
                                  Otto, Louise

                                    Nrnberg

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                                  Louise Otto

                                    Nrnberg

                Culturhistorischer Roman aus dem 15. Jahrhundert

                                  Erster Band

                          Vorwort zur zweiten Auflage

Es war im Sommer 1856, als ich zum ersten Male nach Nrnberg kam. Eine Reise
nach der Schweiz, die ich von meiner Vaterstadt Meien aus (das man auch
zuweilen seiner alterthmlichen Bauart wegen Klein-Nrnberg genannt),
angetreten, fhrte mich dahin. Man reiste damals noch nicht mit der fliegenden
Eile von heutzutage - ich wenigstens war da gerade in der glcklichen Lage, an
der Seite einer Freundin ohne zwingendes Ziel rein des Vergngens willen zu
reisen und Alles mitzunehmen, was sich Interessantes am Wege bot. Von all dem
dnkte uns Nrnberg das Interessanteste, so bald wir es nur betraten - und nicht
eher verlie ich es wieder, bis all seine Merkwrdigkeiten und Herrlichkeiten
sich mir erschlossen und alle Denkmler aus der Blthezeit mittelalterlicher
Kunst mir ihre Geschichte erzhlt hatten.
    Als ich im Sonnenuntergang auf der Veste stand und ber die Mauern des
Burggartens hinabblickte und hinein in die unzhligen Gassen und Glein der
alten Stadt, auf all die Thrme und Giebel, die Chrlein und Brunnen, die da
sprachen von einer glorreichen Vergangenheit, wie kaum eine andere deutsche
Stadt sie erlebt und von der wenigstens in keiner andern so viel treu behtete
Erinnerungszeichen bis auf unsere Tage gekommen, da man Nrnberg wohl nennen
mag: das Reliquienkstlein des deutschen Reichs - da ward die ganze alte Zeit
lebendig vor mir und die Jahrhunderte versanken, wie der eine sinkende Tag.
    Da war mir, als she ich da unten nicht nur Albrecht Drers Standbild,
sondern den Meister selbst, da er noch als Lehrling beim Meister Wohlgemuth
arbeitete und mit dem Patriziersohn Willibald Pirkheimer das edelste
Freundschaftsbndni schlo - da sah ich die deutschen Kaiser einziehen und wie
auf Kaiser Friedrichs III. Wink Elisabeth Behaim den Dichter Konrad Celtes auf
offnem Markt mit dem Lorber krnte - sah wie Kaiser Maximilian I. bald auf der
Veste einkehrte beim Burggrafen von Zollern, an der Seite seinen lustigen Rath
Kunz von der Rosen, bald selbst Quartier nahm im Hause Scheurls, das noch
unverndert steht - sah wie die Baubrder arbeiteten nach dem System des
Achtorts in der Bauhtte neben der Lorenzkirche und Httentag hielten - sah die
beiden Loosunger und die Genannten aus den edelsten Nrnberger Geschlechtern:
Tucher, Holzschuher, Muffel, Behaim u.s.w. zum Rathhaus gehen - sah hinein in
Peter Vischers Giehtte und in Adam Krafts Werkstatt am Steig und -
    Was ich da sah im Sonnenuntergang und im Mondschein, das sollte zu mehr
werden, denn zu einem flchtigen Reiseeindruck - als ich andern Tags noch einmal
in der herrlichen Lorenzkirche weilte, dem schnsten Denkmal gothischer Baukunst
und geschmckt mit Werken eines heiligen Kunsteifers, wie eben nur jene
Blthezeit des Mittelalters ihn aufzuweisen hat, da that auch ich bei all diesen
Werken reiner Begeisterung und bei meiner eigenen ein Gelbde: zu versuchen, an
all diese Denkmale noch selbst durch ein geschriebenes Denkmal zu mahnen.
    Als ich wieder heimgekehrt, kam mir Nrnberg nicht aus dem Sinn - aber meine
Aufgabe schien mir zu gro, als da ich gleich so ohne Weiteres an deren Lsung
gegangen wre - konnte man doch von jenen Nrnberger Meistern selbst lernen, wie
man mit Ernst und Flei arbeiten mu, will man etwas Rechtes erreichen. Ueber
ein Jahr lang habe ich denn nur im Mittelalter und in Nrnberg im Geist gelebt;
ein Freund und Gnner, der Culturhistoriker Hofrath Gustav Klemm,
Oberbibliothekar der Knigl. Bibliothek in Dresden, der frher selbst lange in
Nrnberg gelebt, war mir freundlich behlflich, Alles zu suchen, was jene
Bibliothek von alten Werken darauf Bezgliches enthielt - und nicht eher, bis
ich durch die fleiigsten Studien ganz auf dem gewhlten Schauplatz zu Hause
war, ging ich an meine Arbeit. Aber ich wollte in ihr nicht allein ein
culturhistorisches Bild liefern, sondern auch ein poetisches Kunstwerk - wollte
Ewiges darstellen im Endlichen, wie es meine Helden - die Baubrder, ja auch
selbst gethan.
    So erschien denn mein Nrnberg 1859. Es war mein erster historischer Roman
- und ich hatte die Freude, ihn vom Publikum wie Kritik in gleicher Weise
beachtet und - was bei mir viel sagen will, da mein entschiedener
Parteistandpunkt mir immer viele principielle Widersacher schuf - einstimmig
anerkannt zu finden. Ich darf mich mit Freuden auf die Urtheile der
angesehensten Zeitungen und auf Namen berufen wie Gutzkow, Alfred Meiner,
August Silberstein, Karl Frenzel, Ludwig Eckhardt, Hermann Klencke, Heinrich
Kurz, Hermann Marggraf u.s.w. Was mich aber am meisten freute, das war, da aus
Nrnberg selbst mir die vielfachste Zustimmung zu Theil ward und da Andere,
wenn sie nach Nrnberg reisten, mir versicherten, mein Buch sei dafr der beste
Fhrer.
    Jahre vergingen - die letzten Sommer fhrten mich wieder nach Nrnberg -
da grte mich dort mehr als ein Freund deutscher Kunst und Gre mit der bangen
Bemerkung: Es ist gut, da Sie jetzt noch kommen - denn bald werden Sie Ihr
Nrnberg nicht mehr finden!
    Die Stadt, die bisher die Erinnerungen ihrer reichsstdtischen
mittelalterlichen Gre so treu gehtet, hatte an der Zerstrung derselben
begonnen - im Interesse des Nivellirungssystems der modernen Industrie sollten
die alten Mauerkronen fallen sammt Thrmen und Thoren - -
    Da gedachte ich wieder meines Nrnberg und da ich erfuhr, da die erste
Auflage bis auf das letzte Exemplar schon lngst vergriffen war und ich darber
nur keine Mittheilung erhielt, weil der Verlag, in dem es damals erschien, an
eine andere Firma bergegangen, so erschien es mir an der Zeit, jetzt eine
zweite Auflage davon zu veranstalten und es namentlich auch Allen, die sich fr
die alte Reichsstadt und ihre einstige Kunstblthe interessiren, nochmals zu
bieten, als ein Denkmal ihrer Herrlichkeit - wie ja auch Holzschnitt und
Photographie sich eben jetzt noch bemhen, festzuhalten, was noch vom alten
Nrnberg steht, weil man ja nicht wei, wie lange es noch der modernen
Zerstrungssucht widerstehen kann.
    Und so sende ich denn diesen Roman zum zweiten Male in neuer Gestalt und
nochmals durchgesehen, wenn sonst auch unverndert, hinaus in die Welt und
hoffe, da er keine ungnstigere Aufnahme findet, als das erste Mal. Und somit
gr' ich all die Freunde, die er schon fand und die er mir selbst erwarb - und
vor Allem gre ich Nrnberg selbst und in ihm die Hter und Frderer des 
Germanischen Museums, denen ich mein Werk nochmals zu Fen lege.
    Leipzig, 1874. Die Verfasserin.

                                  An Nrnberg


Du edles Nrnberg bist wie eine Blume
Im deutschen Reich, so herrlich anzusehn!
Du blhst dir selbst und aller Zeit zum Ruhme,
Lt Balsamdfte durch die Lande wehn!
Und deine Zauber wirken fort und fort
In Kunst und Wissenschaft, in Bild und Wort.

Dahin zog es von je die edlen Geister,
Die gern sich sonnen in des Lebens Glanz,
Die Herrn und Frsten und die groen Meister
Von jeder Kunst im schn verbundnen Kranz.
Dort kmpfte man zuerst fr Recht und Licht
Und huldigte der Schnheit und der Pflicht.

Auch ich sah dich - und deine Steine sprachen,
Von Allen Thrmen hallte Glockenklang,
Und tausend Stimmen aus vergangnen Tagen
Vereinten sich wie feiernder Gesang,
In deinen Kirchen, deinen Monumenten,
Schrieb Kunst die Chronik mit geweihten Hnden.

Die Baukunst, die dem Namen der Germanen
Die hchste Ehr im Tempelbau erschuf,
Und die, entrckt dem Eingriff der Profanen,
Die freie Steinmetzzunft weiht dem Beruf
Zu zeigen, wie das Ewige erscheint
Im Endlichen, wenn es die Kunst vereint.

Solch Ringen war's, das nach dem hchsten Ziele
Baubrder von St. Lorenz hier gepflegt,
Wie sie einst aufgerissen die Profile
Albertus Magnus Lehre treu gehegt:
Das ward auch hier, auch mir ein Offenbaren
Vom Tempelbau des Schnen und des Wahren.

Und also ging ein Auf- und Vorwrtsstreben
Grad durch die Zeit und durch das deutsche Reich.
Die Reichsstadt durfte hoch das Haupt erheben,
Stellt' Brgerthum dem Frstenthume gleich,
Und nur dem Kaiser, den sie mit gebret
Gab sie die Huldigung, die ihm gebret.

Und edle Frauen durften stolz sich zeigen,
Die Kunst beschtzen, wie die Wissenschaft,
Den Lorberkranz erwhlten Dichtern reichen,
Die Anmuth fgen zu der khnen Kraft,
Und von der Blthe solchen Brgerthumes
Gehrt fr sie ein Theil des hchsten Ruhmes.

All dies in deinen Mauern wohl geborgen
Du edles Nrnberg zeigte mir der Geist,
Und was ich sah, und was ich konnt erhorchen,
Das dich vor aller Welt noch einmal preist:
Das hab ich, wie ich mich an dir erhoben
Dich auch erhebend in mein Werk gewoben! -

Geh hin, mein Buch, und gr die deutschen Auen
Und gre Alle, die Begeistrung weiht,
Baubrdern gleich, am Tempel mit zu bauen,
Auf altem Grund im Dienst der neuen Zeit!
Da deutsche Kunst und Art bleib' unvergessen,
Das ist das Ziel, de sich dies Buch vermessen.

                                                         Nrnberg, October 1873.
                                                                    Louise Otto.

                                 Erstes Capitel



                               Der Wandergeselle

An einem sonnenklaren Maientage des Jahres 1489 wanderte ein schlanker Jngling
auf der breiten Heerstrae, die von Westen nach Nrnberg fhrte, der ehrwrdigen
Reichsstadt zu. Schon waren ihm viele Menschen begegnet zu Fu wie zu Ro und
hoch mit Kaufmannsgtern beladene Wagen, umgeben von zahlreichem Geleit, denn
ohne solches wagte Niemand die Waaren zu versenden, die so noch oft genug in die
Hnde der rohen Raubritter fielen, die ihr Wesen gerade am Aergsten von ihren
dstern Burgen herab in der Nhe der freien Reichsstadt trieben, deren Reichthum
sie beneideten, deren Brgerstolz sie haten und deren Brgern sie schon darum
gern einen Verlust und Schaden zufgten, weil diese selbst oft genug den hohlen
Glanz des Ritterthums verdunkelten, und wo es in ihrer Macht war, sich nicht
scheuten, seine Angehrigen, wenn sie dieselben eines Frevels berfhren und
habhaft werden konnten, nach ihren strengen Gesetzen zu strafen und zu richten.
    Schon an diesem belebten Verkehr htte der Jngling erkennen mssen, da er
dem Ziel seiner weiten Wanderschaft sich endlich nherte - aber als er jetzt aus
dem gewaltigen Reichsforste trat, durch den sein Weg zuletzt gefhrt: da lag sie
vor ihm, die groe, sich weit ausbreitende Stadt, in der doch ein Giebel dicht
an den andern gedrngt den Nachbar zu berragen strebte, inde zahlreiche Thrme
miteinander wetteiferten den Himmel zu begren und in kunstvollen Formen sich
von ihm abzuzeichnen. Hher darber thronte die Veste, die vor etwa fnfzig
Jahren neu erbaut worden war von den Brgern Nrnbergs, nachdem sie Ludwig der
Brtige von Baiern 1420 niedergebrannt und Markgraf Friedrich von Brandenburg
sie sammt allen Rechten einige Jahre spter an die Stadt Nrnberg verkauft
hatte. Da und dort blinkten die grnen Wellen der Pegnitz, welche die Stadt
durchstrmt und in zwei Hlften schneidet: die Lorenzer und die Sebalder Seite,
so genannt nach ihren Kirchen, den herrlichsten Denkmalen gothischer Baukunst.
Da und dort, besonders aus den Vorstdten steigt dsterer Rauch auf, der kommt
aus den gewaltigen Schornsteinen der zahlreichen Giehtten, in denen die Kunst
und das Handwerk zugleich arbeiten im innigsten Verein, um ntzliche Gerthe zu
schaffen fr den Hausgebrauch und vollendete Werke monumentaler Kunst zur Ehre
Gottes fr die erhabenen Tempel, in denen alle Knste sich vereinigen dem Herrn
zu dienen und alles Volk ihm zuzufhren.
    Auf einer kleinen Anhhe hat der Wanderer sich niedergelassen, und indessen
er die Stadt betrachtet, in die seine Sendung lautet, und ihm das Herz gro und
weit wird bei ihrem Anblick und dem Gedanken, da er da drinnen Brder seiner
Zunft und Kunstgenossen finden wird, in deren Mitte eine reiche Zukunft voll
begeisternder Thtigkeit ihn erwartet, knnen wir ihn selbst betrachten.
    Er ist lang und schlank und von edlem Wuchse, sein Gesicht glatt und fein,
nur jetzt etwas von der Frhlingssonne auf langer Wanderschaft gebrunt, unter
der edelgebauten Stirn scheinen hohe Gedanken zu wohnen, und noch mehr leuchtet
aus den tief dunklen Augen das Feuer echter Begeisterung. Das ppige braune
Haar, halblang in der Mitte gescheitelt und rundum glatt geschnitten, bedeckt
ein kleiner runder Strohhut. Ueber den enganliegenden Beinkleidern von
brunlichem Leder trgt er eine Art kurze Blouse von rothbrauner Farbe, am
schwarzen Ledergrtel hngt ein kurzes breites Schwert und um die Schultern am
festen Riemen ein ledernen Sack. Die kurzen Stiefeln von ungeschwrztem Leder
bezeugen in ihrem abgerissenen Zustand auch die Weite des Weges, den sie
zurckgelegt.
    Nachdem er das letzte Stck Brod, das er in dem Sack gefunden, der seine
ganze Habe enthielt, verzehrt, ging er auf's Neue mit rstigen Schritten auf die
Stadt zu und betrat sie bald durch ein langes dsteres Thor. Er wute nirgend
Bescheid und bog ohne Weiteres in die enge Gasse ein, die ihn in der Richtung
des Kirchthurms zu fhren schien, den er sich von Weitem als sein Wanderziel
ausersehen. Aber bald verschwand ihm dieser vor den hher aufsteigenden nahen
Giebeln, die in den engen, oft krummlinigen Straen seinen Blick beschrnkten,
und er ging durch dieselben ohne Plan und Ziel, nur gelockt von der Neuzeit des
Anblickes, der sich ihm bot, der Bewunderung und Freude, die ihn erfllten.
    Der Wanderer kam von Straburg und hatte am Rhein und in Franken, das er
jetzt durchzogen, wohl manchen stattlichen Bau und manche aufblhende Stadt
gesehen; auch war ihm wohl das Sprchlein bekannt, demnach kein Frst so schn
wohne wie die Fugger zu Augsburg und die Tucher zu Nrnberg: aber Alles, was er
hier sah, bertraf doch seine Erwartungen. Hohe, oft fnfstckige jedoch schmale
und tiefe Huser kehrten die Giebelseite der Strae zu, so zwar, da die
verschiedenen Geschosse sich treppenartig bereinander thrmten und von der
Strae aus den Aufblick nach oben beschrnkten. Viele Fenster, meist hoch und
weit, oft oben in Bogen gewlbt, schmckten die Huser, symmetrisch und doch
mannigfaltig vertheilt. Zuweilen vereinigten sich zwei oder drei Fensterfelder
zu einem vorspringenden Chrlein, das schne Wappenschilder von zierlicher
Steinmetzarbeit schmckten. Wie der Giebel war meist auch die obere Gruppe der
Fenster pyramidisch angeordnet und der Giebel selbst Treppenfrmig
ausgeschnitten, an manchen Husern auch die einzelnen Stufen mit aufstrebenden
Steinverzierungen gekrnt. Ueber den weiten Eingang der Huser stieg hufig ein
kunstgerechter Spitzbogen empor mit steinernem Laubwerk umwunden, oder zeigten
sich buntgemalte Wappenschilder oder Zunftzeichen. Und wo ein Haus eine
Straenecke bildete, da fehlte selten an der scharfen Ecke ein vorspringender
Wegstein mit einem steinernen oder ehernen Standbild; bald war es ein Engel mit
ausgebreiteten Flgeln, bald ein Ritter mit geschwungenem Speer oder ein
Lindwurm. Wo ein weiterer Platz sich zeigte, da stand inmitten gewi ein Brunnen
mit schnen Statuen oder feinem Gitter darum, oder war irgend ein knstliches
Druckwerk daran, da wie von selbst das Wasser heraus und gen Himmel sprang, an
der Erde im weiten Steinbecken sich sammelnd.
    Hatte der neue Ankmmling auch schon da und dort gleich schne Bauwerke und
Steinmetzarbeiten gesehen, noch nirgend war es ihm vorgekommen, da sie so dicht
zusammen sich drngten, so gleichsam den Bedrfnissen des tglichen Lebens
dienten, zu ihnen zu gehren schienen. Und welch' ein wogendes Leben war das
auch, das sich dazwischen bewegte! Auf Wagen oder Schleifen wurden Waarenballen
von geschftigen Hnden aufgethrmt zu weiterer Versendung, oder abgeladen und
in die weiten Hofrume der Huser geschafft. Ueberall waren die Erdgeschosse
Werksttten, aus denen ein munter bewegtes Leben voll rstiger Arbeit klang,
oder Kauflden, an deren Fenstern kunstvolle Gerthschaften oft von Gold und
Silber blitzten, so da unser Fremdling schon bei sich selbst eine solche Gasse
die Goldschmiedsgasse nannte, noch ehe er wute, da sie wirklich diesen Namen
fhrte. Zwischen den geschftigen Arbeitern, die aus den Werksttten ab und zu
gingen, schritten stattliche Herren, die zum Rath gingen, manche in Pelz und
Sammt gekleidet, gleich als ob sie Edelleute wren, inde sie doch nur
brgerlicher Herkunft, aber den geachtetsten Geschlechtern Nrnbergs angehrend,
hatten sie unkundlich selbst vom Kaiser die Erlaubni zu solch reicher Tracht
erhalten, die sonst allein dem Adel zukam. Daneben wandelten gleich reich
gekleidete Frauen, die nicht nur mit den Schleppen ihrer seidenen Damastkleider,
sondern auch mit ihren weiten hngenden Aermeln die Strae fegten, dem Rath zum
Trotz, der schon einmal eine Verordnung wider die Lnge solcher Aermel erlassen.
Aber neben dem Stolz, der wie aus der Kleidung auch aus der Haltung dieser
Frauen sprach, lag auch etwas so Ehrbares und Zchtiges in ihrem Auftreten, das
allen Begegnenden Achtung einflte und die sie erblickenden Mnner, mochten sie
dem weltlichen oder geistlichen Stande angehren, nthigte mit hflichen Gren
an ihnen vorberzugehen. Und auch unter den einfacher gekleideten Brgermdchen,
von denen manches den schnen Fremdling mit schelmischen Augen neugierig
musterte, gab es liebliche Erscheinungen, an denen Alles nett und sauber war,
von dem goldgestickten Riegelhubchen herab bis zum Schuh, der bis an den
Knchel reichte. Wenn sie das Wasser schpften, am Brunnen sich neigten und dann
das Gef zum Kopf mit den bloen Armen emporhoben, so war so viel Grazie in
diesen Bewegungen, als Wrde bei dem stolzen Auftreten jener Patrizierinnen.
    All' dies Leben und Treiben voll Anmuth und Schnheit der Huser wie ihrer
Bewohner war wohl geeignet den Fremden zu fesseln und gleichsam zu bertuben,
da er ziel- und planlos durch dasselbe schritt, bis er pltzlich sich am Fue
der Veste gewahrend sich doch besann, da er hier unmglich auf dem rechten Wege
sein knne und da es Zeit werde, nun einmal danach zu fragen.
    Er befand sich eben in einer im Augenblick ziemlich menschenleeren Gasse,
als an einem der Huser eine Thr sich ffnete und ein junger Bursche daraus
hervortrat; hinter ihm hrte man polternde Stimmen und vernahm zuletzt die
Worte:
    Und somit lass' es dir gesagt sein, halte dich dazu, Albrecht, und
vertrumere die Zeit nicht, wie es deine Art ist!
    Dem knabenhaften Jngling, dem diese Worte mit rauhem Tone ausgesprochen
galten, scho das Blut in's feine blasse Gesicht und in die klaren
schwrmerischen Augen trat etwas wie eine Thrne. Er schttelte die langen
braunen Locken zurck, die so ppig fast wie Lwenmhnen auf seine Schultern
niederflossen, hob einen Topf mit grner Farbe darauf, inde er in der andern
Hand Pinsel und Richtscheit trug. Diese Hnde, zumal die auf das Haupt
emporgehaltene, erschienen so wei, klein und durchsichtig, als wren sie von
Alabaster knstlerisch gemeielt. Die Gestalt war fast klein und schwchlich,
aber es lag etwas freudig Selbstbewutes in ihrer Haltung und sprach von der
edlen Stirn trotz der Thrne des Unmuthes im Auge und dem Roth der Scham auf den
Wangen, da der Fremde unwillkrlich davon angezogen ward und gerade ihn sich
ausersah nach dem Wege zu fragen.
    Gott gre Euch! rief er ihm zu; wie es scheint, seid Ihr hier zu Hause
und knnt mich berichten; wie heit hier diese Gasse?
    Unter der Veste, antwortete Albrecht bescheiden den Gru erwiedernd.
    Da bin ich wohl weit von meinem Ziel? antwortete der Wanderer mit etwas
fremdartigem Idiom, ich bin an die Bauhtte der freien Steinmetzzunft von
Nrnberg gewiesen.
    Da habt Ihr freilich dahin noch durch manche Strae und manches Glein zu
gehen, antwortete Albrecht, und da Ihr fremd hier zu sein scheint, werdet Ihr
Euch schwerlich zurecht finden. Ein Stcklein Wegs aber kann ich Euch jedenfalls
geleiten und ich bitt' Euch mir zu folgen. Und welche Htte sucht Ihr wohl? Die
groe steinerne Bauhtte zu St. Sebald, welche die Baubrder aufgeschlagen
haben, da sie die schne Sebaldskirche bauten, steht noch dem Rathhaus
gegenber, und bis dahin haben wir nicht weit; wollt Ihr aber in die Bauhtte
bei der St. Lorenzkirche, drinnen wieder fleiig gearbeitet wird, weil ein hoher
Chor und eine neue Kapelle zum schnen Bau hinzu gestiftet worden, so mssen wir
auf die Lorenzer Seite ber die steinerne Brcke hinber.
    Ihr seid hier wohl bewandert, junger Freund, antwortete der Fremde, es
ist die Bauhtte von St. Lorenz, in die ich gesandt bin; aber wiewohl mir Euer
Geleit gar willkommen ist, so will ich Euch doch nicht veranlassen um deswillen
einen Umweg zu machen, da Ihr wohl keine Zeit zu verlieren habt -
    Albrecht errthete, weil er aus dieser Bemerkung schlo, da der Fremde die
scheltenden Worte, mit denen er vorhin entlassen worden, und wohl gar die
Schimpfreden, die vorhergegangen, knne gehrt haben. Er unterbrach ihn daher
schnell, indem er antwortete: Mein Weg fhrt mich auch in diese Gegend. Mein
Meister ist gut und wacker, und gerade weil ich an ihm einen nachsichtigen Herrn
habe, kann ich's nur seinen rohen Knechten nicht zu Dank machen.
    Und wer ist Euer Meister? fragte der Fremde.
    Der Maler Michael Wohlgemuth, antwortete Albrecht; vielleicht habt Ihr
von ihm gehrt, denn sein Name klingt wohl weit in das Reich hinaus, da von
vielen entfernten Orten Bestellungen an ihn kommen.
    Ei freilich kenn' ich seinen Namen und habe schon manch' ein schnes
Gemlde in glnzenden Farben auf Goldgrund von ihm gesehen. Htte ich gewut,
da es seine Werkstatt war, aus der Ihr tratet, so wrde ich der Lust nicht
haben widerstehen knnen mich drinnen umzusehen, erklrte der Wanderer.
    Wenn Ihr hier bleibt, antwortete der Lehrling des Malers, so findet Ihr
Euch schon ein andermal wieder in Michael Wohlgemuth's Werkstatt unter der
Veste, und es wird mich freuen Euch wieder zu sehen und dem Meister zuzufhren,
dessen Verehrer Ihr seid!
    Ihr wollt also wohl auch ein Maler werden? sagte der Fremde.
    Ich hoffe es zu Gott, antwortete Albrecht, da er mir einmal diesen Drang
gegeben, der mir keine Ruhe lie, obwohl ich mich meinem Vater zu lieb erst
dessen eigenem Handwerk widmen wollte.
    Und wer ist Euer Vater? fragte der Andere, in dem der etwa siebzehnjhrige
Jngling immer grere Theilnahme erregte.
    Dieser antwortete: Der Goldschmied Drer. Ich hatte immer die meiste Freude
daran ihm die Risse und Zeichnungen zu machen zu seinen Werken und viel lieber
zu zeichnen als zu hmmern und zu gieen. Da er es aber nicht anders wollte,
dacht' ich, ich knne meine Neigung bezwingen, und gab mir alle Mhe in seiner
Werkstatt. Aber zuweilen kam es mir hart an und ich grmte mich schier, da ich
darauf verzichten sollte, ein Maler zu werden. Da bat auch die Mutter den Vater
fr mich, und er that mich zum Meister Wohlgemuth in die Lehre - und nun hab'
ich die doppelte Pflicht etwas Rechtes zu lernen und ein rechter Maler zu
werden, einmal weil mir's im Innern eine Stimme immer gesagt, da fr mich kein
Heil ist auer bei dieser Kunst, und dann weil es meinem Vater hart angekommen,
mich aus seiner Werkstatt und in die fremde Lehre zu thun. Solches sag' ich mir
tglich, und werde nicht mde zu beten und zu arbeiten, damit es mir gelinge!
    Dann wird es Euch gelingen! rief der Fremde und legte seine Hand liebreich
auf die Schultern des jngeren Begleiters. Durchglht von echter Begeisterung
fr die Kunst wachsen uns selbst die Flgel, die uns emportragen in ihr
gttliches Reich. Wie Euch zur Malerei, so drngte mich's zur Baukunst, und
Nichts wre im Stande gewesen mich ihr zu entziehen. Nicht wie Euch einem
Handwerk, dem Priesterstande wollte man mich weihen, aber mich drngte es zum
Hohenpriesterthum der Kunst, und ich denk' ihr zu opfern mit reinen und
fleiigen Hnden. Gottesdienst ist die Kunst, und selig ist es ihr zu dienen in
rechter Treue, und wenn es sein mu, sich selbst ihr zu opfern!
    Amen! sagte Albrecht Drer; Ihr sprecht mir aus der Seele und es klingt
fast so schn, als hrt' ich meinen Freund Willibald. Aber ich darf nicht lnger
mit Euch plaudern. Hier an der Brcke bin ich am Ziel, und Ihr seid es bald, Ihr
braucht nur ber sie zu gehen, dann der geraden Strae zu folgen, dann fhrt
Euch links die dritte Gasse an Euer Ziel. Seht hier die Brcke: sie ist
kunstvoll gebaut in einem einzigen Bogen nach dem Muster der Rialtobrcke in
Venedig - ich kann nicht hinbergehen ohne zu wnschen, auch einmal nach Venedig
selbst zu kommen. Waret Ihr schon dort?
    Noch nicht, antwortete der Fremde, aber wir werden es schon beide einmal
sehen. Doch vorerst mu man sich umsehen im deutschen Lande, deutsche Art und
Kunst kennen lernen und bei deutschen Meistern arbeiten, ehe man in's Ausland
geht. Da mu man erst fest sein in heimischer Kunst, damit die fremde sie wohl
lutere, aber nicht verderbe und verdrnge. Und nun habt Dank, wenn wir jetzt
scheiden mssen, vielleicht such' ich Euch bald heim in Meister Wohlgemuth's
Werkstatt unter der Veste, bis dahin verget den Steinmetzgesellen Ulrich aus
Straburg nicht!
    Um einzuschlagen in die dargebotene Hand, legte Albrecht Pinsel und
Richtscheit aus seiner Hand auf einen der vorspringenden kleinen Steinsitze an
der schn geschnrkelten Hausthr, vor der er stand, und sagte:
    Da drinnen im Haus des Rathsherrn Muffel giebt's Treppengelnder
anzustreichen - da gehrt freilich keine Kunst dazu, noch giebt's etwas dabei zu
lernen, aber der Meister meint, dergleichen bringe ihm mehr ein als die
knstlichen Gemlde, weshalb er solche Arbeit niemals von der Hand weis't. Seine
Knechte aber denken mich zu demthigen, wenn sie mich so in die Huser der
Vornehmen schicken mit gemeiner Arbeit, da ich lieber in der Werkstatt se und
conterfeite. Aber ich denke, es mu Alles geschehen der Kunst zu Nutz, und thue
es willig. Und nun Gott zum Gru!
    Gott zum Gru, wackerer Jnger der Kunst, sagte Ulrich; mir sei es ein
gutes Zeichen, da gerade ein solcher der erste Nrnberger war, mit dem ich in
dieser edlen Reichsstadt das erste Wort gewechselt, das viele gegeben!
    Ulrich schritt ber die Brcke und hatte nicht mehr weit zu gehen, da stand
er vor der Bauhtte zu St. Lorenz, ber deren Eingang das Wappen der freien
Steinmetzzunft zu Nrnberg prangte: zwei goldene Hmmer inmitten eines
himmelblauen Feldes, zur linken Seite ein Cirkel, zur rechten ein Winkelma.
Daneben ragte die prachtvolle Lorenzkirche; die geffneten Thren und ein
aufsteigendes Gerst an der einen Seite zeigte an, da man auf's Neue an ihrer
Verschnerung arbeitete und neben dem ersten ein zweiter Thurm seiner Vollendung
entgegen wuchs. Aus der Bauhtte klang es von emsigen Meieln und Feilen
fleiiger Steinmetzen.
    Ulrich nherte sich der Thr und schlug dreimal daran mit seinem Schwert.
    Alsbald ffnete sich dieselbe und ein Mann in mittleren Jahren trat heraus.
In seinen langen braunen Bart mischte sich das erste Grau und tiefe Linien
liefen ber seine hohe Stirn. Er trug eine kurze Blouse ohne Aermel, da er zur
Arbeit das kurze Obergewand ausgezogen und mit einer Lederschrze vertauscht
hatte. Seine grauen Lederbeinkleider reichten bis zu den Stiefeln von
ungeschwrztem Leder. Um die Hften hatte er einen breiten Grtel, an dem
allerlei Werkzeuge hingen. Er musterte den Anklopfenden mit einem prfenden
Blick, reichte ihm die Hand, nickte befriedigt zu der Art seines Hndedruckes,
und indem er sein Ohr dem Munde des Fremden nherte, sagte er:
    Gebt das Pawort.
    Ulrich flsterte es ihm leise in's Ohr.
    Darauf nickte der Werkmeister zustimmend, denn das war der Herausgetretene,
nahm den Gesellen an der Hand und fhrte ihn mit sich in die Htte, in welche
jedem Profanen zu treten verboten war, und die nur dem sich ffnete, der das
Pawort der freien Maurer zu geben vermochte.
    Ulrich trat ein und grte nach der Sitte aller Wandergesellen, die eine
fremde Bauhtte betraten: Gott gre Euch! Gott weihe Euch! Gott lohne Euch!
Euch Obermeister Erwiederung, Gru Euch Pallirer und Euch hbschen Gesellen!
    Gott gre Euch! antwortete der Werkmeister, seid uns willkommen im Namen
der freien Steinmetzzunft zu Nrnberg! und reichte ihm noch einmal die Hand.
    Dann trat der Pallirer zu ihm, der dem Werkmeister als Vorgesetzter der
Gesellen und Lehrlinge zur Seite stand. Hatte der Werkmeister fr die
Arbeitvertheilung an die Einzelnen und das Material zu sorgen, so war es das Amt
des Pallirers, wie auch sein Titel ausdrckte, vorzglich die Verschnerung der
Arbeit zu bercksichtigen. Auerdem hatte Jeder von beiden noch besondere
Obliegenheiten, wie der Beruf sie mit sich brachte. Der Pallirer Andreas,
welchen Ulrich begrte, war dem Werkmeister hnlich gekleidet, aber an Jahren
jnger als dieser, gro und breitschultrig, eine stmmige fast athletische
Gestalt. Sein Gesicht war wettergebrunt und rabenschwarzes Haar fiel in glatten
Strhnen nach hinten zurck. Er reichte dem Ankmmling die Hand und sagte auch:
Gott gre Euch, wie wir Euch danken fr Euren Gru.
    Die Gesellen und Lehrlinge alle, die ringsum arbeiteten und, seit Ulrich
eingetreten war, schon aufgehrt hatten durch Meieln und Feilen Gerusch zu
machen, legten nun alle ihr Werkzeug hin, und einer ging nach dem Andern auf
Ulrich zu, ihn mit Gru und Handschlag willkommen zu heien. Dann hielt dieser
dem Werkmeister seinen Hut umgekehrt hin und sagte:
    Nun bitte ich um eine Gabe, dann um ein Stck Stein, dann um Werkzeug!
Damit helfet mir auf, da Euch Gott auch helfe.
    Darauf legte der Werkmeister, der den Lohn zu zahlen hatte, Geld in den Hut,
nicht als ein Almosen, sondern als einen Vorlohn, und fragte Ulrich nach seinen
Zeugnissen.
    Gott danke dem Meister und Pallirer und den ehrbaren Gesellen! antwortete
Ulrich dankend, ffnete seine Ledertasche und holte ein groes gelblich
schimmerndes Papier hervor. Darauf stand mit zierlichen Buchstaben geschrieben,
da der Steinmetzgeselle Ulrich Wll von ehrlicher Geburt sei und als Oblate im
Kloster der Benediktiner erzogen; da er mit fnfzehn Jahren sich in der
Bauhtte zu Straburg als Lehrling gemeldet und darin aufgenommen worden; da er
vier Jahre als Lehrling gelernt und sich brav gehalten, darauf die Prfung als
Geselle bestanden in vorzglicher Weise; da er wohl erfahren sei in der
geweiheten Lehre des Albertus Magnus, vertraut und geschickt in der Fhrung des
Winkelmaes und Richtscheites, und da man allerlei schne und zierliche Arbeit
ihm anvertrauen knne. Und so war seiner Brauchbarkeit und Sittlichkeit das
beste Zeugni gegeben. Versehen war diese Schrift mit dem groen Siegel der
Hauptbauhtte zu Straburg, das diese Umschrift hatte und inmitten eine Mutter
Gottes, auf den Feldern zur Seite Cirkel und Richtscheit.
    Der Werkmeister erkannte die Echtheit dieses Documentes. Alsbald wies er
Ulrich einen unbehauenen Stein an, reichte ihm das Werkzeug und hie ihn daran
ein Probestck ablegen.
    Ulrich wlzte sich den schon winkelrecht behauenen Stein zurecht und begann
daran mit dem Cirkel, Winkelma und Richtscheit zu messen, und ohne sich eines
Mabrettes zu bedienen, das Profil aufzureien nach dem Grundsatz des Achtortes,
der bei dem Kirchenbau im Groen wie im Kleinen galt. Der Pallirer sah ihn dabei
aufmerksam zu, und manche von den zehn Gesellen und fnf Lehrlingen, die in der
Htte arbeiteten und ihre vorige Beschftigung wieder aufgenommen hatten,
schielten von der eigenen Arbeit neugierig zu der des neuangekommenen Baubruders
hinber, und bewunderten ihn schon, weil er das Mabrett verschmhte. Einer der
Gesellen schob ihm sogar das seinige zu, weil er meinte, Ulrich habe nur keines
erhalten.
    Dieser aber zeigte auf das, welches zu seiner Seite lag, dankte dem Gesellen
und sagte: Wenn ich hier mitarbeite den Bau zu frdern, werde ich auch das
Mabrett zur Hand nehmen und danach arbeiten, weil dadurch Zeit und Mhe erspart
wird; aber wenn ich ein Probestck ablegen soll, so mu ich zeigen, da ich mich
auf den Grundsatz des Achtortes selbst verstehe und da ich ein Mabrett in
meinem Kopfe trage.
    Der Pallirer nickte beifllig aber schweigend dem lchelnd aufhorchenden
Werkmeister zu. Alle Gesellen arbeiteten schweigend weiter, aber der, welcher
seinen Platz neben Ulrich hatte, verwendete fast kein Auge von ihm, so weit als
die eigene Arbeit es zulie.
    Die Steinmetzgesellen nannten Alle den blonden Bruder Hieronymus zum
Unterschied von andern dieses Namens, denn er fiel berall auf durch sein
ppiges goldglnzendes Haar. Seine Augen waren blau und sanft, aber es lag doch
ein Ausdruck von Energie in seinen Zgen, die weder schn noch regelmig waren,
aber doch das Geprge geistigen Adels trugen. Er gehrte mit unter die jngeren
Gesellen, obwohl er einige Jahre mehr zhlen mochte als Ulrich.
    Etwa eine Stunde konnte verflossen sein seit dessen Ankunft, als das
Mittagsglckchen lutete. Bei seinem ersten Klange legten Alle in der Htte die
Arbeit weg. und standen mit gefalteten Hnden schweigend da, inde der
Werkmeister ein kurzes Gebet sprach. Nach dessen Vollendung, als Alle sich
anschickten die Htte zu verlassen, sagte er zu Ulrich:
    Ihr scheint ein guter und geschickter Arbeiter zu sein und Eure Zeugnisse
lauten gnstig. Heute werdet Ihr mde sein von der Reise, da mgt Ihr der Ruhe
pflegen und Euch Quartier suchen; aber morgen um fnf Uhr, wenn sie Morgen
luten von der St. Lorenzkirche, da seid in der Htte zum Frhgebet und zur
Arbeit, da wird Euch auch der Httenmeister empfangen.
    Ulrich dankte und trat aus der Htte. Drauen aber fate ihn der blonde
Hieronymus unter dem Arm und sagte: Quartier brauchst Du Dir nicht zu suchen,
Bruder Ulrich, das findest Du bei mir, wir knnen die Mahlzeit und das Lager
theilen.
    Vergelt' es Dir Gott, Bruder Hieronymus! sagte Ulrich, denn er hatte
vorhin den Namen des Steinmetzen schon gehrt und gemerkt, weil sein Trger ihm
auch gefiel. Der groe Aeneas Sylvius scheint recht zu haben, der Nrnberg eine
feine Stadt nennt voll wohlerzogener und gastfreier Leute.
    Das ist wohl nur gut nrnbergisch, antwortete Hieronymus, und ich bin
selbst ein Nrnberger Kind, aber Baubrder, mein' ich, sollen in allen Stcken
auch Brder sein und miteinander arbeiten und streben in wie auer den Htten.
    Ich denke auch so, antwortete Ulrich, und will's Gott, so soll es Dich
nicht gereuen, da Du mir zuerst also freundlich begegnest.
    Meine Wohnung ist nicht weit von hier, sagte Hieronymus, in einem
Seitenglein von St. Katharinen.
    Bald war sie erreicht, und die Baubrder traten in ein kleines Haus, in dem
sich unten die Werkstatt eines Formenschneiders und Rdleinmachers des Meister
Sebald befand. Oben an der Stiege aber wartete ein altes Mtterlein, bot den
Einkehrenden frhlichen Gru und eilte das Mittagsessen fr sie aufzutragen.
    Es langt schon fr Zwei! rief sie wohlmeinend dem fremden Gast entgegen.

                                Zweites Capitel



                             Nrnbergs Geschlechter

Es war ein stattliches aber etwas dsteres Haus, in das Albrecht Drer mit
Farbentopf und Pinsel im Dienst des Meisters Michael Wohlgemuth gesandt worden
war. Im Erdgescho befand sich ein Comptoir mit kleinen Fenstern hinter
vorspringenden, aber knstlich gearbeiteten Eisengittern, welche diesen Rumen
ein gefngniartiges Ansehen gaben. Darin sa und arbeitete mit seinen Gehlfen
Herr Gabriel Muffel, der Chef eines groen Handelsgeschftes und Genannter des
groen Rathes, wie denn seine Familie von Alters her zu den edelsten
rathsfhigen Geschlechtern von Nrnberg gehrte.
    Die brigen Rume des Erdgeschosses dienten zu groen Waarenlagern, die ihre
Vorrthe auch in die gerumige Hausflur und den Hofraum erstreckten, der durch
ein Hintergebude geschlossen war. Aufseher und Auflader waren hier
gleicherweise mit Verzeichnen, Schnren und Aufpacken der Waaren viel
beschftigt, und Niemand achtete auf den jungen Burschen, der sich seinen Weg
durch die Vorrthe bahnte und mit elastischen Schritten die Stiege hinaufsprang,
denn seine Sendung lautete in das erste Stockwerk.
    Wie lebhaft es unten zugegangen, hier war es sehr still, und Albrecht wute
nicht, sollt' er diese stille Einsamkeit ehren durch leises Auftreten und
lautloses Sphen, oder sollt' er, um sich bemerkbar zu machen, sie durch irgend
einen Laut unterbrechen. Er stand in einem Vorsaal mit dunkel gemalten Wnden
und mehreren hohen Flgelthren von schwerem Eichenholz mit kunstvollem
Schnitzwerk und goldenen Leisten geschmckt; eben so zierte schngeschnitztes
Getfel die Decke und der Fuboden zeigte nach venetianischer Art ein buntes
Mosaik; er war mit Gyps bergossen und da hinein bunte Steinchen eingedrckt,
die oben glatt geschliffen waren und schn gelt glnzten, als wren es
kstliche Edelsteine. Auer der Stiege, die er heraufgekommen, zogen sich von
hier aus noch andere kleine hlzerne Wendeltreppen mit zierlichen Gelndern
hinab und hinauf, den huslichen Verkehr zu erleichtern.
    Nachdem Albrecht nach allen Seiten vergeblich gespht und gewartet, ob nicht
Jemand kommen mchte, dachte er an Wohlgemuth's Knechte, die ihn wieder roh
empfangen und anlassen wrden, wenn er lnger bliebe, als sie die Dauer der
Arbeit berechneten, und da er schon an der Seite des fremden Wandergesellen
mehr Zeit zu dem Wege gebraucht, als der Fall gewesen sein wrde, wenn er ihn
allein mit seinen gewohnten geflgelten Schritten zurckgelegt. Dann fate er
sich ein Herz und pochte an die eine Thr, und da dies ohne Erfolg blieb, an die
zweite. Da auch hier Niemand antwortete, ihm aber gleichwohl war, als habe er
dahinter seufzen hren, ffnete er dieselbe leise und schaute in ein schmales,
aber tiefes Gemach, an dessen Fenster eine weibliche Gestalt an einem eichenen
Pulte sa und schrieb.
    Albrecht stand eine Weile betroffen still. Das Gemach selbst erschien wie
ein Museum der Kunst. Der Fuboden war mit kostbaren Teppichen bedeckt, auch die
Tapeten an den Wnden waren von gleichen Mustern kunstreich gewirkt, die schn
geschnitzten Sessel mit gelbem Sammt berzogen und die meisten Tische hatten
marmorne Platten. Darauf standen allerlei zierliche Gerthschaften fr den
Hausgebrauch, aber alle von funkelndem Silber und Gold. Groe Spiegel von
venetianischem Glas wetteiferten in Glanz mit ihren goldenen Rahmen und mehrere
Heiligenbilder mit bunten Farben auf Goldgrund gemalt hingen dazwischen. Das
schnste Bild aber des Zimmers war seine Bewohnerin.
    So ohngefhr htte Albrecht die Madonna malen mgen. Sie war von
mittelgroer Gestalt, feinem Wuchs und zart gerundeten Formen. Rthlich blonde
Locken umflutheten von der edlen Stirn herab bis zum blendendweien Nacken das
edle Antlitz, hinten hielt sie mit zwei dicken Zpfen vereinigt ein silberner
Pfeil zusammen. Der ganze Schmelz reiner Jungfrulichkeit verschnte das
blendende Wei und das zarte Roth ihres Antlitzes. Aber die blauen Augen
schimmerten von Thrnen und schwere Seufzer hoben ihren Busen. Sie trug ein
Kleid von dunkelrothem wollenen Damast mit Puffenrmeln und einem viereckig
ausgeschnittenen Schneppenleibchen. Daran hing eine kleine goldgestickte Tasche
und ein Schlsselbund an sthlerner, kunstreich gearbeiteter Kette, zwei Reihen
heller Bernsteinperlen umspielten den Hals.
    Sie hrte nicht, da Jemand die Thr geffnet hatte, aber sie fhlte, da
die Strahlen fremder Blicke sie berhrten, erschrocken schob sie die Papiere
zusammen, unter denen sie geschrieben, und wendete sich nun erst zu dem
Eintretenden um.
    Verzeiht, edle Jungfrau, wenn ich Euch stre, sagte Albrecht, aber ich
bin hierher beschieden ein Gelnder anzustreichen, und fand Niemanden mir meine
Arbeit anzuweisen.
    Ursula Muffel - denn die Jungfrau war die einzige Tochter des Hauses - erhob
sich und sagte: Kommt Ihr vom Meister Wohlgemuth, so will ich selbst mit Euch
gehen.
    Albrecht bejahte, und whrend Ursula einen Blick in den Spiegel warf, mit
dem angehauchten Taschentuch ber die verweinten Augen fuhr und ein
kleinzusammengefaltetes Papier in ihrem Kleide verbarg, hatte Albrecht ein
silbernes Krucifix in die Augen gefat, und als Ursula sich zu ihm umkehrte,
ward sie gewahr, wie er sich ganz nah auf dasselbe beugte.
    Verzeiht meine Unschicklichkeit, sagte er fast errthend zurckfahrend;
ich wollte nur sehen, ob ich mich nicht tusche, da dies Stck wirklich aus
meines Vaters Hnden hervorgegangen - und es ist wirklich so, da ist sein
Zeichen.
    So seid Ihr ein Sohn des wackern Goldschmieds Albrecht Drer in der
Winklerstrae? versetzte Ursula, denn bei diesem hat es mein Vater mir zum
Geschenk machen lassen, da ich gefirmelt ward.
    Ich habe es selbst gezeichnet und gegossen da ich noch in meines Vaters
Werkstatt lernte, antwortete Albrecht, und es kann mich stolz machen, da es
in solche Hnde gekommen ist.
    Inde sie so sprachen, schritt Ursula voran ber eine Flur kleiner Treppen
und Gnge, bis sie im zweiten Stock an eine offene Galerie und eine noch hher
fhrende Freitreppe kamen, an welcher, weil es die Wetterseite ber dem Hofraum
war, das Holzgelnder seiner ehemaligen Farbe sich beraubt zeigte, welche
Albrecht wieder erneuern sollte.
    Und Ihr seid nicht bei dem Handwerk Eures Vaters geblieben, fragte Ursula,
da Ihr doch schon ein so knstliches Werk zu Stande gebracht?
    Albrecht schttelte mit dem Kopf: So fragen mich wohl die Leute immer, und
mein Vater selbst meinte, die Zeit sei mir nun gar verloren, die ich zuvor in
seiner Lehre zugebracht; aber ich hab' einmal das Zeichnen und Malen nicht
lassen knnen, und scheint es mir leichter jedes andere Opfer, und wr's mein
Leben selbst, zu bringen, wenn man's fordert, denn da ich der Kunst entsagen
mchte. Und was ich zuvor schon gelernt, das will ich Alles fr sie ntzen,
damit mir Niemand nachsagen knne, ich habe je meine Zeit mit unntzen Dingen
verloren.
    Whrend er das sagte, knieete er schon an dem bezeichneten Gelnder und fing
an zu pinseln. Ursula dachte dabei lchelnd zugleich mit vornehmer
Geringschtzung und weiblichem Mitleid: Armer Junge! das ist auch eine rechte
Kunst, fr die es lohnt sich zu begeistern, hier das Gelnder anzustreichen,
eine Arbeit, die ich selbst ganz gut verrichten knnte, wenn mir's nicht um
meine schnen weien Hnde wre! - Aber bei diesem Gedankengang warf sie einen
Blick auf die Hnde, die hier den Pinsel fhrten, und sah, da sie an Weie und
Zartheit den ihrigen nichts nachgaben, und wie jetzt von obenherein ein Strahl
der mittglichen Sonne vereinzelt durch die Skulptur des vorspringenden
Dachgelnders dringend auf den Scheitel des Jnglings fiel und einen
Heiligenschein um seine glnzenden Locken wob, inde er bescheiden mit freudiger
Zuversicht die niedere Arbeit verrichtete, da erschien er ihr pltzlich in einem
hhern Lichte, als vorher, und was sie auch von seinem Kunstglauben halten
mochte, Eines schien ihr gewi: da ein hohes Streben und ein edles Gemth in
diesem zarten Jngling lebte - und daran knpfte sich die verzeihliche
Selbstsucht eines eben ngstlich gefolterten Herzens, ob nicht gerade in diesem
ihr der Himmel den Boten gesandt, dem sie vertrauen knne, wo sie eben
vergeblich ber einen solchen nachgesonnen und diese Unmglichkeit nicht die
geringste Ursache ihrer Thrnen gewesen.
    Nach einer langen Pause also, in der diese Gedanken und Empfindungen sie
bewegt hatten, fuhr sie pltzlich mit der Frage heraus:
    Knnt Ihr lesen?
    Ei freilich kann ich das! sagte Albrecht, zugleich stolz auf diese Kunst,
deren Erlernung damals Manchem, der in minderer Armuth aufgewachsen als er,
versagt war, und auch wieder rgerlich, da die Jungfrau bei ihm diese Kenntni
zu bezweifeln schien.
    Knnt Ihr verschwiegen sein und wollt Ihr mir einen Dienst erweisen?
fragte sie weiter mit beklommenem Athem.
    Beides, wenn Ihr es fordert und ich das letztere wirklich vermag, sagte er
bescheiden.
    Ursula's Unruhe schien zu steigen, ihre Wangen glhten hher, ihre Pulse
gingen schneller, man sah es an allen Bewegungen ihres Krpers, hrte es an der
noch mehr beklommenen Stimme, mit der sie sprach:
    Wolltet Ihr, statt hier zu malen, wohl einen Gang fr mich thun? Ich habe
sonst Niemanden, den ich schicken knnte.
    Herzlich gern, antwortete Albrecht, ich werde hier ohnehin nicht vor
Mittag fertig.
    Dann kommt in einer Viertelstunde wieder hinunter in dasselbe Zimmer, in
dem Ihr mich vorhin fandet, sagte Ursula und eilte die Stiege wieder hinab.
    In ihrem Gemach angelangt zog sie das Papier wieder hervor, das sie zu sich
gesteckt, weil sie es sonst nirgend sicher hielt. Nun mute sie es doch von sich
geben und fremden Hnden vertrauen. Sie durchlas das schn geschriebene
Brieflein noch einmal, drckte dann ein Siegel von weiem Wachs darauf und
schrieb die Aufschrift: An den hochedelgeborenen Herrn Stephan von Tucher. Nun
zhlte sie die Minuten, bis Albrecht kam, berlegte sich zehnmal, was und wie
sie es ihm sagen knnte, ohne vor ihm zu errthen, und wute doch keinen Rath,
denn zweierlei mute ja doch immer heraus: da er schweigen mute und wem er den
Brief bergeben sollte.
    Endlich kam Albrecht, und Ursula fhlte, da sie sich vergeblich vorbereitet
hatte, denn sie war ganz eben so um Worte verlegen, wie sie es vorhin gewesen
war. Die Finger zitterten sichtbar, welche den Brief hielten, und endlich sagte
sie zu Albrecht:
    Eure guten Augen brgen mir fr Eure Verschwiegenheit - nicht wahr?
    Was mir anvertraut worden, das plaudere ich niemals aus, antwortete
Albrecht, und da ich sehe, da Euch so sehr an meinem Schweigen gelegen, so
knnt Ihr Euch doppelt darauf verlassen, da ich das unerwartete Vertrauen einer
edlen Jungfrau nicht durch eitles Ausreden mibrauchen werde.
    So nehmt diesen Brief und tragt ihn zu dem, an welchen die Aufschrift
lautet, sagte sie - der Name selbst schien nicht ber ihre schnen Lippen zu
wollen. Kennt Ihr ihn? fragte sie dann hastig, und damit mehr den Zustand
ihres Herzens verrathend, als wenn sie den Namen selbst errthend und zitternd
ausgesprochen.
    Ei, wie sollt' ich den feinen Herrn nicht kennen! antwortete Albrecht.
Aus meines Vaters Werkstatt ist manch' ein zierliches Silbergerth fr das
schne Haus in der Hirschelgasse hervorgegangen, und mein Meister hat den Herrn
Hans von Tucher selbst conterfeiet in seiner Pilgrimstracht, in der er das
heilige Land durchreist hat; danach hat er auch das Bild seines Herrn Sohnes
Stephan zu malen angefangen - aber es ist noch nicht fertig, weil derselbe jetzt
gar nicht zum Sitzen zu bewegen.
    Ursula horchte hoch auf und sagte dann: Nun so geht in das schne trkische
Haus in der Hirschelgasse und seht Euch darin um nach dem jungen Herrn. Aber
Niemandem als ihm selbst gebt den Brief, und saget auch Niemandem, wer Euch
sendet. Seht, ich htte ja frwahr keinen bessern Boten als Euch finden knnen;
wenn man Euch dort kennt, so knnt Ihr ja sagen, da Euer Meister Wohlgemuth
Euch sendet.
    Der Jngling errthete vor der zugemutheten Lge, die der jungen Dame sehr
gelufig schien, inde er selbst so ohne Arg und Falsch war, da auch die
kleinste Lge ihm ein Verbrechen erschien. Er sagte darum halb verweisend:
Will's Gott, so geht es ohne Lge ab. Vertrauen verdienen und schweigen knnen
ist ein Anderes denn lgen, dazu bin ich nichts ntz.
    Ihr sollt es auch nicht, sagte Ursula beschmt; wenn nicht im Auftrag
Eures Meisters, so erinnert ihn um meinetwillen daran, da er sein Bild soll
vollenden lassen! und wieder erschrak sie, da sie sich durch unvorsichtige
Worte verrathen, und fhlte auch, da es ihr wie Albrecht ginge: das Lgen und
Heucheln war ihr auch nicht gelufig. Und nun geht, sagte sie nach einer
Pause, um 12 Uhr wird er wohl nach Hause kommen, und die Antwort bringt mir,
wenn Ihr Nachmittag wieder kommt und hier Euere Arbeit vollendet.
    Es war immerhin kein kleines Opfer, das Albrecht Drer der Jungfrau Ursula
brachte mit diesem Gange. Da er ihr Verschwiegenheit gelobt, mochte er auch in
seiner Werkstatt nicht sagen, da er ihr Botendienste geleistet, woran die
Gesellen gewi weitere Fragen und vielleicht unsaubere Spe geknpft htten;
wenn ihn aber jetzt Einer oder der Andere auf der Strae gewahrte, noch ehe es
Mittag gelutet, so traf ihn der gerechte Vorwurf, da er vor der Zeit von der
Arbeit gelaufen und wohl noch Schlimmeres gethan als die Zeit vertrumert habe,
wie man ihm denn vorhin schon als Warnung mit auf den Weg gegeben. Aber eine
Bitte konnte er nimmer abschlagen, und wo er Jemand helfen und einen Dienst
leisten konnte, that er es immer ohne an sich selbst dabei zu denken, am
wenigsten vermochte sein kindlich weiches Gemth eine Thrne in einem Frauenauge
zu sehen, ohne gerhrt zu werden und den Wunsch zu haben sie zu trocknen. Hatte
er auf den ersten Blick doch die holde Tochter des reichen Hauses glcklich
gepriesen, in dem Alles strahlte von Glanz und Pracht, von Wohlleben und Kunst,
und hatte es ihm doch dann so weh gethan, da sie nicht glcklich schien,
trotzdem sie wohl Alles besa, was das Leben schn und heiter machen konnte.
Also gab es doch auch Thrnen inmitten des Reichthums, und nicht nur die Sorge
um das tgliche Brod oder die Sehnsucht nach hherer Ausbildung, die an den
Verhltnissen des materiellen Lebens scheiterten, waren es, welche Thrnen
erpreten, wie er bisher gemeint.
    Unter solchen Gedanken war er, um sich weniger der Gefahr auszusetzen
gesehen zu werden, so viel als mglich durch kleine Gchen und ihm bekannte
Durchhuser gegangen, welche bei der Nrnberger Bauart blich waren, als er in
die Hirschelgasse kam und das erst vor wenig Jahren vollendete Tucher'sche Haus
betrachtete. Der Besitzer desselben, Hans von Tucher, zu den ltesten und
vornehmsten Geschlechtern Nrnbergs gehrig und um seiner dem Reich geleisteten
Verdienste willen vom Kaiser in den Adelstand erhoben, hatte, aus dem gelobten
Lande von einer Pilgerfahrt dahin zurckgekehrt, dies Haus ganz in trkischem
Geschmack erbauen lassen. Von Auen kennzeichneten es die runde Kuppel in der
Mitte und die Rundthrme zu beiden Seiten, und gaben ihm fast das Ansehen einer
Moschee. Innen war Alles mit orientalischer Pracht eingerichtet, und Albrecht
mute gestehen, da gegen diesen Luxus von gold- und silbergewirkten Teppichen
und Tapeten, marmornen und vergoldeten Mbeln, schwellenden Sammtpolstern,
schweren Seidenvorhngen u.s.w. die Einrichtung des Muffel'schen Hauses, die er
vorhin bewundert, rmlich erschien. Ja hier wetteiferte die Kunst selbst mit der
Natur und bemhte sich nicht nur orientalische Pracht, sondern auch
orientalische Gewchse zu entfalten. Im Hofraum befand sich unter einer runden
Kuppel von buntem Glas ein Gebude, welches einem Feentempel glich. Hohe Palmen
und lauter grobltterige und wunderbar blhende Pflanzen wuchsen darin, in
mussivisch ausgelegten Becken mit klarem Wasser spielten goldene Fischlein, und
aus zierlichen, von Kupfer getriebenen, aber reich versilberten Figuren sprangen
Wasserstrahlen, die Gewchse benetzend oder in silbernen Becken sich sammelnd.
    Man wies Albrecht dahinein, als er nach dem jungen Herrn Stephan fragte,
denn hier befand sich der Gesuchte und betrachtete eine groe weie Blume, die
sich eben aus ihrer dichten grnen Hlle entfalten wollte. In seinen Augen
schimmerte freilich keine Thrne, aber es sprach finsterer Unmuth daraus, der
eben so sehr mit seiner blhenden, zauberischlchelnden Umgebung contrastirte,
wie die Thrne Ursulas mit dem Glanz der ihrigen.
    Stephan Tucher war ziemlich gro und von stolzer Haltung, die auch in dem
weiten faltigen Gewand sichtbar war, das er nach Art der Saracenen trug, um auch
den Hausanzug zu dem Hause selbst zu passen. Sein dunkles Haar war sorgfltig
gepflegt wie der kleine Bart ber seinen Lippen und duftete nach kstlichen
Oelen. In seinen Augen glhte das Element eines unruhigen Feuers, das sie zu
zwingen schien sich immer hin und her zu bewegen und das die hochgeschwungenen
Brauen nicht milderten. Seine Nase war stolz gehoben und ein Zug von Eitelkeit
spielte um seine an beiden Seiten aufwrts gezogene Oberlippe, unter der groe,
blendendweie Zhne hervorblitzten. Er galt fr einen schnen Mann, schien das
sehr wohl zu wissen und groen Werth darauf zu legen - vielleicht eben deshalb
hatte er fr den bescheidenen, schwrmerischen Albrecht nichts Anziehendes.
    Er grte hflich, eilte sogleich auf Stephan zu, der den Gru nicht
erwiederte, sondern den Eintretenden allein mit einer Miene ansah, als wolle er
fragen: wer so unverschmt sei ihn zu stren? und die Worte wrden wohl auch
gefolgt sein, wenn nicht Albrecht sie abgeschnitten, indem er sagte: Verzeiht,
Herr, aber nur wenn ich Euch ganz allein fnde, sollt' ich dies Brieflein in
Euere Hnde legen.
    Ohne ein Wort der Erwiederung nahm es Stephan und ls'te mit Hast das
Siegel, so da das feine Papier daneben zerri. Mit flammenden Blicken las er:
    Hochedelgeborner, vielgeliebter Herr! Wenn Euere Minne der meinigen an
Gre gleicht, so knnet Ihr harren und aushalten in Geduld, bis da die Zeit
oder die Heiligen uns helfen den stolzen Sinn der Vter vershnen. Lat um
meinetwillen nicht Feindschaft werden zwischen Euch und Eurem Vater. Nie werde
ich einen andern Mann minnen denn Euch, aber fahret Ihr fort in mich zu dringen
das Gebot Gottes und der Menschen zu bertreten, so mu ich in ein Kloster
flchten und den Schleier nehmen, denn auch ich bin zu stolz die Schwiegerin
eines Mannes zu werden, der in mir nur die Enkelin eines Hingerichteten
verachtet. So vermelde ich Euch meinen Gru und bleibe Euere vielgetreue
Ursula.
    Getuschte Erwartung, Leidenschaft und Zorn loderten in Stephan auf, er war
in einer furchtbaren Erregung und gab sich keine Mhe dieselbe zu verbergen. Er
stampfte mit den Fen und lief wie ein wthend gewordenes eingesperrtes
Raubthier in seinem Kfig hin und her. Albrecht's Gegenwart schien er ganz
vergessen zu haben. Endlich fuhr er ihn an:
    Du bist ein Betrger! wer gab Dir diesen Brief?
    Albrecht schlug die Augen verwundert auf im Bewutsein seiner Unschuld und
sagte: Den Brief gab mir Jungfrau Ursula Muffel mit eigener Hand und war dabei
sehr ngstlich, da es Niemand erfhre.
    Es ist ihre Hand! sagte Stephan zu sich selbst, aber wer bist Du? Du
gehrst nicht zu den Dienern ihres Hauses, aber ich habe Dich schon irgendwo
gesehen; Du wirst meiner Rache nicht entgehen, wenn Du mich belgst!
    Herr! antwortete Albrecht mit edler Glut und entschlossen keinen
unwrdigen Verdacht zu dulden: Ich kann Eurem Gedchtni gern zu Hlfe kommen;
ich heie Albrecht Drer und bin Lehrling beim Meister Wohlgemuth unter der
Veste, der Euch begonnen hat zu conterfeien, in seiner Werkstatt habt Ihr mich
gesehen. Heut' habe ich im Hause des hochedlen Rathsherrn Muffel zu malen, da
hatte Jungfrau Ursula besseres Vertrauen zu mir denn Ihr, und da sie einen Boten
brauchte zu Euch, auf dessen Treue und Schweigen sie bauen mochte, hat sie mich
erwhlt. Den Brief hat sie vor meinen eigenen Augen gesiegelt, von ihrem
Schreibpult genommen und dabei geweint wie schon vorher. Sie hat mir auch
geheien ihr Nachmittag Antwort zu bringen. Und da ich von dem Gemlde geredet,
das Meister Wohlgemuth von Euch begonnen, hat sie gesagt, Ihr mchtet es bald
vollenden lassen.
    Whrend Albrecht sprach, hatten Stephan's Augen wieder auf dem Briefe
geweilt, und es war als betrachte er seine Zeilen nun im mildern Lichte.
Antwort sollst Du bringen? fuhr er jetzt empor, wozu Antwort? Doch ja! bring'
ihr diese. Er ri die schne weie Blume ab, die er vorhin betrachtet hatte,
und pflckte dann eine der dunkelsten Purpurblthen eines Granatbaumes, gab
beide in Albrecht's Hand und sagte: Bringe ihr die Blumen als Antwort und sag'
ihr: die rothe gleiche meiner Empfindung und die weie der ihrigen.
    Albrecht nahm die Blumen und wollte gehen. Da besann sich Stephan doch noch,
da er sich voll roher Rcksichtslosigkeit gegen die Briefsenderin wie gegen
ihren Boten benommen - und wollte beides durch eine neue Rohheit gut machen. Er
nahm ein Goldstck aus seiner Tasche, gab es Albrecht, der es erst nahm, weil er
dachte, er solle vielleicht damit noch einen Auftrag vollziehen, und sagte:
Hier, damit Du schweigst und keinem Menschen ein Wort von diesem Botengange
sagst.
    Albrecht legte das Goldstck rasch auf den nchsten Blumenstock, als sei es
glhend, und es schien, als jage es auch solche Glut in sein Gesicht. Mit
bebender Stimme rief er: Um Gold thue ich weder das Rechte noch das Unrechte.
Ich habe Jungfrau Ursula versprochen zu schweigen, da knnt Ihr ruhig sein. Und
whrend der arme Lehrling hoch aufgerichtet hinausschritt, weil er trotz all'
seiner Armuth eine Demthigung abgeworfen und das Gold nicht genommen, das ihm
in anderer Weise sehr willkommen gewesen, da er oft an dem Nthigsten Mangel
litt und sich dafr schnes Werkzeug htte kaufen knnen, blieb der reiche
Patriziersohn zerfallen mit sich selbst, mit seiner Familie, der Geliebten und
darum mit der ganzen Welt in seinem prchtigen trkischen Kiosk zurck, und
verwnschte diese Pracht, weil ihm nicht vergnnt war die schnste Blume
hineinzuverpflanzen, die unter Nrnbergs Jungfrauen ihm erblht war.
    Und es war nur ein leidiges Vorurtheil seines stolzen Vaters, das ihn so
unglcklich machte.
    Sein Vater war seit seiner Rckkehr aus dem heiligen Lande Loosunger des
groen Raths, wie denn berhaupt seit einiger Zeit in der Nrnberger Verfassung
der Mibrauch eingerissen war, da nur aus den Geschlechtern der Holzschuher und
Tucher die Loosunger hervorgingen.
    Werfen wir, um dies und weiter Folgendes zu erklren, einen Blick auf die
Nrnberger Verfassung.
    Schon seit 1219 war Nrnberg zur freien Reichsstadt erhoben worden und eine
Urkunde Friedrichs II. besttigte ihr das Recht: keinen andern Schutzherrn zu
haben als die rmischen Knige und Kaiser. Die Stadt hatte das Recht, sich nach
einer selbstgegebenen republikanischen Verfassung selbst zu regieren, und
verdankte dieser gleich andern Stdten des Mittelalters ihre Blthe.
    Das Stadtregiment bestand in einem groen und in einem kleinen Rath. Der
erstere ward aus den vornehmsten Brgern der Stadt gewhlt, welche darum den
Namen der Genannten fhrten. Der kleine Rath, der das eigentliche
Stadtregiment fhrte, ward mit zweiundvierzig Mnnern besetzt, wovon
vierunddreiig aus den edlen rathsfhigen Geschlechtern und acht aus der Gemeine
gewhlt wurden. Jene vierunddreiig theilten sich in acht alte Genannte und
sechsundzwanzig Brgermeister, von denen dreizehn geschworne Schffen waren. Von
den Brgermeistern war ein Jahr hindurch abwechselnd ein junger und ein alter
Brgermeister im Amt. Von den alten Brgermeistern wurden sieben als oberste
Regenten ausgewhlt, die sieben lteren Herren (Septemviri). Aus diesen wurden
drei oberste Hauptmnner (Triumviri) und von diesen wieder zwei zu
Schatzmeistern (Duumviri) ernannt, welche auch die Loosunger hieen, weil sie
die Loosung (Steuer) zu verwalten hatten. Der lteste dieser Loosunger (denn
dieser Name war zu unserer Zeit der gebruchliche) im Amt ward als der
Vornehmste und Oberste im ganzen Rath geachtet.
    Diese Loosunger standen in hchstem Ansehen, ihnen waren alle Schtze der
Stadt anvertraut, sie hatten alle Einnahmen und Ausgaben zu besorgen und die
auswrtigen Aemter muten ihnen Rechnung ablegen. Zu alten Genannten wurden
meistens nur solche Personen gewhlt, deren Verwandte schon im Rathe und
Brgermeister waren, da sie dann whrend deren Lebensdauer nicht zur Wrde eines
Brgermeisters oder zu einem andern hheren Grade gelangen konnten. Sie hatten
im kleinen Rath ihre Stimme zuletzt, und nur wenn die Frage bis zu ihnen
reichte, abzugeben.
    In den kleinen Rath konnten brigens nur solche gewhlt werden, die zu den
alten Geschlechtern gehrten, so nannte man diejenigen Nrnberger Brger, oder
vielmehr Patrizier, deren Ahnen und Urahnen auch im Regiment gewesen. Fremdlinge
und das gemeine Volk, wie die Verfassungsurkunde sich ausdrckt, hatten keine
Gewalt. Nur ausnahmsweise wurden auch solche, welche erst seit kurzer Zeit nach
Nrnberg gekommen, als besondere Auszeichnung, sowie Einheimische ihrer Geburt
und ihres Stammes wegen in den Rath aufgenommen; doch konnten sie es nicht hher
als bis zum jngern Brgermeister bringen.
    Wenige Geschlechter nur waren es, deren Sprlinge es bis zum alten
Brgermeister bringen konnten, noch weniger waren es, woraus die sieben alten
Herren, sehr wenige, aus denen die Hauptmnner, und am wenigsten, woraus die
Loosunger gewhlt werden konnten. So war es denn endlich dahin gekommen, da
lange Zeit hindurch nur die Holzschuher und Tucher dieser Wrde theilhaft waren.
    1469 war noch Niclas Muffel Loosunger und lange Zeit einer der geachtetsten
Mnner gewesen, bis es pltzlich an den Tag kam, da er ffentliche Gelder
veruntreuet hatte. Um ein Beispiel zu geben, ward er in strenger Haft gefangen
gehalten und dann hingerichtet. Er hinterlie fnf Shne, die vier ltesten
wanderten aus, der jngste Sohn, Gabriel, aber blieb, um das Geschlecht
fortzusetzen.
    Gabriel Muffel gehrte nun auch zu den Genannten des groen Rathes, und
hatte es sich angelegen sein lassen, die Schmach vergessen zu machen, die durch
seinen Vater auf sein Geschlecht gekommen. Waren doch nun zwanzig Jahre seit
jenem Unglckstag verstrichen, bisher hatte ihn auch wirklich Niemand dasselbe
entgelten lassen. Jetzt war er seit einigen Jahren Witwer und hatte nur seine
Tochter Ursula bei sich, die eben an jenem unglcklichen Erichstag, da ihr
Grovater gerichtet ward, zur Welt gekommen. Sie hatte nur noch einen Bruder,
der sich jetzt bei einem Oheim in Mailand in der Lehre befand, um spter das
Geschft des Vaters zu bernehmen.
    Ursula Muffel war nicht nur eines der schnsten sondern auch der klgsten
Mdchen von Nrnberg. Geschwisterlos aufgewachsen und frh der Mutter beraubt,
hatte sie gleich mancher Jungfrau Nrnbergs an wissenschaftlicher Bildung
Gefallen gefunden. Sie konnte nicht nur lesen und schreiben, sondern verstand
auch italienisch und lateinisch, und war in manchen Stcken von ihres Vaters
Geschft wohl erfahren, so da sie ihm auch im Rechnen und Briefschreiben oft
beizustehen pflegte. Dabei war sie bescheiden und sittig und auch in allen
erblichen Knsten wohl gebt. Sie hatte die oberste Leitung des Hauswesens, und
die Ordnung und Anmuth, die sie darin zu verbreiten wute, legte sie auch an
ihrer zierlichen Kleidung an den Tag.
    Stephan Tucher, nur eben erst von weiten Reisen zurckgekehrt, hatte sie an
einem Osterfeiertag gesehen bei einem Feste der patrizischen Geschlechter, und
da war es ganz von selbst gekommen, wie es immer kommt: da das Paar sich
schnell zusammengefunden und nur Aug' und Ohr fr einander gehabt hatte.
    Stephan Tucher war stolz gleich seinem Vater und wachte selbst eigensinnig
ber sich seiner Patrizierwrde nichts zu vergeben. Aber Ursula Muffel gehrte
zu einem alten Geschlechte. Ohne Gefahr fr das Ansehen des seinigen meinte er
sich ihr nhern und sich mit ihr verbnden zu knnen. Das Feuer seiner
Leidenschaft entzndete die ihrige und fhrte ihn bald zu einer zrtlichen
Erklrung, welche die seste Erwiederung fand. Ehrsam warb er sogleich bei
ihrem Vater um ihre Hand, gewi, da er, der Sohn des vornehmsten und reichsten
Geschlechtes von Nrnberg, freudige Einwilligung erhalten werde. Sie warb ihm
auch, natrlich mit dem Zusatz: wenn auch Herr Hans von Tucher zufrieden sei und
nicht schon anders ber die Hand seines Sohnes verfgt habe, was damals oft
Brauch war. Stephan erklrte stolz, da er nie einen solchen vterlichen Zwang
erdulden werde, ihn auch gar nicht zu frchten habe, und eilte eben so
zuversichtlich zu seinem Vater, ihn um seinen Segen zu bitten.
    Da der alte Rathsherr aber den Namen Ursula Muffel hrte, verwandelte sich
das freundliche Beifallslcheln, das er erst fr den Sohn gehabt, da dieser nur
von Verlobung sprach mit einer schnen Tochter aus einem der achtundzwanzig
Geschlechter Nrnbergs, in spttisches Zucken von strafenden Zornesblicken
begleitet, und hmisch antwortete er:
    Ich mu zu Dir sagen, wie vor dreiig Jahren Markgraf Albrecht zu Niclas
Muffel sagte: Du Muffelmaul, so lange hast Du gemuffelt, bis Du das heraus
gemuffelt hast! Zehn Jahre darauf ward dieser Niclas Muffel, der so lange
Loosunger gewesen, verurtheilt und gerichtet wie ein gemeiner Betrger - und er
war schlimmer als solcher, denn er stammte aus einem edlen Geschlecht und war
das Haupt dieser Stadt, die er schndlich betrog und auf die er Schande brachte
im Reich, weil man drauen sagen konnte: die Nrnberger lassen sich die klgsten
und rechtsamsten Leute schelten, und ein Haupt ihrer Stadt betrgt ihre Brger.
Darum half es Nichts, da Frsten und Herren, ja der Kaiser selbst Frsprache
einlegten fr den Verbrecher: er mute gerichtet werden, damit sein Blut den
Rath und die Geschlechter wieder rein wasche von der Schmach, die er aufgehuft.
Und nun denkst Du das Geschlecht der Tucher mit dem der Muffel zu verbinden? das
wird nie geschehen!
    Vergeblich bemhte sich Stephan dem Vater zu beweisen, da weder Gabriel
Muffel noch einer seiner Brder betheiligt gewesen sei an der That des Vaters,
und da sowohl die Tucher selbst mit allen andern Geschlechtern das besttigt
htten, indem Gabriel Muffel zu den Genannten des groen Rathes gehre und alle
Ehren gensse, die seinem Geschlecht zukmen. Der alte Loosunger blieb bei
seiner Weigerung: da er nie die Enkelin eines Hingerichteten in seine Familie
aufnehmen werde, und da der Sohn versuchte ihm Widerstand entgegen zu setzen,
und bei Ursula und ihrem Vater Ausflchte suchte, ihnen noch die verweigerte
Einwilligung seines Vaters zu verbergen, ging der stolze Loosunger selbst so
weit, als er Gabriel Muffel auf dem Rathhaus begegnete, zu sagen: er mge die
Ehre seiner Tochter behten, wie er die seines Sohnes, denn zu einer Verbindung
beider werde er nie seine Einwilligung geben.
    Im Zorn erwiederte Gabriel Muffel die Beleidigung des Hochfahrenden in
gleich roher Weise, wie sie in jener Zeit gebruchlich war, und heimkehrend
verwehrte er seiner Tochter jeden Umgang mit Stephan Tucher und erklrte ihr,
da sie ihm fr immer entsagen msse. Die Liebenden fanden dennoch Gelegenheit
sich einander heimlich zu sehen, ihre Liebe und ihr Leid einander zu erklren.
Stephan sprach von Flucht und Entfhrung und vermochte oft den Ausbrchen seiner
glhenden Leidenschaft nicht zu wehren - aber die sittige Jungfrau vermochte es,
und um sich selbst zu schtzen und dem Willen ihres Vaters zu gehorchen, schrieb
sie jenes Brieflein, fr das sie keinen andern Boten fand als Albrecht Drer.

                                Drittes Capitel



                                 Die Baubrder

Man hat es dem Christenthum mit Unrecht zum Vorwurf gemacht, da es durch den
transcendentalen Charakter, den es im Gegensatz zu dem Hellenismus annahm, die
Kunst vernichtete. Wohl trat es gegen das Bestehende polemisch auf wie jede
Neuerung, also auch polemisch gegen die bestehende Kunst, seine vorwiegende
Geistigkeit verwarf die vorwiegende Sinnlichkeit der Antike, aber es schuf
dadurch eine neue Kraft, die in neuen Formen das Unendliche im Endlichen
darzustellen, oder doch zu verknden, dazu zu erheben strebte.
    Als das Christenthum eine Macht zu werden begann, waren ohnehin im
Abendlande der Sinn fr schne Kunst und der gute Geschmack gleichzeitig im
Absterben, und es bedurfte nicht des verrufenen angeblichen Vandalismus der
Germanen, um die Kunst von den Ueberlieferungen des Alterthums in
mittelalterliche Rohheit zu versenken. Allerdings hausten die Germanen arg bei
ihren Grenzfahrten: aber das Siechthum der abgelebten romanischen Welt war der
Kunst kaum minder ungnstig als die germanische Rohheit. Die Kirche trat in's
Mittel der armselig gewordenen Kunst, wo sie aus der rmischen Zeit fort
vegetirte das Leben zu fristen und bei den germanischen Vlkern zunchst den
Sinn und Eifer fr die kirchlichen Bauten und deren Verzierung zu wecken und die
rohen Hnde zunchst an technische Arbeit zu gewhnen. Wohl schien es nach dem
Untergange Roms, als wren auch Kunst und Wissenschaft demselben Untergange
geweiht. Die Hand am Schwert standen die Vlker sich gegenber, einander ihre
Rechte mit blutiger Schrift beweisend und abtrotzend, Lrm und Verheerung
bezeichnete die Schritte der Sieger, die letzten Tage der Kunst schienen
gekommen. Da thaten die Klster und geistlichen Stifte ihre Thore auf und nahmen
die verscheuchte Himmelstochter in ihren Schutz. Die Kunst wurde von den Mnchen
fr eine gttliche Gabe erkannt, als ein Mittel, das Gttliche mit dem
Menschlichen zu verbinden und dieses durch jenes zu veredeln.
    Fast alle Mnche des sechsten und neunten Jahrhunderts, besonders die
Benediktiner trieben die Baukunst, und bildeten Schler derselben. Sie zogen
dann auch Laien hinzu, zunchst die in dem Kloster erzogenen Kinder, Oblaten,
dann die Hrigen der klsterlichen Stifter und endlich auch andere Laien, die
sich der Baukunst widmen wollten. Auf diese Weise sind die Baubrderschaften
entstanden. Das Mittelalter begehrte Genossenschaft in jeglicher Werkthtigkeit,
und der Innungsgeist mag schon in der Zeit aufgekommen sein, wo die Laien noch
als Hlfsgenossen der Mnche arbeiteten. Doch erst die Ablsung der
Laienbauleute von der klsterlichen Dienstmannschaft gab den Baubrderschaften
den Charakter knstlerischer Selbstndigkeit, den Kunsteifer und das hohe
Selbstgefhl, woraus die Wunderwerke der gothischen Baukunst entstanden sind.
    Die Baubrderschaften wurden von den Ppsten besonders aufgemuntert und
durch mehrere Bullen mit gewissen Freiheiten und Privilegien versehen, daher ihr
Name: freie Maurer. Sie waren unter den besondern Schutz der verschiedenen
Landesherren und von allen ffentlichen Lasten befreit. Ungehindert wanderten
sie von einem Lande zum andern, wohin immer sie zur Auffhrung groer Bauten
berufen wurden. Sie hatten ihre eigenen Gesetze und eine fast militrische
Disciplin; alle Potentaten gaben ihnen Freiheiten und gestatteten ihnen sich
selbst zu regieren, ihre Gebruche und Ceremonien zu beobachten. Daran erkannten
sie auch die fremden Baubrder untereinander, wie sie denn auch nur diesen
verstndliche Symbole, Zeichen und Chiffren hatten, um Profanirung ihrer
Wissenschaft zu verhindern. Wo sie sich zu einem Bau niederlieen, schlugen sie
in der Nhe desselben ihr Lager auf und nannten diese Werksttte: Htte.
    Deutsche Baumeister bauten berall von den Zeiten Karl's des Groen an bis
zu denen der Habsburger Friedrich's III. und Max I. Um diese Zeit gab es vier
Haupthtten in Deutschland: zu Cln, Regensburg, Wien und Straburg. Fr die
Nrnberger Htte oder Steinmetzzunft, wie dergleichen fast in allen deutschen
Stdten, wo kirchliche Bauten aufgefhrt wurden, errichtet worden, war Straburg
die Haupthtte, wie denn der Maurerhof zu Straburg als oberste Behrde aller
Httenangelegenheiten erwhlt ward.
    So viel nur voraus von der Geschichte der deutschen Bauhtten; ihr Zustand
und der Geist ihrer Mitglieder zur Zeit unserer Erzhlung wird sich in Verlauf
derselben entwickeln.
    Als Ulrich Hieronymus in seine Wohnung begleitet, und dort dessen einfaches
Mahl getheilt hatte, wiederholte dieser sein Anerbieten, dieselbe fr immer mit
dem neuen Ankmmling zu theilen. Sie bestand freilich nur aus einem einzigen,
nicht breiten, aber tiefen Gemach, in dessen Hintergrund ein Strohlager
aufgeschichtet war, neben dem sich, wie Hieronymus bemerkte, allerdings noch
Raum zu einem zweiten wies. In der einen langen Wand befand sich ein Schrank,
der durch Hieronymus' Sonntagskleider auch nur sehr gering gefllt war, ein paar
hlzerne Sessel und Tische, auf welchen Zeichnungen und Risse nebst Zirkel und
Zeichenmaterial lagen, bildeten das brige Zimmergerth.
    Die kleine alte Frau, die ihm das Essen bereitete, begrte er als seine
Mutter. Sie hatte Niemanden mehr als diesen einzigen Sohn auf der Welt, und da
er jetzt wieder nach Nrnberg zurckgekehrt war und auf lange Zeit bei den
Verschnerungen an der Lorenzkirche Arbeit gefunden, so hatte er fr sich und
sie diese Wohnung im Haus des Rdleinmachers Sebald gemiethet, dessen Geschft
etwas zurckging und der darum, was ein Nrnberger Meister ungern that, fremde
Leute in sein Haus nahm. Die Mutter Hieronymus' hatte noch ein kleines Gemach
fr sich, das eine Herdstelle, wo sie fr den Sohn kochte, und ihre Schlafsttte
in sich vereinigte. Dort sa sie meist und spann, weil sie sich von ihrer Hnde
Arbeit ernhren mute.
    Wir sind zwar alle Brder sagte Hieronymus zu Ulrich, und ein Streben
beseelt uns Alle, ein gemeinsames Band verbindet uns Alle; aber es ist doch ein
Anderes, ob der Geist unserer Lehre in uns lebendig geworden oder nur ihr
Buchstabe, ob wir die Sache selbst erfassen oder nur das Symbol - nur einen
solchen Bruder mcht' ich immer um mich haben, und weil mich dnkt, ich habe ihn
in Dir gefunden, so mcht' ich Dich immer um mich haben.
    Ulrich drckte nach diesen Worten Hieronymus lebhaft die Hand und fragte:
Aber wodurch bist Du ber mich zu einem so gnstigen Schlu gekommen?
    Wie Du das Mabrett verschmhtest, antwortete Hieronymus, erkannt' ich,
da Du kein gewhnlicher Steinmetzgeselle warst, nicht nur da Du genug Augenma
und Geschicklichkeit besaest, es entbehren zu knnen, sondern da Du den Muth
hattest, bei einem ersten Probestck vom Gewhnlichen abzuweichen. Und ich
bewunderte Dich um so mehr, als ich erfuhr, da Du eben erst ermdet von der
Wanderschaft kamst.
    Darum ist mir ja auch heute zu ruhen gestattet, antwortete Ulrich, und
ich werde von dieser Erlaubni Gebrauch machen und die mden Glieder auf Deinem
Lager ausstrecken, damit ich, wenn Du aus der Htte kommst, mit Dir die Stadt
durchwandern kann, die mich anzieht, wie keine andere deutsche Stadt. Ich hoffe
denn also gleich Dir, da wir als rechte Brder zusammen leben, und wenn ich
Deine Wohnung theile, so theilst Du meinen Lohn mit mir.
    Hieronymus mute bald scheiden, denn wer nicht zur rechten Zeit in der Htte
war, bekam Abzug am Tagelohn, und eine hrtere Strafe als dieser Verlust war die
damit verbundene Mibilligung.
    Als er beim Abendluten zurckkam, fand er den neuen Kameraden am Tisch
sitzen und zeichnen.
    Schon beschftigt? fragte Hieronymus, ich glaubte, ich wrde Dich erst
wecken mssen.
    Ich habe geschlafen, antwortete Ulrich, drei auch vier Stunden
vielleicht, lnger hielt ich's nicht aus, das war genug geruht von der
Wanderschaft. Und wie ich die Augen wieder aufschlug und mich besann, wo ich
war, lockten mich diese Zeichnungen, ich wollte Dich dadurch kennen lernen! Hast
Du das Alles selbst gemacht?
    Sonntags, in meinen Muestunden, antwortete Hieronymus; ist etwas
darunter, das Dir gefllt?
    Ja, dies hier, sagte Ulrich, indem er einen Bogen Papier auseinander
rollte. Wenn auch mit ziemlich rohen Strichen, so sah man doch an den darauf
gezeichneten Figuren, da sie ein jngstes Gericht vorstellten, wo unter den
Verdammten sich auch eine strzende Gestalt befand, die nach der vor ihr
fallenden dreifachen Krone langte.
    Hieronymus sagte: Das ist die Zeichnung eines groen Steinbildes, das sich
am Mnster von Bern am Haupteingange im Westen befindet. Darunter stehen in
kleinen Sulennischen zu beiden Seiten der Hauptpforte, auf der einen die fnf
klugen, auf der andern die fnf thrichten Jungfrauen, erstere im bloen
Haarschmuck, letztere mit lauter hochpriesterlichen Kopfbedeckungen bekleidet.
An diesem Portale bin ich zuletzt mitbeschftigt gewesen. Noch ist der Bau des
Mnsters dort nicht vollendet, aber da ich hrte, da es in meiner Vaterstadt
Arbeit gebe, kehrte ich hierher zurck, um ihr meine Kraft zu widmen.
    Ulrich lchelte beifllig und sagte: Ich sehe, wir verstehen uns; auch ich
habe schon da und dort solch' ein Wahrzeichen zurckgelassen, der Welt zu
verknden: da wir Diener sind der gttlichen Kunst, Diener des Hchsten, dessen
Tempel wir bauen, aber da wir nicht blinde Werkzeuge sind dieser Menschen, die
sich selbst Kirchendiener nennen, aber zumeist nur sich selbst dienen; da unser
Hohenpriesterthum der Kunst ein hheres ist denn das der Kirche, und da wir
freie Maurer sind, nicht arbeitende Knechte! - Wie lange warst Du in der schnen
Schweiz? fragte er, sich selbst unterbrechend.
    Drei Jahre hab' ich dort gearbeitet, antwortete Hieronymus; es war eine
groe Zeit! Die Schlachten von Granson und Murten hab' ich mit erlebt! Da wir in
Bern die Kunde von dem Sieg der Eidgenossen ber den stolzen Burgunderherzog
empfingen - es war vor zwei Jahren am dreiundzwanzigsten Juni, dem Tage nach der
Schlacht - luteten die Glocken des Mnsters, an dem wir noch bauten, zum
schnsten Siegesfest, drngten sich Tausende in ihn hinein zum jubelnden
Dankgebet. Eine groe Seelenmesse ward darin gehalten fr die fnfzehntausend
Erschlagenen, deren Gebeine nun im Beinhaus von Murten ruhen, ein Denkmal fr
alle Zeit, da Gott mit diesem freien Landvolk streitet, dem er die Alpen als
Hochwchter der Freiheit gesetzt hat, und die Gletscher, da die Tyrannei auf
ihnen ausgleite und sich nimmer erhalten knne. Wahrlich! ich habe Groes
gesehen und erlebt in diesen Tagen, und seit ich die Freiheit dieses einfachen
Hirtenvolkes gesehen, das, wie es auch zuweilen selbst in Kleinlichkeiten
versinkend untereinander hadern mag, doch gleich die kleine Eifersucht und den
nachbarlichen Streit vergit und vereinigt, gro und stark aufsteht gegen den
Unterdrcker von Auen, mag er mit noch so stolzer Macht sich nhern - seitdem
erscheint mir das reichsstdtische Wesen hier recht kleinlich und
eingeschrumpft, und auch dafr wie fr den Verfall der Kirche kann die Kunst
allein mir Trost gewhren.
    Ulrich sagte: Ich war zur selben Zeit in Straburg, und auch unser Mauerhof
feierte den groen Sieg in der Htte wie im Mnster. Das Jahr darauf erschien in
Straburg selbst, aber von einem Schweizer Hans Eberhard Tsch verfat, eine
Erzhlung des Feldzugs Karl's des Khnen gegen die Schweizer, die von Allen, die
lesen knnen, mit Begierde gelesen ward.
    Aber ein weit hherer Geist als in diesem trockenen Bericht weht in den
Kriegs- und Siegesliedern, welche die Schweizer nach diesen Siegen ertnen
lieen, sagte Hieronymus, besonders in denen eines Dichters Veit Weber aus
Freiburg, der in den Reihen der Eidgenossen selbst mitfocht. Ich hab' ihn selbst
kennen und schtzen lernen. Solche Begeisterung, wie in diesen Liedern weht,
kann nur angetroffen werden, wo eine ganze Nation sich zu schnen Thaten fr
Vaterland und Freiheit erhebt; wir hier, in unseren kleinen Verhltnissen des
brgerlichen Lebens, unter dem ehr- und gewinnschtigen Geznk groer und
kleiner Potentaten, mssen darauf verzichten. Doch, fgte er an's Fenster
tretend hinzu, wenn Du nicht zu ermdet bist, heute noch Etwas von den
Herrlichkeiten dieser Stadt zu sehen, so wird es Zeit, da wir gehen.
    Beide ergriffen ihre Hte, schnallten ihre kurzen Schwerter um und gingen
hinab.
    Sie waren nur erst wenig Schritte gegangen, als vor einem groen Gebude am
Katharinenhof ein dichter Menschenknuel ihre Schritte hemmte.
    Was giebt es hier? fragte Ulrich, und sein Fhrer antwortete:
    Sieh, hier ist Peter Vischer's Giehtte, ein Rothgieer, der gestern
Meister geworden. Die Ruigen machen ihm heute einen Besuch, um ihn in seiner
eigenen Werkstatt zum ersten Feierabend zu beglckwnschen. Gestern hat ihm das
Handwerk ein Fest gegeben, und heute kommen die Gesellen zu ihm, sich den Dank
dafr zu holen. Da wird er manches Flein opfern mssen, denn wie mig er auch
selbst leben soll, die Ruigen sind ein durstiges Vlkchen und lassen sich nicht
gern eine Zeche entgehen.
    Nur herein, ehrsame Zunftgenossen! rief eine Stimme aus der Htte, und an
der geffneten Thr zeigte sich die mittelgroe, breitschulterige gedrungene
Gestalt eines Mannes von dreiig Jahren. Heiterer Lebensmuth strahlte aus
seinem, jetzt noch von der Glut des Feuers gerthetem Gesicht, Gtmthigkeit und
Freundlichkeit gegen Jedermann leuchtete aus seinen hellen Augen und ein
eigenthmlicher Zug von Schalkheit spielte um den Mund trotz dem Bart, der ihn
umsumte. Dabei lagerte auf der Stirn doch ein Ausdruck von Ernst und
Willenskraft, der seine ganze, sonst gewhnliche Erscheinung adelte. Er trug
eine graue Arbeitsjacke, darber eine steife Lederschrze und den Meiel in der
Hand.
    Ein donnerndes Hoch! der Ruigen antwortete ihm. So nannte man die Knechte
und Gesellen der Giehtten, deren es eine ziemliche Anzahl in Nrnberg gab,
denn die Kunst in Erz und Metall zu gieen war eben damals sehr im Schwunge, und
diese Ruigen waren ein zahlreiches Vlkchen, das sich in Macht und Ansehen zu
erhalten wute, und wenn nicht anders, durch die Strke seiner Muskeln und die
Kraft seiner Fuste, wie durch die Hmmer, die darin geschwungen wurden.
    Dieser Peter Vischer hat ein sehr knstliches Meisterstck gemacht, sagte
Hieronymus, das wir uns einmal ansehen knnen. Er ist auch von unermdlichem
Flei und lt sich keine Mhe verdrieen zu lernen und sich fortzubilden.
    In diesem Augenblick ward in dem wachsenden Gedrnge ein Benediktinermnch
mit grauschwarzem Haar und langem wallenden Bart an die Seite der Steinmetzen
gefhrt, so zwar, da sein Rosenkranz an Ulrich's Schwert hngen blieb, und da
dieser vorwrts schreitend das nicht bemerkte, so zerri die Schnur und die
Perlen rollten zu Boden.
    Der Mnch murmelte etwas zwischen den Zhnen, das fast wie ein Fluch klang,
Ulrich aber ward nicht so bald das Geschehene gewahr, als er mit hflichen
Worten fr seine Unvorsichtigkeit um Entschuldigung bat, und sich zu Boden
bckte, die herabgefallenen Perlen zu suchen, da eben jetzt die Gesellen in die
Giehtte eintraten und dadurch das Gedrnge sich verlor.
    Ulrich sprach mit etwas fremden Accent und hatte berhaupt ein eigenthmlich
melodisches Organ - der Benediktinermnch starrte ihn prfend an, nachdem er
diese Laute vernommen, und whrend es erst geschienen, als wolle er ihn derb
anlassen, sagte er jetzt nur kurz: Bemht Euch nicht! und war um die nchste
Ecke mit hastigen Schritten im Augenblick wie verschwunden. Wenigstens als
Ulrich das herabgefallene Kreuz und eine groe Perle des Rosenkranzes aus dem
Staub der schlechtgepflasterten Gasse aufgehoben und dem Mnch sein Eigenthum
geben wollte, war derselbe nirgend mehr zu sehen. Auch Hieronymus hatte sein
Augenmerk nicht auf ihn gehabt und wute nicht, wo er hingekommen. Vielleicht
begegne ich ihm noch einmal, sagte Ulrich; er hatte ein ausdruckvolles
Gesicht, das ich jedenfalls wieder erkenne, oder ein anderer Benediktinermnch
kann uns vielleicht sagen, welcher seiner Brder diesen Verlust gehabt; bis
dahin will ich Perle und Kreuz bewahren, um sie ihm gelegentlich wieder
zuzustellen.
    Wie es dunkel geworden und die abendlichen Schleier auch die schnsten
Bauwerke einhllten, das selbst die prchtige Sebaldskirche, vor der Ulrich
lange bewundernd und zugleich mit dem Auge des Kenners prfend weilte, nur noch
in ihren groen Umrissen sichtbar war, kehrten die beiden Baubrder wieder heim
in ihre gemeinschaftliche Wohnung. Durch Nrnbergs Gassen wogte zwar noch lange
ein heiteres Leben und ein warmer Maiabend war so recht eigentlich geschaffen
fr die Brgerlust, und auf den Spaziergngen an der Pegnitz wimmelte es von
junger mnnlicher und weiblicher Welt, die sich lustig erging und begrte; aber
wenn auch die Baubrder nicht mehr zum geistlichen Stande gehrten, so lebten
sie doch gewissermaen abgesondert von der profanen Welt und unter strengen,
selbstgegebenen Gesetzen, auf deren Befolgung mit viel grerer Strenge gesehen
ward, als zur selben Zeit bei den Mnchen und Geistlichen, die gerade damals
sich viel erlauben durften, so da von den Klosterbrdern Dinge geschahen und
ihnen nachgesehen wurden, die bei den Baubrdern strenge Bestrafung fanden. Die
Htten hielten strenger auf Moral als die Klster, es herrschte bei den
Baubrderschaften nicht mehr der Gegensatz von geistlich und weltlich, von
Geistlichen und Laien, sondern von Geweihten und Profanen. Hierin lag das
erhebende und zugleich stolze Gefhl, welches die freien Maurer gleichsam durch
sich selbst sttzte und schtzte und sie eigensinnig ber die eigene
Sittenreinheit wie ber die ihrer Brder wachen lie, um sich ihrer Wrde nichts
zu vergeben und treu darauf zu halten, da ihr erhabener Bund keinen Makel an
seinen Angehrigen dulde.
    Am folgenden Morgen waren Hieronymus und Ulrich die Ersten in der Htte -
den Pallirer ausgenommen, der das Amt hatte die Thr auf- und zuzuschlieen und
der Erste und der Letzte in der Htte zu sein. Bald kamen auch die andern
Gesellen und Lehrlinge, und der Pallirer sprach das Morgengebet, dann ging ein
Jeder still an seine Arbeit. Der Werkmeister wies Ulrich die seine an und sagte
ihm, da nachher der Httenmeister und der Propst von St. Lorenz, Herr Anton
Kre, kommen wrden, um ihn als Mitglied der Nrnberger Bauhtte aufzunehmen.
    Die Httenmeister waren die obersten Vorsteher einer Htte, sie muten fr
Beschftigung der Baubrder sorgen, waren die Vertreter der
Httenangelegenheiten bei Kaiser und Frsten, schlossen die Baukontrakte,
whlten die Arbeiter und suchten der Kunst und ihrem Ruf zu dienen. Da die
Baubrderschaften eben nur zu Kirchenbauten sich verwenden lieen, so war es
immer der Bischof, Abt oder Propst eines kirchlichen Stiftes, der sie berief,
den Bauplan u.s.w. mit ihnen abzureden und zu beaufsichtigen hatte, war er
verhindert, so mute irgend ein Canonicus oder Gottesjunker seine Stelle
vertreten.
    Als Herr Anton Kre erschien, grte er Alle freundlich, als wren sie
seinesgleichen. Das Kirchenamt von St. Lorenz war erst krzlich zu einer
Propstei erhoben worden, und Anton Kre war der erste, der mit dieser neuen
Wrde bekleidet worden. Er mochte etwa fnfzig Jahre zhlen. Leutseligkeit
sprach aus seinen freundlichen Mienen, und wenn die wohlgepflegte Behbigkeit
seines ganzen Wesens auch nicht gerade auf sehr groe Geistesgaben schlieen
lie, so sah man es ihm doch an, da er eine aufrichtige Theilnahme und Liebe
fr die Kunst besa, und indem er ihr huldigte und neue monumentale Werke
derselben veranlate, nicht nur eine Mode mitmachte, die zu seiner Zeit unter
den Geschlechtern Nrnbergs sich auch Manchen fr einen Kunstmcen ausgeben
lie, der nur fr die in die Augen fallende Pracht Sinn hatte und kein
Verstndni fr das Hhere, das ber den Gesichtskreis der Alltagsmenschen
hinaus lag.
    Als die blichen Feierlichkeiten bei der Begrung des Propstes wie des
neuen Gesellen vorber waren, sagte jener zu diesem: Ist nicht Euer Zeichen ein
Kreuz mit einem Winkelma durchschnitten?
    Ulrich bejahte. Die Steinmetzen fhrten statt ihrer Namens-Chiffren,
Monogramme, welche sie als ihr Zeichen in ihre Arbeit gruben. Nur in diesen wie
in ihren Werken wollten sie fortleben, auf die Unsterblichkeit des einzelnen
Namens verzichtend, darum sind auch nur wenig Namen von Baubrdern und
eigentlich nur die ihrer Baumeister auf die Nachwelt gekommen.
    Es schien nicht, als ob der Propst damit nur eine gewhnliche Frage gethan,
sondern als ob ihm die Beantwortung derselben von besonderer Wichtigkeit sei.
Ihr seid in einem Kloster des Elsa erzogen? fragte er weiter. Was ist aus
Euren Eltern geworden?
    Ulrich antwortete: Meine Eltern bestellten das Feld in der Nhe eines
Benediktinerklosters und ich htete dessen Schafe bis in mein zehntes Jahr. Da
wthete der Krieg in unserer Gegend und mein Vater mute mitziehen. Der Feind
stand uns ganz nahe, da ich auf dem Felde allein mit der Heerde war. Die Mnche
waren mir immer gtig gewesen, und jetzt nahmen sie mich mit in das Kloster. Da
der Feind nher rckte, die Fluren verwstete und Feuer in unsere Htten warf,
bat ich fr Zuflucht um meine Mutter, oder da man mich zu ihr liee ihr
Schicksal zu theilen, welches es sei. Aber die Pforten des Klosters blieben
verschlossen. Ich wute wohl, da Frauen sie nicht durchschreiten durften, aber
ich war doch der Verzweiflung nahe, da man mich getrennt von meiner Mutter
hielt. Da endlich der Kampf ausgetobt und der Feind weiter gezogen war, wie
immer eingescherte Hfe, brennende Htten und zertretene Fluren hinter sich
lassend, lie man mich heraus, und eine Anzahl Mnche begab sich mit auf den
Weg, den Verwundeten Hlfe zu bringen oder die Todten zu begraben. Es gab von
beiden genug, Mnner und Frauen, verstmmelt und erschlagen - aber von meiner
Mutter fand ich keine Spur. Leute, die sie kannten, wollten sie gebunden auf dem
Pferd eines Lanzenknechtes gesehen haben, der im raschen Trabe mit ihr
davongeritten. Meine Mutter war eine schne Frau und damals etwa dreiig Jahre
alt - ich kann nicht ohne Schauder an das Geschick denken, das sie vielleicht
betroffen. Nie habe ich wieder etwas von ihr gehrt, alle Nachforschungen, die
ich selbst nach ihr anstellte und welche von den Benediktinern, wie sie mich
wenigstens versicherten, nach ihr angestellt worden, blieben erfolglos. Die
frommen Klosterbrder behielten mich bei sich im Kloster, das kleine Besitzthum
meiner Eltern fiel ihm anheim und ich sollte dafr von ihnen zum geistlichen
Stande erzogen werden. Ich lernte nun bei ihnen schreiben, zeichnen und lesen,
und da sie mit mir zufrieden waren, wie ich bei ihren Lehren mich anstellte,
unterrichteten sie mich in allen wissenschaftlichen Dingen. Dabei ging mir der
Sinn auf fr die Kunst, und ich konnte dem Drang nicht widerstehen, mich ihr
ganz zu widmen. Einer der Mnche ward mein Frsprecher, und so entlie man mich
endlich und die Straburger Bauhtte nahm mich als Lehrling auf, wo ich, wie Ihr
aus meinen Zeugnissen seht, fnf Jahre gelernt und mein erstes Gesellenjahr
gearbeitet habe.
    Und von Eurem Vater erfuhrt Ihr Nichts? fragte der Propst theilnehmend
weiter.
    Einige seiner Landsleute, die zurckkamen, sagten, er sei in der Schlacht
gefallen, aber ich wei so wenig gewi, ob das wahr ist, wie jene letzte
Nachricht ber meine Mutter, antwortete Ulrich. Es sind vierzehn Jahre seitdem
vergangen, aber ich habe nie wieder etwas von ihnen gehrt, noch hat der
Klosterbruder, der mein Gnner und Freund geblieben, je etwas von ihnen
erfahren.
    Ihr waret das einzige Kind Eurer Eltern? fragte Kre, dessen Theilnahme
immer mehr zu wachsen schien.
    Ich hatte niemals Geschwister.
    Und Euer lndliches Besitzthum?
    Der Abt des Benediktinerklosters verwaltet es fr meinen Vater. Wenn er
oder meine Mutter nicht zurckkommen, fllt es an das Kloster.
    Der Propst konnte bei dieser Antwort ein leises Lcheln nicht unterdrcken,
aber er schien mit seinem Examen ber Ulrich's Familienangelegenheiten zu Ende
zu sein, und sprach nun von Bauangelegenheiten mit ihm.
    Dieses Examen war ungewhnlich, da es vollstndig berflssig war. Kein
Jngling ward als Baulehrling zugelassen, der nicht von ehrlicher Geburt war und
nicht die besten Zeugnisse ber seine Sittlichkeit und Brauchbarkeit hatte. Es
verstand sich daher beides schon bei einem Baubruder von selbst, und auerdem
waren dieselben fast ebenso losgerissen von allen Familienbanden wie die
Geistlichen, da auch das Clibat bei ihnen Bedingung war, da es nie Jemanden
einfiel, sich um ihre Angehrigen zu bekmmern. Anton Kre mute darum gerade
ein besonderes Interesse fr diese haben, sonst htte er nicht diese Auskunft
von Ulrich verlangt. So viel ward diesem klar, aber vergeblich bemhte er sich
durch Nachsinnen zu ergrnden, was den Propst zu diesen Fragen veranlassen
konnte.

                                Viertes Capitel



                                 Konrad Celtes

Unter der Veste erhob sich ein neues Prachtgebude, das eben erst in diesem
Jahr beendet worden. Es war auch nur das Wohnhaus eines Patriziers, aber fast
das schnste Nrnbergs. Ein Eckhaus, breit und tief und hochaufsteigend
zugleich, die immer noch Raum zu neuen Verschnerungen lie, wie z.B. der
Tragstein an der Ecke noch mit keiner Statue geschmckt war und die einzelnen
Abstze des treppenartig ausgeschnittenen Giebels auch noch ihrer Standbilder
harrten. Im Innern war es mit ausgesuchter Pracht und Kunst eingerichtet und
bekundete den Reichthum seines Besitzers.
    Dies war Herr Christoph Scheurl, der mit zu den angesehensten Geschlechtern
gehrte. Erst seit wenigen Wochen hatte er dies neue Haus bezogen, nachdem seine
Hochzeit mit Elisabeth Behaim stattgefunden, eine ebenbrtige Wahl, denn auch
die Behaim waren ein altes rathsfhiges Geschlecht und auch im Ausland durch
ihre Niederlagen in Venedig und den Handel, den sie nach Portugal trieben,
wohlbekannt und in groem Ansehen.
    Die junge Gattin war allein. In einem prachtvollen Chrlein, das sich weit
vorspringend an der Ecke des Hauses befand, sa sie am offenen Fenster und
blickte trumerisch hinab auf die Strae, zuweilen auch auf eine zierliche
Schrift, die auf ihrem Schooe lag.
    Sie war eine ziemlich groe prchtige Gestalt mit schwellenden Formen und
edler stolzer Haltung. Auch in ihrem schnen Antlitz schien ein Zug von Stolz
der vorherrschende zu sein. Aber man sah es auf den ersten Blick: es war nicht
die Hoffarth und Eitelkeit einer verwhnten Schnheit, es war nicht der Hochmuth
auf Vornehmheit und Reichthum, was diesen Zug hervorrief: es war der Stolz eines
selbstbewuten Weibes, das ber das gewhnliche Geschlecht und die gewhnlichen
Verhltnisse sich selbst emporgehoben. In diesen strahlenden Augen las man von
innern Kmpfen, und der lchelnde Zug um die Lippen war nicht der des Glckes
und der Befriedigung, mge sie aus naiver Unerfahrenheit oder aus beglckenden
Verhltnissen kommen, sondern mehr das Lcheln einer Welterfahrung, die zur
Weltverachtung geworden. Sie stand etwa in der Mitte der Zwanzig und sah auch
sonst nicht aus wie ein Wesen, das schon in solcher Weise mit der Welt
abgeschlossen htte - nur jenes Lcheln abgerechnet. Das Haar umwallte sie in
malerisch geordneten Locken, die im Nacken goldene Nadeln emporhielten, die
vordersten aber fielen auf die Brust herab. Ihr Kleid war von violetter Seide,
einem Stoff, den man Zndel hie, und nach venetianischem Schnitt, die offenen
Aermel fielen bis zum Boden und lieen die weien schngeformten Arme ohne
bedeckende Hlle; man mte denn als solche die zahlreichen kostbaren Spangen
betrachten, von denen man nicht wute, ob ihr Werth grer sei durch die Pracht
ihrer Steine und deren Fassung, oder durch die kunstreiche Arbeit ihres
Verfertigers. Aehnlich geschmckt zeigten sich auch Hals und Brust. An dem
kleinen vorgestreckten Fu gewahrte man einen zierlichen Schuh von gelbem Leder
mit goldener Stickerei und einem vorn lang- und emporgestreckten Schnabel; die
weien Hnde waren mit vielen Ringen geziert.
    Dies war vielleicht einer der Anzge, ber dessen Wohlanstndigkeit und
Zulssigkeit die Vter der Stadt auf dem Rathhaus lange Sitzungen hielten und
danach Kleiderordnungen erlieen, welche die Lnge der Kleider wie der Aermel,
der Schnbel an den Schuhen wie der Tiefe des Ausschnittes an Nacken und Busen,
den Fall der Locken an den Kpfen vorschrieben, die Zahl der Ringe, Armbnder
und Haarnadeln genau bestimmten u.s.w. um dem Luxus zu steuern. Aber inde
allerdings die gewhnlichen Brgerfrauen sich daran kehren muten, weil sie
sonst in Strafe verfielen und von der Straenjugend verspottet wurden, lachten
die bermthigen Patrizierinnen ber den Eifer der Rathsherren und waren doch
gar wohl damit zufrieden, da jener Brgerstand, von dem sie selbst sich streng
absonderten, dadurch in Schranken gehalten ward, es ihnen nicht gleich zu thun.
Sie selbst aber verspotteten in ihrer Kleidung oft mit um so grerer
Absichtlichkeit die Vorschriften des Rathes, und als derselbe gar einmal darauf
verfiel, eine Steuer auf diese Ausschweifungen zu legen, trieben sie es erst
recht arg, um zu zeigen, da sie es bezahlen konnten.
    So mochte der Rath versuchen was er wollte, er scheiterte damit bei den
stolzen Frauen, und wenn sie ja vielleicht am ersten Tag nach einer solchen
Bekanntmachung sich aus Furcht vor dem gemeinen Haufen nicht auf die Strae
wagten, so entschdigten sie sich dafr durch ihre husliche Toilette. Elisabeth
vor allen gehrte mit zu den eigensinnigen Frauen, die gerade nur aus Lust,
einem Verbot zu trotzen, das bertrieben, woran sie sonst vielleicht gar nicht
gedacht oder es selbst lcherlich oder unanstndig, unpassend oder unschn
gefunden htten. Sie machte es gern bemerklich, da Niemand wagen drfe ihr
Vorschriften zu machen.
    Als Elisabeth's Blicke, wie es schien, gedankenlos hinab ber die Strae
schweiften, fuhr sie pltzlich zusammen und bog sich von dem Fenster zurck.
    Der Gegenstand, der diese Bewegung veranlate, war ein Vorbergehender von
mittelgroer, stattlicher Gestalt. Sein Wamms war genau von der Kleidfarbe
Elisabeth's und darber trug er einen kleinen spanischen Mantel von schwarzer
Farbe, auf dem Kopf einen kleinen runden Filzhut mit weien Federn. Sein Haar
war dunkel, und die dunklen Brauen, die in schn gewlbten Bogen sich ber
seinen feurigen Augen erhoben, gaben diesen einen edlen Ausdruck. Seine hohe
Stirn und die khn gebogene Nase lieen in ihm den Mann von Geist erkennen; sein
Gesicht war fein, glatt und bartlos und lie ihn dadurch noch jnger erscheinen
als er war; er zhlte dreiig Jahre.
    Elisabeth hatte sich ihm nicht zeigen mgen; jetzt da sie glauben konnte, er
werde nicht mehr heraufsehen, wollte sie es wagen ihm nachzuschauen - aber er
war verschwunden. Wo war er hin? in welches von diesen Husern sollte er
gegangen sein? wr' es mglich - in das ihrige? Sie trat aus dem Chrlein in das
Zimmer zurck - es war ihr, als hre sie Schritte die Marmortreppe hinauf - ihr
ganzes Wesen schien in Aufruhr zu kommen. Sie trat vor den groen venetianischen
Spiegel, der auf goldenem Gestelle ruhend ihre ganze herrliche Gestalt
zurckwarf. That sie das aus Angst, um eine Miene, eine Haltung zu suchen,
diesen pltzlichen Aufruhr ihres Wesens zu verbergen; that sie es aus
Koketterie, ihren Anzug zu prfen und ihn in die ihren Reizen vortheilhaftesten
Falten zu schieben? Als die Flgelthr hastig aufgeworfen ward, stand sie stolz
und ruhig vor dem Eintretenden.
    Verzeiht, hohe Frau, wenn ich stre! sagte er.
    Nicht im Mindesten, Herr Doctor Celtes, antwortete sie mit erzwungener
Fassung, obgleich ich wenig vorbereitet war auf diesen werthen Besuch. Ich
bitt' Euch, nehmet Platz.
    Sie warf sich in einen Polster von rothem Sammet, inde er auf einem Stuhl
ihr gegenber Platz nahm. Die bunt gemalten Glasscheiben aus dem gewlbten
oberen Theil der Chrleinfenster und die dichten rothseidenen Vorhnge, welche
diesen Schimmer dmpften, warfen ein zauberhaftes Licht auf Elisabeth.
    Ich komme, mir Euren Rath zu erbitten - begann er und schien nach weiteren
Worten zu suchen.
    Wann htte je ein Gelehrter und Dichter, wie Konrad Celtes, des Rathes
eines Weibes bedurft? unterbrach ihn die junge Frau.
    Doch, antwortete er; es ist nicht das Erstemal, schne Herrin, da ich
Euch darum bitte. Der Bischof von Worms hat mir geschrieben und mich
aufgefordert zu ihm zu kommen. Ich wrde dort viele gleichgesinnte Mnner
finden, wie berall am Rhein, und die humanistischen Studien frdern knnen.
Seit mein edler Lehrer Rudolf Agricola in Worms gestorben, droht dort der
lebendige Geist, der von ihm ausgehend die elende Scholastik von den Schulen
verdrngte, zu erlahmen, wenn nicht eine Kraft von Auen ihn wieder aufrttelt.
Mein Name hat dort einen guten Klang und die Societas litteraria Rhenana, die
ich zu Heidelberg gestiftet, wnscht auch meinen Besuch. Die, denen ich noch
unbekannt bin, werden in mir den Schler Agricola's sehen und mir gern gestatten
ihre Lehrsthle zu besteigen. Nun rathet mir: soll ich diesem Rufe folgen und
gehen - oder soll ich hier bleiben?
    Elisabeth hatte whrend seiner Rede mit ihrer goldenen Kette gespielt, und
whrend dieser scheinbar tndelnden Bewegung ging in ihrem Herzen eine so
heftige vor, da sie alle ihre Krfte anstrengen mute, die uere Ruhe zu
behaupten, mit der sie jetzt sagte: Ihr scheint auch darin Eurem edlen Lehrer
Agricola zu gleichen, da Ihr Euch durch kein Amt wollt binden lassen, weil Ihr
eine unberwindliche Abneigung habt gegen Fesseln jeder Art, sonst knntet ihr
nicht berlegen und gar um Rath fragen! ob Ihr diesem Rufe folgen sollt oder
nicht.
    So schickt Ihr mich fort? fragte er betroffen, und so ruhig - das hatte
ich nicht erwartet!
    Sie sah ihn mit stolzen Blicken an und fuhr fort: Ihr sagtet ja immer
selbst, da Ihr ein unstetes Leben gefhrt und es wohl so fortfhren wrdet, bis
es zu Ende sei - ich glaube, der Bischof von Worms wird Euch das nicht
verwehren, wenn Ihr Euch auch zu ihm begebt, so wenig, wie er es Agricola
verwehrte. Hier seid Ihr ja auch nicht gebunden.
    Ja, rief er heftig und aufspringend, Ihr habt Recht! es hlt mich ja hier
Niemand - er griff nach seinem Hut und wollte gehen.
    Sie stand auch auf, ri den Hut aus seiner Hand und schleuderte ihn in eine
Ecke des Gemaches.
    So werdet Ihr nicht von Euerer Freundin scheiden, sagte sie pltzlich mit
dem zartesten Schmelz einer weiblichen Stimme. Ich habe den Lorbeerkranz auf
Euer hohes Dichterhaupt gesetzt, wenn auch nur auf Befehl unseres Herrn und
Kaisers, und ich bitte Euch jetzt, dies Haupt ein wenig zu neigen, damit ich
dies goldene Kettlein um den Hals werfe, der niemals eine Kette tragen will -
und nur diese tragen soll zum Angedenken an Elisabeth Behaim.
    Es war nicht Zerstreuung einer krzlich Vermhlten, es war Absicht, da sie
ihren Mdchennamen sagte, denn seit sie verheirathet war, hatte sie noch nicht
wieder mit Konrad Celtes gesprochen. Vor ziemlich zwei Jahren war er nach
Nrnberg gekommen, der Ruf seiner Dichtkunst und Beredtsamkeit war vor ihm
hergezogen; alle Gelehrten und Doctoren Nrnbergs kamen ihm achtungsvoll
entgegen, und Anton Koberger, der damals schon eine groe Druckerei besa, in
der vierundzwanzig Pressen arbeiteten, druckte seine Werke.
    Konrad Celtes war der Sohn eines frnkischen Bauern Pickel, zu Wipfelde nahe
bei Wrzburg 1459 geboren. Er sollte seinem Vater in der Landwirthschaft und im
Weinbau beistehen und sie spter selbst bernehmen. Allein sein Wissensdrang
lie ihm keine Ruhe. Heimlich entfloh er aus der vterlichen Besitzung auf einem
Flo den Main und Rhein hinab und ging auf die Universitt nach Cln. Darauf
studirte er in Heidelberg und ward Agricola's Lieblingsjnger. Dann besuchte er
die Universitten zu Erfurt, Leipzig und Rostock, aber nicht mehr als Lernender
sondern als Lehrender, dem Humanismus und den humanistischen Studien immer mehr
Eingang verschaffend. Durch seine Vorlesungen sammelte er sich so viel, da er
darauf nach Italien gehen konnte, was fr die Gelehrten seines Faches damals als
Nothwendigkeit erschien. Zu Bologna hrte er Philipp Beroaldus den Aelteren, zu
Florenz Marsilius Ficinus, zu Rom Pomponius Ltus. Von Venedig aus ging er nach
Ungarn und Polen, und von da nach Deutschland zurck, wo er in Nrnberg sich
niederlie. Damals - es war im Jahr 1487 - hielt Kaiser Friedrich III. daselbst
einen Reichstag und blieb fast ein ganzes Jahr daselbst auf der Veste wohnen.
Der alte Kaiser, obwohl er damals nur den Reichstag berufen, um von ihm ein Heer
zu erbitten, seinen eigenen Geburtsort Neustadt zu schtzen, den der sieghafte
Ungarnknig Mathias bedrngte und den Friedrich frchten mute fallen zu sehen
gleich Wien, und obwohl er aus seinen eigenen sterreichischen Erblanden
vertrieben, vom Geschick htte gebeugt sein knnen, vertrieb er sich doch in
Nrnberg die Zeit, als sei er der glckgekrnteste Herrscher. Um den Nrnbergern
zu zeigen, da er auch ein Freund der Wissenschaften und Knste sei - nur die
Rechtswissenschaft hate er und nannte deren Doctoren: Seductores (Verfhrer) -
berief er deren Vertreter selbst um sich und lie sich von den Meistersngern
und Poeten ihre Werke vortragen. Bei einem ffentlichen Aufzug, der auf dem
Marktplatz stattfand, bei dem er einige Nrnberger Patrizier, darunter Hans
Tucher, zum Ritter schlug, um ihn damit fr seine Reise in das heilige Land und
die von ihm selbst verfate Beschreibung derselben zu ehren, nahm er auch einen
grnen Lorbeerkranz, den er sich auf sammtenem Kissen hatte nachtragen lassen,
und lie Konrad Celtes vor sich fhren, um ihm so vor allen Hohen des Reichs und
allem Volk ffentlich die Ruhmeskrone des Dichters auf das Haupt zu setzen. Aber
als Celtes schon vor ihm kniete, zgerte der Kaiser pltzlich und sandte einen
seiner Ritter zu der Erhhung, auf der Nrnbergs edle Frauen und Jungfrauen
Platz genommen. Unter ihnen strahlte vor Allen Elisabeth Behaim durch Schnheit
und Anmuth ihres Wesens, wie durch die Pracht ihrer Kleidung hervor - und mit
stolzer Haltung folgte sie dem Ritter, der ihr die Botschaft des Kaisers
brachte: da sie als die schnste Jungfrau Nrnbergs den Dichter krnen mge.
Bisher hatte sie ihn nur von fern gesehen - nun stand sie dicht vor dem
Knieenden und setzte zitternd den Kranz, den sie aus der Hand des Kaisers
empfing, auf das edle Lockenhaupt, das sich vor ihr neigte.
    Wie htte nicht das leichterregbare Herz des Dichters erfat werden sollen
von diesem Augenblick und ihn als den schnsten seines Lebens preisen? Wer, dem
jemals fr das Ringen und Streben seines Genius eine hnliche Anerkennung, so
berraschend pltzlich und vor allem Volk zu Theil geworden, knnte jemals
wieder die hhere Weihe solcher Stunden vergessen? Und wie htte Celtes, der
schon durch seine Studien des klassischen Alterthums gleicherweise wie durch
sein feuriges Dichtergemth zu dem Cultus der Schnheit sich hingezogen fhlte,
nicht immer daran denken mssen, da er den Lorbeerkranz zwar wohl auf den Wink
seines Kaisers, aber doch aus den Hnden einer Knigin der Schnheit empfing? Er
pries Elisabeth als solche in seinen Liedern und verherrlichte sie als seine
Muse in wohlgefeilten lateinischen Versen.
    Das Geschlecht der Behaim, aus dem sie stammte, galt vor allen
nrnbergischen nicht nur als eines der reichsten und angesehensten, sondern auch
als eines der gebildetsten und gelehrtesten der Reichsstadt. Elisabeth's Vater
besa in Venedig ein eben so reiches Waarenlager als in Nrnberg und pflegte
sich wechselnd an beiden Orten aufzuhalten; auch die Tochter, fr alles Groe
und Neue empfnglich, dabei keine Mhe und Gefahr scheuend, hatte einmal mit ihm
einige Zeit in Venedig zugebracht, obwohl damals Frauen nur selten zu reisen
pflegten und bei den schlechten und oft gefahrvollen Wegen Vieles erdulden und
entbehren muten, auch wenn sie den reichsten oder hchsten Stnden angehrten.
Elisabeth's ltere Brder waren mehr als gewhnliche Kaufleute. Nicht nur da
sie sich auf das Geschft verstanden und durch ihre khnen Speculationen und
groen Handelsverbindungen fast mit allen Vlkern der Erde in Verkehr waren, und
sich dadurch jene Vielseitigkeit und jenen groen Weltblick erwarben, der nur
auf Reisen erlangt wird, hatten sie auch die gelehrten Schulen Italiens besucht
und auch daheim den Wissenschaften obgelegen. Besonders war es Martin Behaim,
der ein Schler Johannes Regiomontanus (eigentlich Camillus Johannes Mller)
sich mathematischen, astronomischen und andern gelehrten Forschungen widmete und
sich gern damit beschftigte, auch die Kenntnisse seiner Schwester zu erweitern.
Jetzt war er freilich seit einigen Jahren entfernt, da er in Handelsgeschften
seines Vaters nach Portugal gegangen war und eben jetzt auf portugiesischen
Schiffen mit Admiral Diego Can auf weitem Ocean trieb, den Seeweg nach Ostindien
zu entdecken, zu dessen Auffindung Martin Behaim's scharfsinnige mathematische
Berechnungen die gegrndetste Hoffnung gaben.
    Der ruhmgekrnte Dichter Celtes fand bald Zutritt in diese ausgezeichnete
Familie, welche die Wissenschaft so wohl zu schtzen wute. Wie empfnglich er
auch war fr sinnliche Eindrcke und wie auch Elisabeth's Schnheit ihn zu den
ersten Versen an sie begeistert hatte und den Wunsch in ihm erregt, bei ihr
Zutritt zu erhalten, er wrde der schnen Form bald berdrssig geworden sein,
wenn er sie leer gefunden. So aber fand er sie von einem khnen, beinah
mnnlichen Geist belebt, ausgestattet mit allen Kenntnissen, in denen damals
keine anderen Frauen so bewandert waren als die Tchter Nrnbergs und Augsburgs,
und er verherrlichte sie nun erst recht in seinem von ihr verstandenen Latein
als seine Muse.
    Elisabeth's Hand fand viele Bewerber, aber sie hatte bisher noch jeden
abgewiesen; dem Einen galt sie dadurch fr eine stolze Sprde, dem Anderen fr
eine kalte Gelehrte mit einem Mannesherzen im Busen, und Manche flsterten von
einem Frsten oder vornehmen Ritter, mit dem sie ein heimliches Verhltni habe
und der um seines Standes willen zgere sie heimzufhren, obwohl sie sich selbst
gleich mancher stolzen Patriziertochter Nrnbergs nicht zu gering achte, einem
Frsten zum Altar zu folgen.
    Ihr Verhltni zu Celtes gestaltete sich bald zu dem einer sen
Freundschaft, welche an jene zarten Bande gemahnte, welche meist die
franzsischen Minnehfe hervorgerufen. Sie war die Herrin und er ihr Dichter.
Fr alle seine Bestrebungen und Arbeiten fand er in ihrem hochgebildeten Geist
ein feines Verstndni und begeisternde Anregung. Wo ihr die eigenen Kenntnisse
noch mangelten, da ward er ihr Lehrer, versorgte sie mit allen neuen Bchern und
las ihr Alles vor, was er selbst verfate. Zuweilen wohl wurde die klare Ruhe
dieses schnen Wechselwirkens durch strmischere Empfindungen gestrt. Zuweilen,
wenn sie allein waren - was nicht gerade oft der Fall war, da Elisabeth's
Mutter, oder eine jngere Schwester oder auch ihre Brder und andere Gelehrte
sie oft umgaben - geschah es, da seine Huldigungen sich nicht nur auf den
Vortrag seiner Verse erstreckten, die davon voll waren, sondern da er ihre
Hnde kte und sie in seine Arme zog, oder da sie selbst einen Ku der Muse
zum Lohn oder zur Weihe des Dichters auf seine Stirn drckte. Dies, fr beide
beglckende Verhltni whrte weit ber ein Jahr - und es htte vielleicht noch
lange so gewhrt, wenn nicht die rohe Hand anderer Menschen zerstrend
eingegriffen. Es gab auch schon damals genug scheelschtige Leute, gemeine
Zutrger und unberufene Sittenrichter, die ber die stolze Patriziertochter
zischelten, welche die ebenbrtigen Bewerber verschmhe, und da der Frst sie
sitzen lasse, an den herzugelaufenen Poeten, den Bauernsohn, der Nichts sei und
Nichts habe, sich wegwerfe, da nun auch Keiner aus den Geschlechtern sie mehr
werde zur Ehe haben mgen. Solche Reden wurden auch Elisabeth's Brdern
hinterbracht; seitdem beobachtete sie besonders der lteste Bruder Georg, und
als er sie eines Tages wirklich berraschte, wie ihr Lockenhaupt an Celtes
Schulter lehnte und sein Arm um ihre Taille geschlungen war, trat er zornig vor
Beide hin und warf ihnen mit heftigen Worten das Unziemliche ihres Betragens vor
und erklrte Celtes fr einen Verfhrer und Eindringling, der dem Hause, das ihn
freundlich aufgenommen, nur Schande bringe: das habe man aber davon, wenn man
mit den fahrenden Poeten sich einlasse, die doch Lumpen blieben, wenn auch ein
Kaiser, um dem Volk ein neues Schauspiel zu geben, sie mit einem Dichterkranz
krne.
    Elisabeth wollte reden und den Geliebten gegen diese Rohheit vertheidigen,
aber Celtes bat sie zu schweigen und sich seinetwegen nicht mit dem Bruder zu
erzrnen. Es ist wahr, sagte er zu diesem, ich verehre Eure edle Schwester
wie meine Muse und meine Herrin, aber nie habe ich meine Wnsche, noch meine
Worte bis zu einem Ziel erhoben, das fr mich aus doppelten Grnden unerreichbar
ist. Ich kenne die veralteten Institutionen und den aufgeblasenen Dnkel dieser
reichsstdtischen Geschlechter hinlnglich genug, um zu wissen, da sie jede
Bewerbung eines Mannes, der nicht zu ihnen gehrt, und wenn er der Berhmteste
der Welt wre, fr eine Beleidigung halten - und ich bin nicht der Mann, weder
eine solche zu ertragen, noch eine Gnade von diesen hoffrtigen Brgern
hinzunehmen. Auerdem aber fhle ich, da es dem Poeten, wenn er seine hohe
Sendung ganz erfllen will, nicht beschieden ist, einen huslichen Herd zu
grnden. Wie mein groer Lehrer Agricola werde ich nie eine Fessel tragen, weder
die eines Amtes noch eines Weibes, und wenn auch arm und entsagend, doch reich
und frei in meinem Berufe leben. Findet Ihr nach dieser Erklrung, da eine so
reine, geistige Gemeinschaft wie die meinige mit dieser edlen Jungfrau nicht
bestehen kann, ohne ihrem Ruf zu schaden, so mu ich freilich darauf verzichten,
denn das sei ferne, da ihr durch mich ein Nachtheil erwachse. Dann aber Schande
ber die Lstermuler und Splitterrichter dieser Stadt, die das Reine und Hohe
verdammen, weil sie es nicht verstehen, das Gemeine und Unsittliche aber ruhig
unter sich dulden. Die reinen, seligen Stunden, die mir das poetische Streben
mit dieser keuschen Jungfrau gewhrte, wagt man zu schmhen - wenn aber Eure
achtbaren Ehemnner sich noch ein Zuweib halten, oder Eure edlen Rathsherren in
die Frauenhuser gehen und tausend Gemeinheiten in den Badstuben geschehen, so
findet Ihr das ganz in der Ordnung.
    Georg Behaim sah sich von dieser ruhigen Wrde entwaffnet, er reichte Celtes
die Hand und bat ihn mit ihm zu gehen. Man hrte andere Leute kommen, und
Elisabeth, unfhig ein Wort zu sprechen, floh in ein anstoendes Gemach, ohne
noch Wort oder Blick fr Celtes zu haben.
    Georg bemhte sich dem aufgebrachten Dichter das lndlich-sittlich
auseinander zu setzen und es endlich wie eine Gnade von ihm zu erbitten, da er
seine Schwester meide. Celtes erklrte sich aus Stolz endlich bereit dazu. Als
er sie nach einigen Wochen bei einem Feste wieder sah, nherte sie sich ihm, um
ihm zu sagen, da sie sich mit Herrn Christoph Scheurl verlobt habe.
    Celtes wnschte ihr, da sie glcklich werden mge - sie lchelte
verchtlich. Es waren Leute in der Nhe und sie konnten nicht unbemerkt zusammen
sprechen. Bald darauf war Elisabeth's Hochzeit. Ihr Gatte war wohl zwanzig Jahr
lter als sie selbst und von gewhnlichem Aeuern, ja er hatte sogar etwas
Abstoendes darin. Man konnte kein ungleicheres Paar sehen, und Niemand begriff,
warum Elisabeth eine so unpassende Wahl getroffen. Scheurl gehrte zu den
stolzesten oder eitelsten Mnnern. Er war einer der reichsten Rathsherren, hatte
sich das schnste Haus gebaut und wollte auch die schnste Frau haben -
natrlich mute er sich durch den Besitz Elisabeth's befriedigt fhlen, die ja
ein Wink des Kaisers selbst ffentlich dazu erklrt hatte. Er spreizte sich in
eitler Geckenhaftigkeit des lteren Mannes an ihrer Seite, und freute sich der
Huldigungen, welche ihrer Schnheit und ihrem Geiste wurden, doppelt eitel
darauf, da die gefeierte Sprde, die so viele Bewerber ausgeschlagen, ihm so
schnell ihre Hand gegeben.
    Celtes hatte zu Elisabeth's Hochzeit ihr ein Carmen gesendet, aber
gesprochen hatte sie ihn seitdem nicht wieder.
    Und jetzt war er pltzlich bei ihr eingetreten, unangemeldet wie sonst in
ihrem Elternhaus - jetzt war es, als versnken die Monate in ein Nichts, in
denen sie sich nicht gesehen. Und ber ein Jahr versank so - jetzt neigte sie
sich wieder ber ihn, wie damals mit dem Lorbeerkranz, da er sie zuerst
erblickte.
    O Elisabeth! rief er aus, wie werd' ich zu leben vermgen ohne meine
Muse? Nein, ich kann nicht fort von Euch, das Leben ist eine Wste ohne Euch!
    Sie neigte ihre Lippen auf seine Stirn und sagte: Dies sei mein
Abschiedsku -
    Aber er sprang auf, umschlang sie heftig und sagte: Nein, ich kann den
Abschied nicht ertragen! - O Elisabeth! welch' ein Gtterleben war es, das wir
fhrten! Von da an, wo ich Euch erblickte, war ich an diese Stadt gefesselt! der
ich sonst immer unstt umhergeschweift, nirgend findend, was ich suchte - mir
ward hier ein himmlisches Asyl! Ewig wollte ich hier bleiben, ewig im Strahl
Eurer Gunst mich sonnen. Ihr waret die Sonne, die alle Blthen meines Geistes
weckte - ohne Euch ist das Leben eine dumpfe kalte Nacht, in der alle Keime
verderben!
    Willenlos, selbst wie eine gebrochene Blume, lag Elisabeth an seiner Brust
und vermochte ihre Thrnen nicht mehr zurckzuhalten. Es htte Euch ein Wort
gekostet, und es war Alles anders! sagte sie. Ihr hab't mich verstoen!
    Elisabeth! rief er und sah ihr prfend in die berstrmenden Augen, ich
gab nur den Vorstellungen und Bitten Eurer Familie nach um Euretwillen - alle
meine sehnenden Empfindungen bezwang ich in heien Kmpfen, um den Frieden Eures
Hauses nicht zu stren -
    Und der Friede meines Herzens war Euch Nichts? fiel sie ihm in's Wort. O
Konrad, ich lebte gleich Euch in einem sen Taumel, ich fragte nichts nach dem
Morgen, da das Heute so himmlisch war. Ich war wie der Epheu, der sich fest um
die starke Eiche ringelt - so unauflslich fhlt' ich mich an Euch gekettet. Da
kam die Unglcksstunde, in der mein Bruder mit roher Hand aus dem holden Traum
uns weckte. Ihr hieet mich schweigen, und welcher Edelsinn auch aus Eurer
Vertheidigungsrede sprechen mochte - mir stie sie einen vergifteten Dolch in
das Herz!
    Was konnt' ich anders antworten? fragte er; mein Mannesstolz und meine
hohe Liebe zu Euch lieen keine andere Antwort zu. Die weite Kluft, die mich von
Euch trennt, ward zum Abgrund, der uns Beide verschlang, wenn ich den glhenden
Empfindungen Worte gegeben htte, die mich jetzt zermartern, seit ich mich von
Euch fern halten mute und jetzt, da ich von Euch scheiden soll!
    O, und Ihr bildetet Euch ein stark zu sein, weil Ihr zu schwach waret, vor
den Abgrund zu treten? sagte sie mit hhnischer Stimme. Ich aber, die ich zu
dem schwachen Geschelcht gehre, fhle den Muth in mir, den Abgrund zu
berspringen - aber Ihr hieet mich schweigen und erklrtet, da Ihr niemals
Liebe fr mich empfunden!
    Das habe ich nie gesagt! rief er, eine so entsetzliche Lge ist nie ber
meine Lippen gekommen - aber ich wute, da Ihr mir niemals angehren konntet,
und darum, seit ich Euch gefunden, ward es mir klar, da ich fr immer dem
Minne- und Eheglck entsagen mte, weil mein Herz nie einem andern Weibe
gehren konnte! O Elisabeth! fgte er mit leidenschaftlicher Heftigkeit hinzu,
indem er zu ihren Fen strzte, das hab't Ihr doch gewut, da ich Euer Sklave
bin, auch wenn ich mich stellte, als kenne und mge ich keine Fessel?
    O httet Ihr nicht die unseligen Worte gesprochen! versetzte sie, httet
Ihr mich zuvor gehrt! Ich wollte meinem Bruder schildern, wie ich Euch liebe,
und da ich in Euch einen Ritter des Geistes sehe, davor dies Patrizierthum sich
achtungsvoll beugen msse. Da ich Euch folgen wrde, wohin es auch sei, wenn
das Vaterhaus mich vielleicht verstiee. Und wre dies geschehen, so wren wir
zusammen geflchtet! und htte sich weder in Deutschland noch Italien ein Asyl
fr uns gefunden, so wren wir meinen weltumsegelnden Bruder gefolgt und auf
einem jener goldenen Eilande, die er schon entdeckt, htten wir die Sttte der
Glckseligkeit gefunden, die keine Menschen dieser verdorbenen Welt gestrt!
Aber mit kalter Hand schnittet Ihr mir den Weg ab zu diesem Paradies!
    Wie vernichtet barg Celtes sein Haupt in Elisabeth's Schoo. Jetzt erst
fhlte er die ganze Allmacht seiner und ihrer Liebe - und jetzt erst erkannte
der Snger der Liebe, wie viel tiefer und khner die Liebe im Frauenherzen lebte
und es zu Kampf und That begeistert, als in der Mannesbrust, die dem Stolz den
Vorrang gestattete. Beschmt gestand er: Solche Gre der Seele, die ber alle
Vorurtheile sich erhebt, solche Gre der Liebe glaubte ich bei keiner Frau zu
finden! Ihr lieet mich nicht ahnen, da Ihr um meinetwillen Alles opfern
knntet!
    Ich bin auch stolz, sagte sie, und nach Eurer Erklrung blieb mir nichts,
als mich in den Wunsch meiner Familie zu fgen, wie Ihr Euch fgtet. Scheurl
warb um meine Hand - es erschien mir wie ein Schutz vor mir selbst, wenn ich sie
ihm reichte. Ihr hattet sie verschmht - da war mir ja Alles gleichgltig. Ja,
ich bildete mir ein, wenn ich nicht mehr als Mdchen bsem Leumund ausgesetzt
sei, knnte ich wieder mit Euch verkehren, meine Liebe auf den Pfad der
Freundschnft zurcklenken. Dennoch wollt' ich diesen Schritt nicht ohne Eure
Zustimmung thun. Noch hatte ich das bindende Wort nicht gesprochen, als ich Euch
davon sagte - Ihr wnschtet wir ruhig Glck - und damit war mein Geschick
entschieden.
    Und da es einmal so ist, da das Entsetzliche geschehen, sagte er nach
einer Pause voll stummer Seufzer, heier Thrnen und noch heieren Kssen, so
lasse uns versuchen, was Du hofftest - sei wieder meine Muse, meine Freundin -
    Sie entrang sich seinen Armen. Nein, sagte sie zurckweisend, was ich mir
da selbst vorgeredet, war Nichts als verwerfliche Sophistik. Unsere Empfindungen
waren rein und schn, und wie auch die Alltagsmenschen sie deuten mochten: wir
waren uns ihrer Unschuld bemut. Jetzt mten wir sie selbst verdammen, Schande
und Ehebruch wre jetzt, was erst so heilig gewesen! Nun ist kein Selbstbetrug,
der kein Verbrechen wre, mehr mglich. Nie wren diese Gestndnisse ber meine
Lippen gekommen, wenn ich nicht diese Stunde empfnde als einen Abschied fr
immer! Nun ich Euch noch einmal gesehen und Alles gesagt, werde ich die Trennung
von Euch wrdig ertragen lernen! Wir drfen aneinander denken ohne Schuld -
    Aber nicht ohne Reue! unterbrach sie Celtes; o ich Unglcklicher,
Kleinglubiger!
    Auch ohne Reue! sagte Elisabeth. Es sollte doch so sein, wie Ihr sagtet:
der Dichter soll ohne Fesseln bleiben, und um sich ganz seinem Volke hinzugeben,
mu er auf die Hingabe an ein einzelnes Wesen verzichten! In Euren Werken werdet
Ihr fr mich fortleben, und was auch noch geschehen mag: nie kann mir das stolze
Bewutsein geraubt werden, da ich die Muse war, die Euch zu Euren edelsten
Dichtungen begeisterte!
    Und ewig werdet Ihr es bleiben! rief er; ich will ringen den Lorbeer zu
verdienen, den Ihr mir reichtet.
    
    Ein letztes Umarmen - dann trieb sie ihn fort. Aber als er hinaus war, brach
ihre gewaltsam bewahrte Kraft zusammen und bis zur Ohnmacht weinend lag sie auf
dem Sammetpolster.

                                Fnftes Capitel



                               Eine Zusammenkunft

An einem Juliabend, dessen Hitze ein Gewitter ahnen lie, obwohl nur erst
einzelne dunkle Wolken drohend ber der Burg und den dahinter sich ausdehnenden
Reichsforsten standen, ging Ursula Muffel durch die Straen der Stadt, um ihre
Freundin Elisabeth Scheurl zu besuchen. Als sie unter der Beste an Meister
Wohlgemuth's Werkstatt vorber kam, sah sie an der Thr desselben einen Mohren
in goldgestickter Dienerkleidung stehen. Sie fuhr unwillkrlich zusammen,
errthete und fhlte ihre Schritte gehemmt, als versagten ihr pltzlich die
kleinen Fe den Dienst, die doch vorher so hpfend weitergeschritten. Sie
kannte diesen Mohren: nur ein Nrnberger Patrizier hatte einen solchen im
dienst. Herr Hans von Tucher hatte ihn von seiner Reise aus dem Morgenlande
mitgebracht und er war der Diener seines Sohnes Stephan, der es immer liebte,
durch irgend eine Seltsamkeit sich vor den andern Geschlechtern hervorzuthun.
    Ursula schielte durch die Fenster der Werkstatt. Da sa Albrecht Drer und
malte emsig, aber er warf einen Blick empor, der auch hinaus auf die Strae und
auf Ursula traf; sie lchelte ihm zu, aber er wagte nicht lange aufzusehen, weil
schon ein neben ihm farbenreibender Gesell ihn hmisch anrief:
    Was hast Du wieder auf die Strae zu stieren und auf schne Frauenzimmer
Augen zu machen, die Dich nur auslachen, Du Maulaffe!
    Albrecht antwortete: Wenn eine edle Dame, die bei uns arbeiten lt,
hereinsieht, so ist es doch nicht meine Schuld.
    Nun, nach Dir wird sie nicht gesehen haben, versetzte der Geselle, und
htte gern noch rohe Spe an seine Bemerkung geknpft, wenn nicht Meister
Wohlgemuth mit einem Herrn aus dem Nebengemache getreten wre.
    Inde war Ursula langsam vorber gegangen und trat in Scheurl's prchtiges
Gebude. Aber so schnell, als sie konnte, eilte sie die Stiegen hinauf.
Elisabeth empfing sie mit der ihr eigenen Wrde, doch mit herzlichen
Freudenbezeugungen ber ihr Kommen.
    Aber Ursula war in ungewhnlicher Aufregung. Sie zog die Freundin in das
Chrlein, von dem aus man die ganze Strae auf und ab und auch bis zu Meister
Wohlgemuth's Werkstatt sehen konnte, ri das Fenster auf und sagte dann
Elisabeth's Hand erfassend: Verzeiht' mir - ich kam ohnehin Dir Alles zu sagen,
an Deinem Herzen mich auszuweinen - aber sage mir, sah'st Du ihn?
    Wen denn? fragte Elisabeth verwundert.
    Stephan Tucher, flsterte Ursula leise und immer mehr erglhend; dort
steht sein Mohr.
    Gesehen hab' ich ihn nicht, antwortete Elisabeth, aber mein Gemahl sagte
mir, er sei seit gestern wieder zurck von Augsburg und Fssen, wohin ihn sein
Vater in dringenden Handelsgeschften geschickt hatte.
    Ursula verwandte keinen Blick von der Strae. Dort steht sein Mohr, sagte
sie noch einmal, ob er wohl auf ihn wartet?
    Ich war jetzt nicht am Fenster, ehe Du kamst, antwortete Elisabeth.
    In diesem Augenblick aber trat Stephan Tucher wirklich aus Wohlgemuth's
Werkstatt, grte den ihn zur Thr geleitenden Meister und sprach dann heftig
mit dem Mohren, der mit lebhaften Gesten antwortend auf Scheurl's Haus deutete.
Seine Blicke auf das Chrlein gerichtet kam jetzt Stephan an ihm vorber. Da
nahm Ursula einen Rosenstrau, den sie zwischen einer abstehenden gestickten
Krause an ihrer Brust trug, und warf ihn hinab auf die Strae, da er vor
Stephan's Fe fiel. Er hob ihn auf, aber sah die Geberin nicht mehr, die das
Fenster zuwerfend mit einem Strom lang verhaltener Thrnen in Elisabeth's Arme
fiel.
    Wie lange man auch sich und seinen Schmerz und seine Leidenschaft bezwingen
mag, sagte Ursula, einmal kommt der Augenblick, da es nicht mehr mglich.
    Elisabeth seufzte tief - sie hatte das nur zu sehr an sich erfahren. Aber
Ursula meinte bei der kalten Freundin, die nur aus Gehorsam gegen ihre Familie
oder aus Stolz auf das Geschlecht einen lteren Mann, der kein Gegenstand einer
Herzenswahl war, gefreit haben konnte, einer Entschuldigung zu bedrfen und
sagte: Du in Deiner erhabenen Klarheit der Seele weit freilich Nichts von
diesen Kmpfen - aber Du kannst Alles verstehen, was gro und schn ist - gewi
auch meine Liebe!
    Jenes Lcheln, das aus Schmerz und Hohn sich mischte und das so oft
Elisabeth's schnen Zgen eine dmonische Beimischung gab, zog auch jetzt
darber hin; das vermochte sie nicht zu unterdrcken, wenn sie auch sonst jedes
ihrer Gefhle in Schranken hielt, die sie nur in jener Abschiedsstunde von
Konrad Celtes berschritten. Sie wute, was sie dem Gatten schuldig war, dem sie
mit freier Selbstbestimmung ihre Hand gegeben, sie heuchelte keine Liebe; aber
sie wollte die Welt glauben lassen, da sie ber diese Schwachheit erhaben sei,
und auch nicht vor einem vertrauten Mdchenherzen ein Gestndni ablegen, das
kein gnstiges Licht auf ihren Gemahl und ihre Ehe werfen konnte. Aber da ihr
dieser Vorsatz so vollstndig gelang, da kein anderes Auge auf den Grund ihres
Herzens zu lesen vermochte; da man sie fr ruhig und befriedigt hielt, inde
alle Qualen verlorenen Liebesglckes und eines verfehlten Lebens ihren Nchten
den Schlaf raubten und am Tage sie antrieben, durch geistige Beschftigungen
oder zerstreuende Vergngungen vor sich selbst zu fliehen: das veranlate jenes
bittere Lcheln, mit dem sie viel mehr noch sich selbst und ihr Geschick als
ihre kurzsichtige Umgebung verhhnte.
    Vertraue mir nur, sagte sie mit theilnehmender Stimme; ich wei, da Dich
Stephan liebt und da die Vter sich dieser Verbindung widersetzen; mein Gemahl
hat es mir gesagt!
    Himmel! rief Ursula, so ist es schon zum Stadtgesprch geworden?
    Mein liebes Kind, belehrte die ltere und welterfahrenere Freundin, wenn
Du Dich darber wunderst, dann weit Du nicht, wie die Mnner sind. Die knnen
nicht wie wir ihre Liebe und ihr Leid still fr sich tragen, denen kostet es
nicht wie uns ein Errthen oder die Furcht, ihre innigsten Gefhle falscher
Beurtheilung preiszugeben. Die reden davon auf der Fechtschule und in den
Trinkstuben, oder wo sie sonst zusammen kommen, und was wir mit knstlichen
Schleiern als tiefes Geheimni bergen, das tragen sie offen zur Schau. Darin
mssen wir uns fgen - sogar wenn es ein Beweis ist, das unsere Liebe eben im
Innern ihre Heimath findet, inde die der Mnner von auen stammt und am Aeuern
haftet.
    Ursula seufzte. Sie hatte es freilich schon erfahren, da sie Stephan gerade
nach dem Bann der Vter mehr als einmal rcksichtslos aufgesucht hatte, und sie
so dem Zorn des Vaters wie den Klatschereien der Leute preisgegeben; aber wenn
sie ihn auch eben darum abmahnend jene Zeilen geschrieben, deren Ueberbringer
Albrecht Drer war, so hatte sie doch so gern jede Unberlegtheit und
Ausschreitung seiner leidenschaftlichen Liebe vergeben. Und hatte sie nicht eben
jetzt zu einer gleichen Unvorsichtigkeit sich hinreien lassen? War es auch
nicht die eigene Wohnung, aus der sie den Strau warf; konnten nicht so gut wie
Stephan selbst andere Vorbergehende sie gesehen und erkannt haben? Sie mute
daher sich und ihn entschuldigen, indem sie der Freundin aufrichtiger beichtete,
als selbst dem Priester. Als sie in ihrer Mittheilung bis zu den Blumen gekommen
war, die ihr der Malerlehrling als Stephan's Antwort brachte, fuhr sie fort:
    Ich konnte nicht glauben, da mein Brief ihn dauernd erzrnen werde;
hoffte, da er nur im ersten Aufwallen unbefriedigter Wnsche in meiner Bitte um
stilles Harren meine Liebe bezweifeln konnte - da hrte ich, er habe Nrnberg
verlassen. Da er fortgegangen im Grolle und ohne ein trstendes Abschiedswort,
das hat mich bitter gekrnkt und mich mit Selbstvorwrfen geqult. Sie wuchsen
je mehr, je lngere Zeit verging, ohne da ich von ihm hrte. Da wollte ich
heute zu Dir gehen, Dir dies gequlte Herz zu zeigen. Du bist so edel und klar,
weit, was die Sitte verlangt und die Familienehre, und kannst doch sanfte
Empfindungen verstehen, und wrest Du selbst auch immer ber sie erhaben
geblieben und httest sie nur mit empfunden in den Schilderungen des Celtes und
anderer Poeten.
    Elisabeth bebte zusammen bei Nennung dieses Namens. Seit sie sich
verheirathet und Celtes fort war, hatten die Lsterzungen von ehemals schweigen
gelernt, und gerade Alle, die Elisabeth nher standen, ihren Stolz und ihr
geistiges Streben - ihre Gelehrsamkeit, wie man es damals nannte - kannten,
waren durch ihr spteres Betragen fest berzeugt worden, da sie Celtes
gegenber Nichts empfunden als die geschmeichelte Eitelkeit, die Muse eines
gekrnten Poeten zu heien, und da sie ohne Kampf dem Willen ihrer Familie sich
fgte, die Celtes von ihr verbannte, als die Welt dies Verhltni zu mideuten
wagte. Ursula hatte darum die Freundin nur bedauert, da ihr durch ein gemeines
Vorurtheil der belehrende Freund geraubt ward, durch den ihr wissensdurstiger
Geist die beste Nahrung gefunden. Kein Gedanke kam in ihren Sinn, da sie die
zur Rathgeberin whlte, die jeden Augenblick bereit gewesen alle Schranken zu
durchbrechen, nur um dem Geliebten zu gehren, sobald dieser es von ihr verlangt
htte, wie Stephan es von Ursula verlangte. Elisabeth fhlte sich von kaltem
Schauer berrieselt und alles Blut drang ihr zum Herzen - unwillkrlich fate
ihre Hand nach seiner Stelle, als knne sie so es zu ruhigeren Schlgen zwingen.
Warum muten sich immer ungleichartige Elemente zusammenfinden? Warum war Celtes
nicht so rcksichtslos wie Stephan gewesen, warum war Stephan nicht so
rcksichtsvoll wie Celtes? So fragte sie sich - und rang dabei doch nach Worten,
Ursula ihre Gedanken zu verbergen, die fr sie selbst schon zu viel Bitterkeit
und Beschmung hatten, als da sie je etwas davon htte mgen laut werden
lassen. Endlich sagte sie ausweichend zu ihr:
    Du hast ja schon entschieden, indem Du ihm den Strau hinabwarfst.
    Es war die unbedachte Handlung eines Augenblickes, entschuldigte sich
Ursula, des Entzckens, da ich ihn wiedersah. Ich fand seinen Mohren hier auf
der Strae, da konnte ich hoffen, er sei zurckgekehrt; ich konnte den
Augenblick nicht vorbergehen lassen ohne ein Liebeszeichen; denn was auch
geschehen mge, entsagen kann ich ihm nicht, - es sei denn, da ich mich mit
meinem Elend in ein Kloster flchtete, dort nur der Erinnerung an ihn zu leben!
    Elisabeth warf den Kopf zurck: Bist Du so unerfahren, da Du glaubst, in
den Klstern wohne noch wie einstens stiller Gottesfriede und heilige Ruhe?
Vielleicht um irgend einer zugefgten Schmach von der Welt, in der man gelebt
hat, zu entgehen, mag das Kloster eine passende Zufluchtssttte sein: aber so
lange uns die Welt noch offen steht, ist es besser, es mit ihr noch zu
versuchen. Du bist noch so jung, und wie starr auch der Wille der Vter sein
mag, durch Ausdauer kann er vielleicht berwunden und gebrochen werden - Ihr
gbet nicht das erste Beispiel dieser Art.
    O so mein' ich auch, stimmte Ursula freudig bei, und mit der glcklichen
Schnellkraft hoffnungsfreudiger Jugend, die so gern glaubt, was sie wnscht,
lchelte sie schon im Sonnenschein eines mglichen Glckes.
    Die Tucher kommen zuweilen zu uns, sagte Elisabeth, vielleicht findet
sich eine Gelegenheit den Vater gnstiger zu stimmen!
    O wre es mglich! rief Ursula und fragte weiter: Aber was sagte Dir Dein
Gatte von uns?
    Nun Du weit, da mein Gemahl sich selbst lieber zu den jngeren als zu den
lteren Herren hlt, spttelte Elisabeth, wiewohl er sich schon seit geraumer
Zeit im kleinen Rath befindet und in manchen Stcken eiferschtig ist auf den
alten Tucher. Er hlt es darum lieber mit dem Sohn als mit dem Vater, wenn er
auch diesem alle uere Freundlichkeit und Hflichkeit erweis't. Ist es ihm
schon widerwrtig, da sein Geschlecht sich ber das seinige erhoben und fr
einen Scheurl nun gar keine Aussicht mehr ist, es bis zum Loosunger zu bringen,
so verdriet ihn auch Alles, was Hans von Tucher vor ihm voraus hat. Als sich
dieser das prchtige trkische Haus hatte bauen lassen, eilte Scheurl sich dies
Haus wo mglich noch prchtiger zu bauen, wenn auch auf gut deutsche Art, denn
er will nicht etwa den Tuchern nachahmen, sondern sie berflgeln. So gnnt er
es dem alten Loosunger, wenn ihm mit seinem Sohne nicht alles nach Wunsch geht,
und erzhlte mir mit wahrem Vergngen, da Stephan eine Wahl getroffen, die dem
Vater nicht recht sei, und da Stephan geschworen Dich besitzen zu mssen, es
koste was es wolle. Aus Freundschaft fr den Sohn und aus Neid gegen den Vater
kannst Du also meinem Gemahl vertrauen und auf seinen Beistand rechnen, wo er
mglich ist.
    Ursula hrte diese trstenden Worte mit Entzcken, und Elisabeth war klug
und zart genug, ihr den wahren Beweggrund von Scheurl's Sympathie fr Stephan
Tucher zu verbergen, den ihr Gemahl ihr mit den Worten enthllt hatte: Dem
alten Tucher gnn' ich's, die Demthigung zu erleben, da eine Muffel in sein
Geschlecht kommt. Die Schande wird ihn wohl ein wenig beugen.
    Ach, wenn ich ihn nur erst wiedersehe! seufzte Ursula.
    In diesem Augenblick trat ein Diener ein und berreichte der Hausherrin auf
vergoldeter Schale von gediegenem Silber einen prachtvollen duftenden Strau von
purpurnen Granaten mit blhender Orange, und meldete, da drauen der Mohr des
Herrn Tucher stehe und bringe mit ehrfurchtsvollem Gru seines Herrn diesen
Strau fr die Dame, die vorhin aus dem Fenster den ihrigen verloren. Elisabeth
nahm den Strau und beauftragte den Diener: Vermeldet Herrn Tucher meinen Gru,
und ich erwarte, da er den Dank fr diesen Ritterdienst noch heute selbst sich
hole.
    Nachdem der Diener hinaus war, steckte sie den Strau an Ursula's bebende
Brust, inde diese rief: Um Gotteswillen, was hast Du gemacht? wenn er wirklich
kme? - ich mu gehen - Sie sprang angstvoll auf.
    Undankbares Kind! lachte Elisabeth, in demselben Augenblick, da Du nach
dem Geliebten seufztest, lockt ihn Dein Seufzer herbei, da man wirklich an
Zauberei glauben mchte, wie jetzt anfngt gang und gebe zu werden - und nun
willst Du davonlaufen! Ich dachte, Du wrdest meine Klugheit und Aufopferung
bewundern, mit der ich jetzt Alles auf mich nehmend Dich ganz aus dem Spiele
lie! O bitte, verstelle Dich nur nicht, nachdem Du schon gebeichtet! Damit
schob sie die Freundin wieder auf das Sopha, und whrend diese stumm, unruhig,
beschmt und mit Thrnen in den Augen dasa, die zugleich Beschmung und Stolz,
Furcht und Hoffnung, Freude und Schmerz und eigentlich doch nur Liebe
verkndeten, scherzte Elisabeth weiter, indem sie den gesandten Strau noch
einmal zur Hand nahm:
    Da sieht man, da die Mnner von Nichts etwas verstehen! Der Strau ist
viel zu gro, um angesteckt zu werden; ein Viertel davon reicht dazu hin, das
brige bildet noch ein Diadem fr Dein Haar.
    Und whrend so Ursula sich stillgewhrend schmcken lie, sagte sie auf's
Neue bedenklich: Aber wenn mein Vater erfhrt, da ich trotz seinem Verbot
wieder heimlich mit Stephan zusammengekommen?
    Heimlich? antwortete Elisabeth stolz, dann wrde mich Dein Vater wohl zu
jenen alten Kupplerinnen werfen, welche die Genannten ffentlich mit dem
Staubbesen und dem Pranger bestrafen lassen und sich heimlich doch ihrer selbst
bedienen? Beruhige Dich, mein Gemahl und meine Brder werden uns bald
Gesellschaft leisten, und Du konntest am wenigsten wissen, da Du Stephan hier
treffen wrdest, da Du erst hier seine Rckkehr erfuhrst. Uebrigens fragt es
sich ja auch noch, ob er kommt.
    Aber in diesem Augenblick hrte man schon einen schallenden Sporentritt auf
der Stiege - Ursula kannte diesen Tritt, in dem so viel Stolz und Gewalt lag,
da die Treppen unter ihm bebten. Bald darauf ffnete ein Diener die Flgelthre
und Stephan trat ein; an seinem dunkelgrnen Wamms trug er Ursula's Rosen.
    Elisabeth bewillkommte ihn als Hausfrau und sagte mit schalkhaftem Lcheln:
Es thut wir leid, da Ihr ber den Strau im Irrthum waret und zwar in einem
zwei- und dreifachen: einmal bestand er nicht aus orientalischen Granatblthen,
sondern aus brgerlich deutschen Rosen; dann war es nicht die Hausfrau, die ihn
verlor, sondern ihr Gast, und dann ward er auch nicht verloren, sondern -
geworfen. Ich selbst bin Euch also keinen Dank schuldig fr Euren Ritterdienst,
und wenn ich Euch dennoch ersuchen lie, ihn in meiner Behausung Euch zu holen,
so sehet, ob Ihr das dennoch vermget. Erlaubt, da ich mich jetzt einen
Augenblick von Euch entferne, um meinen Gemahl von Euerer Gegenwart zu
unterrichten.
    So verlie sie mit heiterem Antlitz und edlem Anstand das Zimmer - und das
liebende Paar drinnen ahnte nicht, welch' qulendes Feuer unbefriedigter
Sehnsucht sich hinter diesem schnen Gleichmuth verbarg, und wie es das eigene
Glck aus der Hand eines Wesens empfangen, das mit gebrochenem herzen auf das
gleiche Glck verzichten mute. Oder vielmehr das Paar dachte gar nicht an sie,
denn die Liebe ist immer egoistisch und denkt nur an sich selbst.
    Stephan und Ursula brachten es lange zu keiner andern Erklrung, als zu
Ausrufungen und strmischen Liebkosungen. Bei ihm waren jene mit Vorwrfen der
Klte und Grausamkeit und diese mit ungezgelter Leidenschaftlichkeit gepaart.
Ursula war in seinen Armen wie eine weiche, glhende und doch zarte Rose, die
der Sirocco umtobt. Ihre Schwre und Thrnen, ihre Schilderung dessen, was sie
gelitten, da er ohne Abschied von ihr gegangen, besnftigen ihn endlich.
    Er sagte: Ich wollte Dich nicht wiedersehen, Dich vergessen, weil Deine
Liebe kein Opfer zu bringen vermochte. Es kam mir eben recht, da an demselben
Tag, wo Deine Zeilen den Bann ber mich aussprachen, mein Vater eine Botschaft
von Herrn Fugger erhielt, da eine Waarensendung fr uns, die von Venedig
gekommen, zwischen Augsburg und Fssen verloren gegangen sei. In Fssen war sie
abgegangen, aber in Augsburg nicht angekommen, und wir wuten nicht, ob hier
Gewalt der Raubritter oder eine Veruntreuung der Fuhrleute die Schuld davon
trage. Ich erbot mich sogleich selbst dahin zu reisen, und mein Vater war wohl
damit zufrieden. Noch am selben Abend ritt ich davon. In den zwei Monaten, die
ich fort war, gelang es mir wohl, die Ruber unseres Gutes zu entdecken und
dasselbe zum groen Theil wieder zu erlangen; aber mit meinem eigenen Herzen bin
ich nicht fertig geworden, das blieb mir geraubt; und ich mute wieder zurck
gen Nrnberg, ob ich vielleicht da es wieder heraus bekme.
    Du bekommst es nimmer wieder, wenn ich Dir auch zeigen will, wo es
hingekommen, lispelte Ursula mit schmeichlerischem Lcheln und drckte seine
Hand an ihr klopfendes Herz.
    Er nahm sie auf seinen Schoo und flsterte kosend: Sieh dort bei Fssen
ist die Gegend ein Paradies, als habe der Herr es eben erst erschaffen. Dort
schumt der Lech in einem wilden Wasserfall von den Hhen, und ringsum stehen
himmelhohe Berge mit grnem Wald bedeckt. Tief unten in den Thlern blinken
kleine Seen wie Sterne, die vom Himmel gefallen. Doch nein! ich dachte bei ihnen
nur an Deine Augen! Da kam ich dicht bei ihnen an ein kleines Schllein,
dahinter stand ein Bergriese, der hohe Suling, es zu bewachen, und von allen
Seiten schlossen Berg und Wald es ein. Dort dacht' ich, wenn Du bei mir wrest -
nur Dir und unserer Minne zu leben - dort wre das Paradies dann in
Wirklichkeit. Von dem Frstbischof von Augsburg, der jetzt in Fssen seinen Sitz
aufgeschlagen, erfuhr ich, da jenes Schllein einem habgierigen Edelmann
gehrt, der es gern fr einen guten Preis verkaufen wrde - folge mir dahin,
jetzt, gleich, wenn Du willst, und der Frstbischof, der mir wohlgewogen, wrde
es schon vermitteln, da auch der Segen der Kirche uns nicht fehle.
    Ursula hatte erst wie zu einem sen Traume selig gelchelt, aber jetzt
traten Thrnen in ihre Augen, sie machte sich von ihm los, glitt zu seinen Fen
nieder und flehte: Schone die Schwche einer liebenden Jungfrau! Du zeigst mir
ein Paradies - aber der Fluch des Vaters, die Gebote Gottes und der Sitte stehen
an seinem Eingang - ich mchte ber seine Schwelle, und wei doch, da mein
Gewissen uns mit seinen Qualen jeden Genu vergiften wird, wenn ich sie
berschritten.
    Stephan sprang ungeduldig auf und zog sie empor, er blickte sie vorwurfsvoll
und dster an und schwieg.
    Mit zitternder Stimme begann Ursula wieder:
    Wir sind noch jung und knnen noch warten, knnen durch treues Aushalten
das Glck der Minne uns verdienen. Wenn wir fest und treu sind, knnen wir den
starren Sinn der Vter noch brechen. Sieh', eben jetzt hat mir Elisabeth
Hoffnung gemacht, da ihr Gemahl Mittel finden werde, Deinen Vater mit Deiner
Wahl zu vershnen, dann werden meine Bitten auch den meinigen leicht erweichen.
Und wenn ich auch Dir folgen wollte - gleich wre es ja doch nicht mglich - -
und sobald mein Vater wei, da Du wieder hier, lt er mich gleich einer
Gefangenen bewachen, da jedes Entkommen unmglich. Und denke, wenn man uns
verfolgte, entdeckte - dann htten wir fr immer die Hoffnung verscherzt, da
die Vter uns gewhrten, was wir frevelhaft ihnen und der Sitte trotzend, uns
erzwingen wollten. Dann bliebe mir nur das Kloster! - Horch, ich hre Drauen
kommen, gieb mir noch einen Ku zum Zeichen, da Du mir nicht zrnst - und dann
wollen wir in Gegenwart der Andern uns der Stunden freuen, die uns noch vergnnt
sind, nebeneinander zu verweilen.
    Wie htte er nicht vershnt sein, im Innern den edleren Sinn der Jungfrau
erkennen und ihr zustimmen sollen, ja sie um so hher ehren, da sie seinen
verfhrerischen Bitten widerstand, wenn auch seine sinnlichere Natur es anders
verlangen mochte?
    Es war gut, da die Eintretende nur Elisabeth war, weil sie das Paar noch
mit vereinten Lippen sah.
    Stephan ergriff Elisabeth's Hand, inde Ursula in ein kleines Nebengemach
entschlpfte, um ihr in Verwirrung gerathenes Haar zu ordnen, und sagte: Ihr
nehmt alles Edle, Hohe und Schne in Euren Schutz: die Knstler wie die
Gelehrten und die Dichter - und so auch ein liebendes Paar, dem man keine
Zufluchtssttte lassen will. Euch, hohe Frau, danke ich dies glckliche
Wiedersehen und vertraue ferner die Geliebte Eurer Huld.
    Werdet Ihr jetzt hier in Nrnberg bleiben? fragte Elisabeth; ich mchte
Euch rathen, was Ihr schon jetzt gethan, noch einmal und freudiger zu versuchen,
seit Ihr Euch auf's Neue von Ursula's Liebe berzeugt hab't. Nicht um sie zu
vergessen, sondern um sie zu verdienen, mcht' ich Euch in der Fremde wissen.
Wenn Ihr Thaten thut oder Geschfte leitet, welche Euch den Beifall Eures Herrn
Vaters erwerben mssen und unabhngig von ihm machen, so erwerbt Ihr Euch auch
vielleicht als Lohn seine Einwilligung - oder das Recht, sie zu erzwingen.
    O Ihr hab't Recht, rief Stephan, Ihr les't in meinem Innern; ich drste
lngst danach, etwas Groes, ein khnes Unternehmen zu vollbringen, um mir
Ursula dadurch zu verdienen, wie die Ritter der Heldengedichte mit Drachen oder
Legionen von Feinden kmpften zur Ehre ihrer Dame, und dann erst des sen
Minnelohns sich wrdig fhlten.
    Ueber Elisabeth's Zge flog das ihr eigenthmlich hhnische Lcheln. Sie
kannte diese sybaritisch gewhnten Patriziershne, die wohl einmal ihre Kraft an
ein verliebtes Abenteuer wagten, aber selten zu einem ernsten Streben sich
ermannten. Sie dachte, da Stephan diese Antwort doch nur gab, um nicht durch
ihre Worte beschmt zu sein, und da er wohl in diesem Augenblick so fhlen
mge, aber da von solchen schnen Empfindungen noch lange nicht auf ihre
Ausdauer zu einer edlen Wirksamkeit zu schlieen sei.
    Sie antwortete ihm jedoch in feiner Zustimmung, aber bald war dies
Zwiegesprch durch den Eintritt Christoph Scheurl's unterbrochen, welcher kam,
um die Damen zu Tafel zu fhren. Er begrte Stephan freundlichst, nahm dann den
Arm der wieder zurckgekommenen Ursula, inde Elisabeth den ihrigen in den
Stephan's legte.
    So gingen sie auf weichen Teppichen durch weite Corridore in ein
abgelegeneres Prunkgemach, das mit frstlicher Pracht eingerichtet war. Hier
fanden sie noch einige Herren, Elisabeth's Brder, den Propst Anton Kre, Herrn
Martin Ketzel und einige andere Genannte.
    Sie nahmen an der reichbesetzten Tafel Platz. Man speiste nur von silbernen
Tellern, die kstlichsten Gerichte aus silbernen Schsseln und trank Wein von
Cypern oder dem vaterlndischen Rheingewchs zur Auswahl aus goldenen Pokalen
von zierlich getriebener Arbeit. In der Mitte als Tafelaufsatz standen zwei hohe
Figuren von getriebenem Kupfer, aber versilbert, welche Wasser aus einem in der
Mitte befindlichen hohen Bassin schpften, aus dem eine Fontaine in die Hhe
sprang. Wer Wasser zu trinken begehrte, der hielt seinen Becher hin, und die
eine der schpfenden Figuren, der Herr oder die Dame, gossen es hinein.
    
    Man lobte und bewunderte das Kunstwerk, obwohl damals hnliche Automaten,
Druck- und Uhrwerke keine Seltenheit waren, und in den Husern der Reichen und
Kunstfreunde nicht fehlen durften, und Scheurl sagte: Ich habe es bei dem
Harfenspieler Hans Frey machen lassen, der in diesen Dingen ein sehr
kunsterfahrener Mann ist.
    Nicht wahr, sagte der Propst, er hat ein eigenes Haus auf der Zisselgasse
und eine sehr hbsche Tochter Agnes?
    Ei, lchelte Scheurl, Euer Hochwrden merkt sich doch gleich die Huser
an den hbschen Mdchen, die darinnen wohnen.
    Nun, nun, antwortete der Propst schmunzelnd, die Agnes ist noch ein
kleines Dingelchen von zwlf Jahren, und ich bewundere mehr noch als ihr kluges
niedliches Gesicht ihren Flei, denn man kann nie dort vorber gehen, ohne sie
die Spindel emsig drehen zu sehen.
    Inde wandte sich Elisabeth an Martin Ketzel, einen lteren mittelgroen
Mann mit wettergebruntem Gesicht, in dessen Zgen etwas von bigotter
Gedrcktheit und khner Unternehmungslust sonderbar miteinander contrastirte,
und sagte:
    Ihr hab't uns noch wenig von Eurer Reise in's gelobte Land erzhlt, da Ihr
doch heute zum ersten Male in unserer Gesellschaft seid und nur erst wenige Tage
zurck. Hab't Ihr nun diesmal das Ma der Entfernung der heiligen Sttten
glcklich bis nach Nrnberg gebracht?
    Ja, antwortete Herr Ketzel, und ich bin nicht sobald zurckgekommen, als
ich schon das Rieter'sche Haus gekauft habe, das als Pilatushaus soll angesehen
werden, und der wackere Steinmetz Adam Kraft soll mir die sieben Flle Christi
in Stein hauen und ein Kapellein setzen, als stnd' es auf dem Calvarienberg.
Von jenem Haus am Thiergrtnerthor aus durch die Seilersgasse bis auf den
Kirchhof trifft die Entfernung gerade mit meinem Ma. Dann wird man nicht mehr
ber meinen Verlust lcheln, sondern erkennen, da ein rechter Mann mit Geduld,
Muth und Ausdauer doch durchsetzt, was er sich einmal vorgenommen, und sollt' es
auch einmal scheinen, als sei schon Alles verloren - wie mein Ma.
    Das ist eine Lehre fr Euch, Herr Stephan, flsterte Elisabeth diesem ber
den Tisch zu.
    Herr Martin Ketzel war nmlich von frommem Eifer getrieben, schon im Jahre
1477 mit dem thatenreichen Herzog Albrecht von Sachsen in das heilige Land
gezogen, um dort die Entfernungen der heiligen Sttten vom Pilatushaus nach
allen Orten bis auf Golgatha, wo sich bei der Hinfhrung Christi Merkwrdiges
ereignet hatte, auszumessen und in Nrnberg kunstreiche Erinnerungsmale
errichten zu lassen. Als er zurck kam, hatte er das Ma verloren. Aber er
verzweifelte darum nicht, sondern ging einige Jahre spter im Gefolge Herzog
Otto's von Baiern noch einmal nach Palstina, und war eben jetzt zurckgekehrt.
    Aber der fromme Eifer, welcher die Kreuzzge hervorgerufen, und den Antheil,
den man den heiligen Sttten zollte, gab sich nur noch in vereinzelten
Erscheinungen kund und konnte keine allgemeine Theilnahme mehr erwecken. Mehr
als nach dem alten heiligen Land drngte der Geist der Zeit vorahnend nach einer
neuen Welt, wenn auch die khnen Seefahrer vor der Hand nichts weiter begehrten,
als einen neuen Handelsweg nach Ostindien. Und die Nrnberger Kaufleute, die
hier versammelt waren, die noch nicht berechnen konnten, wie durch die neuen
Entdeckungen der Handel eine andere Gestalt annehmen, und ihre groe
Landhandelsstrae von Nrnberg und Augsburg ber Fssen und Kempten nach Venedig
verden werde, sprachen voll froher Theilnahme mit den Geschwistern Martin
Behaim's von diesem berhmten Landsmann, von dem man mit uerster Spannung auf
neue Nachrichten wartete.
    Inde, nachdem man sich nach deutscher Art lange genug von fremden
Welttheilen unterhalten, kam man endlich auch auf das deutsche Reich, und
Christoph Scheurl sagte zu Stephan und den beiden Damen:
    Ihr wit wohl die groe Tagesneuigkeit noch nicht, deren Kunde ich vorhin
vor Eurer Anwesenheit durch einen Boten aus Frankfurt empfing, den mir ein
Geschftsfreund sandte: Knig Max wird in acht oder vierzehn Tagen mit dem
Markgrafen Friedrich nach Nrnberg kommen.
    Ei, so kommt er endlich einmal, er hat uns lange genug warten lassen!
sagte Elisabeth.
    Sprecht Ihr uns auf gut nrnbergisch? fragte der Propst, oder sprecht Ihr
nur als Frauenzimmer? Dann klnge es fast wie die Worte der edlen Maria von
Burgund, die Gott selig haben mge, und die auch zu ihm sagte: er sei das
edelste deutsche Blut, nach dem sie lange verlangt habe. Dann nehmt Euch in
Acht, denn Knig Max ist allen schnen Frauen gefhrlich, und sie sind es auch
ihm, trotzdem er sich noch nicht hat entschlieen knnen, einen Ersatz fr seine
Maria zu suchen.
    Ich meine, Ihr wit, da ich gut nrnbergisch bin, antwortete Elisabeth,
ohne in Verlegenheit zu kommen, und kein Potentat, der es nicht ist, wird mir
besonders werth sein.
    Von Knig Max mu sich das erst zeigen, sagte Georg Behaim: er ist bisher
nur in die niederlndischen Hndel verstrickt gewesen, und im Reiche ist ja noch
immer sein alter Vater das Haupt.
    Christoph Scheurl sagte: Bis jetzt war er immer nur ein Frst ohne Land;
denn wenn er auch schon bei seiner Vermhlung die Titel vieler Herzogthmer und
Grafschaften und bei seiner Krnung vor drei Jahren in Aachen den des rmischen
Knigs empfing, so ist ihm doch erst jetzt, wo der alte Erzherzog Sigismund ihm
Tirol und seine schwbischen Lnder als sein Erbe berwies, die erste Fubreite
Landes und sind ihm die ersten eigenen Einknfte zugekommen. Das ist gut fr
Einen, der so lange nur von einem filzigen Vater, der selbst Nichts hatte, wenn
ihm nicht Reichshlfe ward, abhngig gewesen.
    So ist nun auch wirklich der Friede mit Frankreich zu Stande gekommen, wie
es schon gestern hie? fragte Stephan; habt Ihr genaue Nachrichten darber,
Herr Scheurl?
    Ganz genaue, versetzte dieser, und lchelte selbstbefriedigt, als wolle er
andeuten, es sei unmglich einen solchen abzuschlieen, ohne da er mit in's
Vertrauen gezogen sei. Der franzsische Gesandte kam sehr gelegen auf dem
Reichstag an, den Knig Max jetzt auf eigene Hand in Frankfurt hielt, um vom
Reiche nicht weniger als vierzigtausend Mann zu fordern zum Kriege in den
Niederlanden und Oesterreich. Die Reichsstnde handelten die Forderung aber
glcklich herunter auf die eilende Hlfe (sechstausend Mann stark), wovon nur
zweitausend Mann gestellt waren, als der franzsische Gesandte mit
Friedensbedingungen erschien, die fr Max uerst vortheilhaft waren, und so
ward denn am zweiundzwanzigsten Juli der Friede geschlossen. Inde nur der
tapfere Herzog Albrecht von Sachsen die Flamnder vollends unterwerfen soll,
wird Max zum alten Kaiser nach Linz reisen, da der Waffenstillstand mit Knig
Mathias wieder zu Ende geht - und auf der Durchreise wird er hier sich einige
Tage ruhen.
    Man sprach von den Vorbereitungen, die zu dem Empfang des Knigs zu machen
wren, und da nun der aus immer neugefllten Bechern malos getrunkene Feuerwein
anfing die Kpfe und Sinne zu erhitzen, die Mnner die Worte noch weniger wogen
als vorher, so da mitunter Schimpfworte fielen und rohe, derbe Spsse laut
wurden, welche die weiblichen Ohren, obwohl sie schon an manchen Kraftausdruck
gewhnt waren, verletzten, so winkte Ursula Elisabeth sich zu entfernen.
    Sie standen auf und Stephan wollte Ursula heimbegleiten, aber auch sein
Gesicht glhte vom Wein, und sie brachte ihn endlich dadurch zum Bleiben, da
sie erklrte, wie ihr Vater ihr schon zwei Diener zum Geleit geschickt, die dann
seine Gegenwart verrathen wrden.
    Auch Elisabeth ging in ihr stilles Frauengemach, inde die Mnner noch lange
zechten und lrmten.

                                Sechstes Capitel



                                  Maximilian I

Der fnfzehnte August 1489 war der Tag, an welchem die Nrnberger den knftigen
Kaiser und jetzigen rmischen Knig zum ersten Male in ihren Mauern zu empfangen
erwarteten.
    Die Nrnberger waren ein stolzes, eigensinniges Vlkchen. Sie legten nicht
etwa ein groes Gewicht auf die Gunst und Gegenwart gekrnter Hupter, denn sie
meinten dazu nicht sonderlich Ursache zu haben. Was war denn in ihren Augen
solch' eine blutige Krone eigentlich werth? Oft nicht halb so viel, als die in
den Niederlagen der Tucher oder Behaim, der Ebener oder Haller aufgestapelten
Waaren! Die meisten dieser Frsten hatten ja kein Geld, sondern muten es erst
von ihren Unterthanen erbitten, oder durch die Brandschatzungen belagerter
Lnder sich zusammenrauben, und selten lebte Einer friedlich im Besitz seiner
Lnder, sondern ward ewig in Athem gehalten von dem unruhigen Nachbar. Oft genug
mute ja der Rath von Nrnberg aushelfen mit Geld und Truppen, und daneben noch
sich selbst beschtzen gegen die Plackereien der Raubritter, welche die
Fehdelust ihrer frstlichen Herren untereinander nachahmten und auf ihren
verwitterten Burgen von den Gtern lebten, die sie auf der Landstrae geraubt.
Ein Nrnberger Raths- und Handelsherr sah verchtlich auf diese Leute herab und
freute sich seines reichsstdtischen Wohlstandes, und ganz Nrnberg rhmte sich,
keinen andern Herrn ber sich zu erkennen, als den Kaiser. Aus denselben Grnden
war auch der Respekt vor diesen Kaisern nicht gar gro, von denen auch nur
wenige Kraft besaen, das Reich in Ordnung zu erhalten und der hohen Wrde sich
erfreuen zu knnen; aber Manches, was auf diese kaiserliche Majestt sich bezog,
gehrte mit zu den besondern Privilegien Nrnbergs, und auf deren Bewahrung
hielt die Stadt mit eigensinniger Unverbrchlichkeit. Dazu gehrte das Recht,
die Reichskleinodien in der Heiligengeistkirche aufzubewahren, und die
Verpflichtung jedes Kaisers seinen ersten Reichstag in Nrnberg zu halten.
Dadurch eben, da sie den Kaiser selbst zuweilen in ihrer Mitte hatten, da er
bei ihnen Wohnung nahm, an ihren Festen sich betheiligte, mit den Rathsherren
zechte und mit ihren schnen Frauen tanzte, fhlten sie sich stolz in ihrem
Rechte, keine Mittelsperson zwischen sich und ihm nthig zu haben, denn mit den
einzigen, die es etwa gab, den Grafen von Zollern und Brandenburg, die sich auch
Burggrafen von Nrnberg nannten, hatten sie ewige Streitigkeiten ber unklar
bestimmte Gerechtsame.
    In der That waren diese Verhltnisse sehr verwickelter Art. Auf der Veste
von Nrnberg hatte ein Burggraf seinen Sitz, der als kaiserlicher Statthalter
das Landgericht ber das auerhalb der Stadt gelegene nrnbergische Gebiet zu
hegen hatte. Schon seit langer Zeit waren die Burggrafen zu Nrnberg aus der
Familie der Zollern und Abenberg. 1427 verkaufte Markgraf Friedrich von
Brandenburg die Ruinen der Veste Nrnberg (die Ludwig der Brtige 1420 in einer
Fehde mit dem Burggrafen Johann hatte niederbrennen lassen, wobei die Nrnberger
zwar nicht direkt, aber indirekt betheiligt waren, indem sie still saen und
nicht lschen halfen) mit ihrem Zubehr und Gerechtsamen an die Stadt Nrnberg.
Der Kaiser Sigismund besttigte den Kauf und belehnte die Stadt mit den vom
Burggrafen abgetretenen Rechten. Dadurch glaubten die Nrnberger, welche die
Veste wieder aufbauten, einen groen Vortheil erlangt zu haben. Aber dieser
Handel war nur die Quelle neuer Streitigkeiten mit dem unruhigen Nachbar. Das
Burggrafenthum Nrnberg theilte sich frher in zwei Linien: in die Frstenthmer
Baireuth oberhalb Gebirgs und Anspach unterhalb Gebirgs. Beide Linien vereinigte
Markgraf Albrecht Achilles (er hatte diesen Beinamen wegen seiner Schnheit und
Ritterlichkeit) von Brandenburg-Anspach, der Nrnberg heftig bekmpfte und ihm
in acht Schlachten den Sieg abgewann. Er starb 1486 in Frankfurt, als Max I. zum
Knig gekrnt ward, und sein Sohn Friedrich der Aeltere ward sein Nachfolger.
    Dies war der Markgraf Friedrich von Brandenburg, der jetzt sammt seinen
Mannen mit dem deutschen Reichsheer nach den Niederlanden gezogen war, als Max
auf der Kranenburg zu Brgge gefangen sa. Jetzt war er mit auf dem Reichstag zu
Frankfurt, und ward nun auf der Veste mit dem rmischen Knige erwartet.
    Ueberall waren die glnzendsten Vorbereitungen zu seinem Empfange getroffen
worden. Fast schien es, als habe man den ganzen Reichsforst geplndert, die
Stadt in einen Garten mit grnen Bumen zu verwandeln. Hinter dem Thor, durch
das er kommen mute, war eine Ehrenpforte mit zierlich in Holz geschnitzten
Spitzbogen erbaut und zeltartig mit prachtvollen, in Nrnberg selbst gewebten
Stoffen in den drei Farben des deutschen Reichs berkleidet. Dazwischen waren
auch die Stricke verborgen, an welchen kleine Kinder schwebten, die an ihren
weien Kleiderchen goldene Flgel hatten und sich, wenn sie auch Engel
vorstellen sollten, in ihrer gefhrlichen Lage keineswegs wie im Himmel befinden
mochten. Zwei der schnsten Jungfrauen standen oder schwebten vielmehr auch nur
auf hohen Piedestalen zu den Seiten dieses kleinen gothischen Baues. Die
tadellosen Gestalten waren nur wenig von dnnen, flatternden Gewndern und
Blumenguirlanden verhllt und trugen goldene, blumengefllte Fllhrner, deren
Inhalt auf den Erwarteten zu schtten. Andere, minder anstig gekleidete
Mdchen standen zum Blumenstreuen bereit. Der Magistrat hatte sich in glnzender
Amtstracht auf dem Rathhaus versammelt, dem Knig entgegenzuziehen. Voran die
beiden Loosunger Hans von Tucher und Wilhelm Holzschuher, dann die drei obersten
Hauptleute, die sieben lteren Herren, alle Brgermeister und Schppen, der
ganze groe und kleine Rath, darunter auch Christoph Scheurl, sein
Schwiegervater Martin Behaim und Gabriel Muffel. Auch die Genannten und
Patriziershne hatten sich eingefunden, im Reichthum einer ausgesuchten Tracht
einander gerade so wie die Frauen berbietend, und unter ihnen war es Stephan
Tucher gelungen, sich am meisten hervorzuthun. Alle Znfte mit ihren Fahnen
standen bereit, die Meister voran, gefolgt von dem langen Schweif der Gesellen
und Lehrlinge. Auch die Steinmetzen der Nrnberger Baubrderschaft fehlten
nicht, der blonde Hieronymus trug ihre Fahne und hielt sie hoch empor, damit sie
mit den goldenen Zirkeln auf strahlendem Himmelblau dem Knig entgegenwinke, der
schon einst auf einem Httentag zu Wien sich selbst als Mitglied der Bauhtte
hatte aufnehmen lassen und ein Baubruder geworden war. Von allen Husern zogen
sich grne Festons ber die Straen oder unter den Fenstern hin, aus vielen
derselben hingen kostbare Teppiche nach venetianischer Sitte, welche man hier so
gern nachahmte, und im gewhltesten Putz schauten die Frauen daraus hervor.
Durch die Straen, durch welche der Zug kommen mute, drngte sich die
Menschenmenge Kopf an Kopf, kaum in Schranken gehalten von den Rathsdienern,
Stadtschtzen und Btteln, die seit einem Jahrzehent mit Wehren versehen worden
waren, um sich mehr Respekt verschaffen zu knnen.
    Ein dreimaliger Sto in ein groes Horn auf der Veste, das Kaiser Friedrich
bei seiner letzten Anwesenheit daselbst hatte anbringen lassen, das seitdem aber
auer Gebrauch gekommen, gab endlich das Zeichen von der Ankunft des Ersehnten.
Alles gerieth in Bewegung, selbst die Rathsherren auf dem Rathhaus, die Zge
ordneten sich, die Volkshaufen auf den Straen machten den Stadtschtzen immer
grere Noth, und die Frauen legten sich so weit aus den Fenstern, da man von
manchen frchten konnte, sie mchten gar hinausfallen.
    Der Zug kam nicht durch die Strae, in welcher Ursula wohnte, darum war sie
zu Elisabeth gegangen. Da standen sie wieder Beide in dem zierlichen Chrlein,
von dem aus sie so bequem auf die Strae sehen konnten und den Ankommenden
gerade in's Gesicht. Sie hatten die groen Fenster ganz geffnet und wurden so
auch hier mehr gesehen, als an jedem andern Platz. Unwillkrlich lenkten sich
schon alle Blicke nach dem berhaupt noch ganz neuen und darum ganz blank
aussehenden Hause, an dem auch jetzt sein Besitzer nichts gespart hatte, die
bleibende Pracht desselben noch durch nur auf diesen Tag berechneten Schmuck zu
erhhen. Um die durchbrochene Arbeit an dem Chrlein noch schner hervortreten
zu lassen, waren Blumen dahinter angebracht, und durch Grn und Blumen das Ganze
in einen Blumentempel verwandelt. Die Fenster waren ausgehoben und nur die
oberen buntgemalten Bogenfenster strahlten im Sonnenglanz, golddurchwirkte
Teppiche deckten die Brstung, und hinter dieser standen die beiden Damen,
Ursula in zartes Rosa gekleidet, Haar und Kleid mit weien Rosenguirlanden
geschmckt, und Elisabeth in grnen golddurchwirkten Brokat von auffallendem
Schnitt nach portugiesischer Art. Ein dnner Schleier war durch ein funkelndes
Stirnband gehalten und gleiche kostbare Steine in Gold gefat glnzten an ihren
weien Armen und ihrer Brust.
    Wohl Wenige zogen vorber, ohne einen Blick auf die beiden mehr als alle
andern sichtbaren Schnheiten zu werfen, und sowohl vor ihnen als vor der Gattin
des hochangesehenen Christoph Scheurl neigten die Fahnentrger ihre Fahnen;
selbst Hieronymus that es und flsterte dem neben ihm gehenden Ulrich zu:
    Das ist nicht nur die schnste, sondern auch die aufgeklrteste Frau in
Nrnberg.
    Unwillkrlich weilten Ulrich's Augen mit ihrem begeisterten Ausdruck lange
auf der schnen Frau, so da diese halb von einem hhern Gedanken entzndet,
halb von dem ihr zuweilen eigenen Muthwillen erfat, eine weie Rose aus einem
fr den Knig bereitgehaltenen Blumenkorb nahm und sie gutzielend in Ulrich's
Gesicht warf, indem sie zu Ursula lchelnd sagte:
    Ich bin eine begeisterte Anhngerin dieser Baubrder, und rgere mich doch
ber sie, da sie keine Frauen unter sich dulden. Ich glaube, dieser hbsche
Geselle mit der stolzen Haltung verdient schon eine Strafe, da er mich seines
Blickes gewrdigt.
    Und Du giebst sie ihm selbst durch diese Handlung oder verdoppelst sie,
indem Du die Aufmerksamkeit auf ihn lenkst? sagte Ursula erschrocken und
vorwurfsvoll.
    Ulrich hatte inde die Rose aufgefangen und antwortete mit einem stolzen
verweisenden Blick. Die Rose aus profanen Frauenhnden annehmen mocht' und
durst' er nicht, und gleichwohl mochte er sie auch nicht zertreten lassen. Er
warf sie auf gut Glck zur Seite unter die Volksmenge.
    Elisabeth's Augen flammten. Das war ihr noch nicht begegnet, da ein Mann,
der eine Blume von ihr empfangen, dieselbe weggeworfen.
    Ursula sagte: Sieh dort das hbsche kleine Mdchen mit den schwarzen
Zpfen, das Deine Rose aufgefangen und jetzt mit glcklichem Lcheln sich
ansteckt?
    Welcher Schimpf! rief Elisabeth und starrte das kleine Mdchen an, als
habe sie ein Gespenst gesehen. Es war wirklich ein hbsches Kind von etwa
fnfzehn Jahren, mit braunen Feueraugen und schwarzen glnzenden Zpfen. Ihr
Anzug von braunem Schetter zeigte nichts Auffallendes, als ein paar gelbe
Streifen an den Aermeln. Diese Streifen, die Ursula bersehen, erblickte
Elisabeth, und sie waren die Ursache ihres Entsetzens. Daran erkannte sie, da
ihre Rose in die Hand eines Judenmdchens gekommen, denn der Rath, welcher die
Juden, des Reichs Kammerknechte hate, und am liebsten ganz aus der Stadt
verbannen wollte, war vor Kurzem auf den Einfall gekommen, sie durch besondere
Abzeichen an der Kleidung kenntlich zu machen, damit nicht ehrbare
Christenmenschen Gefahr liefen, mit den als unehrlich betrachteten Juden in
Berhrung zu kommen. So war den Jdinnen jetzt aufgegeben worden, als
Kennzeichen gelbe Streifen an den Aermeln zu tragen. Nur die auerordentliche
Gelegenheit und das Volksgedrnge, in dem man mehr auf die Zge als aufeinander
blickte, waren wohl die Ursache, da dies Judenmdchen unbemerkt geblieben und
unter der Menge geduldet worden war.
    Fand nun schon Elisabeth die bitterste Krnkung darin, da der Baubruder,
der ihr Interesse erregte, ihre Rose wegwarf, so empfand sie es als Schmach, da
sie nun in den Hnden einer Jdin war, die sie, unbeschadet ihres Rufes die
aufgeklrteste Frau von Nrnberg zu sein, auf's Tiefste verachtete und sich vor
jeder Gemeinschaft mit ihnen entsetzte. Und wenn nun gar der Baubruder das mit
Absicht gethan? war das nicht ein viel grerer Hohn fr sie, als wenn er die
Blume selbst unter seine Fe geworfen?
    Ursula dachte wie die Freundin und bedauerte sie - aber sie hatte nicht Zeit
diesem Gedanken nachzuhngen, da eben die Rathsherren unten vorberzogen und
Herr Hans von Tucher einen prfenden Blick auf sie warf, unter dem sie zitterte
wie Espenlaub. Es wrde dies wohl weniger der Fall gewesen sein, wenn sie gehrt
htte, wie der alte Herr zu seinem Begleiter sagte:
    Die Jungfrau Muffel ist wirklich ein holdes Kind, und ich kann es meinem
Sohn nicht verdenken, da er in sie verschossen ist - wre sie nur nicht eine
Muffelin, nichts weiter sollte mich kmmern.
    Ja, antwortete Herr Holzschuher, der seine alten Augen auch gern
anstrengte, wenn es nach schnen Frauen zu blicken gab: Sie gefllt mir in
ihrer sittigen Art auch besser, als die Scheurlin, die vor Hochmuth nicht wei,
wie sie sich geberden und kleiden soll, um nur ja den Leuten zu zeigen, wie
reich und schn sie ist. Was aber Euren Sohn betrifft, so riethe ich Euch doch,
ihn bald wieder fort zu schicken, denn wenn er seine Geliebte oft so sieht, so
ist er nicht der Mann, auf Euer Gebot hin sich von ihr abbringen zu lassen.
    Freilich, antwortete der Vater; mein Sohn ist kein Tugendspiegel, und hat
wohl schon bei manchem hbschen Kinde sein Heil nicht vergeblich versucht, inde
ist die Muffelin selbst ein Muster von Zucht und Ehrbarkeit, und darauf trau'
ich. Aber Ihr habt' Recht, es ist besser, der Stephan geht wieder aus Nrnberg,
und sieht er wo anders schne Frauen, so wird er sich auch zu trsten wissen.
    Als Herr Scheurl an seinem Hause vorberkam und wohlgefllig lchelte, wie
schn sein Haus und wie noch schner seine Hausfrau sich ausnehme und Aller
Blicke auf sich ziehe, konnte er sich nicht erklren, warum sie so verstrt
hinabstarre - aber jetzt bemerkte sie ihn und zwang sich zu einem Lcheln.
    Ursula dachte inde nicht mehr an den alten Tucher, sondern sphete nach dem
Sohn. Nur um seinetwillen weilte sie hier, nur um seinetwillen hatte sie sich
geschmckt, nur um ihn zu sehen und von ihm gesehen zu werden. Was galt ihr denn
der Knig? was alle die Edlen, die mit ihm kamen, und alle diese Leute, die
festlich vorberzogen? Sie dachte nur an Stephan, und nur der Augenblick, in dem
er vorberschreiten werde, war ihr der ersehnte. Sie hatte ihn seit dem
Wiedersehen in diesen selben Rumen immer nur flchtig gesehen auf der Strae
oder in der Messe und von sich entfernt zu halten gewut. Auf diesen Tag hatte
sie ihn vertrstet. Freilich nicht nur auf diesen Moment, sondern auf die
Festlichkeiten, die man dem Knig zu Ehren veranstaltete, bei denen doch Niemand
von den Geschlechtern fehlen drfe und sich Gelegenheit finden werde zusammen zu
sprechen und zu tanzen. Als Stephan mit zrtlichen Liebesblicken
vorbergegangen, zog sich Ursula ein Weilchen vom Fenster zurck - nun gab es ja
Nichts mehr fr sie zu sehen.
    Aber jetzt tnte das Horn von der Veste wieder und schmetternde
Trompetensignale, und das damit sich vermischende, von fern her tnende
Vivatrufen der bewillkommenden Menge verkndigte, da der Knig die Stadt
betreten und da die ersten Begrungen stattfnden.
    Nach einiger Zeit kam derselbe Zug wieder vorber - aber Rosseshufe
erschallten dabei, denn der Knig mit seinem Gefolge war in seiner Mitte.
    Sein Anblick schon, seine ritterliche Art und sein freundliches Wesen hatten
alle Herzen gewonnen. Ohnehin freute sich die versammelte Menge um so mehr
seiner Ankunft, als sie recht eigentlich nur ein Besuch fr Nrnberg war und er
damit die Stadt nicht nur pflichtgem bei Gelegenheit eines Reichstags beehrte,
sondern einzig und allein ihretwegen kam. Dazu kam auch, da fast die ganze
lebende Generation keinen andern Kaiser als den nun siebzigjhrigen Friedrich
III. gesehen und seiner nachgerade berdrssig geworden war. Ein ganz anderes
Ereigni war da denn doch der Einzug dieses ritterlichen Sohnes und knftigen
Kaisers, auf den das Reich so groe Hoffnungen setzte, zumal gerade jetzt, wo
die niederlndischen Hndel endlich beendigt waren wie sein Kampf mit
Frankreich, und er nun einzog als ein ruhmwrdiger, sieggekrnter Held und, was
bei den Nrnberger Kaufleuten die Hauptsache war, nicht mehr als ein Knig ohne
Land und Einknfte, schon im Besitz der Niederlande und Tirols, und im Begriff,
seine Habsburgischen Erblande sich wieder zu erobern. Wute man doch, da er in
allen Stcken der entschiedenste Gegensatz seines trgen, thatenscheuen,
geizigen, immer nur die unmittelbarsten Vortheile berechnenden Vaters war, da
er viel mehr Geist und Herz von seiner Mutter, der schnen und heldenmthigen
Eleonore von Portugal geerbt hatte, die ihm leider schon 1467 im erst
vollendeten dreiigsten Jahre entrissen ward. Ritterlich bis zu
abenteuerschtiger Khnheit, freigebig bis zur Verschwendung, voll Begeisterung
fr die groe Vergangenheit des Kaiserreiches schwrmte er in dem Gedanken einer
Wiedererneuerung des alten Glanzes desselben, und war so ganz ein Mann nach dem
Herzen des deutschen Volkes, das in seinem bessern Theil auch die Einheit des
Reichs erstarken und durch eine achtunggebietende Gestalt vertreten zu sehen
wnschte.
    Da erschien er nun hoch zu Ro in blitzender Rstung von blankem Stahl mit
goldenen Verzierungen. Darber den purpurnen Sammtmantel mit goldener Strickerei
und Hermelin besetzt, auf den goldenen Locken den blitzenden Helm mit wehenden
Federn. Er war von ansehnlicher Gre, stark und schn gebaut, und eben jetzt in
der Blthe des Mannesalters von dreiig Jahren, in Kraft und Vollendung
strahlend. Sanft gebrunt war sein Antlitz von den Strapazen im freien Felde,
aber seine Wangen blhten in dem frischen Roth der Gesundheit. Unter der
startgewlbten Stirn glhte aus seinen blauen Augen ein liebliches Feuer und die
Adlernase hatte einen gebietenden Ausdruck. Ein blonder Bart umflo ringsum die
purpurnen Lippen.
    Nach allen Seiten winkte und grte er freundlich, nur auf ihn weilten alle
Blicke, und die Jubelrufe, welche ihm zutnten, waren ein unwillkrlicher Ergu
des Beifalls und der Begeisterung, die sein Anblick hervorrief.
    Als er an Elisabeth's Chrlein vorberkam, bog sich diese weit aus demselben
heraus, und inde sich die Damen an andern Fenstern begngten mit ihren Tchern
zu wehen, warf sie dem ritterlichen Knig Blumen entgegen. Sie sollten zu den
Fen seines Rosses fallen, aber eine davon traf an das Ohr des edlen Thieres,
da dasselbe darber scheu werdend hoch aufbumte - Elisabeth stie einen Schrei
aus - da sah sie, wie ein Reiter, der zunchst hinter dem Knig geritten, in
abenteuerlich bunte Tracht gekleidet und mit einem jener wunderlichen Gesichter,
die bald wie die harmloseste Gutmthigkeit, bald wie die schalkhafteste
Bitterkeit aussehen, zu ihm sprengte und dem Pferd in die Zgel fallen wollte.
Max lachte ber dies Beginnen und hatte es selbst schnell gebndigt, inde sein
Begleiter, der niemand Anders als sein treuer Freund und Hofnarr Kunz von der
Rosen war, das Pferd von den an ihm haften gebliebenen Blumen befreite und das
Schalksgesicht auf Elisabeth gerichtet, dem Knig einige Bemerkungen ber sie
zuflsterte, die vielleicht nicht ganz zarter Natur waren. Aber Max lchelte zu
ihr hinauf und neigte sein Schwert vor ihr, nahm die Blumen aus der Hand des
Narren und mit ihnen dankend zu ihr emporwinkend steckte er sie an sein
Schwertbehnge.
    Elisabeth neigte sich tief vor dieser kniglichen Huldigung - durch sie fand
sie die Schmach, die sie sich vorhin angethan whnte, wieder geshnt; wenn
dieser knigliche Held sich dankend mit ihren Blumen schmckte, dann mochte
immerhin der arme Steinmetzgeselle sie verchtlich bei Seite werfen! Aber sie
war noch eben so verwirrt von dem Schreck ber das bumende Ro, wie von der
Ehrenbezeugung des Knigs, wie dessen ganzer herrlicher Erscheinung, da sie nur
ihm unverwandt die Blicke ihrer Feueraugen nachsandte; so bemerkte sie auch den
Gru des Markgrafen Friedrich von Brandenburg nicht, und nur Ursula verneigte
sich vor ihm. Er ritt gleich hinter Max und trug einen kurzen Sammetrock, roth,
grau und wei getheilt, eben so die Aermel, darber einen kurzen grauen
Sammetmantel mit roth und goldener Stickerei. Seit er nicht hier gewesen, war
das schne Scheurl'sche Haus neu entstanden, und er widmete ihm darum seine
besondere Aufmerksamkeit. So hatte Elisabeth auch fr die andern Ritter und
Herren kein Auge, die im Gefolge des Knigs waren, obwohl jetzt um so mehr aller
Blicke auf ihr ruhten, seit sie dessen Huldigung in so auffallender Weise
empfangen und allerdings in gleich auffallender Weise herausgefordert. Unter
diesen Rittern befand sich einer ganz in schwarzen Sammet mit Silberstickerei
gekleidet, den es nicht minder als Markgraf Friedrich zu verdrieen schien, da
Elisabeth ihn nicht gewahrte. Sein Gesicht sah ziemlich bleich und wst aus, und
in seinen dunklen Augen schien ein unheimliches Feuer zu drohen. Einen solch'
unheimlichen Eindruck machte er berhaupt auf Ursula.
    Zu ihr sagte Elisabeth, als Alles vorber war: Ursula! das ist der einzige
schne Mann, den ich je gesehen - er verdient es zu herrschen! - Das war seit
langem der erste glckliche Augenblick!
    Elisabeth's ganzes Wesen war in solcher Aufregung, da Ursula sie erstaunt
betrachtete; aber sie vermochte nicht weiter mit ihr zu sprechen, denn eben
strmte Stephan in das Zimmer, der eine gnstige Gelegenheit gefunden, sich aus
dem Getmmel fortzuschleichen, da er der Versuchung nicht widerstehen konnte,
sich wenigstens auf Augenblicke der holdseligen Geliebten zu nhern.

                               Siebentes Capitel



                              Auf der Hallerwiese

An dem Tage, an welchem Knig Max angekommen, ward auf der Hallerwiese von den
Brgern ein groes Bchsenschieen gehalten, zu dem man ihn eingeladen. Ein
groes kostbares Zelt war fr ihn und Markgraf Friedrich wie die begleitende
Ritterschaft aufgeschlagen worden. Zu beiden Seiten desselben befanden sich die
grern Zelte des Rathes und der Familien der Genannten. Ringsum hatten die
Znfte ihre Fahnen aufgesteckt, die stolz und lustig ber den Platz hin wehten,
in dessen Mitte eine zahllose Menschenmenge sich bewegte und auf die
mannigfaltigste Weise ergtzte.
    Immer aber war Knig Max der Mittelpunkt des Festes. Auch noch ehe er selbst
auf der Wiese erschienen war, hrte man doch nur von ihm allein erzhlen und
Bemerkungen ber ihn machen, die nur zu seinem Lobe waren, selbst von denen, die
sich sonst noch wenig um ihn gekmmert oder von ihm erwartet hatten. Das war bei
den guten Nrnbergern doch nur so lange der Fall gewesen, als er sich nicht um
Nrnberg kmmerte: nun aber war er ja gekommen, nun hatten sie ihn in ihrer
Mitte, nun war er auch gut nrnbergisch, und die ritterliche und leutselige Art
seines Wesens verstrkte nun den gnstigen Eindruck, den sein Kommen schon an
sich hervorgerufen.
    So sagte Peter Vischer, der Rothgieer, der heute auch nicht in der
Arbeitsschrze, sondern im Sonntagsrock erschien, zu seinen Begleitern, unter
denen er der jngste war:
    Ja, das ist ein Kaiser, der noch mehr gelernt hat, als die Waffen fhren
und schne Reden auf den Reichstagen halten. Der versteht seine Waffen nicht
blos zu schwingen wie ein Fechtmeister, seine Stcke nicht nur zu richten und
abzuschieen wie der beste Bchsenmeister, sondern wrde zur Noth auch seine
Schwerter und Lanzen, Helme und Panzer selber fertigen und seine Stcke selber
gieen knnen; denn in seiner Jugend hat er die Plattnerei und
Harnischmeisterei, die Geschtz- und Lagerkunst lernen mssen, als sei er selbst
zum Handwerker berufen.
    Ja, stimmte der Steinmetz Adam Kraft bei, ein schon etwas lterer Mann mit
klugen Augen unter der breiten Stirn, Haar und Bart von Natur gekruselt; die
Steinmetzerei und Zimmerei hat er auch gelernt, und ist so absonderlich fr die
Baukunst eingenommen, da er sogar selbst ein Baubruder geworden. Noch kein so
groer Potentat hat das bisher gethan. Wenn Meister Kraft so viel sprach, so
war es ein Zeichen, da es ihm sehr von Herzen ging, denn er war immer ein Mann
von wenig Worten, kurz angebunden, und konnte es nicht leiden, wenn von irgend
einer Sache viel gesprochen ward.
    Darum sagte auch der Bildschnitzer Veit Sto, ein Pole, der erst im
krftigsten Mannesalter von Krakau nach Nrnberg gezogen war, weil man da seine
Kunst besser als in seiner Heimath zu schtzen verstand: Ei, wenn Meister Kraft
einmal so in Eifer gerth, da mu es freilich etwas Groes sein.
    Und der vierte Gefhrte, Sebastian Lindenast, ein kunstreicher
Kupferschmied, bemerkte: Ja, wenn ich Knig Max frher gesehen, htte ich wohl
ihn noch lieber als den Kaiser Karl IV. in Kupfer konterfeien mgen.
    Ach, Ihr meint bei dem zierlichen Mnnleinlaufen zu der Uhr des Meisters
Georg Heu, dem Ihr die Mnnlein so schn in Kupfer getrieben habt, sagte Peter
Vischer. Ich meine, es wird dem Knig absonderlichen Spa machen, wenn er das
zum ersten Male sieht. Ich wollte, Ihr selbst und Meister Heu wret dabei, wenn
man den Kaiser vor den Thurm der Liebfrauenkirche fhrt und ihn nun bittet
aufzupassen. Der wird nicht wenig schauen, wenn eine Stunde um ist, und Kaiser
Karl tritt heraus, dann die sieben umgehenden Kurfrsten, dann der Ehrenhold,
die vier Posauner, und endlich die zwei Mnnlein, davon das eine lutet und das
andere die Uhr umwendet.
    Freilich mute es Kaiser Karl IV. sein, sagte Lindenast, da er es war,
der dies Gotteshaus Unserer lieben Frauen Saal gestiftet. War er doch auch ein
groer Freund der Kunst, wenn schon sein Geschmack sich zuweilen von der guten
deutschen Art entfernte, das italienische und antikische Wesen begnstigte.
    Nun, wer wei, ob ihm das Vischer nicht nachmachen will, lchelte Kraft,
er will ja auch nach Italien gehen.
    Ja, dahin zieht es mich nun einmal, gestand dieser; man mu sich in der
Welt umsehen, wenn man was Tchtiges lernen will, und gerade dahin gehen, wo es
auch groe Werke und Knstler giebt, damit man sich nicht einbildet, man leiste
schon was Rechtes. Ich habe nur noch gezgert, um den Knig hier nicht zu
versumen, dann mache ich mich gleich auf die Wanderschaft. Aber um wieder auf
Euer Mnnleinlaufen zu kommen: es ist schade, da die Figuren kupfern und nicht
versilbert oder vergoldet sind. Wenn dem Knig Euer Werk gefllt, so riethe ich
Euch das Eisen zu schmieden, weil es warm ist, und den Knig um ein Privilegium
zu bitten, Eure Arbeiten knftig versilbern und vergolden zu drfen, wenn es
Euch beliebte.
    Ich habe auch schon daran gedacht, sagte Lindenast.
    Inde ward dies Gesprch durch lautes Vivatjauchzen unterbrochen, denn der
Knig Max, von seinem von ihm unzertrennlichen Hofnarren, dem Markgrafen
Friedrich und vielen Rittern begleitet, war gekommen. Aber er weilte nicht lange
in dem fr ihn bereiteten Zelte, sondern mischte sich unter die Bchsenschtzen
und scho mit ihnen um die Wette, als gehre er mit zu ihrem Verein. Da war nun
unter dieser wieder Keiner, der nicht darauf geschworen htte: das sei der
trefflichste Frst, der je auf den Kaiserstuhl zu Rense gesetzt worden.
    Freilich am rgsten fast trieben es die Frauen und Mdchen, die einfachen
Brgerinnen so gut wie die vornehmen Patrizierinnen. Er grte jene wie diese,
und whrend die ersteren den Kreis der Schieenden umdrngten, in deren Mitte
sich der Knig befand, kamen auch die letzteren, die sich sonst immer
abgesondert hielten, aus ihren Zelten hervor. Sie konnten ja heute einmal eine
Ausnahme machen, und wenn der Knig selbst sich unter die znftigen Brger und
den gemeinen Haufen mischte, so geschah auch ihrer Ehre kein Abbruch, wenn sie
das Gleiche thaten.
    Herr Christoph Scheurl lie es sich diesmal nicht nehmen, selbst den
Cavalier seiner Gemahlin zu machen. Er wute, er werde so am ersten von den
hohen Personen und dem Knige bemerkt werden - und daran lag ihm Alles. Denn zu
den Dingen, um die er Hans von Tucher beneidete, gehrte auch, da derselbe in
den Adelstand erhoben worden war und ein adeliges Wappen fhren durfte. Danach
gelstete Scheurl, und er trachtete nach jeder Gelegenheit, die ihm eine
Mglichkeit verschaffen knnte, auch zum Ritterschlag zu gelangen. Um sich
hervorzuthun, hatte er sein Haus so schn schmcken lassen, und auf die seiner
Gemahlin widerfahrene Huldigung war er nicht minder stolz als diese selbst, ja
er war entzckt ber ihren Einfall, den Knig mit Blumen zu werfen, obwohl es
genug seiner Collegen gab, die ihn darum gegen seine Ehegattin aufhetzen
wollten, oder ihm wenigstens ihr Betragen mit zweideutigen Spen entgelten
lieen. Auf Alles, was man ihm in dieser Weise sagen mochte, erklrte er
lchelnd: da ihm solche Reden nur zeigten, wie sehr man ihn beneide die
schnste Frau zu besitzen, und er ging heute mit um so grerem Stolz an ihrer
Seite, und obwohl sie sich sonst des Tages oft mehrere Male umzukleiden pflegte,
so billigte er es, da sie gerade heute es nicht gethan - in derselben Tracht
werde der Knig sie um so eher wieder erkennen und vielleicht einige freundliche
Worte an sie richten. Stolzer als je strahlte auch Elisabeth selbst in ihrer
gebietenden Schnheit, als sie so ber die Wiese ging, die lange Schleppe hinter
sich herziehend, umflattert vom wehenden Schleier.
    Aber wenn unwillkrlich die Blicke aller Mnner an ihr haften blieben und
sie doch mehr bewunderten als bespttelten, so war das umgekehrt mit den Frauen,
wenigstens bei dem greren Theil der ihr ebenbrtigen Patrizierinnen. Die
lieen sich hinter ihrem Rcken in vielen spttischen und anzglichen Reden
vernehmen, und suchten sie unter sich um so tiefer zu erniedrigen, als sie sich
selbst ber diese ungebildeteren, kleinlichen und engherzigen Frauen erhaben
fhlte. Am spitzigsten lauteten die Bemerkungen, die aus dem Munde Katharina
Haller's kamen, der Gattin des Brgermeisters Wilhelm Haller und einer Tochter
des Loosungers Holzschuher. Vor lnger als einem Jahrzehent hatte sie zu den
gefeiertsten Schnheiten Nrnbergs gehrt, und es war ihr jetzt unertrglich,
diesen Platz Anderen berlassen zu mssen. Ohne den Adel eines geistigen
Ausdruckes hatte ihre Schnheit zu jenem gewhnlichen Typus gehrt, der nur
durch Frische und Flle der Jugend Reiz erhlt - dies Alles war jetzt
verschwunden, und hatte sie frher schon auf prfendere Beschauer auch in ihrer
Blthezeit nur einen gewhnlichen Eindruck gemacht, so machte sie jetzt, da jene
vorber war, auf Alle einen gemeinen. Ihre sonst eitel lchelnden Gesichtszge
erschienen jetzt von Neid und Bitterkeit verzerrt, aus ihren groen Augen meinte
man giftige Pfeile fliegen zu sehen, und ihre Lippen schienen sich nie anders
wie zu hmischen Bemerkungen ffnen zu knnen. Ihre Formen waren eckig geworden,
wie alle ihre Bewegungen, und ihre lange knochige Gestalt bemhte sich
vergeblich eine wrdevolle Haltung zu behaupten, es ward nur die einer steifen
Gravitt daraus. Ihre Kleidung war eben so kostbar wie die Elisabeth's, aber
whrend diese dieselbe sinnig und geschmackvoll whlte und so reizend zu ordnen
mute, da die Pracht derselben immer mit ihrer ganzen Erscheinung harmonirte
und auch dem feinsten Schnheitssinne Rechnung trug, immer vielmehr ihrem
eigenen idealen Geschmack als der gerade herrschenden Mode und Sitte folgte, so
band sich Katharina Haller streng an diese, nur da sie durch Ueberladung ihren
Reichthum zu zeigen suchte.
    Dem entsprechend waren jetzt ihre Bemerkungen gegen ihre Begleiter ber
Elisabeth und zum Theil von einer nicht wiederzugebenden Gemeinheit. Was dnkt
sie sich denn Besseres als wir, da sie meint, sie allein knne sich Alles
erlauben? Sie htte sollen darber zur Rechenschaft gezogen werden, da sie sich
heute unterstand nach seiner Majestt mit Blumen zu werfen und das Pferd scheu
zu machen, da es bald ein Unglck gegeben htte; aber Alles mu ihr fr voll
ausgehen, es mag so unschicklich sein wie es will! Seht nur - sie drngt sich
mit ihrem Manne gewi noch bis zum Knige. Ich wollte, er kehrte ihr den Rcken
oder sagte ihr etwas recht Demthigendes.
    
    Das ist leider von dem ritterlichen Knige nicht zu erwarten, sagte die
andere Patrizierin, Eleonore Tucher, eine Schwgerin Stephan's; mein Mann sagt,
da Knig Max ein Verehrer der Frauen ist, und man mte nicht wissen, wie die
Mnner sind, auf dem Thron so gut wie anderswo, sie lassen sich am leichtesten
von denen fangen, die ihnen mit freiem Betragen entgegenkommen. Da ist eher zu
hoffen, da sein Hofnarr ihr etwas Demthigendes sagt.
    Wenn man nur an ihn kommen knnte, sagte Frau Haller, denn wenn es ihr
wieder gelingt, von diesem edlen Knig ausgezeichnet zu werden, wie sie es von
dem alten Kaiser ward, als er das letzte Mal hier war und sie aufforderte, den
Celtes ffentlich zu krnen, so wird ihr der Kamm immer noch hher schwellen.
    Ach ja, sagte Eleonore etwas boshaft; ich erinnere mich, sie sa damals
gerade neben Euch, und blieb erst sitzen, ohne sich zu rhren, inde Ihr schon
aufstandet, als der Bote des Kaisers kam sie abzurufen.
    Katharina htte bei dieser Erinnerung vor Aerger bersten mgen, denn da
damals nicht sie, sondern Elisabeth zu der Krnung des Dichters hervorgerufen
ward, war die Hauptursache ihres Neides und Hasses. Aber sie erwiderte Nichts,
denn eben steigerten sich diese Empfindungen zum hchsten Grad, als sie
gewahrte, wie Knig Max aus dem Kreise der Schtzen trat und einem seiner
ritterlichen Begleiter winkte, und dieser darauf Christoph Scheurl und seine
Gemahlin vor den Knig fhrte, sie ihm vorzustellen. Verstand die
Entferntstehendere auch nicht, was er sprach, so sah sie doch an seinen
huldvollen Mienen, die fast mehr bewundernd als gndig auf Elisabeth ruhten, an
ihrem mehrfachen Verneigen, zartem Errthen und dem Lcheln des Triumphes, das
ihr ganzes Antlitz verklrte, da es nur Schmeichelhaftes sein konnte. Jetzt
trat auch der lustige Rath hinzu, und obwohl Elisabeth vor seinen Worten die
Augen niederschlug, so zeigte doch das beiflligstolze Lcheln ihres Gemahls,
da in dem Sprchlein des Narren nur ein cynischer Scherz die fr sie darin
enthaltene Huldigung begleitet hatte, wofr ihm Max lchelnd mit dem Finger
drohte und Elisabeth bat, seinem getreuen Bruder die Freiheit der Rede nicht
bel zu deuten, die er selbst sich msse gefallen lassen; worauf der Narr mit
komischer Geberde Abbitte that, bis ihm Elisabeth die Hand reichte, die er
demuthvoll kte.
    Katharina stand stumm und sprachlos vor Wuth, whrend Eleonore ihren Gatten
Anton Tucher in der Nhe Scheurl's gewahrte und sich zu ihm durchzudrngen
suchte, um wenigstens auch der Ehre der Vorstellung theilhaftig zu werden, was
ihr denn auch gelang, aber ohne da der Knig sich weiter mit ihr unterhalten
htte, sondern Anton nach seinem Vater fragte, der auch zur Stelle war und
seinerseits nun wieder seinen Sohn Stephan vorstellte.
    Inde war der Markgraf von Brandenburg zu Elisabeth getreten und sagte:
    Es gelang mir heute nicht einen Gru von Euch zu erhalten, als ich an Euch
vorberritt, und als getreuer Vasall begngte ich mich zu Gunsten Seiner
Majestt darauf zu verzichten.
    Verzeiht, edler Frst, unterbrach sie ihn; ich war von der Verwirrung,
die ich durch meine Unbesonnenheit beinahe angerichtet, so bestrzt, da es wie
ein Flor vor meine Augen sank.
    Nun, lchelte der Markgraf, diese Entschuldigung will ich unsern Rittern
vermelden, die mit mir in gleicher Lage waren, und von denen Einer sich nicht so
leicht beruhigen wird.
    Elisabeth sah ihn verwundert fragend an, und der Markgraf fuhr fort:
    Ich vermeine wohl die schne Jungfrau Behaim wieder zu erkennen, die vor
zwei Jahren den Konrad Celtes krnte - doch wute ich nicht, da es die Hausfrau
Scheurl's war, die in dessen zierlichem Hause thronte gleich einer Feenknigin.
So waret Ihr es doch berdrssig, nur die sprde Muse eines Poeten zu sein, und
ich sehe Euch als gute deutsche Hausfrau wieder?
    Warum mute Markgraf Friedrich, wenn auch vielleicht unwissend, Elisabeth
gerade in dem Augenblicke so durch seine Anspielungen demthigen, wo sie sich
durch die Huld des ritterlichen Knigs einmal wieder erhoben fhlte und ihr Herz
in stolzer Begeisterung schlug? Ihre ganze Seelenstrke gehrte dazu, um ihre
Bewegung zu verbergen, so da sie ruhig sagen konnte: Ihr seid sehr gtig, mich
so in Eurem Gedchtni behalten zu haben; es war ein groer Kummer fr die
Meinigen und meinen Gemahl, da wir uns die Ehre Eurer Gegenwart nicht zu meiner
Hochzeit erbitten durften, da ihr fern von uns in den Niederlanden weiltet.
    Nun, lchelte der Markgraf, es findet sich wohl eine andere Gelegenheit,
von Euch zu einem Familienfeste geladen zu werden; wie ich Euch aus der Taufe
hob, war ich freilich noch ein junger Mann, doch denk' ich auch jetzt noch einen
stattlichen Taufzeugen abgeben zu knnen.
    Obwohl damals solche Scherze sehr an der Tagesordnung waren bei Vornehmen
wie Geringen, errthete Elisabeth doch unwillig, und da sie eben jetzt Ursula
gewahrte, die verlegen zur Seite stand, weil sie sich unter den Augen der ganzen
Familie Tucher befand, und deshalb um so weniger wagte mit Stephan Wort und
Blick zu wechseln, so nahm sie Elisabeth bei der Hand und sagte:
    Vielleicht erinnert Ihr Euch noch meiner lieben Freundin Jungfrau Ursula
Muffel?
    Wenigstens von diesem Morgen, antwortete der Markgraf, denn von dieser
holden Jungfrau fand mein Gru Erwiederung. Wo ist Herr Gabriel, Euer Vater?
Mich dnkt, ich sah ihn noch nicht.
    Dort steht er - sagte Ursula auf ihn deutend.
    Und Elisabeth flsterte leiser zu dem Markgrafen: Ich empfehle ihn Eurer
besonderen Gnade und werde Euch das Weitere schon noch erklren. Nachdem sie
die Beiden einander genhert und mit feinem Takt eine Unterredung zwischen ihnen
eingeleitet, nahm sie Ursula's Arm und sagte: Mir wird so hei und enge in dem
Menschengewhl, lass' uns ein wenig abseits dort unter die Linden wandeln.
    Ich kann es auch nicht mehr ertragen, sagte Ursula, und noch hab' ich
kaum ein paar Worte mit Stephan zu wechseln gewagt.
    Jetzt beginnt es dunkel zu werden, und die Dmmerung begnstigt alle
Liebenden! trstete Elisabeth.
    Und nicht lange wandelten sie allein unter den Linden, da gesellte sich
Stephan zu ihnen. Nachdem er die ersten Zrtlichkeiten mit Ursula getauscht,
sagte er: Knig Max ist ein Mann nach meinem Sinn, was meinst Du, wenn ich ihm
folge, mir auf eigene Hand in seinem Gefolge Ruhm und Ehr und den Ritterschlag
erwerbe, und dann als Lohn fr meine Dienste Nichts fordere, als da der Knig
unsere eigensinnigen Vter vershne?
    Das ist ein wrdiger Entschlu! rief Elisabeth, so segensreich ist schon
die Erscheinung eines wahren Helden - sie treibt auch Andere auf die
Heldenbahn!
    Ursula sagte: Ja, vertraue Dich ihm, er ist so ein ganzer Mann und Held,
und hat ja mit seiner Maria auch erfahren, was rechte Liebe ist!
    Elisabeth wollte das Paar nicht stren und zog sich wieder zurck. Um sich
auszuruhen und ihren Empfindungen zu berlassen lehnte sie sich an eine der
Linden, die ihre Zweige, sie fast verbergend, ber sie breitete, wozu auch die
grne Farbe ihres Kleides beitrug.
    Sie hatte die Augen halb geschlossen und hrte jetzt eine Mnnerstimme
sagen: Knig Max hat unsere Einladung angenommen, einem Zechentag in unserer
Bauhtte beizuwohnen, und Propst Kre hat den bermorgenden dazu festgesetzt.
Gebe Gott, da es ihm Ernst ist um die heilige Kunst.
    Ich hoffe es! antwortete der Andere mit der melodisch klangvollen Stimme,
an der wir Ulrich erkennen. Sein Geist, der in so vielen Fchern der
Wissenschaft bewandert ist, wird auch die erhabene Lehre des Albertus Magnus in
ihrer ganzen Herrlichkeit erfat haben, und diejenigen zu wrdigen wissen,
welche ihre geheiligten Lehrstze im Stein zu verwirklichen suchen. Wird er uns
nur ein Kaiser, der uns die alten Privilegien in Ehren lt und sie zeitgem
erweitert, so geschieht schon das Beste fr uns, das wir begehren knnen, denn
die deutsche Kunst ist das, was sie ist, nicht geworden durch die Frsten,
sondern trotz ihnen - und wollte Knig Max den Einflu, den er dadurch, da er
Baubruder geworden ist, auf die Bauhtten ben kann, je so weit gebrauchen, da
er in guter oder bser Absicht uns Vorschriften machen wollte: so wre er kein
rechter freier Maurer, und wir htten die Pflicht, ihn aus unserem Bunde zu
stoen, seine Gemeinschaft zurck zu weisen. Als Frst kann er fr die Kunst
nichts Besseres thun, als unsere Freiheiten besttigen, uns schirmen gegen die
Buchstabensatzungen der Pfaffen, wie gegen den Frwitz der Profanen. Die
gttliche Kunst selbst in ihrer Reinheit zu bewahren und hherer Vollendung
entgegenzufhren - das ruht allein in den Hnden der Knstler selbst.
    Ich wollte, Knig Max hrte Dich selbst so sprechen, sagte Hieronymus.
    Sollt' es ihm gefallen, mich etwas zu fragen, sagte Ulrich, so werde ich
ihm nicht anders antworten, denn jedem andern Baubruder.
    Herr Anton Kre, unser Propst, der einmal sein besonderes Augenmerk auf
Dich gerichtet, wird den Knig schon aufmerksam auf Dich machen, sagte
Hieronymus.
    Wie es ihm gefllt, entgegnete Ulrich; brigens aber hat die Theilnahme
dieses Mannes fr mich etwas Unheimliches.
    Sage nur Geheimnivolles, verbesserte Hieronymus; worin sollte das
Unheimliche liegen? Er ist ein durchaus harmloser Charakter, wie mir scheint -
ein Mann, der es zur Ehrensache anrechnet, sich das Ansehen zu geben, als habe
er unsere Lehre bis in ihre ganze Tiefe erschpft, und der vielleicht kaum das
System des Achtortes von ihr behalten, der sich gern als Stifter erhabener
Bauten einen Namen machen mchte, weil das zumal in Nrnberg so blich, und den
Glanz der Geschlechter erhht - der nebenher aber gern den Freuden der Tafel
huldigt, dem Bachus opfert und nach schnen Frauen schielt.
    Elisabeth war kein Wort von dieser Unterhaltung verloren gegangen, denn alle
ihre Sinne waren von ungewhnlicher Feinheit, so auch ihr Gehr, und so auch sah
sie jetzt trotz der Dmmerung, da die beiden die Festtracht der Baubrder
trugen, wie sie dieselbe am Morgen gesehen, und es schien ihr wahrscheinlich,
da der eine von ihnen der Steinmetz war, von dem sie sich an diesem Morgen
durch das Wegwerfen ihrer Blume beschimpft hielt. Sie rhrte sich nicht und ihre
Gegenwart blieb den Mnnern verborgen. Jetzt sah sie, wie eine kleine weibliche
Gestalt ihnen nachgeschlichen kam, und sich ohne bemerkt zu werden, nur einige
Schritte hinter ihnen hielt. Ihnen entgegen kamen zwei andere, noch knabenhafte
Jnglingsgestalten.
    Sieh' da, sagte Ulrich, mein kleiner wackerer Freund Albrecht Drer!
Habt' Ihr heute auch einmal die dumpfe Werkstatt verlassen und seid von Meister
Wohlgemuth's Knechten befreit?
    Albrecht schttelte Ulrich herzlich die Hand. Der Steinmetz hatte Wort
gehalten und ihn eines Tages in seiner Werkstatt besucht, und seitdem war es
zuweilen geschehen, da sie an Sonntagen einander gesehen, denn Ulrich fand
Wohlgefallen an dem fleiigen, kunstbegeisterten Jngling, und dieser wieder an
Ulrich's Belehrungen, durch die er besonders seine geometrischen Kenntnisse
vervollkommnete.
    Er stellte diesem seinen Begleiter vor: Das ist mein lieber Freund
Willibald Pirkheimer, mit dem ich aufgewachsen, da wir in einem Hause wohnen.
    Und woll't Ihr auch ein Maler werden? fragte Ulrich den zartgebauten und
fein gekleideten Jngling, an dessen Haltung schon man den Patriziersohn trotz
der Dunkelheit erkannte.
    Nein, antwortete Willibald mit feinem Lcheln; ich besuche die gelehrten
Schulen, und wenn mein Freund Albrecht nicht mehr hier ist, so will ich nach
Italien gehen, dort die Rechte studiren und mich mit den humanistischen Studien
beschftigen - dann meiner Vaterstadt und diesem edlen Knig Max dienen, der
wohl Kaiser sein wird, wenn ich zurckkomme.
    Und wie gefllt denn Euch der knftige Kaiser? fragte Hieronymus die
beiden, und zu Ulrich gewendet fgte er hinzu: Man mu das nachwachsende
Geschlecht befragen, denn dem gehrt ja doch die Zukunft!
    In diesem Augenblick, sagte Pirkheimer feierlich, habe ich ihm Treue bei
mir selbst geschworen! Alles, was ich von ihm gehrt und gelesen, hatte mich
schon mit Bewunderung erfllt, aber das wirkliche Begegnen hat sie noch
tausendfach gesteigert!
    Und ich, sagte Drer eben so feierlich, habe eben geschworen, ihn einst
zu konterfeien, und Gott gebeten, da es ihm gefalle, mir einen rechten Maler
werden zu lassen, damit mir das wirklich vergnnt werde!
    Der Knig kann zufrieden sein, sagte Ulrich, denn aufrichtig ist die
Begeisterung der Jugend.
    Elisabeth hatte jetzt um so aufmerksamer zugehrt, als sie ber den Knig
Aeuerungen vernahm, die ihr selbst so ganz hnlich htten entstrmen mgen, und
sie, durch Ursula auf Meister Wohlgemuth's hbschen Lehrling aufmerksam gemacht,
sich diesen gemerkt hatte, da er ja auf einer Strae mit ihr wohnte und auch nie
verfehlte, im Vorbergehen an dem schnen Hause Herrn Scheurl's hinaufzugren,
wenn er Jemand am Fenster gewahrte. Auch der zarte Willibald Pirkheimer war ihr
kein Fremder, denn seine Eltern gehrten mit zu den Genannten und waren den
Behaim und Scheurl's befreundet, so auch Willibald's zwei Schwestern, Charitas
und Clara. Whrend dem hatte sie nicht bemerkt, da der schwarzgekleidete
Ritter, der auch diesen Morgen unter ihrem Fenster vorber ritt, ohne von ihr
gesehen zu werden, ihr ganz nahe geschlichen war und jetzt ihren Arm erfassend
sagte:
    Hoffentlich erkennt Ihr mich im Dunkeln, da es heute frh im Sonnenglanze
nicht geschah?
    Sie fuhr entsetzt zusammen, als habe sie einen Geist gesehen, und wollte
sich sprachlos vor Schrecken von ihm losmachen. Er hielt sie fest und sagte:
    Du strubtest Dich ja sonst nicht, Elisabeth? Ich kam mich mit Dir zu
vershnen, die alten Zeiten zu erneuern, Dir zu gestehen, da Du doch die Krone
aller Frauen bist!
    La't mich! schrie sie, Eure Keckheit duld' ich nicht!
    Ei, warum denn hier so allein? Erwartest Du einen anderen Anbeter? etwa den
Reimschmied Celtes - oder einen Boten des Knigs?
    Elisabeth's Widerstand ward jetzt zum Ringen mit ihm, und in
herzzerreienden Tnen rief sie: Willibald! schtzt mich!
    Himmel! rief Willibald, es ist die Scheurlin, der Jemand unziemlich
begegnet!
    Er, Drer und die Baubrder strzten im Nu auf die Beiden zu. Ulrich rief
den Ritter an; Was erfrecht Ihr Euch?
    Sind das jetzt Eure Genossen? hhnte der Ritter verchtlich, indem er sein
Schwert zog; aber auch die Baubrder zogen die ihrigen, welche sie stets am
Grtel trugen, und im Nu schlug Ulrich dem Ritter das nun eben erfate Schwert
aus der Hand. Als er es wthend wieder erfassen wollte, ri sich Elisabeth von
ihm los, nahm Willibald's Arm und sagte: Kommt, kommt unter die Menschen, die
Zelte!
    Hieronymus hatte das fallende Schwert aufgefangen, und der Ritter drang auf
ihn ein, es ihm wieder zu entreien.
    Ulrich drngte ihn mit seinem eigenen Schwert zurck, aber ohne ihn zu
verwunden, und sagte: Wir schlagen uns nicht mit Raufbolden und
Stegreifrittern, die ehrbare Frauen unziemlich behandeln; das Schwert behalten
wir, weil Ihr nur Frevel damit anrichten mchtet; hol't es Euch wieder beim
Knige oder bei dem hochedlen Rath dieser Stadt, wenn Euch danach verlanget.
    Es kamen Leute, Stadtschtzen, eine stattliche Anzahl der Ruigen, und Alle
fragten, was es gebe? Der Ritter, da er wute, da die Brger und Znftigen
immer geneigt waren einander wider den Uebermuth des Adels zu helfen, und da er
allein unter diesen Vielen nichts ausrichten, und wahrscheinlich als ein Brecher
des Landfriedens eingebracht werden mchte, brach sich durch die Menge Bahn und
sagte drohend:
    Ich werde dem Knig vermelden, wessen er sich zu den Nrnbergern zu
versehen hat, die sich also gegen seine Begleiter betragen!
    Man lie ihn gehen und die Meisten schalten ihn ein Gromaul, und lachten
und hhnten hinten ihm her.
    Die kleine weibliche Gestalt, welche Elisabeth vorhin hinter den Baubrdern
bemerkt hatte, war auch noch da. Es war das Judenmdchen von diesem Morgen. Sie
drngte sich jetzt an Ulrich und sagte:
    Der Ritter da ist ein Placker und Straenruber, nehm't Euch vor ihm in
Acht.
    Unser einem kann er nichts rauben! lchelte er, aber ich danke Dir,
liebes Kind! Weit Du seinen Namen?
    Wie glcklich lchelte die Kleine! Sie wollte antworten, aber Hieronymus zog
den Kameraden von ihr fort und sagte vorwerfend: Sprich doch nicht mit der
Judendirne!
    Ulrich hatte in der Dmmerung die gelben Streifen an ihren Aermeln nicht
bemerkt, er bemerkte auch weder vorhin noch jetzt, da sie die weie Rose, die
er diesen Morgen zur Seite geworfen, an ihrem Kleide trug - aber er kehrte sich
jetzt schnell von ihr ab und gewahrte darum auch nicht, wie sie ihre Arme wie
von einem pltzlichen Schlag getroffen herabsinken lie und die Hnde ineinander
rang.

                                 Achtes Capitel



                                  Das Achtort

Fest an Fest reihete sich im lustigen Nrnberg aneinander, die Gegenwart des
Knigs zu feiern. Die Rathsherren, die reichen Kaufleute, die gelehrten
Gesellschaften, die Znfte - sie alle stritten sich miteinander, den Knig in
ihrer Mitte zu sehen, und vor allen anderweitigen Vorstellungen und
Lustbarkeiten hatte Markgraf Friedrich, der den Knig bei sich auf der Veste
beherbergte, noch nicht dazu kommen knnen, selbst ein Fest zu veranstalten, und
mute damit von einem Tage zum andern warten.
    Den Tag, zu welchem Max der freien Steinmetzzunft versprochen, in ihrer
Mitte als Baubruder zu erscheinen, mute er ihr allein widmen. Schon am Morgen
verlie er die Veste, nur von Kunz von der Rosen, ein paar Rittern und einigem
Gefolge aus der Dienerschaft des Markgrafen begleitet, und ging zu Fu durch die
Stadt bis an die Bauhtte an der St. Lorenzkirche. Der Knig war ohne Rstung
und einfacher als sonst in ein Wamms von dunkelbraunem Sammt gekleidet, am
breiten Ledergrtel ein kurzes Schwert, ein Sammtbaret mit weien Federn auf den
blonden Locken, bezeichnete ihn nur der bergeworfene Purpurmantel als Majestt.
Seine Tracht hnelte der der Baubrder, nur da sie von besserem Stoff war, aber
die Stiefel von ungeschwrztem Leder waren gewissenhaft beibehalten.
    Aus der Htte heraus schalten die laut in den Stein hmmernden Klnge der
Steinmetzen. Die Thr war verschlossen. Dreimal schlug der Knig mit seinem
Schwert an dieselbe. Der Pallirer trat heraus, schlo sie wieder hinter sich und
sagte:
    Wer Einla begehret, gebe das Pawort.
    Der Knig trat ganz nahe zu ihm und flsterte ganz leise ein Wort in das Ohr
des Pallirers. Darauf reichte ihm dieser drei Finger seiner Hand, und der Knig
erwiderte den Hndedruck in der gleichen Weise. Kunz war hinzugeschlichen und
hatte auf einem Beine stehend gelauscht, ob er nicht verstehe, was die beiden
Heimliches sprchen - ohne da ihm dies jedoch mglich war. Max warf jetzt
seinen Purpurmantel ab, gab ihn dem Hofnarren und sagte zu ihm:
    Hier, guter Freund; weil Du Dich heute von Max trennen mut, magst Du ihm
indessen die Knigswrde bewahren.
    Kunz zog den Mund schief und sagte: So tauschen wir einmal die Rollen
vollstndig: nun bin ich heute auch der Knig - denn da Du eben der Narr bist,
ist eine ausgemachte Sache.
    Obwohl einem Hofnarren Alles fr Recht ausging, was bei Andern zum
Verbrechen ward, und obwohl der Knig selbst als Antwort nur lachte, machte der
Pallirer doch ein sehr finsteres Gesicht: nicht weil Kunz die Wrde des Knigs,
sondern weil er die der freien Maurer durch seine Bemerkung verletzte. Max
gewahrte dies nicht so bald, als er zum Pallirer sagte:
    Lass' es gut sein, mein Bruder, der Kunz da ist bei jeder Gelegenheit
bereit mit mir zu tauschen, und trgt es mir immer noch nach, da ich zu Brgge
auf der Kranenburg den Tausch verweigerte, der mir Freiheit und Leben, ihm aber
gewisses Verderben gebracht htte -
    Kunz lie den Knig nicht ausreden, hielt ihm seine Mtze vor den Mund und
sagte: Wenn Du mich immer verspotten willst, so werd' ich mir einen andern
Herrn suchen, und Du kannst Dir einen von Deinen Brdern da drinnen fr meine
Stelle mitbringen.
    Max schob ihn zurck, grte ihn und seine Begleiter und sagte: Nun gehabt
Euch fr heute wohl, Ihr Herren, und lat Euch die Zeit nicht lang werden!
    O den Wunsch geben wir in Gnaden zurck! sagte Kunz. Inde Du mit Deinen
Gesellen mauerst, werden uns die hbschesten Kinder Nrnbergs ber Deine
Abwesenheit trsten und wir werden diesen Trost wohl erwiedern!
    Der Knig hrte nicht mehr auf ihn, sondern war mit dem Pallirer in die
Htte getreten, die sich hinter ihm wieder schlo und aus der man nun laute
Willkommengre tnen hrte.
    Kunz aber hatte, so wie Max verschwunden war, seine lustige Laune verloren,
denn es war ihm unheimlich zu Muthe, wenn er von ihm getrennt war, seit diese
Trennung einmal so unglcklich gewesen, und er ward auch jedesmal verdrielich,
wenn er an seine Aufopferungsfhigkeit von dem Knig vor andern Leuten erinnert
ward. Fr eine That, die sich bei ihm so von selbst verstand, begehrte er nicht
noch Dank von seinem Herrn. Er hatte ihn darum auch nicht ausreden lassen,
obwohl man berall im Reiche die Geschichte aus Brgge kannte, auf welche der
Knig anspielte.
    Als Knig Max nmlich von der Stadt Brgge eine Einladung erhalten hatte,
daselbst Lichtmesse zu feiern, nahm er diese an, obwohl es ihm alle seine Rthe
widerriethen, da die Stadt sein Regiment nicht wollte und ihre Brger noch
besonders durch franzsischen Einflu wider ihn gereizt waren. Am 31. Januar
1488 zog er von etwa fnfhundert Reitern begleitet gen Brgge. Hier am Thore
noch warnte ihn Kunz von der Rosen nicht hineinzugehen, weil er in sein
Verderben renne. Max verwies ihm die Warnung und blieb bei seinem Entschlu. Da
sagte Kunz zu ihm:
    Lieber Knig, ich sehe, da Du hier mit Gewalt gefangen werden willst; da
ich aber dazu keine Lust verspre, so will ich Dir nur das Geleite bis an die
Burg geben und dann zum andern Thore wieder hinaus reiten. Deinen lieben Shnen
in Brgge traue der Teufel.
    Danach handelte er auch und verlie die Stadt und den Knig. Sobald er aber
erfuhr, da dieser wirklich in Brgge gefangen gehalten werde, versuchte er mit
zwei Schwimmgrteln versehen durch den Schlograben zu kommen, um vermittelst
des einen derselben seinen Herrn zurck ber den Graben nach einem Ort zu
bringen, wo er Pferde bereit hielt. Aber obwohl die Stille der Nacht ihn
begnstigte, weckte er doch die im Graben wohnenden Schwne, deren wildes
Geschrei das unbemerkte Gelingen seines Beginnens unmglich machte. Darauf
lernte er das Bart- und Haarscheeren, schlich sich in die Stadt und gewann einen
Franciskaner-Guardian, da ihn derselbe als Begleiter eines andern Mnchs als
des Knigs Beichtvater in dessen Gefngni schickte. Als mit ihm Kunz allein
war, gab er sich zu erkennen und verlangte, der Knig soll sich eine Platte
scheeren lassen und in der Mnchskutte entrinnen, inde statt seiner er im
Gefngni bleibe. Standhaft verweigerte Max die Annahme dieses Opfers, und wie
sehr Kunz auch flehete, weinte und zrnte, er mute wieder gehen, wie er
gekommen. Beim Abschied sagte er zu ihm: Wenn Du mir auch nicht vergnnst statt
Deiner zu bleiben, und Dich weigerst, mit mir die Rolle zu tauschen, wenn Deine
Hter kommen und den Knig suchen, so werden sie auch in Dir den Narren finden.
Inde war sein Kommen doch nicht ganz vergeblich, denn Max erfuhr von ihm den
Stand seiner Sache, und ebenso kam durch ihn berall die Kunde umher, wie es um
den Knig stand. Aber erst am 16. Mai erlangte er die Freiheit. -
    Etwa eine Stunde mochte Knig Max in der Bauhtte gewesen sein, als er aus
derselben wieder heraus trat, begleitet von dem Propst Anton Kre, dem
Httenmeister, Werkmeister und Pallirer und gefolgt von allen Werkleuten,
Gesellen und Lehrlingen, und mit ihnen zur nahen Lorenzkirche zog. Heute hatte
die Arbeit noch geruht. Alle hatten drinnen in der Htte beim Empfang des
kniglichen Baubruders gegenwrtig sein und seine Begrungsrede hren wollen,
die nicht auen gesprochen werden durfte, wo auch profane Ohren ihr htten
lauschen knnen. Jetzt eilten alle Steinmetzen, die bei dem uern Bau zu thun
hatten, an ihre Pltze. Max selbst hatte ein ledernes Schurzfell umgethan und
eine Kelle in der Hand, um zu zeigen, da er die edle Steinmetzkunst wohl
verstehe und ihrer Ausbung in der Mitte der Baubrder und vor allem Volk sich
nimmer schme.
    Im Freien ward bei solchen heiligen Bauten nur eben der wirkliche Aufbau mit
Kalk und Mrtel vorgenommen. Die Steine selbst wurden erst in der Htte behauen
und mit jener kunstreichen Ornamentik versehen, oder zu jenen bald plastisch
schnen, bald wunderlich komischen Gestalten vollendet, welche wir noch heute an
den Werken der Gothik bewundern.
    Albertus Magnus, der Grnder des gothischen Baustyls, hatte zu seiner
Bildung vieles aus den Schriften des Hermes Trismegistus und Plato benutzt und
den berhmten Lehrsatz des Pythagoras in Anwendung fr den Kirchenbau gebracht.
Dieser Lehrsatz grndete sich auf die Einheit, welche er in das Achtort als den
Mysterienschlssel seiner neu erfundenen Baukunst legte. Das Eine, welches die
Kraft, das Unerforschliche, den Anfang und das Ende aller Zahlen einschliet,
und doch selbst keine ist, weder gerade noch ungerade, lt sich durch keine
arithmetische Formel herstellen: Gott! und Gott ist Eins, ohne Anfang und Ende,
ewig, was durch den Zirkel und den Kreis symbolisch ausgedrckt wird. Der Zirkel
ist die Kraft, Festigkeit, das beharrliche Streben, wieder an den ersten
Ausgangspunkt zu gelangen. Daher stellte Albertus das Achtort, in welches er den
Zirkel stellte, das Dreieck, das den Kreis bildete, als Grundprinzip und System
des Styls und der Constructionen fest.
    Um den Maurern den langen und schwierigen Weg des Lernens abzukrzen und zu
erleichtern, und das Erlernte praktisch durchzufhren, ward der Tempelbau als
Gottesdienst gelehrt, und rief Albertus diese symbolische Sprache der Alten
wieder in's Leben, und pate sie den Formen der cabbalistischen, mathematischen
und geometrischen Baukunst an, wo sie in angenommenen Figuren und Zahlen als
Abkrzungen weitlufiger Anordnungen im Baugeschfte sehr gute Dienste
leisteten, um so mehr, als es den Bauvereinen nicht erlaubt war, die Grundstze
der Albertini'schen Baukunst schriftlich abzufassen, denn sie muten, um nicht
profanirt zu werden, stets das strengste Schweigen darber beobachten. Um das
Geheimni zu bewahren, bediente man sich der Symbole. Sie galten als Norm und
Richtschnur bei Ausbung der Kunst, und erleichterten dem, der sie verstand, die
Arbeit. Nach dieser einmal festgestellten Kunstsprache ward die Construction des
Baues gebildet.
    Der Geist dieser Geheimlehre wirkte segensreich, denn man nahm nur
diejenigen zu Lehrlingen auf, bei denen man die Fhigkeit fr ihr Verstndni
voraussetzen konnte. Sie muten sich einem ersten Examen unterwerfen, das nur
diejenigen bestanden, welche mit natrlichem Verstand und einigen nthigen
Vorkenntnissen z.B. in der Geometrie und Mathematik ausgerstet waren. Mehr noch
als die strenge Strafe und Entehrung, welche darauf stand, hielt das Ehrgefhl
und die Achtung, welche die Baubrder berall genossen, selbst der Nimbus des
Geheimnivollen, der sie umgab, davon zurck, die geweihte Sprache einem
Profanen mitzutheilen, und die Geschichte der Bauhtten hat kein Beispiel dafr,
da dies je ein freier Maurer gethan und seinen Schwur des Schweigens gebrochen
htte. Diese geweihte Sprache war fr die Bauleute unter sich Mittel der
Mittheilung, besonders zu der Zeit, da die Schreibkunst noch zu den seltenen
Knsten gehrte, und auch spter, wo die viel beschftigten Steinmetzen selten
Zeit fanden sie zu ben. Auch die Lehrlinge wurden gleichsam spielend mit Sinn
und Bedeutung der Symbole vertraut, da sie dieselben tglich vor Augen hatten
und bei der Arbeit den Unterricht der lteren Kameraden benutzten. Natrlich gab
es auch hier wieder verschiedene Grade, und dem Lehrling enthllte sich nicht
gleich das Ganze der Albertinischen Baulehre. Ein Symbol war oft erst wieder das
Symbol eines Symbols fr einen hheren Begriff, der nur den Gesellen deutlich
war, und Manches war wieder noch diesen, oder doch manchen unter ihnen
verschlossen, was der Werkmeister im hheren Sinne aufzufassen verstand. Diese
Meister machten die Projecte, Aufrisse und Grundplne nach dem Grundsatz des
Acht- und Sechsortes. Danach muten die Gesellen in der Htte die Profile auf
dem winkelrecht behauenen Stein aufreien und rein ausarbeiten. Man bediente
sich dazu der Mabretter, schablonenartig geschnittene Bretter, welche auf den
Stein gelegt wurden und diese danach behauen. Besonders war dies eine Arbeit der
Lehrlinge, inde die Gesellen mehr nach selbstndigen Entwrfen aus dem Freien
arbeiteten.
    Knig Max, der in seiner Jugend eben Alles zu lernen suchte, und der in der
Mathematik und Geometrie genug Kenntnisse besa, um bei seinen Fhigkeiten
schnell die ersten Grade der freien Steinmetzkunst durchlaufen zu knnen, hatte
sich in der Bauhtte zu Wien als Mitglied aufnehmen lassen, denn Niemand, selbst
frstliche und geistliche Personen nicht, durften die Bauhtte betreten, noch
einer Zeche oder einem Httentage beiwohnen, wenn sie nicht selbst Mitglieder
waren: nur solchen, welche das Pawort zu geben vermochten, ffnete sich die
Bauhtte, darum mute der Knig heute auch alle seine Begleiter von sich lassen,
weil sie smmtlich zu den Profanen gehrten. Der Propst Anton Kre und der
Httenmeister hatten die Ehre seine nchsten Begleiter zu sein. Niemand nannte
ihn hier Knig oder Majestt, sondern Alle redeten ihn nicht anders an, denn mit
Du und Bruder Max.
    Der Knig besichtigte den neuen Bau an der Lorenzkirche mit Kennerblick, und
da alle Baubrder an ihre Arbeit gingen, legte er selbst mit Hand an's Werk, um
zu zeigen, da er die Baukunst noch in jedem Stck verstehe. Bald stand er auf
der hchsten Gerstspitze des neuen Thurmes mit einem Fu, inde er mit dem
anderen nach seiner waghalsigen Gewohnheit anderthalb Schuh weit in die Luft
ma. Mit seiner Rechten schwang er die Kelle, und fgte den nchsten Stein ein,
weil er, wie er sagte, nicht dagewesen sei, um den Grundstein zu legen.
    Unten auf dem Platz um die Kirche stand vieles Volk und jauchzte dem khnen
Frsten zu, der so, fast dreihundert Fu hoch, in schwindelnder Hhe ber der
Menge schwebte, als sei er es nicht anders gewohnt. Und die Steinmetzen lobten
auch den Bruder Max, der es den khnsten und geschicktesten unter ihnen gleich
zu thun verstehe.
    Und wieder stieg er herab, stand vor der prchtigen Brautthr, ber deren
Portal die herrlichste, kunstvoll gearbeitete Fensterrose prangte, und welche
die fnf klugen und thrichten Jungfrauen schn in Stein gemeielt umstehen, und
trat durch das erhabene Portal in den noch erhabeneren Raum. Der Propst, der ihn
begleitete und sich nicht recht getrauen mochte, manche etwas zu tiefgehende
Frage des Knigs zu beantworten, hatte Ulrich neben sich gewinkt. Es bedurfte
hier keiner Vorstellung. Das ist das Monogramm des Bruders Ulrich, sagte Kre,
auf ein Kreuz mit dem Winkelma durchschnitten deutend, das sich an einem
Kapital befand, welches eine zierlich gearbeitete Krone von Eichenlaub
schmckte. Das war der Vorstellung genug, denn Maxens Blicke, die mit
Befriedigung auf den Werken ruhten, wandten sich in gleicher Weise zu dem
Steinmetzen, dem es nun vergnnt war, an seiner Seite zu wandeln.
    Und so gingen sie durch den erhabenen Bau, der im reinsten gothischen
Baustyl die Wunderwerke desselben verkndete. Wie war hier alles Starre an
Pfeilern und Gewlben verschwunden, wie hatte sich hier Alles gels't in ein
durchaus gegliedertes und bewegtes Leben. Zu prachtvollen Sulen waren die
Pfeiler emporgewachsen, und ringsum aus der Auenflche ihres Kernes schwangen
sich leichte Halbsulchen und Rhrenbndel empor, da die Masse des Pfeilers
gleich der Garbe eines lebendig bewegten Springquells aus dem Boden aufgestiegen
schien. In den Bgen, welche die Pfeiler verbanden, neigte sich diese
Springfluth im rythmischen Spiele und doch in sicherer Geschlossenheit
gegeneinander, an den Oberwnden des Mittelschiffs stieg sie in ungehemmter
Kraft empor, an allen Linien des Gewlbes strahlte sie herber und hinber. Was
noch an lastender Form die Seiten- und Oberwnde htte bilden mgen, verschwand
dadurch, da sie zu weiten und hohen Fenstern sich auseinander dehnten, whrend
doch ein elastisch gespanntes Sprossenwerk in hnlichen flssigen Formen
gebildet, allen Eindruck eines leeren Raumes aufhob. Die gesammte innere
Architektur war zum Ausdruck von Kraft und Bewegung geworden; sie zog die Sinne
und das Gemth des Beschauers unwillkrlich aufwrts, und doch war Alles von
jenem klaren Ebenmae erfllt, welches mit der Bewegung zugleich die erhabenste
Ruhe, mit der Kraft die edelste Majestt verband. Durch die prachtvoll in
schnstem Farbenglanze strahlenden Bogenfenster quoll ein Meer von Glanz und
Gluth - es war gleichsam die Inbrunst eines glhenden Gefhls, bei dem
tausendstimmigen Hymnus des Gebetes, der von den Steinen, welche zu sprechen
schienen, widerhallte, getragen von den tausend Armen und gefalteten Hnden,
welche die Pfeiler zur Feier des Hchsten emporstreckten.
    Auch ber Max kam diese weihevolle Stimmung. Er wandte sich von dem Propst,
der ihm weitlufig auseinander setzen wollte, da diese kstlich gemalten
Fenster erst krzlich von Veit Hirschvogel wren vollendet worden, dessen drei
Shne zugleich die Kunst des Vaters bten und es wohl auch zur Meisterschaft
bringen wrden. Obwohl Max, sonst ein Freund aller Knstler, gern von allen
erzhlen hrte, und sie auch selbst aufzusuchen oder zu sich zu bescheiden
pflegte, so mochte er doch im Augenblick, wo ein groer Gesammteindruck ihn
erfat hatte, Nichts vom Einzelnen hren, und sagte kurz abweisend: Wir
sprechen nachher davon, inde er zu Ulrich sagte: Hier ist Leben und Bewegung,
und doch ein Bau, der von Ewigkeiten spricht, der Stand halten wird im Sturm der
Zeiten. Tausende haben daran gebaut, und ist doch ein Geist in dem Ganzen, und
hat doch jeder einzelne Stein seine Stimme, aber alle klingen zusammen in einer
groen Harmonie. Ich wollte, ich knnte das deutsche Reich erbauen wie einen
Dom.
    Erbau es nach einem solchen! sagte Ulrich feierlich. Du bist der erste
deutsche Knig, der einen Einblick gewonnen in die Mysterien eines solchen
Baues; zeige es den Geweihten, da Du ein echter Schler bist des Albertus
Magnus und so durchdrungen von seiner erhabenen Lehre, da Du gar nicht anders
kannst, als sie auf alle Verhltnisse anwenden. Sieh', kein Profaner hat den
Schlssel zu dem geheimen Grundprinzip unseres Tempelbaues; aber im Tempel
selbst beten alle Profanen an, von der gttlichen Macht bezwungen; sie verstehen
nicht die heiligen Symbole, aber die gewaltige Harmonie, die aus den Steinen
redet, klingt in allen Herzen wieder, alle beten an und fhlen: so mu es sein,
so lobt das Werk die Meister, die sich selbst verbergen und nur still sich
freuen, da sie Ewiges geschaffen im Endlichen, geschaffen in einem Geist und
doch mit tausend Hnden.
    Bruder Ulrich, versetzte Max, indem er dem begeisterten Sprecher tief in
die Augen sah, ich frchte, wenn ich auch den Grundri mache gleich dem besten
Baumeister: die tausend Hnde werden fehlen, die willig sind und geschickt, die
Steine nach dem Plan zusammenzufgen zur Harmonie eines ewigen Baues.
    Sie werden nur fehlen, wenn der Aufschwung fehlt, der Glaube an die Macht
des Ganzen! fiel ihm Ulrich in's Wort; aber Beides wird kommen, wenn die
Stimme des Meisters ruft und sie den Grundstein gelegt sehen zu einem neuen Bau.
Du hast die erhabene Sendung empfangen, das Haupt des deutschen Reichs zu sein:
so stelle Dich hin mit Zuversicht in seine Mitte; sei nicht nur der Baumeister,
der den Plan entwirft, sei selbst der Mittelpunkt des Sechsortes, sei die
Grundlinie in dem Achtort, sei der Zirkel, der darinnen steht und den heiligen
Kreis um sich zieht, und das erste Quadrat trage Wahrheit, Freiheit, Recht und
Kraft an seinen Spitzen, denn darin ruhet die Signatur Gottes, und das zweite
Quadrat sei die Einheit, die das Achtort bildet, und darauf allein baue weiter:
dann wird das ganze Volk in Deinen Tempel strmen, preisen und danken und sich
neigen vor der gttlichen Macht.
    Frwahr, sagte Max, ich mchte wissen, ob je Albertus Magnus sich htte
trumen lassen, da seine Lehre vom Kirchenbau einmal solche Anwendung finden
wrde auf das Reich.
    Warum nicht diese? fragte Ulrich. Er hat den Tempelbau als Gottesdienst
selbst gelehrt, und solcher ist es auch den Tempel einer Nation zu erbauen; das
Hchste wird vollbracht, wenn es den hchsten Mastab an sich legt. Hier ist
Leben und Bewegung, sagtest Du vorhin selbst, und doch ein Bau, der Stand halten
wird im Sturm der Zeiten! Siehe, so ist es! gerade nur ein solcher vermag zu
dauern, den das Leben sich frei entfalten lt und keine Bewegung verhindert.
Denke Du auch so auf dem Thron des deutschen Reichs. Hindere keine Bewegung im
Volke, die nicht das Ganze bedroht, hindere keine Bewegung im Reich der Geister,
gieb nicht zu, da die Pfaffen sie jemals hindern! Was wir als Geweihte erkannt
und um unsere Erkenntni wenigstens anderen Geweihten durch Symbole
mitzutheilen, und da und dort auch den Profanen, wenigstens solchen, die in den
Steinen lesen knnen, in unsern Wahrzeichen kund thun, da wir, die wir zum
Kirchenbau berufen, doch die Gebrechen der Kirchendiener und Verfassung
erkennen: das vergi nicht drauen im Reich: herrsche mit der Krone und dem
Scepter Karl's des Groen, aber la den Kaiserthron mehr sein als einen
Fuschemmel unter dem ppstlichen Stuhl.
    Max antwortete nichts mehr, weil er nichts mehr hren mochte. Nur der freie
Maurer durfte eine solche Sprache reden, nur als freier Maurer durfte er sie
anhren. Noch war er ja nur Knig, noch nicht Kaiser. Er wandte sich von Ulrich
zu Anton Kre, der als stiller, staunender Zuhrer neben ihm geblieben war. Ihn
schienen Maxens Blicke zu fragen: Was dnket Euch von solcher khnen Rede?
    Als Antwort flog ein vterliches Lcheln ber das wohlgenhrte Gesicht des
Propstes und er sagte nur: Ein begeisterter Schwrmer, der Entwrfe zu
Riesenbauten in seinem Kopfe trgt, fr die ein Dom von Stein noch eine zu
kleine Aufgabe, so da sie darber hinaus sich in fremde Regionen wagen. Das
legt sich mit den Jahren. Ich habe auch schon Steinmetzen gekannt, die Plne zu
himmelhohen Thrmen entworfen, und dann froh waren, wenn ein Sacramentshuslein
daraus zu Stande kam.
    Als der Knig mit der Besichtigung der Lorenzkirche fertig war, begab sich
der Zug der Baubrder in die St. Sebastianskirche, denn auch dies herrliche
Bauwerk hatte Max noch nicht gesehen, da er ja zum ersten Male in Nrnberg war.
In der groen steinernen Bauhtte, die seit dem Kirchenbau dem Rathhaus
gegenber erbaut worden und stehen geblieben, sollte das Festmahl, die Zeche
gehalten werden, da diese Bauhtte grer war als jene und jetzt auch nicht
darin gearbeitet ward, der Raum darin also vollkommen frei war. Man hatte sie
neu mit schnem Ultramarin ausmalen lassen, und berall glnzten auf dem
himmelblauen Grunde Zirkel, Winkelma und Dreieck. Das Bild des heiligen
Johannes befand sich in der Mitte auf Goldgrund gemalt, und in einiger
Entfernung glnzte auf der himmelblauen Wand ein Kranz goldener Sterne darum.
Das Sechs- und das Achtort waren zu beiden Seiten an die Wand gezeichnet. Unter
jenem stand:

Des Steinwerks Kunst und all' die Ding'
Zu forschen, macht das Lernen g'ring.
Ein Punkt, der in den Zirkel geht,
Der im Quadrat und Triangel steht.
Trefft Ihr den Punkt, so seht Ihr's klar,
Und kommt aus Noth, Angst und Gefahr.
Hiermit hab't Ihr die ganze Kunst.
Versteht Ihr's nicht, so ist's umsunst.
Alles, was ihr gelernt hab',
Das klagt Euch bald, damit fahrt ab!

Die Acht war den Theosophen von jeher die wichtigste Zahl als doppelte Vier die
Signatur Gottes in der sichtbaren Welt. Die Zahlen des Achtortes umgaben hier
dasselbe: 1. 3. 4. 5. 7. 9. 10. 12 als solche, die alle in dem Zirkel liegen und
deren Grundlage die Wurzel 1 ist. Aus Eins entspringt Drei, aus Drei: Vier, die
Zahl der Buchstaben im Namen Gott, der fast in allen Sprachen deren vier hat.
Unter dem Achtort stand:

Was in Steinkunst zu sehen ist,
Das kein Irr- noch Abweg ist:
Sondern schnurrecht ein Lineal
Durchzogen vom Zirkel berall.
So findest Du Drei in Vieren steh'n
Und also durch Eins in's Centrum geh'n.
Auch wieder aus dem Centrum in Drei
Durch die Vier im Zirkel ganz frei.

In der Mitte befand sich eine groe Tafel mit blauen Bechern besetzt und hohen
Armleuchtern, auf denen dicke Wachskerzen brannten, denn die Fenster der Htte
waren mit schweren Lden aus eichenem Holz mit Eisen beschlagen verschlossen,
damit kein profanes Auge von auen einen Blick in die Htte zu werfen wage.
    Drinnen wurden Bundeslieder gesungen und einander zugetrunken auf das Wohl
der Baubrderschaften und auf das des Bruders Max.
    Nachdem dieser schon manches schne Wort gesprochen, das gnstig fr deren
ferneres Gedeihen mochte gedeutet werden, und der Stoff der Reden erschpft
schien, stand er nochmals auf und sagte:
    Ich habe noch Etwas auf dem Herzen. Es ist einem meiner Ritter unter Spott
und Schimpf auf dem Feste der Brgerschtzen sein Schwert entrungen worden, und
seiner Beschreibung nach ist es ein Trupp Baubrder gewesen, der sich dessen
unterfangen hatte. Ich will hier nicht Gericht als Knig hegen, aber ich will
meine Brder bei ihrem Eid befragen, wer das gewesen und wie sich die Sache
verhlt?
    Ulrich und Hieronymus standen auf und traten vor. Ersterer sagte: Ich hie
den Ritter sein Schwert vom Knig fordern, wenn er es wieder haben wolle, da er
allein entscheiden knne, ob er wrdig sei es wieder zu empfangen. Bis dahin
nahm ich es an mich. Ich dachte weder, da der Ritter seine Schuld bekennen,
noch da er seinen Herrn so frech belgen wrde. Und er erzhlte
wahrheitsgetreu, was auf der Hallerwiese sich zugetragen, und Hieronymus
besttigte es.
    Gehrte das Frauenzimmer zu den Familien der Genannten? fragte der Knig.
    Hieronymus antwortete: Es war die Gemahlin des Herrn Christoph Scheurl,
Elisabeth, aus dem hochangesehenen Geschlecht der Behaim.
    Maxens Augen blitzten. Er sagte zu den Beiden: Nicht wahr, es steht
schlimm, wenn Ihr, die Ihr das friedliche Gewerbe heiliger Baukunst treibt und
Euch fern halten mt von allen holden weiblichen Wesen, genthigt seid die
Ritter eines solchen gegen einen Ritter meines Gefolges zu werden? Ich werde ihm
sagen, da er sein Schwert wieder haben solle, aber erst wenn er die Ringmauer
dieser guten Stadt hinter sich habe, die ich ihm befehlen werde schleunig zu
meiden, da seine Gegenwart nur mir und meinen Begleitern zu Schimpf und Schande
gereichen knne!

                                Neuntes Capitel



                                  Frohe Feste

Bei den Gastmhlern, welche der Rath von Nrnberg auf dem Rathhause bei
festlichen Gelegenheiten zu geben pflegte, war auch die Betheiligung der Frauen
und Tchter der Rathsmitglieder Sitte, allein sie fanden ihren Platz an einer
gesonderten Tafel. Die aufgetragenen Speisen wurden zuerst an der Tafel der
Rathsherren herumgegeben, und die Frauen erhielten nur von denjenigen Schsseln,
deren Inhalt bis zu ihnen reichte.
    Demgem waren auch die Tafeln bei einem Mahl geordnet, das der Rath zu
Ehren des Knigs Max veranstaltet und ihn sammt dem Markgrafen Friedrich und
allen andern Rittern und Herren geladen hatte.
    Als der Knig mit seinem Gefolge eintrat, waren die Nrnberger bereits alle
versammelt und harrten in einem Halbkreis aufgestellt, die Herren auf der einen,
die Damen auf der andern Seite, seiner Ankunft, die schmetternde Trompetenklnge
verkndeten. Die beiden Loosunger Tucher und Holzschuher wiesen ihm seinen Platz
oben an der Tafel an, den unvermeidlichen Kunz von der Rosen an seiner linken
Seite und an seiner Rechten den Markgrafen von Brandenburg, daran reihten sich
die beiden Loosunger, und nun wechselte je ein Rathsherr mit einem Ritter ab
nach strengster Rangordnung.
    Kunz machte ein so erstauntes, auffallend dummes Gesicht und sa so
regungslos wie vom Schreck gelhmt, da der Markgraf zu ihm sagte: Nun Kunz,
Ihr seh't aus, als sei Euch die Butter vom Brode gefallen, und habt doch zur
Zeit weder das Eine noch das Andere erhalten.
    Aber es sieht mir ganz danach aus, sagte Kunz, als wolle uns dieser
hochedle Rath mit trockenem Brode abspeisen, denn die Unterhaltung mit diesen
Herren wird sich mir bald wie trockene Krumme im Munde wlzen, wenn nicht das
Lcheln der Frauen die Butter dazu sein darf.
    Der Markgraf lachte: Ja das ist so Nrnberger Art. Der Rath hat im Kampf
wider den Putz der Frauen erliegen mssen, aber bei seinen Gastmahlen wei er
noch sich in Respect und sie im Zaum zu halten.
    Ei, das wollen wir doch sehen! sagte Kunz und schielte fragend nach dem
Knig.
    Der aber antwortete: Du bist mein Rath und ich nicht der Deine. Ich will
hoffen, da Dich Dein Witz nicht im Stiche lt, uns vom trockenen Brode zu
helfen!
    Kunz sprang auf, kehrte aber, da er schon einige Schritte gethan hatte,
wieder um, nahm den bereits gefllten Humpen in die Hand, der an seinem Platze
stand, und sagte: Beinah' htte ich vergessen mich gegen eine trockene Kehle zu
verwahren!
    Mit einem Satze war er an der Frauentafel und stand vor Elisabeth.
    Erlaubt, edle Frau, sagte er, da ich Euren Platz fr mich in Anspruch
nehme, um Euch dafr den meinigen zu bieten. Sollte Euch der Tausch nicht genehm
sein, so bleibt mir Nichts als meine Schalksfreiheit zu brauchen und den Sitz
mit Euch zu theilen; Ihr braucht nur ein wenig zuzurcken, so haben wir Beide
Platz!
    Dieser Nachsatz gengte, da sich Elisabeth eilig erhob, erglhend dem
Hofnarren in's Gesicht sah und nicht wute, was sie thun oder antworten sollte,
inde die neben ihr sitzende Katharina Haller schadenfroh lchelte und mit
zrtlichem Neigen auf Kunz blickte, denn sie nahm sein Kommen und da er gerade
an ihrer Seite Platz nahm, fr eine ihr dargebrachte Huldigung, und inde ein
Theil der Frauen laut lachte, verlie Markgraf Friedrich seinen Platz, ging auf
Elisabeth zu, und indem er sich vor ihr verneigend ihre Hand fate, sagte er zu
den Herren an der Tafel gewendet: Die anderen Ritter werden dem Beispiel
folgen, das der lustige Rath gegeben, und zu Elisabeth: Erlaubt, da ich Euch
zur Tafel fhre, wie es Ritterbrauch.
    Und Kunz flsterte ihr zu: Nehm't es nicht bel, wenn Euch der Platz des
Narren werden soll; nur wenn Ihr es mir nicht Dank wtet, wret Ihr eine
Nrrin. Ihr hrtet eben, da mich der Herr Markgraf einen lustigen Rath genannt,
und da knnt Ihr wohl meine Stelle besser ersetzen. Ich sah, wie die Adleraugen
meines Knigs zu Euch flogen, und obwohl er Falkenblicke hat und auch in solcher
Entfernung keiner Eurer Reize ihm entgeht, so wird er sich Eures Anblickes doch
lieber in der Nhe erfreuen.
    Erglhend, aber mit stolzem Anstand schritt Elisabeth, von Friedrich gefhrt
den Ehrenplatz an der Seite des Knigs einzunehmen auf diesen zu, inde die
Ritter und einige jngere Nrnberger aufstanden, um zwischen den Damen Platz zu
nehmen oder sie mit sich zur kniglichen Tafel zu fhren. Es entstand ein buntes
Gewirre, da auch die ehrwrdigsten Rathsmitglieder, die mit Schrecken diesen
Umsturz alles wohllblichen Herkommens durch den Narren sahen, Mhe hatten
durchzudringen und nur einen leidlichgeordneten Zustand herbeizufhren, wo eine
vllige Anarchie einzureien drohte. Endlich hatten wieder alle Platz genommen,
und mit Elisabeth saen noch elf Damen unter den Herren, whrend eben so viele
Herren an der kleineren Damentafel Platz genommen, darunter auch Stephan, der
den Platz neben Ursula erobert.
    Max versumte zwar nicht die Pflicht des kniglichen Gastes, sich Allen zu
widmen und fr Jeden, den sein Wort erreichen konnte, freundliche Rede und ein
geflliges Ohr fr die eines Andern zu haben, aber er hatte daneben doch immer
bewundernde Blicke fr Elisabeth, und eben so oft, wie er ihr eine se
Schmeichelei zuflsterte, sprach er auch laut mit ihr ber dieselben
Gegenstnde, welche mit den Mnnern zur Sprache kamen, wobei sie oft klgere und
geistvollere Antworten zu geben vermochte als manche von ihnen.
    Einmal fragte er sie leise: Vermit Ihr nicht Einen unter meinen Rittern?
    Sie lie ihre Augen umherschweifen und verneinte die Frage.
    Das nimmt mich Wunder! sagte er, denn um Euretwillen habe ich Eberhard
von Streitberg geboten die Stadt zu verlassen.
    Elisabeth ward todtenbla, und man sah, wie kalte Schauer ihre zarte, weie
Haut berrieselten; sie blickte vor sich nieder und vermochte nicht zu
antworten.
    Habe ich das nicht recht gemacht? fragte Max mit dem Ausdruck der
Verwunderung und suchte in ihren Augen zu forschen. Ihr hab't nur zu befehlen,
so ruft ihn ein Eilbote wieder zurck, und wenn ihm Eure Vergebung wird, soll
ihm auch die meinige werden.
    
    Nie, nie! rief Elisabeth, und dann fgte sie hinzu: Ich danke Eurer
Majestt, die mich von einer groen Angst und Qual befreit hat.
    Es war hier nicht der Platz zu einem weitern Gesprch, das nicht von andern
Ohren gehrt werden sollte, und so ward es durch andere Unterhaltungen beendet,
bei denen Elisabeth lange die stumme Zuhrerin machte, denn die Nennung des
Ritters von Streitberg hatte sie in eine kaum geringere Aufregung versetzt, als
neulich seine Gegenwart. Um ihretwillen hatte ihn der Knig fortgeschickt? Was
wute er von ihr und ihm? hatte Eberhard unziemlich oder drohend von ihr
gesprochen? hatte er erfahren, wie sich jener auf der Hallerwiese gegen sie
betragen? durch wen denn, wenn nicht durch ihn selbst; denn mit jenen Jnglingen
oder den Steinmetzgesellen, die sie beschtzten, konnte der Knig doch unmglich
selbst gesprochen haben? Auch jene Aeuerung des Markgrafs, da sie ihn so wenig
wie den schwarzen Ritter habe bemerken wollen, fiel ihr jetzt schwer auf's Herz.
Was hatte Eberhard von ihr gesprochen? hatte er Lge oder Wahrheit geredet - es
dnkte ihr Beides gleich entsetzlich! - Und doch war ihr, als knne sie jetzt
erst freier athmen, seit sie von der Furcht befreit war, ihn wieder zu treffen,
und es mischte sich ein Gefhl stolzen Triumphes bei, weil sie diese Befreiung
der Gnade des Knigs dankte - der Theilnahme, die sie in ihm erregt; so war die
ritterliche Hflichkeit, mit der er sie vor allen andern Frauen Nrnbergs
auszeichnete, mehr als ein momentaner Sieg ihrer Schnheit, so dachte er ihrer
auch, wenn er sie nicht erblickte, und handelte fr sie.
    Inzwischen sagte an der andern Tafel Katharina Haller zu Kunz von der Rosen:
Ihr hab't wohl die Scheurlin schon frher gekannt, weil Ihr so vertraut mit ihr
seid?
    Ei, das ist mein Vorrecht wie bei dem Knig so bei den schnen Frauen,
antwortete Kunz, sie machen die vernnftigsten Mnner zu Narren, und da wte
ich nicht, warum ihnen gegenber ein Narr aufhren sollte einer zu sein.
Uebrigens wit Ihr ja, da mein Herr und ich selbst zum ersten Male in Nrnberg
sind.
    Deshalb httet Ihr die Scheurlin doch schon gesehen haben knnen, denn sie
ist einmal ber ein Jahr fort gewesen, um sich in Venedig und Gott wei wo Alles
abenteuerlich umher zu treiben, berichtete Katharina, und fgte hinzu, indem
sie den Mund hhnisch spitzte: Freilich, es ist wahr, wenn Ihr sie frher
gekannt httet, wrdet Ihr sie schwerlich der erwiesenen Ehre wrdigen; in der
Fremde hat sie sich, wie man hrt, nicht viel besser betragen denn andere
fahrende Frauen, und welch' anstiges Verhltni sie mit dem hergelaufenen
Poeten, dem Celtes gehabt, wei ganz Nrnberg.
    Ursula, die auf der andern Seite des Narren sa und zwar nur Aug' und Ohr
fr Stephan hatte, vernahm doch diese Schmhung Elisabeth's, die ihr das Blut
in's Gesicht trieb, und sagte:
    Glaubt das nicht, Herr von der Rosen! Frag't andere ehrsame Frauen und
Mnner in Nrnberg nach der edlen Frau Scheurlin, und alle werden mit Achtung
und Anerkennung von ihr sprechen.
    Solche ausgenommen, fiel ihr Stephan in's Wort, um ihre Rede zu vollenden,
die ihre geistigen und krperlichen Vorzge ihr mignnen, weil sie sich
dadurch in den Schatten gestellt fhlen.
    Ereifert Euch nicht, werthe Damen und Herren, antwortete Kunz mit um so
grerer Ruhe; ich mte kein Narr sein, wenn ich nicht wte, da die Menschen
sich berall gleich sind, was Neid und Verleumdung reden, spaziert bei mir zu
dem einen Ohr herein, um zu dem andern wieder hinaus zu gehen, und sagt mir nur,
wie wenig von den Leuten zu halten, die also sich bemhen Andere herabzusetzen;
vor denen aber, welche Andere vertheidigen, nehm ich meine Kappe ab! Damit
verneigte er sich ehrerbietig vor Ursula und schttelte Stephan die Hand.
    Die gedemthigte Katharina sa sprachlos vor Wuth da und wendete sich zu
ihrer stumm gebliebenen Nachbarin Beatrix Immhof, einer hbschen, stillen
Jungfrau, und sagte zu ihr:
    Nun sieht man doch, da die alte Sitte gut ist, wenn wir Frauen fr uns
allein speisen; die Gegenwart der Mnner verbittert die Unterhaltung.
    Beatrix fhlte sich gerade nicht veranlat dem beizustimmen, denn neben ihr
sa der Ritter Apel von Weyspriach und erzhlte ihr Wunderdinge von seiner Reise
aus dem heiligen Lande. Dieser wandte sich jetzt zu Frau Katharina und sagte
leise:
    Ihr hab't nur einen milichen Platz neben dem Narren; sobald er uns einmal
von seiner Gegenwart befreit, mcht' ich gern von Euch Nheres ber Celtes und
die Scheurlin hren, und wie die gefeierte Schnheit noch dazu gekommen, einen
zwanzig Jahre ltern Mann zu heirathen, der ihr freilich das Leben nicht schwer
zu machen scheint?
    Katharina nickte ihm hocherfreut und beifllig zu, aber sie hielt ihre Zunge
im Zaume, so lange Kunz neben ihr sa, von dem sie noch mehr als eine derbe
Anspielung ber neidische und klatschschtige Frauen hren mute.
    Die Mahlzeit whrte bis zur Dmmerung, wo sich die Frauen entfernten, um zum
darauf folgenden Ball sich umzukleiden; inde zechten die Mnner noch weiter,
und es gehrte viel Muth und Tanzlust der Frauen dazu, zu dieser wsten
Geschellschaft wieder zurckzukehren und von den angetrunkenen Mnnern im Tanz
sich schwenken zu lassen. Inde war es so Sitte, selbst im ehrbaren Nrnberg,
ber dessen Zucht und Ordnung die Rathsherren sorgfltiger wachten, als in einer
anderen Stadt geschah, und das von allen zeitgenssischen Schriftstellern als
ein Muster von wrdigem Anstand und feinen Sitten hingestellt wird. Aber auch
von dieser Stadt schreibt Konrad Celtes selbst, der sich in ihr so wohl fhlte,
wie sonst nirgends: Bei den meisten deutschen Vlkerschaften giebt es Anla zu
blutigen Znkereien und zu vielen andern Uebeln und Ausschweifungen, da sie
einander nach gewissen Gesetzen und Gebruchen aus groen Bechern zutrinken,
wobei sie sich wie ber einen groen Sieg rhmen, wenn sie einen sinnlos und
gleichsam todt zu Boden gebracht haben. Hier in Nrnberg sind die Tischgesprche
gar artig und gegen die Weise der Deutschen gesetzt, ohne Hndel und ohne
freches Gelchter, sondern durch bescheidenes Stillschweigen niedergehalten. Das
Schimpfen und Fluchen ist hier weniger an der Tagesordnung als anderswo.
    Die Nrnbergerinnen kehrten also wieder zurck, nachdem sie die schweren
Woll- und Sammetstoffe mit leichteren Kleidern von dnner Seide und jenem zarten
Stoff vertauscht hatten, welchen die alten Dichter seiner Durchsichtigkeit wegen
gewebte Luft nannten, Haar und Gewnder mit lebendigen Blumen geschmckt.
    Knig Max selbst erffnete den Tanz mit Eleonore Tucher, inde Markgraf
Friedrich mit Elisabeth tanzte. Dafr widmete der Knig dieser spter mehr als
einen Tanz und erwies ihr jede ritterliche Huldigung.
    In welchen Rausch von Stolz und Glck sie auch dadurch versetzt ward, so
gehrte sie doch auch jetzt nicht zu den selbstschtigen Naturen, die alles
Andere ber sich selbst vergessen. Darum sagte sie zu dem Knig:
    Darf ich mir eine Gnade von Euch erbitten?
    Ihr wit, es wird mich glcklich machen, Euch Alles zu erfllen, was ein
Knig erfllen darf.
    Nun so tanzet den nchsten Tanz mit der blonden sanften Jungfrau im weien
Kleid mit Rosen geschmckt, die eben mit Stephan Tucher an uns vorberschwebt,
sagte Elisabeth.
    Der Knig lchelte: Da htte ich jede andere Bitte erwartet als eine
solche! Wer ist das hbsche Kind?
    Die Tochter Gabriel Muffel's, der unter den Rathsherren Euch vorgestellt
ward. Es giebt Leute, die es der Enkelin wollen entgelten lassen, da ihr
Grovater vor zwanzig Jahren hier als Loosunger gerichtet ward. Sie ist das
edelste und sittsamste Mdchen von Nrnberg, erhebt sie durch Eure Gnade vor
diesen ungerechten Menschen.
    Es soll geschehen, sagte der Knig; aber hab't Ihr nichts Anderes zu
wnschen?
    Stephan Tucher, fuhr Elisabeth fort, wird Euch begleiten, wie ich hre,
lat ihn Eurer Gnade empfohlen sein.
    Max lchelte: Darf Euer Gemahl diese Frbitte hren?
    Er wrde sie wiederholen, wenn Ihr ihm dieselbe Gnade erwieset wie mir,
versetzte Elisabeth ruhig; dieser Tucher liebt die Jungfrau Muffel, aber der
Eigensinn der Vter widersetzt sich dieser Verbindung - nehm't Ihr das liebende
Paar in Euren gndigen Schutz.
    Max lie seine Blicke auf Elisabeth mit reiner Bewunderung gleiten, die
jetzt nicht ihren Krperreizen, auch nicht ihren Kenntnissen, sondern den
Eigenschaften ihres echtweiblichen Herzens galten, die sich jetzt ihm
offenbarten, und sagte bewegt: Keine andere Bitte?
    Doch! versetzte Elisabeth, wenn Eure Majestt mich noch lnger anhrt.
Heute bei der Tafel erzhlte man Euch von Konrad Celtes, und wie Euer erlauchter
Vater, unser gndigster Kaiser und Herr mich ausersehen, ihm den Dichterkranz
auf's Haupt zu setzen; vor all' den anderen Herren wagte ich nicht weiter von
ihm zu sprechen, jetzt aber mcht' ich Euch bitten: leset seine Schriften und
wollet bedenken, da der nchste Platz neben dem Frsten dem Dichter gebhren
sollte. Ich wollte, er wre jetzt noch hier: er wrde Euch verstehen wie kein
Anderer, und Ihr wrdet seine Verdienste erkennen und zu wrdigen wissen wie
kein Anderer!
    Ihr seid ein wunderliches Weib! rief der Knig; was kmmern Euch Andere?
warum denkt Ihr nicht an Euch selbst?
    Nur wenn ich an Andere denken kann, leb' ich mir selbst! antwortete sie,
und fgte bei sich selbst hinzu: wenn ich fr Andere nicht leben kann, so will
ich doch an sie denken! Dann fuhr sie fort: Mich kmmerte es wohl, die beiden
einzigen Mnner, die ich als die edelsten ihres Geschlechtes verehre, berufen
dem gesunkenen deutschen Reiche wieder aufzuhelfen, Hand in Hand wirken zu sehen
und die neue Zeit heraufzufhren, der Alle, welche denken knnen, sich
entgegensehnen.
    Max hatte ber dieses Gesprch des Tanzen vergessen - so hatte noch keine
Frau zu ihm geredet. Eine neue Zeit! wiederholte er sinnend. Ihr werdet mit
mir die Tage der vergangenen Herrlichkeit und Kraft des Kaiserreiches
wiederkehren sehen, der Thron Karl's des Groen wird seinen alten Glanz
entfalten und die Ritterlichkeit jener alten Zeit sich durch mich erneuern!
    Elisabeth seufzte. Seit ihr Bruder ausgezogen war, um neue Welten zu
entdecken, seitdem Celtes das Studium schner Menschlichkeit den vertrockneten
Lehren der Kirchenvter siegreich entgegen gestellt, seit der Bruder wie der
Dichter ihre Lehren ihr verdeutlicht, war sie gleich ihnen mit der ganzen
Inbrunst einer sehnenden und ahnungsvollen Frauenseele zu einem schnen
Zukunftsglauben begeistert worden, und der Knig, der ihr als das Ideal eines
Helden und Volksbeglckers erschien, wenn jemals einer auf einem Thron gesessen
- der sprach nun von der Rckkehr zu der Herrlichkeit der alten Zeit!
    Aber er deutete ihr Seufzen anders und sagte: Ihr hab't noch etwas auf dem
Herzen - sprech't es aus; hab't Ihr denn keinen eigenen Wunsch, den Euer Knig
erfllen knnte?
    Er sah sie dabei so zrtlichglhend an, da sie nach einigem Bedenken
errthend sagte: Nun denn: wenn Ihr wieder einmal nach Nrnberg kommt und die
Veste vielleicht nicht wrdig bereitet ist Euch aufzunehmen, so betrachtet das
Haus Christoph Scheurl's als das Eurige.
    Seid versichert, ich werde Eure Einladung annehmen! rief Max, reichte ihr
zum Versprechen die Hand und kte die ihrige. Damit verabschiedete er sich
zugleich von ihr, denn der Tanz war zu Ende, und mit dem nchsten erfllte der
Knig Elisabeth's erste Bitte: er winkte den Narren herbei, damit er ihm Ursula
zufhre. Die bescheidene Jungfrau war nicht wenig erstaunt ber die ihr
erwiesene Ehre, und wagte vor sittiger Verschmtheit und Bescheidenheit kaum die
Augen aufzuschlagen zu dem ritterlichen Knig. In immer grere Verwirrung
gerieth sie, als dieser sie mit Stephan Tucher neckte und an ihrer Verlegenheit
sich weidete. Zuletzt aber sagte er zu ihr:
    Verlat Euch auf Euren Knig! Ein wenig Prfung mssen alle liebenden Paare
bestehen, denket Ihr nur unter den Eurer an mein Wort: da ich nicht anders denn
zu Eurer Hochzeit mit Stephan Tucher nach Nrnberg zurckkehren will, wenn Ihr
in rechter Treue fr einander beharrt! Das mge Euch trsten!
    O Majestt! rief sie und suchte doch vergebens nach weitern Worten ihren
Dank zu schildern. Aber da der Tanz beendigt war, eilte sie zu Elisabeth, denn
sie ahnte, da sie es war, der sie dies Glck verdankte. In ihren strahlenden
Augen glnzte fr Elisabeth der reichste Lohn eines Dienstes, den uneigenntzige
Freundschaft geleistet. Ihr Zweck war doppelt erreicht, denn auerdem, da
Ursula das knigliche Wort als besten Trost empfangen, waren auch die
Nrnberger, die ihr die Schande ihres Grovaters nachtragen wollten, durch die
Auszeichnung beschmt, welche der Knig selbst ihr zu Theil werden lie.
    Unter mancherlei Festen hnlicher Art war der dritte September
herangekommen, den der Knig zu seiner Abreise bestimmt hatte.
    Das Abschiedsmahl hatte Markgraf Friedrich auf der Veste veranstaltet und
dazu nur eine ausgewhlte Gesellschaft eingeladen, die, das Gefolge des Knigs
ausgenommen, aus zwanzig Frauen und fnfzehn Mnnern bestand, smmtlich den
vornehmsten Nrnberger Geschlechtern angehrend. Gleich nach dem Mahl wollte der
Knig zu Herzog Otto von Baiern nach Neuenmarkt reiten, der ihn dahin zu sich
eingeladen, und von da nach Linz gehen zu seinem Vater, um die habsburgischen
Erblande wieder zu erobern.
    Noch einmal hatte Elisabeth das Glck, an der Seite des Knigs ihren Platz
angewiesen zu erhalten. Mit Staunen sah sie auf ihrem Teller eine kunstvoll
gearbeitete Rose von in Gold gefaten Rubinen mit Blttern von grnen Smaragden
an eine goldene Nadel befestigt. Sie warf einen fragenden Blick auf den Knig,
und dieser sagte:
    Die Rosen, die Ihr mir bei meinem Einzug zuwarfet, habe ich Euch zu Ehren
getragen, bis sie verwelkten; aber ich werde sie immer als Angedenken an
Nrnbergs edelste Frau bewahren - verschmhet dafr nicht diese Rose mir zu
Ehren an Eurem schnen Busen zu tragen, sie ist von ewiger Dauer.
    Sie nahm das kostbare Geschenk errthend und mit tiefem Verneigen und sagte:
Nicht Euch - mir selbst zu Ehren gereicht solch' bleibend Zeichen Eurer
kniglichen Gnade. Eines Angedenkens daran, wie sie mir jetzt zu Theil geworden
bedarf es nicht!
    Sag't Verehrung! flsterte er ihr mit sem Lcheln zu; und wenn Ihr
einmal etwas zu bitten hab't, am liebsten fr Euch selbst oder auch fr Andere:
so lat mich die Rose wieder sehen; sie wird mich an glckliche Tage mahnen, und
ich werde jeden Wunsch erfllen, den Ihr an die Rose knpf't.
    Im Anfang fehlte diesmal die frhliche Stimmung, die in den vergangenen
Tagen geherrscht. Der Knig war stiller als sonst. Ward es ihm wirklich schwer,
von der anmuthsvollen Nrnbergerin zu scheiden, oder dachte er nur daran, da er
nach dieser Ruhezeit voll harmloser Unterhaltung nun wieder in's Gewhl des
Kampfes msse, oder was ihm noch schlimmer dnkte, vergeblich dem Vater anliegen
werde, sich zu Energie und That zu ermannen, um die angestammten Lande sich
wieder zu erringen und Knig Mathias von dem angematen Thron zu strzen? Hallte
in ihm etwas von den Worten wieder, die der Baubruder Ulrich und die schwrmende
Elisabeth zu ihm gesprochen, die noch mehr von ihm zu fordern schienen als den
Siegeskranz des Helden und die Herrscherwrde Karl's des Groen? Wer lies't in
den Seelen Derer, die das Schicksal auf den hchsten Platz gestellt, da sie von
Allen gesehen werden und doch von den Wenigsten erkannt?
    Auch Stephan Tucher, der nun schon dem Gefolge des Knigs beigezhlt war und
dann mit ihm aufbrechen sollte, sa still neben Ursula, nicht minder beklommen
von der nahen Abschiedsstunde wie von der Gegenwart seines Vaters und Bruders,
die zwar jetzt in der gewissen Zuversicht, das Stephan, wenn er nur einmal von
Ursula getrennt sei, ihr auch nicht treu bleiben werde, jetzt seine Huldigungen
fr sie weniger mifllig bemerkten, aber ihn doch immer beobachteten, was ihn
noch mehr in der Seele der Jungfrau beengte denn in der eigenen. Ebenso schien
der Ritter von Weyspriach zu beklagen, da er von Beatrix Immhof scheiden mute,
fr die er an seine Erzhlungen aus dem Morgenlande manche Galanterie geknpft;
und so gab es noch manchen fremden Herrn und manche fr ritterliche Artigkeit
empfngliche Nrnbergerin, die alle das Ende dieser harmlos frhlichen Festtage
bedauerten, und darum schon im voraus die gute Laune verloren hatten, so da die
ersten Gnge der auserlesenen Mahlzeit ziemlich still eingenommen worden waren,
bis endlich Kunz von der Rosen sich in's Mittel schlug und in langer mit vielen
Spen und Seitenhieben auf Mnnlein wie Weiblein, wie er sich ausdrckte,
gewrzten Rede sich fr den einzigen Vernnftigen und Alle fr Narren und
Nrrinnen erklrte, die mit dem Gedanken an die knftigen Entbehrungen sich
schon die gegenwrtigen Gensse verdarben und durch eigene Schuld in Gift
verwandelten.
    Das half endlich und ebenso der massenhaft genossene Wein, der die Zungen
lste zu freier Rede und frhlichem Lachen, so da die Unterhaltung bald die
lebhafteste ward, die man je in diesen Tagen gefhrt.
    Da hob der Knig die Tafel auf. Es war das Zeichen zum baldigen Aufbruch.
    Kunz trat zu Elisabeth und Ursula und flsterte ihnen zu: Ich wollte Euch
wohl einen guten Rath geben, wenn Ihr mir mit ein paar anderen Frauen
hinausfolgtet in die anderen Gemcher.
    Elisabeth hatte bis jetzt immer die Einflle des Narren zu ihren Gunsten
gefunden, warum sollte sie ihm jetzt nicht vertrauen? Sie folgte ihm also mit
Ursula, Beatrix, Eleonora Tucher und ein paar anderen Frauen.
    Er fhrte sie durch verschiedene Corridore und Sle bis in das Gemach des
Knigs. Seht, sagte er, da liegt die Rstung, die er zu dem Ritt anlegen wird
- da liegen seine Stiefel und Sporen. Ich wei aber, er gebe etwas darum, wenn
er einen Grund fnde, heute noch hier zu bleiben. Wer wei, giebt es nicht ein
Unglck wenn wir reiten, denn ich glaube, es wird Mancher von uns schief im
Sattel sitzen. Nun aber nimmt der Knig nie einen einmal gegebenen Befehl
zurck, es sei denn, er wrde durch einen Scherz oder von den Frbitten schner
Frauen dazu gebracht; wret Ihr nicht alle froh, wenn wir noch heute hier
blieben und noch einmal zusammen tanzten, statt allein auf den schlechten Wegen
zu Pferd die Balanze zu verlieren?
    Alle riefen: O wenn das mglich wre!
    Kunz hob Maxens Stiefel empor, legte den einen der gewaltigen Ritterstiefel
von unbeschreiblicher Last auf Elisabeth's weie Arme, den andern gab er Frau
Tucher und sagte:
    Nun wohl, hier habt Ihr seine Stiefel, versteckt sie, so kann er nicht
fort; aber eilt, damit er uns nicht bei der That erwische.
    Wirklich hrte man drauen Tritte, und Kunz entfloh mit den Frauen durch
eine kleine Tapetenthre eine dstere Treppe hinab. Hier wurden die Stiefel in
den finstersten Winkel gestellt, und auf einem anderen Weg kehrten die
Nrnbergerinnen wieder in den Speisesaal zurck.
    Der Knig mit den Rittern hatte sich entfernt, sich zum Fortritt zu rsten.
Markgraf Friedrich, der nicht mit nach Neuenmarkt wollte, war noch da bei seinen
anderen Gsten. Da meldete ihm ein Diener: es sei unbegreiflich, aber die
Stiefel Sr. Majestt wren verschwunden und htten doch vorhin bei der Rstung
gestanden.
    Der Markgraf wollte aufschumen ber die Fahrlssigkeit des Gesindes, da
trat Elisabeth vor und sagte:
    Wir wollen es nur gestehen: wir haben Sr. Majestt Stiefel und Sporen
verborgen, damit er noch heute bei uns in Nrnberg bleibe.
    Und mit uns tanze! fgte Eleonora hinzu; da kann er der Reiterstiefel und
Sporen entbehren.
    Der Markgraf lachte und ging zum Knig. Es dauerte nicht lange, so brachte
er ihn wieder; frhliches Jauchzen empfing ihn und die Trompeten schmetterten.
    Sehet! sagte Elisabeth, als der Knig zu ihr trat: schon habe ich nun bei
Euer Majestt etwas fr mich selbst erbeten - und ich htte auf die Rose, nun
mein hchstes Kleinod gedeutet, wenn Ihr's verweigert.
    Max nahm den Scherz gndig auf und war gern bereit noch zu bleiben. In die
Stadt sandte man Boten, noch andere Herren und Damen zum Tanz zu holen, der noch
die ganze Nacht durch whrte.
    Noch einmal durfte Elisabeth die Huldigungen des Knigs empfangen, noch
einmal Ursula mit Stephan in trauter Nhe die Schwre ewiger Treue tauschen -
aber auch die pltzlich noch geschenkten Stunden verflogen und verrauschten, und
endlich kam doch die letzte, die den Abschied brachte. - -
    Am folgenden Tage war es sehr still in Nrnberg. Der Knig war in aller
Frhe und Stille mit seinem Gefolge zur Stadt hinausgeritten, als knne er sonst
noch einmal zurckgehalten werden.
    Die Gefangenschaft war weder so lang noch so langweilig wie die zu Brgge!
flsterte Kunz ihm zu.
    Die Nrnberger aber hatten Mhe, sich wieder in das alte Geleise ihres
thtigen Lebens zurckzufinden.

                                Zehntes Capitel



                                   Elisabeth

Die frhe Dmmerung des Septemberabends brach schon herein, als eine vermummte
Frau an dem schnen Brunnen vorber schlich in die Winklerstrae, um von hier
in das Hinterhaus des Pirkheimer'schen Hauses zu gelangen, in dem sich des
Goldschmieds Albrecht Drer Wohnung und Werkstatt befand. Die Gesellen waren aus
derselben entlassen, aber der Meister arbeitete noch allein in dem dumpfen
Gewlbe bei einer kleinen Flamme, die ihm zugleich Licht und fr seine Arbeit
die nthige Hitze gab.
    Eben hatte er ein Silberstbchen an die Flamme gehalten, die sein ehrliches,
von Sorgen und Arbeit gefurchtes Gesicht beleuchtete, als es drauen pochte Die
Strung kam ihm ungelegen und sein Herein klang nicht etwa freundlich.
    Darauf trat eine weibliche Gestalt ein, von einem brauen Mantel umhllt und
ber den Kopf ein groes schwarzes Tuch, das auf dem Kinn zusammengeknpft, auch
ber die Stirn so weit vorstehend herunterhing, da von dem darunter
befindlichen Gesicht nicht viel mehr zu sehen war als eine spitzige Nase und ein
groer Mund mit schadhaften Zhnen.
    Guten Abend, Meister Drer, sagte die Eintretende; es ist wohl ein wenig
spt, da ich komme, aber ich hab' versprechen mssen, meinen Auftrag nur an
Euch allein auszurichten, darum whlt' ich die jetzige Zeit. Aber ehe ich meine
Bestellung mache, mt Ihr mir versprechen auch keiner Seele weder jetzt noch
knftig ein Wort davon zu sagen.
    Der Goldschmied dachte: das wird auch eine rechte Bestellung sein, welche
diese Frau fr mich hat - vielleicht aus Silberhellern einen Ring zu machen,
oder wer wei, ist es nicht Schlimmeres? ist es nicht vielleicht gestohlenes
Gut, das sie bei mir verwerthen will oder umschmelzen lassen? Er hatte oft
solche Versuchungen zu bestehen, und hatte sie immer mit der ganzen Kraft einer
redlichen Seele tapfer bestanden, wenn auch der verheiene Gewinn noch so gro
und die Sorge noch grer war, wie er sein Weib und seine achtzehn Kinder vor
Mangel und Noth behten mchte. Darum sagte er auch jetzt:
    Das Versprechen zu schweigen gebe ich nur dann, wenn ich es mit gutem
Gewissen halten kann. Ist das bei Euch der Fall, so ist ein Wort so gut wie
tausend, ich verspreche zu schweigen und schweige. Ist's aber keine ehrliche
Sache, so sag' ich Euch voraus, da weder Furcht noch Gewinn, weder Bitten noch
Drohungen mich abhalten werden, sie an's Tageslicht zu bringen. Ueberlegt es
Euch also vorher, ob ich der rechte Mann fr Euch bin oder nicht.
    Der seid Ihr ganz gewi, Meister Drer, antwortete das Weib; ganz
Nrnberg wei, da es keinen ehrlicheren Gold- und Silberschmied hier giebt denn
Euch, Ihr werdet also schweigen?
    Bei jedem ehrlichen Handel, ich bin keine Plaudertasche, antwortete der
Meister.
    Nun denn, begann die Frau, nicht wahr, die schne Rose von Rubinen und
Smaragden in lauterm Golde gefat, die unser allergndigster Knig Max der
Scheurlin zum Geschenk gemacht, ist von Eurer Arbeit?
    Allerdings, antwortete der Goldschmied, ich darf mich dessen rhmen.
    Hab't Ihr sie noch treu im Gedchtni? fragte die Frau.
    Gewi, antwortete Drer; ich habe sie ganz allein selbst gefertigt, und
vergesse nie, was meine Hnde mit so viel Mhe gearbeitet. Mein Sohn Albrecht
hatte mir die Zeichnung dazu gemacht und die habe ich auch noch.
    Desto besser, antwortete die Fremde; nun denk't Euch das Unglck: die
Scheurlin hat die Rose verloren -
    Drer ward bla vor Schrecken und Aerger. Wie kann man ein solches Kleinod
verlieren! rief er entrstet; diese leichtsinnigen Weiber! Diese kostbaren
Steine! dieses Kunstwerk, an dem ich so viel Tage und Nchte mit Flei und Mhe
gearbeitet, vielleicht im Staube zertreten!
    Ich glaube, es ist noch schlimmer! sagte die Frau mit Achselzucken. Sie
hat sie in die Pegnitz fallen lassen, und darum keine Hoffnung sie jemals wieder
zu bekommen. Darum verschweigt sie auch den Verlust, um sich nicht lcherlicher
vor den Leuten zu machen, die ihr des Kaisers Gunst beneideten; am ngstlichsten
verbirgt sie ihn aber vor ihrem Mann, und damit er denselben nie entdecke,
wnscht sie, Ihr mchtet ihr eine ganz gleiche Nadel machen.
    Drer schttelte den Kopf. Er konnte sich lange nicht zufrieden geben weder
ber den Untergang seines Kunstwerkes, noch ber den Leichtsinn einer Frau, die
einen Gegenstand, dessen hoher Werth durch den Geber ihr noch verdoppelt sein
mute, nicht vorsichtiger zu bewahren verstand. Endlich sagte er: Und was denkt
denn die Frau Scheurlin, da die Nadel gekostet?
    Sie ist reich, sie zahlt denselben Preis wie der Knig, antwortete die
Frau. Nennt den Preis.
    Zweihundert Reichsgulden.
    Und bis wann kann die Nadel fertig sein?
    Unter drei bis vier Wochen ist's gar unmglich; ich mu erst sehen, da ich
die passenden Rubine bekomme.
    Gut, in drei Wochen werde ich wieder kommen.
    Ich kann sie ja der Frau Scheurlin schicken, so bald sie fertig ist, weil
ich die Zeit nicht genau bestimmen kann.
    Um's Himmels Willen nicht! rief die Frau, damit es nicht etwa Jemand von
der Dienerschaft erfhrt, und es mit Absicht oder aus Versehen dem Herrn Scheurl
verrathen knnte, hat sie mich zu Euch gesandt, darum darf es keine
Menschenseele weiter wissen, und darum nahm ich Euch ja das Versprechen des
Schweigens ab, wie auch Ihr darauf rechnen knnt', da ich schweigen werde.
    Aber wenn nun inzwischen Herr Scheurl die Nadel vermit?
    So wird seine Gattin sagen, da sie Euch dieselbe zur Reparatur gegeben,
weil sie ein Steinlein daraus verloren, antwortete scheu die Frau.
    Nun, dann knnte ja auch dasselbe gesagt werden, wenn ich ihr die neue
Nadel schickte, und sie kme ja nicht gleich in die rechten Hnde.
    Die Frau war offenbar ber diese Bemerkung bestrzt und suchte vergeblich
nach einer Gegenrede. Endlich sagte sie: Die Frau Scheurl hat es aber einmal so
befohlen, wie ich sagte, da die Nadel wieder bei Euch abgeholt werden soll. Ihr
knnt' ruhig sein, Ihr brauch't sie nur gegen baare Bezahlung abliefern. - Und
was die erwhnte Lge betrifft, so war sie ja nur fr den uersten Nothfall
ausgesonnen, und Frau Scheurl hofft, da sie derselben nicht bedrfen werde,
infern Ihr nur keine Unklugheit begeht.
    Nun, so komm't in drei Wochen wieder, ich will mein Mglichstes thun, das
Werk noch einmal zu vollenden. So war Drer's letzter Bescheid und die Frau
entfernte sich endlich.
    Ein paar Tage darauf, am Sonntag Nachmittag, hatte sein Sohn, der
Malerlehrling Albrecht, seine Freistunden, die er stets am liebsten im
Elternhause zubrachte und auch da sich nicht immer Ruhe von der Arbeit gnnte,
da es in diesen Muestunden oft noch eine Zeichnung fr den Vater zu fertigen
gab. Eben sa er ber einer solchen, aber nicht in der heute verschlossenen
Werkstatt, sondern in der Wohnstube, in der die Mutter Barbara die Spindel
drehte, dabei immer wohlgefllig nach dem Lieblingssohne blickend. Er war ihr
drittgeborener; der lteste, der das Handwerk des Vaters lernte, war schon fort
auf die Wanderschaft nach den Niederlanden, wo auch der Vater, der aus einem
ungarischen Dorfe stammte, sich seine grte Geschicklichkeit erworben hatte.
Das zweite Kind war gestorben, und so noch mehrere, aber dennoch war es noch ein
ganzes Huflein braungelockter Buben und Mdchen, das die enge Stube bevlkerte.
Alle waren sehr einfach, aber reinlich gekleidet, das kleinste Kind lag noch in
einer hlzernen Wiege, deren abgenutztem Zustand man es ansah, wie viele
Insassen sie schon gehabt; und indem sie Frau Barbara mit dem Fu in Bewegung
setzte, inde sie mit den Hnden glatte Fden zu neuen Gewndern spann, da
begriff man unter dieser Umgebung wohl, da auch am Sonntag die Hnde und Fe
dieser Mutter sich keine Ruhe gnnen durften, die fr so Viele zu sorgen hatten.
    Mitten in dies Gewirr trat noch ein schlank- und zartgebauter Jngling, der
durch seine Kleidung und Manieren ausgezeichnet, wenig in diese fast rmliche
Handwerkerfamilie zu passen schien, Willibald Pirkheimer. Im Vorderhaus, das er
mit seinen Eltern und Schwestern bewohnte, sah es freilich anders aus als hier;
da herrschte der ganze Luxus des Reichthums mit feiner Sitte und dem Sinn fr
das Schne wie fr die Wissenschaft gepaart, da hatte der eifrig studierende
Sohn des Hauses ein Gemach ganz fr sich allein, in dem reiche Bcherschtze ihn
umgaben und Niemand ihn stren durfte; aber die Freundschaft fr Albrecht, mit
dem er aufgewachsen, den er sich einst vor allen Knaben und jetzt vor allen
Jnglingen zum vertrautesten Genossen ausersehen, zog ihn hierher und lie ihn
jede der Schranken berspringen, die hier die Besitzenden und hochangesehenen
Geschlechter von den eigentlichen Brgern, zumal den rmeren Handwerkern
trennten. Albrecht und Willibald hatten sich mit der ganzen Schwrmerei
jugendlich begeisterter Gemther aneinander geschlossen, und waren nicht nur
zusammen aufgewachsen, sondern oft mit einander verwachsen, da sie auch von
ihren brigens sich fernbleibenden Familien als zusammengehrig betrachtet
wurden. Die Frau Pirkheimer erwiederte den bescheiden ehrerbietigen Gru der
Frau Drer stets nur mit vornehmem Kopfnicken und vermied jeden Umgang mit der
armen, vielbekinderten Frau; aber so oft der Albrecht kam, ward er in
Pirkheimer's Familie wie das Kind vom Hause angesehen, denn er war einmal
Willibald's Kamerad, und trat wieder dieser aus seinen prchtigen Rumen in die
engen der schlichten Handwerkerfamilie, so wurden auch auf ihn weiter keine
Rcksichten genommen, denn er war einmal Albrecht's Kamerad.
    So war es auch jetzt. Ei, es ist schn, da Ihr kommt, sagte Frau Barbara
ihm traulich zunickend; Albrecht hat schon immer nach Euch ausgeschaut, und
wrde uns bald davon gelaufen sein Euch aufzusuchen, wenn er da nicht erst noch
Etwas fr den Vater zu zeichnen htte.
    Ich wre auch schon frher gekommen, sagte Willibald, aber die Frau
Scheurlin kam zur Mutter und hielt mich noch ein wenig auf. Er lchelte dabei
Albrecht zu, ihn durch seinen Blick an das kleine Abenteuer auf der Hallerwiese
zu erinnern, und sich ber seine Zeichnung beugend fragte er: Was zeichnest Du
denn da?
    Albrecht antwortete: Mein Herr Pathe, Anton Koberger, hat bei meinem Vater
ein Bibelbeschlge bestellt, und da es gerade fr ihn ist, wollt' ich gern die
Zeichnung machen; ich bin gleich fertig.
    Das ist hbsch! sagte Willibald; ein paar gefaltete Hnde und ein Schwert
und eine Palme, die sich kreuzen.
    In Silber ausgefhrt wird es gut aussehen, bemerkte der Vater. Albrecht
wird mir fehlen, wenn er in einem halben Jahre fortgeht. Die Zeichnung zu der
Nadel, die Se. Majestt der Scheurlin verehrt, ist auch von ihm.
    Danach wollt' ich schon fragen, sagte Willibald; ich habe das Kunstwerk
eben in der Nhe an ihr gesehen und bewundert.
    Jetzt eben? fragte Meister Drer.
    Sie zeigte es meiner Mutter.
    Das ist sonderbar! sagte der Goldschmied und versank in Nachdenken. Dann
ging er hinaus in die einsame Werkstatt, wie um zu berlegen, was nun zu thun
sei. Hatte die Scheurlin die Nadel verloren und wiedergefunden, so wrde sie
doch die neue abbestellen lassen; die Sache kam ihm erst sonderbar, dann
verdchtig vor, die fremde Frau war es ihm gleich gewesen. Er hatte auch dem
kniglichen Diener, der die Nadel hatte anfertigen lassen, versprechen mssen,
fr Niemanden eine gleiche zu machen. Wie er auch geglaubt hatte, nach seinem
Gewissen zu handeln, jetzt schien es ihm mit diesem Gewissen nicht vertrglich,
die Doublette zu verfertigen.
    Nach einer Weile reiflicher Ueberlegung rief er Albrecht und Willibald
heraus, fragte diesen noch einmal, ob die Scheurlin die Nadel wirklich jetzt
getragen, und da er entschieden bejahte, sagt er zu den Beiden:
    Eilt hinber und seh't, ob die Scheurlin noch da ist, und wenn sie es ist,
so sag' ihr, Albrecht, da vor drei Tagen Jemand bei mir auf ihren Namen eine
groe Bestellung gemacht htte, ich wisse aber nicht, ob es eine Betrgerei sei
oder nicht, und liee sie bitten, mir einen Augenblick Gehr zu schenken, damit
ich mich mit ihr verstndigen knne. Sie mag Dir sagen, wo und wann, wenn sie
sich nicht in meine Werkstatt herber bemhen will.
    Die Freunde eilten den Auftrag auszufhren.
    Es war die hchste Zeit, denn Elisabeth schlpfte schon in zierlichen
Schnabelschuhen die teppichbelegte Marmortreppe hinab.
    Ei, sieh da, meine beiden kleinen Ritter! rief sie den Jnglingen zu.
    Noch verdienen wir diese Namen nicht, sagte Willibald, wenn wir sie auch
noch einmal zu bewhren hoffen. Ich will dereinst versuchen, mir unter Kaiser
Maxens Fahnen ein Ritterschwert zu erwerben.
    Und whrend Pirkheimer ihm dienen will mit Schwert und Feder, werde ich's
nur mit dem Pinsel versuchen, sagte Albrecht.
    Ei, ich hrte schon neulich Aehnliches von Euch, sagte Elisabeth, und
freute mich, wie Ihr wnschtet des Knigs Bild zu malen.
    Wer wei, thut er's nicht einmal, und auch fr Euch, hohe Frau, sagte
Willibald; Ihr tragt da schon ein Werk von seiner Hand - die Rose, die aus
seines Vaters Werkstatt hervorgegangen, hat er gezeichnet.
    Albrecht errthete verlegen, und Elisabeth sagte: Das ist gewi ein gutes
Zeichen, wenn Ihr schon etwas fr die edelste deutsche Majestt arbeiten
durftet; ich wute bis jetzt nicht, da Euer Vater der Knstler war, dessen Werk
ich trage.
    Er hat mich eben an Euch abgeschickt, sagte Albrecht und richtete nun den
Auftrag des Vaters aus.
    Elisabeth war hchlich erstaunt und sogleich bereit, dem Sohn zu dem Vater
zu folgen. Dies Erstaunen steigerte sich zur Entrstung, als sie mit dem
Goldschmied allein war und von ihm das Zwiegesprch mit jener fremden Frau
erfuhr, whrend er nicht mehr an einem Betrug zweifelte, da er sein Werk, die
Nadel, wiedersah. Aber was konnte der Zweck dieses Betruges sein?
    Wenn ich die Frau wieder zu Gesicht bekomme, so la ich sie festnehmen,
sagte Meister Drer.
    Lat uns einstweilen gegen Jedermann schweigen, sagte Elisabeth, und wenn
die Frau in drei Wochen wiederkommt, so wird es Euch leicht sein, sich ihrer zu
bemchtigen und vielleicht gesteht sie Euch gleich, wer sie zu dem Betrug
gebraucht - dann lat Ihr sie laufen; auerdem hat aber die Justiz ja genug
Mittel, Verstockte zum Gestndni zu bringen. Uebrigens danke ich Euch fr Euer
Verhalten, und da ich einmal hier bin, so mcht ich mir ein silbernes Kstchen
mitnehmen - wie dies hier. Sie deutete auf ein solches als den ersten passenden
Gegenstand, den sie unter dem kleinen Vorrath fertiger Gerthe ersphen konnte,
um durch dessen Ankauf wenigstens in Etwas den Meister fr seine Ehrlichkeit zu
belohnen. Der Handel war schnell geschlossen und sie fgte hinzu: Euer Sohn
giebt mir wohl das Geleit und nimmt das Geld dafr in meiner Wohnung in
Empfang?
    Es hat ja Zeit, sagte der Meister. Da sie aber erklrte, da sie das
Kstchen, wie klein es auch war, nicht selbst tragen werde, so ward doch
Albrecht zu ihrer Begleitung gerufen.
    Er wollte bescheiden hinter ihr gehen, aber sie unterhielt sich mit ihm von
seiner Kunst und blieb an seiner Seite.
    Euer Freund Willibald Pirkheimer, sagte sie, hat mir vorhin Euer
Konterfei gezeigt, das Ihr schon vor fnf Jahren mit dem Stift auf Pergament
gezeichnet hab't. Ich htte es nicht geglaubt, da Jemand dies von sich selbst
im Stande wre, wenn ich nicht die Unterschrift gelesen: Das hab' ich aus einem
Spiegel nach mir selbst konterfeiet im Jahr 1484, da ich noch ein Kind war.
Lautet es nicht so?
    Ja, versetzte Albrecht errthend: Willibald htte es Euch nicht zeigen
sollen, jetzt geriethe es schon besser. Ich habe das Bildni meines Vaters zu
malen angefangen, und ich hoffe, das soll hnlich werden.
    Wie lange werdet Ihr noch hier bleiben?
    Bis Ostern, dann ist meine Lehrzeit beendet, dann will ich mich in
Deutschland umsehen. Ich wollte erst gern nach Colmar zu Martin Schongauer, aber
der Meister starb zu frh fr die Kunst und fr mich!
    Mchtet Ihr nicht nach Italien? Ich knnte Euch Empfehlungen nach Venedig
mitgeben.
    O wie gtig seid Ihr, edle Frau! Ich werde Euch spter daran erinnern -
vielleicht wenn ich einer Empfehlung wrdig bin. Erst will ich im deutschen
Reiche mich umsehen, fest werden in deutscher Art und Kunst, ehe ich das wlsche
Wesen auf mich wirken lasse. Der deutschen Kunst und dem deutschen Vaterlande
will ich dienen: ich habe keinen hhern Wunsch, und wenn ich es je dahin bringe
ein Meister zu werden, so soll man mich als deutschen Meister kennen.
    So und hnlich weiter sprechend war Elisabeth bis an ihr Haus gelangt und
mit Albrecht in ihr Wohnzimmer getreten. Sie schellte nach Wein und Confekt fr
ihn, und bat ihn zuzulangen, bis sie aus einem andern Gemach ihre Goldchatulle
geholt, absichtlich blieb sie lange, damit Albrecht ohne Verlegenheit dem
seltenen Genu sich widmen knne. Dieser aber nippte nur bescheiden von dem
edlen portugiesischen Rebensaft und ohne zu essen schob er ein paar kleine
Stcke Backwerk in seine Tasche, um die kleinen Geschwister damit zu erfreuen.
    Als Elisabeth wieder zurckkehrte, berreichte sie ihm das Geld in einer
kleinen Ledertasche zum Umhngen und sagte: Der Inhalt ist meine Schuld fr
Euren Vater. Die Tasche wird Euch auf der Wanderschaft vielleicht ntzlich
sein.
    Albrecht stand unschlssig und verlegen, was er thun und antworten sollte;
Elisabeth kam ihm zuvor, indem sie sagte: Ich habe mich nicht geweigert, das
Geschenk des Knigs anzunehmen als ein Andenken; Ihr werdet dies werthlose
Andenken von einer Frauenhand nicht zurckweisen, und Euch dabei derer erinnern,
die in den Besitz Eurer Rose gekommen. - Aber nun noch ein Wort. Ich habe von
allen Seiten nur Euer Lob gehrt, von Eurem Meister, Euren Hausgenossen, Eurem
Freund, auch von meiner Freundin Ursula Muffel, die Eurer Verschwiegenheit
dankbar eingedenk ist; ich glaube, Ihr hab't mir schon denselben Dienst
geleistet, ohne da ich Euch darum bat, wenigstens hat Euer Freund Pirkheimer
mich dessen versichert - ich meine den Vorfall auf der Hallerwiese.
    Ueber meine Lippen ist kein Wort davon gekommen! betheuerte Albrecht.
    Es ist jeder Frau unangenehm, wenn von dergleichen gesprochen wird, warf
Elisabeth hin. Ihr scheint jene beiden Baubrder zu kennen?
    Nur den Einen von ihnen, mir scheint er ein auerordentlicher Mensch!
    Sein Name?
    Ich kenn' ihn nur als Ulrich von Straburg.
    Und warum erscheint er Euch als auerordentlich?
    Albrecht zuckte die Achseln. Er ist so begeistert fr die Kunst, er ist so
aufgeklrt und voll groer Anschauungen, dabei so freundlich und mild, zum
Beispiel gegen Lernbegierige wie ich, trotzdem da ich, wie uns die Baubrder
nennen, ein Profaner bin und er mir gewi nicht mehr von seinem Wissen
mittheilen wird, als seine Gesetze erlauben.
    Hab't Ihr ihn seit jenem Tage wiedergesehen?
    Ja, aber wir haben wenig zusammen gesprochen; sein Gnner, Herr Anton Kre,
der Propst von St. Lorenz war bei ihm.
    Elisabeth hatte ihr Examen beendet. Albrecht hatte erwartet, da sie einmal
nach seiner Bekanntschaft mit den Baubrdern fragte, sie werde ihm ihren Dank
fr Ulrich auftragen, denn eigentlich war es doch nur dieser, der sie aus den
Hnden des Ritters befreit. Allein Elisabeth brach das Gesprch ab. Sie drang
nur noch in Albrecht, alles noch dastehende Confekt seinen kleinen Geschwistern
mitzunehmen, und damit war er entlassen.
    Elisabeth warf sich wie erschpft auf einen Polsterstuhl und lehnte das
stolze Haupt mde zurck.
    Wie war ihr denn? So lange der Knig hier war, hatte sie in einem
glcklichen Rausch gelebt. Er erschien ihr als das Ideal eines Mannes, eines
Helden auf dem Thron. Und sie war es vor allen Frauen, der dieser auserlesenste
aller Ritter auch die auserlesensten Huldigungen weihte. Sie hatte sie annehmen
drfen ohne Furcht, sie durfte daran zurckdenken ohne Scham und Reue, denn es
knpfte sich nichts Unwrdiges oder Erniedrigendes daran. Vor aller Augen hatte
er sie ausgezeichnet vor allen Nrnbergerinnen, und vielleicht noch stolzer und
glcklicher als sie selbst war ihr Gemahl ber die ihr zu Theil gewordene Gunst.
Das Versprechen des Knigs, das nchste Mal in seinem Hause seine Wohnung
aufzuschlagen, machte ihn zum glcklichsten Sterblichen; er knpfte daran
sogleich die Hoffnung, da er dann wohl an das Ziel seiner Wnsche gelangen und
den Adelstand, nach dem er lange trachtete, erlangen werde, ja wenn er in etwas
mit seiner Gemahlin nicht ganz zufrieden war, so war es eben nur, da sie nicht
schon jetzt die Adelswrde vom Knige erbeten, da ihr dieser gewi keine Bitte
abgeschlagen htte. Wohl gab es Leute genug, welche durch boshafte Bemerkungen
und heimliche Zutrgereien oder verstohlene Winke Scheurl auf den Knig hatten
eiferschtig machen und die Treue und Tugend seiner Gattin verdchtigen wollen;
allein er wies alle solche Angriffe als erbrmliche Waffen des Neides und der
Migunst zurck, und war und blieb stolz darauf, da es gerade seine Gattin war,
welche den Sieg in der Gunst des Knigs ber alle andere Frauen davon getragen.
Vielleicht htten so auffallende Huldigungen, wenn ein anderer Mann sie gewagt,
ihn sowohl gegen denselben wie gegen seine Gemahlin, die sie nicht zurckwies,
sondern mit sichtlichem Wohlgefallen annahm, aufgebracht; allein von dem Knige
dargebracht, hatte er einen andern Mastab dafr. Nicht etwa den einer gemeinen
Bedientenseele, die sich geehrt fhlt, wenn sein Herr sich zu ihm herablt, und
die sich als Ehre anrechnet, was sie von anderer Seite als Schimpf empfinden
wrde: sondern weil er wute, da seine Gemahlin zu stolz war, sich jemals zu
einer Buhlerin wegzuwerfen, und weil er weiter schlo, da dieser knigliche
Nebenbuhler ihn ja nur auf kurze Zeit verdunkelte, und weil er Elisabeth genug
kannte, um zu begreifen, da sie von dem ersten Ritter und kniglichen Helden
ihres Zeitalters ausgezeichnet, nun um so ruhiger auf die Huldigungen anderer
Mnner verzichten werde - und beinahe kaufmnnisch berechnete der
reichsstdtische Handelsherr, da der eine durch seine Entfernung auf den Thron,
wie durch den Raum ungefhrliche Nebenbuhler ihm die Furcht vor jedem andern
erspare; denn aus den gewhnlichen Alltagsmenschen ihrer Umgebung konnte ihm
keiner erwachsen, der mit dem Einen sich htte messen knnen.
    In dieser Beziehung war Elisabeth wirklich von ihrem Gatten verstanden, wie
wenig er sonst auch der Mann war, die Hhen und Tiefen eines weiblichen
Charakters zu ermessen, wie dieser Elisabeth's. Sie hatte den Triumph ihres
Geistes und ihrer Schnheit mit vollen Zgen genossen, wie der Knig hier war,
von Begeisterung war sie durchzuckt worden bei dem Gedanken, da dieselbe
Mnnerhand, welche ihre kleine Hand zrtlich drckte, die Geschicke einer Welt
und das Scepter ber viele Lande zu halten berufen war. Herrlich war es ihr
erschienen, die Gedanken des Mannes zu erforschen, auf den viele Millionen Augen
voll Hoffnung und Erwartung blickten: von ihm die Rettung aus verwilderten
Zustnden hofften, eine neue Aera, eine neue Form fr ausgelebte Verhltnisse,
und gttlich die eigenen Gefhle neben ihm auszusprechen, aus den Flammen des
eigenen Geistes Funken in das Licht des seinen zu werfen, mit einem khnen Wort
vielleicht die Anregung zu geben zu einer khnen That, oder wieder durch eine
weiblich sanfte Frbitte Befreundeten zu ntzen - das gewhrte ihrem ganzen
Wesen eine vollere Befriedigung und gab ihr einen hheren Schwung als die
leidenschaftlichen Erregungen, an denen Gemth und Sinnlichkeit den greren
Antheil haben.
    Aber jetzt war dieses Glck vorber. Es schien, als wolle ihr Geschick ihr
nur zeigen, wozu sie Beruf und Macht habe, was ihr Genge und Beseligung geben
knne, um es dann nach kurzem Besitz wieder von ihr zu nehmen! -
    Die Muse eines Dichters und die Freundin eines Knigs! Das Schicksal hatte
sie dieser seltenen Gunst gewrdigt; aber jetzt war Beides vorber! Max war nur
wie ein leuchtendes Phnomen neben ihr aufgetaucht, und jetzt erglnzte es in
unerreichbarer Ferne. Sie sah wohl noch sein Leuchten - aber wie stolz und eitel
sie auch war, sie wagte doch nicht sich einzubilden, der Knig werde unter den
Sorgen der Krone und des Krieges noch ihrer gedenken. Sie sagte sich, da er so
wie ihr wohl schon vielen Frauen gehuldigt und vielen andern noch huldigen werde
in seiner ritterlichen Weise, da, wenn nicht andere Brgerinnen, doch
Edelfrulein und Frstinnen ihr Bild verlschen wrden. Und Konrad Celtes? Sie
zweifelte nicht, da sie in seinem Herzen fortlebte wie in seinen Liedern; sie
war sich ihrer geistigen Gaben genug bewut, um zu wissen, da er fr das
Verstndni seines geistigen Wesens keinen Ersatz fr sie bei andern Frauen
finden werde - aber sie konnte nicht ohne Schmerz und Bitterkeit an ihn denken.
Er hatte sie doch nicht geliebt, so wie sie ihn liebte, sonst htte er ihr nicht
entsagt, da sie noch frei war - ach, warum gab es keinen Mann, der zu lieben
verstand wie sie selbst, mit solcher Kraft und Hingebung und Treue?! Weil sie an
Celtes zu der Erkenntni gekommen war, nach einem Ideal zu jagen, fr welches
das Leben keine Verwirklichung habe, hatte sie dem ungeliebten Mann ihre Hand
gegeben, um sich vor neuen Kmpfen zu bewahren.
    Und nun mute gerade jetzt wieder eine Gestalt aus der goldenen Morgenzeit
ihrer Jugend, die sie fr immer zu vergessen wnschte, gleich einem Gespenst vor
ihr auftauchen? Jener Augenblick auf der Hallerwiese, da sie Eberhard von
Streitberg wiedersah, gehrte zu den schrecklichsten ihres Lebens!
    Sie war erst siebzehn Jahre alt, da sie ihn in Venedig kennen lernte. Leicht
war es dem feurigen und damals auch uerlich anmuthigen Ritter, das
liebesehnschtige Herz der Jungfrau zu gewinnen, und im ganzen Sonnenglanz der
ersten Liebe, von Italiens Sonne doppelt verklrt, flossen ihnen Tage und Monde
dahin. Sie schworen sich ewige Liebe und Treue, und Elisabeth zweifelte nicht,
da ihre Eltern in Nrnberg ihren Bund segnen wrden. Es kam schon vor, da ein
Ritter, der nicht besonders mit Schtzen gesegnet war, und Streitberg schien das
auch nicht zu sein, sich's noch zur Ehre schtzen mute, wenn ein
reichsstdtischer Brger ihm die Tochter mit der reichen Mitgift gab, die
Einwilligung ihrer Eltern erhalten werde. Da sie von Venedig scheiden mute, und
er das belagerte Wien zum Ziel hatte, gelobten sie einander Treue und Schweigen,
bis es ihm mglich sein werde nach Nrnberg zu kommen. Ueber ein Jahr verging so
getrennt, zuweilen durch ein zrtliches Brieflein unterbrochen.
    Endlich meldete ihr ein solches, da er komme, da er sie bitte ihn vor dem
Thiergrtnerthor zu erwarten, damit ihr erstes Wiedersehen nach so langer
Trennung ohne Zeugen sei, dann wolle er sie zu ihren Eltern begleiten.
Liebeselig erfllte sie seinen Wunsch noch vor der bestimmten Stunde. Die
angegebene Stelle pflegte sonst menschenleer zu sein. Sie erstaunte eine
verschleierte Dame dort zu finden.
    Elisabeth Behaim, fragte diese, Ihr wartet auf Eberhard von Streitberg?
    Und da Elisabeth schwieg, gab ihr die Fremde den von Elisabeth selbst
geschriebenen Brief.
    Elisabeth rief: O er kann nicht kommen, und sendet mir seine Mutter oder
Schwester? oder wer seid Ihr, die er seines Vertrauens wrdigt?
    Die Fremde nahm Elisabeth's Arm und sagte: Wir wollen in die Stadt gehen,
hier ist es so einsam, ich erzhle Euch unterwegs; Eberhard schrieb Euch, da er
Euch nach Hause begleiten und um Euch werben wolle, und Ihr glaubtet das?
    Ich habe nie an seinem Wort gezweifelt! sagte Elisabeth zuversichtlich.
    Armes Kind! rief die Fremde, Eure Unschuld spricht aus Euren Mienen wie
aus Eurem Brief, darum kam ich, Euch und mich vor Schande zu bewahren, Ihr wit
wirklich nicht, da Eberhard seit zehn Jahren verheirathet ist?
    Ihr lgt! rief Elisabeth.
    Ich bin seine Gattin, die er einst liebte wie Euch vielleicht auch; knnte
er ehrlich um Euch werben, kme er in Euer Haus; so bestellte er Euch vor das
Thor, um Euch zu entfhren. Euer Brief fiel in meine Hnde statt in seine, und
so kam ich statt seiner. Glaubt Ihr mir nicht, so schreibt ihm nur, was Ihr von
ihm gehrt, und das Ihr ihn im Elternhaus erwartet, wie einer sittsamen Jungfrau
ziemt!
    Was auch Elisabeth noch fragen und zweifeln mochte: es blieb bei diesem
Resultat, und es blieb dabei, nachdem sie an Eberhard geschrieben und durch
Andere Erkundigungen ber ihn einzog. Er war verheirathet; inde er in der Welt
herum abenteuerte, lebte seine Gattin einsam auf Streitberg, und jetzt, da sie
hrte, da er zurckkehre, war sie ihm entgegengereist, um auf dem Schlo eines
seiner Freunde bei Nrnberg, des Herrn von Weyspriach, mit ihm
zusammenzutreffen; sie kam ihm doppelt ungelegen, als sein Brief an Elisabeth
eben fort war, dessen Antwort in die Hnde der unglcklichen Gattin fiel.
    Da Eberhard seinen Plan vereitelt sah, so schied er wieder aus der Gegend,
und Elisabeth hrte nur, da er in's heilige Land mit Weyspriach gereist.
Freilich nicht zu einer Bu- und Betfahrt, sondern zu neuen Abenteuern.
    Acht Jahre waren seitdem vergangen. Elisabeth, so grlich in ihrer
Jugendliebe betrogen, unschuldig eine Schuldige, den Mann ihrer Liebe als einen
Gegenstand der Verachtung erkennend, wollte wenigstens sich davor bewahren,
Anderen ein Gegenstand des Spottes zu werden, und trug die ganze Centnerlast
ihres Schmerzes allein als ihr Geheimni, da sie jetzt tausendmal ngstlicher
htete als zur Zeit des Glckes. Sie suchte ihr Herz gegen die Liebe zu
verhrten und setzte jedem Manne kalten Stolz entgegen. So vergingen fnf Jahre.
Da schmolz die Eisrinde unter der Gluth der Poesie, aber auch Celtes erkannte
ihr Herz nicht ganz, so zog es sich zusammen, und durch eine ewige Fessel wollte
sie es zwingen ruhig zu schlagen.
    Und jetzt, nach acht Jahren hatte der Verrther ihrer Jugendgefhle sich
wieder zu ihr zu drngen gewagt; hatte er mit dem Markgrafen, mit dem Knige von
ihr gesprochen - oder durch wen sonst - sollte jetzt verrathen worden sein, was
sie als unauslschlichen Schimpf empfand? Nimmer hatte sie seinen Namen wieder
ber ihre Lippen gebracht, weder den Markgrafen noch den Knig nach ihm fragen
mgen, wie sehr sie diesem auch seine Verbannung dankte.
    Aber hatte sie nicht fr sich zu frchten, nun er ihr wieder einmal genaht?
Das qulte und ngstete sie, und sie versank in vergebliches Sinnen darber, wie
ber die Geschichte, die ihr der Goldschmied Drer erzhlt.

                                 Elftes Capitel



                             Hexen und Wegelagerer

Als die Baubrder Ulrich und Hieronymus eines Abends in der Dunkelheit an ihre
Wohnung kamen, sahen sie in einem Winkel der Hausthr irgend ein Wesen
zusammengekauert hocken. Da sie eintreten wollten, erhob es sich, zupfte Ulrich
leise, so da dieser unwillkrlich an sein Schwert griff, inde eine leise
Stimme sagte:
    Ich habe Eure Wohnung ausgekundschaftet und auf Euch gewartet; nicht war,
Ihr seid Ulrich von Straburg und jener ist der blonde Hieronymus?
    Wir schmen uns unserer Namen nicht! sagte Ulrich, der gewahr ward, da es
ein weibliches Wesen mit langen Zpfen war, das sich an ihn drngte; weiter
vermochte er in der Dunkelheit Nichts zu erkennen, und da er eine Weile
vergeblich auf einen Nachsatz zu der Anrede gewartet, sagte er unwillig das
Mdchen zurckschiebend: Geh' fort, wir sind Baubrder und mgen weder von
ehrbaren Frauen noch weniger von verlaufenen Dirnen etwas wissen, die zur
Nachtzeit in den Straen lauern.
    Das Mdchen stie einen Schrei aus und sagte: Ich kann Nichts wider die
innere Stimme, die mich antreibt ein Unglck zu verhten, wo es mglich. Ihr
habt Eberhard von Streitberg erzrnt, und er wird sich rchen an Euch und an
Ihr!
    Es ist wohl gar das Judenmdchen? rief Hieronymus, es jetzt erkennend;
packe Dich in das Judenquartier, in das Du gehrst, und la uns in Ruhe!
    Das Mdchen fing an zu weinen.
    Wenn Du es gut meinst, sagte Ulrich besnftigend, so gehe ruhig Deines
Weges; ich sagte Dir schon einmal, da uns auch der gefhrlichste Raubritter
Nichts rauben kann, denn wir haben Nichts, und mit seinem Schwert hat sich
unseres schon gemessen, falls er uns nach dem Leben trachten sollte.
    Ihr habt Nichts? fragte das Mdchen ermuthigt, aber doch wie mit
vorwurfsvollem Tone, und fgte wehmthig hinzu: O Ihr habt unendlich viel, wenn
Ihr einen ehrlichen Namen habt, aber den trachtet Euch der Ritter zu rauben; er
will Euch beschimpfen und vernichten, indem er aussprengt: Eure Mtter wren -
Hexen!
    Unsinn! rief Hieronymus; es sollt' einer wagen mein Mtterlein zu
beschimpfen, das jedes Nrnberger Kind als die bravste Frau kennt von
Kindesbeinen an!
    Er wird einen Makel auf Euch werfen, um Euch zu schaden, zweifelt nicht
daran! rief die Jdin.
    Er mag's versuchen! lachte Hieronymus; komm, Ulrich, la' uns nicht
lnger hren auf dies alberne Geschpf!
    Verachtet Ihr fr Euch meine Warnung, sagte sie seufzend, so hrt doch
die fr die Dame, der ihr damals beistandet. Lat sie wissen, da sie sich unter
keinem Vorwand soll aus der Stadt locken lassen, da sie -
    Ach, la uns in Ruh, sagte Hieronymus; geh' selbst zur Scheurlin und sag'
ihr was Du willst, uns geht sie Nichts an!
    Doch, doch! rief das Mdchen, ich kann nicht zu ihr! wir Ausgestoenen
drfen ja weder bei Tag noch bei Nacht die Schwellen dieser stolzen Geschlechter
berschreiten! Und doch mcht' ich das Unheil verhten, da ich es einmal wei! O
wollt denn auch Ihr mich nicht hren? wendete sie sich an Ulrich; Ihr drft
mich nicht verrathen und werdet es schon nicht - es sagt ja Niemand, der nicht
zu unserm Volk gehrt, da er mit der armen Rachel geredet - aber ich sage die
Wahrheit. Vor dem Thor drauen vor der Veste in dem kleinen Huslein am
Waldessaume wohnt die Amme der Scheurlin; bermorgen im Dunkeln wird man sie
dahin locken, und derselbe Ritter von neulich wird sie berfallen und mit sich
schleppen.
    Aber woher weit Du das? fragte Ulrich.
    Darauf darf und kann ich nicht antworten! rief Rachel; aber einen Eid
kann ich ablegen, da ich die Wahrheit rede und da es so geschehen wird.
    Gut, sagte Ulrich, wenn Dich Dein Gewissen treibt, eine schlechte That zu
verhindern, und Du uns gerade dazu berufen hltst, so wollen wir versuchen
dasselbe zu thun. Wehe Dir aber, wenn Du nur einen frechen Scherz mit uns
getrieben!
    Rachel schttelte sich: Ihr braucht mir nicht mit den Strafen zu drohen,
die mein warten knnten, den Staubbesen oder die Henkershnde die Zunge
auszureien, die falsch geredet, und allen Marterwerkzeugen - es ist noch keine
Lge aus meinem Munde gekommen! Ihr werdet es erfahren und mir knftig glauben.
Warnt die Scheurlin - ich thte es, knnt' ich schreiben.
    Es soll geschehen, sagten die Baubrder zugleich, und nun geh' in Deine
Gasse und gieb Dich zufrieden. Sie traten durch die Hausthr, die sie hinter
sich verschlossen, denn sie sahen einen andern Baubruder die Strae herauf
kommen, und wollten nicht, am wenigsten an ihrer Hausthr, mit einem weiblichen
Wesen betroffen werden, noch dazu mit einer verachteten Jdin, denn den
Baubrdern war durch ihre Gesetze aller Umgang mit dem weiblichen Geschlecht
verboten und es hie in ihren Statuten: Welcher Geselle mit ehrbaren Frauen
geht, soll Urlaub bekommen und den Wochenlohn in die Bchse legen; wer aber mit
berchtigten und bsen Frauen sich fhrt, den soll man ganz aus dem Handwerk
verweisen. Zu den letztern wrde man Rachel gerechnet haben, schon weil sie
Jdin, war sie dabei auch unschuldig wie ein Kind.
    Als die Beiden allein in ihrem Gemache waren, sagte Hieronymus: Es ist eine
wunderliche Geschichte. Etwas thun mssen wir! aber was?
    Das Mdchen redete aufrichtig aus einem gengsteten Herzen, sagte Ulrich;
aber warnen knnen wir die Scheurlin nicht, um so weniger, als wir die Quelle
auch nennen drfen, und es auch, ohne da man uns belogen, Alles nur
Hirngespinst oder Plne sein knnen, die nicht zur Ausfhrung kommen. La uns
bermorgen mit einigen Steinmetzen einen Spaziergang nach dem Feierabend vor
jenes Thor machen, aber Keinem etwas weiter sagen; da findet es sich dann, ob
Jemand unserer Hlfe bedarf.
    Es ist der beste Rath, stimmte Hieronymus bei; obgleich das Mdchen uns
selbst ja vor dem Raubritter warnte, dem wir nun entgegen gehen. Wie, wollte er
nicht aussprengen, unsere Mtter wren Hexen?
    Ulrich nickte sinnend mit dem Kopfe. Deine Mutter kennt hier Jedermann,
sagte er, und zum Glck ist man hier noch vernnftig und glaubt nicht an den
neuen Unsinn, der von herrschschtigen Priestern ersonnen worden, um nicht nur
ber den Glauben, sondern auch ber Ehre und Leben des deutschen Volkes die
Herrschaft zu erhalten. Aber in meiner Heimath hat der Hexenglaube schon lange
Zeit manches Opfer geheischt - dort waren wir ja Frankreich, seiner Wiege nher.
Dir allein kann ich sagen, was noch nie und gegen Niemand ber meine Lippen
gekommen: Da mir die Benediktiner die nthigen Zeugnisse gaben, sagte Pater
Anselm, mein Gnner, vertraulich zu mir: Forsche und frage drauen im Reich
nicht mehr nach Deiner Mutter. Wir haben Dir das Zeugni ehrlichen Herkommens
gegeben, ohne das Du nicht freier Maurer werden kannst, und es ist auch wohl
verdient; aber spter hat man Deiner Mutter ble Dinge nachgesagt, forsche und
frage nicht weiter! Vergeblich beschwor ich ihn mir mehr zu sagen, wenn er mehr
von ihr wisse; aber er behauptete, da ein Schwur seine Zunge binde und da ich
nicht weiter forschen und fragen drfe. Darum traf mich jene Drohung doch
sonderbar.
    So geh' bermorgen lieber nicht mit, sagte Hieronymus bedenklich, wenn es
auf eine Begegnung mit demselben Ritter abgesehen -
    Nein! rief Ulrich entschieden, das wre Furcht und Feigheit; mich
gelstet dem Mann gegenber zu stehen, der es vergeblich wagen soll, meine
Mutter oder mich zu beschimpfen.
    Es ist auch dummes Zeug! trstete Hieronymus; es wre zum ersten Mal, da
in Nrnberg und nun gar in der Bauhtte von Hexen die Rede wre. Dazu ist es zu
hell in den Kpfen; und wenn auch der Rath und die ganze Verfassung erstarrt ist
in den alten Formen, so hat das auch sein Gutes: das widersteht auch der neuen
Finsterni und der gewaltsam heraufgefhrten Nacht. Hier kmmert sich Niemand um
die Bulle Pabst Innocenz' VIII. und selbst die Geistlichen scheuen sich davon
Notiz zu nehmen. Die freidenkenden Gebildeten lcheln hchstens darber, und in
unserer Gemeinschaft wrde Jeder sich selbst brandmarken, der an den Teufel
anders dchte, als um ihn als darstellbares und allgemeinfaliches Symbol zu
bentzen, die Sittenverderbni der Zeit in wie auer der Kirche zu geieln.
    Ja, sagte Ulrich, es that mir wohl, diesen Geist in Nrnberg zu finden!
Aber eben so hat es alle meine Hoffnungen auf Knig Max verringert, weil er
schon vor fast drei Jahren in einem rmisch-kniglichen Brief vom 6. November
1486 aus Brssel die ppstliche Bulle in allen Stcken genehmigt, die
Inquisitoren in seinen Schutz nimmt und allen und jeden Unterthanen des Reichs
befiehlt, ihnen bei Vollziehung ihrer Geschfte alle Gunst und Hlfe zu leihen.
Und das ist geschehen trotz dem Widerspruch der Gebildeten und vieler wrdigen
Geistlichen, die in ihre Predigten dem Volke die Versicherung gaben, da es
keine Hexen gebe, oder da es wenigstens Nichts sei mit ihren angeblichen
Knsten, durch welche sie den Menschen und andern Geschpfen schaden sollten.
Das ist geschehen trotz dem Buche De Lamiis pythonicis mulieribus von Ulrich
Molitor (Mller) aus Kostnitz, eines Doctors der ppstlichen Rechte zu Padua,
worin er den Glauben an die Macht des Teufels zur Bewerkstelligung der
angeblichen Zaubereien bestreitet und alles davon Erzhlte fr Erdichtungen oder
fr Werke der Einbildungskraft erklrt, obwohl er zugiebt, da diejenigen Strafe
verdienen, die durch Armuth und Unglcksflle zum Bsen versucht, sich
wenigstens der Absicht nach dem Dienst des Teufels ergeben. Aber anstatt diesem
Urtheil der Vernnftigen sind die Frsten und Universitten dem Boten der
Unvernunft beigetreten. Die Universitt zu Cln hat auf Begehr der Inquisitoren
Heinrich Krmer und Jacob Sprenger ein beiflliges Gutachten ber den
Hexenhammer ausgestellt, und gerade Knig Max mute es sein, der ihm die vollste
Besttigung gab; ich glaube, der alte Kaiser Friedrich htte es nimmer gethan -
da thut es der Sohn; was bei dem Vater die Entschuldigung fr sich gehabt, da
es von einem schwachsinnig gewordenen Greise stamme, das gereicht dem Sohn im
blhendsten Mannesalter zu ewiger Schmach.
    Ich habe mich bisher wenig um diese Dinge gekmmert, sagte Hieronymus;
ich habe sie fr zu einfltig gehalten, als da man groes Gewicht darauf legen
sollte, und wenn man aus Frankreich oder auch vom Rhein und Westfalen
Hexengeschichten und Processe hrte, so habe ich gemeint, solch' dummes Zeug
knne sich doch nicht auf die Dauer erhalten, man knne die Thorheit ruhig mit
ansehen, sie werde bald in sich selbst zerfallen.
    Ja, sagte Ulrich, verachte man nur die Unvernunft, dem gewissen Sieg der
Vernunft durch sich selbst vertrauend, und setze sich jener nicht mit aller
Kraft entgegen, so wchst sie zur riesenhaften Macht empor. Das ist das Unkraut,
das man unter dem Weizen nachsichtig duldet und das ihn dann erstickt. So
scheint es hier zu gehen! Vor einem halben Jahrhundert verbrannte man die
heldenmthige Retterin Frankreichs Jeanne d'Arc, weil dem einfachen Mdchen aus
dem Volke gelungen war, was Helden umsonst versuchten, und der politische
Parteienha verdammte sie als Zauberin. Vor dreiig Jahren wurden zu Arras in
Artois eine Menge von Menschen durch die Habgier schndlicher Anklger und noch
schndlicherer Richter der Gemeinschaft mit dem Teufel verdchtigt und schuldig
befunden. Der Chronikenschreiber Monstrelet erklrt, da diese ganze Anklage nur
erfunden worden, um einige angesehene Personen in Schaden und Unglck zu
bringen. Man lie erst nur schlechte Leute gefangen nehmen, welche nun durch
Marter und Pein gezwungen wurden die Namen der Personen, die man ihnen vorsagte,
als solche zu nennen, welche mit ihnen dem Teufel gehuldigt und Hexensabbath
gefeiert. Die Angegebenen wurden dann wieder so grausam gefoltert und gemartert,
bis sie endlich auch gestanden - und dann wurden sie auf unmenschliche Weise
hingerichtet oder verbrannt. Aber trotzdem, da so ein Gelehrter versuchte diese
Schndlichkeit zu enthllen und zu erklren, wollte man nun an andern Orten auch
von Zauberei und Teufelsspuk hren, und die Finsterlinge, denen stets die
Dummheit des groen Haufens und der Glaubenseifer edlerer Naturen willkommen ist
ihr Reich zu krftigen, fanden hier ein treffliches Netz, es immer weiter
auszuwerfen und mehr darin zu fangen.
    Wenn ich nicht irre, sagte Hieronymus, sind es etwa fnf Jahre, da Papst
Innocenz die Bulle erlie, durch welche der Hexenglaube und das damit verbundene
Rechtsverfahren die kirchliche Weihe erhielt; aber Du berschtzest wohl die
Schdlichkeit ihres Einflusses.
    Gewi nicht! eiferte Ulrich; die Dominikaner und Professoren der
Theologie Heinrich Krmer in Oberdeutschland - und Jakob Sprenger am Rhein waren
schon zu Inquisitoren ernannt, als sich noch viele der besseren und
aufgeklrteren Geistlichen ihrem Verfahren widersetzten; aber seit der
ppstlichen Bulle und noch mehr seit der ppstlichen Besttigung wagt das
Niemand mehr, die Geistlichen wie die Laien haben sich gefgt, denn diejenigen,
welche es nicht thaten, wurden ihrer Stellen verlustig. Der Hexenhammer, der
erst krzlich erschienen, enthlt eine frmliche Hexengerichtsordnung, die nun
berall gelten soll. Unsinn, Dummheit und Unfltherei wetteifern darin mit der
schauderhaftesten Grausamkeit, und unzhlige Frauen sind bereits als ihre Opfer
gefallen. Das Schlimmste ist nur, da die weltlichen Gerichte ihr Ansehen allein
dadurch zu behaupten whnen, da sie den geistlichen Gerichten nicht die Spitze
zu bieten, sondern ihnen zuvorzukommen suchen; so kommt es endlich zu einem
frmlichen Wetteifer, wer mehr Teufels- und Hexenspuk aufspren und wer seine
Opfer grlicher foltern und bestrafen kann.
    Die Beiden sprachen noch lange so ber ein einmal angeregtes schreckliches
Thema und ber eine, durch ein einziges Wort heraufbeschworene Gefahr, die nun
wie ein Damoklesschwert ber Ulrich's Haupte hing; denn kam der Verdacht eines
unehrlichen Herkommens auf einen Baubruder; war seine Mutter der Schande
verfallen, so verfiel er derselben mit und ward fr immer aus der Gemeinde der
freien Maurer ausgestoen und dadurch zugleich gewissermaen fr vogelfrei
erklrt.
    Als der zweite Abend nach diesem herankam, zogen die Baubrder, ohngefhr
zehn an der Zahl, vor das Thor an der Veste sich im Walde zu ergehen. Keiner,
auer Hieronymus und Ulrich, ahnte dabei eine andere als die von diesen
angedeutete Absicht, die schne Waldluft zu genieen und an der Natur selbst
Muster der Ornamentik zu studieren. Denn wie berhaupt die himmelanstrebenden
Sulen der gothischen Dome, die oben in Zweigen und Aesten sich auseinander
theilten, in den deutschen Hainen majesttischer Buchen und schlank
aufstrebender Tannen ihre Vorbilder hatten, so bildete man jetzt mit immer
wachsenderer Vorliebe fr das Vegetabilische die Verzierungen an Sulen und
Thren, Piedestalen und Kapitlern dem lebendigen Laube in durchbrochener
Steinarbeit nach, und die strebsamsten Steinmetzen, immer bemht nach eigenen
Anschauungen Neues und Eigenes zu schaffen, statt nach alten Mabrettern zu
arbeiten, suchten und zeichneten sich selbst ihre Muster in der Natur.
    Jeder der Baubrder hatte seine Ledertasche umhngen, und an die Stelle des
Abendbrodes, das darin steckte, bis es unterwegs verzehrt ward, sammelte man
schn geformte Bltter hinein, sie gelegentlich als Modelle zu benutzen. Das
kurze Schwert trug Jeder umgegrtet, nur bei der Arbeit trennten sie sich davon.
    Als sie an der von der Jdin bezeichneten Htte vorber kamen, sagte Ulrich:
Mich drstet, und hier sehe ich nirgends eine Quelle oder einen Brunnen; ich
denke, man wird mir hier einen Trunk Wasser nicht versagen. Er schlug mit
seinem Schwert an die verschlossene Thr, nur der eine Steinmetz Erwin, der auch
Durst versprte, wartete mit ihm.
    Endlich ffnete man, und eine alte Frau fragte unwirsch, was es gbe. Als
Ulrich sein Begehr sagte, entfernte sie sich in ein inneres Gemach, um ein
Trinkgef zu holen. Auf einem Schemel in der unsauberen Hausflur sa ein Mann
in stdtischer Dienertracht, der Ulrich zunickend zu ihm sagte, wahrscheinlich
um seine Anwesenheit in diesem blen Lokal zu rechtfertigen:
    Wenn Ihr nicht ganz verdurstet seid, mcht' ich Euch nicht rathen hier zu
trinken! drinnen liegt eine alte Frau im Sterben - wer wei, was ihr fehlt. Wir
sind herausgegangen, weil sie die Amme meiner Herrin gewesen.
    Ja, sagte Ulrich, es ist auch ein schlechter Dunst hier: wenn Eure Herrin
noch drinnen ist, mcht' ich Euch rathen bald mit ihr zu gehen, damit ihr kein
Leid geschieht! ohnehin wird es bald dunkel, und da treibt sich hier oft
schlechtes Gesindel herum; das ist kein Weg fr Damen.
    Das hab' ich auch gesagt, besttigte der Diener.
    Die Frau kam mit dem Wasser, drinnen hrte man chzen und sthnen; Erwin
schttelte sich jetzt vor dem Wasser, und Ulrich go es drauen weg statt zu
trinken und winkte dem Diener heraus.
    Warum wartet Ihr nicht lieber auen? fragte er ihn.
    Weil es ein verrufenes Haus ist; man schmt sich, wenn einen Jemand sieht;
die Frau, die heraus kam, giebt sich mit Zaubereien ab, und ich kann nicht
Jedermann erzhlen, da die Frau Scheurlin aus lauter christlicher
Barmherzigkeit drinnen bei ihrer Amme sitzt, deren Sterben man ihr vorhin
vermeldete und sie beschwren lie herauszukommen, weil sie sonst nicht sterben
knne.
    Eben weil es ein verrufenes Haus ist, sagte Ulrich, solltet Ihr auen
Wache stehen, um zu beobachten, da sich nichts Verdchtiges zeigt. Wir sind
hier in der Nhe, ruft nach uns, wenn Ihr eines Beistandes bedrfet.
    Damit ging er mit Erwin, der zu ihm sagte: War es nicht die Scheurlin, die
Ihr gegen einen Ritter vertheidigt, wie der Knig hier war, und die er selbst
vor allen Frauen ausgezeichnet?
    Ja, antwortete Ulrich; wer wei, droht ihr nicht wieder eine Gefahr,
diese frechen Raubritter sind zu allen Schndlichkeiten fhig. Erst vor wenig
Tagen ist bei Niclashausen ein Waarentransport berfallen worden, ein Trupp
ritterliches Raubgesindel hat die Kaufleute und ihr Geleit in die Flucht
geschlagen und ihre Waaren auf ihre Burgen geschleppt. Der Nrnberger Rath denkt
immer sich allein helfen zu knnen, wenn die Reichsstadt aber nicht bald zum
schwbischen Bunde tritt, so wird das Uebel immer rger werden.
    Als die Beiden wieder zu den Andern kamen, theilten sie ihnen das eben
Erfahrene mit, und Hieronymus sagte: Es kann ja Einer von uns nahe bei der
Htte bleiben, dem furchtsamen Diener und der barmherzigen Frau zum Schutz, und
die andern rufen, wenn es nthig.
    Ulrich war dazu bereit, aber er blieb so unter den Bumen versteckt, da er
auch von der Htte aus nicht gesehen werden konnte.
    Pltzlich sprengte ein geharnischter Ritter an ihm vorber, er sprang vom
Pferd und band es an einen Baum; in der Ferne hrte man noch mehr
Pferdegetrappel. Zu Fu ging er an die Htte und lauschte am Fenster. Ein mattes
Licht schimmerte daraus. Auen war es dunkel geworden. Ulrich schlich ihm leise
so weit nach, als er es wagen konnte, um nicht gesehen zu werden.
    Es dauerte noch eine Weile, da trat Elisabeth aus der Htte von dem Diener
gefolgt. Der Ritter nherte sich ihr und bot ihr sein Geleit, wie es schien -
Ulrich verstand keine Worte - er hrte einen schrillenden Hlferuf Elisabeth's,
dann des Dieners, dann einen gellenden Pfiff des Ritters. Auch Ulrich lie einen
lauten Ruf ertnen und strzte auf den Ritter zu: die Schwerter blitzten im
Dunkeln, der Diener floh, der Ritter hielt Elisabeth; an seinem Panzer prallte
Ulrich's Schwert machtlos ab, aber ihn traf das des Ritters in die Seite, er
wankte - noch knieend hielt er Stand; da kamen die andern Baubrder, kamen auch
die Knappen; Erwin hatte sich des ledigen Pferdes des Ritters bemchtigt und war
nach Nrnberg gejagt um Hlfe zu holen; sie kam schnell, da das Huschen nur
eine Viertelstunde von der Stadt. Inde whrte das Getmmel und Gewirre fort -
vergeblich hatte der Ritter versucht Elisabeth mitzuschleppen; der knieende
Ulrich hatte ihn in die Hand gehauen, da er sie lassen mute. Da die
Bewaffneten aus der Stadt kamen, schwang sich der Ritter auf das Pferd eines im
Kampf gestrzten Knappen, und es gelang ihm mit den andern zu entfliehen. Der
Knappe, ein Steinmetzgeselle und Ulrich lagen fr todt am Boden; Elisabeth war
zurck in die Htte geeilt, nicht um sich zu retten, sondern um Wasser und
Linnen und die Frau, welche sie bewohnte, zu holen den Verwundeten beizustehen.
Die Frau folgte ihr mit Jammergeschrei; Elisabeth sagte verweisend: Das ntzt
nichts - helft! und neigte sich ber den regungslosen Ulrich. Jetzt erst
erkannte sie ihn, da ein Kienspan, den die Alte mitgebracht, ihn beleuchtete.
Jetzt erst berrieselten sie kalte Schauer, jetzt erst war es mit ihrer Kraft
vorbei. Todt! fr mich! hauchte sie verzweiflungsvoll. Er schlug die Augen
auf, und es war, als entstrme ihnen ein verklrender Strahl, dann schlo er sie
wieder, um seine Lippen zuckte der Schmerz - vielleicht war es zum letzten Male.
    Inde hatten die Baubrder und die herbeigeholten Stadtmilizen aus Stangen,
die sie an der Htte fanden, und Aesten, die sie im Walde brachen, Tragbahren
bereitet und die drei Verwundeten darauf gelegt. Jetzt kam auch Herr Scheurl,
von dem Diener benachrichtigt, mit zahlreicher Begleitung und einer Snfte fr
seine Gemahlin.
    Als sie im Hause angekommen und er eine Erklrung von ihr forderte, konnte
sie ihm keine andere geben, als da gegen Abend ein Knabe zu ihr gekommen, den
ihre ehemalige Amme, die jene Htte mit einer ihr verwandten Holzhauerfamilie
theile, schon oft als Boten zu ihr geschickt, um ihr zu sagen, da die kranke
Amme nicht ersterben knne, wenn sie nicht noch einmal sie gesehen. Sie sei
darum mit dem Diener dahin gegangen, inde ihr Gemahl nicht dagewesen. Die Amme
war noch am Leben, aber nicht bei Bewutsein, in der Htte Niemand zu Hause als
die alte Frau. Vergeblich habe sie lange gewartet, ob der Amme nicht ein lichter
Augenblick komme, und dann sei sie endlich gegangen, da sie die Nacht
gefrchtet. Der Ritter, der sich zu ihr gedrngt, habe das Visir geschlossen
gehabt, sie knne nicht wissen, wer es gewesen.
    Da sie in ihm Eberhard von Streitberg erkannt, verschwieg sie ebenso, wie
sie den Vorfall auf der Hallerwiese verschwiegen, und bat ihren Gemahl um ihres
Rufes willen die Geschichte nicht erst vor den Rath zu bringen und zu einer
Untersuchung, die doch zu Nichts fhre, da die Nrnberger ja keinen hngen, den
sie nicht htten; zu den Verwundeten aber solle er den besten Bader schicken und
ihnen auf seine Kosten die beste Pflege angedeihen lassen, oder wenn sie strben
- sie schauderte bei dem Gedanken - das beste Begrbni.
    Fr sich allein sann sie weiter nach, welch' ein Netz von Verrtherei sie
umspinne. Dies Ereigni hatte etwa vier Wochen spter stattgefunden als ihr
Besuch bei dem Goldschmied Drer. Drei Wochen nach diesem war der Meister
bestrzt zu ihr gekommen und hatte ihr erzhlt, wie Tags vorher nicht jene alte
Frau, sondern ein Knappe mit geschlossenem Visir zu ihm gekommen und die Nadel
verlangt habe. Er sei wohl vorbereitet gewesen eine alte Frau festzunehmen, aber
nicht einen geharnischten Mann. Dennoch habe er ihm kurz und rund erklrt, da
er die Nadel niemals machen werde, da man ihn belogen und die Besitzerin sie nie
verloren habe. Da der Knappe sein Schwert gezogen, habe er nach Hlfe
geschrieen, aber ehe sie gekommen, sei Jener fort gewesen, nachdem er Vieles in
seiner Werkstatt zertrmmert. Meister Drer kannte den Knappen so wenig wie jene
Frau; mit der Beschreibung derselben stellte aber Elisabeth jetzt Vergleichungen
an, und der Gedanke gewann Wahrscheinlichkeit, da jene alte Frau in der
Goldschmiedswerkstatt und in der Htte dieselbe gewesen. Dennoch suchte sie
vergebens in diesen Rnken, welche offenbar nur gegen sie geschmiedet waren,
einen Zusammenhang zu erblicken.
    Kaum grbelte sie auch mehr darber, als sie sich mit den Gedanken qulte,
da ihretwegen Blut geflossen, da man sich um ihretwillen geschlagen, wohl gar
gemordet!
    Bald erfuhr sie, da der Knappe wirklich todt sei. Das ertrug sie noch am
leichtesten, denn er war einmal in die Hand der Nrnberger gefallen, und als ein
Angreifer und Friedensbrecher wre er entschieden gehangen worden, ja man wrde
ihm schon aus Rache, um dem verhaten Raubadel wenigstens in seinen Dienern und
Helfershelfern ein drohendes Beispiel zu geben, den hchsten Platz am Galgen
angewiesen haben. Und wenn er nicht gleich gestanden, wer sein Herr gewesen und
Alles was er wute, so wrde man ihn in den Marterkammern unterm Rathhaus in
der Gte befragt haben, wie die Redensart hie, hinter der sich die Anwendung
der grulichsten Marterwerkzeuge von den Hnden der Folterknechte versteckte. So
war es ein Glck fr den Knappen, da er nur todt in die Hnde der Sieger
gefallen war.
    Aber die Baubrder, die nur die Beschtzer einer wehrlosen Frau gewesen? Fr
sie sandte Elisabeth heie Gebete zum Himmel empor, da sie hrte, da sie noch
lebten, aber schwer an ihren Wunden darniederlagen. War es doch derselbe
Steinmetzgeselle, der sie schon einmal vertheidigt - derselbe, der schon einmal
ihre Aufmerksamkeit erregte und doch ihre Rose verschmhte. Zum zweiten Male war
er ihr Retter geworden, hatte sie zum zweiten Male mit Gefahr seines Lebens
beschtzt. Wie eine Beschmung lastete das auf ihr, doppelt, da er das erste Mal
vielleicht den Ritter gekannt, und sie berhaupt es seiner Verschwiegenheit
dankte, da von diesem Vorfall Nichts in der Stadt herum gekommen. Sie ahnte
nicht, wie viel sie ihm zu danken hatte - aber schon das, was sie erkannte,
drckte sie wie eine Last! -

                                Zwlftes Capitel



                                   Eine Jdin

Es war ein wstes Durcheinander in dem Gemach, in dem Rachel, das Judenmdchen,
einige Ordnung herzustellen suchte. Groe Kisten und Laden waren bereinander
gehuft, einige von ihnen geffnet und halb ausgepackt; kostbare Stoffe und
Pelze quollen daraus hervor. Rachel stubte sie aus, um sie vor Insekten zu
sichern oder auch davon zu befreien, je nachdem es sich nthig zeigte. Zuweilen
hielt sie bei dem Geschft inne und lauschte durch die angelehnte Thr in ein
zweites, ziemlich leeres und armselig eingerichtetes Gemach, das mit den hier
aufgehuften Schtzen auffallend contrastirte. Aus diesem fhrte eine zweite,
jetzt verschlossene Thr hinaus auf die Treppe, und Rachel wollte nur nicht
verhren, wenn Jemand komme und klopfe.
    Jetzt hrte sie drauen schlrfende Schritte die Stiege heran - es waren die
ihres Vaters; da brauchte sie nicht zu ffnen, denn er wute drauen den
verborgenen Winkel, wo die abgeschraubte Klinke zu dem Thrschlo lag, das ohne
dieselbe nur von innen geffnet werden konnte. Sie hrte ihn danach suchen,
dabei gewohnte Flche murmelnd, endlich ffnete sich die Thr.
    Der Jude Ezechiel war ein Mann von mittlerer Gre, dabei hager und von
geschmeidigem Wesen. Der Typus seiner Gesichtszge war entschieden orientalisch,
eine groe hervorragende Nase ber einem vorstehenden Mund, den ein
grauschwarzer Bart umwallte. Drftiger war das Haupthaar, aber die Augenbrauen
buschig, ein listig lauerndes Augenpaar beschattend. Er trug einen
schwarzbraunen, bis auf die Fe reichenden Talar, eine buntstreifige Schrpe um
den Leib und an dem linken Aermel die von dem Nrnberger Rath fr Mnner wie
Frauen israelitischer Abkunft gleicherweise vorgeschriebenen drei gelben
Streifen.
    Die Furchen seiner Stirn erschienen heute noch einmal so tief als gewhnlich
und prophezeiten nichts Gutes. Da er eintrat, herrschte er Rachel zu: Geh'
hinein und bleib drinnen bei Deiner Arbeit, aber mache dabei kein Gerusch,
damit nicht merkt die alte Jacobea, da Jemand drinnen. Sie kann Dich einmal
nicht leiden. Geh' hinein, denn sie folgt mir auf dem Fue und wird gleich da
sein.
    Nun, sagte Rachel, ich kann sie auch nicht leiden, und es hat uns auch
noch kein Glck gebracht, da Ihr Euch mit ihr eingelassen.
    Still, rede nicht von Dingen, die Du nicht verstehst; Geh' hinein, sag'
ich! rief der Jude leise aber drohend, und Rachel gehorchte. Sie ging wieder in
das zweite groe Gemach und schlo die Thr hinter sich, aber sie dachte nicht
daran, wieder an die vorige Arbeit zu gehen, sondern lehnte sich lauschend an
die Thr, um kein Wort von dem zu verlieren, was die alte Jacobea drinnen mit
ihrem Vater sprechen wrde.
    Als diese eintrat, rief sie: Es ist Alles verunglckt, und war Alles so
schn gegangen! Alle waren abwesend, mein Sohn wie seine Frau und der groe
Bube, um vor heute nicht wieder zu kommen. Die alte Marthe, die Amme der Frau
Scheurlin, kam durch das Pulver, das ich ihr in den Brei gerhrt, in einen
Zustand, da sie Nichts von sich wute und irre redete; da konnt' ich getrost
den kleinen Buben gegen Abend zur Stadt schicken, der Scheurlin melden zu
lassen, da die Amme in Todesnthen nach ihr verlange. Wie klug sich auch die
Scheurlin dnken mag, sie ging glcklich in die Falle, und brachte nur einen
einzigen Diener mit. Wohl eine Stunde sa sie da bei der Irreredenden, bis es
dunkel war; ich sagte erst, sie solle warten, bis mein Sohn kme, der sie mit
heimgeleiten knne. Aber sie wollte nicht, und wie sie hinausging, lauerte
drauen schon der Ritter und ich hatte die Widerspnstige glcklich in seine
Arme geliefert. Da hr' ich drauen noch andere Stimmen als die ihrige schreien
- ein ganzer Trupp Baubrder kmpfte mit dem Ritter und den Knappen, dann kamen
gar Bewaffnete aus der Stadt; es hat Leichen und Verwundete auf dem Platz
gegeben - der Ritter ist nur verwundet, aber ohne Beute entkommen. Den
Nrnberger Rath frcht' ich nicht, noch weniger das Gericht des Burggrafen, denn
ich habe meine Sache zu klug angefangen, kein Verdacht kann mich treffen - aber
den Ritter und seine Kumpane werd' ich nun auf dem Halse haben.
    Milungen! rief der Jude, zum zweiten Male milungen - und durch Euch!
    Hoho! rief die Alte; durch Euch oder Eure Sippe! Verrathen worden ist's!
Was haben die Steinmetzen da drauen zu suchen? im Leben habe ich nicht so viele
beisammen dort im Walde gesehen! Sind doch dieselben Beiden mit dabei gewesen,
die den Streitberg schon auf der Hallerwiese angefallen und denen er's dankt,
da der Knig selbst ihn aus Nrnberg verwiesen. Der Ritter hat geschworen sich
dafr zu rchen, und nun hat er hoffentlich wenigstens dem Einen den Garaus
gemacht!
    Mit verhaltenem Odem hrte Rachel dies Alles! Trotz ihrer Jugend war sie
doch durch den Druck, unter welchem sie lebte, der sowohl auf ihr durch ihre
nchste Umgebung als durch den Fluch lastete, der auf allen Juden ruhete, so
daran gewhnt sich selbst zu beherrschen, da sich ihrer bis zum Ersticken
gengsteten Brust kein Laut entrang, noch da sie der Versuchung unterlag, die
Thr zu ffnen und selbst zu fragen: Welcher ist der Todte?
    Und sie war seine Mrderin! sagte sie sich verzweiflungsvoll. Das hatte sie
nicht gedacht. Warnen hatte sie Ulrich wollen vor seinem mchtigen tckischen
Feind und vor dem bsen Leumund, der ihm drohte - und weil er ihrer Warnung
nicht achtete, sowohl um dieser Nachdruck zu geben als auch aus Mitleid mit der
schnen Frau, der ein so schmhliges Schicksal drohte, hatte sie ihm davon
gesagt. Sie meinte nicht anders, als da Ulrich sie vorher warnen werde, der
drohenden Gefahr sich auszusetzen, und konnte weder beurtheilen, da er dies
unterlassen werde, besonders weil er es noch bezweifelte, noch da er erst
bereit sein wrde der wirklichen Gefahr gegenber sie mit seinem eigenen Leben
zu beschtzen. War er oder Hieronymus todt, so kam sein Blut ber sie; aber sie
konnte es nicht ndern, da zu den Vorwrfen ihres Gewissens auch der Jammer des
Herzens kam, wenn Ulrich das Opfer war. Und schon leuchtete die Anklage des
Verrathes gegen sie durch die Worte der Alten hindurch; aber was sonst Rachel
schon in namenlose Angst versetzt htte vor den Vorwrfen und Strafen der
Ihrigen, versank jetzt vor den Schrecken und der Qual, die ihr die
Todesnachricht verursachte.
    Nun, so ist er ihn ja los, sagte der Jude gleichgltig; aber wenn Ihr
versteht zu schweigen, so ist ja auch weiter Nichts dabei, als da wir sind
betrogen um den Lohn und haben gemacht ein schlechtes Geschft, statt da wir
gemeint haben zu machen ein gutes. Wird wohl dem Ritter vergehen sich hier noch
lnger umherzutreiben, wenn er sieht, da die feinen Nrnbergerinnen nicht
gleich fr Jeden sind zu haben.
    Der lt keinen Schimpf auf sich sitzen! rief die Alte. Wird ihm kaum
Recht sein, da der Ulrich von Straburg ehrlich auf der Landstrae gestorben!
Dem, der ihm beim Knige den Schimpf bereitet, dem schwor er einen noch grern
anzuthun; nun ist er gestorben, ehe er ihn gebrandmarkt hat, denn das wr' uns
gelungen und wenn auch alles sonst milnge.
    Sollt' ich nicht meinen, begann der Jude, mte Euch nicht sonderlich
lieb sein, wenn man hier in Nrnberg auch anfinge von Hexen zu reden; hat mir
neulich Einer aus Costnitz erzhlt, da daselbst sind viele Frauen verbrannt
worden, die vielleicht auch nicht mehr gethan, denn - er verschluckte das:
Ihr, welches folgen sollte, und sagte statt dessen: denn Trunke gebraut und
Zaubersprchlein im Munde gefhrt.
    Die Alte wollte auf's Neue auffahren, als es drauen klopfte. Ihr thut wohl
besser jetzt zu gehen, sagte er; geschehene Dinge sind nicht zu ndern, und
man mu sie nur betrachten, wenn man noch Nutzen aus ihnen ziehen kann.
    Wir werden wohl noch von einander hren! sagte Jacobea, und zog ihr
dunkles Kopftuch fester zusammen, so da nur ein schmaler Streifen von ihrem
Gesicht zu sehen war. So drckte sie sich zur Thr hinaus, durch welche ein
anderer Jude trat, einen groen Kasten auf dem Rcken, den er mit Waaren aus dem
Lager Ezechiel's zu fllen gedachte. Er gehrte zu den vertrauten
Geschftsfreunden, welche auch Eintritt in das zweite Gemach hatten und die
darin aufgehuften Schtze besichtigen konnten.
    Unter den Juden Nrnbergs, obwohl sie nur auf einen besondern Stadttheil
beschrnkt und durch strenge Verordnungen von der brigen Bevlkerung geschieden
waren, gab es doch auch besitzende, reiche Leute, welche dennoch in
unermdlicher Thtigkeit beflissen waren, das schon Erworbene immerfort zu
mehren, ohne doch jemals einen wirklichen Genu von dem Gewinn zu haben, denn
derselbe mute, um gesichert zu sein vor fremden, besonders christlichen Augen,
durch Verborgenheit gehtet werden. Denn immer ward den Juden, des Reichs
Kammerknechten, Alles mignnt; sie muten grere Abgaben geben als alle
Andern, ja es war schon da und dort vorgekommen, da sie eine Auflage ganz
allein hatten bezahlen und bei manchem Unglck Schadenersatz hatten leisten
mssen, wenn dabei auch ein Zusammenhang mit ihrer Schuld noch so gesucht
erschien.
    Ezechiel gehrte zu diesen reichen Juden, und wie tiefe Verachtung man ihm
auch ffentlich zeigte, es gab doch Christen genug, die in der Stille ihre
Zuflucht zu ihm nahmen und seine Verschwiegenheit mit hohen Procenten erkauften.
Vielen war er eine unentbehrliche Person. Er lieh Geld gegen Zinsen und verlieh
ebenso auf Kleidungsstcke und Kostbarkeiten. Viele derselben blieben als
ungelste Pfnder in seinem Besitz und lieferten ihm zugleich ein Waarenlager
fr einen ansehnlichen Trdlerkram. Eine bedeutende Verstrkung erhielt dieser
jedoch oft durch ein zwar eintrgliches, aber ziemlich anstiges Geschft. Er
zog nmlich meist in Begleitung seiner Tochter oder seines Sohnes Benjamin
trdelnd in der Umgegend umher; aber gewhnlich kam er mit gefllterem Sack
zurck, als mit dem er ausgezogen, und war doch gar wohl mit seinem Handel
zufrieden. Whrend die groen Kaufleute von Nrnberg ihre Waaren meist nur mit
groer Bedeckung von Reisigen weiter in's Land zu fhren wagten, da die
Raubritter und Wegelagerer jetzt ihr Wesen ungescheuter denn jemals trieben,
besonders in den nahen Reichsforsten und oft bis unter die Mauern der Burg,
wandelte der Jude mit seinen Kindern einsam, aber sicher, trotz den oft reichen
Schtzen, die sie bei sich trugen. Das doppelte Rthsel ls't sich leicht: Wo
jene die Stehler machten, war er der Hehler. Oder wenn man das nicht sagen kann,
da die Raubritter ihr Wesen so ungescheut trieben, da sie gar keines Hehlers
bedurften, sondern mit frecher Hand nur nach dem rohen Recht des Strkeren
ruberisch an sich rissen, was den schwcher bewahrten Handelsleuten abzunehmen
war, ihrer Beute oft noch sich rhmend: so war diese doch oft der Art, da sie
fr ihre Verhltnisse selbst nicht immer brauchbar erschien - da war denn in
diesen Ruberhhlen, welche den stolzen Namen Schlsser fhrten, der Jude
Ezechiel eine sehr willkommene Erscheinung. Von ihm erhielt man fr diese
unntzen Waaren ntzlichere und dem augenblicklichen Bedrfni entsprechende
nach freier Auswahl, oder baares Geld, und der Jude wute dabei den Handel immer
zu seinem Vortheil zu lenken, wenn er dabei auch immer jammerte und klagte, als
habe er nichts als Verlust davon. Aber damit allein waren die Geschfte des
Juden noch nicht erschpft. Da eben Leute aus allerlei Volk zu ihm ihre Zuflucht
nahmen, so war er auch von tausend Dingen unterrichtet, die in den stolzesten
Patrizierhusern wie in den verdchtigsten Schlupfwinkeln der niedrigsten Klasse
vor sich gingen und andern Blicken sich verhllten, und darum wute er in
tausend Stcken Rath, den er sich so gut wie seinen Trdlerkram bezahlen lie.
    So, als er auf das Schlo des Ritters von Weyspriach kurz nach der Abreise
des Knigs Max gekommen, auf dem der aus Nrnberg verwiesene Eberhard von
Streitberg einstweilen ein Asyl gesucht, um von da aus seine Ziele zu erreichen,
erhielt der Jude von den Rittern den Auftrag auszukundschaften, welcher
Goldschmied Nrnbergs die Rose gearbeitet, welche der Knig der Scheurlin
geschenkt. Er sollte eine ganz gleiche danach anfertigen lassen. Da der Jude
erfuhr, da Meister Albrecht Drer der Verfertiger war, ein Mann, der sich weder
durch Bestechung noch Drohung zu einer unredlichen Handlung verleiten lie, und
der sich um keinen Preis in ein Geschft mit einem Juden wrde eingelassen
haben, so kam er darauf, durch die alte Jacobea, welche er zu ihm sandte, zu
seinem Ziel zu gelangen.
    An dem Gastmahl in Nrnberg, an welchem der Ritter von Weyspriach die
gehssigen Gesinnungen kennen lernte, welche die Hallerin gegen die Scheurlin
hegte, hatte er von dieser im Interesse seines Freundes Streitberg mehr zu
erfahren und sie mit zu seiner Bundesgenossin zu machen gesucht. Bei ihrem
spteren Wiedersehen war zwischen ihnen ein Plan verabredet worden, eine von
Streitberg mit der Scheurlin gewnschte Zusammenkunft zu veranstalten. Wie sehr
auch die Hallerin wnschte, die beneidete und darum verhate Feindin zu
demthigen, so wollte sie sich doch erst lange nicht zu einer Vermittlerin
hergeben, obwohl Weyspriach nichts von ihr verlangte, als da sie Elisabeth mit
andern Gsten zu sich lade und sie dann in ein abgelegenes Gemach locke, in dem
ein von ihr verschmhter Liebhaber - der Ritter nannte absichtlich keinen Namen
- sie ungestrt treffen knne. Nur um einen Preis war sie bereit das zu thun:
wenn sie eine, derjenigen Elisabeth's ganz gleiche Nadel erhalte, die sie nun,
wo der Knig fort war, auch als ein Geschenk seiner Huld ausgeben, dadurch
Elisabeth demthigen und sich an ihr rchen knne - ja die Hallerin bestand
entschieden darauf, nicht frher ihre hlfreiche Hand zu bieten, bis sie in den
Besitz der Nadel gesetzt worden.
    Doppelt ungelegen war es darum den Rittern, durch die Antwort des
Goldschmieds sich so hingehalten zu sehen. Als endlich die drei Wochen vorber
waren, sandten sie nchtlicher Weile ein paar ihrer Knappen mit der fr die
Nadel geforderten Summe zu Meister Drer, und der Knappe mute froh sein mit
einer abschlgigen Antwort davon zu kommen.
    Nun war die Hlfe der Hallerin verwirkt - ja man mute noch froh sein, wenn
sie in ihrem Aerger nicht plauderte und den Ritter, der ihr durch ein
Versprechen Hoffnungen erregt, die er nicht erfllen konnte, in seinem Vorhaben
zu stren suchte. Doch erhielt sie die Furcht, durch eine Mittheilung zum
Nachtheil des Ritters zugleich sich selbst zu schaden, bei dem Vorsatz des
Schweigens; aber sie hoffte, da sich eine Gelegenheit finden werde dem Ritter
zu zeigen, da man eine Nrnberger Patrizierin nicht ungestraft hintergehe, und
wartete auf dieselbe. Vergessen wrde sie die Tuschung nie.
    Inde hatte Weyspriach wenig Neigung, fr Eberhard von Streitberg noch
fernere Schritte zu thun, und verwies diesen allein auf die Hlfe des Juden, als
dieser wieder mit seiner Tochter auf seinem Hausirergange in das Schlo kam. Er
schlug die alte Jacobea als Bundesgenossin vor, die mit Elisabeth's Amme in
einem Hause wohnte; aber man wollte dem Juden nicht allein trauen und behielt
ihn so lange bei sich, bis Rachel nach Jacobea gesandt mit dieser zurckkam. So
verhandelte man in der Gegenwart des Mdchens, das man seiner stillen Weise nach
beinah' nicht anders wie ein einfltiges, dem Vater blind gehorsames Kind
betrachtete. Ja noch mehr! Streitberg, der schon in Nrnberg doch so viel ber
die beiden Baubrder erkundet hatte, um ihre Namen zu wissen, forderte sowohl
von dem Juden als von Jacobea Rath und Mittel sich an ihnen zu rchen. Wie htte
ein Eberhard von Streitberg je den Schimpf mgen auf sich sitzen lassen, sich
sein Schwert von den Hnden eines Steinmetzen entwinden zu sehen - eines
Menschen also, der von Frh bis Abends mit diesen Hnden arbeitete und unter
strengen Regeln sein Leben verbrachte, inde er, der stolze Ritter, der jede
Arbeit, auch wenn sie dem Dienste der erhabensten Kunst galt, tief gering
achtete, und mit roher Willkr auf den Landstraen raubte was er brauchte, wenn
einmal ein beutereiches Kriegerleben sich ihm nicht gleich nach Wunsche bot -
er, der in unzhligen Turnieren den ebenbrtigen Gegner aus dem Sattel gehoben
und mit verwegenem Muthe bei kecken Abenteuern so gut wie in wilder Schlacht
Heldenthaten verrichtet!
    Mit der kecken Zuversicht, die ihm immer eigen, hatte er danach von Knig
Max sein Schwert zurckgefordert und wider die Baubrder geklagt, die ihn in der
Mehrzahl auf der Hallerwiese berfallen und ihm unter frechen Scherz- und
Schimpfworten sein Schwert entrissen. Aber er hatte dabei nicht gedacht, da der
Knig selbst ein Baubruder war und den Worten freier Steinmetzen mehr Vertrauen
schenkte als einem Ritterwort; noch weniger wute er, da Elisabeth schon vor
allen Frauen Nrnbergs vor den Augen des Knigs Gnade gefunden. So hatte er erst
nur die knigliche Antwort erhalten, da die Sache untersucht werden solle, um
darauf den noch grern Schimpf zu erleben, da ihm der Knig sein Schwert zwar
wieder sandte, aber mit der Bemerkung, da er es nur auerhalb der Stadt tragen
drfe, und mit der Verweisung aus derselben und der Drohung, da er, falls er
nicht gehorche, als ein Friedensbrecher dem Gefngni und Gericht der Stadt
werde berantwortet werden. Wie sehr Streitberg auch wthen mochte: es blieb ihm
nichts brig als zu gehorchen, und er mute noch froh sein, da er doch keinen
ffentlichen Schimpf erleben, sondern sich den Anschein geben durfte, als riefe
ein Geschft ihn fort.
    Er zog sich inde auf Weyspriach's Veste zurck, und ward immer mehr von
Zorn erfllt, als er vernahm, wie der Knig Elisabeth auszeichnete, bei deren
Anblick seine ganze alte Leidenschaft fr sie wieder erwacht war.
    Eberhard von Streitberg war eine jener ungebndigten Naturen voll roher
Kraft und starker Gefhle, ohne den Willen dieselben jemals zu zgeln, da er
ohne sittliche Grundstze war. Seine feurige Leidenschaftlichkeit und die
augenblickliche Wahrheit seiner Empfindungen machte sein Glck bei
liebebedrftigen und gefhlvollen Frauen, die von seiner uern ritterlichen
Erscheinung und einzelnen heroischen Eigenschaften seines Charakters bestochen,
ohne denselben nher prfen zu knnen, in ihm das Ideal eines Helden fanden. So
hatte er frh das Herz des Edelfruleins Helene von Heideck gewonnen und sie als
seine Gattin heimgefhrt. Aber bald ward er ihrer berdrssig, und nur um wieder
frei leben zu knnen, nahm er Kriegsdienste und abenteuerte in allen Lndern
umher. So kam er nach Venedig, wo er Elisabeth Behaim kennen lernte und mit
leidenschaftlicher Gluth sich an sie hing. Er erkannte ihren sittlichen Werth
hinlnglich, um zu wissen, da sie allen Verfhrungsknsten eines Mannes
widerstehen werde, auf dessen Herz ein anderes Wesen frhere Rechte habe, und so
verleugnete er dieses. Ja, als er sich mit Elisabeth verlobte, leitete ihn
vielleicht auch die Hoffnung, seine verlassen hinsiechende Gattin knne sterben,
oder der einmal begonnene Betrug sich weiter fortsetzen lassen. So verbrachte er
ein Jahr fern von Elisabeth und der Heimath, bis ihn seine Leidenschaft in die
Nhe Nrnbergs trieb und er nur daran dachte, Elisabeth an sich zu reien, zu
entfhren, gleichviel was daraus entstehe. Da ward sein Plan vernichtet, ohne
da er sie wiedergesehen. So verlie er auf's Neue die unglckliche Gattin und
zog weit fort in's heilige Land, um sich bei minder zurckhaltenden Schnen fr
Elisabeth's Verlust zu trsten. Dennoch konnte er sie nie ganz vergessen, eben
weil er sie nie besa. Als er darum mit Weyspriach aus Palstina zurckgekehrt
erfuhr, da Knig Max nach Nrnberg komme, schlo er sich dem Gefolge des
Markgrafen Friedrich von Brandenburg an. Er durfte Elisabeth nun wiedersehen in
ihrer ganzen Schnheit, die, wenn er sie mit ihrer jugendlicheren Erscheinung
von einst verglich, nur die Vernderung erfahren, da sie eine ppig blhendere
geworden war, und da an die Stelle einer schwrmerischen Sinnigkeit in ihrem
Angesicht der Stempel stolzen Selbstbewutseins und geistiger Hoheit getreten,
um an sich zu erfahren, da sie den ganzen alten Zauberbann auf ihn be. Um so
mehr verdro es ihn, da sie sein Vorbeireiten unter ihrem Chrlein gar nicht
bemerkte, und da er auch inzwischen nicht erfahren, was aus ihr geworden, so
wendete er sich mit der Frage danach an Markgraf Friedrich, und war frech genug,
wie er von ihrer Verheirathung hrte, sich zu rhmen, da er einst ihre Gunst
besessen.
    Auf der Hallerwiese wollte er die frhern Rechte auf sie geltend machen,
dachte er durch die Sprache seiner Leidenschaft Vershnung und Erhrung zu
finden; denn er meinte, Elisabeth habe inde wohl genug das Leben kennen
gelernt, um berspannten Begriffen von Liebe, Pflicht und Treue entsagt zu
haben, um so mehr, als er erfuhr, da sie dem ltern Gatten wohl nur aus
kindlichem Gehorsam oder seines Reichthums und Ansehens wegen ihre Hand gegeben
- ja sein Egoismus zog daraus den fr sich gnstigen Schlu, da sie wie ihn
wohl nie wieder geliebt, und er sich darum nur zu zeigen brauche, um die alten
Gefhle wieder zu erwecken. Da nahm dies erste Wiedersehen fr ihn einen so
schimpflichen Ausgang.
    Nun lechzte die entflammte Leidenschaft nach einer Gewaltthat und nach Rache
an den Baubrdern.
    Unbeachtet von Allen war Rachel, mit gegenwrtig in einem Winkel an der Thr
kauernd, scheinbar vor Mdigkeit eingeschlafen, als ihr Vater, Jacobea und der
Ritter von Streitberg den Plan zur Entfhrung Elisabeth's entwarfen. Daran
knpfte sich die andere Frage, wie die Baubrder zu bestrafen, wie sie es
empfinden sollten, da ein Ritter nicht ungercht sich beleidigen lasse.
    Der Adel, der durchaus keinen Kunstsinn besa und berhaupt keiner
Begeisterung fr das Ideal fhig war und jedes hheren Aufschwunges baar, der
ber die einseitigen Begriffe von Ritterehre und Standeswrde hinausreichte, mit
der es sich ganz wohl vertrug, fleiige Brger zu berauben und ehrsame Frauen zu
entfhren, wenn es nur mit der nthigen Frechheit, welche man Khnheit nannte,
geschah - dieser Adel hate die Baubrderschaften oder verachtete sie doch, wie
er Alles verachtete, was nicht vor der feudalen Herrlichkeit sich beugte. Dieser
Adel war bei seinen Bauten mehr auf sicheres und festes Wohnen als auf Schnheit
bedacht. Vorber war auch bei ihm jener fromme und glubige Sinn, der in
frheren Zeiten wohl Frsten und Herren vermocht hatte, bei einer gelungenen
Unternehmung Kirchen oder Kapellen oder Klster zu stiften, vorber die ganze
religise Begeisterung, die in den Kreuzzgen und unzhligen Gelbden zu
kirchlichen Zwecken sich offenbarte: das alte, zu seiner Zeit edle und
begeisterte Ritterthum war im Absterben und hatte nur einer Art von Raufboldthum
und beispielloser Verwilderung der Sitten Platz gemacht. Im Gegensatz dazu war
das Brgerthum in wrdiger Haltung, besonders in den freien Reichsstdten
emporgeblht, und man setzte in ihm, besonders in Nrnberg eine Ehre darein, die
Kunst zu pflegen und zu beschtzen. Es war vielmehr Begeisterung fr die Kunst
an sich, wenn man will, auch Ehren- und Modesache, da die Nrnberger Patrizier
frmlich mit einander wetteiferten, Stiftungen, wenn nicht zu neuen Kirchen
selbst, doch zu den Verschnerungen der alten zu machen. Der Adel blickte
verchtlich auf dies schne Kunststreben, und wenn Knig Max in vielen
Beziehungen als ritterlicher Held ihren Hoffnungen gerecht war, so war ihnen
doch sein Sinn fr Kunst und Wissenschaft eine sehr berflssige Beigabe. Da er
selbst freier Maurer geworden und mit den Baubrdern als mit Seinesgleichen
verkehrte, konnten sie ihm vollends nicht vergeben. Wre dies nicht der Fall
gewesen, so htten sie wohl versuchen mgen, die Genossenschaft freier Maurer,
die sich nach eigenen Gesetzen regieren durfte, als eine gemeinschdliche
Verbindung zu verdchtigen; aber so wie die Sachen standen, konnten sie nur
versuchen, sich an dem Einzelnen zu rchen. -
    Lat uns nur machen, sagte Jacobea und nickte dem Juden zu, da diese Frage
aufgeworfen ward. Ich wei, da die Steinmetzen sehr streng auf ehrliches
Herkommen und auf sittenreinen Wandel halten, strenger als Mnche und
Geistliche, die es damit nicht gar zu genau nehmen - knnen wir dem blonden
Hieronymus und dem Ulrich von Straburg nachsagen, da sie mit Frauenzimmern
zusammen zu kommen pflegen und da sie von zweifelhafter Herkunft sind, so
werden sie mit Schimpf und Schande aus der Genossenschaft verwiesen.
    Das ist ein guter Rath! sagte Streitberg; in Straburg hat es ja Hexen
gegeben - wer wei, gelingt es nicht ihn zu einem Hexensohn zu stempeln! -
    Das war die Unterredung, welche Rachel mit angehrt und welche sie vermocht
hatte, die Baubrder aufzusuchen und zu warnen.
    Rachel war trotz der Umgebung, in der sie aufgewachsen und die sich wahrlich
weniger durch eigene Schuld als durch die barbarischer Christen in einem
ununterbrochenen heimlichen Krieg gegen dieselbe befand, dem kein Hlfsmittel zu
schlecht war, mit einem weichen Gefhl und zartem Gewissen begabt, das offenbare
Schlechtigkeiten als solche empfand und vor ihrer Vollziehung schauderte.
Gleichwohl war sie eine zu gehorsame Tochter und erkannte in ihrem Vater das
wrdige Oberhaupt der Familie, dem sie blinden Gehorsam schuldig war. So kam sie
in fortwhrende Conflikte, in denen sie sich oft nur durch etwas wie Instinkt
einer unverdorbenen weiblichen Natur fr das Eine oder Andere entschied. So war
es hier gewesen. Der Baubruder Ulrich, der ihr die Rose zugeworfen, der dann sie
freundlich liebes Kind genannt, war zum Abgott ihres Herzens geworden; es
mochte geschehen was da wolle - ihn mute sie warnen. Und warum nicht durch ihn
auch die schne Frau, der er hlfreich beigestanden? Rachel's ganzes
mdchenhafte Gefhl strubte sich dagegen, ein Weib in die Gewalt eines rohen
Mannes fallen zu lassen! Wenn sie diese Bubenstcke zu hintertreiben suchte, so
konnte sie dies auf keine andere Weise als die geschehene versuchen - durfte
weder ihren Vater noch andere Betheiligte angeben, wenn sie nicht selbst sich
verrathen und dadurch die Mglichkeit abschneiden wollte, knftig noch
Aehnliches zu verhten.
    Und nun hrte sie, da Ulrich erschlagen, nun war sie es selbst, die ihn dem
Tod entgegengesandt!
    Sie durfte auch jetzt sich durch kein Wort verrathen - aber selbst wenn der
Fluch des Vaters sie trfe, welcher Fluch konnte denn sie mehr entsetzen als das
Blut des Baubruders, das ber sie kam? -


                                  Zweiter Band

                                 Erstes Capitel

                                    Gobelins

Die kalten Strahlen einer halbverschleierten Wintersonne brachen sich auf den
Eisflchen der Pegnitz. Frisch gefallener Schnee lag auf den Dchern von
Nrnberg, schmckte die zierlichen Giebelkanten mit glnzendweiem Besatz und
wlbte ber jedes Chrlein noch einen zweiten Baldachin, so weich und
anschmiegend, als sei er aus sammetener Decke gewoben. Aus den Essen wirbelte
grauer Rauch empor, am dichtesten aus den hohen Schornsteinen der Giehtten.
    In dem mit Marmor und Eisengittern von durchbrochener Giearbeit verziertem
Kamin in Elisabeth Scheurl's Wohnzimmer brannten groe Eichenknorren, um den
weiten Raum mit behaglicher Wrme zu erfllen.
    Die Thr des Nebenzimmers stand offen und auch darin loderte ein prasselndes
Feuer. Dies Gemach erschien zu einem Arbeitszimmer umgeschaffen. An der Wand
befand sich eine groe Holztafel, auf deren himmelblauem Grund eine Auferstehung
Christi gemalt war. Der Engel des Herrn sa im leuchtenden Gewand im Grabe, die
Jnger und Frauen standen bestrzt davor, zur rechten Seite zeigte sich der
Auferstandene, die ganze Gestalt vom goldenen Heiligenschein umflossen. Die
Farben waren sehr bunt und lebhaft, die Gestalten lang gezogen und eckig, aber
einzelne Gesichter von sprechendem Ausdruck. In der im Vordergrund stehenden
Maria Magdalena erkannte man ohne Mhe Elisabeth's Conterfei. Daneben lehnten
noch kleinere Holztafeln mit schwebenden oder betenden Engeln, umgeben von
Palmen oder Sternen, aus denen meist Ecken in verschiedenen Zusammensetzungen
gebildet waren.
    An den beiden hohen Bogenfenstern, von denen die schweren Damastvorhnge
zurckgeschoben waren, um ungehindert alles Licht einzulassen, das die kurzen
Wintertage spendeten, standen zwei ungeheure Stickrahmen, noch nicht gro genug,
um den Stoff zu fassen, der darin verarbeitet werden sollte, und darum noch an
den Seiten aufgerollt war. Hier sah man ein mhevolles Werk weiblicher
kunstgebter Hnde begonnen. Das groe aufgestellte Gemlde von der Hand des
Malers Hans Beuerlein diente als Muster, und sollte sich hier in damals blichem
Gobelinsstich noch einmal wiederholen. Ganze Krbe, von Wolle und Seide in
strahlenden Farben, und mit Gold und Silberfaden angefllt, standen bereit, das
reichste Material zur Verarbeitung zu bieten.
    Etwa seit Jahresfrist war Elisabeth auf den Gedanken gekommen, die Tchter
der edlen Geschlechter Nrnbergs aufzufordern, mit ihr vereint einen Teppich vor
das Hochaltar der Kirche von St. Lorenz zu sticken, an deren Verschnerung
gerade jetzt so begeistert gearbeitet ward. War doch damals alle Kunst zu einem
Ganzen vereint in der Kirche und strebte alle Kunstbegeisterung diesem erhabenen
Mittelpunkt zu - so auch die der Frauen. Elisabeth aber ging immer Allen gern
mit einem leuchtenden Beispiel voraus, stand immer gern an der Spitze und
ordnete Alles nach ihrem Sinn und Geschmack, der denn auch durch seine Veredlung
und Reinheit berufen war, vor dem Anderer zur Geltung zu kommen. Ihr geachteter
Name wie ihr Reichthum fielen dabei nicht minder in die Wagschaale, und auch
ihre Feindinnen und Neiderinnen muten sich damit begngen, sie im Stillen zu
verspotten und zu verleumden, ffentlich aber ihr den Vorrang zu lassen und
persnlich ihr hflich zu begegnen. Bei einem so regen Geiste, wie dem
Elisabeth's, und einem so glhenden Herzen, wie in ihrer Brust schlug, dem sie
doch nicht mehr die einstige laute Sprache gestatten durfte und wollte, war das
Bedrfni um so dringender, immer fr ein Groes oder Allgemeines zu wirken,
durch ein edles Streben und eine anregende Thtigkeit sich selbst im
Gleichgewicht zu erhalten. Ihr klarer Verstand erkannte das selbst, und halb
berechnend, halb nur ahnungsvoll gestaltete sie darnach ihr Leben.
    Ziemlich zwei Jahre war sie nun verheirathet. Christoph Scheurl war nach wie
vor befriedigt und stolz durch ihren Besitz, lie sie ungehindert ber seinen
Reichthum verfgen und freute sich, wenn sie denselben anwendete, den Glanz und
die Ehre seines Namens zu erhhen, wie es sowohl durch Unternehmungen wie die
obige geschah, als auch dadurch, da sie die Bevorzugten des Handwerkes und der
Kunst theils fr sich arbeiten lie, theils mit einem Kreise von Gelehrten um
sich versammelte, und so bestrebt war, so viel als mglich nicht nur mit den
andern Nrnberger Geschlechtern zu wetteifern, sondern auch den Medicern und
anderen italienischen Groen es nachzuthun, so viel es in ihren Krften war.
Daneben erfllte Elisabeth treulich jede Pflicht der deutschen Hausfrau, war
gegen ihren Gemahl so aufmerksam wie er gegen sie, und wie er sie, lie auch sie
ihn gern in allen Stcken gewhren. Bei ihr war die Begeisterung fr die Kunst
und alle hheren allgemeinen Angelegenheiten aus innerster Empfindung
hervorgegangen, zum wahren Lebensbedrfni geworden; bei ihm war nur Eitelkeit
und Ehrgeiz dabei das leitende Motiv, im Uebrigen lebte er seinen Geschften als
Kaufmann und Rathsmitglied, und fand mehr Gefallen an Zechgelagen und
Schmausereien als an gelehrten Gesellschaften und Kunstbestrebungen. Gern
berlie er diese seiner Gemahlin, und diese grollte ihm ebenso wenig darber,
wenn er Tage und Nchte auer dem Hause in wsten Gesellschaften zubrachte, die
trotz der Betheiligung vornehmer und hochangesehener Rathsmitglieder keineswegs
zu den migen und sittenreinen gehrten. So lebte dies Paar glcklich und
zufrieden vor den Augen der Welt; der Gatte war es wirklich, denn ihm gengte
dieser uere ungestrte Lebensgenu, und sein Herz, das wohl einst auch
Leidenschaften gekannt und wrmere Empfindungen, war jetzt doch lngst alt und
kalt geworden, nicht mehr gemacht fr zartere Regungen, die in seinem mnnlichen
Alltagsleben, dessen Freuden im wechselnden Besuch der Trinkstuben und grerer
Gastereien bestanden, gnzlich untergegangen. Elisabeth gehrte zu den edlen
Frauenseelen, welche von sittlichen Grundstzen erfllt still dulden und
entsagen, und den Schein des Glckes bewahren, auch wo sie dieses selbst als
verloren erkennen, um sich so wenigstens vor dem Mitleid zu sichern, das sie wie
eine Schande empfinden, wenn die Lebensschicksale, welche es hervorrufen, nicht,
wie z.B. schmerzliche Verluste durch den Tod, Sendungen einer hheren Macht
sind, sondern Folgen eigener und fremder menschlicher Handlungen.
    Ueber ein Jahr war vergangen, seit sie auf's Neue das Opfer eines Complots
hatte werden sollen, das Eberhard von Streitberg gegen sie eingeleitet. Die
Erschtterungen, welche damit verbunden waren, das pltzliche Wiedersehen, der
Schrecken, die ganze nchtliche Scene eines blutigen und ungewissen Kampfes,
wohl auch der lange Aufenthalt nach solcher Erregung im feuchten Walde und der
nchtlichkalten Luft - dazu der Entschlu, vor wie nach ber Eberhard von
Streitberg zu schweigen und das, was er ihr einst gewesen war, und dabei doch
die Furcht, Alles, was ihr Stolz jahrelang verschwiegen, verrathen zu sehen; die
Anstrengung, um das demthigende und schmerzende Geheimni zu bewahren, alle
verfnglichen Fragen zurckzuweisen, auch der Kummer und die Sorge um die doch
nur um ihretwillen im Gefecht Verwundeten oder Erschlagenen - obwohl damals ein
nach dem Recht des Strkeren gemordetes Menschenleben selbst auf ein zartes
weibliches Gewissen nicht mit so zermalmender Qual fiel, wie in spteren
menschlicheren, zu hheren Anschauungen und reinerer Sittlichkeit geluterten
Jahrhunderten: so war dies Alles vereint doch genug, mit Elisabeth's Seele auch
ihren Krper zu ergreifen und sie auf das Krankenbett zu werfen.
    Herr Scheurl hatte sich beeilt, alle gelehrten Aerzte und Wunderdoctoren
Nrnbergs um ihr Lager zu versammeln, so da sie der eine mit seinen Mixturen
und Salben immer mehr qulte als der andere, der eine ihr am Fu, der andere am
Arm zur Ader lie, so da sie - Dank ihrer guten Natur, aber wahrscheinlich
trotz der Kunst der Aerzte - zwar mit dem Leben davon kam, aber doch erst, als
es drauen wieder Lenz ward, sich nach Monden voll Fieber und Qualen wieder zu
erholen begann. So war ihre Krankheit auch die natrliche Ursache, da sie, in
der ersten Zeit vllig bewutlos und dann nur mit ihren Angehrigen und der
Dienerschaft in Berhrung kommend, weder irgend eine Aufklrung ber das gegen
sie geschmiedete Complot erhielt, noch einem hnlichen zum Gegenstand dienen
konnte - und spter wollte sie selbst lieber Alles vergessen wissen, als noch
durch Fragen daran erinnern. Noch ehe sie selbst erlag, hatte sie den
berhmtesten Bader zu den verwundeten Baubrdern gesandt, und er hatte ihr die
Nachricht gebracht, da der eine leichter verwundet sei, der andere aber, Ulrich
von Straburg, sehr gefhrliche Wunden habe, ohne Bewutsein sei und
wahrscheinlich sterben werde. Die Mutter des blonden Hieronymus, bei dem er
wohne, pflege ihn, wenn der Baubruder in der Htte arbeite. Fr mich
gestorben! hauchte Elisabeth - und von da an verlor sie die Besinnung. Anfangs,
in ihren Fieberphantasien war sie immer mit Ulrich beschftigt, sah ihn
verwundet vor sich liegen, betete bald fr ihn als ihren Retter, und schalt ihn
bald, da er sich berall in ihren Weg drnge, nur um sie zu demthigen, sie
wieder an die Schmach zu erinnern, die er ihr bereitet, als er die Rose aus
ihrer Hand auf das Judenmdchen warf. Allmlig jedoch, wie das Fieber nachlie,
schienen diese Bilder und Erinnerungen zu schwinden, ja sie es sorgfltig zu
vermeiden, durch irgend etwas wieder an die Ereignisse jener Nacht gemahnt zu
werden. Es schien ihr am Angemessensten, ihre Umgebung glauben zu machen, als
habe sie dieselben wirklich ganz und gar vergessen.
    Jetzt, im Januar 1491 ist jede Spur der langen Krankheit von ihr
verschwunden. Hat ihr edles Antlitz noch nicht ganz die frhere Frische und ihre
majesttische Gestalt die frhere Flle wieder erlangt, so erscheint ihre
Schnheit dadurch nicht beeintrchtigt, da der Eindruck, welchen sie jetzt
macht, mehr ein geistig erhebender als ein sinnlich verlockender ist.
    Vielmehr als sie selbst schien ihre Freundin Ursula Muffel in dieser Zeit
gelitten zu haben, welche jetzt zu ihr in das Zimmer trat. Ihre sanften Zge
drckten Leid und Sehnsucht aus, und ihren Augen sah man es an, da sie manche
kummervolle Nacht durchwacht und manche Thrne vergossen.
    Die neue Glocke auf dem Thurm der Sebaldskirche hatte nicht lange zwlf Uhr
geschlagen, als Ursula zu Elisabeth kam. Die bliche Zeit des Mittagessens war
bei den Vornehmen wie bei den Handwerkern gleicherweise elf Uhr, und da man sich
fr gewhnlich auch in den reichsten Husern auf wenige Gnge beschrnkte, dafr
nur wenn Gste zugegen waren oder bei auerordentlichen festlichen Gelegenheiten
die Gnge in's Unzhlige steigerte und oft gleich von Abend bis zu Mittag bei
Tische sa, so war eine gewhnliche brgerliche Mahlzeit in einer Stunde
beendet. Um Ein Uhr pflegten sich an den bestimmten Tage die Stickerinnen bei
Elisabeth zu versammeln.
    Ursula sagte Elisabeth begrend: Ich komme frher als die Andern, weil ich
von Dir hren wollte, ob es wahr ist, da fr den nchsten Monat ein Reichstag
hierher ausgeschrieben ist und ob Knig Max auch mitkommen wird?
    Elisabeth's Augen leuchteten bei dieser Nachricht. Ich habe noch Nichts
davon gehrt, antwortete sie; aber mein Gemahl ist unwohl und heute nicht zu
Rath gegangen. Hat Dein Vater diese Nachricht von dem Rathhaus mitgebracht?
    Ja, versetzte Ursula; er kam entrstet heim, und da ich ihn nach der
Ursache seines Aergers fragte, sagte er, da der Kaiser einen Tag nach Nrnberg
ausgeschrieben, aber nur die Frsten und nicht die Stdte dazu geladen. Nheres
erfuhr ich nicht und setzte meine Hoffnung wie immer auf Dich.
    Elisabeth seufzte und legte liebend ihren Arm um die ihr vertraute Freundin,
der sie schon lange keinen freudigen Trost mehr zu geben vermochte und auch
jetzt deren Hoffnung nicht rechtfertigen konnte.
    Seit Stephan Tucher den Fahnen des Knigs Max gefolgt war, hatte er Anfangs
an Ursula so oft geschrieben, als es im Felde und in der damaligen Zeit, wo die
Briefe immer nur einer zuflligen und unsichern Gelegenheit anvertraut werden
konnten, eben mglich war. -
    Nachdem Knig Mathias von Ungarn Anfang April 1490 pltzlich in Wien
gestorben war, hatte Knig Max den Krieg um seine streichischen Erblnder
begonnen. Am neunzehnten August hatte er seinen feierlichen Einzug unter dem
Jubel des Volks in Wien gehalten, unter Lobgesngen in der St. Stephanskirche
dem Herrn der Heerschaaren gedankt und auf offenem Markt die Huldigungen des
Raths und der Gemeinde empfangen. Diesen glorreichen Tag hatte Stephan an Ursula
geschildert - aber seitdem hatte sie keine Nachricht wieder von ihm erhalten.
War er in der Schlacht gefallen? war er ihr untreu? hatte er sie vergessen?
    Das Erstere war wohl mglich, denn Knig Max war mit bairischen Hlfsvlkern
in Ungarn selbst eingebrochen, um auch dieses zu erobern, und hatte am ersten
November selbst Stuhlweienburg, die Krnungs- und Begrbnistadt der
ungarischen Knige genommen - da konnte wohl Stephan mit bei dem Sturme gefallen
sein. Aber von zurckkehrenden Nrnbergern, die auch mit unter den bairischen
Hlfsvlkern gewesen, hrte sie, da er noch am Leben sei. Aber Keiner brachte
ihr einen Gru von ihm. Freilich waren diese Rckkehrenden eigentlich Ausreier
aus dem bairischen Heere; denn in diesem war zwischen Reiterei und Fuvolk
Streit ber die Theilung der gemachten Beute entstanden, so da das Fuvolk, als
es weder von dieser den gewnschten grern Antheil, noch den rckstndigen Sold
ausgezahlt erhielt, rottenweise davon zog, wodurch der Knig sich genthigt sah,
sein Vordringen nach Ofen aufzugeben und sich nach Oestreich zurckzuziehen.
Schwerlich wrde der ritterliche, dem Knig ergebene Stephan mit denen, die den
Knig verlieen, gemeinschaftliche Sache gemacht haben. Allein jetzt war dieser
nach Wien und dann nach Linz zurckgekehrt zum alten Kaiser Friedrich, der im
October die Reichsacht ber Regensburg ausgesprochen, das sich an den Herzog
Albrecht von Baiern angeschlossen, der gegen des Kaisers Willen sich mit dessen
Tochter Kunigunde vermhlt, die der Vater deshalb verstoen. Inde sich Max
jetzt bemhte hier ein Friedenswerk zwischen dem Vater und dem Schwager zu
stiften, whrend Friedrich die Hlfe des Schwbischen Bundes und des
Lwlerbundes fr sich wnschte, hrte Ursula, und zwar von Stephan's eigener
Schwgerin Eleonore Tucher, die bei einer festlichen Gelegenheit mit ihr
zusammenkam, da es Stephan in dem lustigen Wien sehr wohl gefiele, da er ihrem
Gatten geschrieben, wie es nirgend schnere Frauen und freiere Sitten gebe, wie
dort, und da es sich da gar angenehm von den Strapazen eines gefahrvollen
Feldzuges ausruhen lasse.
    Anfangs suchte Ursula fr diese Nachricht Trost in der Hoffnung, da
dieselbe geflscht sei, und bat Elisabeth um ihren Beistand, ihr den Brief oder
doch Gewiheit ber seinen Inhalt zu verschaffen. Wirklich erhielt ihn Elisabeth
durch ihren Gemahl von Anton Tucher. Eleonore hatte Nichts hinzugesetzt oder
erlogen: im Gegentheil, der aus Wien datirte Brief enthielt, was sie gesagt,
noch begleitet von den rohen Ausdrcken und schmutzigen Spen, welche damals,
besonders unter der Mnnerwelt blich waren. Das war der Brief eines
lebenslustigen Mannes, der an jeden Genu sich hingiebt, welchen der Augenblick
bietet, unbekmmert, ob derselbe mit den Grundstzen der Sittlichkeit sich
vereinen lasse, unbekmmert, ob daheim eine treue sehnschtige Geliebte seinen
Schwren vertraut und kummervoll die Stunden zhlt, bis sie einen Gru von ihm
empfngt.
    Elisabeth wollte Ursula gern die bitterste Krnkung ersparen, und sagte ihr
nicht, da sie selbst diesen Brief gelesen, aber doch da ihr Gemahl das von
Eleonore Gesagte besttigt. Inde fgte sie hinzu, es knne ja sein, da Stephan
seinem Bruder nur darum in einem solchen Ton geschrieben, um ihn und seinen
Vater glauben zu machen, da er Ursula aufgegeben und vergessen habe, da sie
sich ja immer diesem Verhltni widersetzt. Wie gern auch Ursula diesem
Trostgrund Eingang in ihr banges Herz vergnnte: es blieb doch immer die Frage,
warum er ihr nicht geschrieben, da doch sonst seine Briefe sie immer erreicht
und sich noch stets gefllige Liebesboten gefunden hatten. Nur einmal war ein
Brief von ihm verloren gegangen, aber das immer erwartend, hatte er
wiedergeschrieben; so war dies auch ein Trost wohl fr einige Wochen, auch
Monate - aber nicht fr ein halbes Jahr, wo er nicht mehr im Kampfe, sondern
nher war und andere Briefe von ihm nach Nrnberg gelangten.
    Und Elisabeth war auch eine Trsterin, welche selbst nicht glaubte, obwohl
sie den Grundsatz hatte, jeden schnen Traum in anderen Herzen so lange als
mglich fortzunhren, da die Enttuschung und das Leid immer zu frh genug
komme; sie wute, da fr ein liebendes weibliches Gemth der peinlichste
Zustand des Schwankens zwischen Furcht und Hoffen immer noch besser sei, als die
entscheidende Gewiheit von der Unwrdigkeit und Untreue des geliebten
Gegenstandes - sie konnte so aus Erfahrung empfinden! aber ihr eigenes Herz war
ja selbst zu sehr verletzt worden in seinen heiligsten Empfindungen durch den
Verrath eines Mannes, als da sie nicht auch fr andere Mdchen und von andern
Mnnern die gleichen Erfahrungen erwarten sollte. Einem schnen, eitlen und
heibltigen Manne wie Stephan traute sie nur so lange Ausdauer in seiner
Neigung zu, als das Weib, das seine Leidenschaft erregte, ihm nahe war und nicht
andere verfhrerischere Frauen ihn lockten. Aber nimmer htte sie Ursula's Herz
in hnlichen Besorgnissen bestrken mgen, sie trachtete darnach ihr so lange
als mglich das Schreckliche zu ersparen, woran gerade stille und tiefe, reine
Frauengemther zu Grunde gehen. Bei solchen Betrachtungen mute sich Elisabeth
selbst gestehen, da sie trotz ihrer geistigen Kraft und ihrer erheuchelten
stolzen Ruhe auch zu den Zugrundegegangenen gehrte, weil sie nicht mehr an das
Ideal zu glauben vermochte, weil sie in zweifelhaften Fllen eher das Schlechte
und Schlimme voraussetzte, als das Gute und Angenehme.
    Kam nun wirklich Knig Max zu einem Reichstag in nchster Zeit nach
Nrnberg, so war weit eher zu erwarten, da bei dieser Gelegenheit Ursula's
Geschick entschieden werde, als das von Krieg oder Frieden im deutschen Reich,
oder was immer der Kaiser von den zhen Reichsfrsten und dem schleppenden Gang
der Verhandlungen fordern mochte.
    War Stephan treu, so wrde er nicht verfehlen, im Gefolge des Knigs sich
wieder in sein Vaterland zu begeben, sei es auch nur fr die Dauer des
Reichstages. Blieb er aber ohne gengenden Grund aus, den man wohl von irgend
einem seiner Gefhrten erfahren konnte, so besttigte dies seine Treulosigkeit;
denn fr so schlecht hielt ihn keine der Frauen, da er kommen werde, um noch
durch seine Gegenwart sein unschuldiges Opfer zu verhhnen.
    Wie natrlich, da diese erste Nachricht von der baldigen Anherkunft des
Knigs einen ganzen Sturm von Empfindungen in Ursula erregte. Hatte sie doch auf
die Huld dieses gtigen und ritterlichen Knigs ihre ganze Hoffnung von da an
gesetzt gehabt, wo er im Tanze sie ausgezeichnet und ihr sein Wort gegeben,
nicht anders denn zu ihrer Hochzeit mit Stephan Tucher wieder zu kommen, infern
sie einander nur Treue bewahrten, und wenn sie sich auch immer sagte, da ein so
viel bewegter Monarch mehr zu denken und zu thun habe, als um das Geschick eines
Liebespaares sich zu bekmmern, so hoffte sie doch sonst, da, wenn Stephan in
des Knigs Geleit zurck nach Nrnberg kme und dieser, wie er versprochen, in
Scheurl's Hause wohne, so werde Elisabeth wohl Gelegenheit finden, ihre
Schtzlinge seiner Gnade zu empfehlen. Wie wrde sich Stephan beeilen ihr seine
Rckkehr, seine Hoffnungen zu melden! - hatte Ursula vorher gedacht - und jetzt
schwieg er, wie er seit einem halben Jahre geschwiegen! -
    Auer den Regungen theilnehmender Freundschaft waren es noch Gefhle ganz
anderer Art, welche bei dieser Nachricht Elisabeth ergriffen.
    Wenn Knig Max wiederkam - wrde er auch derselbe sein wie vor ziemlich zwei
Jahren? Damals kam er eben aus den Niederlanden, ein sieggekrnter Frst, der
einen ehrenvollen Frieden geschlossen. Er kam nur nach Nrnberg, die alte freie
Reichsstadt zum ersten Male zu begren, er lebte unter ihren Brgern harmlose
festliche Tage, gefeiert und geehrt von Allen, und sie wieder ehrend durch sein
leutseliges Wesen und die frohe Art, wie er sich unter sie mischte, mit ihnen
gemeinschaftlich freute.
    Wie anders jetzt, wenn er Reichstag hielt! Da wrden alle Frsten und
Herren, alle Groen des Reichs ihn umgeben und von den Nrnberger Brgern
trennen - schien doch der Senat ihn schon zu grollen, weil er nur die Frsten
und nicht die Abgesandten der Stdte geladen: - es war eine Zurcksetzung, die
gerade den Brgerstolz am tiefsten verwundete. Auch in Elisabeth lebte der
gleiche Stolz, der sich dagegen emprte. Wie oft sie auch die angenehmen Tage
zurckgewnscht hatte, an denen Knig Max in Nrnberg weilte und ihr die
ritterlichsten Aufmerksamkeiten widmete - tausendmal lieber wollte sie ihn nie
wiedersehen, als wiedersehen und von ihm bersehen werden. Sie war immer strker
ein Unglck zu ertragen als eine Demthigung, welche sie dem spttischen Lcheln
ihrer Feindinnen und Neiderinnen preisgab.
    Die Sorgen des Reichstages muten jetzt auf dem Knig lasten und noch
schlimmere. Zwar hatte er seine Erblande wieder, aber er hatte doch den weiteren
Eroberungszug nach Ungarn aufgeben mssen. Schlimmere Sorgen aber waren in
seinen eigenen Familienangelegenheiten erwachsen. Nicht nur der Zwist zwischen
dem Vater und dem Schwager - Hrteres hatte Max persnlich betroffen. Er hatte
sich inzwischen um die Hand der Herzogin Anna von Bretagne beworben, und whrend
er in Ungarn beschftigt war, hatte er sich mit ihr durch Procuration - der
Prinz von Oranien war sein Stellvertreter - zu Rennes trauen lassen. Aber am
franzsischen Hofe lie man sich durch diesen Schein der Ehevollziehung nicht
abhalten, an Verhinderung des Unglcks zu denken, das durch Grndung eines
fremden Frstenhauses im Herzen der Monarchie herbeigefhrt werden mute, und
fate deshalb den Plan, Anna mit Knig Karl von Frankreich selbst zu
verheirathen, obwohl dieser schon seit seiner Kindheit mit Maximilian's Tochter,
Margaretha von Burgund, verlobt war. Karl wute Anna endlich zu vermgen, um ihr
Land und ihr kleines deutsches Hlfsheer zu retten, sich ihm zu ergeben und am
6. November 1491 den Heirathsvertrag mit ihm zu unterzeichnen. Im December
erfolgte die ppstliche Lsung ihrer Verbindung mit Max. So erscholl eben jetzt
durch ganz Europa das Volksgeschrei, der Knig von Frankreich habe dem rmischen
Knige seine Gemahlin entfhrt und seine Tochter verstoen. Maximilian's
Aufbrausen bei der Nachricht von der ihm zugefgten Beschimpfung kannte keine
Grenzen, und da seitdem erst nur kurze Zeit verflossen war, so konnte man wohl
denken, wie er nicht empfnglich sein wrde fr harmlose heitere Festlichkeit
wie in frherer Zeit, und vielleicht noch weniger fr Grndung des Liebesglckes
Anderer, da es ihm eben selbst auf so schmhliche Weise versagt war.
    Und wenn er wiederkam - wrde er sein Wort halten und in Scheurl's Hause
Wohnung machen? Geschah es nicht, so fand Elisabeth schon darin eine
Zurcksetzung - und geschah es, so erwachten jetzt schon die Sorgen der Hausfrau
in ihr, den hohen Gast auch wrdig und glnzend genug zu empfangen.
    Die beiden Freundinnen wurden im Gesprch ber diese Angelegenheiten
unterbrochen, als ihre stickenden Genossinnen erschienen: Elisabeth's Schwester
Margaretha, Beatrix Imhof, Crescentia Rieter, Charitas und Clara Pirkheimer und
andere Jungfrauen aus den rathsfhigen Geschlechtern, denn nur solche hatte
Elisabeth zu der Arbeit berufen.
    Alle eilten die unterbrochene Arbeit neu zu beginnen.
    Mit den Schwestern Pirkheimer pflegte Elisabeth den Umgang am liebsten,
Ursula ausgenommen. Sie waren beide von dem regsten Eifer fr wissenschaftliche
Studien sowohl als frommes Wirken beseelt, so da man sie bald die gelehrten,
bald die frommen Schwestern nannte. Zu jeder Arbeit waren sie bereit und tchtig
und fr jedes Streben begeistert, das sich ber die gewhnlichen Lebenssphren
erhob. Ihre Bildung war eine auerordentliche und besonders durch das frher
gemeinschaftliche Lernen mit ihrem Bruder Willibald gefrderte. Jetzt, wo er
fern war und inzwischen auch ihre Mutter gestorben, hatte ihr Sinn sich dadurch
immer mehr von den lauten Freuden der Welt abgewendet, ihren stillen Studien und
einem beschaulichen Leben zu.
    Jetzt waren sie auch die Eifrigsten bei der Stickerei der Gobelins, ja sie
hatten es sich nicht nehmen lassen, beide allein die Figur des Auferstandenen zu
sticken, darin eine besondere Befriedigung findend. War nun auch die schne
Elisabeth weltlicheren Sinnes als die beiden, von der Natur gerade nicht mit
krperlichen Vorzgen ausgestatteten Schwestern, so erkannte sie doch ganz deren
innern Werth und ehrte ihre frommen Lebensanschauungen, wenn sie auch selbst
sich zu freieren emporgeschwungen. Es war immer ein klarer Friede um diese
Beiden, der ihr wohl that und den sie ihnen um so mehr beneiden konnte, als ihre
unruhig bewegte Seele nur den Schein desselben zu behaupten suchte.
    Sie fragte jetzt die Schwestern nach ihrem Bruder Willibald, von dem sie
wute, da er Ritterdienste bei dem Bischof von Eichstdt, eines der Hupter des
schwbischen Bundes, genommen.
    Zu unserer Freude, sagte Charitas, wird er bald das Schwert mit der Feder
vertauschen, um in Italien die unterbrochenen Studien fortzusetzen. Im rohen
Kriegerhandwerk knnen es wohl Andere ihm gleich thun, aber mit seinem freien
Geiste und seiner umfassenden Bildung pat er besser in die stille Werkstatt der
Gelehrten und wird seiner Vaterstadt und dem Reiche bessere Dienste leisten
knnen, als mit dem Schwert. Kommt der Bischof von Eichstdt zum Reichstage her,
so wird er ihn begleiten und kurz bei uns verweilen, ehe er auf lange Zeit nach
Italien geht.
    Ihr wit es also auch schon von dem Reichstag? fragte Ursula gespannt.
    Mein Vater sagte es diesen Mittag, antwortete Clara.
    Auch Crescentia Rieter mit Margaretha Behaim, die jngste in diesem Verein,
stimmte dieser Nachricht bescheiden bei.
    Drauen lieen sich eben Mnnerschritte vernehmen - Elisabeth hoffte, es
werde ihr Gemahl sein, der nun auch die aufregende Kunde empfangen, und komme
sie mitzutheilen - aber sie hatte sich getuscht; statt seiner trat der Maler
Hans Beuerlein ein, um zu sehen, welche Fortschritte der Gobelin mache, zu dem
er das Gemlde geliefert.
    Er war ein mittelgroer Mann in den Fnfzigen, seine Gestalt hatte er in
einem groen Zipfelpelz von dunkler Farbe gehllt und auf dem Kopfe trug er eine
Art Mtze von rother Farbe, ein Schlplein, wie diese wunderliche Kopfbedeckung
hie.
    Freundlich gab er sein Lob ber die vorgeschrittene Frauenarbeit zu
erkennen, aber als er sich ber Ursula's Schulter bog, ihr Werk zu betrachten,
sagte er: Aber was ist denn das: Ihr stickt der armen Maria Magdalena graue
Haare statt der blonden - wrde es Euch doch selbst sehr krnken, wenn man Euch
pltzlich mit grauen Haaren sehe!
    Errthend erkannte Ursula das Unheil, das sie angerichtet, inde ihre
Gedanken ganz anders beschftigt gewesen als mit ihrer Arbeit. Durch langes
Sehnen und Harren, Frchten und Hoffen schon zum Aeuersten erschpft, brach sie
in Thrnen aus und rief: Ach, das ist gewi eine schreckliche Vorbedeutung!
    Der Maler lchelte: Trennt es herzhaft wieder heraus und macht den Fehler
gut, den ihr begangen, so macht Ihr auch die Vorbedeutung zu Schanden. So ist's
Mnnerart; aber die Frauenzimmer sehen immer Alles gleich mit weinerlichen Augen
an, bis sie gar nichts mehr erkennen knnen.
    Ei freilich! entgegnete Elisabeth, das ist bequeme Mnnerweisheit, die
sich immer ihr Schicksal leicht macht: Wenn Ihr dies Haar mit einer falschen
Farbe gemalt httet, so bedrfte es nur einiger Pinselstriche von Eurer Hand aus
einem andern Farbentopf, um dies Grau wieder in das schnste Blond zu
verwandeln; das Frauenloos ist aber: hundert Stiche mhevoll aufzutrennen und
wieder hineinzunhen - ein Geschft, das vieler Geduld und Zeit bedarf; nimmer
unterzieht sich jetzt ein Mann einem solchen, um seine Fehler gut zu machen.
    Ei, was hre ich, Frau Elisabeth? rief der Maler: aber so geht es immer,
wenn sich einmal ein Mann allein unter die Frauenzimmer wagt, da mu er immer
sich Allerlei gefallen lassen - statt Hahn im Korbe zu sein, ist man der Hirsch,
den die Windspiele umzingeln und anklffen.

                                Zweites Capitel



                                Propst und Mnch

Auf dem Steig bei den zwlf Brdern standen mehrere niedere Gebude durch einen
groen Hof verbunden. Vor dem Eingang am groen Hofthor, ber dem sich ein
zierlicher Spitzbogen mit durchbrochener Arbeit erhob, befand sich ein
steinerner Lindwurm, der aus seinem weiten Rachen Wasser spie, das auch jetzt im
Winter lustig daraus hervorquoll, nur da es da und dort am Rande des
Wasserbeckens, wenn es ber dasselbe pltscherte, zu seiner kunstreichen
Steinmetzenarbeit noch spitze Zapfen von Eis ansetzte und auch den Rachen des
Ungeheuers mit einem Bart von silberhellglnzenden Eisfasern umgab, da es
dadurch eine noch einmal so drohende Miene erhielt.
    Drinnen im Hof, ein langes Gebude rechts war die Werkstatt des Meisters
Adam Kraft. Hier arbeitete er umgeben von seinen Gesellen und Knechten. Eine
groe, glatte Steintafel lehnte vor ihm, an der er fleiig feilte, um Figuren in
Lebensgre als Hochbilder daran herauszumeieln.
    Neben ihm standen Herr Martin Ketzel und der Propst Anton Kre. Ersterer,
der bei ihm die sieben Flle Christi in ebenso vielen einzelnen Steintafeln und
zwei Kapellein bestellt hatte - eine so groe Arbeit, da sie leicht mehrere
Jahre bis zu ihrer Vollendung erfordern konnte, war gekommen, um einmal
nachzusehen, wie weit sie vorgeschritten, und hatte auch den als Kunstfrderer
bekannten Propst dazu mitgebracht. Adam Kraft hatte ihnen die beiden fertigen
Hochbilder gezeigt, lchelnd ihr Lob vernommen, ohne selbst viel dazu zu sagen,
und jetzt fuhr er in seiner Arbeit fort, um den Besuch seiner Gnner sich weiter
nicht kmmernd.
    Neben ihm stand sein neuester Handlanger, ein Bauernknecht aus dem nchsten
Dorfe, den man nicht anders als den Riesen-Jacob nannte, so gro und stark war
sein Gliederbau. Meister Kraft hatte ihn krzlich bei seiner Werkstatt
vorbergehen sehen und ihn gefragt, ob er sich von ihm wolle zum Handlanger
dingen lassen? Da es im Winter fr den Knecht keine Arbeit und schlechte Zeit
gab, so nahm er das Anerbieten fr diese Zeit an. Er hatte gemeint, er sei
gewhlt worden, weil er wohl fnf fr andere starke Mnner Krperkraft besa und
mit Leichtigkeit groe Steinblcke da und dorthin tragen konnte, die Andere nur
mhsam fortzuwlzen vermochten; inde erstaunte er nicht wenig, als der Meister
nur selten solche Leistungen von ihm verlangte, dafr ihn aber oft an seine
Seite nahm, und inde er selbst die kunstreichsten Formen in den Stein trieb,
dem Riesen-Jacob mit der grten Genauigkeit zeigte und erklrte, wie man selbst
das mache und wie er versuchen msse, ihm das nachzuthun. Der rohe
Bauernbursche, der nur mit Ochsen und Pferden umzugehen verstand, Bume zu
fllen, und in Zeiten, wo die Ritter ihren Unterthanen und Hrigen die Ochsen
geschlachtet und die Pferde entfhrt hatten, um sie bei ihren Raubzgen oder im
Kriegsdienst zu verwenden, wohl auch selbst am Pfluge ziehen mute - der
verstand kein Wort von dem, was ihm der Meister sagte, lachte nur und wagte kaum
einen rohen Versuch, den Meiel in den Stein zu treiben.
    Die ihm nahe stehenden Steinmetzgesellen aber lchelten einander zu und
merkten hoch auf, denn sie wuten: so war einmal ihres Meisters Art. Nie war er
dahin zu bringen, Einem von ihnen, der bei ihm lernte, etwas ordentlich zu
zeigen und mit seinen Gesellen ber seine Arbeit zu sprechen; aber von Zeit zu
Zeit miethete er sich einen unwissenden Bauernknecht als Handlanger, und dem
zeigte er alle Dinge, als ob er den kunstbegierigsten Steinmetzen vor sich htte
- so ward es auch jetzt.
    Meister Kraft hatte eben zur Abwechslung und um seine rechte Hand ruhen zu
lassen, den Meiel einmal in die linke Hand genommen, mit der er in gleicher
Weise geschickt zum Arbeiten war, als sich die Thr ffnete und die Frau
Meisterin, mit vielen Knixen vor dem Propst, und Herrn Ketzel, einen
Benediktiner-Mnch in die Werkstatt geleitete.
    Der fromme Vater da, sagte sie zu dem Propst, hat Euer Hochwrden schon
berall gesucht, bis man ihn hierher gewiesen, indem man ihm gesagt: er wrde
Euch bei dem Drachen finden!
    Ei, ei, sagte der Propst, der immer zu einem Spchen aufgelegt war und
die Worte dabei nicht wog, oder auch seinen Witz dann fr den gelungensten
hielt, wenn er damit andere Personen in Verlegenheit bringen konnte, man hat dem
frommen Bruder gesagt, da er mich bei einem Drachen fnde, und da ist er gleich
auf den Einfall gekommen, mich bei der Frau Meisterin zu suchen? - Was meint Ihr
dazu, Meister Kraft? wie ist es mit dem Hausdrachen?
    Der Riesen-Jacob lachte unmig, und auch die Gesellen hatten Mhe sich das
Lachen zu verbeien, die Lehrlinge konnten ein leises Kichern nicht
unterdrcken; alle wuten wohl, da der Meister seit zwei Jahren erst mit dieser
seiner zweiten Frau verheirathet in der glcklichsten Ehe lebte, aber auch da,
seitdem sie in das Haus gekommen, ein schrferes Regiment darin eingefhrt
worden. Die Lehrlinge muten manche Hausarbeit verrichten helfen, kehren,
schwemmen und rumen, denn im ganzen Gehfe wie im Haus und berall duldete sie
keine Unsauberkeit und verbannte sie auch aus den verborgensten Winkeln; den
Gesellen rechnete sie auch die Freistunden pnktlich nach, und hielt es ihnen
vor, wenn einmal einer ber den Durst getrunken oder sonst einen Unfug verbt.
Ihr Mann grollte meist nur still oder schickte fort, mit wem er unzufrieden war;
sie aber suchte den Leuten in's Gewissen zu reden, sie durch moralische
Vorstellungen und Kernsprche zu bessern. So war ihr von den Leuten, die zwar
Respekt vor ihr hatten, aber denen das frhere lose Regiment doch besser
behagte, als dies strengere durch sie gefhrte, bald der Beiname des Hausdrachen
gekommen, und sie hatten keine geringe Freude, als jetzt selbst der geistliche
Herr sie damit neckte.
    Meister Kraft aber, obwohl er das ernste Gesicht auch zu einem Lcheln
verzog, fhlte doch, da er seiner Hausfrau sich annehmen msse, und sagte kurz
und gut: Wir leben ja als Adam und Eva im Paradies und da kann wohl Einer
leichtlich denken, Drache oder Schlange msse sich einschleichen, und wie es
immer gewesen, zur Frau zuerst; drauen aber sitzt er im Stein gezaubert vor dem
Thor und weiset wohl den Weg zu uns, aber nicht uns hinaus.
    Das ist brav, sagte Herr Martin Ketzel, da Ihr Eure Hausehre in Schutz
nehmet.
    Der Meister schien schon nicht mehr auf das zu hren, was weiter um ihn
vorging, sondern trieb den spitzen Stahl immer tiefer in den sich gestaltenden
Stein, da es lustig klang und Funken und Sand um ihn sprhten und stubten.
    Ketzel wendete sich darum zu Frau Kraft und sagte: Es ist wirklich
wundersam, da Meister Adam auch eine Eva gefunden.
    Diese errthete und fuhr sich mit der Schrze ber's Gesicht, der Meister
lchelte schlau und der Propst sagte:
    Das Wunder ist nun eben nicht so gro; wit Ihr denn nicht, da die Frau
Kraft eigentlich Magdalena heit, so steht sie im Kirchenbuch, und nur dem
Meister da zu Gunst hat sie sich selber umgetauft, weil er sich's einmal in den
Kopf gesetzt, keine Andere als eine Eva zu freien.
    Ei was! rief die Meisterin sich entschuldigend, der Kraft ist auch nicht
Adam getauft, sondern Ulrich, und hat sich selbst den Namen gegeben; warum soll
eine Frau nicht das gleiche Recht haben?
    Wenigstens wenn es ihr Mann ihr giebt! sagte Meister Kraft, der doch seine
Frau nicht wollte bermthig werden lassen und sich die Oberherrschaft sichern.
    Whrend dieses Gesprches war der Mnch an einem Seitenfenster stehen
geblieben, das dem geffneten Hofthor schrg gegenber war, so zwar, da man
durch dasselbe auf die Strae und die bei dem Lindwurm Vorbergehenden sehen
konnte. Anfangs blickte der Mnch nur mrrisch da hinaus, ungeduldig, da der
Propst, den er schon allenthalben gesucht, nun statt sich mit ihm zu entfernen,
kurzweilige Spe trieb, die seiner Wrde sehr wenig gem waren. Jetzt aber
blickte der Mnch schrfer hin, wie gefesselt durch eine auerordentliche
Erscheinung; ein sonderbares Zucken flog ber sein erdfahles Gesicht und seine
dunklen Augen blitzten unter den grauen Augenbrauen.
    Jetzt wendete sich der Propst zu dem schweigenden Mnch und sagte: Aber Ihr
werdet Eile haben, ich bin bereit Euch zu begleiten. Gehabt Euch wohl, Meister
Kraft. Gottes Segen mit Euch Beiden: Adam und Eva! Herr Ketzel, guten Fortgang
zu Euer frommen Stiftung in so wackeren Meisters Hnden. Besucht mich bald
einmal in der Propstei zu einem Becher edlen Rheinweins, wie er in meinem Keller
lagert. Er lchelte und schmunzelte dabei schlau, denn sein immer voller
Weinkeller, obwohl tglich aus ihm geschpft ward, machte ihm mehr Freude, als
eine volle Kirche.
    Martin Ketzel verstand den Wink, da der Propst jetzt seine Begleitung nicht
wnsche, er blieb daher zurck, als sich dieser mit dem Mnch entfernte, und
sagte zur Meisterin:
    Ich mu schon noch ein Weilchen bei Euch verziehen, denn die geistlichen
Herren da scheinen unter vier Augen zu verhandeln zu haben, wobei sie weltliche
Ohren nicht gebrauchen knnen.
    Frau Eva war auf den Propst noch rgerlich wegen des Drachen und sagte: Es
ist auch besser, man hrt es nicht; der Herr Propst hat immer andere Dinge im
Kopfe, als man bei einem Kirchenhaupt erwarten mchte, und der Mnch sah auch
nicht aus wie Einer, der Frieden im Kloster gefunden und sich wohl fhle in
seinem Berufe.
    Meister Adam runzelte die Stirn und winkte seiner Frau schelmischstrafend
zu, als wolle er sagen, da sie wohl Recht habe, da man aber vor den Leuten in
der Werkstatt nicht so reden drfe.
    Gleichzeitig aber sagte der Riesen-Jacob: O den Mnch da, den Bruder
Amadeus, den kenne ich. Ich habe vorletzten Sommer als Handlanger einmal im
Kloster mitgearbeitet - da hab' ich ihn in seiner Zelle heulen und toben hren,
und weil ich darnach fragte, hat mir der Pfrtner gesagt, da sei der Bruder
Amadeus seit einem Jahre zum ersten Male mit einem Auftrag in Nrnberg gewesen
und ganz verstrt wiedergekommen; er wre seitdem nicht mehr zu bndigen - von
Bue und Besserung wollt' er gleich gar nichts hren.
    Lat doch das unntze Reden! sagte der Meister; wir loben den Herrgott in
unserer Kunst und in den Werken, die wir ihm zur Ehre mit allem Flei bereiten -
mgen sie in den Klstern thun und treiben, was sie wollen! -
    Herr Martin Ketzel verabschiedete sich und die Meisterin gab ihm das Geleite
bis zu dem Brunnen vor dem Hausthor. Es begann zu schneien, und der Lindwurm,
dem groe Flocken um den geffneten Rachen spielten und an seinen Eiszapfen zu
weichem Flaumenbart sich ansetzten, sah grimmiger aus als je vorher. Bei diesem
Anblick schien die Erbitterung Frau Eva's auf den Propst auf's Neue erregt zu
werden, und indem sie, nachdem Herr Ketzel sich entfernt, das Hofthor donnernd
zuwarf, murmelte sie leise zwischen den weien Zhnen: Der Propst soll auch
noch einmal an mich denken! will er mich einmal einen Drachen schimpfen, so mag
er auch noch erfahren, da ich's ihm gegenber sein kann! -
    Indessen ging der Propst Kre mit dem Benediktinermnch durch das
Schneegestber seiner Wohnung zu. Das Wetter war eben nicht darnach, Leute auf
die Strae zu locken, welche nicht gerade die Nothwendigkeit heraustrieb. Auch
die unverdrossenen Nrnberger suchten bei solchem Wetter lieber in ihren Husern
ihre Geschfte abzumachen, als wie sonst auf Gassen und Mrkten sich
umherzutreiben. Darum begegneten die Beiden nur Wenige und der Propst sagte zu
seinem Begleiter:
    Ich bin neugierig zu wissen, wie es kommt, da Ihr Urlaub erhalten und was
Ihr fr einen Auftrag habt?
    Der Mnch sagte mit einem fast verchtlichen bittern Lcheln: Durch strenge
Bue erhielt ich den Urlaub - und mein Auftrag ist allerdings so einfach, da
ich ihn Euch auf offener Strae sagen kann, auch wenn ganz Nrnberg uns zuhrte:
am Sakramentshuslein in unserer Kirche ist ber Nacht der Aufsatz eingefallen
und zertrmmert worden; wir brauchen kunstfertige Hnde, das nicht nur zu
repariren, sondern ganz neu wieder herzustellen - aber es soll bald geschehen,
damit das Werk zur nchsten Feier wieder wrdig vollendet ist. Das ist mein
Auftrag an Euch, Herr Propst.
    Httet Ihr ihn doch gleich in der Werkstatt des Meister Adam Kraft gesagt,
antwortete der Propst, das ist der kunsterfahrenste Mann in solchen Sachen -
    Nicht doch! fiel ihm der Mnch ein, wir wollen in unserer Kirche kein
Werk von profanen Hnden, wenn es auch jetzt Sitte wird, zuweilen solche
Steinmetzen in die Klster zu berufen; der Auftrag ging an Euch und den
Httenmeister der St. Lorenzkirche, uns zwei der geschicktesten Baubrder zu
senden - den, dessen Zeichen ein Kreis ist mit einem Winkelma durchschnitten -
    Es war, als hemme eine pltzlich fallende Schneelavine die eilenden Schritte
des Propstes - so blieb er einen Augenblick erschrocken und regungslos stehen!
aber es fiel nicht ein Flckchen mehr vom weigewlbten Himmel herab, als vorher
gefallen, und Nichts lie sich sehen und hren, sein erschrockenes Stillstehen
zu veranlassen. Aber er griff jetzt den Mnch heftig unter den Arm, entweder um
sich zu sttzen oder ihn eilend mit sich weiter zu reien, und sagte:
    Amadeus! kein Wort weiter davon hier auf der Strae - das besprechen wir
drinnen in der Propstei.
    Ich gehorche, sagte Amadeus; aber jetzt seht Ihr es: nicht ich bin der
Erregte, sondern Ihr seid es.
    So gingen sie schweigend und eilend noch die kurze Strecke nebeneinander,
bis sie in die Propstei zu St. Lorenz kamen. Der Propst schlug mit dem eisernen
Klppel, der eine kolossale Eichel an einem Zweig von Eichenblttern darstellte,
auf ein aus der Thr vorspringendes Eichenblatt gleichfalls von eiserner Arbeit,
dreimal rasch nacheinander, und gleich darauf ward die Thr von unsichtbaren
Hnden geffnet und sprang eben so schnell hinter den Eingetretenen wieder zu.
    In einem hochgewlbten Zimmer des Erdgeschosses loderte ein mchtiges Feuer,
hohe Polsterlehnsthle, mit verschossenem braunen Sammet bezogen, standen am
Kamin. Herr Anton Kre deutete darauf und sagte:
    Ihr werdet mde sein und habt noch einen weiten Weg zu machen, wenn Ihr vor
Nacht zurck mt.
    Die zwei Stunden bis zum Kloster, sagte Amadeus, werden mich nicht
erschpfen, wenn ich den Weg hierher nicht vergeblich gemacht habe.
    Eine Frau in mittleren Jahren, die Wirthschafterin des Propstes, trat ein,
nahm dem Propst seinen Pelzmantel ab und brachte ihm einen Hausrock, blies mit
dem Blasebalg in den Kamin, legte neue Scheite auf, warf dabei neugierige Blicke
auf den Mnch und schien Lust zu haben, sich allerlei im Zimmer zu thun zu
machen, um gegenwrtig bleiben zu knnen.
    Der Propst aber sagte zu ihr: Bringt uns schnell einen Krug Wein, etwas
Brod und Schinken, und dann sehet auf den Boden; mich dnkt, die Fenster standen
offen und der Schnee wird sich drinnen hufen.
    Ehe nicht die Wirthschafterin wiedergekommen war, das Verlangte gebracht und
auf einen kleinen Eichentisch am Kamin zwischen den Lehnsthlen zurechtgestellt,
auf denen die Beiden Platz genommen, sprachen sie kein Wort zusammen. Erst da
sie sich entfernt, sagte der Propst:
    Nun, Amadeus, Euren Auftrag?
    Ich habe ihn schon gesagt, versetzte dieser; der hochwrdige Abt lt
Euch sagen, uns zwei der geschicktesten Baubrder aus der Lorenzer Bauhtte zu
senden, noch besser, sie mir gleich mitzugeben. Da im Winter ja doch nur in der
Htte und nicht auen an der Kirche gearbeitet werden kann, so meinen wir, Ihr
knnet sie jetzt entbehren.
    Gleich heute geht das nicht, antwortete Kre unruhig; ich mu es erst mit
dem Httenmeister besprechen - - aber jetzt sind wir allein, hier hrt uns
Niemand, darum jetzt keine unntzen Redensarten mehr: wie hab't Ihr es
angefangen, da man gerade Euch und gerade mit diesem Auftrag zu mir gesendet?
    Ich rede die Wahrheit, antwortete Amadeus; ich bin still und fromm
geworden, habe Bue gethan und verstanden mich selbst zu zhmen, so ist mir der
Abt wieder geneigt worden wie vordem. Heute um Mitternacht hatte mich die
Pflicht der Bue allein in die Kirche gefhrt - da sah ich das
Sakramentshuslein zertrmmert, und meldete es dem Abt noch zur selben Stunde
zuerst und schlug ihm auch vor, da wir es eilend wollten durch Nrnberger
Baubrder wieder herstellen lassen, und da er wei, da Ihr mir gewogen, und da
ich der Erste war, der das Unglck gesehen, so gab er mir Urlaub und sandte mich
hierher. Und soll ich weiter die Wahrheit reden: der Abt kmmert sich nicht um
die Monogramme Euerer Steinmetzgesellen, ich aber kenne das des Einen und bitte
Euch: sendet uns den mit dem Zeichen des Kreises, den das Winkelma
durchschneidet.
    Amadeus! was soll daraus werden? sagte Kre unruhevoll, lehnte sich
bekmmert in seinen Stuhl zurck und drehte hastig einen Daumen um den andern an
seinen ber den wohlgenhrten Leib gefaltenen Hnden.
    Da Ihr mir keine Gewiheit geb't, will ich sie mir selbst suchen!
antwortete Amadeus.
    Und wenn Ihr sie hab't, so wird sie Euch in's Verderben strzen! warnte
der Propst.
    Der Mnch lchelte: Dem bin ich so oder so verfallen, daran liegt nicht das
Geringste.
    Da habt Ihr recht, antwortete der Propst, aber mit oder ohne Gewiheit;
schon durch Euer Forschen, eine einzige Unvorsichtigkeit, ein verdchtigendes
Wort werdet Ihr den edlen Jngling in's Verderben strzen, sei er, wer er sei -
das bedenkt!
    Ich werde ihn nicht verrathen, antwortete Amadeus, und schon am wenigsten
dann, wenn er mein -
    Halt! fiel ihm der Propst in's Wort; Ihr hab't es gezeigt, wie wenig Ihr
Eurer mchtig seid! Ich hab' ihm meine Gunst erwiesen, aber nur als wackerem
Knstler, und sonst bin ich ihm immer fern geblieben; aber ich habe im
Verborgenen ber ihn gewacht und ihn geschtzt, wo es Noth that. Schon wollte
sich der bse Leumund an ihn wagen, schon munkelte man ber sein Herkommen und
wollte seine Mutter verunglimpfen - noch haben ihn die Zeugnisse geschtzt, die
er mitgebracht, noch glaubt er denselben fest. Er ist stolz und edel und sein
Lebenswandel frei von jedem Makel; er ist hochbegeistert fr seine Kunst und
kennt kein anderes Streben und kein anderes Glck, als ihr zu dienen: nun drngt
Euch an ihn, forscht und sphet und macht ihn selber irre an sich selbst und
seinem Herkommen, nehm't ihm die Ruhe des Gemthes, den freudigen Stolz auf
niedere, aber brave Eltern, auf die Zeugnisse der Benediktiner - und Ihr
vernichtet in ihm die frohe Kraft des Schaffens, die Zuversicht, die ihn jetzt
beseelt; aber noch mehr: findet und bringt Beweise, lhmt seine Hand, seinen
Muth, macht ihn zum Lgner und Heuchler - noch mehr: nehmt ihm die ehelichen
Eltern, verrathet Alles, was ihr jetzt denkt, im halben Wahnsinn vielleicht
hofft - kaum Tage werden vergehen, und er wird ein Ausgestoener sein aus der
Zunft der freien Steinmetzen; Schimpf und Schande wird ber ihn kommen, die
seine stolze Seele nicht ertrgt; mit Fingern wird man auf ihn zeigen, und es
wird ihm nirgends eine Freistatt werden fr sich und seine Kunst und sein ganzes
verfehltes und verunehrtes Leben!
    Anton Kre hatte lange nicht so viel und im Eifer gesprochen; kalter Schwei
stand auf seiner Stirn, und wer ihn jetzt gesehen, der konnte ihm manches
vergeben und denken, da in diesem Manne doch ein guter Kern war, an den man nur
einmal zu pochen brauchte, so klang er hell und rein, trotz der dichten Hlle
alltglicher Erscheinung, die ihn umgab. In seinen Augen standen Thrnen, und
whrend der Ausdruck seines Gesichtes sich drohend auf den Mnch richten sollte,
ward er vielmehr angstvoll und flehend.
    Dieser starrte vor sich nieder und sagte dann: Wenn man fnfzehn Jahre im
Benediktinerkloster ist, so lernt man sich selbst beherrschen.
    Das ist nicht wahr, Bruder Amadeus, das ist von Euch nicht war! antwortete
rasch der Propst; denkt, in welchen Zustand Ihr vor anderthalb Jahren kamet, da
Ihr zuerst ihn wiedergesehen, nur seinen Namen und sein Alter erfahren hattet -
und als Ihr darauf hrtet: er sei todt!
    Eben weil ich das nicht vergessen kann! sagte Amadeus; es kam zu
pltzlich - und ich erlag. Seitdem hab' ich gebt und mich geprft, und bin
vorbereitet. Aber wie knnt Ihr denken, da ich etwas thun oder sagen wrde, das
Ulrich's Dasein vergiften knnte? Ihr habt Ulrika vor mir verborgen, da ich
weder wei, ob sie noch unter den Lebenden wandelt oder nicht - und wenn ein
Wunder selbst mir Ulrich zugefhrt, so habt Ihr kein Recht, Euch dem entgegen zu
stemmen.
    Der Propst sah zwar noch kummervoll aus, aber um seinen Mund spielte ein
schlaues Lcheln, mit dem er sagte: Glaubt Ihr wirklich an die Wunder der
Heiligen? Die haben wohl auch um Euretwillen das Weihbrodgehuse umgeworfen? Was
bildet Ihr Euch ein, da sie noch weiter thun werden? - Antwortet mir lieber
kurz und bndig: Was gedenkt Ihr zu thun, wenn ich nun wirklich Ulrich von
Straburg und seinen treuen Gefhrten, den blonden Hieronymus auf Arbeit in das
Kloster sende?
    Ihr kennt die strengen Regeln des Ordens, sagte der Mnch: ich werde ihn
nur beim Gebete sehen, und wenn ich mit ihm zu sprechen komme, so wird das nicht
allein sein.
    Ich kenne die gelockerten Ordensregeln, versetzte der Propst, und da es
jetzt in den Klstern nicht so streng hergeht wie ehedem und wie die Welt noch
glauben soll, aber doch nicht glaubt: Ihr werdet es schon schlau anfangen, da
ihr mit Ulrich allein zu sprechen kommt - Ihr werdet darum doch keine Ruhe
finden und die seine werdet Ihr ihm rauben.
    Nun denn, antwortete der Mnch aufstehend, was hinderte mich denn gleich
selbst in die Bauhtte zu gehen, ehe ich zu Euch ging, und dort meinen Auftrag
zu sagen?
    Ihr habt das Pawort nicht und httet keinen Einla gefunden, entgegnete
der Propst.
    Aber der Httenmeister wre herausgekommen, versetzte Amadeus, und ich
htte mein Gesuch vorgebracht; ich htte auch drauen warten knnen, bis Ulrich
herauskam, und ihn begleiten; noch mehr: als Ihr vorhin beim Meister Kraft mit
seiner Ehefrau scherztet, da sah ich Ulrich drauen beim Lindwurm vorbergehen -
ich htte auf ihn zueilen knnen, mit ihm reden, was ich gewollt, ohne da ich
erst meine Bitten bei Euch erschpfe. Urtheilt, ob ich mich bezwingen kann und
gehorsam sein, da ich das nicht that? Ich wei auch, da er beim Rdleinmacher
Sebald beim Sonnenbad wohnt, und knnte jetzt zu ihm gehen, statt mit Euch
nutzlose Worte zu wechseln - wenn ich nicht ein Gelbde und noch mehr: wenn ich
nicht seine Ruhe bercksichtigen wollte. Was also habt Ihr noch zu frchten?
Kann ich aufrichtiger gegen Euch sein, als ich es gewesen bin? Verdiente ich
nicht dafr, da Ihr es auch wret? Geb't mir Gewiheit, und Ihr ersparet mir
weiter zu forschen!
    Ich habe selbst keine Gewiheit! sagte der Propst nach langem Sinnen und
mit sich selbst Ringen; wie oft soll ich es Euch sagen! Er ist nicht der
einzige Oblate, der in jenem Kloster erzogen worden, und ich mag keine
Nachforschungen anstellen, die ihm schaden knnten. Ich liebe und achte diesen
wackern Gesellen und erweise ihm meine Gunst, mag er mir nahe stehen oder nicht;
es bringt durchaus keinen Nutzen, Geheimnissen nachzuspren, bei denen wir Gott
danken mssen, da sie es vor der Welt sind - mgen sie es auch vor uns sein und
bleiben.
    Wohlan! sagte Amadeus, so lat mich Eurem Beispiel folgen - ich will nur
thun wie Ihr und Nichts verrathen, was dies alte Herz dabei empfindet.
    Er reichte dem Propst seine Hand; dieser nahm sie, stand auch auf und sagte:
Euch selber trfe der grte Fluch, wenn Ihr Fluch und Schande auf Ulrich
brchtet.
    Ich will Nichts als meine alte Hand segnend auf seinen Scheitel legen -
vielleicht find' ich dann die Ruhe, die mir bis jetzt noch niemals geworden.
    Ich will Euch vertrauen, sagte Kre; vertraut mir auch. Wie Ihr alles
Auffallende vermeiden wollt und mt, will und mu ich es auch. Morgen in der
Htte werd' ich mit dem Httenmeister sprechen, ihm sagen, da Ihr die
geschicktesten Steinmetzen verlangt, und da es eine Ehre fr die sein wird,
welche wir senden. Ulrich und Hieronymus sind die besten; whlt der Werkmeister
sie selbst und schlgt sie vor, so werde ich freudig beistimmen - einen
Vorschlag selbst kann und mag ich nicht machen; ich habe Ulrich schon mehr als
einmal gegen seine Neider und Feinde geschtzt - ich werde Nichts thun, was sie
vermehren knnte. - Und nun eilt Euch, damit Ihr zur rechten Zeit heim kommt,
ehe sie zur Hora luten. Dem Abt vermeldet meinen Gru und da bermorgen die
Steinmetzen kommen wrden; die Bedingungen wird ihnen der Werkmeister
schriftlich mitgeben. - Da, leert noch einen Becher, ehe Ihr in die Winterklte
hinauswandert.
    Auf Ulrich's Wohl - und Euch zum Dank! sagte Amadeus, mit seinem
frischgefllten Humpen an den des Propstes stoend. Dann zog er die Kaputze ber
sein Haupt, nahm seinen Wanderstecken und verlie das Haus.
    Der Propst sah ihn bekmmert nach und berlie sich eine Weile bangen und
traurigen Gedanken. Aber es war seine Gewohnheit, denselben nie zu lange
nachzuhngen; er schellte der Wirthschafterin und sagte ihr, da er noch einmal
ausgehen werde - er hatte das Bedrfni sich in heiterer Gesellschaft zu
zerstreuen, und die Collegen und Rathsherren, in deren Mitte er sich bald
gesprchig und frohgelaunt wie immer bewegte, merkten ihm nicht an, da er eben
eine so ernste und ihn qulende Unterredung gehabt.

                                Drittes Capitel



                              Die beiden Baubrder

An demselben Abend, an welchem die Baubrder Ulrich von Straburg und der blonde
Hieronymus Gegenstand des Gesprches zwischen dem Propst und dem Mnch gewesen
waren, saen die ersten Beiden wie gewhnlich allabendlich zusammen in ihrer
schlichten Wohnung. Die Mutter des Hieronymus hatte ihnen einen groen Topf
Suppe im Zimmer gekocht und nickte frhlich lchelnd mit dem wankenden Kopfe,
selbst die grte Freude darin findend, da sie es ihren Shnen so behaglich
gemacht, denn auch Ulrich war ihr im Laufe der Zeit wie ein zweiter Sohn
geworden - nannte doch ihr Hieronymus ihn auch Bruder.
    Ist es doch auch immer von jeher Frauen- und Mutterart gewesen, an das Wesen
sich am innigsten zu schlieen, das die meisten Sorgen, Mhen und Aengsten
verursacht, und hatte nun doch auch Mutter Martha dies Alles um Ulrich
empfunden, seit man ihn lnger als einem Jahr in einer Septembernacht fr todt
in das Haus getragen, aus mehr als einer Wunde blutend. Wochenlang hatte er
damals bewut- und regungslos zwischen Tod und Leben gerungen, und wenn auch der
berhmteste Bader Nrnbergs im Auftrag Herrn Christoph Scheurl's alltglich
mehrmals kam, seine Wunden neu zu verbinden, und Hieronymus alle Nchte an
seinem Lager wachte, am Tage mute er doch zur Arbeit in die Bauhtte, und da
war es immer seine Mutter, die den Kranken mit sorgsamer Hand pflegte und jede
Liebeswohlthat ihm erwies. Zum Glck war wenigstens dabei kein Mangel, wie wenig
Ulrich auch selbst besa; denn wenn ein Baubruder krank war und nicht zur Arbeit
kommen konnte, so erhielt er dennoch aus der Htte den vollen Wochenlohn
ausbezahlt, damit er davon verpflegt wrde. Nun nahm auch der Bader durchaus
keine Bezahlung und brachte alle Medicamente unentgeltlich mit. Auch der Propst
Kre sprach fter vor und sandte immer von seinen Vorrthen aus Kche und
Keller, besonders wie der Kranke einmal so weit war, da er sich deren bedienen
konnte. Ein paarmal kam in der Dmmerung auch ein fremder Knabe, der Gre nach
etwa fnfzehn Jahre alt, brachte Wsche, Geld und Erfrischungen fr den
Verwundeten, fragte immer sehr angelegentlich und ngstlich nach ihm, und suchte
sich wenigstens zwischen die Thr zu drngen, um einen Blick auf den bewutlosen
Ulrich zu werfen. Wenn die alte Frau ihn fragte: woher das komme? antwortete der
Knabe stets: er habe schwren mssen, es nicht zu sagen und sie solle auch mit
Niemanden davon reden. Anfangs nahm es die Frau und auch Hieronymus hatte Nichts
dagegen; als aber nach etwa sechs Wochen Ulrich's Fieber nachlie, er wieder zur
Besinnung kam und man ihn allmlig Alles erzhlte, was inde fr ihn geschehen,
widersetzte sich sein Stolz solchen Gaben, und er verpflichtete seine treuen
Pfleger, dergleichen nicht mehr anzunehmen, nur von seinem Vorgesetzten und
Gnner, dem Herrn Propst, meinte er sich nicht weigern zu drfen. Aber von
fremden Leuten erklrte er Nichts zu nehmen, und auch dem Bader sagte er, da er
seine Wunden im Dienste christlicher Pflicht, aber nicht in dem des Herrn oder
der Frau Scheurl sich geholt, da weder sie ihm verpflichtet wren, noch er sich
ihnen verpflichten wolle. Der Bader erzhlte ihm, da Frau Scheurl seit
derselben Zeit am hitzigen Fieber darniederliege und da sie schwerlich mit dem
Leben davonkommen werde. Uebrigens aber bemhte er sich, so wie bei Elisabeth,
auch bei Ulrich und Hieronymus vergeblich, nhere Aufklrungen ber einen
Vorfall zu erhalten, ber den die widersprechendsten Gerchte umliefen.
    Als der fremde Knabe mit seinen Gaben wieder kam, lie ihn Ulrich selbst an
sein Lager kommen, um zu erforschen, wer ihn sende. Der Knabe ward glhendroth
vor Verlegenheit, brachte fast kein Wort hervor, und da Ulrich jede Annahme aus
fremder Hand verweigerte, auch Hieronymus und seine Mutter hinzukamen, mit
Fragen und sogar Drohungen in den Knaben drangen, die Wahrheit zu gestehen,
sprang er weinend auf, eilte fort und kam niemals wieder.
    Ulrich aber sagte zu Hieronymus: Mir klang die Stimme bekannt, und solche
braune flehende Augen hab' ich auch schon gesehen; meinst Du nicht, es knne der
Bruder des Judenmdchens gewesen sein, das uns warnte und zu Elisabeth's Schutz
sandte, oder dieses selbst?
    Hieronymus hatte nicht daran gedacht, er hatte den Knaben jetzt zum ersten
Male gesehen; die Vergleiche, die er nun anstellte, schienen allerdings Ulrich's
Vermuthen zu besttigen, aber er wollte nicht daran glauben, auch dem Kameraden
es ausreden, was ihm als Schmach erschien: wenn dies Judenpack, wie er sich
ausdrckte, solchen Antheil an einem freien Maurer nehme, in seine Wohnung sich
schleiche und sie doppelt verunehre durch Gaben, die nun Anfangs doch angenommen
und verbraucht worden - das dnkte ihm ein unauslschlicher Schimpf! Und um
nicht wirklich die Gewiheit zu erlangen, vermied er danach zu forschen - und
seitdem sahen die Baubrder wirklich weder von dem Judenmdchen noch dem fremden
Knaben etwas wieder.
    Whrend Ulrich noch in Gefahr schwebte und bewutlos war, diente es
Hieronymus zu einiger Beruhigung, da noch eine grere Anzahl der Baubrder bei
jenem nchtlichen Vorfall betheiligt gewesen. Wenn auch der Rath, da Herr
Scheurl selbst keine Untersuchung wnschte, die Sache dahin gestellt sein lie,
so waren doch die Gesetze der Baubrder strenger als die des Rathes und lieen
sich nicht beugen und umgehen wie jene. In Gegenwart aller freien Steinmetzen,
des Propstes, Httenmeisters, Werkmeisters und Pallirers wurden smmtliche
Baubrder ber den Vorfall abgehrt, denn es war ihnen streng verboten, Hndel
und Raufereien anzufangen und ihre Schwerter, die sie an der Seite trugen,
anders zu brauchen als im Fall der uersten Nothwehr oder zum Schutze
Hlfsbedrftiger, unschuldig Bedrngter, zur Ehre Gottes. Da nun aus allen
Aussagen nichts anderes hervorging, als da sie auf den Hlferuf einer von einem
vermummten Ritter und seinen Genossen wehrlos berfallenen Dame herbeigeeilt
waren, und man erfuhr, da dies die Gattin des hochangesehenen Herrn Christoph
Scheurl gewesen und dieser sich den Baubrdern nicht nur dadurch dankbar erwies,
da er den Verwundeten seinen Bader sandte, sondern auch da er eine groe Summe
Geldes an die Lorenzbauhtte selbst sandte, aus Dankbarkeit gegen die Baubrder,
die ihm beigestanden, damit sie davon eine Zeche feierten und gleicherweise auch
Frbitte in ihrer Kirche thten fr die Genesung seiner Gemahlin - - so ward das
Betragen der Baubrder als unschuldig und rechtlich befunden, und jeder Verdacht
beseitigt, der von einigen war auf Ulrich geworfen worden: weil er schon zum
zweiten Male Hndel mit einem Ritter um einer Dame Willen gehabt. Denn gleich
den Tempelherren muten sich die Baubrder von allen zrtlichen Regungen und
Beziehungen frei erhalten, und wenn sie auch noch in strkere Strafen verfielen,
wenn sie mit bsen oder berchtigten Frauen umgingen, als mit ehrbaren, so
durften sie sich doch auch nur diesen nhern, wenn es die Nothwendigkeit gebot.
    Weil Ulrich hierbei unschuldig befunden, und was man wider ihn vorgebracht,
sich als bser Leumund erwies, so futen sowohl Hieronymus als sein Gnner, der
Propst darauf, wenn es galt, andere bse Gerchte niederzuwerfen, die ber ihn
umliefen. So wollte Einer wissen, da er ein paar Abende vor seiner Verwundung
im Abenddunkel ein Judenmdchen mit zu sich in das Haus genommen; ein Anderer,
da er nicht nur nicht wisse, was aus seinen Eltern geworden, sondern auch
nicht, wer sie gewesen, ja da seiner Mutter als Zauberin der Proce gemacht
worden. Aber die Zeugnisse des Maurerhofes zu Straburg und der Benediktiner
wurden dem doch entgegen gehalten, der Propst und der Httenmeister bedrohten
Diejenigen mit Strafen, die solchen entgegen einfltigen Gerchten Glauben
schenken wollten - und so waren diese zum Schweigen gebracht, lange bevor Ulrich
wieder in der Bauhtte erschienen, und da auch Hieronymus ihn nicht damit
aufregen wollte, so erfuhr er gar nichts von der Gefahr, die ber ihm geschwebt
zugleich, als der Todesengel seine Fittiche um ihn schwang.
    Erst als das Frhjahr kam, vermochte er wieder sein Schmerzenslager zu
verlassen, aber dann dauerte es noch lange, ehe er wieder in der Htte arbeiten
und den Meiel krftig schwingen konnte wie vordem. Die Wunde, die er an der
Brust empfangen, schmerzte ihn dann immer auf's Neue, und er mute sich erst
allmlig wieder an die Arbeit gewhnen. Inzwischen war doch die Zeit fr ihn
daheim nicht ganz verloren gewesen. Der Propst hatte ihm alle neuen Bcher
geschickt, die aus Anton Koberger's Druckerei hervorgegangen und auch sonst noch
erschienen waren, darunter die Schedel'sche Chronik von Nrnberg, Conrad Celtes'
Beschreibung derselben Stadt, Regiomontan's Kalender, Tucher's Reise in das
gelobte Land und die ganze heilige Schrift. Ulrich studirte eifrig alle diese
Bcher und so nebenbei bte er sich, sobald es ging, im Zeichnen, machte Risse
zu groen Mnstern nach dem System des Sechs- und Achtortes, wie zu kleinen
Weihbrodgehusen, zu Sulen, Portalen und Ornamenten - wagte sich an die grten
Aufgaben der Kunst und zeichnete dabei das Kleinste mit demselben Fleie.
    Etwa ein paar Wochen mochte er wieder regelmig gleich den andern
Steinmetzgesellen in die Bauhtte zur Arbeit gehen, als er an einem schnen
Herbsttage mit andern Baubrdern auen am Kirchthurm auf schwindelnder Hhe
selbst zu arbeiten hatte. Da rief ihn ein Handlanger im Auftrag des Werkmeisters
von der Arbeit fort, hinunter in's Schiff der Kirche zu kommen, wo man ihn
bedrfe.
    Unten fand er den Werkmeister und Pallirer mit einigen Steinmetzen in der
Nhe des Hochaltars, und bei ihnen stand der Propst, der Maler Hans Beuerlein,
Frau Elisabeth Scheurl mit Ursula Muffel und Charitas Pirkheimer. Zeichnungen,
Gemlde und Teppichstoffe lagen vor dem Hochaltar ausgebreitet.
    Es war zum ersten Male, da die Genesenen sich wiedersahen nach jener
verhngnivollen Nacht. - Ulrich war inzwischen bei Herrn Scheurl gewesen und
hatte ihm fr seine Gte gedankt - seiner Gemahlin hatte er nichts zu sagen. War
es nicht an ihr, ein dankendes oder doch erkenntliches, theilnehmendes Wort an
ihn zu richten? - Sie that es nicht - aber sie errthete und zitterte
unwillkrlich bei seinem Anblick und sttzte sich auf Ursula.
    Der Propst erklrte ihm, da diese edlen Frauen die Kirche mit einem Teppich
beschenken wollten, da Meister Beuerlein das Gemlde als Muster zu dem
Mittelstck gefertigt, da sie aber ber die Ornamentik in den Kanten noch nicht
einig wren, da sie mit der der umstehenden Sulen harmoniren sollten - und da
er ja wohl allerlei Zeichnungen, die dem entsprchen, von Laub und Schnrkeln in
seiner Krankheit angefertigt, die er eilends aus seiner Wohnung holen mge.
    Ulrich bejahte, aber der blonde Hieronymus, der auch mit zur Berathung
gezogen war, lie es sich nicht nehmen, statt seiner die Zeichenrollen aus der
gemeinschaftlichen Wohnung zu holen, da Ulrich noch nicht zum schnellen Laufen
tauge und inde auch lieber hier seinen Rath mit ertheilen mge. Darber fand
zwar erst ein edler Wettstreit Statt, aber der Propst und Charitas Pirkheimer
billigten Hieronymus Vorschlag und lieen ihn gehen und Ulrich bleiben. Anfangs
schien es, als fhle sich Elisabeth durch Ulrich's Nhe - die sie zugleich
wnschte und floh - peinlich berhrt und von einer Verlegenheit ergriffen, die
ihrem sonstigen selbstbewuten und stolzen Hervortreten gnzlich fremd war;
nachdem er aber auch, ohne weiter seine Worte an sie zu richten, mit dem Propst
und dem Maler sich ber den vorliegenden Gegenstand in ein kunstverstndiges
Gesprch vertieft, aus dem man deutlich erkennen mochte, da jene eigentlich die
Schler waren und der einfache Steinmetzgeselle der Meister: da war es, als ob
auch Elisabeth pltzlich sich zusammenraffe - mit khner Sicherheit mischte sie
sich in die Unterhaltung, lie das Licht ihres Geistes glnzen und die Strahlen
ihrer Kunstbegeisterung in blhender Bilderpracht sich entfalten. Als Hieronymus
mit Ulrich's Zeichnungen zurckkam, und als er selbst mit einem Fu auf den
Altarstufen knieend sie vor den Beschauenden entrollte, sprach Elisabeth zu ihm,
als Beuerlein mit Andern in einiger Entfernung Anderes betrachtete: Warum seid
Ihr nicht Maler geworden? Ihr wret ein groer Knstler!
    Da schttelte er stolz das lange Haar aus dem edlen, von der Krankheit noch
bleichem Gesicht, und stolz und gro in Elisabeth's flammende Augen blickend,
sagte er: Die Kunst ist doch nur eine, ob wir ihr dienen mit Meiel und
Richtscheit oder mit Malerstab und Pinsel - sie hat nur einen Zweck: Gott zu
dienen und damit zugleich Andere zu demselben Gottesdienst zu entflammen. Mir
gilt es mehr in unserer freien Brderschaft, namenlos, nicht als ein eitler
Einzelner, sondern als das Glied eines Ganzen, eines Leibes, wie es der Herr
Jesus Christus gesagt hat, zu streben, zu schaffen, nicht fr profanen Ruhm,
sondern fr die Ewigkeit des Kunstwerkes.
    Elisabeth antwortete darauf nur: Stolzer Maurer! aber Charitas Pirkheimer,
die seine Worte auch vernommen, rief in einer Art von Verzckung: Ja! so ist
der rechte christliche Sinn: selbst Nichts sein wollen und ganz aufgehen im
gemeinschaftlichen Streben, dem Hchsten zu dienen.
    Ulrich's Zeichnungen waren zur Einfassung des Bildes auf dem Teppich gewhlt
worden. Seitdem arbeiteten die Nrnbergerinnen bei Elisabeth daran und die
Baubrder verrichteten die gewohnte Arbeit in ihrer Htte, so da sie nichts
wieder von einander sahen und hrten.
    So war der Winter zur Hlfte vergangen.
    Als Ulrich und Hieronymus jetzt zusammen saen, sagte der Erstere: Als ich
vorhin zur Vesperstunde bei Meister Kraft's Wohnung vorberging, betrachtete ich
mir die schn gefrorenen Wasserstrahlen an dem Lindwurm vor seinem Hofthor, und
wie so mein Blick hinber nach dem Fenster der Werkstatt streifte, war es mir,
als she ich dort denselben Benediktinermnch am Fenster stehen, der mir gleich
an dem ersten Tage meines Hierseins begegnete, wo mein Schwert seinen Rosenkranz
zerri. Du weit, diese znftigen profanen Nrnberger Steinmetzen lieben es
nicht, wenn Einer von uns in ihre Werkstatt tritt, sonst wr' ich
hineingegangen, mir Gewiheit zu holen und ihm zu seinem Eigenthum zu verhelfen,
das ich freilich nicht bei mir hatte und das ich auch inzwischen schier
vergessen. Mir schien, der Propst stand bei ihm - sobald ich ihn sehe, werde ich
nach dem Mnche fragen. Er suchte das Kreuz, das wohl verwahrt in einer kleinen
Lade lag, und Hieronymus sagte:
    Httest Du Dir wirklich von diesem einmaligen Sehen die Zge des Mnches,
der uns schnell entschwand, so genau gemerkt, da Du ber Jahr und Tag ihn
wieder erkanntest?
    Er hatte etwas Eigenthmliches in seinem Gesicht, das man nicht vergit,
sagte Ulrich, und merkwrdig: entweder in meinen Fieberphantasien oder in
meinen Trumen ist mir dieselbe Gestalt mehrmals wieder erschienen, nur in der
letzten Zeit hatte ich sie vergessen.
    Jetzt unterbrach das Mtterchen die Beiden und sagte: Wit Ihr es denn, da
bernchste Woche die Potentaten und groen Herren zum Reichstag kommen, und da
zwar der alte Kaiser Friedrich auf der Veste mit dem Burggrafen, Knig
Maximilian aber beim Herrn Scheurl wohnen wird? Da wird seine Hausfrau nicht
wissen, wo sie hin soll vor Hoffahrt und Hochmuth.
    Ulrich sagte? Gnnt ihr doch den unschuldigen Stolz, wenn er sie nun einmal
glcklich macht!
    Unschuldig? sagte die Mutter; nun, ich will dem Knig Max, fr den einmal
Alle eingenommen sind, da er noch etwas Neues ist, nichts Bses nachsagen - -
aber man wei, wie die groen Herren sind, und von dem heibltigen Knig laufen
genug Geschichten um von verliebten Abenteuern - das heit dann nichts, als ein
ritterlicher Scherz! ja, die Art, die zu whlerisch ist, um mit gemeinen
Frauenspersonen sich einzulassen, die fr jeden zu haben sind, die macht die
meisten Frauen unglcklich und ist allen eitlen und hoffrtigen Frauen
gefhrlich, die sich selbst auf ein gndiges Lcheln was zu Gute thun. Ich bin
alt geworden in Nrnberg, ich wei, wie weit her es ist mit den guten Sitten bei
diesen bevorzugten Geschlechtern und mit der Unschuld ihrer Frauen.
    Ihr mgt Recht haben, sagte Ulrich; aber der Stolz der Frau Scheurl ist
doch anderer Art; die will herrschen mit ihrem Geist und einem Streben ber das
Gewhnliche hinaus.
    Mir macht Ihr nichts wei, eiferte die alte Frau; stolzirt sie doch wie
eine Knigin einher, und scheint doch keine andern Gedanken zu haben, als ihren
Putz und ihre Schnheit zu zeigen; auch die lange Krankheit hat sie nicht
gebeugt und bekehrt.
    Ihr seid nun einmal wider sie, sagte Ulrich.
    Hieronymus trat jetzt auf die Seite seiner Mutter. Verdrossen hat mich's
auch, sagte er, da sie ihr eigenes Bild als Maria Magdalena auf den Teppich
sticken lt, und Du selbst hieltest es ihr ja damals vor: da man im Dienste
der Kunst und des Heiligsten sich selbst vergessen und aufgeben msse - seine
Person und seinen Namen; ich sah es wohl, wie sie bla ward bei Deinen Worten.
    Mochte sie eine Lehre daraus ziehen, wenn sie wollte, sagte Ulrich; doch
sollte es kein Vorwurf sein. Fr das Gemlde ist sie auch nicht verantwortlich,
das ist so Meister Beuerlein's Art; er kann fast gar nicht anders malen, als
conterfeien; die Personen zu den anderen Figuren kennen wir nur nicht, und da
er die schnste Nrnbergerin in den Vordergrund gestellt, wird ihm Niemand
verargen.
    Mutter Martha schttelte mit dem Kopf. Wenn Ihr einmal streiten wollt, so
ist mit Euch nicht durchzukommen!
    Ulrich reichte ihr vershnlich die Hand und sagte: Ihr solltet froh sein,
wenn wir die Frauen in Ehren halten - und doch selbst ihnen fern bleiben.
    Die alte Frau ward jedesmal gerhrt, wenn sie daran dachte, welches schwere
Gelbde die jungen Mnner hatten leisten mssen. Zwar war es ihr ganz recht,
wenn sie dachte, da ihr Hieronymus so immer bei ihr bleibe und da sie sein
Herz nie mit einem andern Weibe zu theilen brauche, auf das sie doch
eiferschtig geworden, selbst wenn sie mit aller Uneigenntzigkeit einer Mutter
ihrem Sohne sein Glck gegnnt htte. Ihre Sucht, das weibliche Geschlecht vor
ihnen zu verdchtigen und herabzuwrdigen, entsprang mit aus ihrem Bedauern und
der gutmthigen Absicht, den jungen Mnnern dadurch ihr Fernhalten von allen
Frauen und allen Regungen des Herzens zu erleichtern; inde war sie aber auf
Elisabeth gerade darum erbittert, weil sie doch die Ursache war von Ulrich's
schweren Wunden, wenn die Mutter auch nicht wute, da es nicht bloer Zufall
war, da die Baubrder sie beschtzt und vertheidigt hatten. Wie unschuldig auch
Elisabeth selbst daran sein mochte: der alten Frau ward sie dadurch immer ein
hassenswerther Gegenstand, da ihre Shne um ihretwillen gelitten - und zwar
doppelt, als sie aus spteren Gesprchen derselben entnommen, da die Gerettete
auch beim Wiedersehen mit Ulrich kein Wort des Wiedererkennens und Dankes fr
ihn gehabt.
    Jetzt scholl pltzlich von der Strae, auf der es vorhin ganz winterlich
still gewesen, ein wster Lrm empor, und Frau Martha ffnete gleich neugierig
das Fenster, um zu sehen, was es gebe, oder vielleicht zu hren, denn es war
dunkler Abend drauen, nur von den Dchern leuchtete der Schnee, inde der auf
der Strae nur hie und da noch seinen weien Glanz behalten hatte.
    Man hrte rohe, lallende und hhnende Mnnerstimmen, dazwischen jammerten
unverstndliche Reden eines alten Mannes und eine helle weibliche Stimme rief
laut und immer lauter nach Hlfe. Von oben konnte man nur unterscheiden, da von
einem Trupp Mnner zwei Personen umringt waren und bedroht, gemihandelt zu
werden.
    Ulrich und Hieronymus nahmen ihre Schwerter und eilten auf den Ruf hinab,
obwohl Mutter Martha warnte und bat, sich doch nicht in Gefahr zu begeben und in
Hndel zu mischen, wo man ja nicht einmal wissen knne, wem das Unrecht
geschehe; solchen Straenunfug zu verhindern, sei das Amt der Bttel und
Stadtknechte, aber nicht der freien Steinmetzen.
    Aber Ulrich entgegnete: So mssen wir wenigstens aushelfen, bis die
Stadtknechte kommen und ihre Schuldigkeit thun. Wo Zwei von Zehnen umzingelt
nach Hlfe schreien, da kann man doch nicht ausbleiben.
    Um so weniger, sagte Hieronymus, wenn die Zwei, wie es scheint, ein
wehrloser Greis und ein zitterndes Weib sind. -
    Gleichzeitig mit den Baubrdern trat auch der Rdleinmacher Sebald aus
seinem Hause, und mehr als eine Hausthr ffnete sich; Mnner, in ihrer
Abendruhe gestrt, traten heraus und aus den Fenstern der obern Geschosse
blickten da und dort weibliche Kpfe; die Lampen, die hinter ihnen brannten,
warfen einzelne hellere Lichtstrahlen auf die Strae.
    Ulrich und Hieronymus fragten gleich andern Herzueilenden, was es gbe?
    Ein Judenhund bellt und heult und seine Kleine winselt! hrt Ihr es nicht?
antwortete eine rauhe Stimme.
    Mit Juden braucht sich Niemand einzulassen! rief Hieronymus. Ihr solltet
Euch schmen, wenn Ihr es gethan?
    Die Dirne ist trotzdem nicht so bel! rief eine andere Stimme; Schade,
da sie eine Jdin ist - im Sonnenbad knnte sie sonst gute Geschfte machen -
meint Ihr nicht so, Herr Badmeister?
    Der Angerufene war vor die Thr des Gebudes getreten, welches das
Sonnenbad hie und ein ffentliches Badehaus war. Es war aber allgemein
bekannt, da in diesem wie in den meisten Badehusern schne Mdchen gehalten
wurden, die Mnnerwelt anzulocken. Der Bademeister rief zornig: Solcher Schimpf
sollte meinem Hause nimmer widerfahren, da ich eine Judendirne darin duldete!
    Hau't den alten Kerl vollends zusammen, damit der Spektakel ein Ende hat!
rief ein Anderer aus dem Trupp.
    Solche und hnliche beschimpfende und drohende Reden wurden von einer Anzahl
Handwerksgesellen gesprochen, die von einem Zechgelage meist betrunken
zurckkamen und zugleich ihren Witz wie ihren Zorn an einem Judenpaare
auszulassen suchten, die so unglcklich gewesen waren, ihnen in den Weg zu
kommen. Andere Leute, welche der Lrm herbeigelockt, hrten nur neugierig zu,
manche sogar sich dabei belustigend, und die meisten zogen sich theilnahmlos
zurck, als sie hrten, da es Juden waren, welche hier gemihandelt wurden.
    Ulrich aber drngte sich mitten durch die Gesellen, welche ihre Knittel ber
dem Rcken des seine Unschuld betheuernden und um Erbarmen flehenden alten Juden
schwangen, hieb zwei dieser aufgehobenen Stcke mit seinem Schwert zurck und
herrschte den Gesellen zu: Hat der Mann da ein Unrecht gethan, so ruft die
Stadtknechte, da sie ihn in Gewahrsam nehmen, oder wir wollen ihn selbst auf
die Bttelei fhren; aber ihn hier zu beschimpfen und zu zerbluen habt Ihr kein
Recht, und wenn Ihr es thut, so verdient Ihr zehnmal grere Strafe als er
selbst!
    Wie er so sprach, durch seine gebietende Haltung und Rede, die Allen ganz
unerwartet kam, die Aufgeregten im ersten Augenblick verblffte, warf sich
Rachel zu seinen Fen, die neben ihrem Vater stehend, von Angst und Scham ber
die Reden der Gesellen, ihre Berhrungen und allen angethanen Schimpf fast
vernichtet, regungslos und gebckt die Hnde vor ihr Gesicht haltend, und rief:
    Wir haben nichts gethan, als da wir uns versptet und nun noch auf der
Gasse sind! Ihr seid ein Christ und ein Mensch, aber diese da sind keine
Menschen.
    
    Ich glaube, das Mdchen hat Recht, sagte Ulrich, der sie wiedererkannte.
Sage, was geschehen; ich glaube Dir mehr als diesen, denn sie sind betrunken
und haben sich unter das Vieh erniedrigt!
    Rachel stie einen hellen Ton wie ein freudiges Triumphgeschrei aus und
sagte: Wir hatten uns im Schneefall versptet, diese da kamen dort um die Ecke
aus der Trinkstube und wollten Kurzweil mit mir treiben; der Vater stie sie zur
Seite, und weil ich mich ihrer nicht anders erwehren konnte, sagte ich, da ich
ein Judenmdchen sei, damit sie mich ziehen lieen; da rissen sie mir und dem
Vater da die Bndel ab - seh't, es waren Sachen darin, sie haben sie an sich
genommen oder im Schnee verstreut!
    Ulrich vernahm diese Rede, obwohl die Gesellen sie zuweilen mit hhnischem
Ruf berschrieen, auf Ulrich losschlagen wollten, und doch wieder vor seinem und
Hieronymus geschwungenem Schwerte zurckwichen, auch weil jetzt die frheren
mssigen Zuschauer hinzutraten und den Gesellen selbst den Rath gaben, das
Judenpack laufen zu lassen.
    Gleichzeitig jammerte der Jude Ezechiel: Sie haben uns berfallen, aus
unsern Bndeln gerissen die schnen Sachen, die ich erst gekauft fr mein
theures Geld! Seh't Ihr nicht die Reiherfedern und den Sammetmantel da - er
deutete auf einzelne Gesellen, die solche Gegenstnde noch in den Hnden oder
auf den Schultern trugen.
    Nun! rief Ulrich, gegen Spitzbuben und nchtliche Straenruber wird es
doch Schutz in Nrnberg geben und Strafe fr sie.
    Jetzt rckten, von dem Lrm herbeigelockt, einige Mann der Stadtwache an,
inde es bereits einige ernchterte Gesellen fr gut fanden leise zu entweichen;
ein paar warfen die den Juden abgenommenen Gegenstnde weg, ein paar andere aber
nahmen sie mit sich.
    Bei dem Anrcken der Wache und noch anderer herzueilender Personen bekam die
Scene ein anderes Ansehen: nur drei Gesellen waren noch auf dem Platz; Andere
waren mssige Zuschauer, und es war nun Streit darum, wer hier Streit angefangen
oder im greren Rechte sei - die Gesellen oder die Baubrder, und Ulrich konnte
Rachel zuflstern: Flieh' doch, damit Du nicht wenigstens mit auf die Bttelei
mut - und sie war wie im Nu in demselben Augenblick entschwunden, inde ihr
Vater, mehr als auf Leben und Freiheit und auf sein Kind, auf die Waaren, die er
bei sich getragen, bedacht, davon zu erhaschen suchte, was von den Gesellen im
Schnee verstreut war.
    Da die herzugekommene Stadtwache nur aus fnf Mann bestand, wute ihr Fhrer
nicht recht, wie er hier von seiner gesetzlichen Autoritt Gebrauch machen
sollte. Die Baubrder stellten sich selbst auf seine Seite, erklrten sich ihm
in allen Stcken gehorsam zu zeigen und betheuerten friedlich, da sie nur bis
zu ihrem Kommen einen mit seiner Tochter mihandelten Mann vor einem Trupp
betrunkener Gesellen beschtzt htten, was die Zuschauer bezeugten, inde die
Gesellen riefen: es war Judenpack! und dem stimmten auch die Anwesenden bei.
    Das nderte die Sache sehr. Die Juden durften nur bis zur Dmmerung durch
die Stadt gehen. Wurden sie im Dunkeln dabei betroffen, so waren sie strafbar
und muten dafr entweder sitzen oder Geldbue zahlen. So waren auch diese hier
auf unrechten Wegen gegangen, und berhaupt war es eine sehr herkmmliche Sache,
wenn Juden verspottet und gemihandelt wurden - freilich sie zu berauben und
todtzuschlagen, in welcher Gefahr diese beiden gewesen, das gehrte sich nicht.
    Die Stadtwache ergriff den alten Juden, der noch nach seinen Sachen suchte,
und nahm ihn mit, damit er diese Nacht in Haft und morgen zur Bestrafung fr die
Uebertretung des gesetzlichen Verbotes, im Dunkeln die Stadt nicht zu betreten,
an die Schppen abgeliefert werden knne. Vergeblich jammerte er um seine
Tochter, vergeblich suchte man nach ihr: sie war verschwunden. Den Andern ward
nur gesagt ruhig nach Hause zu gehen, um nicht auch als Ruhestrer verhaftet zu
werden.
    Alles verlief so zuletzt ziemlich ruhig; denn solche Vorflle gehrten eben
nicht zu den Seltenheiten, und ein Tumult endete oft so schnell, wie er
begonnen.
    Ulrich und Hieronymus waren die ersten, die wieder in ihr Haus zurckgingen.
    Von oben kam ihnen Mutter Martha bis an die Treppe mit einem brennenden
Kienspan entgegen. In schrecklicher Angst hatte sie oben vom Fenster herab
zugesehen, und jetzt konnte sie den Augenblick nicht erwarten, zu sehen, ob
nicht wieder einer ihrer Lieblinge eine Wunde davon getragen.
    Wie das pltzliche Licht kam, fuhr von der untersten Stufe der kleinen
Windeltreppe eine Gestalt erschrocken empor und sagte: Verzeiht! - Ihr hieet
mich fliehen, und ich konnte mich nicht anders sichern. O, Ihr waret mein
Beschtzer und werdet mich auch jetzt nicht verrathen. Ach, wenn ich Euch danken
knnte!
    Ulrich stand etwas bestrzt vor Rachel, denn er war allerdings nicht darauf
vorbereitet sie hier zu finden; Hieronymus aber herrschte ihr zu: Hier kannst
Du nicht bleiben; wir haben Dich vor Mihandlung geschtzt, aber wir mgen keine
Gemeinschaft mit Dir!
    Von oben rief Martha, die nur Rachel's Stimme hrte und ihr Gesicht sah, auf
das gerade der Schein ihrer Holzflamme fiel: Ach, da ist ja der Knabe, der
immer kam, wie Ihr krank waret, und die geheimnivollen Gaben brachte.
    Rachel wandte ihr Gesicht der Dunkelheit zu, um seine glhende Rthe zu
verbergen, und schlich nach der Hausthr; aber da sie dieselbe ffnen wollte,
sprang Ulrich ihr nach, hielt sie zurck und sagte! Jetzt darfst Du nicht
hinaus - es sind noch zu viel Leute drauen.
    Sie sah mit seligem Dankesblick zu ihm auf.
    Hieronymus zog die Stirn in Falten und sagte rauh: Ja, das fehlte noch, da
sie Jemand aus dem Hause kommen she, das wir bewohnen - es wre denn, wir
wrfen sie hinaus, um uns selbst vor Schande und bler Nachrede zu sichern!
    Um Jesus Christus Willen! rief Mutter Martha, es ist ein Mdchen und wohl
ein verrufenes Frauenzimmer - oder gar eine Jdin? denn vom Fenster aus hatte
die Sphende natrlich gehrt, da es sich unten mit um eine solche gehandelt.
    Ulrich aber sagte: Komm' mit hinauf, hier unten mchte Dich Meister Sebald
finden, oder noch andere Leute.
    Sie folgte ihm ohne ein Wort zu erwiedern, oben ffnete er die Kammer der
Mutter Martha, schob Rachel dahinein und sagte: Hier warte und ruhe aus - wenn
es drauen still geworden und Niemand mehr in den Nebenhusern wacht oder auf
der Strae geht, werde ich Dich hinauslassen.
    Er wollte schnell durch die Thr zurck und sie allein lassen. - Sagt mir
nur noch, rief sie angstvoll, nach welcher Seite mein Vater entkam, oder was
aus ihm geworden?
    Ulrich zgerte mit der Antwort, endlich sagte er doch: Die Stadtwache hat
ihn mitgenommen, aber es wird ihm nichts geschehen, als da er Strafe zahlt fr
sein nchtliches Umherschweifen.
    Rachel brach in Thrnen aus - Ulrich ging und verschlo die Thr hinter
sich.
    Als er zu Martha und Hieronymus zurckkehrte, rief Jene: In meine Kammer
sperrt Ihr die Jdin?
    Das httest Du der Mutter ersparen knnen! sagte Hieronymus vorwurfsvoll,
sie hat es nicht um Dich verdient.
    Ulrich sah betrbt auf die Beiden. Ich konnte sie doch nicht zu uns
nehmen, sagte er, und mgen wir auch sonst keine Gemeinschaft mit den Juden -
wer des Schutzes bedarf, den schtze ich - er mag gehren, zu wem er will, und
sein, wer er will - ja ich schtze ihn, es sei auch gegen wen es wolle!
    Seine Augen flammten dabei bedeutsam, fast drohend. Er ging an's Fenster und
schaute auf die Strae.
    Die alte Frau sa hnderingend in einer Ecke und jammerte bald ber die
Entdeckung, da ein Judenkind, gleichviel ob Knabe oder Mdchen, in Ulrich's
Krankheit ihn mit seinen Gaben bedacht, da sie selbst sie angenommen - bald
darber, da eine Jdin in ihrer christlichen Kammer sei - da ihre Shne sie
versteckt. Nein - nicht Shne! ihr eigener Sohn zrnte ja selbst darber und
htte das nimmer gethan; jetzt zeigte es sich recht deutlich, das Ulrich ein
fremder Mensch war, der sie gar nichts anginge.
    Die Baubrder lieen sie reden und sagten beide nichts dazu - Hieronymus
nicht, weil er im Grunde der Mutter beistimmte, und Ulrich nicht, weil er sich
verletzt fhlte und weil er nicht wollte, da es im Zimmer noch lauter werde und
Rachel in der Kammer nicht hre, was es ihn koste, auch jetzt sie zu sichern. -
    So war es etwa elf Uhr geworden - in allen Fenstern waren die Lichter
verlscht und es war ganz still auf den Straen. Ulrich sagte: Ich werde jetzt
Rachel hinauslassen, und ging zu ihr. Du kannst jetzt gehen, sagte er; Ich
will Dir den Riegel an der Hausthr ffnen, es ist ganz still drauen - aber
sprich kein Wort!
    Knnt Ihr mir vergeben? sagte sie; knnt ich's vergelten -
    Es ist nichts zu vergeben! antwortete er.
    Doch, doch! rief sie, es ist eine alte Rechnung!
    Still! sagte er, ich bat Dich nicht zu sprechen.
    Sie gehorchte mit einem Seufzer und folgte ihm schweigend die Treppe hinab -
ebenso ffnete er die Thr, und ohne Lebewohl und Gutenacht schieden sie von
einander.
    Als Ulrich wieder in sein Zimmer kam, legte er sich auch schweigend nieder.
Mutter Martha aber ffnete in ihrer Kammer Thr und Fenster und rucherte unter
dem von Holz geschnitzten Christus, der darin hing, um ihn wieder zu vershnen
fr den Frevel, da ein Judenkind in seiner Nhe geweilt.

                                Viertes Capitel



                                Geheimnivolles

Am Morgen nach dem nchtlichen Abenteuer, welches Ulrich und Hieronymus zum
ersten Male in ihrem Leben in eine Art von Zwiespalt gebracht hatte, waren sie
stumm aufgestanden und hatten auch so ihr Morgenbrod genossen. Es war noch
dunkel, als sie die Stiege hinabgingen, da hrte Ulrich von seinem Tritt berhrt
die Stufen etwas wie eine kleine Kugel hinabrollen. Er tappte unten danach, wo
der Laut verhallt war, und fhlte einen Ring mit einem groen Stein in seinen
Hnden.
    Drauen vor der Hausthr besah er seinen Fund und zeigte ihn auch
Hieronymus. Es waren die ersten Worte, welche sie zusammen redeten.
    Es scheint ein werthvolles Kleinod zu sein, sagte Ulrich; ein goldener
Ring, einen groen Stein in der Mitte, der noch mit einem Kranz von gleichen
Steinen eingefat ist - wer kann ihn verloren haben?
    Wer anders als das Judenkind? sagte Hieronymus, es ist ja Niemand in das
Haus gekommen.
    Ulrich schttelte den Kopf. Wie kme die zu solchem Kleinod?
    O dies Judenpack sammelt immer Schtze, um die es die Christen betrgt,
rief Hieronymus, und wer wei, auf welche unlautere Weise noch die Dirne dazu
gekommen, die sich seit Jahr und Tag so unertrglich an uns hngt, und wenn man
einmal sie lange losgeworden zu sein scheint und sie fast vergessen hat, so ist
sie wieder da in einer andern Gestalt uns zu belstigen gleich einem bsen
Kobolt, mit dem jede Bewegung unheilvolle Folgen hat.
    Hieronymus! mahnte Ulrich, wir haben es mehr als einmal gesagt, da wir
ohne Grund andern Menschen nicht eher das Schlechte zutrauen wollten als das
Gute, nach dem Grundsatz der heiligen Schrift: Was du nicht willst, da dir die
Leute thun sollen, das thu' du ihnen auch nicht! Warum ihn einmal verleugnen?
Warum dies Judenmdchen, das mir ein unschuldiges, aber gepeinigtes Kind zu sein
scheint, zu einer Verbrecherin stempeln?
    Die Juden sind einmal die Ausgestoenen, auf denen der Fluch des Herrn
ruht, den sie sich selbst tglich neu verdienen! rief Hieronymus. Hast Du Dein
Glaubensbekenntni gendert, so brauchst Du doch nicht mir dasselbe zuzumuthen -
und auerdem htte ich wenigstens erwartet, da Du meine Mutter schonen und ihr
nicht so ihre Liebe vergelten wrdest!
    Hieronymus! sagte Ulrich ernst, Du sahest selbst, da ich nicht anders
handeln konnte. Du eiltest selbst mit mir den Unglcklichen zu Hlfe, Du
gewhrtest sie ihnen, wie ich auch, nachdem wir erfuhren, da sie zu den
Ausgestoenen gehrten -
    Ja, fiel ihm der unzufriedene Kamerad in's Wort, ich gewhrte sie ihnen,
wie ich sie auch einem Hunde wrde gewhrt haben, der von einer tollen Meute
angefallen. Die Hlferufenden vor Mihandlung zu schtzen und dann der Wache zu
bergeben, war unser wrdig; aber das Mdchen bei uns zu verstecken - dieser
Schimpf macht meine Mutter unglcklich und wird uns Beide in Schimpf und Schande
bringen, wenn, was sehr wahrscheinlich ist, der Vorfall in der Htte zur Sprache
kommt.
    Dann, sagte Ulrich, werde ich den Schimpf und die Strafe auf mich allein
nehmen und sagen, da ich das nicht nur gethan, weil ich gar nicht anders
konnte, sondern auch gegen Deinen Willen; und damit man dies glaubt, will ich
mir noch heute eine andere Wohnung suchen und Deiner Mutter nicht mehr zur Last
fallen.
    Whrend er so sprach, drehte er den Ring noch in der Hand. Hieronymus sah
darauf und sagte:
    Wirf den Ring in den Schnee, mag ihn finden, wer will.
    Dadurch, da ich ihn fand, ist er mir anvertraut worden, antwortete
Ulrich; ich hoffe den rechtmigen Eigenthmer dazu noch finden zu knnen.
    Wohl, er wird eine neue Berhrung mit Rachel herbeifhren! sagte
Hieronymus mit spttischem Lcheln.
    Ulrich zuckte die Achsel als Antwort.
    Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander und betraten so aufgeregt und
verstimmt die Htte. Es war die hchste Zeit, da sie kamen, denn schon begann
das Morgengebet - wer spter erschien, mute Strafe geben und seinen halben
Tagelohn in die Bchse legen.
    Schweigend gingen dann Beide an ihre Arbeit. Nach ein paar Stunden kam der
Propst Kre und redete leise und eifrig in einer entfernten Ecke heimlich mit
dem Werkmeister, wobei er seine Augen immer auf Ulrich und Hieronymus richtete.
    Dieser bemerkte es zuerst und flsterte Jenem zu: Jetzt kommt es schon zur
Sprache.
    Ulrich antwortete stolz: Du brauchst Dich nicht zu frchten, ich werde
Alles auf mich allein nehmen - und er meielte ruhig an der kleinen Statue
eines Johannes weiter, die unter seinen Hnden aus dem Stein hervorzuspringen
schien.
    Nach einer Weile wurden die Beiden von dem Httenmeister aufgerufen. Ulrich
nherte sich mit gewohntem stolzen Gange, Hieronymus finsterblickend mit
niedergeschlagenem Auge.
    Der Werkmeister theilte ihnen mit, da sie sich Beide morgen in das ein paar
Stunden entfernte Benediktinerkloster zum heiligen Kreuz begeben sollten, um ein
halb zertrmmertes Weihbrodgehuse wieder herzustellen. Er nannte ihnen den
Lohn, den sie bekommen sollten, und fgte hinzu, da sie diese Gunst theils
ihrem Flei und ihrer Geschicklichkeit, theils der Empfehlung des Herrn Propstes
dankten.
    Mit Erstaunen empfingen die Baubrder diesen ehrenvollen Auftrag, da sie
eben eine ganz andere Rede erwartet hatten, und besonders Hieronymus richtete
sich noch einmal so gro auf und blickte, die vorige Angst von sich werfend, mit
leuchtenden Augen um sich, inde Ulrich seine dankenden Blicke auf den Propst
richtete. Aber zu seiner Verwunderung begegnete er in dessen sonst immer
freundlichen Gesicht einen Ausdruck von Besorgni und Kummer, der demselben
sonst ganz fremd war. Wie segnend legte der Propst seine Hnde auf die Hupter
der beiden Gesellen und sagte: Ziehet mit Gott! und mge er Euch gndig sein
bei dem neuen Werke zu seiner Ehre. Dann flsterte er Ulrich zu: Kommt heute
nach dem Feierabend noch zu mir, ich will Euch noch ein Schreiben mitgeben an
den Herrn Abt. Dann verlie er eilends die Htte.
    Als die Baubrder zum Mittagessen nach Hause gingen, sagte Ulrich: Nicht
wahr? das war eine vergebliche Angst?
    Wer kann es wissen? antwortete Hieronymus; mglich, da dies
Zusammentreffen bloer Zufall; mglich auch, da der Propst, der Dich einmal in
seinen besonderen Schutz genommen, diese Entfernung fr Dich wohlthtig findet
und selbst veranstaltet; mglich auch, da, was eine Gunst erscheint, eine
Verbannung ist, und inde unsere Feinde Zeit haben uns bis zu unserer Rckkehr
Schimpf und Schande zu bereiten!
    Dummes Zeug! antwortete Ulrich, und konnte doch die trben, mitleidigen
Blicke des Propstes nicht los werden, der sonst bei hnlichen Gelegenheiten nur
freundliche und heitere fr ihn gehabt hatte.
    Aber beide theilten die Kunde doch frhlich als Glck und Ehre der Mutter
Martha mit. Sonst wre sie in lauter stolze Glckwnsche ausgebrochen - heute,
wo sie auf Ulrich zrnte und um ihren Sohn sich ngstete, sagte sie in
kummervollem Tone:
    Nun werde ich allein sein, wenn der Bttel kommt Euch vor den Schultheien
zu citiren, oder wenn das Judenmdchen sich untersteht mir wieder ber den Hals
zu kommen.
    Das ist bald fortgejagt, trstete Hieronymus, und was der Bttel bei uns
zu suchen htte, wt' ich wahrhaftig nicht.
    Und meinetwegen habt Ihr in Eurer Wohnung auch nichts mehr zu frchten,
sagte Ulrich; ich werde mir eine andere suchen, sobald wir wieder aus dem
Kloster zurck sind, so knnt Ihr morgen schon sagen, da ich nicht mehr bei
Euch wohne.
    Mutter Martha entfrbte sich und htte bald vor Schreck die Suppenschssel
hingeworfen - da Ulrich sich von ihr und ihrem Sohne trennen knne, das schien
ihr gar nicht mehr mglich; doch sa ihr Groll zu tief, als da sie schon heute
ein vershnliches Wort zu ihm htte reden knnen. -
    Als Ulrich am Abend zu dem Propst kam, fhrte ihn die ffnende
Wirthschafterin nicht in dessen gewhnliches Wohnzimmer, sondern in ein kleines
Seitengemach, das einen besondern Eingang hatte, und bedeutete ihn zu warten.
Durch die hohe eichene Flgelthr schallte das Gelchter berlauter Zecher.
    Da der Propst so viel auf seine geistliche Wrde hielt, um nicht ffentliche
Trinkstuben zu besuchen, so suchte er sich dafr in den Husern guter Freunde
oder noch fter in seinem eigenen Hause zu entschdigen. Es war bekannt, da der
Keller des Propstes am besten in der ganzen Stadt gefllt war, da er die
feinsten wie die schwersten Weine enthielt und da er mit keinem derselben
geizte - ja, er trank seinen Gsten immer eifrig zu, und rechnete es sich als
ein Verdienst und das Zeichen eines guten Wirthes an, wenn seine Gste betrunken
wurden, im besten Falle taumelnd heimgingen, oder auch noch in seinem Zimmer
bewutlos zu Boden sanken und halbe Stunden brauchten ihren Rausch
auszuschlafen. Solche Niedergetrunkene wurden dann in das Cabinet gewlzt, in
dem jetzt Ulrich wartete und dem man deshalb den Namen der Todtenkammer gegeben.
Zum Glck hatte sie jetzt noch keinen Insassen.
    Heute wrde sich der Propst keine Gste geladen haben, da er sich
vorgenommen, ernsthaft mit Ulrich zu sprechen; allein auswrtige Amtsbrder und
Genossen waren unerwartet und gehrig ausgefroren angekommen, sie saen nun
jetzt schon ein paar Stunden mit ihm beim Mahl und vertilgten immer mehr von der
edlen Gottesgabe, die sie mibrauchten, bis sie dadurch sich selbst und
gewaltsam unter das Thier erniedrigten. Fr einen Helden galt, wer am meisten
saufen konnte - so nannten sie auch selbst ihr unmiges Trinken, das auch auf
keinen andern Namen mehr Anspruch zu machen hatte und wenn bei Einigen in
allerlei kaum glaublichen und nicht zu schildernden Rohheiten die viehische Lust
ausbrach, oder Andere wie Todte da lagen, so galt dies meist als das frhlichste
Ende eines frhlichen Gelages - bei Frsten und Geistlichen ebenso gut, ohne da
diese darum in der ffentlichen Meinung verloren, wie bei Brgern und Gesellen.
    Mit rothglhendem Gesicht trat der Propst vor Ulrich - er hatte ganz
vergessen, da er ihn herbestellt; jetzt fiel es ihm ein und auch welche
Warnungen er ihm hatte mitgeben wollen; aber er war seiner Sinne zu wenig
mchtig, um selbst zu wissen, was er sprach. Er gehrte zu den gutmthigen und
gemthlichen Naturen, die in der Trunkenheit sich durch Geschwtzigkeit und
Zrtlichkeit offenbaren, gleich sehr zum Lachen wie zum Weinen geneigt, je
nachdem die Veranlassung dazu reizt.
    Ach, Du bist es, mein guter Junge! sagte er zu Ulrich; Du kommst, ehe Du
in das Kloster gehst - nun, mge der Gang Dir nicht zum Unglck werden - Du
weit, ich meine es gut mit Dir - ich wute mir nicht zu helfen, ich mute
nachgeben, Dich hinschicken, da der Werkmeister gleich darauf einging.
    Ein Unglck? sagte Ulrich und dachte an Hieronymus' Argwohn: ich meinte,
man habe uns eine Gunst erwiesen, und kam, sowohl Euch dafr zu danken als Euren
Auftrag zu empfangen.
    Ach ja! sagte der Propst und rieb sich die erhitzte Stirn, es ist gewi
eine Gunst. Ich wollte nur sagen, da Ihr im Kloster vorsichtig sein sollt -
nicht mit den Mnchen reden - es darf bei Strafe nicht sein - auch nie ein Wort
laut werden lassen von dem, was Ihr drinnen sehet und hret - es geht die Laien
nichts an - und Euch knnte es nur schaden.
    Ich werde mich gewi der erwiesenen Gunst nicht unwerth erweisen,
versetzte Ulrich; inde erlaubt mir eine Frage: Ich sah Euch ehegestern beim
Meister Kraft mit einem Benediktinermnch am Fenster stehen, der mir derselbe zu
sein schien, welcher mir vor -
    Entsetzt sprang der Propst auf Ulrich zu und drckte seine Hand auf dessen
Mund, ihm die Rede abzuschneiden: Um aller Heiligen Willen, vollendet nicht!
Wit Ihr - ahnt Ihr es denn wirklich schon? - Nein! denkt lieber gar nicht daran
- denkt lieber, es sei nicht - es wre ja schrecklich, wenn es wre, und noch
schrecklicher, wenn es an den Tag kme!
    Jetzt war die Reihe zu erschrecken an Ulrich. Er sah wohl, da der Wein in
diesen unzusammenhngenden Reden schumte, aber irgend einen Hintergrund muten
sie doch in des Propstes Seele haben.
    Ich verstehe Euch nicht, sagte er; was ich fragen wollte, ist etwas
Ungefhrliches und Geringes. Ich hatte bald nach meiner Ankunft in Nrnberg das
Unglck, im Gedrnge mit meinem Schwert den Rosenkranz eines Benediktinermnchs
zu zerreien; das kostbare Kreuz, das daran hing, ist mir zurckgeblieben, und
ich mchte es gern seinem Eigenthmer zurckgeben: nun schien es mir, als htte
ich denselben Klosterbruder neben Euch gesehen; wenn er vielleicht es war, der
die Sendung des Abtes vom heiligen Kreuz Euch berbrachte, so wollte ich nur
fragen, ob ich das Verlorene dem Abt oder dem Mnch bergeben sollte? Was ist
dabei das Unglck?
    Der Propst hatte mit uerster Anspannung seiner Sinne und Krfte zugehrt,
er wischte sich den Schwei von der Stirn und fragte: Weiter weit Du gewi
nichts von dem Mnch?
    Nichts!
    Nun, dann danke Gott, da Du es nicht weit!
    Aber ich irrte mich nicht, es war derselbe?
    Derselbe! ach, es ist schrecklich, da es immer derselbe!
    Soll ich ihm das Kreuz geben?
    Thue es, aber hre nicht auf seine Reden - er ist halb wahnsinnig - sprecht
nicht mit ihm, wenn es Jemand sieht und hrt - aber dem Abt gebt das Kreuz auch
nicht - da gebt es lieber noch dem Bruder Amadeus selbst - aber hrt nicht auf
ihn; er hat wunderliche Einflle und fixe Ideen.
    Amadeus heit er?
    Amadeus; aber la Dich nicht irre von ihm machen, ich beschwre Dich. Er
ist schon lange im Kloster, aber er war frher ein vornehmer Ritter und bt um
seine Snden, die er damals begangen; er hat viel Unglck angerichtet, er knnte
Dich auch unglcklich machen - wie er Deine Mutter unglcklich gemacht hat -
    Meine Mutter? sagt Ihr? rief Ulrich aufhorchend in uerster Bestrzung.
    Mutter sagt' ich? rief der Propst; nein, das sagt' ich nicht; ich meinte
meine Schwester, wenn ich's sagte - bedenke, da er wahnsinnig - und mit mir -
was meinst Du, mit mir ist es wohl auch nicht richtig? Hrst Du, wie drinnen die
Pokale klingen! - Warte, Du sollst auch nicht dursten, der Wein erfreut des
Menschen Herz!
    Mit diesen Worten ging er zu seinen Gsten zurck und sandte ihm durch die
Dienerin einen groen gefllten Humpen heraus, lie ihm sagen, er mge nur
austrinken, dann kme er wieder. Ulrich trank mit Ma, er war in der
peinlichsten Stimmung. Bisher hatte er den Propst nie anders gesehen als in der
Bauhtte oder Kirche, oder wenn er ihn in der Krankheit besuchte, da war er
immer nchtern gewesen - jetzt sah er wohl, da er betrunken war und nicht
wute, was er sprach; aber es schien ihm doch, da er spreche, was er denke und
fhle, und gerade nicht sprechen wollte. Welch' ein Zusammenhang konnte zwischen
diesem Amadeus und seiner Mutter und ihm selbst sein? Es fiel ihm ein, da in
seiner Kindheit, als flchtige Sldnerschaaren im Elsa sein Heimathsdorf
verwstet, inde er selbst Obdach im Kloster gefunden, Einige gesagt hatten, da
seine Mutter ein Lanzenknecht auf seinem Pferde fortgeschleppt! Konnte dies
nicht auf den Befehl eines Anfhrers geschehen sein, oder doch ein solcher -
vielleicht dieser Amadeus sie als seine Beute an sich gerissen haben? Aber was
wute der Propst davon? was wute denn er von seiner Mutter, da er doch nach dem
Schicksal seiner Eltern wie seinem ganzen Herkommen gleich bei seinem Eintritt
in die Bauhtte gefragt hatte. Aber gerade seitdem hatte er ihm auch jene
ungewhnliche Theilnahme bewiesen, die Ulrich anfangs befremdet und fast
bedrckt hatte, an die er aber im Laufe der Zeit sich selbst gewhnt, so da es
ihm endlich zu Etwas geworden, das gar nicht anders sein knne, und das er nur
etwaigen besondern Empfehlungen seiner Kunstleistungen an den Kunstfreund
zuschrieb. Auer jenem ersten Gesprch in der Bauhtte hatte der Propst nie
wieder mit ihm von seinen Eltern gesprochen. Wenn er etwas von seiner Mutter
wute, warum hatte er es ihm nicht gesagt? - Und wenn es nur Unglckliches und
Unwrdiges war? Wenn nun jener elsssische Benediktinermnch, Bruder Anselm, der
es ihm auf die Seele gebunden, nie nach seiner Mutter zu forschen, weil man ihr
ble Dinge nachgesagt, damit Recht hatte? Und wenn es dieser Amadeus war, der
sie in blen Ruf gebracht? - Ulrich fhlte ein Gefhl von Ha, das er bisher
kaum gekannt, gegen den Mann in sich aufsteigen, der seine Mutter unglcklich
gemacht; er fhlte, da er strenge Rechenschaft von ihm fordern msse, Rache und
Shne verlangen fr seine Mutter. Aber er sollte ja nicht nach ihr forschen und
fragen! Und mitten durch alle diese Gefhle und Gedanken klang auch als Echo die
Warnung des Judenmdchens: Sie wollten aussprengen, Eure Mutter sei eine Hexe
gewesen! und da ihm Hieronymus spter einmal gesagt, man habe whrend seiner
Krankheit wirklich einmal ein derartiges Gercht in die Htte gebracht, aber
durch seine Zeugnisse von Straburg und die Brgschaft des Propstes sei es
vernichtet worden. Seitdem war auch nichts wieder davon verlautet.
    Ulrich leerte den Becher fast ohne es zu wissen unter diesen von allen
Seiten auf ihn eindringenden Gedanken. Des Weines gnzlich ungewohnt, fhlte er
ihn bald glhend durch seine Adern rollen, inde ein Anderer vielleicht vieler
dieser Pokale htte leeren knnen, ohne in gleicher Weise erregt zu werden.
    Umgekehrt hatte inde der Propst versucht, sich durch ein niederschlagendes
Pulver zu ernchtern, oder wenigstens in eine ruhigere Umfassung zu bringen. Er
kam jetzt zurck mit dem Brief an den Abt in der Hand. Ulrich schob denselben in
seine Ledertasche und fragte:
    Ist's ein Uriasbrief?
    Der Abt sah den Steinmetzgesellen verwundert an, legte seine Hand auf seine
Schulter und sagte: Ich dchte, Ihr httet von mir Beweise genug, da Ihr mir
vertrauen knntet und wissen, ich frdere Euer Wohl in allen Stcken!
    Ja gewi, sagte Ulrich und drckte dankbar des Propstes Hand; darum darf
ich Euch auch ganz vertrauen und um eine neue Gunst Euch bitten: sag't mir, was
Ihr von meiner Mutter wit?
    Der Propst stand bestrzt. Auf eine solche directe Frage war er nicht
vorbereitet; er war sich so weit klar, zu wissen, da ihm vorhin wohl
unvorsichtige Aeuerungen entschlpft waren, aber er konnte sich nicht besinnen,
was und wie viel er verrathen. Um jeden Preis mute er das wieder zurcknehmen,
aus Ulrich's Seele zu verdrngen suchen. Nach einer Pause antwortete er:
    Hab't Ihr nicht selbst erzhlt, da ein feindlicher Kriegshaufe Eure Mutter
fortgeschleppt und da Ihr seitdem nichts von Ihr gehrt? Meine Schwester hatte
ein hnliches Schicksal - sie ward auch eine Kriegsbeute im Elsa, und erzhlte
von einer Genossin ihrer Leiden, die vielleicht Eure Mutter gewesen sein konnte,
denn sie hie Ulrike und stammte aus Eurem Dorfe.
    Und was ist aus Ihr geworden? rief Ulrich.
    Darauf kann ich Euch keine Antwort geben, versetzte der Propst.
    Aber Eure Schwester kann es, wei wenigstens ihr damaliges Schicksal - o
sag't mir, wo sie weilt, damit ich mir von ihr die langersehnte Kunde hole.
    Das ist unmglich, antwortete der Propst. Meine Schwester ist Nonne im
Kloster der heiligen Klara hier in Nrnberg, Du wirst sie niemals sehen und
sprechen. Ich selbst darf sie nur einmal im Jahr besuchen. - Gebt es auf, nach
Dingen zu forschen, die unerforschlich sind und deren Enthllung Euch keinen
Gewinn bringen wrde. Lat das Vergangene und die Todten ruhen, es thut nicht
gut, in die Grber zu blicken und die Srge wieder zu ffnen - es knnte ein
Pesthauch von ihnen in's Leben strmen und es vergiften. Leb't Eurer Kunst und
geh't in Gottes Namen dahin, wo Ihr immer ihr dienen knnt. Forschet nichts
Unntzes, am wenigsten bei dem Bruder Amadeus - er hat nur zuweilen klare
Augenblicke, auf seine irren Reden knnt Ihr nimmer etwas geben. Meidet ihn
lieber ganz. Wenn Ihr aber zurckkommt und mir beichtet, was er mit Euch
gesprochen, so will ich Euch seine unglckliche Lebensgeschichte erzhlen, durch
die er in diesen wsten Zustand gekommen - jetzt ist dazu keine Zeit. Und nun
gehab't Euch wohl, meine Gste harren auf mich. Die Ordensregel verlangt, da
Ihr nicht mit den Mnchen sprecht; wenn Ihr Euch dawider vergeht, wird man Euch
im Kloster bestrafen und es in Eure Zeugnisse schreiben, da sich die Strafe in
der Htte wiederhole. Aber nicht mit einer Drohung will ich scheiden: der Herr
segne Euch und gebe Euch Frieden!
    Damit war Ulrich entlassen.
    Als er in die kalte Winternacht hinaustrat, war es ihm, als ob sich das
ganze Firmament mit ihm drehe. Sie flimmerten und glitzerten auch gar so hell
diese Millionen von Sternen, und es war, als suchten sie einander an Schimmer
und Glanz zu berbieten. Ulrich blickte hinauf und wnschte in den Sternen zu
lesen. Gleich den Meisten seiner Zeitgenossen war er erfllt von dem Gedanken,
da sie eine Sprache redeten, welche die Wissenschaft erlernen knne und daraus
das Geschick des Menschen deuten.
    Indem er so fragende Blicke zu dem funkelnden Firmament emporrichtete,
mahnten ihn die sechszackigen Sternlein an das doppeltgenommene Dreieck und das
heilige Sechsort seiner Kunst - da ward pltzlich seine aufgeregte Seele gro
und stille und er fhlte wieder begeistert, da es fr ihn keine hhere Aufgabe
geben knne, als dieser Kunst zu leben, die auch berufen war, erhabene Werke zu
schaffen auf der Erde, welche wrdige Abbilder waren jener Wunderwerke des
Himmels und gleich ihnen die Augen der Menschen trstend und freudig zu ihm
emporfhrten.

                                Fnftes Capitel



                                   Reichstag

Anfang Februar war der Reichstag zu Nrnberg anberaumt worden, der erste, auf
dem Knig Max daselbst erschien, obwohl noch von seinem greisen Vater begleitet.
Kaiser Friedrich nahm wie gewhnlich seine Wohnung auf der Veste, und der
Burggraf Friedrich von Zollern war schon einige Tage vor ihm erschienen, um ihm
das Quartier wrdig zu bereiten. Knig Max hielt Wort und sandte seine Boten an
Herrn Christoph Scheurl, ihm zu melden, da er in seinem Hause um ein Stbchen
bitte. Herr Hans von Tucher, der diese Ehre gern fr sich in Anspruch genommen,
whlte nun den edlen Kurfrsten Friedrich von Sachsen, der sich bereits von
seinen Zeitgenossen den wohlverdienten Beinamen des Weisen erworben, zu seinem
Gaste. Die geistlichen Herren von Mainz, Worms und Trier sollten in der Propstei
bei Anton Kre wohnen, der Bischof von Eichstdt bei dem Rath Pirkheimer
einkehren, dem er den Sohn Willibald mitbrachte - und so hatte der Rath von
Nrnberg lange Sitzungen zu halten, bis er glcklich fr alle Kurfrsten,
Pfalzgrafen, Bischfe, Frsten und Herren, ihre Gesandten wie ihre Begleiter die
passenden Wohnungen aufgesucht und bestimmt hatte. Es war dies keine
Kleinigkeit, sondern eine Verhandlung, die zu vielen Reibungen der Patrizier wie
der Geschlechter fhrte. Den allgemein geachteten Kurfrsten von Sachsen wollte
Jeder gern bei sich haben, ebenso den Herzog Georg von Baiern mit dem Beinamen:
der Reiche; denn die Nrnberger achteten nach Kaufmannsweise den gar hoch, der
Schtze zu erwerben oder die schon berkommenen zu wahren verstand. Auch den
Grafen Eberhard von Wrtenberg, der von sich sagen konnte, da er, wenn er ganz
allein durch sein Land gehe und ermdet sei, getrost sein Haupt in den Schoo
jedes Wrtenbergers knne schlafen legen; so wie den Kurfrsten Johann von
Brandenburg, den man auch als brgerfreundlich und fr das Wohl seines Landes im
Innern sorgend kannte, wnschte man als Gast - aber der meisten andern Frsten
und Herren, die theils als Wstlinge, theils als rohe Tyrannen oder nur auf
Kriegsruhm und Lndervergrerung, oder als Schtzer des Adels und seiner Rauf-
und Raublust dem fleiigen Brgerstand gegenber bedacht waren, htte sich Jeder
gern in seiner Wohnung verwehrt. Da es darber in der Rathsstube selbst zu
keiner Einigung kommen wollte, sondern die sonst so ruhigen Herren in diesem
Streite sich immer mehr erhitzten bis er endlich sogar in das Gebiet der
Schimpfworte, Grobheiten und Thtlichkeiten gerieth: so kam Hans von Tucher, um
die Wrde der Versammlung zu retten, auf den Einfall, das Loos entscheiden zu
lassen, da auf eine andere Weise keine Einigung zu erzielen war. Als Belohnung
fr seinen Rath und weil er und Herr Holzschuher als oberste Loosunger sich doch
als Hupter der Stadt betrachteten, behielt er sich aber vor, da der Kurfrst
von Sachsen bei ihm und bei jenem Herzog Georg der Reiche wohnen solle, ihre
Namen also nicht mit auf die Zettel kamen, die in der Loosurne gemischt wurden.
Wie verstndig dieser Rath auch war und von Allen, wenn auch von Einigen mit
Murren angenommen ward, so bereute Hans Tucher doch gar bald, ihn gegeben zu
haben, als der ihm verhate Gabriel Muffel gerade den Grafen Eberhard im Bart
wie ein groes Loos ziehen mute! Ihm wrde er nur den allerwiderwrtigsten und
verhatesten Potentaten oder nur den geringsten Abgesandten gegnnt haben - und
nun mute er gerade den allerbeliebtesten erhalten. Tucher ging in seinem Aerger
so weit einzuwenden, da Muffel's Haus wohl nicht gerumig und wrdig genug
geziert sei, einen solchen Frsten zu empfangen; aber Muffel entgegnete seines
unerwarteten Glckes sich freuend:
    Gro genug ist mein Haus, und ist es nicht mit orientalischer Pracht
gleiend von Gold und Marmor gleich dem Euren geschmckt und berladen, so ist
es dafr echt deutsch einfach und fest, und eignet sich gerade fr einen so
biedern deutschen Herrn, der schon manchmal mit der Htte eines Landmanns
vorlieb genommen. Gebt Acht, er wird sich wohler fhlen in dem Haus von
deutscher Art erbaut und von deutscher Sitte bewohnt, und nicht lstern sein
nach der trkischen Herrlichkeit, die Ihr ihm zu bieten httet.
    In welchen neuen Zorn auch der alte Tucher ber diese Worte ausbrach, es
blieb ihm doch unmglich eine Aenderung des einmal durch seinen eigenen
Vorschlag Entschiedenen herbeizufhren, und er hoffte sich nun nur dafr an
Gabriel Muffel zu rchen, da er seinen Sohn Stephan im Geleit des Kaisers
wiederkehren sehen werde, vollkommen geheilt von seiner Leidenschaft fr Ursula
Muffel durch schnere Frauen Wiens, Italiens und Ungarns, und da er die einst
blhende Mdchenrose, die jetzt der Gram gebleicht hatte, da sie inde um ein
Jahrzehent gealtert erschien, gewi nicht mehr begehren werde.
    Einzeln hielten die Frsten und Herren ihren Einzug. Aber keiner kam ohne
einen ganzen Schweif von Rittern und Reisigen mitzubringen, ja im Gefolge
mancher waren mehr denn hundert Pferde. Kaum begreiflich schien es, wie eine so
ungeheuere Menge von Menschen und Thieren noch Platz finden solle in Nrnberg,
das zwar mit zu den groen, aber auch zu den bevlkertsten Stdten gehrte, denn
es zhlte damals ber hunderttausend Einwohner. Denn nicht allein die kamen, die
zum Reichstag berufen waren, und das waren eben diesmal weniger als sonst, da in
der Eile, mit welcher Max den Reichstag ausgeschrieben, er die Abgesandten der
Stdte nicht auffordern lassen und auch sonst, sowohl der kurzen Zeit wegen als
berhaupt aus Lauheit gegen die Angelegenheiten des immer mehr in sich
zerfallenden deutschen Reiches, viele Frsten es nicht der Mhe werth hielten
sich einzustellen. Aber dafr strmten zahllose Volksmassen herbei, welche die
Neugier lockte oder der Erwerb. Aus Nah' und Fern kamen Ritter und Brger sammt
ihren Frauen, die hohen Herrschaften zu sehen und den Festlichkeiten
beizuwohnen, die immer an die Reichstage sich knpften; kamen Gelehrte, Dichter
und Knstler, um hier ihre hohen Gnner zu begren oder neue zu finden, oder
doch sich gegenseitig zu treffen, wohl auch Bestellungen zu erhalten, oder sich
selbst doch Stoff und Anregung zu neuen Werken zu suchen. Aber es kam auch
niederes Gesindel ohne Zahl: Gaukler und Possenreier, Bettler und Diebe,
Wucherer und Betrger, Wahrsagerinnen und fahrende Frauen - Tausende strmten
herzu trotz der Winterszeit, vielleicht da sie sich bei der langen Dunkelheit
um so besseren Gewinn fr alle diese Gewerbe versprachen, welche das Licht zu
scheuen hatten. Die Nrnberger aber sangen ihre Verslein auf die einen wie die
Andern. Von dem niedern Volke hie es:

Da kommen die Gaukler und fahrenden Frauen,
Die haben zum Reichstag ein gutes Vertrauen;
Und ob auch gleich sonst es Niemand htt' -
Die msten gewi dabei sich fett.

Und beim Einzuge der Reichstagmitglieder klang es gerade nicht feiner:

Hier kommen hochgeborene Frsten und Herren,
Die sehen, essen und trinken gern;
Sie geben Dirnen und Buben genug,
Das ist aller Freiheiten Fug.

So urtheilte damals das deutsche Volk ber seine Vertreter, und zwar ungescheut
wie ungestraft; aber zu mehr brachte es auch der mittelalterliche Volkswitz
nicht, als wie dazu, sich ber das deutsche Reich und seine Gesunkenheit lustig
zu machen und sich damit doch selbst in's Gesicht zu schlagen.
    Endlich kam auch der deutsche Kaiser und der rmische Knig. Ein
unabsehbarer Zug von Hofleuten, Rittern und Reisigen war in ihrem Gefolge.
    Der alte Friedrich, obwohl schon an den Siebzigen, sa dennoch noch immer
stattlich zu Ro und schaute mit dem Gleichmuth, den er sich durch sein ganzes
Leben zu bewahren wute, vor sich aus. Unwiederbringlicher Dinge Vergessenheit
ist die grte Glckseligkeit auf Erden, war sein Wahlspruch, den er sogar
damals, als er von Wien nach Neustadt, aus seinen Erblanden vertrieben,
unaufhaltsam flchten mute, in jedem Gasthofe, in dem er eingekehrt, bis er an
den Rhein kam, auf den Tisch schrieb oder in die Fensterscheiben grub -
vielleicht weniger zur Mahnung fr Andere als zum Beweis, das Kaiser Friedrich
sich ber Alles zu trsten wisse und dem Stern des Hauses Habsburg vertrauend
fast unthtig zuwartete, bis die Dinge sich wieder zu seinem Gunsten
gestalteten. Uebrigens wendete er diesen Wahlspruch doch auch nicht auf Alles
an: denn eben jetzt konnte er es noch immer nicht vergessen, da Herzog Albrecht
von Baiern ihm die eigene Tochter Kunigunde sammt Regensburg schon vor langer
Zeit geraubt, und hatte dem eigenen Sohne Max gezrnt, der eine Vermittelung
ersuchte. Ja Friedrich kam hauptschlich mit hierher, um, wenn nicht die Hlfe
des Reichs, doch die der einzelnen Frsten und Stdte wie des Adels zu gewinnen,
die zu dem schwbischen Bund und dem Lwlerbund gehrten, welche beide gestiftet
waren, die willkrlichen Fehden im Reiche niederzuhalten und sich untereinander
gegen bermthige Lehensherren oder ungehorsame eigenmthige Reichsvasallen
beizustehen, gleicherweise wie die Stdte und ihre Brger gegen die Bedrckungen
und Raubanflle des Adels zu schtzen. Jetzt war es Friedrich, der nicht
nachgeben mochte und auch Vergangenes nicht vergessen konnte und gegen
Regensburg drohte, das Albrecht befestigte:
    Ob man die Stadt auch ganz zumauere, will ich doch hinein, und sollt ich
durch ein Spltlein schlpfen. -
    Neben ihm ritt der goldlockige Knig Max. Noch ebenso heldenhaft und schn
war seine Erscheinung, wie vor zwei Jahren, wenn auch vielleicht die Sorgen, die
ihn jetzt bedrckten, vornehmlich die Sorgen um die immer noch nicht beendeten
Flandrischen Hndel, die der heldenhafte Herzog Albrecht von Sachsen, seit Jahr
und Tag fast ohne alle Reichshlfe gelassen, mit einem kleinen Heer in den immer
wieder aufstndigen Provinzen allein zu schlichten suchen mute, und dann um die
neue Ungebhr, die ihm der Knig von Frankreich erwiesen - wenn auch diese
Sorgen vielleicht ein paar Furchen auf seiner Stirn gezogen, welche die Krone
mehr drckte als der Helm des Ritters, den er mit grerem und froherem Stolze
trug, als jene. Er grte noch ebenso leutselig wie bei seinem ersten Einzug,
und gewann sich noch ebenso alle Herzen, wie damals, die durch eine edle
ritterliche und huldvoll um sich blickende Erscheinung zu gewinnen waren.
    Unter seinem Gefolge erblickte man auch einige Nrnberger, die mit ihm
gezogen waren, ihm ihr Schwert zu weihen und im Kampfe fr ihn sich ihre Sporen
zu verdienen. Darunter befand sich Stephan Tucher in strahlender Rstung, deren
sthlerne Schilder durch goldene Einfassungen miteinander verbunden waren; ein
weier Federbusch wehte von dem glnzenden Helm. Sein Schwert hing an einer
rosenfarbenen Schrpe mit silbernen Fransen - war es blinder Zufall oder
bewhrte Treue, da er doch so Ursula's Farben trug? Sein Antlitz glnzte von
Heiterkeit und Gesundheit - etwas wettergebrunter war es geworden - aber sonst
lchelte es gerade so stolz und selbstgefllig wie vordem.
    Gleich hinter dem Knig ritt sein treuer Bruder und lustiger Rath Kunz von
der Rosen, der ihn, seit ihn einmal Kerkermauern von seinem Herrn getrennt, nie
wieder verlassen hatte. Er war es auch, der, da der Zug sich dem Stadtthor
nherte, pltzlich voraussprengte und durch ein Seitenglein reitend sagte:
sein Pferd sehne sich nach dem Stall und er nach der Herberge, so wollten sie
sich beides ohne Ceremonienmeister suchen.
    So durch enge Gchen trabend, die eigentlich den Reitern verboten waren,
gelangte er vor Scheurl's Haus unter der Veste, als der Herr desselben mit
andern Rathsherren und Edlen nach der andern Seite hin dem Knig entgegen zog,
um ihn feierlich in sein Haus zu fhren. Kunz konnte recht wohl berechnen, da
er auf diese Weise, indem er sich nicht nur einen Umweg, sondern auch alle
aufhaltenden Empfangsfeierlichkeiten ersparte, um eine halbe Stunde frher als
der Knig selbst in die fr ihn bereitete Wohnung kam. Er wollte sich den Spa
machen, vor ihm einzutreffen, die Hausfrau vielleicht durch verfrhtes Kommen
noch in den letzten Vorbereitungen zu stren, oder sich dann gleich selbst als
Hauswirth zu geberden und Herrn Scheurl in seiner eigenen Wohnung gleich einem
fremden Herrn zu empfangen. Dergleichen Spe waren nun einmal seine Weise und
gehrten in der damaligen Zeit mit zu den Hauptbelustigungen.
    Der Thorweg, welcher, an einer andern Seite als die Hausthr befindlich, in
den Hof des Scheurl'schen Hauses fhrte, stand weit geffnet, eben so die Thren
der Stlle, und Alles war bereitet, darin mindestens ein paar Dutzend Pferde
aufzunehmen. Aber kein Stallknecht lie sich sehen, alle Leute waren davon
gelaufen dem kaiserlichen Zuge entgegen.
    Kunz sprang vom Pferde, fhrte es am Zgel an eine gefllte Krippe,
streichelte es. und sagte zu ihm, indem er es anband: Nun sieh, fr Dich ist
der Tisch gleich gedeckt; Du wirst eher und besser bedient als Kaiser und Knig,
und auch als sein lustiger Rath; ich mu sehen, ob ich auch ein so gutes
Quartier finde wie Du.
    Er ging ber den Hof in die weite Hausflur, schttelte den Schnee von seinen
Fen und dachte, indem er mit seinen nassen gewaltigen Reiterstiefeln auf die
schnen weichen Teppiche von venetianischer Weberei trat, die sich die marmornen
Treppen herunterschlngelten und an den Stufenfugen mit blitzenden Metallhaltern
befestigt waren: Nun, das la ich mir gefallen! Am Ende hat Aeneas Sylvius doch
recht, wenn er behauptet, da kein Potentat so schn wohne wie die Brger von
Nrnberg und Augsburg, und wenn mein Herr an seine Worte denkt, die er einmal
als Jngling sprach, da ihm der geizige Vater einige Mnzen geschenkt und
darber schalt, da Max keine bessere Anwendung davon mache, als sie an andere
Knaben zu vertheilen: Ich will kein Knig des Geldes werden, sondern eines
Volkes und derer, die Geld haben - so erfllt es sich wenigstens einmal bei den
Nrnbergern: die haben Geld, was sonst ein rarer Artikel im lieben deutschen
Reich, besonders am kaiserlichen und kniglichen Hofe und auch anderwrts - den
reichen Jrge ausgenommen, der in der Schatzkammer zu Burghausen mehr Gold und
Silber birgt, denn jemals eine Kaiserkrone eingebracht.
    Auch auf der Treppe und im Corridore begegnete ihm Niemand, doch wehte hier
schon eine behagliche Wrme, aus unzhligen Kaminen hrte man Feuer knistern und
lodern.
    Jetzt steckte er leise seinen Kopf durch die eine Flgelthr, da es ihm war,
als ob er hinter derselben sprechen hre, und der Narr machte eines seiner
eigenthmlichsten halb schlauen und halb verblfften Gesichter bei dem Gewahren
einer Gruppe, die er gerade jetzt nicht erwartet hatte.
    Auf dem gelbplschenen, mit Gold gestickten Divan sa Elisabeth - Kunz
erkannte sie noch sehr wohl, auch wenn er sie nicht hier als die Herrin des
Hauses erwartet htte. Er hatte sich auch die Schnheit von Nrnberg recht gut
gemerkt, die seinen kniglichen Herrn wie mit Zauberschlingen an sich gezogen
und doch verstanden hatte ihn in Schranken zu halten, da es bei einer ehrbaren
Huldigung verblieben war, und jetzt, da der Schalk sie wiedersah, fand er sie
nicht minder reizend und meinte, da man lange suchen knne unter den deutschen
Frstinnen, bis man eine fnde, die sie an angeborener Majestt bertreffe.
Freilich, fgte er hinzu, scheut sie sich auch nicht sich gleich einer Knigin
zu schmcken.
    Sie trug ein Kleid von kornblumenblauem Brokat mit einem breiten Besatz von
weiem Pelz um seinen Saum, die eng anliegenden Aermel waren gleichfalls mit
Pelz besetzt, so da die kleine weie Hand sich fast darin zu verlieren schien.
Ein gleicher Pelzbesatz lief um den Ausschnitt des Kleides, in der Mitte der
Brust von der funkelnden Demantrose des Knigs gehalten. Eine dicke goldene
Schnur mit groen Quasten schlang sich um die Taille des Schneppenleibchens. Ein
Kopfputz von blauem Sammet und weien Federn schmckte ihr Haupt, dessen
glnzend kastanienbraunes Haar in ppigen Locken zum spielenden Schleier des
blendend weien Nackens ward.
    Vor ihr kniete ein Mann von mittlerer Gre, in ein Wamms von kirschbrauner
Farbe gekleidet, aus dessen Aermelschlitzen weie Puffen hervorsahen, ebenso
waren die Beinkleider, die Stiefel von gelbem Leder mit kleinen Sporen. Ein
Degen hing an seinem Grtel und ein kleiner schwarzer Sammetmantel um seine
Schultern. Ein hohes Baret von schwarzem Sammet lag neben ihm auf dem hohen
Lehnstuhl. Kunz vermochte sein Gesicht nicht zu sehen, das kssend auf
Elisabeth's Hand ruhte, inde ihre andere auf seinem kurzgeschnittenen dunklen
Haupthaar lag. Sie hatte sich vorwrts ber ihn gebeugt, ihr Gesicht glhte und
verrieth gleich dem unruhig wallenden Busen die innere Bewegung. Sie hatten
beide geschwiegen, ehe Kunz geffnet hatte, und bemerkten ihn dennoch nicht,
Eines im Andern verloren, so da er Elisabeth sagen hrte:
    Celtes! steh't auf! Wohl ist es oft mein stilles Verlangen gewesen Euch
wiederzusehen, wie es mein grtes Glck war, wenn ich von Euch las und Euren
Namen preisen hrte; aber ich durfte es nur dann wnschen, wenn diese Begegnung
geschehen konnte, ohne die alten Schmerzen und Kmpfe aufzuwhlen! - Seh't, ich
trage ein Joch, das mir Pflichten auferlegt, und da es denn einmal mein Loos, so
ringe ich Tag und Nacht danach, da ich es mit Wrde trage und mir selbst nicht
noch mehr Unheil bereite, als das Schicksal schon ber mich verhngt. Ihr seid
ein Mann! seid frei von kleinlichen Rcksichten und Pflichten, seid immerdar der
Herr Eurer eigenen Handlungen und Niemanden davon Rechenschaft schuldig denn
Euch selbst. Ein leichteres Loos ist Euch zu Theil geworden und ein erhabenes
dazu. Die edle Poesie hab't Ihr zur gttlichen Lebensgefhrtin empfangen, und
Euer herrlicher Beruf ist's, die deutsche Jugend zu vaterlndischem Sinn zu
entflammen und vom Zwange inhaltloser Formen zu den lebensvollen Ideen des
Humanismus zu fhren - geb't Euch an dies Streben mit ganzer freier Kraft dahin,
und nach Jahrhunderten noch wird man Euer Andenken feiern. Wer berufen ist zu
leben fr Jahrhunderte und fr die Menschheit, der mu darauf verzichten knnen,
dem Glck des Augenblicks und seinem eigenen Herzen zu leben!
    Konrad Celtes, der erst vor wenigen Augenblicken bei Elisabeth eingetreten,
und auch nur erst an diesem Morgen mit seinem Gnner, dem Bischof von Worms,
angekommen war, hatte zwar gemeint, er knne ihr nun ruhig und als Freund
begegnen. Aber vor ihrer lebenswarmen Gegenwart waren alle frheren Empfindungen
wieder in ihm aufgewacht und er hatte sie in seine Arme schlieen wollen.
    Elisabeth, mit dem feinen Ahnungsvermgen eines liebenden Frauengemthes,
oder wenn man will, mit dem klugen Abwgen aller kleinen Mglichkeiten, das
Knftige aus dem Gegenwrtigen berechnend, hatte zuweilen daran gedacht, da
Celtes wohl einmal in sein liebes Nrnberg zurckkehren werde, ja sie hatte es
jetzt gewnscht - aber viel weniger aus persnlichem Interesse, sondern weil sie
es fr Celtes als ein Glck betrachtete, wenn Knig Max mit ihm zusammenkam und
ihm seine Aufmerksamkeit schenkte, und wie htte das besser geschehen knnen,
als jetzt, wo der Knig in ihrem Hause wohnte und der Kaiser, der ihm zum
Dichter krnen lie, selbst in Nrnberg weilte. Ja, sie hatte lange mit sich
gekmpft, ob sie nicht Celtes um dieses Glckes Willen eine Botschaft senden
solle, herzukommen; aber sie hatte doch eine Mideutung derselben gefrchtet, ja
sich selbst nicht recht getraut, ob nicht persnliche und unrechte Empfindungen
dabei im Spiele wren, und darum Alles dem Schicksal berlassen. Immerhin aber
hatte sie sich auf diese Mglichkeit vorbereitet und sich mit der ganzen
weiblichen Wrde ihres Wesens gewaffnet, um sich fr ein Wiedersehen mit Celtes
gerstet finden zu lassen, damit es ihr gelinge, nicht nur sich selbst zu
bezwingen, sondern auch, wenn es nthig sein sollte, jeden Ausbruch seiner
frheren Empfindungen verhten, oder doch vor leidenschaftlichem Unheil sichern
zu knnen. Vielleicht htte auch sie sonst nicht die Kraft gefunden, sich seinen
Armen zu entziehen und die obigen Worte zu ihm zu sprechen.
    Da sie ihn zurckwies, war er vor ihr auf die Knie gesunken und lauschte
ihren Worten wie einem Liede, das nicht minder schn erscheint, wenn es auch auf
das schmerzlichste ergreift.
    O es ist ein Fluch, der auf allen Poeten ruht! rief er; wir mssen
unglcklich, elend und verlassen sein, damit wir in das Reich der Poesie uns
flchten und unter tausend Schmerzen eine ertrumte Welt der wirklichen
entgegenstellen - den frischen Kranz des Lebens mssen wir opfern, damit ein
drrer Lorbeerkranz auf unsern Grabhgeln anschelle. Elisabeth! Ihr seid so kalt
und grausam wie die Welt - ich hoffte Euch anders zu finden!
    Sie erhob sich zrnend: Dann wehe mir und Euch, wenn Ihr das hofftet, wenn
Ihr whrend dieser Trennung den Glauben an mich und an Frauentugend verloret!
    
    Bestrzt fate er den Saum ihres Gewandes und rief: Elisabeth! thut, was Ihr
wollt, aber vergebt mir und zrnt nur nicht!
    So seid ein Mann! antwortete sie; versndigt Euch nicht an Frauenwerth -
versndigt Euch nicht an der Gottesgabe der Poesie, die Euch geworden! - Ihr
wit nicht, wie es ist: alle diese Schmerzen empfinden und keine Sprache dafr
haben - das Entsagen ist schwer: aber das Schwerere ist, ein einmal auferlegtes
Joch noch edel zu ertragen! - Steht auf - mich dnkt, ich hre Jemand - wenn es
schon der Knig wre!
    Celtes erhob sich und Elisabeth blickte nach der Thr, mit welcher Kunz von
der Rosen vor einem Weilchen unwillkrlich geknarret hatte, da ihn diese Scene,
deren Zuschauer er geworden, selbst bewegte. Erst hatte er gemeint, hier einen
begnstigten Liebhaber bei einer ungetreuen Gattin zu finden, und eine solche
Gelegenheit lie er selten, wie oft und bei welchen hohen Personen sie ihm auch
ward, vorbergehen, ohne die Betheiligten durch seinen Spott und seinen oft sehr
derben Spa zu zchtigen. Aber durch Elisabeth's wrdevolles Betragen wendete
sich schnell seine Meinung zu ihren Gunsten - ja er zerdrckte eine Thrne im
Auge, weil er gar wohl begriff, da eine Frau von solchen Herzens- und
Geistesgaben, wie Elisabeth, neben einem so hohlen Menschen wie Scheurl nur
unglcklich sein knne. Und zugleich nahm er sich vor, seinem kniglichen Bruder
zu warnen oder zu beaufsichtigen, da er die Tugend und Treue dieser edlen Frau
nicht etwa auch versuche auf die Probe zu stellen.
    Als er jetzt bemerkte, da sich das Paar nicht mehr allein fhlte, warf er
seine Narrenkappe zur Thr herein, gerade vor Elisabeth's Fe und sagte:
    Es ist nicht Sitte, edle Frau, da der Narr seine Kappe abnimmt weder vor
Knig und Kaiser, denn er hat eben nicht nthig Jemanden Respect zu erweisen -
vor Euch aber hab' ich ihn - und wenn ich hundert Hte aufhtte, ich zge sie
alle vor Euch und wrfe sie Euch demthig wie die Kappe zu Fen.
    Elisabeth erschrak sowohl vor der pltzlichen Erscheinung wie vor diesen
Worten, welche sie ungewi lieen, ob der Narr etwas von diesem Gesprch gehrt
oder nicht; aber immer ihrer selbst Meisterin hob sie die Mtze auf, ob auch
Rosen sich mit einem lustigen Katzenpuckel danach beugte, berreichte sie ihm
und sagte:
    Willkommen in Nrnberg - wenn Ihr Euch auch auf sonderbaren Wegen mt
eingeschlichen haben, da Niemand von der Dienerschaft Euch zuvorkam. Wo ist
Euer kniglicher Herr?
    Bruder! wolltet Ihr sagen, fiel er ihr in die Rede. Was den betrifft, so
wird er bald kommen, als ihn die guten Nrnberger, die sich berall
herzudrngen, dazu kommen lassen - und was mich betrifft, so wit Ihr, da
unsereins die Wege sich immer nach Belieben sucht und gelegentlich durch ein
Spltlein schlpft, wenn's ihm auf dem breitgetretenen Wege zu eng wird.
    Ich freue mich, sagte Elisabeth, da ich gleich jetzt Gelegenheit habe,
Euch Herrn Doctor Konrad Celtes vorzustellen, von dem Ihr sicher so viel Gutes
und Groes gehrt hab't, als er von Euch, Herr Kunz von der Rosen.
    Die Mnner schttelten zwar einander die Hand, aber es geschah nicht mit der
rechten Herzlichkeit. In Celtes kochte es ingrimmig, wenn er sich dachte, da
Kunz ihn jetzt belauscht, und es sogar durch seine Worte an Elisabeth zu
verstehen gab, ohne es zu gestehen - und Kunz hatte ein Vorurtheil gegen den
Gelehrten, nach der Scene, welcher er beigewohnt. Er sagte zu sich: den Frauen
gegenber taugen doch diese Herren von der Feder so wenig wie die vom Schwerte -
und fgte hinzu: ich mchte eigentlich wissen, welche Zunft da etwas taugte.
    Inde war Kunz doch harmlos und Celtes redegewandt genug, eine Unterhaltung
zu Stande zu bringen, deren Anknpfungspunkt natrlich die hohen Ankommenden
waren. Elisabeth entfernte sich einen Augenblick, um nachzusehen, da die
Dienerschaft besser auf dem Platze sei, als sie bei Rosen's Ankunft gewesen. Wie
sie zurckkam, wollte sich Celtes beurlauben, aber Elisabeth selbst duldete es
nicht und sagte:
    Ihr werdet mich nicht um die Gelegenheit betrgen, Euch selbst seiner
Majestt vorzustellen, die ich immer gewnscht, gleich Euch selbst.
    Mit feinem Takte fhlte sie, da gerade so Celtes' Besuch bei ihr alles
Anstige vor Anderen verlor, wenn sie sagen konnte, da er gekommen sei, um mit
unter den Ersten zu sein, welche die Ehre htten dem Knig vorgestellt zu
werden.
    Jetzt klang es unten von Rosseshufen und Freudengeschrei; Elisabeth ging dem
Knig Max bis an die Treppe entgegen, Kunz stand an ihrer Seite und lachte die
Ankommenden aus, da er schon eine halbe Stunde vor ihnen im warmen Nest geruht.
    Herr Scheurl wollte dem Knig seine Hausfrau vorstellen, er aber sagte: Ei
so wenig ich meines Wortes vergessen, so wenig verga ich der schnen Frau
Elisabeth, und kte ihr die Hand, indem er seine feurigen Blicke mit Entzcken
ber ihre herrliche Erscheinung streifen lie. Denn in der That konnte er sie
vielleicht in keinem gnstigeren Augenblicke sehen, als da sie noch Mitten in
der Erregung war, die ihr das Wiedersehen mit Celtes und sein Ungestm, darauf
das Erschrecken durch den Narren bereiteten - und nun kam noch dieser stolze
Triumph dazu, den ritterlichen Knig bei sich zu empfangen, von ihm unvergessen
zu sein und dieselben Schmeichelworte aus seinem Munde zu vernehmen, auf die
verzichten zu mssen sie zuweilen gefrchtet hatte.
    Nun war ja der ersehnte Augenblick da, wo sie den Dichter und den Knig
einander zufhren konnte - sie that es mit der ganzen ruhigen Wrde ihres
eigensten Wesens.

                                Sechstes Capitel



                                   Im Kloster

Seit Ulrich von Straburg erkannt hatte, da sein Freund Hieronymus in seinem
Vorurtheil gegen die Juden verrottet und unverbesserlich sei, hielt er ihn auch
in andern Stcken einer gleichen Engherzigkeit fr fhig und whrend er ihm
sonst fast seine geheimsten Gedanken mitgetheilt hatte, fhlte er sich jetzt
veranlat, gegen ihn ber sein Gesprch mit dem Propst zu schweigen, welches so
viele bange Zweifel und unheimliche Fragen in ihm aufgeregt hatte.
    Die Baubrderschaften im Allgemeinen waren nicht nur in ihren speciellen
Kunstleistungen, sondern auch in der Freiheit ihrer Lebensanschauungen und ihrer
religisen Ansichten ihrer Zeit voraus. Aber wie, besonders in groen
Uebergangsperioden, wie der Ausgang des Mittelalters in seinem Schooe trug,
sich immer Altes und Ausgelebtes mit Neuem und Weitausgreifendem oft in einem
Individuum und noch fter in gesellschaftlichen Gliederungen beieinander findet,
so war es auch bei den Baubrderschaften selbst und ebenso bei ihren einzelnen
Mitgliedern. Der Geist des Albertus Magnus und seiner Geheimlehre der
christlichgothischen Baukunst wirkte noch mchtig fort, und wie die Sulen der
erhabenen Dome in immer khneren Schwingungen aufstiegen, wie der ganze Bau und
in ihm wieder jeder einzelne Stein zu leben schien und dabei aus der
Begeisterung, damit Gott und dem Christenthum zu dienen, eine Begeisterung fr
die Kunst an sich und ihren eigensten Cultus neben, oder auch ber dem
christlichen geworden war: so lebte wohl auch in den Brubrderschaften ein hher
und weiterstrebender Geist, als er sonst in ihrer Umgebung sich kund that - aber
ebenso war auch etwas Versteinertes und unwandelbar Feststehendes in ihren
Gesetzen und Statuten, das keine Reform derselben zulie und Jahrhunderte lang
dieselben uern Formen und Bestimmungen bewahrte, als wren gerade sie das
Wesentlichste der Sache.
    Dieselben Steinmetzen, welche sich ungestraft erlauben durften Tiara und
Inful zu verspotten und in ihren auf ewige Dauer berechnenden Steingebilden zur
Hlle fahrende Mnche und Nonnen, Knige und Bischfe, ja Kaiser und Ppste dem
Hohne der Zeitgenossen wie der Nachkommen preiszugeben - dieselben Steinmetzen
muten gewissenhaft zur Beichte gehen, und verfielen den schwersten Strafen der
eigenen Httengesetze, wenn sie irgend eine kirchliche Handlung verabsumten.
Dieselben Freidenker, welche sich ber das gesunkene Kirchenthum erhaben
fhlten, waren doch die Feinde derer, welche sich nicht dazu bekannten - die
allgemeine Verachtung, welche damals die Juden traf, wie der Ha gegen die
Trken als den Erbfeind der Christenheit, war auch im Bekenntni der Baubrder
eine Hauptstelle, und auch die Aufgeklrtesten unter ihnen waren ganz und gar
von diesem Vorurtheil erfllt. Wir haben gesehen, wie Hieronymus auf das
Mchtigste von ihm beherrscht ward - ebenso wenig war Ulrich ganz frei davon,
aber er hatte doch an die Worte des Meisters denken lernen: Unter allerlei
Volk, wer Gott frchtet und recht thut, der ist ihm angenehm - und hielt es
nicht fr unmglich, da Rachel zu diesen Rechtthuenden gehren knne - wenn
schon sie so unglcklich war eine Jdin zu sein!
    Aber Hieronymus wollte nichts von einer solchen Anschauung wissen und
frchtete zumal auch, da Ulrich sich und ihn in Schimpf und Schande in der
Htte bringen werde, wenn ein Zufall oder vielleicht Rachel selbst verriethe,
da er mit ihr gesprochen und sie in seiner Wohnung verborgen gehabt hatte, in
die sie frher schon mehr als einmal sich gedrngt. Wie den Baubrdern jeder
Verkehr, auch mit ehrbaren Frauen, als Vergehen angerechnet ward, galt der mit
einer Jdin als doppeltes Verbrechen, denn man achtete eine solche gleich der
verworfensten Dirne, mochte sie auch unschuldig sein wie ein Kind.
    Zu den andern Vorurtheilen sowohl der Zeit als der Baubrderschaften, die
darauf ihre Gesetze grndeten, gehrte die Nothwendigkeit ehelicher Geburt zu
sein. Alle unehelichen Kinder galten als rechtlos, und der Makel, den sie so mit
auf die Welt brachten, heftete sich an ihr ganzes Leben. Bei ihnen erwiesen sich
allein die Klster als eine rettende Zufluchtssttte, in der sie vor dem Fluch
gesichert waren, der sich drauen an ihr ganzes Leben knpfte. Fast von allen
Handwerken und Aemtern waren sie ausgeschlossen, und die Frsten verfgten ber
sie ganz wie ber Leibeigene. Das Wildfangsrecht z.B., ein Recht deutscher
Frsten, alle Unehelichgeborenen ohne Weiteres in ihre Kriegsdienste zu zwingen,
erhielt sich viele Jahrhunderte. Dieser Fluch der brgerlichen Unehrlichkeit
mute diese Unglcklichen, die ihm verfallen waren, von Haus aus gleich selbst
in die Bahn unehrlicher und verbrecherischer Gewerbe treiben und prgte sich
tief als das Bewutsein einer unschuldigen Schuld in alle empfindungsfhigen
Gemther. Darum waren auch Eltern noch auer der Angst vor der persnlichen
Schande und Strafe, die ihnen selbst widerfuhr, eifrig bedacht ihren Kindern
ehrliche Namen zu verschaffen, sei es auch auf die betrgerischste Weise. Oft
genug entdeckte sich spter der Betrug, und dann verfielen die unschuldigen
Kinder doppelter Schande. Daher war es auch eine sehr gebruchliche Drohung oder
ein Mittel der Rache, andern Personen nachzusagen, da sie nicht von ehelichem
Herkommen seien; denn oft lie sich eines so wenig als das andere erweisen, und
schon der Zweifel ward doch in manchen Augen zum Makel.
    Am strengsten aber unter allen Genossenschaften hielten die Bauhtten
darauf, keinen Lehrling aufzunehmen, der nicht gengende Zeugnisse ber sein
Herkommen hatte. Die ganze Brderschaft ward als profanirt betrachtet, wenn sie
einen solchen unter sich geduldet htte, Ulrich selbst hatte sich schon bei
Rachel's erster Warnung vor der Mglichkeit entsetzt, da man nur versuchen
knne, seinen Eltern Unwrdiges nachzusagen, und jetzt entsetzte er sich doppelt
vor den Bedenklichkeiten, welche durch die Worte des Propstes in ihm aufstiegen.
Es gab fr ihn kein greres Unheil, als wenn wirklich ein Flecken auf sein
Herkommen kam. Whrend er sich sonst darber niemals Gedanken gemacht, waren sie
nun pltzlich gewaltsam in ihm aufgeregt - und da er selbst kaum wute, was er
selbst glauben, frchten oder hoffen sollte, so htete er sich jetzt wohl
Hieronymus ferner in diesem Stck zu seinem Vertrauten zu machen, ja er war
zugleich fest entschlossen, seine Wohnung nicht mehr mit ihm zu theilen, damit,
wenn ja der frchterlichste Schlag ber Ulrich hereinbrche, der Kamerad nicht
durch ihn noch mehr sich mit beschimpft fhlen knne, als alle die andern freien
Steinmetzen.
    Obwohl er sich im Aeuern mit Hieronymus ausgeshnt, so vermied er doch mit
ihm ferner ber den Gegenstand ihres Zwistes zu sprechen, sowohl wie ber das
tiefverworrene Bangen, mit dem er dem Kloster und dem Bruder Amadeus
entgegenging. Da er aber doch mit Hieronymus frher von diesem Mnch gesprochen,
als er den Verlust des Kreuzes wieder erwhnt, so sagte er ihm nur, auf Befragen
nach demselben darauf aufmerksam gemacht, da dieser Mnch, welcher Amadeus
heit, an zeitweiligen Geistesstrungen litte.
    So hatten sie an einem hellen Wintertag ziemlich die Hlfte des Weges nach
dem Kloster zurckgelegt, als sie es in der Ferne von Rstungen und Schwertern
im Sonnenschein funkeln sahen und Rosseshufe den frischgefallenen Schnee
emporwirbeln. Als der reisige Zug nher kam, gewahrten sie an seiner Spitze
einen geistlichen Herrn zu Pferde, und erkannten an seiner Tracht, an seinen
Insignien und Farben den Bischof von Eichstdt, umgeben von vielen Rittern und
einem ganzen Tro von Knappen und Dienern. Hinter ihm ritt ein nach Studentenart
gekleideter Jngling, der einige Worte an den Bischof richtend, dann seitab zu
den Baubrdern sprengte, die ehrfurchtsvoll grend am Wege standen.
    Mit Vergunst, sagte er zu den Beiden, die durch ihre Kleidung Allen als
Baubrder kenntlich waren; wackere Brder der freien Steinmetzzunft, mich
dnkt, wir sind uns schon vor Jahr und Tag im lieben Nrnberg begegnet, und da
ich nach langer Entfernung mich der theuren Vaterstadt wieder nhere, und Ihr
die ersten Nrnberger Gesichter seid, die mir in den Weg kommen, so mcht ich
Euch fragen, ob Ihr mir vielleicht eine Kunde geben knnt, wie es in meinem
Elternhause ergeht - es ist das der Pirkheimer?
    Ihr seid es, Junker Willibald! antwortete Ulrich; bald htte ich Euch
nicht erkannt, denn Ihr seid grer und strker geworden im bischflichen
Kriegsdienst, als bei den heimischen Studien. Ich denke, Ihr werdet die Euren im
erwnschten Wohlsein treffen. Eurem Herrn Vater bin ich erst gestern begegnet,
und Eure edlen Jungfrauen Schwestern flicken fleiig mit an einem Teppich fr
dieselbe Lorenzkirche, an der wir bauen.
    Ei, das ist eine gute Kunde, antwortete Willibald, sogar von meinen
Schwestern wit Ihr! Ja, sie sind gern bei einem frommen Werke - daran erkenne
ich, da sie noch unverndert sind! Der kunstliebende Propst, Herr Anton Kre,
hat das wohl angeordnet.
    O nein, versetzte Hieronymus; nicht nur die Ehre der Ausfhrung, auch die
des ganzen Plans gebhrt den Frauen.
    Und Ulrich fgte hinzu: Die edle Frau Scheurl war kaum von ihrer
langwierigen Krankheit genesen, da sie es beginnen lie. Er sprach diesen Namen
absichtlich laut und fate dabei einen Ritter in dunkler Tracht und von bleichem
Ansehen scharf in's Auge, der eben jetzt sein Visir niederschlug, das er vorhin
offen getragen.
    Gott sei Dank, sagte Willibald Pirkheimer, der die edle Frau erhalten -
    Und sie auch ferner beschtzen wird, rief Ulrich ungewhnlich laut; Knig
Max hat seine Wohnung in Scheurl's Haus genommen - das wird ihr auch wohl Schutz
gewhren.
    Jener Ritter war den Andern, die whrend dem schon einen ziemlichen
Vorsprung erreicht, nur langsam und zgernd nachgeritten, und nachdem Ulrich
Willibald noch auf seine Frage Antwort gegeben, wohin und in welcher Absicht sie
auf dem Wege seien, sagte der erstere auf jenen Ritter deutend: Kennt Ihr
diesen da?
    Das eben nicht; ich wei nur, da er Eberhard von Streitberg heit und dort
mit dem Ritter von Weyspriach erst unterwegs mit seiner Begleitung zu uns
gestoen.
    Ulrich sann eine Weile nach. Dann sagte er leise: Ich kenne jenen Herrn als
einen gefhrlichen Wegelagerer, der auf den Landstraen den harmlosen Kaufleuten
auflauert und ehrbare Frauen berall verfolgt; warnt die Nrnbergerinnen vor
ihm, wenn Ihr den Nrnberger Rath nicht warnen wollt!
    Das ist eine starke Anklage! sagte Willibald.
    Ich kann sie aufrecht erhalten, wenn es sein mu! sagte Ulrich; aber Ihr
wit, wir freien Steinmetzen mengen uns nicht gern in profane Hndel, und jetzt
gebietet mir mein Beruf wohl eine Woche fern zu sein von Nrnberg. Kommt Ihr
aber mit Frau Elisabeth Scheurl zu reden, so nennt Ihr nur im leichten
Erzhlerton die Namen der Ritter, die mit Euch kamen - dies thut als Gegendienst
fr die guten Nachrichten, die Ihr von mir empfinget. Und nun Glck auf den Weg
und zur Heimkehr! Ich denke, wir sehen uns in Nrnberg wieder!
    Als auch Willibald sich verabschiedet hatte und der ganze Zug verschwunden
war, sagte Hieronymus: Ich erkannte den Ritter auch, mit dem Du auf Tod und
Leben gerungen, aber ich hatte wenig Lust mich noch einmal in einen solchen
Hndel zu mengen und verdenke Dir, da Du es gethan. Frau Elisabeth mag sich von
ihrem kniglichen Anbeter vor einem zudringlichen Entfhrer beschtzen lassen -
das wird ihr lieber sein, als von den armen Baubrdern, denen sie es doch keinen
Dank wei. Du aber hast einen kecken und hinterlistigen Feind, dem kein Mittel
zu schlecht ist, zu seinem Ziele zu kommen, auf's Neue herausgefordert - denn er
erkannte uns so gut, wie wir ihn erkannten.
    Ulrich versetzte: Hoffentlich erkannte er nur mich, und Du hast nichts fr
Dich zu befrchten.
    Das bliebe sich gleich, antwortete Hieronymus; man kennt uns als
unzertrennliche Gefhrten.
    Wir mssen aufhren es zu sein, antwortete Ulrich, wenn Dir meine
Handlungen Sorgen oder Verdrielichkeiten bereiten.
    Zu diesem Vorschlag ist es zu spt! antwortete Hieronymus doppelsinnig.
    Beide gingen eine Weile schweigend nebeneinander. Da hob sich auf einem
Hgel am Waldessaum das einsamstehende Kloster der Benediktiner vor ihnen empor.
Das goldene Kreuz darauf flimmerte hell im Sonnenlicht, das auf den beschneiten
Dchern spielte und mit seiner erwrmenden Kraft ihm einzelne Tropfen erprete,
die sich zu funkelnden Eiszapfen gestalteten.
    Sie hatten nicht gar weit mehr zu gehen, da standen sie vor den
Oeconomiegebuden des Klosters, welche sich auch den Laien erschlossen - ja, als
sie durch den Hof schreitend in ein hallenartiges Zimmer des Erdgeschosses
kamen, saen mehrere Wanderer darin, die hier nur eingekehrt waren, um
auszuruhen und sich durch einen Trunk Meth oder Wein zu strken. Es gehrte
damals mit zu den Mibruchen, die am hufigsten eingerissen waren, da, wenn
auch nicht in den Klstern selbst, doch in den ihnen zugehrigen Oeconomien Wein
geschenkt ward - aus dem, was frher eine freie Gabe mildthtiger
Gastfreundschaft, war eine gute Einnahmsquelle fr die Klosterkasse geworden.
    Hier waren die Baubrder nur eingetreten, als ein junger Novize, als solcher
an seiner braunen Kleidung und dem kurz geschnittenen, aber doch nicht
geschorenen Haar kenntlich, auf sie zukam und beiden nach einander die Hand
drckte; an der Art, wie es geschah, erkannten sie in ihm einen Bruder, einen
freien Steinmetzen.
    Gott gre Euch und Gott leite Euch! rief er; Ich hoffte, da Ihr diesen
Morgen kommen wrdet, und begab mich darum hierher Euch zu erwarten. Nun darf
ich auch Euer Fhrer sein. Kommt mit hinber in's Kloster und strkt Euch dort
erst mit Speise und Trank von der Wanderschaft - unter diesen Profanen und Laien
hier ist nicht gut sein.
    Eben so herzlich erwiederten die Ankmmlinge den Gru und Ulrich sagte: Das
htten wir nicht gedacht, hier pltzlich einen Bruder zu finden; aber wie ist
denn Dein Name?
    Und Hieronymus fragte: Und was hat Dich vermocht, Dich aus der thtigen
Mitte freier Steinmetzen hierher zurckzuziehen? Willst Du wirklich unser
lebensvolles Wirken mit der todten Ruhe hier vertauschen?
    
    Mein Name ist Konrad, antwortete der Novize, Eure andern Fragen
beantworte ich einmal spter in einer ruhigen Stunde. Es ist eine traurige
Geschichte - und mir blieb keine Wahl! Einstweilen denkt daran, da ich nicht
Verachtung, sondern nur Mitleid verdiene.
    Ulrich seufzte leise und betrachtete voll innigster Theilnahme den jungen
Mann. Er sah bla und abgehrmt aus. Seine dunklen Augen waren mit blulichen
Ringen umgeben, die ihren Glanz noch erhhten. Seine ganze Haltung und sein
fahles Ansehen, so wie seine heisere Stimme weckten die Befrchtung, da er an
einer verzehrenden Krankheit litt. Ulrich fhlte sich voll innigsten Mitgefhls
zu ihm gezogen, inde Hieronymus den Bruder mit einigem Mitrauen betrachtete,
der, sei es freiwillig oder gezwungen aus der Brderschaft geschieden war, um
aus einem fleiigen freien Steinmetzen ein fauler, eingesperrter Mnch zu werden
- wie es Hieronymus nannte. Denn obwohl diese ganzen Brderschaften einst aus
den Klstern und zumal aus denen der Benediktiner hervorgegangen waren, so sahen
sie jetzt doch mit derselben Geringschtzung auf sie herab, wie auf weltliche
Profane.
    Drinnen im innern Kloster, als der Pfrtner sie eingelassen und Konrad sie
durch einen schn gewlbten dstern Kreuzgang gefhrt, empfing sie ein anderer
Mnch in einem kleinen wohl durchheizten Seitengemach und bewirthete sie auf's
Beste. Ein anderer Bruder ging, den Abt von ihrer Ankunft zu benachrichtigen.
    Nach einer Ruhestunde wurden sie zu diesem beschieden, dem Ulrich das
Schreiben des Propstes Kre berreichte.
    Der Abt empfing sie mit Wohlwollen, und besonders nachdem er das
Ueberbrachte gelesen, drckte er ihnen warm die Hand, und nachdem er sich mit
ihnen von dem Propst, von dem zu erwartenden Reichstag und andern weltlichen
Dingen unterhalten, forderte er sie auf, ihn in die Kirche zu begleiten, um
daselbst das Werk, das ihrer harrte, in Augenschein zu nehmen. Der Novize Konrad
und noch ein paar andere Mnche und Novizen schlossen sich ihnen an.
    So traten sie in die alte, im romantischen Styl erbaute Klosterkirche, die
spter noch manchen An-und Ausbau erfahren hatte, da die Baukunst schon dem
gothischen Styl sich zugewendet und, nebenbei mit italienischer Pracht
geschmckt, jenen ruhigen und erhabenen Eindruck vermissen lie, welchen nur die
tadellose Reinheit eines bestimmten Styls hervorzubringen vermag. Es war ein
Miklang zwischen dieser weiten romantisch gewlbten Eingangspforte, den
leichten Spitzbogen, welche die bunt gemalten Fenster umschlossen, und den
schlanken Sulen khner Gothik, aus denen der hohe Chor sich bildete. Es war
Ulrich gleich bei seinem Eintritt, als ob ein Geist der Unruhe und Zerfahrenheit
ihn in dieser Kirche packe, die an den Seitenaltren besonders mit
Reliquienschreinen, in denen die heiligen Gebeine in Gold und Juwelen gefat von
Reichthum strotzten und von frommen Spenden und Prachtgerthen hierin
Ueberladung zeigte, inde das reine Knstlerauge vergeblich nach schn
gemeielten Ornamenten und nach dem Ausdruck genialer Schpfungen suchte, wie
sein eigener Kunsteifer sie versuchte: das Geistige zur Erscheinung zu bringen
im Stein, das Ewige darzustellen im Endlichen.
    Ein einziges reines Kunstwerk dieser Art hatte die Kirche besessen, und das
war eben jetzt zerstrt. Es war das Weihbrodgehuse neben dem Hochaltar, darin
das Allerheiligste aufbewahrt war. Es war dies ein kleines gothisches Kunstwerk
von kundiger Hand nach dem Albertinischen System des Achtortes sulenartig
aufgefhrt. An der einen Seite stand eine Statue der Madonna, an der andern
Seite die des Johannes. Gothische, mit zierlichem Laubwerk umrankte Spitzbogen
stiegen darber empor, auf dessen hchster Spitze ein Engel schwebte. Dieses
durchbrochene Thrmlein, das sich ber dem Hostienschrein selbst befunden hatte,
war herabgefallen und lag sammt dem Engel halbzerschmettert daneben. Es sollte
die Aufgabe der herzugerufenen Baubrder sein, diese Stcke wieder
zusammenzufgen, wo es thunlich, oder durch neue zu ergnzen. Der feine
Sandstein, dessen man dazu bedurfte, lag bereit.
    Als sie in die Kirche eingetreten waren, lagen einzelne Mnche vor den
verschiedenen Altren betend auf den Knieen. Sie lieen sich durch die Kommenden
nicht in ihren frommen Uebungen stren und sahen sich nicht nach ihnen um.
Ulrich warf auf jeden von ihnen einen Blick, so gut es im Vorberbergehen und
von Weitem gehen wollte, ob er vielleicht Amadeus unter ihnen gewahre. Doch sah
er ihn nicht. Nur ber Einen blieb er im Zweifel, der in einer Seitennische
nicht weit vom Hochaltar in einer dunklen Ecke knieete und den Kopf so tief
geneigt hatte und in die gefaltenen Hnde gedrckt, da keine Spur von seinem
Gesicht zu sehen war. Die groe Gestalt und der Kranz von grauschwarzem Haar um
sein Haupt gemahnte an ihn - aber unter den mehr als hundert Mnchen, welche das
Kloster einschlo, konnten viele dergleichen haben.
    Hieronymus und Ulrich bewunderten und prften das Kunstwerk, seine
Zerstrung bedauernd, und letzterer sagte nach genauer Untersuchung desselben
sowohl als der Wlbung der Kirche und allen, das Tabernakel nah' und fern
umgebenden Gegenstnden zornig aufflammend und mit groer Bestimmtheit:
    Herr Abt! hier ist ein unerhrter Frevel geschehen. Dies Thrmlein ist
nicht von selbst herabgefallen, das hat die vandalische Hand eines
Niedertrchtigen herabgeworfen. Hier ist noch schlimmeres und Schndlicheres
geschehen denn Kirchenraub - hier ist bloer Muthwillen gebt worden am
Allerheiligsten - am Allerheiligsten, das die Kirche bewahrt und besitzt, am
Allerheiligsten auch der Kunst. Das ist das Werk einer gewaltsamen,
absichtlichen Zerstrung von menschlicher Hand. Habt Ihr keine Untersuchung
angestellt, den Schuldigen zu finden? Ich denke, ich darf mich rhmen, beseelt
zu sein vom Geiste christlicher Milde und Vergebung - aber gegen solch'
ungeheuren Frevel, den nur ein Mensch verbt haben kann, der allen Sinnes fr
das Heilige baar zu einer Bestie herabgesunken, die aus Bosheit sich an einem
Tabernakel vergreifen kann, dem jeder fromme Christ nur mit einer Kniebeugung
sich nhert, und die so ihre Rohheit und Scheulichkeit an einem erhabenen
Meisterwerk der Kunst auslassen kann, das ein Heiligthum an sich ist, auch wenn
es an einer andern Stelle stnde und eine profane Bestimmung htte - fr eine
solche Bestie kenne ich kein Erbarmen!
    Er hatte laut und vom heiligen Feuer entflammt gesprochen; der tiefgebckte
Mnch war noch tiefer zusammengesunken und hatte einen jammernden Ton von sich
gegeben; der Abt und die Mnche sahen einander erstaunt an und Konrad sagte:
    Ich habe dasselbe gleich gesagt, aber Niemand hat mir glauben wollen - so
mute ich schweigen.
    Das ist wahr, sagte der Abt; aber es ist doch auch ganz unmglich, da
hier ein solcher schauderhafter Frevel geschehen konnte.
    Aber immerhin mglicher, als da dies wohlgefgte Werk von allein
herabstrzen konnte! sagte Hieronymus kaltbltig, der nun auch seinerseits
dasselbe untersucht; ohnehin hat der Frevler seine Sache nicht einmal tuschend
und geschickt gemacht, sondern nur mit einiger Scheu vor dem Allerheiligsten,
die doch noch in seiner verworfenen Seele gewesen sein mu; er hat dies selbst
verschont, und diese Statuen, die nothwendig mit htten zertrmmert werden
mssen, wenn etwa dies Werk, morsch und schwankend geworden, wie es aber
durchaus nicht gewesen sein kann, bei einer geringen Veranlassung
zusammengestrzt wre. Der Frevler hat sich mit dieser gothischen Spitzsule
begngt, oder er ist verscheucht worden und hat sein Zerstrungswerk in einem
Zustand zurcklassen mssen, der jedem scharfblickenden Auge die willkrliche
Menschenhand verrathen mute.
    Aber es kann ja Niemand in diese Mauern, rief der Abt, denn wer herein
gehrt; Fenster und Thren zeigten keine Verletzung, durch die ein Bsewicht
htte eindringen knnen.
    Hieronymus zuckte die Achseln und sagte: Wenn er nicht von auen kam, ist
er von innen gekommen.
    Das ist eine Beschimpfung unser Aller! rief ein Mnch und blickte zornig
um sich.
    Ulrich sagte gelassener: Und wie meinet Ihr denn, da die Sache zugegangen?
Von einem Erdbeben hat man nichts gehrt, und Gewitter giebt es im Winter ebenso
wenig, oder sie sind doch so selten, da Ihr es Euch gemerkt haben wrdet - war
ein solches und meintet Ihr, ein Blitz oder Donnerschlag habe das Werk
getroffen?
    Alle verneinten.
    Wann geschah es denn? und war Niemand in der Kirche? Ich denke, sie wird
auch Nachts nicht leer? sagte Hieronymus.
    Es scheint, Ihr geberdet Euch, als wret Ihr als Inquisitoren in unser
Kloster gekommen! sagte der Abt bel gelaunt, da man es fr mglich halte, in
seinem Kloster, das sich immer eines guten Rufs erfreut, an solche Rohheiten zu
glauben, wie sie kaum auerhalb desselben vorfielen; denn selbst der gemeine
sittenlose Haufe hatte Achtung vor der Kunst, besonders an den heiligen Sttten
und auch vor diesen selbst; das Verbrechen des Kirchenraubes gehrte mit zu den
seltensten und darum auch mit der Kirchenschndung zu denen, welche am hrtesten
und fast immer mit dem Tode bestraft wurden.
    Ihr seid es, der Ehre des Klosters und unser aller Ehre schuldig, da die
Sache auf's Strengste untersucht werde, und dann auch zur Kenntni dieser
Steinmetzen gebracht, die auerdem in ihre Htte ein schlechtes Vorurtheil gegen
uns mit hinausnehmen mchten! sagte einer der Mnche.
    Es wird geschehen! antwortete der Abt. Amadeus soll uns im Conclave noch
einmal darber berichten. Zu Konrad gewendet sagte er: Fhre die Steinmetzen
in die Seitenhalle, in der sie das Material zu ihrer Arbeit finden werden, und
versammle die andern Bauleute um sie, damit sie nach ihrer Vorschrift arbeiten.
    Es geschah, wie er gesagt hatte. Ungefhr acht Mnche und Novizen, die nicht
ganz unkundig der Kunst waren das Winkelma zu fhren und mit dem Meiel zu
arbeiten, waren zur Verfgung der Baubrder und halfen diesen vorerst das
Material ordnen u.s.w. Nach den Vorschriften der freien Maurer sowohl als der
Klosterbrder durfte bei der Arbeit weiter nichts gesprochen werden, als was
unmittelbar zu ihr gehrte, und daran banden sich denn auch Alle.
    Nicht lange Zeit war vergangen, als Ulrich noch einmal in die nebenan
liegende Kirche ging, um ein Mabrett an die darin befindlichen Trmmer des
Tabernakels zu halten. Ein Mnch knieete dabei - es war derselbe, der vorhin an
dem dunklen Seitenaltar geknieet. Jetzt fuhr er empor. Ulrich erkannte in ihm
den Bruder Amadeus. Der Augenblick war gnstig; es war Niemand weiter in der
Kirche, als am Eingang ein Novize, welcher denselben kehrte.
    Wir sind uns schon einmal begegnet, sagte Ulrich leise, da der Mnch
zusammenfuhr; mein Ungeschick ri das Kreuz von Eurem Rosenkranz - hier habe
ich es Euch mitgebracht.
    Ihr erkennt mich wieder? sagte Amadeus.
    Ja - und ich wei auch Euren Namen: Amadeus.
    Nun wohl, sagte dieser mit sonderbaren Blicken auf Ulrich schauend, so
behaltet das Kreuz als Andenken - an einen Mnch, der schon lange zu sterben
wnschte und nun Euch sein Todesurtheil dankt.
    Ulrich dachte: der Propst hat Recht - Amadeus scheint wahnsinnig zu sein.
Amadeus mochte diesen Gedanken des Schweigenden errathen und fuhr fort:
    Ich rede Wahrheit, wie Ihr sie geredet, Ulrich! Du warst der Einzige, der
kein Recht hatte mein Urtheil zu sprechen. Aus Liebe zu Dir beging ich den
Frevel - ich wollte meine Hand segnend auf Deinen Scheitel legen - es ist meine
Shne, da ich durch meinen Sohn sterbe! Gott vergebe Dir, wenn es ein Vatermord
ist, den Du auf Deine Seele ludest!
    Ein Mnch an einer Seitenpforte nherte sich und rief: Bruder Amadeus!
    Sie holen mich in's Gericht! flsterte er noch Ulrich zu; lebe wohl und
schweige. Lebt Deine Mutter noch und siehst Du sie wieder, so sage Ihr, da Du
sie an mir gercht hast - und da ich mit dem Namen Ulrike auf den Lippen
sterben werde!
    Heftig eilte er davon.
    Ulrich sah ihm nach und fhlte sich von eigenthmlichem Grauen erfat. Was
war das? was hatte er gehrt? waren das die Worte eines Wahnsinnigen? Fast
schien es so. Und doch! wenn sie mehr waren als Wahnsinn? oder dieser Wahnsinn
doch nur der Nachhall einer Wahrheit? Wenn ein Zusammenhang war zwischen ihnen
und denen, welche die Trunkenheit des Propstes schwatzte?
    Ulrich hielt den zertrmmerten Engel in der Hand, der von dem Tabernakel
herabgefallen - er hatte keine Flgel mehr. So erschien er sich selbst in diesem
Augenblicke - so herabgestrzt und aller Schwingen der Kunstbegeisterung beraubt
- er mute sich gewaltsam zusammenraffen, um wieder zur Arbeit zurck zu seinen
Genossen zu kehren.

                               Siebentes Capitel



                              Das Schnbartlaufen

Ursula Muffel befand sich in einem Zustande des peinlichsten Harrens, schon seit
sie gehrt, da der Reichstag in Nrnberg gehalten werde und da Hans Tucher
auch seinen Sohn Stephan in der Begleitung des Kaisers mit zurckerwarte. Aber
dies Harren ward zur schrecklichsten Aufregung, als sie erfuhr, da Stephan
wirklich in den Schoo seiner Familie zurckgekehrt sei, da er wie einst unter
den Shnen der Patrizier und Kaufleute Nrnbergs fr den blhendsten und durch
Ansehen und Haltung hervorstechendsten geltend, jetzt auch unter den kniglichen
Begleitern zu den stattlichsten und zu denjenigen zhlte, die sich durch Pracht
und Schmuck ihrer Kleidung von Andern auszeichneten und ebenso sorgfltig ihre
Krpergaben pflegten. Ursula hrte, da Stephan's Angesicht von Frohsinn,
Gesundheit und Schnheit glnze - und ein Blick in ihren Spiegel warf ihr dafr
nur ein angstvoll betrbtes Gesicht zurck.
    Er war da und kam nicht - das pate nicht zu seiner sonst so feurigen Natur,
der gegenber sie ihre ganze Sittsamkeit hatte zusammennehmen mssen, um nicht
dem Ungestm der mnnlichen Leidenschaft zu erliegen. Und nun konnte er nach
einer so langen Trennung zurckkehren, ohne Alles daran zu setzen, sie
wiederzusehen? - War er ihr untreu geworden? hatten andere, verfhrerischere
Frauen ihn verlockt - oder hatte er eine wrdigere Gefhrtin gefunden? - Oder
hatte er ihr entsagt aus Gehorsam gegen seinen Vater - oder vielleicht selbst
aus Brgerstolz, der es doch verschmhet, sich mit der Enkelin des Gerichteten
zu verbinden? - Oder hielt eine feindliche Macht sie getrennt? hatte man ihm
falsche Nachrichten von ihr gebracht - etwa da sie ihm untreu sei? oder
entsagen wolle und msse, oder wie sonst sich seiner unwrdig gemacht?
    Alle diese Fragen erneuerten sich in Ursula mit fieberhaftem Ungestm - und
den grten Kampf kostete ihr gerade die letzte. Gewann diese die
Wahrscheinlichkeit der Bejahung, dann war es ja an ihr zu dem Geliebten zu
eilen, ihn von ihrer Treue, ihren unvernderten Empfindungen zu berzeugen. Aber
sie hatte doch keine Brgschaft fr diese Ursache seines Zurckbleibens von ihr,
und so hielt sie sich gewaltsam von einem solchen entscheidenden Schritt zurck,
der ihren jungfrulichen Stolz und ihre keusche Mdchenzartheit dem Spotte und
der Verachtung preisgeben konnte, wenn ihre Voraussetzung und mit ihr Stephan
sie getuscht.
    Die Anwesenheit des Grafen von Wrtemberg und seines Gefolges in ihrem sonst
so stillen Hauswesen, dessen Aufsicht sie fhrte, gab ihr wohl nebenher zu thun
und zu denken in Menge, um so mehr, als Herr Gabriel Muffel mit seiner
Bewirthung des hohen Gastes alle Ehre einlegen wollte, damit nicht die andern
Genannten Ursache fnden, sich ber ihn lustig zu machen, und das Hans von
Tucher seinen Hochmuth nicht an ihm ben knne. Ursula mute es sich auch darum
um so angelegener sein lassen, sich selbst die Zufriedenheit ihres Vaters zu
erwerben, als sie diese in andern Dingen verscherzt hatte: erst berhaupt durch
ihr Liebesverhltni mit Stephan und dann auch, als durch dessen Entfernung
dieses dem Vater gelst erschien, durch ihre Weigerung jedem andern Bewerber
ihre Hand zu reichen. Zwar war der Vater auch tief bekmmert, da er die einzige
Tochter von Tag zu Tag trauriger und leidender werden sah - doch da er eben
meinte, da ihr Eigensinn dies selbst verschuldete, so ward er dadurch nicht
milder gegen sie gestimmt.
    Jetzt, wo er hrte, da Stephan mit dem Knig zurckgekommen und in seinem
Gefolge den Ritter spielte, wo die Tucher und Holzschuher dafr sorgten, zu
Muffel's Ohren gelangen zu lassen: wie viele schne Edelfrulein ihr Herz an
Stephan verloren, und wie er mit einem derselben bald Hochzeit halten werde -
jetzt forderte er doppelt von der Tochter, da sie vor den Leuten in gleich
stolzer Haltung erscheine, und zrnte ihr doppelt, da er sie ihnen nicht auch
als Braut vorstellen konnte. Whrend er sonst an ihr mehr auf brgerliche
Einfachheit gehalten, verlangte er jetzt, da sie auch in ihrer Kleidung mit den
stolzesten Nrnbergerinnen wetteifere und bei keiner ffentlichen Lustbarkeit
fehle. So, da die Fastnacht kam, sollte in wenig Tagen das Schnbartlaufen
stattfinden, und zwar in der glnzendsten Weise, da der Reichstag versammelt
war. Ursula wollte sich weder bei der Schlittenfahrt noch bei dem Ball, der ihr
folgen sollte, betheiligen, aber ihr Vater bestand darauf, und da beides in
Maskenanzgen vorgeschrieben war, lie er ihr selbst dazu die schnsten
bestellen. Es waren noch einige Tage bis dahin, und Ursula dachte darber nach,
wie sie dem entgehen knne; denn wenn Stephan sie verlassen hatte, fr den
allein sie gelebt, so war sie fremd im Leben und es dnkte ihr nicht mehr hinein
zu gehren: wenn er sie verstoen und verachten konnte, so meinte sie die
Verachtung der ganzen Welt auf sich geladen zu sehen, und ihren Hohn nicht nur
zu finden, sondern auch zu verdienen.
    So sa sie an einem frh hereingebrochenen Winterabend allein in ihrem
Gemach. Der Burggraf von Zollern hatte an diesem Tag eine Jagd im nahen Forst
veranstaltet, welcher die meisten Frsten und Herren beiwohnten. Auch der Graf
von Wrtemberg war mit den meisten seines Gefolges dabei, ebenso ein Theil der
Nrnberger Rathsherren, darunter auch Herr Muffel. Unter ein paar Stunden war
wohl noch Niemand zurck zu erwarten.
    Ursula konnte sich einmal ihrem Schmerze berlassen. Von innerem Frost
geschttelt sa sie am Kamin, dessen nicht mehr hell lodernde Gluth einen milden
Schimmer auf ihr bleiches Antlitz warf. Wehmthig blickte sie auf das helle Grn
ihres Kleides, dessen Farbe der Hoffnung sie zu hhnen schien. Ihre kleinen
Hnde, zart und durchsichtig wie Milchglas, ruhten gefaltet in ihrem Schoo. Es
war immer dasselbe Gebet, das sie betete zur Mutter Gottes und zu allen
Heiligen: ihr Stephan wiederzugeben oder sie abzurufen von der verdeten Erde!
Und wie sie schon hundertmal gethan, zog sie die goldene Kapsel hervor, die
Stephan's von Meister Wohlgemuth in Miniatur gemaltes Conterfei verschlo, das
er ihr beim Abschied geschenkt. Sie kte das Bild und flehte, ihn nur noch
einmal wiedersehen, noch einmal so kssen zu knnen - und dabei lchelte sie
unter Thrnen - -
    Da klangen drauen hastige Mnnertritte - sie nherten sich ihrem Gemach -
vielleicht Einer von des Grafen Leuten, der im Dunkeln fehl gegangen, denn
diesem abgelegenen Zimmer kam Niemand nahe, der nicht ausdrcklich zu ihr
gesandt war - schon ruckte die Thrklinke - oder war es ihr Vater, der frher
zurckkam? - vor ihm hatte sie Stephan's Bild, das Tag und Nacht tief verborgen
an ihrer Brust ruhte, immer sorgsam verhehlt - sie wollte es schnell verstecken,
aber das Kettlein verwickelte sich in die steifen Zacken des Spitzenkragens, der
ihren Busen umgab - die Thr sprang auf und ein Mann in einem schwarzen Mantel
gehllt stand vor ihr.
    Sie fuhr empor und rief: Was dringt Ihr hier ein - Niemanden geziemt hier
der Zutritt!
    Aber ungestm fate er sie in seine Arme und rief: Auch mir nicht? Der
Mantel sank von seinem Haupt wie von seiner Schulter und zeigte Stephan's
ritterliche Gestalt.
    Stephan! rief Ursula mit dem Jubellaute des Entzckens mitten im
Schrecken; aber jener war noch mchtiger bei der durch Gemthskmpfe krperlich
leidend gewordenen zarten Jungfrau - ohnmchtig lag sie in seinen Armen.
    Er trug sie auf das Sopha und lehnte sie an sich. Er sah sein Bild offen vor
sich, das Zeichen ihrer Treue - einen Augenblick sah er voll Mitleid und
aufsteigender Selbstvorwrfe auf die bleiche Geliebte, die der Gram um ihn
vielleicht bald ganz zu Grunde gerichtet; aber schnell schtzte er sich vor
jedem Gewissensskrupel mit der eitlen Meinung, da er wieder gut machen knne,
was er verbrach, und mit dem wrdigen Vorsatz, es wirklich zu thun.
    Er rief Ursula mit den zrtlichsten Namen und bedeckte sie mit seinen
Kssen. Da schlug sie die Augen auf und rief:
    Stephan - Du bist es wirklich - Du bist noch wie einst!
    Er antwortete ihr mit Liebkosungen und rief: O wohl mir, wenn Du auch bist
wie einst! - Ich konnte es nicht lnger ertragen, ich mute Dich sehen, geschah
es auch, indem ich ein gegebenes Wort gebrochen.
    Du hast Dein Wort gegeben, mich nicht zu sehen? rief sie und machte sich
von ihm los. Du hast mir nicht geschrieben - Du bist schon einige Tage hier -
Andere sagten es mir - ich sah Dich nicht - ich hoffte umsonst auf ein Zeichen
ach! ich wei es wohl, die Vter nhren noch den alten Groll - aber Du selbst,
Du hast mich gelehrt, da Liebe strker sein soll als vterliche Gewalt -
    Und darum bin ich hier! rief er; nur einen kurzen Augenblick. Ich
benutzte die Dunkelheit und die Abwesenheit Deines Vaters wie der Andern, um zu
Dir zu dringen. Niemand darf es wissen - nur Elisabeth Scheurl.
    Ach, ich habe auch vergeblich auf sie gezhlt! rief Ursula; seit der
Knig hier ist, habe ich auch kein Wort von ihr gehrt, und sie hatte mir doch
gleich Nachricht geben wollen - ber Dich.
    Erst gestern habe ich mit ihr vertraulich sprechen knnen, sagte Stephan,
und sie ist wohl auch viel mit sich selbst beschftigt - Alles erklrt sich
spter. Nur wenige Minuten kann ich bei Dir weilen, ich konnte es nur nicht
lnger ertragen Dich nicht zu sehen - ich mute die Gewiheit Deiner Liebe von
Deinen Lippen holen!
    Hast Du je an mir zweifeln knnen? fragte sie unter seinen Kssen.
    Man sagte mir, da Du eine Braut des Himmels geworden, antwortete Stephan;
Du hattest mir mit diesem Entschlu schon frher gedroht, ich mute daran
glauben, da ich kein Lebenszeichen von Dir empfing.
    Aber wie war es mglich, da Du -
    Er lie Ursula nicht ausreden. Wir haben jetzt keine Zeit zu Fragen und
Erklrungen; lesen wir nicht Eines in den Augen des Andern, fhlen wir nicht am
Schlagen unserer Herzen, da wir einander angehren wie einst? In drei Tagen
sehen wir uns beim Schnbartlausen, und dann wird sich Alles erklren und
entscheiden. Du wrest doch dazu gekommen?
    Nur wenn mich mein Vater gezwungen, antwortete sie: ich habe mich bis
jetzt geweigert!
    Nun, so la Dich zwingen! antwortete er heiter, und zu dem Maskenfest am
Abend erlaube mir, da ich Dir selbst den Maskenanzug schicke, damit ich Dich
aus Tausenden sogleich erkenne. Ich erscheine in der prchtigen Tracht eines
Sarazenen und werde mich Dir schon bemerklich machen. Bis dahin glaube und liebe
und hoffe! Ein neues Leben wird uns seine goldenen Thore ffnen!
    O ich fhle es schon in mir, seit Du bei mir bist! rief sie mit seligem
Lcheln.
    Aber verrathe mich nicht! bat er wiederholt; indem ich zu Dir mich
schlich, that ich, was ich nicht lassen konnte; aber Niemand darf es erfahren -
am wenigsten der Knig.
    Knig Max? fragte Ursula; was geht es ihn an?
    Frage mich nicht - ich mu scheiden! und obwohl er so sprach und schon
beide aufgestanden waren, verrann doch Minute nach Minute, ehe der letzte Ku
gegeben und das letzte zrtliche Lebewohl gesprochen war. -
    Da er fort war, sank Ursula auf ihre Kniee und weinte wie ein Kind. Jetzt
erst, mitten in diesem pltzlichen Glck, kamen alle verhaltenen Thrnen ihres
Unglcks zum Ausbruch. Jetzt erst, wo alles, was sie inde bei dem Gedanken
gelitten, da ihr Stephan knne genommen sein, genommen durch das
Schrecklichste, was einem liebenden Wesen begegnen kann: durch Untreue, wie eine
Last, unter der sie Tag und Nacht nur seufzend zu athmen vermochte, von ihr
abgesunken - jetzt erst wagte sie einen vollen Blick auf die Gre derselben und
in den Abgrund von Leid und Lebensde, der neben ihr immer offen geghnt hatte.
Jetzt, wo die Gefahr berstanden war, wo nach einer furchtbaren Nacht eine
leuchtende Sonne ihr aufgegangen, schaute sie noch einmal bebend zurck in die
Nacht - und dankte inbrnstig dann dem Herrn, der sie nun in demselben
Augenblick verscheucht, in dem Ursula noch unter den bngsten Zweifeln und
Schmerzen gerungen hatte.
    Zwar wute sie weder, was inde geschehen war, noch was geschehen sollte -
was sie inde zu frchten gehabt, noch was sie zu hoffen hatte - inde, sie
fragte nicht darnach. Sie hatte Stephan wiedergesehen, er war zu ihr mit der
alten Liebe und Zrtlichkeit zurckgekehrt - noch fhlte sie seine heien Ksse
im Nachhall der Empfindung, das gengte ja, ihr Herz mit Jubel zu erfllen und
ihre Seele mit Freudigkeit neuer Hoffnung und dem Muth gegen alle Hemmnisse
ihres Liebesglckes zu kmpfen.
    Vielleicht war es gut, da ihr bald heimkehrender Vater etwas berauscht war
und sich darum sofort niederlegte, sonst wre ihm vielleicht die Vernderung
aufgefallen, die inde mit seiner Tochter vorgegangen; denn das erneute
Liebesglck hatte ihre erst gebleichten Wangen gerthet, und der Wiederschein
einer Seligkeit, die sie pltzlich berkommen, strahlte aus ihren Augen und von
ihrer Stirn. Am andern Tage, wo sich die hochgehenden Wogen des Entzckens ein
wenig gelagert hatten, zeigte sie dem Vater ein ruhig heiteres Wesen, und er war
seit langer Zeit einmal zufrieden mit ihr, als sie sich als gehorsame Tochter
bereit zeigte, dem Schnbartlaufen beizuwohnen und nur sagte, er msse ihr auch
den Scherz gestatten, am Abend in einer Maske zu erscheinen, die er selbst zuvor
nicht sehen drfe - sie mge gern wissen, ob der eigene Vater sie wiedererkennen
werde.
    Gabriel Muffel war wohl damit zufrieden, und machte ihr nur zur Bedingung,
da die Maske recht schn und reich sein msse, damit sie nicht einfacher,
sondern wo mglich prchtiger erscheine als andere Rathsherrentchter.
    Das in Nrnberg als Fastnachtsfest eingefhrte Schnbartlaufen stammte vom
Jahre 1349. Damals hatte die Fleischerzunft von Nrnberg bei einem Aufstand der
andern Zechen dem Rathe ihre Treue erwiesen und dafr von Kaiser Karl IV. einen
Freibrief auf einen ffentlichen Aufzug in Larven erhalten, welcher das
Schnbartlaufen genannt ward. Als der dazu gehrige Aufwand anfing der
Fleischerzunft beschwerlich zu werden, trat aus den hheren Stnden eine
Gesellschaft zusammen, welche ihr zur Aufrechterhaltung und Vervollkommnung
dieses Festzuges behlflich war, und am Ende denselben unter dem Namen der
Fleischer ganz an sich brachte. Es waren meist junge Patrizier, und der Rath
ordnete ihnen frmliche Hauptleute bei, welche zugleich die Zge anfhren und
auf Ordnung sehen muten.
    Wie an jenem Sommertage, an welchem Knig Max einzog, so war auch an dem
sonnigen, aber kalten Wintertage, an welchem das Schnbartlaufen stattfand,
Ursula Muffel bei Elisabeth Scheurl, um aus deren Chrlein den Zug mit
anzusehen. Die Reichstagsmitglieder waren auf dem Rathhaus versammelt, vor
welchem jener begann und wieder endete. Die Betheiligung der Frauen dabei war
keine andere, als da sie an den offenen Fenstern standen, die Vorberziehenden
mit Backwerk warfen und dafr von ihnen mit Tannenzweiglein statt Blumen
beworfen oder mit Rosenwasser bespritzt wurden. Elisabeth und Ursula erschienen
in kostbare Pelze gehllt und die Gesichter nur so weit verschleiert, da sie
selbst bequem um sich sehen konnten, an dem geffneten Fenster des Chrlein.
    Sie hatten seit der Reichstag begonnen einander heute zum ersten Male
wiedergesehen, und Ursula htte von Elisabeth gern mehr ber Stephan erfahren;
aber Elisabeth wich ihren Fragen aus, beschwor sie nicht zu verrathen, da sie
ihn gesehen, und nur bis zum Festabend in frhlicher Hoffnung zu warten, an dem
sich ihr ja Alles erklren werde. Und da Ursula weiter fragte: ob es Elisabeth
nicht mglich gewesen, Stephan und sie dem Schutze des Knigs Max zu empfehlen
und an sein Versprechen zu mahnen, antwortete sie nur, da der Knig jetzt nicht
als ein harmloser Gast in Nrnberg sei, welcher der Stadt die Ehre seines
Besuches erwiese, sondern da er zu einem eilig berufenen Reichstag gekommen,
von dem er Hlfe und Steuern verlange, ihm Ungarn zu retten und ihn an
Frankreich zu rchen - und da er, ohnehin schon belgelaunt angekommen, hier es
noch mehr geworden, als die Stnde sich schwierig zeigten seine Forderungen zu
bewilligen - da wage man nicht ihn um eine Gnade zu bitten, die hohe Hupter wie
er nur in frohen Ruhestunden gewhrten, wo die Krone sie nicht drcke und ihnen
nicht die Fhigkeit raube, an anders denn an die Sorgen darum zu denken.
Uebrigens aber, schlo sie, werden die Majestten heut' Abend mit beim Tanz
erscheinen, vielleicht fgt es sich da, wie damals auf der Veste, da ein gutes
Wort eine gute Statt findet.
    Durch die mit Menschen erfllten Straen machten sich jetzt Vermummte in
Narrenkleidern mit Kolben und Peitschen in der Hand Platz. Die Menge wich zur
Seite um noch eine Stufe oder Erhhung zu erobern, von welcher aus der Zug
gesehen werden knnte, der nun folgte. Voran kam ein Reiter mit bunten Bndern
und Schellen behangen und sein Schimmel nicht minder. Er hatte vor sich einen
groen Sack, aus welchem er Nsse auf die Strae warf, welche die Jugend
begierig aufzulesen war und unter Geschrei und Balgen darum rang. Dann folgten
vier andere Reiter, ebenfalls phantastisch bunt gekleidet mit Krben vor sich
auf dem Sattel, worin sich Eier befanden. Sie warfen damit nach den Frauen an
den Fenstern wie auf den Straen; aber die Eier waren mit Rosenwasser gefllt
und richteten da, wo sie trafen, keinen Schaden an, als da die duftende
Flssigkeit verspritzte.
    Dann kamen die Schnbartleute selbst mit ihren Schutzhaltern, Hauptleuten
und Spielleuten in mannigfaltigen Vermummungen, unter denen es nicht an derben
Anspielungen auf die Hauptangelegenheiten des Tages und die Gebrechen der Zeit
fehlte. Dann folgte auf einer von vielen Pferden gezogenen groen Schleife eine
Maschine, Hlle genannt, die ein knstliches Feuerwerk in sich fate und zuletzt
am Rathhaus angezndet ward. In dieser Hlle gewahrte man auer ergtzlichen
Bildern aus der Natur und dem Menschenleben auch satyrische Darstellungen, wie
der Nrnberger Witz sie liebte: einen Venusberg mit schnen Frauen; einen
Backofen, worin Narren gebacken wurden; eine groe Bchse, welche bse Weiber
scho; einen Vogelherd, worauf man Narren und Nrrinnen fing; ein Glcksrad,
welches Narren und Nrrinnen herumdrehte, die sich einander jagten; eine
Galeere, auf welcher Mnche und Nonnen aneinander gekettet ruderten, und noch
mehr dergleichen. Darauf folgten vielspnnige Schlitten mit maskirten Personen
in prchtigen Pelzen, dahinter saen Spielleute auch in bunte Trachten
gekleidet, die lustig aufspielten. Daran schlossen sich etwas entfernter kleine
Rennschlitten mit Geharnischten besetzt, die sich mit Turnierstangen einander
auszustechen und herunterzuwerfen versuchten - ein Spiel, welches das
Gallenstechen hie und das auch zu andern Zeiten in Nrnberg angestellt ward.
    Unter diesen Geharnischten befand sich Stephan Tucher. Ursula's Augen hatten
ihn erkannt, auch wenn er nicht zu den Frauen hinaufgeschielt htte; aber er
wollte ihnen auch eine Probe seiner Geschicklichkeit geben, und mit seiner
Turnierstange gewandt ausholend, gelang es ihm, einen andern Geharnischten von
seinem Schlitten zu werfen, da er unter dem Gelchter des Volkes im Schnee sich
wlzte. Diesem wollte sich der Herabgeworfene am schnellsten entziehen indem er
aufstehend sich in Scheurl's Hausthr drngen wollte.
    Dort gehrt Ihr nicht hin! Lauft nur Eurem Schlitten nach! rief Stephan
eiferschtig und drohte ihm mit seiner Lanze.
    Jener aber warf seinen Helm ab, und Stephan erkannte mit Mibehagen Georg
Behaim in ihm. Den Bruder Elisabeth's hatte er nicht dem allgemeinen Spotte
preisgeben wollen; inde blieb ihm nichts anderes brig als weiter zu fahren und
sein Turnierheil auch an Andern zu versuchen, damit Behaim nicht in dem, was er
ihm gethan, eine besondere Absichtlichkeit suche. Es gelang ihm auch noch
Manchem herabzuwerfen, inde er selbst vor jedem Angriff fest sa - so aber
errang er sich den Preis des Gallenstechens.
    Als es vollstndig dunkel geworden, ward auf dem Markt das Feuerwerk
abgebrannt, und das war zugleich das Zeichen zur Versammlung der Masken im
Tanzsaal des Rathhauses.
    Da wimmelte es von allerlei schnen und wunderlichen Masken. Mnner und
Frauen wetteiferten miteinander an Pracht und Absonderlichkeit der Kleidung, und
manche Freiheit herrschte dabei, die zu anderen Zeiten die bedenklichen und
sittenstrengen Nrnberger nicht dulden mochten.
    Verschiedenartige Aufzge fanden dabei statt und possenhafte Darstellungen
ergaben sich aus ihnen von selbst. Sie wurden von der Tribune aufgefhrt, die
fr den Kaiser und den Knig wie die anderen zum Reichstag gekommenen Frsten
erbaut war und auf welcher diese Platz genommen. Denn sie waren nur als
Zuschauer und ohne Masken erschienen, und auch Knig Max beobachtete diesmal
eine strengere Zurckhaltung und Etiquette als bei seinem ersten Aufenthalt in
Nrnberg. Vielleicht war er berhaupt nicht wohl gelaunt durch die geringe
Willfhrigkeit, welche der Reichstag zeigte, auf seine Forderungen einzugehen;
vielleicht wollte er auch sich den stolzen Nrnbergern, damit sie nicht etwa
bermthig wrden, mehr in der Wrde seiner Majestt zeigen, als sie ihn frher
gesehen, damit sie nicht vergessen, da sie doch seine Unterthanen wren, wenn
sie auch sonst sich ihrer reichsbrgerlichen Freiheit rhmen mochten. Er sah
ernst, fast finster in das Maskenspiel, und nur der unverwstliche Kunz von der
Rosen vermochte durch irgend eine ihm in's Ohr gezischelte Bemerkung zuweilen
ein Lcheln um seinen Mund zu zaubern.
    Mit den bngsten Empfindungen warf Ursula Muffel zuweilen einen scheuen
Blick auf den Knig Max. Seit dem Wiedersehen mit Stephan Tucher pltzlich in
ihren Hoffnungen so khn gemacht, als sie noch vorher verzagt und verzweifelnd
gewesen war, hatte sie, von Stephan und Elisabeth auf diesen Abend vertrstet,
an die Mglichkeit gedacht, da es ihm oder ihr selbst gelingen werde sich heute
dem Knig zu nhern und um seine Frsprache bei den erbitterten Vtern
nachzusuchen. Und wie in dieser schien sie sich in jeder Hoffnung getuscht zu
haben, denn auch Stephan hatte sich noch nicht zu ihr gefunden, und so oft sie
auch eine Sarazenenmaske sah oder zu sehen glaubte - wenn sie selbst sich ihr
nherte, erkannte sie immer, da es nicht Stephen war.
    Da trug sie nun selbst den prachtvollen Anzug einer Sultanin, den er ihr
gesendet, und je mehr der Glanz desselben die Blicke Anderer auf sich zog, und
je lnger Stephan sumte sich ihr bemerkbar zu machen, die er doch auf den
ersten Blick htte kennen mssen, je bnger ward ihr in dem sie umdrngenden
Gewhl. Aber noch grer ward ihre Bestrzung, als sie einen riesengroen Bren,
der bald auf allen Vieren lief, bald auf den Hinterpfoten ging und allerlei
Purzelbume machte, immer hinter sich herkommen sah. Sie mochte sich wenden, wie
sie wollte, sie konnte dem Ungethm nicht entgehen - es drngte sie immer nher
an die Schranken der frstlichen Zuschauer. Wute Ursula auch recht gut, da im
Bren auch nur ein Mensch steckte, so ward ihr diese Zudringlichkeit dadurch
beinah' um so lstiger - in diesem Augenblick htte sie nichts dagegen gehabt,
wenn ein wirkliches Ungeheuer sie zerrissen htte, so entmuthigt und trostlos
fhlte sie sich; da sie aber ein Mensch so absichtlich, wie es schien, zur
Zielscheibe seiner widerwrtigen Grimassen und damit des allgemeinen Gelchters
machen konnte - das emprte sie noch vielmehr. Und nun kam auch von der andern
Seite ein Lwe und bedrngte sie nicht minder. Da stand sie jetzt gerade mitten
zwischen den beiden Bestien, ganz nahe vor der kaiserlichen Tribune. Auer der
Maske verhllte noch ein mit Silber durchwebter Schleier, der an einen Turban
von weier Seide und silbernen Verzierungen befestigt war, ihr Gesicht und Hals.
Sie trug ein weies mit Silber gesticktes Seidenkleid, das weite weie
Atlasbeinkleider und gelbe Stiefelchen sehen lie, darber eine Tunika von rosa
Sammet mit silbernen Fransen und Tressen, ringsum mit Perlen gestickt, die auch
in dichten Schnren um Arme, Hals und Taille sich wandten. So stand sie zwischen
den Ungeheuern, die den Raum um sie fast freigemacht und so auch lngst von
Elisabeth verdrngt hatten, an deren Seite sie vorher immer versucht hatte zu
bleiben.
    Aber obwohl nicht inmitten des Saales wie Ursula und minder beobachtet, war
doch Elisabeth in keiner besseren Situation.
    Durch Konrad Celtes und ihre eigenen Studien mit der Liebhaberei fr das
Klassische und Antike erfllt, dem eben damals die Humanisten die Bahn brachen
und das sich auch bereits in die deutsche Kunst einzuschleichen begann, hatte
sie ein griechisches Kostm gewhlt. Ein in der Taille durch einen goldenen
Grtel und an den Achseln auch von Juwelen und Gold blitzende Agraffen
zusammengehaltenes weies Atlasgewand umflo sie bis auf die in purpurne
Sandalen gekleideten Fe in malerisch nach ihren schnen Krperformen sich
schmiegenden Falten. Darber ein zweites Purpurgewand mit Gold besetzt, das ber
die rechte Schulter getragen die linke frei lie und dafr unter dem Arm um die
Hfte sich breitete. Ein goldenes Diadem wand sich durch ihre Locken und im Arm
hielt sie eine mit Blumen umwundene Lyra. Eine als Sterndeuter in einen
schwarzen Talar mit in Silber darauf gestickten Sternen und Himmelszeichen
gekleidete mnnliche Maske hatte sie zum Tanz aufgefordert und eine Zeitlang
stumm im Reigen gefhrt, dann aber sie einmal so heftig an sich gedrckt, da
sie nur mit Mhe einen Aufschrei zurckhielt.
    Anfangs sprach der Unbekannte nicht; jetzt flsterte er ihr leise zu:
Elisabeth, erkennt Ihr mich wirklich nicht? Ich mu es schlieen, weil Ihr
nicht gleich wieder um Hlfe riefet und mich berfallen und wegweisen lieet,
weil es Euch jetzt besser gefllt, statt die Huldigungen eines tapfern Ritters
anzunehmen, Euer Herz zwischen einen Knig, einen fahrenden Poeten und einen
rohen Steinmetzgesellen zu theilen und das eheliche Treue gegen Euren ehrsamen
Herrn Gemahl zu nennen.
    Elisabeth erkannte Eberhard von Streitberg - sie strebte sich von ihm
loszumachen, und sah sich nach allen Seiten um, wie ihr das gelingen knne, ohne
Aufsehen zu erregen, und ob sie nicht eine bekannte Maske sehe. Wohl gewahrte
sie nicht gar weit von sich Konrad Celtes, der auch ein griechisches Kostm trug
und mit dem sie vorhin schon getanzt, aber nur wenig Worte gewechselt hatte, da
sie seit seiner Rckkehr eine ernste Zurckhaltung gegen ihn beobachtet! aber
ihn wollte sie am wenigsten zu ihrem Schutz herbeirufen - er sollte am wenigsten
die Beschimpfung erfahren, die Streitberg einst der vertrauenden stolzen
Jungfrau angethan, noch wollte sie diesem dadurch eine Besttigung seiner eben
ausgesprochenen Anklage geben, die ihr Blut fast erstarren machte. Sie wute
bereits, da Streitberg wieder in Nrnberg war - Willibald Pirkheimer hatte
Ulrich's Auftrag erfllt und mit welch' feiner Gewandtheit er es auch that, die
schon den knftigen Staatsmann zeigte - er hatte dabei doch auch erzhlt, da er
die Baubrder auf dem Weg zum Kloster gesprochen, und die sinnige Elisabeth
hatte den Zusammenhang geahnt. Sie war auf ihrer Hut, und darum auch heute zum
ersten Mal zu einer ffentlichen Lustbarkeit gegangen, und zwar mit dem festen
Entschlu, sich durch nichts dem Maskengewhl entlocken zu lassen, um jede ihr
Gefahr bringende Annherung Streitberg's zu verhindern. Auch wechselte sie ihren
Anzug mehrmals, um nicht von ihm erkannt zu werden - und nun war es doch
geschehen.
    Als sie um sich sah, fielen ihre Augen auf die giftigen Blicke der Hallerin,
die sie in ihrer Nhe in einer aufgeputzten, aber geschmacklosen Maske einer
jdischen Knigin erkannte - und Elisabeth ahnete richtig, da diese es war,
welche Streitberg dazu verholfen sie zu erkennen.
    Elisabeth fhlte sich unfhig ein Wort zu erwiedern - doppelt, da sie von
ihrer Feindin sich beobachtet und belauscht sah; wenn sie nicht antwortete,
konnte Streitberg doch vielleicht nachdenken, er habe sich getuscht - sie
ergriff den Arm eines Spielmannes, der eine Harfe im Arm eben an ihr vorberkam,
und sagte ihre Stimme verndernd:
    Die Spielleute gehren zusammen! und zog ihn mit sich in den Kreis der
Tanzenden.
    Streitberg aber gab seinen Arm einem zierlichen Blumenmdchen und rief
Elisabeth nach: Seid ohne Furcht - mich gelstet nicht mehr nach Eurer
Schnheit, die vor zehn Jahren sich mir bot; aus den Sternen kann ich's Euch
weissagen, da Ihr von der Liebe nichts mehr zu frchten habt, sondern nur noch
von dem Ha.
    In diesem Augenblick erklang lrmende Janitscharenmusik und ein groer
Aufzug kam in den Saal. An seiner Spitze ein prchtig gekleideter Pascha, ihm
nach eine ganze Schaar von Sarazenen. Einige, die den Zug als trkische
Leibwache geleiteten, machten ihm durch das Maskengewhl Platz, so da er gerade
der Tribne zuschritt, vor welcher eben Ursula zwischen dem Bren und Lwen
stand. Der Pascha schlug den beiden Ungeheuern die Kpfe ab - und da es
geschehen, sprangen ein paar Narren aus den Thierhllen und suchten die
Zuschauer durch allerlei Purzelbume zu belustigen. Die Trken mit den
musicirenden Janitscharen schlossen einen Halbkreis um ihren Pascha, der vor
Ursula knieete und in sprechenden Pantomimen zur Belohnung fr seine Heldenthat
um ihre Hand flehte.
    Ursula erkannte Stephan in dem vor ihr Knieenden, und war dadurch nur um so
mehr bestrzt ber diese ganze Scene, in der sie so ffentlich und ahnungslos
zur Heldin einer halb ernsten, halb komischen Auffhrung gemacht worden war, wie
sie dem Geschmack der damaligen Zeit entsprach. Diese ffentliche Schaustellung
verletzte nicht nur die schchterne Jungfrau, sondern erschreckte und qulte sie
auch: denn was wrden die Vter - was wrde ganz Nrnberg dazu sagen? Nun war
gewi fr sie und Stephan Alles verloren! -
    In diesem Augenblick schlug es Mitternacht, und der Ceremonienmeister
verkndete nach einem Tusch der Spielleute, da alle Masken, Vermummungen und
Brte verschwinden mten. Alle leisteten Folge - auch Ursula - aber ohne den
Schleier zu heben; Stephan hielt die Zitternde an seiner Hand, und indem auch er
die Maske abnahm, fhrte er sie vor den Knig Max, der sich von seinem
thronartigen Sitz erhoben hatte und das Paar zu sich winkte.
    Der Maskenscherz ist vorbei! begann der Knig; weil mir aber die letzte
Vorstellung gar absonderliches Vergngen gewhrt, so mchte ich, da ihr
Verfasser und Hauptdarsteller, unser getreuer Kriegshauptmann Ritter Stephan von
Tucher sich eine Gunst erbte, die wir ihm gewhren knnten, und richten
dasselbe Verlangen an die Heldin des Stckes, Jungfrau Ursula Muffel.
    Das Paar knieete vor den Knig nieder und Stephan sprach:
    So flehe ich die knigliche Majestt mein Brautwerber zu sein bei dieser
edlen Jungfrau und bei ihrem Vater!
    Und was meint Ihr dazu? fragte der Knig die erglhende Braut.
    Sie wagte kein Auge aufzuschlagen und lispelte: So mge Euer Majestt die
Vter uns und einander vershnen.
    Von gleichem Ingrimm ergriffen waren Hans Tucher und Gabriel Muffel
herbeigeeilt, da sie die Namen ihrer Kinder nennen hrten, und beide ihren Ohren
nicht trauten - sich zu verkleiden hatten die Rathsherren unter ihrer Wrde
gefunden, sie waren in ihrer besten Amtstracht und hatten nur vorher Larven
getragen.
    Der Knig winkte sie zu sich und sagte: Wie diese Beiden den deutschen
Knig nicht vergebens gebeten haben, so werdet auch Ihr, gestrenge Rathsherren,
uns und sie nicht vergebens bitten lassen, und nicht im Eigensinn gegen Euer
eigen Fleisch und Blut wthen, sondern das liebende Paar einander verloben, wie
ich es selbst verlobe.
    Wie widerstrebend auch und mit welchen mrrischen Blicken, die Nrnberger
Rathsherren hatten doch so viel Respect vor Knig Max und noch mehr vor dem
ffentlichen Auftritt, da sie gute Miene zum bsen Spiele machten.
    Muffel sagte: Ich habe nichts dagegen, wenn nicht Herr Tucher widerstrebt.
    Und dieser erwiederte: Wenn seine Majestt die Wahl meines Sohnes billigen
kann, so hebt das mein Bedenken auf - und er warf doch dabei einen vielsagenden
und verchtlichen Blick auf Muffel.
    Stephan umarmte den knftigen Schwiegervater, und als der alte Tucher
Ursula's weie Stirn kte und ihr so nahe in die thrnennassen Augen sah,
dachte er: Ich glaube wirklich, ich knnte keine sanftere Schwiegertochter
bekommen - und das ist auch etwas werth, da er sie mir mit in das Haus bringt.
    Alle Anwesenden brachten dem neuen Paar ein donnerndes Hoch - der Knig
erklrte, da die Hochzeit noch stattfinden msse, so lange er hier sei, und
Kurfrst Friedrich von Sachsen erbot sich den Brutigam in die Kirche zu fhren,
inde Graf Ulrich von Wrtemberg der Braut das gleiche Anerbieten machte.
    Elisabeth und ihr Gemahl waren auch herzugekommen. Ursula lehnte sich an die
Freundin und flsterte: Das ist Dein Werk!
    Elisabeth lchelte und warf einen Blick auf Knig Max, der ihn mit einem
Anflug von Wehmuth erwiederte. Es war, als sagten sich diese Beiden: Ein Glck,
das uns selbst versagt ist, haben wir Andern bereitet. Max hatte es doch einst
besessen an der Seite Maria's von Burgund - aber Elisabeth sah es sich seit
aller Zeit und fr alle Zeit versagt.
    Gleich darauf brachen die Frsten auf, auch Elisabeth mochte nicht lnger
bleiben, inde das Fest selbst bis zum Morgen whrte.

                                 Achtes Capitel



                                 Eine Hochzeit

Nur wenig Wochen whrte der in Eile berufene Reichstag.
    Der Kaiser hatte schon vorher das bei Gelegenheit des Flandrischen Feldzugs
so gut erprobte Aufgebot an die Reichsstnde ergehen lassen, bei Verlust ihrer
Lehen dem rmischen Knige zu Hlfe zu ziehen. Aber die Berechnung, solche
Aufgebote zur Gewohnheit zu machen, tuschte. Die Kurfrsten und Frsten
bewilligten zwar eine Halbjhrige Hlfe von 8600 Mann, protestirten aber gegen
die kaiserlichen mit Gebot und Zwang ausgersteten Mandate, erklrten diese
Hlfe aus freiem Willen, nicht Kraft dieser Mandate zu leisten, und behielten
sich das Recht vor, nach Gutdnken Geld zu zahlen oder Mannschaft zu stellen.
Desgleichen erklrten sie sich gegen diese eilig berufenen Reichstage und
bemerkten, da sie unfruchtbar ausfallen mten, wenn nicht alle Stnde des
Reichs dazu aufgefordert wrden. Daher wurden auer dem obigen alle andere
Gegenstnde der Verhandlung bis auf einen nchsten grern Reichstag vertagt,
der auch zu besserer Jahreszeit gehalten werden sollte.
    Stephan und Ursula muten also mit der Hochzeit eilen, was auch Beiden ganz
recht war, da der Knig selbst ihr beiwohnen wollte. In Muffel's Hause fehlte
nun die mtterliche Frauenhand, die Vorbereitungen zu einem solchen Fest zu
leiten, und es fehlte auch der Raum dazu, da der Wrtemberger Frst das Haus mit
seinem Gefolge fllte. Darum bot Elisabeth Scheurl das ihrige dazu an und
bernahm es die Hochzeit darin auszurichten.
    War es doch fast allein ihr Werk, da Ursula das Ziel ihrer Wnsche
erreichte.
    Wohl war Stephen Tucher von leidenschaftlicher Liebe fr Ursula entflammt
gewesen, und in der Trennung von ihr, im neuen Element des selbstgewhlten
Kriegerlebens hatte sich diese Flamme eine Zeitlang an sen Erinnerungen und
verlockenden Zukunftstrumen wie durch die Briefe der Geliebten genhrt. Allein
Stephan war eine vorwaltend sinnliche Natur und sein feuriges Temperament, durch
keine sittlichen Grundstze oder wenigstens nicht durch eine vorwaltende Strke
derselben genugsam gezgelt, war nicht dazu geeignet, die Treue seiner Liebe in
den Prfungen der Trennung auf die Dauer zu bewhren. Ein Brief von ihm an
Ursula, in dem er ihr geschrieben, da sie ihren nchsten Brief nach Wien
adressiren mge, war verloren gegangen; von einem Nrnberger Freund seines
Vaters erhielt er die Nachricht, da Ursula, um ihrem Vater zu gehorchen, ihm
entsagen und in ein Kloster gehen wolle: da sie ihm nicht antwortete, erschien
ihm dieser Umstand glaubwrdig - ja er glaubte ihm gern, weil eben eine
verlockende Wienerin, in allen Stcken das Gegentheil seiner frommen und
keuschen Ursula, ihn reizte. Der verfhrerischen Leidenschaftlichkeit einer
ppigen Frau gegenber erschien ihm Ursula's sittsame Jungfrulichkeit als Klte
und unnatrliche Tugendschwrmerei. Um seine wankende Treue zu rechtfertigen,
sagte er sich, da Ursula keiner wahren Liebe fhig sei, sonst habe sie ihm
nicht widerstanden, da er sie entfhren wollte, ihn nicht selbst fortgetrieben -
jetzt fhrte sie dieselbe Ueberspannung in ein Kloster; er habe lngst
vorausgesehen, da es mit ihr so kommen werde - wer hie ihn auch eine solche
Heilige zu lieben? Da war seine Wienerin ein ganz anderes lustiges Weltkind! In
ihren Armen verga er die stille Ursula und konnte bald darauf jenen Brief an
seinen Bruder Anton schreiben, durch den er seiner Familie so viel Freude und
seiner Ursula so viel Kummer bereitete - das letztere ebenso wenig ohne Absicht,
als das erste; denn er dachte, wenn sie als knftige Nonne hre, wie leicht er
sich ber sie getrstet, werde dies eine verdiente Strafe fr ihre bertriebene
eiskalte Strenge sein. Denn mit dem ganzen Egoismus des gewhnlichen Mannes fand
er nun sein Betragen nicht nur ganz gerechtfertigt, sondern bemhte sich auch
noch Ursula verdchtigen und verdammen und alle Schuld von sich auf sie wlzen
zu knnen. Sie wandelte auf einem Irrpfad, und er ging allein den richtigen Weg
durch's Leben.
    Da kam ihm pltzlich die Kunde von dem Reichstag, der nach Nrnberg
ausgeschrieben, und da er mit Andern den Knig begleiten knne; er freute sich
seiner Vaterstadt sich im Glanz der Ritterschaft zu zeigen und von seinen
Heldenthaten erzhlen zu knnen, denn er hatte sich in der That in mehr als
einem Gefecht und Sturm durch persnliche Tapferkeit ausgezeichnet. Da er
Abschied von seiner schnen Wienerin nehmen wollte, fand er sie in den Armen
eines Andern - und jetzt erst erkannte er ganz den Werth einer
leidenschaftlichen Frau, die, weil sie dem Einen nicht widersteht, sich Jedem
leicht ergiebt - inde Stephan nur seiner Persnlichkeit und einem wahren
Liebesfeuer diese Macht ber sie zugetraut. Er schied mit Bitterkeit und Zorn im
Herzen, die beide um so grer waren, da er eigentlich auf Niemanden weiter
htte zrnen sollen als auf sich selbst, und doch seinem Gewissen nicht
vergnnen wollte, ihm dies mit deutlicher Stimme zu sagen.
    So kam er nach Nrnberg. Ob er daselbst verbleiben oder dem Knig Max zu
neuen kriegerischen Unternehmungen folgen wollte, war er noch unentschieden.
Halb sehnte er sich nach der friedlichen Ruhe daselbst, nach dem weichlicheren
Leben und dessen verfeinerten Genssen, die er in der Vaterstadt zu finden
gewohnt war; aber halb verknpfte sich ihm auch mit diesem Wohnen bei seiner
Familie und in der arbeitsamen Reichsstadt ein Gedanke von Langeweile, der ihn
abschreckte. Das Kriegerleben hatte seine groen Gefahren und Strapazen - aber
es lie sie in immer wechselnden Bildern vergessen, es gab nicht nur Tage,
sondern auch Wochen der Ruhe dazwischen, die in wechselnden Stdten
Abwechslungen und Gensse aller Art boten; er wute, da er als Krieger sich
ungestraft Manches erlauben durfte, was man dem Brger der Reichsstadt als
Vergehen anrechnete - und so wollte er seinen Entschlu noch dem Zufall zur
Entscheidung berlassen.
    Von seiner Familie ward er ehrenvoll und herzlich empfangen, Niemand sprach
mit ihm von Ursula, und er selbst mochte Niemanden nach ihr fragen - er wollte
nicht den Unglcklichen spielen um eines Mdchens Willen, das, statt mit ihm zu
fliehen, es vorgezogen hatte, die Braut des Himmels zu werden.
    Nach einigen Tagen traf ihn Herr Christoph Scheurl, der, wie er damals der
Vertraute seines Liebesverhltnisses gewesen und es begnstigt hatte, um dem
stolzen Loosunger Tucher eine Demthigung zu bereiten, jetzt sein Haupt immer
hher hob, da der Knig bei ihm seine Wohnung genommen, dennoch jenen Plan immer
noch mehr zu vervollstndigen strebte.
    Nun, Herr Stephan, sagte er, meine Gemahlin hat tglich nach Euch gefragt
und erwartet Euch in unserm Hause zu sehen, um den Knig fr Euch und Ursula an
sein gegebenes Wort zu mahnen.
    Da erst klrte es sich fr Stephan auf, da Ursula weder Novize noch Nonne
geworden, sondern nur ganz zurckgezogen von dem Weltleben in Treue und Bangen
seiner Rckkehr geharrt hatte. Stephan war bestrzt und beschmt - er eilte zu
Elisabeth. Er beichtete ihr nicht, er schob alle Schuld auf Ursula, die ihm
nicht mehr geschrieben, an deren Standhaftigkeit er schon da habe zweifeln
mssen, als sie sich geweigert mit ihm zu fliehen; er habe es glauben mssen,
da sie in ein Kloster gegangen, und gestrebt sie zu vergessen, da sie ihm nicht
gehren knne.
    Elisabeth wute genug von Stephan und war genug Kennerin eines solchen
Mnnerherzens, um zu verstehen, da es ihm leicht geworden war, sich ber
Ursula's Verlust zu trsten - und da er eigentlich weder die treue Liebe der
reinsten Jungfrau, noch alle die Thrnen verdiene, die sie um ihn geweint, noch
alle die Schmerzen und Kmpfe, die sie um seinetwillen ausgehalten, und die ihr
doch so schwer geworden, weil sie der eigene Vater ihr bereitet und ihr zartes
Gewissen ihr immer vorwarf, da sie ihm nicht so gehorsam war und ihn nicht so
erfreute, wie er es von ihr forderte. Aber Elisabeth kannte ebenso wohl Ursula
und das liebende Frauenherz. Sie wute, da diese nur in Stephan lebte, da er
ihr Ein und Alles war, da sie selbst ihn niemals lassen werde, auer wenn er
selbst sie von sich stiee, und da es kein entsetzlicheres Geschick fr sie
gab. In dem Gedanken, da Stephan ihrer Liebe nicht werth sei, wrde Ursula am
wenigsten Trost gefunden haben - viel nher lag ihr der, da sie nicht seiner
werth war, sich selbst wrde sie allein alle Schuld beimessen und mit peinvollen
Selbstvorwrfen sich zu Grunde richten. War doch schon jetzt ihre sonst
ungestrte Gesundheit dahin und ihr sonst blhendes Ansehen in ein bleiches
gewandelt, das deutlich von geknicktem Lebensmuthe sprach. Darum ward Elisabeth
Ursula's warme Frsprecherin. Sie schilderte, was sie gelitten und noch leiden
msse in ihrer unwandelbar treuen Liebe - und in Stephan's Herzen wurden die
alten Empfindungen wach. Noch mehr! er begriff, welch' andern Werth ein
weibliches Gemth habe, das so immer sich selbst getreu bleibe in seiner
stillen, schnen Weise, als jenes leidenschaftliche Erglhen sinnlicher Frauen,
das nur den Sinnen gilt und die Gegenstnde wechselt. Ja auch der mnnlich
ritterliche Geist wachte in ihm auf, der ihn anspornte, die schon feige
aufgegebene Geliebte, die er nicht besitzen sollte, sich nun und pltzlich zu
erobern. Schnell und khn wollte er handeln, und ein Augenblick sollte Alles
shnen, um Ursula und den widerstrebenden Vtern zu zeigen, was er vermge.
    Da kam wie gerufen Kunz von der Rosen zu dieser Unterredung. Er hatte
Anfangs seine schne Wirthin da er sie mit Stephan, dessen Glck bei den Frauen
ihm bekannt war, abermals in Verdacht, da sie wieder eine Prfung ihrer Treue
gegen den ungeliebten alten Gatten zu bestehen habe und Stephan vielleicht
minder entschieden zurckweise wie Konrad Celtes. Aber schnell mute er wieder
anderer Meinung werden, als sie ihm zurief, er komme zur guten Stunde, um seinen
klugen Rath zu ertheilen und einem langgeprften Liebespaar zur schnen
Vereinigung zu verhelfen. Nun erzhlte sie ihm Alles - und wie Knig Max einst
ihr und Ursula versprochen, ihnen beizustehen, wenn sie nach Stephan's Rckkehr
dessen bedrfen wrden.
    Kunz war immer gern bereit mit seinem trefflichen Herzen und klugen Kopfe,
Anderen zu ihrem Glck zu verhelfen - er sann ein Weilchen nach, und da man ihm
die Frage bejahet, ob nicht in wenig Tagen ein Maskenfest stattfnde, war er
schnell mit seinem Plane zu Stande. Stephan sollte am Ende eines
Fastnachtsspieles mit der Geliebten vor den Knig treten und von diesem
ffentlich ohne Weiteres verlobt werden. Er selbst wollte vorher Max dafr
stimmen - und Elisabeth, meinte er, brauche ihn nur um seinen Beistand zu bitten
oder im Nothfall ihm die Nadel zu zeigen, so werde er gern ihren Wunsch
erfllen.
    Es war ganz im Geiste dieser Zeit, die sich um zartere Frauenempfindungen
wenig kmmerte, da somit Ursula ohne ihr Wissen zur Theilnehmerin einer
ffentlichen Darstellung gemacht ward, als auch, da es eine Ueberraschung fr
sie sein sollte, ihr ersehntes Glck so pltzlich und ungeahnt zu empfangen - ja
Kunz verlangte, sie solle auch bis dahin Stephan gar nicht sehen und im
Ungewissen ber seine Treue gelassen werden, um dann in ihm mit einem um so
glnzenderen Lohn der ihrigen berrascht zu werden.
    Allein die feiner fhlende Elisabeth drang in Stephan, Ursula wenigstens aus
dem qualvollen Zustand zu reien, in dem sie sich befand, seit sie von seiner
Rckkehr wute, ohne ihn gesehen zu haben, und in dem sie an ihn verzweifeln
mute. Und so eilte er heimlich zu ihr, sobald es geschehen konnte, gab ihr
neues Leben und neue Hoffnung, ohne die ihr zugedachte Ueberraschung ihr zu
verrathen.
    Lag in dieser pltzlichen Entscheidung auf dem Maskenfest immerhin etwas
Gewaltsames, so hatte sie doch gerade fr Ursula das Gute, dadurch, da sie ihr
selbst ganz unvorbereitet kam, sie aller Bedenklichkeit berhoben zu haben und
auch ihrem Vater gegenber vor allen Vorwrfen geschtzt zu sein, die sie etwa
verdient htte, wenn sie ihm gegenber in ein solch' heimliches Complot sich
eingelassen. Im Grunde war auch Gabriel Muffel mit der Entscheidung ganz
zufrieden, da sie der Knig herbeigefhrt hatte, und dem Vater nichts brig
blieb, als zu gehorchen. Durch diese persnliche Theilnahme des Frsten am
Geschick Ursula's war ja auch ihr Vater geehrt, und keiner der Rathsherren
konnte sich rhmen, eine grere Ehre erfahren zu haben. Er war dadurch
gewissermaen an Allen gercht, die ihm noch immer durch schnde Zurcksetzungen
die That und das Geschick seines Vaters wollten entgelten lassen. Der reiche und
stolzangesehene Stephan Tucher war ihm ein ganz erwnschter Eidam - nur mochte
er ihn nicht durch eine Demthigung vor seinem hochfahrenden Geschlechte
erringen noch die Geringschtzung seines Vaters ertragen und sich nachsagen
lassen, da er ihm selbst die Tochter verkuppelt gegen den Willen seiner
Familie. Nun waren mit Eins alle diese Bedenken weggefallen, der alte Loosunger
mute auch gute Miene zum bsen Spiele machen, und Gabriel Muffel durfte sich
freuen, seine einzige Tochter glcklich zu sehen, um die er jetzt immer
bekmmert gewesen, wenn er ihr selbst auch oft gezrnt hatte, da sie -
unglcklich war.
    So war es Ursula nun, als sei sie aus einem bsen Traum erwacht, als sei
eine lange finstere Nacht vergangen und umspiele sie nur ein rosiger Sonnentag.
In ihrem Herzen, im Hause berall sah sie nur Friede und Freude, wo vorher
nichts als Kampf und Schmerz gewesen. Stephan bekannte ihr, da er die Nachricht
von ihrem Entschlu in's Kloster zu gehen, geglaubt und da er versucht habe,
sie in den Armen einer verbuhlten Wienerin zu vergessen - und ber diese, wie
ber andere seiner Verirrungen leicht hinweggehend, machte er nicht nur Ursula
sondern auch sich selbst glauben, da er im Grunde seines Herzens ihr doch so
treu gewesen, wie sie ihm - die keinen Augenblick aufgehrt hatte an ihn zu
denken und fr ihn zu beten.
    Ursula glaubte und vergab, und war selig in ihrer Liebe - sie hatte ja den
Theuern wieder und war am Ziel ihrer khnsten Wnsche.
    So kam der Hochzeitstag heran.
    Es war ein milder Februartag. Schon einige Tage vorher war der Schnee
geschmolzen, und wenn es auch ber Nacht wieder fror, so schien doch die Sonne
schon warm und hell herab, als freue sie sich selbst ber den glnzenden
Hochzeitstag, dem sie zur herrlichen Sebaldskirche leuchtete. Dergleichen war
auch in Nrnberg noch nicht gesehen, wenn schon es immer viel von prchtigen und
absonderlichen Aufzgen voraus hatte.
    Voran schritten die glnzend geputzten Ceremonienmeister und Stadtmilizen,
die dann auerhalb der Kirche ein Spalier bildeten, dem Zuge Platz zu machen.
Dann kamen zwlf Jungfrauen aus den edelsten Geschlechtern Nrnbergs, die beiden
Schwestern Pirkheimer, Beatrix Imhof und Andere - sie waren die Brautjungfern
der Braut und trugen ihr brennende schn bemalte Wachskerzen vor. Ihnen folgte
die Braut im reichsten Schmucke, den Stephan's Prachtliebe ihr gesendet; sittsam
und bescheiden schritt sie einher, nur wissend, wie glcklich und geehrt, aber
nicht wie schn und bewundert sie war. Ihren langen Schleppenmantel von schwerer
weier Seide mit Silber gestickt trugen Edelknaben, die ihr der Kaiser selbst
gesendet, und ihre Hand ruhte in der des erlauchten Grafen Eberhard von
Wrtemberg. Mit warmer Leutseligkeit blickte der hohe Herr zu der zarten
Jungfrau herab, und ein befriedigtes Lcheln ward trotz seines groen dunklen
Bartes, der ihm den Beinamen gab, bemerkbar. Viel wohler war ihm so bei einem
brgerlichen Familienfeste, das wirklich wenigstens zwei glckliche Herzen selig
begingen und das seine Theilnahme ehrte, als bei prunkenden Hof-und
Siegesfesten, die oft dem Volke nur Thrnen kosteten oder mit seinem Blute
erkauft waren.
    Dann kam der stattliche Brutigam Stephan in flimmernder Rstung, den Knig
Max noch vor wenig Tagen gleich seinem Wirth Herrn Christoph Scheurl ffentlich
zum Ritter geschlagen und ihnen so die Adelswrde verliehen, die Stephan's Vater
zwar schon fr seine gedruckte Reisebeschreibung ber den Orient erhalten hatte,
aber doch nur fr sich allein, whrend sie jetzt Stephan und Scheurl auch fr
ihre Nachkommen erhielten. Ihn geleitete Kurfrst Friedrich der Weise von
Sachsen, der immer bereit Frieden und Freude zu stiften und das Gute zu frdern,
wo er es konnte, auch Stephan mit dem anfnglich grollenden Vater vershnt hatte
und nun durch seine persnliche Theilnahme, als wahrer Freund des Hauses sich
zeigte, das er bewohnte.
    Ihnen folgte der lange Zug der Verwandten und Gste. Hans von Tucher fhrte
Elisabeth von Scheurl, die als neue Edelfrau zwar weder stolzer noch prchtiger
gekleidet einherschritt, als sie schon immer gethan, aber heute vielleicht noch
schner war als sonst, weil der Strahl einer milden Rhrung auf ihrer Stirn
ruhte, mit der sie sich sagte, da es ihr Werk war, da die geliebte Ursula dies
schne Fest des menschlichen Lebens begehen konnte. Gabriel Muffel fhrte Frau
Eleonore Tucher, Stephan's Schwgerin, und so folgten noch viele Paare, bis die
Spielleute kamen, die lustige Weisen aufspielten, inde vom Sebaldsthurme alle
Glocken feierlich luteten, bis der Zug durch die herrliche Brautthr die
Weihrauch durchduftete, festlich geschmckte erhabene Kirche betreten hatte und
Braut und Brutigam am Hochaltar vor den trauenden Priester knieeten.
    Eine groe Menschenmenge war in der Kirche versammelt, und als Elisabeth um
sich blickte, gewahrte sie Eberhard von Streitberg mit dem Propste Anton Kre im
Gesprch. Sie hatte jenen seit dem Maskenfest nicht wiedergesehen, denn wie
schon vor diesem, seit sie nur wute, da er hier war, hatte sie jeden Ausgang
vermieden, um ihm nicht zu begegnen, und ihn darum auch nicht wiedergesehen,
noch von ihm gehrt. Was wollte er immer wieder hier, wenn er nicht ihretwillen
kam? was mute sie von ihm frchten? was hatte er mit dem Propst so
angelegentlich zu reden und dabei auf sie herabzublicken, als sei sie der
Gegenstand des Gesprches? - Ihr grauete, und doppeltes Weh erfate sie an
dieser heiligen Stelle, an der sie selbst ein frevelhaftes Ja zu dem ungeliebten
Mann gesprochen, weil jener Einst-Geliebte sie um den Glauben an die Liebe und
an die Mnner betrogen hatte. Sie war froh, als die Trauung vorber war und sie
sich diesen Basiliskenblicken wieder entziehen konnte.
    In ihrem Hause ward das glnzende Hochzeitsfest gefeiert, dem auch der Knig
mit Kunz von der Rosen und andern seinen Rittern selbst beiwohnte. Auch der
Markgraf von Brandenburg war erschienen und noch viele hohe Gste, sammt Allen,
die am Hochzeitszug sich betheiligt.
    Auch Konrad Celtes war zugegen. Knig Max selbst hatte seine Gegenwart
gewnscht und beschlossen, den Dichter ganz an sich zu fesseln, Elisabeth sah
ihren Wunsch erreicht, ihr eigenes Streben dazu war mit einem glcklichen Erfolg
gekrnt: in ihrem eigenen Hause sah sie den Knig und den Dichter vereint und
sich nahe gebracht, wie sie schon vor zwei Jahren zu Knig Max gesprochen: Mich
kmmert es wohl, die beiden einzigen Mnner, die ich als die edelsten ihres
Geschlechtes verehre, berufen, dem gesunkenen deutschen Reiche wieder
aufzuhelfen, Hand in Hand wirken zu sehen und die neue Zeit heraufzufhren, der
Alle, welche denken knnen, sich entgegensehnen.
    Elisabeth beobachtete gegen Celtes wie gegen den Knig eine gleich strenge
Zurckhaltung - eine strengere als vordem. Weder dem Einen noch dem Andern hatte
sie ein Alleinsein mit ihr gestattet, obwohl der knigliche Gast in einer
aufgeregten Stunde einen Versuch gemacht hatte. Sie hatte sich Kunz von der
Rosen zu ihrem Schtzer und vertrauten Freund gewhlt und ihm darauf gesagt, da
sie von ihm fordere, dafr einzustehen, als des Knigs kluger Rath, da jener
das Recht der Gastfreiheit nicht verletze, noch da sie selbst genthigt werde
es zu thun. Kunz nahm dabei noch einmal vor der ernsten Frau die Narrenmtze ab
und sagte, da er sich freue, unter allen feinen Kunststcklein Nrnbergs das
feinste bei ihr zu finden: das schne Weib eines alten Gatten, das ihm, selbst
dem schnsten und mchtigsten Herrscher gegenber, die Treue bewahre - und er
werde Alles aufbieten, da solch' heilig Kunstwerk selbst unverletzt bleibe, ja
unbedroht von jedem Vandalismus.
    Seitdem war ihr der Knig mit erneuerter Achtung begegnet, und als sie an
dem Hochzeitsfest, da er im Gesprch mit Celtes war, in seine Nhe kam, rief er
sie zu sich und sagte:
    Nun, edle Frau - seid Ihr nun mit mir zufrieden? Mir fiel eben ein, wie ich
einst mit Euch tanzte und Euch versprach, jede Bitte zu erfllen, die Ihr an
mich richten mchtet: Ihr batet fr das Brautpaar und fr Konrad Celtes - fr
Euch selbst wutet Ihr nichts, und endlich besannt Ihr Euch darauf, da ich
einmal in Eurem Hause wohnen mchte. Das ist geschehen und auch das Andere ist
erfllt: das Brautpaar ist heute vermhlt und Konrad Celtes wird mich begleiten
und im Dienste des rmischen Knigs Greres noch wirken knnen, als in dem des
Bischofs von Worms.
    Majestt, sagte Elisabeth, verzeiht, wenn ich noch nicht die rechten
Worte fand fr meinen Dank!
    Nicht Dank! antwortete er. Als ich Euch die Rose gab, sagte ich Euch, da
ich, wenn Ihr sie mich wiedersehen lieet, Euch jeden Wunsch erfllen wrde, den
Ihr daran knpft. Die Rose habt Ihr wohl mir immer zu Ehren getragen, aber einen
Wunsch habt Ihr nicht daran geknpft.
    Ihr sagt es selbst, antwortete sie, da Ihr heute alle meine Wnsche
erfllt habt - fr mich selbst ist nichts mehr brig zu wnschen - und zu
hoffen! dachte sie dabei und lchelte befriedigt, weil sie vor uneingestandenen
Schmerzen htte weinen mgen. Die Rose bleibt mir als Talisman, fuhr sie fort,
wer wei, welche Gnade ich noch einst damit von Euch erbitte - heute kann ich
Euch nur danken fr die schon erwiesene.
    Der Knig schttelte mit dem Kopf und meinte, sie wolle nicht nur darum
nichts von ihm erbitten, damit er nicht dafr zum Danke Unziemliches von ihr
verlange - er wendete sich darum fast unwillig, weil er beschmt war von ihrer
klaren Frauenhoheit, schweigend von ihr ab.
    Konrad Celtes blickte sie wohl traurig an, aber er verstand sie doch nicht
ganz - nur das weiche Gemth in Kunz fhlte, welch' eine Tiefe von Schmerz und
Entsagung sich hinter diesem stolzen Lcheln verbarg - er konnte sich nicht
helfen: er mute ihr die Hand drcken und dann einen Augenblick sich abwenden,
damit Niemand die Thrne she, die in seinem Auge stand.

                                Neuntes Capitel



                                 Verurtheilung

Im Benediktinerkloster hatte man den beiden Baubrdern zu ihrem Nachtquartier
eine gemeinschaftliche Zelle angewiesen, welche sich etwas gesondert von den
eigentlichen Mnchzellen nahe am Thor bei der Wohnung des Pfrtners befand.
    Ermdet von dem ziemlich weiten Weg, den sie zurckgelegt, und von der
Arbeit die sie nach kurzer Ruhe vorgenommen, warfen sie sich bald auf das ihnen
bereitete Lager.
    Neugierig bin ich, sagte Hieronymus, wie sich die Geschichte mit dem
Sacramentshuslein aufklren wird. Wer wei, welche rohe Hand sich daran mag
vergriffen haben.
    Kaum kann es anders als in einem Anfall von Wahnsinn, einen Wuth-Paroxismus
geschehen sein, sagte Ulrich.
    Wer wei, ob nicht ein widerwilliger Novize oder ein Mnch, der vielleicht
ein vorschnell abgelegtes Gelbde bereut, diese Empfindungen im tollen Frevel an
dem Allerheiligsten ausgelassen; wer wei, ob nicht der Abt schon etwas davon
ahnte oder wute und sehr ungelegen durch Dich an seine Pflicht erinnert ward,
bemerkte Hieronymus.
    Vielleicht erfahren wir es von dem Bruder Konrad, antwortete Ulrich, der
schon unsere Ansicht ausgesprochen und doch damit zurckgewiesen worden war.
    Hast Du ihn schon nach dem Bruder Amadeus gefragt? begann Hieronymus nach
einer Pause; der Abt sagte ja, da dieser noch einmal Bericht ber das
zerstrte Tabernakel ablegen sollte - und sagtest Du nicht, da er an
Geistesstrungen leiden solle?
    Ulrich antwortete: Ich sprach nichts mit Konrad, was Du nicht gehrt. Nach
einigem Besinnen fgte er hinzu: Ich traf Amadeus in der Kirche und wollte ihm
das Kreuz geben; da rief man ihn ab - ich konnte nicht wagen weiter mit ihm zu
sprechen - er schien mir allerdings nicht recht bei Sinnen zu sein.
    Hieronymus sagte nur noch unter Ghnen: Die Rthsel werden sich wohl lsen,
es kommt ja immer Alles an den Tag - ich bin zu mde, um mir jetzt noch lange
den Kopf darber zu zerbrechen. Bald darauf lie er ein lautes Schnarchen hren
und bewies, da der ermdete Krper den Schlaf gefunden, den er bedurfte.
    Ulrich bedurfte ihn wohl nicht minder, aber ihm blieb er fern. Er setzte
sich in seinem Lager auf, sttzte den wirren Kopf in die Hand, den Ellenbogen
auf eine Strohschicht gestemmt, ob so vielleicht das emporgehobene Haupt ihm
leichter werde und der Alp weiche, der auf seiner Brust zu ruhen schien. Das
Bild seiner Mutter Ulrike, die er ber Alles geliebt, stand vor ihm. Er rief es
sich zurck in all' der zarten Sorge, mit der sie ber seine Kindheit gewacht;
er hatte den sanften schmerzlichen Zug der Entsagung nicht vergessen, der ihrem
edlen Antlitz seinen eigenthmlichen Ausdruck gab, noch die ganze stille Wrde
ihres Wesens, mit der sie sich vor den andern Buerinnen seines Heimathdorfes
auszeichnete, trotzdem sie die niedrigsten Arbeiten verrichtete gleich ihnen, ja
oft das Schwerste vollbrachte, inde der Vater ein faules Leben fhrte, ihr
keine Arbeit erleichterte und nur that, was er mute. Dieser war ein
gewhnlicher roher Bauer, der die Mutter mit Hrte und den Sohn mit
Gleichgltigkeit behandelte, oder sich gar nicht um ihn kmmerte. Es war darum
doppelt natrlich, da dieser nur an der Mutter hing, es herausfhlte, da sie
unglcklich war, und darum, als ihm beide Eltern verschwunden, den Verlust des
Vaters leicht verschmerzte, ber den der Mutter aber lange Zeit untrstlich war.
Sie war es auch gewesen, die ihn als Hirtenknaben dem Kloster zugefhrt und
immer gewnscht hatte, da er von den weisen Benediktinermnchen mehr lernen
mge, als auerhalb des Klosters dem Kinde eines Dorfes mglich war, in dem es
keine Schule gab, noch sonst Jemanden, ein Kind zu unterrichten. Ihr eigenes
sinniges Gemth nur, das aus allen Werken und Walten der Natur das Schne mit
offenem Auge herausfand, hatte auch schon frh die Augen des bildsamen Knaben
dafr geffnet und damit den ersten Grund schon unbewut gelegt zu seiner Liebe
fr die Kunst. Sechszehn Jahre waren nun seit der Trennung von dieser theuern
Mutter vergangen. Man hatte ihn erst lange mit der Hoffnung hingehalten, da sie
wohl wiederkehren werde, und er hatte es sich selbst fr unmglich gedacht, da
sie ihn verlassen und nie wieder nach ihm fragen knne - und da es nicht
geschah, nahm er an, sie sei todt, und wenn er dann betete, richtete er seine
Gebete, statt an die Mutter Gottes, an seine eigene verschwundene Mutter, die
sich ihm zur Heiligen verklrt hatte.
    Da mute ihm, als er aus dem Kloster in die Bauhtte zu Straburg ging, der
Benediktinermnch Anselm den doppelten Glauben an seine Mutter durch das Gelbde
zu rauben versuchen, das er ihm abnahm: nie nach seiner Mutter zu forschen, weil
man Unwrdiges von ihr gesagt. Er hatte diesen Schwur gehalten, die Kunst selbst
war ihm sein Alles; Mutter, Heilige, Geliebte, war seine Religion geworden; er
hatte sich losgerissen von allen irdischen Banden, von allen Wnschen, Plnen
und Hoffnungen, die nicht Hand in Hand gingen mit seinem kunstgeweihten Streben
- und nun, seit er hier in Nrnberg war, kamen diese Mahnungen an seine
Vergangenheit, an seine Mutter.
    Der Propst Kre und Amadeus sprachen von ihr wie von einer Unglcklichen,
Verirrten, noch Lebenden - Amadeus nannte ihren Namen Ulrike. So gab es zwei
Wesen auf der Welt, die dem Sohn von der Mutter Auskunft geben konnten - und
vielleicht hatte er diese Auskunft zu scheuen, vielleicht weihete sie ihn der
Schande, ward ihm zum Fluch! Was war denn Amadeus seiner Mutter, was war er denn
ihm? Was redete er denn zu ihm von Liebe zu ihm, die ihn zu einem Frevel
getrieben - von Vatermord und Gericht? War es Wahnsinn? und war nicht etwas
Ansteckendes in diesem Wahnsinn?
    Als strecke der Wahnsinn in einer grausen Gestalt seine Krallen nach Ulrich,
als setze er sich auf sein Lager, rckte ihm nher und nher und schaue
unverwandt auf ihn mit hohlen Augen, aus denen rothglhende Blitze schossen -
und als wandele er sich dann in die Gestalt des Mnches Amadeus - so war es
Ulrich! Dann wieder sah er seine Mutter vor sich, die frommen Augen auf ihn
gerichtet, segnend und betend, aber dann war er in der Bauhtte, die schwarz
ausgeschlagen war; die Baubrder umstanden ihn und spieen ihn an, und der
Httenmeister zerbrach das Richtscheit ber ihm, inde der Pallirer sein
Monogramm aus den Steinen kratzte - und dann hing sich Rachel, das Judenmdchen,
an ihn - pltzlich erschien die stolze Elisabeth Scheurl und neigte sich ber
ihn - da war es, als wichen alle Dmonen und alle Qualen - sein Herz ward gro
und ruhig.
    Er wute nicht, ob das Bilder waren einer wachen, zum Fieber erhitzten
Phantasie, eines von mannigfachen Eindrcken gengsteten Gemthes, oder eines
Traumes, der seinen Schlaf beunruhigt - er ward sich nur bewut, da von alledem
Elisabeth's Bild der letzte und bleibende Eindruck gewesen - der Gedanke an sie
war ihm durch die Begegnung mit Streitberg gekommen - und er hing ihm noch nach,
um eine Weile Amadeus und seine Worte zu vergessen.
    Am folgenden Morgen wohnten die Baubrder der gemeinschaftlichen Messe mit
bei, dann gingen sie still an ihre Arbeit. So verging eine Woche eintnig und
ohne Unterbrechung. Amadeus sahen sie nicht, mit Niemand sprachen sie, nur mit
Konrad wechselten sie zuweilen einige Worte.
    Eines Tages gegen Mittag berief man sie in's Conclave.
    Sie fanden alle Klosterbrder versammelt. Der Abt sa in der Mitte vor einem
schwarzbeschlagenen Eichentisch, auf dem sich Schreibgerth und Aktenstcke
befanden. Zwei Mnche saen daran ihm zur Seite, die andern standen.
    Als Alle versammelt waren, erhob sich der Abt und sagte: Ich habe Euch Alle
in einer traurigen Angelegenheit berufen mssen. Ein schweres Verbrechen ist in
unsern Mauern, in unserer Kirche verbt worden; einer unserer Brder hat es im
Wahnsinn begangen. Hret die Mittheilung. Er winkte dem beisitzenden Mnch, und
dieser las nach einer salbungsreichen Einleitung.
    Am ersten Tage des Hornung hatte der Bruder Amadeus die Nachtwache in der
Kirche. Nach Mitternacht lutete er im Kloster, wo man lutet, wenn ein Feind in
der Nhe ist, oder Feuer, oder dem Kloster irgend eine Gefahr droht. Bleich und
zitternd vor Schrecken meldete er, da whrend er sich in der Kirche an einem
Seitenaltar befunden, pltzlich ein Krachen durch die Wlbung gegangen, alle
Thren zusammengeschlagen seien, wie eine Wolke von Staub neben dem Hochaltar
aufgestiegen, und er dann hinzueilend gesehen, da derselbe durch das
Herabfallen des oberen Theils des Sacramentshusleins entstanden. Wir eilten
Alle in die Kirche und sahen das Werk der Zerstrung, sonst war nichts darin
geschehen und Alles unverndert. Der Novize Konrad stellte auf, da das Werk nur
gewaltsam und von Menschenhand knne abgebrochen sein, aber Niemand konnte dem
Glauben schenken. Es ward beschlossen, das Weihbrodgehuse so schnell und schn
als mglich wieder herstellen zu lassen und Einen aus unserer Mitte gen Nrnberg
zu senden zu seiner Hochwrden dem Herrn Propst Anton Kre, uns zwei Baubrder
zu senden. Bruder Amadeus bat um diese Sendung als Gunst, und weil er der Erste
gewesen, der die Zerstrung gesehen und den heftigsten Schrecken gehabt, so
erhielt er den Auftrag, und da er am Abend zurckkehrte, schien er ihn auf's
Beste ausgerichtet zu haben. Da behaupteten die herbeigerufenen Baubrder, da
die Zerstrung nur von Menschenhand geschehen sein knne; wir beriefen Bruder
Amadeus noch einmal genauen Bericht von ihm zu hren. Kein Verdacht hatte sich
gegen ihn geregt. Er aber fiel auf seine Kniee und bekannte freiwillig, wie er
sagte, durch die Worte Ulrichs von Straburg im Gewissen getroffen, wie durch
die Angst, da man statt seiner einen Unschuldigen verdchtigen knne, da er
selbst mit eigenen frevelhaften Hnden in jener Mitternacht das Kunstwerk
herabgerissen und zerschlagen. Nichts hat er angegeben, was ihn zu der
ungeheuren, himmelschreienden That verleitet haben knne - er hat die Gre
seines Verbrechens eingesehen und ist darauf gefat, es mit dem Tode zu ben.
Da er aber schon frher, besonders vor anderthalb Jahren, Spuren und Ausbrche
von Wahnsinn gezeigt, und er sonst nichts begangen, wodurch man ihn einer
solchen Versndigung an dem Allerheiligsten fr fhig halten knnte, so ist
nicht anders anzunehmen, denn da ihn wieder der Wahnsinn ergriffen hat. Er ist
darum in seiner Zelle an die Kette gelegt worden und wird als Wahnsinniger
behandelt werden. Alle Tage werden wir fr seine Seele beten, damit der bse
Geist von ihm weiche.
    Wohl Keiner hatte diesen Bericht ohne Schauer vernommen - aber am meisten
war Ulrich davon ergriffen. War Amadeus ein Wahnsinniger? war er es nicht?
    Gerade jetzt hielt ihn Ulrich am wenigsten dafr. Die Worte, die ihm so
erschienen: Sie holen mich in's Gericht - und: ein Mnch, der Euch sein
Todesurtheil dankt - die waren nun sehr klar und wahr. Denn war auch hier kein
Todesurtheil ausgesprochen, so hatte Amadeus doch nach seinem Bekenntni ein
solches erwarten knnen, und das Schicksal, das ihm nun bereitet war, erschien
ihm selbst jedenfalls hrter als der Tod. Und waren nun die andern Worte auch
klar und wahr: Aus Liebe zu Dir beging ich den Frevel; ich wollte meine Hand
segnend auf Deinen Scheitel legen - es ist meine Shne, da ich durch meinen
Sohn sterbe!
    Kalte Schauer durchrieselten Ulrich - eine furchtbare Angst kam ber ihn,
eine grliche Empfindung, die er noch nie gekannt: vielleicht ein Verbrechen
wider die Natur begangen zu haben, da er nur meinte, da er Worte der
Gerechtigkeit geredet.
    Konnte es denn sein? war denn Amadeus wirklich in einer Beziehung zu seiner
Mutter gewesen? war er ihr Entfhrer vielleicht in jenem Kampfe, der die Mutter
dem Sohn geraubt? oder hatten sie noch frher, ehe er denken konnte, ehe er war,
einander nahe gestanden - war nicht jener Bauer, den er nie geliebt, sein Vater
- war es dieser Mnch? Mute er ihn dann hassen oder lieben? War er nicht der
Urheber seiner und seiner Mutter Schande - und doch seines Lebens?
    Wie sich kreuzende Dolche durchzuckten ihn diese Gedanken, schnitten in
seine Seele, whlten in seinem Herzen.
    Drauen im Kreuzgang kam er in Konrad's Nhe. Wie im Vorbergehen drngte er
sich dicht an ihn und sagte: Ich mu Dich allein sprechen, wann kann es
geschehen?
    Ich komme zu Nacht in Deine Zelle, antwortete Konrad.
    Nein - da ist Hieronymus mit.
    Konrad sah Ulrich verwundert an: wie mochte ein Baubruder dem andern nicht
trauen? Ich will darber nachdenken und es Dir bei der Arbeit sagen.
    Aber verschieb' es nicht lange! drngte Ulrich.
    Mehr durften sie nicht wagen zusammen zu sprechen.
    Ulrich's sonst so krftige und geschickte Hnde zitterten bei der Arbeit. Er
vermochte kaum das Richtscheit gerade zu halten, noch den Meiel da
hineinzusetzen, wo er ihn hin haben wollte. Hieronymus sah ihm verwundert zu.
Aber Keiner sprach. Wie gestern arbeiteten die Mnche und Novizen mit ihnen.
    Da sie von der Arbeit gingen, sagte Konrad zu Ulrich: Komm um Mitternacht
in die Kirche an das Tabernakel. Der Bruder Martin hat die Nachtwache, der strt
uns nicht.
    Ich komme gewi! antwortete Ulrich.
    Als er mit Hieronymus wieder in der Schlafzelle allein war, sagte dieser:
Es ist doch eine sonderbare Geschichte mit dem Sacramentshuslein - glaubst Du,
da der Mnch wirklich verrckt ist, oder da man uns nur etwas damit wei
machen will?
    Meinst Du? gegenfragte Ulrich; ich wei nicht, was ich dazu denken soll.
Nur ein Wahnsinniger scheint mir so etwas thun zu knnen, das gar keinen Zweck
hat - oder knntest Du Dir hierbei einen denken?
    Wenn es nun doch ein verzweiflungsvoller Mnch wre, der das Leben nicht
mehr ertragen knnte und vielleicht unfhig zum Selbstmord etwas thun wollte,
danach man ihn zum Tode verurtheilte? sagte Hieronymus.
    Dann htte er ja seinen Zweck nicht erreicht, bemerkte Ulrich.
    Sein Kamerad lchelte: Denkst Du, man wird sich begngen ihn in Ketten zu
legen, bis er etwa wieder zur Vernunft kme? Man wird ihn darin verhungern und
umkommen lassen.
    Meinst Du? fragte Ulrich entsetzt.
    Ich mte diese Mnchsjustiz nicht kennen! sagte Hieronymus ghnend und
legte sich ruhig schlafen.
    Ja, er kann schlafen! dachte Ulrich; er ist ja unschuldig an dem, was dem
Unglcklichen geschieht - er htte vielleicht geschwiegen - nur ich enthllte
den Frevel und forderte Rechenschaft dafr - - Hieronymus kann schlafen - ihm
sagt sein Gewissen nicht, da er vielleicht einen Vater ermordet - ihn klagt das
Wimmern dieses Verschmachtenden nicht an als seinen Mrder - und ihm ist nicht
die Wahl geboten: nach einer entsetzlichen Enthllung zu verlangen, oder ihr zu
entfliehen und sich die Mglichkeit zu rauben, je Gewiheit ber sich selbst zu
erhalten. O du glcklicher Hieronymus!
    Zum ersten Mal stieg in Ulrich's edler Seele etwas auf wie Neid gegen ein
anderes Wesen, und aus seiner Brust rang sich ein dumpfer Seufzer, inde sein
Kamerad friedlich und tief Athem holte im ruhigen Schlaf.
    Leise erhob sich Ulrich, da es schon lange elfmal an der Klosteruhr
geschlagen, und schlich durch den finsteren Kreuzgang in die Kirche. Der Mond,
der sich zum letzten Viertel neigte, war eben aufgegangen und leuchtete durch
die gothischen Fenstern herein, an denen Eisblumen aufblthen, inde silberner
Schnee in den steinernen Bogen und Zacken hing.
    Er trat in die Kirche. Konrad erwartete ihn schon an der bestimmten Stelle.
    Der Bruder Martin ist dort in der Ecke eingeschlafen, sagte er, wir
knnen ungestrt zusammen reden. Er ist ein guter Alter, der mir manchen Trost
zugesprochen und manche Freundlichkeit gewhrt. Dafr such' ich ihm wieder
andere zu erweisen. Da er den Schlaf, ungern entbehrt, so habe ich schon ein
paar Mal hier fr ihn gewacht: aber da dies eigentlich kein Novizenamt ist, so
mu er mit in der Kirche sein fr den Nothfall; doch erfreut er sich auch in
einem Kirchenstuhl eines gesegneten Schlafes. Es pate gerade, da er heute die
Wache hat - sollte er wirklich erwachen und Dich hier finden, so drckt er mir
zu Liebe auch ein Auge zu; wir haben also in keinem Fall etwas zu frchten. - Es
freut mich, ungestrt mit Dir plaudern zu knnen - aber mir schien auch, Du
habest etwas Wichtiges auf dem Herzen. So rede!
    Gewi! antwortete Ulrich, und ich vertraue Dir - kein Baubruder wird den
andern verrathen!
    Meine Hand darauf! sagte Konrad; knntest Du in mein Herz sehen! und er
reichte ihm die Hand mit dem Drucke der freien Steinmetzen.
    Sage mir, was Du von Amadeus weit! bat Ulrich; verhlt sich Alles so,
wie wir heute vernommen?
    Alles, antwortete Konrad.
    Ist Amadeus wirklich wahnsinnig?
    Der Novize zuckte die Achseln: Ich kann es mir selbst nicht anders denken -
doch mcht' ich auch keinen Eid darauf ablegen; ich habe ihn auerdem sehr
vernnftig sprechen hren, doch bin ich noch kein Jahr im Kloster, und die
Andern sagen, da er frher schon solche Anflle gehabt.
    Und was wird nun sein Geschick sein?
    Auf jeden Fall ein schreckliches; in dem finstern Loch an der Kette bei
Wasser und Brod wird man ihn verschmachten lassen - vielleicht auch einmauern -
    O Gott! und ich habe ihm dies Loos bereitet! rief Ulrich auer sich; Du
sagtest, da Du schon auf die willkrliche Zertrmmerung aufmerksam gemacht und
da man Dir nicht glaubte; man wollte vielleicht diese schreckliche Strafe
vermeiden - und nur durch mich ist der Schuldige gefunden und zum Opfer
geworden!
    Du sagtest ja selbst, da ein solcher Frevel Strafe verdiene! entgegnete
Konrad verwundert.
    Im Eifer fr die Kunst verga ich den Menschen! seufzte Ulrich. Kannst Du
mir nicht helfen, diesen Amadeus zu sprechen.
    Wozu sollte das fhren? - es wird auch gar nicht mglich sein.
    Konrad - ich beschwre Dich - verrathe mich nicht! Hilf mir! Ich mu ihn
sprechen - ich glaube, er ist ein Verwandter von mir. - Hast Du nie etwas von
seinem frhern Geschick - seiner Herkunft gehrt?
    Da er einst ein stolzer Ritter gewesen und vor ungefhr dreizehn Jahren in
das Kloster gekommen, hat er mir selbst erzhlt. Er habe schwere Snde auf sich
geladen gehabt und sich in diesem Walde das Leben nehmen wollen - da er aber das
Schwert gegen sich selbst erhoben, habe ihm ein Mnch dasselbe entreien wollen,
so da er sich nur verwundet; der Mnch, eben der Bruder Martin, der dort
schlft, hatte den Bewutlosen mit in das Kloster genommen und hier den an der
Wunde und einem hitzigen Fieber schwer Darniederliegenden verpflegt. Als er
wieder zu genesen begann, blieb er im Kloster, um wenigstens fr die Welt
drauen todt zu sein, und ward Mnch, um seine Snden zu ben. Das hat er mir
selbst erzhlt, da er mich fragte, warum ich so jung schon Zuflucht in diesen
Mauern suchte.
    Du wolltest uns Deine Geschichte erzhlen! sagte Ulrich.
    Ich glaubte, Du habest mich darum hierher bestellt, antwortete Konrad,
aber Du scheinst jetzt nicht aufgelegt, sie zu hren?
    Doch - versetzte Ulrich; vielleicht gleicht sie der meinen.
    Da sei Gott vor! rief Konrad im schmerzlich abwehrenden Tone. Aber ich
kann Dir Alles mit wenig Worten sagen. Meine Mutter war eine Wittib in
Regensburg, und da mich meine Liebe frhe zur Kunst zog, so lernte ich dort in
der Bauhtte und ward in die Zunft der freien Steinmetzen aufgenommen. In dem
Hause, in dem wir wohnten, hatte die Tochter unserer Hausfrau ein Auge auf mich
geworfen, aber ich wollte meinem Gelbde treu bleiben und folgte nicht ihren
Lockungen, obwohl ich das Mdchen selbst lieb hatte und es mir manchen schweren
Kampf kostete, in meinem Vorsatz fest zu bleiben. Das Mdchen war unglcklich
und liebeskrank; ihre Mutter machte mir Vorwrfe und fragte, ob ich ihr die
Tochter ermorden wolle oder nicht? Ich hatte keine andere Antwort, als meinen
Schwur als Baubruder, der mich zum Clibat verdammte - da sagte sie: dann wisse
sie einen Rath. Ich blieb dennoch von ihr zurckgezogen. Nicht lange darauf
erhielt meine Mutter eine gerichtliche Vorladung, deren Inhalt ich nicht erfuhr,
und wieder nicht lange darauf ward mir in der Bauhtte angekndigt, da man mich
aus derselben stoen msse, denn meine Zeugnisse seien falsch gewesen: ich sei
nicht von ehrlicher Geburt. Meine Mutter habe mich zwar fr das Kind ihres
Gatten ausgegeben - aber jetzt habe sie selbst auf Befragen gestanden, da ich
der Sohn des reichsten Nrnberger Patriziers Christoph Scheurl sei. Ich sei
dadurch unwrdig bei der Genossenschaft freier Maurer zu bleiben. Um meiner
Jugend Willen aber und weil ich noch in den untersten Graden sei, wolle man mich
nicht mit Schimpf und Schande ausstoen, dafern ich selbst meinen Austritt
erklre, um mich in ein Kloster zurckzuziehen. So mute ich diese
Zufluchtssttte whlen, um nicht als Gechteter einen ewigen Schimpf auf mich zu
laden. So kam ich hierher. Das ganze Unheil hatte unsere Hausfrau angestiftet,
der es bekannt war, da kein unehrlich Geborener Baubruder sein durfte. Sie
wollte dadurch ihrer Tochter und vielleicht mir selbst zum Glck verhelfen und
dachte, ich knne als profaner Steinmetz mit ihr verbunden berall Arbeit finden
- so hatte sie verrathen, was ihr meine Mutter schon einst vor vielen Jahren in
einem Moment unbedachter Eitelkeit offenbart: da ich eigentlich ein vornehmer
Herr sein sollte, da ein Rathsherr von Nrnberg mein Vater. Ich aber flchtete
vor der Schande in's Kloster, deren Bestrafung auch nur dadurch meiner Mutter
erspart blieb. Das unglcklich liebende Mdchen ist gestorben - und ihre Mutter
hat durch dies gewaltsame Eingreifen so den Tod des eigenen Kindes und unser
Aller Unglck verschuldet!
    Ulrich fhlte sich bei dieser Erzhlung von kaltem Schauer geschttelt - er
war keines Wortes fhig, da der Jngling geendet - umarmte ihn und sagte nur:
Bruder!
    Du verachtest mich deshalb nicht? fragte Konrad.
    Nein! rief Ulrich; denn ich glaube mehr an den Gott der Liebe, denn an
den der Strenge, der die Snden der Vter an den Kindern heimsucht bis in's
dritte und vierte Glied!
    Dank Dir dafr! antwortete Konrad. Nach einer Pause, in der jeder seinen
Gedanken nachhngen mochte, sagte er: Und warum willst Du zu Amadeus?
    Ich mu ihn um Vergebung bitten - sagte Ulrich; er wollte mir etwas sagen
vorgestern Morgen, als man ihn abrief - ich mu es wissen.
    Vielleicht kann es morgen Nacht geschehen - verla Deine Zelle um
Mitternacht, ich will Dich an Deiner Thr abholen, wenn es mir mglich wird,
Dich in das unterirdische Gefngni zu fhren.
    So trennten sie sich, noch aufgeregter als wie sie gekommen.

                                Zehntes Capitel



                                   Die Juden

Der Jude Ezechiel, der an dem Abend, wo eine Schaar von einer Zeche
heimkehrender Handwerksgesellen ihn berfallen und gehnselt und die Baubrder
ihn beschtzt hatten, von der Stadtwache mitgenommen und eingesperrt worden war,
mute mehrere Tage zur Strafe fr seinen Gang durch die Stadt zu einer den Juden
nicht vergnnten Stunde in einem dstern Loche zubringen, ohne da sich weiter
Jemand um ihn kmmerte.
    Es war nicht das erste Mal in seinem Leben, und was ihn dabei jammerte, war
nicht sowohl die Haft und der grliche Aufenthalt, als die Zeit, die er dabei
fr sein Geschft verlor, und die Voraussicht auf die Schuldbue, die er fr
sein Betreten des verbotenen Stadttheils zahlen mute, ganz abgesehen davon, da
er schon auf der Gasse von den Gesellen so gut wie ausgeplndert worden war, und
was er von seinen Waaren noch selbst zusammengerafft, das hatte er dennoch nicht
gerettet: denn was die Stadtsoldaten und Gefngniwachen davon fr sich
verlangten, das mute er ihnen geben, damit sie nur nicht gar zu unglimpflich
gegen ihn verfuhren. Ein Trost war es ihm, da Rachel entkommen und nicht mit
ihm eingefangen war; das hbsche Mdchen wre in diesen Hnden wahrscheinlich
einer rohen und schimpflichen Behandlung ausgesetzt gewesen. Aber worin dabei
die Hauptfreude des Juden bestand, war, da auf diese Weise doch der kostbarste
Gegenstand, den der letzte Handelsgang in seinen Besitz gebracht, gerettet war:
ein Ring von Gold mit einem ganzen Kranz herrlicher Edelsteine besetzt, den er
seiner Tochter anstecken lie, um ihn so unter deren wollenen Fausthandschuhen
am sichersten zu wahren. Von dem Ritter von Streitberg, der wieder auf
Weyspriach's Schlosse eingekehrt war, ehe er nach Nrnberg kam, hatte er diesen
Ring zum Pfand gegen Darleihung einer ziemlich groen Geldsumme erhalten, die
der Ritter bedurfte, um standesgem zur Zeit des Reichstags in Nrnberg zu
erscheinen. Aber es sollte nur ein Pfand sein, das der Ritter versprochen in
vier Wochen wieder einzulsen; bis dahin hoffte er das Geld zu erhalten - wenn
nicht durch seine rechtmigen Einknfte: durch Straenraub oder Glcksspiel,
denn in dem damals noch nicht lange aufgekommenen Kartenspiel, das, ursprnglich
als ein Kriegsspiel, eine beispiellos schnelle Verbreitung fand, wie denn in
Nrnberg es bald eine ganze Zunft von Kartenmachern und Malern gab. Der Jude
aber hatte schon oft erfahren, da die Verfallzeit solcher Pfnder kam, ehe sie
eingels't waren, und da auf diese Weise sich die besten Geschfte machen
lieen. Er hatte dieselbe Hoffnung auch in diesem Falle.
    Inde war Rachel in derselben Nacht, in der Ulrich sie beschtzt hatte,
durch die finstersten Glein sich schleichend, wohlbehalten in ihre Wohnung
gekommen, in der ihr Bruder Benjamin zurckgeblieben. Nicht ohne Mhe hatte sie
den Schlafenden erweckt, der nun in dieser Winternacht die Seinen nicht mehr
erwartet hatte.
    Sie erzhlte ihm, was vorgefallen. Der Bruder wunderte sich hchlich, da
sie christliche Beschtzer gefunden und noch dazu hochmthige Baubrder, die da
vollends meinten, wie er sich ausdrckte, aus ganz anderem besonderen Teige
geschaffen zu sein, denn andere Menschenkinder. Rachel sagte ihm aber nicht die
Namen derselben, noch da sie schon seit frher sie kenne - alles, was sie
hierauf bezog, war und blieb ihr Geheimni. - So wenig wie sie, so wenig wute
Benjamin einen Rath fr den Vater; da er weiter nichts verbrochen, so hofften
sie, da man ihn nach einigen Tagen wieder entlassen werde, und da ihnen nichts
brig bliebe, als ruhig auf ihn zu warten.
    Erst am Morgen, da sich Rachel auf die Ereignisse der Nacht wieder besann,
entdeckte sie mit Schrecken den Verlust des kstlichen Ringes, dessen
sorgfltige Bewahrung ihr der Vater auf die Seele gebunden. Vergeblich suchte
sie in ihrer Wohnung berall danach, wo sie ihre Sachen abgelegt. Hier war er
nicht. Unterwegs konnte sie ihn nicht verloren haben, da sie die Handschuhe
darber getragen. Sie besann sich, da sie diese in der Behausung der Baubrder
ausgezogen und erst an der Hausthr wieder an. Dort nur konnte er sein. Was
blieb ihr anders brig, als dort danach zu suchen, zu fragen?
    Aber sie durfte sich nicht am Tage dahin wagen, auch hatte sie nicht den
Muth, Jemand anders als Ulrich danach zu fragen, und darum mute sie die Stunde
des Feierabends abwarten. Inde war es ihr unmglich den ersten Tag auszugehen,
sie frchtete ihrem Bruder von dem Verlust zu sagen, und ohne gengenden Grund
zum Ausgang lie er sie nicht fort; es kamen auch immer Leute, die es
verhinderten, Judennachbaren und die ganze Sippe, die sich theilnehmend und
wehklagend nach Ezechiel erkundigten. Endlich am zweiten Abend, wo Benjamin auch
ausgegangen, konnte Rachel sich fortschleichen.
    Aber als sie glcklich das Haus des Rdleinmachers Sebald erreicht und sich
im Finstern die Treppe hinaufgeschlichen hatte, nun an der Thr lauschte, die zu
den Baubrdern fhrte, ob sie dieselben darin sprechen hre und ob sie allein
seien - kam Frau Martha aus der entgegengesetzten Thr, einen brennenden
Kienspan in der Hand. Als sie das Judenmdchen erkannte, stie sie einen Schrei
des Abscheues aus, dem bald die schrecklichsten Schimpfreden folgten.
    Verzeiht! entgegnete Rachel zitternd; ich wollte nur nach einem Ring
fragen, den ich vorgestern hier verloren.
    Das ist eine elende Finte! rief Martha; Du gemeine, freche Dirne! ich
mte nicht wissen, warum Du kommst! Aber Du kamst auf alle Flle umsonst, denn
beide Baubrder sind weder hier, noch in Nrnberg, sondern heute in's Kloster
zum heiligen Kreuz gegangen; dort wird Ulrich von Straburg dafr Bue thun, da
er sich mit Dir eingelassen und Schimpf und Schande ber dies Haus gebracht -
nie wird er wieder hierher zurckkehren. Nun weit Du wohl genug - mache, da Du
fortkommst, Du schndlicher Balg!
    O Gott! rief Rachel; Euer Schimpf trifft mich unverdient - ich kam um den
kostbaren Ring -
    Spare Deine Lgen, mir machst Du nichts wei! eiferte die Alte, und wenn
es wahr wre, so la Dir gesagt sein, da Niemand von uns einen Ring aufheben
wird, den Du verloren - wir haben weder Verlangen nach Hexengold, noch nach
Sndenlohn. Unterstehst Du Dich wieder zu kommen, so lass' ich Dich vom Meister
hinauswerfen und auf die Bttelei schaffen - heute will ich's noch selber thun!
Sie ri das Mdchen am Arme, gab ihr von hinten einen Futritt. der sie einige
Stufen der Stiege hinabschleuderte, und spie nach ihr.
    So ward Rachel vertrieben.
    Das war das Resultat einer Stunde, die sie mit groen Schwierigkeiten
erkauft und auf die sie ganz andere Hoffnungen gesetzt hatte. Die Behandlung,
die sie erfahren, erregte ihren ganzen Zorn und alle Bitterkeit und
Verzweiflung, ber das Loos voll Schimpf und Qual, dem sie durch ihr ganzes Volk
verfallen war, drohte ihr Herz zu zersprengen: dazu kam der Schmerz, da sie
Ulrich nicht wiedergesehen, ihn nie wiedersehen werde, wenn er wirklich in's
Kloster gegangen, um ein Mnch zu werden, wie sie denken mute - und dazu kam
noch ein anderer unklarer Gedanke, indem hinter einem tiefen Weh doch eine
heimliche Freude lauerte: war er in's Kloster gegangen - um ihretwillen? um zu
ben - oder um sich zu bewahren? - Und diese Fragen verscheuchte wieder die
Angst: was der Vater sagen werde, wenn sie gestehen mute, da der Ring
verloren.
    So waren die verschiedensten Empfindungen in ihr aufgeregt und alle waren
sie qulender Art. Da hrte sie, nachdem Benjamin Erkundigungen nach dem Vater
eingezogen, da er zu zwei Wochen Gefngni bei Wasser und Brod im finstern
Keller und zu einer groen Geldbue verurtheilt sei wegen nchtlicher Betretung
eines um diese Stunde den Juden verbotenen Stadttheils und Betheiligung am
nchtlichen Unfug. Natrlich war das nur bittere Nachricht fr die Kinder, die
an dem Vater hingen, und doppelt, weil sie wuten, wie viel er schon unter dem
nchtlichen Unfug gelitten und wie wenig er ihn selbst verschuldet. Aber sie
waren es schon gewohnt, da da, wo Juden und Christen zusammen gekommen waren,
allemal gegen die Juden entschieden ward, auch wenn das Recht auf ihrer Seite
sonnenklar gewesen.
    Inzwischen kam die alte Jacobea mehrmals und fragte nach Ezechiel. Rachel
hate die Alte, von der sie wute, da sie sich immer nur zu bsen Anschlgen
gebrauchen lie, und suchte sie immer kurz mit dem Bemerken abzuweisen, da ihr
Vater wohl noch lange im Gefngnisse schmachten msse; wenn er frei sei, mge er
selbst zu ihr kommen, wenn sie Nthiges mit ihm zu reden habe.
    Die Alte, welche dem Mdchen mitraute, ging trotzig fort, und kam dennoch
wieder gleich am Tage nach Ezechiel's Freilassung. Rachel hatte nichts von ihr
gesagt. Jacobea sagte ihm dies als neuen Beweis, da seiner Tochter nicht zu
trauen sei - und drang darum in ihn, mit ihr unter vier Augen zu sprechen und
Rachel nicht erfahren zu lassen, was sie jetzt verhandelten.
    Dann sagte sie ihm, da der Ritter von Streitberg bei seinem jetzigen
Herritt nach Nrnberg demselben Baubruder, Ulrich von Straburg, begegnet sei,
den er gehofft habe im Kampf um die Frau Scheurl ermordet zu haben. Oder
vielmehr, er nannte uns Lgner, die wir ihm die Nachricht von seinem Tode
gebracht hatten, den wir damals doch wirklich glaubten, oder dann doch
wenigstens hofften, da er an den Wunden auf dem langen Krankenlager sterben,
oder doch wenigstens zeitlebens ein Krppel bleiben werde. Zweimal also hatte er
ihn als seinen Beleidiger und als den Beschtzer der Scheurl getroffen - und
jetzt war dieser kaum seiner ansichtig geworden, als er auch schon dem Junker
Pirkheimer einen Auftrag an sie gegeben, der es deutlich verrathen habe, da sie
in genauen Beziehungen zu einander stnden. Und da ich eingestehen mute, da es
uns voriges Jahr noch nicht gelungen, einen Makel auf seine Geburt und seine
Mutter zu werfen, so hat er nun einen neuen Racheplan ausgedacht, Beide zusammen
zu verderben: dem Paare Gelegenheit zu heimlichen und verbrecherischen
Zusammenknften zu geben, und sie da Beide der Rache des Gatten und der
ffentlichen Schande preiszugeben, die fr sie doppelt gro ist, mit einem
Steinmetzgesellen sich eingelassen zu haben - ihn aber trfe harte Strafe und
wahrscheinlich Ausstoung aus der Bauhtte.
    Ezechiel schttelte den Kopf und meinte, da dies eine Sache sei, die gar
nicht in sein Geschft schlage, mit der er sich darum nicht einlassen knne und
sie allein der klugen Jacobea berlassen msse.
    O was Ihr kurzsichtig seid! rief diese; htte das in meinem Leben nicht
von dem weisen Ezechiel gedacht! Aber freilich, das Eine knnt Ihr nicht wissen,
wenn Ihr nicht selbst darauf gekommen seid, weil in dem Ring, den Euch
Streitberg gegeben, ein E B steht.
    So genau hab' ich mir noch gar nicht angeschaut den Ring, versetzte der
Jude.
    E B, wiederholte Jacobea: das heit Elisabeth Behaim - den hat sie als
Mdchen dem Ritter von Streitberg gegeben. Da sie nun nichts mehr von ihm wissen
will, so wird ihr sehr viel daran liegen, wenn sie ihn wieder in ihre Hnde
bekommt. Gehet darum damit zu ihr - sag't ihr, da ihn Euch Streitberg zum
Pfande gegeben, und da Ihr ihr ihn fr dasselbe Geld lassen wollt - wenn ihr
damit gedient sei.
    Lassen fr dasselbe Geld? rief der Jude; oho! ich glaube, da ist zu
machen ein gutes Geschftchen!
    Das mein' ich wohl auch! rief Jacobea; es ist, als httet Ihr in einen
Glckshafen gegriffen, da der Ring in Euren Hnden. Dadurch, da ihr ihn
ausliefert, erwerbt Ihr Euch das Vertrauen der stolzen Frau - und dadurch, da
sie sieht, Ihr wit ihr Geheimni, hab't Ihr sie schon ganz in den Hnden. Wer
einmal eins von einer solchen Frau wei, dem vertraut sie auch noch ein zweites
an. O mt' ich nur nicht frchten, von ihr erkannt zu werden, ich wollte diese
Sache vortrefflich anfangen! Ihr redet dann von Ulrich von Straburg, sag't, wie
Euch sein Schwert beschtzt, und da Ihr ihm zu lebenslnglichem Dank
verpflichtet seid -
    Meint Ihr das nicht im Ernst? fragte Ezechiel.
    Ei ja doch! dafr, da er Euch der Wache bergab und ihr so schwere Strafe
bekommen hab't! lachte Jacobea hhnisch.
    In dieser Weise ging die Unterredung noch eine Weile fort und in's Genauere
ein im Hin- und Herberathen.
    Als Jacobea fort war, verlangte Ezechiel von Rachel den Ring: es war ihm gar
nicht eingefallen, da er nicht da sein knnte, er hielt ihn fr gut aufgehoben
bei den andern Kleinodien.
    Da mute Rachel das Gestndni machen, da sie ihn verloren.
    Ezechiel brach in Jammer und Wuth darber aus; erst hielt er es fr
unglaublich - ja er glaubte, Rachel knne irgend wodurch geahnt oder gehrt
haben, da Jacobea irgend einen Plan mit dem Ringe verbinde, und ihn deshalb
verstecken, weil sie immer nichts von der Alten wissen wollte und es schon eben
jetzt auf's Neue durch ihr Betragen bewiesen; aber die Tochter schwor hoch und
theuer, da sie nicht wisse, wo der Ring hingekommen, und gestand endlich, da
sie ihn im Hause des Meisters Sebald verloren, in das sie sich geflchtet, weil
aus diesem die Baubrder gekommen, die ihnen geholfen htten und die sie dann
auch ein paar Stunden in einer finsteren Kammer versteckt, bis es drauen ruhig
geworden und sie sicher habe nach Hause gehen knnen. Und dort und nirgend
anders knne sie den Ring mit dem Handschuh abgestreift haben. Da ihr die
beiden Baubrder und ihre Wohnung schon von frher gar wohl bekannt, verschwieg
sie, wie es auch immer ihr alleiniges Geheimni geblieben war, da sie in
Mnnerkleidern whrend Ulrich's Krankheit hufig dahin gegangen war und ihm
allerlei Untersttzungen gebracht hatte - Gegenstnde, die sie freilich ihrem
Vater veruntreut: aber doch nur so, da sie vorgab, dieselben in seinem
Trdlerkram verkauft zu haben und das Geld dafr behalten zu drfen bat, um es
zu irgend einem Bedrfni, Kleidungsstck oder dergleichen fr sich verwenden zu
drfen; denn eine solche Bitte schlug ihr der Vater niemals ab, der sie gern
geputzt sah, um den Reichthum des Vaters zu bezeigen - natrlich nicht auf der
Strae, wo dergleichen den Juden verboten war und Ezechiel sich auch immer den
Christen und besonders der christlichen Obrigkeit gegenber arm zu stellen
suchte, damit er nicht noch mehr von ihr gebrandschatzt wrde, sondern bei den
jdischen Festen, die sie nur in ihren Husern und in der Synagoge, allein unter
ihren Glaubensgenossen feierten.
    Wohl aber erzhlte sie, da sie die Baubrder Ulrich und Hieronymus nach dem
Ringe habe fragen wollen, da sie aber von deren Mutter Martha mit Schimpf
empfangen und zur Treppe hinabgeworfen worden sei - zugleich auch die Nachricht
erhalten habe, da die beiden Baubrder in's Kloster zum heiligen Kreuz gegangen
seien.
    Gewi hat die Alte den Ring und verhehlt ihn nur, um selbst damit zu machen
ein gutes Geschft; diese Christen denken ja noch obendrein, da es
verdienstlich ist, den Juden abzujagen so sauer erworbenes Gut. Du httest
laufen sollen zu allen Goldschmieden Nrnbergs und beschreiben den Ring, damit
keiner ihn etwa kaufe, sondern der Frau abnehmen, wozu sie auf unrechte Weise
gekommen.
    Ich wute ja nicht, ob Jemand wissen durfte, da der Ring uns anvertraut
worden sei, sagte Rachel.
    Ach, wenn es sich handelt um einen so groen Verlust, darf man sich von
keinem Bedenken abhalten lassen, wiederzukommen zu seinem Kleinod oder dem
Geld, belehrte der Vater.
    Die Baubrder sind ehrlich, sagte Rachel, und wenigstens Ulrich von
Straburg kennt kein Ansehen der Person; wenn der den Ring hat gefunden, so
giebt er ihn uns ganz gewi wieder heraus.
    Hast ein gutes Zutrauen zu diesen christlichen Bauleuten! hhnte der Alte;
das sind die Rechten.
    Sie haben uns ja geholfen -
    Nur um mit den andern Gesellen Streit anzufangen und mich in's Loch zu
bringen - schne Hlfe!
    Nein, daran sind sie unschuldig; ich danke meine Rettung ganz allein diesem
Ulrich; er hat mich nicht nur auf der Strae, er hat mich auch im Hause vor der
rohen Frau beschtzt. Wenn er wei, wo der Ring hingekommen, so hilft er uns zu
unserem Eigenthum - darauf schwr' ich!
    Du redest, wie Du es verstehst! Wenn ihn hat der Ulrich, so ist das gerade
das allergrte Unglck. Der giebt ihn der Scheurlin - und dann sind wir Alle
geprellt.
    Rachel starrte den Vater fragend an.
    Hast Du nicht gesehen, da in dem Ring ein E B steht? Er hat einst
Elisabeth Behaim gehrt. Daran wird der Ulrich gleich denken, mit dem sie sich
eingelassen, und wird ihr ihn geben - - Aber Ezechiel besann sich, da er eben
Jacobea versprochen, seine Tochter von ihrem Plan nichts ahnen zu lassen, und so
schwieg er. Er hatte sich niedergesetzt, die Ellenbogen auf den Schoo gestemmt
und den Oberkrper vorgebeugt hatte er sein runzliches Gesicht in die Hnde
gedrckt, da nur der lange Bart darunter hervorwallte, und so sa er da und
sann nach, wie er diese Sachen noch leiten knne. Nach langem Schweigen sich
wieder aufrichtend sagte er:
    Vor allen Dingen mut Du doch zu den Goldschmieden gehen und fragen, ob
ihnen Jemand hat zu verkaufen gebracht den Ring oder wirklich verkauft.
    Rachel schickte sich an zu gehorchen, ohne weiter ein Wort zu erwiedern.
Aber auch sie hatte dabei ihre stillen Gedanken. Was redete da der Vater von
Ulrich und der Scheurl? Was wute er weiter, was konnte er wissen, als da
damals der Baubruder sein Leben gewagt, und war das doch auf ihre, Rachel's
Veranlassung geschehen, hatte doch damals erst Ulrich noch erklrt, da ihm die
Scheurl nichts anginge, und da lieber Rachel selbst sie warnen mge - nur auf
ihre Bitten hatte er Jener sich angenommen. Dann, wute sie, waren Beide,
Elisabeth wie Ulrich, gleichzeitig ber ein halbes Jahr in Todesgefahr gewesen
und hatten so in keiner Weise einander sich nhern knnen. War es nachher
geschehen - oder dachte es nur ihr Vater, hatte nur Streitberg diesen Verdacht?
Rachel war wohl selbst noch unschuldig und rein geblieben; aber in der gemeinen
Sphre, in der sie lebte, in der sie nicht nur selbst die gemeinsten und
unsittlichsten Dinge geschehen sah, sondern es oft mit anhren mute, wie gerade
die christlichen Vornehmen der Stadt niedere Buhlschaft trieben und zur
Ausfhrung dahin fhrender Bubenstcke sich ihres Vaters oder der alten Jacobea
bedient: da hatte sie gerade keinen groen Respect vor der Unschuld und Tugend
der honetten Nrnberger. Elisabeth's hohe Schnheit und die Art von Stolz und
Freiheit, mit der sie sich ber manche hergebrachte Form hinwegsetzte, hatten
schon zu manchem nachtheiligen Gercht ber sie Veranlassung gegeben - und seit
jetzt Knig Max, der sie bei seinem ersten Hiersein so ffentlich ausgezeichnet,
gar in ihrem eigenen Hause eingekehrt war, nannte sie der gemeine Volkshaufe
seine heimliche Buhlerin, und fand eine neue Besttigung dafr darin, da ihrem
Gatten der Knig den Adel verliehen. Freilich war es nun ein weiter Abstand von
dem hchsten Haupte in Deutschland, das die rmische Knigskrone trug und dazu
bald auch die deutsche Kaiserkrone fgen wrde, bis zu dem armen
Steinmetzgesellen herab, der nichts sein nannte - nicht einmal einen Namen. Aber
fr Rachel erschien dieser Abstand ausgeglichen - in ihren Augen gab es keinen
edleren, herrlicheren Mann als diesen Baubruder - sie fand es ganz in der
Ordnung, wenn das Weib, fr das er sein Leben gewagt, ihn in ihr Herz
geschlossen hatte; aber eben so berzeugt war sie von Ulrich's hohem sittlichen
Werth, da er weder sein Gelbde der Keuschheit verletzen, noch gar ein
ehebrecherisches Verhltni eingehen werde. Was sie jetzt von ihrem Vater
gehrt, hielt sie fr Lge, und nur das fr mglich, da zwischen Elisabeth und
Ulrich ein Band der Dankbarkeit sich geknpft haben knne - wie ja auch zwischen
ihm und ihr selbst, und da es jetzt mehr als je ihre Pflicht sei, Alles daran
zu setzen, Ulrich vor den finstern Plnen zu behten, die jedenfalls gegen ihn
im Werke waren, und wieder unter der eigenen Betheiligung ihres Vaters - wenn
nicht Ulrich dagegen schon Schutz im Kloster gefunden. Aber bei der Vorstellung,
er knne fr immer dahinein gegangen sein, empfand Rachel doch einen heien
Schmerz, der ihr bittere Thrnen erprete: denn dann sah sie ihn ja niemals
wieder und konnte die Schuld der Dankbarkeit nicht abzahlen, die sie gegen ihn
empfand.
    Dies Alles berlegend war sie in die Stadt und in die Goldschmiedsstrae
gekommen, wo die meisten Gold- und Silberarbeiter wohnten. Die meisten von ihnen
machten mit den Juden heimliche Geschfte, und so war bei ihnen die Jdin weder
eine fremde, noch gar zu miliebige Erscheinung. Aber bei Allen erhielt sie auf
ihre Frage nach dem Ringe dieselbe Antwort. Es hatte keiner einen solchen zu
sehen bekommen, und so beschrieb sie ihn nur fr den Fall, da ihn etwa spter
noch Jemand zum Verkauf bte.
    Dann ging sie auch in die Winklerstrae zum Goldschmied Albrecht Drer. Er
war nicht allein. Sein alter Freund, der Harfenschlger und Mechaniker Hans
Frey, war bei ihm, so wie der Junker Willibald Pirkheimer. Vater Drer hatte
gestern einen Brief von seinem Sohn Albrecht erhalten, der nun seit lnger als
einem Jahre in Calmar lebte, wo er den berhmten Maler Martin Schngauer zwar
nicht mehr am Leben gefunden hatte, aber von dessen Brdern Schn (Schngauer
war nur der angenommene Knstlername des Malers) herzlich aufgenommen worden
war. Jetzt wollte er seinen Wanderstab weiter setzen und in deutschen Landen
lernen, um in ein paar Jahren wieder nach Nrnberg zurckzukehren. Ein Brief des
Lieblingssohnes war immer ein Ereigni in dem Leben des Vaters Drer von grter
Wichtigkeit und Freude, und um diese mit Andern zu theilen, von denen er wute,
da sie den Jngling eben so herzlich liebten, hatte er Frey und Willibald zu
sich rufen lassen, damit sie auch mit von Albrecht hrten. Willibald war der
geeignetste Vorleser fr die Worte der ihm wohlbekannten Freundeshand.
    Die Drei sahen nicht eben freundlich auf, als durch den Eintritt des
Judenmdchens eine Strung in ihre Vorlesung kam. Kurz beantwortete Meister
Drer ihre Frage nach dem Ringe mit Nein.
    Dennoch zgerte Rachel zu gehen; sie hatte vorhin Willibald von dem alten
Frey Junker Pirkheimer nennen hren, und besann sich, da sie ihn frher in
Ulrich's Gesellschaft gesehen - wer wei, wute nicht dieser, was ihn in's
Kloster getrieben, denn sie selbst wute nicht, da Willibald inzwischen von
Nrnberg entfernt gewesen. Sie fate sich darum ein Herz und sagte sich an ihn
wendend:
    Verzeiht, Junker Pirkheimer, aber mich dnkt, da Ihr mit dem Baubruder
Ulrich von Straburg bekannt seid; er hat uns in groer Gefahr beigestanden, und
mein Vater mchte ihm gern einen Theil seiner Dankesschuld bezahlen; er ist
jetzt nicht in Nrnberg, und wir wten gern, ob und wann er wieder hierher
zurckkehrt.
    Willibald ma das Mdchen mit verwunderten Blicken - einmal, da die Jdin
es berhaupt wagte, ihn anzureden, und dann, da sie nach einem Baubruder
fragte. Er antwortete kurz: Wann er wieder zurckkommt, wei ich nicht. Jetzt
ist er wohl noch auf Arbeit im Benediktinerkloster zum heiligen Kreuz, in das er
mit seinem Kameraden berufen ward.
    Rachel wute genug, dankte und ging. Mit dieser Nachricht kam sie heim. Ihr
Herz war leicht, denn Ulrich war nicht in's Kloster gegangen, um Mnch zu
werden! Ihrem Vater brachte sie die gewisse Kunde, wo er war und da er spter,
aber wohl noch nicht gleich zurckkehren werde.
    Wir haben keine Zeit zu verlieren, sagte er, wir mssen in's Kloster -
die Baubrder mssen uns Rede stehen, ob sie nicht gefunden den Ring; wenn sie
nicht gutwillig Rede stehen, mu es versucht werden mit List und Drohung.
    Rachel's Augen strahlten von der Hoffnung Ulrich wiederzusehen.
Zuversichtlich sagte sie: Mit Drohung richtet Ihr bei dem nichts aus - lat
mich ihn bitten, und er wird uns den Ring geben, wenn er ihn gefunden, oder wenn
ihn Jemand sonst im Hause hat, versuchen, uns dazu zu verhelfen.

                                 Elftes Capitel



                                 Vater und Sohn

Wieder waren mehrere Tage nach jener nchtlichen Unterredung zwischen Ulrich und
Konrad vergangen, und die Wiederherstellung des Tabernakels beinahe vollendet,
als der Novize zu dem Baubruder sagte:
    Diese Nacht wird es mglich sein. Warte um Mitternacht vor Deiner Thr -
ich hole Dich ab sobald ich kann.
    Schon lange vor dieser Zeit, sobald Ulrich merkte, da Hieronymus fest
schlief, der einen gesunden festen Schlaf hatte und nicht eher aufwachte, bis
zur gewohnten Stunde zum Aufstehen, wenn er nicht mit Gewalt geweckt ward, stand
er vor seiner Zellenthr. Heute schien der Mond nicht mehr, es war ganz still
und finster im Kloster.
    Todtenstille - Finsterni und Klte - es war eine schaurige Nacht!
    In Ulrich nur pochte es laut und hei von den Schlgen seines Herzens, wenn
auch kalte Schauer ihn berrieselten - und die Finsterni, die ber seinem Leben
lag, drohte ein schreckliches Licht zu erhellen, das vielleicht zur Brandfackel
werden konnte, all' seine Zukunftsplne und Hoffnungen zu verzehren! War es kein
Frevel, da er selbst die Hand danach ausstreckte und nach den Funken dieses
schrecklichen Lichtes begehrte?
    Er fhlte, er konnte und durfte nicht anders handeln.
    Endlich kamen ganz leise Tritte; er rhrte sich nicht, bis eine leise Stimme
rief: Ulrich, komm! Wo ist Deine Hand?
    Konrad, hier! antwortete Ulrich eben so leise und reichte ihm die Hand.
    Ich mu Dich fhren, flsterte jener; wir haben einen weiten Weg, aber
sprich nicht und halte Dich nur an mich. Tappe nicht an den Wnden, Du knntest
Thren streifen, hinter denen man nicht fest schliefe; es wre schlimm fr uns
Beide, wenn man uns entdeckte.
    Du wagst so viel um meinetwillen! seufzte Ulrich.
    Wir sind Baubrder! antwortete Konrad; ich halte fest an dem Gelbde von
einst! - Aber nun still, keinen Laut mehr!
    So wandelten sie schweigend weiter durch die finstern Gewlbe. Bald schienen
es, dem Hall der Futritte nach, obwohl Beide mit bloen Fen wandelten, weite
Hallen zu sein, bald waren es enge Gnge und Biegungen, wo sie an den Seiten die
Wnde streiften. Konrad hatte recht: es war ein weiter, endlos scheinender Weg.
Dann stiegen sie eine Treppe hinab, und daran schlo sich wieder ein enger Gang,
noch schmaler als jeder frhere - eine kellerartige Luft voll Dumpfheit und
Moder herrschte hier.
    Jetzt knnen wir Licht machen! sagte Konrad, nachdem er eine Eisenthr
aufgeschlossen und wieder hinter sich zugemacht hatte; wenn nur der Zunder
fngt in der feuchten Luft.
    Sind wir am Ziel? fragte Ulrich.
    Wir haben nicht mehr weit - hier knnen wir auch sprechen, da hrt uns
Niemand. Hast Du die Uhr im Kopfe? Lnger als eine Stunde knnen wir uns nicht
verweilen, sagte Konrad, indem er den Stahl an den Feuerstein schlug.
    Wie hast Du es heute mglich gemacht mich hierher zu fhren? sagte Ulrich;
oder warum nicht schon frher - kein Mensch ist uns begegnet.
    Sieh, sagte Konrad, das hab' ich ausgekundschaftet: dort hinter jener
Thre fhrt ein unterirdischer Gang bis in eine Kapelle, die am Waldessaume
steht; der Weg ist gegraben worden, um fr den Fall einer Belagerung oder eines
Ueberfalles hier einen Ausgangspunkt zu haben; aber freilich wird er oft auch
benutzt, wenn Einer der Obern sich einmal ohne Erlaubni auf ein paar Stunden
aus dem Kloster entfernen will. Da ich heraus bekam, da dies Einer heute
beabsichtigte, und wei, da die Thr nur von innen geffnet werden kann und
dann offen bleiben mu, so wute ich, da der Weg uns frei sein wrde; aber wir
drfen nicht lange sumen - Jener ist schon ein paar Stunden fort und man wei
nicht, wann er zurckkommt - ich konnte nicht eher unbemerkt aus meiner Zelle.
    Aber wo hast Du den Schlssel her zu Amadeus Gefngni? fragte Ulrich.
    Schlssel? sagte Konrad verwundert; den giebt es nicht - er ist
eingemauert.
    Eingemauert? rief Ulrich; wir knnen nicht zu ihm?
    Konrad's Zunder hatte endlich gefangen, inde lange alle Funken aus dem
Stahl vergeblich hervorgesprungen waren. Jetzt zndete er damit ein kleines
Lmpchen an, das er in einer Art Blechlaterne unter seiner Kutte verborgen bei
sich getragen. Whrend er noch den Zunder anblies, konnte er nicht antworten;
der glimmende Docht warf einen blendenden Schein auf Ulrich's todtbleich
gewordenes Gesicht.
    Ich meinte, ich htte Dir das gesagt, antwortete Konrad jetzt dem
Entsetzten. Es ist hier eine Reihe solcher Katakomben. Wenn eine sptere Zeit
diese Lcher ffnet und Menschengebeine darin findet, wird sie meinen, es seien
hier Todtengrfte gewesen - nun, es sind auch welche, aber fr die lebendig
Begrabenen. - Weil Amadeus sein Verbrechen als Wahnsinniger bt, so hat man ihn
nicht zum Tode verurtheilt. Man hat ihn nur hier eingemauert, aber ein Loch in
der Mauer gelassen, durch das man ihm tglich Wasser und Brod hereinschiebt und
Gebete vorspricht.
    Das ist grlich! rief Ulrich; da wre ja der Tod eine mildere Strafe!
    Ich glaube, er wird bei ihm nicht lange auf sich warten lassen - inde so
lang' er noch lebt, wird er nach einer Labe schmachten; ich konnte es nicht
ber's Herz bringen, hierher zu gehen, ohne sie ihm zu bieten - warte, la mich
erst allein zu ihm - ich glaube, hier ist das Loch.
    Er leuchtete an der Wand hin, wo man frischgemauerte Steine sah; ungefhr
eine Elle vom Erdboden entfernt war zwischen den Steinen ein Raum von etwa einer
halben Elle ein Quadrat gelassen. Konrad brachte die Lampe dahin und rief:
Amadeus!
    Licht - wer kommt? rief von innen eine heisere Stimme; ist denn schon
wieder ein Tag vorbei?
    Nein, antwortete Konrad; sieh her - ich bin Konrad, den Mitleid zu Dir
treibt - hier ist einmal Wein statt Wasser! Er schob eine thnerne Flasche
durch die Oeffnung und sagte: Da nimm und trink'!
    Dank! rief es von innen und man hrte gierig schlucken. Dann rief Amadeus:
Gott, was hast Du gethan! wozu hab' ich mich verfhren lassen! - Verhungern
will ich, damit dies grliche Leben ende! und nun wird es noch lnger whren -
das verga ich ber das thierische Bedrfni. Aber habe Dank, da Du kamst - mit
Dir kann ich reden - sind die Baubrder noch im Kloster?
    Ja, antwortete Konrad, und Ulrich von Straburg ist in Verzweiflung ber
Dein Loos, weil er meint Deine That an das Licht gebracht zu haben.
    In Verzweiflung? fragte Amadeus. Sage ihm, da ich ihm vergeben - aber
da ich nicht wahnsinnig bin. Nicht wahr, Du bist auch ein Baubruder gewesen?
    Ja darum bin ich sein Bruder, antwortete Konrad.
    Nun, dann sage ihm allein - aber Niemanden Andern, da ich den Frevel mit
Wohlbedacht beging; ich wnschte Ulrich einmal zu sehen und zu sprechen - und
damit er in's Kloster selbst beschieden wrde, schien es mir zweckmig, eine
Arbeit fr den geschicktesten Baubruder nthig zu machen - darum zertrmmerte
ich das zierlichste Werk in der Kirche! aber das sage ich nur Dir fr ihn - die
Andern mgen immerhin glauben, da, was ich klug berechnet, eine That des
Wahnsinnes und blinder Wuth gewesen! Bring' ihm meinen Gru und meinen Segen.
    Geb't ihn ihm selbst - hier ist er! antwortete Konrad, und indem er sich
von der Oeffnung zurckzog, neigte sich Ulrich an diese Stelle.
    Amadeus! sagte er in tiefster Seele bewegt, ich habe Euere Worte
vernommen - die eigene Unruhe und Angst trieben mich hierher - ich wre lngst
gekommen, wenn es mglich gewesen wre! Er neigte sein Haupt durch die
Oeffnung, der Schein der Lampe fiel voll auf sein edles Antlitz.
    Amadeus prete dieses Haupt zwischen seine beiden Hnde und starrte auf
Ulrich. Habe Dank, da Du kommst - ich wollte Dich nur einmal sehen und meine
Hand segnend auf Deinen Scheitel legen. Beim ersten Sehen, da Du meinen
Rosenkranz zerrissest, floh ich vor Dir, weil Du Ulriken glichest - mir war, als
habe ich ihr Gespenst gesehen. Seitdem konnt' ich keine Ruhe finden - alle
Schmerzen und Wnsche, die ich seit lnger als einem Jahrzehent mit mir selbst
in diesen Mauern begraben whnte, wachten in mir auf; damals war ich allerdings
wie wahnsinnig - ich wthete gegen mich selbst und das Kleid, das ich trug -
dann geielte ich mich selbst und lie mich geieln, bis ich ein hitziges Fieber
bekam und still ward - und dann hie es, ich habe Bue gethan und sei genesen
und wieder begnadigt!
    Ihr kanntet meine Mutter? unterbrach ihn Ulrich.
    Ob ich sie kannte? rief Amadeus; so Zug fr Zug lebt ihr Bild in meinem
Herzen, da ich an ihm Dich erkannte! Wenn sie noch lebt, so sage ihr -
    O Gott! rief Ulrich, ich wei nichts von ihr, von dem Augenblick an, wo
unser Heimathdorf im Elsa verwstet ward, inde ich im Kloster eine Zuflucht
gefunden - sag't mir, was Ihr von ihr wit!
    Es ist doch besser, ich nehme das Geheimni mit in das Grab, sagte Amadeus
nach einigem Besinnen; oder vielmehr ich behalte es darin - ich bin schon im
Grabe! - Ulrich, wenn es sich Dir jemals entschleiert, so mache Dir dennoch
keinen Vorwurf, da Du mich in dies Grab gebracht; es ist eine Shne fr meine
Schuld und Rache fr Deine Mutter; Du warst berufen dies Amt zu vollstrecken -
ich will meine Hand segnend auf Dein Haupt legen. Du hast es nun schon gehrt,
da es nicht gemeine Bestialitt meiner Natur war, die mich den Frevel an dem
Heiligthum begehen hie, fr den Du so entsetzlich strafende Worte hattest, da
ich erst in diesem Augenblick, da Du sie sprachst, fhlte, ich habe wirklich
eine Schandthat begangen. Es war ein Frevel und eine Verirrung - aber in dem
Augenblick einer ungezgelten Sehnsucht berlegt man weiter nichts, als da man
das Mittel whlt, was sie am sichersten zu befriedigen verspricht. Ich erreichte
meinen Zweck, ich durfte gen Nrnberg zum Propst Anton Kre gehen und Dich von
ihm zur Arbeit erbitten - es ahnte mir nicht, da ich damit einen doppelten
erreichen wrde: da Du das langersehnte Ende meines Lebens herbeifhren
werdest!
    Ulrich antwortete: Amadeus! hier hrt uns Niemand, Konrad's
Verschwiegenheit bin ich sicher; wahrscheinlich versteht er uns nicht einmal -
er steht dort fern, um zu wachen, da uns Niemand entdeckt - ich wei von dem,
was Ihr mir nun verschweigen wollt, zu viel, um die Ruhe finden zu knnen, die
Ihr vielleicht denkt mir durch Euer Schweigen zu bewahren, und wieder zu wenig,
um in irgend einer Gewiheit gegen das Qulende meiner Ahnungen einen Trost zu
finden - was wit Ihr von meiner Mutter? warum nehm't Ihr Antheil an mir?
    Weil ich glaube, da Du mein Sohn bist! rief Amadeus; nun weit Du es!
fgte er erschpft hinzu.
    Ulrich zuckte zusammen und unterdrckte mhsam einen Schrei. Nun mt Ihr
Alles sagen, sagte er tonlos.
    Vor achtundzwanzig Jahren, sagte Amadeus, war Amadeus von Wildenfels ein
stolzer feuriger Ritter, als er bei einem Reichstag in Kostnitz die liebreizende
Ulrike Kre kennen lernte, die dort als eine alleinstehende Verwandte in der
Familie lebte, in deren Haus er wohnte. Ein Vierteljahr hatten sie sich tglich
gesehen und mehr und mehr geliebt; obwohl der Ritter wute, da die Seinigen
einer Verbindung mit einer Brgerlichen entgegen sein wrden, so verlobte er
sich doch mit ihr und versprach, sobald er aus dem Kampf, in den er eben
mitziehen mute, heimkehren werde, sie zum Altar zu fhren. Aber in der
Aufregung der Trennungsstunde nahmen sie das dann verheiene Glck voraus. - Ein
Jahr verging, ehe der Ritter zurckkehren konnte. Er fand Ulrike, die eine Waise
war, nicht mehr in Kostnitz; von der Familie, bei welcher sie gewohnt, erfuhr er
nur, da sie vor einem halben Jahr dieselbe verlassen habe, und da man ihr auch
nie wieder die Aufnahme in sie gestatten werde, weil sie sich derselben unwerth
gemacht. - Ueberall forschte ich vergeblich nach ihr; von einem
gemeinschaftlichen Bekannten hrte ich einmal, da man etwa vor einem halben
Jahre eine weibliche Leiche im Rhein gefunden habe, und da man glaube, es sei
Ulrike gewesen, die sich, um der Schande zu entgehen, den Tod gegeben.
Verzweiflungsvoll irrt' ich noch immer umher nach ihr fragend und suchend, aber
nirgend erhielt ich eine andere Antwort. Ich entsann mich, da sie einen Bruder
Anton gehabt hatte, der Geistlicher war - ihn fand ich endlich in Worms, aber es
ging ihm wie mir: er wute auch nichts von seiner Schwester.
    Ulrich hrte mit uerster Spannung zu und sagte: Meine Mutter war eine
geborene Waise -
    Hre weiter! sagte Amadeus. Jahre vergingen, und man sagt ja, da die
Zeit jeden Schmerz heilt. Ich heirathete ein ebenbrtiges Edelfrulein, das mich
zrtlich liebte und das ich glcklich machte. Ich selbst war es wohl auch einige
Zeit - aber das Umhertreiben in Kampf und Gefahr in allen Landen war mir lieber,
als daheim auf meinem Schlosse zu sitzen bei Weib und Kind. So kam ich auch
einst an der Spitze einer Schaar in das Elsa, und dort gab es bei einem Dorfe
ein Gefecht, welches dasselbe ganz verwstete. Wer kampffhig war, mute
mitziehen, und die Frauen, die unsern Leuten gefielen, wurden auch nicht
geschont. Da hrt' ich den Namen Ulrike - in der drftigen Tracht einer Buerin
erkannt' ich die Geliebte meiner Jugend nach zehn Jahren der Trennung wieder und
sie erkannte mich. Die Zeit und Alles, was inzwischen geschehen, versank vor uns
- wir hatten Beide einander fr todt beweint - wir lebten und hatten uns wieder!
So wunderbar zusammengefhrt, gehrten wir einander an. Ich erfuhr von ihr, da
ihr ein halbes Jahr nach der Trennung von mir die Kunde gekommen, da ich im
Kampf geblieben sei, und da sie verzweiflungsvoll von ihren gegen sie wthenden
Verwandten in die weite Welt geflohen sei - um den Tod zu finden. Wohl war ihr
oft die Versuchung gekommen, Hand an sich selbst zu legen, aber gerade um ihrer
Mutterschaft Willen hatte sie ihr widerstanden. So war sie immer rheinab
gepilgert, arbeitend oder bettelnd, je nachdem es gekommen. In einem Stall, auf
einem Meierhof im Elsa, wo man sie mitleidig aufgenommen, hatte sie einen
Knaben geboren. Dort durfte sie eine Zeitlang bleiben, und so viel es ihre
Krfte erlaubten, mitarbeiten. Ein Bauernbursche, der auch hier arbeitete, fand
Wohlgefallen an ihr; in seiner Heimath hatte er eben ein kleines Grundstck
geerbt, und da er es ohne Frau nicht bewirthschaften konnte, so fragte er die
fleiige Ulrike, ob sie mit ihm ziehen wolle, sie wollten sich hier trauen
lassen und er ihr Kind als das seine anerkennen - in seinem Dorfe wisse man
viel, ob sie schon ein Jahr verheirathet wren oder nicht. Mute sie es nicht
als ein Glck betrachten, so sich vor Schande bewahrt und die Zukunft ihres
Knaben gesichert zu sehen? Freilich war es ein groer Schritt abwrts aus dem
hheren Brgerstande, dem sie angehrt, zu der niedern Frau des rohen Bauers,
die sie nun ward. Aber sie fhlte sich ausgestoen aus der menschlichen
Gesellschaft - sie mute froh sein, wenn sie in dieser untersten Stufe ihr
wieder angehren konnte. Sie wollte auch todt und vergessen sein fr Alle, die
sie sonst gekannt - so war sie dessen am gewissesten, und alles Leid, das ihr
nun das Leben noch zu bieten wagte, das betrachtete sie als Strafe und Bue fr
ihren Fehltritt. Glcklich war sie keinen Augenblick gewesen, auer durch ihr
Kind, das ihr einziges blieb. Ihr Mann hatte sie spter viel mihandelt und
gepeinigt. So bekannte sie mir - so fanden wir uns in der alten Liebe. Es war
leicht, sie von ihrem Peiniger zu befreien; gegen hohen Sold ging er mit uns -
er willigte darein, sich von Ulriken zu scheiden und nie wieder in das Elsa
zurckzukehren.
    Amadeus holte tief Athmen, Ulrich fate seine Hand und sagte: So seid Ihr
mein Vater!
    Wenn das die Geschichte Deiner Mutter ist, sagte Amadeus, nur das wut'
ich nicht gewi -
    O es trifft Alles, sagte Ulrich, bis auf jenen Namen.
    Sie hatte ihren Geschlechtsnamen verndert, auch ihr Mann hat nie ihren
wahren erfahren, und den meinigen nicht eher, als bei meiner Rckkehr, da ich
sie von ihm forderte - kaufte.
    Weiter - was ward weiter? bat Ulrich.
    Jetzt kam Konrad, blies die Lampe aus und sagte: Man kommt, wir mssen
fort.
    Ulrich warf seinen Meiel durch die Oeffnung und sagte: Der Sohn mu den
Vater befreien! Hier - meiele von innen die Steine locker - in ein paar Nchten
komme ich zurck und befreie Dich.
    Fort, fort! drngte Konrad.
    So schnell es in der Dunkelheit und bei den verwickelten Wegen ging, eilten
die Beiden zurck.
    Nun weit Du es, da Dein Geschick das meinige ist! sagte Ulrich leise zu
ihm.
    O httest Du es doch nie erfahren! jammerte Konrad, htte ich Dich doch
nicht hierher gefhrt und Amadeus wre damit gestorben.
    Nein, er darf hier nicht sterben und verderben! rief Ulrich, und wenn es
dadurch gleich die ganze Welt erfhre und alle Schmach mich trfe: ich kann
nicht hierher gekommen sein, um der Mrder meines Vaters zu werden - ich mu
sein Retter sein!
    Still jetzt! gebot Konrad.
    So erreichten sie wieder Ulrich's Thr. Sinn' auf Mittel, wie wir ihn
retten - und habe Dank! sagte er zu Konrad; ich habe viel gehrt - aber das
Ende noch nicht!
    Ich will sehen, was ich thun kann - armer Bruder! sagte Konrad.
    So schieden sie.
    Der folgende Tag verging fr Ulrich peinlich wie die Nchte. Konrad
flsterte ihm zu, da es ihm erst am dritten Tage mglich sein werde ihm
beizustehen.
    Ulrich war wie im Fieber. Wenn sein Vater inde strbe? - und wenn auch
nicht, wie sollte der Plan der Rettung gelingen? Immer machte er einen neuen,
und verwarf ihn wieder, weil irgend ein unberwindliches Hinderni oder ein
Mangel dabei war. Gern wagte er sein Leben selbst - was war es ihm jetzt?
vielleicht war es in Kurzem dem Schimpf und der Schande geweiht - seine That
selbst, ein Wort von Amadeus konnte verrathen werden und ihn verrathen! - Konrad
hatte Recht: wenn Amadeus hier starb, so war mit ihm sein Geheimni vermauert -
drauen, ein flchtiger, von Kerker und Alter geschwchter Mann, konnte es mit
ihm selbst leicht an den Tag kommen. Und war ihm denn dieser Mann, der seine
Mutter unglcklich gemacht und den er nie gekannt hatte? Und war es denn
wirklich seine, Ulrich's, Schuld, da er hier fr den Frevel litt, den er ja in
der That begangen? Hatten nicht Hieronymus und Konrad gleich ihm die
Untersuchung gefordert?
    Der Versucher rief diese Frage in Ulrich auf; aber sein Gewissen und der Ruf
der Natur sprachen gleichzeitig: Hebe Dich weg! Lieber unschuldig leiden fr
eine fremde Schuld, als sich selbst vor uerm Unglck schtzen durch das
Aufsichladen einer eigenen Schuld.
    Eines Morgens meldete ihm der Pfrtner, da drben im Oeconomiegebude Leute
wren, die nach Ulrich von Straburg fragten. Mitten in der Nacht wren sie ganz
erfroren angekommen und htten um Obdach gebeten, das man ihnen auch nicht
verweigert - obwohl sie Juden wren, Vater und Sohn. Da sie gehrt, da er hier
sei, htten sie nach ihm verlangt.
    Ulrich war zwar wenig erbaut von dieser Nachricht, die ihn in ein
zweideutiges Licht setzte; aber er ging, denn er gedachte des Ringes, den er
gefunden und an einer Schnur sich umgehangen - ja er erzhlte gleich dem
Pfrtner ohne Weiteres, da sie wahrscheinlich wten, da er einen Ring
gefunden, den die Juden vor seinem Haus verloren, und den er noch nicht
abgegeben, weil auch er seiner Sache nicht gewi sei.
    Man hatte den Juden nicht in der allgemeinen Herbergsstube Quartier
verstattet, sondern nur auf einem Heuboden.
    Dort fand Ulrich den Vater Ezechiel und seinen - Sohn; aber in der
Mnnertracht erkannte er Rachel.
    Die Unterhaltung kam schnell zu Stande. Nach Rachel's erster Frage nach dem
Ringe lie er sich denselben von ihr beschreiben, und da die Beschreibung pate,
lieferte er ihn sogleich aus.
    Ezechiel war berglcklich und redete etwas von Finderlohn.
    Ulrich wies das stolz zurck und wollte sich entfernen - da fiel sein Blick
auf ein Bndel, das der Jude neben sich liegen hatte, dachte daran, wie derselbe
immer einen Trdlerkram mit sich zu fhren pflegte - ein Gedanke scho pltzlich
in ihm auf; aber ehe er ihn noch ausgesprochen, begann Ezechiel:
    Wir sind Euch verpflichtet zu gar so viel Dank - Ihr solltet uns nicht
halten fr zu schlecht, ihn Euch abzutragen. Hab't Ihr nicht errathen, wen das E
B bedeutet in dem Ring?
    Darber habe ich nicht nachgedacht, antwortete Ulrich.
    Ei, was hiee es denn anders, als Elisabeth Behaim? schmunzelte der Jude.
Ich will ihr ihn wieder ausliefern und will sagen, da Ihr ihn gefunden.
    Das ist nicht nthig, sagte Ulrich, und im Augenblick mit ganz andern
Dingen beschftigt, fuhr er fort: Hab't Ihr da nicht einen Mantel und ein
Sammetbaret in Eurem Bndel? Wolltet Ihr es mir verkaufen, ohne Jemanden davon
zu sagen - so wrde ich daran Euren Dank erkennen.
    O, Schweigen gehrt zum Geschft! rief Ezechiel.
    Und Rachel fiel ihm in's Wort: Von verkaufen ist nicht die Rede: whlt Euch
aus, was Ihr von den Sachen wnschet - es ist Alles zu Eurem Dienst; aber Geld
nehmen wir nimmer von Euch!
    Nein, gewi nicht! murmelte der Vater.
    Ulrich whlte ein Baret und einen langen schwarzen Mantel aus, und bat
Rachel, es ihm recht fest in ein weies Leinentuch zusammen zu wickeln. Er lie
sie ungewi, ob er sie in der Verkleidung erkannte oder nicht. Sie willfahrte
dienstfertig seinem Wunsch. Er gab ihr zum Danke die Hand - sie drckte sie
erglhend und demthig an ihre Lippen; dann ging er.
    Er eilte mit dem Pckchen in seine Zelle und verbarg es unter das Stroh
seines Lagers. Dann ging er an die Arbeit.
    Konrad flsterte ihm zu: Heute Nacht!
    Er wute genug; es war auch die hchste Zeit - denn morgen hatten die
Baubrder ihr Werk vollendet und sollten wieder zurckkehren.
    Wie das erste Mal gingen Konrad und Ulrich stumm durch die Klosterhallen bis
zu den unterirdischen Gewlben. Ulrich trug auer dem Kleiderpckchen auch die
Maurerkelle und Kalk bei sich, den er sich gleichfalls heimlich verschafft.
    Konrad zndete am Ziele die Lampe an und rief: Amadeus!
    Niemand antwortete.
    Amadeus! rief Ulrich lauter.
    Alles blieb stumm.
    O Gott, wenn wir zu spt kommen - wenn er todt ist! wehklagte Ulrich. Mit
starker Hand griff er in die Oeffnung und ri die nchsten Steine heraus. Es
ging leicht - Amadeus mute sie von innen mit dem Meiel gelockert haben.
    Bald war das Loch so gro, da ein Mensch hindurch konnte. Ulrich griff mit
der Hand hinein - und fuhr zurck; etwas Nakaltes hatte sie berhrt - eine
Ratte war darber gesprungen.
    War es der Schrei, den er dabei ausstie, oder das Gerusch der fallende
Steine, oder die Berhrung seiner Hand - jetzt begann Amadeus sich zu regen und
zu rcheln. Ulrich beugte sich zu ihm hinein und flte ihm Wein ein. Nach einer
Weile kehrten die halbentschwundenen Lebensgeister zurck.
    Amadeus! rief Ulrich, wir kommen Dich zu befreien. Flchte aus diesem
Loch, aus dem Kloster - komm!
    Konrad und Ulrich reichten ihm die Hnde - sie zerrten ihn heraus.
    Der Sohn hielt den Vater in den Armen.
    Ulrich! rief dieser jetzt, ich soll wieder leben?
    Ja, Dein Ulrich ist nicht Dein Mrder, sondern Dein Befreier - aber eile!
wir haben keine Zeit zu verlieren. Konrad geleitet Dich und beredet das Uebrige
mit Dir - ich mauere inde Dein Gefngni wieder zu.
    Konrad zog den halbbewutlosen Amadeus zur Eile treibend mit sich fort.
Inde mauerte Ulrich die aufgerissenen Steine wieder ein und harrte bei der
Arbeit Konrad's Rckkehr.

                                Zwlftes Capitel



                                    Rckkehr

Es war wieder still geworden in Nrnberg. Der Reichstag hatte diesmal nicht viel
ber einen Monat gedauert. Da man das voraus sah, da nicht alle Stnde berufen
und auch die berufenen nur hchst unvollzhlig erschienen waren, so war diesmal
berhaupt das Zustrmen der Fremden geringer gewesen als sonst, und darum war so
schnell wie der Schnee auch die Fremdenmenge geschmolzen und dann verschwunden,
die sich eine Zeitlang durch Nrnbergs Straen bewegt hatte.
    Gerade an dem Tage, an welchem Kaiser Friedrich und Knig Max aus Nrnberg
zogen, kehrten die Baubrder zurck aus dem Kloster und begegneten noch dem Zug.
    Beinah' ist es, sagte Hieronymus, als wren wir, gerade so lange der
Reichstag whrte, aus Nrnberg verbannt gewesen - vielleicht htte sonst unser
kniglicher Baubruder von Dir noch einmal die Wahrheit zu hren bekommen!
    Ulrich schttelte traurig den Kopf. So lange der alte Kaiser Friedrich noch
lebt und des Reiches Haupt ist, der an nichts denkt als an die Vergrerung der
Hausmacht der Habsburger durch eine kleinliche und eigenschtige Politik, die
immer nur rechnet und speculirt, aber niemals offen handelt und entscheidet mit
selbstbewuter That, noch weniger aber daran denkt, da er das deutsche Reich zu
einer Macht erheben sollte, sondern nur zusieht, wie Deutschland seiner
Familienmacht zu Ansehen verhelfen knne: so lange sind auch Maximilian's Hnde
gebunden. Seit fnf Jahren ist er nun rmischer Knig und sieht sich die
deutsche Kaiserwrde gesichert; er hat nicht nthig sich erst auszuzeichnen, um
ihr Bewerber zu werden. Htte er sie aber damals gleich mit empfangen, wo er zum
rmischen Knig gekrnt ward, und wre damals gleich das Reich den alten
energielosen Kaiser los geworden; so htte Max wohl mit frischer ritterlicher
Jugendkraft den Scepter ergriffen und eine neue Aera fr Deutschland
heraufgefhrt. Aber er konnte nicht, wie er wollte - daran schon hat sich die
feurige Jugendkraft gebrochen und in auswrtigen Hndeln abgenutzt. Fast ist er
fremd geworden im Reich, und es liegt ihm weniger am Herzen als das flandrische
Erbe seiner Kinder. Nun hat er schon in die Politik des Vaters sich finden und
fgen lernen, und Habsburgs Hausmacht ist auch seine Loosung. Ich frchte, nun
wird es zu spt, da er die Hoffnungen rechtfertige, die man auf ihn setzen
durfte.
    Hieronymus stimmte bei, aber fgte doch hinzu: So lang' er wenigstens die
Kunst beschtzt und ein rechtes Mitglied der freien Maurer bleibt, drfen wir
noch nicht an ihm verzweifeln. Vielleicht, lchelte er etwas hmisch, hat auch
die Scheurlin ihn wieder mehr fr deutsche Art begeistert.
    Du scheinst jetzt immer mehr die Ansicht Deiner Mutter ber die edle Frau
zu theilen, sagte Ulrich, obwohl Du einst der Erste warst, der sie mir als die
schnste und gelehrteste Nrnbergerin zeigte. Doch, da wir einmal auf Deine
Mutter kommen - gre sie von mir und sage ihr, wie ich ihr danke fr alle Gte
und Liebe, die sie mir erzeigt, so lange ich bei ihr wohnte, aber -
    Du denkst doch nicht mehr daran, von mir zu ziehen? sagte Hieronymus
bestrzt, da inzwischen dieser Punkt gar nicht berhrt worden war. Die
Judengeschichte hat sich inde ja auch erledigt.
    Ulrich hatte nmlich im Kloster die Begegnung mit Ezechiel ihm erzhlt, der
gekommen sei, den Ring wieder zu fordern, den er auf diese Weise los geworden,
ohne darum Rachel oder Elisabeth mit in diese Erzhlung zu verflechten, wie er
auch Hieronymus nichts von Amadeus und seinen Beziehungen zu ihm vertraut.
Hieronymus hatte nur etwas eiferschtig gesehen, da Ulrich und Konrad in einem
vertraulichen Verkehr zusammen gekommen waren, aber er hatte keine Ahnung von
der Grundlage desselben und auch weiter kein Interesse danach zu forschen. Seit
aber Ulrich bei ihm auf hartnckig bewahrte Vorurtheile gestoen war, wollte er
ihn um keinen Preis zum Vertrauten des Geheimnisses seiner Geburt machen, noch
berhaupt dieses dadurch, da er es noch einem Menschen mehr wissen lie, um so
eher dem Verrath eines Zufalls, wenn nicht einer Absicht aussetzen. Aber beides
war auch um so eher mglich, wenn er mit Hieronymus und seiner Mutter wohnen
blieb - einmal strubte sich sein Stolz dagegen, dann die Furcht vor Entdeckung
und vor allem der Vorsatz, in die Gefahren und die Beschimpfungen, die ihm
drohen konnten, auf keinen Fall seinen vertrautesten Freund mit zu verwickeln.
Er blieb daher jetzt fest bei seiner Erklrung, sich eine Wohnung fr sich
allein zu suchen, wie sehr auch Hieronymus in ihn drang bei ihm zu bleiben. Er
mute sich endlich darein ergeben und mit Ulrich's Versicherung begngen: da
diese uere Trennung ja keine innere sei, da sie auch auer der Bauhtte sich
tglich sehen und ihre Sonntage und Freistunden nach wie vor zusammen zubringen
wrden. -
    In jener Nacht, wo Ulrich Amadeus aus seiner Gruft befreit und dann dieselbe
wieder zugemauert hatte, war er dabei bis zu Konrad's Rckkehr aus dem
unterirdischen Gange beschftigt gewesen. Dieser meldete ihm dann, da er
Amadeus glcklich bis in die Kapelle gebracht, hinter deren Altar die Fallthr
sich ffnete. Dort aber hatte er nicht bleiben drfen, weil so schon die
uerste Gefahr war, da ein rckkehrender Mnch da ihn fnde. Er hatte ihn
heien in den Wald fliehen und dann weiter in der Flucht sein Heil versuchen, so
erschpft und elend er auch war. Die andern Sachen schtzten ihn wenigstens von
Weitem vor Entdeckung; Lebensmittel auf ein paar Tage hatte er mit bekommen -
weiter etwas fr ihn zu thun, lag fr seine Retter auerhalb der Grenzen der
Mglichkeit.
    Im Kloster verlautete nichts ber ihn. Ein paar Tage spter sagte Konrad,
man spreche davon, da Amadeus in seinem Kerker verschieden, und habe das Loch,
darin er sich befunden, einfach zugemauert.
    Die Baubrder hatten nach Vollendung ihres Werkes ihren ausbedungenen Lohn
bekommen, und Ulrich erhielt von dem Abt einen Brief zur Uebergabe an den Propst
Kre.
    Er htte auch fragen mgen, wie bei jenem Brief, welchen der Propst ihm mit
in das Kloster gab: Ist's ein Uriasbrief? - aber er widerstand der Versuchung,
das Wachssiegel, das sich ohne sichtbare Beschdigung htte lsen und wieder
befestigen lassen, zu heben und einen Blick in die Schrift zu thun. Wie
verhngnivoll sie auch sein mochte - er beeilte sich, sie abzugeben gleich am
Tage seiner Ankunft.
    Der Propst ward bleich vor Schrecken, da er das gelesen, und warf
verzweiflungsvolle Blicke tiefsten Mitleids auf Ulrich.
    Der Abt meldete ihm, da es ihm leid thue, den einst von dem Propst in's
Kloster als frhern Freund aufgefundenen Amadeus, der sein Schtzling geblieben
sei, nicht vor einer verdienten Strafe schtzen zu knnen. Er sei verdchtigt
worden, das Tabernakel zertrmmert zu haben - der Abt habe die Sache
unterdrcken wollen, da jedoch die fremden Baubrder, besonders Ulrich von
Straburg, auf strenge Untersuchung gedrungen, sei die Sache durch Amadeus
eigenes Gestndni offenkundig geworden, und er habe ihn verurtheilen mssen,
als wahnsinnig eingemauert zu werden; seit ein paar Tagen sei er todt.
    Der Propst gab Ulrich den Brief zum Lesen und sagte: Gestehe mir Alles.
    Ulrich kniete nieder und neigte demthig sein Haupt. Ihr werdet mich eines
Verbrechens zeihen, sagte er, und mich beschuldigen, da der Sohn den Vater
in's Verderben gebracht; ich beging noch ein zweites Verbrechen: der Baubruder
entzog der geistlichen Gerechtigkeit ein Opfer und dem Kloster einen Mnch - ich
habe Amadeus zur Flucht geholfen!
    Weh' Dir und ihm! rief der Propst und verhllte sein Gesicht.
    Ich bin bereit selbst das Opfer zu sein! sagte Ulrich; berliefert mich
als einen Verbrecher dem geistlichen Gericht - lat mich auch so still einmauern
und von der Welt verschwinden; es erspart mir dann ein Leben der Schande, das
vielleicht auf mich wartet.
    Der Propst rang die Hnde, hatte Thrnen in den Augen und seufzte: Ach,
warum mute ich so schwach sein, seiner Bitte nachzugeben und Dich hinsenden!
Warum seinen Worten trauen - er versprach zu schweigen gegen Dich und gegen
Alle.
    Klaget ihn nicht an! sagte Ulrich; ich will Euch Alles beichten, wie es
kam, was ich gehrt und was ich gethan. Und er beichtete getreulich Alles, nur
Konrad verrieth er nicht, sondern sagte nur, da ihm ein geistlicher Bruder
beigestanden, den er nicht nennen werde und dem seine eigene Sicherheit gebiete
fr immer zu schweigen. Und nun, schlo er, richte ich an Euch die Frage:
ist meine Mutter Euere Schwester und lebt sie noch?
    Der Propst schlo den jungen Mann in seine Arme. Ich bin Dein Ohm, sagte
er, und liebe Dich vielleicht mehr als Dein Vater! aber ich wollte nie, da Du
ein Geheimni erfuhrest, dessen Entdeckung fr Dich gefhrlich werden kann. Aber
ich hoffe, da es dennoch bewahrt werde - Du wirst Dich nicht selbst verrathen
und unglcklich machen.
    Lebt meine Mutter noch? wiederholte Ulrich.
    Sie lebt, antwortete der Propst nach einigem Bedenken, und ganz in Deiner
Nhe, aber fr immer von Dir getrennt - sie ist hier und Nonne im Kloster der
heiligen Clara!
    O darum zog es mich so hierher nach Nrnberg! rief Ulrich.
    Sie wei nicht, da Du hier bist; sie wei nur, da Du ein tchtiger und
braver Baubruder geworden, und freut sich, da Du der Kunst und Gott getreulich
dienest, und da so mehr aus Dir geworden, als wenn sie bei Dir und mit Dir in
dem Dorfe geblieben wre, das fr Deine Heimath galt, antwortete der Propst.
    Und wie kam sie hierher? forschte Ulrich weiter, und hat mir Amadeus in
Allem die Wahrheit erzhlt?
    Die volle Wahrheit! besttigte der Propst, und damit Du nicht am
unrechten Orte forschest, so will ich seine Geschichte vollenden. - Als er mit
Deiner Mutter floh, hatte er nicht den Muth ihr zu gestehen, da er daheim ein
liebendes Weib und Kinder besitze. Ulrike folgte ihm vertrauend nach Frankfurt,
wohin er damals im Kriegsdienst mute, und nur das schmerzte sie und ihn, da
sie Dich nicht bei sich hatten; allein es trstete sie, da sie Dich im Kloster
sicher und in guten Hnden wuten, bis sie Dich wrden knnen zu sich kommen
lassen. Amadeus versprach ihr, sich mit ihr trauen zu lassen, sobald die
kirchliche Scheidung von ihrem Mann erfolgt sei - inde hoffte er auch die seine
zu bewerkstelligen. So vergingen Monate. Ein Kriegsbefehl rief ihn nach
Wrzburg, er nahm sie auch dahin mit; aber whrend er sie dort, um im Felde zu
dienen, allein zurcklassen mute, erschien pltzlich seine Gemahlin bei ihr.
Ein Gefhrte ihres Gatten hatte ihr hinterbracht, da dieser um eines gemeinen
Weibes Willen, das er auf der Landstrae aufgelesen, die Scheidung von ihr
fordere, und die liebende Frau wollte jenes selbst sehen und durch
Geldanerbietungen von ihm trennen. Fr Deine edle Mutter war es genug, den
Beweis zu erhalten, da Amadeus durch andere heilige Pflichten gebunden sei, um
zu wissen, was sie zu thun hatte. Mit Stolz wies sie alle Anerbietungen zurck
und erklrte, da sie Amadeus fliehen und fr ihn todt sein wolle, ehe er um
ihretwillen die Seinen unglcklich mache. Sie hatte inzwischen gehrt, da ich
Geistlicher in Nrnberg sei - in der Verzweiflung erschien es ihr als Trost,
sich dem Bruder zu vertrauen, bei ihm eine Zuflucht und Schutz zu suchen. So kam
sie zu mir. Ich hatte sie als todt beweint, und mit der wiedererstandenen
Unglcklichen, die schon so viel gebt, rechtete ich nicht ber ihre
Verirrungen - ich empfing sie als liebender Bruder. Aber bei mir konnte sie
nicht bleiben, ich brachte sie in's Kloster der heiligen Clara, eine
Zufluchtssttte, die sie selbst ersehnte. Dort ist ihr Leben ein dem Himmel
geweihtes und ein stillglckliches gegen das, welches sie einst bei dem rohen
Gatten fhrte. Todt zu sein fr die Welt und fr Alle, erschien ihr als der
beste Trost. In dem Kloster, das Dich aufgenommen, nannte sie mir den Bruder
Anselm als den, welchem ich vertrauen knne. Mit ihm setzte ich mich in
Verbindung, er allein erfuhr ihr Geschick und berichtete uns ber Dich, so lange
Du im Kloster warst. Du galtest dort als ehrlicher Sohn des drflichen Paares,
und so hielt man Dich auch nicht ab, als Du in die Bauhtte von Straburg
wolltest, und gab Dir fr den Maurerhof mit anderen Zeugnissen auch das Deiner
ehrlichen Geburt. Amadeus, als er die Geliebte nicht mehr fand, wo er sie
zurckgelassen, suchte sie zum zweiten Male berall vergebens - endlich leitete
ihn ihre Spur zu mir. Ich verhehlte ihm die Wahrheit nicht und da Ulrike eine
Braut des Himmels geworden. Ich rechtete nicht mit ihm, ich sprach nicht
strafende Worte, ich suchte ihn nur zur Rckkehr zu seiner Gattin zu bewegen,
und selbst wenn er das nur als Bue fr seine Leidenschaft betrachten sollte.
Aber er wollte nichts davon wissen - nur das sagte ich ihm nicht, in welches
Kloster Ulrike gegangen. Er schied von mir wie ein Wahnsinniger. Im Walde hatte
er einen Versuch gemacht, sich das Leben zu nehmen. Benediktinermnche fanden
ihn dort - und das Uebrige weit Du.
    Ulrich weinte an der Brust des theilnehmenden Mannes, der das beste Herz und
weichste Gemth besa, wenn auch manche Schwachheit sich daran knpfte.
    Halte Du Dich frei von der Leidenschaft, sagte der Propst theilnehmend,
hte Dein Herz und Deine Sinne! Alle, die das nicht thun, die richten nur
Unglck an fr sich selbst und fr Andere. Und weiter fuhr er fort: Sage
Niemanden ein Geheimni, das treu bewahrt bleiben soll - auch nicht Deinem
besten Freund - Du hast es dann nicht mehr in Deiner Gewalt - verrathe Dich auch
Deinem Kameraden Hieronymus nicht.
    Ulrich schttelte das Haupt und sammelte sich endlich so weit, um zu
erzhlen, da er eben darum auch nicht dessen Wohnung mehr theilen mge.
    Der Propst billigte dies und hie Ulrich diese Nacht mit in der Propstei
bleiben, da er noch keine andere Wohnung hatte. So sprachen sie noch lange mit
einander von der Vergangenheit und von der mglichen Zukunft. War Amadeus
glcklich entkommen? wer konnte es wissen? Er war so schwach und hinfllig
gewesen von dem martervollen Kerker - wohin konnte er geflohen sein? War er
umgekommen im Walde und fand man ihn lebend oder todt, so konnte eine
Untersuchung seiner Flucht vielleicht die verrathen, die ihm dazu geholfen, und
dann hatten sie die hrteste Strafe zu frchten. Und war er glcklich weiter
entkommen: was wrde er nun beginnen? Muten sie nicht jeden Tag denken, die
Sehnsucht nach dem Sohn und der Wunsch von Ulrike zu hren, werde ihn eines
Tages wieder zurckfhren nach Nrnberg zu dem Propst oder Ulrich, und er sich
selbst und diesen der schrecklichsten Gefahr aussetzen und vielleicht auch
Andern in seiner zuweilen doch halbwahnsinnigen Art Alles verrathen?
    Aber was halfen diese bangen Fragen, auf die Keiner eine Antwort geben
konnte! -
    An demselben Tage hatte der Jude Ezechiel bei der Frau von Scheurl, wie sie
jetzt hie, noch einmal Eintritt verlangt, der ihm schon mehrmals verweigert
worden. Die Dienerschaft hatte auch jetzt wieder gedroht, ihn hinauszuwerfen. Da
entschlo er sich zum Aeuersten. Er gab den Ring einem Diener und lie sagen:
er liee nur fragen, ob die Herrin den Ring behalten wolle, oder ob er ihn dem
Eigenthmer wieder zurckgeben solle.
    Das wirkte. Sogleich ward er vorgelassen.
    Elisabeth war ohnehin in schmerzlicher Aufregung. Mit kurzem Abschied war
Knig Max geschieden, und nur Kunz von der Rosen hatte ihr zugeflstert, da,
wenn es sich einmal treffen solle, da ein Kaiser oder Knig einer stolzen
Nrnberger Patrizierin doch einen Dienst erweisen knnte, so mge sie sich
gleich lieber an den Narren wenden, der habe ein besseres Gedchtni und wisse
nrrisch genug, oft sicherer das Ziel zu erreichen.
    Konrad Celtes war mit dem Knig gegangen, um wieder ein unstetes Reiseleben
zu fhren und im Wirken fr die humanistischen Studien und dem Streben im
deutschen Volke den Sinn fr das Vaterland und seine Geschichte zu beleben, sein
unruhiges Herz zum Schweigen zu bringen. Er hatte Elisabeth's Gebot geehrt und
war ihr nicht wieder allein genaht. Aber was half es ihr, da sie so als
tugendhaftes Weib weder dem Knig noch dem Poeten eine Freiheit verstattet, die
sich nicht mit den Pflichten gegen ihren Gemahl vertragen htte: Ursula selbst,
die einzig durch sie Hochbeglckte, fhlte sich verpflichtet ihr zu
hinterbringen, wie viel Angriffe auf Elisabeth's guten Ruf sie zurckweisen
msse, wie man sie beschuldige, den Poeten, ihren frhern Geliebten wieder
rcksichtslos bei sich empfangen zu haben und dem kniglichen Gast in jeder
Beziehung eine gefllige Wirthin gewesen zu sein. Sie ahnte, da Streitberg und
die Hallerin dies Gift gegen sie verstreut - und sie hatte keine Waffe dagegen,
als ihr reines Gewissen und das Zeugni ihres Gemahls. Das fiel freilich bei den
Nrnbergern leicht genug in die Wagschaale; der hoffrtige Rathsherr war geadelt
worden - und damit hie es, sei er schadlos gehalten, wenn ihm auch ein Schimpf
durch sein Weib geschehen.
    Elisabeth konnte diesen Gerchten nur erneuten Stolz entgegensetzen, aber
sie htte kein zartfhlendes Weib sein mssen, wre sie nicht doch davon
verwundet worden.
    Und nun, wo sie hoffte, da Streitberg, um dessentwillen sie fast nie ihr
Haus verlassen, sich wieder aus der Stadt entfernt, sah sie den Ring vor sich,
durch den sie sich ihm einst verlobt hatte.
    Sandte er ihr ihn, oder wie kam er in die Hnde des Juden? Wie auch
Vorurtheil und Stolz sich dagegen strubten, sie mute selbst und allein mit
diesem sprechen.
    Ezechiel erzhlte, da Ritter Streitberg den Ring bei ihm versetzt, um ihn
spter wieder einzulsen, da aber der Steinmetz Ulrich von Straburg, der den
Ring bei ihm gesehen, gesagt habe, er msse der Frau von Scheurl gehren, der
gewi sehr viel daran gelegen sei, ihn wieder zu erhalten, und da er somit
eigentlich in dessen Auftrag zu ihr komme.
    Elisabeth erschrak und errthete nacheinander. Was hatte dieser Ulrich, der
christliche Baubruder, mit dem verstoenen Juden zu thun? was ging es Ulrich an,
ob sie ein Interesse an dem Ringe habe oder nicht? Sie mochte sich in kein
Gesprch mit dem Juden einlassen - sie fragte ihn nur, wie viel er fr den Ring
fordere?
    Ezechiel nannte eine hohe Summe, und Elisabeth ging in ein Nebengemach, um
aus einer Schatulle das gewnschte Geld zu holen.
    Der Jude ward dreister, schilderte, welche Unannehmlichkeiten er haben
werde, wenn Streitberg sein Pfand nicht wieder erhalten knne, und wie er nur
Ulrich's Vorstellungen nachgegeben, und ob die edle Frau nicht dafr an diesen
einen Dank zu bestellen habe.
    Elisabeth sah zrnend auf, dann wandte sie dem Juden den Rcken, hie ihn
sich augenblicklich entfernen, und verschwand in das Nebengemach.
    Einen Augenblick stand Ezechiel bestrzt - dann sah er sich berall um, und
schnell seinen Vortheil wahrnehmend, nahm er ein gedrucktes Buch und ri aus
demselben die Titelseite, auf welcher Elisabeth's Name stand, und sagte bei
sich: Das bring' ich ihm als von ihr - er wird schon in die Falle gehen, wenn er
nicht schon darin sein sollte, und vielleicht whlt er mich zu seinem
Liebesboten. Halb und halb hab' ich ihn ja schon in der Hand, denn die Sachen,
die er mir im Kloster abverlangte, hat er zu keinem rechtlichen Zweck gebraucht.
Das ist ein Geheimni, da ich mich stellen werde zu wissen und auszuplaudern
drohen, wenn ich ihn einmal wohin haben will, wo er nicht mag. So bekommt man
die Leute an's Fdchen.


                                  Dritter Band

                                 Erstes Capitel

                                 Ein Seefahrer

Von herrlichem Frhlingswetter begleitet war das Osterfest herangekommen. Die
Lerchen wirbelten im Sonnenschein triumphirende Auferstehungslieder, die
Zugvgel kehrten zurck und suchten die alten Nester, oder bauten sich neue. Sie
fanden an den Giebeln von Nrnberg, wie in den Bumen seiner Grten, manch' ein
trauliches Pltzchen, darin sie nisten konnten, wo sie sich zwitschernd als gern
gesehene Gste niederlieen. Sie flatterten um die hohen Zinnen der Burg und
wiegten sich auf den Zweigen der Linde, welche die Kaiserin Kunigunde im
Schlohof gepflanzt.
    Auf einem Spaziergange mit ihrem Gemahl hatte Elisabeth diesem Spiele
zugesehen, und obwohl dabei heiter lchelnd, doch im Innern schmerzlich bewegt
sich gefragt: ob und wann je einmal die Zugvgel wiederkehren wrden, die im
Winter nur kurze Zeit unter ihrem Dache geweilt: Knig Max und Kunz von der
Rosen, oder Konrad Celtes? Sie suchte jede heftige Regung in sich zu
unterdrcken; aber sie fhlte sich seitdem wieder so allein und unverstanden an
der Seite des ungeliebten und ungebildeten Gatten, der fr alle hheren
Interessen des Lebens kein Verstndni hatte, und nur aus Eitelkeit den Schein
um sich zu verbreiten suchte, als ob Kunst und Wissenschaft in ihm einen
Verehrer htten, whrend er innerlich ihnen doch ganz fremd blieb.
    Aber indem Elisabeth so auch wieder heimgekehrt an die Zugvgel unter den
Menschen dachte und selbst Leid empfand, nicht zu ihnen zu gehren - kam
pltzlich einer von denselben zurck, den sie am wenigsten erwartet hatte.
    Ihr Bruder Georg trat bei ihr ein, und mit ihm ein lterer Mann in
portugiesischer Tracht von schwarzem Sammet, mit gelben Puffen von Atlas in den
Aermeln seines Wammses, einen runden Hut mit langer schwarzer Feder, auf seiner
Brust ein schimmerndes Ritterkreuz. Er mochte etwa sechzig Jahre zhlen und war
von mittlerer Gre, aber die Straffheit seiner Haltung war die eines Jnglings.
Sein braunes Haar, das die breitgewlbte vorspringende Stirn umspielte, war nur
mit wenigen Silberfden untermischt, ebenso der Bart, der Oberlippe und Kinn
bedeckte. Die Stirn zeigte einige Runzeln, aber vorherrschend in der Mitte ber
der Nase die tiefe Furche des rastlosen Denkens. Seine Gesichtsfarbe schien von
einer tropischen Sonne gefrbt zu sein und erhhte den blitzenden Glanz seiner
Augen, die feingebildeten Hnde zeigten sich wettergebrunt und hart.
    Georg begrte die Schwester und sagte: Ich bringe Dir einen Gast,
Elisabeth.
    Sie verneigte sich mit edlem Anstand, aber einem fragenden Blick auf den
Bruder, von dem sie zu erwarten schien, da er den Fremden ihr vorstelle, und
sagte: Waret Ihr schon bei meinem Gemahl, oder hab't Ihr ihn nicht daheim
gefunden?
    Dieser Besuch gilt vor allem Dir und dann erst ihm, sagte Georg.
    So ist es! sagte der Fremde, und lie seine Augen so durchdringend und
prfend auf Elisabeth's Antlitz und Gestalt ruhen, da sie, unwillig diesen
Blicken ausweichend, fragend zu Georg sah, als fordere sie von ihm eine
Erklrung oder Schutz gegen einen Fremden.
    Dieser aber ergriff ihre Hand und rief: Erkennt mich Elisabeth wirklich
nicht?
    Da stie sie einen Schrei aus und mit dem Jubelrufe: Martin, Du bist's!
sank sie in seine Arme.
    Er drckte sie fest an seine Brust und sagte: Ich htte Dich gleich wieder
erkannt, wrest Du mir auch noch so unerwartet begegnet, und bist Du auch in den
zwlf Jahren meiner Abwesenheit aus einer zarten Jungfrau ein blhendes Weib
geworden; Deine Augen und Dein Mund sind geblieben, wie sie waren - und die
giebt es nicht weiter so auf der Welt.
    Aber wie konnte ich Dich auch hier erwarten? rief Elisabeth; eher glaubt'
ich Dich am Capo di Tormentos oder weiter auf fernen Meeren schiffend, auf denen
Du an wundersamen Inseln landetest, die zuvor Dein Prophetengeist aufsteigen sah
aus dem dunklen Ocean!
    Martin Behaim lchelte: O mehr als eine wundersame Insel, das ganze
indische Knigreich Congo haben wir entdeckt, als unter Diego Can unsere Schiffe
immer weiter segelten in's Unbekannte hinein. Und der Herrscher von Congo, wie
die meisten seiner Bewohner empfingen uns mit ungewhnlicher Freundlichkeit; sie
traten in Verbindung mit dem mchtigen Knig von Portugal, in dessen Namen wir
landeten, ja sie lieen sich taufen, und wo vorher migestaltete heidnische
Gtzenbilder standen, ist das christliche Kreuz aufgerichtet worden. Das ist
eine neue Art von Kreuzzgen: neue Welten gilt es aufzusuchen und zu entdecken -
nicht mehr rckwrts nach Osten wie der blinde schwrmerische Glaube - vorwrts
nach Westen geht das Streben der hellsehenden Wissenschaft! - Und sprich nicht
mehr von Capo di Tormentos! Diesen Namen schrieb ich Dir wohl damals, als ich
mit Bartolomeo de Diaz das Vorgebirge von Afrika erreichte; er hatte es so wohl
genannt zur Erinnerung an die hier ausgestandenen Drangsale, aber der Monarch
Joiro, voll froher Erwartung nach glnzenderen Entdeckungen, gab ihm den
bedeutungsvollen Namen Kap der guten Hoffnung - und den wird es nun wohl fr
immer behalten. Jetzt hab' ich von der letzten Seereise in Lisboa bei meinem
lieben Weibe ausgeruht, und nun bin ich einmal hierher gekommen, Euch wieder zu
begren, und weil ich mein liebes altes Nrnberg nicht vergessen habe, dessen
kunstfertige Hnde mir weiter dienen sollen, was die Wissenschaft mich gelehrt
und die Erfahrung mir besttigt, in einem neuen Instrumente falich darzustellen
- wie ja auch mein edler Lehrer Johannes Regiomontanus von Knigsberg gen
Nrnberg zog, weil er hier fr seine Studien die besten mathematischen
Instrumente gefertigt erhalten konnte.
    Komm, sagte Elisabeth und zog ihn zu sich auf das Sopha, und erzhle so
weiter. Wie freu' ich mich Deiner Rckkehr! Wie tausendmal haben wir in der
letzten Zeit Deiner gedacht und uns gefragt, ob Du wohl noch am Leben - ob Du
nicht zu Khnes gewagt und gesonnen, ob Du nicht einer der Mrtyrer geworden
seist, welche, wie sie ihrer Zeit voraus sind, von dieser nicht verstanden,
darum von den Anhngern des Alten verklagt und verurtheilt werden, beschuldigt,
Irrlehren zu verbreiten und Unheil zu stiften, wo sie der Wahrheit und damit dem
Wohle der Menschheit dienen?
    Martin Behaim versetzte mit klugem Lcheln: Die Pfaffen sind mir allerdings
nicht besonders hold und alle Freunde der Volksverdummung sind meine Feinde.
Inde knnen sie doch nichts wider mich aufbringen. Solche Gegner werden durch
den Erfolg berwltigt - und da ich nicht eher etwas behaupte, bis ich es mit
mathematischer Genauigkeit berechnet und klar beweisen konnte, so waren sie bald
zum Schweigen gebracht. Was mich aber vielleicht am meisten schtzt, ist, da
ich niemals meine Person in den Vordergrund schiebe. Unter den stolzen,
ruhmschtigen, aufgeblasenen Portugiesen mag man sich immerhin ber die stille
bescheidene Art des deutschen Mannes verwundern, der sein Wissen darbietet, ohne
Anspruch auf Ruhm und Ehre zu machen, reich belohnt, wenn es nur wirklich der
Menschheit ntzt und zum Ziele fhrt; mag die Mit- und Nachwelt immerhin die
Namen Bartolomeo Diaz und Diego Can als die Helden der Seeunternehmungen dieses
Jahrhunderts nennen, die neue Welten finden und erschlieen: mir gengt das
Bewutsein, da ich die Seele dieser Unternehmungen war und da ich die
Schlssel lieferte zu den sonst vielleicht noch unverschlossenen Pforten zu den
neuen Wegen und Reichen.
    Elisabeth drckte ihm die Hand und sagte: Wie lange Du auch schon unter den
heibltigen Nationen bist - Du bist ein ganzer Deutscher geblieben: Du lt
andern Nationen den Ruhm, den Deutschland haben knnte und der ihm vor allen
gebhrt!
    Du bist auch noch immer die Schwrmerin fr die deutsche Gre, die nun
einmal nicht ein groes Deutschland werden kann! sagte der weitgereiste Bruder;
uns Mathematikern ist es gleichgltiger, wir reden eine Zahlensprache, die fr
alle Nationen verstndlich. Aber einen Ruhm wenigstens will ich dem Vaterlande
und der Vaterstadt retten: wenn man sich einst von Portugals Seetriumphen
erzhlt und, wie ich vorhin sagte, dabei auch meinen Namen vergit, so wird man
doch Nrnberg nennen, in dem der erste Globus gefertigt ward. Ich bin hierher
gekommen, um nach meiner Angabe die Erdkugel, auf die ich alle Lnder und auch
die neuentdeckten zeichnen will, von den geschicktesten Landsleuten darstellen
zu lassen. Was man mit Augen sehen und mit Hnden greifen kann, bezweifelt man
nicht mehr, und dann wird Niemand mehr glauben, da die Erde eine Scheibe,
sondern begreifen, da sie kugelfrmig sein mu.
    Rstet nicht jetzt auch Spanien zu hnlichen Entdeckungen? fragte Georg.
    Martin Behaim zuckte die Achseln. Knig Ferdinand und Isabella scheinen noch
immer zu zgern, auf die Plne und Vorschlge eines strebsamen Genuesen
einzugehen, der auch in Portugal vergeblich der Regierung dieselben machte. Ich
hrte leider erst von ihm, als der Knig Joiro schon seine Anerbietungen
verworfen hatte, und war damals selbst noch in der Lage, ihm ntzen oder mit ihm
vereint wirken zu knnen. Ich war noch nicht lange in Lissabon, in den
Handelsgeschften unseres Hauses mich Anfangs nicht um die Seeprojekte kmmernd,
als (es war im Jahre 1481) unter dem Oberbefehle Don Diego's von Azambuja eine
ansehnliche Flotte nach Guinea segelte und durch die Anlegung eines Fortes an
der Kste den dortigen Goldhandel sicherte. Mit groer Eifersucht verbarg man
jedoch die Resultate der bisherigen Entdeckungen und verbreitete die
abschreckendsten Gerchte und abenteuerlichsten Sagen ber die Gefahren der
Schifffahrt in jenen Meergegenden. Selbst grausame Maregeln vernichteten die
Mhe verwegener Fremdlinge, welche, gegen das System des Hofes, zu hnlichen
Zwecken sich anschickten, mit ihren Personen zugleich. Da wies man auch jenen
Genuesen Christoforo Colombo ab, wie es ihm schon in seiner Vaterstadt Genua
geschehen war. In Lissabon kannte ich ihn wie seinen Schwiegervater Bartolomeo
Perestrello, ein tchtiger Seefahrer, der als Schiffscapitn unter dem Infanten
Don Heinrich nach der Westkste Afrikas gesegelt war und an der Entdeckung von
Madeira Theil genommen hatte. Colombo behauptet, da die andere Halbkugel
unseres Erdbodens festes Land enthalten msse, das man auf krzerem Wege
erreichen knne, indem man durch eine Fahrt nach Westen gerade aus in's offene
Meer steuerte. Mir scheint das in der That auch nicht unwahrscheinlich und ich
glaube, da ihm sehr Unrecht geschieht, wenn er fr einen tollkhnen Trumer
erklrt wird. In Lissabon abgewiesen, versucht er jetzt in Spanien sein Heil,
zuweilen heit es, da man ihm Schiffe ausrsten wolle - aber bis jetzt ist er
immer noch mit leeren Versprechungen hingehalten worden. Vor der gelehrten Junta
von Salamanka hat er seine Ansichten vorgetragen, aber auch hier belchelte sie
die Mehrzahl als Hirngespinnste eines mssigen Kopfes.
    O ich wollte, ich wre an Isabella's Stelle! rief Elisabeth; ich gbe
diesem Manne Schiffe und Alles, was er wnscht, und wenn ihn die ganze Welt
einen Abenteurer hiee! noch lieber wagt' ich mit ihm selbst die Fahrt. Wer
Riesenplne in seinem Kopfe wlzen kann, der verdient auch die Mittel zur
Ausfhrung. Es mu herrlich sein, so mitten hinein zu schiffen in's grne,
wogende Meer, und zu sphen, bis irgendwo eine goldene Kste emportaucht, die
noch kein menschlicher Fu betreten, oder auf der man doch ganz neue Menschen
findet und Alles neu und anders, als das bisher Bekannte.
    Martin lachte: Ja, Du patest gerade dazu! Du denkst es Dir wohl wie in
einer venetianischen Gondel, oder auch wie im Schiffe des Dogen in das
adriatische Meer hinaus. Die Lustbarkeit ist nicht gar so gro, tage- und
wochenlang nichts zu sehen als Himmel und Wasser, und nicht zu wissen, wo man
ist, trotz dem Compa, und wr's der beste aus unserer besten Nrnberger
Werksttte. Du patest unter die rauhen Seeleute mit Deinen feinen Sitten, der
hier die Reichsstdter noch zu roh sind, und Deiner feinen Haut, die von
kostbaren Salben duftet. Und die neuen Menschen! Nun wir haben welche gesehen,
die wir erst fr eine groe Art Affen hielten, und dann wieder welche, die zwar
weniger wie wilde Thiere aussahen, aber sich doch so geberdeten und groe Lust
hatten uns zu schlachten und zu fressen.
    In diesem Augenblick trat pltzlich Christoph Scheurl ein mit sehr
verstrtem Gesicht, warf einen verwunderten Blick auf den ihm unbekannten Martin
und sagte zu Georg Behaim:
    Schlechte Nachricht, Herr Schwager! Eben wird mir gemeldet, da ein groer
Waarentransport, der fr Euch angekommen, einige Stunden von hier, aber noch auf
Nrnberger Gebiet, berfallen und geplndert worden ist. Es sollen ganz
absonderliche Sachen dabei gewesen sein, die der Bote gar nicht zu nennen und zu
beschreiben wute.
    Um's Himmels Willen! rief Martin, es wird doch nicht mein Reisegut sein,
dem ich vorangeeilt und dessen Fhrer ich an Dich wies?
    Elisabeth sagte: Mein Bruder Martin - mein Gemahl - - die beiden Mnner
einander vorstellend.
    Das ist Dein Gatte! fuhr Martin Behaim heraus, der, obwohl er wute, da
derselbe zwanzig Jahre lter war als Elisabeth, und schon darum ein unpassender
Lebensgefhrte fr sie, doch wenigstens die Wrde des lteren Mannes, wie er
selbst sie besa, aber nicht diese Geckenhaftigkeit, die sich seinem ganzen
Aeuern aufprgte, und diese Ausdruckslosigkeit des Gesichtes, die auf den
alltglichsten Weltmenschen schlieen lie, von ihm erwartet hatte. Er begriff
mit einem Blick, da seine Schwester, die sonst seine Schlerin gewesen, die er
mit Theil hatte nehmen lassen an seinen Studien und an seinem Wissen, so weit
dies einem jungen Mdchen mglich gewesen, neben diesem Flachkopf unglcklich
sein mute. Er reichte dem Schwager die Hand und sagte:
    Seid mir als werther Verwandter begrt, wenn Ihr mir auch der Ueberbringer
einer Unglcksbotschaft sein solltet!
    Willkommen, Herr Bruder und wackerer Seefahrer! antwortete Scheurl; aber
ich frchte in der That, wenn an die Behaim eine Sendung von Euch in diesen
Tagen unterwegs gewesen, da die ausgeraubte die Eure ist, da es kein
gewhnlicher Waarentransport, sondern Reisegepck gewesen sein soll, das von
Augsburg kam.
    Lat mich den Boten sprechen! rief Martin aufgeregt.
    
    Elisabeth zog die Klingel und gab der erscheinenden Dienerin den Befehl, den
Boten hinaufzufhren.
    Es wre weniger umstndlich gewesen, selbst hinabzugehen! sagte Martin,
als man noch auf den Boten wartete.
    Da dieser endlich erschien erstattete er Bericht, da er in Begleitung von
einem Trupp Berittener, welche im Solde der Herren Fugger von Augsburg stnden,
von diesem beauftragt sei, ein vierspnniges Waarenfuder an die Herren Behaim
nach Nrnberg zu fhren und da er ein Verzeichni der Waaren mit erhalten; in
einem besondern Kasten wren auch Affen und in einem andern einige wunderbare
ganz bunte groe Vgel mit krausen Kpfen und langen Schwnzen gewesen.
    Meine indianischen Raben! rief Martin. Elisabeth, ich hatte Dir sie
mitgebracht, da ich wei, wie Du ber solche Dinge Dich freust! - Wo sind sie? -
es sind meine Sachen! es braucht keiner weiteren Beschreibung - wo sind sie
hingekommen?
    Der Bote zuckte die Achseln. Wegen dem Viehzeug muten wir fter einkehren,
ihm frisches Wasser zum Saufen zu geben, wie uns geboten war. Ueberall, wo es
geschah, liefen die Leute zusammen, die gerade in der Nhe waren, die
absonderlichen Thiere zu sehen, Land- oder Stadtvolk, Ritter oder Knappen, was
gerade auf den Beinen war. So auch gestern Mittag in Altdorf ein paar Ritter.
Ich suchte gerade etwas in meiner Tasche, und da hatte ich das Waarenverzeichni
mit herausgenommen. Der eine Ritter fragte uns, ob wir noch mehr solche
nrrische Dinge mit uns fhrten? Ich meinte, das mchte wohl sein, aber wir
wten es nicht, da wir nicht lesen knnten - und da er das Verzeichni sah,
sagte er, er wollte es uns vorlesen, und las zuerst darauf, da die Sendung an
die Herren Behaim ginge. Bei manchen Worten und Namen stutzten sie und
verstanden sie nicht und wir noch weniger. Wir setzten dann unsern Weg weiter
fort; aber der Regen hatte die Strae, die noch vom Winter her nicht
ausgetrocknet war, so schlecht gemacht, da wir Mhe hatten fortzukommen, und
darum kam uns die Dunkelheit ber den Hals, als wir noch im Reichsforst waren,
inde wir gemeint hatten, wir knnten vor Nacht in Nrnberg sein. Nun ging es
immer langsamer mit uns vorwrts. Da brach pltzlich ein bewaffneter Haufe durch
den Wald und berfiel uns. Meint nicht, da wir uns nicht tapfer gewehrt - es
gab Todte und Verwundete auf beiden Seiten. Aber sie berwltigten uns - wir
muten fliehen - sie waren uns weit berlegen - der Wagen sammt den Pferden und
Waaren fiel in die Hnde dieser Straenruber und Ritter. Ich meine die Beiden
in ihnen erkannt zu haben, die am Mittag mit uns sprachen, obwohl sie jetzt die
Visire geschlossen hatten; denn sie wuten auch, an wen unsere Sendung ging, und
Einer sagte: Wenn die Affen fr Elisabeth Behaim gewesen, so sag't ihr, sie
brauche keinen, da sie sich schon seit zwei Jahren einen angeschafft.
    Elisabeth errthete und trat zurck; sie verstand nur zu gut die dreiste
Anspielung auf ihren Gatten, die der Bote in seiner Dummheit getreulich wieder
berichtete, und die also doch auf Raubritter ihrer Bekanntschaft schlieen lie
- und sie nahm sich vor, sobald sie den Boten allein sprechen knne, sich eine
genaue Beschreibung der Ritter geben zu lassen, inde Martin, mit den Fen
stampfend, zornig fragte:
    Also ist wirklich Alles in ihre Hnde gefallen?
    Alles, antwortete der Bote.
    Nun das mu ich sagen! rief Martin Behaim, ich denke, der von Kaiser
Friedrich auf acht Jahre gestiftete Landfriede ist erneuert worden, der
schwbische Bund wie die Lwler und die Reichsstdte wachen sorgfltig, da er
gehalten werde, und inde ich mein Gut von den neuentdeckten Inseln, dem Kap der
guten Hoffnung ber die weite See, dann durch die ganze pyrenische Halbinsel
und Frankreich glcklich hereingebracht in's deutsche Reich und in ihm bis vor
die Thore der friedlichsten Reichsstadt - wird es auf ihrem Gebiete mir noch
geraubt! Das freilich lie ich mir nicht trumen, da es noch also zugehe im
heiligen rmischen Reich; indem man von dem neuen rmischen Knige groe Dinge
und Wunderthaten erwartet, geht es im Innern des Reichs schlimmer zu, als bei
den Nationen des Sdens, die sich nicht solcher Bildung und Gesittung rhmen und
sich noch mit dem heibltigen Charakter des Sdlnders entschuldigen knnen.
Wie hab' ich mich oft in die Heimath gesehnt, nach biederer deutscher Art - und
nun empfngt sie mich so! Mir scheint, als sei hier eine bodenlose Verwilderung
unter die Menschen gekommen. Das Gute hat es, da ich nun wohl das Vaterland
nicht berschtzen und auch in der Ferne von Heimweh geheilt sein werde.
    Wir mssen diese Sachen wieder haben! rief Herr Scheurl, und auch Georg
stimmte bei, da der Rath von Nrnberg den Schimpf nicht knne auf sich sitzen
lassen, da ein Behaim, der nach zwlf Jahren zurckkehre, mit dem Ritterkreuz
des portugiesischen Knigs geschmckt, der seiner Vaterstadt und seinen
Landsleuten so viel Ehre gemacht, so um sein Reisegut betrogen werden drfe.
    Gott sei Dank, sagte Martin, da ich wenigstens meine Instrumente, Karten
und Plne bei mir behielt; ihr Verlust wre mir unersetzlich gewesen. Was ich da
mitgebracht und was man geraubt, das habe nicht ich sowohl verloren, als Ihr und
der Rath von Nrnberg; denn es waren meist Gegenstnde seltsamer Art von meinen
Entdeckungsreisen, dergleichen man hier noch nicht gesehen, und ich darum Euch
und dem Rath, der ganzen Stadt zu Nutz und Letze mitgebracht und geschenkt
htte.
    Eben das, sagte Georg, da es noch nie gesehene Gegenstnde sind, mu zur
Entdeckung der Thter und Wiederhabhaftwerdung jener fhren.
    Wir wollen sogleich das Nthige anordnen bei dem Rath, sagte Scheurl, sich
wichtig und geschftig zeigend.
    Zum Glck, sagte Martin, habe ich eine Abschrift des Verzeichnisses zur
Vergleichung, die mgt Ihr einreichen. Ich klage wider Friedensbruch, auf
Straenraub und Ueberfall, auf Todtschlag des Geleites fr friedliche
Handelsleute. - Bis Augsburg war ich bei den Gtern geblieben, weil ich aber
unterwegs in Eichstdt einen alten Freund aufsuchen wollte, trennte ich mich von
ihnen, allein schneller reisend, und blieb dort zwei Tage, wonach ich
berechnete, da ich wohl ziemlich zugleich mit den Gtern ankommen werde, denn
um Euch zu berraschen, wnschte ich nicht, da sie mir zuvorkommen.
    Nun kommt und lat uns gleich alle drei auf dem Rathhause die nthigen
Schritte thun, sagte Georg.
    Gehab' Dich indessen wohl, Elisabeth, sagte Martin; ich bin Dein Gast,
wenn ich zurckkehre. Du siehst, ich habe nicht die Schuld, wenn ich Dir nicht
einige Affen und indianische Raben zur Gesellschaft lassen kann, damit sie Dir
von ihrer mhrchenhaften Heimath erzhlten.
    Ich erwarte Euch wieder zum Nachtmahl, antwortete sie; und wen Du etwa von
alten Freunden wiederfindest, den bringe mit, oder nenne mir ihn, damit ich nach
ihm sende.
    Wir knnen ja auch unter uns bleiben, versetzte Martin; Du hast mir ja
selbst noch gar nichts erzhlt!
    Damit gingen sie, und Elisabeth seufzte bei den letzten Worten; was sie am
meisten bewegte, mochte sie doch nicht erzhlen! -
    Als sie allein war, lie sie sich von dem Boten die Ritter, die den
Ueberfall gemacht und ihn erst gesprochen, genau beschreiben. Sie konnte nicht
zweifeln, da der eine Eberhard von Streitberg war. Er hatte auch die Bemerkung
mit dem Affen gemacht.

                                Zweites Capitel



                                Warnende Stimmen

Ulrich von Straburg war in's Clara-Gchen gezogen, das sich in der Nhe des
Clara-Klosters befand und auf der Lorenzer Seite auch nur durch eine Strae von
der Lorenzkirche, der Propstei und der Bauhtte von St. Lorenz getrennt war. Die
dort beschftigten Baubrder suchten meist auf der Lorenzer Seite zu wohnen, und
insofern war fr alle diese Wahl der Wohnung gerechtfertigt - nur der Propst
Kre hatte ein bedenkliches Gesicht gemacht und Ulrich abgerathen dahin zu
ziehen, weil er den geheimen Beweggrund errathen konnte: Ulrich suchte die Nhe
seiner Mutter, von der er nun wute, da sie im Kloster zur heiligen Clara lebe.
    Ich will ja nichts, als nur eine Luft mit ihr athmen, dasselbe Gelut der
Glocken hren, das mich zur Arbeit und sie zum Gebete ruft! antwortete Ulrich.
Lat mich gewhren! Wohnte ich nicht dort, so wrde ich vielleicht jeden Tag in
der Nhe des Klosters auf- und abgehen, und wenn Ihr frchtet, ich mchte mich
selbst verrathen, so wrde dies viel eher dadurch geschehen, als jetzt, wo ich
nur ein Unterkommen gesucht und ein solches zufllig fr die bescheidenen
Wnsche eines Baubruders passend im Claraglein fand, aus dem ich so nah' zu
unserer Bauhtte habe. Ich verspreche Euch, keinen Schritt zu thun, wenn Ihr
meint, da dadurch der fromme Frieden ihres Gemthes gestrt werden knnte!
    Um Ihretwillen, wie um Deinetwillen, sagte der Propst, mu Alles bleiben,
wie es jetzt war. Es ist auch darum, da ich Dich nicht selbst bei mir wohnen
lasse, wie ich am liebsten thte. Ja weil Du Deiner Mutter hnlich siehst, woran
Dich Amadeus erkannte, oder wenigstens so von Deinem Anblick ergriffen ward, da
er Dir nachforschte, hast Du auch einen Zug von mir - und man hat es schon
gewagt, Dich meinen Sohn zu nennen, weil ich Dich vor Andern begnstigt; mte
ich nicht den Schein vermeiden, so wrde ich Dich gar nicht von mir lassen. Ich
beschwre sonst wieder ein Gercht herauf, das meiner geistlichen Wrde schadete
und Dir ebenso gefhrlich wre, als das an den Tag Kommen der Wahrheit.
    Ulrich versicherte noch einmal, da er keine Vorsicht und Rcksicht aus den
Augen setzen werde, die ja selbst seine eigene Zukunft am allermeisten
erfordere.
    Wenn nur Amadeus nicht selbst zum Verrther wird! seufzte der Propst. Von
dem Augenblicke an, wo Konrad ihn aus der Kapelle waldeinwrts gesendet, wuten
sie nichts von ihm. Nachforschungen irgend welcher Art konnten sie nicht
anstellen, um sich nicht selbst zu verrathen. Ob er lebend oder todt, sie wuten
es nicht. Im Stillen wnschte der Propst das Letztere. Was sollte auch der
verirrte Mnch im fremdgewordenen Leben? und dem Sohne konnte sein Leben
gefhrlich werden! - Der Oheim wnschte nur nicht, da Ulrich eine Schuld fhle
am Tode des Vaters, und darum war er froh, da dieser jenem seine Befreiung
verdankte.
    Noch Eines mu ich Dir sagen, begann der Propst; eine Warnung ganz
anderer Art. Als Herr Stephan Tucher mit Jungfrau Ursula Muffel getraut ward,
zwei Frsten sie zur Kirche fhrten und ein stattlicher Brautzug folgte: da war
auch die schne Scheurlin mit darunter und ragte wie immer auffallend unter
Allen hervor, als sei sie selbst eine Knigin. Die Kirche war von Zuschauern
dicht gedrngt, und auch auf dem erhhten Platze, den ich mit andern Geistlichen
und Patriziern einnahm, hatten sich Fremde eingefunden. Darunter auch ein
Ritter, der sein Augenmerk besonders auf die Scheurlin geworfen, und der da
meinte, er kenne sie gar wohl, seit ihren schnsten Jugendtagen, und nach dem,
was er jetzt von ihr hre, msse er glauben, da sie immer noch so leichtfertig
sei, wie damals, und fr Jeden zu haben. Ich meinte, das Letztere sei nun gar
nicht wahr und als leichtfertig kenne sie Niemand; sie sei immer eine sprde
Jungfrau gewesen und lebe auch jetzt ganz ehrbar mit ihrem Gemahl. Aber er
lachte und sagte: Das msse er besser wissen; da sie noch Mdchen gewesen, habe
er selbst ihre Gunst besessen, aber sie aufgegeben, weil er keine Lust gehabt,
dieselbe mit Andern zu theilen - und wie ich selbst ja wohl, gleich der ganzen
Stadt, wissen msse, da sie es darauf anlege, wenigstens so lange der rmische
Knig in Nrnberg sei, seine Buhlerin zu sein - wie sie daneben aber auch es
nicht verschmhe, seit Jahr und Tag eine Liebschaft mit einem armen
Steinmetzgesellen zu haben.
    Der Propst hielt inne, wie um zu beobachten, welchen Eindruck diese Worte
wohl auf Ulrich machen wrden. Dieser war allerdings berrascht, auch den Propst
ihm gegenber von Elisabeth sprechen zu hren, und noch mehr ber diesen Schlu;
seine Wangen glhten vor Zorn und Scham bei den letzten Worten, aber ruhig, fest
und stolz blickte er in die Augen des Propstes und sagte nur: Vollendet!
    Ich schttelte zu solch' unsinnigem Mhrlein den Kopf, fuhr der Propst
fort; aber der Ritter meinte, er wisse es ganz gewi, und fgte hinzu, da es
noch dazu ein Baubruder sei, den ich kennen msse, da er in der Lorenzhtte
arbeite, und nannte ihn: Ulrich von Straburg -
    Das hat der Bube nur gewagt, weil er wute, da ich von Nrnberg fern war
im Benediktinerkloster! rief Ulrich, jetzt Alles errathend. Nicht wahr, der
saubere Ritter von Streitberg hat's Euch zugeflstert? Der hat mich freilich
auf Leben und Tod. Und Ihr knntet wirklich mehr auf das Wort eines so frechen
Ritters geben, der nichts ist als ein Placker, Straenruber und
Frauenentfhrer, als auf das meine? Knig Max glaubte mir mehr, als ihm, und
verwies ihn damals aus Nrnberg, wo ich zum ersten Male mit ihm und der
Scheurlin zusammen getroffen und er wider mich und Hieronymus klagbar geworden -
aber Ihr glaubtet ihm!
    Das war damals derselbe Ritter von Streitberg? fragte Kre erstaunt, denn
damals war weder in der Bauhtte noch auerhalb der Name des Ritters, dem Ulrich
das Schwert abgerungen, genannt worden.
    Derselbe, wiederholte Ulrich; und damit ich es nun gestehe: es war auch
derselbe, den ich und der mich zu Tod verwundete, da ich zum zweiten Male die
Scheurlin vor ihm rettete - derselbe, der mir jetzt auf dem Wege nach dem
Kloster begegnete, wo Junker Pirkheimer mit mir sprach, und ich durch ihn die
wahrscheinlich auch jetzt noch von ihm Verfolgte vor ihm warnen lie. Er hatte
sie nicht in seine Gewalt bekommen knnen, und nun versucht er es durch
Verleumdungen, durch schnde Angriffe auf ihre und meine Ehre. Um ihrer
Frauenehre Willen habe ich gegen Alle und gegen Euch geschwiegen, wo sie es
schon verletzen knnte, da solch' ein wster Geselle sie verfolgt und ihr
selbst Alles an diesem Schweigen gelegen zu sein schien, denn sie hat fr mich
nie ein Wort des Dankes oder des Vertrauens gehabt - es schien ihr eben Alles
darauf anzukommen, da ihr Begegni mit diesem Menschen ein Geheimni bleibe, ja
da es auch von mir selbst vergessen wrde. Da mt Ihr nun freilich der
verleumderischen Beredtsamkeit mehr glauben, als meinem rcksichtsvollen
Schweigen.
    Gerade dieser Eifer, mit dem Ulrich jetzt sprach, erschien dem Propst
bedenklich, obwohl er Ulrich's Worten vollkommen glaubte und von dem ihm
brigens unbekannten Streitberg gleich durch dessen Betragen nicht die beste
Meinug hatte, die sich nun leicht zu einer schlechten wandelte. Aber waren diese
Beiden nicht eben darum Feinde, weil sie Nebenbuhler? War denn etwas
natrlicher, als dies? Der Propst hatte viel gelebt in der Welt und kannte seine
Zeitgenossen, die Geistlichen wie die Laien, den Adel und die Patrizier, wie das
niedere Volk, die Mnner wie die Frauen - und er kannte sie nicht von der besten
Seite. Die groen Verbrechen und heimlichen Snden, die man ihm im Beichtstuhle
bekannt, waren noch nicht die schlimmsten; es gab dunkle Thaten, die selbst dies
Bekenntni scheuten, und Gedankensnden, die es nicht einmal bis zur Erkenntni
brachten, um wie viel weniger, da sie htten laut werden mgen. Er war selbst
nicht frei von Fehltritten, deren er sich bewut war, und die er doch mit der
Schwachheit der menschlichen Natur entschuldigte, und ber die er sich, weil sie
eben nur aus dieser hervorgegangen, keine groen Gewissensskrupel machte; er
hatte weder je an seine eigene, noch an die Tugend Anderer schwrmerische
Ansprche erhoben, und so auch sich selbst mehr auf der Mittelbahn des Lebens
erhalten; aber er wute, da, wer titanenhaft nach den Hhen strebe, oft am
leichtesten in einen Abgrund falle; da, wer seiner Zeit in vielen Dingen voraus
sei und ber blinde Vorurtheile sich erhoben, sich auch an manche Vorschriften
der herrschenden Moral oder des Glaubens minder gebunden achte, als Andere und
so Gefahr laufe, mit dem falschen Vorurtheil selbst das richtige Urtheil zu
opfern ber gut und bse, recht und schlecht. Gerade darum war ihm bange fr
Ulrich, weil er dessen hochfliegende Seele kannte; sie konnte sich auch
verfliegen und gleich der Motte, weil das Licht ihn anzog, im Lichte fangen und
verbrennen. Weil er keine gemeine sinnliche Natur war, konnte es ihm um so eher
geschehen, nicht auf gemeine leichtsinnige Weise, sondern durchdrungen von einer
poetischen Schwrmerei sein Gelbde, das ihn alle Frauen meiden hie, zu brechen
- so da doch immer das Resultat, der gebrochene Schwur, dasselbe blieb - ob nun
die Verfhrung von einer realistischen oder idealistischen Anschauung und Seite
kam, die Sache blieb sich gleich.
    Der Propst nahm Ulrich bei der Hand und sagte gutmthig: Vergieb dem
lteren, erfahrenen Manne, der es recht gut wei, da Keiner so fest steht, da
er nicht falle. Mag es nun Zufall oder Absicht gewesen sein, was den Ritter und
Dich um die Scheurlin zusammenfhrte - sei gegen sie auf Deiner Hut.
    Aber ich bitt' Euch, unterbrach ihn Ulrich rgerlich, eine so stolze
Patrizierin - und ein armer Steinmetzgeselle; wozu hier noch eine Warnung, und
sei sie noch so wohlgemeint.
    Der Propst zuckte die Achseln. So wie ich diese Frau kenne, ist es mglich,
da sie aus Stolz vor der Welt die Huldigung des rmischen Knigs und knftigen
deutschen Kaisers annimmt und im Stillen ihn von sich weist, nicht mehr
gestattet, als die Welt eben sehen darf - aber auch, da sie im niedern
Steinmetzgesellen den Kunstgenius herausfindet und ihm gegenber keinen Stolz
mehr kennt - wenn nur die Welt nichts davon erfhrt.
    Ulrich schttelte den Kopf zu diesen Warnungen. Freilich war es ihm, seit er
Elisabeth's Retter gewesen und seit sie, da er im Kampfe fr sie in ihre Augen
geschaut und sie ber ihn gebeugt verzweiflungsvoll gehaucht hatte: todt - und
fr mich - als sei er dadurch nicht nur belohnt fr das, was er fr sie gethan,
sondern auch geweiht, als sei er berufen, fr sie noch mehr zu thun. Aber das
lebte als ein so heiliges Gefhl in ihm, da er es sich selbst und Andern
verbarg, und weil ihm war, als habe er damals einen Blick in Elisabeth's Inneres
gethan, nicht duldete, da man sie verunglimpfe - ja, nach dem, was Kre jetzt
sagte, erschien sie ihm seiner Verehrung um so wrdiger, weil sie von einem
Buben gelstert ward sowohl, als auch dadurch, da sie gerade im Gegentheil zu
dem, was man ihr hier nachsagte, die stolzeste Zurckhaltung gegen ihn
beobachtete.
    Wenig Tage nach diesem Zwiegesprch schlich der Jude Ezechiel im Abenddunkel
in Ulrich's Wohnung, die er nach langen Nachforschungen ausfindig gemacht.
Ulrich meinte, er komme, um sich doch noch fr die im Kloster ihm bergebenen
Kleider die Bezahlung zu holen, die er damals verweigert hatte. War Ulrich auch
in manchen Beziehungen ber die rgsten Vorurtheile hinaus - er fhlte sich doch
sehr gedrckt und erniedrigt durch den Gedanken, da ein Geheimni von ihm in
den Hnden dieses Juden sei; denn wenn er auch nicht wute, zu welchem Zweck er,
Ulrich, im Kloster die Kleider bedurfte, so gab es doch, wie bei jedem
Geheimni, das nicht mehr unser alleiniges Eigenthum, Mglichkeiten und
Zuflligkeiten genug, es theilweise wenigstens zu verrathen, oder doch diese
Mitwissenschaft des Israeliten gefhrlich werden zu lassen, um so mehr, da die
Verschlagenheit dieser Leute und ihr Streben, keinen Christen zu schonen
bekannt, und in der That mehr als Vorurtheil war. Deshalb galt auch allerdings
vor Gericht ihr Zeugni nicht, und darum war wieder ein Jude eine
ungefhrlichere Person in diesem Falle, als jede andere; aber da eben dieser
durch seinen Trdlerkram und sein groes Geschft sich schon manchem Christen
unentbehrlich gemacht und ihn sich verpflichtet, so hatte er berall Einflu und
Leute, die in seiner Hand waren und nach seinem Willen handeln muten. Ulrich
fhlte sich gedemthigt, da Ezechiel ihn diesen wohl gar schon beizhlen knne.
Kam er auch jetzt nur im Dunkeln und hatte er einen verhllenden Mantel um sich,
so lag doch die Mglichkeit nahe, da Jemand ihn oder doch den Juden in ihm
erkenne - und da der Umgang mit einem Juden, besonders fr einen christlichen
Baubruder, schimpflich war, so wollte er sich des unwillkommenen Besuchs so
schnell als mglich entledigen, indem er sogleich fragte; wie viel er ihm
schulde?
    Aber Ezechiel wies noch einmal standhaft jede Bezahlung zurck, und
erzhlte, da er der Frau Scheurl den Ring gebracht, und wie diese ihm, dem
Finder, selbst dafr danken wolle - denn es sei ihr gar viel an dem Ringe
gelegen. Sie lasse ihn daher bitten, ihr eine Abendstunde zu bestimmen, in
welcher er bei ihr selbst diesen Dank empfangen knne; sie werde dann auch Alles
einrichten, da sein Kommen ganz unbemerkt bleibe, da ihm das wohl erwnscht
wre.
    Ulrich trat einen Schritt zurck. Im ersten Augenblick dachte er wohl an des
Propstes Warnung, wie an dessen Urtheil ber Elisabeth; im nchsten aber, wo er
einen Blick auf das cynischlchelnde Gesicht des Juden warf und dessen ganze
widerwrtige Erscheinung - da begriff er, da Elisabeth nicht einen solchen zu
ihren vertrauten Auftrgen whlte, selbst wenn ein Zufall ihn wie durch die
Uebergabe des Ringes in einer Angelegenheit vielleicht zu ihrem Vertrauten
gemacht. Er fhlte sich versucht, den Juden zu packen und die Treppe
hinabzuwerfen; aber - er mute ihn ja schonen, weil ein Geheimni und mit ihm
vielleicht er selbst und seine Ehre, vielleicht das Leben seines Vaters in den
Hnden des Juden war; er mute vermeiden ihn zu beleidigen, ihm seine Verachtung
zu zeigen - er antwortete nur stolz:
    Ein christlicher Baubruder bedarf nie eines Dankes dafr, da er seine
Pflicht thut - er nimmt ihn nicht an, selbst wo er ein Opfer gebracht htte.
Aber hier kann von gar keinem Dank die Rede sein - das ist die einzige Antwort,
die ich fr Frau von Scheurl haben kann.
    Die wird ihr sehr wenig gefallen, sagte Ezechiel; eine schne Frau, die
einen jungen Mann auffordert zu kommen im Dunkeln in ihr Haus, die ist nicht
zufrieden mit solcher Antwort.
    Kein Wort weiter! fuhr Ulrich auf, und seid froh, wenn Ihr weiter keines
von mir hrt!
    O ich merke wohl, begann Ezechiel dessen ohngeachtet von Neuem, ich merke
wohl, da Ihr nicht trauet dem armen Juden, und fr diesen Fall hat mir die Frau
Scheurl in der Eile auch ein Blatt gerissen aus einem schnen Buche und mir
mitgegeben, darauf geschrieben steht ihr eigener Name von ihrer eigenen
zierlichen Handschrift.
    Ulrich griff nach dem Blatte: es war ein Titelblatt aus der Beschreibung
Nrnbergs von Konrad Celtes; unten am Rande stand mit blauen Buchstaben:
Elisabeth Behaim.
    Ulrich schwankte einen Augenblick, ob er das Blatt zurckgeben sollte oder
behalten. - Darauf sollet Ihr schreiben die Antwort, wenn Ihr sie nicht wollt
geben mndlich, sagte der Jude. Das Blatt mu ich wieder bringen.
    So bring es ihr, wie es ist, sagte Ulrich nach einigem Besinnen: das ist
auch eine Antwort.
    Vergeblich war alles weitere Reden des Israeliten. Ulrich mute mit aller
Gewalt an sich arbeiten, da er ihn noch glimpflich statt schimpflich
behandelte.
    Endlich mute er doch unverrichteter Sache gehen. Das Titelblatt des Buches
nahm er wieder mit.
    Ulrich glaubte nicht, da Elisabeth den Juden zu ihm gesendet - und doch
konnte er auch wieder nicht begreifen, zu welchem Ende derselbe irgend ein
freches Spiel mit ihm treiben sollte; er hatte ihm ja nur Gutes erwiesen, und
Ezechiel selbst hatte sich in Lobreden und Dankesworten fr ihn erschpft. Aber
um ein Geschft zu machen, meinte Ulrich, sei solch' einer Judenseele Alles
mglich. War er nicht mit Streitberg in Verbindung, da er dessen Ring besa? -
oder wieder, da er ihn an Elisabeth ausgeliefert, hatte er nicht diesem damit
einen schlechten Dienst erwiesen, oder auch hiermit ein gutes Geschft
gemacht? Und war es nicht einst Rachel gewesen, die Streitberg's Anschlge
wider Elisabeth gekannt und ihm, Ulrich, zu ihrem Schutze zum Theil verrathen
hatte? Woher wute sie das, wenn nicht ihre Umgebung wenigstens mit Streitberg
in Verbindung war? Hatte nicht dieser gegen Kre ihm und Elisabeth versucht
durch bsen Leumund zu schaden - hatte er nicht auch hier die Hand im Spiele?
Ulrich kam mit all' diesen Fragen zu keinem klaren Resultat - und doch fhlte
er, da ihn und Elisabeth eine dunkle Macht bedrohe, und da jetzt mehr als je
etwas geschehen msse sie zu schtzen und selbst auf seiner Hut zu sein - aber
es vergingen wieder Wochen, und es war Alles geblieben, wie es war.
    Da scholl die Kunde durch Nrnberg, da der berhmte Reisende Martin Behaim
zurckgekommen sei, und da ihm wenige Meilen von der Reichsstadt entfernt und
noch auf deren Gebiet der Wagen, der sein Reisegut gefhrt, berfallen und
ausgeraubt worden von frechen Raubrittern und Straenrubern. Den Seinigen und
seiner Vaterstadt und deren Gemeinwesen habe er die herrlichsten Dinge
mitgebracht, die nun in die Hnde der Verbrecher gefallen, die nur den
allerunwrdigsten Gebrauch davon machen oder sie gar vernichten wrden. Und wie
die Fama die Erzhlung weiter trug von Ohr zu Ohr und von Mund zu Mund, so
wurden die mitgebrachten kleinen Affen zu frchterlichen Waldmenschen mit
Schwnzen und die indianischen Raben zu fabelhaften Vgeln, die mit menschlichen
Zungen redeten und goldene Eier legten, und die wundersamsten Schilderungen
liefen um von Martin Behaim's indischen Schtzen.
    Nicht nur der Rath bot all' seinen Scharfsinn und all' seine Macht auf, die
Thter zu entdecken, sondern jeder einzelne Nrnberger schien es sich zur
Ehrensache zu machen, so viel an ihm war auch mit zu forschen und zu sphen, ob
nicht irgendwo etwas zu sehen und zu erhalten sei von dem absonderlichen
Eigenthum ihres berhmten Landsmannes.
    Und diesmal - um ihres Bruders und um ihrer Vaterstadt Willen - schwieg auch
Elisabeth nicht. Nach der Beschreibung des Boten nannte sie zwar nicht
Streitberg, aber den Ritter von Weyspriach und einen Gefhrten als die
muthmalichen Thter.
    Inde das Wort gilt immer noch: die Nrnberger hngen Keinen, den sie nicht
haben. Und wie konnte man der Ritter habhaft werden? Die saen sicher auf
Weyspriach's alter Burg - und wer konnte sicher beweisen, da dieser mit dabei
gewesen? Wie konnte man ihn zur Rechenschaft ziehen? oder wie konnte man allein
auf diesen Verdacht hin etwa mit reichsstdtischer Mannschaft ihm vor die Burg
rcken und entweder Einla begehren, nach den geraubten Schtzen zu suchen, oder
jene zu belagern? Dann htte Nrnberg zuerst den Landfrieden gebrochen, das so
streng auf dessen Wahrung hielt, und nicht jener Ritter, der vielleicht ja doch
unschuldig war, vielleicht auch das verrtherische Gut lngst in einer sichern
Ruberhhle geborgen. So blieb es immer nur bei ffentlichen Erlassen und
Preisaussetzen fr Diejenigen, die irgend etwas von dem Gute gewahren, oder eine
Auskunft darber geben wrden.
    Wie aber immer, bald mit Recht, bald mit Unrecht, Alles, was Schlechtes oder
Unerklrtes geschah, auf die Juden geschoben ward, so geschah es diesmal wieder,
nachdem einige Tage unter andern vergeblichen Bemhungen hingegangen waren. Das
Volk grollte den Juden, hie sie, wenn nicht die Stehler so doch die Hehler, und
schon zeigte sich im dumpfen Grollen die Lust, das Judenviertel zu strmen - bis
jetzt aber war es noch bei einzelnen Excessen geblieben.
    Als Ulrich zu dieser Zeit einmal im Dunkeln nach Hause kam, kauerte eine
weibliche Gestalt auf der Treppe.
    Ulrich! flsterte es leise.
    Unwillig erkannte er Rachel's Stimme. Was willst Du wieder? fragte er
rauh.
    Euch bitten, mir zu helfen, tausende Unschuldige zu retten! flehte sie.
Ihr wit's, ich habe nie gelogen - hrt mich auch jetzt! glaubt mir auch dieses
Mal!
    So rede wenigstens schnell, und sag' es kurz, was Du willst? unterbrach
sie Ulrich ungeduldig.
    Hier hrt uns doch Niemand? fragte sie ngstlich.
    In der That, antwortete er, das hab' ich wohl mehr zu frchten wie Du!
    So lat mich mit in Euer Zimmer! bat sie, und macht Licht, ich hab' Euch
etwas zu zeigen!
    Ulrich ffnete das Zimmer und schob sie mit hinein; whrend er Feuer
anschlug, sagte er: Rede und fasse Dich kurz, denn lange dulde ich Dich hier
nicht!
    Es war noch finster und er sah nicht wie sie erglhte und zitterte. Ach,
Ihr wit es gewi selbst! begann sie; unser Volk soll wieder die Schuld tragen
von der Ungebhr, die einem christlichen Brger geschehen, inde die Uebelthter
doch Christen waren! Ein wthender Haufe zog durch unsere Gassen und verkndete,
da man uns die Huser ber den Kpfen anznden werde, wenn wir nicht
herausgeben, was dem Martin Behaim geraubt ist - wenn nicht bis morgen Alles zur
Stelle - so lange lasse man uns Zeit -
    Aber was kann ich dabei thun? unterbrach sie Ulrich, der jetzt einen
Kienspan in Brand gesetzt hatte, wieder ungeduldig.
    Sie hatte einen alten grauen Sack neben sich gelegt, in welchem sich etwas
unruhig raschelnd zu bewegen schien; jetzt hob sie ihn auf, streifte ihn zurck,
und hervor kam ein wunderschner Vogel mit purpurrothem Gefieder, das wie Atlas
glnzte, und blau und grn, hell und dunkel schattirten Flgeln und langem
Schwanz. Seh't, sagte sie, da ist das Schnste von Behaim's Schtzen; dies
Thierchen hab ich heimlich gerettet, wie sie es mit den andern wrgen wollten,
und bring' es Euch.
    Ulrich betrachtete den Vogel, dergleichen er noch nie gesehen, mit
unwillkrlicher Bewunderung, und dann rief er drngend: Aber wo hast Du den
Vogel her? Also weit Du doch um das geraubte Gut und Deine Glaubensgenossen
sind schuld an dem Frevel?
    Nein und tausendmal nein! rief sie; aber weil sie unschuldig sind, mt
Ihr die Schuldigen verknden. Aber mich hrt ja Niemand, mir glaubt ja Niemand -
oder vielmehr, die Mnner wrden mich steinigen, wenn sie wten, da ich
verriethe, was verschwiegen bleiben soll. Da nehm't den Vogel - dem sichtbaren
Zeichen wird man glauben, wenn nicht Euch; geht damit zum Rath oder zu dem
Behaim, oder Scheurl, oder zu wem Ihr wollt, und sagt, da der Vogel Euch
zugeflogen und es Euch gesagt habe: Die Ritter Weyspriach und Streitberg sind
die Ruber und haben das Gut zum Theil auf ihrer Veste - ein anderer Theil davon
aber ist in groen eisernen Ksten im Walde in einer Grube verscharrt. Fhrt nur
die Leute hin rechts von der Heerstrae; es stehen zwei hohe Tannen da, die sich
einander zuneigen, dahinter liegen runde bemooste Steine, gleich Wellen
bereinander geschichtet. Ihr knnt nicht fehlen, Ihr mt die Stelle finden.
    Aber Kind, sagte Ulrich staunend, auch wenn ich Dir glauben will - ich
kann doch nicht selbst die Stelle angeben und aufsuchen, ohne den zu nennen der
sie mir gezeigt.
    Nein! nein! rief sie, das werdet Ihr nicht thun! - Nennt den Vogel da, Ihr
knnt sicher sein, den Beweis zu liefern, da er die Wahrheit geredet.
    Ich lge niemals! fiel ihr Ulrich in's Wort; ich werde vor Gericht nicht
lgen und alberne Mhrchen werden nie ber meine Lippen kommen.
    Hab't Ihr nicht auch Geheimnisse, sagte sie pltzlich, ihn fest ansehend,
von deren Verrath vielleicht das Glck oder das Leben einer Person abhngt, die
Euch theuer ist? Ist da nicht auch selber Schweigen Pflicht - fordert Ihr es
nicht von Andern?
    Er sah unwillkrlich beschmt zu Boden. Das war der Fluch, der ber ihn
gekommen, seitdem er die Eltern verloren, und noch mehr, seitdem er den Vater
gefunden: er durfte nicht mehr in allen Fllen wahr und offen sein. - Warum
whlst Du immer mich zu Deinem Werkzeug in Dingen, die mich gar nicht berhren?
sagte er.
    Sie sah ihn verwundert mit ihren dunklen Augen an, als begriffe sie diese
Frage gar nicht. Weil ich Euch allein traue von allen Christen! sagte sie
einfach, und nach einer Pause fgte sie hinzu: Ihr wit, ich kann nicht
schreiben. Knnte ich's, so htte ich, was ich da vorhin Euch gesagt, auf einen
Zettel geschrieben und den Vogel um den Hals gehangen, dann htt ich ihn im Sack
vor Eure Thr gelegt, ohne Euch selbst zu erwarten - und Ihr redet keine
Unwahrheit, wenn Ihr sagt, da Ihr so die Kunde von dem Vogel erhalten. Hab't
Barmherzigkeit und thut also - wenn solch' ein kleines Geheimni meinem ganzen
Volke Leben und Eigenthum retten kann, das es unschuldig verliere -
    Unschuldig? unterbrach sie Ulrich; wie kommst denn dann Du dazu, von dem
Verbrechen und den Verbrechern genaue Kenntni zu haben?
    Frag't mich nicht weiter! rief Rachel sich gro aufrichtend. Da ich die
Noth abwenden will von meinem Volke, unter dem nur Einer wei, was ich wei -
das sollte Euch meinem Flehen geneigt machen und Euch genug sein, mich nicht mit
Mitrauen zu qulen - nicht mich zwingen zu wollen, noch durch ein weiteres
Gestndni ein Verbrechen zu begehen, wo ich immer nur sinne, eines um das
andere zu verhten.
    Es ist gut, sagte er milder; ich thue Deinen Willen - so bleibe auch das
unser Geheimni.
    Er schrieb den Zettel so, wie sie gesagt hatte. Sie war damit zufrieden und
schlich sich leise fort, wie sie gekommen.

                                Drittes Capitel



                                  Begegnungen

Noch an demselben Abend, wo Ulrich den indianischen Raben erhalten hatte, machte
er sich mit diesem auf den Weg und ging zu Behaim's Haus, um hier denselben
abzugeben. Aber er fand die Hausthr verschlossen und kein einziges Fenster des
Hauses erleuchtet. Erst nachdem er lange geschellt, schaute ein Kopf aus einem
Fenster im obern Stockwerk heraus und rief hinab:
    Es ist gar Niemand zu Hause.
    Ich habe eine wichtige Meldung zu machen fr Herrn Martin Behaim, rief
Ulrich hinauf.
    Der wohnt gar nicht hier, sondern bei dem Herrn von Scheurl, antwortete
die Stimme, da mt Ihr dorthin gehen; Alle sind da, denn man feiert den
Geburtstag der Hausfrau. Hab't Ihr aber nichts Gutes, zu melden, so werdet Ihr
nicht sehr willkommen sein. - Damit war das Fenster wieder zugeworfen.
    Es blieb Ulrich nichts brig, als dahin zu gehen. Der Weg war ziemlich weit,
und es schlug eben zehn Uhr, als er unter der Veste ankam.
    In Scheurl's Hause standen alle Thren offen. Aus den Fenstern fiel helles
Licht auf die Strae. Muntere Weisen von Spielleuten klangen daraus hervor.
    Im Hausflur und auf der Treppe traf Ulrich Niemanden; in den hell
erleuchteten Corridor, aus dem offen stehende Flgelthren in den
Gesellschaftssaal fhrten, woraus das Gewirr lauter Stimmen, neben der Melodie
auch das Geklirr von Speise- und Trinkgefen klang, mochte er sich nicht
sogleich wagen. Es kam ihm pltzlich der Gedanke ein, da ihn bisher noch Niemand
gesehen, den Vogel vielleicht unbemerkt in ein Nebenkabinet setzen und sich
selbst wieder fortschleichen zu knnen, damit seine Einmischung in diese
Angelegenheit ganz unbemerkt bleibe. Er ffnete darum eine der nchsten
Seitenthren und stand in einem kleinen Zimmer, ber das eine von der Decke
herabhngende Ampel ein zauberhaftes Rosenlicht go. Darunter stand ein weies
Marmorbecken mit einem zierlichen Bltterkranz umgeben, aus dem Strahlen
wohlriechenden Wassers emporsprangen. Eine seitwrts befindliche Nische umgaben
Draperien von gelber Seide und purpurnem Sammet mit goldenen Fransen, Quasten
und Schnren, welche diese Vorhnge von einem gleichfarbigen Sammetpolster an
der einen Seite zurckhielten. An dem einzigen hohen Bogenfenster zwischen den
dicken Mauern standen hohe grnende und blhende Topfgewchse, eine Art Laube
bildend. Hier dachte Ulrich den Vogel vielleicht passend anbringen zu knnen.
Leise auftretend nherte er sich diesem knstlichen Garten, nahm den Vogel aus
dem Sack, in dem er ihn bisher getragen hatte, und wollte ihn auf die Zweige
setzen; aber Ulrich hatte das Kettchen losgelassen, das an dem Hals des Raben
befestigt war, und dieser flog, ein eigenthmliches Geschrei ausstoend, auf das
Marmorbecken.
    Da antwortete der erschrockene Ruf einer weiblichen Stimme aus der Nische -
Elisabeth war auf dem Polster emporgefahren, auf dem sie eine Weile Ruhe gesucht
hatte vor dem Lrm des rauschenden Festmahls, inde ihre Gste denken mochten,
irgend eine Pflicht der wirthlichen Hausfrau habe sie abgerufen. Dort htte sie
Ulrich um so weniger bemerken knnen, als ihr rothes Schleppenkleid sich in die
Farbe des Sammetpolsters verloren hatte und ihr Oberkrper von den Vorhngen
verborgen gewesen war. Jetzt hatte sie sich aufgerichtet, hielt mit dem weien
Arm den einen Vorhang zurck und strich mit dem andern die goldnen Locken aus
der edlen Stirn, als wolle sie sich besinnen, ob sie trume oder wache.
Regungslos sa sie da, starrte bald auf den Vogel und bald auf Ulrich,
leuchtender ward der Ausdruck ihrer Augen; es war, als wage sie dieselben nicht
zu wenden, sich nicht zu rhren, ja kaum zu athmen, da sie sich nicht selbst
ein wunderbares Traumbild zerstre.
    Und so war es auch Ulrich. Zum ersten Male fhlte er die Macht der Schnheit
des Weibes - eines solchen, das zugleich den Stempel geistigen Adels auf der
reinen Stirne trug, noch mehr, die Siegeszeichen geistiger Kmpfe um den feinen
Mund; er dachte jetzt weder an eine Warnung, noch an all' diese Zuflligkeiten
oder Berechnungen Anderer, die sie und ihn zusammengefhrt - er dachte wieder
nur an den Augenblick, wo sie ber ihn gebeugt seine Wunde untersucht hatte, die
er fr sie empfangen; aber er fate sich und griff nach dem Vogel, der auf dem
Wasserbecken still sa, um zu saufen, und sagte:
    Verzeiht, edle Frau, wenn ich hier eingedrungen. Ich meinte ungesehen
kommen und mich wieder entfernen zu knnen - nur der Vogel sollte hier bleiben.
Ihr solltet nicht wissen, da ich ihn gebracht; er sollte nur noch zur Feier
Eures Geburtsfestes kommen und das Uebrige selbst Euch verknden. Er nherte
sich ihr nicht, sondern schritt der Thre zu.
    Sie sprang auf und rief: Ulrich von Straburg, diesmal drft Ihr so nicht
von mir gehen!
    Er stand still und sah sie fragend an.
    Sie fate sich und sagte mit edler Wrde: Ihr seid der einzige Mensch, dem
ich Dank schuldig bin, der einzige, der ein Recht hat, mich als undankbar zu
verachten - das ertrag' ich nicht!
    Ich verdiene keinen Dank, antwortete er; der Vogel, den Euer Herr Bruder
Euch mitgebracht hat von den fernen, wunderreichen Inseln, hat sich nur zufllig
zu mir verflogen, und ich konnte nur ihn bringen - er aber bringt die Kunde, wo
die andern Schtze sind.
    Erst jetzt begriff sie, da Ulrich eben einen neuen Dienst ihr geleistet,
einen greren noch ihrem Bruder, obwohl sie seine Rede sonst noch nicht
verstehen konnte, da sie den Zettel nicht gelesen. Wie? Ihr hufet neue
Dankesschuld auf mich? rief sie, und noch ist die alte nicht abgetragen! Ihr
drft sagen, da ich das noch nicht versucht, nicht einmal mit einem Wort; aber
da Ihr mit dem Tode ranget, rang ich auch damit, und dann hab' ich Euch nur in
Gegenwart Anderer gesehen. Dienste, wie Ihr sie mir geleistet, die bezahlt man
nicht; ich konnte deren Werth nicht durch Anerbietungen verringern, wie mein
Gemahl sie Euch gethan; mehr als dafr, da Ihr Euer Leben fr mich wagtet, mu
ich Euch dafr danken, da Ihr mein Geheimni wahrtet, mich nicht zum Gegenstand
einer abenteuerlichen Geschichte machtet. Was Ihr von mir erfahren, wollte ich
selbst vergessen, wollte ich, da Ihr es verget und mich selbst dazu: und nun
kommt mir immer wieder die neue Pein, da Ihr mich trotzdem nicht vergessen
habt, da ich Euch keine Fremde geblieben - und da Ihr mich doch - verachtet -
verachten mt.
    Die Gluth hherer Erregung war in ihr Antlitz getreten, als sie so sprach;
aber jetzt erbleichte sie pltzlich, weil sie so gesprochen hatte. Sie lehnte
sich an das Marmorbecken, um nicht umzusinken, alle ihre Pulse waren in
fieberhafter Unruhe und die blauen Adern schimmerten dunkler durch das zarte
Wei der Haut.
    Ulrich beugte ein Knie vor ihr und sagte: Ich knieete bisher nur in Kirchen
und vor Altren - noch niemals vor einem Menschen! Wenn Ihr nicht diesem Zeichen
meines Glaubens an das edelste und tugendhafteste Weib vertraut - so habe ich
kein anderes.
    Sie fate seine Hand, neigte sich ber ihn, und ein Strom von Thrnen
strzte aus ihren glnzenden Augen, die seit Jahren Niemand weinen gesehen. Ihr
seid ein geweihter Hohenpriester der Kunst, sagte sie, schaffet, was der Geist
Euch eingiebt, und wenn Ihr es nicht verschmhet, so mcht' ich in Euere Hnde
den Auftrag legen, das Grabmal meines Vaters Martin Behaim mit einem Kunstwerk
zu zieren, wie Euer Genius es in sich trgt.
    Dann, sagte er, werdet Ihr im Stein verewigt daran stehen als der
weinende Genius der Liebe.
    Aber da er dieses Wort gesprochen und mit seinen glhenden Lippen zum ersten
Male die weiche Sammethand eines Weibes berhrt hatte, zum ersten Male seine
lebenswarme Nhe gefhlt, den Hauch seines Mundes und die warme Thrne seines
Auges auf seiner Stirn - da sprang er auf und sagte so gefat als mglich:
Vergebt meinem Eindringen, und wenn Ihr mir mit etwas danken wollt, so sei es
damit, da Ihr verschweiget, wer Euch den Vogel gebracht, sobald ich mich so
unbeachtet entfernen kann, wie ich kam, und um seine Bewegung zu bemeistern und
zu verbergen, fing er den Vogel, der sich lustig auf den Zweigen einer kleinen
Ceder wiegte.
    Elisabeth nahm ihn selbst auf ihren Arm und kte sein schimmerndes
Gefieder. Das schien ihm zu gefallen, er blieb ruhig sitzen, krauste seine
Kopffedern auf und zupfte mit dem rundgebogenen Schnabel an den Falten ihres
Leibchens. Sie wollte sich selbst zur Sammlung und Ruhe verhelfen und las den
Zettel, den er an seinem Halse trug, worauf Ulrich in kurzen, aber deutlichen
Worten niedergeschrieben, was ihm Rachel vertraut hatte.
    Gefater, als vorhin, sagte sie jetzt: Vielleicht kann mein Bruder Martin
Euch besser danken, als ich vermag. Ihr seid ja wohl bewandert in der Geometrie
und Mathematik, deren ewigen Gesetzen er seine groen Entdeckungen verdankt.
    Ihr verget, fiel ihr Ulrich in's Wort, da ich gern ungenannt bleiben
mchte.
    Sie entgegnete nichts auf diese Einrede, und da er noch einmal sich
verbeugend Miene machte sich zu entfernen, sagte sie die Augen niederschlagend:
Nur noch eine einzige Frage: wie kam't Ihr zu dem Ringe, der meine
Namensbuchstaben trug?
    So hat ihn Euch doch der Jude Ezechiel gebracht, der ihn von mir forderte,
antwortete Ulrich, da ich ihn nur gefunden, wo er ihn verloren.
    Elisabeth versank in Nachdenken und fragte dann: Ihr waret nicht wieder mit
jenem Ritter zusammen? - Wenn nicht er - sandtet Ihr den Juden zu mir?
    Nie wrde ich mich dessen unterfangen haben! betheuerte Ulrich; ich mag
keine Gemeinschaft mit diesem Menschen, der wahrscheinlich auch nur an Euch sich
drngte, um niedern Eigennutzes und irgend eines unsaubern Planes Willen. Nur
nicht einen Solchen zum Vertrauten.
    Er hat sich nicht wieder zu mir gewagt, sagte Elisabeth.
    Er sah sie forschend an. Hatte sie ihm den Juden gesandt oder nicht? Er
hatte es erst nicht geglaubt, weil er sie zu stolz dafr hielt, weil sie ihn
selbst bisher nur wie einen Fremden behandelt - und jetzt war dieser Stolz ja
pltzlich gewichen, jetzt redete sie zu ihm wie zu einem vertrauten Freund;
jetzt verrieth sie, da sie wohl von ihm einen Aufschlu ber den Ring htte
erwarten mgen und darum wohl eine Unterredung mit ihm begehren knnen - und
dann erschien es ihm wieder unglaublich, da sie ihn, wenn sie damals ohne
Antwort von ihm geblieben, heute freundlich wrde empfangen haben. Jetzt war der
einzige Augenblick, wo er darber, ber sie selbst und den Juden zu einer
Gewiheit kommen konnte - er mute sie haben.
    Ezechiel, sagte er, wollte mich selbst zu Euch fhren - ihr zrnt mich
nicht, da ich seine Vermittlung zurckgewiesen?
    Was sagt Ihr? rief sie, wessen hat der Jude sich unterfangen?
    Ihr wutet nichts davon? fuhr er fort; darum hatte ich doppelt Recht, ihn
zum Vertrauten zu verschmhen.
    Elisabeth stand starr und forderte: Jetzt mt Ihr mir Alles sagen!
    Ihr hab't Recht! sagte Ulrich; die Wahrheit ber Alles - nur sie allein
ist groer Seelen wrdig und kann ihnen zum Sieg verhelfen wider alle Feinde,
wider alle Fallstricke, die sie uns legen wollen, oder in die wir selbst uns
verwickeln - und er erzhlte, da der Jude noch einmal zu ihm gekommen und zum
Beweis, da es in ihrem Auftrag sei, jenes Titelblatt mit ihrer Unterschrift
gebracht habe.
    Ich vermite das erst gestern! rief sie von Scham und Zorn gleich
leidenschaftlich erregt. Der schndliche Jude soll seine Frechheit ben - ich
werde wohl noch so viel Macht haben, einen Juden bestrafen zu lassen; der Rath
von Nrnberg sucht lngst um die Erlaubni nach, dies Gesindel aus der Stadt
verjagen zu drfen; es sei meine erste Bitte an den Knig Max, er wird und darf
sie mir nicht abschlagen.
    Ulrich hatte wohl einen Zornausbruch Elisabeth's erwartet, um so mehr, als
er von ihrer Unschuld berzeugt war; aber er hatte nicht gedacht, da er zuerst
in Rachegedanken sich uern wrde - das hatte er nicht berechnet! Er war
hierher gekommen, weil er der Jdin versprochen hatte, durch diesen Schritt ihr
Volk vor der blinden Wuth des Pbels zu schtzen, und er berlieferte es der um
so sicherer treffenden kalten Rache der Patrizier. Und er selbst war in dieses
Ezechiel's Hnden - aber Elisabeth war es auch. Er mute sie daran erinnern.
Ich vermuthe nach Allem, sagte er, da dieser Ezechiel und der Ritter von
Streitberg Genossen sind, und da es wohl gerathener wre fr den Rath von
Nrnberg, sich jener frechen Straenruber zu bemchtigen, als wie das ohnedies
ohnmchtige Judengesindel zu verjagen.
    Auch das wird geschehen; sagte Elisabeth das Haupt stolz zurckwerfend;
ich habe lange still geduldet und gelitten und gehofft, ich wrde dadurch die
Geduld jenes Rubers erschpfen und seine Anschlge vereiteln; ich habe im
stillen christlichen Dulden ausgeharrt und einer hhern Hand die Rache
berlassen - mich nicht an die Seite der Chriemhilden und Brunhilden stellen
wollen, welche der Dichter der Nibelungen verherrlicht hat: aber immer auf's
Neue gereizt, fhle ich, da etwas von ihnen in jedem Weibe lebt, und da der
Himmel dem Weibe nicht nur die Bestimmung gab, zitternd zu dulden, sondern ihm
auch das Amt der Rcherin vertraute!
    War das dieselbe Elisabeth, die vorhin, ein schnes, sanftes, vom Gefhl
berwltigtes Weib sich ber ihn geneigt und mit heien Thrnen seine Stirn
benetzt hatte - sie, die er hingerissen den weinenden Genius der Liebe genannt?
Jetzt stand sie stolz aufgerichtet vor ihm, in der That eine zrnende
Chriemhilde, die den Racheeid schwrt und sich Streiter wirbt, ihn zu
vollfhren; aus ihren Augen zuckten dunkle Blitze, die aufgezogenen Augenbrauen
darber erhhten ihren drohenden Ausdruck, die eine Hand auf das Herz gelegt,
die andere emporgehoben, glich sie einer beleidigten Gttin, die entschlossen
ist, die Entweiher ihres Altars zu strafen und zu opfern. -
    In diesem Augenblick ffnete sich die Thr: Ursula und Charitas Pirkheimer
traten ein, denen nun doch Elisabeth's Entfernung zu lange whrte, die sie
berall gesucht, vermuthend, da ihr unwohl geworden, und es da wohl besser sei
das lrmende Fest zu beenden - und die sie nun hier fanden - allein mit einem
Manne, der kein Gast war und in dem sie den Baubruder erkannten.
    Charitas erbleichte, wie sie ihn gewahrte, und Ursula warf auf Elisabeth
mitleidig erschrockene Blicke.
    Diese holte nun einmal tief Athem, dann deutete sie auf den ihr wieder
entflohenen Vogel und sagte mit ihrer gewohnten ruhigen Geistesgegenwart:
Diesen brachte mir eben der freie Steinmetz und damit die wichtigste Kunde fr
meinen Bruder Martin; da Ihr aber wit, da die Baubrder allen Umgang und Dank
von uns Profanen verschmhen, so hab' ich auch an diesem vergeblich meine
Beredtsamkeit erschpft, mich zur Gesellschaft oder doch zu meinem Bruder zu
begleiten, und kann ihm fr den grten geleisteten Dienst keinen andern Dank
gewhren, als den, ihn wieder still zu entlassen, wie er gekommen, und auch Euch
zu bitten, seiner nicht zu erwhnen, damit ich ihm nicht vergeblich versprochen
habe, da er in dieser Angelegenheit mit allen weiteren Fragen, gerichtlichen
und auergerichtlichen Verhandlungen verschont werden soll. Geb't ihm dasselbe
Versprechen des Schweigens, und ich gehe mit Euch in den Festsaal zurck.
    Charitas sagte sanft: O ich beneide Jeden, dem es vergnnt ist, von der
profanen Welt sich zurckzuziehen, und werde Euch gewi dies glckliche Vorrecht
nicht verkmmern.
    Ursula, heiter strahlend von der ganzen Wonne eines jungen Eheglcks und
dadurch wieder in Anmuth und Flle neu erblht, versprach Alles gern, was die
minder glckliche Freundin verlangen mochte, und Ulrich verabschiedete sich mit
kurzem Dankeswort von den Damen.
    Auf der Treppe begegnete ihm nur ein Diener; da Ulrich aber einen langen
schwarzen Mantel bergeworfen und so durch seine Tracht sich nicht verrieth,
konnte ihn jener wohl fr einen der Gste halten, von denen sich bereits einige
entfernt. Als er auf die Strae kam, schwankte ein Mann vor ihm her, dem seine
Fe den gewohnten Dienst zu versagen schienen. Jetzt schien dieser seinen
Austritt aus dem Hause bemerkt zu haben und rief ihm zu:
    Seid Ihr es, Herr Anton Tucher? Ihr hab't mir einen schlechten Dienst
erwiesen. - Ihr habt mir diesmal doch zu viel zugetrunken - aber nein, Ihr
soll't nicht sagen, da Ihr mich wirklich zu Boden getrunken - aber hier - jetzt
hab' ich wirklich keinen Boden!
    Ulrich erkannte die Stimme des Propstes Anton Kre, der ihn fr Anton Tucher
halten mochte, mit dem Ulrich ungefhr die gleiche Gre und Strke hatte, und
mehr war in der Dunkelheit nicht zu erkennen. Offenbar hatte der Propst im
Trinken des Guten zu viel gethan und nun sich fortgeschlichen, da er seinen
Zustand gefhlt, und wenn er auch sonst im vertrauten Mnnerkreise sich keinen
Zwang anthat, wollte er doch vor der grern Gesellschaft und den Damen
gegenber seine Wrde wahren. Was sollte Ulrich thun? Wenn ihn Kre, der ihn aus
dem Hause Scheurl's hatte treten sehen, erkannte, so konnte er keine Erklrung
geben, die nicht ihn und Elisabeth einem unwrdigen Verdacht ausgesetzt htte;
da er ihm auch nicht von Rachel sagen mochte und konnte - er war einmal in
diesem Netz von Heimlichkeiten gefangen; aber jedes Bedenken wies er von sich,
da er den Propst an dem Eckstein taumeln sah, nahe daran zu fallen oder sich zu
stoen. Ulrich sprang ihm bei und bot sich ihm als Sttze.
    Anfnglich erkannte der Propst ihn nicht, hielt ihn noch fr Anton Tucher
und sagte: Ei, das ist wacker, da ihr mit mir geht - inde ist's nicht so arg
- ich fnde den Weg schon noch. Ein capitaler Wein! in jedem Humpen eine andere
Sorte! dazu die schnen Frauen gegenber - man kann doch die Augen nicht
zublinzen, da sie selbst ihre Reize zeigen! Da erhitzt man sich mehr, als wenn
die Mnner allein! Die schnste freilich bleibt immer Frau Elisabeth, ist sie
auch nicht die Jngste mehr! Ihr mt es zugesteh'n, wenn Ihr auch sonst nicht
fr sie eingenommen! Bald eine antike Venus, bald eine christliche
Himmelsknigin. Sie kann das viele Trinken nicht leiden und luft immer fort,
wenn die Zungen schwer werden, und man ihr die Artigkeiten lieber handgreiflich
als mit zierlichen Worten sagte. Wer wei aber - der junge Immhof war auch
verschwunden - wer wei, ob sie nicht mit ihm in einem ihrer feenhaften Gemcher
ein Schferstndlein gefeiert! - Aber warum redet Ihr gar nicht? Denkt Ihr, ich
sei nicht genug bei Verstande, Euch anzuhren?
    Von Allem, was der Propst so und weiter schwatzte, und schilderte, erglhte
Ulrich selbst viel mehr, als der Trunkene, der noch in Gedanken an Wein und
Weiber schwelgte. Jetzt wollte er nicht von ihm erkannt sein - nicht um sich
einen Verdacht und Fragen, sondern um dem Propst, seinem Oheim und geistlichen
Vorgesetzten, eine Beschmung zu ersparen. Er verharrte darum hartnckig in
seinem Schweigen und wollte sich an der Hausthr der Propstei entfernen, ehe
etwa Beleuchtung kme, ob auch der Propst ihn mit Gewalt zurckhalten wollte und
immer rief:
    Ich lasse Euch nicht fort - bis ich wei, wer mein stummer Begleiter
gewesen!
    Da strzte pltzlich eine Gestalt hervor, die inde unbemerkt unter einem
der nchsten Schwiebbgen gehockt hatte und rief:
    Herr Propst, geb't einem verirrten Pilger ein Obdach fr die Nacht!
    Ulrich kannte diese Stimme, und jetzt rief er, vor dieser pltzlichen
Erscheinung alles Andere vergessend: Um Gotteswillen ffnet und nehm't ihn mit
hinein!
    Ulrich! rief der Propst erschrocken und ernchtert.
    Ulrich! rief auch der Andere mit freudigem Erschrecken.
    Still! nur auf offenem Platz keine Fragen und Erklrungen! rief Ulrich;
nehm't uns mit in das Haus, Herr Propst, aber in aller Stille, und steckt uns
in die nchste dunkle Ecke Eures Hauses, wo uns Niemand vermuthet und findet!
    Der Propst hatte schon den gewichtigen Klppel an der Hausthr dreimal
geschwungen und sagte: Hoffentlich macht sich's die Haushlterin bequem und
ffnet von oben, dann knnt Ihr mit eintreten, und ehe sie mit Licht herabkommt,
kann dieser da links in die Thr schlpfen. Du gehst rechts mit mir, Dich kann
sie sehen - aber ihn nicht, denn sie kennt ihn auch.
    Es geschah so, wie er gesagt. Die Thr sprang auf, die Drei traten ein, die
Haushlterin kam erst mit Licht die Treppe herab, als der Propst schon den
zuletzt hinzugekommenen Begleiter in ein dunkles Seitengemach geschoben hatte.
Das Gesicht des Propstes glhte noch von Wein und seine Augen funkelten; aber
Schreck und Angst hatten ihm die Besinnung wiedergegeben. Er nickte inde
lchelnd der Haushlterin zu und sagte auf Ulrich deutend:
    Der da dachte, ich bedrfe seiner als eines nothwendigen Stockes - da hab'
ich ihn denn gleich mitgenommen, und er mag die Nacht hier bleiben, da ihm inde
sein Haus verriegelt worden und ein Baubruder keinen nchtlichen Lrm macht.
Geht wieder hinauf und zur Ruhe, er mag in meiner Nhe in der Todtenkammer
schlafen.
    Die schlfrige Dienerin gehorchte gern und war bald die Treppe hinauf und
verschwunden, inde Kre und Ulrich in das Wohnzimmer traten.
    Als sie allein waren, sank der Propst erschpft auf seinen Lehnsessel, brach
in Thrnen aus und jammerte: Was soll nun werden? O ich habe es mir doch
gedacht, da er wiederkommen wird, zu mir - gerade zu mir! Ich sollte sein
Todfeind sein, und er jammert mich doch! Von rechtswegen mt' ich ihn
festhalten und an das Kloster ausliefern. Er ist aus dessen Mauern geflohen -
zum Tode schon verurtheilt, hat er noch ein todeswrdiges Verbrechen begangen!
Er hat sich auch an mir versndigt und an Dir, er hat mir sein feierlich
gegebenes Wort nicht gehalten. Hier an dieser Stelle war es, wo er schwor, Dir
nichts zu verrathen - nun hat er Dich unglcklich gemacht und wird uns Alle in's
Verderben strzen! -
    Um's Himmels Willen! rief Ulrich, Ihr seid jetzt nicht in der Stimmung,
kalt und ruhig zu berlegen, was zu thun ist! Schlaf't in Ruhe und lat mich zu
ihm, damit ich von ihm hre, wie's ihm inde ergangen und was ihn hierher
getrieben!
    Schlafen? den Rausch ausschlafen, meinst Du wohl? sagte der Propst
empfindlich; ich bin schon schrecklich genug erweckt und munter geworden durch
diese Begegnung, und Du - wo kamst Du denn her - Du tratest hinter mir aus
Scheurl's Haus -
    O jetzt nicht von mir! rief Ulrich; sein Schicksal lat uns bedenken! Wie
lange ist er sicher in dem ihm angewiesenen Versteck?
    Er kann dort nicht bleiben! sagte der Propst. Sobald meine Haushlterin
wirklich zur Ruhe, wollen wir ihn hinauffhren in die Bibliothek; zu ihr trage
ich den Schlssel immer bei mir, damit nichts darin verrckt oder verrumt
werde, das fllt nicht auf, aber an den andern Gemchern pflegen die Schlssel
zu stecken. Bis zur nchsten Nacht kann er dort bleiben - warum ist er nur
berhaupt hierher gekommen?
    Kommt mit hinber, oder lat mich gehen! drngte Ulrich; darnach wollen
wir ihn selbst fragen!
    Das der Hausflur zunchst liegende Gemach, in welchem jetzt der flchtige
Amadeus von Wildenfels verborgen war, hatte zunchst die Bestimmung, darin Leute
untergeordneten Ranges warten zu lassen, welche den Propst zu sprechen begehrten
und nicht gleich vorgelassen werden konnten, entweder weil er nicht zu Hause
war, oder schon andere bei sich sah, oder auch sein Mittagsschlfchen hielt,
worin ihn Niemand unterbrechen durfte. Dies Gemach hatte nur ein tiefes Fenster
mit einem auf die Strae vorspringenden, kunstreich gearbeiteten Eisengitter.
Die Wnde waren kahl und wei, rundum liefen hlzerne Bnke an ihnen hin, ein
schwerer Eichentisch stand in der Mitte, auerdem war alles leer, nur ein
groes, ziemlich gut in Holz geschnitztes Krucifix hing dem Fenster gegenber.
    Ulrich und Kre traten schweigend ein.
    Amadeus sa auf der Bank dem Tische zunchst, und hatte sein Haupt auf
diesen gelegt. So schien er zu schlafen. Sein Gesicht war bleich, Haar und Bart
verwildert, aber die geschorene Platte noch sichtbar. Sonst erinnerte nichts
mehr an ihm an den Mnch. Er trug groe Reiterstiefeln mit Sporen, lederne
Beinkleider und darber ein Oberkleid von grner Wolle, um den Leib einen
Grtel, an dem ein Schwert hing. Neben ihm lag ein schwarzer Hut mit groer
Blende und ein schwarzer Tuchmantel.
    Ulrich betrachtete ihn mitleidig und sagte: Wer wei, welchen weiten Weg er
gemacht, wie lange er sich ohne sicheres Obdach herumgetrieben - nun liegt er
ermattet hier und schlft.
    Amadeus athmete tief auf und richtete sein Haupt empor. Ulrich! rief er,
Du bist auch hier - und rettest mich auf's Neue?
    Ulrich reichte ihm die Hand. Wie ist Euch? sagte er, und von wannen kommt
Ihr? Ich habe dem Herrn Propst Alles gebeichtet, und er hat kein Geheimni mehr
von mir!
    Bist Du mein Sohn? und hast Du mir vergeben? fragte Amadeus.
    Ich bin es, und habe Euch vergeben, wie ich hoffe, da Gott mir vergeben
werde! versetzte Ulrich.
    Der Propst sagte ernst: Amadeus, unter welcher Bedingung erfllte ich Eure
Bitte? Ihr hab't nicht Wort gehalten - Ihr hab't mit dem Verrath Eures unseligen
Geheimnisses den stolzen Muth dieses freien Maurers vernichtet, die fromme
Freudigkeit, mit der er an den Tempeldienst der Kunst sich hingab, ihm
geschmlert - sehet zu, da Ihr ihn nicht noch mehr in's Verderben bringt! Ihr
knnt nicht ber ihn wachen, wachet wenigstens ber Euch und Eure Zunge!
    Eine harte Anklage! sagte Amadeus; aber ich habe mich selber schon hrter
angeklagt, und oft gewnscht, ich wre in den Klostermauern umgekommen!
    Lat das jetzt! unterbrach ihn Ulrich, und erzhlt lieber, wie Ihr
entkamt.
    Ich irrte im Walde Tage und Nchte lang umher, begann Amadeus; endlich
kam ich an eine einsam stehende Wohnung und mute sie betreten, um zu betteln,
weil mir lngst die Lebensmittel ausgegangen. Eine mitleidige Frau nahm mich auf
und verpflegte mich einige Tage, da ich wunde und geschwollene Fe hatte, die
mich nicht mehr weiter tragen wollten. Die Gegend, in der ich mich befand, war
mir unbekannt, und auf mein Befragen erfuhr ich, da ich nicht weit sei vom
Schlosse des Herrn Weyspriach. Ich hatte einen solchen einst zum Waffengefhrten
gehabt, und that weitere Fragen nach Namen und Verhltnissen. Aber sie stimmten
nicht, und der jetzige Schloherr war nur ein Neffe meines alten Freundes. Aber
dabei erfuhr ich, da ein anderer meiner einstigen Kameraden seit dem letzten
Reichstag bei ihm sei, auch da die Burg und ihre Herren weit und breit
gefrchtet wren als fehde- und beutelustig, und sich Niemand an sie wage, noch
an die Mauern ihrer Veste. Da beschlo ich dorthin zu ziehen!
    Dorthin gingt Ihr? fragte Ulrich tonlos.
    Zu diesen Raufbolden! rief Kre.
    Nun, sie haben mich sehr wohl aufgenommen und beherbergt, sagte Amadeus
ruhig; freilich erst erkannten sie mich nicht, bis ich ihnen theilweise mein
Geschick erzhlt -
    Unglcklicher! Eidbrchiger! rief Kre; Du sprachst von Ulrich?
    Nein, antwortete Amadeus; dies Geheimni konnte nur ihm selbst gegenber
ber meine Lippen kommen; nur was mich allein betraf, habe ich Streitberg
erzhlt.
    Eberhard von Streitberg war Dein Genosse? fragte Ulrich.
    Nun? fragte Amadeus, der sich die entsetzte Miene des Steinmetzen nicht zu
deuten wute.
    Und wenn es Euch so wohl ging bei den Raubrittern und Wegelagerern, warum
seid Ihr nicht in dem alten Raubnest geblieben? fragte hhnend der Propst.
    Gestern kam ein Jude in die Burg, erzhlte Amadeus, mit dem die Ritter
ein weitlufiges Geschft zu haben schienen. Mit andern Sachen wollte ich ihm
Hut und Mantel verkaufen, die Du mir zu der Flucht gegeben, damit sie mich nicht
einmal verriethen - der Jude aber erklrte: die wren sein, er habe sie im
Benediktinerkloster vor einigen Wochen einem Baubruder geliehen, der
versprochen, sie wieder zurckzugeben. Er schilderte Dich und nannte Deinen
Namen, so wie den Tag meiner Flucht - ich zgerte nicht, ihm die Sachen zu
geben.
    Der Jude hie Ezechiel? fragte Ulrich.
    Ganz recht, so hie er.
    Nun sind wir ganz in seinen Hnden! rief Ulrich.
    Aber warum kamet Ihr nach Nrnberg? wiederholte der Propst noch einmal
eindringlich.
    Weil es mir nun allerdings mglich schien, da der Jude mich verrathen
werde -
    Aber Kre unterbrach Amadeus heftig: Ach, wohl um die saubern Raubritter
nicht in Verlegenheit zu bringen, verliet Ihr ihr verstecktes Nest und kommt in
die St. Lorenz-Propstei.
    Nein, sondern weil ich ganz aus dieser Gegend gehen will, zuvor aber Ulrich
sehen, ihn warnen und ihn mit mir nehmen - es sei denn: er wisse, da der Jude,
der ihm zu den Sachen und damit zu meiner Flucht behlflich war, eine ganz
zuverlssige Person sei.
    Das ist kein Jude, und dieser Ezechiel vielleicht am allerwenigsten,
entgegnete Ulrich. Mu ein Schimpf ber mich kommen, so komme er - aber ich
will ihn nicht selbst ber mich bringen - das geschhe durch meine Flucht.
Niemand wird mich verleiten Unwrdiges zu thun! - Aber es ist gut, fgte er
ruhiger hinzu, es ist gut, da Ihr Weyspriach's Burg gemieden; vielleicht wird
sie von den Nrnbergern schon morgen belagert - und das mchte auch fr Euch
nicht gut sein.
    Was sagst Du? fragten Kre und Amadeus zugleich.
    Lat uns jetzt nur bedenken, wie Ihr unerkannt von hier fort kommt und
wohin? Wit Ihr nicht ein sicheres Versteck, Herr Propst?
    Wir wollen das morgen berlegen! sagte dieser. Sein Rausch war zwar
vorber durch dies geistige Uebergewicht der Ueberraschung und Aufregung, aber
jetzt folgte eine schlummerbedrftige Abspannung darauf. Vor morgen Abend kann
er doch nicht fort: ich will ihn in die Bibliothek zur Ruhe geleiten - es steht
eine Polsterbank drinnen. Lat es uns beschlafen; gute Gedanken kommen ber
Nacht, und nicht, wenn man sie so im Augenblick herbeirufen will. Dort knnt Ihr
bis zur nchsten Nacht bleiben - und Ihr, Ulrich, schlaf't hier drben; wer
wei, ist die Haushlterin nicht munter, ehe Ihr in die Htte mt; sie darf
nichts verndert und Euch nicht wo anders finden, als Euch diesen Abend
angewiesen worden.
    Was Amadeus und Ulrich jetzt noch gegenreden mochten, es half nichts - sie
muten ihrem Wirth gehorchen, der Jeden in sein Gemach fhrte.

                                Viertes Capitel



                                    Gelbde

Im Hofe am Steig bei den zwlf Brdern ging der Riesen-Jacob vor der Werkstatt
Meister Adam Kraft's mssig auf und nieder. Wie das Frhjahr gekommen war,
sehnte er sich von der stdtischen Maurerarbeit wieder hinaus auf die freien
Felder des Benediktinerklosters, wo er, wenn auch nicht lohnendere, ja nicht
einmal leichtere, aber ihm doch besser zusagende Arbeit fand, als in der
Werkstatt des wunderlichen Knstlers, der ihn eigentlich zum Gesptt seiner
Gesellen machte.
    Von dem Meister war er schon in aller Form entlassen worden und hatte seinen
Lohn erhalten, aber er begehrte noch die Meisterin zu sprechen und wartete, bis
sie zur gewohnten Stunde ber den Hof kommen wrde, wo sie ihrem Manne das
Vesperbrod zu bringen pflegte.
    Jetzt erschien sie auch, aber nicht allein, die Frau Vischerin war bei ihr,
die eilig herbeigelaufen war, um zu verknden, da ihr Ehemann, Peter Vischer,
gestern wieder aus Italien heimgekehrt sei, und da sie ihm eine Ueberraschung
bereiten und seine besten Freunde die Meister Adam Kraft und Sebastian Lindenast
ihm zum Nachtmahl laden wolle, denn er selbst sei dermaen ermdet von der
weiten, meist zu Fu zurckgelegten Reise, da er nicht aus dem Hause knne und
daheim nur seine Freude an den Buben habe, die inde gar gro und verstndig
geworden, und dazu noch einer gekommen, den er zuvor noch gar nicht gesehen.
    Der Riesen-Jacob mute warten, bis dies Gesprch beendet war; die Zeit war
ihm dabei etwas lang und er selbst immer rgerlicher darin in seinem Vorsatz
bestrkt, die Meisterin noch bei seinem Weggange zu rgern, und sich selbst
nicht nur ber sie, sondern auch durch sie einen Triumph zu bereiten.
    Als sich die Vischerin von Frau Eva Kraft verabschiedet hatte, trat Jacob
auf diese zu und sagte: Nun, Meisterin, ich wollte nicht weggehen, ohne Euch
auch zum Abschied gesehen zu haben.
    Nun Gott geleite Euch! sagte sie kurz und gab ihm die Hand.
    Seht, begann er, ich habe immer, wenn ich den steinernen Drachen da
drauen vor der Thr sah, an Euch denken mssen.
    Unverschmter Mensch! fiel ihm die Meisterin in's Wort, mach' Er, da Er
fort kommt!
    Nun, nun, lat mich nur erst ausreden, sagte Jacob und hielt sie zurck;
ich habe das nicht zuerst gesagt, der hochwrdige Herr Propst Anton Kre hat
das aufgebracht! Ich mein' es mit Euch besser, als der, und will Euch nur noch
einen Rath geben, wie Ihr Euer Mthchen an ihm khlen knnt!
    Ach, lat mich in Ruhe! sagte die Meisterin, und blieb doch stehen, um
neugierig zu hren, was eigentlich kommen sollte.
    Ihr wit, begann dieser, damals kam ein Benediktinermnch hierher, den
Propst abzurufen; ich kannte ihn wohl und meinte, da es nicht recht richtig mit
ihm sein mge - nun, gestern hab' ich denselben Mnch, den Bruder Amadeus in
Laienkleidung bei Nachtzeit sich in das Haus des Propstes schleichen sehen - das
ist doch ganz wider die Ordnung. Nun will ich im Kloster nachfragen, was das
eigentlich ist mit diesem Amadeus; ich kann mir doch gar nicht anders denken,
als da er aus dem Kloster entwischt ist, der Propst und die Baubrder mit ihm
unter einer Decke stecken.
    Auch die Baubrder? sagte Frau Kraft besonders gespannt, denn zwischen den
profanen Bauleuten und den freien Steinmetzen bestand immer eine stille
Feindschaft; die Letztern sahen hochmthig in ihrer Abgeschlossenheit auf jene
herab, und die Erstern waren eiferschtig auf den Nimbus, der die Letztern umgab
- sie ergriffen gern jede Gelegenheit, denselben vor dem Volke zu zerstren und
sich ihnen mindestens gleich zu stellen. Ein echter Knstler, wie Meister Kraft,
war wohl frei von diesem kleinlichen Neid und lie auch den freien Steinmetzen
Gerechtigkeit widerfahren, und sein grter Triumph war, nur durch die eigenen
Leistungen seiner Kunst ihnen beweisen zu knnen, da auch ohne Mystik und
Abgeschiedenheit von allen weltlichen Freuden Kunstwerke hervorgebracht werden
knnten von profanen Hnden - aber seine Gesellen und Umgebung, auch seine Frau
vermochte er nicht auf diesen hheren und friedfertigen Standpunkt zu erheben;
sie kannte keine grere Freude, als wenn Jemand einem Baubruder Uebels
nachsagen oder die ganze Genossenschaft lcherlich oder verdchtig machen
konnte, mochte es von dieser oder jener Seite geschehen, mochte man ihnen
nachsagen, da sie Kopfhnger wren, berspannte Phantasten und Schwrmer, die
allein meinten den rechten Weg in's Himmelreich zu kennen, alle irdischen
Freuden verachteten und mitten in der Welt lebend die Erde doch nur als ein
Jammerthal betrachteten, das ihnen vergeblich seine Gensse bot - oder mochte
man sie Sptter nennen, die bei ihren geheimen Gebruchen und Lehren dem
Christenthum und der Kirche Hohn sprchen, oder heimliche Jnger, die nur
ffentlich sich der grten Sittenstrenge unterwrfen, bei ihren Zechen aber
oder auch allein im Verborgenen mehr sndigten als Andere. Darum spitzte Frau
Eva jetzt die Ohren, als sie hoffen konnte, etwas Verdchtiges von einem
Baubruder zu hren, und der Riesen-Jacob fuhr fort:
    Am Tage, nachdem jener Mnch hier gewesen war, hat der Propst ein paar
Baubrder hinaus in's Kloster geschickt, daselbst ein Sacramentshuslein
auszubessern - nun, das htten wir auch gekonnt, und wer wei, haben sich der
Propst und der Mnch nicht erst die Modelle dazu bei uns abgeguckt.
    O ganz gewi haben sie das gethan! rief die Meisterin entrstet; wenn
ihnen nur mein Mann nicht die herrliche Zeichnung hat sehen lassen, die er
selbst zu einem solchen Gehuse gemacht!
    Der blonde Hieronymus und der Ulrich von Straburg sind damals wochenlang
drauen im Kloster gewesen, berichtete Jacob weiter, und Einer von ihnen - ich
wei nicht welcher, denn ich habe sie Beide stets nur miteinander gesehen - kam
diese Nacht mit dem Propst heim, und sie nahmen den Amadeus mit in die Propstei,
der schon so lange um sie herum geschlichen, da ich ihn scharf in's Auge gefat
hatte, weil ich dachte, er knne dort unmglich auf guten Wegen wandeln.
    Was Ihr nicht sag't! rief Frau Eva; Ihr werdet wohl thun, das im Kloster
zu beichten - und ich werd' es hier auch nicht daran fehlen lassen.
    Viel freundlicher als vorhin ward nun der rohe Handlanger von der Meisterin
entlassen, die sich innig freute, es endlich dem Propst entgelten lassen zu
knnen, da er das Spchen mit dem Drachen auf ihre Kosten gemacht hatte.
    Inde lief am selben Tage ein anderes wunderliches Gercht durch die
Reichsstadt und beschftigte in immer absonderlicheren Varianten die guten
Nrnberger. Da hie es zuletzt gar: Zur Frau von Scheurl sei ein goldener Vogel
geflogen gekommen, der zwar nicht singen, aber reden knne, und der habe ihr
erzhlt, wer das indische Reisegut Herrn Martin Behaim's geraubt, und sei dann
zu der Stelle geflogen, an der es vergraben liege. Wer etwa dazu unglubig
lcheln wollte, wie zu einem einfltigen Mhrlein, der mute doch verstummen,
als er einen stattlichen Zug, voran Herrn Christoph von Scheurl und die Gebrder
Behaim, im Gefolge ihre Leute und Diener, und eine groe Abtheilung Stadtmilizen
vor das Thor ausrcken sah und dem Reichsforst sich zu bewegen. Oder wer diesen
nicht begegnete, der gewahrte vielleicht Frau Elisabeth am Fenster ihres
Chrleins, wie ein herrlicher Vogel auf ihrer Achsel sa. War er auch nicht
golden, so glnzten die Farben seines Gefieders doch so wunderbar schn und
prchtig, da er dadurch nicht minder fabelhaft erschien, als wr' er aus eitel
Gold gewesen. Wer den Vogel sah, der glaubte dann auch gern die andern
abenteuerlichen Erzhlungen. Und fr diese gewann die Nrnberger Phantasie bald
einen unendlich weiten Spielraum, als es am Abend hie: man habe wirklich an der
Stelle im Walde, welche der Vogel angegeben, einen groen Theil der Schtze
gefunden, die Martin Behaim mitgebracht und deren Beschreibung nun wieder nur
die staunenswerthesten Dinge zu verknden hatte. Im Triumph wurden die wieder
gewonnenen Kisten Behaim's in die Stadt gefhrt - und war nun einmal nur ein
Theil wieder da von den entschwundenen Herrlichkeiten, so hoffte man, der andere
werde sich nun auch schon finden - ja, man war entschlossen, ihn, wenn es sein
mute, mit Sturm und Waffengewalt zu erobern.
    Die Ritter von Weyspriach und Streitberg erhielten von dem Rath von Nrnberg
eine Vorladung, vor Gericht zu erscheinen und sich gegen die wider sie erhobene
Anklage auf Friedensbruch und Straenraub zu rechtfertigen oder darauf gefat zu
sein, da gegen sie erkannt und verfahren wrde wie Rechtens. Diese Anklage
sttzte sich natrlich nicht nur auf die Angabe des indianischen Raben - mochte
sie dieser nun schriftlich mitgebracht, oder wie im Volke die Sage ging, selbst
redend gemacht habe - sondern auf die bereinstimmende Schilderung des Boten,
der die erste Nachricht von dem Ueberfall an Scheurl gebracht hatte, mit den
Aussagen der Verwundeten und Geflohenen, die von Augsburg her dem Transport zum
Geleite gedient hatten. Keiner von ihnen kannte zwar die beiden Ritter
persnlich, aber ihr Signalement der Ruber pate doch auf diese, und da sie
schon mehr als einmal im Verdacht solcher Heldenthaten gewesen waren, so war es
mehr als wahrscheinlich, da sie auch dieses Verbrechen verbt.
    Nun hatten aber freilich die Ritter guten Grund der Vorladung zu spotten und
den Spruch des Rathes von Nrnberg zu miachten; denn sie meinten, da nicht
dieser, sondern allein der Markgraf Friedrich von Zollern das Recht habe,
Gericht auf Nrnbergischem Gebiet zu hegen, und sie nur dem Spruche dieses im
Namen des Kaisers burggrflich gehegten Landgerichtes sich zu fgen htten, da
ihre Burg sowohl als der Ort der That nicht die Stadt Nrnberg selbst sei, und
diese selbst auf dem ihr gehrenden Grund und Boden, der auer der Stadt
gelegen, keine Macht habe zu richten. Aber eben ber diesen Punkt war der
Nrnberger Rath mit dem burggrflichen Gerichtsamte niemals einig, es fanden
stets Reibungen und Streitigkeiten statt, und wie es bei unsichern
Rechtsverhltnissen immer geht, wo jede Behrde die andere der Uebergriffe
verklagt und das Recht der Entscheidung meint allein auf ihrer Seite zu haben,
so ging es auch hier: die Angeklagten selbst hatten davon den grten Nutzen,
sie brauchten nur zu erklren, da sie die Competenz der Behrde, die sie zur
Verantwortung ziehen wollte, nicht anerkannten - so verging immer Zeit und die
Sache verschleppte sich.
    Diesmal aber trat doch das burggrfliche Landgericht auf die Seite des
Nrnberger Stadtgerichtes und beschlo die Handlungen desselben zu untersttzen.
    Markgraf Friedrich von Zollern war zwar gerade abwesend und bei dem Kaiser
Friedrich in Linz, aber der stellvertretende Richter hatte es in guter
Erinnerung, da Frau von Scheurl die Pathe seines Herrn und von ihm in Ehren
gehalten war; ebenso wenig verga er, da sie Gnade vor dem rmischen Knig und
knftigen deutschen Kaiser gefunden, wie ihr Gemahl die Adelswrde: da es darum
wohl nicht klug gehandelt sei, ihre Wnsche nicht zu bercksichtigen; da es
also gerathen sei, einmal einer Klage des Nrnberger Rathes ber Gewaltthat und
Friedensbruch von Seiten adeliger Straenruber Gehr zu geben.
    Darum sandte wenig Tage nach der hhnenden Antwort der Ritter auch das
burggrfliche Landgericht eine gleiche Vorladung zur Verantwortung ber die
wider sie erhobenen Anklagen an die beiden Ritter, die allerdings einer solchen
sich wenig versehen hatten. Inde verweigerten sie auch jetzt zu erscheinen mit
der Ausrede: da doch nur die Nrnberger Krmer den burggrflichen Landrichter
bestochen htten, und da jene sich nicht rhmen sollten, da Edelleute, die nur
den Kaiser als ihren Herrn anerkannten, ber ihr Thun und Schalten ihnen
spiebrgerlich Rechenschaft abgelegt.
    So kam es denn wirklich zu einer Belagerung von Weyspriach's Burg. Unter
denen, die dazu mit ausgezogen waren, befanden sich auch Georg Behaim und
Stephan von Tucher. Der Letztere wollte sich dadurch den Ersteren vershnen, der
ihn immer seit dem Schlittenstechen beim Schnbartlaufen scheel angesehen hatte,
und noch mehr Frau Elisabeth dadurch seinen Dank beweisen, die ihm ganz allein
zu dem Besitz Ursula's verholfen, an deren Seite er jetzt ein heiter glckliches
Leben fhrte.
    Ursula selbst, vielleicht noch mehr von Glck und Dankbarkeit durchdrungen
als er, hatte ihn am wenigsten zurckhalten mgen, und doch war ihr bange, da er
von ihr ging, an einer Fehde Theil zu nehmen, die ihn gerade in die drohendsten
Gefahren bringen konnte, wie eine solche Belagerung; denn auf die Helmbsche der
Ritter pflegten die Belagerten immer am ehesten und schrfsten zu zielen.
    In der Angst whrend seiner Abwesenheit suchte sie am ftersten Trost und
Ruhe bei Elisabeth.
    Schon seit der Reichstag beendet und in Nrnberg wieder Alles in's gewohnte
Geleis gekommen war, hatten die Gobelinsstickerinnen fr die Lorenzkirche ihr
Geschft wieder begonnen und pflegten wenigstens wchentlich einige Mal dazu bei
Frau Elisabeth zusammen zu kommen. Jetzt waren sie so weit gediehen, da sie, um
die einzelnen Theile des Teppichs zusammen zu passen, sich an Ort und Stelle
selbst begeben muten.
    Elisabeth hatte dieses Vorhaben dem Propste Kre melden lassen, den sie seit
ihrer Geburtstagfeier nicht gesehen, was sie um so mehr befremdete, als er sonst
ein fterer Gast in ihrem Hause war und sie seine guten Eigenschaften sehr wohl
zu schtzen wute, wenn sie auch seine Spe manchmal zum Errthen zwangen.
    Da erfuhr sie, da er seit jenem Tage krank gewesen und nicht ausgegangen,
aber er lie ihr sagen, da er um ihretwillen hinber in die Kirche kommen
werde.
    Elisabeth und die Schwestern Pirkheimer waren die Ersten, die sich darin
einfanden. Das hochgewlbte Schiff der Kirche war ganz leer und still, nur von
drben aus der Bauhtte und von oben vom Thurm herab schallte das Hmmern und
Meieln der fleiigen Steinmetzen.
    Wie schn wre es, sagte Charitas, wenn es auch eine Schwesterschaft
gbe, dieser Baubrderschaft nachgebildet! Wenn auch wir Frauen uns vereinen
drften, in heiligen Gelbden unser ganzes Leben einer frommen und erhabenen
Arbeit zu weihen und so einen groen und schnen Lebenszweck gemeinschaftlich zu
verfolgen. So bleibt uns, um diesen Wunsch zu erfllen, nur das Kloster.
    Freilich mssen wir Frauen uns beinahe mit Gewalt, oder wenigstens doch im
steten Kampfe mit der rohen Gewalt - jede Mglichkeit eines edlen Wirkens fr
unser eigenes Heil wie fr das Allgemeine erobern, sagte Elisabeth; aber
besser so, als im engen Kloster einschlafen oder mit versteinern.
    Nein! so ist es nicht! rief Charitas Pirkheimer; auch unter den Klstern
gleicht nicht eines dem andern. So herrscht im hiesigen Clara-Kloster unter den
Nonnen ein reger Eifer fr Wissenschaft und Kunst, gleichsam ein treugepflegter,
krftig wachsender Baum, der seine Zweige auch ber die Klostermauern
hinausbreitet, aufwrts strebt in den Himmel und hinaus zu den Menschen, sie mit
seinen Schatten zur Ruhe zu leiten und mit seinen Frchten zu erquicken. Dort
weilt eine alte Verwandte von uns, die wir erst krzlich besuchten, an deren
tiefer Gelehrsamkeit sich Alle laben und die den regsten Eifer fr die
Wissenschaften unter den Nonnen weckt und wach erhlt. Und was sie fr die
Wissenschaft, das ist Schwester Ulrike fr die Kunst. Eine edle Frau, die gewi
sehr tiefes Weh im Leben erfahren hat, die aber hindurch gedrungen ist zum
Frieden der Seele, den die Welt nicht giebt. Ihr Orgelspiel und Gesang sind
vollkommen Alles, was zur Kunst gehrt, hat sie das vollste Verstndni. Ihr
solltet hren, wie begeistert sie von der Baukunst spricht und wie sie die
geheime Symbolik derselben zu ihrem Studium gemacht hat; vielleicht knpft sie
auch oft fr sich selbst eine eigene Symbolik daran und schmckt sie mit ihrer
poetischen Phantasie. Ich glaube, wenn man sie frher das Mechanische der
Steinmetzarbeit gelehrt, sie htte eine zweite Jungfrau Sabina sein knnen, die
den Straburger Mnster mit verherrlicht hat. Ich wollte, Ihr kenntet diese
Frau.
    Clara fgte die Rede der Schwester ergnzend hinzu: Mir fiel diese Nonne
durch eine wunderbare Aehnlichkeit auf; es war mir, als habe ich dies Gesicht
schon gesehen, gleichwohl konnte ich mich lange nicht besinnen, wann und wo,
aber da ich den Steinmetzgesellen Ulrich wiedersah, brauchte ich mein Nachdenken
nicht mehr anzustrengen: ihm glich sie auf ein Haar.
    Und darum, sagte Elisabeth mit feinem Lcheln, und doch selbst dabei
errthend, darum zog Euch die Nonne an?
    Charitas errthete auch und blickte die Augen niederschlagend zur Seite,
inde Clara sagte: In Beiden zieht uns derselbe Ausdruck der Begeisterung fr
das Heilige an, und Euch, Elisabeth, nicht minder als uns; ich wenigstens werde
keiner Verlumdung glauben, die es anders von Euch zu behaupten wagt.
    Clara! rief Elisabeth und blickte sie drohend und zornig an. Aber konnte
sie nach der Verlumdung fragen? sollte sie von einer Beschuldigung sich
rechtfertigen, die ja noch gar nicht ausgesprochen war? Sie konnte nicht
zweifeln, da Charitas, trotz des gelobten Schweigens, da sie Ulrich in
Elisabeth's Gemach fand, dies doch gegen die Schwester nicht gehalten hatte. Kam
die Verlumdung gar von dieser Seite, oder hatte Streitberg sie ausgesprengt,
wie sie nach seinen Worten auf dem Maskenfest wohl glauben konnte? - Im Gefhl
ihrer strengbewahrten Tugend und ihrer weiblichen Wrde hatte Elisabeth
verchtlich lcheln knnen, wenn man da und dort sie die Buhlerin des rmischen
Knigs genannt - warum ward sie denn jetzt so aufgeregt von diesem einzigen
Worte?
    Aber pltzlich war es, als bebe der ganze gothische Bau und wolle ber den
Frauen zusammenstrzen. Hoch aus den Lften erscholl ein donnerhnliches Getse,
die erhabenen Sulen und Strebepfeiler schienen zu schwanken, und ein hallendes
Echo tnte donnernd von ihren Wlbungen wieder, die hohen Bogenfenster klirrten
und das Farbenspiel der buntgemalten Fenster zitterte auf dem Fuboden und an
den Wnden. Die Seitenflgel am Altargemlde klapperten aneinander, die Pfeifen
der Orgel gaben wundersame Tne von sich, und der kaum vollendete hohe Chor
bebte, als sei er schon wieder dem Untergange geweiht; von drauen erschollen
rufende und schreiende Stimmen, und Elisabeth war es, als habe sie Ulrich rufen
hren: Halte Dich nur, bis ich komme!
    Andere Stimmen aber schrieen durcheinander: Thut's nicht! Ihr verderbt Euch
mit ihm! Ihr wagt zu viel!
    Die Frauen standen auf den Stufen des Portals und ffneten die
Kirchenpforte, um hinaus zu flchten oder zu sehen, was es gbe, denn innen
zeigte sich keine Vernderung.
    Zurck! tnten ihnen befehlende Stimmen entgegen! drinnen seid Ihr
sicher, hier knnen Euch die Trmmer erschlagen!
    Elisabeth wollte jedoch der Warnung nicht achten; aber der Propst selbst,
der eben schon unter dem Portale gestanden, drngte sie zurck, zog sie mit sich
in die Kirche und sagte: Bleibt hier und betet fr die Baubrder, fr Ulrich
von Straburg und Hieronymus!
    Die Schwester Pirkheimer sanken am nchsten Altar auf ihre Knie.
    Beten? Herr Propst - und nichts als beten? sagte Elisabeth; giebt es fr
die Frauen niemals eine helfende That? Sag't, was geschehen, ich bleibe sonst
keinen Augenblick lnger hier!
    Ihr mt! sagte er und hielt sie gewaltsam zurck; strzende Balken oder
Steine knnten Euch tdten, und bei einer gefhrlichen Unternehmung zuzusehen,
ist auch nicht fr Euch! Ein paar Gesellen arbeiteten an der hchsten
Thurmspitze, da das Gerst durch einen herabfallenden Stein auf einen morschen
Balken in's Wanken kam; sie retteten sich noch herunter, nur einer ist
beschdigt, aber nicht gefhrlich; Hieronymus aber stand gerade auf dem
Thurmgemuer selbst, als das Gerst zu strzen begann, und ist da stehen
geblieben - kein Mensch wei, wie er von da herabkommen soll, weder innen noch
auen.
    Hieronymus ist also in Gefahr? sagte Elisabeth ruhiger; aber Ulrich?
fgte sie angstvoll hinzu.
    Der war glcklich hinabgesprungen, antwortete der Propst; er entdeckte
zuerst den morschgewordenen Balken und warnte die Andern, aber Hieronymus hatte
nicht auf ihn gehrt, und jetzt ist Ulrich eine Leiter tragend wieder das Gerst
hinaufgeklettert. Er that es Allen zuvor, und Jeder widerrieth das Wagni,
dessen Gelingen Keiner fr mglich hlt, gleichwohl war er nicht zurckzuhalten;
und es ist wahr, da bei jedem andern Rettungsversuch fr Hieronymus Stunden,
viele Stunden vergehen mten, und er steht nur auf den hchsten noch nicht
festgekitteten Steinen des Thurmes, der selbst mit zu beben schien. Ehe jene
Hlfe kommt, kann er verloren sein, kann aber auch nun zugleich mit Ulrich
hinabstrzen, anstatt von ihm gerettet zu werden.
    Elisabeth mochte nicht weiter hren, sie wollte selbst sehen, und ri die
Kirchenthr auf, ehe es der Propst verhindern konnte. In wenig Augenblicken
stand sie selbst dem Gerste gegenber, von dem die Baubrder das Volk
zurckdrngten, das inde sich daselbst zusammengefunden, von dem Getse
herbeigelockt, das weithin geschallt war.
    Die Steinmetzen waren alle herbeigeeilt, um Hlfe zu leisten, unzhlige
Hnde waren beschftigt, das Gerst zu sttzen, und unzhlige Augen blickten
ngstlich zu dem Thurme hinauf, auf dessen oberstem Gemuer Hieronymus gleich
einer Bildsule stand und keine Mglichkeit sah, herabzukommen. Der Aufblick zu
ihm schon machte Viele schwindeln - wie mochte dem zu Muthe sein, der da oben
stand? - Und weiter unten ging Ulrich ebenso einsam ber die schwankenden
Balken, die mit der vorhin brechenden Sttze ihren sichersten Halt verloren
hatten. Eine groe Leiter vor sich her balancirend ging er die gefhrliche Bahn.
Am obersten Ende der Leiter hatte er einen Strick befestigt. Jetzt hatte er sich
dem Thurm genhert, hielt die Leiter hoch empor und rief Hieronymus zu, den
Strick zu fassen und ihn an das Gemuer irgendwie zu befestigen. Hieronymus
neigte sich herab - er schien in der Luft zu schweben, man meinte schon ihn
strzen zu sehen - ein jammervoller Schrei klang jetzt unten aus der schauenden
Menge, eine alte Frau drngte sich hindurch und rief verzweifelnd:
    Mein Sohn, mein einziger Sohn! Es war Mutter Martha, die auch das Gekrach
und die ahnende Sorge des Mutterherzens herbeigelockt.
    Welcher ist Euer Sohn? fragte Elisabeth; ach, ich kann mir denken, was
Ihr empfindet - ich empfinde es mit Euch!
    Ihr?! sagte Mutter Martha mit dem Tone des hchstens Erstaunens, da es ihr
berhaupt sehr unerwartet war, so pltzlich mitten unter dem Volkshaufen neben
der stolzen Frau von Scheurl zu stehen, die sonst immer so streng jede Berhrung
mit dem Volke vermied und es jetzt nicht achtete, wie ein Tagelhner mit
schmutzigem Stiefel auf ihrer seidenen Schleppe stand und ein zerlumpter
Betteljunge mit den Quasten ihres Aermels spielte - Ihr? wiederholte Mutter
Martha, Ihr fhlet das, die Ihr fr keinen von diesen Beiden, nachdem sie ihr
Leben fr Euch gewagt, ein Dankeswort hattet? Pfui, schmt Euch; viel eher
glaub' ich, Ihr freut Euch, wenn die wackern Burschen hier verunglcken, dann
knnt Ihr vollends vergessen, was sie fr Euch gethan - das wollt Ihr wohl mit
abwarten.
    Maler Beyerlein, der auch des Weges gekommen war, um bei der
Teppichberathung der Frauen in der Kirche mit gegenwrtig zu sein und sich jetzt
bis zu Elisabeth durchgedrngt hatte, klopfte die alte Frau auf die Schulter und
sagte:
    Gute Frau, Ihr wit gewilich nicht, mit wem Ihr sprecht, da Ihr Euch
solcher frechen Rede unterfangt - das ist die edle Frau von Scheurl.
    Martha schien nicht zu hren, all' ihre Sinne waren wieder in ihren Augen,
mit denen sie an dem Thurme und an ihrem Sohne hing. Er hatte jetzt die Leiter
oben befestigt, unten hielt sie Ulrich; aber es war nur ein schmales Brett, auf
dem er stand - nur einen Schritt fehl, und er strzte hinab, oder die Leiter
entglitt ihm und ri ihn mit, wenn der krftige Hieronymus auf ihr stand. Jetzt
hatte er sie betreten - die Volksmenge hielt den Odem an - da klang ein
Betglckchen aus dem Clara-Kloster herber. Einzelne knieeten nieder,
unwillkrlich folgte die Menge diesem Beispiel, und mit einem Male lagen Alle
auf den Knieen, wortlos fr die Baubrder zu beten, die in solcher Todesgefahr
schwebten; Elisabeth knieete dicht neben Martha und der Maler hinter Beiden, um
seine edle Gnnerin vor der alten Frau zu beschtzen, die ihm nicht recht bei
Sinnen zu sein schien.
    Jetzt hatte Hieronymus die letzte Sprosse betreten - entweder mute er nun
ber Ulrich, der knieend die Leiter hielt, hinwegsteigen, oder dieser sie
loslassen und vor ihm her gehen. Wie es schien, unterhandelten die Beiden
darber. Das war der entscheidende Moment: lie Ulrich los, so konnte Hieronymus
mit der Leiter herabstrzen; lie jener nicht los, bis dieser ber ihn hinweg
das schwanke Brett betreten, so konnte Ulrich um so sicherer hinabfallen - und
auerdem war noch fr beide Flle eigentlich das Wahrscheinlichere, da beide
fielen.
    Ulrich's Beharrlichkeit hatte gesiegt - Hieronymus war ber ihn
hinweggeschritten! Jetzt - ein Aufschrei der Menge - ein Wegwenden und Verhllen
der bleichen Gesichter, und dann doch wieder Hinaufwenden und Schauen - ein
krachender Ton - ein jhlinger Fall - ist's Ulrich? - ist's Hieronymus? - -
Gott sei Dank! Gelobt sei Jesus Christus! murmelt und schreit es durch die
Menge - es ist nur die Leiter, die Ulrich sich selbst aufrichtend losgelassen,
die nun erst an den Thurm zurckschlgt und von da den Strick zerreiend, mit
dem sie befestigt, herunterfllt und unten zersplittert - so kann auch der
Mensch zerschellen, der hier abgleitet! -
    Einige Minuten noch schwebten die Baubrder in Todesgefahr - dann haben sie
das noch feste Geblk erreicht. Ein donnernder Jubelschrei begrt die
Geretteten - bald darauf stehen sie wohlbehalten unten vor der Kirche und
Hieronymus umarmt Ulrich als seinen Retter! Die andern Baubrder, der
Werkmeister und Pallirer mitten inne, begren die beiden Helden des
Augenblickes; Mutter Martha will zu dem Sohne eilen, aber ihre Kraft hat nur
gerade so weit gereicht, als sie in ngstlicher Spannung des Ausgangs harrte,
der den Sohn ihr rauben, zerschmettern konnte - jetzt dachte sie erst: wenn es
nun doch geschehen wre? und vor so grlicher Vorstellung versagten ihr die
alten Fe den Dienst - sie strzte auf das Straenpflaster nieder.
    Niemand kmmerte sich um die alte Frau; aber jetzt eilte Elisabeth ihr nach,
hob sie auf, sttzte sie an sich und sagte zu dem Maler: Sag't es dort dem
Baubruder, da seine Mutter hier ist.
    Der Maler stand unschlssig. Da die edle Elisabeth diesem Weibe beistand,
das sie erst frech geschmht, erschien ihm zugleich unbegreiflich und
gefhrlich, und als Elisabeth ihn drngte, ihr Gehei zu befolgen, sagte er:
Wahrlich, ich male Euch noch einmal als Heilige der Barmherzigkeit gerade so,
wie Ihr jetzt dasteht - eine echte Christin, die, wenn man sie auf den einen
Backen schlgt, den andern noch darreicht.
    Frau Martha war nicht etwa ohnmchtig oder bewutlos geworden, sondern sie
hatte nur ebenso an allen Gliedern gezittert, da sie gefallen war, und auf dem
Steinpflaster hatte sie sich nun die Fe verstaucht und das eine Bein
aufgeschlagen, da sie nicht zu gehen vermochte - sie mute sich also den
Beistand der Frau Scheurl gefallen lassen, und traute in der That kaum ihren
eigenen Augen, da diese ihn ihr leistete. Sie war zu beschmt, um ein Wort des
Dankes zu sagen, und Elisabeth zu stolz ein Wort zu sprechen, wo sie jetzt mit
einer That sprach - so stand das sonderbar zusammen passende Paar bei einander.
    Jetzt eilte Hieronymus auf seine Mutter zu - Elisabeth legte sie in seine
Arme. Ulrich stand etwas von fern, seine Blicke begegneten denen Elisabeth's -
dann kam der Propst und begrte auch die Geretteten.
    Gleichzeitig erscholl feierliches Gelute - es rief die Baubrder in die
Lorenzkirche, darinnen ihr Kaplan ein Te Deum angeordnet hatte, zum Danke fr
die Rettung aller Gefhrdeten und der Verhtung weiteren Unglckes.
    Schnell waren die Baubrder alle, von den Meistern bis herab zu den
Lehrlingen zum Zuge geordnet und gingen in die Kirche; aber obwohl sie sonst
ihren Gottesdienst allein abzuhalten pflegten, so konnten weder, noch wollten
sie es diesmal hindern, da auch die profane Menge ihnen nachdrngte und
andchtig froh bewegt, wie sie erst angstvoll gebetet hatte, mit einstimmte in
den ambrosianischen Lobgesang.
    Inzwischen hatten sich auch die andern Stickerinnen zu den Gobelins mit
eingefunden, und sie alle knieeten vereint an einem Seitenaltar und dankten - am
innigsten Elisabeth Scheurl und Charitas Pirkheimer.
    Als sie sich vom Gebet erhoben, sagte diese leise zu Elisabeth: Nun ist
mein Geschick entschieden; ich konnte noch schwanken - aber vorhin, als die
Sense des Todes ber - ber den Baubrdern schwebte (sie wiederholte sich, weil
sie keinen Namen nennen wollte) - gelobte ich, wenn sie die Heiligen
beschtzten, mich dem Kloster zu weihen. Von diesem Augenblicke an betrachte ich
mich als eine Braut des Himmels!
    Elisabeth umarmte die Freundin. Sie billigte im Innern ihren Entschlu nicht
- aber sie ahnte ihn: Charitas wute seit diesem Augenblick, da sie liebte, wo
sie nicht lieben durfte - und ging in das Kloster! Hier konnte sie im Geiste
einen Tempel bauen zu Ehre Gottes, wie der, zu dem ihre Gefhle schweiften in
der Wirklichkeit - sie whlte eine Gemeinschaft der Heiligen, weil die irdische
ihr versagt war.

                                Fnftes Capitel



                                 Befrchtungen

Die Hoffnungen Knig Maximilian's, seinen Vater mit seinem Eidam Herzog Albrecht
zu vershnen, scheiterten an Kaiser Friedrich's unbeugsamen Sinn, der nicht eher
von einem Vergleiche hren wollte, bis Albrecht Regensburg wieder herausgegeben,
dessen Rckgabe dieser ebenso hartnckig verweigerte, als sie gefordert ward.
Unter Androhung der Reichsacht lud der Kaiser die Regensburger vor seinen Stuhl
sich wegen ihres Abfalles zu rechtfertigen. Da ihm Jeder willkommen war, der
wider Albrecht Klagen anzubringen hatte, fanden zuerst dessen unzufriedene
Brder Christoph und Wolfgang, von denen der erste die ehemals aufgegebene
Herrschaft jetzt zu besitzen wnschte, der andere durch Mihandlung eines
Dieners gekrnkt war, williges Gehr; dazu kam der Lwlerbund, der gleich in
seinem Ursprung und Fortschritte gegen die anwachsende Macht des Baiernherzogs
gerichtet war.
    Da statt einer weitern Antwort derselbe Regensburg befestigte, so that der
alte Kaiser zu Linz, unter freiem Himmel auf dem Richterstuhle sitzend, wie es
Brauch war, den Achtspruch ber Regensburg und bot das Reich auf zu dessen
Vollstreckung. Die Lwler waren gerstet zum Losbrechen unter ihrem Fhrer und
Urheber des Lwlerbundes Bernhardin von Stauff. Wer jetzt zu ihrem Heere stie,
der war ihnen willkommen.
    Wie immer strmten da auch jetzt kriegslustige oder mssige Gesellen zu
einem solchen deutschen Heere, das sich gern durch neue Werbungen verstrkte und
dabei nicht ngstlich fragte und wgte, wer sich ihnen bot.
    Fr Amadeus gab es daher keinen bessern Rath, als auch in dies Heerlager zu
flchten, als ein kampfbereiter Krieger, der einst das Schwert wohl zu fhren
verstanden und auch jetzt in seinen vorgerckten Jahren dazu noch wohl befhigt
war. Das war sein eigener Wille und war auch der Rath des Propstes, aber Amadeus
wiederholte noch einmal, da er nicht scheiden wolle, ohne Ulrich mit sich zu
nehmen, der so auch die beste Gelegenheit habe, jeder drohenden Gefahr zu
entgehen.
    Zwar bangte dem Propst nicht minder um diesen - aber selbst von den heiligen
Banden der Baubrderschaft umschlungen und bestrebt ihren schnsten und hchsten
Pflichten treu zu bleiben, konnte er selbst den Gedanken nicht fassen, da
Ulrich so ohne Weiteres die heilige Sttte verlassen sollte und statt zu den
ewigen Werken der Kunst, statt zu dem schnen Beruf, Bauten des Friedens
aufzufhren, die Jahrhunderte hindurch Tausende von Menschen erheben und
veredeln muten - zu dem rohen Handwerk des Krieges zu greifen, das nur ein
Leben der Zgellosigkeit und des Zerstrens war, eine Jagd nach Beute oder Ehre,
oder nur ein Mittel sein Leben zu fristen. Denn im Mittelalter ward - die
Glaubenskriege ausgenommen, mochten sie nun gegen Heiden oder Sarazenen, gegen
Hussiten oder die allein seligmachende katholische Kirche gefhrt werden - der
Krieger eben nur um des Soldes Willen Krieger, um eine Beschftigung, ein
Unterkommen zu haben. Von Vasallen- und Heerestreue, noch ohne an ein hher
begeisterndes Motiv zu denken, hat die damalige Geschichte nur vereinzelte
Beispiele aufzuweisen. Es galt nicht fr ehrlos und unwrdig, wenn ein Ritter
oder Sldnerhauptmann mit seinen Leuten morgen auf einer andern Seite focht als
heute: sie verkauften sich fr den bessern Sold oder dahin, wo am ehesten auf
Triumphe des Sieges oder reiche Beute zu rechnen war. Und wie die Fhrer und
Ritter, so die Sldlinge, die Knappen und Trobuben - fast niemals gab es ein
hheres Band sie zu halten.
    Ulrich war am Morgen nach der Nacht, die er in der Propstei zugebracht, aus
derselben zeitig in die Bauhtte gegangen, da der Pallirer sie nur eben geffnet
hatte. Mit dem grten Eifer meielte er an einer Eichenkrone an einem Kapitl,
denn er wollte gern noch so viel als mglich vollenden, und wute nicht, wie
lange ihm noch das Glck der Arbeit gegnnt war!
    Als es am Abend dunkel geworden, ging er wieder in die Propstei. Noch einmal
berhufte ihn Amadeus mit Bitten, mit ihm zu gehen, ja er drohete in seiner
heftigen Art auch nicht zu fliehen, sondern sich selbst dem geistlichen Gericht
oder dem Kloster zu berliefern, wenn man ihn allein ziehen lasse; aber Ulrich
blieb standhaft bei seiner Weigerung, oder er erklrte vielmehr noch einmal
einfach, da ihn nichts zu einem Eidbruch verleiten werde, und da er bleibe,
mge sein warten, was da wolle.
    Amadeus mute von ihm Abschied nehmen in dem Bewutsein, da er selbst das
ersehnte Glck, den Sohn wiedergefunden zu haben, mit dem Unglck desselben
erkaufe! -
    Kre, der den Tag ber nur eine Stunde bei Amadeus in der verschlossenen
Bibliothek gewesen, und jetzt am Abend Ulrich mit hineingenommen hatte, duldete
nicht, da derselbe sich lange verweile, um ja keinen Verdacht bei der
Haushlterin zu erregen. Ulrich mute also nach einer kurzen Zusammenkunft
wieder gehen, ja er mute auch dem Propst feierlich versprechen, nicht etwa wie
er erst sich anheischig gemacht, Amadeus bei der nchtlichen Flucht zu helfen,
oder durch das Thor oder in welcher Art zu begleiten. Amadeus mute allein und
wieder in andern Kleidern, als in denen, welche er jetzt getragen, die Stadt
verlassen, und es war dabei auch keine groe Schwierigkeit, da ihn Niemand
kannte und Niemand verfolgte. Man konnte ihn jetzt sehr wohl fr einen
gewhnlichen alten Sldner halten, und Niemand vermuthete unter dem Helm das
glattgeschorene Haupt des flchtigen Mnches.
    Wenige Tage nach seiner Entfernung mute der Propst von seiner Haushlterin
hren, da sie auf dem Markt von mehreren Seiten gefragt worden sei: der Herr
Propst habe wohl wieder Gste, die nur zur Nachtzeit kmen und gingen, und denen
es in der Propstei besser gefiele als im Kloster? und da man auf ihre Antwort,
die Frage nicht einmal zu verstehen, weiter gesagt: sie solle sich nur nicht
unwissend stellen, ganz Nrnberg wisse es schon, da der Propst wie immer mit
den Baubrdern unter einer Decke stecke, und da sie einem Benediktinermnch,
dem es nicht mehr im Kloster gefallen habe, zur Flucht verholfen htten.
    Mit Entsetzen vernahm Kre diese Reden, ohne zu ahnen, da es Frau Eva Kraft
war, die sie auf Veranlassung eines ihrer Handlanger in Umlauf gebracht hatte,
nur um sich an dem Propst fr den Drachen zu rchen, mit dem er sie verglichen
hatte. Sie verfolgte damit nicht etwa einen mhsam angelegten Plan; sie dachte
nicht entfernt daran, wider Gericht gegen den Propst zu zeugen, noch ihn
berhaupt in Untersuchung und Strafe zu verwickeln, so boshaft war sie nicht:
sie gnnte ihm nur ein wenig Angst und blen Leumund; zu etwas Ernstlichem,
meinte sie, werde es nicht kommen, da den Geistlichen, und besonders den
hochgestellten, damals so viel durch die Finger gesehen ward; nur in den Augen
der Leute wollte sie ihn und namentlich die freien Steinmetzen herabsetzen,
denen auch nicht leicht aus den Anklagen von Laien und Profanen ein Nachtheil
entstehen konnte, wenn nicht ihre Vorgesetzten und Meister, die ihrer Htte, wie
die der Haupthtte von Straburg die Klage annahmen und Urtheil sprachen: denn
die Baubrder hatten ihre eigene Gerichtsbarkeit und konnten nur erst, wenn sie
aus der Htte gestoen waren, von Profanen gerichtet werden. Diese Vorrechte
derselben waren es eben, welche die andern Znfte auf sie eiferschtig machten -
und wie gewhnliche Frauen ihren Neid und Groll, der, wenn berechtigt, den
Institutionen gelten sollte, an den einzelnen Personen, zu deren Vortheil diese
sind, auslassen mchten, so war auch Frau Eva in diesem Falle.
    Amadeus war fort - aber was konnte der Propst thun, sich gegen diese
Gerchte zu schtzen, wenn sie zu einer Untersuchung fhrten, und wie konnte er
wissen, ob sie nicht schon das Ergebni einer solchen waren, die vor der Hand
noch innerhalb der Klostermauern gefhrt ward?
    Ulrich glaubte in denselben Gerchten, die zu ihm drangen, die Hinterlist
Ezechiel's zu erkennen. So viel war ihm klar geworden durch Alles, was er im
Lauf der Zeit an sich selbst erfahren hatte, da der Jude ein Vertrauter
Streitberg's, und da es nur dadurch Rachel mglich gewesen war, ihm alle die
Nachrichten und Warnungen zukommen zu lassen, die er, um Unglck oder Unrecht zu
verhten, von ihr empfangen hatte. Wenn er so Alles berdachte, fiel es ihm
pltzlich schwer auf's Gewissen, da er den Edelsinn in ihr, der sie immer
angetrieben hatte Unglck zu verhindern, durch nichts bestrkt oder belohnt, da
er sie immer von sich fern gehalten hatte und fast nur rauhe Worte fr sie
gehabt, weil sie eine Jdin und weil sie ein Weib war. Htte er nicht das Gefhl
in ihr, das sie immer wieder zu ihm trieb, als dem einzigen Menschen, zu dem sie
das Vertrauen fate: er werde bereit sein die Unschuld und die Wehrlosen zu
beschtzen wie und wo es auch sei - htte er das nicht untersttzen und pflegen
mssen, ihr nicht sagen, da es ihm scheine, als sei sie in der That und im
Herzen eine Christin; htte er nicht Alles thun mssen, sie vom Fluch des
Judenthums zu erlsen und sie fr das Christenthum zu gewinnen? Hatte er, indem
er sie mied, nicht nur sich im Auge gehabt, nicht sein Gelbde, sondern nur den
Schein es zu bewahren.
    Was war es denn weiter, wenn er auch einmal in das Judenviertel ging? War es
nicht auch klug, wenn er jetzt Ezechiel unter dem Vorwand aufsuchte, da er ihm
die im Kloster geliehenen Kleider bezahlen wolle, da sie der Eigenthmer nicht
zurckbringe, obwohl der Jude damals alle Bezahlung verweigert hatte. Konnte er
nicht durch dies Anerbieten selbst Ezechiel irre machen in seinen
Voraussetzungen, oder ihm doch zeigen, da er ihn nicht frchte?
    In der Judengasse war die Wohnung Ezechiel's leicht zu erfragen und auch im
Dunkeln zu finden, als der in einen langen Mantel gehllte Baubruder durch
dieselbe schritt. Ein matter Lichtschimmer brach durch ein Fenster des obern
Stockes. Ulrich tappte die finstere Treppe hinauf und stand vor einer kleinen
Thr. Es schien sich nichts dahinter zu regen, er lauschte und pochte.
    Er rief: Ezechiel!
    Nichts antwortete, aber es war Ulrich, als ob er leise Schritte zur Thr
gehen hrte.
    Ezechiel oder Rachel! rief er noch einmal, wer ist daheim?
    Gott meiner Vter! rief drinnen Rachel's Stimme, ich tusche mich nicht -
Ihr seid es, Ulrich von Straburg.
    Ich bin es! antwortete Ulrich, und ich hoffe, da Ihr mir ffnen werdet,
damit ich mit Euch sprechen kann.
    Das kann ich nicht! antwortete sie; der Vater hat mich eingeschlossen -
aber seid Ihr allein?
    Ganz allein!
    So hrt uns Niemand. O, Euch sendet der Himmel! Mein Vater lt mich nicht
mehr aus dem Hause - aber lat Euch nicht von ihm hier treffen! rief sie
angstvoll.
    Warum? versetzte er; ich komme seinetwegen, meine Schuld ihm zu
bezahlen.
    O das ist lngst abgemacht! fiel sie ihm in's Wort; es bleibt jetzt keine
Zeit davon zu reden, auch nicht von dem Dank, den ich Euch schulde und mein
ganzes Volk, da Ihr auf mich gehrt - aber der, dem Ihr damals fortgeholfen,
ist ein Undankbarer.
    Was sagst Du?
    Er hat Euch an Streitberg verrathen, ich sah ihn selbst auf Weyspriach's
Schlo; aber ich erfuhr den Zusammenhang erst, als ich fort war und nachdem ich
schon bei Euch gewesen.
    Diesmal kommt Deine Warnung zu spt! antwortete Ulrich.
    Zu spt - war mein Vater schon bei Euch?
    Krzlich? - nein!
    Er schweigt noch - aber er will sein Schweigen von Euch damit erkaufen, da
Ihr ihm den Ring von Frau Elisabeth wieder verschafft. Ihr hab't ihr jetzt einen
groen Dienst geleistet - sie wird und mu es thun! sagte Rachel.
    Nie werde ich etwas von ihr verlangen, sagte Ulrich stolz, am wenigsten
etwas Schmachvolles!
    Nicht um Euretwillen, wenn Ihr an Euch nicht denkt - den Propst,
Hieronymus, Konrad - Ihr werdet sie Alle mit Euch verderben sehen!
    Ulrich fhlte ein Schwert in seiner Brust, aber es war kein Schwert des
Kampfes, sondern des Gerichts. Ich wei, was ich zu thun habe, antwortete er;
ein Christ wei es immer - er nimmt die Schuld allein auf sich, wie es sein
erhabener Meister mit der Schuld der ganzen Menschheit that. Sieh', ich kam zu
Dir, um mit Dir von dem Christenthum zu sprechen.
    Eine lange Pause folgte. Dann antwortete Rachel dumpf: Geh't, ich habe
weiter nichts mehr mit Euch zu reden - wir sind fertig. Ihr seid hier auch nicht
sicher - geh't.
    Ulrich wartete noch einige Minuten, rief noch einmal hinein, aber es
erfolgte keine Antwort mehr. Er ging.
    Was ihm Rachel gesagt, erfllte sich am andern Tage. Ezechiel kam zu ihm,
aber er wute nichts davon, wie es schien, da Ulrich Tags zuvor in seiner
Wohnung gewesen, und da Rachel es also mochte gut befunden haben, darber zu
schweigen, so that Ulrich um ihretwillen das Gleiche.
    Der Jude zeigte zuerst die alte kriechende Hflichkeit, sagte, da er in
Noth und Angst wiederkme, um von Ulrich einen groen Dienst zu erbitten, durch
den er allein groes Unglck von ihm abwenden knne.
    Ulrich entgegnete ruhig, da er sich wundern msse, wie Ezechiel noch zu ihm
kommen knne, nachdem er schon das vorige Mal sein Vertrauen zurckgewiesen -
inzwischen aber erkannt habe, wie recht er daran gethan, da der Jude nur ein
lgenhaftes Spiel mit ihm getrieben, um durch ein unredliches Mittel irgend
einen unredlichen Zweck zu erreichen; es sei wohl besser, wenn sie einander aus
dem Wege gingen und vergen, je einander darauf begegnet zu sein.
    Diese Worte drngten den Juden rasch zum Ziel, da er daraus sah, da Ulrich
in keinem Falle ihm vertrauen wrde, und da es unmglich sein werde, durch List
und Verstellung etwas von ihm zu erreichen, so griff er gleich zu seinem
letzten, und wie er meinte, unfehlbaren Mittel: der Drohung.
    Mu ich mich doch verwundern, begann er, da Ihr mir mget also schnde
begegnen. Ist es nicht in meiner Macht, Euch ganz und gar zu verderben? Hab't
Ihr nicht aus dem Benediktinerkloster fortgeholfen einem Mnch, der verurtheilt
gewesen zum Tode? Hab't Ihr nicht damit selbst verwirkt den Tod vor dem
geistlichen Gericht? Ihr und Euer Freund, der mit Euch gewesen ist, und der
Novize, der Euch geholfen hat? Denkt Ihr, ich wei das Alles nicht haarklein?
Aber ich wei auch noch mehr. Wird nicht ein Baubruder, der nicht keusch und
zchtig lebt, sondern mit Frauenzimmern sich abgiebt und zur Nachtzeit in ihre
Wohnungen dringt, mit Schimpf und Schande verwiesen aus der Genossenschaft
freier Steinmetzen? Denkt Ihr, ich wei nicht, da Ihr Euch hab't eingelassen
mit der schnen Frau von Scheurl, und da Ihr trotzdem seid nachgeschlichen dem
armen Judenmdchen - seid zur Nachtzeit in die verachtete Judengasse
geschlichen, weil Ihr hab't gewut, ich sei auswrts, hab't Ihr mir wollen
verfhren mein einziges Kind?
    Haltet ein, so frech zu lgen! rief Ulrich erglhend.
    Oho! antwortete der Jude; ich habe viele Zeugen, und Ihr vermget weder
mich einer Lge zu zeihen, noch eine dieser Anklagen abzuwlzen, wenn sie werden
angebracht wieder Euch. Wenn die That sich lt so klar beweisen, gilt auch das
Zeugni des Juden, wenn Ihr das etwa darum verachten solltet; es giebt genug
Christen, die mit mir das Alles bezeugen werden - und soll Euch bleiben nicht
die mindeste Ausflucht. Aber ich hab' ein dankbar Gemth und nicht vergessen,
da Ihr Euch einmal angenommen meiner und meines Kindes, und hab't mir
herausgegeben den gefundenen Ring darum will ich schweigen, wenn Ihr mir nur
thut einen einzigen kleinen Gefallen: verschaffet mir denselben Ring wieder von
der Frau von Scheurl - denn der Ritter von Streitberg wollte einlsen sein
Pfand, und will mir nun an Leib und Leben, weil ich es habe vorher gelassen aus
meinen Hnden.
    Der Ritter von Streitberg wird Euch schwerlich viel schaden, antwortete
Ulrich, denn die Nrnberger werden nicht eher von Weyspriach's Burg ziehen, bis
sie sich der beiden gefhrlichen Straenruber bemchtigt - und mir scheint, Ihr
thtet besser, Euch als ein Feind dieser Herren zu zeigen, als zuzugeben, da
Ihr allezeit gemeinschaftliche Sache mit ihnen gemacht. Im Uebrigen mu ich Euch
wiederholen: sag't ber mich aus, wahr oder falsch, was Ihr woll't - ich kann
Euer Verstummen nicht durch etwas erkaufen, das mir ganz unmglich ist zu thun
-
    Ist nicht unmglich! feil ihm der Jude in's Wort. Trotzdem, da Ihr mich
nimmer hab't haben wollen zum Liebesboten, hab't Ihr Euch doch gegen mich
verrathen; ich wei nun um so mehr, wie Ihr steht mit der Frau von Scheurl, und
da sie Euch wird jeden Wunsch erfllen, den Ihr von ihr fordern mget, schon
damit sie nicht -
    Still! gebot Ulrich und stampfte unwillig mit dem Fue. Ich hre nicht
lnger solch' unsinniges Gewsch mit an. Ich kann nicht thun, was Ihr woll't;
thut selbst, was Euch gut dnkt, redet mir nach, was Ihr wollt und wo Ihr es
wollt; ich habe kein Mittel, Euer Schweigen zu erkaufen und Euch vom Lgen-und
falschem Zeugnireden zurck zu halten, denn ich verschmh' es, Euch wieder zu
drohen wie Ihr mir: da es mich auch nur ein Wort kostet, und Ihr seid
berwiesen an Streitberg's und Weyspriach's Schuld mit Theil zu haben - seid
versichert, man wird keine langen Umstnde mit dem Juden machen!
    Gott meiner Vter! rief der Jude, Ihr redet das nur so in das Blaue
hinein; der Jude Ezechiel ist alt und erfahren genug, um zu wissen, wie es mit
ihm steht und was er hat zu thun oder zu lassen. So lange Weyspriach's Burg noch
steht, gebe ich Euch Bedenkzeit, so lange werde ich schweigen. Schafft Ihr mir
bis dahin den Ring, so seid Ihr fr alle Zeiten meiner Dankbarkeit gewi. Dann
wird Ezechiel nicht allein schweigen, dann wird er Euch weiter helfen - Euch und
Amadeus, wird Euch dienen und der Frau Scheurl. Schafft Ihr mir aber den Ring
bis dahin nicht wieder, so wird das Verderben kommen ber Euch und Alle, die ich
da habe genannt, so wahr ich selbst Ezechiel heie. Das berlegt Euch, und die
Wohnung des armen Juden wit Ihr ja nun zu finden!
    Damit ging er, ohne von Ulrich noch eines Wortes gewrdigt zu werden. -
    So war Ulrich in der That durch den Juden von einem Netz umsponnen, da er
gar nicht einmal sehen konnte, aus welchen Fden es gewoben, noch wen es mit ihm
umgab. Und wie es ihm jetzt schien, war kein hheres Motiv dabei im Spiele, es
war die gemeinste jdische Geldprellerei, der er zum Opfer fallen sollte! - Die
Zeit, die ihm der Jude schenken wollte, schien ihm berflssig als Bedenkzeit;
aber er wollte sie ntzen im Dienst der ewigen Kunst, der er sich geweiht - und
vielleicht konnte er sie auch so ntzen, Alles so zu leiten, da er allein als
Opfer fiel und alle Gefahr und Schuld auf sich allein nahm, die jetzt drohend
ber den Huptern aller andern Wesen schwebte, die ihm im Leben theuer geworden,
ja die sich berhaupt ihm nur genaht.
    Wenig Tage darauf vernahm er mit Schrecken, da der Propst Kre erkrankt,
vernahm er auch, was man in der Stadt ber denselben redete; aber da er selbst
zu ihm ging, um zu warnen oder zu berathen, so gut es gehen wollte, ohne durch
ganz vollstndige Mittheilungen die Angst des Propstes zu erhhen, erfuhr er von
diesem, da der Abt des Benediktinerklosters als sein Freund und Gnner selbst
bei ihm gewesen, um mit ihm im Vertrauen zu verhandeln: wie man das
Bekanntwerden eines unangenehmen Vorfalls unterdrcken, dem Kloster und der
ganzen Geistlichkeit eine Untersuchung und einen ffentlichen Eclat ersparen
knne.
    Ein Knecht, der frher schon im Kloster und spter in der Stadt Dienste
gethan, habe dem Abt berichtet, da er den Bruder Amadeus in fast ritterlicher
Kleidung durch die Straen Nrnbergs habe schleichen sehen, und da ihn der
Propst mit einem Baubruder bei nchtlicher Weile mit in das Haus genommen und
bei sich verborgen. Auf diese Anzeige hin hatte der Abt in der Stille die Zelle
ffnen lassen, welche vollends zugemauert worden war, als der Gefangene darin
kein Lebenszeichen mehr von sich gegeben hatte; da man bei dieser Oeffnung nach
einigen Wochen keinen Leichnam darin gefunden, so war es freilich klar, da
Amadeus geflohen war und da er dies nicht ohne Helfershelfer hatte
bewerkstelligen knnen. Inde schien es dem Abt rathsam, darber kein groes
Geschrei zu erheben, sondern lieber zu thun, als ob nichts geschehen sei, so
lange nicht durch Amadeus selbst die Sache ruchbar wrde; denn eben damals waren
in Kirchen und Klstern mancherlei Mibruche eingerissen und das Ansehen Beider
im Volke gesunken. Nicht etwa nur in den Klstern, sondern im ganzen Volke, war
eine beispiellose Verschlechterung der Sitten eingerissen und eine entsetzliche
Verwilderung unter die Menschen gekommen; so wenig wie den Laien, so wenig galt
selbst vielen Geistlichen der gute Schein, oder man suchte, wenn nicht ihn, doch
das Ansehen durch Ketzergerichte und andere Zeichen eines geistlichen
Schreckensregimentes zu erhalten. Die aber zu den Besseren und Edleren der
hhern Geistlichkeit gehrten, wie der Propst Kre und der Abt des Klosters, die
suchten wenigstens die eingerissenen Uebelstnde und Ungehrigkeiten, die sie
nicht ausrotten konnten und noch weniger an den Tag bringen, ohne in den Augen
der Menge ihrem eigenen Stande zu schaden, zu vertuschen, so gut es gehen wolle.
    Danach handelte auch jetzt der Abt in der Hoffnung, da Kre, wenn er
Amadeus bei sich habe, oder seinen Aufenthalt wisse, sich mit diesem selbst
leicht verstndigen knne, da er weit fort fliehen und sich verborgen halten
mge, ohne je Jemanden zu vertrauen, woher er komme und da er ein zum Tode
verurtheilter und entlaufener Mnch sei. Lieber werde ihm der Abt selbst die
Mittel zu weiterer Flucht verschaffen, als ihn der Verfolgung aussetzen, die ihn
vor ein geistliches Gericht bringen werde, das ihn zum Tode verurtheilen mte -
ein Urtheil, das nun nicht wie das erstgefllte in der Stille des Klosters
vollzogen werden konnte, sondern das der Welt offenbar werden mute, weil andere
weltliche Personen und Gerichte mit darein verwickelt sein wrden.
    Dieser vertrauensvollen Mittheilung setzte der Propst die andere entgegen,
da allerdings Amadeus, aber erst einige Wochen nach seiner Flucht aus dem
Kloster eine Nacht bei ihm gewesen, da er sich nicht habe entschlieen knnen,
dem bei ihm eine Freistatt Suchenden, dieselbe zum Gefngni werden zu lassen,
noch sie ihm auf lnger als einen Tag zu gewhren, und da er Amadeus zum
Reichsheer gesandt, in der Schlacht den Tod zu suchen, den er verdient habe und
dem er doch im Kloster entronnen sei. Er erklrte nicht zu wissen und nicht
wissen zu wollen, wie und wann und durch wen Amadeus befreit worden, und
forderte zum Lohn fr sein unumwundenes Gestndni von dem Abt, nicht nur die
vorher versprochene Zusicherung, da ihm dann selbst kein Schaden daraus
erwachsen solle, sondern auch da der Abt die ganze Sache unterdrcken und weder
unter den Mnchen, noch den Baubrdern, noch den Befreiern forschen mge.
    Sa lange das in meiner Macht ist und ich nicht von Auen dazu gedrngt
werde, versprach der Abt. Ist es fr die Ehre unseres Standes besser, Alles
als ungeschehen zu betrachten, so soll es so gehalten werden; ist es jedoch
nicht mglich, reden Andere oder die Thatsachen vor der Welt, so soll mit
Strenge gerichtet werden, und ich werde das Schonen nicht kennen, weder fr mich
selbst, noch fr Feind und Freund.
    So weit war der Propst beruhigt fr den Augenblick und doch voll Unruhe fr
die Zukunft; es war ein Damoklesschwert, das ber seinem Haupte hing, und auch
ber dem Haupte Ulrich's.
    Der mehr weiche und gutmthige als starke und energische Charakter des
Propstes Kre war nicht dazu gemacht, solche Zustnde mit Muth oder auch nur
Gleichmuth zu ertragen, die ungewohnte Angst und Unruhe hatten ihm eine
Krankheit zugezogen, die ihn lange an sein Haus gefesselt hielt. Als Ulrich zu
ihm kam, theilte Jeder von dem Geschehenen oder Gefrchteten dem Andern eben nur
so viel mit, als nthig war zu beruhigen oder zu warnen; aber da Keiner wissen
konnte, wie der Wrfel fallen werde, ob berhaupt eine Anklage und welche zuerst
sich erheben werde, so war es nicht mglich irgend eine Verabredung zu treffen
oder einen Plan zu Schutz oder Trutz zu entwerfen - ja Ulrich stand nur das Eine
fest, was er aber nicht sagte, da er, wenn es zu einer bedenklichen
Untersuchung kam, sich als den einzigen Schuldigen selbst darstellen und zum
Opfer bringen wollte.
    So war noch Alles geblieben, als der Propst als ein Halbgenesener in die
Lorenzkirche kam, die Darbringungen weiblichen Fleies, die Elisabeth mit
gestiftet, zu beschauen, und als Ulrich, um Hieronymus aus drohender Gefahr zu
retten, sich selbst in die grte begab. Die Rettung war ihm gelungen, und
Elisabeth, die er inzwischen nicht wiedergesehen, hatte ihm auf offenem Markt
ihre Theilnahme zu erkennen gegeben. Lag darin nicht eine neue Gefahr - und
empfand nicht Ulrich doch nebenbei einen sen stillen Triumph in dem geheimsten
Winkel seines Herzens?
    Ihm war es, als sei es der schnste Tag seines Lebens. Er hatte an ihm eine
Spitzsule mit zierlichem Eichenlaub umrankt, das mit stachlichem Dornenwerk
darum zu streiten schien, und doch in der Krone den Sieg davontrug, vollendet
und eben sein Zeichen, den Kreis mit dem Winkelmaa durchschnitten,
hineingegraben, als er Elisabeth zur Kirche vorbergehen sah und nicht lange
darauf das Geblk am Kirchenbau erbebte, strzte - und er nun, selbst der nahen
Gefahr entronnen, Alles aufbot mit Anstrengung aller seiner Krfte sie von den
andern Baubrdern abzuwenden und Hieronymus zu retten.
    Und da es ihm gelang und Hieronymus ihn innig umschlang und nichts zu ihm
sagte als: Mein Bruder! da htte er laut aufjauchzen mgen in dem Bewutsein,
da er dem Freund hatte beweisen knnen, da er noch ganz der alte fr ihn sei -
und da nun auch aus dessen Seele alles Mitrauen schwand, das sich darin
festgesetzt seit ihrer verschiedenen Meinung ber die Juden und seit ihm Ulrich
wirklich etwas zu verbergen hatte. Das, was Ulrich selbst empfand gleich einer
Versndigung an dem Freund, die er doch auch nur aus Rcksicht fr diesen
selbst, um ihn nicht durch einen Mitwisser zu einem Mitschuldigen zu machen, auf
sich lud, das war nun auf einmal von ihm genommen: denn er hatte ihm jetzt
gezeigt, da er ihn mehr liebte als sein Leben, das er mit Freuden wagte an die
Rettung des seinen, da alle Andere es verloren gaben und ihn zurckhalten
wollten. Auch Mutter Martha war ihm vershnt, und mehr - sie nannte ihn wieder
ihren zweiten Sohn, denn er hatte ihr ja den einzigen gerettet. Sie gestand auch
beschmt, da sie es der stolzen Frau von Scheurl nimmer zugetraut htte, da
sie einer alten Frau wie ihr auf offenem Markte einen Liebesdienst erweisen
werde, aber sie fgte doch hmisch hinzu:
    Freilich, sie fragt eben nach gar keiner Sitte, oder nach den Leuten, und
so wie sie den Vorschriften des Rathes und der Schicklichkeit zum Trotz sich
prchtig kleidet, so thut sie auch fr eine arme alte Frau, was sonst keine von
diesen hochmthigen Geschlechtern thun wrde; aber ich hab' es gesehen, wie sie
auer sich war vor Angst, da Ihr in Gefahr schwebtet, und darum warn' ich Euch,
Ulrich: wenn sonst vor keinem Weibe, so seid vor ihr auf Eurer Hut.
    Ulrich wies lchelnd die Warnung zurck, aber er errthete leise und seine
Pulse gingen schneller, da er jenes Augenblickes gedachte, wo er in Elisabeth's
Gemach von ihrer bezaubernden Nhe wie berauscht gewesen.

                                Sechstes Capitel



                                      Gift

Die alte Jacobea sa in ihrer kleinen Htte an einem Regenabend mrrisch und
sinnend an einem niedergebrannten Holzfeuer ihres Herdes und rhrte in einer
darber befindlichen Pfanne, aus der belriechende Dmpfe emporstiegen. Sie
murmelte unverstndliche Sprche dabei und betete eine Art Hexensegen ber ihr
Gebru.
    Damals eben erzhlte man sich viel von Zauberei und Hexenmacht, besonders in
den angrenzenden Lndern, wie kluge Frauen allerlei Knste erlernen und ben
knnten, durch welche sie ber Menschen und Thiere Macht erhielten, die ihnen
entweder zum Guten oder Bsen dienten, je nachdem man es beabsichtige oder auch
die Kunst verstnde. Man verkndete und glaubte davon die fabelhaftesten Dinge.
Zwar knpften sich daran weitere schreckliche Geschichten und Erklrungen. Jene
geheimen Knste sollten nur durch einen Pakt mit dem Teufel erlangt werden
knnen, und dieser jetzt weit fterer als je auf Erden erscheinen, entweder
Einzelnen zur Nachtzeit in ihren Kammern, oder an Kreuzwegen und unter alten
Bumen, oder, was eine von ihm sehr beliebte Sttte zu sein schien, auf den
Dngerhaufen der Gehfte, wo er die sich ihm Verschreibenden mit Jauche taufte -
oder auch auf hohen Bergen oder freien Feldern mit einer ganzen hllischen
Genossenschaft und allen Nahewohnenden, die sich ihm ergeben wollten, zur
Veranstaltung von Hexentnzen und scheulichen Orgien. Bald zogen die
geistlichen Gerichte dieses Unwesen vor ihren Stuhl; aber anstatt durch
Aufklrung und Belehrung dem dmonischen Hange der menschlichen Natur entgegen
zu wirken, bestrkte man denselben durch Nhren des Aberglaubens, indem man
alles nicht gleich Erklrliche zu einem Uebernatrlichen stempelte. Daran
knpfte sich eine schauderhafte Verfolgungssucht, welche nicht nur ganz
Unschuldige und nur bswillig von feindlich gesinnten Personen Angeklagte den
grlichsten Martern und dem schrecklichsten Tode unterwarf, sondern auch
Schuldige machte. Denn da es bald als Leichtsinn, bald als Gotteslsterei galt,
die Mglichkeit solcher Zaubereien und Teufelspakte zu leugnen, wiewohl im
aufgeklrten Nrnberg die Sache wenig Anklang fand, so bemchtigte sich
besonders zuerst der unwissenden niedern Klasse der Glaube daran, und dazu kam
der Reiz der Neugier und der Verfhrung durch eigene Gelste, die Sache doch
auch zu versuchen und zu sehen, was sich durch Zaubersprche, Hexensalben und
Getrnke erzielen lasse - wenn es auch nicht gleich so weit ging, die
persnliche Erscheinung und Hlfe des Teufels in Anspruch zu nehmen, oder sich
ihm mit Gut und Blut zu verschreiben.
    Zu Denen, welche am begierigsten waren dergleichen Dinge zu versuchen,
gehrte die alte Jacobea; und sie konnte es um so khner versuchen, als man in
Nrnberg noch keinem Menschen den Proce als Hexe gemacht hatte und sie hoffen
durfte, da sie Dies oder Jenes durch ihre Zaubermittel werde bewerkstelligen
knnen, ohne deshalb in den Verdacht der Hexerei zu kommen.
    Jetzt eben braute sie aus allerlei Giftwurzeln und thierischen Eingeweiden
unter Absingung des Hexensegens ein Pulver, von dessen kleinsten Theilen sie
sich eine langsam, aber sicher tdtende Wirkung versprach.
    Von drauen schlug niederstrmender Regen an das kleine trbe Fenster, und
da es schon ziemlich dunkel war, bemerkte Jacobea um so weniger, da Jemand
wiederholt an das Fenster pochte.
    Die schwarze Katze, die an der verriegelten Thre Wache hielt, hatte ein
feines Gehr und sprang unwillig miauend wider das Fenster. Sei es durch diesen
Sprung oder durch das strkere Pochen und Drcken von auen; der lockere Wirbel
des einen Fensterflgels wich, dieser sprang auf, und eine drre alte Hand schob
ihn noch weiter zurck und eine heisere Stimme rief:
    Jacobea! la mich ein!
    Jacobea fuhr zusammen von kaltem Schauer berrieselt. Kam jetzt wirklich der
Gott-sei-bei-uns! selber, den sie in einem sinnverwirrten Spruche angerufen,
ohne sich viel dabei zu denken? Auf solch' eine Erscheinung war sie doch nicht
vorbereitet. Sie zitterte an allen Gliedern und fiel auf die Kniee.
    Aber lauter rief es drauen: Jacobea! la mich nicht lnger im Regen
stehen! Nimm die Nestler-Kathi auf, wie sie einstens Dich aufgenommen!
    Die Alte sprang auf. Das war eine Frauenstimme! die Nestler Kathi! Sie hatte
sie lange nicht gesehen, aber dieser Name und diese Stimme riefen Erinnerungen
aus ihren besten Tagen wach. Sie sprang auf und eilte die Hausthr zu ffnen.
    Ein Frauenzimmer in rmlich brgerlicher Kleidung und vielleicht ein
Jahrzehent jnger als Jacobea trat ein, warf einen durchnten Leinenmantel ab
und ein groes Paket an die Erde.
    Da komm' ich mit Sack und Pack! sagte die Eintretende. In Regensburg, das
der Herzog Albrecht so gut wie zumauern lt, mocht' ich nicht bleiben und bin
mit Tausenden ausgewandert, die auch nicht viel mehr zu verlieren haben als das
Leben. Nun dacht' ich in Nrnberg ein Unterkommen zu finden, wollt' aber bei
Euch erst einkehren und mir Rath erholen. Und Ihr lat mich unbarmherzig eine
Stunde im Regen stehen und vergeblich pochen und rufen.
    Konnt' ich denken, da Ihr es waret? sagte Jacobea; htt' ich doch eher
sonst wen erwartet denn Euch, Muhme, die ich so lange nicht gesehen! Lt man
doch auch in nchtlicher Zeit nicht gleich Jedes ein!
    Hab't Ihr da etwas Warmes? fragte die Angekommene auf den Kessel deutend:
es wrde mir gut thun.
    Das hier schwerlich! antwortete Jacobea, aber es ist fertig und der
Kessel kann einem andern Platz machen.
    Inde sie sich anschickte eine Suppe zu bereiten, besprachen die beiden
Frauen, die sich lange nicht gesehen, ihr wechselndes Geschick, und Katharina
Nestler erzhlte das ihres Sohnes Konrad, das wir schon aus dessen eigener
Mittheilung an Ulrich kennen, und damit ihr eigenes, dem sie nur hinzuzufgen
hatte, da sie nun, wo sie um ihres Sohnes Willen keine Ursache mehr habe zu
verheimlichen, da nicht ihr angetrauter Gatte, sondern der reiche Herr
Christoph von Scheurl der Vater ihres Sohnes sei, sie jetzt, da sie obdachlos
sei und mit ihrer ganzen geringen Habe aus dem bedrohten Regensburg geflchtet,
von Scheurl, der, wie sie gehrt, die schnste Nrnbergerin gefreit, an der
selbst Knig Max Gefallen gefunden, zu verlangen, da er ihr auf ihre alten Tage
zu leben gebe, nachdem er sich ihrer Jugend gefreut, und sie des Sohnes, der ihr
eine Sttze htte sein sollen, sich beraubt sah durch eben diese eigene Snde,
wie die des Vaters, die erst so spt an den Tag kam und erst nach zwanzig Jahren
die Strafe mit sich brachte, die ihr sonst so oft auf dem Fue folgt.
    Jacobea triumphirte bei dieser Mittheilung. Sie malte Scheurl's Bild in den
schwrzesten Farben und das seiner Gemahlin nicht minder. Sie versicherte
bestimmt zu wissen, da diese von Kindesbeinen an ein verworfenes Geschpf
gewesen; durch ihre Amme, die zuletzt mit in diesem Hause gewohnt, gab sie vor,
ber sie die genauesten Mittheilungen zu haben - ja, sie brdete Elisabeth sogar
die Schuld an dem Tode der Amme auf, die Jacobea allein selbst trug durch ihren
langsam tdtenden Gifttrank. Jacobea erzhlte, da Elisabeth zu der Kranken
gekommen und dieselbe wahrscheinlich mit fr sie mitgebrachten Leckerbissen
vergiftet habe, damit sie nicht noch habe ein Verbrechen beichten knnen, das
sie gemeinschaftlich mit Elisabeth begangen, und wie diese seit demselben Tage,
an dem sie noch bei einem nchtlichen Stelldichein mit einem Baubruder, der vor
einem gemeinen Steinmetzgesellen nur das voraus habe, da er wie ein Mnch zu
leben gelobe und doch sein Wort nicht halte, sei ertappt worden, alles mgliche
Schlechte auf Jacobea zu bringen suche, so da sie schon lange nach einem Mittel
strebe, sich dieser gefhrlichen Feindin zu entledigen oder sie doch zu
demthigen, die scheinheilige Snderin. Sie sei ihrem Mann auch nicht treu und
habe ihn doch nur um seines Reichthums Willen geheirathet, er aber msse ganz
nach ihrer Pfeife tanzen.
    Dies war der Hauptinhalt von Jacobea's Schilderung, die sie in allen
mglichen grellen Farben immer wieder neu aufzutragen suchte und die ihre
Wirkung bei Katharina nicht verfehlte. Zufllig wei ich, sagte Jacobea, da
Frau Elisabeth eine ihrer Dienstmgde fortgejagt, an der Herr Scheurl Gefallen
gefunden, und noch keine neue Magd dafr hat; kein grerer Possen knnte Ihr
geschehen, und Euch und mir kein grerer Gefallen, als wenn sie Euch an deren
Statt in das Haus nehme, vielleicht Euch gerade trauend, weil Ihr schon bei
Jahren seid, und wenn Ihr dann ihr und ihm einmal fhlen lieet, da Ihr gerade
viel ltere Rechte auf ihn hab't als die hochmthige Gemahlin.
    Frau Katharina lchelte sehr wohlgefllig zu diesem Plan, und beschlo ihn
auszufhren und gleich morgen ihr Heil zu versuchen. Freilich durfte sie sich
nicht merken lassen, da Jacobea sie sende, obwohl sich diese damit abgab,
Gesinde zu vermitteln, aber so, da ihre Hlfe meist nur von Bademeistern,
Gastwirthen und andern Leuten von zweifelhaftem Rufe angenommen ward, da nur
gemeine Dirnen ihre Vermittlung beanspruchten - eben so wenig, da sie mit ihr
verwandt und bekannt war und jetzt ihre erste Nacht unter ihrem Dache
zugebracht.
    Katharina ging daher am andern Tage wie sie gekommen mit ihrem Bndel Sachen
als eine Hlfesuchende aus Regensburg, die dafr ihre Dienste anbot, zu Frau
Elisabeth, und ward glcklich von derselben sogleich als Magd behalten, da
Elisabeth Mitleid hatte mit der Lage der unglcklichen Flchtigen und meinte:
man knne es ja mit ihr versuchen und sehen, zu welcher Art von Arbeit sie sich
am besten eigne.
    Katharina war noch rstig und anstellig, aber freilich war sie nach zwanzig
Jahren voll Arbeit und Sorge keine verfhrerische Schnheit mehr, als welche
einst Herr Scheurl sie in Regensburg getroffen, noch war dieser berhaupt im
Stande in der neuen Dienstmagd, die er, weil sie nahe an den Fnfzigen war,
keines Blickes weiter wrdigte, eines von den vielen Frauenzimmern wieder zu
erkennen, an denen er einst ein sinnliches Wohlgefallen gefunden. Und Katharina
htete sich wohl ihn an sich zu erinnern, ehe ihr dazu eine passende Stunde
erschien.
    So waren ein paar Wochen vergangen, in denen sie zuweilen heimliche
Zusammenknfte mit Jacobea gehabt und von ihr Rathschlge oder Auftrge
empfangen hatte.
    Dieser lag daran, den Ring Streitberg's wieder zu erhalten, den Ezechiel an
Elisabeth verkauft und den Jacobea in ihrem Besitz haben wollte, weil sie wute,
wie Streitberg zrnte, da sein Pfand in diese Hnde gekommen, und dringend
verlangte es wieder zu haben. Gelang dies Jacobea's List eher als der des Juden,
so war damit auch dieser, der jetzt mit ihr zerfallen war, wieder in ihren
Hnden. Sie hatte darum Katharina den Ring geschildert und jetzt erfahren, da
ihn diese auch gesehen, wie er mit andern Ringen an einem goldenen Kettlein
befestigt sei, da Elisabeth immer an sich trage, und zwar, weil sie zu viel
Ringe besa, um alle an ihre Finger zu bringen. Sie hatte ihren Schmuck,
wenigstens den, welchen sie tglich zu tragen pflegte, auf ihrem Nachttisch
neben ihrem Himmelbett liegen, und es war also nur mglich sich dessen zu
bemchtigen, whrend sie schlief oder doch ehe sie Toilette gemacht hatte.
    Jacobea gab Katharinen ein kleines Pulver, von dem sie versicherte, da es
einen sehr langen Schlaf erzeuge, wenn es in einem Getrnk genossen werde, und
da sie whrend dessen sich gewi werde in Elisabeth's Schlafzimmer schleichen
knnen, in dem diese seit ihrer Krankheit und Genesung allein schlief. Dann
solle Katharina die Kette mit den Ringen auf den Boden werfen und die Ringe
darauf herumrollen lassen; Elisabeth werde dann bei ihrem Erwachen gewi meinen,
da dies durch sie selbst oder einen Zufall geschehen, und wenn nur ein Ring
sich nicht gleich wiederfnde, nicht anders vermuthen knnen, denn da er in
einer Ritze der Diele oder Mauer verschwunden sei. -
    Jetzt wartete Katharina nur auf die gnstige Gelegenheit, sowohl Elisabeth
diesen Streich zu spielen, als auch mit Scheurl allein zu sprechen, sich ihm zu
erkennen zu geben und ihn zu fragen: ob er zeitlebens sie gut versorgen wolle,
oder ob sie seiner Gemahlin und ganz Nrnberg erzhlen solle, was sie bisher nur
um ihres Sohnes Willen verheimlicht.
    In einer spten Abendstunde hatte Elisabeth noch nach einem Becher Meth und
Wasser verlangt, und da die Magd, welche sie zunchst zu bedienen, an- und
auszukleiden pflegte, einmal hatte ausgehen drfen und noch nicht zurck war, so
hatte Katharina sich beeilt deren Stelle zu versehen.
    Jetzt kam sie eben mit dem schngeformten silbernen Becher, der innen
vergoldet und auen von goldenen Blumen umrankt war, die Treppe herauf, in der
andern Hand eine brennende Lampe, als sie den Hausherrn hinter sich herkommen
hrte. Die Gelegenheit war gnstig, jetzt konnte sie ihn allein sprechen, ihm in
sein Zimmer leuchten, und nicht eher von ihm weichen, bis er sie erkannt und ihr
Alles versprochen hatte, was sie wnschte. Elisabeth konnte warten; sobald
Katharina mit Herrn Scheurl einig geworden, hatte sie ohnehin nicht mehr Lust,
sich lnger von dessen Gemahlin befehlen zu lassen, und diese Demthigung galt
ihr mehr als der Verdru, den sie durch den Verlust des Ringes empfinden werde,
und Katharina berechnete schnell, da der Vortheil, den sie jetzt erringen
knne, doch dem vorgehe, den mglicher Weise ihr Jacobea gnnen werde, wenn sie
ihr zu dem Ringe verhelfe.
    Herr Christoph Scheurl kam wie gewhnlich etwas taumelnd und mit
rothglhendem Gesichte heim.
    Katharina leuchtete ihm schweigend voraus in sein Zimmer und zndete die
darin befindliche Lampe an.
    Wie kommst Du denn heute hier herein? fragte Scheurl mit lallender Zunge.
    Katharina antwortete: Nun, Ihr kam't ja hinter mir drein, und es schien
mir, als wenn Ihr den Weg nicht gut allein finden wrdet -
    Was unterstehst Du Dich? rief er aufbrausend, weil ihn nie etwas so sehr
in Wuth bringen konnte, als wenn man ihn betrunken hielt, auch wenn er es
wirklich war, nur darum weil er eine Ehre darein setzte, Unmassen geistiger
Getrnke vertilgen zu knnen, ohne davon angefochten zu werden.
    Ei, so lat einmal sehen, begann Katharina, sich dicht neben ihn stellend;
kennt Ihr mich oder kennt Ihr mich nicht?
    Scheurl sagte: Was soll das freche Betragen einer Magd, die eben so schnell
fortgejagt werden kann, als sie gemiethet worden. Meine Frau hat Deine
Vorgngerin fortgejagt, weil sie jung und nett war und mir gefiel - Dich kann
ich fortjagen, weil Du das Gegentheil davon bist und mir nicht gefllst.
    Das lgt Ihr! rief Katharina, denn einst gefiel ich Euch!
    Herr Scheurl ward immer aufgeregter und roher Katharina aber immer dreister,
legte ihrer Zunge keine, Fesseln mehr an, erinnerte Scheurl an seinen Aufenthalt
in Regensburg bei der schnen Nestler-Kathi, und sagte Alles, was sie sich
vorgenommen zu sagen. Es war ein Gesprch, das bei der innerlichen wie uern
Rohheit der Betheiligten und bei der niedern Culturstufe ihres Zeitalters,
seiner Sitten und Ausdrucksweise sich nicht wiederholen lt.
    Herr Christoph Scheurl zeigte dabei weder ein Interesse fr den Mnch
gewordenen Sohn, noch fr dessen Mutter, noch empfand er Reue ber ein Vergehen,
das er sich lngst gewhnt hatte, sich selbst niemals als ein solches
anzurechnen; aber er wnschte doch nicht, da ihn eine Person wie Katharina zum
Stadtgesprch machte, noch da eine solche, die ihm so unbequem werden konnte,
in seinem Hause lebe. Er gab ihr einen Beutel mit Gold, den er bei sich hatte,
und versprach ihr eine ansehnliche Summe, die er ihr alljhrlich senden wolle,
wenn sie noch diese Nacht sein Haus, so bald wie mglich auch Nrnberg verliee
und ber Alles schweige, nach wie vor - auerdem aber, fgte er hinzu, finde ein
Rathsherr von Nrnberg noch Mittel und Wege, eine flchtige Landluferin
unschdlich zu machen.
    Inde Katharina noch berlegte, griff Herr Scheurl nach dem Becher, den sie
einstweilen aus der Hand gestellt. Was ist das? fragte er.
    Es ist Meth; ich wollte ihn Eurer Frau als Nachttrunk bringen.
    Sie mag sich ihn selber holen, sagte er; wenn sie durstig ist, ich bin es
auch wieder geworden.
    Katharina dachte: mag er es trinken; whrend er einschlft, kann ich
berlegen, was ich thun will; ich habe noch das halbe Pulver fr Elisabeth.
    Aber Scheurl hatte kaum mit einem raschen Zuge den Becher zur Hlfte
geleert, als er ihn fluchend zur Erde warf und sagte: Das schmeckt zu
schndlich!
    Katharina erschrak unwillkrlich, und da Scheurl auf sein Bett taumelte,
dachte sie: mag er schlafen - inde versuche ich noch mein Heil bei Elisabeth.
    Und sie ging hinab in die Kche, den Trank noch einmal zu mischen.
    Inde ahnte sie nicht, da ihr Jacobea statt des Schlafpulvers ein Gift
gegeben, das, wie sie gehrt, nicht auf der Stelle tdten, aber den blhendsten
Organismus in einen hlichen, verwelkenden verwandeln sollte, und zwar
allerdings whrend einer Nacht voll Schlaf und Ohnmacht. Ein solches
Zaubermittel glaubte Jacobea gefunden zu haben und sich dadurch am wirksamsten
an Elisabeth zu rchen; da sie aber wute, da Katharina zwar ein rohes, aber
doch zu solcher That ein zu weiches Gemth hatte, so hatte sie ihr nur die
harmloseste Wirkung ihres Pulvers gesagt. Inde hatte es in der That nicht diese
zauberhafte, an welche sie selbst glaubte, sondern die eines schnell
zerstrenden Giftes; unter dessen Einwirkungen rang der reiche, mit allen Gtern
der Erde gesegnete Christoph Scheurl, der sich immer des heitersten
Lebensgenusses gerhmt, verlassen und allein in einer furchtbaren Nacht.
    Das Gift raubte ihm die Kraft, sich seiner Glieder zu bedienen - er konnte
weder einen Ruf noch ein Gerusch hervorbringen, laut genug, die entfernten
Hausbewohner zu wecken und herbeizulocken. -
    Inde kam Katharina mit dem zweiten Becher des verhngnivollen Trankes an
Elisabeth's Thr; sie war verschlossen, und da Katharina pochte, fragte
Elisabeth ungeduldig, was man sie noch stre?
    Ich bringe den bestellten Nachttrunk, antwortete Katharina.
    Nun mag ich ihn nicht, antwortete Elisabeth, die sich schon schlafen
gelegt, durch die verschlossene Thr; und ein andermal wnsche ich von Euch
schneller bedient zu sein, oder gar nicht.
    Katharina ging brummend ab. Aber dies entschied bei ihr. Htte sie heute
noch sich in den Besitz des Ringes setzen knnen, so wrde sie Scheurl's Wunsch
erfllt haben und verschwunden sein; so aber blieb sie, da sie berhaupt noch
unschlssig gewesen, ob dies nicht das Bessere sei, damit sie erst noch einmal,
wenn Scheurl nchtern sei, mit ihm sprechen und sich seiner fortdauernden
Untersttzung versichern knne. -
    Man war es gewohnt, das Herr Scheurl, wenn er vielleicht spter oder mit
einem grern Rausch als gewhnlich heimgekommen, bis in den Tag hinein schlief,
und weder seiner Frau noch der Dienerschaft fiel es auf, da er bis um acht Uhr
sich noch nicht gezeigt hatte. Als aber noch eine Stunde nach der andern
vergangen war, im Comptoir Leute auf ihn warteten, und auch Georg Behaim kam,
sich mit ihm ber eine eilende Geschftsangelegenheit zu besprechen, ging
Elisabeth mit diesem selbst in sein Gemach, dessen Thr wie gewhnlich nicht
verschlossen war.
    Da lag Scheurl halb aus dem Bette gesunken, regungslos mit gebrochenen Augen
und krampfhaft verzerrtem Gesicht, das blau und dunkel unterlaufen einen
entsetzlichen Anblick bot. Die zusammengeballten Hnde zeugten ebenfalls von
vergeblichen Anstrengungen und Kmpfen; es schien, als habe er versucht
aufzuspringen, vielleicht nach Hlfe zu rufen, und sei von krperlichen
Schmerzen berwltigt und gelhmt zusammengesunken, unfhig sich von der Stelle
zu bewegen. Er war noch halb angekleidet, und so mute das Uebel oder der Tod
gleich bald nach seiner Heimkehr ber ihn gekommen sein, denn er pflegte dann
immer augenblicklich sein Lager zu suchen. Denn der Tod war es doch, obwohl es
weder Elisabeth noch Georg im ersten Schrecken als mglich erschien.
    Sie hoben Beide vereint den schweren Krper auf sein Lager, Elisabeth suchte
vergeblich an ihm nach einem Puls- oder Herzschlag, und Georg rief die
Dienerschaft zusammen, zu Doktor und Bader zu laufen, sie eiligst herbeizuholen,
und fragte Alle, wann der Herr diese Nacht nach Hause gekommen und wer ihn
zuletzt gesehen? Aber darauf gab Niemand Antwort, wie gro auch die allgemeine
Bestrzung war; Niemand wollte ihn gesehen haben, auch Katharina nicht, die von
Elisabeth speciell befragt ward, als sich diese besann, da dieselbe noch gegen
Mitternacht an ihre Thr gekommen, um ein Getrnk zu bringen, das eine Stunde
vorher von ihr verlangt worden war.
    Katharina behauptete, es knne nicht so lange Zeit gewesen sein - und sie
habe sich gleich gewundert, da Frau Scheurl inde schlafen gegangen und sie
gescholten. Es sei mglich, da sie der Schlaf in der Kche bermannt habe, ohne
da sie es gewut, denn es sei allerdings sehr spt und sie sei sehr ermdet
gewesen; den Herrn habe sie nicht kommen hren. Bestrzung und Entsetzen zeigte
Katharina gleich den Andern.
    Elisabeth verlor zwar weder ihre gewohnte Geistesgegenwart noch Kraft, aber
sie war todtenbla und zitternd vor Schreck, Thrnen strmten aus ihren Augen
und ihre Worte klagten sich selbst an, da sie in dem qualvollsten Todeskampf
des Gatten fern von ihm gewesen und die Pflichten eines treuen Weibes nicht
hatte an ihm in seinen letzten Stunden ber knnen. Sie hatte den Gatten nicht
geliebt, und die Achtung, die sie damals vor ihm besa, als sie ihm ihre Hand
reichte, die hatte sich allerdings auch gegen ihn gemindert und verloren, seit
sie mit ihm vermhlt war und sein ausschweifendes und zgelloses Leben kennen
gelernt hatte. Aber die eigene Selbstachtung hatte ihr geboten, seine Schwchen
und Fehler zu verschleiern, ihm Achtung vor der Welt zu zeigen und eine
pflichttreue Hausfrau zu sein, die alle Schwre hielt, welche sie ihm am Altar
gelobt hatte. Darum fiel es gerade jetzt doppelt schwer auf ihr Gewissen, da er
hatte sterben mssen ohne ihre zarte pflegende Hand, ohne ihren sorgsamen
Beistand, der ihn vielleicht htte retten knnen. Zwar war sie auch daran
unschuldig, denn es war mit Bewilligung ihres Gemahls geschehen, da sie seit
ihrer Krankheit in einem andern Flgel des Hauses schlief als er; denn seine
lrmenden Gewohnheiten hatten die Leidende gestrt, und er fand es auch bald
bequemer, da seine Gemahlin nicht immer wute, wo und wie er seine Nchte
zubrachte, und hatte gern in ihren Vorschlag gewilligt. Aber dennoch empfand es
Elisabeth jetzt wie eine Pflichtverletzung, da sie nicht aufgemerkt, wann er
nach Hause gekommen, und einen mglichen Hlferuf von ihm nicht gehrt hatte,
da er vielleicht vergeblich nach ihr verlangt in seiner letzten Stunde; denn er
war ja auch immer gut und aufmerksam gegen sie gewesen, er hatte sie auf den
Hnden getragen und ihr alle Wnsche mit stolzer Freude erfllt - wenn er auch
daneben sich selbst so wenig als ihr jeden erlaubten, sich selbst auch keinen
unerlaubten Wunsch versagte. Sie hatten immer in Eintracht neben einander
gelebt, wenn auch weder mit- noch fr einander. Und so gesellte sich zu
Elisabeth's Selbstvorwrfen auch das tiefste Mitleid fr den so ganz verlassen
und qualvoll Gestorbenen, dem sie gern die aufmerksamste Pflegerin gewesen wre.
    Als sie dies Alles schon fhlte, noch ehe es klar zu denken oder
auszusprechen, war sie der Ueberzeugung, da er bei irgend einem schwelgerischen
Nachtmahl sich bernommen, zu Hause und im Bette sich habe erholen wollen und
vom Schlag gerhrt worden sei, wie gerade oft bei den krftigsten Krpern ein
pltzlicher Tod erfolgen kann.
    Aber da der Doktor und Bader kamen und die Leiche untersuchten, da
schttelten Beide bedenklich Achseln und Kpfe, murmelten erst heimlich
zusammen, und sprachen es dann laut aus vor dem ahnenden Schwager und der
schnen Wittwe, die selbst mit forschte nach dem Urtheil der gelehrten Herren:
    Es ist nicht anders mglich: Euer Eheherr ist an Gift gestorben! Der ganze
Zustand des Leichnams bezeugt es - und da, auch am Boden diese dunklen Flecke
von einer tzenden Flssigkeit. Waren diese schon frher?
    Elisabeth starrte auf die bezeichnete Stelle, nicht weit von dem Bette, auf
die sie vorher noch nicht gesehen. Sie wute es genau, gestern waren diese
Flecke noch nicht: ein groer schwarzer Fleck und dann nach den Seiten gespritzt
kleinere dunkle Punkte, wie wenn etwas von oben herab vergossen worden wre.
    Gift!
    Aber wie war das mglich? Der lebenslustige, glckliche Scheurl war keines
Selbstmordes fhig! das sagten Alle, das behauptete auch Elisabeth. Man
durchsuchte das ganze Zimmer; es htte sich in diesem Falle vielleicht noch ein
Gegenstand finden mssen, der das Gift enthalten, aber es war keiner
aufzufinden.
    Aber welche fremde Hand sollte es gethan haben? Der ganzen Dienerschaft war
er ein gtiger, freigebiger Herr, ebenso erwies er sich fast der ganzen Stadt,
und man konnte wohl sagen, da er keinen Feind hatte in ganz Nrnberg, da kein
Ha ihn traf, der seiner Person gegolten htte. Es gab Leute genug, die sich
ber ihn lustig machten und ihn beneideten - aber man wute keine, die an ihm
etwas zu rchen gehabt, oder denen er bei Erreichung irgend eines Zieles im Wege
gewesen wre.
    Elisabeth sprach das selbst aus und wollte an den Mord so wenig glauben wie
an den Selbstmord - aber Georg nahm sie leise bei der Hand, da sie nicht weiter
so sprechen sollte, und der Bader sagte bedenklich:
    Der Gemahl der schnsten Nrnbergerin konnte wohl Feinde haben, denen er im
Wege war.
    Elisabeth schauderte - aber im nchsten Augenblick sagte sie: Sendet nach
den Schppen; das Entsetzlichgeschehene mu auf das strengste untersucht werden
- man wird mir den Tod des Gatten rchen helfen, der zu den ersten Geschlechtern
und Rathsherren dieser Stadt gehrt.
    Und dabei denkt auch, wie Ihr Euere eigene Ehre retten knnt, flsterte
der Bader ihr leise aber hmisch zu und ging.
    Elisabeth war wie vom Blitz getroffen - jetzt erst enthllte sich ihr die
Gefahr, in der sie schwebte. Im Bewutsein ihrer Unschuld an einem groen
Verbrechen hatte sie sich das kleine Versehen: ihrem Gemahl nicht beigestanden
zu haben, da er sich bel befand, was sie doch nicht wute, als ein Verbrechen
vorgeworfen - und jetzt konnten Andere sie als eine Schuldige betrachten, von
der man das Leben ihres Gatten fordern wrde!
    Und mitten in diesem Augenblick eines neuen Entsetzens kamen Martin Behaim
und Stephan Tucher, die abwesend gewesen waren, mit der Kunde zurck: da man
endlich Weyspriach's Burg mit Sturm und Brand genommen, da kein Stein des alten
Raubnestes auf dem andern geblieben, und das, was die Flammen nicht gefressen
und vernichtet, von den Strmenden und der Rache der Hrigen der Erde gleich
gemacht worden sei. Der Ritter von Weyspriach sei entkommen, aber Eberhard von
Streitberg gefangen genommen worden; im Triumph bringe man ihn in die Stadt,
sammt vielen den Brgern und Kaufleuten geraubtem Gut, darunter noch einen Theil
der berseeischen Schtze Martin Behaim's.
    Jetzt war es mit Elisabeth's Kraft zu Ende - mit einem Schrei fiel sie in
ihres Bruders Arme.
    Auch dieser Schrei mute wider sie zeugen; denn derselbe Augenblick, in dem
sie ihn ausstie, war auch der, in welchem die herbeigerufenen Gerichtspersonen
eintraten, um den Thatbestand zu untersuchen und die ersten Zeugen zu vernehmen.
Muten sie nicht diesen Schrei fr den Schreckensruf nehmen, mit dem eine
Verbrecherin sich selbst verrieth - als diejenigen kamen, welche vorerst nur
Rechenschaft von ihr fordern wollten und noch gar keine Anklage erhoben?
    Dieser Schrei war sehr verdchtig!
    Aber Elisabeth hatte ihn ausgestoen vor der Nachricht, da Streitberg
gefangen war und nach Nrnberg gebracht. Im ersten Augenblick dachte sie noch
gar nicht an sich, sondern an ihn; sein Loos war so gut als entschieden: er ward
dem Henker berantwortet und auf offenem Markt gerichtet. Elisabeth liebte ihn
schon lange nicht mehr; sie floh jede Erinnerung an ihn wie ein Schreckgespenst
mit verzerrten Zgen; sie hatte nur Widerwillen, Scham und Entsetzen empfunden,
wenn sie ihn wiedersah; sie wrde ruhig aufgeathmet haben, wenn sie erfahren
htte, da er todt sei, und jetzt htte sie tglich gewnscht, da sein
Schuldbewutsein ihn zur Flucht treiben und da diese gelingen mchte, damit er
wieder weit von ihr sich entfernte und nie nach Nrnberg zurckkehre: aber da
man ihn hierher brachte, hier dem Henker berlieferte - das war zu viel fr sie!
Sie hatte ihn doch einst geliebt, und die Schande, die ihm widerfuhr, empfand
sie wie ihre eigene! Er war das Ideal ihrer Jugend gewesen, und Alles, was sie
von heiterem Jugendmuth, von glubigem Vertrauen an Menschenadel, von froher
Hoffnung auf Lebensglck besa, das hatte nur da in ihr gelebt, da sie ihn
liebte, das war da fr immer vernichtet worden, als sie von dem Mann ihrer Liebe
sich schmhlich betrogen sah, einen Unwrdigen in ihm verachten mute. Sie
konnte nicht an ihn denken, ohne immer wieder die alte Pein zu empfinden - und
eine neue hatte sich hinzugestellt. Sie hatte es verborgen gehalten, da sie
einst geliebt hatte und betrogen worden war: nun hatte Streitberg's Verfolgen
immer gedroht, dies noch offenbar werden zu lassen, und wie bei ihrem Widerstand
seine Leidenschaft mehr und mehr die Gestalt des Hasses und der Rachsucht
angenommen, so mute sie frchten, da er nun noch Angesichts des gewissen Todes
vielleicht auf ihre Frsprache sich berief - hatte er sie doch auch die Buhlerin
des Knigs genannt - ganz gewi aber noch dafr sorgte, da ihre
Jugendgeschichte in einer Auffassung, welche fr sie die demthigendste war, zum
Nrnberger Stadtgeschwtze ward.
    Alle diese Gedanken, Erinnerungen und Befrchtungen, die sie jetzt immer
gehabt, summten mit Eins ihr durch das schon bis zum Uebermaa erregte Herz und
Hirn, als ihr auch diese entscheidende Nachricht von Streitberg's
Gefangennehmung so pltzlich gebracht ward und erprete ihr den Schrei, der eine
so falsche Deutung fand.
    Aus dem an Ort und Stelle angestelltem Verhr kam nichts heraus, als da
Elisabeth und Katharina wach gewesen in der Nacht und da sich Beide verdchtig
machten, weil ihre Stundenangaben differirten. Ein Commis behauptete, da der
Herr kurz vor Mitternacht nach Hause gekommen, und da er ihn im Corridor mit
einer Frauenstimme habe einige Worte wechseln hren, die er nicht verstanden. Er
habe auch Licht schimmern sehen, und da er spter weiter nichts gehrt, habe er
sich auch nichts dabei gedacht; ob die weibliche Stimme die der Frau Elisabeth
oder einer Magd gewesen, wisse er nicht zu sagen. Weiter hatte Niemand nur das
Geringste bemerkt.
    Elisabeth und Katharina leugneten Beide den Herrn zur Nacht gesprochen zu
haben, die Herrin mit ruhiger Wrde, die Dienerin mit unruhiger Keckheit. Eine
behauptete vor der Andern, da sie wach gewesen.
    Gegen Katharina sprach doch der strkere Beweis von Elisabeth's erster
Aussage, da sie von ihr erst nach einer Stunde einen verlangten Trunk habe
erhalten sollen - und Katharina war ja auch nur eine fremde Dienstmagd. Man
beschlo, sie mit und in Gewahrsam zu nehmen, und wenn sie nicht gestehe, durch
die Tortur in der Gte zu befragen, wie man die Anwendung der entsetzlichsten
Marterinstrumente nannte.
    Gegen die Hausherrin verfuhr man glimpflicher. Man verbannte sie nur in ihre
eigenen Zimmer, und ordnete ihr unter der Brgschaft ihrer Brder, da sie nicht
entweiche, eine Wache zu - nur der Form wegen, wie man sagte, bis sich Alles
aufgeklrt habe.
    Elisabeth fgte sich mit stummen Stolz dieser ihr edles Gefhl emprenden
Handlung.
    In Nrnberg aber verbreite sich mit Blitzesschnelle das Gercht von Herrn
Christoph Scheurl's pltzlichem Tode - und da er durch Gift gestorben, das ihm
als Schlaftrunk beigebracht worden. Wer die That gethan - darber waren die
Stimmen getheilt.
    Die Einen meinten, eine Magd aus Regensburg, die erst seit ein paar Wochen
angekommen, habe die That gethan und sei darum verhaftet; die Andern aber
sagten: Was htte eine Magd fr Vortheil von dem Tode ihres Herrn? oder was
knnte gerade diese an ihm zu rchen haben, die erst seit so kurzer Zeit im
Hause? Ist es doch ganz anders mit Frau Elisabeth - die ist nun den alten Gatten
los, den sie doch nur des Reichthums oder um ihrer Familie Willen geheirathet,
und kann nun als die reichste und schnste Wittwe von Nrnberg nach ihrem Herzen
freien und leben. Oder hat sie nicht gar schon einen Buhlen? - Man redete schon
immer allerlei von ihr - aber freilich! wer htte das gedacht, da es so weit
mit ihr kommen werde! Da sieht man, wohin Hochmuth und Eitelkeit fhren, der
Eigendnkel und die Herrschsucht eines Weibes, das immer nur seinem eigenen
Willen folgen wollte, alles anders und besser wissen und thun als andere ehrbare
Frauen! -

                               Siebentes Capitel



                                Im Clara-Kloster

Mitten im lebenslustigen, geschftig bewegten Nrnberg hatte doch der fromme
weibliche Sinn, der allem eitlen Welttreiben fr immer entsagen und in ein
beschauliches, nur dem Dienst der Heiligen gewidmetes Stillleben sich
zurckziehen wollte, eine sichere Zufluchtssttte gefunden. Das Kloster der
heiligen Clara, das auf der Lorenzer Seite recht im Herzen der Stadt sich erhob,
war ein stilles Asyl, das gerade von den Jungfrauen der edelsten Geschlechter
Nrnbergs gewhlt ward, und darum auch nicht nur zu den reichdotirtesten,
sondern auch zu denjenigen Klstern gehrte, die noch den alten Ruf edler
Sittenstrenge und wahrer Frmmigkeit bewahrten, wie auch den: Pflanzsttten der
Knste und Wissenschaften zu sein.
    Die Schwestern des Clara-Klosters waren wohl erfahren in allen weiblichen
Handarbeiten, die Geschicklichkeit und Ausdauer erforderten. Sie stickten und
webten herrliche Gobelins zum Schmuck ihrer Kirche, und sandten auch manche
dieser Arbeiten aus den Klostermauern hinaus. Viele Nonnen bten die Kunst der
Miniaturmalerei, deren Gegenstnde kleine Heiligenbilder waren, mit einer
Kunstfertigkeit, die mit der der besten Nrnberger Meister wetteiferte. Andere
befleiigten sich des Schreibens und Lesens, und waren im Lateinischen und
Griechischen so zu Hause, als sei es ihre Muttersprache gewesen. Gehrte doch
auch die Bibliothek des Klosters ihre Studien zu begnstigen, sowohl durch die
Zahl alter Handschriften als neuer gedruckter Bcher, mit zu den
ausgezeichnetsten, welche die Stadt besa.
    Charitas Pirkheimer hatte geeilt ihr Gelbde auszufhren und weilte bereits
als Novize in diesem Kloster.
    In dem von hohen Mauern umgebenen Garten desselben, ber welche nur wirr und
fern das Gerusch des Stdtelebens herein schallte, ging Charitas einsam auf und
nieder in stilles Sinnen verloren. Der entsagende Ausdruck, welchen ihr Gesicht
immer gehabt, war nicht nur allein durch die graue Novizentracht erhht, in
welcher sie erschien, sondern durch Thrnen der Wehmuth, die in ihren Augen
glnzten.
    Der Abend auch erschien wie zum Sinnen und Weinen. Es war so still im
Klostergarten, da auch nicht das kleinste Lftchen wagen konnte in den Zweigen
der Bume und Gestruche zu spielen, kein Blatt getraute sich mit dem andern zu
flstern und zu suseln und kaum ein Schmetterling zu einer Blume zu fliegen. Im
Sden hatten sich drohende Gewitterwolken aufgethrmt und hingen ber die hohen
grauen Mauern herein, aber im Westen glhte ein sanftes Abendroth gleich einem
Vorhange, den die sinkende Sonne zwischen sich und dem druenden Wetter gezogen.
Ein einsames Vgelchen sa auf einer hohen blaugrauen Ulme, deren Wipfel die
Klostermauern berragte. Es schaute und flatterte nach hben und drben und
schien mit leise zwitschernden Stimmchen zu fragen: ob es sich besser wohne im
Frieden dieses Gartens oder drauen im freien Wald, wo es viele Genossen gab,
aber auch das tckische Feuerrohr beutelustiger Jger, Netze und Stellhlzlein
bser Buben, gierige Raubvgel und allerlei Fhrlichkeiten.
    Eine ltere Nonne hatte Charitas von fern mit theilnehmenden Blicken
beobachtet. Jetzt trat sie zu ihr, reichte ihr die weie magere Hand und sagte:
    Mein Kind, ntzet die Tage wohl, die Euch zur Bedenkzeit gegeben sind! Ich
hre, da weder Eltern-noch Verwandten-Wille, noch irgend eine uere Noth des
Lebens Euch hierher gebracht, sondern da Ihr aus freier Wahl begehrt hab't in
unsere Gemeinschaft zu treten. Ehe Ihr es aber thut, prfet Euch wohl, da Ihr
Euch selbst nicht betrget!
    Schwester Ulrike, antwortete Charitas mit einem dankenden Hndedruck, Ihr
waret die erste, die mir auer der Priorin in diesen Mauern mit milder
Theilnahme entgegenkam. In Euren Zgen las ich auch den Himmelsfrieden, den ich
hier zu finden hoffe, in Euch erblickte ich das Vorbild, dem ich nachzustreben
mich bemhen will.
    Ich danke Euch fr Eure gute Meinung, antwortete Ulrike mit sanfter
Innigkeit und einem etwas fremd- aber wohlklingenden Idiom, das Charitas schon
von einer andern Person gehrt, und das weit entfernt gut nrnbergisch zu
lauten, ihr das wohlklingendste zu sein schien, das es geben konnte. Ich
wnschte wohl, fuhr Ulrike fort, diese gute Meinung zu verdienen und ebenso,
da Ihr mir sie fr die Dauer bewahren mchtet. Aber ich kann keinen Anspruch
darauf machen; hinter mir liegt ein langes und reiches Leben voll Versuchung und
Snde, voll Kampf und Bue - nicht nur als eine Entsagende, als eine Bende kam
ich hierher. In zwlf Jahren voll Bue und Entsagung, die ich hier verbracht,
hat sich zwar mein Sinn gelutert und ist mein Vertrauen auf die Gnade unsers
Erlsers zu der festen Ueberzeugung geworden, da er allen Fehlenden vergiebt,
wenn sie unablssig streben ihre Fehler abzulegen und zu shnen, und die Tage,
die mir hier unter Arbeit und Gebet verflieen, ziehen nicht ungentzt fr mein
Seelentheil an mir vorber; aber so lange es fr uns in der Welt noch ein
theures Wesen giebt - so lange, sage ich Euch, ist es nicht leicht sich in
diesen Mauern lebendig zu vergraben und fr das ganze Erdendasein aus seinem
Lebenskreis gebannt zu bleiben.
    
    Charitas errthete da sie diese Worte vernahm, und sah die Sprecherin
derselben schmerzlich befremdet an.
    Ulrike hatte vorhin die schwrmerischen blauen Augen niedergeschlagen, jetzt
begegnete sie mit einem Lcheln den fragenden Blicken und sagte; Vergesset
nicht, da eine alte Matrone zu Euch spricht. Mit fnfzig Jahren hat man andere
Gefhle als Ihr mit zwanzig oder dreiig, aber ich kann noch beurtheilen, wie
man in jngeren Jahren empfindet - und wenn es Bande auf der Welt giebt, die man
auch im Alter nicht schmerzlos zerreit, so sehet zu, da Ihr nicht vielleicht
nur weil ein kurzer Lebenstraum Euch zerstrt ward, hier nur einen Zustand von
Schlaf und Ruhe sucht - Ihr werdet ihn nicht finden!
    Hrt mich an! sagte Charitas, ich will Euch Alles getreulich beichten -
Ihr werdet dann auch sagen, da ich nicht anders kann! Ruhiger fuhr sie fort:
Mein Vater Pirkheimer war, wie Ihr vielleicht gehrt habt, einer der
angesehensten und reichsten Rechtsgelehrten dieser Stadt. Nichts mangelte den
Seinen zum edelsten Genu des Lebens, aber eben zu diesem befhigte er uns,
seine Kinder durch den Unterricht, den er uns angedeihen lie. Wir Schwestern
lernten mit unserem Bruder Willibald um die Wette, und kannten bald kein
greres Glck, als mit ihm den Wissenschaften obzuliegen, und da er von uns
schied, erst um zu dem Bischof von Eichsttt zu gehen, jetzt spter um in
Italien zu studiren, da dacht' ich schon immer, um wie viel glcklicher er daran
war als wir Schwestern, da es genug Leute gab, welche uns aus unserer
Gelehrsamkeit noch einen Vorwurf machten und sie unvertrglich nannten mit der
weiblichen Bestimmung. Dagegen lehnte ich mich frhe auf; ich fhlte weder
Neigung noch Verpflichtung mich zu verheirathen, und der hchste Wunsch fr mein
Leben war eben nur der, in beschaulicher Stille mit meinen Bchern allein und
ungehindert in meinen Studien zu sein. Meine Schwester Clara theilte diesen
Hang, und da wir unsere Eltern verloren, Willibald aber in die Fremde zog, so
haben wir still fr uns nur den Wissenschaften gelebt. Schon zuweilen tauchte
der Gedanke in uns auf: um das in der wrdigsten Weise zu knnen, in dieses
Kloster einzutreten, aber wir zgerten noch vor dem entscheidenden Schritt fr
das Leben, der dann nie wieder zurck zu nehmen ist. Vielleicht trug auch eine
unserer trefflichsten Freundinnen Frau Elisabeth Scheurl mit Schuld, da wir zu
keinem Entschlu kamen: denn sie meinte, da nur ganz alte und gebrechliche
Leute, die der Welt weiter nichts ntzen knnten, ein Recht htten, sich vor der
Welt zu flchten und in Klostermauern zu vergraben. Sie war immer bemht neben
der Wissenschaft auch der Kunst zu huldigen, und so hatte sie auch uns mit
andern Nrnberger Jungfrauen um sich vereinigt, fr die St. Lorenzkirche zu
sticken. Diese Arbeit fhrte uns fter in die Kirche und mit den daran bauenden
Baubrdern zu gemeinschaftlichen Berathungen zusammen. Von einem derselben hatte
mein Bruder schon mit warmer Anerkennung, als von einem echten Knstler
gesprochen, und als ich ihn selbst und seine Werke sah, fand ich Alles
besttigt. Da geschah es vor nicht langer Zeit, da ein Gerst am Thurme
zusammenbrach, und inde ein Baubruder in Todesgefahr auf dem Thurme schwebte,
eben jener sich selbst, um ihn zu retten, in noch viel grere Todesgefahr
begab. Da betete ich fr sein Leben, und gelobte mich dem Kloster, wenn seine
That gelingen und er das schwere Wagestck bestehen werde - und in der
Verzweiflung, die ich bei der Gefahr dieses Einen mehr als bei der des Andern
empfand, erkannte ich, da ich - die noch nie einen Mann geliebt, die das nie
fr mglich gehalten - da ich diesen Baubruder liebe! - Hoffentlich hat weder
ein Blick noch ein Wort mich ihm verrathen, aber da seine That gelang, so bin
ich nun doppelt verpflichtet, mein Gelbde zu halten. Sie neigte ihr Haupt an
Ulrikens Schulter und fhlte sich erschpft von diesem Gestndni.
    Unglckliches Mdchen! rief Ulrike sanft; ein Baubruder darf Eure
Empfindungen nicht erwiedern, und wehe ihm, wenn er es trotzdem thut oder gethan
hat!
    Nein, nein! rief Charitas; er ahnt nichts davon, er soll es niemals
ahnen, nie erfahren! Aber was mich am meisten schmerzt, ist, da Elisabeth
Scheurl ihn auch liebt und da auch ihr gegenber Ulrich von Straburg
vielleicht -
    Ein Schrei der Nonne unterbrach die Gestndnisse der Novize. Ulrich von
Straburg! rief sie; hre ich recht, Ulrich von Straburg, sagtet Ihr wirklich
so?
    So nennt man ihn, antwortete Charitas und sah mit Bestrzung die
pltzliche Aufregung der Matrone.
    Mit gepreter Stimme, der man die innere Bewegung anhrte, fragte diese
wieder: Schildert mir, wie er aussieht.
    Errthend willfahrte Charitas: Er ist lang und schlank gewachsen und von
edler Haltung; seine blauen Augen strahlen von dem Feuer echter Begeisterung;
seine Stirn ist sanft gewlbt und hohe Gedanken scheinen auf ihr zu thronen;
sein Haar ist braun und ppig, er trgt es halblang und gescheitelt; seine Nase
ist schn geformt, weder gro noch klein, mit der Stirn eine gerade Linie
bildend - gerade so wie bei Euch -
    Ulrike hatte mit Spannung zugehrt. Die letzten Worte, die Charitas arglos
sagte, nur um sich die Beschreibung zu erleichtern, erinnerten Ulrike daran, da
sie sich fassen msse, wenn sie sich nicht selbst verrathen wollte. Sie sagte
darum: Ich habe einen Knab en Ulrich gekannt, von dem ich hrte, da er sich
spter als Baubruder nach seiner Heimath von Straburg genannt - ich wute
nicht, da er hier sei.
    Er baut seit zwei Jahren mit an der Lorenzkirche - und jetzt wohnt er hier
ganz nahe im Claraglein, berichtete Charitas.
    Ganz nahe? wiederholte Ulrike, und es war ihr, als msse ihr das Herz
zerspringen. Wie hoch schtzt Ihr sein Alter? fragte sie, um doch noch einen
neuen Beweis fr ihre pltzliche Entdeckung zu haben.
    Ich wei es nicht genau, antwortete die Novize, zwischen Fnfundzwanzig
und Dreiig.
    Erzhlt mir mehr von ihm, sagte Ulrike vor sich niederblickend, und sich
besinnend fgte sie angstvoll die Frage hinzu: Und Ihr sagtet, er sei seinem
Gelbde untreu geworden und liebe eine Frau von Scheurl? - Mir dnkt, ich habe
diesen Namen schon gehrt.
    Da sei Gott vor, da ich eine so schwere Anklage ausspreche, entgegnete
Charitas - ja vielleicht ist es Elisabeth selbst gegangen wie mir, und sie hat
ihr eigenes Gefhl auch erst da erkannt, als Ulrich in Todesgefahr schwebte,
vielleicht noch nicht einmal - aber ich habe es in ihr frher erkannt als in mir
selbst.
    Ulrich in Todesgefahr - vor Kurzem - in meiner Nhe - und ich wut' es
nicht! wiederholte Ulrike. Erzhlt mir mehr davon, wie Alles kam und was er
that! bat sie mit eindringlich flehender Stimme und Geberde.
    Und Charitas gehorchte gern dieser Bitte. Sie gab eine beredte Schilderung
jenes Ereignisses von dem Einsturz des Thurmgerstes, von Hieronymus' hlfloser
Lage und Ulrich's Rettungswerk; sie schilderte ihn und seinen Heroismus im
glnzenden Licht und das feierliche Te Deum, das man nach ihrer Rettung
gehalten. Sie hatte auch des Propstes Kre mit dabei erwhnt als Ulrich's
Gnner.
    Ulrike verlor kein Wort von dem Allen. Mit athemloser Angst folgte sie der
Schilderung von Ulrich's Gefahr - an diesem Zug erkannte sie den Sohn, der schon
als Knabe bereit gewesen mit Gefahr seines Lebens Andern beizustehen. Welche
Empfindungen fr eine Mutter, zu wissen, da ihr einziger Sohn schon seit Jahren
so in ihrer unmittelbaren Nhe lebte, ohne da sie eine Ahnung davon gehabt -
da er in derselben Stunde, in der sie vielleicht ruhig betete htte sterben
knnen! Und jetzt - wie war ihr denn bei dem Gedanken, da vielleicht nur diese
Klostermauer Mutter und Sohn von einander trennte. Nur! - ach, das war ja genug,
das war ja eine Trennung fr das ganze Leben! - Sie hatte ihren Sohn verlassen,
um dem wiedergefundenen Mann ihrer Liebe zu folgen - und da sie erkannte, da
sie damit ein Verbrechen begangen, das sie der Verzweiflung nahe brachte, da
suchte sie fr immer vor dem theuren Verfhrer, vor sich selbst und vor einem
ganzen Leben voll Schmach und Hohn im ersten Augenblick nur bei dem Bruder, aber
dann in diesem Kloster Schutz. Sie hatte den Tod gewnscht und darum gefleht in
tausend heien Gebeten; aber da er nicht von selbst kam und sie noch leben
mute, so wollte sie doch todt sein fr alles Leben auer diesen geweihten
Mauern, und in ihnen nur still ben in Entsagung und Gebet, und warten, bis der
Tod endlich komme sie zu erlsen. Da auch ihr einziger Sohn in einem Kloster
eine Freistatt gefunden, da er dort eine bessere Erziehung fand, als wenn er
bei ihr und dem rohen Manne geblieben wre, den er fr seinen Vater hielt, das
gereichte ihr zum Trost fr sein und ihr Geschick. Wohl betete sie fr ihn, als
sie erfuhr, da er ein Baubruder geworden; denn sie wute wohl, wie viel
schwerer es war, mitten im Leben allen Lockungen und Versuchungen desselben zu
widerstehen, wie es so gleicher Weise seine Pflicht war, als wie auerhvlb
desselben in den bergenden Klostermauern; aber sie freute sich auch, da ihn ein
hheres Streben beseelte und er thtig mithalf an den unsterblichen Bauwerken,
welche zur Ehre des Hchsten von geweihten Hnden aufgefhrt wurden. Ulrike
hatte ihren Bruder des Jahres ein- oder zwei Mal gesehen und er ihr wohl
erzhlt, da er Nachrichten von ihrem Sohn habe, wie er zum freien
Steinmetzgesellen sei gesprochen worden und wie er sich auszeichne durch
Geschicklichkeit seiner Hnde und Erhabenheit seiner Darstellungen; aber nie war
davon ein Wort ber seine Lippen gekommen, da er ihn wiedergesehen, da er hier
sei in Nrnberg und nun ihr so nahe. Um jeden Preis mute sie nun mehr von ihm
erfahren. Zwar, sie konnte es begreifen, aus welcher Absicht ihr Bruder das
Alles verheimlicht. Er hatte es wohl denken knnen, da eine Mutter mehr bei dem
Gedanken leiden mute, ihren Sohn nicht wiedersehen zu drfen, wenn sie wute,
da er nur wenige Schritte von ihr entfernt weilte, als wenn sie sich durch eine
Entfernung vieler Tagreisen von ihm getrennt sah, und da aus guter Absicht
geschehen, was sie doch wie einen Betrug an ihrem Mutterherzen empfand. Eben
erst hatte sie es gegen die Novize ausgesprochen, wie schwer es sei, sich in ein
Kloster einzuschlieen, wenn das Leben drauen auch nur noch ein geliebtes Wesen
habe - und nun traf sie dieser Ausspruch wieder selbst mit seiner
schmerzlichsten Gewalt, und das rein menschliche Gefhl, das jetzt in ihr zum
Ausbruch kam, erfllte sie doch mit dem Bewutsein einer Snde gegen ihr
Gelbde: alle Bande zu zerreien, die an die Welt sie knpften, und allein dem
Himmel und dem Dienst der Heiligen sich zuzuwenden.
    Inde sie jetzt neben Charitas in die schmerzlichsten Gedanken versank und
jetzt nicht mehr durch ihre Worte, sondern durch das krampfhafte Zucken ihrer
Gesichtszge, das Zittern ihrer ganzen Gastalt und die Thrnen, die in ihren
Augen glnzten, besttigte, wie schwer auch im Kloster Seelenfrieden zu
erringen, und noch schwerer zu bewahren sei, schreckte sie das Luten des
Glckchens auf, das alle Klosterbewohnerinnen zum Abendgebet in die Kirche rief.
Mit klopfendem Herzen und nassen Augen gehorchten Beide diesem Ruf, und damit
war eine Unterredung ganz abgebrochen, die fr die Eine wie die Andere eine so
unerwartete Wendung genommen.
    Am folgenden Tage sah sich Charitas vergeblich in der Kirche, im Garten und
im Speisesaal nach der Schwester Ulrike um - sie fehlte berall, und am Abend
erfuhr Charitas auf ihr Befragen, da sich die Nonne gestern im Garten erkltet
habe und krank geworden, mithin in ihrer Zelle bleiben msse. Als sie auch am
nchsten Tage nicht erschien, erbat sich die Novize bei der Priorin die
Erlaubni, der kranken Nonne als Pflegerin dienen zu knnen; die Bitte ward ihr
bereitwillig gewhrt.
    Ulrike lag im Fieber, als Charitas zu ihr kam. Sie neigte sich ber das
Lager der Kranken, die ihre schmalen Hnde ihr froh berrascht entgegen
streckte, noch freudiger gerhrt, als die Novize erklrte, da sie nicht nur fr
eine kurze Stunde komme, sondern um whrend ihrer Krankheit als Pflegerin ihre
Zelle zu theilen.
    So vergingen Beiden die Tage in innigster Gemeinschaft. Nur wenn die Glocke
zur Kirche rief, folgte Charitas diesem Ruf aus der Krankenzelle, und zuweilen
ward sie auf eine Nacht oder andere Tagesstunden von einer Nonne abgels't, um
selbst auch einige Ruhe zu haben, aber die meiste Zeit war sie doch an Ulrikens
Krankenlager. Charitas vermied von Ulrich zu sprechen, denn sie hatte gleich
erkannt, da Ulrike durch ihre neulichen Mittheilungen in diesen Fieberzustand
versetzt worden war, und sie mute frchten, ihn durch ein Gesprch, welches das
erste Mal eine so aufregende Wirkung gehabt, zu erhhen. Aber er steigerte sich
auch ohnedies, und da sie bewutlos in Fieberphantasien sprach, kam mehr als
einmal der Name Ulrich ber ihre Lippen, und zwischen Seufzern und Gebeten, wenn
ihr helle Augenblicke kamen, erklrte sie, da sie weder leben noch sterben
knne, wenn sie Ulrich nicht wiedergesehen! - -
    Einst, als sie auch diese heie Sehnsucht in sthnenden Jammerrufen hatte
laut werden lassen, ward Charitas von ihr abgerufen, da ihre Schwester Clara
gekommen sei, um sie zu sprechen. Solche Besuche ihrer weiblichen Angehrigen
waren den Novizen gestattet.
    Die Schwestern hatten nie ein Geheimni vor einander. So erzhlte auch
Charitas von Ulriken Alles, was sie selbst wute, und eben auf das
schmerzlichste bewegt von deren Sehnsucht nach Ulrich, die gewi keine sndhafte
war, denn sie hatte ihn ihren Sohn genannt - mochte er nun ihr eigener oder wie
sie erst gesagt, der Sohn ihrer Freundin sein - berieth Charitas mit Clara, ob
es nicht ein gottwohlgeflliges Werk sei, den inbrnstigen Wunsch einer
Sterbenden zu erfllen und auf irgend eine Weise ihr ein Wiedersehen mit Ulrich
zu verschaffen. War dieser wirklich ihr Sohn, so war es gewi, da die Priorin
bei einer der frmmsten und gehorsamsten Nonnen keinen Anstand nehmen werde, auf
sein Gesuch ihm den Zutritt zu ihr gestatten, um den letzten Segen einer
sterbenden Mutter zu empfangen. Da aber Charitas doch nicht gewi wute, ob man
Ulrike diese Gunst erweisen wolle, so mochte sie in derselben nicht Hoffnungen
erregen, die sich vielleicht nicht erfllen konnten, und auch nicht mit ihr
davon sprechen, da die pflichtgetreue Nonne in diesem natrlichen Wunsch selbst
so ein irdisches Verlangen sah, da sie es sich selbst als Verbrechen anrechnete
- so konnte es ihr nicht als Bitte, sondern als eine gndige Ueberraschung
gewhrt werden.
    Die Schwestern kamen also dahin berein, da Clara an Ulrich in wenig Zeilen
schrieb: wie eine Nonne des St. Clara-Klosters mit Namen Ulrike nach ihm, Ulrich
von Straburg, wie nach ihrem Sohn auf ihrem Sterbebett sich sehne, und da er,
wenn er der sei, dem an ihrem Segen gelegen sein msse, von der milden Priorin
gewi die Erlaubni erhalten werde, sich jenen selbst in den Klostermauern zu
holen. -
    Am folgenden Tage ward es mit Ulrike schlimmer. Der von ihr Ersehnte und von
Charitas auch Erhoffte erschien nicht. Es war der Kranken, als ob ihr letztes
Stndlein nahen msse; jetzt verlangte sie nach dem Propst Kre und nach dem
Beichtvater, der ihr die letzte Oelung reichen sollte. Ehe er kam, legte sie
selbst ihre Hnde segnend auf Charitas' Haupt und sagte:
    Vielleicht ist es Euch ein Lohn fr alle Eure mir erwiesene Liebe, wenn Ihr
erfahret, da Ihr sie der Mutter dessen erwiesen, den Ihr liebt und um den Ihr
leidet! Um seinetwillen liebe und segne ich Euch, thut auch mir um seinetwillen
also!
    O, ich habe es geahnet! flsterte Charitas und neigte sich demthigend wie
vor einer Heiligen vor der Mutter des still und entsagend geliebten Mannes.
    Nicht lange darauf, als die Abendglocke ausgetnt, lutete das
Klosterglckchen wieder, das die Sterbestunde und die letzte Oelung einer Nonne
verkndete.
    Aber obwohl es Ulriken galt, so zgerte doch der Tod noch zu ihr zu kommen.
Ihr Beichtvater mit den knieenden Chorknaben, der Propst Kre, die Priorin,
Charitas und ein paar andere Nonnen umgaben ihr Lager. Mit gefalteten Hnden sa
die Kranke aufrecht an das Kissen gelehnt, da die hinter ihr knieende Charitas
sttzte, und athmete langsam und tief. Ihre Augen suchten im Kreise umher, ihre
Lippen bewegten sich betend, aber Niemand verstand die leise geflsterten Worte.
    Eine Nonne ffnete mit langsamen Drucke die Thr und winkte durch die Spalte
die Priorin hinaus. Es konnte nur etwas Wichtiges sein, das diese von dem
Sterbebett einer hochgeehrten und wie eine Freundin geliebten Nonne rief.
    Charitas athmete in banger Erwartung - Ahnung und Hoffnung rtheten ihr
immer blasses Gesicht.
    Stille Minuten vergingen. Der Geistliche wiederholte seine Gebete, der
Propst neigte sich theilnehmend ber das Lager der Schwester und gnnte ihr aus
einem so leidens- und entsagungsreichen Leben die Erlsung, auf die sie wartete;
aber er senkte seine Augenlider, um die anklagenden Blicke nicht zu sehen, die
aus ihren weitgeffneten Augen kamen.
    Jetzt trat die Priorin wieder ein - aber nicht allein.
    In der Zelle war es schon ziemlich dunkel, doch drauen im Corridor glhte
eben die Abendsonne noch mit ihrem letzten strahlenden Schein am dort
gegenberliegenden Bogenfenster. Der Strahl daraus fiel durch die geffnete
Thr, und im Feuer dieser Sonnenflamme stand ein Baubruder, und seine edle
Gestalt hob sich davon wie von dem Goldgrund ab, welchen die damaligen Maler
meist noch ihren Heiligenbildern zu geben pflegten.
    Sehr verschieden war die Wirkung seines Erscheinens auf die Anwesenden.
Charitas errthete und faltete die Hnde zum innigen Dankgebet; der Propst stand
versteinert vor Schrecken und machte eine abwehrende Bewegung, als knne er
jetzt noch dadurch verhindern, was er fr sich selbst, peinvoll genug, allein um
Ulrich's Willen so lange verhindert hatte; die Nonnen neigten sich tiefer auf
die gefalteten Hnde und schielten doch neugierig nach dem schnen Manne; Ulrike
aber breitete die Arme aus wie nach einer berirdischen Erscheinung und rief
lauter, als sie jetzt seit langer Zeit zu sprechen vermocht: Mein Sohn! Ulrich!
mein Sohn!
    Mit zwei Schritten war er an ihrem Lager, knieete davor, nahm ihre Hnde in
die seinen und rief: Meine Mutter! endlich seh' ich Dich wieder! darf ich
Deinen Segen empfangen!
    Sie legte ihre Hnde segnend auf seine Stirn und flsterte: Ulrich, welche
Heilige fhrt Dich mir zu?
    Sie steht hinter Dir! sagte er noch leiser, da er Charitas erkannte; aber
sie hrte es doch, erglhte und zitterte, wie sich freilich fr die knftige
Nonne nicht geziemen mochte.
    Mutter und Sohn sahen einander unverwandt an, forschten und erkannten die
geliebten Zge, und der Todesengel wich vor einer groen Erschtterung und
Freude. -
    Ulrich hatte auf den Brief, den ihm die Schwester Pirkheimer sandte, noch
gezgert zu kommen. Wohl zog sein Herz ihn mchtig in das Kloster, aber er
gedachte des Gelbdes, das er dem Propst geleistet, und wollte erst mit ihm
sprechen, statt wider seinen Willen zu handeln. Kre wrde es ja doch wohl auch
erfahren haben, wenn seine Schwester von einer tdtlichen Krankheit bedroht war.
An diesem Abend nun war er voll Unruhe zu ihm gegangen. Da hatte man ihm gesagt,
da der Propst vor einer halben Stunde in das Clara-Kloster sei gerufen worden.
Er eilte dahin und stand zgernd an der Pforte. Da tnte das Sterbeglcklein -
seinem Rufe konnte er nicht widerstehen; er schellte und fragte die Pfrtnerin:
wem das Luten gelte? und da sie geantwortet: der frommen Schwester Ulrike, die
seit zwlf Jahren hier ist, - da kannte er weder Zgerung noch Wahl, da wute
er, da er ein heilig Recht habe auf den letzten Augenblick seiner Mutter, da
bat er, ihn zur Priorin zu fhren, und nannte sich Ulrikens Sohn, der von
Straburg hierhergekommen. Da die Priorin wute, da Ulrike verheirathet gewesen
und einen Sohn gehabt, und da Ulrich sogar die Zge der Mutter trug, so zgerte
sie nicht lange, sondern gab seinem angstvollen Flehen nach und fhrte ihn mit
sich an das Sterbebett. -
    Vergieb Deiner Mutter, bat Ulrike, vergieb ihr, da sie Dich verlassen
konnte; dann erst knnen mir die Heiligen vergeben, dann erst kann ich in
Frieden sterben!
    Wie mget Ihr also sprechen! rief Ulrich; als eine Heilige, die viel
geduldet, hab' ich Euch schon verehrt, und doppelt, seit ich Alles wei, was Ihr
gelitten und geduldet -
    Auf einmal stie Ulrike einen entsetzlichen Schrei aus. Ward jetzt ihr Geist
vollends ganz klar und entsetzte sie gerade dieses Alles-wissen, von dem Ulrich
sprach? dachte sie daran, da, wenn die Welt erfuhr, wie und wessen Sohn er sei,
die Snde der Eltern ber ihn kam? Der Propst fate so die angstvoll flehenden
Blicke auf, die sie zu ihm herber warf, der tief bekmmert auf die Gruppe
schaute, die er immer gefrchtet einmal so sehen zu mssen.
    Aber jetzt raffte sich Ulrike noch einmal krftig auf und sagte mit lauter
Stimme: Mein Sohn, ich wei, da die Leiden dieser Zeit nicht werth sind der
Herrlichkeit, die an uns soll offenbaret werden! Da ich Dich auf meinem
Sterbebette segnen darf, ist ein Zeichen von der Vergebung des Himmels fr uns
Beide. Vor Gottes Thron werde ich fr Dich beten und Dich erwarten - vielleicht
kommst Du bald - - Sie sank in die Kissen zurck, zog Ulrich's Hand mit einem
letzten krampfhaften Zucken der ihren an ihr Herz und flsterte verhallend:
Vielleicht kommst Du bald - bald!
    Bald! flsterte Ulrich; ich ahne es, Du ziehst mich Dir nach!
    Das Sterbeglckchen lutete wieder - die Priorin ffnete leise das Fenster,
um eine entfliehende Seele frei in den Himmel zu lassen.
    Ulrich knieete betend an der theuren Leiche, bis er ihr die still und kalt
gewordenen Augen zudrcken konnte, dann ging er mit dem Propst.

                                 Achtes Capitel



                              Anklagen und Verhr

Mit sonderbaren Empfindungen vernahm Jacobea die Kunde von dem pltzlichen Tode
Christoph Scheurl's, von dem Verdacht, der auf seine Gemahlin fiel, und von der
Verhaftung Katharina's - jenes mit teuflischem Triumph, dieses mit ngstlichem
Erschrecken.
    Wohl war Jacobea auch an dem Besitz des Ringes gelegen gewesen, doch war er
ihr mehr Nebensache, die Hauptsache aber, da ihr Pulver, welches sie fr
Elisabeth bereitet, irgend eine schdliche Wirkung auf dieselbe habe: entweder
sie entstellte oder tdte - wenn sie auch nur gewagt hatte es Katharinen, die
nicht so verdorben war als sie, unter dem milderen Namen eines Schlaftrunkes zu
reichen. Zu einem Diebstahl, zu einer hinterlistigen Rache, wute sie, war
Katharina zu berreden; aber stets wrde sie vermieden haben, einen Mord auf
ihre Seele zu laden. War sie nun die unschuldig Schuldige? hatte sie statt an
Elisabeth, an Scheurl die Wirkung ihres Pulvers versucht, und war diese eine so
pltzlich tdtende gewesen? Was htte Jacobea darum gegeben, mit Katharinen
reden zu knnen, die nun in den Hnden der Gerichte war! Wenn nun die
Folterknechte Katharinen, die mehr schwach als schlecht war, zum ganzen
Gestndni der Wahrheit brachten - wenn sie sagte, wer ihr das Pulver gegeben,
und Jacobea selbst mit in Untersuchung kam? Wenn sie selbst gefangen wrde in
der Schlinge, die sie fr andere gelegt, wie es eigentlich Katharinen schon
ergangen war? Oder umgekehrt: wenn es gelinge, Elisabeth als Giftmischerin und
Gattenmrderin zu verderben; wenn die schne Patrizierin auch auf der Folter,
wenn auch nur aus Scham oder Schmerz gleich Andern, sich als schuldig bekennen
wrde, auch wenn sie es nicht war? Wenn sie gerichtet wrde zum Schauspiel fr
ganz Nrnberg? - Konnte sich Jacobea doch noch des Tages erinnern, wo man den
Nikolaus Muffel nicht geschont, sondern ffentlich enthauptet hatte, trotzdem
da er Loosunger war und mithin aus den edelsten Geschlechtern stammte, und
trotzdem da Kaiser Friedrich sich fr ihn verwendet hatte - konnte nicht
Elisabeth ein gleiches Schicksal haben? Gab es doch genug Feinde fr sie in den
Mitgliedern des groen Rathes, und noch mehr Feindinnen unter deren Angehrigen.
Der alte Loosunger Tucher hatte es ihr gewi noch nicht vergessen, da sie ganz
allein durch den Knig Max ihm die fr unebenbrtig gehaltene Schwiegertochter
in's Haus gebracht, noch weniger aber die Hallerin, die ihren Gatten ganz zu
lenken wute, da ihr Elisabeth beim Knig und bei allen Festen den Rang
abgelaufen - und so gab es auer jenen noch Rathsherren genug, die ihr grollten,
entweder weil sie einen Ha auf jedes Frauenzimmer warfen, das aus der
gewhnlichen engen Sphre einer Art von Hrigkeit heraustrat, oder die selbst
frher fr sich selbst oder ihre Shne vergeblich um Elisabeth geworben - und
wieder gab es auer der Hallerin noch genug Frauen, die auf Elisabeth's geistige
und krperliche Vorzge eiferschtig waren, ihr eine Demthigung recht vom
Herzen gnnten und ihrer Hoffart immer ein unglckliches Ende prophezeit hatten.
Bei solchen Verhltnissen konnte es vielleicht gelingen, wenn man die
Gelegenheit zu benutzen verstand, Elisabeth als schuldig erscheinen zu lassen,
auch wenn sie es nicht war, noch selbst gestand. Ja, selbst wenn Katharina so
schwach sein sollte, auf der Tortur ber sich selbst die Wahrheit zu gestehen,
so wrde sie doch gewi nicht zugeben, da sie den Mord vorstzlich vollfhrt,
da sie ja in der That nicht die Wirkung des Pulvers gekannt hatte, und es war
sehr wahrscheinlich, da sie ihre Gestndnisse in der Art machen konnte, da
Elisabeth zum wenigsten als ihre Mitschuldige erschien, wie es gerade damals und
namentlich auch in den angrenzenden Lndern bei den Hexenprocessen hufig
vorkam, da niedrigstehende Personen hochstehende als ihre Mitschuldigen
nannten, um vielleicht um diese Willen mit ihnen frei auszugehen. Freilich war
es auch wahrscheinlich, da Katharina nicht verschwieg, wie sie zu dem Gift
gekommen, und die Schuld auf Jacobea zu wlzen suchte - und wenn diese nun auch
entschlossen war, standhaft zu leugnen und gewi war, da Katharina keine
Beweise fr ihre Aussage finden konnte, so erschien ihr doch selbst die Aussicht
auf die Tortur, die im Hintergrund drohte, schrecklich genug.
    Aber fast gleichzeitig mit dieser Nachricht empfing sie auch die, da
Weyspriach's Burg gefallen und zerstrt worden sei, und da der Burgherr selbst
mit gefangen genommen. Martin Behaim war selbst in Irrthum gewesen, als er
Elisabeth erzhlt hatte, da Weyspriach entkommen sei und Streitberg gefangen
nach Nrnberg gefhrt; es war gerade umgekehrt - aber wie es leicht bei solchen
Ereignissen und Nachrichten und dem Erringen eines pltzlichen Sieges erging: im
Triumph, der ihm folgte, waren Namen und Personen verwechselt worden.
    Jacobea war mehr als einmal die Helfershelferin dieser Ritter gewesen, und
ihr Sturz war auch fr sie ein Schlag. Wer wei, ob nicht auch Weyspriach
Gestndnisse machte, die gefahrbringend fr sie waren. Aber sie kannte
Streitberg. Wie schlecht er auch war und keine List oder Gewaltthat scheute zur
Erreichung seiner Zwecke, Furcht oder Feigheit waren ihm fremd, und wo er jetzt
auch hingeflohen sein mochte, wie sehr er auch Ursache haben mge, Nrnberg und
die ber ihn verhngte Reichsacht zu scheuen, so wrde er nun nur um so
wthender Rache an Elisabeth zu nehmen suchen, der er alles Ueble zuschrieb, was
ihm und damit auch seinem Freund widerfahren. Streitberg war noch niemals der
Herr seiner Leidenschaft gewesen, aber er war nicht so niedertrchtig, einen
Freund und Waffenbruder in der Gefahr zu verlassen, in die er selbst ihn
mitgebracht, und wenn er jetzt sein Heil in der Flucht gesucht hatte, so war es
entweder in der Meinung geschehen, da auch Weyspriach dasselbe thun knne, oder
in der Absicht, ihn dann noch aus derselben helfen zu knnen.
    Jacobea erdachte und verwarf einen Plan nach dem andern, und endlich
beschlo sie, zu dem Juden Ezechiel zu gehen und mit ihm sich zu berathschlagen.
    Ezechiel hatte endlich zu der Ueberzeugung gelangen mssen, da es seine
eigene Tochter gewesen war, welche ihm den indianischen Raben, den er in
Verwahrung genommen, entfhrt und mit ihm Elisabeth oder die Behaim von dem Ort
in Kenntni gesetzt hatte, wohin die geraubten indianischen Schtze gekommen
wren - ja er konnte ihr kaum darber zrnen; denn dadurch allein war ja am
andern Tage das Volk abgehalten worden, die Judengasse zu strmen, und er
dadurch noch einer grern Gefahr entgangen, als die andern seiner
Glaubensgenossen, da er der specielle geheime Verbndete der Raubritter war und
man bei ihm leicht ihn verdchtigende Artikel htte finden knnen.
    Rachel hatte eingestanden, da sie diese That gethan von Angst gepeinigt,
und getrieben von der Hoffnung, gleich den erhabenen Frauengestalten aus den
Geschichten des alten Testamentes ihr Volk aus einer groen Bedrngni zu retten
und im Nothfall sich fr dasselbe zu opfern; aber sie hatte ein hartnckiges
Stillschweigen darber beobachtet, wie sie das gethan und zu wem sie die Kunde
zuerst gebracht.
    Zrnte ihr der Vater auch ber ihr eigenmchtiges Handeln, so konnte er es
doch nicht ganz verdammen, nach den Motiven, welche sie angab. Aber er nannte
sie ein ungehorsames, ungerathenes Kind, das klger sein wolle als sein Vater -
und um sich gegen diese Klugheit zu schtzen, wie er selbst sagte, hielt er sie
von dieser Stunde an eingesperrt und gestattete ihr nicht anders als an seiner
Seite das Haus zu verlassen.
    Darum hatte sie auch Ulrich eingeschlossen gefunden.
    Ein Nachbar hatte ihn kommen sehen und das Ezechiel verrathen. Ein neuer
Grund fr diesen, Rachel sorgfltig bewacht zu halten, aber auch in Verbindung
mit den Gerchten, die in der Stadt ber Elisabeth und dem Baubruder umliefen,
und die nun nicht allein von ihren Feinden verbreitet waren, zu ahnen, da
gerade er es war, welchen Rachel zum Vermittler gewhlt.
    Der Jude gehrte zu den Creaturen, die aus allen Dingen, wie nachtheilig sie
im Anfang auch scheinen mgen, am Ende doch einen Vortheil fr sich selbst zu
ziehen wissen. Eigentlich hatte seine Tochter, der er, durch Jacobea aufgehetzt,
nicht mehr hatte trauen mgen, ja ganz in seinem Sinne gehandelt, ihm in die
Hnde gearbeitet. Hatte so doch Rachel eine nchtliche Zusammenkunft Ulrich's
mit Elisabeth in ihrem eigenen Hause veranlat - wie es spter durch andere
bereinstimmende Nachrichten vor Ezechiel sich aufklrte - hatte sie so doch
ganz einfach und schnell bewerkstelligt, was seine List vergeblich bei beiden
Theilen versucht hatte, erschien es nun nach dieser Thatsache doch leicht, eine
Schuld auf Beide zu werfen - zunchst auf den Baubruder, der alle Frauen meiden
sollte, und doch zu gleicher Zeit an das verachtete Judenmdchen, wie an die
hoffrtige Patrizierin sich drngte.
    Nun hrte er pltzlich, da diese der Verdacht traf, ihren Gatten vergiftet
zu haben: wahr oder nicht, daraus mute sich ein Vortheil ziehen lassen - ja,
selbst wenn es kein specieller gewesen: fr den schadenfrohen Juden lag ein
groer Triumph darin, eine so vornehme Christin, die ihn und seine Dienste mit
Verachtung von sich gewiesen, so gedemthigt und in Gefahr zu sehen.
    Als er gleichzeitig hrte, da Weyspriach gefangen sei und Streitberg
entkommen, sank ihm freilich der Muth. Wenn Weyspriach angab, da, wo er den
Ruber und Stehler, der Jude oft genug den Hehler gemacht, so hatte er auch fr
sich selbst zu frchten. Inde vertraute er auch noch jetzt seiner Gewandtheit
im Lgen und Heucheln und dem Umstand, da er vielen Mitgliedern des groen
Rathes sich unentbehrlich zu machen verstanden und immer bei seinem Handel wie
bei seinen Handlungen die Politik verfolgt hatte, von Allen, mit denen er in
Berhrung kam, etwas zu erfahren, das sie zu verschweigen wnschten, und sie
dadurch, wie er's nannte, an's Fdchen zu bekommen, daran er, wenn nicht sie,
doch sich selbst im Nothfall halten konnte.
    Als Jacobea zu ihm kam, htete sie sich wohl ihm zu verrathen, da die
eingesteckte Katharina ihre Muhme war, und noch mehr, da es wahrscheinlich ihr
eigenes Gebru, an dem der Herr von Scheurl gestorben.
    Meinet Ihr nicht, sagte sie zu dem Juden, da wir nun dem
Steinmetzgesellen Ulrich alle seine Feindschaft wider uns vergelten knnten,
wenn es hiee, da er mit Antheil an dieser Mordthat habe? Bei den freien
Maurern ist ja Alles geheim - die haben gewi auch Geheimmittel, profane
Menschen aus der Welt zu schaffen, und machen sich gar kein Gewissen daraus,
wenn es nur nicht welche sind von ihrer Zunft Es geschieht ihnen ja nichts, wenn
sie nicht vorher aus dieser ausgestoen werden, da sie sich nach ihren eigenen
Gesetzen richten - und davon erfhrt Niemand etwas, weil es immer heien soll,
da die Baubrder besser sind als andere Leute.
    Oho! rief der Jude, habe gewartet nur bis heute, da ich habe gegeben
Bedenkzeit dem Ulrich von Straburg mir zu sein zu Willen oder zu frchten meine
Rache; habe ganz andere Dinge wider ihn zu bringen, als Ihr meint - wird bald
gekommen sein seine letzte Stunde. Ihn und den Hieronymus klag' ich an, da sie
im Benediktinerkloster haben fortgeholfen einem Mnch, der verurtheil gewesen
zum Tode; der ist dann lange verborgen gewesen in Weyspriach's Burg, wo ich ihn
habe erkannt an Sachen, die mir die Baubrder abgenommen, und habe selbst
erfahren die ganze Geschichte, die bisher nur die Leute still gemunkelt.
    Aber was wird man geben auf das Zeugni des Juden? warf Jacobea ein.
    Ezechiel lachte: Giebt es doch genug Christen, die trotzdem, da sie sich
fr etwas Besseres halten und meinen, sie wren alle Brder, und ihre Religion
zusammengesetzt aus lauter Liebe, eine rechte Schadenfreude daran haben, wenn
sie wider einen solchen christlichen Bruder knnen bses Zeugni reden, es sei
wahres oder falsches. Und zumal nun eine christliche Schwester gegen christliche
Schwestern - diesmal bin ich ganz gewi meiner Sache. Hab' ich Euch nicht einmal
gesagt, da die Frau Katharina Hallerin, da der letzte Reichstag hier war, hat
bei mir gehabt versetzt silberne und goldene Armleuchter, damit ich ihr Geld
darauf leihe - knnt' ich der erweisen einen grern Dienst als ihr Gelegenheit
zu geben, die Scheurlin zu verderben sammt dem Baubruder, der Gnade gefunden vor
ihren Augen, wie sie vor den des Knigs?
    Wohl mute Jacobea dem Juden zu einer solchen Verbndeten Glck wnschen,
deren Vertrauen sie freilich sich verscherzt, da es ihr milungen war, den
Goldschmied Albrecht Drer zur Anfertigung einer Nadel fr sie, wie die war,
welche Frau Scheurl vom Knig geschenkt erhalten, zu veranlassen. Katharina
Haller, die Gattin des Brgermeisters und die Tochter des Loosunger Holzschuher,
die hatte freilich Einflu genug, einer Anklage, die sich auf Thatsachen
sttzte, wenn sie auch aus dem Mund eines Juden kam, Gewicht zu verleihen und
Zeugen fr sie zu schaffen, wenn auch ihr Gatte eher zu den Mnnern gehrte,
welche ihre Frauen kurz hielten und die Hausfrau gern zu einer Hausmagd
herabwrdigten, als zu denen, welche sich selbst ehrten durch die Ehre, die sie
ihren Frauen erwiesen.
    Eben diese Beschrnkung und dieses Kurzhalten, welches Katharina Haller von
ihrem Gatten erfuhr, war die Ursache, welche sie in die Hnde des Juden fhrte.
Haller setzte theils eine Ehre darein zu sparen und sein Gut zu mehren - theils
glaubte er sich fr berechtigt, Alles an sich und nichts an seine Frau zu
wenden, theils hielt er auch streng darauf, da diese nicht selbst die Luxus-
und Kleidergesetze berschritt, welche der Rath gegeben hatte, da sich dies fr
die Frau eines Brgermeisters am wenigsten gezieme. Aber Katharina, im
Bewutsein, da die Mitgift einer Holzschuher viel reicher gewesen, als die
einer Behaim, fand es unertrglich von Elisabeth Scheurl wie in allen andern
Dingen, auch in Kleiderpracht und Putz bertroffen zu werden. Da ihr Gatte ihre
Wnsche hierin nicht erfllte, so suchte sie dieselben auf allerlei
Schleichwegen zu befriedigen, und als der Reichstag kam, wute sie fr sich
keinen andern Rath, als von dem Trdlerjuden, der auf Pfnder lieh, sich Geld zu
verschaffen. Natrlich durfte ihr Mann nichts davon ahnen und darum war die
Verschwiegenheit des Juden die erste Bedingung. Er hatte sie treu erfllt und
dadurch sich mehr und mehr in ihr Vertrauen geschlichen. Da sie von Eifersucht
und Neid gegen Elisabeth Scheurl erfllt war, wute der Jude wie fast die ganze
Stadt. Das war so gewesen von der Stunde an, wo Elisabeth neben ihr vom Kaiser
war erwhlt worden, als die schnste Nrnbergerin Konrad Celtes zu krnen, und
hatte sich mit jedem Triumph derselben gesteigert, wie viel mehr nicht da, als
Knig Max bei seiner zweiten Anwesenheit in Nrnberg in Scheurl's Hause Wohnung
nahm. Alle gehssigen Gerchte, welche ber Elisabeth im Umlauf kamen, gingen
theils von der Hallerin aus, theils wurden sie doch von ihr begierig aufgefangen
und mit den abscheulichsten Zustzen weiter verbreitet.
    Wie triumphirte sie jetzt, da Scheurl's pltzlicher, unerklrbarer Tod einen
schrecklichen Verdacht auf Elisabeth warf. Wie bestrebte sich die Hallerin ihn
zu verstrken, so viel sie vermochte, und mit ihrer bsen Zunge die Feindin als
das strafbarste und verabscheuungswrdigste Geschpf darzustellen, das es je in
Nrnberg gegeben. Hatte sie vorher doch schon tausendmal bereut, da sie vor
zwei Jahren dem Ritter von Weyspriach nur um einen Preis, den er sich vergeblich
bemht hatte ihr zu gewhren, versprochen hatte, Elisabeth zu sich und damit in
das Netz des Ritters von Streitberg zu locken, und da sie es trotzdem nicht
gethan; nun aber wollte sie gewi keine Gelegenheit wieder vorbergehen lassen,
Elisabeth zu demthigen, unglcklich zu machen, wo mglich ganz zu verderben.
    Schon war es ihr gelungen, ihrem Gemahl die moralische Ueberzeugung
beizubringen, da Elisabeth den Gatten vergiftet habe, indem sie sagte:
    Diesen alten Geck hat das eitle Weib doch nur geheirathet, weil er reich
war und sie an seiner Seite bertriebenen Aufwand machen konnte. Mit andern
Mnnern, wie mit dem Ritter von Streitberg und dem Poeten Konrad Celtes hat sie
nur freche Buhlschaft getrieben, ohne an's Heirathen zu denken: jener hatte
schon eine Frau und dieser konnte keine ernhren; aber das hinderte sie nicht,
sich mit ihnen einzulassen und dann schnell den Scheurl zu heirathen, damit sie
nicht etwa noch in Schande kme. Der hat es nun geduldet, da Knstler und
Gelehrte in seinem Haus ein- und ausflogen wie in einem Taubenschlag, um der
gefallschtigen Frau die Zeit zu vertreiben und ihm auf einmal den Ruf eines
kunstfreundlichen Mannes zu geben, und da der Knig ein Auge warf auf die ppige
Frau, bei der er gewi war, in allen Stcken eine zuvorkommende Wirthin zu
finden, da drckte der Mann wieder ein Auge zu, weil seine Schande ihm die Ehre
des adeligen Wappens einbrachte, und so lange hat vielleicht das Paar im besten
Einvernehmen gelebt. Aber als Scheurl dahinter gekommen, da ihr auch ein
Steinmetzgesell nicht zu schlecht ist und sie sich nicht scheut, ihn zur
Brechung seines Gelbdes zu verfhren, da ist ihm doch die Geduld gerissen.
Elisabeth aber, die nie einen Widerspruch dulden mag und die wieder nur so lange
den alten Herrn als Gemahl sich gefallen lie, als sie ihn ganz beherrschen und
nach ihren Lsten leben konnte, mag nun das Loos einer reichen Wittwe besser
gefunden haben, als einer abhngigen Ehegattin, und hat den Gemahl auf die Seite
geschafft. Du hast selbst gesagt, da er Nachts immer betrunken aus Euren
Zechgelagen heimgegangen, da mag es leicht gewesen sein, ihm einen Gifttrunk
beizubringen - und das Gift mag sie auch bei der Hand gehabt haben - sagt man
doch, da ihr Bruder Martin ein neues Schlangengift mitgebracht hat.
    Wute Haller auch recht gut, da ein gut Theil Neid und Eifersucht aus
diesen Darstellungen sprach, so gehrte er doch auch zu den Mnnern gemeinen
Schlages, die an keine Keuschheit und Tugend, am wenigsten bei schnen Frauen
glauben, eben weil sie theils selbst weit entfernt sind und in der
Verfhrungsmacht des andern Geschlechtes eine Entschuldigung fr die eigene
Unmoralitt suchen, theils auch weil sie die Frauen zu weiter nichts fhig oder
berechtigt halten, als den Mnnern zur Unterhaltung oder Pflege zu dienen. Es
schien ihm darum nicht ganz unwahrscheinlich, da seine Frau ber Elisabeth
ziemlich richtig urtheilte, und er sumte nicht, unter den Rathsherren und
Schppen diese Ansichten zu verbreiten.
    Als nun Ezechiel mit seinen Anklagen und Mittheilungen ber Ulrich zur
Hallerin kam, so fand er natrlich bei ihr nicht nur Gehr und Glauben, sondern
sie wute auch einen ihrer Vettern Bernard Holzschuher, den sie schon immer in's
Vertrauen gezogen, der selbst Schppe und einer der einst von Elisabeth
abgewiesenen Freier war, zu bewegen, da er die Anklage wider Ulrich von
Straburg und Hieronymus erhob und zwar zuerst bei dem Httenmeister der St.
Lorenzhtte; waren die Baubrder aus dieser ausgestoen, so konnte dann weiter
gegen sie verfahren werden.
    Fr Katharina Haller war es auch beschmend und qulend, da der Ritter Axel
von Weyspriach, auf dessen Aufmerksamkeiten einst sie und Beatrix Immhof stolz
gewesen, jetzt als ein Placker, Straenruber und Reichsfriedenbrecher verhaftet
war, und da man ihn, um ein Beispiel zu geben und die Macht der freien
Reichsbrger diesem herabgesunkenen Adel gegenber zu zeigen, unfehlbar zum Tode
verurtheilen und hinrichten werde. Beatrix hatte wohl persnliches weibliches
Mitleid fr ihn - Katharina kannte solche bessere Empfindungen nicht, aber sie
schmte und rgerte sich, mit einem Straenruber, der nun den Tod fr seine
Verbrechen leiden sollte, getanzt zu haben, und hate den Ritter doch doppelt,
weil er sie zu einem Bubenstck verleitet hatte, dessen Ausfhrung doch nur an
Meister Drer's Ehrlichkeit und Vorsicht gescheitert war. Wenn diese Geschichte
vielleicht noch an den Tag kam, so war sie zugleich der Verachtung und
Lcherlichkeit Preis gegeben - sie, die sich immer so ihrer Tugend und
Unbescholtenheit rhmte, gewissenhaft auf die Befolgung der kleinlichsten Regeln
der hergebrachten Sitten hielt und unbarmherzig ber Alle den Stab brach, welche
auch nur in den kleinsten Dingen davon abwichen, geschweige denn, wenn sie sich
ein wirkliches Vergehen dagegen zu Schulden kommen lieen. Katharina sagte sich,
da, wenn es mglich sei, da sie jetzt eine derartige Demthigung erfahre, sie
doch zuvor an Elisabeth noch eine grere erleben oder ihr bereiten msse - es
koste was es wolle.
    So arbeiteten die sittenstolze Patrizierin, der schmutzige Jude und die
verrufene alte Kupplerin gleichzeitig an dem Untergange der edelsten Menschen,
die damals in Nrnberg lebten, und die eben darum nur in feindliche Conflikte
mit ihren Nebenmenschen geriethen, weil sie ber die Vorurtheile derselben
erhaben und ihrer Zeit vorausgeeilt waren. -
    Indessen hatte die Untersuchung ber den Tod Christof von Scheurl's vor den
geschworenen Schppen ihren Gang.
    Elisabeth selbst hatte vermuthet, da ihr Gemahl am Abend vor seinem Tode
bei dem Propst Kre zum Nachtmahl gewesen sei. Auf Befragen besttigte dies
derselbe, und weder fr ihn noch die andern Gste hatten die aufgetragenen
Speisen und Getrnke eine schdliche Wirkung gehabt, so da man etwa auf eine
zufllige Vergiftung oder ein sonst gewaltsam herbeigefhrtes Unwohlsein htte
schlieen knnen. Martin Ketzel war mit Scheurl bis an dessen Straenecke nach
Hause gegangen und erklrte, da derselbe zwar etwas angetrunken gewesen sei,
aber nicht mehr als gewhnlich, und da ihm sonst nichts an ihm aufgefallen;
brigens gehrten beide Herren zu denen, welche versicherten, da Elisabeth
gewi vollkommen unschuldig sei, da Scheurl ihr in allen Stcken vertraut und
mit ihr einig gewesen sei - er habe ihr nie etwas in den Weg gelegt und sie ihm
nicht.
    Die gefangene Magd Katharina gab in der Angst ausweichende und
widersprechende Antworten. Sie schwor hoch und theuer, an dem Mord unschuldig zu
sein; die Frau Scheurl aber sei auf sie eiferschtig gewesen und wolle nun
deshalb die Schuld auf sie wlzen. Die Inquisitoren muten bei dieser Antwort
lachen, da das Alter und das wenig Anziehende, welches die Inquierentin noch
besa, einen solchen Fall sehr zweifelhaft erscheinen lieen - zumal im
Vergleich mit der schnen Frau Scheurl. Katharina antwortete zwar auf dieses
Gelchter, dadurch emprt mit der Behauptung, da sie beweisen und beschwren
knne, wie Herr Scheurl ihr zugethan gewesen - war aber dabei auch nicht so
schlecht, Elisabeth der That zu beschuldigen, sondern betheuerte nur ihre eigene
Unschuld.
    Man hatte in ihrer Kammer den Beutel mit Gold gefunden, welchen sie von
Scheurl erhalten; Elisabeth und andere Hausbewohner erkannten diesen als den
Scheurl's, und Katharina versicherte, da er ihr eben diesen gegeben, weil er
Gefallen an ihr gefunden. Auf die Frage, wann dies geschehen sei, antwortete sie
ausweichend, da sie das nicht genau mehr wisse.
    Der Beutel aber war das gefhrlichste corpus delicti.
    Herr Martin Ketzel erklrte auf spteres Befragen, da er diesen Beutel noch
am Abend des Nachtmahls in der Propstei bei Herrn Scheurl gesehen - die Herren
hatten gespielt, was freilich nicht mit zu Protokoll genommen ward, denn schon
hatte der immer auf Alles sorgfltig bedachte Rath gewisse Beschrnkungen, das
Kartenspiel betreffend, erlassen, das, obwohl noch nicht lange erfunden, doch
bereits in bedenklicher Weise einzureien drohte, aber die Genannten kehrten
sich selten selbst an die von ihnen erlassenen Verbote: - der Beutel konnte also
erst nach Scheurl's Heimgange in Katharina's Hnde gekommen sein.
    Als man Katharina dies in einem sptern Verhr vorhielt, verwickelte sie
sich in neue Widersprche.
    Diese zu beseitigen, hielt man damals die Tortur fr das wirksamste
Hlfsmittel.
    Katharina hielt nur den ersten Grad der grlichen Marter aus, dann errang
sie sich Erlsung von dem schrecklichen Instrument mit dem Jammerruf der
Verzweiflung:
    Ich will bekennen!
    Aber damit trachteten nur die unglcklichen Opfer unmenschlicher Grausamkeit
sich zu entziehen. Als Katharina sich wieder frei von den Eisenstangen und
Schrauben fhlte, die ihre Glieder zu zerreien drohten, frchtete sie
gleichwohl noch eben so sehr als vorher die Wahrheit zu bekennen, und um nur
etwas Neues zu sagen, sagte sie eine neue Unwahrheit.
    Sie erklrte, da sie allerdings in jener verhngnivollen Nacht den Herrn
Scheurl habe nach Hause kommen hren, und da sie dann spter noch in das
Schlafzimmer seiner Gemahlin gerufen worden. Hier habe ihr diese den Beutel mit
dem Gold gegeben und gesagt, sie solle morgen wieder abziehen und dafr dieses
Geld erhalten, wenn sie sich dem fge, ohne weiter etwas zu sagen, auch nicht
da sie noch diese Nacht mit ihr gesprochen. Sie, Katharina, habe gemeint, dies
sei aus Eifersucht der Herrin geschehen, und habe sich gefgt. Am Morgen, eben
da sie ihr Bndel habe schnrren wollen, sei das Schreckliche geschehen, und man
habe sie um dieses falschen Scheines Willen verhaftet.
    Wenn etwas hiervon sich als wahr erwies, so bekam die Sache eine andere
Wendung und der Verdacht fiel auf Elisabeth - jetzt gerade um so mehr, als
Katharina gar nicht versuchte ihn auf diese zu werfen, sondern sich auch dabei
ganz unschuldig und unbefangen stellte - in der That auch so suchte ihr eigenes
Gewissen zu beruhigen; denn Katharina gehrte eben noch nicht zu den
schlechtesten Creaturen und dachte nur an Selbsterhaltung. So lange als mglich
wollte sie diese versuchen, ehe sie ein anderes Wesen fr sich ben liee. Auch
hoffte sie, die angesehene Patrizierin werde vor dem Rath von Nrnberg einen
bessern Stand haben, als die fremde Regensburgerin.
    Jedenfalls machte diese Aussage doch ein Verhr Elisabeth's nthig,
Katharina gewann Zeit, und was in solcher Lage Alles galt: sie hatte ein paar
Tage Ruhe vor der entsetzlichen Folter und ihre geschundenen Arme und Hnde
konnten sich wieder ein wenig erholen.

                                Neuntes Capitel



                               Die freien Maurer

Am Tage, nach dem Ulrich am Sterbebett seiner Mutter gewesen, war er mit
Hieronymus der erste vor der Bauhtte; bald darauf kam der Pallirer dieselbe zu
ffnen, aber es fehlte fast noch eine halbe Stunde an der bestimmten Zeit.
    Ulrich sah aus wie nach einer durchwachten Nacht und seine Augen glnzten
doppelt schwrmerisch als gewhnlich.
    Fehlt Dir etwas? sagte Hieronymus theilnehmend; Du bist so frh
gekommen?
    Weil ich nicht wei, wie lange ich noch kommen werde! antwortete Ulrich
wehmthig. Du gehrst hier immer mit zu den Ersten, es freut mich, da Du es
auch heute bist - es drngt mich noch mit Dir zu reden.
    Du bist so feierlich! sagte Hieronymus; mir lie es auch keine Ruhe heute
Dich zu sehen - das Geschick der Scheurlin beunruhigt Dich doch wohl, auch wenn
es nur Mitleid ist.
    Nein, sagte Ulrich fest, das ist es nicht - sie ist nicht schuldig.
    Hieronymus schttelte verdrlich den Kopf: Wenn ich nicht Dein Freund wre
und Dir mehr vertraute als den Reden der Leute, so knnte ich bei dieser
Behauptung Dich doch in demselben Verdacht haben wie meine Mutter -
    In welchem? fragte Ulrich, da Hieronymus stockte, und sah ihn fest und
flammend an.
    Da es dieses Weib Dir angethan! sagte Hieronymus, und schlug doch die
Augen nieder, weil er sich dieser Aeuerung schmte.
    Ulrich lchelte: Ihr knnt Recht haben im gewissen Sinne, nur nicht etwa in
dem, der jetzt die Gemther verwirren will mit dem Glauben an Hexen und
Zauberspuk. Aber warst Du nicht der erste, der mir diese Elisabeth zeigte, nicht
nur als das schnste, sondern als das aufgeklrteste Weib von Nrnberg? Und war
es nicht in demselben Augenblick, als ich die Rose wegwarf, die aus ihrer Hand
mich getroffen? Hab' ich sie nicht gemieden wie jedes Weib, hat sie nicht
dasselbe mir gethan und hat nicht Deine Mutter gleich Dir sie gerade darum
gescholten, weil sie dadurch undankbar erschien? Ob eben durch dies Schelten,
durch diesen ungerechten Verdacht, ob durch ihre Schnheit oder durch Alles, was
ich von ihr sah und hrte, durch die Zeichen ihrer Geisteshoheit, die nur in
einzelnen Zgen und Worten sich mir offenbarten - ich wei es nicht: aber ich
habe durch sie erst eine Ahnung bekommen von der Macht und Gre des Weibes -
durch sie erst gefhlt, da unser Gelbde, seine Gemeinschaft zu fliehen, ein
schweres ist, das, wenn wir in allen Versuchungen treu an ihm fest halten, uns
Kraft geben mu, auch jeden andern Kampf im Leben oder in uns selbst siegreich
zu bestehen. Die Bewunderung, die ein schnes Kunstwerk uns einflt, die
Andachtsschauer der Verehrung, die ich zuweilen empfand, wenn ich zur
Himmelsknigin betete, das Mitleid mit dem Leiden und Dulden anderer heiligen
Frauen, denen wir Monumente und Altre weihen - das hab' ich fr diese Elisabeth
empfunden, und rechne mir diese Gefhle nicht als Snde an, um so weniger, als
ich an ihre Tugend glaube und sie meiner Verehrung wrdig finde. Ich wre nur
unglcklich, wenn ich an ihr irre werden mte. Unser Gelbde der Entsagung
bereue ich darum nicht, es erscheint mir nur in einem andern Lichte: ein
Freibleiben und Losgerissensein von irdischen Banden und Pflichten, die dem
Genius Fesseln anlegen knnen, der nur frei und allein sich entfalten kann - ein
Aufschwung und Aufstreben zur hchsten Freiheit, die sich selbst bewut an das
Ganze hingiebt und nur im Ideal Ziel und Schranken findet! - Sage mir,
Hieronymus, wenn man mich auch beschuldigt, wirst Du an mich glauben?
    Ich habe es gethan bis zur Stunde, antwortete Hieronymus, und begreife
Deine Frage nicht, noch was Dich sonst so bewegt?
    Eine Ahnung, antwortete Ulrich, vielleicht auch die feierliche
Beklommenheit, die immer ber uns kommt, wenn wir die letzte Hand an ein Werk
legen, an dem wir lange gearbeitet. Sieh', diese Halbsule mit ihrem Hochbild
vorn ist bald vollendet, fuhr er fort, auf eine solche deutend, aus der
Eichenzweige hervortraten, auf welchen ein Eichhrnchen sa, zum Sprunge
ausholend, inde von unten eine Schlange emporzischte, die Eichenbltter wlbten
sich oben zu einer Krone empor; das unschuldige Eichhrnchen braucht nicht im
Bann der Schlange zu bleiben, fuhr er fort, aber es wird doch immer so
erscheinen, es kann hher klettern, im freien Walde von Zweig zu Zweig sich
schwingen, die drohend vorgesteckte Schlangenzunge und ihr Gift verachten, kein
ekles Kriechthier vermag ihm etwas anzuhaben. So hab' ich in den Stein hinein
gedichtet, woran ich jetzt zumeist gedacht.
    Die letzten Worte hrte der Pallirer, der jetzt nher zu den Beiden getreten
war, und sagte: Seid Ihr das Eichhrnchen selbst oder hab't Ihr an eine andere
Person dabei gedacht?
    Nicht an eine bestimmte Person, antwortete Ulrich; es ist ja kein
Conterfei, sondern ein Symbol. Wer in Unschuld wandelt und doch vermag sich zu
den hchsten Hhen mit khnem Sprunge empor zu heben, den mag die Schlange
irdischer Gemeinheit und Bosheit immer zu verderben drohen - ja ihn gar einmal
verschlingen, wo er sie am wenigsten vermuthet: er war dennoch eines hhern
Looses werth!
    Der Pallirer klopfte ihm auf die Schulter und sagte: Grabet Euer Zeichen
ein, man wird bei diesem Symbole Eurer selbst gedenken! Dann wandte er sich mit
einem mitleidigen Blicke ab, als habe er schon zu viel gesagt.
    Die andern Gesellen und Lehrlinge waren einstweilen auch gekommen und das
Morgengebet ward gehalten. -
    Es war ein schwler Sommertag, eine drckende heie Luft lag auf der
Bauhtte und verbreitete in ihr einen Dunst, der Alle lssig oder beklommen
machte. Nur Ulrich gnnte sich nie eine Minute Ruhe, um sein Werk zu vollenden.
    In dem kleinen Gemach in der Htte, neben dem groen Saal, in welchem die
Steinmetzen arbeiteten, pflegte sich der Httenmeister aufzuhalten, wenn es
Geschfte zu ordnen, Contrakte abzuschlieen oder eine Untersuchung zu fhren
gab. Es war eine Art von Comptoir. Als es um die zehnte Stunde war, lie er
Hieronymus und Ulrich hinein rufen. Neben dem Httenmeister befanden sich zwei
ltere Gesellen, die, wie es schien, als Zeugen dienen sollten.
    Der Httenmeister begann zu den Beiden: Es sind schwere Anklagen wider Euch
erhoben worden. Ich frage Euch im Namen Gottes, des Sohnes und des heiligen
Geistes, der heiligen Dreieinigkeit, zu der sich die gesammte Christenheit
bekennt - ich frage Euch im Namen des heiligen Johannes, des erhabenen
Schutzpatrones und Vorbildes aller freien Maurer: wollet Ihr die Wahrheit
bekennen unerschrocken und ohne Menschenfurcht gleich ihm? wollet Ihr sie
bekennen, auch wenn sie Euch hinaus in die Wste fhrte oder in's Gefngni,
oder Euch den Tod brchte?
    Wir wollen sie bekennen! riefen Beide zugleich, aber bei Ulrich klang es
wie der entschlossene Ruf eines Mrtyrers, bei Hieronymus mischte sich etwas wie
Schreck und Furcht hinein.
    Leistet den Schwur jetzt vor mir mit Wort und Hand; was Ihr ausgesagt
hab't, werdet Ihr dann vor der ganzen Baubrderschaft noch einmal bekennen
mssen!
    Nach diesen Worten des Httenmeisters leisteten Beide den blichen Schwur.
    Ulrich ward einstweilen entlassen und Hieronymus zuerst verhrt. Du bist
sammt Ulrich von Straburg angeklagt worden, da Ihr mit ehrlosen Juden
gemeinschaftliche Sache gemacht hab't und eine Judendirne mehr als einmal
nchtlicher Weile in Eurer Wohnung gewesen ist; da Ihr mit denselben wieder im
Benediktinerkloster seid zusammen gekommen und dann einen Mnch, der darin
wohlverdienter Maaen zum Tode verurtheilt gewesen ist, befreit hab't und im
Kloster Andere dazu verfhrt, Euch bei diesem Werke zu helfen. Steh' Rede ber
das Alles.
    Hieronymus antwortete erstaunt: Das kann ich nicht, denn ich wei von dem
Allen nichts.
    Gedenke Deines Eides! mahnte der Httenmeister.
    Ich gedenke meines Eides und betheure meine Unschuld! antwortete
Hieronymus.
    Ueberlege was Du sprichst! gedenke Deines Eides! wiederholte der
Httenmeister; weit Du auch nichts von Ulrich's Schuld?
    Hieronymus schwieg und blickte zu Boden. Es herrschte eine lange Pause und
Stille - man hrte nur drauen das Feilen der Steinmetzen, das gerade jetzt wie
ein zur Andacht rufendes Gelute ineinander klang.
    Endlich sagte der Httenmeister wieder: Du weit, wir drohen mit keiner
Folter, um von den Unsern Gestndnisse zu erpressen; wir brauchen keine profanen
Mittel und Hnde, um die Wahrheit von Denen zu erforschen, die sie verbergen und
verleugnen wollen - wir kennen nur eine einzige Drohung: Wer nicht freudig die
Wahrheit redet und bekennt, auch wo sie ihm Schaden bringen kann, wer betroffen
wird auf einer Lge, wer nur im Kleinsten sich versndigt hat an der Heiligkeit
des Bundeseides - der wird ausgestoen aus der Gemeinschaft freier Maurer, die
Profanen mgen ihn richten.
    Hieronymus blickte empor und sagte flehend: Ulrich ist mein Bruder und
Freund; er hat mir das Leben gerettet mit Gefahr seines eigenen, wie Ihr wit -
ich kann nicht wider ihn zeugen.
    Damit hast Du schon seine Anklage ausgesprochen, sagte der Httenmeister
ernst; aber Du weit auch, da die Wahrheit bei uns herrschen mu ber jedes
andere Gefhl, jede andere Rcksicht; der Eid, den Du geschworen, da Du Mitglied
unseres Bundes wurdest, band Dich frher als jeder andere; Du durftest gar keine
andere Verpflichtung eingehen ohne diesen Vorbehalt - Bundesbrder sind wir
Alle; aber ber uns Allen herrscht Einer und ein einziges Gesetz, dem zu dienen
mehr gilt, als unsern Gefhlen, ja dem zu Ehren wir diese bekmpfen mssen, wenn
sie einmal mit ihm in Widerspruch gerathen wollen. Stehe Rede und Antwort -
vielleicht kann Dein redliches Bekenntni Ulrich eher retten als verderben, denn
seine Sache steht schlimmer als die Deine, und ich verlange nicht, da Du wider
ihn zeugest, sondern fr ihn, wenn Du es kannst. Gedenke Deines Eides!
    Hieronymus begann: Ein Judenmdchen, Rachel, hat ein paar Mal versucht sich
an uns zu drngen, und da wir einmal bei einem Straenlrm vor unserm Hause
ihrem Vater, dem alten Ezechiel, Hlfe leisteten, da er sonst wre von
Betrunkenen erschlagen worden, hatte sich seine Tochter in unser Haus
geflchtet, und Ulrich sperrte sie dort allein in eine dunkle Kammer, bis sie
ungefhrdet heim gehen konnte. Wohl fand ich es unrecht, da er das Mdchen so
lange duldete, da er uns dadurch in Schande bringen knne. Zwei Tage darauf
wurden wir in das Benediktinerkloster gesandt und dann hat Ulrich nicht mehr bei
mir gewohnt. Das Mdchen hatte damals einen Ring verloren, den Ulrich ihrem
Vater in der Wirthschaft des Klosters wieder zugestellt hat; aber weiter hat er
keine Gemeinschaft mit den Juden gehabt.
    Der Httenmeister frug weiter: Und was hab't Ihr im Benediktinerkloster
gethan - auer der Arbeit, die Euch zukam?
    Ich wei von nichts, antwortete Hieronymus.
    Hast Du nicht den Mnch Amadeus schon vorher gekannt, der das
Weihbrodgehuse zertrmmerte?
    Gekannt? - nein!
    Auch Ulrich nicht? auch nicht gesehen?
    Gesehen - ja, antwortete Hieronymus nach einigem Zgern; Ulrich's Schwert
war vor Jahren im Gedrnge an dem Rosenkranz des Mnches hngen geblieben, er
hatte sein Kreuz verloren, das Ulrich bewahrte, um es ihm wieder zu erstatten.
    Der Httenmeister lchelte unglubig; Ihr hattet Glck im Finden! - Wie
seid Ihr im Kloster mit Amadeus in Berhrung gekommen?
    Wenn es eine Berhrung war: als seine Anklger. Wir sahen, da das
Tabernakel gewaltsam zerstrt war - da hat er sich selbst als schuldig bekannt;
als wahnsinnig ist er im Gefngni an die Kette gelegt worden - weiter wei ich
nichts von ihm.
    Kanntest Du den Novizen Konrad?
    Er begrte uns als Baubruder - ich mitraute ihm, weil er von unserer
freien Kunst der Mncherei sich zugewendet, gleichviel ob es aus freiem Willen
geschehen oder aus Strafe.
    Aber Ulrich traute ihm?
    Allerdings - es schien so.
    Ihr seid schon zwei Mal angeklagt gewesen, Euch in Hndel mit Raufbolden
und Raubrittern eingelassen zu haben, die Frau von Scheurl zu beschtzen,
begann der Httenmeister ein anderes Thema; das erste Mal hat unser kniglicher
Bruder Max Euch selber freigesprochen, zum andern Male hat man es Euch um
deswillen nachgesehen und Ihr seid mit einem Verweis und einer Verwarnung, nicht
unntz das Schwert zu ziehen, davon gekommen - weit Du, ob Ulrich sich weiter
mit diesem Weibe eingelassen?
    Ich wei es nicht, antwortete Hieronymus; Ihr wit, wir haben seit
Monaten nicht mehr zusammen gewohnt.
    Geh' an Deine Arbeit! Wir werden weiter erfahren, ob Du die Wahrheit
geredet.
    Nachdem Hieronymus mit diesen Worten entlassen war, ward Ulrich zu dem
Httenmeister berufen.
    Er wiederholte ihm die vorige Anklage und fgte hinzu: ich hoffe, Du wirst
bekennen, wie Hieronymus auch bekannt hat.
    Hieronymus! rief Ulrich, er ist unschuldig; Alles, was Ihr mir da
vorhaltet, ist allein mein Verbrechen - wenn es eines ist. Und Ulrich
schilderte wahrheitsgetreu, wie das Judenmdchen seinen Beistand fr Andere
angerufen, wie er selbst in jener Nacht sie beschtzt habe, weil er in ihr das
edle Streben erkannt, das Unrecht zu verhten, da ihr Vater oder andere Leute,
von denen sie es erfahren, an Andern, an Christen hatten begehen wollen, und wie
er, um Hieronymus vor jedem falschen Verdacht zu bewahren, von diesem gezogen
sei. Ich meine, ich habe kein Gelbde gebrochen, fgte er hinzu, da ich
dieses Judenkind anhrte; so oft es kam meine Hlfe zu fordern, war es fr
Andere - und sonst habe ich keine Gemeinschaft mit ihm gehabt, mich fern und
frei gehalten von allen Dingen, die wider unsere Statuten verstoen.
    Aber Du und Hieronymus, fragte der Httenmeister, Ihr habt Amadeus
befreit; leugne nicht, denn ich wei es, und Du wirst wohl ahnen, durch wen.
    Ulrich blickte auf und sagte nach einer Pause: Ich that es, aber ich
allein, Niemand auer mir hat daran eine Schuld; Hieronymus hat aus Freundschaft
gelogen, wenn er sich dazu bekannt - er kann nur durch Eure Fragen das erste
Wort davon erfahren haben.
    Und wie konntest Du Dich dessen erfrechen, sagte der Httenmeister streng,
wie Dich unterstehen, Dich so aufzulehnen wider die Entscheidung eines
geistlichen Gerichtes und der Gerechtigkeit des Klosters ein Opfer zu entziehen?
Wer eines solchen Verbrechens fhig, wie Du jetzt eingestanden, der wird keinen
Gehorsam, kein Gebot der Kirche oder unserer Brderschaft mehr heilig halten,
der mu ausgestoen werden aus der Bauhtte, die von ihren Mitgliedern Reinheit,
Gehorsam und Treue fordert. Doppelt hast Du Dich versndigt, denn der, dem Du
aus dem Kloster halfst, war nicht allein ein Verbrecher an seinem Orden, sondern
auch an uns, den Dienern der geweihten Kunst, da er eines ihrer herrlichsten
Werke aus schndlichem Muthwillen zertrmmerte; solch' ein Scheusal von einem
Menschen -
    Das ist er nicht - haltet ein! rief Ulrich auer sich.
    Er ist es! donnerte der Httenmeister, und Du bist es mit, weil Du es
wagen kannst, ihn zu vertheidigen, es wagtest, um dieses Ungeheuers Willen nicht
nur den heiligen Klosterfrieden zu brechen, sondern auch Dein Gelbde und damit
den ganzen erhabenen Bund der Maurerei in Dir und durch Dich, als einem ihrer
Gesellen zu schnden. Du brauchst Dich nun nicht mehr zu scheuen, Alles zu
gestehen, denn Du kannst nichts mehr sagen, das Dich unseres Bundes unwrdiger
machte, als diese That! - Geh' hinaus und zertrmmere auch Dein letztes Werk,
und dann leugne noch, da Du ein Verbrechen begangen, indem Du den Meiel
gebrauchtest, diesen Heiligthumschnder zu befreien - oder hast Du auch nur ein
einziges Wort zu Deiner Entschuldigung zu sagen?
    Nur ein einziges! antwortete Ulrich tonlos.
    Nun?
    Amadeus wre frei ausgegangen, wenn ich nicht an dem Tabernakel die
Frevlerhand erkannt und auf Untersuchung gedrungen htte. Ich war an seinem
Loose schuld.
    Das hatte Dich nicht zu kmmern, Du hattest recht daran gehandelt und die
Strafe war des Snders wrdig - das ist keine Entschuldigung fr Dich.
    Nun denn, ich habe Wahrheit geschworen - Ihr sollt sie haben; besser, da
ich so selbst ein unschuldig Schuldiger den Stab ber mich breche, als da Ihr
es thut. Mein Gestndni wird mich nicht retten - aber vielleicht rettet es das
Werk meiner Hnde, und Ihr erlat mir die Strafe, die Ihr drohtet. In demselben
Augenblick, da ich den Frevler am Tabernakel angeklagt, erfuhr ich, da ich der
grere war - ich entdeckte in ihm meinen Vater.
    Der Httenmeister hrte dies voll Verwunderung und sagte: Das ist eine
sonderbare Ausflucht; - sie ndert auch nichts an der Thatsache.
    Ich mag dieselbe Strafe verdienen nach den Gesetzen, sagte Ulrich, aber
vor menschlich fhlenden Herzen und christlichen Brdern verdiene ich
Entschuldigung. Ich allein trage die Schuld und bin Verantwortung schuldig; wenn
man Andere angeklagt hat, als htten sie Theil daran, so hat man sich vom
Scheine tuschen lassen - ich habe keine Genossen und Helfershelfer dabei
gehabt, auer solchen, welche nicht wuten, um was es sich handelte.
    Hieronymus, der Novize Konrad und sogar - der Propst Kre sind mit Dir
angeklagt! sagte der Httenmeister. Jene haben Dir geholfen Amadeus aus dem
Kerker zu befreien, und dieser hat ihn hier bei sich versteckt. Ich sage Dir
dies, damit Du nicht durch unntzes Leugnen die Sache in die Lnge ziehst.
    Ulrich gerieth in Feuer: Ich will es beschwren mit jedem heiligen Eid:
Hieronymus ist unschuldig! Konrad hat nichts gethan, als mir den Weg zu Amadeus'
Gefngni gezeigt, ohne meine Absicht zu kennen, und der Propst - nun, Ihr wit,
der ehrwrdige Herr hat eine einzige Schwche - er war nicht nchtern, da ich
und Amadeus ihn auflauerten und ihn zwangen, uns in der Propstei eine Nacht zu
behalten. Werdet Ihr nicht lieber mich, als den allein oder doppelt Schuldigen
bestrafen wollen, denn zugeben, da ber diese menschliche Schwachheit unsers
Gottesjunkers verhandelt werde? Mglich, da er Euch lieber alles Andere
eingesteht, denn da er trunken war und seiner Sinne nicht mchtig; aber ich
kann es beschwren; es war so. Und nun bekannte Ulrich aufrichtig, aber alle
Mitschuld der Andern mit auf sich nehmend, Alles ohne Rckhalt, was er gethan
hatte.
    Du hast also selbst das Vergehen eingestanden, sagte der Httenmeister.
Du mut an das geistliche Gericht abgeliefert werden, wir haben nichts weiter
mit Dir in dieser Angelegenheit zu thun. Aber es giebt noch andere Anklagen
wider Dich. Man beschuldigt Dich nicht nur, da Du das Judenmdchen habest
verfhren wollen, sondern da Du Dich an die Frau von Scheurl gedrngt, oder
Dich hast von ihr verfhren lassen - vielleicht zum Ehebruch - vielleicht zum
Mord -
    Einen Augenblick erbleichte Ulrich, denn diese Anklage kam ihm doch
unerwartet. Stolz sagte er: Solch' ungerechter Anklage gegenber habe ich keine
Antwort, als meine Unschuld zu beschwren. Seine weiteren Aussagen ber diesen
Punkt stimmten mit denen des Hieronymus, und dann fgte er hinzu, da er nur
einmal in Scheurl's Hause gewesen sei und mit der Hausfrau allein gesprochen
habe, als er ihr den indianischen Raben gebracht, den das Judenmdchen ihm fr
Jene bergeben.
    Der Httenmeister glaubte Ulrich gern, denn er hatte ihn, seit er in der
Lorenzkirche arbeitete, gleich sehr als Menschen wie als Knstler schtzen
lernen, und ihn oft den andern Steinmetzen als Muster vorgestellt; aber hher
als der Einzelne stand ihm das Ganze der Brderschaft und die gewissenhafte
Aufrechterhaltung ihrer Statuten. Er sagte:
    Ich habe dem geistlichen Inquisitor, der Dich vorladen lie, die Antwort
gegeben, da Du ihm heute Abend ausgeliefert werdest - wenn wir Dich schuldig
befunden, als ein Ausgestoener aus unserm Bunde; wenn wir Beweise fr Deine
Unschuld haben, aber als einen der Unsern, den wir vertreten werden vor Kaiser
und Reich, und dem kein Haar gekrmmt werden darf, es sei denn, da unsere
oberste Behrde, der Maurerhof zu Straburg, zuvor sein Urtheil gefllt. Drauen
lutet jetzt die Mittagglocke - whrend die Andern gehen, bleibe hier und
erwarte Dein Urtheil.
    Darauf entfernte sich der Httenmeister mit dem einen Beisitzer, der andere
blieb als Wchter fr Ulrich und Hieronymus zurck.
    Die Freunde umarmten sich schweigend, da man sie wieder zusammen lie.
    Dir kann nichts geschehen! sagte Ulrich freudig, Du bist unschuldig.
    O httest Du mir mehr vertraut, klagte Hieronymus, ich htte Dich besser
vertheidigen knnen!
    Ulrich schttelte mit dem Kopf: Von dem Augenblick an, da ich fhlte, da
der Schein gegen mich zeugen und mich verderben konnte, mute ich Dich meiden,
mich von Dir zurckziehen, damit ich Dich nicht mit in meinen Sturz verwickelte.
Nun begreifst Du wohl, warum es den Anschein hatte, als sei meine Freundschaft
fr Dich erkaltet - aus Freundschaft mut' ich Dich meiden, und das Band
lockern, das uns umschlang.
    Hieronymus konnte kaum sprechen und weinte an dem Halse seines Kameraden;
als er sich wieder von ihm losmachen wollte, hielt Ulrich seine Hand fest und
sagte: La mir jetzt die Hand noch, die vielleicht in der nchsten Stunde sich
mir als einem Ausgestoenen und Beschimpften fr immer entziehen mu. -
    Als der Pallirer wieder kam und die Glocke zur Arbeit rief, durften auch die
beiden Baubrder wieder mit an die ihrige gehen. Ulrich war es dabei wunderbar
zu Muthe. Vielleicht war dies seine letzte Arbeitsstunde, vielleicht schwang er
zum letzten Male den Meiel und lenkte das Richtscheit, vielleicht war er zum
letzten Male in der Htte, vielleicht war er in der nchsten Stunde kein
Baubruder mehr - mit Schimpf und Schande ausgestoen aus dem geweihten Bund! Und
seine ganze Seele hing an ihm - schlimmer als Tod war es, wenn man ihn ausstie
- und doch sah er kein anderes Loos vor sich; aber war es ihm nur gelungen,
dadurch, da er die Schuld auf sich allein nahm, die drei andern Mitangeklagten
als Unschuldige darzustellen, so fhlte er in sich einen freudigen Triumph, der
ihn wenigstens auf Augenblicke sich selbst vergessen machte.
    Da in dem Verhr, als Ulrich Amadeus seinen Vater nannte, der Httenmeister
nicht weiter danach gefragt, das befremdete Ulrich. Seitdem er gestern am
Sterbebett seiner Mutter gewesen, um ihren letzten Wunsch zu erfllen, dadurch
allen Zwang von sich werfend, den er bis jetzt sich angethan und seinem
kindlichen Gefhl - seitdem war er darauf gefat gewesen, da er ber seine
Eltern verhrt werden wrde. Nun hatte man diese Frage gegen ihn gar nicht
berhrt, da doch seine Erklrung, da Amadeus sein Vater sei, schon eine Art von
Gestndni war. Strahlte nicht hierin ein Hoffnungsschimmer? Hatte nicht
vielleicht der Propst Kre einen Beweis gesucht und gefunden, da Amadeus und
Ulrike durch Priestersegen verbunden waren? Gab es fr ihn wirklich noch eine
Rettung? Der Ertrinkende in einer Fluth von Unheil sieht in der schwimmenden
Strohhre einen Rettungsanker.
    Da es ein Samstag war, so ward an diesem Tage eine Stunde frher als sonst
zum Feierabend gelutet.
    Als alle ihre Werkzeuge weggelegt hatten, pflegten sie noch zusammen zu
bleiben, weil an diesem Tage jedem der Wochenlohn ausgezahlt ward. Da die
Strafen fr kleinere Vergehen wie Betrinken, Sichverspten, Schimpfen u.s.w.
meist in Lohnentziehungen bestanden, die dafr in die allgemeine Bchse flossen,
oder in Wachs, das von den Strafbaren abgeliefert werden mute, so wurden auch
diese bei derselben Gelegenheit mit den blichen Ermahnungen zur Besserung mit
ertheilt.
    Darauf erklrte der Httenmeister, da das geistliche Gericht Anklage
erhoben habe wider Hieronymus und Ulrich von Straburg - da man aber keinen
Grund habe an der Unschuld des ersteren zu zweifeln, daher derselbe nach wie vor
daheim bleiben und ruhig zur Arbeit kommen solle. Ulrich von Straburg aber, der
sich selbst als schuldig angegeben, solle den drauen harrenden Dienern des
Gerichts bergeben werden.
    Wir und die Haupthtte zu Straburg, fuhr der Httenmeister fort, sind
ber ihn und seine Herkunft getuscht worden durch falsche Zeugnisse; es bewhrt
sich nicht nur an ihm, da Gott die Snden der Vter heimsucht an den Kindern,
sondern auch, da kein Frevel an der Wahrheit ohne Entdeckung und ohne Rache
bleibt. Ulrich von Straburg war von je ein Unehrlicher und Unreiner, der nicht
in unsern reinen Bund gehrt: sein Vater war ein Mnch und seine Mutter eine
Nonne -
    Haltet ein! rief Ulrich, als er auf allen Gesichtern Spuren des Abscheus,
der Verachtung oder des Spottes sah; haltet ein, meine Eltern solchen Frevels
zu beschimpfen; ein grausames Geschick hatte sie getrennt, und sie whlten das
Kloster erst vor zwlf Jahren, um zu ben und zu entsagen.
    Es mag so sein, sagte der Httenmeister, aber Dir geziemt zu schweigen;
Du bist ausgestoen aus unserem Bund! ein Unreiner, der niemals daran htte
Theil nehmen sollen. Lege dein Werkzeug hin und kniee nieder.
    Ulrich gehorchte schweigend, sein Antlitz ward todtenbla und er suchte es
in seinen Hnden zu verbergen.
    Der Httenmeister stie ihn mit dem Fue noch tiefer nieder, schritt ber
ihn hinweg, spie ihn an und sagte: Du Unreiner! wir haben keinen Theil an Dir!
Unsere Htte ist beschimpft und entweiht unsere heilige Kunst, wenn wir Dich
noch lnger unter uns dulden. Mgen Dich die Profanen richten, wie Du es
verdienst, uns bist Du nichts mehr, denn Du bist uns zum Schandfleck geworden,
und Dein Steinmetzzeichen wird vertilgt werden, wo man es nur findet!
    Bei den letzten Worten war es Ulrich, als zertrete der schwere Absatzstiefel
des Httenmeisters sein Haupt - einen solchen Schmerz fhlte er innerlich bei
diesem Spruch in dem Sitz seiner Gedanken, die hochaufstrebend schon
Unsterbliches geschaffen und noch mehr zu schaffen gehofft - aber schon
schritten der Werkmeister und der Pallirer auch ber seine zu Boden geworfene
Gestalt und wiederholten denselben Spruch:
    Wir haben keinen Theil an Dir!
    Und so folgten alle Gesellen mit demselben Spruch, schritten ber Ulrich und
spieen ihn an.
    Jetzt kam auch Hieronymus an die Reihe. Er zgerte; da traf ihn ein
prfender Blick des Httenmeisters - Hieronymus mute; wenn er nicht that wie
die Andern, so machte er sich zu dem Mitschuldigen und Genossen des
Ausgestoenen. Noch bleicher als dieser, der fr den Freund errthete, ward
Hieronymus Antlitz, als er ber ihn hinweg schritt und zitternd stammelte:
    Ich habe keinen Theil an Dir!
    Diesmal war es Ulrich, als habe der Futritt sein Herz getroffen und
zertreten. Mochten nun noch die Lehrlinge, die unmndigen Knaben, ihre Fe ber
ihn heben und ihn beschimpfen; mochte nun noch mit ihm geschehen was da wollte -
er hatte das Aergste erlebt: der Freund, fr den er sein Leben hatte opfern
wollen, der jetzt nur, weil Ulrich alle Schuld auf sich allein nahm, ganz frei
ausging - der hatte auch sagen knnen: Ich habe keinen Theil an Dir! Wen gab
es denn nun noch, an dessen Theilnahme er glauben durfte? -
    Die traurige Ceromonie, die an diesen Akt der Ausstoung sich knpfte,
whrte zwar lange, aber endlich war sie doch vorber.
    Zwei Steinmetzgesellen hoben Ulrich auf und begleiteten ihn zur Thre, ihm
diese ffnend. Dann stieen sie ihn mit den Fen hinaus auf den Platz, auf
welchem die Gerichtsdiener seiner mit Ketten harrten, und sagten: Nehm't ihn
hin! er ist kein freier Maurer mehr - wir haben keinen Theil an ihm! -

                                Zehntes Capitel



                                 Todesurtheile

Elisabeth war in ihrem eigenen Hause eine Gefangene - sie erklrte selbst es
sein zu wollen, bis auch jede Spur des entsetzlichen Verdachtes von ihr
genommen, den die Bosheit auf sie geworfen. Wie gro auch das Ansehen war, in
welchem das Geschlecht der Behaim stand, gerade jetzt, da Martin diesen Namen
auch im Ausland zu hohen Ehren gebracht hatte: so gewannen doch jetzt tglich
Elisabeth's Feinde mehr und mehr Oberhand im Rath, und selbst die meisten Mnner
und Frauen, die ihr frher gehuldigt und geschmeichelt, verlugneten sie jetzt
um so mehr, damit man im Fall, da Elisabeth wirklich verurtheilt werde, es
vergesse, da sie einst mit ihnen freundschaftlich verbunden gewesen.
    Nur Ursula und Clara Pirkheimer waren unter den Nrnbergerinnen ihr treu
geblieben und suchten ihr im Leide beizustehen, wenn nicht mit Rath und Trost -
da sie selbst oft weniger hatten, als die geistesklare Elisabeth, doch mit den
Beweisen ihrer Treue und einer Anhnglichkeit, die eben erst jetzt die erste
Gelegenheit fand sich zu bewhren.
    An dem Tage, an welchem Elisabeth in das Verhr beschieden ward, war Ursula
auch bei ihr und sagte:
    Knig Max hat einen Tag nach Augsburg ausgeschrieben zum Vergleich zwischen
Herzog Albrecht den Baiern und dem Kaiser Friedrich. Mein Eheherr brachte mir
diese Kunde und er hofft, da der Knig binnen Kurzem in Augsburg sein werde.
Dorthin will er reiten und dem Knig sagen, wie die Nrnberger gegen Dich
verfahren, und er wird keinen Augenblick zgern ihnen bessere Sitten zu lehren
und Dich zu beschtzen. Aber sollte Stephan vielleicht den Knig nicht treffen
oder nicht selbst bei ihm Gehr finden, so gieb ihm die Nadel mit, die er Dir
einst schenkte - jetzt ist es Deine Pflicht sie zu benutzen.
    Elisabeth blickte stolz und zrnend auf: Welch' ein Vorschlag! rief sie.
Was kann mir an einem Schutz liegen, der nicht ein Schutz meiner Ehre ist? Und
wie mchte eine Brgerin dieser freien Reichsstadt ein gekrntes Haupt anrufen,
dem Nrnberger Rath Vorschriften zu machen, die dieser nicht bedarf? Fr Euch
giebt es keinen Schutz als meine Unschuld, und keine Rettung als durch sie.
    Ursula sagte: Gewi wird sie einst an den Tag kommen, aber wer wei, ob
sich die Sache bald aufklrt! Wenn ein Frwort des Kaisers es nur dahin bringt,
da man -
    Elisabeth schnitt die Rede vom Munde der Freundin ab und ergnzte sie in
ihrer Weise: Da man ein Recht habe zu sagen: Da ist es doch erwiesen, da
Elisabeth Scheurl des Knigs Buhlerin gewesen - wie nhme er sonst die
Giftmischerin in seinen Schutz? Kein Wort mehr davon! Es ist wahrlich nicht
leicht fortzuleben unter der Wucht dieses entsetzlichen Verdachtes, jeden
Augenblick bereit vor rohen und hmischen Richtern zu stehen, die nur darauf
lauern, ein stolzes Weib zu demthigen: aber leichter ist es noch, als wie sich
ihnen nur durch fremde Frsprache zu entziehen, welche der Bosheit neue Waffen
in die Hand drckt und uns vor uns selbst erniedrigt.
    Elisabeth blieb fest bei dieser Antwort, was auch Ursula noch dagegen reden
wollte. Wenn man nun doch keine Schonung fr Dich kennt! rief sie angstvoll,
wenn man es wagen sollte Deinen zarten Leib der Folter auszusetzen - neben all'
ihren Qualen den tausendmal entsetzlicheren durch die Blicke und Berhrungen der
grlichen Folterknechte! - Wenn wir nun gar nichts weiter vom Knig erflehen
wollten als seine Frsprache, Dir das zu ersparen?
    Wohl schauderte Elisabeth, aber sie antwortete: Gegen solche Entehrung wird
mich dieser Dolch beschtzen! - und sie zeigte einen solchen, den sie verborgen
in ihrem Trauerkleide trug; aber ich hoffe noch, da mich dagegen auch die
Frsprache meiner Brder, Deines Gatten und Vaters und ein paar anderer, mir
noch ergebener Rathsherren bei den Schppen schtzt! Nicht mit einer andern
Entehrung will ich vor der einen mich retten! - Ursula, ich beschwre Dich! wenn
die Gefhle der Dankbarkeit, die Dich fr mich beseelen, wie Du mir immer sagst,
Dich antreiben etwas fr mich zu thun, so la es das sein, da Du Deinen Gemahl
abhltst, zum Knig zu eilen und ihm von meinem Unglck zu sagen. Es ist noch
ein Trost fr mich, wenn er wenigstens es nicht kennt, nicht ahnt, was der Frau
geschehen, die er vielleicht gerade darum vor Andern auszeichnete, weil sie ihn
zwang an weibliche Tugend zu glauben!
    So mute Ursula traurig auf ihren Vorschlag verzichten, in dem sie einen
Rettungsschimmer fr die Freundin gesehen, der sie das ganze Glck ihres Lebens
dankte.
    Von ihrem Bruder Georg begleitet war Elisabeth auf das Rathhaus in's Verhr
gegangen. Wer die schne Frau so gehen sah im kohlschwarzen dunklen Trauerkleid,
Hals und Arme von Krepp umschlossen, und vom Haupt herab fast die ganze Gestalt
mit einem wallenden Kreppschleier umhllt - der mute immer gestehen, da in
dieser majesttischen Haltung und dem festen Gange, den sie angenommen, kein
Schuldbewutsein lag.
    Trotz aller Mhen ihrer Feinde war nichts aufgefunden worden, sie bestimmt
des Mordes ihres Gatten zu zeihen, aber eben so wenig sie von dem Verdacht
desselben zu entbinden.
    Sie beantwortete alle an sie gerichtete Fragen mit einfacher Krze und
Wrde, und da sie sich in nichts widersprach, so konnte auch der gegen sie
erhobene Verdacht keine Steigerung finden. Die Aussage Katharina's: die
Geldbrse Scheurl's von seiner Gattin erhalten zu haben, wies sie als freche
Lge zurck. Sie war bereit, ihre Aussagen wie ihre Unschuld zu beschwren,
erklrte aber selbst, da sie, bis die schauderhafte That an das Licht gekommen,
und ihr und dem Namen ihres Gatten vollkommen Gerechtigkeit geworden, ihr Haus
nicht verlassen werde.
    Der Eindruck, den ihre Erscheinung in ihrer ruhigen Sicherheit und
weiblichen Majestt machte, war doch ein solcher, dem keiner der Schppen und
Rathsherren, die mit im Verhrzimmer waren, sich entziehen konnte; es wagte
keiner, ihr mit der Folter zu drohen, oder auch nur mit Ketten und Gefngni;
sie lasen auf ihrer reinen Stirn die Reinheit ihres Gewissens, sie behandelten
sie mit Achtung, trotz allen Vorstzen, welche Einige vorher daheim gefat, ihre
Verachtung der stolzen Frau empfinden zu lassen und sie recht tief in den Staub
zu treten. Sie ging so stolz und frei fort, wie sie gekommen - und doch auch so
niedergedrckt und bange athmend: denn sie war ebenso wenig frei gesprochen
worden als schuldig erklrt.
    In diesem Zustand verging ein Tag nach dem andern. Denn nur in gewissen
Fllen bte der Rath von Nrnberg schnelle Justiz: wenn es nmlich seinen Ruf
und sein Recht nach Auen zu wahren galt, namentlich dem Adel, Frsten und
Herren und unruhigen Grenznachbarn gegenber. Dann eilten die gestrengen Herren
von Nrnberg zu zeigen, da Niemand sie ungestraft krnken und beleidigen drfe,
und da sie sehr wohl die Leute wren, auf Ordnung zu halten im Reich, sich
selbst Recht zu sprechen und zu schtzen gegen die Uebergriffe Solcher, die sich
dnkten mehr zu sein als die ehrsamen Reichsbrger, und von diesen doch nur
Placker und Straenruber, Landfriedenbrecher und Ritter von Habenichts genannt
wurden, wenn sie auch noch so stolze Embleme in ihrem Wappen fhrten.
    Diese schnelle Justiz erfuhr der Ritter Axel von Weyspriach an sich. Es war
erwiesen und er selbst hatte gar kein Hehl daraus gemacht, da er lange Zeit in
seiner Veste nur von Straenraub gelebt, und da er den friedlichen
Handelsleuten, die aus oder nach Nrnberg ihre Wagen und Waaren an dem ihm
zugehrigen Wald vorberfhrten, aufgelauert und einen Theil ihrer Waaren oft
als Lsegeld genommen hatte, da er die Leute selbst ungefhrdet ziehen lie
oder ihnen nicht Alles nahm. Oft jedoch waren seine Ausflle minder gemthlicher
Art, und es kam dabei auf einige Todte nicht an, wenn durch solchen Raubmord nur
ein eintrgliches Geschft gemacht ward. Ja, die meisten Ritter rechneten sich
solche Thaten nicht etwa als verbrecherisch und ehrlos an: im Gegentheil,
dergleichen war ihnen mehr ein Scherz, ein Recht des Strkeren, ein Sieg ihres
ritterlichen, khnen Unternehmungsgeistes, dem stillen Krmergeist der Stdter
gegenber; den Spiebrgern geschah ganz recht, wenn sie um ihr Eigenthum kamen
- warum wollten sie jetzt so hoch hinaus und es in Allem dem Adel gleich oder
zuvor thun! Ja, diese Raubanflle steigerten sich um so mehr zum Heldenthum, als
sie jetzt durch den von Kaiser Friedrich gegebenen und vor Kurzem auf neue acht
Jahre verlngerten Landfrieden, auch eine Auflehnung waren gegen Kaiser und
Reich. Die trotzigen Ritter, die sich durch die neue, zu Gunsten des Brgerthums
sich wendende Ordnung der Dinge in ihren Rechten sehr beeintrchtigt sahen,
setzten eine Ehre darein, zu beweisen, da sie sich an kein neues Gesetz zu
binden brauchten und da sie noch zeigen wollten, wer mehr Macht habe im Lande:
die Brger oder der Adel - und die Gefahr reizte nur zu um so frecheren
Handlungen.
    Als Weyspriach und Streitberg mit dem Fhrer jenes Waarentransportes von
Augsburg zusammengetroffen waren, der so wundersame Geschenke fr die Behaim und
Scheurl enthielt, so geschah es im doppelten Interesse, ihn aufzulauern: einmal
um dieser Gegenstnde Willen, und dann um sich dadurch an Elisabeth zu rchen.
Das ahnten sie freilich nicht, da nun die Herren von Nrnberg einmal Ernst
machen wrden, die Ritter als Thter entdecken, verklagen, belagern, in die
Reichsacht erklren - und schlielich wirklich in ihre Gewalt bekommen.
    Als der Raub geschehen war und die Ritter nicht alle Kisten mit sich hatten
fortschleppen knnen, waren einige derselben im Walde vergraben worden, um sie
einmal bei gelegener Zeit mitzunehmen. Ezechiel und Rachel waren gerade auf
einer ihrer Wanderungen ber Land vorber gekommen, und man hatte den Juden, um
sich seiner zu versichern, zum Theilhaber an dem Verbrechen gemacht. Damit er
schweige, hatte man ihm einen Sack mit werthvollen Kleinigkeiten geschenkt, und
unbedacht auch den indianischen Raben, den Rachel aufgefangen. Nicht lange
darauf mochten ihn Leute, die bei Ezechiel Geschfte hatten, dort bemerkt haben;
aber die Christen, welche dies thaten, schmten sich einzugestehen oder selbst
zu verrathen, da sie mit dem Juden in irgend welcher Berhrung waren, und so
verbreitete sich nur ganz im Allgemeinen und ohne bestimmte Angabe das Gercht:
die Juden htten die indischen Schtze. Ezechiel selbst war gerade ber Land auf
ein paar Tage, als das Murren des Volkes wider die Juden drohend ward. Rachel's
Bruder Benjamin wollte den Vogel, der zum Verrther werden konnte, erwrgen und
vergraben; Rachel war aber mit ihm verschwunden, und wagte doch erst lange nicht
zu gestehen, wie und durch wen sie ihr Volk gerettet. -
    Da Weyspriach gefangen in Nrnberg war und ihm in der Eile der Proze
gemacht ward, suchte er sich wenigstens noch dadurch zu rchen, da er Alles an
das Licht brachte, was vielleicht die Nrnberger Herren in einige Verlegenheit
setzen konnte. Er erklrte den Juden Ezechiel als seinen Verrther, nachdem er
den Helfershelfer gemacht, da Niemand als er in Nrnberg wissen konnte, wohin
man die Kisten gebracht - er habe es wohl der Frau Haller gesagt, deren
ergebener Diener und Freund er ja sei. Ebenso werde es wohl die alte Jacobea
gewut haben, in deren Hause die Frau von Scheurl schon manches verliebte
Abenteuer mit dem Steinmetzgesellen gehabt, und von deren Hand sie
wahrscheinlich auch das Gift empfangen habe, mit dem sie ihren Gemahl beseitigt
- denn darauf verstehe sich die alte Hexe wie Niemand sonst.
    Die Folge dieser und anderer Aussagen von ihm war, da man wenigstens den
Juden Ezechiel und die alte Jacobea einziehen mute. Inde konnte doch ihre
Schuld oder Mitschuld keinen Einflu auf Weyspriach's Geschick haben; er hatte
sein Leben verwirkt, man wollte einmal ein Exempel statuiren: er ward
verurtheilt lebendig gerdert zu werden, welches Urtheil dann durch besondere
Gnade in den Tod durch das Schwert verwandelt ward.
    Wohl waren damals Hinrichtungen an der Tagesordnung und das Volk war an
blutige Auftritte gewhnt - aber lange war es nicht vorgekommen, da ein Ritter,
ein Herr vom Adel war gerichtet worden. Der Brger und Bauer hatte sein
besonderes Ergtzen daran, da auch einmal Einer, der ein stolzes Wappen trug,
dem Henker verfiel. Der Tod durch dessen Schwert war berdies die ehrenvollste
Todesstrafe, und sie war darum mit um so grerem Geprnge vollzogen und lockte
die meisten Schaulustigen herbei. Viel gebruchlicher war es, gemeine Verbrecher
am Galgen aufzuknpfen, zu rdern oder zu scken, auch lebendig zu vergraben und
zu pfhlen, wobei ein frmlicher Wetteifer der Grausamkeit bei Verordnung und
Vollziehung dieser und anderer grlichen Strafen stattfand.
    Ganz Nrnberg war auf den Beinen, mssig und geputzt wie an einem Festtag,
um den gefhrlichen Straenruber sterben zu sehen, den Viele kannten, weil er
sich bei Knig Maxens Anwesenheit mit unter dessen Gefolge gemischt und mit den
ehrsamen Nrnbergerinnen getanzt hatte. Gerade dadurch, da sie nun seiner
Enthauptung zusahen, meinten sie von sich selbst jeden Schimpf abzuwaschen und
den seinen zu erhhen. Auch Beatrix Immhof und die Hallerin fehlten nicht unter
ihnen an den dicht besetzten Fenstern des Marktes; die Hallerin hatte zumeist
Ursache ihre Verachtung zu zeigen, denn Weyspriach's Aussagen ber ihre
feindlichen Plne gegen die Scheurl und die Gunst, die sie ihm selbst erwiesen,
waren zu den Ohren des Rathsherrn Haller gekommen und machten ihm nun ihre
Bemhungen, Elisabeth als schuldig erscheinen zu lassen, doppelt verdchtig, so
da ihm nthig schien, zur uersten Vorsicht und Rcksicht zu rathen. -
    Das Luten des Armensnderglckchens, momentane Stille, dann Trommelwirbel
und ein Aufschreien aus tausend und abermals tausend Menschenkehlen verkndete,
da der Henker sein Werk vollendet hatte. Ja, sie jubelten, die guten,
gesitteten Nrnberger: es war der Triumph des Brgerthums ber das Raufboldthum
der Ritterschaft, die sich selbst um ihr einstiges Ansehen gebracht - aber noch
mehr war es das Aufheulen einer blutgierigen Bestie, die nach Blut drstet und
sich freut wenn sie welches gesehen. So war das Volk in diesem Augenblick, so
jedes menschlichen Gefhls und hheren Gedankens baar - ein Ungeheuer, das sich
in seiner natrlichen Wildheit zeigte. -
    Auch Elisabeth vernahm diese Trommelwirbel und dieses viehische Gebrll, so
abgelegen auch ihr Haus von dem Platz des Blutgerstes war und das Zimmer, in
dem sie weilte. Clara Pirkheimer war bei ihr und hatte ihr in derselben Stunde
erzhlt, was ihre Schwester Charitas im Kloster der heiligen Clara erlebt, wie
sie in der Nonne Ulrike, Ulrich's von Straburg Mutter entdeckt, und diese dann
nicht eher habe sterben knnen, bis sie den Sohn auf ihrem Sterbebette gesegnet.
    Und jetzt hre ich, fuhr Clara fort, da Ulrich aus der Bauhtte
ausgestoen ist und gefangen fortgefhrt worden - ich wei nicht, welches
Verbrechens man ihn zeiht!
    Elisabeth hatte mit steigender Theilnahme zugehrt; sie erbleichte und
errthete whrend dieser Erzhlung - und jetzt, da der Trommelwirbel tnte, der
das Ende eines Opfers der strafenden Gerechtigkeit verkndete, zuckte sie
zusammen - in demselben Augenblick erfate sie die Vorstellung mit der
furchtbarsten Angst: wenn Ulrich auch ein solches Opfer wre? - Aber nein! das
war unmglich! Wenn Ulrich ein Schuldiger war, der ihr so rein und heilig
erschienen, wie der heilige Johannes selbst, dem er diente, dann gab es nur noch
lauter Verbrecher in der Welt! Wer konnte es wagen ihn anzuklagen? Wie konnten
die freien Maurer, deren Zierde und erster Knstler er gewesen war, ihn
ausstoen aus ihrer Genossenschaft, wenn sie nicht irgend eine Schuld an ihm
gefunden? Aber wieder: sie selbst war ja auch eine Unschuldige - und doch hatte
man den Verdacht eines Verbrechens auf sie geworfen, vor dem ihre reine Seele
schauderte!
    Zwei Mal hatte er sein Leben fr sie gewagt - jetzt war es an ihr, jetzt
mute sie Alles versuchen ihn zu retten! Auf einmal blitzte ein Gedanke in ihr
auf. Wit Ihr, ob Knig Max schon in Augsburg ist? fragte sie.
    Clara antwortete: Ich glaube es - aber sie begriff nicht, wie Elisabeth in
demselben Augenblick eine mssige Frage nach dem Knig thun konnte, wo sie
gemeint hatte, sie sei ganz ergriffen von Ulrich's Geschick - und darum fgte
sie nichts weiter hinzu.
    Aber Elisabeth sagte: Ich mu ihn retten, es ist meine Pflicht und ich
hoffe, es ist in meiner Macht. Da mich der Knig mit der Nadel beschenkte,
knpfte er das Versprechen daran, da ich, wenn ich einmal etwas von ihm zu
bitten habe, ihm nur die Nadel zu zeigen brauche, um gewi zu sein, da er
meinen Wunsch erfllt. Ist es nun nicht schon zu spt, so kann ich Ulrich
retten; denn in wessen Hnden er auch ist: des Knigs Frwort mu ihn befreien -
mu ihm auch bei den Baubrdern die verlorene Ehre wiedergeben; Max ist ja
selbst ein Baubruder und wird sich Ulrich's von Straburg noch gar wohl
erinnern.
    Ihr wolltet diesen Schritt fr Ulrich thun? rief Clara staunend; Ihr
knntet das wollen?
    Elisabeth fuhr zusammen - sie war ja selbst eine Gefangene! In diesem
Augenblick hatte sie das vergessen, sie hatte ja berhaupt sich selbst
vergessen, ihr eigenes trauriges Geschick ber das eines andern theuern Wesens -
nach edler Frauenart. Was sie erst selbst zu Ursula gesagt, da diese um
ihretwillen zu Knig Max hatte senden wollen, das mute sie jetzt sich erst von
Clara sagen lassen - und mehr als das! sie fgte noch hinzu:
    So wit Ihr nicht, wie die Rede Eurer verruchter Feinde in Nrnberg geht?
da diejenigen, die den schrecklichsten Verdacht auf Euch werfen, auch noch
hinzufgen: Ihr httet die grliche That vielleicht um dieses Baubruders Willen
gethan?
    Herr des Himmels! rief Elisabeth und verhllte ihr Gesicht.
    Verzeiht mir! sagte Clara; ich wrde Euch die Krnkung dieser Rede
erspart haben, wenn es nicht htte geschehen mssen, Euch Schlimmeres zu
ersparen. Ihr drft diesen Schritt nicht thun!
    Elisabeth richtete sich gro und feierlich nach einer langen Pause auf. Mit
Hoheit sagte sie: Ich werde diesen Schritt thun und wenn man mir nicht selbst
gestattet mit sicherem Geleit gen Augsburg zu reisen, so werde ich Stephan
Tucher's Vermittlung annehmen. Wenn ich ein Mittel habe, einen Unschuldigen zu
retten, und ntze es nicht, dann bin ich vor Gott und mir selbst die verworfene
Mrderin, zu der dieser hochweise Rath vor der Welt mich machen mchte. Der
Schein hat mir stets weniger gegolten als das Sein, und wo ich ihn bewahren
wollte, da ist er mir und andern nur zum Fluch geworden! - Der Propst Kre,
fragte sie spter, sagtet Ihr, sei sein Oheim? Ich mu ihn noch heute sprechen,
er wird mich nher ber Ulrich unterrichten knnen - vielleicht mich zum Knige
begleiten.
    Noch war Clara bei Elisabeth, als Martin und Georg Behaim kamen, begleitet
von Stephan Tucher, seinem Vater und auch dem andern Loosunger Herrn
Holzschuher.
    Was wollten die beiden Loosunger bei ihr mit der freundlichen Amtsmiene? Sie
richtete sich stolz empor und trat ihnen mit imponirender Wrde entgegen.
    Die beiden alten Herren verneigten sich, kten Elisabeth's Hand und Georg
sagte: Heute ist ein Tag, an dem die Behaim endlich gercht und gerechtfertigt
worden. Der Ritter, der uns so frech bestohlen, hat durch das Schwert geendet,
und durch ihn hat es sich sichtbar gezeigt, wie die Heiligen noch Macht haben,
das Werk der Teufel zu zerstren und an's Licht zu bringen und gut zu machen,
was die Gottlosen beschlossen hatten bse zu machen.
    Ihr werdet gerechtfertigt sein und Euer seliger Eheherr gercht! sagte der
alte Herr von Tucher. Wir kommen selbst zu Euch, um die Ersten zu sein, Euch
dazu unsern Glckwunsch zu bringen und Euch unserer Ehrerbietung zu versichern.
    Sie meinten Elisabeth in einen Freudensturm ausbrechen zu sehen oder ein
Wort des Dankes von ihr zu erhalten - aber sie sagte ruhig, als habe sie diese
Ueberraschung lngst erwartet: Ich war auch nahe daran zu verzweifeln an diesem
hochedlen Rath von Nrnberg, der ohne Ursache und Recht es wagen konnte, die
Wittwe eines ihrer Mitglieder unglimpflich zu behandeln.
    Herr Holzschuher bi sich in die Lippen; er meinte, da sie doch
auerordentlich glimpflich mit einer Verdchtigen verfahren seien - sie hatten
ihr Gefngni und Tortur erspart! Und nun erzhlte Herr Tucher in langer
frmlicher Rede, wie Katharina auf der Folter endlich Alles eingestanden, was
sich wirklich ereignet hatte - wie sie geglaubt, das Gift, das ihr die alte
Jacobea gegeben, sei nur ein Schlaftrunk. Man habe sich dieser bemchtigen
wollen, aber sie sei nicht aufzufinden gewesen. Der Ritter von Weyspriach hatte
dieselbe Jacobea als Hehlerin, Kupplerin und Giftmischerin angegeben, wie auch,
da sie in einer Waldhhle, die er genau beschrieb, einen Schlupfwinkel habe fr
sich und geraubtes Gut. Dort hatte man sie aufgegriffen. Zwar hatte es lange
gedauert, ehe sie gleich Katharinen bekannte, aber endlich hatte sie doch die
Folter nicht lnger ertragen, die ganze Wahrheit war an den Tag gekommen und
dadurch Elisabeth's Unschuld.
    Beide Frauen wurden zu einem schimpflichen Tode verurtheilt: sie sollten
gesackt werden und von der Brcke in die Pegnitz geworfen - um auch durch diese
Todesart die venetianische Gesetzgebung nachzuahmen. Durch Elisabeth's
Frsprache fr Katharina ward es erlangt, da sie ihren Sohn Konrad vor ihrem
Tode noch sollte sehen drfen.

                                 Elftes Capitel



                            Des Narren Gnadenspende

Das Schrecklichste war Ulrich geschehen: er war ausgestoen aus dem heiligen
Bruderbund der freien Steinmetzen, dem er seine ganze Seele und sein ganzes
Leben geweiht hatte - was nun noch geschehen mochte, kmmerte ihn nicht mehr. Ob
er lebendig begraben werden und verhungern sollte, vielleicht in demselben
grauenvollen Gewlbe, dem er seinen Vater entrissen; ob er bestimmt war, auf
einem Holzsto zu enden, ein Opfer unseliger Vorurtheile - welche Marter und
Qual man sonst fr ihn ausgesonnen, das lie ihn gleichgltig. Die grlichste
Marter hatte er erlebt - das war da gewesen, als man in der Bauhtte ihn
verurtheilte und sich von ihm lossagte, als jeder Baubruder einzeln und auch
sein Freund Hieronymus zu ihm sagen konnte: Ich habe keinen Theil an Dir!
    Fr ihn schien es kein Wesen mehr zu geben, das Theil an ihm hatte! Auch der
Propst Kre, sein Ohm, mute sich von ihm gewendet haben. Whrend seiner
Verurtheilung war er wieder krank und nicht mit in der Htte gewesen; aber wie
Ulrich erfuhr, hatte der Propst ber Ulrich's Herkommen, das dieser allerdings
selbst verrathen, die ausfhrlichste Aufklrung gegeben, in der Bestrzung, in
die er gerathen, als er fand, da die lngst gefhrte Untersuchung nun nicht
mehr zu unterdrcken war. Sich selbst sttzte er auer auf seine geistliche
Wrde auf das Recht des Strkeren, das Amadeus und Ulrich gegen ihn gebt, und
dem er unterlegen sei. So war ihm der Propst ein freundlicher Gnner im Glck,
ein Beistand und Berather auch in der Noth gewesen, so lange er sie glaubte von
Ulrich und sich abwenden zu knnen; aber da trotz seiner Warnungen und Versuche,
dem Unheil zu begegnen, es endlich doch ber Ulrich kam: da nahm er es an, da
dieser alle Schuld sich selbst auflud - und suchte sich selbst davon zu
befreien.
    Um Vater und Mutter litt Ulrich diese Qual. Ein Leben voll ungestillter
Sehnsucht nach dem Sohne hatten sie gefhrt; redlich mit sich gekmpft, um
seinetwillen auf ein Wiedersehen mit ihm zu verzichten, damit er nie das
unselige Geheimni seiner Geburt erfahre - und nun, nach so langer Zeit hatten
sie es doch verrathen! Nun hatten die segnenden Elternhnde auf seinem Haupt
geruht - es waren nur Augenblicke gewesen voll Kampf und Qual und Wehmuth - und
wie theuer waren sie erkauft! Wie hatte Ulrich nur allein seiner hohen Kunst
gelebt! wie war ihm jede Versuchung leicht gewesen zu berwinden, die ihn einmal
zum Niedern ziehen wollte, schon allein durch diesen heiligen Schwung seiner
Seele, die vom Gemeinen und Rohen sich abgestoen fhlte! Wie redlich hatte er
mit sich gekmpft, wenn die Versuchung kam in einem reizenderen Gewande, mit
einem Blick, der auch zum Himmel flog, in ihm den seinen zu begegnen - aber doch
in irdisch schner Form, an die er nie sich hingeben durfte! Der Schwrmerei
widerstand er nicht, aber sie machte ihn nur begeisterter und wrmer und lockte
ihn zu keiner Snde. Nur der Versuchung, die von Elternhand ihm kam, hatte er
nicht zu widerstehen vermgen. So wenig wie sein Dasein berhaupt ein Verbrechen
war vor Gott, da es die Welt und zumal die Satzungen des Bundes, dem er
angehrte, es doch dem Unschuldigen selbst dazu machten: so wenig war ein
Verbrechen vor Gott, wenn der Sohn den Vater vom entsetzlichsten Tode rettete,
als dessen Ursache er sich selbst anklagen mute; aber es war ein Verbrechen vor
der Welt und vor dem Gericht, da er ihm ein Opfer entzog. Er war vor sich
selbst auf der Hut gewesen, nicht nach seiner Mutter zu forschen, und da er
erfuhr, wie nahe sie ihm war, und in's Claraglein zog, um ihr noch nher zu
sein: da hatte er dennoch jeder Versuchung widerstanden, sich und sie zu
verrathen; aber wie htte er mgen die Mutter auf dem Sterbebette sich
vergeblich nach ihm sehnen lassen - wie htte er mgen dem eigenen Sehnen
widerstehen, den letzten Segen seiner Mutter zu erhalten? Nun war es geschehen -
nun war es vorbei; er hatte keine Mutter mehr, und ihr Segen war ihm doch zum
Fluch geworden, der flchtige Vater ahnungslos ihm selbst zum Verrther!
    Er hatte nichts gewonnen und Alles verloren.
    Als man ihn vor dem geistlichen Gericht verhrte, bekannte er wieder, was er
vor dem Httenmeister bekannte.
    Sein Urtheil lautete in erster Instanz auf Tod durch das Feuer. Er vernahm
es mit ruhiger Resignation. Mochte mit ihm geschehen, was da wollte - er gehrte
ja nicht einmal in das Leben - seine bloe Existenz ward ihm ja schon zum
Verbrechen angerechnet. Er hatte von aufgeklrten, begeisterten Mnnern sprechen
hren, die in Kostnitz noch vor seiner Zeit den Flammentod fr ihre Ueberzeugung
erlitten und auf dem Holzsto noch fromme Triumphgesnge angestimmt hatten.
Htte er doch auch so leiden drfen fr eine hhere Idee! Aber aus dem schnsten
und freiesten Bunde, der zu seiner Zeit bestand, aus einem kunstgeweihten Leben
war er ausgestoen worden, nur um eines blinden Vorurtheils Willen - und sterben
sollte er fr eine That, zu der sein Gewissen und natrliches Gefhl ihn
gedrngt. Das war es, warum er nur bitter lchelte und nicht freudig, da ihm das
Todesurtheil verkndet ward.
    Aber es konnte noch nicht sogleich vollzogen werden, denn die Schppen vom
Nrnberger Stadtgericht bedurften seiner als Zeugen im Prozesse wider die Juden.
-
    Der Rath von Nrnberg trachtete danach eine Gelegenheit zu ergreifen, sich
der Juden fr immer zu entledigen. Konnte zu den vielen Anklagen, welche gegen
sie vorlagen, sich nun noch die gesellen, mit den Raubrittern geheime
Verbindungen unterhalten zu haben, so hoffte der Rath endlich vom Kaiser die
Erlaubni zu erhalten, die Juden ganz und fr immer aus der Stadt zu vertreiben.
Es durfte daher nicht versumt werden, neue Schuldbeweise gegen sie
vorzubringen, und dazu sollte nun auch Ulrich mithelfen. Denn Martin Behaim, der
von Elisabeth erfahren, da sie Ulrich's Kunde die Rettung seiner Schtze
verdanke, wollte sich ihm dankbar erzeigen, und hatte ihn als den Ueberbringer
des Vogels genannt. Es war wichtig von ihm zu erfahren, wie er in den Besitz
desselben gekommen, und ob er wirklich, wie man munkelte, diese Nachricht einer
hbschen Judendirne abgeschwatzt und welche Beweise er fr die Betheiligung der
Juden an jenem Raub etwa zu schaffen wisse.
    Inde hatte Elisabeth Scheurl den Propst Kre gesprochen und von ihm
erfahren, wie es um Ulrich stand. Er jammerte ihn - aber da er nicht absah, was
er selbst thun konnte, das Geschick des ausgestoenen Baubruders zu mildern, war
er nun selbst auf der Hut das seinige nicht mit ihm zu verknpfen; sah er aber
ohne Gefahr fr sich selbst eine Mglichkeit Ulrich zu retten, so war sie ihm
tausendmal willkommen. Als ihn daher Elisabeth fr ihr Vorhaben in's Vertrauen
zog und dafr wieder Vertrauen von ihm verlangte, da gab er es ihr mit Freuden
und verheimlichte ihr nichts, was ihr bei ihrem Vorhaben frderlich sein konnte.
So ernst und heilig ihm die Sache war - es spielte doch ein schlaues Lcheln um
seinen Mund: er behielt doch recht, da der Baubruder vor den Augen der stolzen
Elisabeth Gnade gefunden; da die Angst, welche sie um ihn empfand, der
Entschlu, auch das Aeuerste zu seiner Rettung zu versuchen, mehr war als
Dankbarkeit - ja, er ging in seinem Mitrauen noch weiter: er begriff wohl, da
Elisabeth's unbegrenzter Stolz ihr nicht erlaubt hatte die Hlfe des Knigs fr
sich selbst anzurufen, da sie derselben bedurft htte, da sie nicht ertragen
mochte, sich ihm verdchtigt und erniedrigt zu zeigen - aber er dachte, da sie
wohl gern eine Gelegenheit benutze, Knig Max wieder an sich zu erinnern.
    In der That war es eine gnstige Zeit, in welcher sie nach Augsburg kam.
Knig Max hatte eben eine der schnsten Handlungen seines Lebens gethan: einen
unheilvollen Krieg im Herzen Deutschlands und deutscher Heere wider einander
verhindert und damit gleichzeitig inmitten der eigenen Familie endlich Frieden
und Vershnung gestiftet.
    Der schwbische Bund hatte, dem Aufruf Kaisers Friedrich gehorsam, wider den
Baiernherzog Albrecht, seinem Schwiegersohn, der sich ohne sein Wissen und
Willen mit Friedrich's Tochter Kunigunde vermhlt hatte, ein mchtiges Heer in's
Feld gestellt, in welchem 2150 Reiter, 18,000 Mann Fuvolk und 57 Kanonen, von
freien Rittern und Knechten aber 1600 gezhlt wurden. Da erkannte Herzog
Albrecht die Bedenklichkeit des Streites. Er sprach die Hlfe seiner Vettern,
der Pfalzgrafen an, doch selbst Herzog Georg von Landshut schrieb ihm ab und gab
sogar die ihm verpfndete Markgrafschaft Burgau heraus, um nur den Frieden des
Kaisers zu behalten. Er schrieb an die Reichsstnde und erbot sich vor dem
rmischen Knige, vor den Kurfrsten von Mainz und Trier, dem Grafen Eberhard
von Wrtemberg, ja selbst vor des Bundes Huptern wegen Regensburg vor Recht zu
stehen: aber das Reichsheer achtete nur auf den Befehl seiner Fhrer, namentlich
des Markgrafen Friedrich von Brandenburg, und bewegte sich vorwrts. Bei Stadel,
wo die Herzge Wolfgang und Christoph mit 200 Mann zu Pferde und einigen Hundert
Mann Fuvolk hinzustieen, ward eine Brcke ber den Lech geschlagen und das
Heer hinbergefhrt. Es nahm ein Lager bei Kaufring, unweit der schlagfertigen
Baiern ein.
    In diesem Augenblicke, wo man eine blutige Schlacht zweier deutscher Heere
gewrtigte, erschien Knig Max im Lager und verkndigte, da er einen Tag nach
Augsburg zum Vergleich dieser Sache angesetzt habe, und da Herzog Albrecht
denselben mit der Absicht beschicken wolle, den Wnschen des Kaisers Genge zu
leisten. Brderlich und dringend hatte Max seinen Schwager ermahnt, dem Unglck
des deutschen Vaterlandes, auf dem ohnehin groe Noth und Theuerung lastete,
durch verstndige Nachgiebigkeit Einhalt zu thun, es nicht geschehen zu lassen,
da durch den Trotz der Frsten Tausende ihrer Tapfern in den Tod gejagt wrden,
ohne dem Vaterlande einen Gewinn zu bringen. Seine Schwester Kunigunde hatte
ihre Bitten mit den seinigen vereinigt, und so gab Albrecht endlich nach. Von
frohen Hoffnungen beseelt kam Max in das Lager des Reichsheers, und nachdem er
von dem Markgrafen Friedrich einen Waffenstillstand erlangt, nahm er die
Bundeshauptleute Hugo von Wartenberg und Wilhelm Besserer mit sich nach
Augsburg, wo Herzog Georg schon mit Vollmacht seines Vetters Albrecht wartete
und auf die an diesen gestellte Forderung solche Sicherheit gab, da noch vor
Ende des Waffenstillstandes der kaiserliche Fiskal Johann Keler dem Heere den
Austrag des Streites und die Einstellung der Feindseligkeiten verknden konnte.
-
    Wie freute sich Max, da es ihm endlich gelungen war die Seinen zu
vershnen, woran er seit acht Jahren vergeblich gearbeitet hatte! Keine Stunde
lnger als nthig mochte er im prchtigen Augsburg bleiben, sondern wollte zu
Herzog Albrecht eilen, um ihn und Kunigunden mit sich nach Linz zu fhren zu dem
greisen Vater, damit er vor seinem Ende noch segnend die Hand auf das Haupt der
erst verstoenen Tochter lege und zum ersten Male ihren Gatten als Sohn
willkommen heie! -
    In diesem Augenblicke war es, als Elisabeth von ibrem Bruder Georg und
Stephan Tucher begleitet in Augsburg eintraf. Schon war der Knig zur Abreise
gerstet und sa mit Kunz von der Rosen beim Frhstck, um noch einen krftigen
Imbi mit auf den weiten Weg zu nehmen. Noch einmal stie dieser frhlich mit
ihm an auf das gelungene Friedenswerk - da trat ein Edelknabe hastig ein, so da
Max aufbrechend rief: Nun, sind die Rosse gesattelt und gezumt? Auf mich soll
Niemand zu warten haben!
    Verzeiht, antwortete der Eintretende, ich wollte wohl Eurem Befehl
folgen, Niemanden vorzulassen, da Ihr durchaus nicht aufgehalten sein wollt;
aber eine trauernde Dame verlangte von mir Euch gemeldet zu werden, und da ich
mich dessen weigern wollte, gab sie mir diese Nadel - ich msse sie Euch geben,
dann werde sie nicht vergeblich bitten.
    Max blickte sinnend auf die Nadel und fragte: Hat sich die Dame nicht
genannt? - In Trauer sagst Du? - Nun, fhre sie nur herein!
    Aber Kunz hatte kaum die Nadel gesehen, als er rief: Das ist Nrnberger
Hand: Wahrhaftig, Ihr Knige hab't doch das schlechteste Gedchtni, der Narr
mu es immer fr Euch haben - selbst fr Eure Narrheiten! Die Nadel schenktet
Ihr einst der schnsten Nrnbergerin und ihrem Gatten zur Nadel den Adel! Wenn
Ihr Elisabeth Scheurl vergessen hab't, weil sie tugendhafter blieb als Andere,
die Euch gefielen, so habe ich sie mir deshalb um so besser gemerkt - denn ein
Narr merkt sich die Ausnahmen immer besser, als die Regel.
    Auch ohne diese Mahnung wrde der Knig, als Elisabeth selbst vor ihm stand,
sogleich seiner schnen Wirthin und seines kniglichen Wortes eingedenk gewesen
sein, denn ihre Erscheinung bte denselben magischen Eindruck auf ihn wie einst,
umhllte sie auch jetzt die dunkle Trauerkleidung statt dem gewhlten Putz, in
dem er sie sonst gesehen.
    Auf den Lippen des lustigen Rathes erstarb vor ihrem Blick auf diese
Trauerzeichen und der schmerzlichen Bewegung, die aus Elisabeth's Mienen sprach,
wohl der Scherz, aber nicht die herzliche Anrede, mit welcher er sie begrte.
    So fand sie schnell ein williges Gehr. Der Knig berreichte ihr die Nadel
wieder und sagte: Nehmt sie noch einmal aus meiner Hand als mein Versprechen
Euer Gesuch zu gewhren, dafern das in der Macht des rmischen Knigs ist. Ich
sehe Euch in Trauer wieder?
    Sie erwhnte nur kurz, da sie Wittwe geworden, und sagte dann: Ich komme
nicht, um fr mich selbst zu bitten, sondern fr Einen, der, obwohl mir ein
Fremder, zwei Mal sein Leben einsetzte, das meine zu retten oder mir einen
Schimpf zu ersparen - ich komme, um von Euch das Leben und die Ehre eines
Baubruders zu erbitten, dem Ihr einst in Nrnberg auch Eure Huld erwieset - ich
bitte fr Ulrich von Straburg. Den kniglichen Baubruder ruf' ich an, sich des
Baubruders zu erbarmen.
    Max runzelte die Stirn. Einen kniglichen Baubruder, sagte er, giebt es
nicht. Als freier Maurer bin ich nur der Bruder Max und habe nicht mehr Macht
als die andern - als Knig hab' ich die Statuten der Bauhtten besttigt, als
Baubruder mu ich ihre Entscheidungen ehren!
    Elisabeth erzhlte so kurz als mglich Ulrich's Geschick: da er aus der
Bauhtte ausgestoen worden, weil er nicht ehrlich geboren sei, und da er nun
zum Feuertode verurtheilt worden, weil er seinen Vater aus grlichem Gefngni
befreit. Sie hatte weder einen Namen, noch irgend eine Person in dieser
traurigen Geschichte vergessen; aber mit besonderer Begeisterung sagte sie
Alles, was zu Ulrich's Lob und Entschuldigung sich sagen lie: wie er selbst
erst vor Kurzem das Geheimni seiner Geburt erfahren, und wie er nichts gethan
habe, was nicht eher Bewunderung als Strafe verdiene.
    Wohl war Max gerhrt - aber er wute selbst keinen Ausweg.
    Ei was, sagte der Narr, der niemals ein Freund der Geistlichkeit war, auf
ihre Kosten immer am meisten spottete und sich freute, wenn er ihrer Macht ein
Schnippchen schlagen konnte, wenn es nicht wahr sein soll, was ich Dir schon
gesagt, da Du ein gut Theil Deiner Macht aus den Hnden gegeben, als Du die
Bulle des Papstes Innocenz VIII. ber den Hexenproze in Deutschland besttigt,
so zeige wenigstens, da Du die Inquisition nicht duldest - oder la Dir von den
Pfaffen helfen, statt da Du ihnen hilfst. Hat der Maurerhof von Straburg fast
dreiig Jahre lang ein Auge zugedrckt ber Ulrich's Herkommen, so ist's wohl
auch kein Unglck, wenn es lnger geschieht. Erklre Du und la es von einem
Bischof oder in Rom, wenn es sein mu, besttigen, da Ulrich als ehrlich
Geborner zu betrachten, weil seine Eltern Bue gethan haben im Kloster, und weil
er selbst ein braver Kerl und rechter Baubruder geworden; so ist's gut, die
Htte mu ihn wieder mit Ehren aufnehmen und die Pfaffen mssen ihn auf Dein
Frwort herausgeben; er ist mit eingeschlossen in den groen Gnadenakt, den Du
im Reich erlassen mut, weil Dir ein Friedenswerk gelungen, das mehr noch als
Deinem Lande Deinem Herzen und - dem Hause Habsburg zum Glck gereicht. Mir
scheint, so ist's nur christlich gehandelt: wenn der Sohn dadurch, da er wohl
gerathen und auch vom vierten Gebot nicht gelassen hat, die Schuld der Eltern
shnen kann - das Umgekehrte, da ihre Schuld an den Kindern heimgesucht werde,
das berla den Juden.
    Elisabeth's Augen strahlten; sie fate Kunzen's Hand und rief: O wohl mir,
da ich in Euch einen Frsprecher gefunden, wo mir ohne denselben Rath und Hlfe
fehlen wrden!
    Ihr wrdet meiner nicht bedurft haben, sagte Kunz, wenn Ihr fr Euch
selbst etwas erbeten httet; Ihr wit, da es den ritterlichsten Knig immer
verdro, da Ihr bei ihm - an Andere denkt!
    Das traf. Max zog die Augenbraunen unwillig auf und sagte zu Elisabeth: Da
der Narr bessern Rath wei als ich, so mag er die Papiere, die ich Euch als
Freibriefe fr Euren Schtzling oder Schtzer mitgeben will, nach Gutdnken
ausfertigen. Ich habe Euch mein Wort gegeben, das die Erfllung Eurer Bitte im
Voraus gewhrleistete - es soll mir eine Warnung sein, schnen Frauen gegenber
damit knftig vorsichtiger zu sein. Ich liebe diese willkrlichen Handlungen
nicht, zu denen Ihr mich drngt!
    Hoho! sagte der Narr, indem er eifrig auf groe Stempelbogen schrieb, die
Willkr der Gnade ist mir immer lieber als die der Rache. Das deutsche Reich ist
ohnehin nicht in sonderlicher Ordnung, und der Wirwarr wird nicht grer, wenn
Du einmal Gnade fr Recht ergehen lt. Bist Du erst Kaiser, hast Du aus den
jetzigen schwachen Versuchen den groen und kleinen Raufereien und Znkereien
einen Damm entgegenzusetzen, einen wahrhaften, dauernden, ewigen Landfrieden
gestiftet und ein Reichskammergericht eingesetzt, das auf Ordnung sieht im
Groen und Kleinen, dann bin ich gewi der Letzte, der Dich zum eigenmchtigen
Handeln drngt. Aber so lange Du Andere eigenmchtig das Bse thun siehst,
kannst Du auch eigenmchtig das Gute thun - dadurch wird weder das Reich zu
Grunde gehen, noch das Haus Habsburg!
    Als Elisabeth aus Kunzen's Hnden die kniglichen Schreiben mit der
Unterschrift und dem Siegel Maxens empfing, wies der Narr ihren tiefempfundenen
Dank zurck, indem er sagte: Ihr kamet zur guten Stunde und hab't mir mehr
geholfen, denn da ich Euch geholfen htte. Ich hatte schon daran gedacht, da
ein Friedens- und Freudenfest, wie die Vershnung des Kaisers mit seinen
Kindern, berall einen Nachhall finden sollte und einige arme Teufel aus
Schppen- und Pfaffenhnden befreien; aber die Majestt meinte erst, es sei
schon genug, da die ganze Heeresmannschaft wieder heimgehen knne zu den
Ihrigen - wenn er gleich das schne Heer lieber beisammen behielte, es an die
flandrischen und franzsischen Grenzen zu schicken - und da war es gut, da Ihr
kamet und ich mein eigenes Wnschlein hinter die Bitte aus schnen Frauenlippen
verstecken konnte. Es schadet nichts, da die Eva den Adam verfhrte, wenn auch
erst so viel Unheil damit in die Welt gekommen: das Gute hat es gehabt, da ihre
Tchter ihre Macht ber die Mnner kennen und sie manchmal verfhren - zu etwas
Gutem. - Nun kehrt glcklich heim nach Nrnberg: Ihr werdet wohl bald wie
Penelope von Freiern belagert sein - und wenn Ihr wieder Hochzeit haltet, so
bittet mich zu Gaste wie zu der Jungfrau Muffel.
    Elisabeth erwiederte ruhig: Hoffentlich findet sich eine andere
Gelegenheit, Euch wiederzusehen; ich glaubte, Ihr dchtet besser von mir, als zu
denken, da ich zum zweiten Male -
    Sie stockte und er sagte: Das ist die Redensart aller Wittwen, so lange sie
trauern; aber dann -
    Verzeiht, unterbrach sie ihn, Ihr liet mich nicht ausreden - ich wollte
sagen: um zum zweiten Male eine Thorheit zu begehen. Ihr seh't, ich habe
Offenheit von Euch gelernt - und auf Heuchelei mich niemals verstanden!
    Er drckte ihr die Hand und sagte: Es ist doch Schade, da Ihr kein Mann
geworden seid; Ihr knntet vielleicht einmal als mein Nachfolger Euer Glck
machen. Ihr versteht Euch darauf, Scherz und Ernst so zu vermengen, da die
Wahrheit herauskommen mu - und die hren gewisse Personen nur in solchem
Gewande. - Wenn wir durch Wien reisen, werden wir Konrad Celtes treffen, der
dort an der Universitt auch die Wahrheit redet und dafr wirkt, da sie mit der
Schnheit die Gesittung und das deutsche Bewutsein frdere in deutscher Nation
- darf ich ihm einen Gru von Euch vermelden und Alles sagen, was wir hier
verhandelt haben?
    Alles! antwortete sie; sagt ihm, da Elisabeth Scheurl stolz ist auf
seine Achtung, wie es einst Elisabeth Behaim auf seine Liebe war, und da sie
der hohen Bahn sich freue, die sein Genius wandle. Sag't ihm, da gleich wie er
bemht sei, vaterlndischen Sinn zu wecken unter den Gelehrten wie unter der
Jugend, und dem deutschen Volk zu zeigen, da es eine Geschichte habe: -
Elisabeth seinem Streben zu folgen vermge, und so viel sie es selbst knne,
deutsche Art und Kunst mit frdern helfe in ihrem Kreise; da sie alle Schtze,
mit denen sie gesegnet sei, fortan nur dazu verwenden werde, und da wir, wie
weit getrennt auch immer, uns in jenem hhern Menschheitsleben begegneten, das
durch ein segenbringendes Streben fr Andere, und wenn auch erst fr sptere
Geschlechter, wenigstens in einzelnen Weihestunden fr alle Entbehrungen
irdischen Glckes entschdigen kann!
    Und ich werde hinzufgen, sagte Kunz als letztes Abschiedswort, da Ihr
mir sonst nur wie eine edle Knigin, heute aber wie der Genius der leidenden
Menschheit erschienet, und da Ihr von hier schiedet mit so strahlenden Augen,
wie eben dieser Genius, wenn er die Thrnen von Tausenden getrocknet.
    Aber Elisabeth seufzte und schlug beschmt die Augen nieder. Vielleicht
werde ich noch, wie Ihr denkt, da ich bin - Eurem Genius gegenber fhle ich,
da ich doch nur als ein Weib kam, das nicht an Tausende, sondern nur an Einen
dachte.
    Sie zog den schwarzen Schleier ber ihr Antlitz - er verbarg ihr Errthen
und ihre Thrnen.

                                Zwlftes Capitel



                              Rache und Vershnung

Ueberall im deutschen Reich und in den baierschen Landen zumal wie in den
angrenzenden Staaten, besonders auch im reichsunmittelbaren Nrnberg, herrschte
groe Freude ber die Friedenskunde, die Heimkehr der in's Feld gezogenen
Mannschaften und den Gnaden akt mit dem Knig Max das von ihm lngst ersehnte
Vershnungsfest seiner Familie begleitete, und der auf seinen Wunsch berall
ausgefhrt ward. Begann auch damals schon in den frstlichen wie in den
stdtischen Kanzleien eine aufhaltende Vielschreiberei einzureien, so gab es
doch noch genug besondere Flle, wo davon gnzlich abgesehen ward und einzelne
frstliche oder oberherrliche Machtsprche vollstndig gengten, einem gefaten
Beschlu Gltigkeit zu verleihen, da er alsobald in's Werk gesetzt werden
mute.
    Dem Abt des Benediktinerklosters, der nicht allein auf die Aussagen des
Riesen-Jacob hin, sondern gedrngt von der hheren geistlichen Behrde, zu deren
Ohren das fast zum Nrnberger Stadtgesprch gewordene Ereigni gekommen war, die
Untersuchung nicht mehr hatte hemmen knnen, kam diese pltzliche
Niederschlagung und Beendigung derselben sehr gelegen. Um wie viel mehr nicht
dem Propst Kre, der selbst mit hinein verwickelt war, und es mehr noch Ulrich's
Edelmuth als dem Ansehen, in dem er stand, so wie seiner Stellung vor der Welt,
in der man ihn gern schonen wollte, zu danken hatte, da die Sache nicht
bedrohlicher fr ihn war, die es aber jeden Tag noch werden konnte! Der Novize
Konrad hatte sich selbst als Ulrich's Mitschuldiger bekannt, obgleich dieser
Anfangs versucht hatte ihn als solchen zu verlugnen; der stille Jngling wollte
um so weniger etwas von dieser Schonung wissen, als er nun in Ulrich einen
Leidensgefhrten in jeder Beziehung erkannte: einen Ausgestoenen, gleich sich
selbst. Er war zwar nicht zum Tode, aber doch zu enger Kerkerhaft im Kloster
verurtheilt, die hrter erschien als der Tod. Dazu kam das schreckliche Geschick
seiner Mutter Katharina, die er nur noch einmal vor ihrem Tode sehen durfte, mit
dem sie ihre Missethat schrecklich zu ben hatte. Auf Ruber und Mrder
erstreckte sich der Gnadenakt nicht mit, und so entgingen weder sie noch Jacobea
der gesetzlichen Todesstrafe, nur da man sie bei Katharina in minder grausamer
Weise ausfhrte. Jetzt war auch Konrad der Strafe berhoben. Aber das war nicht
Alles - Elisabeth lie ihn zu sich entbieten, sie wollte den Sohn nicht
verantwortlich machen fr die That der Mutter, vielmehr die Schuld des Vaters an
ihm shnen.
    Von dem Propst und Stephan Tucher hatte sie strenge Verschwiegenheit
verlangt ber ihre Fahrt gen Augsburg und deren Resultat - ja sie, die man so
stolz und hochfahrend schalt, verheimlichte in edler Bescheidenheit, da es ihr
Werk war, da unzhlige Unglckliche schrecklichen Strafen entgingen - womit es
ihr ja leicht gewesen zu prunken, sich Ansehen und Dankbarkeit zu verschaffen.
Wie gut htte sie doch mit ihrem Einflu bei Knig Max prahlen knnen und dem
huldreichen Empfang, der ihr geworden, wie die andern Nrnbergerinnen demthigen
knnen und doppelt, wenn sie erkennen lie, wie sie selbst, da sie in Gefahr
war, nur allein auf ihre Unschuld und ihr Recht sich verlie, die knigliche
Hlfe verschmhend, da sie derselben doch so gewi htte sein mgen, wie jetzt,
da sie fr Andere sie forderte. Aber sie wollte sich keinen eitlen Triumph
verschaffen, wo ihre Seele von dem schnsten in ihren heiligsten Tiefen erfllt
war. Ja, sie wollte auch nicht den bsen Leumund von einer Hallerin preisgegeben
sehen, was sie mit dem reinsten Hochsinn des Herzens gethan, dem ein edles Wesen
folgt, auch wenn es sich sagen mu, da es sich damit dem Spott oder der
Verlumdung aussetze. Am meisten aber wnschte sie aus weiblichem Zartgefhl,
da es Ulrich selbst verborgen bleibe, was sie fr ihn gethan: ihr schnster
Lohn war es, da sie ihm Leben und Ehre wiedergegeben, ihr gengte dies
Bewutsein, sie wollte keinen Dank, und sie wollte auch kein Begegnen, das ihren
und seinen Ruf auf's Neue gefhrden knne.
    Aber freilich: bis jetzt war auch nur das eine Versprechen des Knigs in
Erfllung gegangen, da die Verurtheilten begnadigt und frei und die noch
schwebenden Untersuchungen niedergeschlagen waren - aber da Ulrich fr ehrlich
erklrt ward und in die Bauhtte wieder aufgenommen, das ging nicht so schnell,
das bedurfte erst noch anderer Schritte und Vorbereitungen und konnte ihm nur
als Hoffnung verkndet werden. Inde hatte Elisabeth doch die knigliche Schrift
in Hnden, welche fr Ulrich zum Freibrief werden sollte, aber da sie das
Dokument in die Hnde des Propstes legte, geschah es nur unter der Bedingung:
Ulrich weder zu sagen, durch wen er es erhalten, noch wem er diese glckliche
Wendung seines traurigen Geschickes verdanke.
    Da der Propst mit zu den Ersten gehrte, welcher die glckliche Nachricht
von der Niederschlagung dieser Untersuchung erhielt, so war es ihm auch leicht
die Erlaubni zu erhalten: Ulrich selbst die Freiheit zu verkndigen. Es drngte
ihn um so mehr dazu, als er sich jetzt, nun die Gefahr vorber, seiner Feigheit
und seines Kleinmuthes schmte, womit er selbst Ulrich preisgegeben, und nur
sich selbst aus der Schlinge zu ziehen gesucht hatte. Um sein eigenes Gewissen
zu beruhigen, redete er auch sich selbst glcklich ein, da er, da Elisabeth ihn
zu Rath gezogen, ehe sie gen Augsburg reiste, doch einigen Antheil an dem
glcklichen Resultat habe, das sie mit heimgebracht, und da er sich wenigstens
mit einigen solchen Andeutungen bei Ulrich entschuldigen drfe.
    Ulrich war wie ein Trumender - das Leben war ihm wieder geschenkt, und mehr
als das: die Ehre, und mehr als beides: die hohe Kunst, der er diente, der er
voll heiliger Begeisterung sich ganz geweiht, ein Tempelbauer, der mit reinen
Hnden die reine Form zu bilden strebte, die das Schne mit dem Erhabenen
vereinend ber der betenden Menschheit einen Himmel zu wlben suchte, der es ihr
leicht machte, sich zu dem Ueberirdischen emporzuschwingen; er hatte sich
vergebens gelebt und gestrebt bis jetzt - er durfte weiter leben und streben zu
dem erhabensten Ziele! - aber dennoch - von Allem, was er erlebt und gelitten,
war in seinen Ohren das Wort, das ihn verdammte, am lebendigsten geblieben: Ich
habe keinen Theil an Dir! Die Baubrder hatten es alle gesprochen - auch
Hieronymus! - Von der Erinnerung daran noch einmal gefoltert, rief Ulrich:
    So hatte Keiner Theil an mir - und Niemand nahm ihn - kein einziges Wesen
unter Allen, fr die ich selbst gern mein Leben eingesetzt htte, hatte etwas
Anderes als Schmach fr den Ausgestoenen!
    Da dachte der Propst nicht mehr daran, das ihm anvertraute Geheimni zu
bewahren; er gab es preis, um Ulrich's Glauben an die Menschen zu retten. Eines
ausgenommen, sagte er, oder auch zwei, wenn Du willst - Elisabeth Scheurl und
Knig Max.
    Ulrich fuhr empor und der Propst erzhlte ihm Alles.
    Nach seiner Freilassung wohnte Ulrich bei dem Propst und wartete bei dem
Gottesjunker, bis man ihn wieder in die Htte berufen wrde; so lange wollte er
sich auch nicht in den Straen von Nrnberg sehen lassen. Aber da er einmal
allein war, berwltigte ihn sein Gefhl - er konnte es nicht ertragen, zu
wissen, da Elisabeth seine Retterin, ohne ihr danken zu drfen. Sie, das
einzige Wesen, das an ihn geglaubt und fr ihn gehandelt, sie mute er
wiedersehen, ihr danken, und sei es nur mit einem einzigen Wort; das war nicht
wider sein Gelbde - umgekehrt htte er sich eines Gelbdes geschmt, das ihm
Undankbarkeit zur Pflicht gemacht, es sei gegen wen immer es sei. Aber er wollte
nicht allein gehen; an dem Tage, an welchem sie selbst den Novizen Konrad zu
sich beschieden, beschlo er diesen zu begleiten.
    Konrad hatte im Kloster die Erlaubni erhalten, zu Frau von Scheurl zu
gehen, die dem Abt hatte sagen lassen, da sie nicht wolle, da der Sohn ben
solle fr die Schuld seiner Eltern, sondern da sie selbst ihm zu dem verhelfen
wolle, was ihm zukme. Der Abt, der Elisabeth's Gromuth und Freigebigkeit
kannte, erwartete, da sie ihm einen Theil von dem ihr allein zugefallenen
Vermgen Scheurl's, dessen Sohn berweisen werde, und erwartete daher von dem
Gang desselben zu ihr einen Vortheil fr das Kloster - mit Freuden lie er darum
den jungen Novizen gen Nrnberg ziehen.
    Dieser ging zuerst zu Ulrich und schchtern, wie Konrad war, machte er Jenem
selbst den Vorschlag, ihn zur Frau Scheurl zu fhren.
    Als sie in ihr Haus kamen, wurden sie sogleich zu ihr gelassen.
    Martin Behaim hatte gerade auf einem Marmortisch, der in dem Chrlein stand,
Karten und Zeichnungen ausgebreitet, weil hier das hellste Licht war, um sie
seiner Schwester zu zeigen. In der Mitte des Tisches stand ein Globus, der
Nrnberger Meister hatte ihn eben nach Martin Behaim's eigener Angabe vollendet
- er war der erste Globus, den es jemals gab - und Martin freute sich des neuen
wichtigen Werkes, das zugleich aus seinem Forschergeist und einer deutschen
Werkstatt hervorgegangen, das der Wissenschaft neue Pforten ffnete und ihre
Arbeit allen kommenden Geschlechtern erleichterte. Er hatte beschlossen, diesen
ersten Globus seiner Vaterstadt zum Geschenk zu machen und sich damit selbst,
ehe er sie fr immer wieder verlie, ein Denkmal in ihr zu setzen, das sie und
sich in gleicher Weise ehrte; aber die Erste, die seine Freude an dem gelungenen
Werke theilen sollte, mute Elisabeth sein, deren weitschauender Geist am ersten
die Tragweite dieser neuen Erfindung, wenn nicht ganz beurtheilen, doch mit
jenen heiligen Schauern ahnen konnte, die bei jedem groen Werke ber sie kamen
- mochte es nun eine groe That sein, oder ein Kunstwerk, oder ein
bahnbrechender Gedanke der Wissenschaft.
    So stand sie auch jetzt mit strahlenden Augen neben dem Bruder, seinen
Erklrungen lauschend, ihre kleine weie Hand ruhte auf dem Sdpol des Globus
und ihr ausgestreckter Finger suchte die Stelle, auf der wohl jetzt Christoph
Columbus schiffen mochte das ersehnte Land zu finden - ja vielleicht war dies
der Augenblick, in dem er es gefunden. Sie trug noch Trauerkleidung, aber den
Schleier hatte sie im Zimmer abgelegt, ihr glnzendes Haar war nur von einem
schwarzen Band ein wenig aufgehalten und wallte in malerischen Locken auf die
blendenden Schultern. Da hrte sie Tritte im Zimmer und trat hinein. Sie war
schon in einer gehobenen Stimmung durch das Gesprch mit ihrem Bruder - sie
blieb in ihr, da sie neben dem erwarteten Konrad auch den unerwarteten Ulrich
sah, und hie sie Beide willkommen.
    
    Sie neigten Beide die Kniee vor ihr und wollten Worte des Dankes sprechen.
Aber Elisabeth hie sie aufstehen, wenn sie nicht zrnen solle, und sagte zu
Konrad:
    Euch lie ich zu mir entbieten, oder vielmehr zu meinem Bruder Martin
Behaim, von dem Ihr vielleicht gehrt. Ihr seid zu jung und hattet Euch zu innig
an die hohe Kunst gehangen, um Euch und Eure Kraft in ein Kloster zu vergraben -
unterbrecht mich nicht - ich wei, da nur der Zwang Euch dahin trieb und da
die Bauhtten Europas sich Euch verschlieen. Aber mein Bruder sucht Bauleute
die ihn ber das Meer zu begleiten, und auf jenen, nur von Heiden bewohnten
Inseln kmmert man sich nicht um die Statuten dieser alten Welt: bringt Ihr nur
Begeisterung mit fr den christlichen Glauben und die christliche Kunst, so seid
Ihr wrdig in der neuen Welt die erste christliche Kirche bauen zu helfen - an
Geld dazu aus dem Vermchtni Eures Vaters, meines seligen Gemahls, soll es Euch
nicht fehlen.
    Konrad drckte begeistert und Freudenthrnen weinend Elisabeth's Hand an
seine Lippen und rief: Ihr seid eine Heilige, die Todte zu erwecken vermag -
denn mir ist, als habe ich im Grabe gelegen und Ihr wecktet mich zu neuem
Leben!
    Geh't dort hinein zu meinem Bruder, sagte sie auf das Chrlein deutend,
er wird das Fernere mit Euch besprechen.
    Konrad gehorchte, die Glasthr des Chrleins zog er hinter sich zu.
    Ihr wolltet meinen Dank verschmhen, hohe Frau, sagte Ulrich erglhend,
dennoch ertrug ich's nicht; ich mute Euch wenigstens sagen, da ich tglich
fr Euch bete, nicht nur mit den Lippen, noch nur mit meinem Herzen, sondern da
ich fr Euch beten will mit meiner ganzen Kunst und Euch danken in meinen
Werken!
    Sie gab ihm die Hand und sagte mit sanfter Stimme: Ich wollte, ich drfte
sprechen wie Ihr! Wohl Euch, da Ihr Eure Empfindungen im Stein verewigen knnt
und sie zu Kunstwerken verklren, an denen Ihr Euch selbst erheben und lutern
drft und Tausende, die nach Euch kommen.
    Vielleicht ist dies das Schnere, vielleicht auch das Leichtere! rief
Ulrich; aber das Hhere ist's, das eigene Sein und Leben selbst zu einem
Kunstwerk verklren, das nur Segen spendet in dem Kreis, in den es tritt - so
fr Andere wirken und handeln und Euch opfern, wie Ihr gethan!
    Nein, Ulrich! keine Unwahrheit! unterbrach sie ihn. Mir gebhrt kein Dank
von Euch, denn ich hatte Euch zu danken, und hab' es nicht gethan. Zwei Mal
hab't Ihr mir Ehre und Leben gerettet, und ich floh Euch, um Euch nicht zu
danken - ich wollte es vergessen, da dies meine Pflicht war. Als ich Euch zum
ersten Male sah, folgte ich rcksichtslos meinem augenblicklichen Gefhl, und
Ihr bereitetet mir dafr eine Demthigung, gegen die sich mein ganzes Wesen
emprte; von diesem Augenblicke an war mir, als msse ich Euch entweder hassen
oder lieben, und ich fhlte dabei doch, da ich entweder das Eine noch das
Andere - durfte. Ihr kamet immer wieder in meinen Weg, auch ohne da Ihr es
wolltet; jetzt endlich kam der Augenblick, da ich Euch vergelten konnte, jetzt
endlich durft' ich Euch sagen: Ulrich, nun sind wir quitt! - und - o Gott - was
habe ich Euch denn gesagt!
    Nur Aehnliches, als was ich selbst empfunden! rief Ulrich. Mein Thun und
Fhlen glich dem Euern! Wohl uns, da wir in diesem Kampfe nicht erlegen sind,
da er uns nicht hinabgezogen hat in den Pfuhl der Snde oder auch nur in den
Staub des Alltaglebens; er hat uns gelutert und erhoben zu jener einzig wahren
Gemeinschaft der Heiligen, die im reinen Streben nach dem Hchsten Ersatz finden
fr die Schmerzen und das Entsagen, unter dem sie danach ringen. Eure Hand,
Elisabeth! Kein Fliehen und kein Suchen mehr - ein freudiger Triumph, zu wissen,
was wir Ein's dem Andern danken - ein Sieg des Geistes, der die Welt berwunden,
indem er sie verklrt im Dienst der Kunst. Was ist der kurze Rausch des
Erdenglckes gegen die Seligkeit eines Streben und Ringens, das nach Aeonen
zhlt und uns seine Wahrzeichen hinterlt in ewigen Schpfungen?
    Gro und herrlich standen die Beiden einander gegenber - als Priester und
Priesterin des Ideals, dem, so lange die Welt steht, alle strebenden Geister
nachringen, um es zu erreichen fr sich selbst und die Menschheit, der sie
dienen; der letzte Sonnenstrahl der hinter Gewitterwolken purpurumsumt
scheidenden Sonne fiel auf sie und umwob sie mit einem gemeinsamen
Heiligenschein - da donnerten Mnnertritte drauen durch den Corridor.
    Elisabeth sagte zu Ulrich: Ruft meinen Bruder! und inde er die Thr des
Chrleins ffnete, strmte durch die entgegensetzte Zimmerthr ein Mann in
Bettlerkleidung herein, unter seinem Mantel zog er ein Schwert hervor, drang
damit auf Elisabeth ein, die arglos auf die Thr zugegangen war, stie es in
ihre weie Brust und rief:
    Du entgehst Deinem Schicksal nicht!
    Streitberg! rief sie auer sich und strzte auf den Teppich nieder.
    Es war ein Augenblick, und wenn auch in demselben noch die drei Mnner zu
Hlfe sprangen, die alle unbewaffnet waren - denn Ulrich wollte nicht das
Schwert wieder tragen, das man ihn in der Bauhtte abgenommen, - so war es doch
zu spt - zu spt sogar einen andern Eindringenden abzuhalten, der Streitberg
nachstrzte und diesen mit einem Wehgeschrei, ehe er sich dessen versah, mit
seinem Schwert durchbohrte.
    Amadeus! rief Konrad, den Mnch in der ritterlichen Tracht erkennend,
inde Martin und Ulrich sich ber Elisabeth neigten und sie auf das Sopha hoben.
Sie war ohnmchtig, aber sie lebte noch; Martin drckte ihr ein Tuch in die
tiefe Wunde, Ulrich rief nach den Leuten, die schon von dem Lrm gelockt herbei
kamen; sie liefen nach dem Bader und Doctor. Zwei Diener schafften Streitberg in
ein Nebengemach. Eine Dienerin sagte, da sie den zudringlichen Bettler
vergeblich habe abweisen wollen, er habe sich durch die Thr gedrngt und sie
einen Treppenabsatz hinabgeworfen. -
    Amadeus erklrte, da man ihm in Augsburg erzhlt, da eine Frau von Scheurl
bei Knig Max gewesen und fr einen zum Tode verurtheilten Baubruder, der seinen
Vater aus dem Kloster befreit, gebeten habe; Amadeus war zurckgeeilt nach
Nrnberg, um sich selbst auszuliefern und dadurch den Sohn zu retten. Durch
Nrnbergs Straen gehend, war er einem Bettler begegnet, der ihm aufgefallen. Er
hatte Streitberg erkannt, und nichts Gutes ahnend, war er ihm nachgegangen, als
dieser in Scheurl's Hause verschwunden, Amadeus war zu spt gekommen die Unthat
an Elisabeth zu verhindern; vielleicht aber wre Ulrich ein zweites Opfer
gewesen - und so hatte er doch den Sohn gerettet.
    Streitberg kmpfte nur einen kurzen Todeskampf. Als er auf der Flucht und
versteckt erfahren, da Weyspriach gefangen war und dann, da die Nrnberger es
wagten den Ritter enthaupten zu lassen, hatte er Rache geschworen und tollkhn
wie er war, sich selbst als Bettler verkleidet nach Nrnberg begeben. Er sah
Elisabeth mit Martin am Fenster, da er ihr Haus umschlich; er sah auch Ulrich in
dasselbe gehen - da erwachte seine Leidenschaft, er folgte ihr in blinder Wuth,
traf sein Opfer und fiel selbst von einer pltzlich eingreifenden Rcherhand.
    So erklrte es Amadeus Ulrich und Konrad, whrend Martin mit Elisabeth's
Dienerin diese in ihr Schlafzimmer und zu Bett brachten und der herbeigerufene
Bader ihre Wunde untersuchte und verband - er konnte keine Hoffnung geben.
    Ulrich! flsterte sie und Martin ging den Baubruder zu rufen.
    Er knieete an ihrem Lager. Ulrich! sagte sie, mein Mrder giebt mir jetzt
einen schneren Tod als das erste Mal - ich rede nicht irre - er war der
Geliebte meiner Jugend, und ich mute erkennen, da er mich betrog - damals
zerri er mein Herz ohne Schwertstreich - es schmerzte mehr als heute.
    Nach einer Pause sagte sie: Es ist schn, in dem Augenblicke zu sterben, in
dem die Seele ihren Flug schon zum Himmel nahm, sie kommt nun in kein fremdes
Reich. - Ihr verspracht mir schon die Begrbnikapelle der Behaim mit dem Werk
Eurer Hand zu schmcken - versprecht nun es auch fr die Kapelle der Scheurl -
ich habe keine Erben - meine Erbin sei die Kunst in meiner Vaterstadt - meine
Brder werden das Testament vollstrecken.
    Elisabeth! rief Ulrich, Ihr seh't Thrnen in meinen Augen - sie
versprechen Euch Alles, was Ihr wnschet. Ich will nicht vor Schmerz weinen in
dieser Stunde - wir wollen uns freuen, da es also kam; der hheren Weihestunde
von vorhin wird keine profane folgen - ich werde in meinen Werken nicht mehr fr
Euch beten - sondern zu Euch!
    Ihre Hand ruhte auf seinem Scheitel. Lebt wohl! hauchte sie noch einmal
und winkte ihm dann fort. Er kte ihr die Hand und ging.
    Sein Vater und Konrad begleiteten ihn stumm. Auf der Strae begegnete ihnen
Hieronymus - es war zum ersten Male, da sich die Freunde wiedersahen.
    Hieronymus stand beschmt vor Ulrich. Kannst Du mir vergeben? fragte er
beklommen.
    Ulrich drckte ihm die Hand. Ich komme von Elisabeth's Sterbebette - nein,
ich komme von der Verklrungssttte eines Genius - in meinem Herzen ist lauter
Gottesfriede - kannst Du noch mein Freund sein?
    Wenn Du mich nicht verstt! rief Hieronymus und blieb an seiner Seite. -
    Amadeus ging wieder in sein Kloster; sich freiwillig stellend, gehrte er
mit zu den Begnadigten, und bte nun, wie er vorher gebt, ehe die Sehnsucht
nach Ulrich ihn halb wahnsinnig gemacht. Der Sohn hatte ihn gesegnet und Ulrike
auf ihrem Sterbebette vergeben - er hatte Frieden.
    Nicht lange whrte es mehr, da ward Ulrich wieder feierlich in die Bauhtte
aufgenommen. In Behaim's und Scheurl's Begrbnikapelle vollendete er hohe
Kunstwerke, darunter Elisabeth's Statue selbst die vollendetste war. Dann
verlie er Nrnberg, um auch in andern Landen an der Erbauung hoher Dome sich
selbst und seine Kunst zu frdern. -
    Auf Ansuchen des Nrnberger Rathes ertheilte ihm Max die Erlaubni, die
Juden fr immer aus der Stadt zu weisen. Auch Ezechiel und Rachel waren unter
den Auswandernden.
