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Vorwort.










Dieses Werk, welches die Dichterin in den Tagen ihrer Blindheit, kurz vor ihrem Hinscheiden mir dictirte, und ich hiermit, ihrem Willen gemäß, der deutschen Lesewelt übergebe, ging unter Kämpfen und schwerer Krankheit aus frommer Liebe hervor – ein Schwanengesang der Dichterin. Man kann deshalb wegen vorkommender Mängel und Lücken wol auf gütige Nachsicht vertrauen.
Helmina von Chezy äußerte in ihrem letzten Schreiben an Se. Majestät den König von Preußen unter anderm Folgendes: »Das Werk des Dichters ist die Perle, sein Selbst ist die Muschel, die den Himmelstropfen in ihrem Busen zum geistigen Schmuck ausbildet, und stirbt, wenn sie ihn vollendet hat. Die Perlenfischerin ist die Zeit; aus ihrem Netz erkieset der Ewige sie für die rechte Stätte, wo sie leuchten soll.« Dies bewährte sich treu bei ihr selbst: schon wenige Wochen nach Beendigung dieses Werks starb sie.
Es war zu Anfang des Jahres 1853, als ich in den Zeitungen las: Helmina von Chézy läge erkrankt, erblindet und verarmt in Genf. Tief ergriffen schrieb ich, als eine[5]  ihrer nächsten Verwandten (meine Großmutter Eleonore Borngräber war die Schwester der Karschin), ihr einige tröstliche Worte. Sofort erhielt ich herrliche Briefe von ihr.
In dem ersten schrieb sie: »Meine Augen, die ausgeweinten, haben wieder einige Thränen gefunden, als ich Deinen Brief vorlesen hörte, und in diesen Thränen war Süßigkeit. Wir blinde Sterbliche, wir klagen über Verlassenheit und Mangel an fühlenden Seelen, indeß ungeahnt im Verborgenen uns Veilchen blühn, die von einem himmlischen Frühling sagen. Schreibe mir ja bald wieder, denn lange leben werde ich wol nicht mehr. Wie schön, wenn Deine Verhältnisse Dir gestatteten, zu mir zu kommen, bis mein Auge bricht. Ich hatte seit allen diesen Jahren viel nach Schlesien gedacht, allein ich wußte nicht, wohin ich einen Brief adressiren sollte. Ich hatte viel Schicksale erlitten. Im Jahre 1832, am 31. August starb mein Gatte, am 1. December 1846 mein herrlicher Sohn Max, aller andern Betrübnisse nicht zu gedenken. Ich bin ausgeplündert und leide die bitterste Noth ....«
Im folgenden Briefe heißt es: »Ich lag seither wie ich selber glaubte, sterbend, jetzt scheine ich mich wunderbar zu erholen. Könnte ich das Herz von Deinem Arm umspannt sanft brechen lassen! Ich bin jetzt in einer Auseinanderzerrung meiner Gedanken, Wünsche und Entschlüsse. Ich weiß sehr wohl, was zu thun wäre, wenn ich Dich als meinen guten Engel des Trostes und der Liebe in der Nähe hätte. Ich denke mir, so süß wird es sein für die greise Dichterin, mit der jungen Tochter der Poesie, mit Dir zusammen zu arbeiten. Die Grundlage und Richtung[6]  meiner Werke sagt Dir gewiß zu, und wir könnten Gutes für Zeit und Ewigkeit stiften. Wenn Du eine Weile bei mir gewesen wärest, und ich, geistig erheitert und erhoben, wiederum den Sinn für das Leben gewinne, der mir früher eigen, so wäre ich neu geschaffen, die Flügel der Seele würden sich lüften, würden vom Thränenregen lassen und ihre altgewohnte Schwungkraft wiederfinden. Dies ist also mein wohlüberlegter Wunsch! Rüste Dich mit Nachsicht und Liebe, und komm zu mir. In Deiner Umgebung werde ich neu aufleben, und der Trost dichterischer Freundschaft wird mich erheben und begeistern. Die Krisis meiner Schwäche ist überstanden, und ich fühle die Quellen des Lebens jetzt schon wieder hervorsprudeln. Wenn Du mein Augenlicht sein wirst, wie bald mein Herz, so wollen wir um die Wette dichten und singen wie Trutz-Nachtigallen. Du bist mir nothwendig, und eine liebende Seele, die mich umgibt. Wir könnten Schönes zu Tage fördern, und ich hätte den Trost, Dir zur Herausgabe meine zu hinterlassenden Schriften zu übergeben . ... Die Sehnsucht der Großmutter Karschin nach Tirschtiegel habe ich oft empfunden, und Gott erfüllt sie vielleicht; wir wollen wie treue Kinder ihm alles anheimstellen. In der Poesie wollen wir fleißig sein, Du sollst Dir noch einen Namen machen. Vielleicht begünstigt mich Gott, daß ich noch früher oder später an Deinem Herzen sterbe. Mehr als Augenlicht und Körperkraft fehlt mir, ich bedarf Liebe und diese bringst Du, gutes süßes Herz. Ich werde Deine zweite Mutter sein, ich bitte Dich, auch Deine neue Mutter Du zu nennen, denn[7]  das Sie steht wie ein Schlagbaum zwischen zwei liebevollen Herzen.«

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Meine Mutter, die ich treu gepflegt, war mir kurze Zeit vorher gestorben, und ich reiste, fast mittellos wie ich war, mit meinem kleinen Ersparniß von Tirschtiegel bis Genf. Leider fand ich die Aussage der Zeitung nur allzu sehr bestätigt.
Meine Pflichten waren schwer; aber ich habe sie im Aufblick zu Gott, in Mitgefühl und Geduld stets treu und gewissenhaft geübt, bei unzähligen Nachtwachen und großen Nahrungssorgen immer die Leidende theilnehmend und liebend gepflegt. Dies Bewußtsein ist mir süß und macht alles Herbe vergessen.
Helmina sagte mir, sie leide schon siebzehn Jahre an einem schleichenden Fieber und heftigen Unterleibskrämpfen; diese Uebel verschlimmerten sich täglich, oft wurde sie beim Dictiren davon unterbrochen, und sie hielt dann meine Hände vor Angst fest.
Trotz ihrer großen Ungeduld, auch wol augenblicklichen Heftigkeit, deren Ausbruch zum großen Theil ihren schweren Leiden zuzuschreiben war, verlor sie nichts von ihrer fesselnden Anziehungskraft. Sie war unermüdlich thätig. Jugendfrisch lebte ihr Geist noch ein mal auf, als ich ihr vieles von der Karschin zu erzählen wußte, was, bisher ungedruckt, mir von meinem Vater treu übergeben worden war. Die Memoiren wurden nun mit rechtem Geistesfeuer begonnen, alles Neue von der Karschin wob sie mit hinein. Meine Feder konnte oft dem schnellen Dictiren kaum folgen. Ihr Gedächtniß blieb ihr fast immer treu, und die Bilder[8]  aus ihrer eigenen bewegten, thatenreichen und ereignißvollen Vergangenheit bis in die Kindheit hinab standen klar vor ihrer Seele. Morgens 4 Uhr saß ich schon am Schreibtisch, ihrer Ermahnung folgend: »Schreibe schnell, nimm die Augenblicke wahr, Du hast mich nicht mehr lange, ich gleiche einer Sterbenden!« Dann rief sie auch oft: »Schreibe fleißig, es ist für Dich, ich werde ja den Druck nicht überleben.«
Mitte December 1853 war das Werk beendet und wurde sofort an Varnhagen von Ense zur Correctur zugesandt, welcher schon auf die vorhergegangene Anfrage Helmina's erwiderte: »Ich werde Ihr Werk mit Antheil und Vergnügen lesen, von der mir ertheilten Erlaubniß zu kleinen Aenderungen gewissenhaft – das heißt nicht ohne die dringendsten Gründe – den möglichst sparsamen Gebrauch machen etc.« Nach Empfang des Werks schrieb Varnhagen von Ense unterm 28. December an Helmina: »Ich habe das werthe Manuscript mit größtem Eifer und höchstem Genuß durchgelesen. Von der Befugniß, welche Sie mir im Betreff des Inhalts und Ausdrucks gütigst ertheilt haben, konnte ich bis jetzt keinen Gebrauch machen. Das Werk ist mit so eigenthümlicher Natürlichkeit und Anmuth geschrieben, daß man ihm den größten Reiz nähme, wollte man darin etwas verändern; selbst wo die Nachlässigkeit etwas auszuarten scheint, im Fallenlassen des Fadens und Wiederaufnehmen desselben, im Vor- und Zurückgreifen, möchte ich zu keiner Abhülfe rathen, da die Eigenheit des Ganzen gerade darin besteht, ein Erzeugniß unmittelbarer Eingebung, ungezwungener[9]  und freier Mittheilung zu sein. Denn so wie es ist, ist es sein bestes Lob. Sie haben einen überaus reichen mannichfachen und wichtigen Lebensstoff mit leichter Hand anmuthig vorgeführt und entfaltet; überall erkennt man die Wahrheitsliebe, die Ihnen ihre Schilderungen eingegeben hat, überall die Milde und Güte, von denen Sie dabei geleitet worden sind. Die großen Ereignisse und Verhältnisse einer verhängnißvollen Zeit, die bedeutendsten Persönlichkeiten, welche dieser Zeit angehören, und die eigenen Schicksale, die sich durch den großen Weltwirrwarr durchwinden, alles führt zu höhern Anschauungen, zu fruchtbaren Betrachtungen. Genug, das Buch macht Ihrem Geist wie Ihrem Herzen die größte Ehre, und ich zweifle nicht, daß es bei der Lesewelt eine günstige Aufnahme finden wird. Von den frühen Kämpfen der Karschin bis zu ihrem eigenen spätern Ringen ist eine Steigerung, der man mit eifrigem Antheil zu folgen gezwungen ist, und die einen fast tragischen Eindruck macht.« Bei Vorlesung dieses Briefes weinte die Dichterin Freudenthränen, die ich mit ihr theilte.
Acht Tage vor ihrem Tode sagte sie mir noch: »Meine letzte Stunde erscheint, Gott erfüllte meinen Wunsch, dies Buch zu vollenden, und Du wirst es nebst meinen sämmtlichen zu hinterlassenden Schriften der Welt übergeben!« Durch diese Uebergabe und Schenkung ihrer Schriften, die sie mir schon in ihren Briefen zugesichert, erwies sie mir nicht nur ihre Erkenntlichkeit für Pflege und Beistand in ihrer Verlassenheit, sondern wollte mir auch einen Ersatz für meine vielfachen und großen Opfer, die meine geringe[10]  Habe ganz erschöpft hatten, darbieten. Nach Tische schlummerte sie eine Stunde, dann las ich ihr eine Stunde lang vor, oft die Bibel, das Evangelium Johannis, die Bergpredigt, wobei sie einmal mit Thränen in den Augen ausrief: »Was sind alle Schriften großer Geister – sie veralten! Aber dies Buch, wie ist es immer wieder so neu!« Ausgefahren wurde selten, dazu fehlten Zeit und Mittel, und zum Ausgehen die Kräfte. Selbst wenn sie von zwei Personen geführt wurde, mußten auf einem kleinen Gange viele Ruheplätzchen gesucht werden.
Einige Tage vor ihrem Tod dictirte sie mir noch nachfolgendes Gedicht, welches sie aber bei allzu großer Körperschwäche nicht mehr vollenden konnte. Wenn es auch nur als ihr letztes Product auf Veröffentlichung Anspruch machen kann, so halte ich mich doch für verpflichtet, es hier mitzutheilen:

An Seine Majestät den König Friedrich Wilhelm IV.


Bald wird mein sel'ger Geist Dich frei umschweben,
O Du, mein König! Bald entfliegt dem Mund,
Der nun erbleicht, der letzte Hauch von Leben –
Und wahres Leben wird statt Traum mir kund!

So nimm denn meinen Segen vor dem Scheiden,
Der zu Dir wallet wie ein Opferduft.
Ihn höret Gott, mein Hort in allen Leiden,
Der meine Sehnsucht nun zum Ziele ruft.

So fahr' denn wohl, Du wirst mich nie vergessen,
Weil ich Dich je geliebt mit frommer Treu!
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –[11] 
Wie bekannt, empfing die Dichterin durch die Huld des Königs eine vierteljährliche Pension von 50 Thalern; ihren Dank sprach sie meistentheils in Gedichten aus.
Der 25. Januar war der Dichterin Geburtstag; wir feierten ihn zum letzten mal und unter Thränen. Drei Tage darauf erschien ihr Sterbetag, an welchem die Baronesse Marie von Heldritt, ihre engelgleiche Freundin, wie sie dieselbe nannte und wie sie es auch war, sie noch besuchte, ihr eine Erfrischung zu bringen, welche die Sterbende schon sprachlos, doch noch eilig, mit sichtlicher Erquickung nahm. Kurz vor dem Scheiden umschlang sie mich mit offenen Armen, preßte mich an ihre Brust und küßte mich. Dies bewegte mich tief, ich dachte an meine Mutter, die ein Gleiches that.
Kniend betete ich unter Thränen einsam an ihrem Sterbebette, küßte die edle Stirn und die erkaltenden treuen Hände, – und so entschlief sie sanft in Gott. Es war um Mitternacht, am 28. Januar 1856. Am 31. Januar vormittags 10 Uhr wurde die entseelte Hülle durch den ehrwürdigen Pastor Andersen (bei dem wir kurz vorher noch communicirt) mit einer kräftigen Rede in der Wohnung und einer Einsegnung am Grabe feierlich zur Erde bestattet. Ihre Ruhestätte befindet sich Nr. 4527, tombe 5, ligne 3, auf dem allgemeinen Kirchhofe in Plain-palais zu Genf.
Ein treuer Freund Helmina's, Professor Schad, rief ihr in einer Mittheilung über sie in der augsburger »Allgemeinen Zeitung« (Beilage zu Nr. 53, 22. Februar 1856), folgende Worte nach: »Die Erde sei ihr so leicht, als[12]  das Leben ihr schwer gewesen; und stand ihr Lebenspfad von Dornen nie leer, so empfange den heimischen und fremden Wanderer ihr Grabeshügel stets voll von Rosen!«
Mir aber gestatte man noch nachsichtig hier folgenden

Nachruf an Helmina von Chezy.
Durchfurcht von Schmerz, gebückt am Pilgerstabe,
Das greise Haupt gebleicht von Lebensmühn!
Nun endlich ruhst Du sanft in Deinem Grabe,
Du schwergeprüfte deutsche Sängerin!

Längst konntest Du der Blumen flurentsprossen,
Des Sternenhimmels Dich nicht mehr erfreun.
Dein strahlend Aug' war längst der Welt verschlossen,
Und Nacht umhüllte Dich im Sonnenschein.


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Viel herbes Leid war in Dein Los gewoben,
Schon als Dein Haupt noch blond Gelock umfloß.
Dein inn'res Blühn hat siegreich Dich erhoben,
Indeß dem Geist ein Eden sich erschloß.

Hier thronte Licht – es flammte hell und kräftig
Zum Urquell alles Lichts, der es genährt.
Jetzt in der großen Ewigkeit geschäftig,
Wirkst Du mit theuern Ahnen fromm verklärt.

Dein Grab – so fern vom heimatlichen Boden –
Wird immer frisch von edler Hand bekränzt.
Oft säuselt leis herüber Liebesoden,
Wenn eine Thrän' um Dich im Aug' mir glänzt.

So ruhe wohl, bis Gott den Leib einst wecket.
Ein Monument erbaute sich Dein Lied! –
Ob auch, kein Marmor Deinen Hügel decket –
In treuer Brust Dir ein Gedenken blüht![13] 
Was die Herausgabe dieses Werks der verewigten Dichterin betrifft, so erachte ich es für nothwendig, noch einiger besondern Umstände Erwähnung zu thun: Als mir auf meiner Rückreise von Genf, Ausgangs Juni 1856, in Berlin das Manuscript Helmina's von Varnhagen von Ense treu übergeben wurde, bat ich ihn, dasselbe doch selbst herausgeben zu wollen, was er jedoch mit den Worten. »Es enthält Günstiges von mir« ablehnte. Ebenso legte ich bei meiner Durchreise durch Dresden das Manuscript dem Director des Historischen Museums Kraukling zur Herausgabe vor, welcher mir aber, nachdem er einen Theil desselben durchgesehen, aus ganz gleichem Grunde eine ablehnende Antwort gab. Es blieb mir nun nichts übrig, als dies Werk nur mit den oben angeführten Worten Helmina's der Welt selbst zu übergeben. Doch die dazu erforderlichen Schritte wurden durch eine Krankheit, welche mich nach meiner Rückkehr in die Heimat als eine Folge der heftigen Gemüthsbewegungen an der theuern Helmina Sterbebette heimsuchte, längere Zeit hinausgeschoben, sodaß ich erst viel später als ich gehofft hatte die Reise nach Leipzig unternehmen konnte, um das Werk der Verlagshandlung F.A. Brockhaus anzubieten, wie es Varnhagen von Ense mir selbst angerathen hatte.
Ueber eine eigenthümliche Angelegenheit noch wenige Worte. Seit längerer Zeit erscheinen im »Morgenblatt« Skizzen »Aus dem Leben einer deutschen Dichterin«, die bei der gesammten deutschen Lesewelt ebenso reges Interesse als schmerzliches Erstaunen erregten; dies letztere[14]  darum, weil sie von Herrn Wilhelm von Chézy in Wien, Helmina's ältestem Sohn herrühren, der darin über seine eigene Mutter, deren Liebe für ihn nicht erstorben, sondern nur zurückgedrängt war, in einem Ton spricht, der nicht eben von Pietät und Kindesliebe hervorgerufen ist. Derselbe versucht nun, nachdem er durch öffentliche Blätter von dem bevorstehenden Erscheinen des vorliegenden Werks Kunde erhalten – wol aus Gründen, die ihm selbst am besten bekannt sein mögen –, die von seiner Mutter verfaßten »Denkwürdigkeiten« als gefälschte zu bezeichnen und mein Recht zur Herausgabe derselben in Frage zu stellen, indem er sich als Universalerben der Verstorbenen betrachtet. Ueber den ersten Punkt brauche ich nichts weiter zu bemerken: für die Echtheit der Memoiren bürgt außer den in der Sache selbst liegenden Gründen mein Wort; über den zweiten kann ich mich einfach auf das oben Angeführte berufen.
Uebrigens drängt mich meine Liebe zu der Verewigten noch zu der Nachschrift: es ist mir ein schmerzliches Gefühl, daß wieder Helmina's eigener Sohn, Herr Wilhelm von Chézy, es ist, welcher abermals das Andenken der Todten beunruhigte, indem er ihren Namen mit seinen Anklagen und Schmähungen in Verbindung brachte.
Doch genug von diesen traurigen Verhältnissen!
Varnhagen von Ense, diesem so treuen Freunde Helmina's, der ihr jetzt in das Land der Verklärten nachgefolgt ist, gemahnt es mich noch am Schluß dieser Vorrede ein Wort des Dankes zu widmen für den hülfreichen[15]  Beistand, den er mit Rath und That bei Herausgabe dieses Werks leistete. Bis zu den letzten Tagen seines Lebens interessirte er sich noch mit warmer und thätiger Theilnahme für das baldige Erscheinen desselben, dem er erwartungsvoll entgegensah. Nicht minder dankbar muß ich eines andern bewährten Freundes Helmina's gedenken, des schon oben erwähnten Directors Kraukling in Dresden, der in mehrfacher Weise und besonders durch Berichtigung von vorkommenden Namen in dem von ihm durchgesehenen Theile der Handschrift den Memoiren Helmina's, an welchen auch er, so wenig als Varnhagen von Ense, irgendetwas ändern mochte, und an deren Echtheit beide keinen Augenblick zweifelten, seine gütige Mitwirkung zu Theil werden ließ. Dieser Dankaltar sei der Schlußstein meines Vorworts.


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Tirschtiegel (Provinz Posen),
im October 1858.

Bertha Horngräber.[16] 




I.
Meine Großmutter Anna Luise Karschin.










Wie in der Nacht, wo das Treiben der Menschen schweigt, das Rieseln der Flut hörbar wird, so vernehme ich in der Einsamkeit, die ich mir erkoren, deutlicher die innere Stimme, die mir die Vergangenheit wieder zurück erzählt.
Ich bin, dies Werk entwerfend, auf einer Meerfahrt begriffen, auf der ich jedes Ufer, an dem ich vorüberschiffe, begrüße, jede Stelle wo ich jemals in Wonne oder Schmerz geweilt, mit Andacht feiern möchte. Doch mein Schiff segelt heim, die Segel schwellen, die Ruder fliegen, nah' ist das Ziel! – Der Steuermann, unerbittlich, will weiter. Ich reiche dem Leser die müde Hand, um ihn durch das Irrgewinde dreier Lebenspfade zu führen. Auch die holde Leserin wird mir gern folgen. Wir werden in eine weite Vergangenheit zurückgehen, Licht wird den Pfad erhellen; Liebe und Wahrheit sind Eins. Die Vergangenheit bietet eine ganz andere Gestalt dar als die Gegenwart, sie ist ein Hochgebirge, das in jeder Entfernung anders aussieht, wenngleich es immer dasselbe bleibt.[3]  Je höher man geklommen ist, je umfassender und richtiger wird der Ausichtspunkt.
Die Lebensgeschichte meiner Großmutter Karschin ist in verschiedenen Sprachen häufig erschienen, mitunter von sehr geistvollen Männern geschrieben worden; man hat sogar Romane und Novellen daraus gemacht – und sie bedurfte doch keiner Schminke, sie ist durch sich selbst schön wie eine Blume.
Das Leben meiner Mutter dagegen ist so arm an Begebenheiten, daß es nur darauf ankommt, nach innen hineinzuleuchten, um es zu lieben.
Das meinige ist von innen und außen vielgestaltig, tief und reich angeregt, schaudervoll durchklungen von den Tönen der unsichtbaren Welt, die wenigen Naturen vernehmbar werden und meist unverstanden bleiben. Für mich hat sie eine Sprache gehabt, als ich selbst nur noch lallen konnte; mehr als ein mal hat sie mir die Zukunft gezeigt, nicht in persönlicher Hinsicht, sondern in Enthüllung großer Weltgeschicke. Wer stumpfsinnig genug ist, um zu vermeinen, es gäbe nichts anderes als was er versteht und begreift; wer nicht erkennt, daß die ganze Schöpfung uns Wunder ist, der lege diese Blätter ungelesen weg: denn sie werden seinen Dünkel verletzen, er wird sie verabscheuen oder belachen. Ich aber, die so veraltet ist, deren Glaube an Gott und die göttliche Vorsehung so beseligend und unerschütterlich in mir lebt, ich am Rande des Grabes, betheuere, daß ich nach jedem Erlebniß geisterhafter Art sorgfältig geprüft, was ich sah und hörte, und klar erkannt habe, daß weder ein Spiel der Phantasie, noch irgendeine Vorspiegelung mich getäuscht hat, und ich erwähne dieser Begebenheiten nur, der Welt einen Trost mehr zu hinterlassen, der sich den schon empfangenen Tröstungen aus der heiligen Schrift[4]  und den Werken edler Männer liebevoll anschließt, und die gefährliche Sicherheit und Unbekümmertheit um die Beziehung der Geisterwelt, über ihren Einfluß auf unser Leben zertrümmere und den Nebel vor unsern geistigen Augen zerstreue.
Anna Luise Karsch ist am 1. December 1722 in einer zwischen Züllichau und Krossen nahe der niederschlesischen Grenze gelegenen einsamen Meierei geboren. Ihr Geburtsort, Der Hammer genannt, bestand damals aus sieben Häusern, darunter ein Gasthof nebst Brauerei. Ihr Vater, der Pachter Christian Dürrbach, war im ganzen Kreise bis in das brandenburgische Gebiet bekannt wegen des starken weinähnlichen Bieres, welches er brauete. Sein biederer Charakter und sein verständiges Betragen verschafften ihm die allgemeine Achtung. Seine Gattin, ein Pflegekind der Herrschaft des Schlosses, war die Tochter des Amtsförsters Kuchel. Anmuthig, verständig und sittsam, fühlte sie sich etwas unbehaglich in der neuen ungewohnten Lebensweise, die ihr Hauswesen erfoderte. Sie hatte dieselbe Erziehung der Fräulein von Moose, welche sie mit schwesterlicher Zärtlichkeit behandelten, genossen, und war in denselben Gewohnheiten aufgewachsen.
Die Last einer großen Haushaltung, die Aufsicht über Bedienung der Gäste lag ihr ob. So sehr sie sich in alle ihre Geschäfte zu schicken wußte, so sehr ihr Mann sie liebte, so litt sie innerlich durch alle Ungemächlichkeiten, die mit ihrem neuen Stand verknüpft waren.
Das dritte Kind, dessen sie genas, war Anna Luise, unsere Dichterin, bei deren Anblick die junge Mutter mit einem Schrei des Entsetzens zurückfuhr. Die runzelige Haut hing über ihre Stirn, ihre Augen lagen tief im Kopfe, das vermagerte Gesicht hatte nichts Blühendes, ihr Körper war gelb und schrumpfig.[5] 
Der Mutter feines Auge, welches durch ihre ersten schönen Kinder, welche früh starben, verwöhnt war, wendete sich mit Verdruß von der Neugeborenen ab. Doch dies unwillkommene Kind gewann die blühendste Gesichtsfarbe, die strahlendsten Augen und eine Stirn, auf welcher Licht und Lieblichkeit thronte. Ihre feinen Lippen blieben purpurn bis in den Tod. Ihr Haar glänzte wie das köstlichste Gold, ihr Wuchs war regelmäßig, schlank und weiblich, ihre Haltung natürlich und anstandsvoll. Sie dankte diese Vorzüge allein der Natur. Sie war ein stilles in sich verschlossenes Kind, welches niemand Unruhe machte; sie blieb so bis in ihr sechtes Jahr. Sie kroch unter den Bänken der Gaststube umher, und saß zu halben Tagen wie ein Gedanke ganz still vor sich hin, ohne auf etwas zu merken, was um sie her vorging.
Wahrscheinlich hatten die Gespräche der Gäste keinen Reiz für ihr Ohr, und ihren Aeltern fehlte es an Zeit sich mit ihr zu beschäftigen. Doch zuweilen blitzte Lebhaftigkeit aus ihrem Wesen hervor. Als ein dreijähriges Kind, das keine Vorstellung vom Tode hatte und von der Großmutter unvorsichtigerweise mit sich nach einem Richtplatz getragen wurde, klopfte sie in die Händchen, und machte ihren ersten Vers: »Schwabb war er ab«, als der Kopf des Unglücklichen weit abflog. Die Umstehenden lachten und unterhielten diesen Vers im Gedächtniß der Gegend. Das Kind vergaß ihn schnell, sie blieb still und in sich verschlossen wie zuvor.
Mit sechs Jahren ihres Lebens entriß ihr der Tod ihren lieben Vater, den schönen, gefühlvollen Mann, dessen Bild sich ihrer jungen Seele unvergeßlich eingeprägt hatte. Seine ausdruckvollen Blicke, seine regelmäßigen Züge, sein lockiges, schwarzes Haar gewannen durch ein Stutzbärtchen über der Oberlippe und am Kinn in seiner[6]  mittelalterlichen Tracht eigenthümliche Bedeutsamkeit. Er sah aus wie ein Bild seiner Ahnen, denn er war aus einem altadeligen Geschlecht.
Anna Luise war nun in gewissem Sinne ganz verwaist. Der Verlust ihres Vaters war ihr erstes Unglück, welches auf ihr ganzes Leben Einfluß haben sollte. Ihre Mutter konnte sich minder als je mit ihr beschäftigen. Im Hammer gab es keine Schule, und weit und breit keine Kirche. Niemand von Bedeutung oder von Bildung bewohnte diesen Ort. Die Natur allein hatte ihn nicht vergessen, und gewiß sprachen schon damals seine Quellen und das Säuseln seiner Bäume zu des Kindes Seele, ihr unbewußt, in ihrer vollen süßen geheimen Gewalt. Wer sie sah, wunderte sich über sie, denn sie war ein Kind, wie man noch keines gesehen hatte: schweigsam wehmuthsvoll, ernst, aber sanft, und in ihrer stillen Weise freundlich. Keine andern Kinder kamen ihr nahe, es war vielleicht ein Glück für sie, kindliches Treiben hielt sie fern von sich. Sie wollte auch von keinem Stricken und Nähen wissen. So würde sie ohne Unterricht aufgewachsen sein, wenn nicht ihr Großoheim, der Justizamtmann, gekommen wäre, seine Nichte zu besuchen, und seine Schwester, die Großmutter Anna Luisens, zu sich zu holen, weil er Witwer geworden, und weiblicher Pflege und Aufsicht in seinem Hauswesen bedurfte.
Er sah die Kleine im Garten unbeachtet ihr Wesen treiben. Seine Schwester rief sie herbei. Er bot dem Kinde die Hand mit einem so liebreichen Blick, daß er sogleich das junge Herz, dem sein Bedürfniß nach Liebe die Brust durchglühte, gewann. Er verlangte sie von seiner Nichte zur Begleitung der Großmutter. Sie zuckte die Achseln, und meinte: der Herr Oheim würde sie schwerlich bei sich behalten wollen, denn sie sei doch zu[7]  gar nichts zu brauchen, und wolle nichts lernen. Der Großoheim sah das Kind mit Erstaunen an. Ihre Augen waren naß, sie hatte den Tadel ihrer Mutter schmerzlich empfunden, und antwortete nichts, als er sie fragte: »Willst du mitkommen?« Sie klammerte sich an seinen Rock, und sprang ohne Abschiedsthränen in die Reisekalesche.
Der heiterste Frühlingstag glänzte über der Erde. Wie geflügelt eilten die Rosse durch die Krümmungen der Landstraße nach Tirschtiegel hin, das unter lauter Blüten versteckt war.
Die Besitzung des Großoheims, die noch jetzt das Eigenthum einiger Familienmitglieder ist, liegt unweit der Landstraße und wird durch sie vom Schlosse getrennt. Die linke Seite begrenzte ein herrlicher Wald von lebendigem Holz. Das Schloß, von unzähligen riesigen Linden umduftet, welche ein großer Garten umgrenzt, um den üppige Wiesen prangen, die das Städtchen beinahe umschließen, und wodurch sich die milde Obra in ihren blumenreichen Ufern schlängelt, bot einen romantischen Anblick dar.
Das freundliche Wohnhaus stand mitten in einem unabsehbaren Obstgarten, wo die Bienen summten, und die vielfältigen Stimmen der Natur, mit denen sie ihre schmetternde Feier des Tageswechsels begeht, um und um erklangen. Nichts störte ihr harmloses Treiben. Der Wipfel der vielhundertjährigen Linde und das ferne Rauschen der Obra begleiteten den Hymnus der gefiederten Bewohner dieses Paradieses, vernehmbar beim Erwachen des Tages und beim Einschlummern der Natur, wenn die Sterne aufgehen.
Glückliches Kind, das unter der herrlichen Linde, an eines väterlichen Greises Brust geschmiegt, den Port der[8]  Liebe offen fand, ahnungslos und beseligt in die Zukunft blickte, die kein Wölkchen trübte! Armes Opfer des Misgeschicks, das bald und grausam aus der Oase in die brennende umstürmte Wildniß der feindseligen Welt geschleudert wurde! Wundersame Fügung des Himmels, daß das Paradies der Liebe und des Friedens, wenn es auch vor ihren Blicken verschwinden mußte, dennoch in ihrem Herzen fortblühte.
Zu jener Zeit war Tirschtiegel nur ein Marktflecken, hatte weder Kirche noch Schule, und die kirchlichen Handlungen wurden in Alt-Tirschtiegel, welches nur durch die Obra getrennt ist, von einem katholischen Pfarrer in dortiger Kirche vollzogen, woselbst ein Bürger täglich einige Stunden nothdürftigen katholischen Unterricht gab.
Das damals polnische Tirschtiegel liegt in einer sehr anmuthigen, durch ausgerodete Wälder fruchtbar gemachten Gegend, zu welcher das Schloß, von einer Seite mit einem Birkenwäldchen umgrünt, den Prospect malerisch schließt. Die vielen kleinen Häuser, die seit jener Zeit aus dem abgeschlagenen Holze erbaut wurden, haben beinahe jedes einen Garten, liegen zumeist einzeln in freier reizender Aussicht. Dort, wo die Wiesen aufhören, ist der Ort von Vorwerken, Wassermühlen und Hauländereien umgeben. Hier überrascht ein ungewöhnlicher Anblick den Reisenden, denn die Besitzungen sind, wie die alten Wehren Deutschlands, jede von Waldung, Feld, Garten und Wiese umgrünt, von grünem Raine umgrenzt, auf einer unabsehbaren Ebene verbreitet, und mitunter von Waldung umgeben.
Zur Zeit der Karschin, vor der Theilung Polens, gehörte diese ganze umfangreiche Gegend nebst mehreren Städten und Dörfern dem Grafen Mielczynski, der den Titel »General von Groß-Polen« trug und sein eigenes[9]  Militär hatte. Er lebte mit königlichem Aufwand und vergeudete mehr durch Großmuth als durch Prunk sein köstliches Besitzthum.
Die Gegend ist überaus fruchtbar, und versorgt die Stadt und umliegenden Ortschaften mit guten Erzeugnissen des Bodens.
Hier wurde Anna Luise zuerst wach für ihr Leben; durch die Gegenstände, welche die Lehren des Großoheims ihrem Verstand zum Verarbeiten gaben, lernte sie erst denken und empfinden. Sobald sie lesen konnte, wurden ihre Begriffe zu Feuerfunken, welche sich an Alles hefteten, was ihnen Nahrung geben konnte. Sie las alle Bücher, welche die kleine Bibliothek ihres Großoheims umfaßte, mit rastloser Begierde. Da es unmöglich ist, eine holdere Schilderung ihres Lebens beim Großoheim in Tirschtiegel zu entwerfen, als sie selbst in einem Liede gethan, so möge dieses hier eine Stelle finden.

An meinen verstorbenen Oheim, den Unterweiser meiner Kindheit. 1761.
Kommt heraufgestiegen aus dem Sande,
Ihr Gebeine, die ihr in dem Lande
Meiner Jugend eure Ruhe habt!
Theurer Greis, belebe deine Glieder!
Und ihr Lippen redet einmal wieder,
Die ihr mir der Lehren Honig gabt!

Oder du! auf des Olympus Höhe
Weißer Schatten, siehe wo ich gehe,
Hinter Rindern auf der Weide nicht?
Blick' auf diese feinern Menschen nieder,
Alle reden deiner Nichte Lieder,
Hör' auf ihr Gespräch, dein Lobgedicht![10] 
Ewig grünen muß die breite Linde,
Wo ich, gleich des besten Vaters Kinde,
Zärtlich dir an deinem Halse hing.
Wenn dich, müde von des Tages Länge
Wie den Schnitter von der Arbeit Menge,
Wenn dich matt die Rasenbank empfing.

Unter jenem Dache grüner Blätter
Wiederholt' ich von dem Gott der Götter
Zwanzig unverstandne Stellen dir!
Aus der Christen hochgehaltnem Buche
Sagt' ich dir von manchem dunkeln Spruche,
Frommer Mann, und du erklärtest mir.

Gleich den Männern, die in schwarzen Röcken
Auf der hohen Kanzel uns entdecken,
Welcher Weg zum Leben richtig ist,
Wenn du von dem Fall und Gnadenbunde
Sagtest, o dann wurden deinem Munde
Alle Worte zärtlich aufgeküßt.

Du Bewohner einer Himmelssphäre,
Siehe, meiner Freuden stille Zähre
Fließet über meine Wangen oft;
Kannst du reden, theurer Schatten? Sage,
Ob dein Herz für meine Lebenstage
Glück und Ehre dazumal gehofft!

Wenn mein Auge liegend auf dem Blatte
Täglich weis're Schriften vor sich hatte,
Wenn ich auf der Wiese Blümchen las,
Sie in meinen kleinen Händen brachte,
Sie zur Zierde deiner Haare machte,
Und auf Rosen lächelnd bei dir saß.[11] 
Sei mir drei mal mehr mit Licht bekleidet,
Mit der Gottheit Blicken mehr geweidet
Als die andern Seelen um dich her!
Für die Tropfen alle, die uns werden
Aus dem Freudenbecher hier auf Erden,
Tränke dich des Seligkeiten Meer!

Unüberwindlich war damals ihre Abneigung vor weiblichen Beschäftigungen. Die Großmutter hatte ihr eine Puppe geschenkt, diese schleuderte sie mit aller Gewalt in den Wipfel eines Birnbaums. Sie antwortete auf die Vorwürfe nicht, die über diese Handlung um sie her laut wurden. Wenn sie nicht las oder lernte, brach sie in dem Garten ein Haselstrauchstäbchen ab und zog damit auf die Nesseln, wie auf eine Legion Feinde los; ganzen Feldern voll hieb sie die Köpfe ab. Mit den Uebergängen der Jahreszeit veränderte sie auch ihre kriegerischen Dispositionen. Statt der Nesseln wurden nun Armeen von Erbsen und Bohnen auf den Tisch gestellt, welche aufeinander losgehen mußten. Oder draußen wurden kleine Kiesel gesammelt, in Reihe und Glied gestellt, und mit größern Steinen darauf losgefeuert. Ihre Großmutter schüttelte zu solchen Zeitvertreiben und zu ihren Schreibübungen murrend den Kopf. »Daß dich der Kranksch (Kranich) erschlüge!« rief sie oft in ihrem gutmüthigen Eifer ihrem Bruder zu. »Das Mädel soll mir durchaus nicht schreiben lernen, durchaus nicht. Ein Mädel muß nicht schreiben können, sie hat anderes zu thun, wenn sie 'ne Frau wird, als schreiben, das verführt sie nur zu Liebesbriefen, zu weiter nichts Gutem. Sie soll durchaus nicht schreiben lernen.« Allein jemehr die Großmutter eiferte, je heftiger wurde die Begierde der Kleinen, schreiben zu können. Sobald sie die Buchstaben nachmalen konnte, blieb kein leerer Raum mehr sicher vor ihrer[12]  Kreide, sie beschrieb jeden Klotz, jedes Stückchen Bret, welches sie auffinden konnte. Auch im Rechnen machte sie die schnellsten Fortschritte. Stricken lehrte ihr die Großmutter, aber dabei hatte sie keine Geduld, weil es ewiges Einerlei war. Sie hat oft erzählt, daß sie in ihrem Leben nicht mehr als anderthalb Strümpfe geknittet hat
Nun aber war alles erschöpft, nichts zum Lernen mehr da; doch blickten noch aus dem Staube der Bücher die lateinischen Grammatiken und die classischen Autoren. Anna Luise stöberte sie aus den Schränken heraus, und sog begierig den neuen Unterricht ein.
Schon hatte sie der Oheim so weit, daß sie geläufig lesen und übersetzen konnte, als der Schlag des Misgeschicks auf ihr Haupt niedersank. Sie mußte zu ihrer Mutter zurück. Denn diese erbebte vor der Vorstellung, daß ihre Tochter nun gar Lateinisch lernen wollte.
Kein Cherub war es, der das wehrlose Kind aus ihrem Paradiese vertrieb; es war das verjährte Vorurtheil, das feindlich den Frauen gegen geistigen Aufschwung entgegen wirkte. In der Wüste des Lebens sollte das Weib nur Kameel und Dromedar sein, das ging solange es seine eigenste Bestimmung nicht kannte. In dem kleinen Landort, wo Anna Luise aufwuchs, war es damals noch sehr finster, und blieb es noch lange. Die Karschin machte sich unwillkürlich, unbewußt Raum. Der Druck ihres Lebens konnte die Flügel ihres Genius nicht lähmen, und wenn sie dem Feuerdrang in ihrer jungen unschuldvollen Brust nachgab, so war es das unaufhaltsame Aufschwingen des Adlers zur Sonne. Sie that, was sie mußte. Wir kennen kein zweites Beispiel von einem solchen Walten innerer Nothwendigkeit in einer jungfräulichen Natur, die den Zwang des Lebens unter[13]  Verhältnisse, wie die Knospe ihre Bande, von sich sprengt, und in einer Nacht zur Rose aufblüht. Ihre ersten Lieder sind verstreut geblieben. Ihre ersten Bilder schöpfte sie rein aus der Natur. Kein Ramler, kein Gleim war ihr Meister. Unbewußt haben sie alle nur an ihr verdorben. Andere Dichter mußten sich Bahnen brechen, die Karschin faßte ihren Lichtpunkt ins Auge und schwang sich empor. Die Lerche macht es ebenso: ihr Schwung, ihr Lied, ihr Wogen durch das Luftmeer, ihr Trinken im Lichtstrom ist ihr Leben, ihr Glück. Sie war eher Lerche als Nachtigall. Liebesgetändel blieb ihr fremd. Ihr Kampf mit dem Leben war der rühmlichste, den je eine hohe Natur bestand. Nur die feinsten, scharfsinnigsten Denker konnten ihn verstehen und ihm Kronen flechten. Denkzeichen ihrer Siege leuchten nur aus ihren Gesängen hervor. Kein prüfendes Auge folgte den Schwingungen ihres Geistes. Niemand hat die Karschin werden sehen. Sie war geworden, doch nicht das, was sie hätte werden können, wenn sie frei von fremdem Einfluß geblieben wäre. Ihr süßes, weiches, liebevolles Herz empfing seine tiefste unheilbare Wunde, als sie gewaltsam von der Brust ihres Oheims gerissen wurde. Um ihr Glück war es gethan. Dort war ihre Heimat, ihr Himmel, nur dort konnte sie gedeihen, nur dort war Frieden und Sicherheit. Ein Mord war an ihr begangen worden, an ihr und an dem edeln Greise, dessen Werk sie war. Seit ihrer Trennung wurde er trübe und kränklich; bald schloß er auf immer die Augen, welche die nicht mehr sahen, die sein Licht und Trost gewesen waren. Sie aber schmachtete dumpf vor sich hin, bis Natur und Liebe doch Balsam für sie bereiteten. Ein Brüderchen, ein schönes Kind, wurde ihr von der Mutter in die Arme gelegt, sie gewann es innig lieb. Das Kind wurde ihre Poesie. Die Mutter hatte[14]  es ihr anvertraut, weil sie doch zu gar nichts zu brauchen war. Die Mutter sah, daß es sie erheiterte, erfreute, und gönnte ihr die unschuldige Freude, ganz dafür zu leben. Ein zweites Kind, Frucht ihrer zweiten Ehe, kam auf die Welt; für Anna Luise war es ein Zuwachs von Glück, sie umfing es mit wahrer Schwesterliebe. Es war ein begabter schöner Knabe, dessen herrliche Anlagen aber unausgebildet blieben. Seine Schwester liebte ihn, doch nicht wie den ältesten Bruder, welcher der erste Gegenstand war, der ihr welkendes Herz wieder mit Liebe erquickte. Ihre frühgeschäftige Phantasie lieh ihm alles, was ihm fehlte. Er hatte die ganze Natur seines Vaters, trotzig und geschmeidig, gebieterisch und unbändig; neigte nicht wie sein Bruder zur Vernunft und Sitte, sondern gab allen seinen Neigungen nach. Die rohe Umgebung, in welcher er aufwuchs, entwickelte seine Neigungen von ihrer gefährlichen Seite, sein Vater verzog ihn; denn der Mensch hat die Schwachheit, die Copie von sich selbst in dem Kinde zu bewundern, in welchem er sein Ebenbild erkennt. Daniel Hempel, sein Bruder, dankte zum Theil der Gleichgültigkeit seines Vaters die gute Richtung, die er für das ganze Leben nahm. Ich habe diesen vortrefflichen Oheim auf das zärtlichste geliebt, denn seine Milde und angeborene Liebenswürdigkeit machten ihn für mich zu einem zweiten Vater, er war bildungsfähig und fleißig, doch er blieb arm. Er war mit seinem frischherzigen, wackern Weibe und zwei Knaben nach Berlin gekommen, wähnend, er würde bei seiner Geschicklichkeit und Arbeitsamkeit unter den Auspicien seiner Schwester Karschin gedeihen, aber alles, was sie vermochte, kam nur seinem Bruder zustatten; ein Beweis mehr, daß der Mensch und sein Werth nicht immer die Gestalt seines Geschickes bedingen. Doch ich bin den Begebenheiten[15]  vorausgeeilt und muß den Faden derselben wieder aufnehmen.
Einige Zeit nach der Rückkunft Luisens in den Hammer traf sie ein neuer Schmerz, ihr geliebter Oheim starb, und der bisherige Wohnsitz, Der Hammer, mußte geräumt werden, weil ihr Stiefvater die Gäste daraus durch seine Heftigkeit verscheuchte.
Die Familie siedelte nach Tirschtiegel über, wo man hoffen konnte, gute Nahrung zu finden; doch die Erwartung schlug fehl, weil Hempel mehr bedacht war, sich mit seinen Gästen zu berauschen als sich ihnen angenehm zu machen.
Bald wurde der Rest vom Wohlstand des Hauses erschüttert. Durch Wirthlichkeit und Fleiß suchte die Hausfrau ihn wieder herzustellen; nur mit der größten Anstrengung gelang es ihr, den Schein der Wohlhabenheit aufrechtzuhalten. Ein drittes Kind vermehrte die häuslichen Sorgen, es war ein schönes schwarzäugiges Töchterchen Johanna Eleonore geheißen, das zur Freude ihrer Mutter erwuchs und von der ältesten Schwester zärtlich geliebt wurde. Seine Pflege und Wartung übernahm die Großmutter, dagegen wurden der jungen Anna Luise drei Rinder zum Hüten anvertraut, diese mußt sie täglich nach einer entlegenen Weide führen. Noch im späten Alter gedenke sie der drei Sommer, die sie hier als Hirtin zugebracht, und pries sie als die schönsten ihres Lebens. Die Freiheit, welcher sie hier genoß, die herrliche blühende Natur um sie her, die mit Bächen durchschlungenen Wiesen und die liebliche Ruhe, welche überall ausgebreitet lag, erfüllte ihre Seele mit einer Menge reizender Vorstellungen. Als sie 13 Jahre alt war, betrat sie mit ihrer kleinen Herde zuerst die grasreichen Triften. Hier empfand sie mehr als jemals den Drang phantasie und[16]  gedankenvoller Vorstellungen, welchen sie so gern in Bilder übergetragen hätte, wenn sie nur gewußt hätte, wie.
Eines Morgens entsprang der kleinen Hirtin eines ihrer Rinder, welches durch den angrenzenden Wassergraben auf eine fremde Weide gerieth. In aller Angst watet die kleine Hirtin durch den Graben diesem Rinde ach, die andern beiden folgten ihr von selbst; es dauerte lange, ehe sie es einholen konnte. Sie gewahrte nun in einiger Entfernung einen Hirtenknaben, der unter einem Baume saß und mehreren um ihn versammelten Kindern aus einem Buche vorlas.
Ihr Herz schlug laut vor Freude, und mit dem zweiten Gedanken war sie auch schon bei dem Knaben. Drei Worte in drei Augenblicken gesagt machten sie auf immer bekannt. Es war ein Volksbuch. Der Knabe war aus Tirschtiegel, seine Gestalt war unförmlich, seine Zunge schwer, seine Sprache heiser. Gott und Natur hatten ihn mit Geist und Herz begabt. Er hatte viel Anlage zur Mechanik, verfertigte sich selbst eine hölzerne Uhr, und bei seiner Feldarbeit täglich allerlei künstliches Schnitzwerk, worin er niemals einen Unterricht gehabt hatte.
Der Sommer verging Anna Luise wie ein schöner Traum. Zu Hause durfte sie nur verstohlen lesen. Die Bücher, welche ihr Freund ihr lieh, versteckte sie sorgfältig unter einem Hollunderstrauch, holte sie abends, um sie unter ihr Kopfkissen zu verbergen, und las vor Tagesanbruch darin, wenn noch alles im Hause schlief. Auch schlüpfte sie oft in das Vaterhaus ihres Hirten und las dort.
Der sehnlich erwartete schöne Frühling kam wieder und mit ihm das Leben des vergangenen Jahres. Der[17]  Hirt wußte Bücher herbeizuschaffen, jedes befruchtete ihre Phantasie mit neuen Bildern. Der dritte Sommer ihres Hirtenstandes verging auf gleiche Weise. Doch da in jenem Lande es Sitte war, die Töchter des Hauses früh zu verheirathen, so sollte Anna Luise noch in weiblichen Handarbeiten unterrichtet werden und alsdann die Hauswirthschaft lernen. Damit man nun verhinderte, daß sie nicht ihrer Gewohnheit nach lesen und in den Gärten und auf den Wiesen herum träumen möchte, so wurde sie vom Hause entfernt und einige Meilen weit davon in die Kost einer Müllersfrau gebracht, welche Geschicklichkeit im Ausnähen besaß.
Mit schwerem Herzen schied sie aus der Nähe ihres Freundes und von den Stätten, wo sie beseligt gewesen, aus dem Schos der Natur, vom Busen der Freiheit. Aus dem Zauberland der Poesie riß sie nun die kalte Hand des Schicksals hinweg und schleuderte sie in die Schranken des wirklichen Lebens. Schon hatte sie Widerwärtigkeiten und Schmerzen gekannt, nun aber sollte sie ein Opfer der Tücke und Habsucht gemeiner Menschen werden.
Ihre Lehrerin in weiblichen Arbeiten wurde bald von ihrer Geschicklichkeit überflügelt und hatte ihr nichts mehr zu lehren. Sie benutzte nun ihre Gegenwart für ihre eigenen Geschäfte, überlud das sanfte gefügige Mädchen mit schwerer Arbeit, und hielt sie knapp und schlecht. Sie würde sehr unfreundlich gegen die junge Luise gewesen sein, wenn sie ihrer nicht bald bedurft hätte, um ein Liebesverhältniß mit einem schönen jungen Rittmeister, der in der Nachbarschaft der Mühle auf Grasung lag, zu verheimlichen. Das junge Mädchen kannte die Welt und das Leben nur aus ihren Ritterromanen. Es wurde der schlauen Müllerin leicht, Luisen zu überreden, daß sie[18]  ein Opfer eines Tyrannen sei, der sie von ihrem Geliebten getrennt habe und gewaltsam von ihm entfernt hielte. Unter Thränen beschwor sie das junge Mädchen, ihre Liebe zu beschützen, und sie zu warnen, wenn sich der Müller ihrer Wohnung nähern sollte. Das gute Kind glaubte alles, was ihre Gebieterin ihr vorlog. Mit Eifer und Klugheit versah sie ihr Amt sie; besang das harte Geschick der Liebenden. Doch der Rittmeister mußte fort. Der Müller, der dessen Verhältniß zu der hübschen Frau bald durchschaut hatte, wurde grob gegen sie. Ihre Laune wurde unerträglich, und die junge Luise wurde das Opfer der Misstimmung beider Eheleute, die von den niedrigsten Gesinnungen durchdrungen waren und sie als Sklavin hielten. Ihre zarten Schultern wurden mit einer Last Korn beladen, welche sie am Tage ihrer Einsegnung dreiviertelstundenweit in die Mühle tragen mußte. Bald darauf holte ihr Stiefvater sie in das väterliche Haus ab. Ihr Herz öffnete sich den sanften Regungen der ersten Liebe. Sie wurde freundlich von den beiden Müttern empfangen, welche ihre Geschicklichkeit und ihren Fleiß bewunderten.
Im Tirschtiegel gab es, wie schon bemerkt, weder Kirche noch Schule; keine Ahnung sagte ihr, daß zu der Kirche, welche damals ihrem Lieblingsort fehlte, einst ihre Töne, wie die der Lyra Amphion's, den Steinen Leben und Bewegung zum Gottesbau einprägen helfen würden.
So geht der Mensch ahnungslos der Zukunft entgegen! So keimt aus den Leiden der Unschuld himmlische Tröstung hervor!
Ungeduldig erwartete Anna Luise nun den Sonntag, wo sie sich gestatten durfte, den Rinderhirten bei seinen Aeltern aufzusuchen. Von neuem wurde sein bestaubtes Bücherbret ihr Paradies. Ihr war noch ein größeres[19]  Glück vorbehalten; es war nicht Zufall, denn es gibt keinen Zufall, sondern Fügung von oben herab, daß sie auf dem Söller einige gedruckte Blätter fand, die sie begierig aufhob und durchflog; einzelne Gedichte des bekannten Johann Franke standen darauf. Sie hatte noch keine andern Verse als Lieder aus dem Gesangbuche gelesen, und dachte nicht, daß es eine andere Dichtungsart gäbe. Sie entdeckte nun mit der Ueberraschung und Freude eines Seemanns, der ein unbekanntes Land aus den Fluten steigen sieht, ein neues Reich für den Geist. Sie flog zu ihrem Hirten, las ihm die gefundenen Verse, und schrieb sogleich ihre Gedanken in Silbenmaß und Reime. Dies Lied war an den Hirten gerichtet und klang ungefähr so wie alle ihre frühesten Gedichte, die mit französischen Worten durchflochten sind, wie z.B. das an Fräulein von Moose, 1741.

Die Hoffnung schmeichelt mir Sie werden permittiren,
Was Dero Dienerin sich jetzo unterfängt;
Zwar kann ich meinen Vers mit wenig Anmuth zieren,
Weil kein Virgilius mir seine Silben schenkt.
Doch werden Sie darum die Zeilen nicht verachten,
Die meine Dankbarkeit zu Dero Füßen legt.
Kann man dieselben nicht als hochgelehrt betrachten,
Genug daß jedes Wort vollkommne Treue hegt.
Ein angenehmer Tag, so Dero Namen führet,
Ermuntert mein Gemüth zu der Ergebenheit,
Womit ich Ihnen bin zeitlebens obligiret:
Drum observire ich jetzt meine Schuldigkeit,
Und will durch dieses Blatt gehorsamst gratuliren,
Weil Sie der Herr, der über Erd' und Himmel schwebt,
Durch seinen Vaterarm so treulich wolle führen,
Daß Sie beglückt und froh das Namensfest erlebt.
Es bleibe dieser Herr noch ferner Dero Führer,
Er unterstütze Sie mit seiner Allmachtskraft;[20] 
Er sei Ihr Schild und Lohn, Ihr mächtiger Regierer,
Er stärke Dero Geist mit süßem Lebenssaft,
Er lasse niemals was so Widriges geschehen,
Das Ihro Gnaden kränkt und Ihre Ruhe stört.
Nein, nein, es müsse Sie auf ewig wohlergehen;
Es müsse nur geschehn was Dero Freuden mehrt,
Der hohe Himmel sei Sie ewig zugethan,
Er lasse Sie noch viel beglückte Jahre zählen,
Er schenke Ihnen mehr als ich nur wünschen kann.

Oder ein anderes an Fräulein von Moose, 1742. Dieses Fräulein Namens Evchen, wollte ihren Namen nicht hören, darüber wurde gesungen:

Englisches Evchen, o gieb dich zufrieden,
Movire Dich doch nicht, wann man dich so nennt!
Ist dir der Name nun einmal beschieden,
So leid' ihn geduldig und lebe content!
Eva ward höchst vergnügt, da es die Vorsicht fügt,
Daß sie der Adam sein Schätzchen genannt.

Nun denn, mein Evchen, so wird dir's auch gehen,
Ob Dich dein Name gleich jetzo verdrießt;
Ich sichre, da wirst du schon freundlicher sehen,
Wenn dich ein Adam einst rufet und küßt:
Dann wird recht buchstabirt, gelesen, und fexirt,
Wenn uns die Liebe den Namen versüßt.

Ihre Gegenwart that dem Hirten wohl, doch schlug sein schüchternes Herz ruhig in ihrer Nähe. Dies war zu seinem Glück, denn zärtliche Gefühle konnte er ihr nicht einflößen. Auch hatte sie bald einen Nachbarssohn bemerkt, einen wohlgesitteten schönen jungen Mann, mit dem sie gewiß glücklich gelebt hätte, wenn dessen Mutter, weiblicher Gelehrsamkeit fremd, nicht alles aufgeboten[21]  hätte, diese Heirath zu hindern. So wurde das Glück ihrer ersten Liebe zertrümmert. Und bald darauf wußte ein schlauer Freier, der eine ansehnliche Mitgift bei ihr voraussetzte, Frau Dürbach für seine Wünsche zu gewinnen.
Der junge Hirsekorn aus Schwiebus hatte den Ruf eines sehr ordentlichen Mannes und geschickten und fleißigen Arbeiters. Es wurde zwar zu diesen Lobeserhebungen hinzugesetzt, daß er streng und jähzornig sei. Die Mutter meinte: eine junge Frau, für die er Liebe heuchelte, würde ihn bessern. Anna Luise, gefügsam und sanft wie sie war, hatte nichts gegen die Heirath mit dem schönen jungen Mann einzuwenden. Die Mutter verhehlte dem Eidam nicht, daß sie fast ihr ganzes Vermögen eingebüßt habe. Doch er glaubte, sie wolle ihn auf die Probe stellen, und versicherte, daß die Tochter einer solchen Mutter, so liebenswürdig und sanft, ihm auch ohne Mitgabe als Gattin wünschenswerth scheine. Auf dies Wort hin wurde der Hochzeitstag angesetzt.
Die Braut war ein schlankes, noch nicht voll sechzehnjähriges Mädchen mit blühendem Gesicht, ländlichen freundlichen Mienen und feuervollen blauen Augen. Ihre unbeschreiblich schöne Stirn trug keine gepuderten Locken, sondern ihr stark kastanienbraunes Haar war, nach Art der Mädchen in der französischen Schweiz, in Flechten aufgeschlagen. Statt des Kranzes trug sie, nach damaliger Sitte, eine kleine Fontange von Spitzen, welche auf ein goldenes Stück Brocat getollt waren. Ueber einen großen Fischbeinrock blähte sich der Brautrock von schwarzer Serge. Den schmalen Leib zierte ein Kamisölchen von selbem Zeuge, ein goldener Latz schimmerte vor der Brust, und goldgestickte Pantoffeln nebst rothen Strümpfen mit bunten Zwickeln bekleideten den zierlichen[22]  Fuß, weiße Zwirnhandschuhe und ein Zobelmuff schmückten ihre feine Hand. So stand sie vor dem Traualtar.
Nach dreitägiger Hochzeitsfeier wurde sie von ihrem Manne helmgeführt. Sobald er sie in seiner Gewalt hatte, warf er die Larve ab, und ließ es durch den unerträglichsten Geiz sie empfinden, daß er in Hinsicht der Mitgabe sich betrogen hatte; denn sie hatte wirklich nichts mitbekommen als eine Ausstattung von etwas Schmuck, Kleidern und Hausgeräth, und statt der eingebildeten tausend Thaler waren es nur hundert. Dazu kam nun noch ihre Unerfahrenheit in der Haushaltung, und ihr zerstreutes Wesen, welches sie nicht überwinden konnte. Dies verdroß ihren Mann sehr.
Das arme junge Weibchen war zu bedauern. Bei dem besten Willen, welchen sie hatte, ihrem Manne alles nach Wunsch zu thun, konnte sie doch nicht das Geringste handhaben, wobei sie nicht etwas verschüttete, im Wege liegen ließ, auf etwas trat, oder etwas verkehrt machte. Dies erzürnte ihren Mann so heftig, daß er in Thätlichkeiten darüber ausbrach. Sie hatte in Schwiebus keinen Bekannten, keinen Rathgeber, keine Freunde; nur ihre Schwiegermutter war ihr zugethan. Sie hatte noch nicht ihr siebzehntes Jahr beschlossen, als ein schöner Knabe in ihren Armen lag. Sie liebte ihren Gatten sehr zärtlich, sodaß es sie betrübte, daß der Knabe nicht sein Ebenbild war.
Ihr Mann zürnte ihr, wenn er sie weinen sah. Er störte sie mürrisch, wenn sie beim Warten des Kindes in einem Buche las. Unaufhörlich und tiefkränkend ließ er sie seinen Widerwillen empfinden, wenn sie mit dem Kinde auf dem Schos Wolle las zu Tüchern, und mehrere derartigen Geschäfte verrichten mußte, welche zur Profession[23]  gehörten, indeß ihre Gefühle in tausend poetischen Bildern herumflatterten.
Kaum war ihr Söhnchen anderthalb Jahr alt, als sie schon wieder Mutter wurde. Ihr Mann wurde nun noch geiziger; und grausam war es von ihm, daß er seinen Unmuth an dem unschuldigen Geschöpf, an seiner folgsamen und fleißigen Frau ausließ, und seine Ersparnisse von ihren Bedürfnissen abzog. Oft, wenn sie in ihren glücklichen Tagen den Wein nicht genießen konnte, der ihr im Ueberfluß angeboten wurde, erinnerte sie sich jenes darbenden Zustandes wo sie nach einem Trunk Bier schmachtete, welches ihr Mann vor ihren Augen trank, ohne ihr etwas anzubieten.
Von ihrer guten Schwiegermutter wurde sie zwar oftmals heimlich unterstützt, doch es mußte verborgen bleiben, weil er gegen die Aeltern so hart war, als gegen seine Frau. Nur Sonntags hatte die gute junge Frau einige Erholung, da pflegte er nachmittags auszugehen und vor spätem Abend nicht wiederzukommen. Da nahm sie denn ihre Kleinen neben sich, eine Feder oder ein Buch in der Hand, und erleichterte ihren Geist in dem freien Felde ihrer Ideen. Hier dichtete sie auch oder schrieb nieder, was sie die Woche hindurch sich ausgedacht hatte. Und weil sie jeden Gegenstand ergriff, woran ihr Feuer Nahrung fand, so ergriff sie oft den Anlaß, den ihr irgendein Ereigniß in der Nachbarschaft darbot, besang es, und verschenkte das Gedicht, sodaß bald in Schwiebus bekannt wurde, daß die Hirsekorn Verse machen könne. Der umliegende Adel erfuhr davon. Zuweilen wurde sie zu Herrschaften gerufen, die sie anhörten und beschenkten.
Einstmals ließ man sie in eines der benachbarten Dörfer in eine adelige Assemblée kommen, wo sie mit[24]  vieler Geistesgegenwart Jedem der Anwesenden einen Vers aus dem Stegreif hersagte, welches ihnen ein Wunder schien, so gewöhnlich auch die Reime waren. Bei ihrem Abschied wurde sie von der Dame des Hauses mit einigen Ellen halbseidnen Zeugs beschenkt, welches damals eine königliche Aufmunterung für sie war. Als sie es ihrem Manne zeigte, gewann sie von ihm das erste freundliche Lächeln. Wäre nur öfters etwas Aehnliches geschehen, so würde Hirsekorn sein Weib schätzen gelernt haben. Doch nachdem die erste Neugier ihrer Gönner gestillt war, vergaßen sie die dichterische Frau, und sie blieb unaufgemuntert wie zuvor.
Doch bekam ihr Talent einen neuen Aufschwung durch die Nachrichten von Friedrich's des Großen Siegen, die unaufhaltsam durch ganz Schlesien in jede Hütte drangen und selbst die Einsamkeit der Dichterin durchtönten.
Schlesien war der österreichischen Herrschaft müde. Schwiebus und die Umgegend war lutherisch und litt Zwang durch die kirchlichen Verhältnisse der verschiedenen Glaubensgenossen. Friedrich's Siege brachten Luft und Licht. Alles war für ihn von Enthusiasmus beseelt, alles liebte ihn, und betete ihn an, und nie war ihnen so wohl, als wenn sie ein »Vivat der König von Preußen« trinken konnten.
Die Dichterin glühte vor Verlangen, ihn besingen zu können, wenn sie bei ihrer Arbeit von diesem Wunderkönige reden hörte. Allein völlig unbekannt mit den Regeln der Grammatik und mit jeder Art eines Heldengesanges, konnte sie ihren Gefühlen freilich nur einen unbeholfenen Ausdruck geben. Ein merkwürdiges Zeugniß ihrer Gesinnung bleibt jedoch jedenfalls folgendes Gedicht, worin sie, wie die schüchterne Liebe, es nur entfernt wagte, gleichnißweise ihre Verehrung gegen ihn[25]  zu verrathen. Man darf es nicht spöttisch belächeln; es ist die Quelle zu dem künftigen Strom ihrer Lieder, der damals noch unbemerkt und leise rieselte.



Eine Satire auf die Verfassung von Schlesien während der kaiserlichen Regierung 1740.
Als Friedrich's große Macht in Schlesien marschiret,
Da bin ich gleichfalls mit als Volontair passiret:
Mich trieb der Vorwitz und die Neubegierde an,
So daß ich meinen Weg ein wenig seitwärts nahm.
Da ich mich von dem Marsch der Preußen abgetrennt,

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Kam ich vor eine Stadt, die man Schwiebus benennt,
Und als ich im Begriff, daselbst hineinzugehn,
Sah ich ein Frauenbild bei einem Baume stehn.
Sie ließ die Traurigkeit aus allen Mienen blicken,
Die Hände waren ihr gebunden auf den Rücken,
Die Augen thränenvoll, die Haare ganz zerstreut,
Und als ich näher kam, war's die Gerechtigkeit.
Ich fragte ganz bestürzt: was ist Euch denn geschehen,
Madame, daß man Sie hier so betrübt soll sehen?
Wenn's nach den Rechten ging, so sollet ihr ja schon
Heut' auf dem Rathhaus sein, und bei der Session.
Ach! hub sie seufzend an, dem Himmel sei's geklaget,
Man hat mich schon vorlängst aus dieser Stadt verjaget,
Da lebt ein jeder so wie es ihm selbst beliebt:
Das ist es, was mir jetzt so Geist als Herz betrübt.
Bemühet Euch, mein Freund, ein wenig umzusehn,
Da wird ein neues Haus vor jenem Thore stehn;
Da wohnt ein Herr vom Rath, ein Schalk in seiner Haut,
Der mit Praktiken hat dies Häuschen aufgebaut.
Da geht der krumme Schalk, schaut wie er speculiret,
Weil er Betrug und List in seinem Schilde führet;
So sieht er unter sich nach Art der falschen Welt,
Er sucht die Schlüssel zu der Bürger Gut und Geld.
Nun wollt' ich euch noch mehr von gleicher Gattung zeigen;
Doch weil so Zeit als Ort mir jetzt befiehlt zu schweigen,
So sag' ich nur noch dies: der Consul und der Rath,[26] 
Die stimmen überein sowol in Wort als That.
Der große Carolus, der noch in Schriften lebet,
Und dessen theure Seel' jetzt bei der Gottheit schwebet,
Der gab aus Gütigkeit der Invalidenschar
Gewisses Gnadengeld zur Unterhaltung dar:
Es theilt sich dieses Volk in unterschiedne Städte,
Das war nun eben recht für unsre Herren Räthe.
Sie delibrirten bald, und machten diesen Schluß:
Daß man bei unsrer Stadt auch welche haben muß.
Indem sie dieses sagt', vergoß sie bittre Thränen:
Ach Weh, o Grausamkeit, thät sie an mir erwähnen,
Man hat genommen mir die Wage, welcher Werth!
Die Händ' gebunden mir, dazu geraubt das Schwert!
Die Großen legten an der Bürgerschaft viel Gaben,
Und das zu diesem Zweck, daß sie nichts sollten haben.
Ihr' Güter brachten sie an sich mit Listigkeit,
Und die betrieben sie fast stets zu jeder Zeit.
Weil nun die Bürgerschaft die Steu'r nicht mehr konnt' geben,
Also empfingen sie dreihundert Mann auch eben,
Mit sie ward bequartirt ein jeder Bürgersmann;
Doch wie es weiter ging hört mich nur ferner an:
Man richt't ihn' Zimmer zu, indem sie gute Zahler,
Ein jeder geben muß des Jahres Mieth' sechs Thaler,
Und ob der meisten gleich nicht hier war ihr Bestand,
Indem sie mußten weg heim in ihr Vaterland!
Jedennoch kamen sie ihr Geld hier zu empfangen,
Und mußten auch sobald allda das Miethgeld langen.
Ja diese hatten all' die Großen unter sich,
Kein einz'ger ihm zukam. Nun höret ferner mich:
Sie bauten vor das Volk aus Stall und Winkel Häuser,
Darein zu setzen sie, die nicht vor sie der Kaiser
Wohl aber dieser Stadt, die in der Bürgerpflicht,
Die Gaben rechnen dran und sollten geben nicht.
Es konnten viele nicht, nicht einen Mann erlangen,
Ob sie gleich oft und viel zum Herren sein gegangen;
Sie sagten bald zu ihm: Geht, ihr habt eu'r Bericht,
Nicht bei euch schickt es sich, und ihr versteht's auch nicht,
Sie machten sich gar frei, daß sie nichts durften geben,
Und also thaten sie bei großen Gütern leben.[27] 
Es mußten ihre Werk' und Thun stets sein gerecht,
Auch trotz dem, der nur etwas wider sie aufbrächt'.
In Gaben mußten e die Bürger übertragen,
Und dieses konnten sie auch keinem Richter klagen.
to also bin ich hier aus dieser Stadt verbannt,
Daß ich jetzt und darin bin nun nicht mehr bekannt.
Ich sprach: sie sei getrost, man wird sie wieder kennen,
Ein jeder Mann wird sie sein'n Schatz und Freundin nennen.

Dem Könige gehört mit Recht das ganze Land,
Der, der wird geben ihr ihr Schwert in ihre Hand;
Und ob er gleich noch ist in seiner Blüt' der Jugend,
So find't man doch an ihm das Muster aller Tugend.
Er liebet Frömmigkeit, die reine Gotteslehr',
Und mit ihr zieht ins Feld Gott selbst sein Engelheer;
Ich selber werde ihm auch dieses alles sagen,
Das was sie so betrübt, und was sie mir thut klagen.
Mit ihr macht er's bald aus, es ist geschehn der Schluß,
Daß sie sich packen soll, daß sie nun weichen muß.
Sie darf nunmehro nicht an keine Macht gedenken,
Sonst wird der König sie gewißlich lassen henken.
Ein jeder nehm' sich nur vor diesem Weib' in Acht!
Auf daß er nicht mit ihr werd' auf den Bann gebracht.
Sie glaub' mir sicherlich, sie wird an ihm den finden,
Der ihre Hände wird auflösen und aufbinden;
Sie hoffe nur getrost, indem ich weiter geh',
Sie leb' indeß vergnügt, ich sage ein Adieu.

Unverhofft kam in jener Zeit der Rinderhirt nach Schwiebus, wo ihm ein kleines Grundstück als Erbschaft zugefallen war. Sein Häuschen in Tirschtiegel empfing seine gute Mutter von ihm als Witwensitz. Nun waren Anna Luisens Sonntage von neuem durch die erfindungsreiche Sorgfalt des Freundes ihrer Kindheit mit Büchern versehen. Wenn es ihr aber einfiel, auch an Wochentagen ein Buch zu nehmen, und Hirsekorn sie dabei überraschte, so gerieth er in Wuth, riß ihr das[28]  Buch aus der Hand und warf es ins Feuer. Tief gekränkt, wurde nun auch sie nachlässiger in ihrer sonst so rastlosen Sorge, ihm zu genügen, und versäumte in schmerzlicher Zerstreuung die Sklavenarbeit, welche er ihr täglich auflegte. Seine Abneigung gegen sie wuchs. Tag und Nacht war er mit Entwürfen beschäftigt, sich von ihr zu trennen, und es bot sich ihm in kurzem ein Anlaß dar. Er eilte ihn zu benutzen, denn auf das Höchste stieg seine Erbitterung, als er entdeckte, daß sie zum dritten mal Mutter werden sollte. Er kannte nun keine Schranken mehr und mishandelte das arme junge Weib so grausam, daß sie zu seiner Mutter flüchtete. Es gelang dieser würdigen Frau, den Frieden wieder herzustellen; doch nur auf kurze Zeit.
Eines Tages kam er von seinem Ausgang mit einem Räuschchen zurück, welches ihn sonst immer guten Muthes machte. Er warf beim Hereintreten mit lustiger Geberde den Hut auf den Tisch, schwang sich auf einem Bein herum, und rief: »Vivat, es lebe der König von Preußen. Höre Luise! weißt du ganz was Neues? Der König von Preußen hat in seinen Landen die Erlaubniß zur Ehescheidung gegeben, was meinst du, wenn wir die Ersten wären, die sich scheiden ließen?« Seine äußerst erschrockene Frau konnte ihm hierauf nichts antworten, und er fuhr fort: »Na, du hast doch nichts dawider, wenn wir den Anfang machen?« »Ach Gott, du wirst doch das nicht thun!« war ihre Antwort. »Ja, ja, das werde ich wol thun!« erwiderte er. »Und was ist denn für ein Unglück dabei, wenn man einander nicht leiden kann, ist's nicht besser als davon.« Die Frau weinte jämmerlich, aber er sagte weiter: »Höre Luise, weine nur nicht, das Weinen kann zu nichts helfen, es wird nicht anders, ich habe meinen Sinn darauf gesetzt, daß ich mich scheiden[29]  lasse. Du bist wol ein fleißiges folgsames Weib, aber es muß mir angethan sein. Genug, ich kann dich nicht zum Weibe leiden; und kann dich immer weniger leiden, was soll uns ein solch' Marterleben? Gib nur gutwillig dich darein, denn es wird nicht anders, ich gehe auf die Scheidung!«
Hiermit, ohne ihre Antwort abzuwarten, ging er in seine Kammer. Ihr Zustand war schrecklich: sie liebte ihren Mann. Ihre Mntter konnte ihr keinen Schutz geben, weil sie selbst in einer drückenden Lage war. Dies alles fühlte die Dichterin. Alle diese Vorstellungen zusammengedrängt, ließen das Vorhaben ihres Mannes so unmenschlich erscheinen, daß sie ihn dessen für unfähig hielt.
Dieser Gedanke beruhigte sie bis zum Morgen. Sobald sie ihren Mann ansichtig wurde, bat sie ihn mit den rührendsten Ausdrücken des Schmerzes, und allen Vorstellungen ihres Zustandes, daß er doch den Gedanken an die Scheidung aufgeben möchte. Sie zerfloß fast in Thränen vor ihm. Allein er blieb unbeweglich: »er könnte sie einmal nicht leiden«, dabei blieb's.
Andern Tages fuhren sie zusammen nach Glogau, um dort die Scheidung einzuleiten. Mit welchen gültigen Gründen er sein Gesuch unterstützte ist unbekannt, – genug, sein Wille ward niedergeschrieben, und nach einiger Zeit wurden beide Theile nach Groß-Glogau zum ersten Termin citirt. Er fuhr mit ihr zusammen dorthin, gab ihr unterwegs die schönsten Schmeichelworte, daß sie doch gutwillig in die Scheidung einwilligen möchte; denn der Widerstand hülfe ihr nichts, als nur seine Abneigung noch vermehren.
Unerachtet sie vor Kummer kaum sich selber bewußt war, so versprach sie ihm das alles aus Gutmüthigkeit und Unerfahrenheit. Sie ging alles ein, wie er es haben[30]  wollte. Ebenso verhielt es sich beim letzten Termin zur wirklichen Scheidung.
In Glogau angelangt, eilte er zuerst in das Rathhaus, und hieß sie unten warten. Jetzt war sie allein; ihr trauriger Zustand fiel centnerschwer auf ihr Herz, sie weinte heftig. – Ein junger Soldat, welcher hier Schildwach stand, sah sie weinen, frug sie nicht Warum? sondern zog Kreide aus seiner Tasche und schrieb an die Rathhausthür:

Geduld, Vernunft und Zeit,
Dies sind drei schöne Sachen,
Die, was unmöglich scheint,
Noch möglich können machen.

Darauf nahm er sie bei der Hand, und sagte: »Hier junge Frau, kann Sie lesen?« Sie schlug die nassen Augen auf, las, und wurde gestärkt. Sie hielt diese Worte für eine glückliche Weissagung, daß Gott ihre Leiden wieder in Freuden umwandeln würde. Es ahnte ihr nicht, daß, ehe dies geschehe, sie Stunden noch schwererer Prüfung bestehen sollte.
Sie ward nun zum Scheidungsverhör gerufen; alle Punkte wurden zum Besten des Mannes verfügt, und die Scheidung bewilligt. Alle vortheilhaften Bedingungen, welche List und Eigennutz ersinnen, fielen ihm zu. Er behielt, was sie ihm als Ausstattung gebracht, als Muttergut für seine beiden noch lebenden Söhne, welche in seiner Versorgung blieben. Das dritte, noch nicht geborene, schloß er von seinem Erbtheil aus, so seine beiden Söhne von ihrem etwaigen Vermögen. Sie ließ alles so geschehen, weil sie keinen Rathgeber und Beistand hatte. Beide fuhren nun in einem Wagen nach Hause. Zwar suchte er ihr Muth einzuflößen, aber Reue über das Elend, in welches er sie gestürzt, kam ihm nicht in den Sinn.[31] 
Von nun an verlangte die herrschende Sitte, sein Haus zu meiden; wohin aber ihre Zuflucht nehmen, war ihr unbekannt. Sie nahm das Bündelchen Kleider, welche er ihr gutwillig ließ, unter ihren Arm, und so zwischen Mangel und Schmach, verstoßen von einem Manne welchen sie liebte, getrennt von ihren Kindern, ohne Beistand, nicht wissend, wo sie künftig ihr Haupt würde ruhen lassen können – wankte sie aus ihrem Hause, zu ihrer guten Schwiegermutter, welche sie mit offnen Armen aufnahm; aber nur auf kurze Zeit, da der Aufenthalt einer geschiedenen Frau großes Aufsehen in der Stadt erregt hätte.
Endlich kam der Scheidungsbrief, und sie – die aller Hoffnung Beraubte, mußte den Ort verlassen, wo jeder Gegenstand sie an ihr Elend erinnerte. Sie nahm nun wieder ihr Bündelchen Sachen, und ging zum nächsten Thore hinaus, ohne zu wissen wohin? Ihre Schwiegermutter geleitete sie dreiviertel Meilen weit, schluchzte und weinte neben ihr her, streckte oft ihre gefalteten Hände vor sich aus, und rief: »Ach meine liebe Schwiegertochter, daß Gott sich erbarme, du wirst recht aus dem Hause gestoßen! – Mein gottloser Sohn! Es wird ihm nicht wohl gehen! Aber du wirst noch Freude erleben. Es müßte kein Gott im Himmel sein, wenn du so verlassen bleiben solltest! Meine liebe Tochter, es wird dir noch wohl gehen, denke an mich! – Es muß dir noch wohl gehen! Es muß dir noch wohl gehen!«
Es dämmerte nun, und sie mußten sich trennen. Es war ein herbes Lebewohl, das sich Beide sagten, und nie sahen sie einander wieder. –
Jetzt schlug die Aermste ihre verweinten Augen auf, und sah sich nach einer Ruhestätte für die Nacht um. In einiger Entfernung entdeckte sie die Strohdächer eines[32]  Dorfes, sie eilte hin, und wurde dort wohl empfangen. Es war das Dorf Muschten, welches zwischen Schwiebus und Tirschtiegel liegt. Heiße Sehnsucht nach der Mutter, nach dem Heimatort, bewegten ihr wundes Herz; doch sie wagte nicht, der Mutter vor Augen zu treten. Dieser erschien das Unglück der Tochter in einem tief demüthigenden Lichte. In allen Blicken, die den ihrigen begegneten, glaubte sie Hohn zu lesen, und ein arglistiger Heuchler, dem sie ihre Hand gegeben, um Schutz und Brot bei ihm zu finden, überhäufte sie mit Vorwürfen wegen des Unglücks ihrer Tochter. So schwere äußere und innere Leiden wirken so heftig auf die Mutter, daß sie in eine Auszehrung verfiel.
So schrieb sie denn unter strömenden Thränen an ihre Mutter, und die unschuldig Gekränkte bat noch um Vergebung des Leides wegen, welches sie auf ihr Alter bringe. Statt einer Antwort erschienen ihre Brüder, brachten ihr Geldhülfe und Trost in sanften Worten. Auch die gute Schwiegermutter und einige Bekannte beeilten sich, sie auf gleiche Weise aufzurichten. Sie fühlte sich neu gestärkt und erhoben, stellte ihr Geschick Gott anheim, sang und dichtete Trost- und Hoffnungslieder, fühlte dann ihr Herz erleichtert, und wußte nichts mehr von ihren Leiden.
Sie brachte nun einen lieblichen Sohn zur Welt, der sie fröhlich anlächelte, nicht ahnend, welche Sorge sein Dasein seiner unglücklichen Mutter aufbürde. Doch sie freute sich des Kindes, blühte wie eine Rose, und sang wie ein Vogel auf grünem Zweige.
So wie sie das Bett verlassen konnte, suchte sie sich durch Dichten Hülfe zu erwerben. Die einfachen Worte, in denen sie ihr Misgeschick vortrug, gingen zu Herzen. Ihr wurde zwar kärglich geholfen, doch ihr dankbares[33]  Herz empfand jeden Tropfen Linderung in ihrem Jammerkelche wie ein Glück, das ihr Gott schickte. Mit sanften Thränen netzte sie ihren kargen Bissen Brot, schloß auf ihrem harten Lager ihr Kind in ihren Arm, und sog neuen Lebensmuth aus seinen heitern Blicken.
So vergingen dreiviertel Jahre, als sie eines Morgens, ihr Kind auf dem Arm, vor dem Wohnhause einen jungen Gesellen wahrnahm, der auf der Wanderschaft sein Bündel vom Rücken ablegte, und von der Wirthin einen frischen Trunk verlangte. Das hübsche blühende Weib, das Kind, welches anmuthig mit ihr tändelte, erregten seine Aufmerksamkeit. Beim Plaudern mit der Wirthin erfuhr er schnell ihre ganze Geschichte, fühlte sich tief bewegt und unwiderstehlich angezogen. Er hielt es für eine Pflicht, die Verlassene zu trösten und emporzurichten, und bot ihr seine Hand an. Er nahm es nicht wahr, daß sein Anblick und Wesen Mistrauen und Widerwillen in ihr erregten; er hielt das Widerstreben, mit welchem sie seinen Antrag anhörte, für weibliche Scheu, und eilte auf das erste Wort, das günstig von ihrem Munde klang, nach Tirschtiegel, wo ihre arme Mutter, freudig überrascht, daß sich ein Mann von so gesitteten Manieren und einträglichem Gewerbe um die Hand der geschiedenen Frau bemühte, ihre Einwilligung gab; ihr Gatte bestärkte sie in ihrem raschgefaßten Entschluß.
Mit ihrem Jawort eilte Karsch nach Muschten zurück, beschwichtigte die Bedenklichkeiten seiner Braut durch die feurigsten Betheuerungen, daß er sie glücklich machen wolle, – und das unselige Band wurde geknüpft. Das junge Ehepaar siedelte nach Fraustadt über. Mit ahnungsschwerem Herzen nahm sie unterwegs noch Abschied von ihrer Mutter, die nicht lange darauf starb.[34]  Ihr Andenken hat sich lange und lebhaft in ihrer Heimat erhalten; hören wir darüber die begeisterten Worte der Tochter der Karschin.
Sie war, wie schon erwähnt, die Tochter des herrschaftlichen Försters Kuchel, und wurde nach dessen frühem Tode im Schlosse mit den jungen Fräulein zugleich erzogen. Geliebt und geachtet von den Mitgliedern der ganzen Familie, anmuthig und bildungsfähig, an vorzüglichen Eigenschaften unübertrefflich. In der Beschreibung von ihr kommt jeder überein, der sie gekannt hat, sowol in Aussage der Dichterin als in den Worten der untrüglichen Einfalt. Ihr sonst so empfängliches Herz wurde durch eine unziemende Geberde, oder durch ein niederes Wort verletzt. Sie war sittenstreng, in ihren Handlungen rein, und ihr Wesen von Anstand und Würde. Sie vereinigte mit diesen innern Eigenschaften seltene äußere Vorzüge. Ihr Wuchs und graziöse Haltung machten sich auf den ersten Blick bemerkbar. Ihre Gesichtsbildung war nicht regelmäßig schön, doch fein und angenehm. Ihr Auge war blau und sprechend, ihre Haut weiß und das Haar glänzend schwarz. Sie besaß zwei entzückende Talente, die in dieser Gegend noch niemand in solchem Umfange gekannt. Sie tanzte unvergleichlich: sie hat wie der Vogel über dem Wasser gleichsam nur über dem Boden geschwebt, und führte mit dem sittsamsten Anstande die überraschendsten Wendungen aus, welche sie selbst angab, weil die gewöhnlichen Tänze ihr zu unbedeutend waren. Wenn sie bei Festlichkeiten tanzte, strömten Zuschauer aus dem ganzen Städtchen herbei, und standen dichtgedrängt an den Fenstern, um sie tanzen zu sehen. Noch entzückender war ihr Gesang, selbst noch in ihrem fünfundsechzigsten Jahre, wo Alter, Hinfälligkeit und der grausamste häusliche Zustand ihr feines Nervengewebe[35]  beinahe zerrüttet hatten. Die höchsten Schwierigkeiten, welche sie sich erschuf, führte sie mit der Leichtigkeit der im Fluge singenden Lerche aus, und mit der äußersten Höhe der Töne vereinigte sie zugleich ein Adagio, welches jeden, der sie hörte, bis zu Thränen durchdrang. Sie konnte mit unglaublicher Leichtigkeit in lauter kleinen Ringelkreisen die Stimme bis zum höchsten Triller erheben, in lauter neuen unerhörten Tönen schwebte sie allmählich wieder herab, und schmolz in einen Seufzer zurück. Auch Dichterin war sie, obgleich sie ihre Lieder nicht aufschreiben konnte. Sie sang oft Lieder, zu welchen sie selbst Melodien schuf.
Die Karschin, mit ihrem gefügigen Gemüthe, überwand den Widerwillen, den ihr Mann ihr vom ersten Augenblick an eingeflößt hatte. Treulich half sie durch feine Näharbeit und durch gelungene Gelegenheitsgedichte die knappen Einkünfte des jungen Ehepaars vermehren.
Karsch bekam wenig Arbeit, fand keine Gönner in Fraustadt. Sein Mismuth wurde durch die unverkennbare Kälte seiner Frau vermehrt. Er hatte sich ziemlich lange des Trinkens enthalten, und nahm nun wieder seine Zuflucht dazu. Sein Betragen erhöhte die Abneigung seines Weibes, ihre Vorwürfe erbitterten ihn heftig. Noch lange hielt er seinen Zorn in Schranken, denn er liebte wirklich seine Frau. Allein, als sie Mutter wurde, als die häusliche Noth bis auf den höchsten Gipfel stieg, und er das letzte, kaum entbehrliche Hausgeräth verschleuderte, um zu trinken, da erlag ihre moralische Kraft, und sie brach in Zorn und Wuth aus. Er schlug sie, um sie zum Schweigen zu bringen, und er würde in zügellose Wuth gekommen sein, wenn nicht der Anblick des Kindes eine sanfte Gewalt über den Verblendeten ausgeübt[36]  und seinen wachsenden Haß gegen die Mutter erstickt hätte. Die Arme fand Muth zu Anstrengungen für Verbesserung ihrer trostlosen Lage.
Sie lud zur Taufe Alle, die ihr wohlwollten, sie wurde reichlich beschenkt. Doch nicht lange dauerte diese Erleichterung, denn die Leidenschaft des unglücklichen Karsch riß ihn immer tiefer in den Abgrund hinein. Rücksichtslos verschwendete er im Trunk, was seine Frau mühsam errungen, um die häusliche Noth zu mildern.
Schon war es Spätherbst, es fehlte an allen Bedürfnissen für den Winter, auch die Kleidung wurde abgetragen und nothdürftig ausgebessert. Die Arme schämte sich ihrer Noth und ließ sich nur in Frühstunden oder bei einbrechender Nacht auf den Gassen sehen. Zum Gottesdienst, den sie nicht entbehren konnte, schlich sie, wenn es noch dunkel war, in die Kirche, wo sie sich hinter einem Pfeiler verbarg. Mit erquicktem Herzen eilte sie heim, die spärliche Mittagskost zu bereiten, dann schrieb sie unter sanftern Thränen die herzstärkenden Worte, die sie an heiliger Stätte vernommen, in Verse nieder.
Eines Tages fühlte sie sich versucht, dem Pastor ihre Arbeit zukommen zu lassen. Mit hochklopfendem Herzen schlich sie sich in die noch leere Kirche, schob ihre Dichtung in den Beichtstuhl und eilte dann unter Zittern und Zagen, wie nach einem Verbrechen, in die Kirche zurück. Am nächsten Sonntage wiederholte sie dasselbe, und wurde immer beherzter dabei, bis der Geistliche, namens Herold, sie einmal überraschte, nach beendigtem Gottesdienst sich ihr nahte und sie anredete. Ihre Blässe, ihre feuchten Augen, ihre Schüchternheit und ihr dürftiger Anzug verkündeten ihren Zustand. Er lud sie in sein Haus. Ihr gepreßtes Herz ging bei seinen sanften Worten und[37]  Blicken auf, er wurde ihr Freund. Er machte sie seinen Freunden, Rector Rückert, Prüfer, dem Bürgermeister Greiffenhagen, dem Dr. Neugebaur in Fraustadt bekannt, welche sich ihrer warm annahmen.
Sie erinnerte sich bis in den Tod dieser edeln Gönner. Zu ihnen gesellten sich später der Prediger zu Lissa, der Reichsgraf von Roedern, der Hofprediger Döbel in Groß-Glogau und der berühmte Professor Meyer in Halle. Diese edeln Männer waren ihr vor allen unvergeßlich, denn ihnen dankte sie die erste kräftige Hülfe, die ihr zutheil geworden. Zugleich war der Postmeister Körber in Lissa der Erste, der eines ihrer Lieder der Presse übergab, und der obgedachte Professor Meyer in Halle, welchem sie von Polen aus ein Lied geschickt, hatte sie der Lesewelt bekannt gemacht und sie kräftig aufgemuntert fortzudichten. Bis jetzt war sie ganz das Werk der Natur gewesen, nun wurde sie mit ausgezeichneten Schriften versorgt.
Bei aller Arbeitsamkeit der Karschin, bei aller Hülfe, die sie durch ihre Freunde empfing, konnte sie nicht emporkommen. Die unüberwindliche Leidenschaft ihres Mannes verschlang alles. Ein neuer Zuwachs ihrer Haushaltung vermehrte ihre Sorgen. Es war ein Töchterchen, ein engelgleiches Kind, welches wegen seiner kleinen Mitleid fodernden Gestalt sogleich das ganze Herz der Mutter gewann. Sie hatte es nicht allein vorzüglich lieb, sondern es wurde ihr Alles, ihre Freude, ihr Trost und das Leben ihres Lebens. Mit drei unversorgten Kindern, mußte sie jede Gelegenheit ergreifen, um mit ihrer Muse etwas zu erwerben. Die Noth, welche jede Schwierigkeit überwand, machte sie für jeden Gegenstand dreist. Bei einer Durchreise des Königs von Polen wagte sie es, ihm eine Dichtung zu senden, die auf diesen Monarchen[38]  gewiß Eindruck gemacht hätte; allein sie kam ihm nicht zu Händen.
Indeß verbreitete sich ihr Ruf nach Groß-Glogau. Ihre Freunde riethen ihr, sich dorthin zu wenden. Im Jahre 1755 zog sie mit ihrem Mann und Kindern dorthin. Daselbst erwirkten die Empfehlungsschreiben ihrer Freunde ihr sogleich zwei vortreffliche Häuser, das des geheimen Finanzrath Engelbrecht und des Hofpredigers Döbel. Mehre Freunde dieser Männer schlossen sich ihnen an: Graf Roedern, von Schlabrendorff, der Commandant von Haak und andere, welche alle sich bestrebten, sie zu ermuthigen und in ihren eigenen Augen zu erheben; denn der unbeschreibliche Druck ihrer Lage hatte auch ihr Gemüth niedergebeugt.
Glogau vereinigte alle Vorzüge einer ansehnlichen blühenden Stadt. Hier gab es ein Schloß, ein Rathhaus, eine große Zahl angesehener Beamten und Bürger, viele Kirchen, und was noch das vorzüglichste für die Dichterin war – eine Buchhandlung. Diese besuchte sie, so oft sie ihrem schweren Hausstande eine Stunde entreißen konnte. Hier fand sie die merkwürdigsten Schriften der damaligen Zeit, auch die Uebersetzung der Werke Friedrich's II., ihres angebeteten Helden. Hier wäre sie glücklich gewesen, wenn sie allein und sorgenlos gelebt hätte; denn hier fand sie das Feld, wo die Saat ihres Geistes aufgehen und Frucht bringen sollte. Hier verbreiteten die mancherlei Auftritte des Krieges, welchen der König von Preußen mit allen Mächten Europas führte, täglich neue Wunder und Sagen. Ueberall sprach man nur von ihm. Er allein war der Gegenstand des allgemeinen Antheils. Hier, wo Friedrich's Siege mit Kanonendonner und heiligen Jubelgesängen gefeiert wurden, schossen die Flammen ihres Genius mächtig empor. Hier wurde[39]  sie die Sängerin des Königs. Jedermann staunte das Wunder des niedriggeborenen Weibes an, welche in begeisterten Liedern einen großen König besang.
Doch bei der Aufführung des Karsch trugen die Bestrebungen seiner unglücklichen Gattin keine Frucht. Die Wehrlose konnte seiner Verschwendung nicht Einhalt thun. Die Noth der frühern Jahre trat wieder ein.
Wenn sie nach durchwachter Nacht sich ihrem dürftigen Lager entriß, und leicht bekleidet eine lange Straße durcheilte, um ein Bündelchen Holz zu borgen, und die Bedürfnisse für das Morgenbrot mühsam zusammenbrachte; wenn sie unter Wehklagen ihrer vier Kinder sich selbst das Brot entzog, um den Hunger der armen Geschöpfe zu stillen; wenn ihr jähzorniger Mann ihr den letzten Groschen abzwang, um dem Trunke nachzugehen: was war es, was sie emporhielt? Ihr gottergebenes Herz und das heilige Feuer in ihrer Seele. Wenn nur für den Augenblick geholfen war, so hoffte sie wieder, und sang mit neuer Kraft und Glut; ja, je größer die Drangsale waren, welche sie umnachteten, je heller brachen die Lichtstrahlen ihres Geistes hervor und je reiner wurde ihr Abglanz. Alle bedeutenden Fremden, welche nach Glogau kamen, suchten sie auf. Ihre Erscheinung rechtfertigte alles, was der Ruf von ihr verbreitete. Hier ein Beispiel unter hunderten im folgendem Briefe, welchen ein damaliger durchmarschirender Feldprediger namens Kletke (wahrscheinlich ein Vater oder Verwandter des verdienstvollen Dr. Kletke, Herausgeber der »Gottesblumen«) an einen seiner Freunde von ihr schrieb:
»Ich war im Jahre 1758 Feldprediger, und mußte mit einem Transport von Reconvalescirten nach Sachsen zur Armee gehen. Da wir unweit Glogau gerade an[40]  einem Sonntage Rasttag hatten, foderte mich der damalige Regimentsquartiermeister des löblichen von Mooselchen Regiments auf, ihn bei einem Besuche zu dieser Dichterin zu begleiten, und ich ließ mich nicht lange bitten. Wir fanden sie in einer armseligen Wohnung. Zwei ihrer Kinder, die ältesten, gingen in zerrissenen Kleidern in der Stube umher. Das dritte saß vor ihr, und das vierte, ganz klein, auf ihrem Schos. Sie selbst aber saß unter dem Getümmel dieser Kinder und brachte eben eine Predigt, die sie in der reformirten Kirche gehört hatte, in Verse.
Indeß wir uns mit ihr unterhielten, hatte sie einen halben Bogen ergriffen, mit dem sie uns beim Weggehen beschenkte. Hier ist sein Inhalt:

Ihr Freunde von den Wissenschaften!
Ihr kamet mich zu sehn, von der ihr viel gehört.
Ihr sah't die Dürftigkeit. – Ich wurde nie belehrt,
Und keine Regel bleibt mir im Gedächtniß haften,
Ich bin nur von Natur, der zweiten Schöpferin,
Von ihr allein nur bin ich, was ich bin.
Vier Kinder stören mich; doch das Geräusch von Kindern
Kann nicht den Trieb in mir, und nicht das Feuer mindern.
Mein Glück ist klein, doch groß genug für mich,
Und im Gesang ist mir der Gram nicht hinderlich.
Ihr Freunde, die ihr euch die große Mühe nahmet,
Und mich so nied'res Weib zu sehn nach Glogau kamet,
Euch geb' ein solches Glück freundschaftlich das Geleit',
Als euer Herz verdient und eure Redlichkeit,
Die ich aus euren Augen kenne
Und die ich mich bereit zu euren Diensten nenne.«

Selbst aus der Ferne suchte man ihre schriftliche Bekanntschaft. Der Generallieutenant von Seidlitz schrieb aus dem Felde an sie in Ausdrücken der innigsten Verehrung.[41]  Ihr Ruf war auch nach Berlin erschollen. Eleonore, Generalin von Wreech, eine Freundin Friedrich's des Großen, nahm den lebhaftesten Antheil an der Dichterin, – doch alle diese Erfolge trugen keine Frucht für ihre Lage, diese war die betrübteste, die man sich denken kann. Oft seufzte sie nach dem Tode, der, wie sie glaubte, allen ihren Qualen ein Ziel setzen könnte. Ein Blick auf ihre Kinder erweckte wieder Liebe zum Leben in ihr. Da entriß ihr der Tod ihr liebstes Kind namens Lottchen, welches sie noch viele Jahre als ein Opfer ihrer Drangsal beweinte, weil es ihre Milch eingesogen, als sie von einer Reise nach Lissa schwer erkältet und todesmatt zu dem halbverschmachteten Kinde zurückkam. Hunger und Elend hatten sie zu dieser Wanderung getrieben. Ein Nord mit Schneegestöber brauste hinter ihren eiligen Schritten her, und in ihrer Tasche war kein Heller, wodurch sie ihre halberstarrten Glieder hätte erwärmen können. Sie kam zur Zeit nach Lissa, wo eine Hochzeit gefeiert wurde; sie besang sie. Die Jubeltöne schnitten ihr durch das Herz, denn daheim schmachteten ihre Kinder. Liebevoll empfangen, erquickt und gestärkt, großmüthig beschenkt, wurde sie im Wagen des jungen Paares nach Hause gefahren. Doch ihr Kind verfiel in ein heftiges Fieber und fristete sein Leben nur noch kurze Zeit.
Nun aber kam Linderung von oben! Ein edler Freund, der es einsah, sie müsse in ihren Leiden zugrunde gehen, wenn man sie nicht von ihrem Manne befreite, brachte es dahin, daß Karsch von Glogau entfernt wurde. Die Vermittelung ging zwar nicht den Weg Rechtens; allein die Karschin wurde dadurch frei und der schwersten Sorgen entladen. Jetzt bekam ihr Geist seine eigene Schwungkraft. Zwar dichtete sie noch immer um Brot –[42]  aber der sanfte Friede um sie her, den sie noch nicht geschmeckt hatte, gab ihr alle die Stärke, welche sie vorher in Sorge und Unterdrückung hatte verseufzen müssen. Alles, was sie nun dichtete, athmete diesen Frieden und ward zum Lobgesang. Sie zitterte für die Wiederkehr des Karsch, und nicht mit Unrecht; denn ihm wurde vergönnt, zu ihr zurückzukommen. Er nahte ihr sanft und reuig, sagte dem Trunk und der Roheit ab. Doch zu tief war seine Leidenschaft in ihm gewurzelt.
Auf dem Hange den Abgrund hinunter ist zuweilen ein Stillstand, aber keine Umkehr! Karsch verging sich wieder gegen seine Gattin, und mußte nun auf immer seinem Schicksal überlassen werden.
Eines Morgens trat ein goldbetreßter Diener in ihre ärmliche Wohnung ein, reichte ihr eine Karte, auf welcher sie die Schriftzüge der Generalin Eleonore von Wreech erkannte. Dieser Generalin von Wreech hatte die Karschin ein »Frühlingslied« von Schlesien nach Berlin gesandt; es folgt hier:

Freundin Dessen, der die Welt regieret,
Der an diamantnen Ketten führet
Jene Sonnen über unserm Haupt!
Sieh, an seiner Ordnung goldnen Säulen
Muß der Frühling neu heruntereilen
Mit dem Schmuck, dem ihm der Herbst geraubt.

Siehe, wie beflügelt er gekommen
Und die Trauer der Natur benommen;
Wie er sie schon jugendlich geschmückt
Mädchen, die den Lenz im Antlitz haben,
Männer, Jünglinge und kleine Knaben
Und der Greis, der sich am Stabe bückt.

Alles geht gereizt von den Gerüchen
Junger Veilchen, die so niedrig kriechen[43] 
Und doch edler als die Tulpen sind,
Und der Hyacinthen offne Glocken
Duften Balsam, den um seine Locken
Dir entgegenträgt der Frühlingswind.

Blatt und Frucht, die in der Knospe lagen,
Drängen sich, des Schöpfers Lob zu sagen,
Aus der Hülle nun mit Macht hervor.
Wenn die stummen Redner prächtig blühen,
Steigt in regellosen Symphonien
Aus den Zweigen ein Gesang empor.

Ohne Muse, ohne Kunst und Schriften
Singt die Lerche schwebend in den Lüften
Unaufhörlich ihr pindarisch Lied!
Unter ihr in früher Tagesstunde
Singt mit bäurisch vollgenommnen Munde
Auch die Einfalt, welche Furchen zieht!

Lämmer, die noch an den Müttern saugen,
Blöken Dem zum Lobe, dessen Augen
Das Insekt in Staube kriechen sehn.
Ihn muß so der Wurm im Grase preisen
Als das Herz mit ihm bekannten Weisen,
Als wie Räder, die den Weltbau drehn.

O du Tochter seiner Lieb' und Güte,
Der in jedem Lenz die junge Blüte
Und die grüne Saat sein Lob beschreibt.
Höher als der Dichtgeist im Fluge
Preisest du mit jedem Athemzuge
Einen Gott, der deine Freude bleibt!

Alles singt ihm. – Seine Nachtigallen
Oft behorchend, will ich Lieder lallen
Voll vom Lobe Dessen, der mich schuf;
Bienen, die auf Lindenwipfeln summen,
Und des Fleißes Lehrer, jene Stummen
Im Erdhaufen, werden mir ein Ruf![44] 
Jene Karte enthielt die Bitte an den Baron von Kottwitz, sich bei seiner Durchreise in Glogau nach der Dichterin Karschin zu erkundigen, die nun schon seit vielen Monaten keine Nachricht von sich gegeben!
Diese Zeilen durchfliegen, der liebreichen Frau danksagen, dem Baron zugleich, war das Werk weniger Minuten, und zwar in der natürlichen Sprache der Dichterin, in anmuthigen gefühlvollen Versen.
Der Jäger sah ihr voll Erstaunen zu, eilte zu seinem Herrn mit der Botschaft, und erzählte ihm mit Freuden und Erstaunen über die seltene Frau, was geschehen war.
Der Baron las die Briefe mit Bewunderung, fand sie schön, und trug seinem Jäger auf, die Karschin zu ihm einzuladen. Sie erschien in ihrer gewöhnlichen Bürgertracht, mit einer zwar freundlichen, aber fast einfältigen Blödigkeit. Er zweifelte ob dies die Frau wäre, welche eine so seltene Gabe besäße; allein ihre Antwort auf seine erste Frage überzeugte ihn bald, denn sie erwiderte ihm in einem recht artigen Verse. Sie bat hierauf um Schreibzeug, und setzte hierauf in unglaublicher Eile ein angenehmes Gedicht an den Baron auf. Seine Verwunderung stieg mit jeder Minute. Er wollte sie näher kennen lernen, und lud sie auf den folgenden Tag ein, um sie seinen Freunden vorzustellen. Am Nachmittag schickte er ihr einen zierlichen Kopfputz und einige feine Kleidungsstücke, mit der Bitte, in denselben am andern Tage zu erscheinen.
So von seiner Hand geschmückt, eilte sie am andern Tage zu ihrem liebreichen Gönner. Hier fand sie seine Gäste schon anwesend, und die Freude, welche sie begeisterte, gab allem, was sie der Gesellschaft sagte, etwas Blendendes.
Als sie sich wieder entfernte, beschenkte sie der Baron[45]  mit einer schönen emaillirten Dose nach damaliger neuester Mode. Sie eilte damit nach Hause, und wie sie nichts auf dem Herzen behalten konnte, so zeigte sie dieselbe sogleich ihrer nächsten Nachbarin. Diese, nachdem sie die Dose um und um besehen und bewundert, macht den Deckel auf, und sagt: »Hierin ist schöner Taback, Karschin, nehme Sie doch eine Prise.« Der Taback war mit Gold vermengt! Es waren sechs Augustd'or unter den Taback gemischt. Sie strömte ihren Dank in Gesängen aus. Der Baron ward davon bezaubert. Er stellte ihr frei, sich von ihm etwas zu erbitten, was zu ihrem Glücke beitragen könnte. Sie antwortete augenblicklich, daß es ihr heißester Wunsch wäre, nach Berlin zu kommen.
Er verhieß ihr dies auf das liebreichste. Freudenthränen quollen aus ihren Augen, und sie eilte ihre Reiseanstalten zu treffen, verschenkte, was sie noch besaß, drückte ihren Dank in neuen Gesängen aus, nahm Abschied von ihren bisherigen Wohlthätern, und dichtete in der letzten ihrer Kummernächte in Glogau auf ihren Knien Dankeslieder.
Am frühen Morgen kam ein stattlicher Reisewagen, sie abzuholen. Die Reise nach Berlin ging über das Stammschloß Boyadel, wo Baron Kottwitz sich einige Tag aufzuhalten gedachte. Er war der Karschin vorausgeeilt und empfing sie dort in Gesellschaft einiger benachbarten Edelleute. Zwei Tage und Nächte brachten sie hier wie in einem Zauberschloß zu. Zwölf Stunden vor ihrer Abreise war der Baron schon nach Berlin voraus. Der Dichterin Sohn ward auf Befehl des gütigsten Herrn dem Amtmann des Gutes zur Pflege übergeben, die Tochter nach Berlin mitgenommen.
Auf der Reise bis Berlin sah sie ihren Wohlthäter nicht, doch auf jeder Hauptstation wurde angehalten und[46]  übernachtet. Die vorzügliche Bequemlichkeit, welche die Befehle ihres Herrn sie überall genießen ließen, machten ihren Zustand zu etwas Ueberirdischen. Sie hatte nur Einen Gedanken – ihren Wohlthäter, sie sah in allem auf ihn, und in ihm die wunderthätige Hand Gottes. So oft sie allein war, lag sie auf ihren Knien, und ihre Dankgefühle flossen in Thränen über. Doch wie Schiffe noch im Hafen scheitern können, so drohte auch hier der Karschin im Hafen ihrer Glückseligkeit ein zurückschlagender Sturm; denn in Krossen fand sie ihren Mann. Der Schreck betäubte sie. Er näherte sich ihr; da sie aber geschützt war, hatte er Furcht. Anstatt zu wüthen, fiel er ihr um den Hals mit freundlichen Worten und Thränen der Reue. Sie antwortete mit Freundlichkeit und dringenden Vorstellungen, daß es so wenig möglich als nützlich wäre, sich wieder mit ihm zu vereinigen.
Als sie in den Reisewagen stieg, nahm er seine kleine einzige Tochter in den Arm, und rief unter Thränengüssen: »Ach, wenn ich nur wenigstens dich behalten könnte, dich, an der mein ganzes Leben hängt.« Aber der Kutscher und Jäger des Barons trieben zur Abfahrt. Er setzte sein Kind auf den Wagen, indem er es segnete, ihm tausendmal Lebewohl wünschte, – und in der Gestalt eines Verzweifelten, den selbst die Hoffnung verläßt, blieb er hinter dem Wagen zurück. Es ging nun am andern Morgen über Frankfurt an der Oder nach dem palästereichen Berlin. Es war am 25. Januar 1761, als sie daselbst eintraf. Ihre Aufnahme geschah im Hause des Grafen von Gotter. Hier fand sie auch den Baron von Kottwitz. Zu ihrem Empfang war alles auf das ehrenvollste vorbereitet.
So wie es bekannt wurde, die Karschin sei angekommen,[47]  wurde sie aufgesucht, eingeladen und in glänzenden Equipagen abgeholt. Es gereicht dem Herzen und Verstande der Berliner zur Ehre, der schlichten Bürgerfrau in so einfachem Anzuge so liebreich entgegen gekommen zu sein. Vorzüglich bemühte sich der warme Freund der Wissenschaften, Dr. Krünitz, ihr Freunde zu erwerben. Er führte sie in die Häuser eines Oberconsistorialrath Koppen, Geheimrath Buchholz, Hofrath Stahl, Oberhofprediger Sack, Rector Wippel ein, wo sie Gelegenheit fand, nach und nach alle die übrigen ihr vortheilhaften Bekanntschaften zu machen. Der Baron sorgte, daß sie überall anständig erscheinen konnte. Ueberhäuft von seinen freundlichen Aufmerksamkeiten und den Zeichen seiner sinnreichenden Fürsorge, genügte ihr kein Ausdruck für ihr Dankgefühl; sie nannte ihn »Wohlthäter, Retter, Freund«; doch nur in dem Namen »Vater« fand ihr dankbares Herz einige Ruhe. Wie sie ehemals in bittern Sorgen ihre Nächte durchjammerte, so feierte sie nun vor Anbruch der Morgenröthe ihr Glück in Thränen, Gebet und Gesang. Sie strebte nur nach Ruhm und Beifall, um der Vorsorge ihres Freundes würdiger zu erscheinen. Sie hatte keine Ahnung davon, daß der Köcher mit Schmerzenspfeilen, die ihr das Herz zerreißen sollten, noch gefüllt war; sie hielt die süße Gestalt des Glücks, das sie anlächelte, für unwandelbar; kein Wölkchen der Ahnung trübte die heitere Bläue des Himmels über ihrem Haupte. Ach, es blieb nicht so!
Immer voller und blühender umduftete sie der Kranz des Lebens, immer erquickender grünte die Oase des süßesten Friedens um sie her. Sie ging oft in Gesellschaft, sagte dort Impromptus, schrieb auch viel in ihrer Wohnung. Durch diese tägliche Uebung, durch[48]  die Ruhe und Aufmunterung, welche sie von allen Seite genoß, erhob sich ihr Geist zu eigenthümlicher Kraft. Sie lernte alle Männer kennen, die sich damals auszeichneten. Ramler nahm unter diesen eine bedeutende Stelle ein. Die herrschende Parallelsucht jener Zeit erhob ihn zum deutschen Horaz, da er doch nur ein deutscher Odendichter war. Er hatte die Sprache sehr in seiner Gewalt, dichtete correct, zuweilen auch mit Schwung, doch er war ein Pedant. Sein Herz und Sinn waren redlich, offen, doch war er zu sehr für sich selbst eingenommen, keiner Hingebung fähig, weder in der Poesie, noch in der Freundschaft. Er wollte den Genius der Karschin in seine Fesseln zwängen, es gelang ihm zum Theil. Er durchschnitt zarte Bande, welche sie an das wirkliche Leben knüpften, unterwies sie in den Regeln der Ode, und umhing sie mit den Flittern der Mythologie. Er lähmte ihre Schwungkraft und machte sie auf Stelzen einherschreiten. Zum Glücke trug sie sein Joch nicht lange, und fand sich nachher selbst wieder; doch niemals mehr so wie früher, die Mythologie blieb ihr ankleben, ihr, der rein Deutschen, innig christlichen und wahrhaft volksthümlichen Dichterin. Sehr treffend sagt Sulzer von ihr: »Es ist eine alte und bekannte Bemerkung, daß die Dichter nicht durch Regeln und Unterricht gebildet werden, sondern ihren Beruf und ihre Fähigkeiten blos von der Natur erhalten. Wer diesen Beruf empfangen hat, der redet ohne Vorsatz und Kunst die Sprache der Muse; aber der Mangel desselben wird durch keinen Unterricht und keine Regeln ersetzt. Plato setzt den wahren Charakter eines Dichters darin, daß er seine Gesänge durch Begeisterung hervorbringt, sich selbst unbewußt, was er singe. Die Harmonie und der Gang des Verses setzen nach seiner Meinung den Dichter in den Enthusiasmus, der ihm die[49]  Gedanken und Bilder darbietet, welche er bei gesetztem Geiste vergeblich würde gesucht haben. Man darf sich deshalb nicht wundern, daß die vortrefflichsten Dichter älter sind als die Regeln, und daß die feinste Kritik keine vollkommenern Gesänge hervorgebracht hat, als die sind, welche vor der Kunst gewesen. Ohne Vorsatz und Kunst sehen wir die Karschin unter den besten Dichtern ihren Platz behaupten. Mit Bewunderung sehen wir an ihr, wie die Natur durch die Begeisterung wirkt. Die Lieder, welche ihr am besten gelungen, sind alle in der Hitze der Einbildungskraft geschrieben, dahingegen die, welche sie aus Vorsatz und mit ruhiger Ueberlegung verfertigt, allemal das Kennzeichen des Zwanges und den Mangel der Muse nicht undeutlich bemerken lassen. Wenn die Dichterin in Gesellschaft, oder in einsamen Stunden von irgendeinem Gegenstand lebhaft gerührt wird, so wird ihr Geist plötzlich erhitzt, sie besitzt sich nicht mehr, jede Triebfeder der Seele wird rege, sie fühlt einen unwiderstehlichen Trieb zum Dichten und schreibt das Lied, welches ihr die Muse eingibt, mit bewunderungswürdiger Geschwindigkeit. Gleich einer Uhr, die ohne fernere Hülfe ihren richtigen Gang fortschreitet, sobald die Feder gespannt ist, singt sie, sich selbst unbewußt, wie die Gedanken und Bilder in ihr entstehen, sobald die Seele durch ihre ersten Vorstellungen in Wirksamkeit gebracht worden. Auch die feinere Beobachtung des Plato, daß die Harmonie und der Gang des Verses die Begeisterung unterhalten, finden wir durch das Beispiel unserer Dichterin bestätigt. Sobald sie den Ton, wie sie es nennt, und das Silbenmaß getroffen, fließt das ganze Lied ohne Müh' und ohne Bestrebung Gedanken und Bilder zu finden. Die feinsten Wendungen der Materie und des Ausdrucks entstehen unter der Feder, als wenn sie ihr eingegeben würden.«[50] 
Obgleich in etwas veralteten Formen abgefaßt, sind diese Worte eines so verehrten Schriftstellers und wahren Freundes der Dichterin so sinnreich und bezeichnend, daß ich sie meinen Lesern nicht vorenthalten möchte. Verschiedenartige Stimmen haben sich früher oder später über die Karschin laut gemacht. Sie ist oft sehr ungerecht beurtheilt worden, doch spricht für sie die Thatsache, daß die Besten ihrer Zeit in dem Sinne wie Sulzer über sie geschrieben, und daß Stimmung und Stimme des Volks ihr günstig gewesen, und ihr Gerechtigkeit widerfahren lassen. Sie dankte diesen wahren Vorzug nicht allein ihrem Geiste, sondern weit mehr noch ihrem Herzen. Wer irgend auch in der Ferne einer kräftigen überzeugenden Vorsprache bedurfte, nahm seine Zuflucht zur Karschin, und selten scheiterte sie in ihren menschenfreundlichen Bestrebungen für Andere. An sich dachte sie selten, ihr Ruhm hatte ihre natürliche Bescheidenheit nur erhöht, und die Empfindungen, welche ihr Lied ausdrückten, waren die ihrigen, sie waren alle schön und edel, würdig einer echten Dichterseele. Sanft gleitete ihr Fahrzeug auf ruhiger Flut, die den Himmel und beblümte Ufer spiegelte.
Baron von Kottwitz verließ seines Freundes, des Grafen von Gotter's Haus, und bezog dasjenige, welches er zu seinem Wohnsitz bestimmt hatte, wenn er vermählt sein würde. Schon seit einiger Zeit hatte die Karschin eine stille Wehmuth in den Zügen ihres edeln Freundes bemerkt, es gelang ihr selten, ihn zu erheitern. Sie sah mit Entsetzen die Farbe der Jugend von seinen Wangen weichen, das Lächeln von seinen bleichen Lippen verschwinden. Er empfing viele Briefe und beantwortete sie unter Thränen. Seine Braut, die sein ganzes Leben war, hatte ihr Herz von ihm abgewendet, und den edelsten[51]  liebenswürdigsten der Männer getäuscht und verrathen. Ihre Untreue brach ihm das Herz. Er reiste nach Boyadel, um dort einsam dem Kummer nachzuhängen, verfiel in Schwermuth, und fand nach langen Leiden den Tod, den er ersehnte. Er hatte alles vergessen, was ihm wol ehemals theuer gewesen, alles, auch die treue Seele, die so gern sein Weh gelindert hätte, die gern für ihn gestorben wäre. Sie blieb allein in dem verödeten Hause zurück. Was sollte sie dort? Sie verließ es still und ungehindert, denn niemand dachte an sie. Ihr Wohlthäter hatte ihretwegen nichts mehr verfügen können. Sie bezog eine kleine bescheidene Wohnung und lebte dort ihrem Kummer und der Sorge für ihren Unterhalt. Ihr Kind Karoline war bei ihr, und ihre Freunde zuerst sahen ein, daß sie die Mittel nicht hatte, es sorgfältig zu erziehen. Der berühmte Mechanikus Holefeld und Sulzer waren die Ersten, die es sich eifrig angelegen sein ließen, für die Kleine zu sorgen. Hofrath Stahl, der größte Arzt seiner Zeit, der seltene Gelehrte, dem die Wissenschaft das Herz nicht vertrocknet hatte, der seltene Reiche, dem sein Gold nur schätzbar war, um die Leiden der Menschheit zu lindern, nahm auch dies verwaiste Kind an sein Herz. Auch er hatte die glücklichen Anlagen bemerkt, die Sulzer und Holefeld für die kleine Karsch gewonnen hatten. Er gab die hoffnungsvolle Kleine in eine Erziehungsanstalt, die den Ruf der Frömmigkeit mit der großen Strenge der Sitten und gründlicher Erziehungsmethode vereinigte. Die Karschin hatte nun für sich allein zu sorgen. Die Einsamkeit in ihrer Wohnung war ihr unheimlich. Gleim, der begeisterte Freund ihrer Muse, lud sie so herzlich nach Halberstadt ein, daß sie mit Freuden einwilligte, einige Zeit in seinem gastlichen Hause zuzubringen.
Sie wurde mit Freuden empfangen, mit Liebe umgeben.[52]  Graf von Stolberg-Wernigerode und die Prinzessin Christiane von Anhalt, seine Gemahlin, luden sie in ihren Palast, und beglückten sie mit ihrer Freundschaft. Hier wehte ein anderer Geist als im königlichen Berlin. – Das Herz der Karschin wurde hier erquickt durch liebevolle Zartheit und Milde. Hier war es nicht ihr Genius, ihre Unterhaltungsgabe, sondern ihr Gemüth, das ihr Bewunderung und Liebe erwarb. Ein Paradies war die Gegend, und Engel lebten in diesem Paradiese!
Die Karschin war keine Frömmlerin, sondern eine gottinnige Seele; sie fühlte sich hier wie in einer wahren Heimat, sie gedachte hier ihrer vergangenen Leiden nur, um Gott dafür zu danken, daß sie so hart und schwer geprüft worden. Sie erkannte Gottes Vaterhuld in allem, was ihr geschehen. Mit frischgestärktem Herzen kam sie nach Halberstadt zurück, wo ein reicher Kreis von Freunden sich in Gleim's Hause um sie her versammelte.
Noch ist gewiß in Halberstadt das Angedenken vom Freiherrn Spiegel vom Desenberg nicht erloschen. Seine Güte und Menschenfreundlichkeit, Hoheit und feine Ausbildung des Geistes, Zartheit und Anmuth des Wesens vereinigten sich in einem seltenen Einklang bei ihm und beglückten alle, die ihm theuer wurden. Er war der Karschin von Herzen ergeben.
Sie konnte den liebreichen Einladungen nicht widerstehen, die ihr von Magdeburg gesendet wurden. Das Haus der edeln Gemahlin des Commandanten, Frau von Reichmann, war zu ihrer Aufnahme bereit. Sie wurde hier unendlich verehrt und man gewann sie überaus lieb. Die Zeit, die sie dort verlebte, überbot noch beinahe die eben verflossene, ihr dankbares Herz hatte nun einen neuen Gegenstand der Bewunderung. Jeden Morgen begrüßte sie ihre Freundin mit einem neuen Liede,[53]  und diese gab ihr jeden Morgen einen Plan zu neuer Arbeit.
Der König kämpfte noch im Felde, der preußische Hof war zu Magdeburg, und die Erwartung zwischen Krieg und Frieden schwebte auf der Wage. Sie sang vortrefflich, nie gesungene Lieder zu Magdeburg, mit der ihr eigenen Geschwindigkeit; sie mußten gedruckt werden, und auf das schnellste waren sie vergriffen. Der Hof hörte von ihr, die Königin ließ sie rufen, sie mußte oft bei ihr erscheinen. Die ganze königliche Familie folgte diesem Beispiel es war ein neuer Gegenstand der Verwunderung, daß ein seit elf Monaten aus dem tiefsten Staube hervorgezogenes Weib vor den ersten Verwandten des Thrones mit einer Gegenwart des Geistes, und zugleich mit einer Zuversicht stand, welche ebenso gefällig als ehrfurchtsvoll war.
Von Magdeburg eilte sie wieder einmal nach Halberstadt zu Gleim. Nirgend fand sie alles, was Geist und Herz erheben konnte, so beisammen, als in Gleim's Museum und im Cirkel seiner Freunde. Er, der Vater der deutschen Dichter, welcher seine Gesänge aus seinem Herzen schöpfte, und die Philosophie des Lebens in angenehmer Beredsamkeit ausströmte, sann ohne Rast darüber nach, wie die Zukunft seiner Freundin vor Sorge zu sichern sei. Seine sinnreiche Freundeszärtlichkeit gab ihm ein ehrenvolles Mittel ein. Er sammelte die Dichtungen der Karschin, traf eine Auswahl darunter, und forderte das Publikum zu einem Vorschuß für die Druckkosten der Sammlung auf, welche Aufforderung die erste dieser Art war. Gleim's Vorsatz war, durch den Vorschuß soviel zusammenzuschaffen, daß sie in Zukunft so ziemlich unabhängig leben könnte, und der Plan würde vollständiger gelungen sein, wenn ihn nicht der Rath eines andern[54]  Freundes durchkreuzt hätte, welcher anrieth, die Exemplare der Sammlung in zwei Klassen abzutheilen, eine auf Velinpapier, die andere auf Druckpapier. Die Karschin ließ sich für diesen Vorschlag gewinnen, und ehe Gleim es hindern konnte, war die Anzeige schon in allen Händen. Der Luxus in den Ausgaben war noch nicht auf seiner jetzigen Höhe; die meisten Subscribenten waren zufrieden, wenn sie nur das Buch hatten, und zogen die wohlfeile Ausgabe vor. Gleichwol blieben nach Abzug der Kosten und Deckung einiger nothwendiger Ausgaben zweitausend Thaler in Gold Reinertrag, welche das solide Handlungshaus Farreau und Comp. zu fünf Procent Zinsen annahm. Die genügsame Karschin hielt sich mit jährlichen hundert Thalern in Gold für eine reiche Frau. Sie ging nun nach geschlossener Subscription nach Berlin, und wollte bald nach Halberstadt zurückkehren, um sich dort bleibend einzurichten. Eine Freundin nahm sie für die Zeit ihres Aufenthalts in Berlin auf. Zwei Monate war sie dort, als sie erfuhr, ihr ältester Bruder sei in Berlin angelangt, die Schwester zu besuchen. Seit vierzehn Jahren hatten beide sich nicht wiedergesehen. Damals war er ein schöner blonder freundlicher Knabe, noch nicht in den Flegeljahren, jetzt war er schon darüber hinaus, unbeholfen und roh; aber ihr Herz fühlte in seiner Gegenwart die frühere Liebe wieder, sie beschloß, ihn zu sich nehmen.
Der wiedergekehrte Friede zog eine Masse Menschen nach Berlin, es war schwer unter Dach zu kommen. Ihr Bruder fand ein großes Dachzimmer, in welchem noch eine Fenstervertiefung übrig war, denn die übrigen Räume desselben waren schon in Anspruch genommen. Die Karschin nahm unbesehen die Wohnung. Ihre Möbeln und Geräthschaften wurden nebst ihrem Bett[55]  in ihrer Fenstervertiefung übereinander gestellt, ihr Bruder zu einem Miether gebettet. Sie erschrak, als sie sich so mit einem mal unter mehreren Familien sah; doch sie ergab sich drein, vergaß, daß sie nur eben einige Paläste hintereinander bewohnt hatte, und fügte sich wie immer in ihre Lage.
In dieser Stellung erschien, kurze Zeit nachdem sie dort eingetroffen, ein Lakai des Königs, sie zur Audienz beim Monarchen zu rufen. Hier ist das Gedicht, welches sie nach ihrer Rückkehr in ihrer Bastillenkammer, unter dem Getümmel des Ameisenhaufens, an Dr. Krünitz schrieb, und hier seine poetische Aufforderung zuerst.



Als in Sanssouci der König mit ihr gesprochen hatte, den 24. October 1763.


Zu lange miedest du, o Sappho, dieses Zimmer
Verwöhnt an Sanssouci, verblendt von Königs Schimmer
Monarch klingt zwar sehr schön; doch nicht so schön als »Freund«.
Dein warten Blatt und Kiel; schreib wie's dein Herze meint.

Dr. Krünitz.

Freund, wenn mir vor dem Schritt zum Leben
Nicht von der gütigen Natur
Schon ein Befehl zur Demuth ward gegeben,
Dann würd' ich kleine Creatur
Mit inn'rem Stolz mich hoch erheben,
Und dir erzählen daß in Friedrich's Marmorsaal
Mein faltigt Antlitz sich bespiegelt
Und aus der Brust das Herz beflügelt
Auf meine Lippen trat, und meiner Worte Wahl
Und den Accent geregelt hätte,
Indem der König mit mir redte,
Der größre Redekunst besitzt
Als Marc Anton, der vor dem Volke
Des Cäsars Mörder bald verklaget bald beschützt.[56] 
Er kam, und über ihm in einer goldnen Wolke
Sah ich den schwebenden Apoll.
Er sprach, und in mein Ohr erscholl
Mit seiner schnell gesprochnen Frage
Der Donner Jupiter's, und seines Auges Blick
War wie der Blitz am Erntetage.
Doch, Freund, ich staunte nicht zurück,
Ich sagte, welcher Mann mich zeugte,
Und welcher Staub mich niederbeugte,
Wie mein Genie herauf gestrebt,
In welchem Dunkel ich der Jugend Zeit verlebt,
Und daß ich nicht der Kunst geschriebne Regeln wüßte,
Und daß mein Liebling, der Plutarch,
Oft einen finstern Blick von mir ertragen müßte,
Denn in ihm fänd' ich nie den Sieger, den Monarch,
Den Mensch und Philosoph vereinet.
Ob Alexander gleich gesieget und geweinet
Und Cäsar selbst zufrieden schien,
Wenn er jedweden Tag bezeichnet mit Verschonen,
Und einem Brutus selbst verziehn,
Der mit dem Dolch ihm sollte lohnen,
Doch fand ich auf der Griechen Thronen
Und auf der Römer Kampfplatz nichts
Vergleichendes mit dem der seines Angesichts
In Winterlüften nicht geschonet,
Und wenn der Lenz geblüht das Kriegeszelt bewohnet.
Von Freuden und vom Throne fern,
Und mehr den Vater als den Herrn
Zurückgebracht aus soviel Schlachten.
Er frug: »Wer lehrte dich Gesang?
Wer unterwies dich in Apollo's Saitenzwang?«
»Held!« sprach ich, »die Natur und deine Siege machten
Mich ohne Kunst zur Dichterin.«
Er lächelte, und wollte wissen
Woher ich Nahrung nähm'; da sagt' ich: »Freunde müssen
Mich nähren, täglich geh' ich hin
Zum niemals stolzen Stahl, der stets mich gerne siehet,
Und eine zweite Sängerin
In meiner Tochter dir erziehet.«[57] 
Ich sprach's, und Friedrich's Blick schien meinen Freund zu loben.
Nach meiner Wohnung frug er mich.
»Monarch!« sprach ich, »die Sterne grenzen nachbarlich
Mit meinem Winkel unterm Dache hoch erhoben!
Wenn du nicht zürntest, würd' ich dich
Kniebeugend bitten, daß du meine Kammer dächtest
Wie einen Winkel der Bastille zu Paris
In welche Ludewig viel Menschen bringen ließ,
Die du als Krieger brauchen möchtest,
Weil sie oft tapfer sind und treu.«
Der König lachte laut, und ich beherzt und frei
Wie eine Römerin, ich zog der Stirne Falten
Sanft auseinander, lachte so
Wie einer, den ein Bret hat in dem Meer erhalten
Und jetzt die Sonne sieht, und ihren Strahlen froh
Entgegenblickt, und vor Entzücken
Das Lächeln auf der Lippe trägt,
Wenn ihm das Herz so laut, als mir das meine schlägt,
Und er mit Worten sich nicht halb weiß auszudrücken.
Des Vaterlandes Vater sprach
Zuletzt: Er würde mir das Leben sorglos machen!
Und alle Musen sprachen's nach;
Und Grazien sah ich in seinem Munde lachen,
Der tausend mal Befehle rief
Zum Angriff, oder zum Verschonen eines Heeres.
Das ganz zerstreut in Wälder lief,
Und fiel, wie stolz geschwollne Wellen eines Meeres
Dem Zeus mit seinem Finger droht.

Ich ging zurück; o Freund! nun glühte Purpurroth
Auf meiner sonst so blassen Wange;
Mich grüßte Lentulus, und ihm
Hab' ich verwirrt gedankt; ich taumelte, ich schien
Den trunknen Menschen gleich im Reden und im Gange;
Und dennoch schwör' ich dir beim heiligsten Gesange:
Wenn Friedrich mir von Cedernholz
Ein Haus durch Künstler bauen ließe,
Doch würde nicht dadurch der Sappho Seele stolz,
Denn ihr ist nur die Freundschaft süße.[58] 
Die schönen ehrenvollen Hoffnungen, die Friedrich's des Großen Verheißung im Busen der Dichterin erweckt, blieben unerfüllt. Verschiedene Einflüsse von außen her sollen den König gegen die Karschin verstimmt haben. Es war leicht, ihr zu schaden, weil sie Jedermann Gutes zutraute und von Arglist und Bosheit keinen Begriff hatte.
Endlich verlief sich der Schwall der Fremden, eine kleine anständige Wohnung konnte bezogen werden. Karoline blieb noch in Pension, der Sohn Christian noch beim Amtmann in Boyadel. Die Karschin sah fleißig ihre Freunde, dichtete, um Brot zu verdienen, ließ ihren Bruder nach Belieben über ihre Einnahme schalten, erinnerte oft den König an sein edles Versprechen, aber vergebens – und lebte nun wie jeder Proletarier den Tag vom Tage.
Von allen Enden Deutschlands, aus allen Hauptstädten Europas entstanden für sie Freunde, Bewunderer und schriftliche Verehrer. Man sah nur auf ihren Geist, schätzte an ihr das Werk der Natur, und forderte nicht von ihr, was ihr an Lebenston mangelte und immer mehr zu mangeln anfing, je allmächtiger der neue Druck ihrer Sorgen den erhabenen Fittig ihres Geistes wieder herabsenkte. Man hatte Geduld und Nachsicht mit ihr, und freute sich, daß sie Freunde und Gönner hatte. Sie zählte unter dieselben den tapfern und edeln Herzog von Braunschweig-Lüneburg, dessen Neffen Friedrich von Braunschweig, welcher der Erste war, der ihr ein Jahrgehalt aussetzte, den regierenden Reichsgrafen von Stolberg-Wernigerode, dem durch den Dichterkreis der Name Karl Grandison gegeben wurde.
Zu der Zeit erhielt die Karschin von ihrem alten Freunde, dem Rinderhirten, folgenden Brief:[59] 
»Gott mit uns, werthe und geehrte Freundin!

Gegenwärtige Blätter werden Sie überzeugen, daß ich Ihr Schreiben erhalten habe. Sie aber meine nicht etwa, als ob ich Sie geringe schätze, indem ich mich so schlechten Papiers bediene; hätte ich besseres gehabt, so würde ich's wohl genommen haben.
Ihr Briefchen zu beantworten, mögen zuvörderst Ihre Verse reden. Betreffend den Entschluß zu heirathen, so bin ich keinmal ohne Liebste gewesen. Die günstigen Musen1 haben zwei der vortheilhaftesten Heirathen mir anempfohlen. Ich hätte nur bei einer meine Religion verändern sollen; bei der andern stand mir ein Mädchen im Wege, die mir von Herzen gewogen, und von allen Mitteln entblößt war, und an der hing mein Herz. Es hat aber nichts daraus werden können, indem mich bald darauf die Russen von allen Mitteln entblößt. Das Hemde auf dem Leibe, welches nichts nutz, blieb mir nur übrig; ich danke Gott, daß ich meine Gesundheit noch erhalten habe. Brot, Kleider, Wäsche, Pflug und Zug, sammt Getreide, Alles muß mit fort, mein mit Mühe gesammeltes Geld, und drei Pferde, daß ich nun ganz nackend, und alles Verdienstes beraubt bin; doch hat Gott, ihm sei Dank, diesem Mädel einen Mann gegeben, und sie versorgt. Ich aber habe mich die Zeit über mit meinem Schnitzwerk erhalten müssen, welches nicht viel einträgt.
Soviel ich aus Ihrem Schreiben ersehen, geht es Ihr außerordentlich wohl, deß freue ich mich von Herzen. Gott erhalte Sie in allem Wohlsein. Die vergnügte[60]  Zufriedenheit erhält dennoch mich bei meinen betrübten Umständen, u.s.w.

Schwiebus,
den zweiten Ostertag
1762.
Ihr allezeit guter Freund
Johann Christoph Marg Graf.«

Bald kam auch ihr Sohn Christian aus Boyadel zurück. Die Karschin war zu gutmüthig, um nun ihren Bruder seinen eigenen Weg sich bahnen zu lassen. Sein eigenes Gefühl hätte ihn dazu bestimmen sollen, nun nicht mehr der Schwester lästig zu sein. Ohne Erröthen erfuhr er, daß sie bei allen ihren Gönnern in rührenden Liedern um ein Fortkommen für den Knaben bat, der noch unversorgt und bestimmungslos war.
Eines Abends, wo ein glänzender Kreis bei einer vornehmer Bekannten sich an den Liedern der Karschin ergötzte, befand sich unter ihren Zuhörern ein junger Cavalier namens von Rohr, auf welchen ihre Fürbitte für ihren Sohn tiefen Eindruck gemacht zu haben schien; denn mitten unter dem Gewühl des Festes hatte sie diese Bitte poetisch aufgesetzt und vorgetragen. Er flüsterte ihr einige Worte der Bewunderung zu, und nannte ihr seinen Namen. Solche Erscheinungen waren ihr nichts Neues. Am andern Morgen erhielt sie einen Brief von unbekannter Hand, folgenden Inhalts: »Man wünscht wohl geschlafen zu haben, und durch Ueberbringerin zu wissen, worin man ihr dienen könnte, indem jemand nichts Angenehmeres wüßte, als zu ihren Diensten bereit zu sein!« Sie antwortete augenblicklich und freimüthig, daß sie jetzt kein dringenderes Anliegen hätte, als ihren Sohn auf den Weg zu einer künftigen Laufbahn zu[61]  sehen. Acht Tage später kam ein zweiter Brief, gleichfalls ohne Namen, doch von derselben Hand, des Inhalts: »daß es für eine gewisse Person ein süßes Vergnügen sei, ihr in einem so löblichen Anliegen dienen zu können, sie möchte sich nur nebst ihrem Sohn auf die Realschule bemühen, wo sie zu seiner Aufnahme in Pension schon alles veranstaltet finden würde«. Die höchst erfreute Dichterin gab hierauf eine so schnelle und feurige Danksagung, wie es die schöne That verdiente. Sie befolgte die erhaltene Weisung, fand auf der Realschule alles, was der Brief besagte, konnte aber den Namen ihres edeln Wohlthäters nicht erforschen. Sie rieth zwar auf Herrn von Rohr, konnte aber keine Auskunft darüber erhalten. Nicht lange nach dieser Begebenheit kam auch Karoline in ihr Haus zurück. Sie hatte keine glücklichen Stunden in der Pensionsanstalt erlebt. Knechtisch war sie zur Arbeit angehalten, despotisch behandelt worden. Sie konnte es nie vergessen, daß einer der Oberlehrer, namens Hecker, sie auf den zusammengelegten Fingerspitzen mit einem Lineal scharf gehauen hatte, sie, das sanfte und gehorsame Mädchen. Wenn ihre Gefährtinnen ausfuhren, oder munter im Hofe spielten, mußte sie feine Arbeiten für die Lehrerin verfertigen, an den Stichen mußten die Faden gezählt werden, sie mußte feine seidene Strümpfe stricken. Der Unterricht, der mit dem Tag nach Neujahr anfing, sowie das Lesen der Bibel, wurde mit jedem Jahre wiederholt. Nie wurde die kleine Karsch an Festtagen nach Hause geladen. Nie wurde die Lehrerin mit einer kleinen Aufmerksamkeit ermuntert, darum wurde sie auch in der Anstalt zurückgesetzt und mit Arbeit beladen. Nur in weiblichen Arbeiten war sie gründlich unterrichtet worden, konnte auch ein wenig französisch. Sonntags durfte sie einige Stunden ausgehen.[62] 
Friedrich's II. geistvolle Schwester, Prinzessin Amalie, hatte sie kennen lernen, und dieselbe Geistesgabe, die der Mutter zutheil geworden, in der Kleinen entdeckt. Sie gewann sie zärtlich lieb und wollte sie zu sich nehmen; der Onkel war dagegen. Prinzessin Amalie wollte die Klagelieder Jeremiä componiren, die junge Karsch sollte sie in Verse setzen. Die Arbeit war ihr zu schwierig und stimmte sie zu trübe, sie entzog sich derselben; und es trat einige Kälte ein. Doch bald nachher erwachte die frühere Liebe der Prinzessin zu dem bedauerungswürdigen Mädchen, nachdem sie erfahren hatte, daß sich die Karschin habe bereden lassen, sie ihrem Oheim zu verloben. Die Prinzessin nahm sie in ihre Arme, und sagte ihr mit feuchten Augen: »Komm zu mir, armes Kind, ich will dich schützen, dich glücklich machen!« Doch die Kleine war zu furchtsam, sie schlug das liebreiche Anerbieten aus – und brachte mit blutendem Herzen das Opfer, das ihr tyrannisch abverlangt wurde. Minder beklagenswerth würde sie gewesen sein, wenn der Despot, der sich ihrer arglistig und gewaltsam bemächtigt hatte, nicht Liebe verlangt hätte.
Alles was sie über sich vermochte, war, ihren Abscheu gegen ihn zu verhehlen und ihre Kette geduldig zu tragen. Die schwerste Last des Hauswesens nahm sie ohne Murren auf sich, übte treu ihre Pflichten und suchte wie die Karschin Erquickung im Gesang. Doch nur Abends, wenn alles schlief, wenn sie ganz sich selbst wiedergehörte.
Am 3. Juli 1770 genas sie eines schönen Knaben. Sie fühlte sich beseligt und stolz, Mutter zu sein. Das Kind verrieth Geist und Lebendigkeit, seine Blicke leuchteten Trost und Muth in das Herz der Mutter. Auch die Karschin gewann es sehr lieb, und es blieb bis in den Tod die Freude ihrer Tage.[63] 
Um diese Zeit kam Christian Hirsekorn aus der Realschule zurück. Zugleich wurde die Karschin in einem liebreichen Briefe aufgefordert zu berichten, was sie wünsche für ihren Sohn zu bestimmen. Der Jüngling wollte Theologie studiren. Wie leicht würde sie diesen Wunsch erfüllt bekommen haben! Doch der Eigennutz ihres Bruders wirkte durch Ueberredung gegen diese Bestimmung. Er fürchtete, die Kosten des Studiums möchten auf seine Schwester zurückfallen, und glaubte, der Jüngling wäre versorgt genug, wenn er in eine Handlung gegeben würde. Unglücklicherweise hatte Christian, weil er wenig geübt im Briefschreiben war, seiner Mutter einen Brief geschrieben, der ihr nicht gefiel. Aufgestachelt durch ihren Bruder, schrieb sie ihrem unbekannten Wohlthäter: »sie hätte ein Billet von ihrem Sohne empfangen, wo weder Stil, noch Gedanke darin wäre, und sie könnte sich nicht entschließen, einen Menschen von sechzehn Jahren, der noch kein Billet an seine Mutter schreiben könnte, auf fremde Kosten studiren zu lassen«. Der Wohlthäter schien die Weigerung übelgenommen zu haben: Ihr Sohn ward ihr zurückgeschickt, und es hat sich ferner keines Menschen Güte um ihn bekümmert. Er wußte es nicht, der edle Mann, welche Gewalt despotischer Einfluß über ein Gemüth ausüben konnte, dem schon alle Spannkraft durch langes Unglück entrissen war. Warum auch war Herr von Rohr der Karschin ganz fremd geblieben?
Der junge Hirsekorn wurde nun in eine Handlung gebracht. Er konnte es darin nicht aushalten, quälte sich mühsam durch das Leben, bis es ihm gelang, eine Militärschullehrerstelle in Neu-Ruppin zu erhalten, wo er rohe Kinder zu braven Menschen erzog und bildete, die Liebe der Aeltern hatte, und von seinen Obern[64]  mehrere male in öffentlichen Blättern gelobt worden ist. Er wurde ein glücklicher Gatte und Hausvater. Seine einzige liebliche Tochter, verehelichte Wilke, wurde Mutter von vier interessanten Töchtern und einem wackern Sohn, in welchem der Geist der Familie, das Gemüth und der Sinn des Großvaters wieder auflebten. Er ist ausgezeichnet in seiner Kunst als Buchbinder, ist zugleich Kaufmann, hat in der Fremde den Kreis seiner Freunde erweitert, und auch in ihm glüht der dichterische Funke, der beinahe allen Familienmitgliedern der Karschin eigen ist.

Ich wünschte von meinen Angehörigen ausführlich sprechen zu können, denn die Anwesenheit meiner Großnichte, Bertha Christiane Borngraeber, hat mich im Geist in der lieben Familie heimisch gemacht, und ich wünschte den Eindruck dieser Mittheilungen auch denen zu vergegenwärtigen, die an meiner Schilderung der Karschin Antheil genommen. Ich muß mich auf wenige Züge schränken, ich bedauere das, denn nicht allein das Wesen und Leben der Karschin ist als ein Kunstwerk der göttlichen Vorsehung zu betrachten, sondern alles was ich noch zu sagen hätte, gehörte eigentlich dazu, um das Bild des Ganzen zu vollenden.
Eleonore, die jüngere Schwester der Karschin, war, wie fast alle Abkömmlinge der Dürbach, ein schönes reichbegabtes Kind, und erwuchs zu einer stattlichen Jungfrau voll Herzensgüte, Bravheit und Verstand. Sie wurde Gattin eines Landbesitzers aus Sonnenburg. Er lebte glücklich mit ihr, bis ihn ein früher Tod den Seinigen entriß. Seine Eigenschaften und Fähigkeiten erhoben ihn[65]  über seinen Stand, ohne jedoch ein Misverhältniß zwischen dem wackern Landmann und seinem Stand hervorzubringen. Es ist die Eigenschaft wohlbegabter Naturen, daß sie die Verhältnisse und Bedingungen ihres Lebens in Einklang mit sich selbst heraufzuziehen wissen, sodaß die Gaben und Befähigungen, die ihnen der Himmel geschenkt, dem innern und äußern Leben zugute kommen.
Meine Urgroßtante, Eleonore Borngraeber, die zärtliche Mutter wohlgerathener Kinder, jung verwitwet, lebte nur für diese und ihre häuslichen Pflichten. Ihre zwei Söhne, Landbesitzer, waren hochgeachtete Bürger, deren Andenken noch nicht erloschen ist. Desgleichen eine Tochter, Luise, verheirathete Bärman. Der verehrungswürdige Pastor Hecht schrieb mir: »Die Enkelkinder der Frau Eleonore Borngraeber, drei von Daniel, fünf von Gottlob und vier von Luise, möchten zu der Behauptung veranlassen, daß Talente manchen Familien zugetheilt; wenn zufällige Umstände nicht solche verdunkeln, forterben. Die Lernbegierde derselben (ich habe während meines Hierseins bereits fünf confirmirt) ist charakteristisch, und der Andrang zu gewissen Geistessteckenpferden poetischer Organe unverkennbar. Vielleicht schlummert in dem einen oder dem andern dieser Enkelkinder auch eine Dichterader, aber ohne einen äußern Impuls und ungepflegt, fließet sie zu dem näherliegenden Sinnlichen hin. Fast alle zeigen einen bemerkbaren Hang zum Zeichnen, u.s.w.« Sie folgte ihrer geliebten Schwester im April 1805 in die Ewigkeit, freudig in Gott, allgemein betrauert und geliebt, und lebt noch im Andenken vieler dortigen Bewohner, weil ihre Herzensgüte, Mildthätigkeit und Frömmigkeit alle Herzen gewann. Ihren Gesang behorchte man noch in den sechziger Jahren mit[66]  Bewunderung. Sie hatte ihr segenvolles Dasein auf dem Besitzthum beschlossen, wo ihre Schwester so selige Stunden verlebt. Es war ihr Erbtheil, wo die alte Linde noch grünt, unter deren Schatten die Karschin an des Oheims Seite weilte. Aus der wohlverwahrten Sammlung der Briefe der Karschin folgt hier einer, der in seiner Kürze und bezeichnenden Einfachheit wohl geeignet ist, ein Bild von ihrem Wesen zu geben.

»Meine liebe Schwester!«

»Wir waren alle voller Freuden über diesen Brief und gute Botschaft, nebst dem beigelegten goldenen Herzen, und die zwei Ellen Käntchen für meinen Enkel. Ich sehe noch immer Deine Treue und schwesterliche Liebe, und gutes Gemüth, das Du noch gegen uns und unsere Stadt trägst; unsere ganze Stadt war erfreut, als sie hörte, daß die Glocken und das Gemälde schon auf der Post war, warteten mit großem Verlangen darauf; es kam also der Tag vor dem Feste, auf den Morgen war das Gemälde auf den Altar gesetzt und Dein Bildniß ist gleich dem Altar über angehangen. Nach der Predigt dankte der Geistliche für die Wohlthaten, die uns schon wieder von der Madame Karschin aus Berlin erzeugt wären. Vor Freuden fielen mir Thränen aus den Augen, als ich diesen Dank hörte. Mein Wünschen wäre, wenn wir uns doch noch einmal sehen könnten, und Du zu uns kämest. Ja, das ist der Wunsch unserer Stadt, sie sprechen auch: Es heißt mit Recht bei ihr, die Liebe wird nimmer müde. Ich werde wol schwerlich mehr nach Berlin kommen können, wegen meiner Berufsgeschäfte; und die Kräfte nehmen auch immer mehr ab; doch das ist das Beste, daß ich mit Ruhe unter meinen Kindern lebe, denn sie sind gut, dies hilft mir[67]  meine Kräfte stärken. Ich danke Dir zu vielen malen für die Andenken.
Nun lebe wohl, liebe Schwester! Ich wünsche Dir, daß Du aus dem freyenwalder Bad recht gesund und frisch wieder nach Berlin kommen möchtest, und noch lange leben. Grüße Deine Tochter zu vielen malen.

Neu-Tirschtiegel,
den 22. April
1791.
Ich verbleibe Deine treue Schwester
Johanne Eleonore Borngraeber.«

Nach einer neunjährigen Ehe gelang es der Tochter der Karschin, die Kette von sich zu wälzen, unter der sie hülflos geschmachtet hatte. – –
Vier Jahr später schloß sie ein neues Band wider ihre eigene Ueberzeugung, die ihr verkündete, sie würde nicht glücklich sein. Die Mutter ihres Bewerbers (die sich, aus welchen Gründen ist unbekannt, eine verwitwete Majorin von Klenck nannte, da ihr Gatte doch ein Baron Klencke, Commandant von Bremen war), eine adelstolze ehrgeizige Frau, hatte sich der Tochter der Karschin zu Füßen geworfen und unter strömenden Thränen das Leben ihres Sohnes von ihr erfleht; denn er versagte Arznei und Nahrungsmittel, und wollte sterben, wenn sie nicht die Seinige würde. Sie ließ nicht mit Bestürmungen und Bitten nach, bis Karoline sie in ihre Wohnung begleitete, wo der zweiundzwanzigjährige Klencke mit dem Tode rang. Der Anblick der Geliebten, die feierliche Versicherung seiner Mutter, daß sie seinem Glücke nicht entgegenstünde, riefen das Leben in seine Brust zurück. Klencke hatte kein Vermögen, keine Aussicht auf ein Fortkommen. Die Karschin glaubte ihn durch ihre hohen Gönner bald befördern[68]  zu können, und bot ihm an, als ihr geliebter Sohn bei ihr zu leben. Sie fühlte sich beseligt durch das Glück der Tochter. So wie ihr Herz nur befriedigt war, hatte sie zu allem Muth und Kraft, und das Wort »unmöglich« hatte keinen Schrecken für sie.
Hier folgt ein Lied, das sie in ihrem Freudentaumel dem theuern Eidam zum Hochzeitsfeste sang:

Sei mir gesegnet tausend mal
Am Tage deines Ehebundes,
Sohn meiner Wahl,
Dem in der Stimme meines Mundes
Mein Herz den süßen Namen gibt.
Sei mir willkommen und empfange
Dies Weib, das deine Seele liebt!
Sei glücklich mit ihr, sei nicht bange
Nach irgendeinen andern Glück
In einer frischern Rosenwange,
In einem feuervollern Blick
Und schönerm Munde, wenn du diesen
Verwelken siehst von Jahr zu Jahr,
Wie Blümlein auf den trocknen Wiesen,
Weil Thau und Regen seltsam war. –
Bleib immer Freund von ihrem Herzen
Und laß durch keinen Spötterwitz
Den Trieb aus deiner Seele scherzen,
Bis deine Gattin ihren Sitz
Und ihren Gang an deiner Seite
Vertauschet mit des Grabes Raum,
Dann denke noch zurück an Heute
Als wie an einen goldnen Traum.

Diese frommen Wünsche blieben unerfüllt. Die leidenschaftliche Frau, die diese Heirath nur mit dem heftigsten innersten Widerstreben bewilligt hatte, Segen auf der Lippe, Fluch im Herzen, hatte in Gegenwart einer Freundin geschworen »ihr Haupt nicht sanft zu legen, bis dies Band getrennt sei« – sie hielt Wort. Mit[69]  ihr verbündet, half ihre ränkevolle Tochter und ein unwürdiges schönes junges Weib zu diesem Werke der Finsterniß.
Ich ziehe einen Schleier über diese Begebenheit, die mich im Mutterschos zur Waise machte, – doch nicht verschweigen will ich hier ein Lied der Karschin an den Schwiegersohn, den sie mit solcher Muttertreue geliebt.

Wiederkehren willst du nun?
Denkst der Tochter zu genießen
Und in meinem Arm zu ruhn,
Wenn du erst zu meinen Füßen
Hundert mal gesunken wärst, und dich
Einem Wurme gleich gekrümmet,
Bis du endlich mich
Hättest umgestimmt?
O du Falscher! schäme dich;
Kannst du neue Schwüre finden,
Meinen Abscheu jetzt zu überwinden,
Der so unauslöschlich ist?
Oder denkst du das zu wiederholen,
Was dir dein Gefühl befohlen,
Eh' du Held geworden bist
Ueber meine Widersprüche?
Eh' du Hand und Herz von mir gewannst?
Sprich, ob du die Natterstiche
Selber dir verzeihen kannst,
Die mir deine Flucht ins Herz gegeben?
Ach ins Herz! worunter ich
Diese Tochter trug, die sich
Damals bilden ließ zum Leben,
Die nur noch ein Keimchen war,
Und im Keime sollt' ersticken –
Schäme dich vor deinen Tücken!
Welcher böse Geist rieth dir,
Mich noch ein mal zu berücken?
Bleib auf ewig fern von mir[70] 
Und von dem verlassnen Kinde!
Traum dir zur Qual davon
Zur Bestrafung deiner Sünde;
Höre seiner Unschuld Ton!
Siehe seine Lippen mir am Munde hängen,
Höre wie es zärtlich spricht,
Wie sich die Begriffe drängen,
Wie in seinem Augenlicht
Geist und Anmuth sich vermengen.
Rufe: »Süßes, süßes Kind!«
Streck' den Arm aus zum Umfassen,
Und so müsse dann geschwind
Dich der Traum verlassen,
Wie du böser falscher Gast
Mich verlassen hast.

Dies Lied ist schroff, der gerechte Schmerz, der darin athmet, kann nicht die Herzen gewinnen; allein die Zukunft gab ihm eine schaudervolle Bedeutung, denn es liegt eine Weissagung darin: nie hat dieser Vater seine Tochter an sein Herz gedrückt. So oft sie sich sehen sollten, lag eine Kluft zwischen ihnen. Nicht dem Herzen nach, nur durch seine Weichheit und die Unreife seiner Jugend war mein Vater strafbar geworden. Er war der fehlerhaft erzogene Sohn einer verschrobenen Mutter, die durch den frühen Tod ihres Mannes einzeln stand. Ihr und ihrer Kinder Vermögen wurde durch ein Fideicommiß eisern gemacht, und wir haben nie erfahren, was aus dem Ueberrest geworden ist.
Durch ihre Genügsamkeit, Offenherzigkeit, Erinnerung an schwere Prüfungen und Glauben an Freunde gestärkt, trat die Karschin ruhig in die Jahre des ermüdenden Alters, und theilte liebreich ihren kargen Bissen mit Tochter und Enkelkindern. Einen Lichtstrahl entsog sie dem Wohlwollen, welches die Gedichtsammlung ihrer[71]  Tochter beim Erscheinen begrüßte. Diese Lieder, welche ein Reichardt, ein Rellstab und andere Componisten von geschätztem Talent mit ihren Tönen begabten, erlangten Liebe und Anerkennung, und klangen unvergessen durch eine neuere Zeit, vor allen die sapphische Ode »An Myrtil.« Das deutsche Lied war damals erst im Werden. Goethe schuf ihm den Leib, Reichardt die Seele. Die Karschin hatte nie musikalisch gedichtet. Karoline Luise von Klencke verließ unwillkürlich die Bahn der Mutter. Sie schrieb die moderne Sprache, aus welcher mehrere alte Formen verschwunden waren.
Unter den Lesern gab es viele, welche die Tochter nun über die Mutter stellten. Man könnte sagen, sie hatten Recht, wenn nicht der Geist der Zeit bei jedem neuen Zeitabschnitt der Kunst eine neue Gestalt brächte und gewissermaßen die frühere zertrümmerte.
Wer würde jetzt ein Lied dichten wollen, wie das der Karschin bei der Ueberfahrt der Königin von England über die Elbe, 1762, zu Magdeburg? Und doch hieß diese Ode seiner Zeit ein Meisterstück, und unter gewissen Bedingungen war sie es auch. Der mythologische Wust liegt in der Rumpelkammer, und der Quell des Volksliedes erquickt durch alle Zeiten hin. Es gibt noch einige Lieder der Karschin, die frisch aus ihm entquollen sind; in ihnen fühlt man den Herzschlag des Weibes aus dem Volke, dem Ramler die Flügel des Genius noch nicht verschnitten hatte.
Um dieselbe Zeit, wo die Gedichtsammlung der Tochter der Karschin erschien, lächelte noch ein mal das Glück der Dichterin zu, es war ein Abschiedslächeln, ein warmer Händedruck vor dem Scheiden; denn dies Glück trug den Todeskeim in ihre Brust.
Wie schon erwähnt, hatte die Karschin Friedrich II.[72]  mehrere male an sein Versprechen erinnert: er wolle ihr das Leben sorglos machen. Ihre Briefe blieben unbeantwortet. Eines Tages jedoch sendete ihr der König zwei Thaler durch die Post. Im Moment des Empfanges schrieb die Karschin dem Könige die vier Zeilen, die wie Pfeile durch alle Welt geflogen sind:

Zwei Thaler gibt kein großer König,
Denn sie erhöhen nicht mein Glück.
Nein, sie erniedern mich ein wenig,
Drum send' ich sie zurück.

Friedrich II. soll von Herzen darüber gelacht haben. Schon darum hätte er die Dichterin königlich beschenken sollen; denn ein Lächeln von Königslippen wäre mit einer Million nicht zu theuer bezahlt! »Es sind thränenreiche, oft thränenschwere Wege, die ein König wandelt!« sagt Friedrich Wilhelm IV. Zuweilen ist das Lächeln eines Königs nur eine verkleidete Thräne. So seid denn dankbar, ihr Gewaltigen der Erde, für ein echtes Lächeln, diesen allzu seltenen Gast auf Königslippen.
Friedrich der Große war nicht dankbar. Als die Karschin mit unerschütterlichem Vertrauen ihn wieder einmal daran erinnerte, es war im Januar 1783, daß sie nichts zu leben habe, schickte er ihr – drei Thaler. Es mochte eben kein Brot im Hause sein. Die Karschin schickte sie nicht zurück, sie schrieb folgendes Gedicht anstatt der Quittung. Ihm sei hier eine Stelle gegönnt. Mir fiel der Anfang eines Gedichts von Schnitzer dabei ein:

Ich lobe mir was löblich ist, und gut ist immerdar:
Den freien Muth, den leichten Sinn, die Amsel und den Staar;
Und hohen Muths Vermessenheit, die lob' ich ganz und gar.[73] 
Das übrigens auch schon bekannte Schreiben der Dichterin an den König lautete:

Seine Majestät befahlen,
Mir anstatt ein Haus zu bau'n,
Doch drei Thaler auszuzahlen.
Der Monarchbefehl ward traun
Prompt und freundlich ausgerichtet,
Und zum Dank bin ich verpflichtet.
Aber für drei Thaler kann
In Berlin kein Hobelmann
Mir mein letztes Haus erbauen,
Sonst bestellt' ich ohne Grauen
Heute mir ein solches Haus,
Wo einst Würmer Tafel halten
Und sich ärgern übern Schmaus
Bei des abgegrämten, alten
Magern Weibes Ueberrest,
Die der König darben läßt.

Dieser kleine Vorgang hatte gegen den Tag meiner Ankunft auf die Welt statt. Ich kam mit einem glänzenden Käppchen an. Die Hebamme reichte es meiner Mutter, und rief aus: »Dies Kind wird große Schicksale haben, heben Sie ihr das Käppchen sorgfältig auf!« Die Mutter that es. Erst seit meiner Erblindung ist mir das kostbare Glückspfand geraubt worden. Ich war ein niedliches Kind, wie man sagt. Die Zärtlichkeit meiner zwei Mütter, meines Bruders hielten mich für den Verlust des Vaters schadlos. Noch ein mal kam mein Vater in unsere Wohnung, um Versöhnung zu bitten. Er nahm mich in seine Arme und wollte nicht von mir lassen. Meine Mutter war zu tief verletzt worden, die Karschin zu gereizt durch ihren Nothzustand, als daß sie sich seinem Flehen günstig gezeigt hätte. Meine Mutter mußte bei ihrer Weigerung standhaft verbleiben und mich des Vaters Armen entreißen. »Sie wollen also unser[74]  Kind zur Waise machen«, rief mein Vater. »O, bedenken Sie, was Sie thun!« – Sie nahm mich in ihre Arme, drückte mich fest an sich, als wollte sie betheuern, daß sie dem Kinde Vater und Mutter zugleich sein würde! – So wurde, mir unbewußt, das Los der Schmerzen über mein schuldlos Haupt verhängt.
Friedrich II. starb 1786. Die Sonne des jungen Königs ging so sanft und wohlthätig auf, daß alle Freunde die Karschin aufmunterten, sich eine Gnade vom König zu erbitten. Sie wagte es nicht aus natürlicher Bescheidenheit. Sie sagte: »Der König hat an hundert verdienstvolle Männer zu denken, die dem Vaterlande Ehre machen. Ich trete gern zurück!« Dabei blieb es nun, bis die Karschin in steter Selbstvergessenheit durch eine seltene Fügung dahin gebracht wurde, wo ihre Freunde sie haben wollten. Ihr liebevolles Herz, stets bereit zu Rath und Hülfe, wagte eine Fürbitte für die Witwe eines verdienstvollen Mannes, welche ein ausgezeichnetes Naturaliencabinet zu verkaufen hatte. Sie wendete sich an das Fräulein von Vieregg, nachherige Ministerin von Gaudy, damals Oberhofmeisterin der Prinzessin Friederike. Die Karschin kam mit dieser Bitte um acht Tage zu spät. Fräulein von Vieregg erwiderte ihr, daß der König kein Anliegen dieser Art mehr bewillige. »Es sind der Ausgaben zu viel, fügte sie hinzu; Seine Majestät bezahlen alle Schulden des verstorbenen Königs!« – »Alle Schulden? Alle?« rief die Dichterin ihr zu; »beim Himmel! dann haben Seine Majestät mir auch eine Schuld zu bezahlen. Sein Oheim hat mir vor vierundzwanzig Jahren eine Versorgung versprochen. Man versicherte mir eine jährliche Pension von zweihundert Thalern; hätte ich die Summe von vierundzwanzig Jahren zu heben, so wäre es schon ein Kapitälchen, wofür ich mir[75]  ein Häuschen kaufen könnte.« – »Gut!« antwortete lächelnd die Oberhofmeisterin, »setzen Sie das Anliegen so auf wie Sie da sagen, und wir wollen sehen, ob wir es dem König vorbringen können.« Die Dichterin ließ sich einen so liebreichen Vorschlag nicht zwei mal sagen, sie eilte nach Hause, schrieb eine poetische Schuldforderung an den König, und richtete solche an die Prinzessin Friederike. Die engelmüthige Prinzessin las das Schreiben dem Könige, ihrem Vater, vor, als Seine Majestät sich eben malen ließ. Der huldreichste Monarch lächelte des Einfalls der Dichterin, steckte das Schreiben zu sich, und gab dem Minister von Wöllner seine Befehle darüber.
Wenige Tage später wurde die Karschin durch einen Bedienten des Oberhofbuchdruckers Decker eingeladen, ein wenig zu ihm herüber zu kommen. Dies war schon oft geschehen. Die Karschin glaubte, man wollte ihr ein Gedicht auftragen, und eilte in ihrer Hauskleidung, am Arm des Bedienten, in Decker's nahegelegene Wohnung. Sie erstaunte, als die Flügelthüren des Gesellschaftssaales aufflogen und Decker sie auf das Sopha führte. Aus dem Kreise einer großen glänzenden Gesellschaft trat ein stattlicher Herr in schwarzsammetnen Kleide, woran ein Kreuz befestigt flimmerte, ihr entgegen und rief ihr zu:

Freu' dich, Deutschlands Dichterin,
Freu' dich hoch in deinem Sinn!
Der König hat befohlen mir,
Ein neues Haus zu bauen dir!

Es war der Staatsminister von Wöllner, welcher durch diese sinnreiche und liebevolle Weise, der Dichterin ihr Glück anzukündigen, der Huld des Königs einen noch höhern Werth verlieh.
Freudematt kam sie nach ihrer Wohnung zurück. Andern[76]  Tags wurde das wunderbare Ereigniß allen Freunden verkündigt. Alle Zeitungen wurden mit der für sie so ehrenvollen Nachricht erfüllt. Von allen Freunden der Muse ward der König für diese That gesegnet. Zwar entsprach der Bau nicht ganz der Anzeige, die davon gemacht worden war. Aus dem großen Hause wurde ein nettes Häuschen. Die Allegorien der Musen kamen in Vergessenheit. Statt ihrer bemerkt der Beschauer an der Front des Hauses einige Geniusköpfe mit Flügelchen. Neben diesem Häuschen erhob sich ein palastähnliches Gebäude, welches dem Generalchirurgus Dr. Theden, für den es gleichfalls als Gnadengeschenk erbaut worden war, gehörte. Ich weiß mich nicht mehr zu erinnern, ob es Symbole schmückten, und welche. An dieses lehnte sich ein großes schönes Haus, das für den höchst verdienstvollen Geographen, den deutschen Cassini, Soosmann, bestimmt war, allein durch eine seltsame Verwechselung des Namens, oder auf sonst eine räthselhafte Weise in die Hand eines Herrn Sotzmann fiel, über dessen Verdienste Frau Fama ein unverbrüchliches Schweigen beobachtet hat. Ich erwähne dieses Umstandes nur, um ein Beispiel zu geben, daß dergleichen damals nicht unmöglich war. Man ist seitdem aufmerksamer geworden.
Diese Häuserreihe steht angesichts eines Baumganges, am Kanal am Haakschen Markt. Das der Karschin trägt Nr. 1. Zwei Fenster haben Sonne und eine prachtvolle Aussicht. Meine geliebte Großmutter bezog einen Salon mit einem Vorzimmer an der Nordseite, und gegen alle Vorstellungen einsichtsvoller Freunde, noch unausgetrocknet; denn unbezwinglich war ihre Sehnsucht, ein mal, in ihrem Leben zum ersten mal, vom eigenen Dache beschirmt zu werden. Das Haus bildete einen[77]  schiefen Triangel; der Hof hat dieselbe Gestalt, er ist eng, aber luftig. Weinranken und einige Akazien, nebst einer blühenden Laube, gaben ihm ein gefälliges Ansehen. Ich verweilte bei seiner Beschreibung, weil dieser Raum meiner Kindheit erstes Paradies war. Ich fand dort Luft und grünes Laub, auch Blumen hatte man hineingesäet, es waren Todtenblumen. Ihre stumme Weissagung erfüllte sich: die Großmutter verließ das Haus bald, um es mit dem Sarg zu vertauschen. Diese Eindrücke wirkten mächtig auf ihr Gemüth, der Mangel an Sonne, und die Ausdünstung der neuen Wände waren ihr schädlich. Bald stellten sich die Verboten einer Abzehrung ein. Wie hinfällig aber auch ihr Körper ward, so blieb ihr Geist doch freudig und stark. Noch immer blieb sie halbe Tage an den Schreibtisch gefesselt, und ging die übrige Zeit in die Cirkel ihrer liebsten Freunde.
Oefters kam sie durch die Zerstreuung ermuntert und gestärkt nach Hause. Schriftlich und mündlich lud sie alle Freunde ein, ihr Haus zu sehen; die Worte, welche sie darüber empfing, erquickten sie.
Ihr Ruhm gewann durch ein neues Glück noch einen neuen abendlichen Strahl. Auch wartete ihrer noch ein schöner Morgen im Grünen. Graf von Schmettau lud sie in einigen verbindlichen Zeilen zum Frühstück im »Hofjäger« im Thiergarten ein, wo die ganze Prinz Ferdinand'sche Familie sich versammelt hatte, die Dichterin zu empfangen. Sie kam bleich mit schwankenden Schritten. Prinzessin Luise eilte ihr entgegen und unterstützte sie. Ihre schönen blauen Augen füllten sich mit Thränen. Prinz Ferdinand, der Bruder und Waffengefährte Friedrich's II., saß der Karschin gegenüber. Zu ihrer Rechten saß des Prinzen Gemahlin, zu ihrer Linken Prinzessin Luise, späterhin Fürstin Radziwill, deren schöne[78]  Hand ihr selbst vorlegte. Sie wußten alle, daß die Tage der Dichterin gezählt waren. Sie Alle wollten ihr noch ihre Verehrung und Liebe auf das innigste bezeigen. Graf von Schmettau lenkte das Gespräch auf Friedrich II. und bat die Karschin, ihm die Grille zu verzeihen, die diesen großen Monarchen verhindert hatte, die Karschin glücklich zu machen, da er doch ihre Verdienste anerkannt und ihre Treue gewürdigt hätte. Prinzessin Ferdinand zeigte auf ihre blühenden Söhne, die Prinzen Ludwig und August, die bei dieser Familienfeier anwesend waren, und sagte der Dichterin mit feuchtem Blick: »An den Grüften ihrer Brüder haben Sie mir Trostesworte eingehaucht, mögen Sie einst in spätern Jahren meine Freude an den noch lebenden Söhnen durch Ihre Lieder verschönen!« Auf einen Wink der erhabenen Mutter nahten sich die holden Prinzen der Dichterin, ergriffen ihre bebenden Hände, und berührten sie mit ihren Lippen. Das Gespräch wurde immer lebhafter, alle schönen Erinnerungen der Dichterin wurden gefeiert. Wünsche für die Dauer ihres Lebens, für die Wiederkehr ihrer Kräfte klangen von den Lippen der Anwesenden. Zu mächtig wirkten die Gefühle an diesem Morgen auf sie. Fast entseelt wurde sie in den Wagen getragen.
Einige Tage später empfing sie einen liebreichen Brief vom Grafen von Schmettau, nebst einer Tasse, aus welcher die Karschin Tags vorher im Thiergarten mit der Fürstin gefrühstückt hatte, mit der Devise: »Wandle auf Rosen und Vergißmeinnicht!« Diese zarte Aufmerksamkeit erfreute sie nicht minder lebhaft, als einst die Dose, die ihr Baron von Kottwitz verehrte.
Gewaltiger noch als die Erschütterung dieses Morgens wirkte auf sie die Trennung von ihrem Enkel,[79]  Heinrich Wilhelm Hempel. Er sollte studiren. In Frankfurt a.d.O. lebte damals ein Schwestersohn des verstorbenen Karsch, wo Heinrich dringend eingeladen wurde, während seiner Studien als sein geliebter Sohn bei ihm zu leben. Die Karschin verlor durch seine Abreise ihre letzte Lebensfreude. Sie konnte seine Abwesenheit nicht mehr ertragen und ging im Juni 1791 ungeachtet ihrer Schwäche nach Frankfurt.
Noch eine andere mächtige Sehnsucht trieb die Karschin zu dieser Reise an: sie wollte den Wunsch ihrer Vaterstadt erfüllen, ihre geliebte Schwester Eleonore Borngraeber wiedersehen, und der dringenden Einladung des verehrungswürdigen Predigers Generalconsenior Sturzel folgen, sein Gast zu sein. Seit Jahren schon war sein Haus zu ihrer Aufnahme bereit und die Gemeinde auf ihre Ankunft vorbereitet, denn ihren rastlosen Bemühungen entsproßten Wohlthaten zum Zweck eines evangelischen Kirchenbaus, welcher 1782 begann. Der nun folgende Bericht von der Entstehung dieses Gotteshauses darf in diesen Blättern nicht ausbleiben. Er bezeichnet die Werkthätigkeit der Dichterin, den Sinn ihrer Zeitgenossen, sowol der ausgezeichnetsten unter ihnen, als im allgemeinen die religiöse Volksgesinnung der Massen, die warm und kräftig war. Jeder Wohlgesinnte hat Freude daran, wenn ein Widerhall solcher Zeiten aus der Vergangenheit herübertönt; denn die Vergangenheit ist eine Bürgschaft der Zukunft.
In einem herzlichen Schreiben hatte sich die kleine Gemeinde Tirschtiegel an die Karschin gewendet, sie zu einer Fürbitte zu vermögen. Der polnische Graf Mielczynski, dessen Andenken dort fortleben wird, gab das Holz dazu. Die Gemeinde zählte zwar auch wohlhabende Mitglieder in ihrem Schoße, doch sie war klein.[80]  Das Verhältniß der evangelischen Bewohner zur katholischen Kirche war ein drückendes, obgleich die Katholiken, freundselig gegen ihre christlichen Mitbrüder der augsburgischen Confession, ihnen in allem entgegenkamen.
Die Karschin schrieb ihrem erhabenen Gönner, dem Herzog von Mecklenburg-Strelitz, durch einen dieser Bürger folgendes Lied:


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Dem Bruder einer großen frommen
Geliebten Königin,
Dem Fürst von Strelitz soll mein Gruß zu Ohren kommen,
Und meine Bitte seufz' ich hin
Zu seinem Herzen wohlgepriesen.
Er helfe doch mit milder Hand
Um seines Herzens willen diesen
Bedrängten Städtchen, da zwei Bürger abgesandt,
Zum Kirchenbau zu collectiren.
Es wäre meine Schuldigkeit
Die Kirchenwände aufzuführen.
Ich brachte meine Kinderzeit
In diesem Städtchen zu bei meines Oheims Lehren.
Sein Grab und meiner Mutter Grab,
Die möcht' ich gern durch diesen Bau verehren;
Doch weil mir Gott nicht Reichthum gab,
So muß ich nur an fremde Herzen klopfen.
Ich hoffe, daß du, guter Fürst,
Dein Ohr nicht meinem Flehn verstopfen,
Dein Herz mir nicht verschließen wirst!
Und deine Herrn, und deine Damen
Beeifern sich gewiß, dir alle nachzuahmen.

Das zweite Lied, gerichtet an die Stadt Hamburg, lautet:

Helft den entfernten Christenbrüdern
Ihr Edeln in Hammonia![81] 
Gebt Antwort ihrem Flehn, und Gott wird's euch erwidern,
Wenn euer Auge niedersah
Auf sie voll Mitleid und Erbarmen.
Sie bitten, und ich flehe mit.
Mich jammert der bedrängten Armen,
Weil ich selbst harten Kummer litt.
Und zwiefach jammert mich dies Städtchen,
Denn meine Mutter schlummert dort,
Bei meinem Oheim, der mich kleines Schülermädchen,
Durch ein freundvetterliches Wort
In wenig Tagen lesen lehrte.
Dort schläft der alte fromme Mann,
Den ich einst mit Gesang beehrte,
Weil ich's ihm nie verdanken kann,
Daß er mich liebreich lesen lehrte.
O, hätt' ich Gold und Silber jetzt,
Um dort die Kirche selbst zu bauen!
So würde diesem Mann ein Denkmal aufgesetzt.
Ich habe nichts als nur Vertrauen
Zu Gott und zu den Herzen voll Gefühl.
Er wird's vergelten, was ihr gebet;
Und euch erquickt an Lebensziel
Der Tempel noch, der vor euch schwebet,
Zu dem ihr Kalk und Steine gabt,
Die ihr dem Herrn, durch den ihr lebet,
Zum Brandaltar gegeben habt.

Auch an den Professor Müchler schrieb sie wegen einer stillen Collecte zum Bau eines evangelischen Kirchleins zu Tirschtiegel in Polen, im Juli 1778.

Dein Sohn muß unter vielen Gaben,
Womit ihn die Natur beschenkt
Auch einen Geist empfangen haben,
Dem etwas ahnet, der zukünft'ge Dinge denkt,
Woran kein Menschensinn gedachte. –
Denn da mir dieser liebe Sohn
Die Zeichnung vor'ges Jahr auf einen Fächer machte,[82] 
Da wußt' sein Geist vermuthlich schon,
Daß man mich, eh zwölf Monden kämen,
Beschwören würde fromm und treu,
Ein groß Geschäft zu übernehmen,
Und daß ich glücklich drinnen sei. –
Denn er entwarf mir auf dem Fächer
Ein kleines gottgeweihtes Haus,
Ein Kirchlein, wie man's baut für solche Kanzelsprecher,
Die keinen fetten Hochzeitsschmaus,
Kein prächtig Kindelbier bei armen Bürgern haben.
Ich staunete das Kirchlein an
Und wunderte mich sehr, daß sich der Kopf des Knaben
Nicht auf ein andres Bild besann.
Und siehe, nach Dreivierteljahren
Zeigt' sich's, warum er's hat gethan.
Ich soll Geld sammeln und bewahren
Zum Aufbau eines Kircheleins
In Polen, in der Stadt, worinnen
Mein Oheim mich gelehrt, die Bücher liebgewinnen,
Das Schreiben und das Einmaleins.
Er ruhet da in Gott an meiner Mutter Seite,
Und voll Vertrauen bittet mich
Des Priesters2 Brief im Namen aller Leute,
Die sich dort nähren kümmerlich,
Um Beistand, um ein Vorwort an die Reichen,
Und an den Mittelmann, der sich
Oft noch viel eher läßt erweichen.
O welche Seligkeit für mich,
Wenn mir's gelänge wenn ich käme,
Mit einer Summe, nicht zu klein,
Und meinen Fächer mit mir nähme,
Und spräche: Seht! so soll just eure Kirche sein
Wie dieses Kirchlein hier, so soll der Grundriß werden
Und so der kleine Thurm von Holz.

O dazu helfe mir die Allmacht, die auf Erden
Nicht Tempel fordert groß und stolz,[83] 
Die gern in Menschenseelen wohnet,
Und in ein niedres Bethaus kömmt
Mit ihrer Gegenwart, und ewiglich belohnet
Den, dessen Hand sich ungehemmt
Eröffnet und den Armen gibet,
Die sich ein Bethaus wollen bau'n. –
Wohl dem, der die Gelegenheiten liebet,
Sein Geld auf Wucher zu vertrau'n
An Gott, der reich ist über Alle,
Der uns durch seinen Sohn gesagt:
Daß ihm zum Opfer auch ein Scherflein wohlgefalle,
Weil er nur nach dem Herzen fragt.

Unermüdet dehnte sie ihre Bemühungen aus. Der Grundstein zu dieser Kirche wurde am 19. Juli 1782 gelegt, wobei der genannte Pastor Johannes Sturzel die Weihrede über 1. Moses 28, 17. hielt: »Wie heilig ist diese Stätte. Hier ist nichts anderes denn Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels.« Die Einweihung der neuerbauten Kirche erfolgte am 10. Nov. 1782, wobei über Ps. 122, 1. 2. gepredigt wurde: »Ich freue mich deß, das mir geredet ist, daß wir werden ins Haus des Herrn gehen, und daß unsere Füße werden stehen in deinen Thoren, Jerusalem.«
Zur Zeit der Erbauung dieser Kirche stand Tirschtiegel noch unter polnischer Herrschaft, denn erst 1793 kam der District Polens, in welcher Tirschtiegel liegt, nebst Danzig und Thorn an Preußen.
In das Kirchenbuch der Kirche der Stadt Tirschtiegel schrieb Herr Pastor Sturzel folgendes: »Die ersten Glocken hat die berühmte Madame Karschin dieser Gemeinde zum Geschenk überschickt, die anfänglich auf dem hiesigen Rathsthurm gehangen und gelautet wurden. Dieselbe hat überhaupt der hiesigen Kirchengemeinde sehr[84]  viele Wohlthaten erzeigt, und diese hat daher für billig gehalten, derselben ein kleines Denkmal in der Kirche zu errichten, worauf ihr wohlgetroffenes Bildniß en miniature zu sehen, und eine schöne Ode, die sie an die hiesige evangelische Gemeinde geschrieben, zu lesen ist.«
Die Karschin sandte nämlich ein kleines Altarbild, die drei Jungfrauen, einen Kronleuchter, zwei Oelgemälde, die Kreuzigung und die Abnahme Christi vom Kreuz. Dazu diese schon bezeichnete Ode:

Weil ich jetzt nichts Andres senden kann,
Geb' ich diese Schildereien.
Hänget sie als Denkmal an.
Ich und meine Tochter weihen
Diese Christusbilder gern
Euch und euern Kindeskindern,
In den Tempel unsers Herrn,
Der zur Tröstung allen Sündern,
An das Kreuz sich schlagen ließ,
Und vom Kreuz ward abgenommen.
Die Erinnrung sei euch süß,
Auch einmal dahin kommen,
Wo sein Geist ward hin versandt,
In des ew'gen Vaters Hand.
Wenn bei euern Sterbebetten
Eure Lieben Kläglich thun,
Die euch gern noch länger hatten –
Dann heißt ihre Klage ruhn!
Weil der Mittler vor dem Grabe
Seinen Jüngern einst verhieß:
Daß er dort im Paradies
Wohnung für sie habe.
Wenn ihr beichtet eure Schuld,
Und bei dem Gedächtnißmahle
Trinkt aus heiligem Pokale,
Dann erinnert euch der Huld[85] 
Dessen, der sein Blut am Stamme
Eines Baums vergossen hat,
Voll von seiner Liebesflamme,
Selbst für die verstorbne Stadt,
Die das Urtheil ausgesprochen
Ueber ihn, der nichts verbrochen,
Der die Kranken nur geheilt,
Und auf seinem Lehramtspfade
Lauter Gnade
Aus Erbarmen hat ertheilt.
Seht in seinem Kreuzesbilde
Ihn, als wär's die Gegenwart
Selber, die uns Gottes Milde,
Gottes Nachsicht offenbart.
Seht es, und gedenkt auch meiner,
Wenn ich Flug in'n Himmel nahm,
In die Welt, aus der noch keiner
Als nur Christus wieder kam.

Diese Kirche war mit einem schönen Thurm geschmückt; sie büßte ihn mehrere Jahre darauf bei einer Reparirung durch einen Zimmermeister ein, welcher einen Pfeiler von denen des darauf ruhenden Thurmes durchsägen ließ. Er sank mit einem furchtbaren Knall um und zerschmetterte eine Katze. Im Nothfall wurde ein kleines Glockenhaus erbaut, bis Friedrich Wilhelm III. tausend Thaler für einen neuen Thurmbau beisteuerte.
Zum Einweihungsfeste dieser Kirche sandte die Karschin folgendes Gedicht an die evangelische Gemeinde zu Tirschtiegel:

Lobsinget hoch mit Jubelschall
Dem Könige der Ehren,
Daß es dort oben überall,
Die Himmelsbürger hören,[86] 
Die hier mit Thränen und Gebet
Vergebens wünschten, was ihr seht,
Für euch und eure Kinder.

Wenn's möglich ist, wenn's Gott erlaubt,
Der Geist- und Odemgeber,
Auf den ihr hofft, an den ihr glaubt,
Dann öffnen sich die Gräber.
Unsichtbar wird der Staub belebt,
Horcht euerm Weihgesang, und hebt
Das Haupt empor und siehet:

Da stehet Tempel und Altar,
Wonach die Väter bangten,
Was über zweimalhundert Jahr'
Viel Seelen heiß verlangten,
Und nicht gehofft, und nicht gewähnt,
Was ihr von unserm Gott ersehnt,
Zur Zeit, die er bestimmte.

Dank sei dem wunderbaren Gott
Im Himmel und auf Erden!
Wer ihm vertraut, kann nicht zu Spott,
Kann nicht zu Schanden werden.
Er weckte Herzen weit und breit
Zur Menschenlieb' und Mildigkeit,
Zum Aufbau seines Hauses.

Dank ihm und diesen Herzen all',
Von euch und mir gesungen;
Dank bis zum Berg und Hügelfall
Von eurer Kinder Zungen;
Dem Ewigvater, Ewigherrn,
Der über Sonne, Mond und Stern'
Regiert und bei euch wohnet.

Bringt des Gehorsams Opfer stets
Bringt süße Weihrauchkörner
Der Kindesliebe, des Gebets;
Und freuet euch noch ferner[87] 
Auf seine Hülfe, seinen Rath.
Der große Dinge an euch that,
Wird nimmer euch verlassen.

Mit jenem Bildniß in der neuen Kirche zu Tirschtiegel huldigten die biedern Bewohner der Stadt dankbar und liebevoll dem Andenken der Karschin, deren seliger Geist gewiß noch jenseits sich an der Liebe erquickt, die dies einfache Denkmal gestiftet, das noch am 10. Nov. 1852 erneut wurde3, wo das Gustav Adolf und zugleich das Kirchweihfest stattfand, und das Andenken aller Erbauer und Wohlthäter der Kirche gefeiert wurde. Der verehrungswürdige Herr Pastor Schober predigte über denselben Text wie bei der ersten Einweihung, Ps. 122, 12. mit rechtem Glaubensfeuer, und erwähnte dabei der merkwürdigen Frau, mit Hindeutung auf die daselbst noch lebende Familie. Manche schöne Thräne floß bei seinen rührenden Worten. Die Familie der verewigten Dichterin feierte jene unvergeßliche Stunde nicht ohne gerechten Stolz, das theure Andenken der demuthvollen Frau, das unvergänglich in allen Herzen glühen wird.
Die Karschin mußte todesmatt das theure Frankfurt und ihren Enkel verlassen. Hier folgende Briefe, welche mir die geliebte Großmutter von Frankfurt aus schrieb, den 14. Sept. 1791.
»Wie befindest du dich jetzt, liebes Mienchen? Ich hoffe recht munter. Die Tage sind schön für den der gesund ist, ich bin noch immer krank, ob sich gleich wieder ein kleiner Anschein zur Besserung zeigt. Ach! ich[88]  ward schon so oft in meiner Hoffnung betrogen, daß ich mich nicht mehr darüber freuen kann. Denn es lauscht gemeiniglich eine neue im Hintergrunde. Mir fehlt es sonst an nichts, ich habe treue Pflege, nur Gesundheit fehlt. Ich bin sehr schwach, und weiß noch nicht, welchen Tag ich stark genug sein werde, mich heim bringen zu lassen; ich glaub's, liebes Mienchen, daß dich deine arme Großmutter jammert, denn mich dünkt, ich sagte beim Abschied zu dir: ›Mienchen, wie wär's, wenn ich in Frankfurt stürbe?‹ Hundert mal hab' ich's geglaubt, und glaub's heute noch. Aber warum sage ich dir, du gute weiche Seele! soviel von Krankheit und Tod vor, du mußt dir das nicht zu Gemüth ziehen, ich unterwerfe mich ganz dem Willen Gottes, er wird's wohl machen, und du wirst dich freuen, wenn du mich wieder siehst. Ich lege dir hier Abschrift bei von einem Liede, welches ich in der letzten Hälfte des Juli der Prinzessin Friedrike nach Potsdam schickte, wohin sie mit ihrem York gereist war. Ich begleitete dies kleine Lied mit einer Epistel, die zu deinem Besten geschrieben war; was ich geschrieben habe, weiß ich nicht mehr, so viel aber weiß ich, daß die Epistel recht hübsch war, auch erinnere ich mich darin gesagt zu haben, daß in den Tagen des Brautstandes ihr königlicher Herr Vater ihr alles bewilligen würde, wenn sie ihn bäte für dich, als für sein Pathchen, eine kleine Pension zur Erziehung auszusetzen. Die Prinzessin ist flatterhaft wie eine Zephyrette, hilft mir Gott aber nach Berlin, dann will ich sie schon daran erinnern. Ich fand das Manuscript unverhofft unter meinen Papieren in der Tasche, nachdem ich schon ein paar Wochen krank war. Heinrich hat die Abschrift in einem Briefe an deine Mutter schicken sollen, und hat's vergessen; ich eile demnach dir's zuzuschicken mit[89]  der Versicherung, daß meine Liebe Sorge für dein Bestes trägt, und tragen wird. Grüße K. und Mienchen K. von mir, grüße auch unsere gute Elisabeth vielmal freundlich von

Deiner
guten Großmutter
Anna Luise Karschin.«

»An meine liebe Enkelin!

Liebes Mienchen!

Dein Briefchen ist mir angenehm gewesen ich freue mich über deine Lehrbegierde; fahre so fort gutes Kind, und laß mich von Zeit zu Zeit Folgen davon hören. Ich kann dir heute nur wenig schreiben, ich habe eine böse, böse Nacht gehabt. Ich bin krank, sehr krank gewesen liebes Mienchen, und bin noch nicht gesund. Bruder Heinrich fing auch an zu klagen, doch ging er alle Morgen Collegien hören. Er läßt dich und die Mutter herzlich grüßen, und spielt meisterhaft auf dem Klavier, mir ists lieb, daß du auch Lust dazu hast. Die Musik vertreibt mit ihrem Zauber alle melancholischen Grillen.
Lebe wohl, liebes Kind! dich hofft wiederzusehen

Deine
gute Großmutter Karschin.«

Frankfurt a.d.O.,
August 1797.

»Krank bist du gewesen liebes Mienchen, bist wieder gesund, hast aber indessen ganz den Inhalt meines ersten Briefchens vergessen. Es war die Sprache der Großmutter, die deine Geschäftigkeit, deine Zärtlichkeit bei ihrer Abreise zu schätzen wußte. Glaube mir's, liebes[90]  Mienchen, ich bin sehr schwach, ich wünschte mein Sarg wäre zu Frankfurt, denn ich bin äußerst entkräftet, bin seit zwölf Tagen sehr krank, ging vorigen Sonntag am Arm eines sehr edeln Professors, mit Todesschwäche unter die herrlichen Linden in sein ländliches Häuschen geführt, Heinrich ging mit. Der Weg führte uns über den Kirchhof wo Kleist ruht, neben ihm möchte ich gern begraben sein, und ich arme alte vergessene Frau würde hier wol noch von Musensöhnen mit Blumen und Gesang beehrt werden.
Dein Bruder würde mir die Augen zudrücken, und seine Thränen würden mein abgezehrtes Gesicht waschen. Er ist gesund an Leib und Seele, wird ein Mensch wie ihn Gott haben will. Er heischt kein übertriebenes Lob, keines macht ihn stolz. Er ist unter den besten Menschen, und ist sehr fleißig. Der Professor Huth, ein junger vortrefflicher Mann, wird im engsten Verstande des Wortes sein Freund werden, wird seine Studien leiten. Heinrich hat ein dankbares Herz. Ahme diesen Bruder nach. Mienchen verstopfe dein Ohr den Schmeicheleien des Lobes, sie verderben die besten Anlagen; ich werde mich wohl hüten, deinen Bruder ins Angesicht zu loben, ob er gleich hier der einzige Trost, die letzte Hoffnung ist, deiner gewiß sterbensmatten Großmutter

Anna Luise Karschin.«

Sie hatte noch Kleist's Grab und die Stelle besucht, wo Prinz Leopold von Braunschweig in den Nachen stieg, in welchem er den Ueberschwemmten zu Hülfe eilte. Hier ist das Lied, welches die Karschin dem Entseelten sang, es fand Anklang in den schmerzerfüllten Gemüthern. Ich liebe dies Lied noch besonders, weil es frei von mythologischem Wust ist. Die Dichterin weinte, als[91]  sie es niederschrieb. Es ist nun wol beinahe vergessen. Eine wahre Edelthat glänzt höher vor Gott als vor Menschen! Auch die Rosen, welche die schöne liebliche Fräulein Gause um Kleist's Denkmal wand, werden nie verwelken.

Die Wassersnoth bei Frankfurt an der Oder im April 1785.
Vom Gebirge strömte das Verderben
Ins Gefilde weit und breit;
Saat und Blumenkeime wollten sterben
Unterm Wasserwogenstreit.

Zarte Lämmer, Junge Busenkinder
Heischten Rettung aus der Flut.
Hungerleiden brüllten magre Rinder,
Die des Landmanns einzig Gut

In der niedern Armuthshütte waren.
Größer schien die Wassersnoth
Als ein Feldzug fremder Kriegesscharen,
Der mit Schwert und Feuer droht,

Und mit Plünderung dem platten Lande,
Das sein Rauschen hört und zagt,
Wenn der Zug von äußern Grenzenrande
Schrecken vor sich hergejagt. –

Innerm Waffenrasseln widerstehet
Heldenklugheit, Heldenmuth,
Aber wenn sich fürchterlich erhöhet
Ausgetretner Ströme Wuth,

Kann der König selber nicht gebieten,
Der mit siegesreicher Hand
Sieben Jahre lang dem Waffenwüthen
Vieler Feinde widerstand.[92] 
Rettung war unmöglich, war zu wagen,
Und wenn sie gelang, alsdann
War kein Dichter stark genug, zu sagen
Wonne, die der Held gewann.

Leopold, ein junger Menschenlieber,
Guelfensohn, hat es gewagt.
Menschlich Mitleid riß ihn mächtig, über
Alle Warnung laut gesagt.

Ueber alle Todesfurcht erhaben,
Sprang er in den Kahn, und sprach:
»Rudert rüstig fort, ihr Schifferknaben,
Folgt der Jammerstimme nach,

Die so kläglich Hülfe fordert drüben,
Hört die Todesangst und eilt!
Schon zu lange seid ihr kalt geblieben,
Habt zu lange schon geweilt,

Habt nur hier die Wellen angegaffet,
Die der Brücke Halbtheil schon
Angegriffen und hinweggeraffet, –
Fürchtet nicht dies Wasserdrohn!

Ich bin Mensch wie ihr zur Welt gekommen
Wagt doch, was ich wagen kann,
Seht, da wo die Häuser weggeschwommen,
Kommt's auf Menschenrettung an!« –

Also sprach der Fürstensohn, und brannte
Von Begierde, da zu sein,
Wo sich zu dem Sturmgebieter wandte
Nothgedrängter Menschen Schrei'n.

Bald hinüber war die Fahrt gelungen,
Als ein Windstoß sie ergriff;
Ach! von einer Welle Wuth gedrungen,
Scheiterte das kleine Schiff[93] 
An der Wurzel einer alten Weide, –
Und die wilde Flut verschlang
Frankfurts Stolz und Ruhm und Augenfreude
Mit dem Wassertode rang

Leopold nur wenige Minuten,
Seine Seele stieg empor
Schöner als durch vieler Wunden Bluten
In der Heldenseelen Chor. –

Und die Bürger und die Musensöhne
Und die Kriegesmänner all'
Klagen ihn, und ihre Klagetöne
Wiederholt der Widerhall.

Daß es alle Lüfte hören müssen,
Und ein Künstler groß und mild4
Macht der Folgezeit die That zu wissen
Durch der That Beginnungsbild.

Während eines Aufenthalts von drei Monaten konnte sie nur wenig Besuche machen, und war fast immer bettlägerig oder saß matt auf dem Stuhle. Dennoch unterlag ihr Geist nicht, sondern richtete sogar durch seine immer wieder emporsteigende Flamme den hinsinkenden Körper wieder auf, und sie war oft so munter, daß sie dichtete wie in ihrer Jugend. Ihr letzter Gesang in Frankfurt war ein Vermählungsgedicht an die Herzogin von York. Mit diesem kleinen Gesange war die Flamme für dieses Leben in ihr erloschen. Sie wollte die Fürstin ihres Herzens, die Schöpferin ihres letzten irdischen Glücks vermählen sehen, und wagte sich also in ihrer Todesschwäche auf die Rückreise nach Berlin, wo sie im September 1791 zu aller Freunde Erstaunen glücklich in ihrem Hause ankam. Dritthalb Tage hielt sie sich noch[94]  außer dem Bett, besuchte noch ihre Freundin, eine edle Schweizerin, Fräulein Buß, eilte der bestellten Portchaise voraus, vom Arme des Dienstmädchens geführt. Der mühsame, obgleich kleine Gang auf den Steinen hatte sie vollends erschöpft. Sie saß noch anderthalb Tage im Lehnstuhl und las in Cäsar's Commentaren. Das Feuer ihrer herrlichen Augen war erloschen, und sie hefteten sich auf keinen Gegenstand mehr. Zu meinem unaussprechlichen Schmerz gab sie nicht Acht darauf, daß sich Fliegen in ihre Augenwinkel setzten; ich verscheuchte sie unablässig, sie merkte nicht darauf, sprach nur noch wenig. Ich wich nicht von ihrem Lehnstuhl. Ihr Tisch stand angefüllt mit Gläsern voll Erquickung, mit Flaschen edeln Weines, sie wollte nichts davon berühren. Meine arme Mutter verließ sie keinen Augenblick, sie mußte ihrem heißen Schmerz Gewalt anthun, um die Leidende nicht merken zu lassen, wie sehr sie in Gefahr schwebe Nach einigen Tagen konnte sie ihr Bett nicht mehr verlassen; sie war völlig von Kraftlosigkeit erstarrt. Dennoch blieb ihr Geist lebhaft und selbst im Fieber sich gegenwärtig. Ihre Gespräche waren zuweilen wie in gesunden Tagen, sie schien hinter einem Schirm mehr eine Unterhaltende als Kranke zu sein. Am letzten Nachmittag ihres Lebens war sie so gesprächig mit ihrer Tochter, daß sie derselben jede Frage aus der frühern und gegenwärtigen Zeit mit einer jugendlichen Gedächtnißkraft beantwortete. Und obgleich der herannahende Tod sich schon durch das Schwerwerden ihrer Zunge in einem Schlagfluß meldete, welcher 4 Uhr nachmittags eintrat, wodurch ihre Sprache von Stunde zu Stunde lallender wurde, so sprach sie doch mit jedem, der vor ihr Bett trat, in leichtem gesellschaftlichen Ton und mit beständiger Gegenwart des Geistes. Die berühmten Aerzte,[95]  welche ihr die Huld der Königin zusandte, erklärten, daß alle Hoffnung verloren sei. – Meine Mutter bereitete ihr einen Trank von uraltem feurigen Rheinwein, sie nippte davon, wurde gesprächig und heiter, und glaubte nun noch einige Jahre zu leben. Um 9 Uhr abends begehrte sie nun noch ein mal zu trinken. Die Todestropfen perlten hell ihre bleichen Wangen herab. Mit dem zehnten Schlage der Thurmuhr gab sie in Gott ihren Geist auf.
Ich blieb an ihrem Bette kniend, mir war zu Muthe, als verginge die Welt um mich her; ich glaubte einen fürchterlichen Sturm zu hören, der durch alle Räume des Hauses tobte; mir schauderte heftig. Unser Hündchen, das ruhig im äußersten Winkel des Hauses lag, erhob dort ein entsetzliches Klagegeheul, unsere Täubchen flatterten ängstlich umher. Wir knieten mit herzzerreißendem Schmerz am Fuß des Bettes und blieben die ganze Nacht bei der geliebten Leiche.
Sie starb am 12. October 1791. Ihr Herz hatte, wie ihr Geist, seine unvergleichlichen Seiten; an unermüdeter Gefälligkeit, Dankbarkeit, Offenheit und Wahrheitsliebe war sie unübertroffen. Segen vieler Hunderte, denen sie durch ihr bereitwilliges Talent mit Vorbitten geholfen, schwebt um ihren grünen Hügel, und der Geist alles Geistes wird sie dafür erfreuen.
Der nächste Morgen fand uns schlaflos, wir alle, mich nicht ausgenommen, empfanden die Größe unsers Verlustes; selbst auf mich fiel sie zermalmend, ich hatte die Selige immer zärtlich geliebt. Ein verklärender Lichtstrahl von oben zeigte sie mir in ihrer ganzen Herrlichkeit. Sonderbar war die äußere Veränderung, die ihr der Tod verliehen: ihre Gestalt war ansehnlich größer gefunden, ihre im Leben eingedrückte Nase hatte sich gehoben[96]  und gebogen, sie war völlig römisch geworden und nun erst im Einklang mit ihren übrigen Zügen. Der feine wohlgebildete Mund war purpurfarben geblieben, und das gescheitelte Haar war so goldbraun wie in ihrer Jugend. Nachdem ich sie lange mit Schmerz und Rührung betrachtet, eilte ich in den Hof hinab, und pflückte alle Blumen von den Sträuchern, die dort standen; es waren, wie schon gesagt, Todtenblumen. Ich konnte mich gar nicht von der lieben Todten trennen, meine Thränen rollten unaufhaltsam über; ich bedeckte mit Küssen die bleiche unermüdete Hand, die nur für Andere thätig war. Denn was bedurfte sie? Ein wahres Dichtergemüth kennt keine Eigensucht, es lebt nur für werkthätige Liebe und für schaffende Kunst.
Die Ruhestätte der Karschin wurde im Schatten einiger jungen Linden unweit des Eingangs der Sophienkirche bereitet und durch nichts bezeichnet. Ich ging oft dahin, und verbarg mühsam meine strömenden Thränen. – Nur Gleim war es, dem es am Herzen lag, ihr ein Denkmal zu ermitteln. Er war erblindet, der edle Mann. Er hatte keine Glücksgüter zurückgelegt; doch es gelang ihm, die fromme Aufgabe, die er sich selbst gemacht, zu lösen. Die Aufrichtung des Denkmals kam erst 1802 zustande. Auf einer schönen grauen Marmortafel, die in der Kirchenmauer eingefugt ist, stehen die schlichten sinnigen Worte:

Hier ruht Anna Luise Karschin.
Kennst du Wanderer sie nicht,
So lerne sie kennen!

Wenige Zeichen unmittelbar nach ihrem Tode hat uns die Großmutter gegeben; ich will sie hier anführen, da ein süßer Trost darin liegt, Ueberzeugung zu haben, daß die Dahingeschiedenen[97]  uns liebend und segnend umschweben, und ich halte es für eine fromme Pflicht, die Kunde zu übertragen, die uns vom Jenseits zutheil wird.
Am Abend ihres Todes hatte ihre würdige Freundin, die Hofapothekers Witwe Rhebeldt, welche die Karschin innig liebte, im Zwielicht einsam an ihrem Fenster gesessen, ein wenig beruhigt über ihr Befinden, weil es noch am Nachmittag hieß, es ginge besser. Das Fenster ging auf einen schmalen Hof hinaus, zu welchen man nur durch die Küche und durch die Apotheke gelangen konnte. Frau Rhebeldt wohnte allein im Hause, dessen Eingangsthür sorgfältig verschlossen blieb. Sie lebte dort, wie es ihrem kummerschweren Gemüth behagte, in der strengsten Eingezogenheit. Am Abend vor 6 Uhr hörte sie die Thür der Apotheke gehen, glaubte, es sei jemand von ihren Leuten daselbst, und blickte unwillkürlich hin, sie hörte leichte Schritte durch den Hof gehen, und erblickte ihre Freundin, die nach dem Fenster hinaufsah, nach ihrer gewohnten Weise traulich grüßte, statt aber zu ihr hinauf zu kommen, den Hof entlang ging und dort in einen Verschlag hineinschlüpfte. »Die Karschin!« rief sie vor sich hin. »Um Gotteswillen, noch gestern sagte man sie sterbend, sie hat nicht mehr aus dem Bett gekonnt, und nun wagt sie sich schon hierher, ganz allein, und geht rasch!« Mit diesem Gedanken beschäftigt, blickte sie unverwandt nach der Stelle, wo die Karschin ihren Blicken entschwunden war. Sie wartete lange auf ihre Wiederkunft; zuletzt übermannte sie die Ungeduld, sie eilte in den Hof hinab; dort war niemand zu finden; sie eilte in die Apotheke, die Thür war nicht gegangen. Ihr wurde nun bang' und weh, sie schickte zu uns hinaus; ihr wurde der Bescheid, daß man stündlich das Ende der Karschin erwarte.[98] 
Viele hochweise Menschen, die sich aufgeklärt nennen, werden sagen, der Vorgang sei eine Einbildung gewesen. Denselben Abend aber Schlag 10 Uhr hörte mein Bruder sanft und lieblich seinen Namen rufen; er fühlte den Druck der Lippe der Großmutter warm und innig, sie rief ihm zu: »Heinrich!« Dies war in der Minute ihres Todes. Der Scheidegruß der mütterlichen Liebe. Ein dritter Vorgang fand Abends am 17. October statt. Zeugen davon waren mein Oheim Christian, eine vertraute Freundin aus Potsdam, meine gute Mutter und ich. Der Auftritt dauerte von abends um 7 bis gegen 11 Uhr und beschäftigte uns lebhaft; er war bedeutungsvoll, zeigte die Zukunft deutlich an. Ich werde dessen später gedenken. Mehr als hundert ähnliche folgten ihm nach, besonders nach dem Verlust meines Max; sollte ich sie in diesem Werke aufzeichnen, so werde ich sie treu und wahrhaft erzählen. In den verschiedenen großen Geschicken meines Lebens gereichten sie mir zum herzerhebenden Trost, und nur deshalb schreibe ich sie auf.
Ich habe von den Freunden, die meine geliebte Großmutter besucht, bisher nur wenige genannt. Bei unserer letzten Zusammenkunft mit meinem Bruder in Koblenz nannte er mir sie alle, und setzte bezeichnende Worte hinzu, die ich zu Papier brachte. Nur wenige dieser Freunde hatte ich selbst gekannt. Die Schilderungen, die ich von ihnen entworfen, waren für meine Denkwürdigkeiten bestimmt; aber ich finde sie nun nicht mehr. So muß ich mich denn einstweilen begnügen, von denen zu sprechen, die ich selbst gesehen. Krünitz war unter denselben. Ein echter Aesthetiker jener Tage, von der Art, die schon damals selten zu werden anfingen. Großmutter und Mutter hatten ihn noch jung gekannt. Er war nun zum zweiten mal verheirathet, Vater einer schätzbaren Tochter, trug sich nach der damals bei gereiften[99]  Hausvätern üblichen Sitte, und war im schönen Sinn des Wortes noch jung geblieben. Wir waren oft in seinem gastlichen Hause, das in seiner stillen Weise echt gemüthlich war. Krünitz war ernst und bescheiden, seine gründliche Gelehrsamkeit schloß die Gemüthlichkeit nicht aus, er begehrte wie es schien nur Anerkennung seines Herzens und Erwiderung seiner treuen Anhänglichkeit. Er hatte die Karschin auf dem Gipfel ihres Glücks, und auch dann gekannt, als der verminderte Zudrang zu ihr anfing, dem engern Kreis der wahren Freunde Luft zu machen, solcher Freunde, die ihr Herz verstanden und sie nicht aus Rücksicht auf ihren Genius, ihren Ruhm, sondern um ihrer selbst willen liebten; denn diese edle Natur hatte im Kampf mit dem Drange des Lebens sich selber zu erhalten gewußt, darum blieb auch ihr Genius in seinem Jubelglanz, und es wurde ihr alles was sie war unverkümmert zutheil, eben weil sie nicht erstrebte, sondern als freie Gabe von oben herab freudig empfing und kindlich genoß. Krünitz und Oelrichs hingen ihr mit wahrer Liebe an. Aus des alten Oelrichs Augen fielen warme Thränen auf ihren Sarg. Beide Männer kamen gern, weil sie mit der Mutter und mir liebevoll von ihr sprechen konnten. Sie zürnten ihrem Freundesherzen, weil das lebhafte Gefühl, mit welchem sie ihr ergeben waren, sich nur vereinzelt kundthat. Die Trauer um sie hatte sie beide wieder jung gemacht, dies ist eine gewöhnliche Wirkung eines echten Schmerzes. Die Jugend, deren Keime und Blüten sein warmer Strahl aus dem erschütterten Innern hervorlockt, ist eine Bürgschaft des Ewigen!
Graf Stolberg-Wernigerode gehörte zu denen, die meine Mutter in dieser ersten Trauerzeit um die Karschin schmerzlich vermißte, denn auch seine Liebe war eine tiefe[100]  und echte, gehärtet im Prüfungsfeuer. Göckingk bezeigte sich ziemlich kalt. Seine Nante umstrickte sein Herz ausschließlich mit ihren Rosenbanden. Die Karschin betrachtete die nachherige Frau von Göckingk nicht aus dem rechten Gesichtspunkte, nämlich nicht als begabte Dilettantin. Nante hatte das damals sehr bekannte Lied geschrieben:

Vergleiche mich der guten Karschin nicht;
Sie singt aus Noth, ich aber sing' aus Liebe!

Mich dünkt, beides war nicht richtig. In einer andern Strophe heißt es:

Sie drängt sich kühn zu kargen Fürsten hin,
Vergißt den Stolz, der edlen Seelen ziemet,

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Indeß ich klein so eigensinnig bin,
Daß mein Gesang nur dich, nicht Fürsten rühmet!

Die Karschin sang aus innerer Nothwendigkeit, nicht aus Noth, denn ohne Friedrich's II. Siege wäre sie keine Karschin geworden. Zu den Fürsten brauchte sie sich nicht hinzudrängen, denn alle luden sie zu sich ein. Die Karschin antwortete auf das Lied Nantens mit folgendem beliebten Gedicht:

Ueber die Vergleichung, an Nantchen den 5. October 1779.
Laß dich bei Leibe nicht vergleichen
Mit meiner Kleinigkeit,
Ich lief nur unter Haselsträuchen
In früher Jugendzeit;

Wenn unter einer Bacchuslaube
Dein zartes Füßchen ging,
Wo dir die schönste Purpurtraube
Ins Rosenwäldchen hing. –[101] 
Ich kannte nur die Nachtigallen;
Kein buntes Pap'chen ließ
Im Hause meinen Namen schallen,
Für's Futter fein und süß.

Mein Sopha war nur Wiesenerde,
Da kosete mein Mund
Mit Blumen, und mit meiner Herde,
Die trieb ich ohne Hund.

Mir horchten auf ein Wort drei Rinder
Wie dir Fidelchen boll,
Ich pflegte meiner Mutter Kinder,
Wenn du, von Liebe voll,

Auf deinem Schose Zuckerküchlein
Dem Kläffer gabst, und ihn
Das Maul mit einem seidnen Tüchlein
Verstopftest, weil es schien

Daß er Mamachen wecken möchte. –
Du warst geboren reich;
Ich bin vom Ackerbaugeschlechte,
Darum ist ein Vergleich

Nie zwischen dir und mir zu machen.
Du singst dem Mann allein,
Bist groß, kannst über Fürsten lachen;
Ich darf so stolz nicht sein!

Doch dring' ich nicht auf Marmorstufen
An karger Fürsten Ohr:
Der König selber ließ mich rufen
Nach Sanssouci empor.

Ob er gleich nicht das Deutsche liebet;
Und was kann ich davor,
Daß Ferdinand mir Antwort gibet,
Der große Ferdinand![102] 
So vielmal ihm mein Herz geschrieben
Von aller Habsucht rein:
Er muß bei hohen Heldentrieben
So stolz wie du nicht sein.

Sie hatte Göckingk und manchem wahre Freundschaft gezeigt. Ihr Stolz war bei Nantens Ausfall minder gekränkt als ihr überwallendes Herz, das Liebe vor allem bedurfte. Außer Nanten weiß ich keine wirklich ausgezeichnete Frau, die der Karschin nicht Liebe bezeigt hätte. Eine Frau v. Bandemer, v. Wallenrode, eine Demoiselle Baier, auch Phyllis geheißen, eine Frau Knappin traten mit Intriguen und Lügen gegen die harmlose Dichterin auf, deren Talent und Herzensgüte sie vielfach gemisbraucht hatten. Die Dichterin war unverbesserlich, sie fiel aus einer Schlinge in die andere, ihr Glaube blieb unerschüttert.
Ich muß ein Gleiches von mir sagen, nur daß die Karschin in einer bessern Zeit geboren war, wo die Frechheit nicht so trotzig ihr Haupt erhob und die Lüge nicht so verwegen war.
Die Karschin blieb in ihrem Innern ungetrübt, wenn sie neue Erfahrungen von der Verderbtheit anderer machte. Konnte sie sich doch damit trösten, daß sie Freundinnen und Freunde aus der Elite der Menschheit hatte. Ueber einen tiefen Blick in ein frisches Menschenherz vergaß sie alles Störende, was sie ehemals gekränkt.
Die Schmähsüchtigen würden genesen, wenn sie zum rechten Arzt gingen, das thut selten einer von ihnen, denn niemand ist der Gottähnlichkeit entfernter als der Schmähsüchtige. Ein Mensch schmähsüchtigen Charakters ist der Lüge ergeben; nie schweigt die innere Stimme, welche ihm sagt, daß er sich selbst belügt; doch er sucht sie zu übertäuben. Die Selbsttäuschung ist eine der gefährlichsten[103]  Waffen im Arsenal der Hölle. Kein Bösewicht ist so bös als er handelt, denn jeder besteht durch Scheingründe vor der Selbstprüfung; es hätte wol sonst nie in Paris eine Schreckenszeit gegeben. Sie ist wieder da, nur in einer andern Gestalt! – Wer, ach! wer von uns wird sie enden sehen?
Die Karschin wurde, ohne darum nachgesucht zu haben, zum Ehrenmitglied der Akademie von Helmstädt erwählt. Der geistvolle Verehrer der Wissenschaften und Künste, Graf von der Lühe, zeigte ihr diese Ernennung in einem schönen Briefe an. Sie war vielleicht die erste Deutsche, der eine solche Auszeichnung widerfuhr.
Beim Markgrafen von Schwedt feierte sie herzerhebende Stunden, in einem auserwählten Kreise, wo sie ganz in der Stille war. Auch sah sie die ausgezeichnetsten Mitglieder des königlichen Theaters, Döbbelin, Koch, die junge Großmann, Unzelmann, Hänisch, Madame Nouseul die herrliche Tragikerin, den großen Schauspieler Brockmann nicht zu vergessen. Das Theater war ihre liebste Erquickung: sie versäumte es nicht, wenn sie auch nur eine Stunde darin zubringen konnte. Dort traf sie auch immer geistvolle Männer und Frauen, die sich bemühten in ihrer Nähe Platz zu finden; unter ihnen Ramler, den sie beinahe jeden Abend dort antraf. Sein Gespräch war lehrreich für sie, ohne organisch auf ihren Geist zu wirken; denn er saß auf einem Thronsessel von Pappe, mit Gold ausgeschmückt, während sie, eine schmetternde Lerche, hoch in Lüften schwebte. Er suchte sich bemerkbar zu machen, sie hätte unsichtbar bleiben mögen. Unbewußt war er ihr Neider, verkleinerte sie auch zuweilen. Es gibt noch heut solche Feinde der weiblichen Poesie, die auch geheime Feinde der männlichen sind, sich aber an keinen berühmten Mann wagen, weil es nicht ungestraft[104]  bliebe. So z.B. erging es Goethe, als er der Kranke Löwe war, und noch ärger dem Verstorbenen. Der Neid ist eine eigentliche ergötzliche Krankheit. Jeder Neider ist ziemlich blödsinnig, man würde nur über ihn lachen, wenn er keinen nachlallenden Anhang hätte. Ich habe von Männern gewußt, die man vergaß sobald sie im Sarge waren, deren Misgunst und Verkleinerungssucht dennoch nach ihrem Tode gegen die Karschin fortwirkten. Einer derselben ließ drucken, »daß die Karschin kein Talent gehabt«. Es war übrigens ein gemüthlicher Mann, dem man über sein Talent keinen Vorwurf machen konnte, und man würde es schwerlich bei Laternen- oder Fackelschein herausgefunden haben. Es gab und gibt noch viel seines Gleichen, dieser Hofrath Reinhard fand Nachlaller genug! Die Karschin lächelte zu Ausfällen, sie erkannte ihren Werth und die Nichtigkeit ihrer Verfolger. Es ist beinah leichter jemand vom goldenen Thron zu stoßen, als vom papiernen; denn dieser baut sich aus sich selbst wieder auf. Noch heute blüht der unvergeßliche Name Karschin im Andenken der Nachkommen, denn ihre Originalität, ihre Gemüthlichkeit, ihre glückliche Gabe in der Improvisation erwarben ihr nicht minder Bewunderer, als ihre kräftigsten und geschätztesten Lieder. Einer ihrer heftigsten und rohesten Gegner war der bekannte Burgmann; er hatte ihr früher gehuldigt und nach einigen Jahren gesucht sie zu verkleinern. Wenn man den Mann auf die Folter gelegt hätte, er würde nicht haben sagen können, warum er sie haßte; denn sie beleidigte kein Kind. Als dieser Burmann in bodenloses Elend gerathen war, ging die gute Karschin für ihn collectiren; sie brachte funfzig Thaler zusammen, die ihm anonym geschickt wurden. Er freute sich sehr, und fing damit an sich Hemden und Strümpfe zu kaufen; allein es sagte ihm jemand, um[105]  den Werth der Gabe zu erhöhen, daß die Karschin sie für ihn gesammelt. »Oho, die Karschin!« rief er aus, »die will ich anführen!« Er lief stracks zu einem Conditor und vernaschte in Leckereien das ganze Geld, um seine Feindin zu kränken.
Nie wurde ihr Gemüth von der niedrigen Gier beherrscht Geld aufzuhäufen, ja man hätte vermeinen können, daß es ihr lästig war, wenn sie Geld hatte. Einen Zug von ihrem dankbaren Herzen kann ich hier nicht unerwähnt lassen. In den Tagen ihres Elends hatte ihr einmal ein guter armer Bürger in Schwiebus zwei Brote geschenkt. Als es ihr gut ging, darbte sie sich funfzig Thaler ab und schickte sie ihm. Alle Bitten fanden bei ihr ein offenes Ohr und eine volle Hand.
Sie beschrieb ihren Lebenslauf in folgenden Versen, unter dem Namen »Belloisens Lebenslauf«:

Ich ward geboren ohne feierliche Bitte
Des Kirchspiels, ohne Priesterflehn
Hab' ich in strohbedeckter Hütte
Das erste Tageslicht gesehn,

Wuchs unter Lämmerchen und Tauben
Und Ziegen, bis ins fünfte Jahr,
Und lernt' an einen Schöpfer glauben,
Weil's Morgenroth so lieblich war.

So grün der Wald, so bunt die Wiesen,
So klar und silberhell der Bach,
Die Lerche sang für Belloisen
Und Belloise sang ihr nach.

Die Nachtigall in Elsensträuchen
Erhub ihr süßes Lied, und ich
Wünscht' ihr im Tone schon zu gleichen, –
Hier fand ein alter Vetter mich[106] 
Und sagte: du sollst mit mir gehen!
Ich ging, und lernte bald bei ihm
Die Bücher lesen und verstehen,
Die unsern Sinn zum Himmel ziehn.

Vier Sommer und vier Winter flogen
Zu sehr beflügelt uns vorbei.
Des Vetters Arm ward ich entzogen
Zu einer Bruderwiege neu.

Als ich den Bruder groß getragen,
Trieb ich drei Rinder auf die Flur;
Und pries in meinen Hirtentagen,
Vergnügt die Schönheit der Natur.

Ward früh ins Ehejoch gespannet,
Trug's zwei mal nacheinander schwer;
Und hätte mich wol nicht ermannet,
Wenn's nicht den Musen eigen wär',

Im Unglück und in bittern Stunden
Dem beizustehn, der ihre Huld
Vor der Geburt schon hat empfunden,
Sie gaben mir Muth und Geduld.

Und lehreten mich Lieder dichten;
Mit kleinen Kindern auf dem Schos,
Bei Weib- und Magd- und Mutterpflichten,
Bei manchem Kummer schwer und groß,

Sang ich den König und die Schlachten,
Die ihm und seiner Heldenschar
Unsterblich grüne Kränze brachten,
Und hatte noch manch saures Jahr,
Eh frei von andrer Pflichten Drang
Mir Tage wurden zu Gesang.

Die Karschin sorgte nicht für den andern Morgen. Ich erinnere mich noch, daß ich eines Tags meine Mutter um einen Winterhut bat; sie gab mir einen Wink, die Großmutter darum zu bitten, die eben am Schreibtisch[107]  saß; sie sah mich mit ihrer herzigen Freundlichkeit an, und fragte: »Wie viel brauchst du, Mienchen?« – »Einen Thaler zehn Groschen!« war meine Antwort. Sie blickte mich wehmüthig an, zählte die verlangte Summe ab, und lächelte freundlich, als sie mir sie gab. Im Schreibzeug war kein Groschen übriggeblieben und am andern Tage kein Geld zur Ausgabe.
Es freut mich dem Namen der Karschin einen andern ewigtheuern, den eines Gesinnungsverwandten, eines Freiherrn von Kottwitz hinzuzufügen, der ebenso handelte; es war ein Verwandter unsers Wohlthäters Kottwitz. Er gab, wenn ein Bedürftiger kam, alles her, was er eben besaß. Wenn man ihm Vorstellungen darüber machte, rief er aus: »Gott wird weiter sorgen!« Und seine Zuversicht hat ihn nie getäuscht. Diesen Freiherrn von Kottwitz hörte ich in den Jahren 1816–18 sehr herzlich preisen. Ich kann mich nur noch erinnern, daß man seiner Milde mehre wohlthätige Stiftungen und Linderung vielen Elends verdankt.
Auch Daniel Chodowiecki war ein aufopfernder Menschenfreund und dabei von heiterm sinnigen Humor. Er erholte sich von seiner angestrengten Arbeit durch eine Fülle launiger Entwürfe, die er zum Theil ziemlich geheim hielt, sowol die harmlos lustigen als die spöttischen. Ich erinnere mich einer Skizze von ihm, auf der man den leibhaften Ramler erblickte, wie er, ein Rasirmesser in den Händen, vor Kleist niederkniete, seine Nase gepackt hielt und bereits das Messer an sein Kinn setzte. Die Unterschrift hieß: »Wenn er doch die Todten ungeschoren ließ!« Ramler hatte eben Kleist's Gedichte von ihm umgeändert herausgegeben, und so war dies Blatt war bald in allen Händen. Eine sehr humoristische Darstellung kam heraus, als die schönen Berlinerinnen[108]  angehalten wurden, ihre Hündchen am Bande zu führen. Ein Blatt aus früherer Zeit, eine Marktschreierbühne, zeigte den Hofschauspieldirector Döbbelin, durch ein Pflaster am Auge zwar entstellt, aber unverkennbar, höchst ergötzlich für alle Beschauer, selbst für die, welche die vielen Anspielungen nicht verstanden, die es enthielt. Während Chodowiecki an seinem großen Fenster seine bestellten Gruppen ätzte, zeichnete er mit Blitzesschnelle die Vorübergehenden auf den Rand der Blätter. Der Kunstwerth dieser Zeichnungen bestand in kräftiger frischer Auffassung und lebensvoller Darstellung. Er beschenkte mit solchen Blättern seine Freunde.
Auch der Karschin pflegte er einen Abdruck seiner Arbeiten zu schenken. Unter diesen befand sich ein lebensvolles Familiengemälde voll Wahrheit und Natürlichkeit, und anspruchslos wie alle seine Gruppen. Es stellte den Künstler in der Arbeit begriffen, umgeben von der Gattin und den Kindern, vor; in der damaligen zierlichen Rococotracht, die den Aeltermüttern, versteht sich den jungen, so wohl stand und auch allen Matronen gefiel. Zu Chodowiecki's gelungensten Darstellungen gehören seine Theaterscenen, sein »Brockmann als Hamlet«; »Fräulein Döbbelin als Ophelia« athmete Shakspeare's Geist. Groß war die Wirkung seines berühmten Bildes, des »Lebewohl von Jean Calas an seine Familie«; selbst die letzten Abdrücke wurden gesucht, kaum waren die Umrisse noch kenntlich. Stoff und Darstellung wirkten mächtig. Unter den neuern Malern scheint mir Wilhelm Kaulbach in seinen mehr humoristischen Darstellungen Verwandtschaft mit Chodowiecki zu haben. Ein Meister wie Kaulbach bewährt seinen Genius auch im Kleinen.[109] 
Die Karschin wurde oft gemalt und gestochen, aber selten getroffen. Man wollte sie verschönern, und nahm dadurch ihren Zügen und dem Ausdrucke Wahrheit und Eigenthümlichkeit. Wenn mich mein Gedächtniß nicht täuscht, so haben Oeser, Rode, Tischbein, Graff und andere vortreffliche Künstler sie gemalt, ehe sie sehr veraltete, wenigstens erinnere ich mich, daß ich sie begleitete, wenn ihr Bild gemacht wurde. Das gelungenste der Gemälde, zu denen sie gesessen, soll vom Hofmaler Körer aus Hallenstadt sein; ich habe es malen sehen.
Sie vermachte es meinem Bruder. Meine Schwägerin rollte es bei der Flucht von Königsberg zusammen, und steckte es in den Wagenkorb, wo es verloren ging. Mein Bruder befand sich bei den Anstalten zur Flucht im Felde. Es ist vorauszusetzen, daß die Körer'sche Familie noch ein gleiches besitzt, und daß es der Nachwelt nicht verloren gegangen.[110] 
1 Er pflegte auch zuweilen Verse zu machen.
2 Pastor Sturzel daselbst.
3 Dieses Bildniß ließ meine Großnichte, Bertha Borngraeber, Enkeltochter der Schwester der Karschin, auf welcher der Geist ihrer Abkunft ruht und deren Herz warm für das Andenken der verklärten Verwandten schlägt, auffrischen und schmücken, und umwand es selbst mit Immortellen.
4 Chodowiecki.




II.
Aus meiner Jugendzeit. – Meine Verheirathung. – Frau von Genlis und Jean Paul.










[111] Mein Bruder würde vielleicht auf keiner andern Universität gewonnen haben, was ihm durch Heinrich Zschokke's Umgang und Liebe in Frankfurt a.d.O. zutheil wurde. Beide Jünglinge waren poetisch, geistvoll, feurig und beseelt. Ihre Treue hat sich bis in das Greisenalter glänzend bewährt. Nur ihre Laufbahn war verschieden, nicht ihr Gefühl, noch ihre Gesinnung. Mein Bruder hätte seinem Talent zur Poesie vertrauen sollen; er hielt sich nicht ausschließlich genug an Zschokke: er gerieth auf abirrende Bahnen, weil er sein Ziel aus den Augen verloren hatte.
Wie Hercules kommt jeder Jüngling zu dem Punkte hin, wo der Scheideweg vor ihm liegt; doch wenige haben die Kraft, die rechte Bahn zu ergreifen, nur allzu viele geben sich selbst auf. Vielleicht auch hätte den Strebenden keine andere Wahl als diejenige beglückt, zu der seine Neigung ihn hinrief.
Eines Nachmittags, wo wir am Fenster saßen, kamen zwei zierliche Reiter auf unser Haus zu, sie trugen Jäckchen[111]  von Nanking mit blitzenden Silbertressen und himmelblauen Aufschlägen. Es war mein Bruder Heinrich, der mit einem seiner Freunde kam, um uns zu überraschen. Bier Wochen durfte er weilen. Karl August Girat, Heinrich's Freund, war sanft und wohlgesittet. Seine Gegenwart verursachte viel Freude. Heinrich gefiel sich in seinem Umgang, wie manche jungen Leute sich mit denen behaglich fühlen, von welchen sie wissen, daß sie unter ihnen stehen. Es ging meinem jüngsten Sohn auch so. Es ist gemächlich, doch es bringt keinen von beiden weiter.
Karl August Girat war schlank und wohl gebaut, sein Gesicht hatte stark von den Blattern gelitten; er blickte wohlwollend aus seinen zwei vielsagenden Augen; vor allem gefiel mir seine himmelblaue Reitjacke mit dem Schmuck der silbernen Tressen. Sein zierlicher Anstand und die Freundlichkeit, womit er sich mit mir beschäftigte, waren mir neu und entzückten mich. Er war das von seinen Schwestern zu Hause so gewöhnt. Meine Begeisterung für Girat stieg, als er uns von Frankfurt aus zwei Körbe Kirschen schickte, dabei einen Brief und hübsche Verse. Ich war stolz auf die Sendung, und fragte Mienchen Kühl: »Möchtest du nicht auch solche Briefe bekommen?« Sie antwortete ganz kalt darauf. Dies betrübte mich, doch zum Glück verletzte es mich nicht und ich verfiel auf ein gutes Zerstreuungsmittel. Der Geburtstag von Mienchen war nicht fern, er sollte gefeiert werden. Ich faßte den Gedanken zu einer theatralischen Aufführung. Meine Schauspielergesellschaft mußte ich mir nicht allein zusammensuchen, sondern sie auch einstudiren. Sie bestanden aus Mienchen Kühl und zwei Malerburschen ihres Vaters; zufällig waren es Norddeutsche, die erträglich deutsch sprachen. Eines von[112]  Gellert's Schäferspielen wurde einstudirt und memorirt. Wir zwei Mädchen trugen weiße Reifröcke mit Rosenguirlanden, und grüne Kränze in den Haaren, die in ungepuderten Locken um unsere Schultern flatterten. Unsere zwei Schäfer hatten uns schöne Stäbe geschnitzt. Wir sagten unsere Verse mit Grazie her, unser Publikum war überaus mit uns zufrieden. Es bestand aus Herrn und Frau Kühl, einer pommerschen Cousine, einem sehr geschickten Schuhmachergesellen aus Kühl's Verwandtschaft, der alten wackern brandenburgischen Magd in der Landestracht mit großem Schwarzen Hute. Die Bühne war mit Büschen decorirt, und alles ging vortrefflich von statten. Wir hatten auch Schäferhunde mit rothen Halsbändern. Noch lange wurde von diesem Abend gesprochen; die Vorstellung mußte wiederholt werden, aber die Sache hatte ihre Neuheit verloren. Das Theaterpersonal gab sich mehr Mühe, und die Zuschauer waren lauer. Ich fing noch manches mit meinem Mienchen Kühl an, sie liebte mich und war gut geartet; hatte zwar wenig oder gar keine Ideen, aber viel natürlichen Verstand. Ich verlangte, sie möchte mit mir über verschiedene Gegenstände disputiren; es geschah im Garten. Wir vertheidigten jede unsere Meinung wegen der Trauer um geliebte Verwandte. Mienchen wollte die Trauer, ich verwarf sie. Niemand von uns beiden siegte. Mienchen behielt zwar Recht, weil Trauerkleidung eingeführt ist; aber den Kranz errang keine von uns beiden, obgleich wir Richter in der eigenen Sache waren. Ich erinnere mich noch, daß ich einmal wegen öffentlichen Hinrichtungen auftrat, zuweilen auch im Ernst eine Predigt hielt. Mienchen predigte gegen meinen Satz. Wie viel unsere Suada bei diesen Controversen gewonnen, weiß ich nicht.[113] 
Verödet war das Haus seit der Großmutter Tode. In der schönen Jahreszeit erheiterten uns einige Landstreifereien. Wir wandelten, meine Mutter und ich, durch trostlosen Sand und halb nacktes Gestrüpp nach einem ärmlichen Dörfchen, Hennersdorf geheißen, zu unserer guten Milchfrau, die viele Kinder, ein kleines reinliches Haus und einen großen Gartenplatz hatte. Ein Bach schloß ihn ein, der an beiden Seiten mit Ulmen begrenzt war. Wir lagerten uns an seinem Ufer; meine Mutter las, oder flocht Kränze von der spärlichen Blumeneinfassung.
Der Cherub, der das Paradies verschlossen, hat den Kindern den Schlüssel gegeben. Mein Paradies war überall wo Bäume wuchsen, Feldblumen blühten und Schmetterlinge herumflogen. Die blaue Wassernymphe, der goldbraune Schillebolt, das getigerte Marienwürmchen gemahnten mich wie verzauberte Wesen, und erweckten in mir tausend phantastische Bilder, deren eigentlicher Sinn mir nie klar wurde; ich forschte auch nicht danach. Der unbewußte zarte, halbdurchsichtige Schleier, der über jeden geistigen Genuß des Kindes liegt, ist eben der Zauber des Kindheitsglücks.
Auch aus den Büchern, die ich gelesen habe, wogten und webten die Bilder um mich her. Die Odyssee und vor allem die Bibel gaben mir den meisten Stoff zu neuen Gestaltungen der Phantasie. Meine Mutter bezeichnete mir die Abschnitte in der Bibel, in welcher ich täglich einige Kapitel lesen durfte. Nur Sonntags nach der Kirche verstattete sie mir die übrige Zeit zum Lesen. Sie Pflegte zu sagen: »Lesen ist ein feiner Müßiggang!« und zürnte, wenn ich Werktags lesen wollte. Auch gestattete sie uns nicht oft, einen Tag in der Woche im Freien zuzubringen. Ich mußte Handarbeiten vornehmen: ich[114]  that es als gutwilliges Kind, aber nicht gern. Auch unterließ sie auf zierliche und saubere Arbeiten für mich zu sinnen, sodaß ich an viele derselben mit Widerwillen ging. Ein Oberhemd für meinen Bruder nähte ich jedoch mit Lust und Geschicklichkeit. Bei allem, was ich vornahm, schwirrten die Bilder aus den Büchern, die ich gelesen, um mich herum, und ich lebte durchaus nicht in der wirklichen Welt. Das gewöhnliche Leben war mir nackt und dürr; ich ersehnte Menschen und Dinge, wie sie in meinen Büchern standen. Die Mutter hatte mir Goldschmidt's Geschichte der Römer gegeben; diese bot Nahrung für Geist und Phantasie. Raff's Naturgeschichte beseligte mich. Meine gute liebe Muhme Karoline von Wedelstedt brachte mir Farben und Malergeräth, die ihr Bruder Karl bei seiner Abreise zurückgelassen. Meine Mutter war froh über meine Freude, sie ließ mich gern mit den Farben schalten, ich ging damit um wie Könige mit ihren Unterthanen. Musterbilder besaß ich nicht, ich nahm Blumen vor, ich malte Medaillons, damit die Mutter ihre Gedichte hineinschriebe; glaubte auch, man könne sie verkaufen. Als etwa zwölf beisammen waren, ging meine Mutter zu Chodowiecki und nahm sie mit. Ich glaubte, der große Mann würde in Bewunderung darüber ausbrechen, allein sie kam beschämt und verdrießlich nach Hause, legte die Medaillons auf den Tisch und erzählte: Chodowiecki habe ein jedes vor sich hingelegt und gesagt: »und das ist das, und das ist das!« sonstiges sei aus ihm nicht herauszubringen gewesen. Ach, da lagen die Luftschlösser wie Scherben am Boden. Wir trösteten uns damit, daß Chodowiecki gesagt hatte, die Mutter solle ihm die Kleine bringen.
Er empfing mich freundlich, väterlich; sein Arbeitszimmer[115]  entzückte mich auf den ersten Blick, es war mit Kunstwerken angefüllt, viele darunter von des Meisters Hand. Es war dabei ein Rahmen mit Emaillegemälde von sehr lebhafter Farbengebung: die Passionsgeschichte Jesu, die Ausführung im Rococostil. Schade, daß Chodowiecki sich nicht mehr dem Colorit zugewandt. Ich konnte mich schwer von diesen Bildern trennen, so herrlich war die Farbe. Mich fesselten sehr seine Oelgemälde im verjüngten Maßstabe, vor allem zwei, vorstellend die Witwe von Jean Calas, seine drei Töchter, seinen jüngsten Sohn, und die junge Magistratsperson, die diesen Unglücklichen das Schreiben der Freisprechung und Unschuldserklärung des Hingemordeten überreicht. Zwei schöne Pastellgemälde der Rosalba fesselten mich gleichfalls durch ihren Farbenzauber und ihre eigenthümliche Lieblichkeit. Chodowiecki gab mir Nasen und Ohren zu zeichnen, ich aber hätte gleich gern mit schönen Sachen angefangen. Die kamen so schlimm weg, daß der Meister Mitleid mit mir fühlte und mir auf mein Flehen Köpfchen gab, die auch nicht besser geriethen. An zwei regelmäßigen, aber kalten griechischen Profilen arbeitete ich mich fruchtlos halbtodt. Chodowiecki sah endlich wohl ein, daß keine Zeichnerin aus mir werden würde, und er ließ es sich gefallen, daß ich mehr an seine Bücherbreter als an das Reißbret ging. Er war auch überhaupt viel zu beschäftigt, um eine Schülerin anzunehmen; nur aus Liebe, zum Andenken meiner Großmutter, hatte er gestattet zu ihm kommen zu dürfen, und später Gefallen an meinem phantastischen Treiben gefunden. Ich traf bei ihm alle Bücher an, zu welchen er Kupfer gestochen hatte, dies gab ihm Anlaß mich zu belehren; denn von allem, was ich sah, verlangte ich Erklärung, die er mir gern gab. Nun war mir eine neue Welt aufgegangen.[116]  Manche der Bücher Chodowiecki's, die nun vergessen sind, wirkten auf mein Gemüth, vorzüglich »Karl von Karlsberg«, im Schiller'schen Almanach unverdientermaßen heruntergemacht. Wer jetzt einen »Karl von Karlsberg« schriebe, würde in drei Bänden nicht Raum finden; leider haben die in diesem Werke enthaltenen Rügen noch nicht gefruchtet, die damaligen Uebelstände sind noch alle da. Mit unbeschreiblicher Freude las ich Hippel's »Lebensläufe in aufsteigender Linie«, dieses Buch hat mächtig in mir gewirkt. Ein Roman »Karl Ferdiner« machte so tiefen Eindruck auf mich, daß ich kein Schnürleib anlegen wollte; es war überhaupt ein sanitätisches Buch in Gestalt eines Romans. Von der Menge der Büchersammlung des Chodowiecki sind mir nur diese im Gedächtniß geblieben. Außerdem nenne ich nur noch Jean Paul's »Unsichtbare Loge«. Als ich sie gelesen, und wieder gelesen hatte, wollte ich mit einem mal schreiben, natürlich ganz so wie Jean Paul, dies dünkte mir ein Leichtes. Ich habe das alles verbrannt; doch der Funke hatte gezündet.
Meine Mutter glaubte, sie müsse mich meinen eigenen Gang ungehindert gehen lassen; sie freute sich, daß ich schrieb, und erzählte mir viel Geschehenes, um mich dahin zu bringen, mir einen Stoff auszuwählen; da gefiel mir nun nichts so gut als eine Geschichte, die ich sogleich bearbeiten wollte; sie sollte heißen: »Der Türke aus Liebe.« Ein Jüngling, dessen Geliebte eine böse Stiefmutter hatte, welche seine Heirath hinderte, gelangte endlich an das Ziel seiner Mühen, er wurde im Staatsdienst angestellt, und eilte nun in das Landschloß, das seine Braut bewohnte. Er fand sie im Sarge – eilte fort, und erst nach vielen Jahren erfuhr man, daß er nach der Türkei gegangen und sich zu einem hohen Posten dort emporgeschwungen habe. Ich sah in der ganzen[117]  Geschichte nur den Turban und den Kaftan, und arbeitete frisch darauf los; ich hätte vielleicht dies Werk nicht verbrennen sollen.
Ich hatte das vierzehnte Jahr erlangt; in den Augen meiner Mutter war ich ein Meisterwerk der Schöpfung; sie schien nur zu leben, um mich zu bewundern, zuweilen aber tadelte sie mich auch unverdient. Prediger Troschel, der mein religiöses Gefühl zu wecken gewußt hatte, sprach so belehrend und überzeugend mit mir, daß ich aus seinen Lehrstunden glühend nach Hause kam, und nun sogleich den Strom meiner Begeisterung in das Mutterherz ergießen wollte; doch sie blieb kalt dabei, sie war rationalistisch. Einmal, weil sie in ihrer Pensionsanstalt in den Handlungen der Vorgesetzten und Lehrer eine große Verschiedenheit mit ihren Worten gefunden; sodann, weil ihr Freund B.B. Rationalist war, und endlich, weil die Richtung der Gemüther in jener Zeit zum Unglauben neigte.
O wenn die, welche auf ein kindliches Gemüth wie Hagelschlag auf eine Blumenflur wirken, an die Folgen dächten, sie würden nicht fähig sein, diesen moralischen Mord zu begehen!
Trotz den verschiedenen schädlichen Eindrücken, die ich empfing, wollte ich bei meiner Einsegnung und ersten Communion in Thränen zerfließen; allein daneben spielte auch die Eitelkeit ihr gefährlich Spiel. Mein einfaches Kleid dünkte mich ein Staat, die Glasperlen um Hals und Nacken waren mir königlicher Schmuck. Mein von Thränen überschwemmtes Angesicht schien mir im himmlischen Glanze zu leuchten.
»O«, dachte ich, »wenn mich die ganze Welt so sehen könnte, wie würde mich alles bewundern!« und ich erstaunte, daß ich von den Sitzen der anwesenden Zuhörer[118]  keinen besondern Eindruck wahrnahm. Doch ich ließ diese Bemerkung auf sich beruhen, und verließ die Kirche nicht minder entzückt von meiner Person, als ich sie betreten hatte.
Prediger Troschel hatte uns allen empfohlen, weder nach der Einsegnung noch nach der Communion spazieren zu fahren. Wir gehorchten ihm, und mancher gute Eindruck erhob sich in der Einsamkeit wieder in unsern Gemüthern.
Meine Mutter hatte nicht nach geistreichem Umgang gestrebt, sodaß, ich weiß nicht wie, die Einbildung in mir rege geworden war, die geistvollen Menschen wären alle todt. Ich hatte »Karl Pilger, Roman meines Lebens« gelesen. Der Verfasser befand sich in einer Gesellschaft, die unten im Hause gegeben wurde. Die Dame vom Hause stellte meiner Mutter einen jungen Mann von lebhaftem Wesen und angenehmen Aeußern vor; sie nannte ihn Karl Spazier, Verfasser des Werks »Karl Pilger, Roman meines Lebens«. Ich hatte dies Werk mit großem Vergnügen gelesen, wendete mich zu ihm hin, und rief aus: »Wie, Sie haben den Karl Pilger geschrieben? Wie sind sie denn noch am Leben?« Er stutzte, und fragte um Erläuterung dieses Wortes. Ich erwiderte: »Ach, die Leute, die schöne Werke geschrieben haben, sind ja schon lange todt!« Er lächelte, und unterhielt sich lange mit meiner Mutter und mir. Sie wich seinen Aeußerungen aus, welche seine Besuche einleiten sollten. Sie hatte nach dem Tode der Karschin allen männlichen Bekannten den Abschied gegeben.
Etwa einige Wochen später bat uns das Rüffling'sche Ehepaar, unser Hauswirth und seine Gattin, zu sich. Ich ging mit meinem gewöhnlichen Widerwillen vor Gesellschaften hinunter. Einige Augenblicke nach unserer Ankunft wurde Fräulein Adelheid von Gerlach angemeldet,[119]  und es trat eine junge Schönheit herein, deren Glanz alles um sich her überstrahlte. Ich konnte vor Ueberraschung nicht sprechen. Außer der Königin Luise hatte ich nie solche Schönheit gesehen. Blick, Stimme und Wesen dieser entzückenden Erscheinung war im Einklang mit der Herrlichkeit ihrer Gestalt. Jeder ihrer Ausdrücke, den sie sprach, war sinnvoll und beseelt. Ich fühlte, aber ohne Neid, wie hoch sie über mir stehe. Ohne es nur zu wissen, war ich an jenem Abend unbedeutender als gewöhnlich; ich merkte es nicht, ich gehörte ganz der Freude an der engelgleichen Erscheinung. Es verging lange Zeit, ehe ich sie wieder antraf, doch blieb mein Gemüth von ihr erfüllt. Adelheid war vierzehn Monate jünger als ich, und einen halben Kopf größer. Wenn wir nicht beisammen waren, glaubte man eine Aehnlichkeit zwischen uns zu entdecken; wenn wir nebeneinander standen, verschwand diese Aehnlichkeit. Die innere Verschiedenheit zwischen uns war so groß wie die äußere, ich sah sie damals nicht ein. Adelheid's liebreiche Güte stellte mich ihr gleich. Ihre Nachsicht täuschte mich. Vielleicht glaubte ich mich wegen meiner schon aufkeimenden Dichtergabe ausgezeichneter als sie selbst.
Ich bemühte mich zu der Zeit, Blumen zu malen; dies war eine bunte Arbeit, die mir leichter zu werden schien als die bei Chodowiecki. Völker, ein damals renommirter Meister, den meine Zuversicht gerührt und zugleich belustigt haben mag, brachte mir gemalte Feldblumensträuße von seiner Hand, sie waren nach der Natur anspruchslos componirt, einfach gefärbt; sie gefielen mir außerordentlich, und ich bestrebte mich nicht ohne Glück sie nachzumalen. Adelheid bat sich eins davon aus, um es der Frau von Genlis zu zeigen, die bekanntlich selbst sehr artig malte. Am andern Vormittag trat Adelheid[120]  in mein Zimmer, wangeglühend wie die schönste Rose, mit freudeblitzenden Augen und hochklopfendem Herzen. Sie legte das Blumenstück nieder, indem sie ein Blatt Papier noch in der Hand behielt; mir klang es wie Engeltöne von ihren Lippen: »Ich bringe Ihnen Verse von der Frau von Genlis!« Sie zeigte und las mir diese Verse, sie hießen auf Deutsch:

Die Natur, die große
Blumenmalerin,
Hatte dich auf ihrem Schose.
»Kindchen«, sagte sie, »nimm hin!«
Und sie gab dir mit dem Sagen
Farb' und Pinsel in die Hand.
»Male!« sprach sie, und du maltest
Blumen fast so schön wie sie.

Sie hatte die Natur zur Meisterin, und als sie diese Blumen schuf, trotz des Winters und seiner Härte, war es der Frühling, der sie entsprießen ließ. Dies Blatt war aus der Büchse der Pandora, konnte ich es ahnen? Konnte es das himmlische Wesen ahnen, welche die Schöpferin meiner Freude war? Sie hatte es so schön gemeint. Die Blüte ihrer Liebe trug dürftige Früchte für meine ganze Zukunft. –
Andern Tags schon führte sie mich, um mich für die Verse zu bedanken, zu Frau von Genlis, an der jene damals sehr innig hing; was braucht es mehr für ein junges reines Herz, als Talent und Misgeschick, um es zu besiegen?
Frau von Genlis war zu jener Zeit des Argwohns, wo alle Nasen Demagogen witterten, über die Grenze gebracht worden. Sie zählte damals 52 Jahre, und war nicht in revolutionären Absichten nach Berlin gekommen.[121] 
Der bekannte Leuchsenring, geistvoll, kenntnißreich, in früherer Zeit vor Ausbruch der Revolution Freund aller geistbegabten Männer jener Tage, vom Sturm der Schreckenszeit nach Deutschland verschlagen, war nach Berlin gekommen, in die geistvollsten Kreise eingeführt, und mehr darauf bedacht, sich einen neuen Rock zu kaufen, als Preußen aufzuwiegeln; er suchte eine Hofmeisterstelle. Auch dieser wurde aus dem Königreiche verwiesen. Er trug die glühendste Leidenschaft für Rahel, die wegen ihrer Kleinheit die kleine Levi hieß, im Herzen. Rahel er fuhr es nie. Ein anderes Wesen lebte in den Kreisen, wo Leuchsenring aufgenommen war. Sechzehnjährig, engelschön, geistreich, von unbeflecktem Ruf, in einer hohen Stellung, geschätzt und geliebt von allen, die sie kannten, ihrer Gebieterin unaussprechlich theuer. Diese schwärmte für Leuchsenring, indeß dieser, dessen Haupt schon der Schnee des Alters bekränzte, sich in hoffnungsloser Leidenschaft für Rahel verzehrte.
Der zermalmende Beschluß der Verbannung war schon über Leuchsenring verhängt, ohne daß er es wußte. Elise von Bielefeld, die junge Schönheit, der wir eben erwähnten, erfuhr davon. Urplötzlich wähnte sie ihn zu lieben, glaubte sich ihm aufopfern zu müssen. Sie fuhr nach seiner Wohnung, trat in ein ärmliches Dachzimmer, und redete den Ueberraschten mit folgenden Worten an:
»Leuchsenring, Sie müssen sich auf der Stelle reisefertig machen. Der Grund: morgen werden Sie mit Gensdarmenbegleitung weggeführt.« – »Warum?« – »Sie sind verbannt! Man hält sie für ein Werkzeug der Jakobiner.« – »Ich bin unschuldig!« – »Leuchsenring, ich weiß es! Ein Geist wie Sie, ein so erhabenes Gemüth! Sie Ränke? Umtriebe? Sie den Frieden eines Landes stören,[122]  welches Sie gastlich aufgenommen? Nimmermehr!« Leuchsenring ergriff Elisens dargebotene Hand, und küßte sie. »Ja, Liebenswürdige! Sie beurtheilen mich richtig; ich danke Ihnen für meine Rettung, doch Ihr edler Versuch ist ein vergeblicher, ich kann nicht fort. Im Gefängnisse ist Brot! Ich habe keins. Ueberlassen Sie mich meinem Schicksal.« – »Ihr Schicksal ist das meinige, Leuchsenring! Welch eine Bestimmung, Ihre Sorgen zu stillen, Ihren Weg zur Größe zu bahnen! Welch eine Bestimmung, die Erleuchtung, die Beglückung der Welt durch Ihre Weisheit, durch Ihr Herz, das für die Menschheit glüht, zu befördern, indem ich Sie aller irdischen Sorgen enthebe, und in Stand setze, sich ganz Ihren großen Lebenszwecken zu widmen!« Leuchsenring fing in diesem Augenblick Feuer. Rahel's Glanz erblich vor dem Glanz Elisens. Mit bebender Stimme sprach er: »Elise, noch habe ich die Kraft Ihnen zu sagen: Eilen Sie fort! In wenigen Augenblicken wird auch diese entschwinden. Vergessen Sie mich! Auch ohne Ihr Opfer werde ich den Zweck meines Lebens erreichen, mein großes Werk vollenden. Nie wurde ein ähnliches entworfen. Es wird die Zukunft der Menschheit gestalten, das Glück Europas feststellen.« Elise rief aus: »Wie, Sie verwerfen mein Opfer, mich selbst?« – »Meine Pflicht gebietet es. Vor allem bedarf ein Weltbesserer der Tugend!« – »O!« rief Elise, »Sie verstehen nicht mein Herz! Nicht Ihre Gattin, nicht Ihre Geliebte will ich sein: Ihre Schwester, Ihr guter Genius!« Ein flüchtiges Lächeln glitt über Leuchsenring's Lippen. »Vergessen Sie nicht«, sagte er mit bedeutungsvollem Ton, »daß Sie zu mir gekommen sind und mir einen Himmel erschlossen haben! Ich habe zu Ihnen hingeblickt wie zu einem schönen Stern. Jetzt blüht eine Rose vor mir; ich[123]  werde die verwegene Hand nicht nach ihr ausstrecken, aber der Taumel meiner Gefühle wird mich unwillkürlich hinreißen sie zu pflücken!«
Elise hatte mit Besonnenheit alles zur Flucht vorbereitet. Leuchsenring stand in der Nähe der bestimmten Postchaise auf der Stechbahn, die im damals so stillen Berlin menschenleer war. Vor Elisen stand der schwere Augenblick des Scheidens von ihrer Gebieterin, deren sanfte Augen mit Liebe an ihrem Antlitz hingen. Sie sah eine Thräne auf Elisens Wange funkeln: »Meine Elise, warum heute so traurig, so still und so betrübt, haben Sie schlimme Nachricht von Konstantinopel? Fühlt sich Ihr Bruder dort unglücklich?« Elise unterdrückte einen mühsamen Schrei; noch bisjetzt hatte sie an ihren vortrefflichen Bruder nicht gedacht, und an den Schmerz, den ihre Flucht in ihm erregen würde. Sie antwortete der Prinzessin ausweichend: Mein Bruder hat mir eine sehr traurige Geschichte mitgetheilt; es ist folgende:

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»Ein Landsmann hatte eine schöne Sklavin gesehen, deren Reiz ihn gerührt; er begegnete ihr einigemal auf seinem gewöhnlichen Spaziergang, von andern Sklavinnen begleitet. Er redete sie auf Türkisch an; bebend und glühend gab sie ihm Antwort. In süßer Selbstvergessenheit wandelten beide unter den Palmen am Ufer, trennten sich aber, sobald sie den Aufseher mit den übrigen Sklavinnen herannahen sahen. Andern Tags, als unser Landsmann den gewöhnlichen Weg nach seinem Spaziergang wieder einschlug, war das Ufer ungewöhnlich menschenleer, und er sah schon von fern eine schlanke weiße Frauengestalt unter den Palmen liegen. Eine seidene Schnur um den Hals und ihr bleiches Antlitz verkündeten, daß sie erdrosselt sei. Es war das Mädchen seiner Gedanken, das unglückliche Opfer der[124]  Tyrannei. –« Auguste seufzte: »Ach, wenn doch die von der Welt verschwände!« – »Sie wird's!« rief Elise mit flammendem Blick. Sie gedachte Leuchsenring's und der bessern Zukunft, die er der Welt bereiten wollte. Die tiefe Wehmuth des Scheidens ging bei diesen Vorstellungen unter. Sie enteilte – und in wenigen Minuten entführten sie und Leuchsenring vier muthige Postpferde auf dem Weg nach Frankreich. Gold und Juwelen, die sie besaß, hatte sie mitgenommen.
Berlin war von dieser Begebenheit ganz erfüllt. Man glaubte zu träumen, als man sie hörte. Elise wurde allgemein bedauert. Keine Silbe des Tadels oder des Hohns ward laut über ihre That.
Die Verbannung der Frau von Genlis fand Beurtheilungen verschiedener Art. Sie hatte Werke ergötzlicher und nützlicher Art geschrieben, war alt und kränklich und stand, vom vormaligen Glanz des Daseins entblößt, ganz allein in der Welt. Das Mitleid der Berliner wurde rege. Von mehreren Seiten wurde der gutherzige Friedrich Wilhelm II. bestürmt, die Genlis zurückzurufen. Er that es, und diese Handlung fand allgemeinen Beifall.
Nicht lange nach ihrer Zurückberufung lernte ich Frau von Genlis kennen. Ihre Erscheinung hatten die Jahre noch nicht ganz von ihrer ehemaligen Lieblichkeit und Anmuth entkleidet. Ihre Züge waren scharf, aber fein und regelmäßig, ihre schwarzen Augen feurig und ausdrucksvoll; ihr abgewelkter Mund hatte nicht ganz sein geistvolles Lächeln verloren, ihrer geschmeidigen Gestalt fehlte nicht die zierliche Haltung, welche sie stets behauptet, noch ihrem Gange seine leichte Beweglichkeit. Auch ihr Organ war noch jugendlich. Sie trug ihr Haar mit etwas Puder, vielleicht um die einzelnen weißen Haare darin zu verbergen, stufenweis um die Stirn[125]  verschnitten, um den Nacken herliegend. Damals waren für Damen die weißen Halsbinden Mode; sie standen ihr sehr gut. Ich finde diese Tracht überhaupt vortheilhaft für das Alter. Ihr Anzug war einfach und bescheiden; die feine weiße blaugeäderte Hand und ihr zarter zierlicher Fuß boten dem Alter Trotz. Sie besaß eine Kunst sich angenehm zu machen, wie man selten findet; sie sah aus wie Natur, und sie täuschte die meisten Menschen damit; aber sie scheute diese auch, weil sie selbst fühlen mochte, wie sehr ihre Maske ihr auf dem Gesicht brannte. Junge Personen sah sie am liebsten. Sie empfing mich mit aller Lieblichkeit, die sie ihrem Wesen zu geben vermochte, und erhob mich in meinen Augen auf eine schwindelnde Höhe. Was meine Mutter durch Treuherzigkeit an mir verdorben hatte, war nichts dagegen. Das Gift der Schmeichelei der Frau von Genlis war viel feiner, viel wirksamer. Nicht um sie herabzuwürdigen sage ich dies alles; sie hatte alle die schönen und großen Eigenschaften, welche ich wol sonst in meinen Schriften gepriesen habe. Der Himmel hatte sie reichlich beschenkt, aber die Hölle hatte sie nicht vergessen. Ich weiß nicht, wodurch Adelheid sie verletzt hatte, sie suchte unaufhörlich dieselbe zu verkleinern. Auch dies herrliche Geschöpf wurde kalt gegen sie; die Ursache hat sie mir nie gesagt, es konnte aber keine unerhebliche sein, denn Adelheid war treu!
Frau von Genlis lebte in der verdienstvollen Pensionsanstalt der Demoiselle Boquet, deren Schwägerin ihr unaussprechlich ergeben war. Dieser Seele voll Liebe erging es wie allen, die hier auf Erden nie heimisch werden, weil sie an die Menschen im allgemeinen Anforderungen machen, die nur die Edelsten und Besten erfüllen können, und überall den Maßstab anlegen, der für ihr Inneres paßt. Madame Boquet besaß einen[126]  vortrefflichen Gatten und eine liebliche Tochter, ihr einziges Kind. Ihre Zartheit und die Ueberspannung ihrer Begriffe von Liebe und Freundschaft waren nicht in Uebereinstimmung mit dem Wesen ihres Mannes, der nach nackter Wahrheit strebte und die Tiefe der Empfindung seiner Gattin für Empfindelei hielt, von der er sie heilen wollte. Seine Schwester, ein edles Geschöpf, durch und durch rechtlich und wahr, gerieth vermöge der Verschiedenheit ihres Wesens von dem der Frau von Genlis in Uneinigkeit mit ihr. Sie trennten sich, nicht ohne vorhergehende Scenen voll Bitterkeit. Frau von Genlis bezog einige Zimmer in der Wohnung eines geschickten Schneidermeisters, Namens Bäcker. Hier besuchten sie mehrere Damen und Herren, welche sich im Französischen ausbilden wollten; unter diesen befand sich L. Lombard, der sich für seine diplomatische Carrière besser auszubilden gedachte, wenn er zu einer solchen Lehrmeisterin seine Zuflucht nähme. Eine der Zuhörerinnen der Genlis, Madame Cohen, kann ich nicht ganz mit Schweigen übergehen, weil sie eine der gütevollsten und gebildetsten Berlinerinnen war. Sie wußte die Menschenscheu der Genlis zu überwinden, zog sie in ihre Kreise und zuletzt in ihr Haus. Die Abende verflogen bei Musik und Schauspiel. Frau von Genlis war die geschickteste Schauspielerin, die man sehen konnte, und so jugendlich in Gestalt und Bewegungen, daß man hätte meinen sollen, sie habe dreißig Jahre ihres Lebens einstweilen hinter den Coulissen niedergelegt, wenn sie auftrat. Ihre Augen trugen mächtig zu dieser Verjüngung bei, sie überstrahlten die ganze Scene. Die Stücke, welche man aufführte, bestanden nur aus wenigen Personen. Einige waren von ihr selbst zu einer andern Zeit geschrieben, im Orleans'schen Palaste aufgeführt. Es möge hierbei daran erinnert sein, daß die Orleans'sche[127]  Partei, die geistreiche und bedeutende Männer unter sich zählte, bei jenen Vorstellungen im Palaste Orleans zugegen war. Dort wurde die Revolution eingeleitet. Im Parterre wurde nicht minder wie auf den Bühnenbretern ein Schauspiel aufgeführt. Die thätigsten und wichtigsten Schauspieler suchten unbemerkt zu bleiben, ihre Plane glückten, und bald sollte ein blutiges Trauerspiel, das noch heute fortspielt, den heitern sinnigen Scenen auf jener Bühne nachfolgen. Entsetzlicher Tausch! verderbend für die Mitspielenden selbst und für die übrige Welt!
Vor einem andern Publikum spielte Frau von Genlis 1801, bei Madame Cohen. Friede schien die Welt zu beseligen, Gewitterstille galt für heitere Witterung, die bunten Wölkchen am Horizont schienen keinen Sturm zu verkünden. Frankreich hatte mehrere seiner gewandten geistvollen Söhne nach Berlin entsendet, man fand sie in allen glänzenden Cirkeln, sie hatten in allen gebildeten Kreisen Zutritt, während die jungen Spanier von der Gesandtschaft mit ihnen in Liebenswürdigkeit wetteiferten und sowie die Franzosen auch jene Kreise besuchten, die nicht probehaltig waren und wo sie sich vielleicht am besten gefielen. Von Politik war nirgends die Rede, sie schien zu schlummern und kaum zu träumen – doch sie wachte. Ihr Blumenteppich barg giftige Schlangen, ihr Lächeln Tücke.
Ich bin in meiner Erzählung den Begebenheiten vorausgeeilt, die mich selbst betreffen. Ich lebte schon seit 1799 in den Fesseln einer höchst unglücklichen Ehe. Meine Mutter hatte es gern gesehen, daß ich einen Gatten gewählt hatte, dessen Stand und Alter mir in ihm eine väterliche Leitung zu versprechen schien. Er war zwölf Jahre älter als ich, besaß ein kleines Vermögen,[128]  welches er als ein großes vorspiegelte, und wußte meine gute Mutter zu bewegen, die fehlende Summe zu den jährlichen 600 Thalern Einnahme, welche eine neue Verfügung Friedrich Wilhelm's III. zur Verbindung mit einem Subalternoffizier erheischte, durch eine Verschreibung von 150 Thalern jährlich zu decken. Auch unser Haus ließ sich Baron Hastfer verschreiben. Mein guter Bruder sendete auf meiner Mutter Bitte eine Quittung für die 4000 Thaler ein, die er noch auf dem Hause stehen hatte. Die ganze Verhandlung über diesen Gegenstand hatte meine Mutter übernommen. Nicht eine Zeile von Baron Hastfer's Hand bezeugte, daß dies Kapital unbezahlt war, da Hingegen die gerichtliche Quittung in guter Form Baron Hastfer vor jeder Forderung meines Bruders schützte. Meine Mutter und ich waren ruhig darüber. Hastfer hatte versprochen, nach unserer Verheirathung meines Bruders Kapital sogleich wieder als Hypothek auf das Haus einschreiben zu lassen. Bei der Verzögerung, zu welcher Hastfer Vorwände genug zu erdichten wußte, war meinem Bruder nicht ganz wohl zu Muthe. Eine geraume Zeit nach meiner Heirath hatte er noch keine Zeile von seinem Schwager über diesen Gegenstand aufzuweisen.
Hastfer verschwendete unsinnig, Schulden wurden gemacht und blieben unbezahlt. In meiner Unwissenheit von Lebensverhältnissen war ich unfähig, solchem unseligen Treiben Einhalt zu thun. Ich sah davon nicht die Gefahr ein. Die Bälle und Pickenicks, zu welchen mich Hastfer führte, gefielen mir. Ich kam mir in meinem weißen Ballkleide, mit dem Kranz in meinen braunen Locken wie eine blendende Schönheit vor. Meine Gedichte, die voller Fehler waren, und über die ich Schmeicheleien genug in mich sog, schienen mir vortrefflich. Ich[129]  hatte noch mein siebzehntes Jahr nicht erreicht, überall kamen mir Wohlwollen und Nachsicht entgegen. Auf alle Dinge des Lebens warf das Prisma, das der böse Geist der Jugend vor Augen hält, sein buntes Licht.
Als ich vermählt wurde, war ich noch kindisch. Als ich in die Kreise kam, denen Hastfer vermöge seiner Stellung angehörte, hielt ich mich für reif und vollendet. Unsere frühern Bekannten, unter denen einige der ausgezeichnetsten Frauen und Mädchen Berlins sich befanden, hatten sich nach meiner Verheirathung fast unbemerkbar zurückgezogen und mich meinen neuen gesellschaftlich Verbindungen überlassen. Bei diesen war mir's unbehaglich. Es mochten sehr ehrenwerthe und feine Frauen darunter sein; aber mein Gatte hatte mir versichert, daß sie alle unbedeutend und gemein wären, und daß er wünsche, ich hielt mich von ihnen zurück. Ich war als gewissermaßen auf mich selbst beschränkt, erfüllt von Dünkel, Eigenliebe und brennender Sehnsucht nach Erfolgen und Huldigungen. Im Innern der Haushaltung blühte mir gleichfalls kein Glück. Baron Hastfer ging nur darauf aus, meine gute Mutter aus dem Hause zu entfernen, und sie, die er völlig ausgeraubt hatte, nun dem Mangel zu überlassen. Natürlich sträubte sich hiergegen mein besseres Gefühl. Schon am Tage vor meiner Hochzeit hatte ich die Entdeckung gemacht, daß ich ihn nicht liebte und daß er nicht liebenswürdig sei, denn er war betrunken nach Hause gekommen. Am Hochzeitstage, wo sich noch der ganze Kreis meiner Jugendzeit bei uns versammelt fand, flüchtete ich bei dem Ausruf: »Da kommt der Prediger!« in ein Nebenzimmer, schloß mich dort ein, und erklärte durch die Thür hindurch: »Ich werde nicht heirathen!« Der Lieutenant von Kalenberg unternahm es, »mich zur Vernunft zu bringen«, wie er[130]  sagte. Er eilte an die zweite Eingangsthür des Zimmers, wo ihn die Gesellschaft nicht belauschen konnte, und lud mich herzlich ein, in den Salon zu kommen und mich trauen zu lassen; mein Benehmen sei kindisch! Ich wendete ein: »diese Heirath würde mich unglücklich machen«, und weinte heftig. »Kann sein!« sagte Kalenberg, »aber Sie können nicht mehr zurück, Sie müssen nun getraut werden. Sie spiegeln sich die Dinge anders vor, als sie sind. Und wenn man einmal in die Welt tritt, muß man sich der Convenienz aufopfern, und die Ueberzeugung, die uns davon abhält, hat ihr Recht verloren. Ich will Ihnen ganz im Vertrauen sagen, daß ich unglücklich bin, aber ich lasse es mir nicht merken!« Bei diesen Worten zog ich den Riegel von meiner Thür zurück. »Unglücklich! Guter Kalenberg, Sie? Mit dem schönen lieblichen Weibe mit dem großen Vermögen? Sie haben sie ja aus Liebe geheirathet!« – »Sie aber vergilt mir keine Liebe!« sagte er, »sie ist keiner Liebe fähig, nur selbstsüchtig und gefallsüchtig. Aber um alles in der Welt, kommen Sie! Man erwartet uns!« Er sprach noch vieles. Ich, ein schwankendes Rohr, gab nach. Es hätte mir auffallen sollen, daß weder mein Bräutigam, noch meine geliebte Mutter gekommen waren, mich zu überreden. Baron Hastfer hielt sein böses Gewissen ab, meine Mutter hingegen war vernichtet. Sie fühlte, daß eine Vermählung, die so begann, nicht glücklich ausfallen konnte.
Die Gesellschaft empfing mich, deren Blässe und verweinte Augen rühren mochten, mit wahrer Theilnahme. Vermöge der Schnellkraft meiner Natur wurde ich während der Trauung ruhig, sprach das unselige Jawort und mischte mich nachher unter die beglückwünschenden Anwesenden Noch mehr, ich tanzte! Mein[131]  Los war geworfen, mein Lebensschiff wogte von nun an unter umwölktem Himmel, auf umstürmter Flut, wo Klippen meiner harrten und tückische Strudel lauschten.
Am 20. August 1799, am Tage nach der Hochzeit, führte mich Hastfer in das Theater, wo Schiller's »Piccolomini« aufgeführt wurden. Der große Fleck, sein entzückendes junges Weib, die ich 1816 als Elvire in der »Schuld« mit allen ihren Reizen wiedersah; Iffland, der vollendete Künstler, dessen unübertreffliches Talent vergessen machte, wie viel er der Kunst dankte; Madame Eunicke, damals noch in der Knospe ihrer Herrlichkeit, hatten die Hauptpartien; Mattausch, Beschort und andere verdienstvolle Schauspieler besetzten die übrigen Rollen. Sie standen nicht im Einklang mit den obengenannten großen Künstlern, allein sie verdarben nichts. Jene hinreißenden Leistungen erhoben die Mittelmäßigkeit über sich selbst. Ich habe keinen Moment jenes Abends vergessen. Meine Mutter war nicht mit uns; ich sehnte mich zwar nach ihr, aber ich war bereits so abgestumpft und bethört, daß ich nicht empfand, wie unschicklich es von Hastfer war, sie nicht mitgenommen zu haben. »Wallenstein«, der am folgenden Abend gegeben wurde, entzückte mich noch mehr als die »Piccolomini«. Diese beiden Stücke sind vereinigt worden, soviel ich mich erinnere, durch Raupach. Jedenfalls war es unrecht. Doch dies ist ja nicht der einzige Fall, wo die ursprüngliche Nichtachtung der Dichter grell hervortritt. Mußte doch in Wien lange Zeit hindurch der Vater Ferdinand's in »Kabale und Liebe« der Oheim desselben sein, und Ferdinand ausrufen: »Es gibt eine Stelle in meinem Herzen, wo das Wort Oheim nie ertönt ist.« Und so wurde in »Don Carlos«, versteht sich auch in Wien, Alba und Domingo in eine Person gezogen.[132] 
Frau von Genlis war nicht zu meiner Hochzeit erschienen. Ich besuchte sie wenige Tage darauf. Sie stellte mir absonderliche Fragen, die ich nicht verstand, mithin verkehrt beantwortete. Sie besuchte uns, und wie sie denn jede Gelegenheit ergriff, etwas Angenehmes zu sagen, pries sie die Lage unserer Wohnung und äußerte, in keiner großen Stadt Europas habe sie eine ähnliche gefunden. Dies Lob war gerecht. Diese Aussicht war der Brennpunkt aller Pracht Berlins, und muß jetzt noch bedeutend verschönert sein.
Meine gute Mutter, die von jeher inniges Mitleid mit der königlichen Familie von Frankreich empfunden, glaubte der Frau von Genlis ihre Sympathie für diese bezeugen zu müssen; denn wir wußten nichts von allen Verhältnissen dieser Frau in Frankreich, noch von ihrem Antheil an der Revolution. Sie hatte geäußert, daß sie bei uns essen wollte, und einen Tag dazu angesetzt. Diese große Angelegenheit führte mich zum ersten Koch in Berlin; denn wie konnte man die berühmte Französin von hohem Stand anders als mit französischer Kost empfangen. In meiner Unwissenheit bestellte ich einige Compots zum Braten. »O!« rief der Koch aus, »wo denken Sie hin? Einer Französin wollen Sie süße Speise zum Braten vorsetzen?« Er verfaßte einen Küchenzettel, der Preis war abschreckend. Die Verhandlung zerschlug sich, und es wurde nichts aus dem ganzen Diner. Frau von Genlis ließ mich diese Unart nicht entgelten, sie bezeigte mir Zärtlichkeit und Theilnahme, und hatte ein aufmerksames Ohr für meine Klagen, über das Unglück meiner Ehe. Als ich ihr vertraute, ich wolle diese trennen, suchte sie mich auf alle Weise von diesem Entschluß abzubringen. Doch da ich ihr eröffnete, daß Baron Hastfer sichtlich darauf ausginge, meinen Bruder[133]  um sein Kapital zu bringen, rief sie aus: »Jede üble Behandlung ist eine Gattin schuldig zu ertragen, und durch Sanftmuth und Nachgiebigkeit ihren Mann zu rühren und zu gewinnen; aber Unredlichkeit bricht alle Bande. Sie haben das Recht ihre Ehe zu trennen.« Zögernd sagte ich ihr nun: »Ich und meine Mutter sind ganz ausgeraubt, es ist uns nichts geblieben.« Sie fiel ein: »Sie haben Muth, Talent und Jugend!« Ich sah sie bedenklich an. Sie fuhr fort: »Mein Haus steht Ihnen offen! Meine Freunde werden meine Zurückberufung nach Frankreich erlangen, dann gehe ich nach Beziers, das ist ein Paradies; man lebt wohlfeil dort; das Klima ist mild. Wenn Sie mit mir dorthin wollen, nehme ich Sie mit, Sie werden meine Tochter sein!« O, ich war so entartet, daß der Gedanke, Mutter und Heimat zu verlassen, ganz in den Hintergrund wich. Ich dankte mit Thränen in den Augen und willigte ein.
Ich beauftragte Herrn Advocat Derling mit der Einleitung meiner Scheidungsverhandlungen. Er stieß auf große Schwierigkeiten, weil Baron Hastfer durchaus eine Scheidung verweigerte und mich von meiner Mutter zurückverlangte, zu der ich mich geflüchtet hatte. Der Ausspruch des Gerichts zwang mich, eine Probezeit bei ihm auszuhalten. Seinerseits wurde ihm eingeschärft, mich sanft zu behandeln.
Als ich zu ihm zurückgekehrt war, versicherte er mir, er habe Gift bereitet, und würde sterben, wenn ich nicht versprechen wollte, alle gethanen Unbilden zu vergessen und die seinige zu bleiben. Ich wußte, was ich von seinen Betheuerungen zu halten hatte. Er trank das Glas Gift vor meinen Augen aus – ich lächelte dazu. Er gab vor, nun die Annäherung des Todes zu fühlen, und entsandte den Bedienten nach dem Kriegsrath und[134]  Auditor Wilkens und einem Offizier, dessen Namen ich vergessen habe. Er hatte sich zu Bette gelegt und sagte den beiden Herren, er habe Gift genommen! Diese wollten nach Aerzten schicken, er betheuerte jedoch, er wolle sterben, das Gift werde schon seine Wirkung thun! Ich schwieg, und strickte. »Minchen!« sagte er, »du bist meine Universalerbin! Dies Haus ist dein, mit Ausnahme der Hypothek deines Onkels Christian.« Ich versetzte trocken: »Vergiß nicht die 4000 Thaler, die du meinem Bruder schuldig bist, und von welchen er im edelsten Vertrauen die Hypothek hat löschen lassen!«
Er erschrak und zog mich an sich. »Minchen«, flüsterte er mir zu, »dies Geld muß dir erhalten sein, dieser Schuld kann ich nicht erwähnen, ohne dich arm zu machen!« – »Also stehlen willst du sie für mich?« rief ich laut. »Hören Sie mich an, meine Herren! Baron Hastfer hat ohne Bezahlung 4000 Thaler von meinem Bruder bezahlt bekommen, dieser muß im Testamente gedacht werden. Auch die Interessen ist Baron Hastfer noch schuldig! Sie wissen, daß ich die Scheidungsklage gegen ihn eingereicht habe: dies ist hauptsächlich wegen dieser Schlechtigkeit geschehen.« Die beiden Herren waren sehr entrüstet. »Hastfer«, rief Kriegsrath Wilkens, »du mußt hier im Testament deine Schulden deinem Schwager anerkennen!« – »Wie, mein geliebtes Weib soll ich in Armuth stürzen?« Ich versetzte: ich wolle doch lieber mein Brot vor den Thüren betteln, als einem solchen Schurkenstreich 4000 Thaler danken. »Weißt du wohl, Hastfer«, rief Kriegsrath Wilkens, »daß du um die heutige Geschichte kassirt werden könntest, wenn deine Frau sie anzeigen wollte?« Er wurde blaß und schwieg. »Meine Herren!« sagte ich feierlich, »Sie wissen nun, welch einen Bösewicht Sie vor sich haben. Thun Sie jetzt[135]  Ihre Pflicht!« – »Ja, bei Gott, das geschieht!« rief der Offizier. Ich entfernte mich aus dem Zimmer und sagte noch halb lachend: »Ich gehe nicht Trauerkleidung zu bestellen, denn ich werde keine brauchen.« Ich glaubte nun meinem Bruder seine 4000 Thaler gerettet zu haben. Viele Jahre nach diesem Vorfall sagte mir ein Freund, mein Bruder sei um dies Geld gekommen. Doch ich hoffe, dieser Freund hat sich geirrt. Nie hat mein Bruder über diesen Gegenstand mit mir gesprochen.
Als die mir auferlegte Probezeit zu Ende war, ging ich zu meiner Mutter. Sie bewohnte seit einem Jahre ein geräumiges Zimmer mit Gartenaussicht in der Gipsgasse, die damals mehr Gärten als Häuser hatte. Wie wohl war es mir dort an ihrer Seite, ich war mir selbst zurückgegeben. Der drangvolle Zeitraum zwischen dem 19. August 1799 und dem der Wiedervereinigung mit meiner Mutter schien mir ein böser Traum, aus welchem ich mich kräftig emporgerissen. Der einfache Garten vor dem Hause war mir eine Welt. Links vom Hause grünte und blühte eine große Laube, im Sommer war sie unser Gastzimmer.
Hier weilte gern die unvergleichliche Freundin meiner Mutter, Karoline von Berg, geborene Gräfin Häseler; eine Frau, die einzeln auf ihrer eigenen Höhe stand. Innig befreundet mit der Königin Luise und deren Schwester Friederike, nachmaliger Königin von Hannover, war sie für beide ein guter Genius, und von beiden in ihrer Aufopferung und Treue verstanden. Verhältnisse dieser Art sind seit längerer Zeit nicht mehr so selten wie damals, wo um den Thron her eine Scheidewand zwischen ihm und der Menschheit gezogen war, welche alle innige Gemeinschaft zwischen seinen Bewohnern und den Edeln, deren Freundschaft sie ersehnten, hemmte. Nicht der Französischen[136]  Revolution, sondern dem Fortschreiten der Geistes- und Gemüthsbildung im allgemeinen ist die Welt die Zerbröckelung dieser Scheidewand schuldig. Nicht ganz ist die Etikette von den Höfen verbannt, doch ist vieles Belästigende, was sie ehemals hatte, hinweggeräumt. In frühern Jahrhunderten war sie strenger und kleinlicher als späterhin. Gleichwol besaßen damals die höchsten Frauen ein Glück des Lebens, welches ihnen späterhin entrissen wurde und ihnen heute noch nicht wiedererstattet worden ist. Sie durften ihren Kindern die, Brust geben. Die Königin Blanca von Frankreich säugte ihren geliebten Sohn. Eines Morgens wollte der Kleine die Brust nicht nehmen, da es doch die gewöhnliche Stunde war, wo er Appetit zu haben pflegte; und als die Königin hierüber Bekümmerniß äußerte, trat eine lieblich blühende Dame des Hofes ein und gestand, der Kleine habe so stark geschrien, daß sie ihm die Brust gereicht. Königin Blanca warf einen wüthenden Blick auf sie, steckte dem Kinde den Finger in den Hals, und gab ihm dann, als die fremde Nahrung beseitigt war, die Brust. War dies mütterliche Eifersucht, war es Stolz? Ich weiß es nicht, aber mir hat es gefallen, und ich habe stets alle königlichen und fürstlichen Mütter bedauert, denen eine Glückseligkeit geraubt wird, die ich für die höchste halte, welche Gottheit und Natur den Frauen gewähren. Auch unglückliche Ehen werden durch Ausübung dieser süßesten aller Pflichten erheitert. Die armen Reichen in der großen Welt pflegen dies holde Glück zu verschmähen. J.J. Rousseau hat sehr schön über diesen Gegenstand geschrieben; möchten alle Mütter seine Worte beherzigen!
Hier ein Lied, welches ich dichtete, als mein Kind mir an der Brust lag:[137] 


Schlafe süß, Kindchen, Mutter ist wach,
Kannst ja noch schlummern mild und gemach.
Lieb' ist dein Odem! Himmel dein Traum!
Ruhst mir am Busen weicher als Flaum!
Blühest wie Rosen mir an der Brust,
Bringest mir wieder Jugend und Lust!
Weiß nicht von Leide, kann ich dich sehn,
Möcht' um uns beide die Welt vergehn.
Sieh auf den Hügeln lächelt der Mond,
Wie es auf Erden lieblich sich wohnt!
Schlummre nur, schlummre, selig ist Ruh!
Lieben und leiden mußt auch einst du!

Ich gebe mich gern der Vorstellung hin, daß viel tausend Mütter aller Stände dies Lied mit mir empfunden haben, denn ich fand es in Sammlungen von Liedern für das Volk nachgedruckt. Kein Name stand dabei, doch ich war so stolz darauf, wie nur mancher Dichter über die wiederholte und vermehrte Ausgabe seiner Gedichte mit der zierlichsten und prächtigsten Ausstattung sein kann. Jetzt, wo die Massen immer unpoetischer werden und das Auge immer begehrlicher, müssen wol die Verleger Gedichtsammlungen möglichst zum Luxusartikel machen, damit sie Käufer finden.
Zu jener Zeit noch ohne Leitung, ohne Auswahl beim Lesen, ohne Kenntniß von der Geschichte, ohne Umgang mit Denkern und Gelehrten, war ich, wie ich später bemerkt habe, ein ganz gewöhnliches Ding von einer Großstädterin. Meine gute Mutter hatte indeß noch nichts von ihrer hohen Meinung von mir eingebüßt, sie hielt mich für bestimmt, in der Welt ein große Rolle zu spielen, wie sie sich ausdrückte und mir sagte. Ich hatte keinen Begriff davon, was sie meinte, noch von der Art, wie Gott diese Weissagung erfüllen könnte. Treuherzigerweise glaubte ich, es sei an dem[138]  genug, was ich war, um ihre Weissagung zu erfüllen. Meine Mutter hatte sich das zum Grundsatz gemacht, an meinen Liedern nichts zu verändern, und mich nicht einmal auf die Fehler aufmerksam zu machen, ich sollte von selbst auf diese kommen. Meine Lieder schossen auf wie die Nesseln, aber nicht ganz so correct in der Form, wie alles zu sein pflegt, was Mutter Natur gebildet. Der kleine Kreis von geistbegabten Freunden und Freundinnen um mich her übte liebreiche Nachsicht gegen meine ersten Versuche, sie hofften nur im Stillen auf kunstgerechte Entwickelung meiner Anlage. Durch ihre Liebe zu mir sahen sie schon Blume und Frucht, wo nur noch Keim und Knospe standen. Wie betroffen war ich daher, als ein lieber vernünftiger Mann sich erbot, er wolle mich Deutsch lehren. Zum Glück war ich gefügig, und lernte fleißig in den Unterrichtsstunden, die er mir gab. Der Regierungssecretär Walter war gebildet, gemüthlich und verständig, ohne eigene und poetische Anlagen hatte er Gefühl für Poesie, und Beurtheilungskraft ohne eigentliches Urtheil. Als glücklicher Gatte und Vater und fähiger Staatsdiener stand er in angenehmen Lebensverhältnissen, war heiter, und so wohlwollend als er wohlgelitten war.
Wäre ich beim Lesen von Meisterwerken wahrhaft aufmerksam gewesen, so hätte ich keiner Belehrung über die Sprache bedurft; aber ich war einmal eine lyrische Natur, will auf gut deutsch sagen träge, leicht, verwöhnt, im unbewußten aber festen Glauben, daß mir die Früchte mundrecht in den Mund fallen sollten, und die so wenig von Sorge wußte wie das Kind an der Mutter Brust. Frau von Genlis hatte mir versichert, ich würde ihre Tochter sein; da hielt ich mich für geborgen. Sie hatte es wol auch ebenso gemeint, denn[139]  ihr Wesen war eine wunderbare Mischung von Grausamkeit und Milde, je nachdem ihre Leidenschaften aufgeregt waren. Sie selbst sagte mir von sich: »Ich habe große Fehler, diese werden aufgewogen durch große Eigenschaften; um mich zu lieben, muß man streben mich zu verstehen. Dies ist nicht leicht – aber es lohnt sich!« Sie machte mir diese Eröffnung nicht früher, als bis ich schon bei ihr in Frankreich war. Sie mochte geahnt haben, daß sie mich dadurch zurückschrecken würde, weil ich sie in Deutschland noch weniger verstanden haben würde wie einige Jahre später in Frankreich.
Noch war ich nicht sechzehn Jahre alt, als ich Jean Paul's »Hesperus« bekam. Er fiel wie brennende Sonnenstrahlen auf Früchte, die nicht von schützendem Laub umgeben sind; einzelne Stellen werden rasch gezeitigt, aber nicht gedeihlich, und nicht durchgängig ist diese Reife. Soviel nur mag hier berührt werden, daß ich nun meinte, ich müsse an Jean Paul schreiben und mit seinen Worten anfangen: »O du guter, guter Geist, ich kann dich nun nicht mehr verlassen, du mußt, du wirst mein schwaches Herz annehmen!« In Du wurde der Brief fortgesetzt wie ein Gebet, aber die Anbetung wollte auch strahlen. Es war mir so was von denken und schließen beigebracht worden, ich glaubte schon die Welt zu kennen, ich hatte die Karschin zur Großmutter. Dies alles und mehr mußte in den Brief. Baron Ahlefeld munterte mich dazu auf.
Ich schrieb wie alle jungen Wesen, die zu einem großen Mann hinaufblicken und sich einbilden, sie müßten ihn recht belehren, und alles, was sie ihm sagen könnten, wäre ihm neu. Als mein Brief fertig war und ich ihn der Mutter vorlas, merkten wir beide, daß viel zu viel darin stand. Ich kürzte ihn, er war uns[140]  wieder nicht recht; er wurde noch ein paar mal geschrieben und immer kürzer; aber der Anfang war vortrefflich, denn er stand wörtlich in Jean Paul's »Hesperus«.
Ahlefeld nahm den Brief mit. Ich äußerte ihm Bedenklichkeiten darüber. Er tröstete mich: »Jean Paul kommt nächstes Jahr nach Berlin, da wird sich alles finden.« Jean Paul antwortete nicht; doch er schrieb seinem Freund Ahlefeld, er solle ihn zu mir führen, wenn er nach Berlin käme. Wie beseligt war ich, hatte ich doch noch keinen wahrhaft großen Mann gesehen. Die Hoffnung, Jean Paul in Person kennen zu lernen, lächelte mir zu wie ein Stern am Himmel, drang wie ein Ton aus höhern Sphären durch alle Mislaute des Lebens. Mir war zu Muthe als könne mich kein Unglück mehr treffen, als breite mein Schutzgeist seine lichten Schwingen über mein ganzes Dasein hinaus. Land! jubelte meine Seele; denn ob vieles mir gebrach, war mir doch auch viel gegeben worden, und Ueberreichthum der Phantasie und Empfindung glänzte und quoll neben fast trostloser Dürftigkeit der Kenntnisse und fühlbarem Mangel an harmonischer Ausbildung. Vieles des Wesentlichsten, besonders für die Erscheinung, war übersehen, vieles des geistig und gemüthlich Knospenden gestört worden. Der Anlage zur Poesie allein und der angeborenen Herzensgüte waren Strahlen mütterlicher Sorgfalt und Liebe, wenngleich nicht anhaltend, doch im fortschreitenden Ebenmaß zugewendet worden, sodaß sich einseitiges Aufblühen zwar in voller Freiheit, allein in verkehrter Richtung entwickelte. So wächst ein Baum mitten in einem Garten, vereinsamt auf einem Hügel, keine Stütze zur Seite, keine Gartenschere hemmt üppiges Gedeihen, und Sonne, Luft, Stürme und Regenschauer geben ihm in ungehinderter Wirkung Wachsthum, Blüte, Richtung und[141]  Gestalt. Um und um stehen die wohlgeordneten Reihen der Blumenstauden und Bäume, ein Schmuck wohlgefälliger Gestaltung, Auge und Sinn erfreuend und jeden Blütenbüschel aus pyramidalischem Wipfel wie einen Strauß zur Zierde tragend. Nachtigall und Amsel suchen den einsamen Baum auf luftiger Höhe und lieben seine Schatten, doch er wird ausgehoben, in die Reihen der Gartenbäume eingepflanzt, und dort kann er nicht gefallen, nicht gedeihen. Warum sieht er nicht aus wie die andern? Die Welt ist einmal so – wer kann ihr's verdenken?
Der Tag erschien, wo ich Jean Paul sehen sollte. Er kam unbegleitet. Unsere Berg kam auch. Der Garten stand voll Rosen, der Morgen war heiter. Wir alle waren beseligt. Jean Paul's Erscheinung hatte nichts Auffallendes; seine einfache Kleidung paßte zu seinem Gesicht und Wesen. Auf seiner Stirn thronte Licht, auf seinen Lippen Anmuth und Milde. Seine hellblauen Angen leuchteten in sanfter Glut. Seine Bewegungen waren im Einklang mit seiner Einfachheit und seinem natürlichen Anstand. Vielleicht würde seine Erscheinung einem Unkundigen nichts von seinem Genius verrathen haben. Ernst, Anstand, viel natürliche Anmuth blickten daraus hervor; durch ihre Anspruchslosigkeit selbst war sie gewinnend. Ich kann mich keiner Einzelheit jenes Morgens erinnern, ich war zu freudeberauscht, um irgendein Wort in das Gedächtniß zu fassen. Jean Paul verhieß bald wiederzukommen. Ich schickte ihm in einigen Tagen das Heft meiner Gedichte. Er schrieb mir darauf folgende Worte:
»Rose, Lilie, Nelke, Vergißmeinnicht! Ich komme zwar, aber um eine Fünfviertelstunde später, da ich die Freude habe, bei Ihnen eine Stunde länger zu sein, weil[142]  ich nicht ins Schauspiel gehe. Man muß die Freude verkürzen, um sie zu verdoppeln. Ich bin eigentlich schon bei Ihnen, aber auf dem Parnaß – unter Ihren Versen.
Richter.«

Eines Abends trat Jean Paul unvermuthet bei uns mit freudestrahlendem Gesicht ein. »Ich komme von der Königin!« rief er aus, »wir sind lange im Garten umhergegangen.« Ich sah ihn an, gleichsam um seine Beseligung einzusaugen. Himmel! dachte ich mir, wie glücklich ist ein großer Dichter, er kann mit Königinnen lustwandeln. O, dahin wird es mit mir niemals kommen! Man sieht, meine Eitelkeit war zusammengeschrumpft.
Jean Paul war in dem Augenblicke, wo er seine Bewunderung der Königin äußerte, sehr liebenswürdig, und seine Empfindungen hatten etwas Erhebendes für uns. Ich hatte die Königin Luise an ihrem Geburtstage mit einem Blumenstrauß und einigen französischen Zeilen begrüßt, die ich für Verse hielt. Mit der zarten Huld, die ihr eigen war, empfing sie mich, hauchte mir einen Kuß auf die Stirn und sagte mir einige Worte, die auf den Wellen meines Entzückens dahinrauschten. Wie Mendelssohn Lieder ohne Worte dichtete, so sang diese himmlische Stimme Worte ohne Lied. Wehmüthig beklemmt es, zu denken, daß die Mehrzahl der Menschheit sein könnte, was eine Luise, ein Gerhard von R–N und einige andere Erkorene, hier der Welt und dem Throne dort, ihrem stillen Kreise sind. Doch sagt uns die Hoffnung, es werde noch der Morgen tagen, wo eine bessere Nachkommenschaft sich der Tugend und dem Guten widmen wird, und daß Ideale eine Wahrheit seien. Noch aber regieren Wahn und Irrthum die Welt, und dem[143]  Golde allein wird gehuldigt. Recht wie zum Hohn des Elends erschließt allerorten die Hölle die Schätze des Erdenschoses, nach welchen die Begier schmachtend langt, wie Tantalus am Quell, nach welchen die Armuth stöhnend seufzt und hungernd ringt. Bald wird man nur Millionen auf der einen Seite, Verschmachtende auf der andern und nichts mehr in der Mitte liegen sehen. Damals flößten weder Zeit noch Menschen so trübe Vorhersagungen ein, die Welt war genügsam, Genuß und Freude waren noch wohlfeil und leicht zu erlangen; jetzt werden sie erjagt, und nichts als sie hat Werth für die Massen. Das Ueberbieten und Steigern aller Genüsse steigert auch die Forderungen der Gemüther. Ein großer Theil der männlichen Jugend gleicht wandelnden Leichen, vor der Zeit der Reife tritt die Erschöpfung ein. Derselbe Dünkel, der Gott vom Throne stoßen möchte und sich selbst für göttlich hält, weil er das Göttliche leugnet, schämt sich tugendhaft zu sein, verspottet jede edle Regung in andern und drückt die eigene nieder. Wie selten wird dem Beobachter die Freude, rein menschliche Menschen zu sehen. O, es war einst anders, und unter den Bessern war Jean Paul einer der Besten. That und Lehre waren bei ihm unzertrennlich. Sein innerer Mensch war von vollendeter Schönheit; diese hatte er erstrebt, indem er nach Wahrheit rang.
Meine Mutter konnte mich für das Leben nicht ausbilden, für die Welt nicht erziehen; sie lebte in der Sphäre ihrer Träume, die Trümmer ihres Lebensglückes ragten daraus hervor: hier mit Moos bedeckt, dort mit Epheu und holden Blüten umwunden, dort verunstaltet durch Wust ängstlicher häuslicher Mühen. Maria und Martha waren noch in keiner weiblichen Natur so eng und unauflöslich verbunden, so herbe zugleich geschieden.[144]  Ein siamesisches Zwillingspaar, ein Sein in zwei Wesen, deren jedes ein eigenthümliches Ganzes. Vielleicht war es ein dunkles Gefühl des Nichtverstehens und Vernachlässigens ihrer eigensten höhern Bestimmung, was meine Mutter anregte, mich, eine entschiedene weiblich-häusliche Natur, bei Wahrnehmung meiner geistigen Anlagen zum Schreiben anzuspornen, statt mit weiser Berechnung mich dem angeborenen Triebe zum Praktischen folgen zu lassen und gründlich für das Häuslich-Weibliche zu erziehen, da sich hierbei jene geistigen Anlagen unfehlbar im stillen gedeihlichen Fortschreiten entwickelt hätten. Sie brachte mir Kenntnisse bei, allein sie versäumte alles, was dem häuslichen Treiben Schmuck und Zierde gibt und den weiblichen Fleiß durch anmuthige Zwecke spornt und erheitert. Auch vereinsamte sie sich und mich so sehr, daß ich nie Gelegenheit fand, glückliches, geordnetes, an lieblicher Thätigkeit und sinnigen Genüssen reichhaltiges Familienleben gründlich zu beschauen und verständig zu würdigen. Da ich nicht ahnte, wo es fehlte, und jeglicher Freiheit genoß, oft ins Feld und in die Tannenheide kam, und nach und nach alle Bücher, die ich sah, an mich reißen durfte, dabei meine Mutter inniglich liebte, hatte ich viel glückliche Stunden, und alles wurde für meine Seele Poesie. Daraus hätte trotz allen Misgriffen das Schönste werden können, wäre ich nicht verheirathet und mit den verkehrtesten Ansichten und Begriffen in Kreise geschleudert worden, die mir nichts verleihen konnten, wo ich viel einbüßen mußte, und aus deren Leerheit und Dürre sich das lechzende Herz in eine Traumwelt flüchtete, die auch durch schlimme Truggestalten bevölkert war.
Das einfache Wesen und den Umgang Jean Paul's mochte ich dem ununterbrochenen milden Rauschen hoher[145]  Waldeswipfel, das in sich selbst Musik ist, vergleichen, indeß je und je ein schmetternder Nachtigallenwirbel durch die grünen Wölbungen wogt, und mit einem mal alle Symphonien, die je die Waldung durchtönten, im Widerhall ringsum erwachen und die Seele in ihren Wirbeln mit sich fortreißen. Er war nur im holden Selbstvergessen seiner Wunderpracht für das Wesen da, von dem er sich verstanden fühlte, und wie der Kolibri suchte er, wo er auf Blüten verweilte, nur den himmlischen Thau, den ihr Kelch bewahrt.
Die Königin Luise und Friederikens, ihrer Schwester, große Seelenvertraute, Karoline von Berg, machten auf Jean Paul den Eindruck, den eine solche Erscheinung – von der Petrarca gesungen hätte:

Chi vuol veder quantunque puo' natura
E 'l ciel tra noi vanga et mirar Costei –

auf ihn, dem himmlischer Seelenduft das Innere durchströmte, machen mußte. Meine Mutter nannte sie nur die Himmlische, und um so wärmer, als sie von ihr verstanden wurde. Karoline von Berg mochte damals etliche dreißig Jahre alt sein; sie war mir in zartester Kindheit wie ein Feengebilde erschienen, ich hatte die kleine schlanke, rosig- und weißblühende Gestalt im zierlichen Amazonenkleide, den Federhut auf den goldenen Ringellocken über den blitzenden Azuraugen, wie Gewölk über klarem Sonnenhimmel, immer nur im Fluge auf lichtbraunem schöngeschirrten Pferde vorüberschweben sehen, mit durchdringendem Blickesstrahl, schön, ernst, gebietend und mild. Zur Großmutter kam sie wenig, ich war dann nicht zu Hause; dafür mußte die Karschin oft bei ihr sein, denn sie liebte ihr Geistesfeuer, ihre Kunstlosigkeit, ihr Gemüth und ihre Lieder. Meiner Mutter[146]  wurde sie innig gewogen und besuchte sie oft. Ihr liebstes Gespräch war die Königin Luise, die mit ihrer eigenen Luise, mit dem Erbprinzen Georg und mit Friederike die heiligsten Liebesgefühle in ihr wach und flammend erhielt.
Sie war die sinnreiche Spenderin der meisten königlichen Wohlthaten. Keine Hütte war ihr zu entlegen, kein Sterbelager zu schaurig, kein Elend zu abschreckend – sie suchte es auf, sie brachte Trost und Erquickung. Ihr war bei dem wärmsten, reichsten Herzen kein anderes Glück in das Leben übergegangen, als das der Mutterzärtlichkeit und Freundschaftstreue und der Linderung fremder Leiden. Ihren Geist hatte sie mit gründlichen Kenntnissen, Phantasie und Gemüth mit den süßesten Blüten geschmückt. Sie las die Dichter aller Lande, sie Kannte das Schöne in allen seinen Reichen. Auf jeder heiligen Stätte, wo der Genius thronte, loderten ihrer Andacht heitere Opferflammen. Frühe Leiden hatten sie zum Manne gestählt. Von der Weiblichkeit behielt sie nur den Anstand, die Milde und die Tugend, männlicher Ernst und Gleichmuth war der Grundton ihres Wesens. Mit solchem Seelenadel mußte Ahnenstolz unvereinbar sein und bleiben. Darum ist alles Echte vornehm, und selbst auf Thronen das Gemeine gering.
Jean Paul und sein Freund verlebten die herrlichsten Morgen mit ihr, mit Auguste von Haake, Minna von Knebel, deren bescheidene Anmuth und gehaltvolle Sinnigkeit wie ein Frühlingshauch labte und erfreute, und auch mit uns, mit meiner freudefunkelnden Mütter, die ihren Ursprung aus gallischem Blut (mein Großvater war ein Abkömmling der Hugenotten, die in Preußen Zuflucht gefunden) nicht verleugnen konnte.[147] 
Wie groß und mild Jean Paul war, wo er Liebe fand, dies wissen alle, die ihn kannten; uns aber wurde es auf eigene Weise kund. Es gab in seinem Kreise ein weibliches Wesen, zu zart und glühend für ihr lastendes Misgeschick, und schon an der Neige ihrer freudenlosen Tage. Sie hatte einmal nur im Leben geliebt. Durch den Anschein einer Treulosigkeit getäuscht, hatte sich der Erwählte schweigend von der Unglücklichen abgewendet. Er blieb unvermählt. Sie konnte Herz und Gedanken von ihm nicht trennen, konnte sich nicht trösten, daß sie seine Liebe verscherzt.
Wilhelm B. war von seltenem gediegenen Gehalt, von umfassender Bildung. Seine verlassene Geliebte fand ihren einzigen Trost darin, in einsamen Stunden sein Andenken zu feiern, sie gab ihm ihre Thränen. Sterne, einzelne Laute, ja die Blumen der Wiese, darin Thautropfen bebten, und das Rauschen der Waldung, Sonnenlichter, die auf grünem Rasen spielten oder im Flutenspiegel hüpften, waren ihr Grüße von Wilhelm, Boten seines sehnenden Angedenkens, und jeder unerklärbare Klang, den ein Zufall erweckt, war für sie eine geistige Annäherung. Bei dem Gedanken einer wahrhaften Trennung wäre das Herz ihr gebrochen. Die Gewalt ihrer Empfindung schuf um sie her eine Welt, in der sie das Dasein ertrug.
Wie wenige werden den Sinn dieses Wahnsinns fassen! Jean Paul faßte ihn, als jene Leidende ihm sagte (es war in meiner Gegenwart): »Sie sind es nicht, der diese Werke geschrieben hat, es ist mein Freund! Ich habe mehrere unserer Gespräche im ›Hesperus‹ in den ›Palingenesien‹ wiedergefunden, ich habe in den ›Blumen-, Frucht- und Dornenstücken‹ die geheimen Beziehungen erkannt. O seien Sie so gut, gestehen Sie es mir, Sie sind [148]  sein Bote! Sie sollen mir Trost bringen, mich vorbereiten auf seine Wiederkehr. Sie sind Leibgeber! es ist sonnenklar. Aber sagen Sie mir es auch nun, denn ich weiß es ja!«
Mit feuchten Augen und einer Milde, die wie Frühlingslüfte-Lispeln auf Blütenzweigen weich und innig klang, sagte Jean Paul, der, während sie sprach, seinen Sternenblick auf der Leidenden ruhen ließ und ein schmerzliches Lächeln, das um seine Lippen spielte, in ein freundliches liebendes umschuf: »Nein, Liebe, ich bin Richter, und habe meine Werke selbst geschrieben; wenn Sie dort ihren Freund wiedergefunden, so halten Sie ihn dort fest! Er lebt Ihnen dort!« Und so oft sie auf ihre Einbildung, die ihr bis in den Tod blieb, zurückkam, blieb der Herrliche mild, und suchte im Hort seines Innern Trost für die Freundin.
Gern feierte Jean Paul im Kreise seiner Lieben das Andenken der Entfernten. Oft sprach er von ihr, diesem ersten Sternbild, mit dem sein Jugendhimmel ihn angestrahlt, von der Freundin, deren Erinnerungen diesen Blättern vorausgehen. Er liebte sie mit frommer Brudertreue. Eine solche Erscheinung, deren Licht zuerst ein Jünglingsherz zu zarter Huldigung erschließt, rettet ihr ganzes Geschlecht in seiner Phantasie, in seinem Glauben an weibliche Würde und Tugend, und veredelt sein schöneres Selbst für alle Zukunft.
Er sprach zuweilen von der Verfasserin der »Caladonia«, Emilie von Berlepsch, nachherige Harmes, die auch zu den frühesten schönen Erscheinungen seines Lebens gehört. »Agnes von Lilien« empfahl er mir zu lesen als den »meisterhaftesten Roman, den je eine Frau geschrieben«. Es war im Jahre 1800. Von der Verfasserin sagte er nichts; vielleicht, weil er überhaupt ungern von Weimar[149]  sprach. Damals hatte ihn die öffentliche Meinung noch nicht den Grundpfeilern und Kolossen deutschen Ruhmes beigesellt: Goethe, Schiller, Herder, Jean Paul verschmolzen im deutschen Gemüth noch nicht in Einen Gedanken. In den »Xenien« standen zwei Zeilen, »Jean Paul« überschrieben, und gerichtet: An ....

Meinst du, er werde größer, weil du die Schultern ihm leihest?
Er bleibt klein wie zuvor, du trägst den Höcker davon.

Nun, es steht noch mehr im »Musenalmanach«, herausgegeben von Schiller (1799), z.B.: »Die Spree«.

Sprache gab mir mein Ramler, und Stoff mein Friedrich, da nahm ich
Meinen Mund etwas voll, aber ich schweige seitdem!

Die Spree schwieg nicht lange mehr. Selbst in seinen Leiden fand Preußen neue Größe, und bald überflügelte es sich selbst und jeden frühern Ruhm. Wer aber hätte Jean Paul »klein« genannt? O still! Erde deckt sie nun alle. Steine tragen die Bildung der sterblichen Hülle unserer Riesengeister, und droben schweben sie liebend vereint und lächeln auf die kleine kleinliche Erde herab. Ich sprach eines Tags mit Entzücken von »Don Carlos« und von den »Idealen«. Jean Paul überraschte mich durch den Ausspruch: »Schiller ist kalt! Sie fühlen das jetzt nicht, Sie werden es noch fühlen! Schiller ist Eis, er ist ein Gletscher, nie Sonnenstrahl mit göttlichem Farbenspiel, warmen Purpurtönen; eilen Sie hin, Sie finden weder Glut noch Leben, Todesodem schleudert sie weg.«
War dies eine Wirkung der »Xenien«?[150] 
Von Goethe sprach Jean Paul nie, damals auch nicht von Herder, den er späterhin so liebevoll würdigte. Die anmuthig liebreiche Wendung im Hinblick auf mich, die er nahm, um von Amalie von Imhof zu sprechen, bleibe hier unerwähnt, ich weiß auch nicht recht seine eigenen Worte mehr. Er fuhr dann fort: »Sie werden bald eine schöne Dichtung lesen: ›Die Schwestern von Lesbos‹, im antiken Silbenmaß und im antiken Geist, doch kalt vor lauter Vollendung.« Aber sie ließ uns nicht kalt, als sie die Dichterin las. Alles was Weimar von geistigen Größen in sich faßt, war um sie her versammelt; Amalie von Imhof war noch sehr jung, wol noch nicht zwanzig. Sie trat in den Dichterkreis im weißen griechischen Kleide, mit goldenen Spangen, ihr braunes wunderreiches Haar geflochten, gescheitelt, griechisch gewunden, ihre großen blauen Angen strahlend vor innerer Bewegung, die Wangen glühend, der Busen flog und wallte; welch ein Marmor war lebendig geworden? Sie hatte ein Gesicht so classisch wie ihre Dichtung. Man sah die schöne Hofdame sonst ruhig abgemessen; heute erschien uns die Sängerin wie die griechische Muse selbst, mit süßen Klängen die Dichtung vortragend, jedes Wort Musik. Es war uns allen eine Erscheinung, ein Wundertraum, der Olymp war offen, und seine anmuthstrahlendste Göttin lebte!
Von den Erinnerungen, die Jean Paul im Kreise der Freundschaft wie flatternde Bilder zu begrüßen kamen und sich hineinwoben, damit seinem Glücke nichts fehle, war Frau von Krüdener diejenige, von der er am liebsten sprach. Er sehnte sich tief und innig sie wiederzufinden, und ersehnte für mich das Glück ihr zu begegnen. Frau von Krüdener war die erste sichtliche Offenbarung dessen, was Rafael Santi vorschwebte. Jean Paul hatte sie in ihrem[151]  Frühling gekannt. Manche irdische Hülle scheint verdichtetes Licht; so diese! Sie war keine Schönheit, aber schön! Ihre ätherisch schlanke wunderliebliche Gestalt voll Musik der Bewegungen, symmetrisch wie ein Kunstwerk von griechischen Meisters Hand, ihr lockiges Haar, jede Locke eine Seele, des Hauptes feines Oval, die blühenden Farben des Angesichts, die freundliche Bildung jedes Zuges, der Geist auf der lichten Stirn, die liebestrahlenden himmelblauen Augen, der süße Mund, der Purpurthron zarter inniger Güte, dem kein unschönes Wort je entflogen, der nur Trost und Liebe gab, und der volle Einklang der ganzen Erscheinung machten sie schön. Ihr Tanz war nur die freudige Entfaltung des innern Aufblühens, das im gewöhnlichen Leben ruhig in der Knospe blieb. Er war nur der Strahl der Offenbarung innerer Begeisterungsfülle, und so war die Krüdener Madonna, Mater dolorosa, oder was immer sonst Holdseliges, Großes, Inniges in Schmerz und Liebe verklärt hienieden geblüht, jedes Bild ein neues vollendetes Meisterwerk. Als Jean Paul sie gekannt, war sie noch nicht in Paris gewesen und viel natürlicher und herziger als seitdem. Ihre Poesie war noch nicht auf Papier gekommen, sie trug sie noch, wie die Muschel die Perle, im Innern.
Es ist bei Frauen ganz etwas Eigenes um den geheimnißvollen Reiz dessen, was sie blos ahnen lassen, was unbewußt wie der Duft der Blume aus ihrem Innern hervorströmt, absichtslos sich enthüllt.
Der liebste Aufenthaltsort Jean Paul's war stets im Freien, er dichtete gern im belebenden Strom der frischen Luft unter wehenden Wipfeln. Wir fuhren oft hinaus. Der Thiergarten hat doch durch Gras und Bäume so etwas von einem Wald, und der Spiegel der stillen Spree strahlt freundlich aus dem Wiesengrün. Jean Paul[152]  sagte einmal: »Ja, Berlin ist eine Sandwüste; aber wo sonst findet man Oasen?« Er liebte Berlin, vielleicht besonders dadurch, weil er dort Liebe fand. Auf eine unserer Einladungen schrieb er mir: »Ich werde kommen, aber erst um acht, da ich vorher noch mit Ahlefeld zu Madame Bethmann gehe; eine kurze Freude ist oft eine große. Noch immer mache ich keine andern Reiseanstalten, als von einem Haus in das andere; Adio cara!« Nur einen dieser Zettel habe ich freiwillig verschenkt; es gab viele, die meisten sind mir abgeschmeichelt worden, einige verloren gegangen. Auf einem stand: »Warum müssen selbst unsere Himmelsträume Lichter und Farben bei der Erde borgen? Warum müssen die Engel eine Leiter haben, um zu Jakob herniederzusteigen?«
Ich könnte sie nicht mehr aufzählen, die Reihe der schönen Tage, die Jean Paul's Freundlichkeit uns gewährte. Mir blieb seine Gegenwart das Beseligendste, was ich je empfunden. Für meine Mutter und mich, die damals unsaglich litten, lag schon Trost in seinem theilnahmvollen Blick, in seinem Bezeigen. Worte standen, wenn er tief erschüttert war, seiner Empfindung zu fern. Aber seine bloße Nähe war Labung. In gesellschaftlichen Kreisen war er still, fast wie eine Aeolsharfe, die schweigend ruht, bis der Lufthauch sie berührt; dann wogen die Melodien aus ihrem Busen hervor, und enthüllen nie geahnte Wunder. Ein Wort, Ein Blick konnte den innern Reichthum weckend hervorrufen; doch immer blieb er mild, selbst in der höchsten Kraft. Am anmuthigsten und heitersten war er morgens im Freien.
Am 28. October 1800, wo endlich meine Trennung vom Gericht bestätigt wurde, nachdem ich sie sechs Monate vorher vergebens nachgesucht, schrieb mir Jean Paul: »Liebe Freundin! Gerade jetzt um 4 Uhr[153]  wo das Räderwerk Ihres Schicksals auseinander gelegt« u.s.w.
Der trübe Ernst dieses Briefchens lagerte sich wie eine Wolke vor meinem Blick in die Zukunft – doch die Jugend richtet sich bald wieder aus der Muthlosigkeit empor. Und es lagen nur etliche leere Tage zwischen dem versprochenen Sonnabend bei Knebels. Der Abend war schön! Jean Paul sprach von seinen weiblichen Schöpfungsbildern. Zuerst von Klotilden. Er sagte unter anderm: »Die Frauen, die ich geschildert, sind alle treu nach der Natur. Ich habe sie nicht als Ideale aufstellen wollen, sie erschienen mir in den Beziehungen, in welchen ich sie aufgefaßt, so wie ich sie darstellte; die übrigen Seiten ihrer Gestalt sind unberührt geblieben. Meine Klotilde ist das treue Abbild meiner ersten edeln Jugendfreundin, ich war noch nichts für die Außenwelt, als sie mir erschien; sie rief mein Innerstes zur Gestaltung hervor. Klotildens Mängel sind mir gar nicht sichtbar geworden, ich denke sie mir ganz vollendet, in allem klar, gediegen, tief, fest und großartig wie sie im ›Hesperus‹ steht. Wir alle sehen von den Welten dort oben die Strahlen und nicht den Kern.
In der Lenette wollte ich Realist sein, um zu zeigen, daß ich die Frauen nicht durch ein Prisma sehe, und daß das Weibische in meinen Augen keine Weiblichkeit ist!« –
»In Ihnen erkenne ich meine Liane wieder«, sagte er mir, »es ist als hätte ich Sie errathen, ich habe mir diese blos gedacht, wenn ich auch einzelne Züge zu ihrem Bilde besaß. Lesen Sie meinen ›Titan‹, Sie werden sich darin wiederfinden!«
Das war Trost für die wehmuthsvolle Farbe des Briefs vom 28. October! Meine Mutter sprach an jenem[154]  Abend wieder von ihrem schönsten Schmerz, von Maria Antoinette, und von Madame Elisabeth, dem Dauphin und Charlotte Theresia, die vor seit kaum zwei Jahren ihrer Familie zurückgegeben worden. Sie hatte schon 1794 an Zschokke geschrieben, weil sie ihm für sein »Pantheon« eine Schilderung der schönen unglücklichen Königin senden wollte. Im »Pantheon« standen Scenen aus Zschokke's Trauerspiel: »Charlotte Corday«, eine Apotheose der damaligen Helden der Tage, die der Dichter im höchsten Glanz republikanischer Tugend verklärt sich gedacht. War er doch jung, und erscheint doch edler Jugend mancher Wahn als ein Engel des Lichts.
Zschokke's Antwort auf meiner Mutter begeisterten Brief fiel wie Hagelschlag auf dies schöne Aufblühen, und die Schilderung unterblieb. Die erste Lebendigkeit jener Eindrücke, die Kraft der Darstellung war nun erloschen.
»Sollten Sie noch Stimmung für solche Schilderung finden«, sagte Jean Paul, »so müssen Sie sie mir schicken. Ich sende Ihnen einige Bruchstücke, die ich mir aus Blättern jener Tage ausschreiben ließ, vergiftete Pfeile aus dem Köcher der Hölle!« Hier ist eins dieser Blätter: »Auf die nichtssagende Anrede der Deputation von der Municipalität, als Ludwig XVI. nach Paris hingezwungen worden (Anfang October 1789)« antwortete die Königin:
»Mit Vergnügen nehme ich die Huldigungen der Stadt Paris entgegen, dem Könige werde ich stets freudig hinfolgen, wohin er geht, und vor allem hierher.« Wenn nun (so fährt derjenige fort, der diesen Bericht in einem französischen Blatte abstattet) irgendein Bürger, glühend von Vaterlandsliebe und fähig sich zum Standpunkt der Dinge in jener Stunde zu erheben, berufen gewesen[155]  wäre, die Königin anzureden, so hätte er Folgendes gesagt:
»Indem Sie unsern König in diese Stadt begleitet, die nur eben mit Brand und Hungersnoth kämpfte, haben Sie, Madame, begonnen, die Gerüchte zu widerlegen, die alle guten Franzosen betrübten und ein Echo durch ganz Europa gefunden. Feindlich Gesinnte, die Ihnen Ergebenheit heucheln, stellen Sie als die Stütze der Faction dar, die den Staat zertrümmert. Ihnen, Madame, verhehlen, daß diese Gerüchte auf das Volk schrecklich gewirkt, hieße Verrath gegen Sie begehen! Sie müssen erfahren, daß nur die Furcht, Ihren Gemahl zu betrüben, Ihren Namen mitruft in den Segenswünschen, in den Freudentönen, die dem König gelten.
Wir wissen, wie Verleumdung jeden Rang, jede Tugend begeifert. Wir wissen nicht minder, was Schmeichelei und unbegrenzte Herrschsucht über Könige vermögen. Wir sehen ein, was im Herzen einer Gemahlin, einer Mutter vorgeht, die dem Gatten und dem Sohne Rechte erhalten sehen möchte, die sie für ihre wahrhaften Rechte hält. Wir wissen, wie fester Wille des Gelingens in einem menschlichen Gemüth wirkt, wenn es seines Strebens Ziel im Auge behält; aber es kommt uns nicht zu, Madame, Ihre Gesinnungen, Ihre Handlungen zu erforschen; Sie haben für diesen Moment keinen andern Richter als Gott und Ihren Gemahl, den König! Unsere Pflicht ist erfüllt, wenn wir Ihnen die Hoffnungen einer glücklichen Zukunft schildern, die bei Ihrer Ankunft und Ihrem Aufenthalt in Paris in uns erwachen.
Die Geschichte unsers Landes hat nur wenige Beispiele von Königinnen aufzuweisen, die des Volkes Glück sich zu Herzen genommen; vielmehr schildert sie viele, die[156]  sein wahres Unglück gewesen. Anna von Oesterreich verursachte einen Bürgerkrieg, indem sie einem Minister beisteht, den sie nicht achtete und dem sie gram war. Maria von Medicis, das Opfer des jammervollsten Ehrgeizes, der Frankreich in Unruhen gestürzt, stirbt in Köln im tiefsten Elend, unter der Last der Verachtung ihres Sohnes und der Königin Frankreichs. Wechselsweise bestürmten Sorgen und Gewissensängste jener andern Medicis Dasein, welche blos jene Partei, der sie diente, die sie zum Spielwerk brauchte, indeß sie sich als die Seele und Herrscherin wähnte, als ein geniales Weib geschildert.
Isabeau von Baiern verrieth Frankreich, übergab es den Engländern gab es allen Greueln des Bürgerkriegs preis; ihr Geschick war entsetzlich wie ihr Verbrechen. Abbé Vely schreibt von ihr in seiner Geschichte von Frankreich: ›Sie wurde von ganz Frankreich verabscheut, alles mied, haßte, verließ sie; mit ihrer Schmach, ihren Schandthaten, ihren Gewissensbissen blieb sie allein; Beschimpfung und Jammer hefteten sich unauflöslich an jeden Augenblick ihres Daseins. Die ihr alles schuldeten, höhnten sie ohne Unterlaß. Sie waren so niederträchtig, ihr vorzuwerfen, Karl IX. sei nicht der Sohn ihres Gemahls. Nur ihre Thränen erleichterten ihre Pein, zur Strafe nur verlängerte die göttliche Vorsehung ihr Leben; zu schändlich, um vor Schmerz sterben zu können, schleppte sie in Armuth und Dunkelheit die letzten Jahre eines mühseligen entehrten Alters mitten in Frankreich hin, dessen Abgott sie gewesen; es fehlte ihr an allem, und keine Seele empfand Mitleid mit ihr!‹
Wir brauchen nicht tiefer in die Geschichte unserer Vorzeit einzugehen, nicht bis zu Fredegund und Brunhilden hin, deren Handlungen jede ein Verbrechen waren, und[157]  jeder Gedanke ein Unheil, um zu beweisen, daß eine ränkevolle Königin, die nicht ihr Glück in der Tugend sucht, die gräßlichste der Frauen und die unseligste der Königinnen war. Uns fehlt eine Königin, Madame, deren Leben im entschiedensten Gegensatz zu all diesen Scheusalen steht. Eine Königin, die, mit der Herzensausbildung ihrer Kinder, mit dem Glück ihres Gemahls beschäftigt, die Erleichterung der Volksbedrängnisse zu ihrer theuern Pflicht sich macht, die der verfolgten Unschuld, der verdienstvollen Nothleidenden entschiedene Beschützerin sei, die sich jeder andern Theilnahme an der Staatsverwaltung entschlage, und nur ein Ministerium der Wohlthätigkeit errichte, sodaß selbst ihr königlicher Gemahl die Dankbarkeit der Nation, und die Bewunderung aller Staaten nicht ganz ohne eifersüchtige Regung wahrnehmen könne. Dies ist's, Madame, was Sie uns gewähren können! Sie vereinigen in sich alles, was dazu gehört, die Natur hat Ihnen alles geschenkt. Sollte eine vorgefaßte Meinung, ein Groll gegen das beste der Völker (!) in Ihrer Seele walten, so sagen Sie sich davon los, Ihre Thaten geben Sie seinen Blicken, Ihr Herz seiner Liebe preis. Der Franzose ist die glücklichste aller Naturen, über eine einzige schöne That kann er hundert Ungerechtigkeiten verschmerzen, ein Lichtstrahl auf seine Vergehungen und er fühlt und bereut. (!) Er bedarf des Glückes, Sie so zu lieben, wie er seinen König liebt. Nur die Furcht hinweggestoßen zu werden, hemmt den Erguß dieser Empfindung. Indem Sie mit Vertrauen, mit einem Vertrauen, das nicht wird verrathen werden, unter uns erscheinen, haben Sie den Gemüthern schon Lust gemacht; vollenden Sie Ihr Werk, indem Sie Ihren Patriotismus so laut, so offenkundig üben, daß die Aristokratie sich in jeder Hoffnung getäuscht sieht,[158]  fürderhin Ihren Namen zum Schreckbild des Volks, zur Beschönigung ihrer frevelhaften Plane misbrauchen zu dürfen.«
Wir litten alle unsaglich, als wir dies Blatt durchlasen. Jean Paul sagte: »Selbst Unbefangene wurden in Paris durch die ersten Wahrnehmungen bei Ausbruch der Revolution getäuscht, und wir alle konnten noch eine lange Zeit hindurch aus der Ferne das Wahre von dem Falschen nicht unterscheiden.«
Noch einige klare schöne Novembertage verbrachten wir mit den Freundinnen und mit Jean Paul im Thiergarten, dann trat eine Pause ein, wo ich nicht so glücklich war, ihn zu sehen. Er schenkte uns jedoch einen Abend mit Ahlefeld; seine Braut kam nicht mit, sie schrieb mir, daß sie ein häusliches Geschäft zu revidiren habe, eine Wäsche. Von unsern Gästen erinnere ich mich der Freiherren Kress von Kressenstein, Haller von Harsdorf, der edeln Freundin von Heydebreck, geb. von Brand, der Fräulein von Knebel und Don Pedro's de Casa Valencia, eines geistvollen Spaniers, der späterhin als geborener Amerikaner sich nach seiner Heimat einschiffte, um ihre Rechte und Freiheiten zu vertheidigen, aber durch einen Schuß durchbohrt, noch ehe das erste Treffen begonnen, todt niedersank, den vaterländischen Boden mit feurigem Herzblut tränkend. Er konnte gut deutsch und liebte die Poesie. Jean Paul's Wesen erschien ihm sehr anziehend, und dieser fand Großartiges und Feuerdurchstrahltes in der schönen poetischen Natur. Der Abend war fröhlich. Fast alle deckt Erde, die mit uns dort vergnügt gewesen; mir ist's bei der Erinnerung, als läge nur eine Minute zwischen heute und jenen glücklichen Stunden!
Jean Paul nahm mehrfach Anlaß mich zum Dichten[159]  und zum Drucken einiger meiner damaligen Versuche aufzumuntern; auch den Romanentwürfen widmete er Aufmerksamkeit. Was die Poesie betrifft, so hatte ich endlich, nachdem ich manches Neuere mit Fleiß und Erstrebung die Form zu verstehen, durchlesen, einige Fertigkeit gewonnen. Nun ging ich nicht mehr völlig in der Irre, aber die mühsam errungene Form war noch unbelebt, der Inhalt ungewichtig, die frühere, nicht anmuthlose Unbefangenheit in der Fülle des jungen Werdens, im angeborenen Reichthum des Gemüths, war fort und durch nichts ersetzt. Ich fühlte, was mir abging, so tief und heiß, daß ich darüber vergaß, was ich hatte. Jean Paul aber hatte es nicht vergessen. Ich theilte ihm einen Abschnitt aus meinem Romanbuche mit; wie sehr dieser Nachsicht bei ihm fand, bezeugen die Worte, die er darunterschrieb; aber nun gab ich ihm auch die Fortsetzung in der spätern Eklektik der schon erwähnten Jean Paul-Lafontainisch-Genlissirenden und wer weiß was noch für Manier, und der hohe Meister gab diese Blätter schweigend zurück. O weh! kein Buchstabe mehr wurde dazu geschrieben; jener frühere Abschnitt, der ihm gefiel, war noch aus der frühesten guten Zeit gewesen. Ein Gedicht gefiel ihm, noch heute weiß ich nicht warum. Vielleicht weil er durch einige frühere, die ihm glücklich aufgefaßt schienen, voraus gewonnen war, und weil es in der Form kunstreich und ziemlich gefügig sich darstellte; hier ist der Anfang:


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Jetzt da Violen blühn auf duftenden Matten,
Komm, mein Geliebter, aufs Land!
Komm und wandle mit mir in traulichem Schatten,
Mir und dir nur bekannt!
Fluten rieseln im Hain, und glühende Rosen
Spiegeln ihr Antlitz im Bach u.s.w.[160] 
Jean Paul unterbrach mich: »Das ist ein schöner Gedanke, glühende Rosen kühlen ihr Antlitz im Bach!« So wurde in seinem Innern gleich brillantirt, was er empfing. Ich enttäuschte ihn nicht, ich war damals noch so arm und ließ mich schweigend mit der Paradiesvogelfeder schmücken, die nicht mein eigen! Ich habe mir das nie vergeben können und habe es ihm auch 1822 eingestanden. Gütiger und milder war nie eine Größe als er; Hingebung eines Kindes, und kindliches Hinnehmen dessen, was vom Herzen kam, hat kaum sonst wer auf Erden je in diesem Grade geübt. Er war dabei so hold und herzig, daß sich Gütigkeit, Milde und Nachsicht von Freude über uns nicht unterscheiden ließ; denn alles sah er von der schönsten Seite, trug auf alle Erscheinungen die Reinheit und Echtheit und die Fülle innern Reichthums über. So oft ich ihn sah, und wie oft war das damals, und 22 Jahre später kam nie ein unsanftes Wort gegen Abwesende über seine Lippen, er entheiligte nie den Witz, ließ ihn nie der Persönlichkeit fröhnen, fand im Quell der Gedankenfülle der Bilder und ewig schönen Anmuth der Gefühle Würze der geistigsten Art, die des Salzes nicht entbehrte. Auch hatte er eine eigenthümliche Weise, in Sinn und Wesen seiner Lieben einzugehen und ihr Herz zu erschließen, ohne je durch eine Frage zu verletzen. Karl Maria von Weber's Wort: »Man soll in der Musik nie fragen«, übte Jean Paul in der Freundschaft.
Niemand hat größer, vollkräftiger auf das deutsche Gemüth eingewirkt als Jean Paul, ohne jemals in das Getriebe der Weltthätigkeit einzugreifen, einzig durch das was er war. Das entquollene Wort, die Ausstrahlung des Genius aus innerm Drang wirkte durch die ihm innewohnende himmlische Kraft. Keiner hatte vor ihm[161]  Deutschland zum Selbstbewußtsein emporgerufen. Er kannte das, denn keinem waren wie ihm die Seelen offen und eigen. Er hatte sein Volk an sein Herz genommen, an ihm war die Generation aufgerankt und aufgeblüht, da mußte sie Frucht tragen, als ihre Sommersonne die Mittagshöhe erreichte. Er war der ethischreligiöse Erlöser des Romans, der einige Jahrzehnde vor ihm Fleisch geworden. Er kann nichts dafür, daß niemand nach ihm in seinem Geist und Sinn gewirkt; doch wird sich die Kunst in allen ihren Reichen schon wieder vergeistigen.
Was der Unverstand in seinen Dichtungen für Manier hält, war Eigenthümlichkeit. Er war kunstreich am Schreibtisch, kunstlos im Umgang, beides aus Echtheit und innerm Trieb, wie alles was er war.
Seine Erscheinung war Wesen, das aus freier Kraft zur Erscheinung hervorblühte. Niemand war einfacher von Grund aus vermöge seines Freiheitssinnes. Ueber alles ging ihm innere volle Wahrheit, Kunstlosigkeit. Der Schein konnte ihn vermöge seiner Gutmüthigkeit gewinnend täuschen, vorzüglich wo der Zauber der Jugend und blühenden Reize der Täuschung zu Hülfe kam.
Doch die Entlarvung entfremdete ihn bitter, und er blieb auf ewig abgewendet. Kinder waren und blieben ihm das Liebste und Lieblichste auf Erden, und nichts war reizender, als wenn er mit Kindern sprach. Innig mitfühlend wie mit einer Jesusseele, schöpfte er aus dem Born des Lebens die Bitterkeit unvertilgbarer Schmerzen, aber er war auch gleich mit dem Troste da. Alle seine Nachtstücke tragen am Rand ihres Horizontes den Schimmer des ewigen Morgens, und der Hesperusstrahl dringt durch alle ihre Wolken, durch alle Schatten ihres Urwaldes. Er führt in düstere Hütten des Jammers ein,[162]  doch er zeigt den Sonnenstrahl, der durch die kleine Fensteröffnung in die rauchgeschwärzten Räume fällt und die Wange küßt, die der Tod schon umdämmert. Er reißt Welten nur in Trümmer, um einen Himmel zu bauen. Sein Genius brachte vollsaftiges Blühen, hier und da wol ein welkes Blatt, aber gold- und purpurgefärbt in Himmelsblau flatternd, und nur durch den glühenden Strahl frühzeitig geröthet.
In frohen Stunden wie im Leid lag etwas unendlich wohlthuendes in der harmonischen Milde seines ganzen Wesens, seines Blicks, im Ernst seines stillen Lächelns. Nie hörten wir ihn lachen, aber sein Lächeln mit dem Augenstrahl war Frühling.
Jean Paul steht in seinen Dichtungen einsam auf seiner Höhe, er hatte keine Vorgänger, und wird keine Nachfolger haben; auch steht der Cyklus seiner Schöpfungen als abgeschlossenes Sonnensystem vollendet da. Seine Bestrebung, eine reine, unbewußte, blieb stets nur Eine, und war eben durch ihre Absichtslosigkeit groß und erhaben. Seine Vielseitigkeit der Richtungen, sein Adlerschwung zu den Sternen und sein liebevolles Verweilen bei den einfachsten Anschauungen des Menschenlebens findet sich außer bei Goethe und Jean Paul nur selten und kaum sonst wo in solcher Anmuth des Einklangs wieder. Die Zeit wird seinen Werken noch erst recht entgegenreifen und wird die meisten seiner sogenannten Absprünge als durch innere Nothwendigkeit bedingte und zum Ganzen gehörige anerkennen. In seinen ersten Werken sind mehr und grellere als in den spätern. Sein Geschmack war geläuterter geworden, sein innerer Reichthum quoll freier und sein krystallheller Lauf zeigte ebenso klar die Edelsteine und den Goldhort seiner Tiefe, wie früherhin die Kiesel und Moose, die den Anfang seines[163]  Ergusses bezeichnen, und die er sprudelnd im heitern Wellenspiel emportanzen ließ und zurückschleuderte.
Jean Paul versprach sich mit einer der Töchter des Tribunalraths Meyer, deren ältere Schwester, Minna, dem Hofrath Spazier ihre Hand gab. Ihre Mutter war eine Cesar. Minna war ein sehr hübsches und lebhaftes Mädchen, welche reiche Anlagen des Geistes in sich vereinigte und viel Gemüth hatte. Was in ihren ausdrucksvollen schwarzen Augen loderte, war nicht Himmelsglut, doch konnte man es eigentlich auch nicht sinnlich nennen. Ihre Schwester Karoline war ganz ihr Widerspiel. Sie sah so streng auf die Form in allen Lebensverhältnissen, wie Minna in dieser Hinsicht nachlässig war; sie übte großen Ernst und gefiel sich im Beifall der Welt, an welchen ihre Schwester gar nicht dachte. Karoline hat wenig geschrieben. Ihre Töchter sind Muster von schöner Weiblichkeit und mit Geist und Bildung begabt. Ich traf sie viele Jahre nach unserer ersten Bekanntschaft in München wieder. Ihre Mutter, die ich als reizende Braut gesehen, war nun eine angenehme Matrone. Nach oftmaligem freundlichen Wiedersehen in München misverstanden wir uns wegen meines Nekrologs von Dorothea von Schlegel, welcher Jean Paul's Witwe beigemessen wurde. Seit es Nekrologe gibt, ist dieser vielleicht der erste, der widerlegt worden ist. Der Mensch geht durch mehr innere Metamorphosen, als manche interessante Thiergattung durch äußere. Die süße Braut, die ich 1800 bewunderte, war mir eine bittere Tadlerin geworden; sie hatte nicht bedacht, daß ich nur aus Liebe gegen Dorothea Schlegel gefehlt haben konnte, wenn etwa mein Nekrolog fehlerhaft war, denn ich habe sie heiß beweint.
Im Spätherbst 1800, als nur der Mond unsere[164]  kleine Wohnung erhellte, trat Jean Paul in Begleitung seines Freundes Ahlefeld bei uns ein. Der Mond goß Lichtströme über eine hohe weibliche Gestalt, in welcher uns Jean Paul eine geliebte Freundin, Ahlefeld's Verlobte, eine Gräfin Henriette von Schlabrendorf, vorstellte. Diese entzückende Erscheinung übte den mächtigsten Zauber auf mich und die Mutter. Der Abend entfloh wie ein Traum und ließ einen unauslöschlichen Eindruck in uns zurück.
Diese Gräfin Schlabrendorf war Mutter zweier erwachsener Kinder und getrennte Gattin eines Gemahls, der ihr liebevoller Freund blieb, so unglücklich ihn auch diese Scheidung machte. Der Abstand der Jahre zwischen beiden war nicht unerheblich. Beide verstanden einander nicht, ohne daß sie doch einen Augenblick aufhörten, sich anzuerkennen. Nur wenige Jahre überlebte Graf Schlabrendorf den Verlust seiner Gemahlin. Er war sehr lebhaft, herzbedrückt und zerstreut. Man fand in Dresden seinen entseelten Körper in den Wellen. Ein heißes vereinsamtes Herz hatte Kühlung gesucht, die ihm die Erde nicht gewährte. Antheil seinem Andenken, Friede seinem Geist! Er war gut, empfand zart und tief und hat die Welt so wenig verstanden als sie ihn. Kann man den bitter tadeln, der nirgends eine Zuflucht für sein Herz findet, und wol von Jugend auf nicht dazu gewöhnt war, sie in Gott zu suchen?
Wir mußten oft bei unserer neuen Freundin sein, sie war voll Milde und Nachsicht gegen mich, die derselben sehr bedurfte. Jean Paul war sehr eifrig darauf bedacht, mich für die Poesie auszubilden; er munterte mich nur allzu nachsichtsvoll auf, erhob mich nur zu sehr in meinen eigenen Augen. Ich hatte durch Walter's Lehrstunden, durch Matthissons Gedichte das Formlose in meinen[165]  eigenen abzuwerfen gelernt; ich sehnte mich danach, ein Meisterstück hervorzubringen, nachdem ich einen Begriff von Silbenmaß er langt hatte. Das Meisterstück wurde fertig, aber es war hohl und saftlos; es klang gleichwol ganz artig, aber ich selbst war die erste, die seinen Unwerth bekannte. Walter verlangte es indeß für einen Almanach, den er herausgab. Jean Paul lobte es. Er hatte unrecht. Er hätte mir sagen sollen: »Helmina! In allem, was Sie bisjetzt gedichtet, ist auch kein Funke von Poesie! Das Wesen der Poesie kann kein Meister erklären, im Dichter selbst muß es tagen; ihr rechter Schlüssel ist ein schöner Schmerz, den konnten Sie auf ihrem Lebenswege noch nicht finden. Sie gewöhnen sich das Dichten ordentlich an, Sie sind betrogen und betrügen sich selbst!« Dies und Aehnliches hätte mir der Meister sagen sollen. Er that es nicht! Was er versäumt, hat das Geschick bei mir nachgeholt.
Der Tag, welcher mir Frau von Genlis entreißen sollte, erschien. Ich hatte sie vor ihrer Abreise ziemlich oft besucht und diese Zeit so wenig anzuwenden gewußt, als manchen andern günstigen Umstand meines Lebens; doch Frau von Genlis war nachsichtsvoll gegen mich. Es lag, und wahrscheinlich nicht zu meinem Glücke, bei allen meinen Fehlern und Albernheiten etwas Bestechendes in meiner Erscheinung und meinem Wesen. Wer mich sah, hielt mich für ein hübsches unkluges Kind, das in seiner eigenen Welt lebe und das auf seinem eigenen Wege wol zum Ziele kommen werde. Ich weiß nicht, wo die Menschen damals alle Nachsicht herbekommen haben; ich war leer und oberflächlich, hatte auch nicht einen richtigen Begriff vom Leben und den Verhältnissen, strebte nicht nach Wahrheit, nicht nach Einsicht, und ahnte nichts von der Gefahr, in welche mich ein solches[166]  Treiben stürzen würde. So unschuldig war noch keiner schuldig, so dumm noch keiner gescheidt!
Obgleich ich in Blindheit umhertappte, hatte ich eine dunkle Ahnung von dem, was mir gebrach. Den Aufenthalt bei Frau von Genlis hatte ich mir ganz anders vorgestellt, als er sich gestaltete. Meine Mutter, die herrliche Seele, brachte ihr Opfer heldenmüthig, ohne Schmerz zu zeigen. Auch sie begann zu empfinden, was mir fehle; auch sie glaubte, es würde mir in Frankreich zu Theil werden, was mir in Berlin entrissen blieb. Zudem waren wir beide mit leerer Hand aus dem Kampfe mit unserm Geschick gegangen. Meine Mutter besaß noch das Haus allein. Baron Hastfer hatte es hinterlistig mit einer neuen Hypothek beladen. Meine ohnmächtigen Versuche, es vortheilhaft zu verkaufen, mislangen sämmtlich. Die Reise nach Paris erforderte Geld. Frau von Genlis hatte in einem ihrer Briefe versichert, General Beurnonville würde mich kostenfrei nach Paris befördern. Es ergab sich, daß sie ihn falsch verstanden hatte. Meine arme gute Mutter trieb das Reisegeld von den Hausmiethern auf. Sie würde ganz ohne Geld zurückgeblieben sein, wenn nicht Frau von Berg für sie gesorgt hätte.
O, ich hätte in Berlin bleiben, mich redlich bemühen und bestreben sollen, mit meiner Hände Arbeit meine Mutter zu erhalten. Meine edeln Freundinnen, Frau von Heidebreck, geborene von Brand, Henrike und Minna von Knebel, Auguste von Hacke, die vortreffliche Frau von Berg und viele andere würden mir durch Rath und Vermittelung beigestanden haben. Doch niemand war da, der mir gesagt hätte, was ich mir selbst hätte sagen müssen. Und ich folgte der Lockung der Hölle und verließ die kränkelnde Mutter, das geliebte Jugendland,[167]  den schönen Kreis herrlicher Freundinnen, um einer fremden Frau nachzugehen, über welche die öffentliche Stimme bei weitem nicht einig war, und der es, wie sie später gestand, auch nicht einen Augenblick Ernst gewesen war, mich zu sich zu nehmen, besonders seit sie ihr Pflegekind, Kasimir Bäcker, einen Knaben voll Geist und Anlage, gefunden hatte.
Frau von Genlis fand sich bei ihrer Ankunft in Paris in ihren Erwartungen getäuscht: ihr Schwiegersohn wirkte nicht für sie, wie sie gehofft hatte. Frau von Montesson, morganatische Gemahlin des verstorbenen Vaters von Philipp Egalité, war kalt gegen sie, ein alter Haß lag dieser Kälte zum Grunde. Folgende Einschaltung wird dem Leser von Interesse sein: Es ist nicht ganz unbekannt geblieben, daß General Graf Valence in der zärtlichsten Freundschaftsverbindung mit Frau von Montesson stand. Eines Morgens, als er zu ihren Füßen lag, trat unvermuthet ihr morganatischer Gemahl, dem irgendeine Einflüsterung zu Ohren gekommen sein mußte, in ihr Zimmer. Schnell gefaßt rief Frau von Montesson dem Herzog entgegen: »Sehen Sie einmal den kindischen Valence an, da liegt er auf den Knien und will sterben, wenn ich ihm meine Nichte nicht gebe; aber das kann ja nicht sein!« Der überraschte Herzog runzelte die Stirn und rief aus: »Warum sollte das nicht sein können? Lassen Sie auf der Stelle die Gräfin Silléry holen, ihre Tochter soll sie begleiten, und hier in Ihrem Zimmer soll sofort die Verlobung sein!« Es geschah so, und eine unauflösliche Kette knüpfte zwei Wesen zusammen, die nicht geschaffen waren einander zu lieben. Das junge Paar nahm seine Wohnung bei der Frau von Montesson. »Der Rest ist Schweigen!« sagt Hamlet.
Frau von Genlis hatte erwartet, von der Regierung[168]  für die Güter entschädigt zu werden, welche bei den Wirren der republikanischen Verwaltung verloren gegangen waren. General Valence wußte den größten Theil dieser Entschädigung seinen Kindern zuzuwenden; allein Frau von Genlis litt deshalb keine Noth. Sie contrahirte mit dem Buchhändler Maradan über die Fortsetzung der Romanbibliothek, welche der Graf von Tressan unter König Ludwig's XVI. Regierung gestiftet hatte. Diese Sammlung bestand aus Nachrichten über alte und neue Romane, französischen und fremden Ursprungs. Graf Tressan gehörte noch in die Zeit der Regentschaft voll Ueppigkeit und Muthwillen; er verfehlte nicht, die Speisen, die er auftischte, damit zu würzen. Die zarte Dichtung »Medschnun und Leila« erlitt unter seiner Feder widerwärtige Entstellungen, nicht minder die herrliche Dichtung »Geschichte des Grafen Gerhard von Nevers und der schönen und tugendhaften Prinzessin Euryanthe von Savoyen, seiner Geliebten«, ursprünglich in altfranzösischen Versen geschrieben und von einem französischen Literaten herausgegeben. Auch diese keusche anmuthige Dichtung war in der Romanbibliothek von Tressan entstellt. Ihre Auffindung verdanken wir Friedrich von Schlegel; die Uebersetzung ist von mir, wiewol sie unter Friedrich von Schlegel's Namen herauskam. Dorothea von Schlegel und ich übersetzten die »Geschichte des Zauberers Merlin«, deren erste Spur Schlegel gleichfalls in obengenannter Romanbibliothek entdeckte. Für die äußerste Noth war Frau von Genlis durch den Ertrag dieser Romanbibliothek geborgen. Der eigenste Grund der Handlungsweise des Generals Valence war, die Adoption an Sohnesstatt des Pfleglings der Frau von Genlis, welchem sie schon angefangen hatte ihren Namen zu geben, zu verhindern. General von Valence verbot es ihr, er[169]  vermuthete, dieser Name würde zu einem Erbrecht auf ihre Güter dienen, und entzog ihr diese, um sie ihren Enkelinnen Rosamunde und Felicie zu erhalten. Niemand tadelte ihn deswegen. Frau von Genlis grollte im Stillen; doch sie bewahrte äußern Anstand, der bei Familienzwisten immer obwalten sollte. Kasimir wurde ihr lieber, je mehr ihre Angehörigen ihn fühlen ließen, daß er ihnen aufgedrungen worden.
Vor ihrer Abreise von Berlin hatte Frau von Genlis Jean Paul's Bekanntschaft gemacht; er war ihr in einer Gesellschaft vorgestellt worden. Solange Frau von Genlis in Berlin vom Ertrag ihrer Schriften und Lehrstunden lebte, war sie kaum beachtet worden. Jetzt, da sie nach Frankreich zurückberufen war, und es hieß, sie bekäme ihr Vermögen wieder, wurde sie gefeiert: denn noch immer hat die Welt den Glücklichen gehuldigt. Die Literatur ihrer Zeit hatte ihr viel Angenehmes und Nützliches zu danken, aber höchstens zeigten die Bewohner Berlins die berühmte verdienstvolle Frau einander, wenn sie in ihrem bescheidenen Costüm unter den Linden ging. Erst die Bekanntschaft mit der Itzig'schen Familie, mit Cohens, machte die große Welt aufmerksam auf sie. Jean Paul hatte stets ihre Schriften geschätzt. Er war ein Verehrer berühmter Frauen, und die Verfolger derselben dünkten ihm verächtlich. Er trat demnach der Genlis achtungsvoll und wohlwollend entgegen. Wie überrascht war er, als sie ihn anredete: »Mir ist von Ihnen, mein Herr, gesagt worden, daß Sie religiös und moralisch schreiben. Ich thue dasselbe, und bin erfreut, einen Schriftsteller zu begrüßen, der dieselbe Richtung nimmt wie ich.«
Jean Paul, der sich wol erst in diesem Augenblicke entsann, welche Polemik die Frau, die vor ihm stand,[170]  gegen die Philosophen des 18. Jahrhunderts geführt, und wie lieblos sie die große Staël verfolgte, blickte sie kalt und abweisend an, und zog sich nach wenigen Redensarten in einen andern Raum des Salons zurück.
Jean Paul's Weichheit schloß eine gewisse gerechte Strenge nicht aus, er war nachsichtig, aber nur gegen unwillkürliche Vergehen. Charlotte Corday besaß seine volle Bewunderung; darüber geriethen wir in Streit, denn erst in reifen Jahren habe ich ihre That verstanden. Damals fehlte es an einem Marat, zum Glück für die Welt, und namentlich auch für mich; denn es würde mir an einem Dolche nicht gefehlt haben.
Der einzige Schmerz, den mein herrlicher Freund und Meister mir gemacht, war seine Misstimmung gegen Schiller, für den meine junge Seele glühte und immer glühen wird. Uebrigens vermied Jean Paul über Dichter und Literatur zu sprechen. Er hatte viel damit zu thun, Fragen über seine eigenen Werke zu beantworten, und nachzuforschen, welchen Eindruck sie gemacht. »Man wirst mir vor«, sagte er unter anderm, »daß ich Ideale der Vollkommenheit in den Gestalten dargestellt, die ich geschaffen. Nein, ich habe nur Mängel unberührt gelassen, die ich nicht schildern wollte. Ich kenne eine Clotilde, eine Beata, eine Hermina, sie sind wie ich sie geschildert, und wol noch herrlicher. Ihre Fehler wollte ich nicht bezeichnen, weil die Jugend sich immer noch zu höherer Vollkommenheit aufschwingen kann und weil selbst aus manchem Fehler eine Tugend hervorblüht. Die Wege, welche die Reue nimmt, gehen alle bergauf.«
Oft vereinigte der Garten beim Hofjäger den ganzen kleinen erlesenen Kreis, der sich bei uns um Jean Paul her geschlossen hatte. Ich war die Jüngste dieser Gesellschaft.[171]  Kein anderer Wald von allen, die ich durchstreift, hat so viel Entzückung um mich her verbreitet, wie dieser im Heimatland. Wo gab es noch einen Jean Paul? So anspruchslos und rein blicken wenige Männer auf ein junges weibliches Wesen hin. So klar wie er hat wol kein Dichter die Frauen verstanden und mit ihnen die ganze menschliche Gesellschaft. Was er am tiefsten ersehnte, leuchtet aus seinen Schriften hervor. Seine Worte waren sein eigenes Selbst, von den Auswüchsen schweige ich: sie entspringen bei Geistern und Pflanzen aus Ueberfülle. Es sind auch in Jean Paul's Schriften fremdartige Stellen, die durchaus in keinem Einklang mit seinem Geist und Wesen sind, diese wird niemand in Schutz nehmen wollen, am wenigsten zu einer Zeit wie diese, welcher die Form über alles geht, und der vor lauter Sinnlichkeit die Empfänglichkeit für das geistig Schöne verloren gegangen ist. Es ist die Frage, ob nicht dies Streben auf eine höhere Stufe des Geschmacks und der Bildung führen und die Geister zu einer Läuterung, zur süßen poetischen Einfachheit zurückschwingen wird, die wir ersehnen müßten. Wenn die Männer das weibliche Geschlecht im Sinne Goethe's in der »Iphigenia«, und im Sinne Jean Paul's in allen seinen Schriften anschauten, so würden viele Gebrechen der menschlichen Gesellschaft geheilt werden; wenn auch viele Frauen schuld sind, daß Männer sie herabwürdigen, so sind doch auch Männer schuld, welche sie verlocken, mit Netzen umstellen, sie demüthigen und verhöhnen. Hohn ist das ätzendste Gift im menschlichen Verkehr. Zorn zermalmt und beugt, aber Hohn zerreißt die Seele. Wenn der liebende Sohn einer edeln Mutter, seit er an ihrem Busen zum Bewußtsein erwacht, so glücklich ist, von seiner Mutter aus auf alle weiblichen Wesen zu schließen, so wird er die[172]  Frauen ehren und dereinst in seiner Gattin das Bild der geliebten Mutter wiederfinden. Das künftige Los der Erwählten hängt oft vom sittlichen und geistigen Werth der Schwiegermutter ab. Auch die Schwestern eines Ehegatten werden der Mutter nacheifern, und die junge Gattin wird in ihrem Kreise ein schönes Glück finden. Die Zerrüttung der Familien hingegen muß alles häusliche Glück vertilgen. Niemand weicht ungestraft vom Pfade der Tugend und Sitte ab, auf welchem der einzige wahre Führer die Religion ist. Durch die Wachsamkeit der göttlichen Vorsehung, durch das Walten der ewigen Gerechtigkeit wird auch der Gedanke, der Wunsch bestraft, der von der Tugend abirrt. Welchem weiblichen Wesen es ernstlich darum zu thun ist, würdig zu sein und zu bleiben, die möge sich unablässig strenger Selbstprüfung unterziehen, die göttliche Gnade wird mit ihr sein; denn sie hilft, wo ihr Beistand erfleht wird.
In seinen Werken ist Jean Paul wie die Magnetnadel, wie der Polarstern: er weist immer auf Gott hin. Auch sein edler Vorgänger Hippel hat die Frauen verstanden, doch nicht in dem Maße wie Jean Paul für sie gewirkt. Möchten aber auch die Frauen sich bestreben, Jean Paul, den weisen Lehrer, zu verstehen und seinen hohen Begriffen von der Vortrefflichkeit des weiblichen Wesens zu entsprechen, dann wäre die Hälfte der Arbeit gethan. Achtung und Vertrauen, diese mächtigen Stützen der Liebe, können nur aus der Vortrefflichkeit des Betragens der Frauen, aus der Reife ihrer Ausbildung, aus dem Ernst und der Würde ihres ganzen Daseins hervorgehen. Das Studium der »Levana« ist viel ersprießlicher als das von Rousseau's »Emile«. Rousseau war zu sehr mit der Gesellschaft zerfallen, durch zu widerwärtige Umgebung beengt, um von einem hohen sichern Standpunkt[173]  aus ein klares Urtheil über die menschliche Gesellschaft zu fassen.

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Sophiens Abirrung in »Emile«, Juliens Fall in der »Neuen Heloise« hat mich immer empört, besonders Sophiens Entwürdigung. Rousseau's Lieblosigkeit gegen seine eigenen Kinder ist verzeihlicher als seine unwillkürlichen Lästerungen des weiblichen Geschlechts in seinen Schriften; denn seine Vergehen gegen seine Kinder betrafen nur sein Haus, allein seine Schriften verwirrten einen Theil der ganzen menschlichen Gesellschaft auf unabsehbare Zeit hinaus. Man kann Jean Paul den Vorwurf nicht ersparen, daß er die Frauen etwas verweichlicht, ihre gerechten Ansprüche auf häusliches Glück etwas zu sehr in die Höhe schraubt, daß er die blos häuslichen Frauen, die er die verkochten, vernähten, verwaschenen Frauen heißt, zu ungerecht behandelt, und zu sehr für diejenigen eingenommen ist, die seine Schriften lesen und für den Dichter glühen. Auch die geraden schlichten Ehemänner, die nun eben blos für das praktische Leben erzogen worden und keine ästhetische Bildung genossen haben, kommen in Jean Paul's Schriften zu übel weg. Doch der edle Dichter hat bei alledem Gutes gestiftet, indem er die Gesellschaft anfeuert, auf die ästhetische Höhe hinaufzustreben, die sie erreichen muß, wenn Sitte und Liebe bei ihr vorwalten sollen. Karl Christian Friedrich Krause, der Gründer einer verständlichen philosophischen Sprache, ist als ein Nachfolger Jean Paul's zu betrachten. Jede Bildung erstrebende Frau sollte Krause's »Urbild der Menschheit« lesen.
Zu rasch entflog die schöne Zeit, wo ich des herrlichen Meisters Jean Paul Umgang und Lehren genoß. Bald nach seiner Vermählung verließ er Berlin mit seiner schönen jungen Frau. Er hätte dort bleiben[174]  sollen oder wenigstens dahin zurückkehren, nachdem er seine Ausflüge durch andere Länder gemacht. »Berlin und Dresden sind die wahren Heimatlande für den Genius!« Ein großer Geist, ein großer Name bedarf auch einer großen Stadt, um frei zu athmen.
Einige Zeit vor seinem Abschiede sah ich Jean Paul seltener. Wenn ich aufmerksamer gewesen wäre, würde mir seine Wehmuth über mich und mein Los nicht entgangen sein. Die Thatsachen, welche man aus Girtanner's »Annalen«, die mir gänzlich unbekannt waren, über Frau von Genlis erfuhr, und der Ausspruch der öffentlichen Meinung über sie flößten Jean Paul Besorgnisse für mich ein, da ich ihr so glühend anhing, und über sie versäumte, ihn ganz verstehen zu lernen und seine zarten Winke für meine Zukunft zu beherzigen. Die meisten französischen Emigranten, ihre Familien und deren Angehörige wendeten sich mit Unwillen von ihr hinweg und nannten sie laut die Stifterin der blutigen Greuel der Revolution und der ewig fluchwürdigen Ermordung der königlichen Familie Frankreichs. Sollte sie an diesen Geschicken Antheil gehabt haben, o, so wage ich laut zu behaupten, daß Gott ihr verzeihen wird, denn sie wußte nicht was sie that. Adalbert von Chamisso's Familie gehörte zu den strengsten Richtern der weltberühmten Frau. Frau von Chamisso war sehr geachtet, ausgezeichnet durch Geist und liebenswürdige Eigenschaften und verhehlte mir nicht ein zartes inniges Mitleid und eine liebende Besorgniß wegen meiner Anhänglichkeit an Frau von Genlis. Ich war so verblendet und bethört, daß ich diese edle verständige Frau befangen vom Vorurtheil, wenn nicht gar für eine Feindin ihrer berühmten Landsmännin hielt. Ich kannte wenig geflüchtete Franzosen; es hätte mich stutzig machen[175]  sollen, daß keiner von ihnen eine günstige Meinung über Frau von Genlis äußerte. Doch weder Frau von Chamisso, noch andere Emigrantenfamilien meiner Bekanntschaft hatten Thatsachen zum Beleg ihrer Behauptungen angeführt, indeß die Theure selbst in aller Lieblichkeit ihres Wesens, allem Glanz ihrer Berühmtheit, mit dem gewinnenden Zauber ihrer Herzlichkeit vor meinen innern Augen stand. Die Liebe, welche die gute sanfte Bouquet für sie empfand, erhob noch bei mir die Verdienste und die Anmuth derjenigen, die versprochen hatte, mir Mutter zu sein. Auch des edeln Freundes Gleim warnende Worte in seinen Briefen verhallten, und ich darf mir zu meiner Vertheidigung nachsagen, daß nur die Liebe und Bewunderung, welche mir Frau von Genlis eingeflößt hatte, und die Nothwendigkeit eine Existenz zu begründen mich den Armen der Mutter und den Freundinnen entriß. Mir wenigstens wurde kein anderer Beweggrund bewußt. Darum flehe ich meine Mitschwestern an, alle ihre Handlungen der strengsten Selbstprüfung zu unterwerfen, und vor allem im Gebet mit Gott zu Rathe zu gehen: der Segen wird nicht ausbleiben![176] 

III.

Mein Aufenthalt in Paris. – Zweite Verheirathung. – Abreise nach Deutschland.

[177] Der schöne Mai verging, zum 23. wurde meine Abreise festgestellt. Zwei nach Frankreich zurückkehrende Emigranten, Herr von Dempmartin, und die Marquise von St.-Prix, erbaten sich mich mitzunehmen. Ich würde angenehm und billig gereist sein, allein da mir Frau von Genlis geschrieben hatte, daß mich General Bournonville kostenfrei nach Paris entsenden würde, glaubte ich dies letztere vorziehen zu müssen. Ich habe bereits oben erwähnt, wie bitter ich in dieser Hinsicht getäuscht wurde.
Ich nahm einen kleinen Koffer mit, in welchem die Gedichte der Karschin nicht fehlen durften. Da ich mich für zeitlebens versorgt hielt, kamen nur einige Kleidungsstücke nebst der nothwendigen Leibwäsche in das Köfferchen. Meine damalige Briefsammlung beschränkte sich auf die allerliebsten Morgenbillets von Jean Paul, sowie schöne Briefe von Gleim, von Frau Karoline von Berg und einigen andern. Jedes Blatt war für mich ein Juwel. Uebrigens war ich nicht heiter bei den Anstalten[177] zu meiner Abreise. Trennungsschmerz fing an mich heiß zu beklemmen und trübe Ahnungen lagerten sich wie Wolken vor meinem Blick; doch die Stimme der Täuschung überbot jede andere und wurde durch die Briefe der Frau von Genlis gewinnend und mächtig. Meine liebe Mutter war etwas heftig. Von Frau von Genlis hatte ich nur Schmeichelworte vernommen. Paris war mir von vielen Seiten her als der Ort gepriesen worden, wo Jugend und Talent unfehlbar Glück machen müßten. Dann wähnte ich, meiner damals erst 48 Jahre alten Mutter Ersatz bieten und ihre Tage verschönern zu können. Mir ahnte nicht, daß ihr die Trennung das Herz brechen würde. Zugleich glaubte ich mich der Liebe der Frau von Genlis so gewiß, daß ich mir nicht denken konnte, sie würde nur noch Gefühl für Kasimir haben, und daß der muntere freundliche Knabe irgend darauf ausgehen würde, mich in Schatten bei ihr zu stellen. Frau von Genlis hatte mich in ihren Briefen sehr gedrängt, mit meiner Abreise zu eilen, weil sie nach einem Badeort reisen müßte. Sie hat mir späterhin eröffnet, daß sie diese Reise nur vorschützte, damit ich die meinige aufschieben sollte; sie zögerte mit der Erfüllung der Worte, weil sie selbst in ihren Erwartungen von der Rückerstattung ihres Vermögens getäuscht worden war. Auch Kasimir mochte ein Zuwachs der häuslichen Bedürfnisse unwillkommen sein. Meine treuherzige deutsche Natur glaubte nur den Worten der Frau von Genlis. Ich las ihre Briefe dem General Bournonville; ich hätte in seinem Gesicht lesen sollen, was er eigentlich meinte, indem er bei jedem Briefe, der fertig gelesen war, mit großer Kälte sagte: »Das ist sehr gut geschrieben!« Ich hielt den erfahrenen Mann für beschränkt und gemüthlos. Er mußte mich für verständiger gehalten haben[178] als ich war, indem er meinte, ich würde ihn verstehen. Mein ganzer Kreis in Berlin bewunderte diese Briefe, und glaubte in ihnen die Gewähr einer glücklichen Zukunft für mich zu finden. Diese redlichen Seelen dachten nicht an Täuschung, und sollten sie an der Genlis gezweifelt haben, so würde ihr heißer Wunsch, mich glücklich zu wissen, über jede Bedenklichkeit gesiegt haben.
Die theure Karoline von Berg verlangte von mir die Stunde meiner Abreise genau zu erfahren, diese war auf 3 Uhr nachmittags festgestellt. Meine Mutter kam bis an das Leipziger Thor, wo der Reisewagen bereit stand, mich aufzunehmen. Sie zerfloß fast in Thränen in meinen Armen; sie sprach noch einige fromme Abschiedsworte. Ich konnte nicht sprechen. Sie rief noch drei mal: »Denk' an mich!« und enteilte, indeß ich in den Wagen gehoben wurde. O welche bittere Abschiedsstunde! Schon schlug Reue ihre Krallen tief in mein Herz; ich weinte, als wollte ich mich in Thränen auflösen. Da hielt plötzlich der Wagen. General Bournonville kam an den Schlag geritten. »Wie!« rief er uns zu, »Sie weinen? und Sie verlassen ein Land voll Sand und Fichten, um in das schönste Land der Welt zu ziehen!«
Ich vermochte nicht ihm eine Silbe zu antworten. Er warf mir zwei ungeheuere Düten Zuckerwerk in den Schos, wünschte freundlich glückliche Reise und eilte davon. Noch lange mußte ich weinen. Erschöpft schlummerte ich zuletzt ein und erwachte erst in Leipzig, wo mir mein Reisegefährte eine Suppe reichen ließ und wo ich meiner Mutter einige Zeilen schrieb. Nun ging es weiter. In Kassel bemerkte ich beim Durchfahren freundliche Straßen, funkelnde Scheiben von Spiegelglas[179] an den Fenstern; und am Thore hohe klapperdürre Soldaten, frisirt und gepudert mit ellenlangem Zopf. Der Schnitt ihrer Uniform glich nicht der preußischen. Mitten in meinem Kummer belustigten sie mich.
Ich hatte auf dem ganzen Wege viel geschlafen, und fing nun erst an, Berge zu bemerken, die mit runden bewaldeten Kuppen hier und da aus den Thälern hervorragten, sie beklemmten mich. Ich hatte von Bergen gelesen, aber nie daran geglaubt; sie kamen mir fabelhaft vor. Die raschen Gäule führten mit beflügelten Schritten den Wagen weiter und weiter fort, so leicht flog er dahin; aber schwer drückte sein Inhalt auf Europa. Dünne Blätter, die das Geschick Deutschlands in sich faßten, lagen darin gepackt. Mein Reisegefährte war redselig, er lud mich ein, mich an seine Schulter zu lehnen, und erzählte mir mancherlei, wovon ich das Meiste vergessen habe, manches nicht verstand, und vieles noch heute wiederzuerzählen nicht für gut finde.
In einem Walde überraschte uns ein furchtbares Gewitter. Mein Gefährte äußerte: »Wir könnten hier leicht zu Grunde gehen!« Doch ich war in einer Stimmung, die mich für die Gefahr gleichgültig machte. Die Nacht der alten Bäume von Blitzen durchzuckt, das Rauschen des Regens, welches Donnerschlägen und Sturmwirbeln melodisch nachklang und mit Grausen füllte, war mir Musik. Mein Begleiter sagte: »Ich weiß nicht weit von hier eine Forstwohnung, wenn Sie bange sind, so können wir dort rasten; aber ich käme einige Stunden später zum Minister Talleyrand, der ungeduldig meiner Depeschen entgegenharrt.« »Und ich«, rief ich aus, »käme einige Stunden später zu Frau von Genlis.« So fuhren wir denn weiter.
Der Himmel klärte sich auf. Wir kamen andern[180] Tags zur Abendzeit an den Rhein. Wer hat nicht auch aus der Ferne für den Klang dieses Namens empfunden! Welche Vorstellungen knüpfen sich daran! Wir stiegen aus und erwarteten die Fähre. Ich sah nicht ohne Schauder den Kahn, der mich hinüberführen sollte zu Frankreichs Ufern, und nicht ohne Wehmuth labte ich mich am herrlichen Schauspiel der Gegend um mich her. Welche segensreichen Fluren, vom Busen des kräftigen Stroms getränkt; welch ein lachender Himmel über uns! Das Korn in den weiten Gefilden stand über Manneshöhe. Ich beugte mich nieder, küßte das Ufer, pflückte eine manneshohe Kornähre ab und barg sie in ein Taschenbuch. O, wie manche moralische Größe muß so klein geknickt und den Verhältnissen angepaßt werden. Daran dachte ich damals nicht. An den Bäumen, die hier und da auf dem Acker standen, glühten schon reife Kirschen, und vollaufgeblühte Rosen sandten uns ihre Düfte entgegen. Hier, wo vor kurzem noch die Schrecken des Kriegs wütheten, wo der Huf der Rosse die junge Saat zerknickte, standen nun schon lebendige Hecken, und wogende Kornfelder und neues Leben sproßten mir überall entgegen. Es war ein schöner Frühlingsabend, dessen sanfte, balsamisch laue Lüfte liebkosend an mein junges Herz drangen und es erquickten. Ich weidete mein trunkenes Auge an der Pracht um mich her. Ein Hügel am Ufer, auf dessen Spitze die Trümmer einer friedlichen Hütte, vom Kriege zerstört, über die Gegend hinschauten, lockte mich an. Ich stieg hinauf und sah nun in ihrer ganzen Majestät die beiden Ufer des Rhein von Gebirgen und dunkler Waldung und schimmernden Städten bekränzt, in üppiger Fruchtbarkeit prangend.
Ich blieb angefesselt stehen, mein Auge schwelgte im Anblick der idyllischen Landschaft und der weiten Wasserfläche,[181] es sog begierig die Bilder der Natur ein, die wie die Hoffnung sich immer von neuem verjüngt und mit Blüten schmückt, und die jungen Keime auch unter kaltem Schnee der künftigen Sonne entgegenpflegt.
Unendlich göttliche Liebe, wie hast du der menschlichen Seele den Balsam bereitet, der ihre Leiden mildert und aus allen Quellen der Natur ihr entgegenströmt! Jedes Lüftchen weht Trost, jeder Lichtstrahl ist erquickend, und Muth und Glauben quellen dem Leidenden entgegen aus dem unendlichen Schatz des Lebens um ihn her. Wer mag sich bei Genuß und Leben einsam und verlassen fühlen, und sich hoffnungslos von den Menschen wenden, die alle wie er lieben, leiden, genießen und sterben, und ihm die Hand reichen werden, wenn sein Glaube nicht wankt?
»O, meine Mutter!« seufzte ich, da ich die Fähre bestieg, mir ahnte, daß ich sie nicht wiedersehen würde, und meine Thränen flossen, bis ein Blick zum Himmel, zu den ewigen Sternen, deren Strahlen schon durch die Dämmerung brachen, meine Seele zum Gefühl ihrer Unendlichkeit erhob und ihre Bangigkeit stillte.
Ich war nun auf französischem Boden, in den neueroberten Landen. Die traurigen Spuren der Verwüstung ruhten noch auf allen Städten, aber die Einwohner waren froh und lebten unter Trümmern so ruhig wie in festen Plätzen. Wir landeten in Oppenheim, und rasteten in einem Hause am Ufer. Nichts war so interessant als das Gespräch und die Haushaltung dieser jungen Eheleute von beiden Nationen. Die Frau sprach kein Französisch, der Mann kein Deutsch, und der junge Knabe verstand weder Vater noch Mutter. Ein wahres Bild vom Thurm zu Babel, wenn alle nicht in herzlicher Eintracht gelebt hätten. Ach, die[182] Menschen sind im Willen einiger als in Worten. Wenn keiner des andern Sprache verstände, würde er desto mehr sein Herz belauschen, und die Menschen könnten einander näher treten. Worte sind's, Worte allein, welche die Welt verwirren. Doch es soll ja nicht sein, daß Frieden und Eintracht auf Erden wohnen.
Tief bewegt verließ ich das Rheinufer. Es gehörte damals zu Frankreich und es überkam mich ein Gefühl, als wäre diese Grenze eine ewige, wie Frau von Staël sie späterhin nannte. In Metz schlug mir mein Begleiter vor, ein Mittagsmahl einzunehmen. Ich hatte vor Unwohlsein, Gemüthsbewegungen und Reisehast noch keine Mahlzeit gehalten. Die Tafel in dem Hotel, wo wir abgestiegen, war stark besetzt; der Kaffee wurde uns im Saal aufgetragen. Auf die Frage der Wirthin, wie er mir schmecke, bezeugte ich mein Wohlgefallen darüber. Sie lächelte fein, und ich bemerkte, daß ein ältlicher Stabsoffizier dasselbe that. Die Wirthin flüsterte:
»Es ist echt arabischer Mokka. Einer meiner Gäste, der ihn aus Aegypten mitgebracht hat, hegt den Wunsch, daß Sie ihn gut finden mögen.« Ich fühlte mich erröthen, und traute nicht mich im Saale umzusehen. Der Offizier nahm neben dem Sopha Platz. Er flüsterte: »Er kommt aus Aegypten, der köstliche Trank! Ich erlaube mir ihn selten, aber heute« – er hielt inne und schwieg verlegen. Ich sah zum ersten male einen Krieger Napoleon's. Aegyptens Sonne hatte seine Stirn gebräunt, sein lockiges Haar gebleicht. Seine Augen glänzten von Heldenfeuer. Er neigte sich zu mir und sprach leise: »Sie gehen nach Paris! Ihr Reisegefährte hat mir schon alles gesagt, der ist ein braver Mann und nimmt großen Antheil an Ihnen. Sie gehen zu einer Frau, von der ich viel gehört habe; ich fürchte, Sie[183] werden bei ihr nicht glücklich sein!« Ich wollte ihn unterbrechen. Er bat mich sanft, ihn anzuhören. »Noch sind Sie nicht fern von ihrem geliebten Vaterlande, von einer Mutter, deren Armen Sie sich mit Thränen entrissen haben. Sagen Sie ein einziges Wort, Ihre Frau Mutter soll bald in Ihren Armen sein, und Sie tauschen ein sicheres Los gegen ein ungewisses ein. Bleiben Sie in meiner Nähe.« Ich konnte nicht sprechen. »Soll ich Fürsprecher für mich herbeiholen, soll ich meine Redlichkeit durch wackere Freunde beglaubigen lassen? Ich bin zu allem bereit, was Ihnen Vertrauen einflößen kann.« Ich schwieg, denn eine mächtige Stimme erhob sich in mir für den schönen ernsten Mann. Mein Reisegefährte stand auf von seinem Sessel und trat zu mir. Ich blickte ihn fragend an, er verstand mich. »Einen Rath habe ich Ihnen nicht zu geben, folgen Sie Ihrem Herzen.« Ich brach mein Schweigen. »Mein Herz«, sagte ich, »entscheidet für die edle Frau, die Mutterstelle an mir vertreten will. Ich darf die Hoffnungen nicht täuschen, die sie auf mich gesetzt.« Tiefe Wehmuth umschattete die schönen Züge des Generals. »Verzeihen Sie mir!« sprach er, »ich war zu rasch, zu unbesonnen, seit ich Sie erblickt, glaubte ich, ich dürfe Sie nicht von mir lassen. Ich hätte Ihre Adresse neben Ihrer Spur verfolgen sollen.« Ich lächelte und hätte ihm gern laut gesagt, daß er etwas zu spät anfange dies einzusehen.
Mein Begleiter bemerkte, daß die Pferde angespannt seien und wir fort müßten. Mein Abschied von dem Manne war kurz und ernst. Ich las tiefe Beschämung in seinen Blicken. Als er mich an den Wagen begleitete, rief er mir zu: »Vergessen Sie mich nicht, ich meine es redlich; darf ich Ihnen schreiben?« Ich verneinte. Die[184] Räder rasselten fort. Noch heute weiß ich nicht, ob ich recht gethan habe.
Am 2. Juni 1801 kamen wir in Paris an. Tausend dunkle Vorstellungen von dieser Stadt trug ich im Gemüthe und keinen einzigen deutlichen und wahren Begriff. Es hatte mich gereizt, den Helden unserer Zeit von Angesicht zu Angesicht zu sehen und sein ruhmvolles Streben in der Nähe zu betrachten. Sonst aber hatte ich keine Absicht als diejenige, im Umgang mit der geistreichen Frau, auf deren Ruf ich hierher gekommen war, mich zu bilden und zu einer neuen thätigen Lebensbahn zu bereiten.
Wie süß bildete ich mir die Idee unsers Verhältnisses aus! Sie hatte mir feierlich verheißen, mir Mutter zu sein, und so hatte ich voll Vertrauen die eigene Mutter, Heimat und Freundinnen der Jugend in der Ferne lassen können.
Mein Begleiter schlug mir vor, außerhalb der Mauern um die Barrièren herum zu fahren und durch die herrliche Straße von Neuilly über den Pont-royal den Weg nach der Rue du Bac zu nehmen, wo er seine Depeschen einreichen wollte.
»Fahren wir denn nicht auf der Stelle zu Frau von Genlis?« fragte ich. »Nein! Sie müssen in meinem Hause absteigen, Ruhe genießen, sich umkleiden und erfrischen.« Ich sah ein, daß dies alles sehr vernünftig war, und folgte.
Herrn Besançon's artige Frau empfing uns herzlich. Ich sank in ein Sofa und schlief schnurstracks ein. Erst um 12 Uhr folgte ich der Einladung zu einem Gabelfrühstück, und lehnte nachher nicht die Bemühungen der guten Besançon ab, die alles aufbot, die Raupenhülle der Reisekleidung in ein heiteres Schmetterlingsgewand umzuschaffen. Mir war sonderbar zu Muthe. War es[185] meine Erschöpfung, die Aufregung der überschnellen Reise, war es Ahnung – ich weiß es nicht. Aber in den Augenblicken, wo die Salonthür der Frau von Genlis mir geöffnet wurde, da klang es um mich her wie Sturm und Donner; mir war es, als öffne sich eine ungeheuere Kluft zu meinen Füßen, und als müßte ich darin untersinken.
Frau von Genlis trat mir aus ihrem Schreibzimmer rasch entgegen, schlang die Arme um mich und rief mir zu: »Nun, da sind Sie ja mein Kind! Und meine Bouquet, wie geht es ihr?« Dieser Empfang kam mir sehr kühl vor. Er war es auch! Herr Besançon empfahl sich der Frau von Genlis mit wenigen Worten. Sie bemerkte, daß ich vor Mattigkeit in Gefahr war umzusinken, wies mir ein freundliches Zimmer neben dem Salon an, und ermahnte mich auszuruhen. Schweigend leistete ich Folge. Die Dienerin zerstörte unbarmherzig das ganze künstliche Werk der Frau Besançon, und verhieß, mich wieder anzukleiden, wenn es zu Tische ginge, man würde mir zu Gefallen heute um 5 Uhr essen, auch erwarte man Gäste.
Ich war noch immer in meiner Betäubung und lechzte nach Ruhe. Als ich um 5 Uhr zur Tafel kam, empfing mich Frau von Genlis, indem sie mir zwei ihrer Freunde vorstellte. Sie nannte den jüngern dieser Männer Corvin, den ältern gar nicht; doch wurde ich ihm zur linken gesetzt, und zur rechten Corvin. Der blauäugige Herr zu meiner rechten fiel mir durch seine nordische Gesichtsbildung auf. Dünnes gelocktes Haar umspielte seine hohe Stirn und seine eingesunkenen Schläfe. Nie war ein Blick offener, ein Lächeln wehmüthiger. Ich bemerkte, daß er seine Tabacksdose neben sich auf den Tisch stellte, sie war so schlicht wie die[186] ganze Kleidung des Inhabers. Unwillkürlich heftete ich meine Augen darauf. Auf dem Deckel bemerkte ich ein Gemälde, wo sturmdurchwühlte Wellen ein fast zertrümmertes Schiff unter schwarzem dichtumwölkten Himmel umherschleuderten. Oben standen die Worte: »Armes Vaterland!« »Polen!« rief ich mit tiefer Bewegung aus. Des edeln Mannes Hand ergriff die meinige, und mit einem sanften Druck seufzte er kaum hörbar: »Kosciuszko.« Mich durchbebte ein Schauder. Ich hatte den Helden vor mir, für den meine junge Seele geglüht; und es hatte einer Minute bedurft, ihn mir zum Freund zu machen. Kosciuszko's Begleiter war der General Kosakowski, er wollte in Paris Corvin genannt werden. Er war höchst geistreich und liebenswürdig, Kosciuszko mit ganzer Seele ergeben und ein großer Bewunderer der Frau von Genlis, überhaupt talentvoller Frauen. Er hatte auf seinen Reisen Elisa von der Recke kennen gelernt, und verehrte sie sehr. Er umringte Frau von Genlis mit der zartesten Aufmerksamkeit, welche sie mit einiger Gleichgültigkeit empfing. Leon Lombard von der französischen Colonie, den Frau von Genlis schon in Berlin gekannt, ein junger Mann von Kopf und ästhetischer Bildung, stand ihr näher als der liebenswürdige Pole Corvin.
Feiner Weltton und richtiger Takt zeichnen den Franzosen und Polen von guter Familie vor andern Nationen aus und gelten zuweilen für hohe harmonische Bildung, wie die Folie den Glanz des Edelsteins erhöht und auch wol den falschen für einen echten gelten läßt, wenn nicht ein echter Kenner ihn prüft. Corvin war ein echter Edelstein à jour gefaßt. Die zarte Huldigung, die er ausgezeichneten und liebenswürdigen Frauen zollte, ging vom Herzen aus und war rein. Er vereinigte[187] viele Kenntnisse mit gebildetem Geschmack und mit Anspruchslosigkeit. Er besaß ein schönes Kunstcabinet, welches er gern seinen Freunden zeigte. Ich erinnere mich von tausend Gegenständen, die hier den Künstler und den wissenschaftlich Gebildeten, den Naturforscher und den Gelehrten anzogen, nur noch eines: es war ein kleines Denkmal in Marmor abgebildet nach dem Monumente Abälard's und Heloisens, das im Museum der Augustiner errichtet war und die Körper der zwei Liebenden umschloß. Mit unbeschreiblichen Mühen und Unkosten hatte Corvin von jedem eine Fingerspitze erobert, diese lagen im Sarkophag des unvergeßlichen Paares.
Corvin war eine der erkorenen Naturen, die rein und innig dem Schönen in allen seinen Gestaltungen huldigen, und die vom Glück begünstigt ihrem Geschmack und ihrer Neigung leben können. Wir sahen ihn oft mit seinem Freunde Kosciuszko und bei werthen polnischen Familien.
Frau von Genlis hatte beschlossen, nach Versailles zu ziehen, sie glaubte dort zu sparen; allein es gelang ihr nicht. Doch ihre Freunde arbeiteten so eifrig für sie, daß ihr der erste Consul eine schöne Wohnung im Arsenal einräumen ließ. Ehe wir hinüberzogen, führte mich Frau von Valence in das Theater. In der italienischen Oper entzückte mich die Strinasacchi in den Meisterwerken von Cimarosa und Paesiello, die von Geist und Laune überströmen und nicht mehr geschrieben werden können; denn die harmlose Blütezeit der Kunst und der Menschheit ist vorüber, die der Ueberbietung und Ueberreizung ist an ihre Stelle getreten. Die Menschheit dieser Zeit gleicht solchen Jahren, in welchen es keinen Frühling gibt; ihre Jugend hat gleich Sommer.[188]
In der italienischen Oper, von der ich eben sprach, nahm mich die Aufmerksamkeit auf die Sängerin Strinasacchi so ein, daß ich für ihre Mitsänger kein Auge noch Ohr hatte. Die Strinasacchi war klein, wohlgenährt und rund, ihre Gesichtszüge formlos. Die Augen hatten Mühe gehabt, sich in der Fleischmasse des Gesichts Platz zu machen; aber wenn sie sang, wurde sie schön, ihre Seele trat in den Blick dieser Augen, ihre Lippen umspielte das Lächeln der Anmuth, die feine zierliche Hand begleitete harmonisch ihre Bewegungen.
Die Loge, in welche mich Frau von Valence führte, war im zweiten Rang und gehörte irgendeinem Minister. In jenem italienischen Theater hatten die Logen keine Brüstungen; die ganze Gestalt der Zuschauer drinnen war sichtbar, sodaß eine elegante Toilette und seidene Strümpfe und Schuhe unerlaßlich waren; der Anblick war reizend. Der erste Consul begünstigte die erste italienische Gesellschaft sehr. Als der Director klagte, daß das Publikum kalt dagegen sei, rief er aus: »Ich will Ihr Publikum sein!« Und er hielt Wort. In der italienischen Oper bemerkte ich eines Tags eine schöne Frauengestalt, von der ich die Augen nicht abwenden konnte, sie war reizend, obwol die Form, rund und voll, nicht jungfräulich genannt werden, konnte. Man mußte wünschen, man hätte sie zehn Jahre früher gesehen. Das blendende Angesicht war bestrahlt von großen schwarzen Augen, die zu den schönsten gehörten, welche mir je in die Seele geleuchtet. Schmelzend, glühend, feurig, sanft, ein ganzes Leben der Wonne und des Schmerzes war darin zu lesen. Der schwellende Mund schien noch von den Küssen zu träumen, die er eben empfangen; über die hohe Stirn rundeten sich schwarze Locken, welche sie mehr offenbarten als verhüllten und die herrliche Form des[189] Nackens sichtbar ließen. Ein amaranthfarbiges Kleid, nach damaliger Mode griechisch geheißen, ließ Hals und Busen frei, und entzog dem Blicke nicht die entzückenden Arme von blendender Weiße. Lange fesselten mich die zarten Hände, die mit dem elfenbeinernen chinesischen Fächer spielten, den sie bei der großen Hitze vielfach beschäftigten. Drei Schnüre der auserlesensten Perlen umwanden den Hals und senkten sich mit einem smaragdnen Schlosse tief herab bis zum Gürtel. »Perlen bedeuten Thränen!« dachte ich, und als mir der Name der schönen Frau genannt wurde, wußte ich auch, daß diese entzückenden Augen viel Thränen vergossen hatten. Es war Madame Tallien, geborene Gräfin Cabarrus, nachherige Prinzessin Moritz von Chimay, die durch die Irrgewinde der republikanischen Schreckenszeit und durch die Nacht des Kerkers wandeln mußte, ehe sie unter dem stillen Himmel des Consulats im Hermelinmantel einen Fürstensitz an der Hand eines der liebenswürdigsten Männer bestieg. Die Familie des Prinzen Caraman, welcher Madame Tallien anfangs unwillkommen schien, gewann sie innig lieb.
Nicht oft in Irrgewinden zeigt sich ein Weg, der zu einem Fürstensitze und zur Glückseligkeit führt. Josephine Beauharnais fand sogar einen zum Kaiserthron. Dieselben Kerkermauern, welche die schöne Spanierin umfingen, breiteten auch ihre Nacht um Josephinen aus. Beider Thränen vermischten sich oft auf ihren bleichen Wangen. Robespierre's Untergang rettete beider Leben. Bekanntlich war Josephinen im Kloster, wo meine verstorbene Schwägerin Baronin Prony, damals Fräulein von La Poix de Freminville, zugleich mit ihr erzogen wurde, von einer Zigeunerin der Thron von Frankreich geweissagt worden. Die Baronin Prony, meine Schwägerin[190] hat mir selbst erzählt, wie die reizende Creolin Tascher de la Pagerie, damals siebzehnjährig, sich im Klostergarten befand, wo eine Menge liebenswürdiger Gespielinnen sie umringten.
Ein altes dürres zerlumptes Weib, mit olivengelber verschrumpfter Haut, hatte die Pförtnerin zu gewinnen gesucht, daß diese sie in den Garten zu den schönen Kostgängerinnen des Klosters ließ. Anfangs erschreckte ihr Anblick die Fräulein, sie wollten davonlaufen, doch die Alte rief ihnen zu: »Bleiben Sie einen Augenblick, ich trage Ihr Schicksal unter meinen Lumpen!« Die Alte ließ bei dem allgemeinen Stillstand ihre Augen wie Feuerräder im Kreis umherrollen, sie starrte zuletzt Josephinen an, eine dunkle Glut überflog ihre dürren Wangen. Sie neigte sich tief vor Josephinen und bat um ihre Hand, welche ihr mit Widerwillen gereicht und überlassen wurde.
»Hier ist«, rief sie, »die Ehrenlinie, die mit einem scharfgezogenen breiten Strich bis an den Arm geht, auf ihrer Spitze wiegt sie eine Krone.« Sie beugte ein Knie. »Empfangen Sie von mir zuerst die Huldigung, Majestät! Königin von Frankreich!« »Geh, wahnwitzige Alte!« rief Josephine, und drehte ihr den Rücken, indem sie ihr rasch ihre Hand entzog. Doch die Zigeunerin richtete sich in die Höhe und herrschte ihr mit feierlichem Tone zu: »Du, die du einst über alle gebieten wirst, mußt heute der alten Zigeunerin gehorchen! Her die Hand! Ich habe dir mehr zu sagen.« Josephine wurde blaß und zitterte. Sie reichte der Wahrsagerin nochmals die Hand. »O schöne milde Hand!« rief diese mit weicher Stimme, »du würdest, könntest du, das Gold aller Welt ausspenden. O gesegnete Hand, des Scepters würdig. Warum, ach! warum mußt du dich[191] so früh im Sarge falten? Noch feucht von den Thränen, die du auf dem Sterbebette vergossen, noch schimmernd von den Huldigungen der Mächtigsten der Erde: warum liegst du nun im Staube zu den Füßen des Throns, auf welchem du einst geglänzt?«
Die Zigeunerin ließ die Hand der zitternden Josephine los und wendete sich zu den übrigen Damen. Doch die Glocke des Klosters erschallte. Erschrocken und verdrießlich stäubten sie alle auseinander. »Auch ich erfuhr nichts«, schloß Frau Baronin Prony ihre Erzählung. Doch Josephine wurde oft mit der Wahrsagung der Zigeunerin geneckt. Sie lächelte wehmüthig und sprach: »Mir kommt die Sache gar nicht lächerlich vor. Jedermann sagt, es wird Revolution geben; da kann der Mann, den ich heirathen werde, bei einer Schilderhebung zum König ausgerufen werden, – vielleicht dauert die ganze Herrlichkeit keine 24 Stunden.« Die Alte hatte in einem so schmerzdurchdrungenen, so feierlichen Tone gesprochen, daß man wol sah, sie glaubte an alles, was sie sprach, dadurch überzeugt man die Hörer am besten.
Frau von Genlis vereinigte in Paris nur wenig Menschen um sich. Ihre treuesten Anhänger waren die zwei obengenannten Polen. Kosciuszko blieb ernst und wehmüthig; wenn er sich erheiterte, konnte man dennoch bemerken, daß dem Spiel seines Geistes eine dunkle Folie unterlag. Wenn er in sanften Augen bei der Erwähnung seines Landes einen feuchten Glanz bemerkte, so wurde es ihm so wohl ums Herz, wie es ihm auf dieser Welt nur werden konnte. Er lebte auf dem Lande bei werthen Freunden aus der Schweiz gebürtig, traulich, wie das geehrte Haupt einer liebevollen Familie. In große Gesellschaften war er nicht zu bringen. »Es fühlen so wenig Leute für Polen«, sagte er, wenn er sich[192] entschuldigte nicht hingehen zu wollen; »ich merke das gleich, die Luft beklemmt mich, da wo kein Herz für unser Unglück schlägt, oder gar da, wo dem Manne gehuldigt wird, der mit einem Augenwink unser Schicksal umgestalten könnte.« Viele Polen dagegen schwärmten für Napoleon. Was er vermocht hätte, und nicht that, galt ihnen für die That, die er unterließ. Es genügte ihnen vor der Hand die Möglichkeit, daß er das große Werk nur so lange aufschiebe, als es Zeit bedürfe, es zur Reife zu bringen.
Unter den polnischen Familien, die bei Frau von Genlis einheimisch wurden, bemerkte man mit einigem Antheil die liebenswürdige Parandier, eine Polin von Geburt, die einem ausgezeichneten Franzosen ihre Hand gegeben. Sie war geschmückt mit vielen Geistesvorzügen und mit einem durchaus schönen Herzen. Ihr Mann war Legationssecretär bei der französischen Gesandtschaft in Berlin, an deren Spitze der Abbé Sieyès stand. Der erste Consul pflegte den ehemaligen Häuptern der Revolution glänzende Wirkungskreise anzuweisen, weil niemand so gern wie jene Freiheits- und Gleichheitsmänner das Treiben der Menschen von oben herab mit ansieht. Napoleon stellte seine Marionetten, wohin ihr Herz begehrte, aber er behielt die Fäden in den Händen, an denen er sie bewegte, und gelegentlich wieder unter die Massen mischte. Es gelang ihm mit den meisten, allein nur schwer mit Sieyès, und niemals mit Talleyrand. Weder Napoleon noch andere Hochbegabte sahen oder fühlten die Fäden, an welchen sie tanzten, wenngleich die Führer selbst mit großer Gewandtheit sich von ihm leiten zu lassen schienen. Das erste Sühnopfer, das er binden ließ und zu den Stillwaltenden schleppte, war die edle hochherzige Staël.[193]
Als sie nach Erscheinung ihres Romans »Delphine« von Gensdarmen begleitet über die Grenze mußte, glaubte Napoleon, die Religion und die Tugend in Frankreich zu retten. Die Priester aber hatten ganz andere Dinge in Sicherheit zu bringen als diese, und es gelang ihnen. Nur selten trägt die Wahrheit den Sieg über List und Lüge davon.
Auch Frau von Genlis war im Spiele, doch sie wußte es nicht. Aelter als Frau von Staël, wollte sie ihr dennoch auch in der Liebe bei Talleyrand den Rang ablaufen; dies wurde ihr nicht schwer, weil beide Damen nicht jung und schön genug waren, ihn zu fesseln. Seine Eitelkeit allein war bei diesen Verhältnissen im Spiele; er huldigte dem Talent der beiden Frauen allein, und verbarg schlau unter der Maske der Sentimentalität seine eigentlichen Absichten. Für diese war Frau von Staël zu redlich. Frau von Genlis war vor dem Fall Philipp Egalité's zu selbstisch, zu lebhaft mit eigenen Planen beschäftigt, um zur Maschine zu dienen. Erst als ihre Schicksale sie mürbe gemacht, als die Leiter zum Emporkommen für sie zertrümmert war und ihre Bestrebungen sich demüthiglich auf die Bedingungen des Lebens beschränkten, konnte sie für seine Plane wirken. Er benutzte ihren alten und neuen Haß gegen ihre große Rivalin, die man zwar im eigensten Sinne nicht so nennen kann; denn sie stand viel zu hoch und viel zu rein gegen Frau von Genlis, um auf diesem einzigen Felde, wo diese schlagfertig stand, gegen Frau von Staël zu kämpfen. Noch kaum im Altern begriffen, hatte sie schon die Fahne des Kriegs gegen den Philosophen aufgestellt und den Fehdehandschuh hingeworfen; er wurde nicht aufgenommen. Frau von Staël, die sich von jeher in die Reihen der Kämpfer für Licht und Wahrheit gestellt,[194] verfolgte die Bahn nach ihrem Ziele mit Muth und Beharrlichkeit, und klimmte empor, indeß Frau von Genlis den ebenen Weg nach der entgegengesetzten Richtung nahm. Noch heute ist das Los des Kampfes, der vor so vielen Jahrzehnden begann, unentschieden, er ist heftiger als je; schwankt er in der Ungewißheit des Sieges fort, so wird Erschlaffung erfolgen; auf welche Seite er sich neige, droht er Verderben, denn es ist mit beiden Parteien zu weit gekommen.
Nicht lange war Frau von Genlis in Paris, als der erste Consul sie beauftragen ließ, ihm jede Woche einmal zu schreiben. Er nahm sich einige Notizen aus diesen Schriften in seine Schreibtafel, und verbrannte sie dann bis auf die letzte Silbe. Diese Briefe wurden bei ihr abgeholt; niemand hat je erfahren, was darin stand.
Frau von Genlis wußte, daß ich durch Fessler und Rambach aufgefordert worden war, für ihre Zeitschrift »Eunomia« mitzuwirken und Artikel aus Paris einzusenden. Der Buchhändler Friedrich Maurer, der sich im Namen der zwei Herausgeber bei meiner Mutter dieses Auftrags entledigte, hatte den Titel zu dieser Schrift vorgeschlagen: »Empfindungen und Erfahrungen einer jungen Deutschen in Paris.« Ich, die ich noch kein Buch, geschweige denn einen Titel abgefaßt hatte, fing Feuer bei diesem Vorschlag, besonders da mir Herr Maurer bedeuten ließ, ich möchte diese Aufsätze in »Sterne's Manier« schreiben. Ei, der las sich so leicht, es mußte ja federleicht sein, so zu schreiben wie er, und sechs Thaler der Druckbogen! Das Geld konnte die liebe Mutter behalten. Wer war glücklicher als ich. Frau von Genlis fragte mich: »Worüber wollen Sie denn schreiben?« »Ei über alles!« gab ich zur Antwort. Sie lächelte. »Nun[195] z.B., worauf alle Deutschen gespannt sind, über den ersten Consul.« – »Sie thäten klüger, ihn gar nicht zu nennen.« – »Das ist ja jetzt unmöglich!« rief ich aus. Und ich hatte recht; sie sah dies selbst ein. »Schreiben«, bemerkte sie, »wollen alle, vorzüglich die jungen Leute. Keiner bedenkt, daß das gerade darum, weil es so leicht ist, seine Schwierigkeiten hat. Man muß doch erst nachdenken können, Erfahrungen gesammelt haben, sich über sich und andere Rechenschaft geben, unterrichtet sein. Von dem allen sehe ich nichts bei Ihnen.« Diese Worte schlugen meinen Muth nicht nieder. »Ich soll ja nur aufschreiben, was ich sehe und höre!« rief ich aus. »Wohl, aber es kommt auf die Stelle an, von welcher aus man sieht und hört. Glauben Sie mir Helmina, bleiben Sie davon!« Mir traten die Thränen in die Augen, schluchzend sagte ich: »Meine Mutter in Berlin hat nichts zu essen, ich muß ihr Brot verdienen.« Sie war gerührt, klopfte mir die Backen und sagte mit sanftem Tone: »Nun, so schreib denn, meine Taube; Gott wird deinen Fleiß segnen!« So schrieb ich denn, und es wurde gedruckt. Wie stolz, wie glücklich fühlte ich mich, und was ich geschrieben hatte, entzückte mich. Unbedenklich mußte es alle Leser entzücken. O frischer Muth der Jugend, rosenwangig wie sie! Du, den nichts beugen kann, der über nichts erblaßt, wo bist du hin? Wer darf dich Leichtsinn heißen, wer dich Uebermuth schelten?
Meine Begriffe von Paris waren durch das einförmige Leben der Frau von Genlis sehr abgeblaßt, und mein Leben in ihrem Hause hatte bittere Unannehmlichkeiten in Menge. Ich habe schon anderswo einige davon berührt, und will sie hier nicht aufs neue in ihrem Umfang schildern.[196]
Ich habe seitdem den Schöpfer dieser Widerwärtigkeiten wieder angetroffen, er war das Werk der Erziehung, die er genossen; seine Anlagen waren reichhaltig, sein Talent für Musik ging im gewissen Sinn seiner Zeit voraus, unübertrefflich reizend und zart, eine Frucht ohne Kern, aber mit berauschender Schale. Ich habe Maru, Nadermann, Madame Laval und einige andere mit Entzücken gehört; aber ich möchte Kasimir wieder hören. Es ist etwas Heinrich Heine'sches in seinen Melodien; wer ihn gehört hat, wird mich verstehen.
Meine liebste Erholung in Versailles waren die einsamen Spaziergänge im schönen Wiesenthale, am Fuße des Waldes in Meudon. Hier im Schatten der Eichen, am Fuße der grauen Weiden, wo der stille Bach seinen Silberlauf durch das blumige Gefilde mit traulichem Rieseln verfolgte, mochte ich den Druck meiner Sorgen minder fühlen; erwärmt vom liebevollen Hauch der Natur, erhob sich meine Seele zu sanften Ahnungen, und kehrte zurück in das stille Land der Erinnerung, sich an ihren blassen Bildern wehmüthig zu ergötzen. Dies Thal ist wahrlich mit allen Reizen der Natur geschmückt: die dichten Gänge der Waldung von Eichen und Birken, die malerischen Anhöhen, bekränzt mit blühenden Büschen und hohen Ulmen, die würzigen Düfte, die aus dem Boden hauchen – wie hätte ich mich da nicht wohl und heiter fühlen können, als wäre ich im Vaterlande? O, das Haus meiner Qualen lag versteckt hinter den Anhöhen, und das Andenken der erlittenen Schmerzen blieb zurück am Eingang des Hains, wie wenn ihm die Schutzgöttinnen der Waldung den Eintritt versagten. Selbst der Winter konnte dem lieben Thal nicht alle seine Reize rauben. An den Eichen blieb das Laub, die Wiese blieb grün und blumig und das Klima mild.[197] Das Erwachen des Frühlings hier in der Einsamkeit geschah in all seiner Pracht, und ich genoß es jeden Morgen und jeden Abend in seinem liebevollen Entfalten. Alles war Freude um mich her. Blumen und Laub schienen Empfindung zu haben von ihrem süßen Erwachen zum neuen Leben, und die gaukelnde Heerde, der muntere Hirte mit der Schalmei, das Rauschen des Windes in den Zweigen mischte sich mit fröhlicher Lebendigkeit in die tausendfachen Gesänge der Vögel, und im sanften Accord zu den Liebesklagen der holden Nachtigall. Lange ließ ich mich hinnehmen von der süßlockenden Stimme der Natur, die zur Freude ruft und zum Genuß. Aber ach! wenn ich an dich dachte, meine leidende Mutter, und an euch, ihr Lieben in meinem Vaterlande, so fühlte ich mich übermannt von unendlicher Sehnsucht, und meine Seele wünschte sich ungeduldig zur unerreichbaren fernen Heimat, und im Gefühle des Druckes der Nothwendigkeit, die mich in Fesseln hielt, sehnte ich mich nach dem Tode und erflehte vom Himmel eine Gruft unter den Blumen dieses Thales.
Eine hohe Lindenallee, die bei meiner Ankunft in voller Blüte stand, führte nach dem Luxemburg uns hinüber und linker Hand nach dem durchaus zerstörten Karthäuserkloster: es waren nicht einmal Trümmer, sondern nur Staub; nicht die Zeit hatte es zermalmt, sondern die Revolution. Ich, die ich schon bei der alten Post in Berlin in der Heiligengeiststraße, bei der Burgstraße, dem alten königlichen Schlosse gegenüber, mit schaudervoller Wonne die ersten Tropfen aus dem Becher der Romantik geschlürft hatte, ich konnte mich hier auf einen Stein niederlassen, der einer Ruine gehörte. Einige magere Grashälmchen sproßten daraus hervor, ich[198] pflückte sie zum Andenken. Es war mir dabei zu Muthe, wie dem Wanderer sein mag, der auf einem Schlachtfelde umherstreift, von welchem Leichen weggeräumt sind, und das eben gekehrt worden; es ergreift nicht, es läßt dem Schmerz keinen Raum, und doch ist einem unheimlich dabei zu Muthe. Die Schrecken schweben noch alle auf der ruhig gewordenen Stätte, doch sie sind erstarrt und nackt. Der Zustand der Gemüther war ebenso. Die Greuel hatten ausgetobt, die Blutspuren waren weggeschwemmt, aber die Stimmung war nüchtern und trübe. Das Bedürfniß der unaufhörlichen Aufregung war geweckt worden und lebte sein todbringendes Leben; denn ertödtet waren heilsame Gefühle. Verflacht war das Dasein, ohne daß sich die Gesellschaft oder das Volk ihrer eigentlichen Stimmung bewußt waren, noch sie eingestanden hätten, wenn man sie errieth.
Zuweilen machte Frau von Genlis, nicht ohne einige Schüchternheit, eine flüchtige Bemerkung über den eigentlichen Zustand der Dinge. Sie war höchst unzufrieden mit dem ersten Consul, bis er sich ihrer mit Geldhülfe kräftig annahm. Sie wünschte inbrünstig die Orleans zurück; daran war aber damals nicht zu denken. Napoleon war zu klug, um sie zurückzuberufen, und die Familie Orleans würde schwerlich dabei etwas gewonnen haben. Wenn solch ein unsicheres Pfand für die Zukunft auch der Zustand der Dinge gab, so war es doch eins und man wollte es nicht verschleudern. Viel schwankende Gemüther wurden durch das Concordat beruhigt. Viele Anhänger der Freiheiten und Annehmlichkeiten, welche man seit der neuen Gestaltung der Dinge für errungen und haltbar ansah, zogen eine Menge Menschen in die Zauberkreise süßer Hoffnungsträume.
Noch immer war alles erlaubt, was gefiel, und noch[199] immer gefiel alles was erlaubt war. Noch immer standen an den Mauern und Hausthüren die entsetzenvollen Worte, welche Zügellosigkeit und Blutdurst dahin geschrieben, man las sie noch in den kleinen Städten, in entlegenen Vorstädten und Gassen von Paris, obwol sie von lebhaften und stattlichen Plätzen und Häusern beinah unwahrnehmbar weggebeizt wurden. Paris war ein Augiasstall, als Napoleon die Zügel der unbändigen Massen ergriff. Er that es mit Besonnenheit und Kraft. Er schonte nichts und niemand als das Kleine, er wußte warum. Er bereitete eine neue Gestaltung der Dinge vor, welche niemand ahnte, und welche auf lange Zeit ihm und den Seinigen schädlich wurde, ohne daß er es ahnen konnte. Hierbei waren Hände im Spiel, die dem großen Mann unsichtbar blieben. Vor ihm lagen zwei Wege, an deren äußerstem Saum er stand. Der eine war der redliche, offene, gerade; der andere war der, welchen er betrat. Er führte ihn nicht zum Heile und Europa nicht zum Frieden, er führte abwärts. Es war das gaukelnde Irrlicht, das auf Sümpfen tanzt. Man sieht jetzt, wohin es die Welt verlockt hat. Frau von Genlis hatte Verstand genug, um die Dinge kommen zu sehen; sie seufzte darüber, vielleicht minder aus Patriotismus, als weil sie kein Mittel fand sich auf glänzendem Wege bedeutend zu machen. Ehe die Revolution ausbrach und bei ihrem Ausbruch war sie lenkende Gewalt. Philipp Egalité wollte ernten, wo er nicht gesäet hatte, er war sinnlich und bequem. Mit allen Kräften seines Wesens ersehnte er die Macht und das Geld, verließ sich aber auf den Geist, die Kraft und die Schlauheit seiner Gefährtin. Daß ihn seine dunkle Bahn zu demselben Ziele führen würde, wo das Blut seiner Verwandten floß, glaubte er nicht. Er hatte den[200] Thron im Auge und hielt den blutigen Sumpf, durch den er waten mußte ihn zu erreichen, nicht für undurchdringlich, nicht für bodenlos, fürchtete nicht, im Hafen selbst noch zu scheitern. Dies sind die Wege der göttlichen Vorsehung! Nur reine strenge Bahnen können zum Ziele führen. Der Stieg der Lüge und Heuchelei kann nicht von Dauer sein.
Mit einem Gefühle, in welchem sich Grauen und Schmerz verschmolzen, erzählten mir zu jener Zeit die Bewohner von Paris, welche ich kannte, von den gräßlichen Begebenheiten der Schreckenstage. Diese Erzählungen machten eigentlich nicht tiefen Eindruck auf mich, sie kamen mir vor wie märchenhafte Sagen, welche mir die höflichen, zierlichen, freundseligen Menschen, die mit mir sprachen, zur Kurzweil erzählten. Die jungen Männer, Frauen und Mädchen aus den mittlern und untern Klassen, die mir der Zufall entgegenführte, waren sehr für den Helden des Tags eingenommen. Vor ihrem Geistesblick rollte die Hoffnung einer neuern schönern Zukunft auf; sie glaubten, Frankreich habe einen Aufschwung genommen, es ginge nun bald allen Völkern voran, nachdem bei blutig erkämpftem Frieden, bei stillem heitern Himmel die süßen Früchte der Freiheit reiften. Paris hieß ihnen die Welthauptstadt! Sie waren stolz darauf, daß es ihre Heimat war. Der erste Consul begünstigte mit großer Vorliebe das Maschinenwesen. Höhern Zwecken gewidmet, sollte der Mensch nicht mehr selbst Maschine sein. Englands Kunstfleiß sollte überboten werden; zugleich auch wollte ihn Napoleon lähmen, damit Frankreich die goldenen Früchte genösse, die so viele Jahrzehnde hindurch England an sich gerissen; auch sollte die Aufgabe der menschlichen Thätigkeit veredelt werden. Zeit war durch die neue Einrichtung für die Jugend[201] so viel gewonnen, um sich zu großen Meistern in den freien Künsten auszubilden. Zeit, aber die Mittel nicht. Wie manches echte Talent zerschellte im Staube. Wie mancher hoffnungsvolle Dichter, Schriftsteller, Publicist ging im Elend unter! Besonders die letztern waren zu beklagen. Die Parteien mußten Sammethandschuhe anziehen, um nach keiner Seite hin unsanft zu berühren. Geoffroy, ehemaliger Geistlicher, dessen »Journal des Débats« in kurzer Zeit an der Spitze stand, hatte das Glück gehabt, den rechten Ton zu treffen, der belehrend, ergötzlich, scharf und zu rechter Zeit schonend war. »Der Publicist«, das »Journal von Paris«, schlugen denselben Weg ein wie Geoffroy, allein nicht ganz mit demselben Glück, noch mit derselben Befähigung. Geoffroy, der geheime Begünstigungen erfuhr und geheime Aufträge hatte, suchte mit vieler Geschicklichkeit Mücken zu Elefanten zu machen, nämlich, er wußte die Aufmerksamkeit der Massen seiner Leser auf Gegenstände zu ziehen, welche keine verdienten. Wichtige Momente gingen durch diese Kunstgriffe unbemerkt vorüber, und ehe man es sich versah, waren entscheidende Zwecke erreicht, die man gar nicht geahnt hatte. Talleyrand, der bewunderungswürdigste Geist seiner Zeit, war die Seele aller Bestrebungen, durch welche die Menge wieder gezähmt werden und wieder in das alte Gleis hineintappen sollte. Seine Aufgabe war keine leichte, war keine schöne; sie gelang ihm auch nur theilweise. Die Nation ist eine edle, sie dürstet nach Ruhm und Ehre, sie dürstet nach Vergeistigung, sie ersehnt den Fortschritt; doch der Druck von oben war zu gewaltig, der bessere Theil des Volks mußte unterliegen. Talleyrand meinte es in materieller Hinsicht gut mit dem Volke. Er gab ihm zu essen und zu arbeiten. Der kriegerische Hang des französischen[202] Volks war vielleicht weniger ein angeborener als ein durch die Ereignisse des letzten Jahrzehnds erzeugter. Mit wenigen Ausnahmen waren alle militärischen Größen aus dem Schos des Volks hervorgegangen. Jeder Conscribirte, der zum ersten mal die Muskete ergriff, fühlte schon auf seiner Brust nach seinen künftigen Orden umher. Hatte doch Murat auf der Landstraße an der Thür eines dumpfigen Wirthshauses den Reisenden die Pferde gehalten: der schöne Bube, dem sich früh schon ein zarter Flaum über die geschwellten Lippen kräuselte, durch dessen seidenartig behaarte Brust einst mörderische Kugeln pfeifen sollten und sie zerreißen, die jetzt so freudig wallte! Ja, der Krieg allein konnte diese thatendürstende Jugend auf die Höhe des Lebens hinschwingen.
Wenn der Krieger von der Zukunft träumte, so sah er nur das große Ehrenkreuz auf seiner benarbten Brust, oder er fühlte die brennenden Todeswunden, die auf dem Bette der Ehre bluteten, und fühlte das Wehen der Lorbern auf seiner Stirn; an einen dritten Fall dachte er nicht: an den des spurlosen Dahinsinkens auf dem Schlachtfelde unter dem feindlichen Kugelregen, oder des Verschmachtens auf der Landstraße bei stechenden Sonnenpfeilen, oder des langsamen Schmerzenstodes einsam auf dem Wahlplatze, wenn Maden in den Wunden seinen Körper zernagen und sein brennender Gaumen vergebens nach Wasser lechzt. Der ruhmsüchtigen kriegerischen Jugend wurden bald die Schranken breit geöffnet; wer nicht gutwillig hineinwollte, der mußte. Mit Zittern sahen die Mütter einen Knaben an ihrer Brust. Schon in seinen ersten Nahrungstrank fielen ihre Thränen und sie weinten bei seinem Aufblühen und Reifen. Nur zuchtvergessene Mädchen freuten sich, wenn sie eines[203] Knaben genasen, denn sie empfingen wöchentlich Brot und Geld, das frische Fleisch für die Schlacht aufzufüttern.
»Haben Sie vergessen«, fragte Napoleon einen Wohlmeinenden, der wegen seiner Kriegszüge und des ungeheuern Verlustes von Soldaten Bedenklichkeiten äußerte, »daß ich alle Monate zehntausend Mann daranzuwenden habe?«
Napoleon hatte alle Künstler und Kunsttreibenden von der Conscription ausgeschlossen; dies war für viele ein mächtiger Anreiz, sich der Kunst zu widmen, denn sie waren sicher, aus der Laufbahn, zu welcher hin der Genius sie drängte, nicht weggerissen zu werden. Am besten hatten es die Beflissenen der Kochkunst. Denn Paris war kein Sparta und der Kamin kein Kanonenfeuer! Am Ziel einer blutbesprengten Laufbahn sank der Goldregen in Strömen auf das vom Beifall bekränzte Haupt der Kriegführer, und ihre letzten Jahre sollten behaglich dahinfließen. Auch Melpomenens und Thalia's Jünger und Terpsichore's Lieblinge erlangten ein heiteres, ja ein glänzendes Los. Der Ruhm vergaß sie nicht und das Publikum liebte sie. Napoleon erhöhte die Preise ihrer Bemühungen, denen er mit Antheil zusah; allein er machte ihnen den Kummer, daß nicht mehr applaudirt werden durfte, sobald er in seine Loge trat. Ich habe schon irgendwo über die störende Unart des Beifallklatschens und Herausrufens gesprochen, und vorgeschlagen, man sollte das Brüllen und Toben der Bewunderung aus Theatern und Concertsälen verbannen, aber nach jeder Production sollten sich die Zuhörer zu einem Ehrengeschenk für die vortrefflichsten Künstler und Künstlerinnen vereinigen; indeß habe ich bisher tauben Ohren gepredigt.[204]
Napoleon hatte Sinn für Verfeinerung der Lebensgenüsse. Vielleicht kannte er Goethe's »Faust« und murmelte leise vor sich hin: »Knurre nicht, Pudel; zu den himmlischen Tönen, die jetzt meine ganze Seele umfassen, will der thierische Laut nicht passen.« Doch er konnte ja kein Deutsch! Das war eine Anomalie, durch welche vielleicht eine Säule seines Thrones Schaden litt. Hätte er Deutschland und Deutsch verstanden, er würde der größte Monarch aller Zeiten geworden sein. Auch würde er Deutschland nie mit Krieg überzogen haben.
Friedrich Schlegel äußert irgendwo, der beste Gewinn, den die Franzosen von ihren Eroberungskriegen gezogen hätten, sei: »daß sie eine gute Portion Deutschheit dabei erlangt«. Es war dem aber nicht so! Sie waren Gegenfüßler, und zwar stöckischer als je in dieser Hinsicht. Sie nannten sich die »große Nation«, und gewöhnten sich nach und nach, alles was sie berechtigen konnte, sich so zu heißen, von sich abzustreifen und auf den Mann der Gegenwart und der Zukunft zu übertragen. Die Verderbnisse riefen alle Aenderungen herbei, die zum Herabsinken wirken mußten. Gerüchte verbreiteten sich, die absichtlich erfunden wurden, um ihn herabzuwürdigen, die aber mit dem größten Wohlgefallen aufgenommen wurden. Die Schlechten ruhten nicht, bis sie in der Meinung den Halbgott zum Menschen gestempelt hatten. Zum Menschen mit allen seinen Schwächen und Irrthümern, den sie sich gleichzustellen wagten. Die Unbefangenen gewannen ihn um so lieber, je mehr sie glaubten, er sei ein Mensch wie ein anderer.
In harmloser Liebenswürdigkeit und anmuthiger Sitte konnte das Haus des Generals Bonaparte nicht überboten werden. Josephine, mit mächtigen Zaubern bewaffnet, übte ihr Talent, die Gemüther hinzureißen[205] und sie zu fesseln, mit einer Kunst aus, die ganz Natur zu sein schien; der gewinnendste dieser Zauber ging aus ihrer Herzensgüte hervor, denn gütiger war nie ein geschaffenes Wesen. Das Bedürfniß zu erfreuen, zu beglücken, beherrschte sie ganz. Alle die, denen sie wohlthat, mußten sich für Verpflichtete halten; kindlich gab sie sich selbst im Zauber der Gegenwart hin, ganz ohne Absichtlichkeit. Diese glückliche Zeit erblaßte, es wurde alles anders um Josephinen her, sie aber war dieselbe geblieben. Die Rose duftete nicht unbefangener, als Josephine Vergnügen um sich her verbreitete. Den Frauen gefiel sie durch Weiblichkeit und durch die gute Art und Weise, womit sie alles zu beseitigen wußte, was ihnen in ihrer Erscheinung noch von der Revolutionszeit anklebte.
Der erste Consul wollte die Fabriken heben, vor allen Lyon. Wie gern entschlossen sich die Damen, nur noch in Seide und Seidenblonde bei seiner Gemahlin zu erscheinen, sobald sie einen Wink dazu gegeben! Es wurden Shawls vom feinsten Tuch mit goldener Schnureinfassung und Puscheln getragen. Eine Dame hatte den ihrigen auf die Lehne ihres Stuhls gehangen, sie war aufgestanden und plauderte mit einer Bekannten. Erst als ihr Stuhl leer war, schien Madame Bonaparte den Shawl zu bemerken, und sagte: »Wie unanständig ist das, da hat ein Herr seinen Ueberrock hier gelassen.« Das nächste mal nun erschienen alle Damen in Kaschmirshawls oder in den köstlichsten Seidentüchern aus Lyon.
Josephine besaß gründliche Kenntnisse; Botanik war ihr Lieblingsstudium. Sie vereinigte mit dem ausgebildetsten Kunstgeschmack die holde Anmaßungslosigkeit, die den Frauen so gut kleidet und in Frankreich überhaupt[206] sehr geschätzt ist, ich möchte sagen gefordert wird. In Gesellschaft sprechen die Frauen wenig, ehe sie das dreißigste Jahr erreicht haben. Dichterinnen, Künstlerinnen, Schriftstellerinnen überhaupt machen Ausnahmen von dieser Regel. Unverheirathete junge Damen dürfen weder Augen noch Zunge haben. Der erste Blick auf einen Mann gehört ausschließlich der Liebe, er bleibt im Schrein des Herzens, bis die Empfindung es erschließt. Man sollte glauben, diese Zurückhaltung brächte Langeweile hervor. Doch man würde sich irren, auch die stumme Liebe, von der kein Dritter weiß, findet Mittel sich Luft zu machen, und blitzt hervor unbemerkt von den Anwesenden; das Regen eines Fingers schreibt sich in das Herz eines geliebten Gegenstandes; ein Hauch, ein kaum vernehmbarer Seufzer enthüllt sie, sodaß es niemand anders weiß. Den scharfen Beobachter mahnt dies holde geheime Spiel wie das der Spanierinnen mit ihrer Mantille, der sie eine Sprache zu geben wissen; denn der mächtigen Liebe muß alles dienen! Der Herzog Adrian von Montmorency, ein schöner junger Mann, dessen rosiges Haupt wie von reinem Golde umlockt war, hatte eine Braut im Kloster, die ihm in zwei Jahren angehören sollte. Vergebens flehte er ihre Verwandten und die seinigen an, die Vermählung zu beschleunigen; denn er war schon bald 18, die Geliebte bald 14 Jahre alt. Am Sprachgitter durfte er die Angebetete sehen, und in Gegenwart der Oberin und einiger Nonnen mit ihr sprechen. Jede tausendäugig wie Argus! Sie beneideten die schöne liebeglühende Braut um ihr nahes Glück. Adrian klagte die Familien der Grausamkeit an; man verlachte seine Klagen und wußte seine Besuche im Kloster immer mehr zu beeinträchtigen. Dennoch siegte die Liebe! Adrian fand Mittel, seine Geliebte aus[207] dem Kloster zu entführen, ohne daß sie ein Wort darüber wechselten. Er flüchtete mit ihr nach England und kam triumphirend zurück mit seiner angebeteten Gemahlin. Er konnte sich denken, daß sein Wagestück Beifall fand, weil es gelungen war. Doch es zeigte sich bald, daß die künstliche Steigerung, welche seine Leidenschaft, durch die Schwierigkeiten, die ihr entgegenstanden, unaufhörlich angefacht, nun in sich selbst versinken mußte, als sie keinen Kampf mehr zu bestehen hatte. Das junge Ehepaar wurde gleichgültig gegeneinander. Es wandelte friedlich Arm in Arm durch den Pfad des Lebens, und Adrian würde seine Erkaltung gegen seine Gemahlin noch offener als er that an den Tag gelegt haben, wenn er sich nicht vor der Welt darüber geschämt hätte. Es ging ihm ungefähr, wie es jetzt den Völkern geht; sie ersehnen nur, was sie nicht besitzen; sollten sie es jemals erreichen, sie würden es wieder von sich werfen!
Ich gebe diesen flüchtigen Umriß der damaligen Stimmung und Farbe der Gesellschaft, weil aus dieser Erläuterung für den Denkenden zu schließen ist, wie alles kam, was nachher geschah, und warum die Franzosen so wankelmüthig erscheinen. Sie sind es nicht! Nicht vom Volke ging alles Fluchwürdige aus! Was bei Ausbruch der Revolution und in der Schreckenszeit geschah und vielleicht noch geschehen kann, wird auch nicht aus seinem Herzen entspringen, sondern seinen Ursprung in der Verderbniß der höhern Klassen haben. Doch, was auch die Zukunft ihm bringen möge, es muß zu einem entscheidenden Resultat führen. Dies große, feurige, beseelte Volk wird sich läutern und vergeistigen oder ganz zu Grunde gehen. Noch ist der Franzose zu entflammen, der Deutsche kaum[208] noch mehr. Noch fühlt sich der Franzose als Volk. Nicht so der Deutsche; bei ihm steht das Ehrenvolle hoch und kräftig, aber einzeln da, emporragend, unerschütterlich; aber zwischen ihm und der Gemeinheit liegt nichts in der Mitte, denn jede Erhebung erzeugt Besorgnisse ohne Zahl und Maß, und jede Schnellkraft drückt ihr Dämpfer.
Frau von Genlis war weit entfernt davon, mit mir oder der jungen Stephanie, welche eben aus dem Kloster der Ursulinerinnen kam, oder mit Kasimir, ihrem angenommenen Sohne, von Gegenständen dieser Art zu sprechen. Sie wurde nicht in die Kreise des ersten Consuls noch der Marschälle gezogen, keine Art von Gunstbezeigung wurde ihr zu Theil, sie schien auch keine zu erstreben. Ihre Lebensweise schien aus ihrer Wahl hervorzugehen. Sie hatte wohl berechnet, daß dies das einzige Mittel war, früher oder später emporzukommen. Der Trotz des ersten Consuls gegen Frau von Staël, deren Grundsätze er verwarf und welche er haßte, weil er glaubte, diese geistreiche Frau sehe zu klar und zu tief, um sich über ihn zu täuschen, erweckte bald einige Sympathie zwischen dem Oberhaupt des Staats und der fruchtbaren Schriftstellerin, die sich behutsam und mit raschen Schritten der Bahn näherte, welche sie für angemessen hielt einzuschlagen. Sie suchte in ihren Schriften Frau von Staël zu verdächtigen und zu verkleinern. Auf den gesunden Sinn der Bessern machten diese Versuche keinen Eindruck, aber bei der Partei, der sie sich anzuschließen strebte, erweckten sie Gunst und Beifall. Frau von Genlis hätte nun in Paris bleiben können, doch sie hielt es für vorsichtiger, sich auf einem Umweg ihrem Zweck zu nähern. Sie entfernte sich von Paris, wo sie viele Gegner hatte, um bei ihrer Rückkehr mit mehr Nachdruck aufzutreten.[209]
Geräuschlos zog sie fort. Ihre dürftigen Umstände dienten ihr zum Vorwand. Paris verursachte Geld- und Zeitverlust, in Versailles konnte sie billig leben und ihre gewonnene Zeit zu Geld machen. Indeß war ihr Kreis nicht zahlreich genug, um sie zu stören. Der Schriftsteller Fievée, bekannt als Publicist und durch ein niedliches Romänchen: »Susettens Aussteuer«, und sein Freund Theodor Leclerc waren ihre eifrigsten Besucher. Fievée hatte eine Haft im Tempelthurm bestanden, sein Vergehen war ein sehr geringes. Frau von Genlis kannte ihn und bat ihn durch eine Vorstellung an den ersten Consul los. Sie machte darin seine Arglosigkeit und sein Talent geltend. Dem ersten Consul lag daran, sich geschickte Federn zu gewinnen. Fievée hatte Charakter. Er mußte zwar seine frühere Bahn verlassen, doch er trat nicht in die neuere über. Der junge Theodor Leclerc, dem die Lesewelt manches Ergötzliche, unter anderm die beliebt gewordenen dramatisirten Sprichwörter dankt, ging an der Hand seines Freundes Fievée auf dem geebneten, hier und da umblümten Wege fort, der niemand verschlossen war, und bei sinnreichem Nachdenken und Talent auch Anlaß zu einer geschickten Persiflage gab, die geistreichen Lesern zugute kam. Die beiden Freunde verlangten nicht in das Schloß, doch sie vermieden auch den Weg zum Tempel; sie waren die einzigen Besucher der Frau von Genlis, welche auch in Versailles öfters erschienen. Selbst Kosciuszko und Corvin blieben aus.
General Valence kam nie nach Versailles, seine Gemahlin desto öfter, begleitet von Leonce Lombard oder auch von ihren aufblühenden Töchtern Rosamunde und Felicie. Rosamunde hätte für eine Deutsche gelten können. Sie war blond und frischwangig, ihre blauen[210] Augen glänzten heiter und freudig; üppig schlängelten sich ihre vollen blonden Locken um das Blumenbeet ihres Angesichts. Sie war das Bild ihres Vaters und wie er hoch und schlank gebaut. Ihre Schwester Felicie hingegen glich ihrer Großmutter Genlis, sie war lebhaft und geistvoll, ein angenehmes Kind, der es auch an Gutmüthigkeit nicht fehlte. Die Großmutter hatte Sinn für ihre Liebenswürdigkeit, doch beide Kinder waren ihr etwas fremd geblieben, und es blieb dabei.
Des Generals Valence's improvisirte Ehe konnte keine glückliche sein. Seine schöne junge Frau, die auch Geist und Gemüthlichkeit besaß, wurde durch sein Verhältniß zu Frau von Montesson in ihren zartesten Gefühlen gekränkt. Nach wenigen Jahren eines schalen Ehelebens entzog ihr der Sturm der Zeit und der Krieg des Gemahls Gegenwart. Valence war Adjutant vom General Dumouriez und nahm an dessen Uebergang zum Feinde Theil. Durch die freundliche Gesinnung Josephinens zur Frau von Montesson kam er wieder in Gunst, und konnte seinen Kindern das der Nation verfallen gewesene Vermögen seines Schwiegervaters, des enthaupteten Grafen Sillery, retten.
Frau von Genlis hatte einen Bruder, Namens Ducrest, der voller Geist und Erfindungskraft war. Ihm dankte der erste Consul die flachen Schiffe, mit denen er England anfallen wollte; man weiß, wie diese Unternehmung mislang. Dieser Bruder der Frau von Genlis war arm geboren und geblieben. Der einzige Sprößling seiner ersten Ehe, Cäsar Ducrest, kam 1807 auf der Seine um. Er war voll Gemüth und Geistesgaben, eines schönern Todes werth. Seine Tochter aus zweiter Ehe Georgetta, war eine gewinnende Erscheinung, voll Lebhaftigkeit und künstlerischen Anlagen; auch sie[211] kam mit ihren Aeltern nach Versailles. Das liebenswürdige Paar Parandier wohnte schon seit längerer Zeit dort, so auch die Besitzerin eines schönen Hauses und prachtvollen Gartens, Madame Lemoniers, die Witwe eines der verdienstvollsten Gelehrten Frankreichs; sie war jung, lieblich und geistbegabt. Sie liebte ihren zweiundsiebzigjährigen Onkel mit der wärmsten Bewunderung und innigsten Zärtlichkeit. Sie erklärte ihm und ihren Aeltern, sie würde keines andern Mannes Hand annehmen, und da ihre Familie ihr Schwierigkeiten entgegensetzte, flüchtete sie sich zu ihm hin, wurde seine Gattin und lebte glücklich. Sie hatte sich vorgenommen, keine zweite Heirath einzugehen und blieb lange ihrem Vorsatz treu. Wir besuchten sie oft. Frau von Genlis war in der Botanik sehr erfahren, und freute sich des pflanzenreichen Gartens ihrer Freundin. Unser Wohnhaus lag neben dem ehemaligen Hotel de Vergennes, in dessen schattenreichem Garten ein klares Gewässer ganz mit Blumen umgeben uns junge Welt sehr entzückte. Wir durften dort im Kahn umherfahren. Hotel und Garten waren das Eigenthum eines alten ehemaligen Armeelieferanten, der, wie alle seines Standes, die Kunst verstanden hatte, schnell reich zu werden. Wir besuchten seinen Garten oft und immer mit Genuß. Frau von Genlis fand ihn abscheulich, sie liebte die französischen Gärten in Lenotre's Stile nicht, ich auch nicht; aber welch junges frisches Herz erfreut sich nicht an grünen Bäumen und blauer Flut!
Im geräumigen Hause, das Frau von Genlis mit uns bezog, war es schlecht um mein Zimmer bestellt. An den Wänden hingen zerrissene Tapeten herunter und es stand beinahe gar nichts darin; doch ich war getröstet, wenn ich Tinte, Feder, Papier und einen Schreibtisch[212] hatte. Ja, wenn ich nur Ideen und Bilder besessen hätte! Frau von Genlis baute gar keine Hoffnungen auf meine Anlagen zum Schreiben, und wenn es nach ihr gegangen wäre, so würde ich ganz davongeblieben sein. Sie hatte damals recht. Sie meinte es überhaupt ehrlich, wenn sie Rath gab.
Versailles war zu der Zeit ziemlich öde. Der erste Consul hatte dort ein Lyceum für Heranwachsende hinbeschieden. Ein Gelehrter, Namens Belin de Ballu, war Director desselben. Kasimir mochte fühlen, daß ihm Gymnasialunterricht nothwendig sei, vielleicht auch stach ihm die Uniform in die Augen. Er verlangte von seiner Pflegemutter, auf ein halbes Jahr dort eingeschrieben zu werden. Dem blonden Knaben mit feiner Haut und brennenden schwarzen Augen stand die grüne goldverzierte Uniform allerdings sehr hübsch, allein der Unterricht behagte ihm nicht lange, und er hing die Uniform an den Nagel, übte fleißiger als je sein Harfenspiel, zuerst auf einer kleinen klanglosen Harfe nur wegen der Fingersetzung, bis er nach und nach zum Instrumente selbst überging. Stephanie, eine liebliche junge Freundin, genoß auch den Unterricht bei Frau von Genlis. Kasimir machte dieser sehr viel zu schaffen.
Frauen sollten nicht Knaben erziehen wollen.
Ueberdem schrieb sie um Brot, und es blieb ihr keine Zeit, ihrem Pfleglinge die Kenntnisse beizubringen, die sie selbst besaß. Der Knabe war auch nicht sehr lüstern danach, er liebte das Umherstreifen lebhaft, und die Einsamkeit eines ganz freudenlosen Hauses konnte ihm nicht zusagen. Die Folge seines Unbehagens war gegenseitige Erbitterung, die nicht selten gegen Frau von Genlis selbst losbrach. Ich und Stephanie vernahmen durch den Kamin die bittern Worte, welche sich[213] der Pflegling und seine Wohlthäterin sagten; sie thaten uns in der Seele weh, denn wir beide liebten Frau von Genlis aufrichtig und freuten uns herzlich ihrer Mittheilungen, am meisten, wenn sie uns den Plan einer Erzählung, welche sie schreiben wollte, entwarf, oder uns eine vorlas, die sie eben verfaßt hatte. Sie schrieb schnell und besonnen, und arbeitete alles, was sie schrieb, vorher im Kopfe aus, nie machte sie ein Concept. Buffon hatte ihr diesen Grundsatz eingeprägt, damit der Gedanke in seiner Ursprünglichkeit auf das Papier käme. Musterhaft war ihr Fleiß. Sie stand nachts um 2 Uhr auf und setzte sich an den Schreibtisch, ohne etwas zuvor genossen zu haben. Um 8 Uhr legte sie sich wieder zu Bett bis 10 Uhr, wo man sie mit ihrem Frühstück weckte, das allein aus Früchten bestand. Kein Wein, kein Kaffee kam über ihre Lippen, höchstens Orangenblütenthee mit Milch und Eierdotter; sie bereitete sich einige stärkende Mittel. Solange man jung ist, glaubt man nie altern zu können, sonst würde ich mich wol um ihre Arznei gekümmert haben. Sie starb mit 89 Jahren im vollen Genuß ihrer Geisteskräfte, ohne vorhergehende Krankheit. In ihrer Todesnacht hatte sie noch an Ludwig Philipp zwei Vorstellungen geschrieben. Die eine zu Gunsten Kasimir's, für den sie eine Pension erflehte; die zweite enthielt eine Bitte für eine arme Familie, die sich, wie so viele thaten, an sie gewendet hatte. Beide schrieb sie im Vorgefühl des herannahenden Todes. Sie starb einsam, man fand sie dahingeschieden in ihrem Bette. Stets spendete sie so viel Wohlthaten, daß man nur noch sechs Sous bei ihr fand. Frau von Valence eilte an ihr Todtenbett, und bemerkte bald, daß kein Betttuch da war sie einzusargen; sie erfüllte diese und andere Pflichten an der Dahingeschiedenen.[214]
Hiermit bin ich aber der Zeit, wo ich mich in ihrem Hause befand (1801) und dem Lauf der Geschichte vorausgeeilt und nehme den Faden jener Tage wieder auf. Ich werde noch öfters Gelegenheit haben, von Frau von Genlis zu sprechen, und nicht ermangeln, sie ihrem ganzen Wesen nach treu zu schildern. Wer sie kannte, wird sie in diesem Bilde treuer und lebendiger dargestellt finden als in ihren wohlbekannten Memoiren, in welchen vieles Unwahre steht, manches Ueberflüssige verzeichnet ist und die Geschichte ihrer Zeit überaus lückenhaft behandelt worden, ohne daß man entdecken konnte warum; doch Frau von Genlis, gleichwie die Herzogin von Abrantes, waren der Wahrheit fremd, die Lüge hatte sich ihrer bemächtigt. Ich sage das nicht, weil sie über mich gelogen haben, und will nicht deshalb den Stab über sie brechen, sondern betrachte dies Unglück wie jede andere moralische Krankheit und trauere darüber. Nur eine Gestalt aus der Vergangenheit stand ihr treu zur Seite. Es war der Leibarzt Philipp Egalité's, der brave Vater meiner lieben Stephanie, welche eine vortreffliche Erziehung in dem Ursulinerinnenkloster genossen. Ihre natürlichen ausgezeichneten Geistes- und Gemüthsanlagen waren dort harmonisch ausgebildet worden. Ihr Vater hatte sie zu fernerer Ausbildung der Frau von Genlis anvertraut. Kein Umstand aus dem Leben der Frau von Genlis, solange sie in Frankreich war, konnte ihm entgangen sein, er war ihr deshalb nicht minder ergeben. Napoleon hatte ihn an die Spitze der Aerzte als Director des Hospitals seiner Garde gestellt. Alyon bewunderte und liebte den ersten Consul wegen seiner väterlichen Fürsorge für das Wohl seiner Soldaten; auch war es ihm vielleicht nicht gleichgültig, daß er sämmtliche Wundärzte und Aerzte der Armee[215] zum Offiziersrang erhoben, und ihnen den Titel »Gesundheitsoffiziere« beigelegt hatte. Auch verschiedene Prärogative des Offizierstandes waren ihnen zugetheilt worden. Viele freuten sich ihrer schönen Uniform, welche auch Alyon nicht gleichgültig war; sie war theegrün mit Gold gestickt, und wurde nur bei außerordentlichen Gelegenheiten getragen. Der erste Consul liebte in allem Pracht und Stil, allein das römische Costüm der Deputirten, wiewol es sehr hübsch war, mußte ihm lächerlich erscheinen, denn er schaffte es ab. Das Römer- und Griechenthum blieb ausschließlich David und seiner Schule, während der ägyptische Stil in Möbeln und Geräthschaften herrschend blieb.
Mit Wonne kehrten die Franzosen wieder zum Franzosenthum zurück und die Französinnen zur Schnürbrust, die alle äußerlichen Mängel des Körperbaues beseitigte, kaum bemerkbar ihre Herrschaft wieder einnahm und zur Wespe umschuf, was erst Grazie gewesen. Josephinen stand die verlängerte Taille sehr schön, sie erlebte nicht mehr die Wespenmetamorphose und noch weniger die Nürnbergerspitzen-Taillen mit den Wespen und spitzen Schneppen hinten und vorn. Der Reifrock und die Pariser Poschen werden nicht ausbleiben, wenn es so fortgeht. Die Modenveränderungen sind der fressende Krebs, der am Wohlstand und an der Bildung des Menschengeschlechts zehrt! Denn die Männer sind zu Modengecken geworden, wie die Frauen und die Kinder auch. Besonders in Paris scheint die Eitelkeit der Kinder ein uraltes Erbtheil zu sein. Ich sah einmal zwei niedliche Mädchen durch den Tuileriengarten gehen; die eine faltete den Rock ihres Kleides mit großer Sorgfalt zusammen, und fragte dann das Schwesterchen: »Anna, ist auch mein Bein zu sehen?« Dies war sehr zierlich geformt,[216] Anna bejahte, und die Kleine war zufrieden. Eine andere, von deren schönen Augen man schon gesprochen hatte, sagte: »Die Sonne thut meinen schönen Augen weh!«
Noch im Frühling 1802 stand an allen Wänden geschrieben: »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, oder der Tod.« Man übte die Vorsicht, diese Inschriften nur einzeln zu vertilgen. Die Stadt bot übrigens auch ohne sie den traurigsten Anblick dar, sie war so gut wie verwüstet, sah verwildert aus. Um das prachtvolle Schloß her schwebten gleichsam mit dunkeln Flügeln die Geister der alten Schreckenstage. Ihr Schwirren und Sausen schien neues Unheil zu verkünden, das noch schlief und sich in Träumen regte. Im Winter würde ich in Versailles vergangen sein vor Langeweile, wären nicht Parandies dort gewesen und hätte ich nicht die deutsche Familie von Gräfe dort gefunden. Der Oberst war Erzieher des unvergeßlichen Georg von Mecklenburg-Strelitz, seine liebenswürdige Gemahlin hatte die ersten Jahre der vier Schwestern des Prinzen geleitet. Drei hübsche Kinder umgaben Gräfe, von denen mir das eine durch eine unverkennbare Aehnlichkeit mit der Königin Luise von Preußen auffiel. Als ich meine Verwunderung darüber äußerte, sagte der Oberst: »seine Gattin sei zu der Zeit, wo sie die kleine Luise unterm Herzen trug, mit der Königin von Preußen sehr beschäftigt gewesen, und liebe sie unaussprechlich, daher die Aehnlichkeit!« Es war dem nicht so, sondern Luise war das Pfand einer ersten Liebe des Prinzen Georg. Als sie 17 Jahre wurde, verlor sich diese Aehnlichkeit. Gräfe war durch seine Hofkabale von seiner Stelle beim Prinzen Georg entfernt worden. Erst viele Jahre nachher, als ich die frechsten und empörendsten aller Hofkabalen, die es jemals gegeben, an mir[217] selbst erfuhr, konnte ich mir denken, was der vortreffliche Mann gelitten haben muß. Er sprach nie darüber; erst durch andere erfuhr ich sein Verbrechen: er hatte einige Pappeln umhauen lassen, die ihm die Aussicht hemmten. Die Schmähsucht verbreitete, daß ihm die Pappeln hinderlich gewesen wären, die Fenster der Wohnung einer stillgeliebten hohen Dame zu erblicken. Aus solchen Fäden wurde der Lügenknäuel gedreht, aus dem sein Netz bereitet wurde. Der Erbprinz war keinen Augenblick in Zweifel über ihn. Ich habe die Briefe gelesen, die er ihm schrieb, sie sind voll Geist und Herzigkeit. Oberst Gräfe lebte vergnügt im Schos seiner Familie und einer ländlich freundlichen Natur. Er konnte mit Karl Lappe sagen:

Stadt oder Land, nur nicht zu eng die Räume,
Ein wenig Himmel, etwas Grün der Bäume,
Zum Schatten vor der Sonne Brand.
Nicht an das Wo ist Seligkeit gebunden;
Wer hat das Glück noch außer sich gefunden?
Stadt oder Land! Die Außenwelt ist Tand!

Theurer Sänger Lappe! lebst du? Birgt das Dach deiner neuen Hütte in Pütte Glückseligkeiten deiner werth? Sind deine Söhne wie du, deine Töchter der Mutter gleich? O, möchten die stillen Wünsche aller Guten, die dich unsichtbar umschweben, in Erfüllung gehen! Deutscher Sänger, dessen seelenvolles Lied vom Geklingel künstelnder Reimhascher übertäubt wird und der den Kampf mit dem Leben freudig besteht! Vor mehreren Jahrzehnden baute dir Liebe dein Häuschen wieder, das in Asche lag. Heutzutage würde es in Asche liegen bleiben. Und auch damals gab es für dich nur einen Castelli. Denn[218] von allen Redacteuren von Journalen und Verlegern von Taschenbüchern, die Karl Lappe mit seinen entzückenden Liedern geschmückt, sind ihm wol nur die wenigsten honorirt worden: »weil es nur Gedichte sind!« Ferdinand Castelli war der einzige, der dem Sänger dankbar war. Er pränumerirte auf 25 Exemplare der Gedichtsammlung für den Neuaufbau der Hütte in Pütte. Für manchen Herausgeber und Verleger sind die Dichter Citronen zum Ausdrücken und Wegwerfen. Amphion machte die Steine beweglich, die sich zum Bau Thebens fügten; unsere Verleger verstehen dagegen unsere Lieder festzumachen, um sich ihre Paläste zu bauen. Möchten sie doch! Der Dichter bedarf keines andern Palastes, als das Feenschloß der Phantasie; aber in der Noth ihn verlassen, das setzt die Verleger den schlesischen Fabrikherren gleich.
Wenn ich zur Familie Gräfe ging, mußte ich mitbringen, was ich seither geschrieben hatte. Es waren meist Uebersetzungen nach Novellen der Frau von Genlis, die ich für musterhaft hielt und die ohne Zweifel Verdienst haben. Unvergeßlich wird der Lesewelt z.B. die Novelle »Fräulein von Clermont« bleiben; auch die Erzählung »Der Malencontreux« ist höchst eigenthümlich; man kann das von vielen ihrer Schriften nicht sagen. Letzteres Werk deutet darauf hin, was in ihrem eigenen Herzen vorgegangen sein mag, ehe die Revolution ihre Schwingen entfaltete. Auf eine so feine als geistreiche Weise ist die Unsitte und Nichtigkeit des französischen Hofes, wie er zur Zeit der Regentschaft bestand, hier gerügt. Menschen-, Welt- und Hofkenntniß sind hier in einer seltenen glänzenden Vereinigung zu finden. Die Witzpfeile sind mit treffender Hand abgeschnellt und gehen bis in das Mark. Man sieht, daß die Verfasserin das Gute erkannte und ersehnte, und eine bessere Zeit aus den Trümmern des Hergebrachten[219] aufbauen wollte. Ob sie nachher im Strudel der Zeit mit fortgerissen, durch Leidenschaft verblendet, das, was sie zuerst absichtslos erstrebte, nun selbstsüchtig zur Erreichung eigenen Vortheils anzuwenden bemüht war, ist noch unentschieden, und mögen wir das Beste von ihr denken, da das Schlechte nicht bewiesen ist.
Eines Tages war ein Brief gekommen, mit dem bekannten Namen eines Republikaners Soulavie unterschrieben. Der Brief war in einem freien Tone abgefaßt, schien auf große Vertraulichkeit in politischen Dingen und gemeinsame Wirksamkeit für die Sache der Republik hinzudeuten, und verlangte eine neue Zusammenkunft, um wiederum die frühern Verhältnisse anzuknüpfen. Frau von Genlis war über diesen Brief in der höchsten Bestürzung; sie versicherte feierlich, den Verfasser nie gekannt zu haben und nichts von ihm wissen zu wollen. Ein Bekannter kam an demselben Tage von Paris, setzte einige Zeilen in diesem Sinne abgefaßt, auf, welche sie unterschrieb, und es war vom Bürger Soulavie keine Rede mehr, er meldete sich nicht mehr. Kurz nach dieser Aufregung sagte sie uns einmal von den ersten Schritten, welche sie im Auftrage des damaligen Herzogs von Orleans mit Hülfe Sheridan's für die Revolution gethan. Sie hatte eine große Anzahl Ringe mit Brillanten, Saphiren und Rubinen, den drei Nationalfarben, bekommen, nur sie nach England zu bringen; diese wurden an alle Gleichgesinnten verschenkt, und dienten zum Erkennungszeichen. »Ich liebte die Revolution«, sagte Frau von Genlis, »damals konnte man sie lieben!« Dies sind die einzigen Worte, welche sie jemals in unserer Gegenwart darüber ausgesprochen. Ueber den Ersten Consul äußerte sie sich mit schwer verhaltenem Unwillen. Ueber die Ermordung der Prinzessin von Lamballe[220] sprach sie edle Worte des Mitleids aus. Madame Elisabeth hieß sie einen reinen Engel der Tugend und des Erbarmens. Marie Antoinette wurde auf eine Weise erwähnt, die schonend sein sollte, ebendeshalb aber nur schärfer einschnitt. Ueber Ludwig XVIII. und die Herzogin von Angoulême beobachtete sie ein schmerzliches Stillschweigen; doch Ludwig XVI. kam schlimm weg. Es gab keine Lächerlichkeit, keine Unsitte, keine pöbelhafte Gewohnheit, welche sie dem seligen Märtyrer nicht aufgebürdet hätte. Auch Necker's Andenken litt unter ihrer Zunge, nicht minder das seiner edeln Gemahlin und seiner genialen Tochter, von welcher sie nicht müde wurde, Lächerlichkeiten zu berichten und Schriften herabzuwürdigen, welche sie als sittenverderbend und unsinnig darstellte.
Die vierzehnjährige Stephanie, Kasimir, der dem Knabenalter kaum entwichen, und die achtzehnjährige Helmina hatten den berühmten Namen der Frau von Staël nie zuvor aussprechen hören; wir wunderten uns, erstaunten über so viel widerliche Gewohnheiten einer Frau, welche uns Frau von Genlis selbst als höchst geistvoll schilderte. Wenn sie den Köcher ihrer Giftpfeile auf jene abgeschossen, pflegte sie sich zu mir zu wenden, und sagte mit unverkennbarer Erbitterung: »Sie, Helmina, haben manche der Fehler der Frau von Staël, werden aber nie ihren Geist haben!« Ich weiß nicht, warum dieser Tadel mich stolz machte, und ich vertheidigte mich darüber nicht; er dünkte mir gehässig und benahm mir den Begriff, den ich von der Gerechtigkeitsliebe und der Klarheit des Urtheils, die ich ihr ehemals zugetraut, gefaßt hatte. Sie erzählte von Necker's Gattin einen kleinen Charakterzug, den ich nicht vergessen habe. Madame Necker habe bei der Aussicht auf einen baldigen [221] Tod ihrem Gemahl eine große Anzahl Briefe geschrieben, welche sie numerirte und einem Freunde anvertraute, der sie in verschiedenen Zwischenräumen an ihn absenden sollte. Ich fand die Idee sinnreich und eigenthümlich. Frau von Genlis fand darin Ziererei, Anmaßung und sogar Grausamkeit. Sie sagte: »Diese Briefe mußten Wunden aufreißen!« Ich habe kein Urtheil darüber, halte aber meine Empfindung für die richtigere. Ich kenne manche gefühlvolle Frau, die dasselbe gethan hätte wie Madame Necker, wenn es ihr eingefallen wäre. Wie vieles hat nicht eine liebende Gattin auf dem Herzen, für welches der Ausdruck durch das Leben beeinträchtigt wird und was erst über dem Grabe besprochen werden kann. Das Grab trennt ja weder die Liebe noch den Zusammenhang mit dem geliebten Gegenstande. Mich hat Gott gewürdigt, mir hiervon die unumstößlichsten Beweise zu geben – ein mächtiger Trost, eine süße Erquickung, ein unumwölkter Blick in das schönere Dasein, dem wir entgegenreifen, das wir nie aus den Augen verlieren sollten; denn, o! wir finden uns wieder! Das Wie und Wo weiß der Allmächtige! Die menschliche Vernunft auf unsern Pilgerwegen kann uns kein Licht darüber geben. Unser Licht sei Christi Lehre!
Wir waren nicht lange vor dem Namenstage der Frau von Genlis in Versailles angekommen. Ich hatte ein kleines Spiel dazu entworfen. Fievée schrieb es um, und dichtete dazu ein Lied, welches Stephanie singen sollte.
Kasimir hatte die Hauptrolle. Frau von Genlis sollte damit überrascht werden, weswegen wir das kleine Spiel auf das sorgfältigste mit Kasimir durchgingen und einübten. Fievée war sehr zufrieden mit der Darstellung.[222] Eine kleine Gesellschaft war zugegen; die Anwesenden merkten bald, daß Kasimir's Rolle einstudirt sei. Am 14. Juli hatte sich Dr. Alyon seine Stephanie und mich erbeten, um uns zum Feste der Eroberung der Bastille zu führen. Es war das letzte dieser Art, und wurde mit großem Pomp begangen. Es gab großes Concert im Freien, Revolutionshymne und Chöre, große Tafel in den Elyseischen Feldern für die Invaliden, Maste mit bedeutenden Preisen für die geschickten Aufklimmer, heroische Ballete, Feuerwerk und noch viel anderes mehr, um das glückliche Volk zu ergötzen, welchem auch noch Geflügel, Schinken und Wurst ausgetheilt und volle Becher Weins dargereicht wurden. Es war die Büchse der Pandora, die herabgeschüttet wurde, aber auch Angenehmes enthielt. Die Menge war äußerst zufrieden. Das Tuilerienschloß, noch vor wenigen Jahren der Aufenthalt des Entsetzens und Jammers, war vom Fuß bis zur Thurmkuppel ganz mit Flammenzügen gezeichnet, und bot einen prachtvollen Anblick dar. Einen betäubenden Dampf verbreiteten die Pyramiden mit Talglampen besetzt, welche den ganzen Garten erleuchteten. Am verletzbarsten für das Gefühl der Gutgesinnten war die fabelhaft prächtige Ausschmückung des Revolutionsplatzes. Hier hatten unzählige unschuldige Opfer geblutet. Hier hatte auch Philipp von Orleans seinen Geist ausgehaucht. Feierte man nun das Andenken dieser Greuelthaten oder den endlich errungenen Frieden? Die Zukunft hat bewiesen, daß das Mene Mene Tekel Upharsin dieser Flammenschrift dem Belsazar jener Zeit galt, und daß Babylon von der Zukunft nur neuen Jammer zu erwarten hatte. Kurz vor Anbruch des Tags erloschen die Lampen, das Tuilerienschloß stand starr und düster wie eine stumme Drohung da. Die[223] vergnügungssüchtige Menge verlor sich schweigend, übersättigt von Genüssen. Das Wort »Gallisches Kaiserthum« stieg wie aus dem Boden empor, und kreiste durch die Massen. »Was heißt das?« fragte ich meinen Führer. »Sie hören ja«, antwortete dieser, »es ist ein Gallicismus!«
Ich war zu müde zu noch andern Fragen, und wir begaben uns sehr abgespannt nach Hause. Andern Tags bemerkten wir nur Erschlaffung und Trübsinn. Jedermann wußte, was dies zu bedeuten hatte, aber niemand sprach darüber. Frau von Genlis ermahnte mich mit Freundlichkeit, nicht wieder ein solches Volksfest mit anzusehen; ich entschuldigte mich mit der Nothwendigkeit zu schreiben, um Geld für meine Mutter zu verdienen. Sie ließ die Entschuldigung gelten, zweifelte aber am Erfolg. Ich erkrankte indeß schwer an den Masern. Frau von Genlis zog auf drei Wochen aus dem Hause, damit Stephanie und Kasimir nicht auch erkranken sollten. Ich schrieb aus Langeweile eine kleine Geschichte, die mir ganz allerliebst vorkam. Fessler nahm sie gern in die »Eunomia« auf. Ich hatte sie aus meinem eigenen Französisch übersetzt. Ich wurde gesund, und der Frühling kam, er brachte mir Blumen und Lieder. Ich durfte morgens in das schöne Wiesenthal nahe an unserm Hause gehen; es war sehr lieblich und hätte verdient, besser besungen zu werden.
Im März erhielt Frau von Genlis die langersehnte Nachricht, daß ihr der Erste Consul eine schöne Wohnung im Arsenal bewilligt habe. Wir zogen im Triumph hinein, wir sahen mit Recht in dieser Begünstigung den Vorläufer mancher andern. Auch Parandies kamen nach Paris. Sie hatten die Hoffnung aufgegeben, daß Frau von Genlis auf ihre Lage Einfluß üben[224] könnte oder vielmehr wollte; denn sie behaupteten, daß sie es könnte. Sie nahmen sich meiner sehr herzlich an und wollten mir ein freundliches Zimmer in ihrer Wohnung bereiten, unüberlegterweise schlug ich es aus.
Schon lange war die Rede davon gewesen, daß ich mir eine Bahn brechen müßte, um nicht länger bei Frau von Genlis zu sein. Sie hatte mich nach Polen schicken wollen; ich empfand Scheu vor dem fremden Lande, dessen Sprache mir unbekannt war. Diese Scheu war um so kindischer, als ich mehrere polnische Familien kannte; doch ich konnte nach den Erfahrungen, die ich in Frankreich gemacht hatte, den Gedanken an Abhängigkeit, und wäre es auch die mildeste von allen, nicht mehr ertragen. Ehrgeiz und Neigung bestimmten mich, eine literarische Laufbahn zu suchen; diese sollte mir auf unerwartete Weise geöffnet werden. Ich hatte mich nach einer lutherischen Kirche umgesehen, womöglich nach einer deutschen; diese befand sich im Hotel der schwedischen Gesandtschaft.
Ich ging dorthin, denn ich hatte in Paris keine einzige deutsche Familie, die mich hätte dorthin führen können. Ich gerieth in einen prächtigen Gartensaal, der offen stand. Unwillkürlich hefteten sich meine Blicke auf den großen Kaminspiegel, der das junge Maigrün und die Blütenpracht des Gartens zurückstrahlte. Beim Hineinsehen bemerkte ich einen Mann, der, den Garten entlang kommend, sich nach dem Hause hinbewegte. Seiner Kleidung nach zu schließen, mußte es der Pastor sein. Er war im jugendlichen Mannesalter, seine Gesichtsbildung sprach Freundlichkeit und Offenheit aus. Ich suchte ihm unbemerkt in das Haus nachzufolgen, und befand mich nun an der Stätte, wo die Andacht gehalten wurde, in der Mitte der Gemeinde und der[225] Kanzel gegenüber. Ein klarer einfacher Vortrag, Frömmigkeit athmend und trostreich für ein leidendes Herz, nahm mein ganzes Gemüth hin. Es wurde mir wohl und bang dabei; hatte ich mir doch viel vorzuwerfen, und ging ich doch einer ungesicherten Zukunft entgegen. Geldlos, heimatlos, verwaist, ohne Freunde, beinahe ohne Bekannten in der fremden Stadt – was sollte aus mir werden? Ich konnte es nur Gott anheimstellen und der Hoffnung Raum geben, die mir verhieß, es würden sich unter den mehr als hundert Menschen, die mich umgaben, alle gleichen Glaubens, gleicher Sprache, doch wol einige Seelen finden, die sich mir nähern und befreunden könnten. Nach beendetem Gottesdienst kam der Pastor von der Kanzel und näherte sich mir. Nach einigen freundlichen Worten lud er mich zu sich ein, bat um meine Adresse und gab mir die seinige. »Wir wohnen sehr entfernt voneinander«, fügte er hinzu. »Die Essenszeit ist meine freieste; bestimmen Sie mir einen Tag, wo Sie kommen können, ich werde einige Freunde zu mir laden.« Ich versprach wie er verlangte, und entfernte mich, durchdrungen von seiner Güte und tief bewegt von Freude und Hoffnung. So mag dem zu Muthe sein, der mit den Fluten kämpft und plötzlich einen Zweig erfassen kann, an welchem er sich ans Land schwingt!
Ich eilte nach dem Arsenal zurück, wo ich schon seit mehreren Wochen nicht mehr das Mahl der Frau von Genlis theilte. Sie ließ nämlich schon lange Zeit nicht mehr zu Hause kochen. Ich kaufte einiges Obst und etwas Brot, nur genug, um mein Leben zu erhalten.
Ich brachte den größten Theil des Tags auf der Bibliothek des Arsenals zu, oder nahm ein Buch mit in den Baumgarten des Gebäudes. Ein kleiner Nachen[226] führte mich nach dem gegenüberliegenden botanischen Garten, dort suchte ich den großen Blumenmaler Vanspandonk auf, zu welchem mich die liebenswürdige Gräfin Miecilska hingeführt hatte. Gern gab er mir Unterricht im Blumenmalen. Als ich unter seiner Anleitung eine Rose beinahe vollendet hatte, gab er mir dieselbe mit, und weil die Schildwachen alle den Befehl hatten, keine Blumen herauszulassen, so schrieb er mir ein Zettelchen mit den Worten: »Lassen Sie eine Rose durch!« Vanspandonk's Unterricht hätte mir sehr ersprießlich werden können, und würde mir eine bequemere Laufbahn eröffnet haben, als Schriftstellerei. Allein meine Gesundheit machte einen Aufenthalt auf dem Lande für mich wünschenswerth, und es bot sich ein günstiger Anlaß dar, auf einige Zeit von Paris zu scheiden, den ich ergriff, wiewol mir Paris seit kurzem sehr theuer geworden war. Ich hatte einen ausgezeichneten jungen Mann kennen gelernt: Johann Gottfried Schweighäuser, Sohn des verdienstvollen Hellenisten dieses Namens. Alles vereinigte sich, ihn mir theuer zu machen: seine Geistesgaben, seine wissenschaftliche Ausbildung, sein Herzensadel, seine sittliche Würde. Ich schrieb meiner Mutter von der Wahl, die ich getroffen, und von den Aussichten meines Verlobten in die Zukunft. In zehn Jahren konnte er erst hoffen angestellt zu werden. Allein was sind denn zehn Jahre einem liebenden glaubenden Herzen! Meine Mutter warnte mich vor dieser Liebe. Nahe dem Grabe, wie sie war, konnte sie nicht mehr jugendlich fühlen, und sie betrübte mich, ohne mich in meinem Entschluß wankend zu machen. Es kam jetzt nur darauf an, für meinen Lebensunterhalt zu sorgen. Ich besaß nichts in der Welt, doch dies kümmerte mich keinen Augenblick. Meine Schriften wurden gut aufgenommen[227] und anständig honorirt, was bedurfte es mehr! Schweighäuser, ein gewandter und geistreicher Publicist, stand mit Cotta, dem großartigsten aller Verleger seiner Zeit, in Verbindung. Dieser hatte ihm vorgeschlagen, die Redaction der französischen Miscellen zu übernehmen, welche er nach dem Muster der englischen Miscellen zu stiften gesonnen war.
Da Schweighäuser die Hofmeisterstelle beim Marquis Le Voyer angenommen hatte, konnte er die Verbindlichkeit mit Cotta nicht eingehen, und kam auf den Gedanken, mich für diese Redaction anzubieten. Er schrieb Cotta hierüber, wie nur ein Liebender schreiben kann. Cotta schlug ein, nachdem er mehreres von mir gelesen hatte. So war ich denn Herausgeberin einer Zeitschrift, die von Wichtigkeit und Einfluß werden sollte – und kannte kaum zehn Straßen von Paris. Ich war, wie von Marcell in den Hugenotten steht, ein roher Diamant, gefaßt in Eisen, aber ich war doch ein Edelstein!
Meine gute Mutter hatte mich daran gewöhnt, niemals an mir zu zweifeln. Der Werth des Geldes war mir zeitlebens unbekannt geblieben. Cotta hatte sechs Louisdor für die Redaction der Miscellen angeboten; damit dünkte ich mich reich und schrieb frohlockend meiner Mutter von der Sache. Nur die Kleinigkeit, wovon ich vom Monat Juli 1802 bis Januar 1803 leben sollte, war noch zu bedenken, doch auch hier waltete mein guter Stern.
Ein greiser Schweizer ließ sich bei Frau von Genlis vorstellen. Ich war zugegen. Als er erfuhr, ich sei die Enkelin der Karschin, die er gekannt und bewundert, erglühte er mit freudiger Ueberraschung. »O, Sie müssen mich einmal in meinem Wohnhause besuchen, und mein Gast sein!« rief er aus. »Das kann geschehen, sobald[228] Sie es wünschen«, sagte ich mit Frau von Genlis zugleich, und sofort wurde der Tag angesetzt, wo mich Graf von Escherny nach Versailles abholen sollte. Wie froh war ich, wie gerührt; meinte ich doch, der Segen der Großmutter habe hier über mich gewaltet. Auch diese Gunst des Schicksals konnte ich noch vor ihrem Sterben der lieben Mutter mittheilen. Soll ich hier noch anführen, daß eine wunderbare Mittheilung aus der Geisterwelt mir eine Gewaltthat der Frau von Genlis verkündete? Graf Lucchesini, der preußische Gesandte, dessen gastliches Haus allen Landesgenossen offen stand, hatte geglaubt mir nicht verschweigen zu dürfen, daß Frau von Genlis gegen ihn und mehrere Personen geäußert habe, ich sei ohne Zufluchtsort in Paris umhergeirrt und sie habe mich aus Mitleid aufgenommen, könne mich aber nicht mehr behalten, weil ich mir selbst meinen Weg bahnen müßte, um meine Zukunft zu sichern. Mit meiner gewöhnlichen Lebhaftigkeit rief ich aus: »Das ist erlogen!«
»Oho«, sagte Graf Lucchesini mit verweisendem Blick, »das ist leichter gesagt als bewiesen!« – »Und nicht schwerer zu beweisen als zu sagen!« sagte ich. »Ich besitze alle Einladungsbriefe der Frau von Genlis, zu ihr nach Paris zu kommen!« – »Die bringen Sie mir, junge Dame, die muß ich lesen!« – »Morgen früh, Herr Gesandter!«
Ich entfernte mich höchst aufgeregt, suchte alsbald im Arsenal meine Briefe zusammen, und nahm mir vor, sie nebst einigen von meiner Mutter dem edeln Pastor Gambs zu bringen. Ich muß an dieser Stelle anführen, daß das Arsenalgebäude abends verschlossen wurde. Es enthielt nur die Wohnung des Portiers, und die der Frau von Genlis, über welcher mein Zimmer[229] lag. In diesem anmuthigen Gemach, an welchem die Seine vorüberfloß und das einen malerischen Theil von Paris beherrschte, waltete eine herzerhebende Erinnerung aus der Vorzeit.
Heinrich IV. pflegte hier mit Sully täglich einige Stunden in trautem Gespräch zuzubringen. Diese Erinnerung begrüßte mich, so oft ich mein Zimmer betrat.
An jenem verhängnißvollen Morgen wurde ich geweckt, weil ich zu hören glaubte, daß jemand mit starken Schritten der Eingangsthür, welche verschlossen war, nahte und gewaltsam hineinwollte. Ich kleidete mich schnell an und ging nach der Thür; die Hausflur war einsam, nirgends regte sich etwas. Ich verschloß wieder die Eingangsthür und ließ den Schlüssel wie vorhin im Schlosse stecken. Kaum saß ich auf meinem Bette und las, als derselbe Lärm wieder begann, sehr oft wieder anfing, und allemal aufhörte, wenn ich Anstalt machte, nach der Thür zu gehen. Ich kleidete mich nun an und ging aus, meine Briefe nicht vergessend. Graf Lucchesini las sie mit mir, sehr erstaunt und entrüstet; er versprach mir in allem, was ich unternehmen würde, behülflich zu sein, und entließ mich. Ich eilte nun zu meinem Freunde, Pastor Gambs, der mit seiner holden Gattin die Briefe durchlas. Mittags kamen Schweighäuser und die Familie Pfeffel zum Kaffee. Es wurde musicirt. Die herrliche Stimme der liebenswürdigen Gambs schien mir noch zu übertreffen, was ich sonst Entzückendes gehört. Es ist ganz etwas anderes um die Töne einer geliebten Freundin, als um Theater- oder Concertmusik, denn bei ihr singt alles mit, ihr Werth und ihre Liebe für uns, alles steht im Einklang. Selbst die süßen Kinder, die wie Amorinen oder Engel um die holde[230] Mutter herstanden, erhöhten den Reiz und den Genuß dieser Stunde. Ich habe später die schöne und liebenswürdige Herzogin von Kent in ihrem Familienkreise gehört, und von neuem empfunden, wie so anders Tugend und Sitte den Kunstgenuß erhöhen, den eine unbekannte Künstlerin uns gewährt. Es ist selten, und himmlisch überraschend, wenn die Rose auch Veilchen ist.
Als ich Nachmittag wieder ins Arsenal kam, erschrak ich heftig, ich fand die Eingangsthür meines Zimmers offen, Briefentwürfe, die auf dem Tische gelegen hatten, entwendet oder zerstreut, alles, was ich besaß, aus Schrank und Kommode heraus- und durcheinandergeworfen. Ich eilte hinunter. Meine geliebte Stephanie entdeckte mir alles, was geschehen war. Sie vertraute mir, daß Frau von Genlis ihre eigenen Briefe an mich gesucht hätte, um sie zu vernichten. Ich war empört darüber, durfte aber Stephanie nicht verrathen und behielt meine Briefe fortan in der Tasche. Nachdem mir Frau von Genlis nicht ohne sichtbare Beschämung erklärt hatte, sie habe sich durch den Augenschein vergewissern wollen, daß ich unsern gegenseitigen Freunden und Bekannten keine Klagen über sie schriebe, gab sie mir meine Briefe freundlicher zurück, als ich sie empfing. Nun erst dachte ich an das Vorzeichen, welches mir am frühen Morgen zu Theil geworden. Die starken Schritte, die sich meiner Thür nahten, das Eindringen von außen eines Schlüssels in mein Thürschloß, das Rütteln am Schlosse, welches ich gehört, bezeichneten deutlich das Beginnen, welches wahrscheinlich in denselben Augenblicken, wo ich dies Geräusch vernahm, im Sinne der Frau von Genlis aufgährte: in meine Zimmer einzudringen und meine Briefe zu durchsuchen. Mehrere Vorgänge ähnlicher Art, die ich erlebte, haben mich beim Nachdenken davon überzeugt,[231] daß Vorsätze, die ein Mensch in leidenschaftlicher Aufregung faßt, sich auf diese Weise dem Gegenstande solcher Gedanken und Plane kundgeben.
Nicht lange nach diesem Vorgang kam Graf von Escherny, mich nach Versailles abzuholen. Ich hatte noch etwa fünf Sous in meinem Vermögen, denn meine Wäscherin hatte bezahlt werden müssen. Ich besaß zwei Kleider, einige Kragentücher, einen Strohhut und drei Paar Strümpfe, die ich sorgfältig ausgebessert hatte. Die Lieder meiner Großmutter Karschin lagen in meinem Kofferchen nebst der Bibel und einigen Kleinigkeiten, nicht zu vergessen der Briefe meiner Mutter und einiger andern der theuersten und edelsten Freundinnen. Graf Escherny war schweigsam und tief bewegt; er hatte der Karschin ein liebendes Andenken bewahrt und sagte zu mir: »Theures Kind, ich lasse Sie nicht wieder!« Aber ich hatte einen Verlobten und vor mir eine Laufbahn, die ich für glänzend hielt; denn in früher Jugend beherrscht uns der Wahn, und ein Glück, das wir nicht mühsam errungen, hat wenig Reiz für uns.
Der einfache Obstgarten bei Graf Escherny, voll Blumen und Früchte, umgab drei Theile des Hauses und prangte mit der Fülle herrlichen Obstes. Der Graf führte mich in seine Bibliothek, die zugleich ein Wohnzimmer abgeben sollte, sie war groß und reichhaltig; dann fragte er mich, ob er mich nicht seinen Damen vorstellen sollte, und führte mich in zwei Zimmer des untern Geschosses, wo mir eine ältliche Dame mit einem jungen Mädchen an der Hand entgegentrat. Beide empfingen mich mit auszeichnender Freundlichkeit. Das junge Mädchen war hoch und schlank gewachsen, ihr Körperbau vereinigte Zierlichkeit und Würde im hohen Grade, ihre vollen goldblonden Locken umwallten einen[232] Hals von Alabaster. Arm und Hände waren tadellos. Sie trug ein griechisches Kleid von gedrucktem Musselin, eine weiße gestickte Pelerine und Sommerschuhe. Ihre hohe leuchtende Stirn überthronte zwei strahlende Augen, zwei rosige Wangen und einen Purpurmund, der zwischen dem Schwellenden und dem Feinen das Gleichmaß hielt; ihre Züge drückten Ernst und Heiterkeit aus, ihr ganzes Wesen trug das Gepräge hohen Standes und sittiger Gewöhnung. Ihre Gouvernante drückte Freude darüber aus, daß wir eine Zeit lang unter demselben Dache wohnen sollten. Graf Escherny fügte hinzu, daß Gouvernante und Fräulein anvertraute Pfänder seien, die schon einige Jahre in seiner Behausung lebten und nie ausgingen. Ich kann mich nicht entsinnen, auf welche Weise der Graf zu verstehen gab, seine Pflegebefohlene sei eine königliche Prinzessin von Schweden. Ich habe nie weiteres darüber erfahren können, und unsere Verhältnisse blieben in den Schranken der wohlwollenden Höflichkeit. Der Graf hatte oft Gesellschaft, und die zwei Damen erschienen darin. Es sind mir in meinem Leben noch manche ähnliche Erscheinungen zu Theil geworden, deren Leben gleichsam in Chiffreschrift geschrieben war: man sah die Buchstaben, aber man hatte den Schlüssel nicht.
Ich wohnte noch nicht lange beim Grafen Escherny, als eine sonderbare Erscheinung vor seinem Hause vorfuhr und sich am Arm eines alternden Herrn heraufbegab. Die Dame trug ein hohes gepudertes Toupet aus der Regentschaft, aber am Rand mit gesteckten Locken, mit Rosen von Porzellan umkränzt. Ihr ganzer Anzug entsprach dem Anzug jener Tage, ein ungeheuerer Blumenstrauß steckte an ihrer Brust. Die dunkle seidene[233] Levite senkte sich über ein pfirsichblütenes, mit Seidenspitzen garnirtes Unterkleid. Ihr Begleiter trug einen rehfarbenen Rock, schwarze gestickte Sammtweste, feine schwarze Unterkleider, seidene Zwickelstrümpfe und Corduanschuhe mit vergoldeten Schnallen. Seinen verflachten und verschwenkten Zügen fehlte es gleichwol nicht an dem Ausdruck einer gewissen negativen Gutmüthigkeit; seine Augen konnten groß und schwarz gewesen sein, jetzt waren sie gar nichts mehr, sie hatten keinen Blick. Auch der Mund war aus seinem Angesichte nicht mehr herauszufinden: er hatte Lippen, die ehemals geschwellt werden wollten, aber von Küssen ohne Glut und Weihe platt gedrückt worden. Seine zollhohe Stirn strahlte nicht von Licht oder Gedanken, und es würde schwer gehalten haben, für die Nuance seiner Gesichtsfarbe einen Namen bezeichnend zu finden. Die Dame war Fanny Beauharnais, die Witwe eines Oheims von Josephinens erstem Gemahl. Ihr Begleiter war der Herr von Cubières, der in Versen und Prosa schrieb und nicht ohne alles Talent war. Man hieß ihn Dourat Cubières, späterhin nannte er sich Palm Eseaux. Ich erkundigte mich bei mehreren, warum er diesen Namen trüge, man gab mir überall die Antwort: weil er seinen Namen nicht mit Ehren führen könne; mehr erfuhr ich nie. Einige Jahre später, als Fanny Beauharnais als echte Tante Josephinens zu ihrer bescheidenen Chrysalide schlüpfte, und ihren gemüthlichen Kreis von Dichtern und Dichterlingen abdankte, mag sich die Sprache über Cubières geändert haben. Graf Escherny bewillkommnete die Beauharnais mit unverkennbarer Freude, nicht wegen ihrer Verwandtschaft mit der Gemahlin des Ersten Consuls, sondern weil sie eine der gutmüthigsten und geistvollsten Frauen war, die man sehen konnte. Sie[234] erwies mir besondere Freundlichkeit und führte mich nach St.-Cloud, welches der wachthabende General mit großer Bereitwilligkeit zeigte. Er war ein feiner Mann, der in Aegypten gewesen war.
Nach Versailles zurückgekehrt, fanden wir viele Gäste, unter welchen sich Mesmer, dem ich zur Seite gesetzt wurde, angelegentlich mit mir unterhielt. Sein treuherziges Wesen, seine kräftigen wohlausgeprägten Züge, seine hellen Augen gewannen die Gemüther. Es fiel auf, daß ich nichts von den Speisen berührte, welche auf der Tafel standen. Ich erklärte ihm, daß ich überhaupt die Eßlust verloren, vermuthlich weil ich mich seit diesem Frühjahr nur mit rohem Obst und Brot genährt hätte, auch wegen scharfen Sonnenstichs an heftigem Kopfweh litte. Augenblicklich und unbemerkt von den Gästen stillte Mesmer mein Kopfweh durch beruhigende Striche mit seiner flachen Hand. Ich drückte ihm mein Erstaunen über die schnelle und kräftige Hülfe aus. Er lächelte bedeutsam und sagte: »Meine Striche haben so schnell gewirkt, wie es jedesmal geschieht, wenn ich mit einem Leidenden in Rapport stehe. Die rohe Masse verspottet mich. Kotzebue hat ein Pasquill über mich geschrieben, welches als Lustspiel über die Bühne geht und die Lacher auf seiner Seite hat. Gleichwol findet der Magnetismus Anhänger und Bewunderer! Der Nervenäther übt seinen gewaltigen Einfluß auf Leidende. Es ist durch mich bewiesen, daß die menschliche Natur bis auf einen gewissen Grad des Einflusses der Sinne, auch des Organismus der Sinne entbehren kann, und daß der Geist der mächtigste Lenker aller Functionen des Körpers ist; während des magnetischen Schlafes, wie man diesen wunderbarsten aller Zustände heißt, entweicht aus dem Körper alles, was in ihm geistig wirkt, wahrnimmt,[235] empfindet; sein ganzer geistiger Bestandtheil, sein Bewußtsein, und die Schranke sinkt fort, welche im gewöhnlichen wachen Zustande seinen Geistesblick für die Gegenwart und Zukunft hemmt. Sowie man aber den Hellseher durch beruhigende Striche aufweckt, verschwindet aus seiner Erinnerung alles, was er gehört, gesehen und gesprochen; die Fesseln der Erde empfangen ihn aufs neue und er weiß nicht mehr, daß sie abgesunken waren: er hat mit Geistesaugen alles gesehen, was denen des Fleisches verborgen bleibt und was der geschickteste Arzt nur aus äußern Zeichen entnehmen kann, und auch der nicht immer, ohne sich zu irren. Wie mancher hat z.B. in der Leber gesucht, was in ganz andern Bestandtheilen des Körpers hauste. Nur der Magnetismus kann die dem fleischlichen Auge stets unsichtbaren Fäden wahrnehmen, welche das Uebel in den verschiedenen Theilen des Körpers fest verstricken und ihm Dauer geben. Ich sage Ihnen das in der Laiensprache, weil Sie die Kunstsprache nicht verstehen würden.« – »Wenn dem so ist«, fiel ich Mesmer ins Wort, »so muß der Magnetismus und seine Anwendung der wichtigste Fortschritt des Menschengeistes sein.« Wiederum überflog ein Lächeln wie ein Glanz des Meisters Züge. »Wenn Sie schweigen können«, sagte er, »so will ich Ihnen nächstens mehr sagen.« Doch dieser Tag erschien nicht. Eine unaufschiebbare Reise entfernte Mesmer von mir. Ich blieb im Dunkel zurück, bis späterhin die Bekanntschaft mit erleuchteten Magnetiseurs und Magnetisirten mir einiges Licht gab; und ich bemerke demnach, daß die Menschheit sich selbst dereinst klarer sein wird, wenn der Magnetismus erst sein volles Licht über das Leben verbreitet. Ich danke diese Ueberzeugung wichtigen Erlebnissen, bei denen keine Einbildung und keine Täuschung obwalten[236] konnte, und jenem unvergeßlichen Abend, wo ich aus Mesmer's Gespräch die ersten Kunden seiner Wissenschaft schöpfte. Niemand war stupider ungläubig als ich hinsichts des Magnetismus, soviel Enthüllungen mir auch zu Theil wurden. Friedrich Schlegel hatte wichtige Entdeckungen in dieser Wissenschaft gemacht, die er mir mittheilte; so auch mein verstorbener Freund Karl Schnorr von Karolsfeld. Auch mein Freund, der Hauptmann Stirle von Holzmeister, ließ mich eine kostbare Thatsache erfahren: Seine junge liebenswürdige Gemahlin, eine hohe, schlanke und kräftige Gestalt, sanft und heiter von Natur, versank zuweilen in Schlummer, den man für einen magnetischen Schlaf erkannte. Eine zufällig an sie gerichtete Anrede ihres Gemahls wurde auf eine Weise beantwortet, die unverkennbar enthüllte, daß sie Somnambule sei. Sie gerieth in diesen Zustand, wenn irgendetwas einen lebhaften Eindruck auf sie gemacht hatte; unter anderm Musik. Nach dieser Entdeckung suchte ihr Gemahl sie vor allem zu bewahren, was sie lebhaft und tief aufregen konnte. Dennoch befragte er sie in solchem Zustande über die Gesundheit seiner erkrankten Mutter und die Mittel ihr zu helfen; sie gab dieselben klar und umständlich an, und erhielt sie noch sieben Jahre am Leben, nachdem sie schon am Rande des Grabes gewesen. Ich habe seit meiner Entfernung von Wien keine weitere Nachricht von ihr, und muß die Vorsorge ehren, mit welcher ihr Gemahl sie vor einem magnetischen Schlaf zu bewahren wußte, und nur den behutsamsten Fragen Raum gab. Professor Schelver, der sinnreiche Naturphilosoph, hatte tiefe Blicke in das Wesen des Magnetismus gethan. Justinus Kerner und sein Sohn Theobald scheinen mir noch weiter als ihr Vorgänger darin[237] eingedrungen zu sein und den Schleier der Isis noch kräftiger gehoben zu haben.
Madame Fanny Beauharnais gab der Unterredung mit Mesmer keinen Raum mehr zur Ausdehnung; ihr war Erheiterung Bedürfniß und das Nachdenken eine Last. Sie wendete das Gespräch auf den Gegenstand, der ihr jetzt der angenehmste war zu besprechen: auf den Consul, Josephine, Eugen, Hortense und die kleine Stephanie Beauharnais, Tochter des Senators, welche sie das gescheidteste und lebhafteste aller Kinder nannte, die sie gesehen. »Sie ist eine Sylphide, eine Grazie«, rief sie aus, und ihre großen blauen Augen erglänzten wieder im Jugendstrahle; »es scheint, daß der Erste Consul auf Stephanie große Hoffnungen baut, denn er hat schon viele ansehnliche Freier zurückgewiesen; er hat recht: die europäischen Throne heißen sich zwar noch ›von Gottes Gnaden‹, aber sie sind es nicht mehr. Man sagt, Schweden sei dem General Bernadotte zugedacht! Der Erste Consul scheint keine Krone für sich zu verlangen, er spendet sie lieber aus!« – »Aber das gallische Kaiserthum!« wandte Hippolyte von Murat, der geistreiche Verfasser des ›Unsichtbaren Prinzen‹ ein. »Ich glaube nicht daran«, sagte Fanny. »Der Name Franzose ist ein Theil des Wesens der Nation geworden! Ihn verbannen heißt den Begriff einer Menge seiner Eigenschaften vertilgen. Wer ist närrischer und wer gescheidter als der Franzose! Wer ist leidenschaftlicher verliebt und wer wankelmüthiger! Seine Thorheit ist seine Weisheit, sein leichter Sinn seine Consequenz! Er beherrscht die Moden, die Gebräuche, die Sitten, weil er überhaupt die Welt beherrscht! Hoch leben die Franzosen!«
Bei der Pause, die Fanny Beauharnais jetzt im Gespräch[238] machte, begann Graf Escherny Anstalten zu einem Concert zu treffen, das den Beifall der Anwesenden stürmisch gewann. Escherny's Stimme war wie sein Geist jung geblieben. Seine anwesenden musikalischen Freunde führten mit bewunderungswürdiger Präcision die beliebtesten Musikstücke jener Zeit aus. Der Rest des Abends entfloh wie auf Flügeln. Fanny Beauharnais sagte zu Graf Escherny: »Ich bemühe mich vergebens herauszufinden, ob es Ihr Geist oder Ihr Herz ist, welche der Geselligkeit in ihrem Hause soviel Reiz geben!« – »Nicht doch, liebenswürdige Fanny«, versetzte der Graf, »meine Gäste sind es!« Fanny Beauharnais hatte mehrere hübsche Novellen und das damals noch unvergessene Buch über den falschen Abälard geschrieben. Einem Manne würde man dies Buch leichter verziehen haben, aber nur eine Frau konnte es schreiben, wiewol es keine Frau hätte schreiben sollen, so harmlos es eigentlich ist. Es gehört in die Uebergangszeit der Licenz zur Sitte, und ist kunstfertig geschrieben. Vielleicht würde es bei allem Talent, das darin athmete, bei der ungeheuern Menge der Productionen des Geistes vergessen worden sein, wenn nicht Fanny Beauharnais zur Familie des Ersten Consuls gezählt worden wäre, und wenn die Damen hätten gestehen dürfen, es gelesen zu haben; denn es ist ganz Natur und Wahrheit und vollkommen eigenthümlich. Es wäre nicht möglich gewesen, die Klippen, in welche sich die Verfasserin hineingewagt hatte, behutsam zu umschiffen; aber es bleibt einmal wahr, daß sich eine Frau auf solche Klippen nicht hinwagen darf.
Zu kurz für das Vergnügen, welches die gemüthliche Beauharnais in dem Kreise des Grafen verbreitete, war ihr Aufenthalt in diesem Hause. Der Abschied von ihr[239] wurde mir schwer. Ich erfuhr, daß sie Thränen über mein Schicksal vergossen. Prophetische Thränen, warum waret ihr keine Worte!
Friedrich und Dorothea Schlegel besuchten mich bei Graf Escherny im Laufe des Sommers. Es gefiel ihnen dort; vor allem aber, als unser freundlicher Wirth alten edeln Rheinwein auftischte und Deutschlands Poesie und Literatur dabei hoch leben ließ, ging Friedrich das Herz auf.
Graf Escherny war in den Zeiten gebildet, wo die französischen Philosophen, wie man sie nannte, wo Rousseau, Voltaire, Helvetius, Condorcet, Diderot u.s.w. sich einigemal in der Woche im Hause des Barons Holbach, wenn nämlich Rousseau in Paris war und Lust hatte hinzugehen, vereinigten. Bekanntlich hing dieser Kreis mit dem Necker'schen Hause zusammen. Necker's junge Tochter schöpfte dort Belehrung, Licht und Wärme für ihren Geist. Nie war ein weibliches Wesen noch in der Knospe so reichhaltig und vielverheißend, und nie wurde das Pfand solcher Verheißung glorreicher gelöst als durch sie. Rührend ist ihre kindliche Liebe, die Denkmale davon thun dem Herzen wohl; denn nichts erhebt mehr die Bewunderung vor einem Genius wie dem ihrigen, als diese Zärtlichkeit, die aus dem heiligsten und reinsten Quell der Liebe entspringt und mit der Liebe zu Gott verwandt ist.
Echte Religiosität war das Grundelement der Frau von Staël und die Quelle ihres Denkens und Thuns; diese wird in dem Maße seltener, als Scheinheiligkeit und Wortprunk grassiren. Die meisten thun sich damit genug, und volle Kirchen zeigen oft von der Abwesenheit der Seelen. Frau von Staël konnte in einem gewissen Sinne mit Maria Stuart sagen: »Ich habe menschlich[240] jugendlich gefehlt!« Und ein großer Theil ihrer Landsleute hatte sie unbarmherzig büßen lassen, gleichsam als ob nicht der himmlische Vater auch auf Irrwegen eine liebende Seele zu sich führen könne. Als wenn nicht Christus am Kreuz dem Reuigen verheißen hätte: »Heute wirst du mit mir im Paradiese sein!« Die Reue findet den Weg in den Himmel besser als der eigengerechte Dünkel, und nur die Demuth gefällt dem Herrn. Die Werke der Frau von Staël und selbst die der Philosophen ihrer Zeit führen nur den auf Irrwegen, der sie nicht versteht.
Allmählich rückte der Herbst heran. Vergebens strebten die prunkenden Blätter die Fülle der Sonnenblumen, auf die sie herabzitterten, zu ersetzen. Ich mußte wegen der Vorbereitung zu den französischen Miscellen nach Paris zurück. Auch mein Freund Schweighäuser, den ich oft in Versailles gesehen, durfte nicht säumen, zu Graf Voyer d'Argenson zu reisen, denn es gab dort Söhne, denen er bald mit Liebe anhing. Auch befand sich dort eine junge Verwandte des Hauses von entzückender Schönheit und Liebenswürdigkeit. Sie machte tiefen Eindruck auf ihn; mein Bild schwand in Schatten! Wie ein Eishauch wehte es mich aus seinen Briefen an. Vielleicht wäre mein Schmerz und der Wankelmuth eines Mannes, der mir als ein Inbegriff aller Vollkommenheiten erschienen war, heftiger gewesen, wenn nicht zu eben der Zeit die Briefe meiner Mutter mir angekündigt hätten, daß sie bald sterben müsse, und mein Herz von der bittersten Reue, daß ich sie verlassen hatte, so ganz erfüllt gewesen wäre, daß kein anderes Gefühl darin Raum fand.
Ich glaube die Homöopathen haben es dem Lenker aller Dinge abgelernt, einen Schmerz durch einen größern[241] zu heilen. O, wenn es damals Eisenbahnen gegeben hätte, wie würde ich zur Mutter geeilt sein! Meine Liebe hätte dann Mittel dazu gefunden, mich mit ihr zu vereinen.
Vanderbourg, der lange im gräflich Stolberg'schen Hause gelebt hatte, wo ihm die Erziehung der Söhne anvertraut war, lernte mich durch Vermittelung seines Freundes Schweighäuser kennen. Er war ernst und geistvoll, doch ein wenig pedantisch. Er tadelte meine Dichtungen, weil sie nicht regelrecht waren, und meine Prosa, weil sie zu arm an Bildern und Gedanken war.
Uebrigens nahm er sich meiner sehr freundlich an; er bemerkte sehr richtig, daß ich in Paris nicht allein leben könnte, und schlug mir eine Pension bei dem deutschen Buchhändler Henrichs vor. Der Aufenthalt in diesem Hause hatte manche Annehmlichkeit. Madame Henrichs war musikalisch, hatte oft Abendgesellschaften und bezeigte mir Freundlichkeit. Viele Deutsche kamen hin. Ich lernte dort Sylvestre de Sacy kennen, der wegen der Gründlichkeit seines Wissens für einen Deutschen gelten konnte.
Graf Schlabrendorf, den in der Schreckenszeit sein Stiefel vom Tode gerettet hatte, ließ sich bei mir einführen. Er wollte die Enkelin der Frau kennen lernen, die er noch in den Knabenjahren gekannt und verehrt. Wiederum ein Segen vom Himmel, der von der Karschin auf mich überging. Hätte ich nur Geist genug gehabt, meinen edeln schlesischen Landsmann zu verstehen! Er hatte unendliche Nachsicht mit mir. Ich aber war so sehr von mir selbst erfüllt, so selbstzufrieden, daß ich mir nicht einmal Mühe gab ihn zu verstehen. Dagegen beschäftigten sich Friedrich und Dorothea von Schlegel so anhaltend und liebreich mit mir, daß es ihnen gelang,[242] mich für die Kunst zu entwickeln. Die große Nachsicht für mich, die bei ihnen wirkte, hemmte jedoch jede andere Bestrebung zu meinem Besten. Ich werde meine Mittheilungen über Friedrich und Dorothea von Schlegel, die in Theodor Mundt's »Freihafen« und »Pilot« stehen, aus der Urschrift, die mir nicht ganz glücklich abgeändert scheint, wiederherstellen und in gegenwärtiges Werk verflechten. Manche damals aus Gründen zurückgelegte Stellen des Manuscripts sollen hier wieder Aufnahme finden.
Dem Grabe so nahe, wie meine Jahre und meine Leiden mich gebracht, erscheint es als Gewissenssache, nichts von dem zu verhehlen, was der Welt als Vermächtniß gehört.
Schweighäuser war wieder nach Paris gekommen, für alle seine Freunde befremdend verändert; nur seine rege, biedere Gutherzigkeit war dieselbe geblieben. Einige Monate nach seiner Zurückkunft entdeckte mir Oberst von Gräfe, daß unser Freund in schlechten Händen sei, und indem er mir enthüllte, was ich nicht ahnen konnte, machte er mir zur Pflicht, ihn zu warnen. Ich that es mit Besonnenheit und herzlicher Zuneigung. Er misverstand meinen schwesterlichen Eifer, dem er späterhin volle Gerechtigkeit widerfahren ließ. Dennoch hat mir seine Entrüstung durch ihre Ausbrüche bei meinen Freunden empfindlich geschadet.
Das Schlimmste bei der Sache war, daß ich Schweighäuser's Freundschaft aufs Spiel gesetzt hatte, ohne meine liebevolle Absicht zu erreichen; denn er zappelte lange in dem Netze, in welches er gerathen war. Ich habe seitdem oft bemerkt, daß der gröbste Betrug am unfehlbarsten wirkt, und zwar besonders auf edle Naturen. Und mit diesen Worten sei ein Schleier auf die traurige Begebenheit geworfen, die den edeln jungen Mann allen[243] denen entfremdete, welche ihn herzlich ehrten und liebten, seine Laufbahn störte, seine Familie kränkte, seine Gesundheit zerrüttete und ihn nach langen entsetzlichen Leiden früh in das Grab stürzte.
Die empörenden Umstände dieser Begebenheit werden mir zartfühlende Leser gern erlassen, sie gehören nicht für das unentweihte Auge der blühenden Jugend, der ich dies Vermächtniß an die Nachwelt am angelegentlichsten widme. Ich glaube jedoch eine ernste Warnung nicht zurückhalten zu dürfen und einer Unthat erwähnen zu müssen, von der ich viele Opfer weiß, an deren Möglichkeit aber nur wenige glauben; es ist die Bereitung eines Getränks, dessen Genuß die vortrefflichsten Menschen sich selbst entfremdet, die Sinne verwirrt und die heftigste Leidenschaft für die Vergifterin erzeugt, die es ihrem Opfer beigebracht hat. Möge niemand diese Warnung belächeln, sie ist auf Wahrheit begründet und so wichtig, daß ich es für Gewissenspflicht halte, noch öfters darauf zurückzukommen. Mögen verdienstvolle Aerzte sie beherzigen und als Menschenfreunde eine neue Spur zu Maßregeln entdecken für Wissenschaft und Sittlichkeit! Viele würden sich an meiner Stelle enthalten, einen solchen Gegenstand zu berühren, um sich nicht lächerlich zu machen; allein die Pflicht, der Wahrheit zu huldigen und die Jugend vor Gefahr zu warnen, muß alle Rücksichten überbieten. Und wenn von allen, die mich lesen, auch nur eins gerettet wird, so ist mein Lohn schon überschwenglich.
Bei Erwähnung der Deutschen von Auszeichnung, die mich in Henrichs' Wohnung aufsuchten, darf ich den Kapellmeister Reichardt nicht übergehen, welcher der Tondichtung des deutschen Liedes Schwung und Eleganz verlieh. Seine Oper »Brennus« habe ich nie gehört:[244] sie hatte classischen Stil, wurde bewundert, ging aber nicht zu Herzen. Seine Lieder auch nicht, so lieblich sie sonst waren; die, welche er von den meinigen wählte, waren seine schönsten. »Myrtill, wenn deine Lippen mich berühren«, ein Lied an den Mond und einige Frühlingslieder sollten auf unsere Zeit noch übergegangen sein.
Ich sah Reichardt oft. Er begleitete mich in die große Oper, und machte mich auf die schönsten Stellen belehrend aufmerksam. Er liebte den Gesang der Madame Branchu und nannte nicht mit dem größten Unrecht die Madame Maillard Braillard. Das Publikum ging eigentlich des Ballets wegen in die große Oper, die Logen füllten sich erst, wenn sie aus war. Duport entzückte das Publikum. In der »Wiederkehr des Zephyr« war Duport der Zephyr, mit unvergleichlicher Anmuth und Leichtigkeit. Vestris wurde durch ihn verdunkelt. Madame Gardell war eine Psyche, die keine fünf Loth zu wiegen schien. Clotilde, die classische Tänzerin, wirkte pantomimisch, sie war keine Marie Taglioni, jedoch eine würdige Vorläuferin derselben.
Damals hatte die Bühne noch keine Elßler, und das Publikum spannte nicht die Pferde vom Wagen der Balletgöttinnen aus, wenn sie in die Thore der Städte einzogen. Mich ließ zeitlebens das Ballet fast immer kalt, ich konnte nie die Unnatur darin verschmerzen.
Fanny Elßler und ihre Schwester Therese sah ich nur, wie sie beinahe noch Kinder waren. Meiner Freude an der Vigano kann ich nicht recht trauen, weil ich selbst noch ein Kind war, als ich sie sah. Madame Duport tanzte nicht mehr, als ich nach Wien kam. Ihr Töchterchen Luise, damals siebenjährig, riß uns in improvisirten Solotänzen in ihrer Wohnung zur Bewunderung[245] hin; doch ihre liebenswürdige Mutter mußte sie durch Zerstreuungen von dieser Uebung abwenden, denn das Kind wurde jedesmal krank, wenn sie getanzt hatte.
Zum Erstaunen ist das Fortglimmen des Geniusfunkens in der Brust der Kinder hochbegabter Künstler. Nach allem, was ich hier beobachtet, dünkt es mich jedoch noch erstaunender, wenn aus dem Schos einer schlichten Familie ein solches Phänomen hervorgeht.
Hienieden wird uns Sterblichen das geistige und seelische Walten in uns und der übrigen Welt wol zeitlebens ein Räthsel bleiben, und nächst dem Glauben und der göttlichen Vorsehung ist auch dies ein Pfand der Fortdauer nach dem Tode und der Unvergänglichkeit unsers psychischen Seins, für dessen Entwickelung und Vervollkommnung nur die Ewigkeit Raum hat.
Armer Schiller! Wie konntest du deine »Resignation« dichten? Und mit welchem reuezerrissenen Herzen mußt du später darauf hingeblickt haben!
Zu meinen theuersten Freunden in Paris gehörte Achim von Arnim, einer der wenigen, die mich mit einem Bruderherzen liebten, meine unbeschirmte Lage nie durch selbstische Anmaßungen kränkten. Arnim war des schönsten Loses werth und des blütenreichsten Kranzes, den ihm gewiß auch in den spätesten Zeiten die Liebe des Volks winden wird. Im Umgang suchte er seinem tiefen regen Gefühl hier durch Spott, der selten anmuthlos war, dort durch Ernst einen Damm zu setzen. Er hegte unüberwindlichen Abscheu gegen Entwürdigung, und strebte unablässig nach Vervollkommnung und Schönheit des innern Menschen. Arnim kam viel mit mir und Schlegels zusammen. Er gerieth oft in Streit mit Friedrich Schlegel, und kam mir alsdann etwas[246] bitter vor; sein schönes Herz glich jedoch bald alles wieder aus.
Zu unsern Freunden gehörte auch Wallenberg, ein junger vortrefflicher Arzt, der Schlegel's Collegia über deutsche Poesie besuchte. Seine Excerpte waren unklar; dies lag mitunter am Vortrag. Friedrich Schlegel goß aus seinen Ideenvorrath leuchtende Gedanken; doch er hatte den Standpunkt seiner Zuhörer nicht berechnet. Er glaubte, sie ständen wo er stand, und seien gereift wie er.
Graf Hardenberg, Reventlow und seine engelschöne Gemahlin, Baron Bülow, nachheriger Staatsminister, der große gelehrte Däne Oersted, sein kunstliebender Landsmann Neergard, der treffliche Arzt Dr. Harbauer, damals Leibarzt des Generals Clarke, und eine Menge der ausgezeichneten Zeitgenossen Friedrich Schlegel's besuchten seinen Hörsaal. Nicht alle hörte ich nennen, denn manche hospitirten blos, und waren deshalb nicht minder willkommen. Einer der ausgezeichnetsten Zuhörer Schlegel's war Charles Villers, der berühmte Freund der deutschen Sprache, der den Franzosen ihre Geheimnisse erschloß, ihre Schönheiten offenbarte, ihren Geist faßlich machte. Er und Frau von Staël waren die siegreichsten und beharrlichsten Kämpfer für deutsche Poesie und Philosophie in Frankreich.
Villers' geistvolle Freundin Rodde, geborne Schlözer aus Lübeck, verherrlichte oft Schlegel's Kreis durch ihre Gegenwart. An solchen Abenden las Schlegel nichts vor; sein Gespräch mit diesen beiden Gästen war unser Genuß. Madame Rodde war schön, edel, großartig und gedankenreich. Man wußte, welche Richtung ihr Vater ihrer Erziehung gegeben. Er ließ sie auf der Universität unter seiner Aufsicht studiren. Mit siebzehn Jahren ihres Alters krönte der Doctorhut ihr rosiges Haupt. Man[247] bewunderte sie als das gelehrteste und zugleich das bescheidenste der weiblichen Wesen.
In unsern Tagen ist es den Frauen mit der Wissenschaft minder Ernst als mit der Poesie, obschon es aus vielen Gründen wünschenswerth wäre, daß sie sich Kenntnisse erwürben; denn diese wären der Weiblichkeit weit angemessener, ihrem Berufe als erste Erzieherin der Menschheit viel entsprechender und keine Nahrung der Eitelkeit, wie bei vielen die Koketterie mit Reimgeklingel ist.
Friedrich Schlegel meinte, meine eigenste Bestimmung sei die lyrische Poesie; doch sei es wünschenswerth, daß ich nicht unter meinem Namen dichte, daß ich niemals in Prosa schriebe und nur der höchsten Begeisterung im Liede Raum gäbe. Ich wollte, ich hätte seinem Rath gefolgt; doch ich verstand ihn nicht recht, denn er erklärte ihn mir nicht.
Ich glaube nicht, daß die Welt jemals über die Frauen in das Klare kommt! Die Begriffe von Weiblichkeit werden zu sehr mit denen vom Weibischen verwechselt. Es wird einem weibischen Wesen leichter zu entzücken und zu fesseln als einem weiblichen. Das weibische Weib ist halb Thier, halb Engel! Das weibliche Weib ist Engel, auf Erden nicht heimisch! Die Elemente seines Wesens sind Liebe, Treue, Zartheit. Es will zart berührt sein! Der Schmetterlingsstaub seiner Psychenschwingen ist leicht zu verletzen. Ich habe es für einen schweren Irrthum erkannt, daß man glaubt, echte und strenge Geistesbeschäftigungen entfremdeten eine Frau der Weiblichkeit. Im Gegentheil bilden sie mit dem Geist das Gemüth zugleich, und befähigen sie zu dem großen Beruf, die frühesten Erzieherinnen der Menschheit zu sein.
Meine Geistesausbildung war in Berlin noch unreif[248] geblieben. Wir hatten keinen gediegenen männlichen Umgang. Baron Hastfer hatte mich dadurch gewonnen, daß ich ihn für einen sehr gebildeten Mann hielt. Besonders hatte es mir von ihm gefallen, daß er viel über die Unsterblichkeit nachdachte. Er versicherte, darüber viel in einer Nacht gesonnen zu haben, wie der unerschaffene Gott den Menschen zum Dasein gerufen und die unermeßliche Ordnung der Sonnen und Welten hervorgebracht, die nichts vor ihm gewesen seien, wie der Raum ohne Grenzen, die Zeit ohne Anfang noch Ende sei. Er sagte das mit andern Worten, die voll Begeisterung waren, und fügte hinzu, er habe sich nach diesen Betrachtungen wie leblos gefunden und sei erst spät wieder zur Besinnung gekommen; dann habe ihn Entzücken und Schmerz bestürmt, sodaß er sich nur gewaltsam diesem Zustand entreißen konnte.
Baron Hastfer's Freund, Ludwig von Voß, ein junger Artillerieoffizier, dem der Himmel viel Gaben verliehen hatte, gab meiner Mutter recht, wenn sie ihm sagte: man müsse mich denken lehren, eben weil ich augenscheinlich Gedanken hätte, diese aber nicht zu regieren wüßte! Voß übernahm dies schwere Werk. Es schien anfangs zu gedeihen, doch er mußte ablassen, weil meine Mutter die unselige Idee gefaßt hatte, sie müßte bald sterben und wollte mich doch vorher versorgt wissen.
So einsam wir lebten, hatten sich doch schon früh Männer um meine Hand beworben, die mich vielleicht glücklich gemacht hätten, wenn ich nie den Richardson gelesen hätte. Ich machte zu große Anforderungen. Neigung hatte ich nicht für Baron Hastfer, allein er wußte mich und meine Mutter durch den Anschein von Bildung, den er sich gab, zu täuschen, hatte einiges Vermögen,[249] und war beinahe zwölf Jahre älter. Meine Mutter glaubte, er würde mich schätzen und leiten, statt dessen hat er meine aufblühende Jugend verkümmert und verbittert.
Von Bemühung für die Ausbildung eines so jungen Wesens konnte keine Rede sein, wo die Beschäftigungen mit meiner Aussteuer, der häuslichen Einrichtung, den gesellschaftlichen Verhältnissen, die uns urplötzlich über den Kopf wuchsen, die unsere Zeit und Besinnung in Anspruch nahmen, es unmöglich machten, dafür zu sorgen. Ich habe schon berührt, wie die Zuneigung und vorgefaßte gute Meinung unsers Kreises mich bethörten. Frau von Genlis trug viel zu meiner Verblendung bei. Sie hat mich nachher mehr gedemüthigt, als sie mich anfangs ohne Grund erhoben; und es hat vieler Züge aus dem Kelch des Unglücks bedurft, ehe ich begann, an mir selbst zu arbeiten.
So war ich denn nach Paris gekommen, wie eine noch unreif abgenommene Frucht, die auf einer Seite besonnt worden, auf der andern in Schatten gelegen hatte.
Schlegels hatten mich zu lieb, um recht zweckmäßig auf mich zu wirken, vielleicht setzten sie voraus, daß Leben und Geschick mich ausarbeiten würden. Friedrich wies mir den Weg zu reichhaltiger Beschäftigung. Nicht ruhmlos habe ich ihn durchwandelt! Dorothea's Genius und Gemüth wirkten bedeutend auf mich. Leider gerieth ich in einen zu reichgewebten gastlichen Kreis. Ich sah die berühmtesten Dichter und Künstler mit ihren vorzüglichsten Leistungen. Ich begann eine weite Uebersicht über die Geschichte der Kunst, und glaubte in allen Dingen des Lebens auf dem rechten Wege zu sein.
Friedrich Schlegel nahm Stunden im Persischen bei seinem Freunde Chézy. Eines Tags führte er Dorothea[250] und mich in die herrliche Manuscriptsammlung der Bibliothek ein, die schon öfter ihre Namen gewechselt, zu jener Zeit aber die Nationalbibliothek hieß; denn das Kaiserthum stand noch auf dem Halme! Wir traten in den ersten Saal, wo der junge Orientalist an einem Tisch am Fenster arbeitete. Seine Erscheinung war von überraschender Schönheit. Die Seele, die aus seinen schönen Zügen leuchtete, verlieh seiner Anmuth einen überirdischen Glanz. Das regelmäßige Oval seines Hauptes war von dunkelbraunen Locken umwallt. Seine großen blauen Augen strahlten von Geistesglanz, die schönen gewölbten dunkeln Augenbrauen, die langen schattigen Wimper, die sanft gebogene Nase, der feine Purpurmund, die warmen Töne des bräunlichen Angesichts, bildeten ein harmonisches Ganzes, das so lebhaft an den Orient mahnte, daß man glauben konnte, man lese in diesen herrlichen Zügen ein schönes orientalisches Gedicht. Auch der Wuchs des jungen Mannes entsprach der vollendeten Schönheit seiner Erscheinung. Er brannte für Poesie und liebte leidenschaftlich die deutsche Sprache. Er hatte schon einigemal von mir reden hören, und bezeigte große Freude, mich auf der Bibliothek zu sehen. Mit allen ihren Schätzen vertraut, brachte er die bedeutendsten derselben Dorothea und mir zum Anschauen. Friedrich und meine Freundin liebten vorzüglich die Kunst des Mittelalters, Geist und Sinn der Altvordern, welche sie von ihrer poetischen Ansicht aus beurtheilten.
Diese Liebe entsprang aus dem Bedürfniß, eine schöne deutsche Zeit aus voller Seele mit Bewunderung und Glut zu umfassen und über ihre Vorzüge ihre crassen Uebelstände zu vergessen. Ein so edler Antrieb mußte genußreiche Früchte tragen und richtige Würdigung für[251] alle Meisterwerke jener Zeit erwecken. Goethe und Friedrich Schlegel ist es beizumessen, daß der ausgebildete und großartige Geschmack an dem Baustil und den Kunstwerken des Mittelalters jetzt so mächtig vorherrscht.
Schon 1842 waren am ganzen Rhein keine Trümmer mehr zu finden, die nicht im Begriff standen, in ihrer alten Herrlichkeit neu hervorzuglänzen. Dies Beispiel wird in allen Ländern Nachfolge wecken, und es kann nicht fehlen, daß auch der Geist jener Zeiten neu emporsteigt. Möge es dann nur der gute Geist jener Tage sein, geheilt von Misständen. Die Folterwerkzeuge sind zertrümmert, mögen nicht Seelenfoltern an ihre Stelle treten! Die Raubritter sind ausgestorben, mögen räuberische Beamte nicht geduldet werden! Die christliche Religion ist reformirt worden, mögen die Tractätchen und die Umtriebe der Jünger Loyola's sich nicht allzu sehr an ihrer Stelle verbreiten! Möge jeder Fortschritt ein Vorschritt sein! Und keine Rückkehr eine Umkehr! Nur echte Frömmigkeit kann uns den Klauen ihrer heuchlerischen Schwester, der Scheinheiligkeit, entreißen; mögen wir sie mehr und mehr üben. Die Welt ist an des Abgrunds Rande, nur Licht von oben kann unsere Schritte leiten.
Wir verbrachten einen herrlichen Morgen. Chézy, ein Inbegriff aller Liebenswürdigkeit, feinen Sitte und ästhetischen Bildung, beschäftigte sich sehr angelegentlich mit mir. Beim Nachhausegehen scherzten Schlegels darüber. Wem gelüstet es nicht nach dem Salz solcher Neckereien? Es wetteifert mit der Süßigkeit jedes Liebesgefühls. Ich war stolz auf die Huldigung eines solchen Mannes wie Chézy. Ach! es wurde alles anders wie es in der Knospe war, und ich trug[252] große Schuld daran. Wäre ich das geworden, was Natur und Himmel von mir gewollt, wie hätte ich ihn beglücken müssen – denn er liebte mich von ganzem Herzen.
Zu dieser Zeit lernte ich Frau von Krüdener kennen, die damals mit Julie, ihrer Tochter und mit ihrem sechzehnjährigen Sohn nach Paris gekommen war und dort ein Haus machte. Sie suchte Dorothea und mich auf, um uns für die Uebersetzung ihrer »Valérie« zu gewinnen. Dorothea gab mir den zweiten Theil dieser Dichtung (so nenne ich dies Werk, obwol es nicht in Versen geschrieben war), und bearbeitete den ersten mit aller ihrer Treue, Gediegenheit und Klarheit, ich meinen Theil mit großer Innigkeit, aber strafbarer Willkür. Die Schuld hiervon lag zum Theil im Original. Der zweite Theil der »Valérie« hatte mehr Gepränge und flacheres Gepräge. Frau von Krüdener hatte gehofft, durch dies Werk die Gesellschaft zu retten; denn auch in ihren Blütentagen empfand sie, was für eine Wunde in ihrem Innern blutete. In ihrem Werk war ein Theil ihres eigenen Lebens enthalten, doch im romantischen Gewande und ohne daß sich die Verfasserin dazu bekannte. Die Darstellung war anmuthig, die Sprache zierlich, man könnte sagen meisterhaft. Unsere Uebersetzung wurde nicht gedruckt. Frau von Krüdener, die uns oft besuchte, ließ uns die Misgriffe, die größtentheils von mir herrührten, nicht entgelten. Sie zog besonders mich in ihre Gesellschaften, mit denen sie musikalische Leistungen, Declamationen und mimische Darstellungen vereinigte. Dorothea war an ihr Haus gefesselt und schlug beinahe immer die Einladungen der Frau von Krüdener ab. Auch Schlegel zog es vor, im Familienkreise zu bleiben. Seine Dorothea, sein Pflegesohn[253] Philipp Veit, seine Freunde Sulpice und Melchior Boisserée und Bertram, die vielen Besuche von Dichtern, Gelehrten und wissenschaftlichen Freunden, die sein Haus belebten, machten ihn gleichgültig gegen die Kreise einer belletristischen Frau, die nur unterhaltend waren.
Bei Frau von Krüdener fand sich auch Lorenzo Bartolini ein, der späterhin mit dem Herzog von Lucca, Felix Bacciochi und dessen Gemahlin, der geistreichen ältesten Schwester Napoleon's, nach Florenz reiste.
Jedes Künstlerherz muß wärmer schlagen, wenn der Name Bartolini genannt wird. Sein Marmor ist Leben, seelendurchzucktes Leben, jedes seiner Gebilde Wahrheit und Natur. Schade, daß ich noch nicht reif genug war, ihn vollkommen zu verstehen, als er mich im Museum umherführte. Frau von Krüdener war sehr für ihn eingenommen. Kleine Schwachheiten, die sie nicht verhehlte, entstellten sie ein wenig. Sie sagte unter anderm, daß sie in Florenz mit dem Zirkel wäre ausgemessen worden, und daß jeder Theil ihres Körpers genau mit den der Venus von Medicis übereingekommen wäre. Sie stützte Bartolini gegenüber ihre blendend weißen Füße auf die Feuerböcke, nur um dem Künstler die Augenweide zu gewähren, Füße mit ungekrümmten Zehen zu sehen, die vielleicht einzig in ihrer Art waren. Solche kleine Flecken entstellen nicht eine so edle Natur! Das Ungewöhnliche ist nicht immer das Unstatthafte! Frau von Krüdener war nicht in dem Fall, daß man den gewöhnlichen Maßstab der weiblichen Welt an sie hätte anlegen können. Sie hat bewiesen, daß sie eine selbststrenge Natur war.
In der Neujahrsnacht 1803 drückte mich das Gewicht aller trüben Erinnerungen meines Lebens, sodaß ich die Feier dieses Tags mit heißen Thränen beging.[254] Vor allem schmerzte es mich, daß mir in so früher Jugend durch die Verstimmung, welche zwischen der Großmutter und Tante väterlicherseits und meiner Mutter herrschte, mein Vater entrissen wurde, der ebenso wie meine gute Mutter an dieser Trennung unschuldig war. Nach einigen rührenden Briefen, die ich noch besitze und die mein Vater seiner gekränkten Gemahlin geschrieben hatte, um ihre Liebe und Verzeihung zu gewinnen, welche sie jedoch mit standhafter Weigerung beantwortete, weil Freunde die Regung ihres liebevollen Herzens durch überklugen Rath hemmten, hatte mein Vater, schmerzlich und unheilvoll gekränkt, nichts wieder von sich hören lassen. Da im Kriege 1797 viele Offiziere, die denselben Namen trugen, den Tod gefunden hatten, glaubte meine Mutter, daß auch mein Vater unter den Gebliebenen sei. Sie hielt sich nun für eine Witwe, und ich war im Ernst eine Waise. Oft schon in meiner Kindheit hatte ich dies entsetzliche Geschick beweint, denn man ergibt sich viel leichter in Gottes Willen, wenn uns der Tod einen Gatten, einen Vater oder sonst einen unserer geliebtesten Angehörigen entreißt, als wenn die Bosheit der Menschen uns des theuersten Gutes beraubt. Nunmehr war ich im fremden Lande, so ganz ohne Stütze und Trost, und dachte mir in jener Nacht: mein Vater könne doch wol noch leben, aber vielleicht sterbend nach mir verlangen. Dies Bild, welches meine Einbildungskraft wie in das Leben rief, ängstigte mich fürchterlich. Ich fand nach einem langen Gebet Hoffnung und Muth, und schrieb in jener Nacht eine kindliche Bitte auf, die ich meinem würdigen Freunde Pastor Gambs andern Tags zur Beförderung in die hamburger Zeitung brachte, und drei Wochen später erhielt ich von der Post einen liebevollen Brief meines[255] Vaters, der, nachdem er den Abschied aus dänischen Diensten genommen, sich eben in Hamburg befand und meinen Aufruf gelesen hatte. Ich sollte zu ihm kommen, allein die Aussicht, in Frankreich eine glückliche Ehe zu schließen, hielt mich davon ab. Mein Entzücken, mein Dank zu Gott war unbeschreiblich. Ich war den Tag freudematt und segnete die Schmerzen jener Nacht, welche so süße Frucht getragen hatten.
Im Hause, wo Schlegels wohnten, wurden einige Zimmer frei; sie lagen im Garten, den ein schönes Treibhaus und zwei Reihen hoher herrlicher Bäume schmückten. In der Mitte stand ein wohlbestelltes Blumenbeet. Ueber den Bäumen erhoben sich die Hügel Montmartre mit ihren Wohnhäusern und Gärten. Mehrere Häuserreihen von Paris bildeten schöne Linien, welche auch den ganzen Beifall eines uns besuchenden jungen Malers fanden. Der Horizont war weit, malerisch begrenzt, die Aussicht schön; aber sie trug einen Charakter der Traurigkeit. Das Grün der hohen Bäume war nicht frisch, die Blumen hätten aus Papier geschnitten sein können, nur das Treibhaus erfreute mich im Herzen. Die Pflanzen darin waren zart, transparent und trugen schöne Blüten. Ich pflegte darin zu arbeiten, so angenehm auch meine Zimmer waren. Abends tranken wir den Thee bei mir. Ich habe unsere Hausgenossen schon erwähnt, die Brüder Boisserée und ihren Freund Bertram, sämmtlich aus Köln am Rhein gebürtig.
Es hatte sich eines Tags getroffen, daß ich allein zu Hause geblieben war. Der Portier kam, drei Herren zu melden; diese traten ein, ganz weiß gepudert mit Taubenflügeln und Zöpfen, in Fracks, seidenen Strümpfen und Schuhen mit goldenen Schnallen. Ihre Haltung[256] war steif. Sie erregten meine muthwillige Laune so sehr, daß ich sofort beschloß, eine Neckerei an ihnen zu üben. Die Gelegenheit bot sich augenblicklich und sie fragten, ob sie die Ehre hätten, die Frau Dr. Schlegel vor sich zu sehen? Ich sagte ja! Bertram rief aus: »Das Gerücht hat Sie uns nicht ganz schön beschrieben, Frau Schlegel!« – »Es hätte auch unrecht gehabt, dieses zu thun«, versetzte ich mit niedergeschlagenen Augen. Ich lud die Herren ein, Schlegel hier zu erwarten, und knüpfte ein lebhaftes Gespräch mit ihnen an, bei welchem mir jedoch etwas bang ums Herz wurde, denn meine Rolle war keine leichte. Nach etwa einer guten Viertelstunde öffnete sich die Thür. Friedrich und Dorothea traten ein. Ich behielt meine ernste Miene bei und sagte mit großer Trockenheit zur Schlegel: »Jetzt bin ich lange genug du gewesen, nun sei du's einmal wieder.« Die Schlegel, die solche Possen von mir gewohnt war, errieth sogleich, was geschehen war, und glich die Sache aus. Auch die Kölner waren bald zufrieden gestellt. Sie gingen mit Friedrich Schlegel allein in sein Wohnzimmer und sprachen lange mit ihm, indeß ich mit Dorothea den Thee bereitete.
Friedrich Schlegel kam allein zurück, sehr heiter; wir erfuhren von ihm, daß diese Herren von morgen an unsere Hausgenossen sein würden, daß sie Friedrich's wegen nach Paris gekommen seien, ein Collegium von ihm zu hören, welches sie hart in Gold vorausbezahlt, wozu sie mich sogar einladen ließen. So wurden mir feurige Kohlen auf mein Haupt geladen, und ich bereute meinen Muthwillen aufrichtig. Die kölner Freunde erschienen andern Tags mit Titusköpfen, in Kleidern vom modernsten Schnitt. Bertram sah mich beim Eintritt mit vielsagender Miene an. Ich sah, daß er mich[257] beschämen wollte; es gelang ihm, doch war meine Strafe mild.
In wenigen Tagen eröffnete Schlegel sein Collegium. Sein ganzes Auditorium bestand aus vier Köpfen, davon ein einziger, der meinige, noch ziemlich leer war; gleichwol war Schlegel mit meinem Nachschreiben zufrieden. Unsere Stunden waren sehr belebt, der Geist durchwehte sie wie eine angenehme Zugluft.
Auf Chodowiecki's Bücherbretern standen Hefte, in denen ich eines Tags umherblätterte. Friedrich Schlegel's Zeitschrift »Athenäum« war in meinen Händen. Führt einen Tauben in ein Concert, oder einen Blinden vor ein Gemälde, oder ein buttiges Kind in einen Hörsaal, wo der Geist von der Lippe des Redners strömt, so habt ihr die Wirkung, welche das »Athenäum« auf mich machte. Ich hatte Aphorismen von Friedrich Schlegel aufgeschlagen: »Das hat ein Wahnsinniger geschrieben!« rief ich aus und blieb dabei, bis ich ihn in Paris kennen lernte und so nach und nach begriff, daß es eine andere Welt der Ideen gebe, als die in meinem Dunstkreis lag.
Schweighäuser hatte mir eine Einladung von Schlegels gebracht. Ich ging hin und fand Menschen, wie ich mir noch keine geträumt hatte. Dorothea ganz Seele und Geist, Schlegel ganz Witz und Feuer. Beide kamen mir wahrhaft liebevoll entgegen. Dorothea hatte meine Großmutter Karschin gekannt; sie war des großen Mendelssohn Tochter, in ihrem Busen loderte die strahlende Flamme, die in ihrem Volke lebt, aus ihren Augen blitzte sie empor. Sie war freudig und stark, großartig und mild, duftend wie eine Blume, saftig wie eine Frucht, feurig wie ein Mann, zartfühlend wie ein Weib. Ich konnte ihr Wesen und ihre Vorzüge nicht in den paar Stunden schätzen, die wir am ersten Abend bei ihr[258] zubrachten, aber ich fühlte mich unbeschreiblich angezogen. Sie erkannte und verstand schnell mein Herz. So schnell als Dorothea sah Friedrich Schlegel ein, was mir fehlte, und es ergötzte ihn. Meine Unkunde aller Dinge des Lebens war ihm neu und erfreulich; er drehte mich gleichsam in seiner Hand herum, wie ein Bildhauer einen Marmorblock, den er beschauen will. Er schlug die Masse etwas hoch an, doch wendete er allen Fleiß darauf und verließ sich dabei auf Genius und Natur. Die Milde und Anmuth Dorothea's wirkten nur wohlthuend und sanft auf mich. Ich fühlte ihre Ueberlegenheit nicht, ich überließ mich der Wirkung, welche beide auf mich machten ohne Nachdenken. Durch ihre Liebenswürdigkeit hoben sie mich sich gegenüber. Daß der Standpunkt eigentlich unhaltbar für mich war, fiel mir nicht ein. Es gab einige Ursachen, wegen welcher es ihnen in verschiedenen Beziehungen lieb war, mich zu gewinnen; es würde mir heilsam gewesen sein, wenn das nicht der Fall gewesen wäre und wenn sie ihre Herzensgüte minder hätten vorwalten lassen; doch es war nun einmal so, und ohne es zu wollen, wirkten sie zum Theil unheilsam auf mich, was ich in der Folge erkannt habe. Friedrich Schlegel war unharmonisch, theils in den Elementen seines Wesens, theils in der Verschmelzung derselben. Dorothea brachte Licht in das Chaos seines Innern, sie weckte in ihm Großes und Herrliches; er war gleichsam ihre Schöpfung. Liebe, wie noch kein Weib sie schöner empfunden, begeisterte sie bei ihrer Wirksamkeit. Es war nicht sein Genie, welches sie zu hoch anschlug, sondern die Wirkung des Genies auf die Welt, die sie unrecht beurtheilte. Friedrich Schlegel war, wie alle, die berufen sind, einen Fortschritt zu begründen, seiner Zeit vorausgeeilt, und hatte nicht Kraft genug,[259] sie mit sich voranzubringen. Weil die Geliebte für ihn die Welt war, so glaubte er auch, die Welt empfinde für ihn und erkenne ihn an, wie die Geliebte es that; natürlich mußte er mit ihr zerfallen. Eine so kolossale überströmende Natur konnte nicht verloren gehen; aber nicht minder bedauernswürdig war sein Fall von der schwindelnden Höhe, zu welcher er sich in der Jugend hinaufgeschwungen. Friedrich Schlegel wurde der Welt und seiner Zeit unbeschreiblich mehr, als sie je anerkannt hat; doch wird sie es in der Folge noch anerkennen. Gleichwol hat er nicht sich allein, sondern auch der guten Sache geschadet, und das nicht allein durch seine Eigenschaften und Vorzüge, sondern auch durch seine Fehler und Misgriffe.
Novalis würde sein Schutzengel gewesen sein, wenn ihn nicht der Tod zu früh entrissen. Was Novalis war, das sagte niemand so schön und einleuchtend wie die Thränen, die Friedrich Schlegel um ihn vergoß. Dies Andenken hielt ihn empor. Die Welt würde ihn in Trümmer zerschlagen haben, trotz Dorothea's gewaltiger, großartiger und reiner Liebe, wenn nicht dieser schöne Schmerz noch lange mächtig in seiner Brust gewaltet hätte. Friedrich Schlegel und seine Freunde schlugen ihre Gegner nicht hoch genug an. Wer die Massen für seine Meinung gewinnen will, darf den Feind nicht mishandeln; denn es lebt in ihnen ein Gefühl des Rechts und Unrechts, welches die Bessern auf die Seite des Gekränkten hinüberzieht. Unsere großen Geister, unser Schiller, Goethe, Herder, Jean Paul begnügten sich, das Schlechte vorzugsweise dadurch zu bekämpfen, daß sie das Rechte übten. Dies ist die würdigste und siegreichste Waffe. Man darf nicht fürchten, daß Ungeschmack und krankhafte Richtungen der Kleingeister das Echte und[260] Kräftige besiegen, denn früher oder später ringt es sich wieder strahlend aus dem Kampfe hervor.
In den Jahren 1802–4 erschien mir Friedrich Schlegel meiner oberflächlichen Wahrnehmung nach einklanglos und in seinem Wesen die entschiedensten Gegensätze offenbarend: weich wie ein Kind und schroff wie ein Gigant, hinwogend im Aether wie ein Adler und wühlend im Boden nach Vergnügungen, die ganz irdischer Natur waren. Er war zu sehr von Selbstgefühl erfüllt, zu fleißig und zu bequem, um Schritte zu machen, die ihn zur Erreichung einer Absicht hätten führen können. Er glaubte vielleicht auch, daß sich alles von selbst finden und fügen müsse. Es ist auch kaum möglich, daß der Mensch sich zersplittern kann, den ein inbrünstiges Streben beseelt, daß er zugleich Gott dienen und den Götzen opfern kann. Es ist überschwer, aus seinen Himmeln heraus in Frack und Glacehandschuhen und durch Vorzimmer Lakaien Rede stehen. Besser läßt sich's mit zehn Monarchen reden, als mit einem halben Lakaien. Am Schreibtisch ist jeder tüchtige Mensch ein Gott; aber was ist er im Vorzimmer?
Dorothea's versorglicher liebender Sinn wußte die Häuslichkeit ihres stillen wohlgeordneten Lebens angenehm zu gestalten. Immer war's bei ihr heimlich und traulich, angemessen und freundlich. Musterhaft und angestrengt übte sie häuslichen Fleiß. Noch heute verstehe ich nicht, wo und wie sie Zeit zum Schreiben fand. Allein die Getreue, deren flinke Hand Friedrich's Wäsche nähte und in Stand erhielt, war auch die Copistin aller seiner Schriften, und schuf selbst fortwährend Großartiges und. Schönes. Sie arbeitete dazumal vieles vom (nicht erschienenen) zweiten Theil des »Florentin« auf das herrlichste aus, schrieb für die »Europa« gediegene[261] Aufsätze, die meist mit D unterzeichnet sind, übersetzte den Merlin im gedrängten trefflichen Auszuge, führte eine ausgebreitete Correspondenz und fand noch Zeit, die merkwürdigsten Gegenstände in Paris zu betrachten, Concerte und Theater zu besuchen, neue Schriften zu lesen, die Abende durch Geselligkeit zu erheitern, durch Vorlesungen zu beseelen. Hinreißend las sie und war immer stark, freudig und heiter, ihrer selbst mächtig und immer wohlthätig.
Ihre Schwester Henriette, die Rahel in ihren Briefen das »Feinste und Tiefste« nennt, hatte einen stillern Zauber, einen gehaltenern Ernst, war weniger hingebend und bedachtvoller auf alle Aeußerlichkeiten, indeß es innerlich vielleicht nichts Glühenderes und Reichhaltigeres, noch Zarteres gab als sie. Beide Moses Mendelssohn's Töchter, königlicher Geistesabkunft, würdig des Bluts in ihren Adern.
Die Poeten sind die wahren enfants gatés du ciel. Dafür müssen sie auch in der Welt leiden.
Die seltene Vortrefflichkeit geistiger Höhe und Ausbildung Dorothea's, der Zauber ihrer rein gemüthlichen Liebenswürdigkeit gewann ihr bald der kölnischen Freunde höchste Zuneigung und wahrhaft kindliche Ehrfurcht. Ganz gutmüthig und nicht minder unverständig, wunderte ich mich darüber, daß es mir nicht ungefähr ebenso erging, freute mich aber darüber, weil Dorothea, die mir so unendlich liebe, Freude daran hatte.
Jener Zeitraum hatte viel Schönes selbst für mich, der es an Sinn und harmonischer Ausbildung mangelte, ihn gründlich für mich zu benutzen, und die, hineingeschnellt in pariser Kreise sehr verschiedener Art, von einem wahren Fieberdurste nach vielbewegter Geselligkeit, nach Kunstanschauungen und frischem Lebensgenuß verzehrt, dem Ernst, der Strenge und Abscheidung unsers[262] häuslichen Kreises, in welchem Friedrich Schlegel sich nun gefiel, im Grunde störend entgegenstand; indeß ich noch besonders durch meinen damaligen Religionsindifferentismus oder vielmehr decidirten, aber kühlen Protestantismus die kölnischen Freunde verletzend, eigentlich von allen im Stillen aufgegeben, mich nur durch meine unverkennbare Anhänglichkeit und Treue zu Dorothea, zumeist wol durch ihr tieferes Eindringen in meine eigenste Natur, durch ihre Zuneigung erhielt.
Friedrich Schlegel goß scharfe Lauge über mich aus, aber er ätzte mich wund und besserte nichts. Bittere Opposition trat ein.
Napoleon, späterhin bei seiner Reise nach Köln mit Josephine vom Häuflein der Frommen verehrt, geliebt, war damals verhaßt. Die römische Partei sah in ihm einen Feind des Klerus, der die heilige Kirche trotz des Concordats über den Haufen zu stoßen bemüht war und das Cölibat der Priester aufheben wollte. Diese Idee muß damals auch in unserm Kreise die Gemüther erbittert haben gegen Napoleon, denn Friedrich Schlegel, der, seit ich ihn kannte, über ihn nie eine Meinung geäußert, fing im Winter 1804 an, ihn herabzusetzen und mit Unwillen von ihm zu sprechen. Er sagte auch zuweilen lachend: »Wir würden nächstens einmal in Hamburg mit der Familie Bonaparte an der Table-d'hôte speisen!« Natürlich war ein Vorgefühl des Falles nach solchem Aufschwung, doch was alles Ungeheueres dazwischen lag, ahnte der Verkündiger nicht, noch minder, daß er 1810 selbst die Vermählung der Kaisertochter Marie Luise mit Napoleon besingen würde. Dieses Gedicht ist schön, Ahnung der gewitterschweren Zukunft blitzt hindurch; doch die frommen Wünsche des Dichters, die wie Trost diese Schwüle durchwehen, sind[263] unerfüllt geblieben. Mir war damals vor Enghien's Tode Napoleon der glorreichste der Helden, der Herrlichste der Geschaffenen; die Hierarchie, wie frühere Jahrhunderte sie gekannt, und gewaffnet zu Bluthochzeit, Inquisition, Hexenmord und Auto da Fé, und wie sie nun getroffen von Joseph's flammendem Schwerte seit mehr als zehn Jahren im Todeskampfe lag, schien mir gelähmt sonder Kraft zu künftigem Unheil, auf ewig hinabgeschleudert von der Menschheit Brust, die sie wie ein Alp der Hölle eine lange Nacht hindurch mit bösen Träumen gemartert. In poetischer Beziehung fand ich Legenden, Visionen, Mysterien als Sinnbilder schön, groß, erhaben; aber wie Novalis von einer Zukunft spricht, wo der Krieg in das Schachspiel gebannt sein wird, so glaubte ich in einer Zeit zu leben, wo alle hoch und rein poetischen Elemente der katholischen Religion nun einzig der Kunst gehörten, in ihr sich offenbarten und auf das Leben der Völker nur durch dies Organ rein ethisch und geistig und keine Freiheitsrechte des Innern noch des Aeußern der menschlichen Gesellschaft verletzend einwirkten.
Friedrich Schlegel hingegen – der uns seit Anbeginn unserer Bekanntschaft die Stellen in Tieck's »Zerbino«, wo der Dichter sich über den Protestantismus lustig macht, oftmals und mit besonderm Feuer vorgetragen, über den mir auch Dorothea früherhin bisweilen geäußert: er habe Absicht, katholisch zu werden, was ich weder begriff noch glauben konnte – unterließ nun seit einiger Zeit, seiner Begeisterung für die indischen Büßer Luft zu machen, und pries dagegen die Idee des Papstes als die höchste und vollkommenste, welcher die Menschheit jemals gehuldigt. So fremdartig klang dies in meine Unwissenheit, Unbekümmertheit, Zuversichtlichkeit[264] des bleibenden Bestandes der Dinge, wie sie damals lagen, hinein, daß ich weder darüber nachdachte, noch mir die Worte Schlegel's merkte. Sie würden vielleicht an mir vorübergerauscht sein, wie Millionen andere, wenn er nicht unaufhörlich gesprochen hätte davon: wie das Heil der Welt nur noch im Papstthum liege, wenn es wieder in vollem Glanze und als alldurchdringende Gewalt erstände, wohin es auch kommen müsse und unausbleiblich kommen werde.
Dorothea schwieg zu solchen Aeußerungen, wie sie früherhin zu der Lobpreisung der indischen Büßer geschwiegen und in meiner Gegenwart wenigstens überhaupt nur still zu lauschen pflegte, wenn irgendein neuer Gegenstand, der Friedrich durchwühlend aufregte, durch ihn zur Sprache und wiederholt zur Sprache kam. Sie hatte auch anderthalb Jahre früher nichts gesagt, als ihr Gemahl geäußert: der »Alarkos« sei noch lange nicht undurchdringlich genug dargestellt und er hätte beim Dichten nur mehr Opium nehmen sollen, so würde er das erreicht haben, was er mit dem »Alarkos« gewollt.
War das nun Ernst? Ich hielt es nicht dafür, die übrigen Aeußerungen ebenso wenig. Schlegel sagte vieles aus reiner Ironie. Er sagte auch mit vollem Bewußtsein und absichtlich, blos zur Ergötzung, viel Unverständiges, wie ein Reicher, der zum Spaß Scheidemünze aus den Fenstern unter das Volk wirft. Ueberhaupt war das Eckige und Schroffe, das öfters bei ihm hervortrat, Willkür; denn wenn er irgend Lust dazu hatte, konnte er die feinste und anmuthigste Haltung annehmen und durchweg behaupten, sodaß ich fest glaube, daß ihm diese die natürlichste war.
Sorgfältig verschwieg ich bei der Stimmung gegen Napoleon, die ich um mich her wahrnahm, das Unternehmen[265] einer Napoleonide in Stanzen, die ich seit November 1803 auf Anregung einiger Freunde des Ersten Consuls zu dichten begonnen. Er selbst wußte darum und ließ mir öfters etwas darüber sagen, ohne daß ich ihm deshalb nahte, denn er hatte Wohlgefallen daran, daß dieses Gedicht aus reinem Antriebe hervorginge, und wollte auch, die Welt sollte es als Erzeugniß wahrer Begeisterung anerkennen. Er gab zum Theil auch den Plan an. Meine Waghalsigkeit war so groß, daß ich mich dem Werke für gewachsen hielt; es sollte eine Art »Gerusalemme liberata« werden. Die Hölle gegen Frankreich gerüstet, der Königsmord durch sie eingegeben, das böse Princip losgelassen, um den jungen Helden, Frankreichs Retter und das ganze Volk zu verderben – das sollte ich personificiren, individualisiren und eine Person damit bezeichnen, die mir lange Zeit nur in einzelnen Zügen geschildert wurde, doch ungenannt blieb, und die ich erst kurz vor Aufhören der Arbeit entdeckte. Diese nämlich unterließ ich seit Enghien's Todestage und trug in vollstem Ernste einem Freunde Napoleon's auf, ihm zu sagen, daß ich sie nun nicht vollenden könne. Sicher ist das unbestellt geblieben. Man glaubte wahrscheinlich, ich würde mich eines Andern besinnen; doch man irrte sich, es war aus mit jener Begeisterung. Wenn ich jetzt noch die zusammengelesenen Fragmente dieser Arbeit ansehe, so thut es mir nicht leid darum; sie war schwach. Es fehlte ihr an innerm Gehalt und äußerer Vollendung. Nur die Einleitung würde ich noch heute nicht verwerfen.
Viel Ueberwindung kostete es mich, wenn mir etwas gelungen schien, es Dorothea nicht mitzutheilen. Sie bezeigte stets herzliches Mitgefühl für das Gelingen von allem, was ich unternahm, selbst wenn auch nur ein[266] Funke darin war. Sie wußte auch überzeugend und freundlich das Schlechte als solches zu bezeichnen und es verwerfen zu machen. Es that so wohl an ihr, daß es ihr mit der Wahrheit so innig Ernst war. Viel hat sie an mir gethan und kann nichts dafür, daß ihr nicht mehr gelang. Sie war aufrichtig, aber zu wohlwollend nachsichtig, um mich gegen angeborene Leichtigkeit, die ärgste und gefährlichste Feindin des Talents, eben weil sie manches heilsam Hemmende ohne weiteres über den Haufen wirft, zu warnen. Nur eine höchst unbewußt hervorspringende Aeußerung Dorothea's fällt mir ein:
Sie hatte etwas für die »Europa« geschrieben und konnte eine in einer gedankenreichen Periode gebliebene Lücke nicht ausfüllen, fand das Bindungswort nicht, welches ich augenblicklich glücklich einschaltete, indem ich gegen die Klippe zu eine geschickte Umbiegung anwandte, bei welcher kein Wort für das nothwendige Bezeichnen des Gedankens verloren ging. »Es ist erstaunlich«, sagte Dorothea, »und ich weiß nicht, wie es zugeht, die Sophie Bernhardi, du, ihr seid so glücklich, ihr habt gleich die Form und ich habe die Gedanken.« Ich lachte und meinte: sie habe doch das Beste.
Friedrich Schlegel erklärte mich (damals ohne eigentlichen Grund, aus bloßem Verstehen und Vorausblick) für eine echt poetische, rein lyrische Natur, und äußerte den Wunsch, mich in einer anmuthigen, sorgenfreien Lage zu wissen, wo ich nur, wenn der Augenblick mich begeistere, ein Lied dichtete, aber nie mit meinem Namen drucken ließe, sondern eine Chiffre wählte. Er hatte vollkommen recht, doch mein Schicksal wollte es nicht so, und zugleich war ich nicht unempfindlich für den Klang eines Namens, der mein eigen sein müsse. In der[267] »Europa« unterzeichnete ich mich nicht und erlebte den Spaß, daß Kotzebue in einem und demselben Blatte mich als Herausgeberin der Miscellen pries und erhob, und die Verfasserin eines jener Aufsätze in der »Europa« heruntermachte, ohne zu ahnen, daß ich es sei.
Meine Anhänglichkeit für Dorothea machte es mir schmerzlich, daß wir uns trennen mußten. Denn im Frühling 1804 verließ Friedrich Schlegel Paris mit seinen neuen Freunden, und Dorothea sollte ihm in einigen Wochen nach Köln nachkommen. Dort wurden beide katholisch. Im November 1804 kam Friedrich Schlegel zurück. Wir sahen uns oft. Er war ganz wie ich ihn 1802 gekannt, schien mir zu seinen frühesten Stimmungen entschieden wiedergekehrt und sprach kein Wort über Religionssachen. Er blieb fast den ganzen Winter in Paris und besuchte es 1807 von neuem, begleitet von seinem Bruder, den er uns zuführte. Dann sah ich ihn nicht wieder bis 1823, wo ich nach Wien mußte, um die Schwefelbäder für meinen Sohn in Baden zu benutzen. Dorothea fand ich noch ganz so wie sie war, Schlegel hatte sich auffallend verändert und war auf das schleunigste ergraut und gealtert. Er hatte eine schöne thatkräftige Jugend unter schweren Sorgen zugebracht. Bei seinen ungeheuern Kenntnissen und Fähigkeiten wurde es ihm schwer, einen Wirkungskreis zu ermitteln. Er wußte und erstrebte zu vielerlei. Die Mittelmäßigkeit kommt überall und jederzeit durch, ist überall willkommen. Von Deutschland war er fern, er hätte dort bleiben sollen. Frankreich war durchaus untauglich für ihn; echte gründliche Wissenschaft blieb dort unbeachtet.
Napoleon brauchte Geld und Menschen. Er behielt[268] sich vor, zu günstiger Zeit geistige Hebel in Bewegung zu setzen. Er war kein Ludwig Philipp. Er ordnete seine großen Zwecke dem Bedürfniß des Augenblicks unter. Zu allererst sollte Europa eine große französische Provinz werden, Asien ein gefügiger Bundesgenosse, Afrika unter französischen Einfluß dergestalt sich schmiegen, daß es gleichfalls nur wollen dürfte, was Frankreich gestattete. Nach wohldurchdachten Planen erzielte Napoleon eine solche Weltherrschaft Vielleicht würde sie für die Welt ersprießlich gewesen sein, denn dem Geiste muß sich alles beugen. Wenn die Welt Napoleon verstanden hätte, wenn in dem Busen der Masse das heilige Feuer geglüht hätte, so würde er gesiegt haben, seinen Handlungen lag keine Persönlichkeit zum Grunde. Er blieb in dieser Hinsicht unverstanden; er opferte sich selbst, er glaubte dadurch Nacheifer zu wecken. Immer klarer wird sein Bild aus der Vergangenheit hervortreten. Auch Friedrich Schlegel verstand Napoleon nicht, er war ihm abhold, weil er ihn nur mit dem Auge des Leibes betrachtete; weil er so wenig wie die übrige Welt begriff, wie rücksichtslos er die Gegenwart opfern mußte, um das Heil einer großen Zukunft zu begründen.
Von meiner weiblichen Ansicht Napoleon's kann hier nur wenig die Rede sein. Der Mann fühlt denkend, das Weib denkt fühlend! Mein Unwille über den Mord des Herzogs von Enghien erwuchs aus der allgemeinen Empörung, welche diese That erregte. Ich bereue meine Thorheiten, die von diesem Unglück herrührten, sie warfen einen Schatten auf meinen Namen. Doch ich bin wol nicht die einzige in diesem Jahrhundert, die sich über Napoleon geirrt hat. Der Ostracismus, der Schmähungen, Jammer und Elend über ihn gehäuft,[269] bis seine irdische Natur unterlag, ist dem Geiste nach derselbe, der je und alle Größe angefeindet, alle Keime des Heils zertreten, auf breiten Schultern die Gemeinheit emporgehalten hat.
Ein vortrefflicher Freund Friedrich Schlegel's besuchte uns oft, es war der berühmte Indianist Hamilton, der Ostindien viele Jahre lang bewohnt und dort eine Eingeborene zur Gattin und einen hoffnungsvollen Sohn besaß. Er gab Friedrich täglich drei Stunden lang Unterricht im Sanskrit. Die Freude, einen solchen Schüler zu haben, war seine Belohnung; denn Friedrich Schlegel begriff mit bewunderungswürdiger Leichtigkeit und belehrte seinen Meister von seiner Seite. Alexander Hamilton war so wenig wie Schlegel ein trockener Gelehrter. Was er von der Wissenschaft erlangte, ging in seine Seele, sein Gemüth und seine Phantasie über. Man könnte dieses mit Recht von allen Indianisten sagen.
Das Studium des Sanskrit bereichert, läutert und erhebt das ganze Wesen des Menschen, es bemächtigt sich seiner ganz und gar, läßt nichts anderm mehr Raum, von keinem andern wird es in sittlicher Hinsicht in seinen Wirkungen übertroffen. Goethe hat darüber gewichtige Worte geschrieben, man findet sie in Hirzel's »Sakuntala«, die der edle dankbare Gelehrte seinem Meister Chézy zugeeignet hat. Eine süße Befriedigung gewährten Chézy die wenigen dankbaren Schüler, für die er Vater und Freund war, und sie gehören zu den Vortrefflichsten. Die Nachwelt wird den Undankbaren die gehörige Stelle anweisen.
Das Lokal des Museums Napoleon, nämlich der obere Stock, in welchem die Gemälde aufbewahrt wurden, sollte verändert werden. Man brach die Wölbung durch, um den[270] Saal von oben zu beleuchten. Mich dünkte, als ob die Beleuchtung bei dieser neuen Einrichtung nicht gewönne. Die damals anwesenden Künstler verloren sehr viel bei dieser Umgestaltung, sie mußten auf lange Zeit der Räume entbehren, auf welchen ihre Staffeleien stehen konnten. So mancher, der seinen Lebensunterhalt oder seine Vervollkommnung dem Copiren der alten Meisterwerke verdankte, mußte nun müßig gehen. Auch die Fremden verloren viel dabei. Nur eine Abtheilung von Kunstwerken stand offen. In einem großen dunkeln Saale standen herrliche Gemälde übereinander, dick bestäubt, weil der Staub aus den Löchern, die in die Decke des Museumsaals geschlagen worden, durch alle Ritzen und Fugen in das Behältniß drang, wo die Gemälde standen. Ich führte Frau von Wolzogen, Schiller's Schwägerin, die seelenvolle Verfasserin des Romans »Agnes von Lilien«, einer schönen Schrift über Karl von Dalberg und anderer classischer Werke, hinein; sie weinte.
Als der große Saal des Museums wieder geöffnet werden konnte, war er von oben beleuchtet und mit karmoisinrothen seidenen Vorhängen drapirt. Dies war grell und gefiel wenigen. Zu Gemälden gehört eine einfache graue oder graugrüne Farbe für Hintergrund und Umgebung. Die Heizung war durch sogenannte erwärmte Luft hervorgebracht. Ich war wol nicht die einzige, der es um die großen, guten, alten Oefen leid that, die eine gleichmäßige sanfte Wärme durch den ganzen Raum verbreiteten, und wo man Sonntags Veteranen antraf, die in ihrem gewöhnlichen Costüm um die Oefen her saßen und mit unbeschreiblicher Lust die Kunstwerke betrachteten. Sie verstanden sie nicht, die guten Alten, aber mehrere von ihnen hatten eine Freude daran;[271] denn manche waren dabei gewesen, wie die Städte erobert wurden, wo sie ehemals geprangt. Diese hielten sich für Miteigenthümer der Bilder, und die alte Inschrift, die noch aus den Zeiten der Republik daran klebte, störte sie nicht in der Freude des Genusses. Sie hieß: »Bürger genießt, aber rührt nichts an!« Es ist nicht zu leugnen, daß diese Menschenmasse Staub aufwühlte, auch wol verstohlen Taback rauchte. Wenn das ein Aufseher bemerkte und die kleine Pfeife confisciren wollte, fand er Gegenwehr. »Ohne uns wären die hübschen Bilderchen nicht da!« hieß es dann. Die Vernünftigen unter den Aufsehern stellten den Opponenten vor, daß die schönen Sachen, welche man ihrer Tapferkeit dankte, auch schön erhalten werden müßten! Die braven Veteranen sahen dies ein und man schüttelte sich die Hände. Auch versprach man, recht vorsichtig und sauber in den Museumssaal zu kommen und sich recht ruhig darin zu verhalten, damit es schön bliebe. Bei der Ankunft der eroberten Kunstschätze wurden keine solchen Rücksichten empfohlen. Die mit Pöbel untermengte Masse begriff nur schwer, daß man die Schätze der Kunst schonen und bewahren müsse; doch seit Napoleon die Zügel der Regierung ergriff, wurde Ordnung. Viele Söhne des Volks sind wie die Kinder, die sich beim Empfang schöner Sachen schon auf die Stunde freuen, in welcher sie beschließen, sie zu zerstören. Jedes Moment der Zeit hat seinen Silberblick: dieser erstrahlte damals, als die braven Krieger sich im Museum versammelten, als man Stolz und Freude über die errungenen Kunstschätze aus ihren Augen leuchten sah. Der Anblick war gemüthlich und herzerhebend. Es wird einem jetzt nicht mehr so dabei zu Muthe sein. Minder als diese Veränderung konnte man es billigen, wenn[272] späterhin die Arbeiter in Jacken und Mützen unter Ludwig Philipp aus dem Tuileriengarten herausgewiesen wurden, den sie ihm doch erobert hatten, und ebenso wenig, wenn im Sommer das Publikum abends, wo die Lüfte kühler wehen, scharenweise aus dem Tuileriengarten und dem Luxemburg nicht ganz sanft herausgetrieben wurde. Ludwig Philipp büßte schon damals viel von seiner Popularität ein; denn auch er hatte, wie andere Bourbons, von der Geschichte nichts gelernt.
Ich war in Paris in den Tagen angelangt, wo die letzten süßen Tropfen der Neige des Freiheitsbechers ausgeschlürft wurden und man ihn wie einen andern Theaterbecher in die Coulissen schleuderte, während seine bittersten Hefen noch auf dem Boden geblieben waren. Mir scheint, als seien sie noch nicht ausgeleert. Man kennt die Misgriffe der obersten Gewalt seit dem Sturze Napoleon's: sie mußten ihre Wirkung thun. Durch das gewaltsame Einlenken in die alten Gleise wurde das Volk entsittlicht und heuchlerisch, es wußte nicht mehr wohin mit seinen Bedürfnissen von Liebe und Anhänglichkeit; es fühlte das Schwanken des Bodens, der zerbersten mußte unter jedem Thron, der seit dem Consulat aufgerichtet wurde. Es wendete entmuthigt den Blick von einer unsichern Zukunft ab, die keine Aussicht auf dauernde Gestaltung mehr bot. Es haschte nach Strohhalmen wie der Ertrinkende im Kampf mit den Wellen. Bei der allgemeinen Unbehaglichkeit verlor selbst der Gedanke an eine neue Schreckenszeit seine Schrecknisse; diese verfehlte auch nicht zu erscheinen, nur nicht in ihrer frühern Gestalt und nicht ganz so furchtbar wie in den neunziger Jahren. Auch wurde Gott nicht noch einmal abgeschafft, und der Feind war unvergleichlich[273] milder, als ehemals der eingeborene Terrorist. Wenn nicht im Gemüth der Frommen die Ueberzeugung lebte, daß Gott das Böse nur zuläßt, um in den Geschaffenen die Kräfte zum Guten reicher zu entwickeln, so könnte man Zweifel in die Gerechtigkeit der lenkenden Gewalt setzen. Denn es ist offenbar, daß es nicht das Volk, das ursprünglich gute, ist, welches den Fluch auf Frankreich herabgezogen, der noch immer nicht gelöst ist, und daß in späte Zukunft hinein Millionen für das büßen müssen, was vor mehr als sechzig Jahren geschehen.
Ich kann nicht unerwähnt lassen, welch ein Ahnüngsschauer mich durchzuckte, als ich 1810 im Palast des Fürsten Schwarzenberg die Vorbereitungen zum Feste sah, welches derselbe als Nachfeier der Vermählung dem kaiserlichen Paare Napoleon und Marie Luise gab.
Ueber einem ziemlich tiefen trockenen Bassin wurde der Ballsaal aus Tannenbretern errichtet. Der Unternehmer des Baues hatte um zwanzig Francs theurere eichene Breter in Vorschlag gebracht, diese würden sich nicht so schnell entflammt haben und nicht so schnell zusammengebrannt sein. Hölzerne Armleuchter von geschmackvoller Form, zierlich vergoldet, waren an den mit Seide bekleideten Wänden angebracht. Jedermann bemerkte, daß sie etwas zu kurz waren. Eine der Kerzen steckte schief, die Flamme ergriff während des Tanzes die ölgetränkten Blumenfestons, welche den Saal schmückten. Im Nu stand die ganze Guirlande am Plafond umher in Flammen. Die Bekleidung der Wände, die harzigen Tannenbreter entzündeten sich mit solcher Gewalt, daß alle Versuche, der Flamme Einhalt zu thun, vergeblich waren. Wasser war nicht schnell genug zu haben. Nach[274] Ausbruch der Flamme wurde den Gästen bedeutet, sich zu beiden Seiten des Saals aufzustellen und den Kaiser ungehindert mit seiner Gemahlin durchzulassen; dies geschah in möglichster Eile. Von oben fielen flammende Splitter auf die Gäste herab, und im Moment, wo das kaiserliche Paar den Garten erreicht hatte, stürzten die Gäste mit aller Gewalt heraus. Es würden sich die meisten gerettet haben, wäre nicht unter ihnen der Boden eingestürzt. Viele der Heruntergefallenen wurden jämmerlich zerquetscht, auf andere stürzten die Flammen von oben herab, andere jammerten unter den Schritten derer, die sich retten konnten. Muthige Männer, unter ihnen Varnhagen von Ense, zogen die halbzermalmten Opfer aus dem qualmenden Bassin.
Der Kaiser kam schnell von der Begleitung seiner Gemahlin zurück und ordnete mit bewundernswürdiger Geschicklichkeit die Anstalten zur Rettung an. Er bemerkte Varnhagen in einem entsetzlichen Zustande mit flammenden Kleidern, alle Anwesenden durch heldenmüthige Todesverachtung mit sich fortreißend, sodaß er nach dem Platz hinschickte, wo Varnhagen beschäftigt war, um zu erfahren, wer der tapfere Jüngling sei. Ihm wurde berichtet, es sei August Varnhagen, ein österreichischer Offizier, der gegen die französische Armee muthig gekämpft habe. Der Kaiser verlor ihn aus den Augen, vielleicht auch aus dem Gedächtniß, denn die Schreckensnacht zermalmte die Besinnung und ließ keiner andern Vorstellung Raum, als der des furchtbaren unheilbringenden Augenblicks. Ein sinnloser Pöbel rottete sich zwar furchtsam und feig, aber dennoch in Masse zusammen, und faselte wahnwitzige Worte. Vom edeln Fürsten Schwarzenberg rührte nach des Pöbels Meinung das Unglück her. Er habe den vertrauensvollen Kaiser in diese[275] Räume verlockt und die verheerende Hochzeitsfackel entzündet. »Denn o! das Schrecklichste der Schrecken, das ist der Mensch in seinem Wahn!«
In eine Schilderung des Zustandes der zermalmten, von der Flamme fast ganz verzehrten und noch in Todesqualen wimmernden Frauen und Männer vermögen wir nicht einzugehen. Was nur zwei Jahre später auf der Brücke der Beresina Eisblöcke, Sturm und Fluten gethan, das war hier durch die Flammen geschehen, nur in kleinerm Maßstabe. Die liebenswürdige Fürstin Pauline Schwarzenberg wurde andern Tags vermißt. Das unvergleichliche Mutterherz hatte die Fürstin wieder unter die rauchenden Trümmer hineingerissen. Ihre zwölfjahrige Tochter wollte sie retten, doch der Rauch erstickte sie und die Flamme schlug über sie zusammen. Sie hatte nicht gesehen, die unglückliche Frau, daß ihr gerettetes Kind ohnmächtig, aber unversehrt aus der Flamme dicht an ihr vorbei herausgetragen wurde; es ist dieselbe Prinzessin, die im Jahre 1848 als damalige Fürstin Windischgräz bei dem Aufstand in Prag von dem Schuß eines rasendes Weibes durch ein Fenster ihres Zimmers tödlich getroffen wurde. Die wohlangebrachte Strenge des Fürsten Schwarzenberg bewahrte alle anwesenden Kinder vor dem Flammentod. Sie alle standen vor Ausbruch des Feuers im prächtigen phantastischen Aufzug an den Thüren des Saales, um eine dramatische Dichtung, die sie auswendig gelernt hatten, vorzutragen. Sie freuten sich alle darauf, denn gewiß gewährte die Gruppe der geschmückten Kinder einen bezaubernden Anblick. Der Fürst bemerkte die Anstalten, die zu dieser Vorstellung gemacht worden und schickte die Kinder unverzüglich in ihre Schlafzimmer, indem er sich etwas hart über die Begierde äußerte, auch[276] beim Feste zu figuriren. Diese Strenge, die etwas unzeitig geschienen haben mag, rettete die lieben Kinder vom Tode. Die Gefahr war ihnen so nahe gewesen, daß die Fenster ihrer Zimmer von der Hitze sprangen.
So endete dies verhängnißvolle, unheilweissagende Fest, das so prachtvoll und fröhlich begonnen hatte. Die liebenswürdige Fürstin von der Leyen, ein Mitglied der Tascher'schen Familie, litt mehrere Tage vor ihrem schmerzvollen Ende unbeschreiblich. Ihre Eingeweide lagen offen. Es wurde versichert, daß Varnhagen von Ense sie aus den Flammen herausgezogen. Niemand ahnte, daß all dieses Weh nur eine Vorfeier künftigen nahen Unheils war, das über die Herrscherfamilie, über Frankreich, ja über die Welt hereinzubrechen bestimmt war, und zu welchem eine schiefgesteckte Kerze den ungeahnten Anlaß gegeben.
Freund Bartolini schlug uns eines Morgens vor, sein Atelier im Louvre zu besuchen; wir gingen hin, um seinen Entwurf zur Rückseite der Medaille zu betrachten, welche Napoleon für die Eroberung von England schlagen lassen wollte, wiewol England noch unerobert war. Napoleon rechnete damals auf den Erfolg der Landung mit den platten Fahrzeugen des Herrn von Ducreste, wie schon erwähnt. Seine tapfern Krieger würden damals seinen Erwartungen entsprochen haben; aber die Elemente waren seinen Eroberungsplanen, wie späterhin in Rußland, entgegen.
Napoleon's Kopf, von Bartolini gemodelt, war des großen Künstlers würdig; auf keiner Medaille habe ich ihn so schön gesehen. Die Kehrseite stellte Hercules vor, der das dreiköpfige Ungeheuer erwürgt. Sie war von classischer Schönheit. Uns, die wir sie bewunderten,[277] ahnte es gleichwol, daß die Siegesmedaille etwas zu früh entworfen wurde. Bartolini zeigte uns noch andere Entwürfe seiner fleißigen Meisterhand. Er suchte das Ideal in der höchst naturgetreuen Wahrheit der Auffassung.
Indem wir uns seiner Entwürfe freuten, trat unvermuthet Denon in das Atelier. Bartolini hatte ihm gesagt, daß wir ihn heute besuchen wollten; er war ungeduldig uns kennen zu lernen. Nach den ersten gewöhnlichen Höflichkeitsformeln der Begrüßung lud uns Denon ein, ihn in seine Wohnung zu begleiten, die auch im Louvre befindlich war. Er bat uns dort zu einem auserlesenen Frühstück, welches sogleich aufgetragen wurde. Grüne Austern, noch aus dem Geschlecht der Urwelt, wurden schüsselweise aufgetragen. Den Beschluß machte schwarzer Kaffee, auf arabische Weise bereitet und aus Aegypten mitgebracht. Nachher zeigte uns Denon einen Theil der merkwürdigen Dinge, die seine Sammlung schmückten. Ein Gedanke nur von einem Fuß, dunkelbraun und wunderzierlich gestaltet, lud unsere Blicke ein: er war aus den Pyramiden, und hatte einer Tochter des Pharao gehört, vielleicht derselben, die sich den kleinen Moses vom Ufer des Nil herbringen ließ; er war einbalsamirt, wie man leicht denken kann.
Der Streit über das größere Alterthum der Aegypter oder Indier war damals noch nicht angeregt, denn in Paris kannte nur Alexander Hamilton das Sanskrit. Indeß Fr. W. Schlegel es mit seiner Hülfe muthig erfaßte, aber nicht eigentlich in die Tiefen der Geheimnisse der Sprache eindrang, hatte sich der junge Chézy ganz im Stillen derselben bemeistert, wollte aber nicht eher an das Licht, bis er sie ganz besaß, und machte seine Mutter und mich nicht eher zu Vertrauten, bis er nicht mehr[278] weit vom Gipfel der erklommenen Höhe stand. Auch seinem Freunde Sacy hatte er solange alles verschwiegen. Sein thatkräftiger Geist hatte eine neue Bahn ersehnt und gefunden. Schlegel, glücklicher als er, konnte eine edle Freundeshand ergreifen, um sich leiten zu lassen; Chézy mußte sich selbst gegnügen. Sylvestre de Sacy sagte von ihm: »Man könnte meinen, er habe das Sanskrit erfunden, denn alles habe er errathen müssen, was er davon entdeckt!« Ich weiß nicht wie es zuging, daß sich Chézy nicht mit dem Mahâbhârata beschäftigte, sondern vorzugsweise den Râmâyana wählte, der doch bei weitem nicht so alt, echt, noch so schönheitsreich ist wie jener. Auch Wilhelm von Schlegel und andere Gelehrte haben den Mahâbhârata minder beachtet, als den Râmâyana. Unter den persischen Dichtungen hatte Chézy die sinnigste Auswahl getroffen, und das zarte tiefempfundene Gedicht von Dschamy, »Metschnun und Laila«, erkoren. Zwei andere beliebte Dichter hatten den Stoff bearbeitet. Sylvestre de Sacy reichte Chézy's Uebersetzung des ebengenannten Gedichts zur Mitbewerbung um den Preis ein, den der Kaiser auf die beste Uebersetzung einer orientalischen Dichtung gesetzt hatte; er betrug dreitausend Francs, wurde Chézy zuerkannt, aber nie ausgezahlt. Chézy hatte von dieser Arbeit die Druckkosten zu zahlen, und blieb unbelohnt. Er hatte kein Vermögen, dieser Schlag fiel ihm hart. Ich schrieb einen Bericht über sein Werk, von welchem der Orientalist Hartmann eine schöne Uebersetzung gemacht. Ich begleitete Chézy in die Bureaux der Journaldirection. Nach großen Bedenklichkeiten nahm ihn endlich das »Journal de Paris« auf. Ein Redacteur, ich weiß nicht mehr welcher, gab den höflichen Bescheid: »Man würde das Werk in seinem Blatte recensiren, wenn es sich der[279] Mühe lohnte!« Chézy kehrte sehr niedergeschlagen von diesem fruchtlosen Wege zurück. Ungefähr ein Jahr darauf fanden wir im »Publicist« einen gediegenen Aufsatz über das verdienstvolle Werk. Der Buchdrucker Baladé sendete die Rechnung ein. Silvestre de Sacy zahlte auf Vorschuß die Druckkosten. Das waren die Ermuthigungen, die der junge Gelehrte empfing. Seine andern Arbeiten liegen noch unbenutzt in den Koffern seiner Witwe. Vielleicht war es der Mangel an Erfolg für die persischen Dichtungen und arabischen Werke, was Céhzy bewog, das Studium des Sanskrit zu ergreifen. Das Hauptziel seiner Bestrebungen wurde dabei erreicht.
Die Opfer, die er diesem Studium gebracht, habe ich zum Theil bezeichnet. Der vortreffliche Guisset vermochte ihren Umfang zu empfinden und erkannte sie öffentlich an, aber vergebens. Die unglückliche Witwe des Mannes, dem Frankreich einen Anspruch mehr auf Ruhm verdankt, mit welchem wesentliche bleibende Vortheile für das Land verbunden sind, hat nichts als eine Pension von jährlich 1200 Francs. Nicht alle Witwen haben sich in Frankreich so zu beklagen.
Bei den hier geschilderten Zuständen, die ich aus der Nähe beobachtete, ist begreiflich, daß Poesie und Kunst nicht freudig aufblühen konnten. Die früher zu hoch gespannten Saiten sprangen oder erschlafften. Nur die Schauspielkunst gedieh zu einer bis dahin unbekannten Höhe. Lekain war kein Talma gewesen, die Clairon keine Duchesnois. Schon das Costüm jener frühern Zeit, welchem erst Talma historische Wahrheit und classische Anmuth verliehen, war der Darstellung ungünstig gewesen, und es war im allgemeinen die Bühne allein, wo noch Leidenschaft walten durfte und große Zeitmomente[280] gefeiert wurden. Der Erste Consul brachte seine meisten Abende im Theater zu. Das Trauerspiel zog ihn mehr an, als Drama und Lustspiel. Er war auch nicht unempfindlich gegen Erscheinungen wie die Georges, dieses wunderschöne Geschöpf, welches so ganz das leibhafte Ebenbild ihrer Erzieherin, der berühmten Raucourt, war, daß man sie allgemein für ihre Tochter hielt. Die anmuthige Mars flößte ihm Geschmack am Lustspiel ein, denn sie besaß nicht allein eine Fülle von Lieblichkeit, sondern auch die Feinheit und den Geist, den Molière's Meisterwerke erfordern. Der Erste Consul ließ den Tartufe, den Misanthropen, und selbst die barocken und burlesken Producte des großen Dichters im Costüm der Zeit aufführen, in welcher sie geschrieben worden. Man weiß, wie sehr dies entzückende Costüm alle andern übertrifft, die man seit jener denkwürdigen Zeit gesehen; doch die Männer allein beobachteten es treu. Die Damen erlaubten sich starke Abweichungen. Aus Koketterie ließen sie sich pudern, die Kleider mit ziemlich kurzer Taille machen, legten auch wol die langen Manschetten ab u.s.w. Auch in den römischen und griechischen Trauerspielen trieben die meisten ein solches Unwesen mit scharlachfarbigen und zipfeligen Draperien, daß sie sich neben Talma's strenger Erscheinung buntscheckig ausnahmen. Aber wenn nicht etwa die Georges und Duchesnois auftraten, wurde beinahe nur auf Talma hingeblickt. Es war ein eigenes Schicksal, daß die vielbewunderte Georges beinahe lauter Fleisch war, und die große Duchesnois beinahe lauter Seele. Doch des Ersten Consuls Anwesenheit wirkte auf Georges wie Pygmalion auf Galathea, und beseelte den Marmor. Josephine beschützte vorzugsweise die Duchesnois, sodaß sich zwei Parteien für die zwei Künstlerinnen bildeten.[281]
Der Eifer dieser leidenschaftlich bewegten Parteien kam der Politik zugute, und wurde künstlich angefacht, um die Gemüther beinahe ausschließlich mit dieser Angelegenheit zu beschäftigen. Duchesnois, von der man beinahe nichts sah als Augen und Knochen, hatte gleichwol bedeutende Anbeter und eine mächtige Partei im Publikum. Es war, als hätte man es sich zur Aufgabe gemacht, die große seelenvolle Künstlerin für die Ungunst der Natur zu entschädigen. Keine Schilderung aber reicht an die Macht ihrer Blicke, sie wurde durch den Ton ihrer Stimme nur erreicht, nicht überboten, und dennoch hatten Liebe und Schmerz nie in süßern Tönen über die Welt hingebebt, in aller Gewalt und Fülle ihrer blühenden Reize so himmlisch entzückt.
Man weiß, daß die Georges verbannt wurde; das Warum kann uns gleichgültig sein. Die Duchesnois blieb als Siegerin auf dem Wahlplatz. Der Parteienstreit hatte die Glut angefacht, die ihre Bewunderer für sie empfanden; doch die alles ausgleichende Zeit brachte die Verehrung der Künstlerin bald wieder auf ihre frühere Höhe, und ihre unübertrefflichen Leistungen gewannen beim friedlichen Genuß noch reinere und richtigere Verehrung. Von den übrigen Mitgliedern des Schauspiels wäre manches zu sagen, was ihre Kunstgenossen und das Publikum vielleicht mit großem Antheil lesen würden; sie bildeten ein beachtungswürdiges Ganzes. Das feine Schauspiel und Lustspiel war wenigstens damals in Frankreich auf der Spitze, und gewährte einen Genuß, den man in solcher Vollkommenheit in andern Ländern vergebens suchen würde. Kotzebue's »Menschenhaß und Reue« wurde auf dem französischen Theater aufgeführt, wohin bekanntlich ein Witzbold einen Regenschirm mitnahm, ihn dort aufspannte, um, wie er sagte,[282] sich vor den Thränen zu schützen, die von den Logen herabströmten. Die Dramen, welche am meisten wirkten, waren aus dem Deutschen übersetzt, und füllten die Kasse, so ungebildet und rauh auf den kleinern Theatern auch der Vortrag der Schauspieler war. Das Theater am St.-Martinsthor wendete viel auf die Ausstattung: dies lockte alle herbei, die im Theater blos Augenweide suchten. Die andern Boulevardtheater waren etwas besser organisirt, als das des St.-Martinsthors. Man fand feinere Gesichter, zierlichere Haltung, bessere Organe. Zur ersten Aufführung eines Stücks drängten sich die Damen vom besten Ton. Mochte aber das Stück noch so sehr gefallen haben, so ging doch keine von ihnen zum zweiten mal hinein.
Aus den Novellen der Frau von Genlis wurden öfters Stoffe dramatisirt; es freute sie sehr. »Der grüne Friesrock« war eins der beliebtesten. Im ganzen waren es damals sechzehn Theater, die jeden Abend dem Publikum offen standen; jetzt sind es noch mehr, nur daß jetzt die kleinern mühsam ihr Leben fristen. Man glaube nicht, daß es damals das Vergnügen an der Kunst war, welches die Theater so füllte, es waren die unzähligen und nur zum geringsten Theil löbliche Anlässe, die in einer übergroßen Stadt wie Paris Zuschauer hineinlockten. Mehrere dieser Theater hatten Musik und zogen durch frische Stimmen Zuhörer herbei. Es lag dem genußsüchtigen Theil des Publikums mehr an Unterhaltung überhaupt, als an echt künstlerischen Leistungen. Die komische Oper, wo einige Talente ersten Ranges glänzten, war immer gefüllt. Die italienische Gesellschaft, des Ersten Consuls Liebling, fand weniger Antheil als sie verdiente, wurde jedoch insofern Mode, weil man sich dort nur in vollem Staat zeigen konnte. Die[283] Prachtlogen waren sehr theuer und alle voraus gemiethet. In den Logen dritten Ranges hörte man am besten, und man konnte sich um 30 Sous einen hohen und echten Kunstgenuß verschaffen. So füllte sich denn die Kasse durch die Prunksucht der Prächtigen und Reichen und durch die Ersparnisse der kunstsinnigen Unbemittelten. Der Bodensatz des Publikums rauchte und schnapste in den Kaffeehäusern und Spielhäusern letzten Ranges, im allgemeinen in den Räumen, wo es in den langen Winterabenden Licht und Wärme gab. Selten verging ein Abend in Paris, wo nicht alle öffentlichen Orte angefüllt gewesen wären. Der Beobachter, der Denker dagegen liebte das Théâter français über jedes andere. Hier athmete alles den reinsten Kunstsinn, hier war die Schule des Lebens und der Weltkenntniß, hier brachte die französische Nation ihren dramatischen Dichtern ein Opfer des glühenden Enthusiasmus auf hundertjährigen Altären; der Hang zu den dramatischen Dichtern der vorigen Jahrhunderte war so unbeschränkt und entschieden, daß er zu einem ziemlich ungerechten Vorurtheil Anlaß gab. Jede neue Erscheinung in diesem Fache hatte gegen ein großes Mistrauen zu kämpfen; die Nation schien dem zu zürnen, der die Höhen zu erklimmen strebte, zu welcher sich Corneille, Molière, Racine emporschwungen. Neue Trauerspiele und andere dramatische Arbeiten in Versen wurden gestürzt, herniedergerissen, ehe sie noch zu Ende gespielt wurden. Dieses Herrschen des Vorurtheils, dieses Uebergewicht der Mehrheit der Stimmen verhinderte oft, daß gute Stücke den verdienten Beifall erlangten, und machte, daß jeder sich vor einer großen dramatischen Arbeit scheute. So wurde das höhere Streben der Geister unterdrückt, und ehe sie noch gelüftet, versanken dem Genius die kraftvollen Schwingen. Auch die[284] Rücksichten auf die politischen Zustände erzeugten große Bedenklichkeiten bei den Theaterdirectionen, die aus Mücken Elefanten machten. Man würde diese Vorsichtsmaßregeln höchstens Ortes belacht haben, wenn man nur um sie gewußt hätte. Der Erste Consul fühlte sich sicher, und war es; zwar in der Straße Nicaise rettete ihm blos das Glas Wein das Leben, welches sein Kutscher zu viel getrunken hatte; allein es dauerte lange, bis Frankreich ihm entfremdet wurde und er gezwungen ward, durch allerhand Maßregeln sich zu schützen.
Es wurden auf dem Théâtre français einige neue Lustspiele in Prosa, Uebersetzungen von Kotzebue, gegeben, die mit Beifall gesehen wurden; allein der Ruhm dieser Stücke war ephemer, und nur um manche Lücke auszufüllen und den Schauspielern nach der angreifenden schweren Darstellung der großen dramatischen Arbeiten eine Pause zu gönnen, wurden sie aufgeführt; denn die Mühe beim Spielen dieser Stücke verhielt sich zu der höhern Schauspielkunst wie der Traum zum Leben. Diejenigen Schriftsteller, welche nicht nach Lorberkränzen in Thaliens erstem Tempel strebten, sondern sich begnügten, auf dem Pfade der Mittelmäßigkeit einige Blümchen zu pflücken, arbeiteten für jene zweimal zehn Theater in den entlegenen Theilen der Stadt, die unbesucht von Kunstverständigen und von der großen Welt ihre friedliche Existenz der Dämmerung dankten, die sie umgab. Hier, wo keine Höhe stattfand, gab es keinen Fall! So raffinirt in den Haupttheatern der Geschmack war, so hoch dort die Kunst gestiegen, so vernachlässigt waren mehrere kleine Theater. Hier gab es für Leidenschaft und Gefühl keinen andern Ausdruck als Contorsion und Geschrei; und warf ein ungünstiges Schicksal ein von der Natur mit Talent[285] und Fähigkeit begabtes Wesen in diese Grabgewölbe des Geschmacks und der Kunst, so erlangte es weiter keine Bildung, sondern der geistige Funken in ihm glimmte ungenützt fort. Selbst die so allgemein anerkannte französische Anmuth und weibliche Grazie verleugnete sich hier, und man fand mit Verwunderung, wie in derselben Stadt, wo der Kunstsinn so fein und wahr, doch daneben das Rohe, Unästhetische und Niedrige sein Wesen treiben konnte. Wiewol die Theater Louvois und Vaudeville dem Théâtre français nachstanden, konnte man sie nicht zu den ebenerwähnten rechnen, da man hier nicht eine Tendenz nach hoher idealischer Schönheit bemerkte, sondern blos nach Belustigung, Satire und Anmuth, und so verlangte man nicht mehr als hier geleistet wurde. Das Theatre Louvois hatte mit dem Théâtre français ähnliche Ansprüche, nur daß es in allem eine Stufe niedriger stand und nicht über seinen Standpunkt hinausstrebte. Das Théâtre Vaudeville war ein hübsches Théâter, und weder mehr noch weniger als dies. Das, was man in feiner Organisation am meisten tadelnswerth finden konnte, war das ermüdende Einerlei der Musik, die aus lauter Vaudevillemelodien bestand.
Das Théâtre Faydeau oder die komische Oper befriedigte sehr durch eine gute Besetzung und eine sinnige Auswahl von Opern zweiter Gattung, wiewol man Malvina von Méhul und einige andere zu den Werken erster Klasse rechnen könnte. Elleviou und Martin waren Künstler ersten Ranges: Elleviou vereinigte eine schöne Tenorstimme mit einer einnehmenden Gestalt, einem gefühlvollen, wohldurchdachten Spiel; Martin war weniger von der Natur begünstigt, allein seine Stimme war schön und seine Methode auch gut. Die Demoiselles St.-Aubin, Piegemmit, Gavoudon erfreuten durch[286] Gestalt, Spiel und Stimme; doch waren damals die Forderungen des Publikums an die Oper zweiten Ranges nicht so groß, wie sie jetzt sind.
Montansier war ein Theater, das vielleicht kein Vorbild hatte und keine Nachahmung finden konnte. Ein günstiger Wind schien eine Auswahl von talentvollen Subjecten zusammengeweht zu haben; es war harmlos wie das Leopoldstadttheater in Wien, als ich es kannte. Brunet war ein Künstler, wie man ihn nicht leicht auf den Bretern findet: unerschöpfliche Laune, heiterer Scherz, köstliche Dummheit, frische Natur! Freilich waren auch die Stücke so geschrieben, daß ein solches Talent ein reiches Feld fand, sich zu entwickeln. »Jocrisse's Verzweiflung« ist in seiner Art ein Meisterstück. Ich habe es auf deutschen Bühnen von guten Komikern nicht unergötzt gesehen; allein das volksthümliche Französische konnte der deutschen Vorstellung nicht eingeimpft werden. Uebrigens wurden die Theaterstücke von Montansier eigens für die dortigen Schauspieler geschrieben, wie ein Componist für verschiedene Sänger schreibt. Es war viel Ironie in den Rollen. Brunet erlaubte sich zuweilen, einen beißenden Ausfall gegen die Regierung, sogar gegen die ersten Machthaber loszulassen. Zuweilen hatten die Getroffenen selbst gelacht, da konnten sie nicht mehr zürnen; zuweilen aber verbrühte er sich die Zunge und kam in Theaterarrest. Dann ließ er sich ein paar Körbe Champagner und einige Tausend Austern holen, lud seine besten Freunde ein, und war lustiger als je. Der große Künstler Raimund in Leopoldstadt war tiefer und genialer als Brunet, und zwar in einem andern Sinne als dieser, er war poetisch. Brunet war nur natürlich, doch diese Natur war Poesie. Tiercelin, sein Mitspieler, stand ihm trefflich bei; doch er verhielt sich nur wie eine[287] gute Folie zum Edelstein. Auf die Frauen dieses Theaters kann ich mich gar nicht erinnern; allein sie verdarben nichts – ein Beweis, daß sie gute Schauspielerinnen waren. Frau von Krüdener fuhr einmal mit mir hin; sie hatte jemand mitgenommen. Wen denn? Der Jemand war stumm, taub, blind und ließ die reizende, gefühlvolle geistreiche Liefländerin gewähren. Mit einem Worte, es war Friedrich Schlegel's Trauerspiel »Alarkos«, welches ich mußte lesen lassen, während die Subjecte als Chirurgen im »Eingebildeten Kranken« von Molière zur Carnevalsergötzlichkeit bewaffnet durch alle Logen liefen und den Kranken verfolgten; mit welchem Instrumente, kann man errathen, ich brauche es wol nicht erst näher zu bezeichnen. Frau von Krüdener mußte lachen. Der »Alarkos« wurde zugeschlagen und nicht wieder vorgenommen. Ich getraute mich nicht, Friedrich Schlegel, der ohnehin der Krüdener nicht günstig war, diese Entweihung seines Stücks zu erzählen.
Als der Erste Consul erzählen hörte, daß die Opera Buffa keine Fortschritte in der Gunst des Publikums mache, äußerte er, nicht ohne ein leichtes Stirnrunzeln: »So will ich ihr Publikum sein!«
Seine Schwestern gingen hin, weil man durch die vergoldeten Gitterstäbe der Bogen ihre zierlichen Füßchen sehen sollte. Josephine ging hin, weil Napoleon dies Theater liebte, das von ihm reichlich unterstützt wurde.
Frankreich war eigentlich in Paris concentrirt: in den mittäglichen Provinzen wenigstens vermißte man ganz das Leben, den Geschmack und die Pracht, welche die Stadt vor so vielen andern großen Städten Europas charakterisirte. Noch war dort alles kleinlich, pedantisch, steif, und nur selten wurden dort Talente[288] ausgebildet. Selten verweilten dort ausgezeichnete Gelehrte und Künstler. Die Geistlichkeit und die Industrie der Manufacturen schienen jedoch die Provinzen belebter zu machen, als sie seit der Revolution waren. Der Glanz des geistlichen Standes stand wieder strahlend da, und seines Glückes alte Zeiten kehrten wieder. Schon ward in den Provinzen alles aufgeboten, um dem geistlichen Stande ganz seine alten Prärogative wieder zu schaffen, und die Heerde bereitete mit Pracht und Ueberfluß die Wohnungen ihrer Hirten.
Was in Paris als Seltenheit erkannt und geschätzt ward: Zutrauen, zuvorkommendes Wohlwollen, Häuslichkeit, das fand man in den Provinzen fast im allgemeinen. Dort und besonders in den mittäglichen Provinzen stimmten Natur und Geschick die Menschheit zur Heiterkeit und Güte. An jenen friedlichen Ufern, wo selten nur der Glanz stolzer Paläste sich in den ungetrübten Spiegeln des silbernen Stromes malte, wo das Schwert des Kriegers nicht klang, wohnten Vertrauen, Unschuld, Liebe, Treue und Frömmigkeit. Heilige Bande der Pflicht fesselten dort die Bewohner an Gatten und Kinder und an den stillen häuslichen Herd. In den furchtbaren Zeiten der Revolution, wo Religion und Menschlichkeit im Staube gedrückt schmachteten, gab es im Innern der mittäglichen Provinzen allein Gottesfurcht und Menschenliebe. Der Landmann baute das fruchtreiche Feld, unbesorgt ließ er die Stürme wüthen; Arbeit und Gebet waren seine Schutzengel, sowie sie die des betriebsamen Bürgers waren. Ueberhaupt schien die rührende Unschuld und Güte der Charaktere den Mangel an feiner Bildung des Geschmacks und der Geistesfähigkeiten in den Provinzen aufwiegen zu sollen; allein die Güte des Herzens und Charakters ist auch eine[289] Bildung, sie ist das Werk der Natur und des innern Wirkens der Gemüthsfähigkeiten, während die andere das der Kunst und äußerer Erfahrungen ist.
Die Naturmenschen möchte ich der einfachen Blüte oder den primitiven Blumen vergleichen, die wie bekannt einfach waren und Früchte trugen, bis Umstände und Kunst sie verdoppelten und für den Anbau in Gärten als Schmuck anwandten und zugleich unfruchtbar machten. Die einfachen Blüten haben weniger Glanz, weniger Duft und Schönheit, aber sie sind die Vorgänger genußreicher Früchte. Die Menschen, bei denen innere und äußere Bildung in harmonischem Gleichgewicht liegen, sind unstreitig die höhern Menschen. Wer aber würde bei der Wahl zwischen beiden die innere Bildung nicht vorziehen? Sie, die so rührend und schön die äußere Bildung oft ersetzt, wogegen sie selbst durch nichts ersetzt werden kann.
Die Naivetät und unbefangene Gutmüthigkeit junger Provinzialinnen gewährten ein sehr angenehmes Schauspiel. Blühend und heiter wie der Frühling, aufrichtig, fleißig, verschämt, sind sie, besonders in Paris, wo das Gute sich als Ausnahme befand, ein herzerfreuender Anblick. Wenige unter ihnen waren schön, allein der Glanz der frischen Jugend und ihr unschuldiger heller Blick machten sie reizend. Unter den Schönen zeichneten sich die Auvergnatinnen aus. Fast alle sind schlank, leicht und schön gebaut; ihre Carnation ist sehr frisch und blühend, ihr Haar schwarz wie die Nacht; ihre Augen sind groß, schwarz und funkelnd, und ihre Zähne blendend weiß. Die Normänninnen sind gewöhnlich blond. Unter ihnen gibt es ausgezeichnet schöne Gestalten und Züge, sie haben mit den Sachsinnen einige Aehnlichkeit. Die Frauenzimmer aus der Provence und Languedoc haben in der Mehrheit weniger[290] schöne Gestalten; allein die Ausnahmen unter ihnen sind dafür auch desto köstlicher, da sie das schmachtende süße Feuer der südlichen Temperatur mit idealischen Zügen vereinigen. Die schönen Mädchen und Frauen aus den Provence, Languedoc sind Madonnengestalten. Das edle Oval ihres Gesichts, der Schnitt ihrer großen dunkeln Augen, die südliche Carnation ihrer Gesichtsfarbe, der Reichthum ihres wallenden Haars, die Feinheit und der antike Schnitt ihrer Züge und das zarte Ebenmaß ihres Wuchses machen sie unendlich reizend. Die Männer in diesen Provinzen, sowie in allen mittäglichen Ländern, sind in der Regel nicht groß. Die Burgunderinnen sind ziemlich klein und stark von Gliedern, die Champagnerinnen auch. Die Lothringerinnen sind gewöhnlich blond und kastanienbraun, wenige sind brünet. An ihnen habe ich bemerkt, daß sie sich noch immer zu den Deutschen rechneten und den Parisern, Normannen u.a. den Namen Franzosen als Unterscheidungszeichen gaben. Sie sprachen zum Theil ein ziemlich verständliches Deutsch, welches sie in ihrem Lande standhaft beibehielten, und beobachteten in allem deutsche Sitten und Manieren.
Das Hofwesen Ludwig's XV. war gleichsam nach dem Vorbilde Ludwig's XIV. und seiner Regentschaft zusammengesetzt, und diese Mischung trug viel dazu bei, daß jene hohe Achtung sank, welche Ludwig XIV. denjenigen, die ihn umgaben, einzuflößen gewußt hatte. Ludwig XVI. ist der Vorwurf gemacht worden, daß es ihm an innerer Energie und an Herrschertalent gefehlt habe; unsere Nachkommen werden gerechter gegen ihn sein! Ich breche hiervon jetzt ab, weil zu viel zu sagen wäre.
Marie Antoinette wurde nicht minder ungerecht[291] beurtheilt. Sie hatte ein deutsches Herz, und war gehaßt von der Partei, gehaßt von Orléans, Graf Artois, dem es nicht gelungen war sie zu verführen, gehaßt von allen solchen Franzosen, die eine deutsche Natur nicht verstehen, von allen Nachlallern solcher beschränkten Köpfe. Um sie richtig zu beurtheilen, mußte man den Herzog Matthieu von Montmorency von ihr sprechen hören; ihn, den feurigen Republikaner, der sein Wappen zerbrach und nur noch Bürger heißen wollte, für sie aber in den Tod gegangen wäre; denn er nannte sie unschuldig, großsinnig, würdevoll, eine wahre Mutter ihres Volks, einen Inbegriff aller Huld, Güte und Aufrichtigkeit.
Es wird eine Zeit kommen, wo man die ungeheuere Trilogie, Königthum, Republik, Kaiserthum aus dem rechten Gesichtspunkte betrachten wird. Noch bis heute sind sie nur durch bunte Gläser angeschaut. Die Wahrheit der Thatsachen, die seit einem halben Jahrhundert und darüber zu uns gelangt sind, verbürgt uns nicht die Wahrheiten der Ansichten, gibt kein Licht über die Beweggründe der Handelnden und Leidenden; diese kennt der Höchste allein, nur seine allmächtige Hand kann sie enthüllen.
Die Versammlung des Wohlfahrtsausschusses war vielleicht die erste große Macht, die es versuchte, ohne Hofhaltung zu regieren. Da aber ihre Gewalt sich auf so viele Blutbefehle gründete, so blieb es noch unentschieden, inwiefern ein solcher Versuch an sich gelingen könnte, und besonders, ob Frankreich und die Pariser, deren Stadt und Land überall den Stempel des alles auf einen Punkt vereinigenden Luxus trug, damit zufrieden sein würden. Das Directorium schien wenigstens diese Frage entschieden als verneinend betrachtet zu haben,[292] denn zum größten Verdrusse aller damaligen Jakobiner wurde sogleich eine ziemlich steife Etikette eingeführt, und manche Form beobachtet, die man noch nie vielleicht vorher mit solcher Strenge durchgesetzt hatte.
Wie weit aber diese unvollkommenen Versuche durch die damaligen Einrichtungen des Ersten Consuls übertroffen wurden, ließ sich nur durch den Augenschein deutlich einsehen. Wer könnte, wer möchte das Gepränge, das Steife und die Langeweile einer Gesandtenpräsentation herzählen? Wer die Formalitäten, mit welchen den achtzehnten jedes republikanischen Monats fremde Herren und Damen der Madame Bonaparte vorgestellt wurden? Wer könnte die mannichfaltigen Bemerkungen über das Klima des Landes der Fremden wiederholen, wodurch jener erste und classische Gegenstand aller Conversationen, das »Wetter«, in neuen Formen abgehandelt wurde? Nach der Präsentation frug jedermann, mit wem der Consul gesprochen, was er jedem gesagt hätte? Der Begünstigte wurde tiefer begrüßt als der Vorbeigegangene, und jede nicht ganz gewöhnliche Phrase wurde zu einem Bonmot verdreht, so weit sie auch ihrer ursprünglichen Natur nach davon entfernt war. In allem wurde der ehemalige Hof nachgeahmt. Jeden Sonntag fuhren die Mitglieder der constituirenden Gewalten nach St.-Cloud, um sich dem Oberhaupte des Staats darzustellen; nur die Abendgesellschaften waren zahlreicher als dort, weil natürlicherweise diese mächtige Regierung mehr gesucht wurde, als die Ludwig's XVI. In diesen Gesellschaften führten die Männer Gespräche, die Damen spielten unter sich und ohne Geld; dies war des Ersten Consuls Wunsch. Dieser zeigte sich nur selten, und unterhielt sich meistens in seinem Cabinet mit einigen ausgesuchten Personen,[293] oder arbeitete. Sonderbar war der Contrast zwischen der Simplicität seines persönlichen Lebens, seiner Speisen und Kleidungsstücke, mit der Prachtliebe, die ihn umgab. Man sollte beinahe glauben, diese sei eher eine Folge seiner Grundsätze als seiner Neigungen gewesen. Wer aber möchte sich vermessen, den Verborgenen und Vielseitigen durchschauen zu wollen.
Die schöne vortreffliche Récamier war in London, als ich nach Paris kam. Der Ruf sagte so viel von ihr, daß ich freudig den Anlaß ergriff, den die Einladung ihres Gatten mir bot, sie kennen zu lernen. Cotta hatte mich nämlich an das Haus Récamier adressirt. In meiner gänzlichen Unbekanntschaft mit Geschäften, steckte ich den Creditbrief von 1000 Francs, der mir von Cotta zugeschickt worden war, wie einen Pfeifenstiel in meinen Sack. Ich meinte, Récamier würde schon wissen, was damit zu machen sei. Dies war auch der Fall, denn er setzte das Papier sogleich in Geld um. Ich wußte gar nicht wohin mit dem Geld, und sann ängstlich darauf, es wieder los zu werden.
Ich wählte einen einsamen Theil eines Tisches im Bureau, um Abtheilungen zu bewerkstelligen. Ich hatte Fünffrankenthaler empfangen; diese boten eine große Mannichfaltigkeit dar, welche seitdem noch weit mannichfaltiger geworden. Man hatte damals noch keinen kaiserlichen Thaler, keinen Ludwig XVIII., keinen Kaiserthaler von 1815 aus den Hundert Tagen, keinen Karl X., keinen Ludwig Philipp, keine neue Auflage der alten Republikthaler in neuer Gestalt, keinen Ludwig Napoleon, sondern nur solche mit den republikanischen Insignien, z.B. »Die Nation, das Gesetz und der König«, wobei das Bildniß des unglücklichen Königs Ludwig's XVI. jedoch noch auf Sechsfrankenstücken und ohne Lilien.[294] Ich betrachtete sie wehmuthsvoll. Ich weiß nicht, wie viel hundert Francs ich für Schlegel absonderte und besonders einwickelte. Eine bedeutende Summe ging für die Forderungen des Buchhändlers Hennrich's ab, der bereits auf die unbescheidenste Weise mich um mein Kostgeld gemahnt hatte. Noch andere Sümmchen zahlte ich für die kleinen Gläubiger, bei denen ich schuldete, weil ich ganz ohne Geld lebte. Für einen höchst bescheidenen Shawl, den Madame Bonaparte auf der Rücklehne ihres Sessels nicht einmal bemerkt haben würde, und der nicht warm hielt, so auch für ein braunseidenes Kleid mit langen weißen Aermeln, wie sie damals Mode waren, ging beinahe der ganze Rest dieser tausend Francs auf, die Herr Récamier mit großer Sorgfalt in einen Sack gesteckt hatte. In seinem Comptoir waren aller Augen mit Wohlgefallen auf mich gerichtet. Ich trug ein schwarzes Trauerkleid und schwarze Schleifen im Haar. An einen Hut hatte ich nicht gedacht. Keine Bedenklichkeiten über Tracht und Zierlichkeit waren mir angekommen. Mein Haar vom feinsten Golde, meine hellen blauen Augen, mein rosiger Mund mit sanft gerundeten Lippen, meine schneeweiße Haut, mein schlanker Wuchs waren für mich Schmucks genug. Eitel war ich nicht; ganz unbefangen, schien mir für meine Erscheinung das genügend, was mir die Natur gegeben hatte, und ich glaubte nichts anderes für meine Existenz zu bedürfen als das Wohlgefallen, das in aller Blicken, die auf mich gerichtet waren, mir entgegenstrahlte. Von Récamier fuhr ich zu Schlegel. Nach traulicher Begrüßung legte ich meinen Sack auf den Tisch, zählte ein Packet vor Schlegels aus, und mit den Worten: »Ihr braucht doch Geld?« schob ich es vor Dorothea zusammen. Dorothea lächelte und sagte zu Friedrich: »Schau! Die bringt[295] uns Geld.« Wir blieben den Tag über zusammen, denn es war Sonntag!
Abends kamen die deutschen Freunde; Schlegel las Shakspeare's »Wie es euch gefällt« mit seiner ausdrucksvollen Stimme. Aus seinem Lächeln, seinen Blicken ging erst das rechte Verständniß der Dichtung auf. Ich pries den Vorleser; »da sollten sie erst Tieck hören!« rief er wehmüthig aus. Es wurde mir späterhin vergönnt, diesen Wunsch des Freundes erfüllt zu sehen; doch wenn auch Tieck mit größerer Kunstfertigkeit las, wie vielleicht niemand gelesen noch lesen wird, so klang mir dennoch Friedrich Schlegel's Vortrag hinreißender. Tieck las so schön er wollte, Schlegel so schön er konnte, mit bewußtloser Liebe und Innigkeit. Die Dichtungen klangen aus ihm hervor, wie das Sausen aus den Wipfeln der Bäume, wie der Wellenklang aus den Fluten, wie jede harmonische Stimme aus dem Busen der Natur. Es war die Aeolsharfe, die der Hauch Gottes bewegt, und die Gesetzen folgt, welche noch nie ein Musiker verstanden.
Ich werde soeben gewahr, daß ich im allgemeinen zwar chronologisch die Begebenheiten meines Lebens aufzähle, aber in Einzelheiten Absprünge mache; man vergebe es mir! Jene Zeit war zu übervoll, zu ergreifend, um sie gewissermaßen in Tabellen zu fassen. Zuweilen verschmolz ein Eindruck in den andern, zuweilen wurde es mir unmöglich gemacht, Consequenz zu bewahren.
Denon's Gespräche waren Ausströmungen einer Seele, die ganz von Napoleon Bonaparte erfüllt war, und von dem Cultus ihres Helden keinen Augenblick ruhte. Napoleon's Bild und die Feier des Schönen in allen Sphären der Natur und der Kunst erfüllten ganz dessen Herz und Sinn. Selten, vielleicht nie, war eine auserkorene Natur zu einem Wirken und einem Lose[296] bestimmt, die dem seinigen glichen. Noch habe ich keinen Weltmann gekannt, der so einfach und glänzend für die Freundschaft und für die feinsten Pflichten der Geselligkeit ausgebildet gewesen wäre; der die höchste Schicklichkeit so zart und in Einklang mit der beglückenden Hingebung verband; der das Bestreben alle, die ihm nahten, zu beglücken, die Sorge, nie einen Freund zu verletzen, so treu, so unbemerkbar geübt hätte; der sein Ich so bescheiden in Schatten hüllte, daß er es nur vor den Augen der Freundschaft funkeln ließ; den fremdes Verdienst so erfreute, und liebevolle Anerkennung so tief bewegte; der so nachsichtsvoll und weise die Gemüther rührte, indem er sie belehrte und beglückte.
Denon's Abende gehörten ausschließlich dem Ersten Consul oder seiner Familie; denn nicht immer war er zu Hause, zuweilen auch in seinem Cabinet bei der Arbeit. Er kam dann auf kürzere oder längere Zeit in das Familienzimmer, und plauderte von dem, was eben sein Gemüth beschäftigte. Fremde wurden an solchen Abenden nicht angenommen. Denon war dem Ersten Consul, was die Oase in der Wüste dem Wanderer. Er brachte ihm frische Lebensluft und labende Erquickung.
Erinnerungen von überstandenen Gefahren strahlten ihm aus Denon's Lächeln und Blick; auch der Rosenduft mancher geheimen süßen Stunde wehte ihm aus seinen Worten entgegen. Ich habe das Bildniß seiner Auserkorenen aus Aegypten oft betrachtet: ruhend auf schwellenden Polstern, die silberne Pfeife zwischen Rosenlippen, bläst sie die ätherischen Wölkchen des Dampfes vor sich hin. Eine solche Schöne denkt im Rauchwölkchen – was sollte sie mit Gedanken? Ich habe noch keine Spur gefunden, daß die Orientalinnen dichteten oder schrieben; sie schreiben mit Blumen und dichten mit[297] Küssen! Der Ruhm hat keinen Reiz für sie; auch seine Stacheln kennen sie nicht, und haben keine Vorstellung von der Schmach mancher weiblichen Berühmtheit. Napoleon fühlte sich sehr glücklich am Herzen seiner ägyptischen Geliebten. Unter den Bedingungen ihres Daseins konnte sie im wahren Sinne des Wortes weiblich sein. Sie ließ Geistesblitze schießen, wie am Abend das Wetter leuchtet! Eben hat mich mein Gedächtniß getäuscht; ein schönes Gedicht von Anvary umfaßt drei Strophen, welche er als das Werk seiner Geliebten bezeichnet. Sie sind geistvoll und innig.
Napoleon sprach mit Denon wie der Geist zum eigenen Herzen. Er durfte laut denken. Auch Denon dachte laut ihm gegenüber. Oft vertraute ihm der Erste Consul, was in dem Augenblick sein Herz am tiefsten bewegte, seinen Geist am regsten beschäftigte. Denon fand Consequenz in Handlungen seines hohen Freundes, welche die Welt von ihren Gesichtspunkten aus bitter tadelte. Ich habe kein Urtheil darüber, einmal, weil ich keine Politik verstehe, und wieder einmal, weil Napoleon's Wesen trotz aller Aufschlüsse, die er selbst darüber gab, wol noch in späten Zeiten unbegreiflich sein wird. Die Zukunft allein kann ihn verständlich machen, wol noch besonders, weil er sich zuweilen selbst nicht verstand.
Ich schrieb damals, wie schon bemerkt, an einer Napoleonide. Ach, wie unreif ist diese geblieben! Ich rühmte mich in meinen Aurikeln, daß ich diese Dichtung zerrissen und den Tyrann verabscheut habe. Ich gestehe dies alles hier nicht zu meinem Vortheil, nur zur Steuer der Wahrheit, zum Zeichen und Denkmal meines Unrechts und meiner Reue. Ich war nicht die Einzige auf Erden, die den Schöpfer tadelte, weil der Kürbis nicht am Wipfel[298] eines Eichbaums gewachsen ist – aber dennoch muß ich mich bitter tadeln.
Horace Sebastiani, ein Corse, der bei Napoleon in großer Gunst stand, war beinahe so innig wie Denon in seine Plane eingeweiht. Horace war ein thätiger Geist, feurig, vermessen, und dennoch besonnen, weitumschauend, vielumfassend, rastlos unermüdet in seinen Bestrebungen. Er war und blieb Josephinen ergeben. Der Erste Consul hatte ihm kurz vor seiner Thronbesteigung eröffnet, daß er sich von Josephinen trennen müsse. Er that es mit herzzermalmendem Schmerz. Er that unrecht, und fühlte es, hatte aber nicht moralische Kraft genug, der bessern Stimme in der eigenen Brust, dem innern Richter zu folgen. Horace Sebastiani setzte eine Vorstellung im Namen seines Corps auf, und ließ sie von seinen Kriegern unterschreiben. Sie war ergreifend, überzeugend und nachdrucksvoll; doch der geistreiche und gefühlvolle Verfasser wurde verbannt. Josephine wußte nicht um den Grund seiner Ungnade.
Horace Sebastiani war der Vater der unglücklichen Herzogin von Praslin, die zu der Zeit, von der ich spreche, noch nicht geboren war. Ihre liebenswürdige Mutter, geborne von Coigny, war früh gestorben. Der Schmerz des Verlustes ihrer Mutter überzog wie ein Gewölk den Frühling des Fräulein Sebastiani. Sonst aber schien alles dem Glücke des jungen Paars zu lächeln, welches im zartesten Alter verlobt wurde. Man weiß, wie entsetzlich diese Hoffnungen getäuscht wurden. Das schreckliche Los der jungen schönen Herzogin von Praslin bewies aufs neue die Tücke des falschen Glücks und den Wankelmuth der Männerherzen, die nicht gottergeben sind und der Welt leben, und die Begünstigungen des Glücks durch Geburt und Reichthum für[299] eine Bürgschaft seiner Dauer halten. Die Herzogin von Praslin liebte ihren Gemahl, sie hat vor ihrer Ermordung tausend Tode gelitten. Vergebens strebte sie, ihre eignen Rechte und die ihrer unschuldigen Kinder emporzuhalten, ihr entflohenes Glück wieder zu erringen, ihren Gemahl zu sich zurückzuführen. Alle ihre Bestrebungen scheiterten an den Ränken einer Verworfenen, die den Bethörten in den Abgrund riß. Er mordete sein liebevolles Weib, die zärtliche Mutter seiner drei Kinder! Er mordete sie auf die listigste und ruchloseste Weise.
Dann als er sah, daß ihn die Hölle verwies und das Schaffot seiner wartete, entzog er sich dem Blutgerüst durch den Tod. Es hieß, Verwandte hätten ihn dazu bewogen, um den glänzenden Namen seines Geschlechts der Schmach des Henkertodes zu entziehen.
So glauben Bethörte die Ehre zu retten, indem sie dem Sklaven des Verbrechens, dem gottvergessenen Lüstling und Mörder noch einen Schatten der Ehre retten; denn die Welt begnügt sich mit dem Schein!
Es waren drei Männer in Frankreich, welche die Gabe feinen Gesellschaftstons im höchsten Grade besaßen, unter denen Fürst Talleyrand der geistreichste war. Unter bessern Einflüssen als diejenigen waren, die seine Handlungen bestimmten, wäre er nicht allein das Musterbild zarter Weltsitte, sondern auch einer der besten Menschen gewesen. Ich pflegte im Scherz zu sagen: Frau von Staël habe ihm einen Unterrock angezogen; denn jedermann erkannte Talleyrand's treues Bild in der meisterhaften Schilderung der Madame de Vernon im Roman »Delphine«. Sie opfert Leonce und Delphine mit fanatischer Kälte, ohne daß die Liebenden sie verachten oder hassen könnten. Vielleicht war es auch Talleyrand selbst, der die edle Staël mit Napoleon entzweite,[300] welcher sie für seine Todfeindin hielt, weil er sie nicht verstand.
Ich bin gezwungen, an diesem Ort in meine Darstellung blicken zu lassen; doch werden mich viele verstehen, welchen die damaligen Sachlagen bekannt sind. Auch muß ich über den Tod des jungen Prinzen weniges schreiben, der einen ewigen Schatten auf Napoleon wirft. Talleyrand hat den Verdacht, diese That vorausgewußt zu haben, durch ein Wort von sich abgewälzt, das höllisch klingt, in welchem ich aber nur tiefe Wehmuth erblicke. Auf Napoleon's Frage: »War denn der Tod des Prinzen Enghien ein Verbrechen?« antwortete Talleyrand: »Sire! Die That war schlimmer als ein Verbrechen, sie war ein Fehlgriff.«
Es ist bekannt, daß Josephine und Hortense Napoleon's Knie unter strömenden Thränen umfaßten, und ihn anflehten, den edeln Prinzen nicht umbringen zu lassen. Ich schweige über die Beweggründe seiner That, welche er seiner Vertrauten enthüllte und welche ich durch diese erfuhr; sie waren politischer Natur, auch selbstisch. Napoleon glaubte es Frankreich, ja der Welt schuldig zu sein, seine Stellung zu sichern, damit der künstlich aufgethürmte Bau seiner Gewalt nicht zusammenstürzte und der Stamm der Bourbons durch den Fall seines herrlichsten Zweigs jede Hoffnung auf Wiederherstellung entschwinden sähe. Eines langen Zeitraums hatte es bedurft, ehe Napoleon's ergebenste Freunde und Verehrer sich über diese Begebenheit beruhigen konnten.
Eine neue tiefe Wunde brachten die Begebenheiten aus der Vendée den Vaterlandsfreunden. Ich schreibe hier nicht Geschichte, sondern erwähne nur der Eindrücke, welche die Begebenheiten machten. Abwendung der Gemüther von ihm, der seine großen Plane für seine Dynastie[301] und sein Land nur durch Liebe und Hingebung seines Volks ausführen konnte, war die erste Frucht seiner Thaten. Es ist anzunehmen, daß mächtige Triebfedern, selbst seinem scharfen Blick unbemerkbar, Einfluß auf seine Handlungen hatten, und daß sein Untergang das künstliche Werk der Feinde Frankreichs war.
Der Winter war durch die schaudervollsten Begebenheiten bezeichnet; die Chouans, an ihrer Spitze George Cadoudal, der tapfere Royalist, der treue Anhänger des alten Herrscherstammes, hatten sich gegen Napoleon verbündet. George Cadoudal und elf seiner Mitverschworenen waren im tiefsten Geheimniß nach Paris gekommen, um Hand an ihren Plan zu legen. Georg Cadoudal gelang es oft, sich Napoleon zu nähern. Er war kein Meuchler; man wollte sich des Kaisers bemächtigen, und ihn entführen. Oft war George Cadoudal unter allerhand Verkleidungen in den Tuilerien, doch Napoleon hatte so wohlüberdachte Maßregeln getroffen, daß es weder möglich gewesen wäre, ihn zu ermorden, noch sich seiner zu bemächtigen. Lajolais verrieth den ganzen Plan, obgleich er selbst die Verschworenen dazu angespornt hatte, die ohne ihn vielleicht nie nach Paris gegangen wären. General Moreau, der makellose Feldherr, voll Genius und Tapferkeit, und General Pichegru waren auf irgendeine Weise Mitwisser des Geheimnisses; es ist unbekannt geblieben, in welchem Grade. Niemand glaubte, daß sie schuldig seien, beide waren edel und tugendhaft; allein es war möglich dies zu sein und dennoch Napoleon zu verkennen und zu verfolgen. Pichegru und Moreau hatten Frankreich glorreiche Siege erkämpft, das Volk liebte beide.
Napoleon hatte 1802 jemand gefragt, wer etwa seinen Verlust würde ersetzen können, wenn es gelänge ihn zu[302] ermorden. Der Befragte gab die unbesonnene Antwort: »Dies könnte Moreau allein!« Die Frage war in einem Tone und mit einem Blicke begleitet, als sei sie aus zärtlicher Bekümmerniß für Frankreich hervorgegangen. Wer weiß, ob dies nicht der Fall war! Denn der Versuch mit der Höllenmaschine hatte tiefen Eindruck auf Napoleon gemacht. Jedenfalls hatte ihm die Antwort eine schmerzliche Wunde geschlagen. Sein Benehmen gegen Moreau war nicht das frühere, und Moreau's Schwiegermutter und Frau, deren Stolz sie unbeliebt machte und die sich vom Betragen der Familie Napoleon's verletzt fühlte, hatte Verdacht erweckt, den einige unbesonnene und unüberlegte Reden nährten. Pichegru muß Mitwissenschaft von der Verschwörung gehabt haben. Es gelang der Regierung, sich mit einem Schlag der zwölf Verschworenen und zugleich Moreau's und Pichegru's zu bemächtigen, und sie nach dem Temple zu bringen. Die Verhaftung war nicht ohne Blutvergießen vor sich gegangen. Cadoudal's Bundesgenossen wurden gefoltert. Pichegru fand man einige Nächte nach seiner Gefangenschaft erdrosselt mit seinem Schnupftuch. Lajolais wurde, wie ich späterhin erzählen werde, begnadigt.
Eines Abends nach diesem schaudervollen Vorgang hörte ich die Hausthür aufgehen, Schritte schallen, ein seidenes Gewand rauschen und Schlegel's Stubenthür ohne vorhergehendes Klopfen öffnen; es mochte um 10 Uhr sein. Wenige Minuten vergingen, und ich hörte wiederum die Thür aufgehen, es wurde kein Wort gesprochen, ich vernahm nur noch leise leichte Schritte, das Rauschen des seidenen Gewandes, das ich früher vernommen und das mich noch mehr als das erste mal mit unerklärbarem Schauer durchdrang. Einige Minuten darauf schlüpfte Dorothea in mein Zimmer. »Weißt[303] du, wer eben hier war?« flüsterte sie mir schüchtern zu. – »Ich kann es mir nicht denken.« – »Eugenia!« gab sie zur Antwort. – »Wer? Eugenia? Und du hast sie mir nicht zugeführt?« Ich machte eine Bewegung nach der Thür hin. »Sei nur ruhig!« rief Dorothea mich zurückhaltend, »morgen kommt sie zum Frühstück!« Ich schüttelte den Kopf und sagte schmerzlich: »Sie kommt gewiß nicht!« Allerdings kam sie nicht. Eugenia, wie sie Schlegels zu nennen pflegten, war die Heldin des Stücks »Die natürliche Tochter« von Goethe. Es war die Prinzessin Luise von Bourbon-Conti, welche Schlegels genau kannten. Sie hatte unweit von Weimar mit ihrem Scheingatten unter dessen Namen auf ihrem kleinen Landgute gewohnt. Man sah sie nur zu Pferde, ganz in Amazonentracht, oder mit der Flinte in der Hand. Ich konnte damals von Dorothea nicht mehr erfahren. Als ich Dorothea in Frankfurt aufsuchte, fragte ich sie, ob sie mir nichts von Eugenia sagen möchte? Sie gab nun zur Auskunft: daß die Prinzessin an diesem verhängnißvollen Abend Zuflucht von ihr verlangt. Sie hätte ihr mit blutendem Herzen diese Bitte abschlagen müssen, doch sie hätte vor der Möglichkeit gezittert, daß die Polizei Eugenia auf den Fersen sei. »O hättest du sie mir nur zugeführt!« rief ich aus. »Und was ist aus ihr geworden?« »Sie ist in Mainz im Gefängniß umgekommen«, antwortete Dorothea.
Frau von Helf, eine französische Dichterin in Paris, sagte mir dort, sie habe Eugenia gekannt, die in Mainz gelebt habe. Dies war 1835. Diese Eröffnung war keine Erfindung, denn Frau von Helf ist wahrheitsliebend und wacker. Sie hatte seit ihrer Abreise von Mainz die Prinzessin nicht wieder gesehen, noch von ihr gehört. Wahrscheinlich hatten ihr Freunde aus dem Gefängniß[304] geholfen, und man hatte sie für todt ausgegeben. Wahrscheinlich auch war sie in Paris 1804 an demselben Abend, wo sie bei Schlegels Zuflucht gesucht, in die Hände der Polizei gefallen. Daß sie im Complot mit George Cadoudal gewesen und deshalb nach Paris gekommen, scheint keinem Zweifel unterworfen zu sein. Der Proceß Cadoudal's und seiner Verbündeten wurde langwierig und erst im Hochsommer spruchreif. Ueber Paris hatte sich bleiches Entsetzen gelagert; man sah kein freudiges, ja kein ruhiges Gesicht mehr. Die Legitimisten hofften auf ein Ereigniß, ohne ihre Hoffnung auf irgend eine Vermuthung gründen zu können. Der blos leidende Theil der Bevölkerung, der nichts fürchtete, nichts hoffte und nur nach Ruhe lechzte, lebte sich in dumpfer Ergebung hin. Die Gefühlvollen und Denkenden, die patriotisch Gesinnten, zwangen sich zur Ruhe, zur Unthätigkeit, aber niemand war es wohl zu Muth. Ahnung lag auf den Gemüthern wie eine Gewitterwolke. Man tanzte nicht auf einem Vulkan, aber der Lavaboden unter den Füßen war schwül und die Luft schwer! Gehen wir jedoch zum Winter 1804 zurück.
In diesem Winter fehlte es nicht an glänzenden Festen und großen Lustbarkeiten. Die Preise der Lebensmittel fingen an gewaltig zu steigen. Der Handel schmachtete. Napoleon hatte viel englische Waaren verbrennen lassen, doch, als wären sie von Amiant oder Asbest, gingen sie unversehrt aus heimlichen Kanälen wieder aus den Flammen hervor. Viel brave Kaufleute verloren dabei, einzelne geschickte Schufte gewannen. In Paris, wo seit undenklichen Zeiten Betrug und Hinterlist mit Glück betrieben worden, war dies ein Leichtes.
Das Publikum zahlte unter anderm den Stab feinsten Perkal mit 50 Francs; er war das Werk englischer[305] Maschinen und Kunstfertigkeit und galt für französisches Produkt. Die englische Spannung entfremdete die Reisenden jener Nation, und die in der Welt verbreitete Stimmung verscheuchte noch andere von Paris.
Sulpice Boisserée litt an einem Hautübel, welches anfangs entweder ungeschickt behandelt oder versäumt worden war und ihn sehr marterte. Friedrich Schlegel, dem alle Versuche fehlschlugen, sich in Frankreich emporzubringen, dem sein weitverbreiteter Ruf, seine großen Fähigkeiten und seine gründlichen Kenntnisse nicht halfen, in Frankreich eine Laufbahn zu erringen, beschloß dies Land zu verlassen. Die Brüder Boisserée und Bertram ebneten seinen Reiseweg und bewogen ihn, sie nach Köln zu begleiten. Sein Scheiden verödete das Haus nicht für mich, denn mir war Dorothea über alles in der Welt theuer, und dies Beisammensein ausschließlich mit ihr hatte einen eigenthümlichen Reiz für mich. Sie war mir eine gütige zärtliche Schwester. So innig ich ihr ergeben war, fühlte ich doch erst in ihrer Abwesenheit recht ihren Werth und was ich mit ihr verlor.
Frau von Genlis hatte sich mir von neuem sehr zugewandt, ich war viel mit ihr beisammen. Ihr in Mittheilungen aus früherer und auch wol jetziger Zeit bestehender Verkehr mit Napoleon wurde sehr lebhaft betrieben. Ihre langen und zahlreichen Briefe kamen in seine Hand und wurden aufmerksam gelesen. In abgekürzter Schrift, die nur ihm selbst zu entziffern gelang, kam ein Auszug davon in seine Schreibtafel, dann verbrannte er sie sofort mit eigener Hand. Schade darum! Allein niemand sollte wissen, was er wußte, was er durch sie erfahren. Da sie sah, daß ich mit mehreren Familien des neuen Hofs, der sich zu gestalten anfing, bekannt geworden, eröffnete[306] sie mir, daß sie einen Wunsch hege, zu dessen Erfüllung ich ihr vielleicht behülflich sein könnte: sie möchte in Aufträgen der Regierung zu literarischen Zwecken Reisen machen. Ich erfüllte meinen Auftrag mit großem Eifer; unter anderm beim Herzog von Bassano, der, sowie seine schöne Gemahlin, mir sehr gewogen war. Er hörte mich mit Antheil an und äußerte auf verbindliche Weise: »Wenn Sie, Madame, die Sie seit so vielen Jahren diese Frau kennen, aus Ueberzeugung so günstig sich für sie ausdrücken, so wird etwas für sie geschehen.« Die Folge bewies, daß meine Verwendung gefruchtet hatte. Ich holte sie am Sonntag darauf zu einer Spazierfahrt nach dem Wald von Romainville. Diese merkwürdige Frau, in deren Gewalt es stand, alles zu sein, was sie wollte, für so lange als sie es wollte, war an jenem schönen Tage ganz Zärtlichkeit, ganz Vertrauen. Sie erzählte mehr Merkwürdiges aus ihrem Leben, als in ihren Memoiren steht. Auch brachte sie mich zu einem Entschlusse, der mir in seinem Wesen ganz fern lag. Sie stellte mir vor, ich solle den jetzigen Augenblick zur Begründung meiner künftigen Existenz benutzen und mir durch meine wohlwollenden Bekannten bei Hof eine Stelle auszumachen suchen, z.B. als deutsche Gouvernante bei einem Kinde einer der Schwestern Napoleon's, wobei das, was ich in der Literatur bereits geleistet hätte, besonders mein Eifer für Religion und Moral, sowie meine Kunstkenntnisse mächtig in das Gewicht fallen würden! Ich folgte ihr. Die Sache mislang; jedoch stand in allen deutschen Zeitungen, ich sei Vorleserin bei Josephinen, der nachmaligen Kaiserin. Dies Los wäre wirklich beneidenswerth gewesen! Es war indeß nur die Rede von der kleinen schönen Prinzessin Lätitia, Tochter des[307] Marschalls von Frankreich, Joachim Murat. Die einzige Frucht meiner Vorstellung bei diesem war der interessante Anblick und das Gespräch mit Madame Murat, mit Hortense und den lieblichen Kindern. Madame Murat war bei meiner Ankunft nicht zu Hause, sie kam mit Hortense von Napoleon her. Hortense's große himmelblaue Augen strahlten vor Freude, und die seelenberauschenden Blicke ihrer Schwägerin erglänzten in sanften Thränen. Accordée! riefen sie aus und verschwiegen uns Anwesenden nicht: daß sie von Napoleon durch ihre Fürbitte die Begnadigung eines der Mitverschworenen der Vendée, des Adjutanten Lajolais, erlangt hätten; er käme nun nicht auf das Schaffot, wie seine elf Mitgenossen, George Cadoudal und die andern Häupter der Verschworenen. Unschuldig war Lajolais insofern, da er niemand verrathen hatte, als seine Mitschuldigen; durch ihn war im Stillen die ganze Sache an das Licht gezogen worden. Er war der Form wegen mit in das Gefängniß gekommen, mit verurtheilt worden. Lajolais' Mutter war nach Paris gekommen und hatte, wie ihr gerathen worden war, bei Madame Murat und Hortense für ihren Sohn um Erbarmen gebeten. Wohlmeinende Freunde hatten ihr Muth zugesprochen. Die beiden jungen Prinzessinnen wußten nicht, daß sie nur Rollen in einem Schauspiel ausgefüllt hatten, in welchem sie die einzigen Getäuschten waren.
Madame Murat war in der heitersten Stimmung, sie trug sie in das Gespräch über, welches sie mit mir führte. »Es wird mich freuen«, sagte sie, »wenn meine Wahl auf Sie fallen kann. Als Dichterin müssen Sie ein schönes Deutsch sprechen. Ich habe gute Meinung von den Deutschen; sie sind liebend und aufrichtig. Die Frauen und Mädchen sind sittlicher als die Französinnen.[308]
Doch ich möchte noch über eins beruhigt sein: Haben Sie Liebe zu Kindern? Diese Eigenschaft ist seltener als man glauben sollte. Und doch möchte man meinen, man könnte nicht anders als Kinder lieben!« Die Versicherungen, welche ich Madame Murat gab, schienen sie gänzlich hierüber zu beruhigen und einen für mich günstigen Eindruck auf sie zu machen. Sie entließ mich mit den freundlichsten Worten.
Es ist etwas ganz Eigenes um Hofgunst. Hofluft berauscht vielleicht auch die vernünftigsten Menschen, sie überfirnißt Schwächen und Flecken der Thronenden; sie ist ein feines Gift, welches auch tödlich werden kann. Wer nicht durch Geburt und Verhältnisse gezwungen ist, sie einzuathmen, der bleibe davon. Ich habe in meinem Leben nicht allein diejenigen gekannt, welche die höchsten Personen umgaben, denen ich zu nahen das Glück hatte; sondern auch diese selbst, und sie sind mir verehrungswürdig und liebenswerth erschienen. Zuweilen waren jedoch ihre Umgebungen nicht im Einklang mit ihnen. Der Hof ist die Schule der Heuchelei. Es trifft sich, daß die edelsten der Throneskinder sich durch den falschen Glanz geheuchelter Liebe und Treue blenden lassen und dem Besten unrecht thun. Der Neid ist das Wechselfieber der Hofleute; sie ergrimmen still bei jeder Gunstbezeigung, die einem andern zugewendet wird. Sie selbst legen den Maßstab ihrer Beurtheilung an die übrige Menschheit unrichtig an; sie glauben nicht an Menschenwerth, und daran sind oft die Menschen selbst schuld. Sie suchen den Gebietern dieselbe Meinung vom Menschengeschlecht beizubringen, die sie gefaßt haben, und das nicht immer mit Unrecht. Sie können bei diesen Gesinnungen des Mistrauens, der Misgunst nicht glücklich sein. Zwei habe ich gekannt, die längst ein Grabstein[309] deckt. Eine gehörte zu den vorzüglichsten ihres Geschlechts, voll Geist, Gemüth, Gesinnung, Freude am Schönen und Guten. Ich nenne sie nicht; die trauernde Liebe, die an ihrer Gruft weint, wird sie errathen. Auge in Auge, Hand in Hand mit ihrer vortrefflichen Gebieterin, bohrte sie sich einen Dolch in das Herz, weil sie wähnte, nicht wie ehemals von ihr geliebt zu sein. Eine andere, Oberhofmeisterin, die der feinfühlendsten, sanftesten und geistvollsten Thronestochter beigesellt war, verzehrte sich in Unmuth und Kummer über die Huld, welche ihre Dame einer edeln Frau zuwandte, die ein Inbegriff aller Vollkommenheiten war. Eifersucht und Neid bemächtigten sich der Unglücklichen in dem Maße, daß sie ihre Gebieterin mit hämischem Spott verletzte. Sie fragte sie unter anderm, wie alt sie sei. »Sechzig Jahre«, war die Antwort. »Ein schönes hohes Alter«, sagte die Oberhofmeisterin mit giftigem Blick und Lächeln, »und noch Leidenschaften!« Natürlich mußte sie verabschiedet werden. Sie beschloß ihr Leben in der Verbannung des Hofs. Spott und Hohn trennt alle Bande; der Dolchstich verletzt minder tödlich, wenn die Waffe nicht vergiftet ist.
Der neue Hof Napoleon's war bald vollzählig beisammen, niemand ließ sich dazu einladen. Die Familie Napoleon wurde förmlich belagert. Die Veränderlichkeit der Glückslaunen, der Wechsel der Dinge bis auf den heutigen Tag, jede Lehre des Schicksals, geschrieben mit Flammen, Blut und Thränen, war in den Wind geschlagen. Niemand dachte daran, daß am politischen Horizont die neue Sonne eine Nebelsonne sein könnte! Luxus und Titelsucht stiegen auf eine fabelhafte Höhe. Der Allgewaltige, der zu diesem allen den Anlaß gegeben und zum Vorwand diente, erschien dem Auge des[310] Denkers um so kleinlicher, als er nach Größe und Hoheit rang. Lange vor der wirklichen Thronbesteigung waren alle Bildersammlungen, Archive und selbst die unbedeutendsten Scharteken des ganzen Reichs bis auf das kleinste Blatt durchsucht worden, um die Costüme für alle, die repräsentiren mußten, zu bestimmen. Eine Menge Künstler wurden zu solchen Arbeiten verwendet; es waren auch einige von denen dabei, die die rothe Mütze getragen.
So jung ich damals war, erstaunte ich in Kummer und Sorge über die Chamäleonsnatur der damaligen Franzosen. Sie kamen mir vor wie die Bauern in Gellert's Erzählung von der Pfarrerswahl. Sie lächelten: »Ach ja, Herr Amtmann, ja!«
Meine Anstellung bei Hof zerschlug sich aus verschiedenen Gründen; der eigentlichste war vielleicht der Umstand, daß man mir's gleich ansah, ich tauge nicht bei Hof. Der Anfang war, daß ich auf dem Lande dei Madame Récamier wohnte, die man gleichfalls nicht mit günstigen Augen betrachtete, denn sie war der Frau von Staël sehr ergeben. Ich empfing einen sehr freundlichen, achtungsvollen Brief von der Oberhofmarschallin Madame Murat, und blieb den Sommer über bei Madame Récamier, wo ich sehr fleißig arbeitete. Sie besaß ausgezeichnete Freunde und Freundinnnen, die Familie Marmont, welche ihr von Herzen ergeben war, die Familie Bernadotte, Prinz Eugen, den Senator Regnaut St.-Jean d'Angely und seine wunderschöne Gemahlin. Sie vereinigte bei sich in den Bällen und Soiréen die angesehensten Diplomaten zugleich mit den Gelehrten und Künstlern vom ersten Rang, und die ausgezeichnetsten Männer aller Nationen. Ihre Schönheit wurde zuweilen bestritten, aber die Güte ihres Herzens nie. Was[311] ihren körperlichen Reiz anbelangte, konnte man sie eher hübsch als schön nennen; doch die unnennbare Anmuth ihres Wesens, der Zauber ihres Blicks, der feuchte Glanz ihrer Wunderaugen machten sie schön. Ich begleitete sie zuweilen zu einer Sitzung bei dem berühmten Miniaturmaler Gurin, um sie durch Vorlesen zu erheitern.
Das erste mal, als wir zum Meister hinfuhren, bemerkte ich, daß sie ihren Augenbrauen ein stärkeres Braun aufgetragen hatte, als die Natur gethan, und ihren frischen Purpurlippen einen dunklern Farbenton. Erstarrt blickte sie mich an, und ließ mich gewähren, als ich ihr mit einem Batisttuche die falschen Farben behutsam abnahm. Endlich fragte sie: »Warum das, Helmina?« Ich antwortete: »Weil die Natur schon alles für Sie gethan hat, um die Lieblichkeit und den Einklang Ihrer Farben herzustellen.« Sie überlegte ernsthaft eine Weile, was ich ihr gesagt hatte und gab mir recht. Ihre Sanftmuth war die eines Kindes, auch ihre Heiterkeit und ihr holder Ernst nicht minder. Hierin lag ein Gewinn und ein fesselnder Reiz, der ihr aller Herzen gewann. Selten war ein weiblich Wesen Kind und Blume wie sie.
In jenem verhängnißvollen Sommer beschäftigte Moreau's Proceß die Gemüther; er gesellte sich zu den übrigen Vorgängen, gleichsam um die Schrecken der frühern Monate des Jahres zu vervollständigen. Ich lernte Moreau's Bruder, den Advocaten, bei Madame Récamier kennen. Seine Offenheit war so unumschränkt, als sein Herz edel und tief empfand. Nie werde ich vergessen, was er über Frankreich und dessen Zukunft sagte. Wozu es wiederholen? Die Zeit hat bewiesen, daß er wahr gesprochen. Zum Weissagen bedarf es nicht einer besondern Himmelsgabe; wer gut denkt und richtig[312] fühlt, hat dadurch schon einen sichern Blick in die Zukunft.
Der Kreis in Clichy war anmuthig und ausgezeichnet. Degerando, der Philosoph und werkthätige Geist für die Volksklasse, und seine höchst liebenswürdige Gemahlin verbrachten den Sommer dort. Ihr schönes Kind, der kleine Gustav, wurde dort durch seine liebevolle Mutter getäuscht. Es war nicht der erste fromme Betrug, den sie übte. Die Elsasserin, die dem Kleinen die Brust gab, mußte einen grünen Schleier sich überhängen, denn der Kleine wollte durchaus nur die Mutterbrust. Es war schwer, ihn zu täuschen, er bestrebte sich immer, den Schleier wegzuziehen, es schien, als wenn der Mutterblick ihn beim Einsaugen fehle, und als bedürfe er dessen, um das volle Glück, das einzige, was dem Menschen unverkümmert zu Theil wird, ganz zu genießen.
Damit diese Stelle nicht misverstanden werde, bin ich hier eine Erläuterung schuldig. Frau von Degerando bewohnte mit ihrem Vater, einem Baron Rathsamhausen, das Landschloß ihres Vaters im Elsaß. Sie war noch im ersten Aufblühen ihres Frühlings und unvermählt, als die Revolution ausbrach und auch der gutmüthigen, friedlichen Bevölkerung jener Gegend ihre Greuel mitbrachte. Die Bauern wollten das Schloß verwüsten und plündern. Annette erfuhr davon, eilte ihnen entgegen, warf sich ihnen zu Füßen und beschwor sie, den Greis und seine Häuslichkeit zu schonen und ihn friedlich sterben zu lassen. Sie theilte ihr weniges Gold unter den Wütherichen aus, und endlich gelang es ihr, sie zu rühren und Reue in ihrem Herzen zu erregen. Baron Rathsamhausen war ihnen stets ein gütiger Herr gewesen, sie hatten das Fräulein stets so sehr verehrt als geliebt.[313] Sie versprachen ihr, sie gewähren zu lassen und ihrem Vater mit keiner Miene zu enthüllen, was vorgegangen war. Annette mußte alle Diener, ausgenommen einen alten getreuen, wegsenden. Auch keine weibliche Dienerschaft behielt sie mehr. Mit der ersten Morgendämmerung stand sie auf, besorgte das Hauswesen, dann die Küche und fand allerhand Vorwände, um es ihrem Vater erklärlich zu machen, daß nur Andreas die Speisen hereinbrachte und vorlegte. Zwei Pferde und den Wagen hatten die Bauern unberührt gelassen. Man fuhr nach Tische spazieren und mehr als ein ergrauter Bauer, der ihnen begegnete, bückte sich zu dem Gutsherrn und küßte ihm die Hand wie in frühern Tagen. Baron Rathsamhausen lebte wie früher und erlosch sanft, unbekannt mit der Lage der Dinge. Oft hatte Annette für Geld gearbeitet und die geringste und gröbste Arbeit nicht verschmäht, damit ihr Vater nur seine vier Schüsseln auf den Tisch bekam.
So viel Tugend und Liebe wurde belohnt, als wenn es sich der Himmel zum Augenmerk gemacht hätte, Annette das schönste Glück zu bereiten. Uebrigens war der Kreis, der Annette im Schloß Clichy umgab, auserlesen und in Einklang miteinander.
Lemontey, ein geistvoller Schriftsteller, erheiterte die Gesellschaft ungemein; er gab die niedlichsten Gesellschaftsspiele an und spendete sinnreiche Lieder und Gedichte. Michel Beer, ein beredsamer Advocat von Wissenschaft und Talent, war ein Oheim des berühmten Meisters der Töne Meyerbeer. Er gerieth mit mir in Streit wegen einer Kindesmörderin aus der Nachbarschaft von Schloß Clichy, die überwiesen war. Michel Beer wollte sie retten. Madame Recamier unterstützte ihn eifrig, die Verbrecherin kam nicht auf das Schaffot. Auch ich[314] würde heute milder für sie gestimmt sein als ich war. Noch viele andere Namen schmückten diesen Kreis. Die zwei Creolinnen, Zoe und Virginie, deren eine späterhin zur Kaiserin Josephine kam, erst vierzehnjährig damals, entzückten aller Blicke. Man denke sich zwei Rosenknospen an einem Stengel, zwei unschuldvolle Wesen, die nur eben erst vom Himmel heruntergeflattert schienen. Camille Jordan und Mathieu von Montmorenci erschienen nicht in diesen Abendgesellschaften, sie waren zu ernst und zu beschäftigt; auch Degerando verließ selten am Abend sein Studirzimmer. Die Unterhaltung war gemüthlich, ungezwungen. Madame Recamier hatte für jeden ihrer Gäste sinnige Worte, wohlwollende Blicke, und wenn sie auch nur lächelte, so sprach dies Lächeln zum Herzen. Sie hatte ein so eigenthümliches Wesen, daß man zuweilen vergaß, daß sie eine Französin war. Denn nicht mit Unrecht hat Frau von Genlis bemerkt, daß Französinnen Wiederholungen voneinander sind. Soweit ich mich auf Engländerinnen verstehe, finde ich, daß diese das noch weit mehr sind.
Der geistbegabte Kunstkenner Sommariva, der eine bedeutende Gemäldesammlung in seinem Landschloß aufzuweisen hatte, erschien zuweilen im Salon der Madame Recamier. Er gab uns ein Diner und dadurch Gelegenheit, seine Kunstschätze zu bewundern. Ich habe sie in meinem Werke »Kunst und Leben in Paris seit Napoleon I.« beschrieben. Im ganzen ist beinahe jede Beschreibung eine undankbare Mühe, der Leser liebt mehr, sich aus einigen Zeilen eine Vorstellung zu machen, bei der seine Phantasie thätig ist. Die liebenswürdige Madame Michel, damals Gattin eines Mannes, den kein Ehrenmann ohne Unwillen nennen konnte, hatte uns alle auf ihr Landschloß St.-Brice geladen. Dies Schloß war ein[315] leuchtendes Centrum aller modernen Pracht. Der Garten prangte mit Wunderblumen und mit vollwüchsigen hohen Bäumen. Die Einrichtung des Schlosses war fürstlich. Der Speisesaal glänzte von kostbarem Geräth. Als wir nach Hause fuhren, sagte Madame Recamier mit ihrer gewöhnlichen bezaubernden Naivetät und Kindlichkeit: »Wie ist's, wir haben von Gold gegessen, aber nicht wahr, es schmeckt besser bei mir und geht auch nicht so langweilig zu?« Ich setzte da hinzu, sie hätte recht.
Denon lud Henriette Mendelssohn und mich ein, in einem seiner kleinen Zimmer, die auf die Seine herausgingen, ein glänzendes Feuerwerk anzusehen, welches auf der Brücke der Eintracht abgebrannt werden sollte. Es war in der That ein herrlicher Anblick, doch mitten im Genuß schlug die eiserne Brücke um, auf deren rechte Seite sich die Zuschauer gedrängt hatten. Wer schwimmen konnte, kam mit dem Leben davon. Die Stimmung nach solchen lärmenden Festlichkeiten, besonders noch wenn sie durch Unfälle getrübt worden, ist höchst unerfreulich. Wann wird man dahin gelangen, solche Ergötzlichkeiten in Brot und Arbeit zu verwandeln, wo sie das Volk ungefährdet genießen kann? Allein ich dächte, man könnte dieser faden Bergnügungen satt sein. Wie so anders könnte es erfreuen, wie müßte es rühren und beseligen, wenn so eine Familie, begleitet von gleichgesinnten Freunden, in die Hütte des Dürftigen träte, diese erquickte, kleidete, speiste, tränkte, das Auge naß von Rührung, die Hand von Dankesthränen. Auch Bälle, Concerte u. dgl. m. zum Besten der Armen haben meinen Beifall nicht. Hoffentlich wird eine Zeit erscheinen, wo es eines solchen Magnets nicht bedarf, um eine Masse Menschen für eine gute Handlung zu einem Zweck auf einen Punkt zu concentriren. Wir[316] sind nun beinahe 50 Jahre weiter, doch steht noch alles dies auf dem alten Fleck. Wir waren noch lange bei Denon geblieben, und konnten keinen Wagen bekommen, uns zurückzubringen. Wir brachten Henriette nach Hause und traten beherzt unsern Weg nach Schloß Clichy an. Todtenstille herrschte auf dem Felde und die Bewohner des Schlosses waren in Schlummer. Die Nacht war hell und ruhig. Die Bilder des geräuschvollen Abends traten in scharfen Umrissen vor meine Seele, bange Ahnungen bewegten mich. Ach, sie waren verheißungsvoll. Welche Begebenheiten hatten den Schluß des vergangenen Jahres und die ganze Dauer des jetzigen bezeichnet! Was für Gestalten waren der Büchse Pandorens entschlüpft, wenn sie sich einen Augenblick lüftete!
Anfang November, wo Juliette Recamier Clichy verließ, vertauschte ich den Aufenthalt unter ihrem gastlichen Dach mit dem in einer kleinen englischen Pensionsanstalt, welche mir meine Freundin Gambs zugewiesen hatte. Friedrich Schlegel kam nach Paris und eröffnete mir, daß er des Aufenthaltes in Köln herzlich satt wäre, so liebreich und edel seine Freunde Boisserée für ihn gesinnt seien. Er hoffte noch auf einen Wirkungskreis in Paris, allein es war keiner zu ermitteln.
Napoleon gehörte fast ausschließlich der Politik. Er wollte die Welt von Englands industrieller Herrschaft befreien, zuerst Rußland unterjochen, dann England vernichten. Vielleicht hatte er recht. Wissenschaftliche Unternehmungen wurden beiseite geschoben.
Ich hatte die »Französischen Miscellen« unüberlegterweise schon lange abgegeben, verdiente aber doch fleißig durch meine Arbeiten; allein die bestimmte, wenn auch bescheidene Einnahme für die erstern fiel weg. Friedrich Schlegel hatte unrecht gehabt, mich zu bewegen, darauf[317] zu verzichten. Ich schrieb indeß willkommene Beiträge für Schweighäuser, arbeitete Uebersetzungen aus dem Altfranzösischen für Schlegel und that, kurz gesagt, Alles, was in meinen Kräften stand, um mich vor Mangel zu schützen, und es gelang mir. Lange vor seinem Erscheinen hatte ich mein Werk: »Kunst und Leben in Paris seit Napoleon I.«, begonnen. Durch das Anschauen der vielen Gegenstände, die dies Werk umfaßt, ging viel Zeit darauf, doch es erwarb allgemeinen Beifall und mein Name wurde dadurch weit verbreitet. Ich gab auch Friedrich Schlegel Beiträge zu seiner »Europa«, er nahm sie mit Freuden und bat mich immer um neue; ich gab sie meist anonym. Die »Europa« war ein gediegenes Blatt, sie fand nur kein Publikum, das sie verstehen konnte; es standen herrliche Aufsätze von Dorothea Schlegel darin, z.B. über die »Delphine« der Frau von Staël. Dies Werk bedurfte einer Kritik von oben herunter. Man wird wol verstehen, daß ich mit diesem Wort nicht Dorothea über Goethe zu stellen meine, allein eine denkende Frau wie sie, schwingt sich immer zu einer geistigen Höhe hinauf, welche Männer erst erklimmen und zuweilen versäumen, sie zu besteigen. Dies gilt besonders bei Beurtheilungen des weiblichen Wesens, welches ein Mann nie in seiner ganzen Ausdehnung begreift. »Der Mann ist der reißende Strom, auf welchem kein Bild ruhen bleibt! Das Weib ist die spiegelnde stille
Flut, welche jeden Gegenstand festhält und ihm harmonischen Schimmer verleiht!«
In der Zeit, von welcher ich jetzt schreibe, waren Friedrich und Wilhelm schlegel uneins; sie entzweiten und versöhnten sich noch öfters seitdem: zwei Brüder, welche sich ehemals so zärtlich geliebt und so treu im Einverständniß für deutsche Geisteserhebung und Poesie gewirkt[318] hatten. Zum Glück erfuhr der literarische Pöbel nichts davon. Die edle Staël war Vermittlerin. Der Hauptgrund des Zwistes lag darin, daß Friedrich Schlegel und Dorothea katholisch geworden. Im Stillen hätte Wilhelm Schlegel gern dasselbe gethan, doch Frau von Staël gab es nicht zu, sie bekämpfte seinen Entschluß mit allen Waffen ihrer Ueberlegenheit, mit aller Glut ihres Eifers für die gute Sache. Friedrich drang immer heftiger und tiefer in die Irrgewinde seines Glaubenswechsels. Da sein Jugendfeuer verraucht war, so verknöcherte er sich in Systemen und Dogmen; dabei wurde er zum Genießer. Einzelne Blitze der Phantasie kreuzten sich in ihm, um die Verwirrung seines Innern heller ins Licht zu setzen. Der Anblick war der schöner alter Schloßtrümmer, die in Flammen lodern; Bäume und Blüten, die sich noch aus dem sinkenden Bau erhoben hatten, werden mitten im Frühling von der Flamme verzehrt und verkohlt, und bringen keine Frucht.
Friedrich gelangte nach Wien. Er war dort willkommen. Die gemüthlichen Oesterreicher sahen ihn still trauernd in seinen neuen Wirkungskreisen und blieben ihm hold, nicht allein wegen dessen, was er früher gewesen, sondern wegen der Größe, die immer noch seinen Fall begleitete. Wir kommen wieder auf ihn zurück.
Da ich dies Werk nur entwerfe, um große Erinnerungen aufzufrischen, unbekannte Züge zu enthüllen und theuer erkaufte Wahrheiten zu verbreiten, so wird mir verziehen werden, wenn ich über einen Theil meiner Vergangenheit einen Schleier werfe.
Chézy's Mutter war streng katholisch, Tochter eines verdienstvollen Oberingenieurs, Namens Pollin, einfach und arbeitsam erzogen. Sie schloß die Verbindung mit ihrem Bräutigam mit Zuversicht in Gottes Huld und[319] Vaterliebe. Die strengste Sparsamkeit, der unermüdetste Fleiß, die reinste Frömmigkeit walteten in der kleinen Haushaltung des liebevollen Paars vor. Vater Pollin war ein sehr geschickter Ingenieur, der im Stillen durch rastlose Bemühungen die Wissenschaft weiter brachte. Anton Leonhard von Chézy war der Spätling dieser Ehe, das jüngste von 17 Kindern, die bestimmt waren, Erde und Paradies um die Wette zu bevölkern. Schon hatte sein Vater die herrliche Brücke von Neuilly erbaut, deren Entwürfe, Pläne und Modelle in Wort und Zeichnung vor mir liegen, indeß der Ruhm dieses Werks seinem Chef, dem Herrn Perronnet, anheimfiel. Schon hatte sich Brücke an Brücke im schönen Frankreich unter Chézy's Entwürfen und Leitung erhoben und Hafen an Hafen war durch seine Einsicht und Wissenschaft in Stand gesetzt worden, noch künftig der Zerstörung und Verheerung der Zeit und der Fluten Trotz zu bieten, als der Lieblingswunsch des würdigen Alten erfüllt wurde und der Sohn zur Welt kam, der die großen Gedanken, die er noch im Busen trug, ausführen sollte. Denn dem wissenschaftlich Thronenden liegt seine Dynastie nicht minder am Herzen, als dem, der einen Thron der Erde behauptet! Hier liegt die Erbfolge nicht in den Zufälligkeiten der Abkunft, sondern der Geist bestimmt sie allein.
Das blühende Knäbchen mit himmelblauen strahlenden Augen und goldblonden Locken, das der sinnige Meister Boilly in seiner vollen Schönheit auf die Leinwand warf, Zirkel und Globus in den rosigen Händchen, weidete nach 14 Monaten seiner Geburt als Erbprinz der Wissenschaft und des Ruhms die Augen der zärtlichen Aeltern. Allein das Schicksal wollte es anders: es wies ihm ein anderes Reich des Wissens an und leitete den durchdringenden Forscherblick des holden Sprößlings[320] auf die Mysterien des entfernten Alterthums, belebte das scheintodte Sanskrit durch die Kraft seiner Liebe allein. Denn nicht eine Hülfsquelle zur Erlangung der tiefsten aller Sprachwissenschaften war auf dem festen Lande Europas zu finden. Chézy hatte mit funfzehn Jahren aus unwiderstehlichem Antrieb die ebene Bahn verlassen, die sein edler Vater gebrochen. Er betrat mit vollem Bewußtsein dessen, was er opferte, den steilen Dornenpfad des orientalischen Studiums, anfangs mit behutsamem und muthigem Verfolgen der Fußtapfen seines großen Meisters Sylvestre de Sacy. Doch vergingen wenige Jahre, als der beherzte Jüngling schon seinen eigenen Weg einschlug und das Erringen des Arabischen und Persischen von einer andern Seite her erstrebte.
Geheimnißvoll und mächtig lockte ihn der berauschende Duft orientalischen Dichtens. Nicht den zierlichen Prunkgärten der orientalischen Poesie wollte er Kränze und Sträuße wie seine Vorgänger entwinden, er wollte in das Herz der Waldung dringen, auf den himmelspiegelnden Fluten wogen, die sternenflammenden Gipfel der Felsenhöhen erklimmen und alle hinter sich lassen, die jemals dorthin gestrebt. Seine ungedruckten Werke, die noch nicht ans Licht befördert worden sind und selbst diejenigen, welche er in Druck gegeben, bezeugen, daß er sein glorreiches Ziel erreicht hat. Langlois, der berühmte Indianist, Chézy's Schüler, sah eines Tags mit mir die Manuscripte seines edeln Meisters durch und rief mit bebenden Lippen: »Ein einziges dieser Werke wäre hinreichend, seinem Verfasser die Unsterblichkeit zu sichern!« Das Verzeichniß derselben wird der Leser in Michaud's allgemeiner Biographie und in meiner biographischen Notiz über Chézy's Werke finden. Ich habe dazu den Brief des Indianisten Ludwig Poley und des vortrefflichen[321] Orientalisten Samuel Munk, der in Aegypten war und dort leuchtende Spuren seines Daseins zurückgelassen hat, nun aber seit mehreren Jahren, nachdem er zwölf Jahre bei der großen Bibliothek in Paris angestellt war, das Licht der Augen verloren hat, mit der Hälfte seines Gehalts als Bibliothekar sein Leben fristet.
O Verdienst und Glück, warum seid ihr geschieden?! Soll ich es aussprechen, warum Chézy nur mich und seine Mutter in das Geheimniß seines Studiums zog? Ja, ich thue es auf die Gefahr hin, daß sein seliger Geist mir zürnt. Mit einem Herzen voll Sohnestreue und Hingebung liebte er einen Freund, der sich oft seinen Vater nannte, oft ihm weise rieth, ihm zweckmäßig beistand, allein ihm nicht verhehlte, daß es ihm das Herz brechen würde, wenn Chézy seine Laufbahn als Indianist in ihrem vollen Glanze anträte und verfolgte. Chézy nahm sich die Winke sehr zu Herzen, er hatte einen bittern Kampf zu bestehen. Seine schon vollendeten Uebersetzungen mehrerer der wichtigsten indischen Werke, seine grammatikalischen Forschungen über die Entstehung und das Wesen aller morgenländischen Sprachen und ihrer Verwandtschaft mit dem Sanskrit auf beinahe zweitausend Karten und andern wichtigen Forschungen konnten nicht an das Licht gezogen werden, ohne daß Chézy als der erste aller Orientalisten anerkannt wurde. Er fühlte, daß sein Herz brach, wenn das geschähe, und wiewol er den Ruhm ersehnte, der erste Franzose zu sein auf dem festen Lande, der das Studium des Indischen für das ganze Europa zugänglich gemacht, so wollte er das nicht auf Kosten der Ruhe und Zufriedenheit seines großen Freundes thun, und er schwieg von allen ruhmvollen Früchten seines Strebens, die schon gereift waren und that blos kund, daß er das Sanskrit aus dem Grunde[322] verstehe und im Stande sei, es zu lehren. Niemand als er kannte den Umfang seines Opfers. Er vermuthete und ich glaube mit Recht, daß es sein Freund nicht annehmen würde, wenn er es kannte. Auch nicht einmal ich, sondern seine geliebte Mutter allein kannte die Triebfeder seiner Handlungsweise. Ich würde ihm vorgestellt haben, daß er verantwortlich sei für die Hemmung, welche dies Opfer dem Fortgang der Wissenschaft und der Begründung seiner Existenz bringen müßte, weil die Werke, die er vollendet und in seinem Pulte verhehlte, sogleich bei ihrem Erscheinen eine weite große Bahn für das Studium des Sanskrit eröffnet haben würden, zugleich auch der Welt gezeigt hätten, was Chézy schon geleistet hatte. Durch dies Verhehlen blieb, was er geleistet, unbekannt und sein Ruhm mangelhaft, seine bedeutendsten Schüler kamen ihm zuvor und der Ruhm, den er selbst geerntet hätte, wenn er mit seinen Arbeiten hervorgetreten wäre, ging auf sie über. Diejenigen französischen Gelehrten, welche unter seiner Leitung die meisten Fortschritte machten, waren Loiseleur Deslongchamps und Langlois: zwei Männer von reinem Herzen, von Dank und Liebe erfüllt; Eugène Burnouf, der Sohn des berühmten Hellenisten dieses Namens, der nach Chézy's Tode seines Meisters Katheder davontrug. Wir wünschten die ganze prangende Reihe der Commilitonen dieser berühmten Schüler aufzuzählen, wollen uns jedoch hier darauf beschränken, einige ausländische Schüler des edeln Meisters zu nennen: Wilhelm von Humboldt, Bohlen, Kosegarten, Bopp, Dursch, Mitscherlich, August Wilhelm von Schlegel, Lassen, Rosen, Hirzel.
Zu Chézy's Familie gehörte die verwitwete Antoinette Legrand, eine edle, vielgeprüfte Frau, die mir herzlich[323] ergeben war, und deren Schwester, Elisabeth Quevanne, mit ihrem Gatten und zwei Töchtern; Adelheid von La Poir Fréminville; Herr Durand, Witwer einer Schwester Chézy's (sein verdienstvoller Sohn wurde in Deutschland als vortrefflicher Diplomat geschätzt); außerdem mehrere Enkel, die verwaist waren. Meine Schwägerin Quevanne wollte mir wohl. Die Rücksichten auf Katholicität, deutsche Abkunft und Vermögenslosigkeit, welche so mächtig auf meine Schwiegermutter und auf die Schwägerin Fréminville wirkten, übten keinen Einfluß auf jene zwei milden und klaren Seelen.
Der Kaiser ließ die Ingenieurschule, deren Generalinspector seit Chézy's des Vaters Tode nun sein Verwandter und Freund Baron Prony war, nach dem Palais Bourbon verlegen. Der rühmlich bekannte Ingenieur Lesage, ein ehemaliger College Chézy's und die Baronesse Prony, eine Frau von Geist und Gefühl, Schwester meines Schwagers Fréminville, beeiferten sich auf das liebevollste, die kleine Wohnung, die meine Schwiegermutter erhielt, freundlich einzurichten. Sie bestand aus drei Piècen im ersten Stockwerk des ehemaligen Palais Bourbon und drei im Entresol für uns, die nur fünf Fuß hoch und sonnenlos waren. Die Wohnung war ungesund und unfreundlich, der Umzug überaus beschwerlich, die Entfernung von der kaiserlichen Bibliothek bedeutend, der Weg über die Brücke Ludwig's XV. durch Sturm und Regengüsse oder in heißen Sommertagen sehr beschwerlich. Er mußte des Tags viermal zurückgelegt werden. Chézy mußte von zehn bis zwei Uhr Nachmittag im ersten Zimmer der Bibliothek der Manuscripte verweilen. Diese ganze Bibliothek war unheizbar. Dies war eine Ersparnißmaßregel, welche die frühern Directoren unter dem Vorwand »Feuersgefahr zu verhüten«[324] eingeführt hatten. Um so nichtiger war dieser Vorwand, als diese ganze Abtheilung des Bibliothekgebäudes bewohnt war und geheizt wurde. Chézy's Gesundheit litt empfindlich durch diese Maßregel; Herr Karl Hase und Laporte du Theil wurden minder davon angegriffen, auch waren sie nicht im ersten Zimmer, dessen Thür unaufhörlich geöffnet wurde.
Als ich 1833 im Spätherbst zum ersten mal wieder diese Räume betrat, die ich seit 1810 nicht mehr gesehen hatte, empfing mich Wärme in allen drei Stuben, wo sich die drei Employés aufhielten. Ich brach unverhohlen in heftiges Weinen aus. Warum, ach warum hatte Chézy dort aufgeopfert werden müssen? Dem Staate einige Haufen Holz erspart und unersetzliche Menschen in Gefahr gebracht! Hase traf ich lebend und ziemlich gesund, Loiseleur war kränklich und starb jung. Ich habe mich nicht erkundigt, ob die menschenfreundliche Veränderung auf der Bibliothek nicht vielleicht von Guizot herrührte, dem man sie zu trauen konnte. Nie war ein Professor mit größerer Liebe, mit väterlicherer Sorgfalt, mit tieferm Einverständniß um seine Schüler bemüht gewesen als Chézy. Und nie hat einer schnödern Undank, als er von einigen, die ich nicht nenne, erlebt. Bis über das Grab hinaus wurde sein edler Name geschmäht und verlästert, sein Verdienst verkleinert. Sogar seine unglückliche Witwe mußte unter diesem Hasse, unter diesem Neide leiden. Man nahm Familienverhältnisse zum Vorwand, um diese That zu beschönigen. Sein ältester Sohn mußte für Journale schreiben, um Brot zu essen, statt sich zu einem tüchtigen Schriftsteller und zu einem literarischen Amte heranzubilden. Sein jüngster, ein Jüngling von herrlichen Anlagen für die Kunst, empfing keine der Aufmunterungen,[325] welche wol sonst in Frankreich den Söhnen großer Männer zu Theil werden. Ungeachtet meiner Anstrengung und Opfer büßte er seine Gesundheit durch übermenschlichen Fleiß ein und starb am gebrochenen Herzen in der Blüte des Lebens. Der Witwe selbst wurde ein jährliches Almosen zugeworfen. Still davon! Es gibt ein besseres Dasein, eine göttliche Vergeltung! Sie ruf' ich an, herab auf das Haupt derjenigen, die an Chétzy moralischen Meuchelmord begangen haben.
Durch die Vorstellungen eines Prony, eines Sylvestre de Sacy und anderer großer Männer, großentheils auch durch eigene Liebe zum Orient hatte sich Napoleon bewogen gefunden, dem Studium der Sprache dieses Landes größere Aufmunterungen als bisher zu gewähren. Er setzte einen Preis von 3000 Francs auf die gelungenste Uebersetzung eines persischen Werks und ähnliche Belohnung auf verschiedene Arbeiten gleicher Art. Napoleon, dessen umfassende Plane sowenig eine Grenze kannten als der unendliche Raum, wußte und beurtheilte auf das klarste, daß der Orient in geistiger und materieller Hinsicht mit allen Beziehungen Europas verwebt werden müsse, wenn letzteres geistig und in praktischer Hinsicht wieder emporblühen sollte. Sein Zug nach Rußland hatte hauptsächlich diese Ansicht zum Grunde. Als Napoleon seinen großen unvergleichlichen Plan gefaßt hatte, dem die Wuth der Elemente Vernichtung brachte, dem aber nun die Feindseligkeit derjenigen, auf die er am meisten baute, schädlicher als diese entgegentrat, da hatte er auf Dank gerechnet und an Betheuerungen der Treue geglaubt.
Alle Großen haben mehr oder minder Ursache, die Menschen zu verachten. Napoleon hatte solange die Welt steht mehr Ursache dazu als jeder, und er war eine[326] zu edle Natur, um nicht fortan an Menschenwerth zu glauben.
Die dumpfe, erwartungsvolle Unruhe, die wie eine Wetterwolke auf der Welt lagerte, hatte auch mich ergriffen. Kein Herz schöpfte Odem, so auch das meine nicht. Meine Kinder kränkelten sehr in meiner ungesunden Wohnung; ich war von seiten des Gemüths vielfach angegriffen und erschüttert. Auch die prophetische Stimme in meinem Innern, die in jener Zeit zum ersten mal laut wurde und über die ich nicht schweigen kann, weil sie sich so oft und so glänzend bewährt hat, wurde zwar vernommen, aber übertäubt. Ahnungsschauer verhießen mir, daß entsetzliches Unglück über Paris hereinbrechen müßte. Oft sagte ich mir ganz laut die zwei Zeilen aus Schlegel's »Alarkos« vor:

Die Mauern sehn mich an wie Leichensteine,
Mir ist, als könnte hier nur Unheil hausen!

doch ich unterdrückte diese Stimme der Ahnung. Daß Napoleon, Gemahl der Kaisertochter, von allen gekrönten Häuptern gefeiert, stürzen und entthront werden könne, kam damals wol niemand in den Sinn; ihm am wenigsten. Er kannte die Geschichte und das Menschenherz, und dennoch glaubte er an die Dauer des Menschenglücks und an die Treue des Menschenherzens.
Ich hatte zur Stärkung meiner Söhne einige Sommer in Montmorenci zugebracht und uns alle sehr gestärkt und erquickt gefunden. Ich hatte gewünscht, den Winter in Palais Bourbon zuzubringen. Eines Tags kam Chézy mit ungewöhnlicher Heiterkeit nach Hause zurück. Seine Mutter bemerkte früher als ich, daß etwas Ungewöhnliches vorgegangen sein müßte. Ein heiteres Lächeln, ein flammender Blick verklärten seine Züge. Da er die Frage liebevoller Neugier[327] auf unsern Lippen schweben sah, nahm er unsere Hände in die seinigen, küßte sie und sagte: »Ihr würdet nimmer errathen, wo ich herkomme; ich war beim türkischen Gesandten, mein Weg führt an seinem Hotel vorbei. Vor dem Gitterthor des Gartens standen viel Neugierige, weil man ihn eben spazieren gehen sah; auch ich blieb nicht fern. Der freundliche Blick, mit welchem er die Menge musterte, blieb auf mir so wohlgefällig haften, daß er mir in das Herz drang. Achmet Effendi ist ein schöner Mann mit edeln regelmäßigen Zügen, hochgestaltet und seine ernste Haltung ist mit Grazie vereinigt. Seine großen feurigen Augen suchten die meinigen, er rief seinem Begleiter auf Arabisch zu: ›Diesem Gesicht gehörte ein Turban!‹ Diese Worte ergriffen mich so lebhaft, daß ich ihm unwillkürlich einige arabische Verse zurief. Dies hörend, auf die Gitterthür zueilend, daran rüttelnd, den Begleiter einen Wink gebend, sie öffnen zu lassen, antwortete er mir gleichfalls in arabischen Versen, während der Gärtner mit einem Druck der Hand die Gitterthür öffnete. Der Gesandte trat mir entgegen und führte mich in den Garten seines Hotels. Garten und Gartensaal standen voll der üppigsten Blumen; mir schwindelte vor Ueberraschung und Vergnügen. Ich mußte auf dem Divan an seiner Seite Platz nehmen. Er bestürmte mich mit schmeichelhaften Worten über mein Arabisch, dankte mir zärtlich, daß ich ihn angeredet, drückte die Hoffnung aus, mich bald und oft zu sehen, ließ Erfrischungen auftragen, verwickelte mich in ein Gespräch voll Geist und Herzlichkeit und wollte mich den ganzen Tag bei sich behalten; doch ich mußte ja nach Hause! Er hat verlangt, ich möchte dich dieser Tage zu ihm führen, ich hoffe, du gehst gern mit.« Wie freudig sagte ich ihm zu.[328]
»Das ist also Leila!« rief er Chézy entgegen, »mein schöner Metschnun; nun, ich wundere mich nicht, daß die Franken nichts nach Vielweiberei fragen, wer eine solche Schönheit besitzt, verlangt nach keinem Harem.« In diesem Augenblick kniete der galante Türke vor mir nieder, fragte mich, ob ich heute Abend nicht in die Oper ginge und ob er und seine Umgebung uns dahin begleiten dürften. Er sagte das in reinem Französisch, bot mir den Arm, um mir den Garten zu zeigen, ließ eine auserlesene Collation auftragen und ersuchte dann Chézy auf Arabisch, sein Dolmetscher bei mir zu sein, indem er es nicht wagen dürfte, ein Gespräch auf Französisch mit mir fortzusetzen. Er bat mich im Laufe des Gesprächs, seine Sache bei Chézy zu führen, um ihn zu bewegen, daß er recht oft zu ihm käme. Ehe er mich an den Wagen führte, der uns nach der Oper bringen sollte, ließ er seinen Bart mit Aloë einräuchern. Dasselbe thaten seine Begleiter. Es nahm sich ergötzlich aus. Man fuhr dann in die Oper, wo Chézy und ich zuerst in die Loge gingen, die sich bald mit einer Menge Türken füllte. Alle waren schön und wohlgestaltet. Ich bewog Chézy oft, seinen orientalischen Freund zu besuchen, der späterhin abberufen wurde. Mir ahnte nicht, welchen Schmerz dieser anmuthige Vorgang in der Erinnerung vorbereite. Wir erfuhren nicht lange nach Achmet Effendi's Abreise, daß ihm der Großherr die seidene Schnur zugeschickt habe; den Grund erfuhren wir nicht.
Wenn die jetzigen Begebenheiten auf irgendeine Weise früher oder später eine Sittigung für die Türken herbeiführen, wenn der Despotismus, das schnöde Joch, das auf ihnen lastet, abgeschüttelt wird, so wird aus dem Weh des blutigen Gemetzels Segen hervorgehen! Möge diese Zeit nicht mehr fern sein.[329]
Chézy hatte vergessen, was ich vor wenig Jahren noch seinem Herzen, seinem Geiste und seinen Mußestunden gewesen. Die Lieblichkeit seiner Kinder rührte ihn nicht mehr. Wenn irgendjemand darüber sprach, so rief er mit unverkennbarem Schmerz: »Es sind zarte Opfer, welche der Tod für sich ausgeschmückt hat!« Wer empfindet nicht mit mir, welchen Eindruck solche Worte auf ein Mutterherz machen mußten! Sie konnten meinen Lebensmuth zerschmettern; aber mein Gottvertrauen besiegte sie. Ein Lied, welches ich im Sommer 1809 sang, bezeichnet treu meine damalige Stimmung:

Einsam saß ich oft in Thränen,
Bang und starr mit trübem Sinn;
Ohne Hoffnung, ohne Sehnen
Blickt' ich stumm ins Weite hin.

Himmelslichter, Blumenauen
Glänzten, blühten nicht für mich!
Hin war Glauben und Vertrauen
Und der Hoffnungsstern entwich.

Schwebend zwischen Lust und Qualen;
Bald vom Strahl des Lichts entzückt,
Wieder bald zu finstern Qualen
Hingeschleudert, tief bedrückt!

Wer die Seufzer, die ich hehlte,
Die mein Engel nur verstand,
Wer die heißen Thränen zählte,
Zählte wol des Meeres Sand!

Hoffnung stand an Edens Thoren,
Schloß sie auf dem gläub'gen Sinn;
Bald war jede Spur verloren,
Alles stumm und Alles hin!

Labung quoll vom Himmel nieder,
Wieder ward ich noch erquickt.[330]
Bald von finstern Mächten wieder
Tief gebeugt, der Muth geknickt!

Wird denn nie die Marter enden?
Wird denn nie die Ruhe blühn?
Mußt' ich jede Kraft verschwenden?
Und die Frucht nie lohnend glühn?

Könnt' ich nur von Hoffnung lassen,
Alles ist ja todt und hin!
Muth verlassen, Kraft verlassen,
Ist Entsagung nur Gewinn!

Mehreren unserer ersten Dichter jener Tage wurde dies Lied geschickt und sie liebten es und mich in dem Liede. Die Lerche fand noch tiefern Anklang, sie war der heitere Aufschwung der gebeugten Seele. Dies Lied und andere dieser Art, dem reinsten Herzblut entquollen, werden mein Monument sein. Einen Marmor verlange ich nicht, aber Liebe über meinem Grabe, denn ich habe sie verdient. Verdient? O, Liebe kann man nicht verdienen, nur gewinnen.
Schönes Montmorenci! Anfang Winters mußte ich dich mit Paris vertauschen. Chézy hatte für mich und seine Kinder eine Wohnung ausgesucht; Rue de Lille Nr. 81, in der Nähe des Palais Bourbon. Durch eine Lücke zwischen einer nahen Gasse erblickte man einige Bäume der großen Terrasse der Tuilerien, darüber hinrauschten die Windmühlenflügel von Montmartre, wie manche Gemüther, die geflügelt sind und dennoch nicht von der Erde wegkönnen! Meine Wohnung wurde durch Luft erfrischt, doch der Durchblick nach Montmartre peinigte mich, eben weil er eckig und beschränkt war. Von süßen Kindern umgeben, von einem treuen Mädchen bedient, Chézy nahe wohnend, den ich täglich sah, aufgesucht[331] von edeln Frauen, geschätzt von ausgezeichneten Familien, die mich in ihre Kreise zogen, fühlte ich dennoch ein Misbehagen, eine Verödung, die mich unbeschreiblich drückten. Ach, ich suchte Labung, wo keine quillt. Meine Lage war drückend. Die doppelte Haushaltung in Paris überstieg unsere Mittel. Der Ertrag meiner Arbeiten war spärlich, so fleißig ich schrieb. Ich darbte mir viel ab und konnte dennoch nicht bestehen. Der Legationsrath Peucer half mir durch Vorschüsse, die er natürlich wiederbekam, ohne die ich aber dem äußersten Mangel preisgegeben gewesen wäre. Mein kleiner Max litt empfindlich durch unsere Noth. Ohne daß ich es wußte, nahm meine gute Marianne frische Eier und reine Landmilch auf Credit und rettete mir so die beiden Kinder.
Der damalige Herausgeber der »Französischen Miscellen«, Dr. Friedländer, ein geistvoller Publicist, setzte Karl Bertuch in Weimar mit mir in Verhältniß. Dieser äußerte einmal in einem Briefe: »Hätten Sie doch tausend Hände zum Schreiben!« Ich athmete wieder auf und würde noch fleißiger geschrieben haben, wenn ich Stoff gehabt hätte. Doch ich beschäftigte mich fleißig mit meinen Kindern und war so bescheiden gekleidet, daß ich nicht in große Gesellschaften gehen konnte, welche für die journalistische Laufbahn unentbehrlich sind. Auch beschäftigte Bertuch mich nicht allein, sein Correspondent, Herr Depping, welcher späterhin seine praktische Thätigkeit dem »Morgenblatt« zuwandte, füllte die meisten Blätter der Zeitschrift »London und Paris« und im »Journal für Literatur, Kunst, Luxus und Mode«.
Wie gern schrieb ich in kalten Nächten am Kamin, wo ein paar Brände eine kärgliche Wärme verbreiteten. Unerquickt durch ein warmes Getränk, ungelabt durch[332] ein kräftiges Nachtessen! Ich entbehrte für die, welche mir auf der Welt das Theuerste waren, meine lieben Kinder, für meinen Mann, der nur eine knappe Einnahme bezog. In hohem Alter sind Entbehrungen härter als in der Jugend! Ich fühlte die meinigen nur insofern, als sie meine Kinder trafen.
Zacharias Werner suchte mich auf. Sein Name war in Frankreich berühmt, seine Anwesenheit wurde gefeiert. Er war von unsern jetzigen Poeten sehr verschieden. Für das Aeußere seiner Erscheinung war er nicht im geringsten besorgt. Seine langen buschigen Augenbrauen, seine glühenden schwarzen Augen, seine schroffen Züge, seine verwirrten Locken, seine graubraune Haut schienen nach einem Bart zu schreien; aber sie schwiegen, da die Zöpfe kaum erst abgelegt worden, aus Unkenntniß der Zukunft, die einige Jahrzehnde später mit dem Barte hervortrat. Werner war schlank und hager, seine Blicke brannten, nie habe ich ihn lächeln gesehen, nie hat seine Lippe seine Gedanken verschwiegen; sein Herz war wohlwollend, glühend, ein Fremdling auf dieser Erde.
Seine erste Bitte an mich war, daß er es mir zur Pflicht mache, ihm alles zu zeigen oder doch wenigstens anzudeuten, was in Paris Sehenswerthes sei. In großer Verlegenheit wendete ich mich sogleich an Denon. Die Kunstausstellung im Louvre war eben eröffnet worden; am Freitag konnte man sie nur mit Einlaßkarten vom Director sehen. Denon schickte eine für Werner und mich zum folgenden Tage. Werner blieb einige Stunden bei mir und holte mich andern Tags ab.
Ich kam auf das einfachste gekleidet wie gewöhnlich in die Rotunde, die von oben erleuchtet ist, mein ältestes Söhnchen an der Hand, Werner am Arm. Die Elite[333] von Paris war hier versammelt. Ungeachtet der ungeheuern Menschenmasse in der Rotunde und im großen Saale vernahm man kein lautes Wort.
Wir sahen uns erstaunt um. Die ganze kaiserliche Familie war anwesend. Werner, der sie aus mehreren Bildnissen kannte, glühte vor Freude, die freilich stumm bleiben mußte, und beobachtete sie mit wahrem Genuß. Herr Lavale, ein feiner Mann, war so gütig, uns auch die Umgebungen des Hofs zu nennen. Die Schönheit der Herzogin von Bassano machte großen Eindruck auf den Dichter. Auch Talleyrand's Gemahlin hatte das Recht benutzt, das ihr der Stand gab, zu dem ihr Gemahl sie eben erhoben hatte, und erschien zwar steif und unbehülflich, doch mit sichtbarer Zuversicht in dem glänzenden Kreise, der die kaiserliche Familie umgab. Ich konnte meine Augen von der Kaiserin Josephine nicht abwenden. Sie genoß damals einer blühenden Gesundheit. Die Jugend fehlte ihr, aber man konnte den Mangel nicht bemerken. Denn mit solchen Augen bleibt man jung, und mit solcher Anmuth bleibt man schön. Untadelhaft und blendend waren Hals, Schultern und Arme der reizenden Frau, und voll Anmuth und Musik ihre Bewegungen. Die Fürstin von Borghese war nicht zugegen; sie war krank auf ihrer Villa im Dorfe Chantilly. Doch sah Werner mit Verwunderung Murat's reizende Gemahlin, auch Madam Regnault de St.-Jean d'Angely, die noch in der Fülle der Schönheit blühte. Napoleon bewegte sich heiter im Kreise seiner Familie. Werner war außer sich vor Freude, dies alles zu sehen und zwar in vollem Glanze, denn die Damen trugen Hofkleidung und Brillanten. Gern hätte ich mehr für meinen Gast gethan, aber in meinem bescheidenen Kreise fand sich keine ähnliche Gelegenheit[334] hierzu und Werner mußte fürlieb nehmen. Er that es gern.
Werner kam oft zu mir, so ungenügend ihm mein Gespräch sein mußte. Ich war nicht, wie Chamisso mich 1809 in einem Briefe an Hitzig beschrieben, »durchaus unwissend«, auch nicht, wie er hinzusetzte: »liederlich, keine Dichterin«. Unsere Tondichter freuen sich noch heute, daß ich liederlich bin, und ich glaube kaum, daß sie mit Adalbert von Chamisso sagen würden, ich sei keine Dichterin, denn mein Lied ist echt. Verse habe ich nie gemacht; sie verhalten sich zum echten Liede wie der Straß zum Brillanten!
Schon damals war Werner gesonnen, katholisch zu werden; mit einigem Scharfsinn hätte ich das aus seinen Reden errathen können. Als ich zu ihm von der Abneigung meiner Schwiegermutter sprach, äußerte er: »Wundern Sie sich nicht, da sie eifrig katholisch ist; die Scheidewand auf Erden ist wenigstens unübersteigbar!« Sowie manchem andern, der seine Religion verändert, scheint mir auch bei Werner ihm unbewußt Ruhmsucht zum Grunde gelegen zu haben, vielleicht auch das Bedürfniß, seine Lage zu verändern, doch gleichfalls unbewußt, denn Werner's Herz war treu und ehrlich. Er verließ Paris nach Verlauf einiger Wochen, und war daselbst mit seinem Aufenthalt überaus zufrieden. Der geniale Künstler Ferdinand von Olivier nannte Werner eine gebrochene Natur. Ich meine eher, daß er ein geistiger Danton war, dem sein Haupt zu schwer geworden.
Ich habe eben Ferdinand von Olivier genannt, und ich kann mich nicht enthalten, einige Erinnerungen an diesen geistreichen Künstler hier einzuschalten.
Es war im Sommer 1807, an einem schönen hellen[335] Morgen, als der Legationssecretär aus Dessau angemeldet wurde mit den Worten: er bringe einen Brief vom Geheimrath von Rode, einem Freund der Karschin. Ein Jüngling mit hoher blondumlockter Stirn, feurigen blauen Angen, scharfumzeichneten markigen Gesichtszügen, vollen Lippen, auf denen Geist, Trotz und Wärme schwebte, trat in diplomatischem Costüm herein, das ihm stand wie eine Verkleidung; er wußte es auch. Es war Ferdinand von Olivier. Ich war immer gleich seelenvergnügt, wenn so etwas von deutscher Luft die verdumpften Zimmer des Palais Bourbon, die wir bewohnten, durchzog; so empfing ich denn den Fremdling, der sich auch gleich heimisch fühlte, wie einen werthen Bekannten. Lächelnd sagte er, indem er den Claque, mit schwarzen Straußfedern verbrämt und mit funkelnder Agraffe geschmückt, auf meinen Schreibtisch niederlegte: »Den Legationssecretär, in den mich der Herzog gesteckt, werde ich nächstens wieder ausziehen, ich bin Künstler, bin nach Paris gekommen, um mich auszubilden: wenn ich nur erst wieder vor der Staffelei stände!«
Es war die Zeit, wo Napoleon die Großen der Erde zu sich lud, um Paris zu füllen, zu beleben und durch den Koloß der aristokratischen Masse die letzten Gespenster der republikanischen Schreckensnacht zu verscheuchen, die überall gern noch ihren Spuk treiben mochten. Mehr noch vielleicht, um die alte Dynastie zu kränken. Den Namen Legitimisten kannte man damals nicht, sie hießen ci-devant; vielleicht könnten sie jetzt ci-après heißen? »Gebt einem Franzosen des Tags 11/2 Pfund Weißbrot, und einige Dutzend mal das Wort Monsieur, so ist er zufrieden«, schrieb 1803 Friedrich von Schlegel, und er hatte im allgemeinen recht. Wie die Schwarzwälder geborene Uhrmacher, so sind die meisten Franzosen geborene[336] Aristokraten. Napoleon hatte das bald heraus, und versäumte nichts, um die Funken aus der Asche wieder hervor zu blasen; er wußte freilich nicht, für wen er sich diese Mühe gab, denn das alte Anhänglichkeitsgefühl für Herrscher, das er neu belebte, wollte nicht haften an dem neuen Herrn, und mit den neugegossenen Formen der Aristokratie, in die sie sein Kaiserthum knetete und buk, ging es ihm wie Werther mit den Märchen, die er Lottens Geschwistern verschönert wieder erzählt, sie beklagten sich: »Das vorige mal wär's anders gewest!« Herz und Sinn wurzeln in Gewöhnungen fest; hebt sie aus ihrem alten Erdreich, so verkümmert die Liebe. Dem General Bonaparte gehörte eine Welt, die aber schlug Napoleon in Trümmer. Todtgeboren, wie jede usurpirte Gewalt, war die des Kaisers; ohne Josephine, welche die Franzosen meisterhaft zu behandeln wußte, konnte ihr Scheinleben so wenig von Dauer sein, wie im bekannten Märchen das der Rüben, welche der Berggeist für seine schöne Geliebte in Hofdamen und Cavaliere verwandelte, die aber bald zusammenschrumpften.
Wir sprachen oft darüber. Ferdinand Olivier erlebte noch die Wiedereinführung der Asche Napoleon's in die Weltstadt, die dem Gewaltigen sklavisch gehuldigt, den abgedankten Günstling Fortuna's schmähend aus ihren Mauern gestoßen und nun aus Millionen Augen in seiner prunkbeladenen Leiche die größte Lehre aller Zeiten wie eine Hieroglyphe angaffte, zu der kein Mensch den Schlüssel hat.
Herzog Franz von Anhalt-Dessau, der hohe schöne Greis, mit den leuchtenden Augen und Wangen, kam unvermuthet mich zu besuchen. Ihn begleitete der Geheimrath von Rode, ein ehrenhaftes Stück deutscher Literatur aus der Zopfzeit, welche auch die goldene Zeit[337] hieß. Man nannte sie nicht mit Unrecht so, denn nur wenige Dichter darbten damals, wie noch vor wenigen Jahrzehnden der herrliche Wetzel, Hölderlin, der große Künstler Genelli, und viele andere. Sie werden alle noch Denkmale bekommen; die Todten kommen alle zu Ehren, aber die Lebendigen mögen sich vorsehen, daß sie nicht verhungern.
Der Herzog mußte sich tief bücken, um in unsere fünf Fuß hohen Zimmer einzutreten. Er bedauerte, Chézy nicht zu Hause zu treffen, indem dieser stets von 10–2 Uhr morgens auf der großen Bibliothek sein mußte, verhieß, ihn dort aufzusuchen, und bat mich, ihn jetzt nach der Bibliothek des Corps Législatif zu begleiten, die im Palais Bourbon befindlich.
Unter dem gewölbten Akaziengang des Hofraums wandelnd erzählte mir der Herzog von der neuesten Jagd des Kaisers, die er mitgemacht hatte. Da kein Wild aufzutreiben gewesen, hatte der Kaiser allerlei zahmes Vieh zusammenbringen lassen, und knallte nach Herzenslust hinein – die größte Ehre, die wol jemals Ochsen widerfahren. Zwei Jagdgehülfen hatten sich eines Versehens schuldig gemacht, Napoleon wollte sie auf der Stelle niederschießen lassen, der Herzog von Dessau war der einzige, der Napoleon vorzustellen wagte, daß es Menschen seien. Sein Muth gefiel dem Kaiser er gewährte seine Bitte. Ich hieß Napoleon einen Würgengel, der Herzog lächelte. »Wenn ich nicht die Jagd so liebte«, sagte er, »und kein ausgelernter Waidmann wäre, so würde er mich mit den vielen andern mediatisirt haben, denn es scheint, als hätte er uns alle nur dazu kommen lassen.«
Wir kamen auf Matthisson zu sprechen; dieser Name ist Schlüssel zu meinem ersten Jugendparadiese. Matthisson[338] ist der geläuterte Hölty, wiewohl bei diesem chemischen Proceß der Geister auch des Innigen und ursprünglich aus sich selbst Holden und Blühenden manches verloren gegangen. Matthisson's Glätte und zarter Schmelz machten mich zuerst auf das Bedürfniß zierlicher, kunstgemäßer Form aufmerksam, und der Eindruck, den ich davon empfing, wirkte auf mich wie alles Musikalische, er erweckte Fähigkeit zur Nachbildung und erschloß den Sinn für melodische Fügung der Worte; mehr als dies alles noch wirkte das Bild in meiner Seele, das Sehnsucht und Wehmuth in seinen Liedern vor meinem innern Blick mit einer Glorie umwebten. – Hölty und Matthisson, die süßen Sänger des süßesten Leides, werfen den Trauerflor über das Leben, das sich in niegestillter Sehnsucht verzehrt, und überstrahlen dafür mit allen Wonnen der Wehmuth, mit allen Himmelsahnungen hoffender Liebe das Grab, den Port des Friedens, die Regenbogenbrücke des Jenseits;
Cypressen und Rosen wehen darum, und den wirren Lärm des irdischen Daseins durchwogt die Aeolsharfe, die Geisterstimme der Liebe, die sich in einsamer Sehnsucht vernehmhar macht und die Seelennähe des Theuersten verkündet. Solche Zartheit und Keuschheit liegt nicht der neuen Poesie zu Grunde, je mehr die Fleisch ist, und je heißer sie lockt und girrt, jemehr sie gefällt. Es gab zwar noch eine Zwischenperiode, Novalis' »Blaue Blume«, und die »Blümlein« und »Vöglein« aus Ludwig Tieck's »Sternbald« hatten ungebührlich gejungt und fortgewuchert; doch mit einem mal nahm die Poesie einen Anlauf, und that mit allen zwei Füßen den Salto mortale mitten in die derbste Fleischlichkeit hinein. Sie mag sehen, wie sie wieder herauskommt.
Der Herzog von Anhalt-Dessau, mit dem ich von meiner Anhänglichkeit an Matthisson sprach, die[339] sprach, die ich mir durch Schlegel nicht hatte verkümmern lassen, freute sich darüber, versprach dem werthen Sänger meinen Gruß zu bringen, und drückte im allgemeinen seinen Antheil und seine Freude aus, daß ich so grunddeutsch geblieben. »Sie müssen zu mir kommen«, rief er aus, »dann wollen wir zusammen uns in meinem Dessau recht umsehen. Matthisson kommt indeß mit Luisen wol auch wieder!« – Der Herzog meinte die edle Herzogin, deren treuer Begleiter Matthisson auf ihren Reisen war. »Er ist recht brav«, setzte er hinzu, »er hat recht viel Geduld mit der alten Frau!« Ich meinte, Matthisson würde die hohe Ehre und das Glück einer solchen Begleitung gewiß zu empfinden und zu schätzen wissen. »Jawol, wenn Sie es so nehmen«, entgegnete der Herzog, »so muß ich bekennen, wir haben ihn alle von Herzen lieb, da mag's ihm bei uns schon heimisch sein!«
Beim Abschied empfahl mir der Herzog noch den jungen Olivier, dessen Bruder Heinrich ihm nachkommen würde. Dies geschah auch bald; beide Brüder sprachen sehr schön französisch, und Heinrich besonders arbeitete mit eisernem Fleiß. Ferdinand's Legationssecretär – ich meine den Claque mit Straußfedernverbrämung, denn das war alles Diplomatische, womit er sich befaßt – hing, wie er es gelobt, am Nagel; er lebte nun der Kunst, doch zum täglich anhaltend productiven Schaffen und Gestalten war Ferdinand zu genialisch, zu überquellend von Gedanken und Vorstellungen, zu streng und unersättlich in Anforderungen an sich selbst; denn nichts konnte dem Maßstab der Vollendung entsprechen, den er an Kunstwerke legte: die Sternenhöhen, die sein Adlerblick ermaß und erreichte, zu denen konnten die Schwingen nicht hinauf, und wenn er das fühlte, so zermalmte[340] ihn ein ungeheurer trostloser Schmerz, der ihn wie ein Orkan umherriß, bis er in einen Blumenboden erschöpft niedersank und seinem Lechzen dort Linderung zuquellen ließ. Poesie, Kunstanschauung, Geselligkeit, Studium des ästhetischen Theils der Theorien seiner Kunst, Erschaffung neuer Theorien, – dahin, wo er mit dem Pinsel nicht gelangte, wollte er nun auf rein geistigem Wege. Die Zukunft hat bewiesen, daß er sein Ziel gut ins Auge gefaßt, denn was ist in seinen Händen die Landschaft geworden: Gottes großer Gedanke in seiner tiefsten Erschauung! Seelen sind diese Felsen, diese Wipfel, diese besonnten Halme, diese fliegenden Wolken, alle diese Massen auf den Gemälden so voll Ruhe und innerer Lebensfülle, so voll strenger Wahrheit, und inniger Schönheit, so donnernd und so säuselnd, so einladend und streng mahnend! Des Meisters ganzes eigenstes Gemüth ist darin ausgeprägt, unerschöpflich neu bei jeder neuen Betrachtung jedes Bild, und kein einziges wie das andere; ja, man fühlt bei jedem, wie er gebieten mußte dem innern Drang, zurückstoßen die Fülle der Schätze, und sich beschränken, um in der höchsten Einfachheit der Darstellung die höchste Wahrheit zu erreichen. Wie von Anfang der Dinge die Seele war, die der Mensch zuerst im Werden empfängt, so war der Gedanke, ehe die Kunst ihn den Sinnen anschaulich oder zugänglich machen konnte; und lebt ein großer Meister, es lebte keiner je, der nicht geseufzt hätte, daß die Ausführung hinter dem Gedanken zurückblieb, wenn auch die Beschauenden befriedigt und entzückt waren. Ohne Poesie gibt es keinen Künstler. Alles, was selbständig der Seele und dem Gemüth entspringt, was Schöpfung, was Gedanke, was Großthat, ist Poesie. Die ganze Natur ist Poesie, sie ist auch Musik und Rhythmus, denn[341] das Auge sieht und das Ohr hört, das Herz aber hat alle körperlichen Sinne und die geistigen dazu, das Herz ist eigentlich die Phantasie. Die Kunst ist die aus Seelen- und Willenskraft hervorgehende Steigerung aller Lebenskräfte zur That, ist die Willenskraft in höchster Potenz. Sie ist's, die es entzückend beglaubigt, daß Gott den Menschen schuf nach seinem Bilde und den ewigen Funken ihm einhauchte, der schöpferisch in ihm lebt. O, wie ehrwürdig, wie groß ist die liebevolle Sorge, womit der Künstler alles Kleine bedenkt und bedenken muß, um aus dem irdischen todten Stoffe hervor zur Erscheinung zu rufen, was ihm in der Seele ringend lebt! In jeder Kunst, die der Mensch übt, wie muß er unter seligen Schmerzen streben und sinnen, bis er die Bestandtheile zum Werk beisammen hat, gesondert, gereinigt, in Einklang gebracht, und nun alle Erdenmächte zwingt, dem Gott in seiner Brust zu dienen!
Ich möchte Ferdinand von Olivier den Michel Angelo der Landschaft nennen, groß und herrlich, doch von jener Herrlichkeit, die aus der Fülle der Empfindung, der Liebeskraft hervorgeht; und von jener Größe, deren Anmuth der Schmerz ist. Sei diese Art der Kunstschöpfung nun Poesie, Musik, Plastik oder Malerei, offenbaren sie sich in Michel Angelo's Nacht, oder in Griechenlands Niobe, immer ist sie Prophetin, geweiht, unsterblich in ihren Ausstrahlungen, der Seelen höchsten Aufschwung erweckend.
Einige Zeit nach der Ankunft der Brüder Olivier in Paris begann Heinrich ein Altargemälde für eine Kirche in Dessau, ein heiliges Abendmahl, ganz im altdeutschen Stil, an welchem wir große Freude hatten; Ferdinand hingegen hatte auf einen Raum von beiläufig 21/2 Fuß[342] Höhe und verhältnißmäßiger Breite, eine anmuthvolle Parkpartie in Wasserfarben gemalt: im Hintergrunde das Schloß von Ferrara, Tasso mit den zwei Leonoren, der Dichter vor der Prinzessin kniend, den Kranz empfangend.

Der Gärtner deckt getrost das Winterhaus
Schon der Citronen und Orangen ab.

Die bekränzte Büste Ariosto's, die Büste Virgil's und der andern herrlichen Geister waren umhergestellt, nichts war vergessen, alles mit echter Liebe zur Erscheinung gebracht. Ferdinand Olivier war damals zweiundzwanzig Jahre alt. Er sagte uns: »Auf diesem Bilde muß der Frühling leben, der frischeste Schmelz des grünen Rasens; das zarteste, prangendste Grün der hohen Wipfel umher muß ihn in seinem ersten Erwachen verkünden. Anemonen, Narcissen, Primeln, Veilchen sprießen im Vorgrund, ein voller Bach schlingt sich wie auf Flügeln durch die Gräser, über die bunten Kiesel, seine kräuselnden Wogen bemächtigen sich des Sonnenstrahls und gaukeln damit umher. Streiflichter des jungen Morgens auf dem Grase zwischen den Baumwipfeln hindurch; die hellsten Morgenschimmer ruhen liebevoll auf des Dichters Kranze, sein Angesicht im Helldunkel, die Prinzessin wie flammend in der rosigen Lichtverklärung, Leonore Sanvitale im Schatten, da sie seitwärts vor den beiden dem Beschauer näher steht; die Charakteristik der drei Gestalten soll auf das treueste der Dichtung entsprechen, der ganze Tasso muß darin zu lesen sein.« Ferdinand's Augen flammten, indem er dies sprach, seine Wangen glühten, war es doch, als hebe eine Flammenluft sein ringelndes Haar, denn es wogte auf seiner Stirn hoch auf, wie eine Flut, und senkte sich wieder. Das Gemälde aber blieb unvollendet.
Soll das den Künstler schmerzen? Es sollte nicht,[343] denn was der Genius im Geist errungen, das ist sein eigen, es ist geboren und lebt, und käme es nie zur Erscheinung; denn ewig ist die Welt der Ideen, und nur die Außenwelt unterliegt der Vergänglichkeit.
Ferdinand Olivier war echt musikalisch. Mancher hohe Genuß war ihm in Paris erreichbar, in seltener Vollkommenheit glänzten die Concerte des Conservatoriums, die Vorstellungen der italienischen Oper, in deren Reiche Mozart's Schöpfungen nicht fehlen durften. Ferdinand selbst sang vortrefflich und spielte ausgezeichnet schön das Pianoforte; in seinem Vortrag quoll die Tiefe und Fülle seines Wesens; wenn er irgend ein schmerzdurchglutetes Stück von Beethoven spielte, konnte er einem das Herz zerreißen. Auch in seiner frühern Jugend habe ich ihn immer ernst gesehen; doch es that einem wohl: denn dieser Ernst seines Wesens war freudig, großartig, natürlich; seine innerliche Arbeit an sich selbst war so gediegen, daß er sich unbewußt gehen lassen und geben konnte, wie er war. – Es blieb nicht so: »des Lebens bedingender Drang hat den Menschen verändert«.
Welche Tage haben wir durchlebt! Frankreich, Paris, damals der Landungsplatz der geistigen und künstlerischen Welt, der Brennpunkt jedes edeln Dranges der Zeit! Was es besaß, was es war, war vorher nie dagewesen, und wird in der ganzen Welt schwerlich einmal wieder sein. Freilich war Paris schon im Jahre 1808 nicht mehr, was es noch wenige Jahre zuvor gewesen; die frische Siegesfröhlichkeit über alles Errungene, und zwar in jedem Kreis geistigen und irdischen Wirkens, war theils abgeblüht, theils verkümmert, und im Zwielichte der Zukunft wankte, verhüllten Angesichts, die Sorge umher. Uns Deutsche aber kümmerte das nicht, wir freuten uns der anlandenden Landsleute, erneuten frühere Bekanntschaften und empfingen dankbar die[344] Himmelsgabe neuer Ankömmlinge, von denen viele der willkommensten uns schwerlich anderswo begegnet wären, als hier, wo alles hin mußte, wo hinkam, was sich regen konnte. Wie heterogen die vielen Geister des Nordens, die hier zusammenschneiten, auch sein mochten, die Flocken fügten sich ineinander, ein feines, glänzendes Ganze lagen sie zusammen, das Bewußtsein gemeinsamen Ursprungs einigte sie, die Ueberzeugung, daß sie zum pariser Wesen einen Gegensatz und eine Masse bildeten.
Die Sonnabende der Fräulein Therese aus dem Winkel boten einen meist glänzenden Centralpunkt für die Gäste aus dem Norden dar. Wir besuchten sie oft. Mein Mann war gern in deutschen Kreisen, er sprach sein gutes Deutsch zwar nicht ohne Schwierigkeit, doch er verstand alles; auch war er von mütterlicher Seite deutschen Blutes, aus Savern; die rüstige Achtzigerin betete Wilhelm noch das deutsche Vaterunser vor. Ils sont bons, ces Allemands! pflegte Chézy zu sagen; auch äußerte er bisweilen: Je crois qu'on est mieux en Allemagne qu'ici!
Oehlenschläger (Ferdinand Olivier am meisten zugethan) las uns seine Schöpfungen, eine nach der andern, wie er sie in das frischsaftige Deutsch übertrug, das ihm eigen. Welche Oasis in der Sandwüste, die geistig Paris damals für mich in poetischer Hinsicht war! Chézy hatte sein Persisch, das uralte Vordeutsch, nun durch und durch sich zu eigen gemacht, seine seligsten Schätze ausgebeutet, und pflog des Sanskritstudiums mit einer Glut, Gewalt, Ausdauer und Anstrengung, die ihn zum Ziele führen sollte; ach, aber um welchen Preis! Gesundheit, häusliches Glück, Lebensfreude, gingen dabei verloren, und die Früchte seiner Mühen sind Ernten für fremde Hände. Seit er mir nun keinen Fund aus dem Persischen mehr[345] mittheilte, und so ganz in sich selbst abgeschlossen nur seinen Studien lebte, wurde mir die Dürre des pariser Lebens unleidlich; Napoleon begünstigte keinen Aufschwung, der nicht seinen Planen und Zwecken diente. Man sollte prunken, ergötzen, den Augenblick verproviantiren, und in die alten Gleise, Fugen und Schichten säuberlich wieder einlenken; statt vorwärts sollte es zurück. Ludwig's XIV. Hof war Napoleon's Ideal, und ungefähr wie damals sollte man dichten, schreiben, Schauspiele geben und haben. Napoleon würdigte sich zum Lever herab; viele abgelebte Cidevants, sowol der Salons als der Antichambre, wurden aufgestöbert, um alle Formen eines Lever de Louis XIV. wiederherstellen zu können, bis in das Wunderwinzigste hinein; mit solchem Quark quälte sich der hervorragendste Mann und Kriegsheld seiner Zeit ab. In England haben sie auch Levers; wahrscheinlich noch in andern Königreichen; wir Deutsche können auch noch damit beglückt werden, denn die höchste Gewalt ist auf dem besten Wege, auch die kleinlichste Bezeichnung zur Wichtigkeit zu erheben. Die alten Thorheiten der Menschen sind wie die Purzelmännchen, die man auf den Kopf stellt, und die flugs wie der auf den Beinen stehen. Es sagte einmal jemand, die Dresdener kämen gleich mit Frack und Glacéhandschuh auf die Welt; man könnte von den Franzosen sagen, sie würden gleich mit dem Aristokratismus und dem Rococo-Affenthum geboren, denn wer zu jener Zeit des Kaiserthums auf dem Halme in Paris lebte, konnte es mitansehen, wie Napoleon Schritt vor Schritt auf den Thron hingedrängt wurde, und zwar durch die Massen, die alle Kleinlichkeiten der Größe ihm einbliesen; er hätte aber selbständig sein, sich selbst behaupten sollen:

Du glaubst zu schieben, und du wirst geschoben!
[346]
Um unsere kleine deutsche Colonie her bildeten sich bald neue Ansiedelungen. Durch den wackern Peucer wurden wir mit Pilat bekannt, in dessen gastlichem Hause heitere Stunden für uns blühten. Wer den jungen lebensfrohen, frischen, feurigen Pilat 1808 gekannt, suchte ihn wenige Jahre darauf vergebens, besonders seit er nach Wien zurückkam. Und Metternich nun gar, welch ein Verwandelter!
Mancher Staatsman wird alt geboren, Metternich war im Jahre 1808 wirklich jung; er war blond, hatte schöne blaue Augen, eine sanftgebogene Nase, einen rothen Mund, dessen feine Lippen der Widerglanz eines warmen Lächelns umschwebte; es war eine Lust, ihn mit seinen allerliebsten Kinderchen, den drei Flachsköpfchen, mit apfelrothen Wänglein in weißen Höschen zu sehen, wie sie ihn neckten und liebkosten, als wäre er ein älterer Bruder. Er schien nicht der Botschafter einer finstern Macht zu sein, sondern eine Himmelsbotschaft der Liebe und Freude zu bringen, gleichsam um die pariser Damenwelt zu trösten, daß Graf Kobenzl so manches Jahr dort gewesen. Fürst Metternich ist eine ursprünglich edle wohlwollende Natur, er meinte es ehrlich mit der Welt und der Zeit; nicht ihn darf man ihres Wehes anklagen, er fühlte bei noch heiterm Himmel das Gewitter, und wollte Blitz und Schlag vom Kaiserstaat ableiten, ja von Europa!
Talleyrand hatte nur darum größere Capacität, weil er stets nur den Zweck vor Augen behielt, die Mittel ihm ziemlich gleich waren; man konnte voraussehen, daß aus dem künstlichen subtilen Gerippe des diplomatischen Baues die Nägel krumm, die Stützen locker werden mußten, sobald Talleyrand, die Oberbindklammer, vom Rost ermürbet, herunterfiel. Die eigentlichen Grundursachen[347] der Revolution von 1789, sowie der Töchter, die sie gebar – und gebären wird, stehen in keiner Geschichte der Revolution verzeichnet; die Ansicht allein ist klar geworden, daß sie aus innerer Verdorbenheit der Säfte des gesellschaftlichen Körpers hervorging. So wurde es denen, die nur durch allgemeine Umwälzung ihre Zwecke erreichen konnten, nicht schwer die Gährung zu befördern; ihr Sieg nennt ihre Namen; welcher Bezeichnung bedarf es noch? Aber jeder, dem an Aufrechthaltung des frühern Zustandes gelegen ist, wird einsehen, daß das Heilmittel schlimmer war, als das Uebel. Zu jener Zeit hingen noch leichthin getuschte, rosige Wölkchen mit goldenen Säumen um die Sonne her; kaum Talleyrand wußte es recht, daß sie sich zum Gewittergewölk zusammenballen würden, daß dies Gewitter in
Zwischenräumen pausiren, aber nicht mehr aufhören würde. Das ahnete ihm nicht, er hätte es sonst vielleicht noch abzlueiten versucht – statt es aus kleinlicher Rache gegen Napoleon heraufzubeschwören.
Napoleon lud schweres Unrecht auf sich, indem er den Staatsmann verfeindete, der ihn eigentlich geschaffen hatte; denn man soll keine Stütze hinwerfen und mit Füßen treten, wenn man sie auch nicht mehr zu brauchen glaubt. Ueberhaupt machte sich Napoleon eines Fehlers theilhaftig, welcher doch meist nur beschränkten Geistern anklebt, den, sich die Menschen so zu denken, wie man sie eben nöthig hätte und wünschte. Er vermeinte in Talleyrand ungestraft den Priester, den Edelmann, den feinfühlenden, tiefempfindlichen Mann von Welt zu verletzen, indem er ihn zwang, seine Haushälterin, die Grand, zu seiner Gemahlin zu machen, um, wie er sagte, der Moralität zu huldigen, und wenn Talleyrand die Grand nicht wollte, sie zu entfernen. Warum Talleyrand[348] das nicht thun konnte, möge ein anderer sagen, mich kümmert's nicht. Es war nicht aus Liebe, denn die Grand war über seine Liebeleien mit ihm zugleich ergraut, ein »respectables Stück Fleisch«, nun über die Funfzig, in einen »großen Adelsbrief« gewickelt zu werden bestimmt. Ich traf sie im Jahre 1805 auf dem Museum; sie war damals nur Madame Grand schlechtweg, »qui faisait les honneurs de la maison du Ministre«. – Les honneurs! Wie die Franzosen mit der Sprache umgehen! Mit großen blauen Junoaugen, die blitzten und doch nichts sagten, gerade wie falschen Steine, sah sie die Bilder der Ausstellung an, ohne sich darüber nur mit einer Miene zu äußern. Man hieß sie dumm; sie konnte es nicht sein, da sie bei Talleyrand lebte; unwissend war sie. Es wurde erzählt, sie habe geglaubt, Denon sei der leibhaftige Robinson, und habe ihn mitleidig gefragt, was denn aus seinem armen Freitag geworden sei? Denon leugnete die Thatsache, er konnte sie ja nicht eingestehen. Schön, weiß und roth, prächtig gewachsen, mit stolzem Anstand, geputzt wie eine Fürstin, hatte sie sich, was man gut conservirt heißt; wie eine Pfirsiche in Branntwein kam sie mir vor. Diese nun heirathete Talleyrand, und brütete Rache, die leicht zu üben, weil sich Napoleon sicher glaubte.
Die Zukunft schien gesichert, man glaubte allgemein, des Adlers Blitz würde die Wolken zertheilen, die schon drohender, schwärzer heraufzogen. Schon seit Napoleon's Erhebung zum Consul auf Lebenszeit waren seine Bewunderer, mit ihnen das Herz des Volks erhaltet; darauf haßte man ihn, und hielt ihn nur für ein nothwendiges Uebel, zuletzt nur noch für ein Uebel tout court. Durch seine Nachfolger trat sein Bild hellglänzend, alles Licht auf Einen Brennpunkt vereinigend, wie ein Stück von[349] Rembrandt hervor, weil jene so mächtige Schlagschatten um sich her warfen. Haß und Unwillen waren gesättigt, und schliefen nun über seinem Grabe fest, man sah was sein Sturz nach sich gezogen hatte – armes Frankreich!
Unser kleiner, lieber deutsche Kreis empfand wol zuweilen den schwülen Hauch des Samum, aber er drang nicht mit seiner vollen Gewalt in unsere grünende Oasis, besonders nicht in den Pilat'schen Familienkreis, in welchem die herzlichste Gastlichkeit blühte. War auch Elise von Pilat nicht poetisch, so war es doch ihre Escheinung; bei ihrer Schwester Luise von Mengershausen war es umgekehrt, sie war lieblich mit ihrem nicht hohen, zierlichen Wuchs, ihren sanften braunen klaren Augen; doch der Wetteifer von Lilien und Rosen aus Elisens Stirne, Wangen und vollem Purpurmund, ihre dunkelgoldenen Locken, ihre Nymphengestalt, ihr funkelnder Blick waren entzückend, ergreifend, voller Reiz; Elise besaß alle äußere, Luise alle innere Idealität, beide Schwestern hatten etwas wie einen Duft von reiner, sittiger Weiblichkeit um sich her. Die vollkommenste von beiden war Luise. Im Lenz ihrer Jahre mußten Gatte und Freundinnen an ihrem Grabe trauern; auch Elise starb jung.
Wohl beiden, sie starben, noch ehe die entsetzlichsten Stürme der Zeit sich erhoben.
Pilats hatten zwei Töchter, Emma und Maria, zu denen späterhin noch Söhne hinzukamen. In Deutschland wurde, nicht lange nach ihrer Ankunft, die ganze Familie katholisch, zuerst Elise, dann ihre Schwestern Auguste und Luise, und deren Gemahl H. von Klinkowström. Die Convertiten bildeten in Wien einen geschlossenen Kreis mit dem verdienstvollen, edeln Freund, H. von Buchholz,[350] mit Adam von Müller's Familie, Herrn und Frau von Dorr, Friedrich und Drothea von Schlegel, Fräulein Mihes aus Breslau, der ausgezeichneten Malerin, jetzt seit 1829 Nonne bei den Salesianerinnen, nachdem sie ihren Gatten, Professor Primisser, verloren. Früherhin traf man auch Werner dort.
Ferdinand Olivier und die Seinen waren Protestanten geblieben, in Wien nicht zu ihrem Vortheil, auch in München nicht – wiewol man in beiden Städten mit der Unterdrückung der Protestanten behutsam zu Werke ging; sie ging eigentlich nur negativ vor sich, trat nur in einigen Provinzen durchaus grell hervor. Den Römlingen und Finsterlingen in beiden Städten waren Protestanten und Juden (die sie zusammen zu nennen pflegten) minder verhaßt, als erleuchtete duldsame Katholiken. Diese letztern hinwiederum sind den Convertiten nicht gewogen; allein nicht ihre Zahl ist Legion! »Pauvre humanité!« ruft Frau von Staël.
Noch sind wir in Paris, noch ist's 1808, und ich muß zu Ferdinand von Olivier zurück, dem dieser Abschnitt gewidmet ist. Seine wahre Deutschheit machte mir ihn vorzüglich werth. Das geraubte Gemälde aus Danzig, »Das Jüngste Gericht«, damals van Eick zugeschrieben, war eben im Museum aufgestellt; die Oliviers führten mich hin; Ferdinand jubelte mit feuchten Augen, seine mühsam zerdrückten Thränen galten dem Raube an Deutschland, der Jubel dem Anblick des alten Meisterwerks. Heinrich, der ältere von beiden Brüdern, oft kränkelnd, wußte seine Empfindungen fest in sich zu verschließen. Auch starb er jung; expansive Naturen dauern länger, denn die Gewalt des Zurückdrängens nagt das Herz.
Am 16. Juni 1808 mußte ich nach Montmorency, denn es war in Paris und in den niedern Zimmern im[351] Zwischengeschoß im Palais Bourbon kein Bleiben möglich, meine Kinder verquimten dort. Auch ich litt unaussprechlich.
Trübe Misverständnisse im Innern der Familie beugten mich, drückten mich nieder; ich brachte meine Tage und oft die Nächte in Thränen zu, konnte nicht leben, konnte auch den Tod nicht herbeiwünschen, weil ich meine Kinder liebte.
Schreiben mußte ich, weil unsere Einnahme knapp war. Wenn ich mich an das Bureau setzte, und das weiße Blatt vor mir lag, fühlte ich mit Entsetzen meinen Kopf so leer, wie das Blatt, und keine Kraft in mir, als zum Weinen. Wollte ich die Kinder in das Freie führen, so hatten wir nichts als die steifen Tuilerien, und die staubbeladenen Champs-Elysées. Chézy war von seinem Studium des Indischen so hingenommen, daß er nun an nichts auf Erden mehr Antheil nahm, und allenfalls mit seinen Manuscripten in die thebaische Wüste gegangen wäre. Der schöne Frühling weckte in mir nur tieferes Weh. So fremd und einsam war ich in Paris, wv ich doch Mann und Kinder hatte! Diese waren noch klein; meine liebsten Freundinnen, Therese aus dem Winkel und Elise Leuchsenring, wohnten weit; Oliviers waren beschäftigt; um mich her Verstimmung und Kummer, außen Stickluft und Staub, und statt Vogelgesang das Klopfen der Wäsche auf den Waschbänken am Ufer und das Gebrüll der Hausirer. Wenn man leidet, sind äußere Widerwärtigkeiten am unerträglichsten. Ich fühlte mein Herz mit Füßen getreten, alle emporstrebende Jugendkräfte gelähmt, den vollen Blumenflor der Seele verwüstet, die Knospen geknickt; nun wurde ich es erst recht inne, wie ekelhaft und trostlos die Capitale du monde für ein deutsches Gemüth[352] ist! Ich sehnte mich in das Grüne, in das Freie; ich schloß die Augen und sah Gewässer und Wiesen, wie der Durstige in der Wüste durch eine Spiegelung getäuscht wird, die seinen verdorrten Lippen einen Bach vorlog.
Schon lange hatte ich mich nicht mehr entschließen können, bei meiner Schwiegermutter zu Tisch zu gehen, und aß mein bitteres Thränenbrot allein. »Paris bringt Sie und Ihre Kleinen um«, sagte Dr. Harbauer, »Sie müssen sich auf dem Lande erholen!«
Chézy ging mit mir nach Chaillot und Passy: schlechte übertheuere Wohnungen, abgestandene Lebensmittel, furchtbare Theuerung, kein Waldesduft, kein Blumenodem der Wiesen, und nur alle acht oder vierzehn Tage die Gewißheit Chézy zu sehen! Letzteres war es, was mich zumeist schmerzte – ach, es erbitterte mich zugleich; aber ich habe es auch seitdem noch immer schwer zu büßen gehabt, wenn ich mich erbittern ließ, wo ich liebte; Liebe soll duldsam bleiben! Ich wollte nun weit weg, und wählte Montmorency; dort war ich schon mit Präsident von Schewe und dessen würdiger Frau gewesen, dort waren Waldungen, Felder, Wiesen und muntere Quellen! Ich eilte nun hinunter. Von der Großmutter hatten die Kleinen, die sie gerne sah, Abschied genommen. Ich hatte sie, obwohl im Hause, seit einigen Monaten nicht gesehen; die Wohlwollenden unter den Familienmitgliedern tadelten mich: mein Wegbleiben sei weder recht, noch klug, stellten sie mir mit herzlicher Wärme vor. Sie hatten recht, doch jede Natur kann nur nach Maßgabe ihrer moralischen Kraft Ungerechtigkeiten tragen, ich hatte vergessen, daß uns unsere Leiden hienieden nur dienen sollen, diese Kraft zu steigern, zu härten, zu läutern, und uns eigentlich willkommen sein sollten. Mit nassen[353] Augen ging ich die Treppe hinunter, mit heftigem Herzklopfen an der Eingangsthür der Schwiegermutter vorbei – und ich hoffte doch noch auf Ausgleichung; nur zärtliche versöhnende Worte waren je für sie über meine Lippen, aus meiner Feder gekommen, ich kannte nicht die Schroffheit eines apostolisch-römischkatholischen Sinnes. Auch stand mir bei ihr noch viel anderes entgegen, sie wollte mich weiblicher; konnte ich das sein, ich, die wie ein Mann erzogen worden war?
Da saß ich nun im Reisewagen mit der treuen Marianne, mit meinen Kleinen. Der Weg ging an Gemüsegärten und Feldern vorüber, flach und öde bis St.-Denis. Von da an athmete man erst reine Luft; bald erquickte uns der Duft der blühenden Kornfelder, Wiesen und der Schatten der hohen Fruchtbäume auf der Kunststraße.
Man war nun erst recht sicher, daß man Paris weit hinter sich hatte. Je näher an Montmorency, je heiterer und reizender die Gegend, je duftreicher die Luft von den Waldhügeln her. Montmorency trug seit 1789 im Postzeichen den Namen Emile, J.J. Rousseau zum Andenken; übrigens hieß es immer Montmorency, denn es ist leichter einem Dinge die Seele zu nehmen, als den Namen, dafern es nämlich eine Seele hat.
Schon aus der Ferne sieht man das Schloß, wo Jean Jaques mit den köstlichen Speisen der herzoglichen Tafel so manchen Bissen, in Essig und Galle getaucht, hinunterwürgen mußte. Hoch thront es mit seinem schönen Park über Rebenhügeln; zu seinen Füßen, auf den Höhen und Abhängen ringsumher schöne Dörfer, einzelne Hütten und Landschlösser, von üppiger Fülle der Obstgärten umgeben. Dort reifen die kurzstieligen Kirschen, purpurn und vollwangig, die Montmorency-Kirschen[354] heißen; keinem Menschen fiel es ein, sie Emil-Kirschen zu nennen; ia, wenn der »Émile« so frisch und saftig, so nährend und labend wäre wie solche Kirschen, so wär's gegangen. Wann werden große Männer aufhören, ihren Genius zu meistern? Wie er geboren ist, soll der Gedanke an das Licht! Der »Émile«, die »Nouvelle Héloise« sind gekünstelt, Rousseau's Briefe sind mir weit lieber. Auch seine »Confessions«, die so gut wie die Thaten jener königlichen Familie bezeugen, daß auch ihr Verfasser vom Leben nichts gelernt und nichts vergessen hatte, sind bei überschwenglicher Ausplauderei gleichwol zu sorgsam ausgefeilt. Ein Körper in einer Schnürbrust ist nichts Natürliches mehr; Goethe schrieb der Karschin: »Mir ist alles lieb und werth was stark und treu aus dem Herzen kommt, mag's übrigens aussehen wie ein Igel oder ein Amor.«
Wir gelangten beim herrlichsten Wetter erst gegen Abend nach Montmorency. Wie köstlich mundete uns die perlende Milch mit Landbrot, wie erquickend war unser Schlummer bei offenen Fenstern, in der reinen Luft, wo uns zuweilen die Nachtigallen aufschmetterten. Unsere Wohnung bestand aus einem Saal und großen Schlafzimmer, das Haus lag hoch und frei in der herrlichsten Aussich. Der Morgen nach unserer Ankunft verging mit Auspacken und Anordnen, wobei flüchtige Blicke aus den Fenstern auf Wald und See mich erquickten. Uns allen war zu Muth, wie dem Vögelchen, das nun aus dem Bauer entschlüpft ist und die Brust in den Lüften badet. Unser bescheidenes Mahl war bald bereitet und genossen. Nachmittags nach 5 Uhr ging's durch eine kleine Gasse bergunter in das Feld, nach dem Kastanienwald, auf den Weg nach Jean Jaques' Einsiedelei. Die Sonne neigte sich schon, die Weinberge hauchten Düfte,[355] Heimchen schwirrten, Nachtigallen schlugen, über den Feldern schwebten wirbelnde Lerchen. Meine Kleinen jubelten vor Lust, und mich umfing mit einem mal ein Frieden, eine Seligkeit, als wenn ich nun am Ziel aller Leiden sei. Drei Tage vergingen so, überglücklich; am ersehnten Samstagabend eilten wir, die Kinder niedlich geputzt, mit den Händchen voller Rosen, Chézy entgegen; auch er, der arme, im endlosen Paris Eingekerkerte wurde fröhlich in der schönen Luft. Zu Hause zog Chézy seine Uhr hervor, und fragte: »Mienchen, was hast du denn mit der Uhr gemacht?« Unbefangen gab ich zur Antwort, daß ich zwar um halb zwölf nach der Uhr gesehen, allein sie nicht angerührt habe. »Sieh her«, rief Chézy, »der Zeiger stand auf punkt halb zwölf!« Die Kette war zersprungen, mich durchzuckte ein Ahnungsschauer. Auch meinem Manne wurde es sichtlich bedenklich dabei. Die Uhr, sein liebstes Andenken vom seligen Vater, war stets wie ein Heiligthum gehalten worden, und im besten Stand gewesen. Chézy dachte nicht daran, daß Geisterhand die Kette gesprengt, um mir zu bedeuten: Es ist aus, eine andere Phase deiner Schmerzen beginnt, unter diesem Dach wirst du nicht wieder schlummern, du bist nun heimatlos!
Wunder geschehen nicht mehr, sagt der Unglaube, der sich in seinem Dünkel brüstet. Welche Voraussetzung! Ist denn nicht die ganze Schöpfung Geheimniß und Wunder? Was weiß der Maulwurf vom Lichte? Was der Geschaffene, dem Tode Geborene, von der Ewigkeit? Wir haben das Wort, den Begriff nicht. Erst der Tod hat den Schlüssel des Jenseits, erst die erstarrte Hand hebt der Isis Schleier.
Recht friedlich und süß verging der Sommer, meine Kinder erholten sich, ich selbst genas von meinem schweren[356] Kummer. Chézy kam fast jeden Sonnabend; Montags früh begleitete ich ihn bis zu Barre, eine halbe Stunde von Montmorency, zurück. Ich hoffte damals noch, und wußte nicht, daß für mich schon alles verloren! Wie beseligt ging ich damals noch an Chézy's Seite durch die schönen Waldungen, die Kleinen vor uns her. Wir besuchten eine gute alte Gärtnerin, die Mutter Marie, und beuteten ihren herrlichen Obstgarten, überreich an Feigen, Melonen, Mandeln und Pfirsichen, aus. Sie liebkoste die Kinder, und gab mit Freuden alles billig her. Wir irrten durch die Kastanienwälder nach den umliegenden Ortschaften, fanden uns auch wol beim Tanz auf der schattigen Anhöhe ein, wo an den Sonntagnachmittagen getanzt wurde. Abends wurden die hohen Bäume durch Festons von farbigen Glaslampen verbunden, eine fröhliche harmlose Jugend aus Paris und der Umgegend belebte das ländliche Fest. Wir, die wir schon waren wie Rosen, deren Blätter nur noch zum Schein fest sind, während der erste Windstoß sie zerstieben kann, sahen mit wehmüthiger Lust dem fröhlichen Treiben zu. Mein Indianist schüttelte auf einigen Stunden die Last seiner Forschungen ab, und wendete sich während der Ferienzeit, die er meistens hier zubrachte, zu dem schon halb verlassenen Persischen zurück. Auf meinem Bücherbret lag für mich das Manuscript von »Lancelot du Lac«, mit Miniaturgemälden auf Goldgrund, mit Deckfarben, aus alter, fleißiger, poesiegetreuer Zeit. Daneben lag Firdusi's »Schahnameh«, aus welchem Chézy die Episode von Rusthem und Sorab ausschrieb, welcher er in Paris nach Vergleichung verschiedener Texte Varianten beigesellte, die beste Lesart daraus herstellend; doch er versäumte über sein Sanskrit, sie herauszugeben, und übersetzte sie blos mündlich in unsern Gesprächen. Es war[357] eine schöne Zeit, sie war mein letztes Glück; zwar kein ungetrübtes, doch lagen noch Breter über der Kluft, die fremde Hände zwischen uns gegraben hatten. Ich fühlte das Schwanken dieser unsichern Brücke, ahnte, daß sie morsch war, und war grenzenlos betrübt in solchen Stunden. Warum mußte ich so spät, und niemals ausreichend, Kraft zum Entsagen finden?
An einem milden Nachsommertag kam Ferdinand von Olivier mit Heinrich zu uns. Sein erstes Wort war: »Freuen Sie sich, ich habe die neue Ausgabe des «Faust» in der Tasche.« Nach Tische eilten wir nach dem See, Ferdinand trug uns die ganze Dichtung vor. Er hatte noch Montmorency nicht gesehen, und bewunderte die warmen violetten und goldenen Töne des westlichen Himmels und der Waldeshöhen, so nahe beim farblosen Horizont um Paris her. Und dennoch war Paris damals noch weit minder gräßlich, als seit die Höllengeister der Industrie es verpestet! Wenn der Westwind geht, kann man es vor den Dämpfen der Gasfabrik nicht im Tuileriengarten aushalten. Bei Chaillot steigen schwarze Dampfsäulen auf, die den Odem versetzen; das Gehölz von Boulogne ist größtentheils abgeschlagen, nicht minder die Waldung von Vincennes; aus dem köstlichen Garten von Tivoli ist eine ganze Anzahl von Gassen geworden, die nicht breit und nicht hell sind, nur ein Stück des anmuthigen Gartens ist geblieben; die Gärten bei den Häusern im Innern der Stadt sind meistens zu viereckigen Höfen, zu Gassen in den Gassen verbaut; ganze Vorstädte haben sich auf den Ebenen, die früherhin noch Luft nach den alten Vorstädten brachten, erhoben; die Reinigung der Gasröhren, die oft vorgenommen werden muß, vergiftet die Luft in den besuchtesten, volkreichsten Straßen; auch der schöne[358] Garten des Luxemburg leidet von Kohlendampf; der angenehme Baumgarten des Arsenals am Ufer der Seine ist nicht mehr, an seiner Stelle steht ein gewaltiges Gebäude; die schönen Boulevards neufs mit ihren herrlichen Alleen zwischen Gärten und Kornfeldern, wo man Luft schöpfen konnte, stehen jetzt zwischen unansehnlichen Häusern, und was der Verwüstungen noch mehr sein mögen. Unerfreuliche Zeichen der Zeit!
Schon im Herbst 1808 hatten wir in Montmorency eine Verwüstung zu bedauern; einen prächtigen Kastanienwald, den man Rousseau's Andenken zu Liebe »le Monument de Jean Jaques« nannte, weil er oft dort verweilte, kaufte ein H. Bodimant, ließ ihn weghauen, ausroden, in Ackerland umwandeln; er war reich, dieser Bodimant! Die Aussicht von dieser Anhöhe ist die entzückendste der ganzen Gegend. Die Bäume waren kräftig, nie hatte die Axt sie verletzt. Weich bemooste Felsstücke bildeten Sitze. Hier pflegte Jean Jaques mit den Landleuten zu plaudern, die ihn an dieser Stelle aufsuchten und ihm ihr Herz ausschütteten. Wer selbst leidet, weiß immer den besten Trost. Das Volk liebte den Platz, wie das Andenken des Herrlichen, der unter ihnen gewandelt als Freund, als Helfer, wo er konnte. Die Betrübniß war allgemein.
Die Eremitage bewohnte jener Zeit Meister Grétry, der erste volksthümliche Tondichter in Frankreich, der wahrhaft großartig melodiös war, während seine Vorgänger keinen Stil, wenngleich ein angenehmes Talent hatten. Grétry war bedacht gewesen, Rousseau's Möbeln und Schreibpult auf der alten Stelle zu erhalten. Der würdige Meister ruhte dort behaglich auf seinen goldenen Lorbern im Keise der Seinigen, und freute sich der vielen fremden Pilger und Pilgerinnen, die tagtäglich herbeiströmten,[359] nicht allein des großen Andenkens, auch des jetzigen Besitzers wegen. Grétry war ein heiterer, lebensfroher, frischwangiger Greis, den in jener minder polemischen und in ihren Anforderungen noch nicht überspannten Zeit sein errungener Antheil von Bewußtsein und Ruhm vollgenügend erfreute. Seine Umgebungen thaten es ihm hierin noch zuvor, besonders Madame Grétry. Als ihr ein Fremder das Verbindlichste von der Welt zu sagen vermeinte, indem er äußerte, »es müsse sie sehr freuen, daß der Wohnsitz eines so großen Mannes Grétry zu eigen geworden«, erwiderte sie höchst aufgebracht: »Wie können Sie Grétry mit einem Büchermacher vergleichen, der seine Kinder ins Findelhaus geschickt hat?« (Comment osez-vous comparer Mr. Grétry à un faiseur de livres, qui a envoyé ses enfants aux enfants trouvés?)
Die dicke Flamänderin war in diesem Moment Repräsentantin des größten Theils der civilisirten Bevölkerung Europas. In den Augen der Meisten ist der herrlichste unter uns, ein Büchermacher, und die Armuth eines großen Mannes eine Schmach, nicht etwa für sein Land, nein, für sein Andenken! Armer Rousseau! Du, die liebeglühendste Seele, der Kindheit innigster Freund, schicktest deine Kinder in das Findelhaus, aus bitterer Noth, und weil du glaubtest, leichter könnten sie dort Menschen werden, als unter dem Gesindel, mit welchem du dich unvorsichtig umgeben hattest! Noch selten ist der Genius den Schlingen listiger Gemeinheit entgangen. Das erste Geschäft der Genialität ist, mit dem Leben zu zerfallen, nachher mit sich selbst. Unwillkürlich auf die Welt hin verirrt, bleibt Irren ihr Wandel, bis sie Freund Hain findet, wo Wahrheit ihrer harrt, die sie vergebens gesucht, und der sie unbewußt stets aus dem Wege gegangen.[360]
In unserer Nachbarschaft wohnte Grétry's blinder, bleicher Neffe, André Grétry, in den Blattern erblindet, fein gebildet von Gestalt und Angesicht und edel von Gemüth. Vielleicht hätte der reiche Oheim mehr für ihn gethan, wenn seine Umgebungen dafür gewirkt hätten, denn er mochte ihn wol leiden. Karl von Dalberg (meine zwei Knaben in ihrer kindischen Sprache nannten ihn statt Großherzog den Großherz; hier kann das füglich stehen) trat an des großen Componisten Stelle: er überraschte den Neffen, den er bei ihm getroffen, dem sein Elend im Gesicht geschrieben stand, im Jahre 1810 mit einem Jahrgehalt von 100 Carolin. Das erste Quartal lag zur Vorsorge gleich dem Brevet bei, und es ist dies eine Methode zu geben, die ihr Gutes für den Empfänger hat. Im Jahre 1808 war dieser goldene Regen noch nicht herabgeströmt; die enge Wohnung des Blinden umfaßte damals seine Leihbibliothek, die kümmerlich ihre Anschaffungskosten mit wenigen Procenten belohnte; den Kamin, in welchem Sommer und Winter ein knappes, saftloses Mahl gekocht wurde; das eheliche Lager, und die Wiege seines kleinen, unbändigen, hübschen Buben. Das Weibchen war nicht schön, aber frisch, freundlich und fleißig. Die Armuth hatte hier ihren Sitz aufgeschlagen und es sich bequem gemacht, als wollte sie nirgend anders mehr hin. Man fühlte sie mit allen Sinnen.
Aber eines Nachmittags sollte der Oheim kommen. Da hätte man die Anstalten zu diesem Besuch sehen müssen! Das Estrich, mit Asche und Staub ganz bedeckt, bekam unter reichlichen Wasserströmen seine Ziegelröthe zurück; die Fensterscheiben, blind wie der gute André, wurden hell, die schöne grüne Landschaft konnte lustig hindurchschauen, doch sie standen nun offen; Waldblumen, Rosenzweige in Fülle wurden davor hingestellt; frische[361] Luft und Düfte verjagten den moderigen Geruch, der, unzertrennlich vom Wohnsitz des Elends, in eingekeilten Haushaltungen vorherrscht, aus allen schlimmsten Elementen des Daseins zusammengesetzt, wo jeder Qualm und Dunst steuerpflichtig ist.
Nun wurden noch die Betten frisch bezogen, Stühle, Tisch und Bücherbreter sauber gewaschen, und es kam Wein und Kuchen auf den Tisch. Der Oheim kam nun auch, mit seinen übrigen Umgebungen, und groß waren Lust und Dank, denn er trank ein Glas Wein und aß ein Stückchen Kuchen! Das ergriff die junge Frau Grétry mehr, als selbst der Kuß, den er ihrem blonden Buben auf die Wangen drückte. Es war ein angenehmer Nachmittag. Grétry sprach mit mir von der Musik, wie ein Held von der Schlacht: hatte er doch seiner Kunst frische Bahnen gebrochen und den Impuls zur romantischen ernsten Nationaloper gegeben! Der Dichter seines »Richard Löwenherz« wird althergebrachter, in Deutschland stets beliebter Gewohnheit gemäß nie genannt; ich weiß also nicht, wer zuerst unternahm, außerhalb der Mythologie, des Schäferspiels, Zauberprunks und der Posse, ergreifende Wirkungen zu suchen und sie glücklich fand. Wie populär der »Richard Löwenherz« wurde, wie ergreifend das Lied: »O Richard, ô mon Roi, l'univers t'abandonne« wissen wir alle; aber Ludwig XIV. fand keinen Blondel.
Unsere Zeit ist wie Ludwig XIV., von dem die Maintenon klagt, daß sie einen Mann erheitern müsse, der nicht mehr zu erheitern sei. Ich meine indeß nur das vergnügungssüchtige Publikum; der gediegene, wissenschaftlich gebildete Mensch, der wirkliche Künstler steht immer noch auf der Höhe der Gennssesfähigkeit und mit der Frischheit der empfänglichen Seele da, und Strenge[362] der Sitten mit einem edeln Streben gepaart, ist der Cherub, der alle irdischen Paradiese aufschließt. »Zemire und Azor« und ähnliche Opern sind Todes verblichen, »Richard Löwenherz« lebt, so auch »Cherubini's Wasserträger«. Was wachsen und gedeihen soll, muß Grund und Boden haben.
Auch Madame Benjamin Constant de Rebecque, des Fürsten Staatskanzlers Hardenberg's Nichte, brachte mit den andern Bekannten, Koreff, Klinkowström, Hartmann, Oliviers einen Sonntag bei Pilats in Montmorency zu. Sie machte uns kein Geheimniß daraus, daß sie heimlich mit Benjamin Constant verheirathet sei. Diesen Tag, späterhin noch manchen andern, mit ihr beisammen, wurde es mir klar, wie weibliche Feinheit stets überwinden muß, wo sie mit weiblicher Genialität in die Schranken tritt. Sie war weder jung noch schön, mehrmals verwitwet, weder eine großartige, noch eine reichbegabte Natur; Verstand, Annehmlichkeit der geselligen Formen, Takt, Gewandheit sicherte ihr den Sieg über die berühmteste aller Frauen, voll Gemüth, Feuer, Geist, Seele, Großmuth und Größe. Liebe ist eine Maiblume, die keine brennende Glut erträgt, sie erschließt sich nur bei milden Strahlen und ist der Umfriedung kühler Schatten hold. Was der Mann nicht immer neu ersehnen, dem Zweifel abringen, ahnen und hoffen muß, hat keinen Werth mehr für ihn; ein weiblicher Sinn kennt die Grenzen der weiblichen Gewalt, und wird sie nie überschreiten, sich aber doch stets auf dem äußersten Rande seines natürlichen Gebiets zu behaupten wissen.
Wir alle ritten an dem schönen Sommertage, den die interessante Frau in unserer Mitte verlebte, über die Waldeshöhe durch Andilly und St.-Rid nach der Ruine des alten Jagdschlosses mitten im herrlichsten Walde.[363] Selbst die Dawkes hat sie nicht abhauen lassen, aber den schönen Wald hat sie seiner Zierden beraubt, ihn, der eine Lieblingswallfahrt der Künstler war; denn nirgend um Paris her waren noch so herrliche Bäume zu finden. Unser Landschafter Ferdinand fühlte sich hier unbeschreiblich beseligt, und niemals fehlte ihm für seine Empfindungen eine geeignete, überraschende Bezeichnung, die mit wenigen Worten wohlthat und Mitgefühl weckte. Niemandem war Wortkram verhaßter, als ihm.
In Pilat's Hause fügte sich Olivier's Ernst der vorwaltenden Heiterkeit dieses belebten Kreises, ohne daß er deshalb seinen Grundton verloren. Er nahm Antheil, wie sich die Epheuranke durch einen bunten Kranz schlingt und sich ihm wohlgefällig einigt, seine heitern Farben noch erhebend. Es blühte in Pilat's Hause eine liebliche Rose, Luise von Mengershausen, Pilat's siebzehnjährige Schwägerin, so liebenswerth durch innern Liebreiz, heitere Unschuld, zarte Güte, wie durch das, was ihre äußere Erscheinung davon offenbarte, in Gestalt und Wesen. Baron Klinkowström empfing ihre Hand – doch dies holde Geschöpf war der Erde nur geliehen; sehr jung starb sie, sanft und freundlich, wie sie gelebt hatte.
Eine Begebenheit für uns Deutsche war die Verkündigung vom nahen Erscheinen des »Don Juan« auf dem italienischen Operntheater, mit den Recitativen, und des »Figaro« ebenfalls. Ferdinand Olivier vor allen konnte den Augenblick nicht erwarten. Im Jahre 1809 kamen beide an die Reihe. War es die schöne Jugendzeit, war es die Seltenheit solcher Kunstgenüsse in einem so eingerosteten Leben? Ich weiß es nicht, und glaube noch immer, daß es die musterhafte Ausführung war, die diesen Vorstellungen einen so überschwenglichen Reiz verlieh! Unvollständig wird der Genuß bei der[364] Oper bleiben, solange sie auf der deutschen Bühne nicht vollkommen wiederhergestellt wird, wie sie ihr unsterblicher Meister schuf. In Wien, wo der »Figaro« im Jahre 1824 italienisch, in München, wo einmal im Herbst 1832 der »Don Juan« italienisch aufgeführt wurde, hatte ich wieder denselben Genuß, und schwelgte in der unvergleichlichen Anmuth der Uebergänge im Humor und in der Charakteristik des Dialogs, der in der Musik so rasch, bezeichnend und befriedigend ist. Gleichfalls war die Freude der Verehrer Mozart's, groß an dem schönen Abend, wo König Ludwig Mozart's Witwe mit zartsinniger Huld zu der Aufführung des »Don Juan« eingeladen, der genau so wie zu Mozart's Zeit dargestellt wurde, wo das Stück noch seinen Schluß hat, der wohlthuend wirkt und wo unter anderm auch der Geist zuerst im Dunkel der Gewitternacht erscheint und auf diese Weise großartig wirkt, während die ganze Schlußdecoration, von unvergleichlichem Effect, einen würdigen Rahmen zum Gottesgericht und zur Geisterscene bildet. Warum, so könnte man fragen, geschah das nur dies eine mal?
Ich will meiner spätern Begegnung mit Ferdinand Olivier, wie seines fernern Geschicks gleich hier gedenken. Als ich ihn nach unserer Trennung in Paris nach vielen Jahren zuerst in Wien wiederfand, war sein liebenswürdiger Bruder Heinrich schon jenseits; auch seinen Vater hatte er zu betrauern. Diesen lernte ich im Jahre 1814 bei Graimbergs im freundlichen Karlsruhe kennen; ihn begleitete damals seine Tochter Fanny, eine der rosigsten Holdseligkeiten, die je unter Mädchen geblüht. Olivier, der Vater, durch sein geistvolles kräftiges Zusammenwirken mit seinen Freunden Salzmann und Basedow berühmt, war im Sommer 1814 im Auftrage der Frau[365] von Krüdener nach Heidelberg gekommen, Stift Neuburg zu kaufen. Er sollte jedoch über einen gewissen Preis nicht hinausgehen. Als er der Freundin vorstellte, man würde das Stift nicht dafür hergeben, sagte sie fast schmollend: »Ich habe Gott so gebeten, daß ich es haben muß, Gott kann es mir nicht abschlagen!« Olivier's Mühen waren vergebens. Ihn schmerzte der ganze Vorgang tief, wie denn überhaupt Verhältnisse, Meinungen und Richtungen der werthen seltenen Frau seine redlichsten und schmerzlichsten Besorgnisse weckten, welche die Zeit nur zu sehr gerechtfertigt hat.
Ferdinand Olivier, den zärtlichen Bruder und Sohn, fand ich von den Tröstungen seiner neuen Familie umgeben, und ihm zur Seite eine damals noch jugendlich blühende Gattin, die, englischer Abkunft, höchst niedlich die weichen Selbstlauter mit einem h härtete, gleichsam wie an einem zierlichen Ambos glühendes Metall, und die es nicht wußte, welch unwiderstehlichen Zauber fremdartiges Sprechen rosigen Lippen leiht. Diese Engländerin mit den glänzenden weichen blonden Locken, und der durchschimmernden Lilienhaut zart getuscht mit lieblichem Roth, und mit ihren Veilchenaugen, war die schöne Mutter zweier blühenden Söhne, davon einer, der Sohn Ferdinand's, damals noch auf dem Arm getragen wurde, und zweier wunderschönen Töchter, die älteste dazumal dreizehn Jahre. Musterhaft als Hausfrau und Mutter, edel und offen, wie man sich gern eine Britin denkt, war sie den Ihren wie den Freunden schätzbar und werth in seltenem Grade. Sie vielleicht, mit dem warmen innigen Hauche ihrer Neigung, hatte Ferdinand's Selbstvertrauen belebt und erkräftigt, denn ich fand ihn rüstig bei der Arbeit, und ich gedenke mit Lust seiner tiefsinnigen glutvollen Compositionen, wie seiner Gemälde nach der Natur.[366] Eins darunter, ein Juwel von Frische und Treue, stellte eine Partie aus der Umgegend von Baden bei Wien dar, nämlich die unvergleichlichen uralten Linden unweit des Doblhof'-schen Gartens, die eine Gruppe bilden, vor der ich oft in Begeisterung verweilte; der Wiesengrund, dessen schimmerndes Grün rosige Waldnelken, goldene Arnica und leuchtende blaue Enzianen schmücken, der klare lebensvolle Bach, und der ganze friedlichholde liebkosende Reiz der Gegend umher sind ein Idyll, das einen Olivier begeistern mußte; und so treu hat er es nachgedichtet, daß es die Seele des Beschauers mit seiner süßesten Bezauberung umfängt. Es ist sein heiterstes Bild, hervorgegangen aus dem freundlichsten Eindruck der saftigen, quillenden Fülle von Reiz und Frieden jener gesegneten Gegend.
Wehmuthvoll, obgleich süß wie der Nachtigall Lied in der Wehmuth, ist die Kartause bei Salzburg, eine der hinreißendsten Schöpfungen Olivier's.
Schwer weiß sich oft das heimtückische Glück an den Edelsten und Trefflichsten zu rächen, die an seinem Altar nicht opfern wollen. Ferdinand von Olivier huldigte nicht um ein Haar breit Fortuna's Launen. Er gehörte auch zu unbedingt seinem Genius an, um pünktlich bestellte Werke zu Zeit und Stunde abzuliefern. Sowie ein neuer, großer Gedanke in seiner Seele Funken schlug, gab er sich hin; auch bedurfte er mitunter der Rast, um Neues in sich selbst vorzubereiten: denn ein schöpferischer Geist kann kein dienstbarer Geist sein, höchstens nur dann, wenn Stimmung und Gegenstand in Einklang kommen, kann einer schaffen was er nicht blos will, auch soll.
Im Jahre 1830 fand ich Olivier in München wieder, im vielfach belebten Familienkreise, unter einem Dache mit dem berühmten Künstler Schnorr von Karolsfeld, Gatte[367] seiner ältern Stieftochter, wie zugleich mit seinem verdienstvollen Bruder Friedrich von Olivier, dessen innig gemüthvolle Compositionen das Gepräge seiner Seelenanmuth, seiner Herzensreinheit, und seines echt frommen Sinnes sind; sie erinnern nicht durch Reminiscenzen, sondern durch Innigkeit und keusche, reine Formen an Rafael.
Ferdinand von Olivier's Lage fand ich im Jahre 1830 in München nicht auf der Höhe seines Ruhmes. Er lebte nicht mehr lange, ihn mußte die innere Glut, diese unaufhaltsame Heimbeförderin der Erdenpilger, verzehren. Er wurde nicht lange und noch vor seinem Hinscheiden mit einem Amt bekleidet, dessen Verwaltung er nicht besonnen genug versah; dies stürzte ihn in einen Abgrund von Sorgen. Tadelnswerther als seine Vernachlässigungen war der Misgriff, daß man dem großen Meister solche Mühwaltungen aufbürdete. Das heißt mit einem Solitär Glasscheiben schneiden!
Seit Friedrich in Dresden kannte ich keinen gedankenreichern Landschafter als Ferdinand Olivier, der durch die Seele der Wehmuth, die in seinen Werken glüht, wenn auch auf anderm Wege, lebhaft an Ruysdael erinnert. Olivier's Trauer ist trostlos, die des herrlichen Friedrich ist feierlich, innig; Ruysdael weint wie süße, einsame Liebe. Friedrich Dahl, der sinnig heitere, stets jugendfrische, verdient neben diesen Meistern genannt zu werden; wegen des Gegensatzes zu Ruysdael möchte ich Claude Lorrain den ersten Liebeskuß nennen, Ruysdael die erste Liebeszähre. Sehen wir nun von den so durchaus entschiedenen Eigenthümlichkeiten dieser vier Meister ab, und wenden uns zu all den Landschaftern hin, die Herrliches, Ansprechendes, Erfreuliches geleistet, in großem Maßstabe, in unübertrefflich technischer Vollendung, und[368] zollen wir dieser Eigenschaft allen Dank, alle Verehrung, deren sie würdig: so haben wir doch mehr für die Angen, aber weniger für das Herz; der Sinnenzauber, jetzt das eifrigste Bestreben aller Kunst, läßt das Herz leer. Ueber dies Streben geht die schöpferische Seele des Künstlers verloren. Beides ist unvereinbar. »Wer Eine dieser Schwestern fand, begehre der andern Schwester nicht.«
Mit dem eben Gesagten will ich nur den Eindruck bezeichnen, den die Werke dieser Meister auf mich gemacht, ohne mir ein geltendes Urtheil über sie anzumaßen; überdies fehlt in dieser Zusammenstellung eine Name: Krause, den ich erst im Jahre 1842 in Baden kennen lernte, und der später in Italien lebte. Er hatte einige Jahre in Südamerika zugebracht, und dort die wunderherrlichsten Landschaften ausgenommen, prangend

In einem höhern Sonnenlichte,
In einer reicheren Natur.

Nach seinen Farbenskizzen malte nun der junge geniale Meister die Bilder in größerm Maßstabe in Deutschland aus: Felsen, Waldungen, Fluren, Ströme, Bäche, und dennoch alles neu, nie zuvor gesehen, in der tiefen milden Glut, im durchsichtigen Schimmer der Farbe, in der freien Ursprünglichkeit des Baumwuchses, den nie eine Art verkümmert, in der Harmonie der Musik, der Farbengebung, deren Treue zur Seele tönt, wie ein großes entzückendes Wort aus Freundesherzen. Nie inniger, nie lieblicher waren Ernst und Anmuth, Schönheit und Trauer in Kunstwerken verschmolzen, nie die Verhältnisse in verjüngtem Maßstab entsprechender der Größe des Gegenstandes in ihrer Wirkung, als sie beim Anblick dieser Gemälde empfunden wurden.
Ferdinand's edle Gattin, meine unvergeßliche Freundin, war ihm nur kurze Zeit vorausgegangen, nicht mehr[369] jung, allein viel zu früh für alle Liebe, die sie umgab, für alle Gegenstände ihrer Muttertreue, ihrer zärtlichen Mühen und Sorgen. Eine Menge lieblicher Enkelkinder umgab sie; schöne, verheißungsvolle Geschöpfe! Die Freuden einer Großmutter, die ich zwar in meiner eigenen Familie sehr mangelhaft genossen, sind noch höherer Natur, als die einer Mutter; beim Anblick holder Enkel ist's, wie wenn in einem schönen Nachsommer die Bäume wieder blühen und noch einmal Früchte tragen; ein neuer Frühling des Daseins beginnt, indeß das Herz, schon in den Friedensport eingelaufen, nichts mehr von Täuschungen weiß, und sich ganz der reinsten Freude hingeben kann. Doch ich kehre von dieser Abschweifung zu meinen pariser Erinnerungen wieder zurück.
Pilat hatte sich das Vergnügen gewährt, uns mit Gall zusammen zu Tische einzuladen und keinem von uns beiden zu sagen, wer der andere war. Ich hatte erfahren, daß Napoleon geäußert habe, er glaube nicht, daß sich die Natur so grober Merkzeichen bediene, um die innere Befähigung eines Menschen kund zu geben. Wie dem auch sei, so muß ich einige Aeußerungen Gall's über mich hierhersetzen, mit denen späterhin Dr. Milne Edwards bei Untersuchung meines Schädels durchaus übereinstimmte. Ich hatte meinen ältesten Sohn bei mir; Dr. Gall fand seinen Kopf weit über seine Jahre hinaus ausgebildet. Bei Wilhelm wie bei mir fand er die Poesie reichhaltig bezeichnet. Pilat sagte ihm zuletzt, wer ich sei; er freute sich sehr, und sprach nun noch offener als zuvor. Er meinte, ich liebe meine Kinder unendlich, allein ich sei nicht geeignet, mich mit ihnen zweckmäßig zu beschäftigen. Es fehle mir an Geduld für das Kleine, aus welchem doch im Grund die große Hauptsumme[370] hervorginge, deren das Mutterthum bedürfe, um vollgültig zu wirken. Gall war so einfach in seinem Bezeigen, als scharfsinnig in seinen Wahrnehmungen und klar in seinen Urtheilen. Sein Aeußeres zeugte von Ernst und Lebhaftigkeit; er blieb mir unvergeßlich.
Die angenehmsten Stunden brachte ich bei Henriette Mendelssohn zu. Oehlenschläger las uns dort die Uebersetzung seiner dänischen Dichtungen; er sprach mit Liebe und Glut von unsern herrlichsten Dichtern, die nun alle vorangegangen sind. Er selbst, der Ebenbürtige, stand ihnen mit heiterer Zuversicht gegenüber.
Aus Henrietten's Kreise wie aus ihrem Wesen war jede Anmaßung, jede Halbheit verbannt. Die belebendsten ihrer Gäste waren: Dr. Klinger, Brönsted, Koes, Varnhagen, Oersted, vor allen Oehlenschläger. Die Familie Pilat war nicht in diesem Kreise, denn Pilat konnte wegen seiner vielen und vielsagenden Geschäfte nur in seinem Hause Gesellschaft sehen. Koreff, Klinkowström bewegten sich in allen diesen Kreisen. Ich war unfähig, an allem theilzunelnnen und jemand bei mir zu sehen; doch ich vermißte nichts, wenn Chézy bei mir den Abend zubrachte.
Der Winter enteilte. Es war der erste und letzte meines Lebens in Paris, den ich gern zurückgehalten hätte; mir ahnte, daß ihm kein ähnlicher je folgen werde. Man lebte damals noch wenigstens in unserm Kreise in ziemlich ungetrübtem Lebensgenuß hin. Die Sphinx zeigte noch nicht ihre Tatzen. Die Gegenwart bot so reiche Genüsse, daß wir nichts anderes ersehnten, als was sie gab. Wir fühlten uns wie in einem blumenreichen Garten, voll Duft und Nachtigallenklängen.
Frau von Wolzogen fehlte uns empfindlich. Sie war die erste deutsche Schriftstellerin, die ihren Schwung weit[371] über den Standpunkt hinaus genommen, welchen man als den des Romans bezeichnete. Anmuthig, zart und tief wie die Graffigny, wie die Lafayette, keusch wie jede Frau schreiben soll, fest und rein in den Umrissen ihrer Gestalten, in der Färbung ernst und zart, bringt sie in ihrer »Agnes von Lilien« ein treues Bild der vornehmen Gesellschaft ihrer Zeit, ihres Kreises, ihres Innern.
Es gibt noch Menschen wie damals, aber der geistige Boden der Welt hat eine andere Schicht angesetzt. Vieles, was früherhin die Menschheit erregte, beseligte, erhob, liegt als Fossil unter dieser Schicht.
Frau von Wolzogen war die Schwägerin Schiller's, prangte als Blüte des Frühlings jener schönsten Tage Deutschlands, Weimars. Neben ihr erschloß sich der Geist der Amalie von Imhof, auf welchen alle die großen Geister jener Tage mit Liebe hinblickten. Sie schrieb »Die Schwestern von Lesbos«, dann ihr zweites großes Gedicht, »Die Schwestern von Corcyra«, späterhin ihre »Legenden«, die, rein von Frömmelei, die Lesewelt erfreuten. Sie stand neben Frau von Wolzogen, wie die eben aufgeblühte Rose neben der prachtvollen ausblühenden. Die Reinheit und Würde beider Dichterinnen beurkundete ihre Seelenverwandtschaft. Beider Schicksal war lange beneidenswerth und hatte viel Aehnlichkeit miteinander. Die Arlequinpritsche der verkleinernden Kleingeister war niemals, auch in der fernsten Ferne, gegen sie geschwungen worden, und würde es auch jetzt nicht werden, wo die Verleugnung und Anfeindung der meisten Männer ihr muthwilliges Wesen treiben, um Weiber zu bestrafen, daß sie denken können. Auch Mendelssohn's älteste Tochter, Dorothea Schlegel, versteckte sich unter den Adlersfittichen ihres Mannes, wenn sie schrieb. Unter ihren Aufsätzen stand ein D.; nur ihre Freunde kannten es[372] und waren werth, seine Bedeutung zu wissen; ihre Werke waren ein köstlicher Schmuck mit Blumen verwebt, mit welchen sie Friedrich's Standbild umwand.
Friedrich Schlegel hatte von mir verlangt, ich solle mir eine Chiffre wählen, nur Dichtungen, nie in Prosa schreiben. O, wie hatte er recht! Aber er hatte sich nicht über den eigentlichen Sinn seiner Meinung ausgedrückt, um sie verstehen zu können. Der Haufen der Kläffer, die gern einen weiblichen Namen anfallen, wagt sich am liebsten dahin, wo äußerer Schutz fehlt; wenn das auch nicht edel ist, so ist es doch bequem.
Die Franzosen sind dem weiblichen Genius wenigstens minder abhold als die Deutschen. Diese Eigenschaft beweist, daß ihre Bildung harmonischer ist als die unsers Volks, und daß sie größern Nationalstolz besitzen als unsere werthen Landsleute; denn der Franzose liebt alles, was den französischen Namen verherrlicht. Ich glaube nicht, daß jemals eine Juliette Récamier in Deutschland aufblühen werde, sowenig wie es in jetziger Zeit in Frankreich geschehen könnte; denn der Sinn für eine Größe, wie die ihrige, ist verschwunden, wenn er sich auch noch bei Einzelnen findet.
Der schöne Kreis, von welchem auch Fräulein Therese aus dem Winkel eine Zierde war, verlor diese durch ihre Abreise nach Deutschland. Viele andere seiner bedeutendsten Mitglieder verließen Paris. Ich und meine Kinder waren dort sehr unglücklich, wiewol wir einen Theil des Jahres in Montmorency zubrachten; denn es war doch Deutschland nicht, wohin ich mit allen Seelenkräften strebte. Unbestimmte düstere Ahnungen weissagten mir Unglück über Paris, vielleicht weil ich selbst unglücklich war. Es gelang mit großer Mühe, Chézy zu[373] bewegen, daß er mich fortließ. Mein Jammer bei diesem Scheiden kann nicht mit Worten bezeichnet werden. Ein einfaches Lied, welches ich damals dichtete, möge ihn hier bezeichnen. Es ist kein Lied, es ist Herzblut!

Muß ich trostlos einsam scheiden,
Liebesthal, mein stilles Glück!
Bleiben alle deine Freuden
Nun in deinem Schos zurück?

Dunkel ist der Pfad des Lebens,
Keinem Ziele wall' ich zu;
Alles Streben war vergebens,
Hin ist alles, selbst die Ruh'.

Lebet wohl, ihr Blumenwiesen,
Lebe wohl, geliebter Wald,
Wo die regen Bächlein fließen,
Nachtigallenlied erschallt.

Ach, ich werd' euch nur in Träumen,
Sel'ge Schatten wiedersehn;
Werd' ich hier in stillen Räumen
Nicht ein ruhig Grab erflehn?

Ueberall gibt's Wald und Auen,
Hütten froh und frei bewohnt,
Wo mit seligem Vertrauen
Süße Liebe Treue lohnt.

Mir nur blüht auf weiter Erde
Nirgends eine Heimat mehr;
Wo ich noch verweilen werde,
Bleibt mir alles wüst und leer.

Andre Hütten, andre Auen,
Mit dir geht mein traurig Herz;
Will ich in die Ferne schauen,
Such' ich doch nur meinen Schmerz.
[374]
Thränen send' ich zu deu Sternen,
Thränen sinken in die Flut,
Gram wird sich nur dann entfernen,
Wenn mein Herz gebrochen ruht.

Und ich hatte zwei liebe Kinder, voll von geistigen Anlagen! So undankbar ist der Mensch gegen Gottes Gaben. Ich konnte sie nicht zurücklassen, wiewol Chézy meinte, es wäre besser, daß ich es thäte. Aber ich hatte viel ernste Gründe, sie mit mir zu nehmen, und Chézy, der mich weinen sah, war nicht grausam. Er fühlte, welches einige meiner Gründe sein mochten, und ehrte sie. »Du liebst mich«, sagte er, wenn ich in Thränen hinströmen wollte, und ein Strahl der frühern Innigkeit glänzte in den seinen. »Mein Herz ist einzig auf der Welt«, sagte er und umschlang mich.
Einige Wochen darauf brachte er mich an den Reisewagen nach der Vorstadt St.-Antoine, wo schon Glinz, ein geistvoller, wackerer Künstler aus St.-Gallen, bereitstand, mich zu begleiten, wie ihn Chézy gebeten hatte, da er gerade nach der Schweiz ging. Mein Reiseziel war Heidelberg. Beim letzten Kuß sagte mir Chézy mit wehmuthvoller Stimme: »So geh denn mit Gott! Wir sind nicht geschaffen, uns fern zu bleiben, du wirst wiederkommen.« – »Sobald du mich verlangst«, war meine Antwort. Der Wagen rollte fort. Glinz ehrte meinen Schmerz und schwieg. Die Kinder waren wohlgemuth und freuten sich des Reisens; sie hatten ihren Vater nur selten gesehen, oft in vierzehn Tagen nicht. Wenn wir in Paris waren, besuchte er uns auch nur sehr selten, namentlich in der letzten Zeit. Sein Herz und Wesen war uns entfremdet worden. Das Studium des Sanskrit hatte einen größern Antheil an dieser unheilvollen Veränderung, als die verblendeten Menschen,[375] welche sie veranlaßt hatten. Chézy überbot Geistes- und Lebenskraft durch eine Arbeit, die er mit zu großem Selbstvertrauen übernommen hatte. Die herrliche Grammatik von Wilkins erschien drei Jahre zu spät für ihn. Sie gelangte zu ihm, als er schon im Stande war, viele Stellen darin zu verbessern, andere mit lichtvollen Anmerkungen zu begleiten. Wilkins hatte Freude darüber. Ein großer Gelehrter kennt nicht den Neid, nicht kleinliche Empfindlichkeit, und erfreut sich der Fortschritte des Mitbewerbers auf seiner eigenen Bahn.
Chézy hatte auf dem europäischen Continent keine Mitbewerber, als nachdem er sich selbst welche erzogen hatte. Er erntete den schwärzesten Undank von mehreren. Die, welche ihm Dank und Liebe zollten, habe ich im Laufe dieses Werks schon früher genannt; ich füge ihren Namen hier nur noch die von Samuel Munk und Fauriel hinzu. Einige der berühmtesten Indianisten, für die er ein Vater war, die ihm alles verdankten, wünschte ich jener glänzenden Reihe zuzählen zu können; doch ihnen genügte der Ruhm, in ihrem Fache zu glänzen, und sie rangen nicht nach dem Bewußtsein, ihres großen Meisters Herz zu erfreuen. Ja, es gab einige unter ihnen, die sich nicht entblödeten, ihm durch Ränke zu schaden, die Bestrebungen zu seinem Emporkommen zu vereiteln, und ihrem Neid und Haß noch über seinem Grabe hinaus Luft zu machen. Eins der Mitglieder dieser schwarzen Bande – der nicht Chézy's Schüler war, ein seinwollender Orientalist, der allerdings mehr Chinesisch konnte, als z.B. ich, und vor mehreren Jahren starb – wagte es, den edeln Todten, der noch kaum erkaltet war, öffentlich im »Moniteur« mit Schmähungen anzufallen. Er sagte unter anderm in seiner Diatribe, daß die göttliche Vorsehung von Zeit zu Zeit[376] Ersparnisse für Frankreich besorgte, indem sie z.B. Chézy, der wenig Nutzen mehr stiftete, bei Zeiten von der Erde genommen habe. Silvestre de Sacy trat in demselben Blatte zum Schutze seines verklärten Freundes Chézy auf, zwar nur in wenigen Zeilen; allein diese genügten, Herrn Julius Klaproth niederzudonnern. Er wirkte seitdem nur insgeheim gegen Chézy's Namen. Er hatte sich so mit manchen andern Functionen befaßt, daß er seine chinesischen Nachforschungen nur noch lau betrieb. Man fand ihn meistens in den Kreisen der Herren, welche man die Parias der Diplomatie heißen könnte. Dies waren sehr angenehme und geistvolle Männer, welche man hier und da antraf, ohne ihre eigentliche Beschäftigung zu errathen. Man konnte sie frequentiren, ohne von ihrem Gewerbe zu sein, allein nicht, ohne in den Verdacht zu kommen, daß man zu ihnen gehörte; denn viele wußten darum.[377]





Erste Abtheilung.










1. Meine Großmutter Anna Luise Karschin


2. Aus meiner Jugendzeit. - Meine Verheirathung


3. Mein Aufenthalt in Paris. - Zweite Verheirathung






I.
Mein Aufenthalt in Heidelberg, Aschaffenburg und Darmstadt.










»Gehen Sie nicht nach Heidelberg!« hatte der berühmte Arzt Koreff zu mir gesagt. »Heidelberg ist ein Zugnest und ein Klatschnest.« Diese Worte hatten gar keinen Eindruck auf mich gemacht, ich kannte diese Schattenseite in Koreff's Charakter. Wenn er übler Laune war, zog er auf alles los, was ihm unter die Hände kam. Ich ging nach Heidelberg. Ich hätte es nicht thun sollen, denn gerade ich paßte gar nicht dorthin. Ich war nach Jean Paul's Ausdruck in einem Briefe an mich nur aus einer großen Stadt in eine größere gezogen, nämlich von Berlin nach Paris. Nun war ich in eine recht kleine gekommen, die damals unbeschreiblich kleinstädtisch war, wiewol große Männer darin lebten und wirkten. Dennoch hatte einer der dortigen Professoren geäußert: Solchen Frauen, wie Amalie von Helvig, sollte man die Thore zusperren. Zu meiner großen Freude hatte ich diese dort angetroffen. Mehr noch that mir die Anwesenheit von Schiller's Witwe und Kindern wohl. Jene sagte unter anderm: in Heidelbergs Gegend könne ein wundes[3]  Herz genesen. Sie errieth diese Wunden und berührte sie leise wie Maienhauch. Wir wohnten in demselben Gasthof und sahen uns oft. Sulpice und Melchior Boisserée mit ihrem Freunde Bertram suchten mich am Morgen nach meiner Ankunft auf. Karoline Rudolphi hatte ich für Pflicht gehalten, noch denselben Abend zu besuchen. Ich fand sie kränkelnd. Ihre Reise nach der Schweiz war ihr Tod. Sie, die Sechzigerin, war mit einem zwanzigjährigen Herzen dort gewesen. Die übermenschlichen Anstrengungen beim Bergsteigen zerstörten sie. Sie kam leidend zurück. Doch es hat etwas Schönes, wenn der Mensch für etwas Schönes stirbt. Ihre blühende Erziehungsanstalt gedieh fort unter der Leitung der Hofräthin Dapping und deren damals erst aufblühenden Tochter.
Am Tage nach meiner Ankunft fiel mir beim Umhergehen mit meinen Kindern ein großes alterthümliches Gebäude auf, welches die Stadt wie eine Krone schmückte. Vermöge meiner lyrischen Unbefangenheit war mir von Heidelbergs Schloß noch nichts bekannt geworden. Wir waren oben, ohne zu wissen wie, wir stiegen von Entzückung zu Entzückung. Im Schloßhof bemerkten wir einen jungen Mann auf einem Malergerüst. Er bemerkte uns nicht, bis mein kleiner Max unvermuthet zu ihm hinaufstieg und ihm zurief: »Monsieur, qu'est-ce que tu fais là?« Der Künstler wendete sich um, durch die Laute in seiner Sprache froh überrascht. Ihn funkelten ein paar himmelblaue Augen an, die größer schienen als der ganze Knabe; die blühende Schönheit des Kindes war ganz durchschimmert von Geist und Anmuth. Der Fremde schloß es in seine Arme und küßte sich satt. Die Bekanntschaft wurde nun bald angeknüpft, der Fremde erfuhr von mir, ich von ihm, was wir bedurften, um sie[4]  fortzusetzen. Er war ein französischer Emigrant, Sohn eines Grafen und Gutsbesitzers aus der Champagne. Heidelbergs Reize hatten ihn hier gefesselt; er wollte von hier nicht scheiden, ohne sie in Bildern noch einmal geschaffen zu haben. Ueber dies Streben vergaß er die Schrecknisse der Revolution, die Trauer um den Königsstamm und die Zustände seines Heimatlandes. Heidelberg wurde ihm Heimat, Geliebte, Andachttempel, Paradies. Er konnte die Fülle seiner Schönheit nicht ertragen, ohne sie wieder auszuströmen, sie wollte ihm die Brust zersprengen. Durch den Zauber der Phantasie lebte ihm, blühte ihm in den prangendsten Farben alles, was er schwarz auf weiß dem Papiere gab. Jede seiner Zeichnungen war ein Daguerreotyp von Menschenhand, die Sonne konnte es nicht treuer und zierlicher ausarbeiten. Graf von Gramberg sowie die übrige Welt kannten damals die Lichtbilder nicht, aber wenn diese auch erfunden gewesen wären, glaube ich nicht, daß er der Sonne überlassen hätte, diese Bilder hervorzubringen, und er selbst hätte das gestalten wollen, was ihn so himmlisch entzückte.
Schloß und Garten zu Heidelberg waren damals reizender als jetzt. Ludwig Tieck behauptet, sie seien vor sechzig Jahren noch herrlicher gewesen, ehe Menschenhand daran gepfuscht. Gewaltige Baumgruppen, denen sich die Schärfe des Beils nie genaht, dicht und malerisch von Epheu umstrickt, breiteten ihren Schatten über den besonnten Rasen hin, den glühende Rosen schmückten, krönten die Häupter der Felsenhöhen und warfen ihren rosigen Blütenschnee über die schmalen Stege, die unregelmäßig und reizend durch die Wildniß des Waldes führten. Vereint mit dem Säuseln der Wipfel wogte der Neckar durch die Felsenzacken seines steinichten Bettes,[5]  auf denen einzelne Waldblumen prangten, die dem Andrang der Wellen trotzten, lächelnd wie eine schlaue geliebte Schönheit dem rauhen Sinne des Mannes entgegensteht. In diesen Räumen hemmten oft riesenhafte Bäume, umstrickender Epheu, bemooste Felsstücke des Wanderers Fuß, gleichsam um ihn mit sanftem Zwang zum Verweilen zu bewegen, weil diese Stelle so schön sei, weil hier die Quellen lieblicher rauschten, die Durchblicke nach der Gegend und nach dem Schlosse die Gegend anmuthiger umzauberten. Die Ruine war wie mit einem Netze von breitblätterigem Epheu überzogen, wie aus Epheu erbaut. Die beiden Kurfürsten blickten nur schüchtern aus der Epheurankenumgebung von ihren Nischen herunter.
Der Oberforstrath Gatterer, ein wackerer, vielthätiger Mann, jagte die Phantasie aus ihrem Heiligthume fort, ebnete die Pfade, ließ unzählige Bäume weghauen, zerstörte den ganzen Zauber, der hier gewaltet hatte und der unersetzlich ist. Weg war nun die Harmonie der Anschauung und des Eindrucks unter dem Flickwerk des Modernen auf dem alten Prachtgewande der frühern Tage. In meinen Gedichten steht ein ganzer Lobgesang auf Gatterer's That, weil ich es nicht besser verstand und weil auch zu jener Zeit, wo ich Heidelberg zuerst erblickte, manche seiner prächtigsten Reize noch ungestört waren. Der Schloßgarten war der botanische Garten, wo Schelver früh morgens um Uhr die Studenten hinführte und sie belehrte. Der Neckar hatte noch sein Felsenbett, diese Aeolsharfe von Wellen durchrauscht, dies Labyrinth, durch welches nur die kundigsten Schiffer ihre Nachen lenken konnten.
Vor vielen Jahren war es dem edeln Karl Friedrich vorgestellt worden, daß man den Neckar schiffbar machen[6]  müßte. Die Gründe waren alle sehr praktisch. Karl Friedrich willigte ein. Nun kamen aber die alten greisen Schiffer zum Markgrafen und stellten ihm vor, wie durch so viel Jahrhunderte hindurch die heidelberger Schiffer den Ruhm behauptet haben, den Reisenden und den Handelsmann gefahrlos durch die Klippen hindurch nach seinem Ziele zu führen und wie nun alle Schätze der Erfahrung, welche ihre Altvordern durch so manches Jahrhundert hindurch gesammelt und erprobt, weggeschleudert würden, wenn man die Felsen sprengte und den Neckar schiffbar machte. Karl Friedrich's Herz schlug für sein Volk. Er gab den Bittenden seine fürstliche Hand und verhieß Gewährung. Im Jahre 1811 fand ich den Neckar noch mit seinem Perlenscheine und seinen Hymnen, doch als ich manches Jahr später wieder nach Heidelberg kam, floß er flach und leise durch sein breites Bett, wie ein anderer Fluß oder wie ein Poet, der ein Zollbeamter geworden und keine Verse mehr macht. Auch die Felsen an seinem rechten Ufer waren ein großes Stück weit weggesprengt worden und auf dem gewonnenen Raume standen nun ärmliche Häuser, moderhaft feucht, wo die Armuth mit allen ihren Schrecknissen thronte. Auch Klein-Heidelberg auf der Höhe des ehemaligen Burgweges war zahlreicher als früherhin bewohnt von einem schmuzigen Volke, da es ehemals zwar ein Sitz der Armuth, aber nicht des scheußlichen Elends war. Aus dem Burggarten waren die schönen seltenen Pflanzen und Blüten, die Gatterer und Schelver dorthin verbreitet, weggerissen und statt der Felsenwölbung, in deren schattiger Nähe Sitze und Tische für Gäste standen, fand ich dort nun Restaurationen in unschönen Häusern, Tabagien und zweimal in der Woche eine greuliche Musik und ein gemischtes Publikum; statt[7]  des reizenden Wegs, der durch Kornfelder, Weinbau und Obstbäume nach dem Klingelthor führt und dessen liebliche Krümmungen in Anmuth prangten, geht es nun durch die schnurgerade Leopoldstraße nach der großen breiten Chaussée hin, die nach Manheim führt.
Noch ein Werk der Zerstörung war damals im Anbeginn, ich weiß nicht, wie weit es gediehen. Karl Theodor hatte nahe dem Ausgange der Plöckstraße eine große Pflanzung errichten lassen, in deren Umfang eine schöne Quelle, von Ruhebänken umgeben, sprudelte. Sie bestand aus den seltensten Bäumen entfernter Zonen, die mit ungeheuern Kosten hergebracht und sorglich gehegt worden waren. Hier fand der Lustwandelnde Schatten, Kühlung und Düfte, die Kinder der Vorstadt hatten hier ihren friedlich gefahrlosen Tummelplatz, denn Reiter und Wagen durften nicht hinein. Die Pfründner des nahen Spitals ergingen sich gern unter den riesigen Bäumen.
Ein junger Dichter, Friedrich Müller von der Werra, kam eines Tags schmerzerfüllt zu mir und klagte über Meuchelmord an Bäumen, las mir auch eine kleine Schrift darüber; diese hatte er an ein Journal geschickt, welches sie ruhig liegen ließ; ich weiß nicht, ob sie seitdem irgendwo aufgenommen und ob noch ein Baum von jenen Prachtexemplaren des Arboretum grünt. Die Sache verhielt sich folgendermaßen: diese Baumpflanzung oder vielmehr dieser Lustwald stand aus verschiedenen Gründen, die nicht hierher gehören, zwei Bürgern im Wege; man durfte sie nicht weghauen lassen, wollte aber die Vertiefung, in welcher die Anpflanzung wuchs, mit der Leopoldstraße und der Plöck nivelliren. Man erlangte die Erlaubniß, diese Ebnung durch Ausfüllung von Erde, Steinen und Schutt zu[8]  bewirken. Die Baumstämme wurden zu diesem Zweck umschüttet, viele derselben, die sehr tief in der Niederung standen, mußten es beinahe bis an den Wipfel werden. Man weiß, daß selbst die Wurzeln der Bäume einen leichten Boden bedürfen, sonst faulen und verdumpfen sie. Nach allen Voraussetzungen der Sachkundigen mußte die schöne kostbare Pflanzung früher oder später aussterben.
Ich halte nicht Blumen für schmerzenlos aus dem bloßen Grunde, weil sie nicht schreien können; es ist auch in mir manchmal der Zweifel aufgestiegen, ob sie nicht Augen haben sollten, denn was hätten sie begangen, um die schöne Natur um sie her nicht zu sehen? Die alten Völker hatten heilige Waldungen, heilige Bäume; den neuern ist weniges mehr heilig. Mir aber geht ein Schmerz durch die Seele, wenn ich Bäume verstümmeln sehe. Ich glaube mich auch nicht zu irren, wenn ich hier bemerke, daß es häufigere Erdbeben gibt und daß sich diese mehr über den ganzen Erdboden verbreiten, als vor der Ausrottung vieler Wälder, welche ehedem die Art verschonte.
Ich mußte eine Wohnung haben. Man wies mir eine im Burgweg bei der Kirchenräthin Ehrhard an und zwar im untern Stock, etwas dumpf und unbequem, dazu im Verhältniß sehr theuer. Als ich eintrat, sie zu besehen, traf ich zwei Herren, die sie eben verlassen wollten. Der eine, ein sehr junger Mann mit feinen Zügen, ausdrucksvollem Gesicht und funkelnden schwarzen Augen, der andere nicht mehr zu fern den dreißiger Jahren, nicht schön, aber mit sinnigem Blick und geistvollem Lächeln. Ein kleines aufgeschlagenes Buch zog meine Aufmerksamkeit an, es war betitelt: »Beatus und dreizehn Gedichte.« Ich fing sogleich an zu lesen, als[9]  wäre ich zu Hause und hätte nichts anderes zu thun. Als ich einige Seiten herunter hatte, fing ich meiner Gewohnheit nach an laut zu denken, fragte: »Wer muß dies Buch geschrieben haben? Es ist nicht Ludwig, nicht Novalis, nicht Jean Paul, doch es spielt in den Farben dieser Meister.« Ich wollte mehr sagen, aber der ältere der jungen Männer unterbrach mich, sagend: »Es ist von mir, ich heiße Karl Thorbecke.« Da er meine Verlegenheit bemerkte, setzte er rasch hinzu: »Hier mein Freund heißt Leopold von Gerlach.« Bei diesen Worten fühlte ich eine süße Glut sich über meine Wangen gießen. »Ein Verwandter Adelheid's von Bassewitz?« rief ich aus. »O Gott, wie geht es der herrlichen Frau?« Ich erfuhr in wenigen, doch bezeichnenden Worten, daß sie glücklich, Mutter von fünf schönen Kindern sei, rastlos im wohlthätigen Wirken, heldenmüthig wie ein Mann beim Leidensbett verwundeter Krieger, sanft und zart wie ein Weib, wo es Pflege und Hülfe gilt. Ich begriff damals noch wenig, was es auf sich habe, Verwundete zu pflegen, doch die Barmherzigkeit meiner geliebten Adelheid that mir wohl. Ich hatte sie in allem Glanz der Schönheit, des Geistes, der Anmuth gekannt; nun strahlte mir ihr Bild beleuchtet von oben herab. Ich dachte an die Bergpredigt im Evangelium. Ich erstaunte nicht ob dem, was ich von ihr hörte, denn stets hatte mir ihre äußere Lieblichkeit als Pfand ihrer Seelenschönheit gegolten.
Meine neue Wohnung bezog ich mit dem angenehmen Gefühl, daß befreundete Geister dort gehaust. Es kam mir vor, als sei ich nicht in der Fremde. Der schöne Herbst begünstigte Ausflüge. Die beiden Freunde pflegten mich zu begleiten. Noch hatte ich wenig Bekanntschaften gemacht. Kirchenrath Schwarz, Paulus,[10]  Schelver, die alten Freunde Boisserée und Bertram erheiterten zuweilen unsere stillen Abende. Meine preußischen Landsleute, Graf Paul von Haugwitz, Karl von Raumer, von Lamprecht u.a., alle geistvoll, ernst und wacker, suchten den Gram zu stillen, den ich nicht verhehlen konnte, wenn ich ihm gleich keine Worte gab. Meine freundliche Hausfrau hatte mich zuweilen in Thränen überrascht. Die Gäste erfuhren es von ihr, daß ich mich still und unaufhörlich härmte. Schwer war mein Schicksal. Blutarm war ich nach Deutschland gekommen. Ich war gewohnt, fleißig zu arbeiten, um durch den Ertrag die Haushaltung emporhalten zu helfen, denn Chézy bezog nur eine geringe Besoldung und seine Mutter war mit einem kleinen Vermögen, 1200 Francs Pension, Holz und freier Wohnung als Witwe geblieben. Seit 1798 war der Preis der Lebensmittel gestiegen, doch nicht die Einkünfte der Witwe. Ich mit monatlich 90 Gulden blieb dennoch getrosten Muthes, verließ mich auf Gott und meinen Fleiß. Mein Harm galt den Qualen eines ganz zertretenen Herzens. Nach und nach kam Trost von außen, doch der konnte mir nicht genügen. Ich habe auch mit Unrecht hier Trost genannt, was nur Zerstreuung war, was Wunden kühlte, aber nicht heilte. Lange Zeit hindurch beschäftigte mich wohlthuend das Studium der Gemäldesammlung der Boisserée'schen Galerie, ich lebte darin und wurde dort heimisch. Bertram ließ es sich sehr angelegen sein, mich in der altdeutschen und niederländischen Kunstgeschichte zu unterrichten und mir die Schönheiten der vorzüglichsten Gemälde dieser Sammlung einleuchtend zu machen. Meine Freunde Olivier hatten mir schon in Paris, als das berühmte Altarblatt von Danzig dort anlangte, tiefe und lichte Blicke in die Schönheiten der[11]  alterthümlichen Kunstwerke erschlossen. Nun war ich an der Quelle und im Brennpunkt dieser Schätze, die vor dem Aufblühen der berühmtesten Meister der italienischen Schule entstanden waren und in herrlicher Färbung prangten, als man noch mit Eiweiß malte.
Ich schrieb über die damals noch wenig bekannte Sammlung, schickte mein Manuscript an La Motte Fouqué für seine »Musen«. Diese fanden kein großes Publikum. An ein Honorar war nicht zu denken. Einladungen in Almanache oder Zeitschriften einzuschicken, gelangten mir nicht zu. Artikel über Paris waren nicht zu schreiben, da ich nicht mehr dort war. Ich hatte nichts als die Poesie. Meine Lieder blieben in meinem Schreibtische. So blieb mir nichts übrig, als mich sehr einzuschränken, denn meine ersten Einnahmen von meinem Jahrgehalt aus Paris gingen für nothwendige Anschaffungen von Winterkleidung und Holz darauf. Auch für Reisekosten hatte ich noch Nachzahlungen zu machen und ein zehntägiger Aufenthalt im Gasthof war hoch gekommen, obwol wir die Speisen fast unberührt hinunterschickten. An der Gasttafel hatte ich als junge einzelne Frau mit Kindern nicht sitzen wollen. Der Gedanke wäre mir unerträglich gewesen, auf Chézy zu lasten; er erfuhr nicht, wie es mir ging. Aber den jugendlichen Muth können Geldsorgen wol trüben, doch nicht niederbeugen. Ich war arm geboren, arm aufgezogen und werde arm sterben. Ich glaube, die göttliche Vorsehung läßt aus weisen Absichten die Armuth Begleiterin des Dichterlebens sein. Sie ist eine unbekannte Sonne, bei deren umwölktem, aber kräftigem Strahl Gemüth und Geist sich reicher entwickeln. Jeder Kampf befeuert die Seele. Der Tatar läßt seinem Sohne seine Mahlzeit von einem hohen Baume herunterschießen. So thut[12]  die Vorsehung mit dem Dichter und jeder Sieg über die Noth hat seine eigenthümliche Süßigkeit. Nur das Errungene erfreut eine thatkräftige Natur. Wenn ich sehe, daß ein Dichter, reich und vornehm geboren, herrliche Lieder singt, so denke ich mir jedesmal, wie so strahlender würde er noch sein, wenn er arm gewesen wäre. Viele der Mächtigen und Reichen auf Erden scheinen dieselbe Ansicht zu haben, denn wenige von ihnen helfen dem Dichter auf, wenn er darbt. Das Gold verhärtet die Gemüther, die Noth schärft die Thatkraft. Wäre unsere Zeit nicht die jammervollste und zugleich die üppigste, die es jemals gab, würden die Massen nicht aufgestachelt durch die Noth und zugleich durch die Begierde, Reichthümer zu erwerben, um mit zu genießen, wo der Reiche schwelgt, so würde der Mensch nicht so sinnreich sein, wie er's geworden ist. Es würde keine Dampfkraft, keine Eisenbahn geben, keine Electricität würde die Briefe beflügeln, keine Sphäre der menschlichen Wirksamkeit würde durch Mittel, die der Allmacht des Schöpfers abgelauscht scheinen, das scheinbar Unmögliche zur Wahrheit stempeln. Heinrich IV. steckte seinen Bauern Sonntags ein Huhn in den Topf. Seine Nachfolger nahmen die Eier dieser Hühner weg, sonst würden die Franzosen nicht geworden sein, was sie sind. Behaglichkeit ist eine Feindin des Geistes; doch ist auch die Noth eine Mutter der Verbrechen, besonders in unserer Zeit, und ich glaube, es dürfte die Stunde geschlagen haben, wo es Pflicht wäre, die hinsinkenden, darbenden Massen aus dem Schlamme des Elends herauszuziehen.
Im schönen badischen Lande war unter Karl Friedrich's musterhafter Regierung keine Volksnoth sichtbar. Wenn man am Sonntage lustwandelte oder über öffentliche Plätze der Städte ging, sah man die Landleute[13]  stattlich geschmückt mit heitern Blicken in friedlichen Gruppen stehen. Jetzt, seit 20 Jahren, ist der Plüsch, der Manchester, das Rehleder, der Schmuck echter goldener Tressen u.s.w. verschwunden. Man sieht unscheinbare Kittel, schlechte Hüte und trübe Mienen. Auch ist aus den Kleidungen beider Geschlechter jede Spur einer Volkstracht verschwunden. Warum? Geht auf das Land, in jeder Hütte wird man es euch sagen; geht in die Behausungen der Großen und Reichen und fragt, ob deutscher Kunstfleiß sie ausschmückt, obgleich die trefflichsten Producte in den Ausstellungen von London und Paris aus Deutschland gekommen und obgleich man in den Werkstätten aller Länder und in allen Gattungen von Arbeiten in großer Zahl Deutsche thätig findet. O guter, deutscher Mann, nie wirst du Hammer werden, ewig Ambos sein, und doch bist du so tapfer als brav und treu. In der Wahl der Beamten für Landgemeinden wäre es wünschenswerth, ja nothwendig, daß eine strenge Auswahl getroffen würde. Es ist öfters der Fall, daß die auswärtigen Beamten die Eingeborenen verderben. Ich könnte hiervon viel Beispiele anführen, viel Gründe dafür aufstellen, doch ein Wink ist genügend.
Kehren wir zum schönen Heidelberg zurück, das in jener Zeit in mancher Hinsicht noch im Werden war. Berühmte Professoren besetzten die Lehrstühle. Studirende aus allen Klassen füllten die Hörsäle. Der Professor Zachariä kam mit seiner liebenswürdigen Frau aus Norddeutschland und unternahm ganz still, aber kräftig ein löbliches Werk, bei dessen raschem Gelingen es sich von neuem bestätigte, daß die frische Jugend empfänglich für Lehre und Beispiel ist, wenn sie fühlt, daß beide aus Liebe hervorgehen. Die Jugend ist das Aufblühen und die Reife der Kindheit. Die Umwandlung der[14]  Blüte zur Frucht kann nicht vorsichtig genug überwacht werden. Ein kindisch gebliebener Jüngling ist ein lästiges, oft ein gefährliches Mitglied der Gesellschaft. Charakterlosigkeit und Uebermuth sind schädlicher als die Bosheit selbst. Der Jüngling, der aus den Gymnasien, oft aus dem Heimatsorte und dem älterlichen Hause auf den fremden Boden gelangt, wo er entweder die Bahn des Fleißes und der Sitte, oder die Zügellosigkeit einer unverstandenen Freiheit ergreift, ein anderer Hercules am Scheidewege, nur daß er keine herculische Kraft besitzt, kann nur allzu leicht zu Grunde gehen. Hofrath Zachariä war zweiter Vater für die jungen Studenten. Sein Haus stand ohne Ausnahme allen offen. Die Unwürdigen sonderten sich von selbst aus, die Bildungsfähigen und natürlich die Gebildeten blieben. Er zog sie nach und nach in die achtungswürdigsten und freundlichsten Familienkreise der Stadt. Er zog die Scheidewand weg, welche vor seiner Ankunft den Studenten vom Einwohner trennte und dem Ausgezeichnetsten im Wege stand wie dem Rohesten. Ehedem konnte kein achtbares Mädchen unbeschimpft über die Gasse gehen oder sich auf den Spaziergängen sehen lassen. Halstücher und Shawls wurden jungen Damen weggerissen, unanständige Reden und Scherze ihnen entgegengerufen, mitunter fiel auch wol der Gänsemarsch vor. Solche Unschicklichkeiten gingen allerdings nur vor, wenn rohe Studenten recht betrunken waren, aber das waren sie nicht selten. Die Gebildeten billigten dies Verfahren nicht und schlossen sich davon aus. Als ich nach Heidelberg kam, war schon die Ruhe auf Gassen und Spaziergängen wiederhergestellt. Ein großer Ruf war dem Professor Zachariä schon vor seiner Ankunft vorausgegangen. Er stand als Lehrer und Mensch auf bedeutender[15]  Höhe und die ersten unter den Professoren, die sich viele Jahre lang vergebens abgemüht hatten, dem Unfug zu steuern, fühlten neuen Muth durch das Herannahen eines solchen Bundesgenossen. Auch hatte Amalie von Helvig, die auf großartigem Fuße in Heidelberg lebte, und die Brüder Boisserée dahin gewirkt, die widerstrebenden Elemente zu versöhnen, indem sie ausgezeichnete Jünglinge in ihre Kreise zogen. Dies geschah indeß nur ausnahmsweise. Zachariä hingegen bestrebte sich nur für das Allgemeine und erreichte sein Ziel. Dieser Erfolg war in jeder Hinsicht ersprießlich für Heidelberg. Zwar gab es unter den damaligen Musensöhnen eine Fraction, die nicht aus Verderbtheit und Roheit, sondern aus falscher Scham oder gar aus Frauenhaß, aber keineswegs aus Widerwillen gegen Köchinnen dem alten Schlendrian fröhnten und echte Burschen bleiben wollten. Man sah sie selbst 50 oder 30, auch wohl 10 über die Chaussee hinwegrasen, hörte sie wol auch ein abgeschmacktes Bier- oder Weinlied brummen, aber sie fielen niemand mehr an. Es würde merkwürdig sein, ihre Namen gewußt zu haben, um zu erfahren, was die folgende Zeit aus ihnen gemacht hat.
Uebrigens hatte Heidelberg mehrere Jahre vor meiner Ankunft auch einen Glanzpunkt gehabt. Achim von Arnim, Brentano, auch mehrere sehr interessante Familien bildeten dort einen schönen poetischen Kreis; dieser zerstiebte in die Lüfte, weil seine Mitglieder sich nach verschiedenen Richtungen hin zerstreuten. Aber ein Duft der Poesie und zarter Geselligkeit blieb hier und da zurück, wie da wo Rosen gestanden.
Zu jener Zeit lebte auch die Familie Horstig, und das würdige Oberhaupt derselben, Consistorialrath und Erzieher des vortrefflichen Fürsten Georg von Bückeburg,[16]  wohnte in Heidelberg. Horstig hatte von seiner Laufbahn früh scheiden müssen, weil eine Hirnzerrüttung ihn im frühen Mannesalter unfähig machte, darin zu beharren. Rastlose Geistesanstrengungen und ein zu weiches Herz mochten schuld an seinem Zustand sein, der, Dank sei es seiner vortrefflichen Gattin, bei ihrer sinnreichen Pflege nicht lange dauerte. Heldenmüthig widerstand sie der Roheit und dem Unverstand derjenigen, die ihn durch allerhand scharfe Mittel heilen wollten. Im Sinne des Wortes heilte ihn die edle Frau durch Liebe. Durch die Erfahrungen meines Lebens bin ich in Stand gesetzt worden, zu behaupten und zu beweisen, daß schöne Liebe allein die Gewalt hat, Geisteskrankheiten zu heilen. Dr. Pienitz in Pirna, dem viele Curen dieser Art gelungen sind, nahm mit Erfolg den Magnetismus zu Hülfe. Nicht alle Kranken, für welche seine Hülfe gesucht wurde, hatten Gattinnen, Mutter, Schwester, heldenmüthig und liebevoll wie eine Horstig, und nicht alle Irrenanstalten besitzen einen Pienitz, noch Krankenwärter wie derjenige war, den ihm die göttliche Vorsehung zum Beistand erkoren. Er hieß, wenn ich mich recht erinnere, Schilling. Sein Eifer war der eines rettenden Engels. Er sann Tag und Nacht über die Art und Weise, seine Pfleglinge zu behandeln. Er nahm sich ihren Zustand so zu Herzen, daß er nach mehrern Jahren sich in Gefahr befand, selbst zu erkranken und um Urlaub bitten mußte, sich zu erholen. Ich glaube, er hat seine segenbringenden Functionen wieder aufnehmen können.
Consistorialrath Horstig, vollkommen genesen, Vater einer zahlreichen Nachkommenschaft, in den Zeitblättern thätig, fand sich in seiner Lage sehr beengt, wiewol ihm sein Zögling, Fürst Georg von Bückeburg, einen Gnadengehalt[17]  von hundert Karolinen ausgesetzt hatte. Fürst Emich Leiningen, einer der geistvollsten Söhne des Throns, die jemals gewaltet, lernte Horstig kennen und schätzen. Er ließ ihn zu sich rufen und äußerte, wie tief es ihn schmerze, nicht in der Lage zu sein, ihm ein Los zu bereiten, welches seinem Verdienste entspräche. Es sei ihm jedoch ein Mittel eingefallen, ihm eine sorglosere Zukunft zu bereiten. Er habe sich aus wichtigen Gründen entschlossen, mehrere seiner Domänen zu verkaufen; unter diesen sei eine in der Nachbarschaft seiner Residenz, Amorbach, ganz geeignet, Horstig und seiner Familie einen reizenden Aufenthalt zu gewähren. Bei der Versteigerung der Domänen möchte sich Horstig zum Fürsten begeben und auf diese Besitzung bis zu 2000 Fl. bieten, für diese wolle sie ihm der Fürst überlassen. Er würde sie ihm so gern verehren, allein das stünde nicht in seiner Gewalt; Schloß Mildenburg, welches Götz von Berlichingen mit der eisernen Faust einmal besessen, das in der Schönheit seiner Lage wenige seinesgleichen hat, hieß diese Besitzung. Der Kaufpreis war nicht der fünfte Theil seines Werthes und des Fürsten Antrag edel. Allein wo sollte Horstig, der trotz seines angestrengten Fleißes vermögenslos war, auf einmal in kurzer Zeit 2000 Fl. hernehmen? Er wendete sich, aber vergebens an alle, deren Vertrauen er zu besitzen glaubte, aber man kannte ihn vermögenslos und er war kein Charlatan. Auch mußte die Sache insgeheim betrieben werden.
Der Tag der Versteigerung rückte heran. Horstig war trostlos. Alle, an die er sich gewendet hatte, mochten das Schloß Mildenburg für ein spanisches Luftschloß halten. Es war noch eine Nacht zwischen der Versteigerung,[18]  als Horstig trauernd in einer dunkeln Kammer seiner ärmlichen Wohnung einen schweren Brief mit dem Postzeichen »Bückeburg« erhielt. Er öffnete ihn ahnungslos, mit zerschlagenem Herzen. Sein junger Zögling hatte ihn ungefähr in folgenden Ausdrücken geschrieben: »Mein verehrter, sehr geliebter Freund! Der beiliegende Wechsel von 2000 Fl. trifft hoffentlich noch zu rechter Zeit ein, um einen gerechten Wunsch zu erfüllen. Die Veranlassung zu dieser Sendung gab folgender Brief Ihres Sohnes Georg, meines Pathen, an seinen kleinen Freund, den Ihnen wohlbekannten ›Schusterbuben‹, den mir Georg als Beilage zu einem Briefe an mich zur Bestellung zusandte. Ich sende Ihnen beide Stücke.« Der Brief von Georg an den Fürsten, den ich gleichfalls aus dem Gedächtnis herschreibe, lautete ungefähr folgendermaßen:

»Herr Fürst, mein lieber Pathe! Du mußt uns geschwind 2000 Fl. schicken, denn mein Vater braucht sie nothwendig. Er will ein schönes Schloß kaufen, welches wol 10,000 Fl. werth ist. Es ist das Schloß Mildenburg, welches die aufrührerischen Bauern damals niedergebrannt haben, und wo der gute Reitersknecht Georg, den der Götz so lieb hatte, umkam. Ich habe keine Zeit, es dir zu beschreiben, aber es ist sehr schön, und der Brief muß auf der Stelle auf die Post. Lebe wohl, mein geliebter Pathe. Schicke uns geschwind die 2000 Fl., und bestelle mir auch den Brief hier an meinen guten Freund, den Schusterbuben, mit welchem ich immer auf dem Schloßplatze spielte.
Ich verbleibe Dein Georg Horstig.«

Gleich nach Empfang dieses Briefes reiste Horstig die Nacht hindurch zu Fürst Leiningen und erstand die Domäne[19]  Mildenburg. Sie war noch bewohnbar. Ein schöner römischer Thurm, in welchem das Burgverließ befindlich, stand im Hof. Er ist hoffentlich nicht abgetragen. Ein Jude wollte ihn um 500 Fl. kaufen. Horstig ging in den Kauf nicht ein. Das hat mich immer von ihm gefreut. Ich erfuhr diese anmuthige Geschichte in Heidelberg. Man sagte mir auch noch, daß Fürst Georg von Bückeburg die Interessen der 2000 Fl. seines Darlehns von Horstig's Pension abzog. Ich habe Grund zu glauben, daß er sie ihm späterhin ganz geschenkt. Ich werde auf die Beschreibung dieses reizenden Sitzes und der Lebensweise seiner Bewohner zurückkommen.
Graf Paul von Haugwitz wurde mir einer der liebsten unserer preußischen Landsleute. Sein Ernst, seine Geradheit, sein Geist, seine Herzensgüte bildeten ein harmonisches Ganze, das mein Gefühl für ihn erweckte, in welchem sich Bewunderung und Liebe vereinigten. Oefters als jetzt sah man in jenen Tagen Jünglinge, die es sich zur Ehre machten, die Tugend zu ehren und zu lieben, denen Heuchelei so fern lag als Unsitte. Es ist jetzt anders! Viele schämen sich ihrer guten Regungen. Den Frauen ist das große Werk der Wiederkehr der Männer und Jünglinge zu allem Guten vorbehalten. Die Aufgabe ihres Lebens ist schwieriger und belohnender als je.
Mir war in jenen umwölkten Tagen die Poesie, was dem einsamen Wanderer auf Waldeswegen das Säuseln der Wipfel, das Seufzen der Nachtigall! Selten ist eine Gegend so wie die von Heidelberg geeignet, den innern Menschen harmonisch zu beleben, die Schlacken der Erde von ihm zu scheiden! In seinem ganzen Umfang genoß ich auf den Höhen der Waldungen, im Schos der Thale,[20]  welcher die Blumen vor dem Hauch des Nordwinds schirmte, dies unnennbare Glück. Meine Kinder empfanden es mit mir, ohne andere Anregung als die ihres eigenen Gemüths. Nicht ohne Schauder lauschte ich abends den gewaltigen Klängen, die der Nordwind auf den Wipfeln des Odenwaldes wie auf einer Aeolsharfe sang. Es schien mir die ewige Klage der Geister der Liebe über das Weh der Menschheit! Die Sterne funkelten drein wie Augen, in denen Thränen stehen! In den Pausen des Sturms wurden die Lieder der tausendstimmigen Neckarwellen vernehmbar, die nun schon solange schweigen. Von der entzückenden Höhe des Wegs zum Wolfsbrunnen war der Wellenklang großartiger und milder zugleich. Diese Worte sollen nur die geistigen Reize Heidelbergs unverkümmert, wie sie damals waren, bezeichnen. Es hat seit der Zeit viel Veränderungen erlitten. Wer es aber früher nicht kannte, wird nichts vermissen. Wer nicht auf dem Wolfsbrunnen das ländliche Häuschen besucht, an dessen Wand ein breiter Herd von Rasenstücken luftig loderte, ein Kessel brodelte, stets bereit die Forellen aufzunehmen, die noch ahnungslos im Bache tanzten, – wer dann mit dem Fischermädchen an den Weiher ging, und sich aus dem Netz, das sich in einer Minute füllte, die schönsten Fische aussuchte, sie dann am ländlichen Tisch unter riesigen Bäumen genoß, der kann sich freilich nicht mit Behagen in die jetzige Bewirthung finden! Doch sind es meist nur die Söhne und Enkel der ehemaligen Besucher des Wolfsbrunnens, die man hier antrifft, und tiefer hin im Walde walten noch die frühern Zauber der Gegend. Leopold von Gerlach und Thorbecke klagten mir noch, daß die Verwaltung eine herrliche weitumschattende Linde, das Lieblingsziel des unsterblichen Opitz auf seinen einsamen Wanderungen,[21]  ausrotten lassen. Sie stand, wenn ich nicht irre, unweit vom Wolfsbrunnen. »Ach der Mensch vertilgt so gern, zumal wenn er seinem dunkeln Leben durch nichts anderes Bedeutung zu geben weiß!« Nichtige Menschen vertilgen und zerstören, ein Surrogat fürs Schaffen! Ein Künstler hätte die Linde gemalt. Ein Beamter läßt sie niederhauen! Gott, wie entzückend waren unsere Gänge nach dem Wolfsbrunnen! Josephine Satorius, eine ganz idyllische Natur, und die liebenswürdige Baronin von Vambold, geb. von Gaugreben, zwei wahre Nachtigallen, begleiteten uns zuweilen mit Gesang. Auch meine Lieder tönten durch dies anmuthige Gefilde. Ein junger Componist aus Danzig, Namens Berger, hatte manches Lied Amalie von Helvig's, manches von mir, mit seelenvollen Tönen begabt. Ich meine immer: »Ein Lied ohne Musik sei ein Körper ohne Seele!« Es wäre vielleicht richtiger gesagt: »Eine Seele ohne Körper!« Doch ich vergesse, daß Felix Mendelssohn sogut wie die Nachtigall Lieder ohne Worte gedichtet.
Frau von Helvig führte uns oft in einen der vielen Gärten, die damals um Heidelbergs Fuß her grünten, zu einer dicken Milch, theils nach Schlierbach, theils nach Neuenheim. Wir waren meist 30–40 Personen, von denen ich einige nennen muß, sowol als Erinnerungslabe, als weil einige der Geschichte angehören: das Dreiblatt, beide Boisserée und Bertram, der Orientalist Professor Wilkie mit seiner Gattin, Tochter des großen Künstlers Tischbein, der Kirchenrath Daub, Hofrath Creuzer, Professor Negele, Schwiegersohn des hochberühmten Arztes May, und selbst ausgezeichneter Arzt, die Brüder Joseph und Eberhard von Groote, der Verfasser des Werks: »Faust's Versöhnung mit dem Leben«;[22]  der Componist Jakob Berger, die wunderschöne junge Witwe Bolongaro Crevenna mit ihren Freundinnen, die verwitwete Frau Thirry, die Amerikanerin Frau Heuser, die Witwe des berühmten Arztes Hofrath Dr. Seckel, die Hofräthin Dapping mit ihrer liebenswürdigen Tochter unauslöschlichen Andenkens, der früher erwähnte Hofrath Zachariä und seine Gattin. Diese waren mir die liebenswerthesten aus diesem Kreise, der sich in der Folge der Zeit noch vergrößerte. Von den später Hinzugekommenen, die ihn nur wenige Tage verschönten, muß ich vor allen Friedrich Schlosser, einen Verwandten Goethe's, dessen Gattin, geb. Dufay, und deren Reisegefährten, den Freiherrn Guaita, das Madonnenbild an seiner Seite, Melina Baronin von Guaita, die jüngste Schwester Bettina's von Arnim, geb. Brentano, nennen. Diese edle Frau hatte ich schon in Paris als ein noch vierzehnjähriges Wesen kennen lernen, deren aufblühende Schönheit mich unaussprechlich rührte. Ich fand sie bei der Frau André, der Gattin eines vortrefflichen deutschen Mannes, der in jener Zeit des Mistrauens und Argwohns bei Napoleon verdächtig geworden war, und lange den Tempelthurm bewohnen mußte. Die junge Brentano besuchte ihre Freundin André, um sie aufzuheitern und zu trösten. Ich fand die Familie André in Offenbach wieder.
Die Kreise der Frau von Helvig waren heiter bewegt, anmuthig belebt. Sie las gern meine neuen Gedichte vor, und erhob sie durch ihren schönen Vortrag, so auch ihre eigenen. Ich lernte dort viel. Eines Abends las ich meine Schrift über »Boisserée's Gemäldesammlung«; diesen Abend war Welcker mit seiner Gattin zugegen. Mir ahnte nicht, wo und wie ich ihn späterhin wieder antreffen würde. Die Zeit schien so glatt und so still wie eine stehende Flut, die tief in ihrem Schos[23]  Strudel und Klippen verbirgt, indeß die ruhige Oberfläche den Himmel spiegelt. Die holde Schwester der Frau von Helvig, Luise von Cloch, war eine der anmuthigsten Zierden, sie war die Lieblichkeit, die lieblich vergeistigt, Auge und Herz erfreut. Auch ihr Wesen war ein Lied ohne Worte. Ihr Blick, ihr Lächeln sagten von ihrem tiefen und richtigen Gefühl für Natur und Poesie. Die unvergeßliche Markgräfin von Baden erfreute jenen Sommer Heidelberg mit ihrem Besuch. In ihrer Begleitung war Prinz Gustav, ihr damals dreizehnjähriger Enkel, Sohn ihrer Tochter, der Königin Friederike von Schweden. Mir wurde gesagt, daß er, der Throngeborene, sorgfältig für das Privatleben erzogen würde. Unter der Begleitung der Frau Markgräfin befand sich auch Frau Amalie von Helvig, zwiefach berechtigt als Weimaranerin und Gattin des hochverdienten schwedischen Generals von Helvig, dessen Abstammung als Sohn eines Tischlers ich hier erwähne, weil es allemal rühmlicher ist ein Dynast als der Abkömmling eines Dynasten zu sein, wenn nicht eigenes Verdienst den edeln Namen begleitet. General von Helvig war ehrwürdig durch seine Kenntnisse und Leistungen, nicht minder durch seine schöne Treue für das schwedische Königshaus, und durch seine Standhaftigkeit in den Prüfungen, die er deshalb bestanden.
Ich hatte Frau von Helvig nie so schön gesehen als an jenem Abend, wo die schmerzverklärten Blicke ihrer großen blauen Augen entzückender als jemals strahlten. Dem sterblichen Auge war die Lorberkrone um ihr edles Haupt her unsichtbar, aber das Seelenauge empfand ihn und fühlte warm ihre Thränen darauf beben. Ihre Gesichtszüge waren antik, sie glich der verstorbenen Henriette Herz, an deren Sterbelager Friedrich Wilhelm IV. sinnend[24]  weilte, deren Bild nach Graff vor einer Biographie von ihr so wenig ihr Selbst zurückspiegelt als jene Schrift ihren Geist und ihr Leben. O nähme doch niemand, der eine edle Dahingeschiedene preist, die Backen voll, die Aeolsharfe ist keine Posaune!
Zu den Erwartungen, die damals Heidelberg bewegten, gehörte die von Goethe's Besuch bei Boisserée. Auch der General von Helvig sollte kommen, doch er wurde gefangen genommen, und seine Gemahlin eilte nach Mainz, um Gerechtigkeit für ihn zu erwirken. Bange Ahnungen bewegten die Gemüther ihrer Freunde; sie waren nicht grundlos, denn die edle Frau hatte schwere Kämpfe zu bestehen. Sie kehrte zurück ihrem Gemahl zur Seite, doch mit schwankender Gesundheit und gebeugtem Gemüth.
Zu jener Zeit hatte mich Freund Horstig zu dringend bestürmt, ihn auf seiner Mildenburg zu besuchen, daß ich beschloß, dorthin zu gehen. Ich glaubte schon in 14 Tagen zurück zu sein, es kam alles anders, wie so oft im Leben. Ein leichter Hauch weht unsere Kartenhäuser um!
Ich bewilligte den Bitten Schlosser's und Guaita's einen dreitägigen Aufenthalt in Frankfurt a M. Georg Brentano lud mich sogleich zum Abend nach meiner Ankunft in seinen Garten ein, wo ich Guaita und Schlosser antraf. Am Vormittag hatte mich Friedrich Schlosser in den Dom, auf den Römer und in die Bibliothek geführt. Am andern Tage wurde die Umgebung durchrollt, vom Blühen der Sommerpracht, vom Reifen der Früchte hoch geschmückt. Die ganze Gegend heiter und zierdevoll, wie eine blühende Jungfrau! Heidelbergs Lächeln unter Thränen schneidet ins Herz, wie das eines[25]  Mädchens, die um den Geliebten trauert! Mir ist ein Ruisdael lieber als ein Claude Lorrain.
Am Abend des dritten Tags hörte ich den »Don Juan«, doch viel vernehmlicher noch das Klappern mit den Logenthüren. Die frankfurter Freunde empfahlen mir über Aschaffenburg zu gehen, wo Karl von Dalberg weilte, die Gemäldegalerie merkwürdige Stücke besaß und die Bibliothek viel Schönes aufzeigte. Friedrich Schlosser gab mir ein Briefchen an Professor Windischmann. Der Freihof wurde mir zum Absteigen empfohlen. Ich war dort sehr zufrieden. Noch neigte sich der Tag nicht als ich ankam. Die Gegend war schon damals sehr anmuthig, vielleicht hat sie noch gewonnen. Sie scheint ein Garten im großen Maßstab zu sein.
Ich eilte zu Windischmann. Von einer Menge schöner Kinder umgeben, an der Seite seiner Gattin und Schwägerin, empfing er mich mit herziger Höflichkeit, und lud mich zugleich zum Nachtessen ein. Meine Kinder tummelten sich mit den seinigen herum. Die älteste Tochter, schon die rechte Hand der jungen Mutter, machte sich viel um mich zu schaffen. Zum Nachtessen fand sich ein junger Gelehrter, Namens Merkel, ein. Ich sollte am Morgen mit Professor Merkel und Windischmann die Bibliothek sehen. Zum Nachmittag hatte mich der Fürst Primas beschieden, um mir die Gemäldegalerie zu zeigen. Der Abend sollte wieder Windischmann gehören. Ich gab mich ganz der Lust hin, »jung zu sein und schon einen Namen wie eine duftende Rose an der Brust zu tragen!« Berauschend drangen die neuen Eindrücke aller Gegenstände auf mich ein und umhüllten mir die Vergangenheit mit einem wohlthätigen Schleier. Der Morgen auf der Bibliothek entschwand auf Flügeln.
Professor Windischmann, dem ich so manches zu danken[26]  habe, machte mich auch mit einem Werke von Cornelius bekannt und verschaffte mir das Glück, die erste zu sein, die einige liebevolle Worte über den großen Meister zum Druck beförderte. Windischmann zeigte mir die Originalzeichnungen zum »Faust« von Cornelius, der sie ihm mitgetheilt hatte. Meine Ueberraschung war unaussprechlich: seit ich Rafael kannte, hatte ich nichts so Entzückendes gesehen. Diese Glut, welche die Seele durchdringt und fortreißt und dabei von der süßesten Anmuth beseelt ist, diese Klarheit der Darstellung, diese Reinheit der Form, diese Innigkeit des Gefühls, diese Natürlichkeit und Unmittelbarkeit: kurz alles was Rafael zum Rafael mach, macht auch Cornelius zum Cornenelius. Wer hätte sich vorstellen können, daß man Goethe's »Faust« jemals im Bilde wieder lesen könnte! Ich weiß nicht, was ich 1811 darüber schrieb, ich erinnere mich nur, daß meine Worte gefielen, den jungen Meister selbst erfreut haben.
Einen schönen Abend bereitete mir Antoinette von Dalberg durch die Bekanntschaft mit der Fürstin Dalberg, einer Tochter des Dogen von Venedig, der schönen, geistvollen Pelina, die etwas leidend und in wehmuthvoller Stimmung mit ihrem Gemahl, dem Fürsten Dalberg, der eine Würde in Paris bekleidete, eine Reise nach Deutschland gemacht hatte und Karl von Dalberg besuchte. Sie trauerte noch um ein jüngst verlorenes Söhnchen. Der Schmerz über seinen Verlust hatte sich bei ihr gewaltsam erneuert, weil sie bei der Taufe des Königs von Rom das Becken getragen hatte, und beim Anblick des schönen, lieben Kindes Napoleon an ihr kürzlich verblichenes Kind im Grabe dachte. Auch ich hatte erst kürzlich einen dritten Sohn verloren! Der unverkennbare Schmerz der hohen jungen Mutter ergriff[27]  mich gewaltig, und ich hatte große Mühe Fassung zu gewinnen. Denn ich hatte die Fürstin erheitern wollen, und das war in solcher Stimmung schwer; dennoch gelang es mir. Ich las sehr schöne Sachen von Chézy vor; auch in seinen Schriften aus persischen Dichtungen übersetzt athmet Schmerz.
Im ersten Saal der Galerie, wo ich sogleich eingeführt wurde, meine Kleinen an der Hand, erfreute mich der Anblick großer Gemälde von Hans Holbein und Albrecht Dürer. Eine bleiche, gespenstische Matrone vom jüngern Holbein in Lebensgröße, war lange der Gegenstand meiner Betrachtung, eine majestätische Gestalt mit edeln Zügen, wie reich mußte ihr Lenz geprangt haben! Welche Thränen hatten diese Wangen gefurcht, die einst die schönste Rose beschämten? Doch Geist und Liebe hatten das Leid besiegt und Anmuth blühte noch auf den Purpurlippen. »Es ist eigen, daß der Jugend der Anblick des Alters immer fabelhaft erscheint; sei es in der Abbildung, sei es in der Wahrheit!« Der Weg dahin dünkt unermeßlich lang, als könne er nie zurückgelegt werden!
Der Mauritius von Dürer, eine Heldengestalt mit Feueraugen und sanft geschwollenen Lippen, ist in einem großartigen Stil mit ruhigen, weichen Farbentönen dargestellt. Sein St.-Erasmus flößte mir Entsetzen ein. Erfreulich war das Bild des Kurfürsten von Brandenburg und manche andere Zierde des schön beleuchteten Saals. Von Martin Schön, diesem sinnigen, tief gefühlvollen Meister, hatte ich selbst bei Boisserée nichts gesehen; hier traf ich vier Gemälde von ihm auf blauem Grund dicht mit goldenen Sternen besäet. Der Fürst trat ein, ein hoher Greis, aus dessen Augen Geist und Güte blickten, wehmüthig fast, doch zugleich[28]  von Freimüthigkeit und Milde zeugend. Er führte mich im Schloß umher und schien sich meiner Freude über die Kunstwerke zu freuen. Ein lieblicher kleiner Rafael zog mich am meisten an; ich äußerte den Wunsch, ihn mir in Wasserfarben zu copiren. Der Großherzog zog einen Schlüssel aus seiner Tasche, den er mir lächelnd reichte. »Ich muß bald verreisen«, sagte er, »hier können sie nun zu jeder Stunde hinein.« Ich dankte, gerührt von seiner Huld. Napoleon's wohlgetroffenes Bild in einer Sonnenglorie blickte mich von einem Porzellantisch an. Ich liebte damals den Kaiser nicht. Herr von Dalberg seufzte, als ich ihm dies zu bemerken gab. »Nun«, sagte er, »wir müssen sehen, wohin er uns führt! Jetzt müssen Sie auch meine Wohnung in Augenschein nehmen!« fügte er hinzu. Er führte mich in sein Arbeitszimmer. Dort saß eifrig beschäftigt sein geheimer Cabinetssecretär Urbanus Müller, der mich und die Kleinen mit wohlwollenden Blicken empfing. »Hier ist meine Seele und meine Hand!« rief der Fürst. »Ich bin kein Heinrich IV.! Doch ich habe einen Freund wie Sully. Ich arbeite 10 Stunden des Tags«, fuhr er fort. – »Und warum so lange?« fragte ich ihn. – »Weil mir ein französischer Nachfolger bestimmt ist, Prinz Eugen von Leuchtenberg! Er wird mein Land auf französischen Fuß setzen, da muß ich alle Verhältnisse und Einrichtungen recht feststellen, das Los meiner Beamten sichern, sonst könnten die Guten, Getreuen und Befähigten weggeschickt werden und andere an ihre Stelle kommen! Wenn Eugen die Maschine schon im Gang findet, wird er meine Einrichtungen beibehalten.« Ich ahnte, daß Karl von Dalberg's Arbeit eine vergebliche sei, doch ich schwieg und beschränkte mich ihn herzlich zu bitten, sich für sein Land und seine Freunde zu schonen! Indem wir eifrig sprachen,[29]  entwand mein Max die Brille seinen Händen. Lächelnd sagte der gütige Fürst: »Warte, Kleiner, dies Pfand muß ich auslösen!« Er griff nach einer Pappschachtel, die offen auf dem Schreibtisch stand, und reichte sie dem Kinde dar. Max griff aufs Gerathewohl hinein, und zog ein paar mit Perlen besetzte Armbänder heraus, die er mir sogleich überreichte, indem er mich herzlich küßte. Dann entließ uns der Fürst. Und vom Geheimrath Müller geleitet, stiegen wir in den Wagen, der uns zu Windischmann's Wohnung brachte. Wir fanden dort den Professor Merkel. Ich mußte einige Dichtungen hersagen, und die Freudenwogen des Tags wallten hoch auf, bis uns die Ruhe umfing. Wenige Tage darauf ließ mich der Fürst zum Abendessen einladen und stellte mir seine Gäste vor. Von allen Anwesenden beschädigte sich Karl von Dalberg's alter Freund, der Minister Freiherr Röden von Stade, am eifrigsten mit mir. Dies war ein vielgeprüfter, edler Mann, voll Geist und Glut! Bei den Aeußerungen seines Wohlwollens ging mir das Herz auf. »Sie finden den Fürst Primas huldreich, liebenswürdig gegen seine Gäste!« äußerte die Frau von Röden gegen mich. »O hätten Sie ihn in Regensburg gekannt, als er dort Coadjutor war, so heiter und herzig habe ich niemand mehr gekannt! Jetzt fühlt man, welch ein Druck auf seinem Herzen lastet! Nur die Fülle seiner Güte, nur das Bedürfniß, alles, was ihn umgibt, zu erfreuen und seinen Lieben seine Qualen zu verbergen, macht ihn noch so heiter scheinen, bis er's endlich wird und bleibt, bis er allein ist. Da fallen ihn die Nattern des Undanks mit ihren Bissen an, denn er hat beinahe soviel Undankbare gemacht als Glückliche. Da nagen sein Herz die Sorgen um sein Land, um Deutschlands Zukunft« –. »Wir sind alle Seiltänzer!« rief er[30]  einmal aus und schüttelte sich vor Schmerz. Vor seiner Abreise führte mich noch der Fürst Primas zu Friedrich und Antoinette, seinen Geschwistern. Herzergreifend war der Anblick dieser zarten, gebrechlichen Gestalten, aus deren Blicken die innigste Geschwisterliebe leuchtete, und die in zwei Gestalten nur ein Wesen schienen.
Fritz von Dalberg war im hohen Grade musikalisch; die Musik offenbarte die Kraft und Zartheit seines Gemüths. Die Schwägerin des Fürst Primas, aus dem Geschlecht der Greifenklau, war wacker und liebenswürdig. Als einige der geistvollsten Frauen dieses Hofkreises galten: die Gräfin von Waldpott-Bassenheim, die Freifrau von Vambold-Umstatt, geb. Gräfin von Stadion, und die Baronin von Virth. Von den Geistesarmen schweige ich wie billig. Bald hätte ich vergessen der geistvollen, liebenswürdigen Henriette von Raden zu erwähnen. Sie vertrauerte ihre schöne Jugend um ihren Bräutigam, Wilhelm von Seckendorf, den der Tod ihr entrissen, als Poesie und Liebe ihn mit duftenden Kränzen schmückten. Unter den Hofcavalieren war Graf Waldpott von Bassenheim der unterhaltendste, er funkelte von Geist, Witz und Laune. Seine junge Gemahlin hatte die schönsten Schultern am Hof. Drei Domherren, von welchen Graf von Hatzfeld der geistvollste war, bleiben noch zu erwähnen. Als sie Napoleon vorgestellt wurden, maß er sie mit einem seltsamen Blicke, lächelte ironisch, sagte: »Voilà donc le chapitre de Mayence!« und drehte sich weg.
So hatte mich denn das Schicksal gleichsam an das Sterbelager der Aristokratie geführt; denn man lese nur den Gothaischen Taschenkalender, so wird man sehen, daß sie nur noch ein Scheinleben hat. Sie ist ein Zahn, von dem der Nerv weggebrannt ist, wenn er auch noch[31]  wie eine Perle glänzt! Meine Nachbarinnen in Aschaffenburg erzählten mir oft von den alten Zeiten und vom kurfürstlichen Hofe in Mainz. Er war ein würdiges Seitenstück des Regenten Philipp von Orleans. Das Laster hatte damals die Maske weggeworfen, es bindet sie nun wieder vor!
Graf von Benzel-Sternau, mit seiner liebenswerthen Gemahlin und seinem hoffnungsvollen Knaben, kam nach Aschaffenburg, um dort zu leben. Man kennt seine Schrift: »Das goldene Vließ.« Ich war unvermögend sie zu lesen, weil ich sie nicht verstand. Doch sein Gespräch war sehr anziehend und lehrreich für mich. Die Gräfin war eine Erscheinung von seltenem Werth, lieblich und harmonisch gebildet. Graf Benzel-Sternau besaß unter anderm ein kostbares Gemälde von Leonardo da Vinci, auf dem sieben Gestalten sichtbar waren und das die junge Herodias mit dem Haupte St.-Johannes des Täufers darstellte. Ich möchte es das herrlichste Bild des unsterblichen Meisters nennen.
Einen hohen Genuß gewährte mir die reichhaltige Gemäldegalerie des Freiherrn von Gruben. Einer der geistreichsten und gefühlvollsten Männer jener Zeit! Er hatte einen Rafael, der unter dem Namen der Madonna von der Eiche bekannt ist. Denselben Gegenstand hatte ich im Louvre, doch anders behandelt, angetroffen. Das Bild in der Gruben'schen Galerie, gleichfalls in Lebensgröße, war unendlich schöner, inniger und großartiger behandelt, prangender und wärmer in der Farbe. Sowie mir Gruben die Flügelthüren öffnen ließ, die es verbargen, rief ich auf einmal aus: »Himmel, ein Rafael!« – »Ein Rafael?« fragte Gruben. Ich versetzte: »Ja, ein Rafael! Und er muß ihn nicht lange vor seinem Tode gemalt haben.« Gruben schüttelte den Kopf[32]  wie Einer, der eben einen Schatz findet und zweifelt, ob die Juwelen echt sind. »Ach, wenn es ein Rafael wäre!« seufzte er, »wie glücklich würde ich sein. Doch ich wage nicht es zu glauben.« Mehrere Monate darauf, als ich in Mildenburg war, empfing ich einen Brief vom Baron Gruben, den ich sehr sorgfältig aufgehoben, aber in meinem jetzigen Zustande nicht herausfinden kann. Er meldete mir, daß er das Gemälde wegen besserer Bewahrung aus der Kiste habe heben lassen, und da habe er auf der Kehrseite eine italienische Inschrift gefunden, welche besagte, daß Rafael dies Gemälde für den Kardinal Bembo gemalt. Die Jahreszahl war die von Rafael's Tode. So hatte ich denn ganz richtig gesehen. Als ich 1831 in München die Galerie wieder zu sehen wünschte, fand ich den Freiherrn von Gruben nicht mehr am Leben. Sein Sohn gab mir auf meine Frage nach dem göttlichen Meisterwerk zur Antwort, daß er es mir nicht zeigen könnte; wollte mir aber nichts Näheres sagen. Auch hatte ich niemand von unsern gemeinschaftlichen Bekannten bei Grubens angetroffen.
Die Freundschaft des Großherzogs bewährte sich mehr und mehr. Er verstand mich ganz und widerstand hämischen Einflüsterungen und den Umtrieben seines Hofmarschalls, der mich nicht leiden konnte. Ich meinestheils habe seitdem oft bereut, daß ich mich an diesem Hofe mitunter taktlos betrug. Ich machte ein Spottgedicht, welches, wie man glaubte, sich auf den Oberhofmeister bezöge, und erbitterte ihn und seinen Anhang dadurch. Bei diesem befanden sich zwei junge Damen, davon die eine ihm unverkennbare Zeichen des Wohlwollens gegeben hatte, welches ein öffentliches Geheimniß war. Diese Damen waren gegen mich aufgebracht, weil ich bei Tafel, wo sie meine Freunde, die Familie[33]  Horstig, verspotteten, entrüstet ausrief: »Es ist zu bedauern, wenn würdige Menschen in ihrer Unbefangenheit solche Blößen geben, daß Personen, die nicht werth sind, ihnen die Schuhriemen aufzulösen, über sie herfallen können!« Die Wirkung dieses Ausdrucks erräth sich leicht. Ich hätte es gemäßigter sagen können und würde meinen Zweck besser erreicht haben, allein ich war noch nie bei Hofe gewesen. Der Hofmarschall suchte nun jeden ersinnlichen Anlaß zu erhaschen, um seine zärtliche Freundin zu rächen. Früher hatte ich keine Klage über ihn gehabt. Die Schwestern, welche ich nicht näher bezeichnen will, waren mit einer edeln Freundin des Großherzogs nahe verwandt; er suchte standhaft ihnen fern zu bleiben und kannte sie zu gut, als daß sie mir bei ihm hätten schaden können. Doch übten sie Einfluß auf den Troß der Höflinge, der dem Hofmarschall unterthäniger war als dem Gebieter.
Einmal bei Tafel, wo der Hofmarschall neben mir saß und bemerkte, daß ich Wachteln für junge Hühner ansah, rief er dies wie eine Neuigkeit dem Großherzog zu, der mir gegenübersaß. Die Miene des Großherzogs bezeigte die Misbilligung dieser Unschicklichkeit, und einer der Hofcavaliere rief dem Hofmarschall zu: »Wer kann es der Frau von Chézy verdenken, wenn sie ein Thier für das andere ansieht!« Diese Worte erregten ein Lachen, weil allen mein Gedicht, das alle kannten, dabei einfiel. Selbst Karl von Dalberg lächelte Um mich selbst dafür zu strafen, daß ich es gemacht, will ich es hersetzen, soweit ich es noch im Gedächtniß habe.

Die Nachtigall; eine Fabel nach dem Persischen.

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An einem schönen Frühlingstag
In Wonne die Schöpfung versunken lag.[34] 
Der Himmel ließ von lichten Aun
Die schönste Zier der Blumen thaun.
Und Duft und Klang, Gesang und Lust
Erfüllten selig jede Brust.
Der Esel nur stand fühllos da,
Schrie frisch drauf los sein y aia.
Denn ob die ganze Schöpfung blüht,
Der Esel nur die Krippe sieht,
Und ob die Flur voll Rosen steht,
Der Esel nur nach Disteln geht.

Hier verläßt mich mein Gedächtniß. Meine Gedichtsammlung ist mir abhanden gekommen. Das Gedicht sagte am Schluß:

Die Biene nicht nur Honig saugt,
Versucht auch, daß ihr Stachel taugt.

Und ich hatte es aus keiner andern Ursache drucken lassen, als um zu zeigen, daß es im Grunde harmlos war, und keine Persönlichkeiten enthielt. Karl von Dalberg nahm es nicht übel. Er sprach nie mit mir davon, doch ich hatte erfahren, daß er Bedauern darüber geäußert habe.
Als Napoleon mit Marie Luise nach Aschaffenburg kam, trug mir der Großherzog auf, ein Lied zu dichten, welches als Prolog im Theater gesprochen werden sollte. Es lag auch ein Prachtexemplar auf der Brüstung der kaiserlichen Loge. Doch Napoleon hielt sich nur einige Stunden beim Großherzog auf. Er war vormittags angekommen, hatte ein Bad genommen, einige Kirchen besehen, gefrühstückt und war weiter gereist. In den Kirchen hatte er Freude darüber bezeugt, daß sie mit Sitzen angefüllt waren, und gefragt, ob denn in Deutschland keine Stühle für die Gemeinde von den Anwesenden bezahlt würden? Auf die verneinende Antwort hat er ausgerufen: »Das ist brav. Diese scandalöse Stuhlvermiethung in Paris wird abgeschafft, sobald ich wieder[35]  hinkomme!« O, er hatte bei seiner Wiederkehr an andere Dinge zu denken! Und die Stühle der Vermietherinnen kommen wahrscheinlich noch heute vor. Dieser störende Unfug ist eingerissen, seit die in der Schreckenszeit ausgeraubten und verschlossenen Kirchen von ihren Bänken entblößt waren und sich wieder mit Gläubigen füllten. Da wurden für einiges Geld Stühle gebracht. Es hieß im Anfang immer, man würde die frühern Sitze wiederherstellen, allein die Stuhlvermietherinnen bestanden auf ihr neues Recht, das sie sich angemaßt hatten. Die Kirchenverwaltung bezog einen Pacht für die Stühle; und die Restauration, die so manches wiederherstellte, ließ es dabei.
Geheimrath Müller, der treue, gütige Freund, der stets darauf bedacht war, uns Freude zu bereiten, forderte mich auf, im Rheingau die Weinlese mitzumachen. Er adressirte uns an eine sehr theure Freundin, die Oberamtmannswitwe Hertling in Geisenheim, eine sehr liebenswürdige Frau, die uns auf das herzlichste aufnahm. Damals wohnte noch keine Adelheid von Stolterfoth in der Mitte eines Blumenparadieses. Aber Geisenheim war ein wonniges Fleckchen der Erde! Ich dichtete dort mein bekanntes Rheinlied, von welchem ich aus Rücksicht auf Chézy's Verhältnisse den Schluß weglassen mußte, als meine Sammlung herauskam. Der Herbst war einer der schönsten, die es jemals gab. Die Weinlese ging am 13. October an. Meine zwei Lockenköpfe mit ihren griechischen Röckchen und Bauschärmeln, mit Körbchen am Arm und einer Winzerschere bewaffnet, waren unermüdet und flink bei der Arbeit. Die Besitzer der Weinberge liefen einen beim Vorbeigehen fast um und um und zwangen einem die Trauben auf. Wenn wir versicherten, welche gegessen zu haben, sagten sie: »Unsere sind gewiß[36]  süßer!« Um leere Fässer that es noth, man hatte keine für den Zehnten. Arme und Kranke wurden reichlich mit süßem Most begabt. Seit Menschengedenken war nicht ein solcher Ueberfluß gewesen. Das ganze Volk war beseligt, überall schallten fröhliche Lieder, und jeder Grasplatz wurde zum Tanzsaal. Der Most war ein Lethe, in dessen berauschenden Wellen man alles vergessen mußte, was je das Herz bedrückt.
Die Weinlese 1811 war vorüber, frühlingsgleiche Tage hatten sie begünstigt. Meine Freundin Hertling bot mir an, uns auf den Niederwald zu führen. Bei aller ihrer Liebe für die Poesie, vergaß die theure Frau die Erde nicht. Sie packte einen großen Korb voll Wildpret, Geflügel und Backobst, ließ es auch an köstlichem Rheinwein nicht fehlen, und nahm den Weg mit mir und meinen Kindern nach dem Niederwald. Unter unsern flüchtigen Schritten rasselten die Baumblätter, die diesen Sommer so fröhlich wie nie gegrünt und die Bäume schon vor Anfang des Frühlings geschmückt hatten. Das Rasseln schien mir ein Trauergesang der scheidenden schönen Zeit und stimmte mich unaussprechlich trübe, doch auf der Höhe standen noch holde Waldblumen, sangen noch Drosseln und Amseln, hastete noch das fallende Laub. Wir überblickten einen großen Theil des herrlichen Rhein und die grünen Waldeshöhen, die noch in voller Schönheit prangten. Wir verzehrten unser wohlbereitetes Mahl unter dem Laubdach schattiger Bäume, und es wollte uns gleichwol bedünken, daß der Wald sehr einsam wäre, aber auch hier hatte der Himmel schon für uns gesorgt. Eine fröhliche Gesellschaft kam singend vorbei. Nannette Werner, Bertha von Beer, ihre Schwester, auch eine Menge anderer lieblicher Mädchen und Frauen, von ihren Verwandten begleitet, mit ihnen der junge[37]  Friedrich Förster aus Berlin. Alle mit Eichenzweigen auf Hüten und Kappen geschmückt, schritten auf uns zu. Die einen kannten die liebe Hertling, die andern hatten mich irgendwo bemerkt, und hießen mich an diesem reizenden Platz willkommen. Alle versammelten sich um uns her und ich wurde bestürmt, Lieder herzusagen. Man kann dem Dichter keinen süßern Zwang anthun. Ich sträubte mich nicht, ich machte den Anfang mit meinem Rheinliede; denn das jüngste Kind unsere Phantasie ist uns immer das liebste! Wir nahmen Platz an der Rotunde und ich sprach das Lied:

Unendlichkeit der reichen, süßen
Natur,
Laß froh und kindlich dich begrüßen
Auf dieser Flur!
Der schönste Sitz auf weiter Erden
Ist hier!
Nur Eben kann verglichen werden
Mit dir!

Wogt ruhig, helle Silberfluten
Vom Rhein!
Nehmt auf in euch des Himmels Gluten,
Der Sterne Schein!
Euch trübt kein Weh; kein Kriegsgetöne
Wird euch bewußt,
Ihr strahlt in ewig junger Schöne
Und Lust!

O Strom, den Gott in seiner Milde
So schön gemacht!
O reich gesegnete Gefilde,
O süße Pracht!
Wohin ich nur die Blicke richte
Quillt Seligkeit!
Hier strahlt von Gottes Angesichte
Die Herrlichkeit![38] 
Solang du strömst in beider Schöne,
O Vater Rhein,
Solange werden deine Söhne
Noch Deutsche sein!
Nicht stets dem Fremdling untergeben
Dein Ufer liegt!
Die Form zerfällt, der Stoff bleibt Leben,
Das Gute siegt!

Die Seelen der Zuhörer loderten auf in heiligen Flammen. Die Worte des Liedes hatten die Wunde berührt, die in allen deutschen Herzen blutete; so einfach sie waren, weckten sie Hoffnung und Muth. Vielleicht war dieses Lied damals noch das einzige, das eine Zuversicht aussprach, die schon in Gottes Rathschluß der Erfüllung so nahe war, und schon war Argwohn in Napoleon's Herzen erwacht.
Der Fürst Primas sagte mir öfters: »Liebe! Sie geben zuweilen ihrer Empfindung Raum und leihen ihr Worte, überall gibt es Lauscher. Armes Kind, ich könnte Sie nicht retten! Denken Sie an Ihren Gatten, an Ihre Söhne.« Doch ich ließ mich nicht warnen. In mir glühte eine unumstößliche Sicherheit, die ich schon 1810 in Heidelberg ausgesprochen hatte. Eine prophetische Stimme in meinem Innern verkündete mir Napoleon's nahenden Untergang, und daß das Kind, welches Marie Luise unter dem Herzen trug, nicht auf den Thron steigen, sondern in der Blüte der Jahre sterben müsse, ja, daß die Bourbons wiederkehren und regieren würden. Ein unerklärbarer, unwiderstehlicher Drang hatte mir diese Worte entrissen. Noch leben welche, die sie gehört haben. Manche hielten mich für geistesverwirrt, andere für eine Feindin des großen Mannes, aus welcher der Haß spräche! Alle diese irrten sich. Meine Worte waren Weissagungen,[39]  sie haben sich bewährt. Und seitdem ist mir noch oft die Gewißheit geworden, daß mich die innere prophetische Stimme nicht täuscht; sie erschallt, ich weiß nicht woher, sie verhallt, ich weiß nicht wohin! Sie sagt mir nicht wann, nicht wie, nicht warum? Aber sie verkündet treu, was im Schose der Zukunft liegt. Als Beispiel führe ich das Lied an, das ich beim Jubel der Kanonen sang, als die junge Herzogin von Orleans zu ihrer Vermählung über den Rhein ging. Man bestürmte mich damals, es dem Drucke zu übergeben, als ich es in einer großen Gesellschaft in Stuttgart las; indeß wollte ich den Himmel der jungen Neuvermählten auch nicht mit dem leisesten Wölkchen trüben. Hier ist das Lied:

An Helena, Herzogin von Orleans
Du läß'st die Heimat, die dich hold umfangen,
Und trübe folgen Sehnsucht dir und Bangen,
In deiner eignen Brust. Dein Genius
Warnt leise dich; du rufst: »Ich will, ich muß!«

O losgeflattert Blatt vom Heldenstamme,
Geschleudert wild im Wirbelsturm der Flamme,
So schön, so reich in Seele und Gemüth!
Was ist's, das dich zum fremden Ufer zieht?

Welch liebend Aug' wird deinem Blick begegnen,
Welch treues Herz wird deine Tage segnen?
Dein harrt nur Undank, Leichtsinn, bitt'rer Schmerz!
Denn, armes Herz, du bist ein deutsches Herz!

Vergebens ringst du einst nach süßer Labe,
Nach einer Stund' an deiner Mutter Grabe!
Nach einem Lüftchen nur vom Heimatstrand,
Verlassen du im liebefremden Land![40] 
Hörst du die Seufzer drüben an der Säule?
Morddurst'ger Tiger donnerndes Geheule?
Dort blutete ein edles, deutsches Herz,
Dort floh die Unschuld jammernd himmelwärts.

Dem Boden gleich gemacht sind alle runden
Tourellen, wo die Hände wund gewunden.
In Kerkersnacht drei Engel schmerzvereint,
Davon nur einer noch auf Erden weint!

Auf allen Schritten werden Blutesspuren
Still drohend leuchten! Fern auf Thal und Fluren,
Wie süß umher des Wohllauts Strom auch wallt,
Schneidend hindurch das Ach der Geister hallt.

Dorthin eilst du! Es schwebt vor deinem Blicke
Ein lockend Bild von Macht und Herzensglücke.
O schöner Traum! O Jugendzuversicht!
Du fliehst, – o brich im Fliehn das Herz ihr nicht.

Die lockend Jubeltön' aus eh'rnen Röhren
Empfangen, falsche Huld'gungen bethören.
Blick' in die Herzen: Mitleid, Wehmuth glüht
Für dich allein in Volkes Hochgemüth!

O könntest du der Fluten Sprache lauschen,
Zurück! zurück! tönt ihr prophetisch Rauschen,
Und bleiche Schatten mit verstörtem Blick
Winken dir, Liebe, bang: »Zurück! zurück!«

Umsonst – so möge denn auf Dornenpfade
Dir leuchten liebevoll das Licht der Gnade;
Und find' im Land', das deine Wieg' umgab,
Einst Trost der Liebe und ein ruhig Grab!

Die letzten Kanonenschüsse zur Feier des Empfangs der Prinzessin dröhnten noch fort, als dies Lied schon fertig war, so rasch hatte ich es gedichtet. Ich glaube[41]  es ist hier der Ort, einen dritten merkwürdigen Fall aufzuschreiben.
Ich war in Roßheim, meine Stimmung war ruhig, von politischen Bewegungen erfuhr ich nichts, weder durch Zeitblätter, noch durch Correspondenz Es war am 4. October 1836, als ich vom Lesen eines französischen Buchs ermüdet am Abend in Schlummer sank. Wilhelm war in Baden-Baden, Max in Ischl; von beiden hatte ich gute Nachrichten bekommen. Bis gegen Mitternacht schlummerte ich fest. Urplötzlich weckte mich ein Geräusch; ich setzte mich neugierig auf mein Bett hin, aber mir war als wäre ich nicht dort, sondern auf einer unabsehbaren Ebene, die voll Soldaten in Schlachtordnung vor mir lag. Ich hatte früherhin Napoleon's Truppen in solcher Stellung gesehen. Ich staunte sie an, als wie aus viel tausend Kehlen der Ruf »Vive l'empereur!« mit unbeschreiblicher Gewalt die Luft erschütterte. Dreimal erklang er. Dann verschwand die Armee. Die Ebene und alles war todesstill. Mich überfiel ein Grauen, ich zündete Licht an und nahm ein Buch, es interessirte mich wenig, allein ich konnte nicht wieder einschlafen. Am Morgen ging ich zu Herrn von Brauer hinunter, wo ich zu jeder Stunde willkommen war. Ich erzählte der Familie meine Vision. Denn nach einigen frühern Erfahrungen mußte ich den Vorgang der Nacht dafür erkennen. Einige meinten, es wäre ein Traum gewesen, andere hielten es für eine Einbildung. Justine von Brauer, jetzt Gattin des Maire von Roßheim, hatte mir mit großer Aufmerksamkeit zugehört. Abends kam der Omnibus von Strasburg mit Briefen und Zeitungsblättern an. Die Botenfrau erzählte, was vergangene Nacht in Strasburg geschehen. Fräulein Justine rief sogleich aus: »Mein Gott, dies ist ja Ihre Vision von[42]  dieser Nacht!« – »Ja!« rief ich, mehr als meine junge Freundin erstaunt, denn ich hatte den Vorgang schon vergessen. Die Botenfrau setzte zu ihrer Erzählung noch die Worte hinzu: »Jetzt führen sie Ludwig Bonaparte nach einer Festung!« Da rief es von neuem aus mir heraus: »Und wenn sie ihn bis an das Ende der Welt führten, er wird Kaiser!« So also hatten Geisterstimmen den vieltausendstimmigen Ruf: »Es lebe der Kaiser!« der in jener Nacht in Strasburg erklungen war, zu mir heimgetragen, und meinem innern Auge war das Kriegsheer erschienen, dem Napoleon's Adler vorausfliegen sollten. Als meine Freunde in Roßheim acht Jahr später die neuen Begebenheiten erfuhren, mögen sie lebhaft an mich gedacht haben. Schon lange hatte ich nicht mehr hingeschrieben.
Kehren wir zum Zeitpunkt 1811 nach Aschaffenburg zurück. Es war nun Zeit, einmal nach Mildenburg zu gehen. Ich trug Sorge, meine Angelegenheiten in Heidelberg zu ordnen. Chézy gab mir die Mittel dazu, und ich beschloß in Aschaffenburg zu bleiben, weil ich dort soviel für mein Herz fand und sorgenfreier leben konnte als in Heidelberg. Ich empfing die liebevollsten Briefe von der Schwiegermutter und von Chézy. Der Großherzog sprach mir Trost zu. »Er wolle das Werk der Versöhnung zu Stande bringen«, verhieß er! Ich hoffte nicht, daß es ihm gelingen könnte. Nur zu richtig hatte ich gesehen!
Die sieben Stunden, die Aschaffenburg von Mildenburg trennen, wurden rasch zurückgelegt. Auch der Main hat seine Schönheiten, wenn er gleich nur ein Halbbruder des Rhein ist. Die Klingenburg spiegelt sich in seiner Flut. Die Abhänge, welche sie überthront, schmücken herrliche Reben, aus denen ein edler Wein gekeltert wird.[43]  An den Ufern des Flusses entlang herrscht verständiger und fleißiger Anbau, die Landleute sind gesittet und heiter. Gegen Mildenburg zu, wo die Gegend romantischer und schönheitreicher, bis tief in den Schos des Waldes hinein, begegnet man den Spuren des Aufenthalts der Römer und den Trümmerburgen des Mittelalters. Die erste und zweite Ausgabe meines Reisebuchs nach Heidelberg, Manheim, dem Neckarthal, dem Odenwald u.s.w. enthält schätzbare Aufsätze von Mitarbeitern, unter denen die Beschreibung des Odenwaldes vom gräflich Erbach-Erbach'schen Regierungsrath J.F. Knapp, welche eine so gedrängte als ausführliche Beschreibung der Ueberreste des Alterthums, wie auch eine des gräflich Erbach'schen Museums enthält, höchst empfehlenswerth ist. Uebergangen sind jedoch in diesem Aufsatze die merkwürdigen Hainsäulen, eine weite Strecke von der Mildenburg bergauf, wohin uns Freund Horstig führte. Diese gigantischen Trümmer, deren Entstehung uns ebenso räthselhaft ist, als die des Riesensteines bei Heidelberg, enthalten unter anderm eine Säule von vierzehn Fuß Höhe, die wie die andern geringern aus einem Stücke ist. Alle diese Trümmer fanden wir ohne Schaft und Capitäl und unaufgerichtet. Der Deutsche ist gleichgültig gegen seine Schätze aus der Vorzeit. Vor vielen Jahren machte Kotzebue auf die Riesensäule im Odenwald aufmerksam. Er schlug vor, sie bei Leipzig aufzustellen. Ich bin nicht seiner Meinung, es thut mir weh, wenn solch ein Schatz seinem heimatlichen Boden entrissen wird. Wenn die Riesensäule im Odenwald an dem Platz, wo sie gefunden worden, aufgerichtet würde, welch ein stolzer Schmuck würde sie der Gegend sein, und es bedürfte dazu keiner andern Kosten, als die ihrer Aufrichtung und Feststellung, zu welcher alles schon seit vielen Jahren[44]  vorbereitet liegt. Die fürstlichen und gräflichen Besitzer der Schlösser und Ruinen am Mainufer sollten sich vereinigen, um diese Denkmale vom Untergang zu retten. Sie fänden drastische Mittel, ein Werk auszuführen, welches Kotzebue durch einige Federzüge gelang. Er hat die heidelberger Schloßruine gerettet, indem er in edler Entrüstung dem unvergeßlichen Karl Friedrich eine kräftige Vorstellung wegen der gewaltsamen Zerstörung sandte, von welcher sie bedroht war und die schon viele Jahre hindurch über sie ergangen war. Sie wurde so nach und nach abgetragen. Wenn die Landleute Bausteine brauchten, fuhren sie hin und holten sich welche von dort, man ließ sie gewähren. Nicht das feindliche Geschütz und nicht die Gewalt der Stürme hat die heidelberger Schloßruine so ruinirt, wie der feige Stumpfsinn jener Tage. Kotzebue erfuhr, ich weiß nicht wie, daß eine Behörde in Karlsruhe oder in Heidelberg bereits mit einigen Mitgliedern jener Gesellschaft, die man die schwarze Bande hieß, einen Kaufcontract abgeschlossen und daß bereits alle Anstalten getroffen seien, die ganze Schloßruine abzutragen und dem Boden gleich zu machen; konnte man doch eine große Summe Geld dafür lösen. Zugleich mit der Sendung nach dem Markgrafen hatte Kotzebue in seiner weit verbreiteten Zeitschrift: »Der Freimüthige«, seine Stimme über diese Unthat erhoben, es war die höchste Zeit. Karl Friedrich nahm Kenntniß vom Kaufcontract und ließ ihn auf der Stelle vernichten. Graf Karl von Graimberg hat diesem Vorgang in seiner Kunstsammlung ein Denkmal gestiftet. Um die Todtenpaste des ermeuchelten Kotzebue hat er die Geschichte dieser That, das Bildniß des Mörders und einige Gegenstände, die darauf Bezug hatten, vereinigt. Im Katalog dieses Museums, das jetzt im[45]  Schlosse Raum gefunden, und in den Nachträgen zum Katalog wird der Leser mehr über diesen Gegenstand finden. Dies Werk verdanken wir dem verdienstvollen Gelehrten Professor Leger, der auch durch den Führer in den Ruinen des Schlosses Heidelberg dem Vaterlande ein schätzbares Geschenk gemacht.
Doch wir sind jetzt in der Mildenburg, auf der malerisch entzückend gelegenen milden Burg, wie sie ihr damaliger Besitzer nannte. Ihre Ringmauer war vierzehn Fuß breit. Wir verlebten dort herrliche Stunden. Horstig war ganz Seele und Geist, Milde und Redlichkeit und er wirkte wohlthuend. Sein Grundsatz bei Erziehung seiner Kinder war hauptsächlich, darauf bedacht zu sein, nichts zu hemmen und vorsichtig zu entwickeln, welches zugleich die mühsamste und die leichteste Erziehungsmethode sei. Ich glaube, er hatte recht. Horstig hatte viel Aehnlichkeiten mit Jean Paul, in der Milde, Weichheit und Anmuth seines Geistes; es wurde einem wohl in seiner Nähe, in seinem Hause. Von seinen Schriften sollte eine Auswahl herausgegeben werden; sie enthalten viel Erfreuliches und Lehrreiches. Er war von allem Dünkel frei, voll Bescheidenheit und Wohlwollen. Der Takt, den er in Gesellschaften beobachtete, war ganz auserlesen und ging durchaus aus seiner schönen Natur hervor. Seine vortreffliche Gattin Susette war sehr lebhaft, in Außendingen von ihm sehr verschieden, aber im Innern ihm ähnlich. Seine Schwägerin und Schwager, die ich blos durch ihre Briefe kenne, fand ich geistvoll und gemüthlich, hatte übrigens Julien und Minna öfters gesehen. Horstig war einer der seltenen Menschen, die ausschließlich und freudig nur dem Schönen und Guten leben. Bei meinem mehrmaligen Aufenthalte auf Schloß Mildenburg und bei durchaus[46]  vertraulichem Umgange mit der ganzen Familie kann ich rühmen, daß ich nie ein nachtheilig Wort über andere von ihnen gehört. Seine ganze Zeit war dem Unterrichte seiner Söhne und Töchter gewidmet. Seine Art zu belehren war kunstlos, aber zweckmäßig, die jungen Wesen glaubten dabei fortzuspielen. Geschichte, Sprachen, Erdkunde, Musik wurden durch seinen Unterricht zu Ergötzlichkeiten. Gemüthserhebung und Andacht gingen aus der Belehrungsweise selbst hervor. Die Gebete waren kurz und innig. Auf dem Lustwandeln im Wald und Thal oder auf schattigen Anhöhen bot sich ganz natürlich Anlaß dar, von den geschaffenen Dingen zum Schöpfer überzugehen. Es war Horstig's Grundsatz, alle religiösen Gegenstände zart zu berühren und das Licht des Glaubens so allmählich zu verbreiten. Wie der junge Sommermorgen, der mit Dämmerung beginnt und wie Rosen blühet, ehe er golden glühet.
Horstig und die Seinigen standen im Umkreis der Gegend wahrhaft in Achtung. Man kannte ihre Denkungsart und ihren Wandel, man ehrte und liebte sie im gleichen Maße. Der geistreiche Fürst Karl Emich von Leiningen, dessen vortreffliche Gemahlin, jetzt Herzogin von Kent, sahen sie oft. Sie luden uns zu sich ein, besonders wenn sie Musik oder Vorstellungen auf des Fürsten Privattheater hatten. Nach der Tafel war Lectüre. Das Leben der damals jungen Fürstin war musterhaft. Frühmorgens begab sie sich zu ihren zwei Kindern, sprach mit ihnen ein kurzes Gebet, leitete ihnen voll Zärtlichkeit alle Dienste einer treuen Wärterin. Kein unsanftes Wort störte das selige Glück der frohen Kinder und der zärtlichen Mutter. Die Fürstin unterrichtete Karl und Feodora ganz nach Horstig's Grundsätzen, den ganzen Morgen hindurch bis zwölf Uhr.[47]  Dann widmete sie ihre Muse den edeln Beschäftigungen, mit denen sie ihr Leben schmückte: der Malerei, der Musik, in der sie Meisterin war, und den feinsten und sinnreichsten Arbeiten. Nach der Tafel ritt sie aus. Die Abende wurden auf verschiedene Art ausgefüllt, oft mit den Kindern zugebracht. Der Anblick der drei schönen Gestalten schien ein Bild von Leonardo da Vinci zu sein, das ins Leben getreten: so vergeistigt war ihre Schönheit. Correggio, Luini, Leonardo da Vinci stellten einen eigenthümlichen Charakter weiblicher Schönheit vor. Ein sinniges, feines Lächeln, große Augen, halb von den Wimpern verhüllt, eine gedankenreiche Stirn, warme zarte Färbung des Gesichts, ein zierliches Oval des Hauptes herrschten darin vor. Agostino Caracci, selbst Ludovico Domenichino malten noch in diesem Geist, von welchem man in andern Schulen, selbst in der römischen und florentinischen keine Spur findet. Man findet jetzt selten Gesichtsbildungen oder Gestalten, die an die Gebilde der herrlichsten alten Geister Italiens und Deutschlands erinnern. Menschlichkeit und Kunst sind fleischlicher geworden. Geist und Phantasie der Aeltern bringen schöne Kinder hervor. Während der ersten Kindheit sind beinahe alle Kinder schön und bleiben es, bis das Leben sie verheert und verflacht. Nur Geist und Gemüth, nur die Schönheit des innern Menschen kann die äußere aufrecht erhalten.
Fürst von Leiningen war ein leidenschaftlicher Jäger und ein trefflicher Schütze. Er leitete musterhaft sein Privattheater und wurde von einigen Personen seines Hofstaates und von den Bewohnern Amorbachs nach Wunsch unterstützt. Ein solches Theater ist ein vortreffliches Bildungsmittel für eine ganze Gegend; auch die Persönlichkeit der Dilettanten wirkt darauf ein. Keine ehrgeizigen Absichten, kein Eigennutz liegen ihren Leistungen[48]  zu Grunde: reine Liebe zum Schönen, edles Bestreben, Freude und Genuß zu verbreiten, befeuert ihr Spiel. Auch gehen zuweilen die schönsten Talente aus Privattheatern hervor; es sind Vorübungsschulen für die Schauspielkunst. Wenn man sich gegen sie auflehnt, als Eitelkeit nährend u.s.w., so möge man bedenken, daß eitle Wesen bei jeder Unterhaltung, bei jedem Erscheinen in Gesellschaft Gelegenheit finden, ihrer Leidenschaft zu fröhnen und unedeln Trieben Raum zu geben. Es hängt ganz von der Wahl der Stücke ab, wie sie auf das Gemüth der Darstellenden und auf den Kreis der Zuschauer wirken sollen. Ungezwungenheit der Haltung, Sinnigkeit des Gesprächs, des Ausdrucks, der Geberde werden durch das Auftreten junger Personen auf Liebhabertheatern befördert. Mögen doch manche unter ihnen einer gewissen Scheu vor fremden Menschen zu erscheinen Raum geben; manche andere, sich ohne Anlagen wissend und nicht erscheinen wollend, mögen zurückbleiben; niemand wird sie tadeln. Allein man tadle auch nicht diejenigen, die sich nicht weigern, die Freuden der Gesellschaft zu erhöhen, und lege ihnen auch nicht Absichten unter, die jungen reinen Gemüthern fern bleiben. Alles hängt vom Geiste ab, in welchem eine Sache betrieben wird.
Als ich in Aschaffenburg war, wünschte der Fürst Primas, ich möchte mich an einem Stück für sein neues Theater versuchen. Der Director Schummauer, Karl Heuser, ein echtes Talent, das an den unsterblichen Fleck erinnerte, Madame Witz, eine schöne seelenvolle erste Liebhaberin, ihre Gatte, ein Intriguant ersten Ranges, auch in Lust- und Schauspiel sehr verwendbar und andere brauchbare Mitglieder bildeten den Kern der Gesellschaft. Das neue erbaute Theater war sehr stattlich, das Orchester[49]  von seltener Ausbildung. Der berühmte Stärkel, ein seelenvoller Componist, ein gefühlvoller Dirigent leitete es. Ich wählte zum Stoff meines Dramas »Eginhard und Emma«. Ich will nun gestehen, daß ich etwas ganz Unleidliches schrieb und mich viel damit wußte. Mit hochklopfendem Herzen eilte ich zu Frau von Wolzogen, um mein Meisterstück vorzutragen. Himmel! wie stürzte ich aus meiner Höhe herab, als die edle Frau mit sichtbarem Misfallen zuhörte und mich in kurzen Worten, die mich ganz überzeugten, ich habe da etwas ganz Wirkungsloses und Gewöhnliches geschrieben, belehrte. In den Worten der Frau von Wolzogen lagen Klarheit, Redlichkeit und Antheil an mir. Ich hatte denen, die mir wohlwollten und mein Bestes im Auge hatten, nur zu oft Anlaß gegeben, mir schmerzliche Wahrheiten zu sagen, denn noch immer hatte mich das Leben nicht erzogen. Die Worte der Frau von Wolzogen machen einen gemischten Eindruck auf mich. So sehr ich sie verehrte, so aufrichtig ich ihre Güte anerkannte, konnte ich doch einer gewissen bittern Empfindung nicht gebieten; ich äußerte sie zwar nicht, aber ich fühlte sie, es kostete mich Selbstüberwindung, ihr zu danken, denn der Dank ging nicht von Herzen. Die theure Frau fühlte zu frei und zu klar, um meine Empfindungen nicht zu durchschauen. Doch sie war nachsichtig und schien meine gereizte Empfindlichkeit nicht zu bemerken. Der Erfolg dieser Sitzung war das Aufflammen meiner ganzen Kraft, und ich schuf etwas Würdiges und Schönes. Karl von Dalberg hatte große Freude daran und es wurde sogleich auf dem Theater einstudirt. Der Freiherr von Hettersdorf schrieb schnell eine Ouvertüre, Arien, ein Schnitterlied, eine Romanze und Chöre. D Großherzog hatte mir den Rath gegeben, die Sage von der[50]  Entstehung des Hauses Erbach in die Dichtung zu verweben. Das Haus war um Ersticken voll. Der Großherzog hatte sich zu mir gesetzt, mich aufzumuntern, denn ich war schmerzlich gespannt und voll Bangigkeit. Doch der Erfolg übertraf meine Erwartung. Die liebreichsten Worte klangen mir zu und beseligten mich.
Fürst Leiningen bat mich, mein Drama bei seiner Gemahlin vorzulesen. Er äußerte sich sehr günstig darüber und verlangte das Stück, um es aufzuführen. Ich kam oft nach Amorbach und verließ es, sowie das schöne Mainufer mit wahrem Kummer, es war mir heimatlich geworden.
Während der Zeit war Goethe nach Heidelberg gekommen. Er wohnte bei Boisserée, schlief in der Gemäldegalerie, wo sich selbst ihm, dem Vielgewanderten, eine neue Welt der Kunstanschauungen erschloß. Er ließ ein unauslöschliches Andenken zurück. Schon im Begriff, nach Aschaffenburg zurückzukehren, überraschte mich die traurige Nachricht, daß ein Nervenfieber von unbeschreiblicher Wuth dort ausgebrochen sei. Ich blieb in Mildenburg zurück. Vergebliche Vorsicht, die mir das Leben meines liebsten Kindes nur auf Jahre sicherte! Im Jahre 1846 verlor ich meinen Max, für dessen Leben ich so oft gebebt, so viele Opfer gebracht hatte und gern mein eigenes Leben hingegeben haben würde.
Das Weihnachtsfest 1811 wurde in der Mildenburg fromm und hold begangen. Es ist ja das Fest der Unschuld und des Glaubens, welches unsichtbar die schönsten Engel umschweben. Meine gute Mutter erzählte mir, daß sie meinem Bruder, als er sein zwölftes Jahr erreicht hatte, die Christgaben auf einer Schüssel beschert. Der Knabe weinte und schob die Bescherung zurück. »Ich will gar nichts«, rief er aus, »wenn es mir der[51]  heilige Christ nicht bringt.« Im Jahre 1810 brach mein ältester Sohn in das heftigste Schluchzen aus, weil das rohe Dienstmädchen, welches ich damals hatte, den schönen Weihnachtsbaum ergriff und ihn über ihr Knie zerbrach. Dieser Augenblick schien mir eine trübe Vorbedeutung zu enthalten. Sie ist auch eingetroffen. Still, mein Herz!
Eduard Horstig, ein reichbegabter, blühender Jüngling, den der Tod früh dahingemäht, kam an jenem Weihnachtsabend überraschend auf der Mildenburg an. Der heftigste Sturm, der bitterste Frost konnten die Liebe nicht zurückscheuchen. Er lag athemlos, frostdurchschauert an seines Vaters Herzen, die Geschwister kletterten an ihm hinauf, wollten ihm Wärme einhauchen, rieben seine erstarrten Hände und bedeckten sie mit Küssen. Die Mutter feierte stumm das frohe Wiedersehen. Eduard Horstig brachte und empfing Gaben der Liebe. Wie schnell entflogen die Stunden bis Mitternacht. Doch ich glaube, der Gang durch den Odenwald zu Fuß von Heidelberg aus hat den Todeskeim in Eduard's junge Brust gesenkt. Er kränkelte seitdem ohne Aufhören. Ich bin des festen Glaubens, daß es das unbewußte und unbezwingliche Sehnen nach jenseits ist, das die sterbliche Hülle der Gotteserkorenen früh zerbricht und den Weg zum Heimatlande verkürzt. »Soll eine Nachtigall auf deinem Grabe klagen, so stirb noch eh' dein Lenz verblüht!« sang Wilhelm von Chézy. Nie habe ich diese Zeilen vergessen; aber wer kann denn sterben, ehe er darf?
Dumpfe Ergebung war das einzige Gefühl, welches beim Ausbruch des Kriegs mit Rußland in den deutschen Gauen waltete. Das Entsetzliche, was als Ahnungswolke am Horizont geschwebt, sollte nun als donnerndes[52]  Gewitter furchtbar noch die Welt bedrohen. Am 20. März schienen Frankreichs Geschicke durch die Geburt des jungen Napoleon für immer gesichert zu sein. Marie Luise litt unbeschreiblich dabei; der leitende Arzt fragte Napoleon, er werde die Mutter oder das Kind opfern müssen, wen er opfern solle? »Das Kind muß gerettet werden«, rief der Kaiser. »Die Kaiserin ist wie eine andere Frau zu behandeln. Gewiß werden Sie beide retten.« Dies geschah. Doch in der schönsten Blüte der Jugend und noch in der Wiege entthront, starb der Knabe, der schon Majestät hieß, als er nur das Licht der Welt erblickte. Seit der grausamen, langsamen Ermeuchelung Ludwig's XVII. ist kein Kronprinz von Frankreich zum Herrschen gekommen. Der schöne blühende Knabe, welcher der Ehe des Kaisers und Marie Luisens entsproß, fiel in zarter Jugend, ein Opfer früh entwickelter Leidenschaften. Nach der Restauration wurde der Kronprinz Herzog von Berry durch Louvel's Dolch ermordet. Sein hoffnungsvoller Sohn lebt im Exil. Ferdinand von Orleans, Sohn des Ludwig Philipp, kam auf dem Wege um, den man den der Revolte heißt. Seine zarten Kinder blieben verwaist. Doch wenn keins von ihnen auf den Thron gelangt, so werden sie dennoch in der Leitung der zärtlichen, geistbegabten Mutter den Weg des Ruhms und des Glücks finden. Ludwig Napoleon's muthmaßlicher Thronerbe kam todt auf die Welt. Der präsumtive Thronerbe Napoleon's I., ältester Bruder des jetzigen Kaisers, war in demselben Alter, wo Ludwig XVII. durch die Revolution entthront wurde, dem Tode verfallen. Welche zahlreiche Reihe von Opfern im Zeitraume eines halben Jahrhunderts, und nur der Tod des kleinen Louis Bonaparte war ein natürlicher. Die Hand des Geschicks schreibt das »Mene Mene Tekel«, das einst[53]  den König Belsazar und seine Gäste entsetzte, noch immer an die Wände der Paläste, doch die Schrift bleibt unverstanden.
Ich kann nicht vom Odenwald scheiden, ohne der liebenswürdigen gräflichen Familie zu Erbach zu erwähnen. Ich lernte sie bei Fürst Leiningen kennen und werde in einem der folgenden Abschnitte dieses Werks mehr von ihnen sagen.
Ich fand in Aschaffenburg den Fürsten und seine Umgebung in sichtlich gedrückter Stimmung. Napoleon hatte eine unerschwingliche Summe von ihm, ich weiß nicht, aus welchem Grunde, verlangt. Er war darauf bedacht, sie herbeizuschaffen Die Stadt war in Trauer wegen der vielen Verluste der Familien durch das Nervenfieber, das auch noch im Frühling und Sommer viele Opfer forderte. Diese schweren Misgeschicke waren nur Vorboten des nahen unermeßlichen Jammers, zu welchem die Lose schon geworfen waren. Ich war krank von Mildenburg angekommen, furchtbar schwach und ermattet, brachte den Winter sehr einsam zu, bedurfte Zerstreuung, weil mich traurige Ahnungen niederdrückten und mußte einsam bleiben.
Das Studium des Spanischen rettete mich aus meinem Hinbrüten und hauchte mir neues Leben ein. Schon der Reiz des Eindringens in die Feinheiten dieser schönen Sprache beschäftigte mich und regte mich angenehm an. Zum Sprechen hatte ich keine Gelegenheit und auch nichts anderes zu lesen, als die Schauspiele Calderon's. Ich übersetzte »Auf geheimen Schimpf geheime Rache« in Jamben, einige der wirkungsvollen Scenen im Silbenmaß des Originals. Fürst Emich von Leiningen schrieb mir darüber einen geistvollen Brief; auch Karl von Dalberg lobte meine Uebersetzung sehr.[54]  »Das laute Geheimniß«, ein heiteres Lustspiel, »der Versteckte und die Verkappte«, in eben der Art geschrieben und einige andere beschäftigten mich und regten mich wohlthätig an. Der Großherzog verreiste; die Hoffestlichkeiten hörten während seiner Abwesenheit auf, das Theater vernachlässigte sich und verlor Abonnenten, Fremde blieben fern; einige Zerstreuungen und Kunstgenüsse boten einige Familien dar. Ueberall stieg die Spannung der Gemüther. Napoleon wollte den Baron Reden von Stade aufheben lassen, weil ihm seine Gesinnung und seine Aeußerungen misfielen. Wahrscheinlich hatten die Angeber, wie Angeber immer thun, sich in ihren Berichten überladen. Denn wenn sich gleich Baron Reden in seinem heiligen Eifer für Deutschland zuweilen seiner Stimmung zu sehr überließ, so war er doch zu fein gebildet, zu besonnen, um Worte zu sagen, die ein Mouchard zu Gelde hätte machen können, allein Napoleon war damals sehr gereizt. Zu rechter Zeit erfuhr Karl von Dalberg, daß seinem würdigen alten Freunde Unglück drohe. Er eilte sogleich hin zu ihm mit beladenen Taschen, führte ihn in der Nacht noch nach einem bestellten Schiffe, nahm einen Abschied, den ein Thränenstrom netzte und riß sich aus seinen Armen, wohl ahnend, er sehe ihn zum letzten male und ihr Lebenswege seien für immer getrennt. Er schwankte dann allein zurück nach Baron Reden's Wohnung, um sich mit der Familie seines Freundes zu betrüben, denn nur das ist die rechte Art, Leidende zu trösten.
Als in Darmstadt der geniale, biedere Le Plat du Temple, der eine Napoleonide geschrieben hatte, aufgehoben und nach Mainz geführt wurde, um dort in wenigen Tagen seine Feuerseele auszuhauchen, hatten wir, seine Freunde, keine Ahnung von seinem Untergange.[55]  Es war kein Dalberg da, der ihn hätte retten können; er war ein schuldloses Opfer. Das aber ist der Fluch der Größe, daß der Eifer ihrer Freunde zu thätig ist, sodaß sie wie Don Quixote Riesen bekämpfen wollen und gegen Windmühlen zu Felde ziehen. Le Plat du Temple war nicht blos schuldlos, sondern er glühte für des Kaisers große Eigenschaften. Er starb und wurde bald vergessen. Wen vergaß man damals nicht?
Im Spätherbst ließ mich Fürst Leiningen nach Amorbach laden, weil mein Schauspiel »Emma und Eginhard« mit der reizenden Musik von Hettersdorf nun einstudirt sei. Wir reisten hin, bezogen eine kleine Wohnung im Hause des Hoheitschulzen. Dort wartete mein ein unaussprechlich schmerzlicher Eindruck. Zum ersten male in meinem Leben sah ich das Volkselend, zwar nicht in seiner entsetzlichsten, aber doch in seiner rührendsten Gestalt. Junge Mütter, an der Hand ein oder zwei abgezehrte kleine Kinder, eins an der ausgedorrten Brust, die frostbebenden Glieder spärlich mit Lumpen bedeckt, die eingefallenen Wangen von Thränen durchfurcht, die Lippen blau, standen in Scharen vor dem Hause und an der Thür des steuereinnehmenden Beamten und reichten angstvoll kleine Summen dar, die nicht ausreichten, um ihre Steuer zu zahlen, indeß die Kinder vor Frost und Hunger winselten. Diese Steuern gehörten nach Darmstadt, unter dessen Hoheit das zweimal so große Fürstenthum Leiningen steht, dessen Herrschaft gleichfalls Steuer von seinem Lande bezieht.
Der erschütternde Anblick der unglücklichen Odenwälder, denen der Hoheitschulz zwar nichts erlassen konnte, aber dennoch aus Erbarmen Fristen gab, indem er in[56]  Darmstadt für sie einstand, ergriff mich bis ins Mark. Ich war damals selbst so arm, daß ich beim Fürsten nur in der einfachsten Kleidung erscheinen konnte, es war mir also unmöglich zu helfen. Ich sprach mit mehreren meiner dortigen Freunde über diesen Gegenstand. Sie antworteten: »Das Elend in diesem Lande kommt noch von den Zeiten der Mönche her. Die Bewohner sind verwöhnt und träge. Aus dem Kloster empfingen sie Suppen und nährten sich davon, wollten nichts arbeiten. Nun ist mit dem Kloster diese Aufhülfe verschwunden. Dazu kommt die doppelte Steuer, und den Leuten ist nicht zu helfen.« Ich begnügte mich schwer mit dieser Erklärung, doch sie mußte ausreichen. Mit Beschämung will ich gestehen, daß es mir dennoch an der fürstlichen Tafel schmeckte, daß die herrlichen Musikabende im Schloß mich entzückten, die Maskenbälle mir Vergnügen machten und der Eifer für die Aufführung meines Schauspiels mein Gemüth mehr beschäftigte, als der Zustand der darbenden Volkshaufen. Solch ein erbärmliches Geschöpf ist der Mensch, wenn er auch mit einem guten Herzen begabt ist. Zu meinem Trost darf ich hinzusetzen, daß ich treulich wieder gut gemacht habe, was ich damals leichtsinnig versäumte. Es ist mir süß, auszusprechen, daß die Fürstin nach dem Tode ihres Gemahls, als sie Vormünderin und Regentin wurde, mit rastlosem Fleiß und unsaglicher Mühe dem Elende Abhülfe that. Gott segne sie, denn ihre Aufgabe war eine der mühevollsten, die je eine noch so junge Fürstin bestanden hat.
Der Abend des 13. November kam herbei. Fürst Leiningen wollte die Vorstellung von »Emma und Eginhard« zu einem Familienfest erheben. Alle Verwandten des fürstlichen Hauses, Bewohner des Odenwalds[57]  und des Mainufers fanden sich in Amorbach ein. Sie nahmen mich in ihre Mitte, bezeigten sich so herzlich, so ehrenvoll gegen die Dichterin, als wenn ich selbst ihnen angehörte, wiewol ich im bescheidenen Kleide von wiener Tricot, ohne alle Verzierungen, im gescheitelten Haar, ohne allen Schmuck war. Manche mögen mir das für Hochmuth ausgelegt haben. Der Fürst füllte die Rolle Karl's des Großen aus, Frau Hofmarschallin von Frays die der Emma, ein Fräulein Eschborn, die vortrefflich sang, die der Gisela, auch andere Rollen waren gut besetzt und wurden so ganz im Geist der Dichtung gegeben, daß sie den Zuschauern Thränen entlockten. Ich weiß nicht mehr, was ich dem Fürsten antwortete, als er in die Loge trat und mich liebreich fragte: »Sind Sie zufrieden?« Die Abendtafel, in Gestalt eines Hufeisens, war so eingerichtet, daß man von allen Seiten her mit mir sprechen konnte. Graf Franz von Erbach saß zu meiner Rechten, Graf Albrecht von Erbach-Fürstenau zu meiner Linken. Jeder Laut, jeder Blick, der mir zugewendet wurde, strahlte von Herzlichkeit. Ich vergaß mein weißes Tricotkleid und dachte nur an den Kranz um meine Stirn. »Wäre die Karschin da!« dachte ich feuchten Blickes, »und o du, meine Mutter, und du Chézy, der einst der meinige war.« Mühsam verbarg ich die Thränen, die mir im Auge zitterten. Ein Hohn des Schicksals erschien mir der unvergleichlich Abend, und wäre nicht die zärtliche und zarte Huld gewesen, die mich umgab, ich hätte mich in Thränen aufgelöst. Doch meine Wehmuth machte der Empfindung Platz, daß bei meiner Verlassenheit, Armuth und meiner bescheidenen Erscheinung nur mein Herz und mein Lied in Anschlag gebracht worden und daß dieser geistvolle, edle Kreis sich mehr durch mein[58]  Gedicht geehrt fühlte, als er glaubte, mich ehren und feiern zu können. Die süßen Augen, die in Thränen gestanden hatten, waren mit voller Liebe auf mich gerichtet. O Gott, vierundzwanzig Jahre später, welcher Wechsel! Statt der holdseligen Töne huldiger, süßer Worte der Todeskampf meines Max, statt des freudigen Blicks in die Zukunft: Verlassenheit und Sehnsucht nach der letzten Ruhestätte. Nur eins ist mir geblieben: das Bewußtsein eines reinen festen Willens für das Gute und Schöne, des glühenden Herzschlags für die Menschheit und des guten Gewissens.
Die fernen Donnerschläge im Norden, deren Erschütterung auch unhörbar die Welt durchbebte, zermalmten die Gemüther. Auf das bairische Contingent waren die herbsten Schläge des Kriegs gefallen. Ganz Baiern war in Trauer, ganz Hessen beweinte die Opfer der Schlachten. Junge Söhne, liebende Gatten, Väter und Brüder, alle Briefe brachten Todesposten. Die Hauptmannsfrau Hecht, die mit ihren zwei Kindern während des Feldzugs in Amorbach bei einer zärtlichen Schwester lebte, wollte noch in derselben Nacht fort, als sie die Schreckensnachricht empfing, daß ihr junger Gemahl bei Smolensk gefallen. Auf das Schlachtfeld wollte sie, die theuern Ueberreste auffinden und zur Erde bestatten. Dies war eine schreckliche Nacht. Sie wurde entsetzlicher durch die Vorstellung, daß unzählige Witwen und Waisen durch dieselbe Post gleiches Weh erfahren. Die junge Trauernde dachte ihrer verwaisten Kinder und fand wieder Lebenskraft, sie mußte ihnen ja die Mutter erhalten.
Wenige Tage nach diesem Vorfall lud mich der Fürst zu sich ein. Er flüsterte mir bei Tafel zu: »Sie sind sehr schmerzlich bewegt, sehr bleich! Wie könnte es anders[59]  sein? Aber ich habe Ihnen etwas mitzutheilen, was ich Ihrer Verschwiegenheit anempfehle. Kommen Sie nach Tisch mit mir in das andere Zimmer!« Des Fürsten Blick zeigte von heftiger innerer Bewegung. Er führte mich nach der Fensterbrüstung des Salons, wo wir unbelauscht bleiben konnten. »Hören Sie nun«, sagte er leise, »alle europäischen Mächte, nur Sachsen nicht, haben sich gegen Napoleon heimlich verbündet und seinen Untergang beschlossen.« Ich wollte aufjubeln. »Ruhig, Liebe«, sagte der Fürst, und nie werde ich seinen Blick vergessen, in welchem unermeßliche Trauer lag, »Napoleon muß fallen, man kann ihn nicht emporhalten, nicht retten; aber diese Nothwendigkeit ist entsetzlich, Europa bedarf seiner mehr als je, und dennoch muß seine Gewalt vertilgt werden. Er wird unterliegen, aber wehe uns nicht minder, denn alles, was er Großes gewollt, wird mit ihm zu Grunde gehen und alles, was er Unheilbringendes gesäet, wird in den Händen, die nach ihm die Zügel halten werden, wuchernd emporschießen.« Mit diesen Worten eilte der Fürst heftig bewegt fort und ließ mich betäubt, zermalmt zurück.
Schlag auf Schlag kamen nun die Schreckensnachrichten aus Rußland, die allgemeine Bestürzung, allgemeines Leid verbreiteten. Es war einem zu Muthe, als könnte man nie wieder froh werden. Aber was überwindet der Geschaffene nicht? Der Blindgeborene durch Stumpfheit und Leichtsinn und der Bessere durch Spannkraft, der Fromme durch Gottvertrauen!
Frankreich tanzte nach Salvandy's geistvollem Wort 1830 über einem Vulkan. Jetzt, wo ich dies schreibe, tanzt Europa und der Orient mit. Doch nicht Scherasmin hat in Oberon's Horn gestoßen; Novalis träumte von einer Zukunft, wo der Krieg in das Schachspiel[60]  verbannt sein würde. Wie weit sind wir von dieser Zukunft! Es heißt nicht mehr: Schach dem Könige, sondern Schach der Welt!
Vielleicht würden mich die gräßlichen Begebenheiten des Winters 1812 zermalmender getroffen haben, wären nicht meine beiden Söhne schwer erkrankt und ich nach ihnen. Es wurde Zeit, nach Aschaffenburg zurückzukehren. Vorher mußte ich noch nach Schloß Erbach und Erbach-Fürstenau. Ich nahm wehmüthigen Abschied vom lieben Amorbach, wo ein so sinniger Kreis von angenehmen Familien mich umgab: der Geheimrath Mieg, ein Mann, der mit ausgezeichneter Bildung ein großes musikalisches Talent vereinigte, seine liebenswürdige Gattin und Töchter; die schöne und ausgezeichnete Fräulein Polyxena von Tubeuf, deren Mutter und Schwester; ein Freiherr von Boyneburg mit seiner Gemahlin aus Kassel; die Familie von Hohenhorst, deren Haus ein wahrer Musiktempel war; der Erzieher des jungen Prinzen von Leiningen, Wagner, ein vortrefflicher junger Mann, späterhin Oberconsistorialrath; der hochgebildete geheime Cabinetssecretär des Fürsten, Steinwarz; der edle Generalsuperintendent Klevesahl, einer der erleuchtetsten Geistlichen, die ich je gekannt. Mein Erkranken hinderte mich, mehr Bekanntschaften zu machen.
Das erste Ziel der neuen Pilgerfahrt war das Schloß Erbach, wo ich eingeladen war, einige Wochen zuzubringen. Wir gelangten um ein Uhr in dies Tusculum, oder wie man sonst den Platz nennen will, wo sich die zarteste Gemüthlichkeit, der erleuchtetste Geist, der vortrefflichste Kunstgeschmack und die heiterste Gastlichkeit vereinigten, um ihn unvergeßlich zu machen. Es wäre überflüssig, der hier vereinigten Kunstschätze aus der Römerzeit und dem fernsten Mittelalter ausführlich zu[61]  erwähnen und nur im Vorbeigehen gedenke ich des Eindrucks, den das Ganze auf mich machte, der überschwenglich war. Durch die Urbanität des Besitzers fühlte man sich sogleich einheimisch, in einer Wunderwelt, die der kühnste Traum der Phantasie nicht überflog. Eine Reihe von hohen geräumigen Sälen prangte mit herrlichen Gebilden der Götter, Helden und Weisen des Alterthums und mit den Waffen und Geräthschaften der Römer, Griechen, Aegypter und anderer Völker der Vorzeit. In den mannshohen Marmorkaminen brannten ganze Bäume. Mit einem Ruck versetzte diese Anschauung den Eintretenden in eine neue Welt, aus welcher alles Gewöhnliche verbannt und über die nur der Schönheitssinn sein strahlendes Scepter hielt. Trat man in den Eßsaal, so leuchtete einem aus allem, was man sah, Gediegenheit und anmaßungslose Zierlichkeit entgegen. Das Tafelservice war der Triumph des Rococostils. Alle Zimmer im Schlosse vereinigten mit bescheidener Pracht ernste Zierlichkeit und Würde. Fast möchte ich sagen, daß die Dienerschaft zu den Prunkwerken des Hauses zu gehören schien, man merkte es manchem Einzelnen an, daß er im Schlosse geboren und erzogen war; auch die ergrauten Diener und Dienerinnen hatten einen Ausdruck der Zuversicht und Behaglichkeit, als wüßten sie, daß sie ihre Lagerstatt nur früher oder später mit dem Sarge vertauschen würden. Das ganze Haus war das Reich des Friedens und der Liebe. Meine freundlichen Zimmer gingen auf den Odenwald hinaus, mein Schreibtisch war einladend. »Ich komme erst um elf Uhr morgen zu Ihnen«, sagte die liebe Gräfin, »um sieben erhalten Sie Ihr Frühstück und bleiben im Négligé, Sie müssen Muße behalten für Ihre Beschäftigungen und für Ihre Kinder.« Sie erschien dann zur bestimmten Stunde. Der Morgen entflog[62]  unter heitern Gesprächen. Eine Viertelstunde vor der Tafel verließ mich die Gräfin, um die letzte Hand an die Toilette zu legen. Bei der Tafel fanden wir uns wieder. Zwei Schweizerinnen, Fräulein Bellami, Gesellschaftsdame der Gräfin, und Fräulein Roux, ein werther Besuch derselben, erheiterten die Mittagsstunden. Nach dem Café fuhr der Wagen vor. Das rasche Viergespann durchflog die breiten Alleen des Odenwalds mit freudiger Hast. Verwandte und Freunde wurden aufgesucht. Am Abend kamen werthe Besuche zum Thee oder man verfügte sich zur Frau Baronin von Williers, unversiegbaren Andenkens. Sie war noch nicht lange ihres zweiten Kindes genesen und mußte das Bett hüten. Man plauderte und las. Baron Williers, aus dem alten berühmten Geschlechte dieses Namens in England, sah dem Besitze von drei Millionen Gulden entgegen, denen noch drei Millionen nach dem Tode zweier Tanten nachfolgen sollten. Für den Augenblick war seine Lage eine höchst anständige, aber bemessene, späterhin traf ihn und die Seinigen der Wechsel des Glücks, nicht ganz ohne seine Schuld. O wie sie so recht haben die Weisen, Fortuna's Gaben zu fürchten, statt sie zu ersehnen. Oft berauschen sie den Verstand und verderben das Herz. Zum Glück gehört mehr innerer als äußerer Reichthum.
Ganz verschieden von dem Geiste, der im Schloß Erbach waltete, fand ich den der Bewohner von Erbach-Fürstenau. Es war der Triumph der modernen Zierlichkeit und Pracht. Die holdselige Besitzerin, Gemahlin des Grafen Albrecht, Emilie geb. Prinzessin von Hohenlohe, waltete dort geliebt und glücklich, wir verlebten dort heitere Stunden. Alle Schrecknisse, Leiden und trübe Ahnungen der Zukunft waren verschwunden, alles[63]  um uns her athmete Liebe, Geist und Frieden. Wir mußten scheiden. Die süße Beschwichtigung aller Leiden meines Lebens hörte plötzlich auf zu walten. Ich ging mit unsichern Schritten der drohenden Zukunft entgegen. Am schmerzlichsten riß ich mich aus den Armen der Gräfin. Ihr Antheil an meinem Schicksal war der Liebe so gleich, daß man ihn wol dafür nehmen konnte. Auch der Graf verstand mein Herz und mein Wesen, und der Odenwald wird immer eine der erquickendsten Oasen meiner Erinnerungen bleiben.
Aschaffenburg fand ich tief verdüstert. Auch Karl von Dalberg war fort; nach nicht langer Zeit kam er zurück. Er war nicht froh, wie hätte er es sein können? Wie ein Blitz aus heiterer Luft, unvorhergesehen, unabwendbar, war das Unheil über die Welt hereingebrochen. Es gab wenige geistige Anregung in Aschaffenburg, daher war mir Franz Bopp's Bekanntschaft sehr willkommen. Er war im Begriff, nach Paris zu gehen, um persisch und Sanskrit bei Chézy zu studiren. Einstweilen lehrte ich ihn das Persische lesen und viele Zeitwörter und Substantive. Chézy mit seinem glühenden Herzen empfing ihn wie ein Vater. Er erschloß ihm die Pforten der Wissenschaft und verschwendete an den gelehrigen Schüler alle Schätze seines Innern. Ich habe nicht nachgeforscht, ob er Dank erfahren. Professor Merkel fuhr noch fort, spanisch mit mir zu treiben; diese Studien erheiterten mich. Horstig lud mich noch einmal dringend nach Mildenburg ein. Ich lernte dort den Declamator Theodor von Sydow kennen und schätzen. Er war genialer wie seine Declamation, poetisch wie sein Leben, redlich als Freund, er dachte laut. Diese schöne Eigenschaft wird alle Tage seltener.
Der Stickhusten brach unter den Kindern auf der[64]  Mildenburg aus. Ich eilte fort, aber es war fast zu spät. Mein Max, von einem ungeschickten Arzte zweckwidrig behandelt, erkrankte tödlich, sein Blut quoll in Strömen aus dem Halse heraus; er wollte nichts genießen, lag an mir, meinen Hals umklammernd, und schrie furchtbar, wenn ich ihn einen Augenblick niedersetzen wollte. Hofrath Chihak, ein überaus geschickter Arzt aus Böhmen, der mich noch nicht persönlich kannte, kam zu mir aus reinem Antheil an den Leiden meiner Kinder, von denen er gehört hatte; er wußte auch, wie unzuverlässig der Arzt war, den ich unglücklicherweise gewählt. Er versicherte mir, mein Max und mein ältester Sohn, der nicht so gefährlich krank war, würden beide genesen, wenn ich das Heilmittel des berühmten Hofraths Autenrieth in Tübingen brauchen wollte, er wolle es mir sogleich verschaffen. Als ich eine Zeit lang schwankte, ob ich ihm Folge leisten sollte, fiel er vor mir auf die Knie und rief: »Ich stehe Ihnen für den Erfolg mit Ehre und Seligkeit, die zwei lieben Kinder müssen gerettet werden.« Ergriffen und tief gerührt gab ich nach. In drei Tagen war mein Max dem Tode entrissen und Wilhelm besserte sich. Als ich Chézy schrieb, setzte ich zwei Zeilen auf, die ich unter Angst und Jammer des Mutterherzens gedichtet hatte:



Wo thronen Lieb' und Schmerzen?
Ach, nur im Mutterherzen.

Welchen seelenvollen Brief empfing ich hierauf! Sollte ich meine Augen wiedererlangen, so will ich ihn hier abdrucken lassen. Gott hatte mir von neuem das Leben meines Sohns schenkt; doch bleibt es wahr, daß die unverständige Behandlung seines Arztes ihn in das Grab stürzen konnte und daß seine Brust angegriffen blieb,[65]  dies konnte ich aus verschiedenen Zeichen wahrnehmen. Ich habe genug gesagt, um die Aufmerksamkeit der Mütter auf Autenrieth's wirksames Heilmittel zu lenken, welches ich ihnen aus voller Seele anempfehle. Unzählige Kinder und leidende junge Personen sind durch dies einfache Verfahren gesund geworden. Alle Apotheker bereiten es auf ärztliche Verschreibung. Ein Theil fein pulverisirter Brechweinstein wird mit einer Dosis ausgelassenen Schweinefettes auf einer Platte verrieben, hiervon wird ein Theelöffel voll über die Herzgrube sanft gestrichen. Dies geschieht dreimal des Tags und man fährt damit fort, bis sich auf dem eingeriebenen Platze kleine Pusteln zeigen, welche schnell reisen. Sobald diese Eruption erfolgt ist, muß man die Einreibung etwas unter den Pusteln anbringen. Schon am dritten Tage ist die Gewalt des Uebels gebrochen, der Krampf ist gelindert und die Besserung beginnt, indem man fortfährt, bis nach der Gegend des Unterleibes zu die Einreibungen anzubringen, deren Pusteln eine einzige Kruste bilden. Nur wenige Aerzte habe ich bewegen können, dies Unterrichtsheilmittel zu empfehlen. Jeder wollte auf eigenem Wege das Uebel heben.
Wir siedelten nach Darmstadt über, fanden dort bald eine Wohnung, die zweckmäßig war und einen nicht zahlreichen, aber freundlichen Kreis. Die Staatsdame der Frau Großherzogin Luise, Baronesse von Bode, die Freiin Rothenhahn waren ausgezeichnet durch Geist und Herzensgüte, der Freiherr von Wallbrunn nebst seiner Schwester und Tochter, der er eine vortreffliche Erzieherin beigesellt hatte, bildeten einen gemüthlichen, geistbelebten Umgang. Meta von Liebeskind, eine ausgezeichnete Freundin des Dichters Bürger, schloß sich eng an mich. Die Familien des geistvollen Regierungssecretärs Doerr,[66]  seines vortrefflichen Schwagers Stumpf und des Kunsthändlers Ludwig Portmann waren für mich und meine Söhne ein schätzbarer Umgang, der mir in kurzem hochwichtig werden sollte. Die Hofschauspielerin Willer, eine geborene Baronin Cronstain aus Hannover, welche späterhin den Namen ihres verstorbenen Gatten von Montenglaut, den sie auf dem Theater abgelegt hatte, wieder annahm, kam zuweilen zu mir. Ich lernte bei ihr den Bruder der Frau Varnhagen von Ense, Ludwig Robert, kennen. Seine schönen vaterländischen Gedichte waren mir längst schon werth. Er war liebenswürdig und gefühlvoll, werth Rahel's Bruder zu sein; er lebte damals bei dem geistreichen russischen Grafen Golowkin, einem der liebenswürdigsten russischen Cavaliere, die ich je gekannt. Henriette von Montenglaut bewohnte mit einer jungen Nichte einen geräumigen Pavillon in einer heitern ländlichen Gegend bei Darmstadt. Sie dichtete dort fleißig; englische und französische Stunden bei den vornehmsten Damen vom Hof füllten einen Theil ihrer Zeit aus. Ich habe sie nicht in Rollen gesehen, die ein Talent beurkunden konnten. Auf dem Theater war das Publikum gleichgültig gegen sie, als Sprachlehrerin war sie wahrhaft ausgezeichnet. Auch der Großherzog Ludwig schätzte ihre Kenntnisse und nahm Antheil an ihrem traurigen Schicksal. Ich traf sie viele Jahre später in Berlin, kurz vor ihrer Abreise nach Paris, wohin sie Henriette Sontag begleitete. Nie hätte diese so vorzügliche Sängerin und berühmte Schönheit, ohne die Einsichten und den Eifer der Frau von Montenglaut ihre Laufbahn so glänzend gemacht, wie es geschah. Gleichwol starb sie einige Jahre später in schmerzlicher Dürftigkeit in einem Winkel von Holland.
In der Reihe meiner geistreichen Bekannten muß ich[67]  einen der ausgezeichneten, Hallwachs, nennen und mehrere übergehen, weil mir Raum zu ihrem Bilde gebricht. Abt Vogler, der Freund meiner Großmutter und Mutter, wurde mein Freund. Meine Söhne waren vermöge der Ehepacten, die bei meiner Heirath festgestellt wurden, bestimmt, katholisch zu werden, wie es die ganze Familie Chézy's war. Dies interessirte Vogler sehr, er war ein eifriger, aber milder Katholik. Er lud uns ein, morgens um acht Uhr der stillen Messe beizuwohnen, die er in einer Kapelle in seinem Hause las. Ich begleitete meine Kinder dorthin gern, weil mir jede christliche Stätte der Andacht eine heilige ist. Auch war diese Kapelle so heimlich und in ihrem einfachen Schmuck so einladend, daß ich gern dort verweilte. An hohen Festen war es Vogler untersagt, dort Messe zu lesen, und da damals die katholische Kirche in Darmstadt keine geweihte Stätte, sondern ein Saal im Gasthof zum Hotel von Darmstadt war, wo eine Feier der Weihe nicht würdig gehalten werden konnte, so pflegte Vogler an großen Feiertagen in eine andere Stadt zu reisen. Wenn er abwesend war, führte ich die Kleinen in den Darmstädter Hof, wo Geheimrath von Wrede Messe las und wo die damalige katholische Gemeinde die Räume füllte. Ich wollte meinen Kindern keinen Begriff von Trennung der christlichen Gemeinde geben, am allerwenigsten sollten sie erfahren, daß ich zu einer andern Kirche gehörte, damit der Frieden ihrer Kindheit ungetrübt bliebe. Sie erfuhren von der Religionsverschiedenheit nicht einmal in Berlin, wo ich sie dem vortrefflichen Pater Sieget zum Unterricht anvertraute, auch in Dresden nicht, wo der verdienstvolle Pater Mende ihr Lehrer wurde. Erst bei ihrer Confirmation erfuhren sie von dieser Trennung, die damals nicht so grausam war, wie sie es später geworden.[68]  Friede war wenigstens äußerlich zwischen den zwei Kirchen und man sprach nicht von gemischten Ehen, ein Ausdruck, der an Thiergeschlechter erinnert und mich empörte, als ich ihn zum ersten male vernahm. Eine Verschiedenheit, die zwischen Christ und Christen gar nicht bestehen kann, ist nach meinem Gefühl Gotteslästerung und Entweihung des Namens dessen, der für die ganze Menschheit gelitten hat und will, daß keiner der seinigen verloren gehe. Ich muß meiner Eigenliebe Gewalt anthun und eingestehen, daß ich nie eifrig Geschichte studirt, ich würde sonst meine Söhne erst in gereiftern Jahren bewogen haben, religiösen Unterricht zu nehmen und dann zu wählen. Doch es gab vieles, was mich innerlich mahnte, mein gegebenes Wort gewissenhaft zu halten, das Andenken meines seligen Schwiegervaters, eines getreuen Sohnes der katholischen Kirche von musterhafter Frömmigkeit und Milde, zu ehren: die Verehrung für mehrere meiner katholischen Freunde und Freundinnen in Frankreich und Deutschland, die Vorstellung, daß ich meine Söhne, die schon von väterlicher Seite verwaist waren, schroffer von ihrer Familie trennte, wenn sie nicht durch das Band der Religion mit ihr zusammenhingen; dazu kam, daß ich auch keinen Augenblick in Versuchung gewesen, mein Wort zu brechen, ich hielt es treu, und was auch dadurch Trauriges für mich entstanden, mußte ich tragen, weil ich nicht anders konnte.
Der Krieg entbrannte im Herzen Deutschlands, die Leidenschaftlichkeit aller Parteien entzündend. Die Befreiung vom französischen Joch, nach der alle Redlichen lechzten, gab den Vorwand zu Handlungen, deren eigenste Triebfeder nicht immer eine lobenswerthe war. Bitter getäuscht sahen sich die meisten, die in diesem[69]  Kriege eine Gewährleistung für die Herstellung besserer Zustände sahen. Die ersten Transporte von Verwundeten rollten durch Darmstadts Straßen, viele davon waren in sehr traurigem Zustande, ich weiß nicht, wohin sie gebracht wurden. Die Wagen kamen am Darmstädter Hof und am Hotel des französischen Gesandten vorbei. Der bieder Besitzer des ebengenannten Gasthofs ließ alle diese Verwundeten und Kranken erquicken und stärken. Der Gesandte that nichts für sie, die großherzogliche Familie war geflüchtet, Prinz Christian ausgenommen. Der Gesandte war der großherzoglichen Familie bis nach Mainz gefolgt, er hatte sie beschworen, an dem Kaiser festzuhalten, nach Frankreich zu kommen. Er hatte geweint, er mußte von seiner Bestrebung ablassen und kehrte trauernd nach Frankreich zurück. Die Transporte von Verwundeten und Kranken, die sich noch im leidlichen Zustand zu befinden schienen, wiewol auch sie von Zeit zu Zeit einen noch warmen Leichnam schnell entkleideten und auf die Chaussee warfen, hörten auf und ihnen folgten, theils zu Fuß, theils zu Wagen, eine Reihe schwererkrankter Krieger, gleichsam die Nachlese des Schlachtfeldes, man zählte dreitausend. Sie wurden in das Exercierhaus neben dem Schlosse abgeladen. Die Schildwache schob den Riegel vor, der von draußen angebracht war. Unter dem Thore klaffte eine Lücke von Handbreite, das Gebäude war ungedielt, ohne Pfeiler, mochte dreißig Fuß Höhe haben und diente zum Exercierplatz bei nassem, stürmischem Wetter. Die Behörde verlangte von den Einwohnern Darmstadts dreitausend Portionen Essen für die gefangenen Franzosen. Dies Mittagsmahl wurde reichlich gespendet und aus eigener Bewegung fügten die meisten noch guten Wein hinzu. Nachmittags gingen fast alle Einwohner vor das Exercierhaus[70]  und unterredeten sich mit den Gefangenen. Einer derselben, ein hoher kräftiger junger Mann, führte das Wort an dem Fenster, wo ich mit meiner Gesellschaft stand. Er sprach gräßliche Verwünschungen über den Feldherrn aus, erzählte dann von der mörderischen Schlacht, wo er äußerte, daß die Krieger unsinnig in das Feuer gestoßen worden, und sprach dann von den Beschwerden des Transports von Hanau bis Darmstadt: man habe auf Misthaufen bivouakiren müssen, kaum ein Stück Brot über tags, keinen Tropfen Wein oder Bier bekommen. Darmstadt sei der einzige Ort seit sechs Tagen und Nächten, wo man eine warme Mahlzeit genossen hätte. Er und die umstehenden Gefangenen brachen bei diesen Worten in Thränen aus und ergossen sich in Dank und Segenswünschen. An einem andern Fenster des Gefängnisses waren ähnliche Auftritte vorgefallen, wie ich von Bekannten erfuhr. Wir begaben uns am Abend zum Kunsthändler Ludwig Portmann, bei welchem eine Masse gefangener Offiziere versammelt waren, welche der gastfreie Holländer mit gutem Wein erquickte; da ihn mehrere plagten, daß sie von Gold und Wäsche ganz entblößt seien, machte Herr Ludwig Portmann den Unglücklichen deutende Vorschüsse. Ich habe späterhin von ihm erfahren, daß diese alle bald und gewissenhaft zurückerstattet wurden. Die gefangenen Offiziere führten dieselben Reden wie die Soldaten, nur in einem andern Stile. Wir hörten ihnen schaudernd zu. Man hatte sie bei angesehenen Bürgern einquartirt. Alle die dreitausend Gefangenen sollten andern Tags in der Frühe Darmstadt räumen.
In der Nacht fand ich einigen Schlaf, doch mit Mühe, denn die Vorfälle des vergangenen Tags hatten mich heftig erschüttert. Am Morgen nach dieser Nacht[71]  zog uns eine Art Getümmel an das Fenster. Die Gefangenen zogen singend daran vorüber. So ist der Franzose. Ist es Leichtsinn oder Spannkraft? Ich kann es nicht beurtheilen, ich glaube wol, es ist beides beisammen.
Der freudige Zuruf dieser jungen Männer bewegte mich tief. Soll ich erwähnen, daß ich meinen Wintervorrath von Aepfeln durch meine Fenster auf dieselben herabschütten ließ? Er war nicht gering, und man sah, daß diese kleine Spende diese Soldaten wunderbar ergriff und freute. Sie fingen sie mit großer Geschicklichkeit in ihren Kappen auf, theilten sie redlich mit ihrer Escorte und setzten dann ihre Gesänge fort. Einzelne unter ihnen riefen: »Vive l'empereur!« so stolz und jubelnd, als ginge es in die Schlacht, doch bezeigte sich auch hier und da einer dieser unglücklichen Krieger kleinmüthig. Ein Vorübergehender redete einen an, der schweigsam bleich und bebend weiter ging: »Êtes-vous Français?« Er antwortete: »Oui, je suis de cette pauvre miserable nation!« An demselben Morgen ging ich wegen eines kleinen Geschäfts in die Leske'sche Buchhandlung, mein Max war bei mir. »Die Franzosen sind nun fort«, sagte einer der Anwesenden, worauf Herr Mittler, ein Norddeutscher, der sich mehrere Jahre später in Berlin niederließ, gleichmüthig äußerte: »Es sind etwa sechshundert im Exercierhaus zurückgeblieben, weil man sie nicht weiter schaffen kann.« Dies hören und hastig nach dem Exercierhaus eilen, war das Werk weniger Minuten. Die große Pforte war von außen wie gestern verriegelt und mit einer Schildwache versehen. Ich rief ihr zu, den Riegel zu öffnen, denn ein Jammergeschrei drang mir durch die Spalten des Thors entgegen. Der Soldat versagte, doch ich drang so heftig und bittend in[72]  ihn, daß er mir endlich willfahrte. Kaum öffnete sich die Thür, als pestilenzialische Gerüche mir und Max entgegendrangen, und ein herzdurchbohrender Schrei von allen Lippen erscholl: miséricorde, nous périssons ici! Max verbarg sein bleiches Antlitz in mein Kleid. Wie erstarrt schaute ich auf die Krieger, die in Lumpen gehüllt frostdurchschauert vor mir lagen. Doch ich ermannte mich, rief ihnen zu: ich würde bald mit Hülfe erscheinen und eilte von dannen.
Im Vorübergehen nach Hause suchte ich eine Menge Bekannte auf und flehte sie um Hülfe an. »Es sind Napoleon's Krieger«, rief ich aus, »sie sind besiegt! Wären sie siegreich zurückgekommen, würde man ihre Wege mit Rosen bestreut haben. Jetzt bettet man sie auf harter feuchter Erde. In der Mitte des Behältnisses verpestet ein hoher Berg von Mist die Luft um sie her, kein Tropfen Wasser netzt ihren dürren Gaum, entkleidete Leichen liegen zu ihren Füßen, Todesröcheln erschallt um und um, laßt uns zu Hülfe eilen!« Viele versprachen mir dies. Einige Metzger und Weinhändler verhießen mir Fleisch und Wein in mein Haus zu bringen. Einige Geschirrhändler folgten uns mit großen Kochtöpfen. Meine getreue Babet entsetzte sich über mein bleiches Aussehen und mein hastiges Wesen. Der große Herd empfing schnell die mitgebrachten Geschirre mit Suppenfleisch. Lindenblütenthee wurde bereitet, Aepfelmuß gesotten, ehe ich noch ein Wort gesprochen hatte, denn ich konnte vor Herzklopfen nicht reden, und obwol meine Hände flogen, besorgte ich alles selbst oder verständigte mich durch Zeichen. Babet wußte nicht, wozu alle diese Anstalten seien, sie mußte glauben, ich sei wahnsinnig! Endlich genoß ich selbst etwas, versorgte meine Kleinen, und eilte zu den benachbarten[73]  Freunden Stumpf und Dörr. Einige Worte reichten hin Mitleid zu erwecken, Thatkraft anzuregen, in wenigen Stunden stand die Hülfe bereit. Rüstige Weiber eilten mit den Fässern voll Suppen, warmen Thee und Wein nach dem Exercierhause. Vor lauter Freude, helfen zu können, hatte niemand an Eßgeschirr gedacht. Ich weiß noch heute nicht, wie wir unsere Sache gemacht haben. Ich glaube jedoch, daß einige Familien, die dem Exercierhaus nahe wohnten, zu Hülfe gerufen wurden. Ein Jäger nahte sich uns, ein Soldat der kaiserlichen jungen Garde, er bat uns ihm in eine Ecke zu folgen, wo ein todtenbleicher junger Mann an der Wand lehnte. »Hier, meine mitleidigen jungen Damen«, sagte er, »liegt mein Herr, ein italienischer Nobile, er hat wol nur noch einige Stunden zu leben, erquicken Sie ihn. Sie müssen italienisch mit ihm reden!« Wir nahten uns dem Leidenden, und reichten ihm Lindenblütenthee, den er begierig trank. Er bat um warme Tücher, Umschläge in der Gegend des Herzens. Von allen Seiten des Gebäudes her wurden wir um Hülfe angerufen. Abends spät hatten wir kaum die Hälfte unserer Arbeit gethan. Den jungen Offizier hatte ich rein vergessen. Eine benachbarte Hauptmannsfrau, Namens Jesse, hatte sich wie manche andere Bewohnerin Darmstadts unaufgefordert zu uns gesellt und half fleißig. Es mochte 2 Uhr morgens sein, als wir unsere unglücklichen Pfleglinge verließen. Als wir vor der Thür der Frau Hauptmann Jesse angelangt waren, sahen wir schon, wie sie uns durchs Fenster gewahr werdend auf uns zueilte und uns bat, einen Augenblick einzutreten. Wir folgten ihr. In einem Stübchen umfing uns eine warme duftende Sphäre; vor uns stand ein junger Arzt, Dr. Ton, der uns beim Eintreten die Hand bot, und zu einem Lager führte, wo mit geschlossenen[74]  Augen der junge Offizier lag, den wir im Exercierhause Betroffen. Er lebte. Dr. Ton hoffte er könne hergestellt werden. Er schlug die Augen auf, konnte aber nicht reden, doch sein Blick flammte und durchdrang uns das Herz mit Schmerz und Wonne. Wir verweilten noch lange bei ihm, um ihn mit Trostesworten aufzurichten, dann schieden wir zu kurzer Ruhe. Nachdem uns Baron Wallbrunn verheißen, meine Kleinen gut zu versorgen, eilten wir zu den Gefangenem, nicht ohne uns zuvor mit einigen Löffeln voll Pestbranntwein zu stärken. Wir fanden einen schönen jungen Brabanter, der uns nicht gefährlich krank erschienen war, im Sterben. Er klagte uns auf Deutsch, daß ihm einige neben ihm liegende Kameraden fünf Kronenthaler, die er bei sich trug, gewaltsam abgenommen, und ihn, den Wehrlosen, gemishandelt hätten. Er verschied vor unsern Augen. Wir konnten den Frevler nicht entdecken. Noch beschäftigte uns dies traurige Schauspiel, als wir gleichsam, um uns mit der Menschheit zu versöhnen, zwei junge Wesen eintreten sahen, die mit Hülfe beladen zu den Leidenden eilten, ihnen Frühstücksuppe reichten, und dann fortsprangen frischen Vorrath zu holen. Es waren die Kinder eines darmstädter Schlossermeisters, dessen Name mir enfallen ist, doch er steht gewiß im Buche des Lebens geschrieben und sicherlich treffen wir uns jenseits wieder. Beinahe den ganzen Tag widmeten sich diese holden Geschöpfe diesen mitleidsvollen Mühen. Viele Bewohner Darmstadts schlossen sich ihnen an, keiner der Leidenden durfte verschmachten.
Ueber Tag überraschte mich der Anblick der Frau von Montenglaut. Sie war mit einigen Chirurgen zu dieser Jammerstätte gekommen und half pflegen und verbinden. In der Schulter des einen Kriegers stak der[75]  Schaft einer Kosackenlanze, der in der Wunde abgebrochen war, man konnte ihn nicht retten. Als wir uns auf einige Stunden entfernten, eilte ich zum Pflegling der Frau Hauptmann Jesse. Er empfing uns tief bewegt und konnte uns einige Worte sagen. Ich benutzte jene Augenblicke, wo sein Kopf frei war, um ihn nach seinem Namen zu fragen, er nannte sich Girolamo da Miraltemonte. Dr. Ton, der ihn fleißig besuchte, hegte noch immer Hoffnung für sein Leben. Wir gingen nach dem Exercierhaus zurück. Am Eingangsthor stand ein Piket hessischer Soldaten, vom Grafen von Lehrbach und einigen andern Offizieren befehligt. Der junge Graf eilte mir entgegen und wollte mich bei den Händen aufhalten. »Um Gottes willen, nicht da hinein, gnädige Frau, die Pest ist drinnen, der Tod! Denken Sie an Ihre Kinder!« Ich ließ mich nicht aufhalten. Ich will niederschreiben, was ich sah, um die Herzen der Kriegslustigen zu erschüttern.
In einer Lache, die weit vor dem Gefängnisse sich ausdehnte, belegt mit schwankenden Bretern, schwammen nackte Leichen. Mitten im Gebäude verbreitete der aufgethürmte Unrath der eingeriegelten Gefangenen seine gräßlichen Ausdünstungen. Auf dem naßkalten Boden krümmten sich röchelnd die Sterbenden, doch ich traf die hülfreichen Schlosserkinder und andere Menschenfreunde, die sich unverabredet dem Werke der Barmherzigkeit angeschlossen hatten. Als wir das Exercierhaus abends verlassen, ließ mich die Frau Hauptmann wieder zu sich bescheiden. Der sterbende Girolamo hatte noch nach mir verlangt, doch er konnte keine Silbe mehr aussprechen, reichte uns die Hände, heftete auf uns sein brechendes Auge, in welchem noch einmal sein Herz aufglühte, und sein Geist entfloh dahin, wo wir ihn wiederfinden.[76] 
Eine kleine braune Locke wurde bei ihm gefunden, gebunden in ein Kinderhäubchen. Ich schrieb auf Gerathewohl nach Venedig, doch mein Brief blieb unbeantwortet und hat wahrscheinlich kein Mitglied der Angehörigen Miraltemonte's mehr erreicht.
In der Nacht drängte es mich die Feder zu ergreifen und dem Prinzen Christian von Hessen den qualvollen Zustand der Gefangenen zu schildern. Diese kläglichen Ueberreste eines Theils der großen Armee bestanden aus Rheinländern, Belgiern, Holländern, Baiern, Odenwäldern, Franzosen, Italienern u.s.w. Viele schöne achtzehnjährige Jünglinge von Napoleon's junger Garde waren dabei. Mein Freund Ludwig Portmann hatte zwei davon in sein Haus aufgenommen, Derridôr und Franz Say, beide sehr leidend. Nachdem ich Prinz Christian geschrieben, setzte ich noch in der Nacht eine Vorstellung an den Präsidenten Freiherrn von Senden auf, und schickte sie in der ersten Morgenfrühe ab. Ich erhielt an diesem Tage keine Antwort und erwartete auch keine, doch andern Tags früh erschienen vor dem Exercierhause eine Menge Fuhren, welche 375 unserer Pfleglinge nach den Hospitälern von Funkstadt und Bückebach übersiedelten. Arbeiter in Menge säuberten das Haus, und Stroh im Ueberfluß wurde herbeigebracht, um die Leidenden zu betten. Nun klopfte mein Herz leichter, die Gefangenen athmeten reine Luft, und viel Helfende begaben sich furchtlos dahin, wo die gereinigte Stätte zwar noch immer ein Wohnsitz des Jammers war, aber doch nicht mehr durch Bilder des Entsetzens verscheuchte. In den Häusern konnten keine der erbarmungswürdigen Krieger aufgenommen werden. Zwei Italiener lagen zwischen ihnen, beide am Typhus. Man erhielt von den Erbauern eines Hauses, das abgelegen[77]  stand, nicht ohne Mühe die Erlaubnis, die zwei Italiener dorthin zu schaffen. Sie erholten sich hier und waren auf dem Wege der Genesung. Das verbündete Heer rückte der Stadt näher. Sein Vortrab, das Menzdorf'sche Kosackencorps, gelangte an die Thore. Viele Einwohner begaben sich zur Behörde und baten inständig um Kosacken. »Nur ruhig, meine Freunde«, rief Graf Menzdorf, »ich stehe euch dafür, ihr werdet an Einquartierung keinen Mangel leiden; wenn ich meine Kosacken absitzen lasse, so stehe ich für gar nichts mehr. Darum versichere ich euch, nicht ein einziger Mann darf sein Pferd verlassen und nicht durch die Stadt darf das Corps!« Es geschah wie er befohlen.
Wir begaben uns vor die Eingangsthür und sahen die Kosacken anrücken auf der Chausse. Ihre Pferde sahen ermattet aus. Ich hatte ein großes Brot und einen Krug Wein. Ein Kosack hielt mich an, und rief aus: »Mutter!« indem er nach meinem Brot und Messer langte, ich dachte er wolle sich ein Stück abschneiden, allein er schnallte es sammt dem Messer an den Riemen des Sattelgurts, rief wieder: »Mutter«, ergriff den Krug, befestigte ihn mit der größten Behendigkeit auf dieselbe Weise, spornte sein Pferd und ritt davon, als ob es Flügel hätte. In diesem Menzdorf'schen Corps waren alle möglichen Nationen, nur nicht Kosacken. Doch der Graf verstand keinen Spaß, wo es darauf ankam, er hielt scharfe Mannszucht.
In diesen Tagen erlangten wir ungebeten das Glück, von den ersehnten Kosacken besucht zu werden. Funfzig hochgewachsene wohlberittene junge Männer sprengten auf das Haus zu. Der Offizier in zierlicher Uniform schwang sich vom Pferde und verlangte in leidlichem Französisch und mit feinem Anstand, dem Hausherrn eine[78]  Bitte vorzutragen. Eine sehr elegante Kutsche mit vier schön geschirrten Pferden folgte ihm auf dem Fuße nach. Zwei stattlich geputzte Damen saßen darin. Der Offizier bat Baron Wallbrunn unter Vergunst und mit größter Bescheidenheit, daß die zwei ermüdeten Damen hier rasten dürften, da die Gasthöfe überfüllt und zu geräuschvoll wären. Baron Wallbrunn zeigte sich bereitwillig und bot Erquickung an. Die Damen antworteten blos durch Verneigungen. Der Offizier entschuldigte sie, daß sie nicht Antwort gaben, denn sie könnten nichts als Russisch! Bei der ältern Dame verrieth kein Zug ihren nordischen Ursprung, doch die junge Dame mit etwas aufgestülpter Nase, vollen Lippen, tiefliegenden Augen, denen es nicht an Feuer fehlte, war eine Russin mit Leib und Seele. Nicht sie nur war stumm, ihre Physiognomie war es auch ganz und gar. Der Offizier nannte sich Adjutant des Hetman Platow. Bei diesem berühmten Namen bezeigten Wallbrunns und ich die Bewunderung, womit sie durchdrungen waren. Sie wetteiferten in Achtungsbezeugungen. Der Besuch dauerte keine Stunde.
Der Offizier allein trug die Kosten der Unterhaltung. Die Kosacken hatten ihre Pferde im Hofe frisch gestriegelt und neu geschirrt, sie ließen gewiß aus Dank für die Ausnahme mit Kreide und Kohlen Beweise ihres Künstlertalents zurück. Sie zeichneten ihre Pferde nach der Natur, ihre und unsere Gesichter gleichfalls, und verhielten sich auf eine höchst gesittete Weise. Bald darauf ging der Offizier in das Zimmer, wo die Damen ruhten, besorgte alles zur Abreise und führte die Gemahlin des Platow und deren Mutter vor, die zwar stumm aber herzlich dankten. Wie Pfeile flogen die Rosse mit ihnen davon. Ihre Escorte umringte den Wagen. Wir sahen ihnen[79]  nach, soweit unsere Augen sie erreichten. Es dauerte keine Viertelstunde, so erfuhren wir, daß die Frau Hetman Platow eine Weinwirthstochter aus Frankfurt sei, eine freiwillige Gefährtin des berühmten Hetmans. Dies ergötzte uns ungemein. Ich kam am schlimmsten dabei weg; denn ich war die Diensteifrigste gewesen. Wir wußten uns alle nun die sonderbaren Blicke und das schalkhafte Lächeln des Offiziers zu erklären, von welchem wir nun mit einem mal fanden, daß er keine Devotion an den Tag gelegt hatte. Dies Zwischenspiel nach den gespannten Auftritten, die vorausgegangen waren, war uns willkommen, andere Eindrücke folgten ihm.
In der Nacht langten bairische Truppen an, die auf dem Felde vor unserm Haus bivouakirten, helle Feuer anzündeten und Speisen bereiteten. Die Bewohner Darmstadts sprangen mit Küchengeräth herbei, Körbe mit Weinflaschen wurden gebracht, man zechte fleißig und heiter. Sein Besteck hatte jeder Soldat bei sich. Ich habe selten so heitere Tafeln gesehen. Es fehlte nicht an fröhlichen Liedern. Die lustigen Feuer flammten die ganze Nacht. Man drängte sich von allen Seiten um die Truppen her, schleppte Wein und Kuchen herbei und konnte nicht müde werden, sie auszufragen, bis die meisten von ihnen in Schlummer neben den Wachtfeuern sanken. Frühmorgens sollten die Truppen über den Rhein weiter marschiren. Es war dieser Vorgang ein lustiger Prolog zu den ernsten Auftritten, zu den erschütternden Jammerscenen, die unserer harrten. Seuche und Tod waren im Gefolge dieses ersten Freudenrausches. Andern Morgens kamen lange Züge von Leiterwagen an.
Bald kam auch die großherzogliche Familie zurück.[80]  Als die edle Frau Großherzogin die Gefangenen bemerkte, ließ sie ihnen Tonnen und Näpfe voll Speisen und Wein in Fülle auftragen. Vielleicht hat noch in seinem Leben nicht einer so prächtig geschmaust. Am andern Tage war heller Sonnenschein und laue Luft und alle Gefangenen wimmelten aus ihrer dumpfen Behausung heraus, und lagerten sich in den Sonnenschein. Mittags wurde ihnen ein neuer Schmaus aufgetragen. Doch die Aerzte hatten sich zu einer Berathung versammelt, sie überzeugten sich, daß die Stadt von einer Seuche bedroht war. Sie hatten recht, denn die Gefangenen kamen zwar aus der Stadt, aber der Typhus zog hinein. Alle Umstände vereinigten sich gegen die Unglücklichen, deren Anblick schon Entsetzen verbreitete, nicht zu gedenken ihrer Ausdünstungen und der verwitterten Lumpen, die ihre Glieder umfingen. Die Aerzte beschlossen, sie auf der Stelle aus der Stadt schaffen zu lassen; machten auch auf die Gefahr aufmerksam, daß die Alliirten, die schon nahe an der Stadt waren, sie zusammenschießen würden. Gewiß wäre dies nicht geschehen, doch diese Erklärungen erweckten eine panische Furcht in den Herzen der Einwohner. So wurden denn große Scheiterhaufen vor dem Rheinthor errichtet und angezündet, um die Gefangenen dort bivouakiren zu lassen. Der Himmel umwölkte sich, der Nordwind stob. Das Transportiren mehrerer hundert Menschen, die sich nicht regen konnten, ging langsam vor sich. Die, welche das Feuer zu besorgen hatten, bildeten sich ein, daß man in dem entsetzlichen Wetter die Kranken noch in ihren Gefängnissen lassen würde, und halfen fleißig dem Regen die Feuer auslöschen. So kamen denn die Gefangenen erstarrt und durchnäßt bei den glimmenden Aschenhaufen an, die man nur schwer wieder zum Brennen bringen konnte.[81] 
Portmanns kamen abends spät, da der Regen etwas nachließ, mit ihren Leuten, die schwer mit Lebensmitteln und Wein beladen waren, mich nach dem Walde abzuholen. Das erste, was ich dort erblickte, waren die zwei Italiener, die aus ihrer Zufluchtsorte, dem wohlgeheizten Zimmer in jenem neuen Gebäude, weggeholt worden, weil man glaubte, sie können dort zusammengeschossen werden. Sie erhoben sich von der nassen Erde und riefen mir zu: »Lebe wohl, Mutter! Wir sterben noch diese Nacht, und müssen mit gesunden Herzen sterben! Lebe wohl und Gott segne dich!« Vergebens suchten Portmanns und ich sie zu laben und zu trösten, sie verschmächten nun alles. Da wir sie endlich verließen, meinten wir das Herz müßte uns brechen. Mit jedem Schritt schallte uns neuer Jammer entgegen. Der Himmel war schwarz umzogen, der Sturm pfiff, das durchnäßte Holz konnte nicht brennen. Zu unsern Füßen winselten, röchelten die hülflosen Krieger. »Erbarmen, Erbarmen! Nehmt uns mit! Eine Scheuer, ein Breterdach! Wir müssen hier sterben!« Nur mit zerrissenem Herzen verließen wir den Wald, nachdem Portmann noch mit Umsicht Wein und Lebensmittel gespendet, und den Unglücklichen verheißen, daß gleich am Morgen für sie Sorge getragen werden sollte; denn für diese Nacht war es unmöglich. Die Alliirten waren angelangt, und die Einwohner alle mit der Sorge um sie beschäftigt. Ehe wir noch ganz aus dem Walde heraus auf dem Wege nach der Stadt waren, kam uns ein neuer Transport entgegen, von einigen bairischen Soldaten und einem Offizier begleitet. Ach, warum habe ich seinen Namen vergessen? Er kam auf uns zu und redete uns an: »Wie«, rief er, »hier soll ich für diese Nacht meine 3000 Mann unterbringen? Meine Marschroute lautet auf Darmstadt,[82]  aber man läßt uns nichts hinein. Welch unerhörte Grausamkeit! O, und dieser Transport war so geduldig, so gutwillig, kein Mann ist gesättigt worden, keiner erquickt, und sie haben nicht gemurrt. Jetzt können sie vor Frost und Müdigkeit nicht mehr weiter, und wenn sie das könnten, wohin sollte ich mit ihnen, wo fände ich Obdach für sie?« Portmann suchte den braven Mann zu beschwichtigen und stellte ihm vor, welch Unheil daraus entstehen könnte, wenn die Alliirten die gefangenen Franzosen in Darmstadt angetroffen hätten, da die Erbitterung gegen sie so unbeschreiblich sei. »Was«, rief er aus, »besiegte Feinde! Welcher Mann von Ehre könnte die anfallen wollen? Nicht einer! Und wenn man bedenkt«, – er schwieg, denn er fühlte wohl, daß sein Eifer ihn zu weit fortriß.
Bei erneutem Regen erreichten wir unsere Wohnungen. Unfähig Ruhe zu suchen, stellte ich mich an das Fenster, von wo ich einige der Bivouakfeuer glimmen sah, und blieb dort weinend und händeringend die ganze Nacht. Wider Erwarten fand man am Morgen nur sieben Leichen. In der Frühe berathschlagten sich menschenfreundliche Einwohner mit dem edelmüthigen Wilhelm Stumpf über eine Idee, die er gefaßt hatte. In unglaublicher Eile kam eine bedeutende Summe durch Subscription zusammen. Baracken mit Abtheilungen wurden errichtet, Stroh in Fülle herbeigebracht, die Gefangenen hineingeschafft, und die mitleidsvollsten der Bewohner kamen täglich einigemal dorthin sie zu versorgen. Ich kann mich nicht rühmen, diese frommen Bemühungen getheilt zu haben, mein Kräfte schienen mir ganz erschöpft. Eine innere Stimme rief mir unaufhörlich zu: »Wir sind noch fern vom Ziel!« Neue Transporte von Verwundeten langten an, ich konnte es nicht lassen, ich mußte zu Hülfe kommen. Einmal[83]  als ich einen großen Korb mit Schnitten schwarzen Brotes herbeitragen ließ, stürzten die Gefangenen, dieselben Franzosen, welche vor nicht langer Zeit den armen Bauern das schwarze Brot vor die Füße geworfen hatten, über den Korb her, wollten die Stücken herausreißen und verschlingen. Ein Piket Hessen, das danebenstand, verjagte die Frechsten unter ihnen. Als ich Wein vertheilte, trat ein Mann von der jungen Garde auf mich zu und bat mich mit großer Bescheidenheit um ein Glas Wein. Mit Thränen in den Augen sagte ich ihm, auf die Verschmachtenden deutend, die um uns herlagen: »Wer sich noch rühren kann, dem darf ich nichts geben!« Er zog sich schweigend zurück.
Eines Morgens, als ich von meiner Streiferei um den Schloßplatz her, die ich täglich unternahm, um nach neuen Ankömmlingen zu sehen, zurückkehrte, kam mir meine alte Babet todtenblaß schon auf der Treppe entgegen. »Kehren Sie wieder um«, rief sie mir zu, »oben sitzt ein preußischer Offizier, der will nicht wanken, nicht weichen!« Ich lachte. »Ach Gott!« rief sie aus, »was sind Sie doch so unbesorgt und sind in so großer Gefahr! Was die Leute alles reden, sie heißen Sie eine Patriotin!« Ich lachte noch mehr und trat in mein Zimmer ein. Der Offizier kam mir entgegen und fragte mich: »Sie kennen mich nicht?« – »Nein! Wer sind Sie?« – »Sagt Ihnen Ihr Herz nichts?« – »Mein Herz sagt mir La Motte Fouqué!« – »Das ist doch abscheulich!« rief der Offizier, »du kennst deinen Bruder nicht mehr!« Meine Söhne kamen dazu, die Freude war unbeschreiblich. Heinrich sah sich im Zimmer um.
Da rankte sich eine schöne exotische Blume mit ihren unzähligen blauen Glocken hoch empor. Zwei Turteltäubchen ruhten auf der Blumenvase. Heinrich lächelte[84]  schelmisch. »Bei Tauben habe ich dich 1797 verlassen, und finde dich 1813 mit Tauben wieder! In so viel Jahren äußerlich wenig und innerlich gar nicht verändert.« Ich mußte dem lieben Bruder recht viel erzählen. Schon am andern Morgen mußte er weiter. Ich hatte mich seit einigen Tagen mit einem stolzen Traum gewiegt. Ich wollte Mannskleider anziehen, Deutschland retten, indem ich damit anfing, Mainz zu entsetzen. Mein lieber Bruder lachte mich nicht aus, denn meine flammenden Augen und meine begeisterten Worte zeugten vom Ernst meines Entschlusses. Er begnügte sich mit mir von meinem Project zu sprechen, als wenn ihm ein Kind gesagt hätte, es würde den Mond aus dem Wassereimer ziehen. Ich kam zur Besinnung. Zu hart ward es mir, so schnell von dem kaum wiedergewonnenen Bruder zu scheiden. Ich entschloß mich, ihn mit den Kindern nach Frankfurt zu begleiten. Die Chausseen waren mit Menschen angefüllt; kaum konnten die Pferde sich Raum schaffen weiter zu kommen. Frankfurt war gar nicht wiederzuerkennen, es stak voll Kosacken. Mein Bruder rief ihnen zu: »Pruski Kapitan!« wenn sie uns den Weg versperrten. Wir gelangten mit Mühe zum Römischen Kaiser. Mein Bruder verließ mich schon am andern Morgen. Der Abschied war so traurig, als das Wiedersehen heiter gewesen war. Wir suchten Pilat auf seiner Kanzlei auf, der uns mit großer Herzlichkeit bewillkommnete, und trafen dort mehrere Bekannte, die uns mit Neuigkeiten überschütteten. Ich wurden überzeugt, daß Napoleon unter keiner Bedingung seinen Thron, seine Gemahlin, sein geliebtes Kind wiedererlangen konnte. Kaiser Franz mußte sein weiches Herz bezwingen und grausam sein. Wer aber hatte das größte Recht, über Treubruch und willkürliches Zerreißen der heiligsten[85]  Bande zu klagen? Wer hatte einsehen können, daß Napoleon's Riesenplanen Absichten zum Grunde lagen, die das Heil Europas bezweckten? Gegen wen war ein geheimer Bund errichtet worden, ehe noch ein Mann die deutsche Grenze überschritten hatte? Wer war verlassen worden, als sein Glück ihn verließ? und unbesiegt geblieben, bis sich die Wuth der Elemente gegen ihn gekehrt?
Durch die Massen, welche sich durch die Straßen und Plätze drängend kreuzten, rollten langsam und dumpf wie trübe Ahnungen zu jeder Stunde des Tags die Leichenwagen, welche die Opfer des herrschenden Nervenfiebers zur letzten Ruhestätte trugen und oft den Marsch der stattlich geschmückten Kriegsheere hemmten, die durch Frankfurt zogen und freudig dem Kampf entgegengingen. Den meisten Eindruck auf die Massen der Zuschauer machten die jungen Tscherkessen in ihren schneeweißen Uniformen, mit silbernen purpurnen Rockaufschlägen, mit stählernen Helmen, theils mit Gold, theils mit Silber beschlagen, weiß und roth wie Mädchen, mit funkelnden Augen und kräftiger Haltung, der sich Anmuth gesellte, dann die Baschkiren in eiserner Rüstung, den Dolch im Gürtel, in der nervigen Linken Bogen und gefüllten Köcher. Wir werden sie wiedersehen, doch nicht in so poetischer Gestalt und Haltung. Pfeil und Bogen erforderten geübtere Schützen, als die modernen Flinten, mit denen sie jetzt bewaffnet sind.

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Wir wurden in die Messe des Kaisers von Rußland geführt. Ergreifend war der Anblick der hochgeschmückten besternten Krieger ersten Ranges, als sie auf die Knie sanken, erhebend die Gewalt der seelenerschütternden Gesangchöre. Beim Ausgang aus der Kapelle trat ein mir bekannter russischer Offizier er kaiserlichen Garde,[86]  Hauptmann von Engelhard, zu mir heran und rief mit überwallendem Herzen: »Ist nicht unser Kaiser der schönste Mann auf der Welt?« Ein andrer rief lachend: »Das wäre gut, wären nur die Augen der Madame Bethmann nicht noch schöner als Kaiser Alexander!« Die Liebe zu diesem Monarchen war unbeschreiblich.
Unübersehbar war der Zudrang der Fremden in Frankfurt a.M. Im Römischen Kaiser liefen die Prinzen oft vergeblich nach Sitzen an der Tafel umher. Zu jeder Stunde war der Saal mit Gästen überfüllt. Mein Tischnachbar war zuweilen der Graf Golowkin und gewöhnlich der Hauptmann von Engelhard. Dieser pflegte mich aufzumuntern, nach Rußland zu gehen. »Kommen Sie nach Moskau«, rief er aus, »Sie werden nie wieder wegverlangen. Die Gegend ist malerisch, ernst und großartig und nicht ohne Anmuth. Die Straßen sind prächtig und luftig, das Klima ist gemäßigt, das Volk herzig und treu. Der Russe ehrt das Talent, er ist gastlich und großmüthig!« Diese begeisterte Schilderung machte auf mich keinen tiefen Eindruck; ich liebte mein Vaterland zu sehr. Die Stadt gab dem anwesenden Monarchen, den Fürsten und Offizieren einen prachtvollen Ball. Ich zog die ruhige Augenweide von meinem Logensitz aus dem Gewühle im Saale vor. Der Ueberblick des Ganzen war bezaubernd. Die große Polonaise, mit welcher der Ball eröffnet wurde, war der Triumph der Schönheit und Pracht. Doch vor allen fesselte der Anblick des Kaisers Alexander die Blicke. Die Tracht der Damen war damals malerischer und reizender als jetzt und stilmäßiger, man sah keine Wespen sondern Gestalten. Der Luxus war weniger übertrieben; doch wurden viele Perlen getragen.
Das Theater war damals auf dem Höhepunkt seines[87]  Glanzes, die Oper habe ich sagen wollen. Auch das Ballet war schön, doch es gab damals noch keine Taglioni, keine Elßler. Auch Fürst Leiningen kam auf einige Zeit nach Frankfurt. Er schien mir traurig, sprach nur wenig, man sah es ihm an, sein Herz war gebrochen. Er lebte nur noch kurze Zeit. Seine edle Witwe wurde Regentin und waltete, wie schon oben berührt, als Schutzengel über das Land. Nur Frauen können recht das Leid verstehen und die Wunden der Zeit heilen.
Unerfreut von allen Herrlichkeiten, die ich gesehen, tiefbewegt von trüben Ahnungen, die sich nur zu bald bewähren sollten, kam ich nach Darmstadt zurück, wo alles in den gewöhnlichen Kreisen sich schon wieder bewegte. Mein ehrwürdiger alter Freund Abt Vogler setzte seine wohlthätigen und herzlichen Gewohnheiten, Frömmigkeit des Wohlthuns und freundliche Geselligkeit fort. Das Wort »Pfaffe«, welches ganz eigenthümlich und einfach, ursprünglich nur die Bedeutung eines Priesters hatte, späterhin aber schief angesehen und gemisdeutet wurde, würde seine ursprüngliche Bedeutung beibehalten haben, wenn es lauter solche Priester gegeben hätte wie Vogler! So liebend mild und so bieder selbststreng, so wohlthätig gegen Arme, so treu gegen Freunde, so klar und so weise! Als ich ihm einmal einen Zweifel äußerte: »Ob ich nicht die Verwundeten und Gefangenen von Anbeginn hätte unberücksichtigt lassen sollen, da ihr entsetzlicher Zustand das Leben und die Gesundheit der Meinigen, sowie meine eigene gefährden konnte?« gab er zur Antwort: »Gott hat dem Menschen die entschiedenste Freiheit gegeben, die durch keine Rücksicht bedingt werden darf! Die innere Stimme muß sein Leitstern sein, sie wird ihn am sichersten zum Ziele führen. In außerordentlichen Misgeschicken darf der[88]  Mensch nicht auf dem einfachen Wege der Pflicht bleiben, er ist berufen den steilsten und dornenvollsten zu ergreifen, nachdem er das Maß seiner Kräfte erwogen.« Ich erwiderte ihm, daß ich oft schon bereut habe, mich nicht streng an meine nächste Pflicht gebunden zu haben; denn ich hätte uns alle unglücklich machen können. »Gott hat die Ihrigen beschirmt!« rief er aus, »sie sind alle gesund!« – »Und wenn ich nun gestorben wäre?« fragte ich. – »Kleinmüthige!« rief mir Vogler zu, »dann würde Gott für Ihre Kinder gesorgt haben; denn Sie waren berufen. Der Zug des Herzens ist nicht wie Schiller sagt: des ›Schicksals Stimme‹, nein, er ist ›Gottes Stimme!‹« Diese Worte beruhigten mich sehr und entschieden in der Zukunft über meine Handlungsweise. Wir Sprachen noch von seinen zwei herrlichen Schülern, Karl Maria von Weber und Meyerbeer, die ihn vor einiger Zeit verlassen hatten, weil ihre Laufbahn sie nun auf andere Wege rief. Er sprach oft von ihnen, und nie ohne tiefe Bewegung. Er weissagte ihnen eine schöne Zukunft. Er wußte, welche Schätze er in ihre Brust niedergelegt hatte. Eigene Söhne hätten ihm nicht theuerer sein können. »O!« rief er aus, »wenn ich hätte von der Welt scheiden sollen, ehe ich diese beiden ausbilden konnte, welche Wehmuth würde ich empfunden haben. Es ruht etwas in mir, was ich nicht herausrufen konnte, diese beiden werden's thun! Ohne Rafael würden Fra Bartolomeo und Perugino unverständlich geblieben sein, erst Rafael hielt, was jene versprochen hatten.« Vogler machte sich ein Fest daraus, drei poetische Frauen zu seiner Mittagstafel zu bitten. Ich that ihm seinen Willen und kam. Henriette von Montenglaut kannte ich schon. Ihr thätiger Antheil für die Gefangenen und Verwundeten hatte mir diese merkwürdige Frau interessant gemacht.[89]  Was die andere betrifft, die allzu bekannte Elise Bürger, so würde ich ihre Bekanntschaft nicht gesucht haben, doch auch sie war geistbelebt. Bei Henriette von Montenglaut traf ich Herrn Fresenius mit seiner Gattin und zwei lieblichen Kleinen, deren Schicksal mir nahe ging; denn ihr Vater verließ Frau und Kinder, um mit hessischen Jägern freiwillig in den Krieg zu ziehen. Sein Bruder, August Fresenius, ein junger Dichter, hatte mit etlichen zwanzig Jahren eine Vision gehabt. Ihm erschien eine himmlische Gestalt und sagte ihm Tag und Stunde seines nahen Todes voraus. Er verkündete diese Offenbarung Verwandten und Freunden und seiner geliebten Braut und sah der Erfüllung freudig entgegen. Sie traf glücklich ein. Viele, die dies lesen, werden diese Vision als Einbildung behandeln, ich glaube fest daran. August Fresenius war eine erkorene Seele, kein Kopfhänger, seine Frömmigkeit war freudig und ruhig, wie die eines wahren Christen sein soll. Wie hätte er, den Gott und Natur mit schönen Gaben bedacht, sich ohne diese Offenbarung zum Tode bereiten können? Gern ging er aus dem Himmel der Jugend hinüber in den der Ewigkeit. Dieser Uebergang wird nur einem unentweihten Leben zu Theil. Doch die Natur behauptet ihre Rechte und jede zärtliche Mutter weint am Grabe ihres Kindes.
Oft besuchte ich das Theater in Darmstadt. Trauerspiel, Schauspiel und Lustspiel schienen mir nicht sehr anlockend, doch unübertrefflich war die Oper bestellt. Luise Frank, nachherige Gran, wird nie vergessen werden. Auch Kathinka Krebs war eine prachtvolle Sängerin, nicht seelen- und anmuthsvoll wie die Frank. Wer aber Kathinka gehört hatte, vermißte nichts, so wunderbar war ihre Stimme.[90] 
Abt Vogler sagte mir, daß der Großherzog dreißig Proben für eine einzige Vorstellung abhalten ließe. Dies war ein großes Opfer, doch es lohnte sich auch, denn nicht ein Hauch möchte ich sagen wurde laut, der nicht in das Ganze gehörte. Die edle Großherzogin Stephanie von Baden hatte Luise Frank von frühester Jugend an zur Sängerin ausbilden lassen. Sie wurde des Undanks angeklagt, weil sie in Darmstadt blieb, wo sie auf Gastrollen war, wahrscheinlich hat ihre Familie sie zu diesem Entschluß bestimmt, denn ihr Gehalt war fabelhaft hoch und selbst ihr Vater wurde engagirt. Ihr Abgang vom manheimer Theater schmerzte ihre großmüthige Wohlthäterin, und gewiß hat Luise Frank ein solches Opfer nicht mit leichtem Herzen gebracht, doch die Lockung war zu groß, besonders da auch die großherzogliche Familie der jungen Künstlerin sehr hold war. Zu einem ihrer Geburtstage schickte ihr die Frau Großherzogin einen prangenden Blumenstrauß, er stand lange im Wasser, doch als die Blumen zu verwelken anfingen, wollte ihn Luise wegwerfen. Da fiel ihr ein, irgendein Blümchen, welches sich leicht abtrocknen läßt, herauszusuchen. Als sie den Strauß aufband, blitzte ihr ein köstlicher Brillantring entgegen, durch welchen Stengel gezogen waren; Blätter waren darüber so künstlich gewunden gewesen, daß man den Ring darunter nicht entdeckte. Solcher zarten Aufmerksamkeiten genoß die liebenswürdige Sängerin viele.
Auch die Milder-Hauptmann kam öfters nach Darmstadt. Diese Nachtigall der Nachtigallen zauberte einen Frühling in die Seele. Madame Schönberger mit ihrem herrlichen Tenor gab den Tamino in der »Zauberflöte«, Kathinka Krebs die Königin der Nacht, und Luise Frank die Pamina. Welch ein Verein, welch ein Genuß! In[91]  Vogler's übergelehrtem Werk »Zamori« wurde die Schönberger bewundert, doch sie riß nicht hin; denn diese Oper ließ das Publikum kalt, wiewol sie entzückende Stellen hat. Elise Bürger gab eine Vorstellung lebender Bilder. Die Frau Großherzogin schickte ihr ein hochrothes Atlaskleid, um eine Madonna nach Albrecht Dürer vorzustellen. Elise Bürger erlangte eine überraschend schöne Wirkung, nicht allein durch die echt Dürer'schen Falten, welche sie dem Kleide und ihrem Mantel zu geben wußte, sondern auch durch den ergreifenden Ausdruck. Was doch die Kunst vermag! Alle Demuth, Innigkeit, Reinheit der Jungfrau Mutter, wie sie sich Albrecht Dürer gedacht, leuchtete aus den Zügen einer Elise Bürger! Graf Moritz von Brühl saß neben mir, und wir sprachen lange darüber, mir gefiel seine Ansicht dieser Sache. Er meinte: das Göttliche wohne in jeder Menschenbrust, wenn auch noch so tief unter Schlamm und Wust verborgen, und es käme zur Erscheinung, wenn es der Mensch aus allen Tiefen seiner Seele hervorrufe. Zur Griechin umgewandelt, stellte Madame Bürger eine Niobe vor, um sie her ihre Söhne und Töchter, erlegt von des Sonnengottes Pfeilen. Es war ein herrlicher aber schaudervoller Anblick. Der Zauber einer wunderbaren Beleuchtung, der Frühlingsreiz der blonden Kinder, ihrer goldenen Locken Pracht um das bleiche Antlitz her, die sinnreiche Gruppirung, alles vereinigte sich, um dies Bild unauslöschlich der Seele einzuprägen. Doch Himmel, wie ging mir ein Schwert durch die Seele, als ich meine Kinder bleich mit geschlossenen Augen regungslos vor mir sah. Ich unterdrückte einen dumpfen Schrei, und schlüpfte durch eine Seitenthür zum Saal hinaus. Wie beseligt drückte ich sie an die Brust, als seien sie mir wiedergeschenkt, daß[92]  sie nun von der Scene wieder in das Anziehzimmer treten konnten und sich zärtlich an mich klammerten.
Darmstadt bot damals schon herrliche Genüsse dar, wie mag es seitdem noch gewonnen haben! Mich zogen großen Säle der merkwürdigen Fossilien sehr an. Neben den Exemplaren von Thierarten, die nicht ausgestorben sind, betrachtete ich dieselben Stücke von jetzt lebenden Geschlechtern. Mit besonderer Aufmerksamkeit war das Fossil so kunstreich gebildet, so zierlich in seinen kleinsten Bestandtheilen, daß man über denselben Theil des jetzt lebenden gleichen Geschlechts wie über eine plumpe Nachahmung erstaunen mußte. Hat denn die Natur Erfindungskraft verloren? oder erzeugt der Genius nicht mehr, sondern die hinwelkende Erde? Gab es eine Zeit, wo nur unbeseelte Wesen den Erdball bevölkerten? und war die Erschaffung des Menschen des Schöpfers spätester Gedanke? Ich wage mich nicht tiefer in dies Labyrinth, und dennoch will ich nicht ausstreichen, was ich bis jetzt geschrieben.
Aus der Gemäldesammlung ist mir nichts im Gedächtniß geblieben, wiewol ich sie oft besuchte. Von der Bibliothek weiß ich nur noch, daß sie sehr reichhaltig war.
Die herrlichen Waldungen um Darmstadt her gewährten uns den reichsten Genuß. Gern will ich alles andere entbehren, wenn ich nur Waldesduft, den Schatten und den tausendstimmigen Gesang der befiederten Bewohner der Wipfel habe. Der Schloßgarten war der Schutzort unzähliger Nachtigallen, nie verschlossen, nicht durch lästige Besuche verkümmert und reich an einsamen Lauben. An seinem Eingang war das Theater befindlich; man erging sich in den Zwischenacten in den anmuthsvollen Gängen. Dort tummelte sich oft die kleine Sontag[93]  mit meinen Kindern umher, es war eine Lust sie zu betrachten. Wir trafen die holdselige Kleine fast jeden Sonnabend bei unserm Freund Ludwig Cavallo, sie mochte damals fünf Jahre alt sein. Ihre Mutter war noch schön, eine einfache gewinnende Erscheinung. Sie war sehr unglücklich verheirathet gewesen und hatte einen guten Ruf. Ich erinnere mich nicht, ob die Kleine damals schon als Genius oder Amorine auf den Bretern erschien. Ich verabscheue diesen Misbrauch, man sollte ihn durchaus von der Bühne verbannen. Ach, ist denn der Schaulust des Publikums gar nichts heilig? Gibt es für die unschuldige Kindheit keinen Zufluchtsort, wo sie unberührt von schädlichen Einflüssen bleibt? Henriette Sontag war, vermöge ihres echt kindlichen Sinnes, ungestraft über die Breter gegangen, ganz natürlich geblieben, unbefangen und unverdorben. Ich komme noch später auf sie zurück.
Im Frühling 1814 überraschte mich der Besuch eines jungen Offiziers von der kaiserlich russischen Garde, er nannte sich Otto Heinrich Graf von Loeben. Freudig reichte ich ihm die Hand, denn ich hatte schon sinnige Zeichen seines Wohlwollens durch Fouqué empfangen. Wir gingen mit meinen Kindern in den großherzoglichen Garten, über welchen der junge Lenz sein dichtestes Blütennetz ausgespannt hatte; dies waren entzückende Stunden. Graf von Loeben war, abgesehen von seinem Türkenglauben an die Lauterkeit adelichen Bluts, eine liebevolle, wahrhaft poetische Natur voll Weichheit und Güte, voll Wahrheit und Sitte. Er hätte gar nicht brauchen ein Graf zu sein, um als eine der edelsten Schöpfungen, reich bedacht von Himmel und Natur, zu gelten. Das damalige Geschick seines Vaterlandes Sachsen beugte ihn tief. Ich war zu ununterrichtet von den[94]  Verhältnissen, um mit ihm hierin gleich zu empfinden. Ich suchte das Schöne und Rechte nicht in der äußern Gestaltung, sondern im Wesen der Dinge; aus allen Formen des Lebens suchte ich es herauszufühlen und huldigte ihm. Noch im Sterben werde ich dasselbe thun.
Graf Loeben, oder wie er sich damals am liebsten nennen hörte, Isidorus, war ritterlich, im schönsten Sinne dieses oft gemisbrauchten Wortes. Seine Dichtungen spielen in das Katholisirende, wie zuweilen auch die meinigen thun, doch nur vom poetischen Standpunkt. Tieck, die beiden Schlegel u.a. sind weiter gegangen. Dürre Protestanten haben die Poesie aus der Religion herausgestoßen; dies geschah in den Zeiten der Verfolgung und des Kampfes und dürfte leicht wieder geschehen, denn diese sind wieder da. Isidorus gehörte in die poetische Verbrüderung, zu welcher Ludwig Tieck, die Schlegel, Novalis u.a. die erste Anregung gegeben und die sich in sehr verschiedenen Richtungen verbreitet hatte. Achim von Arnim, Clemens Brentano halfen die neuere Romantik begründen. Auch sie ist abgewelkt und es ist etwas der Poesie ganz Fremdartiges an ihre Stelle getreten. Es gemahnt mich, als lebten wir im Hochsommer der Poesie, wo Felder und Wiesen abgemäht sind, wo die Nachtigallen schweigen, und der Purpur der Früchte die Lieblichkeit der Blüten ersetzt, wo die Erfüllung die Sehnsucht tödtet. Sollen wir darüber klagen oder uns freuen? Diese Frage wird wol noch lange unentschieden bleiben. Man hat nie so kunstreich pompös gereimt, als jetzt geschieht. Herz und Schmerz sind obsolet geworden. Schade darum! Man sollte sie wieder zu Ehren bringen, denn wir bekommen ja doch keinen Goethe wieder![95] 
Im Jahre 1802 bei einer unserer Streifereien durch das Musée Napoléon, blieb Friedrich von Schlegel mit mir vor einem Bildniß von Rafael stehen. In einer gedankenvoll componirten Gebirgslandschaft mit klarem Himmel, auf welcher sich hier und da ein dürftiges Bäumchen zeigt, nur um der Luft mehr Thau zu geben, steht ein junger schwarz gekleideter Mann mit schwarzem, kurz abgeschnittenem Haar, wehmuthvollem Blick und sanft geschwollenen Lippen, auf der Stirn thront Geisteslicht. »Sehen Sie sich das Bild recht an, Helmina, das ist der junge Dichter, den sie so sehr lieben, das ist Ludwig Tieck von der Seite des Genius und des Schmerzes aufgefaßt; das schlanke dünnbelaubte Bäumchen in seiner Nähe bezeichnet sein irdisches Dasein voll Schmerz und Sorge, die knappe einfache Tracht zeigt den vom Glücke nicht Begünstigten; das Bild hat große Aehnlichkeit mit Tieck, ich kann nie ohne die tiefste Wehmuth daran vorübergehen, es zwingt mich zum Verweilen. Da haben wir jetzt des deutschen Dichters Los: für den Genuß seiner Schriften ist die Welt undankbar, um sein Schicksal kümmert sich kein Reicher, kein Mächtiger; verkümmert er, so ist alles gleichgültig dabei; zeigt er eine Schwäche, so packt der vornehme Pöbel sie an und sucht sie in den Staub zu reißen; die Verleger zahlen ihm langsam oder gar nicht einen dürftigen Ehrensold.« – »O still!« unterbrach ich Friedrich Schlegel, »wie weh sollte es mir thun, wenn Tieck's Schicksal ein solches wäre.« – »Ist es denn nicht das Los unser aller?« sagte schmerzlich lächelnd Friedrich Schlegel, »nur ein Mittelmäßiger, nur ein **** gedeiht. Die große Welt kann geistige Größe nicht ertragen!«
Es sind nun 53 Jahre vorüber, daß dies Gespräch stattfand. Es hat sich seitdem in den Schicksalen der[96]  beiden verbrüderten Dichter, und auch innerlich viel geändert; früher noch in Friedrich Schlegel, als in Ludwig Tieck. Im Jahre 1805 ging Friedrich Schlegel nach Köln am Rhein und änderte dort die Religion, für welche dort seine Väter so rühmlich gekämpft und gewirkt. Dies war bei ihm kein bewußter Drang nach Verbesserung seiner Lage, er hatte sich in ein System hineingedacht und gefühlt, welches ihn nun ganz beherrschte. Die glühende Verehrung der Brüder Sulpice und Melchior Boisserée, ihre unverkennbare Freundschaft, und Johannes Bertram's Beredsamkeit, welcher die katholisch-kirchlichen Zustände vor der Revolution am Rheinufer als Sittlichkeit befördernd und als Wohlfahrt spendend und die alte ostindische Religiosität mit ihren Mysterien und Dogmen als Saatenkorn des christlichen Glaubens feurig pries, hatten großen Einfluß auf Schlegel geübt. Er ging, wie bemerkt, mit seiner Gattin und den Brüdern Boisserée nach Köln, wo ihnen die liebenswürdigste Gastlichkeit, die zarteste und gediegenste Fürsorge entgegenkam. Dort schworen beide unter großer Feierlichkeit die reformirte Religion ab und übten die neu angenommene mit Eifer und aller Glut der Begeisterung. Man muß denken, daß sie Blut und Flammen der Inquisition, der Bartholomäusnacht, des Cevennenkriegs und die Mishandlungen und Grausamkeiten, welche die Kirche und die Monarchen gegen die Stifter der Reformation verübt, vergessen hatten und die katholische Religion noch von der poetischen und glänzenden Seite auffaßten. Sie wurden so aufrichtig katholisch, wie es Kinder werden könnten, die keinen Begriff von der Geschichte haben. Als ich beide später in Wien antraf, fand ich sie in diesem Zustande. Beider Los hatte sich äußerlich verbessert. Ich traf bei ihnen[97]  eine Reihe Convertiten, welche hauptsächlich ihren Kreis ausmachten. Friedrich Schlegel klagte nicht mehr über das Los der Dichter und über den Undank der großen Welt.
Ludwig Tieck war unterdessen, wie man wenigstens aussprengte, seinerseits gleichfalls in Rom katholisch geworden, aber sein Leben und seine Werke trugen nicht die Farbe dieser Umwandlung; in das katholische Element übergespielt hatte seine »Genoveva«, sein »Octavian«, so auch mehrere seiner größern Erzählungen, doch im allgemeinen war er phantastisch, ironisch und weltlich geworden. Es schien, als habe er die katholische Religion einzig und allein ihrer poetischen und mittelalterlichen Seite wegen als ein Element seiner Dichtungen benutzt, und als sei es ihm gleichgültig, was sie sonst für Gewalt und Einfluß übe. Seine »Vittoria Accorombona«, die in meinen Augen mehr eine Verhöhnung der Sitte und des Glaubens ist als irgendein Werk aus der neuen Schule, läßt die Religion beiseite liegen. Ich sagte vorhin und will es nicht ausstreichen, daß Ludwig Tieck in Rom katholisch geworden sei, doch es fällt mir eben ein, daß es Friedrich Schlegel und seine Gattin mir gesagt, Ludwig Tieck hingegen mir es fest abgeleugnet; jedoch ging er in keine andere Kirche Dresdens, als in die katholische, und alle Zeichen, welche das Zugehören an den katholischen Glauben beurkunden, hatte er in seinem Hause und Zimmer. Seine Gemahlin und Töchter waren zur katholischen Religion übergetreten. Einige Jahre darauf hatte die Familie die liebenswürdige geistreiche Dorothea Tieck zu beweinen; ihr früher Tod war ein herber Schlag für alle und noch besonders für das Vaterherz. Dorothea Tieck war innerlich und äußerlich das Jugendbild ihres Vaters. Ludwig Tieck hatte zu dieser Zeit keine Aehnlichkeit mehr mit dem Rafael'schen[98]  Bildniß. Tieck verleugnete nur wenige seiner frühern Freunde und Freundinnen und zwar aus Gründen, die man nicht misbilligen konnte.
Ich werde noch später mehr schildern und bezeichnen die überschwenglichen Tage, die wir mit den dresdener Freunden und Freundinnen verlebt. Welche Reihe von Namen, alle leuchtend und unvergeßlich! Mein edler Freund Isidorus Orientalis (Graf Otto Heinrich von Loeben) mit der Seele eines Kindes, mit dem Herzen voll Liebe und Güte, mit der überreichen Phantasie, mit aller Treue eines echten deutschen Gemüths, war der echte Schüler Ludwig Tieck's. Sein Aristokratismus entsprang nicht aus Hochmuth, sondern war das Erzeugniß seiner Verehrung des Mittelalters. Er glaubte an edles Blut durch Abstammung von edeln Geschlechtern. Das alles klingt so hübsch und ist für Hohe und Niedere so angenehm sich vorzustellen, daß dieser Wahn, den zwar die Geschichte zerstört hat, gleichwol nicht aufhören wird Gewalt zu üben. Manche Dichtungen des Grafen Heinrich von Loeben ringen sich aus den Nebeln verjährter Vorurtheile, und zeichnen ihn ganz in seiner eigensten Eigenschaft als einen der lieblichsten Dichter, die Deutschland aufzuzählen hat. Auch er dichtete in den Formen und in dem Geiste, welchen die neue Schule angenommen hatte und von welchen ich auch nicht freigeblieben bin. Zugleich gehörte er der Herrnhuter Kirche an. Seine vortreffliche Gemahlin verschönte durch klaren Versand und aufrichtige Güte unsern dresdener Kreis, der sehr zahlreich und dennoch auserlesen zu nennen war. Meine Freundin Therese aus dem Winckell, Baron Ernst von der Malsburg, Baron Bock aus Lievland, Karl Konstantin Kraukling aus Kurland, Graf Friedrich von Kalckreuth, Koes aus Dänemark, der Dichter Atterbom aus[99]  Schweden, der dort die romantische Schule gestiftet, und manche anziehende Erscheinung aus der Frauenwelt belebten einen Kreis, wie vielleicht selten einer sich schloß. Tick fand sich einmal mit den meisten dieser hier genannten Personen zusammen bei mir. Er fragte jeden einzeln, »ob er rauche!« Alle antworteten: »Nein!« Er warf sich zurück in seinen Sessel und rief aus, und das mit dem größten Ernst und der volltönendsten Stimme: »Was das für gebildete Leute sind!« Als auf die unter sich ziemlich ungleichmäßigen Honorare, welche wir empfingen, die Rede kam, rief Ludwig Tieck mit Entrüstung: »Welche Anarchie!«
Wer könnte die Flut von Schalkheiten und geistvollen Ausfällen, die Tieck in unserm Kreise entströmten, hier auf das Papier zaubern? Er pflegte uns alle und unsern Freund Baron Bielefeld zu seinen Vorlesungen einzuladen. Nach einem schmackhaften Souper wurden seine Lebensgeister rege und das Feuerwerk seines Witzes spielte rauschend und kräftig empor. Es war harmloser Scherz, allein ich sage dennoch, ich hätte gerade in solcher Laune Tieck's nicht mögen fern sein. Verschonte er doch nicht einmal die Anwesenden! Indeß wir wehrten uns nicht, denn was ihm Vergnügen machte, war uns theuer.
Es ist wol bekannt, mit welcher überschwenglichen Kraft und Anmuth Ludwig Tieck vorlas. Man meinte, der Dichter, den er durch seinen Vortrag ins Leben zurückrief, stehe lebendig vor uns und erschließe uns das kaum noch geahnte Geheimniß seiner Poesie. Man fühlte beim Zuhören, wie dies Lesen der Meisterwerke Shakspeare's und Calderon's (in Malsburg's Uebersetzung) Tieck's höchster Lebensgenuß sei. Von seinen eigenen Sachen habe ich ihn nie vorlesen hören. Als ich von Dresden schon entfernt war, sagte man mir, daß Tieck[100]  die vortrefflichen Schauspiele der Prinzessin Amalie von Sachsen vorgelesen habe. Bekanntlich war der Ertrag dieser ausgezeichneten Arbeiten zur Errichtung eines Waisenhauses bestimmt. Die hohe Wohlthäterin erreichte ihren Zweck, weil der Zudrang zu den Aufführungen ihrer zahlreichen dramatischen Werke bedeutend war. Die Huldigung galt nicht allein der edeln Absicht und dem schönen Zweck der Dichterin, sondern auch dem Werth ihrer reizenden Schöpfungen, dieser echten Lebensbilder, meisterhaft entworfen, hinreißend, erschütternd und erfreuend durch den höchsten Zauber der Dichtung: durch Wahrheit.
Schon manche haben in Goethe und Ludwig Tieck wegen ihrer Vielseitigkeit Vergleichungspunkte mit Voltaire gefunden. Mir scheint diese Ansicht unrichtig Voltaire war sehr gottlos, wiewol auch er Gutes und Großes gethan und neben entsetzlichem Schaden Wohlthaten für die ganze Menschheit gestiftet. In meinen Augen ist Tieck minder Lichtgeist als Glanzgeist, Voltaire war beides. Die Wahrheiten, die er unter dem Chaos von Irrthümern ausspricht, fließen nicht aus der reinen Quelle feurigen Eifers für das Gute, wenigstens nicht immer. Voltaire's wahrhaft edle und siegreiche Bestrebungen, des gerichtlich ermordeten Calas Ehre wiederherzustellen, sind vielleicht die glänzendste Großthat seines Lebens. Goethe's und Ludwig Tieck's Leben haben keine solche That aufzuweisen. Allein im allgemeinen haben beide wohlthätig für Mitwelt und Nachwelt gewirkt und waren größere Dichter, zumal Goethe, dessen göttliche Werke in Blut und Mark des Volks übergingen, wie die von Schiller in einem noch höhern Sinne gethan, und wie die des großen gesinnungstüchtigen Ludwig Uhland, des unsterblichen Jean Paul, des weltweisen Herder u.a. Tieck war mehr künstlerisch als[101]  gesinnungstüchtig, seiner eigensten Natur nach rein lyrisch. Der bedingende Drang des Lebens, welcher Taschenbuchsartikel ihm zur Nothwendigkeit machte, drängte ihn weg vom heiligen Quell der lyrischen Ergüsse. Er schlug seine innere Welt in Trümmer wie einen Solitaire, der dann stückchenweiß verkauft wird, doch der innere Kern, der unerschöpfliche Schatz des Wissens, der feinsten und gediegensten Beurtheilungskraft blieb unberührt und verherrlichte noch seine späten Jahre. Zeitgenoß eines Novalis, eines Schleiermacher, eines Friedrich von Schlegel, zu welchen unter Bedingungen die übrigen Mitstifter der Schule zu zählen sind, z.B. Wilhelm von Schlegel u.a., denen Verdienst nicht abzusprechen ist, die jedoch nicht aus eigenem, stets sich neu erzeugendem Quell schöpften, war Tieck unter diesen die reichhaltigste schöpferische Natur und stand ganz eigenthümlich zwischen ihnen. Sich ihm nachzubilden strebten Geister, nicht an Aufschwung und Umfang gleich. Der Ludwig Tieck, der den »Sternbald« geschrieben, war nicht derselbe mehr, der die »Vittoria Accorombona« verfaßt, deren Erfolg viel einträglicher war, als der des herrlichen »Sternbald«, dessen Werth das Häuflein der Gleichgesinnten zu schätzen wußte. Nicht ein Nachahmer, sondern ein Nachfolger Tieck's ist Heinrich Heine, wie denn überhaupt das Lied Ludwig Tieck mehr zu danken hat als Goethe und Uhland selbst. Der Genius ist aus dem Paradiese der Lyrik durch die Weltbegebenheiten vom Cherub mit flammendem Schwerte verjagt worden. Die Poesie hat wie die ersten Aeltern ihre Unschuld verloren. Wäre nicht die Musik da, welche das wahre Lied noch über Wasser hält, es würde gar keine Empfänglichkeit mehr dafür leben.
Ich kann mich nicht enthalten, noch eine Eigenheit[102]  Tieck's, welche sich alle großen Vorleser aneignen sollten, zu erwähnen. Er litt nicht, daß die Damen eine weibliche Arbeit mitbrachten, und die Thür blieb dem eingeladenen Gaste verschlossen, welcher nicht zur anberaumten Stunde kam. Ich finde das höchst natürlich und recht. Bei jedem Schönheitsgenuß muß die feinste Sitte obwalten. Wer mit allen Kräften seines Wesens eine herrliche Dichtung gleichsam wieder gebiert, muß jeder Regung der Zuhörer, die nicht Hingebung und ich möchte sagen Andacht ist, feind sein. Uebrigens entdeckte man in seinem Wesen noch oft Spuren der Anhänglichkeit an die Gefühle seiner Jugendjahre. Sein schönes Angesicht, bestrahlt von den zwei schwarzen Augen, glich einer Welt, die von ihnen beleuchtet wurde. Seine Gedanken verkörperten sich in seinen feurigen Blicken, seine beweglichen regelmäßigen Gesichtszüge beurkundeten Kraft und Feinheit, Scharfsinn und rasches gediegenes Urtheil. Sein Körperbau hatte entsetzlich von der Gicht gelitten, dennoch war ihm nichts von seiner Würde benommen. Es lag so viel Heiterkeit und Größe in seinem Ausdruck, daß man meinte, die edle Gestalt müsse sich in dem Augenblick gebietend emporheben. Tieck äußerte zuweilen nicht ohne Wehmuth, daß etwa zwölf Bäder in Nizza ihn hergestellt haben würden. Hätten seine spätern hohen und edeln Gönner doch das zu rechter Zeit gewußt! Es war nun zu spät.
Ganz im Gegensatz zu Friedrich Schlegel, der am liebsten das Gespräch auf politische und religiöse Zustände lenkte, blieb aus Ludwig Tieck's Unterredungen Religion und Politik weg. Sie enthielten nur Ansichten über Poesie und Literatur, und zwar nicht von der ernsten Seite, sondern von der erheiternden und spöttischen, die deshalb nicht minder belehrend waren. Ein großer[103]  Freund und Verehrer der Frauenpoesie war er nicht. Von dem Ehepaar de la Motte Fouqué sagte er, Fouqué sei die Verwesung, jedoch nur die Verwesung des Apfels, aber seine Gemahlin die des Fleisches. Ludwig Tieck hatte das mit Friedrich Schlegel gemein, daß er erbarmungslos schlachtete, ohne seinen Opfern im geringsten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Frau de la Motte Fouqué war genial und hochbefähigt und verdiente nicht im geringsten den lieblosen Ausspruch des großen Dichters. Auch gegen seine Schwester Sophie Bernhardi war Tieck ungerecht. Sophie Mereau, eines der lieblichsten Gestirne am Himmel deutscher Poesie, und die Günderode wurden gleichfalls von ihm nicht anerkannt. Ich muß ihm nachsagen, daß ich in seinen Briefen an mich und im Gespräch noch am besten weggekommen bin. Zwar gab er wenig auf meine Novelle: »Die Zeit ist hin, wo Bertha spann«; aber mich verletzte das um so weniger, als er von einem meiner Werke: »Emma, eine Geschichte«, liebevoll sprach und alle meine Lieder liebte. Von Goethe, Schiller, Herder und Jean Paul sprach er nie warm und überfließend, wenn er sie gleich wie billig gelten ließ. Shakspeare allein hatte seine volle Glut der Bewunderung und Liebe. Er hatte sich ganz in ihn hineingelebt, er war der Frühling seines Gemüths, die menschgewordene Poesie. Man mußte seiner Ansicht sein, wenn man ihn reden hörte; der Strom seiner Beredsamkeit riß alles hin.
Tieck war folgende Stelle aus meinen »Erinnerungen« aufgefallen, ich mußte ihm noch viel über den Gegenstand derselben sagen; es war folgende:
»Ich lernte beim Grafen Escherney Fanny Beauharnais kennen, eine Frau, deren Geist und Herz im seltenen Einklange standen. Ich besuchte sie von Zeit zu[104]  Zeit und fand ihren Umgang sehr liebenswürdig. Sie war Tante der Kaiserin Josephine, hielt aber damals 1802 noch kein glänzendes Haus, und vereinigte um sich her nur einen kleinen Kreis von Schöngeistern, die nicht in dem Rang eines Delille, Legouvé u.a. unter den beliebtesten standen, deren Gespräch doch anziehend und belehrend war. Der genialste unter diesen Männern war Rétif de la Bretonne; seine Erscheinung hatte etwas Gewinnendes und Anziehendes. Er war von ziemlich großer Gestalt, ziemlich beleibt, er trug sein Haar wie Bernhardi de St.-Pierre in natürlichen Locken bis auf den Hals herabfallend, sein Gesicht war oval, die Nase sanft gebogen, der Mund angenehm, die großen Augen ausdrucksvoll, die Blicke liebend und leuchtend, seine sanfte Stimme traf das Herz. Er zeigte sich gegen mich so gütig, wie ein Mann an der Neige des kräftigen Mannesalters ein junges Wesen zu behandeln pflegt. Ich hätte ihn gern oft gesehen, allein das Anathema, welches die Welt über ihn ausgesprochen, schreckte mich zurück. O die Welt, wie gern und voreilig urtheilt sie ab! Welche Blüten zertritt sie mit eisernem Fuß! Lange nachdem ich Rétif de la Bretonne bei Frau Beauharnais begegnet, fand ich von ungefähr seine ›Contemporaines‹ vor, ich las darin mit heftigem Schmerz.
Die Bekenntnisse des unsterblichen Rousseau weisen nichts Aehnliches auf. Nackter Sinnentaumel, Umstoßung aller hergebrachten Sittenlehre, Verletzten aller zarten tiefen Empfindungen, welche das Band der Gesellschaft rein und unverletzt in der Masse der Menschheit erhalten und Schwestern, Töchter zu unantastbaren Gegenständen erheben, denen ihre Angehörigen Schutz, keusche Ehrerbietung und die reinste Anhänglichkeit schuldig sind, fand ich in diesem Werke. Doch glaube ich mich zu erinnern,[105]  daß Rétif de la Bretonne seine bedauernswürdigen Verirrungen nicht beschönigen will, sondern nur sie unverhehlt darstellt. Zur Zeit der Regentschaft war Aehnliches, ich möchte sagen Schlimmeres im Schwange. Die Erzählung ›St.-Jean La Fontaine‹ und die Schriften Voltaire's enthalten Strecken bodenlosern Schlammes als Rétif's verrufenste Werke. Wäre Rétif kein Franzose und nicht so unglücklich gewesen, er hätte einer der ersten Schriftsteller seiner Zeit werden können. Er bedurfte nur sittlicher Würde, so würden die reine Gutmüthigkeit, der Feuergeist und das Talent dieses Mannes ihm allgemeine Verehrung gesichert haben. Sein ›Paysan perverti‹ im Gegensatze zu Merreaux' ›Paysan parvenu‹ ist ein Werk, in welchem man keine Ahnung von der Unsittlichkeit, die in vielen Werken Rétif's herrscht, findet. Es enthält vornehmlich für Frankreich treffliche Sittenlehren, und schreckt vom Laster zurück. Rétif war arm, er gerieth in solche Kreise, deren Mitgliedern es vornehmlich um Umwälzung aller Tugend und Sittengrundsätze zu thun war. Es gab deren in allen Ständen.«
Vom Throne herab lächelte das Glück dem greisen Tieck zu. Friedrich Wilhelm IV. schuf ihm ein beneidenswerthes Los. Er lebte in des Königs Nähe, von der ganzen hohen Familie mit Verehrung, man durfte sagen, mit Zärtlichkeit umgeben. Prinz Friedrich Wilhelm zeigte ihm Huld, die in so zarter Jugend, verschönt durch alle Grazien des Geistes und der Anmuth, ihren Gegenstand noch süßer beglückt.



 II.
Rheinreise. – Köln. – Mein Conflict mit der Invalidenprüfungscommission in Köln.










[106] Graf Loeben hatte mich bei Reiseanstalten angetroffen. Ich wollte am andern Morgen nach Manheim, wo die Hermannschlacht mit großem Pomp aufgeführt werden sollte. Noch heute verschmähe und verkenne ich nicht das Schöne, was im deutschen Aufschwung gegen die Bedrückung des fremden Jochs waltete; aber es war ein Fieber, die Genesung davon war schlimmer als das Uebel.
Nie war die männliche Jugend so ernst, so würdig, so großartig, als zu jener Zeit. Es vergingen keine zwei Jahrzehnde, so erschien sie mir abgespannt und vernüchtert. Gewaltigen Zeiträumen folgt gewöhnlich Erschlaffung. Auch edle Naturen nehmen verkehrte Richtungen, um dem Bedürfniß nach Kämpfen Genüge zu leisten, Ruhe ermüdet sie. Bloße Tugend ohne Gewürz genügt den Verwöhnten nicht; um sich zu betäuben, zugleich sich aufzuregen, greifen sie nach den Bechern der Sinnlichkeit und schwelgen in süßen Giften. Statt die Jugend anzuwenden, suchen sie dieselbe davonzujagen,[107]  und eilen auf der Eisenbahn zu Siechthum und Grab. Es liegt ja nichts mehr jenseit des Grabes, mit dem Tode ist ja alles aus. »Bethörte! mit dem Tode fängt ja das Leben erst an.«
O wie fern lagen mir damals diese und ähnliche Vorstellungen, besonders nach einem so herrlichen Frühlingsabend, ganz der Poesie geweiht! Graf Loeben sollte am andern Morgen früh nach dem Rhein. Ich verhieß ihm, von Manheim aus nach Heidelberg zu gehen, wo wir uns wieder treffen wollten. Schon grünte und blühte der Frühling überall mit allen seinen Bezauberungen. Selbst die Sandfläche zwischen Darmstadt und Manheim war in einen Blumenwald umgezaubert. Die »Hermannschlacht« entsprach meinen Erwartungen übrigens nicht, denn diese waren zu überspannt. Es entriß die Zuschauer nicht aus der gleichmüthigen Stimmung, die ich überhaupt schon bemerkt hatte, und die mich unangenehm überraschte. Alles sollte so fühlen wie ich, und es gab dort so viel Menschen, welche die Dinge nicht durch ein Prisma betrachteten. Waren sie glücklicher als ich? Ich glaube es nicht.
Graf Graimberg hatte eine wahre Freude uns in Heidelberg wiederzusehen. Ich fand ihn wieder, wo ich ihn verlassen hatte, an seiner Staffelei. Die Schloßruine, und die Gegend von Heidelberg waren ihm, was einem frommen Rittersmann die Dame seiner Gedanken, seine Welt, sein Leben, sein Einziges und Alles. Es hatte ihm wol nicht geahnt, daß er, als er als junger Emigrant in Gesellschaft mehrerer Freunde von England zurückgekommen, eine Nacht in Heidelberg zubringen wollte, vom mächtigen Reiz des Anblicks der Ruine ergriffen, sich nicht mehr von hier losreißen würde, daß hier seine braunen Locken silberweiß werden sollten, daß er hier[108]  vergessen würde, wie unglücklich Frankreich und wie erschüttert die Welt. Wer für etwas Großes lebt, der vernichtet die Wirklichkeit und waltet in seiner eigenen Schöpfung.
Isidorus traf nach einigen Wochen in Heidelberg ein. Hier hafteten die reizendsten Erinnerungen seines Lebens, hier war sein Herz heimisch geworden. Heidelberg hatte noch nichts von seinen frühern Reizen eingebüßt. Man merkte noch fast nirgends, daß dort etwas anderes waltete, als der Zauber großer Erinnerungen und der Reiz der schönen Natur. Es schien durchaus nichts dem Bedürfniß zu gehören, sondern alles dem freien verkümmerten Genuß. Auch der Garten der Clara von Detten prangte noch in seiner wilden Schönheit, mit seinem quellbeperlten Schmuck, den rieselnde Bächlein ihm spendeten. Mit Freuden an der Gefahr kletterten wir über bemooste Steinstücke und schwankende Wurzeln bis zur Schloßhöhe, wo Freund Graimberg zeichnete und meinen Kindern Papier und Bleistift gab, damit sie ruhig wären, indeß wir plauderten. Wir durchstrichen nach allen Richtungen die Ruine, die jetzt in ihren schönsten Theilen hermetisch verschlossen ist. Da wo die Großen und Mächtigen der Erde Rath gepflogen oder lärmende Feste begangen hatten, rauschten und säuselten hohe Bäume, dufteten Waldblumen, grünten Rasenstücke, leuchteten aus der Tiefe wasserreiche Cisternen. Am liebsten weilten wir in Otto Heinrich's Bau, dem Graf Graimberg liebevollen Fleiß gewidmet. Das Blatt, das ihn vorstellt, ist ein Daguerreotyp von Menschenhand. Jetzt kommen so viele ehemals verborgene Kräfte der Kunst zu Hülfe, die Sonne braucht nur wenige Minuten, um auf der Platte das Bild hervorzubringen, zu welchem der geübteste Künstler unerhörten Fleiß und lange Jahre bedurfte,[109]  und dabei noch nicht so treu wie sie. Doch ist dieser ungeheuere Fortschritt mehr zum Nachtheil der Menschen, er vernichtet das Verdienst der Kunst, die Seligkeit des Strebens, des Schaffens, des Gelingens, auf Erden die höchste und süßeste. Nur das Errungene hat Preis und Werth, nicht das Geschenkte; das ausgenommen, was Himmel und Natur schenken. Edler Graimberg, welch ein Heil für dich, daß es zu deiner Zeit noch keine Daguerreotypien, keine Photographien gab. Ich glaube mein Auge täuscht mich nicht, wenn ich auch in den gelungensten dieser Bilder die Seele vermisse, die vom Menschen aus seine Schöpfungen durchströmt. Die Daguerreotypen verhalten sich nach meinem Gefühl zu den Werken genialer Künstler, wie das Spiel einer Wanduhr zur Musik. Die entzückendsten Tage, die wir im Kreis herrlicher Menschen zubrachten, entschwanden unaufhaltsam, noch heute beseelt mich ihre Erinnerung.
Graf Loeben schied mit dem Versprechen baldiger Wiederkehr. Ihm wurde eine Wohnung gemiethet. Meine ahnende Seele sagte mir, daß er sie nie beziehen würde, und so geschah es. Mich rief mein Herz nach Belgien, um einige Zeit lang in der Nähe meines Bruders zu sein, der dorthin beordert worden. Die Reise den Rhein hinunter über Köln und Aachen war einladend und gar nicht kostspielig. Der Dom von Köln war, wie alles Werdende, von eigenthümlichem Reiz des Entstehens. Als Kind liebt der Mensch zu zerbrechen, um zu sehen wie ein Spielwerk gemacht ist; als Erwachsener hat er einen Schritt voraus, wenn er verfertigen sieht. Wir besuchten den Dom in des würdigen Wallraf Begleitung. Das Gemälde von Wilhelm Kalv erfreute mich sehr, es gewährte mir einen Blick in eine neue Welt der Schönheit hinein. Ich habe es noch[110]  manches Jahr nachher oft und lange betrachtet und immer neue Lieblichkeiten darin entdeckt. Wilhelm Kalv hat keinen Vorgänger gehabt und keinen Nachfolger gefunden. In seinem Meisterwerke im Dom von Köln waltet noch das byzantinische Princip der symmetrisch-pyramidalischen Gruppirung vor; nicht aber wie bei den älteren Byzantinern in der ängstlich symmetrischen Unordnung, sondern im Gesetz ist Freiheit, und ich möchte hinzusetzen, Bewegung in der Unbeweglichkeit. Rafael hat gleichfalls dies Princip der Gruppirung anerkannt und beibehalten. Die Madonna di Foligno, die heilige Cäcilie, die Transfiguration, die Madonna in Dresden, selbst die kleine Madonna del silentio, die del pesce, und andere herrliche Darstellungen zeugen von Rafael's Anhänglichkeit an diesen uralten Stil voll Feierlichkeit, Pracht und Würde, für welchen Rafael die Vorliebe aus Perugino's Werken schöpfte. Gleichzeitige Meister, wie z.B. Correggio, wichen beinahe unmerklich von dieser Darstellung ab und suchten ihre Gestalten nach dem Leben zu gruppiren. Für heilige Darstellungen war dieser neue Weg eine Abirrung, durch welche die Kunst einen Rückschritt that. Der Menge gefiel sie, weil ihr alles Neue gefällt.
Wilhelm Kalv's heilige Ursula steht unter den aus der Vorzeit geretteten Bildern durchaus einzig da, weil es zeigt, wie unerschöpflich die Natur in der Gestaltung Schönheit sei. Wie Rafael in seinen Bildern die Grundzüge der antiken Schönheit beibehielt, so waltet die der echt deutschen in Wilhelm Kalv's Gemälde vor: runde Gesichter, hohe Stirnen, Nasen die durchaus der deutschen Gesichtsbildung eigen, geschwellte Lippen von zartestem Rosenpurpur, die noch keinen ersten Kuß empfunden, deren Brennen noch der Sehnsucht gehört,[111]  runde Augen, deren feuchter Blick noch von himmlischer Rührung zeigt! Ich möchte das deutsche Princip der Schönheit einen frischen Urgedanken der Natur nennen, beim griechischen hat sie sich besonnen. Das deutsche Antlitz der Frauen ist wärmer, ohne deshalb sinnlicher zu sein. Eine Deutsche ist liebefähiger, inniger. Ich kann nicht beurtheilen, ob nicht bei dem Gemälde von Wilhelm Kalv eine leichte Uebermalung stattgefunden hat. Die Gesichtsfarben sind blühend, jedoch nicht transparent. Ich unternehme nicht, das Gemälde hier zu beschreiben, Friedrich Schlegel's »Europa« enthält das Schönste und Wahrste, was darüber gesagt werden kann; ich füge nur hinzu, daß ich in König Ludwig's Pinakothek, der die Boisserée'sche Sammlung daselbst vereinigt hat, kein Bild gefunden, das ich diesem von Wilhelm Kalv zur Seite stellen könnte, wiewol sich dort viele dieser Richtung und Schule angehörende Gemälde befinden. Bewunderungswürdig ist die große Mannichfaltigkeit des Ausdrucks und die Wahrheit der Charakteristik bei der Menge der Gesichtsbildungen, die alle den Stempel der deutschen Volksthümlichkeit tragen, den ich vorhin bezeichnet, und der sich immer mehr vom deutschen Boden verliert.
Wallraf war eine höchst eigenthümliche Erscheinung. Um sein bleiches Antlitz ringelten sich schneeweiße Locken von der hohen Stirn herab, seine azurnen Augen überglänzten ruhig und hell wie Sterne seine edle Gesichtsbildung, seine Gestalt war hoch, schlank, harmonisch in allen ihren Bewegungen, ein schöner Ernst leuchtete aus seinem ganzen Wesen hervor. Wallraf war Priester; stille Kämpfe und freudige Siege hatten in dem Friedenslächeln des Mundes ihr Spur zurückgelassen. Er war einer der seltenen Menschen, die Altar und Tempel eines[112]  großen Gedankens sind und der Welt nicht bedürfen, um des Lebens zu genießen. Er wurde von allen Edeln und Guten verstanden und anerkannt, sein Andenken wird nie erlöschen und auch außerhalb seines Vaterlandes blühen. Es gibt in Köln viele Kunstliebhaber, die man näher oder entfernter ihm zur Seite stellen kann. Vergleichungen sind etwas sehr Undankbares und können nur selten richtig sein, weil Gott und Natur jedem Ausgezeichneten sein Gebiet angewiesen und dessen Grenze gesteckt hat.
Rector Fochner war ein sehr schätzbarer Kunstfreund. Die Bettendorff'sche Sammlung enthielt vieles mit Recht Gepriesene. Ich könnte manche rühmlich bekannte Namen hinzufügen, mir fehlt es an Raum, auch wol an Gedächtniß zur richtigen Bezeichnung. Sulpice und Melchior Boisserée, mit ihnen ihr verbrüderter geistvoller Freund Johannes Bertram, hatten den Impuls zum Sammeln der alten Kunstwerke gegeben, die seit den Zeiten mannichfaltiger Zerstörung unbeachtet in allen Winkeln umherlagen, und von denen man viele, nämlich diejenigen, die verwüstlich waren, bereits zertrümmert hatte, um sie (nützlich) zu verwenden. Fensterladen, Tischplatten und andere Gegenstände dieser Art bestanden aus werthvollen Gemälden, die theils durchbohrt, theils durchklopft waren, manche konnten noch gerettet werden. Mir wurde in Köln von einem Manne erzählt, den sie nur den Kappesbauer nannten, dieser sei, sagte man, ein durchtriebener Kauz. Er habe viel schöne rare Gemälde aus Klöstern, Kirchen und alten Schlössern heimlich erstanden und aufbewahrt, doch er zeige sie niemand. Ich bereue, daß ich mich abschrecken ließ, Namen und Wohnung des Kappesbauern zu erforschen. Ein anderes Original stieß uns auf unsern Wanderungen auf, es war ein Freiherr[113]  von Meering. Sein Wappen war viel poetischer als er und seine Kunstsammlung. Eine Taube mit einem Ring im Schnabel zieht über das Meer. Der brave Mann von altadelicher Abkunft, reich, abgemagert und genau, war sehr stolz auf seine Ahnen und führte sie immer im Munde. Nun gab es einige lose Gesellen, von denen einer das Bildniß eines Ehepaars aus alter Zeit befaß, auf dem die Frau mit weißen Fingerspitzen eine Citrone emporhielt, am Halse ein Brillantkreuz und Porzellanblumen in dem gepuderten Haarbau trug, der Gemahl aber einen grauen Papagei wohlgefällig beäugelte. Auf diese Bilder in den alten vergoldeten Rahmen ließen die lustigen Gesellen das Meering'sche Wappen malen, und beredeten einen Trödler, die frisch gefirnißten Bilder unter seinem übrigen Kram aufzustellen. Baron Meering, der täglich auf der Bilderjagd umherstreifte, bemerkte die weiße Taube, und frug hastig danach, wo die Bilder her wären? Der Trödler nannte »Amsterdam«, und wußte dem Alten sie für einen hohen Preis aufzuhängen. Er nahm theil an der Beute, welche die lustigen Gesellen unter tausend Spötteleien verzechten. Baron Meering erfuhr später den Zusammenhang; doch er begnügte sich damit, die beiden Gemälde auf seinen Speicher hin zu relegiren, und hütete sich von dem Schwank zu sprechen, weil er sich schämte.
Beim Durchstreifen der Kirchen traf auch die Reihe die zierliche Kirche von St. Gereon, die man für eine versteinerte Blume halten könnte, und die der heiligen Ursula mit ihrem Berge von Schädeln aus den Reihen ihrer 11000 Begleiterinnen, die hier den Martertod fanden. Als sie nach Köln zogen, läuteten (so spricht die Legende) von allen Kirchen die Glocken ihnen entgegen. Köln war aber auch heidnisch. Wenn es christlich war,[114]  und Kirchen hatte, wie durften die Jungfrauen darin gemartert werden? Als ich die Schädel sah, empfand ich den widerwärtigen Contrast zwischen ihnen und den entzückenden Gebilden von Wilhelm Kalv, die ich tags zuvor erst gesehen hatte; fast kam es mir vor, als hätten sich diese verwandelt. Welch schaudervolles memento mori! Das kirchenbestreute Köln war nicht bigot. Der rüstige Niederrheinländer schien mir heiterer, als der Bewohner des Ober- und Mittelrhein. Er hatte sich in seine kirchlichen Pflichten aus alter Gewöhnung ruhig hineingefunden, sie waren ihm theuer, er hing daran ohne Fanatismus, ohne Haß gegen die Reformirten. So war es damals. Ich schied von Köln, begleitet von schönen Erinnerungen, und hoffte es bald wiederzusehen. Ungern hatte ich Eberhard und Joseph von Groote dort vermißt. Auch Friedrich und Dorothea Schlegel waren schon fort nach Wien. Köln hat einen Lichtpunkt, die Aussicht vom Rhein nach dem Siebengebirge, welches die Sehnsucht mächtig anlockt, und den alten Steinhaufen gleichsam zuruft: »Blickt auf uns, wir sind Gottesbau der Andacht, wir sind treu. Euch hat Menschenhand aufgethürmt; unsere Thäler hegen Blumen, Waldungen, Wiesen und Gebüsch! Euer Inneres füllt hinwelkender Tand; uns bringt der schöne Frühling unablässig unsern Duft und den leuchtenden Schmuck zurück!« Ich habe im Anblick des Siebengebirgs schwelgen können, wie im Schos des herrlichsten Thals. Sind es doch Sehnsucht und Phantasie, welche der Erde den schönsten Schmuck verleihen.

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Wir gelangten auf raschem Fuhrwerk nach Aachen. Damals saß das Geripp Karl's des Großen noch verborgen in einer Nische des Doms, wo es, ich weiß nicht wie, warum, noch wann, eingemauert worden.[115]  Scheint es doch, als sei er wie eine Mahnung der alten Zeit wieder erschienen, wo der Begriff von Größe ganz ein anderer ist als der damalige; wo das Christenthum, für welches er kämpfte in der Gestalt unkenntlich geworden und nur noch in des Herzens stillen Räumen lebt. Wir durften Aachen nur flüchtig besehen und gelangten nach Lüttich, wo wir die Begriffe der Einwohner so finster fanden, wie seinen Boden von Kohlenstaub. Man fragte uns im Ernst, weil man erfuhr, wir seien Protestanten: ob wir an Gott glaubten, ob wir verpflichtet seien zu beten? Was ließ sich darauf antworten? Schweigen war das Beste. Nicht ohne Befremden sahen wir die Damen im größten Staat, weiß beschuht durch den Kohlenstaub der Gassen gehen, sie beschmuzten sich nicht. Mir fiel dabei Mignon's Eiertanz ein. Als wir eine Kirche besuchten, lasen wir an der Kirchthür einen Zettel folgenden Inhalts: »Die heilige Kirche hat ihrer liebsten Tochter, der frommen Stadt Lüttich, die unschätzbare Wohlthat des vierzigtägigen Gebets, welche ihr lange entrissen war, auf wiederholtes Flehen wiedergeschenkt. Nun aber gibt es Gläubige, welche theils wegen Erkrankung, theils wegen überhäufter Geschäfte abgehalten sind, diese Andacht zu begehen, und somit aller ihrer Wohlthaten verlustig bleiben. Diesen Mangel zu ersetzen, erbieten sich fromme Christinnen, gegen eine angemessene Gabe die vierzigtägige Andacht an der Stelle derjenigen abzuhalten, welche daran verhindert sind, diese in Person zu begehen. Indem wir dies anzeigen, ersuchen wir sie, nach der Sakristei zu kommen und daselbst ihre Gaben zu entrichten.«
Wir verließen Roms geliebteste und frömmste Tochter, um unsere Reise fortzusetzen, und bestiegen ein bequemes Fahrzeug, um unser Ziel zu erreichen.[116]  Wir gelangten nach Verviers, wo wir meinen Bruder antreffen sollten. Eine Wohnung auf dem Platz der Märtyrer nahm uns auf. Die Aussicht von unsern Fenstern beherrschte eine Reihe von nackten Hügeln, unlieblich, ja widerwärtig. Das Laub der Bäume auf dem Platze hatte keine Transparenz, kein freundliches Grün. Das Volk lief in Lumpen umher, die Bettler zogen scharenweise durch die Gassen und Plätze. Die Kirchen, die wir uns ansahen, staken voll Bettler und strotzten vom überladenen Schmuck und von Heiligenbildern, die nichts Heiliges an sich hatten. Sonntags fanden wir dieselben Bewohner, die hier zerrissen umherliefen, in stattlicher Kleidung und mit gewaschenen Gesichtern. In allen Küchen standen hohe Tonnen, angefüllt mit einer Flüssigkeit, die man bei uns wegzuschaffen bemüht ist, hier aber von den Fabrikanten sehr gut bezahlt wird; sie färbt das Tuch müllerblau. Die Atmosphäre in den Küchen gewann dadurch keineswegs an Wohlgeruch, doch die Bewohner niederer Klasse kümmerten sich nicht darum, denn sie kochen nur auf ihren gegossenen Oefen im Zimmer und nähren sich meist mit Kaffee. Auch die Aermsten besitzen den schönen blanken messingenen Kaffeekessel, der früh und abends auf ihrem Eßtisch prangt. Wenn das Wasser auf dem kohlenerfüllten Untersatz kocht, wird für eine ziemlich zahlreiche Familie ein Eßlöffel voll Kaffee genommen, dann mit Salz lange durchsiedet, dann abgeklärt und mit dünner Milch genossen. Man ißt dazu Brotschnitte mit Birnenmus bestrichen. Sonntags und Feiertags wird etwas Fleisch genossen; doch die Kinder und jungen Leute sind kräftig, rothbäckig und fidel. Mein Bruder war ungern hier, wiewol sein Quartiergeber viel Aufmerksamkeit für ihn hatte. Er sehnte sich sehr nach seiner Familie. Es[117]  lagen viele Preußen in Garnison in Verviers, wir sahen sie auf Spazierfahrten. Die Volksunterhaltung bestand hauptsächlich in einem geschickten Werfen nach einem bestimmten Zielpunkt, gegen welche hölzerne Schinken geschleudert wurden. Die Leute tranken dort schlechtes Bier und genossen dazu geschrotenes Brot, Käse und Würste, steinhart mit ranzigem Fett und Fleisch gefüllt. Unsere Offiziere saßen am Spieltisch. Wehe aber dem, den es in der freien frischen Luft zu hungern anfing! Ein Adjutant bestellte sich in der Kneipe frische weichgesottene Eier, man brachte ihm vier, die er nach kurzer Untersuchung auf die Erde warf. Vier andere hatten dasselbe Los. So ging es fort und in kurzer Zeit stand ein See von Eiern um seine Füße her, eine Flut von Verwünschungen kam dazu, wonach ihn der Hunger nach seinem Quartier rief, und er ihn stillte. Wir machten fast jeden Abend eine Spazierfahrt. Zuweilen war »Spa« unser Ziel, von welchem ich vor mehreren Jahren in den Zeitungen gelesen hatte, daß es nun in schönster Blüte stände. Damals wuchs Gras in den Straßen vor den prachtvollsten Hotels. Fast alle Fensterladen waren geschlossen, die Gasthöfe waren leer, die Quellen unbesucht, nur die Waldseite war von mehreren englischen Familien bewohnt.
Mein Bruder wurde endlich von Verviers abberufen. Meinen armen Max befiel ein Wechselfieber, denn die Luft war ungesund in Verviers. Bei Mangel an Regen trockneten die Flüßchen und Bächlein ein, welche die Maschinen trieben, dann belud sich die Luft mit Miasmen. Das schöngebaute Verviers mit breiten Straßen und freien Plätzen wurde dadurch in ungesunder Ort. Höchst wahrscheinlich sind durch die Fortschritte der Industrie jetzt alle Uebelstände verschwunden. Wir konnten endlich[118]  nach Heidelberg zurückkehren, brachten einige genußreiche Tage in Köln zu, dann in Koblenz, wo wir bei Görres eingeladen waren. Wie herzig war der Empfang, wie reizend Görres' Besitzung, wie schön und liebreich seine junge Frau, wie geistvoll seine Kinder! Es waren entzückende Tage, die wir dort verlebten. Wir waren meist im Garten oder oben auf der Karthause, die damals einer verwitterten Ruine glich, nun aber gewaltig, fast wie eine Drohung die reizende Gegend überthront. Ich möchte die Inschrift darauf sehen, welche, ich weiß nicht wer, auf das schöne Schwert zu setzen vorschlug, welches die gute Stadt Paris dem kleinen Grafen von Paris verehren wollte: »Möge er es niemals brauchen!« Die sinnreichsten Worte, welche man auf ein Schwert setzen kann. Vielleicht bleibt der fromme Wunsch nun erfüllt.
Damals sah man noch eine Menge Ruinen am Rheinufer. Die alten Raubschlösser, die der Rheingegend einen so melancholischen Schmuck verliehen, sind nun fast alle in heitere Lustsitze umgewandelt. Vielleicht sind schon jetzt ganz neue Gebäude gleicher Art auf den weit ausschauenden Felsenhöhen um und um entstanden. Trauern wir nicht darüber, daß mit der Schale der alten Zeit ihr Kern nicht wieder gewachsen ist, denn er war bitter. Wie beinahe alles Schöne auf Erden war auch das Ritterthum entartet, nachdem es seinen höchsten Blütepunkt erreicht hatte. Die Burgschlösser wurden Raubschlösser. Nach ihrer Zerstörung zog der Wanderer im Thale friedlich seine Straße. Jeder Misbrauch wird vertilgt, sobald der Wehrlose zum Bewußtsein seiner eigenen Kraft gelangt und sie anwenden lernt. Ich will nicht unerwähnt lassen, daß gegen Ende des Jahres 1814 die Odenwälder eines Morgens bei der Behörde zu[119]  Protokoll gaben, daß der Rodensteiner wieder eine wilde Jagd begonnen habe und zwar mit ungewöhnlichem entsetzlichen Getümmel. Ich hatte damals noch wenig Erfahrungen dieser Art gemacht, doch ich glaubte an diese Vorbedeutung, und die Folgezeit bewies, daß ich recht gehabt.
Es war ein sehr milder Winter gewesen, am Fuße des heiligen Berges waren Centifolien aufgeblüht. Wir bewohnten ein kleines Haus über der Brücke, umrauscht von den Wogen des Neckars. Lüfte wehten milde und die Waldungen hauchten Duft. Nur kurze Zeit hatte der Winter seine Strenge geübt. Der Frühling war entzückend, sorglos blickte ihm alles entgegen. Da kam die Kunde von Napoleon's Landung von Elba, die anfangs blos überraschte; der Stadtdirector von Heidelberg, nachheriger Minister Winter, äußerte bei einem Besuche: »Es ist ein bloße Waghalsigkeit, es muß bald damit ein Ende nehmen. Aber ich wollte die Katastrophe verzögerte sich noch eine Zeit lang, damit man doch einigen Spaß davon hätte!« Ach, nur zu sehr ging sein Wunsch in Erfüllung!
Nun wurden vor allen die Schneider und Nähterinnen in Anspruch genommen, die Gesinnung war da, aber das Kleid fehlte. Männer, Jünglinge, Frauen, Mädchen und kleine Kinder trugen altdeutsche Tracht. Charpie wurde gezupft, ehe noch eine Wunde klaffte. Kühlende Getränke wurden bereitet, als sich noch kaum die Früchte geröthet hatten. Millionen saftige Citronen wurden bitter gemacht, weil man sie tonnenweis zu Limonade zerdrückte. Schinken und Zungen wurden eingesalzen und verdarben zu allem Glück. Ich selbst bereitete vielerlei, davon mir jedoch nur mein Himbeeressig verdarb. Meine Charpie, zu deren Bereitung ich eine[120]  Menge junger Mädchen verwendete, meine Socken und Hemden, wollene Leibbinden, gebackene Kirschen und getrocknete Lindenblüten bewährten sich als zweckmäßig. Die Subscription für meine auserlesenen Schriften ging ein, wenn auch nicht wie die von Johanna Schave für die Negersklaven eröffnete, dennoch erfreulich, edle menschenfreundliche Gesinnung beurkundend. So ausgerüstet und mit einer Cabinetsordre meines Königs beglückt, trat ich meine Reise nach den Lazarethen von Belgien und vom Niederrhein an. Es war am 14 Juni 1815. Wir suchten den Commandanten von Mainz, Herrn von Haxthausen auf, der uns eine Marschroute stellte und uns mit wahrer Herzlichkeit empfing.
Ich war nicht die einzige Frau, die in gleicher Absicht nach den Niederlanden ging und von Sr. Majestät dem König selbst ermächtigt war, sich dort der Verwundeten anzunehmen. Freund Niclas Müller, der frühere Dichter dieses Namens, empfing uns wie bei einem vormaligen Besuche mit frischherziger Güte. Er war noch jung, an der Seite einer lieblichen Gattin, von hoffnungsvollen heitern Kindern umgeben. Er zeigte uns einige seiner Arbeiten und führte uns in das Museum, wo er uns mit dem Vorsteher, Professor Lehne, bekanntmachte, in dem wir eine schöne, offenherzige, süddeutsche Natur, voll Leben kennen lernten. Abends wollte ich noch Heinrich Frauenlob's Denkmal wiedersehen. Wären doch lieber die Frauentadler Stein und hätte der edle Frauenlob warmes Blut! Wie zierlich und sorglich tragen ihn die mainzer Frauen zu Grabe, die Gruppe ist seelenvoll! Vom mainzer Dom ist mir noch ein dunkles Bild der Erinnerung geblieben. Mainz ist die heiterste befestigtste Stadt, die ich je erblickt. Der breite klare Spiegel des entzückenden Rheines gibt ihr gleichsam zwei Himmel; das Gebirge[121]  liegt umher wie ernste Gedanken des Weisen, es stört nicht durch Nähe, sondern rundet das freundliche Gemälde ab. So oft ich daran denke, liegt Mainz freudig vor mir und ruft: »Komm wieder!« Als ich Mainz zum ersten mal sah, war der Handelsstand dort sehr verdrießlich über Napoleon. Er hatte andere Dinge im Kopfe als die mainzer Angelegenheiten, und beachtete ihre Wünsche nicht. Die Einwohner waren daher auch geneigt, als er zur Reise nach Rußland über die Schiffbrücke fuhr und wie eingezaubert in eine Herde von Schweinen dort beinahe zwei Stunden ausharren mußte, diesen Vorfall für eine böse Vorbedeutung zu nehmen. In der That gibt das, was man Zufall heißt, zuweilen einen Fingerzeig des Geschicks. Die Heerde der garstigen Thiere war schon auf der Brücke, als der kaiserliche Kutscher, in Begleitung der Wagen des Gefolges noch schnell hinüber nach dem andern Ufer zu gelangen glaubte. Die Treiber hatten sich bemüht die Heerde zurückzudrängen, doch diese wüthend über die kräftigen Peitschenhiebe, die auf sie hagelten, waren nur desto unaufhaltsamer vorangeeilt, und drängten sich um die Wagen her, welche sie hemmten; fast hätten sie die Pferde angefallen. Sie grunzten und schnobten schaudervoll zu Tausenden; man war gezwungen halten zu bleiben, und abzuwarten bis sie besänftigt waren. Beide Ufer waren gedrängt von Zuschauern, welche dies unwillkommene Drama theils kichernd belachten, theils als unheilbringend beurtheilten. Man hörte sagen: »Der kommt nicht glücklich wieder zurück!« Es war auch so. Als ich später nach Mainz kam, fand ich die Bewohner noch lebhaft mit diesem Vorfall beschäftigt, es wurde noch überall davon erzählt. Die Empfindung des Volks über die Vorbedeutung war halb Schmerz, halb Freude. Man ersehnte eine Veränderung, sah aber[122]  voraus, daß diese nur durch Blut und Flammen ihren Weg nehmen könnte.
Bei der furchtbarsten Hitze schifften wir uns damals auf der Wasserdiligence nach Köln ein. Das Fahrzeug blieb in Koblenz kurze Zeit liegen. Ich eilte mit meinen Kindern zu Görres, um ihn auf eine Viertelstunde zu begrüßen, und konnte nicht verhindern, daß uns eine Chocolade gemacht wurde. Wir glaubten noch zu rechter Zeit das Schiff zu erreichen und mußten fünf Gulden zahlen, weil es eine Strecke voran war. Meine rechtschaffene Babet war beim Gepäck zurückgeblieben. Nachmittags gelangten wir nach Köln, nachdem wir in Bonn bei einem wackern Gastwirth, Namens Coirty, gespeist hatten. Bonn war damals von den herrlichsten alten Baumalleen umgeben; bei einer spätern Reise nach dem Rhein waren sie alle fort und gewaltige Gebäude säumten beinah das ganze Ufer ein. Köln fanden wir, wie wir es vor einem Jahre verlassen hatten. Wir eilten am Morgen nach unserer Ankunft nach dem Dominicanerkloster, wo ein großes Militärhospital errichtet war. Die Chirurgen des alten braven Görcke versahen daselbst noch den Dienst. Ich ging mit meiner Schreibtafel an die Betten und glaubte, ich würde dem medicinischen Personal sehr willkommen sein. Doch so gut wie es Literaten gibt, die keiner Schriftstellerin noch Dichterin hold sind, gibt es auch Chirurgen, die weiblichen Beistand bei Kranken und Verwundeten nur ungern sehen. Ich schrieb eben die Bitten derjenigen Kranken auf, welche deren an mich gerichtet hatten, als zwei Chirurgen sich mit hastigen Schritten dem Bette näherten, wo ich stand. »Was thun Sie hier, Madame?« rief mir der eine mit großer Lebhaftigkeit zu. Ich erwiderte ihm gleichmüthig: »Ich bin gekommen, Beistand zu leisten und die Kranken zu[123]  erquicken.« »Erlauben Sie mir Ihre Schreibtafel, Madame!« fuhr der Chirurg fort. Ich reichte ihm diese, und während er die Seite las, welche ich voll geschrieben hatte, nahm ich die königliche Cabinetsordre aus meiner Tasche. »Sieh einmal her«, rief mit finsterer Miene der Feldarzt seinem Gefährten zu, »da sieh einmal, Hemden, Binden, gedämpftes Obst, kühlende Getränke, ei, da soll doch der Teufel drein schlagen, was fällt den unverschämten Kerlen ein, das alles zu verlangen? Madame, wir sind Ihnen für Ihren guten Willen sehr verbunden, müssen Sie aber höflich bitten, unser Lazareth nicht ferner mit Ihren Besuchen zu beehren. Jeder Soldat empfängt hier seine nöthige Wäsche und keinem geht etwas ab, was es sei. Wenn Sie den Kranken milde Gaben bestimmen, so behändigen Sie uns dieselben, wir werden sie verwalten.« Ich fand, daß der Mann in gewisser Hinsicht recht habe und begnügte mich, ihm statt meiner Antwort die königliche Cabinetsordre zu überreichen. Nachdem er diese gelesen, mochte er glauben, auch ich habe meinerseits recht. Er zeigte sie seinem Collegen und richtete die Frage an mich, ob er mich durch das ganze Lazareth führen sollte. Ich nahm seinen dargebotenen Arm an und besah mir alles in den Sälen recht aufmerksam. Er führte mich zu den am gefährlichsten Kranken, und bat mich, ihnen Erquickungen zuzuwenden. Ich fand die Säle reinlich und wohl gelüftet, die Suppen wohlschmeckend, die Kranken sanft und geduldig, den Arzt gütig gegen sie.


Zu Hause erwartete mich ein Frauenzimmer, welche mir eine Einladung für den Abend vom edeln Frauenverein brachte; ich nahm sie dankbar an und ließ mich zu einer der Vorsteherinnen hinführen. Hier kam mir Joseph von Groote entgegen und geleitete[124]  mich in den glänzenden Kreis eleganter Damen, welche Charpie zupfend um eine längliche Tafel her versammelt waren. Ich wurde sehr herzlich bewillkommt. Das Gespräch unterbrach die Arbeit nicht, die am Abend vor einer Schlacht nicht eifriger hätte betrieben werden können. Die eine dieser Damen äußerte sich ungefähr folgendermaßen: »Es ist sehr lobenswerth von Ihnen, daß Sie gekommen sind, uns Hülfe zu bringen, wir bedürfen derselben sehr, denn wir haben viel zu versorgen und unsere Zuflüsse fangen an einzutrocknen.« Hier machten viele dieser Damen Chorus und ich konnte aus ihren Reden entnehmen, daß man mein Opfer nicht verschmähen würde, wenn ich die mitgebrachten Gelder und Vorräthe dem edeln Verein übergeben wolle; das war nun sehr gütig, und wenn ich einige Ueberlegung besessen hätte, würde ich das gethan haben, was mir so nahe gelegt wurde. Es war bequem und zweckmäßig, ich konnte bald nach Heidelberg zurück. Statt verleumdet und verkannt zu werden, durfte ich glänzender Belobung entgegensehen. Der Luisenorden, vielleicht gar eine Pension, waren so gut wie in meiner Hand. Ich weiß nicht, was ich gethan hätte, wenn ich dies erwogen, wenn ich nur von weitem her geahnt hätte, welche Unbilden meiner warteten, welche großen Verluste aller Art ich erleiden würde und wie wenig ich meinem Unternehmen gewachsen sei. Die Begebenheiten in Darmstadt bei Ankunft der Gefangenen von Hanau hatten sich meiner Phantasie und meines Gemüths bemächtigt. Ich hatte in meinen damaligen Drangsalen und Mühen himmlische Süßigkeit empfunden. Wer jemals gelitten und erkannt hat, daß der höchste Trost in nagenden Leiden zu finden ist, wenn man Unglücklichen helfen kann; wer in seinem Herzen das Wort des Erlösers trägt:[125]  »Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen«, der wird verstehen, daß ich mich sehnte, Werke des Erbarmens zu üben. Ich glaube, daß einige Damen des Frauenvereins verstanden, warum ich vermied, den Sinn ihrer Anerbietungen zu durchdringen, denn sie bezeigten mir Liebe und zärtliche Hochachtung. Ich nenne von diesen sympathisirenden Frauen nur die seelenvolle Frau Hirn und die vortreffliche Frau Windek; ich könnte diesen Namen noch manchen andern beigesellen.
Ich wurde in alle Hospitäler geführt und angemahnt, den berühmten Generalstabschirurgen Geheimrath Gräfe zu besuchen, der bestimmt war, an Görke's Statt die oberste Leitung des Lazarethwesens zu übernehmen. Ich fuhr mit meinen Kindern dahin. Für die Tage meines Aufenthalts war mir von der Behörde das Haus einer geistvollen edeln Frau, Namens Karstanien, angewiesen, wo ich die seelenvollste Aufnahme fand. Da ich erst Tags nach meiner Ankunft den Geheimrath aufsuchen wollte, benutzte ich einige Stunden, um Justus Gruner, den Polizeioberdirector Schnabel und andere ausgezeichnete Männer kennen zu lernen. Den Abend brachte ich in einer großen Gesellschaft bei Frau Karstanien zu. Bis jetzt ging mein Weg noch über lauter Rosen. Geheimrath Gräfe, ein schöner Mann von etlichen dreißig Jahren, auf dessen noch so jugendlicher Brust viele Orden prangten, empfing mich wohlwollend und wies mir das Dominicanerhospital als das höchst bedürftigste an, ohne jedoch meine Wirksamkeit hierauf beschränken zu wollen. Er klagte mit feurigem Ton und Blick darüber, daß die Lazarethbedürfnisse vergantet seien, belobte meine Aufopferung und ermahnte mich, Muth zu fassen und Beharrlichkeit zu üben. Ich bat ihn, mit meiner gewohnten Aufrichtigkeit, mir einen andern Wirkungskreis[126]  als Köln oder Deutz mir darbot, anzuweisen. »Ich will an den schlimmsten Ort«, erwiderte ich zu ihm, »Köln und Deutz sind versorgt, sie haben dort den edeln Frauenverein.« »Das ist richtig«, sagte Gräfe, »Löwen und Namur sind verwaist; wenn Sie wollen, so gehen Sie an einen dieser beiden Orte, wir wollen die Sache noch überlegen.« Beim Abschied besann ich mich darauf, daß der Dirigent eines der Hospitäler mich ersucht hatte, dem Geheimrath wissen zu lassen, daß es an Charpie zu fehlen anfinge. Er ließ mir ein mächtiges Packet in den Wagen werfen. Ich besuchte noch die Frau Generalin von Clausewitz und ihre Freundin, die Gräfin von Dohna, Scharnhorst's Tochter, beide feurige Wohlthäterinnen der Verwundeten und Kranken. Auch Hofrath Dr. Bischoff lernte ich kennen. Nie werde ich das geliebte Düsseldorf vergessen.
Der Geburtstag des Königs wurde mit einem großen Ball, dessen Ertrag den Verwundeten bestimmt war, gefeiert. Ich nahm auch ein Billet, ging aber nicht hin, weil ich mir keinen Ballanzug anschaffen wollte. Ich zog es vor, in einige Hospitäler zu gehen, wo alle Kranken und Verwundeten vom edeln Frauenverein köstlich bewirthet werden sollten, um sich am Lebenstage des Monarchen zu freuen. Dies war ein schöner Gedanke. Selbst meinen liebsten Pflegling, den geduldigen Lucas, der eine Kugel in der Lunge trug, fand ich heiter. Er bezeigte großen Appetit nach Salat, ich fürchtete, diese Speise möchte ihm übel bekommen und ließ den wackern Oberarzt Hellwig herbeirufen, damit er es ihm verböte, dieser erlaubte den Salat; der Leidende sah mich triumphirend an. Hellwig flüsterte mir zu: »Man braucht ihm nichts mehr zu verbieten, er kann nicht mehr lange leben!« Nichtsdestoweniger genas Lucas.[127] 
Geheimrath Gräfe erfüllte meinen Wunsch, nach Namur zu gehen. Man kommt von Lüttich die Maas entlang, der Weg ist reizend. Als ich andern Tags früh mich nach dem Hospital begab, entsetzte ich mich heftig, die Verwundeten waren vom Schlachtfelde dorthin gebracht worden. Jeder schmachtete auf einem Marterlager, jeder litt an den entsetzlichsten Verwundungen, mit deren Aufzählung ich den Leser verschone. Sie waren bleich und eingefallen wie Leichname, die sich noch ein wenig regen können; sie sprachen nur mit Mühe einige Worte und konnten beinahe nichts genießen, auch waren ihre Nahrungsmittel nicht einladend. Alles, was für sie bezogen wurde, war von schlechter Qualität. Ich beklagte mich darüber beim Dirigenten, einem Geheimrath Brennicke, den Gott in seinem Zorn zu diesen Unglücklichen hinbeschieden hatte. Er gab mir folgenden Bescheid: »Wir müssen schweigen und dulden, um die belgischen Behörden nicht zu erzürnen.« »Aber ich habe Geld mitgebracht und Sie, Herr Geheimrath, haben in der Lazarethkasse 12000 preußische Thaler liegen, die unser edler König zur Erquickung dieser Kranken, der bejammerungswürdigsten des ganzen Feldzugs, bestimmt hat.« Herr Brennicke nahm eine wichtige Miene an und sagte halbleise: »Diese 12000 Thaler will ich, sobald das Lazareth aufgehoben wird, dem Geheimrath Gräfe zu Füßen legen.« »Ei«, rief ich zürnend, »Gräfe kümmert sich viel um ihre 12000 Thaler, für ihn hat sie der König nicht hergeschickt.« Doch es war nicht möglich, bei diesem Unmenschen etwas auszurichten. Mir blieb nichts übrig, als ihn anzuzeigen. Dies fruchtete, es kam Untersuchung, er wurde wegberufen und ein Ehrenmann, Dr. Seegert, kam als Dirigent an seine Stelle.
Ehe diese Veränderung vor sich ging, hatte ein Vorfall[128]  der empörendsten Art das ganze Lazareth in Aufruhr gebracht. Eines Morgens früh trat der zweite Inspector des Lazareths, ein gutmüthiger Mann, todtenblaß in mein Zimmer und bat mich, zu Hülfe zu kommen. »Die Kranken«, sagte er, »geberden sich wie wahnsinnig, da sehen Sie her!« Er zog ein halbes Brot aus der Tasche. »Solch Brot ist ihnen geschickt worden.« Als ich einen Finger daraufdrückte, drang Wasser heraus; es war schwärzlich grobes, geschrotenes Brot. Ich ließ mich sogleich zum Commandanten, Freiherrn von Arnim, führen, das Brot in der Hand; kaum konnte ich reden. »Unsern Todkranken und Verwundeten solche Kost«, rief ich aus, »ist das die Meinung unsers Königs?« »Nein«, sagte lächelnd Arnim. »Begeben Sie sich in das Lazareth, wackere Frau, ich werde sogleich dort erscheinen.« Mein Händedruck, meine stillen Thränen dankten dem Ehrenmanne. Wie geflügelt eilte ich in das Lazareth, wo nur eben ein neuer Transport der schaudervollen Nahrungsmittel angelangt war. Ich gebot dem Bäckergesellen mit seinem Karren sogleich umzuwenden und vorschriftmäßiges Brot herbei zu bringen. Er zuckte die Achseln und meinte, die Direction allein habe ihm Befehl zu geben. Ich weiß nicht, was aus meiner Verordnung geworden wäre, wenn der Bäckergesell nicht den Commandanten erblickt hätte, der ihm mit funkelnden Augen auf der Stelle befahl zu thun, wie ich ihm gesagt hätte, und mir den Arm bot, um mich zu den Kranken zu führen. Er befahl sogleich, gutes weißes Brot herbeizubringen und zwar 11/2 Pfund für den Mann, weil der zweite Inspector ihm geklagt hatte, daß auch die Reconvalescenten nur 1 Pfund Brot bekämen. Er verlangte nun nach Brennicke; dieser hatte sich im Lazareth verkrochen. An seiner Stelle erschien[129]  der erste Inspector mit seiner frechen Stirn. Er warf sich in die Brust, fragend, was denn den Herrn Commandanten so früh am Tage hierherführe. Mit einem Blick donnerte ihn der Major nieder und drohte ihm mit der Festung, er würde in seinem Bericht nach Berlin dahin antragen. Der Unmensch suchte noch Frechheit zu üben und erklärte auf des Commandanten Befehl, den Reconvalescenten 11/2 Pfund Brot zu geben, er würde es nicht thun; doch eine zweite ernste Drohung bewirkte, daß der Herr Inspector andere Saiten aufzog. Das Brot wurde in Gegenwart des Commandanten ausgetheilt, und mit Thränen in den Augen dankten die Empfänger. Er wendete sich zu ihnen: »Meine Kinder«, sagte er mild, »heut soll euch die Strafe geschenkt sein, die euch eigentlich zukäme, weil ihr Rebellion gemacht habt. Ziemt es euch, dem guten, zweiten Inspector das Brot an den Kopf zu werfen? Es ist unsers Königs Wille nicht, daß man euch hungern läßt; wenn ihr zu klagen habt, so schickt zu mir; ich werde euch bald wieder besuchen.« Er entfernte sich von Segenswünschen begleitet. Als er fort war, heftete der erste Inspector einen wüthenden Blick auf mich und murmelte eine Drohung, die ich nicht verstand.
Wenige Tage hierauf erschien der neue Dirigent. Ich brauchte ihn nicht auf die Uebelstände, die im Spital herrschten, aufmerksam zu machen, denn man hätte blind sein oder keine Nase haben müssen, um sie nicht stracks zu erkennen. Bei den Schwerkranken floß an den Betten ein handbreiter gelber Bach von Eiter ihrer Wunden durch den ganzen Saal; schlechte grobe, starre Verbandstücke ließen diese verderbte Masse ungestört durchsickern. Vergebens hielten die Wäscherinnen, sowie die Chirurgen, um ordentliche Binden an. Sie sowol als die Kranken wurden durch Drohungen zum Schweigen[130]  gebracht. Ich ließ mit Hülfe meiner Babet vier mal des Tags eine Räucherung mit Braunstein und Vitriolsäure vornehmen, auch zu gehöriger Zeit lüften; dies half aber nicht hinreichend. Ich führte den Dirigenten zu den Wäscherinnen hinunter. Wir fanden diese Armen in einer furchtbaren Atmosphäre, Arme und Hände voll dicker Beulen; sie wuschen die schmalen groben Verbandstücke, die nicht rein wurden und starr blieben. Man führte uns in die Vorrathskammern für die chirurgischen Instrumente und die Wäsche, die mir schon einmal gezeigt worden waren. Da lagen die herrlichsten Binden handbreit, glänzten von Reinlichkeit und von der feinsten Leinwand. »Warum werden diese Sachen nicht für die Kranken benutzt?« fragte der Dirigent mit strengem Blick. Ihm wurde sehr ernsthaft, mit wichtiger Miene geantwortet: »Diese schönen Vorräthe müssen aufgespart werden; was hätten wir denn aufzuweisen, wenn Untersuchung kommt?« Es ging nämlich mit den Untersuchungen folgendermaßen zu: sie sollten überraschend vorgenommen werden, allein die Verwaltungen hatten viele zärtliche Freunde, die nicht ermangelten, geheime Untersuchungen auf Tag und Stunde voraus anzuzeigen, sodaß alles auf ihre Ankunft vorbereitet wurde. Die Suppen wurden kräftiger gekocht, das Fleisch war von besserer Qualität, die Verwundeten bekamen weiche und feine Verbandstücke, minder grobe Hemden und Betttücher, die Säle wurden gehörig gereinigt und gelüftet u.s.w., und den Kranken wurde bei scharfer Ahndung befohlen, freundliche Gesichtern zu zeigen und den Untersuchungscommissarien zu betheuern, daß ihnen nichts abgehe. Der Dirigent Hofrath Seegert kannte diese Umtriebe und ließ sich von dem schönen Anschein nicht blenden. Ihm war nicht unbekannt geblieben,[131]  daß es hier und da an Charpie fehlte, und daß sich Kranke wegen Mangel an guten Instrumenten beschädigt hatten. Ein Verwundeter war zum Beispiel durch Ermangelung eines Tourniquets in einer Nacht verblutet und gestorben. Die hohen Kisten, in großer Anzahl mit den feinsten Instrumenten aus England angefüllt, standen in den Vorrathskammern so fest zugenagelt und verschlossen, wie sie über das Meer gekommen waren. Hofrath Seegert bezeigte sein Erstaunen, daß man diese Instrumente unbenutzt stehen ließe. Ihm flüsterte jemand zu: »Wenn das Hospital erst aufgehoben sein wird, so werden alle diese Sachen vergantet; sie werden zwar spottwohlfeil losgeschlagen, aber es kommt doch eine schöne runde Summe heraus. Die Charpie wird an die Papiermühlen verkauft; ich weiß Orte, wo der Dirigent 20 Centner und mehr auf diese Weise zu Geld gemacht hat.« Hofrath Seegert verhehlte sein Entsetzen, seinen Unwillen nicht. Es ist mir versichert worden, daß er allen diesen empörenden Uebelständen abgeholfen hat und mehreren, die ich übergangen habe, ein Gleiches that, und daß unsere verwundeten Krieger der 12000 Thaler, welche der edle König zu ihrer Erquickung bestimmt hatte, theilhaftig geworden sind. Vielleicht kann ich, wenn meine Augen geheilt sein werden, in meinen Papieren die Hefte finden, die über diese wichtigen Gegenstände das Nähere enthalten. Ich schreibe jetzt aus dem Gedächtniß, werde dann aber nicht ermangeln, einen Band darüber herauszugeben. Wenn meine Leser erstaunen, daß ich 40 Jahre lang geschwiegen habe, so mögen sie bedenken, welche Abhaltungen mich an dieser Herausgabe verhindert haben. Es eilte nicht damit, es war ja Frieden. Jetzt aber muß ich eilen, denn ich stehe am Grabesrande. Da ich durch die Betheiligten viel Ungemach[132]  erlitten hatte, so wäre es leicht gewesen, zu glauben, daß ich Rache nehmen wollte. Jetzt sind die einen todt, die andern alt, aus allen frühern Verhältnissen hieraus. Kein Einsichtsvoller kann bei diesen Enthüllungen eine andere Absicht voraussetzen, als die einzige, die Wahrheit zu verbreiten, die noch in Zukunft nützlich angewendet werden kann. Ich verfahre dabei mit höchster Schonung; dies werden die Betheiligten, die etwa noch leben, erkennen. Dem innern Richter ihres Bewußtseins entgehen sie nicht; dem dort oben ebenso wenig. Auch die öffentliche Meinung hat schwere Richtersprüche über sie ergehen lassen. Man lese nur die vielen Artikel über meine Rechtsangelegenheit in den angesehensten deutschen Zeitschriften von 1816 und 1817.

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Gegen Ende des Sommers erkrankte ich bedenklich. Unter den Achseln verhärteten sich Drüsen, die bei einem heftigen Fieber eiterten; der Arzt wollte schneiden, ich zog es aber vor, mich einer langsamen Cur zu unterziehen, die Hofrath Seegert mir vorschrieb und ihm auch gelang. Ich hatte den Trost, daß meine Pfleglinge wohl versorgt waren. Einer derselben, der acht Tage nach der Schlacht von Bellealliance ohne Erquickung, mit Maden in den Wunden gelegen hatte, genas. Ich traf ihn noch in Köln wieder, wo ihm der Invaliden-Versorgungsdirector, der würdige Graf von Schlieffen, viel Gutes that. Der Commandant von Namur, Freiherr von Arnim, stellte mir unaufgefordert ein ehrenvolles Zeugniß über meine Wirksamkeit im Lazareth aus; ebenso handelte das ärztliche Personal. Nach Köln zurückgelangt, hielt ich mich noch lange dort auf, um eine Untersuchung wegen der Lazarethverwaltung zu ermitteln. Ich verlangte nichts als einige Protokolle vom Major von Ende, auf welche wahrscheinlich ein Stein gelegt wurde;[133]  denn ich hörte nichts weiter davon. Ich benutzte die Zeit meines Aufenthalts in Köln, um dort und in den umliegenden Lazarethen mich nach den Kranken umzusehen und bestmöglichst für sie zu sorgen. Auch kamen viele der Genesenen, mir von ihrem Befinden Nachricht zu bringen. Ich konnte nicht mehr viel für sie thun, denn längst schon mußte ich meine eigenen Mittel zu Hülfe nehmen, um Gutes zu thun; davon erfuhr niemand etwas, ich selbst dachte nicht einmal daran. Ich und meine Kinder waren gewöhnt, einfach zu leben, wir ließen beim Gastwirth Dekotte unser frugales Mittagsbrot holen, tranken morgens und abends Thee, und beschränkten uns in allen unsern Bedürfnissen auf das Nothwendigste. Es war in Köln wohlfeil leben.
Ich fand für nöthig, auch einmal nach meinen Pfleglingen in Aachen zu sehen. Die Nähe des Schlachtfeldes und eine große Umwandelung und Versetzung der Leidenden verursachte, daß viele schwer Verwundete nach Aachen gebracht wurden. Mehrere hatten sich durchgelegen, lebten daher im jammervollsten Zustande. Ungefähr einen Monat lang blieb ich bei ihnen, dann mußte ich wegen der sogenannten Untersuchung meiner eigenen Verfahrungsweise nach Köln zurück. Ich hatte auf das kraftvollste diese Untersuchung erheischt, und sie war mir endlich nach langem Aufschub zugestanden worden. Ich hatte gehofft, die Spitze gegen meine Widersacher zu kehren; binde aber einmal jemand gegen die Behörden an! Der Parteigeist wird sie zusammenbringen wie einen Bund Pfeile. Ich erlangte, wie oben gesagt, nichts als einige nichtssagende Protokolle, die mir nicht einmal zur Unterschrift vorgelegt wurden und nie wieder zum Vorschein kamen. Ich würde aus mehreren Gründen bis zum Frühling in Köln geblieben sein, wenn nicht eine[134]  unerwartete Wendung meiner Sache mich bewogen hätte, nach Berlin zu gehen, um die Wahrheit vor den Thron zu bringen, und mein gutes Recht geltend zu machen. Fügender Brief an Se. Excellenz, unsern großen Feldherrn, Grafen von Gneisenau, wird diese Angelegenheit in das hellste Licht stellen.

»Köln, den 10. Januar 1816.

Von herber Sorge um die tapfern Krieger, die bei Ligny und Wavre sanken, ganz niedergebeugt, ruft mir ein Genius Ihren Namen zu, vaterländischer Held und Retter, und ich hoffe wieder. Von den zu Gott emporschreienden Ungerechtigkeiten, welche hier gegen diese wackern Soldaten, jetzt, da sie invalide abgehen, begangen werden, ist in Köln keine Hülfe zu hoffen; ich rufe zu Ihnen, der sie in Tod und Sieg geführt, Sie werden mich hören.
a) Eine mir selbst dem Namen nach unbekannte Commission untersucht die zerschossenen, wenigstens brustkranken Reconvalescenten, welche derselben von den Dirigenten der Lazarethe als halbe oder ganze Invaliden angezeigt werden. Alsdann befragt man sie, ob sie sich ernähren können. Bei der verneinenden Antwort wird ihnen gedroht, man wolle sie nach Jülich schicken.
b) Diesem Ungemach ziehen die meisten den Bettelstab vor und entsagen den zwölf Thalern Gnadengehalt. So gehen sie trostlos mit sechs oder drei Thalern Reisegeld aus der Lazarethkasse dem gewissen Elende entgegen, das ihrer wartet. Ihr Körper ist siech und entkräftet, irgendeines ihrer Glieder hat durch den Schuß seine Thätigkeit verloren; sie sind ausgeplündert und nur nothdürftig bekleidet; man gibt ihnen abgetragene knappe Mäntel und Leinwandhosen, sie gehen hin mit dem herben Gefühl, daß sie alles für das Vaterland hingegeben und nicht einmal Dank dafür erhalten, und dies ist schmerzlicher[135]  als das Elend selbst, das ihrer wartet. Zehn Thaler bekommt ein Verstümmelter, sechs Thaler und drei Thaler ein Krüppel; Verstümmelten ist der Gnadenthaler noch nicht versagt worden, wol aber vielen Verkrüppelten.
Von einem Transport von 150 Mann habe ich die Ehre, Ew. Excellenz diejenigen Namen beizulegen, die ich in Erfahrung gebracht, die alle theils verkrüppelt, theils brustverletzt sind und alle ganz invalid und denen der monatliche Gnadenthaler versagt worden ist, weil sie nicht nach Jülich wollten. Da hat die Commission denn aufgeschrieben, sie könnten sich selbst ernähren und verlangten ihn nicht; aber diese Unglücklichen sind trostlos heimgegangen am 7. Januar. Noch über funfzig Invaliden waren bei diesem Transport in demselben Fall, allein die Zeit drängte und ich konnte ihre Namen nicht mehr aufnehmen. Alle diese Menschen sind siech, entkräftet und arm; viele haben Frau und Kinder. Die Transporte geschehen im nassen Wetter auf Karren, die nicht einmal mit Leinwand bedeckt sind, viele sind leicht bekleidet, viele müssen unterwegs in Spitälern liegen bleiben; viele Wunden müssen wieder aufbrechen. Von solchen Transporten Reconvalescirter aus Namur, die mit Sorglosigkeit bestellt gewesen, liegen jetzt viele recidif in den Spitälern zu Köln und einige sind gestorben.
c) Vor vierzehn Tagen wurden aus dem Lazareth zu Deuz 35 Reconvalescenten, welche vom edeln Frauenverein zu Mühlheim eigenhändig mit etlichen 60 Thalern beschenkt worden, entsendet. Der Dirigent zu Deuz machte von diesem Geschenk Erwähnung, welche zugleich mit dem Transport nach Köln an die Commission gelangte. Zwei Pommern vom Regiment Kolberg, Martin Wilke und Joachim Tiede, ersterer amputirt am rechten Arm, wollten mit der Sprache des Geschenkes[136]  nicht heraus, als die Commission sie befragte. Sogleich ließ der Oberstlieutenant die beiden in Arrest werfen. Den übrigen 33 wurde bei Heller und Pfennig von den ihnen zukommenden sechs oder drei Thalern das abgezogen, was der Frauenverein schon gegeben hatte. Der Musketier Tiede kam aus dem vierundzwanzigstündigen Arrest nach Deuz und erzählte den dortigen Einwohnern, welche sich an ihm gütig bezeigt, die an ihm und dem Wilke verübten Elendigkeiten. Er setzte hinzu, daß sein Kamerad, über die unwürdige Handlung empört und als Amputirter immer noch reizbar, eine Entzündung am abgenommenen Arm bekommen habe und nun im Hospital Cäcilienkloster an den Folgen des Arrests liege. Dem Joachim Tiede war gleichfalls von seinem Reisegeld, das der Frauenverein gegeben hatte, abgezogen worden. Scharnhorst's edle Tochter, Frau Gräfin von Dohna, hatte mir den Wilke ganz besonders empfohlen und die vereinte Sorgfalt des Stabsarztes Lehmann (vom Hauptfeldlager Nr. 1) und des Wohlthätigkeitsvereins hatten ihn, der in Gefahr war, gerettet. Wie sehr es empört, wenn die Frucht langer Sorge, Pflege und Aufopferung durch solche Mishandlungen zerstört wird, werden Ew. Excellenz leicht ermessen. Der Herr Pfarrer Mühlinghausen in Mühlheim und ich haben uns überzeugt, daß der gute Mensch wieder auf das Krankenlager zurückgeworfen ist. Sie werden auch wissen, ob es dem Kriegsrecht gemäß ist, einen braven verstümmelten Krieger von unbescholtenem Ruf um eine Kleinigkeit in Arrest thun zu dürfen. Mir ist das Kriegsrecht unbekannt, aber die Rechte der Menschheit erkenne ich klar, und dies gibt mir den Muth, sie zu vertreten, da, wo Hülfe zu hoffen ist.
d) In trostlosem Jammer gehen in ihre Hütten die Schmerzensopfer nach siebenmonatlichen Leiden im Hospital[137]  mit ihren kaum vernarbten Wunden, hinausgestoßen in das sorgenvolle Leben wie ungerathene Kinder, nachdem sie alles aufgeopfert haben. Das will unser König nicht, das wollen die edeln Führer der Heere nicht; doch ist nicht jedes Wort überflüssig, nachdem ich diese Angelegenheit in Ew. Excellenz Hand gelegt?«
Diesem Briefe an Se. Excellenz, Grafen von Gneisenau, füge ich hier noch nachstehende Anmerkungen bei:
a) Es ist mir entfallen, warum die armen Invaliden es für ein Unglück hielten, nach Jülich zu müssen; wahrscheinlich wartete ihrer dort schwere anstrengende Arbeit, wie man sie Missethätern auflegt, und sie, welche das Vaterland retten halfen, würden in eine Reihe mit dem Abschaum der Menschheit gestellt worden sein. Ihr Widerstreben war natürlich und gerecht. Was würde aus einem Kriege, in welchem der Soldat nicht von Ehrgefühl beseelt wäre? Er ist kein Schachbauer aus Holz geschnitzt, er tritt als beseelter Mensch in die Reihen der Krieger. Er strebt nicht nach Beförderung, nicht nach Beute noch Gold. Keine Gedenktafel an seiner Ruhestätte bezeichnet seine Thaten. Er ist Sache geworden und hat beim Eintritt in das Feld auf alles verzichtet, was ihn als Mensch beglücken könnte. Der, welchen der Tod verschont, hat nichts von der Zukunft zu erwarten, als Verkrüppelung, Verstümmelung, die mehr als einmal überflüssig wäre, und ein Stück hartes schwarzes Brot für den Rest seiner Tage.
b) Es war harter Winter, wo diese Maßregeln barbarisch zu heißen waren.
c) Alle diese schaudererregenden Thatsachen könnte noch heute beglaubigt werden. Bei den Acten meines Processes liegen Namen der Individuen und ihrer Aufenthaltsorte, die ich als Zeugen meiner Aussagen angegeben[138]  hatte. Das Kammergericht, der Informationscommissär Theodor Amadäus Hoffmann, welcher kein anderer war, als der berühmte Schriftsteller dieses Namens, selbst Sr. Majestät Friedrich Wilhelm III. und der Fürst Staatskanzler kannten alle diese Thatsachen. Es galt keine Kleinigkeit: nicht allein der gute Name einer unbescholtenen Frau, die keine Opfer gescheut hatte, um für die gute Sache zu wirken und welcher von einer Rotte Unmenschen Gefängniß und Geldbuße zugedacht war, hing von der Erläuterung dieser Angelegenheit ab; auch die Invaliden hätten Schadloshaltung erlangen sollen. Doch meine Widersacher hatten eifrige Freunde, und man wird sehen, daß es auch hier unvermeidlich war, dahin zu wirken, daß der Pelz gewaschen wurde, ohne daß man ihn naß machte. Geheimrath Gräfe, dessen Herz feurig gegen Unbilden aufgebracht war, hielt noch den esprit de corps gegen mich aufrecht. Sein Personal hatte viel Geist, es war geschickt und schrieb Protokolle, gegen deren Kalligraphie nichts auszustellen war. Die Aerzte des alten Görcke, Dirigenten und Inspectoren hatten mehr Gemüth, kümmerten sich wenig um äußere Form, mehrere davon waren beibehalten worden.
d) Das bittere Gefühl war es, welches alle Herzen unserer wackern Krieger bluten machte; es konnte mir nicht geahnt haben, welches schwere Geschäft ich übernahm, als ich mich ihrer Pflege widmete. Die Sorge für die Gefangenen und Verwundeten von der Schlacht bei Hanau war eine Bemühung voller Anstrengung, allein der Augenblick belohnte sie, und sie blieb stachellos; wogegen in den Lazarethen alle Bestrebungen für die Linderung der Leiden verkümmert wurden. Es war ein Kampf mit lauter Feinden. Man konnte Gott danken,[139]  wenn man Edelmüthige unter ihnen traf. Dieser Feindseligkeit lag kein persönlicher Haß zum Grunde, sondern meist bei allen das System und im allgemeinen die Gewinnsucht. Den Soldaten sollte von den Summen, die unser großmüthiger König für sie erlegt hatte, das Meiste abgezogen werden, um es nach dem Ausdruck Brennicke's dem Geheimrath Gräfe zu Füßen zu legen, oder auch unter dem nicht minder nichtigen Vorwand, Ersparnisse für den Staat zu erzielen. Dies hieß ebenso wenig im Sinne des Königs handeln, als in dem des würdigen Geheimrath Gräfe. Bei genauer Untersuchung würde es sich herausgestellt haben, daß die saubern Herren dabei nur an sich gedacht, wäre es auch nur in der Absicht gewesen, für vortreffliche Staatsausgaben-Ersparer zu gelten und auf Belobung und Beförderung Anspruch machen zu können. Die Bessergesinnten mußten zu den verübten Greueln schweigen. Selbst der Geheimrath wurde durch die Umtriebe getäuscht, die gegen mich im Werke waren; er lieh sein Ohr erfundenen Märchen, die zu empörend sind, um ihnen hier eine Stelle zu geben und die ich nicht gerügt, sondern blos verachtet habe. Er sagte mir auch unter anderm: »Wir handeln nach Principien, die wir nicht umstoßen können noch wollen; wir gehen verfassungsmäßig zu Werke und üben Menschlichkeit nach allgemein anerkannten Grundsätzen. Wir können nicht die Individuen nach ihren einzelnen Bedürfnissen und Wünschen befriedigen, wir haben es mit den Massen zu thun. Da erscheint mit einmal ein weiblicher Geist, tadelt uns und will alles umgestalten, was wir für nothwendig anerkannt haben, und Sie, gnädige Frau, verwundern sich, daß wir dies nicht hingehen lassen wollen!«
Ich hörte solche Reden stillschweigend an, es war in[140]  Köln kein Ort und keine Zeit, um mich darüber zu erklären; mir ahnte, daß ich nach Berlin kommen müßte; es geschah. Dort ging die Sache schon besser, und Gräfe hat mir dort vollkommene Gerechtigkeit widerfahren lassen.
Im Brockhaus'schen Conversationslexikon, wo unter andern unrichtigen Umständen auch angeführt wird, daß ich nach dem Tode meines Mannes wieder Paris bewohnte, steht wie eine Rüge, daß ich bei meiner Behandlung der Lazarethangelegenheiten nicht weiblich zu Werke gegangen wäre. Schlimm genug, daß kein Mann aufgetreten ist, die Rechte der Menschheit zu verfechten, Dr. Frowein allein ausgenommen, der mit Kraft und Muth Unbilden aufdeckte, und die Wahrheit vor das Forum des Publikums brachte. Er hat unter andern Zeugen auch mich aufgeführt, und ich habe seiner gerechten Erwartung gewissenhaft entsprochen. Herr Professor Daniel Voß in Halle, damals Herausgeber der Zeitschrift »Die Zeiten«, hat verschiedene Aufsätze in meiner Angelegenheit daselbst abdrucken lassen und später das Erkenntniß des königl. Kammergerichts dort aufgenommen. Es steht im Octoberheft des Jahres 1817. Nach vielen Lobeserhebungen meiner Handlungsweise äußert der Professor, »daß ich vollkommen im Rechte war, die Mängel in der Verwaltung der Lazarethe zu tadeln, daß man aber einsehen muß, daß diese Mängel verfassungsmäßig waren«. Er würde in große Verlegenheit gekommen sein, wenn man ihn aufgefordert hätte, eine solche Behauptung zu rechtfertigen. Er saß zwischen zwei Stühlen; alle gewichtigen öffentlichen Stimmen vereinigten sich, die Unbilden der Behörden gegen unsere wehrlosen Vaterlandsvertheidiger zu tadeln. Auch er konnte nicht anders als der Wahrheit die Ehre geben, und überbot sogar[141]  die andern Publicisten in der Anerkennung meines redlichen Wollens und Handelns; er ließ sogar meinen Brief an den Grafen von Gneisenau drucken, allein er wagte zu behaupten, daß die Mängel, über die ich klagte, verfassungsmäßig wären, und diese Behauptung widersprach der gesunden Vernunft und der Wahrheit. Professor Daniel Voß beging noch ein Unrecht gegen mich im Laufe des Sommers 1817. Ich hatte ihm eiligst einiges mitzutheilen, dictirte den Aufsatz an eine Freundin, Fräulein v.H., die schon mehrere hübsche Sachen in Zeitschriften gegeben, und schickte ihn Herrn Voß für sein Journal, da mir nicht im Traume einfiel, daß orthographische Fehler darin stehen könnten. Nicht lange darauf erschien mein Aufsatz mit der Bemerkung, er sei mit diplomatischer Genauigkeit abgedruckt. Der Herausgeber konnte genau wissen, daß dieser von Fehlern wimmelnde Aufsatz nicht von meiner Hand war, er konnte sich erinnern, daß ich ihm nur ein untadelhaftes Manuscript geschickt, und brauchte mich nicht vor der ganzen Lesewelt lächerlich zu machen. Ich blieb ihm nichtsdestoweniger dankbar für den bisher bewiesenen Eifer und guten Willen, und begnügte mich mit einer Rüge seines Benehmens.

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Ich erwartete schweigend die Wirkung meines Briefes an Graf von Gneisenau. Ich bemerkte öfters hämische Blicke, triumphirende Mienen; doch ich kümmerte mich nicht darum. Ein Offizier, der einen Transport heimkehrender Invaliden befehligte, sah mich mit bekümmerter Miene am Rheinufer stehen und rief mir höhnisch zu: »Ach, da ist ja die barmherzige Pflegerin unserer Soldaten; sie wird wohlthun, sich nach Hause zu begeben, denn sie hat hier nichts zu suchen; sie will wahrscheinlich bei nächster Gelegenheit auf Pelzmäntel für die[142]  Invaliden antragen und Tuchhosen für sie verlangen; über die Wagen soll gewiß eine Plane gezogen werden.« Ein Blick von mir hieß ihn verstummen. Ich nahm noch Abschied von unsern guten Kriegern, die im Begriff waren, die Fuhrwerke ohne Stroh und Decke zu besteigen, und ging mit schwertrauerndem Herzen zu Hause. Einige Tage darauf erschien derselbe Offizier in meinem Zimmer, doch mit ganz veränderter Miene. Er bezeigte mir Kummer wegen der zugefügten Kränkung und bat mich um Erlaubniß, mir etwas eröffnen zu dürfen. Es sei nämlich gegen mich etwas im Werke, er dürfe nicht sagen was; doch er wolle das einzige Mittel ergreifen, das ihm übrig bliebe, sein neuliches Betragen wieder einigermaßen gut zu machen und mir rathen, den Abfahrplatz der Invaliden beim nächsten Transport nicht zu besuchen, denn er selbst sei nicht im Stande, mich zu beschützen. Er sei durch Verleumdungen gegen mich verhetzt worden, habe aber nun sein Unrecht eingesehen und bäte mich von ganzem Herzen um Verzeihung. Ich sicherte ihm diese gern zu und überlegte in meinem Herzen, was nun zu thun sei. Mein reines Bewußtsein hob mich über alle Umtriebe meiner Verfolger hinaus, doch ich stand schutzlos in Köln am Rhein, man konnte mich gewaltsam aufheben, in ein Gefängniß bringen und mich auf eine lange Zeit von meinen Kindern trennen. Diese Vorstellung überwog jeden Hang der Gefahr zu trotzen und ich beschloß, mich mit Klugheit zu waffnen, da ich Gott und mein gutes Recht zu Beschützern hatte. Wenige Tage nach diesem Vorfall kam ein Gerichtsdiener, der mir einen Zettel überbrachte, Feder und Tinte verlangte, ein Wort auf den Zettel schrieb, ihn dann auf den Tisch legte und sich schleunigst entfernte, ohne nur ein Wort hervorzubringen. Ich las, es war ein Mandat,[143]  am dritten Tage nach Empfang desselben vor dem Zuchtpolizeigericht zu erscheinen.
Andern Morgens früh begab ich mich mit meinem Zettel zum Präsidenten von Lambert, den ich früherhin als einen Ehrenmann hatte rühmen hören. Er empfing mich mit sichtlicher Bewegung und ersuchte mich, ihm mitzutheilen, was mich zu ihm führe. Ich trug ihm meine Angelegenheit der strengsten Wahrheit gemäß kurz unausführlich vor. Er sagte mir sanft und herzlich: »Sie haben in ein Wespennest gestochen. Hören Sie jetzt den Rath, den ich Ihnen geben darf. Bemühen Sie sich nach der Kanzlei und verlangen Ihre Anklageacte zur Einsicht, wie auch nicht minder alle übrigen Papiere, die auf Ihre Sache Bezug haben. Will man sie Ihnen verweigern, so bestehen Sie darauf und berufen sich auf mich, dann wird man sie Ihnen unweigerlich aushändigen. Lesen Sie die Acten aufmerksam und machen Sie sich Auszüge daraus; mit diesen begeben Sie sich zu Ihrem Advocaten. Sie haben doch einen?« Ich nannte ihn; ich weiß nicht, welcher Mann von Ehre und Gefühl ihn mir zugewiesen hatte. Der Präsident rief aus: »Da sind Sie an den rechten Mann gekommen, der wird Ihnen einen Rath geben, den ich Ihnen vermöge meiner Stellung nicht geben darf, diesen befolgen Sie, Gott wird Sie schützen!« Mit tiefgerührtem Herzen nahm ich von dem würdigen Greise Abschied und eilte zum Advocaten Wilhelmi, den ich schon bei meiner Ankunft in Köln wegen der Untersuchung, die ich betreiben wollte, zu Rath gezogen hatte. Sein erstes Wort war: »Da ist leicht zu helfen, gehen Sie nach Berlin, da fürchten sich die Canaillen.« Ich dankte von ganzem Herzen, ich hatte mir diesen Rath schon selbst gegeben; allein ich hatte kein Geld. Nach einiger Ueberlegung begab[144]  ich mich zu Herrn Bernhard Boisserée, dem ältern Bruder meiner Freunde Sulpitz und Melchior, welcher schon einigemal Geld aus Paris für mich bezogen hatte. Ich trug diesem würdigen Manne mein Anliegen vor, schrieb drei Wechsel, deren Betrag er vom 1. März bis zum 1. Mai beziehen konnte, und schickte mich zur Abreise an.
Die Vorladung an mich war auf den 24. Februar feststellt. Ich schrieb dem Präsidenten des Zuchtpolizeitribunals, Herrn Begasse, daß er kein Befugniß habe, mich vor sein Gericht zu ziehen, daß ich nach Berlin eile, um meine heilige Sache vor den Thron zu bringen.
Während der Tage, die zwischen meiner Vorladung lagen, wurden andere Sachen abgehandelt, und da ich noch unschlüssig gewesen war, ob ich nicht vor meiner Abreise selbst erscheinen wollte, so wollte ich einer solchen Verhandlung beiwohnen, um so mehr, da die angezeigte sehr interessant sein mußte. Ein würdiger Greis, Advocat Eschenmeier, sollte erscheinen, um sich wegen der Anklage, den Generalgouverneur Sack beleidigt zu haben, vertheidigen. Dieser Rechtsfall hatte Aehnlichkeit mit dem meinigen. Eschenmeier war vorgeladen, weil er im Namen und Auftrag mehrerer Bauern eine an Se. Majestät den König selbst gerichtete Vorstellung aufgesetzt hatte, in der sich die Bauern über Bedrückungen beklagten und um Abhülfe baten. Diese Bittschrift wurde als Anklagestück vorgelesen. Ich erinnere mich, daß der Ausdruck incriminirt war: der Generalgouverneur Sack schiene ganz besonders in der Absicht, seinen Sack zu füllen, in dies Land gekommen zu sein. Dieser allerdings unzeitige Ausfall wurde als Hauptgrund der Verurtheilung aufgestellt. Uebrigens war die Vorstellung ernst[145]  und würdig. Eschenmeier vertheidigte sich in einem meisterhaften Vortrage gegen die Anklage des Generalprocurators von Sandt; er hob zugleich noch besonders hervor, daß es nicht gesetzmäßig wäre, einen Brief an Se. Majestät den König zu einem Beweisstück für eine Injurienklage zu benutzen. Er sprach kräftig über das schwere Unrecht, welches den Bauern nachweislich durch Erpressungen geschähe, und wie wenig eine solche Behandlungsweise geeignet sei, Vertrauen und Liebe für die neue Regierung zu gewinnen. Die Rede des alten Rechtsgelehrten ging den wenigen Zuhörern im Saale durch Mark und Bein. Es wurde nun zur Erwägung der Gründe, der Anklage und der Vertheidigung, sowie zur Abfassung es Urtheils geschritten. Jedermann war auf das Urtheil gefaßt. Eschenmeier wurden fünf Jahr Festungstrafe und 5000 Francs Geldbuße zuerkannt, weil er Se. Excellenz den Generalgouverneur in Ausübung seiner Functionen beleidigt habe. Ich hielt es für angemessen, dem Greise mein Gefühl zu bezeigen und ihm von meiner Angelegenheit, welche soviel Aehnlichkeit mit der seinigen hatte, zu sprechen. Er lächelte wehmüthig. »Mir war schon alles bekannt, was Sie angeht, Ihre Sache ist auf allen Lippen, man ist empört und beklagt Sie allgemein. Personen wie Sie und ich müssen condemnirt werden, um die Behaglichkeit ihrer Ankläger nicht zu stören. Auch Ihnen ist Gefängniß und Geldbuße zugedacht.« »O, das sollen sie nur thun«, rief ich flammend aus, »sie werden es schwer büßen.« Eschenmeier lächelte wieder bitter und wehmüthig. »Es wird denen kein Haar gekrümmt werden. Sie sind verloren, edle Frau, wenn Sie dem Schlage nicht ausweichen. Bedenken Sie Ihre armen Kinder, Ihre Gesundheit, die Kerkerluft, die grobe Kost, welcher im Nothfall[146]  leicht noch ein Beisatz gegeben werden könnte.« Ich sah ihn mit Erstaunen an. »Verstehe ich Sie recht?« fragte ich. Er rief: »Ja, man wird suchen, Sie auf alle Weise aus dem Wege zu räumen; doch Sie haben das Recht, sich der Gewalt zu entziehen. Sie haben noch keine sechs Monate Domicil in Köln, gehen Sie nach Berlin, Ihrer Vaterstadt, Sie haben sich für die gute Sache verwendet, niemand kann Ihnen etwas anhaben. Ueberlegen Sie die Sache, sie hat Eile.«
Ich blieb gedankenvoll zurück, nachdem mich der edle Greis verlassen hatte; ein brennendes Verlangen, den Kampf durchzukämpfen, am 24. Februar selbst zu erscheinen und mich und die Sache der Menschheit zu vertheidigen, kreuzte sich in mir mit der Besorgniß, vor Gericht kraftlos zu verstummen, zermalmt vom Gewicht meines Schmerzes, erdrückt vom Andrang meiner Empfindungen. Aus diesem bittern Kampfe mit mir selbst ging zuletzt der Entschluß hervor, dem Rathe erleuchteter Männer zu folgen und nach Berlin zu eilen. Ich schrieb dem Präsidenten Begasse, wie schon gemeldet, und zahlte meine Rückstände, die nicht gering waren, weil ich meine eigenen Einnahmen meinen Wohlthaten widmete und meine Bedürfnisse auf Credit nahm. Im Frühling, wo ich meine besondere Einnahme zu erwarten hatte, wollte ich alles wieder ausgleichen; doch es kam nicht dahin, weil ich fortmußte. Ich nahm schmerzlichen Abschied von meinen Pfleglingen, die nach ihren verschiedenen Ländern abgetheilt waren. In welche Station ich auch kam, glaubte ich, diese sei die beste, so lobenswerth war eine jede. Freilich ists möglich, daß die langen Leiden dieser Verwundeten so heilsam auf ihr Gemüth gewirkt hatten, das ursprünglich wacker war. Zu den bedauerungswürdigsten gehörten die Augenkranken. Die Aerzte äußerten, das Uebel sei endemisch, epidemisch[147]  und contagiös. Besserung gehörte zu den seltensten Fällen; man sah im Gegentheil einer bedeutenden Menge unheilbarer Erblindungen und an Schwäche der Sehkraft Leidenden entgegen. Ich habe nicht erfahren, welches ihr Schicksal war, wiewol ich mich viel mit ihnen beschäftigt hatte. Auch das ärztliche Personal widmete ihnen besondere Sorgfalt. Ich erwähne noch im Vorübergehen, daß ich beim Verwalten der Gelder manchen Misbrauch wahrnahm; doch ist hier der Ort nicht, ausführlicher auf diesen Punkt einzugehen. Halb scherzhaft, halb wehmüthig war mir dabei zu Muthe, als mir ein Entrepreneur der Spitalkost, von welcher mir Geheimrath Gräfe mit Entrüstung klagte, daß sie vergantet worden sei, mit ernster Miene versicherte, er liebe die Soldaten wie seine Kinder, und wenn welche stürben, so litte er nicht, daß sie in schlechte Tannenholzsärge kämen, sondern er ließe jedem einen Sarg von Eichenholz machen. Ich verschwieg ihm meine Ansicht nicht, daß es mir lieber wäre, sie bekämen kräftigere Suppen und weicheres, saftigeres Fleisch. Schon früher hatte ich erfahren, daß man sie allerdings in eichenen Särgen zu Grabe führe, aber im tannenen Schnepper in die Erde senkte. Von den Damen, die sich speciell mit den Kranken befaßten, kann ich wenig sagen, weil ich verhindert war, sie aufzusuchen, sie waren weit weg umher verstreut, ich weiß nicht mehr wohin. Ich erinnere mich noch, daß eine mir aus Berlin bekannte Witwe, Frau Hauptmann von Tuchsen, in Löwen war, von wo aus sie mir öfters schrieb. Die Briefe enthielten interessante Data; ich erinnere mich noch einiger Worte aus dem einen: »Mich lassen die Herren gewähren und machen mir keine Chicane. Ich kenne meine Soldaten, wasche ihnen die Hände und das Gesicht, bringe ihnen gute Bissen, wo[148]  ich kann, schaffe ihnen ihren Kaffee wenigstens an Sonntagen und besorge ihnen, wo es mir möglich ist, feine Hemden, weil die Commißhemden den schwer Verwundeten wehe thun. Uebrigens lasse ich fünf gerade sein, probatum est!« Die Pfleglinge der Frau von Tuchsen, deren ich viele sah, als ich in Berlin war, lobten sie sehr. Sie ist dieselbe, die einen großen Brillantring von hohem Werth, den ihr der Kaiser Alexander verehrt hatte, ausspielte, um die 1000 Thaler, welche die Lose eintragen sollten, Sr. Majestät dem König zu Füßen zu legen. Auch ich nahm ein Los, werde es aber wol schwerlich gewonnen haben, denn ich habe von der ganzen Sache nichts mehr gehört.



 III.
Reise nach Berlin. – Freisprechung. – Schriftstellerische Arbeiten.










[149] Beim Buchhändler Rommerskirchen, der meine Vertheidigungsschrift für Ernst Moritz Arndt hatte drucken lassen, hielt ich mich am 24. Februar auf, um meinen Reisewagen zu erwarten. Ich hatte meine Freunde und Bekannte dorthin beschieden, um Abschied von ihnen zu nehmen; ich weinte heiß, unaufhaltsam; meine treue Babet, die ich zurücklassen mußte, war nicht minder als ich erschüttert und angegriffen, sie begleitete mich bis Düsseldorf, von wo sie mein Wagen am andern Morgen nach Köln zurückbrachte. Wir hatten statt des Nachtessens sowie am andern Morgen Thee getrunken, und dafür und für drei Betten in einem kleinen Hinterzimmer mußte ich zwölf Francs zahlen; dies erschien mir etwas viel für ein bischen warmes Wasser und ein knappes Stückchen Butterbrot. Die Nacht durch war kein Schlaf in meine Augen gekommen, denn mein Herz war zu bewegt, zu voll, um Ruhe zu finden; dabei fühlte ich mich zu matt, um vor dem Zubettlegen noch einige werthe Familien in Düsseldorf aufzusuchen; auch war mein Reisegeld sehr knapp, die[150]  Witterung feindselig und die Etappenstraße, die ich wegen meiner Marschroute nehmen mußte, durch die häufigen Durchmärsche bodenlos. In Elberfeld suchte ich den damaligen Prediger Strauß auf, der dort mit seiner liebenswürdigen Schwester zusammenwohnte. Er war mir durch die Mittheilungen seines Freundes, des Grafen von Loeben, und durch seine »Glockentöne« unendlich werth. Die Geschichte meiner Verfolgung ergriff ihn tief. Ich verlebte einen entzückenden Abend dort, einen Vorläufer der vielen Vergeltungen, die mir nach so vielen unbeschreiblichen Leiden zu theil werden sollten. Nicht aller Ruhepunkte meiner Reise kann ich hier erwähnen. Einer der erquickendsten und beseligendsten war bei der Witwe Majorin von Blomberg und deren Söhnen. Die theure Frau schrieb mir noch einigemal nach Berlin. In Lippstadt erkrankte ich nach einer entsetzlichen Nacht voll Drangsale und Gefahr. Alle Fuhrwerke waren so sehr in Anspruch genommen worden, daß ich Extrapost nehmen mußte. Der Weg ging durch Wasser, welches den Pferden bald bis an den Bauch ging; sie waren heut über Gebühr in Anspruch genommen, legten sich ungefähr drei Stunden vor Lippstadt nieder und konnten trotz aller Bemühungen des Postillons nicht zum Aufstehen gebracht werden. Er erklärte, daß er Vorspann suchen müßte und versprach, bald wiederzukommen. Sowie er die Pferde abspannte und diese sich von der Last des Wagens frei fühlten, machten sie sich vom Eise los. Das Handpferd nahm den Postillon auf den Rücken und enteilte mit ihm wohlgemuth nach Lippstadt. Ich blieb in unbeschreiblichen Aengsten zurück. Wir hatten keine Erquickung, keine Stärkung, keine Decke, uns vor dem Frost zu schützen, der bei heftigem Sturm immer schärfer wurde; uns selbst überlassen, waren wir in einem Korbwagen jedem Unfall ausgesetzt. Ich blies die Hände[151]  meiner Kinder warm und umschlang sie fest, befahl mich Gott und seinem Schutze, des festen Glaubens, hier in tiefer Nacht umzukommen. Mit einem mal war es, als durchdränge mich eine sanfte Glut, als flüstere mir eine Stimme zu: die Gefahr ist vorüber, und nach einer Viertelstunde vernahm ich Pferdetrappen im Eise, ich betete und dankte Gott. Zwei riesenhafte Reiter in Fuhrmannskitteln kamen auf den Wagen zu, hieben nicht ohne Anstrengung die Räder aus dem Eise, spannten ihre Renner ein und jagten durch das Gewässer nach Lippstadt. Die Bäume auf dem Wege standen beinahe bis an die Wipfel im Wasser, doch wir kamen glücklich an und hielten vor dem Rathhause, wo wir nach einigem Besinnen einen Einquartierungszettel zu einer Familie Richard bekamen. Ich belohnte meine guten hülfreichen Bauern nach meinen Kräften. Mein Reisegeld war beinah eingeschmolzen, doch ich war nicht mehr weit von Detmold, wo die Nichte der großen Katharina lebte und ich der Hülfe gewiß sein konnte. Die Familie Richard empfing mich, wie sie nur eine nahe geliebte Verwandte hätte empfangen können. Mich schüttelte ein heftiges Fieber; die ganze Nacht hindurch wurde ich gepflegt, mir war zu Muthe, als wäre ich mit Engeln umgeben. Andern Tags, wo ich noch sehr matt war, jedoch meine Reise hätte fortsetzen können, mußte ich den stürmischen Bitten der Familie nachgeben und mich noch einige Tage erholen. Meine Söhne fühlten sich dort sehr glücklich, denn man beschäftigte sich unablässig mit ihnen. Der Herr Postmeister hatte mir am dritten Tage nach meiner Ankunft geschrieben, er müsse auf Gehorsam für das Gesetz bestehen, welches vorschriftsmäßig bestimme, daß kein Reisender mir Extrapost länger als zwei Tage in dem Ort bleiben dürfe, von welchem aus[152]  er weiter wolle. Ich erklärte ihm unsere überstandene Gefahr. Er sah nun ein, daß ich für den Augenblick nicht weiter könne, und die Sache war beigelegt. Der Abschied von Richard wurde mir und ihnen schwer. Ich habe unzählige mal liebend und sehnend an sie gedacht und doch nicht ein einzig mal an sie geschrieben, gewiß haben sie mich für undankbar gehalten. Wir langten andern Tags in Detmold an. Vor mir glänzte die angenehme Hoffnung, eine Fürstin kennen zu lernen, die mit starkem männlichen Geiste ein gefühlvolles Herz verband. Ich suchte den Geheimen Oberconsistorialrath Werth auf und wurde noch den selben Abend, begleitet von meinen Kindern, bei der Fürstin zum Thee eingeführt. Der Abend verging auf Flügeln; die hohe Frau hatte ausgebreitete Kenntniß der Literatur, ein reiches und reines Gefühl für Poesie und dichtete selbst sehr lieblich, doch lenkte sie bald das Gespräch auf die Begebenheiten meines Lebens, auf meine Familienschicksale, auf meine Erfahrungen in den Lazarethen und zuletzt auf den Krieg gegen Napoleon. »Die Zukunft wird beweisen«, rief sie feurig aus, »daß der große Mann recht hatte, daß ihm die Menschen unrecht gethan. Die Deutschheit ist ein Unding. Der letzte Krieg war eine Gewaltthätigkeit, die durch nichts zu rechtfertigen ist.« Die Fürstin sagte noch mehreres in diesem Sinne, doch ich werde vielleicht nicht die Zeit erleben, wo man unbedenklich ihre Worte wiederholen dürfte.
Andern Morgens besuchte ich noch den würdigen Generalsuperintendenten Werth. Er verhieß mir seinen Abschiedsbesuch und kam in etwa einer Stunde, mir im Namen seiner Gebieterin einen ansehnlichen Beitrag zu meiner Reise nach Berlin zu überreichen. Dies geschah[153]  unter der Bezeichnung einer Pränumeration auf meine angekündigten auserlesenen Schriften.
Da unser Weg durch Hamm ging, entsann ich mich dort, daß die Familie des Freiherrn Klencke daselbst nahe wohnte, und ich hoffte, gütig aufgenommen zu werden. Den Abend brachten wir sehr angenehm bei der Familie von Reden zu. Philippine, Freifrau von Reden, Tochter des bekannten Schriftstellers Freiherrn Knigge und Schwester des Oberschenks dieses Namens, selbst eine bekannte Schriftstellerin, bezeigte mir warmes Wohlwollen und herzlichen Antheil, und munterte mich auf, die liebenswürdig Familie Klencke zu besuchen, mit welcher sie durch Elise geb. Knigge nahe verwandt war. Ich fuhr am andern Morgen hin.
Schloß Hämelsche Burg prangt ernst und großartig auf einer bewaldeten Anhöhe, umschwebt von großen Erinnerungen. Hier wurde die Macht der Römer vernichtet, hier fielen Augustus' Legionen, besiegt von den Deutschen, weil die rohe Gewalt der wahren Tapferkeit oft weichen muß.
Ich und meine Söhne wurden herzlich empfangen. Bei dem abenteuerlichen Leben der Frau von Klencke waren über die nunmehrige Rechtschreibung des Namens, daß ihr Gemahl ein Klencke sei und das uralte Familienwappen führe, nähere Nachrichten nicht vorhanden. In den Briefen an uns hatte sich seine Mutter von Klenk geschrieben und meiner Mutter ein Phantasiewappen geschickt. Meinem Vater war der Betrug zu verzeihen, er war noch sehr jung, liebte unbeschreiblich, zappelte in den Netzen einer ränkevollen Mutter und einer schlauen heuchlerischen Schwester. Sein braver älterer Bruder, der noch in seiner Jugend der väterlichen Leitung eines würdigen Mannes, des Majors von Klencke,[154]  Commandanten von Bremen, genossen, starb an der Auszehrung. Karl Friedrich's Erziehung war unreif geblieben. Er ließ sich blindlings von der Mutter leiten und von der Schwester beherrschen.
Die Familie von Hämelsche Burg mehrte den Glauben, daß wir aus demselben Stamme entsprossen seien; allein vom Zweige der Klencke Oynhausen herrührten. Ich wurde liebevoll als Verwandtin begrüßt und herzlich ersucht, meinen Namen so zu schreiben, wie die übrige Familie, weil man sich wahrhaft freue, mich unter ihre Mitglieder zu zählen, die nicht blos ihr Wappen adelte, sondern ihr edler Sinn und ihr ruhmvolles Leben.
Ich war sehr kränkelnd auf Hämelsche Burg angekommen, doch ich erholte mich dort vollkommen bei der zärtlichen Pflege und in der liebenswürdigsten Umgebung. Oberst Georg von Klencke war ein geistvoller Mann, der sich sehr verdient gemacht hatte und gern sein Bewußtsein als die einzige Belohnung, die ihm zu theil wurde, aus Kämpfen und Gefahren davontrug. Seine Augen hatten im Felde sehr gelitten, fein kräftiger Körperbau schützte ihn nicht gegen die Nachwehen seiner rücksichtslosen Anstrengungen. Er erzähle mir umständlich, aber mit Gelassenheit, von erlittenem Unrecht; doch ich weiß die rechten Data nicht mehr und kann nur sagen, daß ich aus seinen Berichten die zärtlichste Verehrung für ihn schöpfte.
Ich habe noch von einem Klencke gehört, der diesem Namen, wie ich vernehme, durch wissenschaftliche Bildung, Kenntnisse und Schriften Ehre macht. Er führt mit einigen Abänderungen dasselbe Wappen, jedoch kein »von« und kein Prädicat als Freiherr. Ein solcher Mann kann einen adelichen Titel leicht entbehren, nur historische Romane soll er nicht schreiben, welche nur ein[155]  leihbibliothekarisches Dasein kümmerlich fristen, in die Klasse der Eintagsfliegen gehören, und nicht einmal in die der reinlichsten Gattung. Ich würde die Sache ganz auf sich beruhen lassen, denn die öffentliche Stimme hat sich durch mehrere ihrer geschätzten Organe scharf und vollgenügend über diese Machwerke ausgesprochen. Allein ich halte es für Pflicht, als Enkelin meiner Großmutter und Wohlthäterin, der Karschin, hier öffentlich auszusprechen, daß Herr Dr. Hermann Klencke in seinem historischen Roman »Anna Luise Karschin« ein Lügengewebe von armseliger Ausführung über sie aufgestellt hat. Ihr Betragen war streng sittlich, ihr Wandel tadellos, ihr Charakter rein. Sie litt Noth. Allein gleichwol gingen ihre Dichtungen nur aus innerer Nothwendigkeit hervor. Den großen Friedrich feierte sie, weil die poetische Natur viel Aehnliches mit der Epheuranke hat, die sich gern an einer Säule emporschlingt. Sie feierte ihren Helden aus innerm Drang. Ich glaube, sie lebte wie der Kolibri, vom Thau; denn ich habe sie nie Geld zählen sehen. Wenn welches kam, legte sie es unten in das Schreibzeug, und kümmerte sich nicht darum, was damit geschah. Ihr Leben und Wesen war rein poetisch in jeder Beziehung. Sie lebte in einem harmlosen Selbstvergessen hin, war frei von aller Absichtlichkeit. Eine so edle Todte, die schutzlos im Grabe liegt, anfallen, und wie der Schakal an ihren Gebeinen zehren, ist nicht die That eines Ehrenmannes.
Baron Leopold Klencke, Gatte Elisens, und Vater zweier hoffnungsvoller Söhne, waltete auf Schloß Hämel'sche Burg als Vater und Freund seiner Untergebenen, unaufhörlich auf ihr Wohl bedacht. Ich verlebte schöne Tage der Ruhe und Erholung auf diesem altertthümlichen Sitz, den ich nie hätte verlassen mögen, da[156]  Geist und Herzensgüte hier in so reinem und vollem Einklang standen. Doch ich mußte ja wieder in den Kampf. Es galt ja nicht allein meine Rechtfertigung gegen hämische öffentliche Angriffe, es galt die Rechte der Menschheit, die so bitter gekränkt wurden.
Nachdem meine Kräfte wieder etwas hergestellt waren, eilte ich nach Potsdam, wo mich die edle Adelheid von Bassewitz mit wehmuthsvoller Freude empfing, und zweckmäßigen Rath gab, wie meine Sache einzuleiten sei, auch mehrere ausgezeichnete Männer zum Rechtsbeistand vorschlug.
Schon am ersten Tage nach meiner Ankunft in Berlin begegnete mir unter den Linden eine Freundin der Königin Luise, Verfasserin eines Werkes voll Würde und Wahrheit über die unvergleichliche Frau. Ich eilte auf sie zu, doch sie empfing mich kalt, und sagte mir mit schneidendem Tone: »Unsere Wege sind getrennt, der Ihrige ist dunkel, es thut mir um das Andenken und das ihrer herrlichen Mutter weh!« Dies war nun der erste wahrhaft bittere Kelch, den ich zu leeren hatte. Ich sah die edle Frau ruhig und liebevoll an. »Sie werden«, sagte ich, »anders sprechen, wenn mein Rechtshandel erst im Gang sein wird.« Sie stutzte und schwieg. Ein zweiter Sturm wartete meiner an demselben Tage. Ich war zu meiner Muhme Thielemann gegangen, die mich liebevoll aufnahm. Nachmittags suchte ich die Wohnung meines geliebten Bruders auf. Ich traf ihn mit seiner Gattin und seinen drei Kindern, die mich sehr wohl empfingen. Er aber gab mir harte Worte. »Du trittst unter dies Dach!« rief er mir zu, »du bist öffentlich angeklagt! Ich will voraussetzen, daß du unschuldig bist, denn ich habe mir gedacht: die Schwester hat zwei Richtungen vor sich; ist sie schuldig, so flüchtet sie[157]  nach Paris; ist sie es nicht, so kommt sie furchtlos hierher und rechtfertigt sich. Du bist hier, und dies spricht für deine Sache. Doch ich ersuche dich, komme mir nicht vor Augen, bis über eine Straflosigkeit entschieden ist.« Somit eilte der Bruder aus dem Wohnzimmer hinaus, ohne nur den Blick auf mich zu richten. Ich saß wie erstarrt, bittere Thränen rollten über meine blassen Wangen. Meine Schwägerin suchte mich aufzurichten, aber vergebens. Ich fühle noch heute, wie mir zu Muthe war. War es denn möglich, schwerer gekränkt zu werden? Jedes Wortes unfähig, küßte ich die Kinder, drückte der Schwägerin die Hand, und enteilte.
Bei meiner guten Muhme fing ich an mich zu beruhigen, suchte am andern Tag nach einer kleinen Wohnung, die ich auf dem Döhnhof'schen Platz fand, und sann nun auf das, was ich zu thun hätte, um meine Sache zu fördern; denn ich war rein auf die Defensive angewiesen; an einen Angriff von meiner Seite war gar nicht zu denken. Ich suchte zuerst meinen Rechtsfreund auf, einen Mann von Geist, Gefühl und Ehre. Er rieth mir, damit anzufangen: eine Erklärung in die Zeitungen zu setzen, und sie ihm vorläufig mitzutheilen. Ich that es, sie fiel ganz zu seiner Befriedigung aus.
Ein junger vortrefflicher Mann Namens Lange, den ich schon in den Niederlanden kennen gelernt hatte, und der einen werthen Verwandten in Berlin besaß, wo er auf Universität war, hatte mir geschrieben, daß dieser würdige Mann mir mit einsichtsvollem Rath beistehen würde. Ich begab mich zu ihm, und fand glühende Theilnahme, weise Beurtheilung meiner Sache. Ich empfing zugleich das Versprechen, meine bündige und[158]  gemäßigte Erklärung sofort in die öffentlichen Blätter einrücken zu lassen. Von dort begab ich mich zum Justizminister von Kircheisen, der mich mit den Worten empfing: »Scheren Sie mir man nicht, gnädige Frau!« Mein Kinder erschraken und weinten. Der Minister wurde in wenigen Augenblicken freundlich, und sagte nicht ohne Milde: »Auf Ihnen lastet eine schwere Beschuldigung!« »Ich weiß es«, antwortete ich gelassen, »ich bin gekommen mich zu rechtfertigen.« »Wenn Sie das nicht können«, sagte der Minister mit strengem Blick, »so wird man ein Exempel statuiren.« »Ich hoffe das selbst«, rief ich aus, »die Schuldigen werden der gerechten Strafe nicht entgehen. Ich verlange keine Gnade, ich verlange nichts als strenge Gerechtigkeit, ich bin das meinem Manne, meinem eigenen Namen und Pflichten gegen mich selbst schuldig!« Minister Kircheisen erglühte vor Zorn bei diesen Worten, und fragte nicht ohne Hohn: »Sie sind also nicht von Ihrem Manne verstoßen? Sie irren also nicht auf Gerathewohl in der Welt umher, verbreiten Lügen und stiften Unfrieden, klagen nicht die rechtschaffenen Männer an?« Ich zog ganz stillschweigend einen Brief aus Paris hervor, den ich erst diesen Morgen bekommen hatte, und es fügte sich, daß er meine vollkommene Rechtfertigung von allen diesen aus der Luft gegriffenen Beschuldigungen enthielt.

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Der Minister las ihn aufmerksam durch, gab ihn mir dann zurück und sagte: »Gerechtigkeit soll ihnen werden, das verspreche ich Ihnen! Doch glauben Sie mir, auch wir haben einen schweren Stand. Die exaltirten Gemüther verursachen uns großen Kummer, sie wollen die Welt und die Verhältnisse nicht nehmen wie sie sind. Sie heißen den sicher geebneten Gang der[159]  Dinge den ›alten Schlendrian‹. Das geht doch nun einmal nicht, wir verlangen Recht und Ordnung! Wir kämpfen gegen das Schwanken. Nur das Wohlbegründete, auf sichern Stützen Festgestellte hat Werth und Dauer. Wir müssen das Wohl der Massen im Auge behalten, und können die einzelnen Fälle nicht berücksichtigen.«
Der Justizminister entließ mich, noch einmal betheuernd, daß mir volle Gerechtigkeit werden sollte. Ich gestehe, daß ich ihm nicht glaubte.
Ich suchte eine Jugendfreundin, die Frau Präsidentin von Heydebreck, geb. von Brand, auf. Sie bewohnte ein schönes Haus im Thiergarten. Nach einem schmerzerfüllten Jugendgeschick schuf sie sich Trost an der echten Quelle aller Erquickung, in Handlungen der Menschenfreundlichkeit und Milde. Sie besaß drei herrliche Kinder, Minna, Friedrich und Jettchen. Die beiden letztern waren, man begriff nicht weshalb, im Wachsthum zurückgeblieben; doch ihr Geist hatte sich überraschend entwickelt. Fritz war ein gediegener Mensch voll Kenntnisse und Herzensgüte. Jettchen vereinigte die schönsten und seltensten Eigenschaften: sie glich einem wohlgebildeten Kinde von zehn Jahren; ihre regelmäßigen Züge sprachen von Anmuth und Geist; ihr sanfter Blick drang in das Herz; ihr ganzes Wesen war lieblich, ernst und heiter; ihr Herz hatte nie eine andere Regung gekannt, als die der innigsten Menschenliebe; es ging alles innerlich in ihr vor, was sie empfand, nicht daß sie verschlossen gewesen wäre, nur daß sie niemals prunken wollte. Das Gute, Schöne und Rechte war ihr angeboren, sie übte es ohne Vorsatz und Nachdenken, wie die Rose duftet und die Nachtigall singt.
Frau von Heydebreck empfing mich mit aufrichtiger[160]  Herzlichkeit. Ich mußte ihr meine ganze Lage schildern, um zu wissen, wie mir zu helfen sei. Da ich meine kleine Einnahme schon drei Monate voraus hatte, rieth sie mir an, Stunden zu geben. Sie schaffte mir zuvörderst eine bei ihrer Nichte Fräulein Antonie von Kamecke, und deren Bruder Eugen, dann beim englischen Gesandten von Rose, endlich einen Freitisch bei einer liebenswürdigen Schwägerin. Sie billigte meine ganze Handlungsweise. Von einer so erprüften herrlichen Frau that mir das unendlich wohl.
Ich suchte noch meine alten Freunde auf. Keine und keinen hatte der Tod weggerafft. Ich ging nach dem Luisenkirchhof, der damals einem Walde glich. Ich blickte die Bäume an, als könnten sie mir sagen, unter welchem sie ruht! Ach die Armuth hat zuweilen recht bittere Stunden! Meine selige Mutter drückte in ihrem Testamente den Wunsch aus, auf ihrer Gruft ein schwarzes Kreuz zu haben, in dessen Mitte ein weißes eingelegtes sei, mit der Inschrift: »Es drückt nicht mehr!« Ich hatte diesen Wunsch nicht erfüllen können.
Meine Wohnung am Döhnhof'schen Platz vertauschte ich mit einigen Zimmern in der Taubenstraße, in dem Hause, wo Graf Georg von Blankensee wohnte, und der sich beeilte, unsere Bekanntschaft anzuknüpfen.
Graf Kalkreuth, sein Freund Wilhelm Müller, der vortreffliche Hellenist und ausgezeichnete Dichter, schlossen sich dem Bund der früher Genannten an. Sie hatten mit noch zwei Freunden einen Band gefühlvoller Lieder unter dem Namen »Bundesblüten« herausgegeben. Alle fünf hatten den Feldzug gegen Napoleon mitgemacht und wurden mir sehr werthe Freunde.
Mein Proceß hatte begonnen. Man hatte mich angeklagt, die Invalidenprüfungscommission verleumdet zu[161]  haben. Ich hatte nicht einmal ihren Namen gewußt, als ich dem Grafen Gneisenau der Wahrheit gemäß berichtete, wie sie mit unsern Invaliden umgingen.
Graf Gneisenau hatte meinen Brief Punkt für Punkt mit rothen Strichen begleitet und zu strengster Untersuchung anempfohlen. Die Beschuldigten selbst führten diese Untersuchung, wahrscheinlich weil man in Köln voraussetzte, daß sie am besten wissen müßten, was an der Sache sei. Das war ganz richtige Logik! Die Herren gaben Punkt für Punkt eine Auskunft nach ihrer Art, und beschlossen damit, mich als Calumniantin zu verklagen und, wie schon erwähnt, auf Gefängnißstrafe und Geldbuße anzutragen. Abbitte und Ehrenerklärung vergaßen sie zu verlangen. Von Delinquenten, als welche sie mich stempeln wollten, verlangt man freilich in der Regel keine. Zum Inquirenten wurde Theodor Amadeus Hoffmann ernannt. Diese Wahl machte mich stolz und froh. So viel gewichtige Stimmen waren bei diesem Rechtshandel laut geworden, daß die Meinung des Publikums sich bereits ganz zu meinen Gunsten ausgesprochen.
Eines Morgens empfing ich ein Packetchen von meinem Bruder. In einige Zeilen gewickelt war das krystallne Petschaft meiner Großmutter Karschin. Mein Bruder beglückwünschte mich, indem er hinzufügte, »er habe mir die Inlage selbst bringen wollen; dies Petschaft gehöre mir zu, weil denn doch einmal in unserer Familie die Krone des Genius ein Kunkellehen sei«. Ich küßte Brief und Petschaft. Seit 1801 hatte ich es nicht wieder gesehen. Ich eilte zum Bruder, von meinen Kindern begleitet. Wir freuten uns innig, und blieben für diesen Tag beisammen; er war heiter, die Rosen waren in Fülle aufgegangen, die Herzen beseligt.[162] 
Eine Frau von Rieden wurde uns zugeführt, die uns ihre Wohnung anzutragen kam, welche sie wegen unvermutheter Abreise verlassen mußte. Man wurde bald einig über die Bedingungen, und in wenigen Tagen waren wir unter demselben Dache vereinigt.
Mich und meinen Bruder hatte das Wiederfinden des Petschafts der Großmutter, welches seit September 1802 verschwunden war, freudig bewegt. Es war ein Geschenk des edeln Domdechanten Freiherrn Spiegel von Diesenberg aus den sechziger Jahren des 18. Jahrhunderts, geschmückt mit poetischen Sinnbildern und aus der ersten Krystallstufe gehauen worden, welche dieser Freund aus Diesenberg gewann. Nach dem Tode der Mutter fand es sich nicht in ihrem Nachlasse vor. Mein Bruder glaubte, ich hätte es nach Paris mitgenommen. Ich dagegen meinte, mein Bruder besitze es selber. Der es in Händen hatte, Namens Bratsch, sprach nicht davon. Jetzt, im Mai 1816, als ein neues Dienstmädchen zu meinem Bruder kam und er ihr Attest durchsah, fiel ihm das Siegel auf. Er wußte es sich in einer halben Stunde verschaffen und brachte es mir. Dies Wiederfinden eines Familienkleinods rührte uns freudig und mutherhebend.
In ruhiger Erwartung des Ausgangs meines Processes setzte ich meine Geschichte »Emma« fort. Ich war von meinen Papieren in Heidelberg getrennt; wollte ich »auserlesene Schriften« haben, so mußte ich geschwind welche schreiben.
Die gute liebenswürdige Pastorswitwe Hensel, Mutter Wilhelm Hensel's und seiner Schwestern Luise und Minna, bewohnte ein Häuschen in Schöneberg. Dorthin ging ich jeden Morgen mit meinen Kindern. Mein Essen wurde mit dem der Familie zugleich bereitet. Mir[163]  war zu Muth, als könnte ich nur dort schreiben. Das Zimmer lag hoch und freundlich; die Wipfel der Bäume säuselten, reine Lüfte wehten mit Düften vom botanischen Garten her. Luise und Minna kamen oft an meinen Schreibtisch und freuten sich meiner Arbeit. Mittags gingen wir in das Zimmer der Pastorin, wo uns unser einfaches Mahl einladend entgegendampfte. Gegen Abend ging es in ein Wäldchen, welches mir Luise Hensel als den liebsten Spaziergang unsers Freundes Adalbert von Chamisso bezeichnete. Hier sprachen wir viel und mit Liebe von ihm. Er war eben auf seiner Fahrt in die Welt begriffen, und begleitete Otto von Kotzebue. Diese Reise wurde stark durch Misverständnisse gestört, doch ging sie im ganzen glücklich von statten.
Chamisso brachte eine große Ausbeute von Blumen und Pflanzen heim. Als er sie auspackte, sagte er zu seiner Köchin mit seinem französischen Accent, der sehr artig in seinem Munde klang: »See–en Sie, dies Eu ist Gold, und dies Papier ist auch Gold, da darf nichts von abkommen.«
Luise Hensel gehörte zu den Zierden des anmuthigen Kreises, den das Stegemann'sche Haus in sich vereinte. Laura Gedicke, späterhin dem liebenswürdigen Friedrich Förster verlobt, und andere holde Mädchen, umblühten Hedwig von Stegemann wie ein duftender Kranz. Unter den männlichen Gestalten der Abendgesellschaft war Clemens Brentano der älteste und merkwürdigste. Ein noch nicht ausgeglühtes Herz, eine noch nicht verstummte Aeolsharfe, ein noch flammendes dunkles Augenpaar! Er war unter vielen Menschen schweigsam, in der heitern Umgebung seines Kreises zuckte zuweilen seine Rede wie ein gewaltiger Blitz durch eine laue Sommernacht. Ich wußte von ihm durch entzückende Briefe, die mir Görres[164]  vorgelesen hatte. Sein Wesen kam mir darin vor wie eine Epheuranke, die hoch und einsam in den Lüften umher nach einem Felsen sucht. Er kokettirte mit Witz und Spott wie ein Edelstein mit Farbenstrahlen, die ein heiteres Spiel mit der Sonne treiben. Er lebte in den Zauberkreisen der Phantasie, verschmähte die Welt und ihre Bedingnisse, und konnte doch von ihr nicht lassen. Seine erste Gattin, Sophie Moreau, bekanntlich eine unserer lieblichsten Dichterinnen und ganz Poesie und Innigkeit, blieb unverstanden an seiner Seite. Sie starb im Harm dahin. Vielleicht hatte er nie erfüllt, was er hingerissen von Leidenschaft verhieß, weil er lange Zeit hindurch in dem Gegenstand seiner Leidenschaften nur ein Traumbild erblickte, das seine Phantasie geschaffen hatte, wenn es gleich in Wahrheit viel schöner war als seine Einbildung. Er nahm dann Rache an dem armen Herzen, daß sich ihm hingegeben, und zerriß es in unauslöschlicher Wuth. Er war jung geblieben, bis er starb Er glühte für die Religion mit verzehrender Flamme, wie ehemals für die Liebe. Nur wenige Jahre vor seinem Tode hatte er ihr entsagt, nachdem sein oft so schwankendes Herz sich zu ihr emporgerungen und in ihren Süßigkeiten geschwelgt hatte. Der Gegenstand seiner Liebe war die Verwirklichung seines Traumbildes. Die Seinige konnte sie nicht werden. Beide trennten sich, um in der Religion die Verschmelzung ihres Wesens zu suchen.
Durch die umsichtige Führung Hoffmann's behielt meine Rechtssache ihren festen Gang. Die Verhöre, welche ich zu bestehen hatte, wurden in einem rechtlichen Sinne geleitet. Die Protokolle, höchst geistvoll aufgesetzt, sollten gedruckt werden. Ich fürchte, sie sind vernichtet. Hoffmann war ganz vom Ernst und der Würde[165]  seiner Mission durchdrungen. Eine unschuldig peinlich angeklagte, unbescholtene Frau, die sich allen Gemächlichkeiten einer bescheidenen aber ruhigen Lage entrissen hatte, um arme Leidende wie eine Mutter zu versorgen, und fern von jeder Nebenabsicht, ihre Gesundheit daran gewagt, mußte aus einem höllischen Gewebe herausgezogen werden, um nicht durch Schmach und Gefängniß ihre Bestrebung für eine gute heilige Sache zu zahlen.
Das erste der Verhöre, die ich zu bestehen hatte, ging auf dem Kammergericht vor. Ein Referendarius war zugegen. Es wäre gescheidt gewesen, wenn ich seinen Namen aufgeschrieben hätte, denn ich weiß ihn nicht mehr. Es war ein geistvoller Mann von Ehre und Gefühl. Es leuchtete mir ein, daß Hoffmann sowol als der Referendarius, in der peinlichen Empfindung, die sich ihrer bemächtigte, als sie auf Anordnung des Justizministers die Schuldigen unbeunruhigt lassen mußten, statt die Schuldlose sogleich in ihr Recht als Klägerin einzusetzen, nun alles aufbieten wollten, um mich dafür zu entschädigen, daß ich gewissermaßen als Delinquentin behandelt wurde.
Das zweite und dritte Verhör wurde bei Hoffmann abgehalten. Ich hatte seine Wohnung noch nicht gesehen, er hatte die Wände selbst ausgemalt. Das schönste Zimmer war auf überraschend sinnreiche Art mit den Zierathen ausgeschmückt, die auf seine Oper »Undine« Beziehung hatten. Mit zwei wunderkleinen zarten Händchen, und einer Gestalt vom regelmäßigsten Knochenbau, mit seinen zwei Funkelaugen, deren Augäpfel so unbeweglich waren, daß gewiß niemand erfahren hat, ob diese Augen groß oder klein, mit seinen feinen Lippen, die man niemals lächeln sah, glich Hoffmann einem gespenstischen Wesen, an welches die Natur nur das unentbehrlichste[166]  Quantum von Fleisch und Bein gewendet hatte, um es unter die Körper reihen zu können. Glut und Beweglichkeit war alles, was man von ihm wahrnahm. Manche höchst geistvolle Männer stehen unabgesondert durch ihr Aeußeres zwischen den übrigen Menschen da. Hoffmann war von innen und außen ein Wesen für sich, wie man noch nie eines gesehen. In manchen Beziehungen erinnerte jedoch die Erscheinung des französischen Ministers Thiers an Hoffmann. Auf die übrigen Analogien dieser zwei genialen Männer, wenn es welche gab, kann ich mich hier nicht einlassen.
Als ich bei Hoffmann angelangt war, sahen wir uns lange stillschweigend an. Ich wagte einige Scherze, die ihm das erste und einzige Lächeln entlockten, welches ich auf seinen Lippen schweben gesehen. Wir beide empfanden die Ironie des Geschicks, das zwei Dichter wie wir in einer solchen Lage einander gegenüberstehen, ich hätte beinahe gesagt, miteinander caramboliren ließ.
Als eine durchaus lyrische Natur, will sagen eine träge, habe ich wenig von den merkwürdigen Worten behalten, die mir im Leben gesagt worden sind. Ich wüßte kein einziges mehr, wenn ich mir nicht viel aufgeschrieben hätte; sie gingen sogleich in mein Wesen über, streiften sich von ihrem Sinne ab wie eine Hülse, oder besser gesagt eine Schlacke, das gediegene Gold blieb zurück in meinem Innern, glänzte und glühte dort, mein ganzes Sein bereichernd. Ich wünschte gleichwol, ich hätte die Worte auswendig behalten, welche mir Hoffmann zu meiner Vertheidigung in den Mund legte, als er das dritte Protokoll seiner Verhöre aufsetzte. Es war nämlich die am meisten incriminirende Stelle in dem als Corpus delicti angewendeten Briefe an Gneisenau: »die an Wilke und Tiede verübte Elendigkeit!« So hießen[167]  die Worte, auf welche sich die Invalidenprüfungscommission bezog, um mich als Injuriantin zu belangen.
Hierauf ließ mich Hoffmann ungefähr folgende Worte sagen: »Dies sei nicht als eine Injurie anzusehen. Denn es sei nicht möglich, eine That die man rügen wolle, mit andern Worten zu bezeichnen, als mit solchen, die den Begriff davon gäben, wie man sie empfunden.« Ich sah wol ein, daß diese Art, sich über die Sache auszusprechen, ziemlich spitzfindig war. Vielleicht wäre sie auch nicht durchgegangen, allein man hatte Lust, wie es im Sprichwort heißt: den Pelz zu waschen, ohne ihn naß zu machen, und nahm von dieser Ausrede dadurch, daß man sie stillschweigend gelten ließ, den Anlaß zu einer unerwarteten Wendung der Sache, die ich später berichten werde. Nach beendetem Geschäft kam ich noch viel mit Hoffmann zusammen. Er fand sich nirgend behaglich als in der Welt seiner Ideen, Phantasien, Entwürfe und Thätigkeit. Wenn er nicht arbeitete, so wollte er das Leben würzen. Er arbeitete mit Aufbietung aller seiner Lebenskräfte, aber ohne sich seiner Anstrengung bewußt zu sein; dann war er abgespannt. In ihm und um ihn war dann alles stumm und öde. Mit erschlafften Kräften rang er sich aus diesem Zustand heraus, und beging irgend etwas Barockes, Widersinniges, wobei er sich einbildete, die Gesellschaft zu ergötzen.


Bei Hitzig waren einmal nebst seinen Kindern mehrere andere schöne und lieblichblühende junge Mädchen. Hoffmann hatte sich aus irgendeinem ihm bekannten Winkel Weingeist, aus der Küche ein paar Hände voll Salz und eine tiefe Schüssel geholt. Nachdem er die gehörige Mischung zu Stande gebracht, blies er die Kerzen aus. Bekanntlich sehen die hochgefärbtesten Gesichter wie die Leichen aus,[168]  wenn man sie mit dieser Mischung beleuchtet. Ich schrie laut auf vor Entsetzen, und rief mit erstickter Stimme: »Die Kinder weg, die Kinder weg!« Denn diese Lüge der Verwesung zermalmte mich, und ich konnte lange nicht aus meiner Vorstellung los werden, was ich gesehen. Bei alledem wußte sich niemand bei den Kindern so angenehm zu machen als er, und es schien als habe Natur und Genius ihm ihre lieblichsten Schätze gespendet, um Kinder damit zu erfreuen. Er liebkoste keines, er suchte nichts in ihrer Nähe, es kam alles von selbst, ohne Vorbereitung, ohne Zwang. Wir andern lauschten umher, und wurden dabei selbst zu Kindern.
Seine Bildnisse waren meisterhaft, jeder Strich Glut und zuckendes Leben; man würde sich davor entsetzt haben, wenn nicht Liebe und ungesuchte Anmuth hervorgestrahlt hätten. Von seinen Musikwerken habe ich nichts gehört als die »Undine«, sie machte gewaltigen Eindruck auf mich. Eines Morgens brannte das berliner Hof- und Nationaltheater ab; nicht zu retten waren die daselbst aufgehäuften Meisterwerke, sowie die herrlichen Decorationen zur »Undine« von Schinkel's Meisterhand. Wer eine gelungenere Beschreibung von ihm zu lesen wünscht, findet sie in der geistreichen Novelle der Baronin de la Motte Fouqué, die, wenn ich mich recht erinnere, im »Frauentaschenbuch«, doch weiß ich nicht, in welchem Jahrgange steht.
Julius Eduard Hitzig, dem ich meine Uebersetzung oder vielmehr Nachbildung von Calderon's geistfunkelndem Schauspiel »Der Geliebte ein Gespenst« las, meinte, diese Dichtung würde einen dankbaren Opernstoff geben, und Hoffmann suchte eben nach einem. Er hätte es mir sagen sollen, ich würde dann mein Stück nicht eingereicht haben. Doch er schwieg von seinem Plan, und verursachte[169]  dadurch eine Art Spannung zwischen Hoffmann und mir. Hitzig hätte mich mit Hoffmann allein zu sich einladen, mir seinen Plan eröffnen sollen, und wir würden die Sache unter uns abgemacht haben.
Bei einer dramatischen Arbeit dieser Art ist es eine Hauptbedingung, daß nichts ausdufte. Hitzig hatte eine große auserlesene Gesellschaft geladen; auch General Ernst von Pfuel war dabei. Ich stand im Wahne, daß es bei dieser Vorlesung einzig und allein darauf abgesehen sei, die schöne Dichtung des großen Spaniers und zugleich meine Arbeit zu feiern. Dies war ein gewaltiger Irrthum. Hoffmann sollte die Dichtung hören, um zu sehen, ob sich der Plan zu einem Opernstoff eigne. Gleich anfangs in der Scene, wo Carlos den unterirdischen Gang schildert, den Adolf betreten soll, um zu seiner Julia zu gelangen, rollten Hoffmann's Augen wie Feuerräder; ich bemerkte das, und las weiter. Es waren schöne Kränze, die dieser Abend mir brachte. Ernst von Pfuel's Gespräch nahm mich sehr hin, denn es enthüllte mir den großsinnigen Krieger und staatsklugen Denker, dem der Mensch als Mensch galt.
Einige Tage nach diesem Gastmahl bat mich Hitzig in einem kleinen Billet, ihm das vollständige Scenarium des spanischen Stückes zu schicken. Ich merkte nun wohl, worauf es abgesehen sei, konnte aber doch nichts anderes denken, als daß die Umgestaltung des Schauspiels zu einer Oper mir selbst übertragen werden solle; um so schmerzlicher war es mir, als ich erfuhr, daß Hoffmann diese Arbeit mit Contessa machen wollte. Denn bei aller Fähigkeit, das Stück bühnenrecht zu gestalten, konnte ich doch Contessa die Tiefe und Großartigkeit nicht zutrauen, die für eine solche Dichtung gehörte. Doch Hitzig war mir sehr theuer; es war mir lieb, daß[170]  er mein Wesen verstand, und so ohne weiteres voraussetzte, ich würde ihm gern ein Opfer bringen. Ich schickte ihm also sofort das verlangte Scenarium, und erst lange nachher erfuhr ich mehr vom Verlauf dieser Sache.
Endlich erschien das Erkenntniß in meiner Angelegenheit. Der Justizminister von Kircheisen hatte eigenmächtig das erste Gutachten des Kammergerichts verworfen. Nicht um ihn zu tadeln, führe ich diesen Umstand an. Kircheisen handelte einmal nach dem beliebten Grundsatz, »keine Einmischung einer Frau in Männersachen zu dulden.« Hatte doch St. Ambrosius der Jungfrau Maria zugerufen: »In der Kirche schweige das Weib!« Dies ließ sich zwar in diesem Falle nicht anwenden, denn das Weib gesprochen und ihre Stimme ein vieltausendfaches Echo gefunden.
Das Gutachten des Kammergerichts besagte:
»Auf allen Punkten habe sich Frau von Chézy gerechtfertigt, eine Menge gültiger Zeugen aufgeführt, um ihre Anklagen an Graf von Gneisenau zu bewahrheiten! Es bleibe nichts übrig als sie ehrenvoll freizusprechen, und ihr selbst zu überlassen, in welcher Art sie eine Genugthuung für die Unbilden verlange, die ihr von der Invalidenprüfunscommission zugefügt worden.«
Der Minister von Kircheisen verwarf dies Gutachten, ohne einen Grund anzugeben, und verfügte: daß man die Angeklagte befragen solle, ob sie nicht im Sinne gehabt, die Invalidenprüfungscommission zu beleidigen.
Hoffmann mußte mich noch einmal über diesen Punkt verhönen, und nun schritt man zum Erkenntniß, welches in den »Zeiten« von Daniel Voß abgedruckt steht, und welches Herr Joseph Engelmann, der sich noch eine[171]  Menge Willkürlichkeiten gegen mich erlaubte, nicht abdruckte, als ich es ihm für die »Auserlesenen Schriften« zum Besten der verwundeten Vaterlandsvertheidiger, deren Kosten ganz auf mich fielen, sandte. Er, der mir soviel zu verdanken hatte, ergriff jede Gelegenheit, mir zu schaden und mich zu übervortheilen. Nicht unwahrscheinlich ist es, daß er, der zwar sehr schlau und eigennützig, aber dennoch beschränkten Verstandes war, sich auf irgendeine Weise gegen mich hatte einnehmen lassen. Rühmlicher und einträglicher wäre es für ihn gewesen, wenn er meinen Vortheil und mein Bestes im Auge behalten hätte. Ich würde über das unverantwortliche Unrecht schweigen, welches er mir angethan, wenn es nicht in jeder Beziehung gerügt zu werden verdiente.
Ein Werk, welches ich ihm versprochen hatte: »Das Rundgemälde von Heidelberg, Manheim, dem Neckarthal, dem Odenwald u.s.w.«, konnte ich nicht vollenden, weil ich nach den Niederlanden mußte. Ich schenkte ihm das, was davon fertig war. Er bat mich ihm zu erlauben, eine zweite Auflage davon herausgeben zu dürfen, ich willigte ein. Das Werk erschien. Einige Jahre später gab er ohne mein Vorwissen, mithin ohne meine Bewilligung, eine sogenannte dritte Auflage von diesem Werke heraus. Es war ein dünnes Buch, ein saftloser unverständlicher Auszug von dem gediegenen Werke meiner schätzbaren Mitarbeiter. Dies war ein Betrug, nicht allein an diesen und an mir verübt, sondern am ganzen Publikum.
Er hatte mich dringend eingeladen, einen Text zu zehn colorirten Kupfertafeln, die Heidelbergs schönste Umgebungen vorstellten, zu schreiben. Ich glaubte ihm dies nicht abschlagen zu dürfen, weil ich ihm den Druck der »Auserlesenen Schriften« schuldig war, und versprochen[172]  hatte, meine Schuld durch Arbeiten abzutragen. Ich schrieb das Werk, und er ließ es als Manuscript ohne meinen Namen drucken, wahrscheinlich um nicht die Ehrengeschenke, die auf die Zusendung seiner Prachtausgabe folgten, mit mir theilen zu dürfen.
Ich könnte noch ein ganzes Register ähnlicher Handlungen aufzählen, aber es ist mir zuwider, mehr davon zu sagen. Nur will ich noch erwähnen, daß er eigenmächtig, ohne mein Vorwissen, den Titel »Emma, eine Geschichte« in die romanhafte Benennung »Emma's Prüfungen« umwandelte. Ich hatte durch den Titel »Emma, eine Geschichte« bezeichnen wollen, daß ich ganz einfach eine wahre Begebenheit geschrieben, und daß der Leser nicht ein Kunstwerk, sondern eine treue Abbildung nach der Natur finden sollte. Ich hatte den stolzen Gedanken gehegt, Deutschland zu schildern, wie die unsterbliche Staël Italien geschildert hatte. Das erste Buch der Emma war, wenn nicht mit dieser Genialität, dennoch in diesem Sinne geschrieben. Ich hatte meine »Emma« eigentlich heißen wollen: »Emma, oder Deutschland«. Meine Rechtssache unterbrach die Studien, die zu machen waren. Ich mußte mir in Berlin durch Stundengeben Brot verdienen. In solcher Lage kann man nicht daran denken, mit einem Meisterwerke zu wetteifern. Ich hatte so viele und schwere Opfer gebracht, daß mir diese neue Entsagung nicht schwer wurde, wählte also den bescheidenen Titel: »Emma, eine Geschichte«, und zum Motto Hippel's sinnvolles Wort: »Die Welt ist ein großer Garten im Norden, wo wenig reif wird!« Ich flocht viel Erlebnisse in dies Werk. Ludwig Tieck erklärte es für das Beste, was ich geschrieben. Manche prophetische Stelle der Emma fiel auf und wurde in gediegnen Zeitschriften herausgehoben. Ich mußte mich begnügen,[173]  vieles zur Sprache gebracht zu haben, was mir im Herzen glühte. Engelmann erhielt noch, außer 19 Jahre lang ihm übersendete Beiträge für das Taschenbuch »Cornelia« und oben benanntes Prachtwerk über Heidelberg, 100 Thlr. vom Fürsten-Staatskanzler als Beitrag zu meinen Druckkosten; über die alles, und über den Verkauf von 500 Exemplaren der »Emma«, hat er nie Rechenschaft abgelegt, dagegen dreist behauptet: ich, die durch seine eigenen Briefe bewahrheiten kann, was ich hier schreibe, sei ihm für die Druckkosten noch vieles Geld schuldig!
Ich lasse hier das Erkenntniß des Kammergerichts in meiner Rechtssache folgen:

»Erkenntniß des Kammergerichts.
Copia Vidimata.
Auf die von dem Kammergerichtsrath Hoffmann wider die verehelichte von Chézy geb. von Klencke geführte Untersuchung.
Erkennt der Criminalsenat des königl. Kammergerichts vermöge besonderen Auftrags den Acten gemäß für Recht, daß
Denunciantin, Wilhelmine Christiane verehelichte von Chézy geb. von Klencke, von dem Vorwurfe, die Invalidenprüfungscommission zu Köln beleidigt zu haben, völlig frei zu sprechen, und die Kosten der Untersuchung niederzuschlagen.
Von Rechtswegen.
Erkenntniß des Criminalsenats des königl. preuß. Kammergerichts in der Untersuchungssache wider die verehelichte von Chézy geb. Freiin Klencke.«

Dr. Cristian Daniel Voß theilte in seiner Monatsschrift »Die Zeiten« (Juli 1817) dieses Erkenntniß mit, und schrieb dazu folgendes Vorwort:[174] 
»Frau von Chézy hat uns, infolge ihrer neulich mitgetheilten vorläufigen Anzeige, das Erkenntniß des Kammergerichts in ihrer, den Lesern aus frühern Anzeigen im allgemeinen bekannten Rechtssache mitgetheilt, und es folgt hier in extenso. Wir haben diese Angelegenheit bisher unter historischen Personalitäten rubricirt, und wenn sie nichts anderes als die Persönlichkeit der Frau von Chézy beträfe, würde sie ferner dahin gehören. Aber sie erhält durch diesen Urtheilsspruch ein doppeltes höheres und allgemeineres Interesse zunächst insofern dasselbe als ein Beitrag zur Geschichte und Charakteristik der Gerechtigkeitspflege in den preußischen Staaten zu betrachten ist, sodann insofern es auch auf den Gegenstand, weshalb Frau von Chézy gerichtlich in Anspruch genommen worden, Beziehung hat.
Nach dem französischen Recht, und von einem Gerichtshofe, welcher im Geiste desselben verfuhr, wurde Frau von Chézy für schuldig erkannt und zur Strafe condemnirt; nach dem preußischen Recht, und von einem im Geiste dieses verfahrenden Gericht wird sie freigesprochen.
Freilich die einzige Genugthuung, die dasselbe der Gekränkten, Mishandelten zu gewähren vermochte. Es verdient öffentlich anerkannt, und laut ausgesprochen zu werden: das Kammergericht in Berlin hat seinen alten, stets behaupteten Ruhm einer unerschütterlichen Rechtsstütze auch hier wieder bewährt. Den Zusammenhang der Sache erkennt man klar aus der dem Urtheil beigefügten actenmäßigen Geschichtserklärung. Wer mag an dem reinen, ja heiligen Eifer zweifeln, der die Frau von Chézy in der in Frage stehenden Angelegenheit leitete; wer die Motive derer verkennen, welche sie als eine[175]  Calumniantin behandelten, und statt Lohn Schmach über sie zu bringen trachteten? Jene ist nun von der ihr gemachten Beschuldigung freigesprochen, aber sind denn diese wegen ihres Verfahrens gegen sie zur Verantwortung gezogen? War es genug, das Urtheil des kölner Gerichtshof zu kassiren? Sollte nicht eine Untersuchung verhängt werden, wie es dazu kam dasselbe zu fällen? Soll für den Zweck der edeln Frau nichts geschehen, und es ohne gründliche Untersuchung bleiben: ob der Invalidencommission denn wirklich nichts von dem zu Lasten komme, was sie als Fürsprecherin der unglücklichen Opfer des Vaterlandes in ihrer Beschwerdeschrift an den General Grafen von Gneisenau angezeigt hatte?
Das Erkenntniß selbst enthält darüber sehr bedeutsame Winke; sollen diese unbeachtet bleiben? Hat nicht Anzeigerin, haben nicht auch jene unglücklichen Opfer ein Recht, zu fordern, daß sie beachtet werden? Und gesetzt, daß sich auswiese, die Commission habe völlig vorschriftsmäßig gehandelt, wären denn nicht die untersuchend zu berücksichtigen, welche diese Vorschriften zunächst ertheilt hatten? Bedürfen nicht diese Reglements selbst einer Revision, um für die Zukunft zu verhüten, daß infolge derselben nicht ähnliches wieder geschehe?
Man hat es Napoleon oft vorgeworfen, und ihm mit vollem Grunde als einen Hauptbeweis seiner Herzenshärtigkeit angerechnet, daß er die verwundeten und invalid gewordenen Krieger als unbrauchbar gewordene Werkzeuge betrachtete und behandelte, die man wegwirft und ihrem Schicksal überläßt. Wie die Nacht von dem Tage verschieden ist, so ist diese Denkungsart verschieden von der unsers frommen, gerechten und menschenfreundlichen Königs.[176] 
Wie kann es nun in seinem Geiste und nach seinem Willen gehandelt sein, wenn man so verfährt, als in dem Schreiben der Frau von Chézy angezeigt ist? Und selbst, wenn es aus Gründen geschah, wie die, welche in den Urtelsmotiven vorausgesetzt werden? Können Befehle zu solchen Knickereien bei der letzten Ausstattung der invalid gewordenen Krieger, wie die: daß ihnen nur die Oberröcke gegeben werden sollten, welche für die im Dienst befindlichen Soldaten nicht mehr brauchbar befunden worden, von diesen abgetragen worden sind; daß ihnen an ihrem Reisegelde abgezogen werden solle, was ein freier unabhängiger, wohlthätiger Verein ihnen verehrte – von dem Könige ausgegangen oder gebilligt worden sein? Wie sehr verkannte man seine Denkungsart und seinen Willen, wenn und indem man solche Vorschriften ertheilte!

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Gewiß waren sie dem würdigen hochverehrten Feldherrn ebenso fremd, an den die Frau von Chézy ihr Beschwerdeschreiben richtete. Das beweisen die darin von ihm unterstrichenen Stellen; es bedarf aber auch dieses Beweises nicht für jeden, der diesen mit Recht hochverehrten Helden kennt. Auch geschah es wol gewiß nicht mit seinem Willen, und nach seiner Anweisung, daß die Untersuchung wegen jener Anzeige so oberflächlich geführt, und daß ihr die Wendung gegeben wurde, die Anzeigerin als eine Verleumderin vor Gericht zu belangen und condemniren zu lassen. Von ihm darf dagegen nun wol erwartet werden, da ihre Unschuld klar und sein Urtheil an dieser Sache zur öffentlichen Kunde gebracht worden, daß er eine gründliche Untersuchung veranlasse; denn wenn es auch für ihn der Rechtfertigung nicht bedarf, warum er diese so hochwichtige Sache damals scheinbar außer weiterer Acht gelassen, so bedarf[177]  es doch für Frau von Chézy der Genugthuung, so bedarf es für die verkrüppelten, für die siechgewordenen Krieger besserer Unterstützung, und für die Zukunft für ähnliche Fälle vorkehrende Einrichtungen und Verfügungen; und dies erwarten diese Krieger, und die Nation, die sie kräftig und gesund hergab, und ungesund und verstümmelt wiedererhielt, und der sie nun, anstatt ihr nützlich zu werden, zur Last fallen, hauptsächlich von ihm, und können in seinem Geiste und seinem Herzen, sowie in seinem damaligen und jetzigen Wirkungskreise allerdings wol Berechtigung zu diesem Anspruche zu finden erachten.
Welche Sorge kann dem Staate heiliger sein, als die Pflege der kranken und verwundeten Krieger und die Versorgung der invalid gewordenen? Der Staat macht es jedem Bürger zur ersten unerläßlichsten Pflicht Kriegsdienste zu leisten, soll er es nicht als seine erste unerläßlichste Pflicht anerkennen, für ihn angemessene Sorge zu tragen, wenn er ein Opfer jener Pflichterfüllung geworden ist? Dies fordert nicht blos die Gerechtigkeit und die Humanität, es fordert es auch die Politik, denn es hängt daran der Erfolg der kriegerischen Unternehmungen und sonach die Sicherheit des Staates. Wie mag man erwarten, daß ein Krieger willig und freudig ins Treffen gehe, wenn er befürchten muß, in den Lazarethen, wie Dr. Frohwein geschildert, behandelt und aus denselben verkrüppelnd und siechend, wie Frau von Chézy angezeigt, entlassen zu werden?
Der gemishandelten und rechtfertigten Krankenverpflegerin und Invalidenvertreterin möge das nachstehende Erkenntniß zur Aufmunterung gereichen, in ihrem Eifer für Vaterland und Menschheit nicht zu ermüden. Sie wird gewiß überall, wo es für sie Werth haben[178]  kann, auch noch Anerkennung erhalten, und da sie gewiß nie um äußern Lohn wirkte, so wird sie sich durch den innern vollständig befriedigt finden, daß, wir vertrauen, es wird gewiß noch geschehen, die gute Sache vollständig siegt.
Professor Daniel Voß.«

Während ich in Köln war, und voraussehen konnte, was mir die Behörden zudachten, setzte ich meinen Briefwechsel mit den hohen Frauen fort, die gleich im Anfang meines Unternehmens innige Theilnahme dafür gezeigt hatten. Zu diesen gehörten vor allen die unübertrefflichen Fürstinnen, Marianna Prinzessin von Preußen königl. Hoheit und Charlotte Großherzogin von Sachsen-Hildburghausen königl. Hoheit, die Schwester der Königin Luise von Preußen Majestät, eine der vier Geschwister, welche Jean Paul so begeistert gefeiert. Ich enthüllte der Prinzessin Wilhelm und der Großherzogin Charlotte das Gewebe gegen mich, soweit man es damals durchschauen konnte. Ich zweifle nicht, daß die großsinnigen Frauen dem Könige meine Briefe mitgetheilt haben, und daß diese vorläufigen Aufschlüsse über die Sache dem Monarchen über die Umtriebe der Chirurgen Licht gegeben.
Als ich späterhin in Berlin der Prinzessin Wilhelm einige Actenstücke vorlegte, rief sie aus: »Wundern Sie sich nicht über das, was Ihnen geschehen ist, wenn ich Ihnen versichere, daß man mir kaum besser mitgespielt hat als Ihnen; daß mir, die von Betten der Kranken selten wich, der stille Hohn der Chirurgen, Inspectoren, Dirigenten u.s.w. aus ihren Mienen entgegenfunkelte; sie wollten keine Controle; wäre es ihnen möglich gewesen mir etwas anzuhaben, es wäre geschehen.«
Ich schweige von den Annehmlichkeiten des Sommers[179]  1817, den ich im Thiergarten mit meinen Söhnen zubrachte. Ich schrieb dort Beiträge für den »Freimüthigen«, für den »Gesellschafter« des Professors F.W. Gubitz, machte Auszüge aus englischen Zeitschriften dafür, schrieb Erinnerungen für meine »Aurikeln«, sowie den Aufsatz »Sein und Schein in christlichem Wandel«. Wenn ich etwas fertig hatte, brachte ich es der Prinzessin Wilhelm, traf dann auch wol bei ihr die Kurfürstin von Hessen, dies Kunstwerk des Misgeschicks, wie Chateaubriand die Herzogin von Angoulème nannte, und auch die Kurfürstin Auguste genannt haben würde, wenn er sie gekannt hätte.
Das Beisammensein mit diesen zwei höchsten Frauen war ein beglückendes; sie waren so herzig und so einfach zugleich, ohne den leisesten Schatten von dem, was man Sentimentalität zu heißen pflegt, sondern voll lieblicher Natürlichkeit, die sich gerade dadurch nichts vergibt, daß sie jedes für das, was es wirklich gilt, gelten läßt. Je höher solche Frauen eine Privatperson stellen, destomehr fühlt diese sich verpflichtet, ihre Ehrerbietung zu bezeigen. Wie anmuthig war es, wenn man in den Garten von Schönhausen eintrat und vom Säuseln seiner hohen Wipfel gleichsam begrüßt wurde. Die Fenster des Lustschlosses standen offen, keine Thür war verschlossen. Unweit des Schlosses zwischen Baumstämmen stand eine Wiege, ein einfacher geflochtener Korb grün behangen. Ein süßathmendes Kind lag darin, schlummernd wie die Knospe in ihrer grünen Hülle. Nicht weit davon lag Waldemar, mit Blumen im Grase spielend. Adalbert saß wohl neben ihm und blätterte in einem Buche. Prinz Wilhelm kam aus einer Laube, begrüßte uns, rief seiner Gemahlin durch das Fenster zu: »Du hast Besuch, Marianna!« und sprach dann mit mir und den Kindern,[180]  bis die Prinzessin kam. Sie führte uns in ihr Zimmer zeigte uns Prachtausgaben von neuen Werken, und Familiengemälde, auch wol seltene Blumen und Vögel. Dann kam das Frühstück, und dann ging es ins Gartenzelt. Man vernahm den heitern Tumult, den Prinz Adalbert's Spielgenossen machten. Er hatte ein stattliches Heer, die ganze Dorfjugend, welche er exercirte; der Stock war dabei überflüssig. Auch Wilhelm und Max spielten mit. Lebendige Soldaten sind allerdings angenehmer als bleierne. Prinz Adalbert war sehr liebenswürdig. Die Lesestunden waren oft von Gesprächen unterbrochen, zuweilen auch durch den Kammerdiener, der gravitätisch einen großen Präsentirteller mit Früchten brachte. Die lebhafte Prinzessin sprang ihm entgegen, nahm ihm den Teller ab, setzte ihn auf den Tisch, und rief selbst die Kinder herbei, damit sie sich satt naschten, dann sprangen sie wieder davon und wir lasen wieder.
Die Kurfürstin Auguste von Hessen war eine von der des Prinzen Wilhelm ganz verschiedene Natur, nur in den schönen Grundelementen ihres Wesens waren sich beide gleich. Prinzessin Wilhelm war idealisch schön; selbst im Prachtkleide wußte sie Einfachheit zu behaupten. Am schönsten stand ihr die violette Farbe zu ihren vollen braunen Locken und dem Schmelz ihrer frischen Gesichtsfarbe. Sie war hoch und schlank, und hatte die liebliche Fülle einer frischaufgeblühten Rose. Ihr Blick war unbeschreiblich süß und glänzend, er brannte nicht, er stach nicht, er lockte nicht, ihre ganze Seele war darin. Ihre Schönheit war so eigenthümlich und ganz ihr eigen, daß sie an keine andere erinnerte, keinen Anlaß zu Vergleichungen bot. Sie war ganz sie selbst, als wenn die Natur, welche sie geschaffen, gewußt hätte, sie könnte nichts Schöneres sein. Die Kurfürstin Auguste war eine[181]  hohe Gestalt, schlank, beinahe mager. Ihre ganze Erscheinung war einfach und anspruchslos, und sie hatte so sanfte Augen, ein so mildes Lächeln, daß man die Schönheit nicht bei ihr vermißte. Ihre Bildung war keine moderne; allein, dank der vortrefflichen Erziehung, welche sie genossen, sie war eine ganz andere als die, welche die Prinzessinnen jener Zeit empfangen hatten. Die letzte Hand an ihre Erziehung hatte das Schicksal gelegt. Ihr Gemahl paßte nicht zu ihr; er war ein Prinz aus der Rococozeit. Sie, die bei ihrem guten Vater nur zart behandelt worden, konnte sich in sein Wesen nicht finden. Ihr Schwiegervater, der gleichfalls wenig Bildung genossen, aber einen gesunden Kern hatte, sagte ihr zuweilen: »Frau Tochter, Ew. Liebden stellen Ihre Sache nicht recht an; sehn Sie auf Ihre Frau Schwester von York, die hat es los wie man mit einem Mann umgehn soll. Nur um Gottes willen nicht weinen, wenn er unwirrsch ist; da könnte ein tüchtiger Kerl gleich aus der Haut fahren; und ihm die Kinder vom Halse lassen, er wird sie schon verlangen! Ueberhaupt, Frau Tochter, fein auf die Etikette gehalten, die verhindert Ausgelassenheiten. Das ›Du‹ ist plebeje; das ›Sie‹ ist wie der Buchsbaum um ein Gartenbeet her, es hindert, daß man nicht hineintritt.«
Vielleicht hat der alte Kurfürst seiner lieben Schwiegertochter noch andere gute Lehren gegeben, und vielleicht weiß ich sie noch auswendig. Aber das indische Sprichwort sagt: »Reden ist Silber, Schweigen ist Gold!«
Von Prinzessinnen der frühern Zeit, welche Muster der Liebenswürdigkeit waren, und mit Geschmack und Bildung, Geist und Sinn für alles Schöne in sich vereinigten, könnte man nebst Luise Ferdinand vermählte Prinzessin von Radziwill noch manche andere nennen.[182]  Auch die Mutter der königlichen Prinzessin Luise war in vieler Hinsicht von ausgezeichneter Liebenswürdigkeit, die sich durch die frühere Form nicht hatte unterdrücken lassen. Diese Formen würden nie aufgekommen sein, wenn der schönen Zeit, welche fromme, zarte und leutselige Prinzessinnen erzog, nicht die Zopfzeit gefolgt wäre, und mit ihr zugleich die Ausgelassenheit des französischen Hofes unter dem Regenten und Ludwig XV. nicht die Nothwendigkeit herbeigeführt hätte, strenge, steife Etikette einzuführen, und die jungen Prinzessinnen sowie auch den Hofadel auf das strengste und vorsichtigste von der übrigen Menschheit abzusondern. Man suchte sie noch sorgfältig davor zu hüten, daß sie deutsch lernten, und dies gelang bei vielen. Doch in dem Maße, wie die höchsten Frauen und Prinzessinnen vor jedem schädlichen Eindruck gehütet wurden, übten die Männer und Jünglinge ein Recht der Zügellosigkeit der Sitten, weil ihnen strenge Moral, Tugend, innere Würde und Religion lächerlich und verächtlich vorkamen.
Die Schriften der sogenannten Philosophen, der Materialismus den sie athmeten, wirkten auf diese verkehrte Richtung.
Dem nichtigen Menschen ist die Gottesleugnerei eine Nahrung für seine Eitelkeit; er ist über das, was er zerstört hat, so stolz und entzückt, als ob er es geschaffen hätte. Der Begriff eines höchsten Wesens, welches allgütig und allweise die Schöpfung regiert, ist ihm lästig. Er denkt nicht an Lohn und Strafe, ohne sie als Tyrannin zu bezeichnen. Nach seinen Ideen haben sich die Dinge von selbst in eine ewige Ordnung gefügt, nach Naturgesetzen entfaltet, und ein höheres Wesen, dessen ewigen Gesetzen die Massen gehorchen, ist eine Erfindung, die den höhern Menschen nicht imponiren kann.[183]  Wenn dies System befolgt werden könnte, so käme dabei kein Hühnerhof zu Stande.
Geistvolle Menschen haben schon gesagt, daß es keinen Atheisten gibt, sondern diese Gottesleugnerei nur in der Einbildung kranker Gehirne läge. Wie dem auch sein mag, unsere großen und üppigen Herren brüteten darüber, und wußten sich damit nicht wenig. Der große Astronom Lalande, der sich als Astronom am wenigsten etwas darauf zugute hätte thun sollen, daß er Gott leugnete, konnte wähnen, daß sich die geschaffenen Dinge so recht tausendkünstlerisch geschickt, von selbst gemacht. Wahrscheinlich gehörten auch die Erdbeben, Schiffbrüche, Ungewitter in die Ordnung der Dinge hinein, und die Jahreszeiten folgten einander nach dem Gesetz der Naturnothwendigkeit. Mehrere Jahrzehnde waltete der Wahn, dann fing der trostbedürftige Mensch wieder an, Gott zu suchen. Die ewige Liebe täuscht nicht die Hoffnung des Geschöpfes, sie offenbart sich in der Liebe selbst.
Als die Revolution mit ihren Greueln auftauchte, sah sich Robespierre genöthigt, um nur aus dem Wirrwarr sich herauszufinden, Gott zu decretiren. Das Volk gehorchte. Glaube, Hoffnung, Liebe waren ihm lieber wie was anderes, und waren zugleich etwas anderes, als was man bisher gehabt. Die langverschlossenen Kirchenthüren thaten sich auf. Die lange verscheuchten Priester erschienen wieder; nur sollten sie zur Constitution schwören. Dagegen sträubte sich ihr Rechtsgefühl; sie meinten: wer den König vom Thron gestoßen, und sein Haupt in den Sand gerollt, könne nun nicht Gott einführen, wie eine Maschine, deren man eben bedarf. Doch wer kennt nicht die grausenerregendste und blutigste aller Geschichten; sie, die nur das Ei ist, aus welchem die Unterwelt das Verderbniß der Zukunft ausbrütet?[184]  Die Völker werden immer erfindungsreicher und immer gemüthsärmer. Wer weiß, ob sich nicht aus den jetzigen Zuständen das Unheil der Zukunft unheilbar entwickelt. Soviel ist wahrscheinlich, daß eine bedeutende Entscheidung sich unabwendbar nahe.
Ich hatte vorhin von dem allen nicht sprechen wollen, es ergötzte mich, darüber nachzudenken, wie denn unsere Aeltermütter von der schönen geschmackvollen Kleidertracht früherer Zeiten (man gehe nur zu denen Ludwig's XIII. zurück) zu den scheußlichen Trachten gelangt sind, die seit Ludwig XV. und seit der Regentschaft grassirt, und der ich jetzt nothwendig erwähnen muß, nicht allein, wie sie jetzt sind und waren, sondern wie sie noch werden können. Ungeschmack herrscht in allem, Unzweckmäßigkeit nicht minder. Zu oft bleibt das Gute auf halbem Wege stehen, doch das Ueble nie. Unsre Enkelinnen wird man ohne allen Zweifel in den barockesten Trachten erblicken, von denen ich viele schon selbst erlebt, den Leib mit zwei Händen zu umspannen. Der breite steife Reifrock um die Hüften her, damit die Taille feiner erscheine! Der Kopfputz eine halbe Elle hoch, um Größe zu gewinnen! So viel Tand und nutzlose Schnörkel um und an den Damen, daß eine Fremde wie zu Lady Montague's Zeiten untersuchend fragen wird: »Bist du selbst das alles?«
Ich selbst lief noch am Gängelbande umher, als ich junge und alte Damen im damaligen Aufputz sah: das Haar über hohe Wulsten gezogen, stark gepudert und auftoupirt. Da man der damaligen Dauphine Maria Antoinette gern eine Schmeichelei bezeigen wollte, und da es fälschlich hieß, sie habe rothes Haar, so bestreute man sich mit rothem Pulver. Rund um die Frisur her wurden wurstähnliche Locken gesteckt; hinter[185]  den Ohren hingen, den Hals bekleidend, zwei lange Locken, gleichfalls mit einer Wurst endend, auf den Busen herab. Von den übrigen Zierathen des Anzugs und Kopfputzes will ich schweigen, meine schönen Leserinnen haben dergleichen gewiß schon auf alten Familiengemälden gesehen. Nur muß ich bei dieser Gelegenheit bemerken, daß Herr Dr. Klencke an der Beschreibung des Aufputzes meiner Großmutter Karschin ohne Noth Puder und Zitternadeln verschwendet hat. Kein Körnchen Puder hat jemals ihr Haupt berührt. Wenn ihre Freundinnen sie baten, sich doch zu pudern, weil es ja Mode und mithin anständig sei, so rief sie entrüstet aus: »Was, ich soll mir Mehl auf den Kopf streuen? Nimmermehr!« Sie trug ihr feines braunes Haar ganz natürlich aufgeschlagen, und setzte ein Kopfzeug auf, dem oben am Scheitel ein Veilchenstrauß nicht fehlen durfte; denn etwas mußte sie für die Mode thun, um nicht zu arg verketzert zu werden.

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Ich kann mich rühmen, Läufer und Haiducken gesehen zu haben, die scharlachroth gekleidet waren. Der Fackeltanz wurde bei Vermählungen aufgeführt. Die Damen bemühten sich sehr um Doppelkinne und um eine etwas schiefe Haltung des Kopfes. Selten sah man eine ohne einen kleinen Papagai und Bologneserhündchen, oder einen schnarchenden Mops, dem zur Verschönerung der Schweif abgehauen war, die Nase eingeknickt, auch die Ohren kurz abgeschnitten. Die armen Thiere jammerten mich; doch kamen sie zum Glück aus der Mode. Am liebsten sah ich die schneeweißen seidenhaarigen Bologneserhündchen mit ihren rosenfarbenen Halsbändchen, ihren umlockten Augen und ihren hängenden purpurnen Zünglein. Auch sie verschwanden nach und nach, und die Wachtelhunde, minder klein, von vermindert zerbrechlichem[186]  Knochenbau und zierlichen Bewegungen, kamen an ihre Stelle. Sie fangen an den Vorzug der Seltenheit einzubüßen, wunderkleine Windspiele werden sie verdrängen. Man muß damals die Hunde sorgfältiger gehalten haben, denn man hörte selten etwas von einem tollen Hunde. Karl Theodor's erste Gemahlin, Elisabeth, die sich gern in phantastischen, besonders in mythologischen Costümen malen ließ, und die so, wie ihr Gemahl, das oftgemalteste Fürstenhaupt der Erde war, besaß das angenehmste Wachtelhündchen, das man sehen konnte. Es war weiß, mit schöner weißer krauser Brust und glänzendem schwarzen Ohrgehenk; und was an ihm sehr geschätzt wurde, es hatte die linke Seite ganz weiß. Seine großen schwarzen Augen und sein Korallenschnäuzchen gereichten ihm zur größten Zierde. Der Künstler, der es auf dem Arm einer schönen Dienerin dargestellt, hatte es mit solcher Wahrheit aufgefaßt, daß es schien, als ob es von diesem schneeweißen Arm herunterzugleiten im Begriff stehe. Die Dienerin, ein Fräulein von St. George, wahrscheinlich eine Großtante meines geistreichen Vetters, des Ritters von St. George, war schön, und es wird von ihr gerühmt, daß sie den leidenschaftlichsten und lockendsten Bewerbungen Karl Theodor's widerstand.
Die vielen meist anziehendsten Bildnisse Karl Theodor's und seiner Gemahlin in Graf Graimberg's Galerie machen beinahe den Eindruck einer Biographie, denn wenige Momente in seiner Lebensgeschichte sind unverzeichnet geblieben; es befindet sich darunter sogar einer, wo er als Geldempfänger dargestellt ist. Seine Gemahlin, Schwester des Kurfürsten von Baiern, die ihr eben nicht hold war, ließ sich als Diana malen, um dadurch anzudeuten, daß sie von nun an immer darauf entsagt, das Lager ihres Gemahls zu theilen, und ihm carte blanche für alle erdenklichen Abenteuer gäbe.[187] 
Bei großen Gelegenheiten, wenn es unmöglich war den Friseur frühmorgens zu bekommen, wurde er für den Abend vorher geholt. Er baute die Frisur mit der größten Sorgfalt auf, und brachte wenigstens zwei Stunden damit zu; dann nahm er vom feinsten Postpapier einige lange Bogen und umsteckte die Frisur mit vielleicht hundert feinen Nadeln. Die gemarterte Dame setzte sich auf ein Sofa, unterstützte ihren Nacken, behing ihre Füße mit warmen Tüchern, und blieb schwebend angelehnt im beschriebenen Zustande die ganze Nacht. Ihre Augenlider waren roth und geschwollen vom festen Anziehen der Haare.
Es wurde mir vergönnt noch in meinen frühesten Jahren die Umwandelung zu bewundern, die plötzlich eingetreten war. Meine Mutter nahm mich zur Vermählungsfeier der Prinzessin Friederike und Wilhelmine von Preußen auf das Schloß mit. Unsern Augen bot sich das überraschendste Schauspiel dar. Die Königin Mutter und die junge Königin erschienen, sowie der übrige Hof, noch mit gepuderter Frisur und im Reifrock; allein zuletzt erschienen die Bräute des Herzogs von York und des Statthalters der Niederlande, Friederike und Wilhelmine von Preußen, mit ihrem Nymphenwuchs, ihren sanft gerötheten Wangen und ihren lieben hellen Augen. Sie trugen die strahlenden Brautkronen mit blühenden Myrtenzweigen durchflochten, das schöne Haar leicht gelockt um den blendenden Nacken her, eine griechische Chemise, die anschmiegend die Formen ihrer lieblichen Gestalt begleitete, und eine breite goldene Arabeske in dem brillanten Leibgürtel. Ein allgemeiner Schrei der Ueberraschung und Freude ließ sich nicht unterdrücken, aber die Blicke der hohen Neuvermählten zeigten, daß ihnen dieser Ausbruch auch nicht gleichgültig war.[188] 
Von nun an griff die griechische Tracht in das Leben ein; das Publikum fühlte, welchen glänzenden Sieg die Sache des guten Geschmacks und der Schönheit davon getragen habe. Wenige dachten noch an den Zusammenhang der Umwandelung der Tracht mit der Umwandelung der Sitten und Gebräuche, die ihr auf dem Fuße nachfolgte. Im Jahre 1817, als ich in Berlin war, hatte sich wieder eine Veränderung in den Costümen gezeigt: sie waren minder ungezwungen, minder leicht, faltenreicher, den Formen des Körpers nicht so angeschmiegt; allein im Benehmen der Töchter und Söhne des Thrones blieb der eingetretene Wechsel bemerkbar, sowol in Preußen als im benachbarten Sachsen, wo lange die größte Steifheit geherrscht hatte. Prinzessin Auguste, die Tochter Friedrich August's, verbarg nicht, wie sie ehemals gethan haben würde, die Strahlen ihres Geistes. Einige Anekdoten aus ihren frühesten Kindheitstagen mögen hier eine Stelle finden, obgleich sie nicht eigentlich hierher gehören.
Die Prinzessin saß einmal auf dem Boden und spielte, der König hob sie in seinen Armen auf; das mochte ihr nicht recht sein, im Spiel unterbrochen zu werden, und sie rief ihm zu: »Hundsfott!«
Der König schellte das ganze Haus zusammen, und rief mit erstickter Stimme: »Wer hat der Prinzessin das Schimpfwort beigebracht?« Als alle schwiegen, sprach er: »Gut, es mag für diesmal hingehen; wenn aber meine Tochter noch ein einzig mal ein Schimpfwort sagt, so kommt alles fort was hier im Schlosse ist, darnach richtet euch!«
Der König wurde unbeschreiblich geliebt. Niemand wollte ungehorsam sein. Kein Mislaut erklang ferner vor den Ohren des Kindes. Da ließ sich die zweite Gouvernante irgendein Versehen zu Schulden kommen,[189]  worüber die kleine Hoheit aufgebracht wurde. Das dem Menschen angeborene Bedürfniß, ein zürnendes Wort auszusprechen, wurde mächtig rege, aber die Kleine fand keines und brach in die Worte aus: »Sie sind, Sie sind ein rechter zinnerner Teller!« Denn Schnöderes kannte sie nicht. Ich glaube nicht, daß der König um die Sache erfuhr, weiß aber, daß die Prinzessin ihr Wort gern zurückgehabt hätte, und sich schämte.
Auch die Erziehung der Prinzen wurde mit großer Sorgfalt geleitet. Der König sah es nicht gern, wenn sie ohne Gefolge über die Straße gingen, oder im Walde umherstreiften. »Ihr werdet schon sehen«, rief er ihnen zu, »was das auf sich hat, und wozu es führt.« Die Prinzen glaubten ihm nicht, sie blieben auf den eingeschlagenen Wegen. Dies würde gut gegangen sein, wenn der Oheim, der Herzog Anton, welcher kinderlos war, nicht auf die Thronfolge bestanden hätte, auf welche er allerdings das Recht durch die Geburtsfolge hatte, dem aber der Herzog Max zu Gunsten seiner Söhne entsagte. Herzog Anton ersehnte den Thron für die Zeit, wo sein Bruder ihn leer lassen würde. Bei diesem Wunsch kam weder Ehrgeiz noch irgendein persönlicher Beweggrund in Anschlag. Der Herzog konnte und wollte nicht Dynast werden. Er liebte zärtlich seine Neffen. Allein der König, sein Bruder, war nach seinem Sinne noch nicht genug darauf bedacht, das Land der Römischen Kirche zuzuwenden, und räumte der Augsburgischen Confession noch immer zu große und zu viele Rechte ein. Herzog Anton glaubte größeres Heil für seine Unterthanen zu erzielen, wenn er sowol Rechte als Pflichten der Katholiken auf das möglichste ausdehnte, und ihnen soviel Begünstigungen zuwendete, als nur immer statthaft sein konnten. Bei der Aufzählung derselben, will[190]  ich nur bei dem ganz allgemein Bekannten stehen bleiben.
Für jedes Kind von evangelischen Aeltern mußte für den Schulunterricht gezahlt werden. Es gab viele Familien, besonders im Erzgebirge, welche nicht genug verdienten, um Brot für ihre Kinder zu kaufen. Dem Schulmeister trug seine kleine Besoldung nicht genug ein, um Schulgeld für seine Kinder zu entbehren. Nun wurde den Aeltern vorgestellt, daß sie ihre Kinder nur in die katholische Schule zu schicken brauchten, dort würden sie umsonst unterrichtet und brauchten nicht den katholischen Glauben anzunehmen. Viele schlugen freudig ein, und sahen in dieser Begünstigung nur eine Handlung der Menschenliebe. Vielleicht war sie es auch ursprünglich, allein man sah nichtsdestoweniger die meisten dieser Kinder zum katholischen Glauben übergehen. Eine andere Hauptursache, daß viele Evangelische übertraten, ging wahrscheinlich nur aus der Lage der Dinge im allgemeinen hervor. Es gab viele Witwen und Jungfrauen reifen Alters, die sehr eifrige Katholiken waren und sich zu verheirathen wünschten. Sie wurden mit jungen evangelischen Bürgern bekannt, die man darauf aufmerksam machte, daß manche nicht unbedeutende Vortheile durch eine eheliche Verbindung mit diesen Matronen und abgeblühten Mädchen zu ermitteln seien; allein die Hauptbedingung sei die Heimkehr in den Mutterschos der Kirche. Dies alles ging geräuschlos zu.
Herzog Anton war kein ganz theilnahmloser Zuschauer bei diesen Vorgängen. Seine edle Gemahlin, ein Musterbild von Güte und Menschenfreundlichkeit, eine jüngere Tochter von Maria Theresia, that überhaupt viel Gutes, und vergaß nicht, den Neubekehrten Wohlthaten[191]  zu erzeigen. Sie hatte Maria Theresia's Eifer für das Seelenheil ihrer Unterthanen, doch es war Milde in diesem Eifer, weshalb er um destomehr wirkte.
Herzog Anton und seine Gemahlin träumten von einer seligen Zeit, wo das schöne Land Sachsen nur ein Hirt und eine Heerde sein würde. Herzog Anton sehnte sich nach einer Wallfahrt nach Rom, konnte aber keine bewerkstelligen. Er ließ mithin die Zahl der Schritte und das Maß der Zeit berechnen, welches erforderlich wäre, zu Fuß nach Rom zu gehen. Man belehrte ihn, daß er sein Ziel in drei Jahren erreichen könnte, wenn er täglich einige Stunden damit zubrächte. Weil nun der Herzog darauf verzichten mußte, nach Rom zu wandeln und dort den Segen des heiligen Vaters zu empfangen, unternahm und vollendete er seine Wallfahrt auf den Knien rutschend in seinem Zimmer. Sie war nun kaum beendet, als Friedrich August in das Jenseits hinüberging und sein frommer Bruder das Scepter ergriff, das jener über ein halbes Jahrhundert rühmlich geführt hatte.



 IV.
Uebersiedelung nach Dresden.










[192] Ich bin hiermit den Begebenheiten vorausgeeilt. Friedrich August lebte noch, als ich nach Dresden kam. Ich war bei seinem Jubelfeste. Das ganze Volk fühlte Rührung und Erhebung.
Der Ruf der schönen Gegend, die größere Wohlfeilheit der Lebensmittel, die Sehnsucht nach einigen sehr theuern Personen, die dort lebten, waren meine Beweggründe zu dieser Aufenthaltsveränderung. Die Lücke in meinen Einkünften, welche meine Reise nach Berlin gerissen hatte, wurde zwar durch die Huld des Königs und die Fürsorge des Fürsten Staatskanzlers zum Theil ausgebessert; allein es geht immer so mit solchen Lücken: die Entschädigungen werden dadurch mangelhaft, daß sie zu spät kommen. Niemand hat ärmlicher in Berlin gelebt als ich, und niemand ist entblößter von allen Mitteln als ich nach Dresden gekommen. Uebrigens werde ich noch einen andern Augenblick und Platz finden, um von einigen meiner liebsten Freundinnen zu sprechen, die ich in Berlin zurücklassen mußte, und die nun beinahe alle im bessern Jenseits sind.[193] 
Da ich die Unterrichtsanstalten in Dresden gar nicht kannte, hielt ich es für angemessen meinen Kindern einen Lehrer mitzunehmen, der sehr befähigt war, und sich überhaupt als uneigennützig bewährt hat. In wenigen Tagen erreichten wir Dresden, und trafen am 7. October, Dienstag, dort ein. Ich ließ mich sogleich zu Fräulein Therese aus dem Winkel führen, welche ihr niedliches Häuschen am Elbufer bewohnte. Ich winkte Lottchen, die mich gleich mit Freudenbezeigungen wiedererkannte, mich nicht anzumelden, und trat an der Hand meiner Kinder in den Salon.
Hier bewillkommten mich erfreute Blicke. Baron Malsburg, Luise Brachmann, Therese aus dem Winkel, vor allen Graf Loeben bewillkommten mich mit wahrer Herzlichkeit. Ganz überraschend war meine Ankunft nicht; denn es hatte in einer berliner Zeitung gestanden, daß ich im Begriff sei nach Dresden zu reisen. Ich erwählte abends zum Vorlesen eine Ballade, die seltsamerweise eine Beziehung auf Malsburg's Herz und Geschick hatte, und ihn wehmüthig ergriff. Hier ist sie:

Mary und Sandy.

Der Mond erklomm des Hügels Höh',
An dessen Fuß der Dee entquillt;
Vom Hügel fern im Osten schwebt
Auf Thurm und Wald sein Silber mild.
Da neigte sich Mary zur Ruh',
Dacht' ihres Sandy auf dem Meer,
Und eine sanfte Stimme spricht:
»Du Holde, wein' um mich nicht mehr!«

Vom Kissen neigt sich sanft das Haupt,
Fragt bebend: »Wer ist's, der hier spricht?«
Da sah sie ihren Sandy steh'n
Schneeweiß, und trüb sein Augenlicht.[194] 
»O süße Maid, kalt ist mein Staub!
O tief im Grund vom weiten Meer,
Fern, fern von dir schlummr' ich so fest,
O Liebe, wein' um mich nicht mehr!

Drei Tag' und Nächte trieb der Sturm
Auf wildem Ocean uns fort,
Wir kämpfen treulich mit der Flut,
Das Schiff zerschellte fern vom Port.
Noch schlug für dich mein liebend Herz,
Als Todesschau'r weht' um mich her;
Still ist der Sturm und still mein Herz,
Drum, Holde, wein' um mich nicht mehr!

O du mein Lieb', erheitre dich,
Bald finden wir uns dort am Strand,
Wo Lieb' ist frei von Schmerz und Harm,
Wo nichts zerreißt ihr himmlisch Band!
Laut kräht der Hahn! Der Schatten flieht.« –
Mary sah Sandy schon nicht mehr,
Doch eine sanfte Stimme spricht:
»Du Süße, wein' um mich nicht mehr!«

Ernst von Malsburg war tief bewegt, dies Bild traf die zartesten und geheimsten Saiten seines Herzens. Seine Charlotte war ihm vorausgegangen. Er sprach nicht von ihr, doch in seinen ausdrucksvollen Augen glänzte eine Thräne. Die sanfte Luise Brachmann trug eines ihrer schönsten Lieder, und Therese eine gefühlvolle Phantasie auf der Harfe vor. Unser Aller Stimmung war feierlich, vor allen die von Graf Loeben, der überhaupt ein Fremdling auf dieser Welt war und blieb.
Es geht mir mit meinen Erinnerungen, wie es den alten Persiern mit der Erfindung des Rosenöls ging. Viele Tausende von Rosen wurden in ein Marmorbecken[195]  voll frischer Flut hineingeworfen, in welchem sich Odalisken badeten. Sie scherzten, stampften, tanzten in dem Bassin umher, und verließen es erst bei der Morgendämmerung. Als es die Gärtner ausschöpfen wollten, bemerkten sie goldhelle Tropfen auf der nun ruhenden Oberfläche der Flut. Ein unbeschreiblicher Duft stieg aus diesen Tropfen hervor. Die Gärtnerburschen faßten sie auf in ein krystallnes Gefäß, dies war das Rosenöl. Das Zerquetschen der Rosen hatte die feinste Substanz der Blume aus ihrem Kelch herausgearbeitet, ihr geheimstes Sein zur Erscheinung gebracht. Nicht anders arbeitete das Misgeschick den Duft meiner Seele aus meinem Wesen hervor.
Ich habe noch einiger Personen des Kreises im Italienischen Dörfchen nicht Erwähnung gethan. Es versammelten sich dort alle Dienstage einige Dichter zu einer Art Kränzchen, man trank Thee, oder las und trug vor. Zwei Fräulein von Goldacker bildeten unser Publikum.
Im Großen besaß Dresden einen andern Kreis, der »Liederkreis« genannt. Hier vereinigten sich aller vierzehn Tage die begabten Geister, die Dresden damals in sich schloß. Fräulein Therese aus dem Winkel gehörte beiden Vereinigungen an. Zum Liederkreis gehörten: der Minister von Nostitz mit seiner liebenswürdigen Familie, der Professor Karl Förster mit seiner holden Gattin, der Professor Hasse, der Dichter Theodor Hell, sein Freund Friedrich Kind, der Hofrath Kuhn, Eduard Gehe, der Hofrath Breuer, Karl Maria von Weber und seine Gattin, Hofrath Böttiger u.m.a., von welchen einige die merkwürdigsten Briefe mitbrachten. So oft eine poetische oder literarische Notabilität nach Dresden kam, wurde sie in den Liederkreis gezogen, der etwas Einziges[196]  in seiner Art war. Der edle Nostitz hatte ihn gestiftet, und überlebte ihn noch; denn selbst in Dresden, wo fast alle Poeten Hofräthe waren, wurde die Poesie durchaus nicht nach Würden geschätzt, und aus dem Umstande, daß die Poeten Hofräthe hießen, ging noch nicht hervor, daß die Hofräthe poetisch waren.
Der Eindruck, den der Kreis selbst machte, war unbeschreiblich. Man denke sich eine Reihe ausgezeichneter Männer, ungezwungen im Saale verstreut und einen Kreis blühender Frauen und Mädchen in bescheidener Entfernung umgebend. Diese waren das liebliche, zum Theil auch das liebende Publikum der glücklichen Dichter: ihre Gattinnen, Schwestern, Bräute in einfachen weißen Kleidern, Blumen in den Locken und am Busen, durch Anmuth und Sittigkeit geschmückt. Sie schlugen die hellen Aeuglein nieder und arbeiteten fleißig, nur selten verrieth eine Regung, ein leises Ach, was in ihrem Innern vorging. Die greise Matrone Obristin aus dem Winckell mit ihren wallenden Silberlocken gab das Signal zum Lesen, wol auch zum Beifallrufen, mit mildem Ernst und feinem Takt. Hofrath Böttiger schlummerte zuweilen über dem Vorlesen eines Gedichts ein; er hatte die Stille nicht wahrgenommen, die nach vollendetem Vorlesen eintrat und ihn aufzuwecken pflegte. Er klatschte nun lauten Beifall, immer noch mit eingekniffenen Augen, wie es seine Art war. Ein Kichern machte ihn aufmerksam; er öffnete die Augenlider, und sah das niedliche Hausmädchen stehen, die ihm Kuchen präsentirte. Auch im Theater schlief er regelmäßig ein.
Eine neue Schauspielerin hatte eine Lieblingsrolle der ausgezeichneten Hofschauspielerin Hartwig übernommen, neben welcher Böttiger saß. Die Zuschauer klatschten Beifall, Hofrath Böttiger nicht minder; doch[197]  als er wahrnahm, daß Frau Hartwig dies Beifallklatschen eines alten Freundes unwillig empfand, wollte er sie trösten, und rief ihr halblaut zu, indem er heftiger applaudirte: »Sie machen besser!«
Ein kräftiges funkelndes Mitglied des Liederkreises war Theodor Hell, dem wir so gemüthliche sinnreiche Lieder danken, soviel verständige Beurtheilungen neuer Erscheinungen in der Literatur schuldig sind. Schriftsteller haben zwei Sprachen, wie der Indier, ein Sanskrit und ein Prakrit. Das Sanskrit ist für die Gelehrten, das Prakrit für die Laien. Es ist wesentlich nothwendig, denn es wirkt unmittelbar auf die Masse ein. Zu dieser allgemein faßlichen Sprache gehört Scharfsinn, Gemüthlichkeit, gediegene Bildung, Klarheit und noch eine Menge von Dingen, die in der pomphaften Literatur für die großen Geister empfindlich fehlen. Wer für das Allgemeine schreibt, ist Meister und Bildner; wer für ein bestimmtes Publikum arbeitet, hat einen bedingten Wirkungskreis. Winkler hat durch die Abendzeitung viel Licht verbreitet, vielseitige Bildung ist aus ihr hervorgegangen. Seine dramatischen Arbeiten haben alle im hohen Grade den Werth der Genießbarkeit. Sein Fleiß war musterhaft.
Freiherr von Nostitz und Jänckendorf ragt aus den Linien der andern Mitglieder des Liederkreises hervor, nicht durch seine Verhältnisse als Edelmann und Minister, sondern weil er als beides das Gemüth und die Humanität hatte, ein Dichter und ein Beförderer des Schönen und Guten in einem so hohen Grade zu sein. Es ließe sich Vieles über seine höchst liebenswerthen Töchter sagen. Eine war die Rose des Geschlechts, eine andere die Nachtigal. Allen verleiht ihr innerer Werth noch Höheres als was der Welt bekannt geworden.[198]  Ich werde noch Anlaß finden, von den andern Mitgliedern dieses schönen Kreises zu sprechen. Er hatte kein Vorbild, und wird vielleicht nie ersetzt, denn unsere Jetztzeit ist nicht was jene war. Von dem was unsere Vorältern entzückte, hat manches seinen Werth für uns verloren. Der Geschmack verlangt nicht blos etwas mehr, sondern noch vor allem etwas anderes.
Eines Morgens kam eine Freundin, Wilhelmine Lorenz, zu mir, um mir vorzuschlagen, auf den Abend die Gräfin Jaraczewska zu besuchen, welche nicht ausgehen könne, weil sie jetzt kränklicher als sonst sei, und mich doch gern bald möglichst kennen lernen möchte. Eine Scheu gegen neue Bekanntschaften hat nie entschieden bei mir vorgewaltet; ich kam mir dann immer vor wie Diogenes, der seine Laterne anzündet und auch bei hellem Tage selten findet was er sucht.
Die polnische Gräfin schickte ihre glänzende Equipage. Ich trat durch eine Menge Diener hindurch in den Speisesaal und Salon, wo ich eine hohe bleiche Dame in einem zierlichen Hauskleide an einem kleinen Stickrahmen fand. Sie lächelte mir mit feinem Blicke und klaren milden Augen entgegen. Ihre hohe herrliche Stirn umwoben goldblonde Locken; ihre Gesichtsfarbe konnte man eher weiß und zart, als bleich nennen. Man sah, daß das Misgeschick dem Alter zuvorgekommen war; so gibt es ja auch Rosen, die vor der Zeit erbleichen. Der Ton ihrer Stimme war angenehm und ausdrucksvoll. Ihr ganzes Wesen zeigte von unerhörter Lebhaftigkeit, durch Sitte gedämpft und in Einklang gebracht. Aus dem ersten Blick auf sie konnte man wahrnehmen, daß man eine ungewöhnliche Erscheinung vor sich hatte. Mein Mangel an Neugier hat mir eine Art Tugend beigebracht, sogar[199]  Klugheit: ich frage niemand um etwas, was seine Verhältnisse betrifft.
Als ich nach einem langen Besuch von der lieben Gräfin mich beurlaubte, wußte ich von ihr nur, daß sie geistreich und liebenswürdig sei, und lebhaft wünsche, mich bald wieder zu sehen. Ihr Haus war sehr belebt durch Besuche von Polinnen. Alle machten Verstand, mehrere hatten welchen. Es fehlte nicht an Prinzessinnen. Alle Damen dieses Kreises waren angenehm, die Unterhaltung sehr lebendig, die Bewirthung glänzend. Herren traf man wenige dort; vielleicht aus Mangel an schönen jungen Damen.
Bei ihrem vielen Geiste hatte die Gräfin noch denjenigen Geist, der im Grunde sehr selten ist, nämlich seinen Geist zu verstecken. Dieser Kunstgriff ist ein Surrogat für den Geist, wo keiner ist; er bringt die Gesellschaft ins Gleiche. In diesen Kreisen war einem ungefähr zu Muthe wie in Pompeji und Herculanum. Pracht und Glanz war zwar noch frisch, aber die Städte waren Ruinen. Mitten in ihrer Herrlichkeit erstarrt nur noch die Lüge von dem was sie gewesen. Geistesheiterkeit, französisches Spiel mit dem Geiste, Prunkliebe, Gastlichkeit in hohem Grade herrschten hier.
Dresden war allen sehr theuer, wiewol die Gesellschaftsstunde nur der Mitternachtstunde glich, wo die Geister der Vergangenheit in Prunk und Putz sich versammeln, singen, tanzen, spielen, lächeln und sich geberden wie Lebendige. Aber die Stunde schlägt, wo alles zerstiebt. Doch diese Geister hatten Hoffnung; Napoleon sollte ihr Messias werden, wenn auch das Königreich Polen nur eine französische Provinz würde, wie zu jener Zeit jedes Königreich war. Und man schrieb schon 1818, und Napoleon schmachtete auf Helena![200]  Die Polen sind kein gewesenes Volk, sondern ein erst werdendes; ihr Unglück selbst wiedergebiert sie. Es schlägt nur die Schlacken von ihnen herunter, damit der edle Kern einst desto prangender glänze. Die Polen sind gewesen, wie manches Volk nie eins gewesen ist; doch was sie waren, werden sie einst wieder sein, wenn auch für eine, vielleicht lange Zeit nur innerlich. In dem chemischen Proceß, der allen Völkern bevorsteht, werden ihre angeborenen Fehler sich läutern; was unhaltbar wird verdünsten, was edler Natur war, wird sich veredeln. Polen hat noch eine Zukunft.
Die wunderbare Frau, mit der ich beinahe ein halbes Jahrhundert hindurch im engsten Freundschaftsbunde lebte, ohne daß unsere Naturen im Einklang gewesen wären, liebte mich mit rührender Zärtlichkeit bis in den Tod. Vielleicht stimmte sie mit mir nicht immer überein, aber niemand hat mich jemals besser verstanden. Sie war poetisch, ohne eine wahrhaft poetische Natur zu sein. Von ihrer Psyche mit den schwirrenden Flügeln waren die Flügelspitzen eingeklemmt, doch die alte Schwungkraft war geblieben, aber gehemmt; ist dieser Zustand nicht ein Schmerz? O gewiß! Und nicht immer konnte sie diesen Schmerz verhehlen. Sie war zuletzt, ungefähr 20 Jahre vor ihrem Tode, einer innerlich gemeinen Natur in die Hände gefallen, welche manches eigenthümlich Schöne in ihr wenngleich nicht vertilgen konnte, dennoch zu entstellen wußte und sie hie und da sich selbst entfremdete. Mit unsaglicher Arglist wurde sie unterjocht, und jammerte darüber in selbstbewußten Stimmungen unhörbar, aber untröstlich. So saugt der Ichneumon dem Edelhirsch nach kühnem behenden Aufschwung langsam und schmeichlerisch das Hirn aus.[201] 
Ein paar kecke Lügen in der Hölle geboren, schufen das ganze Geschick und das ganze Wesen dieser großen thatkräftigen liebevollen Natur auf das bejammerungswürdigste um, ohne daß es gelungen wäre, sie im geringsten zu entwürdigen; denn ihr Wille blieb schön, ihr Bewußtsein rein, ihr Herz weich und gut, nur ihr Muth war gesunken, ihr schöner Glaube an Menschenwerth umdüstert, ihre Begriffe in Unklarheit gerathen und der Standpunkt, von welchem aus sie die Welt anschaute, verschoben. Ich habe nur wenige Menschen gekannt, die bei religiöser Schwärmerei so mild waren und blieben wie sie, die bei dem Hange zur Wohlthätigkeit so für die Zukunft besorgt waren wie sie, und in der eigenen Brust den vollen quillenden Strom der Milde so mühsam dämmten.
Durch Familienverhältnisse stand ihr jemand nahe, dem nichts angelegener sein mußte, als ihrem Herzen wohlzuthun und sie vor jedem Ungemach zu beschützen. Dieser Jemand, den ich nicht näher bezeichne, wurde bei ihr durch fanatische Lügen verdächtigt, als wolle er sie auf irgendeine Weise um das Leben bringen. Die edle Frau glaubte dies. Und so wurden denn ihre letzten Jahrzehnde durch Argwohn und Furcht vergiftet, durch kleinliche Sorgen getrübt. Herrschsucht, und vielleicht etwas Niedrigeres war die Triebfeder dieser Handlungsart. Der Schmerz um die Schicksale ihres Vaterlandes trug zu ihrer Schwermuth bei. Niemand hatte jemals in glänzendern, ehrenvollern Verhältnissen gelebt als sie; doch diese Verhältnisse wurden aufgelöst, oder doch getrübt. Das ehemals so angenehme Haus wurde verödet, die gesellige Natur der herrlichen Frau in ihren edeln Regungen gestört. Ich will nicht mehr von diesem allen sagen, weil ich das Bild, welches ich mit solchem[202]  Schmerz entwerfe, nicht zu deutlich bezeichnen will. Wenn jemand unternommen hätte, das Opfer zu enttäuschen, so würde ihr das Herz gebrochen sein. Gehen wir zu ihrem Geschick über.
Die Gräfin Jaraczewska war sehr jung Witwe geworden und lebte fort, weil sie leben mußte. Ihr Herz war nicht mehr auf Erden. Ihr ganzer Sinn war auf innere Veredelung gestellt, ihr einziger Trost der Gedanke an das Jenseits. Sie verschmähte nicht durch äußere Zeichen ihren Kummer kund zu thun. Nie erschien sie in bunten Farben; keine Vergnügung lockte sie. Wenn eine große Berühmtheit nach ihrem Aufenthaltsort reiste, so suchte sie den Kreis ihrer Bekannten des seltenen Genusses theilhaftig zu machen, doch sie blieb fern. Es schien ihren Kummer zu erleichtern, wenn sie Entsagung übte, irgendeinem Hange zur Zerstreuung und Genuß widerstrebte.
Ich habe ein junges liebenswürdiges Fräulein gekannt, welcher der Tod eine theuere Schwester entrissen hatte, diese wollte das geliebte Andenken durch Entsagungen feiern. Doch auch in dieser Hinsicht ist zuweilen das Leben arm. Friederike von D. fand kein anderes Mittel der Schwester ein Opfer zu bringen, als daß sie keine Erdbeeren aß, weil diese der Schwester Lieblingsspeise gewesen. Ich schrieb in das Stammbuch dieser Freundin:

Kannst du glauben was im Herzen
Innre Stimme dir verheißt?
Kannst du schau'n das Licht der Schmerzen,
Das den Weg zum Himmel weist?

Kannst du für die Wahrheit leiden,
Treu wie er, der dich erkor,
O so wird von dir nicht scheiden,
Was dich ewig hält empor.[203] 
Kannst du lieben die Bedrängten,
Welche kalt Engherz'ge fliehn,
O so wird dem dir verhängten
Lose ew'ge Freud' erblühn!

Glaube, hoffe mit Vertrauen,
Denn dein Engel schwebt um dich!

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Glauben, Hoffen, Ahnen, Schauen,
Alles schließt die Lieb' in sich.

Eine Familie, welche die Gräfin Jaraczewska mit Wohlthaten überhäuft hatte, übte schweren Undank an der großmüthigen Frau. Warum ist Wohlthätigkeit die Erzeugerin des Undanks, dieses schnödesten aller Laster, dessen sich selbst die verworfensten Thiere selten schuldig machen? Wie wenige Menschen kommen dem Hunde an Dankbarkeit gleich! Jene Familie war auf nichts Geringeres aus, als die Gräfin um ihr Witthum zu bringen, und durch beispiellose Ränke war es diesen Ruchlosen gelungen, ihr dasselbe für die letzten zwanzig Lebensjahre zu verkümmern. Die Gräfin hatte die Mutter jener Verwandten im Sinne des Worts vom Hungertode gerettet, die Tochter fürstlich erziehen lassen und ausgestattet. Nicht zu gedenken der übrigen zahllosen Wohlthaten, die sie ihnen zugewendet.
Sie hatte gerichtlich versprochen, jenen Verwandten jährlich 3000 Thaler von diesem Witthum zu zahlen. Als die Gräfin Posen verließ, wohin sie eine Reise gemacht hatte, baten sie jene: sie möchte den nächsten Jahresbetrag dieser Pension für sie bei einem Bankier deponiren, damit sie ihn nach Ablauf des halben Jahres kostenfrei bezögen. Diese Bitte schien natürlich und angemessen, und die Gräfin nahm keinen Anstand sie zu erfüllen. Sie reiste sorglos fort.[204] 
Als das Jahr um war, empfing sie keine Quittung von der Familie V. Zugleich wurde ihr von der Behörde angezeigt, daß die Familie V. den Sequester auf ihr Einkommen gelegt hätte, welches aus jährlichen 24,000 Thalern bestand, weil die Gräfin ihnen ihr Legat von jährlichen 3000 Thalern unbezahlt gelassen.
Dagegen wendete der Advocat der Gräfin vergebens ein, daß die 3000 Thaler beim Bankier derselben für die Familie V. deponirt lägen und daß dies auf Verlangen der Familie V. geschehen sei. Die Behörde versetzte, daß die Gräfin auf dem ordnungsmäßigen gesetzlichen Wege der Bezahlung hätte bleiben sollen,–und die Sache wurde so verwickelt, so entstellt, daß die edle Frau erst über zwanzig Jahre nach Anfang des Processes die letzten 24,000 Thaler, welche ihr zukamen, auf ihrem Sterbebette empfing. Sie schob sie mit der matten Hand von sich, und starb in Gott ergeben, verzeihend den Räubern, und betend: »Herr, vergib ihnen, sie wußten nicht was sie thaten.«
Die Gräfin Jaraczewska hatte unmittelbar nach Anfang des Processes ihr kostbares Silberservice und ihre Juwelen weggegeben, um sich ein Einkommen zu versichern, von welchem sie sparsam und bescheiden leben konnte, und zugleich ihr ganzes Hauswesen auf das strengste eingeschränkt. Standhaft ertrug sie den Verlust ihrer Kostbarkeiten; aber der Undank schnitt ihr in das Herz.
Von den Namen der polnischen Damen dieses Kreises der Jaraczewska erinnere ich mich nur einiger, die sich mir mit besonderer Freundlichkeit näherten: die Prinzessin Czetvertyska, die Gräfinnen Racziberowska, Jablonska, Olenska, alle ausgezeichnet durch Geist und Güte. Der edle Krieger Graf Kniazewitsch kam oft hin. Es war[205]  einem unter den Damen zu Muthe, wie unter heiterm Himmel in einem duftenden Blumengarten. Dennoch war ich mit der Gräfin am liebsten allein, denn zu zweien brach ihr Schmerz meist wie Nachtigalklagen durch ihr Wesen hervor.
Ich blieb noch in Dresden zurück, als die Gräfin es verließ. Ein besonderes Gefühl bemächtigt sich meiner, wenn ich von einem lieben Freund Abschied nehmen komme, und noch einmal in die nun leeren Zimmer trete, um auch von den Räumen, wo ich beseligt war, Abschied zu nehmen. Auf dem Fenster stand eine verwelkte Passionsblumenstaude; ich nahm sie mit, sie erholte sich, trieb Knospen, spendete wieder Blumen, und sogar eine Frucht, welche aber nicht reif geworden ist.
Erst in Baden fand ich die geliebte Freundin wieder. Sie hatte mir oft von Arenenberg erzählt, wo die Königin Hortense sie so liebevoll empfing. Sie sprach gern vom Prinzen Napoleon, dem Sohne des Königs von Holland, von dessen rührender Herzensgüte sie manchen Zug im Gedächtniß bewahrte. In einem ihrer Albums befand sich eine Abbildung vom Wohnzimmer der Königin, welche ich mir oft zeigen ließ.
Auch die Familie des Baron Oelsen mußte aus dem lieben Dresden scheiden. Sein Haus war am Geburtstage des Königs Friedrich August unbeleuchtet geblieben, wahrscheinlich aus Versehen; denn der Gesandte war auf seinem Landgute Vietnitz. Gewiß hatte der edle König die dunkeln Fenster an dem Abende nicht beachtet, wo der Aermste sein Freudenöl in eine Lampe goß, damit es leuchte.
Seit vielen Jahren hatten die freiberger Bergleute von ihrem Solde zurückgelegt, um dem geliebten König[206]  einen Fackelzug zu bringen; wenn ich mich recht erinnere, wurde dieser Festzug abgelehnt, und die Bergleute betrübten sich von Herzen darüber.
Am Jubelfest der Regierung Friedrich August's wagte es der Hofgärtner zu Pillnitz, einer der ältesten und treu ergebensten Diener des königlichen Hauses, die Königsfamilie zu einer Collation in seinem Gartenhause einzuladen. Jedermann staunte, daß der König die Einladung annahm. Niemals war Gleiches geschehen. Die ganze Umgegend hatte sich vor dem Hause versammelt. Ein Sängerchor führte ein patriotisches Lied auf; in den Chor fielen alle Zuschauer des Festes ein. Dieser Augenblick war herzerhebend. Die königliche Familie war zu Fuß vom Schloß in das Gärtnerhaus gegangen, und wurde unterwegs viel tausendfach begrüßt.
Auch bei der Ankunft der kaiserlichen Prinzessin von Oesterreich zeigte sich der Antheil des Volks liebevoll und bedeutsam. Gedrängt standen die Zuschauer vor den Fenstern des Speisesaals, und freuten sich ungemein darüber, daß Prinz Friedrich August und seine Brüder sich unter das Volksgewühl gemischt, um ganz im Stillen die junge Braut zu sehen, die der Kronprinz der Etikette gemäß erst andern Tags sehen durfte.
Im Herzog-Max-Garten lagen die Gärtchen der königlichen Kinder in Abtheilungen nebeneinander. Zum Andenken der Prinzessin Josephine, nachherigen Gemahlin Ferdinand's VII. Königs von Spanien, wurde ein Baum gepflanzt. Er ging ein. Die trübe Vorbedeutung wurde tief empfunden, und erfüllte sich. Die junge Braut ging übrigens ihrer Bestimmung gern entgegen. Man konnte nicht wahrnehmen, daß die Convenienz dies Band geschlossen hatte; denn Herz und Seele der jungen Prinzessin waren thätig dabei, und der unverhehlte Schmerz der ganzen[207]  Familie schloß die Bande der Liebe fester, unauflöslicher um alle ihre Mitglieder her.
Josephine hatte sich stets etwas abgesondert. Die unendliche Liebefülle in ihrer Brust war ein verborgener Hort, den sie aus Zartheit nicht vor fremden Augen funkeln ließ. Doch beim Abschied, da sie die Innigkeit fühlte, womit der ganze Kreis der Ihrigen sie umfing, ging ihr Herz unverhohlen auf, und man sah, wie wohl es ihr that, auch ihrer Zärtlichkeit und ihrem Schmerz freien Lauf zu lassen. Die Familie des Herzog Max lebte an schönen Tagen fast ganz im Freien. Der Garten ihres Vaters war ihr Concertsaal. Alle diese liebenswürdigen Geschwister waren theils als Musiker, theils als Dichter hochbegabt. Sie zeichneten sehr schön. Prinzessin Amalie war bekanntlich die Dichterin der Dramen, welche in fünf Bänden abgetheilt sind, und ist wol die erste Prinzessin, die Honorar genommen. Ihre Stücke werden bekanntlich sowol in Dresden als in andern Städten mit Erfolg gespielt. Der Ertrag war für ein Waisenhaus bestimmt, welches die edle Tochter der Throne vom Ertrag ihrer Arbeiten erbauen ließ. Alle solche Zeitmomente sind neu, sind hocherfreulich.
Erst in Dresden wurde es mir vergönnt, die Gemahlin des Königs Max Joseph von Baiern, mit der ich im Briefwechsel stand, selbst zu sehen. Sie ließ mich rufen. Ich brachte schöne Stunden bei ihr zu. Man könnte von ihr sagen: Ihr Geist war herzig, und ihr Herz geistvoll! In einer Reihe von Liedern, die ich ihr gesungen, hat mir nicht eines genügt, sie ganz nach ihrem innern Werth zu schildern; denn sie überbot stets jede Erwartung, die man sich von ihrer Herzensgüte, von ihrer seelenvollen Huld machte. Sie verweilte lange in Dresden. Ihr Herz mußte hier heimisch[208]  werden, wo die Natur so reich, die Kunst so großartig waltete.
Auf der Brühl'schen Terrasse veranstaltete Hofrath Böttiger eine Ausstellung neuer Kunstwerke im dortigen Saal, um der königlichen Familie von Baiern den Gesammteindruck des Zustandes der Kunst zu gewähren. Froh und bereitwillig sandten alle Künstler die Werke, welche sie zu Hause hatten, dorthin; nur Einer blieb zurück. Als die Aufforderung Böttiger's an ihn gelangte, äußerte er lakonisch: »wenn die Königin etwas von ihm sehen wollte, so möchte sie zu ihm kommen!« Die geistreiche Frau nahm diese Sache sehr gut auf, und kam. Es mag unter denen, welche ihre Gemälde nach der Brühl'schen Terrasse schickten, manchen leid gethan haben, daß sie es nicht auch so gemacht. Es waren sehr geistreiche Männer unter ihnen. Vogel von Vogelstein, dem die Fresken im Schloß Pillnitz aufgetragen waren, hat mich für seine Sammlung gezeichnet. Dies Bild ist wol das beste, das von mir existirt.
Wir besuchten Vogel sehr oft in Pillnitz, und stets mit neuer Freude an ihm, an seinem Schaffen und Walten. Eine seiner vielen Eigenschaften, die mich am unwiderstehlichsten anzogen, ist die innige Verschmelzung des Wahren mit dem, was man Ideal zu nennen pflegt. Seine Gestalten sind was Schiller's »Mädchen aus der Fremde«. Aus der anspruchslosen Wahrheit geht die Anmuth hervor, frisch wie eine neu aufgeblühte Rose, ungesucht und freimüthig wie die heitere lebensvolle Kraft. Vogel war zugleich sehr liebenswürdig als Meister. Seine Schüler arbeiteten beseligt unter seiner Leitung.
Als die Königin Karoline nach Dresden kam, trauerten wir schon um Kügelgen's Verlust. Es gibt Begebenheiten,[209]  bei denen das Auge des Leidenden fragend wie ein stiller Vorwurf gen Himmel schaut. Eine solche war des herrlichen Kügelgen's Ermordung. In Kügelchen wog an innerm Werth und äußerer Vollendung der Künstler den Menschen, der Mensch den Künstler auf. Eine lyrische Natur war er nicht; treuer aber hat wol niemand nach Vollendung und innerer Schönheit gestrebt als er.
Professor Hartmann, der erste Lehrer meines Sohnes Max, verstand die zarte innige Natur seines jungen Schülers. Alles was Max unter seiner Leitung gezeichnet, war von großer Feinheit und Innigkeit. Diese Bilder sind mir leider alle geraubt worden, darunter auch ein entzückendes Jugendbild meines Sohnes, worin seine ganze Seele lebte.
Was soll ich von Friedrich, von Dahl, was von Retsch und dem ganzen glänzenden Kreise der Künstler sagen, die damals in Dresden blühten! Auch ein Herrmann empfing hier seine erste Bildung. Es war eine schöne Zeit! Sie wurde getrübt wie alles Schöne auf Erden. Doch nur im Kampf wachsen dem Muth die Adlerschwingen; der Kampf bringt Gott nahe, und empfängt seine Palme von ihm, sei es die des Sieges, oder die des Märtyrthums.
Karl Herrmann war Schwestersohn meiner geliebten Freundin Wilhelmine Willmar. Sein geistvoller Vater, ein geschickter Rechtsgelehrter, hinterließ den Seinigen kein Vermögen. Er war kein Charlatan, kein Intruigant. Eine der letzten Sachen, die er übernahm, war die Vertheidigung jenes Unglücklichen, der im Wahnsinn seiner Leidenschaft Meuchelmord begangen, um seine Bibliothek zu vermehren. Sein letztes Opfer war eine alte reiche Frau. Er wurde entdeckt, belangt und zum Tode verurtheilt. Ich kenne die nähern Umstände des[210]  Processes nicht genau, aber wenn ich mich recht erinnere, so wollte der Advocat Herrmann das Verbrechen seines Clienten aus seiner unbezähmbaren Leidenschaft für Bücher herleiten, die ein Wahnsinn war, und ihn vermöge dieses Zustandes für unzurechnungsfähig erklären. Ach welch Verbrechen ist kein Wahnsinn? Wollte man überhaupt die Unthaten, die geschehen, von diesem Standpunkte aus untersuchen, so würden die Breter der Schaffotte blank bleiben; denn der Mensch beschönigt sich immer die Beweggründe zu seinen Vergehungen. Der Feind Gottes, der Böse, weiß seine Opfer durch Selbstverblendung zu bethören. Gleichwol gibt es mehr Teufelsleugner als Gottesleugner, und Satan hat eine gewisse Allgegenwart; er wohnt in jedem Herzen, das sich von der Wahrheit und der Liebe abgewendet.
Muthig, beharrlich, in Gott ergeben, rang sich Herrmann zur Selbständigkeit empor. Die Selbstrenge ist etwas sehr Schönes, besonders wenn sie mit der Milde gegen andere gepaart ist. Erbarmen ist die echte Schwester der Tugend! Der Schonungslose, Eigengerechte steht Gott ferner als der Gefallene selbst, denn dieser kann sich wieder aufrichten. Die Selbsterziehung des Menschen bringt die glücklichsten Erfolge hervor, weder Beispiel noch Lehre wirken so kräftig wie sie, und ohne sie vermögen beide wenig.
Ich weiß nicht, ob das heutige Dresden das alte geblieben ist; doch möchte ich es fast glauben. Im Allgemeinen wirkte das Beispiel von oben herab auf das ganze Volk, dies thut es gewiß noch immer.
Die französische Revolution hat ihrer Zeit kräftig gewirkt, einen tiefen heilsamen Schnitt in die Verderbtheit der großen Welt gethan und das Unkraut von der Regentschaft ausgejätet. Wenn große Herren auch noch Maitreffen[211]  halten, so wird doch dieser Passion nicht mehr von rechtschaffenen Menschen gehuldigt.
Die katholischen Geistlichen gestehen gern ein, daß die Reformation wohlthätig auf die katholische Religion selbst gewirkt habe. Zur Zeit meines Aufenthalts in Dresden konnte man das deutlich sehen. Dem Sachsen ist es Ernst um die Religion; und wer aufrichtig religiös ist, liebt auch die Sitte, und ist Freund der Tugend.
In den meisten Beziehungen ließ es sich in Dresden angenehm leben, die Parteien standen einander nicht schroff gegenüber. Vorgänge wie ich in München erlebt, konnten nicht stattfinden. Kein Eberhard hätte auf offener Kanzel Worte wie diese donnern dürfen: »Wehe dir Weib eines Protestanten, welche die Frucht ihrer Ehe im Schos trägt und zur Welt bringt! Dir wäre es besser, du hättest eine Natter geboren.«
Die Bekehrungsversucher blieben in den Schranken der Mäßigung. Jene dritte Partei, die eine Scheidung bewirkt hat, die der Herrnhuter, oder wie man sie sonst nannte, welche die übrigen Glaubensgenossen in der Anzahl überbietet, hielt sich durchaus friedlich, störte nicht und wurde nicht gestört. Dies alles ist wahrscheinlich so geblieben, auf dem Wege zum Guten.
Der Weg zur Seligkeit ist kein breiter, aber die Friedfertigen können nebeneinander gehen.
Otto Heinrich Graf von Loeben wird als Dichter und Mensch unvergessen bleiben; er ist eines wehmuthvollen Andenkens werth. Der bedingende Drang des Lebens hat sein Leben freudlos gemacht, weil er ihm widerstand, ohne seine Fesseln kräftig abschütteln zu können. Er gehörte zu denen meiner Freunde, welche die treuesten und ergebensten waren, und mich am besten verstanden. Er war voll Hingebung, durchaus zart in[212]  Gefühl und Bezeigen, durchaus rein in jedem Sinn. Seine Gattin, eine Geborne von Bressler, liebte ihn zärtlich, obwol beide ganz verschiedener Natur waren. Sie verletzte ihn oft, ohne es zu ahnen, immer ohne es zu wollen. Ihre Neigungen gehörten der großen Welt. Aber die Zustände widersprachen diesen Neigungen. Sie besaß ein anständiges aber beschränktes Vermögen, nebst der Aussicht auf ein glänzendes. Graf Loeben war nicht reich. Es gibt Dichter, die reich sein müßten, damit ihre Lage nicht hinter der Phantasie zurückbliebe, die unaufhörlich ersehnt, was das Leben versagt.
Jeannette sah klar ein, daß Graf Loeben sich in der Arbeit des Schreibens und Dichtens verzehrte, daß Zerstreuung, Erheiterung nöthig seien, um seiner Luftschiffahrt den nötigen Ballast zu geben. Sie veranlaßte Besuche, die ihn vom Schreibtisch wegriefen, dies marterte ihn. Er sagte: seine Augenblicke seien heilig! Er hätte gar zu gern nur mit Gleichgesinnten verkehrt; er fand wenige und konnte dieser wenigen nicht nach seinem Wunsch habhaft werden; dadurch wurde sein Leben in Kriegszustand gesetzt. Es dauerte manches Jahr, bis die zart und leidenschaftlich fühlende Gattin einsah, daß hier ein Opfer gebracht werden mußte. Sie mußte entweder ihren Hang zur Welt, oder er den seinigen zur Poesie aufgeben. Sie liebte ihn zu innig, um nur einen Augenblick anzustehen; doch es war zu spät. Der Kampf mit dem Leben und der Welt hatte ihn zu gewaltsam angegriffen. Er ging einem qualvollen Ende entgegen.
Einige Spottvögel gaben ein Werkchen heraus, benannt: »Unser Verkehr.« Darin heißt eine Person »Isidorus Morgenländer!« Es war witzlos, seelenlos. Eine stupide Menge liebt solche Machwerke. Die Gemeinheit labt sich daran! Isidorus Morgenländer's Person sollte Graf[213]  Loeben lächerlich machen, es gelang aber nicht. Hirnloser Spott erfreut nur hirnlose Menschen! Graf Loeben dagegen fuhr der Spottpfeil ins Herz, und er erholte sich nicht mehr davon, so wenig als sich Baron Malsburg erholte, als Müllner einen Ausdruck in einem seiner Gedichte benutzte, um zu sagen, er dichte »alltäglich«. Hier heißt es leicht »mit Worten tödten«! Und ein Kampf mit ungleichen Waffen ist gefährlich, diese bieten dem edeln Gegner Vortheile, die er nur verschmähen kann. Heiße Wehmuth um die Geschicke seines Vaterlandes hatte sich der Seele meines Freundes bemeistert, seit dem schönen Lande das Korn, das Holz und das Salz genommen waren. Er hätte sich darüber nicht so kränken sollen, die moralischen Schätze waren dem Lande geblieben. Es hatte den Eid der Treue gehalten.
Graf Loeben's dichterisches Talent war unter dem Einfluß der sogenannten Romantischen Schule aufgeblüht, auf die Novalis am durchdringendsten gewirkt. Er fühlte und dachte in seinem Geist und Sinn, war fromm und keusch wie dieser. Die Schule war nicht eigentlich das was Goethe gewollt. Die deutsche Sprache hat ihr viel zu danken doch durch das Hereinziehen der fremden südlichen Formen und Elemente ist im innern Kern eine Verletzung entstanden, davon sie schwer wieder genesen wird.
Die Geschmeidigkeit und Eleganz August Wilhelm Schlegel's reichte nicht immer aus, den fremden Formen Weichheit und Natürlichkeit zu verleihen.
Dorothea von Schlegel sprach uns Frauen alles Urtheil ab; dies war doch auch ein Urtheil, und sie selbst war der Gegenbeweis dieses Satzes, denn sie urtheilte scharf und klar. Ihre Absprechung ist mir nur eben eingefallen, weil ich mein eigenes Urtheil zuweilen geändert habe.[214] 
August Wilhelm Schlegel habe ich lange überschätzt, vielleicht weil ich ihn persönlich kannte. Er hatte schöne feine Formen des Umgangs, welche für ihn gewannen. Ich war sehr unglücklich, als ich ihn kennen lernte. Er zeigte Mitgefühl. Meiner Dankbarkeit erschien alles, was von ihm ausging, in einem höhern Lichte. Zuletzt aber habe ich eingesehen, daß er engherzig und selbstsüchtig war. Sein Bruder klagte bitter darüber, und beide erkalteten ganz und gar gegen einander.
Graf Loeben hatte aus der Schule viel Deutschheit gerettet, mithin beinahe gar keine eingebüßt. In seiner Natur war echt deutsche Gemütlichkeit, angeborene Anmuth. Die Gemälde der altdeutschen Schule brachten ihn zum Katholicisiren; dies war auch mir geschehen. Hat aber doch auch Herder Legenden gedichtet! Auch La Motte Fouqué, der aus dieser Schule hervorgegangen war und eine Manier gefunden hatte, die alle seine Schriften genießbar machte, aber dennoch Manier blieb, gehörte zu den Dichtern katholischer Art; ebenso auch Clemens Brentano. Am freiesten steht Achim von Arnim unter den Dichtern dieser Zeit, zu welchen wir auch Werner rechnen müssen. Graf Loeben hat viel in Prosa geleistet; manches davon verdient auf die Nachwelt zu kommen. Seine »Lotosblätter«, ureigenthümlich, athmen Novalis' Geist. Seine zwei Bände »Novellen«, nach Boccaccio, sind geläutert und im deutschen Geist übersetzt oder vielmehr nachgebildet. Widerwärtig berührt uns darin das stockaristokratische Element. Die deutschen Worte über das Werk der Frau von Staël, »Deutschland«, haben großen Erfolg gehabt, und sind, bis auf einige Irrthümer, voll Geist und Wahrheit. Frau von Staël war mit dem Werke des Grafen Loeben unzufrieden. Sie glaubte vielleicht, die vielen Geister, die[215]  bei ihrem Werke thätig gewesen, müßten ein Meisterstück hervorgebracht haben; denn einer der Fehler der großen Schriftstellerin war ihr Mangel an Selbstvertrauen. Sie begnügte sich nicht, ihre Werke öfters umzuschmelzen, sondern es mußten bei der Umschmelzung Freunde thätig sein, von denen mehrere ihr nicht das Wasser reichten; sie begnügte sich nicht mit der Umschmelzung der Handschrift, sondern das Werk wurde zuweilen fünf mal umgedruckt. Es wäre merkwürdig, wenn der erste Abdruck wiedergefunden würde, er gäbe gewiß die rechte Leseart.
Man fühlte sich in Graf Loeben's Hause behaglich, besonders wenn der Gesellschaftskreis ein kleiner war. Wie soll man leicht Menschen finden, die zueinander passen, wenn man doch manchmal nicht zu sich selber paßt, und sich selbst entfliehen möchte!
Graf Loeben war zu unserm Freund Justinus Kerner gezogen; auch dort konnte er nicht mehr genesen. Er schrieb mir von dort zu meinem Gebutstag einen langen Brief, der schon Luft vom Jenseits athmete. Ich las ihn bei Dorothea von Schlegel. Unser Freund Baron Klinkowström war zugegen. Er sagte: »Sie werden keinen Brief mehr von Graf Loeben empfangen, denn so schreibt man nur seinen letzten Brief!« Er hatte Recht. Bald folgte die Todesnachricht.
Im Salzkammergut fand ich einige Jahre später die Gräfin von Loeben wieder. Sie war dort mit den liebenswürdigen kurländischen Prinzessinnen, ihren theuersten Freundinnen. Wir feierten ein schönes Wiedersehen, durchglüht vom Morgenstrahl der Ahnung des ewigen Wiederfindens. Das irdische Leben ist das Unterpfand der himmlischen Zukunft! Damals besaß ich noch kein anderes,[216]  als das, was die Stimme des Glaubens verheißt. Nach dem Tode meines Sohnes Max wurde mir manches neue Unterpfand zu Theil. Vielleicht spreche ich noch davon, auf die Gefahr hin, verspöttelt zu werden. Denn es werden Zeiten kommen, wo man nach allen Ueberzeugungen von der Nähe und Theilnahme der Vorausgegangenen ringen wird; dann wird jeder einsehen, daß der Alliebende mir vor vielen andern soviel Huld gewährte, um mich zu trösten, die noch so manches Jahr leben mußte, nachdem ihr alles entrissen worden, was das Leben werth macht.
Indeß meine Söhne bei ihrem geliebten Lehrer, unserm verdienstvollen Freund Kaden, liebevollen Unterricht genossen, brachte ich die Morgenstunden meist auf der königl. Bibliothek zu, wo man mir ein breites Fenster mit einem Bureau angewiesen hatte. Hier standen die Chroniken, aus denen ich Auszüge zu meiner Dichtung: »Die drei weißen Rosen«, machte. Als ich diese einst bei Karoline Pichler las, äußerte Friedrich Schlegel das freundliche Wort: »Sie hat die Farbe und die Liebe der alten Zeit!« Geheime Legationsrath Beigel, der Oberbibliothekar, entsprach gern dem Wunsch seines hochverehrten Chefs, des Oberkammerherrn Freiherrn von Friesen, daß man allen meinen Wünschen auf das freundlichste entgegenkommen möchte. Große Körbe von seltenen Werken kamen mir gleichsam in das Haus gelaufen, denn die Morgenstunden auf der Bibliothek genügten meinem Eifer nicht, und ich arbeitete doch am liebsten auf der Bibliothek selbst. In Berlin wurde ich darin eingeschlossen, und einmal vergaß man, mich am Abend zu rufen, es war im Sommer, doch es dunkelte schon. Es gelang mir endlich einen abgebröckelten kleinen Stein zu finden, ich warf ihn durch das Fenster hinab auf einen Studenten, der mit dem[217]  Schließer dann heraufkam mich zu befreien. Bei jeder geistigen Arbeit ist es die belohnendste Zeit, wenn man sie hervorbringt!



O sel'ge Zeit des Strebens und des Ringens!
O Himmelslust in eines Menschen Brust!
O Seligkeit des Schaffens, des Gelingens!

Diese Worte quollen aus meinem Herzen in mein Gedicht. Die darin behandelte Sage »von der Entstehung des Familienwappens von Malsburg« ist dürftig, und vielleicht erfunden, doch sie hat Anmuth; mehr verlangte ich nicht von ihr. »Graf Loeben's Familiensage« ist viel reichhaltiger und viel dankbarer für die Bearbeitung. Die von »Baron Oelsen's Wappen« ist rein erfunden. Was schadet das, wenn die Erfindung nur gefällig ist! Wahrheit und Wirklichkeit sind zweierlei; wo die Wahrheit blüht, bedarf es der Wirklichkeit nicht. Wo die Schönheit lebt, da ist Wahrheit; der Wirklichkeit kann man entbehren.
Es war 1821, als mir ein Bildchen zugesandt wurde, auf welchem die drei weißen Rosen auf blauem Grunde sehr zierlich abgebildet waren; auf einem Zettelchen, mit einem Rosenzweig, standen zwei Zeilen des Gedichts:

Mögst jeder Brust so reine Lust gewähren,
Wie mir entquoll aus deinem Blumenhort!

Es war mein Freund Karl Constantin Kraukling, der die sinnreiche Wahl dieser Zeilen aus den »Drei weißen Rosen« getroffen hatte. Seit 1823 sind wir getrennt, nachdem wir uns seit 1816 gekannt. Heiterer, liebevoller war nie ein freundschaftlicher Umgang als der[218]  zwischen uns, der mich so manches Jahr beglückte, und auch in der Ferne einen Lichtpunkt der seligsten Erinnerung aus der Vergangenheit bildet.
Ich mußte Dresden verlassen, das schöne liebe Dresden, weil meinem ältesten Sohn Wilhelm ein Bad vom Dr. Kranichfeld, Leibarzt des Grafen Stroganow, verordnet war; und da er mir die Wahl ließ, das Meerbad oder das Schwefelbad in Baden bei Wien zu nehmen, so zog ich das Schwefelbad vor. Karl Maria von Weber stimmte zwar für Norderney, doch das war entlegener, und Dr. Kranichfeld hatte versichert, das Schwefelbad würde ebenso vortheilhaft wirken wie jenes; dazu kam, daß ich die »Euryanthe« gern in Wien hören wollte und dort sehr liebe Freunde hatte. Der Doctor hatte versichert, es würde mit einer Badecur nicht abgethan sein. Dies war ein Grund nach Wien zu gehen, wo es jedenfalls besser war zu überwintern, als in Norderney. Es war an einem schönen Junimorgen; Krauklings hatten die ganze Nacht bei mir zugebracht. Sie begleiteten mich noch bis zu Ende der Brühl'schen Terrasse. Unsere Wehmuth war heiß und tief. Mir ahnete nicht, daß ich die lieben Freunde hier auf Erden nicht wiedersehen sollte. Wir schieden ohne Thränen, ohne Worte. Beide konnten uns nicht genügen, der Schmerz war zu heiß, zu tief, und die Liebe zu groß. Nie hatte ich etwas Süßeres und Treueres gekannt als diese beiden. Mir genügen in diesem Augenblick nur die Worte von Ernst Moritz Arndt:

Was blühend im reichen Herzen
Die Jugend so lieblich umschloß,
Ist jeglichem Laute der Schmerzen,
Ist jeglichem Lobe zu groß.[219] 
Alles was ich von diesen Freunden zu sagen habe, ist so schön, so selten auf Erden zu finden, daß ich die Bescheidenheit meines Freundes, der noch lebt, verletzen würde, wenn ich es nur ganz einfach erwähnte. Ich fand in ihm die höchste Redlichkeit und Offenherzigkeit mit der wohlthuendsten Zartheit vereinigt, den unerschütterlichsten Glauben an das Bessere im Menschen, die besonnenste Behutsamkeit, gepaart mit der unbedingtesten Hingebung. Als ich ihn verließ, besaß er noch sein geliebtes Weib und sein Söhnchen Julius. Der Tod entriß sie ihm beide. Nur ein so von oben herab gestärktes Herz kann einen solchen großen Verlust so stark und freudig tragen.
Wenngleich meine Erinnerungen keine Lebensgeschichte sind, so ist es doch mein Vorsatz, nichts darin zu übergehen, was die Ueberzeugung von der Würde und dem Edelmuth des Menschengeschlechts im allgemeinen wecken und bethätigen kann. Vor vielen andern gehört in diese Reihe die edle musterhafte Familie Kaskel. Bei derselben bin ich durch die Rücksicht gebunden, daß ihre Bescheidenheit leicht zu verletzen ist, und man kann doch von ungewöhnlichen Tugenden und Eigenschaften nicht gleichgültig sprechen. Die Familie, die schon damals sehr ausgebreitet war, hat, seitdem ich Dresden verließ, noch viele Mitglieder gewonnen, welche alle derselbe Geist beseelt, dasselbe Herz durchwallt. Das Haupt der Familie, der verstorbene Bankier Kaskel, hielt mich und die Meinigen so werth wie ein eigener Vater. Er sprach nie von seiner Freundschaft, er bewies sie blos. In jeder Regung des Wohlwollens, und in jedem Ausdruck des Gefühls nahm man die herzigste Einfachheit wahr. Alles was diese liebenswerthen Menschen dachten, sagten und thaten, ging aus innerer Nothwendigkeit hervor, und[220]  zeigte von Gewöhnung des Guten und Schönen. Man sah, daß der Blick ihrer Seele stets auf ihr Herz gerichtet war, und daß beide stets im Einklang blieben. Ihre Zeit war durch häusliche Pflichten sehr bemessen, daher auch ihr Kreis sich auf den nothwendigsten und liebsten Umgang beschränkte. Musik belebte die Winterabende, künstlerische und ästhetische Gespräche blieben stets von Anmaßungen frei; wirkten deshalb um so erquickender.
Ich kann nicht verhehlen, daß Frau Sarah Kaskel, der ich während der sechs Jahre meines Aufenthalts in Dresden soviel zu danken hatte, jetzt am Rande meines Grabes mich noch neu belebt hat. Sie und ein Verein von Freunden und Freundinnen, der mir nicht mit Namen bezeichnet worden ist, sowie eine Majorin S., eine Frau von Geist, Seelengüte und Liebenswürdigkeit, haben mich noch kräftig unterstützt; denn ausgeraubt von frechem Diebsgesindel wäre ich meinen Widerwärtigkeiten unterlegen, wenn diese großmüthigen Hülfsleistungen nicht unerbeten zu mir gelangt wären, als es noch Zeit war. Einige wohlmeinende Freunde hatten in meiner trostlosen Lage das Mitgefühl edler Menschen für mich kräftig aufgefordert, und wer irgend Gefühl hatte und jene seelenvollen Worte gelesen, legte gerührt und still sein Opfer auf den Altar der Milde hin. Ach, es gibt so viele, die in dieser Zeit ohne ihre Schuld im Unglück schmachten, so viele die gehindert sind, ihrem edeln Herzen Folge zu leisten! Mein Herz segnet Alle, und selbst die, die sich der Bitte verschlossen, welche durch unüberlegte Worte manche liebreiche Regung für mich bei Edeln bekämpften und zerstörten. Schaden wird unnennbar leicht, nicht aber das Helfen! »Wenn das Gute leicht würde«, sagt der edle Herzog Johann, »so hätten wir schon den Himmel auf Erden!«[221] 
Eines Abends, als ich in heiterm und traulichem Gespräch mit Frau Kaskel saß, trat Hofrath Weigel ein, und überraschte uns schmerzlich mit der Schreckensnachricht von Kotzebue's Ermordung, die mich mit kalten Schauern durchdrang. Eine unbestimmte weissagende Ahnung breitete ihr Gewölk um mich her, mir war zu Muthe, als könne man auf der Welt nicht wieder froh werden, denn das Geschehene war schlimmer als ein Verbrechen. Nicht Rachgier, nicht Haß hatten den Dolch in das Herz des wehrlosen Greises gesenkt, er fiel als Opfer eines Verdachts, der vielleicht keinen Grund hatte. Die That war grausam und konnte nur traurige Folgen nach sich ziehen, denn nur aus dem Guten kann Gutes entstehen! Der junge Mörder hatte gut getroffen. Lautlos wand sich das Opfer auf dem Boden herum. Sein Blut bespritzte das Kleid seines sechsjährigen Töchterchens, das eingetreten war, die Schrecken, die ihrer harrten, nicht ahnend.
Man erfuhr erst später von der Verbindung, in welcher Sand gelebt, und das Todeslos gezogen hatte, das unabsehbare Folgen nach sich zog. Es war eine Begebenheit, jammervoll von jedem Gesichtspunkt aus; eine beispiellose Unthat, die das Herz der ganzen Menschheit verletzte, und der ganzen deutschen Jugend, ja der europäischen, Frieden und Freude nahm. Nach meiner Ansicht war diese That das Saatkorn alles künftigen Unheils, selbst dessen, womit wir noch heute ringen, und der Stahl, dem die Blutströme einer Revolution entquillen. Der Funke, dessen Flammen Länder einäschern, woraus entsteht er? Aus Worten. Schiller's »Räuber« waren das Saatkorn der That Karl Sand's. Ahnte das dem guten, dem großen Geiste nicht, der dies Werk geschaffen? Nein! Denn bewußtlos erfüllen die Menschen[222]  die undurchdringlichen Beschlüsse der göttlichen Vorsehung.
Mir wurde das schätzbare Vergnügen zu Theil, meinen Freund Ludwig Tieck mit Kaskels bekannt zu machen. Anfangs ging die Sache sehr lau vor sich, Kaskels liebten nicht das, was man Bekanntschaften nennt. Sie wollten einen kleinen geistvollen Kreis, den sie um sich her vereinigten, nicht erweitern, ihr Leben war so schön und harmonisch ausgefüllt. Der Zeitpunkt lag überhaupt nicht mehr fern, wo man nicht mit Unrecht neue Bekanntschaften scheute; dazu kam, daß mich an diesem Tage ein Unwohlsein befiel, welches mich hinderte, am Gespräch Antheil zu nehmen, und mich zwang, nach Tisch, wo ich nichts genossen hatte, mich nach Hause zu begeben. Doch die Bekanntschaft war eingeleitet, einige Berührungspunkte wurden angeregt, und die Folge bewies, daß ich mit Recht versucht hatte, Menschen einander zu nähern, die es werth waren sich zu kennen.
Auguste von Buttlar, Schlegel's liebenswürdige Nichte, gehörte auch in den Kreis der erkorenen Naturen, die in Dresden wie in einem Brennpunkt versammelt waren. Die geistvolle Mutter dieser jungen Freundin hatte den Fehler begangen, zu ängstlich für die Zukunft ihres Kindes besorgt zu sein. Auguste, die begabte Künstlerin, war von der Mutter bestimmt worden, sich auf Reisen auszubilden, und bedurfte nach ihrer Ansicht eines väterlichen, einsichtsvollen und zärtlichen Begleiters.
Ein Baron Buttlar, der durch ein Mitglied des Hauses um all ihre Wünsche wußte, schien ihr in dem allen zu entsprechen, bewarb sich um Auguste und empfing ihre Hand. Es gibt Naturen, die unwillkürlich und unbewußt alles beherrschen, was in ihrer Nähe lebt; sie[223]  wollen die Vorsehung ihrer Angehörigen sein; dies glückt nur selten, denn es ist eine Vermessenheit.
Zu den lobenswerthen Eigenschaften des Baron Buttlar gehörte die eine höchst schätzbare, daß er die schöne Natur seiner Gemahlin nicht in ihrer Entwickelung hemmte. Ich kann nicht darüber urtheilen, ob er Einfluß darauf übte, daß sie katholisch wurde. Ich glaube es nicht. Er selbst war es geworden, um doch etwas zu sein. Ich glaube, die Liebenswürdigkeit Dorothea Schlegel's hatte darauf eingewirkt. Wir alle, die wir Augusten zärtlich liebten, waren froh, daß sie in diesem Entschluß einen Anlaß gefunden, selbständig zu handeln, und sich darin glücklich fühlte. Frau von Buttlar war Mutter zweier liebenswürdigen Mädchen geworden, sie verlor das eine durch den Tod; darauf wurde sie Witwe, und lebte nun ganz ihrer Kunst, in der sie ausgezeichnet ist. Sie war Gerard's Schülerin. Ihre Bildnisse sind durchaus charakteristisch und anmuthsvoll, und ihr Name ist in jeder Beziehung geachtet. Ihr schönes rühmliches und beglückendes Dasein beweist, wie eine edle Natur, die sich selbst bewahrt hat, durch sich selbst glücklich werden kann.
Ich hatte auch die Freude, in Dresden die liebenswürdige Gräfin Julie von Eega, die ich schon in Paris gekannt, wieder anzutreffen; wir sahen uns oft. Sie hatte den Muth gehabt, unwürdige Fesseln zu zerbrechen. Der Gemahl, der in Portugal zwar nur in effigie an einem Strange hing, durfte nicht mehr an ihrem Halse hangen. Sie war geflüchtet und frei; sie blieb es, bis die Verhältnisse sich so günstig gestalteten, daß sie dem Herrn von Stroganow, einem der liebenswürdigsten und geistvollsten Männer, die ich je gekannt, ihre Hand geben konnte. Selten sieht man ein Paar so ganz füreinander geschaffen wie diese.[224] 
Als wir den großen Meister Dahl besuchten, trafen wir dort einen Herrn, dessen Gestalt und Wesen nichts Gewöhnliches verkündete, dessen Gespräch uns fesselte. Ich errieth bald, wen ich vor mir hatte. Es war der edle Vater der Gemahlin Dahl's. Der Schmerz hatte seinen Zügen ein ausgeprägtes Siegel aufgedrückt. Doch wie Jean Paul sagt: »Tief im Menschen ruht etwas Unbezwingliches, das der Schmerz nur betäubt, nicht besiegt!« So hatte auch er im Kampf mit Geschick und Menschen sich selbst erhalten, und fand Trost und Liebe im Kreis der Seinen. Ich konnte mir nicht gestatten, Baron Bl. meinen Freunden vorzustellen; denn er verbot es streng, er durfte nur zuweilen und insgeheim bei seinem Eidam leben.
Auch Friedrich, den gedankenreichsten Landschaftsmaler unserer Tage, den ich gekannt, besuchten wir. Ferdinand von Olivier, den ich später auch in Wien antraf, strebte auf ähnlichem Wege zu den Höhen der Kunst hinauf. Diese zwei und der ernste Maler Krause, der herrliche Sachen aus Südamerika mitgebracht, erklommen, ohne sich zu kennen, steile Höhen zu gleichem Ziele. In Friedrich fand ich größere technische Vollkommenheit; was er schuf, stand da wie eine Wirklichkeit. Als wir in seinem Gemälde »Die Stubbenkammer« die Luft bewunderten, sagte seine holde Gattin leise wie in einer Andachtstätte: »Den Tag, wo er Luft malt, darf man nicht mit ihm reden!« Sie erschien mir sehr liebenswürdig, als sie das sagte. Die Demuth eines schönen Frauenherzens, die Liebesfülle der weiblichen Natur leuchteten in stiller Herrlichkeit daraus hervor. Stroganows waren über das, was wir gesehen, ganz entzückt. Leider war Friedrich nicht anwesend, ich hätte ihn herbeigewünscht.
Ich hatte in Dresden einen deutschen Miniaturmaler[225]  aus Kurland kennen gelernt, der sich besonders hinsichtlich des Colorits zu einer bedeutenden Höhe aufgeschwungen hatte, sein Name war Oechs. Sein Bildniß Ludwig Tieck's war das beste unter den Bildnissen dieses Dichters, das ich gesehen habe. Es offenbarte den Menschen, den Dichter und den Genius. Vortreffliche Künstler hatten vergebens die Gediegenheit und technische Vollendung seiner Arbeit erstrebt, ihm war sie als freie Himmelsgabe geworden. Es konnte nichts anderes aus ihm hervorgehen als das Köstlichste und Vollendetste. Sein »Eulenboek« und seine »Mignon« strahlten in derselben Vollkommenheit. Freund Kraukling hatte seine Gattin von ihm malen lassen, doch bei dieser Darstellung kam ihm seine hohe Meisterschaft in die Quere. Sie gelang nicht, weil er zu strenge Anforderungen an sich selbst machte. Karoline Kraukling stand zu sehr aus allen Linien heraus, als daß sie hätte gemalt werden können. Die unnennbare kindliche Anmuth ihres Wesens gehörte der Erde nicht, sondern jenseits hin, wo sie hinging, nachdem sie kurze Zeit hienieden verweilt. Ich habe nie etwas gekannt, das ich durchaus mit ihr vergleichen könnte. Die herrlichen Frauen und Jungfrauen, deren Wesen mir in meinem langen Leben offenbar geworden, hatten zumeist etwas Angeeignetes, und erschienen mir vortrefflich in dem, was sie sich selbst dankten. Bei ihr stand jede schöne Eigenschaft im Einklang zum Ganzen ihres Wesens, und war freie Gabe des Himmels und der Natur. Kraukling's scharfer richtiger Blick hatte bei der ersten Begegnung das ganze Wesen und Sein dieses entzückenden Geschöpfs durchschaut; denn er sagte seinem Freunde Johann Georg von Körber: »Hast du das Mädchen betrachtet, welches an uns vorüberging?« »Gewiß, ja!« erwiderte Körber. »Wie findest du sie?« »Anmuthig!«[226] 
war die Antwort. Kraukling sprach leise: »Wenn diese nicht meine Frau werden kann, so soll nie eine mein werden!« Körber kannte die Festigkeit seines Charakters, seine Strenge und Weichheit, die Innigkeit und den Reichthum seines Gemüths, er zweifelte keinen Augenblick, daß des Freundes ausgesprochener Entschluß für Zeit und Ewigkeit gefaßt sei. Es war die liebevolle Anhänglichkeit seiner Freunde, die Kraukling in Stand setzte, sie wieder zu finden, die ihm seit der ersten Begegnung ein Jahr hindurch verschwunden war, die er nicht wiederzufinden hoffte, dochwiederfand, und in der er das süßeste Glück des Daseins genoß, bis der Tod sie ihm für diese Welt entriß.
Ich habe mich auf diese wenigen Worte beschränken müssen, um von diesem geliebten Paare zu reden. Es gibt eine Verschämtheit der Tugend, wie eine der Liebe und des Glücks, die wollte ich nicht verletzen. Diese Freundschaft war für mich ein Himmelspfand für die Ewigkeit. Ich sah einmal wieder, was der Mensch durch sich selbst vermag; und daß es kein Schicksal gibt, sondern eine über Alles waltende Vorsehung. Man kann das nicht Schicksal nennen, was uns geschieht, sondern allein was wir sind; und der einzige Verlust auf Erden ist der, wenn wir uns selbst verlieren!
Ein kurländischer Freund, den mir Kraukling zuführte, Dr. Rosenberg, heilte Wilhelm's erkrankte Augen bald und sehr gründlich. Dieser grundgelehrte und liebenswürdige Arzt schien das vortreffliche Bild, das der Künstler Flor bei einer Reise von Italien nach Deutschland von meinen zwei Söhnen gemacht, und das wol zu seinen gefühlvollsten Werken gehört, zu seinem Eigenthum zu wünschen. Ich konnte es nicht abschlagen, und gestehe nun, daß ich mich im Herzen sehr schwer davon trennte. Jene vergangene Zeit, wo mein Wilhelm innerlich und äußerlich[227]  so ganz verschieden von jetzt war, blühte in dem herrlichen Bilde, sodaß sie aus meinem Leben mit ihrem rührenden Frühlingsglanz, ihrer seelenvollen Zartheit und leuchtenden Begeisterung seit dessen Verlust nun auch verschwunden ist. Ich bin seit der Zeit nur selten so glücklich gewesen, Flor wiederzusehen. Er hat mich eines Abends gezeichnet, wo wir mit W. Hensel und andern Freunden bei Graf Kalckreuth beisammen waren. Graf Kalckreuth las uns gerade seine »Ebba, Gräfin von Brahe« vor, die das Schönste ist, das ich von ihm kenne. Sie geht zu Herzen und beseligt uns mit dem unendlichen Schmerz, der das Göttliche in der Menschenbrust weckt; wir nennen ihn Schmerz, da doch keine Wonne ihm gleichkommt.
Mein Bild von Flor ist das einzige, was mir nicht geraubt worden ist; es ist flüchtig gezeichnet, aber doch sehr geistvoll und lebendig aufgefaßt. Das von Hensel war in einem ganz andern Geist entworfen, die Freunde nannten es »Schwanemine« und das von Flor »Helmine«. Hensel hat seine Zeichnung verloren. Mir ist die vortreffliche, welche Vogel gemacht hat, hier in Genf Anfang Juni vorigen Jahres abhandengekommen.
Anfang Januar 1818 veranstaltete Hofrath Böttiger, daß mich die Ministerin Baronin von Oelsen, geb. Baronesse von Sydow, in Gesellschaft ihrer Schwägerin aus Kurland aufsuchen kam und zu sich einlud. Beide liebenswürdige Frauen wurden meine Freundinnen, und ich verlebte mit ihnen schöne Stunden. Friederike von Oelsen war durch ihre schwankende Gesundheit zu der Reise nach Dresden veranlaßt worden. Sie besaß viel Verstand, viel Natürlichkeit und Anmuth.
Charlotte hatte ihre geistigen Anlagen sorgfältiger gepflegt als ihre Schwägerin Friederike, doch bei keiner von beiden vermißte man etwas, weil die eine durch innern[228]  Reichthum seltener Art ersetzte, was ihr an Bildung fehlte, und die andere wiederum durch diese bedeutend erschien. Wir waren beinahe täglich beisammen. Frau Friederike von Oelsen besaß ein liebliches reichbegabtes Töchterchen, Lodoiska, es lebte nur acht Jahre. Ihrem kleinen Sohn Feodor fehlte es nicht an natürlichen Anlagen, doch sie wurden nicht sorgfältig genug gepflegt.
Bei Oelsens wurde ein Familienfest veranstaltet. Ich dichtete ein Festspiel dazu; ein Halbkreis von hohen Bäumen in Kisten, und ganz von herrlichen Blumen umgeben, bildeten einfach und wirkungsvoll die Scene. Der junge Baron Oelsen, Sohn des preußischen Gesandten, erschien nach dem Vorspiel in Rittertracht, und sprach mit Ausdruck die Ballade, welche die Familiensage enthielt. Ein glänzender Kreis von Zuhörern war zugegen und schien mit der Dichtung zufrieden. Auch Clauren war dabei und sagte mir höchst verbindliche Sachen. Ich glaubte ihm einen Dienst zu erweisen, wenn ich ihn auf das aufmerksam machte, was mir in seinen Erzählungen anstößig war, das war eben das Anstößige. Er nahm meine Bemerkungen als ein Mann von Geist und Welt auf. Ich habe später Gelegenheit gehabt, Briefe an ihn zu lesen, die sicherlich auf den Knien geschrieben waren, denn sie lauteten wie die Bitte eines Delinquenten um Gnade. Die Herren Verleger legen wol den Maßstab an Producte der Autoren, den ihnen der muthmaßliche Betrag des Ertrags in die Hände gibt. Der wirkliche Werth der Schrift kommt dabei selten in Betracht, das ist natürlich und consequent.
Im März war Kind's Geburtstag, zu dem ich ein Lied verfaßte, welches in der »Abendzeitung« steht und ihm viele Freude bereitete. Er lud eine anmuthige Gesellschaft ein, in welcher sich Karl Maria von Weber und seine Karoline sehr[229]  verdient machten. Sie führten Charaden auf, desgleichen sinnreiche Sprichwörter ohne Dialog. Nicht minder ergötzten sie durch ihren allerliebsten Gesang von Volksliedern. Höchst erfreulich sind solche Bestrebungen einen Kreis zu erheitern, wenn sie rein und unbefangen aus der Gesinnung für diesen Kreis hervorgehen.
Weber und seine Gemahlin besaßen im höchsten Grade die Gabe der improvisirten Darstellung. Ich glaube, dies war der letzte Geburtstag Kind's, zu dessen Erheiterung Webers beitrugen, denn der Freischütz war noch nicht aufgeführt worden. Der Erfolg dieser Oper, der ein beispielloser war, und die Herzen des Dichters und Componisten fester aneinander schließen gesollt hätte, riß sie schroff voneinander los. Weber hatte wirklich unrecht gegen Kind, auch Kind gegen Weber. Das Publikum ist durch diese Spaltung um einen herrlichen Genuß gekommen, denn Friedrich Kind schrieb nun nicht seinen »Cid«, den er schon entworfen hatte. In Betreff des Textes zu meiner »Euryanthe« wagte ich Einwürfe an Weber. Der Plan der Oper, den ich für ihn ausgesonnen hatte, wurde durch seine Umänderungen umgeschmolzen, und ich fand ihn unpopulär, fügte mich aber dem Wunsche des großen Meisters, und suchte ihn durch Entsprechen seiner Absichten von meiner Bewunderung und Liebe zu überzeugen. Ich wünschte die Oper volksthümlich und zugleich trubaduresk zu behandeln, den Leitfaden des alten Fabliau nicht aus den Händen zu lassen. Weber hatte Bedenken wegen des Veilchens auf Euryanthens Brust, Ludwig Tieck vermehrte diese durch seine Bemerkungen. Weber, der auch später im »Oberon« bewiesen, wie sehr das Geisterelement sein eigenes war, wollte eine Umwandelung, bei welcher es angewendet würde. O, wer daran gedacht hätte, daß Bellini's[230]  Norma mit zwei Kindern auf der Bühne erscheinen würde, würde aus dem unschuldigen Veilchen der Euryanthe kein Bedenken gemacht haben und die Dichtung würde wirksamer geworden sein, wenn man ihr treu geblieben wäre. Es rächt sich jedesmal, wenn man eine Geistesschöpfung ihrer eigentlichen Natur entfremdet.
Ich und Malsburg sahen uns oft. Unsere gemeinsame Bewunderung Calderon's veranlaßte eine Beschäftigung, die für mich große Annehmlichkeiten hatte, nämlich eine gemeinsame Bearbeitung einiger sinnigen Stücke. Das geistfunkelnde Schauspiel: »Es ist besser als es war« hatte Baron Malsburg nebst einigen andern schon vollendet. Ich habe noch kein Gegenstück zu einem herrlichen Kunstwerk gelesen, gesehen oder gehört, welches die Wirkung des Urbildes auf mich gemacht hätte, es stand oft tief darunter. Die Gründe davon liegen auf flacher Hand, und brauchen hier nicht erst erörtert zu werden.
Calderon gefiel sich in den Pendants, gleichwol ist seine »Aurora« keine »Sibylle des Orients«. Calderon scheint darauf verzichtet zu haben, zu seinen bewunderungswürdigen Stücken, wie z.B. »Das Leben ein Traum« u.a., ein Gegenstück zu schreiben, indem ihm das zur »Sibylle des Orients« mislungen war. Calderon war der rechte Dichter für Naturen, wie die von Malsburg und ihresgleichen. Calderon war Spanier, Priester, Adelicher, Aristokrat, Royalist, dies alles in einem edeln Sinn. In »Luis Perey«, »Der Gallego«, »Die Belagerung von Alpujarra« u.a., und vor allem im »Schultheiß von Zalamea« macht er sich auf die feinste und einschneidendste Art über Thorheiten und Lächerlichkeiten eines stumpfsinnigen Adelichen lustig. Dies hat Malsburg nicht gehindert, den »Schultheiß von Zalamea«, und zwar meisterhaft zu übersetzen. Ehe er mich kennen lernte, übersetzte[231]  er das knechtische Stück »Amigo Amante y leal«, das ungeachtet seines Servilismus bezaubernd ist. Calderon ist mir noch heut ein Räthsel, und wird es jedem Nachdenkenden sein und bleiben. Er war ein hoher klarer Geist, ein herzhafter Freund des Volks, ein kraftvoller Kämpfer für die Rechte der Menschheit. Er kann unmöglich aus Ueberzeugung das Banner der Knechtschaft emporgehalten haben, sondern gewiß hat ihn ein unüberwindlicher Zwang dazu gebracht. Welches nun war seine eigenste Farbe? Ich kann mir nicht denken, daß es die des Servilismus war. Ich dachte damals nicht über die Sachen nach. Ich nahm sie unbefangen, rein von der poetischen Seite, ließ mich auch davon entzücken; vielleicht war es Calderon nicht besser ergangen. Sein gediegenes Stück »Liebe, Ehre und Gewalt« zeugt von Wahrheit und Tiefe der Empfindung; er muß geschwankt haben, und jede seiner augenblicklichen Stimmungen muß jedesmal, wo sie ihn überkam, sich seiner so bemächtigt haben, daß er sie für die seinige in voller Wahrheit hielt. Dem Geist unserer Zeit mag es ebenso ergehen; dies ist ein schmerzliches Schwanken, denn es ist unmöglich, sich von der einen oder der andern dieser Richtungen ausschließlich beherrschen zu lassen, ohne der Menschheit und ihren heiligen Rechten zu nahe zu treten. Es muß ein Drittes in der Mitte liegen, und der Fortschritt wird uns darauf hinleiten.
Da ich bald dahin gelangen werde, wo kein Parteiengeist waltet, so ist es wol an der Zeit zu gestehen, daß sich mein wallendes Volksblut mit dem altadelichen meiner väterlichen Abkunft streitet, daß ich mich zuweilen freue aus dem Volk entsprossen zu sein, ein andermal wieder stolz darauf bin zum Adel zu gehören; dies sind aber nur vorübergehende Zustände. Die Grundlage ist[232]  Dank gegen Gott, dessen Gabe es ist, was ich bin. Wenn eine hohe Abkunft das wäre, wozu die menschlichen Satzungen sie stempeln, so müßte Gott eine besondere Menschenart eigens dafür geschaffen, kenntlich bezeichnet und über den Erdkreis verbreitet haben. Der Dynast, dessen Nachkommenschaft zahlreich und ganz unbedeutend ist, steht weit über dieser, und der zweiunddreißigste seines Stammes ist weit entfernter von seiner ursprünglichen Geburt, als der Sohn des einfachen Landmannes, der eine große That gethan und dafür geadelt worden. Einen Kaufadel sollte es gar nicht geben, wenn irgend noch der Adel einige Gültigkeit behaupten soll, und der Erbadel ist in meinen Augen wahrer Unsinn. Der persische Dichter sagt:


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O rühme dich der hohen Ahnen nicht,
Wenn nicht dein Werth der Abkunft Glanz entspricht!
Der Zweig der Palme hoch und stolz,
Wenn unfruchtbar,–ist taubes Holz!

Die Rangordnung ist keine Weltordnung!
In meinen Briefen an Prinzeß Wilhelm von Preußen, nannte ich Dresden nie anders als »das schöne Dresden«. Und sie that dasselbe. Einmal schrieb Malsburg an sie, und gab mir den Brief zur Besorgung. Die Prinzessin schrieb uns beiden, mir, wie es oft geschah, mit einer schon etwas stumpf geschriebenen Feder in höchster Eile, Malsburg mit einer neuen Feder und zierlich geschrieben; dies ergötzte mich höchlich. Die Prinzessin war äußerst genial, ihre Hand so ausgeschrieben wie die eines geübten fleißigen Schriftstellers; eigentlich bestand sie gar nicht aus Buchstaben, sondern aus Zeichen und Strichen. Sie hatte eine so ausgebreitete Correspondenz, daß sie zu diesem Mittel greifen mußte, um[233]  niemand ohne Antwort zu lassen. Doch schrieb sie meist nur kurze Briefe, in denen dennoch viel stand; denn zwischen den Zeilen war unsichtbar vieles zu lesen. Sie war vielleicht die erste Prinzessin, welche den undeutschen Ausdruck »Ihre Wohlaffectionirte« bei der Unterschrift ihrer Briefe ausließ. In den meisten nannte sie sich Freundin. Ich habe viele Briefe von ihr gelesen, die nicht an mich waren, ich fand sie etwas freigebig mit dieser Benennung, auf welche sich die Empfänger etwas einzubilden pflegten. Mehrere hohe Damen hatten das Wort »Wohlaffectionirte« in »Wohlgeneigte« übersetzt. Dies war wol das Angemessenste. Die Menschen quälen sich ja noch immer mit dergleichen Dingen herum; die Form muß oft für den Gehalt gelten!
Wenn ich alle interessanten begabten Bewohnerinnen Dresdens, die ich dort gesehen, bezeichnen wollte, so müßte diese Schrift zu Bänden anschwellen. Ich muß hierauf verzichten und mich auf Einzelheiten beschränken. Noch in keiner Stadt, selbst nicht in Paris, Wien und Berlin, habe ich eine solche Fülle und Mannichfaltigkeit von in sich abgeschlossenen Kreisen gesehen als hier, die auf einem abgemessenen Raum nebeneinander standen und sich selten oder nie berührten, obgleich sie alle ihrer Natur nach zueinander paßten und ihren Verhältnissen nach zueinander gehören konnten.
Eine meiner liebsten Freundinnen war die edle Frau, die sich in ihren Schriften Wilhelmine Willmar nannte. Sie war die Gattin des Regierungsdirector Gensicken, Verfasserin der beliebten »Pfänder der Treue« und vieler Volkssagen und Novellen von Gehalt. Ihr gesellt standen Amalie Klarus (eigentlich Curtius) und einige andere Schriftstellerinnen, die ihre Werke zusammen herauszugeben pflegten, wie wol sie nicht alle in Dresden wohnten. Ferner nenne ich Frau[234]  Wilhelmine von Gersdorf, eine Frau voll Gemüth und Empfindung; sie bildete mit Gleichbegabten einen eigenen Kreis mit ihren liebenswürdigen zwei Töchtern. Herr August von Schindel, Herausgeber des Werkes »Die deutschen Schriftstellerinnen des 19. Jahrhunderts«, empfing die Hand der ältesten dieser zwei holden Schwestern, die so anspruchslos und sinnig als schön und herzig waren. Sodann nenne ich noch Theophanie, eine der liebenswürdigsten und begabtesten Dichterinnen, die nur unter diesem Namen schrieb, dessen Geheimniß wir nicht enthüllen wollen; Emilie Hermann, eine Nichte von Wilhelmine Willmar, die ein früher Tod ihrem geliebten Familienkreise entriß; Ludwig Hermann, ihren Bruder und begabten Dichter, der seiner Schwester bald in das Grab folgte. Luise Brachmann, die öfters nach Dresden herüberkam, war in diesem Kreise heimisch; ebenso Frau von Ahlefeld, geborne von Seebach, welche die Schwester der Freundin Schiller's, Frau von Stein auf Kochberg, war. Sie wird unvergessen bleiben. Auch sie gehört zu den vielen begabten Dichterinnen, die sich mühsam und heldenmüthig von unharmonischen Verbindungen losgerungen, und mit schweren Opfern sich losgekauft von der Tyrannei ihrer Verhältnisse. Sie war oft in Dresden; ich ehrte und liebte sie, ihr schönes Talent und ihr Fleiß sicherten ihre Existenz. Von andern ausgezeichneten Frauen, die meine Freundinnen wurden und der Poesie hold waren, nenne ich ferner die Hofräthin Weigel, Gattin eines Mannes, der mit hoher Wissenschaftlichkeit den feinsten Weltton und umfassendsten Geist vereinigte. Er hatte seine Gemahlin, eine schöne junge Comtesse, aus Wien mitgebracht; sie war ganz Seele und Liebe, und glückliche Mutter einer liebenswürdigen Tochter. August's Friedrich Schlegel's Schwester hatte sie mir zugeführt.[235]  Wilhelmine Spazier, Jean Paul's Schwägerin, Tochter des geistvollen Geheimen Tribunalraths Meyer, Witwe des Hofraths Karl Spazier, lebte damals auch in Dresden, stand aber aus allen Linien dieser Kreise heraus, ohne deshalb minder berechtigt zu sein, sich mit ihnen zu verweben. Ihr Gatte war Instrumentmacher, zugleich der Erste, der in Dresden die Gasbeleuchtung in Aufnahme brachte; er war schlicht und wacker, wußte nichts von Charlatanismus und glich in seiner Bescheidenheit und Anmaßungslosigkeit dem Fruchtbaume, dessen Zweige sich unter der Last süßer Früchte beugen. Wie alle Frauen, denen kein Opfer genügt, welches sie nicht ganz bringen, war auch Frau Uthe-Spazier, ganz und gar aus Wahl und Liebe, nur demjenigen gewidmet, was ihre Stellung erheischte. Gattin eines Künstlers, den man zu den Handwerkern rechnete, weil er Gesellen hielt, war sie die sorgsame Pflegemutter dieser jungen Leute, und lebte in ihrem stillen Hause ganz für die Bedürfnisse desselben und für die strengste Häuslichkeit. Sie wohnte mit ihrer jüngsten Tochter Minona in Dresden; die älteste war fern von ihr als Erzieherin, kam jedoch dann und wann zu ihrer Mutter. Uthe-Spazier war eine sinnige Schriftstellerin und geistbegabte Frau, gastfrei und gesellig wie die meisten Berlinerinnen. Oft und viel sah ich sie nicht, besonders da ihre Verhältnisse sie sehr in Anspruch nahmen.
Ich fand in ihrem Hause zuweilen Dr. Karl Christian Friedrich Krause, den geistvollen und sinnreichen Begründer einer neuen Lehre der Philosophie. Seine Erscheinung machte einen tiefen Eindruck auf mich. Dieser merkwürdige Mann wird sich immer mehr und mehr in Zukunft dem Gedächtniß seiner Zeitgenossen einprägen. Ich kann ihm weder die gehörigen Lobsprüche ertheilen,[236]  noch über ihn einen vielleicht verdienten Tadel aussprechen; denn ich bin nicht genug eingeweiht in seine Lehre, nicht vorurtheilsfrei genug hinsichts seiner Denkart, um ihn anders als oberflächlich zu beurtheilen. Er war von mittler Größe, sichtlich abgemattet durch überstandene Leiden, welche Spuren in seinen Zügen zurückgelassen hatten. Aus Freundlichkeit hätte er gern gelächelt, aber sein Lächeln verlor sich in liebevoller Wehmuth; es schien trösten zu wollen, sah jedoch eher aus wie eine Bitte um Vergebung, wie eine geheimnißvolle Selbstanklage. Er fühlte schmerzlich, daß ihn die Mitwelt nicht verstand; doch in seinen Augen war die Mitwelt nicht schuld daran, sondern er allein. Sein Blick war rührend, es schien als forsche er liebevoll nach der Quelle des fremden Kummers, um ihn zu heilen, und als leite er mit seinen Blicken Ströme der Labung hinüber zu dem Leidenden. Er übte einen gewaltigen Einfluß auf junge Herzen. Der ihm ergeben war, blieb es für immer. Soviel ich beurtheilen kann, liegen noch viele Keime des Guten in seiner Lehre und des Organischen in seiner Sprachforschung; die Zukunft wird hierüber entscheiden. Krause hinterließ mehrere Töchter und Söhne. Ein Sohn von ihnen lebt in der Schweiz, einer in Dresden als hochgeschätzter Jurist, von den übrigen weiß ich nichts zu sagen.
Ueber die Herausgabe der »drei ältesten Kunsturkunden der Freimaurerei«, welche Krause ohne Vor wissen noch Bewilligung der Loge herausgab, kann ich gleichfalls nichts sagen, denn ich weiß nichts davon, als was Krause gegen mich geäußert. Er warf alle Schuld auf Böttiger's Zweizüngigkeit, wie er sie nannte. Hierüber habe ich kein Urtheil. Krause verließ Dresden und reiste nach Göttingen, wo man ihm gleichfalls keine Ruhe ließ. Herauf ging er mit seiner ganzen Familie nach München.[237]  Sein Sohn Karl wurde von dort weggewiesen, zugleich mit ihm Krause. Da trat er mit seinem Sohn eines Morgens leichenblaß und zitternd in mein Zimmer, und stammelte die Worte: »Ich bin verbannt, helfen Sie uns!« Ich erschrak heftig, der Mann jammerte mich. Alternd, mittellos, mit einer Familie von dreizehn Kindern in wenig Tagen aus dem Lande zu sollen, das man bewohnt, ist unermeßlich hart. Krause schwur, daß er nichts begangen. Ich glaubte ihm. Sein Sohn Karl sagte nichts; doch dies alles ging erst in München vor. Eine Masse Begebenheiten liegen dazwischen, und ich werde darauf zurückkommen.
Die jungen Krause, vorzüglich Wilhelm und Julius, die wackersten unter ihnen, schlossen sich eng an meine Söhne an. Dies flößte mir Sorge ein; doch meine verehrte Freundin, Frau Sarah Kaskel, suchte mich zu beruhigen, sie rief lebhaft aus: »Das ist ja gut, liebe Frau von Chézy, die Krause'schen Kinder sind geistreich!« Ich schwieg, doch ich beschloß selbst zu Krause zu gehen, um diesen Umgang zu überwachen.
An einem schönen Sommerabend begleitete ich Wilhelm und Max dorthin. Krause bewohnte einen untern Stock und einen Pavillon am Eingang des Plauenschen Grundes. Die älteste Tochter Sophie ließ diesen Pavillon mit schönen Blumen und hohen Stauden ausschmücken. Lage und Aussicht waren reizend. Die damals einundzwanzigjährige Besitzerin lebte dort wie in einer Welt, die ihr eigen. Nachdem ich sie eine Weile in ihrem ganzen Wesen beobachtet hatte, hielt ich es für wohlgethan, mich zurückzuziehen; wollte Gott, ich hätte es dabei gelassen! Die Sphinx unsers Geschicks verhüllt sich zuweilen, vor fremden Augen rühren wir nicht an ihren Schleier.[238] 
Frau Uthe-Spazier war eine Landsmännin, und wohnte ganz in meiner Nähe; sie hatte sich selbst aus den dresdener Kreisen zurückgezogen, und niemand machte ihr Vorwürfe darüber. Ich wollte nicht aufhören sie zu sehen, weil ich mich zeitlebens den Bedrückten zur Seite gestellt habe,–und bedrückt war sie. Die Gesellschaft rächt sich bitter für die Gleichgültigkeit, die man ihr bezeigt; es erbittert sie, wenn man ihren Satzungen nicht folgt, und sie läßt den überwundenen Feind nicht mit Wehr und Waffen und mit den militärischen Ehren abziehen. Sie excommunicirt die Ketzer, oder vielmehr diejenigen, welche sie für Ketzer gelten lassen will, viel leichter und geschwinder als jemals Päpste thaten. Das »Richtet nicht« unsers göttlichen Erlösers verhallt unbeachtet, jenes tiefe große Wort, dem die tiefe milde bange Warnung folgt: »so werdet ihr auch nicht gerichtet«, die zugleich wie eine Verheißung klingt.
Ich hatte bei Eduard Hitzig die beliebte Schriftstellerin Fräulein Fanny Tarnow kennen lernen. Franz Horn nennt sie in seinem vielverbreiteten Werke über die »deutsche Literatur«, und zwar zumeist wegen ihres Romans »Thorilde von Adlerstein« eine nothwendige Schriftstellerin. Fanny Tarnow hat bekanntlich im Fach der kleinen Romane Ausgezeichnetes geleistet; dessen hat Franz Horn nicht erwähnt, dagegen die »Thorilde von Adlerstein« sehr hoch gestellt. Fanny Tarnow ist eine der wenigen Personen, von denen ich mich wegwenden mußte, weil ich nichts in ihnen fand, was ihre störenden Eigenschaften versöhnend aufgewogen hätte. Ich will sie nicht schildern; ihr Bild kann diejenigen, welche sie nicht kennen, nicht in hohem Grade interessiren, und denjenigen, welche sie kennen, würden ihre Züge nichts Neues bezeichnen. Es sind nun bald vierzig Jahre, daß ich sie kennen lernte[239]  und mich vom Zauber ihrer Beredsamkeit hinreißen ließ. Ich trug sie wie ein Kleinod im Herzen. Ich möchte ihre Briefe, die ich noch besitze, mit einem süßen Saft vergleichen, dessen Bestandtheile man nicht kennt und ohne Untersuchung hinunterschlürft.
Schon damals, als ich sie kennen lernte, sagte ich ihr von meinem Vorhaben nach Dresden zu gehen, und freute mich unbeschreiblich als sie äußerte: auch sie ginge dahin, und wir könnten, wenn wir nahe beieinander oder zusammen wohnten, gegenseitig manches Gute und Nützliche betreiben. Sie kam wirklich dorthin, zärtlich und sehnsuchtsvoll erwartet und durch bedeutende Opfer von meiner Seite befördert. Sie stieg in meiner Wohnung ab, und wurde auf das liebevollste behandelt. Auch war sie, ungeachtet, daß sie 400 Thlr. von mir empfangen, um ihre Reise anzutreten, geldlos, und ich mußte jede Auslage für sie bestreiten, was bei meiner vorhabenden Umsiedelung nach Schandau mir nicht leicht wurde.
Wir hatten eine sehr freundliche Wohnung, ganz von Waldung umgeben, am Eingang des Kirnitschgrundes; der helle schmale Fluß strömte an den Fenstern vorbei und spiegelte den Kirchthurm und die Tannenhügel an seinem Ufer anmuthig ab. Das niedliche Badehaus begrenzte linkerhand den Horizont. Zwischen der Kirnitsch und den Hügeln, die sie umgeben, breitete sich eine schöne Wiese aus. Unser Wohnhaus stand angelehnt am Waldhügel, sodaß wir gemächlich aus den Fenstern in den Wald gehen konnten. Ich schlief bei offenen Fenstern und fürchtete keine Diebe. Dies ist der Segen der Armuth, welche so manche verblendete Menschen für ein Unglück halten.
In allen Richtungen durchstreiften wir das schöne Meißener Hochland, mit Unrecht die Sächsische Schweiz[240]  geheißen. Was ich von der Schweiz kenne, ist mit den deutschen Gegenden, die Hochgebirg und Seen haben, unmöglich in Vergleich zu bringen. Deutschland ist durchaus traulicher und schöner. Auch der fleißige Anbau, die sinnreiche Benutzung jedes Plätzchens zeugt für seine Bewohner. Es ist nicht übertrieben, wenn man sagt: »Die Schweiz liegt brach!« Zwar darf man vielleicht dem Schweizer nachrühmen, daß er es an Dung nicht fehlen läßt; aber im Sommer geht beinahe der ganze Dung des Viehes durch die Alpenwirthschaft verloren, und der, welcher auf der Fläche erzeugt wird, kommt nicht auf die Felder. Sollte früher oder später, was Gott verhüte, das schöne Land mit Krieg überzogen werden, so kann man es bald und leicht aushungern, weil es fast alle Lebensbedürfnisse aus der Fremde beziehen muß. Selbst Grütze, diese wohlthuende, billige und leichte Speise, die überall fortkommt, wird dort nur nachlässig angebaut. Einzelnen Ackersleuten empfahl ich sie unablässig, als ich noch ordentlich ausgehen konnte. Noch immer begnügt sich der Schweizer damit Getränk zu erzeugen, und nur die äußerste Noth könnte ihn zwingen, für Speise zu sorgen. Er betrinkt sich lieber als er sich sättigt. Das oftmalige Erkranken der Hunde im Schweizerland rührt von der Sorglosigkeit her, mit der sie gefüttert und besonders getränkt werden. In keinem Lande, ausgenommen in Paris, habe ich solches Vernachlässigen der Hunde bemerkt wie hier. Nach meiner Ansicht sollte diese Fahrlosigkeit so streng behandelt werden wie Menschenmord, da sie ganze Gegenden weithin in Gefahr setzt. Zu den Uebeln des Mangels an Aufsicht und Pflege der Thiere selbst gesellt sich noch die Verwahrlosung der Kinder beiderlei Geschlechts. Die Schulen sind vortrefflich, vorzüglich im Waadtlande; allein die Kinder bleiben[241]  in den Freistunden unbeaufsichtigt und meist unbeschäftigt, es sind der Freistunden zu viel, und vor den Aeltern zeigen sie nicht die geringste Achtung, sondern treten energisch vor ihnen und andern auf, worüber die Aeltern sich mehr freuen als betrüben. Einer der liebsten Späße der Kinder hierselbst besteht darin, Hunde bis aufs Blut zu quälen. Wenn sich, bis aufs äußerste gereizt, ein armes Thier wehrt, wird es für toll gehalten und vertilgt. Ein schöner englischer Wasserhund, der aus Lausanne nach Vevay gelaufen kam, in einige Behausungen eindrang, und einigen Köchinnen in die Schürze biß, dabei an den See rannte und dort fleißig trank, wurde auf das jämmerlichste und martervollste todtgeschlagen. Bei Untersuchung desselben ergab es sich, daß das harmlose Thier von einigen bösen Buben in Lausanne mit Vitriolspiritus begossen worden war. Man findet öfters Beispiele von der Bösartigkeit der Jugend in den Zeitungen angeführt. Blasröhre zerschellen die Fensterscheiben, Würfe von Steinen oder Koth verletzen anständige Personen, die über die Straße gehen, oder verunreinigen ihre Kleidung. Vor mehreren Jahren las man in den Zeitungen, daß Buben, die eine alte Frau zum Ziel ihrer Bosheit ausersehen hatten, sie mit einem ziemlich großen Stein an die Schläfe trafen und todt warfen. Keine strengere Rüge war dieser Thatsache beigesetzt, als ein Bedauern, daß die Kinder in Genf so zornig wären. Ich meine, es dürfte nicht schwer sein sie zu zügeln. Prediger und Vorsteher der Schulen sollten sich dieser Angelegenheit kräftig annehmen, und die Polizei sollte in den Abendstunden die schöne Natur nicht ohne ein Spanisch Rohr in der Hand fleißiger besuchen, als die Schenken und Brauereien. Doch wir sind ja in dem gutmüthigen[242]  und gesitteten Dresden, wollen wir nicht drinnen bleiben?
Hofrath Althof, unser Arzt, verordnete meinem Max Selterwasser und Landluft; das Kind kränkelte seit der Pockeneinimpfung; es litt besonders an Kopfweh, bis dahin war er stets zart, aber dennoch gesund gewesen, seit es die Masern und den Stickhusten überstanden hatte. Vielleicht auch hatte eine neugebaute Wohnung am Rand der Elbe Antheil an dem Kopfschmerz, der es unaufhörlich quälte. Althof behauptete, es würde hinsiechen, wenn ich es nicht auf das Land brächte und vom Arbeiten abhielte. Arbeiten, dies war ja sein Leben, sein Glück, es sollte ihm Ruhm und Brot bringen. Denn der Vater dieser Söhne wiederholte oft: »er könne ihnen nur Brot und Salz hinterlassen«. Ich hoffte, er würde mich überleben! Seine Einnahme in späterer Zeit war brillant genug, um voraussetzen zu lassen, daß er für die Seinigen ein anständiges Kapital zurücklegen würde. Schon das erste mal, als wir nach Schandau gingen, war es Max zuliebe geschehen.
Unter den geistvollen Freunden, die damals den dresdener Kreis belebten, habe ich, wie ich glaube, den unsterblichen Sänger der »Urania«, und seine edle Freundin Elise von der Recke zu nennen vergessen. Ich sah sie nicht oft. Bereits lagen mehrere Jahrzehnde zwischen ihrem Abwelken und meinem Aufblühen. Ich erkannte ihren Werth und hatte Freude an ihnen.
Als wir in Dresden eines Tags über den Jahrmarkt gingen, hielt mich Kraukling auf, und sagte mir halblaut: »Da kommt Jean Paul!« Ich hatte ihn seit 1800 nicht wiedergesehen, und hätte ihn nicht wiedererkannt.[243]  Ich suchte vergebens seine Züge mit meinen Erinnerungen in Einklang zu bringen: alles aufgelaufen, ausgedehnt, der Mann und sein Gesicht! Da er mich stutzend stehen sah, wurde auch er auf mich aufmerksam. »Sie kennen mich nicht?« fragte ich mit Wehmuth über ihn und mich. »Doch wol«, antwortete er, und setzte hinzu: »Ich wollte zur Chézy!« Jetzt reichte ich ihm die Hand, stellte ihm meine Freunde vor, und wir feierten mit Rührung die Stunde des Wiedersehens; dann redeten wir die nächste Zusammenkunft ab. Sein Händedruck war warm, und sein Auge feucht. Es war nicht das Funkeln des Morgensterns, sondern des Abends, der eine Vergangenheit abschließt, und eine neue Zukunft verheißt. Man wird wieder jünger, wenn man einen alten Freund nach langer Trennung wiederfindet. Die ganze Strecke Lebens, die hinter uns liegt, seit wir geschieden, blüht wieder auf wie eine Blume im Wasser, gewinnt Duft und Farbe wieder. Unser feuchtes Auge spiegelt im Thau des Himmels den Sonnenglanz der ewigen Zukunft. O, man muß eine Trennung erlebt und ein Wiedersehen gefeiert haben, um das Wohl und Weh liebender Empfindungen ganz zu verstehen. Jean Paul war, wie bekannt, Schwager der Minna Uthe-Spazier, suchte sie als Freund und Bruder auf, bewies ihrer liebenswürdigen Tochter Minona väterliche Zuneigung. Ich hatte noch immer Jean Paul mit jungen Damen gern beisammen gesehen. Sein Wesen hatte etwas von der Wärme des Liebhabers, und von der Würde des Vaters. So war er in seiner Jugend, und so ist er geblieben. Ein junges Wesen machte auf ihn einen Eindruck wie ein Kind, oder auch wie eine Blume. Es mischte sich keine Persönlichkeit hinein; wer zart fühlte, konnte sich nicht darüber täuschen. Somit gaben sich Bräutigam,[244]  Ehegatte, Vater und Bruder eines holden Wesens zufrieden. Der Kuß Jean Paul's erschien ihnen wie ein Ehrenschmuck auf Wange oder Lippe eines jungen süßen Geschöpfs, und so auch diesem selbst.

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Durch eine stillschweigende Uebereinkunft fanden sich die Verehrer und Verehrerinnen nachmittags auf der Brühl'schen Terrasse ein; manche von ihnen brachten ihm Blumen oder ein Lied. Jean Paul's Wehmuth milderte sich in diesem Kreise. Der Tod seines Max hatte ihm eine tiefe Wunde geschlagen, die bei der leisesten Berührung blutete. Ich hatte oft die Fremde, ihn in Dresden zu sehen. Er wünschte Wolke näher kennen zu lernen. Ich bat einige Freunde, mit Jean Paul zum Essen zusammen. Malsburg und Loeben waren gerade nicht in Dresden anwesend, meine Freundin Sarah Kaskel hatte Abhaltung, und auch Graf Egloffstein aus Weimar konnte nicht kommen. Bekanntlich beschäftigte sich Wolke am liebsten mit Sprachforschung. Es war Gediegenes und Zweckmäßiges in seinen Vorschlägen. Er wollte die Rechtschreibung zur Einfachheit zurückführen. Ich meine, sie bedürfte dessen sehr; es werden aber noch lange Zeiten und bedeutende Umwälzungen überhaupt vor sich gehen müssen, ehe es gelingen wird, die modernisirten Sprachen auf die frühere Einfachheit zurückzuführen. Die Umgestalter schneiden immer in das gesunde Fleisch, so auch Wolke. Unter anderm wollte er die »Hoffnung« nicht mehr statuiren, sie sollte heißen »die Hoffe«. Seine Gründe habe ich vergessen. »Ach nein!« rief Jean Paul, »lieber Wolke, lassen Sie uns die Hoffnung, es darf kein Jota davon wegbleiben!« Dieser Scherz entmuthigte unsern Puristen, er wendete das Gespräch auf andere Stoffe.
Jean Paul hatte große Freude an Kraukling und dessen Gattin; dieser, einer der sinnigsten Denker, die ich gekannt,[245]  kam im Gespräch immer auf das Rechte und Nothwendige, immer so, daß man wünschte, er möchte mehr sagen; und dennoch war er sich bewußt, nicht blos das Rechte, sondern auch genug gesagt zu haben. Auch Lindemann, ein liebenswürdiger Kurländer, trug zur Unterhaltung der Gesellschaft bei, er war gedankenreich und freimüthig. Ein angenehmes kleines Intermezzo dankten wir Krauklings blonden Kindern, die in ihren blauen und rothen Kleidchen mit ihren hellen Augen und rosigen Wängelchen plötzlich unter uns erschienen, ihre purpurnen Lippchen herreichten, und vom ganzen Kreise bewillkommt wurden, am herzigsten doch von Jean Paul. Er bemächtigte sich sogleich des kleinen Julius. »Wer bist du Kleiner«? »Ich bin der Julius!« »Was willst du hier?« »Mutterchen hat mir erlaubt, daß ich kommen darf.« »Was willst du denn mit dem Kuchen da machen?« »Essen!« »Willst du keinen dem Schwesterchen geben?« »Wenn ich muß? Ja!« »Du mußt nicht, wenn du es nicht gern thust!« »Ich thu's auch gern!« »Warum hast du's denn nicht gleich gethan?« »Ich dachte nicht daran!« »Warum dachtest du nicht daran? Aber warum denn nicht?« »Weil ich meinte, es wäre genug für mich!« »Sieh einmal die große Menge Kuchen.« »Ich hätte sie schon bezwungen!« »Nun, so nimm sie!« »Nein!« rief Julius, »Maria muß auch welchen haben.« Er theilte sogleich für Maria ab. Jean Paul fragte sehr ernsthaft: »Wie heißt du?« »Julius«, sagte der Kleine. »Julius, wenn ich dir nun deinen Kuchen wegnehmen wollte?« »Ach nein! da hättest du ihn mir nicht gegeben.« »Warum das, ich bin ja groß und habe die Kraft dazu.« »Die hast du freilich, aber nicht das Recht, denn was man behalten will, das gibt man nicht weg.« Es ging noch eine Weile so fort. Maria aß indessen wohlgemuth ihren Kuchen, und Julius auch.[246]  Die Kinder verursachten gar keine Störung. Julius schien zu empfinden, daß er ein höheres Wesen vor sich hatte. Es war ein allerliebstes Gemisch in dem Wesen des Kindes gegen Jean Paul, ein Gemisch von Zärtlichkeit und Scheu, das ihm sehr wohl stand. Jean Paul hatte im allgemeinen Liebe zu Kindern und wußte mit ihnen umzugehen. Kraukling verlor seinen Julius früh. In dem Augenblick eines solchen Verlustes sieht man nicht ein, welch ein Glück es für ein solches Kind ist, in die Heimat zurückzukehren. Die Franzosen haben ein Gefühl davon, sie sagen gewöhnlich: »Das ist nun ein kleiner Engel in Gottes Reich!« Auch wenn ein Kind im Schlafe lächelt, sagen sie: »Es lächelt den Engeln zu!« Dies war wenigstens der Fall, als ich dort war. Es ist mir vorgekommen, als wären sie später von solchen anmuthigen Vorstellungen minder erfüllt gewesen. Vielleicht hatten die Greuel und Leiden der Schreckenszeit das Gemüth der Bessern unter ihnen weicher und empfänglicher gemacht, und die Wiederkehr der Ruhe wirkte abkühlend, abstumpfend auf ihr feineres Gefühl. Nach meinem Urtheil bedarf diese Nation, nachdem sie durch so viele schroff durcheinander geworfene Phasen gekommen, von nun an noch schwerern Unglücks, als sie bisher Schlag auf Schlag erlitten, um wieder zu Gott zurückzukommen und ihr eigenes Selbst zurückzugewinnen. Ihre Vertilgung durch Feuer und Schwert bahnt ihre Wiedergeburt vor, die Grundelemente ihres Wesens sind liebenswürdig und großartig, doch die bisherigen Misgeschicke und Wechsel haben ihnen nur gezeigt, was sie können, nicht was sie sollen.
In die Reihen der Personen, die ich sehr ungern verließ, gehörten noch vor vielen die Witwe Madame Fechner, Mutter des geistreichen Physikers und des rühmlich bekannten[247]  Malers dieses Namens, und ihre sehr liebenswürdigen Töchter. Es athmete in diesem Kreise die frische belebende Luft schönen geistigen Seins, echten gemüthlichen Sinnes, hingebender Traulichkeit, warmen Gefühls für Kunst und Bildung.
Der hochverdiente Director der Blindenanstalt in Dresden und seine edle Gattin erholten sich gern in diesem Kreise von den strengen Uebungen ihrer drückenden Pflichten; drückend zwar nicht für sie, die ihnen ihr Dasein geweiht hatten.
Den Kreis der Familie erheiterte noch eine liebenswürdige alternde Dame, eine Gräfin Schmettau. Wenig von außen bedürfen Menschen, die in sich selbst beglückt sind, denen Arbeit eine Lust ist. Der Genügsame hat die rechte Lebenskunst inne. Die Fülle des Reichthums ist dem Genuß feindselig, sie steigert die Bedürfnisse, statt dem Besitze seinen Werth zu lassen. Der Sonnenstrahl, der die Wellen des stillen Baches vergoldet, welcher vor der Hüttenthür des armen Landmanns rieselt, durchdringt das Herz des Genügsamen, und weidet sein Auge mit süßerer Pracht, als die goldene Zier der Paläste.
Durch die reine Gebirgsluft und den Harzduft der Tannen belebt, gewann mein lieber Max ein neues Aufblühen. Die Badegäste hatten Schandau verlassen. Wir blieben noch solange, als die Verhältnisse es zuließen, denn der Herbst war entzückend. Zudem war eine Familie angelangt, deren Umgang uns wahrhaft beglückte. Es war Hofrath Clarus mit seiner liebenswürdigen Frau und hoffnungsvollen Kindern, der hier reine Luft und Einsamkeit suchte, um ein wichtiges wissenschaftliches Werk ruhig und freudig zu vollenden. Seine Frau und Kinder brachten die Abende bei mir zu. Es muß mir geahnet haben, daß ich nicht[248]  wieder so glücklich werden würde wie damals, denn das Scheiden that mir unbeschreiblich weh.
Mein ältester Sohn kränkelte sehr, das Uebel fiel ihm auf die Augen. Dr. Rosenberg aus Kurland brachte bald und glücklich eine Heilung zu Stande. Wie schon erwähnt, hatten mehrere Aerzte geäußert, daß er entweder Meerbäder oder reine Schwefelbäder brauchen müßte; letztere gäbe es in Deutschland nur zwei: Baden bei Wien, oder Aachen. Das erste sei das kräftigste, unvermischteste.
Die Nothwendigkeit dieser Reise war ein harter Schlag für mich. Ich würde das Meerbad vorgezogen haben, aber der Weg dahin war zu weit, der Aufenthalt zu theuer; Wien lag näher. Ich hatte dort alte Freunde. Eine weitere mächtige Lockung dahin war meine Oper »Euryanthe«; es ließen sich dort literarische Verhältnisse anknüpfen, die ich nicht hoffen konnte, in einem Seebad zu finden.
Karl Maria von Weber misbilligte meinen Entschluß, und rief aus: »Ei, Sie werden doch nicht nach Wien gehen! Sie können sich keinen Begriff von der Censurstrenge machen. Gesetzt einmal, sie wollten drei Gänse kaufen, und ließen es in die Zeitung setzen, da meint die Censur: ›Himmel, was will die Frau in ihrer kleinen Haushaltung mit drei Gänsen!‹ Und sie streicht Ihnen zwei.« Ich lachte, und ging gleichwol hin.



 V.
Erlebnisse im österreichischen Kaiserstaat.










[249] Ausgenommen den Lichtpunkt Prag, war meine Reise nach Wien höchst beschwerlich und langweilig. Wen es nach einem Vorschmack der Hölle lüstete, der mußte damals von Sachsen durch Böhmen und Mähren reisen, und das mit schlaffer Börse wie ich. Der Oesterreicher sagte zu der Zeit: »Der Böhme ist ein Schurke und weiß es nicht!« Ich glaube, bei den wenigsten bedarf es des Nachsatzes. Ich halte den Böhmen für geistbegabt und tapfer von Natur; aber unterdrückt ein Volk, quetscht ihm das Mark aus den Knochen, so wird es elend an Leib und Seele!
Wir trafen in Prag das junge Ehepaar von Holtei. Luise von Holtei war eine der liebenswürdigsten Gestalten, die je die Bühne geschmückt. Sie starb früh. Ihr Andenken wird leben.
Professor Gerle ließ es sich angelegen sein, mir Prag zu zeigen. Clemens Brentano hatte mir ein günstiges Urtheil über diese Stadt eingeflößt, er sagte: »Da es kein Wien mehr gibt, ist Prag noch der beste Wohnsitz für unsereinen!«[250] 
Ich hätte darin bleiben mögen. Traulichkeit und Größe lebten in den Eindrücken, die ich dort empfing. Professor Gerle gab uns eine ausführliche Erläuterung über den Proceß Wallenstein's, Herzogs von Friedland. Ein deutscher Gelehrter hatte in Prag die Acten durchstudirt, und Auszüge daraus gemacht, aus denen Wallenstein's Unschuld sich klar und unwiderleglich herausstellte. Der Druck dieser Auszüge kam nicht zu Stande. Wenn Schiller sie gekannt hätte, so würde seine Arbeit leichter von statten gegangen sein; doch würden wir ein anziehendes ergreifendes Bild weniger besitzen, und vielleicht würde der unschuldige Wallenstein minder interessiren als der, den Schiller dargestellt hat, der sie Lehre gibt, die zu oft vergessen wird, daß niemand glauben soll, er habe das Böse in Händen, und könne es guten Zwecken dienstbar machen. Lessing's Wort ist das richtige: »Laß dich den Teufel bei einem Haar fassen, und du bist sein auf ewig!«
Wir schieden mit Bedauern von Prag. Der zugemachte Wagen, den wir genommen hatten, schützte uns nicht vor den Fluten eines Wolkenbruchs, der uns und unser ganzes Gepäck durchnäßte. Wir mußten sogleich auf das Zollamt. Der brave Beamte, der beschäftigt war, die Uebersiedelung unsers Gepäcks in eine Kutsche, die uns nach dem Gasthof führen sollte, zu besorgen, und der sich von uns nichts Böses versah, obgleich meine Kinder langes Haar trugen – denn sie hatten ja keine Bärte –, wurde aus seiner humanen Stimmung wie durch einen Zauberschlag entrückt. Auf seine Anrede: »Declariren Sie nur, womit der Wagen so voll gepackt ist! Sie sind ja schon an der Grenze durchsucht worden, da sind wir gleich fertig!« antwortete ich, in der Meinung, meine Sache vortrefflich zu machen: »Gar nichts[251]  Mauthbares haben wir bei uns, nichts als Papiere und Bücher!« Bei diesem Wort zuckte der Alte zusammen, wurde todtenblaß, und hemmte mit beiden Armen die Bewegung der Zolldiener, die eben jeder einen Pack zusammengebundener Bücher aus dem Reisewagen einschieben wollten. »Bücher!« rief er aus. Leichenblässe überzog sein Antlitz. Er ließ das ganze Umgepackte des Inhalts meines Reisewagens wieder hineinbringen, schloß ihn zu, und versorgte ihn in einem Schuppen, indem er sagte: »Bemühen sich Ew. Gnaden morgen um 9 Uhr wieder her, da wird der Herr Hofsecretär Ihnen wegnehmen, was nicht nach Wien hinein darf.«
So mußten wir fort und hatten nicht einmal frische Wäsche für die Nacht. Der Kutscher führte uns in die »Drei Rosen« in der Josephstadt. Wir waren noch kaum aus dem Wagen gestiegen, so behändigte man uns eine Pränumerationseinladung auf »Bäuerle's Theaterzeitung«. Ich schickte sie zurück, und erstaunte über die Aufmerksamkeit des Redacteurs, die wir übrigens mit allen neuangekommenen Fremden theilten.
Schnell hatte sich die Nachricht von meiner Ankunft verbreitet, und es kamen noch denselben Abend mehrere werthe Bekannte, die uns schon »draußen« besucht hatten. »Draußen« heißt nämlich alles, was nicht innerhalb des österreichischen Kaiserthums liegt, und Deutschland heißt so ziemlich alles, was nicht in Oesterreich liegt. Ich wäre neugierig zu erfahren, ob das Hidalgowesen aufgehört hat; wer zwei Stengel Petersilie kaufte, erhielt augenblicklich den Adel in Wien. Das war schön und nicht theuer! Diese Gewohnheit schreibt sich noch aus den Zeiten Karl's V. her, wo auch die Hauptstraße Callemayor, der Abendspaziergang der schönen Wienerinnen, sich in den Kohlmarkt umschuf, als die Spanier fortgingen.[252] 
Vielleicht haben überhaupt die Wiener die ominösen Namen ihrer Straßen, Plätze und Häuser umgeändert. »Stöß in Himmel« ist einer, »Zum schmeckenden Wurm« ein anderer; daselbst hatte ein Ritter einen geflügelten Lindwurm erlegt, den niemand wagte wegzuschleppen, weil sein Modergeruch die ganze Gegend verpestet hatte. Das französische und österreichische Volk sagt »schmecken« für »riechen«. Ein Haus hieß »Schab den Rüssel«, und neben diesem eines: »Küß den Pfennig«. Es knüpften sich an diese Benennungen Familiensagen, die aber nicht interessant gewesen sein können, ich würde sie sonst behalten haben.
Den angenehmsten Eindruck in Wien machte die Leopoldstadt, besonders die Jägerzeile. Auf der linken Seite standen die Gezelte vor den Häusern gedrängt nebeneinander, die Tische beladen mit Erquickungen und Eßwaaren, die fremden Gäste wie Bienen dicht umher. Sie trugen vielleicht ihr ganzes Vermögen am Kopf und um den Hals herumgereiht mit vier doppelten Dukaten vom feinsten Golde; lange fahle Gesichter, jung, aber ohne Jugend und ohne Blüte, mit nichtssagenden Augen! Das viele Gold auf Hals und Scheitel gab ihnen eine gewisse Freudigkeit, aber nur von außen. Ich habe mich nie erkundigt, was das für Völker waren, die dort mit Golde prunkten; doch der Anblick war heiter. Die Musik, meist aus Böhmen, verdarb nichts. Die Gläser wurden nicht fleißig geleert, das Backwerk selten umher gereicht Man sah es den dürren Gesichtern an, daß sie keine Wiener waren. Der Wiener mag wol auch im Laufe der Zeiten aufgehört haben, ein Genießer zu sein. Leopoldstadt und Prater genossen wenig Wein; ein braunes widerwärtiges Bier wurde aufgetragen, und der gutmüthige Wiener trank es herunter, es brauchte nicht zu[253]  schmecken, wenn es nur da war, und Freund Polichinel tapfer dazu quäckte und lustig dazu prügelte. Die Dramen waren von ungenannten Autoren und stereotyp. Grüner, klangdurchschwirrter Prater, mit deinen Rehansiedelungen, mit deinen harmlosen Menschenmassen, die froh sind, weil sie es sein wollen, löse mir das Geheimniß deiner Zauber und das tiefere deiner Umwandelung! Du ernst, du blutdürstig, du abhold deinen alten Neigungen, untreu deinen Gewohnheiten, gedankenloser Menschenfreund, und absichtlicher Gedankenfeind, du warst des Seins müde, und wolltest werden! Warum? du warst ja gut! Das »Bessere ist des Guten Feind!« sagt der Perser. Dies ist ein tiefsinniges Wort!
Wien ist vielmal geprüft worden seit ich es zum ersten male sah. Wassersnoth, Staatsumwälzungsnoth, Papiergeldnoth und wer weiß was sonst noch für Nöthe hat es durchmachen müssen. Es muß herzbeweglich ausgesehen haben, als die damals noch jungen Herzöge Ferdinand und Franz durch die überschwemmten Gassen wateten oder ritten, durch die kleinsten Hausthüren sich bückend schlüpften, und den Aermsten auf durchnäßtem Lager Geld reichten. Die Linke wußte nicht was die Rechte that. Aber das Rechte that sie, »sie half«. Guter Wiener, du konntest dich empören?
Im Park bei Schönbrunn zeigte man uns die wilden Thiere, die man sehr hungern ließ. Der geistvolle Maler der Blumen, Pflanzen und Thiere, Klein in Schönbrunn, bemerkte gegen uns, daß in den Naturgeschichten eine Rubrik fehle, nämlich die der Thiere, welche ihr eigen Bett fressen. Der Elefant fräße alle Morgen sein Bett. Auch habe sich während eines harten Winters der Wolf in den Garten hineingegraben, und als freiwilliger Jäger gestellt.[254] 
Freund Castelli führte uns auf die Theaterkanzlei. Wir lernten Graf Moritz von Dietrichstein, Hofrath von Mosel, den Hofsecretär Schreivogel kennen, und verlebten einige schöne Morgenstunden. Diese drei so ausgezeichneten Männer vereinigten die Gewandtheit des Norddeutschen mit der Gemüthlichkeit des Wieners. Castelli war der wahre Theodor Hell von Wien. Wir versäumten auch nicht Duport aufzusuchen, und Barbaja kennen zu lernen, den lebhaften thätigen Italiener, welcher den Preis der Logen im Operntheater auf 80 Fl. gesetzt, was nie zuvor der Fall gewesen, und gleichwol in der Saison drei Millionen Fl. Schaden hatte. Er empfing mich sehr herzlich, und machte den gewöhnlichen Preis einer Oper, welche für das Kärnthnerthortheater geschrieben ist, voll. Weber hatte geglaubt, den Nutzen des Theaters wahrnehmen zu müssen, und mir in allem nur 30 Dukaten gegeben. Als Barbaja dies erfuhr, machte er, wie bemerkt, die 150 Fl. Conventionsmünze voll, und schenkte mir zu jeder Vorstellung eine Loge im dritten Rang, lud mich auch zu den Proben der »Euryanthe« ein. Dort fand ich den feurigen Lablache, den herrlichsten Baß, den ich gehört; Rubini mit seinem ausdrucksvollen Tenor, nebst seiner Gattin mit einer ausgezeichneten Altstimme; den Bariton Forti; den Tenor Haizinger, der an seinen Erfolgen noch zweifelte: er stellte nämlich einen Fuß, ich glaube den rechten, wie er nicht stehen sollte. Zum Unglück waren die Zuhörer auch Zuseher, und ich glaube, Haizinger legte zuletzt diesen Fehler ab, und stand auf seinen Füßen, wie ein großer Tenorsänger stehen soll.
Henriette Sontag hatte ich in der »Donna del Lago« gesehen; aber diese Oper ließ mich kalt, um so mehr, da mein ältester Sohn sich an diesem Abend ganz übel befand und mir große Besorgniß einflößte. Den Italienern ist es[255]  wenig um ein Ganzes zu thun, sie wollen nur eine Mosaik von Effecten; dies liegt im Volkscharakter. Sie kommen zerstreut in das Theater, um sich dort noch besser zu zerstreuen; ihre Loge ist ihr Salon. Nicht so der Wiener. Er fühlt für die Kunst, und gibt sich ungetheilt ihren Eindrücken hin.
Ja, diese Theatergenüsse waren nicht ohne eine Marter, denn die Hitze war eine wahrhaft tropische. Wir konnten es im Theater nicht aushalten, die Wiener hielten aus. Freund Castelli gehörte zur deutschen Partei. Er sagte: »Die Rage für die italienische Oper ist eine bloße Einbildung der Wiener. Wenn die Logen nicht so enorm theuer wären, so würden vielleicht keine zehn genommen sein, jetzt aber will sich niemand ausschließen. Wenn die Sorgfalt für deutsche Musik ebenso weit getrieben würde, wie würde sie aufblühen! Was ist Rossini gegen Weber? Was ist ein David gegen Wild? Und gehen wir zu den Sängerinnen über, so drängt sich natürlich die Frage auf: Was ist eine Fodor gegen eine Sontag? Was eine steife Dardanelli gegen die in allen ihren Bewegungen classische Unger? Sie wissen's wol in Italien, denn sie haben die Unger an sich gezogen!« Und Lablache? fragte ich. »Er ist ein Juwel«, antwortete Castelli, »eine Feuerseele, aber ich gestehe es in den Blättern nicht ein, ich will dem Feinde nicht Proviant zutragen.«
Auch Deinhardstein war von der deutschen Partei; diese erkannte die Rückwirkung nicht an, welche die italienische Oper in ihrer Kunstvollendung auf die deutsche ausgeübt hatte. Jeder Vernünftige konnte übrigens voraussehen, daß Barbaja weder zum zweiten mal eine Auswahl von Sängern zusammenbringen konnte, wie die letzte war, noch alle Jahre mehrere Millionen aufopfern, damit die Deutschen bei den Italienern in die[256]  Schule gingen. Dresden hatte früher als Wien eine italienische Oper, deren erste Mitglieder nicht unter den glänzenden wienerischen standen. Wer jemals Cantu gehört, wird ihn nie vergessen; aber 1823 mußte die deutsche Oper in Wien der italienischen die Palme reichen. Karl Maria von Weber war mit schönen Hoffnungen aus der Kaiserstadt nach Dresden zurückgekommen, sie blieben unerfüllt. Die drei ersten Aufführungen der »Euryanthe« hatte Weber selbst dirigirt.
Sowie er Wien verließ, wurde diese Oper so zusammengestrichen, daß man sie nicht mehr kannte. Um alle herrlichen Uebergänge war es geschehen, und was Liebe und Inbrunst geschaffen worden, war fort. Dies hatte Konradin Kreuzer gethan.
Castelli hatte geäußert: »Die ›Euryanthe‹ ist funfzig Jahre zu früh erschienen!« Jetzt sind vierzig von diesen fünf Jahrzehnden verschwunden. Castelli's Ausspruch scheint sich zu bewähren.
Ich kann nicht bei allen edeln Erscheinungen in Wien verweilen, um nicht diesem Werke eine zu große Ausdehnung zu geben. Ich weiß nicht, ob die Wiener jetzt sind, was sie damals waren; doch ich glaube, sie sind es noch: denn die Grundelemente ihres Wesens können sich nicht umgestalten, sie sind zu echt und zu reich, zu großartig, zu seelenvoll, zugleich auch zu frisch. Der Wiener ist zu gutmüthig und rein, um auch nur zu ahnen, was im Herzen der andern Völker vorgeht. Er spricht ein eigenthümliches Deutsch, aber es hat Farbe.
Nicht lange nach unserer Ankunft mußte mein ältester Sohn nach Baden bei Wien. Wir stiegen im Haufe des Grafen Odonnell ab, sprachen mit dem Hausverwalter, und wurden schnell einig. Indeß mein Wagen[257]  abgeladen wurde, nahm ich Feder und Papier, und schrieb ein kleines Lied auf. Nachher ging ich Besuche machen und brachte mein Lied gleich mit. Dr. Beck, ein Freund Friedrich Schlegel's, fand, daß auch Max das Bad brauchen müßte, und verordnete das Leopoldsbad, welches soviel ich weiß nur 19° Wärme hat. Unser Aufenthalt entzückte uns. Die Gegend von Baden bei Wien trägt einen ganz eigenthümlichen Charakter des Friedens, der Fülle, der Anmuth, der Wehmuth möchte ich sagen. Die hohen Buchenwaldungen, in deren Schos das Thal heiter wie ein schlummerndes Kind ruht, umfangen es wie eine grüne Schutzwehr, die unser ganzes Dasein von Sorge und Gewühl des Lebens abschneidet. Oft gedachte ich der gefühlvollen Zeilen aus Haller's Lied, das nun vergessen ist:

Die grüne Nacht umlaubter Bäume
Umfängt das Herz wie süße Träume,
Darin die Seel' sich selber wiegt!
Sie zieht die schweifenden Gedanken
In angenehm verengte Schranken,
Und lebt mit sich allein vergnügt.

Um den Weg aus der Stadt nach dem Helenenthal zu verkürzen, wurde ein Felsen gesprengt, damit die Equipagen schnell zur Brücke des Helenenthals gelangen konnten. Von der Brücke führt ein lieblicher Weg nach dem Felsenrand des Waldbachs, den große blaue Waldglocken und wilde Rosenhecken bis zur romantischen Krainerhütte bekränzen, wo wir oft ganze Tage zubrachten. Von dort aus gelangt man die Felshöhe hinauf nach dem eisernen Thor, und überblickt einen großen Theil der Steiermark. Dort hat die große Dichterin Natur das Idyll der Gegend beschlossen, und ein Epos begonnen,[258]  wo sich herb Anmuth mit süßer Trauer verschmilzt. Vergleichungen sind im Grunde ein undankbares Geschäft, sonst würde ich sagen, daß der Kirnitschgrund in Sachsen mir lieber ist wie das Helenenthal, und daß dieses vor der großartigen Anmuth und Herrlichkeit des Gosathals erblassen muß. Man sollte eben meinen, es seien die Gegenden, die voneinander so verschieden sind, für die mannichfaltigen Stimmungen der Menschen geschaffen, und daß jeder eigentlich der Schöpfer der Welt ist, die er dort findet.
Der schmucklose Odenwald grünt unter einem Himmel voller Reiz, von welchem die Sterne mit namenloser Pracht herniederglänzen. Baden-Baden, der Niederwald am Rhein, und all die grünen Kränze, mit welchen Gott die Stirn der Erde schmückt, athmen Duft und strömen Licht, säuseln und rauschen den Hymnus ewiger Wonne. Suche nur jeder, dessen Seele stürmt oder glüht, seine eigene Aeolsharfe, er wird sie finden, und jedem geistigen Morgenroth wird seine Memmonssäule erklingen.
Der Sommer neigte sich zu seinem Ende, schöne Herbsttage folgten ihm, sie waren auch geistig belebt. Der Kranz der Geselligkeit in Baden war reich gewoben. Auch von Wien aus empfingen wir viele und liebe Besuche. Die Witterung war so mild, daß sich das Scheiden des Sommers, und dann des Herbstes nur durch kürzere Tage bemerkbar machte. Wir blieben solange es möglich war in Baden. Die Freunde waren alle schon voraus nach Wien. Ein junger Freund Namens Kuppelwieser, Bruder des berühmten Malers, bat mich um ein Drama, zu welchem Franz Schubert die Musik schreiben wollte. Ein schönes Mädchen, das er liebte, M. Neumann, Schauspielerin im Theater an der Wien, sollte[259]  dies Drama zum Benefiz haben. Wilhelm Vogel, Director des Theaters an der Wien, mein guter Freund, hatte schon ein Stück zu diesem Benefiz geschrieben, doch ich wußte es nicht. Es hieß »Der böse Krollo«, und that seine Wirkung, als es späterhin aufgeführt wurde; eine drastische Wirkung, wie sie die Vorstädter liebten. Graf Ferdinand von Palffy war Inhaber des Theaters an der Wien, mußte aber seinem Director Vogel, der selbst ein beliebter Lustspiel- und Dramadichter war, die Leitung des Theaters unbedingt überlassen, weil Vogel sein Publikum kannte, und genau wußte, was er ihm bieten konnte, um es zu befriedigen. Er lieferte Kassenstücke. Das war genug, sie hielten eine Zeit lang vor, und füllten den Saal. Wenn sie nicht mehr zogen, wurden sie durch frische ersetzt. Ein famoser Bösewicht war obligat, war Salz und Gewürz; eine Hand voll Liebesjammer, ein mächtiger Beschützer und Retter, ein paar Knalleffecte und das Drama zog an und gefiel!
Der Autor empfing 100 Fl. Conventionsmünze, das Stück mochte gefallen haben oder nicht. Wenn das Publikum die Räume nur sparsam füllte, so behalf man sich mit Comparserie. Eines Abends begab es sich, daß Kaiser Franz mit seiner Gemahlin kommen sollte. Wenn ich mich recht erinnere, so wollten die Majestäten das große Kassenstück »Ein Uhr« sehen, dessen Pointe darin bestand, daß die bösen Geister, welche den jungen Helden Askur ins Verderben ziehen wollen, wie die Tölpel zurückweichen, weil ein wohlthätiges Wesen sich über die Wanduhr hergemacht, damit sie vorausging. Die dummen Geister, welche wahrscheinlich kein Pulver erfunden hatten, hörten Ein Uhr schlagen, und flüchteten sich. Der Held war gerettet. Das Stück hatte unzählige mal das Haus gefüllt. Kaiser Franz wollte es sehen. Ein[260]  dienstfertiger Freund sprang kurz vor dem Aufrollen des Vorhangs herbei, Vogel zu benachrichtigen, daß die Majestäten unterwegs seien. Da wurde denn mehr Licht angesteckt, und was nur an Menschen aufzutreiben war höflich eingeladen die Räume zu füllen »damit der Kaiser Leute sähe«. Die Schauspieler überboten sich. Es waren talentvolle Subjecte unter ihnen, und die Majestäten bezeigten ihre Zufriedenheit. Bei alledem konnte sich das Theater an der Wien nicht halten. Vogel ließ es verlosen, und der Inhaber Graf Palffy gewann es zurück. Das war das Schlimmste, was ihm geschehen konnte.
Zu jenem Drama, um welches mich Kuppelwieser bat, schrieb Franz Schubert die Musik. Wie schon erwähnt, war bereits ein Stück zum bestimmten Benefiz geschrieben. Schubert's herrliche Musik wurde gewürdigt, und mit rauschendem Beifall gekrönt. Doch die Dichtung war einmal nicht an ihrem Platz, denn das Theater an der Wien hatte sein eigenes Publikum, und für dies hatte ich nichts schreiben können, da ich es gar nicht kannte. Ueberdem hatte sich Karl Maria von Weber mit Franz Schubert entzweit. Seine Partei war aufgebracht gegen den jungen Tondichter, der nichts Schlimmeres begangen hatte, als daß er auf seine treuherzige wienerische Weise seine Ansicht über die »Euryanthe« aussprach.
Diese Ansicht würde richtig gewesen sein, wenn nicht damals Weber seinen Stil verändert hätte. Er mußte es auch zum Theil, denn bereits fing die Musik an, eine andere Bahn einzuschlagen. Sie suchte Wirkungen durch schwere Massen hervorzubringen. »Wozu denn die schweren Massen?« sagte Schubert. »Der ›Freischütz‹ war so zart und innig, er bezauberte durch Lieblichkeit, in der ›Euryanthe‹ ist wenig Gemüthliches!« Diese Worte genügten,[261]  alle Weberianer in Harnisch zu bringen. Die meisten blieben weg, und die, welche kamen, schadeten soviel sie konnten durch ihre Anwesenheit. Dies alles focht mich wenig an. Im allgemeinen waren die Wiener so wohlwollend gegen mich, daß ich den geringen Erfolg meines Stückes bald verschmerzte. Die »Rosamunde« war sehr dürftig ausgestattet worden. Madame Vogel als Ara konnte wenig wirken. Das Publikum sieht zwar gern Mütter in den sogenannten besten Jahren, aber sie sollen jung aussehen. Es hört gern Romanzen von Schubert, und hat dies namentlich bei der meinigen allgemein bewiesen; aber sie erfordern eine frische Stimme. Madame Vogel sang sie brav, und die Instrumentalbegleitung mit Blasinstrumenten konnte ihre Wirkung nicht verfehlen. Fulvius hätte nicht glücklicher gewählt sein können, es war Rott. Das Talent der Fräulein Neumann war noch erst im Aufblühen. Die dritte Vorstellung der »Rosamunde« würde dem Stück volle Anerkennung verschafft haben, aber der »böse Krollo« gab es nicht zu, daß sie gegeben wurde.
Ich war so ungeduldig die »Euryanthe« zu hören, daß mich nichts anderes beschäftigte. Der ersehnte 24. October kam bald herbei. Der Saal war voll bis an die Dachfenster, der Beifall unermessen. Weber dirigirte das Orchester. Er wurde in Wien sehr geliebt und verehrt, doch als er Wien verlassen hatte, wurde das allerdings etwas lange dauernde Stück unverständig zerstückelt, wie ich schon weiter oben bemerkt habe.
Auf dem Burgtheater wurde im Lauf des Winters mein kleines Lustspiel »Der Wunderquell« sehr anmuthig aufgeführt. Das Dichten für Musik, mein eigentlichstes Fach, hatte so hinreißenden Reiz für mich, daß ich mich fast ausschließlich damit beschäftigte.[262] 
Duport ließ mir zu jeder Vorstellung auf dem Operntheater eine Parterreloge öffnen. Dort brachte ich mit meiner Schreibtafel, wogend in der Fülle der Genüsse, meine Abende zu. Solange die Sontag am Kärnthnerthor beschäftigt war, gingen wir vorzugsweise dorthin. Man konnte nichts Anziehenderes sehen als sie, besonsonders in schalkhaften Rollen, als Zerline, Susanne und andere dieser Art. Die Wiener wußten gar nicht, welchen Schatz sie besaßen, und ließen sie Abschied nehmen.
Die junge siebzehnjährige Künstlerin, die eine so glänzende Zukunft vor sich hatte, wurde bei der damals dort herrschenden Stimmung beinahe ganz unterdrückt; sie war ja keine Welsche. Madame Fodor, das reichhaltigste Talent, das man kannte, sah bald ein, was in der Sontag aufblühte. Sie hatte keinen Sinn für die Bewunderung und Liebe ihrer holden Mitbewerberin. Es war einmal bei Duport die Rede von einer Aufführung des »Figaro« auf Italienisch. Ich hatte die Susanne von der Sontag gesehen. »O«, rief ich aus, »halten Sie diesen glücklichen Gedanken fest; wie wird die Sontag auf Italienisch entzücken!« Ein krauses Gewölk mit zuckenden Blitzen umschattete die Züge der italienischen Primadonna. Duport entging es nicht, er fiel rasch ein: »Ja, wenn Madame Fodor alle Rollen besetzen könnte; wir haben auch keine Gräfin Almaviva, und was die Sontag betrifft – Mit Bitterkeit unterbrach ihn Madame Fodor: Diese kleine Deutsche weiß gar nichts!« Duport brach klüglich das Gespräch ab. Aus der italienischen Vorstellung des »Figaro« wurde nichts. Als aber einige Jahre darauf Madame Fodor in Paris war, »die kleine Deutsche, die gar nichts wußte«, hinkam, und alles ihr huldigte, da – dies ist Thatsache – schloß sich Madame[263]  Fodor ein, wollte nicht auftreten, und ließ sich krank melden. Ich erfuhr dies mit Vergnügen.
Eines Abends, nicht lange vor ihrem Scheiden, ging ich auf das Theater, um ein paar herzliche Worte mit ihr zu sprechen; da rief das gute Kind aus: »Ach Gott, wir gehen jetzt alle von Wien, und wenn ich draußen kein Engagement finde, so müssen wir alle den betteln gehen!« Dies sagte sie mit Thränen in den Augen, mit schmerzdurchzuckten Lippen, süß umglänzt von ihrer siegprangenden Schönheit und Lieblichkeit. Ich tröstete sie kräftig und zärtlich. Sie gab ihr Abschiedsconcert. Zum Glück war es garantirt. Späterhin gingen den Wienern die Augen auf, sie konnten gar nicht begreifen wie sie dieselbe hatten weggehen lassen können. Rahel schrieb, nachdem sie die Fodor gesehen: »Nächstens erfinden die Engländer eine Maschine, die so artig singt!« Es lag Wahrheit in diesem Ausspruch, und dennoch war er ungerecht. Henriette Sontag war keine Milder-Hauptmann, keine Schechner, keine Heinefetter, ihre Kraft war ihre Lieblichkeit. Alles, was sie ahnen ließ und nicht enthüllte, tönte wie aus höhern Sphären. Clara Novello sang wie sie, man konnte sie hörend sich an die Sontag erinnern; doch man dachte nicht an Clara Novello, wenn man die Sontag hörte. Auch die Seidler-Wranitzki erinnerte an sie, die aber dennoch einzig blieb.
Ich fand die Wiener noch immer in Klagen ausbrechend über die verschwundene »gute Zeit«, die fort war wie »die Fremde« in Schiller's Dichtung, und gekommen wie sie, man wußte nicht woher. Zu groß war meine Wehmuth bei solchen Worten, als daß ich hätte fragen mögen, was ich doch so gern gewußt hätte. Mir kam die Zeit, die ich in Wien verlebte, noch immer so anmuthig, so geistdurchbebt vor, daß ich nicht begreifen[264]  konnte, was denn die lieben Wiener beklagten. Sie waren so genussesfähig und so reich an Genüssen, so frischherzig, so empfänglich, so treu ihren Günstlingen, so stolz auf ihre Notabilitäten, wie es eine gute Mutter auf ein herrliches Kind ist. Man konnte kein erfreulicheres Volk sehen, und von allem, was sie liebenswürdig machte, wurde wehmuthvoll behauptet, daß es noch ganz anders gewesen sei. Möge Wien nur das geblieben sein, was es damals war, so werden noch immer diejenigen beneidenswerth sein, die es bewohnen. Möchte ihnen nur niemals die herrliche Eigenschaft verloren gehen, den Menschen gelten zu lassen was er ist und wie er es ist! Man hörte wol einzelne Klagen über Zwang; nie habe ich aber eine freiere Gesellschaft gesehen, als die in Wien. Die Wiener sind nicht fertig, so wenig wie der Baum fertig ist, der noch Aeste treibt, noch Wurzeln ansetzt und sich noch Jahr für Jahr mit neuen Blüten schmückt, und wie der Fels, in dessen Innern, er Außenwelt verborgen, noch Metall und Edelsteine sich bilden, welche die Zukunft ausbeuten wird.
Ich habe noch beinahe ganz von meinen Freunden in Wien geschwiegen; es fällt mir schwer ihrer zu erwähnen, denn zu groß war ihre Zahl, zu gehaltreich ihr innerer Werth. Nur von wenigen will ich sprechen.
Mein ältester Sohn hatte sich schnell einen dichterischen Kreis geschaffen, in welchem er heimisch wurde; ihn bildete eine Anzahl von ausgezeichneten jungen Leuten, von denen er mir täglich zu erzählen pflegte. Die Bedingung der Aufnahme in diesen Kreis war, ein Sonett Shakspeare's mitzubringen. Wilhelm's Gedicht gefiel allen, und der aufblühende Dichter wurde als Meister behandelt. Wilhelm befreundete sich dort mit Herrn von Bauernfeld, Ernst von Feuchtersleben, Andreas Schuhmacher,[265]  Christian Huber und andern verheißungsvollen Dichtern, deren Knospe sich reich entfaltete. Mehrere von ihnen, z.B. Christian Huber, Andreas Schuhmacher, waren nicht allein Dichter, sondern auch vortreffliche Linguisten. Auch Moritz von Schwind, der geniale Künstler, gefiel sich sehr in ihrem Kreise. Erfreulich sind die Werke von jugendlicher Hand; es ist als strömte Jugend für den Beschauer aus ihnen hervor, und die Wonne des Schaffens geht auch auf sein Gemüth über. Moritz von Schwind arbeitete jenen Sommer an seiner köstlichen Zeichnung »Die Hochzeit des Figaro«. Welche Kraft, welche Gedankenfülle, welch überschwenglicher Humor, welche Heiterkeit! Wer mag das köstliche Kunstwerk besitzen? Nur in den besten Werken der florentinischen Schule habe ich eine so innige Verschmelzung der Romantik mit dem Geist der Antike gefunden. Eine sehr liebe Bekanntschaft war uns die des originellen Malers Ruß. Die Gegenstände seiner zahlreichen Gemälde sind alle von glücklicher sinnreicher Wahl und umfassender historischer Kenntniß. Ruß malte ungefähr so wie Fouqué schrieb. Was ich hier meine, kann nur der verstehen, der die Werke des einen las, die des andern sah. Ueberströmende Fülle schöpferischer Kraft ohne Wahrheit, ein Typus für die Züge, Physiognomien und Gestalten, wie auch nicht minder für das Colorit, ein Streben nach Charakteristik, welches mitunter gelungen ist, lebendige Gruppirung, das Ganze erfreulich durch die Intention, abstoßend durch Mangel an Einklang und Vollendung – das sind die Eigenschaften, durch die sich beide verwandt zeigten.
Es sind mir von seinen Bildern wenig im Gedächtniß geblieben; von diesen nenne ich Kaiser Maximilian, der durch die Gasse geht, mitleidig auf die Negerinnen blickend,[266]  die gestäupt werden, weil sie sein Schicksal beklagen, und ein anderes, den unschuldig angeklagten Edelmann Metter darstellend. Der Kaiser ruft aus: »Das that der Metternich!« Und von der Stunde an nannte man den unschuldig Gekränkten »Metternich«. Der Beschauer dieser Bilder freut sich des lebendigen Geistes und der Phantasie, die darin vorherrschen. Es bedarf nur wenig Arbeit mit dem Auge, um sie zu verstehen und vollenden zu helfen; die Gruppirung ist klar, oft gelungen.
Ruß starb jung. Er hatte sich immer sehr warm des Unterrichts seiner Kinder angenommen. Es wurde sogar behauptet, er bediene sich nicht der sanftesten Mittel, um ihnen Geschmack für die Kunst einzuprägen. Sein wackerer Sohn Leander und seine liebenswürdige Tochter Clementine waren noch sehr jung, als ich Wien verließ, und besaßen vielverheißende Talente, Schönheitssinn, Geschmack und Zartheit. Vor meiner Abreise wurde Ruß ein kleiner Sohn geboren. Er führte alle Besucher an das Lager des Knaben, und rief allen frohlockend entgegen: »Sehen Sie, da liegt mein christlicher Bildhauer!« Doch der Knabe starb in den ersten Wochen seines Daseins. Ruß war äußerst belesen, und sehr angenehm im Umgang. Erzherzog Johann bezeigte ihm viel Achtung und Zuneigung, und bat ihn sich mehr als einmal zur Begleitung auf seinen weiten Wanderungen durch die Gebirge aus. Ruß war stolz auf diese Auszeichnung, und mit Recht.
Der Erzherzog führte ein Leben, zu welchem er kein Musterbild genommen hatte, wiewol es so vortrefflich war, daß zu wünschen wäre, daß es sich die Söhne des Thrones zum Muster nehmen. Er vereinigte schon in früher Jugend mit wissenschaftlichen Kenntnissen und geläutertem Geschmack für Poesie, Literatur und Kunst[267]  alle Tugenden des Privatstandes. Er hatte sich vom Kaiser erbeten, statt eines theuern Hofhaltes, den Aufwand für einen solchen ersparen zu dürfen und für die Armen zu verwenden. Der Kaiser glaubte durch ein solches Verfahren alle diejenigen zu beeinträchtigen, die ein angeborenes Recht auf Hofstellen hatten, darum schlug er die Bitte ab. Erzherzog Johann beschied sich nach seinem Bedürfniß und Willen zu leben, ohne seinen Bruder, den er innig liebte, zu kränken.
Er wollte keine Prinzessin heirathen. Ein liebliches junges Mädchen aus dem Privatstande wurde die Seinige. Die ganze kaiserliche Familie bezeigte ihr Achtung und Liebe, mit solcher Zartheit und Herzlichkeit, als wäre sie in ihrer Mitte geboren. Diese Verbindung war eine der glücklichsten, die man jemals sah. Nanette Plochel, die Tochter des wackern Postmeister von Aussee, erfüllte ihren neuen Beruf als Gattin des Erzherzogs mit allem Eifer und aller Umsicht, die eine Throngeborene nur hätte anwenden können. Die Geschichte dieser Vermählung ist so oft in die Welt entstellt gekommen, daß ich es mir zur süßen Pflicht mache, sie wahrheitgetreu zu berichten.
Der Erzherzog war oft im Gebirge. Sein Weg führte ihn durch Aussee. Er pflegte beim Postmeister abzusteigen, und unterhielt sich gern mit dem jüngsten Töchterchen, dessen Lebhaftigkeit und Geist ihn so ergötzten, wie sich ein zärtlicher Bruder eines angenehmen Schwesterchens erfreut. Er fragte sie oft scherzweise: »Nanette, willst du mit mir kommen, wenn du groß bist?« Das Kind umschlang ihn mit beiden Aermchen, drückte ihn an sich, verbarg sein kleines Gesicht an seinen Hals, und hob seine thränenschweren Augenlider zu ihm hinauf. Sein Herz war tief gerührt, er schwelgte in[268]  seinem Glücke, der Krone seines schönen Lebens. Es war für ihn ein Heiligthum, unberührt von Wünschen und Gedanken, die es hätten entweihen können.
Als Nanette ihr sechzehntes Jahr erreichte, trat eines Morgens der Erzherzog sichtlich bewegt in die alterthümlichen Hallen der Post ein, zog Nanette an sein Herz und betrachtete sie mit strahlenden Blicken voll Innigkeit und Rührung. Ihr Vater und ihre Geschwister erstaunten, und wagten nicht, seinem so veränderten Bezeigen eine Deutung unterzulegen; nur Nanette verstand es, denn sie weinte laut. Der Erzherzog rief dem Vater zu, auf einen großen Bogen verschiedene Namen aufzuschreiben. Der Postmeister gehorchte. Der Erzherzog bat ihn, durch erpresse Boten alle die Personen, die auf der Liste standen, zu seiner Vermählungsfeier mit Nanette Plochel einzuladen. Heftiger weinte Nanette, inniger umschlang sie den Geliebten, dessen Hand sie nie gehofft zu besitzen, und über dessen Empfindungen für sie erst der jetzige Augenblick ihr Klarheit gab.
Ihr Vater aber erblasste und bebte heftig. Er stürzte zu den Füßen des Erzherzog Johann nieder, und flehte ihn bei allem was heilig an, ihn nicht unglücklich zu machen und den Frieden seines Lebensabends nicht zu stören! Der Erzherzog lächelte sanft, und bat den Alten sich zu beruhigen, und ihm zu vertrauen. »Er kenne ganz den Werth des Geschenks, das er von ihm erbitte, und wolle sein Kind glücklich machen«, fügte er hinzu. Nanette hatte keine Worte; sie weinte nur über Johann's Hand, die sie mit Küssen bedeckte. Ihr Vater konnte ihren stummen Bitten und glühenden Thränen nicht widerstehen, er wagte zu äußern, daß dieser Entschluß des Prinzen ihm vielleicht seine Freiheit oder gar sein Leben kosten würde, allein er gäbe nach, um nicht Nanettens Herz zu brechen. So[269]  wurden denn die Anstalten zur Vermählung getroffen, die ganz in Stille vor sich ging. Die Stimmung der Neuvermählten und ihrer Familien war ernst und feierlich, aber beseligt.
Es geschah hier was so selten der Fall ist, ein Bündniß an des Thrones Stufen aus innerer Nothwendigkeit geschlossen. Es verletzte keine Pflicht, kein Verhältniß. Zwei freigeborene Menschen schlossen aus freiem Antrieb und wahrer geprüfter Zuneigung den Bund für die Ewigkeit, der ihr Leben heiligen und beseligen sollte.
Als ich nach Aussee kam, um das Stift Admont zu besuchen, eilte ich zu Postmeister Plochel, um ihm den Zweck meiner Reise zu erklären. Ich bat ihn und seine Familie, die junge Gemahlin des Erzherzogs davon in Kenntniß zu setzen. Ich fand sie hierzu ganz geneigt, und werde späterhin auf diesen Zeitpunkt zurückkommen. Für jetzt muß ich noch bei meinen Erinnerungen aus Wien verweilen.
Unser gesellschaftlicher Kreis war dicht geschlossen; er wirkte zwar nur oberflächlich, aber doch erfreulich auf uns. Wilhelm studirte Geschichte und Philologie, Max seine Kunst in Abbildungen nach der Natur; Max aber war durch zu verschiedene Schulen gegangen, um sich einen eigenthümlichen festen Stil zu bilden, er verließ sich zu sehr auf seine angeborene Fähigkeit zur Charakteristik, und that doch auch wiederum zu wenig, um auf dem Naturwege zum Ziel zu gelangen. Dies Schwanken wurde ihn schädlich. Ihm fehlte der Muth, frisch um sich her zu greifen und das Errungene fest zu halten. Seine ersten Studien machte er in Dresden, unter Professor Hartmann's weiser und meisterhafter Leitung. Wir mußten nach Wien, wo er die Akademie fleißig besuchte, und Wahrheit errang, aber nicht Methode. Der in Dresden so zart[270]  und kräftig errungene Schönheitssinn ging, wenn nicht verloren, dennoch zu sehr in treuherzige Wirklichkeit über, die zu nichts führen konnte. Unsere Reise nach dem Salzkammergut riß den Jüngling aus allen Studien heraus, und übergab ihn ganz allein der Natur. Dieser Weg war für ihn der rechte, doch er verließ ihn, als er nach Frankreich ging, wo ihn sein Vater zum Maler Hersent brachte, dem wackersten Techniker, den er nur hätte ausfindig machen können. Ein unwiderstehlicher Hang trieb ihn auf den frühern Weg der heitern Anmuth und Innigkeit zurück, den er unter Hartmann und Wach eingeschlagen. Er copirte die berühmte »Brautschau« von Greuze, und in bewunderungswürdiger Weise. Er hatte dem eigenthümlichen Meister seine zartesten und tiefsten Geheimnisse abgelauscht. Die Juliusrevolution hinderte ihn, dies Bild zu vollenden, welches mir leider in meinen alten Tagen gestohlen wurde, als ein schlauer und frecher Dieb, der unter dem erborgten Namen I. Moore in irgendeinem Weltwinkel lebt, Mittel gefunden hatte, mich wahrscheinlich durch Chloroform einzuschläfern und mit Hülfe meiner damaligen Umgebung auszurauben. Meine schönsten und liebsten Bücher in Prachtbänden, meines Max früheste und letzte Werke, seine Skizzen, die Bildnisse unserer liebsten Freunde und Freundinnen wurden mir entwendet, und doch hatte ich diesem Menschen nur Gutes erzeigt. Noch kann ich nicht an diesen Raub denken, ohne den heftigsten Schmerz zu empfinden, und nur schwer fasse ich den Trost, daß es Gott war, der ihn zuließ, in unerforschlicher, aber gewiß heilsamer Absicht.
Der Mangel an Landluft wirkte sehr empfindlich auf uns alle; ich glaubte diesen Uebelstand durch eine Wohnung in der Heugasse beseitigen zu können. Nur drei oder vier Häuser von der Familie Schnorr von Karolsfeld entfernt,[271]  dem fürstl. Schwarzenberg'schen Garten gegenüberliegend, frische Luft vom Linienwall empfangend; in nächster Nähe des herrlichen Schlosses Belvedere, schien uns diese Wohnung alle wünschenswerthen Vorzüge zu vereinen, und that es auch an den Tagen, wo kein Zucker in der nahegelegenen Zuckerfabrik gebrannt wurde. Wir waren jetzt in demselben Fall wie in Dresden, wo auch ein solches Etablissement uns aus unserer Wohnung vertrieben hatte, und litten unbeschreiblich durch die Ausdünstungen des Ochsenblutes, die jeden Athemzug vergifteten. Schnorrs litten nicht dadurch, denn die Gassen machten einen Bogen, der die gräßlichsten Dünste nach einer andern Seite hinführte. Einen Theil des Frühlings brachten meine Söhne im Schloß Niederwallsee bei unserm unvergleichlichen Freunde Graf Konstantin Wickenburg zu. Auch mein Max hatte einen Krankheitsstoff aus unserer Wohnung mitgenommen, der ihn dem Grabe nahe brachte, ohne daß ich es wußte; auch wurden die Arbeiten in der Fabrik erst im hohen Sommer lebhaft betrieben. Es war der glühende Sommer 1826, der uns in dieser unheilvollen Wohnung fand. Dr. Jeitteles, ein junger Mann, dessen Gemüth, Geist und Kenntnisse im schönsten Einklang standen, und sein Freund, Dr. Grohmann, bestanden darauf, daß wir auf das Land müßten. Grohmann verschrieb eine Fußreise über Baden und Heiligenkreuz, nach Marienzell in das Salzkammergut, um dort die Soolbäder zu gebrauchen und in der unvergleichlichen Luft der Gebirgswaldungen zu genesen. Wir hatten mehrere vortreffliche Aerzte gehabt, die uns die höchste Achtung für ihre Wissenschaft eingeflößt hatten. Welche Wunder hatte unser Freund Koreff an uns gethan! Hufeland, Osann, Hofrath Althof in Dresden, Hofrath Czihak, dessen bescheidenes[272]  Andenken nicht neben dem jener großen Männer glänzt, aber dennoch immer blühen wird, waren uns unaussprechlich theuer, unser Glaube an sie war unerschütterlich.
Was Dr. Grohmann betrifft, so hatte dieser lange in Aegypten bei Mehemed Ali verweilt, und sich dort sehr wohl befunden. Mit der höchsten Achtung nur gedachte er seines ehemaligen Gebieters und der Türkei, aus welcher ihn ein unüberwindliches Heimweh nach Wien zurückgetrieben. Die Fußreise, die er verordnete, war uns allen sehr heilsam; allein mit dem Soolbad war er auf einem Irrwege – es schadete uns allen. Dr. Klinstein, der verdienstvolle Badearzt von Gmunden, machte uns auf die Gefahren desselben aufmerksam, und wir folgten ihm. Von der Wassercur war damals noch keine Rede; doch auch bei dieser bedarf es der höchsten Vorsicht.
Die eigentlichste Cur für alle Geschaffenen ist – ein tugendhaftes Leben, ein strenges Abwenden von allen Lastern der sogenannten Civilisation. »Laßt uns besser werden, gleich wird's besser sein!« Der große Hufeland hat hierüber vieles angedeutet. Es ist zwar die bequemste, und wenn man will die angenehmste Art, sich in leidlichem Zustand zu erhalten, selten zu erkranken, und durch die Behandlung eines geschickten Arztes wenigstens scheinbar zu genesen; allein oft brütet die in den Körper zurückgetriebene Krankheit Verderben. Strenge Tugend ist der einzige rechte Arzt; sie ist nicht so leicht wie Arzneinehmen, aber weder so gefährlich wie dieses, noch wie eine unvorsichtig gebrauchte Wassercur. Der berühmte französische Arzt Tissot kam Hufeland nahe. Die Herren Aerzte sollten seine Werke studiren; denn die Neuheit der eingeschlagenen Wege kann den Nutzen der geprüften Erfahrung nicht ersetzen, die noch immer ihren Werth behält, wenngleich die[273]  Lebensweise der jetzigen Welt gegen die Anwendung früherer einfacherer Mittel streitet, und vor allem das oben vorgeschlagene verwirft. O es wird anders werden! Es wird eine Zeit kommen, welche die Menschheit in das Geleis der Vernunft und Ordnung wieder zurückführen wird, aber nicht aus freiem Willen, sondern durch heilsame Notwendigkeit; denn bereits schlürft die Menschheit an den Hefen des Taumelbechers.
Wie ahnungslos betritt der kurzsichtige Mensch seine verhängnißvollsten Lebensbahnen: was ihm Mittel scheint, ist Zweck; er aber weiß es nicht. Mancher müht sich redlich ab, und wenn er am Ziel seiner Kräfte ist, wird er es gewahr, daß er nur einen Maulwurfshaufen aufgeworfen hat!
Unbewußt stand ich im Salzkammergut an dem entscheidendsten Wendepunkt meines irdischen Daseins. Ich zweifle, daß ich Kraft finden werde, das Ueberschwengliche zu schildern, was in mein Leben und Handeln eintrat. Viel Täuschung waltete dabei ob; aber Wahrheit war mein redlicher Wille, den verwüstenden Krebsschaden zu heilen, der an einem guten bravgesinnten Volke nagte und seine schönste Kraft verzehrte.
Manches ist mir von meinem schweren und frommen Werk gelungen. Ich habe mehr geopfert, als meine Ruhe und Gesundheit. Die Lockung war zu groß; ich vertraute zu kühn auf meine eigene Kraft. Mit Recht sagte einmal Erzherzog Johann: »Wenn das Gute zu üben leicht würde, so hätten wir den Himmel auf Erden!« Auch er fühlte sich aus innerer Notwendigkeit gedrungen, mit weiser und zarter Hand an die Aufgabe der Zeit zu gehen. Auch er stieß auf unüberwindliche Schwierigkeiten. Sein Bruder, der Kaiser Franz, war gut und wohlmeinend; er wollte das Gute, das Rechte.[274]  Sein guter Engel, die Kaiserin, kämpfte mit Besonnenheit und Kraft gegen die Einflüsse, die des Kaisers edeln Willen lähmten und den Standpunkt seiner Ansichten verschoben. Er pflegte von ihr zu sagen: »Ich habe drei Kaiserinnen gehabt, jetzt habe ich ein Weib!« Sie äußerte zuweilen: »Ich bin im Staate nichts als des Kaisers Weib!« Ich hörte das nicht gern. Die Ansicht war bescheiden und rein weiblich, aber bei dem Geist, den sie besaß, wäre es ersprießlicher für den Staat gewesen, wenn die Kaiserin sich erinnert hätte, daß sie berufen war, dem Kaiser mehr zu sein als ein Weib. Eine gewisse nothwendige Reform im ganzen Hauswesen der kaiserlichen Burg war ihr gelungen, und hatte der edeln Frau große Mühe gekostet. Der Gegenstand war dringlich, es mußte Ordnung gemacht werden. Die Gebräuche und Misbräuche einer frühern Zeit konnten nicht mehr bestehen, wäre es auch nur der Ordnung wegen gewesen. Man hatte ehemals den Glanz und die Würde eines kaiserlichen Hofes in der Vergeudung gesucht. Nicht ohne Gefahr konnte man diese fortsetzen. Die Kaiserin wollte dem Volke zuwenden, was die feiste betreßte Camarilla verschlang. Dies war kein leichtes Werk, und ich weiß nicht genau, ob es in seinem ganzen Umfang gelungen ist. Ich könnte hier einige Beispiele anführen, um einen Begriff von dem zu geben, was vorgenommen werden mußte und zum Theil auch wurde. Z.B. ein wackerer Mann, der nützlicher verwendet werden konnte, genoß in vollkommenster Ruhe einen ansehnlichen Gehalt als Kammerherrenansager. Seine Functionen bestanden darin, daß er, wenn ein neuer Kammerherr an den Hof kam, in der Stunde seines Empfangs die Flügelthüren öffnete und den neuen Ankömmling meldete, worauf er sich alsbald bescheiden zurückzog.[275]  Von mehreren ähnlichen Ausgaben werde ich nur einige nennen, die wahrscheinlich abgeschafft wurden. Ein Mitglied des Burgtheaters wurde mit einer Sinecure ähnlicher Art begnadigt. Er bezog 500 Kaisergulden jährlich, und hieß kaiserl. königl. Ofenheizer. Einen andern Herrn wird man im Hofkalender unter der Bezeichnung: »kaiserlich königlicher Hofschwanzrührer« mit einem ansehnlichen Gehalt bezeichnet finden. Seine Function war eine Oberaufsicht bei den Feuerröhren der Oefen und Kamine. Ich glaube nicht, daß er sie oft untersucht hat. Centnerweise und sackweise wurden Zucker und Kaffee an die Domestiken vertheilt, ebenso Lebensmittel und Speisen. Dies und ähnliches wurde gestrichen. Das kaiserliche Hofgesinde empfing nun Kostgeld. Ich glaube mich zu erinnern, daß ähnliche Misbräuche, die stark in die Kasse griffen, nun auch an den königlich sächsischen und bairischen Höfen abgeschafft wurden.
In ihrer gewöhnlichen Kleidung beobachtete die Kaiserin große Einfachheit. Sie that viel für die Armen in allen Provinzen des Reichs, und suchte immer ihre Wohlthaten auf eine Art einzurichten, daß sie im allgemeinen ersprießlich wurden. Wollene Decken, welche sie verfertigen ließ, wurden an Arme vertheilt, die kein Bett hatten. Die Leinwand, die in Salzkammergut gesponnen und gewebt wurde, war zum Verkauf bestimmt. Das daraus gewonnene Geld wurde Zum Ankauf frischen Flachses und zu neuem Arbeitslohn verwendet u.s.w. Die Kaiserin hatte auch eine Erziehungsanstalt für junge Domestiken errichtet. Den ersten Impuls hatte ein schweizer Canton dazu gegeben, ich weiß nicht welcher. Zwei würdige Fräulein in Strasburg hatten nach diesem Muster eine ähnliche Anstalt errichtet, welche ich 1836 in voller Blüte fand. Es sollte keiner Stadt an ähnlichen[276]  Anstalten fehlen, deren Nutzen und Segen unermeßlich ist. Arme Mädchen werden darin von zartester Kindheit aufgenommen, zur Arbeit angeleitet und zur Ordnung, zum Fleiß, zur Religion, zur Reinlichkeit und zu gesittetem Betragen angehalten. Die Arbeiten, welche sie verfertigen, werden zum Theil zum Besten der Anstalt verkauft, zum Theil für die Mädchen selbst verwendet oder zu einer Aussteuer für dieselben aufgehoben, die ihnen mitgegeben wird, wenn sie die Anstalt verlassen. Eine Menge Familien sind aufgemerkt, und werden nach der Reihe versorgt, sobald ein solches Kind 18 Jahre erreicht. Man erzieht sie nicht für den Küchendienst. Es ist erfreulich, diese jungen Mädchen alle so gesund und heiter zu sehen. Ich dachte jedoch mit tiefer Wehmuth daran, wie selten es ist, so glückliche Kinder im Schos der Familien anzutreffen, und welchen traurigen Einfluß die meisten Familienverhältnisse, die Zwistigkeiten der Aeltern, der tägliche Kampf mit der bittersten Noth und alles übrige Weh, das mit der höchsten Dürftigkeit verbunden ist, auf die unschuldigen Kinder ausüben. Schon oft habe ich darüber nachgedacht, daß Menschenfreunde für allgemeine Erziehung der Kinder aus der Volksklasse sammeln und sorgen sollten, damit der arme Mensch doch wenigstens eine glückliche Kindheit hätte, und die Grundlage zur Sittlichkeit und Rechtschaffenheit in das Leben hinübernähme. Für viele Waisenkinder sorgt der Staat; doch das Kind, welches im Elend geboren, zugleich bei lasterhaften Familienmitgliedern lebt, ist schlimmer daran, als ein älternloses Kind. Es gibt soviel bemittelte Menschen, die sicherlich von ihrem Ueberfluß keinen bessern Gebrauch machen könnten, als den, ihn für die Erziehung solcher armen Kinder[277]  zu verwenden. Es gibt soviel einzelnstehende Frauen und Mädchen –: welche gottgefälligere Anwendung ihrer Zeit könnten sie ersinnen, als einige Stunden des Tages der Aussicht oder dem Unterricht solcher Kinder zu widmen? Soll man nicht Keime pflegen, ehe die Pflanze emporsproßt? Und wenn auch die vortrefflichsten Bestrebungen durch die Gewalt der Umstände lange Zeit vereinzelt bleiben müssen: darf man nicht erwarten, daß sich das Einzelne nach und nach zum Ganzen gestaltet? Beklage sich doch keine, die einzeln auf der Welt steht; sie suche nur eine Familie, sie wird bald eine finden. Sie unterstütze eine arme Familienmutter, sie unterrichte und bilde ein verwahrlostes Kind, so wird ihr dabei zu Muthe sein, als wäre es ihr eigen.
Die Kaiserin Witwe von Oesterreich hat beim Lichte des Schmerzes den Weg zum wahren Glücke gefunden. Ihre erste Vermählung war nur eine Verlobung unter diesem Namen. Die Scheinehe, die aus politischen Rücksichten geschlossen worden, wurde getrennt. Kaiser Franz von Oesterreich fühlte sich glücklich in Charlotten Augustens Besitz, und sie suchte und fand Trost für die Leiden der umstürmten Jugend in den frommen Mühen um das Glück ihres Gemahls, um die Linderung der öffentlichen Leiden; denn wer so glücklich war ihr nahe zu stehen, hielt es auch für Pflicht, sie vom wahren Zustand der Dinge in Kenntniß zu setzen. Auch ich that es treulich und herzhaft, ich gab mich in der Nähe einer so hohen Frau voll Geist und Empfindung, voll Poesie und Anmuth, willig dem Zauber hin, der von ihrem Wesen ausströmte, der strengen Pflicht, die Stunden, die ich bei ihr zubrachte, einzig und allein den Leidenden zu widmen, welchen sie helfen konnte. Sie verstand mich, und vielleicht wurde ich ihr dadurch lieber.[278]  Sie fühlte, daß weder Absicht noch Zufall mich in ihre Nähe geführt, sondern göttliche Fügung.
So schwer es mir bei meinen jetzigen Leiden wird, meine Gefühle in Worte zu fassen, so muß ich dennoch in diesem Werke, meinem letzten Vermächtniß an die Welt, zu schildern versuchen, was mich damals beseligte, erhob und entzückte.
Es war im Sommer 1826, wo die furchtbare Hitze und die Ausdünstungen der Zuckerfabrik, verbunden mit dem unbeschreiblichen Fleiß meines Sohnes, der über seine Kraft hinausging, diesem eine schwere Krankheit zugezogen. Dr. Grohmann verordnete Blutegel, späterhin, wie schon erwähnt, eine Fußreise bis nach Gmunden und eine Soolcur. Ich habe schon bemerkt, daß ihm diese nicht zuträglich sein konnte. Wir rüsteten uns zu der vorhabenden Reise, und machten theils zu Wagen, theils zu Fuß den vorgeschriebenen Weg.
In Kloster Heiligenkreuz sahen wir die Bildsäulen der frühern Geistlichen; sie sind fleißig gearbeitet, aber ohne allen Geist. Uns fiel eine derselben auf, auf welcher ein Mönch ein Kelchglas in der Hand hält, in welchem eine Spinne schwimmt. Unser Führer erklärte uns, daß vor etwa vierhundert Jahren beim heiligen Abendmahl eine gewaltige Kreuzspinne von der Decke herunter in den Kelch gefallen sei. Der Geistliche hatte das Glas bebend von der Lippe wieder zurückgezogen. Er widerstand dem Befehl, die Spinne zu verschlucken, weil sie schon im geweihten und gesegneten Wein geschwommen hatte. Der Kelch wurde zurückgestellt, verdeckt und eingeschlossen, sonst hätte sich die Spinne vielleicht herausgearbeitet. Ein expresser Bote mußte nun diesen Vorfall nach Rom berichten. Die Antwort kam in circa zwölf Tagen an, mit dem Bescheid, »der Geistliche müsse den Inhalt des[279]  Kelches verschlucken«. Er bereitete sich nun zum Tode, und sank, nachdem er getrunken, entseelt auf den Boden. Ich habe diese schaudervolle Ermordungsgeschichte nie vergessen können. Mein ältester Sohn nahm daraus den Stoff zu einer Romanze.
Unsere Fußreise ging so glücklich von statten, daß wir uns nach jeder Stunde Weges frischer und stärker fühlten. Wir gelangten nach Eisenerz, und trafen hier einige elsasser Mineralogen und eine Familie aus Wien, die wir dort schon in Gesellschaft gefunden hatten und mit der wir unsere Bekanntschaft erneuerten. Und da eben das Bergfest einfiel, welches alle Bergleute von Vordernberg und Eisenerz jährlich zum Dank für den Segen des Berges feiern, beschlossen wir, es in Gesellschaft mitzubegehen. Erzherzog Johann, sagte man, würde den Zug eröffnen. Mich hatte die schöne Gebirgsreise, der erquickende Waldweg auf den Höhen, der Anblick des entzückenden Landes, der Gedanke an das Fest, die Hoffnung, den hochverehrten Fürsten, von dem ich schon soviel Gutes wußte, nun von Angesicht zu Angesicht zu sehen, wunderbar begeistert. Ich dichtete die ganze Nacht. Joseph Dessauer, der vortreffliche Tondichter, hat diese Wanderlieder sehr schön in Musik gesetzt und herausgegeben. Noch in derselben Nacht schrieb ich die Lieder für den Erzherzog Johann ab, um sie ihm zu überreichen.
Frühmorgens machte sich die ganze Gesellschaft auf den Weg zu der Gebirgshöhe, wo der Altar für die Messe aus Laub und Blumen errichtet stand. Die ganze Bevölkerung des Thals war oben. Luftige Feuer flackerten auf der ganzen Fläche der Gebirgshöhe. Die Familien, die herbeigeströmt waren, bereiteten ihre Morgensuppe; auch wir bekamen unsern Kaffee von den Dienstboten unsers Gasthofes,[280]  die uns mit allem Notwendigen nachgefolgt waren. Bald verkündeten Musik und Gesang die Ankunft der Bergleute.
Erzherzog Johann ging dem Zuge voraus, in Bergmannstracht. Wehmuthsvoller Ernst leuchtete aus seinen edeln Gesichtszügen. Die Bergleute sahen bleich und abgezehrt aus. Jetzt, wo ich die Dinge der Welt ohne Prisma sehe, erinnere ich mich dieses Umstandes; an jenem Tage fiel er mir blos auf, aber ich glaubte, der Aufenthalt unter der Erde sei schuld daran, daß man an diesen Arbeitern beinahe nur Haut und Knochen sah. Das ist nun das Los der Arbeitsbienen! Der Honig kommt in die Waben, die sie selbst gebaut, und erquickt die Müßigen, indeß die Arbeitsbienen verschmachten müssen.
Während des Gottesdienstes, beim herrlichsten Sonenschein, wob sich ein Regenbogen, wie ein Kranz, dicht um die Sonne her. Viele Tausende sahen dies bedeutungsvolle Zeichen. Als sich der Zug wieder vom Berg herabbewegte, nahte ich mich dem Erzherzog, und überreichte ihm die Rolle meiner Lieder. Sagen konnte ich nichts, ich war zu bewegt. Er nahm sie schweigend, mit freundlicher Geberde, und der Zug ging weiter. Wir ließen uns an den Kaisertisch führen, wo ein erquickendes Mittagsmahl bereitstand. Dann traten wir die Bergfahrt nach der großen Tropfsteinhöhle an, welche unsere Mineralogen aus dem Elsaß untersuchen wollten. Uns entzückte die Pracht und die Mannichfaltigkeit der Bildungen. Das Lied, welches ich den Bergleuten widmete, möge hier eine Stelle finden.


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Der Bergmann kennt den Frühling nicht,
Ihm leuchtet nicht der Sonne Licht,
Ihm weh'n nicht Blumendüfte.[281] 
Der Eisenblüte weißer Flor
Rankt im aus Tiefen sich empor,
Im perlenden Geklüfte.

Und was in stiller Tiefe blüht,
Erfreut wol auch ein fromm Gemüth
Und wird zur Frucht ihm reifen.
Drum, Mensch, willst du in Kraft gedeihn,
Mußt du dein eigner Bergmann sein,
In deines Herzens Teufen.

Du kennst den ewigen Magnet,
Um den das All im Schwung sich dreht,
An dem sich Sonnen zünden.
O laß ihn aus den Augen nicht,
Die Blüten fördert er zum Licht
In deines Herzens Gründen!

Was lieblich auf der Fläche prangt,
Verglüht, veraltet und erbangt,
Vergebens wirst du's pflegen!
Drum dring' in deines Herzens Schacht,
Und ringe muthig ab der Nacht
Der innern Blüte Segen.

Es war, glaube ich, auf Eisenerz-Höhe, wo ein liebliches Marienbild unsere Blicke anzog; darunter standen vier schlichte Zeilen, die mich innig rührten:

Herzliebes Kind, wo willt du hin?
Weißt nicht, daß ich dein' Mutter bin?
Weil ich dich lieb' herzinniglich,
So komm herbei und grüße mich!

Sollte dieser Nachtigallenlaut der Liebe nicht in irgendein Herz gedrungen sein wie ein Mutterblick,[282]  nicht Einen Schwankenden auf den rechten Weg zurückgebracht haben? Gewiß; denn nichts ist Zufall in der Welt!
Nach beschwerlicher Wanderung gelangten wir die Höhe herab nach Aussee, und von da über die Pötschen und Ischl nach Gmunden. Es war ein herrlicher Sonntagmorgen; wir fühlten uns so gestärkt und erquickt, daß wir wünschten, die Wanderung möchte nun erst beginnen. Die schwarzäugigen Mädchen, mit ihren italienischen Gesichtsbildungen und mit großen weißen Filzhüten, kamen uns scharenweis entgegen, um nach der Kirche zu gehen. Sie waren alle in schwarzen Perkal gekleidet. Ihre Gestalt und der Ausdruck ihrer Physiognomie zeigte keine Spur von der herrschenden Noth, von welcher wir später erfuhren. Die frühe Jugend hat unbegreifliche Hülfsmittel dagegen. Man sieht rosenwangige Mädchen, pausbäckige Kinder, wenn auch das Brot im Hause fehlt. Wenn aber erst die reifern Jahre kommen, so stehen Gerippe vor uns. Dies frühe und vollständige Abblühen ist nicht minder räthselhaft als das erste Frühlingsprangen der Kindheit und Jugend bei dieser elenden Lebensweise.
Es war Zeit, daß wir nach Gmunden gelangten, denn unser Reisegeld ging zur Neige. Wir stiegen im Goldenen Schiff bei Bauernfeind ab. Dieser Name stammt noch von den Zeiten des Bauernkriegs her, der in diesen Gegenden seine volle Wuth verübt hatte. Die den Bauern anhänglichen Familien wurden Bauernfreund genannt. Noch zeigt man auf einem großen Grasplatz am Rande des Waldes die Stelle, wo die gefallenen eingescharrt wurden. Der Kampf mit diesen Scharen glich einem Vertilgungskrieg.
Ich habe in den Gegenden, die ich in der Schweiz besucht, ehe meine Sehkraft erlosch, nichts angetroffen,[283]  was so reizend wäre wie das Salzkammergut, und so prachtvoll wie der Trauensee, den nur noch der Gardasee übertreffen soll. Was ich von der Schweiz kenne, ist gewaltig, großartig; doch die Anmuth fehlt, mit der jede Stelle im obern Kammergut und Steiermark geschmückt ist, selbst da, wo die Schauer der Natur düstere Wehmuth verbreiten. Das gute treuherzige Volk entspricht dem Charakter der Gegend, es ist einem wohl in der Mitte dieser Gebirgsbewohner.
Mein jüngster Sohn fand es hier so lieblich und traulich wohnen, daß er mir mit seiner hinreißenden Weise der Ueberredung den Entschluß einflößte, den Winter hier zuzubringen. Frau Bauernfeind, eine verständige Gastwirthin, bei der es uns behaglich war, äußerte Bedenklichkeiten über diesen Entschluß. Sie stellte uns vor, daß hier die Fröste scharf und anhaltend wären, dicke Nebel die Gegend einhüllten und der Frühling sehr spät erschiene. Doch es grünte und prangte noch alles so freudig um uns her!
Wir hatten eine wahrhaft göttliche Wohnung. Wir blieben, und gingen unbewußt der verhängnißvollsten Zukunft entgegen. Ich arbeitete damals an einem Roman aus Ludwig's XIV. Zeit, und entwarf eifrige Vorstudien zu diesem Werke, welches ich »Hofgunst und Dichterglück« benannte. Es liegt noch unvollendet unter meinen Papieren. Mein Max hatte ein schönes Gemälde entworfen, was ihn eifrig beschäftigte, Wilhelm eine dramatische Dichtung. Wir schlossen uns ein, um den ganzen Morgen ungestört zu bleiben. Unser Umgang beschränkte sich auf einige Beamtenfamilien, und auf die damaligen Besitzer des Schlosses Ebenzweir, welches späterhin Erzherzog Maximilian von Este gekauft hat. Es liegt unbeschreiblich schön. Der breiteste Spiegel des[284]  Trauensees und die ganze Majestät des Trauensteins, dessen Wald und Gebirgsherrlichkeit den Blick einladen, leuchten vor seinem Ufer Mit Büchern versorgte ich mich in der Bibliothek eines hochgeschätzten Salinenbeamten, des Herrn Hörner von Roitberg, dessen ganze Zuneigung und gute Meinung ich der Frage verdankte: »ob er Incunabeln besäße?« Er glaubte nun, ich wäre ein Inbegriff aller Gelehrsamkeit, und ich durfte über seine Schätze gebieten. Wir sahen uns oft. Er hatte zwei liebenswürdige Töchter. Seine verstorbene Schwester war Oberaufseherin des Taubstummeninstituts gewesen. Kaiser Joseph hatte es einigemal besucht und dort seiner harmlos muthwilligen Laune Raum gegeben, denn dieser Kaiser war ein großer Humorist; das Volk wird ihn nie vergessen. »Vergessensein ist ein vollständiger Tod, der wirkliche Tod ist nur ein Scheintod!«
Dieser würdige Mann hatte im Franzosenkriege durch Besonnenheit und Muth die Kasse des Salinenamtes gerettet und genoß der allgemeinen herzlichsten Achtung. Sein funfzigjähriges Dienstjubiläum wurde ehrenvoll begangen. O wie schön muß der Rückblick eines Greises auf solch ein Leben sein!
Dem langen Herbst des Jahres 1826 folgte ein scharfer Winter mit sonnigen Tagen. Unsere Arbeiten beflügelten uns die Stunden. Wir vermißten nicht den lieben Kreis in Wien; noch die reichhaltigen Kunstgenüsse, die uns zur Gewohnheit geworden. Wie schon öfters geschehen, arbeitete ich mich krank. Eine Beamtenfrau kam mir Vorwürfe zu machen, daß ich mich gar nicht mehr sehen ließe, und ich erfuhr bei dieser Gelegenheit von der schaudervollen Noth, die in diesem nackten Gebirgsland herrscht, und welche mir die verständige[285]  Frau Registrator Buchgräber mit den lebhaftesten Farben schilderte. Wir hatten bis dahin keine Ahnung davon gehabt. Ich wurde blaß und bebte. Mir war zu Muth, als müsse man zu helfen versuchen. Die Mildthätigkeit des kaiserlichen Hauses war allgemein bekannt; ich glaubte, es käme darauf an, dort Hülfe zu erbitten, und mit einigen huldvollen Spenden, meinte ich, würde dem Lande geholfen sein. Der kaiserliche Hof muß dasselbe geglaubt haben; denn das Obersalzamt empfing 550 Kaisergulden vom Erzherzog Karl, und ähnliche Gaben von den Mitgliedern des kaiserlichen Hofes, die sie dem Pflegamt Orth zuschickten, um sie auszutheilen. Ohne mein Zuthun war es bekannt geworden, daß ich zu diesen Wohlthaten durch meine Briefe Veranlassung gegeben. Nicht allein die Armen wollten mich sehen und mir danken, sondern auch mehrere Pflegebeamte, vor allen der Pfleger von Orth und einige Geistliche. Die paar Federstriche, die mich die ganze Sache gekostet hatte, wurden hoch angeschlagen, wie eine edle That. Ich war es noch von meiner Kindheit gewohnt, ähnliche Handlungen von der Karschin zu sehen, fast ohne mir Rechenschaft abzulegen. Ich hielt uns Dichter für berufen, den Nothschrei zu erheben, da wir es im Liede können. Eigentlich gedachte ich wol nur der göttlichen Worte: »Bittet, so wird euch gegeben!«
Der Pfleger von Orth machte mir nach der Austheilung des Geldes seinen Besuch, und schickte mir dann auf mein Verlangen das Verzeichniß der Beschenkten, dem er noch einen besondern Dankbrief hinzufügte. Ich schrieb mir hastig das Verzeichniß ab. Nach einem halben Jahre, in welchem viele Bittgesuche an mich eingelaufen waren, durchlas ich das Verzeichniß wieder, und bemerkte mir daraus mehrere Namen und Adressen, um den dort angeführten hülfsbedürftigen Armen Gaben zuzuwenden,[286]  die mir von der Frau Gräfin von Kollowrat und einigen andern höchsten Wohltäterinnen zugesendet waren.
Ich schickte dem Amtmann Plasser die Namen und Adressen aus der Liste, und ersuchte ihn, diese Leute zu mir zu bescheiden. Dieser Amtmann, der nichts von der Liste wußte, kam mir anzuzeigen, daß er mein Verlangen nicht erfüllen könnte, weil es im ganzen Salzkammergut niemand gäbe, der so hieße, noch Ortschaften, welche die bezeichneten Namen trügen. Somit sah ich ein, daß ich auf das keckste betrogen und auch ein Theil der Hülfsgelder unterschlagen worden, weil die Leute, die sie laut der amtlichen Liste empfangen haben sollten, niemals am Leben gewesen waren. Mich schauderte. Ich machte noch eine schmerzliche Entdeckung. In dem Verzeichniß hieß es von einer Familie, daß das Amt sie mehr als andere habe bedenken müssen, weil dort sechs Kinder, eine alte Auszüglerin und die zwei Aeltern nichts besäßen als ein kleines baufälliges Haus, das ganz mit Schulden belastet sei, und nicht einmal eine Kuh besäßen. Man hätte ihnen also fünf Gulden Conventionsmünze gegeben. Ich fand diese Spende gering für so große Noth; doch ich erfuhr weit mehr von der Sache. Die so entblößte Familie hatte keinen Heller bekommen. Der Pfleger war ihnen, nachdem er ihnen dies Geld gegeben, nachgeeilt, und hatte ihnen diese fünf Gulden schnurstracks wieder abgenommen, unter dem Vorwand einer rückständigen Steuer von diesem Belang. Diese Handlung war ganz geeignet, gerechten Verdacht gegen seine ganze Denkungsart zu erregen.
Die Kaiserin Charlotte Auguste hatte den Armen in der Hallstadt 200 Kaisergulden bestimmt, und Weisung gegeben, dieselben dem Ortspfarrer zu schicken. Dem[287]  Salzoberamt war die ganze Sache fatal; denn es hatte nicht ohne Mühe vor kurzem eine große Staatsersparnißmaßregel vorgeschlagen und ermittelt. Nach der Ansicht des Salzoberamtmanns von Schiller beschäftigte und zahlte der Staat überflüssigerweise 3000 Salinenarbeiter, welche erspart werden konnten, indem sie anderweitig Arbeit finden könnten, und im ganzen Bergwerk die Arbeitsaufgaben so gering seien, daß man sie erhöhen müsse. Dies wäre die Ersparniß einer Summe von, 60,000 Kaisergulden. Der gute Kaiser Franz gab seine Bewilligung zu dieser Maßregel, nur unter der Bedingung, daß man keine betagten Männer und Familienväter abdanke. Auf das feierlichste wurde betheuert, man würde nur junge Burschen verabschieden. Kaiser Franz glaubte diesen Betheuerungen, daß alles in Salzkammergut vortrefflich ginge. Ja, er gab dem Salzoberamtmann jährlich 1000 Gulden Zulage. Endlich erfuhr er die Wahrheit, und nun wurde die Sache bedenklich. Das Salzoberamt wollte weitern Nachforschungen vorbeugen und schrieb nach Wien, daß man die 200 Gulden von Ihrer Majestät der Kaiserin nicht zum Austheilen an den Ortspfarrer senden könne, weil er gestorben sei! Hierauf gab mir die Kaiserin Befehl, das Geld selbst in der Hallstadt auszutheilen.
Als ich dort ankam, erfuhr ich, daß Pfarrer Handlos, ein beliebter Redner, einstweilen als Vicar dort angestellt sei. Somit war die Kirche nicht verwaist, und der Befehl der hohen Landesmutter konnte erfüllt werden. Frau Erzherzogin Sophie fügte 200 Gulden hinzu. Die Vorstände der lutherischen Schule luden mich sogleich nach meiner Ankunft ein, dort meine Wohnung aufzuschlagen. Mein Sohn Wilhelm war in Gmunden zurückgeblieben.
Ich beeilte mich, dem Pfarrvicar Handlos die Spende[288]  der Kaiserin zu übergeben. Und da ich infolge der Reiseanstrengungen und unnennbarer Gemütsbewegungen krank lag, mußte ich noch in der Hallstadt bleiben, wo ich Tage zubrachte, die ich nicht zu überleben glaubte. Ich lag schwer erkrankt, beinahe sprachlos darnieder. Mein Zimmer wurde am Tage und abends nicht von Menschen leer – wahre Jammergestalten mit eingefallenen Wangen, die mir sanft und bescheiden ihre Noth vortrugen. Ich schrieb ihre Namen auf, und die Zahl ihrer Kinder, und ihre Bitten; diese beschränkten sich darauf, durch Arbeit Brot zu verdienen. Die guten Menschen hielten sich nun für geborgen. Ich gab ihnen Almosen von meinem wenigen Gelde. Meine kleine Kasse war zwar bald erschöpft, doch kümmerte ich mich nicht darum. Das herzerschütternde Elend um mich her verlieh mir einen gewissen Gleichmuth gegen mein eigen Schicksal.
Einige greise Bergleute besuchten mich, um mir genaue Nachrichten über die Zustände der dortigen Gegend zu geben. Gerührt von der Treuherzigkeit und hülflosen Lage der Gebirgsbewohner, ließ Graf Arthur Potocki bei seiner Anwesenheit in Ischl en Aufruf ergehen: Blinde sollten sich bei ihm einfinden, um unentgeltlich operirt zu werden. Dr. Alexander Rasumowski unternahm die Operationen, und führte sie mit bewunderungswürdiger Geschicklichkeit aus. Einer der Greise, der mich in der Hallstadt aufsuchte, gehörte zu diesen glücklich geheilten Blinden; man hieß ihn nur den alten Wesel. Kein treueres Auge hat je zum Himmel emporgeblickt, kein treueres Herz je unter grober Leinwand geschlagen. Er starb 1830. Sein letzter Hauch war ein Segenswunsch für seinen geliebten Wohlthäter. Im Jahre 1827 war er noch sehr rüstig und mir der Wertheste unter diesen guten Bergleuten. Dieser Mann machte mir[289]  über den Zustand der lutherischen Kirche folgende Mitheilungen.
Die arme kahle seeumflutete Hallstadt, die arme, vom Lande abgeschnittene Obertraun, wo damals wenige katholische Familien, wol aber mehr als tausend Protestanten wohnten, hatten keinen evangelischen Pastor, und im Bethaus der Hallstadt war nur alle vierzehn Tage Gottesdienst, den entweder Herr Wehrenpfennig, Pastor in Goisern, oder dessen würdiger Bruder Bernhard versah. Beide mußten oft mit Lebensgefahr über den See zur Zeit der Stürme und Eisgänge. Die Protestanten hatten auch keinen Schulmeister in der Hallstadt. Der dies Amt versah, ein Bewohner Obertrauns, bekam von der blutarmen Gemeinde nur 105 Gulden, und hätte Hunger gelitten, wenn er in zweiter Ehe nicht eine Mühle erheirathet hätte. Oft sah man ihn mit einem Sack auf der Schulter, oft mit dem Ruder in der Hand, über den stürmischen See schiffen – eine schwere Arbeit, die er dem zweistündigem rauhen, und in Winter lebensgefährlichen Gehen längs den Felsen und Lawinen vorzuziehen alle Ursache hatte. Derselbe hielt auch an dem Sonntag, wo der Prediger fehlte, eine Andachtsübung in dem Bethause. Er war ein Mann von Bildung und Belesenheit, und sorgte musterhaft für die sittliche Ausbildung der Schuljugend.
Der alte Wesel glaubte, es könne mir gelingen, der Hallstadt eine protestantische Kirche zu schaffen, und bat mich in den rührendsten Ausdrücken, ich möchte mich darum bemühen, Gott würde mit mir sein! Ich war bei dieser treuherzigen Bitte unbeschreiblich bewegt. Ich dachte an meine Großmutter Karschin, die arme Schneidersfrau, die sich frühmorgens im Winter, in dünne Kleidung gehüllt, über drei lange Gassen zur Hökerin[290]  schleichen mußte, ein Bündel Reisholz zu borgen, an dessen Glut sie eine Morgensuppe bereitete; an das demüthige Weib aus dem Volke, die den göttlichen Funken im Busen trug und gewürdigt worden war, ihrem heimatlichen Orte Tirschtiegel zum Kirchenbau behülflich zu sein. Mit klopfendem Herzen und nassen Augen reichte ich meinen guten Gebirgsleuten die Hände, und rief: »Ja, ich verspreche euch eine evangelische Kirche!«
Dies war ein großer Augenblick in meinem Leben. Ich fühlte so recht klar und tief, was Geist und Wille auf der Welt vermögen, wenn sie von Gott sind. Zwar wurde mir nicht eine Kirche zu Theil, aber doch ein Pastor und ein regelmäßiger Gottesdienst, und zwar keine zwei Jahre nach jenem unvergeßlichen Abend.
Auf die Einladung des Brauers von der Hallstadt nahmen wir nun dort unsere Wohnung. Sie lag reizend am Seeufer, und zeigte in ihrer Einrichtung von bürgerlichem Wohlstand und strengem Ordnungssinn. Die Gespräche ihrer Besitzer waren unterrichtend und anziehend, so wehmüthig sie mich auch stimmen mußten; denn ihr Gegenstand war die allgemeine Noth der ganzen Gegend, in welche der Wohlhabende mit hineingezogen werden mußte, da jedermann unter vermehrter Arbeitslast, geschmälertem Verdienst, erhöhten Abgaben, Verkürzung der Rechte des Bürgers und Vermehrung seiner Pflichten zu leiden hatte. Die Bräuerin sagte in ihrer Volkssprache: »Wir haben keine Kinder, wir danken dem Himmel dafür! Unser Vermögen ist seit den schlimmen Jahren zugesetzt worden, und neues können wir nicht erhausen! Wir sind froh, wenn wir nur überhaupt mit Ehren bestehen. Den Kunden müssen wir borgen, die Kasse bleibt leer. Der Herr muß einen Knecht machen, und ich eine Magd; wenn Sie in allen Häusern nachsehen, so finden Sie dasselbe. Der Bürger[291]  muß arbeiten, und darbt selbst dabei. Wenn wir nicht so klug lebten, und hätten das Haus voll Kinder, wir hätten schon abhausen müssen. Hallstadt ist der schlimmste Ort im ganzen Salzkammergut, es wächst nichts darin. Er hat keinen Handel, kein Gewerbe, das seinen Mann ernährt, keine Fabrik. Nur der Berg erzeugt Salz, aber er hat den vierten Theil, oder auch mehr von seinem Betrieb verloren.«
»Sie haben Mineralien und Fossilien«, unterbrach ich sie. Kopfschüttelnd fiel sie ein: »Wir haben keine Verkaufe zum Absatz, sonst könnten wir wol etwas besser gedeihen. Wir haben auch Marmor und Erz, Alabaster, Kupfer, Zinnober, und ich weiß nicht was noch; aber was hilft es uns, wir sprechen nicht einmal davon. Denn wenn ein Schlaukopf darüber kommt, so beutet er die Berge aus, und schöpft uns das ganze Fett davon weg. Ja, wenn ein rechtschaffener Mann den Arikogl ausbeuten wollte, er könnte reich dabei werden, man könnte an hundert Arbeiter dort beschäftigen, aber die Sache muß einen Haken haben.« Ich kannte den Haken. Gold und Silber, und die gehaltvollsten Erzstufen des Berges lagen in der Tiefe, und konnten nur noch mit Lebensgefahr erbeutet werden. Schon die Römer hatten zu ihrer Zeit diesen Bergbau eingehen lassen. Wahrscheinlich war dies die Ursache, daß das Salzoberamt vorzog, das Volk auszubeuten. Das ging leichter, und es konnte niemand dabei ins Wasser fallen. Wenn dieser Schacht einmal erschöpft war, so konnte man noch immer den Arikogl angreifen. Ich habe nicht erfahren, ob man es nicht endlich gethan hat; denn bei den ungeheuern Fortschritten der Wissenschaft ist es vielleicht möglich geworden, im tiefsten Schos des Berges zu arbeiten, und vielleicht liegt ein Eldorado, oder gar ein[292]  Kalifornien im feuchten Schos des armen Landes. Es ist eine Thatsache, daß von Zeit zu Zeit fremde Männer kamen, und in dem undurchdringlichsten der Wälder des Obernkammerguts Steine und Metalle ausbeuteten. Dies geschah schon seit undenklichen Jahren. Niemand hinderte diese Leute. Im Lande wurde versichert: sie fänden Gold – vielleicht nur Steine mit Goldadern; wer weiß aber, ob das nicht Fingerzeige der göttlichen Vorsehung sind, und ob man nicht bei genauem Nachforschen Goldminen fände, die hier im Schos der bittersten Armuth verborgen liegen?
Ich ließ damals solche Vermuthungen nicht laut werden, sondern begnügte mich, den Einwohnern Muth zuzusprechen so gut ich konnte. Mit Worten läßt sich kein Hunger stillen, und ich hatte nichts als Worte. Mein Max sagte einmal in seiner treuherzigen Art: »Meine Mutter ist die ärmste Wohlthäterin!« Gott segne es meinen beiden Söhnen in alle Ewigkeit, wie liebevoll und trostreich sie mir in jenen drangvollen Zeiten zur Seite gestanden; wie sie sich gern bemühten, heldenmüthig entbehrten, wenn irgend guten Menschen Hülfe geleistet wurde. Diese Stimmung in ihren Gemüthern war nicht haften geblieben. Am längsten zeigte mein Max Gesinnungen, die mich entzückten. Wilhelm ließ sich vom Schriftsteller Spindler hinreißen, der alles lächerlich machte, was jener ehemals heilig gehalten, der jeden edeln Keim in ihm erstickte, und ihn von der Poesie durchaus entfernte. Was ich hierbei litt, weiß Gott allein! Es gibt moralischen Meuchelmord, der nicht den Leib tödtet, aber die Seele! Max kam wieder zur Einsicht, er fand Gott wieder. Er schuf mir entzückende Augenblicke für ein Mutterherz. Einst als er nach einem gefährlichen Fieber[293]  noch Hoffnung zur Genesung gab, und ich ihm sagte: »Wirst du auch nicht sterben?« antwortete er: »O gewiß, ich werde leben bleiben!« »Wirst du auch ein guter Junge werden?« »Ja, und ein noch besserer Mann!« »Wirst du mir die Augen zudrücken?« »Ja, wie Joseph; wie es in der Bibel steht.« Ich mußte vor Freude weinen. Ein andermal, als er eben in sein fünftes Jahr ging, und noch wenig Deutsch konnte, kam die Rede auf meinen Gesundheitszustand, der damals sehr schwankend war. »Wenn ich nun stürbe?« sagte ich. Er antwortete schnell: »Alors je mourrais aussi! Ich habe dich eben gar zu lieb!«
O mein Max! Gott und die Engel hörten deine süßen Worte, und freuten sich.
Der Tag der Austheilung der kaiserlichen Gaben rückte heran, man wollte mich dabei haben. Ich hatte mich darauf gefaßt gemacht, den Saal, in welchem sie geschehen sollte, mit nothdürftig gekleideten abgemagerten Müttern, oder hinfälligen Greifen anfüllen zu sehen; doch im Gegentheil erblickte ich nur wohlgenährte rüstige Dirnen, und wohlgekleidete Matronen, welche ihr empfangenes Theil rasch in die Tasche steckten, und mit einer schnellen Verbeugung wieder aus dem Saale gingen. Da jedoch die Liste der Beschenkten nur Dürftige und Würdige, nur Cretins und halbsterbende Kranke enthielt, so glaubte ich, die wohlbeleibten geschniegelten Empfängerinnen seien nur im Auftrag der Betheiligten da, und es mag auch zum Theil so gewesen sein.
Es war nun Zeit nach Gmunden zurückzufahren. Die guten Hallstädter beschenkten mich noch beim Abschied mit manchem merkwürdigen Fossil, mancher Versteinerung, einer Kiste voll Salzarten, darunter rosenfarbene und himmelblaue,[294]  und mit andern merkwürdigen Kleinigkeiten, welche sie als Augenweide jahrelang aufgehoben hatten. Im Jahre 1854 verschwanden mir diese lieben Andenken in Genf.
Mir fehlen Worte, meine damalige Stimmung zu schildern; sie war überspannt. Von vielen Seiten her war ich bitter getäuscht worden. Ein höllisches Lügengewebe hielt mich umfangen; ich will davon was hier möglich ist enthüllen, denn Wahrheit ist immer nützlich und gut!
Nach den Ansichten des neuen Salzoberamtmanns, Hofrath von Schiller, war sein verstorbener Vorgänger in der Vorsorge für die armen Bergleute zu weit gegangen. Lenoble von Edelsberg hatte ganz entgegengesetzte Grundsätze. Er wollte das Volk beschäftigt und gesättigt wissen. Er meinte: »Die Füße, die den Kopf tragen, müssen kräftig und gesund sein, sonst könne der Körper nicht vorwärts!« Lenoble's Widersacher meinten dagegen, »daß ein Volk noch immer weit mehr für den Staat leisten könne, als je von ihm verlangt worden sei; daß große Nachsicht und ein zu gutes Leben das Volk nur verweichlichen könne, und es widerspenstig mache; nur unter dem Druck befinde es sich wohl! Maria Theresia und ihr Sohn, Kaiser Joseph, hätten schon einen guten Anfang gemacht, den Charakter des oberösterreichischen Unterhauses zu verderben, die Folge davon wäre mit jedem Jahre fühlbarer, man müsse noch bei Zeiten einlenken!« Lenoble starb über diesen Streit. Nach seinem Tode begann die Einführung des neuen Systems. Man entsann sich in Salzkammergut einer alten Prophezeiung, welche seit Menschengedenken im Lande umhergekreist hatte, sie hieß: »Wenn die Füchse in der Sudpfanne nisten werden, und ein schönes Schloß in der Lahn gebaut wird, dann wird das Kammergut[295]  ein Jammergut werden!« Kurz nach Lenoble's Tode brannte die Sudpfanne in der Hallstadt ab. Man beschloß, sie nicht wieder aufzubauen. Die alten Leute erinnerten sich der Prophezeiung, von der sich nun schon ein Theil erfüllte. Und das Oberamt ließ ein prächtiges Verwesamt in der Lahn bauen. Nun war auch das Schloß da. Zwei Theile der Prophezeiung waren erfüllt; man fürchtete, der dritte würde nicht ausbleiben, und es geschah so. Im Jahre 1824 wurde zu der Abdankung der dreitausend armen Salinenarbeiter geschritten. Sie hatte Hunger und Mangel zur Folge, und die politischen Behörden, die nur allzu gut wußten, daß nicht die Abdankung allein, sondern ihre Umtriebe und Erpressungen einen großen Antheil am Elende des Landes hatten, setzten alles in Bewegung, um den Glauben zu verbreiten, daß die Brotlosigkeit von dreitausend Individuen ganz allein schuld an den unglücklichen Zuständen des Landes sei. Man sing an die Eisenbahnen zu unternehmen, allein das gute Volk war dieser Arbeit nicht gewohnt, und benahm sich ungeschickt dabei, vermißte auch schmerzlich die Begünstigungen, die noch von bessern alten Zeiten her mit dem Bergbau verknüpft waren. Sie bedachten nicht, die armen Menschen, daß die armen Staatsersparnißmaßregeln, wenn auch nicht human, dennoch zum Theil unerlaßlich waren; sie empfanden die Entziehungen früherer Begünstigungen als eine Strafe, da sie doch nichts begangen hatten. Ihre Väter und Mütter waren gehegt worden wie Kinder des Landes, die Mutterhand Maria Theresia's hatte gewaltet. Jetzt herrschte eine fremde Behörde. Die Söhne des Landes waren verwaist.
Man muß diese Menschen kennen, um sich einen Begriff[296]  von ihrem Gemüthszustand zu machen. Der herrschende Nothstand rechtfertigte ihren Schmerz und ihre Besorgnisse für die Zukunft des Landes. Ueberdies war das Salzkammergut mit Grundsteuer bedroht. Zwar war unter den frühern Kaisern beschlossen worden, dies arme Land, wo nichts wuchs als Gras und schlechte Obstbäume, wo alle Bedürfnisse höchst kostspielig aus der Ferne her eingeführt werden mußten, mit einer Grundsteuer zu verschonen. Aber im Widerspruch mit jenem frühern Beschluß war das Salinenamt stark darauf bedacht, sie einzuführen.
Ich kannte nichts von den innern Umtrieben, von den frechen Räubereien, die an den ausgehungerten Einwohnern schamlos verübt wurden, und auf welche das Salinenamt ganz in der Stille ein wachsames Auge hatte. Ich sah nur die Thränen der Verschmachtenden, hörte nur das Wehklagen der Unterdrückten, und folgte nun meiner Ueberzeugung, daß der Staat helfen könne, und müsse, wo ein gutes Volk durch Entziehungen und Erpressungen zu Grunde ging. Ich beschloß, mich um Hülfe zu verwenden, wie viel Mühe es auch kosten sollte. Das Unrecht war gewiß auf allen Seiten, doch am wenigsten auf der meinigen, die durch listige Vorspiegelungen getäuscht war, und nur zu helfen kam. So eilte ich denn, mit geringem Reisegeld versehen, meist zu Fuß nach Aussee, um mich dort mit einigen verständigen Salinenbeamten zu berathen.
Der Oberamtsrath Dickinger war mir als einer der erleuchtetsten und wohlgesinntesten genannt worden. Ich besprach mich mit ihm. Der würdige Mann mochte wol bemerken, wie entbrannt ich von der Vorstellung der Rettung des Landes war, wie selbstvertrauend in meine Kräfte und Kenntnisse, wie durchdrungen von der Ueberzeugung, daß[297]  nur die Härte des Salinenamtes alles Elend hervorgebracht; aber im Stillen mochte er mich doch als eine gutmüthige Phantastin bedauern, die man auf alle Gefahr gewähren lassen könne, und die niemandem schaden würde, als allenfalls sich selbst. Er bekämpfte keine meiner Ansichten, widerrieth keinen der vorhabenden Schritte, und ließ mich freundlich ziehen, wohin ich zu gehen gedachte. Mein ältester Sohn, als der stärkste von beiden, hatte alle Documente und Vorstellungen, die mir gebracht worden waren, in ein schönes schwarzes Felleisen gepackt. Wir machten unsere Wallfahrt zu Fuß bei drückender Hitze. Wir gelangten nach dem Stift Admont, wohin wir auf unserer ersten Reise nach Steiermark eingeladen worden. Wir wurden auf das herzlichste empfangen. Diese würdigen Geistlichen, dem Erzherzog Johann treu ergeben, und mit den Zuständen des Salzkammerguts innig vertraut, wußten zwar nichts von der Handlungsweise der politischen Behörden, sondern nur von dem Nothstand, der große Aehnlichkeit mit dem des Landes ob der Enns hatte, und von den einschneidenden Maßregeln des Oberamts. Sie äußerten sich wenig über eine Verfügung desselben hinsichts des Stifts, wonach eine starke natürliche Salzquelle, die dasselbe früherhin versorgte, versiegelt worden war, und das Stift sein Salz kaufen mußte. Doch wurde keine Klage über diese Beeinträchtigung laut. Hier arbeitete ich meine Vorstellung an die Kaiserin Charlotte Auguste aus.
Schon am Morgen früh nach ihrer Vollendung gingen meine Söhne mit der Schrift und ihren Beilagen durch die Ennsschlucht, die das Gesäuse genannt ist, nach Vordernberg zum Erzherzog Johann. Der Postmeister Plochel in Aussee, bei dem ich, wie schon erwähnt, gewohnt hatte, gab ihnen einen Brief an seine Tochter, die[298]  Gemahlin des Erzherzogs, mit. Ich wußte nicht, daß der Weg durch das Gesäuse in so früher Jahreszeit lebensgefährlich sei, ich würde sonst schwerlich zugeben heben, daß meine Kinder ihn unternahmen. Sie aber hätten sich durch keine Rücksicht abhalten lassen, denn es war in ihnen dieselbe Begeisterung, dasselbe Gefühl des Unrechts, dasselbe Erbarmen, waches in meiner Brust glühte. Ich weinte die süßesten Freudenthränen, die wol je Mutteraugen genetzt. Jetzt sind die Lichtquellen dieser Augen vertrocknet, selbst ihre Thränen sind versiegt. Ich bin ausgeplündert, besitze nichts mehr als mein knappes Jahrgehalt als Witwe eines der ersten Männer in Frankreich. Ich bin verkannt selbst von ihr, der immer meine ganze Seele offen lag. Doch ich murre nicht; Gott kennt mein Herz und meine Thaten.
Am Abend des dritten Tags nach ihrer Abreise kamen meine Söhne wieder, freudezitternd und mit leuchtenden Blicken. Erzherzog Johann hatte sie huldvoll empfangen ausführlich angehört, und seinen freudigen Beistand für mein Unternehmen verheißen. »Aber Ihre Mutter sticht in ein Wespennest«, hatte er geäußert. Da jubelte Wilhelm, dessen Feuerseele, damals noch vom Hauch der Welt unberührt, so tief und kräftig das Rechte erkannte und das Gute übte: »O kaiserl. Hoheit, mein Mutter hat schon oft in ein Wespennest gestochen, sie fürchtet sich nicht!« Der Erzherzog lächelte, der Muth des Knaben gefiel ihm. Er lud ihn nebst seinem Bruder zu Mittag ein. Da beide in steirischer Jägertracht waren, wollten sie sich entschuldigen; doch der Erzherzog sprach: »In der Landestracht sind Sie hier immer willkommen.« Die Tafel war heiter und durch geistvolle Gespräche belebt. Der Erzherzog nahm die jungen Leute noch mit in sein Nebenzimmer. Der Inhalt des Felleisens lag[299]  auf seinem Tisch ausgebreitet. Wehmüthig lächelnd sagte der Erzherzog: »Ich habe alle diese Papiere durchgesehen, längst schon kannte ich sie alle, – was hilft das Recht ohne die Gewalt! Doch Gott wird das Werk Ihrer Frau Mutter segnen, denn es geht aus reinen Beweggründen hervor. Sie selbst denkt nicht an sich, und das soll auch kein Mensch thun, der etwas Gutes ausrichten will. Ich werde heute noch nach Wien schreiben, und morgen eine Depesche an meinen Bruder Ludwig schicken, der wird die Sache besorgen. Ihre Frau Mutter soll mir schreiben, aber nur durch einen Expressen; ich habe meine eigene Post. Wenn der Herr, der Kaiser, meine Briefe läse, so wäre mir's recht; aber die Schurken lesen sie, und das soll nicht sein!«
Wilhelm und Max glaubten, daß ich besorgt um sie sein und sie ungeduldig erwarten würde; sie hatten auch nur etliche Zwanziger bei sich, um ihren Rückweg zu bestreiten. Freude und Liebe beflügelten ihre Schritte, sie wußten, daß ich Eile zur Rückreise hatte.
Die ehrwürdigen Väter hörten die Erzählung meiner beiden Söhne mit dem innigsten Antheil an. Ich besuchte noch den Pfleger Staari, und seine liebenswürdige Schwester Lisette. Wir schieden mit schwerem Herzen. Ich hätte in Admont sterben mögen. Die prachtvolle Gegend, der herrliche Fluß, die gesunde Luft, und die guten Menschen – alles vereinigte sich, um diesen Wohnsitz anziehend zu machen. Er wird in alten Büchern rauh und unwirthbar genannt. Seinen ersten Anbau verdankt er den Benedictinern. Die frommen Väter nahmen selbst die Schaufel in die Hand, lichteten die Waldungen, ebneten das Erdreich und pflanzten es an. Ich habe noch selten einen geistlichen Bau gesehen, der nicht in der reizendsten Lage wäre. Lilienfeld in Obersteiermark[300]  ist ein Paradies! Der Prälat, den wir 1826 dort fanden, hat es unter weiser Leitung mit schaffendem Feuergeist aus seiner Asche neu erstehen lassen. Zacharias Werner schrieb dorthin, und bat um Aufnahme für seine letzten Lebensjahre. Der Brief war rührend. Die Bitte wurde abgeschlagen. Ich fand dies grausam; den Grund der Weigerung habe ich nicht erfahren können. Auch der sanfte gefühlvolle Greis Ladislav Pyrker wurde in Lilienfeld nicht verstanden.
Nur allzu oft sind die Menschen gewöhnlichen Schlages demjenigen feind, der aus ihren Kreisen heraustritt. Selbst in bloßen Aeußerlichkeiten beunruhigt es sie, wenn sie eine Verschiedenheit wahrnehmen. Sie wollen das Hergebrachte auch in Kleinigkeiten aufrecht erhalten. Die Ausgelassenheit der Sitten ist ihnen nicht eigentlich verhaßt, wenn nur alles scheinbar im alten Gleis bleibt.
Nicht lange vor unserer Ankunft hatte sich eine erschütternde Begebenheit dort zugetragen. Zwei junge Geistliche knieten am Tage ihrer Einkleidung am Altare. Der Blitz schlug ein und tödtete sie. Einer der fungirenden Geistlichen äußerte: »Man weiß nicht, ob man sie bedauern oder beneiden soll!«
Wir verweilten auf unserm Rückweg noch einige Tage in Aussee. Die liebenswürdige Familie Plochel war uns sehr theuer geworden. Der Hauptgegenstand unserer Gespräche war immer Erzherzog Johann. Plochels erzählten, daß eines Tags, wo er im Begriff war, Postpferde nach Gratz zu nehmen, wohin ihn ein dringendes Geschäft rief, ein alter Bauer, den er sehr wohl kannte, ihn um mehrere hundert Gulden Darlehn bat, um sein Haus und Gut von der Gant zu retten. Der Erzherzog ließ sich alle Gegenstände dieser Sache erläutern, und beschloß dem braven Manne zu helfen. Er[301]  fragte Graf Mortschin, seinen Adjutanten, wie viel Geld in der Reisekasse läge. Graf Mortschin nannte ihm die Summe. Der Erzherzog sagte: »Wohlan, geben Sie her, was unser alter Freund verlangt!« »Und die Postpferde?« fragte der Graf. »Die bestellen Sie ab; wir gehen zu Fuß durch das Gebirge nach Gratz!« Das Leben des Erzherzogs umfaßt unzählige solche Züge, ich weiß nicht ob sie aufgezeichnet sind, aber man vergißt sie nicht.
Der Sohn des Bergmeisters Pruckner, Heliodor, war erst vor kurzem von seinen Studien aus Kemnitz zurückgekehrt. Er begleitete mich auf meiner Rückreise. Es ergötzte ihn, daß man ihn nach fünfjähriger Abwesenheit nicht wieder erkannte. Meine Söhne waren auf einem Alpenausflug, wir wollten uns in der Obertraun wieder treffen. Auf dem Wege dahin schlug mir Heliodor vor, eine Niederalpe zu besuchen, welche statt auf einer Spitze in einer tiefen Schlucht liegt, wo herrliche Futterkräuter wachsen. Es war dunkel geworden, Heliodor schlug vor dort die Nacht zuzubringen, der Weg ging fast abschüssig hinunter. Wir gelangten glücklich bei dem Dorfe an, sahen die Feuer zur Abendkost brennen, und athmeten die sanfte Abendluft ein, durchwürzt vom Oden des blumenbedeckten Bodens. Einige Almerinnen bemerkten uns, und fragten uns ziemlich verwegen, wer wir denn seien, und was wir hier wollten? Die Erläuterung war kurz und deutlich. Als die Mädchen hörten, ich sei »die Frau«, denn so hieß mich das ganze Land, erschraken sie heftig, und baten mich um Verzeihung. Es wurde beschlossen, Heliodor sollte zu einer alten Almerin in die Hütte.
Sie konnten sich über seine Wiederkehr nach Aussee gar nicht fassen, und bereiteten uns ein köstliches Nachtmahl. Sie boten mir an, uns von ihren Liedern einige[302]  zu singen. Ich ging indessen weit ab von der Hütte, um ungestört zuzuhören. Die Mädchen hatten sich bei der Auswahl von Liedern schnell und eifrig wie zu einem Concert verabredet. Diese Sennerinnen sind wahre Künstlerinnen; herrlich nahmen sich ihre Töne beim Schimmer der flackernden Herde, beim Säuseln der dichtbelaubten Buchenwipfel aus. Das ganze Dorf lief zusammen, um mich zu bewillkommnen. Mehr als hundert Stimmen fügten sich zum vollen Chor, den sie nur mit Hülfe der Natur einstudirt hatten. Einige Solostimmen von der erquickendsten Frische und kecksten Höhe setzten mich in Erstaunen. Ich dachte daran, ob ich nicht Anstalten treffen sollte, diese Natursängerinnen nach Wien zu schaffen; doch ich verwarf diesen Gedanken, die guten Kinder hatten mir ja nichts zu Leide gethan.
Eine angenehme Müdigkeit, wie sie nur nach einem solchen Gang und nach solchem Vergnügen folgen kann, bemächtigte sich meiner, und ich schlummerte ganz beseligt ein. Zn meinen Füßen hatte sich die gute Almerin ein Lager bereitet. Der Waldbach rauschte in meine Träume hinein, und einzelne Klänge von Alpenliedern kamen wie Freunde, die nach unserm Schlummer schauen.


Mit der Morgenröthe erschien Heliodor's Hausfrau mit einem guten Kaffee, und die lieben Mädchen begleiteten uns bis auf die Heerstraße, wo sie uns noch nachsangen, solang sie uns sahen. Sie sprachen nicht mehr von ihrer Ungeschicklichkeit beim Empfang, aber sie küßten mir die Hände, auf welche verstohlen manche Thräne fiel.
Liebes akutes Volk! Obertraun bleibt eine meiner wärmsten Erinnerungen. Ostsüdlich der Hallstadt gegenüber liegt das idyllische Thal hart am See, den es im[303]  Halbmond einschließt. Eine schmale Brücke über die Traun, die von hier aus in den See strömt, verbindet es mit dem jenseitigen Felsufer, von welchem aus in zwei Stunden die Hallstadt auf schmalem gefährlichen Fußwege erreicht werden kann. Diesen Weg muß der Schulmeister nehmen, wenn es stürmt. Hier sank seine erste Gattin in das feuchte Wellengrab, dreißig Personen mit ihr. Sie kamen fröhlich von einem Hochzeitsfeste in Hallstadt, der Sturm erhob sich, der leichte Nachen schlug um.
Diese Gegend, nach der wir, ich und meine Söhne, uns oft zurücksehnten, wird von Salzarbeitern bewohnt, unter denen es viel Wildschützen gibt, die ganz im stillen die Gegend weit umher mit dem köstlichsten Wildpret versorgen, welches ihnen nur knapp bezahlt wird. Die politischen Behörden und die Geistlichkeit gehörten zu ihren freigebigsten Kunden. Die Freude des Erlegens, die Gefahr des Fortschaffens bringen eine Art von Poesie ins Leben des Jagdvölkchens, sie meinen dabei treuherziger Weise: »Das Wild sei ihr Eigenthum, es lebe in freier Luft, und koste kein Futter.« Es ist schwer sie über diesen Punkt aufzuklären, da sie der Ansicht sind, daß ihre Behörden es nicht genau mit dem Mein und Dein nehmen. Wie in Böhmen die Contrebande, wird das Wild bei diesen freiwilligen Jägern bestellt. Das grüne Deutschböhmen umschließt ein Dorf, das von sogenannten Paschern bewohnt wird, und wohin die Einwohner der umliegenden Dörfer und Städtchen gehen, um sich mit Kaffee und Zucker zu versorgen. Sie wissen wol, daß dies verboten ist; aber sie sagen, die Waaren, die verzollt werden müssen, seien zu theuer, und halten daher ihr Contrebandiren für eine menschenfreundliche Handlung. Es gibt keine geschicktern Schützen als die[304]  Obertrauner, die dabei die ehrlichsten Seelen von der Welt sind. Mord und Todtschlag fiel wenigstens zu jener Zeit in dieser Gegend nicht vor; die Wilddiebe hatten wachsame Auflaurer und sichere geschickte Zeichen; sie freuten sich der Gefahr und des Sieges darüber.
Wir rasteten am Steg bei unserer guten Stadlemann, einer der eifrigsten Beförderinnnen der Angelegenheiten der Armen. In Traunkirchen angelangt, wurde uns ein großer Brief mit fünf Siegeln entgegengereicht. Er war vom Grafen Wurmbrand, Oberhofmeister der Kaiserin, und enthielt in den huldvollsten Ausdrücken die Bezeigungen des Beifalls und Dankes der höchsten Frau, für die Art und Weise, wie ihre Aufträge erfüllt worden, und den Befehl, einige Centner Flachs, welche dieser Geldsammlung und diesem Briefe folgen würden, zur Verarbeitung auszutheilen. Wo fände ich Worte, um mein Entzücken zu schildern! Schon hielt ich das Land für geborgen, die Armen für versorgt, die unglücklichen abgedankten Arbeiter für wieder aufgenommen in den kaiserlichen Dienst, und das durch eine unbedeutende Fremde. Die erfreulichsten Nachrichten aus Gmunden gesellten sich zu dem Inhalt des Schreibens von der Kaiserin, denn es hieß, ihr Gemahl habe dem Salzoberamtmann heftige Vorwürfe über die Abdankungsmaßregel gemacht, und auf das strengste befohlen, alle, in meiner Vorstellung gerügten Ungerechtigkeiten auf der Stelle wieder gut zu machen.
Hofrath von Schiller kannte zu gut seinen kaiserlichen Herrn, um die geringste Besorgniß wegen seiner Aufwallung zu hegen. Er wußte, wo und wie ich getäuscht worden. Er hatte als Beamter seine Pflicht gethan, nur daß, wie Jean Paul sich auszudrücken pflegte, »der Mensch lieber mehr thut als seine Pflicht!« Er[305]  lächelte dazu, daß die politischen Behörden schon vermeinten, er würde seinen Abschied nehmen müssen.
Der unglückliche Pfleger von Orth war (um mich des dort üblichen Ausdrucks zu bedienen) »schwarz«, er war auch reif, und mußte fallen. Er hatte gedacht sich durch meine Schritte retten zu können; seine Rechnung war falsch. Der Pfleger hatte geglaubt mich zum Werkzeuge seiner Rettung zu machen; ohne es zu ahnen, hatte er durch seine Schritte nur seinen Untergang beschleunigt. Als ich nach Traunkirchen kam, besuchte mich Schiebel mit einer herzlichen Einladung des Kreishauptmanns von Dornfeld, zu ihm zu kommen und dort Maßregeln für die Aufhülfe zu nehmen. Was hätte mich, die ganz Bethörte, in Verwunderung setzen können? Ich ahnete nicht, daß man glaubte, es sei mir um mich und meinen Vortheil zu thun, und daß man mich in diesem kritischen Zeitpunkt aus dem Salzkammergut weglockte, um mich sicher in Händen zu haben.
Dankbar und vertrauensvoll kam ich nach Steier und bezog das Gastzimmer, das mir dort angewiesen wurde; es war eng und versteckt. Mein Sohn Max erkrankte darin, die liebenswürdige Familie pflegte sein mit Sorgfalt.
Der Kreishauptmann sah wohl ein, daß es nicht in meiner Absicht lag, den österreichischen Staat umzuwälzen, sondern daß ich ganz einfach an einer Verwirrung der Begriffe litt, und Welt und Leben nur aus meinen Büchern kannte. Mein Donquirotismus mag ihn belustigt haben. Er begriff klar aus allem, was um mich her geschah, daß meine Absicht unsträflich, meine Handlungsweise makellos sei. Er versicherte mich mit großem Ernst, ich müsse zu dem Generalgouverneur Grafen von und zu Ugarte! Ich konnte nicht begreifen, was ich da sollte; doch ich[306]  fügte mich und reiste nach Linz. Der Kreishauptmann dictirte mir die Worte, die ich dem Präsidenten sagen sollte; ich verstand sie nicht, doch lernte ich sie auswendig.
Es hat lange gedauert, ehe mir nur ahnete, daß ich glühende Kastanien aus der Asche holen sollte, die Absicht, die man mit mir hatte, wurde jedoch durch meine Einfalt vereitelt; denn ich sagte dem Präsidenten nicht ein Wort von denen, die mir in den Mund gelegt worden, und ich glaube, das war gut.
Er hatte mich sehr kalt empfangen, mein guter Wille schien mir das nicht zu verdienen, und ich betrübte mich im stillen darüber, ohne mir die Sache erklären zu können. Wahrscheinlich war es gelungen, dem Präsidenten eine unrichtige Meinung von mir einzuflößen, denn das Pflegamt und Consorten hatten die lügenhaftesten Berichte über mich nach Wien und Linz eingeschickt. Ich nahm Abschied vom Präsidenten, ohne im geringsten über seine Gesinnung für das Salzkammergut und für mich beruhigt zu sein, und ohne zu ahnen, was gegen mich war unternommen worden. Zum zweiten mal in meinem Leben blieb ich unverstanden, und hatte meine Widersacher durch weibliche Einmischung aufgebracht. Sie hatten auch zum Theil recht! Ist es aber nicht bedauernswerth, daß Männer nicht eingreifen, wo sie sollten? In kurzem sah ich mich von lauter Räthseln umgeben, und es bedurfte mehrere Jahre ehe ich klar sah. Die Greuel der bejammernswürdigsten Verwaltung wurden mir offenbar, auch die erbärmlichste Verdächtigung, die man über mich zu bringen versucht, wurde mir enthüllt, und durch eine vortreffliche Verfügung des Kaisers kam die Wahrheit an den Tag.
Es war nach Wien berichtet worden, daß ich Volksversammlungen[307]  hielt, daß meine Söhne das Volk aufzuwiegeln strebten. Nachts sei eine Tenne zu den Zusammenkünften bestellt, und Maßregeln zu einer Revolution wären genommen worden. Es sei alles soweit gediehen, daß man genöthigt sein würde, Militär in das Salzkammergut zu schicken. Nur durch meine Entfernung könne die Ruhe wieder hergestellt werden!
Der kaiserliche Hof lächelte zu diesen Beschuldigungen. Es gab dort einen Cavalier, der mich genau kannte, und den das ganze Gewebe mehr belustigte als empörte. Er vertheidigte mich jedoch auf das wärmste, pries mein Gesinnungen, meine Rechtschaffenheit, meinen feurigen Willen für das Gute, welches er nicht allein aus meinem ganzen Betragen entnommen hatte, sondern auch durch Zeitschriften kannte, die bei Anlaß meiner Rechtssache gegen die preußische Invalidenprüfungscommission in den Jahren 1815–17 ihre Stimme erhoben hatten. Auf diese Erläuterungen hin ersuchte Kaiser Franz den Ehrenmann um eine strenge geheime Untersuchung der Anzeigen des Pflegamtes Orth und meines Betragens in den Orten, wo ich mich bisher im Kammergut aufgehalten hatte. Der edle Graf, der bereits dreizehn verschiedene wichtige Stellen im Kaiserthum bekleidete, den der Kaiser mit schwierigen Aufträgen, unter anderm mit einer Untersuchung der Beschwerden einer bedeutenden Provinz und der Schurkereien dortiger Beamten, beehrt hatte, weigerte sich nicht, meine Sache an das Licht zu ziehen; denn er konnte weder an der Reinheit meiner Absichten, noch meiner Handlungen zweifeln. Er begab sich zuerst nach dem untern Kammergut, wo er mich zu finden glaubte, und meine Abwesenheit dazu benutzte, um sich ungestört und unbemerkt nach mir zu erkundigen. In Traunkirchen sagten die Leute, ich würde wahrscheinlich[308]  in Ischl sein. Er eilte dorthin, begleitet vom Baron G. seinem Freunde, mit welchem er Gastein besuchen wollte. Auf der Post, wo die Badegäste von Ischl sich abends zuweilen versammelten, hörte er meinen Namen nennen, erfuhr meine Wohnung und kam am andern Morgen mich aufzusuchen. Er traf mich in einem Saal, wo alle meine Papiere auf einem großen Tisch in Ordnung lagen, und zeigte Verlangen, sie sich anzusehen; nachher äußerte er, daß er einige davon sich mitzunehmen wünsche, was ich ihm natürlich freistellte. Er steckte sich alle Taschen voll. Ich sagte ihm, er fände hier nichts als Notaten über die Zustände Einwohner. »Das ist eben was ich will«, rief aus, und pfropfte immer mehr kleine Packetchen in die Tasche hinein, die er mit nach Haufe nahm. Andern Tages war er wieder bei mir. Seine am gestrigen Tage zwar freundliche, aber doch sehr ernste Miene war in Heiterkeit umgewandelt. Er zog meine Papiere hervor, ordnete sie von neuem auf dem Tische, und sagte lachend: »Da haben Sie Ihre hochverrätherischen Plane zurück! Ich hatte Auftrag, über Sie Erkundigungen einzuziehen, und Ihre Papiere zu untersuchen, – dies ist geschehen! Ich weiß nun alles, nur über einen Gegenstand müssen Sie mir selbst Auskunft geben. Sie haben nämlich, laut Bericht, alle Bewohner des Salzkammerguts allnächtlich in einer Tenne vereinigt, wo mag die Tenne sein? Es ist alles ausgeschickt worden, jedes Rattenloch, um sie zu finden. Im ganzen Salzkammergut ist keine Tenne, und kein Bewohner erinnert sich, politische Vorträge von Ihnen gehört zu haben. Jetzt müssen Sie aushelfen! Sollte die Tenne vielleicht im Monde liegen? Aber wie kommt man hin?« Ich mußte lachen, so empört ich war. »Ich bin ganz unschuldig«, rief ich aus, »und beleidigt[309]  habe ich niemand; es ist eine Schandthat, mich anzuklagen!« Unwiderstehliches Schmerzgefühl hatte mich hingerissen, und ich konnte mich der Thränen nicht enthalten. Der edle Graf suchte mich zu trösten. »Ich habe mich vom Ungrund der gegen Sie erhobenen Verdächtigungen überzeugt«, sagte er. »Alle Vorbereitungen zu einer Revolution seien getroffen, und man würde sie in Ihren Papieren finden, hatte man versichert. O, was habe ich gefunden? Die Zahl der Kinder einer Familie, die Chiffre der Schulden, die auf dem Besitzthum lasten, die Einnahmen von Salz, von Korn, von Butter u.s.w.; aber keine Spur von politischen Umtrieben, von Umgestaltung des Kaiserreichs. Fahren Sie auf dem angetretenen Wege fort, der Kaiser und seine Gemahlin werden mit Ihnen zufrieden sein; keiner der Schurken kann Ihnen etwas anhaben. Jene haben sich fürchterliche Blößen gegeben, die Folgen sind nicht abzusehen!« Ich verlangte keine weitere Erläuterung, fragte nicht nach den Namen meiner Ankläger, und ließ die ganze Sache auf sich beruhen.
Die Kaiserin war auf einer Reise begriffen; sie ließ mich nach Salzburg bescheiden. Ich eilte dorthin. Diese Zusammenkunft war herzerhebend; sie dauerte lange. Ich fand in der höchsten Frau ein Mutterherz für das arme Land, einen Geist, der diesem Herzen das Gleichgewicht gab, und ein Vertrauen, das mich in meinen eigenen Augen erhob. O fände ich Worte, zu schildern was in mir vorging! Schneidend war der Contrast zwischen meiner Lage, meinem Beginnen und den Erfolgen meiner Bestrebungen! Mir, so unerfahren, so unbekannt mit aller Größe, allem Glanz der Hoheit, allen Verwaltungsverhältnissen; mir, die ein einzig Kleid nach Salzburg mitgenommen, es am Abend vor der Audienz zum Putzen[310]  geschickt, noch kurz vor der anberaumten Stunde es nicht zurückempfangen, und schmerzlich ausgerufen hatte: »Das ist wie ein böser Traum, zur Kaiserin zu sollen, und mein Kleid ist nich trocken!« – mir entgegen sprangen die Flügelthüren des Palastes auf, riefen zwei hohe Gestalten entgegen: »Ah, schön, daß Sie da sind!« – »Haben Sie meinen Brief?« rief die Dame. »Haben Sie meine Wolle?« fragte der Graf in demselben Augenblick. Die Dame setzte hinzu: »Ich werde Sie gleich Ihrer Majestät anmelden!« Es waren Graf Wurmbrand und die Gräfin von L., welche vor mir standen. Die Wolle hatte ich noch nicht empfangen. Es war nämlich Flachs, den Ihre Majestät geschickt, um ihn an arme Spinnerinnen auszutheilen. Es erwies sich, daß der Frachtfuhrmann die Ladung aus Versehen nicht an mich bestellt hatte.
Ich wurde zur Majestät der Kaiserin eingeführt. Sie trug ein himmelblauseidenes Kleid und einen großen Hut mit drei prachtvollen Schwungfedern, welche die sanften und majestätischen Bewegungen ihres Hauptes anmuthig begleiteten. Ihre himmelblauen Augen überstrahlten mit überirdischem Glanz ihr rosenfarbenes Wangenpaar. Frühlingsschön leuchtete der Schmelz ihrer Farbe, und in ungekünstelter Zierde umwallten dunkle Locken die weiße erhabene Stirn. Sie sagte mir herzige Worte, und erhöhte den Werth derselben durch Darreichung ihrer feingeaderten Lilienhände. »Ihre Vorstellung an mich ist gut besorgt worden und hat viel Eindruck gemacht«, sagte sie mit Engelstönen. »Während ich sie vorlas, hielt der Kaiser seine Schreibtafel auf den Knien, und schrieb sich die Stellen aus, die ihn am tiefsten bewegten. Beruhigen Sie sich ganz, die Leiden des armen Landes werden sich in Freuden umgestalten!« Nach diesen Worten begann die Kaiserin ein langes Gespräch voll Kraft und[311]  Herzlichkeit. Die seligsten Stunden meines Lebens verklangen. Ich hoffte nicht, daß ihnen noch viele andere folgen sollten, die ihnen gleich wären an Schönheit der Empfindung, wenn auch nicht an überschwenglichem Glück.
Ich glaubte mein Ziel erreicht zu haben, doch es war dem nicht so. In Salzkammergut fand ich eine merkwürdige Veränderung gegen mich, als ich zurückkam, die mir unerklärlich war; doch ich hielt noch immer das Oberamt Gmunden für meinen Feind, und schrieb alles nach Wien, was mir gegen dieses gesagt wurde. Es war in der That erbarmungslos gegen die Salzarbeiter. In der Ueberzeugung, die Wunden der Gegenwart würden heilen, wenn erst die Zukunft mit ihrer weisern Einrichtung festgestellt wäre, wurde zuversichtlich in das gesunde Fleisch hineingeschnitten, der Jammer der Gegenwart unbeachtet gelassen. Meine Vorstellungen und Bitten blieben unberücksichtigt. Dennoch wurde ich durch einen Auftrag des edeln Mannes überrascht, der mich ersuchte, mir Steuerbücher bringen zu lassen und sie unverzüglich im stillen an ihn einzusenden. Ich gehorchte. Der Grund dieses Verlangens war nicht von mir ausgegangen, ich habe nie erfahren, woher er gerührt. Die Sache ist zu merkwürdig, um sie hier unerwähnt zu lassen.
Im Jahre 1817 war das arme Land, welches der Hunger zum Theil verheerte und die Seuchen aufrieben, in einen so entsetzlichen Zustand gerathen, daß man die Leichen der Verhungerten auf den Heerstraßen fand. Der gute Kaiser schickte große Summen und Erquickungen aller Art für die Leidenden. Es ist mir unbekannt geblieben, wie diese Hülfsleistungen damals verwendet worden. Im Jahre 1826, als ich in Salzkammergut[312]  angelangt war, hörte man wenig mehr von jener entsetzlichen Zeit der Hungersnoth und der Seuchen sprechen, wiewol ihre Folgen noch auf dem Lande lasteten. Seit dem Zeitpunkt, wo ich angefangen hatte Hülfe zu ermitteln, waren von allen Richtungen, besonders aus der Grafschaft Orth, die Einwohner zu mir gekommen, und hatten mich angefleht, doch um Gottes willen nur ihre Steuerbücher anzusehen. Ich that es, aber ich konnte nichts daraus entnehmen, sie waren unleserlich für mich. Ein Schuhmacher in der Viechtau, der gute Arbeit machte, einer von den unliebsamen Männern, welche die dortigen Behörden Grübler zu nennen pflegen – ein Schuster, der nicht bei seinem Leisten blieb –, erläuterte mir unaufgefordert die Bedeutung zweier Buchstaben, die häufig in den Steuerbüchern vorkamen, und neben welchen stets eine beträchtliche Summe verzeichnet stand. Diese Buchstaben hießen »K.K.« Diese große Steuer war abgetragen worden. Die Einwohner der Viechtau hatten berechnet, daß sie auf dem nicht umfangreichen District des Gebirgs über 20,000 Fl. eingetragen hatte. Wahrscheinlich war es diese geraubte Summe, über welche eine Untersuchungsbehörde Licht haben wollte. Es mögen hierzu noch andere Umstände gekommen sein. Nicht lange nach meiner Einsendung wurden die Steuerbücher umgearbeitet, die unleserlichen Bezeichnungen verschwanden, und die wenigen Rubriken, welche beibehalten waren, standen gedruckt im Buche. Der Betrug war mithin sehr erschwert worden. Auch erließ der gute Kaiser den Viechtauern drei Jahre von der schuldigen Grundsteuer. Diese erfreulichen Begebenheiten waren Vorläufer der wichtigen Dinge, die da kommen sollten.
Der Hofrath von Schiller beauftragte den Oberamtsrath[313]  von Villeford und einige andere tüchtige Beamte mit der Untersuchung der Amtsführung des Pflegers von Orth; man fand, es würde scharf gegen den Angeklagten verfahren. Welche Schärfe konnte doch gegen einen Mann genügen, der durch eine so lange Reihe von Jahren den Staat betrogen, und die Gegend ausgeraubt hatte! Nicht lange vor dieser Katastrophe war der Kreishauptmann von Dornfeld nach Ischl gekommen und hatte mich zu sich bitten lassen, weil er krank im Bett lag; ein heftiges Fieber schüttelte ihn. Es war mir nicht leicht, in dem nun so unfreundlichen Kranken den jovialen Kreishauptmann wieder zu erkennen, in dessen Hause ich und mein Max so liebevoll aufgenommen worden. Der Gegenstand der Unterredung war mein Aufenthalt in Salzkammergut. Herr von Dornfeld stellte sein Ansinnen so unklar, daß es nicht möglich war daraus zu entnehmen, ob es vom Präsidenten oder von einer freundschaftlichen Ansicht des Kreishauptmanns aus guter Meinung und Fürsorge für mich, oder, weil er vermeine, daß mir eine Gefahr drohe, gar höchsten Orts herrühre. Ich fragte ihn darüber; seine Antworten waren ausweichend und unverständlich, und sein Fieber schien zuzunehmen. Ich klagte Schiebel an, auf eine versteckte und feindselige Weise gegen mich aufgetreten zu sein, indem er sich doch bemüht hätte, mir begreiflich zu machen, daß alle Freunde des Salzkammerguts dahin streben müßten, daß der Kaiser die Grundsteuer abschaffe, denn diese sei unerschwinglich. Das Salzoberamt bestände darauf, und wolle sie nun auch im obern Kammergut einführen, wo Grund und Boden nichts als mageres Gras und saures Obst hervorbrächten. Herr von Dornfeld setzte hinzu, Schiebel sei ein Freund und Vater des armen Landes, habe die kräftigsten Vorstellungen wegen Abschaffung[314]  der Grundsteuer höchsten Orts eingereicht, und hoffe auch durchzudringen. Aus diesem allen wollte mir nicht einleuchten, warum ich mich entfernen sollte, und ich erklärte, ich würde fortfahren, meine höchsten Aufträge zu erfüllen, bis ich derselben enthoben würde. Hierauf konnte der Kreishauptmann nichts erwidern, klagte über sein Fieber, und entließ mich mit dem üblichen Landesgruß »Führt Gott«, indem er seinen Kopf in die Ecke des Bettes verbarg. Der ganze Vorfall war eigentlich darauf berechnet, mich tief zu kränken, mir daß ganze Kammergut zu verleiden. Doch ich ließ mich nicht irre machen, ich hatte das Volk zu lieb. Was ich später davon verstehen konnte, gehört nicht hierher. Zarte und gebietende Rücksichten haben im Lauf dieser Erzählung oft meine Feder gehemmt, und noch jetzt walten mehrere derselben vor. Manche meiner Leser werden entziffern können, was zwischen den Zeilen ruht, und werden verstehen, warum ich keinen andern Platz dafür wußte. Niemand wird sich verwundern, zu hören, daß ich für den redlichsten Willen, den treuesten Eifer, die liebevollste Hingebung, die martervollste Aufopferung im Grunde nur Undank erfahren habe, daß mein Vertrauen vielfach getäuscht worden ist.
Eine bedeutende Verfolgung machte sich gegen mich fühlbar; ich ertrug sie standhaft und geduldig, und fuhr ungestört in meinen Beschäftigungen fort. Die Noth war gestiegen, ich that bei dringenden Veranlassungen, was in meinen Kräften stand, und mehr, ich gab mich arm. Und wiewol ich in Rücksicht über meine Befugnisse hinausging, reut mich noch heute nicht, was geschehen, wenn auch der Erfolg nicht im Verhältniß mit der Aufopferung stand. Mein Gewissen und die Liebe des Volks hielten mich über jede Anfechtung empor. Ich hatte das Gute gewollt, und das Rechte gethan. Wer[315]  sich in die Flamme stürzt, um Erstickende herauszuziehen, fragt nicht danach, ob er sich das Kleid verbrennt!
Ich mußte häufig Ausflüge in das obere Salzkammergut machen, theils um in den Hütten nach dem Gespinst und den Spinnereien selbst zu sehen, theils um mich zu überzeugen, daß die Angaben verarmter Familien über Bedrückung und Ausraubungen seitens der Beamten nicht übertrieben seien. Sie waren nur allzu begründet; ich hätte Bände darüber schreiben können, wenn ich die Zeit dazu gefunden hätte.
Oefters mußte ich in Goysern verweilen, wo mein Asyl bei der Familie Wehrenpfennig war. Hier verlebte ich selige Stunden. Ich schrieb dort sehr fleißig Fürbitten, Erläuterungen über gekränkte Rechte der Gemeinden, und versäumte über diese Pflichten öfters die Kirche. Der Pastor Wehrenpfennig war ein echter Diener des Herrn, der die Herzen seiner Zuhörer erschütterte, erhob und erquickte. Die Kirche gewährte einen wohlthuenden Anblick. Die ärmsten Bewohner der Gegend erschienen dort reinlich, gewissermaßen geschmückt, so einfach ihre Gewänder waren; ihr Anstand war ernst und gesittet in Mienen und Geberden, die Heiterkeit des Frommen sprach aus ihren Gesichtszügen. Es war wohlthuend, mit dieser Gemeinde den Gottesdienst zu verrichten, und ich gestattete mir mehrere mal diese Gemüthserhebung, so oft ich in der Gegend war.
An einem Sonntag morgens, wo ich dringende Abhaltung hatte, war ich im Pfarrhaus geblieben und schrieb. Während des Läutens zum Gottesdienste vernahm ich ein scheußliches Grunzen, ein wüstes Getümmel vor der Kirche. Es trieb mich unwiderstehlich, auf den Platz zu eilen und nachzusehen. Welch ein Anblick! Eine starke Heerde von jenen Thieren, die Jesus[316]  in den See von Genezareth stürzen ließ, lagerte sich unter Hader und Umherbeißen dicht um die Kirche her. Dazwischen tobte und fluchte der Treiber laut knallend mit seiner mächtigen Peitsche, und Gassenbuben mischten sich hetzend hinein, um die Thiere recht erbost zu machen. Die Kirchenthür war zu. Ich, deren Furcht vor dem Vorstenvieh nur meinem Abscheu gleicht, machte mich auf, ergriff eine Gerte, die am Boden lag, und erhob sie, um allenfallsigen Andrang abzuwehren, indem ich dem Treiber drohte, ihn sogleich in das Gefängniß führen zu lassen, wenn er nicht auf der Stelle die Heerde von der Kirche entferne. Verdutzt und verschüchtert gehorchte er; es dauerte keine Minute, so war der Platz frei und alles still um die Kirche her, in die ich hineinging, um im Gebet meine Aufwallung zu stillen; ich war auf das höchste empört und erzürnt. Nach beendigtem Gottesdienst beim Herausgehen umringte mich die Gemeinde dankend und händeschüttelnd, und auch Wehrenpfennig kam und drückte mir die Hand. Ein alter Mann äußerte, der Vorgang müsse von irgendeinem Buben herrühren, welcher der evangelischen Gemeinde Schmach habe anthun wollen. Ich ging noch vormittags zum Pfleger, der ein gesitteter Mann war, und der mir versprach, besondere Acht zu haben, daß nichts Aehnliches mehr vorfallen könne. Der Treiber kam in Verhaft. Noch lange nach diesem Vorgang wurde desselben erwähnt mit gemischten Gefühlen, in gerechter Entrüstung und lebhaftem Frohlocken über den Ausgang. Es ist seitdem noch manches geschehen, was in demselben Geist unternommen wurde, aber, wie ich hoffe, keinen schlimmern Ausgang hatte. Der erbitterte Kampf zwischen zwei Parteien verbreitet sich von Ort zu Ort, und wird schwerlich anders erlöschen, als in Strömen Blutes. Gott wende dieses Unheil gnädig[317]  ab, und wehe allen, die mit dem Odem der Hölle die glimmenden Zwietrachtsfunken anfachen!
Der Sommer verging in reger Beschäftigung für mich. Weit besser als mit der ersten Lieferung von Leinwand, die ich besorgt hatte, ging es mit der neuen. Manche der Spinnerinnen waren nicht achtsam genug mit dem Flachs umgegangen, der ihnen anvertraut worden: sie hatten schlecht gesponnen, oder auch gar das Material verkauft. Ich bat daher Ihre Majestät, keinen Flachs mehr zu schicken, und meldete derselben, ich würde mich darauf beschränken, gesponnene Waaren zu kaufen.
Ich gewann nun vortreffliche Leinen. Einige Weber betrogen mich; da sie aber sehr arm waren, mußte man ihnen verzeihen. Die Umstände machten das unglückliche Volk unzurechnungsfähig. Aber klar erkannte es meine Bemühung, meinen redlichen Eifer. Von allen Richtungen her schickten mir die Gemeinden Abgeordnete mit Vorstellungen voll Kraft und Klarheit, und diese Leute baten mich um Beförderung an den Kaiser. Ich versprach es und hielt mein Wort. In weitläufigere Erläuterungen kann ich mich hier nicht einlassen, es genügt zu sagen, daß in jedem Orte offenbare Ungerechtigkeiten begangen wurden, und daß die Beschwerdeführer alle ihre Vorstellungen mit Beweisstücken belegten.
Ich nahm hochgestellte erleuchtete Rechtsgelehrte zu Hülfe, welche aus reinem Eifer für die gute Sache die Actenstücke untersuchten und gediegene Referate darüber aufsetzten. Der eifrigste und befähigtste unter allen war Herr von Buchholz aus Münster, kaiserlich königlicher Hofconcipist, den ein früher Tod seiner gesegneten Wirksamkeit entriß. Ich kann mir nicht versagen, hier dem Baron von Sina einige Worte dankbaren Andenkens zu[318]  widmen, weil er in der Sache fünf beeinträchtigter Gemeinden, mit deren Abgeordneten ich zu ihm ging, nach gewissenhafter Durchlesung ihrer Beweisstücke einen gediegenen Rath ertheilte. Jeder Rechtschaffene konnte sich aus den vorliegenden Documenten überzeugen, daß das Land von allen Seiten her bedrückt und ausgesogen wurde, und daß es sich dabei um bedeutende Summen handle, die nicht allein dem Volke, sondern auch dem Staate entzogen worden. Ich will hiervon nur ein Beispiel in möglichster Kürze anführen.
Ein ehemaliger Pflegbeamter, der Gutsbesitzer auf Schloß Almeck, lebte mit der Tochter des Gerichtsdieners Fanny Hofbauer auf seinem Besitzthum, und führte mit Hülfe dieses Mädchens eines der verwegensten Bubenstücke aus, die je begangen worden. Er hatte verschiedene Helfershelfer in sein Interesse zu ziehen gewußt, und ließ auf dem Kirchenplatz eines Sonntags vormittags ausrufen, »daß die Bauern bei ihm den Zehnten der auf ihren Grundstücken hafte, ablösen könnten«. Jeder Grundbesitzer der Gegend erstaunte über die Verkündigung und freute sich. Nun mußten in den folgenden Tagen die Helfershelfer des Ignatz von Auegg in der ganzen Ortschaft unter allerhand Vorwänden von Haus zu Haus gehen, und die Bauern mit ungefähr folgenden Worten berücken: »Leute, wißt ihr's denn schon, der Ignatz Auegg gibt ja dem ganzen Ort den Zehnten billig zum Ablösen; man weiß ja, daß er immer Geld braucht. Es kostet euch eine unbedeutende Summe, und ihr und Kindeskind seid auf ewige Zeiten von der Last frei. Schlagt nur bald ein, der gnädige Herr könnte sich anders besinnen!« Niemand unter der Sonne ist argloser als ein oberösterreichischer Bauer. Nächsten Sonntag nach der Kirche wurde die Ablösung des Zehnten[319]  von neuem angeboten. Der Termin zu diesem Geschäft wurde auf kurze Zeit anberaumt. Herr von Auegg hielt Wort. Er ließ die Kaufpreise mäßig stellen, dennoch wurden sie den armen Bauern schwer herbei zu schaffen, und es kam eine ansehnliche Summe zusammen. Die Kaufcontracte wurden mit Hülfe eines Advocaten, namens Joseph Solterer, wenigstens scheinbar in aller Form Rechtens aufgesetzt und den hochvergnügten Bauern zugestellt.
Nicht lange nach dieser Begebenheit, und kurz vor der Erntezeit, verkaufte Ignatz von Auegg der Fanny Hofbauer, die, wie schon bemerkt, mit ihm lebte, das Schloß und die Herrschaft Almeck um einen mäßigen Kaufpreis. Nicht ohne Verwunderung erfuhren die Bauern diesen Kauf; doch ahnten sie nicht, was ihnen bevorstand. Als die Ernte vor sich gegangen, und die Bauern im Begriff waren sie in ihre Scheuern zu führen, erschien die Fanny Hofbauer, nunmehrige Besitzerin der Herrschaft Almeck, auf den Aeckern, und verlangte den Zehnten. Vergebens betheuerten die Bauern, daß sie den Zehnten gekauft, und brachten ihre Kaufcontracte herbei. Die Fanny erklärte: »der Handel sei null und nichtig! Nicht Ignatz von Auegg, sondern sie sei Herrschaft, in ihrem Kaufbrief stehe der Zehnten mitverzeichnet, und sie werde sich ihn nicht entreißen lassen!« Sie ließ nun sogleich Arrest auf die Ernte legen, und kam mit Soldaten, sogar mit großen Hunden auf die Felder, wo sie den Zehnten eigenmächtig von der Ernte abtheilen und in die Scheuern von Schloß Almeck einführen ließ. Vergebens protestirten die Bauern; wahrscheinlich war in den Kaufcontracten absichtlich etwas versehen worden. Soviel ich glaube, zahlen sie diesen Zehnten noch immer an die Herrschaftbesitzerin. Ich kenne genau[320]  mehrere solche Vorgänge, beschränke mich aber hier nur auf diesen einen.
Der Kaiser hatte mich nach Wien verlangt, ich ließ ihn nicht warten. Ueberfüllt von Eindrücken kam ich im December 1828 nach Wien, wo ich glaubte die letzte Hand an mein Werk legen zu können. Ich war bedenklich krank, aber frohen Muthes. Noch waren damals meine beiden Söhne in der Stimmung, in welcher sie durch das Gesäuse zum edeln Erzherzog Johann mit Lebensgefahr gewandert waren. Max mit seinem weichen Herzen war noch derselbe geblieben, aber Wilhelm hatte sich von den Einflüsterungen gewissenloser Menschen hinreißen lassen, und sah die Sache in einem schiefen Lichte an. Er schrieb mir aus Wien: »Vom Salzkammergut ist so wenig die Rede, daß ich kaum zwei mal in dem Fall gewesen bin, das Gespräch darüber coupiren zu müssen!« Diese Worte machten mein Mutterherz bluten. Wehe dem, der sie ihm eingeflößt hat; denn mein Sohn hatte immer großartig und edel gefühlt, seine Worte durch Thaten bekundet, seinen Thaten durch Worte Nachdruck gegeben. Er war noch in den Händen eines falschen Freundes, der den bedauerungswürdigsten Einfluß auf ihn geübt hat, als er seine »Wanda Wielopolska« und seinen »Fahrenden Schüler« schrieb, zwei Werke, die seine Feuerseele beurkunden. Erst im Jahre 1845 schrieb er seinen »Frommen Juden«, den man infolge der Namenverwechselung mir beigemessen hat, an welchem ich jedoch nicht den geringsten Antheil habe.
Spindler, der die Gemächlichkeit liebte, und überall sparte, wo er es konnte, ohne sich den geringsten Abbruch zu thun, wohnte und lebte bei Wilhelm unter den knauserigsten Bedingungen und mit großem Aufwand, höchst unzufrieden mit allem, was er bei ihm genoß. Er[321]  nahm seinen Freund beim Arm, führte ihn in das leckerste Gasthaus. Beide liefen es sich dort behagen, doch auf Wilhelm's Kosten. Wilhelm's Gattin ließ sich diesen Aufwand gefallen, solange es möglich war ihn zu bestreiten; endlich aber erklärte sie, sie wisse nicht mehr, wofür den andern Tag das Essen hernehmen, und müßte Spindler inständig bitten, selbst für seinen Unterhalt zu sorgen, ja sogar ihr Haus zu verlassen. Spindler nahm bereitwillig Abschied. Ich kannte seinen Charakter zu gut, um sie nicht vor den nothwendigen Folgen dieses Schrittes, den ich unbesonnen nannte, zu warnen. Sie sah meine redliche Meinung ein und sagte: »Ich kenne jetzt Spindler ganz, doch es ist zu spät!« »Und ich«, fiel ich ein, »kenne ihn genug, um nicht zu wissen, daß er Sie seinen Ingrimm wird fühlen lassen. Er, der stets betheuert hatte, er würde Wilhelm aus den Krallen seiner Gläubiger ziehen; er, der alle Mittel dazu besaß, hat ihn nun hineingestoßen und ihn rettungslos zu Grunde gerichtet!« Die Schwiegertochter konnte nicht widersprechen; sie vermochte nichts, als unter den herbsten Entbehrungen ihr Leben zu fristen, und auf einen Glücksfall zu hoffen, der nicht eintraf. Spindler, der im Ueberfluß schwamm, nahm von seinem Freunde die Zinsen von den Zinsen der angewachsenen Schuld, zertrat ihn, und lenkte alles dahin, daß die Gant erklärt wurde. Doch meines Sohnes Anhänglichkeit überwog jeden Zweifel, und er blieb ihm ergeben, wie er es jemals gewesen war. Die Kette, welche ihn an den falschen Freund schloß, war in der Hölle geschmiedet, dennoch zerriß sie. In Freiburg trennten sich wenige Jahre nachher, als meines Sohnes Untergang vollendet war, der falsche Freund, und der, der mir das Herz zerriß. Ich schreibe dies alles ohne Mitwissen meines Sohnes, aber mit vollständiger Ueberzeugung der[322]  Wahrheit. Vor dem Throne des Allwissenden werden wir unsere Rechnung zu schlichten haben. An mir ist ein Word geschehen, an meinem ältesten Sohne auch. Nicht aus Rache klage ich hier den Mann an, der uns vernichtet hat, nur aus Warnung für liebevolle Aeltern, und für unbesonnene Jünglinge sind diese Worte aufgezeichnet; wer ihren Sinn nicht zu fassen vermag, der lese Spindler's »Boa Constrictor.« Spindler hat sich selbst gerühmt, daß dies Werkchen sein Bild und einen Theil seines Lebens enthalte.
Ich hatte für Pflicht gehalten, Eduard Duller, den ich ganz von ihm eingenommen sah mit Behutsamkeit und Mäßigung gegen Spindler zu warnen. Die einzige Frucht dieser Warnung war, daß Duller mein Haus mied. Doch keine zwei Jahr später entfernte er sich von Spindler.
Der geistreiche, grundgelehrte, talentvolle Philolog Dr. Braun folgte seinem Beispiel nicht. Er verschied in der Blüte der Jugend nach langen entsetzlichen Leiden an den Folgen einer Brustwunde, die Lieutenant Gottraun ihm im Zweikampf geschlagen, zu welchem er ihn gezwungen hatte. Ehe er ihn gefordert, hatte ein sehr hochgeachteter Mann, einer unserer beliebtesten Dichter, ihm gesagt: »Braun, Sie stehen am Rande des Abgrundes, vielleicht ist noch Zeit zur Umkehr. Wer Mittel hat, wie Sie, kann wiederkehren; Sie müssen leiblich und geistig zu Grunde gehen, wenn Sie so fortfahren!« Braun lachte, er rief aus: »Mag ich doch! Die Würfel sind gefallen. Wie ich jetzt lebe, kann ich mich immer noch eine Zeit lang halten! Wenn alles für mich aufhört, so finde ich wol noch einen, der mich zusammenschießt, oder ich ihn, es ist mir dann beides recht!« A .... schauderte, er eilte fort. Wenige Wochen darauf[323]  lag Braun auf dem Sterbelager. Möge ihm der Allmächtige jenseits vergeben. Mich drängt es sein Bild auszumalen, so trostlos es ist. Er nannte sich einen eifrigen Katholiken. Dagegen konnte niemand etwas haben. Es war um die Zeit, wo eben der deutschkatholische Priester Ronge gegen den Rock zu Trier auftrat.
Ich sprach mit Braun über diesen Gegenstand; er äußerte mit sanftem Blick: »Die guten Menschen haben da einen poetischen Begriff unwillkürlich und unbewußt in ihr Leben gezogen, und nun werden sie darüber ausgehöhnt!« Ich blickte ihn voll Erstaunen an, ich konnte nicht sprechen. Etwas über ein Jahr später kam Braun mit meinem Sohn nach Heidelberg. Wir aßen sämmtlich im Badenschen Hof. Es hatte sich dort eine geistreiche Gesellschaft vereinigt, das Gespräch wendete sich auf Religionsfragen. Braun äußerte: »Der Kampf wird jetzt ernster als je, und es ist hohe Zeit, daß er es werde! Wir haben den Protestanten große Concessionen gemacht, diese müssen alle aufhören. Bald wird sie schlagen, die große Stunde, wo die neue Bartholomäusnacht gefeiert wird, keine Pariser Bluthochzeit! Keine europäische! O nein! Die Bartholomäusnacht der Welt. Und da will ich zuschlagen solange ich den Arm rühren kann. Vertilgt müssen sie werden bis auf den letzten Mann, Gott wird seine heilige Sache schützen!«
Mir schauderte, ich war keines Wortes fähig. Ich sah auf meinen Sohn Wilhelm hin, ich hoffte ein tröstliches Wort von ihm, er schwieg mit der ruhigsten Miene, ich seufzte tief. Nun wurde eine ganze Wagenburg von Flaschen, gefüllt mit den edelsten Sorten Rheinweins, die Braun um sich her stehen hatte, verschluckt, er schien nur noch Sinn für diese zu haben. Ein Hannoveraner, ein[324]  sehr feiner Mann, der mir schrägüber saß, und innerlich aber sichtlich warmen Antheil an dem ganzen Vorgang nahm, brach nun gemäßigt, aber kräftig los in ungefähr folgenden Worten: »Niemand hat jemals der katholischen Religion mehr Ehrfurcht bewiesen als ich; mehrere Mitglieder meiner Familie sind katholisch, alle lieben einander, denn alle fühlen sich Eins als Christen. Unter meinen Freunden sind die geehrtesten und theuersten gerade Katholiken. Es hat sich so gefügt, weil auch diese katholischen Freunde von Ehrfurcht für die Religion durchdrungen sind wie wir. Wenn ich nun aber hinzusetzen muß, der Vorsehung dank, daß ich ein geborener Evangelischer bin, so will ich hiermit keine Schmähung gegen den Katholicismus aussprechen. Ich sehe in der katholischen Religion noch immer, was sie zur Zeit der frühern Christen war, was sie vor dem Concilium von Trident gewesen, und was sie im Grunde noch heute ist und morgen wieder werden kann, ja wieder werden muß, wenn der Frieden erstehen und bestehen soll!« Braun horchte hoch auf, er sah forschend um sich her, er fühlte sich allein mitten unter den Gästen, denn nicht Einer nahm Partei für seine Sache. Der beinahe allgemeine Aufbruch begünstigte einen geschickten Rückzug, auch war es mit dem Wein zu Ende, und der Mitkämpfer in spe der Bartholomäusnacht auf dem Halme, entfernte sich. Ihm folgte mein Sohn. Braun verließ den Gasthof und Heidelberg, ohne seine Rechnung zu tilgen.

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Ich bin in meiner Erzählung den Begebenheiten weit vorausgeflogen; doch der innere Zusammenhang ist geblieben, und ihn muß jedermann anerkennen, der dies Werk liest, wenn auch der äußere fehlt. Vorsehung und Geschick gestalten ihre Werke ebenso. Eine ferne Zukunft scheint nur durch Augenblicke von der Gegenwart getrennt, weil die Begebenheiten[325]  der Zukunft die unvermeidliche Folge der Gegenwart sind. Gestaltung und Duft der Weinrebe, die eben aufblüht, verheißt uns schon die reife Traube.
Ich hatte erfahren, daß Graf von Wickenburg in Wallsee erwartet wurde, und sehnte mich lebhaft, die Angelegenheiten des lieben Salzkammerguts mit ihm zu besprechen. Er war nicht immer einerlei Meinung mit mir. Ihm lief das Herz mit dem Kopf nicht davon, er wollte helfen und retten, aber vom normalen Weg kein Haar breit abweichen. Ich fand, daß bei außerordentlichen Begebenheiten und Zuständen, wie die des unglücklichen Landes, auch außerordentliche Mittel in Anregung gesetzt werden müssen. In Graf Wickenburg's Ansichten bestärkte ihn der Minister Graf von Baldacci, der mit seinem jungen Freunde nach Niederwallsee gegangen war, um sich mit ihm über verschiedene Angelegenheiten zu besprechen. Wir sahen uns nur bei Tafel. Ich fand am Minister Baldacci einen Gegner, mit welchem ich es muthig aufnahm, weil ein unverkennbares Wohlwollen für mich und meine Absichten ihn beseelte. Bei alledem ging die Sache nicht nach meinem Wunsch, denn er blieb bei seinen Ansichten und beim Hergebrachten stehen, und ich meinte, System und Gewohnheit müßten sich fügen, weil das Volk hungerte und fror, weil beinahe alle Lebensbedürfnisse im Preise gestiegen waren, und bei geschmälertem Verdienst Tausende von müßigen Händen vergebens nach Beschäftigung rangen. Es war dem edeln Grafen Wickenburg, und natürlicherweise auch mir, auf das eifrigste um Abhülfe zu thun. Ich, die bis aufs kleinste mit den Umständen vertraut war, sah die Nothwendigkeit der Aufhülfe am klarsten ein. Der menschenfreundliche Staatsmann kannte minder genau die herrschende allgemein Noth, dagegen aber zum Unglück für[326]  die Leidenden die Gesinnungen und Ränke der Hefen des Volks, die ihm in den Gegenden, wo er ähnliche Functionen erfüllt hatte, anschaulich geworden waren. Es bedarf einer rechtschaffenen Obrigkeit, vortrefflicher Geistlichen und Schullehrer, um die Gemeinden auf guten Weg zu lenken und darin zu erhalten, und gewissenlose Obrigkeiten wirken nur allzu eifrig darauf hin, alle Vergehungen der Niedern in ein gehässiges Licht zu stellen. Ich kann der Versuchung nicht widerstehen, in Kürze ein Beispiel hiervon anzuführen.
Einer der Beamten, die es sich vorzüglich angelegen sein ließen, das Volk zu verdächtigen, hatte sich ein Mittel ausgesonnen, es als verschwenderisch hinzustellen. Von Haus zu Haus eines Dorfes ersuchte er die Bewohner um Eierschalen, unter dem Vorwand, Gurkenkörner hineinzulegen. Das gute arglose Volk ist sehr gefällig, es suchte aus der Nachbarschaft Eierschalen zusammen, und brachte sie dem heimtückischen Beamten. Als dieser eine beträchtliche Menge beisammen hatte, zeigte er sie dem Oberbeamten, und sagte: »Sehen Sie nun das genäschige Volk! Ueber Hunger klagen sie, und haben diese Menge Eier in kurzer Zeit zusammen gefressen, statt sie auf dem Markt zu verkaufen!«
Ich verwendete die Zeit meines Aufenthalts in Niederwallsee auf die Zusammenstellung der Klagen und Bedrängnisse der Bewohner des Salzkammerguts. Graf Wickenburg hatte mir großmüthig angeboten, dort zu verweilen, um ungestört bei dieser Arbeit zu bleiben. Meine Söhne waren häufig zum Besuch im Benedictinerkloster von Melck, auf Jagden, und in Linz bei unserm Freunde, dem Syndikus von Sporn. Sie wurden wie Mitglieder der Familie angesehen. Dieser Aufenthalt war um[327]  so ersprießlicher, da diese Familie wie ein Musterbild der Bildung, Liebenswürdigkeit, Tugend und Sitte auf diese jungen Gemüther wirkte. Ich lebte ganz einsam auf diesem prächtigen Schlosse, das über dreihundert Fenster hat, und sehr anmuthig liegt. Die Requisiten zu meinem Frühstück wurden abends zuvor aus der Pflege zu mir hingebracht. Erst mittags verließ ich meinen Schreibtisch, um mit dem Pfleger und seiner Gattin zu speisen; dann ging es in den herrlichen Garten, der trotz der vorgerückten Jahreszeit ganz voll köstlicher Blumenbeete prangte; oder ich bestieg den Thurm, der die entzückendste Aussicht darbot. Von da blieb ich mit dem Pfleger zusammen, den ich nach dem Abendtisch wieder verließ, um fortzuarbeiten. Es war mir ein eigenes Gefühl, wenn ich den ellenlangen Schlüssel in der Hand, das gewaltige Schloß auf- und sorgfältig wieder zuschloß. Ich hatte dort keine Langeweile, mit meiner Arbeit war Segen. Im Hintergrunde winkte und glänzte Wien mit seinen geistreichen Männern, seinen anmuthigen Dichtern, mit der geist- und herzerhebenden Beziehung zu den Kreisen des kaiserlichen Hofes. Wir verließen endlich Wallsee, unaussprechlich dankbar für die lange genossene Gastlichkeit des edeln Grafen, der diese That wol zu einer der segensreichsten seines Lebens rechnen kann.
Wir gelangten aus unserm geliebten Salzkammergut nach Wien, und bezogen eine Wohnung in dem Hause, welches noch von früherer Zeit her das »Bürgerhospital« hieß, und wo ich Josephine von Perin, unsere theure Freundin, die es seit vielen Jahren bewohnte, wiederfand. Sie empfing mich liebevoll, und wir genossen der anmuthigen Nachbarschaft mit immer neuer Freude. Josephine von Perin, die Tochter eines berühmten belgischen[328]  Generals von Vogelsang, war eine der bedeutendsten Erscheinungen meines Aufenthalts in Wien. Sie besaß eine geniale Schwester, und einen geistvollen Sohn, der die diplomatische Carrière ergriffen hat, und späterhin als Legationssecretär nach Turin ging. Beider Sprachen zum Erstaunen mächtig, schrieb und dichtete Frau von Perin meisterhaft französisch und deutsch, in Versen und in Prosa, wie eine geborene Französin und Deutsche. Man hätte sie fragen können, wie Friedrich Wilhelm IV. Adalbert von Chamisso frug: »Wo haben Sie das herrliche Deutsch her?« Dieses hat durchaus niemand, als wem es von oben herab gegeben ist. Kein Studium verleiht es; Natur gibt es, wie sie der Rose den Duft gibt! Auch Josephinens Prosa athmete denselben Geist, zwanglos, herrlich gegliedert, kraftvoll, lebenssaftig, wie Musik vom größten Meister. Wer enträthselt solch Geheimniß? Wer kann den Augenblick herbeirufen, wo der Genius der Seele den Brautkuß gibt?
Wir brachten mit Josephinen von Perin und gegenseitigen Freunden entzückende Abende zu, aus denen bisweilen Nächte wurden. Wir werden sie jenseits wiederfinden.
Grillparzer, Apollonius von Maltitz, Christian von Zedlitz! Ihr könnt diese Stunden nicht vergessen, die Welt kann sie euch nicht wiedergeben; nur jenseits, jenseits stehen sie uns wieder auf!
Wie gerecht ist der Himmel! Den Reichen, die im Golde wühlen, schenkt er nicht was er uns himmlisch Beglückten gibt, wenn die Stunde der Weihe sich in unsere Herzen senkt; wenn Herz in Herz, Leben in Leben überfließt; wenn alle, die den großen Bund feiern, nur Eins sind. Nicht zerreißen kann ein solches heiliges Band, nur unsere Wahrnehmungskraft verschwindet. Das ewig Schöne, das uns der Ewige zu eigen[329]  gegeben, das wir auf ewig besitzen – getrost, wir finden es schöner wieder, als es die Erde uns geben konnte.
Meine Lieder an Seraphina bezeichnen ähnliche Stunden meines Lebens, unter dem schimmernden Dach des kaiserlichen Palastes. Charlotte Auguste war eine Seraphina. Ich habe es viele Jahre verschwiegen, ich wollte nicht der Welt preisgeben, was ich vom Himmel selbst empfangen, was ich mir ruhig und ergeben für diesseits entreißen ließ. »O Gott, wie reich ist doch eine Dichterseele!« hatte sie mir zugerufen, weil sie mich liebte und verstand, die hohe süße Frau! Nicht mir ist sie entrissen worden, sondern ich ihr. Aber sie wird mich wiederfinden, und je schroffer die Trennung war, je süßer wird die Wiedervereinigung sein.
Ich wurde kurze Zeit nach meiner Ankunft in Wien zum Conferenzminister Grafen Kollowrat gerufen, der mich mit der wärmsten Theilnahme empfing. Mit tiefer Wehmuth sagte er mir unter anderm die Worte: »Ah, es geht nicht wie es sollte, ich bin Minister und habe kein Portefeuille. Das Gute wird unbeschreiblich erschwert. Doch man muß den Muth nicht sinken lassen. Der Kaiser hat das menschenfreundlichste Herz und den besten Willen. Erst über seinem Grabe wird die Welt gerecht gegen ihn sein!« Nach einem langen Gespräch, dessen Inhalt ich in meiner Brust verschließen muß, führte mich der Graf zu seiner herrlichen Gemahlin, mit der ich eine schöne Stunde zubrachte. Vor dem Abschied hatte mir Graf Kollowrat noch gesagt, er würde mich zum 12. December beim Kaiser anmelden. Ich hatte mir viel von dieser Audienz versprochen. Ich glaubte dem Kaiser mehr sagen zu können, wenn ich die Letzte wäre, die sich melden ließe, ich hatte Unrecht. Der Kaiser war[330]  schon sehr erschöpft, als ich zu ihm eintrat; sein Adjutant machte mich darauf aufmerksam. Ich hielt es für einen Wink, mit dem Kaiser sehr behutsam umzugehen, und ich hatte recht.
Im reinsten Hochdeutsch sprach der Kaiser zuerst zu mir einige Worte des Dankes, daß ich mich seiner Oberösterreicher so herzlich angenommen habe. »Aber«, setzte er hinzu, »die Sache hätte eine schlimme Wendung nehmen können! Wie, wenn ich nun gezwungen gewesen wäre, Militär in das Salzkammergut zu schicken?« Ich erstarrte. Ich sah aus diesen Worten, daß die lügenhaften Berichte des Pflegers von Orth Eindruck beim Kaiser zurückgelassen hatten, und daß er glaubte, es handle sich um eine Empörung. Der Kaiser muß meine Empfindungen in meinen Blicken gelesen haben. Ich sagte ihm mit fast von Schmerz erstickter Stimme: »Ich kann und will mich nicht rechtfertigen bei Ew. Majestät, ich überlasse das Gott und der Zeit!« In den Mienen des Monarchen ging nun eine Veränderung vor, er blickte mich mit seinen schönen blauen Augen freundlich an. »Nun ja«, sagte er sanft, »gewiß haben Sie es gut gemeint!« »Und auch gut gehandelt«, entgegnete ich. Der Kaiser sprach nun: »Ich weiß durch Sie etwas, das ich nie zuvor erfahren hatte. Da legen sie drüben den armen Leuten, die selber nichts zu essen haben und die Steuer nicht zahlen können, Executionssoldaten in das Haus; das ist mein Wille nicht, das darf nicht sein, das soll nie wieder geschehen!« Die Stimme des Kaisers drückte flammende Wuth aus. Ich sagte ihm: »Es sind auch Menschen unter den Exequenten Ew. Majestät! Es geschah voriges Jahr, daß der Executionssoldat, als er zu einem Bauer kam, Kinder erblickte, die vor Hunger weinten, und keinen Bissen Brot in der Hütte an[331]  traf; da griff er in seine Tasche, gab der bebenden Hausmutter seine ganze Baarschaft, um Brot zu kaufen, und eilte davon. Ein anderer, ärmer als jener, ging beim Anblick der jammernden Bewohner aus dem Hause, und kam mit Brot beladen wieder. Er hatte eilig sein Gewehr verkauft, und wußte, daß ihn funfzig tüchtige Hiebe dafür strafen würden; doch er folgte der Regung der Menschlichkeit. Ja, Majestät, oft geschieht es, daß die Soldaten auf das Pflegamt zurückkommen und erklären, sie könnten diesen Leuten nichts abnehmen.« »Brave Kerls!« sagte der Kaiser, und wiederholte dann noch feierlich sein Versprechen, welches er freiwillig gegeben, daß keine Executionssoldaten mehr in das Salzkammergut geschickt werden sollten. Mir ist unbekannt, von welchem Orte aus diesem großmüthigen und gerechten Entschluß widerstrebt wurde, und zwar mit Erfolg; denn es kamen nach wie vor Executionssoldaten zu den Bewohnern, rückständige Steuern einzutreiben, nur daß man nicht mehr erzählen hörte, daß welche von ihnen ihr Gewehr verkauft, um den Bewohnern Brot zu bringen. Sie hatten sich damit begnügt, aus den jammervollen Hütten, wo keine Maus eine Brotkrume gefunden hätte, unverrichteter Sache auf das Pflegamt zu gehen, wo man nicht ermangelte, die Kosten für den Executor und für den Widerstand der Einwohner in Rechnung zu bringen. Ich muß zu meiner Beschämung gestehen, daß ich entmuthigt oder, wie der Bauer sich auszudrücken pflegt, »maßleidig« war. Ich weiß kein deutsches Wort für diesen Zustand: es bedeutet eine Erschöpfung der Spannkraft, eine wehmuthsvolle Hoffnungslosigkeit.
Kaiser Franz meinte: »Vom Steinsalz könnte man sich im Lande helfen«, weil Salzmangel in den Vorstellungen[332]  der Landleute auf das kläglichste zur Sprache kam. Ich wußte nichts von einem solchen, konnte weder beipflichten noch widersprechen, und glaubte einigen Unwillen hierüber beim Kaiser wahrzunehmen; auch war er sichtlich erschöpft, seine Augen waren roth. Die große Anzahl der Bittstellenden, die er angehört, hatten vier Stunden seines bedrängten Lebens mitgenommen, in diesen hatte der gute Kaiser viel gesprochen, und viel Leid empfunden, zuweilen auch gezürnt, weil er von vielen und frechen Schurkereien erfuhr, die ihn empörten, und die er bestrafen wollte. Er pflegte dann den Hülfesuchenden auf die Schulter zu klopfen, und die Worte auszusprechen: »Geht nur heim, Kinder, euch soll Recht werden!« Doch unter hundert Fällen gab es kaum einen einzigen, wo dies Wort sich bewährte, denn Arglist und Tücke hatten die Netze zu fein gesponnen, in welchen die Unterthanen zappelten, darbten und verschmachteten. »Es ist schaudervoll«, rief einmal die Kaiserin aus, als ich ihr unter andern Reden der Landleute folgende wiederholte: »Ueber die Steuern beschweren wir uns nicht, wenn wir sie geben sollen nach Recht und Gesetz, wie sie uns vorgeschrieben sind; wir wollen die Nächte durch arbeiten, daß uns das Blut aus den Nägeln spritzt; wir wollen hungrig zu Bette gehen, wenn nur der Betrug nicht wäre!«
Ich erzählte Ihrer Majestät auch von einem wackern Landmann, den ich warnte, sich weder durch Leiden, noch durch Aufwiegler hinreißen zu lassen, und keine Empörung zu versuchen, denn der Kaiser werde ihnen gewiß helfen. »Empörung!« rief der Alte, »nein, lieber doch gleich in den See!« Die Kaiserin war tief gerührt. Ich erinnere mich nicht einmal, und fürchte, mich hat eine übertriebene Ehrfurcht[333]  abgehalten, der Kaiserin hinterbracht zu haben, was ich von mehr als Tausenden gehört hatte: daß die Angestellten bei den politischen Behörden mit teuflischem Hohn hell aufgelacht hatten, wenn die Bedrängten etwa drohten, sie würden zum Kaiser gehen. Die Herren durften lachen. Sobald sie wußten, daß die Bauern sich so viel Geld zusammengeliehen und abgedarbt hatten, daß sie Wien erreichen konnten, schrieben sie an dortige Freunde, den Bauern den Zugang zu erschweren, oder zu hindern, im schlimmsten Fall aber sich an diejenigen zu wenden, denen der Kaiser das Referat auftragen würde. Meistens gelang das. Der Kläger, das Herz warm von den Tröstungen des guten Kaisers, noch auf der Achsel das trauliche Klopfen der kaiserlichen Segenshand fühlend, hungerte sich heim, wurde von allen Seiten her mishandelt, und bekam eine abschlägige Antwort, und obendrein noch einen derben Verweis von der Behörde. Dabei hatte er noch mehr Schulden als früher; denn nicht selten hatte er den Vorschuß zu seiner Reise aus Wucherers Hand empfangen. Der unsterbliche Kaiser Joseph hatte vorausgesehen, daß bei Suppliken der Landleute Umstände wie die eben bezeichneten eintreten müßten. Ihn jammerten die Beschwerdeführer und Bittenden, die mit großen Mühseligkeiten nach Wien mußten, und um ihnen Mühe und Aufwand zu sparen, beauftragte er den Kreishauptmann jedes Bezirks, die Schrift des Bauern nebst einer Einbegleitung von ihm selbst, an Ihre Majestät abgehen zu lassen, worauf der Kaiser den Bescheid durch den Kreishauptmann an den Bauer schicken würde. Der Kreishauptmann von Wels, den Kaiser Joseph selbst noch eingesetzt hatte hieß Jackobar, der von Steuer Dornfeld; sie waren vorgeschobene Riegel vor der Eingangspforte zum Thron. Der gesetzliche Befehl für Beschwerdeführer[334]  und Solicitanten lautete: zuerst zum Pflegamt zu gehen, und wenn dieses abschlägigen Bescheid gab, sich an das Kreisamt zu wenden, welches sodann nach Beschaffenheit der Umstände entweder die Beschwerde oder Bitte verwarf, oder an den Kaiser beförderte. Bei geringen und gewöhnlich individuellen Besuchen pflegte das Kreisamt zu ignoriren, wenn es übergaben wurde; sowie aber der Gegenstand die Rechte einer oder mehrerer Gemeinden und dann gewöhnlich eine große Summe Geldes betraf, wurden Kunstgriffe aller Art aufgeboten, damit die Sache gar nicht vor den Kaiser gelangte. Ich kann hiervon mehrere Beispiele anführen; sie betrafen Gemeindeholz, Korn- und Grundsteuer, und andere hochwichtige Gegenstände, sowie den schon erwähnten Zehnten, den die Gerichtsdienerstochter, Fanny Hofbauer, den Bauern von Almeck gewaltthätig entriß.
Ein Bauerngutsbesitzer Namens Heidinger, der im Namen von fünf Gemeinden an mich abgesendet worden, kam nach Gmunden, mit den Proceßacten versehen, und trug mir klar und begreiflich die Sache der Gemeinde vor, mit inständigster Bitte, sie zur Kenntniß des Kaisers zu bringen, weil man wußte, daß ich nach Wien wollte. Ich willigte gern ein, weil hier eine ungeheure Unterschlagung vorgegangen war. Heidinger hatte als Beweisstücke hochwichtige Documente im Original und mit dem Siegel der höchsten k.k. Hofstelle herbeigebracht. Ich habe vergessen, wer mir anrieth, dem berühmten Baron Sina alle vorhandenen Documente mitzutheilen, wiewol er mir ganz unbekannt war. Als ich nach Wien gelangt, war mir Heidinger nachgereist und suchte mit mir Baron Sina auf, der uns mit der größten Theilnahme anhörte und sorgfältig die Acten durchlas. Er äußerte sich mit folgenden Worten: »Diese Sache ist hochwichtig und[335]  sonnenklar! Hier sind drei Aktenstücke, die als schlagende Beweise dienen. Die Gemeinden müssen einen Bericht aufsetzen und unterzeichnen, den Sie, gnädige Frau, zum Kaiser in seine eigene Hand gelangen lassen. Vielleicht kann ich selbst meine Theilnahme an diesem Gegenstand beweisen.« Ich war über die Aufnahme und das Benehmen des edeln Mannes ganz entzückt, jedoch höchst betroffen, am andern Tage meinen guten Heidinger nicht wiederzusehen. Gegen Abend erschien bei mir ein Bauersmann aus jener Gegend, der mir offenbarte, daß die Polizei am Morgen, als er mit Heidinger ausgegangen war, diesen festgenommen habe. Ich erstarrte vor Verwunderung. So klug und gebildet die Einwohner jener Gegend sind, so wenig sind sie im Stande, der obrigkeitlichen Gewalt mannhaft entgegen zu stehen, wo es ihr gutes Recht gilt. Heidinger hatte sich nicht einmal einen gegen ihn ausgefertigten Verhaftsbefehl vorzeigen lassen, und saß nun im Gefängniß. Sein Landsmann, der ihn nach Wien begleitet hatte und von dem Polizeisergeanten unbeachtet geblieben war, hatte sich wahrscheinlich davongeschlichen, und in Ermangelung bessern Raths zu mir begeben.
Ich eilte zum Stadtdirector Hofrath Persa, mit welchem ich einigemal in Gesellschaft gewesen war; statt seiner erschien der allgemein hochgeschätzte Noe, um mit mir zu sprechen; derselbe, dessen Sylvio Pellico so seelenvoll erwähnt. Ich erklärte diesem würdigen Manne, man habe mir meinen Bauern arretirt, und ich müsse ihn wieder haben. Herr von Noe, der überhaupt vom Hofrath Persa nicht erbaut war, und der meine Verhältnisse zum kaiserlichen Hof kannte, versprach mir, ich solle den braven Mann heut noch wieder sehen. Es war mir unaussprechlich lieb, des Zwiegesprächs mit Hofrath[336]  Persa überhoben zu sein. Ich verließ getrost das Auge Gottes1, und eilte nach Hause. Wirklich kam mein guter Heidinger dorthin, noch blaß von dem erlittenen Schrecken, und erzählte mir, daß beim Herausgehen aus seiner Wohnung der Polizeisergeant auf ihn zugekommen wäre, und er, Heidinger, vermöge seiner Hasennatur auf der Stelle reißaus genommen habe; jetzt aber komme er, von mir und der Kaiserstadt einen lebenslänglichen Abschied zu nehmen, denn seine persönliche Sicherheit als unbescholtener Unterthan des Kaisers gehe ihm über alles! Nichts konnte ihn bewegen, seinen Entschluß zu ändern; er vermeinte, und wer weiß ob mit Unrecht, man würde ihn im Loche, worin er steckte, haben verfaulen lassen, wenn sein Kamerad mich nicht aufgesucht und mir Nachricht von seinem Schicksal gegeben hätte. Verzeihlich ist die Vermuthung, die ich faßte, daß ihm im Gefängnisse Drohungen gemacht worden seien, denen er nicht zu widerstehen wußte, und daß man ihm vor der Entlassung noch das Versprechen abgenommen habe, sich nicht mehr in diese Sache zu mengen. Ich will sie hier nicht weiter erörtern, denn es wäre zu spät; doch ich werde diese müdgeweinten Augen nicht schließen, ohne die Gewissenspflicht erfüllt zu haben, am rechten Ort damit aufzutreten, um der Zukunft ähnliches Unheil zu ersparen.
Es war Se. Majestät, dem Kaiser Franz, heiliger Ernst um seine Unterthanen. Er hat es bewiesen, und es steht zu hoffen, daß seinem schönen Willen vielfach Folge geleistet worden. Mehrere Jahre vor meiner Ankunft hatte er, auf glaubwürdige und beglaubigte Anzeigen,[337]  den Pfleger Muttersgleich in Ketten schließen und in lebenslängliches Gefängniß setzen lassen. Trotz unerhörter Ränke der Behörden im Mühlviertel, wo es zuging wie in Salzkammergut, hatte der Untersuchungscommissär die Uebelthäter in den Kerker gebracht. Der Pfleger von Orth wurde bei der Untersuchungscommission, die Hofrath von Schiller gegen ihn errichtete, überwiesen. Er sah nichts mehr voraus als Schmach und Tod; er hätte sein Schicksal wahrscheinlich mildern können, doch er wollte den Freund retten, der sein Mitschuldiger war, verbrannte die Papiere, die diesen Freund compromittiren konnten, und suchte den Tod in dem See. Gelegenheit und Verführung hatten ihn zum Verbrechen hingerissen, aber Tausende hat er ins Unglück gestürzt, ausgeraubt, nicht mit der Bosheit eines Folterers, sondern mit thierischem Raubthierinstinct. Er gewann nicht viel dabei, der größte Theil der Beute kam zuerst in die Hände seines Genossen, andere Theile kamen den Hehlern und falschen Zeugen zu, deren er bedurfte. Als die Stunde schlug, wo er Rechenschaft geben und ersetzen sollte, war nur der See sein Rettungsmittel. Er compromittirte nicht einen seiner Genossen, und manche von denen, die auf irgendeine Art sein Unglück bereiten halfen, hatten ein Gewissen, beinahe so belastet als das seinige.
Der Kaiser hatte mir befohlen, alle Papiere die das Salzkammergut beträfen, nebst seinem Referat, in die Hand des Grafen Kollowrat zu übergeben. Mein ältester Sohn übernahm dies Geschäft noch immer mit der alten Liebe für die Sache, die ihn mitunter auch ergötzte. Die guten Kammergüter zerbrachen sich täglich den Kopf darüber, wer in aller Welt ich denn eigentlich sein könnte. Einer rief aus: »Das wißt ihr nicht? Das ist doch leicht zu sehen, sie fürchtet ja unsere Herren nicht, es ist[338]  die Kaiserin!« »Fehlgeschossen«, rief ein anderer, »ich weiß es besser: es ist Se. kaiserliche Hoheit der Kronprinz!« Mein Sohn brach in ein lautes Lachen aus. »Es ist ja meine Mutter«, rief er. »Oho!« sprach der Bauer, »weit gefehlt, der Kronprinz will sich von allem überzeugen, er ist selbst gekommen, ja in Wahrheit, man kann es ja sehen. Wer sonst hätte denn solche große Füße!« »Ganz richtig!« fiel ein anderer ein, »ich soll ihn doch wol kennen, ich habe ja unter ihm gedient!« Mein Sohn fing an ärgerlich zu werden. »Der Herr Graf wollen uns nicht glauben!« »Ich bin kein Graf«, rief mein Sohn. »Weiß schon, Herr Graf!« antwortete der Bauer. Solche Meinungen kreisten durch das ganze Land. Ein armes Weib schrieb mir: »An Ihre Majestät die Grafing beim Sülzel« (so hieß nämlich unser Gasthof). Als ich zum Besuch bei Pastor Wehrenpfennig war, führte die Pastorin einen alten Mann zu mir in den Garten. Er nahte sich mit unsichern Schritten, und that einen Fußfall. Die Pastorin lächelte. »Hören Sie nur an«, flüsterte sie mir zu, »es ist ergötzlich!« und sie entfernte sich.
Ich bat den Mann so dringend aufzustehen und sich auf die Gartenwand niederzulassen, daß er es endlich that, indem er sagte: »Sie haben sich in unsere Mitte begeben, Sie wollen nicht gekannt sein, wir müssen thun wie Sie befehlen, und es ist schön, daß Sie da sind. Es ist so heimlich hier, und es soll Ihnen schon gefallen, Ew. Majestät sind hier vollkommen sicher!« Mich überfiel keine geringe Angst, ich glaubte einen Wahnsinnigen vor mir zu haben. Ich bat den Mann sich zu entfernen. »Nicht doch«, rief er gutmüthig aus, »ich bin so frei gewesen und gekommen, um Sie zum Essen zu laden; wir werden um den Tisch her stehen und Ew. Majestät[339]  bedienen; wir haben eine gute Suppe mit Markklöschen, wenn es anständig ist, einen saftigen Lummelsbraten, Haizelsalat, guten Wein aus meinem Keller; aber keine süße Speise, die kann meine Alte nicht kochen.« Ich erhielt mich bei meinem angenommenen Ernste und bedauerte, die Einladung nicht annehmen zu können weil ich schon beim Pfleger versagt sei. »Ach, Ew. Majestät«, rief er zitternd aus, »nur nicht auf das Pflegamt, da werden Sie verkauft und verrathen! Nein, bleiben Sie bei uns, wir lieben Sie, es ist heimlich hier.« Ich hatte alle Mühe, mir das Lachen zu verbeißen und mich aus dem Garten zu entfernen. Die Pastorin löste mir das Räthsel. Es war dem Manne gesagt worden: in Wien sei Revolution, die kaiserliche Familie habe flüchten müssen, ich, die Kaiserin, sei durch die Wälder hierhergekommen, und suche nun hier Zuflucht, da wolle er der erste sein, der bei Ihrer Majestät eine Ehre aufhebe. Hierauf habe ihm die Pastorin gesagt, er solle nur mit ihr in den Garten kommen, da würde er die höchste Frau finden.
Es war im obern Salzkammergut noch manches Aehnliche vorgefallen. Ich und meine Söhne hatten nie theil daran, aber die guten Menschen ließen sich ihre Einbildungen gar nicht ausreden; sie nährten ihren Wahn daß ich ihnen helfen könne, durch die Idee, daß ich mächtig sei. Denn ihre Angst und Ehrfurcht für ihre Behörden wirkten so mächtig auf sie, daß sie glaubten, ich müßte viel gewaltiger und vornehmer sein, als ihre Herren, weil ich so furchtlos mit denselben sprach.
Mein ältester Sohn übergab die Papiere aus dem Kammergut in des Grafen eigene Hand. Ich begreife nicht, wie es zuging, daß noch einige Jahre später keiner der Betheiligten auch nur eins der Papiere wieder zurück[340]  erhielt. Ich hatte ein ausführliches Referat über jedes Stück beigelegt. Auf den Wunsch der Vorsteher der Bruderlade im Salzkammergut hatte ich ein Buch auf Pergament geschrieben und in schwarzen Sammt gebunden. Dies Buch enthielt die Statuten der Mitglieder der Bruderlade und Rechnung über die bis dahin empfangenen Gelder, die von Beiträgen edler Wohlthäter und armer Salzarbeiter herrührten. Die Bruderlade wurde bei Erkrankung der Mitglieder in Anspruch genommen; sie bekamen Zimmer, Lager, Arznei und Kost, bis sie wieder genasen. Das Obersalzamt verlangte die Aufhebung der ganzen Anstalt, ohne die Betheiligten über den Grund aufzuklären. Nach einiger Zeit, während sie auf Bescheid über ihre Vorstellung beim Kaiser gewartet hatten, kamen sie um die Wiedererstattung des Buches ein, erhielten aber keine Antwort.
Das Gosathal hatte mir gleichfalls eine Deputation geschickt, um seine früher empfangenen Privilegien beim Kaiser in Erinnerung zu bringen; doch ich mußte das Original zurückgeben, und durfte nur eine Abschrift nach Wien schicken. Ich glaubte damals nicht, daß die Gosaer recht hatten. Ich glaube nicht, daß eine einzige Gemeinde des ganzen Bezirks zurückgeblieben war; unaufgefordert, mit rührendem Zutrauen waren sie alle gekommen, mich zu bitten, ihre Eingaben in des Kaisers Hand zu befördern, und meinten, dann wäre geholfen. Auch ich stand in diesem Glauben, und irrte mich wie alle übrigen. Die eingerissenen Unordnungen, die Vorspiegelungen gewissenloser Beamten, die geflissentlich die Wahrheit entstellten, würden auch in einem kleinen Wirkungskreise Unheil herbeigezogen haben. Abhülfe mußte geschafft werden; das brennende Verlangen zu helfen, überwog alle Bedenklichkeiten. Ich vergaß, daß ich kein[341]  Mann war, daß ich von allen meinen theuern und ausgezeichneten Bekannten und Freunden nie Nutzen zu ziehen versucht, daß ich kein Verständniß von den Dingen des Lebens hatte. Ich meinte, mit der Poesie wäre alles abgethan. Wie sehr war ich auf dem Irrwege! Eine rein poetische Natur wie die Karschin! Ich muß es tadeln, aber auch mein Lob aussprechen. Gibt es denn etwas Beseligenderes, etwas Gottinnigeres, Erquicklicheres als eine poetische Natur? sie dicht nun mit was es sei, mit der Seele, mit der Kehle, mit dem Pinsel, mit dem Meißel, mit der Flöte, mit der Harfe, oder mit Blumen, die sie zu Kränzen windet. Sie sei Adler, Lerche, Nachtigall, Thautropfen, der auf Blumen zittert, Heimchen im Grase, summende Biene, zwitscherndes Vöglein, das nur eines Tones mächtig. Ich grüße sie als Schwester! Das Diesseits hat uns die Brücke geschlagen, über die wir wandeln, um uns im Jenseits wiederzufinden. Der Tod ist die Brücke! Der Tod, der liebevollste Freund des Lebens; der Tod, nach dem jedes inbrünstige Leben bangt! Jede Aufstrebung zum Höchsten hin ist ein Selbstmord, ein Vordringen zum Ziel, ein Lüften des Fittichs, der zu Gott hinschwingt.
Es ist mir unmöglich, in alle Umständlichkeiten, welche diesen Zeitabschnitt bilden, einzugehen; auch hat sich seitdem vieles geändert, manches gebessert. Es war der Lieblingsgedanke Ihrer Majestät, der Kaiserin, eine allgemeine Arbeitsanstalt zu errichten, dies ist geschehen. Ich erfuhr durch die höchste Frau unmittelbar vom Aufblühen und Gedeihen dieses neuen Segenswerkes. Einige Jahre lagen zwischen diesem Zeitpunkt und dem eben berührten. Ich hätte thätiger in der Mitwirkung zu diesem Unternehmen sein sollen, und muß mich bitter[342]  tadeln, will auch gar nicht viel zu meiner Entschuldigung sagen: denn ich habe nachlässig gehandelt, ich ließ mich zu sehr von der Ueberzeugung hinreißen, daß die Kenntniß von der wahren und tiefen Wurzel des Uebels ganz allein aus dem Grunde helfen könnte; da ich hingegen mich hätte begnügen sollen, die mir angewiesene Bahn festen Schrittes geradeaus zu betreten und die Radicalcur de Krebsschadens dem höchsten Gott, der alles durchschaut und lenkt, gläubig zu überlassen. Soll ich mein Vergehen eingestehen: der mir anvertraute Zweck reizte meine Phantasie nicht genug, das Leichteste wird manchem zum Schwersten! Während ich auf der einen Seite meine Kraft überschätzte, wo sie nicht ausreichen konnte, schien mir auf der andern meine Aufgabe zu leicht. Was ich wollte, zum Theil auch erlangte, blieb in der Hauptsumme unerreichbar. Es hätten Mittel dazu gehört, die mir nicht gewährt werden konnten, die ich auch nie zu verlangen wagte. Mich zermalmte die Wucht des herrschenden Elends. Viel tausend Menschen, die mir weinend zu Füßen lagen und ungetröstet wieder heim mußten, zerrissen mir das Herz. Hierzu kam, daß meine Söhne meiner bedurften, daß Personen, auf die ich mich verlassen hatte, mein Vertrauen täuschten. Theils hatte ich diese zu lieb, um sie zu compromittiren, theils hoffte ich von der Zukunft Aufklärung und Genugthuung, theils von einem nicht unmöglichen Glücksfall Ersatz für den erlittenen Schaden, und Mittel, mich ganz allein vor den Riß zu stellen. Meine Handlungsweise war rein und treu, mein Wille edel geblieben, mein Zweck in gewisser Hinsicht erreicht. Der Kaiser und die Minister hatten klar dies Gewebe durchschaut, in welchem das gute treue Land wie in einem Netze eingewickelt lag; verbrecherische Umtriebe waren gehemmt und für die Zukunft[343]  unmöglich gemacht. Von den Edelsten und Einsichtsvollsten wurde ich anerkannt. Karoline Pichler kam mir bei meiner Wiederkunft nach Wien mit offenen Armen entgegen, und sagte mir unter sanften Thränen: »Seien Sie gesegnet, liebe Freundin! Wie viel Gutes haben Sie gestiftet: drei Jahre Grundsteuernachlaß dem armen Lande, vielen hundert Menschen wieder Brot geschafft! O gewiß, Gott wird Ihnen alles segnen, was Sie für meine guten Landsleute gethan!« So sprach die theure Frau, und ich bin stolz auf ihre Worte. Bis in den Tod blieb sie meine standhafte Freundin; die Beweise ihrer Gesinnung für mich sind mir so kostbar, daß ich mich nicht entschließen konnte, sie zum Druck wegzuschicken, als ich darum von ihrer geliebten Tochter gebeten wurde; vielleicht schmücke ich noch dies Werk mit diesen seelenvollen Denkmalen ihrer Liebe und Treue. Eine österreichische Natur hat noch besondere Eigenthümlichkeiten vor andern voraus; sie gibt Liebe um Liebe mit voller Herzigkeit, mit einem Zauber der Hingebung und Frischheit, der unvergleichlich ist. Auch der unbefangene Dritte, der solche Herzensergüsse liest, empfindet den Werth der Freundin, wie er sich in den Briefen an sie spiegelt, zugleich mit dem der Schreiberin des Briefes; die Wärme und Liebe darin gehen in seine Brust über. Die Unmittelbarkeit der Ausdrücke wirkt auf ihn, und er liebt zwei Wesen, indem er einen Brief lieset; unwillkürlich wird der Brief zum Bilde derjenigen, an welche er gerichtet ist. Ein Theil unserer Correspondenz war ergötzlich für den Dritten, er betraf ganz einfach die Leinwanderzeugung in Salzkammergut. Es war uns so ernst um die Sache, daß man hätte glauben sollen, wir hätten zeitlebens nichts gethan als gesponnen. Es fällt mir hierbei ein, daß uns unser Freund Hammer[344]  einmal erzählte, als er uns eine große Soirée gab: einer seiner Freunde, der uns nicht kannte, obschon er lange mit uns gesprochen hatte, habe ihn gefragt: wer die beiden artigen Frauenzimmer wären, die er vergessen habe ihm nennen. »Habe ich das?« fragte Hammer, »ich muß gedacht haben, Sie wüßten es; dies war die Pichler und die Chézy.« »Das machen Sie einem andern weis«, rief der Fremde, »die Pichler und die Chézy, zwei so einfache Frauen!« Hammer fühlte, wie sehr uns dieser Ausspruch schmeichelte, und verließ uns mit selbstzufriedenem Lächeln.
Hammer's Kreis war stets ein auserlesener, er wich nie von seiner Eigenthümlichkeit ab. Einmal wurde er vom Tisch abgerufen; ohne weiteres eilte er die Treppe hinunter, und kam nach einigen Minuten wieder mit dem Ausruf: »Er paßt wie angegossen!« Es ergab sich nun, daß man ihn von der Tafel gerufen hatte, um seinen Sarg zu probiren. Er bezeigte darüber die größte Freude, und belebte alle seine Gäste durch seine Heiterkeit. Hammer war damals sehr jung, und wird, wie ich glaube, es bis zum Tode bleiben. Ich schätze ihn glücklich, den erkorenen Sterblichen, dessen Geist Frühlingsknospen treibt! Sein Glück ist um so mehr zu preisen, als ein orientalisches Studium oft ein ganzes Leben freudlos macht. Hammer hat übrigens niemals Indisch studirt; Türkisch, Arabisch und Persisch sind bekanntlich heitere Studien, dankbarer für das Leben. Das Sanskrit ist eine Leiche, erstarrt in eigener Vollkommenheit und Pracht. Lebendige orientalische Sprachen sind ewige Blüten, die immer wieder Früchte treiben, sich aus sich selbst organisch wieder neu gebären.
Nicht lange war ich in Wien zurück, als ich durch eine Gehirnentzündung an den Rand des Grabes gebracht[345]  wurde. Dr. Grohmann, der Arzt und vertraute Freund des Ali Pascha von Janina, behandelte mich mit der größten Sorgfalt, kam täglich zwei mal, zuweilen öfter. Zu derselben Zeit erkrankte Sophie Müller, die liebenswürdigste und begabteste der Töchter Thaliens und Melpomenens. Zu dem Reiz und der Anmuth ihrer Erscheinung, zum gediegensten Talent gesellte sich die Würde ihres Wesens, die Unsträflichkeit ihres Wandels, um sie der Liebe und Achtung ihrer Zeitgenossen in hohem Grade, und für alle Zukunft hin zu sichern. Sie war von hoher unbekannter Abkunft. Purpur und Diadem schmückten nicht ihre letzte Lagerstätte, sie umschwebten sie unsichtbar. Vielleicht waren die Urheber ihrer Tage nicht ganz einverstanden mit der Laufbahn, welche sie aus Beruf und Neigung erwählt hatte, und deren Opfer sie wurde; denn das Leben nimmt Rache an dem, der seine unerlaßlichen Bedingungen besiegen und beherrschen zu können im Wahne steht. Sophie Müller – dies war der einfache Name, den sie trug – kam noch im Sommer 1828 von einer Kunstreise zurück aus der herrlichen Steiermark. Welche Kränze hatte sie errungen, welche Bewunderung und Liebe erregt! Sie wurde mit unbeschreiblicher Ungeduld erwartet. Sie mußte an dem Hochgebirg, dem Grimming vorüber, und reiste nachts, um schneller nach Wien zu gelangen. Es war in der Mitte des Hochsommers wo erdrückende Hitze herrschte, als sie, von ihrem wackern Pflegevater begleitet, nicht winterlich verhüllt, sondern der Jahreszeit gemäß angekleidet, mit Extrapost auf der Straße nach Wien fuhr; da, wo eine Biegung des Berges den schärfsten Nordwind Spielraum läßt, wurde sie durchschaudert von seiner Wuth, halb erstarrt kam sie auf der nächsten Station an. Ihre Ungeduld beseitigte alle Rücksichten. Sie gelangte nach Wien im bedenklichsten[346]  Zustande. Sie erklärte gleich bei ihrer Ankunft, nicht auftreten zu können, und bat um Aufschub. Die Direction, die nach der Art so vieler glaubte, daß alles geschehen würde, weil, und wie sie es Wünschte, nahm keine Notiz vom Zustand der jungen Künstlerin, hielt ihre Weigerung für eine Grille, und schickte ihr den Theaterarzt, der entscheiden sollte, ob sie auftreten könne oder nicht. Sophie Müller, die für ihren Beruf glühte, die zu hoch stand, um kleinliche Rücksichten geltend zu machen, ja zu spielen brannte, wenn es ihr möglich gewesen wäre aufzutreten, sie erhielt Befehl von der Direction, nächstfolgenden Tags als Preciosa zu erscheinen, weil der Theaterarzt erklärt hatte, sie würde es im Stande sein. »Was bedarf es eines Befehls«, rief sie in edler Entrüstung, »ich werde auftreten, und sollte ich todt auf das Theater hinfallen.« Sie erschien, entzückte, riß hin, und mußte im Zustand einer Leiche von der mit Kränzen bedeckten Bühne fortgetragen werden, um nie wieder auf der Bühne zu erscheinen; sie brachte die Nacht im gefährlichsten Zustand zu.
Ich war damals schon im Stadium des Genesens, und fuhr gleich andern Tags zu ihr hin. Ich fand sie bedenklich krank, sodaß ihr Zustand mir die lebhafteste Besorgniß einflößte. »Kann ich gesund werden?« fragte sie mich. »Nicht wahr, Sie sind ja im Begriff zu genesen?«, »Jawol, Liebe!« entgegnete ich ihr wehmuthsvoll. »Wenn Sie eine arme Dichterin wären, die sich mit ihrem bescheidenen Arzt begnügt und ihm vertraut, so könnten Sie genesen! Da aber alle Aerzte zu Ihnen müssen und jeden Tag Consultationen vor Ihrem Bette halten, so werden Sie schwerlich genesen.« Sie seufzte, und ich suchte sie zu trösten; doch vergebens. Sie fühlte den nahen Tod. »O«, rief sie, »ich bin hungrig, und darf[347]  nur durch die Haut genährt werden; ich verdurste, und darf nicht trinken; ich verschmachte, und darf keinen Athemzug frische Luft schöpfen; so jung muß ich sterben!« Die Aerzte gaben ihr endlich eine Amme, die mit ihr nach Hitzingen fuhr. Nicht lange konnte sie ihr das Leben fristen. Sie erlosch wie ein Licht, sanft ergeben, und schweigend. Nie war eine Trauer allgemeiner und rührender, als die um Sophie Müller. Ich muß darthun, daß mir zarte Rücksichten geboten haben, manches Rührende und Herzerhebende, das auf ihren Tod Bezug hat, zu verschweigen. Von ihr könnte man sagen, wie der französische Dichter von einer entzückenden früh Dahingeschiedenen singt: »Sie starb, und hatte gelebt wie Rosen leben, eine Morgenstunde!« Ich war zu tief von ihrem Tod erschüttert, um etwas anderes zu haben als meine Thränen.
Als ich begann wieder zu Kräften zu kommen, erhielt die Vergnügungslust wieder ihr früheres Recht. Mit meinen Söhnen besuchte ich die Theater, die mir alle offen standen, die Concerte und die Kreise werther Bekannten. Jetzt ist alles anders als es damals war. Sollte es wirklich schöner sein, weil alles kolossal geworden? Sollte nicht die Ausführung der Meisterwerke früherer Jahre, in der frühern Anspruchslosigkeit, echtern Genuß gewährt haben? Wäre es nicht möglich, daß ein hoher Kunstgenuß mehr Anklang, allgemeinere Wirkung gerade durch eine gewisse Beschränkung gewönne? Mir kommen die kolossalen Einrichtungen, zu denen jetzt hundertfach vermehrte Mittel gehören, unerfreulich vor. Nicht durch sinnlichen Aufwand soll die Kunst wirken, sondern durch geistige Gewalt, denn das ist eben ihr höchster Reiz und Zauber! Der Erfolg künstlerischer Bestrebungen hängt noch hauptsächlich von der Stimmung des[348]  Hörers ab. Wer Liebe und Andacht in die Räume der Kunst hineinbringt, den wird eine Nachtigall im Walde tiefer rühren und süßer entzücken, als ein Chor von tausend Nachtigallen. Wer eine Rose erblickt im ersten Morgenstrahl, dem wird dieser Anblick und Duft süßere Wonne gewähren, als ein See von Rosenessenz, auf dem er wogen kann. Das Geheimniß des Genusses ruht in den Schranken die es umfrieden; nicht im Aufwand der Mittel, sondern in der weisen Anwendung ist es enthalten. Der Geist ist der eigenste Schöpfer der Geisteswonne. Eins der Lieblingsworte der Franzosen, die ich in meiner Jugend gekannt, wenn von einer genialen Zeichnung oder Skizze die Rede war, wie z.B. von einer rasch hingeworfenen Zeichnung von Claude Lorain, Ruisdael, Rafael, hieß: »C'est fait avec rien.« Was meinte man damit anders, als den Sieg des Geistes über das Irdische, das Nichts der Mittel, und die Allmacht des Genius? Ich danke Karl Maria von Weber einige dieser Ansichten, und ihre Anwendung auf die Theorie des Kunstgeschmacks und der Poesie überhaupt. »Die Ueberbietung der Mittel«, äußerte er eines Abends, »ist der erste Schritt, der zurück in das Chaos führt; hüten wir uns davor, die Klippen sind unübersehbar!« Ich finde, daß Weber im »Freischütz« die Oekonomie der Mittel am glücklichsten angewendet. Freilich waren seine Mittel die siegreichsten, sie werden ewig rühren, denn sie sind aus dem heiligsten und lautersten Born rein geschöpft. Das ergreifende Drama ruht auf den einfachsten und unerschütterlichsten Stützen. Unschuld, Liebe, Gottvertrauen. Das süße Kind Agathe ergreift und fesselt, nicht durch Prunk und Glut, nur indem sie die tiefsten und verborgensten Saiten des Menschengefühls anschlägt Jungfräulich[349]  wie sie selbst, ist auch ihr Bild, nie hat ein süßeres die Bühne geschmückt.
Sophie Müller, die junge Künstlerin, starb an der Brust ihrer Amme. Die Aerzte hatten geglaubt, sie retten zu können. Nur um ihren Pflegevater war sie besorgt. Die Mitglieder ihrer eigenen Familie nahmen herzlichen Antheil an ihrem Lose, und kamen ihren Bitten entgegen. Wenige Personen waren in das Geheimniß ihrer Abkunft eingedrungen, sie selbst hatte es nie durch einen Laut verrathen. Sie war eine der wenigen Priesterinnen der Kunst, die allein für die Kunst lebte, wie Agnese Schebest, die noch reicher entwickelt, noch tiefer in die Kunst der Mysterien eingedrungen war. Weder empfand die Welt je was sie in Agnesen besaß, obwol vielleicht keine Künstlerin jemals so zart und innig, so der Reinheit ihres ganzen Wesens würdig gefeiert worden, noch war die Empfindung, welche der Mann ihr widmete, dem sie so unerschwingliche Opfer brachte, ihrer unendlichen Liebe werth, denn wie selten versteht ein Mann wahre Liebe! Wie selten lebt einer, der sie ertragen kann!
Seit Agnese Schebest in Trübsinn versunken, habe ich unmittelbar nichts mehr von ihr gehört. Ihr Schmerz war so groß und tief, daß ich nie daran zu rühren wagte; für ein solches Leid hat Gott allein Trost. Mich empört es, wenn Menschen trösten wollen, die es nicht verstehen; ihre Worte sind vergiftete Dolchstiche. Ein gerechter Schmerz hat einen Frühling, eine Blütezeit, er muß ausblühen. Ich schrieb einmal der Dulderin Fonk:


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O klage nicht, brennt deine Wunde heiß!
Schmerz führt dich hin, wo Glück den Weg nicht weiß.[350] 
Ich fand vielfach Anlaß, die Kaiserin zu sehen; diese Stunden waren Entzückungen, nicht wegen ihres Ranges vor der Welt, sondern unter den himmlischen Naturen, die Gott der Welt schenkt, damit sie vom Himmel wieder erfahre, den sie so gern vergißt. Ich wage es nicht, sie zu schildern, ihre Worte zu wiederholen; ich sage nur, daß ich ein Menschenherz im Frühling seiner Blüte gesehen, und vor ihrem Angesicht erkannte, welch ein Himmelsgebild der Schmerz aus dem Menschen macht. Möge dieser süßen Erinnerung ein Lied gewidmet sein, welchem ihre Thränen flossen, als sie es von mir hörte! Es heißt: »Wohl und Weh«. Ich schrieb es an Ernst von der Malsburg in seinem Leid.

Hast du, Herz, kein Leid erfahren,
Kennst du nicht die höchste Lust!
Irdisch Weh' muß in der Brust
Wohl vor ew'gem Weh' bewahren,
Schatten Licht erst offenbaren,
Sonne glühn aus tiefer Nacht,
Daß du wissest: Liebe wacht!
Die aus lichten Sternenräumen
Schmerzlich lächelt unsern Träumen,
Lächelt süß, wenn wir erwacht.

Laß des Glückes Unbestand
Nie den frommen Muth bezwingen!
Unser Hoffen, Streben, Ringen,
Ist's in Gott nicht, ist's nur Tand.
Knüpfe durch des Glaubens Band
Hoffnung, die vom Himmel nieder
Stieg, an ihre Heimat wieder,
Dann schaust du der Liebe Licht,
Und die Hoffnung täuscht dich nicht,
Trägt dich auf dem Glutgefieder.[351] 
Nur die Nacht macht offenbar
Gottes lichte Sternenbahnen;
Was im Wohl wir dunkel ahnen,
Wird im tiefsten Weh' uns klar.
Zeigt der Tag der Blumenschar,
Die im Thau der Wiese funkeln,
Einer Stunde Licht, bald Dunkeln,
So läßt Nacht die Blüten sehn,
Die im Thau der Liebe stehn,
Die im Licht des Glaubens funkeln.

Was dein innres Herz verheißt,
Wird der Vater dir gewähren;
All' dein Weh' in Lust verklären,
So du recht von Liebe weißt.
Muth gefaßt, bewegter Geist!
Blick' zur Heimat! Auserkoren
Ist wer leidet! Unverloren
Ist jedwede Thräne dein.
Jenseits winkt im Sternenschein
Ewig Wohl aus Weh' geboren.

Geschah es in der Absicht, um mein Herz für künftige Schmerzen auszurüsten, daß die hohe Frau jedesmal, wenn ich sie sah, so weich, so hingebend war, ich weiß es nicht; ich fühle nur, wie nachhaltig solche Stunden für das Leben sind, wie sie durch Thränen schimmernd ein zerdrücktes Herz wieder heben, und die Gabe des Liedes als eine göttliche zeigen, der die Welt nichts anhaben kann!
Der vergangene Winter hatte ein Füllhorn süßer Gaben ausgeschüttet; der Sommer gab ihm nichts nach. Mein Max fehlte mir empfindlich; er war zwar bei dem Vater, der es ihm Dank gewußt, daß er kam, der gegen Freunde geäußert hatte, »er feiere ein neues Leben in seiner Gegenwart«; doch ich hatte ein so bestimmtes Vorgefühl[352]  der Dinge, die kommen mußten, daß mein angstbeklommenes Herz mir keinen ruhigen Athemzug gönnte.
Als mein Sohn von Paris gesprochen hatte, wo es denn doch seine Pflicht sei, nach dem Vater zu sehen, hatte ich ausgerufen: »Um Gotteswillen, Max, nicht nach Paris, du läufst ja der neuen Revolution geradezu in die Hände!« Max erstaunte. Er war schon mehr als einmal Zeuge eines ähnlichen Auftritts gewesen. »Die neue Revolution!« rief er aus, »liebe Mutter, wo soll denn eine herkommen, und gegen wen?« »Ich weiß nicht«, rief ich aus, »aber die Revolution ist nach meinem Gefühl unvermeidlich, sie wird blutig und entsetzensvoll sein!« Max schüttelte sein Haupt. Es war im November 1829. Ich hatte keinen Brief bekommen, keinen Besuch aus Paris oder Deutschland, las keine Zeitung, bekümmerte mich nicht um die Weltbegebenheiten, verstand auch nichts davon, wußte nicht, welche Rotte Karl X. umgab und ihn misleitete. Dieser war umsponnen; er glaubte, er könne mit der schwachen Greisenhand die Zügel führen, denen die kräftigsten Männerfäuste nicht gewachsen waren. Ludwig Philipp fühlte die Mängel und Misgriffe um ihn her, er hatte Geist und Muth; er wollte jene Mängel abstellen, es gelang ihm nicht. Sein junger Mitbewerber, längst schon bereit mit einem beherzten Griff das funkelnde Diadem an sich zu reißen, verfehlte den rechten Augenblick nicht. Ludwig Philipp brachte ein Opfer; es wäre gut, wenn niemand das vergessen hätte. Er brachte es minder aus persönlichen Rücksichten, als um das Land von Anarchie zu retten. Er wurde Generallieutenant des Königreichs, um nicht die längst verlorene Sache der Republik zu fördern. Er hätte auch unrecht gehabt, wenn er das unternommen hätte; die Franzosen waren der Republik satt. Was hatte sie ihnen gebracht? Früher[353]  den jungen Taumel, dann die alten Ketten, die waren mürbe geworden. Das Volk, das noch kürzlich der Erde Gesetze vorschrieb, war von seiner schwindelnden Höhe herniedergedrückt worden; das Volk griff gläubig nach der mächtigen Hand, die es wieder emporschwingen sollte aus der Schmach seines Drucks in die goldenen Regionen der frühern Gewalt. Niemand ahnte, daß das Kaiserthum nur scheintodt sei, daß es aus der Asche wieder hervorsteigen würde, daß es in Blut, in Bein und Mark der ganzen Nation übergegangen, und nur durch ein gänzliches Zermalmen des ganzen Kerns auszurotten sei. Doch an diesem Kern werden sich künftig die mächtigsten Völker die Zähne ausbeißen. Frankreich hat noch eine unabsehbare Zukunft vor sich. Es muß noch der Welt Gesetze geben, oder es wird zertrümmert. Nicht Napoleon machte die Armee, sondern die Armee erkannte in ihm den Stoff, aus welchem er hervorgehen konnte, aus welchem die hervorgegangen waren, die seine Vorgänger gewesen. Der Soldat empfand, daß die Armee bei Napoleon's Führung nicht Maschine sei, sondern ein beseeltes Ganze werden mußte. »Du willst Ruhm, General!« tönte es ihm aus den Reihen zu; »gut, Ruhm soll dir werden!« Sie riefen ein anderes Wort, das gemeinste und höchste aller Wörter der Sprache, das Wort, worüber Sterne so jungfräulich erstaunt und so theilnahmsvoll klagt, das Universalzeitwort, womit der Franzose alles ausspricht, was er sagen will. Das Wort, welches ich nicht schreiben würde, wenn ich auch ein Mann wäre, wiewol es auch hier stehen sollte; denn es ist historischer wie selten ein anderes war. Es war in dem Augenblicke, wo es die Armee ihm zurief, ein Gelöbniß, ein freudiger Verzweiflungsschrei. Es wurde gelöst, mit dem glühendsten Herzblut besiegelt. Dies war[354]  die Armee, der Napoleon zugerufen hatte: »Soldaten, bedenkt, daß von den Spitzen dieser Pyramiden vierzig Jahrhunderte auf euch herabsehen!« Der Muth hatte damals seinen Silberblick. Jetzt gibt der Feldherr Königinnen unerhörte Festlichkeiten, und ein tapferes Volk läßt sich hinschlachten, weil es soll und muß, und eben darum auch will. Nie werden sich dieses Volkes Lorbern entfärben. Der Franzose ist um so preiswürdiger, weil er ohne Enthusiasmus nur in Erinnerung früherer Größe das ist, was seine Väter waren. Es gilt nicht mehr die Freiheit, nicht mehr das Vaterland, nicht mehr den Feldherrn, der jeden Augenblick bereit war sein Blut zu verspritzen, es gilt den französischen Ruhm, dieses Palladium, das den Enkeln anvertraut ist, und ewig über ihrem Namen flammt. Die Stunde wird schlagen, wo der Franzose mit wiederbelebter Begeisterung kämpft.
Meine ahnungsvolle Warnung hatte bei Max keinen Eindruck gemacht. Er verließ noch im Januar Gmunden, und ging von innerm unwiderstehlichem Drang getrieben nach Paris. Diese Nachricht war mir ein Donnerschlag. Es wurde ihm schwer mich zu verlassen, darum geschah die Reise heimlich, ohne Rücksprache mit mir. Ich hatte ihm, falls er sich zur Abreise entschloß, so unendlich viel zu sagen für den Vater, der für uns viele Jahre lang stumm gewesen, was nur ein Sohn bestellen konnte, was nicht zu Papier durfte. Max schrieb mir endlich selbst von Paris. Er hatte diejenige, welche die Urheberin unserer Leiden seit so vielen Jahren gewesen, auf dem Sterbelager getroffen. Sie überhäufte ihn mit Liebkosungen, sie pries seinen Entschluß nach Paris zu kommen, sie sagte dem Jüngling unverhohlen: »Gut, daß Sie zum Vater gekommen[355]  sind, seien Sie sein guter Engel, er heitern Sie ihn!« Und im Sterben sagte sie noch zu Chézy: »Lassen Sie Madame kommen!« Sie starb am Brustkrebs unter unbeschreiblichen Martern. Ihr Tod wurde mir nicht gemeldet.
Chézy's Charakter ließ keinen Entschluß in ihm reif werden. Niemand von der Familie hatte Mitleid genug mit der Mutter seiner Kinder, um mir von dem Vorgefallenen Nachricht zu geben, sie fürchteten meine Vorwürfe. Gott, wie schlecht kannten sie mich, wie unverstanden war ich von ihnen geblieben!
Chézy ließ seinen Sohn Max dort unter dem berühmten Hersent als Maler ausbilden. Mein ältester Sohn war nach München gegangen, um dort die Rechte zu studiren. So war ich denn im Gebirg allein und unbeschreiblich traurig.
Noth, Arbeitslosigkeit und Betrübniß der Gebirgsbewohner konnten durch die geringe Hülfe, die von Wien aus anlangte, nicht gehoben werden; es war ein Tropfen im Meer. Der Hoffnungsfunke einer bessern Zeit verglomm allmählich.
In Paris brach die Julirevolution aus. Ludwig Philipp gewann das Vertrauen der fremden Mächte. Er ergriff behutsam die Zügel der Regierung, vernichtete die Folgen der Revolution, und wußte seine Franzosen wieder unvermerkt ins alte Gleis zu lenken. Ich war damals zum Besuch auf dem Schlosse Wirting bei der liebenswürdigen Familie des Grafen von Seeau. Seit vielen Jahrhunderten ist diese Familie berühmt. Diese Grafen haben den Traunfall, die Ems und die Traun schiffbar gemacht, den Salzberg bei der Hallstadt entdeckt, und die prächtige Kirche in Lauffen im Obern Kammergut erbaut. Auch findet sich in ihrem Wappen eine bezeichnende[356]  Spur von ihrer Wirksamkeit und ihren Thaten im Morgenlande. Im 1830 im Juli fand ich den Abkömmling so ruhmvoller Vorväter auf seinem Schloß zu Grunde gerichtet, durch einen Proceß, von Zeitverhältnissen unschuldig in seinen Rechten gekränkt, und in seinem Wohlstand erschüttert. Seine verehrungswürdige Gemahlin, Mutter zwei schöner Töchter, die noch im ersten Ausblühen waren, gab in diesem entlegenen Waldbezirk ein bewunderungswürdiges Beispiel heldenmütiger Aufopferung und Entsagung. Geboren und erzogen in den großartigsten Verhältnissen, Gemahlin eines der ausgezeichnetsten Adelichen, der in glänzendsten Vermögensumständen war, ausgestattet mit allen Vorzügen der feinsten Bildung, traf die edle Frau und ihren Gemahl der Schlag, der ihren Wohlstand zerschmetterte, und von dem sich ohne ihren standhaften Muth ihre Familie nie wieder erholt. Ich will sie schildern, wie ich sie antraf: freudig ergeben, angestrengt thätig, unermüdet in Ausübung ihrer schweren Pflichten, ihren Gemahl aufrichtend, durch ihre Liebe tröstend, ihren Töchtern die sorgsamste Mutter, die aufgeklärteste Freundin. Vor Tagesanbruch eilte sie hinunter in schwerer grober Kleidung, die Arbeiten des Gesindes überwachend; um 8 Uhr wendete sie eine Stunde an das heitere und belehrende Familiengespräch beim Frühstück. Vorher hatte sie schon ihre bäurische Tracht mit einem bescheidenen Hauskleide verwechselt; ein fast unscheinbares Stückchen Band bezeichnete die Stelle, wo der Sternkreuzorden bei Hoffesten geglänzt hatte. Ein einfaches Häubchen bedeckte der Matrone schönes Haupt, auf welchem früherhin prachtvolles Geschmeide gefunkelt. Sie nahm nun mit ihren Töchtern an einem Tische Platz, der mit Büchern und Zeichnungen beladen war,[357]  und begann ihre Lehrstunden, die bis zur Tafel dauerten. Musik, Malerei, Zeichnungen wechselten hier miteinander ab. Für Geschichte und Geographie, Botanik und Sternkunde wurde durch gute Bücher aus der Bibliothek des Grafen gesorgt. Die Nachmittage und Abende gehörten seinen weiblichen Arbeiten und dem Genuß der freien Natur. Die jungen Gräfinnen waren bildsam und heiter; sie beglückten ihre gute Mutter, die zu sagen pflegte: »Ohne unser Unglück würde ich vielleicht nicht glücklich sein!«
Nur einige schöne Tage waren mir hier vergönnt. Die Nachricht von den pariser Begebenheiten, überraschend wie ein Schlag aus heiterer Luft, scheuchte mich fort. Ich mußte nach Gmunden. Ich hoffte dort auf Briefe von meinem Max. Konnte er nicht ein Opfer der drei verhängnißvollen Julitage geworden sein? Alle baten mich, zu bleiben. »Wenn ein Unglück ihren Max betroffen hat«, rief die Gräfin, »so werden Sie sich bei uns leichter trösten!« »Nichts auf der Welt wird mich trösten«, sagte ich ihr, »wenn mein Max mir entrissen worden!« Ich schied, und verhieß wiederzukommen; doch ich konnte nicht.
Ich brachte die Nacht in Gmunden in herzzerreißender Bangigkeit zu. Die Standhaftigkeit, mit der ich mich dem Kreise des Schlosses Wirting entrissen, wurde durch einen lieben Brief belohnt, den ich schon am Morgen empfing. Bereits waren die Unruhen in Frankreich gestillt, mein Sohn war geborgen; doch ich trug in mir die Ahnung der künftigen Geschicke Frankreichs, und ruhte nicht, bis ich meinen Sohn aus diesem Lande zurückhatte. Mein Ahnungsvermögen hatte mich nicht getäuscht. Bei den nächstfolgenden Kämpfen, nach den Julitagen von 1830, fielen drei Mann aus der Compagnie[358]  meines Sohnes, welche dicht neben ihm gestanden hatten. Schon seit März 1831 war er wieder wohlbehalten bei mir in München, wohin ich Wilhelm nachgefolgt war, weil er mich in seine Nähe wünschte. Seine Gesundheit war schwankend, er konnte die münchener Luft schlecht vertragen, und bedurfte häuslicher Pflege und Kost.
1 So nennt man das Polizeigebäude.

VI.

München. – Chézy's Tod. – Neuer Aufenthalt in Paris.

[359] München machte bei meiner ersten Ankunft keinen angenehmen Eindruck auf mich; es hat sich seitdem sehr verschönert. Ich traf dort die Brüder Boisserée, wie überall und immer rühmlich beschäftigt. Melchior leitete die unübertrefflichen Arbeiten der Glasgemälde, in welchen ein Theil seiner Galerie zum zweiten mal in voller Herrlichkeit erblühte. Sulpiz gab seinen Dom von Köln heraus. Beide waren in ihrer Thätigkeit noch so jung, so lebenskräftig wie ich sie als Jünglinge gekannt; beide übten noch die vorige Gastlichkeit gegen die Fremden, welche ihre Kunstwerke zu sehen kamen, und ihr Haus war noch immer der Sammelplatz aller berühmten Gelehrten, Künstler und Literatoren.
Die Königin Therese ließ mich kurz nach ihrer Ankunft zu sich rufen. Ich fand sie höchst liebenswürdig und ganz so, wie sie mir die Kaiserin und die Erzherzogin Sophie geschildert hatten. War sie doch eine Schwestertochter der Königin Luise von Preußen. Sie hatte Aehnlichkeit mit ihr, und nicht blos äußerliche. Als die Rede von meinen Söhnen war, und sie erfuhr,[360] daß Max bei der Nationalgarde sei, fragte sie mich: »Aber was thut denn Ihr Sohn bei der Nationalgarde?« Ich antwortete rasch: »Das ist der Zwang der neuen Freiheit, Ew. Majestät!« Dies Wort gefiel ihr außerordentlich, es klang, wie das Meiste was ich sprach, beinahe unbewußt aus meiner lyrischen Natur heraus. Wäre ich besonnen, wäre ich nicht Helmina! Die Königin selbst war so expansiv, daß sie einen durch den Zauber ihrer Gemütlichkeit verlockte, ihr gegenüber laut zu denken. König Ludwig's Bezeigen war ganz verschieden von dem seiner Gemahlin. Sie vergab sich kein Haar breit von ihrem Rang, so huldreich sie sich oft benahm; König Ludwig dagegen ging im Schloßgarten mit dem Literaten Saphir spazieren. Ich traf ihn selten bei der Königin, fand ihn immer sehr gedankenvoll und zerstreut. Es lag ihm am Herzen, München so reich als möglich auszuschmücken; er sann unablässig darauf, wenig andere Gegenstände hatten Interesse für ihn. Sein Hauptzweck dabei war ein sehr menschenfreundlicher, er wollte es nie an Arbeit in München fehlen lassen. Doch ich bemerke, daß ich von ihm rede wie von einem Todten, und wie von einem Unthätigen, wogegen ich glaube, daß er noch immer für das Ganze lebt und thätig wirkt, und jetzt auch glückliche Tage feiert. München war damals schon eine unerschöpfliche Fundgrube, und ist es gewiß jetzt noch mehr.
Einer der ersten angenehmen Eindrücke, die mein neuer Aufenthalt mir gewährte, war das Wiederfinden eines theuern jungen Freundes, mit welchem in einem Augenblick das süße Bild des entzückenden Thales im Rheingau 1811 vor mir stand. Der Kreis, der mich damals liebend umringte, die unaussprechlich herrliche Gegend, und die ganze Stimmung jener Tage erwachte wieder in meiner[361] Brust. Lebhaft wie ich bin, wollte ich Karl von Gemmingen sogleich in mein Haus einführen. Er konnte nicht mit hinaufkommen, ich mußte mein wiedergefundenes Glück allein in mir selbst verarbeiten. Karl von Gemmingen, damals bairischer Offizier, war ein Mann von seltenen Geistesgaben und geläuterten Kunstgeschmack, den ich im Rheingau hatte kennen lernen. Er lebte mit seiner edeln Mutter in München, wo er ein reichhaltiges Museum gesammelt und noch täglich vermehrte. Er lud uns an demselben Abend zu sich, um es mir zu zeigen. Er nahm es späterhin mit nach Nürnberg, wo er der glückliche Gatte einer ihm gleichgesinnten jungen Patricierin wurde. An jenem Abend fand ich bei ihm eine sehr interessante Familie, die des geistvollen Architekten Vorherr, desselben, dem wir die erste Anleitung zum »Sonnenbau« verdanken; einen der segensreichsten Fortschritte für die ganze Menschheit, der vielleicht noch nicht genug berücksichtigt worden, weil alles Große und Gute einen schwierigen Anfang hat!
Vorherr theilte mir seine trefflichen Schriften über den Sonnenbau mit, sie sind mir weggekommen. Ich hoffe, daß sie gewirkt haben. Jene Zeit war zu verhängnißvoll für mich, als daß ich hätte nach der Selbstbefriedigung streben können, für das Gedeihen und die Ausbreitung dieser Idee mitzuwirken. In meinem Kreise habe ich späterhin, durchdrungen vom Gefühl des Segens ihrer Auffindung und Begründung, das wenige gethan, was in meinen Kräften stand. Für heute muß ich mich darauf beschränken meine Meinung auszusprechen, daß die Cholera nicht hätte wurzeln und sich ausbreiten können, wenn Vorherr's System allgemeine Beherzigung gefunden hätte. Möge sich indeß der edle bescheidene Erfinder dessen erfreuen was ihm gelungen ist, und über[362] das trösten was unterblieb. Wir verlebten genußreiche Abende mit dieser werthen Familie und in deren Kreis. Frau Oberbaurath Vorherr und ihre liebliche Tochter Adeline mußten mir sehr theuer werden. Adeline verhieß alles, was ihre Mutter schon erfüllt hatte; beide waren edle Naturen von harmonischer Bildung. Vorherr bewies Gefühl und Sinn für alles, was einen Ehrenmann in dem Philosophen Krause erfreuen konnte. Letztern trat ich noch kurz vor seinem Lebensende bei seinem Freunde Vorherr. Er schien mir leidender als ehemals, und ich schied mit achtungsvoller Wehmuth von ihm. Ueber die Gestalt, welche Krause's Hinterbliebene den Verhältnissen gegeben, die zwischen uns obwalteten, mögen späterhin über meinem Grabe diejenigen, die genau darum wußten, Auskunft geben; die Acten liegen vor. Die Nachwelt möge dann ihr Urtheil darüber fällen, ich berühre sie blos an diesem Ort, um zu erklären, daß ich blos aus Schonung und Rücksicht für den Verstorbenen, der an allem unschuldig war, darüber schweige. Wer kann dafür, wenn die seinigen entarten! König Ludwig, Königin Therese, vor allem die hochgesinnte Witwe, Königin Karoline, gaben mir die rührendsten Beweise klarer Anerkennung und zarten Mitgefühls über das Misgeschick, das mich traf wie ein Donnerschlag aus heiterer Luft, ohne mich beugen zu können. Das Bubenstück war mit der größten Schlauheit entworfen; zwar blieben mir die Urheber lange verborgen, aber deren Werkzeuge hatten sich auf der Stelle kund und bloßgegeben, sie konnten es vermöge der Straflosigkeit, welche ihnen zugesichert war. Als ich die Grundfäden des Gewebes durchschauen konnte, erfaßte mich ein Ekel, meine Kraft dagegen zu kämpfen erlag, denn die Verfolgung gegen mich kam von einer Seite her, von wo man sie nicht erwarten, ja nicht einmal[363] ahnen konnte. Man wollte mich vernichten. Was davon gelang, konnte nur durch die schnödesten Mittel erreicht werden. Die Zeit mußte kommen, wo man diese durchschaute, und die Beweggründe zur That für unedel erkennen mußte; dann war mir der Sieg gewiß.
Noch bin ich nicht dahin gelangt, mit kaltem Blute von dieser Sache und deren Folgen zu sprechen; doch diese Zeit wird kommen. Der Sterbliche schält immer mehr von seiner Hülse ab, bis der Tod die letzte sprengt, die ihn noch gefangen hielt! Ich habe einen langen und schweren Kampf wegen dieser Sache bestanden. Auf gewaltsam empörende Weise wurde ich durch eine falsche Anklage angegriffen. Ich konnte mich auf der Stelle rechtfertigen, und that es. Nachdem ich den Beweis meiner Unschuld, durch den die Anklage sogleich vernichtet wurde, vollständig gegeben hatte, sagte die Gerichtsperson, welche mich aufgefordert hatte, mich über den Gegenstand zu erklären, mit tiefer Wehmuth folgende Worte: »Wir sind Ihnen Satisfaction schuldig, diese soll Ihnen zu Theil werden, unsere eigene Ehre erfordert es! Empfangen Sie jetzt den Ausdruck unserer vollkommensten Achtung und unsers Schmerzes über das Geschehene! Wir können es nicht wieder gutmachen; Sie müssen Trost und Erhebung in Ihrem Bewußtsein, und in unserer aufrichtigen Reue suchen!«
Ich blieb äußerlich gelassen, Gott hatte mich gestärkt. Ich hatte meine ganze Fassung in einem Augenblick bewahrt, wo vielleicht nicht eine Person von Gefühl und Ehre den Muth zu leben sich erhalten hätte. O, es war unverkennbar, es war unmittelbar göttlicher Beistand, der mich emporhielt! Ich stand ganz allein, meine Söhne waren fern, mein Mann in Paris. Meine hohen Beschützerinnen, die Königin Karoline und Therese, waren[364] nicht in der Nähe, doch die Königin Therese wurde jeden Augenblick erwartet. Ich gab Ihrer Majestät sogleich Nachricht von der Schändlichkeit, die an mir verübt worden. Sie schrieb mir durch Fräulein von Denelle Worte, die ihres Geistes und ihres Gemüths würdig waren. Dasselbe that später König Ludwig. Mein Max, der auf die erste Nachricht von dem empörenden Vorgang von Gastein nach München eilte, damit ich an seinem Herzen den süßesten Trost fände, den mir die Welt noch bieten konnte, bewies sich als ein treuer beherzter Vertreter der Ehre seiner Mutter. Ich ersehnte und erstrebte mit Recht volle Genugthuung, und würde sie erlangt haben, wenn ich gewußt hätte, wer mich verfolgte. Die wahren Urheber und Leiter des Angriffs waren und blieben verborgen, sie standen hinter ihren Werkzeugen, die durch eine höllische List einen höhern Schutz zu erlangen gewußt. Es ist nicht aus Mangel an Muth, daß ich schweige, es fehlt mir nicht an Kraft und Bewußtsein, um den Angriff zu führen; vielleicht auch war ich berufen, es zu thun; vielleicht ist es unrecht von mir, die göttliche Stimme, die mich dazu erkor, unbeachtet zu lassen, doch ich glaubte recht zu handeln.
Die Meinung einer meiner hohen Beschützerinnen billigte meine Handlungsweise, und war sogar mit dem wenigen was ich gethan, um mich vor der Welt zu rechtfertigen, nicht einverstanden. Sie meinte, ich hätte genug gethan, wenn ich mich begnügt hätte, meine Unschuld unwiderleglich zu beweisen, um mich dann, in das Gefühl meiner Würde gehüllt, schweigend zurückzuziehen. Sie wußte nicht, die hohe Frau, daß bei meiner Angelegenheit die unwürdigsten Triebfedern in Bewegung gesetzt worden, und daß es unmöglich war, das geheime Gewebe zu durchblicken. Oft stärkten[365] mich die einfachen herzigen Worte, die mir Vater Gleim bei Anlaß meiner Vertheidigung der Frau von Genlis 1799 geschrieben hatte:

Gott sieht was wir nicht sehn bei Sonnen und bei Kerzen,
Und sieht in ihrem Herzen
Er, was in ihm die Unschuld sieht,
Dann tilget der Verleumdung Schmerzen
Einst eines Engels Lied!

Noch immer sind dieselben Hände thätig, bittere Tropfen in die Neige meines Lebensbechers zu mischen; aber ich murre nicht, mich hält mein Bewußtsein aufrecht. Ja, ich weiß es, ohne mein Zuthun werden die Nebel fallen, die vielleicht noch jetzt mein Bild entstellen.
Von den wenigen Männern, die sich bei dieser Gelegenheit loyal benommen haben, erwähne ich den Ober-Medicinalrath Breßlauer, Baron von Klosen, Präsident Graf von Seinsheim, Tribunalrath Gramm, Referendarius Christoph, Hofrath Dr. Schlagintweit, Stadtphysikus Dr. Kopp, Dr. Sänger und Baron Karg. Es thut mir leid, wenn Unwissenheit mir einen der Namen derjenigen entzogen, die ich diesem Verzeichnis beifügen könnte, wenn ich sie wüßte. Die Erinnerung dieser Sache hat ihre Bitterkeit noch nicht verloren. Ich will mit den Namen derjenigen, die sich vor den Riß stellten, als die Kabale in Wirksamkeit kam, nicht diese Blätter beflecken, sie werden nicht ermangeln andere Gelegenheiten zu suchen, sich berühmt zu machen, mir bleibt nichts übrig als ihnen zu verzeihen.
Noch bleibt mir eine schmerzliche Angelegenheit zu berühren übrig, ich meine den traurigen Tod des Künstlers Grasmüller, eines der verdienstvollsten Männer[366] Baierns. Er war mit Prinz Max von Birkenfeld, Sohn des unvergeßlichen Herzogs Wilhelm, zugleich unterrichtet worden, und hatte sich um den Prinzen in dessen Freistunden wahrhaft verdient gemacht. Oft hatte ihm der Prinz gesagt: »Grasmüller, ich bin Ihr Schuldner! Ich danke Ihnen viele Aufmunterung zum Lernen, viel Licht für meine Studien, ich will es wett machen! Wenn ich majorenn werde, kommen Sie zu mir; Sie sollen sehen, daß Max von Birkenfeld ein treues dankbares Herz hat!« Der liebenswürdige Prinz sprach aus Herzensgrund, und nicht an ihm hat es gelegen, wenn er sein Wort nicht erfüllte. Grasmüller, der bescheiden sich selbst bewußte Künstler und Forscher, dachte nicht daran sich hervorzudrängen, ihn blendete der Begriff, den jeder Redliche von der Redlichkeit und Gewissenhaftigkeit der Menschheit im allgemeinen in sich trägt, er meinte: Verdienst und zweckmäßige Mühe wären hinreichend, ihn emporzubringen. Er erwog nicht die Zahl der Concurrenten auf seiner Bahn, die es schwer machen, unter den Würdigen die würdigsten auszuwählen. Zudem fiel er in die Hände eines schlauen geschickten Speculanten, der mit seiner Arglosigkeit ein so keckes und ruchloses Spiel trieb, daß gegen alles Recht der sauer errungene Erwerb für preiswürdige Mühen und Ruhm der Unternehmung in seine räuberische Hand fiel. Grasmüller war verdienstvoll; er würde gegen den Ruchlosen aufgetreten sein, aber er war zu arm, um einen Rechtshandel gegen ihn zu unternehmen. Sein braves Weib und seine zwei Knaben bedurften Brot, letztere sogar Unterricht. Grasmüller ging dürftig gekleidet umher. Er hatte sich nie zum Prinzen von Birkenfeld gedrängt, der indeß Herzog geworden, und ihn jederzeit mit offenen Armen empfangen haben würde. Doch als sich endlich Grasmüller[367] entschlossen hatte, ihn um Hülfe zu bitten, wurde es ihm unmöglich gemacht, gemeldet zu werden, als er vor dem Thürsteher erschien, einem fettriefenden strotzenden Schweizer, der das Vertrauen seines edeln Fürsten misbrauchte, um den Bedrängten fühlen zu lassen, daß die Gnade und Huld des Fürsten ihm ohne seine Huld nichts nützen könnte. Der würdige Grasmüller, unter dem Druck des bittersten Elends, in dürftiger Tracht, mit bleichem Antlitz und gefurchten Wangen, wurde von dem Uebermüthigen so schnöde abgewiesen, daß er zitternd davonschlich und sich nicht wieder zum Palast hinwagte. Briefe, die er dem Prinzen schrieb, wurden wahrscheinlich unterschlagen, weil der Bösewicht Mittel gefunden, ihres Inhalts theilhaftig zu werden. Eigentliche Schulden hatte er nicht gemacht, doch bei bedrängten Umständen sind Kleinkrämer erbarmungslos und pressen den Unglücklichen um schleunige Zahlung der unentbehrlichsten Bedürfnisse. Der fleißige, wackere, ausgezeichnetste Mann wurde so hart und bitter gedrängt, daß sein zartes Gemüth das Uebermaß des Elends nicht ertragen konnte. Manche Nebenverdienste reichten nicht hin, seine Lage zu erleichtern, da ihm die Hauptsumme für sein Werk durch eine höllische List verkümmert worden. Der Betrüger nutzte sogar die vorwaltenden Umstände, um sich den Anschein zu geben, als habe er sich über Grasmüller zu beklagen. Nun brach sein Muth, nun erlag seine Kraft. Noch einmal war er vor der Thür des Herzogs erschienen. Schnöder und brutaler als je wies ihn der Schweizer ab. Noch einmal wankte er nach Hause, schloß die seinigen unter Thränen und Küssen an sein Herz, schrieb einige Zeilen an sie, die er auf den Tisch legte, und stürzte hinweg nach dem Rand der Isar, die Taschen voll Steine, in die reißende Flut. An Frau und Kinder[368] war die Hoffnung ausgedrückt, daß ihm Gott verzeihen werde, und daß sein bitterer Tod die Menschen rühren würde, damit seine Witwe und Kinder nicht dem Hungertode preisgegeben wären. Es war in der That kein Bissen Brot mehr, auch kein Geld im Hause. Die jammernde Witwe eilte zur Königin Therese. Die Pforten des Schlosses standen den Unglücklichen offen. Frau Grasmüller gelangte zur Königin Therese. Ich war an demselben Morgen zu ihr gerufen worden. Die Königin gab ihr 30 Fl., denn auch sie hatte nicht viel zu geben, eben weil sie zu viel gab. Ich fand Ihre Majestät an diesem Morgen ganz erschöpft von Kummer über die traurige Begebenheit.
Die Witwe Grasmüller empfing Hülfe, doch nur knapp reichte diese zu, so viel Ruf sich auch ihr Gatte erworben. Obschon er mit der größten technischen Vollendung in seinen Werken hohe umfassende wissenschaftliche Geistesbildung vereinigte, wurde durch die angewendeten Ränke sein Name doch überschleiert. Die Werke selbst konnten nicht herabgewürdigt werden, wol aber konnte ihm das Verdienst des Textes entrissen werden, und demjenigen zugute kommen, der es sich aneignete. Auch bei Erfüllung der Bedingungen war List thätig, und wußte Saumseligkeit anzuwenden, gegen die der edle redliche Mann keine Hülfe fand, und die ihn bei den gerechtesten Ansprüchen auf Bezahlung mittellos machte. Ich darf diese Werke nicht näher bezeichnen, um den Verleger nicht an den Pranger zu stellen. Schon steht er wahrscheinlich vor Gottes Gericht, wo ihm der schlau erworbene Reichthum nicht gedeihen kann.
Ein Theil seines lehrreichen Tagebuchs war mir anvertraut worden, ich wollte es zum besten der beiden jungen Grasmüller, die schon in zarter Jugend Geist, Gemüth[369] und Talent des Vaters verhießen, herausgeben; aber die Umstände haben diesen Plan nicht begünstigt. Diese Begebenheit führt mich zu einer andern, nicht minder schmerzlichen. Man könnte noch viel dergleichen zur Oeffentlichkeit bringen, wenn man alles Aehnliche erführe und aufzeichnete.
Ein alter schwedischer Künstler, dessen Namen mir nicht im Gedächtniß geblieben ist, kam gegen das Jahr 1839 nach München, begleitet von seiner schönen hochbefähigten Tochter, die sich in München ausbilden wollte. Er wollte sein Vermögen, das aus 12,000 Kronen bestand, aus Schweden übersiedeln. Ost gehen solche Geschäfte langsam; dies war auch hier der Fall. Reisekosten und Lebensbedürfnisse zehrten bald und unvermuthet die mitgebrachten Gelder des Malers auf. Er und seine Tochter waren tieffühlende leicht verletzbare Künstlerseelen, es würde ihnen unmöglich gewesen sein, ihren Nothstand zu offenbaren, oder Einwohner von München, die ihm fremd geblieben waren, um Beistand anzugehen. Sie waren in die Hände einer habgierigen Zimmervermietherin gefallen, welche sie nicht allein betrog und prellte, sondern auch auf die unmenschlichste Weise um ihr Guthaben drängte, und unter dem Vorwande Geld zu brauchen, die Entschuldigungen ihrer Miether nicht gelten ließ, sowie sie auch den Briefen von Schweden aus, welche den Abgang der 12,000 Kronen nach München bezeichneten, weil sie kein Schwedisch verstand, nicht glauben wollte. Wahrscheinlich hätten Vater und Tochter sich darüber ausweisen können; allein sie waren verschämt und schüchtern, in Dingen der Welt unbewandert und unbehülflich, hatten in München keinen Freund zur Seite. Man erfuhr später, daß sie nicht einmal auf das Bureau der Fahrpost gegangen waren, nachzuforschen,[370] ob dort etwas an sie angelangt sei. Muth und Spannkraft des Vaters und der Tochter waren dahin. Mit Schmach und Gefängniß hatte das harte Weib sie bedroht, keine Bitten rührten den Unhold. Nach einem entsetzlichen Auftritt waren sie beide aus dem Hause gegangen, hatten sich an einer einsamen Stelle der Isar mit Tüchern zusammengebunden und vereint in die Fluten gestürzt. Man fand am Abend ihre Leichen im Strom. An demselben Tage war das Geld von Schweden bei der Wirthin angekommen. Es war, so wurde mir versichert, schon seit zwölf Tagen in München auf der Post. Ich erfuhr den traurigen Vorgang durch eine Dame, die in demselben Hause wohnte, und der ich Glauben schenkte. Ich hatte sie bei der Königin Witwe kennen lernen; sie maß das Ausbleiben des Geldes nicht allein einer zufälligen Verzögerung des Absenders, sondern auch der Unbehülflichkeit des Postboten zu, der sich aus der Adresse, die vielleicht nicht ausführlich genug bezeichnet war, nicht zurechtfinden konnte.
Ich kam damals oft zu Ihrer Majestät der Königin Therese, die sich vom jungen Künstler Selb lithographiren ließ. Sie ließ mich zu jeder Sitzung rufen, um ihr vorzulesen. Der interessante Künstler machte ein sehr ähnliches und sorgfältig ausgeführtes Bildniß, welches bald in Verkauf kam, und wie die meisten Lithographien jener Zeit bei dem ausgezeichneten Piloti abgezogen wurde, der auch das Bildniß der Agnese Schebest, ein seelenvolles Werk meines Sohnes Max, hatte abziehen lassen. Diese Sitzungen bei der Königin waren sehr interessant, und ich freute mich jedes mal darauf wie ein Kind. Die Königin war höchst liebenswürdig, es lag kindliche Hingebung[371] in ihrem Wesen. Einen Zug ihrer thätigen Herzensgüte darf ich hier nicht übergehen.
Eines Morgens, als sie mich hatte zu sich rufen lassen, rief sie mir zu: »Ich habe Ihnen etwas Wichtiges mitzutheilen. Ludwig Philipp's Tochter, die junge Herzogin Marie von Würtemberg, wird hier in München erwartet. Ich will Sie durch ihre Tante, die Kurfürstin Witwe Karl Theodor's, anmelden lassen; es läßt sich vielleicht wegen Ihrer Pension etwas bei ihr ausrichten!« »Wegen meiner Pension?« rief ich aus, »das kann ich nicht, Ihre Majestät!« Die gute Königin stampfte mit dem Fuß, es stand ihr sehr zierlich. »Es ist wahr«, rief sie, »ich hatte vergessen, daß Sie von Ludwig Philipp keine Gnade erbitten wollen.« Ich beugte mich halbkniend auf ihre Hand. »Königin«, rief ich aus, »um eine Gerechtigkeit darf ich ihn bitten, ohne von meinen Grundsätzen abzuweichen. Es ist sogar meine Pflicht, kein Mittel unversucht zu lassen, um meines Mannes hinterlassene Schriften an das Licht zu ziehen. Wenn Ew. Majestät so gnädig sind, mir Gehör bei der Herzogin Marie zu ermitteln, so werde ich dieser eine Vorstellung an ihren königlichen Vater mitgeben, damit er verfüge, daß diese Handschriften in Druck kommen, und zum besten der Witwe verkauft werden; dieser Gunst genießen alle Hinterbliebenen großer Gelehrten. Die Werke liegen fertig zum Druck, sie sind nach dem Urtheil competenter Richter gediegen, und werden Frankreich Ehre und Nutzen bringen.« Ich erklärte nun der Königin mehrere der Gründe, die Chézy abgehalten, diese Arbeiten selbst herauszugeben, wer nun dazu bereit gewesen wäre, und wie der Minister Graf von Corbière ihn bereits die Typen zum Abdruck der indischen Grammatik[372] bewilligt habe, wie der grausame Tod durch die Cholera ihn überrascht und seine Unternehmungen ins Stocken gebracht. Ich erklärte ihr auch, wie eine niederträchtige Kabale aufgetaucht sei und des Ministers Guizot preiswürdigen Willen, diese Arbeiten an das Licht zu ziehen, gehemmt habe.
Die Königin hörte mich antheilvoll an, erbot sich noch an demselben Morgen die Sache bei der Kurfürstin einzuleiten, und ermahnte mich sofort, die Vorstellung an den König Philipp aufzusetzen. Ich gehorchte. Diese Vorstellung beschränkte sich auf eine etwas dürre Darlegung der Thatsachen, sowie auf einen Anruf an des Königs Gerechtigkeit, und war durchaus mit keiner Schmeichelei verbrämt. Ich wies sie meinem Freunde, Grafen von Méjan, der mich darauf aufmerksam machte, daß nichts Verbindliches darin stand. Ich entgegnete, daß es mir unmöglich sei, anders an Ludwig Philipp zu schreiben! Graf Méjan sagte: »Er ist einmal der Chef des Staats, und Sie die Witwe eines Franzosen! Die Ehrerbietung erfordert, daß Sie bittend vor ihn hintreten.« Ich gehorchte dem wackern Freunde, und setzte einige verbindliche Worte in die Vorstellung, muß aber vermuthen, daß sie dem Könige nicht gefiel, denn sie blieb unbeantwortet und erfolglos, obgleich die edle Prinzessin geglaubt hatte, mir den Erfolg verbürgen zu können.
Die Kurfürstin, Witwe Karl Theodor's, ließ mich zu sich rufen. Ich bewunderte im stillen die Reste ihrer Schönheit, und die unverwüstete Jugend ihrer Augen, die ein achtzehnjähriges Gesicht geschmückt haben würde; auch die hohe Intelligenz in den Fragen, die sie an mich stellte, die Klarheit ihrer Begriffe, die Bedeutsamkeit ihrer Worte erfreuten mich. Diese Audienz währte ziemlich lange,[373] mir aber dennoch zu kurz. Mehrere Tage darauf läßt mich die Herzogin Marie zu sich laden. Mit klopfendem Herzen durcheilte ich den hohen Blumengang, der zu ihren Zimmern führte. Niemand war im Vorzimmer befindlich. Die Herzogin kam mir entgegen. Eine weiblich zierliche Gestalt von graziöser Haltung, mit feinen ausdrucksvollen Gesichtszügen, und schönen Augen, in deren sanftem Blick unverkennbare Wehmuth lag. Sie redete mich Deutsch an, das sie gut und untadelhaft sprach. Zuerst unterhielt sie sich mit mir von meiner Angelegenheit, dann von Kunst und Poesie. Ihre sinnigen Worte waren verbindlich und huldreich. Sie entließ mich und verhieß, daß ihr Vater mir gewiß Gerechtigkeit schaffen würde. Nicht ohne einige Regungen von Stolz sog ich ihre Worte ein, als sie lobend von meinen Dichtungen sprach; wahrscheinlich kannte sie welche durch das Medium der Musik. Ich war so bevorzugt, sie noch zwei mal zu sehen, und zwar in der Scheidestunde, wo auch die Familie der Kurfürstin und deren Gemahl Graf Arco zugegen waren. Der ganze Kreis der Abschiednehmenden geleitete die hohe Frau an die Reisekutsche. Ihr sanfter Blick winkte mir, mich ihr zu nahen. Sie reichte mir ihre schöne kunstreiche Hand, rief mir noch lebhaft zu: »Leben Sie wohl, meine Liebe! Seien Sie überzeugt, daß mein Vater Ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen wird!« Ihr folgten feuchte Blicke und heiße Segenswünsche; für diesseits blieben sie unerfüllt. In der Blüte der Jugend, in der Fülle des Eheglücks und der Mutterfreuden schied sie aus dieser Welt, welche sie nur kurze Zeit geschmückt hatte. Sie ähnelte ihrer geistvollen höchst originellen Urgroßtante, der Schwägerin Ludwig's XIV., Herzogin von Orleans, der unschuldigen Ursache des blutigen Successionskrieges.[374]
Wenn die Königin Therese Geschenke machte, was sehr oft der Fall war, so wußte sie dieselben durch die Art des Gebens zu würzen und zu erheben. Sie hatte mir im Jahre 1832 eine ausgezeichnet schöne und kostbare Uhr verehrt, die von eigenthümlicher Form war; auf dunkelblauer Email war ein Sternenkranz um eine Gedenkblume her gemalt. Diese Uhr war mir in Paris gestohlen worden.
Eines Tages führte sie mich in ein Cabinet, wo sie ein Schreibfach öffnete, indem sie zu mir sagte: »Frau von Chézy, Ihnen ist die Uhr gestohlen worden, die sie von mir besaßen; nun denken Sie sich einmal, Ihre Uhr hat sich wiedergefunden!« Bei diesen Worten langte sie ein Etui heraus, in welchem eine schöne goldene Uhr mit geschmackvollem Haken lag.
Ich kann mich nicht enthalten die Art bekannt zu machen, mit der sie ein schlauer Dieb mir in Paris entwandte. Der Portier eines Wohnhauses überbrachte mir ein Päckchen, welches ein Buch und einen zierlichen Brief enthielt. Der Brief besagte: »der Unterzeichneter sei der Verfasser der Inlage, und würde dies Buch in acht Tagen bei mir abholen, denn es läge ihm an meinem Urtheil, und er wünschte mir seine Verehrung mündlich bezeigen zu können«. Dies Werkchen war Betitelt: »Prinz Rosa Stramin«; es war voll Geist und Laune, und muß von einem gewandten Schriftsteller sein; es stand kein Name davorgedruckt. In acht Tagen nach dem Empfang ließ sich der Verfasser des Werks bei mir anmelden. Es war ein noch junger Mann von feinem Aussehen, anständigen Manieren, geschmackvoll gekleidet. Da mich sein Gespräch interessirte, und es schon 4 Uhr war, lud ich ihn zu Tisch, und bat ihn, als er sich nach Tisch entfernte, wiederzukommen; ich[375] setzte hinzu, daß er mich in einiger Unordnung antreffen würde, da ich Anstalten zu meiner Reise nach Deutschland zu treffen habe. Etwa vierzehn Tage später, kurz vor meiner Abreise, war Madame Récamier noch einmal zu mir gekommen. Ich hatte meine kleinen Kostbarkeiten, im Begriff sie einzupacken, auf einer Seite des Zimmers vor mir liegen; die Uhr stand auf dem Kamin. Madame Récamier hatte mich vor meiner Abreise noch nothwendig zu sprechen; meine Thüren standen offen, weil ich Träger erwartete, die einige Kisten, welche noch bei mir standen, zum Spediteur Dreifuß bringen sollten. Unerwartet trat der geistreiche Verfasser des »Prinz Rosa Stramin« in das Zimmer, und nahm Platz. Madame Récamier bat mich, mit ihr in ein anderes Zimmer zu gehen, da sie mich allein sprechen müsse; ich that es, ohne alles Mistrauen in meinen Besuch. Kaum fünf Minuten später trat er in das Zimmer, wo ich mit Madame Récamier saß, und bat mich um Erlaubnis wiederkommen zu dürfen, weil er sich augenblicklich auf eine Stunde entfernen müsse. Er mußte sich allerdings entfernen, denn er hatte meine Uhr mitgenommen, und er kam natürlich nicht wieder. Freund Heine, dem ich meinen Unfall erzählte, erkannte den saubern Gast aus dem Schreiben, wiewol er unter einem andern Namen zu ihm gekommen war; er hatte ihm Geld abgeliehen. Ich mußte noch froh sein, daß er von den übrigen Kostbarkeiten, die ich damals besaß, nichts entwendet hatte.
Ich theile diese Begebenheit mit, weil sie nützlich sein kann. Zwar kann sie auch den Gaunern einen neuen Diebsgriff lehren, denn die meisten sind jetzt literarisch gebildet, und lesen gern. Ein Herr S., selbst Schriftsteller und Dichter, der bei der b ......schen Post angestellt war, und wegen unterschlagener 5000 Gulden fünf Jahre[376] im Zuchthause saß, ist ein Beweis dieser Wahrheit, und hat auch mich bestohlen; er nahm mir jedoch nur 7 Kronenthaler aus meinem Sack, den ich bei Freunden auf dem Sofa hatte liegen lassen, die sich zugleich mit mir aus dem Zimmer auf einige Minuten entfernt hatten. Wir alle hatten sein früheres Leben nicht gekannt, ich würde sonst meinen Sack mit aus dem Zimmer genommen haben. Zwei ähnliche Exemplare, die sich als literarische Männer auswiesen, bestahlen mich in Genf. Das Verzeichniß dieser ehrlosen Menschen ist mit den angeführten noch nicht vollständig, es gehört noch unter andern ein Pfälzer Flüchtling hinein; ich darf seinen Namen hersetzen, weil es nicht sein Name ist, er führte ihn nur vermöge eines falschen Passes. Eitelmann interessirte mich lebhaft, weil er mit Geist und Salbung von religiösen Gegenständen sprach, und vermöge seiner Reden für einen frommen jungen Mann gelten mußte. Dieser freche Dieb nahm mir Juwelen, Goldmünzen und ähnliche werthvolle Gegenstände beinahe vor meinen Augen weg. Ich hatte Mühe ihn wegzuschaffen, nachdem ich endlich auf die Spur der Wahrheit gekommen war, und mir ahnte ein Zusammenhang mit einer Rotte von Dieben, welche sich auch wirklich darthat. Er bestahl noch an denselben Tag, wo ich ihn verabschiedet, einen jungen Maler, und wie ich höre, hat man ihn elf Diebstähle beschuldigt und überwiesen. Er sitzt bei Zwangsarbeit auf funfzehn Jahre. Der berüchtigte Räuber und Dieb Wagner Loisell (Alois Wagner) machte eine Ausnahme von der Regel, er war ein witziger Patron, der Anwandelungen von Rechtschaffenheit hatte. Als es gelungen war, ihn zu fangen und zu überweisen, hatte er seine Untersuchungshaft in Linz im Strafhause zu bestehen. Er äußerte sich öfters über seine Lage: »Hier«, sagte[377] er, »könnte man wünschen zeitlebens ein ordentlicher Mann gewesen zu sein, denn unsereins hat auch seine Plage. Hier habe ich mein warmes Zimmer, mein ordentliches Lager, mein reichliches Essen, meine einträgliche Arbeit. Ei, wem es so geboten wird, der hat's leicht rechtschaffen zu sein.« So sagte Wagner Loisell, und pries sein günstiges Geschick; ging auch fleißig in die Kirche, und benahm sich gut darin. Nun aber war die Untersuchungshaft zu Ende, sein Urtheil wurde verlesen: lebenslängliche Festung. Er rief aus: »Ei meine Herren, dies ist gefehlt, lassen Sie mich hier, hier werde ich gut thun, hier gefällt es mir; aber auf der Festung breche ich aus und komme nicht wieder!« Der Gerichtshof lachte. »Nur gemach, meine Herren«, rief Wagner Loisell, »ich bin ein Mann von Wort! Ich hätte hier schon zehn mal entwischen können, ich habe es nicht gethan. Ich bitte Sie recht flehentlich, behalten Sie mich hier!« Dies alles half ihm nichts, er mußte auf die Festung und wurde sorgfältig bewacht; doch es gelang ihm durch Hülfe von außen, sich zu befreien, und, wie mir versichert wurde, nicht ohne Blutvergießen. Ich zweifle, daß er wieder eingebracht worden. Das Volk erzählt sich eine Menge Schwänke von ihm. Er ging einmal durch einen Wald; ihm begegnete ein hübsches Mädchen, mit der er sich in ein Gespräch einließ. »Ach bester Herr«, rief diese aus, »wenn Sie nur ein bischen langsamer gehen wollten, ich mochte gern heim, ich mache morgen Hochzeit, hier im Wald soll der Wagner Loisell, herumstreichen, ich fürchte mich vor ihm, wenn er uns zu zweien sieht, so wird er nichts gegen mich wagen!« Man schritt nun rüstig voran. Am Dorfe angekommen, reichte Loisell Wagner dem jungen Mädchen die Hand, drückte ihr einen Laubthaler hinein, und sagte: »Zu Hause sage[378] deinen Leuten, der Wagner Loisell läßt alle grüßen, und schickt einen Laubthaler zu einem Hochzeitskuchen. Adieu!« Noch denselben Abend flog das Geschichtchen von Mund zu Mund, und die Leute freuten sich darüber. Es kam auch wol, daß der Schalk eine ganze Streifbande weitumher tief in den Wald führte, um ihnen zu zeigen, wo sie den Wagner Loisell finden könnten, und wenn er weit genug voraus war, ihnen zurief: »wenn sie den Wagner Loisell finden sollten, müßten sie früher aufstehen«. Solche Possen verschafften ihm die Gunst des Volks, das ihm oft beigestanden haben mag, strenge Maßregeln gegen ihn zu vereiteln.
Ein schmerzlicher Vorfall nahm zu jener Zeit das Mitleid der Kaiserin in Anspruch. Ich war damals im Schlosse. Man kam, die Langenloiser anzumelden. Es war eine ganze Truppe Bauerfrauen, die ins Bitten gekommen waren, und deshalb zur Kaiserin gingen, die mit gnadenreichem Herzen und offenem Ohr alle Bittenden anhörte, und den Kaiser, ihren Gemahl, in Kenntniß ihres Anliegens setzte. Ihr Grundsatz war, immer das Gute thun, und immer im stillen! Die Langenloiserinnen wurden zu ihr eingelassen. Ich erfuhr nun, daß sie gekommen waren, wie sie schon oft gethan, um die Aufmerksamkeit des guten Kaisers auf das unverschuldete und entsetzlichste Misgeschick ihrer Gatten zu lenken, die schon seit Jahren in strenger Haft saßen. Der ganze Ort war des Mordes des Syndikus beschuldigt, welcher ein rauher strenger Mann war. Er war eines Morgens früh vor seiner Hausthür, ich erinnere mich nicht mehr, mit welchem Mordinstrument, getödtet gefunden worden; vom Thäter hatte man keine Spur entdeckt. Die Bewohner des Orts waren friedliche Männer vom besten Ruf, die gewöhnlich den ganzen Tag auf dem Felde[379] beschäftigt waren. Sie hatten vom Syndikus manche Unbilden und große Bedrückungen zu ertragen, wurden daher für die Mörder gehalten und eingekerkert. Ich habe nicht erfahren, ob es der Kaiserin gelungen ist, sie zu befreien. Die Wahrheit von der Sache ist, daß sie auf bloßen Verdacht hin festgesetzt wurden, denn es fehlte an allen Inzichten. Der Zustand war schauderhaft. Der einzige Verdacht wegen des Mordes fiel in der öffentlichen Meinung auf einen Hausirer, welchem der Syndikus kurze Zeit vor dem Morde einen Pack Spitzen als Contrebande confiscirt hatte, und welcher seitdem in der Gegend nicht mehr war gesehen worden. Der Vorfall würde mir unglaublich geschienen haben, wenn ich ihn nicht aus dem Munde Ihrer Majestät selbst und der verehrungswürdigen Gräfin Lazansky gehört hätte. Ich zweifle nicht, daß die Wahrheit an das Licht gekommen. Wer aber ersetzte nun den unschuldig angeklagten Familienvätern ihren zerrütteten Wohlstand, ihre Lebenskraft, die Leiden ihrer Angehörigen? Man kam immer darauf zurück, der Mörder müßte einer von den Langenloisern sein, und die Sache müsse an das Licht.
Ich kann hier einen Zug des Herrn Hofrath Dr. Schlagintweit nicht übergehen, der seinem Herzen und Talent die größte Ehre macht. Er hatte sich eine große Fertigkeit in den Augenoperationen erworben, und da er mit seiner Zeit haushälterisch umging, so blieb ihm welche für arme Augenkranke, die er unentgeltlich heilte und operirte. Der Eifer für diese Unglücklichen wurde immer brennender in seiner Seele, und gedieh bis zu einer muthigen Entschließung.
Ein anfangs kleines Local, dessen Unkosten er aus eigenen Mitteln bestritt, nahm eine Menge unglücklicher Erblindeten auf, die geheilt daraus hervorgingen. Nach[380] und nach wurde die edle That bekannt. Menschenfreunde brachten freiwillige Beiträge zu den Unkosten, und verpflichteten sich zu jährlicher Beisteuer. Die königlichen Personen und ihr Hof schlossen sich nicht von der Theilnahme aus, wie auch der edelgesinnte Theil des Publikums. Die Anstalt stand in vollem Flor, als ich München verließ. Was vermag nicht frommer Muth und fester Wille! Hofrath Schlagintweit hatte die Leidenden eingeladen sich bei ihm einzufinden, nahm sie in seine Anstalt auf, wo er sie zweckmäßig beköstigte, und durch Arzneien für die Operation vorbereitete, die er nie vergebens unternahm. Im Jahre 1839, wo die Aerzte meinem Max die Wassercur anriethen, ging ich mit ihm nach Brunnthal, wo ein einfacher Chirurg mit Kenntniß und seelenvollem Eifer die Curanstalt leitete. Ich wünschte, daß es nicht zur Schwitzcur, der ein kaltes Bad folgte, kommen möchte; ich glaubte, Max würde sie nicht aushalten. Bleiby unterstützte meine Bedenklichkeiten nicht, er hatte recht. Mein Sohn aber war seinem Anrathen geneigt, die Cur wurde ohne mein Vorwissen vorgenommen, und schlug vortrefflich an. Es waren viel Gäste in Brunnthal, meist aus dem Mittelstande. Die Lage war reizend, das Haus wohlgebaut, der Garten groß, die Bedienung aufmerksam, die Kost kräftig und gesund, der Preis der Pension nicht unbillig. Wir trafen dort einen Grafen von Cencimon mit Gemahlin und Söhnen, gemüthliche freundliche Menschen, und einen Hofrath Kaspar nebst Gattin. Kaspar war ein geistreicher Mann und vortrefflicher Jurist, der auch als Publicist rühmlich thätig war; wir wurden bald Freunde. Im Lauf des Sommers bewiesen die Anmerkungen welche die zahlreichen Gäste beim Abschied im Buche zurückließen, daß alle genesen waren; nur einer, der sterbend angelangt, war gestorben.[381]
Im Bade Brunnthal lernten wir den verdienstvollen Gouverneur der Söhne des Herzogs Max von Birkenfeld kennen, einen geist- und kenntnißvollen Mann, dessen Unterhaltung uns viel Belehrung und Genuß gewährte. Er lenkte gern das Gespräch auf drei indische Prinzen, Königssöhne, die in einem Kriege gefangen genommen worden, und die Herzog Max von Birkenfeld gekauft hatte und sorgfältig aufziehen ließ. Der Hofmeister hatte sich die Sprachen beider zu eigen gemacht, und beschäftigte sich sehr angelegentlich mit ihnen; sie waren sanft und fromm, und beteten in ihrer Sprache, die sie tu malu und tenkahu nannten – seelenvolle Gebete. Herzog Max wollte ihnen eine ganz ausgezeichnete Erziehung geben, und sie zu einem Amt ausbilden lassen. Ich weiß nicht, was ihn von diesem schönen Plan ableitete. Doch nicht selten wird den Großen ihr schönster Wille durch Einmischung anderer gelähmt. Die Indier kamen unter die Begleitung des Prinzen, und waren Darüber sehr betrübt. Anfangs, nachdem der Prinz sie aufgenommen, waren sie sehr scheu, und von düstern Zweifeln und Vorstellungen gepeinigt. Man überhäufte sie mit Gefälligkeiten, und reichte ihnen sehr gute Kost. Sie rührten nichts an, und weigerten sich überhaupt etwas anderes zu essen als trockenes Brot und Früchte. Mit Mühe erfuhr man, daß sie die Einbildung gefaßt hatten, man wolle sie sehr gut nähren, um sie zu schlachten und zu essen. Ihr Freund, der Hofmeister, wußte ihr Vertrauen zu gewinnen, und ihre Hirngespinste zu zerstreuen. Sie aßen nun nach Herzenslust. Gleichwol starb der jüngste unter ihnen am Heimweh. Sie hatten ein Morgengebet, das von der größten Schönheit war; es wurde mir freundlich mit getheilt, doch konnte ich keine Abschrift davon erlangen; es lag darin eine Frischheit[382] und Innigkeit, die sich dem Geist christlicher Gebete näherte. Ich habe einen hohen Begriff von einer Landessprache bekommen, in welcher etwas so Vollkommenes, Inniges und Wohlthätiges für die Seele erschienen war, mehr noch von einem Volke, das mit solcher Ehrfurcht und Liebe für Gott empfindet.
Mehr als einmal habe ich auf meine frühern Daten zurückkommen müssen, indem mich die Flügel der Erinnerung zu einem andern Gegenstand hintrugen. Es kommt mir bei diesem Werke minder auf chronologische Ordnung an, als auf innern geistigen Zusammenhang.
Mich suchte im Jahre 1837 im Spätherbst ein lutherischer Geistlicher auf, der von der katholischen Religion zur lutherischen übergetreten war, und einer Pfarre entgegensah. Er erwartete und erhielt auch von mir ein kleines Geschenk zu seiner Unterstützung. Dieser Candidat machte mich mit dem Geistlichen Langenmeier bekannt, von welchem ich im, »Münchener Landboten« einen gediegenen Aufsatz gelesen, und der mich kennen zu lernen wünschte. Langenmeier kam. Die Erscheinung dieses edeln Mannes flößte Ehrerbietung ein, und war gewinnend. Er lebte in München mit einer Verwandtin und deren Tochter, die ein gutes einfaches Mädchen war, in reifern Jahren sehr praktisch die Haushaltung des Oheims führte. Langenmeier gehörte zu den katholischen Priestern, deren Andenken noch späte Zeiten segnen werden. Er hielt mit Ruhe und Kraft den Moderantismus empor, und blieb der Partei fern, die in Baiern die »schwarze« hieß. Er machte einen schönen Auszug aus den Schriften der Kirchenväter, dies wurde von den schwarzen Söhnen der Kirche übel genommen, und Langenmeier mußte es büßen. Er war damals Landpfarrer. Seine Freunde und Correspondenten waren u.a. ein Pfarrer Königsberger, ein Rector Sallat, und andere erleuchtete[383] Priester. In München befanden sich Pfarrer Holzleutner, Mannhard, Schwartz, Centner. Diese alle waren Unglücksgefährten: sie hatten, wie Langenmeier, bei mächtigen Antagonisten unauslöschliches Misfallen erregt, verloren dadurch ihre Pfarrstellen, büßten nicht lange darauf auch das Recht zu predigen, Messen zu lesen, zuletzt sogar ihre Tischtitel ein, und wurden der Gegenstand gehässiger Verfolgung. Pfarrer Holzleutner war der bedauerungswürdigste unter diesen Geistlichen, indem man ihn in das Strafhaus der Pfarrer zu bringen gewußt hatte. Er hatte den Haß eines bedeutenden Mannes, eines Gutsherrn, dessen verbrecherische Umtriebe er höchsten Orts enthüllte, aus sich gezogen, und war trotz der vortrefflichsten Fähigkeiten zu seinem Amte, trotz seines musterhaften Betragens, in das Strafgefängniß geführt worden. Hier behauptete er, Gift bekommen zu haben. Er kränkelte seitdem, und verfiel in Wahnsinn. Pfarrer Schwarz und Centner wurden minder heftig verfolgt als Holzleutner, der eine Flugschrift hat drucken lassen, deren Titel heißt: »So geht es im constitutionellen Baiern zu«, und in welcher ein Theil seiner Lebensgeschichte verzeichnet stand. Die Schrift war musterhaft verfaßt, und erweckte ihm nun schwere Verfolgung. Er mußte noch einmal nach Dorfen, und kränkelte sehr. Er unterlag und verfiel, wie schon bemerkt, in Wahnsinn. Ein wenig verschiedenes Los hatte Königsberger, ein Geistlicher voll Tugend und Frömmigkeit. Auch Pfarrer Langenmeier mußte nach Dorfen; eine Jugendschwachheit war ihm zum Verbrechen gemacht worden. Der Lebenswandel der übrigen dieser Geistlichen war streng und tadellos, sie waren die Märtyrer der Sache des Lichts und der Mäßigung der katholischen Religion getreu, fern davon Proselyten zu machen. Ihr Augenmerk war allein darauf[384] gerichtet Beispiel und Lehre des Guten zu verbreiten. Seit meiner Abreise von München empfing ich keine Nachricht mehr von diesen würdigen Freunden, die ich oft gesehen, und nie ohne Erbauung und Rührung verlassen habe. Einer unter ihnen nährte sanguinische Hoffnungen auf den zufälligen Umstand, daß ich oft zur Königin gerufen wurde, dort den König zuweilen sprach, und der Königin Witwe genau bekannt war. Zum Unglück sprach er nicht davon mit mir, ich würde ihm bedeutet haben, daß ich mich nicht befähigt noch berufen fühle, gegen die »Schwarzen« Partei zu ergreifen. Im Jahre 1839 starb der verdienstvolle Mannhard, ihn hatte der Schlag im Lesecabinet gerührt. Aerzte wurde gerufen; ihm wurde der Kreuzschnitt über die Brust gemacht, aber es war umsonst, entseelt wurde er nach seiner Wohnung getragen. Ich traf ihn noch abends vor seinem Tode gesund und heiter. Er hatte mir einen Abend auf Samstag versprochen, er konnte nicht Wort halten. Ich verlor durch seinen Tod einen edeln erleuchteten Freund, der die Aufrichtigkeit und Treue erkannte, die meine Trostesworte in sich schlossen, denn ihm war nicht lange vor seinem Tode verboten worden zu predigen. Manche erheiternde Stunde und manche erquickende Labung dankte der edle Mann einem Freunde, dem Schriftsteller Dr. Ehrenbaum, und dessen Gattin, die sich damals in München aufhielten.
Zu jener Zeit zürnte das Volk dem Pfarrer Eberhard, und einem andern, dessen Name mir entfallen, dem ersten wegen seiner wüthenden Ausfälle gegen Protestanten auf der Kanzel, dem letztern wegen ähnlicher Worte bei der Kinderlehre Sonntags um 1 Uhr. Die Königin Witwe hörte davon und fand Gelegenheit sich bei ihrem Stiefsohn König Ludwig zu beklagen. Auch die kampfscheue langmüthige Königin[385] Therese wurde endlich entrüstet. Sie wohnte dem Religionsunterricht ihrer Kinder bei. Der Lehrer ließ sich durch seinen Eifer soweit hinreißen, daß er den Prinzen und Prinzessinnen zurief: »Verflucht sind die Protestanten!« Statt Entrüstung zu zeigen, sagte die sanftmüthige Frau mit schmerzlich bewegter Zunge: »O, wollen Sie uns denn alle verdammen?« Der Priester schwieg. Es steht jedoch zu vermuthen, daß er sich fortan ähnlicher Ausfälle enthielt. Eberhard erhielt endlich die Weisung, München zu verlassen. Es war im November, ein Theil seiner Anhänger hatte den Weg vom Pfarrhof an bis zum Thore mit Rosen und andern schönen Blumen bestreut. Man sah auch auf diesem Wege weinende Mädchen, Frauen und schöngeputzte Kinder, welche köstliche Bouquets in den Reisewagen warfen. So wurde dem Manne gehuldigt, dessen gifttriefende Worte unablässig Unfrieden zwischen den beiden Religionsparteien stifteten. Mannhard's Leichenzug dagegen wurde von wenigen still und tiefgerührten Freunden begleitet, doch sein Andenken bleibt unvergeßlich, warm und gesegnet, und die Frucht seiner Worte wird noch durch späte Zeiten fortwirken.
Im März 1831 kam mein Sohn Max aus Paris nach München herbei, erfleht von meiner Angst um ihn und seine Gesundheit. Die Königin Witwe ließ ihn sogleich zu sich einladen, doch sein unbefangenes Künstlergemüth entsprach nicht den Erwartungen der hohen Frau. Sie erfuhr nichts durch ihn von den pariser Zuständen. In München war ihm das Klima feindlich. Im Herbst bewog ihn sein Bruder mit nach Baden zu gehen. Ihr Vater war mit diesem Entschluß sehr unzufrieden, doch er erfuhr nicht früher darum als bis er schon ausgeführt war. Er entzog ihnen von nun an die Hälfte ihrer[386] Einnahme, und legte mir jährlich 24 Karolin zu. Diese Maßregel hatte traurige Folgen. Ich selbst gewann nichts dabei, denn ich erschöpfte mich in Bemühungen, den Verlust zu ersetzen. Auch verging kein Jahr, so wurde uns Chézy durch die Cholera entrissen. Von diesem Zeitpunkt an begann unser Unglück von außen her, von innen war es längst im Werke; doch ich schweige darüber. Die Schilderung der Martern meines zerrissenen Herzens gehört nicht vor den Richtstuhl der Menschen, nur der Allwissende kann sie durchschauen. Nicht blos Unvergeßliches aus meinem Leben gehört in dies Buch. Wer kann im ganzen Sinne des Worts sein Leben schreiben? Niemand! Zu viel und Wichtiges bleibt ihm selbst verborgen. Das Innere des Menschengemüths ist ein Bergwerk, nur Gott kennt seine Schachten! Die Beweggründe einer That bleiben dem Urheber derselben selbst verborgen.
Meine Söhne waren fern von mir in Baden-Baden, als der entsetzliche Schlag dieser Todesnachricht mich traf und auf das Krankenlager daniederstreckte. Meine Pension blieb aus; die Familie in Paris traf keine Verfügung, daß sie mir geschickt wurde. Wie unüberlegt trieben sie ein Spiel mit dem Herzen eines zärtlichen Vaters und zweier Söhne, deren ganze irdische Zukunft von der Wohlthat und Zärtlichkeit dieses Vaters abhing! Sie wußten, daß Chézy kein Vermögen hinterließ, denn die Kriegsjahre, die feindlichen Einfälle, die Opfer, welche die allgemeine Noth von ihm erheischte, hatten seine Mittel erschöpft. Es wäre Pflicht gewesen, ihn anzumahnen, nun an seine armen Kinder zu denken; aber dies that niemand. Einige Mitglieder der Familie, denen die einlaufenden Gelder anvertraut wurden, glaubten sie[387] aufheben zu müssen. Vergebens schrieben wir um Geld, man schickte keins.
Meinen Söhnen in Baden hatte Spindler gerathen abzuwarten was aus Frankreich kommen würde, und ihren, wie er es nannte, vortheilhaften Standpunkt an der Grenze zu behaupten. Görres war so freundschaftlich und einsichtsvoll, mir mit Rath beizustehen. Ich lag fast besinnungslos. Niemand nahm sich meiner so warm an als die Königin Witwe, die mich unmittelbar nach dem Tode Chézy's zu sich rufen ließ, um mich zu trösten und aufzurichten; mein unverkennbarer Schmerz ging ihr zu Herzen. »Liebe«, sagte sie mir, »ich mußte wol glauben, sie bewegt zu finden, aber schmerzzerrissen habe ich Sie mir nicht gedacht!« Ich antwortete ihr mit den Worten, die mir Schmerz und Liebe eingaben. »Bleiben Sie nun hier«, sagte die edle Königin, »ich werde Sie nie verlassen!«
Ich konnte diesen so gnädigen Rath nicht befolgen; ich wußte was Chézy hinterlassen hatte, es war ein kleines Kapital von nicht ganz 2000 Thlr. in seiner Kommode, eine werthvolle Uhr, ein Brillantring vom Kaiser Franz, und ein silbernes Tischservice, nebst einigen Möbeln und einer Büchersammlung. Was konnten zwei unversorgte Söhne und eine hülflose Witwe damit beginnen! Ich hatte nicht das Herz mit der Königin hierüber zu sprechen, und wahrscheinlich trat niemand auf und sprach für mich. Das Einzige was ich nach dieser Entrevue erfuhr, war, daß mir die höchste Frau zu meiner Erleichterung Trauerkleidung, Betten, einige Möbel, die mir fehlten, und wie sich ihre Umgebungen ausdrückten, etwas Geld bestimmt hatte. Es kamen von ihr die Geschenke, nebst 40 Gulden.[388]
Alle Ausgaben, die sich während des langen Ausbleibens meines Gehalts aus Paris aufgehäuft hatten, mußten bestritten werden. Es war Ende October, für den Winter kein Vorrath vorhanden, und die Nothwendigkeit da, nach Paris zu gehen. Spindler hatte, wie schon angeführt, meinen Söhnen betheuert, daß man die kostspielige und beschwerliche Reise sparen könne. Mein ältester Sohn gehorchte ihm, und blieb in Baden. Max erklärte sich bereit, mich nach Paris zu begleiten. Durch wohlfeiles Losschlagen meines Handbuchs »Norika« und meiner Gedichte, die bei v. Seidl in Sulzbach erschienen und von den entstellendsten Druckfehlern übersät waren, sowie durch Veräußern einiger Pretiosen, konnte ich endlich die Kosten meiner Reise nach Baden und Strasburg bestreiten und mit meinem Max bis Paris gelangen. Der geistreiche Staatsrath von Maurer in München, den Görres gebeten hatte, mir mit Rath beizustehen, hatte mir erklärt, daß ich in Paris weder Unkosten noch irgendeine Schwierigkeit bei der Erbschaft haben würde. Auch diesem würdigen Manne glaubte mein ältester Sohn nicht, und dieser irrthümliche Entschluß stürzte uns in 3000 Francs Unkosten.
Wir langten im Collège de France in Paris an. Ich schickte nach einigen Mitgliedern der Familie, die sogleich kamen und mir freundlichen Antheil bezeigten. Der Schwiegersohn von Sylvestre de Sacy, Herr Pavet von Courteille, ein wackerer Freund Chézy's, Herr Langlois sein berühmter Schüler, waren noch denselben Abend bei uns, sowie Chézy's noch einzige Schwester Adelheide, nebst ihrem Sohn Antoine, dessen geliebte Gemahlin, Clémence, jetzt in Algier mit zwei Söhnen und Schwiegertöchtern wohnt. Andern Tags suchte ich Sylvestre de Sacy auf, bei dem ich den Grafen von Salvandy traf,[389] dessen berühmt gewordenes Wort: »Wir tanzen auf einem Vulkan«, wol noch für heute gelten kann, wenn wir gleich nicht tanzen.
Die Bemühungen der edeln Freunde Baron Prony, Sylvestre de Sacy und Degerando, hatten vortheilhaft für mich beim Ministerium gewirkt. Meine Aufopferungen für die Gefangenen von der Schlacht bei Hanau wurden in das gehörige Licht gestellt, und erwarben mir viel Sympathien. Der Minister des öffentlichen Unterrichts ließ mich rufen, und sagte mir bedeutungsvolle Worte, die mich über meine Zukunft beruhigen konnten.
Ich habe, so nahe meinem Grabe, den Gedanken aufgegeben, das ganze Gewebe der Widersacher, Neider und Feinde des edeln verstorbenen Chézy an das Licht zu ziehen; ich bin bis in den Tod ermattet, und muß auf meinem letzten Lager darben und entbehren, so manche edle Hand mir auch schon Linderung zukommen läßt. Ich bin im Sinne des Worts ausgeraubt worden, und sehne mich nach der Befreiung von soviel Leiden; da fehlt es mir an Stimmung und Kraft, die letzten Prüfungen die ich erdulde, ausführlich zu schildern, ich habe sie Gott geopfert. Nur über Eines muß ich meine Stimme erheben, die schwache Stimme, die vielleicht bald der letzte Seufzer erstickt, die aber ein Echo in Asien und Europa wecken wird.
Seit längerer Zeit schon hatte der Graf von Corbière die Typen zu Chézy's indischer Grammatik bewilligt. Um dies vortreffliche Werk herauszugeben, fehlte es ihm blos an der Zusammenstellung des Anhangs, den er dazu gemacht, und der, wie mir ein Sprachforscher versicherte, durchaus neu und von erschöpfender Belehrung ist. Zum Unglück hatte ich das Schreiben des Ministeriums noch[390] nicht aufgefunden, als ich die verlangte Notiz für den Minister Guizot aufsetzte; die Mittheilung desselben würde jeden Zweifel des Ministeriums gehoben haben, ja, sie hätte das ganze Bubenstück von vornherein unmöglich gemacht. Wer hätte zweifeln können, daß Chézy's Vorsatz, seine Manuskripte in Druck zu geben, feststand, da er bereits die Typen dazu vom Ministerium bewilligt erhalten hatte?
Ein nun verstorbener Verwandter Chézy's, den ich nicht näher bezeichnen werde, bedurfte des Taufscheins des Verstorbenen, um sein Geburtsdatum richtig auf den Leichenstein zu setzen. Da er diesen Taufschein nicht gleich vorfand, kam er nicht auf den natürlichen Gedanken, ihn im Register seiner Kirche aufsuchen zu lassen, sondern vermeinte, der Taufschein könne ihm nicht entgehen, wenn er alle Papiere des Dahingeschiedenen ohne Ausnahme durchsuchen ließ. Dies geschah unbehindert in jener Zeit, wo die Verheerungen der Cholera jeden Unfug begünstigten. Wenige der Schriften, Familienpapiere und dergleichen kamen an ihre rechte Stelle zurück. Es fand sich auch kein Testament mehr vor, wiewol mehrere Freunde Chézy's darum wußten, daß der Verstorbene ein Testament aufgesetzt hatte. Auch wurde erst fünf Tage nach dem Tode desselben die Wohnung versiegelt, weil bei den häufigen Todesfällen die Gerichte mit Geschäften überhäuft waren. Ich schweige von dem Unfug und der Ausplünderung des Hauses, die noch durch Domestiken vorfiel. Mein Schmerz war zu heftig, als daß ein Kummer neben dem um den geliebten Todten in mir hätte aufkommen können. Der Tod hatte Chézy überrascht, als er im Begriff stand, seine Werke, die Frucht vierzigjähriger Anstrengung, der Oeffentlichkeit zu übergeben; sie sind zahlreich und hochwichtig, ihre[391] Titel sind in der »Biographie Universelle« von Michaud, im sechzigsten Bande (Supplement), im Artikel »Chézy«, genau verzeichnet. Ich nenne davon nur die große indische Grammatik, ein Werk von bedeutendem Umfang, dessen scharfsinnige Forschungen sich über alle Sprachen des Orients verbreiten; ferner eine Sanskrit Chrestomathie umfassenden Inhalts; Auszüge aus den Puranas; »Hasyanava« (»Die Vereinigung der Schurken«), mit Uebersetzung der bedeutendsten Stellen; indische Gnomen; indische metrische Uebersetzungen deutscher und französischer Gedichte; die Analyse des »Ramayana« mit vielen Erläuterungen und sprachforschenden Bemerkungen. Von den persischen Werken bezeichne ich nur eine Chrestomathie, von der geschmackvollsten und mannichfachsten Auswahl und vom gediegensten Werth.
Der Minister Guizot, stets von Eifer für das Schöne und Gute erfüllt, schickte mir im November 1832 eine Aufforderung, ihm eine Note über alle hinterlassenen Arbeiten Chézy's auf das schleunigste zu senden. Ich bedurfte bei dieser Arbeit keine Hülfe, Chézy hatte das Verzeichniß gemacht, und ich hatte die Noten und Manuscripte selbst, soviel in meiner Macht lag, durchstudirt. Ich verstand zwar kein Indisch und nur wenig Persisch, allein unsere Gespräche hatten immer auf diese Gegenstände sich ausgedehnt, ich war in den persischen Manuscripten beinahe so heimisch als er. Dies war eine glückliche Zeit unsers Beisammenseins, als plötzlich der Gedanke, Sanskrit zu lernen, in ihm aufstieg. Er sagte: »Ich habe so gut wie gar keine Hülfsmittel, nichts als eine mangelhafte Grammatik von Anquetil du Perron, einige Arbeiten von Fra Bartolommeo und die Manuscripte der Bibliothek; doch bei Benutzung der Uebersetzungen, die es bereits gibt, bei der Ankunft der Grammatik von[392] Wilkens, und bei angestrengtem Fleiß und unermüdetem Forschen, werde ich der erste Franzose sein, der das Studium des Sanskrit auf das Festland hinverpflanzt. Frankreich wird vom Gelingen meines Unternehmens Ehre und Nutzen ziehen; hierher werden die Gelehrten reisen, um Indisch zu lernen. Paris wird ihr Sammelplatz werden. Hamilton ist fort, aber sein unvergleichlicher Katalog unserer indischen Werke ist hier geblieben, und das Katheder für das Sanskrit kann da niemand besteigen als ich!« Meiner Schwiegermutter ging bei solchen Reden das Herz auf, sie sah ihren Sohn im Geist von einer Glorie umstrahlt, einer Glorie des Heroismus und des Marterthums. Das Opfer, welches auf dem Altar brannte, war sein eigenes Selbst, sein Frieden, sein häusliches Glück, seine Gesundheit, sein Lebensgenuß, seine Jugendblüte, sein Weib und seine Söhne. Ich fühlte es, der Preis war eines solchen Opfers werth, und ich brachte es mit ihm, ergeben in seinen Willen; erleichtert wurde es mir durch ein Unglück ohne gleichen. Meine Schwiegermutter, eine kräftige Natur, eine eifrige Katholikin, eine Frau voll Geist und Leben, konnte sich nicht mit dem Gedanken versöhnen, daß eine Ungläubige wie ich, Gattin ihres Sohnes und Mutter ihrer Enkel sei. Sie und ihre Töchter, die alle die vortrefflichste Erziehung genossen hatten und von denen eine schön malte, waren Muster der Weiblichkeit und Häuslichkeit. Ich war nur für die Poesie erzogen worden, mein redlichster Wille konnte die Einübung in das häusliche Getriebe nicht ersetzen. Die Kränklichkeit meines ältesten Sohnes zehrte an Zeit und Lebenskraft. Hierzu kamen die literarischen Beschäftigungen, ich mußte Brot für die Haushaltung verdienen helfen, die Theuerung war gestiegen. Die Schwiegermutter meinte: »Geld verdienen[393] solle einzig die Sorge des Mannes sein; die des Weibes sei auf ihre Häuslichkeit beschränkt!« Unter andern Zuständen würde sie recht gehabt haben, nicht so unter den obwaltenden. Da ich nun wußte, daß Chézy's inneres Glück davon abhing, daß seine Mutter die höchste Liebe und Achtung von mir genoß, bemühte ich mich aus allen Kräften, ihr die Liebe zu zeigen, die ich für sie empfand. Doch dies machte keinen Eindruck auf sie. Ich hätte mich total umschaffen müssen, um ihrem Begriff von einem Weibe wie es sein sollte, zu entsprechen. Die Feder in meiner Hand war ihr ein Greuel. Den ersten ungünstigen Eindruck, den sie durch mich empfing und mir späterhin eingestand, verdanke ich dem Misbehagen das sie empfand, als ich zum ersten mal bei ihr speiste und nach Tisch meine Serviette nicht zusammenlegte. Später empfing ich einmal einen Brief von ihr, in welchem die Worte standen: »Glauben Sie mir, hören Sie mit ihren Schreibereien auf, und flicken Sie Ihre Sachen!« Ich ging zwar keineswegs zerrissen, aber sie sah mich doch nie beim Flicken sitzen. Sie verlangte das von der jungen Kindermagd, die ein vortreffliches Mädchen war, sich aber, sowie auch ich, anhaltend mit den zwei Kindern beschäftigen mußte, und wirklich kaum die nothwendigste Zeit zum Waschen, Bügeln und Nähen ersparen konnte. Das Mädchen, erst neunzehnjährig, war höchst empfindlich und verletzbar; in acht Tagen fand sie eine vortheilhaftere Stelle und verließ uns. Ich fand nicht mehr solche wieder. In unserer verdumpften sonnenlosen Wohnung erkrankten die Kinder bedenklich. Die Schwiegermutter im ersten Stocke wohnte gesund. Die Aerzte erheischten Landluft für die Kinder und mich. Ich suchte in Challiot und Passy nach Wohnungen, und zwar in der Nähe des Palais Bourbon; ich konnte[394] dort auf den täglichen Besuch Chézy's hoffen, erfuhr aber, daß er nur alle acht Tage kommen würde; ich hätte es dabei bewenden lassen sollen, er liebte mich und unsere Söhne, und würde gekommen sein; allein das Herz war wund an allen Stellen, der unselige Trotz meines leidenschaftlichen Gemüths hatte sich meiner bemeistert, und da Challiot und Passy doch eigentlich nur Vorstädte von Paris sind und der Aufenthalt daselbst die Beschwerden einer dürftigen Haushaltung nur vermehrt, so glaubte ich in Montmorency einen gesündern Aufenthalt zu finden, und suchte mir dort eine Wohnung, wo mich Chézy alle acht Tage besuchen konnte, und richtete mich ein, sie am 16. Juni zu beziehen.
Als ich in den Wagen stieg, der mich nach Montmorency führen sollte, ahnte ich nicht, daß ich das Haus meiner Schwiegermutter nie wieder bewohnen würde. Es war halb zwölf, als ich nach der Uhr meines Mannes sah, die am Kamine hing.
Abends kamen wir in Montmorency an. Mit unsern kleinen Einrichtungen und der Sorge für die Kinder ging mir und meiner treuen Marianna der folgende Morgen und der Nachmittag hin, wo nur einzelne Blicke aus dem Fenster hinaus nach dem silberhellen See, am Fuß der Hügel, nach dem dichten Walde und den schönen Feldern mein Herz erquickten. Es war nun Abend geworden, die Kinder niedlich geputzt. Wir gingen durch eine kleine Straße in das nahe Kornfeld, nach dem Kastanienwald, auf dem Wege nach Rousseau's Hermitage. Die Sonne senkte sich schon, die Weinberge hauchten Düfte, Heimchen schwirrten, Nachtigallen schlugen, über dem Kornfelde schwebten singende Lerchen. Meine Kinder jubelten vor Lust, uns umfing mit einem mal ein Frieden, eine Seligkeit, als wenn ich nun am Ziel aller[395] Leiden sei. Hier zu sterben wünschte ich innig, aber ich war zu größern Schmerzen aufbewahrt.
Mit freudiger Ungeduld erwarteten wir den Ablauf der Woche. Der Samstag sollte uns Chézy bringen, wir gingen ihm bis zur Barre entgegen; die Kleinen konnten der Liebkosungen kein Ende finden. Kinder sind nie anmuthiger, als wenn sie glauben, sie hätten etwas zu erzählen, jeder Umstand erlangt Wichtigkeit durch die Lust der Mittheilung. Als wir oben in der Wohnung waren, zog Chézy seine Uhr hervor; sie war ein Erbstück von seinem seligen Vater, dem besten und würdigsten der Menschen, und er hing sehr daran. »Mienchen«, redete er mich an, »was hast Du denn mit der Uhr gemacht?« Unbefangen wie ich war, antwortete ich: »Ich habe noch nachgesehen, wie viel die Uhr sei, als ich in den Wagen stieg, es war halb zwölf!« Chézy öffnete jetzt die Uhr. Punkt halb zwölf war die Kette gesprungen. Ich erschrak heftig darüber, ein ahnender Schauer zuckte durch mein Herz, doch erst nach mehreren Jahren konnte ich wissen, wie prophetisch dieser Umstand war.
Recht friedlich und süß verging der Sommer, meine Kinder erholten sich, ich selbst genaß von meinem schweren Kummer. Mein Mann brachte viele schöne Tage mit uns zu. Wir besuchten den an Feigen, Pfirsichen, Melonen und Mandeln überreichen, köstlichen Garten der Mutter Marie. Wir irrten durch die Kastanienwälder nach den umliegenden Dörfern; wir besuchten das Schloß, wo der gequälte Rousseau auf der Pilgrimschaft des Lebens eine kurze süße Rast gefunden. Oftmals gingen wir über die Waldeshöhe durch St.-Prix nach der Ruine des alten Jagdschlosses, mitten im schönsten einsamsten Wald, wo Heinrich IV. mit Gabriele unter einer hohen Eiche gesessen, die noch jetzt ihre Zweige[396] in das Gewässer zu ihren Füßen senkt, wo noch immer alles duftet und blüht, wo die süße Natur noch immer in ungestörtem Frieden waltet.
Noch widmete sich Chézy in diesem Sommer nicht so ausschließlich dem Sanskrit als späterhin. Er hatte den »Schahnameh« mit nach Montmorency genommen, und zog die Episode von Rusthem und Sohrab für seine Chrestomathie aus verschiedenen Manuscripten der kaiserlichen Bibliothek. Sie hatten Varianten dargeboten, und die Arbeit war von großem Verdienst. Mehrere Jahre später gab der berühmte Professor Mohl dieselbe Episode nach seiner eigenen Bearbeitung heraus, die ganz vortrefflich sein soll. Denselben Sommer setzte Chézy seine persische Anthologie in Stand, und arbeitete an seinem »Zeboun-nameh«. Er fügte auch arabische Dichtungen zu der schon so reich ausgestatteten persischen Chrestomathie, doch nach meiner Abreise ließ er sich ganz von der Begierde, das Sanskrit aus dem Grund zu studiren, hinreißen. Er trat zuerst mit der Dichtung des »Yadschnadattabhatta« aus dem »Ramayana« auf. Friedrich Schlosser übersetzte diese Episode, und las sie im »Frankfurter Museum« vor. Sie wurde allgemein bewundert. Nur Karl von Dalberg, der milde und erleuchtete Priester des Herrn, bemerkte in seinem Brief an Chézy über diesen Gegenstand, daß die Idee der Wirkung eines unverdienten Fluches ihm Abscheu errege! Sein Gefühl war richtig. Die Götter der Indier, die einen unverdienten Fluch auf das schuldlose Haupt des Gegenstandes wie einen Donnerkeil lenkten, entsprachen nicht der Idee des allliebenden, des allvollkommenen höchsten Wesens; aber jene alte heidnische Lehre stellte nicht den Menschen als geschaffen nach Gottes Bilde dar, sondern sie schuf die Götter nach dem Bilde des Menschen, leidenschaftlich[397] und sinnlich. Das Volk Gottes that dasselbe. Moses sagt in den Zehn Geboten: »Denn ich der Herr, dein Gott, bin ein zorniger Gott, der die Sünden der Väter heimsuchet an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied!« Ueberhaupt kann ich bei Erwähnung der indischen Dichtungen nicht übergehen, daß mir der »Mahabharata« weit mehr als der gepriesene »Ramayana« gefällt, obschon man von ihm sagt, daß ihn der Waldgott Hanuman selbst in die Felsenwände der Pagoden eingehauen, und daß ich die Sakuntala aus dem Mahabharata der des Kalidasa weit vorziehe, da sie mehr Kraft, Wahrheit und Würde hat. Firdusi's »Schahnameh« ist mir lieber als die indischen Heldengedichte, er bleibt in den Kreisen der Menschheit; ich weiß kein indisches Gedicht, dem man dasselbe nachrühmen könnte. Es war wol vor allem der Reiz der Sprachforschung, der Chézy in das unabsehbare Gebiet des Indischen lenkte. In seinen Arbeiten finden sich 12,000 Karten, auf denen Haupt- und Zeitwörter aus allen orientalischen, sowie auch europäischen Sprachen, der ältesten wie der neuesten Zeit, verzeichnet sind, welche Uebereinstimmung haben, oder Anklang darbieten; ein Werk vom umfassendsten Umfang, welches mit zur indischen Grammatik gehört. Es sind nun zweiundzwanzig Jahre, daß Chézy im Grabe liegt; doch steht zu vermuthen, daß seine Entdeckungen nicht nach ihm von andern gemacht werden, denn es gab keinen zweiten Chézy. Seine Beharrlichkeit, sein Muth, seine Geistesschärfe, verbunden mit seinem poetischen Gefühl, finden sich nicht leicht wieder beisammen. Die Winke, die er für die Wissenschaft gab, wurden zwar von den Wetteiferern häufig benutzt; doch für die rechte Spur fand niemand das Licht, das in ihm wohnte. Sein Nachfolger Burnouf, einer der fähigsten Köpfe und fleißigsten Arbeiter,[398] die es jemals gegeben, besaß zugleich das Talent, die Aufmerksamkeit der gelehrten Welt anhaltend zu beschäftigen und zu nähren, mit Hülfe Chézys, der sich eifrig bestrebte, die errungenen Früchte seines Wissens zu verbreiten, und sie auf neue Bahnen zum Gipfel hinaufzuführen, sodaß die berühmtesten Indianisten Europa's unter seiner Leitung Meister wurden; auch war Burnouf einzig darauf bedacht, sich aus mittelmäßigen Schülern eifrige Bewunderer und Freunde zu machen und eine Partei für sich aus ihnen zu bilden. Burnouf glaubte, weiter gelangt zu sein und höher zu stehen als sein edler Meister; diese Ansicht war, wenn auch nicht richtig, dennoch nicht zu tadeln, man findet sie oft bei der anstrebenden Jugend. Langlois und Loiseleur waren gerechter, und liebten ihren Meister. An die Gegenpartei hatten sich Menschen geschlossen, deren Namen die Feder sich sträubt aufzuschreiben, deren Wege noch etwas dunkler waren, als ihr Dasein geblieben ist. Ihren Umtrieben ist es zu verdanken, daß der geistvolle thatkräftige Minister des Unterrichts, Guizot, die Notiz über Chézy's Manuskripte, die er selbst verlangt hatte, unbeachtet ließ, während er die hinterlassenen Schriften der vier Gelehrten, die beinahe zugleich mit Chézy gestorben waren, von der Regierung kaufen ließ, zum Besten ihrer Witwen in den Druck gab, und ihnen gute Pensionen schaffte, wiewol er mich bei den Kammern zu 3000 Francs Pension vorgeschlagen. Ich lag während dieser Vorgänge brustkrank, und zwar lebensgefährlich darnieder.
Im Juli 1833, als ich wieder etwas zu Kräften gekommen, bat ich einen alten Freund, der öfters mit Hippolyt Royer-Collard zusammenkam, er möchte sich bei ihm erkundigen, wie es zuginge, daß von mir keine Rede mehr sei, und was denn mit den Manuscripten meines[399] Mannes zu thun beschlossen wäre, da man durch die Zeitungen erfahre, daß die armenische Grammatik von Abel Rémusat erschienen, und daß die Regierung der Witwe des dritten Gelehrten, den der Tod seit der Zeit dahingerafft, nicht allein 3000 Francs Pension verwillige, sondern auch eine Summe von 50,000 Francs, um ihr Töchterchen zu erziehen. Champollion der Jüngere war dieser Gelehrte. Nach seinem Tode war bei ihm das zweite Exemplar der Zeichnungen gefunden worden, die er aus Aegypten mitgebracht hatte. Das erste war Herrn Champollion selbst, noch bei seinem Leben, vom Ministerium für einen hohen Preis abgekauft worden. Man sieht, wie auch unter dem Bürgerkönig alles nach Gunst ging. Champollion's Witwe hatte ohne Zweifel mächtige Fürsprecher gefunden, denn wozu können Doubletten, deren Originale schon in Kupfer gestochen sind, nützen? Hippolyt Royer-Collard ließ mich zugleich wissen, daß er von keiner Entscheidung über Chézy's Manuskripte gehört habe. Ich wendete mich also an den Minister, und erfuhr durch ein Handschreiben desselben Folgendes, das mich in die höchste Bestürzung versetzte: der Minister habe eine Commission ernannt, welche die Manuscripte des verstorbenen Herrn von Chézy untersucht habe; da sich jedoch nichts gefunden, als einige unbedeutende Fragmente, und er, der Minister, sich auf den Bericht seiner Commission nothwendigerweise verlassen müßte, so wäre in dieser Sache nichts weiter vorzunehmen. Chézy's Manuscripte waren nicht aus meinen Händen gekommen, niemand war erschienen sie zu untersuchen, die ganze Sache mußte ein Irrthum sein. Ich schrieb deshalb an den Minister, an den Herzog von Broglio, an Sylvestre de Sacy, an Baron de Gerando, an den Baron Prony um Auskunft und Erläuterung zu ermitteln.[400] Hippolyt Royer-Collard antwortete mir: man habe sich nach den hinterlassenen Schriften Chézy's pflichtmäßig erkundigt, und der Minister habe eine Commission ernannt, welche sie untersuchen sollte, allein bedauerungswürdigerweise habe man aus dem Bericht dieser Commission sowol, als durch die Freunde des Verstorbenen, und durch ihn selbst in Erfahrung gebracht, daß Herr von Chézy nichts hinterlassen habe, als einige unbedeutende Fragmente, woraus denn erhelle, daß in dieser Sache weiter nichts zu machen sei. Vergebens protestirte ich gegen diesen Ausspruch. Es gelang mir endlich, die Namen der Gelehrten zu erfahren, aus welchen die Commission bestanden haben sollte. Mir wurden drei der ersten Ehrenmänner Frankreichs genannt, an welche ich mich sofort wendete. Der Baron Sylvestre de Sacy schrieb mir sogleich mit höchster Empfindlichkeit, daß diese Mittheilung eine Lüge sei, er sei nie zu solcher Commission ernannt worden, noch habe er eine abgehalten. Ich befragte mich dann mündlich beim Herrn Letronne, er betheuerte das nämliche. Ich bat ihn, es mir schriftlich zu geben. Er versicherte, sein Wort sei hinreichend, die Wahrheit an den Tag zu bringen. Ebenso handelte Herr Demanne. Ich schrieb nun von neuem an den Minister und die übrigen genannten Herren; nicht ein einziger antwortete mir. Was vermag denn eine hülflose Witwe, und was vermag nicht eine vorgefaßte Meinung? Die edle Juliette Récamier kam mir zu Hülfe; es hat nicht gefruchtet, allein es verdient erwähnt zu werden.
Ihre liebenswürdige Nichte war mit dem Gelehrten Lenormant vermählt, der mit Champollion in Aegypten gewesen war, und sehr viel beim Minister Guizot galt. Charles Lenormant sollte einen Brief in des Ministers[401] Hände besorgen, und diesen noch in einer Unterredung überzeugen, daß ich in allem die Wahrheit geschrieben habe. Dies geschah, und ich empfing darauf einen Brief von Herrn Lenormant im Namen des Ministers, »daß sich Se. Excellenz geirrt hätten, daß keine Commission bei mir gewesen sei, der Minister aber sofort die Manuscripte meines Mannes seinem Nachfolger im Amte Herrn Burnouf zur Untersuchung übermalen wolle«. Dabei blieb es. Denn Herr Burnouf war nicht in Paris, sondern in Oxford auf einer langen Reise. Er blieb solange in Oxford, daß das Ministerium sich indessen änderte. Er kam zurück, und ich schrieb über diese Angelegenheit an alle Personen, an die ich mich vorher gewendet hatte, und an Ludwig Philipp selbst, vergebens. Die Prinzessin Marie von Orleans, an die ich mich auf Antrieb der Königin Therese von Baiern wendete, ertheilte mir Audienz, und nahm den Brief an ihren Vater mit. Der Brief war, wie natürlich, mit der gehörigen Achtung abgefaßt, aber etwas trocken; ich wollte keine Gunst, sondern forderte Gerechtigkeit. Die Königin hatte zu mir gesagt: »Ich solle mich mit dem zugeworfenen Almosen von 1500 Francs nicht begnügen, sondern um eine wirkliche Pension einkommen.« Ich entgegnete ihr, daß ich dies unmöglich könne, da mein Mann Legitimist gewesen sei. Sie schickte mich zur Tante, der jungen Prinzessin von Orleans. Ich lernte diese merkwürdige Fürstin kennen, von der ich damals noch wenig erfahren hatte, einige Jahre später aber viel sprechen hörte. Ich fand sie von einer leuchtenden Klarheit des Verstandes, von einer Bestimmtheit des Urtheils, die mir bewunderungswürdig schien. Ihre großen schwarzen Strahlenaugen funkelten von Jugendfeuer, ihre schönen Gesichtszüge waren regelmäßig und angenehm. Sie richtete[402] viele Fragen an mich, und bezeigte mir in wohlgesetzten Ausdrücken, daß meine Aussagen ihr lebhaften Antheil einflößten. Sie gab mir bestimmte Hoffnung, daß der König meine Eingabe beherzigen würde. Sie fragte auch nach meinen Schriften. »Ich bin es zwar nicht würdig, daß Sie mir viel darüber sagen«, sprach sie, »denn ich kenne Sie nur dem Rufe nach! Ich habe zu viel Geschäfte, um mich um Literatur zu bekümmern. Vielleicht kommt eine Zeit, wo ich Ihre Schriften und Sie näher kennen lerne!« Darauf entließ sie mich. Doch es verging lange Zeit, ehe ich etwas über das Schicksal meiner Vorstellung an den König Ludwig Philipp erfuhr.
Endlich schrieb mir der Minister Salvandy einen Brief, der mein gereiztes Gefühl empörte, weil er Chézy oft gesehen und ihm Wohlwollen bezeigt hatte. Ich erfuhr aus den wenigen empfangenen Zeilen, daß der König Ludwig Philipp ihm die Vorstellung hinsichts der Manuskripte Chézy's übergeben, aber nichts darüber entschieden habe; so wäre denn das Einzige was er für mich thun könnte, mir vorzuschlagen, die Arbeiten an das Ministerium zu schicken. Dies stand nicht in meiner Gewalt, denn ich hatte sie nicht mit mir in München. Die zwei großen Kisten, in welchen sie geordnet lagen, hatte ich in Roßheim deponirt. Es war vielleicht zur Unzeit, daß ich im Gefühl des hohen Verdienstes meines Mannes und seiner Arbeiten einen Stolz übte, den eine arme alte Witwe nicht aufkommen lassen soll. Ich fragte mich selbst: Ist es denn nicht eine Schmach, welche dem Andenken eines solchen Mannes angethan wird, wenn man die Werke, die er selbst erklärt zum Druck fertig zu haben, noch einer andern Beurtheilung als seiner eigenen überlassen will? Zu gleicher Zeit gab es einsichtsvolle[403] und gutdenkende Männer, die mir versicherten, ich müsse selbst nach Paris reisen, wenn ich etwas ausrichten wolle; und doch war ich zu arm, um eine solche Reise auf's ungewisse zu unternehmen. Ich ließ also die Zeilen des Ministers Salvandy unbeantwortet, hoffte auf einen neuen Wechsel des Ministeriums und auf die Möglichkeit meiner Rückkehr nach Frankreich. Ich setze hinzu: daß weder hinsichts meiner Manuscripte, noch meiner Pension etwas für mich geschehen ist; daß alle meine Eingaben unberücksichtigt geblieben sind; daß meine zahllosen Opfer und Bestrebungen, die Rechte meines Mannes emporzuhalten und die Früchte seines unablässigen Fleißes seinem Andenken und dem Gedeihen der Wissenschaft nützlich zu machen, mißlungen sind. An ihm ist ein doppelter Mord begangen, zuerst durch die Cholera, dann durch seine Gegner, wie ich schon früher in diesen Blättern geäußert. Es gibt Verbrechen, die dem Gesetz nicht unterliegen, und doch ist der moralische Meuchelmord der gräßlichste. Ich habe schon oft darüber nachgedacht, wie es wol zugehen mag, daß die Laufbahn der Wissenschaft nicht minder, als die der Literatur und Kunst, sowie der Musik, allzu oft einen tödtlichen Haß erzeugt, der zuweilen noch über das Grab hinausdauert. Es sollte doch bei den Jüngern der Wissenschaft Liebe vorherrschen; das Ziel, das ihnen winkt, sollte Hand in Hand erstrebt und erreicht werden. Chézy's reine große Seele war ausschließlich vom heiligen Eifer für das Gedeihen der Wissenschaft angeregt. Neidlos erfreute er sich der Fortschritte edler Mitbewerber, und jeder Bestrebung, die der Wissenschaft zugute kam. Er wurde dennoch angefeindet, gemartert, zertreten; er mußte beispiellose Ungerechtigkeiten wehrlos ertragen. Der Conservateur der orientalischen Manuscripte, Langlès,[404] starb. Der hergebrachten, stets beobachteten Ordnung gemäß mußte Chézy, der älteste und erste angestellte Beamte, nach ihm nun seine Stelle bekleiden. Er wurde auch zu dieser einstimmig vorgeschlagen, allein man ernannte plötzlich noch zwei Candidaten, um unter ihnen und Chézy den Conservateur auszuwählen. Dies waren zwei noch junge Männer, die wenig Verdienst um die orientalische Literatur besaßen und auf der Bibliothek nicht Bescheid wußten. Der eine hieß Abel Rémusat. Man erstaunte sehr, daß Chézy, dem durchaus berechtigten Nachfolger von Langlès, noch zwei Mitbewerber an die Seite gesetzt werden sollten, nachdem er, schon seit 1798 in Talleyrand's Bureau als Orientalist angestellt, wenige Jahre darauf bei der Bibliothek als erster Employé ernannt worden, Adjunct auf dem Katheder der persischen Sprache war, sein Amt rühmlich geführt, und seinem Vaterlande als Professor des Sanskrit einen wesentlichen Dienst erzeigt hatte. Karl X. wollte nichts davon hören, daß Chézy wider alles Recht übergangen werden sollte; doch die schlauen Rädelsführer der Kabale wußten den schwachen König zu überreden, daß Chézy keine Rücksicht verdiene. Die Ursachen, die sie angaben, enthielten nur Scheingründe; es lag dem Monarchen, der zeitlebens der Meinung getrotzt hatte, jetzt alles daran, der Welt glauben zu machen, daß er moralisch sei, wiewol niemand das von ihm verlangte. Herr Abel Rémusat, hieß es, sei ein treuer Hausvater, zu Langlès' Amte befähigt, seine Ernennung würde einen guten Eindruck machen, Chézy könne täglich zu seinem Adjunct ernannt werden und 3000 Francs Gehalt beziehen. Von nun an wurde so stark gemunkelt, daß man diese Einrichtung treffen würde, daß dem zurückgesetzten, in seinem heiligen Recht gekränkten Chézy kein[405] Zweifel übrigbleiben konnte. Er forderte seinen Abschied. Der Minister, Graf von Corbière, sah ein, welcher Verlust diese Entfernung Chézy's für die Bibliothek sein würde, und suchte ihn auf alle Weise zu bewegen, seinen Entschluß zu ändern; aber vergebens. Mit einem todwunden Herzen verließ der würdige Mann den Schauplatz seiner Thätigkeit die Heimat seines Geistes, das Reich seines ruhmvollen Wirkens, die Wohnung, welche er mit großen Unkosten wohnlich gemacht aus seinen eigenen Mitteln, und bezog das entlegene Collège de France, wo er wiederum auf seine Kosten Räume bewohnbar machte, die ganz im Verfall waren. Wie in der Bibliothek beliefen sich die Unkosten auf mehr als 3000 Francs. Die Wohnung war sonnenlos und feucht, die Bibliothek sehr entlegen. Man sparte dem so vielfach Gekränkten nicht einmal den Schmerz, ihm öfters die Manuskripte und Bücher von der Bibliothek, die er zu seinen Arbeiten brauchte, wiederholt und dringend abzufordern. Zuviel der Herabwürdigungen waren dies. Chézy erkrankte von nun an oft und schwer. Noch kurz vor dieser Katastrophe hatte der Minister von Corbière in einem officiellen Schreiben Chézy die Typen zum Druck der indischen Grammatik bewilligt, die als Handschrift noch heut in den Händen seiner unglücklichem Witwe liegt, und deren Unterdrückung eine Kränkung der heiligsten Interessen der wissenschaftlichen Welt sein würde, wenn man das begangene Unrecht nicht wieder gutmacht.
Ich war gezwungen noch in Paris zu bleiben, um mir wenigstens Lebensunterhalt durch eine Pension zu verschaffen. Nur von weitem empfing ich zuweilen eine unbestimmte Nachricht hierüber. Die edle liebenswürdige Tochter der Frau von Staël, Herzogin von Broglie,[406] sprach mir Muth ein, so oft sie mich sah. Eine Engländerin, die in ihrem Hause lebte, Fräulein Randall, eine verständige wohlwollende Natur, gab mir gute Hoffnung, und sprach mir Trost ein; doch ich mußte lange auf eine Entscheidung warten. Ich war in Paris nun wieder allein, denn mein geliebter Max konnte die Luft dort nicht vertragen. Er war nach Fontainebleau gegangen, wo er sich bald wiederhergestellt fand.
Als der Minister Guizot durch den Baron Sacy erfuhr, daß das wenige baare Geld, welches Chézy hinterlassen, verbraucht sei, sendete er mir 250 Francs. Ich gab dem Wunsch einiger Orientalisten nach, und verkaufte ihnen einige der Werke, die ich aus Chézy's Bibliothek nahm. So war ich denn im Stand, meinen Max zu verhindern, seinen Brillantring für einen Spottpreis an einen Juwelier zu verkaufen, indem ich ihm Geld zur Reise nach Baden-Baden verschaffte. Ich blieb sehr betrübt in Paris zurück, um dort abzuwarten, was Guizot über mich verfügen würde. Max sah sich in seiner Hoffnung getäuscht, in Baden-Baden Geld zu erwerben, er war damals nicht gehörig bekannt; beide Söhne mußten im Gasthof zehren, wurden betrogen und gemisbraucht, und machten Schulden.
Im Juli kam ein Brief vom Ministerium. Eine jährliche Einnahme von 1500 Francs wurde mir unter der Benennung »Indemnität für die Witwe eines Mitglieds des Instituts« zugesichert. Auch Madame Rémusat hatte eine gleiche Zusicherung, unmittelbar nach dem Tode ihres Gatten, und zwar vom damaligen Minister Argout empfangen. Und wiewol zum zweiten mal verheirathet, bezieht sie, wie ich glaube, noch immer diese Pension.
Sylvestre de Sacy war über die Entscheidung meiner[407] Sache sehr betrübt. Die Zahlungen aus dem Fond, der zur Unterstützung von Gelehrten, Künstlern, oder deren Hinterbliebenen bestimmt ist, sind ungewiß können gestrichen, oder auch vermindert werden. Chézy hatte noch im Sterben seinen Freund Baron Sacy dringend angefleht, mir eine Pension zu verschaffen. Sacy stellte Guizot vor, wie wenig die für mich getroffene Einrichtung der letzten Bitte des Sterbenden entspräche. »Was wollen Sie?« hatte Guizot geantwortet, »meine Gesinnungen für Frau von Chézy sind wohlwollend und eifrig; Sie wissen, daß ich mich in Bestrebungen für sie ganz erschöpft habe; doch die Kammern scheinen ihr nicht günstig gewesen zu sein. Fünf traurige Begebenheiten hatten sich Schlag auf Schlag vereinigt. Cuvier, Champollion, Rémusat, St.-Martin und Chézy waren hintereinander gestorben. Madame Cuvier und Madame Champollion mußten großartig berücksichtigt werden. Es blieb mir nichts übrig, als für Frau von Chézy auf die Weise zu sorgen, wie ich es that. 1500 Francs in Paris sind sehr wenig, die Frau von Chézy liebt ihr Vaterland, sie kann diese Einnahme ungehindert in Deutschland verzehren!« Sacy wendete noch ein, daß diese Einnahme unsicher sei. »Nein«, rief Guizot, »kein Minister ändert etwas an dem, was sein Vorgänger festgestellt hat.«
Sacy rieth mir, keine weitern Schritte zu thun, und ich mußte seinem Rathe folgen. Mein ältester Sohn bedurfte Geld, er hatte eine schöne Baustelle in Baden billig erstanden. Ich besaß kein Vermögen, nur Chézy's Bibliothek, die ich ohne diesen Drang der Umstände vortheilhaft zu verkaufen hoffen konnte, nun aber versteigern mußte, um Wilhelm's Wunsch zu willfahren. Auch Max gab alles her, was er unter der Seele[408] hatte; denn zärtlicher hat nie ein Bruder den andern geliebt. Der Bau der Villa Chézy wurde begonnen, die Stimme der Mutter wurde überhört. Vergebens stellte ich meinem ältesten Sohn vor, daß eine solche Unternehmung nicht ersprießlich ausfallen würde, seiner Stellung nicht entspräche, und ihn in seinen literarischen Unternehmungen hemmen müsse! Die Folge belehrte meinen ältesten Sohn bald, daß ich vollkommen recht hatte. Doch es ist einmal das Los der Erfahrung, daß der, welcher sie erwirbt, sie nur insofern schätzt, als er sie theuer erkauft hat! Auch gibt es Menschen, die durchaus nur auf selbstgewähltem Wege ihr Glück suchen wollen. Wilhelm von Chézy hatte eine herrliche reiche Gabe für die Poesie. Der Hohn Spindler's, den er für seinen Freund ansah, war auf diese Blüten wie Mehlthau gefallen. Görres sagte einmal zu mir: »Suchen Sie sich über Wilhelm's Verlust zu fassen, er ist in den Händen eines Rattenfängers von Hameln. Sorgen Sie nur, daß Sie den Kleinen retten!« Ich beherzigte diesen Rath. Max entwand sich noch zu rechter Zeit den Netzen, von denen er umsponnen gewesen; Wilhelm jedoch mußte ich sich selbst überlassen. Er erkannte endlich die Wahrheit, doch mit herzzerreißendem Schmerz und viel zu spät. Möge ihn Gott auf seinem neuen Lebenswege zum Heile leiten!
Ich bin mit besonnener Eile über die Begebenheiten meines Lebens seit dem eben geschilderten Zeitpunkt hinweggegangen. Zu meinem Erstaunen lebe ich noch; doch mein Herz hat seit 1846, wo ich am Sarge meines Max geweint, schon mehr als tausendmal den Tod gelitten. Seit langer Zeit übe ich mich nun im Sterben ein. Im alten Heidenwahn waren die Götter selbst[409] dem Geschick unterworfen. In der christlichen Lehre steht Gott über dem Geschick, und selbst der Mensch ist dessen Meister!
Meine Erni, ich habe dich in diesem Buche noch nicht genannt, doch jeder Herzschlag nennt dich bis in den Tod, und mein Geist wird dich auch jenseits liebevoll umschweben! Ahnung sagt mir, daß auch du eine erkorene Natur bist, daß auch deine Bahnen zum Lichte führen werden, und daß wir uns wiederfinden.
Und nun noch ein Dank und Segenswort an dich, meine liebe Muhme Bertha Borngräber, die du mir wie ein Engel vom Herrn gesandt bist, mir aus so weiter Ferne, aus dem mir so heiligen Städtchen Tirschtiegel, wo du noch so liebe Geschwister verließest, so liebreich zu Hülfe kamest. Nicht achtend meine körperlichen schweren Leiden, welche du so mit Geduld tragen hilfst, und bei allen Entbehrungen der nöthigsten Bedürfnisse unverdrossen, halfest du fleißig, ja mit der größten Anstrengung an diesem Werke arbeiten. Denn nur durch deinen Fleiß und deine Anregung wurde mein schon so schwacher Geist, der infolge schwerer Krankheit und Trübsal die Jahre des Alters drückend fühlt, wieder feurig und rege, und ich kann dieses Buch mit Gottes Hülfe der Nachwelt übergeben. Ich kann dir nicht nach Verdienst lohnen wie ich möchte; aber es ist einer über uns, der kann mehr thun als wir bitten und verstehen, der wird dich dafür segnen; denn er spricht ja: »Was ihr gethan habt einem dieser Geringsten in meinem Namen, das habt ihr mir gethan!« Dein so reich bewegtes Leben schon von früher Jugend an hat hier noch neue mannichfache Erfahrungen gesammelt, die dein Leben noch reichhaltiger machen sollten. Doch nur im Feuer wird das Gold[410] von den Schlacken gereinigt, und geläutert bewährt es sich fort und fort. Ich werde bald diese Welt verlassen und zu unsern Lieben in höhere Sphären eilen; dort werde ich dich einst verklärt ewig schauen, und in jener himmlischen Vereinigung werden erst die reinen Triumph-, Dank- und Siegeshymnen ertönen!

Genf, den 1. December 1855.

Helmina von Chézy.









Unvergessenes.
Denkwürdigkeiten aus dem Leben
von Helmina von Chézy
Von ihr selbst erzählt.













1. Theil

Vorwort
1. Abtheilung



2. Theil

2. Abtheilung




