
                                 Ruppius, Otto

                          Das Vermchtnis des Pedlars

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                                  Otto Ruppius

                          Das Vermchtnis des Pedlars

                         Folge des Romans: Der Pedlar

                                       I.

Ein prachtvoller Morgen lag ber dem Mississippi. Unten wlzte der Strom seine
gelben Fluten, denen man es ansah, da sie aus dem westlichen Lande krzlich
erst allen Winterschmutz aufgenommen hatten; aber am linken Ufer, das vom Wasser
allmhlich aufwrts steigt, bis der dichte Wald den weiteren Blick versperrt,
lagen einzelne kleine Farmen mit ihren roh gezimmerten Husern und Einzunungen,
zwischen denen sich eine Fahrstrae hinauf nach dem Walde hinzog. Dort oben war
eben ein Mann aus den Gebschen getreten, sah prfend ber die Gegend und scharf
den Flu hinauf.
    Pech, und nichts als Pech, beim Teufel! brummte er nach einer Weile in
deutscher Sprache und fuhr mit der Hand ber die verdrielich zusammengezogene
Stirn; das kann noch Stunden dauern, bis mir eins von den Booten den Gefallen
thut, sich sehen zu lassen, und noch nichts im Leibe als ein altes Stck
Welschkornbrod, das kein deutscher Holzhacker verdauen knnte.
    Er setzte sich langsam auf einen umgestrzten Baum, der neben dem Wege lag,
sttzte den Kopf in die Hand und sah, wie in Gedanken verloren, den Flu hinauf.
Nach einer Weile zog er aus dem modischen Ueberrocke, der ihm in Verbindung mit
dem seinen Hute ein ganz respectables Ansehen verlieh, eine groe, plumpe
Schnapsflasche hervor und that zwei lange Zge daraus. Scheulich - Whiskey -
und was fr ein Stoff! brummte er und wischte sich den Mund. Das also, fuhr
er fort, die Flasche vor sich hinhaltend, das ist Alles, was bei der letzten,
grten Speculation, die ich je gemacht, herausgekommen ist. Schne Gegend - es
scheint, mein Stern ist im Untergehen, wie der des Wallenstein.
    Wieder versank er in Gedanken, bis er endlich mit der Hand ber das Gesicht
fuhr, als wolle er die trbe Miene daraus hinwegstreichen. Herr Seifert, fuhr
er in seinem Selbstgesprche fort und richtete den Kopf langsam auf, ich
glaube, Sie verfallen in einen Zustand, den man gewhnlich moralischen
Katzenjammer nennt, der aber, wie Sie wissen, das allerschlechteste Mittel ist,
sich wieder auf die Beine zu helfen. Lassen Sie uns die Verhltnisse ruhig
berlegen. Er setzte die Whiskeyflasche von Neuem an den Mund, that einen
langen Zug, schttelte sich, whrend er den Kork darauf steckte, und lie sie
dann langsam in der Seitentasche seines Rockes verschwinden. Wir sind nach
diesem Lande gekommen, um unsern etwas zu bedeutend gewordenen Schulden und den
Folgen eines kleinen Wechselgeschfts aus dem Wege zu gehen; gut! In Deutschland
wrden wir jetzt wahrscheinlich Wolle spinnen mssen, whrend wir hier aus
freien Fen sind und ein freies Feld vor uns haben, also sind wir in
bedeutendem Vortheil. Als wir in New-York ankamen, haben wir bald erkannt, da
wir zu einem regulren Geschfte nicht taugen, da es hier fr den Klugen viel
profitablere Wege gibt, um in diesem freien Lande Lebensunterhalt und Gelb zu
machen. Wir haben zwar unser mitgebrachtes Vermgen in wenig Monaten
durchgebracht, sind, was andere Leute vielleicht einen Erzlumpen nennen,
geworden - lassen Sie uns, Herr Geifert, die Sache nur immer von der
schwrzesten Seite ansehen - haben aber dabei die Landessprache, die Menschen
und die Verhltnisse perfect kennen gelernt und jetzt einen Fond in uns
gewonnen, der uns nie im Stiche lassen und den uns Niemand stehlen kann. Wir
sind im Augenblicke zwar ohne Geld und ohne alle Hilfsmittel, stecken hier unten
im Sden wie ein verlorener Posten - sind wir aber nicht schon in viel
schlimmeren Lagen gewesen und haben uns mit einem Schlage herausgerissen? Warum
also trbselig sein? Wir sind ein einziges Mal dumm gewesen, eigentlich das
einzige Verbrechen, was es in Amerika gibt - das ist richtig, und die Strafe
dafr fhlen wir jetzt; lassen Sie uns aber sehen, Herr Seifert, ob das wirklich
unsere eigene Schuld war. Wir trafen einen Landsmann in New-York, einen guten
Jungen, aber voll deutscher Vorurtheile, aus dem nur durch die Noch etwas werden
konnte. Wir erkannten das, und um ihn schneller zum Amerikaner zu machen,
benutzten wir die Gelegenheit, um ihm Geld und Uhr zu entfhren. Fr ihn mute
das, trotz einer ersten Verlegenheit, zur Wohlthat werden, und uns half es, um
die nthigen Mittel zu einer Speculation hier im Sden zu erhalten. Soweit ist
Vernunft und Logik in der Sache, die Folge hat es bewiesen. Wir haben den jungen
Mann hier unten wieder getroffen, verwandelt und gestutzt, wie es eben nur die
Noth zuwege bringen kann - und wir machten mit dem Gelde als Anlage unser ganz
angenehmes Geschft am Spieltisch, so gut es sich nur im Hinterwalde unter den
wohlhbigen, harmlosen Leuten thun lt. Warum waren Sie nicht damit zufrieden,
Herr Seifert? Hatten Sie nicht in dem Spielgeschfte noch dazu einen tchtigen
Partner, der hier den reichen Pflanzer vorstellte, immer Kunden zufhrte und dem
Sie mit aller Pfiffigkeit noch nicht beikommen? Warum rgerten Sie sich, da er
den groen Herrn spielte und in allen Familien aus- und einging, was Sie als
offner Spieler und Bankhalter nicht konnten? Das war eigentlich schon dumm;
wurde doch der Gewinn gleich getheilt, war doch selbst unsere letzte Speculation
in schwarzem Menschenfleische, das leicht genug zu entfhren und leicht genug zu
verlaufen war, auf gleiche Profittheile berechnet. Wer hat die ganze Speculation
aber verdorben, sagen Sie doch, Herr Seifert - wie konnte die ganze schlau
eingefdelte Entfhrung der schwarzen Burschen entdeckt werden, und die
Verfolger uns so schnell auf die Fersen bringen, wenn nicht eine ungeheure
Dummheit begangen worden wre? Nur ehrlich, Herr Geifert, wenn wir allein sind -
das warm Sie! Lieen Sie sich nicht ganz verblffen, als Sie mit dem guten
Jungen aus New York hier wieder zusammentrafen? Lieen Sie sich nicht
breitschlagen ihm zu verrathen, wer Ihr Partner eigentlich war, ohne nur danach
zu fragen, warum der das wissen wollte? Beichteten Sie nicht so schn wie ein
unschuldiges Mdchen, nur damit er ber die New-Yorker Geschichte, die ihm Geld
und Uhr gekostet, schweigen sollte? Nun, was war die Folge? Der gute Junge,
dieser Herr von Helmstedt - ich werde den Namen wol nicht gleich wieder
vergessen - war auf derselben Farm angestellt, wo Ihr Partner den Hausfreund
spielte und das schwarze Fleisch entfhren wollte - wundern Sie sich nun noch,
da diesem von der Zeit an auf die Finger gesehen ward, da wir beinahe auf der
That ertappt wurden und ich nur mit knapper Noth die schwarzen Hute in
Sicherheit bringen konnte? Ja, und wenn's nur dabei geblieben wre - nehmen Sie
sich eine Lehre daraus, Herr Seifert, was eine einzige Dummheit zuwege bringen
kann. Sie haben keine Idee von Ihrem Partner wieder zu sehen bekommen, und wenn
er den hitzigen Pflanzern, besonders diesem Mr. Elliot, der um seine Schwarzen
zu kurz kommen sollte, in die Hnde gefallen ist, so haben Sie wahrscheinlich
sein Leben auf dem Gewissen. Das wre indessen noch nicht das Aergste, - haben
denn aber die schwarzen Affen Zutrauen fassen wollen, als er ausblieb? Haben sie
nicht die Sonne beobachtet und gemerkt, da ich sie nicht nach dem Osten in die
Freiheit, sondern weiter nach dem Sdwesten fhrte, wo sie sich das, was mit
ihnen geschehen sollte, von selbst abfingern konnten? Sind sie mir denn nicht
whrend einer schnen Nacht sammt und sonders durchgegangen, und hatten noch
dazu im Nachtquartier so verdchtige Aeuerungen fallen lassen, da ich froh
war, die Fragen des Wirths mit einem derben Stck Gelde, fast Alles was ich bei
mir trug, abschneiden und davon kommen zu knnen? Habe ich mich nicht, um jeder
Gefahr aus dem Wege zu gehen, auf Holz- und Seitenwegen durchschlagen, auf
versteckten Farmen bernachten und mit Welschkornbrod und Schweinefleisch
fttern lassen mssen, und sitze nun endlich hier am Mississippi, ohne etwas in
der Tasche zu haben als die Whiskeyflasche von einem der schwarzen
Schwerenther? Well, Herr Seifert, das sind die Folgen einer einzigen Dummheit,
Sie werden sich das merken. - Im Uebrigen aber werfen Sie jetzt alle trben
Gedanken aus der Seele - wir werden wieder nach New-York kommen, wo unser
eigentlicher Boden ist, und jetzt, wo die erste Nothwendigkeit ist, trotz
unserer leeren Tasche eine anstndige Passage auf einem Dampfboote zu bekommen,
gilt's ein zuversichtliches Gesicht zu zeigen!
    Er richtete sich langsam aus der gebckten Stellung, die er eingenommen,
auf, zog von Neuem die Whiskeyflasche aus Licht und lie den Rest davon in den
Hals laufen. Dann warf er sie mit krftigem Schwunge in den Wald hinein.
    Und so sei jede Verbindung mit diesem Sden von mir gestreift, sagte er
aufstehend; wenn wir nur schon das ganze Land mit seinen Niggern und seiner
Baumwolle hinter uns htten!
    Langsam und fortwhrend den Flu beobachtend, schritt er die Strae nach dem
Landungsplatze hinunter; er hatte diese aber kaum zur Hlfte zurckgelegt, als
hinter einer der Inseln, welche ihm die freie Aussicht auf den obern Theil des
Flusses benahmen, ein paar langgezogene Rauchstreifen sichtbar wurden.
    Jetzt murmelte er vor sich hin, den braunen Schnurrbart streichend und
schrfer zugehend, jetzt bewiesen, da der Seifert noch der Seifert ist.
    In den nchsten zehn Minuten hatte er den Landungsplatz erreicht, wo
aufgestapelte Baumwollenballen und einzelne grobgeschnittene Farmergesichter
neben halbnackten Schwarzen die Ankunft des Dampfers zu erwarten schienen.
    Seifert trat mit nachlssiger Haltung hinzu und beobachtete das
herankommende Fahrzeug, bis sich dessen Formen deutlich erkennen lieen.
    Was ist das fr ein Boot? wandte er sich an den Nchststehenden.
    Die Fashion, Sir! war die Antwort.
    Sie wissen vielleicht den Namen des Capitns?
    Mr. White, Sir!
    Richtig, das ist das Boot, welches ich erwarte; danke Ihnen, Sir!
    Das mchtige Fahrzeug trieb langsam herbei, das Seil flog nach dem Ufer,
wurde dort aufgefangen und befestigt, die Landungsbrcke fiel, und die Schwarzen
begannen die Baumwollenballen hinberzurollen. Seifert betrat raschen Schrittes
das Boot, eilte die Treppe nach dem Salon hinauf und hatte bald die Office
aufgefunden.
    Haben Sie nicht einen Brief fr Henry Wells? fragte er den dort
arbeitenden Clerk.
    Nicht da ich wte, Sir!
    Dies ist doch die Fashion?
    Die Fashion, Sir!
    Dann mu Capitn White den Brief selbst haben. Knnen Sie mir sagen, wo ich
ihn treffe?
    Er ist im Augenblick nach dem State-Room gegangen; dort finden Sie ihn
jedenfalls.
    Geifert wandte sich, eine Miene voll besorglicher Erwartung ber sein ganzes
Gesicht verbreitend, nach der angegebenen Richtung und betrat das allgemeine
Versammlungszimmer, in welchem einzelne Gruppen der Reisenden sprechend bei
einander standen, whrend andere schlafend ober lesend auf den Sthlen und
Divans umherlagen. Der Eintretende blickte einen Augenblick beobachtend umher,
und hielt dann einen der schwarzen Aufwrter, der in seinen Weg kam, an.
    Welches ist Capt'n White?
    Dort bei den vier Herren - der die Mtze trgt.
    Seifert durchschritt das Zimmer wie ein Mensch, der an solchen Orten nicht
fremd ist, und trat zu der bezeichneten Gruppe.
    Capt'n White, nur ein Wort. Ist Ihnen nicht ein Brief an Henry Wells
bergeben worden?
    Ein Brief? erwiderte dieser, sich umdrehend. Sie werden in der Office
nachfragen mssen, Sir!
    Ich war bereits da und dort ist nichts; ich hoffte mit Bestimmtheit, er
msse in Ihren Hnden sein.
    Bedaure Sir, aber ich wei von nichts.
    Seifert's Stirn zog sich in tiefe Falten.
    Well, Capt'n, dann bin ich in einer ganz teufelmigen Patsche, wenn mir
Ihre Freundlichkeit fr den Augenblick nicht heraushilft. Wir sind seit vier
Tagen in der Verfolgung eines nichtswrdigen Kerls begriffen, der dem Squire
Elliot von Alabama vier Schwarze gestohlen hat; ich war mit zwei von unsern
Begleitern einer neuen Spur gefolgt und war von ihnen abgekommen; ich hatte den
Weg verloren und bin erst auf allerhand Holzwegen hier wieder aus dem Walde ans
Tageslicht gestiegen. Ich sollte nach unserer Verabredung durch die Fashion nach
Vicksburg Nachricht erhalten - mein Name ist nmlich Wells - und bin so
glcklich, gerade wo mir der letzte Cent ausgegangen ist, Ihr Boot zu treffen -
haben Sie wirklich keine Nachricht fr mich, so mchte ich Sie freundlichst
bitten, mich nach Vicksburg zu spediren, wo in Zeit von drei Minuten Ihnen das
Fahrgeld erstattet werden soll.
    Der Capitn lie einen Augenblick den prfenden Blick ber ihn laufen.
    Sie haben kein Gepck bei sich, Sir? fragte er dann.
    Ich sage Ihnen ja, Capt'n, da ich in den Wald gerathen bin, ich wei
nicht. wie! war Seiferts eifrige Antwort; htte ich Gepck, so wrde ich nicht
in die Verlegenheit gekommen sein, Sie um das jetzige kurze Vertrauen zu
bitten.
    Sie kennen also Mr. Elliot von Alabama, von dem Sie eben sprachen? begann
einer von den Beistehenden; ich entsinne mich allerdings des Sklavendiebstahls
dort.
    Seifert wandte sich nach ihm und verfrbte sich, aber nur fr einen
Augenblick und ohne eine Miene zu verziehen. Er war einem schwarzen, scharf auf
ihm ruhenden Auge begegnet, das ihn unruhig machte, wenn er sich auch noch
keinen bestimmten Grund dafr angeben konnte. Mr. Elliot habe ich nur ein-oder
zweimal gesehen, erwiderte er, ein hfliches Lcheln versuchend; ich selbst
bin in New-York zu Hause und nur auf einem Ausfluge im Sden. Ich hatte die
ganze Expedition eigentlich nur der Merkwrdigkeit halber mitgemacht, da einige
Bekannte sich daran betheiligten.
    Richtig, Sie waren von New-York nach Alabama gekommen; ich glaube mich
Ihrer noch ziemlich deutlich zu entsinnen, Sir! erwiderte der Andere, ohne den
festen prfenden Blick von ihm zu lassen.
    Seifert ward wieder einen Schatten blsser, aber sein Blick nahm eine
eiskalte Ruhe an. Es ist wol mglich, Sir, wenn Sie sich nicht in mir irren,
erwiderte er; mein Name ist Henry Wells.
    Ihren Namen habe ich nicht gehrt, war die Antwort, und ein sonderbares
Lcheln spielte um den Mund des Sprechenden; ich wollte nur bemerken, da, wenn
unser Capt'n hier Anstand nehmen sollte. Ihnen das Fahrgeld zu creditiren, ich
Ihnen gern mit meiner Brse zu Diensten stehe.
    Seifert's Gedanken schienen durch das Anerbieten fr einen Augenblick aus
allen ihren Fugen geworfen zu sein, wenigstens zeigte sein Gesicht einen
hnlichen Ausdruck; aber der Capitn ri ihn aus der augenblicklichen
Verwirrung.
    Schon recht, Sir. Warum soll ich einem ehrlichen Gentleman nicht so weit
aus der Verlegenheit helfen? sagte er mit derber Gutmthigkeit. Sie finden
mich nach fnf Minuten in der Office, wo ich die Sache ordnen werde. Machen Sie
sich's bequem.
    Dank Ihnen, Capt'n, erwiderte Seifert wieder mit vlliger uerer Ruhe;
vielleicht finde ich einmal Gelegenheit zu einem Gegendienste! Er drehte sich
weg, um die Gruppe zu verlassen. Kaum hatte er aber einige Schritte gethan, als
er den leichten Druck einer Hand auf seiner Schulter fhlte. Er wandte sich um
und sah wieder in das scharfe Auge, dem er so eben begegnet.
    Well, Sir - Mr. Wells ist Ihr Name? begann der Nachkommende, und wieder
spielte ein Lcheln wie leichter Spott um seinen Mund; wenn Sie eben erst aus
dem Walde zum Vorschein gekommen sind, so knnte uns ein guter Brandy nichts
schaden; begleiten Sie mich nach dem Bar-Room.
    Seifert's Auge verschleierte sich, so da Niemand eine augenblickliche
Empfindung darin gelesen htte. Ich danke Ihnen, Sir, und werde in zwei
Secunden bei Ihnen sein! erwiderte er. Mit einer kurzen Verbeugung wandte er
sich hinweg und ging raschen Schrittes aus dem Salon, die Treppe hinab und nach
dem Ausgange des Bootes, wo eben die letzten Stcke der neuen Ladung vom Lande
herbergeschafft wurden. Er trat bei Seite und sah nach dem Ufer. Aufpassen,
Seifert! brummte er; etwas ist hier nicht richtig. Wer ist der Mensch, was
will er und was wei er? Ist es besser, lieber das nchste Boot abzuwarten, als
hier in eine Falle zu gerathen? Er sah eine Minute mit zusammengezogenen
Augenbrauen in die Weite. Nichts knnen sie mir anhaben, gar nichts, kein Zeuge
ist da, der mich meines Theils des Negerdiebstahls beschuldigen knnte; mein
guter Freund Baker, mein nobler Partner, hat das ganze eigentliche Geschft
allein besorgt - im Nothfall aber bin ich Mr. Wells von New-York; wer will mich
etwa verdammen, weil ich zufllig dem Spieler Seifert, der in Alabama sein Wesen
getrieben, hnlich sehe?
    Er warf noch einen letzten berlegenden Blick ans Ufer; dann schritt er, wie
mit seinem Entschlusse fertig, mit kurzem Kopfnicken wieder in das Boot. Als er
in dem untern Raum den Weg nach dem Bar-Room suchte, empfing ihn schon auerhalb
der Thr desselben der Mann mit dem Lcheln, welches ihm so wenig gefallen
wollte; fast schien es, als habe ihn dieser beobachtet.
    Als die Beiden in den Bar-Room traten, klang hinter ihnen das Gerusch der
aufgezogenen Landungsbrcke; die Dampfpfeife ertnte und das Boot drehte sich
vom Ufer nach der Mitte des Stromes. Seifert wandte sich nach dem Fenster und
warf einen letzten Blick nach dem Lande. Der Rubikon ist berschritten; jetzt
heit's Csar sein und sich nicht blamiren! murmelte er zwischen den Zhnen.
    Well, Mister - was trinken Sie? rief sein neuer Bekannter hinter ihm;
entschuldigen Sie, ich vergesse immer Ihren Namen.
    Seifert drehte sich um und trat an den Schenktisch. Mein Name ist Wells,
Henry Wells, aus New-York, Sir, wie ich die Ehre hatte Ihnen schon zweimal zu
sagen, erwiderte er, die Augenbrauen in die Hhe ziehend; bis jetzt war ich
jedoch noch nicht so glcklich, den Ihrigen zu kennen.
    Wiederum zuckte das frhere Lcheln um den Mund des Andern. William Murphy,
heie ich, Sir, sagte er dann, Advokat und in Limestone County, Alabama,
wohnhaft.
    Ich nehme etwas Brandy und Zucker, Mr. Murphy, und freue mich sehr, Ihre
Bekanntschaft zu machen, erwiderte Seifert und bog, ohne eine Miene zu
verndern, den Kopf leicht.
    Der Brandy kam, und der beiderseitige Drink ward genommen. Seifert fhlte
jedoch stets den beobachtenden Blick auf sich ruhen, der ihm nicht gestattete,
selbst eine Examination seines Gesellschafters anzustellen.
    Wollen wir nicht eine Cigarre anbrennen und uns ins Nebenzimmer setzen? man
sitzt dort ungestrt, begann der Advokat nach einer Weile, als Seifert, wortlos
gerade aussah, als wolle er die Natur der verschiedenen Flaschen und Glser vor
ihm studiren.
    Eine Cigarre? Wirklich, das knnte nichts schaden; ich glaube, ich habe bei
dem verteufelten Abenteuer seit zwei Tagen nicht geraucht, versetzte dieser und
griff in die Cigarrentasche, die ihm entgegengehalten wurde.
    Wir finden Feuerzeug hier, rief der Advokat und schritt nach dem andern
Zimmer voran. Seifert folgte, und die zuklappende Thr trennte sie von dem
Bar-Room.
    Well, Sir, es ist hier ganz angenehm, begann der Erstere. Seifert ein
brennendes Zndhlzchen reichend und sich dann bequem in einen der
umherstehenden Lehnsthle werfend. Setzen Sie sich und lassen Sie uns
plaudern.
    Seifert brachte erst mit aller Sorgfalt seine Cigarre in Brand und lie sich
dann langsam nieder. Ich bin zu Ihrer Disposition und ganz Ohr! sagte er,
allem Anschein nach mit vollem Behagen den Rauch von sich blasend.
    Well, es ist eben nichts Besonderes, was ich sagen wollte, erwiderte der
Andere nachlssig, aber etwas Schwatzen vertreibt die Zeit. Eine sonderbare
Sache, dieser Sklavendiebstahl mit allen damit verbundenen Umstnden. Sie werden
jedenfalls den Hauptthter, diesen Mr. Baker gekannt haben, welcher am andern
Morgen, nachdem die Schwarzen verschwunden waren, ermordet gefunden wurde.
    Seifert fuhr auf und starrte den Redenden einen Augenblick an. Ermordet?
Also Baker wirklich ermordet? sagte er, als habe ein pltzlicher Schreck seine
Stimme gelhmt: und von wem? Vom Eigenthmer der Schwarzen, Mr. Elliot?
    Sie scheinen also den Thter ganz genau gekannt zu haben, Sir, - vielleicht
auch seinen Spielgenossen, der mit den geraubten Schwarzen entfloh und leider
von Niemandem weiter als eine Strecke den Flu hinauf verfolgt wurde; - wie hie
er doch? Es war ein Deutscher, wenn ich nicht irre, - wissen Sie es vielleicht?
fragte der Advokat, ohne sich im Geringsten in seiner Bequemlichkeit stren zu
lassen, aber das schwarze Auge scharf auf den vor ihm Sitzenden gerichtet.
    Seifert strich sich mit der Hand langsam ber das Gesicht. Es ist
entsetzlich, Sir, sagte er dann mit halbgeschlossenen Augen, ich habe Mr.
Baker allerdings gekannt, und zwar in New-York, wo er sich hufig aufhielt. Es
ist entsetzlich, so pltzlich eine solche Nachricht zu erhalten.
    Aber, lieber Herr, - wie heien Sie gleich? Habe wirklich schon wieder
Ihren Namen vergessen - es scheint doch, als wren Sie ziemlich genau von seiner
Betheiligung an der Dieberei unterrichtet gewesen, erwiderte Murphy, und das
frhere sarkastische Lcheln lagerte sich wieder um seinen Mund. Sagten Sie
nicht selbst, als Sie das Boot betraten, Sie seien bei der Verfolgung der
Sklavenruber betheiligt gewesen und dabei vom rechten Wege abgekommen? Dabei
ist nur ein curioser Umstand, und das Lcheln wurde noch schrfer als vorhin, -
da es nmlich, wie ich aus dem Prozesse ber Baker's Ermordung wei, Niemandem
eingefallen ist, den Ruber weiter zu verfolgen. Haben Sie sich das Vergngen
vielleicht auf eigene Faust gemacht?
    Seifert hob langsam die Augenlider und sah seinen Gegner mit einem Auge an,
in dem es schwer gewesen wre, irgend einen Ausdruck zu entdecken. Er war
ziemlich bla, aber keine Miene zuckte. Ich verstehe Sie nicht recht, Sir,
sagte er kalt, und begreife berhaupt nicht, was alle diese sonderbaren
Bemerkungen sollen. Einer Ihrer sdlichen Landsleute wrde sich eine
nachdrcklichere Erklrung erbeten haben, doch wir Nordlnder nehmen derartige
Dinge khler auf. Was wollen Sie denn eigentlich von mir? Mir scheint, Sie
steuern auf den knftigen Staatsanwalt los und wollen einmal versuchen, was sich
aus dem einfachen Factum, da ich fremd und ohne Mittel auf das Boot gekommen
bin, machen lt. Sie haben Recht, es vertreibt die Zeit; fahren Sie also fort.
    Er brachte die Cigarre wieder zum Munde und begann, als berhre nichts seine
Seele, ruhig weiter zu rauchen.
    Der Advokat schlug das Bein ber die eine Lehne des Stuhles und sttzte auf
die andere Arm und Kopf. Ihre Taktik wre gar nicht so bel, sagte er, wenn
Sie nicht Einiges dabei vergen, so z.B. da es Menschen in der Welt gibt,
welche gengenden Grund haben, etwas tiefer in die Art und Weise Ihrer
Sklavenverfolgung einzudringen, die auch vielleicht das Vergngen haben, Sie
genauer zu kennen. So erinnere ich mich eines Abends, der mich gegen fnfzig
Dollars am Spieltisch kostete, und wenn ich Sie genauer betrachte, Mr. Seifert
- er hielt inne, das Auge fest auf seinen Gefhrten gerichtet.
    Nun, erwiderte dieser, sein Gesicht in eine Dampfwolke hllend, mir
scheint, Sie fallen aus der Rolle und wollen nicht nur als Staatsanwalt durch
Ueberraschungen wirken, sondern auch noch den Zeugen in einer und derselben
Person vorstellen?
    Well, Mr. Seifert? -
    Pardon, Sir! mein Name ist Henry Wells, rief Seifert, und die Geschichte
fngt an mir etwas langweilig zu werden. Erlauben Sie einen Augenblick! Er hob
sich rasch, ffnete die Thr zum Bar-Room und sah hinaus - eben so eine zweite,
die in das Mitteldeck fhrte, und schritt dann auf den Advokaten los, der, ohne
seine Stellung zu verndern, Seifert's Benehmen beobachtet hatte, jetzt aber bei
seiner Annherung sich geradeauf setzte.
    Einfach, Sir, was wollen Sie von mir? sagte der Herantretende mit
zusammengezogenen Augenbrauen und bi, die Antwort erwartend, die Zhne auf die
Unterlippe.
    Erstens Ihnen sagen, da ich Sie sammt Ihrer letzten Expedition kenne,
erwiderte der Advokat in voller Ruhe, aber augenscheinlich fr irgend eine
Bewegung vorbereitet, und da ich auch wei, da wol Niemand in Vicksburg Ihr
Fahrgeld bezahlen wird, wenn ich es nicht thue, Mr. Seifert.
    Noch einmal - mein Name, ist Wells, Sir! Aber angenommen, ich wre der
Mann, von dem Sie sprechen, so fliet doch der Mississippi, auf dem wir uns
jetzt befinden, wol nicht in Alabama, und den Sheriff von dort werden Sie
wahrscheinlich auch nicht bei sich haben, um den Mann, von welchem Sie sprechen,
verhaften zu lassen. Warum soll ich also durchaus dieser Mann sein, mit dem ich
vielleicht einige Aehnlichkeit haben mag?
    Verhaften zu lassen - wer hat von dergleichen gesprochen? erwiderte Murphy
mit einer Miene voll Verwunderung, die aber einen leichten Spott deutlich
durchscheinen lie. Ich spiele nur nicht gern Komdie mit, ohne zu wissen
warum, und liebe es, mich gleich in klare Stellung zu Jedem zu bringen. Ich
beabsichtige eigentlich nur, Sie zu fragen, fuhr er fort und legte sich bequem
zurck, ob Sie nicht vielleicht die Reise nach New-York in meiner Gesellschaft
zurcklegen und sich dabei meiner Brse bedienen mchten, da die Ihrige
augenblicklich nicht bei der Hand ist - verstehen Sie indessen recht, der
Vorschlag sollte nur dem Manne gelten, fr den ich Sie hielt, und von einem
Incognito gegen mich kann mithin gar keine Rede sein.
    Seifert sah eine Minute schweigend in das Gesicht des Mannes, der mit seinem
halbspttischen Lcheln zu ihm aufsah; aber kein Zug von Ueberraschung ber den
unerwarteten Vorschlag wurde bei ihm sichtbar. Dann rieb er sich die Stirne,
erhob sich und schritt das Gemach auf und ab. An der Thr des Bar-Rooms
angekommen, ffnete er diese und sah hinaus; eben so examinirte er wieder den
Raum vor der andern Thr und lie sich dann langsam auf seinen frheren Platz
nieder.
    Well, Sir! begann er dann mit vorsichtig gemigter Stimme und setzte
langsam seine Cigarre wieder in Brand, wie ich die Sache ansehe, handelt es
sich jedenfalls um die Ausfhrung eines scharfen Streiches - man macht sonst
dergleichen Anerbieten, wie Sie es eben thaten, nicht so ohne Weiteres. Entweder
soll der Mann, den Sie durchaus in mir erkennen wollen, dadurch zum Bekenntni
seiner Identitt vermocht und so in eine Falle gebracht werden - und das wre
allerdings unter Umstnden ein ganz gelungener Streich - oder es ist irgend ein
subtiles Unternehmen, das nicht Jedermanns Geschmack ist, im Werke, zu welchem
der Mann, den Sie in mir suchen, hilfreiche Hand leisten soll.
    Gar nicht so bel geschlossen, nickte der Advokat, als Seifert eine Pause
machte, um seine Cigarre zum Munde zu fhren; ich freue mich ber Ihre schnelle
Auffassung der Verhltnisse, Mr. Seifert.
    Wells, wenn ich bitten darf, Sir; Wells unter allen Umstnden, diese mgen
sich nun gestalten wie sie wollen, fiel ihm Seifert mit einer kalten Verneigung
des Kopfes in die Rede. Was den ersten Fall anbetrifft, so ist es ganz gleich,
ob ich hier unter vier Augen sagen wrde, ich bin der Seifert, den Sie meinen,
oder nicht - es sollte Ihnen ziemlich schwer werden, zu beweisen, da ich dies
eingestanden - halten Sie mich fr wen Sie wollen, nur, fuhr er mit einem
hflichen Lcheln fort, gebrauchen Sie nicht meinen Namen, der an manchen Orten
eben nicht geeignet wre, mir meinen Weg zu ebnen.
    Also, Mr. Wells, wenn es nicht anders sein soll! erwiderte der Advokat,
sich aufrecht setzend, es scheint, wir beginnen uns mehr zu verstehen.
    Es sollte mich freuen, sagte Seifert, die Asche von seiner Cigarre
schnellend; was den zweiten Fall betrifft, so stehe ich gern bei einem
anstndigen Geschfte mit meinen geringen Talenten zur Verfgung, nur mte mir
dabei volles Vertrauen und der Blick ber das ganze Unternehmen gegnnt werden.
Fr Andere die Kastanien aus dem Feuer zu holen, fuhr er mit seinem frheren
verbindlichen Lcheln fort, und dann die verbrannten Finger als einzigen Lohn
zu behalten, ist eine Erfahrung, die man nicht gern mehrere Male macht.
    Murphy schien eine Secunde lang mit seinem durchdringenden Blick die
innerste Falte von Seifert's Seele ergrnden zu wollen; dann sprang er auf und
trat ans Fenster, in das von den Rdern des Bootes gepeitschte Wasser
hinausschauend. Seifert lehnte sich in seinen Stuhl zurck und schien bald keine
andern Gedanken zu haben, als die Formen der Rauchwolken, die er langsam von
sich blies, zu studiren.
    Gut, Sir, begann nach einer kurzen Weile der Advokat, langsam vom Fenster
zurcktretend, ich glaube mit der nthigen Offenheit nicht viel bei Ihnen zu
riskiren. Es handelt sich um einen Rechtsfall, der gerade in der Gegend von
Alabama spielt, wo fr Sie der Boden jetzt etwas zu hei ist, als da Sie ihn
betreten knnten, falls Sie etwa den Verrther von dem zu spielen gedchten, was
beabsichtigt wird. Auf der andern Seite hoffe ich Ihnen fr die Untersttzung
der Sache einen Gewinn verbrgen zu knnen, der vielleicht Ihre Erwartungen
bersteigt, wenn Sie der Mann sind, den ich brauche und den ich in Ihnen
vermuthe. Ich will Ihnen ehrlich gestehen, da, als ich bei Ihrem Eintritt in
das Boot von Ihrer Verlegenheit hrte und Sie erkannte, mir es fast scheinen
wollte, als habe das Schicksal mir recht absichtlich in den Weg geworfen, was
mir gerade fehlte.
    Seifert blies einen wohlgelungenen Ringel in die Luft. Ich bin vollstndig
bereit zu hren, wenn Sie mich Ihres Vertrauens werth halten, sagte er, und
dann wird es sich ja wol zeigen, ob das Schicksal recht gehabt hat - jedenfalls
wrden Sie uerst nobel handeln, wenn Sie, um in keiner Art einen moralischen
Zwang auszuben, mein Fahrgeld bis New-Orleans hinunter vor unserer weiteren
Besprechung berichtigen wollten. Das Fahrbillet in meiner Tasche wrde Ihnen
grere Brgschaft fr die Aufrichtigkeit meines Entschlusses geben, als es alle
Worte thun knnten.
    Der Andere sah ihn einen Augenblick mit sonderbarem Gesichtsausdrucke an.
Schchtern sind Sie nicht, Sir, und scheinen Ihren Vortheil beim Schopfe fassen
zu knnen. sagte er dann. Was aber, wenn ich nichts zahle, ehe wir nicht mit
einander ins Klare gekommen sind, damit ich doch wei, wofr ich mein Geld
gebe?
    Ihre Sache, Sir, erwiderte Seifert achselzuckend und erhob sich langsam.
Sie sind zu mir gekommen und haben mir ein Geschft angeboten, nicht ich zu
Ihnen - ich habe Ihnen meine erste Bedingung gesagt, unter welcher ich nach
Umstnden vielleicht mich mit Ihnen verstndigen kann, und Sie sollten meine
Grnde dafr wrdigen - convenirt Ihnen das kleine Risico nicht - very well, so
brechen wir ab.
    Und wie gedenken Sie in Vicksburg Ihr Fahrgeld zu bezahlen und von dort
weiter zu kommen?
    Gott im Himmel, das ist doch meine Sache, lieber Herr. Sie scheinen mich
noch immer fr den Vagabunden Seifert, oder wie Sie ihn nannten, halten zu
wollen; was wissen Sie denn von meinen Verhltnissen?
    Schn! lachte der Advokat auf; ich sehe, es ist schlecht handeln mit
Ihnen, und mu ich mein Vertrauen riskiren, so kann es allerdings auf ein paar
Dollars nicht ankommen. Er zog ein wohlgeflltes Taschenbuch aus seiner Tasche
und legte einige Banknoten auf den Tisch. Hier, legen Sie Ihre Hand darauf und
lsen Sie Ihr Ticket selbst, damit ich nicht wieder eine Verwechselung in dem
Namen begehe. Die einzige Bedingung ist nur, da Sie mit mir jetzt ohne
Winkelzge verhandeln, damit wir zum Zweck kommen.
    Im Bar-Room wurden Stimmen laut, die Thr des kleinen Zimmers ffnete sich
und mehrere Reisende traten ein, gefolgt von dem Aufwrter, der einen der Tische
abputzte und ein Packet Karten darauf legte.
    Bleiben wir noch hier oder gehen wir aufs Verdeck, wo sich ganz ungestrt
weiter reden lt? fragte Murphy, dem die Strung augenscheinlich ungelegen
kam.
    Ich gehe mit Ihnen, sagte Seifert halblaut, die erhaltenen Banknoten
zusammenlegend, - Sie haben mir mit Ihrem Gelde eine Arbeit erspart, sonst
htte ich mir meine Reisekosten von diesen Gentlemen hier bezahlen lassen
mssen; - Sie sehen, es fehlt Ihnen gerade noch der vierte Mann, und ich wre
also auch ohne Sie wol schwerlich in Verlegenheit gerathen. Ich bemerke dies
nur, sagte er, die Thr ffnend, da wir uns bei den kommenden Verhandlungen
Beide auf den richtigen Standpunkt stellen. -
    Es war ein prachtvoller Tag, welcher die Beiden auf dem Vorderdeck empfing,
und an beiden Seiten der Brustwehr saen und lehnten Gruppen von Passagieren, um
die frische Luft zu genieen. Murphy fate zwei Rohrsessel und trug sie nach dem
vordersten Ende des Schiffes, wo ein Belauschtwerden unmglich war und jeder
sich Nahende sofort bemerkt werden mute.
    Denken Sie sich folgenden Fall, begann der Advokat mit halbgedmpfter
Stimme, nachdem sich Beide niedergelassen hatten. Ein alter Mann stirbt auf
einer Reise im Hause eines Freundes. Der Todte hat bei Lebzeiten allerhand
sonderbare Geschfte betrieben, und so findet sich unter seinen Papieren, die
einen gar nicht unbedeutenden Nachla ausweisen, auch eine Notiz ber einen
alten Besitztitel, lautend auf ein groes Stck Land in Alabama, den der
Verstorbene auf irgend eine Weise erworben bat. Ich mu Ihnen dabei sagen, da
die Grundbesitz-Verhltnisse in manchen Theilen unseres Staates ziemlich im
Argen liegen, und da mancher Farmer nicht sicher ist, selbst wenn er sein
Grundeigenthum vom Vater ererbt hat, da eines Tages sich nicht ein lterer
Besitztitel findet, welcher ausgestellt ward, als das Land noch nichts werth
war, dann vergessen wurde und von dem ein spterer Besitzergreifer, der sich auf
freiem Boden niederzulassen glaubte, nichts wute; da der Inhaber desselben
Familien aus ihren wohlcultivirten Farmen treiben und sich ruhig, ohne einen
Cent Entschdigung, hineinsetzen kann. Wie es mit dem Besitztitel des
verstorbenen Mannes, von dem ich spreche, sich verhlt, wei ich noch nicht ganz
genau; ist es aber wie ich vermuthe, so steht der grte Theil der Existenz von
mehr als einem unserer reichsten Farmer auf dem Spiel - falls nmlich die Sache
in die richtigen Hnde kommt, die aus ihr etwas zu machen verstehen - und der
Entdecker des Anspruchs kann sich von dem Eigenthmer des lteren Besitztitels,
der auf keinen Fall seinen Vortheil kennt oder auch die Mittel nicht hat, um
einen langwierigen Proce gegen drei oder vier der reichsten Pflanzer zu
beginnen, einen Gewinnantheil bei Durchfhrung des Anspruchs sichern, der ihn
selbst reich machen mu. Ich wei nun, wo sich dieser Besitztitel befindet, und
die Notiz darber, welche sich in dem Nachlasse befand, ist in meinen Hnden,
ohne da ein anderes Auge als das meinige einen Blick darauf geworfen hat. Der
ganze Nachla dieses verstorbenen Mannes ist seinem minderjhrigen
Schwestersohne, der in New-York lebt, vermacht, und als Vormund ber diesen ein
junger Mann bestellt, der erst seit kurzer Zeit in Alabama wohnt, der aber das
ganz besondere Vertrauen des Erblassers genossen haben mu. Ich dachte im ersten
Augenblick daran, ihn von dem Funde in Kenntni zu setzen und halbpart bei dem
einzuleitenden Processe mit ihm oder seines Mndels Interesse zu machen, fand
aber bald heraus, da er durchaus kein Mensch fr Geschfte der Art ist, und
obenein hat er noch die Tochter eines der Farmer zur Frau, gegen welche sich ein
Haupttheil der ganzen Procedur richten mte. Bei ihm wrde ich durch ein paar
unvorsichtige Worte Gefahr gelaufen sein, die ganze Angelegenheit zu verderben,
ehe sie noch begonnen, und so blieb mir, um vielleicht ein Kapital von 200,000
Dollars fr mich selbst herauszuschlagen, nichts brig, als selbststndig einen
andern Weg zu gehen, der, wenn er sich auch etwas holprig gestalten und ich
dabei Hilfe nothwendig haben mag, doch um so schneller und sicherer zum Ziele
fhren mu.
    Der Sprecher machte eine Pause und sah auf seinen Gefhrten, als erwarte er
von diesem eine Bemerkung oder als wolle er den Eindruck seiner Worte auf ihn
wahrnehmen. Seifert aber hatte whrend der ganzen Rede, das Kinn in die Hand
gesttzt, vor sich auf den Boden gesehen und nur durch ein leises Kopfnicken zu
Zeiten seine Theilnahme verrathen. Als er jetzt aufsah, war es nur die vollste
Gleichgiltigkeit, was Murphy in seinem Gesichte entdecken konnte.
    Well, Sir! begann der Advokat wieder, was meinen Sie?
    Well, Sir! worber soll ich etwas meinen? war die Antwort. Sie haben mir
ja, genau genommen, noch gar nichts gesagt!
    Wenigstens doch eine Idee gegeben, welcher Profit bei einem solchen
Geschfte herausspringen kann.
    Seifert strich langsam mit der Hand ber das Gesicht. Ich habe eine
derartige Speculation schon im vorigen Jahre mit angesehen, sagte er kalt; ich
wei, da unter einer Klasse von Advokaten eine Verbindung durch die ganze Union
besteht, um mangelhafte Besitztitel aufzuspren und auf Grund derselben entweder
Processe gegen die bisherigen Landeigenthmer zu beginnen und sie aus ihrem
Besitzthum zu treiben, oder, wo der beigebrachte fremde Anspruch schwerer
durchzufhren ist, sich durch ein respectables Abstandsgeld Schweigen und Ruhe
abkaufen zu lassen - eine ganz angenehme Speculation das, keiner Frage
unterworfen; bei alledem aber immer weit aussehend. Entweder man trifft auf
einen Mann, der Geld hat und sich seiner Haut wehrt - und dann knnen Jahre
vergehen, ehe etwas herausspringt - oder der Mann hat wenig, und dann ist auch
nicht viel zu haben, was der Zeit und Mhe verlohnte.
    Der Advokat wollte ihn unterbrechen.
    Nur noch einen Augenblick, Sir, da Sie meine Meinung wissen wollen, sagte
Seifert. Ich bin bei einer solchen Gelegenheit im Staate New-York einmal mit
dem Posten eines Kundschafters beehrt worden, mchte aber, fuhr er mit seinem
frheren hflichen Lcheln fort, fr alle Zukunft mit derartigen Geschften
verschont bleiben, bei denen, wie es im gewhnlichen Leben mit allen armen
Teufeln geschieht, das eigentliche Talent in Anspruch genommen und, nachdem es
benutzt worden ist, mit einem mageren Knochen zum Teufel geschickt wird. Kann
ich alle Enden Ihres Unternehmens sehen und fhlen, so da ich selbst
beurtheilen kann, was es mir fr meine Betheiligung abwerfen knnte, so werde
ich meinen Entschlu danach fassen - ich will durchaus ehrlich sein und bemerke
Ihnen deshalb, ehe Sie mich in Ihre eigentlichen Plne einweihen, da ich eben
nur meine Mitwirkung versprechen kann, wenn die volle Mitwissenschaft Sie eben
so gut in meine Hnde liefert und mir dadurch Brgschaft fr Ihre Redlichkeit
gegen mich gibt, als Sie mich selbst dadurch in der Hand haben.
    Der Advokat hob, wie in einer unwillkrlichen stolzen Regung den Kopf und
lie den Blick ber die ganze Gestalt seines Nachbars gleiten. Glauben Sie
nicht, Sir, sagte er nach einer kurzen Pause, und ein leichter Hohn legte sich
um seinen Mund, da ich vielleicht ein klein wenig mehr in die Wagschale werfen
und mglicherweise etwas mehr zu verlieren htte als Sie? und da es also wol
unbillig von Ihnen wre, auf solchen Bedingungen zu bestehen? Ich werde Sie, in
Bezug des profitablen Ausganges fr Sie, in jeder Weise sicher stellen. und es
soll Sie nichts an mich binden als Ihr eigener Vortheil - was wollen Sie mehr?
    Sie haben wol Recht; aber etwas, gegen das Sie mir wahrscheinlich keine
gengende Sicherheit geben knnen, erwiderte Seifert mit vollkommen
liebenswrdigem Lcheln und leichtem Achselzucken, ist im mglichen Falle da
Zuchthaus, verehrter Herr! Das aber wrde mir genau so schlecht schmecken als
Ihnen und dagegen kann ich mich nur allein wahren, und zwar nur, wenn ich alle
Fden genau kenne.
    Aus Murphy's Gesicht war einen Augenblick das Blut gewichen. Ich wei
nicht, sagte er, was Sie zu Annahmen berechtigt, fr die nirgends ein Grund
vorhanden ist?
    Durchaus nichts als die Sorge der Selbsterhaltung; ich sehe meinen Weg
immer gern klar vor mir. Sind Befrchtungen, wie ich sie ausgesprochen,
grundlos, desto besser! Um so weniger sehe ich aber auch den Grund ein, warum
Sie mir nicht vollkommenes Vertrauen schenken wollen? Entweder Sie verlangen von
mir einen Theil von Thtigkeit bei Ihrem Unternehmen - und dann ist ein
Verstndni des Ganzen um so dringender nothwendig - oder Sie verlangen nur eine
untergeordnete Beihilfe, und dann finden Sie genug Andere an meiner Stelle, die
vielleicht nicht dieselben Ansprche machen.
    Murphy fuhr sich mit der Hand einige Mal durch die Haare. Und was verlangen
Sie denn zu wissen, da ich noch nicht einmal begonnen habe, Ihnen ein Wort des
eigentlichen Planes mitzutheilen?
    Ich mchte, erwiderte Seifert mit hflicher Neigung des Kopfes, da vor
allen Dingen alle Redensarten wie: Setzen Sie den Fall! womit Sie Ihre
Mittheilung begannen, ganz wegfallen. Geben Sie mir klar und bestimmt den Ort,
die Namen und den Sachverhalt - wobei ich mir natrlich vorausbedinge, da
etwaige Abweichungen von der Wahrheit, die ich in der Zukunft entdecken sollte,
mich jedes gegebenen Wortes entbinden. Entweder Sie vertrauen mir, oder
vertrauen mir nicht, und in dem letztern Falle, was aber durchaus nichts
Beleidigendes fr mich haben wrde, ist eben jedes Geschft zwischen uns
unmglich.
    Der Advokat hob seine Augen zu denen Seiferts, die in diesem Momente seinen
Blick voll aushielten und an seinem Gesichte hingen, wie in der Erwartung von
Erkenntni und Verstndni einer verwandten Seele. Murphy schlug die Augen
nieder, aber aufs Neue aufsehend, begegnete er wieder demselben Blicke.
    Eine secundenlange Pause erfolgte, in welcher die Augen Beider in einander
hingen. Well, Sir, begann dann pltzlich Murphy, wie im schnell gefaten
Entschlusse, ich will Ihnen trauen; hoffentlich sind Sie mein Mann, und der
Teufel ist noch immer ehrlicher gewesen als Diejenigen, welche den Herrgott auf
der Zunge haben. Sie sollen Namen, Ort und die nhern Umstnde von Allem
erfahren, worber ich bereits gesprochen, und dann werde ich Ihnen meinen
weiteren Plan entwickeln. Tusche ich mich in Ihnen, wollen Sie nicht darauf
eingehen, so ist allerdings ein gutes Geschft zur Hlle gefahren, da es
durchaus keinen fremden Mitwisser vertrgt; in anderer Beziehung aber spreche
ich wie Sie vorher: es sollte Ihnen ziemlich schwer werden zu beweisen, was ich
Ihnen von meinen Gedanken verrathen. Nehmen Sie meine Vorschlge an, so wird
mich Ihr eigener Vortheil vor jeder Untreue schtzen.
    Richtig, ich sehe, wir fangen an, uns besser zu verstehen, erwiderte
Seifert mit leiser Ironie. Schieen Sie ruhig und voll los und das Uebrige wird
sich finden.
    Murphy lie nochmals wie berlegend den Blick auf Seiferts Gesicht haften
und sttzte dann Kopf und Ellbogen auf die Schutzwehr des Verdecks. Der alte
Mann, von dessen Tod und Hinterlassenschaft ich Ihnen erzhlte, begann er dann,
ist ein jdischer Pedlar, der im Hause eines Mr. Morton starb, - unweit des
Platzes, wo Sie Ihre Negerentfhrung bewerkstelligten. Er machte Geldgeschfte
fr stliche Huser mit unsern Pflanzern, kaufte Baumwolle auf und verlieh Geld
darauf, und mag so auf irgend eine Weise zu dem alten Besitztitel, den er, wie
es mir sicher scheint, mit allen Ansprchen auf sich hat bertragen lassen,
gekommen sein. Ueber das Nhere darber habe ich mir noch Gewiheit zu
verschaffen. Der eingesetzte Vormund seines Erben ist ein junger Deutscher.
Namens Helmstedt, der seit Kurzem erst als Buchhalter auf Mr. Elliots Pflanzung
beschftigt war, auf demselben Platze, wo Ihr Kamerad Baker mit Ihnen den
Negerdiebstahl ausfhrte, aber dabei ermordet wurde, whrend Sie mit den
Schwarzen schon auf und davon waren. Dieser Mord ist eine ganz verwickelte
Geschichte, die uns aber jetzt nicht kmmert und von der ich Ihnen spter einmal
das Nhere mittheilen werde. Baker hatte sich, wie Sie wissen, in Mr. Elliots
Familie eingefhrt und wrde sicher dort die einzige Tochter des reichen
Pflanzers gekapert haben, wenn nicht eben der junge Deutsche, in den sich das
Mdchen sterblich verliebt hatte, da gewesen wre und es endlich so weit
gebracht htte, da er sich mit ihr gegen den Willen ihres Vaters trauen lie.
    Erlauben Sie einmal, unterbrach ihn Seifert mit groen Augen, Sie sagen,
dieser Herr von Helmstedt habe die Tochter des reichen Elliot geheirathet?
    Genau so; vom Reichthum des Alten, der seine Hand ganz von der ungehorsamen
Tochter gezogen hat, sieht er indessen nicht viel. Er lebt als Musiklehrer in
der Stadt und sucht seiner jungen Frau ganz alle die Bequemlichkeiten zu
erhalten, in denen sie aufgezogen ist - ein scharfes Auge sieht aber recht wohl,
da das bei seiner Beschftigung, so gut sie auch bezahlt werden mag, ein hartes
Stck Arbeit ist und ihm bald tausend Verlegenheiten bereiten wird. Htte ich
mit ihm als Vormund des Erben, welchem der besprochene alte Besitztitel zufallen
mu, Partnerschaft machen knnen, so da er mich zur gerichtlichen
Geltendmachung des Anspruchs als Advokaten angenommen, und wir uns dann in die
Hlfte alles Dessen, was herausgekommen wre, getheilt htten, so wre ihm ein
sorgenfreies Leben sicher gewesen. Es ist aber ein Mensch, der eher zu Grunde
geht, ehe er etwas gegen das thut, was er seine Ehre nennt - er hat das schon in
dein Processe wegen Bakers Ermordung bewiesen, wo er beinahe als Mrder gehangen
worden wre, weil er nicht verrathen wollte, da er die ganze Zeit, in welcher
der Mord vollbracht ward, in seines Mdchens Kammer gewesen, bis das muthige
kleine Ding selbst vor Gericht erschien und seine Unschuld bewies.
    Das ist er - das ist er! nickte Seifert, gerade wie ich ihn schon in
New-York kannte!
    So, Sie kannten ihn bereits, - dann werden Sie mich um so eher verstehen;
und wenn ich Ihnen nun noch sage, da bei dem einzuleitenden Proce unter anderm
auch der ganze jetzige Grundbesitz des Mr. Elliot, des Vaters seiner Frau, in
Frage gestellt wird, so werden Sie begreifen, da ich, um die Angelegenheit zu
meiner Zufriedenheit in die Hand zu bekommen, sie von einer ganz andern Seite
angreifen mu, - Well, Sir! fuhr Murphy mit einem tiefen Athemzuge fort, so
viel ich wei, will dieser Mr. Helmstedt in einigen Wochen nach New-York gehen,
um fr die Zukunft seines Mndels die nthigen Anordnungen zu treffen - dieser
Mndel aber mu verschwinden, ehe der Vormund ankommt; und da der Vormund uns
nicht zu zeitig ber den Hals gerathe, dafr sorgt ein Freund, den ich
zurckgelassen habe.
    Der Advokat lie den Blick gespannt auf Seiferts Gesicht ruhen, als wolle er
den Eindruck seiner letzten Worte darin beachten.
    Und was weiter? fragte Seifert, dessen belebterer Blick allein ein
erhhtes Interesse ankndigte, nach einer Pause.
    Verstehen Sie mich recht! Dem Jungen soll kein Leid geschehen, wenigstens
so weit ich es verhindern kann, fuhr Murphy, seine Stimme noch mehr als bisher
dmpfend, fort. Ich selbst kenne New-York zu wenig, um die Wege zu wissen, wie
man einen Menschen unsichtbar machen, vielleicht nach einer fremden
Himmelsgegend auf Nimmerwiederkommen schicken kann - er hielt wieder inne und
Seifert nickte - das sollte eben ein Theil Ihres Antheils an der Arbeit
werden.
    Seifert rieb sich die Stirn und Augen. Und dann? fragte er.
    Well, war die Antwort, die ganze Familie sind Juden und es drfte mir wol
leicht werden, mit dem nchsten majorennen Erben, einen Vertrag, wie ich ihn
wnsche, abzuschlieen, der ihm einen Gewinn in Aussicht stellt, von dem er
nichts gewut, und dessen Erkmpfung ihn nichts lostet.
    Seifert sah eine Weile vor sich nieder. Gegen den Plan selbst, sagte er
endlich, liee sich kaum etwas einwenden, so weit es meine Betheiligung
betrifft; ber einige andere Punkte aber sprechen wir spter. Die Reise ist lang
genug dafr, und ich glaube, wir thun jetzt besser, abzubrechen, wir bekommen zu
viel Ohren in die Nhe Er erhob sich nachlssig - nehmen wir einen Schluck,
Sir?

                                      II.


Die Dmmerung hatte sich bereits ber eins der nrdlichen Countystdtchen
Alabama's gesenkt, da schritt in einem nur von dem Feuerschein aus dem Kamin
erleuchteten Zimmer ein junger Mann gedankenvoll auf und ab. Dann und wann hielt
er horchend an, wenn sich in der Ferne das Rollen eines Wagens vernehmen lie,
um aber bald wieder, wie getuscht, seinen Gang von Neuem aufzunehmen. Nach
einer Weile trat er zum Fenster, schlug die dicken damastenen Vorhnge zurck
und legte die Stirn gegen das Glas. Mehrere Minuten mochte er so verbracht
haben, als wieder das Gerusch eines Wagens hrbar wurde und ihn aus seinem
Sinnen aufstrte. Ein Cabriolet, eleganter und moderner gebaut, als es in diesen
Hinterwaldsthlern trotz des Reichthums der Pflanzer gebruchlich war, fuhr so
eben an der Hausthr vor; ein junger Mann, dessen Rock- und Hosenschnitt man es
auf den ersten Blick ansah, da seine Heimat im Osten war, sprang heraus und bot
einer neben ihm sitzenden Dame die Hand, an welcher sich diese leicht zur Erde
schwang. Ein ehrerbietiger Gru Seitens des Mannes, ein paar mit einem heitern
Lcheln begleitete Worte der Dame, und er sa wieder im Wagen, whrend sie in
das Haus trat.
    Der Mann im Zimmer war vom Fenster zurckgetreten und hatte sich, die Hand
vor die Augen gedrckt, in den Schaukelstuhl neben dem Kaminfeuer geworfen - die
junge Frau, welche eben den Wagen verlassen, trat ein, legte, mit einem
schnellen Blick ber das Zimmer, ihren Hut auf einen Seitentisch und eilte dem
im Schaukelstuhl Sitzenden zu.
    Guten Abend, August! sagte sie, und zog ihm die Hand vom Gesichte. Ein
ernster, stiller Blick traf den ihrigen. Bist du ein Brummbr? fuhr sie fort,
und es lag ein seltener Reiz von Se und neckischer Laune in ihrer Stimme.
    Der junge Mann setzte sich aufrecht. Wo bist du denn gewesen, Ellen?
    Himmel! warum denn so ein Gesicht bei der Frage, August? rief sie und nahm
seine beiden Hnde in die ihren. Mr. Nelson hat gestern sein neues Buggy
bekommen und lud mich ein, es auf der ersten Spazierfahrt zu versuchen - du
warst doch den ganzen Tag in der Akademie, als da ich dir erst htte etwas
davon sagen knnen!
    Du weit, Kind, da ich dich bat, weder diesem Mr. Nelson noch seinem
Freunde Murphy eine Ermuthigung zu geben, unser Haus zu besuchen; ich traue
ihnen Beiden nicht, wenn ich auch noch keine bestimmten Grnde fr das Gefhl
angeben kann, - und nun fhrst du einen halben Nachmittag mit dem Einen
spazieren. Ich bin schon lnger als zwei Stunden zu Haus und hatte mir
vorgenommen, so Vieles mit dir durchzusprechen.
    Und ist denn dazu nicht jetzt noch Zeit? Nicht wahr, du bist vernnftig,
August? fuhr sie fort und kniete an seiner Seite auf den Teppich nieder, ihre
Arme auf seine Knie legend. Der Schein des Feuers beleuchtete ihr feines und
doch so frisches Gesicht, sie war bildschn in diesem Momente und ihr dunkles
Auge sah mit einem Blicke zu ihm auf, als wisse sie, da sie ihres Eindrucks
sicher sei. Was htte ich denn thun sollen? Ich sa hier und langweilte mich -
vielleicht htte ich Mortons besuchen knnen, um die Zeit hinzubringen; aber es
ist ziemlich weit bis dahin, und Pauline ist seit wir verheirathet sind so still
und kaum mehr die alte; es ist ein trauriges Loos, das sie hat, seit ihr alter
Mann so krnklich ist - da meldete Sarah den Mr. Nelson - sollte ich ihn denn
ohne Grund fortschicken? Er hatte mich schon am Fenster gesehen, er wute, da
du vor Abend nicht nach Hause kommen wrdest; welche Ursache htte ich denn
angeben sollen, um sein Anerbieten abzuweisen? Und ich habe mich wirklich
amsirt bei der Fahrt, August - nicht wahr, du zeigst mir jetzt ein anderes
Gesicht?
    War es denn nicht Grund genug, da du wutest, du wrdest mich betrben -
oder httest du wirklich keine Ausflucht finden knnen, um das Anerbieten des
Mannes abzulehnen? Hre mich, Kind, fuhr er fort, als sich eine Wolke auf der
Stirn der jungen Frau bildete und sie Miene machte, sich zu erheben - du weit,
unter welchen Verhltnissen du mein geworden bist, weit, da wir durch unsere
Verheirathung wider deiner Eltern Willen dem ganzen Stolze deiner reichen
Verwandten und Bekannten ins Gesicht geschlagen haben und da dies auf die
smmtlichen Familien des County zurckgewirkt hat - weit, da sogar unser
Beschtzer Mr. Morton, dem wir allein unser jetziges Glck zu verdanken haben,
darunter zu leiden hat, und da es ihm jetzt doppelt angerechnet wird, eine
junge Deutsche, unsere Pauline, geheirathet und in die hiesige Gesellschaft
eingefhrt zu haben, von der Niemand unter allen den reichen Leuten wei, wer
sie ist, noch aus welchen Verhltnissen sie stammt. Ich hatte mir vorgenommen,
sobald ich diese Verhltnisse erkannte, dem Pflanzerstolze dieser Menschen hier
genug zu thun und deinen Vater mit der Zeit zu vershnen; ich wollte ihnen
zeigen, da sie mich und meine Fhigkeiten brauchen, aber ich nicht sie; wollte
mich nirgends in ihre Gesellschaft eindrngen, aber mir ihre Achtung durch mein
Leben und meine Leistungen erzwingen; ich glaubte, Ellen, du wrdest mir darin
beistehen; der Muth, den du entwickeltest, als es unsere Vereinigung galt, wrde
sich auch bewhren, wenn es heien wrde, durch uns selbst und nicht durch
deines Vaters Einflu oder Geld eine Stellung zu erringen; wir versuchten es
nirgends seit ich meine jetzige Stellung in der Akademie erhielt, uns an die
hiesigen Privatfamilien enger anzuschlieen, wir ersparten uns jede Demthigung,
ich fhlte schon, da ich gerade dadurch anfing, eine Art Boden unter mir zu
gewinnen - und nun fhrst du einen ganzen Nachmittag mit einem Manne spazieren,
den du kaum zweimal gesehen hast, obgleich du wutest, wie wenig ich gerade dies
wnschte - nur weil du dich langweiltest!
    Aber was ist denn Bses darin, was schadet es denn deinen Plnen? ich
konnte die Einladung nicht gut ausschlagen, August! sagte sie, sich langsam
erhebend und den Kopf an das Kaminsims lehnend; ich mache mir nichts aus dem
Manne, aber er gehrt zu den besten Familien des andern County's - ich wei von
Pauline und von dir, da es fr Frauen nicht Sitte in eurem Lande ist, allein
mit einem andern Manne einen Ausflug zu machen - es ist hier, wo wir leben,
anders, das weit du doch, August; und auerdem - er hat meinen Vater
gesprochen, vielleicht gelingt mir eine Ausshnung mit ihm, zeitiger als wir
Beide denken.
    Der junge Mann erhob sich rasch vom Schaukelstuhle und legte die Hand leicht
auf die Schulter seiner Gefhrtin. Ellen, sagte er, und ein tiefes Gefhl
zitterte in seiner Stimme, weit du, als du zu mir kamst und sprachst: Hier bin
ich! als ich dich in meine Arme nahm und dir sagte, da ich noch kein Dach fr
uns Beide htte, als du muthig versprachst, fest an mir zu halten und ich still
die Verantwortung auf mich nahm, dich als ein theueres Kleinod zu erhalten und
zu bewahren - damals wute ich, da die Prfungsstunden fr uns Beide noch
kommen wrden - nicht die durch Noth, dagegen war ja gesorgt; aber ich sah
voraus, was sich bei der verschiedenen Stellung von uns Beiden noch zwischen uns
drngen werde. Sieh, Ellen, es ist leichter, durch Ereignisse gedrngt und in
der frischen Aufregung des Gefhls den gewagtesten Schritt zu thun, und alle
Folgen auf sich zu nehmen, als im ruhigen Gang der Verhltnisse sich freiwillig
und consequent einer Unannehmlichkeit zu unterziehen -
    Aber, lieber Himmel, was hat denn das Alles mit meiner unschuldigen
Spazierfahrt zu thun? rief sie, den Kopf erhebend, mit einem Beben in der
Stimme, als sei ihr das Weinen nahe.
    Ich wollte, du fhltest es, Ellen, dann wre ich deiner sicherer!
erwiderte er. Dieser Mr. Nelson hat deine Bekanntschaft gesucht, nicht als
meine Frau, nicht als Mrs. Helmstedt; er hat zu dir gesprochen, hat dir
Aufmerksamkeiten erwiesen, einzig als die Tochter deines Vaters. Seit ich seinen
Freund Murphy mit dessen laxen Rechtsansichten bei Seite lie, habe ich fr
diesen Mr. Nelson nicht mehr existirt. Er hat zu dir gesprochen, ohne es nur der
Mhe werth zu finden, mich zu begren, er hat sein Recht dazu ganz unverblmt
aus seiner Bekanntschaft mit deinem Vater hergeleitet. - Dich mochte seine ganze
Art und Weise kaum berhrt haben, und wenn es mich auch schmerzte, da dem so
war, so htete ich mich doch, ein Wort darber fallen zu lassen; ich meinte
immer, dein eigenes feineres Gefhl msse dir allein den rechten Weg zeigen -
mir aber war's dabei, als wrde die erste Sonde angesetzt, um zu untersuchen,
wie stark des Band sei, das uns zusammenhlt. Ich konnte dich nur bitten, den
beiden Menschen keine Ermuthigung zu geben - fhlst du denn nun, Ellen, was es
fr mich heit, wenn du mit dem Einen trotz meiner Bitte einen ganzen Nachmittag
allein herumfhrst und zu deiner Rechtfertigung sagst, er habe von deinem Vater
mit dir gesprochen; wenn du Langeweile und dein Amsement vorschtzest, wo es
sich bei uns, wenn wir uns selbst eine Stellung erringen wollen, noch um ernste
Kmpfe handelt, in denen mein Arm erlahmen mte, wenn du nicht fest und dicht
zu deinem Manne hieltest, damit sich nichts, und wre es dein eigener Vater,
zwischen uns drngen kann?
    Aber ich liebe doch meinen Vater, und er liebt mich - du weit das! sagte
die junge Frau, den Kopf hebend und den Oberkrper zurckbeugend, da Helmstedts
Hand von ihrer Schulter glitt; ich habe nie einen andern Gedanken gehabt, als
da ich ihn bald wieder ausshnen wrde. Soll ich denn jedes Wort zurckstoen,
das mir vielleicht von ihm hinterbracht wird? soll ich denn gegen Leute, die
freundlich mit mir sind, ohne Grund und Ursache barsch sein? Du bist gereizt,
und das macht dich ungerecht, auch ungerecht gegen mich!
    Helmstedt wurde bla. Wir verstehen uns nicht, Ellen, und das ist traurig,
sagte er nach einer kurzen Weile - vielleicht begreifst du erst den Sinn meiner
Worte, wenn du aufs Neue zu whlen haben wirst zwischen mir und deinem Vater,
wenn dir unser kurzes Liebesglck als bloe jugendliche Thorheit vorgestellt,
wenn dir vielleicht ein Ersatz fr mich geboten werden wird, der kein Opfer von
dir verlangt.
    August, und dies Alles um die eine Spazierfahrt?
    Wir verstehen uns eben nicht, Ellen! sagte er mit einem halben Seufzer und
schritt mit gesenktem Kopfe langsam nach der Thr. Sie sah ihm nach, in ihrem
Gesichte zuckte es, als wolle sie ihn zurckrufen - aber sie schwieg, und als
die Thr hinter ihm zufiel, sank sie in den Schaukelstuhl, drckte ihr
Taschentuch vor die Augen und brach in ein kurzes Schluchzen aus. Bald aber, als
bemchtigte sich ihrer ein anderer Gedanke, blickte sie wieder in das Feuer,
erhob sich dann rasch und trat, die Vorhnge halb zurckschlagend, ans Fenster.
Die Strae lag nur noch in der letzten Abendbeleuchtung vor ihr - eben wollte
sie sich wieder wegwenden, da schritt ein elegant gekleideter junger Mann die
Strae herab, sah nach ihrem Fenster und grte tief - es war ihr Begleiter vom
Nachmittag. Sie errthete, lie die Vorhnge fallen, und trat vor sich
hinsinnend zurck nach dem Feuer.
    Helmstedt war in das neben dem Parlor befindliche Speisezimmer getreten.
Dort war es kalt und unwirthlich; kein Feuer brannte im Kamin, noch lieen sich
irgendwie Vorbereitungen fr den Abendtisch sehen. Helmstedt sah nach seiner Uhr
- es war eine halbe Stunde ber sechs. Er schlo die Thr wieder und ging nach
dem umzunten Platze hinter dem Hause; dort stand ein Schwarzer und trnkte zwei
Pferde.
    Hast du Sarah nicht gesehen? fragte Helmstedt.
    Dort kommt sie hergesaust, Sir! erwiderte dieser lachend und zeigte nach
dem Gitterthor, wo eben eine zierliche weibliche Gestalt hereinschlpfte, die
ihrem modernen Putz und den grazisen Bewegungen nach, ohne das schwarze
Gesicht, fr eine der fashionablen Ladies der Stadt htte gehalten werden
knnen.
    Haben wir kein Abendbrod heute? fragte Helmstedt, als sie herankam.
    Mistre war den Nachmittag ausgefahren und brauchte mich nicht, Sir,
erwiderte sie, den Hut eilig aufbindend und vom Kopfe nehmend, und ich vergesse
so oft, da ich jetzt auch die Kchin machen mu, da ich mich bei meinem
Ausgange versptete.
    Warte einen Augenblick, Sarah, sagte Helmstedt. Bei aller Freiheit, die
ich dir gern lasse, mag ich doch nicht darunter leiden. Mit der allzufaulen Zeit
als Kammermdchen, weit du, ist es aus; entweder thust du deine Pflicht und wir
bleiben gute Freunde, oder du zwingst mich, dich irgendwo hinzugeben, wo sie
nicht so viel Nachsicht mit dir haben mchten. Ich habe schon einige Male in
ruhiger Ermahnung zu dir gesprochen, - jetzt werde ich nicht viel mehr reden.
Sage Mrs. Helmstedt, da ich in einer Stunde zum Abendessen wieder zurck sein
werde l Er schritt durch das Gitterthor der Umzunung in das offene Feld
hinaus.
    Hat's einmal etwas abgesetzt? kicherte der Schwarze, den Kopf halb nach
dem Mdchen kehrend.
    Pschah! sagte diese, und zog die Oberlippe in die Hhe, er hat eigentlich
gar kein Recht, mir etwas zu sagen, ich gehre der Mistre an und nicht ihm!
    Sie verschwand in der Kche, und bald wurde ein Gerusch laut, als wrden
Tiegel und Pfannen kopfber, kopfunter durcheinander geworfen.
    Die junge Frau im Parlor hatte sich nach einer Weile, wie sich
zusammenraffend, in die Hhe gerichtet und trat in das anstoende Speisezimmer.
Sie sah hier um sich und schritt dann nach der Kche, wo bereits ein prasselndes
Feuer im Kochofen brannte. Es ist wol schon spt, Sarah, sagte sie zu der
eifrig wirthschaftenden Schwarzen, mache Feuer im Ezimmer und brenne das Licht
an; Mr. Helmstedt wird gewi schon auf das Abendbrob gewartet haben.
    Die Schwarze erwiderte nichts, setzte aber den Theekessel, welchen sie in
der Hand hielt, auf den Tisch, als wolle sie ein Loch hineinschlagen, und scho
zur Thr hinaus. Bald hrte man sie unter dem gespaltenen Holze im Hofe rasseln,
wieder zur Hinterthr hereinkommen und das Holz auf die Steine vor dem Kamin im
Speisezimmer werfen. Die Hausherrin war langsam zurckgegangen. Wieder etwas in
deinen Kopf gefahren, Sarah? sagte sie, mit einem zerstreuten Lcheln den Kopf
nach der Schwarzen wendend.
    Nichts Besonderes, Ma'am! erwiderte diese, ohne aufzusehen; man wei nur
nicht, was man zuerst thun soll, wenn man der einzige Dienstbote im Hause ist.
Kaum eine Stunde bin ich weg gewesen, und Mr. Helmstedt hat mich deshalb schon
ausgescholten - er will mich fortgeben - und ich kann doch nichts dafr, wenn
ich einmal vergesse, da wir nicht mehr in Oaklea leben und nicht mehr die guten
Zeiten buben, wie sie dort waren. Sie blies in die Kaminglut, da Funken und
Asche umherstoben.
    Ist Mr. Helmstedt wieder ausgegangen? fragte die junge Frau nach einer
kurzen Pause.
    Er will in einer Stunde zum Abendessen wieder zurck sein, erwiderte das
Mdchen und sah auf. Aber nicht wahr, Mi Ellen, fuhr sie fort, es geht
nicht, da er mich von Ihnen wegschickt, wenn Sie auch Mrs. Helmstedt heien?
Wir sind ja doch zusammen aufgewachsen, und ich gehre doch nur Ihnen zu -
    Er wird es auch nicht im Ernst beabsichtigt haben, erwiderte sie, dem
Blicke der Schwarzen ausweichend; aber vergi nicht, Sarah, da die Zeit der
Sorglosigkeit vorber ist, und thue deine Pflicht.
    Sie ging langsam nach dem Parlor, lie sich wieder in den Schaukelstuhl
nieder und sttzte den Kopf in die Hand.
    Waren es die hingeworfenen Worte der Schwarzen gewesen, welche die Bilder,
die jetzt an ihrer Seele vorbeizuziehen begannen, hervorgerufen hatten, oder
waren sie noch die Rckwirkung des Gesprchs mit ihrem jungen Begleiter vom
Nachmittag, der von ihrem Vater geredet? Wer will alle die oft unbewuten
Eindrcke erforschen, welche Gedanken hervorrufen und den Gang anderer
bestimmen? Vor Ellens Geiste stand das schne, grne Oaklea, indem sie geboren
und ausgewachsen, in welchem ihre jungen Jahre, gehtschelt von einem zrtlichen
Vater und nur leicht berwacht von einer nachsichtigen Mutter, wie ein
wolkenloser Frhlingstag verstrichen waren. Sie empfand, wie mit dem Gefhle
eines drckenden Traumes, noch einmal die Zeit, in welcher es sich in ihrer
reinen Sphre zum ersten Male wie die Ahnung eines kommenden Gewitters sammelte,
in welcher der unangenehme Mensch Baker, den ihre Eltern zu ihrem knftigen
Lebensgefhrten bestimmt hatten, in ihren Kreis trat; die Zeit, in der sie ihren
Vater nicht begreifen und den ihrer wartenden Zwang nicht fassen konnte; in der
ihre schwrmerische, kindliche Anhnglichkeit mit dem Widerwillen gegen den
aufgedrungenen Brutigam in Kampf trat; sie sah Helmstedts edles Gesicht und
treues Auge neben sich in der Familie auftauchen, bei deren erstem Anblick es
ihr gewesen war, als msse ihr in dem Neuangekommenen ein helfender Freund in
ihrer Noth erstehen - Alles ging an ihr vorber wie ein Traum, in welchem man
schon vorher wei, was kommen wird, und in dem man sich ber nichts wundert. Sie
sah sich durch den Drang der Verhltnisse an Helmstedts Brust geworfen, und es
trat klar vor sie, da doch eigentlich nur die Aufregung jener Tage ihren
Gefhlen fr ihn eine Frbung gegeben hatte, die sie fr Liebe genommen und die
sie fr die erste Zeit auch wol eben so beseligt hatte; da doch nur die
ungewohnte Hartnckigkeit ihrer Eltern in Verfolgung des beschlossenen
Heirathsprojectes, zusammen mit Helmstedts Edelmuth, der sich lieber der
hchsten Gefahr ausgesetzt, als da er einen Schatten auf ihre Ehre htte fallen
lassen, sie zu den uersten Schritten, zu einem Aufgeben ihrer Heimat und zu
einer raschen Verbindung mit Helmstedt hatte treiben knnen. Sie trumte fort,
und es fiel wie ein heller Sonnenstrahl in ihre Gedanken - das waren die Worte,
welche ihr heute von ihrem Vater gesandt worden waren; ihr Herz schwoll, und die
Liebe zu dem Manne, der sie ihr ganzes Leben lang wie eine theure Blume gehegt
und gepflegt, brach in ihr mchtiger als jemals hervor, so da sich unbewut
ihre Augen mit Thrnen fllten. Und auch die Gestalt des jungen Ueberbringers
der vterlichen Botschaft, welcher jetzt in dem Hause ihrer Eltern aus- und
einging, stieg vor ihrer Seele auf; es war ihr als sei sie durch die Berhrung
mit ihm aus einem Kreise, wohin sie nicht gehrte, wo ihr Fhlen und Denken
nicht verstanden wurde, heraus- und wieder auf den Boden ihrer angeborenen
Heimat getreten. Ein wohlthuendes Gefhl, wie die Lsung einer verdeckten,
uneingestandenen Dissonanz, berkam sie. - -
    In der Strae war es lngst tiefe Nacht geworden und das Feuer im Kamin war
bis auf ein Hufchen glhender Kohlen niedergebrannt, als die junge Frau mit der
Hand ber die Augen fuhr und aufsah. Sie schien sich erst besinnen zu mssen, wo
sie sei - dann aber erhob sie sich mit einem leisen, wie unwillkrlichen
Seufzer, blickte eine Weile sinnend in die Kohlen und nahm dann einen der
Leuchter vom Kaminsims. Bald hatte sie sich an der Kohlenglut Licht geschaffen.
Die Uhr auf dem Kaminsims wies schon eine halbe Stunde ber acht. Sie lie die
Vorhnge an den Fenstern ber einander fallen und ging nach der Kche, wo Csar,
der Schwarze, mit dem Ausbessern eines Pferdezaums beschftigt war, whrend
Sarah, den Kopf auf den Tisch gelegt, in regelmigen Zgen schnarchte.
    Hat noch Niemand etwas von Mr. Helmstedt gesehen? fragte Ellen.
    Ich bin eben erst herein, Ma'am! erwiderte der Schwarze und rttelte das
schlafende Mdchen. Ist Mr. Helmstedt dagewesen?
    Sarah warf auffahrend ihren ersten Blick nach dem Ofen, in welchem lngst
alle Glut erloschen war, und sprang dann von ihrem Sitze auf. Die Biscuits sind
schon zweimal kalt geworden, und der Schinken dorrte so aus, da ich ihn von der
heien Platte habe nehmen mssen sagte sie brummig; ich kann nichts dafr,
wenn Mr Helmstedt wieder zankt.
    War er noch nicht wieder hier? fragte die junge Frau.
    Ich habe nichts von ihm gesehen.
    Geh in dein Bett, Sarah - ich werde nichts essen, und Mr. Helmstedt hat
sicher irgendwo anders zu Abend gespeist. Csar wird warten bis er zurckkomm.
    Sicherlich, Ma'am! war des Schwarzer. Antwort; ich habe ohnedies noch
eine Weile zu arbeiten.
    Ellen ging langsam zurck nach dem Parlor, der nur trbe von dem einen
Lichte erhellt war. Sie brannte ein zweites an, setzte sich in den Schaukelstuhl
und wartete. Aber der Zeiger der Uhr wies schon auf zehn, und Helmstedt war noch
nicht zurckgekehrt. Unruhig hatte die junge Frau zu verschiedenen Malen sich
erhoben, die Vorhnge zurckgeschlagen und in die dunkle, stille Nacht
hinausgesehen; jetzt verlie sie von Neuem ihren Sitz, zog die seinen
Augenbrauen zusammen und schien mit einem Entschlusse zu kmpfen. Langsam
lschte sie eins der Lichter aus und begab sich mit dem andern nach ihrem
Schlafzimmer im oberen Stock. Es war das erste Mal seit sie verheirathet war,
da sie diesen Weg allein antrat. Als sie durch die Halle schritt, erklang aus
der Kche einer der eigenthmlichen Negergesnge, mit welchen sich Csar die
Zeit vertrieb:

Der alte Tommy wute wohl
Mit Mdchen umzugehn;
Und kam sein Schatz um sechse nicht,
So harrt' er bis um zehn.
Bei Frauenzimmern heit's: subtil,
Wenn man ihr Herz gewinnen will.
O Tommy, Tommy, Tommy, Tommy
War ein kluger Mann.

    Ellen horchte einen Augenblick auf das Lied, das sie so oft von dem
Schwarzen in dem Hause ihres Vaters hatte singen hren, zog dann die Lippen in
einer sonderbaren Mischung von Spott und Bitterkeit zusammen und verschwand in
ihrem Schlafgemach.
    Als Helmstedt sein Haus verlassen, war er eine Strecke zwischen den Feldern
hinter dem Stdtchen fortgeschlendert. Er wollte mit sich selbst klar werden,
ehe er nach Hause zurckkehrte - und es lag mancherlei auf seiner Seele, was des
ordnenden Gedankens und des krftigen Entschlusses bedurfte, mancherlei, von dem
die eben durchlebte Scene mit seiner jungen Frau nur einen Theil bildete. Als
Isaac, der alte Pedlar, der so vielfach in sein Leben eingegriffen und dem er so
Manches zu verdanken hatte, in dem Hause seines Freundes Morton gestorben war,
hatte es Helmstedt gern zugesagt, der Vollstrecker seines letzten Willens zu
sein, wie es der Verblichene gewnscht, aber jetzt fanden sich Schwierigkeiten
in der Ausfhrung dieses Versprechens, die sich im ersten Augenblick nicht
voraussehen lieen. Ein unmndiger Schwestersohn des Verstorbenen, in New-York
wohnhaft, war sein Erbe, und wollte Helmstedt sein Interesse nicht in fremde,
vielleicht unzuverlssige Hnde geben, so mute er selbst nach dem Osten reisen,
um die ganze Angelegenheit zu einem sichern Abschlu zu bringen. Dazu gehrte
aber Geld - Geld fr die Reise und den Aufenthalt in New-York, sowie fr den
Unterhalt seines Hausstandes, whrend er abwesend war und seinem Broderwerb als
Musiklehrer in der Akademie des Stdtchens nicht nachgehen konnte. Bei seiner
Verheirathung hatte Ellen wol ein Capital von etwa eintausendeinhundert Dollars
gehabt, das von ihrem Vater als Sparbchse nach und nach fr sie angesammelt
und von diesem an Helmstedt berliefert worden war; davon war aber der grte
Theil fr ihre Einrichtung darauf gegangen und der Rest in Ellens Hnden fr
ihre Garderobe und anderweitige kleine Bedrfnisse geblieben, und Helmstedt
htte wol lieber selbst still die grten Entbehrungen ertragen, ehe er von
dieser Summe einen Cent zurckverlangt htte. Aber er besa zwei Reitpferde von
ausgezeichneter Race, welche ihm gleichfalls bei seiner Verheirathung von Ellens
Vater bermacht worden und von denen ihm wenigstens eins schon lngst ein
unntzer Fresser geschienen hatte, besonders jetzt, wo ihm nichts zuwuchs und er
jeden Bushel Futter kaufen mute. Ellen war freilich seit frhester Jugend an
den Luxus eines eigenen Reitpferdes gewhnt - und sie ritt gern - whrend die
Verhltnisse des Landlebens ein Pferd fr ihn selbst nothwendig machten. Er
hatte gerade bei ihr heute sondiren wollen, wie gro das Opfer sei, das sie ihm
durch die Abschaffung des ihrigen bringen wrde. Der Ertrag desselben htte ihm
das augenblicklich benthigte Geld herbeigeschafft, das, da die Wiedererstattung
desselben aus der Hinterlassenschaft nicht lange auf sich warten lassen konnte,
ihm zugleich ein Reservecapital fr Krankheiten oder unvorhergesehene Flle
geworden wre. Denn was er mit angestrengter Arbeit jetzt verdiente, ging Null
fr Null in seinem Hausstande auf. Er hatte heute nicht mit Ellen ber diese
Dinge reden knnen - und ob er dies jemals zu thun im Stande wre, wute er
jetzt nicht; es drckte ihn jedoch, mehr als die ganze Angelegenheit, die
Ursache, die eine gegenseitige Aussprache verhindert hatte. Im Hintergrunde
seiner Seele stand, seit er sein Haus verlassen, ein Gespenst, das er mit Macht
zurckdrngen wollte und doch nicht los werden konnte. Dies war die
empordmmernde Ueberzeugung, da nicht die Liebe zu ihm das Alles
durchdringende, jeden andern Einflu ausschlieende Element in Ellens Seele war,
das Element, welches ihre Gedanken und Handlungen leitete, wie er es sich in den
Stunden stiller Trumereien vorgestellt - da ihre Gefhlsweise, wie die
Auffassung ihrer jetzigen Verhltnisse eine durchaus andere war als die seinige
- da er sich nicht mit ihr verstand. Er sah einen Menschen in seinen Kreis
treten, gegen welchen ihn ein Gefhl, von dem er sich selbst keine Rechenschaft
geben konnte, auf seiner Hut zu sein hie - er sah diesen augenscheinlich das
Vertrauen seiner Frau gewinnen und sein Anstreben dagegen machtlos - er fhlte
eine fremde Macht, den Einflu von Ellens Eltern, sich zwischen ihn und seine
Frau, auf deren Festigkeit er den Plan seines ganzen knftigen Lebens gebaut,
drngen, eine Macht, deren Einflu sich schon soweit geltend machte, da darber
selbst die gewhnlichste Rcksicht gegen ihn, die der einfachste Arbeiter in
seinem Hause verlangt: eine pnktliche Mahlzeit, wenn er von der Arbeit
zurckkehrt, vergessen wurde. - Er stand still und drckte die Hand vor die
Augen - was sollte er thun?
    So weit war er in seinem Gedankengange gelangt, als er seinen Namen nennen
hrte. Er sah auf und bemerkte jetzt erst, da er, willenlos dem Wege folgend,
auf die Landstrae gerathen war. Vor ihm hielt ein Schwarzer zu Pferde.
    Wenn Mr. Helmstedt abkommen knnte, sprach dieser, so mchte er doch nach
Mr. Mortons Hause kommen. Mr. Morton ist heute Nachmittag recht krank geworden
und mchte Mr. Helmstedt sehen.
    Der Angeredete hatte sich rasch aus seinen eigenen Gedanken gerissen.
Krank? Ist er sehr trank? fragte er.
    Ich wei nicht, Master, aber Mistre Morton befahl mir, rasch zu reiten.
    Helmstedt stand einen Augenblick unschlssig. Ich bin schon zu weit von
meinem Hause entfernt, um wieder zurckzugehen, sagte er dann, komm herunter
Bill, und berlasse mir das Pferd, du kannst langsam nachkommen.
    Der Schwarze stieg gehorsam ab, und im nchsten Augenblick war der junge
Mann schon im Sattel.
    Soll ich vielleicht Ihr eigenes Pferd nachbringen? fragte Bill. Helmstedt
aber sprengte bereits davon und hrte nichts mehr. Der Schwarze sah ihm nach und
kratzte seinen Wollkopf. Da habe ich nun noch ein gutes Ende Weges bis zu
meinem Abendbrod! sagte er mehr launig als rgerlich und schlug, langsam
davonschlendernd, den Rckweg ein.
    Mortons Landsitz war ber fnf Meilen von dem Stdtchen entfernt, und
Helmstedt lie den steifen Ackergaul unbarmherzig die Hacken fhlen, um rasch
vorwrts zu kommen; aber die vllige Dunkelheit war bereits hereingebrochen, ehe
er nur die Hlfte des Weges zurckgelegt hatte. Als er endlich die erleuchteten
Fenster des Hauses und die dunklen Gruppen der Bume daneben erblickte, berkam
ihn eine ganz eigenthmliche Empfindung. Morton war es gewesen, der durch eine
sonderbare Verkettung von Umstnden der Beschtzer seiner Liebe zu Ellen
geworden, dessen Hilfe ihm die Vereinigung mit ihr allein mglich gemacht hatte
und der ihm in der ganzen Gegend auch allein ein Freund geblieben war. Auf
demselben Wege, welchen er jetzt ritt, war er vor einigen Monaten, des Glckes
voll, mit seiner jungen Frau von der Trauung zurckgekehrt; wie jetzt hatten ihm
die Lichter desselben Hauses entgegengeschimmert, die er damals als Leitsterne
zu einem sichern Hafen betrachtet. Zum ersten Male, seit er in der Stadt wohnte,
kam er diesen Weg wieder - die Wolken, die sich seit jener Zeit um sein junges
Glck gezogen, traten in ihrer ganzen Trbe vor seine Seele; und doch war es
ihm, je deutlicher das stille Landhaus aus der Dunkelheit hervortrat, als msse
er hier wieder den rechten Rath finden, der ihn, wie damals, aus seiner
Bedrngni erlste. Er suchte sich die Scene zu vergegenwrtigen, welche ihn wol
jetzt dort erwarte, und ein weibliches Bild erhob sich vor seinem innern Blick,
an welches er in den letzten Monaten am allerwenigsten gedacht: Mrs. Morton,
seine junge Landsmnnin, welche der alte Pflanzer geheirathet, nur um eine treue
Pflegerin zu haben, und die diesem ihre ganze blhende Jugend zum Opfer gebracht
hatte. Helmstedt wute, da sie ihn selbst einmal geliebt, als sie noch ihren
Mdchennamen, Pauline Peters, fhrte, ein Bewutsein, das ihm damals fast
drckend geworden war; als aber jetzt ihr frisches Gesicht mit den weichen,
feinen Zgen vor ihm auftauchte, als mit der Erinnerung an durchlebte Scenen ihr
klares, lachendes Auge vor ihn trat, da wollte es ihm fast sonderbar scheinen,
wie er frher nur einen so gleichgiltigen Blick dafr hatte haben knnen - und
je mehr er sich diesem innern Anschauen hingab, desto mehr begann ein stilles,
wohlthuendes Gefhl ihn zu durchziehen, dem er sich berlie ohne zu grbeln
oder sich darber Rechenschaft geben zu wollen, bis er die Pflanzung erreichte.
    Er schien bereits erwartet worden zu sein. Ein Schwarzer ffnete das
Gitterthor der Umzunung, als er heranritt, und nahm ihm das Pferd ab. Helmstedt
ging den wohlbekannten Weg nach der Hauspforte, wo ihn das schwarze
Kammermdchen der Hausfrau empfing und vor ihm den erleuchteten Parlor ffnete.
Dort sa, die Fe bequem gegen das Feuer gestreckt, ein ltlicher Mann, der ihm
einen leichten Gru zunickte und dann mit augenscheinlichem Wohlbehagen den
Tabakssaft aus dem Munde in das Kamin spritzte. Helmstedt erkannte einen der
Aerzte aus der Nachbarschaft.
    Well, Doctor, begann er, einen zweiten Stuhl aus Feuer ziehend, was ist
denn so pltzlich ber den alten Herrn gekommen? Es hat doch keine Gefahr, hoffe
ich?
    Well, Sir, erwiderte der Arzt, sich mit seinem Stuhle zurcklehnend und
mit der Hand durch seine dichten Haare fahrend; ehrlich gestanden, bin ich
selbst mit mir noch nicht im Reinen. Es ist einer von den Fllen, in welchen
sich gar keine bestimmte Krankheit des Krpers classificiren lt, in welchen
anscheinend die ganze Maschine in Ordnung ist, aber die Triebkraft erlahmt
scheint. Bisweilen schleppt sich bei Patienten dieser Art derselbe Zustand noch
jahrelang fort, bisweilen welkt der Leidende schnell dahin, ohne da man im
streng medicinischen Sinne eigentlich sagen kann, er sei wirklich krank gewesen,
- bisweilen wird durch Gemthseinflsse, denn dort ist der eigentliche Sitz des
Uebels zu suchen, eine innere Umwlzung hervorgebracht, und der Kranke gesundet
ganz von selbst - jedenfalls knnen in solchen Zustnden Arzneien aus der
Apotheke das Wenigste thun. Sie haben, wie ich wei, Mr. Mortons Vertrauen
genossen, und so werden Sie auch die traurige Geschichte mit seiner Tochter
kennen, die dem Wahnsinn verfiel. Ich habe das unglckliche Mdchen, die sein
einziges Kind war, damals selbst nach Montgomery in eine Irrenanstalt gebracht.
Sie starb schon kurze Zeit darauf und hier scheint mir die Wurzel der Krankheit,
wenn ich es so nennen soll, zu stecken. Htte irgend etwas einen wohlthtigen
Einflu auf unsern alten Freund ausben knnen, so htte dies die hingebende
Pflege seiner jungen Frau thun mssen, die mir in diesen letzten Wochen, in
denen ich Morton besuche, eben so heroisch in ihrer Freudigkeit, womit sie Alles
opfert, was man sonst fr das Lebenselement junger Frauen hlt, wie eine von den
katholischen barmherzigen Schwestern erschienen ist. Er schttelte, wie im
weitern Ausspinnen des Gedankens, still den Kopf.
    Und ihr Einflu hat nichts gewirkt? fragte Helmstedt, die Stirn in die
Hand sttzend.
    Well, Sir, der alte Herr ist freundlich und geduldig; er scheint sich oft,
um nur ihr trostreiches Lcheln erwiedern zu knnen, strker zu machen als er
ist, aber das ist eben Alles nur uerlich.
    Und ist er heute krnker als gewhnlich?
    Ja und nein, - nichts als einer seiner gewhnlichen Zuflle von Schwche,
welchen er in den letzten Wochen unterworfen gewesen ist, der aber heute
bestimmter auftrat und lnger anhielt als gewhnlich, und der mich deshalb mehr
als frher beunruhigt.
    Beide sahen eine Weile schweigend ins Feuer, bis das Oeffnen der Thr
Helmstedt sich umsehen lie. Eine weibliche Gestalt im weien, halben Neglig
trat ein und ging auf den jungen Mann zu. Helmstedt wute, da er Pauline, die
jetzige Mrs. Morton, vor sich hatte - aber das war nicht mehr dieselbe, die er
frher gekannt. Das frische Roth ihres Gesichts hatte einer feinen,
durchsichtigen Blsse Platz gemacht; ihr Auge, das ihm ernst entgegensah, schien
grer geworden und voll tieferen Ausdrucks zu sein. Noch lag das weiche, se
Lcheln, das er frher gekannt, um ihren Mund, aber ein Hauch von Melancholie
hatte sich ihm beigesellt. Sie war nicht mehr dieselbe wie frher, aber fast
schien es Helmstedt, als habe er sie nie schner gesehen. Er war aufgesprungen
und hatte ihre Hand gefat, die sie ihm mit leichtem Gru entgegenhielt - er
hatte diese Hand oft in der seinigen gehalten und ihren warmen Druck gefhlt -
jetzt aber, als er ihre Finger umschlo, blieben diese kalt und bewegungslos.
    Sie werden es gewi entschuldigen, Mr. Helmstedt, da wir Ihnen noch die
Unannehmlichkeit eines so spten Ritts hierher gemacht haben, begann sie, und
ihr Auge sah mit einer Gleichgiltigkeit und Ruhe in das seine, die ihn in seinem
heimlichsten Innern verletzten, ohne da er sich das wol selbst htte gestehen
mgen. Mr. Mortons Zustand war indessen so bedenklich und er wnschte so
lebhaft Sie zu sehen, da ich nicht umhin konnte, Sie bitten zu lassen, seinem
Wunsche zu willfahren.
    Helmstedt hielt noch immer ihre Hand und sah in ihre Augen ohne sogleich zu
antworten, bis ein schwaches Roth in ihr Gesicht trat, das indessen noch
schneller verschwand, als es aufgestiegen war, und sie leise ihre Finger aus den
seinigen zog. Wenn Sie mir folgen wollen - Mr. Morton hat sich schon etwas
erholt, sagte sie und wandte sich nach der Thr.
    Ich bin vollkommen zu Ihren Diensten, Ma'am, erwiderte Helmstedt und
folgte der leicht Voranschreitenden.
    In dem anstoenden Hinterzimmer sa Morton, zusammengesunken in einem
weichen Schaukelstuhle, an dem helllodernden Kaminfeuer, und Helmstedt erschrak
ber die Vernderung, welche in den letzten Wochen mit dem frher so krftigen
Manne vor sich gegangen war. Ueber des Kranken Gesicht aber flog ein heller
Schein der Zufriedenheit, als er den jungen Mann eintreten sah. Sind Sie
wirklich da? sagte er und streckte, indem er sich aufrecht zu setzen versuchte,
ihm die Hand entgegen; ich glaube beinahe, Ihre besten Bekannten mten Sie mit
Gewalt holen lassen, wenn sie Sie einmal bei sich sehen wollen.
    Helmstedt fate seine Hand und wollte eine Entschuldigung beginnen. Lassen
Sie doch, unterbrach ihn Morton; ich wei Alles, Sie haben viel zu thun, sind
daneben erst ein paar Monate verheirathet - setzen Sie sich zu mir her, Sir, und
erzhlen Sie mir, wie es Ihnen geht.
    Helmstedt wandte sich nach einem Stuhle und sah sich zugleich nach der
jungen Hausherrin um; diese hatte aber bereits das Zimmer wieder verlassen.
    Noch immer die alte Liebes-Glckseligkeit zu Haus? fuhr Morton fort, als
sein Gast neben ihm sa. Sie sehen recht wohl aus, und das freut mich.
    Aber Ihr Aussehen will mir nicht gefallen, Mr. Morton, sagte Helmstedt,
ohne auf die erste Frage einzugehen, und drckte ihm die Hand; ich hrte mit
Schrecken, da Sie so krank seien; was machen Sie denn fr sonderbare
Geschichten?
    Es geht jetzt schon wieder, entgegnete der Kranke, und strich mit der Hand
ber das magere Gesicht; trotzdem freut es mich, da Sie da sind. Er hob mit
sichtlicher Anstrengung den Kopf, um im Zimmer umher zu sehen, und lie ihn, als
er keinen Dritten in ihrer Umgebung bemerkte, wieder matt zurckfallen. Rcken
Sie nher, Sir, sagte er dann, ich will Ihnen offen gestehen, da ich mich
keinen Tag sicher fhle, meine Erdenrechnung abschlieen zu mssen. Er winkte
mit der Hand, als Helmstedt Miene machte, ihn zu unterbrechen, und fuhr fort:
Was Sie mir sagen wollen, wei ich; lassen wir aber jetzt alle Redensarten bei
Seite; die Erkenntni meines Zustandes, welche mir die letzten Tage nur zu sehr
besttigt haben, stammt nicht von heute, und ich bin vollstndig auf das
Kommende gefat. Eins nur bekmmert mich, und dies war die Ursache, da ich Sie
heute, wo ich nicht wute, wie es mit mir ausgehen wrde, zu mir bitten lie.
Er hielt eine Weile, wie vom Sprechen erschpft, inne. Sie wissen vielleicht,
fuhr er dann fort, da Mrs. Morton in unserer Nachbarschaft wenig Verbindungen
angeknpft hat, da meine thtige Theilnahme an Ihrer Verheirathung mit Elliots
Tochter uns die umwohnenden Familien auerdem entfremdete, und da sich jetzt
manche Vorurtheile gegen Mrs. Morton richten, da sie ihre Abkunft nicht von
einer unserer reichen Familien herleiten kann und obendrein eine Auslnderin
ist. Mrs. Morton, die mir in meiner sinkenden Gesundheit mehr war, als die
treueste Tochter, hat sich glcklicherweise nicht viel um diese Stimmung in der
Nachbarschaft gekmmert, und so hatte ich noch viel weniger Ursache dazu; aber
die Zeit kann bald kommen, wo sie allein steht, und wenn ich auch fr sie
gesorgt habe, so gut ich es gekonnt, so wird sie sich doch nicht sogleich von
hier losreien knnen und eines Schtzers und Verathers nothwendiger bedrfen,
als jedes Andern; ich aber wei Niemand, den ich um die Uebernahme einer solchen
Verpflichtung gegen sie lieber bitten mchte, als gerade Sie, Sir. Da Ihnen
dabei durch etwaige Vernachlssigung Ihres jetzigen Berufs, wie durch
Zeitversumni kein pecunirer Schaden erwachsen soll, dafr habe ich gesorgt;
es bleibt nur die Frage, ob Sie mich durch das Versprechen, sich nthigenfalls
durch Rath und That meiner Frau anzunehmen, beruhigen wollen.
    Helmstedt machte sich in diesem Augenblicke keine Gedanken ber das
Verhltni, in das er treten sollte; er dachte nur an den Zustand des Mannes,
der vor ihm sa. Wenn es Sie beruhigen kann, Mr. Morton, sagte er, so gebe
ich Ihnen gern das Wort eines ehrlichen Mannes, mit allen meinen Krften Ihren
Wunsch zu erfllen. Sorgen Sie doch aber vorher und zu allererst fr sich
selber; geben Sie sich nicht so willenlos Ihrer Krankheit hin, und Sie werden
sie gewi besiegen. Gehen Sie weg von hier, wo vielleicht traurige Erinnerungen
ein Aufraffen Ihrer selbst erschweren, machen Sie einen Ausflug nach dem Osten.
    Morton lchelte, wie man ber einen gut gemeinten, aber nutzlosen Vorschlag
lchelt. Ich werde es thun, lieber Freund, sobald ich nur wieder Krfte genug
gesammelt habe, sagte er; ich habe dasselbe schon Mrs. Morton versprechen
mssen. Sollte ich aber zuflligerweise nicht dazu kommen, so habe ich Ihre
Zusage. Er drckte eine Weile, wie um auszuruhen, die Hand vor die Augen.
Sonderbar, sagte er dann, Sie sollten sich eigentlich vor der Uebernahme von
Vormundschaften in Acht nehmen, Sir, Sie bekommen sonst den ganzen Hals voll -
das ist jetzt in wenig Monaten schon die zweie; erst der Schwestersohn des
Pedlars, - aber gut, da ich daran denke, wie steht es denn eigentlich damit,
haben Sie schon etwas in der Sache gethan?
    Ich bin so weit, erwiderte Helmstedt, da ich beabsichtige nach New-York
zu gehen, so bald ich es ermglichen kann, um die ganze Angelegenheit ein fr
allemal zu ordnen.
    Morton sah langsam auf. Fehlt's an etwas? fragte er, ich habe manchmal in
den letzten Tagen daran denken mssen, wie der alte Bursche Isaac hier im Hause
starb, und zugleich an sein Vertrauen zu Ihnen, und sollte ich etwas helfen
knnen, damit Sie seinen letzten Willen recht ausfhren, so sagen Sie es.
    Helmstedt rieb sich die Stirn. Alles, was ihn bedrngte, trat in diesem
Augenblick wie zu einem Bilde vereinigt vor ihn. Es ist nicht mein Interesse,
um das es sich handelt, sagte er nach einer kurzen Weile aufsehend, und darum
kann ich Ihnen meine Verlegenheit ohne Rckhalt gestehen. Gehe ich Wochenlang,
vielleicht noch lnger nach New-York, so mu ich meine Frau ohne Rath und Schutz
zurcklassen, und ich wei nicht, welche Einflsse sich whrend dieser Zeit bei
ihr geltend machen mgen. Ich sehe vielleicht Gespenster, setzte er hinzu, als
er Mortons verwundertem Blicke begegnete, aber Ellen ist jung und liebt dazu
ihren Vater fast mehr, als in ihren jetzigen Verhltnissen selbst die Bibel
erlaubt.
    Das Weib soll Vater und Mutter verlassen und dem Manne anhangen, sprach
Morton leise und nickte mit dem Kopfe; haben Sie einen besonderen Grund,
Unrechtes zu argwhnen oder besorgt zu sein?
    Ich mag, wie gesagt, vielleicht Gespenster sehen, erwiderte Helmstedt, den
Kopf in die Hand sttzend, aber es ist Manches, was mich bedrckt, ohne da ich
durch die ruhigste Ueberlegung davon loskommen kann. Doch lassen wir das
vorlufig. Zum Zweiten mu ich erst zusehen, wie ich das nthige Geld fr meine
Reise und was dazu gehrt, anschaffe - ich hatte heute schon berlegt, ob ich
eins von meinen Pferden verkaufen knne.
    Der Kranke setzte sich mit einer Kraft aufrecht, die ihm Helmstedt nicht
zugetraut. Nun sehen Sie einmal, was fr ein Mensch Sie sind, sagte er mit
allen Zeichen des Aergers. Sie wissen, wo Sie Freunde wohnen haben, und doch
plagen Sie sich lieber wochenlang mit sich selbst herum, versumen die
wichtigsten Interessen dabei, nur um Niemandem ein Wort zu gnnen. Was das mit
Ihrer Frau betrifft, wei ich nicht; was es auch sein mag, so bleibt es besser
unter Ihnen Beiden - handelt es sich aber nur darum, das Frauchen whrend Ihrer
Abwesenheit unter sichern Schutz zu stellen, so wissen Sie selbst, wie viel
Platz in meinem Hause ist, und da meine Frau immer eine Freundin der Ihrigen
war, bei der sie sich nicht unheimisch fhlen wird. Was nun die nthigen
Geldmittel fr Ihre Reise nach New-York anbetrifft, so htten Sie schon Ihres
Versprechens gegen den alten Pedlar und seines Erben wegen lngst bei mir
anklopfen sollen. Ich werde dafr sorgen, da Sie morgen das Nthige in der Hand
haben, und Sie zahlen es mir zurck, sobald die Erbschaft flssig ist.
    Helmstedt wollte etwas erwidern, als sich die Thr halb ffnete und das
Gesicht des Arztes hereinsah. Alle Wetter! rief dieser, das spricht ja so
frisch, als gbe es gar keinen Kranken im Haus; ich habe mit Verwunderung die
Stimme durch die Wand dringen hren. Und wahrhaftig, fuhr er eintretend fort,
die Backen sind in dem Gesprchseifer aufgeblht wie ein paar Matrosen. Stre
ich die Herren nicht?
    Wir sind eben mit dem Nothwendigsten fertig, und Sie sind willkommen,
Doctor, erwiderte Morton, sich langsam in den Schaukelstuhl zurcklegend.
    Der Arzt legte die Hand an den Puls des Kranken. Very well, sagte er, so
thun wir auch am besten, wir sprechen jetzt nichts mehr und halten uns so ruhig
als mglich.
    Aber ich fhle mich doch gerade jetzt recht wohl, Doctor, und mchte so
gern noch mit meinem jungen Freunde plaudern.
    Damit Sie die Nacht ber nicht schlafen knnen und morgen wieder am Sterben
sind, nicht wahr? Lassen Sie mich jetzt Mrs. Morton zu Ihnen schicken, und
glauben Sie, da Sie noch etwas zu reden haben, so thun Sie das morgen oder
bermorgen.
    So geht's, wenn man unter die Hnde von solchen Leuten gerth, sagte
Morton und reichte Helmstedt lchelnd die Hand. Ich werde Ihnen jedenfalls
besorgen, was wir eben besprochen, und wegen des Uebrigen wissen Sie, wo mein
Haus ist. Wollen Sie wirklich gewissenhaft sein, so lassen Sie keinen Tag
unnthig verstreichen - um so eher werden Sie Zeit gewinnen, an das, was Sie mir
zugesagt haben, zu denken.
    Helmstedt hatte das Krankenzimmer verlassen und sa im Parlor neben dem
Feuer, um auf das Anspannen der Kutsche zu warten, die ihn wieder nach Hause
bringen sollte. Bald meldete der Schwarze, da Alles zur Abfahrt bereit sei;
aber vergebens sah sich Helmstedt nach der Hausfrau um, um sich bei dieser zu
verabschieden. Erst als er ihr seinen Gru durch den Schwarzen gesandt hatte und
das Haus verlassen wollte, trat sie ihm in der Halle entgegen. Gren Sie
Ellen! sagte sie leise und reichte ihm ihre Hand, die wieder so kalt und leblos
in der seinigen lag, da Helmstedt sie kaum zu drcken wagte. Er mute auf
seiner Rckfahrt lange Zeit an ihr zurckhaltendes, stilles Wesen denken - auch
hierin war sie, wenn er an frhere Zeiten dachte, wo sich jede wechselnde
Empfindung offen in ihren Zgen gespiegelt, wo ihm ihr Auge wie ein tiefer
klarer Brunnen erschienen war, eine ganz Andere geworden. War das nur die Folge
ihres einsamen Lebens und ihrer Aufopferung fr Morton? Helmstedt mute
unwillkrlich eine Parallele zwischen ihrer Hingebung, die doch nur durch kalte
Pflichttreue geboten sein konnte, und Ellens Handeln ziehen, und ein Gefhl von
Tuschung, ein Gefhl wie die Ahnung eines verfehlten Wurfs fr sein ganzes
Leben berkam ihn, so da er endlich mit Macht sich den drckenden Gedanken zu
entziehen suchte. Er dachte an das Gesprch mit Morton, welches jede Sorge um
die Erfllung seiner Verpflichtung gegen des Pedlars Erben von ihm nahm; aber
erst die Vorstellung, Ellen in Mortons Hause untergebracht zu sehen, fern von
den Intriguen ihres Vaters und seines jungen Abgesandten, lie wieder eine
stille Beruhigung in seine Seele einziehen. Der Gedanke tauchte in ihm auf, ob
er nicht die junge Frau ein- fr allemal den Einflssen, welche die Ruhe seines
ganzen Lebens bedrohten, entfhren knne; er kam jetzt nach New-York, und
vielleicht war es ihm mglich, dort irgend ein profitables Unterkommen zu
erhalten; aber wenn er seine jetzige Lage mit einer Stellung verglich, wie er
sie dort selbst im glcklichsten Falle erhalten konnte, so mute er selbst jede
Aenderung eine Thorheit nennen - und wie htte er auch von Ellen verlangen
knnen, ihren gepriesenen Sden zu verlassen und vielleicht nichts als
Entbehrungen dagegen einzutauschen!
    Die Wendung des Weges, welcher nahe der Stadt in die Landstrae einbog,
strte ihn aus seinem Sinnen auf, und jetzt erst fiel ihm ein, was wol Ellen von
seinem Auenbleiben gedacht haben mochte. Er sah scharf nach der Gegend hin, wo
er sein Haus stehen wute, aber kein Lichtschimmer zeigte dort, da ihn Jemand
erwarte. Wie spt ist es wol? fragte er den schwarzen Kutscher; es ist zu
dunkel, um etwas auf der Uhr zu erkennen.
    Es mag 11 Uhr vorbei sein, Sir! war die Antwort.
    Der Wagen rollte nach kurzer Zeit vor das Haus, und Helmstedt, der umsonst
nach einem Zeichen des Lebens darin sich umsah, wollte eben verstimmt
aussteigen, als Csar aus der Dunkelheit hervoreilte und dienstfertig das
Schutzleder am Wagen zurckschlug. Ist meine Frau schon zu Bett? fragte der
Angekommene.
    Mistre hat bis nach 10 Uhr gewartet, erwiderte der Schwarze, und befahl
mir dann, wach zu bleiben.
    Helmstedt nickte befriedigter, fertigte den Kutscher mit einem Trinkgelde ab
und schritt ins Haus. Er fand das Schlafzimmer offen, wo das niedergebrannte
Kaminfeuer nur eine kaum noch bemerkbare Helle verbreitete. Leise trat er ein
und zndete ein Licht an. In den schneeigen Kissen des Bettes lag Ellen, das
Gesicht ihm zugewandt, und der halbgeffnete lchelnde Mund schien von einem
sen Traume zu erzhlen. Einzelne Theile ihres dunklen Haares waren auf die
weie, zartgebaute Schulter, die sich aus dem Nachtberwurf gestohlen,
herabgefallen, und die kleinen, eleganten Hnde ruhten leicht ber
einandergelegt auf der Decke. Helmstedt stand eine Weile in ihre Betrachtung
versunken - er htte viel darum gegeben, wenn er die Bilder gekannt htte,
welche jetzt vor ihrer Seele vorbergingen. Er bog sich vorsichtig nieder und
drckte leise einen Ku auf ihre Lippen - sie lchelte; dann aber ward sie
unruhig, schlug die Augen auf und sah ihn gro an. Du bist es! sagte sie
endlich, die Augen reibend; httest du mir doch meinen Traum gelassen!
    Und was war es denn so Schnes, was du trumtest?
    O la mich, erwiderte sie, und drehte das Gesicht nach der Wand; ich war
wieder Kind und bei meinem Vater.
    Helmstedt richtete sich mit einem unterdrckten Seufzer auf, kleidete sich
aus und lschte dann das Licht.

                                      III.


In Pearl-Street in New-York, da, wo in sptern Jahren der neue Durchbruch
gemacht wurde, stand das Haus des Pfandleihers Abraham Meier. Es war ein
niederes, unscheinbares Gebude, dem man uerlich die Rumlichkeiten, welche es
enthielt, nicht ansah. Unter den drei vergoldeten Kugeln, dem
Pfandleiherzeichen, gelangte man durch den Eingang in einen engen, nur sprlich
erleuchteten Hausflur, aus welchem eine Thr nach der gerumigen Office
fhrte. Ein starkes Gitter, hinter welchem der Pfandleiher seinen Platz hatte
und das ihn vor jeder Unbequemlichkeit durch seine Kunden schtzte, schied
diesen Raum der Lnge nach in zwei Hlften. Es hatte zwei durch Schiebgitter
geschtzte Fenster, welche sich durch einen einfachen Mechanismus im Nu
schlieen konnten. Hinter dem ersten thronte neben einem hohen Pulte Abraham
Meier selbst, und hier war der Ort fr den Versatz von Allem, was in das Bereich
der edlen Metalle und Juwelen schlug, whrend Mrs. Meier hinter dem zweiten
Fenster sich mit der Prfung von jeder Art Bekleidungsstcken aus Seide, Sammet,
Tuch oder Leinwand, wie sie in das Lokal wanderten, beschftigte. Abraham Meier
war noch wenig ber die Vierzig hinaus, trug sein Haar, selbst im Geschft,
wohlfrisirt und seinen Bart glatt geschoren; er sprach stets Englisch, wenn er
nicht durch grne Kunden zum Deutschsprechen gezwungen war, aber auch in
diesem letzteren Falle suchte er den anerzogenen jdischen Accent mglichst zu
verbergen. Abraham Meier galt im Allgemeinen fr einen vorsichtigen
Geschftsmann seiner Art, denn noch war kein Fall von einiger Bedeutung
vorgekommen, in welchem die Polizei bei ihren Nachforschungen nach gestohlenen
Gtern ihm etwas htte zur Last legen knnen. Er galt aber auch bei der
unverheiratheten, jungen Mnnerwelt fr einen der wenigen Pfandleiher, mit
welchen ein Mensch von Erziehung zu thun haben konnte, ohne das Demthigende
seiner augenblicklichen Lage zu sehr zu empfinden. Seine Taxirung von
Pfandgegenstnden geschah ohne geringschtzende Miene und beleidigendes
Achselzucken. Mit hflicher Geschftsmiene gab er die Summe an, zahlte oder wies
bedauernd eine hhere Forderung zurck, und so gehrte seine Bekanntschaft unter
dieser Klasse von Geldbedrftigen zu den ausgebreitetsten, wenn auch seine
Taxirungen, von denen er nie wich, eben nicht zu den hchsten gehrten.
    Es war Nachmittags zwei Uhr an einem Apriltage. Abraham sa vor seinem
Pulte, bltterte in einem seiner Geschftsbcher und markirte einzelne Posten
mit Bleistift. Die Office war leer. Mit dem Ausgange des Winters ist die grte
Ernte des Pfandleihers vorber; was der Arme entbehren konnte, hat er fr
Feuerung und Lebensmittel geopfert; die Masse von jungen Leuten aber, deren
Einkommen mit ihren Ansprchen auf Vergngungen, an denen die groe Stadt im
Winter so reich ist, nicht im Einklange stehen, haben springen lassen, was
einigermaen entbehrlich war, oder auch zum Versetzen auf die eine oder andere,
oft nicht zu rechtliche Weise beschafft wurde, und so versiegt mit den ersten
Frhlingstagen eine Quelle des Pfandleihers, welche seinen Hauptgewinn bildet,
da selten an eine Wiedereinlsung der versetzten Gegenstnde gedacht wird.
    Vierundfnfzig Nummern! brummte Abraham, als er die letzte beschriebene
Seite seines Geschftsbuchs erreicht hatte. Er stand auf und schlo die beiden
Fenster des Gitters; dann ffnete er einen groen eisernen Geldschrank unweit
seines Pultes und begann eine Menge kleiner, in weies Papier gewickelter und
numerirter Pckchen daraus hervorzuholen. Bei jedem derselben verglich er die
Nummer mit den Angaben seines Geschftsbuchs, ffnete auch wol hie und da eins
derselben und besah mit prfendem Blick die Uhren, Ringe, Ketten und anderen
Schmuckgegenstnde, welche sich zeigten, sie aber jedesmal wieder sorgfltig in
ihren Umschlag wickelnd, und packte zuletzt den ganzen Haufen in einen flachen
Korb, der sichtlich zu diesem Zwecke sich auf dem Geldschrank befand. Nachdem er
diesen wieder sorgfltig verschlossen, trug er seine Kostbarkeiten nach einem
Nebenzimmer, wo eine ganze Niederlage von Packeten aller Gren sich in groen
an der Wand hinziehenden Regalen befand. Vor einem langen Tische stand eine
schmchtige Frauengestalt, mit dem Sortiren eines Haufens von
Frauenkleidungsstcken beschftigt.
    Wenn du fertig bist, kleine Rebecka, sagte er Englisch, so kommt Alles in
den vorderen Keller. Morgen will endlich der Meier Friedmann hier sein, und ich
werde den Plunder los sammt den andern Waaren im hintern Keller, die schon
lnger im Hause sind als gut ist.
    Die Frau sah langsam von ihrer Arbeit auf und zeigte ein ernstes Gesicht,
dessen Schnitt und dunkler Teint die orientalische Abkunft nicht verlugnen
lie. Sie war augenscheinlich bedeutend jnger als der Pfandleiher und htte,
wre nicht ein sonderbarer Zug von Erschlaffung ber ihr ganzes Gesicht
verbreitet gewesen, bei Vielen fr eine Schnheit gelten knnen.
    Ist es nicht ein gefhrliches Geschft, was du treibst seit dem letzten
Jahre? sagte sie.
    Gefhrlich? Wie heit gefhrlich! erwiderte er eifrig, ins Deutsche
fallend, und setzte den Korb mit Goldwaaren auf den Tisch. Ist der Termin fr
die Einlsung von den Nummern dahier nicht abgelaufen schon seit der letzten
Woche? Und spricht auch das Gesetz, da ich soll halten die Sachen noch so und
so lange Zeit nach dem Verfalle, so wei ich doch, da Keiner wird kommen und
mich daran mahnen, so kenne ich doch die Menschheit, so werde ich doch nicht
sein thricht und lassen das Geld liegen todt in den Sachen ein volles Jahr.
    Das ist deine Sache, Abraham, unterbrach ihn die Frau; aber ich meinte
wegen der Waaren in dem hintern Keller.
    Was willst du, Rebeckche, was willst du? sagte er, seine Stimme dmpfend,
wei ich, woher die Waaren kommen, oder was fr ein Recht die Leute daran
haben, welche sie gebracht? Soll ich sie lassen gehen nach einem andern Platze
und einem Andern lassen den Profit daran? Was bringt's ein, wenn man hat ein gar
zu genaues Gewissen? Du hast die Gedanken vom alten Isaak Hirsch, der
herumdrehte jedes Geschft dreimal, ehe er hat zugefat. Was hat er gemacht
dabei? Luft er nicht noch herum unten im Sden bei den Niggern als Pedlar und
hat fr den Manuel, den er angenommen an Kindesstatt und den wir jetzt mssen
verpflegen, noch nicht einmal geschickt das Kostgeld fr die letzten drei
Monate? Und bist du nicht selber geblieben ein so armes Josim, da du hast
zugegriffen, als der Abraham Meier zu dir kam, wenn er auch war zwanzig Jahre
lter?
    Ich hab' dich genommen, weil du warst ein anstndiger Mensch und ich
meinte, du sei'st ehrlich, erwiderte sie, den Kopf hoch aufrichtend; ich habe
dir geholfen nun manches Jahr in deinem Geschfte und zu deinem Verdienste, und
wenn ich einmal spreche, wo ich denke es sei Noth, so habe ich nicht verdient,
da du mir vorwirfst, ich sei gewesen arm, als du mich genommen.
    Rebeckche, was willst du? sagte er eifrig; habe ich doch nichts sprechen
wollen, was. Dich knnte beleidigen; bin ich nicht anstndig noch immer? Gehre
ich doch zur Gesellschaft der Benei Beri; treibe ich doch mein Geschft, da
sie schon oft haben gesprochen vom nobeln Abraham Meier; habe ich dir doch
gesagt, da du sollst wegbleiben ganz und gar vom Fenster in der Office und
sollst sitzen in deinem Parlor als eine Lady, und da ich will nehmen den Manuel
ins Geschft an deinen Platz, wenn der Isaak Hirsch noch lnger zurckhlt mit
dem Kostgelde fr ihn. Und wegen der Waaren im Hinterkeller, fuhr er halblaut
fort, wei Jemand, wo der Weg hineingeht und sucht Jemand dergleichen beim
Abraham Meier, der sein Geschft so nobel betreibt? Warum soll ich nun nicht
nehmen einen groen, sichern Gewinn - er hielt pltzlich inne und horchte auf.
Hast du gehrt? fragte er nach einer Weile.
    Was soll ich haben gehrt? erwiderte sie, es war Jemand an der
Hinterthr.
    An der Hinterthr - wer hat etwas zu thun an der Hinterthr? sagte er und
horchte noch immer mit gespanntem Gesichte.
    Was thust du so ngstlich? wer soll's anders sein, als Einer, der nicht
will gehen zum Pfandleiher am hellen Tage durch die Vorderthr? Du hattest
niemals Angst, Abraham, als du noch lieest deine Hand von verdchtigen Waaren.
    In diesem Augenblicke klappte die Thr der Office und Meier's Gesicht
verfrbte sich. Geh hinaus, Rebeckche, thu' mir's zu Liebe und sieh wer da
ist, sagte er hastig und leise, morgen kommt der Meier Friedmann, und dann
soll kein Stck Waare mehr sehen den Hinterkeller.
    Die Frau ging ruhigen Schrittes nach der Office und Meier hrte, wie sie
eins der Fenster des Gitters ffnete.
    Ist der Abraham nicht hier, Ma'am? klang es in englischer Sprache, ich
komme so eben aus dem Sden, und mchte ihm gern guten Tag sagen.
    Meier athmete mit sichtbarer Erleichterung auf, fuhr mit der Hand ordnend
durch seine Haare und trat hinaus.
    Vor dem Gitter stand ein Mann in elegantem Anzuge, mit dunkelm Schnurrbart
und freier Haltung. - Meier's Auge hatte im Nu die ganze Erscheinung berflogen
und blieb dann an dem lchelnden Gesichte des Eingetretenen hngen. Es war schon
Wochen her, da Niemand mehr durch die Hinterthr zu ihm gekommen war; die
Weise, sie zu ffnen, war nur Einzelnen seiner vertrauten Kunden bekannt, und
von dem Gesichte vor ihm kannte Abraham keinen Zug.
    Was steht Ihnen zu Diensten? fragte er, an das Fenster tretend, whrend
sich seine Frau in das hintere Zimmer zurckzog.
    Hm, kennt Ihr mich nicht mehr, alter Bursche? erwiderte der Angeredete und
reichte ihm die Hand durchs Fenster. Haben doch schon Manches mit einander zu
thun gehabt, wenn auch nur Abends. Mein Name ist Wells, Henry Wells, Sir.
    Meier sah dem Manne noch einen Augenblick befremdet, aber scharf prfend ins
Gesicht. Dann nahmen seine Zge den Ausdruck der kltesten Hflichkeit an; er
bog sich vom Fenster zurck, ohne die dargebotene Hand zu berhren. Mglich,
Sir, da wir schon ein Geschft zusammen gemacht haben, ich kann mich Ihrer aber
durchaus nicht entsinnen; es gehen vielerlei Art Leute jhrlich in meiner Office
aus und ein. Was steht zu Ihren Diensten?
    Well, Sir, Sie mssen mich als alten Bekannten entschuldigen, da ich, wie
frher, den Weg durch die Hinterthr genommen habe, erwiderte der Andere, ihm
mit ungestrtem Lcheln ins Gesicht sehend; es war mir gerade bequem. Kann ich
nicht ein Viertelstndchen mit Ihnen plaudern, ungestrter als gerade hier in
der Office?
    Ich mache nirgends anders Geschfte, als in meiner Office, erwiderte
Abraham so kalt wie vorher, aber sein Auge begann unruhiger zu werden. Sagen
Sie, was Ihnen zu Diensten steht, ich bin heute sehr beschftigt!
    Um den Mund des Andern zuckte es wie halber Spott. Ich bin kein
Polizeispion und auch kein rgerer Spitzbube, als mit denen Sie bereits zu thun
gehabt, Mr. Meier, sagte er mit halbgedmpfter Stimme, Sie haben also nichts
zu frchten. In Ihrem Hinterhause ist ein kleines, hbsches Stbchen, in welchem
Sie schon oft ganz artige Geschfte abschlossen - warum wollen Sie also durchaus
mit mir nur in Ihrer Office verhandeln? Sie sehen doch nun, da wir alte
Bekannte sind, wenn ich auch gestern erst wieder in New-York angekommen bin?
    Meier's Gesicht wurde bla und sein Auge fixirte von Neuem unsicher den vor
ihm Stehenden. Ich wei nicht von was Sie reden, sagte er dann, und suchte
hrbar seiner Stimme Festigkeit zu geben, und dazu kenne ich Sie durchaus nicht
-
    Thut vorlufig gar nichts, alter Freund, lachte der Fremde, sagen Sie mir
nur, ob Sie eine Viertelstunde mit mir plaudern wollen oder nicht. Wollen Sie
mich nicht in Ihr Geheimzimmer fhren, so thut's auch Ihr Parlor - unsere
Unterhaltung soll ganz unverfnglicher Natur sein, das verspreche ich Ihnen.
Hoffentlich wird der noble Abraham einen alten Bekannten, der nicht einmal etwas
von ihm verlangt, nicht in seiner Office abspeisen, wie etwa einen Menschen, der
zum armseligen Pack gehrt.
    In Meier's Gesicht wechselten Rthe und Blsse; er sah bald unentschlossen
vor sich nieder, bald in die halbspttisch lchelnden Zge seines Gegenber.
Wenn Sie darauf bestehen - sagte er endlich und schlo langsam, wie noch im
halben Kampf mit sich selbst, das Fenster; als er aber die Gitterthr ffnen
wollte, schien ihn ein neues Bedenken zu ergreifen. Wenn Sie vorweg die Treppe
hinaufspazieren wollen - sagte er, ich komme Ihnen auf dem Fue nach.
    Der Andere lachte leicht auf. Ich habe keine Absichten auf Sie, noch auf
Ihr Eigenthum, Abraham, sagte er und ffnete die Thr nach dem Hausflur,
kommen Sie ruhig hinter Ihrem Gitter hervor. Aber erst als der Fremde die
Office verlassen, schlo Meier die Gitterthr auf, die er, kaum da er
herausgetreten, rasch wieder ins Schlo warf.
    Der Parlor im oberen Stock, wohin Abraham seinen aufgedrungenen Gast fhrte,
prsentirte sich so nobel als der Pfandleiher selbst. Ein Carpet von schreienden
Farben bedeckte den Boden, und den mit Pferdehaar-Zeug berzogenen Mbeln, wie
dem prahlenden Goldrahmenspiegel sah man es an, da sie den Trdlerladen kennen
gelernt hatten. Zwei groe Oelgemlde hingen an der Wand, an denen die Rahmen
indessen jedenfalls den werthvollsten Theil bildeten, und zwei ordinre
Blumen-Vasen nebst einer gelblackirten Parlor-Lampe schmckten den Kaminsims.
    Der Fremde schritt ungenirt dem Schaukelstuhle zu, auf welchen er sich
bequem niederlie. Holen Sie sich einen Stuhl, Abraham, sagte er, und lassen
Sie vor allen Dingen Ihre ngstliche Miene fahren; ich beie Sie wahrhaftig
nicht und will auch kein Geld von Ihnen.
    Meier lie sich, die Augen gro auf den Eindringling geheftet, ihm gegenber
nieder.
    Ich komme soeben aus Alabama, begann dieser leicht, und habe da einen
Verwandten von Ihnen, einen alten Pedlar, getroffen.
    Ah - den Isaak Hirsch, vermuthe ich, sagte der Pfandleiher und sein
Gesicht begann an ngstlicher Spannung zu verlieren. Ist der alte Mann wohl,
und hat er Ihnen vielleicht irgend einen Auftrag fr mich gegeben?
    Als ich ihn sah, war er wohl, erwiderte der Fremde, sonst hat er mir fr
Sie nichts Besonderes bertragen. Ist aber nicht etwas wie ein Schwestersohn von
ihm vorhanden? wenigstens sprach er -
    Der Manuel, versteht sich, der Manuel, den ich in Kost habe. Haben Sie
etwas fr ihn?
    Nichts von Bedeutung - hilft er mit in Ihrem Geschfte?
    Meier sah seinem Gaste einen Augenblick scharf in die Augen, ehe er
antwortete. Hat Ihnen der Alte vielleicht Auftrag gegeben, nachzusehen, ob ich
unrecht handle an dem Jungen, sagte er dann, so mgen Sie ihm nur melden, da,
wenn er mich auch drei Monate ohne das Kostgeld fr ihn gelassen habe, der
Manuel doch noch immer bei Smith und Johnson, Advocaten in Duanestreet sei, um
zu schreiben und die Gesetze kennen zu lernen, wie es der Alte verlangt hat, ehe
er das letzte Mal nach dem Sden ging.
    So, bei Smith und Johnson arbeitet er, und der Alte ist Ihnen noch das
Kostgeld fr ihn schuldig, sagte der Fremde und sttzte den Kopf in die Hand.
Sagen Sie einmal, Abraham, fuhr er fort, und es zuckte wie ein unwillkrliches
Lcheln ber sein Gesicht, ist der alte Isaak ein stiller Partner von Ihnen
gewesen, da er so genau Bescheid wute ber die Geschfte, welche Sie bisweilen
Abends in Ihrem Geheimzimmer abschlieen, da er mich wegen der Hinterthr
zurechtweisen und mir noch weitere derartige Dinge erzhlen konnte?
    Meier zuckte wie von einem Stiche getroffen von seinem Stuhle auf und warf
wie unwillkrlich einen scheuen Blick durch das Zimmer. Was hat er gesagt, was
wei er, was kann er erzhlt haben? stie er hervor und sah seinen Gast mit
aufgerissenen Augen an. Habe ich Ihnen nicht gesagt, da ich von allen solchen
Worten nichts verstehe? Und wegen des Isaak - so ist er doch nicht mehr als
zweimal in meinem Hause gewesen im letzten Jahre - was kann er wissen?
    Woher wei ich es, Abraham? erwiderte der Andere und erhob sich langsam;
ich bin doch gestern erst nach langer Abwesenheit wieder in New-York
eingetroffen. Aber, fuhr er fort und nahm seinen Hut, Sie haben viel zu thun,
und so will ich Sie nicht lnger aufhalten. Adieu, und gren Sie Mrs. Meier!
    Nun wei ich aber doch immer noch nicht, was Sie von mir wollten! rief
Meier aufgeregt und stellte sich vor seinen Gast, als wollte er ihm den Weg
vertreten.
    Schreien Sie nicht so, Abraham, das thut in Ihrem Hause nicht gut!
erwiderte dieser, mit der Hand winkend; ich wollte nichts weiter von Ihnen, als
was ich jetzt wei, adieu!
    Aber Sie wissen doch nichts, Sie wissen doch bei Gott nichts! rief der
Pfandleiher, mhsam seine Stimme niederhaltend.
    Desto besser fr Sie! sagte der Eindringling mit einem halben Lachen und
schritt die Treppe hinab.
    Meier hielt noch unentschlossen die Parlorthr in der Hand, als er den
Andern schon das Haus verlassen hrte. Was wei er, was kann er wissen?
murmelte er unruhig vor sich hin. Morgen kommt der Meier Friedmann, und dann
nimmer wieder ein verdchtiges Geschft! da ich Ruhe behalte im Hause - -
    Der Fremde hatte die Richtung nach dem Broadway eingeschlagen und schritt
mit der Miene eines Mannes vorwrts, der ein Geschft zu seiner Zufriedenheit
abgemacht hat. Dann und wann spielte, wie in Erinnerung an die eben durchlebte
Scene, ein spttisches Lcheln um seinen Mund, und erst als er Chathamstreet
kreuzte, wo die starke Passage von Fuhrwerk ihn zur Vorsicht mahnte, nahm sein
Gesicht den Ausdruck von scharfer Beobachtung an, der ihm, nach den zwei tiefen
Falten an der Nasenwurzel und den wie gewohnheitsmig halb zugedrckten Augen
natrlich zu sein schien.
    An der nchsten Ecke stand eine von den Gestalten, wie man sie in New-York
besonders in der Nhe von Trinklocalen so hufig trifft, ein Mensch in modernen
Kleidern, von denen indessen jeder Theil, vom zerdrckten Hute bis zu den
ungeputzten Stiefeln, eben aus den Trdelbuden gekommen zu sein schien. Er hatte
die Hnde mig in den Hosentaschen stecken und musterte mit halbschlfrigem
Blicke die vorbeipassirenden Menschen und Fuhrwerke. Der Fremde hatte ihn kaum
bemerkt, als er seine Schritte auf ihn zulenkte. Ich mu Euch heute Abend
sehen, Bill, am gewhnlichen Orte, sagte er, ohne lnger als nur einen
Augenblick bei ihm anzuhalten, es gibt Etwas, seid pnktlich da!
    All right! erwiderte der Angeredete, ohne seine Stellung zu verndern, und
der Fremde setzte in rascheren Schritten seinen Weg fort, bis er das Astorhaus
erreicht hatte und hier nach einem der Zimmer in den obern Stocks hinaufschritt.
Dort lag, eine Cigarre rauchend, ein junger Mann auf dem Sopha, der sich
indessen aufrichtete, als er den Eintretenden erkannte.
    Der Angekommene legte seinen Hut ab und trat dann, mit einem
halbsarkastischen Lcheln in das erwartungsvolle Gesicht des Andern sehend, vor
diesen.
    Well, Sir, begann er mit vorsichtig gemigter Stimme, der Erbe wre
aufgefunden, und ich verbrge mich, sein Verschwinden zu veranstalten, ohne da
nur Jemand etwas Unrechtes dabei vermuthen soll. Jetzt fragt es sich vor allen
Dingen, wie weit Sie mit Ihrer Arbeit sind.
    Seifert, sagte der Dasitzende, mit einem Lachen der Befriedigung
aufspringend und seine Hnde auf die Schultern des Andern legend, bei Gott, ich
erklre Sie fr den abgefeimtesten Spitzbuben, den ich jemals gesehen!
    Danke schn! erwiderte dieser kalt; Sie aber scheinen mir ein Kind zu
sein, Mr. Murphy, das so subtile Speculationen wie die unsern gar nicht
unternehmen sollte. Ich heie Wells, Sir - Henry Wells, mgen wir allein oder in
Gesellschaft sein. Den Seifert habe ich in den Mississippi versenkt, als ich
dort das Dampfboot bestieg.
    Gut, gut! ich verspreche Ihnen, es soll keine Namenverwechslung mehr
vorkommen, erwiderte Murphy. Jetzt setzen Sie sich hierher. Ich gestehe Ihnen
offen, da ich schon frchtete, wir wrden nicht Zeit genug gewinnen, um unsere
Nachforschungen und weiteren Maregeln ausfhren zu knnen. Hier, sagte er und
zog aus der Brusttasche seines Rockes einen Brief, lesen Sie und sagen Sie mir
dann Ihre Meinung.
    Seifert entfaltete ihn langsam, berflog erst Datum und Unterschrift und
begann dann bedchtig zu lesen:

                                             Big Spring. Alab., April 13. 1850.

            Lieber William!

        So gut ich auch glaube Deinen Auftrag, der so ganz mit meiner Neigung
        bereinstimmte, ausgefhrt zu haben, so scheint doch der Deutsche einen
        Strich durch Deine Rechnung machen zu wollen, und ich eile, dir das
        Nthige zu melden. Als ich zuerst die junge, reizende Frau sah, welcher
        ich nach Deinem Plane meine Aufmerksamkeit widmen sollte, konnte ich
        ganz den Unwillen ihrer Eltern, sowie der Nachbarschaft begreifen, da
        es einem solchen hergelaufenen deutschen Schlingel hatte gelingen
        knnen, diese Perle fr sich wegzufischen. Ich wurde bei einer
        zuflligen Gelegenheit ihrem Vater vorgestellt, der ziemliches Gefallen
        an mir zu finden schien, und bald merkte ich, als ich, wie unkundig der
        bestehenden Verhltnisse, seiner Tochter erwhnte, da es vielleicht ein
        noch strkeres Mittel geben knne, um den Deutschen von seiner Reise
        nach New-York abzuhalten, als die Eifersucht - das war die Liebe, mit
        welcher der alte Mann an seinem Kinde hing und die in jeder seiner
        Aeuerungen eben so unwillkrlich hervorbrach, wie sein Mifallen an
        ihrer Verbindung mit dem Deutschen. Schon bei meinem nchsten Besuche,
        welchen ich der jungen Frau machte, whrend ihr Mann seinem
        Musikunterricht auer dem Hause nachging, sah ich, da jedes Wort, das
        ich von ihrem Vater sprach, tiefere Wirkung hatte, als ich selbst
        gehofft - sah, da sie sich in der Stellung, in die sie sich durch ihre
        schnelle Heirath gebracht, nicht heimisch fand, und bestrebte mich von
        dieser Zeit an, ein verbindendes Glied zwischen ihr und ihrem
        elterlichen Hause zu sein. Ich brachte es wirklich dabei fertig, ihren
        Mann, selbst wenn er bei meinen Besuchen anwesend war, vollstndig zu
        ignoriren und ihn, wie mir sein ganzes Benehmen bewies, mit grerer
        Sorge um den Frieden seiner Huslichkeit und den ungestrten Besitz
        seiner Frau zu erfllen, als es mit meinen bloen Aufmerksamkeiten fr
        die letztere, und wren diese noch so auffallend gewesen, mglich
        geworden wre. Ich hielt es schon fr ganz gewi, da Du wenigstens fr
        die nchsten Wochen ruhig dort arbeiten knntest, ohne seine Abreise von
        hier frchten zu mssen, als er pltzlich mit einer Entschlossenheit
        einen Streich ausfhrte, die ich ihm nicht zugetraut, einen Streich, der
        mich vollstndig aus dem Sattel geworfen hat. Du kennst den alten Mr.
        Morton, welcher die junge deutsche Frau hat, - nach dessen Farm hat
        gestern unser Mann Alles, was in seinem Hause lebt und Beine hat,
        bergesiedelt. Ich begegnete ihm, als er sein junges Frauchen hinfuhr,
        auf der Landstrae. Er sah finster geradaus und that, als ob er mich
        nicht bemerkte; sie hatte rothgeweinte Augen und erwiderte meinen Gru
        nur halb. Wenige Minuten danach traf ich einen Wagen mit ihrem Schwarzen
        als Kutscher und bepackt mit einigen Kisten, auf welchen ihre schwarze
        Kchin sa. Ein paar Worte, welche ich mit dieser wechselte, belehrten
        mich ber das, was geschah, und von einer Schlerin der Akademie, die
        ich spter traf, erfuhr ich ohne Mhe, da Mr. Helmstedt fr vierzehn
        Tage Urlaub genommen habe, um eine nothwendige Reise nach New-York zu
        machen. An dem von ihm bisher bewohnten Hause waren Lden und Thren
        fest geschlossen. Ich beruhigte mich dabei nicht, sondern ritt noch
        denselben Nachmittag, da mir Gefahr im Verzuge schien, nach Mortons Farm
        und lie mich bei Mrs. Helmstedt anmelden; der Schwarze brachte mir aber
        den kurzen Bescheid, da die Mistre, so lange sie hier sei, keine
        Besuche anzunehmen wnsche.
        So steht die Sache im Augenblick und ich frchte, da nur kurze Zeit,
        nach Ankunft dieses Briefes der Deutsche Deinen Weg kreuzen wird.
        Handele nun, wie es Dir Deine eigene Klugheit eingibt, und schreibe mir
        bald; die nchste Postoffice bei Big Spring kennst Du. Wie immer, Dein
                                                                   John Nelson.

    Seifert faltete den Brief langsam zusammen und sah einen Augenblick
nachdenkend vor sich nieder. Dieser Mr. Nelson, sagte er dann, scheint selbst
verliebt in die junge Frau zu sein und mit seinem groen Eifer mehr verdorben
als gentzt zu haben. Zu gleicher Zeit aber mu ich Ihnen gestehen, da ich
persnlich Ursache habe, eine Begegnung mit diesem Mr. Helmstedt, besonders hier
in New-York zu vermeiden. Es heit also vor allen Dingen rasch handeln, und
damit ich eine volle Uebersicht des Nothwendigen erhalte, lassen Sie uns den
allgemeinen Thatbestand recapituliren. - Sie haben in dem Nachlasse des alten
Pedlars. welcher in dem Hause des Mr. Morton in Alabama starb, die Notiz ber
einen alten Besitztitel gefunden, von der, wie Sie meinen, Niemand etwas wei.
Wie kamen Sie dazu, und warum glauben Sie, da Sie der Alleinwissende seien?
    Das ist einfach, erwiderte Murphy, der stillschweigend die Ueberlegenheit
seines Gesellschafters anzuerkennen schien. Als der Tod des Pedlars, welcher
Nachts in seinem Bette an einem Blutsturze starb, entdeckt wurde, blieben seine
smmtlichen Effecten unberhrt, wie dies gewhnlich geschieht, bis der Koroner
die Todtenschau vorgenommen hat. Der Koroner aber, nach welchem der alte Morton
sandte, war krank und ernannte mich, der ich ein Bekannter von ihm bin und
zufllig in der Nhe war, fr diesen Fall zu seinem Deputy. So hielt ich denn
die Todtenschau ab und fand unter den Papieren in seinem Taschenbuch, auf welche
eine Art Testament von ihm hinwies, die Quittung ber einen bei Smith und
Johnson in New-York deponirten Besitztitel mit genauer Angabe seines Inhalts.
Ich habe ziemlich viel in den Besitztitel-Angelegenheiten des nrdlichen Theiles
unseres Staates gearbeitet und erkannte, sobald ich die Nummer der Landsection
und andere Bezeichnungen las, sofort die Wichtigkeit des Papiers fr einen Mann,
der etwas daraus zu machen wei, whrend es in der Hand des Unkundigen
vollkommen werthlos war. Ich setzte mich unbemerkt in seinen Besitz und bergab
die brigen Papiere dem Deutschen, Helmstedt, welcher in dem erwhnten Testament
als Vollstrecker desselben namhaft gemacht worden war.
    Seifert verzog in diesem Augenblick das Gesicht zu einer so ironischen
Miene, da der Redende inne hielt.
    Nun? fragte er.
    Nichts, gar nichts, erwiderte Seifert, als da ich Ihnen wahrhaftig Ihr
voriges Compliment, den abgefeimtesten Spitzbuben betreffend, zurckgeben mu.
Werden Sie nicht beleidigt dadurch, fuhr er lachend fort, als er in Murphy's
Gesicht ein leichtes Roth treten sah, die Aeuerung war wenigstens nicht
schlimmer gemeint als die Ihrige. Fahren Sie fort.
    Murphy warf einen finsteren Blick in seines Gefhrten Gesicht und sah dann
zur Erde. Ich bin zu Ende. sagte er.
    Ein Zug von Hohn, der aber schon im nchsten Moment verschwunden war, zuckte
um Seiferts Mund. Ich glaube, Sir, entgegnete er, es ist jetzt wenig Zeit,
den Empfindlichen zu spielen, falls Sie Ihr Unternehmen berhaupt noch verfolgen
wollen.
    Murphy sah auf und schien einen innern Widerwillen niederzukmpfen. Was
wollen Sie weiter wissen? fragte er.
    Die Hauptfrage war also, begann Seifert von Neuem und lehnte sich bequem
zurck, ob der besagte Besitztitel auch wirklich mit allen Rechten auf den
alten Pedlar bertragen war, und ber diesen Punkt wollten Sie sich hier in
New-York Gewiheit verschaffen.
    Ich habe mich bei Smith und Johnson einfhren lassen, die berhaupt alle
gerichtlichen Angelegenheiten fr den Alten versehen zu haben scheinen,
berichtete Murphy, vor sich nieder sehend, und es ist mir nach mancherlei
Umwegen, um den Hauptzweck meines Besuches zu verdecken, gelungen, Einsicht in
das Document zu erhalten. Das unbeschrnkte Eigenthumsrecht des Isaak Hirsch
daran steht auer allem Zweifel.
    Schn, nickte Seifert, es entsteht aber noch die eine Frage, ob der Alte
nicht etwa weitere Depositen bei derselben Firma hat, wodurch, wenn auch die
Erben keine augenblickliche Kenntni des vorhandenen Besitztitels haben, sie
doch so zeitig davon unterrichtet werden mten, da Ihr ganzer Plan, ein
Abkommen deshalb mit den Leuten zu treffen und sich selbst den Hauptgewinn zu
sichern, auf sehr bedeutende Schwierigkeiten stoen drfte.
    Murphy verzog das Gesicht zu einer geringschtzenden Miene. Sie drfen es
wol bei einem Advocaten, der es gewohnt ist, alle Seiten eines Falles zu
erwgen, voraussetzen, sagte er, da ihm eine solche Hauptfrage nicht
entgangen ist. Die smmtlichen brigen Depositen bestehen aus Geld und sind bei
einem hiesigen Handlungshause untergebracht.
    Very well, erwiderte Seifert, Sie mssen mir aber schon erlauben, da ich
bei einem Unternehmen, in welchem mir selbst der gefhrlichste Theil zufllt,
nie etwas voraussetze. Und da bisher Alles in Ordnung und reif zum Handeln ist,
so gehe ich zur letzten Frage. Ich werde noch heute Abend etwa 300 Dollars
bedrfen, um meine Operationen beginnen zu knnen. Werden diese zur Stelle
sein?
    Ich kann sie jedenfalls anschaffen, versetzte der Advocat. Indessen,
fuhr er fort, seinem Gefhrten scharf ins Auge sehend, mchte ich wol vorher
etwas Genaueres ber Ihren Plan, sowie ber die Verwendung dieses Geldes wissen.
Ich habe noch nicht einmal etwas Weiteres als Ihr Wort, da der Erbe aufgefunden
sei.
    Seifert hielt mit einem gemthlichen Lcheln Murphy's Blick aus. Wnschen
Sie nicht etwa eine gerichtlich gesicherte Brgschaft, lieber Herr, da ich
wirklich den Judenjungen auf die Seite schaffen werde? sagte er. Oder
vielleicht eine vor dem Notar beschworene Specification meiner Ausgaben,
versehen mit den Quittungen der verschiedenen Herren von der Fancy, welche ich
auf die eine oder die andere Weise bei dem Unternehmen verwenden mu? Ich will
Ihnen Eins sagen, fuhr er fort und setzte sich gerade auf, die Zeiten, wo man
einen wohl verclausulirten Pakt mit dem Teufel machte, sind seit der Erfindung
der Polizei vorbei; heut' zu Tage werden alle Geschfte in dieser Branche nur
auf Treue und Glauben gemacht. Ich bernehme die kitzlichste Arbeit in der
ganzen Speculation und wei noch nicht einmal, ob der sptere Erfolg Ihrer
Arbeit meine Gefahr lohnt - ich traue nur Ihrem Worte und Ihrer Einsicht.
Dasselbe haben Sie bei mir zu thun - ich bin aber gern erbtig, falls Ihnen
diese Uebereinkunft nicht convenirt, in diesem Augenblicke noch unsern Vertrag
aufzuheben. Sie haben dann am Ende weiter nichts verloren, als die Kosten meiner
Reise nach New-York.
    Murphy stand auf und ging, vor sich hinsehend, einige Mal im Zimmer auf und
ab. Dann ffnete er seinen Koffer und nahm ein mit Banknoten geflltes Etui
heraus. Es sind genau dreihundert Dollars, sagte er, indem er es leerte;
zhlen Sie nach. Jetzt werden Sie mir aber wenigstens sagen knnen, ob
berhaupt oder wie viel etwa fernere Mittel nothwendig sein werden, um Ihren
Theil an unserer Arbeit zu einem bestimmten Ende zu bringen
    Wie kann ich das wissen, Sir? erwiderte Seifert, mit hflicher Miene die
Achsel zuckend; wie kann ich alle Hindernisse, die vielleicht berwunden werden
mssen, vorausberechnen? Hundert Dollars mehr oder weniger hngen bei
Unternehmungen dieser Art oft von der augenblicklichen Laune der Menschen ab,
welche die praktische Arbeit in der Sache zu thun haben. Den Jungen zu entfhren
ist Kinderspiel; aber es zu veranstalten, da er nicht vermit wird, da die
brigen Erben ohne Hinderni in das Vermchtni eingesetzt werden knnen, da
Sie keine Schwierigkeiten finden, um Ihr Abkommen wegen des Besitztitels zu
treffen - das ist ein Unternehmen, welches mehr als gewhnliche Mittel verlangt.
Hier liegt das Geld, falls Sie noch irgend welche Bedenken haben sollten -
    Nehmen Sie und gehen Sie an die Arbeit, sagte der Advocat, sich die Stirn
reibend, Sie wissen recht gut, da ich nicht zurck kann, wenn ich nicht den
ganzen Plan aufgeben will.
    Seifert erhob sich, ging auf den Advocaten zu und legte die Hand auf seine
Schulter. Der Teufel ist noch immer ehrlicher gewesen als die, welche stets den
Herrgott auf der Zunge haben. Das war das Wort, mit dem Sie mir auf dem
Dampfboot Ihr Vertrauen schenkten, und daran mgen Sie nur ruhig festhalten,
sagte er. Aber, fuhr er fort, und sah dem Advocaten mit einem eigenthmlichen
Blick ins Auge, den Teufel haben auch Wenige noch ungestraft betrogen, und Sie
mgen auch dieser Wahrheit in unserem Falle sicher sein.
    Habe ich schon etwas gethan, das Sie zu irgend einem Verdachte gegen mich
berechtigen knnte? unterbrach ihn Murphy, den Kopf hoch aufrichtend.
    Zu Thaten war es wol die Zeit noch nicht - eben so wenig wie am Keim einer
Pflanze gleich die Frchte hngen, obgleich der Erfahrene genau wei, wie diese
einmal aussehen werden, erwiderte Seifert mit demselben Blicke wie zuvor.
    Ich verstehe Sie nicht, Sir.
    Desto besser fr Sie, und ich wnsche, da ich Ihnen den Sinn meiner Worte
nicht knftig einmal zu erklren brauche. Halten Sie Ihr Versprechen wegen
meines Gewinn-Antheils an dem ganzen Unternehmen spter so ehrlich, wie ich
meine Zusagen jetzt erfllen werde, so haben wir Beide nichts zu sorgen.
    Damit drehte er sich weg und ergriff die Banknoten, die er langsam und
bedchtig durchwhlte und dann in seine Geldtasche packte. Es ist mglich, Sir,
da Sie mich die ganze Nacht nicht wiedersehen, sagte er dann, kommt uns aber
bis morgen Mittag dieser Mr. Helmstedt nicht in den Weg, so denke ich, bis dahin
die Hauptsache geordnet zu haben.
    Murphy war ans Fenster getreten. Und wann kann ich darauf rechnen, Sie
wieder zu sehen? fragte er, ohne sich umzudrehen.
    Jedenfalls morgen um diese Zeit, wenn nicht frher, erwiderte Seifert und
nahm seinen Hut. Aber noch Eins, Sir, wenn Sie mir die Ehre gnnen wollen, Ihr
Gesicht zu sehen.
    Murphy wandte sich langsam um.
    Ich bin, fuhr er Erstere fort, unter allen Umstnden, mag passiren was da
wolle, Henry Wells, Geschftsmann von New-York, den Sie schon lngere Jahre von
seinen Reisen im Sden her kennen. Es knnen Flle eintreten, wo an einer
einzigen Unvorsichtigkeit in dieser Beziehung der ganze Erfolg meiner Arbeit
scheitern kann.
    Murphy nickte, und Seifert verlie das Zimmer. - -

    In einer der Querstraen nahe dem Hafen, deren Bewohnerschaft fast nur von
dem Gelde der ankommenden Schiffsmannschaft lebt und in den zahlreichen
Trinklocalen, Tanzhusern und Kauflden aller Gattungen jedes Mittel aufgeboten
hat, um auch den letzten Penny aus den Taschen der Matrosen zu locken, stand ein
einstckiges Haus, das sich indessen durch eine Breite von wol sechzig Fu,
einen reinlichen, gelbbraunen Anstrich und durch eine bunte Gaslaterne ber der
Thr vor den brigen, grtentheils schmalen und unsaubern Localen auszeichnete.
Ein Gang fhrte von dem Haupt-Eingange nach einem groen, gerumigen Tanzsaale
im hintern Theile des Hauses, whrend sich im vordern Theile auf einer Seite des
Ganges ein Trinklocal und auf der andern ein Billardzimmer befand.
    Es war zehn Uhr, und aus dem Tanzsaale klangen die Tne einer Polka, oft von
dem Stampfen und Aufjauchzen der Tnzer bertnt, whrend in dem vorderen
Trinkzimmer nur ein schlfriger Barkeeper hinter dem Schenktische lehnte. Bald
aber ffnete sich die Verbindungsthr und zwei Mnner, in heftigem Wortwechsel
begriffen, traten aus dem Saal herein. Der eine war eine Gestalt von weit ber
sechs Fu Hhe, mit einem Nacken und einem Schulternpaare, welche die Natur kaum
fr etwas Anderes als einen Lasttrger geschaffen zu haben schien, whrend das
frische, gutmthige Gesicht darber jede Sorge ber eine Begegnung mit dem
Goliath sogleich niederschlug. Der andere war mehr von geschmeidigem, nervigem
Bau, aber seine Zge trugen denselben Ausdruck von Wstheit und Verlebtheit,
welchen man so oft unter den Besuchern dieser Tanzhuser trifft.
    Hier - so! rief der Erstere, whrend er die Thr nach dem Saale schlo;
jetzt la mit dir reden, Ben, und bringe mich nicht in Hitze - du weit, was
dann passirt! Die Mary steht heute Abend unter meinem Schutze, und wer sie
anrhrt, hat ganze Knochen gehabt! Wir sind in einem freien Lande, und wenn sie
dich nicht mehr mag, so mut du's zufrieden sein.
    Ich habe mit ihr als Mann und Frau gelebt; das gilt in New-York so viel als
verheirathet, und weder du, noch irgend Jemand soll mir mein Recht streitig
machen! rief der Zweite auf den Tisch schlagend.
    Das Mdchen geht mit mir, und das ist Alles. Er drehte sich nach der
Saalthr um, aber die Hand des Riesen, wol um die Hlfte grer als gewhnliche
Menschenhnde, legte sich wie Eisen auf seine Schulter.
    Mach mich nicht bse, Ben; du kennst den Dutch Charley! sagte dieser, und
auf seiner Stirn begann sich eine gewaltige Ader zu zeigend Die Mary will
ordentlich werden, will morgen aufs Land und ist nur noch einmal hierher
gekommen, um mich hier zu finden. Sie ist meine Landsmnnin, sie steht jetzt
unter meinem Schutze, und weiter habe ich nichts mit ihr zu thun. Wer sie aber
heute anrhrt, du oder wer es sein mag, der hat es mit mir zu thun!
    La mich los! schrie der Andere, und hatte sich mit einer pltzlichen
Wendung dem Griffe seines Gegners entwunden; komm heran! rief er und sprang
zurck, beide Fuste in Boxerstellung vor sich streckend. In diesem Augenblicke
ffnete sich aber die Saalthr, und zwei andere Mnner traten hastig ein.
    Dacht' ich doch so 'was! rief der eine und sprang zwischen die beiden
Gegner. Bist du toll, Ben, den Charley wild zu machen? und weit doch, da das
Geschpf, wenn es hitzig wird, Alles blind zu Brei schlgt, was vor ihm ist, und
wre sein leiblicher Vater darunter! Lat jetzt den Streit, 's ist noch zu frh,
und wenn Ihr euch durchaus hauen mt, so thut's spter!
    Dutch Charley, den einen Fu krftig vorgesetzt, stand mit drohend
zusammengezogenen Augenbrauen da, und ber seine Stirn schlngelte sich die Ader
wie ein blauer Strick. Der Andere sah ihm mit einem bsen Blicke ins Gesicht und
lie dann die geschlossenen Fuste sinken. Ich will jetzt keine Unruhe
stiften, sagte er nach einer Pause, aber ich werde mir mein Recht verschaffen,
wenn es Zeit ist.
    Thue was du willst, erwiderte der Goliath, nur wahre dich, da ich nicht
dabei bin.
    Die Zeit wird Alles lehren! Damit drehte sich sein Gegner um und schritt
zur Thr nach der Strae hinaus.
    Eine Minute stand er vor dem Hause und sah wie berlegend die Strae hinab
und hinauf. Kein Mensch lie sich blicken, wie berhaupt selten Jemand, der
etwas zu verlieren hat, so spt diese verrufene Gegend betritt. Nur aus den
einzelnen Trinklocalen drang wster Lrm. Ben schritt langsam die Strae nach
der Stadt hinauf. Als er um die nchste Ecke bog, hrte er den Tritt eines sich
nhernden Mannes - er stand still und beobachtete, und bald sah er die nchste
Gaslaterne eine stattliche Figur und einen seinen Anzug bescheinen.
    Wollen Sie mir wol geflligst sagen, welche Zeit es ist? fragte er, dem
Herankommenden entgegengehend.
    Dieser warf einen musternden Blick auf den Frager. Mit Vergngen, sagte er
dann; lassen Sie uns nur hier an die Laterne treten. Kaum aber war Ben der
Aufforderung gefolgt, als ihm auch die sechs Mndungen eines Revolvers ins
Gesicht starrten, welchen der Fremde statt der Uhr hervorgezogen hatte.
    Teufel! rief Jener, berrascht zurckspringend; ich sehe, da Sie um die
Zeit Bescheid wissen. Ich danke schn fr die Auskunft!
    Einen Augenblick noch! rief der Fremde, als sich der betrogene Spitzbube
in die nchste Seitenstrae schlagen wollte, und senkte seine Waffe; ist das
nicht der Ben?
    Dieser blieb stehen und warf einen mitrauischen Blick zurck.
    Der immer Nr. 4 Howardstreet sein Absteigequartier hatte? setzte der
Fremde hinzu.
    Der Andere kam vorsichtig heran. Beim Donner! rief er pltzlich, das ist
der Graf! Wo in Teufels Namen kommen Sie denn her, um Ihren Bekannten solche
Streiche zu spielen? Er hielt seine Hand hin, die Jener ohne Bedenken ergriff.
    Und wie kommen Sie denn zu den Geschften, bei denen ich Sie treffen mu,
Ben? sagte der Angeredete. So weit herunter gekommen seit den paar Monaten, in
denen ich von New-York weg war?
    Nur nicht den Mund so voll genommen, Verehrter, war die Antwort; ich
erinnere mich der Zeit noch sehr wohl, wo andere Leute gleichfalls so herunter
waren, da sie gern ein Straengeschft, wie ich soeben, gemacht htten, wenn's
nicht vielleicht am Besten, an der Courage, gefehlt htte!
    Ich danke fr diese Art Courage, Beu!
    All right, Sir! Wie darf man denn aber den Herrn jetzt nennen, ohne
anzustoen?
    Ich heie Henry Wells, wenn Ihr nichts dagegen habt!
    Also amerikanisirt - guter Gedanke das! Und darf man fragen, was den Mr.
Wells in diese so wenig fashionable Gegend fhrt?
    Fragen darf Jeder - Ihr sollt aber auch eine Antwort haben, Ben; ich habe
ein Geschft mit Bill West abzumachen.
    Beim Donner, das sind Sie also! rief der Andere und schlug mit der Faust
in die linke Hand, und ich htte die ganze Geschichte beinahe ber meinem
Aerger vergessen. Wir gehen mit einander, Squire, fuhr er fort und fate
Seiferts Arm; Bill hatte mich bestellt, um Ihrer Conferenz mit ihm beizuwohnen
- wissen Sie, wir arbeiten seit einiger Zeit bei greren Geschften im
Partnership.
    Auch ein guter Gedanke das! lachte Seifert und schritt an Bens Arme die
Strae hinab, dem Tanzhause zu. Sagt einmal, begann er nach einer Weile
wieder, existirt der Todtengrber wol noch? Ich war neun Monate von New-York
weg, und mu meine Personal-Kenntni erst neu ergnzen.
    Alles noch frisch auf den Beinen; ich habe ihn vor kaum zehn Minuten mitten
unter einem Haufen von Mdchen verlassen - er hat an den Medicin-Studenten,
denen er Leichen fr ihre Studien liefert, seine regelmigen Kunden und lt
gern etwas darauf gehen.
    Das klappt, wie es nur gewnscht werden kann, brummte Seifert; steckt ihm
ein Wort, da ich ihn brauche, Ben!
    Sie hatten das Tanzhaus erreicht und schritten in das Trinkzimmer. Ben
verschwand im Tanzsaal und kam bald mit zwei andern Mnnern zurck, die, ohne
ein Wort zu sagen, dem Neuangekommenen die Hand schttelten. Einer von ihnen
nahm aus einem an der Wand hngenden Blechkstchen einige Streichzndhlzer und
verlie dann durch eine nach dem Hofe fhrende Seitenthr das Zimmer. Die vier
Mnner schienen smmtlich genau mit der Localitt bekannt zu sein, denn ohne
Ansto und Zgern gelangten sie durch die Dunkelheit nach einer Fallthr am Ende
des Hauses, welche der Vorderste ffnete und, als der letzte Mann darunter
verschwunden war, wieder schlo. Dann entzndete er eins der Streichhlzer an
seinem Aermel, nahm aus einer Vertiefung in der Mauer ein Stck Licht und
brannte es an. Ein Raum, mit gespaltenem Holze und alten Gerthschaften gefllt,
zeigte sich, der indessen schnell durchschritten ward. Eine Thr an dessen Ende,
anscheinend ohne Schlo, wurde von dem Voranschreitenden durch einen Druck
geffnet, und ein gerumiges Zimmer mit Tischen, Sthlen, lederberzogenen
Sophas und Gasvorrichtung ausgestattet, that sich auf. Bald brannte ein helles
Gaslicht und der Fhrer schlo vorsichtig die Thr.
    Wird hier noch viel gespielt? fragte Seifert, sich an einem der Tische
niederlassend.
    Je nachdem sich etwas fngt, erwiderte Ben und rckte Sthle in die Nhe
des Tisches; die Geschfte in dieser Beziehung sind in der letzten Zeit nur
mager gewesen.
    Well, Gentlemen, wir wollen zur Sache gehen, sagte Seifert, als die
Uebrigen Platz genommen hatten. Ein kleines und ein groes Geschft sind
abzumachen, und bei keinem ist besondere Gefahr. Ihr, Bill, sollt erstens zum
Pfandleiher Meier gehen und die Ellenwaaren, welche Ihr vor drei oder vier Tagen
dort versetzt habt, wieder einlsen.
    Wieder einlsen? Was soll dabei herausspringen? fragte der Genannte,
verwundert aufsehend.
    Was dabei herausspringt, ist meine Sache, ber die wir nachher sprechen.
Ich frage nur, ob Ihr es thun und mich und Ben als Zeugen mitnehmen wollt.
    Er wird die Waaren nicht mehr im Hause haben, und selbst wenn er sie noch
htte, wird er weder von uns, noch von den Gtern etwas wissen wollen - fr
derartige Versatzstcke wird kein Pfandzettel gegeben.
    Ich wei das Alles und erwarte auch nichts Anderes. Weigert er sich, so
gehen wir wieder weg und jeder von euch Beiden hat mit dem Wege zehn Dollars
verdient.
    Sie machen schnurrige Geschfte, Mr. Wells - indessen geht das uns am Ende
nichts an. Ist das Geld zur Hand?
    Morgen frh um zehn Uhr gehen wir, und Jeder soll die Zahlung in seiner
Tasche haben, ehe er einen Schritt thut.
    Abgemacht, Sir! und Seifert empfing von Beiden einen bekrftigenden
Handschlag.
    Nun erst ein Wort mit unserm Jack, damit er sich nicht langweilt, fuhr
Seifert fort. Jack, ich brauche die Leiche eines Judenjungen von ungefhr 14
Jahren, und zwar morgen oder bermorgen Nacht; es ist nicht nothwendig, da sie
ganz frisch ist.
    Jack, der Todtengrber, der bis jetzt, das Kinn auf beide Hnde gesttzt,
dem Gesprche zugehrt hatte, war augenscheinlich der Jngste von den Vieren,
eine schlanke Figur mit einem Gesichte, das man gutmthig htte nennen knnen,
wenn ihm die kleinen, unruhigen Augen nicht etwas Unheimliches gegeben htten.
Jack war jedenfalls ein Ladies-Man, denn seine Wsche war sauber, das
rothseidene Halstuch war mit einer koketten Schleife zugebunden, eine vergoldete
Uhrkette fiel ber seine Weste und der Sitz seiner Kleidung verrieth die grte
Sorgfalt fr seine uere Erscheinung. Als ihm Seifert seine Forderung gestellt,
begann er sich in den Haaren zu kratzen. Das ist ein seltener Artikel, Sir,
sagte er nach einer Weile, und noch schwieriger ist es, ihn an einem bestimmten
Tage herbeizuschaffen. Von den Juden kommen nur immer Wenige auf den
Armenkirchhof, und ich mte mich wirklich erst einmal umsehen -
    Was verlangt Ihr fr die Arbeit, Jack?
    Der Todtengrber schttelte den Kopf. Ich rede nicht so des Preises wegen,
sagte er, ich wei wirklich im Augenblicke noch nicht, welche Schwierigkeiten
sich mir entgegenstellen werden und ob ich Sie berhaupt befriedigen kann.
Bisher habe ich in meinen Ordres nur die Bezeichnung: mnnlich ober weiblich,
jung oder alt gekannt, auf die Religion hat noch Niemand etwas gegeben -
    Wenn Ihr noch derselbe Maulwurf seid wie frher, unterbrach ihn Seifert,
so wei ich, da Ihr irgend einen bestimmten Auftrag ausfhren knnt, sobald
sich's nur lohnt; New-York ist gro und bietet ein Assortiment jeder Art. Noch
einmal, und antwortet ohne viele Umstnde: was verlangt Ihr?
    Jack fuhr sich mit der Hand von Neuem in die Haare. Und wenn ich auch sagen
wollte: fnfzig Dollars, erwiderte er zgernd, so wei ich wegen der Zeit
immer noch nicht -
    Ihr sollt hundert haben und den vierten Theil gleich jetzt als Draufgeld,
wenn Ihr Eure alberne Sprdigkeit jetzt bei Seite lat; ich habe keine Zeit,
lange Complimente zu machen, und gehre auch nicht zu den Grnen. Er zog eine
kleine Rolle Banknoten, die er schon im Voraus abgezhlt zu haben schien, aus
der Westentasche und legte sie, die Hand darauf haltend, vor sich auf den Tisch.
Nun?
    Und es mu durchaus ein Jude sein?
    Eine schwarzkpfige, beschnittene Judenleiche, von etwa vierzehn Jahren,
abzuliefern bis sptestens bermorgen Nacht.
    Und wohin?
    Bill und Ben werden sie in Empfang nehmen - davon sprechen wir aber
nachher. Wie steht's, Jack?
    Ich werde Hilfe brauchen - es ist das keine gewhnliche Arbeit - sagte
dieser, seine beiden Kameraden fragend ansehend.
    Nimm den Dutch Charley, erwiderte Bill, sag' ihm, die Sache geschehe fr
einen Doctor, der Untersuchungen anstellen wolle, und er beruhigt sein Gewissen,
trgt dir den Krper wohin du willst und schlgt auch noch ein paar Polizisten
ohne den geringsten Spectakel nieder, falls sie euch in den Weg kommen sollten.
    Der Todtengrber nickte nachdenklich. Ich werde das Geschft bernehmen,
Sir, sagte er nach einer Pause, und reichte die Hand ber den Tisch. Seifert
fate sie, empfing einen krftigen Druck und schob ihm dann die Banknoten
entgegen. Fnf und zwanzig Dollars, richtig gezhlt, sagte er; die brigen
fnf und siebzig, sobald die Waare abgeliefert und untersucht ist.
    Ich werde nicht auf mich warten lassen! erwiderte Jack, whrend er ein
elegantes Portemonnaie aus der Hosentasche holte und das Papiergeld sorgfltig
hineinlegte.
    Und nun, Gentlemen, zu dem eigentlichen Hauptgeschfte, begann Seifert von
Neuem, denn was Jack thun wird, ist nur ein untergeordneter Theil desselben.
Ich werde morgen Mittag gegen ein Uhr an der Landung hier unten mit einem jungen
Menschen sein, der fr wenige Tage, bis ich ihn selbst abholen werde, unsichtbar
gemacht werden mu. Ich hoffe, er wird gutwillig irgend Jemandem, den ich ihm
bezeichnen werde, folgen. Wei Einer von euch einen sichern Ort auerhalb
New-Yorks, wo man ihn verbergen knnte? Ich hoffe, da ein guter Vorwand ihn
ruhig halten wird, indessen mte nthigenfalls auch fr seine zwangsweise
Zurckhaltung gesorgt sein.
    Ich habe morgen Mittag ein Privatgeschft und mu deshalb bitten, mich zu
entschuldigen, sagte Ben, die Hnde in die Hosen steckend und sich auf seinem
Stuhle zurcklehnend, indessen hat Bill Verbindung in Philadelphia -
    Wenn ich so weit mit dem jungen Menschen gehen darf, fiel dieser ein, so
wre es mir ein Leichtes, ihn sicher unterzubringen - es darf natrlich auf
einige Dollars dabei nicht ankommen.
    Natrlich nicht! nickte Seifert, und die Entfernung des Orts, wo er
untergebracht wird, ist mir gleich, wenn er dort nur wohl verwahrt ist. Ueber
den Geldpunkt werden wir nachher reden. Diesen jungen Menschen, fuhr er fort,
werde ich vorher mit neuen Kleidern versehen lassen; seinen alten Anzug aber
hat Einer von euch aufzubewahren und damit, vom Hemde bis zum Rocke, die
Judenleiche zu bekleiden, sobald sie ankommt. Keine von den Kleinigkeiten,
welche ein junger Mensch in der Regel bei sich trgt, Messer, Notizbuch,
Geldtasche und dergleichen, darf dabei verloren gehen, Alles mu in den Taschen
verbleiben. Sobald dies geschehen ist, wird mit irgend einem schweren, stumpfen
Werkzeuge das Gesicht der Leiche unkenntlich gemacht und diese dann in den
North-River geworfen. Der Erfolg der ganzen Arbeit hngt von der genauen
Befolgung dieser Anweisung ab. Die Verwandlung und Beseitigung des todten
Krpers mu eine Stunde nachdem ihn Jack abgeliefert hat, geschehen sein. Damit
wre das Geschft beendigt, und nun theilt euch in die Arbeit und macht euere
Preise.
    Ben sprang von seinem Stuhle auf. Bei Gott, Graf, sagte er und schlug auf
den Tisch, Sie sind noch gerade derselbe wie frher, immer nur groartige,
noble Geschfte. Das ist jetzt wieder einmal eine ganze Intrigue, die ich
bewundere, wenn ich auch nur einen einzelnen Faden davon sehe, und ich thte aus
reinem Gefallen daran meine Arbeit umsonst, wenn sie nicht so gar widerwrtiger
Natur, wenigstens fr mich wre. Jack hat andere Nerven als ich, oder ist durch
die Gewohnheit in seinem Geschfte abgestumpft.
    Ich mchte doch wissen, was strkere Nerven verlangt, unterbrach ihn der
Todtengrber, sich mit indignirter Miene erhebend, einem lebendigen Menschen
mit der Schlinge die Kehle zuziehen und ihm, whrend er verzweifelnd nach Luft
schnappt, die Taschen ausleeren, und was dergleichen Geschfte noch mehr sind -
oder einen stummen Todten, der nichts fhlt, wegtragen und damit der
Wissenschaft helfen.
    Stop, Jack, du bist ein Hauptkerl und sollst meinetwegen Recht haben, rief
der Andere lachend, ich habe dir durchaus nicht zu nahe treten wollen. Also
jetzt wegen der Vertheilung der Arbeit. Bill geht morgen mit dem jungen Menschen
nach Philadelphia, und ich werde jedenfalls so viel Zeit erbrigen, um die alten
Kleider in Empfang nehmen zu knnen. Das Weitere wegen der Toilette der
Judenleiche und ihrer Verwandelung werde ich mit Jack besprechen. Jedenfalls
knnen Sie sich darauf verlassen, Graf, da wenn das Ding im North-River
aufgefischt wird, kein Coroner es anders als nach den Kleidern, die es trgt,
und nach den Gegenstnden darin beurtheilen kann.
    Gut, nickte Seifert befriedigt, ich sehe, Ihr fat meine Idee gut - also
hbsch saubere Arbeit, ich verlasse mich auf Euch! Und nun aufgemerkt, um die
Verhandlungen kurz zu machen. Morgen Mittag zahle ich an Bill, wenn er nach
Philadelphia geht, fnfzig Dollars, da er Ausgaben haben wird, und Euch, Ben,
fnf und zwanzig auf Abschlag. In drei Tagen aber, das ist am nchsten Sonntag,
wenn der Knabe bis dahin wohl verwahrt gewesen und auch Bens Arbeit sich als
gewissenhaft ausgewiesen hat, Jedem noch einmal fnf und zwanzig Dollars - ich
deute so ist in Allem ein richtiges Verhltni, und zu Eurer Sicherheit will ich
vorher den Aufenthalt des Knaben nicht wissen. Bill mag an Ben die Adresse
geben, damit ich einen Anhalt habe, falls Einem von euch etwas Polizeiliches
passiren sollte. Einverstanden?
    Die Hnde der Beiden streckten sich ihm entgegen, und er drckte eine nach
der andern. Sollte auerdem etwas passiren, so wit ihr, wo Nachricht zu
hinterlassen oder zu erhalten ist, sagte er; - morgen frh um zehn Uhr den
Besuch bei Abraham nicht zu vergessen; und nun, fuhr er fort, sich erhebend und
eine Fnfdollar-Note aus der zweiten Westentasche ziehend, ist hier etwas fr
ein paar Schluck Brandy - es ist Alles, was ich heute bei mir trage. Oder,
lachte er nach einer kurzen Pause, als er in die Gesichter vor sich sah, von
denen jedes die Note und auch die Bewegungen der beiden Andern zu bewachen
schien, ich werde den Schatzmeister machen, bis wir hinauf kommen und wechseln
knnen.
    Verdammt klug gethan, brummte Ben aufstehend und drehte sich auf dem
Absatze nach der Thr. Bill zndete das Talglicht an und verlschte das Gas -
und vorsichtig trat die Gesellschaft wieder den Weg nach der Oberwelt an.

                                      IV.


Es war am nchsten Tage Nachmittags, als das Dampfschiff Southerner von
Charleston kommend, im Hafen von New-York einlief und sich neben einen der
kleinen Kstendampfer legte, welcher eben fr seine Abfahrt zu heizen begonnen
hatte. Die Menge der Passagiere hatte bereits das gewaltige Schiff verlassen,
als noch ein junger Mann mit seinem Reisesacke langsam ber das Verbindungsbret
nach dem Ufer schritt; er sah um sich, wie man bekannte Gegenden, die man von
Neuem betritt, mustert, und wies den Haufen von Miethkutschen und Handkrrnern,
die sich mit Dienstanerbietungen um ihn drngten, mit einer Sicherheit zurck,
die deutlich genug bewies, da er kein Neuling auf New-Yorker Boden war. Eben
machte er sich fertig, seinen Weg durch eine der hier ausmndenden Straen
weiter zu verfolgen, als ein Auflauf von Menschen an der Landungsbrcke des
kleineren Dampfers seine Aufmerksamkeit erregte. Er schritt nher hinzu und sah
eine junge, weibliche Gestalt mit einer Reisetasche an der Hand in dem Kreise
der neugierig zusammengelaufenen Menschen, vor welcher ein Mann in schbigen
Kleidern perorirend stand.
    Ladies und Gentlemen, wandte sich dieser soeben an die Zuschauer, Sie
sehen hier ein Muster von ehelicher Treue vor sich, das mir mit diesem Steamer
auf und davon gehen wollte, dem ich aber noch zur rechten Zeit den Weg vertreten
habe. Schmst du dich nicht, Mary, vor den Menschen, und willst du mir nicht
gutwillig nach Hause folgen?
    Er lgt, er lgt! rief das junge Weib zornig, ich habe mit ihm nicht mehr
zu thun gehabt als mit jedem Andern; er ist ein Lump und ein Spitzbube, der mich
nicht aus seinen Krallen lassen will.
    Schimpfe, Mary, wenn du nicht anders kannst, sagte der Mann mit der Miene
gekrnkter Unschuld - Sie wissen, Gentlemen, wer schimpft hat immer Unrecht!
Aber sage, Mary, sind wir nicht seit lnger als einem Monat Mann und Frau,
wohnen in einem Zimmer und theilen dasselbe Bett? Hier, Gentlemen, fuhr er
fort, auf zwei Mnner desselben Schlags wie er, hinter sich deutend, hier sind
Zeugen, die meine Aussagen besttigen knnen. Komm', Mary, und thue was recht
ist; fort darst du doch nicht, und wenn ich die Polizei zu Hilfe nehmen sollte.
    Er lgt, ich war nie seine Frau! rief das Weib, in einen Strom von Thrnen
ausbrechend.
    Ja, er lgt! wurde pltzlich eine gewaltige Stimme laut und ein Mann, der
alle Andern berragte, warf die umstehenden Menschen bei Seite und stellte sich
neben die Angegriffene. Bist du da, Ben? So! Und du hast dir meine Warnung, das
Mdchen nicht weiter zu verfolgen, nicht zu Herzen genommen? Komm heran, wenn
dir der Dutch Charley nicht zu viel ist! Das Mdchen ist weder deine Frau, noch
wirst du sie hindern, jetzt aufs Land zu gehen; sie ist meine Landsmnnin, die
ich kenne und die jetzt unter meinem Schtze steht! Komm mit mir, Mary!
    Der Andere gab seinen beiden Kameraden einen Wink zu folgen, und fate das
junge Weib in dem Augenblicke am Arme, als sie sich mit ihrem Beschtzer nach
dem Dampfboote wandte. Sie bleibt, und ich will doch sehen, ob ein Ehemann sein
Recht nicht durchsehen kann!
    Charley sah dem Menschen, wie ganz verdutzt ber dessen Keckheit, einen
Augenblick ins Gesicht; im nchsten hatten diesen aber auch schon die gewaltigen
Hnde des Riesen gepackt, in die Hhe gehoben und so auf seine zwei
nachfolgenden Kameraden geworfen, da alle Drei wie umgeworfene Kegel im Sande
lagen.
    Ein brllendes Gelchter der Umstehenden lohnte die Kraftprobe - mitten
hindurch klang die Pfeife des Dampfboots.
    Vorwrts, Mary, das Schiff geht ab! rief Charley dem Mdchen zu, ich
halte dir die Burschen vom Leibe! und bereitwillig ffnete sich der
Menschenkreis, um die Verfolgte durchzulassen.
    Schnell genug hatten sich die Niedergeworfenen aus ihrer augenblicklichen
Betubung erholt und strzten jetzt, wie Bullenbeier auf den Bren, auf den
Sieger los. Den Ersten traf ein Faustschlag, da er wieder zurck auf den Boden
flog, der Zweite aber hatte mit raschem Griffe die Kehle des Goliaths gepackt,
whrend der Dritte ihn unterlaufen und zum Niederwerfen um den Leib gefat
hatte.
    In diesem Augenblicke bahnten sich zwei Mnner in blauen Rcken den Weg
durch die Menge - die Polizei! flog es durch den Kreis der Zuschauer und
schlug wie mit magischer Gewalt in die Ohren der Kmpfenden; jede Hand lste
sich und die drei Angreifer waren unter den brigen Menschen verschwunden, eben
als die beiden Beamten den wirklichen Kampfplatz betraten. Der groe Dutch
Charley allein stand da und fhlte auch sofort die Hand der Obrigkeit auf seiner
Schulter.
    Sie sind arretirt!
    Weshalb? fragte Charley, sich verwundert umsehend.
    Wegen ffentlicher Schlgerei!
    Darf sich ein Mensch nicht seiner Haut wehren, oder ein angegriffenes
Mdchen in Schutz nehmen?
    Das wird sich finden, Sie haben jetzt mit mir zu kommen!
    Charley warf einen Blick unter die Menschen, die ihn umstanden hatten, als
wollte er sich nach einem Freund in der Noth oder einem Zeugen fr seine Sache
umsehen; aber mit dem Auftreten der Polizeibeamten hatte sich die Zuschauermenge
wunderbar gelichtet und sein Auge traf auf nichts als Leute, welche sich zu
entfernen bestrebten.
    Haben Sie denn gesehen, was hier vorgegangen ist? fragte er endlich, beide
abwechselnd ansehend.
    Genug, um Sie zu verhaften, erwiderte der Eine, und Sie thun gut, keine
groen Umstnde zu machen.
    Da trat der kurz zuvor mit dem Southerner angekommene Passagier heran.
    Der Mann war meines Erachtens nicht im Unrechte, Gentlemen, sagte er, und
wenn es ihm dienen kann, will ich gern fr ihn zeugen; ich habe der ganzen
Affaire beigewohnt.
    Haben Sie ein Interesse an dem Arrestanten? fragte der Beamte, ihn scharf
fixirend.
    So viel als Jemand haben kann, der eben aus dem Sden kommt, erwiderte er,
auf den noch rauchenden Dampfer deutend, und einen Menschen arretiren sieht,
weil er sich eines schutzlosen Mdchens angenommen hat.
    Der Beamte ma den Sprecher von Kopf bis Fu.
    Wrden Sie Brgschaft fr den Mann stellen?
    Brgschaft? Ich sehe ihn ja zum ersten Male und biete nur mein Zeugni ber
den Hergang des jetzigen Vorfalles an. Er hat nichts Anderes gethan als was ich
oder Sie selbst als Gentlemen thun wrden, wenn Sie ein Mdchen Ihrer
Bekanntschaft bedrngt shen!
    La ihn laufen! sagte der zweite Polizeibeamte, sich wegdrehend; ich
glaube kaum, da etwas bei der Sache herauskommt!
    Der Erstere sah den Arrestanten und seinen Vertheidiger prfend an.
    Nehmen Sie sich in Acht, sagte er zu dem Riesen, da ich Sie nicht
nochmals bei einem hnlichen Straenspectakel finde - es knnte schlimmer
auslaufen als heute.
    Damit folgte er langsam seinem bereits davongeschrittenen Collegen, und auch
der neuangekommene Passagier wollte seinen Weg fortsetzen, als er sich am Arm
gefat fhlte.
    Sie werden mich doch ein Danke schn zu Ihnen sagen lassen, ehe Sie gehen?
sagte der erlste Arrestant, Sie haben besser an mir gehandelt als alle die
verdammten Kerle, wie sie dahin laufen, die mich, ohne ein Wort zu sagen, htten
einstecken lassen, obgleich sie wuten, da ich nichts Unrechtes gethan.
    Nichts zu danken, Sir, erwiderte der Fremde, ich that nur, was ich fr
eine einfache Pflicht gegen Jeden gehalten htte.
    Alles eins, Sir, und ich wollte Ihnen nur sagen, da, wenn Sie einmal
irgend einer Hilfe bedrfen, wozu ein paar feste Arme erforderlich sind, Sie nur
ein Wort fr den Dutch Charley bei dem alten Omsby in Jamesstreet zu
hinterlassen brauchen. Und nun sagen Sie mir auch wenigstens Ihren Namen, damit
ich Bescheid wei.
    Ich heie Helmstedt, sagte der Fremde lchelnd, und wenn ich auch noch
keine Aussicht habe, von Ihrem Anerbieten Gebrauch machen zu knnen, so nehme
ich es doch dankbar an; ich habe noch selten ein paar Arme von einer solchen
Kraft gesehen, wie Sie eben gezeigt.
    O, das war doch eigentlich nur Spa, erwiderte Charley geringschtzend;
die drei Halunken sind gute Bekannte von mir, und ich wollte ihnen nicht zu
wehe thun - ich kam nicht einen Augenblick in Hitze. Wenn ich bse gemacht
werde, nehme ich sechs von diesem Kaliber auf mich.
    Well, Sir, dann ist es freilich besser Freundschaft mit Ihnen zu halten,
erwiderte Helmstedt lachend; good bye, ich mu eilen, da ich in die Stadt
hinauf komme.
    Er fhlte einen Hndedruck von dem Riesen, da er htte aufschreien mgen,
und bog dann in die nchste Strae hinein.
    Neun Monate waren erst verflossen, seit Helmstedt New-York verlassen hatte,
um mit der ganzen Unternehmungslust der frischen Jugend sein Glck im Sden zu
versuchen, und doch war es ihm, wenn er an jene Zeit zurckdachte, als wre er
neun Jahre lter geworden. In seinem Fhlen und seiner Weltanschauung war durch
Alles, was er geistig und krperlich durchlebt hatte, eine Vernderung mit ihm
vorgegangen, deren er erst jetzt recht inne wurde. Er hatte fast unwillkrlich
den Weg nach dem Boardinghause in der Williamstreet eingeschlagen, in welchem
er, so lange er in New-York lebte, gewohnt hatte. Als ihm aber hier neben
manchen andern Vernderungen auch ein neues Schild mit fremdem Namen
entgegenblinkte, blieb er stehen und drehte sich langsam wieder um - es war ihm,
als sei jetzt jede Verbindung seines frheren Lebens in New-York mit seinem
gegenwrtigen Aufenthalte abgebrochen. Er dachte einen Augenblick nach, und als
er eine leere Miethkutsche die Strae herauskommen sah, lie er sich nach einem
der Broadway-Hotels fahren.
    Als ihm dort ein anstndiges Zimmer angewiesen worden war, warf er sich auf
das Sopha, um die nchsten Schritte zu berlegen, die ihn zu einem schnellen
Abschlu seiner Geschfte fhren knnten; aber die Erinnerungen aus einem
frheren Aufenthalt in New-York verfolgten ihn und bemchtigten sich bald
unabweislich seiner Seele. - Scene auf Scene zog an ihm vorber, bis seine
Gedanken endlich an einem Bilde hngen blieben, dem seiner Freundin Pauline
Peters, die bei ihrem ersten Begegnen mit ihm hier in dem fremden Lande sich an
ihn geschmiegt hatte wie der Epheu an seine Sttze und die er, ihr reines Gemth
miverstehend, kalt und stolz von sich gewiesen. Jetzt war es ihm, als knne er
sich ganz versenken in diese Augen mit dem innigen Ausdruck, wie sie ihn damals
angesehen. Sie hatte bald darauf den alten Pflanzer geheirathet und war nun Mrs.
Morton - kalt und unzugnglich und sich nur der traurigen Pflicht, der Pflege
ihres Mannes widmend; was hinter dieser Auenseite lag, ob eine Resignation, die
mit sich und der Welt fertig ist, oder ein niedergehaltenes rebellisches Herz,
war nicht zu errathen. Er hatte auch geheirathet und war nicht glcklich
geworden; noch niemals aber hatte er so sehr das Verfehlte seiner Wahl gefhlt
als in den jngst vergangenen Tagen, in welchen er die Vorbereitungen zu seiner
Reise nach New-York gemacht. Er hatte seiner Frau die Nothwendigkeit derselben
freundlich vorgestellt und sie gebeten, die kurze Zeit seiner Abwesenheit in
Mortons Hause zuzubringen, des Anstandes und seiner Beruhigung wegen; sie aber
hatte ihn mit aufglnzendem Auge angesehen und gefragt, warum sie in ein fremdes
Haus und nicht zu ihren Eltern gehen solle, die sie mit tausend Freuden
ausnehmen wrden? Er hatte ihr, wenn auch innerlich erregt durch ihre Antwort,
die manche seiner leisen Befrchtungen besttigte, doch uerlich ruhig
auseinandergesetzt, da, so lange der Widerwille ihres Vaters gegen ihn und
seine Verbindung mit ihr bestehe, der Aufenthalt bei ihren Eltern sich von
selbst verbiete, wenn sie ihren Mann nicht blostellen wolle; da nicht allein
ihre Liebe zu ihm, sondern auch ihr Takt sie von einem Wunsche wie der geuerte
htte zurckhalten sollen. Da war sie in ein schluchzendes Weinen ausgebrochen
und hatte gefragt, ob sie denn, wenn der Sinn ihres Vaters sich nicht ndere,
zeitlebens fern von diesem und unglcklich sein solle? Helmstedt hatte bei dem
Ausbruch gefhlt wie der Ritter in dem Mrchen von der Schwanenjungfrau, der
sich ein Weib aus dem Feenlande gewonnen, das ihn wol htte lieben knnen, wenn
nicht die Sehnsucht nach ihrer schneren Heimat sie verzehrt htte, - und eine
drckende Ahnung, da ein solches Verhltni fr die Dauer nicht bestehen knne,
hatte sich seiner bemchtigt. Die Worte des alten Pedlars, welche dieser noch
kurz vor seinem Tode warnend zu ihm gesprochen: Ich habe noch niemals rechten
Segen aus einer Heirath zwischen Leuten entstehen sehen, die mit einer
verschiedenen Art zu fhlen geboren, und mit so verschiedenen Gewohnheiten
erzogen werden, wie Deutsche und Amerikaner! waren pltzlich vor seine Seele
getreten, und ein starker Entschlu, allen Verhltnissen zum Trotz wenigstens
seine uere Ehre zu wahren, hatte sich in ihm gebildet. Was dann spter kommen
mochte berlie er dem Schicksal. Er hatte seiner Frau gesagt: entweder liebe
sie ihn wie ein rechtes Weib ihren Mann lieben solle, das, wenn sie sich ihm
einmal zu eigen gegeben, auch fest zu ihm stehe und wre die ganze Welt gegen
ihn, das kein anderes Interesse habe als ihr gemeinschaftliches - und dann werde
sie gern seinem Wunsche Folge leisten und sich einstweilen unter Mortons Obhut
begeben, - oder ihre Liebe zu ihm sei nur eine Selbsttuschung gewesen, und dann
wrden sie weiter mit einander reden, wenn er von New-York zurckkme; bis dahin
verlange es aber seine eigene Selbstachtung, da sie von einer ihm befreundeten
Hand beschtzt werde, zu welchem Zwecke Mortons Haus vorlufig der geeignetste
Aufenthalt fr sie sei. Da war sie aufgesprungen und hatte ihn mit blitzenden
Augen, denen man keine Spur von Thrnen mehr angesehen, gefragt, ob er sie
zwingen wolle, zu thun was ihr lstig sei, oder sich an einem Orte aufzuhalten,
den sie nicht liebe? Und Helmstedt, der in diesem Augenblick mehr als je die
breite Kluft erkannte, die zwischen ihnen lag, hatte kalt erwidert, sie mge
thun, was sie fr gut halte; mit dem morgenden Tage aber werde er ihr
beiderseitiges lebendiges Eigenthum an Morton zum Verwahr bergeben und das Haus
schlieen. Wolle sie dann dem ganzen County Stoff zu einem Scandal liefern und
dem Manne, den sie sich erst vor wenig Monaten allen ihren Freunden zum Trotz
erkoren, davon laufen, so mge sie es thun, er werde auch das im Gefhle seines
Rechtthuns zu ertragen wissen. - Da hatte sie von Neuem zu weinen begonnen, war
an ihm vorber zur Stube hinaus gegangen und hatte sich in ihr Schlafzimmer
eingeschlossen. Sie hatte den ganzen Tag ber Niemanden zu sich gelassen als ihr
schwarzes Dienstmdchen, und jede Hoffnung Helmstedts, ihr noch einmal zu Herzen
reden zu knnen, war fehlgeschlagen, selbst als er Abends das gemeinschaftliche
Bett gesucht. Sie hatte sich dicht in eine besondere Decke gehllt und keine
Notiz von ihm genommen. Am Morgen, als Alles zur Uebersiedelung nach Mortons
Farm fertig war, hatte er ihr durch ihr Mdchen Nachricht davon geben lassen,
und sie hatte, ohne ein Wort zu Helmstedt zu reden, den Wagen bestiegen, nur an
die Schwarze den Auftrag zurcklassend, ihre bereits gepackte Garderobe
nachzubringen; sie hatte auch kein Wort whrend der ganzen Fahrt nach Mortons
Haus geuert, obgleich Helmstedt mehrere Male versucht hatte, ihr freundlich
zuzusprechen.
    Das Alles ging an seinem innern Blick vorber, und dann trat wieder
Paulinens Bild vor ihn, wie sie seine Frau empfangen und diese, als sie in deren
verweinte Augen gesehen, bei Seite genommen und ihr zugesprochen hatte gleich
einem unzufriedenen Kinde - und wie, als Ellen's Mimuth vor ihrer
Liebenswrdigkeit, wenigstens auf augenblicklich hatte weichen mssen, ein
Lcheln ihr Gesicht verklrt hatte, das ihn an die Zeit erinnerte, wo er sie in
New-York zuerst gesehen.
    Mit einem halb unterdrckten Seufzer strich er sich ber das Gesicht und
sprang dann auf, als wolle er jetzt alle Erinnerungen von sich abschtteln. Er
sah nach der Uhr; jedenfalls war es schon zu spt, um heute noch mit den
Geschften zu beginnen - lieber machte er noch einen Gang durch die Straen, die
er frher so oft durchwandert hatte. -
    Am nchsten Morgen war er frhzeitig aus dem Bette, kleidete sich sorgfltig
an und begann das Studium des New-Yorker Wohnungs-Anzeigers. Abraham Meier
hie nach den hinterlassenen Angaben des Pedlars der Mann, bei welchem der Erbe
des Verstorbenen in Pflege war. Aber wie viele hundert Meier, Maier, Mayer und
Meyer und wie viele Abrahams darunter gab es. Helmstedt hatte lange nach usehen,
war schon einmal, ohne zu finden was er suchte, zu Ende gekommen und hatte
wieder mit grerer Vorsicht von vorne begonnen, ehe er einen Meier, der
Pfandleiher war und auch Abraham hie, entdeckte. Er notirte sich die Adresse
genau, suchte aus seiner Brieftasche eine beglaubigte Abschrift der letzten
Verfgung des Pedlars hervor und machte sich nach 10 Uhr auf den Weg nach
Pealstreet.
    Das Haus war schnell gefunden, aber der Eingang war zu Helmstedt's
Verwunderung verschlossen. Er klopfte, nachdem er sich vergebens nach einem
Klingelzuge umgesehen hatte, mehrere Male stark an; aber erst nach der dritten
Wiederholung des Klopfens ffnete sich die Thr gerade weit genug, um ein
verstrtes Mdchengesicht heraussehen zu lassen.
    Ich wnsche Mr. Abraham Meier zu sprechen, sagte Helmstedt.
    Ich glaube nicht, Sir, da Sie ihn jetzt sprechen knnen; was wollen Sie
von ihm?
    Ich habe mit ihm wegen des Manuel Goldstein zu reden!
    Wegen des Manuel? erwiderte das Mdchen, und es zuckte sonderbar in ihrem
Gesichte; warten Sie, ich werde es Mr. Meier sagen. Damit schlo sie den
Eingang wieder und lie Helmstedt, der nicht recht wute, was er aus dem ganzen
Benehmen machen sollte, auf der Strae stehen. Bald indessen ffnete sich die
Thr von Neuem und das Mdchen lud ihn mit einer stummen Geberde zum Eintreten
ein. Sie ging ihm voran, die Treppe hinauf und ffnete dort den Parlor. Nach
einigen Minuten des Harrens, in welchen Helmstedt sich die Bilder sammt der
brigen Einrichtung betrachtet und seine stillen Glossen darber gemacht hatte,
erschien Abraham Meier. Er war sichtlich aufgeregt, sein Haar in Unordnung und
sein Blick unstt.
    Guten Morgen, Sir! sagte er; ist schon etwas entdeckt worden, was zur
Aufklrung dienen knnte?
    Entdeckt worden? erwiderte Helmstedt verwundert; Sie nehmen mich
wahrscheinlich fr die unrechte Person, Sir! fuhr er lchelnd fort. Sehe ich
Mr. Abraham Meier vor mir?
    Der Pfandleiher starrte ihn eine Weile an und rieb sich dann mit der Hand
die Augen, Ah so, sagte er, entschuldigen Sie mich; ich dachte Sie kmen
wegen des Manuel, wenigstens sagte das Dienstmdchen so etwas.
    Ist mit dem jungen Menschen etwas vorgegangen? fragte Helmstedt,
aufmerksam werdend; ich komme allerdings nur seinethalben hierher. Ich wei
nicht, ob Sie davon unterrichtet sind, da der alte Isaak Hirsch vor etwa zwei
Monaten in Alabama gestorben ist. Er hatte in seinem letzten Willen den Manuel
Goldstein zu seinem Erben eingesetzt und mir dessen Vormundschaft bertragen.
Ich kam heute Morgen, um die ganze Angelegenheit mit Ihnen zu besprechen. Er
zog die Abschrift der letzten Zeilen des Pedlars hervor und reichte sie dem
Pfandleiher hin.
    Meier hatte den Worten des Redenden anfangs nur wie nothgedrungen zugehrt;
bald aber drckte sich ein wachsendes Interesse in seinem Gesichte aus; er
griff, als Helmstedt geendet hatte, nach dem Papier und las bis zum Schlusse,
starrte aber dann noch immer hinein, als beschftige ihn ein besonderer Gedanke.
    Sie sagen also, der Isaak Hirsch sei gestorben und habe eine Erbschaft
hinterlassen? sagte er endlich aufsehend; aber, unterbrach er sich, wollen
Sie nicht Platz nehmen, Sir? Er holte geschftig einen Stuhl herbei und setzte
sich, als sich Helmstedt niedergelassen hatte, diesem gegenber. Es ist wol
nicht der Rede werth, was der alte Mann erspart gehabt, fuhr er in einem Tone
fort, der jedenfalls Gleichgiltigkeit ausdrcken sollte, whrend indessen seine
unruhig sich bewegenden Augen kaum die Antwort erwarten zu knnen schienen.
    Es mgen gegen zehntausend Dollars in Gelbdepositen sein, welche dem Manuel
zu Gute kommen werden! entgegnete Helmstedt.
    Dem Manuel zu Gute kommen? rief der Pfandleiher, wie pltzlich an etwas
momentan Vergessenes sich erinnernd. Du groer Gott, das ist ja eben die
Geschichte! Der Manuel ist ja verschwunden gewesen seit gestern Mittag, und
heute Morgen haben sie ihn todt im North-River aufgefischt. Sein Kopf ist ja so
jmmerlich zerschlagen gewesen, da Niemand gewut htte, wer er war, wenn er
nicht sein Memorandum, worin sein Name und seine Wohnung steht, bei sich gehabt
htte - und da haben sie mir vor zwei Stunden die Leiche ins Haus gebracht. -
Zehntausend Dollars! Der arme Junge! Man htte soviel dem alten Hirsch niemals
zugetraut! Das fllt also nun an seinen zweitnchsten Erben! Und Sie haben das
Geld in Ihrem Verwahr, Sir?
    Auf Helmstedt hatte die ihm so pltzlich gewordene Nachricht, welche den
ganzen Zweck seiner Reise vernichtete, eine Wirkung ausgebt, welche ihm im
ersten Augenblick die Sprache nahm und ihn Meier's letzte Worte ganz berhren
lie.
    Das ist heute Morgen geschehen? und der Todte ist recognoscirt und in Ihrem
Hause? fragte er endlich.
    Vor zwei Stunden wurde die Todtenschau beendigt, und wir Alle in unserer
Familie sind noch ohne rechten Verstand. Ich hielt Sie bei Ihrer Ankunft fr
einen Herrn von der Polizei, der uns irgend einen Aufschlu ber das Unglck zu
geben beabsichtige. Wenn Sie den Krper sehen wollen - er liegt im
Hintergebude, aber es ist ein schlimmer Anblick.
    Helmstedt drckte eine Weile die Hand vor die Augen ohne zu antworten.
Endlich erhob er sich langsam. Bei dieser traurigen Sachlage, sagte er, habe
ich in Ihrem Hause freilich nichts weiter zu thun und will Sie nicht lnger
stren.
    Aber erlauben Sie mir doch, rief Meier und stand rasch von seinem Stuhle
auf, was soll denn weiter geschehen? Es mu doch etwas gethan werden wegen der
Hinterlassenschaft, von welcher hier in dem Papiere steht? Die Sache geht mich
vielleicht nher an, als Sie denken!
    Versteht sich, wird etwas gethan werden, Sir! erwiderte Helmstedt, welchen
das Wesen des Pfandleihers unangenehm zu berhren anfing, und ich will Ihnen
gern sagen, was ich zu thun gedenke. Ich werde zuerst nach der Polizei-Office
gehen, um mich ber den Stand der Dinge in Betreff des Todes meines Mndels zu
unterrichten, lt sich an seinem Ableben nicht mehr zweifeln, so werde ich die
gesammte Hinterlassenschaft bei der hiesigen Stadtbehrde deponiren, bis die
Erbansprche irgend einer oder der andern Person erwiesen sind.
    Das ist sehr gut - sehr gut! sagte Meier und rieb sich die Hnde; aber
Sie erlauben mir wol - es ist doch in dem Papier hier nichts ber den Betrag der
Hinterlassenschaft gesagt; jedenfalls wird doch bei dieser Deponirung irgend ein
Nachweis ber die Richtigkeit der Summe geliefert werden mssen -
    Helmstedt hob den Kopf empor und sah dem Pfandleiher mit einem so stolzen
Blick ins Auge, da diesem der Nachsatz im Munde erstarb. Was in der Sache
nothwendig ist, wird sich zeigen, wenn die Zeit dafr gekommen ist, versetzte
der junge Mann; jetzt aber wrden Sie mich verbinden, wenn Sie mir jede Antwort
auf irgend eine weitere Frage ersparten. Er schritt nach dem Ausgange des
Zimmers und ohne ein weiteres Wort die Treppe hinab.
    Ich wollte nichts sagen, womit ich Sie beleidigen konnte, stotterte Meier,
ihm bis zur Parlorthr folgend. Helmstedt aber schien nicht zu hren, ffnete
die Hausthr und verschwand in der Strae.
    Eine kurze Strecke war er rasch und noch im Gefhle der Beleidigung, die er
sich angethan glaubte, fortgegangen; bald aber wurde sein Schritt langsamer - er
begann zu berlegen, welche Maregeln bei der unerwarteten Wendung der Dinge die
geeignetsten fr ihn seien. Er wurde durch ein gewaltiges: How do you do, Sir?
aus seinen Gedanken gerissen und sah aufsehend den Mann vor sich, welchen er
gestern am Hafen vor der Verhaftung geschtzt hatte.
    Sie nehmen es doch nicht bel, Sir, da ich Sie so ohne Weiteres auf der
Strae anrede? fuhr dieser fort, Sie machten aber eben ein so trbseliges
Gesicht, da ich fragen mute, ob Ihnen irgend etwas in die Quere gekommen sei.
    Helmstedt mute trotz seiner Verstimmtheit ber den treuherzigen Ton der
Erkundigung lcheln.
    Mir selbst ist nichts besonders Schlimmes passirt, erwiderte er, desto
mehr aber einem Andern, der mich angeht. Sie haben vielleicht schon von dem
Vorfall heute Morgen, der Leiche des Judenknaben gehrt, die aus dem North-River
gezogen worden ist - das war ein Mndel von mir, wegen dessen ich die weite
Reise von Alabama hierher gemacht und den ich nun todt finde.
    Charley hatte bei Erwhnung der Leiche die Augen weit aufgerissen und fuhr
sich mit der Hand hinter das Ohr.
    Ihr Mndel, Sir? - und erleidet denn Jemand Schaden durch die Geschichte?
fuhr er nach einer kurzen Pause fort.
    Wol Niemand als der Todte selbst, wenn man so sagen kann, erwiderte
Helmstedt; es war ihm vor Kurzem erst ein ganz hbsches Vermgen zugefallen,
welches ich heute fr ihn anlegen wollte - das geht nun in andere Hnde.
    Charley begann sich aufs Neue hinter dem Ohr zu kratzen.
    Ja - aber, sagte er, als knne er mit einem Gedanken nicht fertig werden,
das ist ja eine ganze Teufelsgeschichte! Sagen Sie, Mister, - ich habe Ihren
Namen wieder vergessen - wollen wir nicht einmal an die Ecke hier gehen und ein
Glas Bier trinken?
    
    Helmstedt glaubte jetzt den Grund von Charley's groer Theilnahme errathen
zu haben, und nickte lchelnd, um ihn so auf die krzeste Art loszuwerden. Als
der Riese aber in der Bierhalle sein Glas Bier hinuntergestrzt, als sei es ein
Fingerhut voll, und Helmstedt bezahlen wollte, hielt ihn Jener zurck.
    Das drfen Sie nicht thun, Sir, ich habe Sie eingeladen, sagte er und zog
ein wohlgeflltes Portemonnaie aus der Tasche, ich freue mich, da Sie es nicht
verschmht haben, mit dem Charley zu trinken. Ich wollte auch eigentlich etwas
Anderes, begann er, nachdem er bezahlt, mit gedmpfter Stimme wieder, und
fhrte den jungen Mann bei Seite. Wollen Sie mir nicht genau den Namen und den
Ort, wo Sie zu Hause sind, aufschreiben? Ich mchte Ihren Namen nicht gern
wieder vergessen, und dann - ja, dann kann man ja auch nicht wissen was vorfllt
- ich meinte nur so, fuhr er, wie in halber Verlegenheit fort, als ihn
Helmstedt verwundert ansah. Wollen Sie?
    Helmstedt zog bereitwillig sein Notizbuch hervor, ri daraus ein Blatt
Papier und schrieb seine volle Adresse darauf.
    Dank Ihnen, Sir, Dank Ihnen! rief Jener und steckte den Zettel sorgfltig
zu seinem Gelde, ich denke, Sie werden noch einmal von Dutch Charley hren.
    Helmstedt, als er seinen Weg weiter fortsetzte, schttelte wol einige Male
den Kopf, wenn er an seinen sonderbaren Gesellschafter dachte, hatte aber bald
den Vorfall ber der Sorge fr seine nchstgebotenen Verrichtungen vergessen.

    An demselben Morgen um acht Uhr war Seifert in das Astorhaus getreten. Sein
Gesicht war bleicher als gewhnlich, das Halstuch sa locker und verschoben um
seinen Hals, und Rock wie Hut waren staubig. Er ging nach dem Barroom, strzte
hier ein Glas voll Brandy hinunter, und schritt dann die Treppe nach Murphy's
Zimmer hinauf. Der Advocat sa mit einer Zeitung beschftigt am Fenster und sah
dem Eintretenden mit gespannten Augen entgegen, ohne ein Wort zu sagen.
    Well, Sir, sagte dieser, den Hut bei Seite stellend, die Sache wre somit
fertig. Der Erbe ist vor etwa einer Stunde todt aus dem Wasser gezogen worden,
und Sie haben jetzt freien Weg. Ich komme soeben vom Polizeistationshaus, wo der
Coroner den Krper als den des Manuel Goldstein identifizirt und sein Urtheil
abgegeben hat, das freilich die Angelegenheit in etwas rthselhaftem Lichte
erscheinen lt, da der ganze Kopf zerschlagen war und einen wirklich
schauerlichen Anblick bot.
    Der Advocat starrte den Erzhler an als seye er ein Gespenst.
    Was ist das? todt aus dem Flusse gezogen? sagte er, sich langsam erhebend,
mit einer Stimme, die wie von einem pltzlichen Schrecken gelhmt schien. Sie
sind wahnsinnig, Seifert, oder Sie wollen mich wahnsinnig machen. Treiben Sie
keine schlechten Spe; die ganze Geschichte bis jetzt hat mich ohnedies mehr
aufgeregt, als ich mir jemals htte trumen lassen!
    Sie sind eben ein Kind, wie ich schon frher gesagt, und htten an
Unternehmungen wie die begonnene gar nicht denken sollen, erwiderte Seifert
lchelnd, und begann sich seines Rockes wie seines Halstuches zu entledigen.
Sie erlauben mir wol, bei Ihnen etwas Toilette zu machen, mein Hotel ist zu
weit weg und ich kann mich wirklich in diesem Aufzuge nicht lnger in den
Straen zeigen. Ich habe die ganze Nacht die Kleider nicht vom Leibe gebracht
und kaum eine Stunde auf einem Stuhle in einer schmutzigen Kneipe geschlafen!
    Er wollte sich nach dem Waschtische wenden, aber der Advocat fate mit weit
aufgerissenen Augen seinen Arm.
    Seifert, haben Sie den jungen Menschen wirklich -?!
    Ich? erwiderte dieser, und ber sein Gesicht flog ein Ausdruck, als
belustige ihn die Scene. Nein, Sir, mit derartigen Geschften gebe ich mich
selbst nicht ab. Da er aber todt ist, werden Sie heute schon in allen
Abendblttern lesen.
    Murphy's Hand prete sich krampfhaft um seines Gefhrten Arm. Seifert, ich
habe das nicht gewollt - soweit nicht, und das wuten Sie - meine Hand ist rein
an dem Morde, wenn er begangen worden ist.
    Des Andern Gesicht begann sich in finstere Falten zu legen. Ich heie
Wells, Sir, und ich mu Ihnen gestehen, da mich Ihr jetziges Jammergesicht den
Augenblick bereuen lt, wo ich Ihnen meine Hilfe fr Ihr Unternehmen zusagte.
Meinen Sie etwa, wenn Sie den Teufel vor Ihren Wagen spannen, Sie knnen ihn
immer lenken, wie ein wohleingefahrenes Pferd, knnen verhindern, da er einmal
einen unbeabsichtigten Sprung macht? Unser Zweck ist erreicht, das ist vorlufig
die Hauptsache - und werden Ihre Nerven fr den Augenblick rebellisch, so
trinken Sie ein paar tchtige Schluck Brandy, das wird Ihnen die richtige
Anschauung der Dinge zurckgeben.
    Damit drehte er sich herum und begann sein Reinigungsgeschft, whrend
Murphy ihn noch einen Augenblick anstarrte und sich dann nach dem Fenster
drehte.
    Seifert hatte mit aller Sorgfalt vor dein Spiegel sein Haar frisirt und sein
Halstuch gebunden, sodann seinen Rock gebrstet und seinen Hut geglttet. Sagen
Sie mir nur einmal, Verehrter, begann er sodann, sich umdrehend, den Fall
gesetzt, der Erbe, dieser Judenjunge, wre nicht todt, sondern nur verschwunden;
wrde es denn nicht eine lange Zeit dauern, ehe er als gesetzlich verschollen
erklrt und die nchsten Erben in Besitz der Hinterlassenschaft gebracht wrden?
Zweitens: Knnten Sie fr irgend einen Zufall stehen, der ihn whrend dieser
Zeit wieder zum Vorschein brchte und alle gehabte Mhe sammt den verwandten
Kosten zu nichts machte? Drittens: Falls er verschwunden bliebe, wrde nicht
vielleicht whrend dieser Zeit das Recht des alten Besitztitels, um dessen
Erlangung es sich doch bei uns nur handelt, verjhren, da nach den meinerseits
eingezogenen Erkundigungen dergleichen Gesetze in jedem Staate bestehen?
    Murphy hatte whrend Seiferts Rede langsam den Kopf gehoben und sich halb
umgedreht.
    Und, fuhr der Erstere fort, wenn ich Ihnen nun sage, und bereit bin
irgend einen Eid darauf zu leisten, da ich niemals an eine Ermordung des jungen
Menschen gedacht, noch in irgend einer Weise dazu beigetragen habe - wrden Sie
dann nicht das Unglck, an dem wir Beide kein Haarbreit Theil haben und das nun
einmal geschehen ist, segnen, da es uns jede Sorge vom Halse nimmt?
    Murphy's Gesicht begann heller zu werden. Mr. Wells, sagte er nach einer
Pause, Sie htten Advocat werden sollen. - Aber lassen Sie einmal dieses
unangenehme Lcheln, fuhr er fort, als sich bei seiner Bemerkung ein beiender
Hohn auf Seiferts Gesicht lagerte; sagen Sie mir, des Geschfts-Erfolges halber
- denn ein Eid wre bei Ihnen, der an nichts glaubt, doch nur eine taube Nu -
haben Sie auf keinerlei Weise, weder direct noch indirect, zu dem Tode dieses
Manuel Goldstein beigetragen?
    Ich gebe Ihnen Vollmacht, mich zu bervortheilen und zu betrgen, wie Sie
knnen, wenn meinerseits auf irgend eine Art zu dem Todesfalle geholfen wurde!
rief Seifert, die Hand wie zum Schwure hebend, ist Ihnen das genug?
    Ich will Ihnen glauben, erwiderte der Advocat und setzte sich, die Hand
eine Weile vor die Augen drckend, auf das Sopha. Wollten Sie noch etwas
Weiteres sagen? fragte er dann.
    Well, Sir, der erste Schritt wre gethan - aber auch nur der erste
Schritt! begann Seifert wieder. Der nchste Erbe ist, wie Sie wissen, die Frau
des hiesigen Pfandleihers Meier. Ich kenne aber diesen Meier. Bekommt er nur den
geringsten Wind von dem Vorhandensein und dem Werthe des bewuten Besitztitels,
so drfen Sie sicher sein, da er ihn mit unbesiegbarer Zhigkeit festhalten
wird, und je mehr Sie ihm dafr bieten, je weniger wird er, in der Hoffnung auf
noch greren Gewinn, zu einem Uebereinkommen geneigt sein. Ich habe indessen
unsere Angelegenheit so vorbereitet, da ich den Mann jetzt ziemlich in meiner
Hand habe, da er mich frchtet, und ich glaube mich fr eine theilweise
Abtretung des Papiers seinerseits verpflichten zu knnen. Nur ist hier noch ein
kleiner Punkt, fuhr er hflich lchelnd fort. Sie werden einsehen, da ich in
meiner Lage das Ende des zu erwartenden Prozesses nicht abwarten kann, ohne
wenigstens etwas Geld fr mich in die Hand zu bekommen. Ich bitte Sie deshalb
vorlufig um etwa fnfhundert Dollars Vorschu, worauf ich ohne weitere
Ansprche bis zum Ausgang der Verhandlungen mich gedulden werde.
    Das kann ich nicht, Sir, das habe ich jetzt kaum noch zur Disposition!
rief der Advocat lebhaft aufspringend, bedenken Sie, wie Sie mich schon
abgezapft haben.
    Ich, Sie, Mr. Murphy? sagte Seifert mit verwunderter Miene, hat denn
meine Tasche schon einen Dollar Ihres Geldes gesehen, den ich mein eigen genannt
htte? Sie scheinen ganz zu vergessen, da bei einem Unternehmen, wie das
unsrige jeder Handgriff theuer und ohne da ber den Preis gefeilscht werden
darf, bezahlt werden mu.
    Ich sage Ihnen, ich zahle jetzt nichts mehr! unterbrach ihn Murphy und
warf sich wieder auf das Sopha. Wollen Sie Partner in unserem Geschft sein, so
warten Sie auch, bis etwas dabei herausspringt - ich habe so alle die nthigen
Mittel hineingeschossen und Sie nichts -
    Als meine Arbeit und Gefahr, die das Zehnfache Ihrer paar hundert Dollars
aufwiegen! fgte Seifert scharf hinzu. Indessen, fuhr er kalt fort, handeln
Sie nach Belieben, ich hoffe mich selbst bezahlt machen zu knnen, da ich sehe,
wie hier die Sachen stehen.
    Er setzte den Hut auf und wandte sich nach der Thr.
    Wo wollen Sie hin? rief Murphy.
    Das darf Sie wol jetzt wenig kmmern, Sir, da Sie meinen, mich so brevi
manu abschtteln zu knnen! war die Antwort. Seifert legte die Hand auf das
Thrschlo und Murphy sprang auf, des Davongehenden Hand erfassend.
    Sie wollen zum Pfandleiher Meier und diesem die Kenntni der Angelegenheit
verkaufen! sagte der Advocat mit mhsam niedergehaltener Stimme.
    Vielleicht, Sir, erwiderte Seifert und sein Gesicht nahm eine steinerne
Undurchdringlichkeit an; vielleicht gibt es aber auch Leute, die mir fr die
Mittheilung der ganzen Speculation jetzt, wo das Haupthinderni, der
bevormundete Erbe, beseitigt ist, noch etwas mehr zahlen, als ich von Ihnen
verlangte.
    Beide Mnner standen einen Augenblick Aug' in Auge gewurzelt.
    Ist dies das letzte Geld, was Sie verlangen? fragte endlich der Advocat
mit halb heiserer Stimme, und ein bser Blick stahl sich unter seinen Wimpern
hervor.
    Bis zum Ausgang des Processes, ja, Sir! und da dieser schnell beginnen
kann, dafr werde ich sorgen, erwiderte der Andere. Eins aber lassen Sie sich
zu Ihrem eigenen Heil sagen: Denken Sie nie daran, den Seifert hinters Licht zu
fhren oder ihn, wenn Sie sich sicher fhlen, wie ein gebrauchtes Werkzeug bei
Seite werfen zu wollen. Ehrlichkeit um Ehrlichkeit - im andern Falle aber
erinnern Sie sich immer, da ich keinen Zug thue, ohne mich gengend zu decken.
    Murphy warf einen finstern, kurzen Blick in seines Gefhrten Gesicht und
wandte sich dann wieder nach dem Fenster. Ich werde Ihnen das Geld schaffen,
sagte er ohne sich umzusehen; was wollten Sie wegen eines schnellen Beginnens
des Processes sagen?
    Eins nach dem Andern, Sir; lassen Sie uns zuerst den Geldpunkt ordnen!
erwiderte Jener, noch immer das Thrschlo in der Hand.
    Der Advocat machte eine Bewegung der Ungeduld, zog dann seine Brieftasche
hervor und warf aus dieser eine Bank-Anweisung auf den Tisch. Hier ist, was Sie
verlangen, sagte er; jetzt habe ich kaum noch so viel, um meine Hotel-Rechnung
zu bezahlen und die Reisekosten nach Hause zu bestreiten.
    Wird auch nicht viel mehr nothwendig sein. - Sie htten sich brigens, wo
es sich um Erwerbung von Hunderttausenden handelt, besser vorsehen sollen,
erwiderte Seifert und prfte lange und aufmerksam das hingeworfene Papier. Dies
gengt fr jetzt, fuhr er fort, die Anweisung sorgsam in sein Portemonnaie
bergend und dann den Hut abnehmend. Jetzt, da wir wieder in Ordnung sind,
lassen Sie mich Ihnen noch einige Worte sagen, und kehren Sie mir Ihr
freundliches Gesicht wieder zu.
    Murphy nahm langsam auf dem Sopha Platz und sttzte ohne aufzusehen die
Stirn in die Hand. Seifert beobachtete ihn einige Augenblicke. Wissen Sie, Mr.
Murphy, begann er sodann und holte sich einen Stuhl herbei, aus einer
verdrielichen Trompete kommt nie ein fideler Ton, wie die Deutschen sagen, und
mit einem Gesicht, wie Ihr jetziges ist, werden wir nie ein flottes Geschft
machen.
    Lassen Sie mein Gesicht sein wie es will, winkte der Advocat, und sagen
Sie mir einfach, um was es sich handelt.
    Wie Sie wollen, Sir, aber es ist Thorheit, sich ber die nothwendigen
Kosten eines Geschfts zu rgern, wenn man es einmal begonnen. Die Frage ist
also, wie der Pfandleiher Meier, oder vielmehr dessen Frau, welche jetzt die
eigentliche Erbin ist, am schnellsten fr unsern Zweck willig zu machen ist.
Well, als ich mich nach unserer Ankunft hier nach Leuten umsah, durch welche der
frhere Erbe beseitigt werden knnte, wollte es der Zufall, da ich auf einen
Menschen stie, der mit besagtem Meier oft in einem Geschftsverkehr gestanden,
welcher wenigstens in den Augen der Polizei nicht ganz sauber ist. Meier macht
einfach den Diebeshehler. Ich gab ihm zuerst Andeutungen, da ich sein ganzes
Treiben kenne; als er aber trotz seiner Betroffenheit von nichts Unrechtem
wissen wollte, schickte ich zwei von den Menschen, welche gestohlene Waaren bei
ihm versetzt hatten, in seine Office, um die Sachen wieder einzulsen. Die Kerls
muten die Rolle von ehrlichen Leuten spielen; sie erzhlten ihm, da sie erst
durch die Zeitung erfahren htten, da die Gter, welche sie ihm gebracht,
gestohlenes Eigenthum seien, sie wren durch die dritte Hand in ihren Besitz
gekommen und sie mten die Waaren wieder zurck haben, um bei der Polizei
Anzeige davon zu machen und nicht selbst in den Verdacht des Diebstahles zu
kommen. Ich kam gleich zu Anfang der Verhandlung wie durch Zufall hinzu. Meier
war bleich wie eine Kalkwand, lugnete aber, nur zu wissen, von was die Mnner
sprchen, und wollte es auf eine Durchsuchung seines Hauses ankommen lassen - er
hatte sich jedenfalls der verdchtigen Gegenstnde schon lngst entledigt. - Als
jetzt die beiden Kerls drohten, sofort nach der Polizei zu gehen und selbst
Anzeige zu machen, warf ich mich biederherzig dazwischen und sagte ihnen, sie
mchten doch zuerst dem Pfandleiher Zeit zum Nachdenken lassen, er werde sich
vielleicht noch besinnen; morgen mchten sie wieder kommen - und so gingen die
Beiden, nachdem ich gewichtig mein Notizbuch gezogen und mir zwei X beliebige
Namen als die ihrigen hatte nennen lassen, ab. Ich aber begann nun dem Meier
eine Strafrede zu halten - und ich wei jetzt noch nicht, hat er mich fr einen
gutmthigen Polizeispion oder fr einen halben Pfaffen genommen - sagte ihm, da
ich selbst seine heimlichen Geschfte schon lngst kenne, da jetzt zwei
bestimmte Zeugen gegen ihn vorhanden seien und da er sich bei einer Anzeige
nimmermehr von der Verurtheilung als Diebeshehler losmachen knne. Ich mu wol
sehr eindringlich gesprochen haben, denn Madame Meier kam aus der Hinterstube
weinend herbei und mit ihrem: Siehst du, siehst du, Abraham! mir gerade gelegen.
Ich wurde natrlich von dem Intermezzo ziemlich gerhrt und erklrte dem
Pfandleiher, der, ohne ein weiteres Wort reden zu knnen, mit weien Lippen
dastand, da nur in Rcksicht auf seine arme Frau ich mir noch einmal berlegen
werde, was ich in der Sache zu thun habe, ohne meine Pflicht und mein Gewissen
zu verletzen - und ging weg. Das war vorgestern; ich vermuthe aber, da das
Meier'sche Ehepaar seit dieser Zeit wenig geschlafen haben wird und da ihnen
bei jeder Oeffnung ihrer Thr ein Schrecken durch die Glieder gefahren ist.
Hoffentlich, Sir, fuhr Seifert fort und zog ein Gesicht voll ironischer
Treuherzigkeit, werden Sie aus dieser kurzen Skizze ersehen, da ich ehrlich
und umsichtig meine Pflicht als Partner erfllt habe und wol Ihr geschtztes
Vertrauen verdiene, das Sie mir so wenig angedeihen lassen wollen.
    Murphy rieb sich die Stirn. Das Ehepaar soll also fr den Preis Ihres
Schweigens zu einem Uebereinkommen wegen des Besitztitels vermocht werden,
sagte er; der Plan ist so bel nicht, wenn er vorsichtig ausgefhrt wird.
Jedenfalls aber mten wir aus Werk gehen, ehe die ffentliche Aufmerksamkeit
sich der Hinterlassenschaft zuwendet und Smith und Johnson den fraglichen
Besitztitel als noch zu dem Eigenthume des Verstorbenen gehrig in die Masse
abliefern.
    Ganz meine Ansicht, Sir! nickte Seifert. Ich habe fr heute Nachmittag
und morgen frh ein kleines Privatgeschft im Lande abzumachen - wir mssen doch
erst die Leiche des jungen Menschen unter die Erde kommen lassen, ehe wir
fernere Schritte thun - morgen Mittag aber werden Sie mich hier zur weitern
Arbeit bereit finden.
    Er erhob sich und nahm seinen Hut. Der Advocat sah auf. Ich hoffe, Sie
werden nicht auf sich warten lassen, sagte er, und um seine Augen spielte es
wie ein unbestimmter Verdacht.
    Ich fehle nie, wo es sich um mein Interesse handelt, lchelte Seifert in
seiner eigenthmlichen Weise. Vergessen Sie nur nie, mich daran fest zu
halten.

                                       V.


Es war in den ersten Tagen des Mai, aber schon hatte die warme Jahreszeit in
den sdlichen Staaten begonnen. Ein dunkelblauer, wolkenloser Himmel spannte
sich ber die Thler aus, welche sich zwischen den Auslufern der
Alleghany-Gebirge hinziehen. Kein Lftchen regte sich, nichts Lebendes war auf
den Feldern zu entdecken, kein Laut wurde hrbar, und selbst die Bltter der
Bume schienen, berkommen von der erschlaffenden Wrme, eingeschlafen zu sein.
Zwischen seinen hier oft so malerischen Ufern lag der Tennesseeflu regungslos
und spiegelte das mannichfach schattirte Gebsch wieder, wie in einem festen
Glase.
    Oben an einer der Landungen sa ein einsamer Neger, eben so bewegungslos wie
seine ganze Umgebung, und starrte den Flu hinauf. Er war reinlich in dunkles,
baumwollenes Zeug gekleidet und mit einem breiten Strohhute versehen. Stunde auf
Stunde verrann, die Sonnenglut schien keinen Einflu auf sein Gehirn auszuben,
keine Ermattung oder Langeweile schien ber ihn zu kommen, noch sein Blick etwas
von der Aufmerksamkeit zu verlieren, mit welcher er den obern Theil des Flusses
beobachtete. Endlich gegen Abend begannen ber den Hgelreihen, welche die
stliche Aussicht verdeckten, sich einzelne kleine Wlkchen zu zeigen, welche
wieder verschwanden, um bald durch neu aufsteigende ersetzt zu werden. Des
Negers Aufmerksamkeit schien zu wachsen; eine Weile noch hielt er den Blick
gespannt in die Ferne gerichtet, dann erhob er sich und verschwand in dem Walde,
welcher das Fluufer sumte, um indessen nach kurzer Zeit mit zwei gesattelten
Pferden wieder zu erscheinen. Er befestigte denn Zgel an dem nchsten Baume und
nahm dann seinen frhern Platz ein. Die Wlkchen waren verschwunden; bald aber
brachen sie neu und krftiger hinter einem der naheliegenden Hgel hervor, und
wenige Minuten danach wurde in der nchsten Biegung des Flusses ein
herbeikommendes Dampfschiff sichtbar. Der Neger schritt langsam das Ufer nach
der Landung hinab, das Fahrzeug kam nher, und schon von fern konnte man einen
einzelnen Reisenden am vorderen Buge desselben erkennen.
    Der Neger verzog das Gesicht zu einem zufriedenen Grinsen, da die blendend
weien Zhne bis an ihre Wurzeln sichtbar wurden; er nahm den Strohhut ab, rieb
sich den Wollkopf und bedeckte ihn wieder. Jetzt bog das Boot gegen das Ufer;
eine Reisetasche, von dem Schwarzen aufgefangen, flog herber, und ihr nach kam
in keckem Sprunge, ohne auf das Niederlegen der Landungsbrcke zu warten, der
Reisende.
    
    Wie geht's, Csar? sagte er, dem Schwarzen die Hand reichend, whrend das
Boot seinen Lauf fortsetzte; sonst Niemand hier?
    Ich glaube nicht, Mr. Helmstedt.
    Der Ankmmling sah, die Augenbrauen zusammenziehend, einen Moment um sich
und begegnete dann dem Blick des Negers, der erwartend an seinem Gesicht hing.
Es ist doch Alles wohl, Csar, und nichts Besonderes vorgefallen?
    Doch etwas, Sir. Alter Master Morton ist gestorben! erwiderte der Neger,
und in seinem Gesicht begann es sonderbar zu zucken.
    Helmstedt sah ihm starr ins Auge; eine ganze Reihe von Gedanken schien ihm
pltzlich durch den Kopf zu schieen. Also wirklich, - ich ahnte fast so
etwas! sagte er endlich langsam. Und was sonst noch, Csar?
    Well, als sie Mr. Morton begraben hatten, kam der Vater von Mrs. Helmstedt
und holte sie nach Oaklea - und die Sarah nahm er auch mit. Nachher kam Ihr
Brief, Sir, und ich mute ihn nach Oaklea bringen, und dort sagte mir Mrs.
Helmstedt, da Sie heute mit dem Dampfboot ankommen wrden und da ich Sie mit
den Pferden erwarten solle. Das ist Alles, Sir!
    Helmstedt sah noch immer unverwandt in des Schwarzen Gesicht. Und weiter
hat meine Frau nichts gesagt? Erzhle mir jedes Wort, - besinne dich, Csar!
    Nichts, Sir. Ich wartete in der Halle, als ich den Brief abgegeben hatte,
da kam sie aus dem Parlor - sie war ganz bla, und sagte mir, was ich thun
solle. Im Parlor war Mr. Nelson, der manchmal unser Haus besucht hat, und der
Vater von Mrs. Helmstedt; ich hrte sie Beide sprechen.
    Helmstedt wandte den Blick weg und bi die Zhne auf die Unterlippe.
    Soll ich die Pferde losbinden, Sir? fragte Csar nach einer Weile.
    Warte noch einen Augenblick! erwiderte der Augekommene und schritt, die
Augenbrauen dicht zusammengezogen, das Ufer hinauf. Oben setzte er sich auf
einen der Baumstmpfe am Wege und rieb sich die Stirn. Lange sah er vor sich ins
Weite, und nur ein momentanes Zusammenpressen der Lippen lie auf den Zustand
seines Innern schlieen. Csar hatte sich zu den Pferden gestellt und schien
sich mit den Sattelgurten zu thun zu machen, lie aber den ersten Blick voller
Verstndni nicht von seinem Herrn.
    Hast du den Schlssel vom Hause mitgebracht? begann endlich Helmstedt und
richtete sich langsam auf.
    Er ist noch bei Mortons, Sir, erwiderte der Schwarze herbeikommend; ich
glaubte, Sie wrden erst dorthin gehen, im Hause ist noch nichts zurecht
gemacht.
    Helmstedt schttelte den Kopf. Ich denke, wir Beide knnen uns schnell
genug einrichten, sagte er; eine Zeitlang werden wir jedenfalls unsere
Wirthschaft allein fhren mssen. Er machte eine kurze Pause. Wir hatten Beide
an ein und demselben Tage Hochzeit gemacht, Csar, fuhr er dann mit mattem
Lcheln fort, - jetzt sind wir unsere Frauen auch an einem Tage wieder los
geworden; wir mssen uns vorlufig drein ergeben.
    Der Schwarze verzog sein Gesicht, man wute nicht, war es ein Ansatz zum
Lachen oder zum Weinen. O! brach er dann los, die Sarah mag wegbleiben, ich
gebe nichts drum - sie hat mehr bse Mucken als das Jahr Tage, und ich war ein
Narr, als ich ihr noch jeden Abend nachlief. Der alte Mr. Morton - Gott segne
ihn im Grabe - meinte es gut, als er mich an Mr. Helmstedt schenkte, damit ich
Sarah heirathen sollte. Sarah hat mir's aber hinterher selber gesagt, da sie
mich nur genommen, weil mir der alte Isaak, als er starb, seinen ganzen
Pedlarkasten voll Bnder und Kleider geschenkt habe. Jetzt hat sie den leer
gemacht, und nun will sie auch nichts mehr von mir wissen, - mag sie laufen!
    Helmstedt schien kaum auf die Rede des Negers geachtet zu haben. Er war
langsam nach den Pferden zurckgegangen, klopfte einem derselben, das den Kopf
nach ihm wandte und ihn beschnobberte, den Hals und lste den Zgel vom Baume.
Du reitest jetzt nach Mortons Haus, Csar, sagte er, bringst der Mistre
meine Empfehlung und fragst, ob sie mich morgen empfangen wolle. Dann nimmst du
unsern Wagen, der dort steht, ladest deine Sachen und die Kleinigkeiten, die von
mir noch da sein mgen, darauf und bringst Alles zusammen nach unserm Hause. Ich
werde dich in der Stadt im Globe-Hotel erwarten, wenn es auch etwas spt werden
sollte.
    Der Schwarze nickte ein: very well, Sir! Helmstedt bestieg sein Pferd und
trabte auf dem wohlbekannten Wege davon. Jedes weie Farmhaus, das aus seiner
grnen Umgebung hervortauchte, grte ihn als alten Bekannten, aber Helmstedt
hatte keinen Sinn zum Gegengru. Seine ganze Zukunft war bei dem ersten Schritt
auf heimatlichen Boden - denn das hatte ihm Alabama werden sollen - als ein
ungelstes Rthsel vor ihn getreten. Seine Frau war zu ihren Eltern gehangen und
hatte sich dadurch von ihm losgesagt, - sie war das verbindende Glied zwischen
ihm und diesem Lande, auf ihr Festhalten an ihm hatte er alle seine knftigen
Plne gebaut; und hatte er auch gesehen, da er sich nie mit ihr so verstehen
wrde, wie er anfnglich getrumt, so war ihm, dem Deutschen, doch der Begriff
der Ehe noch ein so ehrwrdiger, ein so fr das ganze Leben bindender Act, da
er wol auf Mittel und Wege, ihre beiderseitige Differenz auszugleichen, aber nie
an eine Trennung gedacht hatte. So hatte er wenige Tage vor seiner Abreise von
New-York einen Brief an die junge Frau geschrieben, in welchem er ihr seine
Rckreise meldete. Es hatte ihn nach einem herzlichen Empfang zu Hause verlangt
und er hatte mit warmen Worten Alles besprochen, was vor seiner Abreise von
Alabama zwischen ihnen zu stehen schien, hatte ihr das Verhltni zu ihren
Eltern, in welches sie durch schnelle Heirath mit ihm getreten war, klar vor die
Seele gefhrt und ihr versprochen, keine Anstrengung zu scheuen, da ihr Vater
selbst noch stolz auf ihre Wahl werden solle. Er hatte sie gebeten, ihn am Tage
seiner Ankunft selbst an der Landung zu erwarten; jetzt hatte er die Antwort auf
seine Zeilen - diese Zeilen, welche ihm das reinste Herz und der beste Wille
dictirt hatten. Er wute, als habe ihm es Jemand erzhlt, da Mortons Tod nur
ein Vorwand fr die Eltern seiner Frau, vielleicht fr diese selbst gewesen war,
um einen Schritt zu thun, der unter den obwaltenden Verhltnissen und bei seiner
ganzen Denk- und Gefhlsweise auch der erste Schritt zu einer Trennung zwischen
ihnen Beiden sein mute. Er htte seine Frau zurckfordern, htte sie zwingen
knnen, mit ihm weiter zu leben - aber was wre dann sein weiteres Leben
gewesen? Und sollte er sie den schnellen Schritt, der sie mit ihm vereinigt
hatte, den sie vielleicht in Selbsttuschung, aber doch im vollen Vertrauen zu
ihm gethan, fr immer bereuen lassen? der ganze Roman seiner Liebe ging noch
einmal, Bild fr Bild, an seiner Seele vorber - er konnte, er mochte sie zu
nichts zwingen, was ihr Herz ihr nicht selbst dictirte. Aber er wollte selbst
auch keinen Schritt zur Lsung der Differenz thun, er wollte die stolze Familie
an sich kommen lassen - hatte er sich doch nichts vorzuwerfen. Er wute, da er
sich jetzt einen ganz neuen Plan fr seine Zukunft entwerfen mute; wute, da
er allein niemals unter den reichen Pflanzern Alabama's Wurzel schlagen konnte,
um eine Selbststndigkeit fr sich zu erringen - aber so weit hinaus zu denken,
war es noch nicht an der Zeit; die nchsten Tage allein schon muten alle seine
Gedanken in Anspruch nehmen. - Er dachte an Pauline, die er am folgenden Morgen
besuchen wollte, um ihr, gem dem Versprechen, welches er dem verstorbenen
Morton gegeben, seine Hilfe fr alle nthigen Flle anzubieten. Wie schnell sich
doch die Stellung der Menschen zu einander ndern kann! Noch kein Jahr war es
her, da er sie als einzeln dastehendes Mdchen in New-York getroffen, da sie
ihre beiderseitige Kinderfreundschaft von Deutschland her gegen ihn hatte
geltend machen und sich warm an ihn hatte anschlieen wollen, da er sich, ihr
ganzes Wesen mideutend, steif von ihr gewandt - fast wollte es ihm scheinen,
wenn er sich die damaligen Scenen und das weiche, lachende Mdchengesicht
vergegenwrtigte, als habe er ein ganzes Paradies von sich gestoen, um einem
Phantom nachzujagen. Jetzt war sie eine reiche Erbin, eine junge, schne Wittwe,
welcher berall die glnzendsten Partien zu Gebote stehen muten - jetzt wollte
er um die Gunst bitten, ihr dienen zu drfen. Der kalte, jede Annherung
abweisende Gesichtsausdruck, mit welchem sie ihm vor seiner Reise nach New-York
entgegengetreten war, stand wieder vor seiner Seele, und es wurde ihm, als msse
es ihm bis ins innerste Herz hinein wehe thun, mte ihn demthigen wie noch nie
zuvor, wenn sie ihm bei seinem morgenden Besuche in derselben Weise begegnen
wrde. Und doch hatte er kaum ein Recht, etwas Anderes zu erwarten. Mochte es
aber auch so sein, er war Mannes genug dazu, um sich selbst und seine Gefhle zu
bezwingen; noch war Stolz genug in ihm, da er sich nach keiner Seite hin eine
Ble zu geben brauchte - konnte er auch keine Zukunft von einiger Verheiung
hier im Sden mehr fr sich erblicken, so wollte er doch seine gegenwrtige
Laufbahn mit Ehren gegen sich selbst zu Ende bringen - fr das Weitere mochte
dann das Schicksal sorgen. - Helmstedt hatte sich am Schlusse seines
Gedankenganges straffer im Sattel ausgerichtet und das Pferd fhlte zum ersten
Male seine Schenkel. Die uersten, zerstreuten Huser des Stdtchens lagen vor
ihm; bald begegneten ihm einzelne Menschen, von denen fast Jeder einen Gru fr
ihn hatte. Mdchengruppen zu zweien und dreien blieben am Rande der Strae
stehen und lachten ihm mit einem: Wieder zurck, Mr. Helmstedt? entgegen - es
waren Schlerinnen der Akademie, und als er am Globe-Hotel abgestiegen war,
dessen Piazza der abendliche Versammlungsplatz der mnnlichen Aristokratie des
Ortes war und ihm hier zehn How do you do! auf einmal entgegen gerufen wurden,
da war seine gedrckte Stimmung verschwunden, er wute kaum selbst wie - er
fhlte, er hatte bereits einen Boden unter sich, den nicht zufllige
Beziehungen, sondern sein eigener Werth und seine Thtigkeit ihm geschaffen
hatten. Bald sa er in der Mitte der Mnner, gab das verunglckte Ergebni
seiner Reise und andere New-Yorker Neuigkeiten, wie sie ihm dort zu Ohren
gekommen waren, zum Besten; bald schlug unter den Anwesenden ein Witz und ein
derber Scherz den andern, und als endlich Csar anlangte, um seinem Herrn zu
melden, da er alle Auftrge besorgt, wute dieser kaum, wie schnell ihm die
Zeit verstrichen.
    Als er freilich sein Haus mit den geschlossenen Lden betrat, als Csar
lange in der Kche umhersuchen mute, ehe er ein Schwefelholz und ein Stmpfchen
Licht aufgefunden hatte, als er endlich sein Schlafzimmer betrat, wo Alles
verschwunden war, was an den Aufenthalt einer Frau erinnern konnte, und ihm nur
offene Kasten und Schrankthren entgegen ghnten - da wollte wol etwas von
seiner frheren Stimmung wieder ber ihn kommen; als aber sein Auge den
Schwarzen an der Thr traf, dessen Gesicht ein sonderbares Gemisch von
Theilnahme und Beobachtung ausdrckte, fhlte er auch, da er sich nicht gehen
lassen drfe, da die erste Nothwendigkeit fr seine knftige Stellung der Welt
gegenber Selbstbeherrschung sei. Er sandte den Neger weg, um Wasser und Lichte
herbeizuholen, ffnete sodann die Fenster und brachte das Zimmer in Ordnung. Der
zurckkehrende Schwarze fand ihn, eine Cigarre rauchend, gemchlich in den
Schaukelstuhl gestreckt. Well, Csar, sagte er, la uns kurz berlegen, wie
wir unsere Einrichtungen machen, bis die Weiber wieder zurck sind; du bist
Zimmermann und hast bis jetzt fr dich selbst gearbeitet -
    Ja, Sir! und ich habe Ihnen noch die Miethe fr mich whrend der letzten
Monate zu bezahlen, aber das Geld liegt bereit.
    Behalte dein Geld. So lange ich deine Arbeit entbehren kann, gnne ich dir
gerne den Verdienst! winkte Helmstedt. Ich erwhnte die Sache nur, weil du
unter den jetzigen Verhltnissen tglich ein paar Stunden mehr fr mich wirst
haben mssen. Du nimmst deine gewhnliche Schlafstelle wieder ein und magst
Morgens, wenn du die Pferde und die brigen kleinen Hausgeschfte besorgt hast,
deinem Verdienste nachgehen. Ich nehme meine Mahlzeiten vorlufig im Hotel; von
vier Uhr Nachmittags an bleibst du im Haus, damit ich in vorkommenden Fllen
Jemand an der Hand habe.
    Dank Ihnen, Sir, Dank Ihnen, erwiderte der Schwarze; aber - wenn ich noch
etwas fragen drfte, fuhr er fort und rieb sich wie in halber Verlegenheit die
Hnde, knnte ich wol, bis Alles wieder in Ordnung ist, dann und wann nach
Oaklea gehen, um die Sarah zu sehen? Oder -
    Nur einen Augenblick ging ein Schatten ber Helmstedts Gesicht, dann
lchelte er im besten Humor. Wenn dir die dreihundert fnf und sechzig Mucken
deiner Sarah nicht im Wege stehen - ich werde dich nicht zurckhalten! sagte
er. Benutze deine freie Zeit wie du denkst und magst, nur sei da, wenn ich dich
brauche. Jetzt besorge die Pferde und sieh dann nach deiner eigenen
Lagerstelle.
    Der Schwarze verzog das Gesicht, als liege noch irgend etwas Anderes auf
seiner Seele; als sich aber Helmstedt erhob und ihm den Rcken kehrend an das
offene Fenster trat, zuckte er, wie sich selbst beruhigend, die Schultern und
verlie das Zimmer.
    Helmstedt brannte ein neues Licht an und warf sich dann auf sein Bett, um
noch einmal die Eindrcke der letzten Stunden an sich vorbergehen zu lassen. Es
war lngst zehn Uhr vorber, als er sich endlich entkleidete und das Licht
lschte.
    Am nchsten Morgen hatte er bereits bei beginnender Schulzeit in der
Akademie den Wiederanfang seiner Musik-Lectionen fr den nchsten Tag angezeigt.
Er hatte nichts als freundliche Gesichter getroffen, Niemand schien etwas von
der Aenderung seiner huslichen Verhltnisse zu wissen, oder davon Notiz
genommen zu haben, und mit freier Seele hatte er sich auf den Weg nach Mortons
Farm gemacht. Es war kaum zehn Uhr vorber, als er an der Einzunung, welche die
nchste Umgebung des Hauses einschlo, von seinem Pferde stieg, um das
Gitterthor zu ffnen.
    Auf der Treppe, welche nach dem Portico hinauffhrte, sa ein Mensch in
grober Kleidung mit gewaltigen Gliedmaen und finsterem, dreisten Blick, der,
ohne sich zu rhren oder Miene zu einem Grue zu machen, dem Ankommenden
entgegensah. Helmstedt band sein Pferd an einen Baum und ging dann mit leichtem
Kopfnicken an ihm vorber nach der offenen Halle. Seine Gedanken waren zu sehr
mit dem Zwecke seines Besuchs beschftigt, als da er die einigermaen
auffallende Erscheinung htte beachten sollen. Er legte seinen Hut ab; eben aber
als er sich vergebens nach einem der Schwarzen, der ihn htte melden knnen,
umgesehen und die Parlorthr ffnen wollte, that sich diese auf, und Mrs.
Morton, die bei seinem unerwarteten Anblicke einige Schritte zurckwich, befand
sich vor ihm. Auch Helmstedt war zurckgetreten und Beide standen einen
Augenblick wortlos einander gegenber. Sie war in tiefer Trauerkleidung, aber
diese zeichnete um so bestimmter ihre feinen, gerundeten Formen ab und verlieh
ihrer ganzen Erscheinung einen Anstrich von vollendeter Aristokratie. Ihr
tadelloser Teint, eben nur von dem Roth der Ueberraschung berhaucht, trat
zarter als je hervor und der Anflug von Trauer um den weichen Mund erschien
Helmstedt fast noch reizender als das frische Lcheln, das er frher an ihr
gekannt.
    Treten Sie ein, Sir, und seien Sie willkommen, sagte sie, ihm die Hand
bietend. Sie finden unser Haus vereinsamter, als da Sie es verlieen.
    Ich habe Alles vernommen, Ma'am, und machte deshalb meinen Besuch bei Ihnen
zu einem meiner ersten Geschfte, erwiderte er, ihre Finger leicht zwischen den
seinigen drckend; Sie wissen es wol selbst, da Morton eigentlich der einzige
Freund war, den ich im ganzen Sden besa, und da seinen Tod sicher Niemand
aufrichtiger betrauert als ich.
    Und er verdient das, sagte sie zu ihm aufsehend, whrend ihre Augen sich
mit Wasser fllten, er hat an Sie noch zwei Minuten vorher gedacht, ehe er
entschlummerte. Es war wirklich nichts als ein sanftes Entschlafen, fuhr sie
fort und trocknete sich die Augen; ich wei kaun ob er selbst die unmittelbare
Nhe des Todes ahnte. Aber setzen Sie sich, Mr. Helmstedt. Sie lie sich auf
einen der Divans nieder und Helmstedt wandte sich nach einem Stuhle. So oft er
auch schon in den Parlors von Mortons Hause gewesen war, so hatte er doch nie
ein besonderes Auge fr deren Einrichtung gehabt. Heute aber lie er
unwillkrlich einen beobachtenden Blick ber die reiche, geschmackvolle
Ausstattung gleiten, die im vollen Verhltnisse zu dem eleganten Hause und dem
ausgedehnten Grundbesitze des Verstorbenen stand. Dieses Alles gehrte jetzt -
wenn er Mortons Worte, die dieser zu ihm ber seine letztwillige Verfgung
gesprochen hatte, richtig verstand - der jungen Frau, welche vor ihm sa, und
das drckende Gefhl, welches schon Tags zuvor sich bei Betrachtung ihrer
beiderseitigen Verhltnisse seiner bemchtigt hatte, berkam ihn wieder.
    Er hatte sich ihr gegenber niedergelassen - Well, Ma'am, begann er, Sie
sind jung, schn und jetzt auch reich -
    Die junge Frau schlug bei diesem Anfange das Auge mit einem so verwunderten
Blicke zu ihm auf, da er sich unwillkrlich unterbrach. Warum sagen Sie mir
das, Mr. Helmstedt?
    Dieser drckte einen Moment die Augen in seine Hand. Vielleicht, erwiderte
er, um Ihnen zu zeigen, da ich Ihre jetzige Stellung vollkommen zu wrdigen
wei, Mrs. Morton; aber, fuhr er fort und sah ihr voll in das erwartende
Gesicht, ich wollte eigentlich nur bemerken, da Sie jetzt auch allein stehen
und da Ihre Stellung, vielleicht gerade Ihrer Vorzge wegen, einen Schtzer
mehr als je fr Sie nothwendig macht. Ich habe Morton versprechen mssen, Ihnen
ein treuer Freund und jeden Augenblick zu Ihren Diensten zu sein - ich habe das
mit ganzem Herzen versprochen, und jetzt bin ich hier, um Sie zu bitten, in
irgend einer Weise ber mich zu disponiren.
    Das Auge der jungen Frau schien whrend Helmstedts Rede dunkler zu werden
und an Tiefe zu gewinnen, ein leises Roth stieg in ihre Wangen und ein weicher
Zug, halb Schmerz, halb Innigkeit legte sich um ihren Mund. Es war derselbe
Ausdruck, an welchen Helmstedt whrend der letzten Tage so oft hatte denken
mssen, dasselbe Gesicht, mit welchem sie am Tage ihres ersten Zusammentreffens
in New-York mit ihm an seiner Seite gekniet und zu ihm aufgesehen hatte - und
eine stille Wrme, die alle seine Vorstze von stolzer Zurckhaltung zu
zerschmelzen drohte, begann in ihm aufzusteigen. Eine wortlose Secunde lang
hingen die Blicke beider in einander; dann aber prete sie mit einem tiefen
Athemzuge die Hand auf die Herzgegend, wurde bleich und senkte langsam den Kopf.
Als sie wieder aufsah, begegnete Helmstedts Auge einem Blicke so still und kalt,
als er ihn in der letzten Zeit nur jemals an ihr hatte kennen lernen.
    Sie mgen Recht haben, da ich fast ganz allein stehe, begann sie leise,
aber Sie wissen wol selbst, Sir, wie lange ich daran gewhnt worden bin. Habe
ich als armes Mdchen es schutzlos mit der Welt aufnehmen mssen, so mchte ich
das auch einmal als reiche Frau versuchen; ich habe mich so lange auf meine
eigene Energie angewiesen gesehen, selbst whrend der letzten Monate vor Mr.
Mortons Tode, da ich in meiner jetzigen Stellung kaum etwas Ungewohntes finde.
Ich danke Ihnen bei alledem herzlich fr Ihr Anerbieten und verspreche Ihnen
gern, in ungewhnlichen Fllen Sie um Ihren freundlichen Rath zu bitten.
    Helmstedt verneigte sich, ohne ein Wort zu sprechen. Eine Empfindung hatte
ihn berkommen, als habe ein Nachtfrost einen ganzen Garten voll Frhlingsblten
in ihm getdtet; und zugleich fhlte er, da diesem kalten Auge gegenber auch
sein Stolz ihm keine Genugthuung mehr bieten konnte - traf doch jedes ihrer
Worte so folgerecht und bestimmt seine frhere Haltung gegen sie, da sie kaum
anders htte reden drfen, da er nur sich selbst die schiefe Stellung
zuschreiben mute, in die er sich nun durch sein jetziges Dienstanerbieten
gebracht sah.
    Lassen Sie uns von Ihren Verhltnissen reden, da ich Ihnen vielleicht
einige Einzelnheiten der Vorflle whrend Ihrer Abwesenheit geben kann! fuhr
sie fort. Sie scheinen jedenfalls zu wissen, da Ellen nicht mehr hier im Hause
ist.
    Ich wei, Ma'am, da sie ihrem Vater nach Oaklea gefolgt ist, und offen
gestanden, ist mir die Thatsache so gengend, da ich mich ber das Wie oder
Warum nicht weiter kmmern mchte!
    Sie sah ihm einen Augenblick aufmerksam ins Gesicht. Und das ist Alles, was
Sie darber zu sagen haben? fragte sie dann.
    Ich wte nicht, was sonst noch, Ma'am. Jedes weitere Wort kann das
Verhltni zwischen mir und Ellen nur verwirren, statt es der Lsung nher zu
bringen. Sie kennt genau die Deutung, welche ich einem Schritte wie dem jetzt
von ihr gethanen geben wrde - und sie hat ihn gethan. Sie wei, da ich ihrer
Eltern Haus, welches mir ihr Vater nach unserer Verheirathung deutlich genug
verbot, nie betreten werde, wenn nicht eine Ausgleichung vorhergeht, zu welcher
sich Elliot, wie ich ihn kenne, nie verstehen wird - also ist das Verhltni so
einfach, da sich kaum noch etwas darber sagen lt.
    Und Sie wollen keinen Schritt in der ganzen Angelegenheit thun, trotzdem
Sie so glcklich in Ihrer Liebe zu Ellen waren? erwiderte sie, und bckte sich,
um eine Falte ihres Kleides zu ordnen.
    Helmstedt antwortete nicht; die Frage klang ihm in seiner jetzigen Stimmung
und aus Paulinens Munde fast wie bitterer Hohn. Ein stiller, ernster Blick, mit
dem sich Helmstedt erhob, traf die junge Frau, als sie aufsah. Lassen Sie uns
abbrechen, Ma'am! sagte er ruhig und trug seinen Stuhl bei Seite.
    Sie sah ihm nach, als suche sie ein Verstndni fr sein Benehmen, dann
erhob sie sich ebenfalls. Noch einen Augenblick, Mr. Helmstedt, ich habe einen
letzten Auftrag von Mr. Morton an Sie auszurichten! Damit ging sie nach einem
eleganten Schreibtische an einer der Seitenwnde des Zimmers und nahm einen
starken Brief, der dort in Bereitschaft zu liegen schien, heraus, ihn dem jungen
Manne, der ihr entgegenkam, bergebend. Helmstedt erkannte schnell seine
Adresse, von Mortons Hand geschrieben.
    Ich werde die Oeffnung fr eine ruhigere Stunde aufsparen, sagte er, und
falls sich Dinge darin vorfinden sollten, die sich auf mehr als meine eigenen
Verhltnisse beziehen, so geben Sie mir wol die Erlaubni zu einem zweiten
Besuche.
    Sie scheinen mich irgendwie miverstanden zu haben, sagte sie, ihm
forschend in das ernste Gesicht sehend. Sie wissen, da Mortons Haus Ihnen
immer offen stehen wird, und da ich mir auch vorbehalten habe, da, wo eine Frau
nicht mehr allein durchkommen kann, mir Ihren Rath zu erbitten.
    Der junge Mann verbeugte sich schweigend und barg den erhaltenen Brief in
seine Brusttasche.
    Sie werden doch in der Hitze nicht nach Hause reiten wollen, und jedenfalls
zu Mittag bei uns bleiben? fuhr sie fort, als er Miene machte, sich zu
verabschieden. Sie finden Niemand hier als den alten Doctor Ford, der seit Mr.
Mortons Tode ein Zimmer bei uns eingenommen hat, weil er meinte, er drfe mich
und die weie Wirthschafterin nicht allein im Hause lassen.
    Ich danke Ihnen sehr, Ma'am, ich habe Schatten bis kurz vor die Stadt,
erwiderte er und warf einen Blick aus dem Fenster nach seinem Pferde. Ich
beginne morgen meine Lectionen wieder und kann den Nachmittag fr meine
Vorbereitungen nicht entbehren.
    Sie sagte nichts; aber das groe Auge, das auf ihm ruhte, begann seinen
Glanz zu verlieren, ihre Zge nahmen eine marmorne Unbeweglichkeit an, und als
er sich nach ihr wandte, um Abschied zu nehmen, neigte sie nur mit einem kurzen
good bye, Sir! den Kopf und trat an eine der Fensterthren, welche sich nach
dem Portico ffneten.
    Helmstedt hatte die kalte Entlassung kaum beachtet; er fhlte sich
verwundet, er sehnte sich nach Hause zu kommen und mit allen Herzensforderungen
abzuschlieen. Auf der Porticotreppe sa der Mensch, welchen er bei seinem
Eintritte bemerkt, noch in derselben Stellung wie eine Stunde zuvor; aber
Helmstedt hatte kein Auge fr ihn. Nur als er sein Pferd losgebunden hatte, warf
er halb unbewut einen Blick aus das Haus zurck und sein Auge blieb einen
Moment an der schlanken Gestalt in Trauerkleidern haften, die hinter einer der
Fensterthren des Parlors stand und mit unbeweglichen Zgen ins Weite starrte.
Er fhrte sein Pferd langsam nach dem Gitterthore. Als er dies geffnet hatte
und beim Aufsteigen noch einen letzten Blick zurck sandte, sah er, wie Pauline
aus der Halle trat, die Gestalt auf der Treppe sich langsam erhob und beide nach
kurzem Gesprch mit einander in das Haus zurckgingen.
    Eine Art Neugierde, was die Besitzerin von Mortons Haus mit einer solchen
Erscheinung zu schaffen haben knne, wollte sich Helmstedts bemchtigen, aber
was gingen ihn, dessen aufrichtiger Wille zurckgewiesen worden war, noch die
ganzen Verhltnisse hier an? Er lie sein Pferd die Schenkel fhlen und sprengte
davon - bald aber zog er unwillkrlich die Zgel wieder an. Zwei Bilder traten
trotz seines Grolles immer unabweislich vor seine Seele: Pauline mit dem dunkeln
Auge und dem sen, innigen Lcheln, das einen ganzen Himmel verhie - und
Pauline die starre, marmorweie Bste, in schwarzer Drapirung, wie er sie hinter
dem Fenster des eben verlassenen Hauses gesehen.
    Er erreichte seine Wohnung in einem Zwiespalte mit sich selbst, den er nicht
zu lsen vermochte. Er schlo Mortons Brief, den zu lesen er sich jetzt am
wenigsten in der Stimmung fhlte, in seinen Schreibtisch und ging nach dem
Hotel, um seine Mahlzeit zu nehmen. Teufelmig warm! - Zu frh fr die
Jahreszeit! - Wir werden viel Krankheit diesen Sommer haben! das waren fast
die einzigen Aeuerungen, welche whrend des Essens um ihn her fielen, und
Helmstedt kam endlich selbst zu der Idee, da es das Wetter sein msse, welches
ihm den klaren Kopf nehme. Langsam ging er wieder nach seinem Hause und nahm
sich vor, alle belstigenden Gedanken aus seinem Gehirne zu verbannen und nur
fr das zu sorgen, was ihm am nchsten lag. Er holte seinen Vorrath von
Musikalien und das Verzeichni seiner Schlerinnen hervor, um morgen fr alle
Lectionen vorbereitet zu sein; er gab sich mit Eifer seiner Arbeit hin - bald
stie er auf den Namen einzelner Lieblingsschlerinnen, von deren Talent er sich
viel versprach und deren Unterricht Lichtstellen in seinen oft ermdenden Beruf
warf - bald wieder stie er auf die Namen von hard cases, fr deren
Unterweisung er sich ein eigenes System geschaffen - in Kurzem hatte sich sein
ganzes Interesse auf die vor ihm liegende Arbeit gerichtet, und als er endlich
damit zu Ende gekommen war, hatte sich auch der feste Vorsatz in ihm gebildet,
seine Befriedigung nur in den Erfolgen zu suchen, welche ihm sein jetziger Beruf
bieten konnte, alle ungelsten Dissonanzen in seinem Leben aber ruhig der Zeit
zu berlassen. Er brannte sich eine neue Cigarre an und warf sich in den
Schaukelstuhl aus offene Fenster. Trotz seiner guten Entschlsse whrte es
indessen nicht lange, so zogen dennoch an seinem Geiste alle Scenen des heute
verlebten Morgens wieder vorbei, so grbelte er ber Paulinens sonderbares Wesen
und begann sich den verschiedenartigen Ausdruck ihres Gesichtes zu
vergegenwrtigen, bis er endlich mit einem tiefen Athemzuge aufsprang. Bin ich
denn ein Kind? sagte er und rieb sich die Augen; ich will mich aus diesen
weichherzigen Gefhlsstimmungen herausreien. Ist denn das fr einen Menschen
von Charakter nicht genug? Sie meint, ihre Zeit sei jetzt gekommen, und will
Revanche haben, das ist Alles! Very well, so sei ein Mann, August, und bewache
dich selbst.
    Er war zwei- oder dreimal die Stube auf und ab gegangen, als sich die Thr
ffnete und Csar eintrat. Ein Brief, Sir! meldete dieser, ihm ein
geschlossenes Schreiben hinreichend. Helmstedt besah die Adresse, und ein
leichtes Roth stieg in sein Gesicht. Wer hat das gebracht? fragte er, langsam
das Couvert ffnend.
    Dick von Oaklea, Sir! erwiderte der Schwarze; er will warten, im Fall Mr.
Helmstedt wieder etwas zu bestellen htte.
    Helmstedt hatte die Zuschrift entfaltet und die wenigen Zeilen, welche sie
enthielt, gelesen, aber noch immer hielt er die Augen darauf geheftet. Sie
lauteten:

        Wenn Mr. Helmstedt den Unterzeichneten zu sprechen wnscht, so wird er
        ihn morgen und bermorgen in Oaklea anwesend finden.
                                                                        Elliot.

    Dick soll einige Minuten bleiben, sagte Helmstedt endlich; ich werde ihm
Antwort mitgeben. Er wandte sich nach dem Schreibtische und lie sich dort
nieder; als aber der Schwarze das Zimmer verlassen hatte, sttzte er den Kopf
auf beide Arme und starrte sinnend auf das vor ihm liegende Papier. Wenn irgend
etwas wie eine Ausgleichung beabsichtigt wrde, begann er nach einer Weile und
lehnte sich zurck, wenn noch ein Funke von wirklicher Liebe in Ellen's Herzen
fr mich wre, so htte sie eine Zeile beigefgt. Was hier vor mir liegt, ist
nichts als der ausgeprgte Pflanzerstolz, welcher ein drckendes Band abstreifen
mchte, aber dem armen Auslnder gegenber es unter seiner Wrde findet, selbst
einen Schritt dafr zu thun. Gut, wir werden sehen, wessen Stolz zuerst bricht.
    Er nahm Feder und Papier zur Hand und schrieb:

        Der Unterzeichnete ist sich keines Gegenstandes bewut, ber welchen er
        mit Mr. Elliot selbst zu verhandeln htte. Will Mrs. Helmstedt, wie es
        einem treuen, gewissenhaften Weibe geziemt, in das Haus und unter die
        Obhut ihres Mannes zurckkehren, so wird sie offene Arme finden. Dies
        ist aber die unerlliche Bedingung, ehe der Unterzeichnete auf irgend
        eine sie berhrende Verhandlung eingehen knnte.
                                                          August von Helmstedt.

    Der Brief wurde geschlossen und abgesandt. Noch lange nachher aber sa
Helmstedt vor seinem Schreibtische, den Kopf in beide Hnde gesttzt, und suchte
sich ein Bild von dem jetzigen Leben in Oaklea zu schaffen und sich die Scenen
zu vergegenwrtigen, welche seine Zeilen dort hervorrufen wrden. Ein
mehrmaliges Ruspern strte ihn endlich auf. Csar stand an der Thr.
    Bitt' um Verzeihung, sagte der Schwarze und knetete seine Hnde, als wolle
er alle Knochen darin zerbrechen, ich wollte nur fragen - ich habe nmlich Dick
gesagt, da mich Sarah diesen Abend erwarten soll - ob ich mich vielleicht
umsehen oder horchen soll, wie's drben steht - ich meinte nur so - ich wollte
schon gestern deswegen fragen - Mr. Helmstedt ist so gut, und ich mchte so gern
etwas thun. -
    Helmstedt hrte ihn an, bis er schwieg und nur noch verlegene Gesichter
schnitt. Du bist eine gute Haut, Csar, sagte er dann, und es wird schon
einmal eine Zeit kommen, wo du mir deine Anhnglichkeit beweisen kannst. Drben
in Oaklea aber kmmere dich nur um deine eigenen Geschfte; und so wenig ich von
dort etwas hierher berichtet haben will, eben so wenig wnsche ich etwas von
hier hinbergetragen.
    All right, Sir! lachte der Schwarze und nahm die Thr in die Hand; sie
sollen eher vor Neugierde blau werden, ehe sie von mir etwas erfahren. - -
    Es war eine Zeit der nchternen poesielosen Arbeit, welche jetzt fr
Helmstedt folgte. Es waren nur noch sieben Wochen bis zu der Zeit, in welcher
die Akademie der heien Jahreszeit wegen geschlossen wurde. Bei diesem Schlusse
der Schule aber fand ein Examen statt, dessen Hauptzierde die Musikschler mit
ihren Leistungen bildeten - und Helmstedt warf sich mit seinen ganzen Krften
auf die nthigen Vorbereitungen. Er gab Extra-Lectionen und widmete seine freie
Zeit den Uebungen seiner Schlerinnen; er fand darin das beste Mittel, um seinen
eigenen Grbeleien zu entgehen. Abends unternahm er in der Regel einen Ritt in
die Umgegend und sprach in dieser oder jener Farm ein, deren Besitzer er durch
seine Stellung in der Akademie hatte kennen lernen, kam meistens erst mit
beginnender Nacht wieder heim, wo er fr alle seine Bedrfnisse von Csar
aufmerksam gesorgt fand, und schlief den Schlaf der Ermdung.
    Vierzehn Tage waren auf diese Weise vergangen; Helmstedt hatte weder etwas
von Mortons Haus, noch von Oaklea, dessen Umgegend er stets auf seinen Ritten
vermied, gehrt, und wenn ihm sein Leben auch oft selbst so nchtern und ohne
eigentlichen Endzweck vorkam, da ihm die Frage vor die Seele trat, wohin dieses
Verhltni noch fhren solle, so fhlte er doch auch, da es ihm fr den
Augenblick den einzigen Halt bieten konnte.
    Es war an einem Sonnabend, an welchem die Stadt meist voll von Pflanzern und
kleineren Farmern der Umgegend war, als Helmstedt zur Mittagsstunde das
Globe-Hotel betrat. Die gerumige Halle und der anstoende Bar-Room waren
gefllt mit den hohen, krftigen Gestalten, wie sie der Sden der Vereinigten
Staaten erzeugt, und alle Arten von Anzgen, vom blauen Baumwollenfrack und
geflochtenen Schilfhute bis zum Nankinhabit und dem modernen Panamahute,
mischten sich bunt durch einander. Helmstedt nahm eine Zeitung und wollte sich
eben an ein Fenster setzen, um das Luten fr den Mittagstisch abzuwarten, als
sein Blick auf einen Mann fiel, der an einem der Kaminsimse lehnte und dem
Anscheine nach einem neben ihm stehenden Farmer zuhrte, aber das Auge
unverwandt auf den Deutschen geheftet hielt. Es war Elliot. Helmstedt blickte
ihm einen Moment voll ins Gesicht; als jener aber jetzt das Ohr zu dem Farmer an
seiner Seite bog, als wisse er durchaus nichts von der Richtung seiner Augen,
lie sich Helmstedt auf einem Stuhle nieder und barg das Gesicht hinter seiner
Zeitung. Er fhlte, da dieses Anstarren, ohne doch von ihm Notiz zu nehmen,
eine Demonstration von Nichtachtung vorstellen sollte und er gab sich das
Versprechen, sich diesem Hochmuth gegenber kein Haarbreit etwas zu vergeben.
Seine ferneren Gedanken schnitt die Mittagsglocke ab; die Anwesenden strmten in
amerikanischer Manier nach dem Speisesaale, Einer suchte den Andern zu
berholen, um einen Stuhl an der Tafel zu gewinnen, und Helmstedt, der als
stndiger Kostgnger seinen Platz reservirt wute, war einer der Letzten. Als er
aber eben den Speisesaal betrat, hrte er neben sich Elliots Stimme: Ich
wnsche Sie nach Tische ein paar Minuten zu sprechen, Sir! Helmstedt vernderte
weder eine Miene, noch antwortete er. Das ganze Wesen des Pflanzers traf seinen
Stolz an der wundesten Stelle. Er nahm langsam und mit aufgerichtetem Kopfe
seinen Platz ein, nickte einigen bekannten Gesichtern in seiner Nachbarschaft zu
und ging auf die um ihn her fallenden Bemerkungen so unbefangen ein, als habe
nichts Ungewhnliches seine Seele berhrt.
    Die Tafel war zu Ende. Helmstedt nahm seinen Hut, zndete in dem Bar-Room
eine Cigarre an und wandte sich, um das Hotel zu verlassen, als er den Vater
seiner Frau dicht vor sich erblickte.
    Ich sagte Ihnen, Sir, da ich einige Worte mit Ihnen zu reden htte!
begann dieser mit zusammengezogenen Augenbrauen.
    Das ist mglich, Mr. Elliot, erwiderte der junge Mann, dem Pflanzer frei
ins Gesicht sehend; ich spreche aber mit Niemand, der nicht zu mir wie der
Gentleman zum Gentleman redet. Sie mgen reicher sein als ich; in allem Uebrigen
aber stelle ich mich mit Ihnen auf gleiche Stufe; auch bin ich mir nicht der
kleinsten Handlung bewut, welche mich hindern knnte, die nthige Achtung gegen
mich zu fordern.
    Elliot sah ihn einen Augenblick finster an. Sie sprechen mit der ganzen
Keckheit der Jugend, Sir, sagte er dann, und statt zu suchen, hier, wo Sie
nicht einmal ansssig sind, sich Freunde zu erwerben, scheinen Sie durch einen
bel angebrachten Stolz sich Ihren Weg recht absichtlich erschweren zu wollen.
    Ich thue nur das, was jeder Mann von Ehre sich selbst schuldig ist,
erwiderte Helmstedt ernst, und die Folgen dessen, Mr. Elliot, gut oder bel,
trag' ich allein.
    Gut Sir, so erlauben Sie mir, ein paar Worte mit Ihnen zu reden! sagte der
Pflanzer, den Kopf zurckwerfend.
    Mit Vergngen, Sir, erwiderte der Deutsche, sich hflich neigend,
bestimmen Sie ber mich!
    Elliot schritt nach einem der Seitenzimmer voran, und untersuchte dort jede
Thr, ob sie geschlossen sei. Well, Sir, begann er dann, sich langsam auf
einem der Sthle niederlassend, whrend Helmstedt seinem Beispiele folgte, Sie
haben mich nicht in meinem Hause sprechen wollen, und so habe ich die
Gelegenheit dazu hier wahrnehmen mssen. Er machte eine kurze Pause und sah
finster vor sich nieder. Es ist gekommen, fuhr er dann fort, wie ich es
meiner bethrten Tochter vorausgesagt; sie bereut den Schritt, den sie in einer
Verblendung gethan, welche ich mir heute noch nicht erklren kann, und will das
elterliche Haus nicht mehr verlassen. Er sah auf, wie eine Antwort erwartend.
    Sie meinen wahrscheinlich unter diesem Schritte Ellens Verbindung mit mir;
erwiderte Helmstedt, ihm ruhig ins Gesicht sehend, reden Sie weiter!
    Ich glaube, Sir, wenn Sie mich nicht absichtlich miverstehen wollen, genug
gesagt zu haben - und wenn Sie durchaus ein directes Wort verlangen, so mchte
ich Sie fragen: was soll jetzt werden?
    Helmstedt sttzte Arm und Stirn auf die Lehne seines Stuhles.
    Worber beklagt sich meine Frau, Mr. Elliot? fragte er. Hat sie
Beschwerden gegen mich, oder gibt es andere triftige Grnde, welche es
rechtfertigen knnen, da sie nicht wieder in das Haus ihres Mannes
zurckgekehrt ist?
    Ich habe Ihnen bereits gesagt, erwiderte der Pflanzer, ungeduldig auf
seinem Stuhle rckend, da diese ganze Heirath ein Act der Verblendung seitens
meiner Tochter war, da endlich ihre Vernunft zurckgekehrt ist, und da also
nur noch die Frage vorliegen kann, auf welche Weise das bestandene Verhltni am
einfachsten zu lsen ist. Ich habe Sie frher von mancher vortheilhaften Seite
kennen gelernt, Sir, und traue daneben Ihrem offenen Verstand zu, da Sie die
vorliegenden Thatsachen richtig genug beurtheilen knnen; ich frage Sie deshalb
einfach: was soll geschehen? Und wenn meinerseits ein Opfer nthig ist, um ein
zufriedenstellendes Resultat zu erzielen, so stellen Sie ungescheut Ihre
Bedingungen!
    Helmstedt setzte sich langsam aufrecht.
    In meiner Heimat, Sir, begann er ernst, gilt eine eingegangene Ehe als
Vertrag fr das ganze Leben, und ich habe immer gemeint, da nur dadurch das
Weib es vor ihrem eigenen Gefhle rechtfertigen kann, wenn sie sich ganz und gar
dem Manne ihrer Wahl hingibt. Was sollte aus unserm Familienleben, aus unsern
ganzen gesellschaftlichen Verhltnissen werden, wenn unter dem einfachen
Vorgeben: verblendet gewesen zu sein, sich Mann und Weib nach wenigen Monaten
scheiden knnten, um dann eine andere Verbindung, eine dritte und so fort nach
Gefallen einzugehen? Ich glaube Ellens weibliches Gefhl zu kennen, und wenn sie
im Augenblick mit Ihren Wnschen bereinstimmen sollte, so darf ich viel eher
annehmen, da sie jetzt verblendet ist, als da dies frher der Fall gewesen,
als sie mir Liebe fr das ganze Leben gelobte.
    Elliot machte eine Bewegung zum Sprechen.
    Lassen Sie mich Ihnen noch zwei Worte sagen, und ich bin zu Ende! fuhr
Helmstedt aufgeregter fort. Sie wissen, da kein unreiner Beweggrund irgend
einer Art unsere Verbindung schuf, da der Drang der Verhltnisse Eins dem
Andern in die Arme fhrte, und da ich deshalb mit freiem Auge zu Ihnen reden
darf. Wenn in dem letzten Monat Ellens Gefhle fr mich ruhiger wurden, wenn sie
sich, abgeschnitten von dem elterlichen Hause und allein in ihrer einfachen
neuen Heimat, unbehaglich zu fhlen begann, so theilte sie wol nur dasselbe
Schicksal mit fast jeder jungen, frher verwhnten Frau, die unter hnlichen
Verhltnissen einem Manne gefolgt ist, der noch fr sein Brod arbeiten mu.
Handelt es sich nur um Ellens Zufriedenheit, so ist dem Uebel einfach dadurch
abzuhelfen, da Sie, Sir, unsere Verheirathung mit freundlicherem Auge ansehen,
so da Ellen nicht mehr gezwungen ist, die traurige Wahl zwischen Vater und Mann
zu treffen, die einen von Beiden stets ausschliet, und da Sie mir Gelegenheit
geben, Sie nach und nach ganz mit den Dingen, die doch nun einmal geschehen
sind, auszushnen. Im andern Falle, fuhr er fort, als der Pflanzer heftig den
Kopf schttelte, werde ich zwar meiner Frau nicht den geringsten Zwang anthun,
werde sie frei ihren Weg ziehen lassen, aber auch vorlufig zu keiner
leichtfertigen Lsung unserer Ehe meine Hand bieten - ich glaube dies Ellens
Ehre und meiner eigenen schuldig zu sein, Mr. Elliot.
    Ist das Ihr letztes Wort, Sir, fragte der Pflanzer, wieder finster vor
sich niedersehend, oder gibt es irgend ein Mittel, Sie kurz und bndig auf eine
andere Weise zufrieden zu stellen? Wenn Sie die hiesige Gegend verlassen und
Ihre augenblicklichen Rechte aufgeben wrden, so sollte Ihnen ein gengendes
Kapital zur anderweitigen Grndung Ihrer Existenz nicht fehlen.
    Ich glaube, Mr. Elliot, Sie erlassen es mir, auf einen solchen Vorschlag
nur zu antworten, sagte Helmstedt, sich langsam erhebend, wir thun wol am
besten, ganz abzubrechen.
    Nun, in des Himmels Namen, so sagen Sie mir, was Sie eigentlich wollen!
rief Elliot aufspringend. Wenn Sie meine Tochter lieben oder geliebt haben, so
kann Ihnen nichts daran liegen, sie fr ihr ganzes Leben einen einzigen
unbesonnenen Schritt bereuen zu machen; wenigstens werde ich, an dem ihre ganze
Seele hngt, niemals meine Billigung zu einer Verbindung geben, die meinen
Ansichten vom Leben und meinem innersten Wesen direct entgegenluft. Sie sagen,
Sie wollen Ellen keinen Zwang anthun - wollen aber auch das Band zwischen ihr
und Ihnen nicht lsen; das heit, dem armen gefangenen Vogel die Freiheit geben,
ihn aber mit einem Faden am Bein an das Fenster binden, damit er nicht
entwische.
    Helmstedt schttelte den Kopf.
    Sie beurtheilen eben mein Verhltni zu Ellen nach Ihren Ansichten, Sir!
sagte er, und deshalb wird eine Verhandlung zwischen uns Beiden auch stets
unfruchtbar sein. Was ich will ist einfach: da Ellen, welche ihre Verbindung
mit mir ohne ihren Vater schlo, sich auch selbst mit mir wieder auseinander
setze, falls sie wirklich auf einer Trennung besteht. Ich werde sie in diesem
Falle nicht halten; ich habe aber ein Recht, ihr Vertrauen zu fordern; ich habe
ein Recht, mich dagegen aufzulehnen, da sie durch ein heimliches Verlassen
ihres Mannes und ihrer neuen Heimat meine Ehre jeder beliebigen Deutung des
Geschehenen blosstellt. Ellen soll, da es jetzt noch Zeit dazu ist, zu mir
zurckkehren, soll ihren Platz in unserem Hause wie frher wieder einnehmen und
dann wollen wir unsere Angelegenheit mit einander ordnen - einen andern Weg zur
Ausgleichung der jetzigen Differenz kenne ich nicht, Sir!
    In Ihrer Forderung ist wenigstens Selbstgefhl genug, erwiderte Elliot mit
einem frostigen Lcheln, whrend er langsam der Thr zuschritt, ich sehe, da
wir uns schwerlich verstndigen werden; lassen wir also die Dinge ihren
natrlichen Gang gehen. Noch Eins will ich Ihnen aber sagen, junger Mann,
wandte er sich von der Thr zurck, sollte der Fall eintreten, da Sie es trotz
Ihres Stolzes fr gut befnden, auf ein Uebereinkommen zu Ihrer Abfindung
einzugehen, so gebe ich Ihnen zwei Monate, von heute an, Zeit - nach diesem
Termin werde ich meine Tochter ohne jede weitere Rcksicht selbst frei zu machen
wissen.
    Er nickte leicht und schritt aus dem Zimmer.
    Helmstedt hatte, ihm nach, das Hotel verlassen und ging, den Kopf gesenkt,
langsam nach seiner Wohnung. Es war Sonnabend, der freie Tag fr alle
amerikanischen Schulen, und er konnte ber seine Zeit verfgen. Zwei Gefhle
stritten sich in ihm und lieen keine rechte Befriedigung ber die eben
stattgefundene Scene in ihm aufkommen. Er hatte die Krnkung, welche ihm Ellen
durch ihre Uebersiedelung in das vterliche Haus angethan, zu tief empfunden,
als da er nicht auf ihre Rckkehr, als die einzige Genugthuung fr ihn, htte
bestehen sollen, und seine Haltung ihrem stolzen Vater gegenber erschien ihm
schon durch die eigene Selbstachtung geboten. Im Hintergrunde seiner Seele aber
wurde eine andere Stimme laut, die zweifelnd fragte, ob es nicht dennoch besser
gewesen wre, ein Verhltni schnell zu lsen, in welchem die Grundbedingung,
auf welche es gebaut worden: Ellens aufopfernde Liebe fr ihn, geschwunden war,
in dem er, selbst wenn eine neue Vereinigung mglich gewesen, wol nie wieder
seine ganze Befriedigung htte finden knnen, ob es nicht besser gewesen sei,
die alten Bande von sich zu streifen, lieber auf eine Genugthuung zu verzichten,
aber berechtigt zu sein, in neuer Freiheit ein neues Glck zu suchen?
    Er war an seinem Hause angelangt und schlo, noch mit sich selbst
beschftigt, die Thr auf, als er seinen Schwarzen von einem Holzstck, das zur
Seite im Schatten lag, aufstehen und herankommen sah. Ich habe auf Sie
gewartet, Master, sagte er, und Helmstedt bemerkte einen Ausdruck in seinen
Augen, welcher ihm auffiel; ich mchte Ihnen ein paar Worte sagen.
    Komm herein, Csar, was ist es? Helmstedt hatte den Parlor geffnet und
setzte sich in den Schaukelstuhl am Fenster, whrend der Neger an der Thr
stehen blieb.
    Ich habe heute morgen einen von den Schwarzen aus Littley Valley
gesprochen, begann der Letztere. Sie wissen, wo Little Valley ist, Sir?
    Noch nicht einmal den Namen habe ich gehrt, Csar.
    Well, es ist eine Farm, etwa vier Meilen von Mortons Hause nach den Bergen
zu, und gehrte Mr. Morton. Es ist ein Aufseher dort fr die Arbeit und Mr.
Morton ritt jede Woche ein Mal hinaus. Mr. Bartlett, das ist nmlich der
Aufseher, soll immer strenger gewesen sein als ein Anderer, aber erst als Mr.
Morton seit den letzten Monaten so krnklich war und nur selten hinkam, ist er
so schlimm geworden, da es jeden Tag blutige Rcken gegeben hat. Da hat nach
Mortons Tod die Kchin in Little Valley das Elend der Kchin in Mortons Hause
geklagt und die hat es der jungen Mistre, der jetzt das ganze Eigenthum gehrt,
erzhlt. Die Mistre hat nun vor vierzehn Tagen den Mr. Bartlett kommen lassen,
und hat ihm scharf zugesetzt, wie die Kchin in Mortons Hause wissen will, und
ihm gesagt, da sie keine Grausamkeiten dulden werde. Mr. Bartlett aber hat
Alles abgelugnet, ist bse nach Little Valley zurckgegangen, und hat zwlf
Schwarze Einen nach dem Andern gehauen, bis er nicht mehr konnte, damit sie
angeben sollten, wer ber ihn geklagt habe, aber Keiner hat etwas gewut. Die
Kchin dort aber hat bald erfahren, was die junge Mistre gesagt hat; es ist
jetzt schon unter allen Schwarzen herum, denn die Kchin hat zwei Shne mit auf
dem Felde - und jetzt haben sie sich vorgenommen, bei dem ersten neuen
Peitschenschlage Rebellion zu machen und den Aufseher todtzuschlagen. Das ist
es, Sir, und ich erzhle es Ihnen, weil Sie mit der jungen Mistre gut bekannt
sind.
    Helmstedt hatte gespannt zugehrt - mehr aber als die Sache selbst
befremdete ihn die Angabe der beabsichtigten Emprung durch den Schwarzen.
Nun? fragte er, als Csar schwieg, willst du, da der Aufseher gewarnt werde
oder was sonst?
    Der Schwarze kratzte sich in seinem Wollhaar. Ich gebe nichts um Mr.
Bartlett, Sir, sagte er endlich zgernd, er ist ein bser Mensch, und nicht
nur gegen die Nigger - es werden sonderbare Geschichten von ihm erzhlt; aber es
ist mir wegen der armen schwarzen Kerls. Jetzt schlagen sie ihn todt und denken
Wunder, wie viel Recht sie dazu gehabt haben, und nachher werden sie Alle, die
mit Hand an ihn gelegt haben, gehngt. Und ich wollte noch das sagen, wenn Sie
mir es erlauben, Sir; es thut nicht gut, die heimliche Klatscherei von den
schwarzen Weibern; junge Mrs. Morton wei das noch nicht so, aber sie sollte
sich davor in Acht nehmen - wo ein Master in seiner Stube ist, da hat die Kchin
nichts zu thun, und kann auch nicht horchen, Sir. Ganz ohne Strenge geht's wol
auf dem Felde nicht ab, Sir, ich mu das selber sagen; es ist manches faule Volk
dort, das die Rben und Skartoffeln roh e, wenn sie nicht fr Alle gekocht
wrden, und das am liebsten den ganzen Tag auf dem Rcken lge - 's ist nicht
ein Nigger wie der andere, Sir - und so kann die junge Mistre mit ihrer Gte
viel Unglck anrichten, Sir; sie sollte, wenn Sie's erlauben, Sir, vielleicht
Jemand zu sich nehmen, der hier recht Bescheid wei - und Sie nehmen es nicht
bel, Sir, was ein dummer Nigger da geredet hat, aber ich dachte, ich mte es
Ihnen sagen, Sir!
    Der Schwei perlte in dicken Tropfen von des Redenden Gesicht und offenbar
erleichtert, zu Ende zu sein, wischte er sich die Stirn mit dem Aermel seiner
Jacke.
    Helmstedt war von seinem Stuhle aufgestanden und ging einige Male
nachdenkend das Zimmer auf und ab. Du magst so Unrecht nicht haben, Csar,
sagte er, vor dem Schwarzen stehen bleibend, glaubst du, da in der nchsten
Zeit etwas zu befrchten ist?
    Heute ist Sonnabend, da ist der Aufseher meist in der Stadt, und morgen, am
Sonntag, wird nicht gearbeitet, erwiderte der Neger mit einem Gesichte voll
Verstand; aber am Montag frh, Sir, wo die Arbeit noch am wenigsten schmeckt
und die Aufseher die Peitsche meist am lockersten haben, am Montag kann's etwas
geben.
    Es ist gut, Csar, sattle mein Pferd. Der Schwarze verschwand mit
befriedigter Miene, und Helmstedt setzte seinen Gang durch das Zimmer fort, bis
er endlich am Fenster stehen blieb und in Gedanken verloren hinausstarrte. Er
dachte nicht mehr an Csars Mittheilungen, es stand nur vor ihm, da er wieder
nach Mortons Haus reiten wollte, welches er seit vierzehn Tagen gemieden; er
suchte sich den Gesichtsausdruck zu vergegenwrtigen, mit welchem ihn nach dem
letzten sonderbaren Scheiden Pauline empfangen wrde, und er mute dabei tief
aufathmen, um sich die Brust frei zu machen. Und wieder sprach die heimliche
Stimme vom Nachmittag zu ihm, wie wunderschn es doch wre, wenn er Elliots
Scheidungsanerbietungen kurz angenommen htte, wenn er jetzt Paulinens beide
Hnde fassen und sagen knnte: Ich bin ein Narr gewesen und blind dazu, aber ich
bin sehend geworden und habe meine Bande von mir geworfen; hier bin ich, und nun
thue mit mir wie du willst. Stoe mich zurck, aber ich werde bei dir bleiben;
fliehe mich, ich werde dir folgen, bis du mich erkannt hast und mir wieder
zulchelst wie ehedem.
    Wahnsinn! sagte Helmstedt, sich gerade aufrichtend und mit der Hand ber
seine Augen fahrend. Erst das alleinstehende Mdchen mit ihrem warmen Herzen
zurckgewiesen und dann ihr als reiche Frau die Cour gemacht - ob sie nicht ein
Recht htte, mich zu verhhnen? Ja, wenn jetzt ein Erdbeben ihre Plantagen und
Neger verschlnge, wenn sie wieder so arm oder rmer wrde als zuvor, da sie
einsehen mte, was aus mir sprche - - aber Phantasie und Unsinn! Wende den
Blick von dem Glcke, August, das du selbst verscherzt hast, und wahre dich vor
einer neuen Demthigung!
    Er durchschritt wieder das Zimmer, bis der Schwarze sein Pferd vorfhrte und
das Gerusch der Tritte auf dem Pflaster ihn aus seinen Gedanken weckte.
    Bleibe hier, Csar, bis ich zurckkomme, falls ich dich brauchen sollte,
sagte Helmstedt beim Aufsteigen und trabte davon.
    Es war ein Tag wie im hohen Sommer, und die Sonnenglut, an welche der
Deutsche noch nicht gewhnt war, schien ihm nach kurzer Zeit fast unertrglich;
er war froh, als er den Waldschatten erreicht hatte. Aber auch hier war der Ritt
in der stillen Mittagshitze so unleidlich, da alle migen Gedanken, die in ihm
aufsteigen wollten, von selbst verschwanden und da er sich erschpfter als
jemals fhlte, als er Mortons Haus erreichte. Er band sein Pferd im Schatten an
und ging nach der offenen Halle, wo ein leises Lstchen hindurchzog, und lie
sich hier auf eine der Ruhebnke nieder, um sich einige Minuten abzukhlen, ehe
er sich bei der Hausherrin melden lie. Innerhalb des Hauses wie in seiner
Umgebung schien kaum etwas Lebendiges vorhanden zu sein; eine Stille herrschte,
da Helmstedt das leise Rauschen der Bltter auerhalb vernehmen konnte, wenn
ein Luftzug sie bewegte. Fast wirkte die Rast und die Khle nach dem warmen
Ritte einschlfernd auf ihn und nach kurzer Zeit raffte er sich wieder auf, um
in dem hintern Theile des Hauses nach einem der schwarzen Dienstboten zu sehen -
aber nirgends lie sich ein menschliches Wesen entdecken. Helmstedt ffnete
endlich den Parlor, dessen Fenster durch grne Jalousien vor der Sonne geschtzt
waren, und trat in den halbdunkeln Raum, auf dessen Boden nur einzelne helle
Lichtpunkte sich wie hingestreutes Gold abzeichneten. Er sah um sich und wollte
eben wieder zurcktreten, als sein Auge in einer Ecke des Zimmers ruhen blieb,
wo sich ihm ein Bild bot, wie man es eben nur im Sden beim frhen Eintritt der
heien Jahreszeit antreffen kann.
    Auf einem der Divans leicht zurckgelehnt sa Pauline mit geschlossenen
Augen. Der eine ihrer unverhllten schnen Arme ruhte auf der Seitenlehne,
whrend der andere, in ihren Schoo gesunken, einzelne Papiere hielt, mit deren
Durchsicht sie beschftigt gewesen schien. Ihr linker Fu sttzte sich auf einen
niedern, weichen Schemel, whrend der rechte, unbedeckt von dem schwarzen
Gazekleide, seine eleganten Formen bis ber die seinen Knchel zeigte. Zur Seite
ihres Knies sa eine schlanke Mulattin, ein geschlossenes Contobuch auf dem
Schooe, und den Kopf auf die Brust gesenkt. Beide schienen ohne ihr Wissen vom
Schlaf berrascht worden zu sein.
    Helmstedt stand eine Minute lautlos betrachtend. Das Mrchen vom schlafenden
Dornrschen in der hundertjhrigen Stille, das der Ritter mit einem Kusse aus
der Verzauberung weckte, kam in seinen Sinn. Sie lehnte da so mdchenhaft in
ihrer Erscheinung und doch so alle Sinne aufregend, da es eine Seligkeit htte
sein mssen, den erlsenden Ritter zu spielen. Kaum hatte er sich indessen zum
geduldigen Warten in der Halle wieder niedergelassen, als auch Pauline in der
geffneten Parlorthr erschien. Ein leichtes Roth berflog sie, als sie
Helmstedt, der von seinem Sitze aufsprang, erblickte.
    Wenn ich gestrt habe, Mrs. Morton, so bitte ich von ganzem Herzen um
Entschuldigung, rief er, aber es geschah ohne meine Schuld.
    Ich glaube gern, Sir, da es etwas Besonderes sein mu, was Sie einmal
wieder nach Mortons Haus fhrt, erwiderte sie, sichtlich noch in halber
Verlegenheit, der Tag scheint berhaupt ein eigenthmlicher zu sein; es ist das
erste Mal, da ich vom Klima berwltigt wurde, ohne etwas davon gewut zu
haben. Aber wollen Sie nicht eintreten?
    Eben scho die Mulattin, das Gesicht zur Seite gewandt, zur Thr heraus, und
Helmstedt folgte lchelnd der Hausherrin in das Zimmer.
    Ich war eben dabei, mir selbst etwas Einsicht in den Stand der Farm zu
verschaffen, sagte diese und rumte die umherliegenden Papiere bei Seite, und
ich denke, ich werde auch mit der Zeit das Hauptschlichste bersehen knnen.
Aber welcher besondere Grund ist es denn, der mir einmal wieder die Ehre
verschafft, Mr. Helmstedt bei mir zu sehen? fuhr sie fort und lie sich in dem
Schaukelstuhle nieder. Es klang etwas wie halbe Ironie in ihrer Frage, aber
Helmstedt mochte nicht darauf achten und nahm der jungen Frau gegenber Platz.
    Sie haben frher wol das Anerbieten meiner Dienste und meines Rathes
zurckgewiesen, Ma'am, begann er ruhig, demohngeachtet mu ich mich heute noch
einmal aufdrngen.
    Aufdrngen, Mr. Helmstedt? sagte sie, sich aufrecht setzend, sind Sie
denn wirklich noch so empfindlich, wie Sie es immer waren, da Sie, vielleicht
auf ein hastig gesprochenes Wort hin, einen solchen Ausdruck gebrauchen mssen?
Lassen Sie mich offen zu Ihnen reden, und unser beiderseitiges Verhltni
feststellen, fuhr sie lebhaft fort, das wird uns manches Miverstndni in der
Zukunft ersparen. Sie glauben Mr. Morton einige Verbindlichkeiten schuldig zu
sein, und da er Sie vor seinem Tode gebeten, mich knftig mit Rath und That zu
untersttzen, so halten Sie es fr eine Ehrensache, dieser Bitte nachzukommen.
Es versteht sich nun von selbst, Sir, da Sie zu jeder Zeit in Mortons Hause
willkommen sind, und da mir Ihre Ankunft stets eine besondere Freude machen
wird - aber, Mr. Helmstedt, verpflichten mag ich Sie zu gar nichts mir
gegenber. Wir sind frher schon ber unsere gegenseitigen Gefhle klar
geworden. Sie waren zu stolz, auch nur die leiseste Hilfeleistung von Jemand
anzunehmen, fr den Sie kein Interesse fhlten, wie von mir zum Beispiel, und es
kann Sie Niemand deshalb tadeln; ich aber habe in meiner Einsamkeit auch so viel
gelernt, da es mehr Befriedigung gewhrt, sich selbst genug zu sein und nur auf
die eigenen Krfte zu bauen, als auf Hilfe zu rechnen, die nur des Anstandes und
der Ehre wegen gewhrt wird. So, Mr. Helmstedt, sind Sie mir als Gast und
wohlmeinender Rathgeber immer hochwillkommen; ich mchte aber nicht, da Sie
sich auch nur unter der leisesten Verpflichtung gegen mich glaubten.
    
    Helmstedt sah in ihre glnzenden Augen und es stieg bei dem leichten,
unbefangenen Tone ihrer Worte ein Weh in seinem Herzen auf, gegen welches sein
Stolz vergebens ankmpfte. Nicht wahr, Pauline, begann er nach einer Pause
pltzlich deutsch, Sie wollen mich recht demthigen?
    Ein schwaches Roth trat in das Gesicht der jungen Frau. Bleiben wir beim
Englischen, Mr. Helmstedt, sagte sie und ihre Zge wurden ernster, wir
sprechen es Beide gut genug, um uns zu verstehen. Ich habe mit allen meinen
Erinnerungen abgerechnet, als ich zuerst Mortons Haus betrat, und will auch
nicht eine wieder wach rufen. - Ist Ellen noch bei ihren Eltern? fragte sie
nach einer Weile, als wolle sie den Gegenstand des Gesprchs wechseln.
    Sie ist noch dort und wird auch wol nicht wieder zurckkehren, erwiderte
Helmstedt und strebte umsonst, sich von einem innern Drucke zu befreien. Ihr
Vater, den ich heute sprach, dringt auf eine Scheidung, die ich meines eigenen
Rufes halber in dieser kurzen Weise nicht bewilligen mochte; indessen wird es
wol das Beste sein, mich hier von allen Tuschungen, die mir geworden, frei zu
machen, sobald ich es kann, und im Osten eine neue Carriere zu beginnen. - Aber
ich mu Ihnen den Zweck meines Besuchs mittheilen, Ma'am, fuhr er fort, ohne
den aufmerksamen Blick zu beachten, mit welchem ihn Pauline bei seinen letzten
Worten betrachtete, und begann zu erzhlen, was er von Csar gehrt. Wenn Sie
auf meinen Rath hren wollen, setzte er hinzu, so handeln Sie in Bezug auf
Ihre Schwarzen nicht ohne mit Jemand, welcher ber die Plantagen-Verhltnisse
ein gereiftes Urtheil hat, sich besprochen zu haben. Unser deutsches Gefhl ist
darin fr die Praxis oft der belste Rathgeber. Ich habe Ihnen die Thatsachen,
die mir nicht ohne Gefahr scheinen, mitgetheilt, und kann ich Ihnen in Bezug
darauf in irgend einer Weise dienen, so disponiren Sie ber mich.
    Pauline war sichtlich betroffen. Ehe sie aber antwortete, ffnete sich die
Thr und der alte Arzt, welchen Helmstedt schon frher im Hause gesehen, trat
ein.
    Da ist Jemand, der uns rathen wird! rief die junge Frau aufstehend. Dr.
Ford - Mr. Helmstedt, wenn sich die beiden Herren noch nicht kennen. Das Kind
scheint eine Thorheit begangen zu haben, Doctor, und Sie sollen den Schaden
wieder gut machen helfen!
    Hoffentlich wird sich den Folgen noch vorbeugen lassen, sagte der alte
Herr lchelnd, nachdem er Helmstedt begrt hatte, und nahm auf dem nchsten
Stuhle Platz; hat das Kind irgendwo ein scharfes Messer angefat, und sich in
den Finger geschnitten?
    Es ist wirklich so etwas, Doctor - aber lassen Sie sich von Mr. Helmstedt
erzhlen, der mir so eben die erste Nachricht von dem, was ich angerichtet habe,
gebracht hat.
    Der junge Mann begann von Neuem zu berichten, und Pauline schien ngstlich
das Gesicht des Arztes zu bewachen.
    Es ist jedenfalls eine unangenehme Geschichte, begann dieser, nachdem
Helmstedt geendet, und fuhr sich mit der Hand durch das buschige Haar, ich
glaube aber, da, wenn die richtigen Schritte gethan werden, kaum viel Gefahr zu
befrchten ist. Ich werde heute Abend selbst nach Little Valley reiten und ein
wirksames Wort mit dem Bartlett reden - ich kenne ihn, aber ich mag ihn selbst
nicht leiden, und es wird gut sein, wenn er, sobald ein anderer brauchbarer
Mensch an seiner Stelle aufgefunden ist, entlassen wird. Zur Beruhigung der
Schwarzen aber ist es am besten, Ma'am, ihre Kchin sofort und sptestens morgen
frh nach Little Valley zu versetzen, sollte es auch nur auf vier Wochen sein -
die dortige Kchin aber whrend dieser Zeit mit auf dem Felde arbeiten zu
lassen. Die Schwarzen dort kennen jedenfalls den Kanal, durch welchen sie
Nachricht von der Stimmung ihrer Herrschaft hier erhalten haben, und die rasche,
unerwartete Strafe fr die stattgefundene Horcherei wird mehr auf sie wirken und
ihnen die Rebellionsgelste schneller vertreiben, als irgend ein anderes Mittel.
Fr alle knftigen Flle aber wird es gut sein. fuhr er lchelnd fort, wenn
das Kind nicht mehr zu hastig den Regungen seines weichen Herzens folgt und
ihren getreuen Rchen ein Wort gnnt, ehe sie handelt.
    Sie reden gut, Doctor, rief sie, den Mund zum halben Schmollen verziehend:
bin ich denn nicht in den meisten Fllen auf mich selbst angewiesen, und mu
ich nicht Gott schon danken, da Sie wenigstens hier im Hause zu unserm Schutze
Ihr Quartier genommen haben, wenn ich Sie auch jeden Tag nur eine kurze Minute
sehe? Aber ich verspreche Ihnen, vorsichtiger zu sein, Sie sollen noch an der
festen Hand des Kindes, mit welcher es die Geschfte leitet, Ihre Freude haben.
Und damit Sie den guten Anfang sehen, Doctor, sollen heute noch Ihre Anordnungen
befolgt werden.
    Es ist unter allen Umstnden das Beste! erwiderte der Arzt und erhob sich.
Ich werde nachsehen, welche Geschfte mir heute etwa noch obliegen, und dann
bin ich wieder bei Ihnen, ehe ich nach Little Valley reite.
    Er grte und verlie das Zimmer und auch Helmstedt stand von seinem Sitze
auf.
    Sie gehen doch nicht auch schon, Sir? fragte die junge Frau.
    Well, Ma'am, was soll ich noch hier? versetzte er und es klang wie halber
Unmuth in seiner Stimme. Meiner Dienste bedrfen Sie nicht, und um bloe
Redensarten kann es Ihnen nicht zu thun sein - ich glaube auch nicht, da ich
der Mann dazu wre. Ich habe Ihnen meine Mittheilung gemacht, Sie haben Ihre
Maregeln getroffen, und so bin ich mit dem Zwecke meines Besuchs zu Ende.
    Ich hoffe nicht, Mr. Helmstedt, da ich etwas gethan habe, was Sie
beleidigen konnte? fragte sie und sah ihn mit groen Augen an.
    Beleidigen? Gewi nicht, Ma'am! erwiderte er, Sie haben mir ja nur vor
die Augen gefhrt, da ich in frherer Zeit Ihre Theilnahme an meinem Schicksale
zurckgewiesen hatte, und da ich also auch kein Recht habe, jetzt nach dem
Ihrigen zu fragen. Mir schien es damals, als ob Sie meine Zurckweisung
schmerzte, und ich konnte doch nicht anders; jetzt schmerzt mich Ihr Verfahren,
und Sie sind doch darin in vollem Rechte. Das ist Alles! Aber ich rede da mehr,
als ich wollte - entschuldigen Sie, Mrs. Morton, es soll nicht wieder geschehen,
und so leben Sie wohl!
    Pauline hatte sich whrend seiner Rede erhoben, in ihrem Auge lag ein
Ausdruck wie stille Sorge. Gehen Sie nicht so fort, Mr. Hemstedt, sagte sie,
Sie sind bitter, und ich kann, offen gestanden, keinen rechten Grund dafr
finden - fast eben so verlieen Sie mich das letzte Mal. Ich erkenne recht gut,
da Ihr jetziges Verhltni zu Ellen Sie reizbar machen mu; kann ich aber etwas
fr Ihre Zufriedenheit thun, so sagen Sie es und Sie werden mich bereit finden.
    Sie hatte ihm ihre Hand geboten, Helmstedt ergriff sie und hielt sie eine
kurze Weile schweigend in der seinigen. Sie wollen etwas fr meine
Zufriedenheit thun - sagte er dann und im Tone seiner Stimme, wie im Ausdruck
seines Gesichts schienen die verschiedenartigsten Empfindungen mit einander zu
kmpfen; ich sollte fortgehen, Mrs. Morton, denn ich wei, da ich ein Narr bin
- aber Sie haben mich aufgefordert zu reden. Nun, so denken Sie einmal, das
vergangene Jahr sei nicht in der Welt gewesen, reden Sie deutsch zu mir und
nennen Sie mich August, wie Sie es damals in New-York thaten.
    In das Gesicht der jungen Frau scho das Blut, dann wurde sie bla - sie
wollte ihre Hand zurckziehen, aber Helmstedt hielt sie fest. Ich glaube nicht,
Herr von Helmstedt, da Sie mich verhhnen wollen? sagte sie endlich deutsch,
und ein innerer Druck schien ihr fast die Stimme zu benehmen.
    Verhhnen, Pauline? erwiderte er, ihre Hand fester pressend, warum fragen
Sie nur so etwas? Ich mag mit meiner Forderung wirklich ein Narr sein, aber ich
mchte jetzt die Seligkeit dieser Narrheit um keinen Preis der Welt hingeben.
Sagen Sie nur einmal: August, wir wollen Freunde sein, wie ehedem; und ich
stelle mich zufrieden. Wollen Sie, Pauline?
    Sie hatte sich marmorbleich zurckgebogen und ihre Hand leicht aus der des
jungen Mannes gewunden. Sie wissen wol nicht, Herr von Helmstedt, sagte sie
und es zitterte eine tiefe Empfindung in ihrem Auge, da in einem Jahre der
Mensch zehn Jahre lter werden kann? Die Zeit, von der Sie reden, liegt so weit
hinter mir, da ich kaum noch daran glauben wrde, wenn Sie sie nicht
zurckgerufen htten. Mit Ihnen ist es anders gewesen, Sie sind einen Weg des
innern Glcks gewandelt, und was fr Sie jetzt die Erlangung einer leichten
Befriedigung sein mag, das heit bei mir, Todte aus dem Grabe rufen. Lassen wir
sie ruhen, Herr von Helmstedt!
    Helmstedts Erregung war geschwunden, wie der Wellenschlag unter dem eisigen
Nordwinde erstarrt. Ich darf Ihnen nichts entgegnen, sagte er nach einer Weile
langsam und prete die Hand gegen die Stirn, denn Sie haben in einem Punkte nur
zu Recht. Es ist so viel anders geworden in unseren gegenseitigen Beziehungen
wie in unserer ueren Lage - ich hatte mir das schon selbst vor die Augen
gestellt, - es mute ja Alles kommen, wie es soeben gekommen ist, mag es denn so
sein! In einem sen deutschen Liede heit es:

Beht' dich Gott, es war' zu schn gewesen,
Beht' dich Gott, es hat nicht sollen sein!

und so geben Sie mir noch einmal Ihre Hand, Pauline, ich werde Sie nicht wieder
in Verlegenheit setzen!
    Er drckte leise ihre Finger und ging schweigend zum Zimmer hinaus; bald
hatte er sein Pferd bestiegen und ritt, ohne sich umzusehen, davon.
    Pauline aber setzte sich, halb hinter den Gardinen verborgen, aus Fenster,
sttzte Arm und Kopf auf die Stuhllehne und sah dem Davonreitenden sinnend nach,
bis er hinter den Bschen verschwunden war.

                                      VI.


Als eine der schnsten Besitzungen im nrdlichen Alabama galt Elliots Farm,
Oaklea genannt, eben so unter den Freunden des Idyllischen, wie unter den
praktischen Menschen, welche eine Plantage nur nach ihrer Gre und
Ertragsfhigkeit beurtheilen. Das Landhaus, aus weiem Sandstein, auf einer
sanft emporsteigenden Anhhe erbaut und mit einem breiten, von Sulen getragenen
Portico geschmckt, war von Gartenanlagen umgeben, durch welche sich helle
Kieswege schlngelten; den Fu des Hgels aber umzog ein dicker Kranz von Eichen
und bildete dort ein schattiges Wldchen. Ein Stck hinter dem Hause, den Abhang
hinab, lagen die Negerhtten, ein kleines Dorf bildend, das von einem klaren
Gebirgsbach durchstrmt ward. Von hier aus erstreckten sich die weitlufigen,
wohleingezunten Felder und Wiesen weit nach allen Seiten hin und gaben sowol
von der guten Bewirthschaftung, wie von dem Reichthum des Besitzers ein
sprechendes Zeugni.
    Diese Ecke von Alabama, sowie ein Theil des angrenzenden nrdlichen Staates
Georgia war 1850 noch nicht fnfzehn Jahre in dem ausschlielichen Besitz weier
Ansiedler. Das Land hatte zur Reservation der Cherokee-Indianer gehrt, welche
hier inde fast smmtlich feste Wohnpltze gehabt, Ackerbau betrieben und das
Land in einer Weise unter Cultur gebracht hatten, wie es nur der weie,
intelligente Ansiedler im Stande gewesen wre. Unter ihnen hatten auch schon
lngst Amerikaner gelebt; aber erst in der zweiten Hlfte der dreiiger Jahre
wurde eine amtliche Vermessung des Landes vorgenommen und den Indianern ein
neuer, westlich liegender Landstrich fr ihre Wohnsttten angewiesen - sie
wurden, mit drren Worten gesagt, von dem Boden, den sie urbar gemacht,
vertrieben, der Frchte ihres Fleies beraubt und ohne Rcksicht auf den Grad
der Civilisation, welcher bei ihnen bereits Eingang gefunden, wieder in die
Wildni gejagt, um ihre wohlcultivirten Heimsttten dem weien Manne zur
Verfgung zu stellen.
    Elliot, von Hause aus nur von geringem Vermgen, aber speculativ, hatte die
Gegend durchreist, den Platz, auf welchem sich seine jetzige Plantage befand,
zuerst mit Beschlag belegt und dann, als die vermessenen Lndereien zum
ffentlichen Verkauf kamen, um einen geringen Preis erworben. Der Ackerboden war
so vortrefflich ausgerodet, da nirgends mehr ein alter Baumstumpf zu finden
war, und so war es ihm, mit Hilfe eines Capitals, das ihm seine Frau zugebracht,
und vorsichtigem Zusammenhalten des Erworbenen schon in den nchsten zehn Jahren
gelungen, sich zu einer der respectabelsten Stellungen unter den Grundbesitzern
der Umgegend in die Hhe zu arbeiten. Erst zwei Jahre zurck hatte er das
steinerne Wohnhaus bauen und die Parkanlagen um dasselbe ausfhren lassen.
    Es war Nachmittags. In einem Zimmer des oberen Stockwerks, in welches das
Licht des Sommertages kaum einen lichten Schein durch die dicht geschlossenen
Jalousien und dicken Vorhnge zu werfen vermochte, lag Ellen nachlssig
hingeworfen auf einem der gebruchlichen, sophahnlichen Ruhebetten. Am Fenster
stand Sarah neben einem Korbe voll weier, gepltteter Unterkleider und
Nachtgewnder, welche sie sorgsam zusammenfaltete und in die ihr zur Seite
stehende Kommode legte.
    Csar war schon zweimal Abends hier, Ma'am, unterbrach die Schwarze das
Schweigen, welches bis jetzt geherrscht hatte, ohne jedoch von ihrer
Beschftigung aufzusehen.
    Die junge Frau erhob langsam den Kopf. Etwas Besonderes, Sarah?
    Gar nichts, als da ich mich rgere, Ma'am; er ist gerade so starrkpfig
wie sein Herr - er will nichts weiter wissen, als da der ruhig seinen
Geschften nachgeht.
    Ellen richtete sich halb aus ihrer liegenden Stellung auf. Merke Eins,
Sarah, sagte sie, Mr. Helmstedt ist noch immer dein Herr, wie er mein Mann
ist, wenn wir auch jetzt in meines Vaters Hause wohnen; ich mag Ausdrcke, wie
du sie eben gebraucht, nicht hren.
    Die Schwarze warf einen kurzen Blick in das Gesicht ihrer jungen Herrin.
Sie wollten doch selbst gern wissen, Ma'am, was im Hause in der Stadt vorging,
seit Mr. Helmstedt zurck war! entgegnete sie und bog den Kopf tiefer auf die
Kleider, mit denen sie beschftigt war.
    Well, Sarah, was hat das mit deinen Ausdrcken zu thun?
    Ich habe mich doch gergert, da der Csar wie ein Stock schweigt, und wenn
ich mich deshalb einmal vergesse, schelten Sie mich fr den guten Willen.
    Die junge Frau schien antworten zu wollen, legte sich aber langsam zurck.
    Ich mchte wahrhaftig gern die Zeit ganz und gar vergessen, wo wir in der
Stadt lebten und Mr. Helmstedt mich unter fremde Leute geben wollte, nur weil
ich eine Stunde aus dem Hause gewesen war. fuhr die Schwarze, eifriger ihre
Wsche faltend, fort, ich will gern nicht wieder fragen, was dort vorgeht.
    Ein Pochen an der Thr unterbrach die Stille, welche den letzten Worten
gefolgt war. Sarah verlie ihre Arbeit und ffnete halb. Mr. Elliot! sagte
sie, sich zurckwendend.
    Ellen sprang auf und ging ihrem eintretenden Vater entgegen. La uns
allein, Sarah, bis ich dich wieder rufe, sagte sie, whrend der Pflanzer sich
bequem auf einen Stuhl niederlie; und als die Schwarze das Zimmer verlassen,
fate sie beide Hnde ihres Vaters und sah diesem erwartungsvoll ins Gesicht.
    Ich habe ihn gesprochen, sagte Elliot nach einer kurzen Pause, in welcher
beider Augen in einander hingen, aber, meine Tochter, es ist wenig Aussicht
vorhanden, glatt von ihm loszukommen. Er will einer Scheidung nichts in den Weg
legen, aber er verlangt, da du zuerst in sein Haus zurckkehrst und dich mit
ihm auseinander setzest.
    Und was hast du ihm gesagt? fragte sie, ihn mit ngstlicher Spannung
ansehend.
    Da daraus nichts werden knne, erwiderte er mit Bestimmtheit. Er mag
sich seine eigenen Bedingungen fr eine anderweite Abfindung steilen; ich habe
ihm zwei Monate Zeit dafr gegeben - und wenn du, Kind, mit deinen Eltern wieder
auf dem alten Fue leben willst, so schlgst du dir die ganze Angelegenheit aus
dem Sinne und lt mich fr dich handeln.
    Aber ich kenne ihn, Pa! sagte sie, die Hnde des Pflanzers pressend, er
geht nicht ab von dem, was er seine Ehre nennt; du hast schon in seinem Processe
gesehen, da er sich lieber in Lebensgefahr brachte, ehe er mich blogestellt
htte. Und ich wute es, als du mich bei Mortons Ableben mit dir nahmst, welche
Kmpfe noch folgen wrden. Wre es denn nicht besser, ich ginge zu ihm und
sagte: August, wir verstehen uns nicht; die Aufregung hat uns zusammengefhrt,
la uns jetzt in Frieden scheiden? Er verdient es gewi, Vater, rief sie, als
Elliot das Gesicht finster zusammenzog, seine Hnde den ihrigen entwand und von
seinem Stuhl aufstand.
    Der Pflanzer ging nach der Thr, kehrte dann zurck und blieb vor seiner
ngstlich harrenden Tochter stehen. Wir mssen offen mit einander reden, Ellen,
denn du hast dich jetzt zu entscheiden, sagte er. Ich bin schwach gegen dich
gewesen, nur zu schwach, whrend deiner ganzen Jugend, dafr habe ich aber auch
von dem Augenblick deiner Flucht an mehr innerlich leiden mssen, als du weit
und dir Gott jemals auferlegen mag. Ich bin jetzt vollkommen klar mit mir, und
sollte ich auch noch mehr zu leiden haben, so will ich doch frei von Vorwrfen
gegen mich sein. Entweder hltst du jetzt zu deinen Eltern und gewhrst ihnen
die Genugthuung, welche sie sich selbst verschaffen werden, oder du kehrst zu
diesem - zu deinem Manne zurck und scheidest dich dadurch ein- fr allemal vom
Vaterhause. Einmal kann das Elternherz einen Schritt, der unter besonderen
Verhltnissen gethan wurde, vergeben, das zweite Mal aber, wenn die Gelegenheit
verworfen wurde, wieder gut zu machen was geschehen, mag man wol noch Mitleid
fhlen - die einmal zurckgestoene Verzeihung aber kommt niemals wieder.
Entweder habe ich mich, sowie Mr. Nelson in dir getuscht und nur eine Laune hat
dich fr kurze Zeit zu uns zurckgebracht, oder du hltst fest an deinem
natrlichen Boden und lt mich zu deinem Besten handeln.
    Er sah der jungen Frau, die erblat, aber mit einem Ausdruck der reinsten
Kindlichkeit die dunklen Augen zu ihm aufgeschlagen hatte, eine Minute
schweigend ins Gesicht; dann nahm er ihre beiden Hnde. Ich will dich jetzt
nicht drngen, Ellen, sagte er; berlege in Ruhe, aber ich denke, meine
Tochter wird vernnftig sein. Er kte sie auf die Stirn und verlie langsam
das Zimmer.
    Ellen ging mit gesenkter Stirn nach ihrem frheren Platze und drckte den
Kopf, das Gesicht in beide Arme geborgen, in das Polster.
    How do you do, Squire? rief es in der Halle, als Elliot die Treppe
hinabschritt; ich freue mich, Sie zu Hause anzutreffen, habe schon in der
ganzen Stadt gesucht, da ich Sie heute morgen dort sah.
    Das lachende Gesicht eines wohlgenhrten Mannes, welcher, nach der
Reitpeitsche und den Lederhandschuhen in seiner Hand zu urtheilen, eben vom
Pferde gestiegen war, sah dem Pflanzer entgegen und dieser beeilte sich, ihn mit
derbem Hndeschtteln willkommen zu heien. Kommen Sie mit nach der Bibliothek,
Sir, sagte er und fate den Angekommenen unter den Arm; es ist dort am
khlsten und wir knnen es uns nach Belieben bequem machen. Sie haben mich schon
in der Stadt gesucht und machen noch einen Extraritt hierher? fuhr er fort,
whrend er die Thr zu seinem Arbeitszimmer, das er gern Bibliothek nannte,
obgleich kaum drei kleine Reihen Bcher darin zu sehen waren, ffnete und seinem
Gaste Hut und Reitpeitsche abnahm; es mu doch etwas ganz Besonderes sein, was
Sie zu der Anstrengung treibt! Setzen Sie sich, Sir, hier sind Cigarren, und ich
denke, ich habe auch noch einen Tropfen bei der Hand, um die Hitze
niederzuschlagen. Er nahm aus einem Wandschranke eine Flasche mit Brandy und
setzte sie nebst dem weien Wasserkruge und zwei Glsern auf den Tisch.
    Ausgezeichnete Frsorge bei der Hitze! lachte der Angekommene und streckte
sich bequem in einem Stuhle; aber Sie haben Recht, es ist eine
Teufelsgeschichte, die mich zu Ihnen treibt. Er fllte die Hlfte eines Glases
mit Brandy und mischte ihn mit Wasser. Excellenter Stoff, Sie sind ein ganzer
Mann, Squire, fuhr er mit der Zunge schnalzend fort, aber jetzt setzen Sie
sich zu mir und rathen Sie, was mich herbringt.
    Wie soll ich das wissen, Mr. Griswald? erwiderte Elliot, sich ihm
gegenber setzend. Irgend eine Rechtssache jedenfalls, denn zum Spae setzt
sich ein Advocat der Hitze nicht aus.
    Richtig, und was fr eine Rechtssache! Teufel! Ich habe soeben davon Wind
bekommen. Sie kennen den jungen Murphy aus Limestone-County, der erst vor ein
paar Monaten hierher kam und berall herumschnffelte - nun, ich sage Ihnen,
Sir, fuhr der Redende lachend fort und schlug sich auf den Schenkel, er ist
der geriebenste Spitzbube, und es kann noch einmal etwas aus ihm werden. Was
denken Sie, was er will, he? Ihnen die ganze Farm abprocessiren, Sir! Nichts
Anderes, sag' ich Ihnen, und wenn Sie gesehen htten, was mir vor die Augen
gekommen ist, wrden Sie auch sagen, das ist eine Teufelsgeschichte, Sir!
    Elliot sah den Sprechenden eine Weile ungewi an. Ich verstehe Sie nicht
recht, sagte er dann; er will mir meine Farm abprocessiren? Auf welchen Grund
hin - oder wie? Ich begreife kein Wort von dem, was Sie sagen.
    Nicht wahr? lachte der Advocat, und doch ist es so! Ich sage Ihnen, ich
habe Respect bekommen vor dem jungen Sappermenter; er mu eine Nase haben wie
ein Sprhund, sonst wei ich nicht, wie er zu seiner Kenntni der Dinge hat
kommen knnen. Und die Geschichte trifft Sie nicht allein, Sir, wenn Sie auch
wol am schlimmsten dabei fahren werden -
    Well, Sir, wollen Sie mir nicht kurz sagen, um was es sich handelt?
unterbrach ihn Elliot ernst.
    Ich bin eben dabei, Squirel Es ist ein lterer Besitztitel als der Ihrige
da - Grenzen und Beschreibung des Landstcks uerst richtig angegeben - ein
Besitztitel, der Siebenachtel von Ihrer Farm und noch Stcke von Ihren nchsten
Nachbarn in Anspruch nimmt -
    Das ist unmglich, Sir, oder es ist ein Betrug! rief Elliot, aufgeregt in
die Hhe springend. Ich habe mein Land schon vor Beendigung der Vermessung
gesetzlich mit Beschlag belegt und es dann in den Vereinigten Staaten gekauft;
hier ist jeder Anspruch von irgend einer Seite her abgeschnitten.
    Well, Squire, ich wei, was Sie sagen wollen, erwiderte der Advocat, sich
das Kinn streichend, aber Sie knnen nur glauben, da ich mich nicht so
geschwind zu Ihnen auf die Beine gemacht htte, wenn die Sache so einfach wre.
Der Besitztitel stammt aus der Indianer-Zeit; es mag sein, da das Stck Land
mit einer Gallone Whiskey erworben worden ist - jedenfalls ist aber in dem Titel
den gesetzlichen Kaufbedingungen genug gethan. Er ist whrend der kurzen Zeit,
in welcher die erste Land-Office im Cherokee-Lande bestand, dort angemeldet
worden, um sptern Claims vorzubeugen. Nachher brannte aber die Holzbude mit
Allem, was sie enthielt, ab, und dann erst kamen Sie mit Ihrem Kaufe, ohne zu
wissen, da das Land schon einen Besitzer hatte. Daran ist nichts zu ndern. Die
einzige Frage ist, wie weit die Vereinigten Staaten den frhern Kauf anerkennen
werden. - Sie wissen, wie gerade dieser frhern Verhltnisse und der
Liederlichkeit in der sptern Registrirung wegen unsere
Besitztitel-Angelegenheiten im Argen liegen, wissen, da jeder ltere
Besitztitel mit genauen Bezeichnungen schon in sich selbst die grere
Glaubwrdigkeit vor ungenauen sptern, wie es so viele in dem frhern
Cherokee-Lande gibt, trgt, und da die Angelegenheit jedenfalls einen
langwierigen Proce abgibt, in welchem die ersten Instanzen, wie es schon
mehrfalls dagewesen, zu Gunsten des Klgers entscheiden. Sollte nun auch das
Obergericht der Vereinigten Staaten den Verkauf whrend der Indianerzeit nicht
anerkennen, was brigens immer noch in Zweifel zu ziehen ist, so knnen doch,
besonders wenn man einen so geriebenen Gegner wie den Murphy vor sich hat, so
viele Kosten fr Sie erwachsen, da diese Ihre smmtlichen Neger auffressen,
denn es wrde Ihnen nicht einmal gelingen, auf Ihre Lndereien, so lange Ihr
Eigenthumsrecht daran in Frage gestellt ist, ein Kapital aufzunehmen. So,
Squire, habe ich es fr meine Pflicht gehalten, Ihnen den Rath zu geben, bei
Zeiten und ehe die Sache zur gerichtlichen Procedur kommt, ein Abkommen mit dem
Inhaber des alten Besitztitels zu versuchen - selbst ein groes Opfer mu noch
immer ein Gewinn fr Sie sein. Aber ich nehme eine Cigarre, Squire; Sie haben
immer ausgezeichneten Stoff in jeder Beziehung!
    Elliot stand da, die Arme bereinander geschlagen und mit zusammengezogenen
Augenbrauen in das Gesicht des Sprechers starrend. Und woher kommt dieser
ltere Besitztitel mit einem Male? fragte er, als der Advocat seine Cigarre
anzndete.
    Wie kommt der Teufel in die Welt, Sir, sagte Griswald, den Dampf vor sich
herblasend. Ich habe Ihnen gesagt, der Murphy ist der geriebenste Spitzbube,
fuhr er lachend fort, und Gott mag wissen, wo der Elementer das Papier
aufgetrieben hat; aber richtig und vollkommen gesetzlich ist es, so weit ich
sehen kann; ich habe es mit eignen Augen geprft.
    Aber in des Himmels Namen, es ist ja doch fast unmglich! rief Elliot und
stand eine Weile, die Hand gegen die Stirn gepret. Dann schritt er einige Mal
die Stube auf und ab und blieb zuletzt wieder vor dem Advocaten stehen. Sie
werden einsehen, Mr. Griswald, sagte er, da, so viel ich auch auf Ihren
richtigen Blick in allen Rechtsfragen gebe, ich mich doch erst nher ber diesen
beabsichtigten Raub zu unterrichten habe - als etwas Anderes kann ich es nicht
betrachten - und zugleich die Meinung einiger Freunde hren mu.
    Vollkommen verstndig! nickte der Advocat, einen Schluck aus seinem Glase
nehmend. Wir sind alte Bekannte, Squire, und deshalb habe ich Ihnen die Sache
bndig und klar vor die Augen gefhrt, ohne mich selbst als Rechtsanwalt zu
denken. Sie kennen den alten Spruch: Des Clienten Hoffnung ist des Advocaten
Futter, und so wohlgethan es auch ist, die Meinung Anderer zu hren, so mchte
ich Ihnen dabei nur den Rath geben, sich vor denen zu hten, welche aus dem Fall
eine Bagatelle machen wollen - wir haben lange keinen so fetten Proce im County
gehabt, als dieser es werden mu; daran denken Sie!
    Sie meinen also auf Ehre und Gewissen, Griswald, da eine wirkliche Gefahr
aus dem Anspruch fr mich erwachsen knnte?
    Knnte? Sie kann nicht nur, sie wird nicht nur, sie ist schon da, Squire!
    Very well! sagte Elliot, den Kopf energisch aufrichtend, so mag sie mich
suchen; ich aber werde mein wohlerworbenes Eigenthum mit allen Mitteln
vertheidigen, die mir zu Gebote stehen!
    Der Advocat zuckte die Achseln und erhob sich. Ich habe Ihnen meine Meinung
als Freund gesagt, Elliot, und kann nichts weiter thun, erwiderte er. Lassen
Sie durch irgend einen andern Sachverstndigen das Document untersuchen, Murphy
hlt seinen Anspruch nicht geheim, und Jeder, der nicht ein Nebeninteresse hat,
wird meine Meinung besttigen!
    Warten Sie einen Augenblick, sagte der Pflanzer, als Griswald nach Hut und
Reitpeitsche griff. Wie viel verlangt dieser Mr. Murphy fr seinen Anspruch?
    Der Advocat sah ihn gro an. Was er verlangt? Ihre Farm verlangt er, Sir!
nichts mehr und nichts weniger. Wenn eine Uebereinkunft getroffen werden soll,
so ist es an Ihnen, Sir, die nthigen Schritte deshalb zu thun. Murphy denkt gar
nicht daran, und nur unserer alten Bekanntschaft wegen bin ich hierher gekommen,
um Sie von dem heranziehenden Ungewitter zu benachrichtigen und Ihnen zu rathen,
sich jetzt, wo es vielleicht noch Zeit ist, nach einem Blitzableiter umzusehen.
    Ich danke Ihnen, Griswald, erwiderte Elliot finster, der Schlag kommt in
der That ber mich wie ein Blitz aus heiterm Himmel; ich werde morgen bei Zeiten
in der Stadt sein und dann sprechen wir weiter darber. - Aber noch Eins, rief
er, als sich der Advocat zum Gehen wandte, und sah eine Weile sinnend vor sich
nieder. Steht der junge Nelson nicht in genauerer Beziehung zu diesem Mr.
Murphy? Wenigstens entsinne ich mich, da ich sie stets bei einander gesehen.
    Wie nahe ihre gegenseitige Beziehung ist, kann ich nicht mit Bestimmtheit
sagen, entgegnete Griswald, jedenfalls aber wei ich, da es ihr Plan war, mit
einander gemeinsam eine Office zur Betreibung von Advocatengeschften zu
grnden.
    Elliot nickte und reichte dem Sprecher die Hand. Ich will Sie nicht lnger
aufhalten, sagte er; morgen frh sehe ich Sie und dann denke ich ruhiger
urtheilen zu knnen.
    Griswald ging, von dem Pflanzer bis an die Hausthr begleitet; dann aber
kehrte dieser nach seinem Arbeitszimmer zurck und ging dort in tiefem Sinnen
auf und ab. Erst nach einer Weile hielt er seinen Schritt an, strich mit der
Hand ber das Gesicht, als wolle er jeden sorgenvollen Zug daraus verwischen,
und ging dann langsam nach dem Parlor. Dort sa in Gesellschaft mit der Frau vom
Hause ein junger eleganter Mann, und das Gesprch schien, nach den aufgeregten
Mienen Beider, ein belebtes gewesen zu sein.
    Es thut mir leid. Mr. Nelson, da ich so lange abgehalten worden bin,
sagte der Pflanzer eintretend; mein alter Freund Griswald sprach im
Vorbeireiten ein und hatte so viele Geschichten zu erzhlen, da ich nicht eher
abkommen konnte. Jetzt bin ich zu Ihrer Disposition, und wenn uns Mrs. Elliot
entschuldigen will, so gehen wir nach der Bibliothek, machen es uns dort bequem
und rauchen eine Cigarre. Ich denke, Liebe, wandte er sich an seine Frau,
Ellen wird mit dir Einiges zu berathen haben.
    Der junge Mann verbeugte sich gegen die Hausfrau und folgte dem Pflanzer.
    Thun Sie wie zu Hause, Sir, sagte dieser, als sie in das Arbeitszimmer
traten, und zog den Schaukelstuhl nher dem Tische zu. Hier ist Eiswasser und
ein Schluck, um den Magen vor Erkltung zu hten; hier sind Cigarren, langen Sie
zu! Er nahm aus dem Wandschranke ein reines Glas, setzte sich dann auf seinen
frheren Platz und zndete sich selbst eine Cigarre an.
    Well, Sir, begann er, Sie wollen meine Ellen heirathen. Ich habe Ihnen
bereits gesagt, da ich im Grunde genommen nichts dawider haben kann; mit meiner
Frau haben Sie ebenfalls gesprochen, und Ellen, fuhr er lchelnd fort, scheint
mir auch nicht viele Einwendungen machen zu wollen. Die Scheidung von ihrem
bisherigen Manne soll, hoffe ich, schon im nchsten Monate vor sich gehen, und
so weit wrde bald Alles in bester Ordnung sein. Jetzt erlauben Sie mir aber
eine Frage: Wie stehen Sie mit Ihrem Freunde Murphy? Ich hre, Sie wollen Ihre
Advocatenpraxis hier mit ihm gemeinschaftlich beginnen?
    Wenn es bei unserer frheren Verabredung bleibt, allerdings, Sir,
erwiderte Nelson. Er ist, wie ich heute hrte, von seiner New-Yorker Reise
zurckgekehrt, und ich denke ihn morgen zu sprechen. Murphy ist ein gewandter
Advocat, mit dem ich jedenfalls gut fahren werde.
    Elliot lehnte sich bequem zurck. Gewandt scheint er wirklich zu sein,
sagte er; Griswald erzhlte mir soeben erst, da er einen alten Besitztitel
aufgesprt habe, wodurch er zweien oder dreien unserer Pflanzer im County das
Land unter den Fen wegnehmen wird.
    O, wirklich so weit? rief der junge Mann, berrascht aufstehend; er hat
mir nie recht klaren Wein ber die Angelegenheit eingeschenkt, mit der seine
Reise nach New-York in Verbindung stand - er prophezeite mir nur im glcklichen
Falle einen splendiden Anfang fr unsere hiesige Praxis.
    Well, Sir, sagte Elliot, seine Cigarre weglegend und seinen Gefhrten fest
anblickend, ich wei nicht, wie weit Ihre Liebe zu meiner Tochter geht, aber
ich mu Ihnen als ehrlicher Mann sagen, da der gute Anfang, von welchem Sie
sprechen, wahrscheinlich der Ruin meiner Familie sein und somit auch Ellen zu
einer blutarmen Partie machen wird. Der Hauptangriff, welcher gethan werden
soll, geht gegen mein Besitzthum.
    Der junge Advocat sah ihn einen Augenblick gro an. Ist denn das wol
mglich? rief er dann aufspringend.
    Ob es mglich ist, wei ich noch nicht! erwiderte Elliot, finster
lchelnd; da aber Ihr Freund Murphy soeben versucht, es mglich zu machen, ist
gewi genug. Versichert mgen Sie sein, da ich mich nicht gutwillig ergeben
werde. Indessen ist jetzt fr mich die Hauptfrage, welchen Weg Sie selbst in der
Angelegenheit einzuschlagen gedenken. Wollen Sie nach den jetzigen Erffnungen
noch Ihre Absicht in Bezug auf Ellen festhalten, so werden Sie sich
wahrscheinlich das einstige Erbe Ihrer Frau nicht selbst abprocessiren wollen -
im andern Falle natrlich -
    Lassen Sie mich ein Wort sagen, unterbrach ihn Nelson. Ich danke Ihnen,
da Sie mir die Sache sofort mitgetheilt haben; unser Verhltni wird dadurch
zur rechten Klarheit kommen. Wenn ich um Ellen geworben habe, so war mir jeder
Nebenzweck dabei fremd, und mgen die Dinge sich jetzt gestalten wie sie wollen,
so bleibt es bei unserer Verabredung. Ehe wir aber an den unglcklichsten Fall
denken, wollen wir uns die Gefahr etwas nher betrachten. Ich werde sofort
gehen, um mit eigenen Augen zu prfen; ich werde Murphy sprechen und schon heute
Abend, wenn es auch spt werden sollte, will ich Ihnen Bericht erstatten.
    Gut, Sir, rief Elliot, und hielt dem jungen Manne die Hand hin, welche
dieser drckte; wenn ich auch wei, da Ihr Einflu auf Murphy kaum ins Gewicht
fallen kann, wo es sich bei diesem um einen groen Gewinn handelt, so freue ich
mich doch ber Ihre Gesinnung, welche mir aus Ihnen einen natrlichen
Bundesgenossen macht. - Sehen Sie zu, wie die Sache steht, und erwarten Sie mich
morgen frh in der Stadt - ich mchte vor unsern Ladies im Hause vorlufig die
ganze Angelegenheit noch verschwiegen halten, und da es auffallen mte, wenn
Sie noch am spten Abend hier ankmen, so lassen wir lieber jede weitere
Besprechung bis morgen frh.
    Wie Sie wollen, Sir, erwiderte Nelson, wenigstens will ich jetzt aber
keinen Augenblick mehr verlieren, um an die Arbeit zu gehen. Sie werden mich
doch bei den Ladies entschuldigen -
    Schon recht, Sir! sagte Elliot, dem jungen Manne nach der Thr folgend,
und ich verspreche Ihnen, da ich die Hindernisse, welche noch zwischen Ihnen
und Ellen liegen, so schnell beseitigen werde, da Sie sich deshalb nicht eine
einzige unruhige Minute mehr zu machen brauchen. Unser Interesse ist von heute
an ein vereintes.
    Nelson drckte mit beiden Hnden die Rechte des Pflanzers, und verlie dann,
von diesem bis zum Portico begleitet, das Haus. - -
    Es war mehrere Tage spter, als Helmstedt von einem abendlichen Ritt nach
der Stadt zurckkehrte. Zwischen seinen Augen lag ein Ausdruck von Sorge und
Verstimmtheit; wenn er sich aber ber das, was ihn drckte, htte klar
aussprechen sollen, wre es ihm wol kaum mglich gewesen. Er hatte seit dem
letzten Gesprche mit dem Vater seiner Frau den Rest seiner Liebe fr diese zu
Grabe getragen - wute er doch, da ohne ihren eigenen Willen Niemand den
Versuch htte machen knnen, sie von ihm zu scheiden; auch das neue Gefhl, was
ihn zu Pauline Morton zog, hatte er so weit unterdrckt, da es ihm nur noch
dann und wann im Traume vor die Seele trat - seine ganze Natur war zu krftig,
als da sie sich ohne Widerstand einer unerwiederten Neigung htte hingeben
sollen, und sah es nun auch so de in ihm aus, da er gar nicht mehr an die
Zukunft denken mochte, so war es doch ein Druck anderer Art, der ihn, wie die
Ahnung von einem herbeikommenden Unglck, auf dem Herzen lag. Seit zwei Tagen
glaubte er in dem Wesen seiner meisten Schlerinnen eine Vernderung
wahrzunehmen, die er sich nicht erklren konnte. An die Stelle der freundlichen
Herzlichkeit, mit welcher ihm Einzelne sonst immer begegneten, waren Klte und
Einsilbigkeit getreten - rebellische Charaktere, welche die Achtung vor ihm
stets in den gehrigen Schranken gehalten hatte, waren aufsig und schnippisch
geworden, und wo er sonst Flei und Eifer gesehen, schien eine pltzliche
Lssigkeit sich geltend zu machen. Er hatte am ersten Tage wenig darauf
geachtet; als aber bei seinem abendlichen Besuch in einzelnen Familien ihn eine
sonderbare Stille empfing, als ihm weder da, wo ein Piano im Hause war, die
gewhnliche Aufforderung, etwas vorzutragen, wurde, noch an andern Orten seine
Schlerinnen es der Mhe werth fanden, whrend seiner kurzen Anwesenheit im
Zimmer zu bleiben; als am zweiten Tage sich bei seinem Unterricht dieselbe
Erscheinung wie Tags zuvor zeigte, und bei einem Ritt in die Umgegend ihm in
zwei Pflanzerfamilien ein hnlicher Empfang wie in der Stadt wurde, - da fhlte
er, da eine feindliche Macht in sein Leben griff, ohne da er sich das Wie und
Warum htte erklren knnen.
    Er hatte, sich mit zehnerlei Vermuthungen herumschlagend, von welcher keine
Stich halten wollte, die ersten Huser der Stadt erreicht, als er einen einsamen
Spaziergnger in der Dmmerung sich entgegenkommen sah, bei dessen Erblicken er
sein Pferd zu langsamerem Schritte zgelte. Er hatte den Vorsteher der Akademie
erkannt, einen Mann, welcher ihm immer mit der herzlichsten Freundlichkeit
begegnet war, und der Gedanke durchscho ihn, da, wenn ihm Jemand seine Zweifel
lsen knne, dieser es sein msse. Er fhlte sich innerlich so wund, da er
keinen Augenblick, in welchem ihm die Gelegenheit zu einer Aufklrung geboten
wurde, vorberstreichen lassen mochte, und ehe noch der Spaziergnger
herangekommen, war Helmstedt abgestiegen, und ging, sein Pferd am Zgel
nachfhrend, ihm entgegen.
    Mr. Pierce, ich freue mich, Sie zu treffen, und Sie entschuldigen, da ich
Sie hier so ohne Weiteres auf offener Strae anrede.
    Sie sind mir an jedem Orte willkommen, Sir!
    Ich danke Ihnen! Ich mchte eine offene Frage an Sie richten, Sir, und wenn
das jetzt eben geschieht, wo ich Sie zufllig treffe, so ist es, weil ich die
Stimmungen um mich her, die ich nicht verstehe und gegen welche mich mein
Gewissen frei spricht, nicht ertragen kann. Wissen Sie irgend einen Grund, warum
die Leute, mit denen ich in Berhrung bin, anders gegen mich sind, als jemals
frher? Wissen Sie eine Ursache, die mir meine Schler entfremdet haben knnte,
wie es mir seit zwei Tagen so auffllig entgegengetreten ist, da es mir wehe
gethan hat? Ich mag Ihnen mit meinen hastigen Fragen aufgeregt erscheinen, Mr.
Pierce, und Sie mssen mich deshalb entschuldigen; aber die Vernderung um mich
her ist seit einigen Tagen so sonderbar, und hat mich eben erst so empfindlich
berhrt, da mir das Begegnen mit Ihnen wie eine Fgung erschien, um mir
Gewiheit ber meine Stellung zu verschaffen.
    Ich glaube, ich kann Ihnen die nthige Aufklrung geben, wenn wir es auch
hier nicht vornehmen wollen, erwiderte der Vorsteher in einem Tone, der
Helmstedt wohlthat, und ich gestehe Ihnen, da ich selbst die aufrichtigste
Betrbni ber den Stand der Dinge fhle. Wir haben nur wenige Schritte bis zur
Akademie, lassen Sie uns dort einige Worte in Ruhe mit einander sprechen.
    Er wandte sich zurck und Helmstedt ging schweigend an seiner Seite, bis sie
das Schulgebude erreicht hatten. Dort band der junge Mann sein Pferd an die
Stacket-Einzunung und folgte dem Vorsteher nach dessen Arbeits-Zimmer.
    Ich mu Ihnen sagen, begann der Letztere, nachdem Beide Platz genommen
hatten, da ich wahrscheinlich schon morgen Sie ersucht haben wrde, sich mit
mir auszusprechen, und es ist mir lieb, da Sie dem selbst zuvorkommen. Ich will
ohne Umschweif zu Ihnen reden. Sie wissen, wie gern ich Sie hier en agirt habe,
als Sie Mr. Morton mir empfahl, und wie sehr zufrieden ich mit allen Ihren
Leistungen gewesen bin. Aber Mr. Morton, der unser beiderseitiger Freund war,
ist jetzt todt und sein Einflu, welcher Manches whrend seinen Lebzeiten
ausglich, existirt nicht mehr. Ihre junge Frau ist zu ihren Eltern zurckgekehrt
und die verschiedensten Versionen ber die Ursachen dafr sind pltzlich in
Umlauf gekommen - - dabei ist aber das Schlimmste, da Sie, wie es heit, des zu
erwartenden Vermgens wegen in keine Scheidung willigen wollen, und da, wenn
diese ja auf irgend eine Weise erzwungen werden sollte, alle Eltern fr ihre
Tchter, welche sie hierher zur Erziehung geben, frchten, so lange Sie den
Musik-Unterricht leiten.
    Helmstedt wollte sprechen, aber der Vorsteher unterbrach ihn. Lassen Sie
uns alle unntzen Worte sparen, Sir, sagte er, ich glaube von Allem, was in
Umlauf gesetzt worden ist, kein Wort, ich habe Ihrem Processe beigewohnt und Sie
whrend Ihres nachherigen Lebens genauer als vielleicht irgend Jemand kennen
gelernt; aber ich hnge nicht von mir allein ab, ich bin selbst nur Beamter der
Gesellschaft, welche die Akademie gegrndet hat, und mu dem, was die Mehrzahl
der mir zur Seite gesetzten Vertrauensmnner beschliet, folgen. Ich entlasse
Sie ungern, sehr ungern, Mr. Helmstedt, aber ich wre gezwungen gewesen, Ihnen
diese Nachricht schon morgen zu geben.
    Helmstedt sa eine Weile ohne ein Wort zu reden da. Well! sagte er dann,
ich kenne die Quelle, aus welcher alles dieses fliet - wenigstens bin ich doch
jetzt nicht mehr im Unklaren. Ich bin entlassen, weil ich so handelte, wie es
jeder rechtliche Mann fr allein ehrenhaft gehalten htte; ich soll Ordre
pariren, weil man glaubt, mich durch meine Armuth dazu zwingen zu knnen. Wir
werden sehen! Ich danke Ihnen, Mr. Pierce, fr die Freundlichkeit, mit welcher
Sie mich stets behandelt haben, fuhr er aufstehend fort, danke Ihnen fr Ihre
gute Meinung ber mich, vielleicht kann ich Ihnen noch einmal beweisen, da Sie
Recht hatten. Gute Nacht! Er drckte krftig die Hand des Vorstehers und
schritt aus dem Zimmer. Als er sein Pferd losgebunden, sa er mit einem Schwung
im Sattel, da es zum Galopp ansprengte und bald hatte er sein Haus erreicht, wo
Csar auf ihn wartete.
    Er ging nach seinem Zimmer, brannte Licht an und warf sich in den Lehnstuhl
vor seinem Arbeitstische. Eine Weile lie er alle Gedanken und Gefhle, welche
das Gesprch mit seinem bisherigen Prinzipale in ihm erregt hatte, durcheinander
wogen; bald aber setzte er sich aufrecht und begann seine augenblickliche Lage
bestimmt ins Auge zu fassen. Ein Wunsch stand im Vordergrunde seiner Seele, dem
Angriffe, welcher so heimtckisch auf seine Existenz gemacht worden war, nicht
weichen zu mssen. Er wute, da wenn er den Staat verlie, wozu man ihn jetzt
wahrscheinlich zwingen wollte, es leicht genug gemacht war, eine Scheidung
seiner Frau von ihm zu erzielen - gaben doch schon seine jetzt mangelnden
Subsistenzmittel Grund genug dafr ab, und wenn er auch, wie das Verhltni
zwischen ihm und Ellen stand, einer Trennung nie einen eigentlichen Widerstand
htte entgegensetzen mgen, sobald nur seine Mannesehre dabei gewahrt wurde, so
emprte sich doch Alles in ihm gegen die Weise, wie sie ihm abgedrungen oder
gegen seinen Willen bewerkstelligt werden sollte. Die Frage war jetzt: wie
materiell bestehen, um nicht seinen Feinden ohne Schlag das Feld zu rumen. Mit
einem ferneren Erwerbe durch Musik-Unterricht war es wenigstens in der nchsten
Umgegend zu Ende, und seine ganzen Mittel bestanden in der Summe, welche ihm
wenige Tage vorher als Betrag des Unterrichtsgeldes fr den laufenden Monat
ausgezahlt worden war. Sollte er sich an ein anderes Erziehungs-Institut im
Staate um Erlangung von Beschftigung wenden, oder mute er nicht frchten, da
der Einflu, welcher ihn von hier vertrieb, ihm auch dorthin folgen wrde?
    Whrend seines Grbelns hatte sich die Thr geffnet und Csar sich an den
Eingang postirt. Helmstedt sah auf - er kannte die verschiedenen Arten von
Gesichtsausdruck des Schwarzen und wute, da dieser jetzt irgend etwas zu
erzhlen hatte - aber er kam ihm damit ungelegen. Was ist es, Csar? fragte er
kurz.
    Ich wollte nur etwas fragen, wegen Little Valley, Sir, nichts Bedeutendes
gerade -
    Dann la es bis ein andermal, ich bin jetzt beschftigt.
    
    Der Schwarze verschwand, und Helmstedt gab seinen Gedanken wieder Raum. Er
begann in Gedanken sein ganzes Besitzthum durchzugehen, um zu berechnen, was ihm
aus dem Erls desselben erwachsen knne; er ffnete zu dem Zweck ein Fach seines
Schreibtisches, in welchem sich eine Kostenberechnung aller Anschaffungen bei
seiner Verheirathung befand. Hier aber fiel ihm zuerst Mortons Brief in die
Hnde, der unerbrochen und vergessen dagelegen hatte, seit er ihn aus Paulinens
Hnden erhalten. Helmstedt wollte ihn im ersten Moment wieder bei Seite legen,
aber als sein Auge auf die unsichere Handschrift der Adresse fiel, kam ihm
wieder das ins Gedchtni, was der Vorsteher der Akademie ber die Freundschaft
des Verstorbenen zu ihm und den Einflu, den er zu seinem Besten geltend
gemacht, gesprochen hatte; er sah das biedere Gesicht des alten Pflanzers vor
sich, er erinnerte sich, da dieser an ihn noch in seinen letzten Stunden
gedacht, und in pltzlich gemilderter Stimmung lste er das Couvert. Ein neuer,
mit Papieren gefllter Umschlag und ein theilweise beschriebener Bogen zeigten
sich. Helmstedt entfaltete den letztern und las:

            Mein lieber junger Freund!

        Ich ahne, da ich Sie nicht wiedersehen werde, und so benutze ich eine
        Stunde, welche mir vielleicht zum letzten Mal einige Kraft zurckgibt,
        um ein Lebewohl an Sie zu richten und Sie an das Versprechen zu mahnen,
        welches Sie mir bei unserm letzten Zusammensein gaben. Pauline wei
        nichts von unserm Uebereinkommen: ihr Herz ist so stolz und stark, da
        sie wol glauben mag, sich selbst genug sein zu knnen, da sie jeden
        aufgedrungenen Beistand von sich weisen wrde. Aber ich wei auch, da
        sie ihre Strke nur durch Entsagung und Aufopferung erlangt hat: ich
        kenne mehr von diesem Herzen, dem ich doch nur Schutz und keine
        Befriedigung geben konnte, als sie wei, und ich erkenne alle die
        Schwierigkeiten, welche ihr nach meinem Tode, so lange sie in den
        jetzigen Verhltnissen lebt, entgegentreten und sie verwunden mssen.
        Darum lassen Sie das Auge nicht von dem, was um sie vorgeht, wenn auch
        unbemerkt von ihr - der Blick eines von der Welt Scheidenden sieht
        klarer als sonst, und mir ist es, wenn ich die Dinge um mich her
        betrachte, als wrde auch noch einmal ein Frhling fr sie blhen, und
        ihr ein Schutz werden, unter dem sie sich gern bergen wird.
        Die Werthpapiere, welche ich hier beigelegt habe, betrachten Sie als das
        Vermchtnis eines Freundes und als ein Zeichen meiner Achtung und
        Anhnglichkeit; es sind 2000 Doll. Auch hiervon wei Pauline nichts,
        damit Ihr Zartgefhl, das so leicht verletzt ist, geschont bleibe, -
        mgen sie bei irgend einer Gelegenheit Ihnen einmal passend kommen.
        Und nun sei es genug, das Schreiben wird mir schwer; - wenn wir uns
        nicht wiedersehen sollten, so widmen Sie bisweilen einem Manne, der
        Ihnen von Herzen wohlgewollt, einen freundlichen Gedanken.
                                                                   Jas. Morton.

    Helmstedts Hand zitterte, als er zu Ende war; eine lange Weile sah er stumm
vor sich hin, bis sich seine Brust endlich in einem tiefen Athemzuge Luft
machte. Dann begann er die Zuschrift noch einmal von Anfang an durchzulesen. Mit
jeder Zeile, die er langsam beendete, war es ihm, als liege ein tieferer Sinn in
diesen letzten Worten des alten Pflanzers, als er bei der ersten raschen
Durchsicht wahrgenommen; er hielt bei einzelnen Stellen an und begann darber zu
grbeln. Nicht die unerwartete Hilfe, welche ihm so pltzlich geworden, war es,
die ihn hauptschlich beschftigte - seine Gedanken waren bei dem stolzen,
starken Herzen, wie es Morton genannt, dem Herzen, das er doch so weich gekannt
und dem er jetzt so gern alle Opfer und Entsagungen htte vergessen machen
mgen. Des Todten Wille soll treulich erfllt werden, sagte er still vor sich
hin, ich will ber sie wachen, ohne da sie es wei, will die Sorge fr sie zu
meinem Lebenszweck machen, bis sie selbst sich wieder einen natrlichen Schutz
gewhlt. Er konnte einen halben Seufzer nicht unterdrcken, aber wie rgerlich
ber sich selbst sprang er auf. Wie das Schicksal will! rief er, beide Arme
von sich streckend, jetzt aber heit es: dem eigenen Herzen, wie der Auenwelt
Trotz geboten!
    Soeben trat der Schwarze wieder ein, um frisches Wasser fr die Nacht zu
bringen. Er wollte sich nach Beendigung seines Geschfts leise entfernen, aber
Helmstedt, der seinen frhern Platz wieder eingenommen hatte, rief ihn zurck.
Jetzt magst du erzhlen, Csar, sagte er, du hattest etwas wegen Little
Valley auf dem Herzen, was ist es?
    Der Neger zog ein halb verlegenes Gesicht und rieb seine Hnde. 'S ist nur
etwas vom Hrensagen, Sir, aber ich mchte doch fragen, ob Sie etwas davon
wissen? Es heit, da Mr. Barlett, der Aufseher, fortgeschickt werden soll, und
das ist schon unter allen Schwarzen in Little Valley herum. Sie wissen ja wol,
die Kchin in Mortons Haus ist wegen ihrer Horcherei dort nach Little Valley zum
Kochen geschickt worden, und die hat im Aerger ber ihre Versetzung dem Aufseher
gesagt, lange werde sie doch nicht dableiben, nur so lange bis er weggejagt sei,
und das werde bald genug geschehen, sie wisse das genau; wenn erst der neue
Aufseher komme, dann sei keine Gefahr mehr, da ihr gutes Herz ihr wieder einen
Streich spiele. Der Aufseher hat geflucht und sich nach seiner Peitsche
umgesehen, da hat sie aber nach einem Topf voll kochenden Wassers gegriffen und
gesagt, er solle nur versuchen, sich an ihr zu vergreifen, sie frchte sich gar
nicht, ihn zu Tode zu brhen, sie wisse wie sie stehe. Da soll Mr. Bartlett ganz
bla geworden sein, ber verdammte Weiberwirthschaft geflucht haben, und da er
sich schon helfen werde. Seit dem Tage aber ist er kaum ein paar Mal aufs Feld
gekommen und hat die Arbeiter thun lassen, was sie gewollt; die zwei schwarzen
Mdchen aber, mit denen er in seinem Hause lebt, haben erzhlt, da er noch
einmal so viel Whiskey trinke, als sonst und die Hlfte des Tages verschlafe.
Die Kchin hat sich bis jetzt noch nicht getraut, die junge Mistre wissen zu
lassen, wie es steht, und so habe ich gedacht, es wre gut, wenn ich es Ihnen
erzhlte, Master.
    Helmstedt hatte aufmerksam zugehrt und ein Zug von Befriedigung trat in
seinem Gesicht hervor; war es ihm doch, als sei Csars Erzhlung der erste Ruf
an ihn, der bernommenen Pflicht gegen Pauline Genge zu leisten. Er dachte eine
kurze Weile nach. Willst du mir wol angeben, sagte er dann, woher du den
ganzen, genauen Bericht hast? Ist dir wieder einer von den Schwarzen aus Little
Valley begegnet?
    Csar verzog das Gesicht und kratzte sich erst auf der einen und dann auf
der andern Seite des Kopfes. Wenn Sie es zu wissen verlangen, Master, so mu
ich es Ihnen sagen, erwiderte er mit einem Ausdrucke, der aus Laune und
Aengstlichkeit gemischt schien. Ich besuche jetzt bisweilen die Mary in Mortons
Hause - es ist noch eine alte Liebschaft von frher her, Sir! setzte er wie
entschuldigend hinzu. Seit ich der Sarah nichts klatschen wollte, was hier im
Hause vorging, ist sie so bissig geworden, wie eine Katze, und hat mir, als ich
das dritte Mal nach Oaklea kam, nicht einmal ihre Thr aufgemacht. Da habe ich
an die Mary gedacht, die mich immer gern gehabt, als ich noch auf Mr. Mortons
Farm war; ich bin aber damals so versessen auf die Sarah in Oaklea gewesen, ich
glaube wahrhaftig nur, weil sie so stachlig war und nichts von mir wissen
wollte, da ich der Mary immer aus dem Wege gegangen bin. Well, Master, der Mary
ist die ganze Geschichte gesteckt worden und sie hat sie mir erzhlt; sie hat
aber der Kchin wegen der jungen Mistre noch kein Wort zu sagen gewagt.
    Helmstedt schttelte, wie von einem eigenthmlichen Gedanken berhrt,
langsam den Kopf. Komm her, Csar, sagte er nach einer Pause, du bist ein
verstndiger Bursche, du mchtest mir auch etwas zu Liebe thun, wie du neulich
sagtest - und so will ich dir einen Auftrag geben, bei dem ich mich ganz auf
dich verlassen mu. Hre aufmerksam zu. Ich mchte gern, da Mistre Morton, die
seit ihres Mannes Tode jeden mnnlichen Beistand verloren hat, von den
Unannehmlichkeiten, die ihr bei den jetzigen Verhltnissen erwachsen knnten,
befreit bliebe. Wenn ich aber auch gern Alles zu ihrer Untersttzung thue, so
habe ich doch nicht Zeit, jeden Tag nach Mortons Hause zu reiten, um zu sehen,
was dort geschieht, - nebenbei will es sich auch nicht recht schicken, da ich
eine junge, alleinstehende Frau so oft besuche. Jetzt, Csar, sollst du mir
helfen. Gehe und mache deiner Mary den Hof, aber theile mir jeden Morgen mit,
was in Mortons Hause vorgegangen ist - ob gering oder nicht, ist gleichgiltig;
jede kleine Nachricht wird mich ber den Stand der Dinge dort im Klaren halten,
wird mir zeigen, ob es meinerseits nthig ist, etwas zu thun, oder nicht, und
ich kann unbesorgt meinen eigenen Geschften nachgehen. Du wirst dabei einsehen,
da von deinem Auftrage nicht das Geringste verlauten darf, wenn die junge
Mistre nicht beleidigt werden soll - ich hoffe, du hast mich vollkommen
verstanden, Csar?
    Warum soll ich Sie nicht verstehen, Mr. Helmstedt? erwiderte der Schwarze
mit einem frhlichen Grinsen. Entschuldigen Sie, wenn ich lache; es kam mir nur
eben so sonderbar vor, da meine Thorheit mit der Mary noch zu etwas Gutem
helfen kann. Sie sollen ordentlich bedient werden, Master, rechnen Sie auf den
Csar - und, fuhr er mit einem halben Stocken fort, Sie werden's gewi auch so
einrichten, da die Mary keinen groen Schaden von ihrer Gutmthigkeit gegen
mich hat.
    Verla dich darauf! nickte Helmstedt befriedigt, sie soll nirgends
erwhnt werden. Nun geh und la mich sehen, ob du ein Bursche bist, dem sein
Herr etwas anvertrauen kann.
    Der Schwarze antwortete nur mit einer Kopfbewegung voller Entschlu und
verlie das Zimmer; Helmstedt aber lehnte sich nachdenkend in seinem Armstuhle
zurck. Er war im Grunde seiner Seele nicht ganz einig mit sich selbst, ob er
durch seinen Auftrag an Csar recht gehandelt oder nicht. Es strubte sich etwas
in ihm gegen die Weise, auf welche er sich Nachrichten von Paulinens Begegnissen
verschaffen wollte, und doch sah er keinen andern Weg; zudem gab er, seit er in
Amerika so manchen Kampf hatte kennen lernen mssen, etwas auf Schicksalswinke,
und Csars Mittheilung von seiner Liebschaft in Mortons Hause, gerade zu einer
Zeit, wo es dem jungen Manne schwer geworden wre zu bestimmen, wie er sich von
dort laufende Nachrichten verschaffen solle, war ihm wie ein bedeutsamer
Fingerzeig erschienen. Er rieb sich lange die Stirn, ohne ganz mit sich klar zu
werden, bis er endlich beschlo, wenigstens vorlufig den gemachten Anordnungen
ihren Lauf zu lassen, bis sich ihm ein anderer Weg zu seinem Zwecke zeigen
wrde. Er putzte das Licht, suchte Papier hervor, und begann in einem Briefe an
den alten Doctor Ford diesem die gegenwrtigen Verhltnisse in Little Valley
mitzutheilen.

                                      VII.


Die Law-Office der Advocaten Griswald und Duncan galt als die bedeutendste im
County, wenn auch die uere Erscheinung derselben wenig davon wahrnehmen lie.
Ein vorderes Zimmer, das drei abgenutzte, mit langjhrigen Tintenflecken
verzierte Schreibtische und verschiedene halbzerbrochene Sthle enthielt - und
ein hinteres mit besonderm Eingange, welches einige Reihen Gesetzbcher, einen
kleinen eisernen Geldschrank und sechs wackelige Sessel um einen eben so
ausgedienten eirunden Tisch zeigte, bildeten die ganzen Rumlichkeiten, denen
man es daneben noch ansah, da jhrlich kaum einige Mal sich der Besen darin
blicken lie.
    Es war Abend und die Office geschlossen; in dem hintern Zimmer waren jedoch
smmtliche sechs Sthle von theils ltern, theils jngern Mnnern besetzt,
whrend ein siebenter auf dem niedern Geldschranke Platz genommen hatte. Zwei
Talglichter auf verrosteten Leuchtern gaben eben Licht genug, um die einzelnen
Gesichter erkennen zu lassen.
    Well, Gentlemen, begann Griswald, welcher am obern Ende des Tisches sa,
es ist jedenfalls gut, wenn wir unsere Sache gemeinschaftlich betrachten und
uns vollkommen verstndigen. Mr. Murphy will, wie Sie wissen, den in seinen
Hnden befindlichen Anspruch an das uns bekannte Eigenthum durch den hiesigen
Theil der allgemeinen Advocaten-Association vertreten wissen und dafr fnfzig
Procent des Ertrages an die hiesigen Mitglieder der Association abgeben. Die
einzige Frage, welche jetzt noch in Betracht zu ziehen wre, ist die: ob die
Klage auf vollstndige Abtretung des Eigenthums eingeleitet, oder ob der jetzige
Inhaber desselben zur Zahlung eines Abstandsquantums vermocht werden soll. Die
Frage ist offen, Gentlemen, und ich werde meine eigene Meinung mir bis zuletzt
vorbehalten.
    Wie ich die Angelegenheit betrachte, lie sich ein ltlicher Mann
vernehmen und bog seinen Stuhl schaukelnd auf die beiden Hinterfe, so sieht
der Fall beim ersten Anblick allerdings bestechend genug aus; indessen glaube
ich doch, da unser Freund Murphy zu sanguinisch in seinen Hoffnungen gewesen
ist. Die Giltigkeit indianischer Besitztitel in unserm Staate ist im Allgemeinen
eine hchst zweifelhafte Sache und hngt zum groen Theile von der Auffassung
des einzelnen Falles ab; und da in dem gegenwrtigen der Titel in der
Land-Office angemeldet worden ist, thut nichts zu seiner Verbesserung. Die
Anmeldung hat durchaus keine andere Bedeutung, wie die jedes einfachen Claims,
und die betreffende Person htte sich auf dem beanspruchten Lande niederlassen
mssen, was augenscheinlich nicht geschehen ist. Als einfacher Proce zwischen
zwei streitenden Parteien angesehen, wrde der Fall sicherlich ein
ausgezeichneter zu nennen sein; es lt sich von beiden Seiten fr den Advocaten
viel daraus machen; soll aber die Association selbst Partei darin ergreifen, so
mu ein schneller, reeller Erfolg vor allen Dingen ins Auge gefat werden, den
ich bei einer Klage auf Eigenthumsabtretung im vorliegenden Falle nicht sehen
kann, und es wre deshalb meine Meinung, die nthigen Anordnungen zu treffen, um
den jetzigen Inhaber des Eigenthums zur Zahlung eines verhltnimigen
Abstandsgeldes fr den erhobenen Anspruch zu bestimmen. Ich glaube, da selbst
Mr. Murphy mit mir darin einverstanden sein wird.
    Well, Gentlemen, klang Murphy's Stimme vom Geldschranke, ich habe in den
letzten Tagen privatim die Ansicht der meisten hier gegenwrtigen Herren gehrt,
und allerdings stimmt diese mit der des vorigen Redners berein. Aber was man
nicht direct erreichen kann, Gentlemen, lt sich vielleicht auf einem Umwege
erlangen. Ich habe mir als Minimum eines Abstandsgeldes 30,000 Doll. gedacht,
etwa der sechste Theil dessen, was der Boden und die Gebulichkeiten der Farm
werth sind, welcher Betrag in einer Mortgage auf das gesammte Eigenthum zu
zahlen sein wrde. Wie aber mit 30,000 Doll. Mortgage bei der Verfallzeit ein
noch viel grerer Werth als das in Rede stehende Eigenthum erlangt werden
knnte, wenn nur einigermaen richtig und auf den Zweck gearbeitet wird, brauche
ich den Herren nicht erst aus einander zu setzen.
    Ein Kopfschtteln Griswalds unterbrach den Sprechenden. Ich glaube, da
derartige Speculationen ber den Zweck der Association hinausgehen, sagte der
alte Advocat; ich stimme ganz mit dem ersten Redner berein, da nur ein
schneller, reeller Erfolg ins Auge gefat werden kann, wie er durch ein
Abstandsquantum zu erzielen ist, mag dieses auch durch Mortgage gezahlt werden;
die Verwandlung derselben in baares Geld wird auf keine Schwierigkeiten stoen
und die Ansprche eines Jeden von uns sofort befriedigt werden knnen.
    Ein vielfaches Nicken in dem Kreise der Anwesenden bekrftigte Griswalds
Einwurf, und dieser fuhr nach kurzem Ruspern fort: Wenn der hier anwesende
Theil der Association in der Angelegenheit richtig verfhrt, den Fall als einen
hoffnungslosen fr den bedrohten Theil ansieht und ihn so im Gesprche mit
Andern behandelt, wenn wir den Einflu, welchen unsere lngere Erfahrung uns
ber die jngeren Collegen in der Stadt gibt, richtig verwenden, wenn besonders
Mr. Murphy den Besitztitel entfernt von einer mglichen allzugenauen Prfung
Unberufener hlt, so bin ich fest berzeugt, da der jetzige Inhaber des
Eigenthums, schon wenn er die allgemeine Meinung der Gesetzkundigen gegen sich
sieht und bei der dadurch naturgem erzeugten Entmuthigung, sich zu dem in Rede
stehenden Abstandsquantum herbeilassen wird, besonders da es nicht in baarem
Gelde geleistet werden soll. Ich betrachte zugleich den einzuschlagenden Weg als
eine vollkommen ehrliche Taktik. Mit Sicherheit kann in dem vorliegenden Falle
Niemand den Ausgang eines einzuleitenden Processes bestimmen; selbst aber den
gnstigsten Ausgang fr den Beklagten angenommen, so wrde dieser an Kosten und
Gebhren dennoch eine jetzt kaum zu berechnende Summe zu zahlen haben, und wenn
sich auch das Abstandsquantum etwas hher als die Procekosten belaufen drfte,
so wird fr ihn der Unterschied reichlich durch die beseitigte Gefahr eines
gnzlichen Verlustes seines Eigenthums und die schnelle Ordnung der
Angelegenheit ausgeglichen.
    Einverstanden! lie es sich von mehreren Seiten hren, und Murphy, der
ungeduldig auf dem Geldkasten umher gerckt war, hielt sichtbar eine Erwiderung
zurck.
    Wenn deshalb Niemand gegen den vorgeschlagenen Plan etwas einzuwenden hat,
fuhr Griswald fort, so mchte ich empfehlen, langsam und vorsichtig unsere
Operationen zu beginnen. Mr. Murphy hat versprochen, sich mit mir in
fortwhrender Verbindung zu erhalten, und sollte sich irgend etwas von
Wichtigkeit ereignen, so soll Ihnen rechtzeitig Mittheilung davon werden. - Wer
von den Herren noch irgend etwas vorzutragen hat, mge sich melden. - Niemand!
Die Sitzung ist aufgehoben.
    Ohne Gerusch erhob sich ein Jeder. - Griswald schlo die Hinterthr auf,
und einzeln, in Zwischenrumen von einer Minute verlieen die Anwesenden die
Office. Hinter dem letzten schlo Griswald die Thr wieder, lschte die Lichter
aus und nahm seinen Weg durch das Vorderzimmer nach der Strae. Er hatte hier
kaum einige Schritte gethan, als er seinen Namen nennen hrte.
    Halloh, Mr. Nelson! rief er, den in der Dunkelheit Herankommenden
erkennend, und reichte ihm die Hand; habe Sie ja wer wei wie lange nicht
gesehen; betreiben jetzt angenehmere Geschfte als Advocatenpraxis, wie ich mir
sagen lie, he? Er brach in ein herzliches Gelchter aus und schttelte dem
jungen Manne derb die Hand. Begleiten Sie mich nach dem Hotel, Sir? Mein Magen
ist von der Hitze so schlaff, da ich ihm einen derben Brandy-Smash zu kosten
geben mu. Die Arznei schlgt aber auch das junge, hitzige Blut nieder; was
meinen Sie also dazu, Sir? Er lachte von Neuem.
    Well, ich danke Ihnen, Mr. Griswald, vielleicht nachher! erwiderte der
junge Advocat mit gedmpfter Stimme. Ich mchte gern ein paar Worte ungestrt
mit Ihnen reden; ich war Nachmittags schon einige Male in Ihrer Office, ohne Sie
treffen zu knnen.
    Aber, Mann, doch nichts Geschftliches heute mehr? sagte Griswald mit
komischem Entsetzen; ich versichere Sie, mein Kopf und mein Magen sind so
herunter, da ich kaum noch einen Gedanken fassen kann - ist es so eilig? Was
ist es denn?
    Es wre mir allerdings lieb gewesen, Sir, noch heute mit Ihnen zu reden,
war die Antwort. Squire Elliot ist bis jetzt in der Stadt geblieben, um aus
einer Conferenz zwischen mir und Ihnen etwas bessere Laune mit nach Hause nehmen
zu knnen. Sie kennen ja den sonderbaren Fall, welchen Murphy gegen ihn
vertritt!
    Bah! und da auch noch ein Wort darber reden! versetzte Griswald
geringschtzig. Lassen Sie die ganze Sache ruhig gehen und trinken Sie einen
Smash mit mir, das ist das Beste, was Sie in der Angelegenheit thun knnen.
    Aber, Mr. Griswald -
    Haben Sie das Document gesehen? Jedenfalls nicht, sonst bin ich von Ihrer
eigenen Routine in solchen Dingen berzeugt, da Sie nur die Achseln gezuckt und
Squire Elliot gerathen haben wrden, sich auf gute oder schlimme Weise, wie es
eben gegangen wre, mit dem Inhaber des Besitztitels abzufinden. - Ich mag mich
irren, fuhr er, die Schultern hebend, fort, Elliot mag irgend einen andern
erfahrenen Rechtsmann zu Rathe ziehen - ich selbst will aber mit einem solchen
verlorenen Posten in keiner Weise mehr in Berhrung kommen. Bei Jingo! setzte
er pltzlich lachend hinzu und schlug dem jungen Advocaten auf die Schulter, da
fllt mir ja ein, da Ihr junges Herz einen Antheil an der Sache hat -
Teufelsgeschichte das! Lassen Sie uns unsern Smash trinken und die Sorgen
vergessen - das ist wirklich das Einzige, was man jetzt thun kann.
    Das Document ist mir allerdings noch nicht zu Gesicht gekommen, sagte
Nelson und ging mit halb gesenktem Kopfe neben seinem ltern Collegen dem Hotel
zu; es war immer zur Beurtheilung in andern Hnden -
    Noch ein Wort! unterbrach ihn Griswald, wie von einem pltzlichen Gedanken
ergriffen stehen bleibend, ich nehme im Grunde genommen so viel Antheil an
Elliot, da ich ihn gern von einem unausbleiblichen Ruin retten mchte. Sie
haben Einflu auf ihn, wenigstens kann bei dem Verhltni, in welches Sie
knftig zu ihm treten wollen, kein Verdacht gegen Ihre Aufrichtigkeit in ihm
entstehen. Rathen Sie ihm, den alten Titel durch drei unserer erfahrensten
Rechtsanwlte prfen zu lassen - ich glaube kaum, da Murphy bei der Gewiheit
seiner Sache einen Einwand dagegen machen wird - und wenn der Squire dann die
Gewiheit von seiner Gefahr, an die er noch gar nicht zu glauben scheint,
eingesehen hat, so mag er seinen Stolz einmal in die Tasche stecken, sich zu
Murphy begeben und mit diesem ber ein Abstandsgeld unterhandeln. Elliot ist im
Besitz des streitigen Eigenthums und hat dadurch, dem Sprichwort nach, zwei
Drittel des Rechts fr sich. Murphy wird jedenfalls alle seine Mittel aufbieten
mssen, um, wenn sich Elliot wehrt, den Proce durchzufhren, und wird so, wie
ich mir denke, sein Ohr nicht gegen einen vernnftigen Vorschlag verschlieen.
Arbeiten Sie fr diesen Gedanken, junger Mann, wenn Sie wirklich Elliots Freund
sind, bringen Sie ihn zur vollen Erkenntni seiner Lage; das ist der einzige
Weg, um den Ruin von ihm und seiner Familie abzuhalten.
    Griswald ging schweigend weiter, bis sie das Hotel erreicht hatten und er in
den Bar-Room eintreten wollte.
    Ich denke, ich trinke jetzt nichts, Sir, Mr. Elliot erwartet mich, sagte
Nelson und ergriff die Hand seines Begleiters, sie krftig drckend, es scheint
mir wirklich, als sei Ihr Rath der beste, und wenn Murphy den von ihm
vertretenen Anspruch einer Prfung in der Weise, wie Sie es vorschlugen,
unterwerfen will, so sehe ich keinen Grund, warum Mr. Elliot sich nicht jeder
einigermaen annehmbaren Forderung unterwerfen sollte. Entschuldigen Sie mich
jetzt, Mr. Griswald, ich sehe Sie jedenfalls morgen wieder.
    Er wandte sich die Strae hinab. Griswald sah ihm mit einem kurzen Husten
nach und trat dann in den Bar-Room, wo er mit einem gemthlichen Lachen einen
Brandy-Smash fr einen verdrielichen Magen forderte.
    Es waren kaum zwei Tage vergangen, als auch die Gefahr, welche ber dem
Besitzer von Oaklea schwebte, schon das allgemeine Gesprch nicht nur in der
Stadt, sondern auch im ganzen County bildete. Elliots Besitzrecht, welches
dieser von den Vereinigten Staaten erworben hatte, war als so unantastbar
betrachtet worden, da unter die Grundbesitzer, welche aus zweiter Hand gekauft
hatten, mit der Nachricht von der Bedeutsamkeit des erhobenen Anspruchs ein fast
panischer Schrecken gefahren war. Alle die Advocaten, welche als routinirt in
den Land-Verhltnissen galten, hatten beide Hnde voll zu thun, um lngst
geprfte Besitztitel einer neuen sorgfltigen Untersuchung zu unterwerfen;
kleine Fehler darin, welche sonst stets unbeachtet gelassen worden waren,
erhielten pltzlich eine bengstigende Wichtigkeit; man erzhlte sich, da den
beiden Nachbarn Elliots, welche, wenn auch nur zu einem geringen Theile, von dem
neu aufgetauchten Besitztitel betroffen wurden, von ihren Advocaten
achselzuckend der Rath ertheilt worden war, abzuwarten, welchen Weg Elliot
einschlagen werde, und sich diesem dann anzuschlieen, wenn sie berhaupt sich
Kosten zu machen gedchten; die erfahrensten Rechtsanwlte der Stadt sprachen es
unverhohlen aus, da nur in einem Uebereinkommen und einem groen Opfer von
Elliots Seite einige Aussicht zur Rettung fr diesen zu suchen sei, und keiner
von Allen, welche Einsicht in das alte Document erhalten hatten, schien es nur
der Mhe werth zu finden, sich in eine weitere Deduction des Falles einzulassen.
Oaklea hatte in diesen Tagen mehr Besuche erhalten als jemals zuvor; jedem
Ankommenden aber war durch die Schwarze der Bescheid geworden, da der Squire
mit der Familie ausgefahren sei, und die Neugierigen hatten unverrichteter Sache
wieder abziehen mssen.
    Es war am fnften Abende, als Elliot in seiner Bibliothek mit groen
Schritten auf- und abging. Zur Seite des Fensters wiegte sich seine Frau
mechanisch im Schaukelstuhle und am Tische sa Nelson, den Kopf leicht in die
Hand gesttzt.
    Ich mag berlegen wie ich will, sagte der Hausherr stehen bleibend, so
ist ein solcher Betrag kaum geringer als ein Ruin. 30,000 Doll. in einer
Mortgage gegeben, machen jhrlich 3000 Doll. Zinsen. Woher soll ich diese
fortlaufend schaffen, wenn ich nicht nur fr das Bestehen meiner Familie
arbeiten will? Er setzte seinen Gang von Neuem fort.
    Nehmen Sie meinen Vorschlag an, Mr. Elliot, begann Nelson, den Kopf
erhebend, veruern Sie einen Theil der Farm, und wenn es ein ganzes Viertel
sein sollte, und decken Sie mit dem Erlse die Mortgage, ehe sie zu viele Zinsen
frit. Sie haben das Gutachten unserer ersten Advocaten ber den Fall gehrt,
Sie denken selbst nicht mehr an einen Proce, und so heit es jetzt, aus dem
Schlimmen das Beste zu machen, was sich machen lt. Murphy wird bald hier sein,
und Sie sollten bis dahin einen klaren Entschlu gefat haben.
    Ich wei Alles und Sie haben vollkommen Recht! erwiderte Elliot hastiger
schreitend, wenn der Entschlu nur so leicht wre, als Sie meinen. Sie kennen
meine Farm nicht, Sir, sie ist ein so abgerundetes Besitzthum, da ich nicht
wei, wo lostrennen, wenn ich fr einen Kufer nur ein halbwegs Ganzes daraus
schaffen soll. Meine Nachbarn haben schon mehr Land als sie bewirthschaften, und
wer wrde auer diesen dreiigtausend Dollars fr ein Eigenthum zahlen, das
nichts Halbes und nichts Ganzes ist? Mein Land hat seinen Werth, die Hhe
desselben liegt aber dennoch viel in der Liebhaberei und sttzt sich auf den
Zusammenhang der ganzen Farm - dazu sind die Zeiten nicht eben brillant. Reien
Sie heute ein Stck ab, das erst neuer Gebulichkeiten und neuer Einrichtungen
bedarf, lassen Sie die Leute wissen, da ich verkaufen mu, und ich will Ihnen
danken, wenn Sie mir einen Kufer bringen, welcher nur die Hlfte des hier
geltenden Ackerwerthes zahlt. Ich wei, da ich in den sauren Apfel beien mu,
nur wei ich noch nicht wie, um mir nicht die Zhne fr alle Zeit zu verderben.
    Nelson sah trbe vor sich nieder, und die Frau vom Hause verfolgte mit
ngstlichem Auge den Gang ihres Mannes.
    Warten wir, bis dieser Murphy kommt, und erzhlen Sie mir whrend der Zeit
etwas Anderes, begann Elliot nach einer Weile wieder und strebte sein Gesicht
aufzuklren. Haben Sie nichts von dem Thun und Treiben des Deutschen
wahrgenommen, der noch ein Stein in unserm Wege ist? Ich denke, er wird in den
nchsten Tagen selbst kommen und mir seine Propositionen stellen - aber billiger
als Mr. Murphy! fuhr er bitter lchelnd fort.
    Es ist schwer, ber die jetzige Lage des Menschen ein Urtheil zu fllen,
versetzte Nelson aufblickend. So oft ich ihn sehe, liegt eine Ruhe und
Sicherheit in seinem Gesichte, als knne nichts seine Stellung hier erschttern.
Seit er aus der Akademie entlassen ist, verbringt er regelmig die Stunde nach
Mittag bei den Zeitungen im Hotel, woraus er sich Notizen macht; auerdem hat er
sich, wie ich hre, von seinem Tischnachbar die Reden groer amerikanischer
Staatsmnner geliehen, und ich glaube, da er seine meiste Zeit mit einem
Studium der englischen Sprache ausfllt. In Geldverlegenheit scheint er durchaus
nicht zu sein. Gestern hat er sein Kostgeld im Hotel fr einen Monat
vorausbezahlt, und am Abend sah ich seinen Schwarzen einen Wagen voll Welschkorn
zu Pferdefutter abladen. Es will mir fast scheinen, als stnden ihm Mittel zu
Gebote, welche ihm seinen Verdienst als Musiklehrer ganz entbehrlich machen.
    Mittel - hah, ich kenne seine Verhltnisse! sagte Elliot mit dem Ausdruck
grndlicher Verachtung. Was er hat, stammt von mir oder ist aus Ellens frheren
Ersparnissen angeschafft worden. Er mag noch etwas von seinem bisherigen
Verdienst brig haben, mit dem er vielleicht glaubt, den Leuten Sand in die
Augen streuen zu knnen; das kann aber nur noch kurze Zeit anhalten, und dann
sitzt er hier ohne auch nur das nthige Geld zu haben, um nach dem Osten
zurckkehren zu knnen. Ich glaube kaum, da weitere Schritte gegen ihn
nothwendig sind. Hat er noch Umgang?
    Wol kaum nennenswerth, Sir - seine frheren Besuche bei den Familien der
Stadt hat er, so viel ich erfahren, vollstndig eingestellt - wie lange das aber
anhalten wird, wei ich nicht. Erst vorgestern sprachen sich ein halbes Dutzend
Ladies dahin aus, er habe eine Manier zu gren, wenn er ein bekanntes Gesicht
auf der Strae treffe, man wisse nicht, solle man es stolz, oder verbindlich,
oder beides zusammen nennen, jedenfalls aber sei es durchaus unmglich, ihn
unbeachtet zu lassen. Und wenn ich dazu das Bedauern rechne, welches sich
bereits hier und da ber den eingetretenen gnzlichen Mangel an Musikunterricht
ausspricht, so scheint mir, da wir bald die Zeit erleben knnen, wo er, wenn
auch nicht in der Akademie, doch in den einzelnen Familien seine Beschftigung
wieder aufnimmt.
    Er wird es nicht thun, Gir, - niemals unter den jetzigen Umstnden!
entgegnete Elliot mit zusammengezogenen Augenbrauen; entweder lt er seinen
Hochmuth fahren und geht auf meine Bedingungen hin eine Scheidung ein, oder er
verlt den Staat. Lassen Sie mich nur das Dringendste, den Murphy'schen
Anspruch, geordnet haben, und dann nennen Sie mich einen Lgner, wenn ich nicht
binnen Kurzem mein Wort lse.
    Er setzte finster seine Wanderung durchs Zimmer fort, whrend sich Nelson,
den Kopf wieder in die Hand gesttzt, seinen Gedanken berlie, und die Hausfrau
matt zurckgelehnt aufs Neue sich in ihrem Stuhl zu wiegen begann.
    Fnf Minuten mochten wortlos verstrichen sein, als sich die Thr halb
ffnete und das Gesicht einer Schwarzen erschien. Mr. Murphy ist im Parlor,
Sir!
    Elliot blieb stehen und sah nach seiner Frau zurck. Es ist besser, Liebe,
du lt uns jetzt allein, sagte er halblaut, ich mag die Angelegenheit nicht
im Parlor verhandeln. - Ich lasse Mr. Murphy bitten, sich nach der Bibliothek zu
bemhen. Zeige ihm den Weg, Flora, wandte er sich dann gegen die Schwarze,
whrend die Hausfrau sich erhob und an den Pflanzer herantrat. Ordne die Sache
so glatt und so schnell als du kannst, John, und mache dir keinen Kummer um
mich, sagte sie, ihre Hand auf seine Schulter legend, was geopfert werden mu,
geht ohne unsere Schuld verloren, und darum mache dir das Herz nicht zu schwer
damit.
    Er kte sie leicht auf die Stirn und fhrte sie nach der Thr, welche in
diesem Augenblick durch die Schwarze von auen geffnet ward, um den
angekommenen Advocaten einzulassen. Murphy verbeugte sich tief vor der
heraustretenden Hausfrau und wandte sich dann grend zu Elliot.
    Treten Sie ein, Sir! sagte dieser und schlo hinter dem Advocaten die
Thr. Sie mssen entschuldigen, da ich Ihnen die Mhe des Weges hierher
gemacht habe, whrend ich selbst Sie htte aufsuchen sollen; ich gestehe Ihnen
aber, da ich eine wahre Angst vor den neugierigen Gesichtern in der Stadt habe,
so lange unsere Angelegenheit noch nicht geordnet ist. Sie haben mich durch Ihre
Bereitwilligkeit, die Sache hier in Oaklea zu besprechen, wirklich zu Dank
verpflichtet. Setzen Sie sich, Sir!
    Murphy neigte nur als Erwiederung auf die Worte des Pflanzers langsam den
Kopf, warf Nelson einen vertraulich grenden Blick zu und lie sich auf dem
nchststehenden Stuhle nieder.
    Well, Sir, begann Elliot, dem Advocaten gegenber Platz nehmend, lassen
Sie uns sofort der Sache auf den Leib rcken. Mr. Nelson hat mir Ihren Vorschlag
ber die Hhe eines Abstandsgeldes fr Ihren Anspruch mitgetheilt; ich habe ihm
aber auch vor kaum einer Viertelstunde bewiesen, da die Hhe des Betrages mit
meinem Ruin und dem meiner Familie auf gleicher Stufe steht. Wenn ich einmal zu
Grunde gehen soll, so gestehe ich Ihnen, da ich das lieber im offenen Kampfe
thue als erst Jahre lang alle Sorgen und Qualen durchzumachen, um die Zinsen fr
eine Mortgage aufzubringen, die mir am Ende doch noch den Hals brechen mu. Ist
es Ihnen daher wirklich um einen Vergleich zu thun, Sir, so stellen Sie eine
Summe auf, die ein Mensch in unsern Verhltnissen hier erschwingen kann, wenn es
auch selbst mit groen Opfern geschehen mte.
    Murphy hob den Kopf mit einem kalten Lcheln. Ich wei nicht, ob Sie die
Verhltnisse richtig beurtheilen, Sir, sagte er, ich stehe nicht hier fr
einen Anspruch meinerseits, sondern bin nur Anwalt fr die Erben eines
Nachlasses, in welchem sich das bekannte Document vorgefunden hat. Wenn ich nun
auch mit vlliger Machtvollkommenheit bekleidet bin, um zur Vermeidung eines
kostspieligen Processes ein Arrangement mit Ihnen zu treffen, so mte ich doch
die schwerste Verantwortung auf mich laden, wenn ich aus irgend welchen
Rcksichten den sichern Erfolg eines so bedeutenden Processes fr einen Betrag,
der im Verhltni dazu eine Bagatelle genannt werden knnte, eintauschen wollte.
- Ich hatte nicht erwartet, fuhr er fort, das dunkle Auge ruhig auf dem
Pflanzer ruhen lassend, da mir hier berhaupt noch ein Einwand entgegentreten
wrde. Der Weg, welchen ich ursprnglich einzuschlagen beabsichtigte, war ein
anderer, und nur ein lngeres Gesprch mit meinem Freunde Nelson, dem ich, schon
unserer gemeinschaftlichen Zukunft halber, gern einen Einflu auf meine
Handlungen als Anwalt gestatte, bewog mich, einen Betrag als Abstandsgeld zu
stipuliren, welcher kaum den sechsten Theil des Werthes Ihrer Farm ausmacht, und
die Verantwortlichkeit dafr auf mich zu nehmen, bewog mich auch zu gleicher
Zeit, Ihnen als dem Freunde Nelsons selbst entgegen zu kommen. Ich fhle mich
unglcklich, strend in Ihr husliches Glck treten zu mssen; das ist nun aber
einmal des Advocaten Loos im Allgemeinen. Ich will Sie durchaus nicht zu einem
Vergleich drngen, Mr. Elliot; ich werde mich vielleicht ruhiger fhlen, wenn
ohne weitere Verantwortlichkeit meinerseits die Angelegenheit den gewhnlichen
Proceweg nimmt. Da aber einmal ein Vorschlag gemacht ist, so lassen Sie mich
einfach wissen, ob Sie ihn anzunehmen gedenken oder nicht.
    Der Pflanzer blickte in finsterm Schweigen vor sich nieder und schttelte
nur dann und wann, wie einen einzelnen Gedanken verfolgend, den Kopf.
    Wenn Sie auf ein einfaches Ja oder Nein dringen und keiner andern
Verhandlung Raum geben wollen, sagte er endlich aufsehend, so ist es mir ganz
unmglich, Sir, mich sofort zu entschlieen; wenigstens mten Sie mir eine
kurze Zeit lassen, um mich ber die Mglichkeit zu versichern, einer Mortgage
von so hohem Betrage zur rechten Zeit begegnen zu knnen.
    Murphy schien nachzudenken.
    Ich will Sie, wie gesagt, nicht drngen, Squire, sagte er nach einer
Weile; ich glaube mit einer Bedenkzeit meinen Clienten nichts zu vergeben. Sind
Ihnen acht Tage genug?
    Wenn Sie glauben, mir nicht lngere Zeit geben zu knnen, so mu ich
zufrieden sein.
    Gut, Sir, mag es so sein! erwiderte Murphy, sich erhebend. Heute ber
acht Tage mag mir Freund Nelson Ihren definitiven Bescheid berbringen. Die
ganze Angelegenheit ist mir herzlich leid, Mr. Elliot, und ich kann Sie nur
bitten, mich als Menschen nicht entgelten zu lassen, was der Advocat gegen Sie
zu thun hat.
    All right, Sir! versetzte Elliot mit einem sauren Lcheln und verlie
ebenfalls seinen Stuhl. Jeder hat auf seinen eigenen Vortheil zu sehen, das ist
der Welt Lauf.
    Gute Nacht, Mr. Elliot!
    Gute Nacht, Mr. Murphy -
    Glauben Sie mit dem Aufschub etwas gewonnen zu haben? fragte Nelson, als
der Advocat das Zimmer verlassen hatte.
    Jedenfalls Zeit, die nichts kostet, erwiderte der Pflanzer. Die
Hauptsache aber ist, da ich whrend dieser Woche irgend eine Mglichkeit zum
Verkaufe eines Theils meiner Lndereien ausfindig mache, und dazu sollen Sie mir
helfen, junger Freund. Sollte ich auch alle die Opfer, welche ich voraussehe,
dabei bringen mssen, so will ich lieber ein kleineres, freies Eigenthum haben,
als ein groes mit einer Mortgage belastet, welche jede Nacht als ein Alp meine
Trume heimsuchen wrde. Kommen Sie jetzt zum Abendtisch, der wol schon lange
auf uns wartet - wir sprechen spter mehr ber die weitern nothwendigen
Schritte. -
    Murphy hatte die Stadt wieder erreicht, das gebrauchte Pferd wieder in den
Leibstall zurckgeliefert und ging im Globe-Hotel die Treppe nach dem von ihm
bewohnten Zimmer hinauf, um sich von dem Straenstaube zu reinigen, als er einen
Tritt hinter sich vernahm, der sich genau dem seinigen anpate. Er sah sich nur
flchtig nach der ihm folgenden Person um, schlo sein Zimmer auf und stellte
hier das mitgebrachte Licht auf den Tisch. - Als er sich umwandte, fiel sein
Blick auf die Gestalt eines Mannes neben der Thr, von dem sich indessen in der
schwachen Beleuchtung nichts Bestimmtes erkennen lie. Wer ist da? fragte
Murphy barsch.
    Die Gestalt kam einige Schritte nher, nahm den Hut ab, verbeugte sich und
sagte: Mein Name ist Wells, Sir - Henry Wells, Ihnen zu dienen!
    Der Advocat starrte den Mann eine Weile sichtbar betroffen an. Schwarzes,
lockiges Haar umgab ein glattrasirtes Gesicht; ber einer goldenen Brille
zeichneten sich ein Paar dunkle, geschwungene Augenbrauen ab, und nur ein
eigenthmlicher Zug von Sarkasmus um Mund und Kinn mahnte den Advocaten an
frhere Bekanntschaft.
    Bei Gott, jetzt erkenne ich Sie erst wieder, Seifert, rief dieser endlich
wie in unangenehmer Ueberraschung. Ihre Verwandlung ist gut, aber in des
Himmels Namen, was fhrt Sie denn hierher, wo Sie keinen Augenblick sicher sind,
festgenommen zu werden? Sie entsinnen sich doch noch des Sklavendiebstahls beim
Squire Elliot?
    Sklavendiebstahl - festnehmen - hm! Aus dem Loche pfeift also jetzt der
Wind! sagte der Andere ruhig, beide Arme ber einander schlagend, ich denke,
wenn man Wells heit und selbst von dem eigenen Geschftepartner nicht wieder
erkannt wird, so kann die Gefahr nicht so gro sein. Ist Ihnen denn mein Besuch
so unangenehm, Sir, da Sie gleich versuchen mssen, mir die Freude des
Wiedersehens zu verbittern? Oder hatten Sie mit etwas zu groer Sicherheit
darauf gerechnet, da mir der Boden hier zu hei sein wrde?
    Well, Sir, um kurz zu sein: was fhrt Sie eigentlich hierher? fragte
Murphy mit gerunzelter Stirn.
    Sonderbare Frage! erwiderte Seifert mit anscheinender Befremdung den Kopf
schttelnd. Sind wir nicht Partner in dem Geschfte, welches Sie jetzt hier
betreiben, habe ich nicht meinen Theil Arbeit gewissenhaft erfllt, so da ich
jetzt als Zuschauer Ihre weitern Schritte beobachten darf? Frchten Sie durchaus
nicht, da ich Ihnen lstig werde, Sir; ich habe bereits zu meinem groen
Vergngen gehrt, wie meisterhaft Sie alles Nthige eingeleitet haben, am unserm
Geschft einen vollstndigen Erfolg zu sichern. Ich habe das grte Vertrauen zu
Ihrem Talente, und ich gestehe Ihnen, da ich bereits in der Idee schwrme,
endlich einmal etwas wie ein wohlhabender Mann zu werden.
    In Murphy's Gesicht bildete sich ein Zug, halb stiller Aerger, halb Hohn.
Und wenn ich Ihnen nun sage, Sir, da Sie sich wegen des erwarteten Erfolges
verrechnet haben, sagte er sich gegen den Tisch lehnend, da der Proce gar
nicht eingeleitet werden wird und, Alles in Allem, kaum so viel bei dem
Unternehmen herausspringen kann, um die von mir daran gewandten Kosten zu
decken? Wenn ich Ihnen deshalb sage, da durchaus keine Ursache fr Sie
vorhanden ist, um sich hier einer Gefahr der Erkennung preiszugeben?
    So, so - hm, hm! entgegnete Seifert mit vollkommener Ruhe. Trotz alledem,
lieber Herr, gedenke ich doch ein Weilchen die hiesige Landluft zu genieen. Ich
habe nun einmal die fixe Idee, da Henry Wells hier keine besondere Gefahr zu
frchten hat, selbst wenn Sie, Sir, um ihn los zu werden, ihm ein
Freundschaftsstckchen spielen und die alten Geschichten, welche der Mann
Seifert begangen haben soll, wieder aufwrmen wollten. In einem solchen Falle
knnte ich eine unterhaltende Historie von einem gestohlenen Depositenscheine
aus dem Nachlasse des Pedlars Isaak Hirsch erzhlen, knnte ganz merkwrdige
Enthllungen ber die Weise geben, wie der Anspruch gegen Squire Elliot in die
Hand eines hiesigen Advocaten gespielt worden ist, und dergleichen mehr, was
jedenfalls die Glaubwrdigkeit meines Anklgers etwas erschttern drfte. Ich
halte mich nach dieser Seite hin nicht nur fr gedeckt, sondern glaube auch noch
erwarten zu drfen, da mich Mr. Murphy als seinen alten Freund Henry Wells aus
New-York identifiziren wrde, wenn es irgend einem andern Jemand einfallen
sollte, daran zu zweifeln.
    Murphy hatte sich verfrbt. Wer sagt Ihnen denn, Sir, da ich etwas gegen
Sie unternehmen will? Ich wei leider nur zu gut, wie ich mit Ihnen stehe,
sagte er und suchte seinen Zgen sichtlich Festigkeit zu geben; aber ich frage,
was ist der Zweck Ihres Hierseins, das nichts ntzen, Sie aber jeden Augenblick
in Verlegenheit bringen und mich mit hineinziehen kann?
    Und wenn es nun kein anderer gewesen wre, als das Andenken meiner geringen
Person bei Ihnen etwas aufzufrischen - kme ich nicht gerade jetzt zur rechten
Zeit? lchelte Seifert mit seiner ironischen Hflichkeit. Sie sagten so eben
noch, es knne bei unserm Unternehmen kaum etwas fr mich abfallen, - wre es
nicht besser, Sie berlegten sich die Sache noch einmal?
    Ich habe Ihnen gesagt, da der Fall nicht zum Proce kommen kann,
versetzte der Advocat finster; ich habe den Werth des Documentes, auf welchem
die ganze Speculation ruht, berschtzt. Eine Kleinigkeit werde ich jedenfalls
durch den erzeugten Schrecken herauspressen knnen, und Sie sollen nicht um
Ihren Antheil kommen.
    Very well, Sir! unterbrach Seifert, ein ernstes, bedenkliches Gesicht
ziehend, ich darf natrlich an Ihrer Wahrheitsliebe nicht zweifeln - ich mu
Ihnen aber Eins sagen. Wie es Leute gibt, welche hunderttausend Dollars mit
Vergngen stehlen wrden, wenn sie knnten, whrend sie vor einem Diebstahl von
fnf Dollars zurckschaudern, so wrde ich selbst mir die grten Gewissensbisse
machen, einen armen Judenjungen zu Tode und eine achtbare Pflanzerfamilie dem
Ruin nahe gebracht zu haben, wie dies Letztere wenigstens die ganze Stadt
behauptet - wenn ein reichlicher Erfolg diese Snden nicht lohnte. Und
Gewissensbisse sind ein erschreckliches Ding, Sir, wenn sie den Menschen
treiben, wieder gut zu machen, was er verbrochen. Ueberlegen Sie also noch
einmal, Mr. Murphy, was sich thun lt, um dem Uebel vorzubeugen - in einigen
Tagen sehe ich Sie wieder, und wir werden dann bestimmter mit einander reden.
Einstweilen leben Sie wohl. Sollten wir uns heute noch im Bar-Room sehen, so
wissen Sie, wer ich bin und wie lebhaft unsere alte Freundschaft fr einander
ist. Er nickte dem Advocaten lchelnd zu und schritt langsam aus dem Zimmer.
    Murphy, an den Tisch zurckgekehrt, hatte sich whrend der letzten Worte
gezwungen, dem Sprechenden fest ins Gesicht zu sehen, und blieb in seiner
Stellung, bis er Seiferts letzte Schritte auf der Treppe verhallen hrte. Mit
einem unterdrckten Fluch schlug er dann mit der Faust auf den Tisch und warf
sich auf den nchsten Stuhl. Eine Weile sah er finster sinnend vor sich nieder,
pltzlich aber, wie von einem lichten Gedanken erfat, sprang er auf und sah
nach seiner Uhr. Noch Zeit! brummte er, griff nach seinem Hut und verlie
raschen Schrittes das Hotel. Er bog von der Hauptstrae des Stdtchens in einen
Nebenweg ein, bis er die Rckseite von Griswalds Office erreichte, wo sich durch
die geschlossenen Jalousien ein schwacher Lichtstrahl stahl. Auf ein dreimaliges
Klopfen ffnete sich die Thr und er verschwand dahinter.
    Eine halbe Stunde mochte vergangen sein, als er, von Griswald begleitet,
wieder heraustrat. Keinen Schritt darf er unbeaufsichtigt thun, und Sie mssen
noch heute die nthigen Anstalten deshalb treffen, sagte Murphy mit gedmpfter
Stimme, und sollte sich Ihre Vermuthung besttigen, so werde ich fr das
Uebrige Vorsorge treffen. Beide schieden, sich die Hnde schttelnd.

                                     VIII.


Es war kaum sechs Uhr am nchsten Morgen, aber Helmstedt sa schon eine Weile
vor seinem Arbeitstische, auf welchem sich an Stelle der frher vorhandenen
Musikalien mehrere Ste Bcher zeigten, und schien ganz in das Studium eines
vor ihm liegenden dickleibigen Bandes versunken zu sein. Dann und wann machte er
auf einem Papierbogen kurze Bemerkungen und fuhr dann um so eifriger in seiner
Lectre fort. - In den ersten zwei Tagen nach seiner Entlassung aus der Akademie
hatte er kaum gewut, was er mit seiner Zeit beginnen sollte; er hatte whrend
der heien Stunden des Tages, die ihn ins Haus bannten, stundenlang auf seinem
Sopha gelegen und mit offenen Augen getrumt von dem vergangenen Jahre, das in
seinen mannichsachen Ereignissen ihm oft wie ein halbes Leben dnkte, getrumt
von einer Zukunft voller Seligkeit und Befriedigung, die er doch selbst fr
unmglich hielt. Er hatte sich wol bald selbst gesagt, da diese Lebensweise
nicht lange fortdauern drfe, wenn er nicht erschlaffen und sich untchtig fr
eine sptere geregelte Thtigkeit machen solle - aber das: was beginnen, ohne
seinen jetzigen Aufenthaltsort zu verlassen, war die Frage, welche er nicht zu
beantworten vermochte. So hatte er sich am dritten Tage unzufrieden mit sich
selbst wieder auf das Sopha geworfen. Seine Zukunft kam ihm fast eben so planlos
vor, als zu der Zeit, wo er in New-York gelandet und in ungezwungenem Miggange
sein Geld hatte verzehren mssen - da tauchte mit den Bildern aus seinem
damaligen Leben pltzlich der Rath in seiner Erinnerung auf, welchen ihm Pauline
nach ihrem ersten Zusammentreffen mit ihm gegeben, ein Rath, den er in jener
Zeit bei seiner Unkenntni der englischen Sprache und der ganzen amerikanischen
Verhltnisse so kindlich naiv gefunden, da er sich des Lachens nicht hatte
erwehren knnen. Sie sind doch von Haus aus Jurist und haben ein glnzendes
Examen bestanden, hatte sie ihm gesagt, warum werfen Sie sich hier nicht
wieder auf Ihr altes Fach, gehen zu einem Advocaten und lernen, was Ihnen in dem
hiesigen Lande noch Noth thut, halten nachher Reden, werden bekannt, bekommen
dadurch eine tchtige Praxis, oder lassen sich in ein paar Jahren zu einem Amte
whlen? Wenn ich ein Mann wre, ich wrde in Amerika gar nichts Anderes als
Advocat! - Jetzt war es ihm, als werde es mit einem Male hell in seiner Seele.
Was damals fr ihn unmglich gewesen, das durfte er jetzt wenigstens als
erreichbar betrachten - und in jedem Falle hatte er ein neues Ziel fr sein
Streben gefunden. Erregt setzte er sich aufrecht. Er dachte wol einen Augenblick
an alle die Schwierigkeiten, welche dem Deutschen in einer solchen Carriere
entgegentreten mssen, sobald er sich ber den groen Tro des Standes zu
erheben gedenkt - er dachte an alle die groen Lcken, welche er auszufllen
haben wrde, an alle die Arbeit, welche vor ihm lag - aber Arbeit war es gerade,
was er brauchte. Zuerst wollte er sich vollkommen zum Meister der englischen
Sprache machen; er fhlte, da er nur dies bedurfte, um berzeugend auf irgend
ein Publikum wirken zu knnen, und mit einem stillen Behagen erinnerte er sich
der Complimente, welche ihm seine eigene Vertheidigungsrede whrend des
Baker'schen Mordprocesses von gewiegten Advocaten eingetragen hatte. Daneben
sollte es zu einem grndlichen Studium der neuern Geschichte der Vereinigten
Staaten, besonders wo diese auf Rechtsfragen Einflu haben konnte, gehen - das
war vorlufig Arbeit fr die nchsten sechs Monate, und dann erst wollte er
seinen weitern Studiengang nach den Verhltnissen, wie sie sich bis dahin fr
ihn gestaltet haben wrden, bestimmen. Es kam eine Beruhigung, wie er sie noch
niemals in Amerika gefhlt, ber ihn, als er mit diesen Entschlssen im Klaren
war; er hatte lngst gefhlt, da sein bisheriger Beruf als Musiklehrer eben nur
Nothbehelf fr ihn gewesen war und stets nur geblieben wre, so sehr auch bis
jetzt sein ganzes Interesse sich darauf gerichtet hatte, und zum Handelsstande,
wozu ihn der alte Pedlar gedrngt hatte, pate seine ganze Natur nicht. Konnte
er sich der Advocatur zuwenden, so kam er wieder auf den Boden, welchem er sein
ganzes Arbeiten und Streben in Deutschland gewidmet, und wenn sich jemals eine
Gelegenheit dazu fr ihn bieten konnte, so war sie jetzt da, wo er fr eine
Zeitlang die Mittel zum Leben und volle Zeit fr die nthigen Studien hatte.
    Noch an demselben Nachmittage hatte er sich von einigen Bekannten, welche
ihm der Mittagstisch im Hotel nher gebracht, so viele Bcher zusammengeborgt,
als er fr die erste Zeit zu seinem Zwecke fr nothwendig erachtete, und am
nchsten Morgen begann er nach einem selbstgeschaffenen Systeme seine Arbeiten,
denen er whrend der folgenden Tage ohne Hast, aber mit voller Beharrlichkeit
oblag. Und so sa er auch jetzt am frhen Morgen bereits an seinem
Schreibtische.
    Eine halbe Stunde mochte er ohne Unterbrechung gearbeitet haben, als sich
die Thr ffnete und Csar mit einer groen Tasse voll rauchenden Kaffee's
erschien; es war dies eine Neuerung, die Helmstedt eingefhrt hatte, um nicht in
den Morgenstunden des Frhstcks wegen das Haus verlassen zu mssen, und Csar
hatte schnell genug gelernt, seinen Herrn in deutscher Weise zu bedienen. -
Helmstedt schob sein Buch bei Seite und lehnte sich in seinen Stuhl zurck.
    Well, Csar, etwas Neues?
    Nichts Groes, Master, entgegnete der Schwarze, die Tasse niedersetzend.
Mrs. Morton ist noch immer traurig und niedergeschlagen; sie habe, meinte Mary,
gestern nicht so viel gegessen, da ein Vogel daran genug haben knne. Doctor
Ford hat ihr beim Mittagstische erzhlt, da Mr. Elliot wol seine Farm verlieren
werde, und das hat sie so aufgeregt, da ihr der Doctor ein niederschlagendes
Pulver hat geben mssen. Der Doctor hat gesagt, ihre Reizbarkeit komme vom
Klima, das sie noch nicht gewohnt sei und auch von ihrem einsamen Leben; sie
solle sich mehr Zerstreuung machen; und Mrs. Morton hat gesagt, sie werde
nchster Tage einmal nach Little Valley fahren, sich die Farm betrachten und
zusehen, was dort gethan werden msse; das werde ihr Arbeit und Zerstreuung
geben.
    Wie steht es jetzt in Little Valley? fragte Helmstedt gedankenvoll.
    Es ist noch beim Alten, Sir! antwortete der Schwarze. Doctor Ford hat
aber gesagt, er werde in den nchsten Tagen einen andern Aufseher schaffen.
    Helmstedt nickte langsam und griff nach seinem Kaffee. Es ist gut, Csar.
    Der Schwarze verlie das Zimmer und Helmstedt wollte sich wieder seiner
Beschftigung zuwenden, aber er konnte seine Gedanken nicht festhalten. Schon
Tags vorher hatte ihm Csar einen hnlichen Bericht wie den heutigen gebracht,
dem er nur wenig Wichtigkeit beigelegt hatte - heute indessen fiel ihm die
wiederholte Meldung mit ihren Details auf. War es nur ein vorbergehendes
krperliches Leiden, oder lag die Ursache von Paulinens krankhafter Stimmung
tiefer - konnte nicht, bei ihrem jungen warmen Herzen ein Gefhl fr irgend eine
dritte Persnlichkeit in ihr leben, dem sie in ihrer abgeschlossenen Stellung
nicht genug thun konnte und das zugleich die Ursache ihrer Schroffheit gegen ihn
selbst und seine freundlichen Anerbietungen war? Helmstedt fhlte, wie ihm der
Gedanke das Blut zum Herzen trieb; er erhob sich und durchschritt einige Male
langsam das Zimmer; bald hatte er wol seine innere Haltung wieder gewonnen, aber
mit dem Interesse an seinem Studium war es fr den Augenblick vorbei. Eine
erfrischende Luft wehte ihm aus dem offenen Fenster entgegen und er beschlo,
einen Gang durch die Stadt zu machen, um sich andere Gedanken zu holen und dann
mit neuer Lust an seine Arbeit zurckzukehren. Er kleidete sich an und wanderte
dann langsam die Hauptstrae des Stdtchens hinab, wo bereits Weie und Schwarze
in lebhaftem Marktverkehr sich durcheinander trieben.
    Es ist ein Brief fr Sie da, Mr. Helmstedt - schon seit zwei Tagen! hrte
er eine Stimme neben sich und sah aufschauend in das Gesicht des Postmeisters,
welcher indessen das Postamt nur als eine Unterabtheilung seines Stores fhrte,
vor dessen Thr er eben jetzt auf- und ab spazierte.
    Fr mich, Sir? fragte der junge Mann zweifelnd.
    Wenigstens steht Ihr Name darauf, treten Sie ein, Sir, zehn Cents Porto!
    Helmstedt empfing ein dickgeflltes Couvert, auf welchem seine Adresse mit
voller Genauigkeit verzeichnet stand, zahlte das Porto und verlie den Store. Er
besah die sonderbar aussehende Zuschrift und schttelte den Kopf; von wem konnte
er wol einen Brief zu erwarten haben, wer bekmmerte sich in dem groen Amerika
um ihn? Das Postzeichen war so undeutlich aufgedruckt, da es nicht zu erkennen
war, und es machte ihm Vergngen, sich in zehnerlei verschiedenen Vermuthungen
zu ergehen, ehe er den Umschlag ffnete. Eine Anzahl Bogen, mit einer Schrift
bedeckt, von welcher jeder Buchstabe reichlich einen halben Zoll ma, fiel in
seine Hnde; trotz der Gre der Worte war es aber, wie es Helmstedt bei dem
ersten Blick auf die Orthographie derselben scheinen wollte, eine nicht
unbedeutende Arbeit, ihren Sinn zu ergrnden. Er wandte die Bogen, um nach der
Unterschrift zu sehen, hatte aber Mhe, das rechte Ende des Schreibens zu
finden, bis seine Augen endlich auf den mit riesigen Buchstaben geschriebenen
Namen: Karl Meiners, genannt Dutch Charley, fielen. Ein heiteres Lcheln ging
ber Helmstedt's Gesicht, er wandte sich quer ber den Weg nach dem Globe-Hotel
und setzte sich dort im Warte-Zimmer nieder, um in Ruhe den Inhalt des
erhaltenen Schreibens zu entziffern. Eine kurze Zeit lang schien ihn das Studium
der verschiedenen Worte zu belustigen; bald aber wurde sein Blick gespannter,
hastiger, und mit zusammengezogenen Augenbrauen arbeitete er sich durch die
Hindernisse, welche sich dem Verstndni des Sinnes entgegenstellten, bis er
endlich zu Ende gelangt, die Hand aufs Papier legte und, wie vollkommen
berwltigt von dem Gelesenen, vor sich ins Zimmer starrte. Was er
herausbuchstabirt hatte, lautete:

            Lieber Mr. Helmstedt!

        Ich habe Ihnen schon vor mehreren Tagen schreiben wollen, ich habe aber
        meinen Trouble mit dem Ben gehabt, welcher der Mary noch immer
        nachstellt und ausgefunden hat, wo sie sich im Lande aufhlt. Sie haben
        es mit angesehen, wie ich ihn das erste Mal habe ablaufen lassen; weil
        ich aber nicht immer bei ihr sein kann, so habe ich sie nach einem
        sichern Orte bringen mssen. Sie ist eigentlich nur meine Landsmnnin,
        aber ich habe auch ehrliche Absichten auf sie und sie ist damit
        zufrieden. Jetzt aber das Andere. Sie haben mir damals in New-York
        gesagt, da Ihr Mndel um sein Erbe komme, weil sie ihn haben todt aus
        dem North-River gezogen. Den sie aber aus dem Wasser gebogen haben, war
        nur eine todte Leiche, die ich selber habe helfen vom Kirchhofe holen,
        und ich htte Ihnen schon damals gesagt, wie die Sache steht, wenn ich
        bestimmt gewut htte, ob Ihre Geschichte auch wirklich die war, von der
        ich wute. Jetzt wei ich aber Alles: Bill und Ben haben mit dem Gelde,
        was sie bekommen haben, ein lustiges Leben gefhrt und haben mir im
        Rausche erzhlt, um was ich sie gefragt habe. Also ist die Sache so: Der
        Graf, wie sie ihn nennen, und weiter wei ich von ihm nichts, hat den
        jungen Verwandten vom Pfandleiher Meier, der wol Ihr Mndel sein mu,
        aus der Law-Office, wo er gearbeitet hat, weggelockt und gesagt, ein
        alter Onkel von ihm liege todtkrank in Philadelphia und wollte ihn noch
        einmal sehen, er msse auf der Stelle mit ihm gehen, bei Meier's wten
        sie schon um Alles, hat ihn unterwegs in einem Kleiderladen vom Hemde
        bis zum Rocke neue Kleider anziehen lassen, damit er auf der Reise
        anstndig aussehe, und hat ihn durch den Bill richtig nach Philadelphia
        in ein Versteck bringen lassen. Whrend der Zeit haben sie hier in
        New-York eine Judenleiche vom Kirchhofe gestohlen, haben ihr die alten
        Sachen von dem jungen Menschen angezogen und sie in den North-River
        geworfen. Nachher hat es geheien, der aufgefundene Todte sei Ihr
        Mndel. Warum das Alles so gethan worden ist und warum der Graf so viel
        Geld dafr gespendet hat, kann ich nicht sagen. Der Graf hat nachher
        Ihren Mndel ins Land irgend wohin gebracht, wo sie ihn verwahrt haben,
        hat sich selber eine Weile in New-York herumgetrieben und mit einer
        Weibsperson, die sich durch schlechten Lebenswandel Geld gemacht hat,
        zusammen gewohnt. Ich habe selbige Weibsperson von frher her gekannt,
        gehe auch ab und zu jetzt noch einmal hin, weil sie mich besonders
        leiden mag und immer ein paar Quarters fr mich hat, und so habe ich von
        ihr erfahren, da der Graf eine Speculation in Alabama hat, die ihm viel
        Geld bringen soll, wovon er, zusammen mit dem Weibsbilde, ein seines,
        liederliches Haus in New-York errichten will. Bei der Speculation mu
        aber wol Ihr Mndel etwas zu thun haben, denn ich habe mir aus den
        gefallenen Reden zusammengereimt, da er ihn mit hinunter nach dem Sden
        nehmen will. Vor etwa einer Woche ist nun der Graf nach Alabama
        abgereist und hat auch der Weibsperson hinterlassen, wohin sie ihm
        schreiben soll, wenn etwas vorkommen sollte; ich habe aber den Zettel
        noch nicht erwischen knnen. Das habe ich Ihnen also geschrieben, weil
        ich nicht mag dazu geholfen haben, da ein junger Mensch um sein Erbe
        komme, und weil ich gedacht habe, da Ihnen mit diesem Schreiben ein
        Gefallen geschhe. Jetzt mu ich aber noch etwas sagen. Ich mchte aus
        dem liederlichen Leben hier heraus, mchte was Ordentliches treiben und
        nachher die Mary heirathen. Wenn es also unten bei Ihnen Beschftigung
        gbe, die sich lohnte, so knnten Sie mir es wol schreiben, ich wohne
        noch immer beim alten Ormsby in Jamesstreet. Es heit freilich, da im
        Sden die Nigger alle Arbeit thten, aber ich glaube, ich knnte es mit
        Dreien aufnehmen, und wenn Sie etwas fr mich wten, so knnte ich
        auch, bis Sie mir wieder schreiben, den Zettel zu Gesicht bekommen,
        damit Sie erfahren, wo Sie Ihren Mndel wiederfinden knnen. Das Geld
        zur Reise habe ich.

    Zehn verschiedene Gedanken ber die Beweggrnde und den Urheber des
gespielten Betruges waren, einer den andern verdrngend, durch Helmstedts Kopf
geschossen - vor einem Gedanken aber wichen alle brigen zurck. Helmstedt hatte
aus leicht begreiflichen Grnden sich tiefer fr den drohenden Angriff auf
Elliots Eigenthum interessirt, als viele Andere. Er hatte zu seiner Verwunderung
erfahren, da Murphy's Vollmacht, welche dieser gern vorwies, um jede
Gehssigkeit von sich selbst abzulenken, von Rebekka, Ehefrau des Abraham Meier
in New-York, als Erbin des verstorbenen Isaak Hirsch, ausgestellt war, und da
der verhngnivolle Besitztitel von einer New-Yorker Advocaten-Firma als
Eigenthum des Isaak Hirsch in die Erbschaftsmasse abgeliefert worden sein
sollte. Wenn es ihm nun mglich wurde, den Aufenthaltsort des bei Seite
gebrachten Knaben zu entdecken, so war fr den Augenblick der ganze gegen Elliot
beabsichtigte Proce beseitigt, da mit Auffindung des ersten, alleinigen Erben
jeder Anspruch einer dritten Partei an den hinterlassenen Besitztitel in sich
selbst zerfiel, und alle ferneren Maregeln lagen einzig in seiner, des
Vormundes, Hand. Hie es doch in des Pedlars letzten Willen:

        Ich bitte Mr. Helmstedt, sich meiner Papiere anzunehmen, welche sich in
        der Tasche dieses Buches befinden. Es sind die smmtlichen
        Depositenscheine meiner Ersparnisse, welche nach meinem Tode meinem
        Schwestersohne gehren und von genanntem Mr. Helmstedt, falls ihm dies
        nicht zu viel erbeten dnkt, zum Vortheil meines Erben nach seinem, des
        Mr. Helmstedts, alleinigem Dafrhalten angelegt oder verwendet werden
        sollen.

    Helmstedt kannte die Stelle auswendig; zum ersten Mal aber fiel es ihm auf,
wie der alte Isaak, der alle seine Angelegenheiten in so musterhafter Ordnung
gehalten und mit so freiem Bewutsein seinen letzten Willen abgefat hatte,
nicht an ein so wichtiges Document wie der vielbesprochene Besitztitel hatte
denken knnen. - Helmstedt wute genau, da sich in den hinterlassenen Papieren
auch nicht die Spur einer Notiz darber befunden hatte, und je mehr er darber
nachdachte und die kaum glaublichen Angaben des vor ihm liegenden Briefes damit
verglich, je verdchtiger wollte ihm die ganze Angelegenheit erscheinen, wenn er
auch noch nicht wute, nach welcher Seite hin er einen Verdacht richten sollte.
Er beschlo, jedenfalls Schritte zu thun, um sich Klarheit ber das Woher der so
pltzlich aufgetauchten Urkunde zu verschaffen - das war indessen nicht die
Hauptsache. Schnelle, bestimmte Maregeln muten zur Herbeischaffung seines
Mndels getroffen werden, denn in jedem Augenblick konnte Elliot, um sich Ruhe
zu verschaffen, zu Schritten verleitet werden, die vielleicht niemals wieder gut
zu machen waren. Helmstedt schwanke eine Weile, ob er nicht durch eine weitere
Mittheilung des Briefes vorlufig allen mglichen Unterhandlungen mit dem
Pflanzer Einhalt thun sollte; schnell genug aber erkannte er, da, wenn irgend
eine an dem jetzigen Proce betheiligte Partei ihre Hand in dem Bubenstck gegen
seinen Mndel gehabt, wie es nach Charley's Schreiben fast schien, das tiefste
Schweigen ber dessen Mittheilung walten msse, sollte nicht der Knabe von
seinem jetzigen Aufenthaltsort aufs Neue, und wahrscheinlich fr immer,
verschwinden. Eine kurze Weile dachte er scharf nach, dann barg er den Brief in
die Brusttasche seines Rockes und schritt wieder ber die Strae nach dem Store
des Postmeisters. Wie weit ist wol die nchste Telegraphenoffice, Sir? fragte
er diesen.
    Telegraphenoffice! war die lachende Antwort, so vorgeschritten sind wir
hier im Hinterwalde noch nicht, Sir! Die nchste ist meines Wissens in
Nashville, Tennessee, etwa 150 Meilen oder so etwas weit.
    Helmstedt legte die Hand an seine Stirn. Also gar keine Mglichkeit, eine
dringende Nachricht schnell nach New-York zu befrdern?
    Warum nicht? Senden Sie Ihre Depesche nach Nashville an die
Telegraphenoffice, heute Mittag geht eine Post dahin ab. Legen Sie eine
Fnfdollar-Note bei und beauftragen Sie die Beamten, Ihnen die Rckantwort,
falls Sie diese erwarten, augenblicklich hierher zu senden. Sie sollen von mir
sogleich benachrichtigt werden, sobald etwas angekommen ist.
    Helmstedts Gesicht hellte sich auf; er dankte dem Postmeister und schlug
ohne weitere Zgerung den Weg nach seinem Hause ein. Dort machte er sich noch
einmal an die sorgfltige Durchsicht der erhaltenen Zuschrift und fate dann die
folgende Depesche, mit der von Dutch-Charley angegebenen Adresse versehen, an
ihn ab:

        Kommen Sie augenblicklich, sobald Sie genau wissen, wo der Knabe ist;
        ich trage die Reisekosten. Senden Sie sogleich Antwort per Telegraph an
        die Nashville-Telegraphenoffice, da Sie diese Zeilen empfangen haben;
        ich erhalte Ihre Antwort von dort.

    Das Begleitschreiben an die Telegraphenoffice war schnell angefertigt, die
Banknote beigelegt, und nach einer Viertelstunde ruhte der Brief, von Helmstedt
selbst berbracht, in der Hand des Postmeisters.
    Jetzt wollen wir weiter sehen! brummte der junge Mann und wandte seine
Schritte nach dem Bar-Room des Hotels, wo fr die Morgenstunde der gewhnliche
Versammlungsplatz der mnnlichen Elite des Stdtchens war. Gruppen von jngern
und ltern Herren standen bereits schwatzend darin umher, und Helmstedt hrte
bald auch Murphy's helle Stimme im hinteren Theile des Lokals erklingen. Der
Eingetretene lie sich ein Glas Sherry mit Eis geben, lehnte sich gegen den
Schenktisch und beobachtete still, was um ihn her vorging, bis die Gruppe von
Advocaten, in welcher Murphy gestanden, sich lste und dieser langsam dem
Ausgang zuschritt.
    Wollen Sie mir wol zwei Worte erlauben, Sir? sagte Helmstedt, ihm einen
Schritt entgegentretend.
    Der Advocat sah auf. Mit Vergngen, Sir! erwiderte er, augenscheinlich
etwas verwundert.
    Sie werden einsehen, begann Helmstedt mit gemigterer Stimme, da der
von Ihnen vertretene Anspruch gegen Mr. Elliot, der mein Schwiegervater ist,
mich mehr als jeden andern Dritte berhren mu.
    Ich sehe das vollkommen ein, erwiderte Murphy, hflich den Kopf neigend.
    Darf ich Sie also wol um Angabe der Advocatenfirma in New-York bitten, bei
welcher das alte Document, welches den jetzigen Anspruch begrndet, deponirt
war?
    Gewi, Sir, wenn Sie sich auch dort nicht viel Trost holen werden; es ist
die Law-Office der Herren Smith und Johnson in Duanestreet.
    Ich danke Ihnen, Sir, das ist Alles.
    Murphy verbeugte sich mit einem verbindlichen Lcheln und verlie das Lokal.
Helmstedt trank langsam seinen Wein aus und ging dann in gemessenem Schritte
seinem Hause zu. Als er indessen sein Zimmer erreicht hatte, warf er, wie voll
von einem Gedanken, seinen Hut bei Seite, suchte Papier hervor und begann zu
schreiben. Es war ein Brief an die Herren Smith und Johnson, in welchem er als
Vormund des verunglckten Erben einfach anfragte: ob bei Deponirung des in ihren
Hnden gewesenen, auf Isaak Hirsch berschriebenen Besitztitels kein
Empfangsschein ihrerseits gegeben worden sei - und wenn dies der Fall, ob und
durch wen derselbe an sie zurckgegeben worden.
    Der Brief war fertig; ohne Zgern ging aber Helmstedt an einen zweiten,
adressirt an Mrs. Rebekka Meier. Er zeigte ihr darin an, da auf Grund eines
Documentes, welches, wie er nachweisen knne, nicht zu dem Nachlasse des Pedlars
Isaak Hirsch gehrt habe, von ihr, als Erbin des Verstorbenen, Ansprche auf ein
Grundeigenthum erhoben wrden, die seine eigenen Privat-Verhltnisse auf das
Empfindlichste berhrten. Ehe er nun eine Untersuchung ber den Ursprung und die
Aechtheit des Documentes einleiten lasse, bitte er sie um Nachricht, auf welche
Weise sie zu dem alten Papiere gelangt oder wie sie von seiner Existenz
unterrichtet worden sei, damit er in keinem Falle einem Unschuldigen zu nahe
trete.
    Die Briefe wurden geschlossen und schlpften noch eine Stunde vor der
abgehenden Post in den Briefschalter.
    Helmstedt hatte sich nun wol vorgenommen, in Gelassenheit die verschiedenen
Antworten abzuwarten, aber eine unruhige Spannung, welcher er nicht Herr werden
konnte, lie ihn nur selten eine Stunde bei seiner Arbeit ausdauern. Vom dritten
Tage ab, an welchem er eine Antwort des Dutch Charley zu erhalten gehofft, hatte
er regelmig bei Ankunft der Post nach Briefen fr sich gefragt, aber es waren
bereits sechs Tage verstrichen, und das eintnige: Nothing, Sir! des
Postmeisters war ihm so oft in die Ohren geklungen, da er an der Ueberlieferung
seiner Depesche vollstndig zu zweifeln begann. Er hatte sich whrend dieser
Tage mehr auf der Strae und im Bar-Room des Hotels herumgetrieben, als jemals
zuvor; er hatte geglaubt, irgendwo ein Wort auffangen zu knnen, das ihn ber
den Weg, welchen Elliot in Bezug auf den Angriff gegen ihn einzuschlagen
beabsichtige, unterrichte, aber Niemand schien etwas von den Entschlieungen des
Pflanzers zu wissen, und fr Helmstedt begann dieser Zustand des Harrens fast
unertrglich zu werden. Er beschlo, noch einen einzigen Tag zu warten, und wenn
wieder vergebens, durch ein ihm bekanntes New-Yorker Handelshaus nochmalige und
sichere Nachricht an Dutch Charley gelangen zu lassen, dann aber auch zugleich,
auf jede Gefahr hin, Elliot von dem Stande der Dinge zu unterrichten, um
wenigstens den mglichen Schritten fr einen Vergleich von dessen Seite
vorzubeugen.
    Ganz darauf vorbereitet, wieder ein Nothing, Sir! zu hren, begab er sich
am siebenten Morgen nach der Postoffice; aber schon bei seinem Eintritte hielt
ihm der Postmeister einen Brief von dem nmlichen Kaliber, wie den bereits
erhaltenen, entgegen, und mit einem erleichternden Endlich! erkannte Helmstedt
die majesttischen Schriftzge von Charley's Hand auf der Adresse. Er zahlte das
Porto und eilte nach Hause, um ein neues Studium dieser khn alle Regeln
verachtenden Schreibweise zu beginnen. Der Inhalt, in verstndliche Worte
bersetzt, lautete:

            Yes, Sir!

        Ihr telegraphisches Schreiben habe ich erhalten, aber mit der
        telegraphischen Antwort war es nichts. Ich hatte einen Brief fr Sie
        fein zugeklebt nach der Telegraphen-Office gebracht, aber die Kerle dort
        meinten, zum Telegraphiren mten sie ihn aufmachen und durchlesen, was
        ich nicht leiden mochte, weil Manches darin stand, was nicht Jeder zu
        wissen braucht. Also habe ich ihn wieder mit fortgenommen, und das war
        ganz gut. Die Weibsperson, welche mit dem Grafen lebt, hatte von diesem
        am selbigen Tage einen Brief bekommen, da er nur noch bis zum 14. Juni
        an dem bisherigen Orte bleiben werde; das sei der letzte Tag, welchen er
        als Frist gestellt habe, um sein Geld zu erhalten, nachher msse er
        wegen des Jungen andere Maregeln treffen; sie solle ihm also nicht
        wieder schreiben, bis sie weitere Nachricht von ihm bekomme. Ich habe
        selbigen Brief gefunden, als ich nach dem Zettel suchte, welchen wir
        haben muten, um den Jungen aufzufinden, und den ich Ihnen gern
        mitschicken wollte, ehe ich durch die Post an Sie schrieb. Ich bin
        nmlich ein alter Freund von der Weibsperson und kann in ihre Stube
        kommen, auch wenn sie nicht zu Hause ist. Also hatte ich heute die
        rechte Zeit getroffen, habe ein paar Schlsser an ihrer Kommode
        verdorben und den Zettel gefunden und abgeschrieben. Hierbei will ich
        noch bemerken, da sich der Graf Henry Wells unterschrieben hat, wenn
        Ihnen der Name zu etwas dienen kann. Jetzt werde ich diesen Brief
        zumachen und auf die Post geben; nachher setze ich mich auf die
        Eisenbahn und gehe zur Mary, um ihr zu sagen, wie es mit mir steht, und
        von da geht es gerades Wegs hinunter zu Ihnen. Ich denke also, ich werde
        einen halben Tag, oder, wenn es viel wird, einen Tag spter kommen als
        dieser Brief. Die Post-Office, wohin das Weibsbild dem Grafen
        geschrieben hat, heit Rocky-Creek in Alabama, und er selber wohnt, wie
        es in seinem Briefe heit, bei einem Farmer mit Namen McGraw.

    Helmstedt hatte bei dem Namen Wells den Kopf geschttelt, er war ihm
vollstndig unbekannt; sein erster Blick aber, welchen er von dem Schreiben hob,
siel auf den Wandkalender ber seinem Arbeitstische und blieb dort nachdenklich
hngen. Es war heute der 13. Wenn ein rascher Erfolg erzielt werden sollte, so
mute die Aufhebung des sogenannten Grafen, wie des entfhrten Knaben in des
Sheriffs Hnde gelegt werden. Charley war aber der Einzige, welcher den Erstern
persnlich kannte, und somit war seine Gegenwart die nothwendigste Bedingung fr
irgend einen Schritt. Helmstedt zweifelte keinen Augenblick, da der Riese, wenn
ihn nicht unterwegs ein Unglck betroffen, sich zur rechten Zeit einstellen
werde, und beschlo deshalb, bis zum Nachmittag nichts zu thun, als einzelne
nthige Erkundigungen einzuziehen und einen Ritt nach Oaklea zu machen. Whrend
der ganzen Zeit, in welcher er auf Nachricht von New-York gehofft, hatte es ihm
stets wie eine drckende Ahnung auf dem Herzen gelegen, da Elliots Angreifer
ihre Beute davon tragen wrden, ehe er im Stande sei, sein Schweigen zu brechen;
jetzt wenigstens wollte er nicht mehr zgern, um dem Pflanzer vorsichtig einen
Wink zu geben, und er empfand eine eigenthmliche Genugthuung bei dem Gedanken,
zur Vergeltung aller der gegen ihn gespielten Intriguen dem stolzen Manne eine
Hoffnung in dessen jetziger Bedrngni entgegenbringen zu knnen. Er dachte im
Augenblicke nicht einmal daran, da es fr Elliot den bittersten Nachgeschmack
abgeben mute, wenn er hrte, da sich sein Wohl und Wehe in Helmstedts Hand
befinden wrde.
    Er nahm seinen Hut wieder und verlie das Haus. Sein erster Gang war nach
der Postoffice. Knnen Sie mir wol sagen, Sir, wo Rocky-Creek-Postoffice ist?
fragte er nachlssig, nachdem er sich mit einem schnellen Blick berzeugt hatte,
da er mit dem Postmeister allein sei.
    Kaum fnf Meilen von hier, gerade in die Berge hinein, erwiderte dieser,
mit der Hand die Richtung andeutend; Sie knnen kaum fehlen, wenn Sie der
Strae folgen; es ist das einzige Wirthshaus am Wege, und die Gegend ist dort
ziemlich unbewohnt.
    Also ist nicht viel zu holen, lachte der junge Mann.
    Nicht die Spur, Sir! Es gibt dort nur einzelne kleine Farmer, die in dem
steinigen Boden mit harter Arbeit ihr Leben fristen.
    Helmstedt dankte und ging. Er sah nach seiner Uhr - es war bereits neun
vorber und hohe Zeit fr seinen Ritt, wenn er Mittags zurck sein wollte. Ohne
weitern Aufenthalt machte er sich daran, sein Pferd zu satteln, und bald eilte
er im scharfen Trabe Oaklea zu.
    Es war lange her, da er zum letzten Male diesen Weg betreten. Damals war er
noch Elliots Hausgenosse gewesen, und sein Herz, erregt von der Jugendfrische
und Lieblichkeit Ellens, hatte kaum begonnen gehabt, fr diese zu schlagen; aber
alle die bekannten Umgebungen der Strae mahnten ihn jetzt mir wie an ein lngst
abgeschlossenes Kapitel seines Lebens. Selbst Ellens Bild, wie er es sich vor
die Seele rief, umgeben von all dem Reiz, welcher ihn damals zu jedem Wagni fr
sie begeistert hatte, lie ihn vllig gleichgiltig; er hatte erkennen gelernt,
da keine Regung ihrer Seele etwas Verwandtes mit der seinigen hatte, da er,
und wrden sie ein Menschenalter mit einander leben, immer unverstanden an ihrer
Seite stehen mte. - Je nher er Oaklea kam, desto mehr fhlte er eine
Sicherheit in sich, als reite er der Abschlieung des alltglichsten Geschfts
entgegen.
    Die Pferdetritte wurden unhrbar, als Helmstedt von der Strae abbog und auf
dem geschlngelten Sandwege Elliots Wohnung zuritt. Er band sein Pferd an die
ihm so wohlbekannte Stelle nahe dem Hause und ging mit festem Schritt, um nicht
ungehrt einzutreten, die Portico-Treppe nach der Halle hinauf. Hier hatte er
kaum die Thr geffnet, als aus dem Parlor eine weibliche Gestalt ihm
entgegeneilte, aber wie im pltzlichen Schrecken stehen blieb, als er ihr sein
Gesicht voll zukehrte, und dann todesbla zwei Schritte zurckwich. Helmstedt
stand seiner Frau gegenber; als er aber in ihre Augen blickte, die ihn mit
einer Mischung von peinlicher Ueberraschung und halber Furcht anstarrten,
berkam es ihn fast wie Mitleid mit dem jungen Wesen, in dessen Leben er jetzt
als hemmendes Gespenst stand.
    Guten Tag, Ellen, sagte er mit ausgestreckter Hand auf sie zugehend; ich
habe dir doch nicht so viel zu Leid gethan, da du mich frchten mut?
    Sein Gesicht mochte wol noch mehr ausdrcken, als seine Worte thaten, denn
ihr starrer Blick lste sich, und zgernd legte sie ihre Hand in die seinige.
    Ich komme nicht unserer Angelegenheit wegen hierher, Ellen, fuhr er fort
und fhrte sie einige Schritte weiter in den Parlor hinein, aber ich freue
mich, zwei Worte mit dir reden zu knnen. Ich will dir keinen Vorwurf ber Das
machen, was geschehen ist, ich habe es verschmerzt; wir wollen auch unsere
gegenseitigen Gefhle nicht zergliedern. Ist es denn aber nothwendig, da wir
kein freundliches Wort fr einander haben drfen, wenn wir nicht mehr als Mann
und Frau mit einander leben knnen? Mssen wir uns denn durchaus hassen, weil
die Liebe zwischen uns gestorben ist? Haben wir uns denn gegenseitig so viel
vorzuwerfen, da wir uns am besten stumm trennen, um dann einander wie Todfeinde
meiden zu mssen? Ich mag nicht, Ellen, da wir uns im ffentlichen Leben
auszuweichen brauchen und der Welt das Recht zu jeder beliebigen Vermuthung ber
die Grnde unserer Trennung geben - und so sage mir, wollen wir, wenn auch
geschieden, Freunde bleiben, die sich gegenseitig achten, die, wenn auch
gefesselt durch neue Bande, sich offen ins Auge sehen knnen? Wollen wir das,
Ellen?
    Ja, August, sagte sie mit gepreter Stimme, whrend die Thrnen in ihre
Augen schossen.
    Helmstedt wollte weiter reden, aber ein rascher Mnnertritt in der Halle
lie ihn aufsehen - Elliot stand in der offenen Parlorthr und schien in seiner
ersten Betroffenheit ber die Gruppe, welche sich ihm bot, die Sprache nicht
finden zu knnen.
    Helmstedt fhlte Ellens Hand in der seinen zittern und ergriff sie fester.
Ich hoffe, Sie werden nichts dagegen haben, Squire, da ich mich mit meiner
Frau einmal ausgesprochen habe? sagte er, dem Pflanzer mit einem offenen
Lcheln ins Gesicht sehend; wir haben eben beschlossen, gute Freunde zu bleiben
-
    Und ich hoffe, Sir, da ich ein Recht habe, in meinem Hause zu dulden oder
nicht zu dulden, was mir eben gut dnkt! unterbrach ihn der Pflanzer heftig.
Wollen Sie etwas in Bezug auf meine Tochter sagen, so haben Sie sich an mich zu
wenden, der ich jetzt ihr natrlicher Anwalt bin; so lange sie in meinem Hause
lebt, hrt jede direkte Verbindung zwischen ihr und Ihnen auf. Geh nach deinem
Zimmer, Ellen!
    Helmstedts Stirn begann sich zu rthen; er hielt die Hand der jungen Frau so
fest als vorher. Sie handeln unklug, Sir, erwiderte er und sein klares Auge
wurzelte fest in dem des Pflanzers. Wenn ich mein Recht, verstehen Sie wohl,
mein Recht erzwingen wollte, so wrde meine Frau noch heute Abend, zu ihrer
Pflicht zurckgefhrt, in meinem Hause wohnen. Sie scheinen ganz zu vergessen,
Sir, da nur die Rcksicht gegen Ellen selbst alle meine Schritte bisher
geleitet hat. Ich wollte das Vertrauen, mit dem sie sich mir bergab, sie
niemals bereuen lassen - sie sollte es auch selbst bei ihrer Trennung von mir
noch gerechtfertigt finden - das waren die Grnde meines leidenden Verhaltens,
Sir. Sie sind jetzt aufgebracht, mich hier zu sehen - well, Mr. Elliot, knnen
Sie denn nicht vermuthen, da mich freundliche Absichten hierher fhrten, da ich
ohne mein persnliches Erscheinen mir lngst htte volle Genugthuung verschaffen
knnen?
    Um Elliots Mund spielte ein Ausdruck von Verachtung. Ich hatte Ihnen
allerdings Zeit gegeben, mir Vorschlge zu machen, sagte er; ich sehe aber
dabei durchaus keinen Grund, warum Sie meiner Tochter noch einmal nahe zu treten
haben.
    Sie sind eben im Irrthum, Sir, erwiderte der junge Mann wieder mit
vollkommener Ruhe. Mich fhren ganz andere Dinge hierher, als das Verhltni zu
meiner Frau, und wenn ich die Gelegenheit benutzte, mich gegen sie
auszusprechen, so bot sie mir der Zufall. Wenn ich mich einmal von Ellen
scheide, so geschieht dies in vollkommen freier Uebereinkunft zwischen ihr und
mir, und ich habe Ihnen, Sir, weder Vorschlge in Bezug darauf zu machen, noch
deren von Ihnen entgegen zu nehmen. Glauben Sie mir aber, Mr. Elliot, da jeder
Ihrer Eingriffe in meinen freien Willen nur Ihren Wnschen entgegen arbeitet.
Sie werden es nie ins Werk setzen, und wenn Sie mir jeden Fu breit Boden unter
den Fen abzugraben versuchten, mich zu einem Schritte zu zwingen, den ich
meiner unwrdig halte. Ich kann leben und bestehen, Sir, ohne eines einzigen
Menschen Gunst hier zu bedrfen. Das mute ich Ihnen sagen, Mr. Elliot, und nun
mchte ich Ellen bitten, uns zu verlassen, da mich Geschftsangelegenheiten
hierher gefhrt haben, welche sich nur unter Mnnern besprechen lassen.
    Er lie die Hand der jungen, bleichen Frau los, und diese eilte mit einem
besorgten Blick auf ihren Vater, der nur zu warten schien, was sich aus
Helmstedts Worten entwickeln wrde, aus dem Zimmer.
    Lassen Sie mich jetzt zu dem eigentlichen Zwecke meines Besuches kommen,
Sir - sagte Helmstedt.
    Ich glaube nicht, da wir noch etwas mit einander zu reden haben,
unterbrach ihn der Pflanzer kurz; wenigstens kann ich mir keinen weitern
Berhrungspunkt zwischen mir und Ihnen denken. Es ist heut ein Tag der
dringendsten Geschfte fr mich, und ich werde Sie allein lassen mssen.
    Ich glaube, Sir, da ein kluger Mann erst hrt, ehe er urtheilt, erwiderte
Helmstedt ruhig; ich kam Ihrer Angelegenheiten und nicht der meinigen wegen
hierher.
    Der Pflanzer hatte sich bereits halb nach der Thr gedreht und wandte jetzt
den Kopf zurck, Was ist es? fragte er unfreundlich. Wenn es mich betrifft,
so sagen Sie es mit zwei Worten; ich habe keinen Augenblick mehr zu verlieren.
    Haben Sie es denn wirklich so eilig, in Ihr eigenes Unglck zu laufen?
entgegnete Helmstedt, und ein Anflug von gutmthigem Spott ging ber sein
Gesicht; wollen Sie sich denn vorher nicht wenigstens die Zeit nehmen, einen
Mann ruhig anzuhren, der auf die Gefahr hin, von Ihnen zum Hause hinaus
gewiesen zu werden, hierher kam?
    Elliot drehte sich langsam um und warf einen durchdringenden Blick auf
seinen Gast. Was wollen Sie von mir, Sir?
    Ich wnsche, Mr. Elliot, da Sie die Thr schlieen, sagte Helmstedt
ernst, sich einige Minuten zu mir hersetzen und hren, was ich Ihnen zu sagen
habe. Sie knnen sich versichert halten, da ich mich nicht bis jetzt allen
Aeuerungen Ihrer Nichtachtung Preis gegeben htte, wenn ich meiner Genugthuung
nicht sicher wre.
    Der Pflanzer sah einen Augenblick in das leuchtende Auge des jungen
Deutschen, der hoch aufgerichtet vor ihm stand, schlo dann langsam die Thr und
rckte zwei Sthle einander nahe. So setzen Sie sich denn und reden Sie, sagte
er, whrend er sich selbst niederlie und finster vor sich nieder sah.
    Zuerst eine Frage, begann Helmstedt, Platz nehmend, und um Ihrer selbst
willen bitte ich, sie mir offen zu beantworten. Haben Sie schon irgend ein
Arrangement wegen des Anspruchs auf Ihr Eigenthum getroffen?
    Elliot sah auf. Was haben Sie mit diesem Anspruch zu thun, Sir?
    Es scheint, Sie wissen nicht, da der jetzt geltend gemachte Besitztitel
ein Theil einer Erbschaft ist, fr welche ich als Vormund des minorennen Erben
unumschrnkter Verwalter war, und da erst whrend der letzten Zeit, seit, wie
es hie, der ursprngliche Erbe verunglckte, die Hinterlassenschaft in
diejenigen Hnde berging, welche jetzt ihren Anspruch gegen Sie geltend machen
wollen.
    Das mag sein, Sir, erwiderte der Pflanzer, aufmerksam werdend; der
Anspruch ist aber in andere Hnde bergegangen. Was wollen Sie nun noch?
    Helmstedt warf einen Blick nach der Thr und den Fenstern. Was ich will,
Sir, sagte er dann mit gedmpfter Stimme, ist nichts weiter, als von allem
Vorhandenen, den drohenden Besitztitel einbegriffen, wieder Besitz zu ergreifen,
sobald es mir gelingt, rechtzeitig den Umtrieben einer Spitzbubenbande entgegen
zu treten, welche meinen noch lebenden Mndel um sein Erbe und Sie um Ihr
Eigenthum bringen will. Weiter etwas zu sagen, wre eine strafbare
Unvorsichtigkeit, da meine ganze Hoffnung augenblicklich nur in der getrumten
Sicherheit der Gauner beruht. Trotzdem und ehe ich noch einen vollen Erfolg
meiner Maregeln verbrgen kann, habe ich es fr meine Pflicht gehalten, Sie vor
jeder Uebereinkunft mit den jetzigen Inhabern des Besitztitels zu warnen, und
ich will nur hoffen, da ich damit nicht zu spt gekommen bin.
    Elliot starrte ihn eine Weile wortlos an. Ich verstehe zwar vollkommen, was
Sie sagen, erwiderte er endlich, und seine Stimme klang heiser, wie von einem
innern Drucke; ich wei aber nicht, ob Sie nicht leichtsinnig oder vielleicht
selbst getuscht eine Hoffnung geben, wo keine ist. Ich kenne von den
Verhltnissen, welche Sie mir andeuten, nichts, und darum merken Sie auf, Sir -
es handelt sich um die Existenz einer ganzen Familie. Ich habe mich allerdings
in Unterhandlungen eingelassen, die heute zum Abschlu kommen sollten, und so
hoffnungslos das vorgeschlagene Uebereinkommen auch fr mich ist, so vergebens
ich auch acht Tage lang mich abgemht habe, es nur auf den Verlust eines Theiles
meiner Lndereien zu beschrnken, so schtzt es mich doch vor augenblicklichem,
gnzlichem Ruin. Stoe ich heute den Vergleichs-Vorschlag zurck und ein fr
mich hoffnungsloser Proce beginnt, so habe ich die sichere Aussicht, mit meinem
Grundeigenthum auch noch meine ganze bewegliche Habe durch die Kosten des
Processes zu verlieren. Wollen Sie mich nun, Angesichts dieses Standes der Dinge
noch einmal vor einem Uebereinkommen warnen, Sir?
    Helmstedt sah sinnend vor sich nieder. Es sei ferne von mir, sagte er nach
einer Pause, eine schwere Verantwortung leichtsinnig auf mich zu nehmen; wie
aber die Sachen stehen, mu ich Ihnen Alles, was ich selbst wei, mittheilen;
Ihr persnliches Interesse, Sir, wird Sie vor jedem unvorsichtigen Gebrauche
desselben bewahren, und Sie mgen dann handeln, wie es Ihr eigenes Urtheil Ihnen
vorschreibt. Er gab darauf dem Pflanzer eine kurze Skizze von der seinerseits
bernommenen Vormundschaft und seinen Erlebnissen in New-York; er hob es hervor,
da der aus dem Wasser gezogene Judenknabe nur durch seine Kleider und die bei
ihm gefundenen Gegenstnde recognoscirt worden war; er nahm Charley's ersten
Brief aus der Tasche und gab die nthigen Auszge daraus. Es handelt sich nur
noch um zwei Tage Zeit, Sir, schlo er; ich habe weitere Nachricht, die mich
wenigstens zu der Hoffnung berechtigt, meinen Mndel wieder aufzufinden und
unter meine Obhut zu bringen. Knnen Sie also noch einige Tage Zeit gewinnen, so
thun Sie es, und warten Sie den Lauf der Ereignisse ab.
    Elliot, die Arme in einander geschlagen, sa stumm, wie mit sich selbst Rath
pflegend, da.
    Es ist dies die sonderbarste Geschichte, die mir jemals vorgekommen ist,
und sie mag Ihre Warnung vollkommen rechtfertigen, begann er nach einer Weile.
Sagen Sie mir aber Eins, Sir! fuhr er, sich gerade aufsetzend, fort. Ich
mache durchaus nicht darauf Anspruch, bei Ihnen in besonders gutem Andenken zu
stehen, und nun frage ich mich vergebens, welche Ursache Sie zu Ihren jetzigen
Mittheilungen veranlat habe - die Sorge fr mein Wohlergehen doch sicherlich am
wenigsten. Ich sehe den Angelegenheiten, welche mich berhren, immer gerne auf
den Grund, und so wenig ich in die Wahrheit Ihrer Darstellung den geringsten
Zweifel setze, so sehr verlangt es doch mein Interesse, da ich die eigentliche
Absicht, welche Sie bei Ihrem jetzigen Schritte gehabt, kennen lerne.
    Helmstedt sah den Pflanzer einen Augenblick gro an, dann stieg ein
sonderbares lcheln in sein Gesicht und er erhob sich.
    Ich will Ihnen die Frage beantworten, Sir, sagte er. Es liegt im
deutschen Charakter, lieber ein selbsterlittenes Unrecht zu vergessen, wenn es
nothwendig wird, als mit offenen Augen ein Unrecht an Andern geschehen zu
lassen. Ich kann mir denken, da ein so einfacher Grund Sie fremdartig berhrt;
ich habe aber keine andere Erklrung fr mein Handeln zu geben. Sie wissen
jetzt, was ich Ihnen mitzutheilen fr nothwendig fand, nun handeln Sie nach
eigenem Ermessen.
    Warten Sie noch einen Augenblick, Sir, sagte Elliot, als der junge Mann
Miene machte, seinen Stuhl bei Seite zu tragen. Gesetzt den Fall, Ihre
Maregeln zur Auffindung Ihres Mndels gelngen, und der Anspruch auf Oaklea
kme in Ihre Hand - welche bessern Aussichten erwchsen mir daraus? Oder um mit
einer directen Frage der Sachlage nher zu kommen - tragen Sie sich vielleicht
mit einer Idee, spter durch verstndige Behandlung der Angelegenheit in
genauere Beziehung zu mir zu treten als bisher?
    Helmstedt sah eine Secunde lang in des Pflanzers forschende Augen.
    Wenn ich Sie recht verstehe, erwiderte er dann ernst, so bezieht sich
Ihre letzte Frage auf meine Stellung zu Ihnen durch Ellen. Es gab allerdings
eine Zeit, Sir, wo ich jede Gelegenheit, mich Ihnen nher zu bringen, mit
tausend Freuden ergriffen htte; diese Zeit, Sir, ist aber vollkommen vorber.
Ich habe eingesehen, da unserer Beider Wahl eine verfehlte war, und ich htte
Ellen lngst ihre volle Freiheit zurckgegeben, wenn auf die Forderungen meiner
Ehre nur die geringste Rcksicht genommen worden wre. Jetzt, nachdem ich lernen
mute, mich ber die absichtlich gegen mich ausgestreuten Gerchte
hinwegzusetzen, bin ich sogar von meiner frhern Bedingung fr eine Trennung -
Ellens Rckkehr in mein Haus - zurckgekommen; ich kann ihre gegenwrtige Lage
sogar bedauern, und ich mag ihrem fernern Glck nicht hindernd im Wege stehen.
Sie hat wir heute versprochen, mir diejenige Achtung in Wort und That zu
bewahren, auf welche ich jedenfalls ihr gegenber Anspruch machen kann, und so,
Sir, bin ich jeden Augenblick bereit, einen Trennungsact ohne weitere
Bedingungen zu unterzeichnen.
    Er machte eine kurze Pause, whrend der Pflanzer, den Hopf zurckgebogen,
den erwartenden Blick fest auf ihn geheftet hielt.
    Was den Besitztitel, sobald er in meine Hnde gelangt, betrifft, fuhr
Helmstedt fort, so will ich mich erst berzeugen, mit welchem Recht der jetzige
Angriff gegen Sie gemacht wurde. Ich habe verschiedene Grnde, unter der ganzen
Angelegenheit eine Gaunerei zu vermuthen, und einer der einleuchtendsten dafr
ist wol der, da Isaak Hirsch, welcher trotz seines seltenen Charakters doch
seinen Vortheil wie der beste Advocat wahrzunehmen wute, sicherlich nicht einen
solchen Anspruch unbenutzt htte liegen lassen, um ihn zuletzt der Verjhrung
Preis zu geben. Jedenfalls, Sir, haben Sie spter einen ehrlichen Mann gegen
sich und nicht eine Schaar von gewissenlosen Advocaten. Ich bin mit meinem
Geschft zu Ende, und so berlasse ich Ihnen, nach eigenem Gutdnken zu
handeln.
    Er trug seinen Stuhl bei Seite und Elliot erhob sich.
    Ich habe Ihnen zu danken, sagte der Letztere, und hielt dem jungen Manne
die Hand hin, in welche dieser die seinige kalt und ohne einen Finger zu rhren
legte; ich werde vorlufig Ihrem Rathe folgen und hoffe Sie in zwei oder drei
Tagen in Ihrem Hause sehen zu knnen.
    Mein Haus wird fr Sie offen sein, erwiderte Helmstedt, sich leicht
verbeugend. - Guten Morgen, Sir.
    Er schritt nach der Thr und verlie das Haus, ohne sich umzusehen, ob
Elliot ihm folge. Bald sa er im Sattel, und trabte der Hauptstrae wieder zu.
    Eine drckende Luft empfing ihn, als er das Freie erreichte; das Aussehen
der Landschaft hatte sich in kaum einer Stunde so verndert, da jeder Gedanke
an die eben erlebten Scenen in dem jungen Manne schwand und er sich besorgt
umsah. Der Himmel in seinem Rcken war dick mit gelbgrauen Wolken umzogen, die
einen unheimlichen Schatten ber die Gegend warfen, und whrend nur leichte
Staubwirbel vom Boden aufstiegen, bogen sich die Kronen der riesigen Waldbume
und brausten wie unter einem gewaltigen Drucke. Helmstedt kannte diese Zeichen
und trieb sein Pferd zu schrferem Trabe an, um womglich noch vor Ausbruch des
Wetters die Stadt zu erreichen; fast schien es auch, als solle ihm noch Zeit
dafr bleiben; die Staubwirbel legten sich, die Bume schwankten nur noch leise
und bald war eine Stille eingetreten, in welcher kein Halm und kein Blatt sich
mehr rhrte; eben als Helmstedt aber an einer freien Stelle des Wegs anlangte
und noch einmal sich nach dem Wetter umsehen wollte, schien es urpltzlich, als
stehe der ganze Himmel in Feuer - der Schein verschwand, aber ein Donnerschlag
folgte unmittelbar nach, als berste die Erde von einander, als brchen, eins dem
andern folgend, die Gebirge rings umher zusammen, so da Helmstedt aus der
pltzlich ihn berkommenen Betubung nur durch einen Sprung seines erschreckten
Pferdes wieder zur Besinnung gerufen wurde. Er hatte Mhe, das gengstigte Thier
zu beruhigen und machte sich bereit, einem neuen Schlage mit der erforderlichen
Geistesgegenwart zu begegnen; aber das Gewitter schien sich in der einzigen
gewaltigen Kraftuerung erschpft zu haben und nur dann und wann grollte noch
ein ferner Donner nach. Als er endlich aus dem bis jetzt verfolgten Waldwege in
die groe Strae einbog, lag die County-Stadt wieder im Sonnenscheine vor ihm,
whrend hinter ihm in der Ferne schwarzblaue Wolken und herniederstrmender
Regen die Aussicht verdeckten.
    Mittag war schon einige Stunden vorber, als er die Stadt erreichte, und er
nahm seinen Weg ohne Aufenthalt nach dem Globe-Hotel, um seinen knurrenden Magen
zu befriedigen. Kaum war er aber dort abgestiegen und beschftigt, sein Pferd
anzubinden, als aus der Piazza eine mchtige Gestalt auf ihn zuschritt und ohne
lange Ceremonie seine Hand fate. Hier ist der Dutch-Charley, Sir, klang eine
gewaltige Stimme, und nun sehen Sie zu, was Sie mit ihm anfangen knnen!
    Helmstedt hatte berrascht aufgesehen und drckte nach Krften die Hand des
Angekommenen. Freut mich von Herzen, da Sie da sind, sagte er, es thut mir
nur leid, da Sie auf mich haben warten mssen.
    Never mind! erwiderte der Goliath lustig, ich wnschte, Sie htten auf
meinen Brief nicht lnger zu warten brauchen.
    Helmstedt warf einen Blick auf die offene Thr des Bar-Rooms. Wir brauchen
nicht englisch zu reden, da uns Jeder versteht, begann er dann deutsch, sehen
Sie sich vor, Charley, da Sie kein Wort von dem fallen lassen, was Sie mir
schrieben; mit einer einzigen Unvorsichtigkeit knnen wir den Vogel, den ich
fangen will, wieder aus dem Garne scheuchen. Ist der sogenannte Graf, dieser Mr.
Wells, ein Yankee?
    Nicht die Spur davon, entgegnete der Andere, seine Stimme in einer Weise
migend, da sie den Zuhrer an das ferne Grollen des abziehenden Gewitters
mahnte; chtes deutsches Sauerkraut, Sir; Sie knnen ihn aber in der Sprache
schwer von dem wirklichen Amerikaner unterscheiden.
    Helmstedt schttelte den Kopf. Ich verstehe kein Wort von der ganzen
Intrigue, sagte er, wir werden ja aber sehen. Nehmen Sie vorlufig einen
Schluck, whrend ich ein paar Bissen esse, und dann sprechen wir weiter.
    Eine Viertelstunde spter traten Beide in Helmstedts Haus, wo dieser eins
der Hinterzimmer ffnete. Hier mag vorlufig Ihr Quartier sein, bis wir mit
unserm Hauptgeschfte zu Ende sind und ich Sie an einem ordentlichen Platze
untergebracht habe, sagte er, jetzt machen Sie es sich vor allen Dingen
bequem.
    Well, Sir, das Bequemmachen kommt mir gerade gelegen, erwiderte Charley,
kopfnickend die Ausstattung des Raumes betrachtend, ich fhle wirklich, als
mte ich ein paar Stunden schlafen, ehe ich zu was Rechtem tauge. Ich gebe
nichts um die zwei Nchte in der Postkutsche, auf einem Wege durch das Gebirge,
der eher wie eine steinerne Treppe als eine vernnftige Strae aussah; aber die
Hitze hat mir meinen dicken Kopf so dumm gemacht -
    All right, schlafen Sie, lachte Helmstedt, ich werde einstweilen
berlegen, was wir zunchst zu thun haben, und wenn ich Sie brauche, werde ich
Sie rufen.
    Er schlo die Thr und ging nach seinem Zimmer. Als er dort Hut und Rock von
sich gethan, warf er sich aufs Sopha und wollte nochmals Alles, was ihm Charley
geschrieben und was er bereits als nothwendig in Bezug darauf beschlossen, sich
als klares Bild vor die Seele stellen, aber der schwle Tag, zusammen mit seinem
Ritte in der Mittagshitze, machten auf ihn ihren Einflu geltend - er wurde vom
Schlafe berfallen, ehe er nur dessen Annherung bemerkt hatte.
    Wie lange er gelegen hatte, wute er beim Erwachen nicht - seine erste
Erinnerung war die an unangenehme Trume, deren Eindruck er sich jetzt noch
nicht ganz zu entreien vermochte - ein leichtes Rtteln brachte ihn indessen
zur vollen Besinnung. Es war bereits halbe Dmmerung in der Stube, aber ber
seinem Gesichte erkannte er den Kopf seines Schwarzen, welcher sich mit
ngstlicher Miene ber ihn gebeugt hatte.
    Was gibt es? rief Helmstedt und sa rasch aufwrts.
    Sie mssen entschuldigen, Master, erwiderte Csar, augenscheinlich halb
auer Athem, aber ich dachte, ich mte Sie wecken - mir scheint etwas nicht
richtig - ich bin gelaufen - -

                                      IX.


Kurz vor Mittag desselben Tages rollte eine leichte, halbverdeckte Kutsche den
Bergen zu. Drinnen sa eine junge, blasse Frau in Trauerkleidern und an ihrer
Seite eine Mulattin, welche Zgel und Peitsche regierte. Der Weg war wenig
befahren und so von Baumwurzeln durchzogen und mit groen Steinen berset, da
es der vollen Aufmerksamkeit der Fahrenden bedurfte, um wenigstens den
bedeutenderen Hindernissen auszuweichen. Die junge Frau schien indessen wenig
der einzelnen, unvermeidlichen Ste zu achten, und lie, als die erste Anhhe
erreicht war, mit aufglnzendem Auge den Blick ber die Gegend vor ihr
schweifen. Nach allen Richtungen hin breiteten sich sanft abgedachte Hgel, mit
jungem Pfirsichgebsch und dunkeln Gruppen riesiger Wallnubume bedeckt, aus;
einzelne Schluchten, die sich ausnahmen, wie ein romantisches Stck Landschaft
auf einem Miniaturbilde, unterbrachen die Hgelreihe und lieen hier und da
einen schumenden Gebirgsbach hindurch. Hinter diesen Anhhen indessen erhoben
dichtbewaldete Berge von allen Formationen und Schattirungen ihre Hupter -
wieder in weiterer Ferne berragt von dem dunkelblauen Zuge des eigentlichen
Gebirges, dessen hchste Spitzen noch weiter hinaus mit dem helleren Blau des
Himmels zu verschmelzen schienen. Links hinber, zwischen den verschiedenen
Hhenzgen brachen sich die Sonnenstrahlen glitzernd in einem Gebirgssee.
    Ein leises Roth begann nach und nach die seinen Zge der jungen Frau zu
beleben und als bei Erreichung einer der folgenden Anhhen sich pltzlich ein
weites Waldthal vor ihnen ffnete, dessen frischgrne Rasendecke nur mit
einzelnen Gruppen dichtbelaubter Bume besetzt war, durch welche sich der Weg in
mannichfachen Windungen schlngelte, so da man eher htte glauben mgen, in
einen geschmackvoll angelegten Park, als in ein wildes Thal der Alleghany's
hinabzusteigen, da hob ein tiefer, langer Athemzug ihre Brust. Ich wute nicht,
Mary, da es so viel Schnheiten hier gibt! sagte sie.
    Ja, es ist schn in den Bergen! erwiderte die Mulattin, aber ihrem Blicke
nach, der forschend in die Ferne gerichtet war, schienen ihre Gedanken kaum bei
der Antwort zu sein. Sie trieb das Pferd, das jetzt ebenen Weg unter den Hufen
fand, zu rascherem Laufe, und bald war die jenseitige Hhe erreicht, wo die
wieder beginnenden Schwierigkeiten des Wegs neue Vorsicht geboten.
    Ich glaube, Ma'am, wir haben in Kurzem ein Gewitter ber uns, sagte die
Mulattin, den Himmel vor sich betrachtend, dessen frheres reines Blau durch
einen dicken gelblichen Dunst verdeckt schien, ich wnsche nur, da wir Little
Valley bei Zeiten erreichen!
    Wie weit haben wir noch? fragte die junge Frau, mit ihren Augen dem Blick
der Farbigen folgend.
    Nur noch zwei Meilen, Ma'am, aber der Weg ist so, da wir nirgends rasch
fahren knnen, ohne den Wagen zu zerbrechen.
    Glaubst du, da irgend eine Gefahr droht, wenn uns das Wetter berrascht?
    Ich wei von keiner besonderen Gefahr, Ma'am, der Blitz kann auch ins
festeste Haus schlagen, aber die Gewitter in den Bergen sind schrecklich!
    Dann la es kommen - hchstens werden wir na!
    Die Mulattin schien inde wenig auf den erhaltenen Trost zu geben, sie nahm
jede einigermaen ebene Stelle des Wegs wahr, um das Pferd anzutreiben und
theilte, sichtlich besorgt, ihre Aufmerksamkeit zwischen der Beobachtung des
Wetter? und dem Fuhrwerk.
    Der Himmel schien sich mit jeder Minute dichter zu umziehen, der
Sonnenschein war lngst verschwunden und ein eigenthmlicher Druck der Luft
machte sich bemerkbar. Die Berge, kaum noch so freundlich in der klaren
Mittagsbeleuchtung, schienen jetzt wie finstere, drohende Riesen herabzublicken
und die Wipfel der Bume begannen bereits in langsamen Schwingungen sich vor dem
heraufziehenden Wetter zu beugen.
    Der Wagen hatte eben die Spitze einer neuen Anhhe erreicht. Dort ist
Little Valley, Ma'am! sagte die Mulattin mit einem Seufzer der Erleichterung
und zeigte nach der Tiefe, wo ein langgestrecktes Thal mit Baumwollenfeldern und
einer Gruppe von Htten sich vor dem Blick aufthat, in einer Viertelstunde
knnen wir dort sein! Das Pferd trabte auf dem abwrts gewundenen Wege scharf
vorwrts, so da die junge Frau mit beiden Hnden das Wagengestell fate und
sich in der Schwebe zu halten versuchte, um den unvermeidlichen Sten zu
entgehen.
    Gibt es dort kein anderes Obdach als die Negerhtten? fragte sie nach
einer Weile, als eine ebenere Stelle des Wegs ein Gesprch mglich machte.
    Gleich vorn an der Umzunung ist die Wohnung des Aufsehers, dort das
einzeln stehende groe Blockhaus, erwiderte die Farbige, die Richtung mit dem
Finger andeutend, und dort hinten bei den Htten, das Haus mit dem groen
Schornstein, ist die Kche.
    Sie lie das Pferd von Neuem die Peitsche fhlen, im nmlichen Augenblick
aber richtete sie sich hoch auf und zog die Zgel an - das Thal und die Berge
ringsumher erglnzten einen Moment in weiem Feuer, im nchsten aber erfolgte
ein prasselnder, betubender Donnerschlag, dem unmittelbar wie das Pelotonfeuer
einer Artillerie-Salve neue krachende Schlge von allen Seiten antworteten, und
als wren pltzlich die Banden der schweren Wolken zersprungen, strmte der
Regen hernieder, gleich einer Sndflut. Hochauf hatte sich das Pferd gebumt und
einen Satz zur Seite gethan, da der Wagen gegen einen Baum flog und die
Mulattin in die Mitte der Strae geschleudert wurde - auf und davon jagte das
Thier, die zerbrochene Deichsel und einen Theil des Vorderwagens hinter sich
herschleifend.
    Die junge Frau war schnell aus dem ersten Schrecken wieder zur Besinnung
gelangt. Der Wagen, seiner Vorderrder beraubt, lag nach vorn ber und das
Verdeck bildete ein gengendes Dach gegen den Regen; aber ohne an den eigenen
Schutz zu denken, sprang sie heraus, um nach ihrer Dienerin zu sehen. Das
farbige Mdchen lag mit blutendem Kopfe, anscheinend ohne Besinnung, auf der
Strae; als ihre Herrin sie aber aufrecht zu setzen versuchte, begann sie zu
sthnen und Anstrengungen zu machen, sich selbst zu erheben. Die junge Frau
half, ihr empor, fate sie unter die Arme und geleitete sie unter ermuthigenden
Worten nach dem Wagen. Kaum aber war die Verwundete unter das Verdeck gelangt,
als sie in ihrer Bewutlosigkeit auf die Kissen des Sitzes fiel. Ihre Herrin
schlo das Schutzleder des Wagens, schrzte ihre Kleider auf und wanderte
raschen Schrittes durch den strmenden Regen nach dem Thale hinab.
    Es war ein Haus im rauhesten Hinterwaldstyle, weit ab von den Negerhtten,
welches ihr von Mary als die Wohnung des Aufsehers bezeichnet worden war. Eine
einzige kleine Fensterffnung mit zerbrochenen Scheiben zeigte sich daran und
der Weg nach dem Eingange fhrte durch Morast und tiefe Pftzen, welche der
Regen gebildet hatte. Die Thr stand offen und ohne langes Besinnen trat die
junge Frau ein. Sie nahm zuerst ihren triefenden Sommerhut vom Kopfe und blickte
dann in dem dsteren Raume umher, der sich ihren Blicken bot.
    Das Haus mochte einmal wohnlich gewesen sein, die Wnde wiesen noch Spuren
von angeworfenem Kalke; jetzt aber sahen berall die nackten Baumstmme, aus
denen das Gebude erbaut worden, hervor, der Fuboden war ausgetreten und voll
klaffender Spalten und eine zerbrochene Stiege fhrte nach einem von auen
angebauten obern Raume, an welchem nur noch eine halb abgerissene Thrbekleidung
zeigte, da er einmal verschliebar gewesen war. Auf einem schmutzigen Tische
lagen neben einem groen blinkenden Messer die Ueberreste eines groben
Mittagsmahles, ein schwarzes Mdchen kniete am Kamine, bemht, einen Haufen
nasser Reiser zum Brennen zu bringen, und von einem Bett im Hintergrunde erhob
sich langsam eine mnnliche Gestalt mit wirrem Haar, nur mit einem schmutzigen
Paar Beinkleidern und einem dunklen Hemd, welches die behaarte Brust sehen lie,
bekleidet.
    Ein einziger Rundblick hatte der Eingetretenen alle diese Einzelheiten
gezeigt, und es berkam sie ein unheimliches Gefhl, als sie den
frech-neugierigen Blick der Schwarzen und das wste Auge des Mannes auf sich
gerichtet sah. Sie sind Mr. Bartlett, wenn ich mich nicht irre? fragte sie.
    Das bin ich, erwiderte dieser, sich langsam auf die Beine stellend und die
unerwartete Erscheinung von Kopf bis zu Fu musternd.
    Ich hoffe, Sie werden Mrs. Morton noch kennen, Sir! Das Gewitter hat unser
Pferd scheu gemacht und mein Mdchen hat einen schweren Fall gethan. Sie liegt
jetzt in dem zerbrochenen Wagen nicht weit von hier auf der Strae, und ich
wnsche, da Sie sogleich ein Fuhrwerk hinausschicken, um sie hierher
transportiren zu lassen.
    Der Aufseher betrachtete sie noch immer mit einem Ausdrucke von dreister
Unverschmtheit. Dann wandte er den Kopf langsam nach der Seite. Geh, Jane, du
hast gehrt, Bob soll den kleinen Wagen anspannen. - Noch Eins! rief er, als
das Mdchen eben das Haus verlie, und folgte ihr vor die Thr.
    Pauline konnte nichts von seinen weitern Worten vernehmen, und nur ein
pltzliches rohes Gelchter, in welches die Schwarze ausbrach, drang zu ihren
Ohren. Einen Augenblick kam eine ungewisse Furcht ber sie, und sie fragte sich,
ob es nicht trotz des noch immer strmenden Regens besser sei, das Haus zu
verlassen - schon im nchsten aber schalt sie sich selbst eine Thrin und trat
schaudernd vor Nsse an das eben entzndete prasselnde Kaminfeuer.
    Bald erschien der Aufseher wieder und schlo die aus schwerem Eichenholze
gefertigte Thr.
    Lassen Sie offen! gebot Pauline, sich nach ihm wendend.
    Der Regen schlgt herein, Ma'am! war die Antwort, mit welcher er sich
langsam auf sein Bett setzte, die Arme in einander schlug und seinen Gast von
Neuem anzustarren begann.
    Der jungen Frau begann es unheimlicher als zuvor zu werden; sie fhlte, da
sie diesem Zustande ein Ende machen msse. Haben Sie nicht einen andern Raum,
wo etwas Feuer gemacht werden knnte, um meine Kleider zu trocknen? fragte sie
und suchte die mglichste Festigkeit in ihre Stimme zu legen.
    Keinen als diesen - wir leben hier nicht so sein, Ma'am! erwiderte der
Aufseher ohne sich zu rhren, aber Pauline glaubte einen unverhohlenen Spott in
seinem Tone zu hren.
    Dann verlassen Sie wenigstens auf einige Minuten das Haus, Sir! rief sie,
und die aufsteigende Entrstung lie sie ihre Furcht vergessen.
    Ich gehe nicht gern im Regen spazieren, Ma'am, erwiderte er trocken;
hren Sie nur, wie es giet.
    So zwingen Sie mich, selbst zu gehen! Mit drei Schritten war sie am
Ausgange, aber die Thr wich ihrer Bemhung nicht, und dem angestrengten Rtteln
antwortete nur ein kurzgestoenes Lachen des Mannes hinter ihr.
    Oeffnen Sie augenblicklich, Sir - ich will hinaus! rief sie, und es
schien, als sei erst mit der bestimmten Vermuthung von einer ihr drohenden
Gefahr ihr Muth erwacht.
    Jetzt nicht, erwiderte der Aufseher kalt; ich habe zuerst etwas mit Ihnen
zu reden.
    In dieser Weise kein Wort! erwiderte sie energisch; ffnen Sie die Thr
und dann reden Sie.
    Sie werden es doch wol anhren mssen, Ma'am! sagte er, sich mit einem
bsen Lcheln zurcklegend und den Kopf auf seinen Arm sttzend.
    Pauline warf einen Blick um sich. Das einzige Fenster war zu hoch, als da
sie es htte erreichen knnen, und sie fhlte eine Sekunde lang, als komme ein
Schwindel ber sie. Aber das Bewutsein, keinen andern Beistand als ihre eigene
Besonnenheit zu haben, berwand die augenblickliche Schwche, und nach kurzer
Ueberlegung nahm sie den einzigen Stuhl, der sich im Zimmer befand und setzte
sich zur Seite des Tisches nieder, so da dieser sich zwischen ihr und dem
Aufseher befand. Sie zwingen mich also, in Ihrer Gesellschaft auszudauern; very
well, ich werde warten bis meine Leute ankommen, und dann werden wir weiter
sehen.
    Ohne Sorge! Es wird uns Niemand vor spter Nacht stren! sagte Bartlett
mit einem heisern Lachen, und bis dahin, denke ich, sind wir mit einander
fertig. Er setzte sich wieder langsam aufrecht. Die Nigger haben mich bei
Ihnen verklagt, Ma'am, und Sie haben mich, einen weien Mann, zum Narren des
schwarzen Viehzeugs gemacht, fuhr er mit finsterm Auge fort. Sie sind jetzt
hierher gekommen, um mir die Stelle aufzukndigen, in der ich nun drei Jahre
bin. Ich wei, da Sie schon einen neuen Aufseher an der Hand haben, und ich
konnte von einem Weiber-Regimente nichts Anderes erwarten. Weiber sind nur halbe
Geschpfe, sind nur da zum Vergngen fr den Mann, und wo sie zur Herrschaft
kommen, soll ein rechter Kerl den Platz rumen. Ich wre von selber gegangen,
diese Nacht schon, und deshalb habe ich mit Ihnen als Mistre nichts mehr zu
thun. Sie sind aber die Frau, welche einen weien Mann zum Spott der Nigger
gemacht hat, und deshalb wird Ihnen der Mann noch heute zeigen, zu was die
Weiber nur in der Welt sind, und wird seine Genugthuung haben, mgen Sie sich
dagegen wehren oder nicht!
    Ein wilder, begehrlicher Blick traf die junge Frau, da ihr Herz still zu
stehen drohte - sie hatte mit einem Blick ihre ganze Lage erkannt.
    Beruhigen Sie sich aber jetzt, Ma'am, begann der Mensch von Neuem und sah
mit einem hlichen Lcheln in Paulinens entsetzte Augen, wir haben noch Zeit
bis ich mich zur Abreise fertig mache; trocknen Sie sich ungenirt Ihre Kleider!
    Er erhob sich und warf, whrend ihre Blicke jede seiner Bewegungen
bewachten, ewige Stcke Holz auf die Glut. Dann legte er sich zurck auf das
Bett, ohne indessen den unheimlich leuchtenden Blick von ihr zu lassen.
    Paulinens Augen flogen durch den Raum. Der einzig offene Ausgang war die
Stiege hinauf nach dem angebauten Zimmer, unweit des Platzes, welchen sie
eingenommen, der aber eben so wenig Rettung bieten konnte, als ihr jetziger
Aufenthalt, und in ihrem Herzen begann es sich zu regen wie halbe Verzweiflung.
Sie wute, da sie in Mortons Hause nicht vor spt Abends zurckerwartet werden
konnte, da Doctor Ford meist nicht vor zehn Uhr nach Hause kam; sie konnte aus
der Sicherheit des Aufsehers schlieen, da die verwundete Mary unter irgend
einem Vorwande bei Seite geschafft worden war und da kein fremder Mensch, den
nicht ein besonderes Geschft in diese abgelegene Gegend fhrte, sich hierher
verirren wrde. Die Negerhtten waren so weit entfernt, da, selbst wenn sie das
Fenster htte erklimmen knnen, kein Hilferuf dahin gelangt wre. Da fiel ihr
irr umherschweifender Blick auf das groe spitze Messer unter den
Speise-Ueberresten auf dem Tische, und eine pltzliche Beruhigung berkam sie -
jetzt war die Partie wenigstens gleich, und sie konnte kmpfen fr ihre Ehre.
Ohne einen weitern Blick nach ihrem Feinde zu wenden, dessen Auge sie jede ihrer
Bewegungen hatte belauern sehen, beschlo sie, ruhig zu warten. Die Hitze vom
Kamin zog wohlthuend durch ihre Glieder, und ihr Blut begann wieder rascher
seinen Kreislauf zu nehmen.
    Der Regen hatte aufgehrt und die frische Helle, welche durch das kleine
Fenster strmte, lie den wiedergekehrten Sonnenschein vermuthen. Pauline
horchte scharf, ob nicht irgend ein Ton auerhalb laut werde, aber das einzige
Gerusch, welches zu ihren Ohren drang, war das Knarren des Bettes, wenn
Bartlett sich halb aufrichtete, um aus einer groen Whiskeyflasche lange Zge zu
thun.
    Die Sonnenhelle verschwand und eine leichte Dmmerung begann sich in dem
Zimmer einzustellen. Pauline fhlte sich in ihrer Stellung, die sie kaum durch
die Bewegung eines Armes verndert hatte, fast steif werden - da erhob sich der
Aufseher langsam. Er warf zwei groe Scheite in das fast erloschene Feuer und
drehte sich dann mit verschrnkten Armen nach der jungen Frau um.
    Well, ses Herz, wie steht's? sagte er mit einem abschreckenden Grinsen.
Vor Gott sind wir Alle gleich, und jetzt in Little Valley auch; Mann ist Mann
und Weib ist Weib - verlangt dich's nicht nach meiner Umarmung? Ergib dich in
Ruhe, kleines Lamm, ich kann das Schreien nicht hren; der Bartlett will seine
Genugthuung haben, darum mache nicht, da er mit seinen groen Hnden dir die
kleine Kehle stopfen mu. Mit einem Blicke voll thierischer Begierde ging er
auf sie los; Pauline aber, welche bis jetzt starr ihre Augen auf ihn gerichtet
hatte, war mit einem Sprunge in die Hhe, und der Aufseher prallte vor seinem
eigenen Bowie-Messer, das ihm in ihrer Hand entgegenblitzte, zurck.
    Keinen Schritt gegen mich, oder ich thue, was ich nicht ndern kann! rief
sie. Oeffnen Sie die Thr und ich will vergessen, was ich erlitten, wenn Sie
auf der Stelle die Farm verlassen!
    Bartlett hatte sich nach dem Hintergrunde des Zimmers zurckgezogen, wo ein
Haufen Feuerholz aufgeschichtet lag, und blickte von hier aus die hoch
aufgerichtete junge Frau mit dem Auge eines ergrimmten Bulldoggen an. Will die
Hummel stechen? sagte er verbissen und zog einen starken Knittel aus dem
Holzstoe neben sich; schade, wenn ich ihr die seinen Hnde zerschlagen mte.
    Pauline sah ihn vorsichtig gegen sie herankommen, und der Muth wollte sie
verlassen. In einer Eingebung ihrer Verzweiflung strzte sie ihm den schweren
Tisch entgegen und eilte die Stiege nach dem obern Raum hinan.
    Sie hrte hinter sich den Tisch zu Boden schlagen und einen ergrimmten Fluch
Bartletts, welcher dem Gerusch nach mit niedergerissen sein mute. Sie warf
einen hilfesuchenden Blick durch das Gemach, welches sein Licht nur durch die
Ritzen zwischen den Baumstmmen der Wnde erhielt; aber hier zeigte sich nichts,
das ihr nur einige Hoffnung auf Entrinnen htte geben knnen. Zwei schmutzige
Betten und ein im Bau begriffenes Kamin mit einem Haufen noch unbenutzter
Ziegelsteine daneben war Alles, was ihre Augen entdecken konnten. Sie wandte
sich wieder der Thr zu, jeden Augenblick erwartend, das bestialische Gesicht
des Aufsehers erscheinen zu sehen - aber kein Laut von dort lie sich hren.
Vorsichtig und das Messer fr alle Flle bereit haltend, schlich sie endlich
heran, wo die uerlich abgerissene Thrbekleidung ihr durch die Ritzen der
Zwischenwand einen Blick in den untern Raum gestattete, ohne selbst gesehen zu
werden.
    Einen Schritt von der Stiege entfernt stand Bartlett, den Kopf vorwrts
gestreckt, wie der Tiger auf der Lauer, aber sichtlich unentschlossen. Er ist
feig! klang es durch Paulinens Innere und die frhere Scene zwischen dem
Aufseher und ihrer Kchin, welche ihr Doctor Ford mitgetheilt, trat pltzlich
vor ihre Erinnerung. Ein neuer Muth begann in ihr aufzuleben, und mit dem
Entschlusse, ihre jetzige Stellung mit aller Energie zu vertheidigen, bis irgend
eine Hilfe von Auen erscheine, kehrte ihre fast erloschene Hoffnung zurck.
    In diesem Augenblicke sah sie, wie Bartlett, stets seinen Knittel vor sich
haltend, die Stiege herauf zu kriechen begann. Ein Gedanke durchzuckte sie. Im
Fluge hatte sie zwei der groen Ziegelsteine neben dem unvollendeten Kamine
ergriffen und trat, einen derselben hoch in beiden Hnden haltend, in die Thr.
Zurck, oder ich zerschmettere Ihnen den Schdel!
    Der Aufseher warf einen Blick empor und sprang vor der drohenden Bewegung
nach dem Zimmer hinab. Ich fasse dich doch, und sollte ich dich ausruchern -
wir haben noch Zeit! sagte er mit der vollen Wuth der Enttuschung. Er setzte
sich wieder auf sein Bett, den gierigen Blick nicht von dem Eingange zu dem
obern Raume lassend, und schien zu berlegen.
    In dem Hause war es von Minute zu Minute dunkler geworden; Pauline konnte in
ihrem fensterlosen Zufluchtsorte schon geraume Zeit keinen Gegenstand mehr
unterscheiden, und in dem untern Zimmer begann der Schein des Feuers die
Hauptbeleuchtung zu bilden. Bartlett sa noch immer auf seinem Bett, den Blick
auf die Stiege geheftet, und schien fruchtlos mit sich Rath zu pflegen. Durch
die Glieder der jungen Frau, die keinen Blick von der unverwandten Beobachtung
ihres Feindes abzuziehen gewagt hatte, begann es langsam wie eine unbesiegliche
Abspannung herauf zu kriechen, whrend ein dumpfes Gefhl in ihrem Kopfe sich
immer mehr bemerkbar machte. Schon zum zweiten Male kam es ber sie wie die
Anwandlung einer Ohnmacht und diese war nur einer entsetzlichen Furcht, die
zugleich in ihr auftauchte, gewichen - sie fhlte, da sie diesen Zustand keine
halbe Stunde lnger ertragen knne und dann wehrlos ihrem Feinde zum Opfer
fallen msse; da begann sich Bartlett zu bewegen und sonderbare Maregeln zu
treffen. Pauline suchte nochmals alle ihre Krfte wach zu rufen und lauschte mit
athemloser Aufmerksamkeit. Er nahm zwei mit Baumwolle gestopfte Kissen von
seinem Lager und band sie sich mit einem Strick um Leib und Brust; dann ergriff
er die Strohmatratze, hielt sie wie ein Dach ber seinen Kopf und schritt auf
die Stiege los. Pauline stie einen Schrei aus, sie wute, da diesen
Vorbereitungen gegenber alle ihre Waffen nutzlos waren; kaum ihrer selbst noch
mchtig, warf sie, als der Angreifer die Stiege betrat, den ersten Stein nieder,
der indessen harmlos von der Matratze abprallte und in den untern Raum flog; der
zweite folgte, aber nur ein kurzgestoenes Lachen Bartletts war die Folge des
Wurfs; die junge Frau brach in die Knie zusammen, nur noch instinktmig das
Messer vor sich haltend - Bartlett aber, bei jedem Tritte innehaltend und scharf
vor sich sphend, schritt langsam Stufe fr Stufe hinan. - -
    Eine Viertelstunde vorher ritten drei Mnner im scharfen Trabe durch eine
wilde Schlucht des Gebirges, in welcher bei der hereinbrechenden Dunkelheit kaum
noch etwas von dem Boden, welchen die Pferde betraten, zu erkennen war. An der
Spitze des kleinen Zuges befand sich ein Schwarzer, der mit Sicherheit sein
schlankes, flchtiges Thier durch alle Hindernisse, welche der unebene Pfad bot,
leitete, und die beiden Reiter hinter ihm folgten genau den Wendungen, welche er
vorzeichnete.
    Bist du sicher, Csar, da wir auf dem rechten Wege sind? fragte der
mittlere Reiter.
    Ohne Sorge, Master, erwiderte der Schwarze, ich kenne den Weg in
finsterer Nacht. Dort ist das Ende der Schlucht, und dann kommen wir auf die
Strae, die von Mortons Haus nach Little Valley fhrt.
    Und du bist auch der Geschichte sicher, die du mir erzhlt hast?
    Harriet ist wol ein schlechtes Mdchen geworden und hat sammt der Jane zwei
Jahre mit dem Aufseher gelebt - erwiderte Csar, ohne seine Aufmerksamkeit von
dem Wege abzuwenden; aber lgen kann sie nicht, Sir, ich kenne sie, ich bin auf
Mortons Farm mit ihr gro geworden. Der Aufseher hat sie vorige Woche geschlagen
und aus seinem Hause geworfen, weil sie ihm eine derbe Wahrheit gesagt hat, aber
sie hlt noch immer zur Jane, und von der ist ihr heute Mittag die Geschichte in
die Ohren gezischelt worden. Sie hat gleich wollen nach Mortons Haus laufen,
denn von den Niggern htte sich doch keiner etwas zu thun getraut, und ich traf
sie glcklich auf halbem Wege, da ich wute, da Mary heute in Little Valley
sein wrde. So viel ist sicher, Sir, Mary liegt krank und mit zerschlagenem
Kopfe bei der Kchin, von Mrs. Morton hat aber noch keine Seele etwas gesehen!
    La die Stute ausstreichen, Csar: Gott wei, was dem Allen zu Grunde
liegt! erwiderte der Andere, und in grerer Eile ging es vorwrts. Bald bog
der Schwarze aus der Schlucht in einen schmalen, auswrts steigenden Pfad ein;
mit sicherem Tritte klommen die Pferde, augenscheinlich an solche Ritte gewhnt,
den Berg hinan, und die Fahrstrae zeigte sich.
    Ausgezeichnete Thiere hier zu Lande, Mr. Helmstedt, sagte der letzte
Reiter, ich glaubte kaum, da meine dreihundert und so viel Pfunde so geschwind
heraufkommen wrden.
    Geht es mit dem Reiten, Charley? fragte der Angeredete.
    Mte nicht zwei Jahre Karrenfuhrmann und Mitglied unserer
Dragoner-Compagnie gewesen sein, war die Antwort; nur vorwrts, Sir!
    Aufs Neue ging es in scharfem Trabe die jetzt abwrts fhrende Strae
entlang, bis Csar pltzlich anhielt. Dort ist das Haus, Sir, sagte er, sich
zurckwendend, das Feuer scheint durchs Fenster, aber die Thr ist
geschlossen.
    Wir werden schnell ins Klare kommen, nur jetzt keinen Aufenthalt! rief
Helmstedt, und sprengte dem Schwarzen voraus. An der Umzunung angelangt, band
er hastig sein Pferd fest, und wollte sich eben nach dem Hause wenden, als dort
der laute Schrei einer weiblichen Stimme hrbar wurde. Ein elektrischer Schlag
schien durch seinen Krper zu zucken, in der nchsten Minute schlugen aber auch
schon seine Fuste gegen die verschlossene Thr und seine Schulter dagegen
gestemmt versuchte er vergebens, sie zum Weichen zu bringen.
    Dort liegt ein Balken, wir mssen die Thr einstoen! schrie er den
Nachfolgenden entgegen.
    Never mind, Sir! wenn sie nicht von Eisen ist, geht es so! erwiderte
Charley, mit dem Fue nach einem festen Halt suchend; ein Druck mit der Schulter
dagegen, und alle Fugen sthnten; ein zweiter, gewaltigerer und prasselnd flogen
Riegel und Schlo los. Helmstedt strzte in den geffneten Eingang, aber ein
furchtbarer Hieb, mit einem dicken Knittel gefhrt, sauste ihm hier entgegen,
noch zeitig genug von Charley's linkem Arm aufgefangen.
    Meinst du's so, Brderchen? rief der Goliath, und ein Faustschlag traf
Bartletts Gesicht, da dieser einen Schritt zurcktaumelte - ein zweiter und
dritter folgten in wunderbarer Schnelligkeit, und wie ein gefllter Baum fiel
der riesige Aufseher neben seiner Matratze und den abgeworfenen Kissen zu Boden.
    Helmstedt hatte kaum etwas von dem kurzen Kampfe gesehen, sein Blick war
angstvoll suchend durch den Raum geflogen. Pauline! Pauline! rief er, als sein
Auge nirgends auf ein Zeichen von ihr traf. August, August! erklang es
jauchzend, und die Stiege herab, das Messer noch immer in der krampfhaft
geschlossenen Hand, strzte die gequlte junge Frau. Helmstedt eilte ihr
entgegen, kam aber nur recht, um die bewutlos Zusammenbrechende in seinen Armen
aufzufangen.
    Csar, welcher von der Thr aus scheu den rasch folgenden Ereignissen
zugesehen, kam jetzt herbei, und eine unverhohlene Befriedigung zeigte sich in
seinem Gesicht, als Charley, nach einem Blick auf das der jungen Frau entfallene
Messer, mit einer Art Wuth nach dem am Boden liegenden Stricke griff und dem in
halber Bewutlosigkeit grunzenden Aufseher Hnde und Fe zusammenschnrte.
    Rasch nach der Kche hinber und Beistand geholt! rief Helmstedt dem
Schwarzen zu und trug, nach einem halb rathlosen Blick durch den Raum, die
Ohnmchtige nach dem einzigen Stuhle, sich selbst darauf setzend und sie auf
seinem Schooe ruhen lassend; kaum aber hatte er sie in eine bequeme Lage
gebracht, als sie die Augen gro aufschlug, mit dem Oberkrper emporschnellte,
und einen Blick des Schreckens um sich warf.
    Sie sind sicher, Pauline, beruhigen Sie sich! sagte Helmstedt mild.
    Sie wandte die Augen wie noch geistesabwesend nach ihm; pltzlich aber
schlang sie mit einem unartikulirten Ausrufe beide Arme um seinen Hals. August,
August, bleibe bei mir, verla mich nicht wieder, ich habe hart gebt! Das
letzte Wort erstarb und ihre Arme lsten sich in neuer Bewutlosigkeit - in
Helmstedts Innern aber sprang es auf wie ein Born junger Seligkeit; eine Minute
noch hielt er sie an seiner Brust, dann aber legte er behutsam ihren Kopf in
seinen Arm, da er ihr Gesicht sehen konnte, und hielt sie an sich gedrckt, wie
eine Mutter ihr schlafendes Kind.
    Charley hatte einige dnne Scheite in das Feuer geworfen, da es ein helles
Licht durch den Raum warf, und kam jetzt mit einem Arm voll Baumwollentissen die
Stiege herunter.
    Da oben scheinen die Betten der Mdchen zu sein, sagte er und begann seine
Last in der leeren Bettstelle des Aufsehers auszubreiten; lassen Sie uns die
Lady hierher legen, bis frisches Wasser kommt, zum Tode scheint's ja noch nicht
gehen zu wollen - aber auf den Kissen des Halunken dort sollte sie nicht liegen
- halloh! Du bleibst wo du bist, Gevatter, bis andere Leute kommen rief er,
nach dem Aufseher blickend, als dieser eine vergebliche Anstrengung machte, sich
zu erheben, und fuhr dann ruhig in seiner Beschftigung fort. Es bot ein
sonderbares Bild, die groe, massive Gestalt die Kissen zurechtlegen und sorgsam
jede Falte ausstreichen zu sehen; als ihm aber endlich Alles recht zu sein
schien, wandte er sich nach dem jungen Mann:
    Soll ich helfen?
    Helmstedt schttelte den Kopf und trug die Ohnmchtige nach dem Lager. Ein
aufsteigendes Roth in ihrem Gesicht schien die Rckkehr des Bewutseins zu
verknden, ihre Lippen begannen sich leise zu bewegen, als spreche sie im
Traume, aber ihre Augen blieben geschlossen. Helmstedts Blick haftete gespannt
auf ihren Zgen, jede Vernderung darin beobachtend, bald aber wurde seine
Aufmerksamkeit unterbrochen. Die Kchin und Mary mit verbundenem Kopfe voran,
drang ein ganzer Haufen Neger, Alt und Jung ins Zimmer. Nur die beiden ersten
richteten ihre Aufmerksamkeit sofort auf die bewutlose junge Frau - die Blicke
der Uebrigen wandten sich zuerst theils scheu, theils schadenfroh dem am Boden
liegenden Aufseher zu. Helmstedt sah sich unmuthig um.
    Es ist Niemand hier nothwendig, als Mary und die Kchin, sagte er, ihr
Uebrigen geht, wohin ihr Abends gehrt!
    Ein Haufen halb dummer, halb verwunderter Gesichter wandte sich nach der
Allen unbekannten Persnlichkeit, aber Niemand bewegte sich und Helmstedt
fhlte, da hier eine andere Autoritt als die seinige nothwendig werde.
    Hier ist der neue Aufseher! sagte er, - Charley machen Sie das Zimmer
frei!
    Platz gemacht, hier! sagte der Gerufene, vom Fue des Bettes vortretend,
oder ich nehme den Ersten von euch bei den Beinen und prgele damit die Andern
hinaus! und ein panischer Schrecken schien beim Anblicke der riesigen Gestalt,
wie beim Klange der gewaltigen Stimme unter das schwarze Volk zu fahren. Ein
kurzes Drngen nach dem Ausgange erfolgte, und in kaum zwei Minuten war das
Zimmer leer. Charley, der mit derben Worten zur Eile treibend dem Haufen bis
nach der Thr gefolgt war, drehte sich jetzt um, lie die Augen durch den Raum
gleiten und stand eine Weile wie sich besinnend. Da fehlt mir doch etwas,
sagte er endlich, da ist doch etwas nicht richtig?! Donnerwetter, das ist es,
brach er dann los, der Halunke ist mit fort! und mit einer pltzlichen Wendung
war er hinter der Thr verschwunden.
    Helmstedt hatte den Ausruf gehrt und wandte den Blick nach der Stelle, wo
der Aufseher gelegen, die jetzt nur durch den zerschnittenen Strick bezeichnet
war; aber seine Gedanken waren schnell durch Paulinens unruhige Bewegungen, die
noch immer mit geschlossenen Augen da lag, in Anspruch genommen. Das ist mehr,
als eine gewhnliche Ohnmacht, sagte er nach kurzer Beobachtung. Sie, Mary,
ffnen alle Bnder und Haken an dem Anzuge Ihrer Mistre, damit sie von nichts
beengt wird - und du, Csar, reitest scharf los und siehst, wo Doctor Ford zu
finden ist. Mit einem Blicke, aus tiefer Innigkeit und Besorgni gemischt,
wandte er sich von der Kranken, diese ihren beiden Dienerinnen berlassend, und
folgte dem Schwarzen ins Freie, wo die Sterne bereits in wunderbarer Klarheit
aufgezogen waren und ihr mattes Licht ber die Landschaft warfen.
    Er ist fort, Sir, er ist fort! empfing ihn hier Charley's unmuthige
Stimme, der Teufel mag wissen, wie er los gekommen ist, ich hatte ihn so fest
geknpft.
    Ich habe Jane's Gesicht unter den Niggern gesehen, sagte Csar, der eben
sein Pferd losband, sie hat ihn sicher losgeschnitten, Sir, kein Anderer htte
es gethan.
    Mag er jetzt laufen, wenn es nicht zu ndern ist, er entluft dem Galgen
doch nicht! erwiderte Helmstedt und begann langsam vor dem Hause auf- und
abzugehen.
    Csar jagte davon und Charley stand eine Weile, mit dem Blicke Helmstedts
Schritten folgend, bis dieser wieder in seine Nhe kam. War das Ihr Ernst, Sir,
wegen der Aufseher-Anstellung? fragte er dann.
    Es war eigentlich nur ein Nothbehelf, was ich sagte, Charley, erwiderte
der Angeredete stehen bleibend, aber wenn Sie die Stelle annehmen wollen, so
denke ich die Sache arrangiren zu knnen.
    Der Riese schlug mit der Faust in seine Hand, da es knallte. Mir gefallen
die schwarzen Kerls, Sir, lachte er, und ich denke in der rechten Manier mit
ihnen umspringen zu knnen; das Haus ordentlich zurecht gemacht, die Mary bei
mir, und es mu eine Lust sein, hier zu wirthschaften. Wenn Sie nichts dagegen
haben, Sir, gehe ich einmal nach den Negerwohnungen hinber und sehe mir das
Treiben an.
    Gehen Sie, wenn es Ihnen Spa macht, erwiderte der Gefragte, seinen Gang
wieder aufnehmend, wir werden doch in den ersten Stunden noch nicht von hier
wegkommen! Und mit einem zufriedenen Kopfnicken entfernte sich der Riese, ohne
Aufenthalt ber die Umzunung und Grben hinweg, wie eine gespenstige
Erscheinung durch die Nacht schreitend.
    Helmstedt blickte in den dunklen Himmel hinauf, und es war ihm, als she er
des alten Morton Gesicht mit demselben wohlwollenden Ausdruck ihm zulcheln, wie
er ihn zum letzten Male in seiner Krankheit gesehen. Er dachte nicht daran, da
er seiner bernommenen Pflicht als stiller Beschtzer Paulinens gengt hatte -
ihm stand eine Stelle aus dem Briefe des Verstorbenen vor Augen, zu welcher er
erst jetzt das Verstndni gefunden zu haben glaubte: Mir ist es, als wrde
auch noch einmal ein Frhling fr sie blhen und ihr ein Schutz werden, unter
dem sie sich gern bergen wird. Hatte der alte Mann Helmstedts unhaltbare
Verhltnisse zu Ellen erkannt und tiefer in Paulinens verschlossenes Herz
gesehen, als diese selbst geahnt? - Er nahm langsam seinen Gang wieder auf und
Trume von einem stillen Glcke kamen ber ihn, bis die Mulattin die Thr des
Hauses ffnete und ihn heranrief. Sie redet im Schlafe, Sir, sagte sie, es
ist wol besser, Sie sehen einmal nach ihr; mir ist selbst, als knnte ich nicht
mehr lange aufrecht stehen.
    Helmstedt folgte in Hast. Das Zimmer war jetzt in leidliche Ordnung
gebracht, eine Lampe brannte auf dem Kamin und beschien das Lager, auf welchem
Pauline verhllt unter einer leichten Decke ruhte. Ihre Wangen leuchteten in
hellem Roth, ihre Lippen bewegten sich in schnellen, abgebrochenen Stzen und
eine einzige Prfung des fliegenden Pulses gab Helmstedt volle Einsicht in den
Zustand der Kranken. Wir knnen im Augenblicke nichts thun, sagte er nach
einer Weile sorgenvoller Betrachtung; die Kchin mag gehen und nach ihren
Geschften sehen; Sie, Mary, sind selbst krank, nehmen Sie was an Kissen umher
liegt und machen Sie sich, so gut es gehen will, ein Lager zurecht; ich werde
wach bleiben und den Doctor erwarten; sollten Sie nthig sein, so werde ich es
Ihnen sagen. -
    Es war schon eilf Uhr vorber, als endlich Csar mit dem alten Arzte
anlangte.
    Das kommt davon, wenn die Kinder zu selbststndig sein wollen, sagte der
Letztere kopfschttelnd, nachdem er die Kranke eine Weile beobachtet. Csar hat
mir die ganze Geschichte erzhlt; sie mu gestanden haben wie ein Held gegen das
Unthier - aber die Lust, Alles selbst zu verwalten, wird ihr jetzt wol vergangen
sein.
    Halten Sie den Zustand fr gefhrlich, Doctor? fragte Helmstedt mit
ngstlicher Erwartung im Auge.
    Kann noch nichts sagen, Sir, wir werden erst im Laufe der Nacht sehen, was
sich entwickelt. Ich bleibe jedenfalls hier und Csar mag vorlufig die Kchin
rufen, damit ich einige Anordnungen treffen kann.
    Er wandte sich nach dem Lager der Mulattin, welche sich horchend aufgesetzt
hatte, lste die Tcher von ihrem Kopfe und untersuchte ihre Wunden. Nichts
Besonderes, wenn's auch noch etwas weh thut, sagte er, als das Mdchen unter
dem Drucke seines Fingers zusammenzuckte, morgen wird wenig mehr davon zu
spren sein; magst aber Gott danken, da noch Negerschdel genug an dir ist,
sonst htte der Puff verdrielichere Folgen haben knnen. Er ging nach
Paulinens Lager zurck, zog den Stuhl heran und blieb hier, das seine Handgelenk
der Kranken zwischen seinen Fingern haltend, beobachtend sitzen.
    Helmstedt begann leise das Zimmer auf und abzugehen, dann und wann einen
Blick auf die Kranke und das Gesicht des Arztes werfend, bis Csar mit der
Kchin und hinter ihnen Charley eintrat.
    Well, Sir, sagte der Letztere, mit gedmpfter Stimme sich an Helmstedt
wendend, es ist das eine sehr traurige Geschichte mit der Lady, aber ich
dachte, ich mte Ihnen sagen, da morgen der 14te ist. Sie wissen weswegen - es
ist nur, da ich der Weibsperson in New-York nicht umsonst ihre
Kommodenschlsser verdorben habe.
    Helmstedt griff an seine Stirn - die ganze Angelegenheit war vor den eben
durchlebten Ereignissen aus seinem Gedchtnisse gewichen. Der Doctor hatte sich
bei dem Klange von Charley's dumpfrollender Stimme umgesehen und lie die Augen
bewundernd ber die riesigen Gliedmaen desselben laufen. Er erhob sich
vorsichtig und trat zu dem Sprechenden. Das also ist der Mann, der das Unthier
niedergeboxt hat, sagte er, freut mich, Sie zu sehen, Sir!
    Einen Augenblick, Doctor, wenn Sie abkommen knnen, unterbrach ihn
Helmstedt und fhrte ihn abseits nach dem Kamin. Mit kurzen Worten gab er ihm
hier einen Ueberblick dessen, was ihm Charley in seinen Briefen gemeldet,
erzhlte ihm zugleich von seinem Besuche bei Elliot am Morgen und wie dessen
augenblickliches Heil allein von seiner Thtigkeit abhnge.
    Well, Sir, ich gratulire Ihnen und Elliot zu dem Stande der Dinge, sagte
der Arzt, als Helmstedt eine kurze Pause machte, jedenfalls wird dies Ihre
beiderseitigen Differenzen auf dem schnellsten Wege ausgleichen.
    Helmstedt schttelte den Kopf. Ich handle hierin nur als ehrlicher Mann,
ohne Rcksicht auf mich, erwiderte er, ich habe Elliot meine Zustimmung zu
einer Scheidung von meiner bisherigen Frau gegeben, und werde sie jetzt selbst
betreiben; eine viel wichtigere Verpflichtung als fr Elliots Interesse hlt
mich hier an dem Bette von Mrs. Morton fest, eine Verpflichtung, die ich gegen
den alten Mr. Morton kurz vor dessen Tode eingegangen bin und die mich die ganze
Angelegenheit, an welche mich soeben mein groer New-Yorker Freund gemahnt,
vergessen lie. Ich theile Ihnen das Alles nur mit, Doctor, weil ich im
Augenblicke selbst mit mir im Zwiespalt ber das bin, was ich zu thun habe.
    Der alte Arzt lie eine Secunde lang einen eigenthmlich forschenden Blick
auf Helmstedt ruhen. Fr jetzt, sagte er dann mit halbem Lcheln, knnen Sie
hier nichts helfen, junger Freund. Ich habe Ihnen schon gesagt, da ich diese
Nacht wachen werde. Sehen Sie also, wo Sie mit Ihrem groen Kameraden einen
Platz zum Schlafen finden und legen Sie sich aufs Ohr, damit Sie morgen frisch
und klaren Geistes sind. Am Morgen werden wir ja sehen, wie die Sachen stehen.
Er wandte sich weg und winkte die Kchin herbei.
    Wenn Sie erlauben, Sir, so meine ich wirklich, der alte Herr hat Recht,
begann Charley; man kann nicht wissen, was es morgen wieder durchzufechten gibt
- nach der Geschichte von heute Abend halte ich Alles fr mglich. Oben in den
Mdchenbetten sind noch Kissen genug fr uns, und so bleiben wir auch bei der
Hand, wenn hier etwas vorkommen sollte.
    Helmstedt rieb sich die Stirn. Es widerstrebte seinem ganzen Gefhle, die
Nacht nicht an Paulinens Bette wach zu bleiben, und doch mute er den
Vernunftgrnden dagegen ihr Recht lassen. Endlich rief er Csar herbei. Sorge
fr die Pferde und sieh, wo du unterkommst; wir bleiben die Nacht hier, sagte
er. Dann ging er langsam auf den Arzt zu, der wieder am Krankenbette Platz
genommen hatte, und legte die Hand auf dessen Schulter. Well, Doctor, ich werde
Ihrem Rathe folgen, aber versprechen Sie mir wenigstens, mich zu rufen, sobald
irgend eine Aenderung zum Schlimmen eintritt.
    Der Doctor nickte nur schweigend, und nach einem langen Blicke auf die
Kranke, deren Brust sich in kurzen, hastigen Athemzgen hob, winkte er Charley
und klomm diesem voran die Stiege nach dem obern Raum hinauf.

                                       X.


Im Hinterzimmer der Law-Office von Griswald und Duncan saen kurz vor Mittag des
nchsten Tages der Senior der Firma, die Hnde ber dem wohlgenhrten Bauch
gefaltet, und Murphy, die Stirn leicht in die Hand gesttzt, einander gegenber.
Mir scheint etwas in der Sache nicht ganz richtig zu sein, ohne da ich doch
irgendwo einen bestimmten Halt fr einen Verdacht fassen knnte, sagte der
Letztere. Elliot hat seine Entschlieung wieder auf zwei Tage weiter
hinausgeschoben, und wenn das in den Augen eines Andern vielleicht nichts ist,
so will mir doch die ganze Weise, in der es geschehen ist, nicht gefallen.
Gestern war die erste Frist, welche er sich selbst gestellt hatte, abgelaufen,
und Nelson, der gute Junge, der wirklich Angst um Elliots Eigenthum und das
Erbtheil seiner knftigen Frau hat, mahnte ihn an eine Entscheidung, da er mir
Antwort versprochen habe. Alles aber, was er als Erwiderung erhielt, lautete: Es
hat wol keine so groe Eile, Sir; ich hoffe, Ihr Freund Murphy wird noch zwei
Tage warten, damit ich mich arrangiren kann! - Ich habe den Mann kennen gelernt,
Sir, und wei, da, wenn er nicht eine bestimmte Hoffnung auf irgend eine
Hinterthr htte, er heute ohne Weiteres den Vergleich abgeschlossen haben
wrde.
    Well, Sir, ich glaube, die Sache macht Sie zu nervs, erwiderte Griswald
ruhig und lie die Daumen seiner beiden Hnde um einander laufen; es ist Ihre
erste groe Speculation, und natrlich ist da kaum etwas Anderes zu erwarten.
Der einzige fragliche Punkt in der ganzen Angelegenheit war der Mann, welchen
Sie zur Erlangung des Besitztitels benutzten. Ich habe ihn aber auf das
Schrfste beobachten lassen; er wohnt im Rocky-Creek-Wirthshause - wenigstens
hat er dort meist sein Nachtquartier - und keine Art von Nachfragen hat etwas
ergeben, was den Verdacht rege machen knnte, als habe er noch etwas im
Hintergrunde. Der Mann will Geld haben, und darum gibt er, um es heraus zu
schrauben, Dinge zu verstehen, die niemals existirt haben. Ich kenne diese Art
Kameraden. Zugleich kann ich Ihnen die bestimmte Versicherung geben, da er
weder Elliot hier gesprochen hat, noch in dessen Hause gewesen ist, und so sehe
ich bei ruhiger Betrachtung und nach allen den Arrangements, welche unsererseits
getroffen worden sind, nicht das geringste Verdchtige in Elliots Zgerung. Eine
Mortgage von 30,000 Doll. ist keine Bagatelle, lieber Herr, und mich wundert
allein, da er nur zwei und nicht nochmals acht Tage Zeit sich ausbedungen hat.
Lassen Sie diese zwei Tage ruhig verstreichen, und dann werde ich ihm mit der
Anzeige auf den Leib rcken, da Sie mich, als seinen Advocaten, von der nach
Verlauf der nchsten zwlf Stunden stattfindenden Einreichung Ihrer Klage
benachrichtigt htten. Sie sollen sehen, wie das ziehen wird!
    Wenn ich nur den Menschen mit seiner Forderung vom Halse htte, sagte
Murphy, in seinen Haaren whlend, und erhob sich. Ich habe ihn fr heute
wiederbestellt, um ihm, sollte es auch mit tausend Dollars sein, die er am Ende
verdient hat, den Mund zu stopfen. Er ist im Stande, mich zu blamiren, wenn er
von einer neuen Zgerung hrt.
    Alles zu bereilt, Sir; warum nicht vierzehn Tage fr mgliche
Zwischenflle rechnen? Er htte auch bis dahin gewartet. Wie aber die Sachen
jetzt stehen, so kmmern Sie sich nicht um das, was Sie Blamage nennen. Sehen
Sie irgend eine verdchtige Maregel seinerseits, so lassen Sie ihn als
Negerdieb festnehmen und bezeichnen alle Sie compromittirenden Angaben des
Menschen als Lgen. Wir werden dann kurzen Proce mit ihm machen.
    Ich mu versuchen, wie sich ein Arrangement ohne zu viel Aufsehen machen
lt, versetzte Murphy nach der Thr gehend; ich sehe Sie Nachmittags wieder,
Sir!
    Vor der Thr des Hotels lutete einer der schwarzen Aufwrter die
Mittagsglocke, als der junge Advocat aus der Office trat, und dieser nahm seinen
Weg dem Rufe nach. Er hatte sich kaum, mit seinen Gedanken beschftigt, an der
Mittagstafel niedergelassen, als ihm von der andern Seite des Tisches ein Teller
entgegengereicht wurde. Etwas Huhn, Mr. Murphy? hrte er eine bekannte Stimme;
ich hoffe, Sie freuen sich, Ihren alten Freund Wells hier zu sehen.
    Murphy warf nur einen Blick nach dem Sprechenden und ergriff das
Dargereichte mit einem kurzen: Danke Ihnen, Sir! Ohne ferner aufzusehen,
verzehrte er sein Mahl, erhob sich dann und winkte seinem Gegenber mit dem
Kopfe. Beide gingen schweigend nach Murphy's Zimmer hinauf.
    Ich mu Ihnen sagen, Seifert, begann der Advocat, als er die Thr
geschlossen, da, wenn wir ein Geschft machen wollen, Sie mich nicht in dieser
Weise drngen drfen. Ich komme soeben von einer Berathung mit einigen andern
Advocaten, und es ist die Gewhrung einer neuen Frist fr die Zahlung eines
Abstandsgeldes als das Beste erkannt worden. Dergleichen Dinge lassen sich nicht
ber das Knie brechen!
    Sehr schn, lieber Herr, entgegnete Seifert mit einem hflichen Lcheln;
ich drnge Sie durchaus nicht, wenn Sie mich nur sicher stellen wollen, da ich
- Sie entschuldigen, wenn ich geradeaus rede - da ich um meinen Antheil am
Geschft nicht betrogen werde. Bei unserer ersten Unterredung meinten Sie, es
werde gar nichts fr mich abfallen, bei unserer zweiten lieen Sie die Hoffnung
auf tausend Dollars oder etwas Aehnliches blicken und bestimmten den heutigen
Tag als den letzten zu einer Ausgleichung. Heute ist ein neuer Aufschub
eingetreten, und wenn ich jetzt fnftausend Dollars forderte, wrden Sie mir
dieselben wahrscheinlich unter der Bedingung zusagen, zu warten - bis Sie Ihr
Geld in der Tasche haben und der Seifert mit langer Nase abziehen kann. Ich habe
Alles das vorausgesehen, lieber Herr, und mich deshalb gengend gedeckt. Ich
stelle Ihnen jetzt zwei Propositionen. Entweder fhren Sie mich noch heute
Nachmittag bei Mr. Elliot ein und stellen mich diesem als Bevollmchtigten Ihrer
Clientin vor, an welchen er in Ihrem Beisein das stipulirte Abstandsgeld zu
entrichten hat - oder Sie zahlen mir heute noch fnftausend Dollars in Gold oder
in verkuflichen Papieren.
    Und wenn ich keins von Beiden thue? fragte Murphy, die Arme verschrnkend.
    Dann werde ich meinen eigenen Weg gehen und mir selbst ein Abstandsgeld
verschaffen, so hoch als mir gut dnkt.
    Thun Sie das! erwiderte Murphy mit Hohn.
    Thun Sie das! ahmte ihm Seifert nach; mit welcher Leichtigkeit Sie das
aussprechen. Sie glauben also wirklich den Teufel ungestraft betrgen zu knnen,
und ich hatte Sie doch vor dem Versuche gewarnt. Ich sehe wohl, ich mu meine
Karten auflegen. Wir haben den Erben beseitigt, das ist richtig, Sir, fuhr er
fort, ebenfalls die Arme in einander schlagend; wie wre es denn aber, wenn ich
mir besagten Erben zu meiner Privat-Disposition lebendig in irgend einem Eckchen
der Welt aufbewahrt htte, wenn ich jetzt zu Mr. Elliot ginge und ihn fragte:
Was geben Sie mir, wenn ich Sie mit einem Male aus Ihrer jetzigen Gefahr erlse?
Wie wre das wol, Mr. Murphy?
    Der Advocat hatte sich einen Augenblick verfrbt. Ich halte Sie fr
vollkommen fhig, die Komdie von einem auferstandenen Erben in Scene zu sehen,
sagte er dann kalt. Sie mssen aber nicht glauben, Sir, Leute damit zu
schrecken, welche den Hergang der Dinge und Sie selbst kennen.
    Ist das Ihr letztes Wort, Sir, auch winn ich Ihnen sage, da es sich nicht
um eine Komdie, sondern um eine wirklich vorhandene Person handelt?
    Ich lasse mich, Drohungen gegenber, auf nichts ein, Mr. Seifert. Kommen
Sie nach acht Tagen in einer vernnftigeren Weise zu mir, so hoffe ich, tausend
Dollars fr Sie bereit zu haben.
    Seifert sah ihm eine Secunde lang scharf ins Auge. Sie glauben mir nicht -
very well! Nehmen Sie dann auch die Folgen auf sich!
    Er setzte bedchtig seinen Hut auf den Kopf und schritt aus dem Zimmer; er
sah nicht zurck, als ihm Murphy die Treppe hinab folgte, und wanderte, als er
das Hotel verlassen, gemchlich die Strae hinauf.
    Der Advocat war eiligen Schritts in den Bar-Room getreten, wo Griswald, wie
jeden Tag in der Stunde nach Mittag, conversirend stand, und zog diesen nach dem
anstoenden Wartezimmer. Eine kurze Weile waren Beide im eifrigen Gesprche.
Wir machen den Menschen sofort unschdlich, das ist das Einfachste, mag nun
hinter seinem Geschwtz etwas stecken oder nicht! rief endlich Griswald;
warten Sie, bis ich vom Richter zurck bin, es dauert nur zwei Minuten. Unser
Mann, welcher den Schwerenther bis jetzt beobachtet hat, geht mit einem
Verhaftsbefehl nach Elliots Farm, falls er diesen Weg eingeschlagen haben
sollte, und Sie gehen mit der gleichen Vollmacht nach Rocky-Creek. Sie Beide
kennen allein den Menschen, also werden Sie fr heute zu Deputies des Sheriffs
ernannt, und Beistand finden Sie, wo es sich um einen Negerdieb handelt,
nthigenfalls berall.
    Der alte Advocat verschwand und Murphy durchma unruhig das Zimmer.
    Seifert war ins Freie gelangt und blieb unter einer breitstigen Eiche wie
berlegend stehen. Links zog sich die groe Strae an Farmen und Plantagen
vorber fernhin durch da Thal. Rechts fhrte ein schmaler Fahrweg in den Wald
hinein, dem Gebirge zu. Seifert nahm den Hut ab, wischte sich die Stirn und sah
die helle, brennend heie Strae hinab; mit einem kurzen Kopfschtteln wandte er
sich dann dem Wege rechts zu und hatte bald ein schattiges Laubdach zwischen
sich und der Mittagssonne. Ohne auf seine Umgebung zu achten, wanderte er
vorwrts; dann und wann zuckte es wie ein bitteres, hhnisches Lcheln ber sein
Gesicht, und erst nach einer Stunde, als vor ihm aus einem Nebenwege ein Reiter
in seine Strae einbog, sah er auf und beobachtete mit aufmerksamen Blicken die
in der nchsten Biegung des Wegs wieder entschwindende Erscheinung. Er begann
hastiger zu schreiten und nach Verlauf der nchsten halben Stunde tauchte ein
einsames Haus vor ihm auf. An dem Pfahle vor der Thr stand ein gesatteltes
Pferd angebunden. Seifert hielt seinen Schritt an und schien mit sich Rath zu
pflegen; bald aber ging er mit einem Kopfschtteln, als wolle er ein
aufsteigendes Bedenken beseitigen, wieder vorwrts. Kurz vor dem Hause mndete
ein schmaler, steiniger Fahrweg in der Strae aus - hier bog Seifert ein und ein
Zug von Spott legte sich ber sein Gesicht, als das Haus hinter dem dichten
Gebsche verschwunden war.
    Fnf Minuten mochte er ruhig weiter geschritten sein, als er pltzlich den
Schlag einer Hand auf seiner Schulter fhlte. Seifert, ich verhafte Sie im
Namen des Gesetzes! klang es in seine Ohren; aber mit einer krftigen Wendung
war er frei und stand seinem Gegner Aug' in Auge. Ah - M. Murphy - auf diese
Weise also! prete es sich aus dem Munde des Angegriffenen, wollen Sie mir wol
noch einmal sagen, was Sie wnschen?
    Ich nehme Sie fest auf Grund dieses Verhaftsbefehls, erwiderte der
Advocat, ein Papier aus der Tasche ziehend und sein Gesicht zu einer finstern
Gleichgiltigkeit zwingend, und rathe Ihnen wohlmeinend, weder Widerstand zu
leisten, noch einen Versuch zur Flucht zu machen!
    Und was ist mein Verbrechen? fragte Seifert, die Hand nachlssig in die
Brusttasche steckend.
    Ich habe Ihnen nichts darauf zu antworten; ich handle nur auf Befehl des
Richters in meiner Eigenschaft als Deputy-Sheriff.
    Jedenfalls als ziemlich neugebackener! erwiderte Seifert bleich, aber ohne
sein hhnisches Lcheln zu verlieren. Das ist also die Art, wie man hier zu
Lande unbequeme Personen beseitigt. Trotz alledem, Herr Deputy-Sheriff, rathe
ich Ihnen, umzukehren und den Seifert ruhig seines Wegs gehen zu lassen. Sie
wissen aus Erfahrung, da er fr jeden Zug gegen ihn sich immer doppelt gedeckt
hat! Er warf einen raschen Blick ber die nchsten Gebsche und machte eine
Wendung, um sich zu entfernen; aber die Mndngen eines Revolvers, welche ihm
pltzlich aus Murphy's Hand entgegenstarrten, hieen ihn stillstehen. Keinen
Schritt, Sir, wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist! rief der Advocat.
    Das Hohnlcheln in Seiferts Gesicht ging in Verzerrung ber; seine Hand fuhr
mit Blitzesschnelle aus der Brusttasche, ein Schu knallte - und Murphy strzte
mit einem Aufschrei rcklings zu Boden. Der Rauch verzog sich und Seifert stand,
mit vorgebogenem Oberkrper die stieren Augen auf den Gefallenen gerichtet; als
aber auch nicht ein Glied mehr an diesem zuckte, schien ein pltzliches
Entsetzen ber ihn zu kommen; er warf den hervorgezogenen Revolver weit von sich
ins Gebsch und lief, wie von allen Furien der Hlle gejagt, auf dem einsamen
Wege dem Gebirge zu. - -
    Am Mittag desselben Tages hatten drei Reiter die Strae, welche von der
Stadt nach den Bergen fhrt, eingeschlagen. Kein Wort fiel, whrend sie neben
einander dahin trabten, Jeder schien mit seinen eigenen Gedanken beschftigt,
und erst als nach einer Stunde das einsame Haus am Wege auftauchte, hob einer
von ihnen aufmerksam den Kopf. Ist das dort Rocky-Creek-Haus, Sheriff? fragte
er. Der Angeredete nickte mit einem kurzen: Yes, Sir!
    Was meinen Sie, fuhr der Erstere fort, wenn mein Freund Charley dort erst
einmal nach unserm Manne ausschaute?
    Es kann nichts schaden, erwiderte der Sheriff achselzuckend, obgleich es
kaum etwas ntzen wird; ich frchte, wir kommen berhaupt zu spt. Wre mir
gestern im Laufe des Tages eine Mittheilung gemacht worden, so htte ich whrend
der Nacht meine Maregeln treffen und den Burschen frh noch im Neste fangen
knnen. Jetzt lt sich nur vermuthen, da er schon lngst seinen Geschften
nachgegangen ist.
    So wird doch wenigstens der junge Mensch zu finden sein, um den es sich
hauptschlich handelt.
    Wir wollen es hoffen, war die Antwort; hat aber unser Bursche gerade
heute einen Schlag ausfhren und dann die Gegend verlassen wollen, so sollte es
mich wundern, wenn er sich durch Hinterlassung des jungen Menschen selbst
gezwungen htte, nochmals an seinen alten Platz zurckzukehren - wenigstens
mte er dann nicht halb so gerieben sein, wie ihn Ihr New-Yorker Freund hier
schildert.
    Charley zog ein nachdenkliches Gesicht. Es mag wirklich so sein, Mr.
Helmstedt, brummte er, es ist verdammt viel Sinn in dem, was der Sheriff sagt,
und nur der Sicherheit halber will ich einmal das Haus dort in Augenschein
nehmen.
    Reiten Sie zu! sagte der Beamte, unser Weg fhrt hier rechts ab, wir
werden langsam vorausreiten, damit Sie uns bald wieder nach sein knnen.
    Die beiden Parteien trennten sich und der Sheriff bog mit Helmstedt in einen
steinigen Waldweg ein, welcher nach Angabe des Ersteren zu Mr. Graws Farm, dem
Aufenthaltsorte Seiferts, fhren sollte. Sie ritten im langsamen Schritte
weiter, bis der harte Trab von Charley's groem Pferde wieder hinter ihnen laut
wurde. Nichts von ihm zu erblicken, sagte dieser herankommend, die Leute dort
sagen, er habe am Morgen da gefrhstckt, sei aber nach dieser Zeit nicht wieder
gesehen worden.
    Der Sheriff nickte nur schweigend und trieb sein Thier zu schnellerem Laufe
an; die beiden Andern folgten, bald aber ward der Weg so rauh und eng, da sich
ein langsamer Schritt von selbst gebot.
    Ich hoffe, Sir, sagte Charley, nher an Helmstedts Seite reitend, da Sie
es mir nicht zu hoch anrechnen werden, wenn der Graf entwischt? Ich htte
freilich wol einen halben Tag frher hier sein knnen, aber ich hatte mit keiner
Silbe daran gedacht, da ich selber bei der Sache nothwendig sein knnte.
    Helmstedt schttelte ruhig lchelnd den Kopf. Htten Sie sich einen halben
Tag frher eingesunden, so wren wir wahrscheinlich nicht bei der Hand gewesen,
um ein Unglck in Little Valley zu verhten, an das ich kaum denken mag! sagte
er. Es geht Alles in der Welt, Charley, wie es soll, und der Mensch mit seinem
Fnkchen Verstand thut meist das Wenigste dazu. Wer nach rechtem Gewissen seine
Pflicht thut, damit er sich selbst nichts vorzuwerfen hat, der soll sich um das
nicht grmen, was vielleicht anders htte sein knnen - und so wollen wir auch
jetzt thun, was sich mit besten Krften thun lt, und schieen wir dennoch
fehl, so mag es vielleicht gerade zu etwas dienlich sein, was wir jetzt noch
nicht einmal ahnen.
    Charley kratzte sich unter seinem Hute; 's ist das gewi recht schn
gesagt, Sir, aber der Teufel mag sich immer damit zufrieden geben, und ich htte
wol auch sehen mgen, setzte er mit einem launigen Blicke auf Helmstedts
Gesicht hinzu, wie Sie sich hineingefunden htten, wenn wir der Lady in Little
Valley zu spt zu Hilfe gekommen wren.
    Helmstedts Gesicht berflog ein dunkler Schatten, welcher sich aber bald
wieder in einem klaren Blicke, den er in die Ferne schickte, auflste. Sie
mgen Recht haben, Charley, erwiderte er mit einem tiefen Athemzuge, das
Schicksal bewahre Jeden vor solchen Proben.
    Der Sheriff war vorausgeritten und ffnete jetzt das niedere Thor einer
Einzunung, hinter welcher sich auf einem Hgel inmitten von drftigen Feldern
ein rohes Blockhaus zeigte. Bleiben Sie hier, bis ich zurckkomme oder Ihnen
winke, sagte der Beamte, und schritt, nachdem er sein Pferd festgebunden, dem
Hause zu; ehe er es aber erreichte, trat ihm schon der Farmer aus der offenen
Thr entgegen. Beide standen eine Weile in angelegentlichem Gesprche, der
Farmer mehrmals mit dem Kopfe schttelnd, bis sie endlich, der Beamte vorweg, in
das Haus traten. Zehn Minuten mochten vergangen sein, als Beide wieder
erschienen und der Sheriff mit einem kurzen Nicken gegen den Farmer nach den
Wartenden zurckschritt. Es ist genau wie ich gesagt, wir kommen sechs Stunden
zu spt! begann er, als er die Einzunung erreicht hatte, und bestieg sein
Pferd. Heute Morgen hat er mit dem jungen Menschen und einer starkgefllten
Reisetasche die Farm verlassen, hat Abschied genommen und reichlich fr seinen
Unterhalt gezahlt; jedenfalls scheint der Bursche aber in unserer Gegend besser
bekannt zu sein, als ich vermuthete; er hat sich schon im vergangenen Winter im
Riverhause, wo damals stark gespielt wurde, aufgehalten, und dort will ihn Mr.
Graw beilufig kennen gelernt haben. Weg ist er von hier, das steht fest - fuhr
er fort und setzte sein Thier wieder in Bewegung, ich habe die drei Stuben des
Hauses durchgesehen und nirgends einen Gegenstand wahrgenommen, der an einen
Mann von feineren Gewohnheiten erinnert htte - indessen will ich doch die
Angelegenheit noch nicht aufgeben. Mit einer schweren Reisetasche luft man
nicht gern die fnf Meilen bis zur Stadt und wenn es sich bei dem jungen
Menschen um Verborgenheit handelt, so wird er diesen auch nicht am hellen Tage
dorthin gefhrt haben. Im Rocky-Creekhause soll jetzt Abends gespielt werden -
lassen Sie uns bis zur ebenen Strae hinabreiten und ich werde Ihnen dann
Weiteres sagen!
    Schweigend wurden die Pferde zu schrferem Schritte angetrieben; der grere
Theil des felsigen Weges war bereits zurckgelegt und die letzte Biegung nach
der Hauptstrae hinab zeigte sich, als pltzlich unweit vor ihnen ein Schu
knallte und fast mit ihm zugleich ein Schrei hrbar wurde. Kaum hatte der
voranreitende Sheriff sein Pferd aufhorchend angehalten, als ein Mann hinter der
nchsten Buschecke hervorgejagt kam, beim Anblicke der Reiter stutzte und nach
einem Augenblicke wilden Umsichsehens auf das nchste Gebsch zusprang. Aber
sein Fu verwickelte sich in die offen liegenden Wurzeln und Schlingpflanzen am
Rande des Weges und in toller Hast, loszukommen, schlug er der vollen Lnge nach
zu Boden.
    Das ganze Ereigni war so pltzlich eingetreten, da die Zeit dafr eben nur
gengt hatte, die Pferde zu zgeln; jetzt aber richtete sich Charley hastig in
den Bgeln auf und war mit einem: Das ist er ja, das ist er! vom Pferde, ehe
noch einer der Andern Miene dazu gemacht hatte. Mit zwei Sprngen hatte er den
Mann, der von dem Falle halb betubt schien, erreicht und richtete ihn wie ein
Kind in die Hhe. Bei Gott, er ist es, ich sagt' es ja, und nur die verdammte
Brille, die er trug, machte mich einen Augenblick unsicher! rief er, den Mann,
der ihn wie geistesabwesend anstarrte, an beiden Armen festhaltend.
    Halloh, Graf, wie geht's? Kennen Sie den Dutch Charley nicht mehr?
    Helmstedt hatte, als auch der Sheriff eilig abstieg, nach den Zgeln der
beiden Pferde gegriffen; aber seine Augen thaten sich weit auf, als der Beamte
zur Verhaftung des Menschen schritt und dieser sein verstrtes Gesicht nach ihm
wandte. Sichtlich gespannt folgte der junge Mann seinen beiden Gefhrten und
trat, die Pferde nach sich fhrend, zu der Gruppe.
    Also Sie, Seifert, sind der Graf, oder der Mr. Wells, oder wie Sie sonst
heien mgen? fragte er. Kennen Sie mich nicht, Seifert?
    Was wollen Sie von mir? fragte der Gefangene, die drei Mnner der Reihe
nach mit starrem Blick ansehend. Ich habe in Selbstvertheidigung gehandelt und
kann nichts dafr, da der Schu so unglcklich traf. Er hatte den Revolver auf
mich gerichtet, Sie sollen meine Zeugen sein, es ist gut, da Sie da sind -
kommen Sie!
    Sachte, lieber Mann, wir folgen schon! erwiderte der Sheriff, als Seifert
seinen Arm aus dessen geschlossener Hand reien wollte, und winkte bedeutsam den
beiden Andern, zu folgen.
    Sie erreichten bald die nchste Buschecke; wenige Schritte davon zeigte sich
die Leiche Murphys quer ber den Weg liegend.
    Da dich -! rief Charley, erschreckt stehen bleibend, whrend Seifert an
der Hand des Sheriffs gerade auf den Krper losschritt.
    Hier liegt sein Revolver, den er mir entgegenstreckte, sagte der Gefangene
und wollte sich nach der Waffe bcken, aber der Beamte zog ihn rauh zurck.
    Das Alles wird sich finden; jetzt aber, lieber Mann, ist die Sache ernster
als zuvor! entgegnete er und zog ein paar Handschellen aus der Tasche; ich
ersuche Sie, ruhig Ihre Arme herzuhalten, damit ich nicht Gewalt anwenden mu!
    Warum das? rief Seifert zurckprallend, ich habe Sie selbst hierher
gefhrt; ich habe in Selbstvertheidigung gehandelt und verlange eine
Untersuchung. Ich folge Ihnen ganz freiwillig!
    Helmstedt, welchem beim ersten Anblick der Leiche eine peinliche Erinnerung
aus seinem eigenen Leben vor die Seele getreten war, die ihn gespannt den
Vorgngen folgen lie, drckte jetzt die Zgel der Pferde in Charley's Hand und
ging rasch auf den Sheriff zu. Eine kurze Weile sprach er in dessen Ohr, und als
ein nachdenkliches Nicken desselben seine leise Rede beantwortete, wandte er
sich an den Gefangenen.
    Ich hoffe, Sie kennen mich noch, Seifert?
    Und was weiter, Sir? erwiderte dieser, den Frager starr anblickend.
    Sie wissen wahrscheinlich noch nicht, da Sie wegen Entfhrung des Manuel
Goldstein und wegen des damit verbundenen Betrugs und Schwindels jetzt verhaftet
worden sind und da Alles, was hier geschehen ist, ursprnglich gar nichts mit
dieser Verhaftung zu thun hatte.
    Manuel Goldstein - was soll es doch mit dem? erwiderte Seifert, als habe
er von Allem, was zu ihm gesprochen, nur den einen Namen gehrt. Seit der hier
todt ist, bezahlt mir doch Niemand mehr einen Gewinn, was soll ich noch mit dem
Jungen machen? Armer, kleiner Kerl, wenn er nur schon wieder in New-York wre,
er ist mir so gutwillig berallhin gefolgt, um endlich einmal den alten Pedlar
zu finden.
    Aber wo ist er, Seifert, damit fr ihn gesorgt werden kann? Reden Sie die
Wahrheit, und wir wollen glauben, da Sie bei diesem Morde hier nur in
Selbstvertheidigung gehandelt haben; der Sheriff wird die Handschellen wieder
einstecken und Sie anstndig nach der Stadt bringen.
    Der Gefangene sah mit halb irren Blicken auf.
    Das ist also der Sheriff, sagte er; well, Sir, war der Advocat Murphy,
der hier todt liegt, einer von Ihren Deputies?
    Ein bittender Blick Helmstedts traf den Beamten.
    Nicht, da ich wte! erwiderte dieser.
    Ein halb verzerrtes Lcheln ging ber Seiferts Gesicht.
    Es ist schon wie ich gedacht und Alles recht; der Teufel rcht sich nur, wo
er betrogen werden soll. Ich gehe mit Ihnen nach der Stadt, Gentlemen.
    Und wie soll es mit dem Manuel werden? fragte Helmstedt dringend.
    Ja, er wird wol jetzt ausfinden mssen, da der alte Pedlar schon lngst
todt ist, erwiderte Seifert mit bedauerndem Kopfschtteln; es ist am besten,
Sie gehen selbst nach dem Rocky-Creek-Hause und sagen es ihm. Er mag warten, bis
ich aus der Stadt zurckkomme, dann will ich ihn selbst wieder nach New-York
bringen.
    Helmstedt tauschte mit dem Beamten einen Blick aus und lie dann das Auge
ber die Leiche streifen.
    Wenn Sie sich einige Minuten gedulden wollen, sagte er halblaut zu dem
Sheriff, so hole ich aus dem Wirthshause Jemanden als Wchter herbei, der bis
zur Ankunft des Koroners hier bleibt. Dann mgen Sie den Gefangenen auf meinem
Pferde zwischen sich und Charley nach der Stadt fhren und brauchen ihn nicht zu
schlieen.
    Ich kann Ihnen nur dankbar sein, wenn Sie die Mhe bernehmen wollen,
erwiderte der Angeredete - und nach einigen Minuten sprengte Helmstedt dem
Rocky-Creek-Hause zu. -
    Es war Abend geworden und der Platz, auf welchem der Mord vollbracht wurde,
wieder so de wie vorher; nur die geknickten Bsche und das zertretene Gras am
Wege zeigten, da ein besonderer Vorfall mehr Menschen als gewhnlich auf der
Stelle versammelt hatte. Mit der nach der Stadt gebrachten Leiche war aber die
Aufregung dort eingezogen, das Hotel, worin der Ermordete lag, umstanden die
Menschen in dichten Haufen, und die verschiedensten Gerchte ber die Art und
Ursache des Mordes gingen von Mund zu Mund.
    Im Bar-Room des Hotels, wo es wie in einem Bienenstocke aus- und einging,
stand Griswald in der Vertiefung neben dem Kamin und strzte so eben den dritten
Brandysmash hinunter.
    Ich mu bekennen, sagte er zu einem an seiner Seite lehnenden ltlichen
Manne, da ich mich alterirt habe, so kalt ich auch sonst in allen Dingen bin -
Teufelsgeschichte das!
    Und was wird jetzt aus unserer Speculation? brummte der Andere halblaut;
ist schon etwas geschehen, da die Sache von den richtigen Hnden weiter
fortgefhrt werden kann?
    Wettergefhrt? Damit ist es vorlufig zu Ende, Sir, und das ist mir eben
wie eine Eispille in den Magen gefahren, erwiderte Griswald, einen Blick um
sich werfend. John, noch einen Smash - Sie nehmen einen Schluck mit mir, Sir?
Zwei Smash, John! Wissen Sie denn nichts von der Geschichte, welche der Sheriff
erzhlt? fuhr er fort, als er nirgends einen Lauscher in seiner Nhe bemerkte,
nichts von dem jungen Menschen, welchen der Mrder irgendwo hier verborgen
gehabt?
    Der Andere sah ihn gro an.
    Nun?
    Nun? Dieser junge Mensch ist der eigentliche Eigenthmer des Besitztitels.
Murphy hat sich durch eine Nachricht von seinem Tode dpiren lassen und das
Document von Parteien erworben, welche kein Recht darauf haben.
    Aber ich verstehe nicht -
    Ich auch noch nicht, Sir; was ich Ihnen aber da sagte, steht so fest wie
Murphy's Tod, und da es berhaupt eine Thorheit bleibt, junge Advocaten, bei
denen die Illusionen immer die Grndlichkeit berwiegen, in die Association
aufzunehmen. Jetzt knnen wir mit unserm Gutachten ber die Unfehlbarkeit des
Besitztitels die schnste Blamage auf den Hals bekommen. Geht morgen das
Document in andere als uns befreundete Hnde ber, so mssen die schlimmsten
Vermuthungen ber unsere Gesetzeskenntni oder unsere Ehrlichkeit laut werden -
und das kommt Alles davon, wenn junge Leute wie Murphy zu Dingen zugelassen
werden, die sie noch nicht zu behandeln verstehen. John, noch einen Smash!
    Aber was denken Sie, da nun geschehen sollte?
    Wei noch nicht, Sir! Zuerst wollte ich nach Oaklea gehen, um dort zu
sondiren - heute Nacht, denke ich werden sich die meisten von unsern Freunden
von selbst in meiner Office einfinden, und dann werden wir weiter sehen!
    Er trat an den Schenktisch, um zu bezahlen, und schritt dann in die Strae,
wo ein aufgezumtes Pferd bereits auf ihn wartete. Bald sa er im Sattel und
trabte davon.
    Zu derselben Stunde schritt Elliot, ein offenes Billet in der Hand, mit
groen Schritten in seiner Bibliothek auf und ab. Im Schaukelstuhle wiegte sich
die Frau vom Hause und am Finster sa Ellen, da Kinn in die Hand gesttzt, und
sah trumerisch in die dmmernde Landschaft hinaus.
    Diese Gefahr wre also vorlufig vorber, sagte der Pflanzer, stehen
bleibend; aber ich wei kaum, ob ich mich darber freuen soll. Im Grunde
genommen ist es kaum mehr als eine Galgenfrist, und ich hatte bis jetzt
wenigstens Gegner, mit denen man, ohne sich etwas zu vergeben, unterhandeln
konnte. Was soll ich aber mit diesem Deutschen thun, der jetzt das Heft gegen
mich in die Hand bekommt? Soll ich ihn aufsuchen, wie ich es ihm in einer Stunde
der Bedrngni zugesagt, und seinem Hochmuthe die Krone aufsetzen? Er mag das
erwarten, sonst htte er mir wol kaum so eilig die Meldung von der Auffindung
seines Mndels geschickt.
    Ich glaube, Pa, du beurtheilst Helmstedt ungerecht, unterbrach ihn Ellen,
vom Fenster aufsehend, und ich mchte dir das zu deiner eigenen Ruhe sagen. Ich
habe in den letzten Tagen viel darber nachgedacht, warum er mir in so kurzer
Zeit entfremdet werden konnte; ich habe mein ganzes Zusammenleben mit ihm
durchgegangen, und es war nicht sein Charakter, nicht das, was er als Mensch
werth war, was unsere Uebereinstimmung hinderte; es waren unsere verschiedenen
Ansichten vom Leben berhaupt, oft bis zu den kleinsten Dingen herab, die, wol
Jedem anerzogen, sich immer einander entgegen traten. Helmstedt ist groherzig;
er hat es bewiesen, und denkt gewi jetzt am wenigsten an die Befriedigung
irgend eines unedlen Gefhls.
    Der Pflanzer nickte unmuthig. Das mag die Ansicht junger Ladies sein,
Mistre Tochter; bejahrte Mnner aber urtheilen anders! sagte er und nahm
seinen Gang wieder auf. Ich hasse diese Groherzigkeit, diese
Uneigenntzigkeit, welche sich dann zu Hause hinsetzt und in der Genugthuung
schwelgt, die sie Leuten von mehr Gewicht gegenber errungen - es hat mein
innerstes Gefhl beleidigt, als dieser junge Mann, der mein Brod gegessen und
dessen armselige Finanz-Verhltnisse ich kenne, wenn er sie bisher auch noch vor
der Welt zu bemnteln gewut, sich vor mich als Retter hinstellte und zugleich,
um seine Uneigenntzigkeit zu beweisen, jeden Anspruch auf eine nhere Beziehung
zu mir von sich wies. Htte er damals noch zu mir gesagt: Rcksicht gegen
Rcksicht, Sir, ich nehme Ihre Sorgen von Ihnen und trete dafr als anerkanntes
Glied in Ihre Familie ein - so wei ich nicht, zu was ich mich htte verleiten
lassen, denn es wre Verstand und Gegenseitigkeit in dem Vorschlage gewesen;
aber er ging weg, kaum da er es der Mhe werth fand, meine Hand zu ergreifen,
mit der einzigen Genugthuung den Gromthigen gespielt und mich ihm gegenber in
eine unsichere Stellung gebracht zu haben.
    Aber, Pa, hast du nicht selbst versucht, ihn mit allen Mitteln zu einer
Scheidung zu treiben? sagte Ellen erregt, und nun willst du es ihm zum Vorwurf
machen, da er dir nachgegeben hat und Alles, was gegen ihn gethan worden ist,
mit guten Absichten vergilt?
    Ich glaube, du hast alle Bescheidenheit gegen deinen Vater verlernt! lie
die Mutter vom Schaukelstuhle vernehmen.
    La sie, sie ist von meinem Schlage, sagte Elliot mit einem Anfluge von
Laune; wenigstens kann ich mich dabei doch einmal aussprechen und brauche nicht
Alles still mit mir herumzutragen. Und was glaubt denn nun meine kluge Tochter,
da ich unter den gegenwrtigen Verhltnissen thun sollte?
    Nichts, Pa, aber dir auch den Kopf nicht schwer machen um Dinge, die
wahrscheinlich gar nicht existiren! erwiderte die junge Frau. Ich glaube
bestimmt, Helmstedt wird selbst kommen, sobald er nur wei, wie die
Angelegenheiten stehen, und dir die nthigen Mittheilungen machen, und ich bin
berzeugt, da du ihn nur als Gentleman, der er wirklich ist, zu behandeln
brauchst, um jeder Rcksicht sicher zu sein.
    Und wo mglich bis dahin auch die Scheidungsangelegenheit aufzuschieben,
versetzte Elliot, stehen bleibend, und zuzusehen, ob der junge Herr sich nicht
vielleicht eines Bessern besonnen hat, und sich zu einer Ausshnung bewegen
lt; nicht so?
    Vater! rief Ellen vorwurfsvoll, und die Thrnen traten in ihre Augen,
womit habe ich das verdient? Ich vertheidige nichts als seinen Charakter. Htte
ich nicht erkannt, wie wenig wir fr einander passen, so wre ich dir sicher
nicht nach Oaklea gefolgt, und seit du in meinem Namen eine Rckkehr in sein
Haus verweigert hast, weit du, da ich nur auf eine Scheidung in deinem Sinne
gerechnet habe. Aber wenn Helmstedt nichts weiter verdient, so verdient er
Achtung, Vater, und die werde ich ihm bewahren, so lange ich lebe!
    Mr. Griswald ist im Parlor! rief in diesem Augenblick eine Schwarze, den
Kopf zur Thr hereinsteckend.
    Elliot sah auf, als komme ihm die Unterbrechung eben erwnscht. Fhre ihn
hierher, Flora, und bringe Licht! sagte er und setzte dann schweigend seinen
Schritt fort.
    Nach wenigen Minuten ffnete sich die Thr wieder. Teufelsgeschichte, das!
rief der Advocat eintretend,  - oh, bitte um Entschuldigung, Ladies; ich hatte
keine Ahnung von Ihrer Gegenwart. Familien-Berathung? Ich hoffe, ich stre
nicht?
    Nicht im Geringsten, Sir, setzen Sie sich! erwiderte Elliot, whrend die
Schwarze zwei Lichter auf den Tisch stellte; wir besprachen eben nur den
auerordentlichen Fall von heute. Ich bin aufrichtig betrbt ber Murphy's Tod;
er war jedenfalls ein Gegner, mit dem sich sprechen lie.
    So - da komme ich also mit meiner Nachricht zu spt, hustete Griswald,
sich niederlassend; ich habe noch einige Meilen weiter hinaus Geschfte und
dachte, Ihnen im Vorbeireiten die Sache mitzutheilen. Aber - darf ich in der
Ladies Gegenwart von Geschften reden?
    Immer zu, Sir, erwiderte der Pflanzer; leider haben Sie in der letzten
Zeit mehr daran Theil nehmen mssen, als mir lieb war.
    Well - ich wollte nur fragen, um etwa nthige Schritte in Ihrem Interesse
thun zu knnen - hatten Sie mit Murphy bereits ein Uebereinkommen getroffen,
was, falls der Anspruch jetzt durch einen andern Bevollmchtigten vertreten
werden sollte, gegen diesen geltend gemacht werden knnte?
    Ich mu Ihnen gestehen, Sir, sagte Elliot, sich langsam niedersetzend,
da mir erst in der letzten Zeit manches Unklare in diesem Anspruche
aufgestoen ist, weshalb ich mir auch von Mr. Murphy noch eine weitere Frist
ausbitten lie. Wie die Sache jetzt steht, habe ich mich entschlossen, sie an
mich kommen zu lassen.
    So? - merkwrdig, Sir! erwiderte Griswald, sich den Schenkel reibend; ich
wnschte, Sie htten mir Ihre Gedanken mitgetheilt, die vielleicht schon bei der
Untersuchung des Documents von Wichtigkeit htten sein knnen.
    Sie meinen doch nicht, da drei der erfahrensten Advocaten von den Gedanken
eines einfachen Farmers etwas htten profitiren mgen? lachte Elliot; meine
Bedenken sind ganz privater Natur, und ich mu selbst abwarten wie weit sie
Stich halten. Wissen Sie vielleicht schon, wer die Angelegenheit jetzt in die
Hand bekommt?
    Habe noch nicht die Idee davon, Sir; es mu sich aber jedenfalls binnen
Kurzem herausstellen, und deshalb meinte ich, es sei gut, Sie schon heute darauf
aufmerksam zu machen.
    Ich danke Ihnen, Mr. Griswald; wir wollen aber, wie gesagt, erst einmal
abwarten, was neuerdings in der Sache gethan werden wird, und dann sehen Sie
mich jedenfalls in Ihrer Office.
    Wie Sie meinen, Squire - es ist Ihre eigene Sache, murmelte Griswald, und
so will ich mich nicht weiter aufhalten.
    Er erhob sich, verbeugte sich gegen die Damen und verlie mit einem: Gute
Nacht, Sir! das Zimmer.
    Hat hier der Teufel schon ein Ei in die Wirthschaft gelegt? brummte er,
als er sein Pferd bestiegen hatte und langsam davon ritt; was will er mit
seinen Bedenken? Bedenken - lcherlich! Der Anspruch gegen ihn bleibt immer
bestehen, ob in dieser oder jener Hand - und da der jetzige Eigenthmer, oder
wer diesen vertritt, recht berathen werde, dafr wird der Griswald sorgen.
    Er zog die Zgel an und ritt im scharfen Trabe der Stadt wieder zu.

                                      XI.


Als Helmstedt am Nachmittage den Sheriff verlassen und das Rocky-Creek-Haus
erreicht hatte, war seine erste Frage nach dem jungen Menschen gewesen, welcher
am Morgen mit Mr. Wells hier angekommen sei; aber da war Niemand, der etwas
wissen wollte, kaum da ihm berhaupt eine Antwort gegeben wurde. Als aber Mr.
Helmstedt ungeduldig den Wirth, der ihn eben mit einem halben Wort abspeisen
wollte, krftig beim Arme festhielt und ihm erklrte, da hinter den nchsten
Bschen ein Mord begangen worden, da der Mann, welcher sich Wells nenne, sich
bereits als den Mrder bekannt habe und in der Gewalt des Sheriffs sei - da
dieser Letztere ihn hierher sende, um Leute zur Bewachung der Leiche zu fordern
und den jungen Begleiter des sogenannten Wells unter seine Obhut zu nehmen, als
die anwesenden Gste wie die Hausbewohner sich bei Helmstedts lauter Erzhlung
um die Sprechenden gruppirten, da hatte der Wirth andere Saiten aufgezogen. Er
hatte zwar berhaupt von einem Manne, der Wells heie, nichts wissen wollen,
aber wenn es derselbe Fremde sei, der am Morgen angekommen, so berlasse er es
Helmstedt selbst, in dessen Zimmer nachzusehen. Damit hatte er ihm einen
Schlssel eingehndigt und zwei von seinen Leuten nach dem von dem jungen Manne
bezeichneten Platze gesandt, denen Alles, was sonst noch im Hause Beine hatte,
nachgestrmt war. Helmstedt hatte das ihm vom Wirthe bezeichnete Zimmer geffnet
und dort wirklich einen halberwachsenen Knaben auf dem Bette liegend und in
einem Buche lesend getroffen, der indessen bei seinem Anblick berrascht
aufgesprungen war. Kennen Sie mich noch, Manuel? hatte der Eintretende,
langsam auf ihn zugehend, gefragt, aber nur ein zweifelndes Kopfschtteln war
die Antwort gewesen. Da hatte sich Helmstedt neben ihn auf das Bett gesetzt und
ihn an die Zeit erinnert, wo er ihn als kleinen Pedlar mit seinem zertrmmerten
Krame am Broadway in New-York getroffen - hatte dem Knaben dann mitgetheilt, was
dessen Oheim, der alte Isaak Hirsch, fr ihn selbst gethan und wie er ihn bei
seinem Tode zum Vormund Manuels eingesetzt - hatte diesem dann eine Uebersicht
der Betrgereien gegeben, deren Opfer er geworden war, und ihm erzhlt, wie
jetzt die rchende Hand ber seinen Entfhrer gekommen sei. - Der Knabe hatte
mit groem, verstndigen Auge der Erzhlung zugehrt, er hatte Helmstedt lange
betrachtet und endlich gesagt, er erinnere sich seiner und auch dessen, was sein
Oheim Isaak immer von Helmstedts Rechtschaffenheit gesprochen; er habe schon
lngst Verdacht gegen Seifert gehegt, der ihn von einem Orte zum andern
mitgenommen, immer unter dem Vorgeben, ihn dem alten Isaak, der ihn bei sich
haben wolle, nachzufhren - ihn oft wochenlang an einem Ort unter Aufsicht
anderer Leute gelassen, ihn aber immer gut behandelt habe und allen seinen
Wnschen nachgekommen sei, so da er sich endlich gar keinen rechten Grund fr
eine Unredlichkeit gegen ihn habe vorstellen knnen. Manuel hatte dann
angelegentlich gefragt, wo und wie der alte Pedlar gestorben, und Helmstedt
hatte von Allem, was er wute, Bericht gegeben, wie auch dem Knaben versprochen,
ihn die letzten Zeilen seines Oheims lesen zu lassen, sobald sie nach der Stadt
kmen. Manuel hatte sichtlich bald volles Zutrauen zu ihm gewonnen und war mit
ihm nach dem Wartezimmer des Wirthshauses gegangen; und als in den Gesprchen
und Ausrufen der von dem Schauplatz des Mordes zurckgekehrten Menschen sich
jedes Wort besttigte, was Helmstedt ber die letzten Erlebnisse erzhlt, als
endlich der Koroner anlangte und Seiferts Reisetasche in Beschlag nahm, da
rckte er, als komme eine pltzliche Furcht ber ihn, dichter an Helmstedt heran
und hatte sich, als Charley mit den Pferden angekommen war, bereitwillig hinter
seinem Beschtzer in den Sattel heben lassen.
    Die Sonne war eben untergegangen, als Helmstedt von seiner Wohnung aus, wo
er seinen Mndel unter der Obhut Charley's gelassen, den Weg nach Mortons Hause
einschlug. Er sehnte sich mit ganzem Herzen, dort zu sein. Als er am Morgen
Little-Valley verlassen, hatte ihm der alte Doctor nur gesagt: Sie liegt in
gesundem, festen Schlaf, gehen Sie in Gottes Namen, ich stehe fr Alles. Sobald
sie erwacht, vielleicht am Mittag, werde ich sie nach Hause bringen lassen. -
Eine Art von Furcht beschlich ihn jetzt, wenn er an sein Wiederbegegnen mit
Pauline dachte. Waren die nchtlichen Scenen noch in ihrem Gedchtni, oder
waren die sen Worte, die immerfort in seinen Ohren klangen, schon im
Paroxismus des Fiebers gesprochen? Er scheute sich seinen Trumereien Raum zu
geben, und ritt scharf vorwrts; aber das letzte Tageslicht war schon eine Weile
erstorben, als er mit stiller Befriedigung die erleuchteten Fenster von Mortons
Haus erblickte. Sie war also wenigstens zurckgekehrt. - Auf dem Vorplatze des
Hauses sah er in dem Lichtscheine den zerbrochenen Vorderwagen einer Kutsche
liegen - eine Erinnerung an die unglckliche Fahrt. Das scheugewordene Thier
hatte die Stcke jedenfalls nach Hause geschleift. Helmstedt band sein Pferd an
und schritt nach dem Parlor, den er langsam ffnete. Doctor Ford lag dort bequem
im Schaukelstuhle ausgestreckt und las in einer Broschre.
    Sind Sie endlich da? rief er, sich aufsetzend, als er den Eintretenden
kannte, entweder hat unser Kind Unrecht, oder Sie haben eine lange Jagd gehabt,
Sir!
    Wie befindet sich Mrs. Morton? fragte Helmstedt, dem Arzte die Hand
reichend.
    Danach mgen Sie selbst sehen, Sir! lachte der Gefragte; mit solchen
Naturen hat unsereins nicht lange zu schaffen Sie sitzt in ihrem Zimmer und hat
mir vordemonstrirt, da sie nicht mehr krank sei und da sie auf Sie warten
msse, da Sie jedenfalls hier sein wrden, sobald Sie nur abkommen knnten. Das
Warten ist etwas lang geworden, Sir, und jetzt mgen Sie sich verantworten.
    Helmstedt drckte in einer seltsamen Gefhlsspannung die Augen in seine Hand
und wandte sich nach dem Hinterzimmer. Es war dasselbe, in welchem er die letzte
Unterredung mit Morton gehabt. Er klopfte an, und die Mulattin, noch immer mit
verbundenem Kopf, ffnete ihm.
    Matt auf einen Divan, der Thr gegenber, zurckgelehnt, sa Pauline und
richtete sich bei seinem Eintritt mit einem hellen Lcheln der Befriedigung auf.
    Hole noch ein Licht, Mary! sagte sie, und die Mulattin verschwand mit
einer Miene voll Verstndni.
    Helmstedt ging auf die junge Frau zu, sah in ihre klaren Augen und fhlte
seine Brust wie eingeschnrt.
    Ich freue mich, Mrs. Morton, Sie so schnell hergestellt zu sehen! sagte er
endlich.
    Sie blickte lchelnd zu ihm auf.
    Wollen Sie sich einmal zu mir hersetzen, August? begann sie dann deutsch,
und streckte ihm die Hand entgegen; wir mssen ein paar nothwendige Worte mit
einander reden.
    Helmstedt fate die kleine, weiche Hand, kte sie - mit mehr Innigkeit, als
es wol die Convenienz erlaubt htte - und zog dann einen der niedern weichen
Sessel ohne Rcklehne heran, auf welchem er sich dicht neben dem Divan
niederlie. So war sein Gesicht, als sie sich wieder in ihre frhere Stellung
zurcklehnte; in gleicher Hhe wir dem ihrigen.
    Wollen Sie mir wol sagen, August, welcher Zufall Sie gestern nach Little
Valley gefhrt hat? sagte sie, und ihr Blick ruhte in stiller Spannung in dem
seinigen.
    Helmstedt sah sie einen Augenblick wortlos an.
    Zufall! sagte er dann langsam und bemhte sich vergebens, das Beben in
seiner Stimme zu unterdrcken, mu es den Zufall gewesen sein? Wollen Sie mir
denn durchaus nicht das Verdienst gnnen, etwas aus Herzensantrieb fr Sie
gethan zu haben?
    Aber, August -
    Nein, Pauline! rief er aufspringend, ich kann jetzt nicht in dieser
frmlichen, bedachten Weise mit Ihnen reden. Sie haben mich von sich gewiesen,
als ich mich Ihnen als Schtzer anbot, aber ich bin doch immer im Geiste bei
Ihnen gewesen und habe auf jeden Ihrer Schritte gemerkt; Sie haben wir Ihr
kltestes Gesicht gezeigt, und doch war der Gedanke an Sie mein liebster und oft
der einzige, der mich aufrichtete. Sie haben es mich bitter empfinden lassen,
da ich ein pedantischer Narr, da ich blind gewesen bin, als Sie mir wie die
Verheiung eines ganzen Lebens voll Glck entgegentraten; Sie haben sich ehrlich
und empfindlich gercht - und doch, Pauline, fuhr er fort, und fate ihre
beiden Hnde, - doch bin ich wieder hier und gehe auch nicht mehr von Ihnen,
und will Ihnen jetzt das Wort abzwingen, da Sie mich noch lieb haben wie ehedem
-
    Ein wunderbares Leuchten strahlte in Paulinens Augen, als sie sich jetzt,
seine Hnde fest in den ihrigen drckend, langsam erhob.
    Ich habe mich rchen wollen, August? fragte sie weich, konnte ich denn
anders handeln, als ich es gethan? Hatten Sie sich denn nicht so kalt von mir
gewandt, so consequent selbst die leiseste Freundlichkeit abgewiesen, da ich
der eigenen Selbstachtung halber Alles vergraben mute, was in mir lebte - hatte
ich denn nicht so tief gelitten, da, als es einmal berwunden war, ich davor
zurckbebte, noch einmal die alten Gefhle auferstehen zu lassen, und vielleicht
noch einmal in neuer Tuschung den alten Kampf durchzufechten? Sage mirs doch
jetzt, August, es sie pltzlich mit verdunkeltem Auge, sage mir doch, da du
mich liebst, damit ich daran glauben lerne; sage mirs doch zehnmal, tausendmal!
und in ein schluchzendes Weinen ausbrechend, fiel sie an seine Brust.
    Fest hielt sie Helmstedt umschlossen.
    Ich liebe dich, Pauline, sagte er, zu ihrem Ohre geneigt, und der volle
Drang seines Herzens zitterte in den leisen Worten, - ich liebe dich mit meiner
ganzen Seele, und will es dir sagen, immer und immer, so lange ich noch athmen
kann! Und als sie in Thrnen lchelnd zu ihm emporsah, kte er ihren Mund,
kte die Thrnen von ihren Wimpern und sah ihr dann lange und tief in das
feuchte Auge.
    Dies ist der Blick, nach dem ich mich so manchen Tag gesehnt, und von dem
ich Nchte hindurch getrumt! sagte er leise.
    Und doch kamst du heute so spt, August, obgleich du wissen konntest, wie
es in mir aussah? unterbrach sie ihn, sich in seinen Armen aufrichtend.
    Merke auf, du mitrauisches Kind, sagte er mit einem Lcheln des Glcks,
dafr habe ich mir aber auch die Macht erobert, alle drckenden Bande von mir
zu werfen und dir anzugehren, sobald du mich nur annehmen kannst und magst.
    Er fhrte sie nach dem Divan, nahm ihre beiden Hnde in die seinen und
begann ihr einen Ueberblick seiner Verhltnisse zu Elliot zu geben; bald aber
hielt er wieder inne und seine Blicke hingen schweigenden Glckes voll an den
ihrigen, bis sie, ihm mit der Hand die Augen zuhaltend, ihn an den weitern
Bericht mahnte.
    So mochten sie eine Stunde Hand in Hand bei einander gesessen haben, ohne
nur das rasche Schwinden der Zeit zu bemerken, als ein Pochen an die Thr sie
aufstrte. Pauline eilte zu ffnen und Doctor-Ford streckte seinen Kopf herein.
    Ich wollte nur zusehen, ob sich meine. Patienitin nicht zu sehr im Gesprch
aufgeregt, sagte er, mit einem Lcheln voll gutmthiger Laune eintretend; das
Kind, sollte sich Ruhe gnnen und jetzt nicht stundenlange Verathungen halten!
    Stundenlange, Doctor? rief Pauline, leicht errthend einen Blick nach der
Uhr auf dem Kaminsims werfend; es ist kaum eine Stunde, und hat Ihnen das Kind
nicht gesagt, da es nicht mehr krank ist?
    Jetzt glaub' ichs gern, lachte der Doctor, und ich gehe gleich wieder,
vollkommen zufrieden, - aber, unterbrach er sich, als das helle Roth in
Paulinens Gesicht scho, kennt unser Kind nicht die alte Wahrheit: vor dem
Arzte und den Eltern soll man sich nicht geniren? Wenn der alte Ford eine ganze
Nacht am Krankenbett gesessen und alle stillen Geheimnisse, die das Fieber
ausgeplaudert, in seinen Ohren aufgefangen hat, darf er dann nicht sagen, wenn
sich die rechte Medicin gefunden: ich bin zufrieden?
    Gott behte Sie, Doctor, fr Ihre Meinung von mir, rief Helmstedt, welchen
ein Seitenblick des alten Arztes getroffen, und trat, diesem die Hand reichend,
herzu; nehmen Sie, was die Gesunden noch nicht gegen Sie ausgesprochen, als
bereits geschenktes Vertrauen an. Wenn erst auch uerlich vollkommen klarer Weg
vor uns liegt, dann sprechen wir weiter.
    Es ist schon recht so, nickte Ford, und jetzt nehmt meine Strung nicht
bel; der alte Knabe war neugierig, und mute nachsehen, wie die Sachen
standen.
    Super is ready! rief die Mulattin durch die halbgeffnete Thr.
    Supper! - Jetzt erst? fragte Helmstedt verwundert.
    Ich hatte auf dich gewartet, August, erwiderte Pauline deutsch, mit einem
innigen Blicke zu ihm aufsehend und jetzt schlgst du mir es doch nicht wieder
ab, hier zu bleiben?
    Es war ein seltsamer Abendtisch. Der Doctor schien in seiner rosigsten Laune
zu sein, und erzhlte eine Schnurre nach der andern, ohne sich darum zu kmmern,
da seine jungen Tischgenossen bisweilen kaum zu hren schienen, und nur das
Kichern der beiden aufwartenden Negermdchen seine Spe belohnte. Helmstedt
ging wol dann und wann auf seine Bemerkungen ein, oft aber auch sa er wie
versunken in sein neues Glck, Paulinens Bewegungen beobachtend, wenn sie mit
rosig aufgeblhten Wangen die Pflichten der Wirthin erfllte; und schlug sie
dann das Auge zu ihm auf, und die Blicke Beider blieben tief in einander hngen,
als htten sie ihre ganze brige Welt vergessen, dann schien der Doctor
pltzlich einen wahren Wolfshunger zu bekommen; er setzte die beiden Schwarzen
in Bewegung, ihm Alles, was nur von Gerichten auf dem Tische war, einzeln
herzureichen, schien aber dann doch keine Wahl treffen zu knnen und sandte die
Aufwrterinnen mit einem derben Spae zurck, um nur, als habe er sich eines
Bessern besonnen, sich dieselben Teller aufs Neue reichen zu lassen. Sie hatten
noch nie beim Supper so viel zu lachen gehabt, die schwarzen Mdchen, und
konnten an demselben Abend in der Kche nicht genug von dem lustigen alten
Doctor erzhlen.
    Es war spt in der Nacht, als Helmstedt die Stadt wieder erreichte, aber
erst beim grauenden Morgen kam der Schlaf ber ihn.
    Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als Csar, bereits zum dritten Mal an
demselben Morgen, mit dem Kaffee in seines Herrn Schlafzimmer trat, wo er diesen
endlich mit offnen Augen daliegend fand.
    Schon spt, Csar?
    Neun Uhr vorber, Sir; Sie schliefen so fest, da ich Sie nicht wecken
mochte.
    Helmstedt schnellte in die Hhe.
    Ist es mglich? so lange wollte ich nicht schlafen! rief er. Wo ist der
Knabe?
    Er ist mit dem groen Gentleman nach dem Hotel zum Frhstck gegangen, wie
Sie es angeordnet hatten, Sir; sie sind aber noch nicht zurck. In der Stadt ist
so viel Aufregung, da sie wahrscheinlich noch hren was vorgeht.
    Aufregung! noch wegen des Mordes? fragte Helmstedt verwundert.
    Ja, es ist aber noch etwas dazu gekommen, Sir. Es hat geheien, der Mrder
sei ein alter Negerdieb, und schon gestern Abend hatte sich ein Haufen unruhiges
Volkt vor dem Gefngni versammelt, um es zu strmen und ihn zu hngen. Da hat
der Gefangene zu dem Schlieer gesagt, er wolle durch das Fenster zu den Leuten
reden; was er gethan habe, htte jeder Andere an seiner Stelle auch gethan; als
aber der Schlieer wegen der Negerstehlerei zu ihm gesprochen und ihm erzhlt
hat, da gerade deswegen Mr. Murphy als Deputy-Sheriff beauftragt gewesen sei,
ihn zu verhaften, und da er also einen Beamten in Ausbung seiner Pflichten
getdtet habe - da ist er still geworden. Und heute frh, als ihm der Schlieer
das Frhstck bringen will, findet er ihn todt, an seinem eigenen Halstuch
aufgehngt.
    Erhngt? rief der junge Mann mit halb entsetztem Blick.
    Yes, Sir! und vorhin hrte ich, da der Koroner bereits mit der Todtenschau
fertig geworden ist.
    Helmstedt sah dem Schwarzen noch immer ins Gesicht.
    Das ist grlich! sagte er endlich wie zu sich selbst. La mich jetzt
allein, Csar, fuhr er dann fort, ich will aufstehen.
    Hier ist auch noch ein Brief, Sir, den mir der Postmeister gestern Abend
gab! sagte der Schwarze, auf das Kaffeebret deutend, und wandte sich der Thr
zu.
    Helmstedt erhob sich langsam. Ueber das still-selige Gefhl, mit welchem er
erwacht war, hatte sich ein tiefer Schatten gelegt. Seifert war mit seinen
Erlebnissen in Amerika so verwebt gewesen - was ihm dieser zu Leid gethan, hatte
sich so zum Besten fr ihn selbst gewandt, da er nicht ohne Erschtterung das
grauenvolle Ende des Menschen hatte vernehmen knnen. Noch eine lange Weile,
nachdem er sich angekleidet, sa er den Kopf in die Hand gesttzt in seinem
Schaukelstuhl, und alle seine frheren Begegnungen mit dem Unglcklichen gingen
an seinem Geiste vorber, bis er sich endlich mit Gewalt aus diesen Erinnerungen
zu reien versuchte und nach seinem Kaffee griff. Der neben der Tasse liegende
Brief kam ihm gerade willkommen, um andere Gedanken zu fassen; es war die
Antwort von Smith und Johnson, Advocaten in New-York, auf seine frhere
Zuschrift an diese und gab ihm Klarheit ber Manches, was ihm bisher noch dunkel
gewesen war. Der Brief lautete:

            Geehrter Herr!

        In Erwiderung auf Ihre Zeilen knnen wir Ihnen nur anzeigen, da
        allerdings eine Empfangsbescheinigung ber den von Ihnen angedeuteten
        Besitztitel an den Deponenten Isaak Hirsch gegeben wurde, welche auch
        Seitens des Advocaten der jetzigen Erbin, eines Mr. Murphy aus Ihrem
        Staate, an uns zurckgeliefert und dafr unserseits das fragliche
        Document verabfolgt worden ist. Sie uern, da sich weder dieser
        Depositenschein, noch eine Notiz darber in dem Nachlasse vorgefunden
        habe; indessen scheint uns in dieser Thatsache kein besonderes Gewicht
        zu liegen, da das Document, nach verschiedenen abgegebenen
        Entscheidungen des Obergerichts der Vereinigten Staaten ber die
        Giltigkeit hnlicher Besitzurkunden, durchaus keinen Werth hat. Die
        Vereinigten Staaten erkennen Landverkufe durch die Indianer nicht als
        bindend fr sie selbst an, und wir haben deshalb auch nach unserm
        Gewissen dem verstorbenen Isaak Hirsch den Rath ertheilen mssen, sich
        keiner Hoffnung wegen eines zu erhebenden Anspruchs auf Grund des
        fraglichen Besitztitels hinzugeben. Mit Achtung
                                                              Smith und Johnson.

    Eine halbe Stunde spter war Helmstedt wieder auf dem Wege nach Oaklea.
Erst reine Bahn machen, und dann glcklich sein! klang es in ihm. Kurz vor
Elliots Farm konnte er seitwrts in der Ferne Mortons Haus blinken sehen; er
lie sein Pferd eine kurze Weile im Schritt gehen und suchte sich eine
Vorstellung von Paulinens augenblicklicher Beschftigung zu machen - sie dachte
an ihn, sie erwartete ihn, dessen war er sicher. Er warf einen Ku hinber und
sprengte weiter.
    Seine Ankunft mute in Elliots Landhause bemerkt worden sein, denn kaum war
er in die Nhe desselben gelangt, als auch schon ein Schwarzer ihm entgegen kam
und sein Pferd in Empfang nahm. Mr. Elliot ist in der Bibliothek, Sir! hie
es.
    Helmstedt ging den ihm so bekannten Weg und fand den alten Pflanzer allein,
augenscheinlich seiner harrend. Ich dachte Ihnen den Weg nach der Stadt zu
ersparen, den Sie nach meiner gestrigen Mittheilung wahrscheinlich gemacht
htten, Mr. Elliot, sagte der Eintretende mit einer Art von Herzlichkeit, die
aus seinem innern Glck entsprang, ohne sich an die steife Haltung des
Pflanzers, mit welcher dieser ihn empfing, zu kehren, und meinte, es sei
besser, Sie einmal zu verfehlen, als da Sie mich nicht zu Hause trfen.
    Elliot neigte wie zustimmend den Kopf. Lassen Sie uns setzen, Sir, sagte
er.
    Ich glaube, Sir, begann Helmstedt, nachdem er sich niedergelassen, ihm
frei ins Gesicht sehend, Ihre beiden grten Wnsche sind im Augenblicke die,
meine Verbindung mit Ihrer Familie rckgngig zu machen, und die Sorgen, welche
Ihnen der gegen Ihr Eigenthum erhobene Anspruch macht, von Ihnen genommen zu
sehen. Ihre beiden Haupt-Verdrielichkeiten aber sind wol die, da ich selbst
mit der Erfllung dieser Wnsche etwas zu thun habe, und da Sie sich mir zu
Dank verpflichtet fhlen mssen, wenn ich in Bezug auf den bestehenden Anspruch
das Mgliche zu Ihrer Erleichterung thue. Ist das nicht so, Sir?
    Elliot hatte sich wieder steif zurckgelehnt und sah mit halb verschleiertem
Auge auf den Sprechenden. Es mag so sein Sir, erwiderte er kalt.
    Da es mir hiernach, fuhr Helmstedt lchelnd fort, auf keine Weise mglich
ist, Ihnen ein unangenehmes Gefhl zu ersparen, so hielt ich es fr das Beste,
unsere Beziehungen auf mglichst schnelle Weise zu lsen. Wenn Sie Ihrem
Advocaten heute noch die nthigen Vollmachten zukommen lassen wollen, so bin ich
bereit, mich morgen mit ihm in Bezug auf die gewnschte Scheidung in Verbindung
zu setzen. Ich habe in den nchsten Tagen eine Reise nach New-York zu machen, um
meinen Mndel in seine Rechte wieder einsetzen zu lassen, und so knnte vorher
das Nthige fr die Erfllung Ihres Wunsches gethan werden.
    Es soll geschehen, Sir! erwiderte der Pflanzer ohne sich zu bewegen.
    Es gibt aber bei derartigen Trennungen, wo jeder Theil zu viel Stolz hat,
um irgend etwas dem andern Zugehriges in Besitz zur behalten,
Auseinandersetzungen, die peinlich und oft gar verletzend sind, fuhr Helmstedt
fort. Ich zum Beispiel befinde mich in dem Falle, da ich bei vor sich gehender
Scheidung Alles, was mir von Ellen oder Ihnen, Sir, berkommen ist,
zurckzugeben, mich fr verbunden halte, wenn ich nicht von Ihnen auf so
vollstndig gleicher Stuft behandelt werde, da ich es vor mir selbst
verantworten kann, kein Gewicht auf diesen Punkt zu legen.
    Well, Sir, ich wei nicht, warum Sie diese Angelegenheit jetzt berhren,
erwiderte der Pflanzer, unruhig auf seinem Stuhle hin und her rckend, ich
glaube aber, da man schon gezwungen sein kann, Jemand auf gleicher Stufe zu
behandeln, wenn man sich so in seinen Hnden befindet, wie ich mich
wahrscheinlich jetzt in den Ihrigen
    Und um Ihnen zu zeigen, fuhr Helmstedt fort, als habe er Elliots Worte
berhrt, wie wenig ich mich irgend eines Vortheils, der vielleicht in meiner
Hand liegt, gegen Sie bedienen mag, bergebe ich Ihnen hier einige Zeilen, die
ich soeben von New-York erhalten, und die Sie zugleich jeder Furcht entheben
werden, mir fr irgend eine Rcksicht gegen Sie Dank zu schulden. Wenn Sie
gelesen haben werden, mgen Sie mir geflligst sagen, wie wir mit einander
stehen.
    Elliot entfaltete mit sichtlicher Spannung den dargereichten Brief und
Helmstedt trat, whrend Jener las, ihm den Rcken zukehrend, ans Fenster.
    Er whrte eine lange Weile, ehe der Pflanzer mit dem Lesen der wenigen
Zeilen oder auch vielleicht mit seinen eignen Empfindungen fertig wurde. Endlich
hrte Helmstedt seinen Namen nennen, und als er sich umwandte, blickte er in
Elliots Gesicht, der ihm mit dem Ausdruck derselben freundlichen Biederkeit die
Hand entgegenstreckte, wie sie Helmstedt an ihm gekannt, als er noch in seinem
Hause lebte.
    Ich erkenne Ihre Verfahrungsweise vollkommen an, Sir, begann Elliot,
whrend ihm Helmstedt langsam die Hand reichte. Sie mssen einem Manne
verzeihen, der alle Hoffnungen und alle stillen Plne, die sich an seine einzige
Tochter knpften, durchkreuzt fand und so unter dem Einflu eines stets
gereizten Gemths handelte. Sie haben mit diesen Zeilen nicht nur jede Sorge von
mir genommen, sondern mich auch gezwungen, Sie wieder so hoch zu achten, wie ich
es nur jemals frher vermocht habe. Wenn es Ihnen irgend eine Befriedigung
gewhren kann, so will ich Ihnen sagen, da Ellen, die stets Ihre Partie gegen
mich genommen, mir eine hnliche Scene wie die jetzige erst noch gestern
vorausgesagt hat. Kann ich jetzt etwas fr Sie thun, fuhr er fort, die Hand des
jungen Mannes drckend, mchte es auch selbst mit einem Opfer meinerseits
verbunden sein, so sagen Sie es und es wird mir zu einer wohlthuenden
Genugthuung gereichen, Ihnen das, was in der letzten Zeit geschehen ist,
vergessen zu machen!
    Ich danke Ihnen von Herzen, erwiderte Helmstedt mit befriedigtem Lcheln;
ich wollte nichts von Ihnen hren, als da Sie mir Unrecht gethan, und damit
bin ich so zufrieden, als Sie es im Augenblick nur selbst sein knnen. Lassen
Sie uns jetzt damit scheiden, Sir, und wenn ich mit Ihrem Advocaten morgen die
nthigen Schritte zur Ordnung meines Verhltnisses mit Ellen gethan haben werde,
so lassen Sie uns Alles begraben und vergessen, was Unangenehmes zwischen uns
vorgefallen sein mag. Bringen Sie Ellen meinen freundlichen Gru, Sir, und leben
Sie wohl.
    Er drckte Elliots Hand leicht und ging, von diesem begleitet, nach der
Thr. Der Pflanzer sah durch das Fenster ihn in den Sattel steigen und
schttelte den Kopf wie vor einem ungelsten Rthsel. Helmstedt aber lie seinem
Pferde die Zgel und sprengte Mortons Hause zu.

    Es war acht Tage spter, als von Chatham-Street in New-York ein junger Mann
mit einem halb erwachsenen Knaben an der Hand nach Pearl-Street einbog. Was
meinst du wol, Manuel, was sie sagen werden, wenn sie dich wieder sehen? fragte
der Erstere.
    Ich bin bange, Sir, Muhme Rebecke bekommt einen Schrecken, der ihr schaden
kann. Wir haben lange mit einander gelebt, auch in Zeiten der Noth, und sie hat
doch fr mich gesorgt und mich lieb gehabt wie ihr eigenes Kind; das war, ehe
der alte Issak Hirsch etwas fr mich thun konnte und der Meier die Rebecke
heirathete. Ich mchte nicht, da sie mich so unerwartet wieder sieht. Machte
dochschon Mr. Johnson ein paar Augen, als sheer ein Gespenst, als Sie mich auf
ihn zufhrten, und ich glaube, es ist besser, wenn Sie erst in das Haus gehen
und mich dann rufen.
    Der junge Mann nickte, und nach einem kurzen Wege hatten sie das Haus des
Pfandleihers Meier erreicht. Der Knabe trat in das Nebengchen, welches nach
der Hinterthr des Hauses fhrte, und sein Begleiter wandte sich nach der
Leih-Office. Ein fremdes Gesicht zeigte sich hier hinter dem Gitter. Ich mchte
Mr. Meier persnlich sprechen, sagte der Eingetretene; mein Name ist
Helmstedt.
    Bedaure, Sir; Mr. Meier arbeitet nur noch in Stocks und andern
Werthpapieren und hat die Office hier an mich vermiethet, war die Antwort. Mr.
Meier wohnt jetzt in Bondstreet, das dritte Haus vom Broadway; Sie wrden ihn
gerade jetzt dort antreffen knnen.
    Helmstedt dankte mit einiger Verwunderung und ging. Bald traf er mit seinem
Schutzbefohlenen einen Omnibus, welcher sie in der bezeichneten Richtung weiter
fhrte, und nach kurzer Zeit stiegen Beide an Bondstreet aus. Dein Vetter
scheint groartig geworden zu sein, sagte Helmstedt, kopfschttelnd das
elegante Haus, welches ihm angegeben worden war, betrachtend; setze dich dort
hinter das Eisengitter auf die Bank, bis ich dich rufe. Er ging die steinerne
Treppe nach dem Portico hinauf, unter welchem auf silberner Platte der Name
Abraham Meier an der Thr prangte, und zog die Klingel. Ein Dienstmdchen
ffnete, und auf seine Frage nach dem Hausherrn wurde er in einen Parlor
gewiesen, dessen Geschmack und Ausstattung zeigten, da er von kundigerer Hand
als der frhere in Pearlstreet eingerichtet worden war. Helmstedt hatte nicht
lange zu warten. Mr. Meier erschien mit steif zurckgebogenem Kopfe, lie einen
taxirenden Blick ber die elegante Toilette seines Gastes laufen und deutete
dann nach dem Sopha.
    Sie kennen mich wol kaum mehr, Mr. Meier? fragte Helmstedt; ich war der
Vormund Ihres jungen Vetters Manuel, und kam gerade an dem unglcklichen Tage zu
Ihnen, an welchem die Leiche in Ihr Haus gebracht worden war.
    Ah - ich entsinne mich jetzt, erwiderte Meier, und zeigte in einem steifen
Lcheln seine Zhne; es war das ein sehr trauriger Tag. Was fhrt Sie zu mir,
Sir?
    Ich hatte vor kurzer Zeit mir erlaubt, eine schriftliche Anfrage an Mrs.
Meier zu richten, auf welche Weise ein dem alten Isaak Hirsch gehriger
Besitztitel in ihre Hnde gelangt sei, da sich dieser nachweislich in der
Hinterlassenschaft nicht befunden - habe aber darauf keine Antwort erhalten.
    Meier fixirte einen Moment lang seinen Gast. Der Brief ist allerdings
angekommen, sagte er, ich glaube aber nicht, Sir, da wir verpflichtet sind,
auf jede Zuschrift an uns zu antworten.
    Wie Sie das fr gut befinden, Sir, erwiderte Helmstedt, sich lchelnd
verbeugend; so haben Sie jetzt wenigstens die Gte, mich Mrs. Meier zu melden,
mit welcher ich eigentlich nur zu thun habe.
    Mrs. Meier ist jetzt nicht zu sprechen, Sir! versetzte der gewesene
Pfandleiher eifrig; was Sie mit ihr zu reden haben, knnen Sie eben so gut mir
sagen.
    Es thut mir leid, da Sie mir meinen Zweck so schwer machen, sagte
Helmstedt ruhig; ich wollte ihr auf glimpflichere Weise, als Sie es vielleicht
thun knnten, beibringen, da nicht allein die ganze Angelegenheit auf einem
Betruge beruht, sondern da auch eine schndliche Komdie mit Ihnen Allen und
Ihrem kleinen Vetter Manuel gespielt worden ist.
    Wie so, Sir? unterbrach ihn Meier mit groen Augen, als Helmstedt eine
kurze Pause machte.
    Well, Sir, Ihnen gegenber kann ich ohne Umschweife reden, fuhr der
Letztere fort. Manuel Goldstein ist unsichtbar gemacht worden, damit, so viel
ich in der Sache erkennen kann, eine andere Partei sich in den Besitz des
erwhnten Titels hat setzen knnen. Die Leiche, welche nach Ihrem Hause gebracht
wurde, hatte wol Manuels Kleider an, war aber eben so wenig die seinige wie die
Ihrige - sie war nichts als ein vom Kirchhofe gestohlener hnlicher Todter, und
Manuel Goldstein ist heute noch so frisch und gesund als wir Beide.
    Meier sah ihn, ohne eine Antwort zu geben, mit weit aufgerissenen Augen an.
Das - das lgen Sie, Sir! brach er endlich aus; das soll sicher erst der
Betrug werden, von dem Sie redeten!
    In diesem Augenblicke ffnete sich die Parlorthr; eine Dame, einfach in
schwarze Seide gekleidet, trat mit verstrtem Gesicht ein und ging, ohne
Helmstedt zu beachten, auf Meier los. Abraham, komm' her, Abraham, ich glaube,
ich bin wahnsinnig! sagte sie mit aufgeregter Stimme, und fhrte ihn nach dem
Fenster, Abraham, wer sitzt dort unten?
    Helmstedt, ahnend was vorging, war an das zweite Fenster getreten und
erblickte Manuel, dem es wahrscheinlich auf der ihm angewiesenen Bank in der
Sonnenhitze zu hei geworden war und der sich jetzt von einer schattigeren
Stelle aus das Haus betrachtete.
    Es ist Betrug, Betrug, sage ich! rief Meier, auf das Fensterbret
schlagend, als er einen Blick auf die Strae geworfen; sie wollen uns wieder um
die Erbschaft bringen, es ist ein Complot!
    Ist das der Manuel, der dort sitzt, oder ist er es nicht, Abraham? fragte
die Frau, wie erschpft vor innerer Bewegung.
    Fassen Sie sich, Ma'am! sagte Helmstedt, herzutretend, und wenn Sie den
Manuel wirklich so lieb haben, wie er sagt, so freuen Sie sich, da Sie nur
betrogen und er nicht todtgeschlagen worden ist.
    Frau Meier wandte sich nach Helmstedt um, als bemerke sie ihn erst jetzt.
Ist er's denn?! rief sie pltzlich und ri im gleichen Augenblicke das Fenster
auf. Manuel, Manuel! tnte ihre Stimme ber die Strae. Der Knabe stand auf
und blickte um sich. Kaum aber hatte sein Auge die Gestalt in dem offenen
Fenster getroffen, als er mit zwei Sprngen an der Eingangstreppe war und hinauf
eilte. Fast im gleichen Momente hatte die Frau, aus dem Parlor strzend, die
Hausthur geffnet und brach hier in die Knie, als der Knabe mit dem Ausrufe:
Rebecke, Rebecke! an ihren Hals flog. Helmstedt war nachgeeilt und fhrte
Beide nach dem Parlor zurck, wo ihnen Meier mit erdfahlem Gesichte
entgegenstarrte. Regen Sie sich nicht zu stark auf, Ma'am, sagte der junge
Mann; nehmen Sie Ihren Vetter mit in ein stilles Zimmer und sprechen Sie sich
mit ihm aus, das wird Ihnen am schnellsten die Fassung wieder geben; ich rede
unterdessen mit Mr. Meier.
    Ich will, Sir, ich will! entgegnete sie schluchzend und fhrte den Knaben,
ihn umschlingend, mit sich fort.
    Well, Sir, was wollen Sie von mir? Die Erbschaft wollen Sie haben, das ist
Alles, deshalb sind Sie gekommen und wegen weiter nichts! begann Meier, als
sich die Thr geschlossen hatte. Aber ich werde erst sehen, was Sie fr ein
Recht haben, fr den Manuel aufzutreten, wenn er es wirklich ist, und ob ich
nicht eben so gut ein Recht habe, sein Vermgen zu verwalten, als irgend ein
Anderer, der hierher kommt, man wei nicht woher und wei nicht wer er ist!
    Das wird sich Alles finden, Mr. Meier, erwiderte Helmstedt lchelnd; es
sollte mich freuen, wenn ein Arrangement gemacht werden knnte, welches Ihnen
eine unangenehme Vernderung Ihrer jetzigen Stellung ersparte; jedenfalls mu
aber der verstorbene Isaak Hirsch seine Grnde gehabt haben, warum er Ihnen die
Vormundschaft nicht bertragen hat. Ich habe das Interesse meines Mndels in die
Hnde der Herren Smith und Johnson, ausnehmend rechtliche Advocaten, welche Sie
kennen mssen, gelegt, und ihnen auch den Hauptzeugen, welcher ntigenfalls den
ganzen gespielten Betrug offen legen wird, zur Disposition gestellt, und so ist
kein Grund vorhanden, Sir, da wir uns jetzt persnlich irgend ein unangenehmes
Wort sagen. Lassen wir den Dingen ihren Lauf!
    Very well, Sir, so wollen wir die Dinge abwarten; ich habe jetzt durchaus
keine Zeit mehr, ich bin Ihr Diener, Sir.
    Vorlufig. Mr. Meier, sagte Helmstedt lchelnd, mssen Sie mir schon
erlauben, hier zu bleiben, bis ich den Manuel wieder unter meine Obhut nehmen
kann. Ich glaube gern, da ich Ihnen lstig bin, aber ich kann es jetzt bei dem
besten Willen nicht ndern.
    Meier sah ihn, die Augen bald niederschlagend, bald wieder ffnend, an.
Lstig? Ja, Sie sind mir lstig, Sir, begann er wieder; aber ich wnschte,
Sie wrden es nicht noch mehr. Knnen Sie nicht ein Arrangement machen, da ich
das Vermgen wenigstens in meinem Geschfte behalte? Was thut Ihnen das? Was
thte es dem Manuel?
    Ich glaube nicht, Mr. Meier, da irgend ein rechtlicher Vormund das Geld
seines Mndels zu Fonds-Speculationen benutzen lassen wrde, erwiderte
Helmstedt. Zu was bedrfen Sie es auch? Hatten Sie nicht Ihr ausgezeichnetes
Brod, als Sie noch in Pearlstreet wohnten?
    Pearlstreet, pschaw! rief der Pfandleiher, die Lippen zu einem
verchtlichen Ausdrucke verziehend. Lassen Sie sich noch ein Wort sagen. Wollen
Sie einen Antheil haben an meinen Geschften und den Manuel in meinem Hause
lassen? Sagen Sie, wie viel Procente Sie verlangen; ich geb's Ihnen schriftlich,
und Sie knnen ein gutes Stck Geld dabei machen, Sir!
    Es ist besser, wir reden ber die Sache nicht mehr, erwiderte Helmstedt,
und lie sich bequem auf einen Stuhl am Fenster nieder.
    Meier sah ihn von der Seite an und begann an seinen Ngeln zu kauen.
    Kann ich Ihnen durchaus nicht mit etwas dienen, Sir? fragte er nach einer
Weile.
    Sie wrden mich verbinden, Mr. Meier, wenn Sie dem Manuel sagten, da ich
wegzugehen wnsche. Mrs. Meier kann ihn jeden Tag in der Office der Herren Smith
und Johnson sehen, wo er seine Studien in der Advocatur wieder aufnehmen soll,
oder auch im Hause des Mr. Johnson, der ihn vorlufig in seiner Familie
beherbergen wird.
    Well, Sir, wo logiren Sie?
    Im Metropolitan-Hotel, Mr. Meier.
    Ich mchte Sie heute Abend noch einmal sehen.
    Um Helmstedts Mund zuckte es, als fange er an sich zu belustigen.
    Wie Sie wollen, Sir, ich werde jedenfalls zu Hause sein.
    So will ich den Manuel rufen! sagte Meier eifrig und verlie das Zimmer.

    Ein Jahr war vergangen. Schon lngst hatte Helmstedts Scheidung von Elliots
Tochter stattgefunden. Diese hatte gleich darauf eine Besuchsreise zu Verwandten
im Osten angetreten, und eine lange Zeit glcklichen Stilllebens war fr
Helmstedt gefolgt. Die Vormittagszeit hatte er in seinem Arbeitszimmer, seinen
begonnenen Studien obliegend, verbracht, und es hatte Paulinens Herzen keine
geringe Genugthuung gewhrt, als er ihr erzhlte, da ihre eigenen Worte es
gewesen waren, welche ihn auf den Gedanken einer neuen Verfolgung der
juristischen Laufbahn gebracht, als sie gehrt, wie treu er diese Worte in
seinem Gedchtni bewahrt gehabt. Helmstedt hatte in New-York ein Uebereinkommen
mit der Advocatenfirma Smiths und Johnson getroffen, um fr die Zukunft den
praktischen Theil seiner Studien bei diesen zu machen; es war eine
selbstverstandene Sache zwischen ihm und seiner Braut, wenn es auch noch niemals
bestimmt ausgesprochen war, da sie mit einander den Sden, in dem sie nie
htten ganz heimisch werden knnen, und der nur eine Reihe unangenehmer
Erinnerungen fr sie hatte, verlassen wrden, sobald nur irgend Arrangements in
Bezug auf Mortons hinterlassenes Grundeigenthum getroffen werden konnten.
Helmstedt bracht seine Nachmittage und Abende smmtlich m Mortons Hause zu, sah
die alten Contobcher durch und rechnete oder machte in Gesellschaft des alten
Doctors Ritte durch das ausgedehnte Eigenthum, um einen vollkommenen Einblick in
den Werth der Besitzungen zu ermglichen. Es war eine grere Hinterlassenschaft
als er jemals geahnt und oft nur, wenn er in Paulinens Auge sah, die ganz in
ihrer Leibe zu ihm aufgegangen schien, die erst recht zu leben begann, wenn
Nachmittags der Tritt seines Pferdes vor dem Hause laut wurde, warf er alle
Bedenken seines Stolzes bei Seite, der ihm in einzelnen Stunden zuflsterte, da
er sich doch nur durch seine knftige Frau zum reichen Manne machen lasse.
    Fr Charley hatte Pauline in Little Valley ein neues bequem eingerichtetes
Aufseherhaus bauen lassen, und dieser schien dort mit seiner Mary wie der Vogel
im Hanfsamen zu leben. Die Schwarzen hatten einen heiligen Respect vor seiner
Krperkraft bekommen, als er einen riesigen Neger, den bei dem frhern Aufseher
keine Peitsche zur Arbeit hatte bringen knnen, wenn er nicht gewollt, wie ein
Stck Holz ber die Feldeinzunung geworfen und ihm erklrt hatte, da wer nicht
arbeite auch nicht essen solle, und da wenn der Faullenzer verhungere, er es
sich selbst zuzuschreiben habe - als schon nach kurzer Zeit der Neger wie ein
Bulldog, der seinen Meister gefunden, scheu herangeschlichen war und von selbst
zur Arbeit gegriffen hatte. Die Meisten der Schwarzen aber hingen auch, wie
Doctor Ford jede Woche berichtete, wie Kinder an dem deutschen Goliath, da er
mit seinem allezeit fertigen, derben Humor die Arbeiter in guter Laune erhielt,
wo er nur hinkam - ein williges Ohr fr jeden hatte, der seine Pflicht that, und
oft selbst die Runde durch die Htten machte, um sich von dem Zustande der Dinge
zu berzeugen. Noch war keine Peitsche in Charley's Hand gesehen worden - ber
die Feldeinzunung geflogen und vom Abendessen ausgeschlossen waren freilich
schon mehrere, und fast hatte es geschienen, als thue das tolle Gelchter, das
bei einer solchen Gelegenheit unter den Schwarzen ausbrach, dem Betheiligten
weher als alle frheren Peitschenhiebe.
    Ja, was soll es werden? hatte bei einem gemeinschaftlichen Ritte Doctor
Ford zu Helmstedt gesagt; das Frauerjahr fr unser Kind ist bald um, und Sie
scheinen mir auf etwas Anderes loszustudiren, als hier bei uns Baumwolle zu
pflanzen.
    Ja, was soll es werden, wissen Sie einen Rath fr uns, Doctor? Pauline und
ich sind Tannenbume, die, wenn sie hierher versetzt werden, unter dem milden
Himmel und in dem reichen Boden wol leben, aber niemals sich recht entwickeln
knnen.
    Ich habe das gewut und mich schon eine Zeitlang damit herumgeschlagen,
hatte der Doctor erwidert. Fr den Verkauf eines so werthvollen Tigenthums mu
ruhig die Zeit abgewartet werden, und es zu zerreien, wre so jammerschade, da
ich glaube, der alte Morton wrde sich darber im Grabe umkehren. Eine sichere
Verpachtung wird das Vortheilhafteste fr Sie sein, und Ihnen mehr einbringen,
als vielleicht die eigene Bewirthschaftung. Ich will, damit Sie eine Sicherheit
haben, die ganze Geschichte auf mich nehmen. Ich will Ihnen gestehen, da ich
einen jungen Menschen in der Welt herumlaufen habe, dem ich wahrscheinlich
einmal meine paar Kapitalien vermache, und hier ist eine Gelegenheit fr ihn,
sich schon vorher auf die Beine zu bringen; ich denke gerade noch lange genug zu
leben, um ihm, wenn er brav ist, einen sichern Boden unter die Fe zu schaffen.
Sprechen Sie mit dem Kinde, meine Garantie fr das Pachtgeld wird ihr gengen,
und dann ordnet die Sache fr meinen Jungen so gut als Ihr knnt.
    Es war ein schweres Stck Arbeit fr Helmstedt gewesen, den Auftrag des
Doctors auszufhren - es war das erste Mal, da er der jungen Wittwe gegenber
deren Vermgensverhltnisse berhren sollte. Aber schon bei seinem ersten Worte
gegen sie, das wol mehr gezwungen gesprochen worden war, als da er es htte
verbergen knnen, war sie aufgesprungen.
    Jetzt kommt es, ich habe es lange ngstlich erwartet! hatte sie gerufen.
Sage mir, August, wenn ich deine Frau werden soll, mut du mich nicht
hinnehmen, mit allem Bsen und Guten, was an mir ist? Weit du nicht, da wenn
jetzt noch dem Stolz grer sein wrde, als deine Liebe zu mir, ich sterben
mte? Rede nicht ein einziges Wort zu mir ber Alles, was doch nun einmal so
ist und was ich nicht mehr ndern kann; verfge darber, verschenke, verkaufe,
thue was du willst, aber la mich nie wieder ein Gesicht sehen wie jetzt, das
mich an den unglcklichsten Tag meines ganzen Lebens mahnt.
    Es war ein Ausdruck von unendlicher Liebe, der sich in diesen letzten Worten
aussprach, - Helmstedt kannte den Tag, den sie meinte, den Tag, an welchem er in
New-York ihr volles Herz in falschem Stolz von sich gewiesen, den Tag, an
welchem sie nach langem Seelenkampfe sich entschlossen hatte, den alten Pflanzer
zu heirathen - und Helmstedt hatte keine Einwendung mehr zu machen gehabt, hatte
sie in seine Arme genommen und, sie kssend, gesagt:
    Ich will dein Verwalter sein, Pauline, und also kein Wort mehr darber.
    Einen Monat darauf hatte die stille Trauungsfeier zwischen ihnen
stattgefunden, die beiden Farmen waren an den Doctor bergeben worden und das
junge Paar trat in Begleitung von Csar und Mary die Uebersiedelungsreise nach
New-York an.
    Es ist doch eigentlich sonderbar, sagte der Schwarze, welcher das Gepck
auf den Wagen lud, um es nach dem Landungsplatze der Dampfboote zu bringen, zu
der helfenden Mulattin; als sich Master Helmstedt verheirathete, that ich's
auch; als ihm seine Frau fortlief, ging meine auch mit davon - jetzt hat er sich
neu verheirathet und ich auch - meinst du, da die Sachen jetzt halten werden?
    Wenn du gescheid bist, ja! erwiderte die Mulattin, und gab ihm
davonspringend einen Schlag auf den Kopf, sonst aber kmmere ich mich nicht
darum, was die Herrschaft thut und gehe meinen eigenen Weg.
    Csar sah ihr mit einem frhlichen Grinsen nach
    Ich denke, es wird halten, bei mir wie beim Master! sagte er dann
kopfnickend und fuhr in seiner Arbeit fort.

    Henry Herz hatte seine Concerte in New-York angekndigt und der Theatersaal,
in dem er sich hren lie, war schon fast eine Stunde vor dem Beginn mit der
fashionablen Welt gefllt. Besonders war die sdliche Aristokratie vertreten,
welche fast smmtlich von ihrem Sommeraufenthalt in den Bdern des Ostens nach
New-York gekommen war, um den groen Pianisten zu hren.
    In einer Loge des ersten Ranges sa noch allein ein junges elegantes Paar,
das gegen eitig einzelne Bemerkungen ber die Personen und Gegenstnde, welche
sich dem Auge darboten, austauschte, whrend an der Brstung ein halberwachsener
Knabe lehnte und mit unverhohlener Bewunderung seine groen schwarzen Augen ber
die Pracht um sich her laufen lie.
    Ich habe Csar gesagt, da er bei Zeiten mit dem Wagen hier sein soll,
falls du nicht das ganze Concert anhren magst, jagte der junge Mann, und wir
fahren dann, wenn es dir recht ist, noch einen Augenblick zum alten Smith. Seit
er nur noch dem Namen nach in der Firma existirt und ich als arbeitendes Glied
mit eingetreten bin, kann er kaum leben, wenn er nicht tglich von dem, was
vorgeht, wenigstens etwas erfhrt und darber schwatzen kann.
    Ich gehe gern mit, August, erwiderte die junge Frau; die Familie ist
gewissermaen fr uns die Thr in die gute Gesellschaft New-Yorks gewesen, und
ich habe schon eine ganze Anzahl angenehmer Bekanntschaften dort gemacht.
    Dort unten sitzt auch Meier mit der Muhme Rebecke! wandte sich jetzt der
Knabe von der Brstung zurck.
    Helmstedt nickte freundlich.
    Ich habe lange nichts von ihm gehrt, sagte er, weit du, mit was er sich
jetzt beschftigt?
    Kann's nicht recht sagen, Sir, erwiderte der Gefragte; er treibt sich in
Wallstreet unter den Geldwechslern herum, und Muhme Rebecke sagte, sie wnsche
nur, da es mit seinem Hochmuth kein bses Ende nehme.
    In diesem Augenblick ffnete sich, ein Stck von dem jungen Paare entfernt,
eine Logenthr und beide sahen mechanisch hin. Hart an der Brstung setzte sich
eine bildhbsche, junge Frau nieder, an deren Seite ein junger Elegant mit einem
gewissen Selbstbewutsein Platz nahm.
    Mr. und Mrs. Nelson! sagte Helmstedt berrascht, ich wute nicht, da sie
schon verheirathet sind, wie es scheint.
    Pauline war einen Schatten blsser geworden.
    Was meinst du, Pauly, wandte sich Helmstedt mit einem launigen Lcheln an
sie, wre es nicht artig, wenn ich sie als gewesene Landsleute begrte?
    August, wenn du gehen wrdest - rief sie, mit einem Ausdruck von halbem
Bangen zu ihm aufsehend.
    O, du mitrauisches Kind! sagte er mit einem leisen, innigen Lachen an
ihre Seite rckend und ihre Hand ergreifend, - denkst du denn wirklich, den
bitter Getuschten gelstet es danach?
    Sie sah mit einem zrtlichen Lcheln zu ihm auf.
    Sieh, August! erwiderte sie, seine Hand fest drckend, wer erst durch
Schmerzen und Kmpfe sich hat ein Gut erringen mssen, der frchtet immer,
wieder etwas davon zu verlieren, und sei es auch nur den kleinsten Theil!
    Aus dem Orchester lie sich das Klopfen des Dirigentenstabes hren, Stille
verbreitete sich ber die versammelte Menge und in mchtigen Akkorden nahm die
Ouvertre ihren Anfang.

                                     Ende.
