bekenntnis des Petrus: Ich
glaube, da du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes! und sein Ausruf:
Wohin anders knnten wir gehen? Du, Herr, hast Worte des ewigen Lebens.
    So ists! sagte Judith.
    Wer hat es bewirkt? fragte Hyazinth.
    Die Gnade, erwiderte sie; und sie bediente sich dazu der verschiedensten
Werkzeuge! In der allerersten Zeit war es Ernest; aber ich hrte nicht hin.
Dann, im vorigen Herbst, kam Lelios Bekehrung; ich hrte nur halb hin. Vor drei
Wochen kamen Sie, Signor, und da hrte ich zu viel, um es bertuben - viel
weniger es vergessen zu knnen. Gestern kam ich statt zu Lelio, den ich
aufsuchte - zu seiner Mutter. Sie sagte himmlische Dinge. Aber dies Himmlische
war das Eigentmliche, das Natrliche, ich mchte sagen, der gesunde Pulsschlag
des katholischen Glaubens: Liebe zu den Seelen. Dann kam die Welt zu mir! Wovon
sprach sie? von himmlischen Dingen im katholischen Leben, von groen Bekehrungen
aus Liebe zu Gott - und von deren Frucht: Liebe zu den Seelen. Lelios Mutter
hatte mir einen Katechismus gegeben. Ich nahm ihn spt abends zur Hand - und
durchwachte die Nacht mit ihm. Signor! ich habe in meinem Leben ungeheuer viel
gelesen, ernste Bcher, von klugen, geistvollen, denkenden Mnnern geschrieben;
aber etwas so Kluges, das die hchsten und zugleich die wissenswrdigsten Fragen
so einfach und gengend - aber auch mit jenem logischen Zusammenhang, der den
Stempel unverwstlicher Wahrheit trgt, beantwortete; so himmlische und hohe
Ideen, die in dem Dogma eine so tiefsinnige Begrndung und eine so himmlisch
klare Lsung finden, hab' ich nie gelesen. Den Katechismus sollten die modernen
Weltverbesserer studieren und danach sich selbst und die Menschheit zu bilden
suchen. Lebte sie so, wie dies kleine Buch es lehrt, so wre sie im wahren
Fortschritt begriffen. Aber die Seelen, die Gott durch so himmlische
Vorschriften, Veranstaltungen und Mittel zur Seligkeit fhren will, sucht der
Satan durch die Snde zu verblenden und in seinen Abgrund zu strzen. Nun,
Signor, ich fing an, zu verstehen, was Gott von mir verlangt. Und jetzt eben
komme ich von einer Frau, bei der es mir ganz klar geworden ist. Ich habe mit
der Grfin Windeck gesprochen.
    Mit Corona? rief Hyazinth froh berrascht.
    Mit ihr, Signor! aber wer sind Sie, da Sie, Lelios Freund, die Grfin bei
ihrem Namen nennen? fragte Judith gespannt.
    Verzeihung, Signora! ach, ich bin Orests Bruder, erwiderte Hyazinth
bewegt.
    O ihr Windecker! rief sie; auf der einen Seite stehen die Himmlischen
unter euch und reichen mir die rettende Hand; auf der anderen Seite die
irdischen, um mich in den Untergang zu ziehen. Jetzt verstehe ich den Weg zu
beiden Schicksalen. Der meine ist gewhlt: ich folge dem Kreuz, das Regina von
ihrem Sterbebett mir geschickt hat.
    Sie reichte ihm den Brief und den Rosenkranz. Mit tiefer Wehmut sagte
Hyazinth:
    Reginas Gebet hat vielleicht all' die Gnaden erwirkt, welche ber Sie
zusammengestrmt sind, Signora. Regina hat den Kern des Glaubenslebens grndlich
erfat: das Opfer. Dem Opfer folgen Gnaden; das ist eine so tiefe Wahrheit, eine
so unleugbare Tatsache, da die ganze vorchristliche Welt dies geheimnisvolle
Gesetz einer hheren Macht anerkannte und sich davor beugte. Die Wiedergeburt
der Menschheit ging aus dem Opfer hervor, das der Sohn Gottes zur ewigen Shne
darbrachte - und alles Gute, Groe und Schne, was seitdem auf Erden geschieht,
ist eine Neugeburt dieses Opfers in dem Menschen, der es ausfhrt. Das Beste,
Grte und Schnste, was hienieden geschehen kann, ist die Rettung der Seelen.
Darum erheischt sie die grten Opfer. Darum mu der Hirt der Seelen, der
Priester - ein Opfernder sein. Darum mu der Missionr, der Ordensmann, die
Klosterfrau, die smtlich den Beruf zur Rettung der Seelen haben und ihre
Aufgabe durch uere und innere Tat vollziehen: darum mssen sie ein Opferleben
fhren. Darum mssen ganze Epochen in der Weltgeschichte oder groe
Erscheinungen in der Epoche den Charakter des Opfers tragen. Das Christentum war
ttlich bedroht in den ersten Jahrhunderten durch heidnische Verfolgung; die
Martyrer, die nach Millionen zhlen, opferten sich mit Blut und Leben: und es
siegte. Es war ttlich bedroht durch die wtenden Hresien des Orients; und eine
ganze Welt von Asceten erhob sich zum stillen Opfer der Irdischkeit: es war
gerettet. Ttlich bedroht war es Jahrhunderte hindurch von den barbarisch
vernichtenden Strmen und Zgen der Vlkerwanderung; da erschienen die groen
Glaubensboten und Ordensmnner, dreifach sich opfernd, als Apostel, Martyrer und
Asceten, streuten, schtzten, pflegten himmlische Saaten - und das Christentum
war gerettet. Ttlich bedroht war es im Mittelalter teils durch hretische
Sekten, die im Gewande falscher Heiligkeit ihr Gift verspritzten, teils durch
die gewaltige Neigung der Welt zu den Lsten der Erde und den breiten
behaglichen Genssen der sinnlichen Freuden. Ein Heer von opferfreudigen Seelen
erhob sich in solcher Masse, da der Jngling die Braut nicht fand und die
Jungfrau keinen Gatten; so waren die Herzen entbrannt in Liebe zur Armut und zur
Entsagung, wie St. Franziskus, der Seraphische sie lehrte und bte. Das
Christentum fand durch sie seinen Nerv und seine Kraft wieder. Und abermals war
es bedroht durch den grausigen Abfall des sechzehnten Jahrhunderts, den der
Welt- und Erdgeist in Verbindung mit der Hresie stifteten; und abermals wurde
es gerettet durch Scharen von Heiligen, die das Kreuz ins Herz und in die Hand
nahmen und mit einer alles berflgelnden Opferliebe die Tage des Apostolats und
des Martertums durch sich selbst, ihre Zglinge und geistlichen Shne erneuerten
und auf dem ganzen Erdball das Christentum teils retteten, teils verbreiteten.
Auf jedem Kampfplatz erschienen sie, auf jede Bresche sprangen sie, jeden
schwachen Punkt verteidigten und befestigten sie. Der groe Erzbischof von
Mailand Karl Borromus, in dem die Seele des Johannes und des Paulus
verschmilzt, beginnt die Reform der Kirche bei den geistlichen Hirten selbst,
whrend der liebenswrdige Bischof von Genf, Franz von Sales, durch den Zauber
seiner seelenvollen Beredsamkeit in Controverse und Predigt tausend Betrte von
Calvins Irrlehre befreit. Loyola stiftet die glaubens- und todesmutige Schar
seiner Shne, die man St. Michaels Shne nennen mte - so kmpfen sie auf der
Welt fr das Reich Gottes gegen den uralten Lgengeist. Franz Xaver gewinnt in
Asien Vlker und Lnder fr das Christentum; Franz Solano in Sdamerika. Vinzenz
von Paulo ruft in Paris die barmherzigen Schwestern ins Leben; Johannes von Gott
in Granada die barmherzigen Brder. Therese von Jesu fhrt gottliebende Seelen
in die Gebetsstille des mystischen Carmels ein; Katharina Fiesco-Adorno, die
Dogentochter, dient im groen Spital zu Genua - und beide verfassen Schriften,
in denen die Kirche eine himmlische Weisheit, gepaart mit himmlischer Liebe
anerkennt. Alle Orden erneuern sich und treiben frische Sprossen. Neue
Kongregationen erblhen, neue Genossenschaften treten zusammen. Wo eine Lcke im
kirchlichen Leben ist, wo ein geistiges Bedrfnis sich kund gibt - da ist auch
schon eine opferwillige Seele zur Hand, die mit der Erfindungsgabe, welche der
heiligen Liebe eigen ist, gerade das trifft, was eben zur Abhilfe not tut. Und
wozu das alles? wozu diese grenzenlose unermdliche, heroische, demtige
Hingebung an ein langes, langes Opferleben? um Seelen fr Christus zu retten,
die durch Snde, Irr- und Unglauben ihm verloren gingen! Wieder wurde das
ttlich bedrohte Christentum durch das Opfer gerettet. Und jetzt? ist es denn
jetzt anders? wir stehen mitten im Gewhl und im Staube des Kampfes, wo wir nur
das allernchste schauen knnen; sind auch viel zu kurzsichtig, um unseren Blick
ber den Tag von heut und morgen zu erheben; viel zu armselig, um Groes von
einer Zeit zu hoffen, in der die Menschheit von unserem Schlage ist; viel zu
kleinmtig, um mit unwandelbar hochherzigem Vertrauen die Spuren des Lebens
unter den Zuckungen des Todes zu verfolgen. Aber wir wissen seit achtzehn
Jahrhunderten und durch sie: fr das Christentum sind Zeiten des Kreuzes -
Zeiten der Gnade; Tage der Drangsal - Tage der Heiligung. Heiligen aber kann
sich niemand, der nicht aus voller Seele das Opfer umfat - das Opfer, aus
dessen Flamme das Christentum fort und fort als ein unsterblicher Phnix
hervorgeht. Schrecken Sie davor nicht zurck, Signora?
    Sie sah ihn fest an und sagte ruhig lchelnd:
    Nein, denn ich werde mich an das Kreuz meines Gottes schmiegen.
    Und wollen Sie das ganze Christentum umfassen mit seinen wonnevoll
trostreichen Glaubenslehren und seinen unerbittlich herben Sittenlehren; mit
seinen lieblichen Tugenden und seinen mhseligen Kmpfen; mit seinen himmlischen
Kronen und seinem irdischen Dornenkranz?
    Mit Kronen und Dornenkranz, Signor! Aber lassen Sie mich zum Bade der
Wiedergeburt eilen! lassen Sie mich mein Opfer bringen! Jede Minute der Zgerung
ist ein unermelicher Verlust fr mich - lassen Sie mich ein Kind Gottes werden
.... und dann fliehen, mich begraben in irgend einer Einsamkeit und beten, ach
beten, da Ihres Bruders Seele gerettet werde.
    Und Ihre Mutter?
    Gott wird sie trsten. Ich kann sie nicht in mein Geheimnis ziehen; sie
begreift es nicht. Den grten Teil meines Vermgens lasse ich ihr. Nach Jahren,
wenn alle Gefahr fr Orest vorber ist, wird sie mich wiederfinden.
    Also wirklich - begraben mit Christus? fragte Hyazinth gerhrt.
    Ja! Leben fr Leben! sagte sie entschieden. Ach, rief sie pltzlich mit
schmerzlicher Erinnerung, habe ich dem armen Orest nicht versprochen: Alles fr
alles!
    Er darf Ihnen nicht alles bieten, nicht seine Hand, nicht sein Wort; denn
beides gehrt ihm nicht mehr; erwiderte Hiazinth. Er hat es Gott verpfndet,
als er das Sakrament der Ehe empfing. Sein Taufgelbde, das er bei dem Empfang
der heiligen Erstkommunion wiederholte und besttigte, war schon zuvor an Gott
verpfndet fr die Gnade, im katholischen Glauben leben und sterben zu drfen.
Also auch darber darf er nicht mehr schalten und walten, und folglich hat er
Ihnen nicht das alles anzubieten, wofr Sie alles versprochen haben. Er kann
freilich sein zwiefaches Versprechen brechen, denn er ist keine Maschine, die
von der Gnade getrieben wird, wie das Mhlrad vom Bach. Er kann der Gnade
Widerstand leisten und sich in die ewigen Abgrnde strzen, aber nur um den
Preis schwerer Beleidigung Gottes und freiwilliger Verzichtung auf das ewige
Leben. Und wenn er dann wagte, Ihnen alles anzubieten, ach! wie mten Sie
gerade dann erst recht ihm antworten: alles? - aber du hast ja nichts! .... denn
was hat der, der Gott nicht hat! Und Sie selbst, Signora, Sie haben nicht das
Recht, irgend einem Geschpf alles zu versprechen. In jedem Verhltnis, in jeder
Lage mu Gott zu Rate gezogen werden: dazu gab er seine Gebote, dazu erteilte er
seine Ratschlge. Wenn das unmndige Kind seinem lieben Spielgefhrten sagt: ich
schenke dir die Gter meines Vaters; so hat ein solches Versprechen keinen Sinn.
Ihr unmndiger Geist whnte ein Recht zu haben, nach Belieben schalten und
walten zu drfen, weil er nichts Hheres kannte, als das Ich, dem er diente.
Aber die Bestimmung Ihres Geistes, Ihres Herzens, Ihres ganzen Wesens ist: Gott
zu dienen und - in welches Verhltnis Sie eintreten mgen, Ihr hchstes Gut,
welches zugleich das Gut Ihres himmlischen Vaters ist - Ihren Willen! an Gott
hinzugeben. Sie knnen ihn Gott entziehen und dem Geschpf dienstbar machen;
aber um denselben Preis, wie Orest: um den Preis der Snde. Alles fr alles!
drfen Sie getrost nur zu Ihrem Herrn und Heiland sagen, denn nur Er, der das
unerhrteste Liebesopfer bringt, versteht das Opfer des liebenden Herzens
anzunehmen und zu vergelten. Das Geschpf versteht es nicht. Es ist etwas so
Himmlisches im Menschenherzen, da es das Gottesherz braucht, um sich daran
auszuleben und auszulieben. Dann hat alles fr alles einen chten Sinn - und
dann drfen Sie gewi sein, da die Kreatur dabei nicht zu kurz kommt. Strme
von Liebe werden aus dem Liebesmeer der Gnade in ein solches Herz sich ergieen
und berflieen .... auf Vater und Mutter, auf Gatte und Kind, auf Snder und
Heilige, auf Feind und Freund .... in Wort und Tat, in Gebet und Trnen, in
unscheinbaren Werken und heroischen Handlungen. Gott ist der Ursprung dieser
Liebe, Gott ist ihr letztes Ziel; in der Mitte liegt die Liebe zu den Seelen.
    Ach, gibt es denn Seelen, die sich nicht entznden lassen von der Liebe
Gottes? rief Judith in Trnen.
    Hyazinth lchelte traurig und entgegnete:
    Ich dchte, Sie htten ein lebendiges Beispiel vor Augen .... an Orest.
    Und an Florentin, setzte sie hinzu; an Ihrem Jugendgenossen, der, vom
Wahnwitz des Radikalismus ergriffen, an die Verwirklichung wilder und blutiger
Theorien seine Krfte vergeudet und in dem Schiffbruch seiner besseren
Verhltnisse seit Jahren schon mein Privatsekretr ist. Da aber Lelio, der ganz
auf seinem Standpunkt sich befand, sich zu Gott bekehrt hat, so kann dasselbe ja
auch an Orest und Florentin geschehen
    Werden Sie so fromm, da der liebe Gott Ihnen nichts abschlagen kann,
erwiderte Hyazinth freundlich; aber whnen Sie nicht, da das die Sache von ein
paar Tagen oder Jahren - oder da es berhaupt Menschensache sei. Die Bekehrung
vom Irrtum zur Wahreit, von der Snde zur Tugend ist immer eine geistige
Schpfung, also mehr als irgend etwas hienieden - eine Gottestat. Wir knnen
nichts dabei tun, als uns Gott zum Werkzeug anbieten durch Hingebung unseres
Willens. Aber wenn wir das auch in einer Vollkommenheit tten, wie wir es, ach
leider! nicht tun: so wrden wir darum doch nicht immer den gewnschten Erfolg
haben. Das Atom unserer Arbeit am Werk Gottes geht nicht verloren, wenn wir es
in die unendlich wirksame Kraft des Blutes Jesu eingetaucht hatten; aber in der
groen Einheit der christlichen Kirche kann dies Atom, nach Gottes verhlltem
Ratschlu, ihn mehr verherrlichen an einer Seele, die uns unbekannt ist; oder er
will uns prfen, ob wir beharrlich hoffen und glauben - auch ohne durch uere
Erfolge gestrkt zu werden, und das ist eine heilsame Prfung, denn sie erhlt
uns in Demut. Und endlich gibt es ja auch Seelen, die der Gnade widerstreben
wollen.
    Ach, man mu viel leiden, wenn man die Seelen liebt! sagte Judith; ich
fange schon an, das zu begreifen. Wer sich damit abgibt, setzt das Leiden des
Erlsers fort; und da diese Liebe das Merkmal und der Stempel ist, den Christus
mit seinen Wunden ihr aufgeprgt hat: so zeigt sie sich gerade in diesem Leid
als seine Stellvertreterin.
    Judith sagte Hyazinth, da Corona ihre Taufpatin sein wolle und fragte, ob
es nicht mglich sei, da diese heilige Handlung durch Coronas Vermittlung zu
Trinit dei Monti stattfinden knne; dort htten sie ja auch ihre Zusammenkunft
gehabt. Hyazinth erwiderte, das sei sehr wohl mglich. Corona, in einer Anstalt
des Sacre Coeur erzogen, habe hier eine der Damen wiedergefunden, welche die
Lehrerin ihrer Kindheit gewesen sei - und er zweifle nicht an der
Bereitwilligkeit der Damen, in ihrer Kirche die heilige Feier von ihm vornehmen
zu lassen und alle ntigen Vorkehrungen zu treffen.
    Nur mglichst still und schnell, bat Judith. Es wre mir am liebsten,
morgen in aller Frhe, in den ersten Stunden des Tages - damit Orest vorher
nichts erfahre.
    Wie soll ich Ihnen eine Antwort zukommen lassen, Signora?
    Durch Lelio - er ist zuverlssig, sagte sie.
    Hyazinth ging auf demselben Wege zurck, auf dem er gekommen war: die kleine
Treppe hinab und zur Nebentre des Palastes, die in ein Seitengchen fhrte,
hinaus. Auf den untersten Stufen der Treppe lag ein Facchino und schlief.
Hyazinth ging vorsichtig an ihm vorber, um ihn nicht zu stren, und eilte zu
Corona. Von seinem ersten Besuch bei Judith hatte er ihr nichts gesagt, um keine
voreilige Hoffnungen in ihr zu wecken und ein hnliches Gefhl hatte auch sie
geleitet, da sie ihm ihre Absicht, mit Judith eine Zusammenkunft zu haben, nicht
mitteilte. Wie freute er sich jetzt auf ihre berraschung, und wie dankte er
Gott, der ihnen beiden das Vertrauen gegeben hatte, sich an Judith zu wenden,
deren Seele, wie eine zusammengebogene Springfeder, geradeauf schnellte, als sie
den Druck der Leidenschaft, der eigenen und der fremden, von sich abschttelte.
Reginas Abscheiden warf keinen Schatten mehr in seine stille Seligkeit. Leben
und Tod schienen ihm eine und dieselbe Hymne von dem Triumph des Lichtes und der
Gnade ber Nacht und Snde anzustimmen.
    Bei Corona waren sie alle versammelt, Graf Damian, Uriel und Orest. Mit
Trnen im Auge rief Graf Damian ihm entgegen:
    Hyazinth, Onkel Levin ist Regina schnell gefolgt! Hier ist das Telegramm
vom Pater Guardian. Blutsturz und Lungenschlag machten binnen zwlf Stunden
seinem Leben ein Ende.
    Ruhe in Frieden, heiliger Greis! sagte Hyazinth gefat; aber seine Stimme
brach in Trnen.
    Mir ist zu Mut, als msse Unheil ber Windeck einbrechen, jetzt - da Onkel
Levin es nicht mehr bewacht! rief Graf Damian; und deshalb, Kinder, reise ich
zurck! Sind es diese beiden Donnerschlge aus heiterem Himmel, oder ist es
sonst etwas .... aber es drngt mich fort von hier. Ich meine, es msse alles
drunter und drber gehen. Onkel Levin war ein lebendiger Teil meines eigenen
Lebens. All' dessen Phasen hat er durchgemacht, inniger und treuer als ein
Vater, unzertrennlich von Windeck! es ist eine Ruine ohne ihn.
    Niemand versuchte ihn zu trsten. Uriel war auer sich vor Schmerz, den
Onkel Levin gleichsam im Tode verlassen zu haben. Corona beweinte ihren
zrtlichen und treuen Ratgeber und Trster. Orest war von stumpfer
Niedergeschlagenheit zerdrckt. Der Tod .... und wieder der Tod! und er
behandelte das Leben und dessen Erscheinungen, als ob diese Welt voll
vergnglicher Schatten - eine ewige Welt wre! Aber der schneidende Gegensatz
brachte ihn nicht zur Besinnung! War das Leben so flchtig und der Tod so
berraschend nah, dachte er, welch ein Wahnsinn dann, auch nur eine Stunde des
Glcks - ja, nur eine Minute zu versumen! So dachte auch Judith. Aber jeder
dachte so auf dem Wege seines Schicksals! Corona bat den Vater instndigst,
seine Abreise zu verschieben; sie knne ihn unmglich in dieser rauhen
Jahreszeit zurckbegleiten und er werde, allein bei Tante Isabelle, in dem
vereinsamten Windeck auch keinen Trost finden.
    Onkel Levin war die Seele des Hauses, sagte sie; er belebte es und machte
es traulich, und wenn er ganz allein da war, so hatte Windeck nie die kalte de
eines verlassenen Schlosses. Jetzt wird es Dir sehr unheimisch vorkommen,
liebster Vater.
    Ja, Kind, ich wei! Aber ich wrde .... ich wei nicht was! drum geben,
wenn ich mich stante pede mit euch allen samt und sonders nach Windeck zaubern
knnte. Bei Trauerfllen, wie sie uns eben heimsuchen, ist es am passendsten und
sozusagen am sichersten, sich in seinen eigenen vier Wnden aufzuhalten. Da hat
man gewissermaen Sttze und Verteidigung in den ruhigen und gleichfrmigen
Gewohnheiten, Geschften und Umgebungen. Die unhusliche Fremde pat gar nicht
fr ein trauriges Gemt. Ach, meine Regina, mein herrliches Mdchen! wie hab'
ich sie geqult! wie hab' ich so gar nicht den Schatz erkannt, den ich, den wir
alle an ihr besaen.
    Es geschah ja aus Liebe, mein guter Vater, erwiderte Corona und kte
zrtlich seine Hand.
    O Kind, die Selbstliebe war vorherrschend, entgegnete er mit groer
Aufrichtigkeit.
    Er ging in sein Zimmer, um Briefe zu schreiben. Orest ging fort. Niemand
fragte wohin. Uriel sagte:
    Ich will zum Kalvarienberg gehen, den man Vatikan nennt. Da wird man Herr
ber jeden Schmerz.
    Als Hyazinth mit Corona allein war, setzte er sie von seinen Erlebnissen mit
Judith in Kenntnis und fgte hinzu:
    Sieh, wie gut ist Gott, ber unsere vergngliche Trauer eine ewige Freude
aufgehen zu lassen und unsere Trnen durch einen solchen Trost zu stillen. Dies
Ereignis gehrt zu den magnalia Dei, zu den wunderbaren Grotaten Gottes, wie es
in der Apostelgeschichte heit - die so ganz auerhalb aller menschlichen
Berechnung und Voraussicht liegen.
    Sie mu ein starkes, gerades Herz haben, diese Judith, sagte Corona, um
mit einer solchen Entschiedenheit und Opferwilligkeit dem Stern der Gnade zu
folgen. Sie geht so recht mit den heiligen drei Knigen der armen Krippe von
Bethlehem zu .... diese Knigin aus dem Morgenlande.
    Dann beratschlagten sie, ob Judiths Wunsch zu erfllen und sie in der
nchsten Morgenfrhe zu taufen sei.
    Warum nicht? sie glaubt ja! und ist erst das Licht der Gnade in ihre Seele
gegossen, so wird sie leicht lernen und fassen, was sie jetzt noch nicht
versteht. La uns zu Trinit dei Monti hinaufgehen und die Oberin um ihre
Einwilligung und um Verschwiegenheit bitten.
    Sie gingen hinauf und trugen ihr Anliegen vor, ohne Namen und Verhltnisse
der Katechumene zu bezeichnen. Es war auch nicht ntig, um die lebhafteste
Teilnahme der Oberin zu erregen, die es als eine groe Gnade betrachtete, da
eine Tochter Israels in ihrem Hause das Sakrament der Taufe empfangen solle; und
so kam man berein, um fnf Uhr morgens die heilige Feier zu vollziehen. Um vier
Uhr sollte Judith sich einstellen und Corona wollte sie empfangen. Gegen fnf
Uhr wollte Hyazinth kommen und den treuen Lelio, der mehr als alle auf Judith
gewirkt hatte, mitbringen. Die Oberin erklrte sich gern bereit, die Neophitin
lnger im Hause zu behalten, fr den Fall, da diese wnschen sollte, einige
Tage in vollkommener Zurckgezogenheit von der ueren Welt und in stiller
Sammlung und Betrachtung zu leben; und man trennte sich unter seligem Frohlocken
ber Gottes unergrndliche Barmherzigkeit. Hyazinth begleitete Corona bis an
ihre Tre und ging zu Lelio.
    Als Orest Judiths Palast betrat, ersuchte ihn der Portier, sich zum Signor
Fiorino zu bemhen, der schon zwei Stunden auf den Herrn Grafen warte.
    Wo bleibst Du denn heute! rief ihm Florentin hchst aufgeregt entgegen;
ich habe Dir uerst wichtige Nachrichten mitzuteilen.
    Von der Central-Venta oder aus dem Grand-Orient? fragte Orest schneidend.
Ich habe auch Nachrichten bekommen. Onkel Levin ist tot.
    Den Verlust wirst Du doch leicht verschmerzen, erwiderte Florentin kalt.
Die religisen Schwrmer knnen unmglich Deine Freunde sein! Also ist er tot,
der alte Mann! wie er sich betrogen hat im Leben durch diese schwrmerische
Verschmhung alles Schnen, das es bietet!
    Das ist noch die Frage, die wir nicht lsen knnen! .... Du gewi nicht! -
Auch Regina ist tot!
    Regina! rief Florentin erbleichend und mit versagender Stimme; o Jammer
um sie! Doch schnell gefat setzte er hinzu: Da siehst Du es: dem finsteren
fanatischen Geist der katholischen Kirche ist sie als Opfer gefallen. Orest!
Orest! rette Judith! ich sage Dir: es gibt eine Sorte von Weiberkpfen und - man
mu es leider gestehen - auch von Mnnerkpfen, die sich, trotz einer
entschiedenen Tendenz zur Unabhngigkeit und trotz einer lebhaften Neigung fr
Wahrheit, Schnheit und Gre, dennoch von den Schlingen der Dunkelmnner
einfangen und umspinnen lassen. Hast Du nicht bemerkt, was sie gestern Abend fr
katholische Ansichten aussprach?
    Nein, gar nicht! ich hrte nicht was .... nur wie sie sprach. Sie sah
unbegreiflich schn aus.
    Florentin schwieg eine Weile, legte dann mit dem Ausdruck tiefen Bedauerns
seine Hand auf Orest's Schulter und sagte:
    Vergib' mir, Orest, ich werde Dir wehe tun .. aber Du mut es wissen.
    Ha, Deine Nachrichten! rief Orest mitrauisch.
    Sind zu beachten, lieber Freund! Judith hat geheime Zusammenknfte. Heute
morgen gegen acht Uhr kam sie ganz allein, raschen Schrittes zu Hause. Ich
selbst begegnete ihr im Tor. Um so frh heimzukehren .... wann mu sie
ausgegangen sein .... und weshalb? Ich war dermaen berrascht, da ich einen
Facchino, der sich hier herum zu treiben pflegt, einen braven Kerl ... -
    Spher der Venta, ohne Zweifel! warf Orest ein, um seiner Aufregung etwas
Luft zu machen.
    Ein sehr brauchbares Subjekt! fuhr Florentin gleichgltig fort. Ich trug
ihm auf, etwas Acht zu geben, wer allenfalls zu Judith komme - und es mir
mitzuteilen. Um halb zehn Uhr erschien er bei mir mit der Nachricht: so eben
habe ein Priester Judith verlassen, sei durch das Zimmer ihrer Kammerfrau
vorsichtig die Nebentreppe hinab und dann schnell zur kleinen Tr des Palastes
hinausgegangen - ein groer schlanker Mann, mit jugendlich leichten Bewegungen.
Mehr konnte Gatano, der sich schlafend stellte, nicht wahrnehmen. Da er seit
acht Uhr auf seinem Posten war und jenen schwarzen Jngling nicht in den Palast
kommen sah, so ist es klar, da sich derselbe schon vor acht Uhr in ihrem
Zimmer, ihrer Einsiedelei - wer wei seit wann! befunden habe.
    Es ist nicht wahr! rief Orest wtend.
    Diese Tatsachen verbrge ich Dir, entgegnete Florentin kalt und bestimmt.
Ob das nicht wahr ist, was Du denkst .... oder frchtest - wei ich nicht!
allein ich rate Dir als treuer Freund, Judith auf die Probe zu stellen, auf eine
entscheidende.
    Ja! rief Orest mit kochendem Zorn, ich will sie fragen .... sie soll sich
verteidigen .... -
    Ah bah! unterbrach ihn Florentin. In der Kunst der Verteidigung sind die
Weiber Meisterinnen! die ist ihnen angeboren. Stellt man sie auf den Punkt, so
behalten sie immer Recht. Wre der Advocatus diaboli an heiliger Rota ein Weib:
so wrde keine Kanonisation von sogenannten Heiligen zu Stande kommen - so
geschickt wrde dieser Advocatus die Sache des Teufels verteidigen.
    Ich knnte Dich erwrgen, sagte Orest dumpf.
    Ah bah! wiederholte Florentin hmisch; dann httest Du deinen besten
Freund verloren. Nein, folge meinem Rat und bitte Judith um einen ganz geringen
Beweis ihrer Liebe.
    Und der wre? -
    Bitte sie, sich nach dem protestantischen Ritus taufen zu lassen. Willigt
sie ein, so darfst Du ruhig sein; dann hat sie ihre geistige und sittliche
Freiheit noch nicht verloren. Schlgt sie es ab - so weit Du, wie es mit ihr
steht und da Du dich fortan nicht mehr auf sie verlassen kannst. Sie ist dann
ein Werkzeug, welches den Plnen, Zwecken etc. etc. der Dunkelmnner blindlings
gehorcht; ist um so gefhrlicher, als sie klug und brauchbar ist - und Du hrst
dann auf, ihr Herr und der Deine zu sein.
    Ja! rief Orest, das ist eine gute, einfache, vernnftige Probe! ich danke
Dir, Florentin, ich will sie sogleich anstellen. -
    Judith war noch in ihrem Zimmer. Sie schrieb an ihren Banquier in Paris
gewisse Bestimmungen ber ihr Vermgen, das sich grtenteils in der Londoner
Bank befand. Orest schob den Diener beiseite, der ihn melden wollte, klopfte an
und wartete kaum Judiths Herein! ab, um einzutreten. Sie sah befremdet ber
ihren Schreibtisch hinweg ihn an, schlo ruhig ihr Portefeuille, nickte ihm zu
und sagte, ohne ihren Platz zu verlassen:
    Wie kommt es, Graf Orestes, da Sie mich schon zum zweiten Male in diesem
Zimmer aufsuchen, in welchem ich mich doch nur dann aufhalte, wenn ich allein
sein will?
    Da Sie in diesem Zimmer den Herren Geistlichen Audienz erteilen, so darf
ich doch wohl dasselbe Recht beanspruchen, entgegnete Orest gereizt.
    Auf Judith's Lippen schwebte eine stolze Antwort; allein sie bemeisterte
sich und sagte sanft:
    Wenn Ihr Anliegen eine so ungestrte Besprechung mit mir erfordert, wie das
meine mit dem Geistlichen, so sein Sie willkommen!
    Sie stand auf, setzte sich auf die Causeuse am Kamin und sagte, mit ihrem
groen grnen Fcher spielend, aber innerlich beklommen:
    Ich bin ganz Ohr, Graf Orestes.
    Er ging im Zimmer auf und nieder, blieb pltzlich vor ihr stehen und rief:
    Judith! es ist mir ein wahrer Greuel, da die Religion bei unserer Liebe
ein Wort mitsprechen will. Knnte ich um meinen beabsichtigten bertritt vom
Katholizismus zum Protestantismus herum kommen: ich wrde mein halbes Vermgen
drum geben, denn ich spiele nicht gern religise Farcen und sehe sie auch nicht
gern. Aber, Judith, es ist der Weg, der einzige, zu Ihrem Besitz. Ich gehe ihn
.... und fhrte er durch die Hlle .... oder zu ihr. Deshalb ertrage ich nicht
die Vorstellung, da dieser religise Wirrwarr vergrert werden soll, indem Du,
Geliebte, gerade dem Katholizismus, den ich verlasse, Dich zuwendest. Ach
Judith, es ist ja schon so vieles vorhanden, das uns trennt, - wozu denn auch
noch das Glaubensbekenntnis? Ich wei, da wir dies frher anders besprachen;
da ich leicht meine Zustimmung gab. Doch jetzt, wo fr uns Beide der Schritt
nah und nher kommt, jetzt qult mich alles, was wie eine Kluft zwischen uns
aussieht. Und deshalb, geliebte Judith, bitte ich auf den Knien um den geringen
und einfachen Liebesbeweis, da Du dich nach irgend einem akatholischen Ritus
taufen lt. Es gibt hier anglikanische Geistliche genug; ich selbst kenne
einige von meinen Jagdpartien her - vortreffliche Schtzen! Sie werden mit
Freuden diesem Wunsch entgegenkommen.
    Whrend Orest sprach, fhlte Judith, da die Stunde ihres Bekenntnisses und
die Strafe ihrer Snden da sei. Aber sie sprach zu sich selbst: Ich werde meinen
Glauben nicht verlugnen, nicht Orest vierundzwanzig Stunden tuschen! Gott will
es nicht. Wr' es sein Wille, so wre Orest nicht gerade heute mit dieser Bitte
gekommen. Morgen soll ich getauft werden und heute hintergehen! ... das kann ich
nicht .... breche ber mich ein, was da wolle.
    Teurer Orest, entgegnete sie mit einer weichen Innigkeit, die sonst
durchaus nicht in ihrem Wesen lag, ich bin auf dem Wege des Glaubens zu nah an
die ewige Wahrheit heran getreten, um jetzt wieder umkehren zu knnen. Ich halte
die Glaubenslehre der katholischen Kirche fr die einzig wahre gttliche
Offenbarung. Hat man diese berzeugung, so ist es Feigheit, sie zu verlugnen;
Snde .... sie aufzugeben.
    Also richtig! also wirklich! chzte Orest. Betrt, umgarnt, verloren!
    Das alles war ich! entgegnete Judith sanft. Gottes Barmherzigkeit rettet
mich .... und will auch Sie retten.
    Ha, Schlange! rief Orest auer sich. Schlange, der ich mein Herz, mein
Leben, mein Glck hinwarf! ist dieser Verrat der Lohn meiner Treue!
    Ich verrate Sie nicht, Graf Orestes. Sie haben gewnscht - nicht ich! - da
ich die christliche Taufe empfangen mge. Wir knpfen beide irdische Hoffnungen
daran; ... ich hatte ja keine Ahnung von himmlischen! Die gttliche Liebe
gewhrt mir diese, indem sie jene zerstrt. Ist das Verrat?
    O Schlange, die dem Priester Gehr gibt, seiner Weisung folgt, ihm
gehorcht, ihm glaubt - mir aber den kleinen armseligen Wunsch versagt,
demjenigen religisen Bekenntnis sich anzuschlieen, dem ich, aus grenzenloser
Liebe zu ihr, folgen will.
    Wehe mir, wenn es dahin mit Ihnen kme, teurer Graf. Ich bin so unglcklich
gewesen, Sie der heiligen Kirche zu entfremden - o lassen Sie mir die Hoffnung,
Sie zurckzufhren.
    Wissen Sie denn nicht, da wir dann auf immer getrennt sind?
    Teurer Orest, wir sind es in jedem Fall, sagte Judith mild aber bestimmt.
    Er fate ihre beiden Hnde ber dem Gelenk in seiner Hand wie in eiserner
Klammer zusammen, ri sie von der Causeuse empor und rief mit einem so wilden
Ausdruck: Wiederhole das und ich tte Dich! da Judith voll Entsetzen
innerlich seufzte: O Herr, erbarme dich meiner! und dann gefat sagte:
    Wohlan, Orest, tten Sie mich! ich hab' es verdient.
    Grimmig rief Orest, indem er immer ihre Hnde festhielt und zuweilen wtend
schttelte:
    Schlange, die mich Jahrelang mit ihrem Blick bezaubert, mit ihren Windungen
umringelt hat .... Schlange, die klug nie Gewhrung gab, nie Hoffnung nahm ....
Schlange, die endlich, endlich! ihre Zusage halten, ihr Versprechen erfllen
soll, und nun mir entschlpfen will. Ich trume von Paradiesen in irgend einem
entlegenen Winkel der Welt .... paradiesisch nur durch ihren Besitz; ich habe
keinen anderen Gedanken, als den, mich mit ihr aus dem wsten, langweiligen
Menschengewhl zu flchten und von ihr allein mein Glck zu verlangen; mir
brennt der Boden unter den Fen, so lange zwischen ihr und mir verhate
Schranken gezogen sind; ... und in dem Augenblick, wo sie fallen sollen, da will
die Schlange sich glatt und khl mir entwinden?! Nein, Signora! das lt sich
der Orest nicht gefallen.
    Was denken Sie also zu tun, Herr Graf? fragte Judith ruhig.
    Ich lasse nicht von Dir! rief er in einem anderen Ton, doch nicht weniger
strmisch.
    Sie schttelte sanft den Kopf und sagte:
    Ich verdiene Ihren Ha, Ihre Verachtung, Ihren Zorn! Ich sage nicht eine
Silbe, um mich fr meine Vergangenheit bei Ihnen zu entschuldigen; aber, teurer
Orest .... fortan trennen sich unsere Wege.
    Judith! rief er und sank ihr zu Fen, wie ist es denn mglich, einen so
grlichen Treubruch zu begehen, weil man ein paar Worte von einem Priester
gehrt hat!
    Ach, Orest, es sind ja Worte, die pltzlich dem Leben einen neuen Inhalt,
eine neue Bestimmung, ein neues Ziel geben! ich wute ja nichts von der
gefallenen Natur, die durch die Snde von dem hchsten Gut, von der ewigen
Liebe, der gttlichen Liebe getrennt ist; nichts von dem zrtlichen Erbarmen
Gottes, der dieser dahingesunkenen Menschheit Gnade schickt durch des
eingeborenen Sohnes Opfer im Leben, im Leiden, im Sterben - als Gott-Mensch, als
Erlser; nichts von der Kirche, welche fr alle Weltzeiten der Menschheit diese
Gnade vermitteln soll; nichts von der reinigenden und heiligenden Kraft seines
gttlichen Blutes in den Sakramenten; nichts von seiner beseligenden
eucharistischen Gegenwart; nichts von der Wonne des Opfers; nichts von der
Herrlichkeit der himmlischen Liebe; nichts von der Snde, als Beleidigung
Gottes; nichts von der Tugend, als Verhnlichung mit Gott; nichts vom Leid, als
Nachfolge Gottes; nichts von Christus! Begraben in dem Kerker des Staubes
vegetierte meine Seele nach den Instinkten und fr die Leidenschaften der
gefallenen Natur - und immense Krfte hab' ich verschwendet, suchend,
versuchend, traurig, unbefriedigt, rastlos, ohne glcklich zu sein oder
glcklich zu machen. So haben Sie mich gekannt. Ich hatte keine Richtschnur, die
hher gelegen htte, als mein Ich. Jeder glaubenslose Mensch ist sein eigener
Gesetzgeber - ganz logisch; der letzte Grund der hohen Gesetze, die das Opfer
des Ichs, die Selbstverlugnung, die Entsagung vorschreiben, ist in Gott - und
fallen weg, wenn der lebendige Glaube an ihn wegfllt. Ich wollte durchaus
glcklich sein. Ich hoffte es mit Ihnen zu werden. Achtung vor fremdem Recht,
wenn es meinen Egoismus beeintrchtigte, hatte ich nicht. Ich versprach. Ihre
Frau werden zu wollen, und ich versichere Sie, ich wollte es mit der uersten
Entschiedenheit. Einen edlen Instinkt hatte ich .... zwischen vielen unedlen;
und das war meine Neigung zur Wahrheit. Nur wute ich durchaus nicht, ob es denn
auch eine absolute objektive Wahrheit gebe, die unabhngig sei von allem
Menschenwitz. Sie ist mir aufgegangen wie eine bernatrliche Sonne, in deren
Licht ich mich selbst und das All zu erkennen beginne. Aus der Schattenwelt
meines Individualismus trete ich in den Tag der Offenbarung - aus meinem
subjektiven Denken und Meinen an die berwltigende Majestt der katholischen
Glaubenslehre heran; und da sollte mein Leben in seinem frheren Geleise
fortgehen.... gottbeleidigend, sndhaft, weltlich? da sollt' ich nicht suchen,
gem meiner Erkenntnis zu leben? da sollte meine Handlungsweise die Wahrheit
verlugnen, die mein Herz anbetet? Sie sehen wohl ein .... das ist unmglich!
Die paar Worte, die ich von dem Priester gehrt habe, sind keine anderen, als
die, welche vor achtzehnhundert Jahren die glaubenslose Welt zu Fen des
Kreuzes niederwarfen.
    O sprich! .... sprich weiter! sprich noch mehr, Du angebetetes, Du
gttliches Geschpf! rief Orest. Was Du sagst, verstehe ich! was Du glaubst,
will auch ich glauben, wohin Du gehst, folge ich Dir - aber mit Dir, Judith!
nicht ohne Dich. Mit Dir will ich in Deinen Himmel, zu Deinem Gott! Mit Dir ....
will ich vor dem Kreuz knien, das Du anbetest! Mit Dir .... soll kein Opfer mir
zu hoch, zu schwer sein! Aber Judith! ohne Dich - fahre die Welt zur Hlle ....
und ich zuerst. Weit Du jetzt mehr von den Dingen der Ewigkeit als zuvor, so
wirst Du auch wissen, da man einen Menschen, dem man Glck verheien hat, nicht
in ewiges Elend stoen darf. Weit Du mehr von einer hheren Liebe, so wirst Du
um desto bereitwilliger sein .... Opfer zu bringen .... ein geringes Opfer. Knie
vor dem Kreuz, bete Deinen Erlser an; aber tue es als Protestantin! Da ist ja
fr Dich, was Deinen Glauben betrifft, gar kein Unterschied; und Deine Liebe
bewegt sich in grerer Freiheit, also in schnerer Entfaltung, denn sie
schliet auch mich in ihren Kreis ein.
    Und Gott aus, teurer Orest! sagte Judith. O begreifen Sie denn nicht, da
der Glaube seine Verpflichtungen nach sich zieht? Als Sie Soldat waren - gengte
es da etwa, da Sie sagten: Ich diene meinem Kaiser! oder: Mein Kaiser ist der
grte Kaiser der Welt! Keineswegs! Sie muten Ihre Ergebenheit durch Gehorsam
und Hingebung uern, und Blut und Leben fr Ihren Kaiser in die Schanze
schlagen - und gerade da, wo Ihr Dienst es erheischte. Sie durften nicht sagen:
Vor den Mauern von Wien - oder in der ungarischen Pusta will ich ihm dienen;
nein! es mute geschehen in den Gefilden der Lombardei. Und dies Gesetz im
natrlichen Leben: Gehorsam dem hchsten Herrn; sollte im bernatrlichen nicht
gelten? Ich glaube, da der Sohn Gottes fr mich am Kreuz gestorben ist, um mich
auf dem Wege seiner Nachfolge zur ewigen Seligkeit zu fhren, fr die er mich
geschaffen hat. Glaube ich das, so mu ich mich den Lehren und Vorschriften
unterwerfen, die Er zu diesem Zweck gegeben hat. Verfehle ich mich aus Schwche
oder unvollkommener Erkenntnis gegen sie: so findet die demtige, bufertige
Reue Vergebung. Widersetzt sich aber mein Wille aus bser Leidenschaft seinen
Lehren und Geboten: so treib' ich Spott mit meinem Gott - und zwar einen ganz
anderen Spott, als wenn Sie etwa sagen wrden: Ich liebe meinen Kaiser innigst,
und um ihm das zu beweisen, trete ich aus seinem Dienst und gehe zum trkischen
Sultan - der jetzt auch Krieg hat und schlage mich fr dessen Sache; ein Spott,
der Sie entweder dem Irrenhause oder der allgemeinen Verachtung berweisen
wrde. Nein, Orest, wir mssen Dem dienen, der unser rechtmiger Herr ist. Da
nun zu den Glaubenslehren, die unser gttlicher Herr offenbart hat, auch die von
der Unauflslichkeit der Ehe gehrt: so mssen wir dieselben mit allen brigen
Offenbarungslehren - entweder annehmen oder verwerfen. Ich nehme sie als ein
Ganzes an, wie das nicht anders sein kann, da sie aus Gott geboren, von Gott
gegeben ist. Was Sekten annehmen oder verwerfen, betrifft mich nicht! sie sind
Menschenwerk, und ich habe mit Gott zu tun. Widersprechen sie seiner Lehre, so
sind sie im Irrtum: das ist sonnenklar.
    Sonnenklar ist es, rief Orest mit verzweiflungsvoller Geberde, da der
finstere Geist des Priestertums sich mit satanischer Schlauheit Ihrer
bemchtigt, Ihren Verstand umwlkt, Ihr Urteil umnebelt hat. Dem lichten Geist
der letzten Jahrhunderte, mit seiner Bildung, seiner Wissenschaft, war es
unmglich, mit einer Lehre sich zu befremden, die in den dumpfen Hrslen des
Mittelalters von der scholastischen Theologie ausgebrtet ist.
    Teurer Orest, unterbrach Judith ihn lchelnd, verlieren Sie sich nicht in
Florentins Phrasen und Floskeln. Sein Ingrimm gegen die katholische Kirche hat
nicht wenig dazu beigetragen, mich auf ihre Vortrefflichkeit aufmerksam zu
machen; denn das knnen Sie mir glauben: nicht um seiner - sondern um ihrer
Tugend willen hat er die Kirche.
    Das wei ich! rief Orest.
    Und doch leben Sie auf vertrautem Fu mit ihm, gnnen ihm Einflu! sagte
Judith warnend.
    Er ist ja auch Ihr Hausgenosse!
    Mein Gott! erwiderte sie schmerzlich, die jdische Sngerin mu vorlieb
nehmen! Als Lelio sich bekehrte, verlie er mich; Leute von Florentins Schlag
aber drngen sich an mich! brigens habe ich nie dem armen Florentin - und zwar
zu seinem grten Verdru - auch nur den geringsten Einflu zugestanden und
deshalb staune ich, da Sie mit seinen hohlen Worten reden mgen. So unbewandert
in der Kulturgeschichte soll niemand sein, der auf Bildung Anspruch macht, um
nicht zu wissen, da an der Lehre der katholischen Kirche Geister sich
entwickelt haben, die wie Titanen die Pygmen der neueren Zeit berragen. Teurer
Orest! die Lehre, welche dem Genie eines Dante Grundlage und Nahrung gab -
welche seiner Wissenschaft von menschlichen und gttlichen Dingen nicht als
Beschrnkung erschien: die Lehre wird der Entwickelung unserer geistigen
Fhigkeiten auch keinen Schaden tun. Ich bin weder betrt, noch umgarnt. Ich
habe nur Das getan, was viele, viele Millionen vor mir getan haben: ich habe die
frohe Botschaft des Evangeliums angenommen. Diese Botschaft auszubreiten, ist
die heilige Sache des Lehramtes in der Kirche, das Christus gestiftet und ihm
die Verheiung gegeben hat, bei ihm zu sein alle Tage bis an's Ende der Welt -
und das jener Erzbekehrte meines Volkes, der Apostel Paulus: die Sule und
Grundfeste der Wahrheit nennt. Der Priester ist der gottgesandte Verkndiger des
Evangeliums.
    Also ein hheres Wesen, dem man blind zu vertrauen hat, nicht wahr? fragte
Orest zitternd vor Zorn.
    In Sachen des Glaubens hat man ihm zu vertrauen - ja, entgegnete sie
ruhig.
    Ist er jung oder alt .... Ihr Priester! rief Orest, der sich um so weniger
migen konnte, als Judith sich nicht aus ihrer Gelassenheit bringen lie.
    Sie entgegnete mit der stillen Einfachheit, die eine Beleidigung gar nicht
an sich heran kommen lt:
    Der Priester ist der bernatrliche Mensch. Er hat kein Alter.
    O Schlange, die mir ausweicht! brach Orest aus.
    Genug! rief Judith entschieden. Lassen wir dies Gesprch fallen, teurer
Orest. Es kommt nicht auf Worte an, sondern auf die Tat. Gott zeigt mir meinen
Weg .... und der fhrt mich von Ihnen fort. Knnte ich mit meinem Blut die
Judith aus Ihrer Vergangenheit verwischen - so wrde ich es mit Freuden
vergieen! vielleicht nimmt der barmherzige Gott statt dessen meine Trnen an.
Unsere Trennung aber ist unerllich. Der Gatte einer anderen Frau kann nicht
der meine sein. Und wenn Sie zu einer akatholischen Sekte abfallen und sich nach
deren Prinzipien von Ihrer Gemahlin scheiden wollten: so knnte dadurch weder
die objektive Wahrheit der kirchlichen Lehre, noch meine berzeugung die
Vernderung eines Atoms erleiden. Christus lehrt die Unauflslichkeit der Ehe,
die Kirche ist nur sein Organ! In welcher zgellosen Emprung der bsesten
Leidenschaften, in welcher trostlosen Verkehrtheit des Verstandes und Willens
mu sich ein Menschengeist befinden, um die Ehe aus der himmlischen
Gnadenordnung, die Christus ihr angewiesen hat, heraus zu reien und sie zu
berauben der sakramentalischen Weihe, des edlen Purpurgewandes, das sein Blut
ihr gibt. Nein, Orest, wir wollen nicht zu diesen Unseligen gehren!
    Und Sie bilden sich wirklich ein, fragte er mit finsterem Hohn, da die
Sache damit abgetan wre?
    Keineswegs! fr mich beginnt die Bue.
    Welch Gaukelspiel bezeichnen Sie mit diesem Wort?
    Die Umkehr der Seele zu Gott. Was ich verachtet habe, will ich lieben:
Gott. Was ich geliebt habe, will ich verachten: mich selbst.
    Judith! rief er, immer von Neuem unter ihren Zauber zurckfallend, Du
bist und bleibst ein gttliches Geschpf!
    Das wird mir nicht leicht werden, fuhr sie fort, ohne seinen Ausruf zu
beachten. Ich habe mich sehr lieb gehabt - und gem dieser Liebe - hatte ich
mir die Zukunft ausgemalt. Das ist nun vorbei .... Sie drfen mir glauben, meine
Bue wird kein Gaukelspiel sein.
    Trnen traten in ihre Augen; aber sie schttelte sie von den Wimpern und
rief: Heil mir! ich darf das Kreuz umfangen!
    Nein! rief Orest, wirf es weg! es kostet Dir Trnen!
    Es hat meinem Erlser sein Blut gekostet: ich behalte es ... und ich hoffe,
Orest, es kommt der Tag, wo auch Sie es annehmen werden.
    Er hub bitter zu lachen an. Judith machte eine Bewegung, in den Salon zu
gehen. Er strzte ihr in den Weg und rief:
    Barmherzigkeit! verla mich nicht .... nicht so pltzlich .... nicht
gleich! Versprich mir das!
    Ich verspreche nichts, Orest, ich wei ja selbst noch gar nicht, was aus
mir wird.
    Ha! rief er, Du weit es nicht - aber ein anderer wird es wissen ... Dein
Priester, nicht wahr? Der soll ber Dich bestimmen, und Du, der Unabhngigsten
eine, willst ihm folgen, wie ein unmndiges Kind! Liebst Du ihn denn so
grenzenlos?
    Man mu gewi eine grenzenlose Liebe zu Gott haben, entgegnete sie sanft,
um auf Kundgebung des gttlichen Willens zu harren, wenn man gerne einen
raschen Entschlu fassen mchte.
    Mich zu verlassen - schon heute - nicht wahr? rief er in frchterlicher
Aufregung.
    Nein, sagte sie, heute nicht .... gewi nicht. Und jetzt begleiten Sie
mich in den Salon.
    Er folgte ihr. Aber er ging hindurch und zu Florentin.

                                   Die Taufe


Judith hatte an Lelio sagen lassen, sie wnsche am Nachmittag die Katakomben von
St. Sebastian in seiner Begleitung zu besuchen und sie werde ihn abholen. Um
zwei Uhr empfahlen sich die Leute, die bei ihr waren, und ihr Wagen fuhr in die
Einfahrt an die Treppe. Als sie mit Madame Miranes hinabgehen wollte, strzte
Orest ihr aus Florentins Zimmer leichenbla und aufgeregt entgegen und rief:
    Wohin, Judith? .... wohin?
    Nach den Katakomben. Wollen Sie uns nicht begleiten? erwiderte Judith.
    Nein, ich danke Ihnen! ich kann nicht! aber wann kommen Sie wieder?
    Gegen sechs Uhr, zur Estunde.
    Gut! sagte er und trat in Florentins Zimmer zurck.
    Was fehlt dem Grafen Orestes? er sieht zum Erschrecken aus, sagte Madame
Miranes.
    O! er ist sehr zu beklagen! seufzte Judith.
    Da Madame Miranes die unterirdischen Expeditionen, wie sie sie nannte, und
den Qualm der Pechfackeln verabscheute, so lie sie sich von ihrer Tochter zu
einer Bekannten bringen, so da Judith zu ihrer grten Freude mit Lelio allein
war und ihm ungestrt alles mitteilen konnte, was seit gestern ihr begegnet war
und was sie unwiderstehlich zum Entschlu drngte.
    Hab' ichs Ihnen nicht prophezeit! rief er frohlockend; durch das Auge der
Welt erkennen Sie die gttliche Wahrheit.
    Ja, sagte Judith mit einem Anflug von Traurigkeit, der noch der gefallenen
Natur angehrte; ja, die Erkenntnis des Gttlichen erheischt Bekenntnis. Kein
edles Herz verleugnet seine heiligsten berzeugungen ... denn kein edles Herz
lgt. Aber Lelio, es kostet mich mein Erdenglck. Ich spreche das nicht gegen
Graf Orestes aus, denn er wrde darauf fuen, um mich zu bestrmen - und das ist
vergeblich, also vermeid' ich es. Aber ich gestehe es, ich hab' mich so daran
gewhnt, in ihm ein treues, zrtliches Herz zu besitzen und in der Verbindung
mit ihm die Befriedigung meiner Ansprche an das Leben zu erhoffen, da mir vor
dem Schutthaufen graut, in den die Erkenntnis der gttlichen Offenbarung mein
Schicksal verwandelt. Mir ist zu Sinn, als habe ein Wetterstrahl einen hohen
festen Turm zu Boden geschmettert.
    Den stolzen Turm irdisch-selbstischen Glckes; ja, Signora, das ist ganz
richtig und das zeigt uns an, da wir ein anderes Glcksgebude auffhren
sollen, als ein solches, welches zusammenbricht, wenn die Wahrheit in unseren
schwlen Horizont hinein wetterleuchtet. Den irdischen Schmerz werden Sie mit
Ihrem krftigen, unter dem Kreuz sich heiligenden Herzen tapfer durchkmpfen und
in diesem Kampf zu der beseligenden Gewiheit gelangen, da Befriedigung des
Herzens ohne Snde, und Befriedigung der Vernunft ohne Irrtum hienieden nirgends
als in der christlichen Kirche gefunden werden kann. In dem Kampf stehen Sie
nicht allein! er ist keine Ausnahme; er ist allgemein gltiges Gesetz. Millionen
vor Ihnen, neben Ihnen, nach Ihnen bestehen ihn. Darum heit die Kirche auf
Erden: die streitende. Sie streitet nicht blo im allgemeinen gegen den Geist
des Irrtums, der Snde und Verkehrtheit auf jedem Gebiet der menschlichen
Vergesellschaftung, sondern jedes ihrer Kinder hat diesen Streit fr seine
Person, oft bis aufs Blut, immer bis aufs Mark, fortzusetzen .... sobald es
nicht dem Siegespreis entsagt. Dieser Streit entwickelt heroische Tugenden,
bildet heroische Seelen, christliche Seelen, die mit Christus die Welt
berwinden, weil Christus in ihnen lebt, mit seinem Fleisch, mit seinem Blut,
und ihnen seine gttliche Natur mitgeteilt hat, indem er die menschliche Natur
annahm. Teure Judith, es ist nicht der Mhe wert, das Leben zu durchkmpfen,
wenn es auch nur wre, um die Wonne zu kennen, da wir uns nicht auf uns selbst,
sondern auf unseren gttlichen Kampfgenossen zu verlassen haben? O Judith! die
Menschen wollen immer so hoch hinaus und wollen immer die ganze Welt zu ihren
Fen sehen; und auch Sie wollten es. O, wenn doch die Menschen die wahre
Erkenntnis ihrer Hoheit und das Bewutsein ihres gttlichen Geschlechtes htten,
dann wrden sie in Wahrheit die Welt zu ihren Fen - nmlich als etwas so
geringes sehen, da ihre Freuden nicht eines Lchelns - ihre Schmerzen nicht
eine Trne wert sind. So haben es auch die Martyrer verstanden, die in den
Katakomben ruhen. Sie waren meistens im Heidentum aufgewachsen, oft in den
glcklichsten, glnzendsten Verhltnissen. Da rhrte die Gnade ihr Herz an, sie
erkannten die Wahrheit, sie legten ihr Zeugnis fr sie ab; und wo? auf der
Folterbank, auf dem Scheiterhaufen, vor den wilden Tieren. So stark waren sie in
dem Gott, an den sie glaubten, auf den sie hofften, den sie liebten.
    Ach Lelio! rief Judith, mir kommt die Welt zuweilen wie eine Arena voll
wilder Tiere vor und gewi hat die christliche Seele in ihr manches Martyrium zu
bestehen, das der Siegespalme wrdig ist.
    Gott Dank dafr! sagte Lelio. Es wre ja sehr traurig, wenn uns die
Martyrer nichts brig gelassen htten.
    Dann teilte er ihr mit, was Hyazinth und Corona hinsichtlich der
Tauffeierlichkeit abgemacht hatten, und setzte hinzu, er werde sie in der Frhe
um vier Uhr abholen.
    Aber heimlich! aber in aller Stille! sprach Judith. Ich wei nicht warum
- allein ich schwebe in zitternder Angst, da Graf Orest auf den Einfall kommen
knnte, meine Taufe zu hindern - mich gewaltsam fortzuschleppen.
    Solche ngste hat man immer, wenn man der Erfllung eines groen Glckes,
eines heiersehnten Wunsches nahe ist, erwiderte Lelio beruhigend. Das
Menschenherz wei instinktmig, da das Glck auf Erden uerst flchtig ist;
da frchtet es denn leer auszugehen.
    Nein, entgegnete Judith, meine Angst entspringt aus Angst um Orest. Er
sieht das Sndhafte unseres Verhltnisses nicht ein; er fhlt sich ttlich
verletzt und bei seiner unbezhmbaren Leidenschaftlichkeit liegt es nahe, Rache
nehmen zu wollen. Mge sie mich treffen .... aber als Christin.
    Ah! Sie mchten auch Martyrin werden und wegen Ihres freudigen
Glaubensbekenntnisses Verfolgung und Tod zu leiden haben! rief Lelio heiter.
Seien Sie getrost, Judith: das Leid wird Ihnen nicht fehlen! dies prophezeie
ich abermals und mit groer Sicherheit. Machen wir ernst mit Gott: so macht er
ernst mit uns. In dem Ma, wie wir ihn lieben, legt er uns Kreuze auf.
    Und meine Natur hat einen solchen Abscheu gegen das Leid! rief sie.
    Art der Natur berhaupt, entgegnete Lelio gelassen, und bleibt auch ihre
Art. Der heilige Johannes Chrysostomus bezeugt es, indem er schreibt: Die Gnade
ndert nicht unsere Natur, wohl aber unseren bsen Willen; er will Ihnen damit
sagen: Die Gnade gibt dir die Kraft, Gott zu lieben und durch diese Liebe den
Willen, das Kreuz - diesen Ausdruck fr die Quintessenz jedes edlen Leidens -
demtig anzunehmen.
    Ich werde pnktlich um vier Uhr bereit sein, sagte Judith; aber Sie
drfen nicht vorfahren, sondern lassen den Wagen in einiger Entfernung auf dem
Corso halten und kommen dann zu Fu an die kleine Pforte, wo ich auf Sie warte.
    Diese Heimlichkeit hat ja in der Tat etwas hnlichkeit mit jener Zeit, wo
die heidnische Verfolgung wtete und wo die Christen sich zur Feier des
heiligsten Meopfers und zum Empfang der Sakramente bei nchtlicher Weile in den
Katakomben versammelten, ja sogar zeitweise in ihnen lebten. Die Verfolger
kannten weder die Ein- und Ausgnge dieses unterirdischen Labyrinthes, noch die
Wege und Stege innerhalb desselben; und so wurden die Grabkammern der Toten
zugleich die Wohnsttte der Lebenden. Mancher, der in den Katakomben das Bad der
Wiedergeburt im Blut Jesu empfangen hatte, verlie sie nur, um in der Arena sein
Blut fr das Bekenntnis eines Glaubens zu verspritzen, dessen hchste Gnade,
Vergebung der Snden und Teilnahme am eucharistischen Opfer, ihm soeben geworden
war.
    Sie durchwandelten die Katakomben, die sich unterhalb der Kirche von St.
Sebastian befinden - diese dunkeln, kellerhaften, unregelmigen Gnge, die
zuweilen eng und niedrig, zuweilen breit und hoch fortlaufen, und in deren Wnde
sich die zugemauerten Grabnischen der Christen befinden, welche diese
unzugngliche Sttte zu ihrem Dom und zu ihrem Gottesacker machen muten, weil
die heidnische Welt sie nicht auf der Erde dulden wollte.
    Wie ist es mglich, an der gttlichen Stiftung der Kirche zu zweifeln, wenn
man die Geschicke der ersten Jahrhunderte erwgt! rief Judith, nachdem Lelio
ihr Einzelheiten ber die Grausamkeit der Verfolgung und die Standhaftigkeit der
Martyrer mitgeteilt hatte. Was nur irgend zerstrend und auflsend wirkt: die
Macht des Thrones, der Ha des Unglaubens, der Druck der Masse, die Verachtung
der sogenannten Gebildeten - alles wlzt sich auf sie und zwar mit den
gewaltttigsten und giftigsten Mitteln. Aber sie wich keiner Gewalt und jedes
Gift schied sie aus - und mit demselben Glauben, mit dem sie in die Katakomben
hineingegangen war, ging sie nach drei Jahrhunderten aus ihnen hervor. So etwas
ist ohne die Leitung des heiligen Geistes und ohne die Grndung auf eine
bernatrliche Basis ganz unmglich. Mir ducht, es mte sich jeder, der guten
Willens ist und diese Geschicke bedenkt, zu ihr bekehren; denn nur in ihr ist er
auch objektiv sicher, die Lehre zu besitzen, welche die ersten Christen geglaubt
haben, weil ein Lehrgebude, das auf bernatrlichem Felsen ruht und vom
heiligen Geist in Unantastbarkeit erhalten wird, notwendig ein unfehlbares sein
mu - und das Unfehlbare ist ewig unvernderlich; whrend es doch ganz unmglich
ist, von einem menschlichen Lehrsystem so etwas zu glauben oder zu behaupten.
Ich finde diese Unvernderlichkeit der Lehre in einer vernderlichen Welt, deren
Strmungen ja auch auf die menschlich-schwachen Glieder der sichtbaren Kirche
nicht ohne Einflu sind - etwas so Gttliches, ein solches Wunder ber alle
Wunder, eine solche Beglaubigung als himmlische Stiftung, da ich eher
Florentins rohe Negation aller gttlichen Offenbarung begreife, als Orests
Vorschlag, eine Offenbarung auerhalb der katholischen Kirche anzunehmen. Jener
sagt: es gibt keine objektive ewige Wahrheit, denn meine Sinne empfinden sie
nicht, und mein Verstand verwirft sie. Gut! das ist der Ausdruck der gefallenen
Natur in hchster Potenz, auf der uersten Stufe der Brutalitt. Aber Orest!
welche Verwirrung des Verstandes und Verirrung der Vernunft, um die ewige
Wahrheit irgendwo anders zu suchen oder zu glauben, als dort, wo der Weltheiland
sie niedergelegt hat. Ach, Lelio! was wird aus Orest werden!
    Gram um unsere irrenden Brder - das ist katholisch, teure Judith,
entgegnete Lelio. Den werden Sie nicht los bis zu Ihrem letzten Atemzug und
umso weniger, je mehr Sie die Kirche als Wunder aller Wunder Gottes erkennen und
in dem eucharistischen Christus, den sie liebend und anbetend im sen
hochheiligen Opfer auf ihren Altren hegt, die Besiegelung dieses Wunders
umfassen. Die Kirche, die den eucharistischen Christus besitzt - ist die ewig
lebende Stiftung der gttlichen Liebe, denn ihr Mittelpunkt ist sein ewig
lebendiges, wahrhaft und wesenhaft gegenwrtiges Herz. Und weil sie das ist und
das hat, so ist sie - und nur sie! fr alle Zeiten der Welt ihrer Fortdauer
gewi und ihr - nur ihr! gehrt die Zukunft an. Das wuten die alten
todesfreudigen Martyrer. Der eucharistische Christus war der Nerv ihres Lebens,
ihres Todes. Sie starben mit ihm fr uns. Sie glaubten nicht im Stande zu sein,
die namenlosen Schrecknisse der vervielfltigten Folterqualen aushalten zu
knnen, wenn sie nicht zuvor mit ihm durch die heilige Kommunion sich vereinigt
hatten. Daher wendeten die Anverwandten und die Priester alle Mittel an, die
grten Geldsummen auf, um in den Kerkern, wo die Verurteilten schmachteten, das
heilige Meopfer zu feiern und ihnen den Leib des Herrn zu spenden. Und wir,
Judith, wir ihre Nachfolger in der grausigen Arena der Welt, wie Sie sagen, wir
sollen ja auch Martyrer am Herzen werden, indem wir ihm durch die Flammen der
heiligen Liebe alles Ungttliche und Irdische langsam, langsam, lebenslang
ausbrennen lassen. Wir sind ja auch Gefangene im Kerker des Leibes, Verurteilte
zum Tode, Verurteilte, die zuvor Meere von Trbsal und Drangsal durchschwimmen
mssen und immer Kopf und Herz hher behalten mssen, als ihre Wellen und
Fluten. Was gibt uns dazu den Nerv und den langen Atemzug? der eucharistische
Christus! Er bevlkerte die alte Welt mit Martyrern und die spteren Tage mit
Martyrern - immer mit der Art, die am meisten die Verherrlichung Gottes
frderte. Und so wird es bleiben bis zum Ende der Zeiten; denn die heilige
Liebe, Judith, ist ein Martertum und mu es sein, weil sie am Kreuz geboren ist
und vom Herzen Jesu sich nhrt.
    Wie gttlich wird das Leben im Licht des Glaubens! rief Judith entzckt.
Ihr zusammengekrmmtes, staubumwlktes Herz erhob sich gerade und frisch vor der
Gnadenluft, die vom gttlichen Opfer auf dem Altar sie anwehte. Jeder edle
Instinkt ihrer Seele und jeder hohe Aufflug ihres Geistes fand Ma, Schwung,
Ziel. Ich habe, fuhr sie fort, nicht die leiseste Ahnung, wie sich mein
ferneres Leben gestalten und auf welchem Punkt unseres Erdballs ich mein Zelt
aufschlagen werde; ich mu brechen mit meinen Freunden und Freuden, mit meinen
Beschftigungen, ja, mit meinem Talent, damit ich tot fr Orest sei; aber ich
wei eines: der grliche Druck ist von meinem Herzen genommen, unter dem ich
erlag, der sich unter allen Formen und Gestalten auf mich wlzte, den Stempel
des Todes auf alle Erscheinungen prgte und der in dem Gedanken liegt: ich finde
nichts, was der Mhe des Lebens wert ist! Ich glaube, Lelio! und nun kann ich
leben!
    Er fragte sie, ob sie gesonnen sei, den Vorschlag der Oberin anzunehmen und
in Trinit dei Monti zu bleiben. Sie antwortete:
    O htte ich jemand, der sich auerhalb all meiner tumultuarischen
Verhltnisse befnde und gleichsam von Oben herab in sie hineinblickte und zu
mir sprche, wie von Oben herab: dem wollte ich folgen! Ich bin bis jetzt immer
sehr schnell zu irgend einem Entschlu gekommen. Ich ging nur mit mir selbst zu
Rat, und je nachdem eine Sache mir zusagte oder nicht, entschied ich mich fr
oder gegen sie. Allein wenn ich bedenke, wohin ich auf diese Weise geraten bin
und da unser hchstes Opfer darin besteht, unseren egoistischen Eigenwillen zu
opfern: so sehne ich mich nach erleuchteten Ratschlgen, die mich ber das
Richtige und das Beste aufklren und denen ich vertrauend folgen drfte.
    So heiligt man sich! erwiderte Lelio. Ja, das Leben im Licht des Glaubens
ist gttlich, Judith! doch nicht, weil es unserem Geist gttliche Geheimnisse zu
betrachten gibt, nicht, weil es unser Herz durch gttliche Gefhle beflgelte;
das alles ist Genu, Heiligung nicht! sondern weil es uns gotthnlich machen und
in all die Tugenden einfhren soll, die der Gottmensch von Bethlehem bis
Kalvaria gebt hat und die sich in dem einen Wort zusammendrngen: demtiger
Gehorsam .... Gehorsam aus Liebe! Dies himmlische Wort will die Welt nicht
verstehen. Das ist ihre Krankheit, ist die tiefe Wunde, an der sie ihre besten
Krfte verliert: sie will nicht gehorchen, keiner Autoritt, keinem Gesetz. Der
Grund, weshalb die heilige Kirche so viel Feinde und Gegner hat, ist freilich
zuerst die Heiligkeit ihrer Lehre und ihre Bestimmung, die Seelen zur Heiligkeit
zu fhren; allein der nchste Grund ist: Abneigung gegen den Gehorsam, die in
Folge einer verkehrten, auf materialistischen Grundstzen beruhenden Erziehung,
unsere Welt von oben bis unten zerwhlt und verstrt. Die Kirche aber lehrt
unermdlich Ehrfurcht vor rechtmiger Autoritt - und mu es tun, weil Christus
es getan hat, als er sprach: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott was
Gottes ist. Heutzutage hat weder Kaiser noch Knig den Mut, zu den Vlkern zu
sagen: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist. Die revolutionren Bewegungen, die
seit einigen Generationen Europa erschttern, und fort und fort vom Partei-und
Faktionsgeist aufgestachelt und angespornt werden, haben eine solche Hefe von
Unbotmigkeit in der Gesellschaft zurckgelassen, da Kaiser und Knig nur mit
vielen Umschweifen und unter mancherlei Schmeicheleien zu verstehen geben: die
rechtmige Herrschaft sei zu respektieren - Schmeichelei, fr welche sich der
eine und andere durch Gewalttat, Heuchelei und Tyrannei zu entschdigen wei.
Immer mssen sie darauf gefat sein, da die Revolution, trotz aller Vorsicht,
ihnen antworte. Nun kommt die Kirche und sagt zu diesem unbotmigen Geschlecht,
das Kaiser und Knig einschchtert, hchst bestimmt und ohne alle Verbrmung:
Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, nmlich Gehorsam; das ist euere
Schuldigkeit; und sagt weiter, zu Frsten und Vlkern, als eine Erluterung
dieses Gebotes: Und gebt Gott, was Gottes ist! Sie frchtet sich nicht vor
Hohnlachen und Achselzucken, nicht vor Steinwrfen, Dolchstichen,
Hllenmaschinen, Revolutionen. Sie hat ihre Vorschule hier in den Katakomben
gemacht. Sie spricht, nach dem Ausdruck der heiligen Schrift, wie jemand, der
Gewalt hat; und ich wei es ja leider! aus Erfahrung: die ruhige Wrde, welche
dies Bewutsein gibt und welche charakteristisch fr das Wesen der Kirche ist,
flt dem Revolutionr einen namenlosen Ingrimm ein, denn mit denjenigen
irdischen Majestten, die sich seinem Wunsch gefgt und Szepter und Krone, ihm
zu Lieb', nicht mehr von Gottes Gnaden haben, hofft er recht bald fertig zu
werden. Aber ob mit dieser geistigen Majestt, die von Gottes Gnaden den
heiligen Hirtenstab fhrt - das ist ihm im Grunde seines Herzens hchst
zweifelhaft; und wenn er ihren Untergang so laut ausposaunt, wie wir das
erleben: so tut er das hauptschlich, um sich selbst in seinen Hoffnungen zu
bestrken. Der Gehorsam ist ein ewiges Gesetz fr jede gute Erziehung.
Eivilisation ist die gute Erziehung der menschlichen Gesellschaft; folglich
bedarf auch sie jenes ewigen Gesetzes und der Ausbung desselben. Da nun die
Kirche, und sie allein! es aufrecht hlt, so ist sie die Bannertrgerin, welcher
die Civilisation folgt - wie sie das gengend bewiesen hat, seitdem sie die
Katakomben verlie - und ihren Feinden bleibt nichts brig, als sich in Taten
und Worten des Hasses zu erschpfen. Ihre Feinde sind alle, welche jenem ewigen
Gesetz nicht gehorchen wollen, nicht das Leben in der Zeit als eine Erziehung
fr das ewige Leben betrachten wollen. Auf dem Punkt steht der arme Graf
Orestes. Da Sie, Judith, aus allen Elementen der Rebellion und der
Gegnerschaft, in Ihnen und um Sie, heraustreten - und da Sie das se Joch des
Gehorsams aus Liebe frei annehmen, beweist einmal wieder, wie keine Seele ihr zu
fern, zu fremd, zu emprerisch, zu unbndig ist, um nicht ein Reis des
himmlischen lbaumes, Christus, auf diesen Wildling zu verpflanzen.
    So wird man ein Christustrger; nun verstehe ich es, sagte Judith.
    Wir nennen es Kreuztrger, entgegnete Lelio lchelnd. In der Kreuztragung
erscheint Christus uns am leidenvollsten und am demtigsten. Es ist billig, da
die dankbare Liebe sich ihm in dieser Gestalt verhnliche.
    Wie schn ist das Kreuz! rief Judith; es setzt einen Dmpfer auf das
Instrument unserer Seele, damit alle Tne in Milde zusammen- und dahinflieen.
    Ja, ja! das Kreuz ist ein vortreffliches Werkzeug der Abttung! rief
Lelio. Kann auch nicht anders sein, da Gott selbst es dazu erfunden hat. - -
    Judith ahnte, da das christliche Leben neue Horizonte vor ihr entrollen
werde. Sie freute sich, gerade am Vorabende der hehren Feier, welche sie dem
mystischen Leib Christi einverleiben sollte, in den Katakomben gewesen zu sein.
    Mchte ich hier die Liebe der Martyrer eingeatmet haben, sagte sie, als
sie die erhabene Sttte verlieen.
    Am Abend waren sehr viele Menschen bei ihr. Das war ihr lieb! nun brauchte
sie nicht viel zu sprechen. Doch nahm sie sich zusammen, um sich nicht allzu
sehr ihren Gedanken hinzugeben, denn Orest beobachtete sie scharf. Er sah
finster wie die Nacht aus und fieberhafte Unruhe gab sich in seinem uern kund.
Als man um Mitternacht auseinanderging, wollte Judith auch Orest entlassen, aber
er sagte:
    Ich bitte um einen Augenblick Gehr, Judith, und um Beantwortung einiger
Fragen.
    Sie neigte zustimmend ihr schnes Haupt.
    Werden Sie heute wieder eine nchtliche Exkursion machen? fragte er.
    Da Sie, wie es scheint, Florentin als Spion brauchen, sagte sie kalt,
eingedenk ihrer Begegnung, so htte er Ihnen mitteilen mssen, da ich um
sieben Uhr ausgegangen und um acht Uhr heimgekehrt bin.
    Orest freute sich, trotz Florentins hmischen Warnungen, ber diese
Auskunft. Er konnte es nicht lassen, an Judiths Aufrichtigkeit zu glauben. Er
fragte weiter:
    Werden Sie meinen Bitten Gehr geben und sich nach einem akatholischen
Ritus taufen lassen?
    Nein.
    Warum nicht?
    Weil Christus, der Erlser, in der katholischen Kirche ist und ich ihn
nicht verleugnen kann.
    Und wir sollten getrennt werden?
    Gott will es.
    Der Priester will es! fuhr Orest mit einem schneidenden Lachen auf.
    Hat je ein Mensch meinen Willen bestimmt? fragte sie kalt.
    Welche Plne fr die Zukunft haben Sie?
    Gar keine.
    Und das soll man glauben?
    Judith schwieg. Orest wiederholte nach einer Pause:
    Und das soll ich glauben?
    Das hngt von Ihnen ab. Ich sage die Wahrheit.
    Werden Sie mir zu entfliehen suchen?
    Ich bin nicht Ihre Gefangene, da ich wte! Aber es wird gut sein, da
sich ein Stckchen Land oder Meer zwischen uns lege.
    Denken Sie nur nicht an heimliche Flucht! drohte er.
    O, seufzte sie aus tiefster Brust, ich denke an nichts, als das Gewand
der heiligmachenden Gnade in der Taufe fr meine Seele zu erwerben!
    Also Sie denken nicht daran, sich heute oder morgen auf die Flucht zu
begeben?
    Judith besann sich und sagte: Nein. Es schien ihr am geratensten,
vorderhand in Trinit dei Monti zu bleiben.
    Also noch ein paar Tage der Hoffnung! rief Orest. Schweige! setzte er
hinzu, als sie eine verneinende Bewegung machte; o schweige! so lange ich Dich
sehe, hoffe ich. - -
    Er ging zu Florentin, teilte ihm das lakonische Gesprch mit und sagte
zuletzt:
    Sie hat also noch keinen Plan fr die Zukunft; das trstet mich. Vielleicht
kann ich sie dennoch gewinnen.
    Du bist einzig mit Deinem hyperkindlichen Vertrauen! rief Florentin, der
auer sich vor Erbitterung bei dem Gedanken war, da seine zwiefachen Hoffnungen
als Demokrat und freier Denker an Judiths bertritt zur katholischen Kirche
scheitern sollten. Kennst Du denn nicht die Art der Frauen? sie lgen nicht und
sagen Dir doch nicht die Wahrheit, die Du wissen willst.
    Deine Erfahrungen mgen Dich zu dieser Behauptung drngen, entgegnete
Orest verchtlich. Judith ist anders.
    Judith ist ebenso! sagte Florentin mit kaltem Cynismus. Er war sittlich so
tief gesunken, da er jeden Glauben an edle Gesinnung und reine Absicht verloren
hatte. Judith hat keinen Plan fr ihre Zuknuft gemacht - versichert sie Dir.
Gut! es mag sein. Aber sei fest berzeugt: der Priester - natrlich ist es ein
Jesuit! hat lngst seinen Plan gemacht und darauf mu sie eingehen, die
Unglckliche! Dazu wird sie durch die Tortur der Beicht gezwungen.
    Mit dem Unsinn bleib' mir vom Halse! rief Orest. Ich gehe nicht zur
Beicht, weil ich nicht will. Aber Tortur und Zwang in sie hineinzulgen ist ber
allemaen dumm und lcherlich. Mit solchen Behauptungen kannst Du nur im
Feuilleton schlechter Zeitungen Glck machen.
    Hat Judith nicht gesagt, es sei der Wille Gottes, da Ihr euch trenntet? -
oder hnliche Floskeln? fragte Florentin uerst gleichgltig gegen Orests
Vorwurf, da er zu gemein geworden war, um noch Schamgefhl zu besitzen.
    Das hat sie.
    Da nun Gott unmglich in hchsteigener Person ihr diesen Willen
ausgesprochen haben kann, so mu es ja der verruchte Jesuit gewesen sein; denn
sonst redet ja niemand in diesem Sinn zu ihr. Und da sie entschlossen ist zu
dieser Trennung, so mut Du doch einsehen, da der Jesuit mehr Macht ber sie
hat, als Du, trotz Deiner langen, glhenden, treuen Liebe. Es ist entsetzlich,
dies Reich der Unterwelt in das schne frische Leben eindringen zu sehen!
    Es ist entsetzlich! rief Orest, in seine Verzweiflung zurckfallend;
schauderhaft und entsetzlich!
    Ist es noch mglich, die herrliche Judith fr Dich zu retten, so reie sie
um jeden Preis von jenem Jesuiten los. Schie Dich mit ihm, schlage Dich mit ihm
auf Tod und Leben .... -
    Ah! mit Wonne! rief Orest feurig. Aber tut das ein Jesuit?
    Versteht sich - wenn man ihm grndlich zu Leibe geht.
    Ah! ich schpfe Atem, ich lebe auf! ein Pistolenduell! der bloe Gedanke
schon erfrischt mein Herz. Ja, Florentin, so soll es sein: ich rette Judith! Das
war ein guter Rat, alter Freund!
    Mit traulichem Hndedruck schieden sie. Orest ging ins Hotel Meloni.
Florentin rief Gaetano herbei, der sich als eine Art von allgemeinem Diener
aller Bewohner des Palastes in irgend einer Bodenkammer angesiedelt hatte, mit
Florentin aber schon seit den Revolutionsjahren her bekannt war. Florentin legte
ein Goldstck auf den Tisch und sagte:
    Gaetano! zu welcher Stunde es auch sei, da die Sigonra den Palast
verlassen sollte, Du gehst ihr nach und bringst mir dann schleunigst Nachricht.
Benimmst Du Dich klug, so erhltst Du dieses Goldstck. Gaetano antwortete nur
mit einem verschlagenen Blick und ging auf seinen Posten. -
    Judith sagte zu ihrer Kammerfrau, als sie dieselbe entlie:
    Ich mu in aller Frhe ausgehen, Fanny! Holen Sie mir den Schlssel zur
kleinen Pforte vom Portier und sagen Sie ihm zur Beruhigung, ich wrde den
Schlssel nicht aus meinen Hnden geben. Ich werde Sie nicht wecken, sondern
mich allein ankleiden.
    Fanny erfllte ihren Auftrag, zog sich zurck und Judith war allein. Obzwar
sie auch die vorige Nacht durchwacht hatte, so war sie in einer viel zu
lebhaften geistigen Spannung, um krperliche Ermdung zu empfinden. Auf der
Schwelle der Wiedergeburt ihrer Seele trat sie so nahe an das bernatrliche
Leben heran, da dessen Krfte ihr leibliches Leben berwogen. Wie eine Selige
fhlt sie nicht dessen Druck. Sie versank in eine unaussprechliche Dankesflle
fr die wunderbare Gnade, welche sie, die Jdin, die Theatersngerin, das
Weltkind, den zweifelnden Geist - ergriffen, und ber eine Welt von Hemmnissen
hinweg, gleichsam auf einen anderen Stern versetzt habe, auf welchem die Gesetze
der heiligen Liebe herrschten. Sie ruhte so innig in der Gnade, da sie auf
Orest's Bekehrung und ein still glckliches Familienleben fr diese holde Corona
hoffte. Als die Stunde nher kam, kleidete sie sich brutlich und festlich in
weie Seide, und einen Schleier von schwarzen Spitzen warf sie verhllend um
Haar und Schultern. Regina's Rosenkranz schlang sie als Armband um und kte
zrtlich das kleine Kruzifix, dies Zeichen der Gnade, des Heiles, der
Vershnung, unter das sie sich flchtete, um es dann in ihr Herz aufzunehmen.
Was Hyazinth von den ersten Christen gesagt hatte: Begraben mit Christus! das
klang durch ihre Seele. Es kann nicht anders sein, sprach sie zu sich selbst;
wer das Geheimnis der Erlsung erfat hat - nicht in seiner Tiefe und Gre,
denn das vermag kein geschaffener Geist! aber nach dem Ma seiner Erkenntnis;
fr den mu es heien: Liebe um Liebe, Opfer um Opfer, Kreuz um Kreuz. Gegenber
einer Gottesliebe! die der menschlichen Natur eine himmlische Wrde und
Bestimmung gibt, um durch solche Gaben ihr Herz in den Himmel zu ziehen: da kann
der Mensch, dem das Licht des Glaubens in der Seele sagt, nicht in seiner
Selbstsucht und in seinen Leidenschaften bleiben. Er mu sie zu berwinden
suchen, sie mssen absterben - am Kreuz. So wird er mit Christus gekreuzigt und
begraben, um in bernatrlicher Weise mit Christus zu leben. - -
    Durch die Totenstille der ersten Frhe hrte Judith einen Wagen kommen. Sie
sah nach der Uhr: es war gleich vier. Der Triumphzug meines Lebens beginnt, mit
dir, fr dich, zu dir, mein Erlser! mein Herr und mein Gott! frohlockte ihr
Herz. Sie hllte sich in einen dunkeln Mantel, zndete einen kleinen
Handleuchter an, nahm den Schlssel und verlie ihr Zimmer. Als sie durch das
ihrer Kammerfrau ging, sagte sie zu Fanny, die schlaftrunken auffuhr:
    Schlafen Sie ruhig fort: in einigen Stunden bin ich wieder da.
    Dann ging sie die Treppe hinab der kleinen Tr zu, hrte auerhalb ein
leises Husten, schlo auf, fand Lelio und ging mit ihm durch das Seitengchen
dem Wagen zu, der in einiger Entfernung vom Palast auf dem Korso hielt. Sie
stiegen ein und fuhren gen Trinit dei Monti. Mit ihnen, auf dem Lakaiensitz -
fuhr Gaetano.
    Er hatte gut aufgepat! Als er das ferne Wagenrollen hrte, spitzte er die
Ohren, und als er in Judith's Zimmern Tren sich ffnen und schlieen hrte,
verlie er seinen Wachposten auf der kleinen Treppe, um sich hinter einen
Pfeiler des inneren Hofes zu stellen, indem er das Licht in seiner Blendlaterne
verdunkelte. Kaum sah er Judith die Treppe hinabgehen und den Weg zur kleinen
Tr einschlagen, so sprang er mit katzenhafter Behendigkeit und schnell die
Umstnde im Zusammenhang auffassend, in die Portierloge, ergriff den Schlssel
zum groen Eingang, schlo mit gewandter Behutsamkeit auf und wieder zu, und
erreichte frher als Judith den Platz, wo der Wagen hielt Da drngte er sich in
den Schatten einer vorspringenden Sule, und erst als der Wagen dahinrollte,
sprang Gaetano ihn nach und schwang sich hinten auf. - -
    Als es vier Uhr schlug, trat Hyazinth in der Kirche Santa Maria dell' anime
zum Altar, um das heilige Meopfer darzubringen. Er war so erschttert und
bewegt durch die verschiedenen Ereignisse, die in seiner Familie zusammentrafen,
und die doch so scharfe Gegenstze bildeten, da auch er wenig Schlaf gefunden
hatte. Onkel Levin's und Regina's Tod gingen ihm schneidend durch's Herz. Ihnen
hatte er auf Erden am nchsten gestanden; mit Regina's und an Levin's Seele
hatte sich seine Seele entwickelt; Regina's Entschlu hatte den seinen gereift
und ber jede Schwankung und jedes Bedenken hinweg gehoben; Levin's Vorbild zog
ihn tief und immer tiefer in das geistliche Leben hinein. Mit ihr betrat er die
Tempelschwelle und mit ihm wandelte er zum innersten Heiligtum. Und jetzt waren
Beide auf einmal von der Erde verschwunden! das geistige Band, das ihn mit
Beiden verknpfte, war so innig, da ihm zu Sinn war, als msse er ihr seliges
Leben auf Erden fhren - aber selig, wie der Mensch selig sein kann: nicht in
den Wonnen und Freuden der berstrmenden Liebe, sondern in ihren heiesten
Opfern. Mehr denn je fhlte er sich entflammt zur unbedingten Hingebung seines
Herzens, seiner Seele, seines Wesens an die leisesten Bewegungen der Gnade, und
er flehte zu Gott, da dieser himmlische Gnadenhauch ihn ebenso zu Orest wie zu
Judith leiten mge. Da Orest's Leidenschaft durch Judith's Verlust weder
gebrochen noch besiegt sei, war fr Hyazinth ganz klar. War es nicht schon ein
Gnadenwunder, da Judith zur Erkenntnis kam! es konnte sich um so weniger
sogleich fr Orest wiederholen, als Beide einen ganz verschiedenen Standpunkt
einnahmen. Sie war unwissend ber die Dinge des Heiles; er verschmhte sie - und
dieselbe Offenbarung, welche Judith bis in's Herz hinein erschtterte,
verleugnete Orest. Ach, und welcher Trotz, welche unsinnige Erbitterung gegen
die Kirche lie sich von Orest's zgelloser Aufregung gerade jetzt erwarten, da
die Leidenschaft ihm immer vorspiegeln werde, die katholische Kirche habe ihm
Judith geraubt. Sie war gerettet - aber er! aber er! seufzte Hyazinth; wie ist
sein Herz zu schmelzen, wie ist sein Wille geschmeidig zu machen? was wird ihn
zur Reue bringen? was mit Gott vershnen? ach, er schwebt in solcher Gefahr
einer immer wachsenden Verfinsterung durch Leidenschaft zu verfallen, da sein
nchster Schritt ihn in den Abgrund strzen kann. O, da er gerettet werde! da
die Finsternis von ihm weiche! da er nicht in seinen Snden dahin taumele, eine
Beute des Bsen. O, da ich mein Leben fr ihn hingeben, mein Blut fr ihn
vergieen drfte - welch' seliges Opfer wre das! Er beschlo sogleich nach
Judith's Taufe mit Orest zu sprechen, und damit der heilige Geist ihm das rechte
Wort auf die Lippen legen, und keine sndige Unvollkommenheit von seiner Seite
die Gnadenwirkung hemmen mge, empfing er mit grter Andacht das heilige
Sakrament der Bue. Jeden Fehltritt, jede Schwachheit, jede irdische Regung, die
seine zarte Gewissenhaftigkeit ihm als Versndigung gegen die gttliche Liebe
vorfhrte - jede Unvollkommenheit in der Ausbung seines Amtes und jede
Aufwallung von Ermdung in seinem Beruf, wodurch er frchtete, den heiligen
Geist betrbt zu haben: Alles fate er in demtiger, reuevoller Anklage zusammen
und badete seine Seele fleckenrein in der reinigenden Kraft des Blutes Jesu,
welche das Sakrament der Bue vermittelt. Und so erneuert im Geist und angetan
mit weiem Kleide, gewaschen im Blut des Lammes, - trat er zum Altar, um die
heiligsten Geheimnisse zu feiern, um die Gnaden des ewigen Opfers den beiden
Seelen zuzuwenden, die ihm so nahe standen, und um sich selbst durch die heilige
Kommunion zu einem nicht ganz unwrdigen Werkzeug der Vermittlung dieser Gnaden
zu machen. Es war niemand in der Kirche auer Hyazinth's Beichtvater. Als dieser
ihn vom Altar herabsteigen und zur Danksagung nach der Messe niederknieen sah,
konnte er sich des Gedankens aus der Offenbarung nicht erwehren: Das ist einer
von denen, die mit gttlichem Namen bezeichnet sind, die das Lied der
Auserwhlten singen und dem Lamm folgen werden, wohin immer es geht.
Verabgrndet in die selige Vereinigung mit seinem Gott, mit dem Liebhaber und
Erlser der Seelen, verharrte Hyazinth im Gebet, bis Lelio's Wagen vorfuhr und
ihn abholte.
    Whrend hier die Engel wachten, schlief auch der bse Feind nicht.
    Ein taktmiges Klopfen an seine Tr weckte Florentin, der sogleich rief:
    Gaetano herein!
    Dieser kam atemlos zurck, erzhlte die Begebenheit und sagte schlielich:
    Vor Trinit dei Monti hielten wir. Da stieg die Signora aus und der Herr,
der ihr dabei behlflich war, sprach: Um fnf Uhr bringe ich den Herrn Abbate
her. Sie ging in die Pforte, die sich schon geffnet hatte; er fuhr weiter und
ich sprang die spanische Treppe hinab - und da bin ich!
    Begleite mich in's Hotel Meloni, sagte Florentin, der sich inzwischen
angekleidet hatte.
    Sie eilten fort. Nach einer Weile fragte Florentin:
    Gaetano, hat der Begleiter der Signora wirklich gesagt: Ich bringe den
Abbate?
    Sollte er etwas anderes gesagt haben, Signor?
    Hat er nicht vielleicht gesagt: den Jesuiten?
    Kann sein, Signor! ist nicht unmglich. Abbate - Padre - das verwechselt
man .... im Finstern. -
    Kraft dieser Verwechselung .... im Finstern, trat Florentin in Orest's
Zimmer und rief:
    Auf, auf! Judith ist so eben einer Zusammenkunft mit ihrem Jesuiten
entgegen gefahren. Willst Du sie verhindern, so komm'! komm'! komm'!
    Ha, die Schlange! und ich glaubte ihr! rief knirschend vor Wut und
Verzweiflung Orest.
    Lehre Du mich die Weiber kennen! hhnte Florentin.
    Wo ist sie?
    In einem Nonnenkloster - wie sich das von selbst fr dergleichen
Zusammenknfte pat.
    In einem Kloster! rief Orest stutzend.
    Nun ja freilich! das Institut vom Sacre-Coeur ist ja eine
Jesuitenerfindung, um die Frauen aus der groen und vornehmen - und aus der
reichen und vornehmseinwollenden Welt in ihre Schlingen zu bekommen. Dies ist
vermutlich der Beichtvater von Trinit dei Monti. Dem mu man schon etwas zu
Gefallen tun! .... eine Hand wscht die andere.
    In diesem giftigen Ton, falsche und willkrliche Annahmen als
unbestreitbare, anerkannte Wahrheiten hinstellend und ihnen Folgerung und Schlu
gebend, welche der Gemeinheit und Bosheit der Erfindung entsprachen - redete
Florentin fort und stachelte damit Orest's Leidenschaft zur wildesten Eifersucht
auf. Als dieser nach seinem Pistolenkstchen griff, sagte Florentin mit
einschneidender Parodie:
    Vorwrts, vorwrts, Don Orestes - Deine Ehre ist verloren! Vorwrts,
vorwrts, stolzer Cid.
    Noch nicht verloren! wo find' ich ihn! er soll mir Rede stehen! sagte
Orest mit bebender Stimme.
    Um fnf Uhr wird er zu Trinit dei Monti erwartet. Da mssen wir Schildwach
stehen, und wenn er kommt ..... - -
    Ihn zwingen, in seinem eigenen Wagen mit mir in die Campagna hinaus zu
fahren, und mir mit dem Pistol Rechenschaft zu geben! rief Orest.
    Sie strmten den Monte Pincio hinauf, durch die tiefe Dunkelheit, die durch
sprliche Reverbere mehr hervorgehoben, als eigentlich beleuchtet wurde. berdas
war ein feuchter Nebel in der Luft, der alle Gegenstnde umhllte und die
Umrisse verwischte.
    Wenn wir nur nicht zu spt ankommen, sagte Orest, als sie am Ziele waren.
Seine Aufregung war so heftig, da er vom Scheitel bis zur Sohle zitterte, und
sich an die Mauer lehnte, um Atem zu schpfen.
    Ruhig, ruhig! sagte Florentin; es fehlt noch ein Viertel an fnf Uhr. Er
entgeht Deiner Rache nicht. -
    Drauen das Toben der Hlle, drinnen der Vorschmack des Himmels! Die Oberin
und Corona empfingen Judith mit der Freude, welche auch die Seligen empfinden:
Freude ber eine gerettete Seele, die dereinst vor dem Throne Gottes in alle
Ewigkeit seine Barmherzigkeit preisen und die Kraft des Blutes Jesu
verherrlichen wird. Strahlend von dieser Freude, hatte Corona ihre ganze
Schnheit und Jugend wiedergefunden. Sie war prchtig gekleidet, in
glnzendweie Seide, umwallt von Spitzen, berrieselt mit funkelnden Diamanten -
wie man eben gekleidet zu sein pflegt, wenn man die heilige Ehre hat, ein
Taufgelbde auszusprechen, dessen Erfllung einer unsterblichen Seele zum ewigen
Leben verhilft. Hier sprach freilich Judith selbst es aus; aber gerade dieser
Umstand machte die Feier noch rhrender.
    Die himmlischen Heerscharen schauen frohlockend auf Sie herab - und unsere
Regina und Onkel Levin, sagte Corona, indem sie Judith freudig umarmte; heute
ist ein groer Festtag da droben.
    Neben der ernsten Judith mit ihrer tragischen Schnheit, stand Corona in
ihrer zarten Lieblichkeit, wie der Schutzengel, der ein edles Menschenbild
umschwebt. Und so sprachen sie auch zusammen: Judith voll tiefer Sehnsucht nach
dem Frieden der Erlsung; Corona aus dem stillen Frieden heraus, den die
demtige Kreuztragung verleiht.
    Da fuhr ein Wagen heran. Beide riefen:
    Er kommt!
    Ha, da kommt er! rief auch Orest. Ich zwing' ihn gleich, mit mir
fortzufahren!
    Er ri die Pistolen aus dem Kasten und strzte zur Klosterpforte. Der Wagen
hielt, Hyazinth sprang heraus und Orest ihm entgegen, indem er rief:
    Nicht herein! fort mit mir! auf der Stelle fort.
    Als Hyazinth die Stimme seines Bruders erkannte, glaubte er, da dieser
Judiths Taufe verhindern wolle, und ahnungslos ber dessen eigentliche Absicht,
stie er ihn mit eisernem Arm zurck und wollte der Pforte zuspringen, welche
eben von inwendig aufgeschlossen wurde. Als Orest das hrte und nun frchtete,
sein Todfeind werde ihm feig entfliehen, warf er sich ihm in den Weg, und mit
dem wtenden Aufschrei:
    So stirb, Du Elender! drckte er die Pistole auf ihn ab.
    Hyazinth sank zu Boden und seufzte: Jesus Maria!
    In demselben Augenblick rief Lelio:
    Graf Orest, es ist Ihr Bruder!
    Und da die erschreckte Pfrtnerin nicht ffnete, setzte er hinzu laut
rufend:
    Licht! um Gottes Barmherzigkeit! Licht!
    Sie ffnete. Der volle Strahl ihres Lichtes fiel auf Hyazinth, der lang
ausgestreckt am Boden lag. Hyazinth! Hyazinth! schrie Orest mit heiserer
Stimme und irrem Blick.
    Er ist tot! sagte Lelio, der neben dem Entseelten kniete.
    Hyazinth .... vergib mir .... mein Gott! stammelte Orest, setzte die
Pistole in den Mund, drckte ab und sank zur Erde.
    Dies alles fiel mit furchtbarer Geschwindigkeit in ein paar Minuten vor. Die
Oberin erschien voll Entsetzen an der Pforte, als eben Lelio mit Hilfe des
Kutschers Hyazinth hineintrug. Die Kugel hatte ihn mitten durch's Herz
getroffen, und ohne Kampf, fast ohne Schmerz hatte er sein Leben ausgehaucht.
Der milde Ernst, der seinem Antlitz einen so engelhaften Ausdruck gab, ruhte in
der vollen Majestt eines unerschtterlichen Friedens auf seiner marmorweien
Stirn. Dann wurde Orest gebracht. Der Unglckselige lebte, aber die grliche
Verwundung machte ihn fast besinnungslos vor Schmerz. Er konnte nur wimmern,
sprechen nicht.
    Fr den Auftritt, der mit Judith und Corona erfolgte, gibt es keinen
Ausdruck. Sie begriffen das Ereignis gar nicht; Lelio konnte ihnen ja nur den
letzten Akt mitteilen und Orest war sprachlos. Da Florentin dabei gewesen,
wute niemand. So wie der erste Schu fiel, war er die spanische Treppe hinab
geeilt. Aller Wahrscheinlichkeit nach war jetzt ein verruchter Jesuit oder
jesuitischer Dunkelmann weniger auf der Welt! er suchte sich an diesem Gedanken
zu freuen; aber das Gewissen wollte es nicht zulassen. Bei dem zweiten Schu
floh er entsetzt von dannen. Da war Unheil geschehen! Ist nicht meine Schuld
.... nicht meine Schuld! wiederholte er vor sich selbst halblaut, um die stumme
Sprache des Gewissens zu bertuben. Aber seine Pulse klopften wie Hmmer, und
Schweitropfen standen auf seiner kalten Stirn; ein namenloses Grauen berfiel
ihn - das entsetzlichste, was es auf Erden gibt - das Grauen vor sich selbst.
Fort! zu Rita! zu Rita! rief er. Wer war Rita? ein schnes elendes Weib -
Gaetano's Frau!
    Lelio schickte sogleich den Wagen nach einem Wundarzt, der schleunig kam und
auch einen Verband anlegte, doch gleich erklrte, der Verwundete werde
schwerlich den Tag durchleben und das sei zu wnschen wegen seiner folternden
Schmerzen. Auch der Hausgeistliche war gerufen, aber vergeblich, wie es schien,
da Orest nicht bei Besinnung war. Corona kniete neben ihm, gefoltert wie er,
aber von Mitleid und von Seelenangst.
    Betet, betet! sagte sie zu einigen Ordensfrauen, die mit grter
Schnelligkeit ihm ein Lager bereitet und den Entseelten in ein anderes Zimmer
getragen hatten; o betet vor dem Sanktissimum, da er nur eine Minute zum
Bewutsein gelange, und mit einem Akt der Reue vor dem ewigen Richter
erscheine.
    Es knieen schon zwei Schwestern in dieser Intention vor dem Sanktissimum,
entgegnete die Oberin; und die Messen, die heute gelesen, und die heiligen
Kommunionen, die empfangen werden, wollen wir smtlich dafr aufopfern.
    Gott vergelts! sagte Corona; denn ich ... ich kann nicht beten .... ich
chze nur!
    Es war ein Jammer sie zu sehen mit diesem Ausdruck von Seelenangst um den
Sterbenden, ihr prchtiger Anzug mit seinem Blut berstrmt, die Spitzen
zerrissen, Handschuhe und Taschentuch blutig am Boden. Sie dachte nicht an
Felicitas, nicht ihren Vater und Uriel rufen zu lassen. Sie dachte nur daran,
da hier eine Seele in der vollen Ungnade Gottes von der Erde abscheiden knne.
    So weit gingen Judith's Gedanken nicht. Sie machte es gerade umgekehrt, wie
Florentin. Meine Schuld! meine Schuld! seufzte sie in stumpfer Trostlosigkeit.
Mord und Selbstmord - meinetwegen! zwiefache Mrderin! Sie fiel aus einer
Ohnmacht in die andere. Der Gegensatz zwischen der heiligen Feier, zu der sie
aus allen Krften ihres geistigen Wesens hinstrebte und verlangte - und dieser
blutigen Tragdie war so gewaltsam, so unerwartet, da sie von diesen
Schrecknissen aus ihrer hohen Spannung herausgerissen und bis zur Ohnmacht
bermannt wurde.
    ber diese Bilder des Jammers brach der Tag an, sanken die Nebel, ging die
Sonne golden auf. Nichts nderte sich in Orest's Zustand.
    Wenn doch Pater Bonaventura kme - oder fr ihn betete, sagte eine
Laienschwester zu dem Hausgeistlichen, der mit Lelio und Corona das Sterbebett
bewachte.
    Wer ist das? fragte Corona.
    Ein frommer Kapuziner, den man sehr verehrt, und zu dessen Frbitte man
viel Vertrauen hat, entgegnete der Geistliche.
    Ich hole ihn! rief Lelio. Der Wagen ist noch immer bereit. Er eilte
hinaus und fuhr eilig zum Kapuzinerkloster auf dem Platz Barberini am andern
Ende von Rom. Ein weiter Weg! In dumpfer Angst harrte Corona. Jede Minute
erschien ihr wie eine Ewigkeit, und wie manche Minute mute vergehen!
    Judith schleppte sich auf den Knien zu Corona.
    Hassen Sie mich! sagte sie tonlos. Es wird mir ein Trost sein, so
verabscheut zu werden wie ich es verdiene.
    Die christliche Seele hat nie, erwiederte Corona. Wie knnte ich hassen
so bitterer Todesnot gegenber. -
    Endlich kam Lelio und mit ihm Pater Bonaventura. Als er eintrat, riefen
Corona und Judith:
    Herr Ernest! - und es war, als empfnden sie einen inneren Trost durch
seine Ankunft.
    Lelio hatte ihn bereits von dem ganzen Vorfall und den betreffenden Personen
in Kenntnis gesetzt.
    Retten Sie seine Seele! flehte Corona.
    Wo so viel fromme Seelen schon beten und mit Gottes Gnade Erhhrung finden
werden, da ist mein unwrdiges Gebet recht unntz, sagte er demtig.
    Die Pfrtnerin trat ein und meldete, da Corona's Kammermdchen hchst
beunruhigt Nachfrage um die Grfin halte. Niemand wisse, was aus ihr geworden
sei, und der Herr Graf habe so eben den Diener nach dem Hotel Meloni geschickt.
    O mein unglcklicher Vater .... bringen Sie ihm die Schreckenskunde!
seufzte Corona zu Pater Bonaventura gewendet.
    Vor einem solchen Auftrag darf man zittern, sagte er und ging zu Graf
Damian.
    Nicht zehn Minuten verstrichen und er kam mit dem unglcklichen Grafen
zurck, der gebrochen, wie ein siebzigjhriger Greis, vom sterbenden Orest zum
entseelten Hyazinth wankte. Bald darauf kam auch Uriel, bengstigt durch die
Nachfrage nach Corona im Hotel Meloni und durch die Aussage des Portiers, da
Graf Orestes gegen fnf Uhr morgens mit einem Herrn, der ihn abgeholt, das Hotel
verlassen habe. Die Gruppe der Leidtragenden war vollstndig. Aber Felicitas
fehlte.
    Sie soll kommen, sagte Corona, sie soll eintreten in die Schule des
Lebens - in's Leiden.
    O Raserei der Leidenschaft! sagte Ernest; in Wlfe und Tiger verwandelt
sie die Seelen, welche bestimmt waren, Lmmer des guten Hirten zu sein.
    Als Felicitas kam und sich angstvoll in die Arme ihrer Mutter warf, schlug
Orest seine blutigen geschwollenen Augenlieder auf. Corona seufzte beseligt:
    Gott Dank! ach, lieber Orest, kennst Du uns?
    Seine Augen blickten: Ja! Er konnte weder sprechen, noch den Kopf bewegen;
das ganze Untergesicht war zerschmettert. Alle traten zu ihm heran klagend,
fragend, trstend. Er konnte nichts tun, als mit bittenden Augen sie ansehen und
einen mhseligen Versuch machen, seine Hnde zu falten. In einem Winkel des
Zimmers, ihr Gesicht auf einem Stuhl verbergend, niemand beachtend und von
niemand beachtet, lag Judith. Jetzt schleppte sie sich an's Bett und sagte:
    Graf Orestes, knnen Sie mir vergeben?
    Bei dem Ton ihrer Stimme fuhr er zusammen, schlo die Augen und machte eine
sanfte Handbewegung.
    Er verzeiht mir und will mich nicht sehen: so mu es sein! sagte sie,
kte Corona's Hand und begab sich in das andere Zimmer zu Hyazinth's Leiche.
    Willst Du das heilige Busakrament empfangen? fragte Corona zrtlich ber
Orest gebeugt.
    Er bejahte es in seiner Weise, und man lie Pater Bonaventura allein bei
ihm. Durch die Fragen, welche dieser ihm mit einer Prcision vorlegte, die es
mglich machte, sie durch Pantomimen zu beantworten, stellte sich die Beruhigung
heraus, da Orest keinen Mord, am wenigsten einen Brudermord beabsichtigt -
sondern im Wahnwitz der Leidenschaft den ersten - in besinnungsloser
Verzweiflung den zweiten Schu getan habe. Da Orest kaum je eine solche Reue und
Aufrichtigkeit bei dem Empfang des Busakramentes gehabt haben mochte, als eben
jetzt mit dem gewissen Blick auf sein nahes Ende, so war diese letzte Beicht
vielleicht die beste seines ganzen Lebens. Die heilige Wegzehr konnte man ihm
wegen seiner Verstmmelung nicht reichen. Allein die letzte lung strkte ihn zu
dem grausigen Todeskampf, den er zu bestehen hatte. Gegen Abend war er
verschieden und, wie zu hoffen war, in der Gnade Gottes.
    Judith hatte schon vorher durch Pater Bonaventura die Nottaufe empfangen und
war dann in einem bewutlosen Fieberzustand in ihren Palast zurckgebracht und
durch Lelio ihrer Mutter bergeben worden. Sie schwebte sechs Wochen lang
zwischen Leben und Tod. Das Leben siegte und die Gnade auch: nach ihrer Genesung
wurde aus der Judith eine Thas.

                              Der letzte Windecker


Im Koliseum am Fu des Kreuzes sa Uriel. Der glhende Sonnenuntergang tauchte
den rtlichen Travertinstein der Riesenruine in flammendes Rot. Sie sah aus wie
in Blut gebadet. Die stillen, dunkeln, unbeweglichen Cypressen - diese Bume der
Trauer und der Grber - schauten von Monte Clio, durch die gebrochenen Arcaden
des Koliseums melancholisch in die Arena hinein und auf den stillen Kmpfer, der
dort in den Tiefen seines Herzens eine Geisterschlacht bestand. Auf dieser
Sttte verhauchte der heil. Ignatius Bischof von Antiochien, unter den Zhnen
der Lwen seine Seele; der heilige Greis, der diejenigen, die ihn retten
wollten, anflehte: Lat mich ein Nachfolger der Leiden meines Gottes sein! Zu
dieser Sttte und mit diesen Worten hatte Levin Uriel gesendet, und Uriel
betrachtete sie als ein Vermchtnis des seligen Greises, der ihn so sehr geliebt
und so gut gekannt hatte. Sollte er es nun im vollen Umfang annehmen? das war
sein Kampf. Der Zug der Seele, die innere Stimme, das Verlangen des Geistes
trieben ihn dazu an; aber die Natur wehrte sich. Der himmlische Mensch sehnte
sich nach der unbegrenzten Hingebung an das vollkommenste Opferleben unter den
evangelischen Rten; der irdische Mensch entsetzte sich vor einem solchen Opfer.
Die furchtbaren Erschtterungen der letzten Zeit, verbunden mit diesem inneren
Kampf, prgten sich durch den Ausdruck tiefen Leidens in seinen Zgen aus. Mit
geschlossenen Augen, die bleiche Stirn in die Hand gesttzt, sa er am Fu des
Kreuzes - dieses wunderbaren, armseligen, hlzernen Kreuzes, welches als eine
Reliquie von Golgatha, in seiner Unscheinbarkeit das ganze Koliseum berragt.
Wie in inneren Gesichten zogen Bilder auf Bilder durch Uriels Seele. Er sah die
geheimnisvollen Gnadenstrme, welche vom Kreuz ausgehen; er sah die Gottestaten,
welche in den Menschenschicksalen still sich erfllen; er sah aber auch den
Widerstand des Menschen gegen Gnade und Heil und wie gerade in seiner Familie
die Gegenstze so schroff auseinander gingen. ber ein halbes Jahrhundert war
der gottselige Priester, Onkel Levin, der geistige Mittelpunkt der Familie, der
Ruhepfeiler des Hauses gewesen, aus dessen Flle sie alle schpfen, von dessen
Reichtum sie alle zehren, an dessen Kraft sie alle sich lehnen konnten. Er war
so recht der Priester, den Gott der Welt gibt als seinen Helfer und
Mitarbeiter, wie der Apostel Paulus sagt, und der kein anderes Streben kennt,
als die Welt geheiligt an Gott zurckzugeben. Die einen entsprachen seinem
Streben; die andern nicht. Zu glnzender Blte entfaltet sich in Regina Gnade
und geheiligter Wille, Gottestat und eigene Mitwirkung. Ihr Einflu zog die
ganze Familie, jeden in seiner Art, zum Gnadenleben, zur Liebe der himmlischen
Dinge hin: sie brachte Hyazinth zum Entschlu - vielleicht zum Bewutsein ber
seinen Beruf. Sie snftigte ihren Vater aus dem starren Widerspruch der
Selbstsucht in das Opfer seines Lieblingswunsches hinein. Sie warf in Corona's
junge Seele ein strahlendes Beispiel, wie man die Welt berwindet. Sie bte auf
Uriel selbst einen so berwltigenden Einflu, da er auf dem Punkt stand, die
Wege der vollkommenen Entsagung einzuschlagen und von allen Gtern des Daseins
nichts zu whlen, als das Leiden aus Liebe, als den Dienst Gottes im unbedingten
Opfer. Und zu dieser himmlischen Macht hatte sie sich erschwungen unter einer
Flut von Mibilligung und Widerspruch. Die Familie und die Welt hatten nur Tadel
fr ihre Neigung und ihren Schritt. Kein Lob, keine Ermunterung wurde ihr zu
Teil. Niemand erleichterte ihr Opfer; Jeder erschwerte es; aber allen wurde es
zur Gnade. Nicht umsonst war ihr Wahlspruch: Solo Dios basta. - - Und dieser
Tochter Gottes gegenber stand Orest unter der Signatur des natrlichen Lebens,
verloren an das Irdische, geknechtet von Leidenschaft unerweckbar aus dem
Opiumrausch und dem schweren Schlaf der Snde, bis zu jener furchtbaren
Katastrophe, die seine zgellose innere Verwilderung herbeifhrte. Taub gegen
die Stimme der Vernunft, der Pflicht, der sittlichen Wrde, der Religion,
berlie ihn Gott den Gelsten seines Herzens - und als er sich ihnen mit voller
Entschiedenheit und bis zur Verachtung der heiligsten Schranke hingab: da
strzte er in den Abgrund und ri all' die Seinen in ein Meer von Schmerz
hinein. Gegen den Willen Gottes hatte er sich emprt: da verfiel er, auf
Zulassung Gottes, dem Verhngnis, das mit eigener und fremder Leidenschaft ihn
umspann. Die Welt, die fr eine Regina nur bittern Tadel oder ein verchtliches
Achselzucken kannte, hatte fr Orest kaum einen Anflug von Mibilligung, und
htte sie Reginas Ende gekannt und mit Orests verglichen, so wrde sie ohne
Zweifel seinen Tod, als ein hchst tragisches Opfer der Leidenschaft, unendlich
viel interessanter gefunden haben, als ihren Opfertod der heiligen Liebe. Und
dennoch bot der Gott, den Orest verachtete, ihm in seinen letzten Stunden die
Vershnung an - und das vor Selbstsucht erstarrte Herz, das hherer Einsprache
unzugnglich war, mute erst im Herzblut des Bruders schmelzen und zermalmt
werden, bevor es sich in das Blut Gottes mit all seinem Elend und seiner spten
Reue untertauchte.
    O, das Opfer! das Opfer! sprach Uriel zu sich selbst - es ist allmchtig bei
Gott. Es nimmt Teil am Kreuz, es nimmt Teil an der Rettung der Seelen, welche
die Folge der Kreuzigung ist. O Herr! o gekreuzigter Heiland, la mich Dir
dienen! la mich das Opfer meiner geliebten verklrten Seelen fortsetzen, zu
Deiner Verherrlichung und la mich zu meinem Heil Bue tun fr meine Snden und
fr den Armen, der hienieden nicht Bue tun konnte! O da ich wrdig wre, ein
Nachfolger der Leiden meines Gottes zu sein! -
    Eine gute wohlbekannte Stimme weckte ihn aus seinem tiefen Sinnen. Pater
Bonaventura hatte ihn schon einige Zeit mit ernster Teilnahme von fern
beobachtet. Jetzt sagte er:
    Graf Uriel! Sie drfen nicht in dieser Jahreszeit und zu dieser Stunde im
Freien sitzen. Das ist sehr schdlich! der Abendtau fllt.
    Und Sie, mein Pater, gehen barhaupt und barfu durch Tau und Regen, durch
Sonnenglut und Wintersturm, entgegnete Uriel.
    Ah, ich! das ist etwas anderes! sagte Pater Bonaventura, indem er sich zu
Uriel setzte, whrend sein Gefhrte die Stationen betete.
    Nun Sie! sind Sie nicht ein Mensch wie ich? und berdies .... schon recht
bejahrt?
    Mein heiliger Ordenshabit bringt das so mit sich. In meiner Kindheit bin
ich ohnehin barhaupt und barfu gelaufen! da ist es nicht schwer, diese
Gewohnheit wieder anzunehmen. Und wre es schwer, so htte das auch nichts zu
sagen! der Weg von Gethsemane nach Golgatha war dem gttlichen Heiland auch
schwer.
    Mein Pater, weshalb wurden Sie Kapuziner?
    Um ein wenig Bue zu tun, Herr Graf.
    Fr fremde Snden - nicht wahr?
    Die Welt nennt nur Mord und Totschlag, Brandstiftung, Ruberei und was in
diese Kategorie fllt - Snde, und da ein Mensch, ohne solche Verbrechen
begangen zu haben, von der Erkenntnis seiner tiefen Sndhaftigkeit durchdrungen
und von Schmerz ergriffen werde, die unendliche Liebe Gottes tglich und
stndlich beleidigt zu haben - das fat sie nicht. Sie denkt, da hinter dem
Bugeist entweder groe Missetaten, oder der Drang stecken msse, fr andere
genug zu tun. Hat mich nun zwar Gottes Gnade davor bewahrt, ein Ruber oder
Mrder, ein Spieler oder Trunkenbold zu sein: so versichere ich Sie, da ich
dennoch schwer genug an meinem Pckchen Snden trage. Als der heilige Vater aus
Gata zurckkehrte, verlie ich meine Heimat und meine Familie und ging nach Rom
- fr das der Maler und der Katholik stets eine Vorliebe hat. Die Erlebnisse der
Revolutionsjahre waren derart, da ich sie nicht vergessen konnte. Was war der
letzte Grund dieser Revolutionen? Jeder suchte seinen Willen durchzusetzen;
keiner dachte daran, den Willen Gottes zu tun. Jeder betrachtete die Welt als
sein ihm gebhrendes Opfer; keiner wollte Opfer bringen. Diese Erkenntnis fhrte
mich in mich selbst zurck und ich suchte in mir nach Opfern, die ich Gott
zulieb gebracht haben knnte. Ganz ngstlich suchte ich .... und es schien mir
auch wohl, als htte ich dies und das und jenes zum Opfer gebracht und in die
durchwundeten Hnde meines Heilandes gelegt; nur war das alles so entsetzlich
gering! Woran ich aus ganzer Seele hing und was ich liebte wie mein Leben - das
hatte ich ganz still fr mich behalten. Das war nicht Geld und nicht Gut, das
war nicht Ruhm und nicht Sinnenlust; das war meine Unabhngigkeit, wie ich es
nannte; meine Wanderlust, meine Freiheit, meine Ungebundenheit; zu kommen, zu
gehen, nirgends gefesselt zu sein, durch die Welt zu ziehen, wie es mir gefiel.
Ich durfte es tun! ich verletzte keine Pflicht dadurch! Aber es war nun einmal
dies Licht von wegen des Opfers mir aufgesteckt .... und wo ich ging und stand,
und was ich tat und trieb - eine Stimme sagte mir: Das ists, was du Gott zulieb
opfern knntest! willst du nicht? willst du nicht? Da ging ich in mich und
sprach zu mir selbst: Die Stimme kommt von Gott! so spricht nicht der Teufel,
nicht die Welt, nicht Fleisch und Blut. Ich hre sie, ich verstehe sie, ich mu
ihr folgen. Da ging ich zu den Kapuzinern am Platz Barberini und vor dem Bilde
in ihrer Kirche, das der Erzmaler Raphael vom Erzengel Michael gemalt hat,
flehte ich St. Michael an, der Fhrer meiner Seele zum Himmel zu sein - ging an
die Klosterpforte und bat um Aufnahme als Laienbruder, denn an den heiligen
Priesterstand dachte ich armer Priester nicht im Traum. Die Vter wollten mich
aber auch gar nicht als Laienbruder aufnehmen, meinten, ich kme ein
Vierteljahrhundert wenigstens! zu spt - und dies und das. Ich war jedoch Zeit
meines Lebens eigensinnig und bat und betete so lange, bis man mich
versuchsweise annahm. Nun hatte ich, was ich wollte - nmlich nichts mehr. Nun
war ich froh und merkwrdigerweise! nun fhlte ich mich wundersam frei. Wie das
Fischlein in seinem Element, schwamm ich im sen, im angebeteten, im heiligsten
Willen Gottes, indem ich meinen Oberen gehorchte und die heilige Ordensregel
beobachtete. Nur einmal kam ein Choc - ein gewaltiger. Nicht des Ordens
Laienbruder - sondern Priester sollt ich werden - ich Armseliger! Das grmte
mich furchtbar. Ich dachte, ich wrde dem Orden Schmach und Schande bereiten.
Ich strubte und wehrte mich - aber diesmal waren die Oberen noch eigensinniger
als ich und ich mute gehorchen. Nun, ich war ja Kapuziner geworden, um zu
gehorchen und um im Opfer meines Willens - das ja immer eine Bue fr die
sndige Natur ist - die selige Freiheit von der Last meines Ichs zu finden; also
ich gehorchte in Gottes Namen. Und so, Graf Uriel, treffen wir uns hier in Rom,
bei mannigfachen Leiden in Ihrer Familie, die mir unvergelich geblieben ist -
und am Fu des Kreuzes.
    Wir werden uns hoffentlich auch noch anderswo treffen, mein Pater, sagte
Uriel, denn auch ich gedenke Kapuziner zu werden.
    Unsinn! rief Pater Bonaventura, Sie - und Kapuziner! Sie - Graf, reich,
hoch- und feingebildet, dazu der letzte Ihres Hauses ... -
    Gerade das ists! rief Uriel, der letzte des Hauses nimmt die ganze
Erbschaft an. Aus Onkel Levins und Hyazinths Hand fllt der heilige Kelch mir
zu, den der Priester mit dem Blute Gottes fllt, und aus Reginas Hand - die drei
Ngel, wie sie sie nannte, die drei Rubinen der heiligen Ordensgelbde. Das ist
ein himmlisches Erbe.
    Aber Sie vergessen das irdische.
    Gott Dank, dem hab' ich lngst entsagt.
    Vergessen, da Ihre Familie mit Ihnen ausstirbt.
    Mein Pater! was der Welt not tut, sind nicht groe und hochklingende Namen,
sondern es ist die Bekehrung jedes einzelnen zu Gott, besiegelt durch sein
Opfer.
    Aber diese Opfer sind verschieden, Graf Uriel. Sie knnen sie auch auf
Windeck bringen.
    Jeder bringe sie nach seinem Ma und seiner Erkenntnis, mein Pater. Als Sie
vorhin sagten, Ihre geliebte Unabhngigkeit htten Sie ganz still fr sich
behalten, da sprach mein Gewissen: Das tue ich auch und in viel hherem Grade,
denn ich verschleudere in Unttigkeit meine Tage, die Gott mir gegeben hat, um
ihm zu dienen.
    Dienen Sie ihm in der Welt, Graf Uriel.
    Die Welt, mein Pater, ist so vermorscht und verwest, da man bei jedem
Schritt in ihrem Moder von Lge und Sinnlichkeit versinkt und ihr nur dadurch
helfen kann, da man sich auerhalb ihrer Strmung hlt, um die Schiffbrchigen
und die gefhrlich Schwimmenden zu retten. Wenn sich der Masse der abgefallenen
Geister gegenber nicht andere erheben, welche sich der Gnade in die Arme werfen
und genau den entgegengesetzten Weg gehen, den die Welt geht - mit einem Worte:
die es so machen wie Sie, mein Pater! was soll dann aus dem Christentum werden.
    Ich bin nicht der letzte Windecker, Graf Uriel! soll der im Kapuzinerhabit
verschwinden?
    Mein Pater, die Scipionen, die Flavier, die milier - das waren ganz andere
Namen! und sie verschwinden mit dem Christentum in dem Schatten des Kreuzes.
    Werden Sie lieber Jesuit! Sie sind so fein gebildet.
    Der Weltgeist hat den Jesuiten. Im Ha liegt ein Etwas, das meiner
Eigenliebe schmeicheln knnte. Der Weltgeist verachtet den Kapuziner: Verachtung
kann ich nur durch Gottes Gnade ertragen - und da ich leben und weben will nach
der Ordnung der Gnade, so werde ich Kapuziner.
    Oho! Graf Uriel, Sie scheinen ja schon alles recht grndlich berlegt zu
haben.
    Und kam doch nicht zum Entschlu .... als hier auf der Sttte der Martyrer,
deren Blut auch fr mich geflossen ist und mich zur Nachfolge einladet.
    Amen, sagte Pater Bonaventura.

Es sind jetzt vier Jahre seit diesen Begebenheiten vergangen. Judith ist in die
Kongregation von Unserer Lieben Frau zu Sion eingetreten. Sie heit Schwester
Thas. Sie verzehrt sich im Dienst der Seelen, ganz Hingebung Demut,
Opferfreude. Aber nie hat man sie lcheln sehen und die Blsse des Todes weicht
nie von ihrem Antlitz: sie wandelt zwischen zwei Leichen.
    Uriel hat sein Noviziat und seine theologischen Studien in Rom gemacht, und
ist dann zur Mission der Kapuziner nach Amerika gegangen.
    Fr Florentin, der sein jammervolles Leben fortfhrt, heit es noch immer:
Gottes Mhlen mahlen langsam, langsam, aber trefflich fein. Er ist der sinkenden
Welt so ganz hingegeben, wie jene der aufsteigenden.
    Zu Windeck lebt Corona bei ihrem Vater. Auf die Sttte, die ihrem kindlichen
Auge als die schnste der Erde erschien, hat der Ratschlu Gottes sie
zurckgefhrt. Ihr milder Einflu und die herben Prfungen der Vergangenheit
haben Graf Damians Herz der Welt abgerungen. Das schnste Verhltnis besteht
zwischen ihm und seiner Tochter, und breitet sich segensreich ber all seine
Umgebungen aus. Auf der Terrasse des Schlosses spielt ein frhliches,
weigekleidetes Kind von sieben Jahren, der Trost seiner Augen und die Freude
seines Herzens - Felicitas, die Erbin des ganzen Vermgens der Windecker. Corona
erzieht sie so, da sie ihrer Namenspatronin Ehre mache und in deren Sinn. Als
man die heilige Felicitas zum Kampf mit den wilden Tieren in die Arena fhrte,
fragte man sie, hhnisch auf ihren Namen anspielend: Wo ist nun dein Glck? Sie
aber antwortete:
    Nicht hienieden.

                                    Funoten


1 Auf ein Merkzeichen in ihrem Brevier hatte die heilige Therese geschrieben:

Nada te turbe,
Nada te espante,
Todo se pasa,
Dios no se muda,
La pacienzia,
Todo se alcanza;
Quien a Dios tiene,
Nada le falta;
Solo Dios basta.

Der selige Cardinal Diepenbrock in seinem Geistlichen Blumenstrau߫ hat es
bersetzt:

Nichts soll dich ngstigen,
Nichts dich erschrecken,
Alles vergehet,
Gott bleibt derselbe.
Geduld erreicht alles.
Wer Gott besitzet,
Dem kann nichts fehlen;
Gott nur - genget!

2 Die Ermordung der Herzogin de Praslin durch ihren Gemahl, im Sommer 1847.

3 Edgar Quinet.

4 Epiphanes, ein Gnostiker, drang auf Gemeinschaft der Gter und Frauen.

5 Glaubt der Papst, da durch seine Exkommunikation meinen Soldaten die Waffen
aus der Hand fallen werden?

6 Die Welt besitzt dich, ohne dich zu kennen.

